Um das Jahr 1360 lag noch zwischen den Dörfern Wyneghem und Santhoven, drei Stunden von Antwerpen, ein wüster und dunkler Wald. Die Eiche, der Gott der nordischen Wälder, schoß ihre stolze Krone gen Himmel; der treue Epheu klammerte sich in Liebeskränzen üppig um seinen rauhen Stamm, während die duftigen Blumenkelche des Geisblattes seinen breiten Fuß als mit goldenem Kleide schmückten. Kinder Einer Mutter grünten dort gleichfalls: die Buche mit ihren glänzenden Blättern, die Bitte mit silbernem Stamme, die zitternde Pappel und die zartere Trauerweide, die wie eine trauernde Jungfrau sich mit ihrem hängenden Laube über die Seen beugte.
Am Ende des Waldes war Alles lieblich: da schoß der Brombeerstrauch seine purpurnen Ranken von Stamm zu Stamm, und wob einen undurchdringlichen Schleier, an dessen Fuß Schlüsselblume und Maßliebchen wie verlorene Perlen glänzten.
Aber tiefer in dieser einsamen und wüsten Schöpfung änderte sich Alles: – der Boden schien die Zeichen einer Naturumwälzung an sich zutragen. Da und dort erhoben sich nackte Sanddünen; zerstreute Moräste und gährende Sümpfe zerstörten halb verrottete Stämme entwurzelter Weiden . . . und statt des lieblichen Geisblattes sah man hier nur fahles am Boden fortwucherndes Moos, das die umstehenden Bäume zu einer Gesellschaft sterbender Greise machte, mit Pilzen und Schwämmen wie mit Eiterbeulen überdeckt.
Nie senkte die Sonne ihre heitern Strahlen auf diesen feuchten Boden; unheimliche Dunkelheit und entsetzliche Stille herrschte hier ununterbrochen; nur von Zeit zu Zeit ertönte das Aechzen einer Nachteule durch das Laub oder machte ein fliehender Fuchs die Blätter rascheln, und unterbrach so die Todtenstille, um sie noch schrecklicher zu machen.
Neben diesem Walde lag eine unermeßliche Haide, und weiterhin, am Ende des Horizontes, wo der Himmel die Erde zu berühren scheint, hing ein undurchdringbarer Vorhang von Tannenbäumen.
Beim Anbruche eines Lenzmorgens im Jahre 1366, ehe die Sonne die nächtlichen Nebel durchbrochen hatte, befanden sich zwei Schafhirten aus der Haide. Der Eine war ein alter Mann, von mehr als sechzig Jahren mit weißem Haare und gekrümmten Rücken. Der Andere beinahe noch ein Knabe: siebzehn Jahre glänzten auf seinem angenehmen rosigen Gesichte, blaue Augen funkelten mit sanfter Gluth unter seiner breiten Stirne hervor und feine Haare, deren Farbe einer Mischung von Gold und Silber glich, fielen über seinen Hals. Beide waren in rauhe Stoffe gekleidet, und damit beschäftigt, Hosen aus schwerem Wolltuch zu nähen, während ihre Heerden in einiger Entfernung die spärlichen Haideblumen pflückten.
Nach einiger Zeit legte der alte Hirte seine Arbeit nieder, zog ein Buch aus seiner Tasche und öffnete es. Der junge Hirte hatte kaum das Buch bemerkt, als die Nadeln seiner Hand entfielen; sein Auge erglänzte von dem Feuer der Neugierde, und sich seinem Kameraden nähernd, beugte er sich über die offenen Blätter des Buchs und betrachtete mit aufmerksamem Blicke die Buchstaben. Dann sprach er seufzend:
»Du kannst lesen, Albrecht? In diesem Buche also hast Du gelernt, wie man die Winde drehen muß, wie man gut Wetter und schlecht Wetter macht, wie man das Vieh bezaubert und entzaubert . . . O ich gäbe zwanzig schöne Jahre meines Lebens, wenn ich die Zeichen verstünde, wie Du!«
Der alte Hirte lächelte bei dieser Betheurung und antwortete: