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Umgeben Von Feinden

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Jack Mars
UMGEBEN VON FEINDEN
UMGEBEN VON FEINDEN

(EIN LUKE STONE THRILLER—BUCH 4)

J A C K     M A R S
Jack Mars

Jack Mars ist der USA Today Bestseller Autor der LUKE STONE Thriller Serie, welche sieben Bücher umfasst (und weitere in Arbeit). Er ist außerdem der Autor der neuen WERDEGANG VON LUKE STONE Vorgeschichten Serie und der AGENT NULL Spionage-Thriller Serie.


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Copyright © 2016 by Jack Mars. Alle Rechte vorbehalten. Mit Ausnahme der Bestimmungen des U.S. Copyright Act von 1976 darf kein Teil dieser Publikation ohne vorherige Genehmigung des Autors in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen Mitteln vervielfältigt, verbreitet oder übertragen oder in einer Datenbank oder einem Datenabfragesystem gespeichert werden. Dieses eBook ist nur für Ihren persönlichen Gebrauch lizenziert. Dieses eBook darf nicht weiterverkauft oder an andere Personen verschenkt werden. Wenn Sie dieses Buch mit einer anderen Person teilen möchten, erwerben Sie bitte für jeden Empfänger ein zusätzliches Exemplar. Wenn Sie dieses Buch lesen und es nicht gekauft haben, oder es nicht nur für Ihren Gebrauch gekauft wurde, dann geben Sie es bitte zurück und kaufen Sie Ihr eigenes Exemplar. Danke, dass Sie die harte Arbeit dieses Autors respektieren. Diese Geschichte ist frei erfunden. Namen, Charaktere, Unternehmen, Organisationen, Orte, Ereignisse und Vorfälle sind entweder eine Erfindung des Autors oder werden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit zu lebenden oder verstorbenen Personen ist rein zufällig. Abbildung Einband Copyright Orhan Cam, verwendet mit Lizenz von Shutterstock.com.

BÜCHER VON JACK MARS

LUKE STONE THRILLER SERIE

KOSTE ES WAS ES WOLLE (Buch #1)

AMTSEID (Buch #2)

LAGEZENTRUM (Buch #3)

UMGEBEN VON FEINDEN (Buch #4)

DER KANDIDAT (Buch #5)


DER WERDEGANG VON LUKE STONE

PRIMÄRZIEL (Buch #1)

PRIMÄRKOMMANDO (Buch #2)


EINE AGENT NULL SPIONAGE-THRILLER SERIE

AGENT NULL (Buch #1)

ZIELOBJEKT NULL (Buch #2)

JAGD AUF NULL (Buch #3)

EINE FALLE FÜR NULL (Buch #4)

AKTE NULL (Buch #5)

RÜCKRUF NULL (Buch #6)

ATTENTÄTER NULL (Buch #7)

KÖDER NULL (Buch #8)


EINE AGENT NULL KURZGESCHICHTE

Hören Sie sich die LUKE STONE THRILLER-Serie im Hörbuchformat an!

KAPITEL EINS

16. Oktober

05:25 Uhr

Marble Canyon

Grand-Canyon-Nationalpark, Arizona


„Sie kommen von allen Seiten!“

Luke versuchte, bis zum Tagesanbruch zu überleben, aber die Sonne weigerte sich, aufzugehen. Es war kalt und er stand mit nacktem Oberkörper da. Er hatte sich sein Hemd in der Hitze des Gefechts vom Leib gerissen. Die Munition war ihm ausgegangen.

Turban tragende, bärtige Taliban-Kämpfer strömten über die Mauern des Außenpostens. Überall um ihn herum ertönte Geschrei.

Luke warf sein leeres Gewehr weg und zog seine Handfeuerwaffe. Er feuerte entlang des Grabens, an dem er sich positioniert hatte – er wurde von seinen Feinden überrannt. Eine Reihe von ihnen lief in seine Richtung. Weitere rutschten, fielen, sprangen über die Mauer.

Wo waren seine Leute? War noch jemand am Leben?

Er tötete den herannahenden Mann mit einem Schuss ins Gesicht. Sein Kopf explodierte wie eine Tomate. Er packte den Mann an seiner Tunika und hielt ihn wie einen Schild hoch. Der nun kopflose Körper fühlte sich leicht an und Luke tobte vor lauter Adrenalin – es war, als wäre die Leiche nichts als ein leerer Kleidersack.

Er tötete vier Männer mit vier Schüssen. Er schoss weiter.

Dann gingen ihm die Kugeln aus. Schon wieder.

Ein Taliban stürmte auf ihn zu, eine AK-47 mit Bajonett in der Hand. Luke stieß die Leiche auf ihn zu und warf seine eigene Pistole wie einen Tomahawk. Sie traf den Mann am Kopf und lenkte ihn für eine Sekunde ab. Luke nutzte diesen Moment. Er ging in den Angriff über und glitt am Rand des Bajonetts entlang. Er tauchte mit zwei Fingern tief in die Augen des Mannes und zog fest an ihnen.

Der Mann schrie. Seine Hände schnellten in die Höhe zum Gesicht. Nun hatte Luke die AK. Er stach seinen Feind in die Brust, zwei, drei, vier Mal, mit aller Kraft.

Der Mann hauchte seinen letzten Atemzug in Lukes Gesicht.

Lukes Hände durchsuchten die Taschen des Mannes. Die frische Leiche hatte eine Granate in der Brusttasche. Luke nahm sie, zog ihre Sicherung und warf sie über den Wall in die herannahenden Horden.

Er warf sich auf den Boden.

BUMM.

Die Explosion war direkt vor ihm, sie versprühte Schmutz und Steine und Blut und Knochen. Die Wand aus Sandsäcken stürzte zu Hälfte auf ihn ein.

Luke kämpfte sich wieder hoch, taub, seine Ohren schallten. Er überprüfte die AK. Leer. Aber er hatte immer noch das Bajonett.

„Kommt schon, ihr Bastarde!“, schrie er. „Kommt schon!“

Es kamen noch mehr Männer über die Mauer gestürmt und er stach wie ein Wahnsinniger auf sie ein. Er riss und zerfetzte sie mit bloßen Händen. Er erschoss sie mit ihren eigenen Waffen.

Irgendwann ging die Sonne auf, auch wenn sie keine Wärme abstrahlte. Irgendwann hatte der Kampf aufgehört – er konnte sich nicht erinnern, wann und wie es zu Ende gegangen war. Der Boden war rau und hart. Überall lagen Leichen. Überall auf dem Boden lagen dürre, bärtige Männer, mit großen Augen und starrer Haltung.

Ganz in der Nähe sah er jemanden, der versuchte den Hügel hochzukriechen und eine Blutspur hinter sich herzog, die aussah wie eine Schleimspur, die einer Schnecke folgt. Er sollte zu ihm gehen und ihn umbringen, aber er wollte nicht riskieren, schutzlos auf freier Fläche zu stehen.

Lukes Brust war knallrot. Er war durchtränkt von dem Blut seiner Feinde. Sein Körper zitterte vor Hunger und Erschöpfung. Er starrte auf die umliegenden Berge, die gerade so in Sichtweite kamen.

Wie viele waren noch da draußen? Wie lange würde es dauern, bis sie hier waren?

Martinez lag auf seinem Rücken ganz in der Nähe, tief in einem der Gräben. Er weinte. Er konnte seine Beine scheinbar nicht bewegen. Er hatte genug. Er wollte sterben. „Stone“, sagte er. „Hey, Stone. Hey! Töte mich, Mann. Töte mich einfach. Hey, Stone! Hör mir zu, Mann!“

Luke war wie betäubt. Er konnte weder an Martinez‘ Beine, noch an seine Zukunft denken. Er hatte es einfach satt, sein Weinen zu hören.

„Ich würde dich liebend gerne umbringen, Martinez, nur weil du so jammerst. Aber ich habe keine Munition mehr. Also sei zur Abwechslung ein Mann… Okay?“

In der Nähe saß Murphy auf einem Felsvorsprung und starrte ins Leere. Er versuchte nicht einmal, in Deckung zu bleiben.

„Murph! Komm da runter. Willst du, dass dir ein Scharfschütze eine Kugel in den Kopf jagt?“

Murphy drehte sich um und schaute Luke an. Seine Augen waren einfach… leer. Er schüttelte den Kopf. Ein Hauch von Luft entwich ihm. Es klang fast wie ein Lachen. Er blieb genau dort, wo er war.

Wenn noch mehr Taliban kommen würden, wären sie erledigt. Keiner dieser beiden Jungs hatte noch viel Kampfgeist und die einzige Waffe, die Stone noch hatte, war das inzwischen verbogene Bajonett in seiner Hand. Einen Moment lang dachte er darüber nach, einige der Toten nach Waffen zu durchsuchen. Er wusste nicht, ob er noch die Kraft hatte, überhaupt aufzustehen. Vielleicht musste er zu ihnen kriechen.

Während er zuschaute, erschien etwas, das wie eine Reihe schwarzer Insekten am weit entfernten Himmel aussah. Er wusste sofort, was es war. Hubschrauber. Militärhubschrauber der Vereinigten Staaten, wahrscheinlich Black Hawks. Die Kavallerie war im Anmarsch. Luke freute sich weder, noch verspürte er etwas anderes. Er fühlte nichts. Die Leere war ein Berufsrisiko. Er fühlte überhaupt nichts…

Luke wurde durch sein klingelndes Telefon aus seinen Gedanken gerissen. Er lag da und blinzelte.

Er versuchte, sich zu orientieren. Er befand sich in einem Zelt auf dem Grund des Grand Canyon.

Es war kurz vor Sonnenaufgang und er war in dem Zelt, das er mit seinem Sohn Gunner teilte. Er starrte in die schwarze Nacht und lauschte dem tiefen Atmen seines Sohnes.

Sein Telefon klingelte weiter.

Es vibrierte an seinem Bein und summte auf die lästige Art, die vibrierende Handys an sich haben. Er wollte Gunner nicht wecken, aber das war wahrscheinlich ein Anruf, den er annehmen musste. Nur sehr wenige Menschen hatten diese Nummer und allesamt würden ihn nicht einfach nur anrufen, um Smalltalk zu halten.

Er blickte auf seine Uhr: 05:30 Uhr.

Luke öffnete den Reißverschluss des Zeltes, huschte hinaus und schloss es wieder. In der Nähe, im ersten fahlen Licht des Tages, sah Luke die beiden anderen Zelte – Ed Newsam in einem, Mark Swann in dem anderen. Die Überreste des Feuers von letzter Nacht befanden sich in dem Steinkreis in der Mitte des Lagers – ein paar Kohlen glühten noch rot.

Die Luft war kühl und knackig – Luke trug nur Boxershorts und ein T-Shirt. An seinen Armen und Beinen bildete sich Gänsehaut. Er zog sich ein Paar Sandalen an und ging zum Fluss hinunter, vorbei an der Stelle, an der ihr Floß festgebunden war. Er wollte weit genug vom Campingplatz entfernt sein, um niemanden zu wecken.

Er setzte sich auf einen Felsblock und blickte auf die aufsteigenden Wände der Schlucht. Direkt unter ihm, obwohl er es kaum sehen konnte, war das Geräusch von tröpfelndem Wasser zu hören. Flussabwärts, vielleicht eine halbe Meile entfernt, konnte er das Rauschen der Stromschnellen hören.

Er schaute auf das Telefon. Er kannte die Nummer auswendig. Es war Becca. Wahrscheinlich die letzte Person, von der er im Moment hören wollte. Er hatte Gunner fünf Tage lang bei sich gehabt, was laut ihrer Vereinbarung völlig legal war. Ja, Gunner war zu dieser Zeit zwar nicht in der Schule gewesen, aber der Junge war schon fast ein Genie – es war die Rede davon, dass er die Klasse überspringen sollte.

Luke fand es wichtig, Zeit mit ihm in der Wildnis zu verbringen, die Natur zu genießen und sich körperlich und geistig zu erproben – wahrscheinlich wichtiger als alles, was er zu Hause tun könnte. Die Kinder von heute – sie verbrachten viel Zeit damit, auf Bildschirme zu starren. An sich war das nicht schlimm – Technologie war ein wichtiges Werkzeug, aber mehr auch nicht. Sie sollte nicht an Stelle von Familie, körperlicher Aktivität, Spaß oder Fantasie treten. Am Computer konnte man keine echten Abenteuer oder Erfahrungen erleben.

Er rief sie zurück, etwas alarmiert, aber bereit, neutral zu bleiben. Welches Spiel sie auch immer zu spielen versuchte, er würde ruhig bleiben und so vernünftig sein, wie er konnte.

Das Telefon klingelte nur einmal.

„Luke?“

„Hallo, Becca“, sagte er, seine Stimme war ruhig und freundlich und klang so, als sei es die normalste Sache der Welt, jemanden noch vor Sonnenaufgang zurückzurufen. „Wie geht es dir?“

„Mir geht es gut“, sagte sie. Ihre Gespräche mit ihm verliefen immer sehr abrupt und angespannt. Sein Leben mit ihr war vorbei – das hatte er inzwischen akzeptiert. Aber sein Leben mit seinem Sohn stand erst am Anfang und er war fest entschlossen, alle Hindernisse zu überwinden, die sie ihm in den Weg stellen wollte.

Er wartete.

„Was macht Gunner gerade?“, fragte sie.

„Er schläft. Es ist noch ziemlich früh hier. Die Sonne ist noch nicht einmal ganz aufgegangen.“

„Ach ja“, sagte sie. „Ich habe die Zeitverschiebung vergessen.“

„Keine Sorge“, sagte er. „Ich war sowieso wach.“ Er hielt einige Sekunden inne. Im Osten erschien der erste richtige Sonnenstrahl, ein Lichtstrahl, der über den Rand der Schlucht fiel und auf der Felswand im Westen spielte und sie rosa und orange färbte.

