In der Mondnacht
Hans Wachenhusen




Hans Wachenhusen

In der Mondnacht / Märchen





Wie ich zu den Märchen kam


In einem einsamen Wirthshause des Thüringer Waldes übernachtete ich im letzten Sommer, als ich auf der Reise war. Ich konnte nicht einschlafen und dachte allerlei bei mir, was man so denkt, wenn man nichts Anderes zu thun hat.

Da ging der Mond hinter dem Inselberge auf und leuchtete in mein Zimmer, ich aber rieb mir die Augen und sagte zu mir: »es ist nur gut, daß der Mond da ist, so sind wir doch unsrer Zwei in dem einsamen Zimmer; du willst ihm nur das Fenster öffnen, damit er herein kann!«

Das that ich denn auch, und während ich vom Bett aus in den Mond schaute, sah ich einen hellen, breiten Strahl herein dringen, der fast wagerecht von draußen auf meine Brust fiel.

Ich betrachtete mir den sonderbaren Strahl genauer, und da sah ich denn, daß er eine Mondstraße war, die war wie eine Chaussee mit Kies gedämmt, ganz wie eine rechtschaffene Chaussee, für die man mit gutem Gewissen Zollgeld einnehmen kann, nicht wie die Chausseen der Leipziger Promenaden, auf die man immer halbe Pfund-Kieselsteine streut, damit der Schuster nur recht viel Geld verdient. Und auch die Meilensteine standen ganz regelrecht in gewisser Entfernung von einander da, ordentlich mit Zahlen darauf, aus denen ein gewöhnliches Menschenkind nie recht klug werden kann. Aber was noch das Beste war: mein kleines Fenster, durch welches diese Straße ging, sah aus, als wäre es das Chausseehaus mit dem Schlagbaum.

– So was lebt nicht! dachte ich bei mir. Seit wann werden denn schon die Mondstrahlen gepflastert?… »Aber«, dachte ich weiter, als ich's mir recht überlegt hatte, »im Grunde ist das doch schön, du kannst hier nun den Chausseegeld-Einnehmer spielen und also auf der Reise noch Geld verdienen. Du willst jetzt Zöllner sein und der erste Wagen, der des Weges kommt, muß Zoll bezahlen!«

Kaum hatt' ich dies gedacht, da sah ich in der Ferne einen Wagen die Mondchaussee herabkommen. Aber was war das für ein wunderliches kleines Fuhrwerk!

Der Wagen bestand aus einem reifen Mohnkopf, an den ein paar Sternblumen als Räder geklebt waren. In dem Mohnkopf saß ein kleiner Fuhrmann, kaum einen Käse hoch, der hielt die vom feinsten Spinngewebe gedrehten Zügel in der Hand und schwang das Fühlhorn eines Goldkäfers als Peitsche. Vor dem Wagen aber galoppirten vier große Mücken von denen mit dem Büschel auf dem Kopf, wie im Winter die Schlittenpferde. Diese Mücken hatten ordentlich ein kleines Gebiß im Munde, sie waren ganz nach alter Fuhrmannsregel aufgeschirrt und ich glaube, sie hatten auch kleine Hufeisen unter den Füßen, denn sie galoppirten mit ihren langen Beinen daher, daß es eine Lust war. Aber mager waren sie doch ganz entsetzlich; sie mochten wohl von echt englischer Raçe sein.

– Hollah! rief ich dem Fuhrmann zu, als er an's Fenster kam; hier wird Chausseegeld bezahlt.

Er aber ließ sich gar nichts merken, war wie ein Wind durchs Fenster und kutschirte gerade auf mich zu.

– Oho! rief ich, als er mir auf den Leib kam; mein Bett ist doch keine Ausspannung für Wagen und Pferde?

Er aber ließ sich wieder nichts merken, rief »Brr!« stieg aus, band seine Pferde an mein Nachtlicht und marschirte auf der Bettdecke zu mir.

– Guten Abend, alter Kamerad! rief er mir so ungenirt zu, als wären wir zusammen in die Schule gegangen.

– Guten Abend! antwortete ich, den kleinen Kerl groß ansehend. »Wer bist Du, und hast Du auch einen Paß bei Dir?«

– Brauche keinen Paß! Reise überall frank und frei umher!

– So? Dann mußt Du wohl sehr weit herkommen? Laß das nur die Polizei nicht merken!

– Giebt für mich gar keine Polizei! sagte er so stolz, als wäre er mindestens der Kaiser von Rußland.

– Höre 'mal, kleiner Patron, Du scheinst mir ein Landstreicher zu sein!… Doch gleichviel, ich will Dich nicht verrathen; sag' mir nur, wer Du bist.

– Du kennst mich also nicht mehr! Was für ein kurzes Gedächtniß Ihr Menschen doch habt!… Ich bin ja Puck!

– So? Du bist Puck?… Und wer ist denn Puck, wenn ich fragen darf?

– Was? Du willst ein Dichter sein und kennst den kleinen Puck nicht einmal?… Schämen solltest Du Dich!

– Nun ja, Du närrischer Kauz, da wir unter uns sind, will ich das ja gerne thun; aber sage mir wenigstens…

– Ich bin ja der kleine Puck, der Euch einfältigen Leuten, die Ihr Euch Dichter nennt, alle die schönen Märchenträume erzählt. Was wäret Ihr wohl ohne mich?

– So? Also Du bist der kleine Schelm?

– Das will ich meinen! Ich reise in der ganzen Welt umher und erzähle, was ich weiß, den Märchenschreibern. Andersen in Dänemark, die beiden Grimm's in Deutschland, Asbjörnsen und Jörgen Moe in Norwegen, Alle haben sie ihre Märchen von mir und noch gestern Nacht war ich in England und habe dem Charles Dickens ein ganz famöses Märchen erzählt.... Alle, wie sie da gebacken sind, wüßten sie nicht so viel ohne mich! rief der kleine Wicht, mir ein Schnippchen vor der Nase schlagend.

