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Deutsche Humoristen, 4. und 5. Band (von 8)

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Various
Deutsche Humoristen, 4. und 5. Band (von 8) Hausbücherei der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung, 29. und 30. Band

Einleitung

Es könnte wohl als selbstverständlich scheinen und ist doch wohl nicht ganz unnötig, hier einleitend zu betonen, daß ein Band humoristische Gedichte, von der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung herausgegeben, seinen besonderen Charakter haben wird, daß manch einer nach dem Titel vielleicht ein anderes Buch vermuten wird, als er es hernach findet. Es wird sich hier nicht lediglich um eine Sammlung von spaßigen Schnurren handeln können, mögen auch solche Schnurren in guter Zahl darin vertreten sein. Die da Aufnahme gefunden haben, haben sich indes auch immer ausweisen müssen, daß sie mehr bieten konnten als eine Anekdote, bei der der Spaß, die Pointe am Schluß das allein Wertvolle, weswegen es sich verlohnte, die Geschichte überhaupt anzuhören. Hier soll die Schnurre schon schnurrig sein vor dem Schluß, der Humor soll bereits in der ganzen Behandlung des Stoffs, ja gar schon in der äußern Form des Gedichts liegen.

Doch ist nun mit solchen Schnurren das Reich des Humors keineswegs zu Ende, sondern es erstreckt sich viel, viel weiter. Wo immer der Widerstreit zwischen Idee und Wirklichkeit zutage tritt, da hat er auch sein Banner mit der „lachenden Träne“ aufgepflanzt. Grenzstreitigkeiten können sich allerdings jeweilig ergeben mit der benachbarten Satire. Auch für diese Sammlung bestand die Aufgabe, nach dieser Seite hin die richtige Grenze zu ziehen. Sie dürfte wohl im großen und ganzen getroffen sein, wo nach dem Grundsatz verfahren ward, Gedichte von tendenziösem und didaktischem Charakter beiseite zu lassen. Bei dem Satiriker herrscht das ethische Moment vor, er zeigt den Abstand von Idee und Wirklichkeit, „die Menschen zu bessern und zu bekehren“, er will reizen und anstacheln; und auch, wo er alle Hoffnung fahren läßt, nach der Seite der Tat hin etwas zu erreichen, da noch mit bitterm Spott und Hohn klagt er und klagt er an, wie die ideale Forderung so schlecht gedeckt wird. Der Humor aber bleibt im Gebiet des rein Ästhetischen, er nimmt den Gegensatz zwischen Idee und Wirklichkeit, ob auch jeweilig mit wehmütiger Resignation, als unabänderlich gegeben hin. Dieser Kontrast zwischen der Idee und ihrer Erscheinungsform reizt ihn rein als künstlerisches Motiv, und wie er resigniert sich bescheidet, erwächst ihm aus seinem Bescheiden ein tiefer, frommer Optimismus, eine bejahende Freude, daß doch noch in allem Niedrigen und Widrigen der Welt, durch alle Krümmungen und Verzerrungen hindurch die Herrlichkeit der Idee sich offenbart. Und wo er auch ihres Glanzes nur einen matten Schimmer und ein flüchtiges Aufleuchten gewahrt, ist er darob gleich bereit, dem ganzen peinlichen Erdenrest zu vergeben. Wenn solcher Art sein Spott keine Gebrechen und Schwächen verschont, so wirkt der Humor doch bei alledem mild und versöhnend, er weiß zu verstehen und zu verzeihen und läßt keinen Stachel zurück. So gleicht er jener heiligen Lanze, die die Wunden, die sie geschlagen, auch selbst wieder zu heilen vermochte.

Wo irgendwie in dieser Sammlung jedennoch das Element des Didaktischen, Tendenziösen, Satirischen sich geltend macht, da wird es nur als ein sekundäres Element erscheinen gegenüber dem vorherrschenden des reinen Humors, der jenes unterworfen und bewältigt hat. Natürlich konnte das Didaktische in dem Falle ohne weiteres seinen Platz beanspruchen, wo die Didaktik darauf hinausläuft, den Humor als Weltanschauung zu lehren und zu feiern. Doch wird auch wohl bei manchen Fabeln und Schnurren, wie sie hier aufgenommen, schließlich noch irgendeine Weisheit mit behaglich überlegenem Schmunzeln zugegeben; der Dichter drapiert sich als Weiser, der, nur diese Weisheit zu beweisen, die Geschichte erzählt hat, doch der Schalk guckt ihm dabei über die Schulter. Und in dem Schillerschen Poem vom „Pegasus im Joche“ – dem einzigen Gedichte unseres großen Meisters, das für diese Sammlung sich eignete, einem Gedichte, das recht als ein Grenzstein sich eignet, bis wohin deren Gebiet abgesteckt werden konnte – wird alles bittere Satirische schließlich überflutet und überstrahlt von der Sonne des reinen Humors; wie am Ende der Hippogryph sieghaft emporsteigt und seinen Flug nach oben nimmt in reinere Lüfte, weit über alle Erdenschwere und Misere hinweg, so schwingen auch wir uns empor, alle Tendenz und die ernste Schwere des Gedankens dahinter lassend, in die Höhe der reinen Imagination, in jene heitern Regionen, wo die reinen Formen wohnen.

Innerhalb der so gegebenen Grenze erscheint nun hier der Humor nach all seinen mannigfachen Ausstrahlungen und Spielarten. Die da zusammengetreten sind, um für dieses Buch zu sammeln und zu sichten1, sind sorglich bedacht und bemüht gewesen, daß keine der Varianten zu kurz kommen möge. So findet sich denn hier der trockene und der feuchte Humor, der wein- wie der tränenfeuchte, der zierliche und der derbe und biderbe, der leise und der überschäumende, der innige und der unsinnige, neben der behaglichen Schnurre steht der kaustische Witz, neben dem leicht graziösen Scherz jener erhabene tiefste Humor, der alles liebt und alles segnet; auch fehlen nicht jene Schöpfungen einer ungebundenen phantastischen Laune, jene Capriccios und Grotesken, wie die vor allem sie schätzen, denen gegeben ward, Welt und Dasein ironisch zu nehmen und „des Lebens Unverstand mit Wehmut zu genießen“.

Hinsichtlich der Reihenfolge der Gedichte ist als das beste befunden worden, im allgemeinen chronologisch zu verfahren, ohne indes in jedem einzelnen Fall sich mit ängstlicher Genauigkeit an dies Verfahren zu binden, wenn nach dem Charakter des Dichters oder des Gedichts eine Abweichung davon geschmackvoller und daher gebotener erschien.

Und so ist reiche Auswahl geboten; jeder, der irgendwie Sinn für echten Humor besitzt, wird finden, was ihm mundet. Sollten indes etwa etliche zarte Seelchen aufstehen und klagen und maulen, daß einige Stücke ihnen nicht munden wollen, weil der Humor darin zu keck und saftig und gewürzt sei, als daß ihre empfindlichen Mägen dies vertragen könnten – ja – wie heißt es noch in Shakespeares köstlicher Komödie? – „Meint ihr, weil ihr tugendhaft seid, sollte es in der Welt keine Torten und keinen Wein mehr geben? – Das soll’s, bei Sankt Kathrinen! und der Ingwer soll euch noch im Munde brennen.“

Hamburg, Oktober 1908.

William Meyer.

Vom Wasser und vom Wein.
Aus „Des Knaben Wunderhorn“.
Mündlich

Ich weiß mir ein Liedlein hübsch und fein,
wohl von dem Wasser, wohl von dem Wein,
der Wein kann ’s Wasser nit leiden,
sie wollen wohl alleweg streiten.

Da sprach der Wein: Bin ich so fein,
man führt mich in alle die Länder hinein,
man führt mich vors Wirt sein Keller
und trinkt mich für Muskateller.

Da sprach das Wasser: Bin ich so fein,
ich laufe in alle die Länder hinein,
ich laufe dem Müller ums Hause,
und treibe das Rädlein mit Brause.

Da sprach der Wein: Bin ich so fein,
man schenkt mich in Gläser und Becherlein,
und trinkt mich für süß und für sauer,
der Herr als gleich wie der Bauer.

Da sprach das Wasser: Bin ich so fein,
man trägt mich in die Küche hinein,
man braucht mich die ganze Wochen
zum Waschen, zum Backen, zum Kochen.

Da sprach der Wein: Bin ich so fein,
man trägt mich in die Schlacht hinein,
zu Königen und auch Fürsten,
daß sie nicht mögen verdürsten.

Da sprach das Wasser: Bin ich so fein,
man braucht mich in den Badstüblein,
darin manch schöne Jungfraue
sich badet kühl und auch laue.

Da sprach der Wein: Bin ich so fein,
Bürgermeister und Rat insgemein
den Hut vor mir abnehmen
im Ratskeller zu Bremen.

Da sprach das Wasser: Bin ich so fein,
man gießt mich in die Flamm hinein,
mit Spritz und Eimer man rennet,
daß Schloß und Haus nicht verbrennet.

Da sprach der Wein: Bin ich so fein,
man schenkt mich den Doktoren ein,
wenns Lichtlein nit will leuchten,
gehn sie bei mir zur Beichte.

Da sprach das Wasser: Bin ich so fein,
zu Nürnberg auf dem Kunstbrünnlein,
spring ich mit feinen Listen
den Meerweiblein aus den Brüsten.

Da sprach der Wein: Bin ich so fein,
ich spring aus Marmorbrünnelein,
wenn sie den Kaiser krönen,
zu Frankfurt wohl auf dem Römer.

Da sprach das Wasser: Bin ich so fein,
es gehn die Schiffe groß und klein,
Sonn’, Mond auf meiner Straßen,
die Erd’ tu ich umfassen.

Da sprach der Wein: Bin ich so fein,
man trägt mich in die Kirch’ hinein,
braucht mich zum heiligen Sakramente,
dem Menschen vor seinem Ende.

Da sprach das Wasser: Bin ich so fein,
man trägt mich in die Kirch’ hinein,
braucht mich zur heiligen Taufen,
darf mich ums Geld nicht kaufen.

Da sprach der Wein: Bin ich so fein,
man pflanzt mich in die Gärten hinein,
da laß ich mich hacken und hauen,
von Männern und schönen Jungfrauen.

Da sprach das Wasser: Bin ich so fein,
ich laufe dir über die Wurzel hinein,
wär’ ich nicht an dich geronnen,
du hättst nicht können kommen.

Da sprach der Wein: Und du hast recht,
du bist der Meister, ich bin der Knecht,
das Recht will ich dir lassen,
geh du nur deiner Straßen.

Das Wasser sprach noch: Hättst du mich nicht erkannt,
du wärst sogleich an der Sonn’ verbrannt! —
Sie wollten noch länger da streiten, —
da mischte der Gastwirt die beiden.

