Eine Spur von Hoffnung Blake Pierce Keri Locke Mystery #5 Eine dynamische Story, die Sie vom ersten Kapitel an fesselt und nicht mehr loslässt. --Midwest Book Review, Diane Donovan (über Once Gone) Mystery und Spannung im neuen Meisterwerk vom #1 Bestseller-Autor Blake Pierce. EINE SPUR VON HOFFNUNG ist das letzte Buch der Keri Locke Reihe, die eine dramatische Auflösung verspricht. In EINE SPUR VON HOFFNUNG (Buch #5 in der Keri Locke Reihe) hat Keri, Detective bei der Einheit für Vermisste Personen beim LAPD, fast geschafft, ihre lange vermisste Tochter wieder zu finden. Eine neue Spur verspricht viel und Keri wird nichts unversucht lassen, sie endlich zu retten. Gleichzeitig wird ihr ein neuer, dringender Fall zugeteilt. Eine Achtzehnjährige wird vermisst, seit sie von einer Studentinnenverbindung schikaniert wurde. Keiner weiß, wie viel Zeit noch bleibt und Keri findet sich auf einem scheinbar perfekten Campus wieder. Doch nichts ist so, wie es scheint. Ein dunkler Psychothriller mit Spannung und Herzklopfen. EINE SPUR VON HOFFNUNG ist Buch #5 dieser fesselnden Serie. Die lebendig gestalteten Figuren und die packende Story werden Sie fesseln. Ein Meisterwerk von Thriller! Der Autor erschafft gekonnt die Charaktere und deren Psyche und beschreibt sie so gut, dass man sich direkt in ihrer Gedankenwelt wiederfindet, ihre Ängste miterlebt und auf ein Happy End hofft. Der intelligente Plot wird Sie bestens unterhalten und mit seinen unerwarteten Wendungen bis zur letzten Seite fesseln. Buch und Filmkritiker, Roberto Mattos (über Once Gone) EINE SPURVON HOFFNUNG (KERI LOCKE MYSTERY—BUCH 5) B L A K E P I E R C E Blake Pierce Blake Pierce ist der Autor der zwölfteiligen RILEY PAIGE Mystery-Bestsellerserie (Fortsetzung in Arbeit). Blake Pierce hat außerdem die MACKENZIE WHITE Mystery-Serie, die aus acht Büchern (Fortsetzung in Arbeit), die AVERY BLACK Mystery-Serie, bestehend aus sechs Büchern, und die KERI LOCKE Mystery-Serie, die vier Bücher umfasst (Fortsetzung in Arbeit), geschrieben. Blake, der selbst ein begeisterter Leser und lebenslanger Fan von Mystery- und Thriller-Romanen ist, freut sich, von Ihnen zu hören. Besuchen Sie gern www.blakepierceauthor.com (http://www.blakepierceauthor.com) um mehr zu erfahren und auf dem Laufenden zu bleiben. Copyright © 2018 Blake Pierce. Alle Rechte vorbehalten. Außer durch Genehmigung gemäß U.S. Copyright Act von 1976 darf kein Teil dieses Buches ohne ausdrückliche Genehmigung des Autors vervielfältigt, vertrieben oder in irgendeiner Form übermittelt oder in Datenbanken oder Abfragesystemen gespeichert werden. Dieses E-Buch ist nur für ihren persönlichen Gebrauch lizenziert. Es darf nicht weiterverkauft oder an Dritte weitergegeben werden. 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BÜCHER VON BLAKE PIERCE RILEY PAIGE KRIMI SERIE VERSCHWUNDEN (Band #1) GEFESSELT (Band #2) ERSEHNT (Band #3) GEKÖDERT (Band #4) GEJAGT (Band #5) VERZEHRT (Band #6) VERLASSEN (Band #7) ERKALTET (Band #8) VERFOLGT (Band #9) VERLOREN (Band #10) BEGRABEN (Book #11) GEBUNDEN (Book #12) MACKENZIE WHITE KRIMI SERIE BEVOR ER TÖTET (Band #1) BEVOR ER SIEHT (Band #2) BEVOR ER BEGEHRT (Band #3) BEVOR ER NIMMT (Band #4) BEVOR ER BRAUCHT (Band #5) BEVOR ER FÜHLT (Band #6) AVERY BLACK KRIMI SERIE GRUND ZU TÖTEN (Band #1) GRUND ZU FLÜCHTEN (Band #2) GRUND ZU VERSTECKEN (Band #3) GRUND ZU FÜRCHTEN (Band #4) GRUND ZU RETTEN (Band #5) KERI LOCKE MYSTERY SERIE EINE SPUR VON TOD (Buch #1) EINE SPUR VON MORD (Buch #2) EINE SPUR VON SCHWÄCHE (Buch #3) EINE SPUR VON VERBRECHEN (Buch #4) EINE SPUR VON HOFFNUNG (Buch #5) INHALT KAPITEL EINS (#ue1d5e9e7-f468-53c0-9120-2f84970d7a7e) KAPITEL ZWEI (#u8552df3e-c042-5a4e-82dc-f5ca4f79649e) KAPITEL DREI (#u7bb4cdbb-9d79-594b-bca5-d083e0073936) KAPITEL VIER (#u4866eba6-2841-5896-8e80-19ab653c225c) KAPITEL FÜNF (#u661d5738-7f16-5ec7-bfaf-f77ba9e740a9) KAPITEL SECHS (#uce65d138-1be2-5bd1-b565-502a12a7a2de) KAPITEL SIEBEN (#u53b4c669-a53e-5459-ae9d-fb87fe00f81d) KAPITEL ACHT (#ua783197d-ca00-53ed-9613-cb4e12eed0a6) KAPITEL NEUN (#u56c88b17-759f-523a-aff3-0f481ff25d27) KAPITEL ZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL ELF (#litres_trial_promo) KAPITEL ZWÖLF (#litres_trial_promo) KAPITEL DREIZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL VIERZEHN (#litres_trial_promo) KAPITAL FÜNFZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL SECHSZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL SIEBZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL ACHTZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL NEUNZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL ZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL EINUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL DREIUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL VIERUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL SECHSUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL ACHTUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL NEUNUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL DREISSIG (#litres_trial_promo) KAPITEL EINUNDDREISSIG (#litres_trial_promo) KAPITEL ZWEIUNDDREISSIG (#litres_trial_promo) KAPITEL DREIUNDDREISSIG (#litres_trial_promo) KAPITEL VIERUNDDREISSIG (#litres_trial_promo) KAPITEL FÜNFUNDDREISSIG (#litres_trial_promo) KAPITEL SECHSUNDDREISSIG (#litres_trial_promo) KAPITEL SIEBENUNDDREISSIG (#litres_trial_promo) KAPITEL ACHTUNDDREISSIG (#litres_trial_promo) KAPITEL NEUNUNDDREISSIG (#litres_trial_promo) KAPITEL VIERZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL EINUNDVIERZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL ZWEIUNDVIERZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL EINS Als Detective Keri Locke ihre Augen öffnete, spürte sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Erstens fühlte sie sich nicht, als habe sie lange geschlafen. Ihr Herz raste und ihr Körper fühlte sich klamm an. Es war eher, als sei sie bewusstlos gewesen, anstatt dass sie lange geschlafen hatte. Zweitens befand sie sich nicht im Bett. Statt dessen lag sie auf dem Rücken auf dem Sofa im Wohnzimmer ihres Apartments und Detective Ray Sands, ihr Partner, und seit neuestem auch ihr Freund, beugte sich mit besorgtem Gesichtsausdruck über sie. Sie versuchte zu sprechen, wollte ihn fragen, was los war, aber ihr Mund war trocken und außer einem heiseren Krächzen brachte sie keinen Laut heraus. Sie konnte sich nicht erinnern, wie sie hierher gekommen war, und was passiert war, bevor sie das Bewusstsein verloren hatte. Aber um bei ihr solch eine Reaktion hervorzurufen, musste es eine große Sache gewesen sein. An seinen Augen konnte sie Ray ansehen, dass er nicht wusste, was er sagen sollte. Das passte nicht gerade zu ihm. Als 1,94 Meter großer, afro-amerikanischer LAPD Polizist und ehemaliger professioneller Boxer, der sein linkes Auge während eines Kampfes verloren hatte, war er in fast allem, was er tat, direkt. Keri versuchte, sich auf ihre Arme aufzustützen, um in eine etwas höhere Position zu gelangen, aber Ray hinderte sie daran, indem er sanft eine Hand auf ihre Schulter legte und seinen Kopf schüttelte. „Lass dir einen Moment Zeit“, sagte er. „ Du scheinst mir noch etwas wackelig zu sein.“ „Wie lange war ich bewusstlos?“ „Nicht ganz eine Minute“, erwiderte er. „Warum bin ich umgekippt?“, wollte sie wissen. Rays schaute sie mit großen Augen an. Er öffnete den Mund um zu antworten, doch er fand offensichtlich keine Worte. „Was?“ „Du erinnerst dich nicht?“, fragte er ungläubig. Keri schüttelte den Kopf. Sie meinte, ein Surren in ihren Ohren zu hören, aber dann merkte sie, dass es eine andere Stimme war. Sie blickte hinüber zum Wohnzimmertisch und sah dort ihr Telefon liegen. Es war eingeschaltet und sie hörte jemanden sprechen. „Wer ist da am Telefon?“, fragte sie. „Oh, du hast es fallengelassen, als du umgekippt bist, und ich habe es dort hingelegt, bis ich dich wiederbelebt habe.“ „Wer ist dran?“, fragte Keri noch einmal, sich sehr wohl dessen bewusst, dass er der Frage ausgewichen war. „Es ist Susan“, sagte er widerstrebend. „Susan Granger.“ Susan Granger war eine fünfzehnjährige Prostituierte, die Keri im vorigen Jahr vor ihrem Zuhälter gerettet und ihr einen Platz in einem Heim für junge Mädchen besorgt hatte. Die beiden hatten sich seitdem angefreundet. Keri war für das traumatisierte, aber starke, junge Mädchen zu einer Art Mentorin geworden. „Warum ruft Susan a-?“ Und dann brach die Erinnerung über sie herein, wie eine Woge, die ihren ganzen Körper erfasste. Susan hatte angerufen um ihr mitzuteilen, dass Evie, Keris eigene Tochter, die vor sechs Jahren entführt worden war, die zentrale Rolle in einer grotesken Zeremonie spielen sollte. Susan hatte herausgefunden, dass Evie morgen Abend in einem Haus irgendwo in den Hollywoold Hills an den Höchstbietenden versteigert werden sollte. Derjenige, der sie ersteigerte, durfte mit ihr sexuell machen, was er wollte, bevor er sie als eine Art rituelles Opfer umbrachte. Deshalb bin ich umgekippt. „Gib mir das Telefon“, wies sie Ray an. „Ich bin mir nicht sicher, ob du damit schon klarkommst“, meinte er. Er merkte offensichtlich, dass sie sich nun an alles erinnerte. „Gib mir das verdammte Telefon, Ray.“ Ohne ein weiteres Wort gab er es ihr. „Susan, bist du noch da?“ „Was ist passiert?“, wollte Susan wissen, ihr Stimme leicht panisch. „Du warst da, und plötzlich nichts mehr. Ich konnte hören, dass etwas passiert ist, aber du hast nicht geantwortet.“ „Ich bin umgekippt“, gab Keri zu. „Ich habe einen Augenblick gebraucht, um wieder zu mir zu kommen.“ „Oh“, sagte Susan leise. „Es tut mir leid, dass ich der Auslöser dafür war.“ „Es ist nicht deine Schuld, Susan. Ich fühlte mich nur so überrumpelt. Das war viel auf einmal zu verdauen, vor allem, da ich mich nicht besonders fühle.“ „Wie geht es Dir?“, fragte Susan, die Sorge in ihrer Stimme fast greifbar. Sie sprach von Keris Verletzungen, die sie sich nur zwei Tage zuvor in einem Kampf auf Leben und Tod mit einem Kindesentführer zugezogen hatte. Erst gestern Morgen war sie aus dem Krankenhaus entlassen worden. Die Ärzte waren sich einig, dass die Blutergüsse in ihrem Gesicht, in das der Entführer sie zweimal geschlagen hatte, ihre Brust mit schweren Hämatomen sowie das geschwollene Knie keine ausreichenden Gründe waren, sie noch einen weiteren Tag dazubehalten. Der Entführer, ein geistesgestörter Fanatiker namens Jason Petrossian, hatte den Kürzeren gezogen. Er befand sich noch immer unter Bewachung im Krankenhaus. Das entführte Mädchen, die zwölfjährige Jessica Rainey, erholte sich zu Hause bei ihrer Familie. „Ich bin okay“, versicherte Keri. „Nur ein paar Beulen und Kratzer. Ich bin froh, dass du angerufen hast, Susan. Egal, wie schlecht die Nachrichten sind, sie zu erfahren ist besser als sie nicht zu erfahren. Jetzt kann ich versuchen, etwas daran zu ändern.“ „Aber was können Sie tun, Detective Locke“, fragte Susan mit schriller werdender Stimme, als die Worte nur so aus ihr herausbrachen. „Wie ich schon sagte, ich weiß, dass Evie der Blutpreis ist auf der Vista. Aber wir wissen nicht, wo genau es stattfindet.“ „Immer langsam, Susan“, sagte Keri streng, während sie sich in eine sitzende Position hochzog. Ihr war schwindelig und sie protestierte nicht, als Ray eine stützende Hand auf ihren Rücken legte, als er sich neben sie auf dem Sofa niederließ. „Wir bekommen heraus, wie wir sie finden. Aber zuerst musst du mir alles erzählen, was du über die Vista weißt. Kümmer dich nicht darum, falls du dich wiederholst. Ich will jedes Detail hören, an das du dich erinnern kannst.“ „Sind Sie sicher?“, fragte Susan zögernd. „Mach dir keine Sorgen. Mir geht es gut. Ich brauchte nur einen Moment, um all das zu verdauen. Aber ich bin Detective für Vermisste Personen. Dies ist meine Arbeit. Nur weil ich nach meiner eigenen Tochter suche, ändert sich nichts an meinem Job. Also sag mir alles, was du weißt.“ Sie stellte das Telefon auf laut, damit Ray mithören konnte. „Okay“, sagte Susan. „Wie ich schon sagte, es gibt einen Club mit reichen Freiern, die spontane Sex-Partys in den Hollywood Hills veranstalten. Die werden die Hill House Partys genannt. Das Haus ist voller Prostituierter, fast alle minderjährig, so wie ich es auch war. Normalerweise gibt es diese Partys alle paar Monate und meist werden die Details nur einige Stunden vorher bekannt gegeben, normalerweise per SMS. Verstehen Sie mich?“ „Absolut“, sagte Keri. „Ich erinnere mich, dass du mir davon erzählt hast. Also hilf mir noch einmal auf die Sprünge hinsichtlich dieses Vista Events.“ „Die Vista ist sozusagen deren größte Party. Sie findet nur einmal im Jahr statt, und keiner weiß, wann. Dieses Event wird gern etwas früher angekündigt, weil niemand es verpassen will. Deshalb hat wahrscheinlich mein Freund davon gehört, obwohl es erst morgen Abend stattfindet.“ „Und die Vista unterscheidet sich von den anderen Hill House Partys, richtig?“, versuchte Keri ihr auf die Sprünge zu helfen, wohl in dem Wissen, dass Susan sich nicht gern an die Details erinnerte, und ihr gleichzeitig zuredete, es doch zu tun. „Ja, bei den anderen Partys zahlt der Freier für das Mädchen, das er will und darf dann mit dem Mädchen anstellen, was er will. Die Männer können sich jede aussuchen und das jeweilige Mädchen kann von jedem benutzt werden, die ganze Nacht hindurch. Aber bei der Vista läuft es anders. In dieser Nacht wird ein Mädchen von den Organisatoren ausgewählt – sie hat normalerweise etwas ganz Besonderes an sich – und wird zum Blutpreis ernannt.“ Sie hielt inne und Keri spürte, dass sie nicht weitersprechen wollte, dass sie der Frau, die sie gerettet hatte, und die ihr gezeigt hatte, dass sie noch eine Zukunft hatte, nicht wehtun wollte. „Es ist okay, Susan“, meinte Keri. „Erzähl weiter. Ich muss alles wissen.“ „Also, das Event beginnt um circa neun Uhr abends. Erstmal ist es wie bei einer normalen Hill House Party. Aber dann bringen sie das Mädchen rein, das sie als Blutpreis ausgewählt haben. Wie ich schon sagte, sie hat meistens etwas Besonderes an sich. Vielleicht ist sie noch Jungfrau; vielleicht wurde sie erst an diesem Tag entführt und ist somit auf allen Nachrichtensendern. Einmal war es ein ehemaliger Kinderstar, der auf Drogen gekommen und auf der Straße gelandet war.“ „Und dieses Jahr ist es Evie“, bohrte Keri weiter. „Ja, da gibt’s ein Mädchen namens Lupita aus der Zeit, als ich noch angeschaffen ging, mit der habe ich noch Kontakt. Sie arbeitet immer noch auf der Straße und hörte ein paar Typen darüber reden, dass sie dieses Jahr die Tochter einer Polizistin nehmen. Sie benutzten den Ausdruck „Mini Pig“, um sie zu beschreiben. „Sehr kreativ“, murmelte Keri bitter. „Und du sagtest, dass sie sie ausgesucht haben, weil ich ihnen zu dicht auf den Fersen bin?“ „Genau“, bestätigte Susan. „Die, die das Sagen haben, hatten keine Lust mehr, sie von A nach B zu bringen. Sie sagten, sie wurde zur Belastung, mit Ihnen auf ihren Fersen, immer auf der Suche nach ihr. Sie wollen sie einfach plattmachen und ihre Leiche irgendwo abwerfen, damit Sie wissen, dass sie tot ist und somit aufhören, nach ihr zu suchen. Es tut mir so leid, Detective.“ „Erzähl weiter“, sagte Keri. Ihr Körper fühlte sich taub an und ihre Stimme klang, als käme sie von weit her, außerhalb ihrer selbst. „Also ist es im Grunde eine Auktion. All die mit Kohle bieten auf sie. Das läuft manchmal in die Hunderttausende. Diese Typen überbieten einander. Außerdem geht es darum, indem sie ihr wehtun, tun sie auch Ihnen weh. Das treibt den Preis hoch. Und ich glaube, die sind alle angetörnt davon, wie diese Sache endet.