Prometheus
Johann Wolfgang von Goethe




Johann Wolfgang von Goethe

Prometheus / Dramatisches Fragment





Erster Akt


[Prometheus. Merkur.]

Prometheus.

		Ich will nicht, sag es ihnen!
		Und kurz und gut, ich will nicht!
		Ihr Wille gegen meinen!
		Eins gegen eins,
		Mich dünkt, es hebt sich!

Merkur.

		Deinem Vater Zeus das bringen?
		Deiner Mutter?

Prometheus.

		Was Vater! Mutter!
		Weißt du, woher du kommst?
		Ich stand, als ich zum erstenmal bemerkte
		Die Füße stehn,
		Und reichte, da ich
		Diese Hände reichen fühlte,
		Und fand die achtend meiner Tritte,
		Die du nennst Vater, Mutter.

Merkur.

		Und reichend dir
		Der Kindheit note Hülfe.

Prometheus.

		Und dafür hatten sie Gehorsam meiner Kindheit.
		Den armen Sprößling zu bilden
		Dahin, dorthin, nach dem Wind ihrer Grillen.

Merkur.

		Und schützten dich.

Prometheus.

		Wovor? Vor Gefahren,
		Die sie fürchteten.
		Haben sie das Herz bewahrt
		Vor Schlangen, die es heimlich neidschten?
		Diesen Busen gestählt,
		Zu trotzen den Titanen?
		Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
		Die allmächtige Zeit,
		Mein Herr und eurer?

Merkur.

		Elender! Deinen Göttern das,
		Den Unendlichen?

Prometheus.

		Göttern? Ich bin kein Gott
		Und bilde mir so viel ein als einer.
		Unendlich? – Allmächtig? -
		Was könnt ihr?
		Könnt ihr den weiten Raum
		Des Himmels und der Erde
		Mir ballen in meine Faust?
		Vermögt ihr mich zu scheiden
		Von mir selbst?
		Vermögt ihr mich auszudehnen,
		Zu erweitern zu einer Welt?

Merkur.

		Das Schicksal!

Prometheus.

		Anerkennst du seine Macht?
		Ich auch! -
		Und geh, ich diene nicht Vasallen!

[Merkur ab.]

Prometheus [zu seinen Statuen sich kehrend, die durch den ganzen Hain

zerstreut stehen].

		Unersetzlicher Augenblick!
		Aus eurer Gesellschaft
		Gerissen von dem Toren,
		Meine Kinder!
		Was es auch ist, das meinen Busen regt -
		[Sich einem Mädchen nahend.]
		Der Busen sollte mir entgegen wallen!
		Das Auge spricht schon jetzt!
		Sprich, rede, liebe Lippe, mir!
		O, könnt ich euch das fühlen geben,
		Was ihr seid!

[Epimetheus kommt.]

Epimetheus.

		Merkur beklagt sich bitter.

Prometheus.

		Hättest du kein Ohr für Klagen,
		Er wär auch ungeklagt zurückgekehrt.

Epimetheus.

		Mein Bruder! Alles, was recht ist!
		Der Götter Vorschlag
		War diesmal billig.
		Sie wollen dir Olympus' Spitze räumen,
		Dort sollst du wohnen,
		Sollst der Erde herrschen!

Prometheus.

		Ihr Burggraf sein
		Und ihren Himmel schützen? -
		Mein Vorschlag ist viel billiger:
		Sie wollen mit mir teilen, und ich meine,
		Daß ich mit ihnen nichts zu teilen habe.
		Das, was ich habe, können sie nicht rauben,
		Und was sie haben, mögen sie beschützen.
		Hier Mein und Dein,
		Und so sind wir geschieden.

Epimetheus.

		Wie vieles ist denn dein?

Prometheus.

		Der Kreis, den meine Wirksamkeit erfüllt!
		Nichts drunter und nichts drüber! -
		Was haben diese Sterne droben
		Für ein Recht an mich,
		Daß sie mich begaffen?

Epimetheus.

		Du stehst allein!
		Dein Eigensinn verkennt die Wonne,
		Wenn die Götter, du,
		Die Deinigen und Welt und Himmel, all
		Sich all ein innig Ganzes fühlten.

Prometheus.

		Ich kenne das!
		Ich bitte, lieber Bruder,
		Treib's wie du kannst, und laß mich!

[Epimetheus ab.]

Prometheus.

		Hier meine Welt, mein All!
		Hier fühl ich mich;
		Hier alle meine Wünsche
		In körperlichen Gestalten.
		Meinen Geist so tausendfach
		Geteilt und ganz in meinen teuern Kindern.

[Minerva kommt.]

Prometheus.

		Du wagst es, meine Göttin?
		Wagest zu deines Vaters Feind zu treten?

Minerva.

		Ich ehre meinen Vater,
		Und liebe dich, Prometheus!

Prometheus.

		Und du bist meinem Geist,
		Was er sich selbst ist;
		Sind von Anbeginn
		Mir deine Worte Himmelslicht gewesen!
		Immer als wenn meine Seele spräche zu sich selbst,
		Sie sich eröffnete
		Und mitgeborne Harmonieen
		In ihr erklängen aus sich selbst:
		Das waren deine Worte.
		So war ich selbst nicht selbst,
		Und eine Gottheit sprach,
		Wenn ich zu reden wähnte,
		Und wähnt ich, eine Gottheit spreche,




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