Des Antonius von Padua Fischpredigt.
Aus „Des Knaben Wunderhorn“.
Nach Abraham a St. Clara. Judas der Erzschelm

Antonius zur Predigt
die Kirche findt ledig,
er geht zu den Flüssen
und predigt den Fischen;
sie schlag’n mit den Schwänzen,
im Sonnenschein glänzen.

Die Karpfen mit Rogen
sind all hierher zogen,
haben d’ Mäuler aufrissen,
sich Zuhörens beflissen:
kein Predig niemalen
den Karpfen so g’fallen.

Spitzgoschete Hechte,
die immerzu fechten,
sind eilend herschwommen
zu hören den Frommen:
kein Predig niemalen
den Hechten so g’fallen.

Auch jene Phantasten,
so immer beim Fasten,
die Stockfisch ich meine,
zur Predigt erscheinen.
Kein Predig niemalen
den Stockfisch so g’fallen.

Gut Aalen und Hausen,
die Vornehme schmausen,
die selber sich bequemen,
die Predigt vernehmen:
kein Predig niemalen
den Aalen so g’fallen.

Auch Krebsen, Schildkroten,
sonst langsame Boten,
steigen eilend vom Grund,
zu hören diesen Mund:
kein Predig niemalen
den Krebsen so g’fallen.

Fisch große, Fisch kleine,
vornehm und gemeine,
erheben die Köpfe
wie verständge Geschöpfe:
auf Gottes Begehren
Antonium anhören.

Die Predigt geendet,
ein jedes sich wendet,
die Hechte bleiben Diebe,
die Aale viel lieben.
Die Predig hat g’fallen,
sie bleiben wie alle.

Die Krebs gehn zurücke,
die Stockfisch bleiben dicke,
die Karpfen viel fressen,
die Predigt vergessen.
Die Predig hat g’fallen,
sie bleiben wie alle.

Lied beim Heuen.
Aus „Des Knaben Wunderhorn“

Es hatte ein Bauer ein schönes Weib,
die blieb so gerne zu Haus.
Sie bat oft ihren lieben Mann,
er sollte doch fahren hinaus,
er sollte doch fahren ins Heu,
er sollte doch fahren ins
ha, ha, ha, ha, ha, ha, Heildidei,
juchheisasa,
er sollte doch fahren ins Heu.

Der Mann, der dachte in seinem Sinn:
die Reden, die sind gut!
Ich will mich hinter die Haustür stell’n,
will sehn, was meine Frau tut,
will sagen ich fahre ins Heu,
will sagen ich fahre ins
ha, ha, ha, ha, ha, ha, Heildidei,
juchheisasa,
will sagen ich fahre ins Heu.

Da kommt geschlichen ein Reitersknecht
zum jungen Weib hinein,
und sie umfanget gar freundlich ihn,
gab stracks ihren Willen darein,
mein Mann ist gefahren ins Heu,
mein Mann ist gefahren ins
ha, ha, ha, ha, ha, ha, Heildidei,
juchheisasa,
mein Mann ist gefahren ins Heu.

Er faßte sie um ihr Gürtelband
und schwang sich wohl hin und her,
der Mann, der hinter der Haustür stand,
ganz zornig da trat herfür:
Ich bin noch nicht fahren ins Heu,
ich bin noch nicht fahren ins
ha, ha, ha, ha, ha, ha, Heildidei,
juchheisasa,
ich bin noch nicht fahren ins Heu.

Ach trauter, herzallerliebster Mann,
vergib mir nur diesen Fehl,
will lieben fürbas und herzen dich,
will kochen süß Muß und Mehl;
ich dachte, du wärest ins Heu,
ich dachte du wärest ins
ha, ha, ha, ha, ha, ha, Heildidei,
juchheisasa,
ich dachte du wärest ins Heu.

Und wenn ich gleich gefahren wär’
ins Heu und Haberstroh,
so sollst du nun und nimmermehr
einen andern lieben also,
der Teufel mag fahren ins Heu,
der Teufel mag fahren ins
ha, ha, ha, ha, ha, ha, Heildidei,
juchheisasa,
der Teufel mag fahren ins Heu.

Und wer euch dies neue Liedlein pfiff,
der muß es singen gar oft,
es war der junge Reitersknecht,
er liegt auf Grasung im Hof,
er fuhr auch manchmal ins Heu,
er fuhr auch manchmal ins
ha, ha, ha, ha, ha, ha, Heildidei,
juchheisasa,
er fuhr auch manchmal ins Heu.

Romanze von den Schneidern.
Aus „Des Knaben Wunderhorn“

Es sind einmal drei Schneider gewesen, o je, o je, o je,
es sind einmal drei Schneider gewesen, o je, o je, o je,
sie haben einen Schnecken für einen Bären angesehen, o je, o je, o je!

Sie waren dessen so voller Sorgen, o je, o je, o je,
sie haben sich hinter ein’ Zau verborgen, o je, o je, o je,
der erste sprach: Geh du voran, o je, o je, o je,
der andre sprach: Ich trau mich nicht vor, o je, o je, o je.

Der dritte, der war wohl auch dabei, o je, o je, o je,
er sprach: Der frißt uns alle drei, o je, o je, o je,
und als sie sind zusammen kommen, o je, o je, o je,
so haben sie das Gewehr genommen, o je, o je, o je.

Und da sie kommen zu dem Streit, o je, o je, o je,
da macht ein jeder Reu und Leid, o je, o je, o je,
und da sie auf ihn wollten hin, o je, o je, o je,
da ging es ihnen durch den Sinn: o je, o je, o je.

„Heraus mit dir du Teufelsvieh, o je, o je, o je,
wann du willst haben einen Stich,“ o je, o je, o je.
Der Schneck, der steckt die Ohren heraus, o je, o je, o je,
die Schneider zittern, es ist ein Graus, o je, o je, o je.

Und da der Schneck das Haus bewegt, o je, o je, o je,
so haben die Schneider das Gewehr abgelegt, o je, o je, o je,
der Schneck der kroch zum Haus heraus, o je, o je, o je,
er jagt die Schneider beim Plunder hinaus, o je, o je, o je.

Aussicht in die Ewigkeit.
Aus „Des Knaben Wunderhorn“.
Fliegendes Blatt

O wie geht’s im Himmel zu
und im ewigen Leben,
alles kann man haben g’nug,
darf kein Geld ausgeben,
alles darf man borgen,
nicht fürs Zahlen sorgen;
wenn ich einmal drinnen wär,
wollt nicht mehr heraus begehr.

Fällt im Himmel Fasttag ein,
speisen wir Forellen,
Peter geht in’ Keller nein,
tut den Wein bestellen;
David spielt die Harfen,
Ulrich bratet Karpfen,
Margaret backt Küchlein g’nug,
Paulus schenkt den Wein in’ Krug.

Lorenz hinter der Küchentür,
tut sich auch bewegen,
tritt mit seinem Rost herfür,
tut Leberwürst drauf legen,
Dorthe und Sabina,
Liesbeth und Kathrina,
alle um den Herd rum stehn,
nach den Speisen sie auch sehn.

Jetzt wollen wir zu Tische gehn,
die beste Speis’ zu essen,
die Engel um den Tisch rum stehn,
schenken Wein in d’ Gläser.
Sie tun uns invitieren,
der Barthel muß transchieren,
Joseph legt das Essen vor,
Cäcilia b’stellt ein Musikchor.

Martin auf dem Schimmel reit,
tut fein gallopieren,
Blasi hält die Schmier bereit,
tut die Kutschen schmieren,
wären wir ja Narren,
wenn wir nicht täten fahren,
und täten alleweil zu Fuße gehn,
und ließen Roß und Kutsche stehn.

Nun adje, du falsche Welt,
du tust mich verdrießen,
im Himmel mir es besser g’fällt,
wo alle Freuden fließen.
Alles ist verfänglich,
und alles ist vergänglich,
wenn ich einmal den Himmel hab’,
hust’ ich auf die Welt herab.

Der Tod von Basel.
Volkslied

Als ich ein Junggeselle war,
nahm ich ein steinalt Weib;
ich hatt’ sie kaum drei Tage,
Ti Ta Tage,
da hat’s mich schon gereut.

Da ging ich auf den Kirchhof hin
und bat den lieben Tod:
„Ach lieber Tod von Basel,
Bi Ba Basel,
hol’ mir mein’ Alte fort!“

Und als ich wieder nach Hause kam,
mein’ Alte war schon tot;
ich spannt’ die Roß’ an’n Wagen,
Wi Wa Wagen,
und fuhr mein’ Alte fort.

Und als ich auf den Kirchhof kam,
das Grab war schon gemacht:
„Ihr Träger tragt fein sachte,
si sa sachte,
daß d’ Alte nit erwacht!

„Scharrt zu, scharrt zu, scharrt immerzu
das alte böse Weib!
sie hat ihr Lebetage,
Ti Ta Tage,
geplagt mein’n jungen Leib.“

Und als ich wieder nach Hause kam,
all’ Winkel war’n mir zu weit;
ich wart’te kaum drei Tage,
Ti Ta Tage,
und nahm ein junges Weib.

Das junge Weibel, das ich nahm,
das schlug mich alle Tag’;
„Ach! lieber Tod von Basel,
Bi Ba Basel,
hätt’ ich mein’ Alte noch!“