„Was kann ich für dich tun?“

Sie zögerte nicht lange. „Gunner muss sofort nach Hause kommen.“

„Becca –“

„Diskutiere nicht mit mir, Luke. Du weißt, dass du vor Gericht keine Chance hättest. Ein Geheimagent mit diagnostizierter posttraumatischer Belastungsstörung und einer Vorgeschichte voll mit Gewalt will seinen kleinen Sohn auf Abenteuer im Freien mitnehmen, was auch noch dazu führt, dass er ganze Schulwochen versäumt. Ich kann nicht glauben, dass ich überhaupt damit einverstanden war. Ich war so abgelenkt, dass ich…“

Er unterbrach sie. „Becca, wir sind im Grand Canyon. Wir sind mit dem Floß unterwegs. Das ist dir doch klar, oder? Wenn hier nicht gerade ein Hubschrauber landet, um uns abzuholen, sind wir wahrscheinlich noch drei Tage davon entfernt, das South Rim zu erreichen. Dann eine Nacht in der Lodge und einen ganzen Tag Fahrt bevor wir in Phoenix wären. Das kommt gerade so hin, denn wenn ich mich recht erinnere, sind unsere Rückflugtickets für den Zweiundzwanzigsten gebucht. Übrigens ist diese ganze PTBS-Diagnose nicht real. Das ist nie passiert. Kein Arzt hat jemals etwas in die Richtung angedeutet. Das hast du dir nur ausgedacht, um…“

„Luke, ich habe Krebs.“

Das ließ ihn sofort verstummen. In den letzten Tagen war sie so aufgewühlt gewesen, wie er sie noch nie erlebt hatte. Natürlich hatte er das bemerkt, aber er hatte es ignoriert. Es war typisch für sie und den Druck, den sie auf sich selbst ausübte, gewesen. Becca war eine Top-Kandidatin für Burnout. Aber das hier war etwas anderes.

Lukes Augen fingen an zu tränen und in seiner Kehle bildete sich ein dicker Kloß. Konnte es wirklich wahr sein? Was auch immer zwischen ihnen geschehen war, sie war immer noch die Frau, in die er sich verliebt hatte. Sie war die Frau, die sein Kind geboren hatte. Einst hatte er sie mehr geliebt als alles andere auf der Welt, sicherlich mehr als er sich selbst geliebt hatte.

„Oh, Gott, Becca. Es tut mir so leid. Wann ist das passiert?“

„Ich war den ganzen Sommer über krank. Ich habe etwas Gewicht verloren. Zuerst war es keine große Sache, aber dann wurde es immer schlimmer. Ich dachte, es lag an all den Ängsten, an all dem, was im vergangenen Jahr passiert ist – die Entführung, das Zugunglück, die ganze Zeit, in der du weg warst. Aber nachdem die Dinge sich beruhigt hatten, hat die Krankheit immer noch nicht aufgehört. Ich habe vor ein paar Wochen einige Tests machen lassen. Ich habe mich immer wieder übergeben. Ich wollte dir nichts sagen, bevor ich nicht mehr wusste. Jetzt weiß ich mehr. Ich war gestern bei meiner Ärztin und sie hat mir alles erzählt.“

„Welche Art von Krebs ist es?“, fragte er, obwohl er sich nicht sicher war, ob er die Antwort hören wollte.

„Es ist die Bauchspeicheldrüse“, sagte sie und bestätigte damit seine schlimmsten Befürchtungen. „Im Endstadium. Luke, es haben sich bereits Metastasen gebildet. Es ist in meinem Dickdarm, in meinem Gehirn. Es steckt mir in den Knochen…“ Ihre Stimme verstummte und er konnte sie 3000 Kilometer entfernt schluchzen hören.

„Ich habe die ganze Nacht geweint“, sagte sie und ihre Stimme brach. „Ich kann einfach nicht aufhören.“

So schlecht er sich auch fühlte, Luke stellte fest, dass seine Gedanken nicht ihr galten – sie waren bei Gunner. „Wie lange?“, sagte er. „Haben sie dir einen Zeitrahmen gegeben?“

„Drei Monate“, sagte Becca. „Vielleicht sechs. Sie sagte mir, ich solle mich nicht darauf verlassen. Viele Menschen sterben sehr schnell. Manchmal leben Patienten auch wie durch ein Wunder einfach weiter. So oder so, sie sagte mir, ich solle meine Angelegenheiten klären.“

Sie sagte einen Moment lang nichts. „Luke, ich habe solche Angst.“

Er nickte. „Ich weiß, dass du Angst hast. Wir werden so schnell wie möglich da sein. Ich werde Gunner noch nichts sagen.“

„Gut. Das möchte ich auch nicht. Wir können es ihm gemeinsam sagen.“

„Okay“, sagte Luke. „Wir sehen uns bald. Es tut mir so leid.“

Aufzulegen fühlte sich komisch an. Wenn sie nur nicht all diese Monate miteinander gestritten hätten. Wenn sie nur nicht so feindselig zu ihm gewesen wäre. Wenn diese Dinge nicht passiert wären, hätte er vielleicht einen Weg finden können, sie zu trösten, selbst aus dieser Entfernung. Aber er war abgehärtet und er wusste nicht, ob er es in sich hatte, sich mit ihr zu versöhnen.

Er blieb mehrere Minuten auf dem Felsen setzen. Das Licht begann den Himmel nach und nach zu erhellen. Er dachte nicht an all die schönen Zeiten, die er mit ihr verbracht hatte. Er dachte auch nicht an all die Streitereien des vergangenen Jahres, wie bösartig und unnachgiebig sie gewesen war. Sein Kopf war einfach leer. Das war vielleicht das Beste. Er musste irgendwie aus dieser Schlucht heraus und er musste Ed und Swann sagen, dass er und Gunner abreisen würden.

Er stand auf und ging zurück zum Lager. Ed war inzwischen wach und kauerte am Feuer. Er hatte es wieder entfacht und die Kaffeekanne aufgesetzt. Er hatte kein Hemd an und trug nichts weiter als ein Paar rote Boxershorts und Flip-Flops. Sein Körper bestand aus dicken, knotigen Muskeln und riesigen Adern, kaum ein Gramm Fett an ihm – er sah aus wie ein Kampfsportler, der gerade dabei war den Ring zu betreten. Er beobachtete, wie sich Luke näherte und deutete in Richtung Westen.

Der Himmel war kobaltblau, die Nacht verzog sich langsam und wurde von dem Licht im Osten verdrängt. Ganz an ihrem oberen Ende wurden die hoch aufragenden Wände der Schlucht nun von den ersten Sonnenstrahlen erhellt und erstrahlten in einem Rot, Rosa, Gelb und Orange.

„Verdammt, ist das schön“, sagte Ed.

„Ed“, sagte Luke. „Ich habe schlechte Nachrichten.“

KAPITEL ZWEI

21:15 Uhr Greenwich Mean Time (16:15 Uhr Eastern Daylight Time)

Molenbeek

Brüssel, Belgien


Der dünne Mann sprach Niederländisch.

„Ga weg“, murmelte er leise. Geh weg.

Sein Name war nicht Jamal. Doch das war der Name, unter dem er sich manchmal vorstellte und unter den ihn viele Leute kannten. Die meisten nannten ihn so. Einige nannten ihn auch das Phantom.

Er stand im Schatten in der Nähe einer überquellenden Mülltonne, in einer schmalen Straße aus Kopfsteinpflaster, rauchte eine Zigarette und beobachtete ein Polizeiauto, das an der Hauptstraße parkte. Die Straße, auf der er sich befand, war kaum mehr als eine Gasse und während er in ihrem Schatten stand, war er sich sicher, dass ihn dort niemand sehen konnte. Die leeren Boulevards, Gehsteige und Gassen des berüchtigten muslimischen Slums waren nass von einem harten, kalten Regen, der vielleicht zehn Minuten zuvor aufgehört hatte niederzuprasseln.

Hier war es heute Abend wie in einer Geisterstadt.

Auf der großen Straße fuhr das Polizeiauto vom Bordstein los und rollte leise davon. Andere Autos waren nicht in Sicht.

Ein Kitzeln der Aufregung – es war fast Angst – ging durch Jamals Körper, während er die Polizei beobachtete. Sie hatten keinen Grund, ihn anzuhalten. Er hatte keine Gesetze gebrochen. Er war ein gut gekleideter Mann in einem dunklen Anzug und italienischen Lederschuhen, mit einem glatt rasierten Gesicht. Er könnte ein Geschäftsmann sein oder der Eigentümer dieser Mietshäuser in seiner Umgebung. Er war nicht der Typ, den die Polizei wahllos anhalten und durchsuchen würde. Trotzdem war Jamal schon vorher in die Hände der Behörden gefallen – nicht hier in Belgien, sondern an anderen Orten. Seine Erfahrungen waren, um es milde auszudrücken, unerfreulich gewesen. Einmal hatte er zwölf Stunden damit verbracht, sich selbst unter Qualen schreien zu hören.

Er schüttelte den Kopf, um diese dunklen Gedanken loszuwerden, atmete dreimal tief ein, ignorierte die Mülltonne und warf seinen Zigarettenstummel auf den Boden. Er bog in die Gasse ein. Er ging an einem runden roten Schild mit einem horizontalen weißen Streifen vorbei – KEINE EINFAHRT. Die Straße war zu eng für Autos. Wenn die Polizei plötzlich beschließen würde, ihn doch zu verfolgen, wären sie gezwungen, dies zu Fuß zu tun. Entweder das oder einen Kreis um mehrere Blöcke fahren. Bis dahin wäre er schon längst weg.

Nach fünfzig Metern bog er in den Eingang eines besonders baufällig aussehenden Gebäudes ein. Er stieg über eine schmale Treppe drei Stockwerke hinauf, bis er an einer dicken, stahlverstärkten Tür stand. Die Treppe war alt, aus Holz und ziemlich verzogen. Das ganze Treppenhaus schien verdreht zu sein, was ihm das Gefühl gab, in einem Zirkuskabinett zu sein.

Jamal klopfte mit der Faust gegen die schwere Tür, wobei seine Schläge einem präzisen Rhythmus folgten:

BANG-BANG. BANG-BANG.

Er pausierte einige Sekunden.

BANG.

Ein Guckloch öffnete sich und ein Auge blickte ihn an. Der Mann auf der anderen Seite grunzte, als er erkannte, wer er war. Jamal hörte zu, wie die Wache die Schlüssel im Schloss drehte und dann die Stahlstange entfernte, die unten in der Tür und im Boden verkeilt war. Die Polizei würde es schwer haben, diese Wohnung zu betreten, falls ihr Verdacht jemals auf sie fallen würde.

„As salaam alaikum“, sagte Jamal, als er eintrat.

„Wa alailkum salaam“, antwortete der Mann, der die Tür öffnete. Er war von großer, kräftiger Statur. Er trug ein schmutziges, ärmelloses T-Shirt, eine Arbeitshose und Stiefel. Ein dicker ungekämmter Bart bedeckte sein Gesicht und ging nahtlos in die lockigen schwarzen Haare auf seinem Kopf über. Seine Augen waren trübe. Er war das genaue Gegenteil des dünnen Mannes, der gerade eingetreten war.

„Wie schlagen sie sich?“, fragte Jamal auf Französisch.

Der große Mann zuckte die Achseln. „Gut, denke ich.“

Jamal trat durch einen Vorhang aus Perlen, ging den kurzen Flur entlang und betrat einen kleinen Raum – das, was das Wohnzimmer sein würde, wenn eine Familie an diesem Ort wohnen würde. Der schmuddelige Raum war voll mit jungen Männern, die meisten trugen T-Shirts oder Trikots ihrer Lieblingsfußballmannschaften, Trainingshosen und Turnschuhe. Es war heiß und feucht in dem Raum, vielleicht dadurch, dass so viele Menschen auf engem Raum miteinander verbrachten. Es roch nach nassen Socken und Schweiß.

In der Mitte des Raumes, auf einem breiten Holztisch, stand ein patronenförmiges Gerät aus silbernem Metall. Es war etwa einen Meter lang und weniger als einen halben Meter breit. Jamal hatte Zeit in Deutschland und Österreich verbracht und das Gerät erinnerte ihn an ein kleines Bierfass. Abgesehen von seinem Gewicht – es war ziemlich leicht – war es eine nahezu perfekte Nachbildung eines amerikanischen W80-Nuklearsprengkopfes.

Zwei junge Männer saßen am Tisch, während die anderen um sie herum standen und zusahen. Einer von ihnen stand vor einem kleinen Laptop, der in einem Stahlkoffer montiert war. Der Koffer hatte eine Steuereinheit, die sich neben dem Laptop befand – es gab zwei Schalter, zwei LED-Leuchten (eine rote und eine grüne) und ein in die Steuereinheit eingebautes Ziffernblatt. Ein Draht verlief von der Hülle zu einer Platine entlang der Seite des Sprengkopfes. Das gesamte Gerät – der Koffer und der sich darin befindliche Laptop – war als UC 1583-Controller bekannt. Es handelte sich um ein Gerät, das nur eine einzige Aufgabe hatte – mit einem Nuklearsprengkopf zu kommunizieren.

Der zweite Mann war über einen weißen Umschlag auf dem Tisch gebeugt. Er trug ein teures digitales Mikroskop, das er mit seinem Auge festgekniffen hatte, und scannte langsam den Umschlag ab, um nach dem zu suchen, von dem er wusste, dass es dort sein musste – ein winziger Punkt, nicht größer als der Punkt am Ende eines Satzes, in dem der Code eingebettet war, der den Sprengkopf scharf stellen und aktivieren würde.

Jamal rückte näher, um zuzuschauen.

Der junge Mann mit dem Mikroskop suchte langsam den Umschlag ab. Alle paar Sekunden bedeckte er das Mikroskop mit der Hand und sah sich den Umschlag als Ganzes an, wobei er nach Tintenflecken, Dreck und anderen potenziell verdächtigen Punkten suchte. Anschließend blickte er wieder durch das Mikroskop.

„Moment“, flüsterte er. „Ich glaube…“

„Komm schon“, sagte sein Partner, ein Hauch von Ungeduld in seiner Stimme. Sie wurden nicht nur nach Genauigkeit, sondern auch nach ihrer Zeit beurteilt. Wenn der Ernstfall eintreten würde, mussten sie schnell handeln können.

„Hab es.“

Nun war sein Partner dran. Aus dem Gedächtnis tippte der junge Mann eine Sequenz ein, die dem Laptop mitteilte, dass sie nun den Scharfschaltungscode eingeben würden. Seine Hände zitterten, während er tippte. Er war so nervös, dass er sich beim ersten Versuch verschrieb, die Sequenz löschte und neu begann.

„Okay“, sagte er. „Ich bin so weit.“

Sehr langsam und deutlich las der Mann mit dem Mikroskop eine Folge von zwölf Zahlen vor. Der andere Mann tippte mit. Nach der zwölften sagte der erste Mann: „Fertig“.

Nun ging der Mann am Laptop eine weitere kurze Sequenz durch, legte die beiden Schalter um und drehte den Wählschalter. Die grüne LED-Leuchte auf der Steuereinheit leuchtete auf.

Der junge Mann lächelte und wandte sich an seinen Ausbilder.

