La San Felice Band 8
Alexandre Dumas der Ältere




Dumas (père), Alexandre

La San Felice B8





Achter Theil





Erstes Capitel.

Erster Tag


Kaum hatte Championnet auf der Straße von Maddalone nach Aversa eine Viertelmeile zurückgelegt, als er einen Reiter in gestrecktem Galopp auf sich zukommen sah.

Es war der Fürst von Maliterno, welches seinerseits vor der Wuth der Lazzaroni floh.

Kaum hatten diese auf dem Castell Sam Elmo die dreifarbige Fahne wehen sehen, als der Ruf: »Zu den Waffen!« die ganze Stadt durchhalte, und von Portici bis nach Pozzuolo Alles, was im Stande war, eine Flinte, eine Pike, einem Knüppel, ein Messer zu tragen, vom fünfzehnjährigen Knaben an bis zum siebzigjährigen Greis, nach der Stadt stürzte und »Tod den Franzosen!« schrie oder vielmehr heulte.

Hunderttausend Mann entsprachen dem Aufrufe der Priester und Mönche, welche eine weiße Fahne in der einen und ein Crucifix in der andern Hand an den Kirchthüren und auf den Ecksteinen der Straßen predigten.

Diese wirksamen Predigten steigerten den Muth der Lazzaroni gegen die Franzosen und die Jakobiner auf den höchsten Gipfel. Jeder an einem Jakobiner oder an einem Franzosen begangene Mord war eine verdienstliche That, jeder fallende Lazzarone ein Märtyrer.

Seit fünf oder sechs Tagen befand sich diese halbwilde Bevölkerung, die man sich in Blut, Plünderung und Brand berauschen ließ, in jenem Stadium des Wahnsinns, wo der in ein Vernichtungswerkzeug umgewandelte Mensch an weiter nichts mehr denkt, als zu tödten und darüber sogar den Instinkt der Selbsterhaltung vergißt.

Als die Lazzaroni aber erfuhren, daß die Franzosen gleichzeitig über Capodichino und Poggioreale vorrückten, daß man schon die Spitze der beiden Kolonnen sehen könne, während eine Staubwolke verrieth, daß die dritte Kolonne die Stadt umging und durch die Moräste und auf der Via del Pascone gegen die Magdalenenbrücke vorrückte, war es, als ob ein elektrischer Schlag mit einem Male diese Menge wie einen Wirbelwind nach den bedrohten Punkten triebe.

Die die Straße von Aversa verfolgende französische Kolonne war von dem General Dufresse commandiert, der Macdonald ersetzte, welcher, in Folge eines Wortwechsels, den er in Capua mit Championnet gehabt, seine Demission gegeben und gleich einem noch von Schaum bedeckten Schlachtroß dieses Trompetengeschmetter und diesen Trommelwirbel hörte, während er selbst zur Ruhe verurtheilt war. Unter General Dufresses Befehlen stand Hector Caraffa, welcher als der Coriolan der Freiheit im Namen der großen Göttin kam, um Krieg gegen den Despotismus zu führen.

Die Kolonne, welche über Capodichino vorrückte, war von Kellermann commandiert, unter dessen Befehlen der General Rusca stand, welchen der Verfasser dieses Buches im Jahre 1814 bei der Belagerung von Soissons fallen sah. Eine Kanonenkugel riß ihm den Kopf ab.

Die über Poggioreale vorrückende Kolonne stand unter dem Commando des Obergenerals selbst, der die Generäle Duhesme und Monnier unter sich hatte.

Die endlich, welche durch die Moräste und die Via del Pascone die Stadt umging, ward von dem General Matthieu Maurice und dem Brigadechef Broussier geführt.

Die auf ihrem Marsche am weitesten vorgerrückte Kolonne war die Championnets, weil sie den schönsten Weg hatte. Sie stützte sich rechts auf die Straße von Capodichino, auf welcher, wie wir eben gesagt, Kellermann marschierte und links auf die Moräste, in welchen Matthieu Maurice manövrierte, der noch an einer Wunde litt, welche ihm eine Kugel Frau Diavolos in der Seite beigebracht.

Duhesme, der ebenfalls noch an zwei Wunden litt und sehr bleich war, bei dem aber das kriegerische Feuer das verlorene Blut ersetzte, commandierte Championnets Avantgarde. Er hatte Befehl, Alles niederzuwerfen, was sich ihm entgegenstellen würde, und er war ganz der Mann zu jenen kräftigen Handstreichen, zu welchen es vor allen Dingen Entschlossenheit und Muth bedarf.

Eine Viertelmeile vor der Porta Capuana stieß er auf eine Masse von fünf- bis sechstausend Lazzaroni. Dieselben schleppten eine Batterie Geschütze mit, welche von den Soldaten des Generals Naselli, die sich ihnen angeschlossen, bedient wurde.

Duhesme schleuderte Monnier und seine sechshundert Mann auf diesen Haufen, mit dem Befehl, sich mit dem Bajonnet den Weg hindurchzubahnen und sich der Geschütze zu bemächtigen, die auf einer kleinen Anhöhe aufgepflanzt waren und über die Köpfe der Lazzaroni hinweg die französische Kolonne niederkartätschten.

Regelmäßigen Truppen gegenüber wäre ein solcher Befehl Unsinn gewesen. Der auf diese Weise angegriffene Feind hätte weiter nichts zu thun gebraucht, als seine Reihen zu öffnen und von beiden Seiten zu feuern, um seine sechshundert Angreifer in einem Augenblick zu vernichten. Den Lazzaroni aber erzeigte Duhesme nicht die Ehre, mit ihnen zu rechnen.

Monnier rückte mit gefälltem Bajonnet vor, drang, ohne sich durch Flintenschüsse, Pistolenschüsse und Dolchstiche abhalten zu lassen, in die Mitte dieser Flut, verschwand darin, stieß Alles nieder, was er erreichen konnte, und wälzte sich mitten unter Geschrei, Geheul und Verwünschungen hindurch, wie ein Strom einen See durchschneidet, während Duhesme an der Spitze seiner Leute und unter dem Feuer der Batterie im Sturmschritt und mit gefälltem Bajonnet kaltblütig den von dem Feinde besetzten Hügel erstieg, die sämtlichen Artilleristen, welche Widerstand zu leisten versuchten, an ihren Geschützen niedermachte, diese tiefer richten ließ und nun auf die Lazzaroni mit ihren eigenen Kanonen feuerte.

Gleichzeitig ließ er, die Unordnung benutzend, welche durch diese Salve unter den Lazzaroni bewirkt ward, zum Angriff blasen und stürzte sich mit dem Bajonnet auf sie.

Nicht im Stande, sich in Angriffskolonnen, um die Batterie wiederzunehmen, oder in Carrés, um Duhesmes Angriff auszuhalten, zu formieren, zerstreuten sich die Lazzaroni über die Ebene wie eine Schaar gescheuchter Vögel.

Ohne sich dann weiter um diese sechs- oder achttausend Mann zu kümmern, marschierte Duhesme dann, die eroberten Kanonen mitnehmend, gegen die Porta Capuana.

Hundert Schritte von dem unregelmäßigen Platz vor der Porta Capuana stieß Duhesme jedoch am Fuße der Anhöhe von Casamuova auf eine kleine Brücke und zu beiden Seiten dieser kleinen Brücke auf mit Schießscharten versehene Häuser, aus welchen ein so gut gezieltes Feuer unterhalten ward, daß die Soldaten zögerten.

Monnier sah dieses Zögern, eilte, seinen Hut auf der Säbelspitze emporhaltend, voran, hatte aber kaum zehn Schritte zurückgelegt, als er gefährlich verwundet niederstürzte.

