Versuch einer Ethnographie der Philippinen
Ferdinand Blumentritt






Versuch einer Ethnographie der Philippinen





Einleitung


Die Urbevölkerung der Philippinen bilden die Negritos, welche jetzt nur noch in geringer Individuenzahl über den ganzen Archipel zerstreut sind. Die einwandernden Malaien verjagten die ehemaligen Herren in die unzugänglichen Bergwildnisse der Binnenlandschaften, nur der nördlichste Strich der Ostküste Luzons blieb von der malaiischen Invasion verschont, dort blieben die Negritos im Besitze der Meeresgestade. Die ersten eindringenden Malaien besetzten die Küsten und vermischten sich mit den Negritos zum Theile, indem sie die Weiber der von ihnen Besiegten und Erschlagenen in ihre Hütten aufnahmen. Wenn wir Luzon in Betracht ziehen – über die anderen Inseln liegt zu dürftiges Material vor – , so können als die Nachkommen der ersten malaiischen Einwanderer jene Stämme gelten, welche heute im Innern der grossen Insel wohnen, einst aber die Bewohner der Küsten waren, während die von ihnen gegenwärtig besiedelten Landstriche von Negritos noch eingenommen wurden. Von den meisten dieser Stämme wird oder wurde die Kopfjägerei geübt, wie von den Igorroten, Apayos, Zambalen, Abacas, Isinays, Italonen, Ibilaos, Ilongoten, Ifugaos, Mayoyaos, Guinanen und Calingas, diess ist constatirt; dieselbe Sitte scheint auch bei den Adangs, Gaddanen, Itetapanen, Aripas, Dadayags &c. ausgeübt zu werden oder wurde es in vergangener Zeit, nur von den Bergstämmen der Tinguianen, Catalanganen und Irayas wissen wir bestimmt, dass sie keine Kopfjäger sind. Auch in ihren sonstigen Sitten haben diese Kopfjägerstämme viele Anklänge an die Dayaks von Borneo aufzuweisen. Für Mindanao nennen wir als Repräsentanten dieser Kopfjäger den Bergstamm der Manobos. Dass diese Stämme in einer Zeit eingewandert sein müssen, wo die Negritos viel zahlreicher waren als heute, darauf weist der Habitus so mancher derselben hin, in welchem sich eine sehr starke Dosis von Negritoblut deutlich offenbart, obwohl manche dieser Stämme in Gegenden wohnen, wo heute kein Negrito mehr existirt oder doch in so geringer Individuenzahl, dass eine Beimischung in moderner Zeit nicht im Stande gewesen wäre, den Typus des gesammten Stammes wesentlich und dauernd zu differiren. Diese Bergstämme wären also die Repräsentanten der ersten Periode der Malaieninvasion, und man würde nicht fehlgehen, wenn man die im Centrum Nord-Luzons wohnenden Völker als die Nachkommen der ersten Einwanderer betrachtete, so dass die heute in den Provinzen Nueva Vizcaya, Bontok und Isabela sesshaften Stämme zu denselben gerechnet werden müssten. Die Igorroten, Tinguianen, Apayos &c. sind demnach in einem späteren Zeitabschnitt auf Luzon angelangt, der aber noch in die erste Periode der malaiischen Invasion fällt. In diese zweite Hälfte der ersten Periode wäre jene Beimischung von chinesischem und japanesischem Blute zu verlegen, welche nach Semper u. A. die Igorroten, Tinguianen und Catalanganen in ihren Gesichtszügen documentiren. Später kann sie nämlich nicht erfolgt sein, da dann diese Stämme durch andere Malaien – mit Ausnahme der Zambalen – vom Meere getrennt wurden, und diese letzteren zwar mit Chinesen und Japanesen in Handelsbeziehungen traten, aber diese Berührung wurde durch eine geringe Individuenzahl jener beiden Mongolenstämme vermittelt, so dass sie nicht im Stande war, den Rassentypus zu verändern oder zu differiren.

Dann kam die zweite Periode der malaiischen Invasion, welche jene Stämme nach den Philippinen brachte, welche bei der Ankunft der Spanier bereits im Besitze beinahe aller Küstenstriche des Archipels waren und einen etwas höheren Grad der Civilisation und mildere Sitten aufzuweisen hatten, als die Malaien der ersten Invasionsperiode. Diese Einwanderer (Tagalen, Pampangos, Visayer, Vicols, Ilocanen, Pangasinanen und Cagayanen) unterwarfen sich wie gesagt die Küstenstriche und zwangen die früheren Bewohner derselben sich in die Binnenlandschaften zurückzuziehen, wo sie noch heute wohnen. Es ist natürlich, dass die neuen Einwanderer sich auch in ähnlicher Weise mit zurückgebliebenen Malaien der ersten Invasionsperiode vermengten, wie es letztere mit den Negritos gethan. Diesem Umstande ist die Ähnlichkeit zuzuschreiben, welche in vielen Beziehungen hauptsächlich in der Religion[1 - Ich werde demnächst eine übersichtliche Darstellung der Religion der philippinischen Malaien veröffentlichen.], ein gemeinsames Band um alle Malaien dieses Archipels schlingt. Je weiter wir nach dem Norden Luzons vorwärtsschreiten, desto mehr sehen wir die Küstenmalaien in Sitten und Bräuchen sich mehr denjenigen der Binnenlandstämme zuneigen, ein Beweis, dass die Zahl der Einwanderer der zweiten Periode nach dem Norden zu immer geringer wurde, diese daher nicht im Stande waren, die dort sesshaften Stämme vollständig zu vertreiben, sondern die friedlicheren Glieder derselben zahlreich als Heloten aufzunehmen und sich mit ihnen zu einem Volke allmählich zu verschmelzen, in welchem viele Züge des Volkslebens der früher eingewanderten Stämme sich erhielten. Dieser Vorgang ist auch ganz natürlich, denn da die Invasion von Süden her erfolgte, so nahm nach den nördlichen Breiten zu auch ihre Expansivkraft und Individuenzahl ab; hatte ja doch auch die Invasion der ersten Periode ihre Kraft bereits verbraucht, als sie das rechte Ufer des Rio grande de Cagayán überschritten hatte; die Küste von Casiguran-Paranan bis zum Cap Engaño blieb auch nach der zweiten Invasion im unbestrittenen Besitze der ursprünglichen Herren des Archipels, der Negritos! Daher auch die Erscheinung, dass im Süden der Philippinen, in dem Visayer-Archipel auf vielen Inseln die Nachkommen der Einwanderer der ersten Periode ganz in dem Stamm der neuen Ankömmlinge, der Visayer, aufgingen oder vernichtet wurden, welcher Vorgang auch bei den Vicols, vielleicht auch den Tagalen und Pampangos, Statt gefunden hat. Nur auf den grösseren Inseln – Mindoro (?) und Mindanao (hier unzweifelhaft) – gelang es, den erst Eingewanderten sich unabhängig zu erhalten. Auf Mindanao scheinen mir die Subanos und Caragas solche Mischlinge zu sein, bei ersteren prävaliren die Elemente der ersten, bei den letzteren jene der zweiten Invasionsperiode. Deshalb auch fanden die Spanier bei jenen (nicht allen) Visayern und Vicols, welche die ersten Einwanderer nicht zu vertilgen oder zu verjagen vermocht und daher sich mit diesen vielfach gekreuzt hatten, vielfache Überbleibsel in Tracht und Sitten vor, welche an die Bergstämme erinnerten, z. B. die auf Cebú Und Panay, wie auf den Catanduanes übliche Sitte des Tätowirens, während die Visayer jener Inseln, auf welchen die ersteingewanderten Malaien in die Binnenlandschaften gedrängt (wie auf Mindoro) oder vertilgt worden waren (wie auf Leyte, Sámar und Bóhol) diese Sitte nicht übten. Der spanische Katholicismus bringt jetzt eine bedeutende Änderung dieser Verhältnisse hervor, die verschiedenen Malaienstämme des Archipels verschmelzen langsam aber sicher zu einem einzigen Stamme[2 - Vorläufig zu dreien: dem Ilocanischen im nördlichen, dem Tagalischen im mittleren und südlichen Luzon, dem Visaya-Stamm im Visayer-Archipel und Mindanao. Dem Tagalischen Stamme winkt der sichere Sieg über die beiden anderen.].

Eine dritte malaiische Invasion wurde durch die Ankunft der Spanier unterbrochen und theilweise auch verhindert. Zu Anfang des XVI., vielleicht auch schon in der zweiten Hälfte des XV. Jahrhunderts begannen die Malaien des Reiches Brunai oder Borneo nach den westlichen Visayern sich zu wenden. Es war diess zugleich, wenigstens in der Zeit von 1521–1565, eine religiöse Conquista, denn die „Mauren[3 - Die Spanier theilen die Malaien der Philippinen ein in „Indios”, d. s. Christen, Infieles oder Igorrotes (auch Cimarrones, Montescos, Montaraces), d. s. Heiden und Moros, d. s. Mohammedaner.] von Burney” verbreiteten auch den Islam unter den Indiern der Philippinen. Die Insel Palawan selbst wurde ein Bestandtheil des Reiches Burney oder Brunai (Borneo), während solche Einwanderer an der Bai von Manila und in den heutigen Provinzen Batangas und Tayabas sich neue Reiche gründeten. Camarínes, Mindoro, Panay, Negros, Cebú und die übrigen Visayer wurden vorläufig nur von Borneo-Kauffahrern besucht. Gleichzeitig mit diesem Zuge von Borneo her, fand eine andere Immigration von den Molukken her Statt, welche sich auf Mindanao und den Sulu-Archipel erstreckte. Bei Palawan stiessen diese beiden Einwanderungsströme zusammen. Das Erscheinen der Spanier machte dieser dritten malaiischen und islamitischen Einwanderung ein Ende; auf Luzon und in den Visayern wurde der eben erst eingedrungene Islam durch das Christenthum unblutig verdrängt und so mussten die Einwanderer der dritten Periode sich mit dem Besitze von Süd-Palawan, den Sulu-Inseln und dem grösseren Theile der Mindanao-Küste begnügen. Es war ein grosses Glück für die Bewohner der Philippinen, dass die Spanier noch rechtzeitig genug kamen, ehe der Islam festen Fuss gefasst hatte, sonst wären sie für die europäisch-christliche Civilisation verloren.

Auf Sulu scheinen noch andere Malaienstämme eingewandert zu sein: Malaien von Johore und Javanen im Mittelalter, doch bin ich nicht in der Lage gewesen, darüber Studien zu machen, da mir die nöthige Kenntniss des Holländischen vorläufig noch abgeht. Mangkassaren dienten zwar zahlreich in den Kriegen der Sulus gegen die Spanier von 1599–1646 als Söldner in den Heeren dieser Piraten, und haben gewiss auch im Lande Nachkommen hinterlassen, doch fällt diese Blutmengung hier nicht sehr in Betracht. Auch die Ansiedlungen katholischer Ternataner in Marigondon an der Bai von Manila, welche auf Betrieb der Jesuiten, bei der 1661 erfolgten Räumung Ternates durch die Spanier, entstand, ist zu unbedeutend, als dass sie irgend einen Einfluss auf die Tagalen hätte ausüben können.

Nächst den Malaien verdienen die meiste Beachtung die Chinesen, welche besonders im Norden von Luzon sich stark mit den Malaien, insbesondere den Bergstämmen vermengt haben sollen, ob zwar manche und triftige Gründe dagegensprechen, dass vor der Ankunft der Spanier die Chinesen besonders zahlreich gewesen wären; im Gegentheile erst die Ankunft der edlen Castilianer lockte sie in grösseren Mengen nach den Philippinen, der Acapulco-Handel, der so viele chinesische Waaren mit dem in China so hochgeschätzten amerikanischen Silber baar bezahlte, war es, der die Chineseneinwanderung nach unserem Archipel lenkte. Die Spanier fanden bei ihrer Ankunft nirgends Chinesenansiedlungen vor, sondern nur einzelne chinesische Kauffahrer. Die Chinesen haben seit ihrer Niederlassung im Lande durch Erzeugung einer Mischlingsrasse, der Mestizos de Sangley, einen neuen Bevölkerungsbestandtheil den Philippinen zugebracht, der durch seine Intelligenz berufen ist, einst eine grosse Rolle zu spielen.

Die Japanesen traten in ähnlicher Weise wie die Chinesen in dem Archipel auf; seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts aber, wo die letzten derselben Manila verliessen, kamen keine mehr nach den Philippinen.

In den ersten Zeiten der Conquista wurden auch Neger- und Kaffer-Sclaven von portugiesischen Händlern eingeführt; die aber noch unter Philipp II. erfolgte Aufhebung der Sclaverei auf den Philippinen machte diesem Handel zum Glücke ein rasches Ende und ersparte den Indiern die Verseuchung durch Negerblut. Von diesen Schwarzen ist keine Spur mehr vorhanden.

Von „kaukasischen” Völkern kommen zunächst die Spanier in Betracht, welche mit den Eingeborenen sich vermengten und so die Kaste der Mestizos españoles schufen. Portugiesen wanderten besonders im XVI. und Anfangs des XVII. Jahrhunderts ein, von ihnen haben sich keine Spuren mehr erhalten, sie gingen in die Spanier auf. Andere europäische Nationen kommen gar nicht in Betracht. Unbedeutend war auch die im XVII. und XVIII. Jahrhundert dann und wann Statt findende Einwanderung von Armeniern[4 - Sind nicht unter diesen „Armenios” richtig Parsis zu verstehen?], Klings und anderen Stämmen Südindiens, diese Einwanderung beschränkte sich übrigens nur auf Manila. Die wenigen Araber, welche als Proselytenmacher und Kaufleute nach Mindanao und Sulu kamen, waren auch nur Tropfen im Meere.

