Iphigenie auf Tauris
Johann Wolfgang von Goethe




Johann Wolfgang von Goethe

Iphigenie auf Tauris





Erster Aufzug





Erster Auftritt


Iphigenie.

		Heraus in eure Schatten, rege Wipfel
		Des alten, heil'gen, dichtbelaubten Haines,
		Wie in der Göttin stilles Heiligthum
		Tret' ich noch jetzt mit schauderndem Gefühl,
		Als wenn ich sie zum erstenmal beträte,
		Und es gewöhnt sich nicht mein Geist hierher.
		So manches Jahr bewahrt mich hier verborgen
		Ein hoher Wille, dem ich mich ergebe;
		Doch immer bin ich, wie im ersten, fremd.
		Denn ach mich trennt das Meer von den Geliebten,
		Und an dem Ufer steh' ich lange Tage
		Das Land der Griechen mit der Seele suchend;
		Und gegen meine Seufzer bringt die Welle
		Nur dumpfe Töne brausend mir herüber.
		Weh dem, der fern von Eltern und Geschwistern
		Ein einsam Leben führt! Ihm zehrt der Gram
		Das nächste Glück vor seinen Lippen weg,
		Ihm schwärmen abwärts immer die Gedanken
		Nach seines Vaters Hallen, wo die Sonne
		Zuerst den Himmel vor ihm aufschloss, wo
		Sich Mitgeborne spielend fest und fester
		Mit sanften Banden an einander knüpften,
		Ich rechte mit den Göttern nicht; allein
		Der Frauen Zustand ist beklagenswerth.
		Zu Haus und in dem Kriege herrscht der Mann
		Und in der Fremde weiß er sich zu helfen.
		Ihn freuet der Besitz; ihn krönt der Sieg!
		Ein ehrenvoller Tod ist ihm bereitet.
		Wie eng-gebunden ist des Weibes Glück!
		Schon einem rauhen Gatten zu gehorchen,
		Ist Pflicht und Trost; wie elend, wenn sie gar
		Ein feindlich Schicksal in die Ferne treibt!
		So hält mich Thoas hier, ein edler Mann,
		In ernsten, heil'gen Sklavenbanden fest.
		O wie beschämt gesteh' ich, daß ich dir
		Mit stillem Widerwillen diene, Göttin,
		Dir meiner Retterin! Mein Leben sollte
		Zu freiem Dienste dir gewidmet sein.
		Auch hab' ich stets auf dich gehofft und hoffe
		Noch jetzt auf dich, Diana, die du mich,
		Des größten Königes verstoßne Tochter,
		In deinen heil'gen sanften Arm genommen.
		Ja, Tochter Zeus, wenn du den hohen Mann,
		Den du, die Tochter fordernd, ängstigtest,
		Wenn du den göttergleichen Agamemnon,
		Der dir sein Liebstes zum Altare brachte,
		Von Troja's umgewandten Mauern rühmlich
		Nach seinem Vaterland zurück begleitet,
		Die Gattin ihm, Elektren und den Sohn,
		Die schönen Schätze, wohl erhalten hast;
		So gib auch mich den Meinen endlich wieder,
		Und rette mich, die du vom Tod errettet,
		Auch von dem Leben hier, dem zweiten Tode!




Zweiter Auftritt




Iphigenie. Arkas.


Arkas.

		Der König sendet mich hierher und beut
		Der Priesterin Dianens Gruß und Heil.
		Dieß ist der Tag, da Tauris seiner Göttin
		Für wunderbare neue Siege dankt.
		Ich eile vor dem König und dem Heer,
		Zu melden, daß er kommt und daß es naht.

Iphigenie.

		Wir sind bereit sie würdig zu empfangen,
		Und unsre Göttin sieht willkommnem Opfer
		Von Thoas Hand mit Gnadenblick entgegen.

Arkas.

		O fänd' ich auch den Blick der Priesterin,
		Der werthen, vielgeehrten, deinen Blick,
		O, heil'ge Jungfrau, heller, leuchtender,
		Uns allen gutes Zeichen! Noch bedeckt
		Der Gram geheimnisvoll dein Innerstes;
		Vergebens harren wir schon Jahre lang
		Auf ein vertraulich Wort aus deiner Brust.
		So lang ich dich an dieser Stätte kenne,
		Ist dieß der Blick, vor dem ich immer schaudre;
		Und wie mit Eisenbanden bleibt die Seele
		In's Innerste des Busens dir geschmiedet.

