Interviews Aus Dem Kurzen Jahrhundert
Marco Lupis







Marco Lupis


ISBN: 9788873043560

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Inhaltsverzeichnis




1          Werke desselben Autors (#ua730b6e2-fb8d-5328-879a-9b95ce88ca5c)

2          INTERVIEWS (#u28ee6862-d975-5f20-bf7c-4b317f8eef67)

3          LITERARISCHE URHEBERRECHTE VORBEHALTEN (#u4a5e6540-ff02-5c6c-a7fb-5547e833a2db)

4          Einleitung (#u6b3481bf-3566-5c7b-be21-230ed49d92fb)

5          Sub-Comandante Marcos (#ucd6b2d6b-66e1-502e-ba9d-ca3ef8117bb2)

6          Peter Gabriel (#u5f11852c-f85b-5767-b7a5-c0ce600a8884)

7          Claudia Schiffer (#u83d58c95-4fe3-5a74-aaf9-44593a5aafa0)

8          Gong Li (#u67c601ac-7f1e-55ae-b6f5-444e6ceea8a1)

9          Ingrid Betancourt (#uf626a521-f791-5d8e-99ac-d5cd5979e59f)

10          Aung San Suu Kyi (#uc5ed826d-a95d-5221-9359-e8c6b9d82f35)

11          Lucia Pinochet (#u411879d1-00b3-53c3-9a64-ce43c7e4bb55)

12          Mireya Garcia (#u143ad46b-57c0-57eb-881f-ce19a2dc1800)

13          Kenzaburo Oe (#u145d9e40-f8a3-5c52-b6f7-ef71343ef2fd)

14          Benazir Bhutto (#litres_trial_promo)

15          KÃ¶nig Konstantin von Griechenland (#litres_trial_promo)

16          Hun Sen (#litres_trial_promo)

17          Roh Moo-hyun (#litres_trial_promo)

18          Hubert de Givenchy (#litres_trial_promo)

19          Maria Dolores MirÃ² (#litres_trial_promo)

20          Tamara Nijinsky (#litres_trial_promo)

21          Franco Battiato (#litres_trial_promo)

22          Ivano Fossati (#litres_trial_promo)

23          Tinto Brass (#litres_trial_promo)

24          Peter Greenaway (#litres_trial_promo)

25          Suso Cecchi dâAmico (#litres_trial_promo)

26          Rocco Forte (#litres_trial_promo)

27          Nicolas Hayeck (#litres_trial_promo)

28          Roger Peyrefitte (#litres_trial_promo)

29          JosÃ© Luis de Vilallonga (#litres_trial_promo)

30          Baronesse Cordopatri (#litres_trial_promo)

31          Andrea Muccioli (#litres_trial_promo)

32          Xanana Gusmao (#litres_trial_promo)

33          JosÃ© Ramos-Horta (#litres_trial_promo)

34          Monsignore do Nascimento (#litres_trial_promo)

35          Khalida Messaoudi (#litres_trial_promo)

36          Eleonora Jakupi (#litres_trial_promo)

37          Lee Kuan Yew (#litres_trial_promo)

38          Khushwant Singh (#litres_trial_promo)

39          Shobhaa De (#litres_trial_promo)

40          Joan Chen (#litres_trial_promo)

41          Carlos Saul Menem (#litres_trial_promo)

42          Pauline Hanson (#litres_trial_promo)

43          General Volkogonov (#litres_trial_promo)

44          Gao Xingjian (#litres_trial_promo)

45          Wang Dan (#litres_trial_promo)

46          Zhang Liang (#litres_trial_promo)

47          Stanley Ho (#litres_trial_promo)

48          Palden Gyatso (#litres_trial_promo)

49          Gloria Macapagal Arroyo (#litres_trial_promo)

50          Kardinal Sin (#litres_trial_promo)

51          General GiÃ¡p (#litres_trial_promo)

52          Admiral Corsini (#litres_trial_promo)

53          Monsignore Gassis (#litres_trial_promo)

54          Men Songzhen (#litres_trial_promo)

55          Epilog (#litres_trial_promo)

56          Danksagungen (#litres_trial_promo)

57          Anmerkungen (#litres_trial_promo)





Werke desselben Autors






Werke desselben Autors:

Il Male inutile

I Cannibali di Mao [Maos Kannibalen]

Cristo si Ã¨ fermato a Shingo [Christus kam nur bis Shingo]

Acteal










Auf einer Mission an Bord eines amerikanischen Armeehubschraubers

Der Journalist, Fotoreporter und Schriftsteller       Marco Lupis       war Korrespondent der Tageszeitung       La Repubblica       in Hong Kong.

Geboren 1960 in Rom, arbeitete er fÃ¼r die wichtigsten italienischen Zeitungen (      Panorama      ,       Il Tempo      ,       Il Corriere della Sera      ,       L'Espresso       und       La Repubblica      ) und fÃ¼r die        rai        (      Mixer      ,       Format      ,       TG2       und       TG3      ) als Korrespondent und Sonderberichterstatter in aller Welt. Da er oft in Kriegsgebieten war, gehÃ¶rte er zu den wenigen Journalisten, die die auf die UnabhÃ¤ngigkeitserklÃ¤rung von Ost-Timor folgenden Massaker kommentierten, die blutigen Auseinandersetzungen zwischen Christen und Islamisten auf den Molukken, das Blutbad von Bali und die SARS-Epidemie in China. Seine Korrespondentenberichte deckten fÃ¼r Ã¼ber ein Jahrzehnt den gesamten asiatisch-pazifischen Raum ab. Mit Basis in Hongkong streckte er seine FÃ¼hler bis nach den Hawaiianischen Inseln und in die Antarktis aus. Er interviewte viele GrÃ¶Ãen der Weltpolitik, hauptsÃ¤chlich der Asiatischen, wie den birmanischen NobelpreistrÃ¤ger Aung San Suu Kyi und die pakistanische Premierministerin Benazir Bhutto und prangerte hÃ¤ufig in seinen Artikeln VerstÃ¶Ãe gegen die Menschenrechte an. Seine Reportagen wurden ebenfalls in spanischen, argentinischen und amerikanischen Tageszeitungen verÃ¶ffentlicht.

     Marco Lupis lebt in Kalabrien.     




INTERVIEWS


aus dem kurzen Jahrhundert





Marco Lupis













Treffen mit Vertretern von Kultur, Politik und Kunst des XX. Jahrhunderts

















Ãbersetzung von Monika Westhagen:









































Verlag: Tektime













LITERARISCHE URHEBERRECHTE VORBEHALTEN






Copyright       Â©        2017 by Marco Lupis Macedonio Palermo di Santa Margherita

SÃ¤mtliche Rechte liegen beim Autor

interviste@lupis.it

   www.marcolupis.com    (http://www.marcolupis.com)





































































Erste italienische Ausgabe 2017

ISBN 9788873043560

Â© 2018 Tektime

Dieses Werk ist gesetzlich und urheberrechtlich geschÃ¼tzt.

Jede nicht autorisierte auch auszugsweise VervielfÃ¤ltigung ist untersagt.

















Der Journalist ist der Historiker des Augenblicks

Albert Camus





















FÃ¼r Francesco, Alessandro und Caterina



































Einleitung









Tertium non datur






























 In Mailand war gerade Herbst. Damals, im Oktober des Jahres 1976, war ich schnellen Schrittes zum ersten Interview meines Lebens unterwegs, Ã¼ber den Corso Venezia in Richtung Teatro San Babila.  

 Als SiebzehnjÃ¤hriger war ich in Begleitung meines Freundes Alberto auf dem  

 Weg zu einer NachrichtenÃ¼bertragung in einem der ersten italienischen Privatsender,         Radio Milano Libera,         mit dem   wenig originellen Titel âSpazio giovani/Raum fÃ¼r die Jugendâ.  

 Es waren damals wirklich unglaubliche Jahre, wo alles mÃ¶glich war und auch wirklich geschah. Phantastische Jahre. Schreckliche Jahre zugleich. Es waren die           anni di piombo          , die der Jugendproteste, der autonomen Zirkel, der Schulstreiks, der Demos, die fast immer in Gewalt ausarteten. Jahre mit enormem Enthusiasmus, voll von kulturellem Aufruhr, der kurz vor dem Siedepunkt schien, so lebendig, engagiert und allumfassend wurde er empfunden. Es waren Jahre der Konfrontation und zuweilen auch die von Menschen, die einen gewaltsamen Tod starben: auf der einen Seite die linke Jugend, auf der anderen die Rechte. Im Vergleich zu heute war alles denkbar einfach: man stand entweder auf der einen oder auf der anderen Seite.           Tertium non datur          . 

 In erste Linie waren es jedoch Jahre, in denen jeder von uns den Eindruck hatte â und manchmal war es sehr viel mehr als nur ein Eindruck â den Lauf der Dinge Ã¤ndern zu kÃ¶nnen. Es â als kleiner Niemand â zu schaffen           anders zu sein          . 

 In diesem Scherbenhaufen von Aufgeregtheit, Kultur und Gewalt bewegten wir uns in ruhigen GewÃ¤ssern. Wir navigierten nach Sicht. Attentate, Bomben, die Roten Brigaden, sie waren in unserer Jugendzeit â oder als Teenager, je nachdem, in welchem Alter wir gerade waren â allgegenwÃ¤rtig, aber im Grunde genommen beunruhigte uns das nicht allzu sehr. Wir hatten rasch gelernt, damit umzugehen, auf eine Art und Weise, die nicht sehr unterschiedlich zu der war, die ich in spÃ¤teren Jahren bei VÃ¶lkern antreffen sollte, die inmitten von Konflikten oder in BÃ¼rgerkriegsregionen lebten. Sie hatten ihr Leben an diese extremen Bedingungen angepasst, es war ein klein wenig vergleichbar mit unserem frÃ¼heren Leben. 

 Mein Freund Alberto und ich wollten wirklich versuchen, anders zu sein. Daher hatten wir, gewappnet mit grenzenlosem Enthusiasmus und einem enormen MaÃ an Leichtsinn, in einem Alter, in dem die Jugend von heute die Zeit damit verbringt, Selfies Ã¼ber           Instagram           zu posten und Smartphones zu tauschen, alles gelesen, was wir erwischen konnten; wir nahmen an Musikvolksfesten teil â in jenem magischen Moment der die Geburtsstunde des Rock und dessen Verbreitung einlÃ¤utete â bis zu Megakonzerten in Parks und im Filmforum. 

 Mit Ã¤hnlichen GefÃ¼hlen, den Kopf voller Ideen und einem Kassettenrecorder in der Tasche waren wir an jenem regnerischen Oktober vor vierzig Jahren auf dem Weg in Richtung Teatro San Babila. 

 Den Termin hatten wir um siebzehn Uhr, etwa eine Stunde vor Beginn der NachmittagsauffÃ¼hrung. Man fÃ¼hrte uns hinab in die Katakomben des Theaters, wo die Garderoben der Akteure waren, bis zu der des Hauptdarstellers. Dort wartete unser Interviewpartner, der erste in meiner âKarriereâ als Journalist: Peppino de Filippo. 

 Ich kann mich nicht an viele Details jenes Interviews erinnern und leider sind die BÃ¤nder der Aufzeichnung bei einem der zahllosen UmzÃ¼ge im Laufe meines Lebens verlorengegangen. 

 Ich kann mich aber noch heute genau an diesen leichten elektrischen Schlag erinnern und an das energetische Prickeln, welches ihm vorausgeht â ich sollte es danach noch tausend Mal spÃ¼ren â es war ein wichtiges Interview. Ein  

Treffen           von Bedeutung, denn jedes Interview ist weit mehr, als eine einfache Folge von Fragen und Antworten.  

 Peppino de Filippo stand am Ende einer Theater- und Filmkarriere, mit der er bereits zu jener Zeit Geschichte geschrieben hatte â er sollte nur wenige Jahre danach sterben. Er empfing uns, wÃ¤hrend er sich gleichzeitig weiter vor dem Spiegel schminkte. Er war freundlich, hÃ¶flich und bereitwillig und er tat so, als sei es fÃ¼r ihn nichts UngewÃ¶hnliches, sich zwei pickelige Jungens gegenÃ¼ber zu sehen. Ich erinnere mich noch an seine ruhigen Bewegungen; er trug seine Theaterschminke mit Methode nach einem bestimmten Schema auf, das mir schwer und intensiv und sehr deutlich erschien. Insbesondere ist mir eines im GedÃ¤chtnis geblieben; die tiefe Traurigkeit in seinem Blick. Eine Traurigkeit, die mich tief traf, denn ich konnte sie tief in meinem Inneren spÃ¼ren. Vermutlich spÃ¼rte er, dass sein Leben zu Ende ging, oder es war nur eine BestÃ¤tigung fÃ¼r das, was man allen Komikern nachsagt, dass sie, die alle zum Lachen bringen in Wirklichkeit zu den traurigsten Menschen auf der Welt gehÃ¶ren. 

 Wir sprachen Ã¼ber das Theater und natÃ¼rlich Ã¼ber seinen Bruder Eduardo. Er erzÃ¤hlte uns von seinem Leben auf den Brettern, die die Welt bedeuten, immer auf Reisen, in Begleitung der Familie.  

 Wir gingen nach fast einer Stunde, etwas benebelt, mit einer vollen Tonbandkassette. 

 Dies war nicht nur das erste Interview meines Lebens, es war insbesondere der Moment, in dem ich begriff, dass der Beruf des Journalisten fÃ¼r mich die einzige Ã¼berhaupt denkbare Option war. Und es war der Augenblick, an dem ich zum ersten Mal diese merkwÃ¼rdige Alchimie, diese subtile Magie spÃ¼rte, die sich zwischen dem Interviewten und dem Interviewer aufbaut. 

 Ein Interview kann entweder die mathematische Formel einer Lebensweisheit sein, oder eine unnÃ¼tze und eitle Zurschaustellung. Das Interview ist aber auch eine mÃ¤chtige Waffe in den HÃ¤nden des Journalisten, der die Macht hat, zu wÃ¤hlen, ob er dem Interviewten beipflichten- oder sich in den Dienst des Lesers stellen und diesen begeistern soll.  

 Was mich anbelangt, so ist in meinen Augen das Interview sehr viel mehr; es ist eine psychologische Konfrontation, eine Sitzung mit Psychoanalyse. Involviert sind beide, der Interviewte und der, der ihn interviewt.  

So wie mir spÃ¤ter der Marchese di Vilallonga in einem in diesem Buch 

enthaltenen Interview sagte: Â«das Geheimnis liegt allein in diesem Zustand der ErlÃ¶sung, der entsteht, wenn der Journalist sich von seinem Status als Journalist lÃ¶st und zum Freund wird, dem man alles erzÃ¤hlt, auch das, was man einem Journalisten niemals anvertrauen wÃ¼rde.Â»

Das Interview ist die praktische Umsetzung der von Sokrates praktizierten Kunst der MÃ¤eutik, die FÃ¤higkeit der Journalisten, dem Interviewpartner seine aufrichtigsten Gedanken zu entlocken, ihn dazu zu bringen, unachtsam zu werden, ihn reden zu lassen und auf das Ãberraschungsmoment zu hoffen, um ihm die ungeschminkte Wahrheit zu entlocken.

Nicht immer gelingt es, diese besondere Magie in die Praxis umzusetzen, aber wenn es geschieht, dann ist das Ergebnis ein gutes Interview. Etwas mehr als ein Schlagabtausch und eine sterile Antwort; es hat nichts gemein mit der unnÃ¼tzen SelbstgefÃ¤lligkeit des Journalisten, der nur versucht, einen       Scoop       zu landen.

In Ã¼ber dreiÃig Jahren journalistischer AktivitÃ¤ten bin ich BerÃ¼hmtheiten begegnet, StaatsmÃ¤nnern, Premierministern, religiÃ¶sen und politischen FÃ¼hrern. Ich muss allerdings gestehen, dass nicht sie es waren, bei denen ich ein echtes GefÃ¼hl von Empathie empfand.

Auf Grund meines kulturellen Hintergrunds und meines familiÃ¤ren Umfelds hÃ¤tte ich mich ihnen zugehÃ¶rig fÃ¼hlen mÃ¼ssen und auf der Seite der MÃ¤nner und Frauen stehen mÃ¼ssen, die die FÃ¤den der Macht in HÃ¤nden hatten, die die Macht       hatten       Ã¼ber das Schicksal von Millionen Menschen zu entscheiden, Ã¼ber ihr Leben und oftmals Ã¼ber ihren Tod. Zuweilen Ã¼ber das Schicksal und die Zukunft ganzer VÃ¶lker.

Aber so war es nicht. Empathie, eine Woge der Sympathie, den Schauder und die Erregung habe ich beim Treffen mit den Rebellen gespÃ¼rt, den KÃ¤mpfern, die bereit waren â und das auch unter Beweis stellten â ihr Leben zu opfern, die oftmals, da beseelt von ihren Idealen, Ruhe und Freiheit ausstrahlten.

Gleich ob ich einen RevolutionsfÃ¼hrer mit schwarzer, wollener SkimÃ¼tze in einer HÃ¼tte im mexikanischen Dschungel traf, oder eine couragierte Mutter, die in aller Bescheidenheit, aber verbissen darum kÃ¤mpfte, die Wahrheit Ã¼ber das schreckliche Ende ihrer Kinder zu erfahren, die in Chile unter dem Pinochet-Regime verschollen sind. 

Sie waren in meinen Augen die wirklich MÃ¤chtigen.

Grotteria, August 2017





*****





Die Interviews in diesem Buch wurden in einem Zeitraum zwischen 1993 und 2006 in den groÃen Zeitschriften verÃ¶ffentlicht, fÃ¼r die ich in jenen Jahren als Korrespondent oder Sonderberichterstatter hauptsÃ¤chlich in Lateinamerika und in Fernost tÃ¤tig war: die Wochenzeitschriften       Panorama       und       LâEspresso      , die Tageszeitungen       Il Tempo      ,       Il Corriere della Sera       und       La Repubblica       sowie einige fÃ¼r die        rai

Ich habe bewusst die Originalform beibehalten, in der sie damals geschrieben wurden, zuweilen nach dem traditionellen Aufbau von Frage/Antwort, andere mehr in der umgangssprachlicheren Form des       Zitats in AnfÃ¼hrungszeichen      .