Die Linientruppen, welche die Spanier im XVII. und XVIII. Jahrhundert in Manila und Zamboanga unterhielten, bestanden der Hauptmasse nach aus mejicanischen, zum Theile auch peruanischen Indianern und Mestizen, welche alle mit Tagalinnen sich verheiratheten. Für Manila bedeutet diese Blutmischung bei der geringen Anzahl der Truppen und der starken Bevölkerung so viel wie Nichts, für Zamboanga aber, welches früher eine nur unbedeutende Bevölkerung und eine verhältnissmässig starke Garnison besass, fällt diese Blutmischung stärker in die Wagschale.




I. Negritos


Die Negritos oder Aëtas sind beinahe im ganzen Archipel der Philippinen zu finden, jedoch nirgends in grösserer Anzahl, und nur an der Nordostküste Luzons sind sie noch Strandbewohner geblieben, sonst haben sie nur die Gebirgswildnisse der Binnenlandschaften inne, wenngleich sie in jenen Landschaften, wo sie mit Spaniern und Malaien in freundlichem Verkehre stehen – diess ist nicht überall der Fall – , auch zu den Gestaden des Meeres kommen, um dort Waaren einzutauschen. Sie bilden, besonders auf Luzon, eine grosse Anzahl von Rassen-Inseln, welche durch weite Strecken von Malaien bewohnten Landes von einander getrennt sind.

Ihr Hauptgebiet liegt im Nordosten Luzons, den Provinzen Nueva Écija (nördlicher Theil), Príncipe, Isabela und Cagayán. Hier sind sie, wie kurz vorher erwähnt, auch Strandbewohner, indem sie den nördlichen Theil der Ostküste von Luzon von Palanan im Süden bis zum Cap Engaño im Norden bewohnen (Semper, Skizzen 49) und zwar ausschliesslich, denn bis zu diesen sturmgepeitschten Gestaden sind die malaiischen Eroberer nicht vorgedrungen. Diese Küste ist der letzte Fleck Bodens der Philippinen, in welchem die ursprünglichen Herren des Archipels, die Negritos, sich im ungeschmälerten Besitze des heimischen Bodens behaupteten. Auch der Ostabhang jener gewaltigen Cordillere, welche sich längs dieser Küste hinzieht, ist ihr unbestrittener Besitz, während am Westabhange die Negritos bereits das Land mit Stämmen malaiischer Abkunft theilen müssen. Auf diesem Boden besitzen sie auch ihre „grösste Reinheit der physischen wie der geistigen Charaktere” (Semper, a. a. O.). Im Thale des Rio Cagayán (Grande) oder Tago leben sie gleichfalls, bei Furao, Gamú, Ilagan, Tumauini, Cabagan und Tuguegarao (Mas, pobl. p. 39–40), aber auch im Stromgebiete des Rio chico de Cagayan bei Tuao und Malaueg begegnen wir ihnen (Mas, a. a. O., p. 41). Die Nordküste der Provinz Cagayán wird von ihnen nur in der Nähe des C. Engaño berührt, wo wir sie beim Vulcane Cagua häufig antreffen, von dem Meere durch Malaien, die Cagayanen oder Ibanags, getrennt, wohnen sie südöstlich und westlich von Abulug und in den Waldwildnissen von Masi (Mas, pobl. 42).

Ihr Vorhandensein in Ilócos ist von Semper (Erdk. XIII, 89) abgesprochen worden, doch ist diess wohl nur ein Versehen, indem Semper nur, so fasse ich es wenigstens auf, ihre Existenz im südlichen Theile jener Landschaft, d. h. in den heutigen Districten Benguet, Lepanto, der Provinz Union und dem südlichen Theile der Provinz Ilócos Sur verneinte, und diess ist auch richtig, denn jener Landstrich wird von den Igorroten bewohnt, einem ungemein kriegerischen Malaienstamm, der gewiss schon vor Jahrhunderten die Negritos, die in seinem Gebiete wohnten, vernichtet hat. Für den Militärdistrict Lepanto bestätigt Lillo de Gracia (Dist. de Lep., p. 18) diese Thatsache, indem er ausdrücklich erwähnt, dass sich in dem ganzen Districte keine Negritos befinden. In dem nördlichen Theile der Provinz Ilócos Sur existiren aber Negritos, Diaz Arenas nennt uns sogar die Ziffer, welche die den Spaniern unterworfenen Angehörigen dieses Stammes in Ilócos Sur ausmachen: 145 Köpfe. Buzeta erwähnt einer Negrito-Ranchería (kleine Niederlassung) bei Candon. In Abra dürften nur wenige Negritos anzutreffen sein, dagegen ist ihre Anwesenheit in Ilócos Norte sichergestellt (Ilustr. 1860, Nr. 12, p. 153; Hügel, S. 359). Die Zahl der die Autorität der spanischen Behörden anerkennenden Negritos der Provinz Ilócos Norte betrug 1848 nach Diaz Arenas 113 Seelen, neuere Daten sind mir nicht bekannt.

In Pangasinán begegnen wir ihnen wieder (Mas, pobl. p. 1), Diaz Arenas erwähnt einer Ranchería bei S. Miguel, sie zählte nur 32 Köpfe, offenbar sind es bereits unterworfene Leute. Was Diaz Arenas von 4000 Negritos in dem Grenzgebirge zwischen Pangasinán und Zambales spricht, ist ein offenbarer Irrthum. Denn die Grenze Pangasináns gegen Zambales berührt jenes Gebirge nur in seinen äussersten Ausläufern, kann also unmöglich eine so grosse Zahl dieser Wilden beherbergen, und schliesslich bemerkt Drasche (Fragm., S. 21) ausdrücklich, dass der nördliche Theil jener Cordillere unbewohnt sei. Es ist also jene (jedenfalls übertriebene und auf roher Schätzung beruhende) Ziffer nur auf die in der Provinz Zambales (südl. Theil) wohnenden Negritos zu beziehen. In Zambales und Bataán sind sie häufig, Dr. A. B. Meyer hat sie dort selbst aufgesucht und uns nicht nur genaue Nachrichten, sondern auch Skelette mitgebracht, desgleichen Dr. Schadenberg. 1848 zählte man nach Diaz Arenas 825 den Spaniern unterworfene Negritos. In dem centralen Theile von Luzon leben sie nur in vereinzelten Horden: in der Provinz Bulacán (beim Monte Angal und S. José), in den Wäldern von S. Mateo und Bosoboso in der nächsten Nähe der Hauptstadt (Waitz, V, 57. – Mas, pobl. 1. – Jagor, Phil. 51. – Meyer, Negr., S. 25). In Cavite und Taal scheinen sie zu fehlen, doch deutet eine Sage über die Laguna de Bombon auf ihre frühere Anwesenheit. Über ihre Existenz in Tayabas berichtet nur ein Gewährsmann, Diaz Arenas, der von 516 unterworfenen Negritos spricht, und Cavada 1, 198. Auf der Insel Alabat (Ostküste Luzons) sind sie auch vorhanden (Semper, Skizzen 49).

Das Südende Luzons bildet die langgestreckte, stark gegliederte Halbinsel Camarínes, auf welcher sich die Provinzen Camarínes Norte, Camarínes Sur und Albay befinden. Ob hier Negritos wohnen, war früher zweifelhaft. Semper (Skizzen, 49) sagt: „im südlichen Luzon scheinen sie zu fehlen” und Jagor (Phil. 106): „reine Negritos kommen, so weit meine Erkundigungen reichen, in Camarínes nicht vor”. Dem entgegen berichtet Drasche (Fragm. 66), dass am Vulcan Iriga eine Ansiedlung von Negritos und eine andere von Mischlingen von Negritos und Vicol-Malaien existirte. Da aber Jagor ausführlich über jene wilden Stämme am Iriga berichtet und sie nicht zu den Negritos zählt, so schien jene Meldung ein Irrthum des Geologen Drasche zu sein. Andererseits befindet sich in den Sammlungen der Berliner Anthropologischen Gesellschaft ein männliches Negritoskelett vom Iriga, welches Dr. Schetelig mitgebracht hatte (Virchow, Verh. d. Berl. Anthr. Ges. 1871, S. 36). Drasche erwähnt (Fragm. 61), dass in den Gebirgswildnissen von Camarínes Norte Negritos leben, woran gewiss nicht gezweifelt werden kann, denn jene Territorien sind sehr dünn bevölkert, und die Vicol-Malaien, welche an den Küsten und in den Flussthälern wohnen, eine indolente und unkriegerische Rasse, somit alle Vorbedingungen zur Existenz von Negritos vorhanden. Diaz Arenas spricht von 500 Negritos in den Bergen von Albay (1848), Cavada (1, 221) erwähnt, dass sie in den Bergen bei Malinao hausen.

Über die Existenz der Negritos auf den einzelnen Inseln des Visayer-Archipels begegnen uns manche Widersprüche, und wir sehen uns bei den spärlichen Nachrichten genöthigt, mitunter auf Quellen aus dem XVIII. ja XVII. Jahrhundert zurückzugehen; diess ist gleich bei Mindoro der Fall. Diese grosse Insel ist nur selten von wissenschaftlich gebildeten Europäern betreten worden, und so kommt es, dass wir auf das aus 14 dickbäuchigen Bänden bestehende Geschichtswerk des Fray Juan de la Concepcion zurückgehen müssen, welches beim Jahre 1716 (T. VII, p. 11) erwähnt, dass auf Mindoro neben wilden „Indiern” auch wilde Negritos („negritos cimarrones”) lebten. Dr. A. B. Meyer zweifelt nicht daran, dass hier Negritos existiren (Negr. 11). Diess ist alles, was uns über die Negritos von Mindoro bekannt ist, wobei ich darauf hinweise, dass nur ein schmaler Küstensaum den Spaniern unterworfen, das ganze Innere aber eine terra incognita ist.

Über Panay, die reichste und bevölkertste Insel der Visayas, fliessen reichlichere Quellen: schon Fray Gaspar de San Augustin und Gemelli-Carreri berichten, dass im Innern der Insel Negritos wohnen. Dr. A. B. Meyer sah sie dort (Meyer, Negr. 11 u. 26). Sie bewohnen die Gebirgswildnisse und kommen oft zur Küste herab, selbst nach Ilo-ilo. Der Augustiner Mozo nennt speciell die Berge von Bosoc als den Hauptschlupfwinkel derselben (Misiones, p. 142). Diaz Arenas giebt für die Negritos der Provinz Ilo-ilo die Zahl von 500 Köpfen an, von den übrigen Provinzen der Insel weiss er keine Daten anzugeben. Cavada bestätigt ihre Existenz auf Panay (II, 98). Auf der kleinen Insel Tablas sind zwei Negrito-Niederlassungen (Cavada II, 127).

Die Insel Negros dankt ihren Namen den Negritos, welche dort in der Zeit der Conquista in viel grösseren Massen gewohnt haben müssen, als wie diess heute der Fall ist. Übrigens ist es nicht einmal nöthig diese anzunehmen, denn die Spanier konnten der Insel den Namen auch nur des Umstandes wegen gegeben haben, weil sie dort zuerst auf Negritos überhaupt stiessen, denn wie aus Morga, Fray Gaspar de S. Agustin, Fr. Juan de la Concepcion &c. erhellt, war schon in jener Zeit die Küste in den Händen der Indier oder Malaien, die freilich eine starke Dosis von Negritoblut in ihren Adern besassen, wie sich das noch heute erkennen lässt (Meyer, Negr. 26). Semper (Skizzen 49) spricht nur von „wenigen Negerfamilien”, welche um den Vulcan Malaspina „hausen”. Dem widerspricht die bestimmte Zahl von 3475 Köpfen, welche Diaz Arenas für Negros angiebt, und Dr. A. B. Meyer erwähnt ausdrücklich, dass sie dort zahlreich vorkommen (Negr. 11). Zu Gemelli-Carreri’s Zeit müssen sie noch zahlreich gewesen sein (man vgl. auch: Allg. Hist. d. Reisen XI, 412). Cavada (II, 171) schätzt die Zahl der Negritos in Nord-Negros auf 8900 Seelen.

Auf Cebú traf sie Dr. A. B. Meyer (Negr. 11 u. 26), doch dürfte ihre Zahl dort eine nur geringe sein. Über Bóhol liegen mir absolut keine Nachrichten vor, so dass ich sogleich zu den beiden grossen Inseln Leyte und Sámar übergehen will. Dr. Jagor (Phil. 227) sagt: „Negritos sind weder auf Sámar noch Leyte vorhanden”, wogegen Dr. A. B. Meyer es nicht für unmöglich hält, dass dort Negritos wohnen. Spanische Schriftsteller schweigen gänzlich über diesen Punkt.

Auf der Insel Palawan (Paragua der Spanier) und der Gruppe der Calamianes leben nach Waitz, V, 57, Negritos, desgleichen nach S. 55 desselben Werkes im Innern der Hauptinsel von Sulu. Bezüglich letzterer ist es nur auffallend, dass weder ältere (Combez) noch moderne (Pazos) spanische Autoren hierüber etwas melden. Man könnte diese Negritos von Sulu und Palawan mit den Idaanes oder Idanes identificiren, welche (Waitz, V, 46) auf der Ostküste von Palawan (d. h. wo auch die Negritos wohnen sollen) und im Innern von Sulu wohnen. Zwar heisst es, dass nur die Heiden (also im Gegensatze zu den Moslim) so genannt würden, aber auffallend ist immerhin einerseits die Nachricht, dass der Name Idan eine Collectivbezeichnung sei, indem die Idan verschiedene Sprachen sprächen, andererseits die Ähnlichkeit von „Idan” mit den Bezeichnungen „Etas”, „Itas”, welche sich die Negritos von Luzon selbst beilegen oder von den Eingeborenen erhalten. Insbesondere auffallend ist die Ähnlichkeit mit dem Namen „Idayan”, welchen ein Negritodialekt in Nord-Luzon führt. Doch widerspricht dieser Hypothese entscheidend die Nachricht, dass die Idanes – welche übrigens den spanischen Autoren nicht bekannt sind – nach Dalrymple (Waitz, V, 98) hellfarbiger sein sollen als die Küstenbewohner. Für Sulu (Hauptinsel) möchte ich die Existenz von Negritos schon deshalb verneinen, als im Innern dieser Insel ein ungemein kriegerischer Malaien-Stamm, jener der Guimbas, wohnt, der gewiss die Negritos ebenso ausgerottet haben dürfte, wie diess unter ähnlichen Verhältnissen in den Ländern der Igorroten auf Luzon geschehen ist. Dass die Insel Palawan Negritos beherbergt, ist wohl nicht zu bezweifeln, dagegen dürfte gegen ihre Anwesenheit in den Calamianes einiges einzuwenden sein, obwohl man bei den spärlichen Nachrichten und der geringen Kenntniss des Landes sich hierüber nur sehr reservirt aussprechen darf. Ich mache nur darauf aufmerksam, dass die Spanier unter der Bezeichnung Calamianes auch den nördlichen Theil Palawans mitverstehen, wodurch leicht Irrthümer entstehen können.