“ „Erinnere mich nochmal an diesen Teil“, bat Keri, die Augen fest geschlossen gegen das, was da noch kommen sollte. Sie spürte Susans Zögern, aber sie wollte sie nicht weiter bearbeiten, sondern ließ dem Mädchen Zeit, sich zu sammeln um sagen zu können, was gesagt werden musste. Ray rückte auf dem Sofa etwas dichter an sie heran, und nahm dabei seinen Arm von ihrem Rücken und legte ihn um ihre Schultern. „Wer auch immer die Auktion gewinnt, wird in einen separaten Raum gebracht, während der Blutpreis in Stellung gebracht wird. Sie wird gebadet und in ein schickes Kleid gesteckt. Jemand kümmert sich um ihr Makeup wie bei einem Filmstar. Dann wird sie in einen Raum gebracht, wo der Typ mit ihr machen kann, was er will. Es gibt nur eine Regel: er darf ihr keine sichtbaren Wunden im Gesicht zufügen.“ Keri bemerkte, wie kalt Susans Stimme geworden war, als habe sie diesen Teil ihrer Gefühle abgestellt, damit sie dies beenden konnte. Keri konnte es ihr nicht verdenken. Das Mädchen erzählte weiter. „Ich meine, er kann ihr etwas antun. Er darf sie nur nicht oberhalb des Halses schlagen. Sie muss gut aussehen für das große Event später. Keinem macht es etwas aus, wenn ihre Wimperntusche zerlaufen ist, weil sie geweint hat. Das kommt gut für das Drama. Nur keine blauen Flecken.“ „Was passiert dann?“ „Der Typ muss kurz vor Mitternacht fertig sein, denn dann wird das letzte Opfer gebracht. Ihr wird ein frisches Kleid angezogen und sie wird festgeschnallt, damit sie sich nicht so wehren kann. Die mögen das. Aber nur in Maßen.“ Keri konnte spüren, wie Ray sich neben ihr versteifte, obwohl ihre Augen geschlossen waren. Er schien den Atem anzuhalten. Sie merkte, dass sie das gleiche tat und zwang sich, auszuatmen, als sie hörte, wie Susan schwer schluckte. „Der Typ zieht sich eine schwarze Robe mit Kapuze an, um seine Identität zu verschleiern“, fuhr sie fort. „Der Grund dafür ist, dass alles per TV ins Nebenzimmer übertragen wird, wo alle anderen sind. Ich glaube, es wird auch aufgenommen. Logischerweise will keiner dieser Typen Videomaterial von sich selbst, wie sie einen Teenager ermorden. Wenn beide hergerichtet sind, kommt der Typ rein und stellt sich hinter sie. Er sagt etwas auswendig gelerntes, ich weiß nicht, was. Dann wird ihm ein Messer gereicht, und genau um Mitternacht schlitzt er ihre Kehle auf. Sie stirbt, genau dort vor der Kamera. Alle rezitieren etwas. Dann wird der Fernseher ausgemacht und die Party geht weiter. Das war’s im Großen und Ganzen.“ Schließlich öffnete Keri ihre Augen. Sie fühlte eine Träne ihre Wange hinunter laufen, wollte sie aber nicht abwischen. Sie mochte das Gefühl, wie die Träne fast ihre Haut verbrannte, wie eine nasse Flamme. Solange sie die Flamme des gerechten Zorns in ihrem Herzen brannte, solange war sie sicher, dass sie auch Evie am Leben erhalten konnte. KAPITEL ZWEI Lange sprach niemand. Keri meinte, es nicht zu können. Stattdessen ließ sie sich durch die immer größer werdende Woge der Wut erfüllen; ihr Blut kochte; ihre Finger kribbelten. Schließlich räusperte sich Ray. „Susan, ich bin Detective Lockes Partner, Ray Sands. Darf ich dir eine Frage stellen?“ „Natürlich, Detective.“ „Woher weißt du das alles? Ich meine, warst du auf einer dieser Partys dabei?“ „Wie ich Detective Locke schon gesagt habe, ich bin einmal auf eine Hill House Party mitgenommen worden, als ich elf war. Ich bin nie wieder dagewesen, aber ich kenne die Mädchen, die nochmal da waren. Eine meiner Freundinnen wurde zweimal dorthin gebracht. Sie können sich vorstellen, wie die Buschtrommeln funktionieren. Jedes Mädchen, das mitten drin steckt in LA, weiß Bescheid über die Vista. Es ist schon fast eine Legende. Zuhälter machen sie diese Legende zunutze, um Druck auf ihre Pferdchen auszuüben. ‚Wenn du rum zickst, könntest du der diesjährige Blutpreis werden.‘ Nur, dass die Legende tatsächlich wahr ist.“ Etwas in Susans Tonfall – eine Mischung aus Angst und Traurigkeit – riss Keri aus ihrer Schweigsamkeit. Dieses Mädchen hatte soviel Fortschritte gemacht in den letzten Monaten. Keri fürchtete, das Mädchen zu bitten, zurückzukehren in die dunklen Ecken ihres Lebens, und sei es auch nur gedanklich, könnte unfair und fies sein. Susan hatte alles erzählt, auf Kosten ihres eigenen Wohlbefindens. Es wurde Zeit, sie wieder Kind sein zu lassen. Nun mussten die Erwachsenen das Ruder übernehmen. „Susan“, sagte sie, „vielen Dank, dass du mir all dies erzählt hast. Ich weiß, das war nicht leicht für dich. Mit deiner Info haben wir, glaube ich, einen guten Start, Evie zu finden. Ich möchte nicht, dass du dir noch weiterhin Sorgen machst um diese Sache.“ „Ich könnte mich noch ein wenig umhören“, beharrte das Mädchen. „Nein. Du hast genug getan. Zeit, in dein neues Leben zurückzukehren. Ich verspreche, dass ich mich bei dir melde. Aber jetzt musst du dich erstmal auf die Schule konzentrieren. Vielleicht ein neues Nancy Drew Buch lesen, über das wir nächste Woche quatschen können. Ab hier übernehmen wir.“ Sie verabschiedeten sich und Keri legte auf. Sie schaute Ray an. „Glaubst du, wir haben einen guten Ausgangspunkt, um Evie zu finden?“ Er war skeptisch. „Nein, aber das konnte ich ihr nicht sagen. Kein toller Anfang. Aber es ist ein Anfang.“ * Gedankenversunken saßen Keri und Ray in Ronnies Diner. Der morgendliche Andrang in dem unscheinbaren Lokal in Marina del Rey war abgeklungen und die meisten noch vorhandenen Gäste genossen ihr entspanntes Frühstück. Ray hatte unbedingt das Apartment verlassen wollen und Keri hatte eingewilligt. Sie hatte lässigere Kleidung als sonst gewählt, ein langärmeliges Shirt und ausgeblichene Jeans, und eine leichte Jacke, die Schutz geben sollte vor der Kühle dieses Januarmorgens. Sie trug eine Baseballkappe, die sie tief ins Gesichts gezogen hatte. Ihr schmutzig-blondes Haar, das sie normalerweise in einem professionell aussehenden Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, hatte sie absichtlich offen gelassen, damit es die Blutergüsse in ihrem Gesicht verdeckte. Sie war sich bewusst, dass andere sie anstarren würden. Indem sie sich so tief wie möglich in ihrer Nische über ihren Kaffee beugte, versteckte sie ihren schmalen Körper noch mehr. Keri, fast sechsunddreißig Jahre alt, war unscheinbare 1,67 Meter. In jüngster Zeit hatte sie angefangen, eng anliegende Kleidung zu tragen, hatte ihren Alkoholkonsum heruntergefahren und war zu ihrer alten Form zurückgelangt. Doch nicht heute. Heute Morgen hoffte sie, nicht aufzufallen. Es war schön, einfach einmal rauszukommen nach zwei Tagen ärztlich verordneter Bettruhe. Doch Keri hoffte auch, dass ein Tapetenwechsel ihre eine neue Perspektive eröffnete, wie sie Evie finden konnte. Und bis zu einem gewissen Grad klappte dies auch. Bis ihr Essen kam, hatten sie sich darauf geeinigt, ihr Team, die Einheit für Vermisste Personen der LAPD, nicht in die Suche mit einzubeziehen. Immer wieder über die Jahre hatte ihre Einheit Keri bei der Suche nach ihrer Tochter geholfen, ohne Erfolg. Es gab keinen Grund anzunehmen, dass das Ergebnis ohne eine neue Spur anders aussehen würde. Aber es gab noch einen Grund, den Ball flach zu halten. Dies war Keris letzte wirkliche Chance, ihre Tochter zu finden. Sie kannte den genauen Zeitpunkt, zu dem Evie in einem bestimmten Teil LAs sein würde – nämlich morgen um Mitternacht in den Hollywood Hills – auch wenn sie den genauen Ort noch nicht kannte. Aber wenn das Team anfing, sich umzuhören und bekannt würde, dass sie Bescheid wussten über das Vista Event, dann würden diejenigen, die Evie festhielten, das Event womöglich absagen, oder sie gleich umbringen, um Komplikationen zu vermeiden. Keri musste die Füße stillhalten. Ein anderer Punkt blieb unausgesprochen, war jedoch den beiden Partnern und neuem Paar klar. Nämlich, dass sie sich nicht sicher sein konnten, nicht unter Beobachtung zu stehen durch diejenige Person, die am meisten nichts davon erfahren durfte – Jackson Cave. Letztes Jahr hatte Keri einen Serienkindesentführer namens Alan Jack Pachanga überführt und ihn im Zuge der Rettung eines Teenagers letzten Endes umgebracht. Und während Pachanga kein Problem mehr darstellte, so galt dies nicht für seinen Anwalt. Jackson Cave, Pachangas Anwalt, war ein bekannter Anwalt für Gesellschaftsrecht mit schicken Büros in einem Hochhaus in der City. Allerdings verteidigte er auch den Abschaum der Gesellschaft mit einer besonderen Vorliebe für Kinderschänder. Er behauptete, dass ein Großteil davon pro-bono-Arbeit sei und dass auch die schlimmsten Individuen eine gute Verteidigung verdienten. Doch Keri hatte Informationen ausgegraben, die ihn mit einem riesigen Netzwerk von Kindesentführern in Verbindung brachten; ein Netzwerk, von dem sie annahm, dass er daraus Profit schlug und das er mit leitete. Einer der Entführer innerhalb dieses Netzwerks war ein Mann, der sich der Sammler nannte. Als Keri letzten Herbst herausbekommen hatte, dass der Sammler Evies Entführer war, hatte sie ihn in eine Falle gelockt und ihn dazu bewegt, sich mit ihr zu treffen. Doch der Sammler, der mit richtigem Namen Brian Wickwire hieß, bemerkte ihre List und griff sie an. Am Ende hatte sie ihn während ihres Kampfes umgebracht, aber erst, nachdem er geschworen hatte, dass sie Evie niemals finden würde. Leider hatte sie keine Beweise für die Verbindung von Jackson Cave zu dem Mann, der ihre Tochter entführt hatte oder zu dem Netzwerk, dem er scheinbar vorstand. Jedenfalls keine, an die sie auf legale Weise gekommen war. In ihrer Verzweiflung war sie einmal in sein Büro eingebrochen und hatte eine verschlüsselte Akte gefunden, die ihr eine Hilfe gewesen war. Aber weil sie sie gestohlen hatte, war sie vor Gericht nicht verwendbar. Ansonsten war die Verbindung zwischen Cave und dem Netzwerk so gut verborgen und so spärlich, dass es fast unmöglich war, seine Verwicklung darin zu beweisen. Er hatte seine Top Position in der juristischen Welt von Los Angeles nicht dadurch erreicht, indem er schlampig oder nachlässig war. Sie hatte sogar versucht, ihren Ex-Mann Stephen, einen erfolgreichen Hollywood Talentsucher, dazu zu überreden, sich an den Kosten für einen Privatdetektiv, der Cave beschatten sollte, zu beteiligen. Sie selbst konnte sich einen guten Privatdetektiv nicht leisten. Doch Stephen weigerte sich, da er im Grunde glaubte, dass Evie tot war und Keri sich etwas vormachte. Cave hatte natürlich keine derartigen finanziellen Einschränkungen. Und als er mitbekommen hatte, dass Keri ihm auf den Fersen war, ließ er sie beschatten. Sowohl sie selbst als auch Ray hatten Wanzen in ihren Häusern und Autos gefunden. Beide untersuchten regelmäßig alles, von ihrer Kleidung bis hin zu ihren Telefonen und Schuhen auf Wanzen, bevor sie Vertrauliches besprachen. Sie nahmen an, dass sogar ihre LAPD-Büros überwacht wurden und verhielten sich entsprechend. Deshalb saßen sie in einem lauten Lokal, trugen Kleidung, die sie vorher auf Wanzen gefilzt hatten und stellten sicher, dass niemand an den Tischen in der Nähe zuhörte, während sie ihren Plan ausarbeiteten. Wenn es eine Person gab, die nicht wissen durfte, dass sie über die Vista Bescheid wussten, dann war es Jackson Cave. Während ihrer mehrfachen verbalen Auseinandersetzungen mit ihm war Keri klar geworden, dass sich Cave`s Haltung verändert hatte. Anfangs hatte er sie nur als Bedrohung seines Business angesehen, ein weiteres Hindernis, das es zu überwinden galt. Aber nun nicht mehr. Schließlich hatte sie zwei seiner Großverdiener umgebracht, Akten aus seinem Büro gestohlen, Codes geknackt, und sein Business und vielleicht sogar seine Freiheit aufs Spiel gesetzt. Natürlich tat sie all dies, um ihre Tochter zu finden. Doch sie spürte, dass Cave in ihr jetzt mehr als nur eine Gegnerin sah, eine Polizistin, die verzweifelt ihr Kind finden wollte. Er sah sie jetzt eher als seinen Erzfeind, als eine Art Todesfeind. Er wollte sie nicht mehr nur besiegen. Er wollte sie zerstören. Keri war sicher, dass Evie deshalb der Blutpreis bei der Vista war. Sie bezweifelte, dass Cave wusste, wo Evie festgehalten wurde, oder wer sie festhielt. Ganz sicher kannte er die Leute, die wiederum die Leute kannten, die über diese Dinge Bescheid wussten. Und mit ziemlicher Sicherheit hatte er angeordnet, zumindest indirekt, dass Evie auf der morgigen Party geopfert werden sollte, um Keri unwiederbringlich zu brechen. Es hatte keinen Sinn ihn zu beschatten oder ihn offiziell zu vernehmen. Er war viel zu schlau und vorsichtig, um Fehler zu machen, vor allem, da er wusste, dass sie ihm auf den Fersen war. Aber er steckte hinter alldem – da war sich Keri sicher. Sie musste nur einen anderen Weg finden, ihn zu überführen. Mit neuer Entschlossenheit blickte sie auf und sah, wie Ray sie beobachtete. „Wie lange starrst du mich schon so an?“, fragte sie. „Mindestens ein paar Minuten. Ich wollte dich nicht stören. Du sahst aus, als ob du ernsthaft am nachdenken warst. Hattest du irgendwelche Eingebungen?“ „Eigentlich nicht“, gab sie zu. „Wir wissen beide, wer dahinter steckt, aber ich glaube nicht, dass uns das großartig weiterhelfen wird. Ich muss nochmal von vorne anfangen und darauf hoffen, neue Spuren zu finden.“ „Du meinst wir, nicht wahr?“, meinte Ray. „Musst du dich nicht heute bei der Arbeit blicken lassen? Du arbeitest schon länger nicht, damit du dich um mich kümmern kannst.“ „Du machst wohl Witze, Tinker Bell“, sagte er mit einem Lächeln, anspielend auf ihren riesigen Größenunterschied. „Meinst du, ich gehe einfach ins Büro, während all das hier läuft? Zur Not nutze ich jeden Krankheits- und Urlaubstag, den ich habe.“ Keri merkte, wie die Freude sich in ihrer Brust ausbreitete, versuchte es jedoch zu verstecken. „Das weiß ich zu schätzen, Godzilla“, sagte sie. „Aber wo ich noch beurlaubt bin wegen der internen Ermittlungen, müssen wir vielleicht auf deinen Zugang auf offizielle polizeiliche Ressourcen zurückgreifen.“ Keri war beurlaubt, während die internen Ermittlungen hinsichtlich der Umstände zum Tod von Brian „dem Sammler“ Wickwire liefen. Ihr Vorgesetzter, Lieutenant Cole Hillman, hatte angedeutet, dass diese wahrscheinlich bald zu Keris Gunsten eingestellt würden. Doch bis dahin hatte Keri keine Polizeimarke, keine Dienstwaffe, keine offizielle Handhabe und keinen Zugang zu polizeilichen Ressourcen. „Gibt es deiner Meinung nach etwas Bestimmtes, das ich mir näher ansehen sollte?“ fragte Ray. „Tatsächlich ja. Susan erwähnte, dass eine der vergangenen Blutpreise eine ehemalige Kinderschauspielerin war, die süchtig geworden und auf der Straße gelandet war. Falls sie vergewaltigt und umgebracht wurde, muss es dazu doch etwas in den Akten geben, vor allem, wenn ihr die Kehle durchgeschnitten wurde. Ich kann mich nicht erinnern, etwas dazu in den Nachrichten gesehen zu haben, aber vielleicht habe ich es verpasst. Vielleicht kannst du dazu etwas aufspüren, zum Beispiel einen forensischen Bericht mit der DNA der Spermien des Mannes, der sie vergewaltigt hat.“ „Möglich, dass es niemanden in den Sinn gekommen ist, die DNA zu überprüfen“, fügte Ray hinzu. „Wenn sie das Mädchen mit durchtrennter Kehle gefunden haben, sah vielleicht niemand die Notwendigkeit, Weiteres zu veranlassen. Wenn wir rausbekommen, wer sie war, dann kann man vielleicht eilig weitere Tests durchführen lassen, und die Identität des Mannes feststellen, der mit ihr zusammen war.