Iphigenie.

		Wie's der Vertriebnen, der Verwais'ten ziemt.

Arkas.

		Scheinst du dir hier vertrieben und verwais't?

Iphigenie.

		Kann uns zum Vaterland die Fremde werden?

Arkas.

		Und dir ist fremd das Vaterland geworden.

Iphigenie.

		Das ist's, warum mein blutend Herz nicht heilt
		In erster Jugend, da sich kaum die Seele
		An Vater, Mutter und Geschwister band;
		Die neuen Schößlinge, gesellt und lieblich,
		Vom Fuß der alten Stämme himmelwärts
		Zu dringen strebten; leider faßte da
		Ein fremder Fluch mich an und trennte mich
		Von den Geliebten, riß das schöne Band
		Mit ehrner Faust entzwei. Sie war dahin,
		Der Jugend beste Freude, das Gedeihn
		Der ersten Jahre. Selbst gerettet, war
		Ich nur ein Schatten mir, und frische Lust
		Des Lebens blüht in mir nicht wieder auf.

Arkas.

		Wenn du dich so unglücklich nennen willst,
		So darf ich dich auch wohl undankbar nennen.

Iphigenie.

		Dank habt ihr stets.

Arkas.

		Doch nicht den reinen Dank,
		Um dessentwillen man die Wohlthat thut;
		Den frohen Blick, der ein zufriednes Leben
		Und ein geneigtes Herz dem Wirthe zeigt.
		Als dich ein tief geheimnißvolles Schicksal
		Vor so viel Jahren diesem Tempel brachte,
		Kam Thoas dir, als einer Gottgegebnen,
		Mit Ehrfurcht und mit Neigung zu begegnen,
		Und dieses Ufer ward dir hold und freundlich,
		Das jedem Fremden sonst voll Grausens war,
		Weil niemand unser Reich vor dir betrat,
		Der an Dianens heil'gen Stufen nicht,
		Nach altem Brauch, ein blutig Opfer, fiel.

Iphigenie.

		Frei athmen macht das Leben nicht allein.
		Welch Leben ist's das an der heil'gen Stätte,
		Gleich einem Schatten um sein eigen Grab,
		Ich nur vertrauern muß? Und nenn' ich das
		Ein fröhlich selbstbewußtes Leben, wenn
		Uns jeder Tag, vergebens hingeträumt,
		Zu jenen grauen Tagen vorbereitet,
		Die an dem Ufer Lethe's selbstvergessend,
		Die Trauerschaar der Abgeschiednen feiert?
		Ein unnütz Leben ist ein früher Tod;
		Dieß Frauenschicksal ist vor allen meines.

Arkas.

		Den edeln Stolz daß du dir selbst nicht g'nügest,
		Verzeih' ich dir, so sehr ich dich bedaure;
		Er raubet den Genuß des Lebens dir.
		Du hast hier nichts gethan seit deiner Ankunft?
		Wer hat des König trüben Sinn erheitert?
		Wer hat den alten grausamen Gebrauch,
		Daß am Altar Dianens jeder Fremde
		Sein Leben blutend läßt, von Jahr zu Jahr,
		Mit sanfter Überredung aufgehalten,
		Und die Gefangnen vom gewissen Tod
		In's Vaterland so oft zurückgeschickt?
		Hat nicht Diane, statt erzürnt zu sein,
		Daß sie der blut'gen alten Opfer mangelt,
		Dein sanft Gebet in reichem Maß erhört?
		Umschwebt mit frohem Fluge nicht der Sieg
		Das Heer? und eilt er nicht sogar voraus?
		Und fühlt nicht jeglicher ein besser Loos,
		Seitdem der König, der uns weis' und tapfer
		So lang geführet, nun sich auch der Milde
		In deiner Gegenwart erfreut und uns
		Des schweigenden Gehorsams Pflicht erleichtert?
		Das nennst du unnütz, wenn von deinem Wesen
		Auf Tausende herab ein Balsam träufelt?
		Wenn du dem Volke, dem ein Gott dich brachte,
		Des neuen Glückes ew'ge Quelle wirst,
		Und an dem unwirthbaren Todes-Ufer
		Dem Fremden Heil und Rückkehr zubereitest?