– Aber was willst Du denn bei mir? fragte ich ihn.

– Dir auch was erzählen!

– Aber doch was Gescheidtes?

– Das versteht sich! Thu' nur die Ohren auf!

– Gut; so fange an!

Rittlings setzte sich nun der kleine Knirps auf eine Falte meiner Bettdecke, fing an zu erzählen und machte dabei immer so und so mit den Händen wie der Pastor, wenn er auf der Kanzel steht.

Das dauerte wohl bis gegen Morgen. Als er fertig war, griff er in die Tasche, legte mir ein Mohnkörnchen in jedes Auge, und ich schlief ein.

Wo er geblieben ist, weiß ich nicht; was er mir aber erzählt, das habe ich hier getreulich nieder geschrieben.




Des Königs Fernrohr


Hört an: Es war einmal ein König, der hatte viel Land und Leute, sein Reich erstreckte sich von Aufgang bis Niedergang der Sonne, auch herrschte viel Gelehrsamkeit und Verkehr in demselben, und Das, meinte er, sei sein Werk.

Aber seine Unterthanen sagten ihm nach, er sei zwar ein recht guter König, doch lasse er sein Land durch seine Minister und Beamten regieren, die es aussögen, den König hintergingen und nur für ihre eigenen Säckel sorgten.

So kam es denn, daß sehr viele Bittschriften von Unglücklichen im Schlosse einliefen. Von diesen aber kamen nur sehr wenige in die Hand des Königs und auf die wenigen, welche ihm vor Augen gelangten, antwortete er, es sei unmöglich, daß er Alles selbst übersehen könne, seine Minister seien alle brave Männer, die würden das schon besorgen; übrigens sei sein Land das allerglücklichste der Welt.

Das war aber keineswegs der Fall, denn im Lande sah es von Jahr zu Jahr immer trüber aus; die Bürger verarmten, die Reichen verschluckten den Schweiß der Armen und je mehr Minister der König anschaffte, desto schlechter wurde es.

Da kam eines Tages ein reisender Brillenhändler in das Schloß des Königs, der sagte, er komme aus dem fernen Orient und habe Gläser erfunden, durch welche man Alles sehen könne, was man wolle.

– Das wäre! – sagte der König. Wenn Du also wahr sprichst, so gieb mir ein Glas, durch welches ich über mein ganzes Land blicken und Alles sehen kann, was in demselben vorgeht!

Und der Brillenhändler gab ihm ein großes Fernglas, das war von außen ganz schwarz und wohl drei Ellen lang. Darauf reiste er ab.

Der König aber stieg auf die höchste Zinne seines Schlosses und schaute hinaus in sein Land.

Aber was sah er durch dieses Fernglas? Fast nichts als Armuth und Elend in den Hütten, Hader und Neid in den Häusern der Reichen, Uebermuth und schändliche Ausschweifungen in den Palästen. Er sah in den Hütten der Armen die Söhne ihre eigenen Eltern hinausstoßen und abgezehrte Kinder an trocknen Knochen und Schuhsohlen nagen; er sah in den Werkstätten der Handwerker die Arbeit ruhen und die Väter und Mütter ihre Hände vergebens nach Brot ringen; er sah an den Schwellen der Reichen den Bettler unbarmherzig verjagen und in den Palästen der Vornehmen das Geld aufgestapelt, das er alljährlich prägen ließ.

– Das ist ein schändlicher Betrüger! rief der König aus und warf das Glas bei Seite. So sieht es in meinem Lande nicht aus, denn mein Land ist das allerglücklichste der Welt!

Und der König schaute nie mehr durch dieses Glas, und setzte einen Preis aus für Denjenigen, welcher ihm den Betrüger zur Stelle schaffen könne, der ihm dieses Fernglas verkauft.

Aber Niemand fand ihn und alle Nachforschungen blieben vergebens.

Wohl ein Jahr war verflossen, da trat der reisende Brillenhändler wieder in das Schloß. Der König fuhr ihn hart an und befahl, ihn zu verhaften und in Ketten zu legen.

– Hoher König, sagte der Brillenhändler, Du befahlst mir ja, Dir ein Fernglas zu geben, durch welches Du Alles sehen könnest, was in Deinem Lande vorgehe!

– Dein Glas lügt aber! rief der König. Mein Land ist das glücklichste der Welt! Gieb mir ein Fernglas, durch welches ich meine Unterthanen glücklich sehen kann, so soll Dir vergeben sein!

Und der Brillenhändler gab dem König ein anderes Fernglas, das war außen ganz weiß und ebenfalls wohl drei Ellen lang. – Dann reiste er wieder ab.

Der König aber stieg auf die höchste Zinne seines Schlosses und schaute in sein Land hinaus. Wohl sah er viel weniger durch dieses, als durch das vorige Glas, aber was er sah, das war Glück und Frieden.

– So sieht mein Land aus! Ich wußte ja, daß es glücklich sei! sagte er und stieg wieder von der Zinne herab und lobte seine Minister dafür, daß sie sein Land so glücklich verwalteten.

Also verging wohl ein Jahr, während dessen der König alle vier Wochen auf die Zinne seines Schlosses stieg und ausschaute.... Er sah mit jedem Male immer weniger durch das Glas, aber was er sah, das war Glück und Frieden.

Endlich konnte er gar nichts mehr durch das Fernglas sehen. Er gab es seinen Dienern, die sollten es putzen, denn der König meinte, es sei von dem langen Gebrauch blind geworden. Aber so viel die Diener auch putzten, das Glas blieb blind. Der König indeß wußte, daß sein Land glücklich sei.

Und wieder verging ein Jahr. Da brach im Lande ein Bürgerkrieg aus; die Paläste der Reichen gingen in Flammen auf und eine Seuche verbreitete sich über alle Provinzen. Die Unruhen ließ der König zwar dämpfen, aber die Seuche wüthete fort und warf den König selbst aufs Krankenlager, der noch immer geglaubt hatte, daß sein Land glücklich sei; denn seine Minister hatten es ihm ja gesagt.