Der waltbruder mit dem esel, der argen welt tut niemant recht
von
Hans Sachs

Vor jaren wont in einem walt
ein waltbruder, an jaren alt,
der sich der wurzeln neren tet;
derselb ein jungen sune het,
in dem alter bei zweinzig jarn,
der war einfeltig, unerfarn,
der fragt den alten: sag doch mir,
sint in dem walt gewachsen wir?
wan er nie menschen het gesehen.
der alt tet zu dem jungen gehen:
mein sun, da du noch warest klein,
hab ich dich geflehet2 herein
aus der arglisting, bösen welt,
das sie uns nit schmech, spott und schelt,
weil ir gar niemant recht kan tan,
sie schlag im doch ein blechlein an3.
still schwig der sun, doch tag und nacht
des vatters red stets nachgedacht,
was doch die welt nur möcht gesein4.
zu letzt da wolt er ie darein,
legt an den vatter große bit,
der es doch lang zeit widerriet;
zu letzt er überredet wart
und macht sich mit im auf die fart,
und fürten iren esel mit
ledig, ir keiner darauf rit.
im walt bekam5 in ein kriegsman,
der sprach: wie laßt ir ledig gan
den faulen esel hie allein?
Ir dunkt mich nit fast witzig sein,
das euer keiner darauf reit.
als sie nun von im kamen weit,
der vatter sprach: mein sun, sich zu,
wie uns die welt empfangen tu.
der sun sprach: laß mich darauf reiten.
das gschach, da kam zu in von weiten
ein altes weib neben die ecker,
die sprach: secht zu dem jungen lecker,
der reit, und der alt schwache man
muß hindennach zu füßen gan!
sun, sprach der alt, glaubst du nun mir,
was von der welt ich saget dir?
er sprach: laß uns versuchen baß.
der jung balt von dem esel saß,
und saß der alt balt auf für6 in,
reit also fuß für fuß dahin.
in dem begegnet in ein bauer,
der redt sie an mit worten sauer:
secht an den alten groben lappen,
leßt den jungen im kot her sappen7,
dem nöter wer zu reiten dan im.
der alte sprach: mein sun, vernim,
das man der welt nit recht mag tun.
der sun sprach: vatter, laß mich nun
aufsitzen, das wir reiten bed,
schau, ob die welt dahzu auch red.
aufsaß er und ritten dahin;
da kam ein bettelman zu in,
tet an einr wegscheid auf sie harrn
und sprach: secht an die großen narrn,
wöllen den esel gar erdrücken!
der vatter sprach: in allen stücken
tut uns die welt mit hönwort schmitzen8.
der sun sprach: laß uns beid absitzen,
so wöllen wir den esel tragen,
was nun die welt darzu wil sagen.
absaßen sie, den esel trugen
und mit im übers felt hinzugen,
das von in beiden ran der schweis.
ein edelman kam zu der reis,
tet sie all beid mit worten straffen:
wann her9, wannen her, ir schlauraffen,
das ir das hinder kert herfür10?
der vatter sprach: mein sun, hie spür,
das an der welt ist gar verlorn11.
da sprach der sun in großem zorn:
den esel wöllen wir erschlagen,
denn hat die welt nit mehr zu klagen.
den esel schlugen sie zu haufen;
da kam ein jäger zugelaufen,
der schrei: o ihr großen fantasten,
des esels gneußet ir am basten
lebend, tot ist er euch kein nütz.
zuhant der junge wart urdrütz12
der welt, die in mit spot und straf
so gar an allen orten traf,
sprach: hat die welt auf einen tag
über uns balt so vil der klag,
solt wir denn all tag darin bleiben,
was wunders würt sie mit uns treiben!
und keret mit dem alten dar
in walt, daraus er kommen war.

Kußlied
von
Paul Fleming.
Erneuert

Nirgends hin als auf den Mund:
da sinkt’s in des Herzens Grund;
nicht zu frei, nicht zu gezwungen,
nicht mit allzu trägen Zungen.

Nicht zu wenig, nicht zu viel:
beides wird sonst Kinderspiel.
Nicht zu laut und nicht zu leise:
nur im Maß ist rechte Weise.

Nicht zu hart und nicht zu weich,
bald zugleich, bald nicht zugleich.
Nicht zu langsam, nicht zu schnelle,
nicht stets auf die gleiche Stelle.

Halb gebissen, halb gehaucht,
halb die Lippen eingetaucht,
nicht ohn’ Unterschied der Zeiten,
mehr allein denn vor den Leuten.

Küsse nun ein jedermann,
wie er weiß, will, soll und kann!
Ich nur und die Liebste wissen,
wie wir uns recht sollen küssen.

Das Gespenst
von
Christian Fürchtegott Gellert

Ein Hauswirt, wie man mir erzählt,
ward lange Zeit durch ein Gespenst gequält.
Er ließ, des Geist’s sich zu erwehren,
sich heimlich das Verbannen lehren;
doch kraftlos blieb der Zauberspruch.
Der Geist entsetzte sich vor keinen Charakteren
und gab, in einem weißen Tuch,
ihm alle Nächte den Besuch.

Ein Dichter zog in dieses Haus.
Der Wirt, der bei der Nacht nicht gern allein gewesen,
bat sich des Dichters Zuspruch aus,
und ließ sich seine Verse lesen.
Der Dichter las ein frostig Trauerspiel,
das, wo nicht seinem Wirt, doch ihm sehr wohl gefiel.

Der Geist, den nur der Wirt, doch nicht der Dichter sah,
erschien und hörte zu; es fing ihn an zu schauern;
er konnt es länger nicht, als einen Auftritt, dauern;
denn eh der andre kam, so war er nicht mehr da.

Der Wirt, von Hoffnung eingenommen,
ließ gleich die andre Nacht den Dichter wiederkommen.
Der Dichter las; der Geist erschien;
doch ohne lange zu verziehn.
„Gut!“ sprach der Wirt bei sich, „dich will ich bald verjagen;
kannst du die Verse nicht vertragen?“

Die dritte Nacht blieb unser Wirt allein,
sobald es zwölfe schlug, ließ das Gespenst sich blicken;
„Johann!“ fing drauf der Wirt gewaltig an zu schrein,
„der Dichter (lauft geschwind!) soll von der Güte sein,
und mir sein Trauerspiel auf eine Stunde schicken.“
Der Geist erschrak, und winkte mit der Hand,
der Diener sollte ja nicht gehen.
Und kurz, der weiße Geist verschwand,
und ließ sich niemals wieder sehen.

Ein jeder, der dies Wunder liest,
zieht sich daraus die gute Lehre,
daß kein Gedicht so elend ist,
das nicht zu etwas nützlich wäre.
Und wenn sich ein Gespenst vor schlechten Versen scheut,
so kann uns dies zum großen Troste dienen.
Gesetzt, daß sie zu unsrer Zeit
auch legionenweis erschienen:
so wird, um sich von allen zu befrein,
an Versen doch kein Mangel sein.

Der gute Rat
von
Christian Fürchtegott Gellert

Ein junger Mensch, der sich vermählen wollte
und dem man manchen Vorschlag tat,
bat einen Greis um einen guten Rat,
was für ein Weib er nehmen sollte?
„Freund,“ sprach der Greis, „das weiß ich nicht.
So gut man wählt, kann man sich doch betrügen.
Sucht ihr ein Weib bloß zum Vergnügen,
so wählet euch ein schön Gesicht;
doch liegt euch mehr an Renten und am Staate
als am verliebten Zeitvertreib:
so dien ich euch mit einem andern Rate,
bemüht euch um ein reiches Weib;
doch strebt ihr durch die Frau nach einem hohen Range,
nun, so vergeßt, daß bessre Mädchen sind,
wählt eines großen Mannes Kind,
und untersucht die Wahl nicht lange;
doch wollt ihr mehr für eure Seele wählen
als für die Sinne und den Leib:
so wagt’s, um euch nach Wunsche zu vermählen,
und wählt euch ein gelehrtes Weib.“
Hier schwieg der Alte lachend still.
„Ach,“ sprach der junge Mensch, „das will ich ja nicht wissen,
ich frage, welches Weib ich werde wählen müssen,
wenn ich zufrieden leben will?
Und wenn ich, ohne mich zu grämen – “
„O,“ fiel der Greis ihm ein, „da müßt ihr keine nehmen.“

Der sterbende Vater
von
Christian Fürchtegott Gellert

Ein Vater hinterließ zween Erben,
Christophen, der war klug, und Görgen, der war dumm.
Sein Ende kam, und kurz vor seinem Sterben
sah er sich ganz betrübt nach seinem Christoph um.
„Sohn,“ fing er an, „mich quält ein trauriger Gedanke,
du hast Verstand, wie wird dir’s künftig gehn?
Hör’ an, ich hab’ in meinem Schranke
ein Kästchen mit Juwelen stehn,
die sollen dein. Nimm sie, mein Sohn,
und gib dem Bruder nichts davon.“

Der Sohn erschrak und stutzte lange.
„Ach Vater,“ hub er an, „wenn ich so viel empfange,
wie kommt alsdann mein Bruder fort?“
„Er?“ fiel der Vater ihm ins Wort,
„für Görgen ist mir gar nicht bange,
der kommt gewiß durch seine Dummheit fort.“

Die Widersprecherin
von
Christian Fürchtegott Gellert

Ismene hatte noch, bei vielen andern Gaben,
auch diese, daß sie widersprach.
Man sagt es überhaupt den guten Weibern nach,
daß alle diese Tugend haben;
doch, wenn’s auch tausendmal der ganze Weltkreis spricht:
so halt ich’s doch für ein Gedicht,
und sag es öffentlich: Ich glaub es ewig nicht.
Ich bin ja auch mit mancher Frau bekannt,
ich hab es oft versucht, und manche schön genannt,
so häßlich sie auch war, bloß, weil ich haben wollte,
daß sie mir widersprechen sollte;
allein sie widersprach mir nicht.
Und also ist es falsch, daß jede widerspricht.
So kränkt man euch, ihr guten Schönen! —
Jetzt komm ich wieder zu Ismenen.
Ismenen sagte man’s nicht aus Verleumdung nach,
es war gewiß, sie widersprach.
Einst saß sie mit dem Mann bei Tische;
sie aßen unter anderm Fische,
mich deucht, es war ein grüner Hecht.
„Mein Engel,“ sprach der Mann, „mein Engel, ist mir recht,
so ist der Fisch nicht gar zu blau gesotten.“
„Das,“ rief sie, „hab ich wohl gedacht,
so gut man auch die Anstalt macht:
so finden Sie doch Grund, der armen Frau zu spotten.
Ich sag es Ihnen kurz, der Hecht ist gar zu blau.“
„Gut,“ sprach er, „meine liebe Frau,
wir wollen nicht darüber streiten,
was hat die Sache zu bedeuten?“

So wie dem welschen Hahn, dem man was Rotes zeigt,
der Zorn den Augenblick in Nas’ und Lefzen steigt,
sie rot und blau durchströmt, lang auseinander treibet,
in beiden Augen blitzt, sich in den Flügeln sträubet,
in alle Federn dringt, und sie gen Himmel kehrt,
und zitternd, mit Geschrei und Poltern, aus ihm fährt:
so schießt Ismenen auch, da dies ihr Liebster spricht,
das Blut den Augenblick in ihr sonst blaß Gesicht;
die Adern liefen auf, die Augen wurden enger,
die Lippen dick und blau, und Kinn und Nase länger;
ihr Haar bewegte sich, stieg voller Zorn empor,
und stieß, indem es stieg, das Nachtzeug von dem Ohr.
Drauf fing sie zitternd an: „Ich, Mann! ich, deine Frau,
ich sag es noch einmal, der Hecht war gar zu blau.“
Sie nimmt das Glas und trinkt. O! laßt sie doch nicht trinken!
Ihr Liebster geht und sagt kein Wort;
kaum aber ist ihr Liebster fort,
so sieht man sie in Ohnmacht sinken.
Wie konnt es anders sein? Gleich auf den Zorn zu trinken!
Ein plötzliches Geschrei bewegt das ganze Haus;
man bricht der Frau die Daumen aus;
man streicht sie kräftig an, kein Balsam will sie stärken.
Man reibt ihr Schläf’ und Puls; kein Leben ist zu merken.
Man nimmt versengtes Haar und hält’s ihr vors Gesicht.
Umsonst! Umsonst! Sie riecht es nicht!
Nichts kann den Geist ihr wiedergeben.
Man ruft den Mann, er kommt und schreit:
„Du stirbst, mein Leben!
Du stirbst? Ich armer Mann! Ach, meine liebe Frau,
wer hieß mich dir doch widerstreben!
Ach der verdammte Fisch! Gott weiß, er war nicht blau.“
Den Augenblick bekam sie wieder Leben.
„Blau war er,“ rief sie aus, „willst du dich noch nicht geben?“
So tat der Geist des Widerspruchs
mehr Wirkung, als die Kraft des heftigsten Geruchs.