Der südlichste Theil des Generalcapitañats der Philippinen, die grosse Insel Mindanao, wird ebenfalls von Negritos bewohnt. Der berühmte Jesuit P. Francisco Combez, der gründlichste Kenner jenes Landes zu seiner Zeit, constatirt ihre Existenz auf Seite 36 seiner Geschichte von Mindanao, und auch Dampier und Gemelli-Carreri bestätigen diess. Selbst der 25. Bd. der Halle’schen Welthistorie berichtet, dass im Innern Mindanao’s Neger hausen. Ihr Hauptsitz soll der nordöstliche Winkel Mindanao’s sein, was sehr natürlich erscheint, indem ja die malaiische Invasion von Südwest erfolgte, eine Analogie haben wir bereits auf Luzon gefunden, nur sind die Negritos von Mindanao von der Küste durch Malaien getrennt. Dr. F. Jagor schätzte ihre Zahl auf dieser Insel auf 10 000 Köpfe, fügt aber hinzu, dass ihre Rassenreinheit sehr fraglich wäre (Phil. 322). Cavada (II, 206) constatirt ihre Existenz in dem zur Provinz Surigao gehörigen Theile Mindanao’s.

Die Negritos sind also beinahe in allen Theilen des Archipels zu finden, mit Ausnahme der beiden Inselgruppen der Batanes und Babuyanes und vielleicht von Sámar, Leyte, Bóhol und Sulu. Trotz dieser grossen Verbreitung ist ihre Zahl eine sehr geringe, und wenn Mas (pobl., p. 9) und Mallat (II, 94) ihre Zahl auf 25 000 schätzen, so ist diess jedenfalls eher zu viel als zu wenig, wie diess schon Semper (Skizzen 138) hervorgehoben hat.

Was ihr Äusseres anbelangt, so haben darüber die ausgezeichneten Untersuchungen von Hofrath Dr. A. B. Meyer, Prof. Virchow, Prof. Semper und Dr. Schadenberg genug Eingehendes über diesen Gegenstand gebracht, so dass ich mich mit einer kurzen Zusammenstellung des Gegebenen begnüge. Ihr Körperbau ist klein, schmächtig, die Waden, wie diess die Photographie in dem so überaus interessanten Werke Dr. Meyer’s „Über die Negritos &c.” drastisch zeigt, fast gar nicht vorhanden. Durchschnittshöhe der Männer (Prov. Zambales) 1445 mm. Der Kopf ist vollständig negerähnlich, der Kiefer ein wenig vorspringend, die Lippen schwach gewulstet, die Nase ist plattgedrückt; man vergleiche darüber die Skizzen Dr. Meyer’s in seinem oben erwähnten Werke. Das Haar ist wollig, dick und schwarz oder braunschwarz, Prof. Semper hebt seine Glanzlosigkeit hervor, es wird kurzgeschoren getragen. Ihre Körperfarbe ist schwärzlich-braun (dunkelkupferfarben). Wie bei vielen Stämmen, die in ähnlichen Verhältnissen leben, findet man bei ihnen verhältnissmässig grosse Bäuche. Der spärliche Bartwuchs beschränkt sich meist auf den Backenbart (Schadenberg 147). Auffallend ist die Geschicklichkeit, mit welcher sie sich ihrer Zehen zum Greifen und Festhalten zu bedienen wissen (Schadenberg 143).

Ihr Temperament ist ein sehr lebhaftes, und dass sie nicht so unbegabt sind, wie es die spanischen Geistlichen gern darthun möchten, beweist nicht nur der Umstand, dass sie ausser ihrer eigenen Sprache oft noch zwei Dialekte der angrenzenden Malaien sprechen (Meyer, Negr. 15), sondern auch die Thatsache, dass unter den malaiischen Irayas in Nordost-Luzon sich die Negritos sogar zu fester Niederlassung und sogar zum Ackerbau[5 - Auch die Negritos von Tarlac (Pampanga) sind Ackerbauer, indem sie Reis und Mais pflanzen (Cavada I, 164), ebenso pflegen die Negritos von Camarínes Norte, vom Hunger getrieben, den Vicol-Malaien bei der Bestellung der Reisfelder mitzuhelfen (Cavada II, 447).] haben bewegen lassen. Das sind auch ihre einzigen festen Niederlassungen, sonst leben sie als Nomaden in ihren Wäldern, selbst die Rancherías der den spanischen Behörden unterworfenen Negritos haben nur einen festen Namen (oft auch diesen nicht), aber keinen fixen Platz. Ihr einziger Schutz gegen die Unbilden der Witterung besteht in leicht beweglichen Schirmen, welche schräg gegen die Windrichtung oder gegen die Sonne gestellt werden. Sie sind aus Palmenblättern geflochten und haben oft eine Oberfläche von 25–30 Quadratfuss (Semper, Erdk. XIII, 253). Die Küsten-Negritos von Nordost-Luzon, welche Dumagat genannt werden, liegen unter diesen Schutzdächern je nach dem Vermögensstande auf Strohmatten, Stücken von Baumrinde oder nur auf der nackten Erde (Semper, l. c. und Ilustracion 1860, n. 17, p. 193), diese Schutzdächer tragen sie bei ihren Wanderungen mit sich herum.

Um sich vor der Nachtkälte in den Bergwäldern zu schützen, legen sie sich so nahe an das Feuer, dass man glauben sollte, ihre Haut müsse versengt werden, oder sie legen sich sogar in die heisse Asche hinein. Da sie sonst auch sehr unreinlich sind, so ist es kein Wunder, wenn ihr Körper mit Schmutzkrusten bedeckt ist.

Bis zum Eintritt der Pubertät laufen sie ganz nackt herum (Mundt-Lauff, Natur V, 458), dann schlagen sie sich ein Tuch um die Lenden oder tragen ein oft ungenügendes Suspensorium (Meyer, Negr. 15). Die Weiber jener Horden, welche in einem freundschaftlichen Handelsverkehre mit den Christen stehen, tragen ein kurzes Jäckchen (auf den Philippinen Hemd – camisa – genannt) und den Tapis der philippinischen Malaien (Ilustr. 1860, n. 17, p. 193). Unter den Männern tragen einige auch einen erhandelten Mantel um die Schultern und auf dem Kopfe ein Tüchlein (Ilustr., l. c.). Die Leibbinde besteht aus einem selbstbereiteten Baumrindenstoff oder aus gekaufter Baumwolle. Es giebt aber auch Negrito-Horden, welche die Tracht der christlichen Malaien angenommen haben (Cavada I, 221; II, 127).

Sie kennen und üben die Sitte des Tätowirens. Bei den Negritos von Zambales und Bataán (Sierra Mariveles) werden die Tätowirungsmuster, welche aus geradlinigen Mustern bestehen, durch Hauteinschnitte mittelst geschärfter Bambussplitter erzeugt. Dadurch entstehen schwach erhöhte Narben, welche aber erst in grosser Nähe in die Augen fallen (Meyer 16). Auch die Dumagat-Negritos tragen geradlinige Muster auf Brust, Oberleib, Schultern und Rücken, hier (Nordost-Luzon) aber werden keine Hauteinschnitte gemacht, sondern jene Muster wie bei den umliegenden Malaien mittelst einer Nadel eingestochen (Semper, Skizzen 50). Sobald die Tätowirung vollständig ist, wird der Negrito-Jüngling ein selbständiger Mann, er kann jetzt heirathen und eine Familie gründen (Schadenberg 136).

Bei einigen Horden werden die Schneidezähne sägeförmig zugefeilt (Jagor 374; Meyer, Negr. 23 u. 27), diese Sitte ist aber nicht allgemein, denn Mas (pobl. I) sagt ausdrücklich, er hätte nur einige Negritos gesehen, welche die Zähne spitzgefeilt trugen, was auch Schadenberg bestätigt (136). Semper will diese Sitte nur auf die Negritos von Mariveles oder Zambales beschränkt wissen (Palau-Inseln 364). Über künstliche Schädeldeformation ist wenig bekannt, doch muss dieselbe wenigstens theilweise Statt finden (Schadenberg 135).

Ledige Männer tragen in den Haaren Kämme aus Rohr (m. vgl. die Abbildungen bei Schadenberg), angeblich zum Zeichen ihres ehelosen Standes (Ilustr. 1850, n. 17, p. 193), doch scheint letzteres nicht für alle Horden zu gelten, am allerwenigsten für die Negritos der Sierra Mariveles. D. Sinibaldo Mas (pobl. 2) erwähnt, dass bei den Negritos der Waldwildnisse des Mte. Camachin die Mädchen Halsbänder aus Palmenblättern trugen. Von ähnlichen Halsbändern aus Bast- oder Bejucoschnüren spricht Dr. Schadenberg (S. 141). Die Negritos von Zambales tragen nur selten Ohrgehänge, welche mitunter aus Muscheln bestehen, die Dumagat-Männer sowie alle Negrito-Weiber tragen in ihren Ohren verschiedene Schmuckgegenstände oft der verwunderlichsten Art. Es sind oft nur Stücke Rohr oder Holzsplitter, welche an den Enden ganz zerfasert sind, so dass faustgrosse leicht gekräuselte Büschel dadurch entstehen; Semper (Erdk. XIII, 253) fand diesen Schmuck bei den Dumagat-Negritos. Die Weiber benutzen ihre Ohren auch als Transportmittel, indem sie Rollen jener Pflanzenrinde, welche ihnen zur Bereitung ihrer Kleiderstoffe dient, in die Ohrlöcher stecken (Semper, Erdk. XIII, 253). Manche Weiber tragen auch ein Zweiglein sammt seinem Blüthenschmucke in den Ohren (Ilustr. 1860, n. 17, p. 193), die Weiber tragen auch schön verzierte Bambuskämme in den Haaren (Schadenberg 141). Ringe werden an Armen und Beinen getragen (Semper, Skizzen 50). Glasperlen und Messingdraht (um den Hals zu tragen) dienen den Frauen zum Schmucke (Meyer, Negr. 15). Sonst schleppen sie noch selbstverfertigte Beutel mit sich herum, in denen sie den leidenschaftlich begehrten Tabak und Betel verwahren. Da ich schon vom Tabak spreche, so sei erwähnt, dass sie ihn nur in Cigarrenform rauchen, wobei sie das glimmende Ende zwischen die Zähne nehmen (Schadenberg 146). Eine Zierde der Männer ist der Hayabung, d. h. eine mit Wildschweinborsten, Glasperlen und Fledermausfellen verzierte Schnur, die oberhalb der Wade getragen wird (Schadenberg 141). Nach Dr. Jagor legt diesen Schmuck nur derjenige an, dem es geglückt ist, ein Wildschwein zu erlegen.

Man hat ihnen früher jede Religion abgesprochen. Bastian (Reisen V, 268) berichtet, dass sie ausser Gott („Cambunian”) Mond und Sterne verehren. Beim Donnern opfern sie Schweine und dem Regenbogen bringen sie Gebete dar. Nun ist aber der Cambunian eine Igorroten-Gottheit, ebenso ist, was Mas (pobl. 4) von der Religion der Negritos vom Mte. Camachin erwähnt, der alte Glaube der Tagalen. Nur was den Mondcultus anbelangt, ist Bastian im Rechte, denn Schadenberg erzählt (S. 144), dass sie in Vollmondnächten mit Bogen und Pfeil auf den Schultern Tänze abhalten, an denen auch die Weiber theilnehmen. Dr. A. B. Meyer konnte bei den Negritos der Sierra Mariveles weder Götzen oder den Göttern geweihte Stätten entdecken. Bei den Dumagat-Negritos existiren einige „rohe Mythen, die sich um Essen und Trinken drehen”; auch feiern sie in Gesängen eine grosse Schlange, welche ihnen im Traume die Orte weist, wo das Wild oder der Honig zu finden ist (Semper, Erdk. X, 254).

Die Frauen gebären leicht und schnell, bei schweren Geburten vertritt ein altes Weib die Stelle der Hebamme. Die Nabelschnur wird durch einen scharfen Bambus abgetrennt und das Kind abgewaschen, und zwar mit Wasser, welches an der Sonne gestanden hat. Die Kinder werden rittlings auf der Hüfte und später auf dem Rücken getragen (Schadenberg 135); das Stillen dauert beiläufig zwei Jahre (l. c.).