Da lag nun der arme König und mehr als die Krankheit folterte ihn der plötzlich in ihm aufgetauchte Gedanke, daß sein Land doch wohl nicht glücklich sein müsse.

Seine Krankheit wurde immer gefährlicher und die Aerzte meinten, er werde wohl sterben müssen.

Da kam eines Tages ein Fremder vor das Schloß gefahren, der sagte, er sei ein Wunderdoctor aus fernen Landen, er wolle den König wieder herstellen, wenn man ihn allein mit dem Kranken lasse.

Als der König dies vernahm, befahl er seiner ganzen Umgebung, hinaus zu gehen; und als nun der Wunderdoctor an sein Bett trat, da erkannte er den Brillenhändler. Dieser legte dem kranken Könige die Hand auf die Brust; sogleich ward ihm wohler und noch an demselben Tage konnte er das Bett verlassen.

– Auch das zweite Fernglas, welches Du mir gegeben, ist falsch gewesen! sagte der König zu dem Brillenhändler; denn während es mir nur Glück und Frieden im Lande zeigte, brachen Bürgerkrieg und Seuchen aus, und zuletzt wurde es ganz blind. Du hast mich und mein Land sehr unglücklich gemacht!

– Du hast es ja so gewollt, antwortete der Brillenhändler. Als Du ein Fernglas von mir verlangtest, durch welches Du Alles sehen könnest, was in Deinem Lande vorgehe, da gab ich Dir das schwarze und Du sahst durch dasselbe, wie es in Deinem Lande zuging. So sah es aus; aber Du wolltest es nicht glauben. Als ich wiederkehrte, verlangtest Du ein Glas von mir, durch welches Du Deine Unterthanen glücklich sehen könntest. Ich gab Dir ein solches. Du sahst die wenigen Stätten Deines Landes, in welche Hader und Elend noch nicht gedrungen, und als auch diese endlich vom Unglück verheert waren, da sahst Du nichts mehr durch dieses Glas. Du glaubtest, das Glas sei blind, aber Du selbst nur warst blind.

– So gieb mir denn ein drittes, durch welches ich Alles, Alles sehen kann, was in meinem Lande vorgeht, mag es Gutes oder Böses sein!

Und der Brillenhändler gab dem Könige ein drittes Fernrohr.

– Es ist das letzte! sagt er, und verschwand.

Der König aber stieg mit dem Fernglase auf die höchste Zinne seines Schlosses, und diesmal sah er viel Elend, aber auch manches Glück; er sah viel schlechte Thaten, die strafte er auf's härteste; er sah auch gute Thaten, und die belohnte er königlich.

Viele Jahre vergingen, das Land jedoch ward nun blühend und seine Bewohner wurden glücklich. Der König aber war zufrieden und sagte: »jetzt ist nicht nur mein Land glücklich, ich selbst bin es auch!«

Und als er endlich auf dem Sterbebette lag, da erschien ihm der Brillenhändler zum vierten und letzten Male.

– Ach, sagte der König; mein Lieber, dieses Fernglas ist unbezahlbar! Laß es mir, damit es auf meinen Sohn vererbe!

– Es sei! antwortete der Brillenhändler, denn die Blicke eines Königs sollen nicht nur die Glücklichen, sondern noch mehr die Unglücklichen sehen. Nun aber höre noch Eins: Dieses letzte Fernrohr, das ich Dir gab, enthielt gar kein Glas; ich habe Dir nur die Augen geöffnet!«




Etwas Höheres


Eine Stahlfeder und ein Gänsekiel lagen eines schönen Sommermorgens auf dem Pulte eines Dichters. Dieser war verreist, und da das Stubenmädchen nach dem Auskehren des Zimmers das Fenster offen gelassen hatte, so konnten die beiden Federn recht nach Herzenslust die frische Luft genießen. Aber daran dachten sie gar nicht, denn sie hatten viel wichtigere Dinge zu besprechen.

Wie es gewöhnlich geht, daß die Dienerschaft groß spricht, wenn die Herrschaft nicht zu Hause ist, führten auch die Stahlfeder und der Gänsekiel eine gelehrte Unterhaltung über die Dichtkunst und beide strichen ihre Verdienste um dieselbe heraus.

– Ich bin doch eigentlich viel mehr als Du, sagte die Stahlfeder, denn mit mir hat unser Herr sein berühmtes Gedicht »an den Mond« geschrieben; ich bin also im Grunde eine berühmte Stahlfeder. Es ist doch recht beruhigend, wenn man sich sagen kann: Du hast etwas Großes geleistet! Andere Federn freilich können sich dessen nicht rühmen! setzte sie mit einem spöttischen Blick auf den Gänsekiel hinzu.

– O ja, das können sie wohl! sagte der Gänsekiel, sich seine schöne Fahne streichend. Mit mir z. B. hat unser Herr sein berühmtes Gedicht über »die Unsterblichkeit der Seele« geschrieben, und die ist doch etwas viel Höheres als der Mond!

– Das ist nicht wahr! entgegnete die Stahlfeder; der Mond ist etwas viel Höheres als die Seele.

– Nein, die Seele ist höher!

– Nein, der Mond, behaupte ich!… Aber dazu muß man Astronomie verstehen und von der hat eine Gans wie Du natürlich keine Ahnung!

So stritten sich Beide darum, ob der Mond oder die Seele höher sei und Jeder vertheidigte seine Ansicht.

Endlich machte die Stahlfeder, um den Streit zu schlichten, den Vorschlag, es solle Derjenige Recht haben, welcher den feinsten Haarstrich machen könne.

– Nein, wer den dicksten Grundstrich machen kann! rief der Gänsekiel, und das war eigentlich recht gescheidt von ihm, denn in solchen kann ein Gänsekiel etwas leisten.