Iphigenie.

		Das Wenige verschwindet leicht dem Blick,
		Der vorwärts sieht, wie viel noch übrig bleibt.

Arkas.

		Doch lobst du den, der was er thut nicht schätzt?

Iphigenie.

		Man tadelt den, der seine Thaten wägt.

Arkas.

		Auch den, der wahren Werth zu stolz nicht achtet,
		Wie den, der falschen Werth zu eitel hebt.
		Glaub' mir und hör' auf eines Mannes Wort,
		Der Treu und redlich dir ergeben ist:
		Wenn heut der König mit dir redet, so
		Erleichtr' ihm was er dir zu sagen denkt.

Iphigenie.

		Du ängstest mich mit jedem guten Worte;
		Oft wich ich seinem Antrag mühsam aus.

Arkas.

		Bedenke was du thust und was dir nützt.
		Seitdem der König seinen Sohn verloren,
		Vertraut er wenigen der Seinen mehr,
		Und diesen wenigen nicht mehr wie sonst.
		Mißgünstig sieht er jedes Edeln Sohn
		Als seines Reiches Folger an, er fürchtet
		Ein einsam hülflos Alter, ja vielleicht
		Verwegnen Aufstand und frühzeit'gen Tod.
		Der Scythe setzt in's Reden keinen Vorzug,
		Am wenigsten der König. Er, der nur
		Gewohnt ist zu befehlen und zu thun,
		Kennt nicht die Kunst, von weitem ein Gespräch
		Nach seiner Absicht langsam fein zu lenken.
		Erschwer's ihm nicht durch ein rückhaltend Weigern,
		Durch ein vorsetzlich Mißverstehen. Geh
		Gefällig ihm den halben Weg entgegen.

Iphigenie.

		Soll ich beschleunigen was mich bedroht?

Arkas.

		Willst du sein Werben eine Drohung nennen?

Iphigenie.

		Es ist die schrecklichste von allen mir.

Arkas.

		Gib ihm für seine Neigung nur Vertraun.

Iphigenie.

		Wenn er von Furcht erst meine Seele lös't.

Arkas.

		Warum verschweigst du deine Herkunft ihm?

Iphigenie.

		Weil einer Priesterin Geheimniß ziemt.

Arkas.

		Dem König sollte nichts Geheimniß sein;
		Und ob er's gleich nicht fordert, fühlt er's doch
		Und fühlt es tief in seiner großen Seele,
		Daß du sorgfältig dich vor ihm verwahrst.

Iphigenie.

		Nährt er Verdruß und Unmuth gegen mich?

Arkas.

		So scheint es fast. Zwar schweigt er auch von dir;
		Doch haben hingeworfne Worte mich
		Belehrt, daß seine Seele fest den Wunsch
		Ergriffen hat dich zu besitzen. Laß,
		O überlaß ihn nicht sich selbst! damit
		In seinem Busen nicht der Unmuth reife
		Und dir Entsetzen bringe, du zu spät
		An meinen treuen Rath mit Reue denkest.

Iphigenie.

		Wie? Sinnt der König, was kein edler Mann,
		Der seinen Namen liebt und dem Verehrung
		Der Himmlischen den Busen Bändiget,
		Je denken sollte? Sinnt er vom Altar
		Mich in sein Bette mit Gewalt zu ziehn?
		So ruf' ich alle Götter und vor allen
		Dianen, die entschloss'ne Göttin, an,
		Die ihren Schutz der Priesterin gewiß
		Und Jungfrau einer Jungfrau gern gewährt.

Arkas.

		Sei ruhig! Ein gewaltsam neues Blut
		Treibt nicht den König, solche Jünglingsthat
		Verwegen auszuüben. Wie er sinnt,
		Befürcht' ich andern harten Schluß von ihm,
		Den unaufhaltbar er vollenden wird:
		Denn seine Seel' ist fest und unbeweglich.
		Drum bitt' ich dich, vertrau' ihm, sei ihm dankbar,
		Wenn du ihm weiter nichts gewähren kannst.