Die Ehen werden frühzeitig vereinbart, aber erst später nach erlangter Pubertät vollzogen, es giebt Eheleute oder vielleicht richtiger gesagt Verlobte, welche nur 8 oder 9 Jahre zählen (Ilustr. 1860, n. 17, p. 193). Nach Mundt-Lauff (Natur V, 458) heirathen die Männer nicht vor dem fünfzehnten, die Weiber nicht vor dem dreizehnten Jahre. „Monogamie ist bei ihnen Regel” berichtet Schadenberg (135). Bei den Negritos von Albay wird die Braut durch Kauf vom Schwiegervater erworben; wird die Ehe durch Untreue der Gattin gelöst, so muss dieser Kaufpreis dem Schwiegersohne rückgestellt werden (Cavada I, 221). Die heutigen Negritos von Zambales-Bataán suchen ihre Frau sich womöglich aus der eigenen Verwandtschaft, während bei den Negritos auf Negros Ehen innerhalb derselben Horde, wenigstens am Ausgange des XVII. Jahrhunderts, nicht gestattet waren, man konnte die Weiber nur durch Raub von fremden Horden erlangen, und diess führte zu endlosen Kriegen (Allg. Hist. XI, 412). Die Hochzeit selbst wird durch Gesang und Tanz gefeiert, wobei Braut und Bräutigam in festlichem Schmucke erscheinen (Schadenberg 137). Die Frau hat alle Lasten des Lebens zu tragen, dem Manne obliegt nur die Jagd, er hat auch eine unumschränkte Macht über alle Glieder seiner Familie (l. c.). Ein angenehmer Zug im Charakter der Negritos ist die hohe Achtung vor dem Alter, erwerbsunfähige Greise werden von ihren Angehörigen liebevoll gepflegt (Schadenberg 135).

Da sie nur mit Misstrauen sich den Christen nähern, so ist uns auch über ihre sonstigen Bräuche wenig bekannt. Ihre Festlichkeiten bestehen in Tänzen und Gesängen. Der Tanz Acubac wird in folgender Weise ausgeführt: ein oder mehrere Mädchen stellen sich in die Mitte eines Kreises, welcher von Männern gebildet wird. Diese halten einer den anderen beim Gürtel fest und drehen sich um die Weiber, indem sie mit den Füssen den Boden nach dem Takte eines monotonen und langweiligen Gesanges stampfen. Ähnliches berichtet Dr. Schadenberg. Dieser Gesang heisst „inalug” und wird von den Weibern gesungen, die Männer wiederholen oder antworten mit einem ähnlichen Wechselgesang (Ilustr. 1860, n. 17, p. 194). Der Text besteht aus sinnlosen und zufälligen Phrasen (Meyer 16), alte Männer halten es unter ihrer Würde mitzusingen, diess gebührt nur den jungen. Mas (pobl., p. 3) vergleicht diese Gesänge der Negritos mit dem Comintan der Tagalen, jedenfalls müssen diess andere sein, wie der eben beschriebene Acubac. Nach Semper besingen sie auch kriegerische Grossthaten. Die Negrito-Weiber vom Mte. Camachin besassen eine Art von Guitarre oder Zither, welche aus Rohr verfertigt war, die Stelle der Saiten vertraten drei dünne Fäden, welche aus Wurzelfasern bestanden, doch gab es auch solche von Sehnen. Das Instrument besitzt keinen Griff und wird mit der linken Hand gespielt (Mas, l. c.). Mit dieser Zither oder Guitarre begleiteten sie im 2/4 Takte den Gesang anderer Mädchen, wobei die Spielenden mit dem Fusse taktförmig stampften, auch die Männer wussten das Instrument zu handhaben. Dr. Schadenberg fand ausser Muschelhörnern keine Musikinstrumente bei den Negritos von Zambales vor.

Ackerbau ist ihnen als herumstreifenden Jägern und Fischern fremd, nur die unter den Irayas wohnenden und die Negritos von Tarlac bauen Reis, sonst nähren sie sich durchweg von Waldfrüchten und anderen Vegetabilien, Honig, Wildpret und Fischen. Unter den ersteren sind es die Herzen der Palmensorten und die Wurzeln wilder Aroideen, welche ihnen die meiste Nahrung aus dem Pflanzenreiche liefern (Semper, Skizzen 52). Ihr Hauptleckerbissen ist der Honig der zahlreichen wilden Bienen; die Zeit, wo die von den Bienen besiedelten Bäume gefüllt sind, ist ihre Erntezeit. Das Wachs verhandeln sie an Christen und Chinesen für Tabak und Betel, denn sie sind nicht nur leidenschaftliche Tabakraucher, sondern auch Betelkäuer (Semper, l. c.). Das Fleisch der erlegten Thiere braten sie in Gruben (Schadenberg 144, nach P. Felipe Calayag). Was sonst kriecht und fliegt und schwimmt wird von ihnen gegessen, wenn sie nur dessen habhaft werden können, aber diess ist bei dem elenden Zustande ihrer Waffen nicht so leicht. Letztere bestehen aus Bogen, Pfeil und Waldmesser, die Pfeile haben eine eiserne Spitze, die sie durch Handel erlangen; früher bestand die Pfeilspitze, wie Gemelli-Carreri berichtet, meist aus Kieselsteinen, Knochen oder Holz. Die Pfeile werden in einem primitiven Köcher – einem Stück Bambusrohr getragen (Ilustr. 1860, n. 17, p. 193). Dr. Meyer (Negr. 15) und Dr. Mundt-Lauff (Nat. V. 479) haben keine vergifteten Pfeile bei ihnen vorgefunden, dagegen aber Dr. Jagor (Phil. 51), desgleichen Mozo, welcher (Misiones, p. 110) erzählt, dass sie das Pfeilgift aus der Rinde eines von ihnen Camandag genannten Baumes und mehreren anderen Wurzeln und Kräutern bereiten. Vergiftete Pfeile erwähnt Cavada nicht bei ihnen, wohl aber bei den mit ihnen wahrscheinlich identischen Balugas. Sie haben drei Gattungen Pfeile, nämlich für Vögel, Wildschweine und grösseres Wild (Schadenb. 138). Gut wissen sie auch Steine zu schleudern, seltener trifft man bei ihnen Lanzen an (l. c., p. 140 f.). Bei der Jagd werden sie von Hunden, ihren einzigen Hausthieren, unterstützt (Mozo 106, Schadenberg 146).

Selten gelingt es ihnen, ein grösseres Thier zu erlegen, so dass ihre animalische Kost sich nur auf das Fleisch von Schlangen, Fröschen und Fischen reducirt (Meyer, N. 14), letztere werden nicht geangelt, sondern mit Pfeilen geschossen (Semper, Skizzen 52).

Stirbt ein Negrito (in Ilócos Norte), so wird er im Gebirge begraben, in das Grab werden ihm Feuerstein, Waffen und Stücke Wildpret mitgegeben, desgleichen von allem, was dem Verstorbenen nahe ging, wenigstens ein Theil (Ilustr. 1860, n. 12, p. 153). Dr. Meyer fand die Leichen der Zambales-Negritos in ausgehöhlten Baumstämmen[6 - Dr. Schadenberg fand diese Bestattungsweise nicht allgemein vor, dagegen bestätigt sie Cavada (I, 221).], nur einen Fuss tief unter der Erdoberfläche, in diesen rohen Särgen fand sich nur hie und da eine Eisenspitze. Der Kopf der Todten wird in ein rohes Gewebe gehüllt (Schadenberg 148). Die Gräber waren auch äusserlich kenntlich: sie besassen ein Schutzdach von Bambus und Palmzweigen, ein Bambusgitter umgab das Grab (Meyer 17), letzteres sah auch Mas bei den Negritos vom Mte. Camachin (Mas, pobl. 4). Diese pflegen ein Jahr lang die Grabstätte gänzlich zu meiden, die Negritos von Nordost-Luzon verlassen zwar den Ort, bleiben aber in der Nähe, um zu verhindern, dass jemand die Stätte betritt. Wer diess thut, wird aus sicherem Verstecke durch Pfeilschüsse getödtet[7 - Ähnlich berichtet Dr. Schadenberg (147) nach Serrano und Calayag, dass die Negritos für jeden verstorbenen Stammesgenossen einen Indier (-Malaien) tödten.] (Semper, Erdk. X, 255); sollte diess nur eine Strafe für die Entweihung der Stätte sein, oder soll durch die Tödtung des Fremden der Verlust des eigenen Stammes gleichsam wettgemacht werden?

Ihre Zersplitterung macht sie ihren Feinden gegenüber ohnmächtig, selbst die kleinen, 20–30 Köpfe zählenden Horden haben gar keine feste Organisation oder irgendwelche Disciplin, sie kennen eben nur die Bande der Familie (Meyer, Negr. 15), doch geniessen die älteren Männer ihrer Erfahrung wegen einen freilich nicht schwerwiegenden Einfluss. Der Häuptling bestimmt die Lagerplätze und die Zeit des Aufbruches (Schadenberg 137). Die Negritos der Provinz Ilo-ilo erkennen diejenigen als Häuptlinge an, welche von den spanischen Missionären eingesetzt werden (Buzeta II, 103 f.). Einzelne Horden zahlen der spanischen Regierung eine Abgabe in Naturalien als Zeichen der Unterwerfung, doch geschieht diese Zahlung sehr unregelmässig und hängt nur von dem guten Willen der Negritos ab, da die spanischen Behörden ihren Wildnissen gegenüber machtlos sind. Solche „unterworfene” Negritos besitzen dann einen „Gobernadorcillo (Gemeindevorsteher)”, eine Puppe, welche den Verkehr zwischen der Behörde und den Negritos vermittelt. Der Gobernadorcillo wird aus den ältesten der Horde erwählt, hat aber unter seinen Stammesgenossen gar keine Macht, sein Amt ist sehr einträglich, denn die spanischen Beamten und Pfarrer pflegen ihn reichlich zu beschenken. Manche Horden stehen mit den Spaniern auf Kriegsfuss, ein Mal kamen 700–900 feindliche Negritos bis vor Lingayen (Mas, pobl. 2). Die Malaien haben vor ihnen trotz ihrer schwachen Zahl und ihren armseligen Waffen einen bedeutenden Respect. Die einzelnen Horden sind in beständige blutige Fehden mit einander verwickelt, wodurch sie immer mehr decimirt werden. Scheidnagel (Filipinas 30) sagt von den Zambales-Negritos, dass sie wild und blutdürstig wären. Die Negritos zwischen Baler und Casiguran sind im ständigen Kampfe mit christlichen wie heidnischen Malaien begriffen (Semper, Erdk. XIII, 252). Sie wurden von den heidnischen Stämmen oft auch bekriegt blos um Gefangene zu erhalten, letztere wurden der Familie eines Erschlagenen von jener des Mörders übergeben, um als Sühne für den Ermordeten abgeschlachtet zu werden.

Nach dem Erzählten ist es leicht begreiflich, dass die Gesammtzahl der Negritos nur eine sehr geringe sein kann, Mas (pobl. 9) schätzt sie auf 25 000, Mallat (II, 94) giebt dieselbe Ziffer an, Semper hält diess mit Recht für übertrieben (Skizzen 138). Jedenfalls beträgt ihre Anzahl mehr als 10 000 Seelen, wobei ich von Mindanao ganz absehe und mich nur auf Luzon und die Visayas beschränke. Sie gehen langsam, aber sicher ihrem Untergange entgegen.

Ehe ich zu den Malaien übergehe, habe ich noch den interessanten Stamm der Balugas zu erwähnen, welcher in Pangasinán und zwar der Centralebene Luzons wohnt. Semper hat die Balugas selbst gesehen und bezeichnet sie als eine Mischlingsrasse von Negritos und Malaien (Skizzen 53); der Name ist nach ihm tagalisch und bedeutet soviel als schwarzer Mestize, schwarzer Bastard (Skizzen 136). Diese Mischung mit malaiischem Blute ist aber nicht stark genug, um die den Negritos charakteristischen Eigenthümlichkeiten verschwinden zu machen; im vorigen Jahrhundert haben diese Balugas ein Leben geführt, das sich in gar Nichts oder wenigstens so gut wie gar nicht von jenem der Negritos unterscheidet, so dass man geneigt wäre, sie in jener Zeit als noch unvermischt anzusehen. Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass nach Mas (pobl.) die Negritos neben dem spanischen Namen Negrillos auch noch die eingeborenen: aëtas, itas, etas und balugas führen und Scheidnagel (Filipinas 61) bemerkt ausdrücklich: „Se les suele denominar por los indios con el nombre de balugas”, ebenso spricht Cavada (I, 164) von Balugas ó Aëtas. Die Malaiinnen Luzons haben einen Abscheu vor den Negritos und gehen trotz ihrer starken Sinnlichkeit keine geschlechtlichen Verbindungen mit den Männern der schwarzen Rasse ein, wie Fr. Gaspar de S. Augustin schon bemerkt (die Visaya-Malaiinnen sollen nicht so heikel sein), es kann daher jene Vermischung nur durch geraubte Malaiinnen Statt gefunden haben oder durch Remontados, das heisst durch Malaien, welche eines Verbrechens wegen oder um den Steuern zu entgehen in die Wälder flohen und sich unter jenen Negritos niederliessen, was aber nicht gut möglich ist, da die Negritos gegen diese Exchristen ein starkes Misstrauen hegen. Es ist also nur der erste Fall der wahrscheinlichere.

Fray Antonio Mozo überschreibt das VIII. Cap. seines Werkes mit: „Missiones de Balugas ó Aëtas”, er will also Balugas mit Negritos identificiren, wie auch aus dem Inhalt des ganzen Capitels erhellt. Was er von dem Leben und Treiben der Balugas erzählt, ist eben so gut auf die heutigen Negritos anwendbar. Die Balugas von Pangasinán, welche Professor Semper sah, müssen also erst seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts mit malaiischem Blute sich gemengt haben, und man wird vorsichtig mit dem Namen Baluga umgehen müssen, nachdem, wie wir soeben gesehen, auch Vollblut-Negritos so genannt wurden und werden.

Noch sei zum Schlusse bemerkt, dass es eine Zeit gab, wo man zweifelte, ob die Negritos sich im Besitze eines eigenen Idioms befänden. Diess kam daher, weil die Negritos im Verkehre mit Spaniern und Indiern sich der Sprache ihrer malaiischen Nachbarn bedienen. Durch die gründlichen Untersuchungen der Herrn Dr. A. B. Meyer, Dr. v. Miklucho-Maclay und Dr. A. Schadenberg ist sichergestellt, dass die Negritos sich im Besitze einer eigenen Sprache befinden, welche freilich von den malaiischen Nachbar-Dialekten nicht unbeeinflusst geblieben ist.