– Gut, auch Das! sagte die Stahlfeder, sich auf die Biegsamkeit ihrer langen Beine verlassend; ich bin nicht so streitsüchtig wie andere Leute, und nur um Dir dies zu beweisen, nehme ich Deinen Vorschlag an.

Die Stahlfeder sollte nun zuerst schreiben. Stolz richtete sie sich auf, tauchte ihre spitzen Beine recht tief in die Tinte, stellte sich auf das Papier, und um dem Gänsekiel doch auch zugleich einen Begriff von der Feinheit ihrer Haarstriche zu geben, machte sie zuerst einen Haarstrich, der war so dünn wie eine Stecknadelspitze.

– Das muß wahr sein, sagte der Gänsekiel, fein ist der Strich; aber ich kann ihn auch so machen.... Jetzt den Grundstrich, der ist die Hauptsache!

Die Stahlfeder lächelte sehr vornehm, wie Einer, der seiner Sache gewiß ist, steckte ihre Beine noch einmal in die Tinte, bog sie dann auf dem Papier recht weit auseinander und machte einen Druck.

Knack! Da brach ihr das eine Bein, daß es hoch in die Luft flog und das Papier mit ihrem schwarzen Blut bespritzte; und da sie mit dem andern Bein weder einen Grundstrich machen, noch sich auf demselben aufrecht erhalten konnte, so sank sie mit einem Seufzer um.

– Daran bist Du mit Deinem Grundstrich Schuld! sagte sie zum Gänsekiel; aber so ergeht es Einem immer, wenn man sich mit solchem Gesindel, wie Du bist, einläßt!

Der Gänsekiel freute sich über die Maßen und konnte doch der Stahlfeder die Antwort nicht schuldig bleiben.

– Gesindel? rief er. Oho! Ich bin von sehr achtbarer Herkunft!

– Ja wohl, Du stammst von einer Gans!

– Und woher stammst denn Du, wenn man fragen darf?

Ich bin weither aus einem Gebirgslande, in welchem nur edle Metallfamilien leben. Der Stahl ist von jeher etwas Aristokratisches gewesen; schon die alten Ritter trugen uns auf der Brust.

– Und uns Federn trugen sie auf den Helmen; das ist doch viel höher.

– Ja, Federn trugen sie wohl, aber nur keine Gänsefedern, hahaha! lachte die Stahlfeder trotz ihren Schmerzen. Unser Geschlecht dahingegen hat schon, so lange es Krieg giebt, das Vaterland mit Ehren vertheidigt.

– Und das unsre hat einst das Kapitol gerettet! Mit uns Gänsefedern hat Luther die Bibel übersetzt; wir haben die Weltgeschichte geschrieben, Schiller und Göthe haben mit uns ihre unsterblichen Werke gedichtet, ehe man an Euch Stahlfedern dachte! rief der Gänsekiel, seine Fahne aufblähend.

Da aber fuhr gerade ein Windzug durch das Zimmer, faßte den leichten Gänsekiel und wehte ihn zum Fenster hinaus. Die Stahlfeder hingegen ließ er ruhig liegen, denn die war wohl ein halbes Loth schwerer als der Gänsekiel.

Und wie erging es nun der armen Gänsefeder?

Als sie unten auf der Straße ankam, schritt gerade ein Spielzeughändler vorüber, der sah sie flattern und auf die Erde fallen; er nahm sie auf und besah sie mit Wohlgefallen.

– Du kommst mir ganz gelegen! sagte er, die Feder zu sich steckend, und trug sie nach Hause.

Hier schnitt er sie mitten durch, machte aus dem unteren Theil einen Zahnstocher und legte diesen zu den übrigen, welche er zum Verkauf in seinem Laden hatte; den oberen Theil aber bemalte er mit den schönsten Farben und steckte ihn an einen Federball.

Die arme Gänsefeder verspürte zwar viel Schmerz, als sie so mitten durchgeschnitten wurde, aber sie fühlte doch, daß sie hiedurch ihrer Bestimmung näher komme und tröstete sich mit dem Gedanken, daß sie jetzt etwas Höheres werde.

– Es ist doch merkwürdig, sagte sie zu sich selbst, wie hoch Mancher steigt, während Andre, z. B. ordinäre Stahlfedern, immer bleiben, was sie sind. Das liegt aber an der Erziehung. Was wird meine bisherige Kollegin Augen machen, wenn sie mich so vor ihrem Fenster hoch in die Luft fliegen sieht! Jetzt bin ich wirklich etwas Höheres!

Ganz ebenso dachte der untere Theil der Gänsefeder, der nunmehrige Zahnstocher.

– Jetzt bin ich doch etwas mehr geworden, sagte er zu sich; ich bin jetzt ein respectabler und wohlgeborner Zahnstocher; vielleicht, ja wahrscheinlich kauft mich ein König oder ein Fürst, dann komme ich an eine königliche Tafel, in irgend einen durchlauchtigen Mund; vielleicht kann ich sogar die Lippen irgend einer Prinzessin küssen. Ach, das wäre einmal schön!… Ja, ja, jetzt bin ich unstreitig etwas Höheres! Die arme Stahlfeder, die sich mit mir auf eine Stufe stellen wollte, sie thut mir wirklich leid!…

So vergingen vier Wochen.

Inzwischen war der Federball einem Knaben zum Geburtstag geschenkt worden, und jedesmal wenn dieser ihn hoch in die Luft schnellte, rief die Feder sich zu: »jetzt bin ich etwas Höheres!«

Der Zahnstocher war mit seinem Schicksal schon weniger zufrieden. Er war allerdings an eine vornehme Tafel gekommen, aber unbenutzt liegen geblieben. Als der Diener die Tafel abtrug, bemerkte er den Zahnstocher, nahm ihn in den Mund und ging aus, um die Geschäfte seines Herrn zu besorgen. Er ärgerte sich aber darüber, daß er für seine Herrschaft so viel laufen müsse und da er unterwegs zum Zeitvertreib den Zahnstocher im Munde trug, so ließ er an diesem seinen Aerger aus und zerbiß und zerkaute ihn so, daß der arme Zahnstocher hätte Ach und Weh schreien mögen. Als der Diener zurückkehrte, warf er ihn auf der Straße auf einen Kehrichthaufen, gerade vor der Thür des Dichters.