Iphigenie.

		O sage was dir weiter noch bekannt ist.

Arkas.

		Erfahr's von ihm. Ich seh' den König kommen;
		Du ehrst ihn, und dich heißt dein eigen Herz,
		Ihm freundlich und vertraulich zu begegnen.
		Ein edler Mann wird durch ein gutes Wort
		Der Frauen weit geführt.

Iphigenie (allein).

		Zwar seh' ich nicht,
		Wie ich dem Rath des Treuen folgen soll;
		Doch folg' ich gern der Pflicht, dem Könige
		Für seine Wohlthat gutes Wort zu geben,
		Und wünsche mir, daß ich dem Mächtigen,
		Was ihm gefällt, mit Wahrheit sagen möge.




Dritter Auftritt




Iphigenie. Thoas.


Iphigenie.

		Mit königlichen Gütern segne dich
		Die Göttin! Sie gewähre Sieg und Ruhm
		Und Reichthum und das Wohl der Deinigen
		Und jedes frommen Wunsches Fülle dir!
		Daß, der du über viele sorgend herrschest,
		Du auch vor vielen seltnes Glück genießest.

Thoas.

		Zufrieden wär' ich wenn mein Volk mich rühmte:
		Was ich erwarb, genießen andre mehr
		Als ich. Der ist am glücklichsten, er sei
		Ein König oder ein Geringer, dem
		In seinem Hause Wohl bereitet ist.
		Du nahmest Theil an meinen tiefen Schmerzen,
		Als mir das Schwert der Feinde meinen Sohn,
		Den letzten, besten, von der Seite riß.
		So lang die Rache meinen Geist besaß,
		Empfand ich nicht die Öde meiner Wohnung;
		Doch jetzt, da ich befriedigt wiederkehre,
		Ihr Reich zerstört, mein Sohn gerochen ist,
		Bleibt mir zu Hause nichts das mich ergetze.
		Der fröhliche Gehorsam, den ich sonst
		Aus einem jeden Auge blicken sah,
		Ist nun von Sorg' und Unmuth still gedämpft.
		Ein jeder sinnt was künftig werden wird,
		Und folgt dem Kinderlosen, weil er muß.
		Nun komm' ich heut in diesen Tempel, den
		Ich oft betrat, um Sieg zu bitten und
		Für Sieg zu danken. Einen alten Wunsch
		Trag' ich im Busen, der auch dir nicht fremd
		Noch unerwartet ist: ich hoffe, dich,
		Zum Segen meines Volks und mir zum Segen,
		Als Braut in meine Wohnung einzuführen.

Iphigenie.

		Der Unbekannten bietest du zu viel,
		O König, an. Es steht die Flüchtige
		Beschämt vor dir, die nichts an diesem Ufer
		Als Schutz und Ruhe sucht, die du ihr gabst.

Thoas.

		Daß du in das Geheimniß deiner Ankunft
		Vor mir wie vor dem Letzten stets dich hüllest,
		Wär' unter keinem Volke recht und gut.
		Dieß Ufer schreckt die Fremden: das Gesetz
		Gebietet's und die Noth. Allein von dir,
		Die jedes frommen Rechts genießt, ein wohl
		Von uns empfangner Gast, nach eignem Sinn
		Und Willen ihres Tages sich erfreut,
		Von dir hofft' ich Vertrauen, das der Wirth
		Für seine Treue wohl erwarten darf.

Iphigenie.

		Verbarg ich meiner Eltern Namen und
		Mein Haus, o König, war's Verlegenheit,
		Nicht Mißtraun. Den vielleicht, ach wüßtest du
		Wer vor dir steht, und welch verwünschtes Haupt
		Du nährst und schützest, ein Entsetzen faßte
		Dein großes Herz mit seltnem Schauer an,
		Und statt die Seite deines Thrones mir
		Zu bieten, triebest du mich vor der Zeit
		Aus deinem Reiche; stießest mich vielleicht,
		Eh' zu den Meinen frohe Rückkehr mir
		Und meiner Wandrung Ende zugedacht ist,
		Dem Elend zu, das jeden Schweifenden,
		Von seinem Haus Vertriebnen überall
		Mit kalter fremder Schreckenshand erwartet.