Seine Officiere und Soldaten eilten herbei, um ihn aufzurichten und von dem Kampfplatz hinweg zu führen, die Lazzaroni aber gaben Feuer auf diesen dichtgedrängten Trupp. Drei oder vier Officiere und acht oder zehn Soldaten fielen auf ihren verwundeten General, die Reihen geriethen in Unordnung und die Avantgarde wich zurück.

Die Lazzaroni stürzten sich sofort auf die Todten und die Verwundeten – auf die Verwundeten, um ihnen vollends den Garaus zu machen, auf die Todten, um sie zu verstümmeln.

Duhesme sah diese Bewegung, rief seinen Adjutanten Ordonneau, befahl ihm, zwei Compagnien Grenadiere zu nehmen und den Uebergang über die Brücke um jeden Preis zu forcieren.

Es waren die alten Soldaten von Montebello und von Rivoldi. Sie hatten mit Augereau die Brücke von Arcole, mit Bonaparte die Brücke von Rivoli forciert.

Sie fällten das Bajonnet und trieben im Sturmschritt durch einen Kugelregen hindurch die Lazzaroni vor sich her und drangen bis auf den Gipfel der Anhöhe.

Der General, die verwundeten Soldaten und Officiere waren gerettet, sahen sich nun aber in einem Kreuzfeuer, welches aus allen Fenstern und von allen Terrassen kam, während in der Mitte der Straße gleich einem Thurm ein Haus von drei Etagen emporragte, welches vom Erdgeschoß bis zum First hinauf Flammen spie.

Zu beiden Seiten dieses Hauses waren Barrikaden errichtet, die bis zur ersten Etage hinaufreichten und die Straße sperrten.

Dreitausend Lazzaroni vertheidigten die Straße, das Haus, die Barrikaden. Fünf- oder sechstausend, die über die Ebene zerstreut waren, schlossen sich, durch Seitengäßchen und Gartenöffnungen kommend, ihren Cameraden an.

Ordonneau sah sich der Position gegenüber und hielt sie für uneinnehmbar. Dennoch zögerte er zum Rückzug zu commandieren, als er plötzlich von einer Kugel getroffen ward und niederstürzte.

Es dauerte nicht lange, so kam Duhesme mit den Kanonen, welche er den Lazzaroni unter dem Feuer der Tirailleurs abgenommen.

Man pflanzte sie auf und bei der dritten Salve schwankte das Haus einen Augenblick, stürzte dann mit furchtbarem Gekrach zusammen und zerschmetterte in seinem Sturz sowohl die, welche sich darin befanden, als die Vertheidiger der Barrikaden.

Nun drang Duhesme mit gefälltem Bajonnet vor und pflanzte unter dem Rufe: »Es lebe die Republik« die dreifarbige Fahne auf den Trümmern des Hauses auf.

Während dieser Zeit aber hatten die Lazzaroni eine riesige Batterie von zwölf Geschützen auf einer Höhe errrichtet, welche den Steinhaufen, auf welchem die Fahne flatterte, bedeutend überragte, und es dauerte nicht lange, so sahen die im Besitz der beiden Barrikaden und der Trümmer des Hauses befindlichen Republikaner sich einem furchtbaren Kartätschenhagel preisgegeben.

Duhesme ließ seine Kolonne hinter den Trümmern und den Barrikaden Posto fassen, befahl dem 25. Regimente reitender Jäger, etwa dreißig Artilleristen hinter sich auf den Sattel zu nehmen, den Hügel, auf welchem die zwölf Geschütze aufgepflanzt standen, zu umreiten und einen Angriff im Rücken zu machen.

Ehe noch die Lazzaroni sich über die Absicht der Chaffeurs klar waren, führten diese quer durch die Ebene und ohne sich an die Musketenschüsse, die man von der Straße aus auf sie abfeuerte, zu kehren, ihren Halbcirkel aus, stießen dann plötzlich ihren Pferden die Sporen in die Flanken, und sprengten im Galopp die Anhöhe hinauf.

Beim Getöse dieses Orcans von welchem der Boden erzitterte, verließen die Lazzaroni ihre halbgeladenen Kanonen.

Die auf der Höhe des Hügels angelangten Artilleristen sprangen von den Pferden und machten sich an die Arbeit und die gleich einer Lawine den entgegengesetzten Abhang hinunterstürzenden Chaffeurs begannen die Verfolgung der Lazzaroni, welche sich über die Ebene zerstreuten.

Seiner Angreifer nun ledig, befahl Duhesme den Sapeurs, einen Weg durch die Barrikade zu bahnen und die Kanonen vor sich herschiebend, rückte er, die Straße reinfegend, vor, während von der Höhe des Hügels die republikanischen Artilleristen auf jede Gruppe, die sich zu formieren versuchte, Feuer gaben.

In diesem Augenblick hörte Duhesme hinter sich den Sturmmarsch schlagen. Er drehte sich um und sah die 64. und 73. Halbbrigade Linientruppen, welche, von Thiébaut geführt, unter dem Ruf: »Es lebe die Republik!« im Sturmschritt heranrückte.

Championnet, der die furchtbare Kanonade hörte und an der Zahl und Unregelmäßigkeit der Flintenschüsse erkannte, daß Duhesme es mit Tausenden von Feinden zu thun hatte, hatte sein Pferd in Galopp gesetzt und Thiébaut befohlen, ihn so schnell als möglich zu folgen und Duhesme zu unterstützen.

Thiébaut hatte sich dies nicht zweimal sagen lassen und war nun da.

Er rückte über die Brücke, über die in den Gassen liegenden Todten hinweg, durch die Öffnungen der Barrikaen, und langte in dem Augenblick an, wo Duhesme, Meister des Schlachtfeldes, seine erschöpften Soldaten Halt machen ließ.

Hundert Schritte vor den ersten Soldaten Duhesmes ragte die Porta Capuana mit ihren Thürmen empor und zwei eine kleine Vorstadt bildende Reihe Häuser kamen, so zu sagen, den Republikanern entgegen.

Plötzlich und in dem Augenblick, wo diese es am wenigsten erwarteten, krachte eine furchtbare Salve von den Terrassen und aus den Fenstern dieser Häuser, während von der Plattform der Porta Capuana zwei kleine hinaufgetragene Kanonen ihren Kartätschenhagel spieen.

»Ha,« rief Thiébaut, »ich fürchtete schon, zu spät zu kommen. Vorwärts, meine Freunde!«

Die von einem der tapfersten Officiere der Armee geführten frischen Truppen drangen trotz des Kreuzfeuers in die Vorstadt ein. Anstatt in der Mitte der Straße zu marschiren, bewegte sich die rechte Seite der Kolonne dicht an den Häusern hin und feuerte auf die links gelegenen Fenster und Terrassen, und die linke Seite that dasselbe auf die rechts gelegenen, während die mit ihren Aexten bewaffneten Sapeurs die Thüren der Häuser einschlugen.

Die mittlerweile hinreichend ausgeruhten Truppen Duhesme's begriffen das von Thiébaut angeordnete Manöver, drangen in die von den Sapeurs geöffneten Häuser, begannen mit den Lazzaronis einen Kampf, Mann gegen Mann, und trieben sie die Treppen hinauf, aus dem Erdgeschoß in das erste Stockwerk, aus dem ersten in das zweite, aus dem zweiten auf das platte Dach oder die Terrasse des Hauses.

Hoch in der Luft sah man dann Lazzaroni und Republikaner in blutigem Kampf.