„Bewaffnet und startbereit“, sagte er. „So Gott will.“

Auch Jamal lächelte. Er war hier nur Beobachter – er war gekommen, um zu sehen, wie die neuen Rekruten vorankamen. Sie waren wahre Gläubige, die sich auf eine wahrscheinlich selbstmörderische Mission vorbereiteten. Wenn die Codes falsch eingegeben wurden, würden sich die Sprengköpfe wahrscheinlich einfach abschalten – aber vielleicht würden sie sich auch sofort selbst zerstören, eine tödliche Strahlungswolke freisetzen und alles Leben in ihrer Nähe auslöschen.

Niemand war sich sicher, was im Falle einer falschen Codeeingabe geschehen würde. Es war alles nur Hörensagen und Spekulation. Die Amerikaner hielten diese Geheimnisse streng verschlossen. Aber die Details waren unwichtig. Diese jungen Männer waren bereit zu sterben und das würden sie wahrscheinlich auch tun. Abgesehen von den Codes würden die Amerikaner nicht gerade freundlich reagieren, wenn sie entdeckten, dass ihre wertvollen Atomwaffen entwendet worden waren. Nein. Das riesige Biest würde um sich schlagen, seine Tentakeln würden umherfliegen und alles zerstören, was sich ihm in den Weg stellte.

Jamal nickte und sagte ein stilles Dankesgebet. Es war eine ziemliche Aufgabe gewesen, dieses Projekt auf die Beine zu stellen. Sie hatten genug Mudschahedin – aber junge Männer zu finden, die bereit waren, für ihren Glauben zu sterben, war auch vergleichsweise einfach gewesen.

Die anderen Bestandteile waren schwieriger gewesen. Bald schon würden sie die Startplattformen und die Raketen haben – Jamal würde sich selbst darum kümmern. Die Codes waren ihnen versprochen worden und er war sich sicher, dass sie sie auch tatsächlich erhalten würden. Dann bräuchten sie nur noch die Sprengköpfe selbst.

Und bald, so Allah es wollte, würden sie auch sie bekommen.

KAPITEL DREI

19. Oktober

13:15 Uhr Eastern Daylight Time

Fairfax County, Virginia – Die Vororte von Washington, DC


Luke hatte einen Hubschrauber gemietet, der ihn und Gunner aus der Schlucht abgeholt hatte. Er hatte einen neuen Flug für sie gebucht und fuhr so schnell er konnte, um rechtzeitig in Phoenix anzukommen und ihn zu erreichen. Dabei hatte er die ganze Zeit Gunners Fragen abgewehrt, warum sie so plötzlich gegangen waren.

„Deine Mutter will dich einfach zu Hause haben, Monster. Sie vermisst dich und es gefällt ihr nicht, dass du die ganze Zeit die Schule verpasst.“

Auf dem Beifahrersitz, die Autobahn an seinem Fenster vorbeisausend, konnte Luke zusehen, wie Gunner überlegte. Er war ein kluges Kind. Er lernte bereits, Menschen beim Lügen zu erwischen. Luke hasste es – hasste es! – dass er einer der ersten Menschen sein musste, die Gunner tatsächlich überführen würde.

„Ich dachte, du hättest das alles mit Mom geklärt, bevor wir gegangen sind.“

„Das habe ich auch“, sagte Luke mit einem Achselzucken. „Aber sie hat es sich anders überlegt. Hör zu, wir reden darüber, wenn wir dort sind, okay?“

„Okay, Dad.“

Aber Luke konnte sehen, dass es nicht okay war. Bald schon würde es noch schlimmer werden.

Jetzt, zwei Tage später, saß er hier, auf dem großen Plüschsofa im Wohnzimmer seines ehemaligen Hauses. Gunner war in der Schule.

Luke schaute sich um. Vor langer Zeit hatten er und Becca hier ein großartiges Leben geführt. Es war ein schönes Haus, modern, wie etwas aus einer Architekturzeitschrift. Das Wohnzimmer mit seinen deckenhohen Fenstern glich einem riesigen Glaskasten. Er stellte sich die Weihnachtszeit vor, wie sie in diesem atemberaubenden Wohnzimmer saßen, den Baum in der Ecke, den Kamin angezündet, den Schnee um sie herum, als wären sie draußen – aber sie saßen drinnen und es war warm und gemütlich.

Gott, war das schön gewesen. Aber diese Zeiten waren vorbei.

Becca lief in der Wohnung herum, räumte auf, staubte ab, räumte verschiedene Dinge hin und her. Einmal nahm sie sogar mitten im Gespräch den Staubsauger aus dem Schrank und ließ ihn aufheulen. Sie war psychisch in einer sehr schlechten Verfassung. Er hatte versucht, sie bei seiner Ankunft zu umarmen, aber sie war ganz steif geworden und hatte ihre Arme nur an den Seiten hängen lassen.

„Ich war über dich hinweg, weißt du das?“, sagte sie jetzt. „Ich war bereit, mein Leben weiterzuführen. Ich war sogar auf ein paar Dates, als du diesen Sommer Gunner bei dir hattest. Warum auch nicht? Ich bin doch noch jung, oder?“

Sie schüttelte verbittert den Kopf. Luke sagte nichts. Was konnte er schon sagen?

„Willst du etwas über dich selbst wissen, Luke? Der erste, den ich traf, war ein Lehrer. Es waren Sommerferien. Er war ein netter Kerl und er fragte mich, was du beruflich machst. Ich habe ihm die Wahrheit gesagt. Oh, mein Ex-Mann ist eine Art geheimer Attentäter für die Regierung. Er war früher bei der Delta Force. Weißt du, was danach geschah? Ich werde es dir sagen. Nichts. Rein gar nichts. Es war das letzte Mal, dass ich von ihm gehört habe. Er hat nur Delta Force gehört und ist abgehauen. Du machst den Leuten Angst, Luke. Das will ich damit sagen.“

Luke zuckte die Achseln. „Warum sagst du ihnen nicht einfach, dass ich etwas anderes mache? Es ist ja nicht so, dass ich…“

„Das habe ich dann auch gemacht. Sobald ich es begriffen hatte, begann ich den Leuten zu erzählen, dass du Anwalt bist.“

Für eine Sekunde fragte sich Luke, was sie mit dem Plural meinte. Hatte sie jeden Tag Verabredungen gehabt? Zwei am Tag? Er schüttelte den Kopf. Es ging ihn nichts mehr an, solange sie nur in Sicherheit war. Aber selbst das… Sie lag im Sterben. Sie würde nie wieder sicher sein und er konnte nichts dagegen tun.

Es verging einige Zeit, bevor er etwas sagte.

„Möchtest du eine zweite Meinung einholen?“

Sie nickte. Sie sah gefühllos und schockiert aus, wie die Überlebenden von Katastrophen oder Gräueltaten, die Luke so oft gesehen hatte. Das Erstaunliche war, dass sie völlig gesund aussah. Etwas dünner als sonst vielleicht, aber niemand würde jemals vermuten, dass sie Krebs hatte. Man würde höchstens denken, dass sie gerade auf Diät war.

Es ist die Chemo, die sie krank aussehen lässt. In der Hälfte der Fälle ist sie auch das, was sie umbringt.

„Ich habe bereits eine zweite Meinung von einem alten Kollegen von mir eingeholt. Ich werde Anfang nächster Woche noch eine dritte Meinung einholen. Wenn es mit dem übereinstimmt, was ich bereits gehört habe, dann werde ich am Donnerstag mit der Behandlung anfangen.“

„Kann man nicht operieren?“, fragte Luke.

Sie schüttelte den Kopf. „Dafür ist es zu spät. Der Krebs ist überall…“ Ihre Stimme verlor sich. „Überall. Eine Chemotherapie ist die einzige Möglichkeit. Wenn ich die zugelassenen Chemo-Medikamente alle aufgebraucht habe, dann sind vielleicht klinische Studien noch eine Möglichkeit, wenn ich dann überhaupt noch lebe.“

Sie begann wieder zu weinen. Sie stand in der Mitte des Wohnzimmers, erbärmlich, das Gesicht in den Händen begraben, ihr Körper zitterte vor Schluchzen. Für Luke sah sie wie ein kleines Mädchen aus. Es schockierte ihn, sie auf diese Weise zu sehen. Er war in seinem Leben schon oft mit dem Tod konfrontiert worden, hatte zu viel davon gesehen, aber das hier? Das konnte einfach nicht wahr sein. Er stand auf und ging zu ihr. Er wollte sie trösten, wenn er konnte.

Sie stieß ihn weg, gewaltsam, wie ein Kind auf dem Spielplatz.

„Fass mich nicht an! Lass mich in Ruhe!“ Sie zeigte auf ihn, ihr Gesicht voller Wut verzerrt. „Es ist deine Schuld!“, schrie sie. „Du machst die Leute krank, ist dir das nicht klar? Du erstickst alle mit deinem Quatsch! Du und dein Superheldenmüll.“

Sie wippte mit dem Kopf von einer Seite zur anderen und verspottete ihn. „Oh, tut mir leid, Schatz“, sagte sie in einer lächerlich tiefen Männerstimme. „Ich muss weglaufen und die Welt retten. Ich weiß nicht, ob ich in drei Tagen noch lebe oder schon tot bin. Zieh den Jungen für mich auf, ja? Ich tue nur meine patriotische Pflicht.“

Sie raste vor Wut. Ihre Stimme wurde wieder normal. „Du machst das, weil es dir Spaß macht, Luke. Du tust das nur, weil du unverantwortlich bist. Es macht dir Spaß. Für dich gibt es keine Konsequenzen. Es ist dir egal, ob du lebst oder stirbst und alle anderen müssen mit den Folgen und dem Stress fertig werden.“

Sie brach in Tränen aus. „Ich habe genug von dir. Ich habe einfach genug von dir.“ Sie wedelte mit ihrer Hand in seine Richtung. „Ich bin mir sicher, dass du den Weg nach draußen findest. Also geh einfach. Okay? Geh weg. Lass mich einfach in Ruhe sterben.“

Mit diesen Worten verließ sie den Raum. Eine Minute verging und dann hörte er sie am Ende des Flurs im Schlafzimmer schluchzen.

Er stand einen Moment lang da und wusste nicht, was er tun sollte. Gunner würde in ein paar Stunden zu Hause sein. Es war keine gute Idee, ihn hier bei Becca zu lassen, aber er wusste nicht, ob er eine Wahl hatte. Sie hatte das Sorgerecht. Er hatte nur sein Besuchsrecht. Wenn er Gunner jetzt ohne ihre Erlaubnis mitnehmen würde, wäre das streng genommen Entführung.

Er seufzte. Wann hatte er sich jemals um die gesetzlichen Konsequenzen gesorgt?

Luke war ratlos. Er spürte, wie ihm die Energie ausging. Und sie hatten ihrem Sohn noch immer nichts erzählt. Vielleicht sollte er Beccas Eltern anrufen und mit ihnen sprechen. Es stimmte, dass Becca sich in ihrer Beziehung um fast alle Dinge zu Hause gekümmert hatte. Vielleicht hatte sie Recht – er fühlte sich viel wohler, wenn er in Ruhe Katz und Maus mit gefährlichen Terroristen spielen konnte. Andere Menschen machten sich Sorgen um ihn, das wusste er, aber es war ihm auch egal gewesen. Was für ein Mensch war er nur, dass er so lebte? Vielleicht war er tatsächlich nie ganz erwachsen geworden.

Auf dem Glastisch neben dem Sofa begann sein Telefon zu klingeln. Er warf einen Blick darauf. Wie so oft schien es fast lebendig zu sein, wie eine Schlange, die man nicht anfassen durfte.

Er nahm es in die Hand. „Stone.“

Eine Männerstimme war in der Leitung.

„Die Präsidentin der Vereinigten Staaten.“

Er blickte auf, und Becca stand nun in der Türöffnung. Anscheinend hatte sie sein Telefon klingeln gehört. Sie war wieder da, bereit, seinem Gespräch zuzuhören und all ihre schlimmsten Befürchtungen bewahrheitet zu wissen. Für den Bruchteil einer Sekunde verspürte er echten Hass – ja, sie hatte recht, egal was er sagte. Bis ins Grab hinein würde sie ihn noch festnageln.

Jetzt ertönte die Stimme von Susan Hopkins.

„Luke, bist du da?“

„Hallo, Susan.“

„Es ist lange her, Agent Stone. Wie geht es dir?“

„Mir geht es gut“, sagte er. „Und dir?“

„Gut“, sagte sie, aber die Tonlage ihrer Stimme sagte etwas anderes. „Alles ist in Ordnung. Hör mal, ich brauche deine Hilfe.“

„Susan…“, fing er an.

„Es wird nur einen Tag dauern, aber es ist sehr wichtig. Ich brauche jemanden, der diskret und schnell arbeiten kann.“

„Um was geht es?“

„Ich kann nicht am Telefon darüber sprechen“, sagte sie. „Kannst du herkommen?“

Er ließ seine Schultern hängen. Oh, Mann.

„In Ordnung.“

„Wie schnell kannst du hier sein?“

Er blickte auf seine Uhr. Gunner würde in anderthalb Stunden zu Hause sein. Wenn er Zeit mit seinem Sohn verbringen wollte, müsste das Treffen warten. Wenn er hinging…

Er seufzte.

„Ich werde so schnell wie möglich da sein.“

„Gut. Ich werde dafür sorgen, dass du direkt zu mir gebracht wirst.“

Er legte auf. Er schaute Becca an. In ihren Augen war etwas Grausames und Spöttisches zu sehen. Da drin war ein Dämon, der auf einem See aus Feuer tanzte.

„Wohin gehst du, Luke?“

„Du weißt, wo ich hingehe.“

„Oh, du wirst nicht bleiben und eine schöne Zeit mit deinem Sohn verbringen? Du wirst kein guter Daddy sein? Was für eine Überraschung. Ich dachte…“

„Becca, hör auf damit. Okay? Es tut mir leid, dass du…“

„Du wirst das Sorgerecht für Gunner verlieren, Luke. Du gehst ständig auf Missionen, oder? Nun, rate mal. Ich werde dich zu meiner Mission machen. Du wirst den Jungen nicht einmal zu sehen bekommen. Bis zu meinem letzten Atemzug werde ich dafür sorgen. Meine Eltern werden ihn aufziehen und du wirst nicht einmal Zugang zu ihm haben. Weißt du, warum?“

Luke ging zur Tür.

„Auf Wiedersehen, Becca. Ich wünsche dir einen schönen Tag.“

„Ich sage dir warum, Luke. Weil meine Eltern reich sind! Sie lieben Gunner. Und sie mögen dich nicht. Glaubst du, du kannst einem Rechtsstreit mit meinen Eltern durchhalten, Luke? Ich glaube nicht.“

Er war auf halbem Weg nach draußen, aber jetzt hielt er an und drehte sich um.