Ich habe mich entschieden, jedem einzelnen Interview eine kurze Einleitung voranzustellen, die dem Leser helfen soll, sich zeitlich und rÃ¤umlich in der jeweiligen Epoche zu orientieren, in der sie gemacht wurden.





1





Sub-Comandante Marcos









Venceremos [Wir werden siegen]! (frÃ¼her oder spÃ¤ter)


























Chiapas, Mexiko, San Cristobal de Las Casas, Hotel Flamboyant.            Man hatte die Nachricht unter der ZimmertÃ¼r durchgeschoben:





Fahrt in die Selva unbedingt heute.

Treffpunkt 19 h an der Rezeption.

Mitzubringen: Bergschuhe, eine Decke,

ein Rucksack und Dosenverpflegung.





Mir bleiben nur eineinhalb Stunden, um die wenigen Sachen zu packen. Mein Ziel liegt im Herzen des Dschungels. An der Grenze zwischen Mexiko und Guatemala, wo die Selva Lacandona beginnt, einer der wenigen Orte der Welt, die bis heute vÃ¶llig unerforscht sind. Momentan gibt es nur einen einzigen sehr speziellen âReiseveranstalterâ, der mich dazu bewegen kÃ¶nnte, dort hinzugehen. Er lÃ¤sst sich mit Sub-Comandante Marcos ansprechen und die Selva Lacandona ist sein letztes Refugium.





*****

Das, worauf ich noch heute in meiner Karriere wahrscheinlich am meisten stolz bin, ist dieses Treffen mit dem       Sub-Comandante       Marcos im Dschungel von       Lacandona       del Chiapas im April 1995 fÃ¼r die Wochenzeitschrift       Sette       des Corriere della Sera; ich war der erste italienische Journalist, dem es gelang, in zu interviewen (allerdings weiÃ ich ehrlich gesagt nicht, ob vor mir nicht der sympathische und allgegenwÃ¤rtige Gianni MinÃ  dort war), aber es war sicherlich lange bevor der mystische Sub-Comandante mit seiner legendÃ¤ren schwarzen SkimÃ¼tze in den spÃ¤teren Jahren eine Art authentisches âGuerilla-PressebÃ¼roâ ins Leben rief, zu dem die Journalisten aus den entlegensten Winkeln hin- und herpendelten.





Es waren gerade mal zwei Wochen vergangen, nachdem, in den letzten MÃ¤rztagen des Jahres 1995, das Flugzeug aus Mexiko-Stadt auf dem kleinen MilitÃ¤rflugplatz von Tuxla Gutierrez, der Hauptstadt des zentralen Hochlandes von Chiapas gelandet war. Auf der Piste rollten Maschinen mit den Emblemen der mexikanischen Armee, flankiert von MilitÃ¤rfahrzeugen, die bedrohlich an beiden RÃ¤ndern der Rollbahn Parkposition bezogen hatten. In einem Gebiet, das flÃ¤chenmÃ¤Ãig ein Drittel von Italien umfasst leben drei Millionen Menschen. Bei der Mehrzahl flieÃt Indioblut in den Venen: ZweihundertfÃ¼nfzigtausend sind direkte Nachkommen der Maya.

Ich befand mich in einer der Ã¤rmsten Gegenden der Welt: Neunzig Prozent der Indios hatten kein Trinkwasser. Sechzig von Hundert waren Analphabeten.

Die Sachlage schien mir klar zu sein: auf der einen Seite die weiÃen Grundbesitzer, wenige und sehr Reiche. Auf der anderen die Campesinos, viele, die im Schnitt sieben Peso, weniger als zehn Dollar pro Tag verdienten.

FÃ¼r diese Menschen hatte die Hoffnung auf RÃ¼ckeroberung am ersten Januar 1994 begonnen. WÃ¤hrend Mexiko das Freihandelsabkommen mit den Vereinigten Staaten und mit Kanada unterschrieb, erklÃ¤rte ein vermummter RevolutionÃ¤r dem Land den Krieg: zu Pferde, mit Gewehren bewaffnet â einige (wenige) davon echt, die anderen Attrappen aus Holz â besetzten zweitausend Mann der Nationalen Befreiungsarmee der Zapatisten San Cristobal de Las Casas, die antike Hauptstadt des Hochlandes von Chiapas, die Parole lautete: Â«Land und FreiheitÂ».

Heute wissen wir, an wen die erste Runde ging, die Entscheidende: sie wurde von den fÃ¼nfzigtausend Soldaten gewonnen, die man mit Panzern geschickt hatte, um den Aufstand niederzuschlagen. Und Marcos? Was war aus dem Mann geworden, der auf eine gewisse Art dafÃ¼r gesorgt hatte, dass die Legende von Emiliano Zapata, dem Helden der mexikanischen Revolution von 1910 wieder auflebte?













*****

19 Uhr, Hotel Flamboyant: Unser Kontaktmann kommt pÃ¼nktlich. Er heiÃt Antonio und ist ein mexikanischer Journalist, der nicht einmal, sondern zehn oder zwanzig Mal im Dschungel war. Sicher, heute ist es nicht mehr wie noch vor einem Jahr, als Marcos noch ein relativ ruhiges Leben mit den Seinen im kleinen Dorf von Guadalupe Tepeyac, am Eingang zur Selva fÃ¼hrte, mit Handy und PC âbewaffnetâ und mit Internetverbindung, jederzeit bereit, die Abgesandten der amerikanischen TV-Sender zu empfangen. FÃ¼r die Indios hat sich bis heute nichts verÃ¤ndert, fÃ¼r Marcos und die Seinen schon â alles ist anders: nach der letzten Offensive der Regierung mussten sich die AnfÃ¼hrer der Zapatisten wirklich und wahrhaftig in den Bergen verstecken. Hier gibt es keine Telefone, es gibt keinen Strom, keine StraÃen: nichts.

Der       colectivo       (wie man hier diese komischen Taxi-Minibusse nennt) verschwindet rasch Kurve fÃ¼r Kurve in die Nacht. Im       Innenraum riecht es nach SchweiÃ und nach feuchtem Stoff. Man braucht zwei Stunden bis nach Ocosingo     , einem       Pueblo       am Eingang zum Dschungel. Auf den belebten StraÃen treffen wir auf lachende MÃ¤dchen mit langen schwarzen Haaren und Indio-Gesichtern und auf viel MilitÃ¤r â Ã¼berall. Die Zimmer des einzigen Hotels haben keine Fenster, nur ein Gitter in der TÃ¼r. Es sieht aus wie eine GefÃ¤ngniszelle. Im Radio kommt eine Nachricht: Â«Heute hat die Mutter von Marcos erklÃ¤rt: Mein Sohn, der UniversitÃ¤tsprofessor Rafael Sebastian Guillen Vicente, 38 Jahre, geboren in Tampico, ist der Sub-Comandante MarcosÂ».

Am nÃ¤chsten Tag haben wir einen neuen FÃ¼hrer. Er heiÃt Porfirio. Auch er ist ein Indio.

In seinem Minibus brauchen wir fast sieben Stunden durch SchlaglÃ¶cher und Staub, bevor wir in Lacandon, der letzten Ortschaft ankommen. Hier endet die befestigte StraÃe. Es beginnt der Dschungel. Es regnet nicht, aber der Schlamm reicht uns trotzdem bis zu den Knien. Geschlafen wird in Baracken am Weg, im Dschungel. Nach zwei Tagen strammem und krÃ¤ftezehrendem Marsch durch den unwirtlichen Dschungel, halb erstickt wegen der Feuchtigkeit, kommen wir im Dorf an. Die Gemeinde nennt sich       Giardin      ; wir sind im Gebiet der       Montes Azules      . Hier wohnen etwas zweihundert Menschen. Alles Alte, Kinder und Frauen. Die MÃ¤nner sind im Krieg. Man empfÃ¤ngt uns freundlich. Nur weniger sprechen Spanisch. Alle sprechen       Tzeltal      , den Dialekt der Maya. Â«Werden wir Marcos treffen?Â» fragen wir Â«Kann seinÂ», Porfirio nickt zustimmend.

Um drei Uhr morgens werden wir sanft geweckt: wir mÃ¼ssen aufbrechen. Es scheint kein Mond, aber es gibt viele Sterne. Nach einem Marsch von einer halben Stunde kommen wir an eine HÃ¼tte. Im Inneren sind die Gestalten von drei MÃ¤nnern zu erahnen. Drinnen ist es dunkel, schwarz wie ihre SkimÃ¼tzen. Nach dem Steckbrief der Regierung ist Marcos ein UniversitÃ¤tsprofessor mit Abschluss in Philosophie mit einer Dissertation Ã¼ber Althusser, der an der Pariser Sorbonne promoviert hat. An diesem Punkt wird die Stille in der HÃ¼tte von einer Stimme in franzÃ¶sischer Sprache unterbrochen: Â«Wir haben nur zwanzig Minuten. Ich wÃ¼rde lieber Spanisch sprechen, wenn das in Ordnung ist. Ich bin Sub-Comandante Marcos. Das AufnahmegerÃ¤t benutzen Sie besser nicht, denn wenn Sie abgehÃ¶rt werden, hÃ¤tten wir alle ein Problem, vor allem Sie. Auch wenn wir uns offiziell im Waffenstillstand befinden, sucht man mich in Wirklichkeit mit allen Mitteln. Sie kÃ¶nnen mich fragen, was Sie wollen.Â»





Warum nennen Sie sich Sub-Comandante? 

Man sagt Ã¼ber mich: Â«Marcos ist der CapoÂ». Das stimmt nicht. Die AnfÃ¼hrer sind sie, das zapatistische Volk, ich habe nur militÃ¤risch die Verantwortung. Sie haben mich beauftragt, fÃ¼r sie zu sprechen, weil ich Spanisch spreche. Die Kameraden benutzen mich als Sprachrohr. Ich gehorche nur.





Zehn Jahre im Untergrund sind lang... Wie leben Sie in den Bergen? 

Ich lese. Von den zwÃ¶lf BÃ¼chern, die ich mit in den Dschungel genommen habe ist eins der       Canto General       von Pablo Neruda. Ein anderes ist der       Don Quijote      ...





Und sonst?

Ansonsten vergehen die Tage und Jahre wÃ¤hrend unseres Kampfes. Wir sehen Tag fÃ¼r Tag dieselbe Armut, dieselbe Ungerechtigkeit... Du kannst hier nicht leben, ohne dass der Wille zu kÃ¤mpfen, etwas zu verÃ¤ndern, stÃ¤rker wird. Da mÃ¼sstest du schon entweder Zyniker sein, oder ein Hurensohn. Dann sind da noch Dinge, die Journalisten mich fÃ¼r gewÃ¶hnlich nicht fragen. Das wir uns nÃ¤mlich hier im Dschungel schon mal von MÃ¤usen ernÃ¤hren oder den Urin der Kameraden trinken mÃ¼ssen, um bei den langen Ortswechseln nicht zu verdursten â¦ mehr ist dazu nicht zu sagen.





Was fehlt Ihnen? Was haben Sie zurÃ¼ck gelassen? 

Mir fehlen Zucker und ein paar trockene Socken. Tag und Nacht nasse FÃ¼Ãe zu haben, in der KÃ¤lte, das wÃ¼nsche ich niemandem, und Zucker ist das einzige, was uns der Dschungel nicht liefern kann, man muss ihn von weit her beschaffen; wegen der physischen Anstrengungen braucht man ihn. FÃ¼r diejenigen von uns, die aus der Stadt kommen sind bestimmte Erinnerungen gleichbedeutend mit Masochismus. Wir sagen uns stÃ¤ndig vor: Â«Erinnerst du dich an das Eis aus       CoyoacÃ n      ? Und die Tacos von       Division del Norte      ?Â». Erinnerungen. Wenn wir hier einen Fasan oder ein anderes Tier fangen, dann muss man drei oder vier Stunden warten, bis es fertig zubereitet ist. Und wenn die Truppe kurz vor dem Verhungern ist und das Fleisch roh isst, dann haben alle am nÃ¤chsten Tag Durchfall. Das Leben ist hier anders und man sieht die Dinge anders â¦ Moment, Sie haben mich gefragt, was ich in der Stadt zurÃ¼ckgelassen habe. Ein Metro-Ticket, einen Haufen BÃ¼cher, ein Heft voll mit Gedichten â¦ und ein paar Freunde. Nicht viele, den einen oder anderen.





Wann werden Sie Ihr Gesicht zeigen?

Ich weiÃ es nicht. Ich denke, dass unsere SkimÃ¼tzen auch eine positive ideologische Bedeutung haben und sich mit unserem VerstÃ¤ndnis der eigenen Revolution decken, die nicht individueller Natur ist, die keinen AnfÃ¼hrer hat. Mit der SkimÃ¼tze auf dem Kopf sind wir alle Marcos.





Nach Ansicht der Regierung verstecken Sie Ihr Gesicht, weil Sie etwas zu verbergen habenâ¦ 

Die haben nichts kapiert. Aber das eigentliche Problem ist nicht mal die Regierung, sondern es sind vielmehr die reaktionÃ¤ren KrÃ¤fte der Chiapas, die ViehzÃ¼chter und GroÃgrundbesitzer der Region mit ihren privaten âweiÃen Wachenâ. Ich glaube nicht, dass ein groÃer Unterschied zwischen der traditionellen rassistischen Einstellung eines WeiÃen aus SÃ¼dafrika gegenÃ¼ber einem Schwarzen und der eines Grundbesitzers der Chiapas gegenÃ¼ber einem Indio besteht. Hier liegt fÃ¼r einen Indio die Lebenserwartung bei 50-60 Jahren fÃ¼r die MÃ¤nner und bei 45-50 fÃ¼r die Frauen.





Und die Kinder? 

Die Kindersterblichkeit ist sehr hoch. Ich mÃ¶chte jetzt auch Ihnen die Geschichte von Paticha erzÃ¤hlen. Vor langer Zeit, bei einem Umzug von einem Dschungelgebiet in ein anderes kamen wir zufÃ¤llig durch ein kleines, sehr Ã¤rmliches Dorf, wo wir stets von einem Zapatisten Kameraden mit einem drei bis vierjÃ¤hrigen Kind empfangen wurden. Die Kleine hieÃ Patricia, sprach ihren Namen aber Â«PatichaÂ» aus. Ich habe sie gefragt, was sie einmal werden mÃ¶chte, wenn sie groÃ ist und sie hat mir immer geantwortet: Â«una GuerriglieraÂ». Eines Nachts fanden wir sie mit hohem Fieber vor. Antibiotika hatten wir nicht und sie hatte 40Â° Fieber oder hÃ¶her. Die nassen Sachen trockneten an ihrem KÃ¶rper wie an einem Ofen. Sie starb in meinen Armen. Patricia hatte keine Geburtsurkunde. Sie hatte auch keine Sterbeurkunde. FÃ¼r Mexiko hat sie niemals existiert. Auch ihr Tod hat nie existiert. Das ist die RealitÃ¤t der Indios aus den Chiapas.





Die Zapatistenbewegung hat das gesamte politische System Mexikos in die Krise gestÃ¼rzt, hat aber nicht gewonnen. 

Mexiko braucht Demokratie und Personen, die Ã¼ber den Parteien stehen und diese garantieren. Wenn unser Kampf dazu beitrÃ¤gt, dieses Ziel zu erreichen, dann war er nicht vergebens. Die Armee der Zapatisten wird jedoch niemals zu einer politischen Partei konvertieren. Sie wird von der BildflÃ¤che verschwinden. Und am Tag, an dem das geschieht, werden wir eine Demokratie haben.





Und wenn das nicht geschieht? 

MilitÃ¤risch gesehen sind wir eingekesselt. Die Wahrheit ist, dass die Regierung schwerlich nachgeben werden wird, denn die Chiapas und insbesondere der Dschungel von Lacandona schwimmen buchstÃ¤blich in einem Meer von Ãl. Und das Ãl aus Chiapas ist die Garantie, die der mexikanische Staat den Vereinigten Staaten fÃ¼r die Milliarden von Dollar gegeben hat, die ihr die USA geliehen haben. Die Regierung kann also den Amerikanern gegenÃ¼ber nicht zugeben, dass sie die Situation nicht unter Kontrolle hat.





Und Ihr?

Wir hingegen haben nichts zu verlieren. Unser Kampf ist ein Kampf ums Ãberleben und fÃ¼r einen Frieden in WÃ¼rde.

Unser Kampf ist ein gerechter Kampf.





2





Peter Gabriel









Der Rock-Kobold






























Bei jedem seiner (seltenen) Auftritte unterstreicht der legendÃ¤re GrÃ¼nder und Frontmann der Gruppe Genesis, dass sein Hunger nach jeglicher Form eines musikalischen, kulturellen und technologischen Experiments wirklich keine Grenzen kennt.

Ich traf Peter Gabriel zu diesem Exklusiv-Interview wÃ¤hrend der Musikshow Â«SonoriaÂ», einem dreitÃ¤tigen Event in Mailand, das ausschlieÃlich dem Rock gewidmet war. WÃ¤hrend einer zweistÃ¼ndigen groÃen Musikdarbietung sang und tanzte Gabriel, hÃ¼pfte auf der BÃ¼hne herum wie eine Sprungfeder und begeisterte das Publikum in einem Spektakel, das, wie immer, weit Ã¼ber das hinausging, was man von einem normalen Rockkonzert erwartet.

Am Ende des Konzerts lud er mich ein, zu ihm in die Limousine zu steigen, die ihn zum Flughafen brachte und auf der Fahrt erzÃ¤hlte er von sich, von seinen ZukunftsplÃ¤nen, seinem sozialen Engagement im Kampf gegen Rassismus und Ungerechtigkeit an der Seite von Amnesty International, von seiner Passion fÃ¼r multimediale Technologien und von den Geheimnissen seiner neuen Scheibe Â«Secret World LiveÂ», die demnÃ¤chst gerade Ã¼berall in der Welt auf den Markt kommen sollte.