Die Terrassen bedeckten sich mit Feuer und Rauch, während die Fliehenden, welche nicht Zeit hatten, die Terrassen zu gewinnen und nach dem, was ihre Priester und Mönche ihnen gesagt, glaubten, daß sie von den Franzosen keinen Pardon zu erwarten hätten, zu den Fenstern hinaussprangen, auf dem Pflaster die Beine brachen oder in die Spitzen der Bajonnette stürzten.

Auf diese Weise wurden sämtliche Häuser der Vorstadt genommen und geräumt.

Dann aber, da mittlerweile der Abend eingebrochen, und es nun zu spät war, um die Porta Capmana anzugreifen, während man zugleich irgend eine Ueberrumplung fürchtete, erhielten die Sapeurs Befehl, die Häuser anzuzünden, und Championnet's Corps nahm Stellung vor dem Thore, welches es den nächstfolgenden Tag angreifen sollte und von dem es bald durch einen doppelten Flammenvorhang getrennt war.

Während dies Alles geschah, langte Championnet selbst an, umarmte Duhesme und sagte zu Thiébaut, um ihn für die ausgeführte prächtige Angriffsbewegung zu belohnen:

»Angesichts der Porta Capuana, welche Du morgen nehmen wirst, ernenne ich Dich zum Generaladjutanten.«

»Wohlan,« sagte Duhesme, entzückt über diese Belohmng, die ihm durch einen tapferen Officier gewährt ward, vor welchem er die größte Achtung hegte, »das nenne ich zu einem schönen Grad, und zwar durch ein schönes Thor gelangen.«




Zweites Capitel.

Die Nacht


Auf sämtlichen drei Punkten, wo die Franzosen den Angriff auf Neapel eröffnet, hat man sich mit derselben Erbitterung geschlagen. Von allen Seiten treffen die Adjutanten in dem Hauptquartiere der Porta Capuana ein und finden den Bivouac des Generals zwischen der Via del Vasto und der Arenaccia hinter der Doppelreihe der brennenden Häuser.

Der General Dufresse ist zwischen Aversa und Neapel an einem Punkte, wo der Weg sich verengt, auf ein Corps von zehn- oder zwölftausend Mann Lazzaroni mit sechs Stücken Geschütz gestoßen.

Die Lazzaroni standen am Fuße einer Anhöhe, die Geschütze auf dem Gipfel derselben. Duhesmes Husaren haben fünf Angriffe auf den Haufen gemacht, ohne ihn sprengen zu können. Die Lazzaroni waren so zahlreich und standen so dicht beisammen, daß die Todten, von den Lebenden gehalten, aufrecht stehen blieben.

Es hat mit dem Bajonnet angreifender Grenadiere bedurft, um endlich eine Bresche in diese Menschenmauer zu machen.

Vier von dem General Eblé commandierte leichte Geschütze haben drei Stunden lang auf die Lazzaroni kartätscht und diese haben sich endlich auf die Höhen von Capodimonte geflüchtet, wo Dufresse sie morgen angreifen wird.

Gegen das Ende des Kampfes hat sich ein von Schipani und Manthonnet geführtes Corps Patrioten den Reihen des General Dufresse angeschlossen.

Sie melden, daß Nicolino sich des Castells San Elmo bemächtigt hat. Er hat aber nur dreißig Mann und wird von Tausenden von Lazzaronis blockiert, welche Faschinen aufthürmen und die Thore in Brand stecken, und Leitern herbeischleppen, um die Mauern zu ersteigen. Sie haben sich des am Fuße der Wälle des Castells liegenden Klosters San Martino bemächtigt, oder vielmehr, die Mönche haben sie herbeigerufen und ihnen die Thür geöffnet.

Von den Terrassen des Klosters aus feuern sie gegen das Castell.

Wenn Nicolino nicht noch in der Nacht Beistand erhält, so wird das Castell San Elmo bei Tagesanbruch unrettbar genommen.

Dreihundert Mann werden sich, von Hector Caraffa und den Patrioten geführt, während der Nacht einen Weg bis an die Thore des Castells bahnen; zweihundert davon werden die Garnison verstärken und hundert den Lazzaroni das Kloster San Martino wieder abnehmen.

Kellermann hat sich nach einem erbitterten Kampfe der Höhen von Capodichino bemächtigt, aber über den Campo Santo hinaus hat er noch nicht vorzudringen vermocht.

Er hat die Bäckereien, die Kirchen, die Villa's, welche alle den heldenmüthigsten Widerstand geleistet, nur eine nach der andern mit dem Bajonnet nehmen können.

Die Cavallerie, welche seine Hauptstärke ausmacht, ist ihm unter dieser Menge Hügel, welche das Terrain bedecken, von keinem Nutzen gewesen.

Von seinem Bivouac aus sieht er die lange mit Lazzaroni bedeckte Straße von Foria sich hinziehen. Das umfangreiche Gebäude des Armenhospitals schützt sie. An jedem Fenster desselben sieht man ein Licht. Den nächstfolgenden Tag werden alle diese Fenster Kugeln speien.

Auf der Strada Giovanella ist eine Batterie aufgepflanzt, auf dem Largo delle Pigne liegt ein Bivouac, der großentheils aus Soldaten von der königlichen Armee besteht. Zwei Geschütze vertheidigen den Aufgang des Museo Borbonico, welches auf die große Toledostraße geht.

Mit Hilfe eines Fernrohrs sieht Kellermann die Anführer, welche die Straßen durchreiten und ihre Leute ermuthigen. Einer dieser Anführer trägt die Kapuzinerkutte und reitet auf einem Esel.

Matthieu Maurice und der Brigadechef Broussier haben sich der Moräste bemächtigt.

Freilich haben diese, von einem Netz von Gräben durchschnittenen Moräste nur mit bedeutenden Verlusten genommen werden können, weil die Lazzaroni durch die Unebenheiten des Terrains geschützt werden und die Republikaner ohne Deckung angreifen müssen.

Sie sind bis Granili gedrungen, welches man zu bewachen vergessen, und haben die Straße von Portici abgeschnitten.

Broussier lagert an der Marinella, Matthieu Maurice, der am linken Arm leicht verwundet ist, an der Mühle dell' Inferno.

Den nächstfolgenden Tag werden sie bereit sein, die Magdalenenbrücke anzugreifen, welche von dem Glanz der vor der Bildsäule des heiligen Januarius brennenden Kerzen strahlt.

Von den Fenstern der Granili aus sieht man ganz Neapel von der Marinella bis zur Höhe des Molo. Die Stadt wimmelt von Lazzaroni, die sich zur Vertheidigung rüsten.

Championnet hörte diesen letzten Rapport, als plötzlich sich hinter ihm lautes Geschrei erhebt und in einem ungeheuren Halbkreise, von welchem das eine Ende die Straße von Capma und das andere die Arenaccia berührt, eine Salve kracht.

Die Kugeln jagen die Asche des Feuers empor, an welchem der Obergeneral sich wärmt.

In einem Augenblicke sind Championnet und Duhesme, Monnier und Thiébaut auf den Füßen.

Die dreitausend Mann, aus welchen das Armeekorps des Obergenerals besteht, bilden ein Quarré und erwidern das Feuer der Angreifer, die sie noch nicht kennen.

Es sind dies die Insurgenten sämtlicher Dörfer, welche die Franzosen während des Tages durchzogen haben.

Sie haben sich gesammelt, und greifen ihrerseits an. Sie haben die Dunkelheit benützt, und ihre erste Salve beinahe aus nächster Nähe abgefeuert.

Die Menge der Flintenschüsse verräth, daß man es mit einem Corps von wenigstens vier- bis fünftausend Mann zu thun hat.

Mitten unter dem Knattern des Kleingewehrfeuers aber und über das Geschrei und Geheul der Lazzaroni hinweg hört man jenseits der drohenden Linie Trommelwirbel und Trompetengeschmetter, und dann ein bewunderungswürdig unterhaltenes Pelotonfeuer, welches das Anrücken einer regulären Truppe verräth.