Das Muster der Ehen
von
Gotthold Ephraim Lessing

Ein rares Beispiel will ich singen,
wobei die Welt erstaunen wird.
Daß alle Ehen Zwietracht bringen,
glaubt jeder, aber jeder irrt.

Ich sah das Muster aller Ehen,
still, wie die stillste Sommernacht
O! daß sie keiner möge sehen,
der mich zum frechen Lügner macht!

Und gleichwohl war die Frau kein Engel,
und der Gemahl kein Heiliger;
es hatte jedes seine Mängel.
Denn niemand ist von allen leer.

Doch sollte mich ein Spötter fragen,
wie diese Wunder möglich sind?
Der lasse sich zur Antwort sagen:
Der Mann war taub, die Frau war blind.

Die drei Reiche der Natur
von
Gotthold Ephraim Lessing

Ich trink’, und trinkend fällt mir bei,
warum Naturreich dreifach sei.
Die Tier’ und Menschen trinken, lieben,
ein jegliches nach seinen Trieben:
Delphin und Adler, Floh und Hund
empfindet Lieb’ und netzt den Mund.
Was also trinkt und lieben kann,
wird in das erste Reich getan.

Die Pflanze macht das zweite Reich,
dem ersten nicht an Güte gleich:
sie liebet nicht, doch kann sie trinken,
wenn Wolken träufelnd niedersinken;
so trinkt die Zeder und der Klee,
der Weinstock und die Aloe.
Drum, was nicht liebt, doch trinken kann,
wird in das zweite Reich getan.

Das Steinreich macht das dritte Reich;
und hier sind Sand und Demant gleich:
kein Stein fühlt Durst und zarte Triebe,
er wachset ohne Trunk und Liebe.
Drum, was nicht liebt noch trinken kann,
wird in das letzte Reich getan.
Denn ohne Lieb’ und ohne Wein,
sprich, Mensch, was bleibst du noch? – Ein Stein.

Lob der Faulheit
von
Gotthold Ephraim Lessing

Faulheit, jetzo will ich dir
auch ein kleines Loblied bringen. —
O .. wie .. sau .. er .. wird es mir,
dich .. nach Würden .. zu besingen!
Doch, ich will mein bestes tun,
nach der Arbeit ist gut ruhn.

Höchstes Gut! wer dich nur hat,
dessen ungestörtes Leben —
Ach! .. ich .. gähn’ .. ich .. werde matt ..
nun .. so .. magst du .. mir’s vergeben,
daß ich dich nicht singen kann;
du verhinderst mich ja dran.

Niklas
von
Gotthold Ephraim Lessing

Mein Esel sicherlich
muß klüger sein, als ich.
Ja, klüger muß er sein!
Er fand sich selbst in’ Stall hinein
und kam doch von der Tränke.
Man denke!

Die Geschichte von Goliath und David, in Reime bracht
von
Matthias Claudius

War einst ein Riese Goliath,
gar ein gefährlich Mann!
Er hatte Tressen auf dem Hut
mit einem Klunker dran
und einen Rock von drap d’argent
und alles so nach advenant.

An seinen Schnurrbart sah man nur
mit Gräsen und mit Graus,
und dabei sah er von Natur
pur wie der – aus.
Sein Sarras war, man glaubt es kaum,
so groß schier als ein Weberbaum.

Er hatte Knochen wie ein Gaul
und eine freche Stirn
und ein entsetzlich großes Maul
und nur ein kleines Hirn;
gab jedem einen Rippenstoß
und flunkerte und prahlte groß.

So kam er alle Tage her
und sprach Israel Hohn.
„Wer ist der Mann? Wer wagt’s mit mir?
Sei Vater oder Sohn,
er komme her, der Lumpenhund,
ich bax’n nieder auf den Grund.“

Da kam in seinem Schäferrock
ein Jüngling zart und fein;
er hatte nichts als seinen Stock
als Schleuder und den Stein
und sprach: „Du hast viel Stolz und Wehr,
ich komm im Namen Gottes her.“

Und damit schleudert’ er auf ihn
und traf die Stirne gar;
da fiel der große Esel hin,
so lang und dick er war.
Und David haut in guter Ruh
ihm nun den Kopf noch ab dazu. —

Trau nicht auf deinen Tressenhut
noch auf den Klunker dran!
Ein großes Maul es auch nicht tut:
das lern vom langen Mann;
und von dem kleinen lerne wohl,
wie man mit Ehren fechten soll.

Rheinweinlied
von
Matthias Claudius

Bekränzt mit Laub den lieben vollen Becher,
und trinkt ihn fröhlich leer,
in ganz Europia, ihr Herren Zecher,
ist solch ein Wein nicht mehr!

Er kommt nicht her aus Hungarn noch aus Polen,
noch wo man franzmännsch spricht:
da mag Sankt Veit, der Ritter, Wein sich holen,
wir holen ihn da nicht.

Ihn bringt das Vaterland aus seiner Fülle:
wie wär’ er sonst so gut?
Wie wär’ er sonst so edel, wäre stille
und doch voll Kraft und Mut?

Er wächst nicht überall im deutschen Reiche;
und viele Berge, hört,
sind wie die weiland Kreter faule Bäuche
und nicht der Stelle wert.

Thüringens Berge zum Exempel bringen
Gewächs, sieht aus wie Wein,
ist’s aber nicht: man kann dabei nicht singen,
dabei nicht fröhlich sein.

Im Erzgebirge dürft ihr auch nicht suchen,
wenn ihr Wein finden wollt:
das bringt nur Silbererz und Kobaltkuchen
und etwas Lausegold.

Der Blocksberg ist der lange Herr Philister;
er macht nur Wind wie der:
drum tanzen auch der Kuckuck und sein Küster
auf ihm die Kreuz und Quer.

Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsre Reben:
gesegnet sei der Rhein!
Da wachsen sie am Ufer hin und geben
uns ihren Labewein.

So trinkt ihn denn, und laßt uns allewege
uns freun und fröhlich sein!
Und wüßten wir, wo jemand traurig läge,
wir gäben ihm den Wein.

Der Kaiser und der Abt
von
Gottfried August Bürger

Ich will euch erzählen ein Märchen, gar schnurrig:
es war mal ein Kaiser, der Kaiser war knurrig;
auch war mal ein Abt, ein gar stattlicher Herr;
nur schade! sein Schäfer war klüger als er.

Dem Kaiser ward’s sauer in Hitz’ und in Kälte;
oft schlief er bepanzert im Kriegesgezelte,
oft hatt’ er kaum Wasser zu Schwarzbrot und Wurst,
und öfter noch litt er gar Hunger und Durst.

Das Pfäfflein, das wußte sich besser zu hegen
und weidlich am Tisch und im Bette zu pflegen.
Wie Vollmond glänzte sein feistes Gesicht
Drei Männer umspannten den Schmerbauch ihm nicht.

Drob suchte der Kaiser am Pfäfflein oft Hader.
Einst ritt er mit reisigem Kriegesgeschwader
in brennender Hitze des Sommers vorbei.
Das Pfäfflein spazierte vor seiner Abtei.

„Ha,“ dachte der Kaiser, „zur glücklichen Stunde!“
und grüßte das Pfäfflein mit höhnischem Munde.
„Knecht Gottes, wie geht’s dir? Mir däucht wohl ganz recht,
das Beten und Fasten bekomme nicht schlecht.

„Doch däucht mir daneben, Euch plage viel Weile.
Ihr dankt mir’s wohl, wenn ich Euch Arbeit erteile;
man rühmet, Ihr wäret der pfiffigste Mann,
Ihr höret das Gräschen fast wachsen, sagt man.

„So geb’ ich denn Euern zwei tüchtigen Backen
zur Kurzweil drei artige Nüsse zu knacken.
Drei Monden von nun an bestimm’ ich zur Zeit.
Dann will ich auf diese drei Fragen Bescheid:

„Zum ersten: Wann hoch ich im fürstlichen Rate
zu Throne mich zeige im Kaiserornate,
dann sollt Ihr mir sagen, ein treuer Wardein,
wieviel ich wohl wert bis zum Heller mag sein.

„Zum zweiten sollt Ihr mir berechnen und sagen,
wie bald ich zu Rosse die Welt mag umjagen,
um keine Minute zu wenig und viel!
Ich weiß, der Bescheid darauf ist Euch nur Spiel.

„Zum dritten noch sollst du, o Preis der Prälaten,
aufs Härchen mir meine Gedanken erraten.
Die will ich dann treulich bekennen; allein
es soll auch kein Titelchen Wahres dran sein.

„Und könnt Ihr mir diese drei Fragen nicht lösen,
so seid Ihr die längste Zeit Abt hier gewesen;
so laß ich Euch führen zu Esel durchs Land,
verkehrt, statt des Zaumes den Schwanz in der Hand.“ —

Drauf trabte der Kaiser mit Lachen von hinnen.
Das Pfäfflein zerriß und zerspliß sich mit Sinnen.
Kein armer Verbrecher fühlt mehr Schwulität,
der vor hochnotpeinlichem Halsgericht steht.

Er schickte nach ein, zwei, drei, vier Un’vers’täten;
er fragte bei ein, zwei, drei, vier Fakultäten;
er zahlte Gebühren und Sportuln vollauf;
doch löste kein Doktor die Fragen ihm auf.

Schnell wuchsen bei herzlichem Zagen und Pochen
die Stunden zu Tagen, die Tage zu Wochen,
die Wochen zu Monden; schon kam der Termin!
Ihm ward’s vor den Augen bald gelb und bald grün.

Nun sucht’ er, ein bleicher, hohlwangiger Werther,
in Wäldern und Feldern die einsamsten Örter.
Da traf ihn auf selten betretener Bahn
Hans Bendix, sein Schäfer, am Felsenhang an.

„Herr Abt,“ sprach Hans Bendix, „was mögt Ihr Euch grämen?
Ihr schwindet ja wahrlich dahin wie ein Schemen.
Maria und Joseph! Wie hotzelt Ihr ein!
Mein Sixchen! Es muß Euch was angetan sein.“ —

„Ach, guter Hans Bendix, so muß sich’s wohl schicken.
Der Kaiser will gern mir am Zeuge was flicken
und hat mir drei Nüss’ auf die Zähne gepackt,
die schwerlich Beelzebub selber wohl knackt.