War das Ende des Rassismus in Sudafrika, das Ende der Apartheit u.a. auch ein Siegeszug des Rock?

Es war ein Sieg des sÃ¼dafrikanischen Volkes. Ich glaube aber, dass die Rockmusik auf irgendeine Weise zu diesem Ergebnis beigetragen hat.





Auf welche Weise?

Ich glaube, dass die Musiker viel getan haben, um die Ã¶ffentliche Meinung in Europa und in Amerika in Bezug auf diese Thematik zu sensibilisieren. Ich habe selbst Songs wie "Biko" geschrieben, um zu erreichen, dass Politiker diverser LÃ¤nder die Sanktionen gegen SÃ¼dafrika unterstÃ¼tzten und Druck machten. Es war ein kleiner Beitrag, der sicherlich nicht die Welt verÃ¤ndert, aber es macht einen Unterschied, einen kleinen Unterschied, der uns alle mit einbezieht. Es sind nicht immer die groÃen Events, die thea-tralischen Gesten, die am Ende Ã¼ber die Ungerechtigkeit triumphieren.





In welcher Hinsicht?

Um ein Beispiel zu nennen: In den USA gibt es zwei alte Damen aus dem Middlewest, die das Schreckgespenst aller Folterknechte Lateinamerikas sind. Sie verbringen ihre Zeit damit, unablÃ¤ssig Briefe an GefÃ¤ngnisdirektoren zu schreiben. Und weil sie sehr gut informiert sind, werden ihre Briefe hÃ¤ufig in amerikanischen Zeitschriften mit groÃer Auflage und groÃer Resonanz verÃ¶ffentlicht. Davon profitieren auch auf die politischen Gefangenen, deren Namen sie Ã¶ffentlich gemacht haben, die man â auf wundersame Weise â plÃ¶tzlich nicht mehr schikaniert. Das meine ich, wenn ich von kleinen Unterschieden spreche. Im Grunde genommen hat unsere Musik fÃ¼r sie dieselbe Bedeutung wie ein Brief!





Ihr Engagement gegen den Rassismus ist eng verbunden mit der AktivitÃ¤t Ihres AushÃ¤ngeschildes, der Real World, zu Gunsten der ethnischen Musik ...

Das ist richtig. FÃ¼r mich war es eine groÃe Befriedigung, dass ich so viele unterschiedliche Musiker aus so entfernten LÃ¤ndern, von China Ã¼ber Indonesien und Russland bis Afrika zusammenbringen konnte. Wir haben KÃ¼nstler herausgebracht wie die chinesischen Guo Brothers oder den Pakistani Nusrat Fateh. In ihren Werken wie in denen der anderen Musiker von Real World habe ich viel Inspirierendes gefunden. Den Rhythmus, die Harmonie, die Stimmen... Bereits ab 1982 habe ich Ã¼brigens damit begonnen, mich in dieser Richtung zu engagieren, indem ich das Bath Festival organisiert habe, das im Grund genommen zugleich der erste Ã¶ffentliche Auftritt der von mir gerade ins Leben gerufenen KÃ¶rperschaft mit Namen âWomad - World of Music Arts and Danceâ war. Hier haben Menschen die MÃ¶glichkeit, sich aktiv am Event zu beteiligen und zusammen mit den afrikanischen Gruppen auf vielen BÃ¼hnen zu spielen. Alles in allem war es eine so spannende und bedeutsame Erfahrung, dass das Experiment spÃ¤ter in vielen Teilen der Welt wiederholt wurde: Japan, Spanien, Tel Aviv, Frankreich...





Gelten Sie deshalb als Erfinder der World Music?

Real World und die World Music sind in erster Linie ein Markenzeichen, unter dem Musik von Artisten aus aller Welt publiziert wird, damit diese Musik Ã¼berall in der Welt verbreitet werden kann, Eingang findet in PlattenlÃ¤den, Radiosender... Dennoch hoffe ich, dass dieses Logo rasch verschwindet, nÃ¤mlich dann, wenn die KÃ¼nstler die fÃ¼r mich ihre Musik aufnehmen, berÃ¼hmt werden. Kurz gesagt, ich mÃ¶chte, dass das geschieht, was mit Bob Marley und der Reggae-Musik passierte: die Leute sagen nicht mehr Â«das ist ReggaeÂ», sie sagen Â«das ist Bob MarleyÂ». Ich hoffe, dass mit der Zeit niemand meine KÃ¼nstler mehr mit Â«das ist World Music betitelt.Â»





Sie haben sich in letzter Zeit stark in Richtung multimedialer Technologien orientiert. Ihre CD Â«Xplora      1Â»       traf auf ein breites Interesse. Wie lÃ¤sst sich das alles mit den AktivitÃ¤ten von Real World verbinden?

Mit und auf dieser CD kann man viele Dinge tun, zum Beispiel unter den StÃ¼cken der einzelnen KÃ¼nstler auswÃ¤hlen, indem man auf die CD-HÃ¼lle klickt. Ich mÃ¶chte aber sehr viel mehr solcher Optionen anbieten, denn die InteraktivitÃ¤t ist ein Medium, das die Musik zu Menschen bringt, die noch nicht viel Kontakt damit hatten. Im Grunde genommen ist es das, was Real World versucht, traditionelle Musik â die, wenn Sie so wollen, home made ist, mit den MÃ¶glichkeiten zu verschmelzen, die uns die neue Technologie bietet.





Wollen Sie damit sagen, dass Ihrer Ansicht nach die Rockmusik sich inzwischen selbst nicht mehr genÃ¼gt und der Intervention des HÃ¶rers bedarf? MÃ¶chten Sie, dass jeder beim Produkt Rock selbst Hand anlegen kann? 

Nicht unbedingt. Ich zum Beispiel hÃ¶re die meiste Zeit Musik im Auto und mÃ¶chte vermeiden, dass ich dazu einen Bildschirm

oder einen Computer brauche. Wenn mich dagegen ein KÃ¼nstler interessiert, oder wenn ich mehr Ã¼ber seine Vita wissen mÃ¶chte, wo er herkommt, was er denkt, dann habe ich mit Multimedia ein visuelles Instrumentarium an der Hand, mit dem ich diese BedÃ¼rfnisse befriedigen kann. Letztlich wÃ¼rde ich dafÃ¼r plÃ¤dieren, dass alle CDs kÃ¼nftig Ã¼ber diese doppelte Nutzerebene verfÃ¼gen wÃ¼rden: einmal die einfache HÃ¶rfunktion und einmal die MÃ¶glichkeit, die darauf gespeicherten Daten im wahrsten Sinne des Wortes zu âerforschenâ Mit âXplora1â wollten wir eine kleine, eigene Welt schaffen, in der die Menschen sich bewegen und entscheiden kÃ¶nnen, in der sie Entscheidungen treffen und mit ihrem Umfeld und mit der Musik interagieren kÃ¶nnen. Im Inneren der CD kann man viele Dinge tun, wie beispielsweise einen virtuellen Rundgang durch die Aufnahmestudios von Real World machen, an vielen Events teilnehmen (u.a. an der Verleihung des Grammy Awards oder am Womad Festival), man kann Clips aus Konzerten anhÃ¶ren, meine Karriere mit Genesis von Anfang bis heute nachverfolgen, und schlieÃlich einen Remix meiner Songs nach Lust und Laune starten.





Und etwa auch in Ihrer Garderobe herumstÃ¶bern, virtuell natÃ¼rlich â¦

Bingo       (      lacht      ). Man kann auch in der Garderobe von Peter Gabriel herumstÃ¶bern!





All dies scheint Lichtjahre entfernt von der Erfahrung mit Genesis. Was ist von diesen Jahren noch geblieben? Hatten Sie zum Beispiel niemals Lust, eine Rock-Oper zu machen, nach dem Muster Â«The lamb lies down on BroadwayÂ»? Ist das alles Ã¼berholt?

Das ist gar nicht leicht zu beantworten. Ich bin glaube ich schon noch an einigen dieser Ideen interessiert, aber in einer anderen Welt. In gewisser Weise besteht bei dem, was ich in der letzten Schaffensperiode mit Genesis machen wollte, eine VerknÃ¼pfung mit Multimedia. Zu jener Zeit waren der Tontechnik durch die Technologie jener Epoche Grenzen gesetzt. Jetzt mÃ¶chte ich auf dieser StraÃe ein ganzes StÃ¼ck weiter in Richtung Zukunft vorangehen...





Kommen wir zurÃ¼ck auf Ihr politisches und humanitÃ¤res Engagement nach dem Ende der Apartheit, was sind Ihre anderen diesbezÃ¼glichen Projekte in Bezug auf die GrÃ¼nde fÃ¼r die Ungerechtigkeiten auf dieser Welt, die es zu bekÃ¤mpfen gilt?

Es gibt viele, aber im Moment glaube ich, dass es vorrangig ist, die Menschen dabei zu unterstÃ¼tzen, Zeugnis abzulegen. Beispielsweise, jedem die MÃ¶glichkeit zu geben, Aufnahmen mit einer Videokamera zu machen, oder Ã¼ber Kommunikationsmittel wie Fax, Computer usw. zu verfÃ¼gen. Kurz gesagt, ich denke, dass heute die MÃ¶glichkeit besteht, die Technologie der Kommunikationsnetze fÃ¼r eine stÃ¤rke Verteidigung der Menschenrechte zu nutzen.





Hoch interessant. KÃ¶nnen Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Ich mÃ¶chte kleine, konkrete Ziele verfolgen. Beispielsweise mit Hilfe dieser Kommunikationsmittel den Alltag eines ganzen Dorfes verÃ¤ndern: Telefonverbindungen, zwanzig oder dreiÃig Personal Computer, usw. Solche âPaketeâ kÃ¶nnte man in jedem Dorf der Welt installieren, in Indien, in China, im Gebirge... Auf diese Art und Weise kÃ¶nnte man in einer Zeitspanne von drei oder fÃ¼nf Jahren die Menschen auf solchen Posten instruieren, wie sie Informationen generieren, verwalten, und damit umgehen kÃ¶nnen. Dies wÃ¼rde dazu beitragen, mit geringem Aufwand die Wirtschaft vieler LÃ¤nder zu transformieren und den Menschen die MÃ¶glichkeit zu geben, von einer reinen Agrarwirtschaft zu einem informationsbasierten System zu wechseln. Das wÃ¤re zweifellos von Vorteil.





Was sind Ihre Zukunftsprojekte? 

Ein Urlaub (      lacht      ). Wir sind sehr viele Monate auf Tour. Wir haben auch Pausen gemacht, aber ich glaube, ich muss mal abschalten. On Tour gibt es immer Stress, zeitliche EngpÃ¤sse, Reisestress... und dann ist es unmÃ¶glich, Sport zu treiben. Ich spiele zum Beispiel viel Tennis. Was die Arbeit anbelangt, denke ich an etwas anderes als eine CD-ROM. Momentan habe ich mein neues Album âSecret World Liveâ abgeschlossen, eine Doppel-CD mit Live-Aufnahmen, die auf eben dieser langen Tournee aufgenommen wurden. Im Grunde genommen handelt es sich um eine Zusammenfassung von allem, was ich bisher gemacht habe, eine Art Sammelalbum, mit einem einzigen StÃ¼ck, âAcross the Riverâ, das man als halbwegs unverÃ¶ffentlicht bezeichnen kÃ¶nnte. Das Album ist im Prinzip auch eine Art Danksagung an alle, die auf dieser mÃ¶rderischen Tour mit mir zusammen gespielt haben. Von den âhabituÃ©sâ wie Tony Levin oder David Rhodes bis Billy Cobham und Paula Cole, die mich auch in Mailand begleitet haben; der erste am Schlagzeug und die zweite als Vokalistin.





Haben Sie einen Wunsch, einen Traum?

Ich wÃ¼nschte, die Vereinigten Staaten Europas wÃ¼rden bereits existieren.





Warum?

Weil es inzwischen offensichtlich ist, dass kleine LÃ¤nder in der Weltwirtschaft keine groÃe Rolle spielen kÃ¶nnen. Man braucht eine Organisation, die sie gegenÃ¼ber dem Rest der Welt vertritt, auf kÃ¼nftigen MÃ¤rkten und die ihre kulturelle IdentitÃ¤t schÃ¼tzt. Es braucht eine kompakte wirtschaftliche Vertretung, eine Handelsunion, die ihr Ãberleben sichert, insbesondere, um sich an jenen PlÃ¤tzen behaupten zu kÃ¶nnen, wo ArbeitskrÃ¤fte zu Niedrigpreisen gehandelt werden. Und um dann das Bild von der Unterteilung der Welt in zwei Modelle zu zerreiÃen: das des weiÃen, des historischen Europas und das der armen LÃ¤nder, die ausgebeutet werden. Man sollte die Unterschiede zwischen den Menschen eines jeden Landes hervorheben und nicht versuchen, alles Ã¼ber einen Kamm zu scheren, damit alle gleich sind.





3





Claudia Schiffer









Die SchÃ¶nste von allen






























Sie war die schÃ¶nste Frau der Welt, die mit den hÃ¶chsten Gagen, alles in allem auch die sittsamste. Â«Ich bin das einzige Modell, dessen Busen noch niemand gesehen hatÂ» erklÃ¤rte sie stolz. Ihr milliardenschwerer Vertrag mit Revlon untersagte ihr sogar, sich hÃ¼llenlos zu zeigen.

Zumindest so lange, bis zwei spanische Fotografen der Agentur Korpa auch dieses Bollwerk zum Wanken brachten und die ganze Welt die perfekten BrÃ¼ste der legendÃ¤ren Claudia Schiffer zu Gesicht bekam.      Diese Fotos gingen um die Welt und die Internationale Presse widmete diesem       Ereignis       ausreichend Raum. Nur das deutsche Wochenblatt       Bunte       zeigte sie bekleidet auf der Titelseite. Nicht ohne ihr jedoch heuchlerisch viele Seiten im Innenteil zu widmen, auf denen sie topless abgebildet war. Die neue Bardot konterte mit wÃ¼tenden Protesten und der Androhung von immensen Schadenersatzklagen.

Da ich einige gute Kontakte zur Modebranche hatte, beschloss ich, das Eisen zu schmieden, so lange es noch heiÃ war und auf der Welle der âSkandalfotosâ mitzuschwimmen und zu versuchen, sie fÃ¼r die Zeitschrift       Panorama       zu interviewen. Es war Ã¤uÃerst kompliziert und es folgten zahlreiche Telefonate und lange Verhandlungen mit ihrer Agentin, die jeglichen AnnÃ¤herungsversuch von Journalisten abblockte. Dennoch wurde meine HartnÃ¤ckigkeit endlich im August 1993 belohnt und ich bekam einen Termin: Claudia war mit der Familie in Urlaub auf den Balearen und um sie zu interviewen hÃ¤tte ich mich dort hinbegeben mÃ¼ssen.

Es war ein echter       Scoop      , ein Interview von absoluter ExklusivitÃ¤t: die schÃ¶ne Claudia hatte der italienischen Presse nie Interviews gegeben und vor allem hatte noch nie zuvor ein Journalist einen FuÃ in ihr Ferienhaus gesetzt und war in die familiÃ¤re IntimsphÃ¤re vorgedrungen. Noch dazu, genau an dem Ort, an dem die

Skandalfotos geschossen wurden,       Port dâAndratx      , eine diskrete Bucht auf der Insel Mallorca im SÃ¼den von Palma, wo die Familie Schiffer seit vielen Jahren ein Ferienhaus besitzt.

In diesem Jahr hatte Claudia einen Grund mehr, sich dorthin zurÃ¼ckzuziehen, um sich auszuruhen. Sie hatte soeben ein Selbstportrait in einem langen Dokumentarfilm beendet, der ihre Lebensgeschichte erzÃ¤hlte:       Claudia Schiffer special,       unter der Regie von Daniel ZiskÃ¬nd, ehemaliger Assistent von Claude Lelouch, der in Frankreich, Deutschland und in den Vereinigten Staaten gedreht wurde. Die Filmaufnahmen waren gerade beendet und schon wetteiferten sÃ¤mtliche Fernsehsender in aller Welt miteinander, im Kampf um die Rechte.





Kurz vor meiner Abreise sprach ich zufÃ¤llig mit einem damals sehr guten, ziemlich       wohlhabenden       Freund, dessen Familie eine bekannte Werkzeugfabrik gehÃ¶rte und lieÃ verlauten (vielleicht wollte ich auch nur etwas angebenâ¦) dass ich kurz vor der Abreise nach Palma de Mallorca war, um sie zu treffen, woraufhin mein Freund meinte, ich solle kein Hotel reservieren: er sagte spontan zu mir Â«ich habe dort meine Yacht liegenÂ» (ein Traum von einem zweiunddreiÃig Meter langen Segelboot). Â«An Bord sind fÃ¼nf Mann Besatzung plus der Koch, die fÃ¼rs Nichtstun bezahlt werden. Das Boot liegt im Hafen von Palma. Geh du hin, dann sind die nicht ganz umsonst dort!Â». Â«Und wenn du schon mal dort bist, lass dich mit dem Boot nach       Port dâAndratx       schippern, dann kommst du auch gleich in den Genuss einer schÃ¶nen Kreuzfahrt!Â»

Das lieÃ ich mir nicht zweimal sagen und am Tag des Interviews ging ich in dem kleinen Hafen, zwei Stunden Fahrtzeit von Palma de Mallorca entfernt von Bord der Yacht meines Freundes. Ich verabschiedete mich von der Mannschaft und begab mich um 15:30 h zum Treffpunkt im       CafÃ¨ de la Vista      , gegenÃ¼ber der Mole des Ã¼berfÃ¼llten Yachthafens.

Dies war mit Sicherheit der spektakulÃ¤rste       Auftritt       der jemals einem Journalisten zuteilwurde, der nur ein Interview machen wollte!