Die Lazzaroni, welche zu überrumpeln glaubten, wurden selbst überrumpelt.

Woher kommt dieser Beistand, der eben so unerwartet ist als der Angriff?

Championnet und Duhesme sehen einander an, und fragen sich vergebens.

Der Trommelwirbel und die Fanfaren kommen näher und der Ruf: »Es lebe die Republik!« wird durch denselben Ruf beanwortet.

Der Obergeneral ruft:

»Soldaten! Es ist Salvato und Villeneuve, welche von Benevento kommen. Werfen wir uns auf dieses ganze Gesindel, welches – ich stehe Euch dafür – nicht wagen wird, uns zu erwarten.«

Duhesme und Monnier formieren ihre Quarrés in Angriffskolonnen, die Chasseurs steigen zu Pferde, Alles setzt sich in unaufhaltsame Bewegung.

Die Reihen der Lazzaroni werden von Salvatos Hußaren und Thiébaut's Chaffeurs durch Duhesme's und Monniers Bajonnette durchbrochen und auf einem Hügel von Todten umarmen sich die beiden Trupps unter dem Rufe: »Es lebe die Republik!«

Championnet und Salvato wechselten einige rasche Worte. Salvato ist, wie immer, gerade im rechten Augenblicke gekommen, und hat seine Gegenwart durch einen Donnerschlag geoffenbart.

»Er wird mit seinen sechshundert Mann nun Matthieu Maurice und Broussier verstärken.

Wenn die Wunde des Ersteren schwerer ist, als man glaubt, oder wenn dieser General, der so häufig getroffen wird, weil er stets voran ist, eine neue Wunde empfängt, so wird Salvato das Commando übernehmen.

Er soll dem General Matthieu Maurice den Befehl überbringen, mit Tagesanbruch die Magdalenenbrücke anzugreifen.

Diese Brücke wird durch die mit Schießscharten versehenen Häuser der Marine und des Fleckens San Loretto vertheidigt; von hinten wird sie durch das Castell del Carmine gedeckt, welches durch sechs Stück Geschütz, durch ein Bataillon Albanesen und durch Tausende von Lazzaroni vertheidigt wird, zu welchen sich etwa tausend Mann von Livorno zurückgekehrte Soldaten gesellt haben.

Gegen drei Uhr Morgens weckte man Championnet, der, in seinen Mantel gehüllt, schlief.

Ein Adjutant Kellermanns hatte ihm Nachrichten von der Expedition gegen das Castell San Elmo gebracht.

Hector Caraffa hatte sich, die Dunkelheit benutzend, durch jene Menge von Hügeln hindurchgeschlichen, welche Capodimonte mit Sam Elmo verbinden.

Abgesehen von der Schwierigkeit des außerordentlich unebenen Terrains, hatte er während des vierstündigen Marsches einen oft ungleichen, aber stets mörderischen, ununterbrochenen Kampf auszuhalten gehabt und nicht weniger als fünf Meilen fortwährender Hinterhalte und überdies ein Quartier des insurgirten Neapels passiren müssen.

Unter das Feuer von San Elmo angelangt, welches ihn so gut als möglich unterstützte, indem es blinde Kanonenschüsse löste, weil man fürchten mußte, daß die Kugeln ihr Ziel verfehlen und, anstatt Feinde, die Freunde treffen würden, hatte Hector Caraffa, anstatt seine Leute in zwei Schaaren zu theilen, seine ganze Streitmacht zusammengenommen, und in dem Augenblick, wo man glaubte, er werde das Castell San Elmo angreifen, sich auf das Karthäuserkloster San Martino geworfen.

Die Lazzaroni, welche einen Angriff nicht erwarteteten, versuchten sich zu vertheidigen, aber vergebens.

Die Patrioten, welche den Franzosen zeigen wollten, daß sie an Muth Niemandem nachstünden, eilten der Kolonne voran und drangen unter dem Ruf: »Es lebe die Republik!« zuerst ein.

In weniger als zehn Minuten waren die Lazzaroni aus dem Kloster hinausgetrieben und die Thore hinter den Franzosen wieder geschlossen.

Hundert Mann blieben verabredetermaßen in der Karthause. Die andern zweihundert stiegen mittelst der Rampe del Petrio nach dem Fort hinauf, dessen Thore ihnen nicht blos als Bundesgenossen, sondern auch als Befreiern geöffnet wurden.

Nicolino ließ Championnet bitten, ihm die Ehre zu gestatten, den nächstfolgenden Tag das Signal zum Kampfe dadurch zu geben, daß er beim ersten Strahl der aufgehenden Sonne einen Kanonenschuß abfeuern ließe.

Diese Ehre ward ihm bewilligt und der General schickte seinen Adjutanten zu allen Corpsanführern, um ihnen zu sagen, daß das Angriffssignal ein Kanonenschuß sein würde, welchen die neapolitanischen Patrioten von der Höhe des Castells San Elmo abfeuerten.




Drittes Capitel.

Zweiter Tag


Schlag sechs Uhr am nächstfolgenden Morgen durchfurchte eine feurige Linie die Dämmerung über der schwarzen Masse des Castells San Elmo, ein Kanonenschuß dröhnte, das Signal war gegeben.

Die französischen Trommeln und Trompeten antworteten und sämtliche während der Nacht von dem General Eblé mit Geschützen versehene, die Straßen von Neapel beherrschende Höhen standen mit einem Male in Feuer.

Auf dieses Signal hin eröffneten die Franzosen den Angriff auf drei verschiedenen Punkten.

Kellermann, welcher die äußerste Rechte commandirte, vereinigte sich mit Dufresse und griff Neapel über Capodimonte und Capodichino an.

Dieser doppelte Angriff hatte das Januariusthor, Strada Foria, zum Ziele.

Der General Championnet sollte, wie er am Abend vorher gesagt, die Porta Capuana sprengen, vor welcher Thiébaut zum Brigadegeneral ernannt worden, und durch die Strada dei Tribunali und über San Giovanni in die Stadt eindringen.

Salvato, Matthieu, Maurice und Broussier sollten, wie ebenfalls schon früher bemerkt worden, die Magdalenenbrücke forcieren, sich des Castells del Carmine bemächtigen, über den Altmarkt in die Strada dei Tribunali und mittelst einer zweiten Colomne, welche dem Meeresstrand entlang marschieren sollte, bis zum Molo vordringen.

Die Lazzaroni, welche Neapel auf der Seite von Capodimonte und Capodichino vertheidigen sollten, waren von Fra Pacifico commandiert.

Die, welche die Porta Capuana vertheidigten, standen unter den Befehlen unseres Freundes Michele des Narren, und die endlich, welche die Magdalenenbrücke und die Porta del Carmine vertheidigten, wurden von einem Gevatter Pagliuccella befehligt.

Bei derartigen Kämpfen, welche nicht darin bestehen, daß man eine Stadt, sondern darin, daß man sämtliche Häuser der Stadt eins nach dem andern erstürmt, ist eine meuterische Bevölkerung weit schrecklicher als eine reguläre Truppe. Eine solche schlägt sich mechanisch mit Kaltblütigkeit, und, wie General Championnet sich ausdrückte, mit so wenig Kosten als möglich, während in einem Kampfe wie der, welchen wir zu schildern versuchen wollen, diese meuterische Bevölkerung den leicht vorauszusehenden und deshalb leicht abzuschlagenden strategischen Bewegungen die wüthemden Aufwallungen der Leidenschaften, die Hartnäckigkeit des Blutdurstes und die listigen Anschläge der persönlichen Erfindungsgabe entgegensetzt.