Thoas.

		Was auch der Rath der Götter mit dir sei,
		Und was sie deinem Haus und dir gedenken;
		So fehlt es doch, seitdem du bei uns wohnst
		Und eines frommen Gastes Recht genießest,
		An Segen nicht, der mir von oben kommt.
		Ich möchte schwer zu überreden sein,
		Daß ich an dir ein schuldvoll Haupt beschütze.

Iphigenie.

		Dir bringt die Wohlthat Segen, nicht der Gast.

Thoas.

		Was man Verruchten thut wird nicht gesegnet.
		Drum endige dein Schweigen und dein Weigern;
		Es fordert dieß kein ungerechter Mann.
		Die Göttin übergab dich meinen Händen;
		Wie du ihr heilig warst, so warst du's mir.
		Auch sei ihr Wink noch künftig mein Gesetz:
		Wenn du nach Hause Rückkehr hoffen kannst,
		So sprech' ich dich von aller Fordrung los.
		Doch ist der Weg auf ewig dir versperrt,
		Und ist dein Stamm vertrieben, oder durch
		Ein ungeheures Unheil ausgelöscht,
		So bist du mein durch mehr als Ein Gesetz.
		Sprich offen! und du weißt, ich halte Wort.

Iphigenie.

		Vom alten Bande löset ungern sich
		Die Zunge los, ein lang verschwiegenes
		Geheimniß endlich zu entdecken; denn
		Einmal vertraut, verläßt es ohne Rückkehr
		Des tiefen Herzens sichre Wohnung, schadet,
		Wie es die Götter wollen, oder nützt.
		Vernimm! ich bin aus Tantalus Geschlecht.

Thoas.

		Du sprichst ein großes Wort gelassen aus.
		Nennst du Den deinen Ahnherrn, den die Welt
		Als einen ehmals Hochbegnadigten
		Der Götter kennt? Ist's jener Tantalus,
		Den Jupiter zu Rath und Tafel zog,
		An dessen alterfahrnen, vielen Sinn
		Verknüpfenden Gesprächen Götter selbst,
		Wie an Orakelsprüchen, sich ergetzten?

Iphigenie.

		Er ist es; aber Götter sollten nicht
		Mit Menschen, wie mit ihres Gleichen, wandeln;
		Das sterbliche Geschlecht ist viel zu schwach
		In ungewohnter Höhe nicht zu schwindeln.
		Unedel war er nicht und kein Verräther;
		Allein zum Knecht zu groß, und zum Gesellen
		Des großen Donnrers nur ein Mensch. So war
		Auch sein Vergehen menschlich; ihr Gericht
		War streng, und Dichter singen: Übermuth
		Und Untreu' stürzten ihn von Jovis Tisch
		Zur Schmach des alten Tartarus hinab.
		Ach und sein ganz Geschlecht trug ihren Haß!

Thoas.

		Trug es die Schuld des Ahnherrn oder eigne?

Iphigenie.

		Zwar die gewalt'ge Brust und der Titanen
		Kraftvolles Mark war seiner Söhn' und Enkel
		Gewisses Erbtheil; doch es schmiedete
		Der Gott um ihre Stirn ein ehern Band.
		Rath, Mäßigung und Weisheit und Geduld
		Verbarg er ihrem scheuen düstern Blick;
		Zur Wuth ward ihnen jegliche Begier,
		Und gränzenlos drang ihre Wuth umher.
		Schon Pelops, der Gewaltig-wollende,
		Des Tantalus geliebter Sohn, erwarb
		Sich durch Verrath und Mord das schönste Weib,
		Önomaus Erzeugte, Hippodamien.
		Sie bringt den Wünschen des Gemahls zwei Söhne,
		Thyest und Atreus. Neidisch sehen sie
		Des Vaters Liebe zu dem ersten Sohn
		Aus einem andern Bette wachsend an.
		Der Haß verbindet sie, und heimlich wagt
		Das Paar im Brudermord die erste That.
		Der Vater wähnet Hippodamien
		Die Mörderin, und grimmig fordert er
		Von ihr den Sohn zurück, und sie entleibt
		Sich selbst —

Thoas.