„Ist es das, was du mit der Zeit, die dir noch bleibt, machen willst?“, sagte er. „Möchtest du wirklich so sein?“

Sie starrte ihn an.

„Ja.“

Er schüttelte den Kopf.

Er erkannte sie nicht mehr wieder. Er fragte sich, ob er sie jemals wirklich gekannt hatte.

Und mit diesem Gedanken ging er nach draußen.

KAPITEL VIER

23:50 Uhr Osteuropäische Zeit (17:50 Uhr Eastern Daylight Time)

Alexandroupoli, Griechenland


Sie waren dreißig Meilen von der türkischen Grenze entfernt. Der Mann überprüfte seine Uhr. Fast Mitternacht.

Bald, bald.

Der Name des Mannes war Brown. Es war ein Name für jemanden, der vor langer Zeit verschwunden war. Brown war ein Gespenst. Er hatte eine dicke Narbe auf der linken Wange – eine Kugel, die ihn gerade so verfehlt hatte. Seine Haare waren kurz geschoren. Er war groß und stark und hatte die scharfen Züge von jemandem, der sein ganzes Leben in Sondereinsätzen verbracht hatte.

Früher war Brown unter einem anderen Namen bekannt gewesen – unter seinem richtigen Namen. Im Laufe der Zeit hatte er ihn jedoch abgelegt. Er hatte so viele Namen gehabt, dass er sich schon nicht mehr an alle erinnern konnte. Sein aktueller war allerdings sein Favorit: Brown. Kein Vorname, kein Nachname. Nur Brown. Das reichte. Er rief Erinnerungen wach. Er erinnerte ihn an tote Dinge. Tote Blätter im Spätherbst. Tote Bäume nach einem Atomtest. Weit aufgerissene, entsetzte braune Augen der vielen, vielen Menschen, die er getötet hatte.

Technisch gesehen befand Brown sich auf der Flucht. Vor etwa sechs Monaten hatte er sich in etwas verstrickt, in einen Job, der ihm noch nicht einmal richtig erklärt worden war. Er hatte sein Heimatland in Eile verlassen müssen und war abgetaucht. Aber nach einer langen Zeit der Unsicherheit war er jetzt wieder auf den Beinen. Und wie immer gab es viel zu tun, vor allem für jemanden, der sich so schnell wieder aufrappeln konnte wie er.

Jetzt, kurz vor Mitternacht, stand er vor einem Lagerhaus in einem heruntergekommenen Teil des Hafenviertels dieser Seefahrerstadt. Das Lagerhaus war von einem hohen, mit Stacheldraht überzogenen Zaun umgeben, aber das Tor stand offen. Vom Mittelmeer zog ein kalter Nebel auf.

Zwei Männer standen bei ihm, beide in Lederjacken, beide hatten Uzi-Maschinenpistolen über die Schultern geschnallt. Die beiden sahen fast identisch aus, außer dass einer von ihnen seinen Kopf völlig kahl rasiert hatte.

Auf der Straße näherten sich Scheinwerfer.

„Augen auf“, sagte Brown. „Hier kommen unsere heiligen Krieger.“

Ein kleiner Truck fuhr den verlassenen Boulevard hinauf. Auf seiner Seite waren Orangen abgebildet, eine davon in zwei Hälften geteilt, wodurch man das leuchtend rot-orangefarbene Fleisch der Frucht sah. Darunter standen Worte in griechischer Sprache, wahrscheinlich ein Firmenname, aber Brown konnte die Schrift nicht lesen.

Der Truck erreichte das Tor und fuhr direkt in den Hof. Einer von Browns Männern ging hinüber, schob das Tor zu und schloss es dann mit einem schweren Vorhängeschloss ab.

Sobald der Truck anhielt, kletterten zwei Männer aus dem Fahrerhaus. Die hintere Tür öffnete sich und drei weitere stiegen aus. Die Männer waren dunkelhäutig, wahrscheinlich arabisch, aber glattrasiert. Sie waren in blaue Jeans, leichte Windjacken und Turnschuhe gekleidet.

Einer von ihnen trug eine große Segeltuchtasche, die wie eine Hockeytasche aussah, über beide Schultern. Das Gewicht der Taschen zog die Schultern des Mannes nach unten. Drei der Männer trugen Uzis.

Wir haben Uzis, sie haben Uzis. Eine richtige Uzi-Party.

Der vierte Mann, der Fahrer des Lastwagens, stand mit leeren Händen da. Er wandte sich an Brown. Seine Augen waren blau und seine Haut war sehr dunkel. Sein Haar war tiefschwarz. Die Kombination aus blauen Augen und dunkler Haut verlieh seinem Gesicht eine seltsame Ausstrahlung, als ob er nicht von dieser Welt wäre.

Die beiden Männer schüttelten sich die Hand.

„Jamal“, sagte Brown. „Ich dachte, ich hätte Ihnen gesagt, Sie sollten nur mit drei Männern kommen.“

Jamal zuckte die Achseln. „Ich brauchte einen, um das Geld zu tragen. Und ich zähle doch nicht, oder? Also habe ich drei mitgebracht. Drei bewaffnete Männer.“

Brown schüttelte den Kopf und lächelte. Es spielte kaum eine Rolle, wie viele Männer Jamal mitbrachte. Die beiden Männer mit Brown könnten alleine schon eine Busladung von Soldaten töten.

„Okay, gehen wir“, sagte Brown. „Die Lastwagen sind drinnen.“

Einer von Browns Männern – er nannte sich selbst Mr. Jones – zog eine Fernbedienung aus seiner Tasche und das Garagentor des Lagers öffnete sich langsam. Die acht Männer betraten den riesigen Raum. Das Lager war größtenteils leer, abgesehen von schweren grünen Planen, die über zwei große Fahrzeuge geworfen waren. Brown ging zum nächstgelegenen und riss die Plane halb herunter.

„Voilà!“, sagte er. Was er enthüllte, war die vordere Hälfte eines großen Traktoranhängers, der in grünen, braunen und hautfarbenen Tarnfarben lackiert war. Jones riss die Plane nahe dem Heck des Lastwagens ab und enthüllte eine flache Vierzylinder-Raketenabschussrampe. Die beiden Teile des Lastwagens waren getrennt und unabhängig voneinander, waren aber in der Mitte hydraulisch befestigt.

Die Lastwagen waren mobile Raketenstartrampen, Relikte des Kalten Krieges, Angriffsstationen, die die NATO zur Bekämpfung der Sowjetunion eingesetzt hatte. Die Trägerraketen feuerten kleinere Varianten des Tomahawk Marschflugkörpers ab und sie konnten auch mit kleinen thermonuklearen Sprengköpfen ausgestattet werden. Diese Waffen waren für einen begrenzten taktischen Nuklearschlag gedacht – die Art, die eine mittelgroße Stadt ausschalten oder einen Militärstützpunkt und die umliegende Landschaft völlig zerstören würde, aber vielleicht alleine noch nicht die Apokalypse herbeiführen würde. Aber sobald man anfing, Atomwaffen abzufeuern, wären die Folgen ohnehin unabsehbar.

Früher nannte man dieses Raketensystem den „Greif“, nach dem alten Fabelwesen mit den Beinen und dem Körper eines Löwen und den Flügeln, dem Kopf und den Klauen eines Adlers – dem Beschützer alles Göttlichen. Das gefiel Brown sehr gut.

Das System wurde 1991 stillgelegt und alle Einheiten hätten zerstört werden sollen. Aber es gab immer noch einige wenige davon. Es schwebten immer irgendwo Waffensysteme dieser Art herum. Brown hatte noch nie von einer Raketenklasse oder einem vollständig demontierten Waffensystem gehört – man konnte einfach zu viel Geld damit verdienen, sie verschwinden zu lassen und später weiterzuverkaufen. Im Einzelhandel nannte man das Schwindung. Walmart und Home Depot erlebten es. Das Militär ebenso.

Und hier waren zwei solcher mobilen Plattformen, die die ganze Zeit über in einem Lagerhaus in einer griechischen Hafenstadt geparkt worden waren, ganz in der Nähe der Türkei und weniger als einen Kilometer von den Docks entfernt. Auf jeder von ihnen saß eine Tomahawk-Rakete, beide einsatzbereit oder so gut wie einsatzbereit, wenn man sie überholen würde.

Es war fast so, als könnte man diese Lastwagen von hier aus direkt auf ein Frachtschiff oder eine Fähre laden und dann zu einem beliebigen Ort weitertransportieren. Für sich genommen waren sie zwar nur konventionelle Waffensysteme, aber es gab bestimmt noch irgendwo herrenlose nukleare Sprengköpfe, die man problemlos auf sie montieren konnte.

Allerdings war die Beschaffung von Sprengköpfen nicht Browns Aufgabe. Das war Jamals Problem. Er war ein fähiger Kerl und Brown war sich sicher, dass er bereits wusste, wo er seine Atomwaffen finden könnte. Brown war sich nicht sicher, was er davon halten sollte. Jamal spielte ein gefährliches Spiel.

„Es ist wunderschön“, sagte Jamal.

„Gott ist groß“, sagte einer seiner Männer.

Brown zuckte zusammen. In der Regel missbilligte er religiöses Gerede. Und wunderschön war ein relativer Begriff. Diese Lastwagen waren zwei der hässlichsten Kriegsmaschinen, die er je gesehen hatte. Aber sie würden enormen Schaden anrichten können – so viel war sicher.

„Gefällt es Ihnen?“, sagte Brown zu Jamal.

Jamal nickte. „Sehr gut.“

„Dann lassen Sie mal das Geld sehen.“

Der Mann mit den schweren Taschen trat nach vorne. Er ließ sie von seinen Schultern auf den Steinboden des Lagers fallen. Er kniete sich hin und öffnete den Reißverschluss.

„Eine Million Dollar in bar in jeder Tasche“, sagte Jamal.

Brown gestikulierte mit dem Kopf zu seinem anderen Mann, dem Glatzkopf.

„Meister Proper, nachzählen.“

Er kniete sich neben die beiden Taschen und zog wahllos einige Geldstapel heraus. Er nahm einen kleinen, flachen digitalen Scanner aus seiner Tasche und begann, einzelne Scheine zu entnehmen. Er schaltete das UV-LED-Licht des Scanners ein und legte die Scheine einzeln auf das Scannerfenster, so dass der UV-Sicherheitsstreifen auf jedem Schein sichtbar wurde. Dann fuhr er mit einem Lichtstift über jeden Geldschein und enthüllte die versteckten Wasserzeichen. Es war ein mühseliger Prozess.

Während er arbeitete, schob Brown eine Hand in seine Jacke und berührte dort seine Waffe. Er nahm Augenkontakt zu seinem Mann Jones auf, der ihm zunickte. Wenn seine Geschäftspartner vorhatten, ihn zu betrügen, würde es jetzt passieren. Die Körpersprache der Araber änderte sich nicht – sie schauten nur untätig zu. Brown nahm das als gutes Zeichen. Sie waren wirklich hier, um die Lastwagen zu kaufen.

Meister Proper schmiss einen Stapel Geld auf den Boden. „Gut.“ Er nahm einen weiteren Stapel auf, fing an, ihn zu durchwühlen und mit dem Gerät zu prüfen. Die Zeit schien nicht zu vergehen.

„Gut.“ Er ließ den Stapel fallen und hob einen weiteren auf. Weitere Minuten vergingen.

„Gut.“ Er machte weiter.

Nach einer Weile wurde es langweilig. Das Geld war echt, so viel war jetzt klar. Nach etwa zehn Minuten wandte sich Brown an Jamal.

„Okay, ich glaube Ihnen. Das sind zwei Millionen.“

Jamal zuckte die Achseln. Er öffnete seine Jacke und zog eine große Samttasche heraus. „Zwei Millionen in bar, zwei Millionen in Diamanten, wie vereinbart.“

Der Glatzkopf stand auf und nahm Jamal die Samttasche ab. Er war der Geld- und Wertsachenexperte in ihrem kleinen Team. Er zog ein anderes elektronisches Gerät aus seiner Tasche – ein kleines schwarzes Quadrat mit einer Nadelspitze. Das Gerät hatte Lampen an der Seite und Brown wusste, dass es die Wärmeausbreitung und die elektrische Leitfähigkeit der Steine testete.

Meister Proper begann, die Steine einzeln aus dem Beutel zu nehmen und die Nadelspitze vorsichtig an die Steine zu drücken. Jedes Mal, wenn er einen prüfte, erklang ein warmer Ton. Er hatte etwa ein Dutzend geprüft, bevor Brown wieder zu ihm sprach.

„Und?“

Er blickte zu Brown und grinste.

„Bisher sehen sie gut aus“, sagte er. „Alles echte Diamanten.“

Er testete einen weiteren. Dann noch einen.

Und noch einen.

Brown wandte sich an Jamal, der seinen Männern bereits bedeutete, die Planen zu entfernen und in die Lastwagen zu steigen.

„Es war ein Vergnügen, mit Ihnen Geschäfte zu machen, Jamal.“

Jamal erwiderte seinen Blick kaum. „Gleichermaßen.“ Er war mit seinen Männern und den Lastwagen beschäftigt. Der nächste Teil ihrer Reise hatte bereits begonnen. Zwei mobile Atomraketen-Startplattformen mit Raketen in den Nahen Osten zu schmuggeln war wahrscheinlich kein einfaches Unterfangen.

Brown hob einen Finger. „Hey, Jamal!“

Der dünne Mann wandte sich ihm wieder zu. Er machte eine ungeduldige Handbewegung, als wollte er sagen: „Was?“

„Wenn Sie mit diesen Dingern erwischt werden…“

Jetzt lächelte Jamal. „Ich weiß. Wir beide sind uns nie begegnet.“ Er ging zum nächstgelegenen der beiden Lastwagen zurück.

Brown wandte sich an Mr. Jones und Meister Proper. Jones war auf einem Knie am Boden und stopfte das Geld wieder in die schweren Taschen. Der Glatzkopf testete noch immer die Diamanten aus dem Samtbeutel, die Nadelvorrichtung noch in der Hand.

Sie hatten ein Riesengeschäft gemacht. Nach dem Fiasko, das Brown aus seinem eigenen Land vertrieben hatte, ging es endlich aufwärts. Er lächelte.

Und das alles an einem Tag.

Und doch störte Brown etwas an der Szene hier. Seine Jungs achteten nicht auf ihre Umgebung – sie waren durch das viele Geld abgelenkt. Ihre Wachsamkeit hatte stark nachgelassen. Und seine auch. Bei einer anderen Operation hätte das gut nach hinten losgehen können. Nicht jeder war so vertrauenswürdig wie Jamal.