„Zum ersten: Wann hoch er im fürstlichen Rate
zu Throne sich zeiget im Kaiserornate,
dann soll ich ihm sagen, ein treuer Wardein,
wieviel er wohl wert bis zum Heller mag sein.

„Zum zweiten soll ich ihm berechnen und sagen,
wie bald er zu Rosse die Welt mag umjagen,
um keine Minute zu wenig und viel!
Er meint, der Bescheid darauf wäre nur Spiel.

„Zum dritten, ich ärmster von allen Prälaten,
soll ich ihm gar seine Gedanken erraten;
die will er mir treulich bekennen; allein
es soll auch kein Titelchen Wahres dran sein.

„Und kann ich ihm diese drei Fragen nicht lösen,
so bin ich die längste Zeit Abt hier gewesen;
so läßt er mich führen zu Esel durchs Land,
verkehrt, statt des Zaumes den Schwanz in der Hand.“ —

„Nichts weiter?“ erwidert Hans Bendix mit Lachen.
„Herr, gebt Euch zufrieden, das will ich schon machen.
Nur borgt mir Eur Käppchen; Eur Kreuzchen und Kleid;
so will ich schon geben den rechten Bescheid.

„Versteh’ ich gleich nichts von lateinischen Brocken,
so weiß ich den Hund doch vom Ofen zu locken.
Was ihr euch, Gelehrte, für Geld nicht erwerbt,
das hab’ ich von meiner Frau Mutter geerbt.“

Da sprang wie ein Böcklein der Abt vor Behagen.
Mit Käppchen und Kreuzchen, mit Mantel und Kragen
ward stattlich Hans Bendix zum Abte geschmückt
und hurtig zum Kaiser nach Hofe geschickt.

Hier thronte der Kaiser im fürstlichen Rate,
hoch prangt’ er mit Zepter und Kron’ im Ornate:
„Nun sagt mir, Herr Abt, als treuer Wardein,
wieviel ich itzt wert bis zum Heller mag sein.“ —

„Für dreißig Reichsgulden ward Christus verschachert;
drum geb’ ich, so sehr ihr auch pochet und prachert,
für Euch keinen Deut mehr als zwanzig und neun,
denn einen müßt Ihr doch wohl minder wert sein.“ —

„Hum,“ sagte der Kaiser, „der Grund läßt sich hören
und mag den durchlauchtigen Stolz wohl bekehren.
Nie hätt’ ich, bei meiner hochfürstlichen Ehr’!
geglaubet, daß so spottwohlfeil ich wär’.

„Nun aber sollst du mir berechnen und sagen,
wie bald ich zu Rosse die Welt mag umjagen,
um keine Minute zu wenig und viel!
Ist dir der Bescheid darauf auch nur ein Spiel?“ —

„Herr, wenn mit der Sonn’ Ihr früh sattelt und reitet
und stets sie in einerlei Tempo begleitet,
so setz’ ich mein Kreuz und mein Käppchen daran,
in zweimal zwölf Stunden ist alles getan.“ —

„Ha,“ lachte der Kaiser, „vortrefflicher Haber!
Ihr füttert die Pferde mit Wenn und mit Aber.
Der Mann, der das Wenn und das Aber erdacht,
hat sicher aus Häckerling Gold schon gemacht.

„Nun aber zum dritten, nun nimm dich zusammen!
sonst muß ich dich dennoch zum Esel verdammen:
was denk’ ich, das falsch ist? Das bringe heraus!
Nur bleib’ mir mit Wenn und mit Aber zu Haus!“ —

„Ihr denket, ich sei der Herr Abt von Sankt Gallen.“ —
„Ganz recht! und das kann von der Wahrheit nicht fallen.“ —
„Sein Diener, Herr Kaiser! Euch trüget Eu’r Sinn;
denn wißt, daß ich Bendix, sein Schäfer, nur bin!“ —

„Was Henker! Du bist nicht der Abt von Sankt Gallen?“
Rief hurtig, als wär’ er vom Himmel gefallen,
der Kaiser mit frohem Erstaunen darein;
„Wohlan denn, so sollst du von nun an es sein!

„Ich will dich belehnen mit Ring und mit Stabe.
Dein Vorfahr besteige den Esel und trabe!
Und lerne fortan erst quid juris verstehn!
Denn wenn man will ernten, so muß man auch sä’n.“ —

„Mit Gunsten, Herr Kaiser! Das laßt nur hübsch bleiben!
Ich kann ja nicht lesen, noch rechnen und schreiben;
auch weiß ich kein sterbendes Wörtchen Latein.
Was Hänschen versäumt, holt Hans nicht mehr ein.“ —

„Ach, guter Hans Bendix, das ist ja recht schade!
Erbitte demnach dir ein’ andere Gnade!
Sehr hat mich ergötzet dein lustiger Schwank;
drum soll dich auch wieder ergötzen mein Dank.“ —

„Herr Kaiser, groß hab’ ich soeben nichts nötig;
doch seid Ihr im Ernst mir zu Gnaden erbötig,
so will ich mir bitten zum ehrlichen Lohn
für meinen hochwürdigen Herren Pardon.“

„Ha bravo! Du trägst, wie ich merke, Geselle,
das Herz wie den Kopf auf der richtigsten Stelle;
drum sei der Pardon ihm in Gnaden gewährt
und obenein dir ein Panisbrief beschert:

„Wir lassen dem Abt von Sankt Gallen entbieten:
Hans Bendix soll ihm nicht die Schafe mehr hüten.
Der Abt soll sein pflegen, nach unserm Gebot,
umsonst bis an seinen sanftseligen Tod.“

Reigen
von
Johann Heinrich Voß

Sagt mir an, was schmunzelt ihr?
Schiebt ihr’s auf das Kirmesbier,
daß ich so vor Freude krähe
und auf einem Bein mich drehe?
Schurken um und um!

Kommt die schmucke Binderin
euch denn gar nicht in den Sinn,
die mich wirft mit Haselnüssen
und dann schreit: „Ich will nicht küssen!“
Nun so schert euch zum …!

Diesen Strauß und diesen Ring
schenkte mir das kleine Ding!
Seht, sie horcht! Komm her, mein Engel!
Tanz einmal mit deinem Bengel!
Dudeldidel dum!

Fiedler, fiedelt nicht so lahm;
wir sind Braut und Bräutigam!
Fiedelt frisch; ich mach’ es richtig!
Und bestreicht den Bogen tüchtig
mit Kalfonium!

Polisch muß hübsch lustig gehn,
daß die Röcke hinten wehn!
Wart’, ich werd’ euch ’mal kuranzen!
Meint ihr, Trödler: Bären tanzen
hier am Seil herum?

Heißa lustig! Nun kommt her!
Unten, oben, kreuz und quer,
laß uns Arm in Arm verschränken
und an unsern Brauttanz denken!
Heißa! Rund herum!

Ha! wie schön das Hackbrett summt,
und der alte Brummbaß brummt!
Ha! wie drehn sich rings ohn’ Ende
Hüt’ und Hauben, Tür und Wände!
Dudeldidel, dudeldidel dum!
Dudeldidel dum dum dum!

Amor als Landschaftsmaler
von
Johann Wolfgang von Goethe

Saß ich früh auf einer Felsenspitze,
sah mit starren Augen in den Nebel;
wie ein grau grundiertes Tuch gespannet,
deckt er alles in die Breit und Höhe.

Stellt’ ein Knabe sich mir an die Seite,
sagte: „Lieber Freund, wie magst du starrend
auf das leere Tuch gelassen schauen?
Hast du denn zum Malen und zum Bilden
alle Luft auf ewig wohl verloren?“

Sah ich an das Kind und dachte heimlich:
Will das Bübchen doch den Meister machen!

„Willst du immer trüb’ und müßig bleiben,“
sprach der Knabe, „kann nichts Kluges werden:
sieh, ich will dir gleich ein Bildchen malen,
dich ein hübsches Bildchen malen lehren.“

Und er richtete den Zeigefinger,
der so rötlich war wie eine Rose,
nach dem weiten ausgespannten Teppich,
fing mit seinem Finger an zu zeichnen:
oben malt’ er eine schöne Sonne,
die mir in die Augen mächtig glänzte,
und den Saum der Wolken macht’ er golden,
ließ die Strahlen durch die Wolken dringen;
malte dann die zarten leichten Wipfel
frisch erquickter Bäume, zog die Hügel,
einen nach dem andern, frei dahinter;
unten ließ er’s nicht an Wasser fehlen,
zeichnete den Fluß so ganz natürlich,
daß er schien im Sonnenstrahl zu glitzern,
daß er schien am hohen Rand zu rauschen.

Ach, da standen Blumen an dem Flusse,
und da waren Farben auf der Wiese,
Gold und Schmelz und Purpur und ein Grünes,
alles wie Smaragd und wie Karfunkel!
Hell und rein lasiert’ er drauf den Himmel
und die blauen Berge fern und ferner,
daß ich ganz entzückt und neu geboren
bald den Maler, bald das Bild beschaute.

„Hab’ ich doch,“ so sagt’ er, „dir bewiesen,
daß ich dieses Handwerk gut verstehe;
doch es ist das Schwerste noch zurücke.“

Zeichnete darnach mit spitzem Finger
und mit großer Sorgfalt an dem Wäldchen,
grad’ ans Ende, wo die Sonne kräftig
von dem hellen Boden wiederglänzte,
zeichnete das allerliebste Mädchen,
wohlgebildet, zierlich angekleidet,
frische Wangen unter braunen Haaren,
und die Wangen waren von der Farbe,
wie das Fingerchen, das sie gebildet.

„O du Knabe!“ rief ich, „welch ein Meister
hat in seine Schule dich genommen,
daß du so geschwind und so natürlich
alles klug beginnst und gut vollendest?“

Da ich noch so rede, sieh, da rühret
sich ein Windchen, und bewegt den Gipfel,
kräuselt alle Wellen auf dem Flusse,
füllt den Schleier des vollkommnen Mädchens,
und was mich Erstaunten mehr erstaunte,
fängt das Mädchen an den Fuß zu rühren,
geht zu kommen, nähert sich dem Orte,
wo ich mit dem losen Lehrer sitze.

Da nun alles, alles sich bewegte,
Bäume, Fluß und Blumen und der Schleier,
und der zarte Fuß der Allerschönsten;
glaubt ihr wohl, ich sei auf meinem Felsen,
wie ein Felsen, still und fest geblieben?

Gewohnt, getan
von
Johann Wolfgang von Goethe

Ich habe geliebet; nun lieb’ ich erst recht!
Erst war ich der Diener, nun bin ich der Knecht.
Erst war ich der Diener von allen;
nun fesselt mich diese charmante Person,
sie tut mir auch alles zur Liebe, zum Lohn,
sie kann nur allein mir gefallen.