		Du schweigest? Fahre fort zu reden!
		Laß dein Vertraun dich nicht gereuen! Sprich!

Iphigenie.

		Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt,
		Der froh von ihren Thaten, ihrer Größe
		Den Hörer unterhält, und still sich freuend
		An's Ende dieser schönen Reihe sich
		Geschlossen sieht! Denn es erzeugt nicht gleich
		Ein Haus den Halbgott noch das Ungeheuer;
		Erst eine Reihe Böser oder Guter
		Bringt endlich das Entsetzen, bringt die Freude
		Der Welt hervor. – Nach ihres Vaters Tode
		Gebieten Atreus und Thyest der Stadt,
		Gemeinsam-herrschend. Lange konnte nicht
		Die Eintracht dauern. Bald entehrt Thyest
		Des Bruders Bette. Rächend treibet Atreus
		Ihn aus dem Reiche. Tückisch hatte schon
		Thyest, auf schwere Thaten sinnend, lange
		Dem Bruder einen Sohn entwandt und heimlich
		Ihn als den seinen schmeichelnd auferzogen.
		Dem füllet er die Brust mit Wuth und Rache
		Und sendet ihn zur Königsstadt, daß er
		Im Oheim seinen eignen Vater morde.
		Des Jünglings Vorsatz wird entdeckt: der König
		Straft grausam den gesandten Mörder, wähnend,
		Er tödte seines Bruders Sohn. Zu spät
		Erfährt er, wer vor seinen trunknen Augen
		Gemartert stirbt; und die Begier der Rache
		Aus seiner Brust zu tilgen, sinnt er still
		Auf unerhörte That. Er scheint gelassen
		Gleichgültig und versöhnt, und lockt den Bruder
		Mit seinen beiden Söhnen in das Reich
		Zurück, ergreift die Knaben, schlachtet sie,
		Und setzt die ekle schaudervolle Speise
		Dem Vater bei dem ersten Mahle vor.
		Und da Thyest an seinem Fleische sich
		Gesättigt, eine Wehmuth ihn ergreift,
		Er nach den Kindern fragt, den Tritt, die Stimme
		Der Knaben an des Saales Thüre schon
		Zu hören glaubt, wirft Atreus grinsend
		Ihm Haupt und Füße der Erschlagnen hin. —
		Du wendest schaudernd dein Gesicht, o König:
		So wendete die Sonn' ihr Antlitz weg
		Und ihren Wagen aus dem ewg'en Gleise.
		Dieß sind die Ahnherrn deiner Priesterin;
		Und viel unseliges Geschick der Männer,
		Viel Thaten des verworrnen Sinnes deckt
		Die Nacht mit schweren Fittigen und läßt
		Uns nur die grauenvolle Dämmrung sehn.

Thoas.

		Verbirg sie schweigend auch. Es sei genug
		Der Gräuel! Sage nun, durch welch ein Wunder
		Von diesem wilden Stamme du entsprangst.

Iphigenie.

		Des Altreus Ält'ster Sohn war Agamemnon:
		Er ist mein Vater. Doch ich darf es sagen,
		In ihm hab' ich seit meiner ersten Zeit
		Ein Muster des vollkommnen Manns gesehn.
		Ihm brachte Klytämnestra mich, den Erstling
		Der Liebe, dann Elektren. Ruhig herrschte
		Der König, und es war dem Hause Tantals
		Die lang entbehrte Rast gewährt. Allein
		Es mangelte dem Glück der Eltern noch
		Ein Sohn, und kaum war dieser Wunsch erfüllt,
		Daß zwischen beiden Schwestern nun Orest
		Der Liebling wuchs, als neues Übel schon
		Dem sichern Hause zubereitet war.
		Der Ruf des Krieges ist zu euch gekommen,
		Der, um den Raub der schönsten Frau zu rächen,
		Die ganze Macht der Fürsten Griechenlands
		Um Trojens Mauern lagerte. Ob sie
		Die Stadt gewonnen, ihrer Rache Ziel
		Erreicht, vernahm ich nicht. Mein Vater führte
		Der Griechen Heer. In Aulis harrten sie
		Auf günst'gen Wind vergebens: denn Diane,
		Erzürnt auf ihren großen Führer, hielt
		Die Eilenden zurück und forderte
		Durch Kalchas Mund des Königs ält'ste Tochter.
		Sie lockten mit der Mutter mich in's Lager;
		Sie rissen mich vor den Altar und weihten
		Der Göttin dieses Haupt. Sie war versöhnt:
		Sie wollte nicht mein Blut und hüllte rettend
		In eine Wolke mich; in diesem Tempel
		Erkannt ich mich zuerst vom Tode wieder.
		Ich bin es selbst, bin Iphigenie,
		Des Altreus Enkel, Agamemnons Tochter,
		Der Göttin Eigenthum, die mit dir spricht.