*****

Kurz vor der vereinbarten Zeit kam ein Audi 100 mit DÃ¼sseldorfer Kennzeichen. Das mussten sie sein: Vorne zwei MÃ¤nner, auf dem RÃ¼cksitz die unvermeidliche Agentin, Aline Soulier. EnttÃ¤uschung machte sich breit: Wo ist sie? Nur ein kurzer Augenblick und hinter Aline kommt eine blonde Wolke zum Vorschein und beugt sich vor in Richtung Vordersitz. Â«Ciao, ich bin ClaudiaÂ» sie reicht mir die Hand und lacht, ein Anblick, der einen in den Bann zieht, irgendwo zwischen einer Lolita und der Madonna.

Niemand steigt aus. Â«Ãberall lauern PaparazziÂ» flÃ¼stert mir die Agentin auf der kurzen Fahrt zum Haus, eine ziegelfarbene, einstÃ¶ckige Villa, zu. Beim Eintreten betont Claudia dass bis zu diesem Tag kein Journalist jemals einen FuÃ in das Haus der Schiffers gesetzt hat. Sie stellt vor: Â«Mein kleiner Bruder, meine

Schwester Caroline, meine MutterÂ». Eine sehr distinguierte Dame, ziemlich Deutsch, blonde kurze Haare, sogar noch etwas grÃ¶Ãer als die 1,80 m groÃe Tochter. Beim Vorstellen fehlt der Vater, ein DÃ¼sseldorfer Rechtsanwalt, der im Hintergrund die FÃ¤den zieht. Wenn man gut informierten Kreisen glauben darf, war er verantwortlich fÃ¼r den Erfolg seiner Tochter. Verdanken wir ihm die Entstehung eines Mythos der SchÃ¶nheit?





Alles begann in einer DÃ¼sseldorfer Diskothekâ¦ 

Ich war sehr jung. Eines Abends sprach mich der Inhaber der Metropolitan Agentur an und fragte, ob ich Lust hÃ¤tte, fÃ¼r ihn zu arbeiten...





Und wie haben Sie reagiert?

Â«Wenn es etwas SeriÃ¶ses istÂ» habe ich geantwortet Â«dann sprechen Sie morgen mit meinen ElternÂ». Sie wissen ja, es gibt viele Anmachen in Discos, das hÃ¤tte eine davon sein kÃ¶nnen, nicht mal besonders neu...





Haben Sie eine enge Beziehung zu Ihrer Familie? 

Ja, eine sehr enge Bindung. Wir sind eine bodenstÃ¤ndige Familie. Mein Vater ist Rechtsanwalt, meine Mutter hilft ihm in der Kanzlei. Mein Erfolg hat bei ihnen keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Sie sind nicht besonders leicht zu beeindrucken. Sie sind sehr stolz auf mich, das ja, aber fÃ¼r sie ist es nichts anderes als mein Beruf und sie erwarten von mir, dass ich meine Arbeit so gut wie mÃ¶glich mache.





Und Ihre Geschwister, sind die nicht eifersÃ¼chtig? 

Ach woher      ! Sie sind vielmehr stolz auf mich. Besonders mein kleiner Bruder mit zwÃ¶lf. Dann habe ich noch eine Schwester, sie ist neunzehn und geht auf die Uni; es gibt also keine Konkurrenz zwischen uns beiden. Dann ist da noch ein zwanzigjÃ¤hriger Bruder: ein Freund.





Verbringen sie ihre Ferien immer gemeinsam mit ihnen auf Mallorca? 

Ich liebe diesen Ort, seit ich Kind war.





Jetzt, nachdem Sie erwachsen sind, haben Sie scheinbar das eine oder andere Problem, wenn Sie in dieser Gegend spazieren gehenâ¦ 

In der Tat, die Paparazzi sind Ã¼berall, sogar auf den BÃ¤umen... es nervt. Jede meiner Bewegungen wird observiert, studiert, fotografiert, ... Urlaub ist das keiner, zumindest so gesehen!       (sie lacht      ).





Man nennt es den Preis des Ruhmesâ¦

Ach ja, so ist es wohl, und trotzdem fahre ich oft mit dem Boot hinaus, mit der Mamma, mit meinen BrÃ¼dern. Auf dem Meer fÃ¼hle ich mich sicher.





Ist es dort wirklich sicher?

Ach Sie meinen die Fotos âoben ohneâ? Ich weiÃ wirklich nicht, wie das passieren konnte. Ich war auf dem Boot, zusammen mit der Mamma und meiner Schwester Carolina. Wir lagen vor Anker und haben uns gesonnt. Bei uns war noch Peter Gabriel, einer meiner guten Freunde...





Das haben wir mitbekommenâ¦ 

Ja, stimmt. Auch er war auf diesen Fotos. Ich mÃ¶chte nicht da-rÃ¼ber reden... ich habe bereits AnwÃ¤lte eingeschaltet wegen der Schadenersatzklagen ...





Es wird gemunkelt, dass Sie Schauspielerin werden wollen. 

Ich wÃ¼rde es gern mal probieren, das ist alles. Man bietet mir DrehbÃ¼cher an und je mehr ich lese, umso mehr Lust bekomme ich, einen Versuch zu starten ... Heute habe ich Lust darauf, einen Film zu machen. Richtig Lust.





Aber Sie Ã¼bernehmen keine Rolle im nÃ¤chsten Jahr in Robert Altmans âPrÃªt-Ã -porterâ, einem Film, im Zeichen der Modewelt? 

Es ist wirklich unglaublich. Die Weltpresse behauptet das immer wieder hartnÃ¤ckig, aber es ist absolut unwahr. Und dann mÃ¶chte ich keinen Film machen, in dem ich mich wieder selber spiele.





Wenn Sie die Wahl hÃ¤tten zwischen dem Top-Model und der Schauspielerin, was wÃ¼rden Sie tun? 

Model ist kein Beruf fÃ¼r ein ganzes Leben. Es ist ein Beruf fÃ¼r sehr junge MÃ¤dchen, den man nur wenige Jahre machen kann, etwa so wie Tennis spielen oder Schwimmen... d.h., man muss die Chancen nutzen, solange es geht. Danach wÃ¼rde ich gerne zurÃ¼ck an die Uni und Kunstgeschichte studieren.





Sie haben immer gesagt, Sie wÃ¼rden Ihre PrivatsphÃ¤re verteidigen, koste es, was es wolle. Wenn Sie diesen Film Ã¼ber Ihr Leben drehen, in Ihrem Haus, im Haus Ihrer Eltern, empfinden Sie das nicht als Widerspruch? 

Ich glaube nicht. Die wirklich privaten Momente sind es auch geblieben. Im Film sieht man das, was ich bewusst beschlossen habe, dem Publikum zu zeigen: meine Familie, meine Freunde, meine Ferien, meine Hobbies ... eben alles, was ich liebe. Und daneben die Reisen, der Catwalk, die Fotos, mit denen ich arbeite, die Pressekonferenzen...





Sie leben teils in Paris, teils in Montecarlo? 

Im Grund genommen ist mein Wohnsitz Montecarlo und ich lasse keine Gelegenheit aus, dorthin zu fahren, wenn ich nicht arbeite, beispielsweise an den Wochenenden.





Reisen Sie immer in Begleitung Ihrer Agentin? 

Normalerweise nicht. Ich brauche sie, wenn ich in LÃ¤ndern arbeite, die ich nicht kenne. In Argentinien, Japan, Australien oder SÃ¼dafrika. Bei diesen Gelegenheiten bin ich immer von vielen Fans umgeben, und dann sind da noch die Journalisten, Paparazzi...





Langweilen Sie sich auf den vielen Reisen? 

Nein, denn ich lese gerne und mit einem Buch kann man sich immer die Zeit vertreiben, selbst im Flugzeug. Letztlich geht es hier um Arbeit und nicht um Urlaub!





Welche Art BÃ¼cher lesen Sie? 

Vorwiegend BÃ¼cher Ã¼ber Kunst. Ich bevorzuge den Impressio-nismus und Pop Art. Ich habe auch eine Vorliebe fÃ¼r Geschichte und fÃ¼r die Biographien berÃ¼hmter MÃ¤nner. Ich habe die von Christoph Kolumbus gelesen â unglaublich!â





Man sagt Ihnen nach, Sie seien zur HÃ¤lfte Brigitte Bardot und zur anderen HÃ¤lfte Romy Schneider (Sissi). Sehen Sie sich in diesen beiden Figuren? 

Ja. Aber nicht so sehr physisch betrachtet. Ich glaube vielmehr einige gemeinsame CharakterzÃ¼ge zu haben, den Lebensstil... Die Bardot finde ich ganz auÃergewÃ¶hnlich, abgesehen von ihrer SchÃ¶nheit, was fÃ¼r ein Charakter! FÃ¼r Romy Schneider empfinde ich dagegen ein GefÃ¼hl der Verehrung. Ich habe alle ihre Filme gesehen und es war furchtbar, als sie starb. Nach einem so unglÃ¼cklichen Leben ...





Wenn wir das UnglÃ¼ck mal weglassen, wÃ¼rden Sie die neue Romy Schneider sein wollen? 

Noch so ein schÃ¶nes Kompliment! Die einen sagen so, die anderen sagen so: Ãhnlichkeit mit der oder jenen schÃ¶nen Frau. Das sind alles sehr schÃ¶ne Komplimente, aber ich mÃ¶chte vor allem ich selbst sein. Ich setze alles daran, ich selbst zu sein.





TrÃ¤umten Sie als Kind von einem bestimmten Beruf?

Eine Karriere als Model hatte ich absolut nicht in der Planung. Ich wÃ¤re gerne AnwÃ¤ltin geworden.





Wie Ihr Vater? 

Ja, ich hÃ¤tte mit Freuden in seiner Kanzlei gearbeitet. Dann wurden aber alle meine PlÃ¤ne Ã¼ber den Haufen geworfen. Als mir bewusst wurde, was fÃ¼r ein GlÃ¼ck ich hatte, habe ich beschlossen, darauf zu verzichten.





Ihre Geschichte klingt wie ein MÃ¤rchen der Neunziger. Gab es auch schwierige Momente? 

Die gibt es, natÃ¼rlich. Aber es kommt beispielsweise niemals vor, dass ich mich einer Situation nicht gewachsen fÃ¼hle...





Wie lautet Ihr Geheimnis? 

Sehr viel Disziplin und die Lust an Geselligkeit. Ich bin gerne unter Menschen. Es macht mir SpaÃ mich auf Pressekonferenzen dem KreuzverhÃ¶r der Journalisten zu stellen. Da fordert mich heraus. Ich will damit sagen, ich habe keine Angst.





Nur eine Frage der Disziplin? 

Auch ein groÃes inneres Gleichgewicht. Hierbei ist es wichtig, dass man eine Basis hat, durch die Erziehung, die einem die Familie mitgegeben hat: Mir hat das enorm viel geholfen. Es hat meinen Charakter geformt, mir Sicherheit, einen Sinn fÃ¼rs Praktische und inneres Gleichgewicht gegeben. Und man darf in schwierigen Momenten niemals die Selbstbeherrschung verlieren. Es ist das Verdienst meiner Eltern, das ich heute zum Beispiel frei vor Publikum reden kann.





Wenn man den Medien glauben darf, verlieben Sie sich rasch und wechseln ebenso rasch die Partner: heute Albert von Monaco, morgen Julio Boca. Wie sieht die echte Claudia aus? 

Die echte Claudia ist ein MÃ¤dchen mit vielen Freunden. Prinz Albert ist einer davon, Julio Boca ein anderer. Dann gibt es aber auch noch Placido Domingo oder Peter Gabriel und viele andere Personen, die im Rampenlicht stehen. Kaum bin ich mit einem von ihnen zusammen auf einem Foto, macht die Internationale Presse sofort einen Verlobten daraus! Das stimmt aber nicht.





Und gibt es in Ihrer Zukunft einen Verlobten, einen Ehemann, Kinder? 

Ich bin mehr als bereit, mich zu verlieben, auch mÃ¶glichst bald. Im Moment habe ich aber keinen LebensgefÃ¤hrten, aus dem einfachen Grund, weil ich in niemanden verliebt bin.





Worauf achten Sie bei einem Mann am meisten? 

FÃ¼r mich gibt es keinen Idealtyp â ich meine, Ã¤sthetisch betrachtet. Als erstes schaue ich auf den Charakter und vor allem auf den Sinn fÃ¼r Humor. Von einem Mann erwarte ich, dass er       Charme      hat dass er mich erobert, mit Intellekt, also mit dem Kopf, um es klar zu sagen. Er muss ein VerstÃ¤ndnis fÃ¼r Ironie haben und die FÃ¤higkeit, mir solche GefÃ¼hle zu vermitteln. Wenn man im Leben nicht miteinander lachen kannâ¦





Sind Sie anspruchsvoll - brÃ¤uchte Ihr Verlobter besondere QualitÃ¤ten       â¦

Jeder Partner eines berÃ¼hmten Menschen braucht einen starken Charakter. Ich liebe MÃ¤nner mit Charakter, aber sie mÃ¼ssen auch gefÃ¼hlsbetont sein. Wer mit mir ausgehen will, muss LÃ¤rm ertragen, Verletzungen der PrivatsphÃ¤re, Klatsch, die Journalisten...





Haben Sie ein schlechtes Gewissen? 

In welcher Beziehung?





Naja, so wie es aussieht, haben Sie alles: SchÃ¶nheit, Ruhm, Geldâ¦ 

Ich fÃ¼hle mich vom GlÃ¼ck begÃ¼nstigt, das stimmt, ich danke Gott und meinen Eltern, dass ich in diese VerhÃ¤ltnisse hineingeboren bin. Wenn ich kann, versuche ich daher, etwas GemeinnÃ¼tziges, etwas Soziales zu tun.





Auf dem Modesektor ist nicht alles Gold was glÃ¤nzt. Es gibt auch Drogen, Alkohol, RivalitÃ¤tenâ¦

Drogen und Alkohol interessieren mich nicht. EifersÃ¼chteleien dagegen sind schon ein Thema, aber ich verstehe es nicht. Meiner Ansicht nach sind Models vom Physischen, vom Charakter und von der MentalitÃ¤t her so unterschiedlich, dass Platz fÃ¼r alle ist. Und man braucht auch nicht herausragend schÃ¶n zu sein. Jede Frau hat etwas SchÃ¶nes an sich. Man muss es nur wÃ¼rdigen.





Was braucht es, um den Durchbruch zu schaffen? 

Vor allem Charakter, denn schÃ¶ne MÃ¤dchen gibt es viele auf der Welt... Dann Bildung, PersÃ¶nlichkeit und Disziplin.





Disziplin auch bei der ErnÃ¤hrung? 

Nicht Ã¼bermÃ¤Ãig. Ich rauche nicht und ich trinke keinen Alkohol, aber nur, weil es mir keinen SpaÃ macht. Ich esse nicht viel Fleisch, weil ich glaube, dass es ungesund ist und ich bin vorsichtig mit Fetten. DafÃ¼r liebe ich Schokolade... Oh! Ich liebe natÃ¼rlich auch Fanta!       (sie lacht      ).





Welche Beziehung haben Sie zu Geld? 

Es ist nicht das Wichtigste, aber es wird mir in meiner Zukunft die MÃ¶glichkeit geben, das zu tun, was ich mÃ¶chte. Geld ist Freiheit.





Was verbinden Sie mit dem Wort Sex â welche Bedeutung hat es fÃ¼r Sie? 

FÃ¼r mich?       (sie scheint wirklich verblÃ¼fft zu sein      ).





Ja, fÃ¼r Sie

Was soll ich sagen, etwas, das ganz natÃ¼rlich zwischen zwei in-einander Verliebten passiert. Mehr nicht.





Glauben Sie, dass Sie eine starke erotische oder eine mehr sinnliche Ausstrahlung haben? 

Hundertprozent.





Hundertprozentig nein? 

Hundertprozentig ja!









4





Gong Li









 MondsÃ¼chtig 






























Anfang 1996, ich arbeitete erst kurz als Korrespondent fÃ¼r den Fernen Osten, besuchte ich hÃ¤ufig zusammen mit einigen befreundeten Journalisten John Colmey, den Kollegen von       Time       in Hong Kong. John vermittelte den Kontakt zum Manager der wunderschÃ¶nen chinesischen Schauspielerin Gong Li und es gelang mir, mit ihr am Set des Films, den sie gerade in der NÃ¤he von Shanghai drehte ein Exklusivinterview fÃ¼r die Zeitschrift       Panorama       zu arrangieren.

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Chen Kaige drehte gerade eine der letzten Szenen seines sehn-lichst erwarteten Films       VerfÃ¼hrerischer Monde       (      Temptress Moon      ) in Suzhou, am Ufer des Tai-Sees, hundert Kilometer westlich von Shanghai, drei Jahre nach dem Welterfolg von       Lebewohl meine Konkubine      . Die Assistenten bewegen sich im Laufschritt zwischen den Ã¼ber zweihundert Komparsen, gekleidet im Stil der Zwanziger Jahre, die den Hafenkai bevÃ¶lkern. Die Frauen tragen den typischen       cheongsam       aus Seide, einige Gentlemen sitzen lesend in einer SÃ¤nfte und im Hintergrund siehe man Hafenarbeiter, die ein Dampfschiff beladen. Gedreht wird eine groÃe Abschiedsszene: Gong Li, die im Film Ruyi heiÃt und die schÃ¶ne und verwÃ¶hnte Erbin einer superreichen Familie aus Shanghai spielt, in der Inzest und Opium-Rituale praktiziert werden und jeder jeden mit dem jeweils anderen Partner betrÃ¼gt, ist kurz davor, mit ihrem Verlobten, Zhongliang, nach Peking aufzubrechen, gespielt von Leslie Cheung, dem Schauspieler aus Hong Kong, der schon in       Lebewohl meine Konkubine       an ihrer Seite spielte.