“ „Genau“, stimmte Keri zu. „Denk nur daran, diskret zu sein. Zieh so wenige Leute wie möglich ins Vertrauen.“ „Verstanden. Und was hast du vor, während ich alte Akten über ermordete Teenie Mädchen wälze?“ „Ich werde eine mögliche Zeugin vernehmen.“ „Wen denn?“, fragte Ray. „Susans Prostituiertenfreundin, Lupita – die, die sagte, sie hat diese Typen über die Vista reden hören. Vielleicht erinnert sie sich mit ein bisschen Hilfe an noch an etwas mehr.“ „Okay, Keri, aber vergiss nicht, dich zu schonen. Diese Gegend von Venice ist rau und du bist noch nicht wieder bei vollen Kräften. Außerdem bist du nicht einmal mehr eine Polizistin, im Moment jedenfalls.“ „Danke für dein Mitgefühl, Ray. Aber du kennst mich inzwischen. Mich zu schonen ist nicht mein Stil.“ KAPITEL DREI Als Keri vor der Adresse in Venice hielt, die Susan ihr getextet hatte, zwang sie sich, nicht auf die anhaltenden Schmerzen in ihrer Brust und ihrem Knie zu achten. Sie betrat jetzt potentiell gefährliches Terrain. Und da sie offiziell nicht im Dienst war, musste sie besonders wachsam sein. Niemand hier war im Zweifelsfall auf ihrer Seite. Es war erst mitten am Vormittag und als sie die Pacific Avenue in dieser zwielichtigen Gegend von Venice überquerte, waren die einzig anderen auf der Straße die tätowierten Surfer, die der Kälte keine Beachtung schenkten und dem nur einen Block entfernten Meer zustrebten, sowie obdachlose Männer, die sich in den Eingangsbereichen von noch nicht geöffneten Läden herumdrückten. Sie erreichte das verwahrloste Mietshaus, ging durch die offene Tür und stieg die drei Treppen hinauf zu dem Zimmer, in dem Lupita sie angeblich erwartete. In dieser Gegend kamen die Kunden erst nach dem Mittag, so dass dies eine gute Zeit war, bei ihr vorbeizuschauen. Keri näherte sich der Tür und wollte gerade anklopfen, als sie von drinnen ein Geräusch vernahm. Sie untersuchte die Tür und fand sie unverschlossen, öffnete sie leise und steckte den Kopf hindurch. Auf dem Bett in dem kargen Raum lag ein Mädchen, das aussah wie fünfzehn. Auf ihr war ein nackter, drahtiger Mann in den Dreißigern. Laken verdeckten, was genau vor sich ging, aber er schein aggressiv in sie hineinzustoßen. Alle paar Sekunden schlug er dem Mädchen ins Gesicht. Keri widerstand dem starken Verlangen, den Kerl von ihr herunterzuziehen. Auch ohne Dienstmarke war dies ihre natürliche Reaktion. Sie hatte jedoch keine Ahnung, ob dies ein Freier war und ob das, was hier vor sich ging, die normale Vorgehensweise war. Ihre traurige Erfahrung hatte sie gelehrt, dass es langfristig kontraproduktiv sein konnte, jemandem zu Hilfe zu eilen. Wenn dies hier ein Freier war und Keri dazwischen funkte, würde sich der Kerl womöglich bei Lupitas Zuhälter beschweren, der es dann an ihr ausließ. Wenn das Mädchen nicht bereit war, dieses Leben hinter sich zu lassen, so wie Susan Granger es getan hatte, könnte ein Einschreiten Keris, und sei es juristisch noch so legitim, ihr das Leben nur noch schwerer machen. Keri trat etwas weiter in den Raum hinein und Lupita sah Keri an. Das zerbrechlich aussehende Mädchen mit dunklen Locken schaute sie mit einem ihr bekannten Blick an, einer Mischung aus Flehen, Angst und Überdruss. Keri wusste fast sofort, was dies bedeutete. Sie brauchte Hilfe, aber nicht zu viel. Dies war ganz klar ein Freier, vielleicht ein neuer, auf die letzte Minute, denn er war hier, obwohl Lupita bereit gewesen war, Keri zu treffen. Aber ihr wurde befohlen, ihn trotzdem zu bedienen. Wahrscheinlich war das Schlagen nicht vereinbart. Aber sie war nicht in der Position sich zu wehren, falls ihr Zuhälter dem zugestimmt hatte. Keri wusste, was sie zu tun hatte. Schnell tat sie einen Schritt nach vorne und zog leise ihren Gummiknüppel aus der Innentasche ihrer Jacke. Lupitas Augen weiteten sich und Keri konnte sehen, dass der Freier etwas bemerkt hatte. Er wollte sich gerade umgucken, als der Knüppel seinen Hinterkopf traf. Er fiel nach vorne auf das Mädchen drauf, bewusstlos. Keri legte ihren Finger an die Lippen, damit Lupita leise blieb. Sie ging um das Bett, um sich zu vergewissern, dass der Freier wirklich bewusstlos war. Er war es. „Lupita?“ fragte sie. Das Mädchen nickte. „Ich bin Detective Locke“, sagte sie, fügte allerdings nicht hinzu, dass sie genau genommen momentan gar kein Detective war. „Mach dir keine Sorgen. Wenn wir uns beeilen, muss dies nicht zum Problem werden. Wenn dein Zuhälter fragt, was hier passiert ist: ein kleiner Typ mit Kapuze kam herein, hat den Freier niedergeschlagen und sein Portemonnaie gestohlen. Du hast sein Gesicht nicht gesehen. Er drohte dir, dich umzubringen, wenn du auch nur einen Mucks von dir gibst. Wenn ich hier herausgehe, dann zählst du bis zwanzig und fängst dann an zu schreien. Auf keinen Fall wird man dir die Schuld geben. Verstanden?“ Lupita nickte wieder. „Okay“, sagte Keri, während sie die Jeans des Mannes durchforstete und sein Portemonnaie herauszog. „Ich glaube nicht, dass er länger als eine Minute bewusstlos sein wird, also lass uns loslegen. Susan sagte, du hättest einige Typen über das Vista Event morgen Abend reden hören. War einer davon dein Zuhälter?“ „Nee“, flüsterte Lupita. „Ich habe ihre Stimmen nicht erkannt. Und als ich in den Flur geguckt habe, waren sie weg.“ „Das ist okay. Susan hat mir erzählt, was sie über meine Tochter gesagt haben. Ich will, dass du dich auf den Ort konzentrierst. Ich weiß, dass dieses Vista Event immer in den Hollywood Hills stattfindet. Aber haben sie genaueres gesagt? Haben sie einen Straßennamen genannt? Irgendwelche Anhaltspunkte?“ „Sie haben keine Straße genannt. Aber einer von ihnen meinte, es sei schwieriger als letztes Jahr, weil es ein Tor gibt. Er sagte ‚in einem eingezäunten Komplex‘. Deshalb nehme ich an, dass es sich um mehr als nur ein Haus handelt.“ „Das ist wirklich hilfreich, Lupita. Weißt du noch mehr?“ „Der eine sagte, er ist genervt, weil sie nicht nahe genug sein würden, um das Hollywood Schild zu sehen. Ich nehme an, letztes Jahr waren sie dicht dran. Aber dieses Jahr werden sie zu weit entfernt sein. Hilft Ihnen das?“ „Ja, das tut es. Das heißt, dass es wahrscheinlich dichter an West Hollywood dran ist. Das grenzt es ein. Das ist eine Hilfe. Noch etwas?“ Der Mann auf ihr stöhnte leise und rührte sich. „Ich kann mich sonst an nichts erinnern“, murmelte Lupita kaum hörbar. „Das ist okay. Das ist mehr, als ich vorher hatte. Du warst eine große Hilfe. Und wenn du dich jemals dafür entscheidest, dieses Leben hinter dir zu lassen, dann kannst du mich über Susan erreichen.“ Trotz ihrer misslichen Lage lächelte Lupita. Keri nahm ihre Kappe ab, zog eine Skimaske aus ihrer Tasche und zog sie über. „Nicht vergessen“, sagte sie mit tiefer Stimme, die ihre eigene verschleierte, „warte zwanzig Sekunden, oder ich bringe dich um.“ Der Mann, der auf Lupita lag, kam zu sich, daher wandte sich Keri um und verließ den Raum. Sie war schon den halben Flur hinunter, als sie die Hilfeschreie hörte. Sie ignorierte sie und lief zur Eingangstür, wo sie ihre Maske auszog, sie in ihre Tasche stopfte und ihre Kappe aufsetzte. Sie durchforstete das Portemonnaie des Kerls, und schmiss es in die Ecke neben der Tür, nachdem sie das Bargeld herausgenommen hatte – ganze dreiundzwanzig Dollar. So lässig wie möglich überquerte sie die Straße und ging zu ihrem Auto. Als sie einstieg, konnte sie Schreie von wütenden Männern hören, die zu Lupitas Zimmer stürzten. Als sie die Gegend verlassen hatte, rief sie Ray an, um zu sehen, ob er weitergekommen war mit seiner Spur. Er ging nach dem ersten Klingeln ran und an seiner Stimme hörte sie, dass es nicht gut gelaufen war. „Was ist los?“, fragte sie. „Das war eine Sackgasse, Keri. Ich bin zehn Jahre zurück gegangen und kann nichts finden über einen ehemaligen Kinderstar, der mit durchtrennter Kehle gefunden wurde. Ich habe einen Eintrag einer ehemaligen Kinderschauspielerin namens Carly Rose gefunden, mit der es bergab gegangen war und die als Teenager verschwand. Sie müsste jetzt ungefähr zweiundzwanzig sein. Das könnte sie sein. Oder sie hat einfach in einem U-Bahnschacht eine Überdosis genommen und ist niemals gefunden worden. Schwer zu sagen. Ich habe auch Einträge über andere Mädchen zwischen elf und vierzehn gefunden, auf die die Beschreibung zutrifft. – durchtrennte Kehlen. Leichen, die im Müll abgeladen wurden oder einfach an Straßenecken. Das sind aber meist Mädchen, die eine Weile auf der Straße gelebt haben. Und die erstrecken sich über einen längeren Zeitraum.“ „Für mich macht das Sinn“, meinte Keri. „Diese Leute hatten wahrscheinlich keine Skrupel, die Leichen von Mädchen, die auf der Straße arbeiteten oder keine Familie hatten, loszuwerden. Aber sie würden keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollen, indem sie die Leichen von bekannten Mädchen loswerden oder von denen, die aus gutem Hause kommen und die erst kürzlich entführt worden waren. Das würde richtige Ermittlungen nach sich ziehen. Ich wette, dass diese Mädchen verbrannt, verscharrt oder ins Meer geworfen wurden. Es sind die Mädchen, nach denen niemand sucht, die sie einfach irgendwo liegenlassen.“ Keri ignorierte, dass sie dies alles so sachlich hervorbrachte. Wenn sie darüber nachgedacht hätte, hätte sie sich daran gestört, wie abgehärtet sie geworden war hinsichtlich dieser Grausamkeit. „Das haut hin“, stimmte Ray zu, genauso sachlich. „Es könnte auch die Jahre dazwischen erklären. Wenn sie das eine Jahr eine Prostituierte von der Straße genommen haben, und dann einige gekidnappte Vorortkids, dann wieder eine Teenager-Nutte, dann kann man schwerer ein Muster erkennen. Ich meine, wenn einmal pro Jahr eine Teenie-Nutte mit aufgeschlitzter Kehle gefunden wird, das würde doch auffallen.“ „Das stimmt“, sagte Keri. „Also hast du damit nichts anfangen können.“ „Nee. Sorry. Hattest du mehr Glück?“ „Ein bisschen“, meinte sie. „Nachdem, was Lupita gesagt hat, hört es sich so an, als sei der Ort der Vista vielleicht in West Hollywood, in einem dieser eingezäunten Komplexe.“ „Das hört sich vielversprechend an“, bemerkte Ray. „Vielleicht. Davon gibt es aber Tausende dort oben in den Hills.“ „Wir können Edgerton bitten zu prüfen, ob die Eigentumstitel mit jemandem übereinstimmen, der uns bekannt ist. Mit Strohfirmen ist das sicherlich schwierig. Aber man weiß nie, was Edgerton so ausgräbt.“ Das stimmte. Detective Kevin Edgerton war ein Genie in Sachen Technologie. Wenn irgendjemand eine Verbindung ausgraben konnte, dann er. „Okay, setzen wir ihn darauf an“, meinte Keri. „Aber er soll den Ball flach halten und diskret vorgehen. Und gib ihm nicht zu viele Einzelheiten. Je weniger Leute Bescheid wissen, desto geringer die Gefahr, dass jemand versehentlich etwas ausplaudert und dadurch die falschen Leute warnt.“ „Alles klar. Was machst du jetzt?“ Keri dachte einen Moment nach und erkannte, dass sie keine neuen Spuren hatte, denen sie nachgehen konnte. Das bedeutete, sie musste das tun, was sie immer tat, wenn sie nicht weiterkam – von vorne anfangen. Und es gab jemanden, mit dem sie definitiv einen neuen Anfang machen musste. „Überhaupt“, meinte sie, „kannst du Castillo bitten mich anzurufen, aber nicht offiziell, sondern über ihr Handy?“ „Okay. Was denkst du?“, fragte Ray. „Ich glaube, es wird Zeit, mit einem alten Freund mal wieder in Kontakt zu treten.“ KAPITEL VIER Angespannt wartete Keri in ihrem Auto, die Uhr im Auge behaltend, während sie vor den Geschäftsräumen der Weekly L.A. saß. Dies war eine alternative Zeitung, wo sie sich mit Officer Jamie Castillo verabredet hatte. Und ihre Freundin, Margaret „Mags“ Merrywether, arbeitete hier als Kolumnistin. Die Zeit wurde knapp. Es war schon 12:30 Uhr am Freitag, knappe sechsunddreißig Stunden, bevor ihre Tochter vergewaltigt und in einem Ritualmord geopfert werden sollte zum Vergnügen wohlhabender Männer mit kranken Seelen. Keri sah Jamie die Straße hinunterkommen und schüttelte die dunklen Gedanken ab. Sie musste sich jetzt darauf konzentrieren, wie sie den Tod ihrer Tochter verhindern konnte, statt sich hineinzusteigern, auf welch furchtbare Weise es passieren konnte. Wie sie es angewiesen hatte, trug Jamie einen Mantel über ihrer Polizeiuniform, um weniger Aufmerksamkeit zu erregen. Keri winkte ihr vom Fahrersitz aus zu. Jamie lächelte und kam auf das Auto zu. Ihre dunklen Haare wehten im schneidenden Wind, obwohl sie sie in einen Pferdeschwanz zusammen gebunden hatte. Sie war einige Zentimeter größer als Keri und hatte eine athletischere Figur. Sie war Parkour-Fan und Keri hatte schon gesehen, was sie unter Druck leisten konnte. Officer Jamie Castillo war noch kein Detective. Doch Keri war sich sicher, wenn sie erst einer war, würde sie großartig sein. Zusätzlich zu ihren körperlichen Fähigkeiten war sie zäh, smart, unnachgiebig und loyal. Sie hatte schon ihre eigene Sicherheit und sogar ihren Job für Keri aufs Spiel gesetzt. Wenn nicht schon Ray ihr Partner wäre, dann wäre Keris Wahl auf sie gefallen. Vorsichtig stieg Jamie ins Auto, unfreiwillig zusammenzuckend, und Keri erinnerte sich, warum. Im Zuge der Jagd auf den Verdächtigen, der Keri ihre Verletzungen zugefügt hatte, hatte sie sich in nächster Nähe der Bombe befunden, die in seinem Apartment hochgegangen war. Ein FBI Agent war durch die Bombe ums Leben gekommen, ein weiterer hatte sich schwere Verbrennungen zugezogen, und Ray hatte eine Glasscherbe ins Bein abbekommen, was er aber seitdem nicht erwähnt hatte. Jamie hatte eine Gehirnerschütterung und schlimme Blutergüsse davongetragen. „Bist du nicht gerade heute aus dem Krankenhaus entlassen worden?“, fragte Keri ungläubig. „Ja“, sagte sie, und Stolz schwang in ihrer Stimme mit. „Ich durfte heute Morgen gehen. Ich bin nach Hause, hab meine Uniform angezogen und war zehn Minuten zu spät bei der Arbeit. Lieutenant Hillman hat mir das allerdings nachgesehen.“ „Wie geht es deinen Ohren?“, fragte Keri, bezugnehmend auf den Verlust ihres Gehörs, den Jamie direkt nach der Bombenexplosion erlitten hat. „Ich kann dich gut hören. Ich habe immer wieder ein Klingeln in den Ohren. Die Ärzte meinen, das geht in ein oder zwei Wochen wieder weg. Keine langfristigen Schäden.“ „Ich kann kaum glauben, dass du heute arbeitest“, meinte Keri kopfschüttelnd. „Und ich kann kaum glauben, dass ich dich bitte, am ersten Tag gleich so viel zu tun.“ „Kein Problem“, versicherte Jamie ihr. „Ich musste eh‘ mal raus. Alle haben mich mit Samthandschuhen angefasst. Aber ich muss gleich zurück, sonst halte ich das nicht durch. Ich habe aber bei mir, worum du mich gebeten hast.“ Sie zog eine Akte aus ihrer Tasche und gab sie Keri. „Danke.“ „Kein Problem. Und bevor du fragst, ich habe die „allgemeine“ User ID benutzt, um die Datenbank zu durchforsten, damit man es nicht nachverfolgen kann. Ich gehe davon aus, dass du deine Gründe hast, weshalb du nicht willst, dass ich meine eigene User ID benutze. Und ferner gehe ich davon aus, dass du deine Gründe dafür hast, warum du nicht freiwillig erzählst, warum du diese Infos brauchst?“ „Da hast du recht“, sagte Keri und hoffte, dass Jamie es damit gut sein ließ. „Und ich nehme an, dass du mir nicht sagst, worum es hier geht oder mich in irgendeiner Form helfen lässt?“ „So ist es am besten, Jamie. Je weniger du weißt, desto besser. Und je weniger Leute wissen, dass du mir geholfen hast, desto besser ist es für mich.“ „Okay. Ich vertraue dir. Aber wenn du irgendwann meinst Hilfe zu benötigen, du hast meine Nummer.