Er wandte sich wieder den Arabern zu.

Jamal stand dort, in der Nähe des Lastwagens und hielt seine Uzi fest. Zwei seiner Leute waren bei ihm. Sie standen in einer Reihe und richteten ihre Waffen auf Brown und seine Männer.

Jamal lächelte.

„Proper!“, schrie Brown.

Jamal feuerte und seine Männer taten dasselbe. Das hässliche Geräusch von automatischem Feuer dröhnte durch die Lagerhalle. Für Brown schien es, als würden sie ihn mit einem Feuerwehrschlauch besprühen. Er spürte, wie die Kugeln ihn durchbohrten und wie stechende Bienen in ihn hineinbissen. Sein Körper tanzte unwillkürlich und er kämpfte dagegen an, ohne Erfolg. Es war fast so, als ob die Kugeln ihn aufrecht hielten und ihn zittern und schwanken ließen.

Für einen Moment verlor er das Bewusstsein. Alles wurde schwarz. Dann lag er auf dem Rücken, auf dem harten Beton des Lagers. Er spürte, wie das Blut aus ihm floss. Er konnte spüren, dass der Boden dort, wo er lag, nass war. Um ihn herum breitete sich eine Pfütze aus. Er hatte große Schmerzen.

Er blickte zu Meister Proper und Mr. Jones hinüber. Sie waren beide tot, ihre Körper durchlöchert, ihre Köpfe halb weggerissen. Nur Brown war noch am Leben.

Es kam ihm in den Sinn, dass er schon immer gut im Überleben gewesen war. Verdammt, er war immer ein Gewinner gewesen. Nach mehr als zwei Jahrzehnten voller Kämpfe, voll mit verrückten Abenteuern und knappen Fluchten erschien es ihm unmöglich, dass er jetzt sterben würde. Es war unmöglich. Er war zu gut in seinem Job. So viele Männer hatten bereits versucht, ihn zu töten und waren dabei gescheitert. Sein Leben durfte nicht so enden. Das konnte es einfach nicht.

Er versuchte, in seine Jacke zu greifen, um seine Waffe herauszuholen, aber sein Arm schien nicht richtig zu funktionieren. Dann bemerkte er etwas anderes. Trotz aller Schmerzen konnte er seine Beine nicht mehr spüren.

Er konnte das Brennen in seinem Bauch spüren, wo die Kugeln ihn getroffen hatten. Er konnte den klingenden Schmerz in seinem Kopf spüren, an der Stelle an der auf den Steinboden aufgeschlagen war. Er schluckte, hob seinen Kopf und starrte auf seine Füße. Es war alles noch da – aber er konnte nichts spüren.

Die Kugeln haben mir die Wirbelsäule durchtrennt.

Kein Gedanke hatte ihm jemals solch einen Schrecken eingejagt. Wertvolle Sekunden vergingen, als er vor seinem inneren Auge seine Zukunft sah – eine Zukunft im Rollstuhl, wie er versuchte, sich auf den Fahrersitz eines behindertengerechten Autos zu heben oder den Beutel zu entleeren, der seine Exkremente aus seinem nutzlosen Verdauungssystem abführte.

Nein. Er schüttelte den Kopf. Dafür war keine Zeit. Jetzt war es Zeit zu Handeln. Die Waffe von Meister Proper war über seinem Kopf und irgendwo hinter ihm. Er griff nach hinten – es tat weh, die Arme so zu heben – aber er konnte sie nicht finden. Er begann, rückwärts zu kriechen und seine Beine hinter sich her zu ziehen.

Er sah eine Bewegung aus seinem Augenwinkel. Er schaute auf und da kam Jamal auf ihn zu, stolzierte geradezu. Der Bastard grinste.

Während er sich näherte, hob er seine Waffe. Er richtete sie auf Brown. Nun bemerkte Brown, dass Jamals zwei Männer ebenfalls bei ihm waren.

„Machen Sie keine Dummheiten, Brown. Bleiben Sie einfach still liegen.“

Jamals Männer nahmen die große schwere Tasche mit dem Geld und die kleine Tasche mit den Diamanten. Dann drehten sie um und gingen zurück zu den Lastwagen. Sie kletterten in das Fahrerhaus. Die Scheinwerfer gingen an. Der Motor furzte und rülpste, schwarzer Rauch strömte aus einem Auspuff auf der Fahrerseite.

„Ich mag Sie“, sagte Jamal. „Aber Geschäft ist Geschäft, wissen Sie? Wir lassen in dieser Sache nichts anbrennen. Entschuldigen Sie uns bitte.“

Brown versuchte, etwas zu sagen, aber er schien seine Stimme nicht zu finden. Alles, was er tun konnte, war, ein undeutliches Gurgeln hervorzustoßen.

Jamal hob erneut die Waffe.

„Brauchen Sie einen Moment, um zu beten?“

Brown hätte fast gelacht. Er schüttelte den Kopf. „Weißt du was, Jamal? Du bist zum Totlachen. Du und deine Religion sind ein Witz. Ob ich beten möchte? Zu wem denn? Es gibt keinen Gott, das wirst du schon herausfinden, sobald du…“

Brown sah, wie Feuer aus dem Ende der Waffe aufstieg. Im nächsten Moment lag er flach auf dem Rücken und starrte an die Decke des Lagers, die sich hoch über ihm befand.

KAPITEL FÜNF

21:45 Uhr Mountain Daylight Time (23:45 Uhr Eastern Daylight Time)

Florence ADX Bundesgefängnis (Supermax) – Florence, Colorado


„Hier sind wir“, sagte der Wächter. „Trautes Heim, Glück allein.“

Luke ging durch die weißen Flure des sichersten Gefängnisses der Vereinigten Staaten. Die beiden großen, schweren Wachen in braunen Uniformen flankierten ihn. Sie sahen fast aus wie Zwillinge. Beide hatten eine militärische Kurzhaarfrisur, breite Schultern und riesige Arme. Sie bewegten sich wie ehemalige Offensivspieler, deren letztes Football-Match schon eine Weile her gewesen war.

Sie waren zwar im engeren Sinne nicht gerade fit, aber Luke dachte leicht amüsiert, dass sie perfekt für ihren Job hier gebaut waren. Auf engem Raum konnten sie einem rebellierenden Gefangenen hervorragend Stand halten.

Ihre Schritte hallten auf dem Steinboden wider, während sie an den geschlossenen, fensterlosen Stahltüren von Dutzenden von Zellen vorbeigingen. Jede Zellentür hatte in der Nähe des Bodens eine schmale Öffnung, die wie ein Briefschlitz aussah und durch die die Wachen den Gefangenen Mahlzeiten zuschieben konnten. Außerdem hatten sie zwei kleine Fenster mit stahlverstärktem Glas, die zum Flur hin ausgerichtet waren. Luke schaute in keines der Fenster, an denen sie vorbeikamen.

Irgendwo im Flur schrie jemand. Es klang nach Todesqualen. Der Schrei ging weiter und weiter, kein Zeichen, dass er je aufhören würde. Es war Nacht, die Lichter würden bald ausgehen und der Unbekannte schrie unentwegt weiter. Luke dachte, er könnte fast die Worte in seinem Schrei ausmachen.

Er warf einem der Wächter einen Blick zu.

„Es geht ihm gut“, sagte der Wächter. „Wirklich. Er hat keine Schmerzen. Er heult einfach nur.“

Die andere Wache schaltete sich ein. „Die Einsamkeit treibt einige von ihnen in den Wahnsinn.“

„Einsamkeit?“, sagte Luke. „Sie meinen wegen der Einzelhaft?“

Die Wache zuckte die Achseln. „Ja.“ Es schien ihn kaum zu kümmern. Er konnte nach seiner Schicht nach Hause. Er konnte in einem beliebigen Diner essen gehen und, so wie er aussah, Fremde an der Theke anquatschen. Er trug einen Ehering am Ringfinger seiner dicken linken Hand. Er hatte eine Frau, wahrscheinlich Kinder. Der Mann hatte ein Leben außerhalb dieser Mauern. Die Gefangenen? Sie hatten nichts.

Hier befanden sich die größten Schurken und Bösewichte des Landes, wusste Luke. Der Unabomber Ted Kaczynski war momentan hier, ebenso wie Dschochar Zarnajew, der überlebende Bruder der beiden Boston-Marathon-Bomber. Der Mafiaboss John Gotti hatte jahrelang hier gelebt, ebenso wie sein gewalttätiger Vollstrecker Sammy „The Bull“ Gravano.

Es war ein Verstoß gegen die Regeln der Einrichtung, dass Luke mehr als nur den Besuchsraum zu Gesicht bekam. Aber die Besuchszeit war sowieso vorbei und dies war ein Ausnahmezustand. Ein Gefangener hier hatte Informationen zu bieten, aber er bestand darauf, Luke persönlich zu sehen – nicht an einem Telefon mit einer dicken Glaswand zwischen ihnen, sondern von Angesicht zu Angesicht und von Mann zu Mann in seiner Zelle. Die Präsidentin der Vereinigten Staaten selbst hatte Luke gebeten, dieses Treffen wahrzunehmen.

Sie hielten vor einer weißen Tür an, einer von vielen. Luke fühlte, wie sein Herz einen Schlag aussetzte. Er war ein bisschen nervös. Er versuchte nicht durch das winzige Fenster zu blicken, um den Mann im Inneren zu sehen. Er wollte ihn nicht auf diese Art anschauen, wie eine Maus in einem Schuhkarton. Er wollte seine Vorstellung von ihm nicht zerstören.

„Es ist meine Pflicht, Sie darüber zu informieren“, begann einer der beiden Wächter, „dass die Gefangenen hier zu den gewalttätigsten und gefährlichsten gehören, die derzeit im Bundesvollzugssystem der Vereinigten Staaten zu finden sind. Wenn Sie diese Zelle betreten und es ablehnen, persönliche…“

Luke hob eine Hand. „Das reicht. Ich kenne die Risiken.“

Die Wache zuckte wieder die Achseln. „Wie Sie wollen.“

„Für das Protokoll: Ich möchte nicht, dass dieses Gespräch aufgezeichnet wird“, sagte Luke.

„Alle Zellen werden rund um die Uhr von Überwachungskameras gefilmt“, sagte der Wächter jetzt. „Aber es gibt keinen Ton.“

Luke nickte. Er glaubte ihm kein Wort. „Gut. Ich werde schreien, wenn ich Hilfe brauche.“

Die Wache lächelte. „Das werden wir nicht hören.“

„Dann werde ich halt hektisch winken.“

Beide Wachen lachten. „Ich bin am Ende des Flurs“, sagte einer von ihnen. „Klopfen Sie an die Tür, wenn Sie wieder herauskommen wollen.“

Die Tür knirschte beim Aufschließen und öffnete sich dann von selbst. Irgendwo beobachtete sie wohl tatsächlich jemand.

Hinter der Tür befand sich eine winzige, düstere Zelle. Das erste, was Luke auffiel, war die Metalltoilette. Auf dem Wasserkasten befand sich ein Wasserhahn. Eine seltsame Kombination, aber eine, die logisch sinnvoll war, nahm er an. Alles andere war aus Stein und gut befestigt. Ein schmaler Steinschreibtisch, der aus der Wand herausragte und vor dem ein abgerundeter Steinhocker stand.

Auf dem Schreibtisch stapelten sich Papiere, ein paar Bücher und vier oder fünf Bleistifte, wie sie Golfer zum Zählen verwendeten. Wie der Schreibtisch war auch das Bett schmal und aus Stein. Eine dünne Matratze bedeckte es, sowie eine grüne Decke, die aus grober Wolle oder einem ähnlich kratzigen Material zu bestehen schien. An der hinteren Wand war ein schmales Fenster, grün umrandet, vielleicht 60 Zentimeter hoch und 15 Zentimeter breit. Draußen war es dunkel, abgesehen von einem kränklich gelben Licht, das von einer nahe gelegenen, an der Außenwand angebrachten Natriumdampflampe in die Zelle strömte. Es gab keine Möglichkeit, das Fenster zu verdecken.

Der Gefangene stand in einem orangenen Overall da, den breiten Rücken zu ihnen gewandt.

„Morris“, sagte der Wächter. „Hier ist Ihr Besucher. Tun Sie mir einen Gefallen und töten Sie ihn nicht.“

Don Morris, ehemaliger Oberst der US-Armee und Befehlshaber der Delta Force, Gründer und ehemaliger Direktor des FBI-Special Response Teams, drehte sich langsam um. Sein Gesicht schien faltiger als früher und seine ehemals grau-schwarzen Haare waren inzwischen komplett weiß. Aber seine Augen waren scharf und wachsam und seine Brust, Arme, Beine und Schultern sahen so stark aus wie je zuvor.

Sein Mund verzog sich fast zu etwas wie einem Lächeln, auch wenn seine Augen sich nicht regten.

„Luke“, sagte er. „Danke für dein Kommen. Willkommen bei mir zu Hause. 25 Quadratmeter. Ist es nicht schön?“

„Hi, Don“, sagte Luke. „Mir gefällt die Einrichtung.“

„Letzte Chance, Ihre Meinung zu ändern“, sagte einer der Wächter hinter ihm.

Luke schüttelte den Kopf. „Ich denke, ich komme schon klar.“

Dons Blick fiel auf die Wachen. „Sie wissen, wer dieser Mann ist, nicht wahr?“

„Das tun wir, ja.“

„Dann können Sie sich wohl vorstellen“, sagte Don, „wie wenig Gefahr ich für ihn darstelle.“

Die Tür klappte zu. Für einen kurzen Moment verspürte Luke etwas wie Nostalgie, während sie einander ansahen. Don war sein Kommandant und Mentor in der Delta Force gewesen. Als Don das Special Response Team gegründet hatte, war Luke der erste, den er eingestellt hatte. In vielerlei Hinsicht war Don mehr als zehn Jahre wie ein Vater für ihn gewesen.

Aber das war vorbei. Don war einer der Verschwörer gewesen, die den Präsidenten der Vereinigten Staaten getötet hatte, um die Regierung zu übernehmen. Er war Mitschuldiger an der Entführung von Lukes eigener Frau und ihrem Kind. Er hatte von dem Bombenattentat gewusst, das mehr als dreihundert Menschen am Mount Weather getötet hatte. Don drohte die Todesstrafe und Luke kannte niemanden, der sie mehr verdient hatte.