Der Letztere war ebenfalls von seiner Reise wieder heimgekehrt. Er sah die zerbrochene Stahlfeder, zog sie aus dem Halter und warf sie zum Fenster hinaus. Seufzend fiel sie auf denselben Kehrichthaufen.

– Die Menschen sind doch entsetzlich undankbar! klagte die arme Stahlfeder. Ich habe doch meinem Herrn sein berühmtes Gedicht »an den Mond« geschrieben, und nun wirft er mich hier auf den Kehricht; und gerade bei diesem erschrecklichen Regenwetter! Ich werde mich sehr vorsehen müssen, damit ich nicht verroste!

Der Zahnstocher hörte die Stahlfeder neben sich seufzen.

– Was hilft mir nun all mein Dichten! sagte er zu sich selbst. Da liege ich jetzt in dem abscheulichen Platzregen! Und zerkaut hat mich dieser Lakai bis auf die kleinste Faser!… Die Menschen sind doch recht undankbar!

Inzwischen kam noch ein Dritter zu der Gesellschaft. Der Knabe hatte trotz dem Regenwetter auf dem Platze mit seinem Federball gespielt; er warf ihn hoch in die Luft, und als er wieder herabkam, waren alle die schönen Farben der Feder in einander gelaufen. Die Feder sah jetzt recht häßlich aus.

Unwillig riß der Knabe sie aus dem Ball und warf sie auf den Kehricht.

– Da liege Du, wenn Du nicht Farbe halten kannst!

– Gott, wie sind doch die Menschen undankbar! seufzte die Feder, sich vornehm auf dem Kehrichthaufen umschauend. Aber ich habe doch die Beruhigung, etwas Höheres gewesen zu sein. Wenn nur das garstige Regenwetter erst vorüber ist, so schwinge ich mich schon wieder auf, denn meine Federkraft fühle ich noch immer in mir!

– Entschuldigen Sie, daß ich so frei bin zu fragen, redete die Stahlfeder sie an, wir müssen uns kennen: waren wir nicht bei dem Dichter zusammen in Condition?

Die Gänsefeder aber blähete sich auf und warf der Stahlfeder einen verächtlichen Blick zu, obgleich sie dieselbe wohl erkannte.

– Mit wem habe ich die Ehre? fragte sie vornehm.

Da aber kam ein kleiner Lumpensammler, der wühlte in dem Kehricht und fand sie Alle, den Zahnstocher, die Stahlfeder und die vornehme Gänsefeder; er nahm sie und steckte sie in seinen Sack.

– Jetzt werde ich wieder etwas Höheres, sagte die Gänsefeder, als sie nun zu einem Federreißer kam… Der aber riß ihr die schöne Fahne ab, steckte sie in ein Kopfkissen und warf den kahlen Stiel hinter den Zaun zu vielen andern.

– Das schadet mir doch nicht, sagte der Stiel zu sich selbst; ich bin dennoch mehr als alle die übrigen hier; ich bin doch immer etwas Höheres, denn ich habe das berühmte Gedicht über »die Unsterblichkeit der Seele« geschrieben.




Die unglücklichen Heuschrecken


In einem Kornfelde wohnten zwei Heuschreckenfamilien, die waren sehr anständig und ehrbar und lebten glücklich; aber die eine Familie war grau und die andere grün.

Die eine von ihnen hatte nun einen Sohn, das war die graue, und die andere hatte eine Tochter, das war die grüne. Beide Kinder liebten sich und wollten sich gern heirathen.

Aber der Vater des jungen Fräuleins hatte einen Widerwillen gegen den jungen Heuschreck, weil er nicht grün war wie seine ganze Familie seit verschiedenen Geschlechtern, sondern grau und nur ganz wenig grün gesprenkelt. »Das gehe nicht an«, meinte der Vater, »Art müsse immer bei Art bleiben und nie werde er zugeben, daß in seiner Familie eine Mißheirath vorfalle.«

Das war nun recht schlimm für die beiden Kinder. Die Mutter hätte es freilich gern gesehen, wenn aus ihnen ein Paar geworden wäre, aber da der eine Vater es nicht zugeben wollte, so mochte der andere auch nichts davon hören, daß sich sein edel graues Geschlecht mit dem hoffärtigen Grün vereine.

Die beiden Kinder waren äußerst betrübt, denn eine unglückliche Liebe geht noch weit über Zahnschmerzen und Ohrenreißen, das kann Euch Jeder erzählen, der sie erfahren hat.

Eines Abends kam nun der Vater des jungen Fräuleins sehr ermüdet nach Hause, denn er hatte viel im Felde zu thun gehabt. Er wollte ausruhen, setzte sich hin und zirpte.

Da sprach seine Frau zu ihm:

– Lieber Mann, unser Kind ist so unglücklich, daß es uns sterben wird, wenn wir nicht nachgeben. Ich wasche meine Hände in Unschuld, denn Gott weiß, daß ich dem Glück unserer Tochter nicht im Wege stehe!

– Kann nichts daraus werden! sagte der alte Heuschreck. Er ist einer von den Grauen und gehört also zu den unteren Classen; meine Tochter soll sich nicht unter ihrem Stande vermählen.

Als er das gesagt hatte, zirpte er gemüthlich weiter.

Aber seine Frau wußte ihm doch das Herz weich zu machen, so daß er endlich nachgab.