“ „Die habe ich“, sagte Keri und drückte Castillos Hand. Sie wartete, bis Officer Castillo wieder bei ihrem Wagen und damit weggefahren war, bevor sie aus ihrem eigenen ausstieg. Die Akte, die Castillo ihr gegeben hatte, fest in der Hand, stieg sie die Stufen hinauf zu den Geschäftsräumen der Weekly L.A., wo Mags, und mit ihr hoffentlich ein paar Antworten warteten. * Zwei Stunden später klopfte es an der Tür zum Konferenzraum, in dem Keri sich eingerichtet hatte und Akten sichtete. Der große Tisch in der Mitte des Raumes war komplett mit Papieren bedeckt. „Wer ist da?“ fragte sie. Die Tür öffnete sich eine Handbreit. Es war Mags. „Ich wollte mich nur mal melden“, sagte sie. „Ich wollte sehen, ob ich dir irgendwie behilflich sein kann, meine Liebe.“ „Ich könnte eigentlich eine kleine Pause gebrauchen. Komm rein.“ Mags kam herein, machte die Tür zu, schloss sie hinter sich ab und stellte sicher, dass die Jalousien geschlossen waren, damit niemand hereinschauen konnte. Einmal mehr staunte Keri, wie sie sich angefreundet hatte mit der Frau, die quasi die Live-Action Version von Jessica Rabbit war. Margaret Merrywether war über 1,80 Meter groß, selbst ohne die Stöckelschuhe, die sie normalerweise trug. Von toller Statur, mit milchig weißer Haut, reichlich Kurven, flammend roten Haaren, die toll zu ihrem rubinroten Lippenstift passten, und strahlend grünen Augen, schien sie gerade einem Modemagazin für Amazonen entstiegen zu sein. Und all das, bevor sie auch nur ihren Mund öffnete, mit einen Akzent wie Scarlett O`Hara, unterlegt mit einer scharfen Zunge wie Rosalind Russell in His Girl Friday. Nur der leicht bissige Ton gab Aufschluss auf Margarets (von ihren Freunden Mags genannt) Persönlichkeit. Wie sich herausgestellt hatte, war sie auch bekannt unter dem Pseudonym „Mary Brady“, die sensationsmachende Kolumnistin, die Lokalpolitiker zu Fall gebracht, Amtsvergehen großer Firmen aufgedeckt und bestechliche Polizisten bloß gestellt hatte. Mags war auch glücklich geschiedene Mutter zweier Kinder, die durch die Trennung von ihrem Ex-Mann, einem Banker, noch wohlhabender geworden war. Keri hatte sie während einer Ermittlung kennengelernt, und nach ihrer anfänglichen Skepsis, dass sich hinter ihrer Person nur eine große Show verbarg, hatte sich eine Freundschaft entwickelt. Keri, die nicht viele Freunde außerhalb ihres Jobs hatte, war froh, dass sie einmal die Langweilige war. Mags setzte sich in einen Sessel neben Keri und begutachtete die Collage aus Polizeidokumenten und Zeitungsausschnitten, die auf dem Tisch ausgebreitet lagen. „So, meine Liebe, du hattest mich gebeten, alle Zeitungsartikel, in denen es jemals um Jackson Cave ging, zusammen zu sammeln. Und wie ich sehe, hast du jemand anderen in der Abteilung gebeten, das gleiche zu tun mit allem, was sie zu ihm haben. Dann hast du dich für zwei Stunden hier eingeschlossen. Bist du jetzt soweit mir zu sagen, was hier vor sich geht?“ „Bin ich“, sagte Keri. „Gib mir einen Moment.“ Sie stand auf, holte einen Wanzendetektor aus ihrer Tasche und fing an, den gesamten Konferenzraum nach Wanzen abzusuchen. Mags zog die Augenbrauen hoch, schien aber nicht weiter erstaunt. „Weißt du, meine Liebe“, begann sie, „ich bin die letzte, die dir sagt, dass du übervorsichtig bist. Aber ich lasse so eine Suche zweimal pro Woche professionell durchführen.“ „Ohne Zweifel“, sagte Keri. „Aber danke, dass du mich machen lässt, wie ich möchte. Dies wurde mir von einem befreundeten Nerd gegeben, dem ich vertraue.“ „Jemand aus der Abteilung?“, fragte Mags. „Nein, er ist ein Security-Mann aus dem Shopping Center. Es ist eine lange Geschichte, aber man kann sagen, dass der Typ sich wirklich auskennt, und er schuldete mir einen Gefallen. Als ich ihn nach einer Empfehlung für deinen guten Wanzendetektor fragte, hat er mir diesen geschenkt.“ „Das hört sich nach einer langen Geschichte an, die ich gern hören würde, wenn ich etwas mehr Zeit habe“, meinte Mags. Gedankenversunken nickte Keri, während sie fortfuhr, den Raum zu abzusuchen. Mags lächelte und wartete geduldig. Als Keri fertig war und nichts gefunden hatte, setzte sie sich wieder. „Also, es ist so“, sagte sie und erzählte, was sich zugetragen hatte mit Cave, wovon Mags schon vieles kannte. Tatsächlich hatte ihre Freundin ihr erst kürzlich geholfen, Informationen von einem Auftragskiller zu bekommen, der eine Verbindung zu Cave hatte. Dieser Mann war nur bekannt unter dem Namen Schwarzer Witwer, eine mysteriöse Figur, der einen schwarzen Lincoln Continental ohne Nummernschilder fuhr. Vor Monaten hatte Keri in Aufnahmen einer Überwachungskamera gesehen, wie er ganz locker den Mann umbrachte, der Evie festgehalten hatte, wie er Evie in seinen Kofferraum gedrängt und mit ihr in die Nacht verschwunden war, alles, wie Keri vermutete, auf Befehl von Cave. Irgendwie hatte Mags es geschafft, anonym Kontakt zu dem Schwarzen Witwer aufzunehmen. Wie sich herausstellte, hatte er kein Problem damit, für einen gesalzenen Preis Informationen über Evies Aufenthaltsort preiszugeben. Er schien niemandem gegenüber loyal zu sein, was Keri gut passte, denn durch seine Informationen hatte Keri ultimativ von dem Vista-Event erfahren. Obwohl einige Details, so wie die Verbindung zum Schwarzen Witwer, nichts Neues waren für Mags, sagte sie nichts. Sie unterbrach kein einziges Mal, zog aber einen Schreibblock heraus und machte sich gelegentlich Notizen. Sie hörte aufmerksam zu, vom Anfang bis zu dem Punkt, als Susan Granger an diesem Morgen angerufen hatte, um von Evie als Blutpreis bei der Vista zu berichten. Als sie sicher war, dass Keri alles erzählt hatte, stellte sie eine Frage. „Ich verstehe dein Dilemma, Keri. Und ich bin genauso entsetzt wie du. Aber ich verstehe trotzdem nicht, warum du über Hunderten von Papieren über Mr. Cave sitzt?“ „Weil ich nicht mehr weiter weiß, Mags. Ich habe keine Spuren mehr. Ich habe keine Anhaltspunkte mehr. Das einzige, was ich weiß, ist, dass Jackson Cave irgendwie in den Fall meiner Tochter verwickelt ist.“ „Und da bist du dir sicher?“, fragte Mags. „Ja“, sagte Keri. „Nicht anfangs, glaube ich. Er hatte wahrscheinlich keine Ahnung, dass eins der Opfer seiner Entführer meine Tochter ist. Schließlich war ich zu der Zeit nicht einmal Detective. Ich war Professorin am College. Ihr Verschwinden ist der Grund, warum ich Polizistin geworden bin. Ich weiß nicht einmal, wann genau ich seine Aufmerksamkeit auf mich gezogen habe. Aber irgendwann muss er sich zusammengereimt haben, dass das Kind, nach dem die Polizistin sucht, von jemandem entführt worden war, den er selbst beauftragt hat.“ „Und du glaubst, er hat ihren Aufenthaltsort herausbekommen?“, fragte Mags. „Du glaubst, dass er weiß, wo sie jetzt ist?“ „Das sind zwei sehr unterschiedliche Fragen. Ich bin sicher, dass er irgendwann ihren Aufenthaltsort ermittelt hat. Es wäre ihm zugute gekommen, ihre Umstände zu kennen. Aber das muss gewesen sein, lange bevor ich anfing, bei ihm herumzuschnüffeln. Ich bin sicher, er hat sichergestellt, dass er nicht mit ihr in Verbindung gebracht werden kann, als er merkte, dass ich ihn näher unter die Lupe nehme. Er wusste, dass ich ihm Tag und Nacht folgen würde, wenn ich denke, er könnte mich zu Evie führen. Wahrscheinlich hat er Angst, dass ich ihn entführe und foltere, um an ihren Aufenthaltsort zu kommen.“ „Würdest du?“, fragte Mags, mehr neugierig als anklagend. „Das würde ich. Millionenfach würde ich das tun.“ „Ich auch“, flüsterte Mags „Deshalb glaube ich nicht, dass er weiß, wo meine Tochter ist oder wer sie festhält. Aber ich denke, dass er Leute kennt, die wiederum Leute kennen, die wissen, wo sie ist. Ich denke, er könnte ihren Aufenthaltsort herausbekommen, wenn er wollte. Und ich denke, er könnte sie zu einem bestimmten Zeitpunkt an einen bestimmten Ort bringen lassen, wenn er es wollte. Genau das läuft hier gerade, denke ich. Ich glaube, Evie ist deshalb der Blutpreis, weil er es so will. Und irgendwie ist sein Wunsch an die Leute übermittelt worden, die dies einrichten können. „Also willst du der Spur folgen?“ „Nein. Das Labyrinth von ihm zu ihr ist zu kompliziert, als dass ich da durchsteige, auch wenn ich unbegrenzt Zeit hätte, die ich ja nicht habe. Darauf lasse ich mich nicht ein. Aber ich merke jetzt, dass ich Jackson Cave immer als Gegner gesehen habe, als den Drahtzieher, der mich von meiner Tochter fernhält, diese böse Kraft, die meine Familie zerstören will.“ „All dies ist er nicht?“, fragte Mags, und hörte sich dabei überrascht, ja, fast beleidigt an. „Doch, das ist er. Aber so sieht er sich nicht selbst. Und er war auch nicht immer so. Ich habe gemerkt, dass ich meine Vorurteile vergessen muss, um diesen Typen besser kennenzulernen und herauszufinden, wie er tickt.“ „Warum interessiert es dich, wie er tickt?“ „Weil ich ihn nicht schlagen kann, solange ich nicht verstehe, wie er denkt, was seineMotive sind. Und wenn ich nicht verstehe, was ihm in tiefsten Inneren wichtig ist, werde ich nie eine Handhabe gegen ihn haben. Und das ist es, was ich wirklich brauche, Mags – eine Handhabe gegen ihn. Dieser Kerl wird mir nie freiwillig Informationen geben. Aber wenn ich herausfinde, was ihm am wichtigsten ist, kann ich das vielleicht benutzen, um meine Tochter wieder zu bekommen.“ „Wie?“ „Keine Ahnung… jedenfalls noch nicht.“ KAPITEL FÜNF Als Ray drei Stunden später in den Konferenzraum kam, hatte Keri noch immer keine Handhabe. Aber sie meinte, nun besser zu verstehen, wer Jackson Cave war. „Schön, dich zu sehen, Detective Sands“, sagte Mags, als er mit Sandwiches und Eiskaffees den Raum betrat. „Auch schön, dich zu sehen, Red“, antwortete er, und warf die Sandwiches auf den Tisch. „Sieh an“, gab sie gereizt zurück. Keri war nicht sicher, wann Ray angefangen hatte, Margaret Merrywether „Red“ zu nennen, aber ihr gefiel es. Und trotz ihrer jetzigen Reaktion war Keri sicher, dass es Mags auch nichts ausmachte. „Ich habe die Finanz- und Grundbuchdaten dieses Typen dabei“, meinte Ray. „Aber ich glaube nicht, dass uns das weiterhilft. Edgerton und ich haben sie durchgesehen, und er konnte nichts Merkwürdiges finden. Aber für einen Kerl mit soviel Geld und Macht ist allein das verdächtig.“ „Das sehe ich auch so“, sagte Keri. „Aber verdächtig allein reicht nicht, um etwas zu veranlassen.“ „Er wollte Patterson hinzuziehen, aber ich habe ihm gesagt, damit noch zu warten.“ Detective Garrett Patterson war nach Edgerton der zweitbeste Technologieexperte der Abteilung, und obwohl er nicht Edgertons Intuition besaß, unsichtbare Verbindungen innerhalb komplexer Materien zu erkennen, hatte er eine andere Fähigkeit. Er liebte es, sich mit den kleinsten Einzelheiten in den Akten zu befassen, um das kleinste, aber ausschlaggebende Detail zu finden, das alle anderen übersahen. „Das war die richtige Entscheidung“, sagte Keri nach einem Moment. „Vielleicht entdeckt er etwas in den Grundbuchdaten. Aber ich mache mir Sorgen, dass er es einfach nicht lassen kann, Hillman in Kenntnis zu setzen oder sich zu großflächig umhört und damit Alarmglocken auslöst. Ich möchte ihn nur mit einbeziehen, wenn es nicht anders geht.“ „So könnte es kommen“, meinte Ray. „Es sei denn, du hast in den letzten Stunden den Cave Code geknackt.“ „Das kann ich nicht behaupten“, gab Keri zu. „Aber wir haben einiges Überraschendes gefunden.“ „Und das wäre?“ „Also, angefangen damit“, mischte sich Mags ein, „dass Jackson Cave nicht immer ein Arschloch war.“ „Das ist wirklich eine Überraschung“, sagte Ray, während er ein Sandwich auswickelte und abbiss. „Wie kommt’s?“ „Er hat mal für die Staatsanwaltschaft gearbeitet“, antwortete Mags. „Er war Staatsanwalt?“ fragte Ray und verschluckte sich fast. „Der Verteidiger von Vergewaltigern und Kinderschändern?“ „Das ist lange her“, sagte Keri. „Er fing direkt nach dem Abschluss seines Jurastudiums bei der Staatsanwaltschaft an und arbeitete dort für zwei Jahre.“ „Hatte er nicht das Zeug dazu?“, überlegte Ray. „Tatsächlich war seine Verurteilungsrate erstaunlich hoch. Er hatte scheinbar wenig für Strafmilderung übrig und verhandelte die meisten Fälle vor Gericht. Er hatte neunzehn Verurteilungen und zwei Jurys, die sich nicht einigen konnten. Keinen einzigen Freispruch.“ „Das ist gut“, gab Ray zu. „Warum ist er dann übergelaufen zur anderen Seite?“ „Danach mussten wir etwas graben. „Es war Mags, die es herausgefunden hat. Willst du es erklären?“ „Es ist mir eine Ehre“, sagte sie und schaute von dem Meer an Papieren auf. „Ich nehme an, manchmal zahlt sich lebenslange minutiöse Recherche aus. Jackson Cave hatte einen Halbbruder namens Coy Trembley. Sie hatten unterschiedliche Väter, wuchsen aber zusammen auf. Coy war drei Jahre älter als Jackson.“ „War Coy auch Anwalt?“, wollte Ray wissen. „Wohl kaum“, sagte Mags. „Während seiner gesamten Teenagerjahre hatte Coy Ärger mit dem Gesetz – meist ging es um kleine Sachen. Aber mit einunddreißig wurde er wegen sexueller Nötigung verhaftet. Im Grunde wurde er beschuldigt, sich an einer Neunjährigen vergangen zu haben, die in der Nähe wohnte.“ „Und Cave verteidigte ihn?“ „Nicht offiziell. Aber direkt nach der Verhaftung nahm er eine neunmonatige Auszeit von seinem Job bei der Staatsanwaltschaft. Er war nicht Trembleys offizieller Verteidiger und sein Name taucht auch nirgendwo in den Akten auf, die bei Gericht eingereicht wurden.“ „Ich höre da ein Aber“, meinte Ray. „Du hörst richtig, mein Lieber“, verkündete Mag. „Aber steuerlich hat er als Beruf in diesem Zeitraum ‚Juristischer Berater‘ angegeben. Und ich habe Formulierungen in den Schriftsätzen in Trembleys Fall verglichen. Die Logik und einige der Formulierungen ähneln denen von Caves jüngeren Fällen ganz gewaltig. Ich denke, man kann davon ausgehen, dass er heimlich seinem Bruder geholfen hat. „Wie ist es gelaufen?“ wollte Ray wissen. „Ziemlich gut. Die Jury in Coy Trembleys Fall war sich nicht einig. Die Ankläger diskutierten gerade, ob man ihn erneut vor Gericht stellen sollte, als der Vater des Mädchens in seinem Apartment fünfmal auf ihn geschossen hat, einmal auch ins Gesicht. Er hat nicht überlebt.“ „Wow“, murmelte Ray. „Ja“, stimmte Keri zu. „Ungefähr zu dieser Zeit kündigte Cave seinen Job bei der Staatsanwaltschaft. Danach war er drei Monate lang verschwunden. Dann tauchte er plötzlich wieder auf mit einer neuen Kanzlei, die vorwiegend Firmen betreute. Er übernahm auch die Verteidigung in Wirtschaftskriminalitätsfällen und über die Jahre immer mehr pro-bono-Arbeit für Leute wie seinen Bruder.“ „Halt“, fragte Ray ungläubig nach. „Soll ich glauben, dass der Kerl Verteidiger wurde um das Andenken seines toten Bruders zu ehren, oder sowas, um die Rechte der moralisch Verkommenen zu verteidigen?“ Keri schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht, Ray“, sagte sie. „Cave hat über die Jahre fast überhaupt nicht über seinen Bruder gesprochen. Aber wenn doch, dann ist er dabei geblieben, dass er zu Unrecht beschuldigt worden ist. Er hat eisern daran festgehalten. Ich glaube, dass er seine Tätigkeit mit ehrbaren Intentionen begonnen hat.“ „Okay. Lasst uns also sagen, im Zweifel für den Angeklagten. Aber was ist dann mit ihm passiert?“ Mags übernahm. „Nun ja, es ist ziemlich klar, dass die Schuld seiner meisten pro-bono-Mandanten hochgradig fragwürdig war. Einige schienen einfach aus Gegenüberstellungen oder von der Straße abgegriffen worden zu sein. Manchmal hat er sie frei bekommen, normalerweise nicht. Währenddessen hielt er Reden auf Bürgerrechtskonferenzen – gute Reden übrigens, sehr leidenschaftlich. Es war sogar die Rede davon, dass er sich eines Tages zur Wahl aufstellen lassen würde.