Die beiden Männer schüttelten sich die Hand und Don legte eine Hand auf Lukes Schulter, nur für eine Sekunde. Es war eine unbeholfene Geste eines Mannes, der nicht mehr an menschlichen Kontakt gewöhnt ist. Luke wusste, dass Supermax-Gefangene selten die Gelegenheit bekamen, andere Menschen zu berühren.

„Danke für all deine Besuche und Briefe“, sagte Don. „Es war ein Trost zu wissen, dass mein Wohlergehen dir so wichtig ist.“

Luke schüttelte den Kopf. Er lächelte fast. „Don, bis gestern Nachmittag wusste ich nicht einmal, wo sie dich festhalten. Und es war mir auch egal. Von mir aus könntest du auch in einem Loch verschmoren. Am besten am Fuße von Mount Weather.“

Don nickte. „Wenn man verliert, muss man wohl akzeptieren, wohin man gesteckt wird.“

„So scheint es wohl.“

Don deutete auf den Steinhocker, der wie ein Pilz aus dem Boden spross. „Willst du dich nicht setzen?“

„Ich werde stehen. Danke.“

Don starrte Luke an, sein Kopf neigte sich zur Seite. „Ich kann dir nicht viel Gastfreundschaft anbieten, Luke. Der Hocker ist alles.“

„Warum sollte ich deine Gastfreundschaft annehmen, Don?“

Dons Augen wichen ihm nicht aus. „Machst du Witze? Um der alten Zeiten willen. Als Dank dafür, dass ich dich in der Delta Force unterrichtet habe und dir deinen aktuellen Job verschafft habe. Denk dir was aus, mein Sohn.“

„Genau das meine ich, Don. Wenn ich an dich denke, denke ich an meinen eigenen Sohn und meine Frau, die du entführt hast.“

Don hob seine Hände. „Damit hatte ich nichts zu tun. Das verspreche ich dir. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich niemals zugelassen, dass Gunner oder Becca etwas zustößt. Sie sind wie mein eigenes Blut, wie meine eigene Familie. Ich habe dich gewarnt, weil ich sie beschützen wollte, Luke. Ich fand es erst heraus, nachdem es bereits geschehen war. Es tut mir leid, dass das passiert ist. Es gibt nichts in meiner langen Karriere, was ich mehr bedauere.“

Luke beobachtete Dons Augen und Körpersprache genau. Log er ihn an? Sagte er die Wahrheit? Was dachte er? Wer war dieser Mann überhaupt, von dem Luke einst gedacht hatte, dass er ihn wie einen Vater liebte?

Luke seufzte. Er würde die spärliche Gastfreundschaft des Mannes annehmen. Er würde ihm so viel eingestehen und heute Nacht wach liegen und sich fragen, warum er das getan hatte.

Er hockte sich auf den niedrigen Stein.

Don setzte sich auf das Bett. Eine unangenehme Stille breitete sich aus.

„Wie geht es dem SRT?“, sagte Don schließlich. „Ich nehme an, man hat dich zum Direktor gemacht?“

„Sie haben es mir angeboten, aber ich habe abgelehnt. Das SRT existiert nicht mehr und ist in alle Winde zerstreut. Die meisten Mitglieder wurden wieder in ihre ehemaligen Teams aufgenommen. Ed Newsam ist bei der Geiselrettung. Mark Swann bei der NSA. Ich stehe in ziemlich engem Kontakt mit den Jungs – ich leihe sie mir ab und zu für Operationen aus.“

Luke sah etwas in Dons Augen aufblitzen und wieder verschwinden. Sein Baby, das FBI-Special Response Team, der Höhepunkt seiner Karriere, war aufgelöst worden. Hatte er das nicht gewusst? Luke nahm es an.

„Trudy Wellington ist verschwunden“, sagte Luke.

Erneut blitzte etwas in Dons Augen auf. Luke konnte nicht sagen, ob es eine Emotion, eine Erinnerung oder etwas anderes war. Normalerweise konnte er Menschen gut einschätzen, aber Don war ein ehemaliger Spion. Er war wie ein fest verschlossenes Buch für ihn.

„Du weißt nicht zufällig etwas darüber, oder, Don?“

Don zuckte die Achseln und bot ihm ein halbes Lächeln an. „Die Trudy, die ich kannte, war sehr klug. Weitsichtig. Wenn ich raten müsste, hat sie etwas erfahren, das ihr nicht gefiel und ist weggerannt, bevor es zu spät ist.“

„Hast du mit ihr gesprochen?“

Don antwortete nicht.

„Don, es macht keinen Sinn, mir etwas zu verschweigen. Ich brauche nur einen Anruf tätigen und werde herausfinden, mit wem du gesprochen hast, wer dir geschrieben hat oder was in den Briefen stand. Du hast keine Privatsphäre. Hast du mit Trudy gesprochen oder nicht?“

„Ja, habe ich.“

„Und was hast du ihr gesagt?“, fragte Luke.

„Ich sagte ihr, dass ihr Leben in Gefahr sei.“

„Woher weißt du das?“

Don schaute einen Moment lang an die Decke. „Luke, du weißt, was du weißt. Und du weißt nicht, was du nicht weißt. Wenn du eine Schwäche hast, dann das. Was du in diesem Fall nicht weißt, weil du dich aus der Politik heraushältst, ist, dass in den letzten sechs Monaten hinter den Kulissen ein stiller Krieg herrscht. Der Anschlag am Mount Weather? In dieser Nacht sind viele hochrangige Politiker gestorben. Und seitdem sind viele nicht so hochrangige Politiker gestorben. Ich würde schätzen mindestens so viele, wie bei dem Anschlag selbst. Trudy war in dem Coup gegen Thomas Hayes nicht verwickelt, aber nicht jeder glaubt das. Es gibt Menschen, die sich an ihr rächen wollen.“

„Also ist sie deswegen untergetaucht?“

„Ich glaube schon.“

„Weißt du, wo sie ist?“

Don zuckte die Achseln. „Ich würde es dir nicht sagen, selbst wenn ich es wüsste. Wenn sie wollte, dass du es weißt, würde sie dich sicher selbst kontaktieren.“

Luke wollte Don fragen, ob es ihr gut ging, aber er hielt sich zurück. Er wollte Don nicht das Gefühl geben, dass er ihn in der Hand hatte – das wäre genau das, was der alte Mann wollte. Stattdessen schwieg er erneut. Die beiden Männer saßen in dem winzigen Raum und starrten sich gegenseitig an. Schließlich brach Don das Schweigen.

„Für wen arbeitest du dann, wenn nicht für das SRT? Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Luke Stone sehr lange arbeitslos ist.“

Luke zuckte die Achseln. „Ich schätze, man könnte sagen, dass ich selbstständig bin, aber ich habe nur einen Kunden. Ich arbeite direkt für die Präsidentin, bei den seltenen Gelegenheiten, bei denen sie mich anruft. Wie sie es heute Morgen getan hat, als sie mich bat, hierher zu kommen und dich zu sprechen.“

Don hob eine Augenbraue. „Selbstständig? Bezahlen sie dich wenigstens noch gut?“

„Ich habe eine Gehaltserhöhung bekommen“, sagte Luke. „Ich glaube, man hat mir einfach dein altes Gehalt dazugegeben.“

„Verdammte Regierung“, sagte Don kopfschüttelnd. „Aber das passt zu dir. Du warst nie der Typ für einen Bürojob.“

Luke antwortete nicht. Er konnte von hier aus dem Fenster sehen. Nicht, dass es einen Ausblick gab – nur die Mauer eines anderen Gebäudeflügels, über dem ein dunkler Streifen Himmel zu sehen war.

Die Anlage befand sich in den Rocky Mountains – als Luke heute Abend angekommen war, war er von dem Ausblick, der sich über den Wachtürmen, dem Beton und dem Stacheldraht bot, beeindruckt gewesen. Die Luft war kalt und die Berge waren bereits mit dem ersten Schnee bedeckt. Sogar nachts war es wunderschön.

Die Gefangenen würden diesen Ausblick jedoch nie sehen. Luke würde ganze fünf Dollar darauf wetten, dass jede Zelle in diesem Gefängnis die gleiche Aussicht genoss – eine leere Wand.

„Also, was willst du, Don? Susan hat mir gesagt, dass du Information hast, die du gerne mit mir teilen möchtest. Ich habe momentan viel in meinem Leben zu tun, aber ich bin hierhergekommen, weil das meine Pflicht ist. Ich weiß nicht, wie du in deiner jetzigen Situation überhaupt an Informationen kommen kannst…“

Don lächelte. Seine Augen zeigten jedoch keinerlei Emotion. Sie schienen wie die Augen eines Außerirdischen, echsenartig, ohne Einfühlungsvermögen, ohne Sorgen, nicht einmal Interesse spiegelte sich in ihnen. Augen von einem Wesen, das einen genau so gut fressen wie vor einem weglaufen würde, ohne etwas dabei zu empfinden.

„Es gibt hier drin einige sehr kluge Männer“, sagte er. „Du würdest nicht glauben, wie kompliziert das Kommunikationssystem unter den Gefangenen ist. Ich würde es dir gerne beschreiben – ich glaube, das fändest du äußerst faszinierend – aber ich möchte es auch nicht gefährden oder mich selbst in Gefahr bringen. Ich werde dir jedoch ein Beispiel dafür geben, wovon ich spreche. Hast du vorhin den einen Gefangenen schreien gehört?“

„Ja“, sagte Luke. „Ich habe nicht verstanden, worum es geht. Die Wachen sagten mir, er sei verrückt geworden…“ Er verstummte.

Natürlich. Der Mann hatte tatsächlich etwas gesagt.

„Richtig“, sagte Don. „Der Marktschreier. So nenne ich ihn. Er ist nicht der einzige, und das ist nicht die einzige Methode. Nicht einmal annähernd.“

„Also, was hast du für mich?“, fragte Luke.

„Es gibt eine Verschwörung“, sagte Don, wobei seine Stimme nur knapp mehr als ein Flüstern war. „Wie du weißt, sind viele der Männer hier mit terroristischen Netzwerken verbunden. Sie haben ihre eigenen Möglichkeiten, miteinander zu kommunizieren. Ich habe gehört, dass es in Belgien eine Gruppe gibt, die es auf die dort gelagerten alten Atomwaffen aus dem Kalten Krieg abgesehen hat. Die Sprengköpfe werden auf einem belgischen NATO-Stützpunkt nur leicht bewacht. Die Sicherheitsvorkehrungen sind ein Witz. Die Terroristen, ich bin mir nicht sicher, wer genau, werden versuchen einen oder mehrere Sprengköpfe oder Raketen zu stehlen.“

Luke dachte einen Moment darüber nach. „Was würde das bringen? Ohne die nuklearen Codes sind die Sprengköpfe nicht einmal einsatzbereit. Das muss dir doch klar sein. Das wäre, als würde man sein Leben riskieren, nur um einen riesigen Briefbeschwerer zu stehlen.“

„Ich würde annehmen, dass sie die Codes haben“, sagte Don. „Entweder haben sie selbst Zugang zu den Codes, oder sie haben einen Weg gefunden, sie zu generieren.“

Luke starrte ihn an. „Selbst dann hätten sie doch keine Möglichkeit, einen Sprengkopf abzufeuern. Ohne ein Trägersystem könnte man niemals die Energie zur Detonation erzeugen. Wir sind hier nicht bei Bugs Bunny. Man kann so ein Teil nicht einfach mit einem Hammerschlag auslösen.“

Don zuckte die Achseln. „Glaub, was du willst, Luke. Ich sage dir nur, was ich gehört habe.“

„Ist das alles?“, fragte Luke.

„Das ist alles.“

„Warum sagst du uns das? Wenn jemand herausfindet, dass du Geheimnisse weitererzählst, die du hier aufgeschnappt hast… nun, ich vermute, dass diese Jungs noch in anderen Dingen gut sind außer im Kommunizieren.“

Jetzt blitzte Wut in Dons Gesicht auf, wie eine kurze Sommerwelle auf hoher See. Für einen Moment wurde alles dunkel, der Sturm tauchte auf, dann war er schon wieder weg. Er holte tief Luft, offenbar um sich zu beruhigen.

„Warum sollte ich keine Informationen teilen, die ich habe? Ich fürchte, dass du mich falsch verstehst, Luke. Ich bin immer noch ein Patriot, genau wie du, vielleicht sogar noch mehr. Ich habe mein Leben für die Vereinigten Staaten riskiert, noch bevor du geboren wurdest. Ich habe getan, was ich getan habe, weil ich mein Land liebe, und nicht aus einem anderen Grund. Nicht alle sind sich einig, dass es das Richtige war, und deshalb bin ich hier drin. Aber stell bitte nicht meine Loyalität in Frage, und auch nicht meinen Mut. Es gibt keinen Mann in dieser Einrichtung, der mir Angst macht, und das gilt auch für dich.“

Luke war immer noch skeptisch. „Und du erwartest keine Gegenleistung dafür?“

Don schwieg einen langen Moment. Er deutete auf seinen unordentlichen Schreibtisch und lächelte. Es war keine Freude in seinem Gesicht.

„Natürlich will ich etwas. Aber nichts Großes.“ Er hielt inne und schaute sich in der kleinen Zelle um. „Es macht mir nichts aus, hier zu sein, Luke. Manche Männer hier werden wirklich verrückt – aber nur die Ungebildeten. Das Leben des Geistes ist ihnen verwehrt. Mir aber nicht. Für dich scheint es vielleicht, als wäre ich hinter Betonmauern eingesperrt, aber für mich ist es hier fast wie ein Ruhestand. Ich bin vierzig Jahre lang Marathon gelaufen, ohne auch nur einmal anzuhalten. Diese Mauern halten mich nicht gefangen. Ich habe genug Leben gelebt und das alles ist immer noch hier oben drin.“

Er klopfte sich auf die Stirn.