II. Malaien





1. Tagalen


Der bedeutendste Zweig der malaiischen Rasse auf den Philippinen wird von den Tagalen (Tagales) gebildet. Die Tagalen bewohnen den centralen Theil Luzons. Die Provinzen und Districte: Manila, Laguna, Cavite, Batangas, Bulacán, Morong, Infanta, Tayabas, Bataán und die Corregidor-Insel werden beinahe ausschliesslich von ihnen bewohnt, nur in Manila bilden Weisse, Chinesen und die Mischlinge dieser Rassen einen erheblichen Bruchtheil der Bevölkerung, wie die officiellen Censuslisten aufweisen. Überdiess wohnen sie in nicht unbedeutender Stärke in der Provinz Zambales, ferner in den Provinzen Príncipe, Isabela und Nueva Écija. An der Nordostküste Luzons ist der nördlichste von ihnen bewohnte Punkt Paranan (Semper, Erdk. X, 258). In der Provinz Camarínes Norte reichen sie von Nordwesten her bis zu dem durch seine reichen Goldminen bekannten Orte Paracáli, wo bereits mehr Tagalisch als Vicol gesprochen wird (Jagor, Phil., 149). Hier hat also das Tagalog seit den Tagen der Conquista bedeutende Fortschritte gemacht, denn in der Zeit des Don Juan de Salcedo waren jene Gegenden von Camarínes Norte ausschliesslich mit Vicols besiedelt. Die grosse Insel Mindoro wurde im XVII. Jahrhunderte nur an den Nordküsten von Tagalen bewohnt (Allg. Hist. XI, 406), heute herrscht auf der ganzen Insel, so weit sie Spanien unterworfen ist, d. h. an den Küsten, die tagalische Sprache. Die Insel Marinduque war bei der Ankunft der Spanier von Visayern bewohnt, welche unter tagalischen Häuptlingen lebten, die Zahl der Tagalen war gering, auch hier bewährte sich die tagalische Sprache als Siegerin, sie ist heute die herrschende, wie die Censuslisten aufweisen. Auf der Ostküste Luzons wird die Insel Polillo gleichfalls von ihnen bewohnt. Verstreut, aber nur in geringer Anzahl, sind sie in allen Theilen der Philippinen zu finden, selbst ausserhalb des Archipels, so fand Jagor auch welche in Singapore (Jagor, Skizzen 35). In Zamboanga auf Mindanao, ferner auf den Marianen bilden Tagalen und deren Mischlinge einen erheblichen Theil der Bevölkerung (Buzeta I, 66). Ebenso giebt es tagalische Niederlassungen seit 1848 im Meerbusen von Davao auf Mindanao (Cavada II, 224).

Die Tagalen zeigen eine grössere Verschiedenheit vom malaiischen Typus als die Visayas (Bastian, Reisen V, 273). Ihre Hautfarbe ist bräunlich mit einem gelblichen Tone, in Manila durch Kreuzung mit Europäern und Chinesen etwas heller als in den anderen Provinzen. Der Körper ist gut gewachsen, die Gliedmaassen sehr zart. Der Kopf ist rund, hinten platt, die Nase ist etwas plattgedrückt und mit breiten Flügeln versehen, der Mund ist gross, die Lippen ziemlich dick. Die Backenknochen treten stark hervor, die Stirne ist niedrig. Die Augen sind gross und dunkel, nach Mallat lebhaft, nach Cañamaque das Gegentheil. Einen eigenthümlichen Eindruck machten auf mich stets die zwei Hautfalten, welche von den Nasenflügeln sich zu den Mundwinkeln hinziehen und die man auf Abbildungen und Photographien selbst jugendlicher Personen schärfer hervortreten sieht, als diess bei Europäern desselben Alters der Fall ist. Dieser Umstand ist noch von Niemandem bemerkt worden. Der Haarwuchs ist ein ungemein üppiger, das Haar schwarz, aber grob.

Die Beweglichkeit ihrer Zehen ist eine auffallende, sie sind im Stande die Füsse zur Unterstützung ihrer Hände herbeizuziehen, mit Leichtigkeit erfassen sie die kleinsten Gegenstände mit den Zehen und heben sie vom Boden auf, um sich die Mühe des Bückens zu ersparen; beim Klettern kommt ihnen besonders diese Eigenschaft zu gute (Ilustr. 1858, n. 7, p. 53). Wir haben bereits oben Ähnliches bei den Negritos gefunden. Die grosse Zehe ist auch von den übrigen durch einen grösseren Zwischenraum getrennt (Buzeta I, 59).

Nicht minder ausserordentlich ist ihr Geruchssinn. Selbst in einer grösseren Gesellschaft erkennen sie an dem Geruche der Taschentücher deren Besitzer (Jagor, Skizzen 39). Es giebt Diener, welche durch Beriechen unter einem Dutzend fremder, frischgewaschener Hemden das Eigenthum ihres Herrn sofort herausfinden. Liebende tauschen Kleidungsstücke &c. aus, um sich am Beriechen derselben zu erfreuen, ist der fremde „Duft” durch den eigenen verdrängt, findet neuer Austausch Statt. Nach Mas (pobl. 87), dem ich auch das Obige entnehme, sollen die Weiber durch ihren Geruchssinn es erkennen, ob ein in ihrer Nähe befindlicher Mann geschlechtlich erregt ist oder nicht (?).

Die Tagalen siedeln sich stets unmittelbar an einem grösseren Wasser an, sei es ein Fluss, ein Bach, ein See oder das Meer selbst, ihr Name selbst soll soviel wie Flussbewohner bedeuten, die Ebene und das Thal sind ihre Heimath, die steilen Hänge, die Gebirgsgelände meiden sie nach Thunlichkeit. In den Zeiten ihrer Unabhängigkeit waren ihre Niederlassungen klein und zersplittert, die Spanier aber zwangen sie, sich in grössere Ortschaften zusammenzusiedeln, welche Pueblos (wenn sie eine autonome Gemeinde bilden) oder Barrios heissen. Es gehörte viel dazu, die zum isolirten Vegetiren sich hinneigenden Tagalen zu dieser Concentration zu bringen, zum Glück begegneten sich da die Absichten der Regierung mit den Interessen der Geistlichkeit und des durch kluge Concessionen gewonnenen eingeborenen Adels.

Die Hütten der Tagalen stehen auf Pfählen; der von den Pfählen eingeschlossene Raum wird durch Bambuslatten abgesperrt (Jagor, Phil. 20), in denselben werfen die Tagalen durch die Spalten des Bodens der Hütte den Kehricht herunter (Semper, Skizzen 50). Die Hütten selbst sind aus Rohr, bei Reicheren aus Brettern und Balken erbaut, meist besteht jedoch nur das Gerüste aus diesem Material, die Wände werden dann aus Pandanusblättern verfertigt. Die Fenster haben Läden aus Fächerpalmblättern oder Bambusrohr. Selten fehlt die Azotea oder Batalan, eine Art Galerie oder Veranda. Das Dach wird mit Blättern der Nipapalme gedeckt, welche oft zu förmlichen Ziegeln geformt sind. Es giebt Hütten, welche sammt dem Mobiliar zwei Centner wiegen (Jagor, Phil. 20). Beim Baue wird zuerst das Dach, dann erst die Hütte selbst hergestellt (Jagor, Phil. 46; Scheidnagel 54). Der Aufstieg geschieht auf einer Leiter oder einem eingekerbten Bambus, bei Nacht wird die Hütte durch Aufziehen der Leiter unnahbar. Die Hütten haben nur ein Stockwerk, dessen Fussboden ungefähr einen Meter über der Erde erhaben ist (Scheidnagel 54). Vornehme Indier, die Principales oder Glieder der Dorf-Aristokratie, haben bessere zum Theil aus Stein erbaute Häuser, welche mitunter ein mit Zink gedecktes Dach besitzen (Scheidnagel l. c.). Das Mobiliar besteht bei der Mehrzahl der Tagalen nur aus dem Kochgeschirr und Matten. Jagor fand die stattlichsten Tagalenhäuser in der Provinz Bulacán, in denselben fehlten weder Stühle, noch Tische, Bänke, Schränke, selbst Spiegel und Lithographien waren vorhanden (Jagor, Phil. 48).

In den Provinzen laufen die Kinder ganz nackt herum oder tragen nur das philippinische Hemd, die Camisa, d. h. eine Jacke, welche nicht einmal den Nabel bedeckt. Selbst grössere Burschen begnügen sich mit dem Tapa-Rabo, einem Baumwollstoffe, welcher zwischen die Beine geschlagen und am Gürtel festgemacht wird (Vila 7). Die Tracht der erwachsenen Männer ist sehr einfach, sie besteht aus der erwähnten Camisa und Beinkleidern, nur pflegt hier das Hemd meist so lang wie das der Europäer zu sein, was aber um so unanständiger erscheint, indem das Hemd über den Hosen getragen wird. Die Hemden der Vornehmen sind oft reich gestickt oder wenigstens mit rothen Knöpfen versehen. Reiche Leute tragen Perlen oder Brillanten als Knöpfe (Scheidnagel 60). Die Mitglieder des eingeborenen Adels tragen über dem Hemde eine schwarze Tuchjacke, doch ist diess nicht ihr ausschliessliches Privileg, wie in einigen Werken zu lesen ist. Lächerlich nehmen sich die Kutscher europäischer Herren aus: Das Hemd über den Hosen, eine gallonirte Jacke, Gamaschen und Cylinderhut! Die Füsse tragen sie meist nackt, selbst die eingeborenen Truppen der Spanier tragen Schuhe nur zur Parade, und in der Stadt, bei Märschen und im Felde gehen sie barfuss, sonst würden sie bald marschunfähig werden. Die Vornehmen tragen mitunter selbst Lackschuhe (Scheidnagel 60).

Auf dem Kopfe tragen sie einen grossen Hut, den Salacot oder Salacó. Dieser hat die Form eines Kugelsegments und ist sehr häufig mit einer Spitze versehen, welche aus Silber oder gar aus Gold besteht (Scheidnagel, l. c.). Das Material sind Palmenblätter, Stroh &c. Vornehme tragen gern Hüte europäischer Façon, ja mit Vorliebe Cylinder.

Ärmere Frauen tragen nur die kurze Camisa und dann die Saya. Letztere ist ein Frauenrock, der von der Hüfte bis zu den Knöcheln reicht, oft aber auch die Waden ganz unbedeckt lässt. Bei der Kürze der Camisa bleibt häufig ein Streifen nackten Leibes den Blicken der Männer ausgesetzt. Reichere tragen noch den Tápis, dieser besteht aus einem Zeuge, welches um den oberen Theil der Saya herumgewunden wird. Sie wissen den Tápis in einen schönen Faltenwurf zu bringen. Man liebt besonders gestreifte Stoffe, am berühmtesten sind die Tápisstoffe, welche in Balívag (Provinz Bulacán) fabricirt werden, sie sind dunkelbraun und weiss gestreift. Die Stoffe zu diesen Kleidern werden aus Baumwolle, Abacá oder Seide verfertigt. Das Haar tragen die Weiber aufgelöst oder in einem durch einen Kamm zusammengehaltenen Knoten („pusod”) geknüpft. Zum Schmucke der Haare dienen Blumen. Geschmeide wird gleichfalls getragen, doch ist es meist europäischen oder chinesischen Ursprunges oder doch fremden Mustern entlehnt. Die Füsse stecken bei allen Bemittelten in eigenthümlichen Pantoffeln, den sogenannten Chinelas, deren Oberdecke so kurz ist, dass sie kaum die Zehen bedeckt.

Die Tagalen leben vom Fischfang und Ackerbau. Der Reis ist ihre Hauptnahrung, deshalb wird er auch am meisten gebaut. Auf einer Ausstellung zu Manila wurden 60 angeblich verschiedene Reisgattungen ausgestellt, welche sämmtlich in den Philippinen gebaut werden (Jagor, Skizzen 37). Dem Reisbau wenden sie auch die grösste Sorgfalt zu, obwohl sie nicht viel mehr zu bauen pflegen, als sie selbst zum Unterhalte brauchen. Wo die Äcker an Waldwildnisse grenzen, werden sie durch lebendige Hecken aus einer sehr stacheligen Bambusart geschützt (Semper, Skizzen 135). Die Ackergeräthe sind sehr plump und meist aus Bambus zusammengesetzt. Den Pflug zieht der Carabao-Büffel, von dem ich noch weiter unten sprechen will. Reis ist ihre tägliche Nahrung, und man sieht die Weiber stets damit beschäftigt, den noch in der Hülle steckenden Reis – „pálay” genannt – durch Stossen in einem Holzmörser – lusong – zu enthülsen. Diejenige Speise, welche bei ihnen nicht nur die Stelle unseres Brotes vertritt, sondern für viele die ausschliessliche Nahrung ist, besteht nur aus in Wasser gekochtem, oft ungesalzenem Reis, der Name derselben ist: Morisqueta oder Canin. Auch ihre Leckereien und Delicatessen bestehen meistentheils aus Reis, so die Bibinca (gekochter Reis mit Cocosmilch) &c. Aus Reis wird auch ein Branntwein gebrannt. Die Vorliebe für den Reis ist so gross, dass selbst der Chocolade gerösteter Reis zugesetzt wird.