Es ist dann nicht mehr ein Kampf, sondern ein Gemetzel, ein Blutbad, bei welchem die Angreifer genöthigt sind, die Halsstarrigkeit des Muthes dem Wahnsinn der Verzweiflung entgegenzusetzen.

In dem vorliegenden Falle, wo zehntausend Franzosen einen Angriff auf die Bevölkerung von fünfhunderttausend Seelen machten und auf ihren Flanken und im Rücken von der dreifachen Insurrection der Abruzzen, der Capitanata und der Terra di Lavoro bedroht wurden, während sie zugleich fürchten mußten, eine Armee, deren Trümmer immer noch viermal mehr Mannschaften zählten, als die Franzosen, der Bevölkerung und dieser Insurrection auf dem Seewege zu Hilfe kommen zu sehen, in diesem Falle, sagen wir, handelte es sich ganz besonders einfach, darum, nicht mehr für die Ehre, sondern um der eigenen Erhaltung willen zu siegen.

Cäsar sagte: »In allen Schlachten, die ich geliefert, habe ich für den Sieg gekämpft, bei Munda aber kämpfte ich um das Leben.«

Championnet konnte in Neapel sagen wie Cäsar und mußte, um nicht zu sterben, siegen, wie Cäsar bei Munda gesiegt hatte.

Die Soldaten wußten es. Von der Einnahme von Neapel hing die Rettung der Armee ab. Die französische Fahne mußte daher über Neapel wehen, hätte dieses auch in einen Aschenhaufen verwandelt werden müssen.

Jeder Compagnie waren zwei Mann zugetheilt, welche von der Artillerie zubereitete Brandfackeln trugen. Wo das Geschütz, das Beil und das Bajonnet nicht ausreichten, sollte, wie in den unentwirrbaren Urwäldern Amerikas, hier in diesem unentwirrbaren Labyrinth der Gäßchen und der Vicoli das Feuer einen Weg bahnen.

Beinahe zu gleicher Zeit, das heißt gegen sieben Uhr Morgens, drang Kellermann mit seinen Dragonern voran, in die Vorstadt Capodimonte, Dufresse an der Spitze seiner Grenadiere in die Vorstadt Capodichino ein.

Championnet sprengte die Porta Capuana und Salvato, welcher die dreifarbige Fahne der italienischen Republik, das heißt blau, gelb und schwarz, in der Hand trug, forcierte die Magdalenenbrücke und sah die Kanonen des Castells del Carmine die ersten Reihen seiner Leute um sich herum niederschmettern.

Es wäre unmöglich, diesen drei Angriffen in allen ihren Einzelheiten zu folgen. Diese Einzelheiten sind übrigens überall dieselben.

Auf welchem Punkte der Stadt die Franzosen sich auch einen Weg zu bahnen suchten, so fanden sie denselben hartnäckigen unerhörten, tödtlichen Widerstand. Es gab kein Fenster, keine Terrasse, kein Kellerloch, welches nicht seine Vertheidiger gehabt und Feuer und Tod gespien hätte.

Die Franzosen ihrerseits rückten vor, indem sie ihre Artillerie vor sich her schoben, einen Kartätschenhagel vorangehen ließen, die Thüren einschlugen, die Häuser durchlöcherten, aus einem in das andere drangen und die Flammen auf ihren Flanken und hinter sich zurückließen. Die Häuser, die man nicht nehmen konnte, wurden auf diese Weise niedergebrannt.

Mitten aus einem Flammenkrater, dessen Rauch der Wind wie einen Trauerdom über die Stadt hinwegwälzte, hallten die Verwünschungen und das Todesgeheul der Unglücklichen, welche lebendig darin verbrannten.

Die Straßen boten den Anblick eines Gewölbes von Feuer dar, unter welchem ein Blutstrom rann.

Im Besitz einer furchtbaren Artillerie, vertheidigten die Lazzaroni jeden Platz, jede Straße, jeden Durchgang mit einer Intelligenz und Energie, welche die Angreifer weit entfernt gewesen zu erwarten und bald zurückgeschlagen, bald zum Angriff zurückkehrend, flüchteten sie sich in die Nebengäßchen, ohne deswegen den Kampf aufzugeben, sondern denselben mit der Thatkraft der Verzweiflung und mit der Hartnäckigkeit des Fanatismus fortsetzend.

Die Franzosen verfolgten sie bis in die Flammen hinein, welche sie zu verzehren schienen, während sie doch, gleich Dämonen, die in ihrem natürlichen Element kämpfen, rauchend und geschwärzt aus den brennenden Häusern wieder hervorgestürzt kamen, um den Angriff mit größerer Wuth als vorher zu erneuen.

Man kämpft auf einem Trümmerhaufen, die zusammenstürzenden Häuser zerschmettern die Kämpfenden, das Bajonnet durchbricht die Massen, welche sich wieder schließen, und das seltsame Schauspiel eines Kampfes, Mann gegen Mann, zwischen dreißigtausend Kämpfern oder vielmehr von dreißigtausend Einzelkämpfen darbieten, in welchen die gewöhnlichen Waffen unbrauchbar werden.

Die Franzosen reißen das Bajonnet von ihren Musketen und bedienen sich desselben wie eines Dolches, während sie die Musketen selbst, die sie nicht mehr Zeit haben zu laden, in Keulen umwandeln. Die Hände suchen zu erdrosseln, die Zähne zu beißen, die Arme zu erwürgen.

Auf der Asche, auf den Steinen, auf den glühenden Kohlen, in dem fließenden Blute kriechen die Verwundeten, welche gleich mit Füßen getretenen Schlangen noch sterbend tödtlich verwunden.

Der Boden wird Fuß um Fuß streitig gemacht und bei jedem Schritt, den der Fuß thut, trifft er einen Todten oder einen Sterbenden.

Gegen Mittag erhielten die Lazzaroni durch Zufall eine neue Verstärkung. Zehntausend der Ihrigen waren, aufgereizt durch die Mönche und die Priester, zwei Tage vorher auf der Straße von Pontana abmarschiert, um Capua wiederzunehmen.

Von der Kanzel herab hatte man ihnen den Sieg versprochen. Sie zweifelten nicht, daß die Mauern von Capua vor ihnen ebenso fallen würden, wie die von Jericho vor dem Israeliten gefallen waren.

Diese Lazzaroni waren die vom kleinen Molo und von Santa Lucia.

Als jedoch Macdonald, der trotzdem, daß er seine Entlassung gegeben, doch Franzose geblieben war, von dieser Menge den Staub der Ebene aufwirbeln sah, welche das alte Capua von dem neuen trennt, stellte er sich als Freiwilliger an die Spitze der Garnison und während von der Höhe der Wälle zehn Geschütze auf die Masse der Lazzaroni einkartätschten, machte er durch die beiden entgegengesetzten Thore zwei Ausfälle, formierte einen ungeheuern Kreis, dessen Centrum Capua und seine Artillerie waren, während seine Infanterie und deren Musketenfeuer die beiden Flügel bildeten, so daß er unter dieser ganzen dichtgedrängten Masse ein furchtbares Blutbad anrichtete.

Zweitausend todte oder verwundete Lazzaroni blieben auf dem Schlachtfelde zwischen Caserta und Pontana. Alles, was noch unversehrt oder blos leicht verwundet war, ergriff die Flucht und sammelte sich erst bei Casa Nuovo.

Am nächstfolgenden Morgen ließ Kanonendonner sich in der Richtung von Neapel hören.

Noch ermattet von ihrer gestrigen Niederlage, warteten die Lazzaroni jedoch auf Nachrichten vom Kampfe.