Am Kai steht ihr Jugendfreund Duanwu (interpretiert von dem kÃ¼nftigen Stern am Kinohimmel, Taiwan Lin ChÃ¬en-hwa), der schon immer heimlich in Ruyi verliebt war: Â«Denk dran: du siehst sie jetzt hier zum letzten Mal! Das muss man auf deinem Gesicht ablesen kÃ¶nnen, und das will ich von dir sehen!Â» ermahnt ihn Chen Kaige, sechsundvierzig, Lederjacke, schwarze Jeans. Â«Gut...       Yu-bei      ...      (Anm      . also los,      ) ...       Action      !Â». Als Lin Chien-hwa sich umschaut und dem ablegenden Dampfschiff nachsieht, kann man den Abschiedsschmerz in seinen Augen lesen. Â«      Okay!      Â» ruft ein zufriedener Kaige. Und die letzte Klappe fÃ¤llt an diesem Tag.

Ãber zwei Jahre sind vergangen, in denen er das Drehbuch umgeschrieben hat. Jetzt arbeitet Kaige wie ein Besessener, damit sein Streifen bis zum Filmfestival von Cannes im Mai im Kasten ist. Er ist die Nummer Eins des chinesischen Kinos der Neunziger und trat in die FuÃstapfen seines Vaters (sein Vater, Chen Huaiâai, war ein Monument des Kinofilms der Nachkriegszeit). Chen Kaige ist dafÃ¼r bekannt, dass er das Maximum aus seinen Darstellern herausholt und ihre Geduld zuweilen auf eine harte Probe stellt. Das gilt gleichermaÃen fÃ¼r die chinesische Regierung, die seine Filme jahrelang auf den Index gesetzt-, geschnitten und zensiert hat, bis sie am Ende seine QualitÃ¤ten als Meister des zeitgenÃ¶ssischen Kinos anerkennen musste.

Der neue Film       Temptress Moon,       der bislang bereits sechs Millionen Dollar gekostet hatte, reprÃ¤sentiert in gewisser Hinsicht symbolisch die aktuelle RealitÃ¤t des chinesischen Kinos, eine Gratwanderung zwischen Liberalismus und Repression, projiziert auf die WeltmÃ¤rkte, die FÃ¼Ãe fest verwurzelt am Boden des Vaterlandes; Kosmopolit und engstirniger Patriot zugleich. Der Filmset erscheint einem wie ein Mikrokosmos des modernen China.

Die Protagonisten sind vom Feinsten was aktuell von den Â«drei ChinasÂ» geboten wird: Hong Kong (Leslie Cheung), Taiwan (LÃ¬n Chien) und die Volksrepublik China (Gong Li). Der Regisseur ist ein Intellektueller aus Peking und die Produzentin, Hsu Feng, ein ehemaliger Kinostar aus Taiwan, verheiratet mit einem Ge-schÃ¤ftsmann aus Hong Kong, wo sie in den Siebziger Jahren die Tomson Film grÃ¼ndete (und sie war es auch, die Kaige vor acht Jahren davon Ã¼berzeugte, die Novelle von Lilian Lee,       Lebewohl meine Konkubine       auf die Leinwand zu bringen).

Selbst wenn die Erwartungen an die neue Regiearbeit von Kaige hoch sind, die des Publikums und der Kritik, was die schauspielerische Leistung des unbestrittenen Kinostars Gong Li anbelangt, sind ungleich hÃ¶her. Die einunddreiÃigjÃ¤hrige Schauspielerin ist zweifellos in diesem Moment die bekannteste Chinesin der Welt. In ihrer Kinovergangenheit finden wir Filme wie       Roter Mohn       (1987),       rote Laterne       (1991) und       Lebewohl meine Konkubine       (1993). Und eine lange, soeben zu Ende gegangene Love Story mit Zhang Yimou, ihrem Begleiter Ã¼ber acht Jahre, dem Regisseur, der sie zu einem Weltstar gemacht hat und mit dem sie im vergangenen Jahr den letzten Film gedreht hat,       Shanghai Serenade      .

Trotz des Erfolges, den sie beim westlichen Publikum genossen hat ist Gong Li zu hundert Prozent Chinesin geblieben.

Am Ende dieses Tages am Set hat sie eingewilligt, fÃ¼r       Panorama       dieses Exklusivinterview zu geben.





Wieder ein groÃer Film, aber wieder eine antike Geschichte, die im China der Zwanziger Jahre spielt und nicht Fakten der jÃ¼ngsten Geschichte beleuchtet .. 

Ich denke der Grund liegt darin, dass China sich dem Rest der Welt erst vor wenigen Jahren geÃ¶ffnet hat. Als das geschah, hat in unserem Land auch das Kino stilistisch und kulturell eine Ãffnung erfahren. Sicherlich hat die Zensur Ã¼ber Jahre eine wesentliche Rolle gespielt, wenn es um die Themenwahl ging und um die Zukunft des Kinos. Es gibt aber auch einen eher kÃ¼nstlerischen Grund, wenn man das so sagen kann: viele chinesische Regisseure sind der Ansicht, es sei gut, Filme aus einer Epoche vor der Kulturrevolution zu machen. Dies dient einer Art Rehabilitation jener Fakten und der Vergangenheit. Vermutlich glauben sie auch, es sei noch zu frÃ¼h, fÃ¼r ein internationales Publikum Episoden zu verfilmen, Bilder, die noch zu frisch sind, die noch zu weh tun und die allen noch im GedÃ¤chtnis sind.





Sie sind weltweit die populÃ¤rste chinesische Frau. Empfinden Sie ein GefÃ¼hl der Verantwortung in dieser Rolle als Botschafterin? 

Das Wort Botschafterin macht mir ein wenig Angst... dieser Titel ist meiner Ansicht nach eine Nummer zu groÃ fÃ¼r mich. Sagen wir mal, ich fÃ¼hle mich auf dem Umweg Ã¼ber meine Filme eher wie eine BrÃ¼cke zwischen unserer Kultur und unserer Geschichte und der des Westens. Das ja: da ich glaube, dass man bei Ihnen nicht viel von der RealitÃ¤t des heutigen China weiÃ. Wenn also einer meiner Filme helfen kann, dem Westen unser Leben, unser Volk, uns selbst etwas nÃ¤her zu bringen, dann ist das etwas, worauf ich in der Tat stolz bin.





In letzter Zeit ist das Image Chinas in der Welt allerdings nicht eines der besten: Massenexekutionen, WaisenhÃ¤user des Todes â¦ Entspricht das alles der Wahrheit? 

China hat viele Probleme, das ist sicher. Insbesondere, wenn man nur die negativen Dinge betrachtet und die positiven Seiten vergisst. Wenn man von einem Land nur die MissstÃ¤nde kennt, dann muss man klar sagen, dass das Image, das man sieht, unvollstÃ¤ndig ist. Mein Land ist ein groÃes Land, hier leben Ã¼ber eine Milliarde Menschen und daher gibt es im Inneren von China enorme Unterschiede. Es ist alles andere als einfach, hier ein Urteil abzugeben.





Wann haben Sie sich entschlossen, die Rolle der Ruyi in Temptress Moon zu spielen? 

Es war mehr oder weniger ein Zufall. Oder eine FÃ¼gung des Schicksals, denn es war auch fÃ¼r mich eine Â«VersuchungÂ». Man hat mir die Rolle im letzten Moment angeboten, als die Dreharbeiten bereits begonnen hatten und nachdem die taiwanesische Darstellerin nicht weiter machen wollte. Wissen Sie, dass chinesische Kritiker       Temptress Moon       mit       Vom Winde verweht       verglichen haben?





Ach ja â und warum? 





Nicht wegen des Inhalts. Wegen der Wahl der Akteure. Chen hat sich zig Darsteller fÃ¼r meine Rolle angeschaut, genauso wie bei       Vom Winde verweht      ,            als eine Schauspielerin nach der anderen ausgemustert wurde,       bevor       er sich entschied und die Rolle der Scarlett OâHara mit Vivian Leigh zu besetzen. So kam auch ich dazu, als die Dreharbeiten bereits begonnen hatten. Und das war nicht leicht. Man wollte, dass ich einen vÃ¶llig anderen Part verkÃ¶rpere, als ich das fÃ¼r GewÃ¶hnlich tue: hier muss ich ein reiches und verwÃ¶hntes MÃ¤dchen spielen.





Das chinesische Kino erlebt zurzeit einen magischen Moment. Das ist das Verdienst von Regisseuren wie Kaige und von Darstellern wie Sie. Daneben auch Namen wie John Woo oder Ang Lee, die in Hollywood arbeiten      .





Ich glaube, der Grund hierfÃ¼r liegt darin, dass die chinesischen Regisseure eine optimale Kinotechnik mit jener einzigartigen Kombination von Faszination und Stil verbinden, die Teil unserer Kultur ist.





Wie kamen Sie zur Schauspielerei? 

Aus purem Zufall. Als Kind habe ich gerne gesungen. Eines Tages nahm mich mein Gesangslehrer mit in ein Fernsehstudio in Shandong, wo gerade eine TV-Sendung aufgenommen wurde. Ich erinnere mich noch, dass der Regisseur eine Frau war. Als sie mich sah, beschloss sie, mir eine Rolle zu geben, also gab sie mir ein Drehbuch zum Lesen. Es war eine kleine Rolle. Aber in ihren Augen war ich die geborene Schauspielerin. Sie sagte also zu meiner Mutter: Â«Lassen Sie Ihre Tochter Schauspielerin werdenÂ». Es gelang mir, sie zu Ã¼berzeugen und zwei Monate spÃ¤ter ging ich auf die Schauspielschule nach Peking. Ich erinnere mich noch, dass es harte Arbeit war. Begonnen habe ich mich kleinen Rollen und spÃ¤ter â¦





Ihr Leben spielt sich zwischen Hongkong und Peking ab und die Zeitungen schreiben von einer neuen LiebesaffÃ¤re mit einem GeschÃ¤ftsmann aus Hong Kong. Werden Sie endgÃ¼ltig dort hinziehen? 

Ich glaube nicht. Hong Kong gefÃ¤llt mir, weil es eine quirlige Stadt ist und man dort gut shoppen kann. Aber ich langweile mich dort. Peking ist anders. Man trifft Menschen auf der StraÃe, spricht mit ihnen, wird angesprochen. In Hongkong dreht sich alles nur ums Geld.





StÃ¶rt Sie das Interesse der Presse in Ihrem Privatleben?

Man kann es vermutlich nicht verhindern. Insbesondere die asiatische Presse schreibt oft diskriminierende oder erfundene Geschichten. Westliche Zeitungen sind da korrekter.





Ist es auch in China fÃ¼r eine Darstellerin wichtig, schÃ¶n zu sein? 

Finden Sie mich schÃ¶n?





Im Westen gelten Sie als Sexsymbol      .

Ach ja, das freut mich zu hÃ¶ren. Ich fÃ¼hle mich aber weder sexy noch als Sexsymbol. Vielleicht gelingt es mir, die PersÃ¶nlichkeit und den Charme der chinesischen Frau zu verkÃ¶rpern. Die Chinesinnen sind anders, als die Frauen im Westen.





Welches sind Ihre kÃ¼nftigen Projekte? 

Ich wÃ¼rde gerne heiraten und Kinder haben, weil ich denke, dass die Familie im Leben einer Frau eine wichtige Rolle spielt. Ohne eine Familie kann man bei der eigenen Arbeit die RealitÃ¤t des tÃ¤glichen Lebens nicht umsetzen.





Gibt es Leinwandprojekte? 

Im Augenblick nicht. Ich lese viele DrehbÃ¼cher, aber keins kann mich Ã¼berzeugen. Ich bin nicht eine von der Sorte, die glaubt, eine Rolle annehmen zu mÃ¼ssen, nur um etwas zu tun.





WÃ¼rden Sie fÃ¼r einen westlichen Regisseur arbeiten? 

Wenn er eine passende Rolle fÃ¼r mich hat, eine, die fÃ¼r eine Chinesin geeignet ist, warum nicht?





Gibt es einen Italiener, unter dem Sie gerne arbeiten wÃ¼rden? 

Aber sicher, Bernardo Bertolucci!





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Ingrid Betancourt









Die Pasionaria der Anden






























Liebe Dina, anbei das StÃ¼ck, die Box wird nachgeliefert. Ich hoffe, es ist alles in Ordnung. Heute (Montag den 11.) nehme ich das Flugzeug nach Tokyo via Buenos Aires, wo ich morgen, am 12. Februar ankomme. Danach bin ich stÃ¤ndig per Satellitentelefon erreichbar, auch an den Tagen der antarktischen âSeereiseâ. Am 24. Februar bin ich zurÃ¼ck in Argentinien und reise weiter nach BogotÃ¡, wo ich die Betancourt in den ersten MÃ¤rztagen treffen werde. 

Sag mir, wennâs dich interessiert.

Bis bald

Marco





Diese Mail, das ich auf einem         alten PC fand, schrieb ich Anfang Februar 2002 an Dina Nascetti, eine meiner Vorgesetzten beim     Espresso,     um sie Ã¼ber meine Unternehmungen zu informieren. Ich war zuvor in Japan wegen einer Reportage am Grab von Jesus 


 und bereitete eine lange Reise vor, auf der ich fast zwei Monate weit weg von zu Hause sein wÃ¼rde. Endstation war die geografische AuÃengrenze: die Antarktis.

Unterwegs plante ich einen Zwischenstopp in Argentinien, zu einer Reportage Ã¼ber die schwere Wirtschaftskrise, die das sÃ¼damerikanische Land in jenen Monaten erschÃ¼tterte, danach in Kolumbien, wo ich Ingrid Betancourt Pulecio interviewen sollte, die kolumbianische Politikerin und VorkÃ¤mpferin fÃ¼r die Menschenrechte. TatsÃ¤chlich kam ich einige Tage frÃ¼her als geplant nach BogotÃ¡. Das war â wenigstens fÃ¼r mich â ein GlÃ¼cksfall. Ich traf die Betancourt am zweiundzwanzigsten Februar und genau vierundzwanzig Stunden spÃ¤ter verschwand Ingrid Betancourt, die im Auto unterwegs in Richtung Florencia war spurlos und zwar in der Gegend von San Vicente del Caguan. Von den FARC-Rebellen entfÃ¼hrt, war sie mehr als sechs Jahre in Geiselhaft.

WÃ¤re ich nur einen Tag spÃ¤ter in Kolumbien angekommen, wÃ¤re ich ihr nie begegnet.





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Das braune schulterlange Haar trÃ¤gt sie offen. Sie hat dunkle Augen, wie eine echte Kolumbianerin und trÃ¤gt einen Armreif aus Bernstein. Ihre Lippen sind geschlossen; sie lÃ¤chelt so gut wie nie.

Ingrid Betancourt hat auch wenig Grund zum Lachen. Ihre vierzig Jahre sieht man ihr nicht an, die fÃ¼nfzig Kilo sind auf einen Meter siebzig gut verteilt. Aktuelle Kandidatin fÃ¼r den unbequemen PrÃ¤sidentenposten in Kolumbien, einem der gewalttÃ¤tigsten LÃ¤nder der Erde. Ein Ort, an dem im Schnitt tÃ¤glich siebzig Menschen umgebracht werden, Kriegsschauplatz seit vierzig Jahren mit 37.000 Opfern unter der ZivilbevÃ¶lkerung von 1990 bis heute. Ein Land, in dem alle vierundzwanzig Stunden an die zehn Personen entfÃ¼hrt werden. Ein Land, das als Kokainproduzent weltweit an der Spitze steht und aus dem in den letzten drei Jahren mehr als eine Million Menschen geflÃ¼chtet sind.

Es ist noch nicht allzu lange her und dieselbe Frau, die mir jetzt mit kugelsicherer Weste und nervÃ¶sem Blick in einem anonymen, streng geheimen und Hochsicherheits-Apartment im Zentrum von BogotÃ  gegenÃ¼bersitzt, lag mit einem glÃ¼cklichen LÃ¤cheln am Strand der Seychellen, unter den nachsichtigen Blicken des Vaters, Gabriel de Betancourt, einem franzÃ¶sischen Diplomaten. SchÃ¶n, gebildet, intelligent, hatte man sie nach den schwierigen Jahren in Kolumbien in diesen Winkel des Paradieses geschickt hatte, um dort zu arbeiten.

Genau vierundzwanzig Stunden nach diesem Interview verschwand Ingrid Betancourt auf einer Autofahrt nach Florencia in der Gegend von San Vicente del Caguan, an der Ã¤uÃersten Grenze des Gebietes in dem kolumbianischen Truppen gegen die FARC-Rebellen kÃ¤mpften. Mit ihr verschwanden ein Kameramann und ein franzÃ¶sischer Fotograf, die sie auf ihrer riskanten Wahlkampagne begleiteten. Alles deutete auf eine EntfÃ¼hrung hin.

Eine dramatische Wendung, die paradoxerweise â oder in einem so grausamen Land wie Kolumbien auch wieder nichts UngewÃ¶hnliches â Â«schlagartig ihre Wahlchancen erhÃ¶htÂ», wie es Gabriel Marcela pragmatisch ausdrÃ¼ckt. Er muss es wissen, denn er ist Professor an der Escuela de Guerra und das kolumbianische Tagesgeschehen ist sein Fachgebiet.





Ingrid Betancourt Pulecio ist 1990 freiwillig in dieses Inferno zurÃ¼ckgekehrt und zwar nicht am Ende ihres Lebens, sondern erst dreiÃigjÃ¤hrig.

Als ehemalige Abgeordnete und heutige Senatorin grÃ¼ndete sie eine Partei namens       Oxigeno Verte      , Â«um die korrupte kolumbianische Politik mit sauberer Luft zu versorgenÂ», wie sie ernsthaft erlÃ¤utert. Daraus entsteht der Slogan: Â«Ingrid es oxigenoÂ». Auf dem Foto ist sie abgebildet, mit Antismog-Maske und bunten Luftballons. Mit einhundertsechzigtausend AnhÃ¤ngern hat sie im Land den grÃ¶Ãten Zuspruch. Allerdings wÃ¼rde heute wohl niemand mehr Ã¼ber sie sprechen, wenn sie nicht ihre Autobiografie geschrieben hÃ¤tte, die gerade in diesen Tagen auch in Italien erscheint. Der Titel lÃ¤sst keinen Zweifel am Charakter der Autorin: âProbabilmente domani mi uccidonoâ (in Deutsch: Â«MÃ¶glich, dass ich morgen umgebracht werdeÂ»).