Nächst dem Reis werden noch Camóte und Mais gebaut. Camóte (Convulvulus batatas) wuchert beinahe ohne jede Pflege, sie ist „eine unversiegbare Vorrathskammer für den Besitzer, der das ganze Jahr hindurch seinen Bedarf dem Felde entnehmen kann” (Jagor 122). Von Nahrungspflanzen für heimischen Bedarf werden noch Gabi (Caladium), Ubi (Dioscorea) und zwei Arumarten cultivirt. Der Cacaobaum wird zwar gepflanzt, liefert aber bei der Indolenz der Eingeborenen und der Empfindlichkeit des Baumes einen schlechten Ertrag. Der Caffeebau, für den Export bestimmt, nimmt immer mehr zu, Zuckerrohr wird von den Tagalen nicht in der Menge gebaut, wie von den Visayern. Die Fruchtbäume des ostindischen Archipels werden auch von den Tagalen gezogen, ich gebe hier die wichtigsten nach der „Ilustracion filipina” (1859, n. 12, p. 99) mit den tagalischen Namen an: Manga (Mangifera indica), Saguing (Musa paradisiaca) von den Spaniern „plátano” genannt, Atte (Annona squamosa), Sapote (Sapote nigra), Tampoy (Eugenia Malaccensis), Piña (Bromelia ananas), Mangostan (Garciana mangostana), Sagú (Sagus Rumphii). Die Cocospalme ist nächst der Musa paradisiaca der wichtigste Fruchtbaum. Sie wird in grossen Wäldern oder Hainen (Cocales) gepflanzt, bekannt sind die Cocoteros von Pagsanjan, die Cocosnüsse werden von dort in haushohen Pyramiden über die Laguna de Bay und den Pasig nach Manila gerudert: „diese Massen haben keine weitere Unterlage als die Cocosnüsse selbst, deren unterste Schicht mit Stricken zusammengebunden ist” (Hügel 236). Aus der Milch der Cocosnuss bereiten sie verschiedene süsse Speisen und Bäckereien, insbesondere die Speise Macapumi (Scheidnagel 75), diese Palme liefert ihnen den so beliebten Tuba-Wein, und das Cocosöl dient zum allgemeinen Leuchtmaterial, sowie zur Pomade. Aus dem Zuckerstoffe der Buripalme bereiten sie die Zuckerspeise Chancaca, desgleichen aus Pilikörnern[8 - Pili, eine Art Canarium.] (Scheidnagel, l. c.). An den Flussläufen wird Nipa littoralis gezogen, von welcher auch Branntwein gewonnen wird. Von Nutzpflanzen werden von den Tagalen Baumwolle, Indigo und Abacá (Manilahanf) gebaut. Der Tabak wurde vor der Einführung des Monopols von den Tagalen fleissig gepflanzt, jetzt (seit 1781) ist sein Anbau auf bestimmte Provinzen beschränkt. Von den erwähnten Pflanzen sind folgende erst durch die Spanier eingeführt worden: Indigo(?), Tabak, Mais, Caffee, Cacao und Camóte.

Die Hausthiere der Tagalen vor Ankunft der Spanier bestanden nur aus dem Carabao-Büffel, dem Schweine, Hunde und Geflügel, unter letzterem besonders Hühner und Enten. Erst die Spanier brachten Rind, Pferd, Schaf und Esel, doch haben diese beiden letzteren Thiergattungen sich in diesem Lande nicht bewährt und werden demgemäss auch nicht mehr oder nur hie und da gezüchtet. Der Carabao dient nicht nur als Zugthier, er wird auch zum Reiten benutzt (Cañamaque, Recuerdos I, 152). Das Schwein galt bei den Tagalen der Conquista als ein äusserst wichtiges Thier, wesshalb es bei Opferfesten stets als Schlachtopfer diente, bei vielen religiösen Ceremonien war wenigstens Schweineblut erforderlich. Auch heute noch bildet Schweinefleisch eine Lieblingskost der Tagalen, doch pflegen sie gar keine Sorgfalt auf diese Thiere zu verwenden, welche sich meist nur von menschlichen Excrementen nähren (Jagor, Phil. 124). Vom Rinde kommen zwei Gattungen vor, die spanische, im XVI. Jahrhunderte über Neuspanien eingeführt und der indische Zebu (Scheidnagel 104), der erst in neuerer Zeit eingeführt worden sein muss, da ältere Werke hierüber gar Nichts erwähnen. Beide Rindergattungen werden hauptsächlich des Fleisches wegen gezogen, zur Arbeit gebraucht man nur den Büffel. Ziegen sind sehr selten (Scheidnagel 105), ebenso wie Schafe. Die Pferderasse ist ein kleiner Schlag, gemischt aus andalusischem, chinesischem und japanischem Blute (Jagor 123 und 315, nach Morga fol. 130 und 161).

Von Geflügel werden hauptsächlich Hühner und Enten gehalten, erstere nicht blos des Fleisches oder der Eier wegen, sondern, wie ich es weiter unten ausführlicher besprechen werde, um die Hähne zum Kampfsport aufzuziehen. Die Entenzucht der Tagalen hat auf den Philippinen einen weiten Ruf, insbesondere sind es die Ortschaften am Pasig und der Laguna de Bay, deren Bewohner sich mit der Entenzucht im grossartigsten Maassstabe befassen, besonders Pateros erfreut sich einer grossen Berühmtheit, und zwar werden die Eier künstlich ausgebrütet. Die Ilustracion filipina (1860, n. 4, p. 38) berichtet darüber folgendes: Das Weib – mit dieser „Industrie” befassen sich nur die Weiber – richtet 1000–1500 Enteneier zu, dann schlägt sie Pálay (Reis in der Hülse) in ein rohes Gewebe („tigbó”) und macht diesen Haufen entweder durch ein Feuer oder die Glut der Sonnenstrahlen warm. Darauf wird ein grosser Korb genommen und in diesem eine Schicht des gewärmten Pálay’s ausgebreitet, darauf folgt eine Schicht Eier und so abwechselnd fort, bis die oberste Schicht wieder von Pálay gebildet wird. Diese Operation wird durch mehr als zwei Wochen täglich zwei Mal ausgeführt, hierauf werden die Eier in einen Trog, der mit Reishülsen gefüllt ist, gelegt und mit Zeug bedeckt, um ein Ausstrahlen der Wärme zu verhindern, andererseits wird wieder gelüftet, um die nöthige gleichmässige Temperatur zu erhalten. 12 oder 14 Tage nachher kriegen die jungen Enten aus den Eiern hervor, 800–1000 an der Zahl. Sie werden sofort in eingezäunte Wasserplätze gebracht. „Vor jeder Hütte befindet sich gegen den Fluss (Pasig) zu ein grosser eingezäunter Platz, wo diese Thiere sich sonnen und nach Belieben im Wasser baden können. Der vom Fluss bespülte Boden des kleinen Geflügelhofes wird jeden Morgen mit Sorgfalt gereinigt, umgegraben und täglich von Neuem mit einer grossen Menge von Schalthieren angefüllt, welche den Enten zum Futter dienen und von den Eingeborenen in kleinen Canoës aus dem See (Laguna de Bay) geholt werden, wo dieselben zu Milliarden im Schlamm leben. In Pateros werden jährlich Millionen von Enten als Handelsartikel gezogen, indem die Tagalen, gleich den Chinesen, halbausgebrütete Eier und Küchlein für besondere Leckerbissen halten” (Scherzer, Novara-Reise I, 602). Gänse wurden von den Spaniern aus China importirt (Jagor, l. c.).

Nächst dem Reis und der Camóte bilden Fische die Hauptnahrung der Tagalen. Die Hauptbeute liefert der Dalag-Fisch (Ophicephalus vagus, Peters). „Wenn in der Dürre die Bäche zu einer unzusammenhängenden Kette von Tümpeln einschrumpfen, dann beginnt der Dalag-Fang. Der Dalag gräbt sich im Schlamme weiter fort, deshalb werden zunächst flussabwärts in den Schlamm engmaschige Bambusgitter gesteckt, um ein Entweichen des Fisches zu verhindern, darauf wird das Wasser aus den Lachen herausgeschöpft und die Fische ausgegraben” (Jagor, Phil. 47). In der nassen Zeit sind sie auch so häufig in allen Gräben und Reisfeldern zu finden, „dass sie mit Knitteln todtgeschlagen werden” (Jagor, l. c.). In Flüssen und Bächen werden die Fische dadurch gefangen, dass man die betäubende Frucht des Tuba-Tuba-Baumes in das Wasser wirft oder in der Nacht sie durch Fackeln, besonders die Aale, in den Handbereich lockt (Scheidnagel 151). Die Strandbewohner des Meeres und der Binnen-Seen fangen die Fische auf ähnliche Weise und durch Harpunirung (Semper, Skizzen 31), oder sie fangen sie durch besonders construirte Netze und Fangapparate, welche die Küstenschifffahrt behindern. Die Netze beruhen auf einem Hebelapparate, der auf einem grossen von Bambusrohr gebauten Floss steht (Semper, Skizzen 111). Die kleinen Fische werden meist an der Sonne getrocknet oder gesalzen (Scheidnagel 60), sie bilden die picante Zukost zum faden Reis.

Der Jagd verdanken sie den geringsten Theil ihrer Nahrung. Der wilde Carabao wird zu Pferde, welche zu diesem Zwecke besonders abgerichtet sind, und mit der Lanze gejagt (Näheres: Ilustr. 1859, n. 10, p. 78) oder man lockt ihn durch eine zahme Carabao-Kuh heran und haut ihm dann in seiner blinden Liebesbrunst die Sehnen mit dem scharfen Campilan entzwei (l. c.). Gefangen wird er mit dem Lazo. Hirsche und Wildschweine kommen häufig vor. Wildenten werden gejagt, indem der Tagale den Kopf sich mit Zweigen bedeckt und schwimmend oder watend sich den Enten nähert und eine nach der anderen unter das Wasser zieht (Scheidnagel 150). Der fliegende Hund wird seines wohlschmeckenden Fleisches wegen gleichfalls verfolgt (Jagor, Skizzen 217). Heuschrecken werden in irdenen Pfannen geröstet, jedoch nur die Köpfe und Rücken gegessen (Jagor, Phil. 219). Trotz ihres hochentwickelten Geruchssinnes essen die Indier gern faules Fleisch (Jagor, Skizzen 39). Der Tagale isst drei Mal des Tags, um 7 Uhr Morgens, 12 Uhr Mittags und um 7 oder 8 Uhr Abends. Alle Speisen sind stark mit spanischem Pfeffer gewürzt (Jagor, Phil. 126).

Die Waffen der Tagalen in der Zeit der Conquista bildeten Lanze, Schild und Campilan (säbelartiges Waldmesser), alles noch heute vorhanden. Bogen und Pfeile sind noch heute im Gebrauche (Meyer, Negr.). Zahlreich sind ihre verschiedenen Schiffsgattungen. Da ist die Falúa oder Lorcha, ein grosses, bequemes, aber schwerfälliges Ruderschiff, das Pontin, ein Zweimaster mit Mastensegeln von etwa 100 Tonnen Gehalt. Am häufigsten ist am Pasig der Casco, ein Zweimaster ohne Deck, jedoch mit Strohmatten überdacht, längs der Bordseiten läuft ein Trittbret, auf welchem die Schiffsleute sich bewegen, wenn sie mit ihren langen Stangen das Fahrzeug vorwärts stossen. Der Casco führt einen Holzanker und ist am Vordertheile meist weiss und roth bemalt (Ilustr. 1860, n. 5, p. 49). Barotos sind kleine Handelsschiffe. Die Bancas sind Kähne mit einem Schutzdache, sie werden mit Rohrstangen vorwärts bewegt. Die tagalischen Fischerboote in der Bai von Manila haben sämmtlich Auslieger (Hügel 95). In den Zeiten der Conquista besassen noch die Tagalen niedrige, leichte Schiffe ohne Verdeck mit Ausliegern, Barangay oder Balangay genannt. Die Barangayes besassen ein bis zwei Maste, konnten aber auch durch Ruder fortgetrieben werden, über den Ruderbänken befand sich eine Galerie aus Bambus, auf welcher die Krieger standen (Jagor 311, Morga fol. 128, Morga-Stanley 297).

Als die Spanier mit den Tagalen zum ersten Male in Berührung kamen, fanden sie bei ihnen bereits den Islam vor, der erst kurz vorher von Borneo aus importirt worden war; aber, obwohl überall unter den Tagalen verbreitet, waren in den Binnendistricten es nur die Häuptlinge, die den neuen Glauben angenommen hatten (Morga-Stanley 307 f.). In einem Berichte, den der Vicekönig von Neuspanien, Dr. Martin Enriquez, an Philipp II. am 5. December 1573 von Méjico aus richtet, bemerkt er über die Luzon, dass der Islam seinen Bewohnern aufgezwungen wäre und noch keine festen Wurzeln gefasst hätte, „weil viele von ihnen Wein trinken und Schweinefleisch essen” (Cartas de Indias, fol. 291). In der That hing noch der grösste Theil der Tagalen fest an seinem alten heidnischen Glauben, und als dann das Christenthum ihre Religion wurde, blieben noch die meisten religiösen Anschauungen ihres Heidenthums bei ihnen wach und sind es auch bis zum heutigen Tage, alle Bemühungen der Mönche vermochten nicht die nunmehr zum Aberglauben gestempelten altreligiösen Bräuche auszurotten.

Ihre alte Religion enthielt den Glauben an einen Weltschöpfer und Hauptgott, der im Himmel throne, überdiess noch an eine grosse Zahl von bösen und guten Dämonen, neben dieser Mythologie besassen sie noch den Ahnencultus, indem die Seelen der als Grossväter verstorbenen, die Anitos oder Nonos, zu Hausgöttern oder Schutzgottheiten gewisser Plätze werden. Sie besassen auch Priester (Catalonanes) und Priesterinnen (Catalonas), welche von ihrem Hohenpriester, dem „Sonat”, zu ihrem Amte geweiht wurden.