„Ich denke viel an die alten Zeiten, die alten Missionen. Ich habe angefangen, meine Memoiren niederzuschreiben. Ich glaube, dass sie eines Tages eine faszinierende Lektüre abgeben werden.“

Er verstummte und blickte weit in die Ferne. Er starrte die Wand an, aber vor seinem inneren Auge sah er etwas anderes. „Erinnerst du dich an die Zeit in der Delta Force, als man uns in den Kongo schickte, um den Kriegsherrn Prinz Joseph zu verfolgen? Der mit all den Kindersoldaten? Die Armee des Himmels.“

Luke nickte. „Ich erinnere mich. Die hohen Tiere im JSOC wollten nicht, dass du mitgehst. Sie dachten…“

„Dass ich zu alt wäre. Das stimmt. Aber ich bin trotzdem hingegangen. Wir sind nachts angekommen, du, ich, wer noch? Simpson–“

„Montgomery“, sagte Luke. „Ein paar andere.“

Dons Augen blitzten auf. „Richtig. Der Pilot hat die Landung versaut und uns in den Fluss geschmissen, in einen der Nebenarme. Wir sind mit voller Wucht auf das Wasser aufgeprallt.“

„Keine schöne Erinnerung“, sagte Luke. „Ich musste dieses Nashorn erschießen.“

Don zeigte auf ihn. „Stimmt! Das hatte ich vergessen. Das Nashorn hat uns angegriffen. Ich kann es immer noch im Mondlicht sehen. Aber am Ende sind wir klatschnass in das Camp gekrochen und haben diesem mörderischen Bastard die Kehle aufgeschlitzt – haben sein ganzes Team mit einem schnellen und entschlossenen Schlag ausgelöscht. Und wir haben keinem der Kinder auch nur ein Haar gekrümmt. An diesem Abend war ich stolz auf meine Männer. Ich war stolz darauf, Amerikaner zu sein.“

Luke nickte wieder, fast lächelte er sogar. „Das ist schon lange her.“

„Für mich ist es wie gestern“, sagte Don. „Ich habe gerade erst angefangen, darüber zu schreiben. Morgen werde ich das mit dem Nashorn hinzufügen.“

Luke sagte nichts. Das war nur eine Mission, eine von vielen. Dons Memoiren würden zu einem langen Buch werden.

„Das meine ich also damit“, sagte Don. „Es ist nicht schlecht hier drin. Das Essen ist nicht einmal schlimm – nicht so schlimm, wie man erwarten würde. Ich habe meine Erinnerungen. Ich habe ein Leben. Ich habe mir eine Trainingsroutine zusammengestellt, von der ich die meisten Übungen sogar direkt hier in der Zelle machen kann. Kniebeugen, Liegestütze, sogar Yoga und Tai-Chi-Bewegungen. Ich habe eine ganze Sequenz und ich gehe sie täglich stundenlang durch, verändere sie manchmal, tausche Dinge aus. Ich trainiere damit nicht nur meinen Körper, sondern auch meinen Geist. Ich glaube, sie würde einen Fitness-Wahnsinn auslösen, wenn die Leute davon wüssten. Ich würde mir gerne ein Markenzeichen darauf ausstellen lassen – Prison Power. Dadurch bin ich viel besser in Form als damals, als ich noch frei in der Welt unterwegs war und tun konnte, was ich wollte.“

„Okay, Don“, sagte Luke. „Also ist das hier deine Seniorenvilla. Wie schön.“

Don hob eine Hand. „Ich will leben, möchte ich dir damit sagen. Sie werden mir die Nadel geben. Du weißt es und ich weiß es. Das will ich nicht. Hör mal, ich will realistisch bleiben. Ich weiß, dass ich keine Begnadigung bekomme, nicht so wie es momentan in der Politik aussieht. Aber wenn sich die Informationen, die ich dir gegeben habe, bewahrheiten, möchte ich, dass die Präsidentin meine Strafe in lebenslange Haft ohne die Möglichkeit auf Bewährung umwandelt.“

Luke war frustriert von diesem Treffen. Don Morris saß in etwas, was nicht mehr als ein steinernes Badezimmer war, schrieb an seinen Memoiren und entwickelte eine Fitness-Routine. Es war erbärmlich. Luke hatte Don einmal als den großen Vorbild-Amerikaner betrachtet.

Lukes Blut fing langsam an, überzukochen. Er hatte seine eigenen Probleme und sein eigenes Leben, aber das war Don natürlich egal. Don war hier zum Zentrum seines eigenen Universums geworden.

„Warum hast du es getan, Don?“ Er deutete auf seine Umgebung. „Ich meine…“ Er schüttelte den Kopf. „Schau dir diesen Ort doch nur einmal an.“

Don antwortete ohne zu zögern. „Ich habe es getan, um mein Land zu retten und ich würde es wieder tun. Thomas Hayes war der schlechteste Präsident seit Herbert Hoover. Daran habe ich keinen Zweifel. Er hat uns vor eine Wand gefahren. Er hatte keine Ahnung, wie er die amerikanische Macht in die Welt projizieren sollte und wollte das nicht einmal. Er dachte, die Welt regelt sich schon selbst. Er hat sich geirrt. Das tut sie nicht. Es gibt dunkle Mächte da draußen – dunkle Mächte, die Amok laufen, wenn wir sie auch nur eine Sekunde aus den Augen lassen. Sie treten in jedes Machtvakuum, das wir ihnen hinterlassen. Sie schikanieren die Schwachen und Wehrlosen. Unsere Freunde verlieren den Glauben. Ich konnte nicht länger zusehen und diese Dinge geschehen lassen.“

„Und was hast du dafür bekommen?“, fragte Luke. „Hayes‘ Vizepräsident leitet jetzt das Land.“

Don nickte. „Richtig. Und sie hat ein größeres Paar Cojones als er sich jemals erträumt hätte. Manchmal stecken Überraschungen da, wo man sie am wenigsten erwartet. Ich bin mit Susan Hopkins als Präsidentin nicht unzufrieden.“

„Großartig“, sagte Luke. „Das werde ich ihr sagen. Ich bin sicher, sie wird sich darüber freuen. Don Morris ist mit Ihrer Präsidentschaft nicht unzufrieden.“ Er stand auf. Er war bereit zu gehen. Dieses kleine Treffen würde ihn noch lange beschäftigen.

Don sprang vom Bett auf. Er legte seine Hand wieder auf Lukes Schulter. Für eine Sekunde dachte Luke, Don würde etwas Emotionales sagen, etwas, das Luke unangenehm sein würde, wie: „Geh nicht!“

Aber das tat er nicht.

„Denk daran, was ich dir gesagt habe“, sagte er. „Wenn es stimmt, dann haben wir große Probleme. Eine Atomwaffe in den Händen von Terroristen wäre das Schlimmste, was man sich vorstellen kann. Sie werden nicht zögern, sie zu benutzen. Ein erfolgreicher Start und es ist vorbei. Wer wird getroffen? Israel? Auf wen würden sie ihre eigenen Atomwaffen aus Vergeltung schicken? Iran? Wie würde man das stoppen können? Gar nicht. Was ist, wenn wir getroffen werden? Oder die Russen? Oder wir beide? Was ist, wenn automatische Vergeltungsschläge ausgelöst werden? Angst. Verwirrung. Kein Vertrauen. Männer in Silos, deren Finger nur so jucken und über dem Knopf verweilen. Es gibt noch eine Menge Atomwaffen auf der Erde, Luke. Wenn auch nur eine von ihnen gestartet wird, wird der Rest folgen.“

KAPITEL SECHS

20. Oktober

03:30 Uhr

Georgetown, Washington, DC


Ein schwarzer Pickup folgte ihm.

Luke hatte einen späteren Rückflug genommen. Nun war er müde – erschöpft – und doch noch immer aufmerksam. Er wusste nicht, wann er das nächste Mal schlafen würde.

Das Taxi hatte ihn vor einer Reihe schöner brauner Sandsteinhäuser abgesetzt. Die von Bäumen gesäumten Straßen waren ruhig und leer. Sie schienen im Licht der verzierten Straßenlampen zu schimmern. Während das Taxi wegfuhr, stand er da und genoss die kühle Nachtluft. Die Bäume verloren bereits ihre Blätter – sie lagen überall auf dem Boden. Er schaute ihnen zu, während sie langsam herunterfielen.

Er war direkt vom Flughafen zu Trudys Wohnung gekommen. Die Gardinen waren geschlossen, aber mindestens ein Licht war im Erdgeschoss an. Niemand war zu Hause – die Lichter wurden offensichtlich per Zeitschaltuhr angeschaltet, wahrscheinlich eine billige aus dem Supermarkt. Das Muster war immer dasselbe. Trudy musste sie vor ihrer Abreise eingestellt haben.

Der Ort gehörte ihr noch immer – so viel wusste Luke. Swann hatte ihr Bankkonto gehackt. Es gab automatische Zahlungen für ihre Hypothek, ihre Verbandsgebühren und ihren Strom. Sie hatte knappe zwei Jahre an Immobiliensteuern im Voraus bezahlt.

Sie war verschwunden, aber die Wohnung war hier, als ob nichts passiert wäre.

Warum kam er immer wieder hierher? Dachte er, dass sie eines Abends plötzlich zu Hause sein würde?

Er hielt nur wenige Sekunden inne, blickte vom Pickup weg, stellte ihn sich dort hinten vor und wie er ausgesehen hatte, als er gerade an ihm vorbeigelaufen war.

Es war ein großer, schwerer Lastwagen, wie man ihn auf Baustellen sieht. Die Fenster in seiner Kabine waren abgedunkelt, so dass man nicht viel vom Inneren sehen konnte. Dennoch hatte er das Gefühl, dass sich hinter diesen Fenstern zwei Silhouetten befanden. Die Scheinwerfer des Lastwagens waren ausgeschaltet, als er vorbeiging und jetzt waren sie immer noch aus – sie wollten sich nicht verraten. Was sie jedoch verraten hatte, war der Motor. Er konnte ihn rumpeln hören.

Am Fuße des Hügels gab es eine Tankstelle und einen Lebensmittelladen. Die Lichter an den Zapfsäulen waren an, aber der Laden selbst schien geschlossen zu sein. Luke ging mitten auf der Straße auf das Licht zu.

Er blickte nach links und rechts, ohne den Kopf zu drehen. Auf beiden Seiten standen teure Autos in ununterbrochenen Linien Nase an Heck am Bordstein geparkt. Die Gegend war überfüllt und es gab nicht viele Parkplätze. Es gab keine einfache Möglichkeit, von der Straße auf den Bürgersteig zu gelangen.

Plötzlich fing er an zu rennen.

Er sprintete ohne Vorwarnung los. Er beschleunigte nicht allmählich. In einem Moment spazierte er noch, im nächsten rannte er so schnell er konnte. Hinter ihm fing der Motor des Pickups an zu heulen. Seine Reifen quietschten auf der Straße und ihr Schrei durchriss die Stille der Nacht.

Luke tauchte nach rechts ab und sprang mit dem Kopf voran über die Motorhaube eines weißen Lexus. Er rutschte über das Auto und stürzte auf den Bürgersteig, landete auf dem Rücken und rollte in eine sitzende Position, während er seine Glock aus dem Schulterholster in seiner Jacke zog, alles in einer fließenden Bewegung.

Der Lexus begann sich hinter ihm aufzulösen. Der Pickup hatte angehalten und das Fenster auf der Beifahrerseite war unten. Ein Mann mit einer Skimaske war dort und feuerte eine Maschinenpistole mit einem gigantischen Schalldämpfer ab. Die Waffe hatte ein Trommelmagazin, wahrscheinlich zwölf Dutzend Schuss. Luke nahm all diese Informationen in einem Augenblick auf, bevor sein Kopf sich dessen überhaupt richtig bewusst war.

Die Scheiben des Lexus zerbarsten, die Reifen platzten und das Auto sank auf den Boden. THUNK, THUNK, THUNK – Geschosse durchbohrten die Seitenwände. Unter der Motorhaube stieg Dampf auf. Der Mann im Pickup besprühte ihn mit Maschinengewehrfeuer.

Luke rannte vorwärts und blieb tief geduckt. Die Kugeln folgten ihm und zertrümmerten den nächsten Wagen, genau wie den Lexus. Glas regnete auf ihn nieder.

Ein Autoalarm ging an, klingelte fünf Sekunden lang und stoppte dann, als die Kugeln das Fahrzeug durchbohrten und das Alarmsystem zerstörten.

Luke lief weiter, sein Atem heiß vor Anstrengung. Er erreichte die Tankstelle und raste über den weitläufigen Hof. Die Oberlichter warfen unheimliche Schatten – die Zapfsäulen wirkten wie bedrohliche Monster. Der Pickup schlitterte auf den Parkplatz hinter ihm. Luke blickte zurück und sah, wie er über den Bordstein sprang und die Kurve hart nahm.

Er raste eine weitere Seitenstraße hinunter und schoss dann nach links in eine Gasse. Es war eine alte Kopfsteinpflasterstraße. Er stolperte über die raue und unebene Oberfläche. Der Motor des Pickups quietschte, ganz nah. Luke blickte nicht zurück. Ein knirschendes Geräusch kam näher, als der Wagen über das Kopfsteinpflaster hüpfte.

Luke spürte es – der Pickup war nur eine Sekunde hinter ihm.

Sein Herz klopfte in seiner Brust. Es nützte nichts. Er drehte den Kopf und da war der Wagen, direkt hinter ihm. Sein massiver Kühlergrill bretterte vorwärts und wurde immer größer und größer. Es sah aus wie ein riesiger, grinsender Mund. Die Motorhaube des Lastwagens war fast so hoch wie sein Kopf.

Links von Luke stand ein Müllcontainer. Er spürte ihn mehr, als dass er ihn wirklich sah. Er tauchte dahinter ab, fiel auf das Kopfsteinpflaster und landete hart in einer winzigen Nische. Der Aufprall presste ihm die Luft aus den Lungen, aber er drückte sich gegen die Wand, so fest, wie er nur konnte.

Einen Augenblick später rammte der Pickup den Müllcontainer und drückte ihn gegen die Wand der Gasse. Der Wagen fuhr vorbei, verfehlte Luke nur knapp und schleppte den Müllcontainer mit. Er rutschte noch fünfzehn Meter weiter und kam dann zum Stillstand. Seine Bremslichter leuchteten rot. Der Müllcontainer war zwischen der Fahrertür und der Wand eingeklemmt.

Das war Lukes Chance, die Initiative zu gewinnen, aber dazu musste er sich jetzt bewegen.

„Steh auf“, murmelte er.

Er schleppte sich mit der Waffe in der Hand auf die Beine und stützte sich an der Wand ab.

PENG, PENG, PENG, PENG, PENG.

Das Fenster zerbarst. Der Lärm seiner Waffe war ohrenbetäubend. Er hallte die Gasse hinunter und hinaus in die stillen Straßen der Stadt. Wenn er Aufmerksamkeit erregen wollte, und das tat er, würde er sie so sicherlich bekommen.

Die Reifen des Pickups kreischten auf und drehten auf dem Kopfsteinpflaster durch, der Fahrer versuchte verzweifelt, sich von dem Müllcontainer zu befreien.

Der Beifahrer – der Schütze – benutzte den Kolben seiner Waffe, um die Überreste der Heckscheibe zu zerschlagen. Er wollte versuchen, eine klare Schusslinie zu bekommen.

Perfekt.

PENG.