“ „Bis hierher hört sich das nach einer amerikanischen Erfolgsstory an“, meinte Ray. „Das war es“, stimmte Keri zu. „Bis ungefähr vor zehn Jahren. Da hat er den Fall eines Typen übernommen, der nicht ins Schema passte. Er war ein Serienkindesentführer, der das scheinbar professionell gemacht hat. Und er hat Cave reichlich entlohnt dafür, dass er ihn verteidigte.“ „Warum hat er plötzlich diesen Fall übernommen?“, fragte Ray. „Das ist nicht hundertprozentig klar“, sagte Keri. „Seine Arbeit für Firmenkunden hatte noch nicht so recht Momentum angenommen. Es könnte also eine finanzielle Begründung geben. Vielleicht hat er aber auch diesen Kerl nicht als so verwerflich angesehen wie andere. Die Anklage gegen ihn lautete auf Auftragskidnapping, nicht auf sexuellen Übergriff oder Nötigung. Der Typ entführte Kinder und verkaufte sie an den Höchstbietenden. Um das nett auszudrücken, ein Professioneller. Was auch immer die Gründe waren, Cave verteidigte den Kerl, hat einen Freispruch erwirkt, und damit nahm es seinen Anfang. Er fing an, ähnliche Mandanten zu verteidigen, wobei viele von ihnen weniger … professionell waren.“ „Ungefähr zur gleichen Zeit“, fügte Mags hinzu, „lief die Arbeit mit den Firmenkunden besser. Er verlegte sein Büro, das bis dahin ein Laden mit Schaufenster in Echo Park gewesen war, in das Hochhaus in der City, wo er jetzt noch ist. Und er hat es nie bereut.“ „Ich weiß nicht“, meinte Ray skeptisch. „Es ist schwer nachzuvollziehen, wie aus einem Bürgerrechtskämpfer, der für die am meisten Benachteiligten unserer Gesellschaft kämpft, ein gewissenloser juristischer Hai wurde, der Pädophile verteidigt und möglicherweise einen Kindersexsklavenring koordiniert. Ich komme mir vor, als ob wir irgendetwas übersehen haben.“ „Naja, du bist der Detective, Raymond“, meinte Mags bissig. „Dann bitte, ermittle.“ Ray öffnete den Mund, wollte gerade zurückschießen, als er merkte, dass er auf die Schippe genommen wurde. Alle drei lachten, froh, dass sich die Spannung entlud, die sich aufgebaut hatte. Kerri meldete sich wieder zu Wort. „Es muss etwas zu tun haben mit dem Serienkindesentführer, den er verteidigt hat. Da hat sich alles geändert. Wir sollten uns damit einmal näher befassen.“ „Was weißt du über ihn“? fragte Ray. „Sein Fall führt in eine Sackgasse“, sagte Mags frustriert. „Cave verteidigte ihn, hat seinen Freispruch erwirkt, und danach ist der Kerl verschwunden. Seitdem haben wir nichts über ihn herausfinden können.“ „Wie hieß der Mann?“, fragte Ray. „John Johnson“, antwortete Mags. „Das kommt mir bekannt vor“, murmelte Ray. „Wirklich?“, fragte Keri überrascht. „Denn über ihn ist fast nichts zu finden. Sieht aus, als sei es eine falsche Identität gewesen. Nach seinem Freispruch gibt es keinen Eintrag über seine Existenz. Er hat den Gerichtssaal verlassen und ist komplett verschwunden.“ „Trotzdem, der Name sagt mir etwas“, sagte Ray. „Ich glaube, das war, bevor du zur Polizei kamst. Hast du versucht, an ein Bild aus der Verbrecherkartei zu kommen?“ „Damit habe ich angefangen“, sagte Keri. „Es gibt vierundsiebzig John Johnsons in der Datenbank, deren erkennungsdienstliches Foto in dem Monat seiner Verhaftung aufgenommen wurde. Ich bin noch nicht dazu gekommen, sie mir alle anzusehen.“ „Darf ich mal einen Blick darauf werfen?“ „Nur zu“, sagte Keri, brachte die Fotos auf den Bildschirm und schob ihren Laptop zu ihm herüber. Ihr war klar, dass er an etwas dran war, wollte dies aber nicht laut sagen, für den Fall, dass er sich irrte. Während er die Fotos durchsah, sprach er gedankenverloren. „Ihr beide sagtet, er sei quasi weg , einfach verschwunden, richtig?“ „Ja“, sagte Keri, ihm im Auge behaltend, während ihr Atem sich beschleunigte. „Fast wie… ein Geist?“ fragte Ray. „Ja“, wiederholte sie sich. Er hörte auf zu scrollen, und starrte auf ein Foto auf dem Bildschirm, bevor er Keri ansah. „Ich glaube, das ist, weil er ein Geist ist; oder genauer gesagt ‚Der Geist‘“. Ray drehte den Laptop so, dass Keri das Foto sehen konnte. Sie starrte auf das Bild des Mannes, der Jackson Cave erstmals den dunklen Pfad hinuntergeführt hatte, und ein kalter Schauer lief ihr den Rücken hinunter. Sie kannte ihn. KAPITEL SECHS Keri versuchte, ihre Emotionen zu kontrollieren. Adrenalin raste durch ihren Körper und ihr gesamter Körper begann zu kribbeln. Sie erkannte den Mann, der sie von dem Foto aus anstarrte. Aber sie kannte ihn nicht als John Johnson. Als sie ihn kennengelernt hatte, war sein Name Thomas Anderson gewesen, aber alle nannten ihn nur ‚Der Geist‘. Sie hatten sich nur zweimal gesprochen, beide male im Twin Towers Gefängnis in der City von Los Angeles, wo er derzeit einsaß für Vergehen, ähnlich denen, von denen John Johnson freigesprochen worden war. „Wer ist es, Keri?“, fragte Mags, halb besorgt und halb genervt von der anhaltenden Stille. Keri merkte, dass sie das Foto die letzten paar Sekunden stumm angestarrt hatte. „Sorry“, entgegnete sie, wieder in die Gegenwart zurückkehrend. „Er heißt Thomas Anderson. Er sitzt ein für die Entführung und den Verkauf von Kindern, meist an Familien aus anderen Bundesstaaten, die nicht adoptieren durften. Ich kann kaum glauben, dass ich nicht gesehen habe, dass Johnson und Anderson die gleiche Person sein könnten.“ „Cave hat mit vielen Entführern zu tun, Keri“, sagte Ray. „Es gibt keinen Grund, dass du die Verbindung hättest erkennen sollen.“ „Woher kennst du ihn?“, fragte Mags. „Letztes Jahr bin ich über ihn gestolpert, als ich Akten von Entführern durchsah. Einmal dachte ich, er könnte Evie gekidnappt haben. Ich bin ins Twin Towers Gefängnis gefahren, um ihn zu befragen, und es hat sich schnell abgezeichnet, dass er nicht der Richtige war. Von ihm erhielt ich einige Hinweise, durch die ich ultimativ den Sammler aufspürte. Und wenn ich jetzt darüber nachdenke, war er der erste, der mir gegenüber Jackson Cave erwähnte – er sagte, Cave sei sein Anwalt.“ „Vorher hattest du noch nie von Cave gehört?“, fragte Mags. „Doch, ich hatte von ihm gehört. Bei den Polizisten der Abteilung für Vermisste Personen ist er berüchtigt. Aber bis Anderson mich auf ihn aufmerksam machte, hatte ich noch nie einen seiner Klienten getroffen oder hätte Grund gehabt, ihn als irgendetwas anderes als einen Drecksack zu sehen. Bis ich Anderson getroffen habe, hatte ich Jackson Cave nicht auf dem Zettel.“ „Und glaubst du, das ist Zufall?“, fragte Mags. „Bei Anderson kann man sich nicht sicher sein, ob irgendetwas ein Zufall ist. Ist es nicht merkwürdig, dass er als John Johnson davonkommt, dann aber unter seinem eigenen Namen verhaftet wird für die gleiche Art Entführung. Warum hat er keine falsche Identität benutzt? Ich meine, der Typ war über dreißig Jahre Bibliothekar. Er hat sich sein Leben ruiniert, indem er seinen echten Namen benutzt hat.“ „Vielleicht dachte er, Cave könne ihn ein zweites mal raushauen?“, schlug Ray vor. „Aber die Sache ist die“, sagte Keri. „Obwohl technisch gesehen Cave sein Verteidiger bei seinem letzten Verfahren war, bei dem er verurteilt wurde, hat sich Anderson selbst verteidigt. Und angeblich war er großartig. Es heißt, wäre der Fall nicht so wasserdicht gewesen, wäre er freigesprochen worden.“ „Wenn dieser Kerl so ein Genie gewesen ist“, konterte Mags, „warum sprach die Sachlage überhaupt so sehr gegen ihn?“ „Das gleiche habe ich ihn auch gefragt“, antwortete Keri. „Und er stimmte zu, dass es merkwürdig war, dass jemand so cleveres und sorgfältiges wie er sich hat überführen lassen. Er hat es nicht direkt gesagt, aber er deutete an, dass er geschnappt werden wollte.“ „Aber warum, in aller Welt?“, fragte Mags „Das ist eine exzellente Frage, Margaret“, sagte Keri und schloss ihren Laptop. „Und es ist eine, die ich jetzt vorhabe mit Mr. Anderson zu besprechen.“ * Keri parkte ihren Wagen in dem riesigen Gebäude gegenüber der Twin Towers und ging zu den Fahrstühlen. Wenn sie manchmal tagsüber dorthin musste, war dort so viel los, dass sie ganz bis in die nicht überdachte zehnte Etage fahren musste, um einen Parkplatz zu finden. Aber es war nicht einmal 20 Uhr und sie fand in der zweiten Etage einen Parkplatz. Sie rief sich noch einmal ihren Plan ins Gedächtnis, als sie die Straße überquerte. Technisch gesehen, auf Grund ihrer Freistellung und der internen Ermittlungen, hatte sie nicht die Autorität, sich mit einem Gefangenen in einem Vernehmungsraum zu treffen. Aber das war noch nicht überall bekannt. Sie hoffte, dass sie durchkam, weil sie die Angestellten des Gefängnisses kannte. Ray hatte angeboten mitzukommen, um die Sache zu erleichtern. Aber sie machte sich Sorgen, dass das Fragen nach sich ziehen würde, die ihm unter Umständen Probleme bereiten könnten. Selbst wenn alles glatt ginge, hätte er vielleicht bei der Vernehmung von Anderson dabei sein müssen. Keri wusste, dass sich der Typ unter diesen Umständen bedeckt halten würde. Wie sich herausstellte, hätte sie sich keine Gedanken machen müssen. „Wie geht’s, Detective Locke?“, fragt Security Officer Beamon, als sie auf den Metalldetektor in der Lobby zuging. „Ich bin überrascht, Sie hier so zu sehen, nach Ihrem Zusammentreffen mit diesem Psycho diese Woche.“ „Oh, ja“, stimmte Keri zu. Sie hatte sich entschieden, ihre Konfrontation zu ihren Gunsten auszunutzen, „ich auch, Freddie. Sieht aus, als ob ich einen Boxkampf hinter mir habe, nicht? Bis ich wieder ganz fit bin, bin ich eigentlich noch offiziell beurlaubt. Aber ich konnte nicht länger in meinem Apartment sitzen, deshalb dachte ich, ich kümmere mich um einen alten Fall. Das hier ist inoffiziell, deshalb habe ich nicht einmal meine Waffe und meine Polizeimarke bei mir. Ist es trotzdem in Ordnung, dass ich jemanden vernehme, obwohl ich noch krankgeschrieben bin?“ „Natürlich, Detective. Ich wünschte nur, Sie würden es etwas langsamer angehen. Aber ich weiß, das werden Sie nicht. Holen Sie sich ihren Besucherausweis und gehen Sie auf die Vernehmungsetage. Sie wissen ja, wie es läuft.“ Keri wusste, wie es lief, und fünfzehn Minuten später saß sie in einem Vernehmungsraum und wartete auf das Erscheinen des Gefangenen Nummer 2427609, oder auch Thomas ‚Der Geist‘ Anderson. Der Security Officer hatte sie vorgewarnt, dass bald Licht Aus sein würde und es daher etwas länger dauern könnte, ihn zu holen. Während sie wartete, versuchte sie, cool zu bleiben, aber sie wusste, dass sie verloren hatte. Anderson versuchte immer ihr unter die Haut zu gehen, als ziehe er ihr die Kopfhaut ab, um ihr Gehirn freizulegen und ihre Gedanken zu lesen. Oft hatte sie schon das Gefühl gehabt, als sei sie ein Kätzchen und er halte eine Laserlampe, mit deren Punkt er sie in alle Richtungen jagte, wie es ihm gerade gefiel. Und trotzdem, es waren seine Informationen gewesen, die sie näher daran gebracht hatte, Evie zu finden, als alles andere zuvor. War das so beabsichtigt oder reines Glück? Er hatte niemals angedeutet, dass ihre Treffen etwas anderes seinen als Zufall. Aber warum sollte er auch, wenn er ihr soweit voraus war. Die Tür öffnete sich und er kam herein, immer noch so aussehend, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Anderson, Mitte fünfzig, war eher klein, circa 173 Zentimeter und mit guter Figur, der man ansah, dass er das Fitnessstudio des Gefängnisses nutzte. Die Handschellen an seinen muskulösen Unterarmen sahen eng aus. Er sah schmaler aus als sie ihn in Erinnerung hatte, als habe er einige Mahlzeiten ausfallen lassen. Sein volles Haar war ordentlich gescheitelt, aber es überraschte sie, dass es nicht mehr so tief schwarz war, wie sie es in Erinnerung hatte. Das Schwarz war mit Weiß durchsetzt. Unter seiner Gefängniskleidung schauten Teile seiner Tätowierungen hervor, die die rechte Seite seines Körpers bis hinauf zum Hals zierten. Seine linke Seite war noch immer makellos. Seine grauen Augen ruhten auf ihr, als er zu dem Metallstuhl auf der anderen Seite des Tisches geführt wurde. Sie wusste, dass er sie beobachtete, sie abschätzte, Maß nahm, um soviel wie möglich über ihre Situation zu erfahren, bevor sie etwas sagte. Als er sich setzte, nahm der Wachmann seine Position bei der Tür ein. „Wir kommen allein klar, Officer… Kiley“, sagte Keri, und kniff ihre Augen zusammen, um sein Namensschild lesen zu können. „Normale Prozedur, Ma‘am“, sagte der Beamte schroff. Sie schaute zu ihm hinüber. Er war neu … und jung. Sie bezweifelte, dass er sich schmieren ließ, aber sie konnte es sich nicht leisten, dass irgendjemand – ob korrupt oder sauber – die Unterhaltung mithörte. Anderson lächelte sie ein wenig an; er wusste, was kam. Dies würde wahrscheinlich unterhaltsam für ihn sein. Sie stand auf und starrte den Wachmann an, bis er ihren Blick bemerkte und zu ihr herüber schaute. „Zuerst einmal heißt es nicht Ma’am. Es heißt Detective Locke. Und zweitens interessiert mich eure Prozedur einen Scheiß. Ich will mit diesem Insassen vertraulich sprechen. Wenn Sie dem nicht nachkommen können, dann muss ich mit Ihnen vertraulich sprechen und es wird keine angenehme Unterhaltung werden.“ „Aber…“, stotterte Kiley, während er von einen Fuß auf den anderen trat. „Aber gar nichts, Officer. Sie haben hier zwei Möglichkeiten. Sie lassen mich mit diesem Insassen allein sprechen, oder wir beide werden unser Gespräch haben. Wofür entscheiden Sie sich?“ „Vielleicht sollte ich meinen Vorgesetzen ho-“. „Diese Möglichkeit steht nicht auf der Liste, Officer. Wissen Sie was? Ich werde die Entscheidung für Sie treffen. Lassen Sie uns nach draußen gehen, damit wir uns mal in Ruhe unterhalten können. Man hätte denken können, mein Bestreben, einem religiösen, pädophilen Fanatiker das Handwerk zu legen, würde mir für den Rest der Woche das Recht geben, hier zu sein, aber wie es scheint, muss ich jetzt auch noch einen Gefängnis-Officer instruieren. „ Sie griff nach der Türklinke und wollte sie gerade herunterdrücken, als Officer Kiley seine Nerven verlor. Sie war beeindruckt, wie lange er sich gehalten hatte. „Vergessen Sie’s, Detective“, sagte er eilig. „Ich warte draußen. Aber bitte seien Sie vorsichtig. Dieser Gefangene ist schon mehrfach gewalttätig geworden.“ „Natürlich“, sagte Keri mit honigsüßer Stimme. „Danke für Ihr Entgegenkommen. Ich versuche, es kurz zu machen.“ Als er vor die Tür trat und Keri zu ihrem Stuhl zurückkehrte, war sie von einer Selbstsicherheit und einer Energie erfüllt, die ihr vor nur dreißig Sekunden noch gefehlt hatten. „Das hat Spaß gemacht“, sagte Anderson sanft. „Da bin ich mir sicher“, entgegnete Keri. „Sie können darauf wetten, dass ich im Austausch für eine solch qualitativ hochwertige Unterhaltung wertvolle Informationen von Ihnen erwarte.“ „Detective Locke“, sagte Anderson mit gespielter Entrüstung, „Sie beleidigen meine delikaten Empfindungen. Seit Monaten haben wir uns nicht mehr gesehen, und doch ist das erste, das Sie tun, Informationen von mir zu verlangen? Kein ‚Hallo‘? Kein ‚Wie geht es Ihnen‘?“ „Hallo“, sagte Keri. „Ich würde fragen, wie es Ihnen geht, aber es ist offensichtlich, dass es Ihnen nicht besonders gut geht. Sie haben abgenommen. Ihr Haar ist grau geworden. Die Haut um Ihre Augen ist schlaff. Sind Sie krank? Oder belastet etwas Ihr Gewissen?“ „Beides“, gab er zu. „Sehen Sie, die Jungs hier drinnen haben mich in letzter Zeit nicht gerade mit Samthandschuhen angefasst. Ich gehöre nicht mehr der beliebten Gruppe an. Daher wird sich mein Essen gelegentlich ‚ausgeliehen‘. Ich habe außerdem einen Hauch von Krebs.“ „Das wusste ich nicht“, sagte Keri ehrlich betroffen. All die körperlichen Anzeichen des Verfalls machten jetzt mehr Sinn. „Woher auch?