Vielleicht etwas zu theatralisch?

Â«Die franzÃ¶sische Fassung hat den Titel       La rage au cÅurâ (deutscher Titel) die Wut in meinem HerzenÂ»       sagt sie zu ihrer Verteidigung. Â«Die italienischen Verleger wollten aber einen stÃ¤rkeren Titel, so haben wir diesen gewÃ¤hlt. AuÃerdem entspricht das meinen GefÃ¼hlen und mit diesem Gedanken wache ich jeden Morgen auf und schlafe jeden Abend ein. Ich glaube nicht, dass das in irgendeiner Form etwas mit Heldenmut zu tun hat. Die MÃ¶glichkeit, morgen umgebracht zu werden ist eine sehr reale Perspektive und in einer breiten BevÃ¶lkerungsschicht dieses Landes Ã¤uÃerst prÃ¤sent.Â»

Die Zeitungen haben Sie quasi in den Status einer Heiligen erhoben.       Paris Match       nannte Sie âDie Frau im Fadenkreuzâ.       LibÃ©ration       âEine Heldinâ.       Le Figaro      , âDie Pasionaria der Andenâ.       Le Nouvel Observateur       schrieb Â«hÃ¤tte Simon BolÃ­var, der       libertador       Lateinamerikas eine Nachfolgerin auswÃ¤hlen kÃ¶nnen, er hÃ¤tte Sie gewÃ¤hltÂ».

Die Kolumbianischen Zeitungen haben sich dagegen etwas Ã¼ber sie lustig gemacht. Die       Semana      , das wichtigste Informationsblatt

des Landes hat sie auf der Titelseite als âJeanne dâ Arcâ abgebildet und auf der Fotomontage sind Sie als Jungfrau von Orleans dargestellt, zu Pferd, mit RÃ¼stung und Lanze, bereit zum Angriff. In Wirklichkeit ist das Buch sehr gemÃ¤Ãigt und nicht so reiÃe-

risch wie sein Titel; das gilt auch fÃ¼r die Rezensionen. Ingrid

verhehlt nicht, dass sie Privilegien genoss. Auf Grund Ihres Status in der Oberschicht hatte sie sich einen gewissen Luxus bewahrt: sie ging beispielsweise einmal die Woche auf einem GestÃ¼t von Freunden zum Reiten.

Ansonsten fehlt es ihr nicht an Ideen, und sie nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, diese zum Ausdruck zu bringen. Â«Die       farc      , die RevolutionÃ¤ren StreitkrÃ¤fte Kolumbiens, wichtigste Guerillagruppe des Landes konnten vorsichtigen SchÃ¤tzungen zufolge 1998 mit jÃ¤hrlichen Finanzierungen in HÃ¶he von dreihundert Millionen Dollar rechnen, vorwiegend aus âFinanzmittelnâ aus Drogenschmuggel und LÃ¶segeldeinnahmen aus EntfÃ¼hrungen und Erpressungen. Heute wissen wir, dass sie jÃ¤hrlich auf Finanzmittel zurÃ¼ckgreifen kÃ¶nnen, die annÃ¤hernd eine halbe Milliarde Dollar betragen, wÃ¤hrend ihre Truppen von fÃ¼nfzehntausend auf einundzwanzigtausend Mann angewachsen ist. DiesÂ» so erklÃ¤rt sie, Â«bringt den kolumbianischen Staat in ein totales KrÃ¤fteungleichgewicht gegenÃ¼ber der Guerilla. Um entscheidende Ergebnisse erzielen zu kÃ¶nnen mÃ¼sste nach unserer Kalkulation die Regierung zwischen drei und viertausend gut ausgebildete MilitÃ¤rs pro Kopf eines jeden Guerillas einsetzen, wÃ¤hrend heute hÃ¶chstens proportional ein, hÃ¶chstens zwei Soldaten auf ein FARC-Mitglied kommen. All das zudem verbunden mit wirtschaftlichen Anstrengungen, die fÃ¼r mein Land fast als unmenschlich zu bezeichnen sind. Man kalkuliert, dass sich ab 1990 die Kosten zur BekÃ¤mpfung des Terrorismus beinahe verzehnfacht haben. Wenn sie am Anfang noch ein Prozent des Bruttoinlandsproduktes betrugen, so Ã¼bersteigt die Quote heute schon zwei Prozent und hat inzwischen bereits die astronomische Summe von einhundert Millionen US-Dollar erreichtÂ».

Ihre Feinde bezeichnen Sie als Fanatikerin, oder ist sie â nach eigenen Aussagen â eine Frau, die etwas fÃ¼r ihr Land tun will? Politische Kreise in BogotÃ  boykottieren ihre Kandidatur. Insgeheim fÃ¼rchten sie sie jedoch. Omar, der Chef ihrer LeibwÃ¤chter sagt: Â«Wenn du in diesem Land ehrlich bist, riskierst du dein LebenÂ». Sie kontert: Â«Ich habe keine Angst zu sterben. Die Angst schÃ¤rft nur meine SinneÂ».

Punkt eins ihrer Wahlcampagne ist der Kampf gegen Korruption. An zweiter Stelle steht der BÃ¼rgerkrieg: Â«Der Staat muss mit den linken Guerillas verhandeln und zwar ohne Wenn und AberÂ» sagt sie abschlieÃend Â«und sich vom AUC, den rechtsgerichteten para-militÃ¤rischen Gruppen distanzieren, die fÃ¼r die meisten Morde in diesem Land verantwortlich sindÂ».

Aber wie kann man tagtÃ¤glich ein Leben unter Bedrohung und in Angst fÃ¼hren?

Â«MÃ¶glicherweise wird auch das zur Gewohnheit. Eine schreckliche Gewohnheit. Erst kÃ¼rzlichÂ» sagt sie abschlieÃend mit ruhiger Stimme, Â«fand ich beim Ãffnen der Post das Foto eines abgeschlachteten Kindes. Darunter stand: âSe       Ã±       ora Senatorin, auch Ihr ist schon bezahlt. FÃ¼r Ihren Sohn haben wir eine Sonderbehandlung reserviertâ¦âÂ»





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Aung San Suu Kyi


FriedensnobelpreistrÃ¤gerin 1991




Frei von Angst


























Auf Druck der UNO wurde Aung San Suu Kyi am sechsten MÃ¤rz 2002 freigelassen. Die Nachricht ging um die Welt, auch wenn ihre Freiheit nur von kurzer Dauer war. Am dreiÃigsten Mai 2003 erÃ¶ffnete eine Gruppe MilitÃ¤rs das Feuer auf ihren Konvoi, in dem sie sich zusammen mit vielen AnhÃ¤ngern befand. Es gab viele Tote und nur den Reflexen ihrer Fahrers Ko Kyaw Soe Lin war es zu verdanken, dass Aung San Suu Kyi sich retten konnte; allerdings wurde sie erneut unter Hausarrest gestellt.

Am Tag nach ihrer Freilassung im Mai 2002 gelang es mir auf Grund einiger Kontakte zu birmanischen Dissidenten, ihr eine Reihe von Fragen fÃ¼r ein âFerninterviewâ per Mail zukommen zu lassen.





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Die Wachen, die vor der Residenz von Aung San Suu Kyi, Leader der demokratischen Opposition von Birma Posten bezogen hatten, waren um zehn Uhr des gestrigen Tages still und heimlich wieder in ihre Kaserne zurÃ¼ckgekehrt. Durch diesen Ã¼berraschenden Schachzug hatte die MilitÃ¤rjunta von Rangun die Restriktionen aufgehoben, die die AnfÃ¼hrerin der Pazifisten oder âdie Ladyâ, wie sie von der birmanischen BevÃ¶lkerung genannt wurde, in ihrer Bewegungsfreiheit einschrÃ¤nkten. Die FriedensnobelpreistrÃ¤gerin von 1991 stand nÃ¤mlich bereits seit Juli 1989 unter Hausarrest.

Seit gestern Morgen zehn Uhr stand es Aung San Suu Kyi nach fast dreizehn Jahren frei, das Haus am See zu verlassen; sie durfte reden, mit wem sie wollte, sich politisch betÃ¤tigen, sie durfte ihre Kinder sehen.

Aber ist die schreckliche Isolation der âpassionierten Birmaninâ wirklich vorbei? Die im Exil befindliche Opposition glaubt noch nicht an die hochtrabenden Worte der MilitÃ¤rjunta, die erklÃ¤rt hatte, sie ohne Bedingungen freizulassen.

Die birmanischen Exilanten warten unglÃ¤ubig und beten. Seit gestern hat nÃ¤mlich die birmanische Diaspora in allen buddhistischen Tempeln Thailands und Ostasiens zu Gebetszeremonien aufgerufen.

Sie, die       Lady      , hat nach ihrer Freilassung keine Zeit verloren und sich sofort im Auto zu ihrer Parteizentrale begeben, zum

Hauptquartier der Nationalen Liga fÃ¼r Demokratie (NLD), die bei den Wahlen von 1990 (mit achtzig Prozent aller Stimmen) eine Ã¼berwÃ¤ltigende Mehrheit gewinnen konnten, wÃ¤hrend die Regierungspartei der Nationalen Einheit sich nur zehn der 485 Sitze sichern konnte. Die MilitÃ¤rregierung annullierte das Wahlergebnis, verbot alle AktivitÃ¤ten der Opposition, unterdrÃ¼ckte gewaltsam alle StraÃendemonstrationen und die OppositionsfÃ¼hrer wurden ins GefÃ¤ngnis geworfen oder ins Exil verbannt. Das neue Parlament wurde nie einberufen.





Die italienische Ausgabe ihrer Autobiographie trÃ¤gt den Titel âLibera dalla pauraâ. [frei von Angst] Entspricht das ihren aktuellen GefÃ¼hlen?

Jetzt fÃ¼hle ich mich zum ersten Mal nach Ã¼ber zehn Jahren frei, frei im physischen Sinne. Insbesondere frei zu handeln und zu denken. Wie ich in meinem Buch schreibe fÃ¼hle ich mich schon seit etlichen Jahren âfrei von Angstâ. Seit ich begriffen habe, dass der in meinem Land herrschende Machtmissbrauch mich verletzen und demÃ¼tigen konnte, ja mich sogar hÃ¤tte umbringen kÃ¶nnen, aber das konnte mir keine Angst mehr machen.





Heute, kaum in Freiheit, haben Sie sofort erklÃ¤rt, dass man keinerlei Bedingungen an Ihre Freilassung geknÃ¼pft hat und dass die an der Macht befindliche MilitÃ¤rjunta Ihnen gestattet hat, auch ins Ausland zu reisen. Glauben Sie das wirklich? 

Ein Sprecher der Junta hat in einer gestern verÃ¶ffentlichten schriftlichen Verlautbarung angekÃ¼ndigt, dass Â«fÃ¼r das Volk von Myanmar und fÃ¼r die internationale Gemeinschaft eine neue Seite im Buch der Geschichte aufgeschlagen werden sollÂ». In den letzten Monaten wurden hunderte von politischen HÃ¤ftlingen freigelassen und die MilitÃ¤rregierung hat mir versichert, dass man auch weiterhin diejenigen freilassen wird, die â wie sie es ausdrÃ¼cken â âkeine Gefahr fÃ¼r die Gemeinschaft darstellenâ. Alle Menschen hier wollen das nur allzu gerne glauben und hoffen, dass dies echte Anzeichen fÃ¼r einen Wandel sind. Die RÃ¼ckkehr auf diese StraÃe in Richtung Demokratie, die mit dem Staatsstreich von 1990 plÃ¶tzlich und gewaltsam unterbrochen wurde, aber im Herzen des birmanischen Volkes stets prÃ¤sent war.





Jetzt, da Sie frei sind, befÃ¼rchten Sie da nicht ausgewiesen- und von ihren AnhÃ¤ngern getrennt zu werden ? 

Es sollte jedem klar sein, dass ich nicht gehe. Ich bin Birmanin und habe die britische StaatsbÃ¼rgerschaft ausgeschlagen, um dem Regime keinen Angriffspunkt zu bieten. Ich habe keine Angst. Das gibt mir Kraft. Aber das Volk hungert, daher die Angst, die die Menschen schwach werden lÃ¤sst.





Sie haben mehrfach und mit Nachdruck die EinschÃ¼chterungsversuche des MilitÃ¤rregimes gegenÃ¼ber den Sympathisanten fÃ¼r die Demokratische Liga angeprangert. Gibt es die auch heute noch?

Wir sind in Besitz von Daten, die besagen, dass allein im Jahr 2001 Ã¼ber tausend militante KÃ¤mpfer der Opposition auf GeheiÃ der GenerÃ¤le des       slorc [      State Law and Order Restauration Council/Name der Spitze der MilitÃ¤rjunta] festgenommen wurden. Viele andere sahen sich gezwungen, der       Liga       abzuschwÃ¶ren, nachdem sie eingeschÃ¼chtert und bedroht wurden. FÃ¼r diese Art von illegalen Pressionen gibt es keine Rechtfertigung. Die Strategie erfolgt flÃ¤chendeckend nach demselben Muster: Man setzt Einheiten staatlicher FunktionÃ¤re auf sie an, die âvon TÃ¼r zu TÃ¼râ gehen und die BÃ¼rger auffordern, die       Liga       zu verlassen. Den Familien, die sich weigern, droht man mit Repressalien wie dem Verlust des Arbeitsplatzes und oftmals sind es offene Drohungen. Viele Parteizentren wurden geschlossen und tagtÃ¤glich kontrollieren die MilitÃ¤rs die Zahlen der ausgetretenen Mitglieder. Das beweist, wie groÃ die Angst vor der       Liga       ist. Die Hoffnung, die wir alle im Augenblick haben ist die, dass dies alles wirklich und wahrhaftig ein Ende gefunden hat.





Hat Sie die heutige Wende, der Paukenschlag ihrer Befreiung, Ã¼berrascht oder war es ein von den MilitÃ¤rs sorgfÃ¤ltig geplantes und vorbereitetes ManÃ¶ver, das aus GrÃ¼nden des âAnsehensâ in aller Welt erfolgte, quasi ein Vorhaben mit âAuÃenwirkungâ?

Von â95 bis heute kam es zu einer schrittweisen Lockerung der Isolation von Birma. Die UniversitÃ¤t von Rangun wurde wieder geÃ¶ffnet und mÃ¶glicherweise haben sich die LebensumstÃ¤nde leicht verbessert; dennoch wird der Gang der Geschichte von Birma im tÃ¤glichen Alltag immer noch von Gewalt, IllegalitÃ¤t und Machtmissbrauch, sowohl gegen Dissidenten als auch gegen ethnische Minderheiten (Shan, We, Kajn) bestimmt, die sich nach Autonomie sehnen, sowie ganz generell, gegen die Mehrheit der BevÃ¶lkerung des Landes. Die MilitÃ¤rs haben immer mehr Probleme, sowohl intern als auch international betrachtet. In der Zwischenzeit betreiben sie weiter Drogenhandel, sofern es ihnen nicht gelingt, eine andere, ebenso lukrative Einnahmequelle aufzutun. Nur welche? Die Nation gleicht praktisch einem groÃen Panzerschrank, von dem nur das MilitÃ¤r die Kombination kennt und es wird nicht leicht werden, die GenerÃ¤le davon zu Ã¼berzeugen, diesen Reichtum mit den anderen fÃ¼nfzig Millionen Birmanen zu teilen.





Wie sehen aktuell die Bedingungen fÃ¼r eine Dialogbereitschaft aus ? 

Wir werden so lange keine wie auch immer geartete Initiative akzeptieren - die Rede ist auch von Wahlen, die von den GenerÃ¤len einberufen werden â bis das 1990 gewÃ¤hlte Parlament nicht zusammengetreten ist. In meinem Land herrscht auch weiterhin die Angst. Einen echten Frieden wird es so lange nicht geben, so lange es kein echtes Engagement gibt, im Namen aller, die fÃ¼r ein freies und unabhÃ¤ngiges Birma gekÃ¤mpft haben, auch wenn ihnen bewusst war, dass es nicht mÃ¶glich sein wÃ¼rde, Frieden und VersÃ¶hnung fÃ¼r alle Zeiten zu sichern und dass es daher notwendig sein wÃ¼rde, die Anstrengungen im Sinne von mehr Wachsamkeit zu verdoppeln, mehr Mut zu beweisen und den wahren, aktiven aber gewaltlosen Widerstand im eigenen Herzen zu entwickeln.





 Was kann die EuropÃ¤ische Union tun, um dem birmanischen Volk zu helfen?  

Weiterhin Druck machen, damit die GenerÃ¤le merken, dass die Welt ihnen auf die Finger schaut und dass sie nicht ungestraft weitere SchÃ¤ndlichkeiten begehen kÃ¶nnen.

*****

Am dreizehnten November 2010 erlangte Aung San Suu Kyi endgÃ¼ltig die Freiheit. 2012 bekam sie einen Sitz im birmanischen Parlament und am sechzehnten Juni desselben Jahres konnte sie den Friedensnobelpreis entgegennehmen. Nachdem die Regierung ihr endlich erlaubte hat, ins Ausland zu reisen, konnte sie nach England fahren, um nach vielen Jahren ihren Sohn wiederzusehen.

Am sechsten April 2016 wurde sie zur StaatsrÃ¤tin (ziviles Staatsoberhaupt) von Myanmar ernannt.

Birma, die heutige Republik der Union Myanmar, ist noch immer kein vÃ¶llig freies Land und seine Geschichte wird von der Diktatur der Vergangenheit belastet, die auch Auswirkungen auf die Zukunft der Nation hat, aber die Ãffnung des Landes der tausend Pagoden lÃ¤sst Raum fÃ¼r mehr als nur die Hoffnung auf Freiheit und Demokratie.

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Lucia Pinochet









â    Asasinar, torturar y hacer desaparecir      â


[Morden, foltern und verschwinden lassen]





























Santiago de Chile, MÃ¤rz 1999      .