Ich habe geglaubet; nun glaub’ ich erst recht!
Und geht es auch wunderlich, geht es auch schlecht,
ich bleibe beim gläubigen Orden:
so düster es oft und so dunkel es war
in drängenden Nöten, in naher Gefahr,
auf einmal ist’s lichter geworden.

Ich habe gespeiset; nun speis’ ich erst gut!
Bei heiterem Sinne, mit fröhlichem Blut
ist alles an Tafel vergessen.
Die Jugend verschlingt nur, dann sauset sie fort;
ich liebe zu tafeln am lustigen Ort,
ich kost’ und ich schmecke beim Essen.

Ich habe getrunken; nun trink’ ich erst gern!
Der Wein, er erhöht uns, er macht uns zum Herrn
und löset die sklavischen Zungen.
Ja, schonet nur nicht das erquickende Naß!
Denn schwindet der älteste Wein aus dem Faß,
so altern dagegen die jungen.

Ich habe getanzt und dem Tanze gelobt!
Und wird auch kein Schleifer, kein Walzer getobt,
so drehn wir ein sittiges Tänzchen.
Und wer sich der Blumen recht viele verflicht,
und hält auch die ein’ und die andere nicht,
ihm bleibet ein munteres Kränzchen.

Drum frisch nur aufs neue! Bedenke dich nicht!
Denn wer sich die Rosen, die blühenden, bricht,
den kitzeln fürwahr nur die Dornen.
So heute wie gestern, es flimmert der Stern;
nur halte von hängenden Köpfen dich fern
und lebe dir immer von vornen.

Gutmann und Gutweib
von
Johann Wolfgang von Goethe

Und morgen fällt St. Martins Fest,
Gutweib liebt ihren Mann;
da knetet sie ihm Puddings ein
und bäckt sie in der Pfann’.

Im Bette liegen beide nun,
da saust ein wilder West;
und Gutmann spricht zur guten Frau:
„Du riegle die Türe fest.“ —

„Bin kaum erholt und halb erwarmt,
wie käm’ ich da zur Ruh;
und klapperte sie einhundert Jahr,
ich riegelte sie nicht zu.“

Drauf eine Wette schlossen sie
ganz leise sich ins Ohr:
so wer das erste Wörtlein spräch’,
der schöbe den Riegel vor.

Zwei Wandrer kommen um Mitternacht
und wissen nicht, wo sie stehn;
die Lampe losch, der Herd verglomm,
zu hören ist nichts, zu sehn.

„Was ist das für ein Hexenort?
Da bricht uns die Geduld!“
Doch hörten sie kein Sterbenswort,
des war die Türe schuld.

Den weißen Pudding speisten sie,
den schwarzen ganz vertraut.
Und Gutweib sagte sich selber viel,
doch keine Silbe laut.

Zu diesem sprach der jene dann:
„Wie trocken ist mir der Hals!
Der Schrank, der klafft, und geistig riecht’s,
da findet sich’s allenfalls.

„Ein Fläschchen Schnaps ergreif’ ich da,
das trifft sich doch geschickt!
Ich bring’ es dir, du bringst es mir,
und bald sind wir erquickt.“

Doch Gutmann sprang so heftig auf
und fuhr sie drohend an:
„Bezahlen soll mit teurem Geld,
wer mir den Schnaps vertan!“

Und Gutweib sprang auch froh heran,
drei Sprünge, als wär’ sie reich:
„Du, Gutmann, sprachst das erste Wort,
nun riegle die Türe gleich!“

Hochzeitlied
von
Johann Wolfgang von Goethe

Wir singen und sagen vom Grafen so gern,
der hier in dem Schlosse gehauset,
da, wo ihr den Enkel des seligen Herrn,
den heute vermählten, beschmauset.
Nun hatte sich jener im heiligen Krieg
zu Ehren gestritten durch mannigen Sieg,
und als er zu Hause vom Rösselein stieg,
da fand er sein Schlösselein oben,
doch Diener und Habe zerstoben.

„Da bist du nun, Gräflein, da bist du zu Haus,
das Heimische findest du schlimmer!
Zum Fenster, da ziehen die Winde hinaus,
sie kommen durch alle die Zimmer.
Was wäre zu tun in der herbstlichen Nacht?“
„So hab’ ich doch manche noch schlimmer vollbracht,
der Morgen hat alles wohl besser gemacht.
Drum rasch bei der mondlichen Helle
ins Bett, in das Stroh, ins Gestelle!“

Und als er im willigen Schlummer so lag,
bewegt es sich unter dem Bette.
Die Ratte, die raschle, so lange sie mag!
Ja, wenn sie ein Bröselein hätte!
Doch siehe! da stehet ein winziger Wicht,
ein Zwerglein, so zierlich, mit Ampelenlicht,
mit Rednergebärden und Sprechergewicht,
zum Fuß des ermüdeten Grafen,
der, schläft er nicht, möcht’ er doch schlafen.

„Wir haben uns Feste hier oben erlaubt,
seitdem du die Zimmer verlassen,
und weil wir dich weit in der Ferne geglaubt,
so dachten wir eben zu prassen.
Und wenn du vergönnest und wenn dir nicht graut,
so schmausen die Zwerge, behaglich und laut,
zu Ehren der reichen, der niedlichen Braut.“
Der Graf im Behagen des Traumes:
„Bedienet euch immer des Raumes!“

Da kommen drei Reiter, sie reiten hervor,
die unter dem Bette gehalten;
dann folget ein singendes, klingendes Chor
possierlicher kleiner Gestalten,
und Wagen auf Wagen mit allem Gerät,
daß einem so Hören als Sehen vergeht,
wie’s nur in den Schlössern der Könige steht;
zuletzt auf vergoldetem Wagen
die Braut und die Gäste getragen.

So rennet nun alles in vollem Galopp
und kürt sich im Saale sein Plätzchen;
zum Drehen und Walzen und lustigen Hopp
erkieset sich jeder ein Schätzchen.
Da pfeift es und geigt es und klinget und klirrt,
da ringelt’s und schleift es und rauschet und wirrt,
da pispert’s und knistert’s und flüstert’s und schwirrt;
das Gräflein, es blicket hinüber,
es dünkt ihn, als läg’ er im Fieber.

Nun dappelt’s und rappelt’s und klappert’s im Saal,
von Bänken und Stühlen und Tischen,
da will nun ein jeder am festlichen Mahl
sich neben dem Liebchen erfrischen;
sie tragen die Würste, die Schinken so klein
und Braten und Fisch und Geflügel herein;
es kreiset beständig der köstliche Wein;
das toset und koset so lange,
verschwindet zuletzt mit Gesange. —

Und sollen wir singen, was weiter geschehn,
so schweige das Toben und Tosen.
Denn was er, so artig, im kleinen gesehn,
erfuhr er, genoß er im großen.
Trompeten und klingender, singender Schall,
und Wagen und Reiter und bräutlicher Schwall,
sie kommen und zeigen und neigen sich all,
unzählige, selige Leute.
So ging es und geht es noch heute.

Offne Tafel
von
Johann Wolfgang von Goethe

Viele Gäste wünsch’ ich heut
mir zu meinem Tische!
Speisen sind genug bereit,
Vögel, Wild und Fische.
Eingeladen sind sie ja,
haben’s angenommen.
Hänschen, geh und sieh dich um!
Sieh mir, ob sie kommen!

Schöne Kinder hoff’ ich nun,
die von gar nichts wissen,
nicht, daß es was Hübsches sei,
einen Freund zu küssen.
Eingeladen sind sie all’,
haben’s angenommen.
Hänschen, geh und sieh dich um!
Sieh mir, ob sie kommen!

Frauen denk’ ich auch zu sehn,
die den Ehegatten,
ward er immer brummiger,
immer lieber hatten.
Eingeladen wurden sie,
haben’s angenommen.
Hänschen, geh und sieh dich um!
Sieh mir, ob sie kommen!

Junge Herrn berief ich auch,
nicht im mind’sten eitel,
die sogar bescheiden sind
mit gefülltem Beutel;
diese bat ich sonderlich,
haben’s angenommen.
Hänschen, geh und sieh dich um!
Sieh mir, ob sie kommen!

Männer lud ich mit Respekt,
die auf ihre Frauen
ganz allein, nicht nebenaus
auf die schönste schauen.
Sie erwiderten den Gruß,
haben’s angenommen.
Hänschen, geh und sieh dich um!
Sieh mir, ob sie kommen!

Dichter lud ich auch herbei,
unsre Lust zu mehren,
die weit lieber ein fremdes Lied
als ihr eignes hören.
Alle diese stimmten ein,
haben’s angenommen.
Hänschen, geh und sieh dich um!
Sieh mir, ob sie kommen!

Doch ich sehe niemand gehn,
sehe niemand rennen.
Suppe kocht und siedet ein,
Braten will verbrennen.
Ach, wir haben’s, fürcht’ ich nun,
zu genau genommen!
Hänschen, sag’, was meinst du wohl?
Es wird niemand kommen!

Hänschen, lauf und säume nicht,
ruf’ mir neue Gäste!
Jeder komme, wie er ist,
das ist wohl das beste! —
Schon ist’s in der Stadt bekannt,
wohl ist’s aufgenommen.
Hänschen, mach die Türen auf:
sieh nur, wie sie kommen!

Ritter Kurts Brautfahrt
von
Johann Wolfgang von Goethe

Mit des Bräutigams Behagen
schwingt sich Ritter Kurt aufs Roß;
zu der Trauung soll’s ihn tragen,
auf der edlen Liebsten Schloß;
als am öden Felsenorte
drohend sich ein Gegner naht;
ohne Zögern, ohne Worte
schreiten sie zu rascher Tat.

Lange schwankt des Kampfes Welle,
bis sich Kurt im Siege freut;
er entfernt sich von der Stelle,
Überwinder und gebläut.
Aber was er bald gewahret
in des Busches Zitterschein,
mit dem Säugling still gepaaret
schleicht ein Liebchen durch den Hain.

Und sie winkt ihn auf das Plätzchen:
„Lieber Herr, nicht so geschwind!
Habt Ihr nichts an Euer Schätzchen,
habt Ihr nichts für Euer Kind?“
Ihn durchglühet süße Flamme,
daß er nicht vorbei begehrt,
und er findet nun die Amme,
wie die Jungfrau, liebenswert.

Doch er hört die Diener blasen,
denket nun der hohen Braut,
und nun wird auf seinen Straßen
Jahresfest und Markt so laut,
und er wählet in den Buden
manches Pfand zu Lieb’ und Huld;
aber ach! da kommen Juden
mit dem Schein vertagter Schuld.

Und nun halten die Gerichte
den behenden Ritter auf.
O verteufelte Geschichte!
Heldenhafter Lebenslauf!
Soll ich heute mich gedulden?
Die Verlegenheit ist groß.
Widersacher, Weiber, Schulden,
ach! kein Ritter wird sie los.