Noch heute existirt die heilige Scheu vor den Seelen der Verschiedenen, den Nonos, ich werde bei Gelegenheit der Todtenbestattungen noch darauf zurückkommen. Freilich in Manila und dort, wo die Spanier zahlreicher wohnen, treten diese Erscheinungen nicht so grell zu Tage. Abergläubische Indier pflegen (wohl nur Abends) etwas Speise am Tische liegen zu lassen, damit die Geister der Verstorbenen sich sättigen können (Mas, pobl. 94). In vielen Dörfern besteht noch der Brauch „Pasing-tabi sa Nono”, d. h. die Tagalen bitten die Seelen ihrer verschiedenen Ahnen, sie mögen die Arbeit oder das Werk, womit sie sich gerade beschäftigen wollen, zu einem guten Ende führen (El Indio viejo von F. de P. Martinez in Ilustracion 1859, n. 7, p. 54). Grosse stattliche Bäume, charakteristisch geformte Berge gelten ihnen als Wohnsitze der Nonos oder Anitos. Niemand geht vorbei, ohne zu rufen: „mit Deiner Erlaubniss”, sonst würde ihnen der Nono schweres Unheil oder Krankheit senden. Wenn sie einen Baum (Waldbaum?) fällen müssen, so bitten sie den Nono um Entschuldigung und rufen unter anderem: der Padre (Pfarrer) hat es befohlen, es ist nicht unsere Schuld und auch nicht unser Wille (Mas, pobl. 90). Die alten Götter und Dämonen Tigbalang, Patianac, Sava &c. leben in ihrem Glauben noch heute, nur sind sie zum Range von Gespenstern heruntergesunken (Mas, l. c.). Sie glauben auch an eine Art Wünschelruthe, den „Antinantin”, welcher ihnen Reichthümer und Glückseligkeit verschaffen soll (Mas, pobl. 91). Einen eigenthümlichen Aberglauben hegen sie Schlafenden gegenüber; es gilt für die schwerste Beleidigung, über einen Schlafenden hinwegzuschreiten oder ihn plötzlich und schroff aus dem Schlafe zu wecken (Jagor, Phil. 132). Mas führt diese Sitte auf die Furcht der Indier zurück, im Schlafe zu sterben (Mas, pobl. 77).

Äusserlich[9 - Scheidnagel (S. 58) sagt treffend: Obwohl man sich sehr viel Mühe gemacht, sie zu dem Lichte des Christenthums heranzuziehen, so hat man doch nach meinem schlichten Verstande sehr wenig für die Pflege der wahren Moral gethan.] hängen sie fest an dem katholischen Glauben. Das Tragen von Scapulieren, Rosenkränzen, Reliquien und Heiligenbildern ist allgemein (Mas, pobl. 100). Baron Hügel sah 1834 bei den Tagalen an der Laguna de Bay, dass sie am Boden des Salacó ein Heiligenbild oder Amulet trugen, von welchem sie glaubten, dass es sie schütze. Sie beteten zu ihm, indem sie den Hut abnahmen und auf das Bild starrten; sah irgend ein Anderer in den Hut und erblickte er das Bild, so war die Zauberkraft desselben vollständig erloschen (Hügel 207). Festlichen Gottesdienst, Processionen und Kirchenfeste machen sie sehr gern mit (Scheidnagel 62), in Manila soll diess weniger der Fall sein als auf dem Lande (Mas, pobl. 103). Die Beichte ist bei allen dieselbe, sie haben stets nur drei Sünden: am Fasttage Fleisch gegessen, am Sonntage die Messe versäumt und eitel geschworen zu haben (Mas, l. c.). Sie erzählen gern von Visionen, die sie gehabt hätten (Mas, pobl. 95), noch zu Anfang dieses Jahrhunderts war der Glaube an Hexen weit verbreitet (Mas, pobl. 122). Die tagalischen Maler malen gewöhnlich die Christus- und Heiligenbilder nach Modellen ihrer eigenen Rasse, diesen Heiligenbildern erweisen sie aber geringere Verehrung, indem sie sagen, die Heiligen wären sämmtlich Spanier gewesen (Mas, pobl. 102). Um Diebe zu entdecken, bedienen sie sich verschiedenartiger katholisch gefärbter Bräuche: so, um nur einen herauszugreifen, wird eine Kerze dem hl. Antonius von Padua angezündet, rings herum knieen die Verdächtigen, neigt sich die Kerze oder Fackel gegen einen derselben, so ist dieser der Schuldige (Mas, pobl. 93, nach Fr. Tomas Ortiz, Práctica del Ministerio). Neben den Heiligenbildern und Reliquien, welche meist von Weibern getragen werden, tragen sie noch andere Amulete mit sich herum, welche aus Wurzeln, Rinden, Fellstückchen, Knochen &c. bestehen, denen sie die Gewalt zuschreiben, sie entweder in Gefahren zu schützen oder Reichthümer und Liebesgenuss zu verschaffen (l. c.). Der Glaube an Prophezeiungen und Unglückstage ist gleichfalls verbreitet (l. c.).

Machen sich bei einer Frau die Geburtswehen fühlbar, dann trifft der Gatte alle Anstalten, um dem Patianac und dem Usuang entgegenzutreten, beides sind böse Dämonen. Der Patianac sucht die Geburt unmöglich zu machen und ebenso wie der Usuang die neugeborenen Kinder zu tödten (Mas, pobl. 92). Man schreibt dem Vogel Tictic es zu, dass er diesen beiden Unholden durch seinen Gesang jene Orte anzeige, wo eine Kreisende sich befinde. Um nun diese bösen Geister abzuhalten, steigt der Gatte der Wöchnerin ganz nackt[10 - Der Patianac scheint überhaupt vor allem Nackten seine Macht zu verlieren. Er ist jener Spukgeist, der den Reisenden vom rechten Wege abbringt und ihn sich verirren lässt. Geschieht diess den Tagalen, so ziehen sie sich nackt aus und strecken die entblössten Genitalien gegen den Wind, worauf der Patianac seine Kraft einbüsst (Mas, l. c.).] oder nur mit einem Schurze bekleidet auf das Dach seiner Hütte, bewaffnet mit dem Campilan, der Lanze und womöglich mit einem Schilde, um das Haus stellen sich seine Freunde auf und nun haut und sticht er wüthend in der Luft herum, damit die beiden Unholde nicht in die Hütte eindringen können (Mas, pobl. 123). Oft suchen sie den Patianac dadurch irre zu führen, dass sie die Kreisende schnell in eine andere Hütte bringen und so den Unhold im Besitze des leeren Hauses lassen (Fr. Tomas Ortiz in Mas, pobl. 92).

Im Wochenzimmer selbst werden alle Thüren und Fenster fest verschlossen (Jagor, Phil. 130), um dem Patianac das Eindringen unmöglich zu machen. In der Stube selbst sammeln sich die Verwandten und erfüllen die ohnehin stinkige Luft des Zimmers mit den Rauchwolken ihrer Cigarren und Cigarritos. Hildebrand (Kossak, III, 32) sah, dass auch die Kreisende in den Pausen ihrer Wehen sich die Zeit durch Rauchen verkürzte. Sobald die Geburt Statt gefunden hat, pressen die anwesenden Weiber mit aller Kraftanwendung von beiden Hüften aus den Bauch der Wöchnerin zusammen, „um die inneren Organe wieder in den alten Status zurückzubringen” (Mas, pobl. 88). Ist das Kind geboren, so ist damit noch nicht alle Gefahr vor jenen beiden Unholden zu Ende, zwar stellen der glückliche Vater und dessen Freunde das Luftgefecht ein, aber um das Kind vor den Klauen jener Ungeheuer zu schützen, werden Räucherkerzchen angezündet (Mas, pobl. 85), bis die Taufe alle Gefahr beseitigt. In entfernteren Provinzen soll von den Tagalen noch heimlich die Beschneidung ausgeübt werden, der Schnitt wird von oben bis unten geführt (el corte se hace de arriba abajo); es ist diess nicht etwa eine Erinnerung an den Islam, denn auch die heidnischen Stämme der Philippinen übten zur Zeit der Conquista schon die Beschneidung (Mas, domin. I, 21), doch scheinen die einwandernden Moslim aus Borneo die Sitte nach Luzon gebracht zu haben (Morga-Stanley 308).

Hatte Jemand die Absicht, ein Mädchen zu heirathen, so war es früher üblich, dass der Bräutigam drei bis vier Jahre bei seinem zukünftigen Schwiegervater nicht nur Wohnung nahm, sondern auch die schwierigsten Knechtsarbeiten verrichtete. Dann erst erhielt der Ehestandscandidat die Ersehnte zur Frau, wobei seine Eltern die Hütte, Kleider &c. hergeben. Diese Sitte hat sich nicht mehr halten können, da die Pfarrer gegen das Anstössige derselben mit allem Eifer arbeiteten; wo sie noch hie und da erhalten ist, darf der Bräutigam zum wenigsten nicht in der Hütte seiner Braut wohnen (Mas, pobl. 87). Will der Tagale der Jetztzeit heirathen, so schenkt er seiner Auserwählten irgend eine werthvolle Sache oder Geld, welches ihre Eltern sich in der Regel aneignen, letztere pflegen auf diese Gabe so erpicht zu sein, dass sie ihre Tochter, selbst wenn sie geschwängert ist, lieber ledig lassen, als dass sie auf jenes Geschenk verzichten würden (Mas, pobl. 88 u. 125).

Die Hochzeit wird mit einem festlichen Gelage („Catapusan”) gefeiert, von diesem bringen sie einige Gerichte unter den von ihnen als Sitz der Nonos verehrten Balete-Baum: es ist schon vorgekommen, dass sie bei einer solchen Festlichkeit sich vom Pfarrer Weihrauch zu erschwindeln wussten, um diesen dann unter dem heiligen Baume zu verbrennen (Mas, pobl. 88). Bei der grossen Sinnlichkeit der Tagalen ist Ehebruch nichts weniger als selten, er wird auch sehr gelinde gestraft, die Frau wird gehörig durchgeprügelt, womit die Sache abgethan ist, dem Verführer geschieht gar Nichts (Jagor, Phil. 129). Die Behandlung der Frauen ist eine gute, die Männer aber sind meist liederlich (Jagor, l. c.). Sind die Gatten einander überdrüssig geworden, so verschwindet der unzufriedene Theil, oder sie gehen in grösster Gemüthsruhe auseinander (Cañamaque, Recuerdos I, 136). Alt und Jung, Weiber und Männer schlafen bunt durch- und nebeneinander (Mas, pobl. 124, nach Fr. Manuel Ortiz), bei ihrer Geilheit und Ungenirtheit ist Incest nicht ausgeschlossen (Cañamaque, Rec. I, 168 u. 174), letzteren Vorwurf erhebt auch Renouard de St. – Croix (a. v. St.), doch darf man nicht vergessen, dass sowohl St. – Croix wie Cañamaque gern grelle Farben auftragen.

Trotz der Bemühung der spanischen Mönche ist die Sittenlosigkeit eine grosse und zwar nicht nur in Manila, sondern auch auf dem Lande. Auf Jungfräulichkeit wird gar nicht gesehen, die Mädchen geben sich ohne Weiteres jedem Liebhaber preis, nur wenige treten im jungfräulichen Zustande zum Traualtar (Mas, pobl. 124), es rührt diess noch aus den Zeiten des Heidenthums her, wo der jungfräuliche Stand in gar keinem Ansehen stand. Der Coitus wird nach Cañamaque (Recuerdos I, 174) angeblich ganz ungenirt auf offener Strasse vollzogen, derselbe Autor beschuldigt (l. c.) selbst Kinder der Unzucht (?). Cañamaque (Recuerdos I, 43) spricht ihnen auch alles Schamgefühl ab: Männer wie Weiber, besonders in der Provinz, lassen sich splitternackt erblicken, ohne die geringste Verlegenheit zu zeigen! Prostitution ist vorhanden (Vila 10).

Diebstähle kommen unter ihnen häufig vor, am allerhäufigsten Spaniern gegenüber, indem sie behaupten, alles, was jene besässen, sei Landeseigenthum (Mas, pobl. 80). Zum Räuber- und Piratenleben sind sie sehr geneigt, und diess hängt mit ihrer Neigung zum unabhängigen Müssiggang zusammen. Der Tagale hat einen ausgesprochenen Hang, isolirt zu leben, wären nicht die Pfarrer und die Dorfältesten (cabezas de barangay) für die Abgaben ihrer Untergebenen solidarisch haftbar, die Städte und Dörfer würden dann längst sich in Familienniederlassungen (Ranchos) aufgelöst haben (Jagor, Phil. 106). Trotz der Wachsamkeit dieser Behörden verlassen viele Tagalen ihre Dörfer und flüchten sich in die undurchdringlichen Bergwildnisse, wo ihnen die Gendarmerie Nichts anhaben kann. Diese Flüchtlinge, welche ganz in die Ungebundenheit der Wilden zurückfallen, heissen Remontados. Aus ihnen und entlaufenen Verbrechern und eingeborenen Deserteuren recrutiren sich die nicht seltenen Räuberbanden. Diese Räuber („Tulisánes”) vereinigen sich oft zu grösseren Corps und ihre Verwegenheit ist nicht gering; hat doch zu Anfang der sechziger Jahre eine Bande von Tulisánes die Frechheit gehabt, einen Vorort Manila’s anzugreifen, bis das schnell herbeieilende Militär sie wieder hinauswarf (Jagor 181). 1866 wurden 50 Räuber aufgeknüpft und 140 zur Zwangsarbeit verurtheilt (Jagor 182, Note 101). Trotz der Unermüdlichkeit der Gendarmerie wuchert das Räuberunwesen fort, wenngleich nicht mehr in so hohem Grade wie früher. 1876 fand Ritter v. Drasche (Fragmente, 54) im Nordwesten der Laguna de Bombon Räuberbanden, 1877 wurde in der Prov. N. Écija eine grosse Bande durch zwei Compagnien Infanterie ausgehoben, dasselbe wiederholte sich 1880 (Scheidnagel 67). Im letzteren Jahre wurden die Banden des Antonio Sumicat und Juan Martin zersprengt und ihre beiden Führer, welche sich zusammengefunden, endlich erwischt und hingerichtet. Die beiden Kerle ritten auf Carabaos (Diario 1880, Num. 165).