Da nun der alte Heuschreck ein sehr abergläubischer Mann war, ließ er die beiden Kinder holen und sagte zu ihnen:

– Ich weiß, daß Ihr Euch Beide lieb habt; aber Ihr wißt auch, daß ich als Vater immer gegen Eure Verbindung gewesen bin. Deine Mutter jedoch, mein Kind, sagte er zu seiner Tochter, hat mein Herz zu dringend bestürmt, und darum will ich denn allenfalls in Eure Heirath willigen, aber nur unter einer Bedingung, die sich auch in meiner Ehe bewährt hat. Es besteht nämlich in unserer Familie folgende Sitte. Wenn sich zwei junge Personen lieb haben, so gehen sie am Johannisabend ins Feld und suchen drei neben einander stehende, junge und gleich große Grashalme. Um den einen derselben binden sie einen rothen, um den andern einen grünen und um den dritten einen schwarzen seidenen Faden. Wächst nun in der Johannisnacht der Halm, an welchem der rothe Faden sitzt, so werden sie glücklich, wächst der grüne, so bekommen sie viele Kinder, wächst aber der schwarze, so werden sie sehr unglücklich in der Ehe und es wäre eine Sünde, wenn sie sich dennoch heirathen wollten. Da wir nun heute Johannisabend haben, so geht hin und thut nach der Vorschrift. Prophezeit Euch der Grashalm eine glückliche Ehe, so sollt Ihr Euch haben; wo nicht, so bleibt Ihr von einander.

Und die beiden Kinder gingen hin und fanden am Grabenrand neben einander drei gleiche, junge Grashalme. Um den einen banden sie einen rothen, um den andern einen grünen und um den dritten einen schwarzen seidenen Faden; und dann gingen sie nach Hause und konnten die ganze Nacht hindurch vor Angst und banger Erwartung nicht schlafen.

Am andern Morgen ganz früh aber hüpften die Eltern und die Kinder und alle Verwandte in feierlicher Procession nach dem Grabenrand, um die Grashalme zu besehen.

Und siehe da: der Halm, an welchem der schwarze Faden saß, war wohl um einen Zoll über die beiden andern in die Höhe geschossen!

– Ich hab' es ja immer gesagt; jetzt seht Ihr, daß ich Recht hatte! sprach der alte Heuschreck, und dann gingen sie wieder nach Hause.

Am selbigen Abend saß das Heuschreckfräulein unter einem wilden Rosenstrauch, wo sie immer mit dem jungen Heuschreck zu plaudern pflegte, und weinte. Bald darauf kam der Geliebte auch und hatte ebenfalls ganz nasse Augen.

– Ich kann's nicht aushalten, wenn wir uns trennen sollen! sagte er traurig.

– Ich nun vollends nicht! antwortete sie schluchzend.

– Ich mag nicht mehr leben, denn ohne Dich ertrage ich mein Dasein nicht! fuhr er fort.

– Ich auch nicht! schluchzte sie wieder.

– Weißt Du was? sagte der Heuschreck, wie wenn er einen großen Entschluß gefaßt hätte. Wir wollen unserm Leben ein Ende machen!

– Ja, das wollen wir thun! Aber wie sollen wir es nur anfangen? meinte sie.

– Du weißt, sagte er, daß hier, etwa tausend Sprünge hinter diesem Rosenstrauch, ein großer See liegt; in den wollen wir hineinspringen, und dann ist es aus mit uns und unsern Leiden.

– So soll es geschehen! Es bleibt uns nichts Anderes übrig, rief das unglückliche Heuschreckfräulein, denn so geht es nimmermehr!

– Nein, so geht es nimmermehr!

Und so hüpften sie melancholisch fort, und als sie Beide am Ufer des Sees standen, da faßten sie sich ein Herz, umarmten sich zärtlich, sprangen zusammen in die Tiefe und die Wellen schlugen über ihnen zusammen.

– Hättest Du das Wasser für so trocken gehalten? fragte der Heuschreck die Geliebte nach einer Pause, während welcher er vergebens den Tod erwartet hatte.

– Ich glaube fast, es ist gar kein Wasser, in das wir uns gestürzt haben. Eher riecht es hier wie in einem Flachsfelde, das in voller blauer Blüthe steht. Vor Entsetzen zitterten sie aber noch alle Beide.

– Wahrhaftig, es ist eine Flachssaat. Ich erkenne die Stengel ganz deutlich und die blauen Blumen darüber und noch höher den blauen Himmel.

– Ein Wunder hat uns gerettet und Thorheit wär's, das Wunder nicht mit Dank anzunehmen. Aber wie siehst Du aus, mein Lieber? fuhr das Fräulein mit Erstaunen fort. Das ist nicht der Widerschein, das ist die leibhaftige Farbe Deiner Haut. Du bist grasgrün geworden.

– Ich? rief der Jüngling und richtete sich stolz empor. Wahrlich, so hellgrün, daß mich ein Laubfrosch beneiden könnte.

– Mein Gott und ich dagegen – ich bin über und über in Grau gekleidet. Nicht ein Streifen mehr von meiner früheren Farbe! Es muß die Angst, es muß der furchtbare Schrecken gewesen sein, der unsere Farben vertauscht hat.

– Ich kann mir die neue Tracht wohl gefallen lassen, sagte der Jüngling, sich immer wohlgefälliger betrachtend. Da brach jedoch das verwandelte Fräulein in heiße Thränen aus… Wenn wir nun nach Hause kommen, so wird am Ende Dein Vater den Vornehmen spielen, mich als Schwiegertochter zurückweisen oder der meinige mich enterben. Höchstens daß wir wieder ein dummes Orakel befragen dürfen – und es ist doch nur einmal im Jahr Johannisnacht.

– Weißt Du was? entgegnete der männliche Grashüpfer. Wir kehren gar nicht nach Hause zurück. Was sollen wir uns schikaniren, in Tod und Verzweiflung jagen lassen durch den Farbeneigensinn und das Vorurtheil unserer Familien? Laß uns durch diese rettenden Fluthen ans jenseitige Ufer waten und dort ein neues Leben beginnen. Grau ist grün und grün ist grau geworden durch die Liebe – Du glaubst gar nicht, wie schön Dir Dein veränderter Teint steht, meine Holde, – und derselbe Irrthum, der uns hier den Tod suchen ließ, schützt uns jenseits vor Verfolgung. Brechen wir auf zur Fahrt in ein freies, in ein glückliches Land.