Â«Pinochet?      FÃ¼r die Chilenen ist er wie ein KrebsgeschwÃ¼r, ein StÃ¼ck dunkle Vergangenheit, das       sie male oscuro       nennen..., etwas Schmerzhaftes. Etwas, von dem man weiÃ, dass man es hat, aber sich fÃ¼rchtet, darÃ¼ber zu reden, auch nur den Namen auszusprechen. Am Ende tut man so, als habe es ihn nie gegeben. Vielleicht, weil wir hoffen, dass wir durch Ignorieren erreichen, dass dieses BÃ¶se von selbst verschwindet, ohne dass wir ihm in die Augen schauen mÃ¼ssen...Â» Die junge Frau, die im       CafÃ¨ El Biografo      , einem Treffpunkt fÃ¼r Dichter und Studenten im malerischen       Barrio       von       Bellavista       in Santiago bedient, einem KÃ¼nstlerviertel mit vielen alten Restaurants und farbenfrohen HÃ¤usern ist gerade mal etwas Ã¤lter als Zwanzig. Vermutlich war sie nicht einmal geboren, als General Augusto Pinochet Ugarte, der âSenador vitalicioâ, wie sie ihn hier nennen, befahl, seine Gegner âumzubringen, zu foltern und verschwinden zu lassenâ â wie es die FamilienangehÃ¶rigen der Ã¼ber dreitausend Verschwundenen in die Welt hinausschreien - oder, wie seine Bewunderer es ausdrÃ¼cken, wÃ¤hrend er mit eiserner Faust versuchte, Chile von der Bedrohung durch den internationalen Bolschewismus zu befreien. Sie will mir ihre persÃ¶nliche Meinung zu Pinochet sagen und sie hat eine klare Vorstellung: Â«Pinochet ist hier allgegenwÃ¤rtig. Egal, ob man pro oder contra ist, in jedem Detail des tÃ¤glichen Lebens von Chile ist der General prÃ¤sent. NatÃ¼rlich in erster Linie in der Politik, klar. Aber auch im GedÃ¤chtnis aller, in den ErzÃ¤hlungen meiner Eltern, in den VortrÃ¤gen der Lehrer in der Schule. Und als Titelfigur in Romanen und BÃ¼chern... im Kino. Ja, auch im Kino. Hier in Chile kann man nur pro oder contra Pinochet sein. Und wir, wir tun so, als ob er nicht existieren wÃ¼rde...â.

Tja, dieser eigensinnige Ã¤ltere Herr, der Â«mit der WÃ¼rde eines SoldatenÂ» der britischen Justiz entgegentritt (Â«...armer alter MannÂ» flÃ¼stert mir der Portier des âCirculo de la Prensaâ ins Ohr, einem Ort, an dem die engstem Vertrauten des       Senador vitalicio      , in den dunklen Jahren der MilitÃ¤rdiktatur aufkreuzten, um unangenehme Journalisten âabzuholenâ, direkt hinter dem Palast la Mondea, wo Salvador Allende starb, gejagt nach dem Staatsstreich des Generals), dieser âarme alte Mannâ der mittlerweile im Chile des 21. Jahrhunderts zum sperrigen Koloss geworden ist, der mit seinem Umfang jedes Viertel, jeden Winkel, jede Gasse von Santiago fÃ¼llt, der etwas unentschlossen wirkt, beinahe introvertiert.

Aber er ist immer noch das lebende GedÃ¤chtnis dieses Landes, ein immenses, einschneidendes, unangenehmes GedÃ¤chtnis fÃ¼r seine AnhÃ¤nger und nervig fÃ¼r seine Gegner und Kritiker. Ein GedÃ¤chtnis, das sich ausweitet, klebrig wie der gallertartige       Blob       [A.d.Ã. âThe Blobâ, US-amerikanischer Horrorfilm] und alles umschlieÃt: Leben, Hoffnungen und Schmerzen â die Vergangenheit und die Zukunft der Chilenen.





Pinochet wurde im Oktober 1998, wenige Monate nach seiner Abdankung als Chef des Heeres und eben Senator (auf Lebenszeit) geworden, festgenommen und unter Hausarrest gestellt, wÃ¤hrend er sich zu medizinischen Behandlungen in London aufhielt. ZunÃ¤chst in der Klinik, in der er sich einer RÃ¼ckenoperation unterzogen hatte und spÃ¤ter in der von ihm angemieteten Residenz.

Ein spanischer Richter, Baltasar GarzÃ³n hatte den internationalen Haftbefehl wegen vÃ¶lkerrechtswidrigen Verhaltens unterschrieben. Die Anklagepunkte umfassten annÃ¤hernd einhundert FÃ¤lle von Folter zu Lasten spanischer StaatsbÃ¼rger und einen Fall von konspirativem Vorgehen zum Zweck von Folter. GroÃbritannien hatte erst kÃ¼rzlich die Internationale Anti-Folter Konvention unterzeichnet und sÃ¤mtliche VorwÃ¼rfe bezogen sich auf Taten, die wÃ¤hrend der letzten vierzehn Monate seiner Herrschaft verÃ¼bt

worden waren.

Die chilenische Regierung protestierte sofort gegen die Verhaftung, die Auslieferung und gegen einen Prozess. Es entstand ein hartnÃ¤ckiger Rechtsstreit vor der Kammer der Lordrichter, dem obersten britischen Gerichtsorgan, der sechzehn Monate andauerte. Pinochet berief sich auf seine diplomatische ImmunitÃ¤t als ehemaliger Staatschef, aber diese wurde ihm von den Lords angesichts der Schwere der erhobenen Anklagen abgesprochen und dem Auslieferungsersuchen wurde stattgegeben, allerdings mit diversen Auflagen und EinschrÃ¤nkungen. Kurz darauf ermÃ¶glichte jedoch ein zweiter Urteilsspruch derselben Kammer der Lordrichter Pinochet der Auslieferung auf Grund seines prekÃ¤ren Gesundheitszustandes zu entgehen (er war zum Zeitpunkt seiner Festnahme zweiundsechzig Jahre alt), und zwar aus âhumanitÃ¤renâ GrÃ¼nden. Nach einigen medizinischen Untersuchungen gewÃ¤hrte der damalige britische AuÃenminister Jack Straw Pinochet nach beinahe zwei Jahren Hausarrest oder Klinikaufenthalt im MÃ¤rz 2000 die RÃ¼ckkehr in sein Land.





Auf dem HÃ¶hepunkt dieses verwickelten internationalen juristischen Tauziehens reiste ich Ende MÃ¤rz 1999 nach Santiago de Chile, um fÃ¼r die Tageszeitung       Il Tempo       Ã¼ber die aktuelle Ent-wicklung zu berichten und um die Ã¤lteste Tochter des       Senador vitalicio      , Lucia zu treffen. Der High Court in London hatte Pinochet soeben die ImmunitÃ¤t verweigert und das Flugzeug, dass â getragen von der Hoffnung der Familie und den AnhÃ¤ngern des Generals â geschickt wurde, um ihn nach Chile zurÃ¼ckzubringen, kam ohne ihn zurÃ¼ck.

Die Reaktion auf den StraÃen von Santiago lieÃ nicht lange auf sich warten. In der chilenischen Hauptstadt war am vierundzwanzigsten MÃ¤rz das Urteil mit angehaltenem Atem erwartet, worden, auch wenn man keine Panzersperren aufgebaut hatte. WÃ¤hrend eine diskrete PrÃ¤senz von âCarabinerosâ die neuralgischen Punkte der chilenischen Hauptstadt kontrollierte â den PrÃ¤sidentenpalast der Moneda, die Botschaften von GroÃbritannien und von Spanien und die Amtssitze der Organisationen pro und contra des       Senador vitalicio       â verfolgten die Chilenen die Ereignisse im Minutentakt dank der ausfÃ¼hrlichen Medienberichterstattung durch die nationalen Netzwerke. Die Aufmerksamkeit galt einem historischen Ereignis, per Satellit direkt mit London, Madrid und diversen Standorten in Santiago verbunden, das     gegen sieben Uhr morgens begonnen hatte und den ganzen Tag Ã¼ber andauerte. Weniger als eine Stunde nach Entscheidung des Lordgerichts, gegen zwÃ¶lf Uhr Ortszeit brachten zwei Nachmittagszeitungen bereits eine Sonderausgabe. Ein Blatt betitelte die Reportage auf der Titelseite mit folgender Schlagzeile: Â«Pinochet hat verloren und gewonnenÂ».

In den entscheidenden Momenten jenes Vormittags versammelten sich viele BÃ¼rger von Santiago um die Ã¶ffentlichen

Fernseher, die man Ã¼berall in den Lokalen installiert hatte, in allen Filialen von McDonald's bis zu den kleinen GasthÃ¤usern. In einem groÃen Warenhaus des Zentrums war es beinahe zu einer Revolte von erbosten Kunden gekommen, die den Direktor verbal attackierten und forderten, den Fernsehsender auf die Direktleitung nach London einzustellen.

Am Nachmittag kam es zu ersten Spannungen, nachdem zuvor alles ruhig geblieben war. Um sechzehn Uhr Ortszeit Santiago kam es im Zentrum der Hauptstadt, an der Kreuzung zwischen 'Alameda 


 und calle Miraflores zu ersten ZusammenstÃ¶Ãen zwischen Studenten und der Polizei. Die Bilanz: etwa zehn Verletzte und an die fÃ¼nfzig festgenommene Studenten.

Es gab viele Appelle und Ã¼berall wurde zur Ruhe aufgerufen, insbesondere von Seiten der Regierungsvertreter. Es gab auch Drohreden, wie die von General Fernando Rojas Vender, (der Pilot der den PrÃ¤sidentenpalast der Moneda bombardierte), Kommandant der chilenischen Luftwaffe, der fahnentreuen FACH, die am Dienstag zuvor noch Ã¶ffentlich behauptet hatte, dass sich im Land ein Klima bilde, Â«Ã¤hnlich wie beim Staatsstreich von '73Â»; sie waren von der Regierung massiv kritisiert und zensiert worden und man hatte Rojas sogar zu einem Ã¶ffentlichen Dementi gezwungen.

Dann richtete sich alle Aufmerksamkeit auf die ErklÃ¤rung des britischen Justizministers Straw. Um seine Figur herum hatte sich bereits ein Propagandaapparat, bestehend aus Pinochet-AnhÃ¤ngern gebildet, die darauf setzten, dass Â«Straw dasselbe Ende wie Lord Hofmann beschieden seiÂ» [Anm.d.Red.: man hatte Hoffmann, der einer der 5 Richter war, die Ã¼ber die ImmunitÃ¤t Pinochets urteilen sollten vorgeworfen, als âAnwalt in eigener Sacheâ agiert zu haben, da er seine enge Beziehung zu Amnesty International nicht Ã¶ffentlich gemacht hatte] oder die versuchten, den britischen Minister durch den Vorwurf zu diskreditieren, er habe in jungen Jahren, als er als DreiÃigjÃ¤hriger Chile bereist hatte, starke und Ã¶ffentliche Sympathien fÃ¼r die chilenische Linke gezeigt. Es gab sogar Stimmen, die behaupteten, Beweise fÃ¼r ein freundschaftliches Treffen zwischen dem jungen Straw und dem damaligen PrÃ¤sidenten Allende vorlegen zu kÃ¶nnen, wobei es um eine Einladung zum Tee ging.

Kurzum, zu behandelnde Themen gab es vermutlich viele, dachte ich, wÃ¤hrend ich mich zu FuÃ auf den Weg zum Haus von Lucia Pinochet machte.





*****

InÃ©s Lucia Pinochet Hiriart ist die Ã¤lteste Tochter. Eine schÃ¶ne Frau, der man ihr Alter nicht ansieht, ganz zu schweigen von ihrem Familiennamen. Ein banaler Gipsverband war der Grund dafÃ¼r gewesen, weshalb sie ihren Vater nicht zusammen mit ihren BrÃ¼dern nach London begleiten konnte. So musste sie unverhofft in Santiago zurÃ¼ckbleiben und ihr fiel die Aufgabe zu, den       Senador       zu vertreten und vor allem in diesem nicht ganz einfachen Moment zu verteidigen.

In ihrem schÃ¶nen Haus in einem der hÃ¶her gelegenen Viertel der Stadt, wo durch die offenen Fenster die Stimmen der Demonstranten dringen, die Slogans fÃ¼r ihren Vaters skandieren, findet das GesprÃ¤ch mit ihr in Begleitung ihrer drei SÃ¶hne, Hernan, Francisco und Rodrigo statt. Wir reden fast eine Stunde Ã¼ber die âbrisantenâ Themen, die die Geschicke ihres Vaters und unausweichlich auch die Zukunft von ganz Chile betreffen.





Wie denken Sie Ã¼ber die âhumanitÃ¤reâ Entscheidung zugunsten Ihres Vaters?

Es wÃ¤re mir lieber gewesen, wenn man meinem Vater die uneingeschrÃ¤nkte ImmunitÃ¤t gewÃ¤hrt hÃ¤tte, die ihm als ehemaliger Staatschef eines souverÃ¤nen Staates zusteht. Aus einem Strafverfahren ist eine politische Diskussion Ã¼ber angebliche FÃ¤lle von Folter, diverse Verbrechen und VÃ¶lkermord geworden. Man hat dem Druck der Sozialisten nachgegeben und Personen geglaubt, die vorgeben, die Menschenrechte verteidigen zu wollen.





Haben Sie mit Ihrem Vater gesprochen? Wie hat er reagiert?

Mein Vater ist Ã¼ber diese LÃ¶sung nicht glÃ¼cklich. Man hatte ihm die MÃ¶glichkeit einer âhumanitÃ¤renâ Entscheidung in Aussicht gestellt. Und er ist mit Sicherheit nicht glÃ¼cklich darÃ¼ber, dass alles in den HÃ¤nden von Minister Jack Straw liegt...





Derselbe, der Chile 1966 besucht hatte und von dem man hier munkelt, er sei bei Salvador Allende zum Tee gewesen?

Genau der und das war uns lange vorher bekannt. Es sollte reichen, sich vor Augen zu halten, dass Straw nach der Verhaftung meines Vaters in London erklÃ¤rte, fÃ¼r ihn sei ein Lebenstraum in ErfÃ¼llung gegangen.





Man hat sich also jetzt von der juristischen Ebene auf die HumanitÃ¤re begeben...

Es war immer schon ein Politikum! Es wÃ¤re Augenwischerei gewesen, von einem Gerichtsverfahren zu sprechen, denn London ist nicht der Ort, um Ã¼ber Folter zu diskutieren, sondern allenfalls Ã¼ber die ImmunitÃ¤t eines PrÃ¤sidenten und Ã¼ber territoriale SouverÃ¤nitÃ¤t.





Viele Kommentatoren haben sich dahingehend geÃ¤uÃert, dass es sich um ein historisches Urteil handelt, das einen juristischen PrÃ¤zedenzfall von bedeutender Tragweite bildet. Sehen Sie das auch so?

Sicher, es ist ja schlieÃlich das erste Mal, dass eine solche Situ-ation zur Debatte steht. Sie dÃ¼rfen nicht vergessen, dass es bereits seit Jahren Internationale Abkommen gibt, aber es gab nie weder ein gerichtliches Verfahren noch einen eigenstÃ¤ndigen Gerichtshof, um Ã¼ber MenschenrechtsverstÃ¶Ãe zu richten und diese gegebenenfalls zu bestrafen. Daher muss mein Vater fÃ¼r dieses Experiment den Kopf hinhalten!





Wie steht es um den Gesundheitszustand des Generals?

Man darf nicht vergessen, dass er dreiundachtzig ist und sich soeben einer schwierigen Operation unterzogen hat. Er erholt sich langsam aber der Diabetes lÃ¤sst ihn nicht zur Ruhe kommen und er muss tÃ¤glich Behandlungen und Ã¤rztliche Kontrollen Ã¼ber sich ergehen lassen.





FÃ¼rchten Sie im Fall einer Auslieferung um seine Gesundheit?

Ja, denn das kÃ¶nnte seinen Zustand gravierend verschlechtern. Ich sorge mich vor allem um die Gesundheit meiner Mutter. Sie war nicht in der Lage, die dramatischen Phasen dieser Geschichte mitzuverfolgen. Als sie den Spruch der Lordrichter im Fernsehen. verfolgte, erlitt sie einen SchwÃ¤cheanfall und die Ãrzte mussten Sie mit verschiedenen Injektionen behandeln, um die Blutdruckschwankungen in den Griff zu bekommen...





Hat die britische Justiz Sie enttÃ¤uscht?

Nein, denn ich glaube, dass es sich hier nicht um eine AffÃ¤re handelt, die per se mit den EnglÃ¤ndern in Verbindung steht. Verantwortlich sind vielmehr die aktuellen Machthaber in GroÃbritannien und die sind, wie man ja weiÃ, linksgerichtet...





Glauben Sie, dass es auch in England Menschen gibt, die fÃ¼r Ihre Sache eintreten?

Viele EnglÃ¤nder sind auf unserer Seite. Das wurde mir bewusst, als ich kÃ¼rzlich dort war. Viele Menschen sind mit SolidaritÃ¤tsbekundungen auf mich zugekommen. Und ihr Widerstand in dieser Angelegenheit, mal abgesehen von der Sache, die meinen Vater betrifft, kostet auch den englischen StaatsbÃ¼rger sehr viel Geld aus der Staatskasse.





Hat Ihrer Ansicht nach der ehemalige PrÃ¤sident Frei energisch genug reagiert?

Ich hÃ¤tte mir ein energischeres Vorgehen gewÃ¼nscht. Er hat jedenfalls einiges getan, das muss ich anerkennen und das schÃ¤tze ich an ihm. NatÃ¼rlich hÃ¤tte ich mir einen VorstoÃ seinerseits gewÃ¼nscht, um die Internationale Gemeinschaft dazu zu bringen, unserem Land den Respekt entgegenzubringen, den es verdient. Es ist nicht hinnehmbar, dass man einen Ex Staatschef, einen Senator der Republik und einen Ex Befehlshaber des Heeres im Ausland festhÃ¤lt.





Wie werden Sie das Ereignis feiern, falls Ihr Vater nach Chile zurÃ¼ckkehrt?