Das Betelkauen ist die Hauptleidenschaft des Tagalen. Die Betelportion heisst Buyo. Der Buyo wird in verschiedenen Sorten fabricirt, deren beste den Namen „buyo de castila”, d. h. spanischer Buyo, oder Buyo der Weissen führt (Ilustr. 1859, n. 8, p. 62). Die Areca heisst Bonga, der Betel Icmo (l. c.). Mit dem Verkaufe befassen sich meist junge Mädchen, die Buyeras, deren Kramläden von Verehrern ihrer Reize stets umschwärmt werden. Alte Leute, denen die Zähne ausgefallen sind, zerstossen sich den geliebten Buyo in kleinen Mörsern aus Bambusrohr, welche Calicot oder Calicut heissen (Ilustr. 1859, n. 7, p. 53). Bei Festtafeln der Tagalen wird auch Buyo präsentirt (Cañamaque, Recuerdos I, 35). Der im Munde zerkaute Buyo wird Sapa genannt, welchen Liebende mit einander als Zärtlichkeitsbeweis austauschen (Cañamaque, Recuerdos I, 150). Die Tagalen hungern lieber, als dass sie auf den Buyo verzichten (Ilustr., l. c.).

Nächst dem Buyo und dem Tabak liebt der Tagale den Hahnenkampf über alles. Dr. Jagor erwähnt (Phil. 21), dass die Hahnenkämpfe erst von den Spaniern und zwar von deren mejicanischen Soldaten eingeführt worden wären, nun ist aber der Hahnensport auch bei den übrigen Malaien verbreitet (Waitz V, 158), die Javaner lassen nicht nur Hähne, sondern auch Wachteln mit einander kämpfen (Bastian, Reisen V, 215), auch auf den Carolinen findet man diesen Sport (Waitz V, 2. Abth. 129), und was am schlagendsten ist: die Spanier fanden bei der Entdeckung der jetzt Marianen genannten Inseln diese Thierquälerei vor (Oviedo XX, 16). Es ist daher nicht so unwahrscheinlich, dass die Tagalen schon vor Ankunft der Spanier mit diesem Sporte bekannt waren.

Fast jeder Tagale besitzt einen Kampfhahn, den er mit mehr Sorgfalt behandelt als seine Kinder; das erste, was der Indier beim Erwachen macht, ist, sich nach seinem Hahne umzusehen, das letzte, was er vor dem Einschlafen thut, ist, das geliebte Thier zu liebkosen (Cañamaque Recu. a. v. St., Mas, pobl. a. v. St.). Keines ihrer Hausthiere wird so gepflegt, wie dieses. Wenn der Indier arbeitet, so hat er seinen Hahn in der Nähe angebunden, um in den (zahlreichen) Ruhepausen den Liebling zu streicheln oder wenigstens an seinem Anblicke sich zu sättigen. Für einen guten Hahn zahlt ein Tagale oft 40 bis 70 Pesos (Cañamaque, Recu. II, 7), besitzt er den Hahn schon einige Zeit hindurch, dann ist er ihm überhaupt nicht mehr feil. Sie tragen den Hahn unter dem Arme auf ihren Spaziergängen, setzen ihn zeitweilig auf die Erde und suchen ihn zum Kampfe dadurch zu üben, dass sie einen anderen Hahn in die Nähe des ihren bringen und beide aufeinander loshacken lassen. Die Leidenschaft für den Hahnenkampf ist bei ihnen so tief gewurzelt, dass es wohl kaum einen Indier giebt, der sich nicht einen Kampfhahn hält, „selbst wenn er Nichts zu essen hat, findet er Geld zum Hahnenkampf” (Jagor, Phil. 127).

Der Hahnenkampf selbst darf nur in besonderen zu diesem Zwecke erbauten Arenen Statt finden, indem dieser Sport seit 1779 mit einer eigenen Steuer belegt ist, welche „Gallera” heisst. Zum Kampfe werden die Hähne mit Stahlsporen versehen, welche aus alten Rasirmessern verfertigt werden. In der Arena macht das Phlegma des Tagalen einer leidenschaftlichen Erregung Platz, die Höhe der Wetten ist gesetzlich auf das Maximum von 50 Pesos beschränkt (Jagor, Phil. 22), sonst würden die Indier all’ ihr Hab und Gut verspielen, was trotzdem nicht selten geschieht.

Stiergefechte werden auf Luzon zwar auch gegeben, doch dienen diese nur zur Belustigung der Spanier Manila’s, die Tagalen haben bisher diese nationale Sitte ihrer weissen Herren nicht acceptirt. Dagegen hat sich das Billardspiel bei ihnen eingebürgert, das Billard der Tagalen besteht oft nur aus „Pandanusmatten mit Banden von fünf Rotan, spanischen Röhrchen” (Hügel 148), der Tisch ruht oft auf steinernen Pfeilern. Gewöhnlich treten an Stelle der elfenbeinernen Kugeln solche aus hartem Holze (Ilustr. 1860, n. 10, p. 109). Auf diesen Billards wird Carambol, Einunddreissig und Kegelpartie (mit neun Kegeln) gespielt (l. c.). Auch Karten spielen sie mit grosser Leidenschaftlichkeit, besonders „Einunddreissig”, doch dürfen sie nur zu gewissen gesetzlich bestimmten Stunden spielen (Scheidnagel 58), diess ist um so nothwendiger, als sie sonst ganze Nächte hindurch dem Hasard fröhnen würden, wie es denn nicht selten geschehen ist, dass Cabezas de barangay (Viertelmeister) den ganzen Tribut (Kopfsteuer) ihres Viertels im Kartenspiele verloren haben (Mas, pobl. 71). Unglückliche Spieler liefern ein nicht unerhebliches Contingent zu den Remontados.

Sie kennen auch andere harmlosere Spiele, selbst solche, welche unseren Pfänderspielen gleichen (Mas, pobl. 71). Von den Chinesen haben sie es gelernt, Papierdrachen ohne Schweif in die Höhe steigen zu lassen, ein Vergnügen, das sich bei ihnen nicht allein auf die Kinder beschränkt (Scheidnagel 101).

Bei ihren Kirchenfesten fehlt das Pala-pala selten: Auf einem Gerüste, welches dem Traubengelände des europäischen Südens gleicht, wird Laub aufgehäuft, dann buntfarbige Lampions darin aufgehängt, in deren Nähe ganze Büschel von frischen oder getrockneten Früchten, Bäckereien und Zuckerwerk aufgehängt werden. Ist es Abend geworden, so werden die Lampions angezündet und auf ein gegebenes Zeichen stürzen die Festtheilnehmer in die Pala-pala-Lauben, um sich die Leckereien gegenseitig abzujagen. Manchmal ist das Pala-pala nur für Kinder hergerichtet, dem entsprechend ist das Gerüste dann sehr niedrig (Ilustr. 1860, n. 12, p. 143).

Grosse Vorliebe hegen die Tagalen für das Theater. Man darf nicht vergessen, dass sie ein eigenes Alphabet besassen, von welchem in Mas (Informe), wie auch in der englischen Übersetzung des Morga Proben gegeben sind. Diese Vorliebe für dramatische Spiele wurde bei der Christianisirung der Tagalen von den Mönchen nicht angetastet, im Gegentheile, letztere übten mit ihren Pfarrkindern Schauspiele in spanischer wie tagalischer Sprache ein (Morga-Stanley 320). Es giebt ein ständiges tagalisches Theater und zwar in Tondo, das sogenannte „Teatro de Tondo” (Scheidnagel 19), doch die eigentlichen nationalen, freilich schon christlich gefärbten Theatervorstellungen der Tagalen muss man auf dem platten Lande suchen, wo dieselben bei Gelegenheit von Kirchenfesten unter freiem Himmel gegeben werden. Die Dramen haben die Kämpfe zwischen Christen und mohammedanischen Piraten – „Moros” der Spanier – zum Gegenstande. Die Vorstellungen sind endlos, indem sie sich oft 3 Tage und Nächte hindurchziehen, auf der Bühne treten oft Hunderte von Personen auf, wobei zu bemerken ist, dass die Darsteller keine professionsmässigen Schauspieler, sondern schlichte Landleute sind. Die Darstellung eines Gefechts nimmt mindestens eine Stunde in Anspruch und die Kämpfenden gerathen mitunter in eine solche Wuth, dass es zu wirklichem Blutvergiessen kommt. Das oft aus 2000 Familien bestehende Publicum nimmt an diesen Gefechtsscenen den lebhaftesten Antheil, besonders an dem Schicksale der Christen, von allen Seiten erschallen lebhafte Verwünschungen und Flüche gegen die Darsteller der Moros &c. Da diese tagelangen Vorstellungen ohne Unterbrechung fortdauern und das Publicum sich nicht eher entfernt, als bis das Drama mit dem Siege der Christen endet, so nehmen die Zuschauer Lebensmittel mit, wer schläfrig wird, schläft ungenirt auf seinem Sitze ein. Bei Nacht werden Fackeln angezündet (Cañamaque, Recu. I, 60 u. f.).

Mitunter werden in den Landstädten von Spaniern Versuche gemacht, spanische Theaterstücke von Tagalen aufführen zu lassen, doch misslingen sie in der Regel, indem die Tagalen in dem fremden Stoffe und der fremden Ideenwelt sich nicht auskennen und sich daher sehr linkisch benehmen (Jagor, Phil. 84).

Auch die lyrische Poesie wird von den Tagalen gepflegt, es sind meist Liebeslieder, welche in Begleitung von Musikinstrumenten gesungen werden. In einem Liebeslied aus Tayabas heisst es: „Wenn mir mein Bräutchen sterben sollte, ich würde mich über ihren Grabhügel werfen, damit nicht ihre Gebeine Kälte leiden” (Oriente 1878, n. 11, p. 20 nach D. Juan Alvarez Guerra). Bei Festgelagen treten Improvisatoren auf, welche bei Begleitung eines Blasinstrumentes vierzeilige Lieder singen (Cañamaque, Recuerdos I, 39).

Am beliebtesten sind zwölfsilbige Verse, die vierzeiligen Strophen haben alle denselben Reim, wobei zu beachten ist, dass bei den Tagalen der Reim lediglich aus dem letzten Buchstaben oder Laute des Verses besteht (Mas, pobl. 115), diess gilt auch, wenn sie in spanischer Sprache dichten, so sind z. B. die Worte: estrellas, cielos, veces, nubes bei ihnen Reime, weil sie mit einem s endigen. Jedes lyrische Gedicht muss von Musik begleitet werden (Mas, pobl. 116). Von ihren Nationalmelodien – wenn ich mich so ausdrücken darf – ist die bekannteste und beliebteste der Comintan, der zugleich ihre Nationalhymne und ihr Nationaltanz ist. Der Comintan ist im 3/4 oder 6/8 Tact gesetzt (Hügel, 307), seine Weise wird ebenso beim Begräbniss von Kindern gesungen, wie bei festlichen Gelegenheiten nach derselben getanzt wird (l. c. 145). Wird der Comintan getanzt, so tritt nur ein Paar auf, welches pantomimisch eine Liebeserklärung darstellt „von dem Ausdrucke des einfachen Wohlgefallens bis zu der heftigsten Leidenschaft” (Hügel, 307). Eine andere Art des Comintans besteht darin, dass die tanzenden Personen körperliche Gebrechen nachahmen (l. c.). Ein anderer Nationaltanz ist der Talindao, er „wird zu vier Personen getanzt, die sich einzeln gegenüberstehen, meistens ihren Platz nicht verlassen und nur mit wenigen Bewegungen tanzen. Die Musik ist höchst romantisch, ernst, und von Zeit zu Zeit fallen alle vier Personen mit rauschendem Castagnettenschlage ein” (l. c.




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notes



1


Ich werde demnächst eine übersichtliche Darstellung der Religion der philippinischen Malaien veröffentlichen.




2


Vorläufig zu dreien: dem Ilocanischen im nördlichen, dem Tagalischen im mittleren und südlichen Luzon, dem Visaya-Stamm im Visayer-Archipel und Mindanao. Dem Tagalischen Stamme winkt der sichere Sieg über die beiden anderen.




3


Die Spanier theilen die Malaien der Philippinen ein in „Indios”, d. s. Christen, Infieles oder Igorrotes (auch Cimarrones, Montescos, Montaraces), d. s. Heiden und Moros, d. s. Mohammedaner.




4


Sind nicht unter diesen „Armenios” richtig Parsis zu verstehen?




5


Auch die Negritos von Tarlac (Pampanga) sind Ackerbauer, indem sie Reis und Mais pflanzen (Cavada I, 164), ebenso pflegen die Negritos von Camarínes Norte, vom Hunger getrieben, den Vicol-Malaien bei der Bestellung der Reisfelder mitzuhelfen (Cavada II, 447).




6


Dr. Schadenberg fand diese Bestattungsweise nicht allgemein vor, dagegen bestätigt sie Cavada (I, 221).




7


Ähnlich berichtet Dr. Schadenberg (147) nach Serrano und Calayag, dass die Negritos für jeden verstorbenen Stammesgenossen einen Indier (-Malaien) tödten.




8


Pili, eine Art Canarium.




9


Scheidnagel (S. 58) sagt treffend: Obwohl man sich sehr viel Mühe gemacht, sie zu dem Lichte des Christenthums heranzuziehen, so hat man doch nach meinem schlichten Verstande sehr wenig für die Pflege der wahren Moral gethan.




10


Der Patianac scheint überhaupt vor allem Nackten seine Macht zu verlieren. Er ist jener Spukgeist, der den Reisenden vom rechten Wege abbringt und ihn sich verirren lässt. Geschieht diess den Tagalen, so ziehen sie sich nackt aus und strecken die entblössten Genitalien gegen den Wind, worauf der Patianac seine Kraft einbüsst (Mas, l. c.).