Luke schoss ihm eine Kugel mitten durch die Stirn.

Der Mann sackte zusammen, sein Kopf hing aus dem Heckfenster, seine Waffe klapperte nutzlos auf den Sitz des Pickups.

Der Wagen rutschte seitlich, sein Grill glitt an der Wand entlang, die Fahrerseite zeigte nun zu Luke. Luke würde auch den Fahrer erwischen, wenn er könnte, aber er würde ihn nicht tödlich verletzen. Er würde ihn am Leben lassen, damit er seine Fragen beantworten konnte.

Der Fahrer war gut – vorsichtiger als sein Freund. Sein Fenster war durch den Aufprall zerbrochen, aber er duckte sich. Luke konnte ihn nicht sehen.

PENG, PENG, PENG.

Luke ließ drei Schüsse auf die Fahrertür los. Das Geräusch war hohl und metallisch, als die Kugeln durchschlugen. Der Fahrer schrie auf. Er hatte ihn getroffen.

Plötzlich rutschte der Pickup seitlich nach rechts. Er drehte sich und rammte gegen die Wand. Aber er hatte sich endlich von der Mülltonne befreit. Wenn der Fahrer noch in der Lage war, hatte er jetzt freie Fahrt.

Luke zielte auf den linken Hinterreifen. PENG.

Der Reifen platzte, aber der Motor des Pickups heulte auf und der Wagen schoss die Gasse hinunter. Er fuhr zurück auf die Straße, driftete in die Kurve und fuhr links davon. Weg war er.

In der Nähe läuteten bereits Sirenen. Luke konnte sie aus mehreren verschiedenen Richtungen hören. Er steckte seine Waffe ein und humpelte aus der Gasse, seine Knie bereits steif. Er hatte sie aufgerissen, als er auf das Kopfsteinpflaster gefallen war.

Der Motor eines Polizeiwagens heulte auf, die Lichter blinkten und warfen verrückte blaue Schatten gegen die umliegenden Gebäude. Luke hatte bereits seine Dienstmarke für sie herausgeholt, sein altes Abzeichen des nicht mehr existierenden FBI-Special Response Teams. Es war noch ein Jahr gültig. Er hob seine Arme hoch in die Luft, das Abzeichen in der rechten Hand.

„Bundesagent!“, schrie er die Polizisten an, die aus dem Auto platzten, die Waffen zogen und auf ihn zielten.

„Auf den Boden!“, sagten sie ihm.

Er tat genau das, was sie sagten, er bewegte sich langsam und vorsichtig, keine Bedrohung für irgendjemanden.

„Was geht hier vor?“, sagte einer der Polizisten, als er Lukes ausgestreckter Hand die Marke entriss.

Luke zuckte die Achseln.

„Jemand hat versucht, mich zu töten.“

KAPITEL SIEBEN

10:20 Uhr

Das Weiße Haus, Washington, DC


Es war wie ein Staatsbegräbnis, die Eröffnung eines großen Gebrauchtwagenhandels und eine Amateur-Comedy-Show in einem.

Susan Hopkins, die Präsidentin der Vereinigten Staaten, blickte in einem eigens für diesen Anlass von der Designerin Etta Chang angefertigten blauen Kleid und Schal über die Wiese auf die versammelten Würdenträger und Journalisten. Es war eine erlesene Gruppe von Leuten und eine Einladung für diese Veranstaltung war das am meisten begehrte Objekt der Stadt gewesen. An einem strahlenden sonnigen Herbsttag war der Wiederaufbau des Weißen Hauses – eines der beständigsten Symbole Amerikas – endlich abgeschlossen.

Geheimdienstagenten umringten Susan von allen Seiten und deckten jeden möglichen Schusswinkel ab – sie fühlte sich fast so, als wäre sie in einem Wald, nur dass die Bäume riesige Männer waren. Washington, DC, Virginia und Maryland waren an diesem Morgen Orte, an denen absolutes Flugverbot herrschte. Wer bis heute Morgen um 7 Uhr nicht gelandet war, hatte Pech gehabt.

Die Zeremonie dauerte länger als geplant. Sie hatte kurz nach 9 Uhr begonnen und jetzt war es schon fast 10:30 Uhr. Nach dem Eröffnungs-Militärumzug mit dem Trompeter, der zu Ehren von Thomas Hayes Taps und The riderless horse gespielt hatte, dem Freilassen einer Schar weißer Tauben als Symbol für die vielen Menschen, die an jenem Tag gestorben waren, dem Überflug eines Kampfjets, dem Kinderchor und den verschiedenen Reden und Segnungen…

Oh ja, die Segnungen.

Das wiederaufgebaute Weiße Haus war nacheinander von einem orthodoxen Rabbiner aus Philadelphia, einem muslimischen Imam, dem katholischen Erzbischof von Washington, DC, dem Minister der North Capitol Street AME Zion Church und dem berühmten buddhistischen Mönch und Friedensaktivisten Thich Nhat Hanh gesegnet worden.

Das Gerangel um die Auswahl der religiösen Würdenträger allein hatte Susans Lust auf dieses Ereignis verdorben. Ein orthodoxer Rabbiner? Die Frauen des Reformjudentums hatten lautstark protestiert – sie hatten auf einen weiblichen Rabbiner bestanden. Sunnitisch oder schiitisch für den Imam – man konnte nicht beide Glaubensrichtungen zufriedenstellen. Am Ende hatte Kat Lopez beiden den sprichwörtlichen Mittelfinger gezeigt und sich für einen Sufi entschieden.

Katholische Gruppen waren von Pierre nicht begeistert. Der First Gentleman der USA war schwul? Und mit einer Frau verheiratet? Diese Frage wurde geklärt, indem Pierre beschloss, die Veranstaltung sausen zu lassen und sie von ihrer gemeinsamen Wohnung in San Francisco aus zu beobachten.

Pierre und die Mädchen waren seit dem Skandal weitgehend aus dem öffentlichen Leben verschwunden. Es war richtig, die Mädchen nach allem, was passiert war, vom Rampenlicht fernzuhalten, aber dies war ein wichtiges Ereignis und Pierre hatte nicht einmal kommen wollen. Das beunruhigte Susan ein wenig. Wahrscheinlich mehr als nur ein wenig. Und natürlich waren nun die Schwulenrechtsaktivisten wütend auf ihn, weil er sich ihrer Meinung nach dem Druck der katholischen Kirche beugte.

Auf dem Podium beendete Karen White, die neue Sprecherin des Hauses, gerade ihre Rede. Karen war exzentrisch, um es milde auszudrücken – sie trug einen Hut mit einer großen Sonnenblume aus Papier. Der Hut war eher für eine Ostereiersuche für Kinder geeignet als für die heutige Veranstaltung. Wenn Etta Chang diesen Hut sehen würde, hätte sie ihr im Handumdrehen ein modisches Upgrade verpasst.

Karens Bemerkungen hatten die Liberalen in der Regierung – Gott sei Dank – nur kurz angegriffen, denn die Sonderwahlen zur Wiederherstellung des dezimierten Kongresses standen in zwei Wochen bevor. Die Kampagnen hatten sich in einen hasserfüllten Diskurs verwandelt – Historiker waren am laufenden Band auf CNN und FOX News zu Gast und behaupteten, dass der bürgerliche Diskurs im Land den niedrigsten Stand seit dem Bürgerkrieg erreicht hatte.

Was Karen White an offensiver Rhetorik an der innenpolitischen Front fehlte, machte sie auf der Weltbühne mehr als wett. Ihre Rede schien – dem zustimmenden Raunen vieler im Publikum nach – anzudeuten, dass das Weiße Haus nicht durch abtrünnige Elemente der konservativen Bewegung und des Militärs hier in den USA, sondern durch ausländische Agenten, möglicherweise aus dem Iran oder Russland, zerstört worden war. Während einer besonders hanebüchenen Behauptung hatte sich der Sondergesandte aus dem Iran erhoben und war mit zwei seiner hochrangigen Diplomaten im Schlepptau davongestürmt.

„Ist schon in Ordnung“, sagte Kurt Kimball, der Nationale Sicherheitsberater, in Susans Ohr. „Sie alle wissen, dass Karen ein wenig verrückt ist. Ich meine, sehen Sie sich ihren Hut an. Wir werden jemanden aus dem Außenministerium schicken, der das wiedergutmachen wird.“

„Und wie?“, fragte Susan.

Er zuckte die Achseln. „Ich weiß es noch nicht. Wir lassen uns etwas einfallen.“

Auf der Bühne nickte Kat Susan zu. Jetzt war sie dran. Sie betrat die Bühne, während Geheimdienstler um sie herum in Stellung gingen. Das Podium war an drei Seiten von durchsichtigem Panzerglas umgeben. Sie stand einen Moment lang da und blickte auf die versammelte Menge. Sie war überhaupt nicht nervös. Mit Menschen zu sprechen war immer eine ihrer Stärken gewesen.

„Guten Morgen“, sagte sie. Ihre Stimme hallte über den Rasen.

„Guten Morgen“, riefen einige zurück.

Sie begann mit ihrer vorbereiteten Rede. Es war eine ihrer besseren. Sie sprach zu ihnen über gemeinsame Opfer, über Verlust und über Widerstandsfähigkeit. Sie erzählte ihnen von der Großartigkeit des amerikanischen Traums – etwas, das sie alle bereits kannten. Sie erzählte ihnen von der Tapferkeit der Männer, die ihr an diesem Abend das Leben gerettet hatten und stellte Chuck Berg – der jetzt der Leiter des Heimatschutzministeriums war und mit ihr auf der Bühne stand – und Walter Brenna vor, der als Ehrengast in der ersten Reihe saß. Beide Männer hoben ihre Hände und erhielten tosenden Applaus.

Sie erzählte ihnen, dass sie noch heute ins Weiße Haus einziehen würde – worauf die Menge aufstand und nicht mehr aus dem Klatschen herauszukommen schien – und ihre Gäste dazu einladen würde, einen Rundgang zu machen um mit eigenen Augen zu sehen, wie die Renovierung gelaufen war.

Sie beendete ihre Rede mit einer Anekdote über ihren großen Helden, John Fitzgerald Kennedy.

„Vor fast sechzig Jahren wurde John Fitzgerald Kennedy zum Präsidenten gewählt. Seine Antrittsrede ist eine der größten und meistzitierten Reden, die je gehalten wurden. Sie alle wissen, dass er uns in dieser Rede sagte, wir sollten nicht fragen, was unser Land für uns tun könne, sondern was wir für unser Land tun könnten. Aber wissen Sie was? Es gibt einen anderen, weniger bekannten Teil dieser Rede, der mir ebenso viel Freude bereitet. Er scheint besonders für die heutigen Ereignisse geeignet zu sein, und ich möchte meine eigene Rede damit beenden. Was Kennedy sagte, war Folgendes.“

Sie atmete tief ein und hörte in Gedanken die Pausen, die Kennedy eingelegt hatte. Sie wollte, dass sie ihn bis auf den letzten Punkt und das letzte Komma richtig zitierte.

„Jede Nation“, sagte sie, „sei sie uns gut oder böse gesinnt, soll wissen…, dass wir jeden Preis zahlen… jede Last und Not ertragen…“

In der Menge hatte der Jubel bereits begonnen. Sie winkte mit der Hand, aber es nützte nichts. Der Jubel war nicht aufzuhalten und ihre Aufgabe war es nun, ihm entgegenzutreten, ihn zu übertönen und die Rede zu einem Ende zu bringen.

„…jede Entbehrung auf uns nehmen…“, rief sie.

„Ja!“, schrie jemand durch den Lärm.

„…jeden Freund unterstützen“, sagte Susan und erhob ihre Faust in die Luft, „und jedem Feind entgegentreten werden… um das Überleben und den Sieg der Freiheit zu sichern!“

Jeder einzelne im Publikum war inzwischen aufgestanden. Das Klatschen ging weiter und weiter.

„Nicht weniger geloben wir –“, sagte Susan. „Und mehr.“ Sie pausierte erneut. „Danke, meine Freunde. Ich danke Ihnen.“

* * *

Das Innere des Gebäudes ließ ihr Schauer über den Rücken laufen.

Susan bewegte sich mit ihren Geheimdienstagenten, Kat Lopez und zwei Assistenten durch die Gänge. Die Gruppe ging durch die Türen zum Oval Office. Allein die Tatsache, dass sie hier war, ließ ein seltsames Gefühl in ihr aufsteigen. Sie hatte es schon einmal gespürt, vor einer Woche, als sie zum ersten Mal durch das renovierte Weiße Haus geführt wurde. Es hatte etwas Surreales an sich.

Es hatte sich fast nichts geändert. Das war auch der Plan gewesen. Das Oval Office schien genauso zu sein wie das letzte Mal, als sie es gesehen hatte – an dem Tag, als es angegriffen und zerstört worden war, an dem Tag, an dem Thomas Hayes und mehr als dreihundert Menschen starben. Drei hohe Fenster, mit zurückgeschobenen Vorhängen, blickten noch immer auf den Rosengarten. In der Nähe des Zentrums des Büros befand sich eine bequeme Sitzecke auf einem üppigen Teppich, der mit dem Siegel des Präsidenten geschmückt war. Sogar das Resolute Desk – ein altes Geschenk des britischen Volkes – stand noch an seinem üblichen Platz.

Natürlich war es nicht derselbe Schreibtisch. Es war innerhalb der letzten drei Monate in einer Holzwerkstatt in Wales nach den Originalaufzeichnungen neu angefertigt worden. Nichtsdestotrotz – alles sah genau gleich aus. Es schien fast so, als würde Präsident Thomas Hayes – mindestens vier oder fünf Zentimeter größer als alle um ihn herum – jede Minute hereinkommen und sein übliches Stirnrunzeln aufsetzen.

Hatte sie ein Trauma erlitten? War dieses Gebäude ein Auslöser für sie?

Sie wusste, dass sie lieber im Marineobservatorium leben würde. Dieses große alte Haus war in den letzten fünf Jahren ihr Zuhause gewesen. Es war leicht, offen und luftig. Sie hatte sich dort wohl gefühlt. Im Vergleich dazu war das Weiße Haus – insbesondere die Residenz des Präsidenten – knarzig, verschroben, trübe, zugig und war schlecht beleuchtet, besonders im Winter.

Es war ein großer Ort, aber die Räume fühlten sich eng an. Und da war… irgendwas… an diesem Ort. Sie hatte das Gefühl, dass in jeder Ecke ein Gespenst auf sie lauerte. Sie dachte immer, es wäre der Geist von Lincoln oder McKinley oder sogar Kennedy. Aber jetzt wusste sie, dass es Thomas Hayes war.