Thoas.

		Mehr Vorzug und Vertrauen geb' ich nicht
		Der Königstochter als der Unbekannten.
		Ich wiederhole meinen ersten Antrag:
		Komm, folge mir, und theile was ich habe.

Iphigenie.

		Wie darf ich solchen Schritt, o König, wagen?
		Hat nicht die Göttin, die mich rettete,
		Allein das Recht auf mein geweihtes Leben?
		Sie hat für mich den Schutzort ausgesucht,
		Und sie bewahrt mich einem Vater, den
		Sie durch den Schein genug gestraft, vielleicht
		Zur schönsten Freude seines Alters hier.
		Vielleicht ist mir die frohe Rückkehr nah;
		Und ich, auf ihren Weg nicht achtend, hätte
		Mich wider ihren Willen hier gefesselt?
		Ein Zeichen bat ich, wenn ich bleiben sollte.

Thoas.

		Das Zeichen ist, daß du noch hier verweilst.
		Such' Ausflucht solcher Art nicht ängstlich auf.
		Man spricht vergebens viel, um zu versagen;
		Der andre hört von allem nur das Nein.

Iphigenie.

		Nicht Worte sind es, die nur blenden sollen;
		Ich habe dir mein tiefstes Herz entdeckt.
		Und sagst du dir nicht selbst, wie ich dem Vater,
		Der Mutter, den Geschwistern mich entgegen
		Mit ängstlichen Gefühlen sehnen muß?
		Daß in den alten Hallen, wo die Trauer
		Noch manchmal stille meinen Namen lispelt,
		Die Freude, wie um eine Neugeborne,
		Den schönsten Kranz von Säul an Säulen schlinge.
		O sendetest du mich auf Schiffen hin!
		Du gäbest mir und allen neues Leben.

Thoas.

		So kehr' zurück! Thu' was dein Herz dich heißt,
		Und höre nicht die Stimme guten Raths
		Und der Vernunft. Sei ganz ein Weib und gib
		Dich hin dem Triebe, der dich zügellos
		Ergreift und dahin oder dorthin reißt.
		Wenn ihnen eine Lust im Busen brennt,
		Hält vom Verräther sie kein heilig Band,
		Der sie dem Vater oder dem Gemahl
		Aus langbewährten, treuen Armen lockt;
		Und schweigt in ihrer Brust die rasche Gluth,
		So dringt auf sie vergebens treu und mächtig
		Der Überredung goldne Zunge los.

Iphigenie.

		Gedenk', o König, deines edeln Wortes!
		Willst du mein Zutraun so erwiedern? Du
		Schienst vorbereitet alles zu vernehmen.

Thoas.

		Auf's Ungehoffte war ich nicht bereitet;
		Doch sollt' ich's auch erwarten: wußt' ich nicht,
		Daß ich mit einem Weibe handeln ging?

Iphigenie.

		Schilt nicht, o König, unser arm Geschlecht.
		Nicht herrlich wie die euern, aber nicht
		Unedel sind die Waffen eines Weibes.
		Glaub' es, darin bin ich dir vorzuziehn,
		Daß ich dein Glück mehr als du selber kenne.
		Du wähnest, unbekannt mit dir und mir,
		Ein näher Band werd' uns zum Glück vereinen.
		Voll guten Muthes wie voll guten Willens
		Dringst du in mich, daß ich mich fügen soll;
		Und hier dank' ich den Göttern, daß sie mir
		Die Festigkeit gegeben, dieses Bündniß
		Nicht einzugehen, das sie nicht gebilligt.