“, fragte er. „Ich bin damit nicht hausieren gegangen. Vielleicht hätte ich es Ihnen bei meiner Bewährungsanhörung letzten November gesagt, aber Sie waren nicht da. Es hat übrigens nicht geklappt. Nicht Ihr Fehler. Ihr Brief war übrigens sehr nett, vielen Dank.“ Nachdem Anderson ihr geholfen hatte, hatte Keri in seinem Namen einen Brief aufgesetzt. Darin hatte sie ihn nicht verteidigt, jedoch die Art und Weise, wie er der Polizei geholfen hatte, zu seinen Gunsten dargelegt. „Ich nehme an, Sie waren nicht überrascht, dass Sie nicht auf Bewährung freikommen?“ „Nein“, sagte er, „aber es ist schwer, sich nicht doch Hoffnung zu machen. Es war meine letzte, echte Chance, hier herauszukommen, bevor die Krankheit mich niederstreckt. Ich habe von Spaziergängen am Strand von Zihuatanejo geträumt. Naja, es hat nicht sein sollen. Aber genug des Smalltalks, Detective. Lassen Sie sich uns damit befassen, weshalb Sie wirklich hier sind. Und bedenken Sie, dass die Wände Ohren haben.“ „Okay“, sagte sie, lehnte sich nach vorne und flüsterte, „wissen Sie über morgen Abend Bescheid?“ Anderson nickte. Keri fühlte, wie die Hoffnung in ihr aufstieg. „Wissen Sie, wo es stattfindet?“ Er schüttelte seinen Kopf. „Mit dem Wo kann ich Ihnen nicht helfen“, flüsterte er zurück. „Aber vielleicht mit dem Warum.“ „Was sollte mir das bringen?“ wollte sie mit bitterer Stimme wissen. „Zu wissen warum könnte helfen, das Wo herauszukriegen.“ „Lassen Sie mich die Frage anders stellen“, sagte sie, wohlwissend, dass ihre Wut gerade die Oberhand gewann, ohne dies ändern zu können. „In Ordnung.“ „Wieso helfen Sie mir überhaupt?“ fragte sie. „Haben Sie mich die ganze Zeit, seit wir uns kennen, gelenkt?“ „Ich kann Ihnen folgendes sagen, Detective. Sie wissen, womit ich mein Geld verdient habe. Sie wissen, dass ich den Klau von Kindern aus ihren Familien koordiniert habe, um sie anderen Familien zuzuführen, oft gegen eine sehr hohe Gebühr. Dies konnte ich aus der Entfernung tun, benutzte einen falschen Namen und konnte ein glückliches, unkompliziertes Leben führen. „Als John Johnson?“ „Nein, mein glückliches Leben führte ich als Thomas Anderson. Mein Deckname war John Johnson, der Entführungsexperte. Als ich geschnappt wurde, habe ich mich an jemanden gewandt, den wir beide kennen, um sicherzustellen, dass John Johnson entlastet wurde und niemals eine Verbindung zu Thomas Anderson hergestellt werden konnte. Das war vor fast zehn Jahren. Unser Freund hat abgelehnt. Er sagte, er repräsentiere nur diejenigen, die vom System unfair behandelt wurden und dass ich – und es ist witzig, wenn man jetzt darüber nachdenkt – ein Krebsgeschwür jenes Systems sei.“ „Das ist witzig“, sagte Keri ohne zu lachen. „Aber Sie wissen ja, dass ich überzeugend sein kann. Ich überzeugte ihn davon, dass ich Kinder aus reichen Familien, die diese Kinder nicht verdient hatten, entführte und sie Familien zuführte, denen weniger Mittel zur Verfügung standen. Dann bot ich ihm eine immense Summe an, um einen Freispruch zu erwirken. Ich glaube, er wusste, dass ich log. Denn wie hätten diese ärmeren Familien mich bezahlen sollen? Und waren die Eltern, die ihre Kinder verloren, wirklich alle so schrecklich? Unser Freund ist sehr smart. Er musste es wissen. Aber ich gab ihm etwas, an dem er sich festhalten konnte, damit er sich etwas vormachen konnte, als er die sechsstellige Summe in bar von mir annahm.“ „Sechsstellig?“, wiederholte Keri ungläubig. „Wie ich schon sagte, es ist ein sehr lukratives Geschäft. Und das war erst die erste Zahlung. Über den Zeitraum des Prozesses hinweg habe ich ihm ungefähr eine halbe Million Dollar gezahlt. Damit war er ein gemachter Mann. Nachdem ich freigesprochen wurde und anfing, unter meinem eigenen Namen zu arbeiten, half er mir sogar mit den Zuführungen von Kindern an ‚würdigere‘ Familien. Sofern er einen Weg fand, die Transaktionen zu rechtfertigen, fühlte er sich wohl damit, er war regelrecht enthusiastisch.“ „Dann hat er also durch Sie zum ersten Mal die ‚verbotenen Früchte‘ probiert?“ „Ja. Und er fand Gefallen an dem Geschmack. Tatsächlich bemerkte er, dass er an vielem Geschmack fand, von dem er nicht wusste, dass er es mögen würde.“ „Was genau heißt das?“, fragte Keri. „Sagen wir einfach, irgendwann verlor sich sein Bedürfnis, die Transaktionen zu rechtfertigen. Das Event morgen Abend?“ „Ja?“ „Das war er seine Idee“, sagte Anderson. „Allerdings nimmt er nicht teil. Aber er stellte fest, dass es für solche Events und kleinere, ähnliche Festivitäten das ganze Jahr über einen Markt gibt. Er füllte eine Marktlücke. Er kontrolliert im Wesentlichen das obere Segment dieses Marktes in Los Angeles. Und man stelle sich vor, bevor er mich traf , arbeitete er aus einem ein-Zimmer-Büro heraus, das neben einem Donut-Laden lag, und verteidigte illegale Einwanderer, die von Polizisten, die nur ihre Quote erfüllen wollten und deshalb wahllos sexueller Vergehen beschuldigt wurden.“ „Sie haben also ein Gewissen entwickelt?“ presste Keri zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Sie war angewidert, doch sie brauchte Antworten und befürchtete, dass Anderson zumachen würde, wenn sie dies allzu offen zeigte. Er schien zu spüren, was in ihr vorging, sprach aber dennoch weiter. „Zu dem Zeitpunkt noch nicht. Das hat es nicht bewirkt bei mir. Das passierte erst viel später. Etwa vor anderthalb Jahren sah ich in den Lokalnachrichten die Geschichte einer Polizistin und ihres Partners, die ein kleines Mädchen gerettet hatten, das vom Freund des Babysitters gekidnappt worden war; ein widerlicher Kerl.“ „Carlo Junta“, sagte Keri automatisch. „Richtig. Jedenfalls erwähnten sie in der Story, dass diese Frau wenige Jahre zuvor an der Polizeiakademie gewesen war. Und sie zeigten den Clip eines Interviews mit ihr, nachdem sie die Akademie abgeschlossen hatte. Sie sagte, sie sei zur Polizei gegangen, weil man ihre Tochter entführt hatte. Sie sagte, obwohl sie ihre Tochter nicht hatte retten können, könne sie als Polizistin vielleicht die Töchter anderer Familien retten. Kommt Ihnen das bekannt vor?“ „Ja“, sagte Keri leise. „Also“, fuhr Anderson fort, „weil ich in einer Bibliothek arbeitete und somit Zugang zu allerlei altem Filmmaterial hatte, suchte ich die Story heraus, die lief, als das Kind dieser Frau entführt worden war, und von der anschließenden Pressekonferenz, in der sie flehte, ihre Tochter möge unversehrt zu ihr zurückkommen.“ Sie dachte zurück an die Pressekonferenz, die Erinnerung daran größtenteils verschwommen. Sie erinnerte sich daran, in ein Duzend Mikrophone, die ihr vors Gesicht gehalten wurden, gesprochen zu haben; wie sie den Mann, der sich ihre Tochter mitten im Park gegriffen und sie wie eine Puppe in seinen Kofferraum geschmissen hatte, angefleht hatte, ihre Tochter heil zurückzubringen. Sie erinnerte sich an den Schrei „Bitte, Mami, hilf mir“ und wie die blonden auf und ab hüpfenden Zöpfe sich immer weiter entfernten, als die achtjährige Evie über die grüne Wiese verschwand. Sie erinnerte sich noch an die Kieselsteine, die während der Pressekonferenz noch in ihren Fußsohlen steckten, weil sie barfuß über den Parkplatz gesprintet war und dem Van hinterher gejagt war, bis er sie hinter sich gelassen hatte. Sie erinnerte sich an alles. Anderson hatte aufgehört zu sprechen. Sie sah ihn an und erkannte, dass Tränen in seinen Augen standen, genau wie in ihren. Er fuhr fort. „Dann sah ich ein paar Monate später eine andere Story, da hatte diese Polizistin ein anderes Kind gerettet, diesmal einen Jungen, der abgegriffen wurde, als er auf dem Weg zum Baseball-Training war.“ „Jimmy Tensall.“ „Und im Monat drauf fand sie ein Baby, ein Mädchen, direkt aus dem Einkaufswagen geklaut. Die Frau, die sie entführte, hatte eine falsche Geburtsurkunde anfertigen lassen und plante, mit dem Baby nach Peru zu fliegen. Sie haben sie am Gate geschnappt, als sie gerade ins Flugzeug steigen wollte.“ „Ich erinnere mich“. „Da habe ich mich entschieden, dass ich so nicht weitermachen kann. Seitdem erinnerte mich jede Entführung an diese Pressekonferenz, in der Sie um die Wiederkehr ihrer Tochter gefleht haben. Ich konnte es nicht mehr auf Armeslänge halten. Ich bin weich geworden, denke ich mal. Und genau dann machte unser Freund einen Fehler.“ „Und zwar?“, fragte Keri und empfand ein Kribbeln, das nur auftauchte, wenn sie spürte, gleich etwas Großes aufzudecken. Anderson blickte sie an und Keri konnte sehen, dass er mit einer großen, inneren Entscheidung rang. Dann glätteten sich seine Brauen und sein Gesicht wurde offener. Er schien sich entschieden zu haben. „Vertrauen Sie mir?“, fragte er leise. „Was ist denn das für eine Art Frage? Nie im L—”. Doch bevor sie den Satz beenden konnte, hatte er sich schon vom Tisch, der die beiden trennte, abgestoßen, schlang seine Handschellen, die seine Handgelenke fesselten, um ihren Hals und riss sie zu Boden, während er sie in eine Ecke des Vernehmungsraumes warf. Als Officer Kiley hereinstürmte, benutzte Anderson ihren Körper als Schild, indem er sie vor sich hielt. Sie spürte einen scharfen Stich am Hals und blickte hinunter, um zu sehen, was es war. Es sah aus wie ein angespitzter Zahnbürstengriff. Und er war an ihre Halsschlagader gepresst. KAPITEL SIEBEN Keri war total überrumpelt worden. Einen Moment zuvor standen Anderson die Tränen in den Augen beim Gedanken an ihre vermisste Tochter. Jetzt hielt er ihr ein messerscharfes Plastikteil an den Hals. Ihr erster Reflex war sich zu bewegen, um seinen Griff zu lockern. Aber sie wusste, das würde nicht funktionieren. Niemals könnte sie etwas gegen ihn ausrichten, bevor es ihm gelingen würde, die Stichwaffe aus Plastik in ihre Vene zu rammen. Außerdem, hier stimmte etwas nicht. Anderson hatte ihr nie das Gefühl vermittelt, ihr Böses zu wollen. Er schien sie sogar zu mögen. Er schien ihr helfen zu wollen. Und falls er wirklich Krebs hatte, war dies sowieso umsonst. Er hatte selbst gesagt, dass er bald tot sein würde. Ist dies seine Art, dem Schmerz zu entgehen, seiner Version von Selbstmord durch einen Polizisten? „Fallenlassen!“, schrie Officer Kiley, seine Waffe in ihre Richtung zielend. „Lassen Sie Ihre Waffe fallen, Kiley“, sagte Anderson überraschend ruhig. „Sie werden aus Versehen die Geisel erschießen, und Ihre Karriere ist vorbei, bevor sie überhaupt angefangen hat. Halten Sie sich an die Richtlinien. Benachrichtigen Sie Ihren Vorgesetzten. Holen Sie einen Verhandlungsführer. Das sollte nicht lange dauern. Es ist immer einer auf Stand-By. Einer kann bestimmt innerhalb von zehn Minuten hier in diesem Raum sein.“ Kiley stand dort, unsicher, wie er sich verhalten sollte. Seine Augen blickten zwischen Anderson und Keri hin und her. Seine Hände zitterten. „Er hat recht, Officer Kiley“, sagte Keri und versuchte dabei, den beruhigenden Ton Andersons zu treffen. „Folgen Sie einfach der Standardprozedur und all dies hier wird gut laufen. Der Gefangene kann nicht weglaufen. Verlassen Sie den Raum und stellen Sie sicher, dass die Tür verschlossen ist. Tätigen Sie Ihre Anrufe. Ich bin okay. Mr. Anderson wird mir nichts tun. Er will ohne Zweifel verhandeln. Also müssen Sie jemanden holen, der befugt ist, dies zu tun, okay?“ Kiley nickte, seine Füße blieben, wo sie waren. „Officer Kiley“, sagte Keri, diesmal mit festerer Stimme, „gehen Sie und benachrichtigen Sie Ihren Vorgesetzten. Jetzt!“ Das schien zu Kiley durchzudringen. Rückwärts verließ er den Raum, machte die Tür zu, schloss sie ab und griff zum Telefon an der Wand, wobei er sie nicht aus den Augen ließ. „Wir haben nicht viel Zeit“, flüsterte Anderson Keri ins Ohr, als er den Griff, der die Plastikwaffe gegen ihren Hals drückte, ein wenig lockerte. „Es tut mir leid, aber es gab keinen anderen Weg, um mit Ihnen komplett vertraulich zu sprechen.“ „Wirklich?“, flüsterte Keri zurück, halb wütend, halb erleichtert. „Cave hat seine Leute überall, hier drinnen wie auch draußen. Hiernach bin ich erledigt. Ich werde die Nacht nicht überstehen. Ich werde vielleicht nicht einmal die nächste Stunde überstehen. Aber ich mache mir mehr Sorgen um Sie. Wenn er glaubt, dass Sie alles wissen, was ich weiß, lässt er Sie vielleicht einfach eliminieren, ungeachtet der Konsequenzen.“ „Also, was wissen Sie?“, fragte Keri. „Ich habe Ihnen erzählt, dass Cave einen Fehler gemacht hat. Er kam zu mir und sagte, er mache sich Ihretwegen Sorgen. Er hatte einige Nachforschungen angestellt und herausgefunden, dass einer seiner Leute Ihre Tochter entführt hatte. Wie Sie herausfanden, war es Brian Wickwire – der Sammler. Cave hatte es nicht angeordnet und wusste auch nichts davon. Wickwire hat oft allein gearbeitet und Cave hat vermittelt, dass die Mädchen von A nach B gebracht wurden. Das hat er auch mit Evie getan und keinen weiteren Gedanken daran verschwendet.“ „Also hatte er nicht sie speziell ins Visier genommen?“, fragte Keri. Sie hatte sich dies schon gedacht, wollte aber sicher sein. „Nein. Sie war nur eine süße Blondine, für die Wickwire meinte, einen guten Preis erzielen zu können. Aber als Sie anfingen, Mädchen zu retten und Schlagzeilen zu machen, ging Cave seine Unterlagen durch und stellte fest, dass er durch Wickwire mit ihrer Entführung verbunden war. Er machte sich Sorgen, dass Sie sich zu ihm vorarbeiten würden und bat mich, ihm zu helfen, Evie gut zu verstecken und ihn aus der Sache herauszuhalten. Er wollte nichts damit zu tun haben.“ „Er hat seine Spuren verwischt, noch bevor ich ihn verdächtigte, involviert zu sein?“, fragte Keri, über Caves Voraussicht staunend. „Er ist ein schlauer Kerl“, stimmte Anderson zu. „Was er allerdings nicht bemerkt hat war, dass er genau die falsche Person um Hilfe gebeten hat. Das hat er nicht ahnen können. Schließlich war ich derjenige, der ihn überhaupt erst korrumpiert hat. Aber ich habe mich entschieden, Ihnen zu helfen. Ich habe es natürlich auf eine Art und Weise getan, die mich schützen würde.“ Genau dann öffnete Kiley die Tür einen Spalt. „Der Verhandlungsführer ist auf dem Weg“, sagte er mit zitternder Stimme. „Er wird in fünf Minuten hier sein. Bleiben Sie ruhig, Anderson. Machen Sie keine Dummheiten.“ „Bringen Sie mich nicht dazu, Dummheiten zu machen“, brüllte Anderson ihn an, wobei er die Zahnbürste wieder an Keris Hals legte und versehentlich in ihre Haut stach. Schnell schloss Kiley wieder die Tür. „Autsch“, sagte Keri. „Ich glaube, ich blute.“ „Tut mir leid“, sagte er überraschend verlegen. „Es ist schwer zu manövrieren, wenn man so ausgestreckt auf dem Boden liegt.“ „Halten Sie einfach den Ball ein bisschen flacher, okay?“ „Ich werde es versuchen. Hier läuft einfach gerade viel ab, wissen Sie? Jedenfalls, ich habe mit Wickwire gesprochen und ihm gesagt, Evie irgendwo in L.A. zu verstecken, wo man sich gut um sie kümmern würde, für den Fall, dass wir sie später noch bräuchten. Ich wollte sichergehen, dass sie nicht die Stadt verlässt. Ich wollte nicht, dass sie… mehr erdulden muss als sowieso schon.“ Keri erwiderte nichts, aber beide wussten, dass er den Horror, den ihre Tochter in den vergangenen Jahren hatte erdulden müssen, nicht mehr ändern konnte. Schnell fuhr Anderson fort, da er sich offensichtlich nicht länger mit dem Gedanken befassen wollte als sie. „Ich weiß nicht, was er mit ihr gemacht hat, aber wie sich herausstellte, hat er sie bei dem älteren Typen untergebracht. Der, von dem Sie später herausbekommen hatten, dass sie bei ihm war.“ „Wenn Sie sich entschlossen hatten, mir zu helfen, warum haben Sie nicht einfach ihren Aufenthaltsort herausgefunden und sie selbst zurückgeholt?