Am Morgen erfuhren sie, daß der Tag den Franzosen geblieben, welche ihren Cameraden siebenundzwanzig Kanonen abgenommen, tausend Mann getödtet und sechshundert Gefangene gemacht hatten.

Nun sammelten sie sich, noch siebentausend Mann stark, und marschierten so schnell als möglich den Lazzaronis zu Hilfe, welche die Stadt vertheidigten, und ließen auf ihrem Wege gleichsam als Zeugen des Blutbades diejenigen von ihren Verwundeten zurück, welche, nachdem sie sich am Abend vorher und in der Nacht wieder gesammelt, gleichwohl nicht Kraft genug besaßen, ihnen zu folgen.

Auf dem Largo del Castello angelangt, theilten sie sich in drei Banden.

Die eine rückte durch die Toledostraße dem Largo delle Pigne, die zweite durch die Strada dei Tribunali dem Castello Capuana und die dritte durch die Marina dem Altmarkt zu Hilfe.

Bedeckt mit Staub und Blut, berauscht von dem Wein, der ihnen längs des ganzen Weges geboten worden, warfen sie sich als frische Kämpfer in die Reihen derer, welche seit dem vorigen Abend kämpften. Einmal besiegt, wollten sie, indem sie ihren besiegten Brüdern zu Hilfe eilten, es nicht zum zweiten Male sein.

Jeder Republikaner, der schon einer gegen sechs kämpfte, hatte nun einen oder zwei Feinde mehr niederzuwerfen, und um sie niederzuwerfen, durfte man sie nicht blos verwunden, sondern man mußte sie tödten, denn wir haben es schon gesagt, so lange noch ein Hauch Leben in den Verwundeten war, setzten sie den Kampf hartnäckig fort.

So dauerte der Kampf fast ohne Vortheil auf der einen oder andern Seite bis drei Uhr Nachmittags.

Salvato, Monnier und Matthieu Maurice hatten das Castello del Carmine und den Altmarkt genommen.

Championnet, Thiébaut und Duhesme hatten sich des Castello Capuana bemächtigt und ihre Vorposten bis zum Largo San Giuseppe und dem Drittel der Strada dei Tribunali vorgeschoben.

Kellermann war bis an das äußerste Ende der Strada dei Cristallini gelangt, während Dufresse nach einem erbitterten Kampfe sich des Albergo dei Poveri oder Armenhospitals bemächtigt hatte.

Es trat nun eine Art Waffenstillstand ein, der seinen Grund in der Ermattung hatte. Man war auf beiden Seiten des Würgens müde. Championnet hoffte, daß dieser furchtbare Tag, an welchem die Lazzaroni vier- oder fünftausend Mann verloren, für sie eine Lehre sein und daß sie um Pardon bitten würden.

Als er sah, daß es damit nichts war, entwarf er mitten im Feuer auf einer Trommel eine an das Volk von Neapel gerichtete Proclamation und beauftragte seinen Adjutanten Villeneuve, der seine Function bei ihm wieder übernommen, sie dem Magistrat von Neapel zu überbringen.

Er gab ihm demzufolge als Parlamentär einen Trompeter mit einer weißen Fahne mit.

In der furchtbaren Unordnung aber, deren Beute jetzt Neapel war, hatte der Magistrat eine ganze Autorität verloren. Die Patrioten, welche wußten, daß man ihnen nach dem Leben trachtete, hielten sich versteckt, und Villeneuve ward, trotz seines Trompeters und seiner weißen Fahne, überall, wo er sich zeigte, mit Flintenschüssen empfangen. Eine Kugel zerschlug den Bogen eines Sattels und er mußte wieder umkehren, ohne daß es ihm möglich gewesen war, den Feind von der Proclamation des Generals in Kenntniß zu setzen.

Dieselbe war in italienischer Sprache geschrieben, welche Championnet eben so gut und geläufig redete wie die französische, und lautete wie folgt:

»Championnet, Obergeneral, an das neapolitanische Volk.

»Bürger!

»Ich habe der kriegerischen Rache, welche durch furchtbare Ausschreitungen und die Wuth einiger von euren Meuchelmördern bezahlten Individuen herausgefordert worden, auf einen Augenblick Einhalt gethan. Ich weiß, wie gut das neapolitanische Volk ist, und von ganzem Herzen beklage ich das Unheil, welches ich gezwungen bin, ihm zuzufügen. Deshalb benutze ich diesen Augenblick der Ruhe, um mich an Euch zu wenden, wie ein Vater an seine rebellischen, aber immer noch geliebten Kinder, und um Euch zu sagen: Gebt einen unnützen Widerstand auf, legt die Waffen nieder, und das Leben, das Eigenthum und die Religion sollen nicht angetastet werden. Jedes Haus dagegen, aus welchem ein Schuß fällt, wird niedergebrannt und die Bewohner werden erschossen. Dafern aber die Ruhe wiederhergestellt wird, so will ich die Vergangenheit vergessen und die Segnungen des Himmels werden sich aufs Neue auf dieses glückliche Land herabsenken.

»Neapel, am 3. Pluviose des Jahres VII der Republik (22. Januar 1799).«

Nach der Weise, wie Villeneuve empfangen worden, war wenigstens für diesen Tag keine Hoffnung mehr. Um vier Uhr wurden die Feindseligkeiten mit größerer Erbitterung als je wieder aufgenommen. Sogar die Nacht senkte sich herab, ohne die Kämpfenden zu trennen. Die einen fuhren fort in das Dunkel hineinzuschießen, und die andern warfen sich mitten unter den Leichen auf die glühende Asche und unter die flammenden Trümmer zum Schlafe nieder.

Die gänzlich erschöpfte französische Armee pflanzte, nachdem sie an Todten und Verwundeten tausend Mann verloren, auf dem Castell di Carmine, auf dem Castello Capuana und auf dem Albergo dei Poveri die dreifarbige Fahne auf.

Wie wir bereits gesagt, war ungefähr ein Drittheil der Stadt in ihrer Gewalt.

Es ward Befehl gegeben, die ganze Nacht unter den Waffen zu bleiben, die Positionen gut zu bewachen und den Kampf bei Tagesanbruch wieder aufzunehmen.




Viertes Capitel.

Dritter Tag


Wenn der Befehl, die ganze Nacht unter den Waffen zu bleiben, von dem Obergeneral auch nicht gegeben worden wäre, so hätte doch schon die Sorge für ihre eigene Erhaltung die Soldaten gezwungen, die keinen Augenblick wegzulegen.

Die ganze Nacht hindurch läutete die Sturmglocke auf allen Kirchen in den noch im Besitze der Neapolitaner gebliebenen Theilen der Stadt. Gegen alle Vorposten der Franzosen versuchten die Lazzaroni Angriffe; überall aber wurden sie mit bedeutenden Verlusten zurückgeschlagen.

Während der Nacht empfing Jeder seinen Schlachtbefehl für den nächstfolgenden Tag.

Als Salvato dem General meldete, daß er Meister des Castello del Carmine sei, erhielt er für den nächsten Tag Befehl, mit gefälltem Bajonnet und im Sturmschritt den Strand entlang mit den beiden Spitzen seines Corps gegen das Castello Nuovo vorzurücken und dasselbe um jeden Preis zu nehmen, um die Geschütze desselben sofort gegen die Lazzaroni zu kehren, während Monnier, Matthieu Maurice mit dem andern Drittel sich in ihrer Position halten und Kellermann, Dufresse und der Obergeneral sich in der Strada Foria vereinigen und über den Largo delle Pigne bis in die Toledostraße vordringen sollten.

Gegen zwei Uhr Morgens erschien ein Mann im Bivouac des Obergenerals zu San Giovanni in Carbonara. Trotz der Kleidung eines Bauers aus den Abruzzen erkannte der General doch auf den ersten Blick Hector Caraffa.