Sie willigte ein, und während ihre Eltern um sie weinten und sie vergebens in alle Zeitungen setzen ließen, zogen Beide durch die Wogen des Flachsoceans hinüber an die andere Küste. Diese fanden sie trotz ihrer Fruchtbarkeit ziemlich heuschreckenleer, nur mit einigen wilden kupferfarbenen Stämmen besetzt, denen sie durch Bildung, Sitte und künstliche Hülfsmittel weit überlegen waren. Seit jener Zeit sind dem ersten Paare viele Tausende in die neue Welt nachgefolgt, so graue als grüne Grashüpfer, und sie sind die Patriarchen eines gesprenkelten Volkes geworden, das immer mächtiger selbst in die alte Welt hinüberragt: Yankee-Heuschrecken genannt. Die Wanderlust und den kühnen Unternehmungsgeist ihrer Voreltern haben sie treu bis auf unsere Tage bewahrt und von den unzähligen Vorurtheilen der Heimath nur ein einziges behalten, aber ein sehr verstärktes, das gegen die schwarze Farbe, die sie bis heute nicht blos als eine unglückliche, sondern auch als eine verächtliche betrachten.




Die beiden Engel


Sterbenskrank lag der kleine Carl auf dem Bettchen. Die Nachtlampe brannte auf dem Tische, viel heißer aber brannte das Fieber in den Adern des Knaben. Dunkelrothe Rosen hatte es auf seine Stirn und auf seine Wangen gesäet, seine Lippen bewegten sich dürstend und das treue Auge war so todesmatt.

Die zitternden Händchen faltend saß er im Bett und flehte: »Abba, lieber Vater, laß mich noch nicht sterben!« Denn Carl war ein frommes Kind und der Arzt hatte ja zu seiner Mutter gesagt, er werde in dieser Nacht sein Auge für immer zumachen und sie nicht mehr sehen.

In der Ecke des Zimmers kniete die Mutter mit verweinten Augen, sie hatte drei Tage und drei Nächte hindurch für ihn geweint und jetzt war der Schlummer tröstend in ihr Auge getreten und hatte ihre müde Stirn auf den Sessel gebettet, an dem sie niedergekniet war.

Die Nachtlampe flackerte zuweilen so matt auf, als wollte sie sagen: »Lieber Carl, wollen wir nicht zusammen einschlafen?« Carl aber faltete noch immer seine Hände und betete sein frommes Abba. Das hatte die Nachtlampe ihn alle Abende beten gesehen und wenn er dann eingeschlafen war, pflegte auch sie bald ihr helles Auge zu schließen. Freilich wußte sie nicht, daß der Arzt gesagt hatte, sie würden sich heute zum letzten Male gemeinschaftlich zur Ruhe begeben.

Auf Carls Bette lag ein Bild, das hatte ihm einst die sterbende Großmutter geschenkt. Es war das betende Kind, das Ihr wohl kennt, und unter das Bild hatte die Großmutter zum Andenken geschrieben:

		»Abba, lieber Vater,
		Mach mich gut, mach mich fromm,
		Daß ich in den Himmel komm'!«

Ueber dem betenden Kinde in der schönen Randverzierung aber saßen ein paar liebliche Engel, die sah Carl immer so gern und die Großmutter hatte ihm versprechen müssen, daß er auch ein solcher Engel werden solle.

Auf diesen beiden Engeln ruhte heute Carls mattes Auge, während er betete, er hatte sie ja so gern, und es wäre ihm schon recht gewesen, zu sterben, wenn er nur die beiden Engel und die gute Mutter hätte mitnehmen können. Da erlosch die Nachtlampe, denn sie glaubte, Carl sei schon eingeschlafen, weil er so still war.

Aber das Bild auf Carls Bette verklärte sich jetzt mit einem Male in wunderbarem Glanz, es leuchtete wie tausendfacher sanfter Lampenschimmer und aus der Randverzierung traten leibhaftig die beiden Engel heraus. Die wuchsen vor seinem Blick, ihre Flügel wurden größer, ihr Gewand wurde zum Sternenkleide, ihre Augen nahmen einen überirdischen Glanz an.

So stellten sich die Engel zu beiden Seiten von Carls Bette, legten ihre Hände auf seinen fieberheißen Arm und schauten ihn so freundlich an, wie es nur die Engel thun können.

Carl erschrak anfangs, aber er erkannte ja seine Engel und streichelte ihnen mit den Händchen die Wangen.

– Ist es wohl wahr, daß ich sterben soll? fragte er. Wollt Ihr mich zur Großmutter in den Himmel holen?… Ach ja! Laßt mich mit Euch gehen, aber laßt mich mein Mütterchen mitnehmen, denn sonst kann ich nicht froh sein in Eurem Himmel!

– Nein, Du sollst noch nicht mit uns kommen, antwortete der eine Engel; aber dereinst werden wir uns wieder sehen, und dann gehst Du mit uns.

Hierauf erhoben sich Beide und bestiegen eine goldene Leiter, die wie ein großer Sonnenstrahl in die Luft führte. Carl sah, wie sie immer höher stiegen, bis die Wolken sich hinter ihnen schlossen.

Trauernd sah Carl sie droben verschwinden; eine heiße Thräne trat in sein Auge. Plötzlich aber klatschte er sich freudig in die Hände, denn die Wolken theilten sich wieder und die Engel kehrten zurück. Sie trugen auch Etwas in den Händen, das sah aus wie ein wunderschönes Schreibebuch, so schön wie er noch nie eins gesehen.