Sendschreiben
von
Johann Wolfgang von Goethe

Mein altes Evangelium
bring’ ich dir hier schon wieder;
doch ist mir’s wohl um mich herum,
darum schreib’ ich dir’s nieder.

Ich holte Gold, ich holte Wein,
stellt’ alles da zusammen;
da, dacht’ ich, da wird Wärme sein,
geht mein Gemäld’ in Flammen!
Auch tät’ ich bei der Schätze Flor
viel Glut und Reichtum schwärmen;
doch Menschenfleisch geht allem vor,
um sich daran zu wärmen.

Und wer nicht richtet, sondern fleißig ist,
wie ich bin und wie du bist,
den belohnt auch die Arbeit mit Genuß;
nichts wird auf der Welt ihm Überdruß.
Denn er blecket nicht mit stumpfem Zahn
lang’ Gesottnes und Gebratnes an,
das er, wenn er noch so sittlich kaut,
endlich doch nicht sonderlich verdaut;
sondern faßt ein tüchtig Schinkenbein,
haut da gut taglöhnermäßig drein,
füllt bis oben gierig den Pokal,
trinkt, und wischt das Maul wohl nicht einmal.

Sieh, so ist Natur ein Buch lebendig,
unverstanden, doch nicht unverständlich;
denn dein Herz hat viel und groß Begehr:
was wohl in der Welt für Freude wär’,
allen Sonnenschein und alle Bäume,
alles Meergestad’ und alle Träume
in dein Herz zu sammeln miteinander,
wie die Welt durchwühlend Banks, Solander.

Und wie muß dir’s werden, wenn du fühlest,
daß du alles in dir selbst erzielest,
Freude hast an deiner Frau und Hunden,
als noch keiner in Elysium gefunden.
Als er da mit Schatten lieblich schweifte
und an goldne Gottgestalten streifte.
Nicht in Rom, in Magna Gräcia;
dir im Herzen ist die Wonne da!
Wer mit seiner Mutter, der Natur, sich hält,
find’t im Stengelglas wohl eine Welt.

Wirkung in die Ferne
von
Johann Wolfgang von Goethe

Die Königin steht im hohen Saal,
da brennen der Kerzen so viele;
sie spricht zum Pagen: „Du läufst einmal
und holst mir den Beutel zum Spiele.
Er liegt zur Hand
auf meines Tisches Rand.“
Der Knabe, der eilt so behende,
war bald an Schlosses Ende.

Und neben der Königin schlürft’ zur Stund’
Sorbet die schönste der Frauen.
Da brach ihr die Tasse so hart an dem Mund,
es war ein Greuel zu schauen.
Verlegenheit! Scham!
Ums Prachtkleid ist’s getan!
Sie eilt und fliegt so behende
entgegen des Schlosses Ende.

Der Knabe zurück zu laufen kam
entgegen der Schönen in Schmerzen;
es wußt es niemand, doch beide zusamm’,
sie hegten einander im Herzen;
und o des Glücks,
des günst’gen Geschicks!
Sie warfen mit Brust sich zu Brüsten
und herzten und küßten nach Lüsten.

Doch endlich beide sich reißen los;
sie eilt in ihre Gemächer;
der Page drängt sich zur Königin groß
durch alle die Degen und Fächer.
Die Fürstin entdeckt
das Westchen befleckt:
für sie war nichts unerreichbar,
der Kön’gin von Saba vergleichbar.

Und sie die Hofmeisterin rufen läßt:
„Wir kamen doch neulich zu Streite,
und Ihr behauptetet steif und fest,
nicht reiche der Geist in die Weite;
die Gegenwart nur,
die lasse wohl Spur;
doch niemand wirk’ in die Ferne,
sogar nicht die himmlischen Sterne.

„Nun seht! Soeben ward mir zur Seit’
der geistige Süßtrank verschüttet,
und gleich darauf hat er dort hinten so weit
dem Knaben die Weste zerrüttet. —
Besorg’ dir sie neu!
Und weil ich mich freu’,
daß sie mir zum Beweise gegolten,
ich zahl’ sie! sonst wirst du gescholten.“

Schneider-Kourage
von
Johann Wolfgang von Goethe

„Es ist ein Schuß gefallen!
Mein; sagt, wer schoß da drauß’?“
Es ist der junge Jäger,
der schießt im Hinterhaus.

Die Spatzen in dem Garten,
die machen viel Verdruß.
Zwei Spatzen und ein Schneider,
die fielen von dem Schuß;

Die Spatzen von den Schroten,
der Schneider von dem Schreck;
die Spatzen in die Schoten,
der Schneider in den – .

Pegasus im Joche
von
Friedrich von Schiller

Auf einem Pferdemarkt – vielleicht zu Haymarket,
wo andre Dinge noch in Ware sich verwandeln,
bracht’ einst ein hungriger Poet
der Musen Roß, es zu verhandeln.

Hell wieherte der Hippogryph,
und bäumte sich in prächtiger Parade!
Erstaunt blieb jeder stehn und rief:
Das edle, königliche Tier! Nur schade,
daß seinen schlanken Wuchs ein häßlich Flügelpaar
entstellt! Den schönsten Postzug würd’ es zieren.
Die Rasse, sagen sie, sei rar,
doch wer wird durch die Luft kutschieren?
Und keiner will sein Geld verlieren.
Ein Pachter endlich faßte Mut.
„Die Flügel zwar,“ spricht er, „die schaffen keinen Nutzen;
doch die kann man ja binden oder stutzen,
dann ist das Pferd zum Ziehen immer gut.
Ein zwanzig Pfund, die will ich wohl dran wagen.“
Der Täuscher, hoch vergnügt, die Ware loszuschlagen,
schlägt hurtig ein. „Ein Mann, ein Wort!“
Und Hans trabt frisch mit seiner Beute fort.

Das edle Tier wird eingespannt;
doch fühlt es kaum die ungewohnte Bürde,
so rennt es fort mit wilder Flugbegierde
und wirft, von edelm Grimm entbrannt,
den Karren um an eines Abgrunds Rand.
„Schon gut,“ denkt Hans. „Allein darf ich dem tollen Tiere
kein Fuhrwerk mehr vertraun. Erfahrung macht schon klug,
doch morgen fahr’ ich Passagiere,
da stell’ ich es als Vorspann in den Zug.
Die muntre Krabbe soll zwei Pferde mir ersparen;
der Koller gibt sich mit den Jahren.“

Der Anfang ging ganz gut. Das leichtbeschwingte Pferd
belebt der Klepper Schritt, und pfeilschnell fliegt der Wagen.
Doch was geschieht? Den Blick den Wolken zugekehrt
und ungewohnt, den Grund mit festem Huf zu schlagen,
verläßt es bald der Räder sichre Spur,
und, treu der stärkeren Natur,
durchrennt es Sumpf und Moor, geackert Feld und Hecken,
der gleiche Taumel faßt das ganze Postgespann,
kein Rufen hilft, kein Zügel hält es an,
bis endlich, zu der Wandrer Schrecken,
der Wagen, wohlgerüttelt und zerschellt,
auf eines Berges steilem Gipfel hält.

„Das geht nicht zu mit rechten Dingen,“
spricht Hans mit sehr bedenklichem Gesicht.
„So wird es nimmermehr gelingen;
laß sehn, ob wir den Tollwurm nicht
durch magre Kost und Arbeit zwingen.“
Die Probe wird gemacht. Bald ist das schöne Tier,
eh noch drei Tage hingeschwunden,
zum Schatten abgezehrt. „Ich hab’s, ich hab’s gefunden!“
ruft Hans. „Jetzt frisch, und spannt es mir
gleich vor den Pflug mit meinem stärksten Stier.“

Gesagt, getan. In lächerlichem Zuge
erblickt man Ochs und Flügelpferd am Pfluge.
Unwillig steigt der Greif und strengt die letzte Macht
der Sehnen an, den alten Flug zu nehmen.
Umsonst, der Nachbar schreitet mit Bedacht,
und Phöbus’ stolzes Roß muß sich dem Stier bequemen,
bis nun, vom langen Widerstand verzehrt,
die Kraft aus allen Gliedern schwindet,
von Gram gebeugt das edle Götterpferd
zu Boden stürzt, und sich im Staube windet.

„Verwünschtes Tier!“ bricht endlich Hansens Grimm
laut scheltend aus, indem die Hiebe flogen.
„So bist du denn zum Ackern selbst zu schlimm,
mich hat ein Schelm mit dir betrogen.“

Indem er noch in seines Zornes Wut
die Peitsche schwingt, kommt flink und wohlgemut
ein lustiger Gesell’ die Straße hergezogen.
Die Zither klingt in seiner leichten Hand,
und durch den blonden Schmuck der Haare
schlingt zierlich sich ein goldnes Band.
„Wohin, Freund, mit dem wunderlichen Paare?“
ruft er den Baur von weitem an.
„Der Vogel und der Ochs an einem Seile,
ich bitte dich, welch ein Gespann!
Willst du auf eine kleine Weile
dein Pferd zur Probe mir vertraun?
Gib acht, du sollst dein Wunder schaun.“

Der Hippogryph wird ausgespannt,
und lächelnd schwingt sich ihm der Jüngling auf den Rücken.
Kaum fühlt das Tier des Meisters sichre Hand,
so knirscht es in des Zügels Band,
und steigt, und Blitze sprühn aus den beseelten Blicken.
Nicht mehr das vor’ge Wesen – königlich,
ein Geist, ein Gott, erhebt es sich,
entrollt mit einem Mal in Sturmes Wehen
der Schwingen Pracht, schießt brausend himmelan,
und eh der Blick ihm folgen kann,
entschwebt es zu den blauen Höhen.