Dieser hatte eben das Castell San Elmo verlassen und kam, um Championnet zu melden, daß das Fort, welches blos noch fünf- bis sechshundert Kugeln abzufeuern habe, seine Munition nicht unnütz habe verwenden wollen. Den nächstfolgenden Tag aber werde sein Geschütz, um den Obergeneral zu unterstützen, im Rücken kämpfen, das heißt alle Lazzaroni, die von vorn angegriffen werden würden, überall, wo es möglich sei, von hinten niederschmettern.

Seiner Unthätigkeit müde, kam Hector Caraffa nicht blos, um dem General diese Meldung zu machen, sondern auch um an dem Kampfe des eben angebrochenen Tages theilzunehmen.

Um sieben Uhr schmetterten die Trompeten und wirbelten die Trommeln.

Salvato hatte während der Nacht Terrain gewonnen. Mit fünfzehnhundert Mann brach er auf das gegebene Signal hinter der Douane hervor und rückte im Sturmschritt gegen das Castello Nuovo.

In diesem Augenblick kam ihm ein von der Vorsehung gefügter Zufall zu Hilfe.

Nicolino, welcher sich sehnte, den Angriff seinerseits zu beginnen, spazierte auf den Wällen umher und ermahnte seine Artilleristen, die wenige Munition, welche sie hätten, nützlich zu verwenden.

Einer, der dreister war als die andern, rief ihn.

Nicolino ging auf ihn zu.

»Was willst Du von mir?« fragte er ihn.

»Sehen Sie die Fahne, welche auf dem Castello Nuovo weht?« hob der Artillerist wieder an.

»Allerdings sehe ich sie, entgegnete Nicolino, »und ich gestehe, daß sie mir im höchsten Grade zuwider ist.«

»Wollen Sie mir erlauben, sie zu beseitigen, Herr Commandant?«

»Womit willst Du das thun?«

»Mit einer Kugel.«

»Bist Du wirklich so geschickt?«

»Ich hoffe es, Herr Commandant.«

»Wie viel Schüsse verlangt Du?«

»Drei.«

»Ich bin es zufrieden, aber ich sage Dir im voraus, wenn Du sie mit drei Schüssen nicht herunter hat, so bekommst Du drei Tage Arrest.«

»Wenn ich sie nun aber treffe?«

»Dann bekommst Du zehn Ducaten.«

»Gut, dann sind wir einig.«

Der Artillerist richtete sein Geschütz, feuerte es ab und die Kugel ging mitten durch das Tuch der Fahne hindurch.

»Das war nicht schlecht, sagte Nicolino, »aber es ist nicht genug.«

»Ich weiß es wohl,« antwortete der Artillerist. »Auch werde ich sogleich versuchen, es noch besser zu machen.«

Die Kanone ward zum zweiten Mal mit noch größerer Sorgfalt gerichtet als das erste Mal. Der Artillerist sah erst, von welcher Seite der Wind kam, berechnete die, wenn auch unbedeutende Veränderung, welche dieser Hauch der Richtung der Kugel geben könnte, richtete sich empor, bückte sich abermals, veränderte den Zielpunkt seines Geschützes um den hundertsten Theil einer Linie und hielt dann die Lunte auf das Zündloch.

Ein lauter Knall, welcher den Tumult übertäubte, ließ sich hören und die unten am Fuße der Stange durchschossene Fahne stürzte herab.

Nicolino klatschte in die Hände und gab, ohne zu ahnen, welchen Einfluß dieser Vorfall haben würde, dem Artilleristen die zehn Ducati, die er ihm versprochen.

In diesem Augenblick erschien die Spitze von Salvato's Colonne an der Immacolatella.

Salvato marschierte, wie immer, voran. Er sah die Fahne fallen und obschon er wohl bemerkt hatte, daß ihr Verschwinden durch fremde Einwirkung herbeigeführt worden, rief er:

»Man senkt die Fahne! Das Fort ergibt sich! Vorwärts, meine Freunde, vorwärts!«

Und im Sturmschritt eilte er weiter.

Die Vertheidiger des Castells ihrerseits schrieen, als sie keine Fahne mehr sahen und in der Meinung, man habe sie wirklich freiwillig heruntergenommen, über Verrath. Die Folge hiervon war ein Tumult, während dessen die Vertheidigung erschlaffte.

Salvato benutzte diese Pause, um die Strada del Piliere im Sturmschritt zu passiren.

Er schleuderte seine Sapeurs gegen das Thor des Castells und ließ es durch eine Petarde aufsprengen.

Dann stürzte er in das Innere des Castells und rief:

»Folgt mir!«

Zehn Minuten später war das Fort genommen und das Geschütz desselben zwang, indem es den Largo del Castello und den Riesengang bestrich, die Lazzaroni, sich in die, in diese Straßen ausmündenden Seitengassen zu flüchten, in welchen sie durch die Position der Häuser vor den Kugeln geschützt waren.

Sofort ward die französische dreifarbige Fahne an der Stelle der weißen Fahne aufgepflanzt.

Eine auf dem höchsten Punkt des Castello Capuana stehende Schildwache übermittelte die Nachricht von der Einnahme des Castells an den General Championnet.

Die drei Castelle, in deren Triangel die Stadt eingeschlossen ist, waren somit in der Gewalt der Franzosen.

Als Championnet die Nachricht von der Einnahme des Castells Nuovo erhielt, bewirkte er seine Vereinigung mit Dufresse in der Stradadi Foria.

Er schickte Villeneuve über den freien Strand zu Salvato, um diesem Glück zu wünschen und ihm zu befehlen, die Bewachung des Castello Nuovo einem Officier zu übertragen und sich dann sofort bei ihm, Championnet, einzufinden.

Villeneuve traf den jungen Brigadechef auf dem Walle des Castells stehend und das Auge auf die Mergellina geheftet.

Von hier aus konnte er jenes theure Palmbaumhaus erspähen, welches er seit zwei Monaten nur noch in seinen Träumen gesehen. Sämtliche Fenster desselben waren geschlossen, dennoch aber war es ihm, als sähe er mit Hilfe seines Fernrohres die in den Garten führende Thür des Perrons geöffnet. Mitten in dieser Betrachtung überraschte ihn der Befehl des Generals.

Er übertrug das Commando sofort Villeneuve selbst, nahm sein Pferd und galoppierte davon.

In dem Augenblick, wo Championnet und Dufresse vereinigt die Lazzaroni nach der Toledostraße trieben und während ein furchtbares Feuer nicht blos von dem Largo delle Pigne, sondern auch aus allen Fenstern kam, bemerkte man plötzlich einen leichten Rauch, welcher die Wälle des Castells San Elmo krönte, dann hörte man das Krachen mehrerer schweren Geschütze und sah, daß unter den Lazzaroni eine große Verwirrung entstand.

Nicolino hielt Wort.

Gleichzeitig kam eine Abtheilung Dragoner wie ein reißender Strom durch die Strada della Stalla, während ein lebhaftes Musketenfeuer sich hinter dem Museo Burbonico hören ließ.

Es war Kellermann, welcher seinerseits seine Vereinigung mit den Corps Dufresses und Championnets bewirkte. Binnen wenigen Augenblicken war der Largo delle Pigne gesäubert und die drei Generale konnten sich hier die Hand reichen.

Die Lazzaroni zogen sich durch die Strada Santa Maria in Constantinopoli und die Salita dei Studi zurück.

Um aber über den Largo San Spirito und den Mercatello zu kommen, sahen sie sich genöthigt, unter dem Feuer des Castells San Elmo durchzupassieren, welches trotz der Schnelligkeit, womit diese Passage bewirkt ward, Zeit hatte, fünf oder sechs Todesboten in ihre Reihen zu senden.