Und die Engel kehrten auf der Sonnenstrahl-Leiter zurück und traten wieder an sein Bett. Und der Eine von ihnen zeigte ihm ein Buch, dessen Deckel so purpurroth war, wie der schönste Sammet, und der ein großes goldenes Kreuz trug.

Und der Engel legte das Buch auf Carls Bett und sagte zu ihm:

– Dieses Buch sendet Dir Dein Vater im Himmel; es stehen schöne Worte und eine große Lehre darin, die sollst Du verkünden weit und breit, diesseits und jenseits der Meere, und deshalb sollst Du leben.

– Ach, das schöne, schöne Buch! rief Carl und drückte es an das kleine Herz.

Die Engel aber küßten ihn Beide auf die Stirn.

– Dereinst sehen wir uns wieder! sagten sie und verschwanden.

Viele Jahre waren verstrichen, da lag weit, weit fort in China ein Mann auf dem Sterbebette.

Sein Haar war noch nicht ergraut, seine Kraft war groß, sein Wort mächtig gewesen. Tausend und abertausend Meilen war er gewandert und hatte das Wort Gottes unter den Heiden verkündet. Er hatte viel Ungemach und Leiden ertragen, aber viele Tausende hatte er zum Christenthume bekehrt, die glaubten jetzt an den Gekreuzigten und zerschlugen die Götzen, zu denen sie in ihrer Blindheit gebetet.

Er selbst aber lag auf dem Sterbebette; keine Verwandte, kein Vater, keine Mutter, keine Gattin, keine Kinder standen an seinem Schmerzenslager; er aber war getrost, denn er sollte ja zu seinem Vater zurückkehren.

Und seine Hand ruhte auf einem rothen Buche mit einem goldenen Kreuz, darin stand mit vielen Millionen Buchstaben ein einziges Wort geschrieben: das Wort Gottes.

Und als es Abend wurde, da betete er noch einmal, denn sein Auge wollte brechen.

Plötzlich ward es hell im Zimmer wie vom Schein der untergehenden Sonne. Noch einmal schlug er das Auge auf und sah an seinem Bette zwei Engel stehen.

– Als wir Dich vor mehr denn vierzig Jahren sahen, begann der Eine, da versprachen wir Dir, Du sollest uns wiedersehen. Wir sind gekommen, um Dich mit uns zu nehmen, denn Du hast genug gethan. Du sollst ausruhen und vor das Antlitz Dessen treten, den Du verkündet hast.

Die Engel legten ihre Hand auf sein Auge und das Buch auf seine Brust. Sie ließen seinen Leib ruhen und führten seine Seele hinüber auf derselben Leiter, auf welcher sie ihm einst erschienen waren.

Die Welt hieß ihn Carl Gützlaff, der Vater im Himmel aber nannte ihn seinen treuesten Sohn.




Der blanke Dreier


In Minchens Sparbüchse lagen viele Groschen, Zwei- und Vier-Groschenstücke, mehrere Thaler, ein Friedrichsdor, den sie vom Vater zum Geburtstag erhalten hatte, und endlich ein Dreier, der war so blank, als wäre er soeben aus der Münze gekommen, und bildete sich ein, er sei von Gold.

– Um Verzeihung, was sind Sie für eine Geborne? fragte der Dreier die neben ihm liegende Goldmünze.

– Ich bin von Gold und stamme noch aus der guten alten Zeit, wie Sie auch auf meiner Rückseite sehen können, antwortete der Friedrichsdor, der nicht wenig stolz darauf war, daß er noch einen Zopf trug. »Ich bin von sehr gediegenem alten Adel!« setzte er hinzu.

– Sie von Gold? rief der Dreier lachend. Wie können Sie das mir nur in's Gesicht sagen, dem man es doch auf den ersten Blick ansieht, daß ich vom feinsten Ducatengolde bin. Sehen Sie nur, wie ich glänze!

– Ja, aber es ist nicht alles Gold, was glänzt! antwortete der Friedrichsdor. Sie sind nur ganz ordinärer Herkunft; Sie sind ein Kupferdreier und an Ihrer Stelle würde ich mich doch geniren, in so anständiger Gesellschaft zu erscheinen.

Damit drehte ihm der Friedrichsdor den Rücken zu.

– Was sich dieses Pack wohl denkt! sagte der Dreier zu sich selbst. Aber so ergeht es Einem immer, wenn man herablassend ist; ich will mich auch in meinem Leben nicht wieder populär zu machen suchen, denn man hat doch nur Undank dafür.

Mit diesen Worten drehte sich der Dreier auch herum und den ganzen Tag hindurch wurde in der Sparbüchse kein Wort mehr gesprochen.

Am Abend kam Minchen mit ihrem Vater und holte die Sparbüchse aus dem Schrank. Minchen sollte nämlich eingesegnet werden und sich für ihre Sparbüchse das erste schwarze Atlaskleid kaufen.

Sie zählte nun mit ihrem Vater die Groschen, die Zwei- und Vier-Groschenstücke, die Thaler und endlich auch den Friedrichsdor. Nur den blanken Dreier ließ sie ganz bei Seite liegen.

– Aha, dachte der Dreier, das Gute läßt man immer bis zuletzt. Wenn sie dich erst mit hinzuzählen, dann wird die Summe noch einmal so groß werden!

Aber der Dreier konnte lange warten, bis er mitgezählt wurde, und als endlich Minchens kleiner Bruder herein hüpfte, gab ihm der Vater den Dreier und erlaubte ihm, sich einen Kuchen dafür zu kaufen.

Der Kleine sprang mit ihm zum Kuchenbäcker und plump! fiel der Dreier in die dunkle Kasse des Bäckers, in der schon viele schwarze Kupfermünzen lagen.

– Es ist doch merkwürdig, wie sehr sich die Leute oft in der Taxirung Anderer täuschen! Das ist denn doch ein sehr grober Irrthum! sagte der Dreier. Na, mir kann es gleich sein, denn mein Schade ist es nicht!




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