Im Kreise der Familie. Das grÃ¶Ãere Fest wird seiner RÃ¼ckkehr in die Heimat vorbehalten sein.





Wird er nach seiner RÃ¼ckkehr sofort in den Senat zurÃ¼ckkehren oder, wie manch einer jetzt schon behauptet, sich fÃ¼r einige Zeit in eine seiner Residenzen nach Bucalemu, El Melocoton oder nach Iquique zurÃ¼ckziehen, bis sich die GemÃ¼ter beruhigt haben?

Ich verstehe ehrlich gesagt Ã¼berhaupt nicht, weshalb sein Fall die GemÃ¼ter hier in Chile so sehr in Aufruhr versetzt. Mein Vater mÃ¶chte alles andere sein als der Grund fÃ¼r irgendwelche Probleme. Was er am wenigsten mÃ¶chte, sind Spaltungen und Risse in der chilenischen Gesellschaft. Das einzige, was ihm am Herzen liegt, ist, dass Chile endlich zu einem wirklichen Friedensprozess findet und zu einer nationalen AussÃ¶hnung, um so den schwierigen Weg zur wirtschaftlichen Entwicklung fortsetzen zu kÃ¶nnen. Daher kÃ¶nnte ich mir vorstellen, dass er sich, wenn er es zu diesem Zweck fÃ¼r richtig hÃ¤lt, auch entscheiden kÃ¶nnte, nicht direkt in den Senat zurÃ¼ckzukehren.





Hat er darÃ¼ber mit Ihnen gesprochen?

Nein, es ist meine Sicht der Dinge. Was er mir gegenÃ¼ber stets wiederholt hat ist sein groÃer Wunsch, zurÃ¼ckzukehren, ohne Probleme zu verursachen. Mein Vater mÃ¶chte einen Koeffizienten fÃ¼r Einigung verkÃ¶rpern, nicht fÃ¼r Spaltung.





Glauben Sie, dass Ihr Vater bereit wÃ¤re, sich der chilenischen Justiz zu stellen? 

Ich bin absolut davon Ã¼berzeugt, dass mein Vater bereit ist, jede Frage zu beantworten, die die chilenische Justiz ihm zu stellen gedenkt. Das bedeutet nicht, dass er sich einer Schuld bewusst ist. Er fÃ¼hlt sich nicht schuldig und er weiÃ, dass er nicht schuldig ist. Aber, ich wiederhole, er respektiert die chilenische Justiz und hat sie immer respektiert.









Stimmen Sie denn Aussagen ihres Bruders Marco Antonio zu, dass es wÃ¤hrend der Regierungszeit Ihres Vaters Missbrauch gab?

Mein Bruder und ich sprechen nicht immer dieselbe Sprache, aber ich habe stets die Meinung vertreten, dass es AnlÃ¤sse gab, bei denen es zu Machtmissbrauch kam. Man darf allerdings nicht vergessen, dass in diesen schwierigen Zeiten der bewegten Geschichte Chiles ein regelrechter Krieg herrschte, ein Untergrundkampf zwischen zwei politischen Lagern. Deshalb kam es zu Exzessen auf beiden Seiten.





Glauben Sie, Ihr Vater hÃ¤tte Grund, um Verzeihung zu bitten?

Mein Vater ist sich keiner Schuld bewusst. Er fÃ¼hlt sich unschuldig, wofÃ¼r sollte er demnach um Verzeihung bitten?





Teilen Sie die jÃ¼ngsten Behauptungen von General Fernando Rojas Vender denen zufolge in Chile eine AtmosphÃ¤re herrscht, die derjenigen zu Zeiten der Volksfrontregierung [A.d.Ã.: auch Regierung der âVolkseinheitâ genannt] Ã¤hnelt?

General Rojas hat lediglich die Wahrheit gesagt. Es stimmt, dass das Land in sich zerrissen ist und die MÃ¶glichkeit besteht, dass es â mit Riesenschritten â auf eine ziemlich unsichere und dramatische Zukunft zusteuert.





Was halten Sie von der Haltung der StreitkrÃ¤fte in Bezug auf die Inhaftierung Ihres Vaters. Man spricht von einer zunehmenden NervositÃ¤t...

Wenn ich mir vorstelle, ich wÃ¤re ein Teil der StreitkrÃ¤fte und man wÃ¼rde einen ehemaligen Oberkommandierenden der Armee meines Landes im Ausland verhaften, ich wÃ¤re zutiefst empÃ¶rt. Ich denke, ich wÃ¼rde das Geschehen als einen Anschlag auf die SouverÃ¤nitÃ¤t meines Landes deuten und auf den Mangel an Respekt gegenÃ¼ber der Armee. Und ich denke auch, dass das MilitÃ¤r bis-lang sehr viel Geduld bewiesen hat. WÃ¤re ich eine von ihnen gewesen, ich weiÃ nicht, ob ich das von mir hÃ¤tte behaupten kÃ¶nnen.





Was erwarten Sie von der Armee?

Ich erwarte nichts weiter, als dass sie nach ihrem Gewissen handelt.





8





Mireya Garcia









Ich kann nicht vergeben






























WÃ¤hrend im PrÃ¤sidentenpalast la       Moneda       noch der von PrÃ¤sident Frey eilig einberufene Nationale Sicherheitsrat tagte, wurde Chile, das noch unter dem Eindruck des widersprÃ¼chlichen Urteils der Londoner Richter in Sachen Pinochet stand, von einer neuen Schreckensmeldung erschÃ¼ttert, die die allgemeine Anspannung noch erhÃ¶hte: die Meldung von der Entdeckung eines neuen illegalen Inhaftierungszentrums aus der Zeit der MilitÃ¤rdiktatur, wo man nach den EnthÃ¼llungen des Bischofs von Punta Arenas, Monsignore Gonzales die Ãberreste von hunderten verschwundener Personen gefunden hatte.

Das Gefangenenlager befand sich im Ã¤uÃersten Norden von Chile, einhundertzehn Kilometer von der Hauptstadt der gleichnamigen Region Arica entfernt, in einer verlassenen Gegend und bereits seit geraumer Zeit hatte man dessen Existenz dort vermutet. Jetzt erfuhr man, dass die Ã¶rtlichen JustizbehÃ¶rden seit einigen Wochen in streng geheimer Mission in diesem Zentrum ermittelten. Trotz einer vom zustÃ¤ndigen Richter der dritten Strafkammer von Arica, Juan Cristobal Mera in diesem Fall verhÃ¤ngten Nachrichtensperre sickerte durch, dass die MassengrÃ¤ber mit den menschlichen Ãberresten sich im KÃ¼stenbereich der Gemeinde Camarones befanden, in unmittelbarer NÃ¤he des alten Friedhofs der Kleinstadt, und das die Gegend von den BehÃ¶rden âals leicht zugÃ¤nglichâ beschrieben wurde.

Â«Es gilt klarzustellenÂ», wie der Gouverneur NuÃ±ez Journalisten gegenÃ¼ber eilig betonte, Â«dass die geografischen Koordinaten nicht sehr genau sind, aber wir wissen, dass der Richter bereits die Existenz von mindestens zwei MassengrÃ¤bern Ã¼berprÃ¼ft hat. Sollte es zu einer eventuellen Exhumierung der Ãberreste der desaparecidos kommen, werden wir selbstverstÃ¤ndlich dafÃ¼r sorgen, dass diese in Gegenwart von Minister Juan Guzan Tapia erfolgtÂ».

Die Hinweise, die zur Entdeckung dieses Gefangenenlagers gefÃ¼hrt hatten waren EnthÃ¼llungen des Bischofs Gonzalez zu verdanken, der wiederum die Informationen zu diesem Fall nach eigenen Angaben Â«unter dem Siegel des BeichtgeheimnissesÂ» erhalten haben will. Unklar war noch, auf wie viele Lager sich diese Informationen bezogen.

Ich beschloss daher, der Sache nachzugehen und wollte mehr Ã¼ber die schreckliche RealitÃ¤t der chilenischen desaparecidos erfahren, indem ich ein Treffen mit der Leiterin des Familienverbands Verschwundener arrangierte.





*****

Gefangen genommen, gefoltert, in die Verbannung geschickt: Mireya Garcia hat wÃ¤hrend des Staatsstreichs von Pinochet mehr als nur ihre Jugend eingebÃ¼Ãt. Auch ihr Bruder ist verschwunden â inzwischen seit Ã¼ber einem viertel Jahrhundert. Heute ist Mireya VizeprÃ¤sidentin des Familienverbandes inhaftierter âdesaparecidosâ und fÃ¼r sie hat der Kampf auf der Suche nach der Wahrheit nie geendet.

Der Ort, an dem sie sich treffen â Tag fÃ¼r Tag schon seit Jahren â die MÃ¼tter und GroÃmÃ¼tter, die alle ihren eigenen Schmerz im Herzen tragen, jede von ihnen mit dem Bild ihres verschwundenen Sohnes, Bruders, Ehemanns oder Enkels ist ein blaues Wohnhaus in der NÃ¤he des Stadtzentrums von Santiago. Im Hof sind die WÃ¤nde voll mit Fotos der desaparecidos. FÃ¼r jeden von ihnen existiert ein vergilbtes Foto, zusammen mit stets demselben Satz, derselben Frage: â      Donde estan?      â Â«Wo sind sie?Â». Ab und zu wird diese Bilderwand, diese Serie von Fotos und derselben immer wiederkehrenden Frage, auf die es keine Antwort gibt, von einer Rose oder einer Blume unterbrochen.





Welche Erinnerungen haben Sie an jene Jahre des Putsches?

Eine sehr vage Erinnerung. Ich war zu Hause und erinnere mich noch, dass das Radio MilitÃ¤rmusik brachte. Dann waren da viele MÃ¤nner in Uniformen auf der StraÃe. Es war mir damals nicht bewusst, dass an jenem Tag die Geschichte meines Landes, die Geschichte Chiles einen schweren Schlag erlitten hat ...





Wie alt waren Sie damals?

Ich gehÃ¶rte zur sozialistischen Jugend von Concepcion, einer Stadt einige hundert km sÃ¼dlich von Santiago. Ich hÃ¤tte gerne studiert, geheiratet, eine Familie gegrÃ¼ndet, Kinder gehabt â¦ Stattdessen stÃ¼rzte alles auf mich ein, schnell, viel zu schnell. Heute kann ich Ã¼ber das Geschehene relativ ruhig reden, aber viele Jahre war ich nicht in der Lage, mir diese Tage ins GedÃ¤chtnis zu rufen. Nicht einmal gemeinsam mit meiner Familie...

Sie kamen eines Abends und holten uns. Ich war mit meinem Bruder allein zu Hause ...Ich wurde festgenommen (wenn man das so sagen kann) und anschlieÃend gefoltert. Ehrlich gesagt kann ich bis heute nicht Ã¼ber diese DemÃ¼tigungen sprechen...

Meinen Bruder habe ich nie wieder gesehen. SpÃ¤ter, als mir zusammen mit meiner Familie die Flucht ins Ausland gelang, erfuhr ich in Mexiko vom endgÃ¼ltigen Verschwinden von Vicente. Ich erinnere mich an das GefÃ¼hl der schrecklichen Angst, daran, dass er vielleicht noch am Leben war, irgendwo, und ich war hier, tausende von Kilometern entfernt, ohne die MÃ¶glichkeit, nach Chile zurÃ¼ckzukehren, ohne dass ich ihn suchen, ihm helfen konnte.





Kam Ihnen damals die Idee, diesen Verein zu grÃ¼nden?

Ja. In Mexiko waren wir viele, im Exil, alle hatten wir Verwandte, die man wÃ¤hrend der Diktatur von Pinochet verschwinden lieÃ. Wir gingen auf die StraÃe. Eine sehr unbedeutende Waffe im Kampf gegen eine so grausame Diktatur, aber so wurden die Menschen wenigstens auf uns aufmerksam und wurden informiert.





Wann gelang es Ihnen, nach Chile zurÃ¼ckzukehren?

Es dauerte fÃ¼nfzehn Jahre. Ich fÃ¼hle mich heute noch als Exilantin. Eine Fremde im eigenen Land.





Was konnten Sie Ã¼ber das Schicksal Ihres Bruders in Erfahrung bringen?

Sehr wenig. Nur, dass er in ein geheimes Gefangenenlager und Folterzentrum namens Cuartel BorgoÃ±o deportiert wurde, das heute nicht mehr existiert. Sie haben alles zerstÃ¶rt und mit Bulldozern plattgewalzt, um alle Spuren und Beweise zu vernichten.





Glauben Sie, dass Pinochet alleine fÃ¼r all das verantwortlich ist?

Nein. Und das ist die unglaubliche Seite von Chile. In den Archiven der Gerichte gibt es anhÃ¤ngige Strafverfahren gegen mehr als dreiÃig Personen, im Rang eines Generals, oder Oberst, Politiker und einfache âHandlangerâ des Todes, denen man Folter, Mord und Gewalttaten jeglicher Art vorwirft. Es gehÃ¶rt zu der absurden Seiten meines Landes, dass jeder weiÃ, dass Minimum dreitausend Menschen spurlos verschwunden sind, wÃ¤hrend lediglich das Versschwinden von elf davon gerichtlich festgestellt wurde. Es ist so, als wÃ¼rde das ganze Land Bescheid wissen und einfach wegschauen...





Jemand hat einmal gesagt, dass die Justiz kein Universalkonzept ist, sondern vom jeweiligen historischen Augenblick abhÃ¤ngig ist, von den UmstÃ¤nden, die in einem Land herrschenâ¦schlieÃen Sie sich dieser Meinung an? 

Nein, ich glaube, dass Begriffe wie WÃ¼rde und Respekt vor der Justiz universelle Konzepte sind. Warum sollte man sonst feierliche Menschenrechtskonventionen oder Anti-Folter-Verordnungen unterzeichnen?





Wie haben Sie die Geschehnisse in Verbindung mit der Festnahme Pinochets erlebt?

Als ein stÃ¤ndiges Auf und Ab zwischen Hoffnungen und EnttÃ¤uschungen. Die Ereignisse von London haben deutlich gemacht, dass Chile immer noch ein zutiefst gespaltenes Land ist. Ein Land, in dem das MilitÃ¤r noch immer groÃe Macht hat und ent-

scheidet, wenn es um das politische und institutionelle Gleich-gewicht geht. Ein anderes Detail hat mich beinahe verblÃ¼fft. Pinochet hat es in all den Jahren verstanden, sich seine eigene Straffreiheit mit fast manischer Akribie zu sichern. Er hat sogar eine VerfassungsÃ¤nderung durchgesetzt, damit ihn niemand belangen kann. Ich bin ganz sicher, wenn man ihm nicht im Aus-land den Prozess macht, hier in Chile wird er nie vor Gericht gestellt werden. In Chile, niemals.





Was bedeutet fÃ¼r Sie das Wort Vergebung?

Ich denke, es ist etwas absolut PersÃ¶nliches, etwas, das fÃ¼r jedes Individuum etwas anderes bedeutet. Ich kann den Henkern meines Bruders nicht vergeben. Man kÃ¶nnte meinen, ich sei

rachsÃ¼chtig. Aber das stimmt nicht. Ich will keine Vergeltung.

Ich will einzig und allein die Wahrheit wissen.









9





Kenzaburo Oe


Literaturnobelpreis 1994








Der stille Schrei


























Im FrÃ¼hjahr 2001 hielt ich mich wegen einer Reihe von langer Hand geplanter Reportagen in Japan auf. In einem kleinen Dorf im Ã¤uÃersten Norden, dick vermummt, inmitten von Schneemassen sah ich dem maroden Autobus nach, der mich in dieses eisig kalte Fleckchen Erde auf dem japanischen Eiland gebracht hatte und der nun rasch davon fuhr und nichts als eine FontÃ¤ne von Schneematsch zurÃ¼cklieÃ. Mir fielen die berÃ¼hmten Worte von Bruce Chatwin ein:       What Am I Doing Here?/Was tue ich hier?

Wie schon Tiziano Terzani schrieb Â«Man mag es kaum glauben, aber die Japaner sind davon Ã¼berzeugt, dass sie auf ihrer Insel alles habenÂ». Ich sollte mich persÃ¶nlich davon Ã¼berzeugen kÃ¶nnen, als ich wenig spÃ¤ter im Distrikt Aomori auf einen hÃ¶flichen Knoblauchbauern traf, den alle fÃ¼r einen direkten Nachkommen von Jesus Christus hielten â¦ den aus Nippon! 


.





Einige Zeit zuvor wurde mir das Privileg zuteil, einen der grÃ¶Ãten noch lebenden zeitgenÃ¶ssischen Literaten Japans, den LiteraturnobelpreistrÃ¤ger Kenzaburo Oe interviewen zu dÃ¼rfen.

Der Autor von âGli anni della nostalgiaâ [A.d.Ã.: vermutlich Romantrilogie mit dem deutschen Titel âGrÃ¼ner Baum in Flammen], und von âder stille Schreiâ, erklÃ¤rte mir, warum seiner Meinung nach das Problem der Japaner seiner Epoche in der vergeblichen Suche nach der âRettung der menschlichen Seeleâ liegt.





*****

Nach seinem LiteraturdebÃ¼t im Alter von zweiundzwanzig Jahren verging kein Monat, in dem Kenzaburo Oe, heute sechsundsechzigjÃ¤hrig, nicht an einem Roman arbeitete. Er wurde 1935 in einem kleinen Ort auf der Insel Shikoku im SÃ¼dwesten Japans geboren, studierte Romanistik und machte an der UniversitÃ¤t Tokyo seinen Abschluss in franzÃ¶sischer Literatur. In seinen Werken hat er mit viel Mut Themen behandelt wie den Wahnsinn, die Grausamkeiten von Menschen an Menschen, die Angst vor einer unsichtbaren RealitÃ¤t. Sein Stil war immer direkt, klar, penetrierend. Indem er geschickt mit Formen und Ausdrucksformen jonglierte und sich einer enormen stilistischen Bandbreite bediente, die vom Grotesken bis zur Fabel und zum kompromisslosesten Realismus reichte, gelang es dem Autor des       stillen Schreis




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