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Der Pastor von Ashbourn

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Alexandre Dumas (père)
Der Pastor von Ashbourn

Erster Band

I.
Der große Pope

An den Herrn Doctor Petrus Barlow, Professor der
Philosophie an der Universität von Cambridge
Ashbourn, bei Nottingham, den 5. April 1754.
Lieber College!

Lassen Sie mich Ihnen den freundschaftlichen Titel College geben; denn nach meiner Meinung gebührt Ihnen dieser Titel, obgleich Sie ein gelehrter Doctor der Philosophie sind, und ich ein einfacher Dorfpastor bin; Sie haben für den Körper zu sorgen, wie ich für die Seelen zu sorgen habe; ich bereite zum Sterben vor, aber Sie bereiten zum Leben vor, und Gott allein vermöchte zu sagen, wer von uns Beiden das heiligste Amt bekleidet.

Freilich begegnet es mir zuweilen, mein lieber College, genöthigt zu sein, das zu verbessern, was Sie gemacht haben; Ihre unglückliche Schulphilosophie neigt sich immer ein wenig nach der heidnischen Seite, und ich bin oft berufen zu erkennen, daß, obschon die Iliade und die Bibel, der Phädon und das Evangelium, sehr schöne und besonders sehr beredtsame Dinge sind, die Iliade und die Bibel sich zuweilen widersprechen, der Phädon und das Evangelium nicht immer einverstanden sind. Und Sie werden wohl begreifen, mein lieber Petrus, daß, wenn solche Widersprüche sich in meiner Gegenwart zeigen, ich nicht anzunehmen vermag, daß der Phädon oder die Iliade Recht haben.

Aber haben wir, wie Sie mir in Ihrem letzten Briefe sagten, trotz dieser Meinungsverschiedenheiten zwischen den Schriftstellern, die wir auslegen, und zwischen den Dingen, die wir lehren, die Hoffnung, daß es einen Punkt der Straße giebt, auf welchem unsere beiden Wege, so auseinander laufend sie auf den ersten Blick auch scheinen mögen, eines Tages zusammentreffen werden! Dieser Punkt ist der Glaube an die ewige Gerechtigkeit, und besser noch, auf die göttliche Barmherzigkeit, welche, ich bürge dafür, mein lieber Petrus, uns allen Beiden die guten Absichten anrechnen wird, ohne uns zu sehr über unsere Fehler oder unsere Irrthümer zu beunruhigen, welche ihren Ursprung in der menschlichen Schwäche gehabt haben.

Einstweilen, bis daß es dem Herrn gefällt, über uns in jener Welt zu verfügen, welche auf die unserige folgen soll, geben wir uns auf dieser, Jeder auf seiner Seite, einem Studium hin, welches auf den ersten Blick und mit oberflächlichem Auge betrachtet, dasselbe scheinen würde, während es dem Philosophen und dem Denker beträchtliche Verschiedenheiten zeigt.

Sie, mein lieber Petrus, Sie studiren den Menschen, und ich studire die Menschen.

Möchte es Ihnen auf Ihrer Seite besser gelingen, als es mir auf der meinigen, besonders bei meinem ersten Auftreten im Leben, gelungen ist!

Jetzt wünschen Sie dieses Studium des Menschen, das heißt des menschlichen Geschlechtes, durch einzelne Personen an mir zu machen, wie Sie es an Anderen gemacht haben. Sie behaupten in Ihrer Nachsicht für den armen Pastor, daß ich einige gute Eigenschaften habe; worauf ich dadurch antworte, daß ich mich beschuldige, große Fehler zu haben. Um sich eine bestimmte Meinung zwischen unseren beiden verschiedenen Meinungen zu schaffen, verlangen Sie, daß ich mich Ihren Augen so darstelle, wie ich aus den Händen meines Schöpfers hervorgegangen bin, – solus, pauper et nudus; – es sei, ich will von meinen Schultern jenen Mantel des Demüthigen gleiten lassen, durch dessen Löcher man oft das Herz des Hochmüthigen sieht. Erforschen Sie meine arme Person so langsam und so sorgfältig, als Sie wollen; ich werde nicht versuchen, Ihnen einen einzigen meiner Fehler oder eine einzige meiner Lächerlichkeiten zu verbergen; denn, wie ich hoffe, wird mich Gott um so mehr erheben, als ich mich erniedrigt haben werde.

Ich bin im Jahre 1728 in dem kleinen Dorfe Beeston geboren, dessen Pastor mein Vater war. Was meine Mutter anbelangt, so war sie die Tochter eines Bootsmannes auf einem Kauffahrteischiffe, der drei Jahre vor meiner Geburt in einem Sturme umkam, bei welchem das Schiff unterging , auf dem er diente, und auf welchem er sein kleines Hab und Gut hatte. Alles war daher mit ihm verloren, mit Ausnahme eines vortrefflichen Seefernrohres, das er einem seiner Freunde geliehen hatte, und das dieser Freund, der den Tag nicht wußte, an welchem mein Großvater unter Segel gehen sollte, ihm erst zwei Tage nach seiner Abreise zurückbrachte.