Der geplagte Bräutigam
von
Theodor Körner

Im ganzen Dorfe geht’s Gerücht,
daß ich um Greten freie;
sie aber läßt das Tändeln nicht,
die Falsche, Ungetreue! —
Denn Nachbar Kunzens langer Hans
führt alle Sonntag’ sie zum Tanz
und kommt mir ins Gehege —
– Man überlege! —

Auf künft’ge Ostern wird’s ein Jahr,
da faßt’ ich mich in Kürze —
und kaufte ihr (das Ding war rar)
ein Band zur neuen Schürze;
und an dem zweiten Feiertag,
just mit dem neunten Glockenschlag,
bracht’ ich ihr mein Geschenke —
– Man denke! —

Ich hatte nämlich räsonniert
den Tag vorher beim Biere:
wenn ich sie mit dem Band geziert
zum Abendtanze führe,
so sag’ ich alles lang und breit,
und breche die Gelegenheit
im Fall der Not vom Zaune —
– Man staune! —

Drauf hatt’ ich mich schön angetan,
als ging’s zum Hochzeitsfeste!
Ich zog die neuen Stiefeln an,
und meines Vaters Weste;
doch als ich kam vor Gretens Haus,
war auch der Vogel schon hinaus
mit Hansen in die Schenke —
– Man denke! —

Das faßte mich wie Feuerbrand,
der Zunder mußte fangen;
da kam, um seinen Hut mein Band,
der Musjö Hans gegangen;
nun sprüht’ ich erst in voller Wut,
er wurde grob – und kurz und gut
ich kriegte derbe Schläge —
– Man überlege! —

Den Tag darauf an Gretens Tür
lauscht’ ich als Ehrenwächter.
Da schallte aus dem Garten mir
ein gellendes Gelächter.
Und als ich habe hingeschaut,
da saß denn meine schöne Braut
mit Hansen hinter’m Zaune —
– Man staune! —

Das fuhr mir arg durch meinen Sinn,
das Wort blieb in der Kehle;
des andern Morgens ging ich hin,
und hielt ihr’s vor die Seele;
und sagt’ ihr’s endlich grad heraus:
„Hör’, Grete, mach’ mir’s nicht zu kraus,
sonst geh’ ich meiner Wege.“ —
– Man überlege! —

Da lachte sie mir in’s Gesicht
und kehrte mir den Rücken.
Ja, wenn der Hans den Hals nicht bricht,
so reiß’ ich ihn in Stücken!
Sonst bringt sie es gewiß so weit,
daß ich mich noch bei guter Zeit
im nächsten Teich ertränke! —
– Man denke! —

Des Feldpredigers Kriegstaten
von
Theodor Körner

Ich bin bei englischem Rindfleisch erzogen
und habe bei englischem Biere studiert;
der Herr General war mir gewogen,
drum ward ich zum Feldprediger avanciert;
denn der Mensch muß etwas versuchen und wagen,
drum sitz’ ich hier auf dem Bagagewagen.

Bin in Portugal nun Soldaten-Pastor
und predige über Ach und Weh,
und warne vor Trunkenheit und Laster
die reuige, aber besoffne Armee!
Pfleg’ aufs Beste die Kehl’ und den Magen,
und sitze hier auf dem Bagagewagen.

Gestern war eine große Bataille,
es kam zu einer blutigen Schlacht!
Wir fochten alle en canaille,
ich hätt’ es kaum als möglich gedacht.
Der Franzose ward aufs Haupt geschlagen,
und ich saß auf dem Bagagewagen.

Es ward erschrecklich viel Blut vergossen,
ich kam in den größten Embarras;
die Feinde hatten einen Bock geschossen,
und wir, wir schossen Viktoria.
Der gehört zu meinen glorreichsten Tagen,
denn ich saß auf dem Bagagewagen.

Ich sehe schon die Haufen Gedichte,
die man uns Helden wird billig weihn!
Wir glänzen ewig in der Geschichte
und ziehn in die Unsterblichkeit ein.
Und von mir auch wird man singen und sagen:
Ja! der saß auf dem Bagagewagen!

Wandrer und Mädchen
von
Ludwig Achim von Arnim

Wie glänzt mir jede Stadt so hell,
wo mir kein Haus gebauet,
wo ich als wandernder Gesell
mich lustig umgeschauet;
wenn in der leichten Abendtracht
die Mädchen in den Türen,
weil sie vom hellen Mond bewacht,
so manchen Mutwill spüren.

Sie: „Hilf Gott,“ so spricht mich eine an,
„das nenne ich noch gähnen,
bist du nicht auch ein Leiermann,
sing mir von Lust und Tränen! —
Sing langsam, daß ich’s von dir lern,
ich will’s dem Liebsten singen,
das Wetter leuchtet still von fern,
die Grillen Ständchen bringen.“

Ich sing von einem Ort im Rhein,
da liegen große Glocken,
und wird im Jahr ein edler Wein,
da stehen sie ganz trocken,
und schlagen drauf die Schiffer an,
da rufen sie nach Weine;
ich bin ein durst’ger Leiermann
und habe müde Beine.

Sie: „Hier hast du eine Flasche Wein,
und hier die Bank von Steinen,
und denke, du säßest hier am Rhein
und tränkst von edlen Weinen;
und greif mir nicht nach meinem Arm,
ich wärm ihn in der Schürze,
und singe mir, es ist nicht warm,
und mir die Zeit verkürze.“ —

Am Rheine war ein geiz’ger Abt,
der gönnt es nicht den Leuten,
daß sie an Trauben sich erlabt,
wenn sie zur Lese schreiten;
darum erfand der list’ge Mann,
sie mußten immer singen:
dieweil dann keiner essen kann,
und in die Butten springen.

So soll ich singen vor der Tür,
und möcht’ dich lieber küssen,
o Mädchen, nimm mich doch zu dir,
und morgen will ich grüßen,
mit allem süßen Zaubersang,
geschöpft aus deinem Munde,
jetzt schweigt mein Mund in Liebesdrang,
der Wächter ruft die Stunde.

Sie: „Der Wächter singt sein Verslein gut,
so gut magst du nicht singen,
er hat so einen tapfern Mut
und kann Gespenster zwingen.
Er hat gar ein gewaltig Horn
und bläst recht mit zum Spaße,
sein’ Lieb’ zu mir hat grimmen Zorn,
darum zieh deine Straße.“

Als ich die Warnung kaum vernehm,
hör ich die Hunde heulen,
da ist’s auch mir so unbequem,
daß ich davon muß eilen:
ich seh’ den Wächter an der Tür,
er tut mein Mädchen küssen,
doch hat sie drauf, das glaubet mir,
die Tür ihm zugeschmissen.

Und wie er nun in seinem Grimm,
und ich in meinem Lachen,
da ruft er mir mit starker Stimm’:
„Was hast du nachts zu machen?“ —
„Die Lieb’ ist leer, die Flasch’ ist aus,
auf dir sei sie zerschmissen!“
Das tat ich und sie lacht’ im Haus;
dann bin ich ausgerissen.

In die Höh’!
von
Joseph Freiherrn von Eichendorff

Viel Essen macht viel breiter
und hilft zum Himmel nicht,
es kracht die Himmelsleiter,
kommt so ein schwerer Wicht.
Das Trinken ist gescheiter,
das schmeckt schon nach Idee,
da braucht man keine Leiter,
das geht gleich in die Höh’!

Chor. Da braucht man keine Leiter,
das geht gleich in die Höh’!

Viel Reden ist manierlich!
„Wohlauf?“ – „Ein wenig flau.“ —
„Das Wetter ist spazierlich.“ —
„Was macht die liebe Frau?“ —
„Ich danke“ – und so weiter
und breiter als ein See —
das Singen ist gescheiter,
das geht gleich in die Höh’!

Chor. Das Singen ist gescheiter,
das geht gleich in die Höh’!

Die Fisch’ und Musikanten
die trinken beide frisch,
die Wein, die andern Wasser.
Drum hat der dumme Fisch
statt Flügel Flederwische
und liegt elend im See;
doch wir sind keine Fische,
das geht gleich in die Höh’!

Chor. Doch wir sind keine Fische,
das geht gleich in die Höh’!

Ja, Trinken frisch und Singen,
das bricht durch alles Weh,
das sind zwei gute Schwingen,
gemeine Welt, ade!
Du Erd’ mit deinem Plunder,
ihr Fische samt der See,
’s geht alles, alles unter,
wir aber in die Höh’!

Chor. ’s geht alles, alles unter,
wir aber in die Höh’!

Lustige Musikanten
von
Joseph Freiherrn von Eichendorff

Der Wald, der Wald! Daß Gott ihn grün erhalt’,
gibt gut Quartier und nimmt doch nichts dafür.

Zum grünen Wald wir Herberg’ halten,
denn Hoffart ist nicht unser Ziel,
im Wirtshaus, wo wir nicht bezahlten,
es war der Ehre gar zu viel.
Der Wirt, er wollt’ uns gar nicht lassen,
sie ließen Kann’ und Kartenspiel,
die ganze Stadt war in den Gassen,
und von den Bänken mit Gebraus
stürzt’ die ganze Schule heraus,
wuchs der Haufe von Haus zu Haus,
schwenkt’ die Mützen und jubelt’ und wogt’,
der Hatschier, die Stadtwacht, der Bettelvogt,
wie wenn ein Prinz zieht auf die Freit’,
gab alles, alles uns fürstlich Geleit.
Wir aber schlugen den Markt hinab
uns durch die Leut’ mit dem Wanderstab
und hoch mit dem Tamburin, daß es schallt’ —
zum Wald, zum Wald, zum schönen grünen Wald!

Und da nun alle schlafen gingen,
der Wald steckt’ seine Irrlicht’ an,
die Frösche tapfer Ständchen bringen,
die Fledermaus schwirrt leis voran,
und in dem Fluß auf feuchtem Steine
gähnt laut der alte Wassermann,
strählt sich den Bart im Mondenscheine
und fragt ein Irrlicht, wer wir sind?
Das aber duckt sich geschwind;
denn über ihn weg im Wind
durch die Wipfel der wilde Jäger geht,
und auf dem alten Turm sich dreht
und kräht der alte Wetterhahn uns nach:
ob wir nicht einkehrn unter sein Dach?
O Gockel, verfallen ist ja dein Haus,
es sieht die Eule zum Fenster heraus,
und aus allen Toren rauschet der Wald,
der Wald, der Wald, der schöne grüne Wald!

Und wenn wir müd’ einst, sehn wir blinken
ein’ goldne Stadt still überm Land,
am Tor Sankt Peter schon tut winken:
„Nur hier herein, Herr Musikant!“
Die Engel von den Zinnen fragen,
und wie sie uns erst recht erkannt,
sie gleich die silbernen Pauken schlagen,
Sankt Peter selbst die Becken schwenkt,
und voll Geigen hängt
der Himmel, Cäcilia an zu streichen fängt,
dazwischen hoch Vivat! daß es prasselt und pufft,
werfen die andern vom Wall in die Luft
Sternschnuppen, Kometen,
gar prächt’ge Raketen,
versengen Sankt Peter den Bart, daß er lacht,
und wir ziehen heim, schöner Wald, gute Nacht!

Ratskollegium
von
Joseph Freiherrn von Eichendorff

Hochweiser Rat, geehrte Kollegen!
Bevor wir uns heute aufs Raten legen,

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notes

1

William Meyer, Dr. Max Goos, Anna Flickwier, Marta Klöckner, Eduard Mörike.

2

flehen = flüchten.

3

jemand ein blechlein anschlagen = jemand eins anhängen.

4

gesein = sein.

5

bekommen = begegnen.

6

für = anstatt.

7

sappen = (im Schmutz) einhergehen.

8

schmitzen = schlagen.

9

wann her = von woher.

10

daß ihr das Hintere nach vorn kehret = die Sache verkehrt anfangt.

11

daß an der Welt die Mühe verloren ist.

12

urdrütz = überdrüssig.