Thoas.

		Es spricht kein Gott; es spricht dein eignes Herz.

Iphigenie.

		Sie reden nur durch unser Herz zu uns.

Thoas.

		Und hab' Ich, sie zu hören, nicht das Recht?

Iphigenie.

		Es überbraust der Sturm die zarte Stimme.

Thoas.

		Die Priesterin vernimmt sie wohl allein?

Iphigenie.

		Vor allen andern merke sie der Fürst.

Thoas.

		Dein heilig Amt und dein geerbtes Recht
		An Jovis Tisch bringt dich den Göttern näher,
		Als einen erdgebornen Wilden.

Iphigenie.

		So
		Büß' ich nun das Vertraun, das du erzwangst.

Thoas.

		Ich bin ein Mensch; und besser ist's, wir enden.
		So bleibe denn mein Wort: Sei Priesterin
		Der Göttin, wie sie dich erkoren hat;
		Doch mir verzeih' Diane, daß ich ihr,
		Bisher mit Unrecht und mit innerm Vorwurf,
		Die alten Opfer vorenthalten habe.
		Kein Fremder nahet glücklich unserm Ufer;
		Von Alters her ist ihm der Tod gewiß.
		Nur du hast mich mit einer Freundlichkeit,
		In der ich bald der zarten Tochter Liebe,
		Bald stille Neigung einer Braut zu sehn
		Mich tief erfreute, wie mit Zauberbanden
		Gefesselt, daß ich meiner Pflicht vergaß.
		Du hattest mir die Sinnen eingewiegt,
		Das Murren meines Volks vernahm ich nicht;
		Nun rufen sie die Schuld von meines Sohnes
		Frühzeit'gem Tode lauter über mich.
		Um deinetwillen halt' ich länger nicht
		Die Menge, die das Opfer dringend fordert.

Iphigenie.

		Um meinetwillen hab ich's nie begehrt.
		Der mißversteht die Himmlischen, der sie
		Blutgierig wähnt; er dichtet ihnen nur
		Dir eignen grausamen Begierden an.
		Entzog die Göttin mich nicht selbst dem Priester?
		Ihr war mein Dienst willkommner, als mein Tod.

Thoas.

		Es ziemt sich nicht für uns, den heiligen
		Gebrauch mit leicht beweglicher Vernunft
		Nach unserm Sinn zu deuten und zu lenken.
		Thu' deine Pflicht, ich werde meine thun.
		Zwei Fremde, die wir in des Ufers Höhlen
		Versteckt gefunden, und die meinem Lande
		Nichts Gutes bringen, sind in meiner Hand.
		Mit diesen nehme deine Göttin wieder
		Ihr erstes, rechtes, lang entbehrtes Opfer!
		Ich sende sie hierher; du weißt den Dienst.




Vierter Auftritt


Iphigenie (allein).

		Du hast Wolken, gnädige Retterin,
		Einzuhüllen unschuldig Verfolgte,
		Und auf Winden dem ehrnen Geschick sie
		Aus den Armen, über das Meer,
		Über der Erde weiteste Strecken
		Und wohin es dir gut dünkt zu tragen.
		Weise bist du und siehest das Künftige;
		Nicht vorüber ist dir das Vergangne,
		Und dein Blick ruht über den Deinen
		Wie dein Licht, das Leben der Nächte,
		Über der Erde ruhet und waltet.
		O enthalte vom Blut meine Hände!
		Nimmer bringt es Segen und Ruhe;
		Und die Gestalt des zufällig Ermordeten
		Wird auf des traurig-unwilligen Mörders
		Böse Stunden lauern und schrecken.
		Denn die Unsterblichen lieben der Menschen
		Weit verbreitete gute Geschlechter,
		Und sie fristen das flüchtige Leben
		Gerne dem Sterblichen, wollen ihm gerne
		Ihres eigenen, ewigen Himmels
		Mitgenießendes fröhliches Anschaun
		Eine Weile gönnen und lassen.




Zweiter Aufzug





Erster Auftritt




Orest. Pylades.


Orest.

		Es ist der Weg des Todes, den wir treten:
		Mit jedem Schritt wird meine Seele stiller.
		Als ich Apollen bat, das gräßliche




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