“ „Aus zwei Gründen“, sagte Anderson. „Erstens, Wickwire hätte mir ihren Aufenthaltsort nicht verraten. Dies waren wertvolle Informationen, die er sehr bewachte. Zweitens, und hierauf bin ich nicht stolz, wusste ich, dass ich verhaftet würde, wenn ich Ihnen Ihre Tochter wiedergebracht hätte.“ „Aber Sie haben sich doch einige Monate später freiwillig für Entführungen verhaften lassen“, protestierte Keri. „Das war danach, als ich einsah, dass ich drastische Maßnahmen ergreifen musste. Ich wusste, dass Sie irgendwann über Kindesentführer nachforschen und so zu mir gelangen würden. Und ich wusste, dass ich Sie auf die richtige Spur setzen konnte, ohne dass Cave mich verdächtigen würde. Was die Verhaftung angeht, das ist richtig, dass es beabsichtigt war. Aber Sie werden sich erinnern, dass ich mich vor Gericht selbst verteidigt habe. Und wenn Sie sich die Dokumente bei Gericht genauer ansehen, werden Sie feststellen, dass sowohl dem Staatsanwalt als auch dem Richter etliche Fehler unterlaufen sind; Fehler, für die ich die Köder ausgelegt hatte, die dazu führen würden, dass meine Verurteilung fast zweifellos aufgehoben würde. Ich habe nur auf den richtigen Zeitpunkt gewartet, um in die Berufung zu gehen. Das ist jetzt natürlich alles fraglich.“ Keri blickte auf und sah einen Tumult vor dem Fenster des Raumes. Sie sah mehrere Beamte, von denen mindestens einer bewaffnet war, am Fenster vorübergehen. Es war ein Scharfschütze. „Ich will nicht herzlos erscheinen, aber wir müssen zum Ende kommen“, sagte sie. „Man weiß nie, ob nicht jemand dort draußen einen nervösen Finger hat, oder ob Cave einen seiner Untergebenen beauftragt hat, Sie vorsichtshalber zu eliminieren.“ „Das ist wohl war, Detective“, stimmte Anderson zu. „Hier sitze ich und quatsche über meine moralische Konvertierung, während Sie wissen wollen, wie Sie Ihre Tochter wiederbekommen. Habe ich Recht?“ „Haben Sie. Also sagen Sie es mir. Wie bekomme ich sie wieder?“ „Ehrlich gesagt weiß ich das nicht. Ich weiß nicht, wo sie ist. Ich glaube nicht, dass Cave weiß, wo sie ist. Er mag vielleicht den Ort des Vista Events morgen Abend kennen, aber er wird auf keinen Fall dort sein. Also hat es auch keinen Sinn, ihn beschatten zu lassen.“ „Also, was Sie sagen ist, dass ich keine Hoffnung habe, sie wiederzubekommen?“ verlangte Keri ungläubig Habe ich all dies erduldet für diese Antwort? „Wahrscheinlich nicht, Detective“, gab er zu. „Aber vielleicht können Sie ihn dazu bewegen, sie Ihnen wiederzugeben.“ „Wie meinen Sie das?“ „Cave hat Sie immer als Störfaktor, als Hindernis gesehen, das ihm bei seinem Business im Weg steht. Aber das hat sich im letzten Jahr geändert. Er ist besessen von Ihnen. Nicht, dass er denkt, Sie sind nur darauf aus, sein Business zu zerstören. Er glaubt, dass Sie ihn persönlich zerstören wollen. Und weil er in dieser verdrehten Realität meint, der Gute zu sein, denkt er, Sie sind die Böse.“ „Er meint, ich bin die Böse?“, wiederholte Keri ungläubig. „Ja. Sie müssen bedenken, er manipuliert seine Moral, wie es ihm passt, damit er funktionieren kann. Wenn er denken würde, Böses zu tun könnte er nicht mit sich leben. Aber er hat Wege gefunden, selbst die schlimmsten Verbrechen zu rechtfertigen. Einmal sagte er zu mir, dass ohne ihn die Mädchen in diesen Sexsklavenringen auf der Straße verhungern würden.“ „Er ist verrückt geworden“, sagte Keri. „Er tut alles dafür, sich morgens noch im Spiegel anzugucken zu können, Detective. Und inzwischen gehört dazu zu glauben, dass Sie auf einer Hexenjagd sind. Für ihn sind Sie der Feind. Er sieht Sie als seinen Untergang. Und das macht ihn sehr gefährlich. Denn ich bin nicht sicher, bis wohin er zu gehen bereit ist, um Sie aufzuhalten.“ „Wie kann ihn dann jemanden wie ihn dazu bewegen, mir Evie zurückzugeben?“ „Wenn Sie zu ihm gehen und ihn davon überzeugen, dass Sie nicht hinter ihm her sind, dass Sie nur Ihre Tochter wollen, vielleicht gibt er dann nach. Wenn Sie ihn dazu bringen können zu glauben, dass Sie ihn ein- für allemal vergessen, sobald Sie ihre Tochter sicher in Ihren Armen halten, vielleicht sogar die Polizei verlassen, vielleicht legt er dann die Waffen nieder. Im Moment glaubt er, Sie wollen ihn vernichten. Aber wenn man ihn glauben machen kann, dass Sie nicht ihn wollen, sondern sie, dann gibt es vielleicht eine Chance.“ „Glauben Sie, das könnte wirklich funktionieren?“, fragte Keri und konnte die Skepsis in ihrer Stimme nur schwer verbergen. „Ich sage einfach ‚Geben Sie mir meine Tochter zurück und ich lasse Sie für immer in Ruhe‘, und er steigt darauf ein?“ „Ich weiß nicht, ob es funktionieren wird. Aber ich weiß, dass Sie keine andere Option haben. Und Sie haben nichts zu verlieren, wenn Sie es versuchen.“ Keri dachte darüber nach, als es an der Tür klopfte. „Der Verhandlungsführer ist da“, rief Kiley. „Er kommt jetzt den Flur runter.“ „Warten Sie!“ rief Anderson. „Sagen Sie, er soll zurückbleiben. Ich sage, wann er hereinkommen kann.“ „Ich gebe es weiter“, sagte Kiley, wobei seine Stimme annehmen ließ, als wolle er die Kommunikation schnellstmöglich abgeben. „Eins noch“, flüsterte Anderson in ihr Ohr, noch leiser als vorher, wenn dies überhaupt möglich war. „Sie haben einen Maulwurf in der Abteilung.“ „Was? In der L.A. Division?“, fragte Keri fassungslos. „In der Abteilung für Vermisste Personen. Ich weiß nicht, wer es ist. Aber irgendjemand versorgt die andere Seite mit Informationen. Also seien Sie vorsichtig. Mehr als gewöhnlich, meine ich.“ Eine neue Stimme rief von der anderen Seite der Tür. „Mr. Anderson, hier ist Cal Brubaker. Ich bin der Verhandlungsführer. Darf ich hereinkommen?“ „Sekunde, Cal“, rief Anderson. Dann beugte er sich noch dichter zu Keri. „Ich habe das Gefühl, dies ist unsere letzte Unterhaltung, Keri. Ich glaube, Sie sind eine sehr beeindruckende Person. Ich hoffe, Sie finden Evie. Das tue ich wirklich. Kommen Sie herein, Cal.“ Als die Tür sich öffnete, legte er die Zahnbürste wieder an ihren Hals, ohne dabei jedoch ihre Haut zu berühren. Ein Mann glitt in den Raum, Mitte bis Ende Vierzig, mit einem Schopf grauer Haare und einer schmalen, runden Brille, von der Keri annahm, dass er sie nur der Wirkung halber trug. Er trug blaue Jeans und ein zerknittertes rot-schwarz-kariertes Hemd. Der Aufzug war schon fast lachhaft, wie eine verkleidete Version dessen, was als einen nicht bedrohlichen Verhandlungsführer durchging. Anderson blickte zu ihr herüber und sie konnte sehen, dass ihm das gleiche durch den Kopf ging. Er schien sich zusammenreißen zu müssen, nicht die Augen zu rollen. „Hallo, Mr. Anderson. Möchten Sie mir erzählen, was Ihnen heute Abend auf der Seele liegt?“, sagte er in einem eingeübten, nicht aggressiven Ton. „Also, Cal“, sagte Anderson sanft, „während wir auf Sie gewartet haben, hat mir Detective Locke stark ins Gewissen geredet. Ich bin mir jetzt bewusst, dass ich von meiner Situation überfordert war und … schlecht reagiert habe. Ich bin bereit, aufzugeben und mich den Konsequenzen zu stellen.“ „Okay“, sagte Cal überrascht. „Dies ist die einfachste Verhandlung meines Lebens. Wo Sie mir dies so einfach machen, muss ich Sie fragen, sind Sie sicher, dass Sie keine Forderungen haben?“ „Einige kleine Dinge vielleicht“, sagte Anderson. „Aber ich glaube nicht, dass Sie sich damit befassen wollen. Ich möchte sichergehen, dass Detective Locke umgehend auf die Krankenstation gebracht wird. Ich habe sie aus Versehen mit der Zahnbürste verletzt und ich bin nicht sicher, wie steril sie ist. Das sollte sofort gesäubert werden. Und Officer Kiley, der Herr, der mich herein gebracht hat, soll mir bitte Handschellen anlegen und mich dahin bringen, wo immer ich nun hingebracht werden soll. Ich habe das Gefühl, dass einige der anderen Typen grober als nötig mit mir umspringen werden. Und vielleicht könnten Sie den Scharfschützen bitten, sich zu entfernen, wenn ich die Waffe fallengelassen habe. Er macht mich ein wenig nervös. Klingt das vernünftig?“ „Sehr vernünftig, Mr. Anderson“, stimmte Cal zu. „Ich werde mein möglichstes tun, all dies zu veranlassen. Warum fangen Sie nicht an, indem Sie die Zahnbürste fallenlassen und den Detective gehen lassen?“ Anderson beugte sich dicht zu Keri herüber, so dass nur sie ihn hören konnte. „Viel Glück“, flüsterte er fast unhörbar, bevor der die Zahnbürste fallenließ und die Arme anhob, so dass sie unter seinen Fesseln hindurch schlüpfen konnte. Sie glitt von ihm weg und erhob sich langsam, wobei sie sich an dem umgekippten Tisch festhielt. Cal bot ihr seine Hand zu Hilfe an, aber sie ergriff sie nicht. Als sie sich aufgerichtet hatte und sicher auf den Füßen stand, drehte sich um zu Thomas „Der Geist“ Anderson, sicherlich zum letzten Mal. „Danke, dass Sie mich nicht getötet haben“, murmelte sie und versuchte dabei, sarkastisch zu klingen. „Na klar“, sagte er, wobei er zuckersüß lächelte. Als sie sich der Tür des Vernehmungsraums näherte, öffnete sie sich weit und das SWAT Team stürmte herein; fünf Männer in voller Kampfmontur rannten an ihr vorbei. Sie schaute sich nicht um, um zu sehen, was als nächstes passierte, als sie aus der Tür und auf den Gang stolperte. Es sah aus, als habe Cal Brubaker zumindest einen Teil seines Versprechens eingelöst. Der Scharfschütze hatte sich zurückgezogen und lehnte an der Wand, seine Waffe auf den Boden gerichtet. Aber Officer Kiley war nirgendwo in Sicht. Als sie den Gang hinunter ging, begleitet von einer Beamtin, die sie zur Krankenstation brachte, war sich Keri sicher zu hören, wie Gewehrkolben in menschliche Knochen krachten. Und obwohl sie keine anschließenden Schreie vernahm, konnte sie doch ein Keuchen hören, gefolgt von tiefem, anhaltendem Stöhnen. KAPITEL ACHT Keri eilte zurück zu ihrem Wagen und hoffte dabei, das Parkhaus verlassen zu können, bevor es jemandem auffiel, dass sie sich verdrückt hatte. Ihr Herz klopfte im Takt mit ihren Schuhen, die schnell und hart auf das Pflaster aufschlugen. Der Gang zur Krankenstation war ein Geschenk von Anderson gewesen. Er hatte gewusst, dass sie nach einer Geiselnahme stundenlang vernommen würde; Stunden, die sie nicht hatte. Dadurch, dass er darauf bestanden hatte, dass sie auf die Krankenstation gebracht wurde, hatte er es ihr ermöglicht sich zu verdrücken, ohne von einem Haufen Downtown Division Detectives in die Enge getrieben zu werden. Genau das hatte sie getan. Nachdem ihre kleine Wunde gereinigt worden war, hatte sie im Zuge der Geiselnahme eine Panikattacke vorgetäuscht, und gebeten, auf die Toilette gehen zu dürfen. Da sie keine Gefangene war, war es danach einfach gewesen zu verschwinden. Mit den Beamten, die um 21 Uhr Feierabend hatten, war sie mit dem Aufzug hinunter gefahren. Scheinbar hatte Officer Beamon gerade Pause, denn ein anderer Beamter bewachte die Lobby und würdigte sie keines Blickes. Einmal aus dem Gebäude, überquerte sie die Straße, wobei sie immer damit rechnete, dass ein Detective hinter ihr herkommen und verlangen wollte zu wissen, warum sie einen Insassen vernommen hatte, obwohl sie vom Dienst freigestellt war. Aber sie hörte nichts. Tatsächlich war sie komplett alleine mit ihrem Herzklopfen und ihren Schritten, als die Beamten, die gerade Feierabend gemacht hatten, zur Bushaltestelle und der U-Bahn strömten. Anscheinend fuhr niemand von ihnen mit dem Auto zur Arbeit. Als sie den zweiten Stock des Treppenhauses erreichte, vernahm sie schließlich Schritte. Sie waren laut und schwer und schienen aus dem Nichts zu kommen. Sie hätte sie früher hören müssen, wenn sie hinter ihr her gegangen wären. Sie konnten von der anderen Straßenseite kommen. Es war fast, als hätte jemand auf sie gewartet. Sie ging zu ihrem Wagen, der ungefähr in der Mitte der rechten Reihe geparkt war. Die Schritte folgten ihr und ihr wurde klar, dass es sich nicht um die Schritte eines Einzelnen handelte, sondern um zwei, und die gehörten zu Männern. Ihr Gang war schwer und hölzern, und einer von ihnen hatte einen leicht pfeifenden Atem. Es war möglich, dass diese Männer Detectives waren, aber sie bezweifelte es. Sie hätten sich sicher schon ausgewiesen, hätten sie sie vernehmen wollen. Und wenn sie Polizisten mit schlechten Absichten waren, hätten sie ihr nicht im Twin Towers Parkhaus aufgelauert. Überall waren Kameras. Wenn sie für Cave arbeiteten und ihr etwas tun wollten, hätten sie gewartet, bis sie die staatliche Einrichtung verlassen hatte. Unbewusst ertastete ihre Hand das Pistolenholster, entsann sich aber, dass sie ihre Waffe im Kofferraum gelassen hatte. Sie hatte Fragen von der Security vermeiden wollen und ihre eigene Waffe in ein städtisches Gefängnis mitzunehmen dabei nicht helfen würde. Aus dem gleichen Grund war auch ihre Pistole, die sie am Fußgelenk trug, im Kofferraum. Sie war unbewaffnet. Sie spürte ihren Puls rasen und zwang sich zur Ruhe, ermahnte sich, nicht schneller zu werden, damit die Kerle hinter ihr nicht merkten, dass sie mitbekommen hatte, dass sie da waren. Eigentlich mussten sie es wissen. Aber sie könnte vielleicht Zeit gewinnen, indem sie die Illusion aufrecht erhielt. Für sich umsehen galt das gleiche – sie weigerte sich, es zu tun. Denn das würde sicher bewirken, dass sie hinter ihr herjagten. Stattdessen schaute sie beiläufig in einige der glänzenden SUVs hinein und hoffte dabei, ein Gespür dafür zu entwickeln, mit wem sie es zu tun hatte. Zwei Männer, beide in Anzügen: ein großer, und der andere riesig, mit einem Bauch, der über seinen Gürtel hing. Ihr Alter war schwer abzuschätzen, aber der Größere wirkte auch älter. Er war der mit dem pfeifenden Atem. Keiner von ihnen trug eine Waffe, aber der Größere hielt etwas, das aussah wie ein Taser, und der Jüngere umklammerte eine Art Knüppel. Es schien, als wollte jemand sie lebend haben. Ganz lässig nahm sie ihre Schlüssel aus der Handtasche und ließ die spitzen Enden zwischen ihre Knöchel gleiten, während sie den Knopf drückte, der das Auto entriegelte, von dem sie jetzt nur noch sechs Meter entfernt war. Die beiden Männer waren noch circa drei Meter von ihr weg, aber sie würde es niemals schaffen, ihren Wagen zu erreichen, die Tür zu öffnen, einzusteigen, die Tür zu schließen und zu verriegeln, bevor sie sie schnappten. Im Stillen ärgerte sie sich, vorwärts eingeparkt zu haben. Das Piepen des Autos schien den Fetten zu erschrecken und er stolperte ein wenig. Keri war sich bewusst, dass es verdächtiger war so zu tun, als habe sie sie noch immer nicht bemerkt als sich umzudrehen, deshalb stoppte sie abrupt, und wirbelte herum, was die beiden überrumpelte. „Wie läuft’s so, Jungs?“, fragte sie mit zuckersüßer Stimme, als sei es das Normalste der Welt, zwei riesige Kerle hinter sich auftauchen zu sehen. Beide taten noch ein paar unbeholfene Schritte auf sie zu und blieben dann einen Meter vor ihr stehen. Der Jüngere wirkte, als wüsste er nicht, was zu tun war. Der ältere Typ wollte zum Sprechen ansetzen. Keris Sinne befanden sich in Alarmbereitschaft. Aus irgendeinem Grund fielen ihr Bartstoppeln auf der rechten Seite seines Halses auf, die er beim letzten rasieren übersehen hatte. Fast ohne zu nachzudenken drückte sie den Alarmknopf der Autofernbedienung. Intuitiv blickten beide Männer in diese Richtung. Da bewegte sie sich. Sie sprang nach vorne, schwang ihre rechte Faust, aus der die Schlüssel hervorstachen, in die linke Seite seines Gesichts. Alles spielte sich in Zeitlupe ab. Er sah sie zu spät, und noch bevor er seinen Arm heben konnte, um den Schlag abzuwehren, hatte sie ihn schon getroffen. Keri wusste, dass sie getroffen hatte, denn mindestens einer der Schlüssel bohrte sich tief hinein, bevor er auf Widerstand traf. Sein Schreien kam direkt darauf, als Blut aus seinem Auge herausschoss. Sie nahm sich nicht die Zeit, ihr Werk zu bewundern. Stattdessen nutzte sie den Schwung ihres Unterarms, um sich nach vorn zu stürzen und ihre rechte Schulter in sein linkes Knie zu rammen, während er schon zu Boden ging. Sie vernahm ein widerliches Geräusch und wusste, dass die Bänder in seinem Knie gerade rissen, als er zusammenbrach. Als sie versuchte, sich geschmeidig in eine stehende Position zu bringen, zwang sie sich, das Geräusch aus ihrem Gehirn zu vertreiben. Sich gegen so eine riesige Person geworfen zu haben hatte leider zur Folge, dass ihr ganzer Körper von Kopf bis Fuß durchgeschüttelt war, wodurch die Schmerzen ihrer Verletzungen, die sie nur Tage vorher erlitten hatten, neu aufflammten. Ihre Brust fühlte sich so an, als habe sie eins mit der Bratpfanne übergezogen bekommen. Sie war sicher, mit dem verletzten Knie auf dem Betonboden des Parkhauses aufgeschlagen zu sein, als sie sich auf den Boden geworfen hatte, und durch den Aufprall pochte ihre rechte Schulter. Viel mehr aber machte ihr Sorgen, dass sie durch den Zusammenstoß mit dem Größeren soviel Schwung verloren hatte, dass der jüngere, fittere Typ reagieren konnte. Als Keri nach dem Abrollen versuchte ihre Balance wieder zu finden, kam er schon auf sie zu; aus seinen Augen leuchtete eine Mischung aus Wut und Angst, und der Knüppel in seiner rechten Hand schwang nach unten. Sie wusste, dass sie dem Knüppel nicht komplett ausweichen konnte und drehte sich so, dass der Schlag sie an ihrer linken Seite traf statt am Kopf. Auf der linken Seite ihres Oberkörpers unterhalb ihrer Schulter spürte sie den heftigen Schlag gegen ihre Rippen, gefolgt von einem stechenden Schmerz, der sich rasend schnell ausbreitete. Die Luft entwich aus ihrem Körper, als sie vor ihm in die Knie ging. Ihre Augen hatten direkt nach dem Schlag angefangen zu tränen, aber sie schaffte es dennoch, etwas Ominöses vor sich zu erkennen. Der Jüngere hatte sich auf die Zehenspitzen gestellt; seine Hacken berührten den Boden nicht mehr. In Sekundenbruchteilen rechnete sich Keri aus, was das bedeutete. Er streckte sich, und holte mit dem Knüppel über seinem Kopf zum Schlag aus, damit er ihn so hart wie möglich niederbringen und sie k.o. schlagen konnte. Sie sah, wie sich sein linker Fuß nach vorne bewegte und wusste, dass er den Knüppel nach unten ziehen würde. Sie ignorierte alles – ihre Unfähigkeit zu atmen, den Schmerz, der von ihrer Brust aus in ihre Schulter, ihre Rippen, ihr Knie schoss, ihre verschwommene Sicht – und warf sich nach vorne und direkt auf ihn. Sie war sich bewusst, dass sie nicht genug Schwung hatte, um sich mit den Knien abzustoßen, aber sie hoffte inständig, dass es reichte, um einem Schlag auf den Schädel zu entgehen. In der Hoffnung, ihn zu treffen, stieß sie dabei die Hand, die die Schlüssel umklammerte, in die generelle Richtung seines Schrittes. Alles passierte auf einmal. Im selben Moment, in dem der Knüppel sie am oberen Teil des Rückens traf, hörte sie das Grunzen. Der Schlag brannte, aber nur für eine Sekunde, bis sie bemerkte, dass er seinen Griff um seinen Knüppel fast sofort verlor, nachdem er sie getroffen hatte. Als sie zusammenbrach, hörte sie noch, wie der Knüppel zu Boden ging und wegrollte. Als sie aufblickte, sah sie den Mann vornüber gebeugt stehen, beide Hände hielten seinen Schritt. Er fluchte laut und anhaltend. Zumindest im Moment schien er Keri vergessen zu haben. Keri schaute zu dem fetten Mann herüber, der einige Meter entfernt lag, sich auf dem Boden wand, vor Schmerzen schrie, beide Hände vor sein linkes Auge geschlagen hatte und scheinbar sein Knie, das in einem unnatürlichen Winkel abstand, nicht einmal bemerkte. Keri holte tief Luft, zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit, und zwang sich zu agieren. Steh auf und beweg dich. Dies ist deine Chance. Vielleicht deine einzige. Sie ignorierte den Schmerz, den sie überall fühlte, stieß sie sich vom harten Boden ab und rannte halb, hinkte halb, zu ihrem Wagen. Der Jüngere blickte von seinem Schritt auf und machte einen halbherzigen Versuch, seine Hand nach ihr auszustrecken und sie zu packen. Aber sie machte einen Bogen um ihn und stolperte zu ihrem Auto, stieg ein, verriegelte die Tür, und setze aus der Parklücke heraus, ohne auch nur in den Rückspiegel geblickt zu haben. Etwas in ihr hoffte, dass der junge Typ hinter ihr war und sie einen Aufprall hörte, wenn sie ihn anfuhr. Sie stieg aufs Gaspedal und raste um die Kurve der zweiten Etage und runter zur ersten. Als sie sich dem Häuschen am Ausgang näherte, staunte sie, den Jüngeren u sehen, wie er die Treppen hinunter stolperte und sich in ihre Richtung schleppte. Dem Beamten im Häuschen stand der Horror ins Gesicht geschrieben, als er zwischen dem vornüber gebeugten Mann, der in seine Richtung wankte, und dem reifenquietschenden Wagen, der auf ihn zuraste, hin und her blickte. Fast hatte sie ein schlechtes Gewissen, was sie aber nicht davon abhielt, durch den Ausgang zu brettern, durch die hölzerne Schranke, deren Splitter in hohem Bogen durch die Nacht flogen. * Sie verbrachte die Nacht bei Ray. Zum einen erschien es ihr nicht sicher, zu sich nach Hause zu gehen. Sie konnte nicht wissen, wer sie verfolgte. Wenn sie soweit gingen, dass sie sie in einem durch Kameras überwachten Parkhaus gegenüber des Gefängnisses angriffen, schien ihr ihr Apartment kein sicherer Ort zu sein. Außerdem, so wie sie sich fühlte, war sie heute Abend nicht in der Lage, noch weitere Angreifer abzuwehren. Ray hatte ihr ein Bad eingelassen. Sie hatte ihn auf dem Weg angerufen und somit war er informiert über die grundlegende Situation, und Gott sei Dank bombardierte er sie nicht mit Fragen, während sie versuchte, sich zu sammeln. Als sie im Wasser lag und die Wärme in ihre Knochen zog, saß er in einem Stuhl neben der Wanne und versuchte immer mal wieder, sie dazu zu bewegen, einige Löffel Suppe zu essen. Schließlich, als sie sich abgetrocknet hatte und in einen seiner Pyjamas geschlüpft war, fühlte sie sich gut genug, um eine Nachuntersuchung vorzunehmen. Sie saßen auf dem Sofa im Wohnzimmer, beleuchtet nur von einem halben Duzend Kerzen. Keiner kommentierte die Tatsache, dass ihrer beider Waffen auf dem Couchtisch vor ihnen lagen. „Es ist einfach eine so dreiste Aktion“, sagte Ray, bezugnehmend auf den Angriff im Parkhaus, „und irgendwie eine verzweifelte.“ „Da stimme ich dir zu“, sagte Keri. „Davon ausgehend, dass das Caves Leute waren, denke ich, dass er sich wirklich Sorgen gemacht hat, dass Anderson in dem Vernehmungsraum ausgepackt hat. Was ich allerdings nicht verstehe, ist, wenn er bereit war, so weit zu gehen, warum hat er nicht angeordnet, dass mir diese Typen in den Rücken schießen und das war’s dann. Was hatte es auf sich mit dem Taser und dem Knüppel?“ „Vielleicht wollte er herausfinden, was du weißt und sehen, wer noch Bescheid weiß, bevor er dich loswird. Oder es ging gar nicht von Cave aus. Du sagtest, Anderson habe von einem Maulwurf in der Abteilung gesprochen, richtig? Vielleicht gibt es noch jemanden, der nicht wollte, dass Informationen nach außen dringen.“ „Das ist möglich, nehme ich an“, gab Keri zu, „obwohl er so leise sprach, als er diesen Teil erzählte, dass ich ihn kaum verstanden habe. Schwer vorstellbar, dass selbst in einem verwanzten Raum jemand etwas aufschnappen konnte. Um ehrlich zu sein habe ich noch Schwierigkeiten, diese Info zu verarbeiten.“ „Ja, ich auch“, stimmte Ray zu. „Also, wie geht es jetzt weiter, Keri? Ich war noch weitere zwei Stunden mit Mags in dem Konferenzraum, aber wir haben nichts wirklich Neues gefunden. Ich bin nicht sicher, wie wir als nächstes vorgehen sollen.“ „Ich glaube, ich werde Andersons Ratschlag befolgen“, antwortete sie. „Was, du meinst, Cave aufzusuchen?“, fragte er ungläubig. „Morgen ist Samstag. Willst Du einfach bei ihm zu Hause auftauchen?“ „Ich wüsste nicht, dass ich eine andere Wahl hätte.“ „Wie kommst du darauf, dass das etwas bringt?“, fragte er. „Vielleicht bringt es nichts. Aber Anderson hat recht. Wenn sich nicht bald etwas tut, habe ich keine Optionen mehr, Ray. Evie wird in fünfundzwanzig Stunden per Liveschaltung ermordet! Wenn mit Cave zu sprechen – ihn um das Leben meiner Tochter anzuflehen – auch nur die geringste Chance hat zu funktionieren, dann werde ich es versuchen.“ Ray nickte, nahm ihre Hand in seine und schlang seinen riesigen Arm um ihre Schultern. Er war sanft, aber trotzdem zuckte sie vor Schmerz zusammen. „Tut mir leid“, sagte er leise. „Natürlich – wir tun alles nur Menschenmögliche. Aber ich komme mit dir mit.“ „Ray, ich habe nicht viel Hoffnung, dass es funktionieren wird. Aber er wird definitiv nichts sagen, wenn du neben mir stehst. Ich muss das alleine machen.“ „Aber vielleicht hat er heute Abend versucht, dich umbringen zu lassen.“ „Wahrscheinlich nur verstümmeln“, sagte sie mit schwachem Lächeln, um die Gemüter abzukühlen. „Außerdem wird er das nicht tun, wenn ich vor seinem Haus auftauche. Er wird nicht mit mir rechnen. Und es wäre zu riskant. Was für ein Alibi hätte er, wenn mir etwas bei ihm zuhause passieren würde? Er mag Wahnvorstellungen haben, aber dumm ist er nicht.“ „In Ordnung“, gab Ray nach. „Ich komme nicht mit zu seinem Haus. Aber du kannst darauf wetten, dass ich dicht bei dir bleibe.“ „Du bist so ein toller Freund“, sagte Keri und kuschelte sich eng an ihn, trotz der Schmerzen, die dies verursachte. „Ich wette, du hast einen Streifenwagen, der die Nachbarschaft kontrolliert, damit deine kleine Süße heute Nacht sicher schläft.“ „Wie wäre es mit zweien?“, sagte er. „Ich lasse nicht zu, dass dir etwas passiert.“ „Mein Ritter in schimmernder Rüstung“, sagte Keri und konnte ein Gähnen nicht unterdrücken. „Ich erinnere mich noch an die Zeit, als ich Professorin für Kriminologie an der LMU war und du kamst, um mit meinen Studenten zu sprechen.“ „Das waren leichtere Zeiten“, sagte Ray verhalten. „Und ich erinnere mich auch an die dunklen Tage, als Evie entführt wurde, als ich Scotch statt Wasser getrunken habe, als Stephen sich von mir hat scheiden lassen, weil ich mit allem im Bett war, was sich bewegte, und die Uni mich rausgeschmissen hat, weil ich was mit einem meiner Studenten hatte.“ „Wir müssen uns nicht jede Erinnerung antun, Keri.“ „Was ich meine, ist, wer hat mich aus dem Loch des Selbsthasses heraus geholt, hat mich abgestaubt und mich dazu bewogen, mich an der Polizeiakademie zu bewerben?“ „Das war ich“, flüsterte er sanft. „Richtig“, stimmte Keri murmelnd zu. „Siehst du? Mein Ritter in schimmernder Rüstung.“ Sie lehnte ihren Kopf gegen seine Brust und entspannte sich, fiel in den Rhythmus seines Atems ein, als er langsam ein- und ausatmete. Als ihr die Augenlider schwer wurden und sie langsam in den Schlaf abdriftete, zog ein letzter greifbarer Gedanken durch ihren Kopf: Ray hatte nicht zwei Streifenwagen zur Kontrolle der Nachbarschaft angefordert. Sie hatte aus dem Fenster geblickt und mindestens vier Einheiten gezählt. Und das waren nur die, die sie sehen konnte. Sie hoffte, dass es genügend waren. KAPITEL NEUN Fest umklammerte Keri das Steuer und versuchte, sich nicht von den scharfen Kurven der Gebirgsstraße noch nervöser machen zu lassen, als sie sowieso schon war. Es war 7:45 Uhr, noch knapp sechszehn Stunden, bis ihre Tochter vor den Augen Duzender wohlhabender Pädophiler rituell geopfert werden sollte. An einem kalten, aber klaren und sonnigen Samstag im Januar fuhr sie durch die sich windenden Hügel von Malibu zum Haus von Jackson Cave. Sie hoffte, ihn überreden zu können, ihr ihre Tochter heil wiederzugeben. Wenn dies nicht klappte, wäre heute der letzte Tag in Evie Lockes Leben. Keri und Ray waren früh erwacht, kurz nach sechs Uhr morgens. Sie war nicht sehr hungrig gewesen, aber Ray hatte darauf bestanden, dass sie zu ihren zwei Tassen Kaffee auch etwas Rührei und Toast aß.. Um sieben hatten sie das Apartment schon verlassen. Kurz sprach Ray draußen mit einem der Beamten im Streifenwagen, der angab, dass keine der Einheiten während der Nacht verdächtige Aktivitäten bemerkt hatte. Er dankte ihnen und schickte sie weg. Dann stiegen er und Keri in ihre Wagen und fuhren getrennt nach Malibu. Um diese Zeit an einem Samstag morgen waren die sonst so verstopften Straßen von Los Angeles richtiggehend leer. Nach knapp dreißig Kilometern waren sie auf dem Pacific Coast Highway und bekamen den letzten Rest des Sonnenaufgangs über den Santa Monica Mountains mit. Bis Keri mit weißen Knöcheln die Tuna Canyon Road in die Malibu Hills erklommen hatte, war die Pracht des Morgens der grimmigen Realität dessen gewichen, was sie zu tun hatte. Ihr GPS zeigte an, dass sie sich in der Nähe von Caves Haus befand und sie hielt am Straßenrand an. Ray, der direkt hinter ihr war, hielt neben ihr. „Ich glaube, dort hinter der nächsten Kurve ist es“, sagte sie durch die unter gelassene Scheibe. „Warum fährst du nicht vor und positionierst dich schon einmal etwas weiter die Straße hinunter. Es würde zu ihm passen, dass er überall Überwachungskameras hat, deshalb sollten wir nicht gemeinsam dort hinauf fahren.“ „Okay“, stimmte Ray zu. „Der Mobilfunkempfang lässt hier oben zu wünschen übrig, deshalb werde ich dir einfach den Hügel hinunter folgen, sobald du dort fertig bist, und wir können eine Nachbesprechung in dem Diner abhalten, an dem wir bei der Ausfahrt vom Pacific Coast Highway vorbei gekommen sind. Wie wär’s?“ „Hört sich gut an. Wünsch mir Glück, Partner.“ „Viel Glück, Keri“, sagte er ernst. „Ich hoffe wirklich, dass es klappt.“ Da ihr keine geistreiche Antwort einfiel, nickte sie nur. Ray schenkte ihr ein kleines Lächeln und fuhr weiter. Keri wartete noch eine Minute, trat dann sachte aufs Gaspedal und fuhr in die letzte Kurve, die noch vor Caves Haus lag. Als sie das Haus erblickte, war sie überrascht, wie bescheiden es im Vergleich mit den anderen Häusern in der Gegend aussah, zumindest von der Straße aus. Das Haus sah aus wie ein Bungalow, fast wie eine ausschweifendere Version dessen, was man in Südsee-Resorts vorzufinden vermochte. Allerdings wusste sie, dass dies nicht Caves Hauptwohnsitz in Los Angeles war. Er hatte eine Villa in den Hollywood Hills, die viel günstiger in Reichweite zu seinen Geschäftsräumen in einem Hochhaus in der City lag. Aber es war allgemein bekannt, dass er seine Wochenenden gern an seinem „Rückzugsort“ in Malibu verbrachte, und sie hatte überprüft, dass er heute Morgen hier war. Sie fuhr einen kurzen Kiesweg entlang, der von der Straße abzweigte und sprang aus dem Wagen. Langsam näherte sie sich dem Sicherheitstor, wobei sie die beeindruckenden Sicherheitsmaßnahmen begutachtete, die Cave zur Wahrung seiner Privatsphäre ergriffen hatte. Das Haus mochte nicht imposant sein, dafür aber seine Sicherheitsvorkehrungen. Das Tor selbst war gusseisern und locker fünf Meter hoch, mit runden Spitzen, die nach außen zur Straße hin zeigten. Eine sechs Meter hohe, mit Efeu bewachsene Steinmauer umgab das Grundstück soweit das Auge reichte, getoppt von einem fast einen Meter hohen elektrischen Zaun. Sie zählte mindestens fünf Kameras, die an den Mauern und an hohen Ästen mehrerer Bäume, die direkt an der Grundstücksgrenze standen, angebracht waren. Конец ознакомительного фрагмента. 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