Während so der Rückzug der Lazzaroni stattfand, brachte man einen ihrer Anführer, den man nach verzweifeltem Widerstande gefangen genommen, vor Championnet.

Mit Blut bedeckt, mit zerrissenen Kleidern, drohendem Gesicht und spöttischem Tone war er der echte Typus des sich im höchsten Stadium der Exaltation befindenden Neapolitaners.

Championnet zuckte die Achseln, kehrte ihm den Rücken und sagte:

»Es ist gut. Man erschieße diesen Burschen, um den Andern ein Beispiel zu geben.«

»Schön!« sagte der Lazzarone. »Wie es scheint, hat Nanno sich doch geirrt. Ich sollte erst noch Oberst und dann gehängt werden. Gleichwohl aber habe ich es blos bis zum Capitän gebracht und werde durch Pulver und Blei sterben. Es gereicht mir um meines Schwesterchens willen immer noch zum Troste.«

Championnet hörte diese Worte. Er stand im Begriff, den Verurtheilten näher zu befragen, da er aber in diesem Augenblick einen Reiter auf sich zugesprengt kommen sah, und in diesem Reiter Salvato erkannte, so richtete sich eine ganze Aufmerksamkeit auf diesen.

Man schleppte den Lazzarone fort, lehnte ihn an die Mauer des Museo Borbonico und wollte ihm die Augen verbinden.

Dagegen aber erhob er Einspruch.

»Der General,« rief er, »hat gesagt, man solle mich erschießen, aber nicht, daß man mir die Augen verbinden solle!«

Salvato stutzte, als er diese Stimme vernahm, drehte sich um und erkannte Michele, der seinerseits ihn ebenfalls sofort erkannte.

»Sanguedi Cristo!« rief der Lazzarone. »Sagen Sie selbst, Signor Salvato, daß man, um mich zu erschießen, mir nicht erst die Augen zu verbinden braucht.«

Und die ihn umringenden Soldaten zurückstoßend, kreuzte er die Arme und lehnte sich freiwillig an die Mauer.

»Michele!« rief Salvato. »General, dieser Mann hat mir das Leben gerettet; ich bitte Sie, mir das einige zu schenken.«

Und ohne die Antwort des Generals abzuwarten, denn er war überzeugt, daß dieser ihm seine Bitte nicht abschlagen würde, sprang Salvato vom Pferde, durchbrach den Halbkreis der Soldaten, welche schon ihre Musketen fertig machten, um Michele niederzuschießen, und warf sich in die Arme des Lazzarone, den er küßte und an sein Herz drückte.

Championnet erkannte sofort, welchen Nutzen er von diesem Vorfall ziehen konnte. Gerechtigkeit üben ist ein eindringliches Beispiel, aber Gnade üben, ist zuweilen eine gute Berechnung.

Er winkte sofort Salvato, der ihm Michele zuführte. Ein weiter Kreis bildete sich um die beiden jungen Männer und den General.

Dieser Kreis bestand aus siegreichen Franzosen, aus gefangenen Neapolitanern und aus Patrioten, welche herbeigeeilt waren, sei es um Championnet zu beglückwünschen, sei es, um sich unter seinen Schutz zu stellen.

Championnet, welcher diesen Kreis um die ganze Höhe seiner Büste überragt, erhob die Hand zum Zeichen, daß er sprechen wolle, und Alles schwieg

»Neapolitaner,« sagte er auf italienisch, »ich wollte, wie Ihr gesehen habt, diesen Mann, welcher mit den Waffen in der Hand und gegen uns kämpfend gefangen genommen worden, erschießen lassen; mein ehemaliger Adjutant aber, der jetzige Brigadechef Salvato, begehrt von mir die Begnadigung dieses Mannes, welcher, wie er mir sagt, ihm das Leben gerettet hat. Ich begnadige ihn daher nicht blos, sondern wünsche auch dem Manne, der einem französischen Officier das Leben gerettet, eine Belohnung zu Theil werden zu lassen.«

Dann wendete er sich zu dem über diese Sprache nicht wenig verwunderten Michele und fragte ihn:

»Welchen Grad bekleidetest Du unter deinen Landsleuten?«

»Ich war Capitän, Excellenz,« antwortete der Gefangene.

Dann setzte er mit der den Lazzaroni eigenthümlichen Vertraulichkeit hinzu:

»Dabei aber sollte ich nicht stehen bleiben, denn eine alte Hexe hat mir prophezeit, ich würde zum Oberst ernannt und dann gehängt werden.«

»Ich kann und will mich blos mit der Verwirklichung des ersten Theils dieser Prophezeiung befassen,« entgegnete der General, »aber ich befasse mich damit. Ich ernenne Dich zum Oberst im Dienst der parthenopeichen Republik. Organisiere dein Regiment. Für deinen Sold und deine Uniform werde ich sorgen.«

Michele that einen Freudensprung.

»Es lebe der General Championnet!« rief er. »Es leben die Franzosen! Es lebe die parthenopeiche Republik!«

Wir haben bereits bemerkt, daß der General von einer gewissen Anzahl Patrioten umringt war. Michele's Ruf fand daher ein ausgedehnteres Echo, als man erwartet hätte.

»Man hat,« sagte der General, sich zu den ihn umgebenden Neapolitanern wendend, »man hat Euch gesagt, die Franzosen seien Bösewichter, die weder an Gott, noch an die Madonna, noch an die Heiligen glaubten. Man hat Euch aber belogen. Die Franzosen glauben fest an Gott, an die Madonna und ganz besonders an den heiligen Januarius. Der Beweis hierfür ist, daß ich mich in diesem Augenblicke angelegentlich damit beschäftige, der Kirche und den Reliquien des hochheiligen Bischofs von Neapel den ihnen gebührenden Respect dadurch zu verschaffen, daß ich ihnen eine Ehrengarde gebe, wenn Michele die Führung derselben übernehmen will.«

»Ich übernehme sie!« rief Michele, indem er seine rothe wollene Mütze schwenkte »ich übernehme sie und noch mehr, ich bürge für sie.«

»Ganz besonders,« sagte Championnet in gedämpftem Tone, »wenn ich Dir deinen Freund Salvato zum Chef gebe.«

»Ha, für ihn und mein Schwesterchen lasse ich das Leben, Herr General.«

»Du hörst, Salvato,« sagte Championnet zu dem jungen Officier. »Deine Mission ist eine sehr wichtige. Es gilt, den heiligen Januarius unter die Republikaner anzuwerben.«

»Und mir ertheilen Sie den Auftrag, ihm eine dreifarbige Cocarde anzustecken,« antwortete Salvato lachend. »Ich hätte nicht geglaubt, daß ich so viel Beruf zum Diplomaten hätte. Doch gleichviel, man wird thun, was man kann.«

»Feder, Tinte und Papier!« rief Championnet.

Man eilte, das Verlangte herbeizuholen, und binnen wenigen Augenblicken hatte Championnet die Wahl zwischen zehn Bogen Papier und eben so viel Federn.

Ohne vom Pferde zu steigen, schrieb der General auf dem Sattelbogen folgenden an den Cardinal-Erzbischof adressierten Brief:





»Eminenz!


»Ich habe der Wuth meiner Soldaten und der Rache für die von den Volke von Neapel begangenen Verbrechen einen Augenblick lang Einhalt gethan. Benutzen Sie diese Pause, um alle Kirchen öffnen zu lassen, stellen Sie das heilige Sacrament aus und predigen Sie Ruhe, Ordnung und Gehorsam gegen das Gesetz. Unter dieser Bedingung bin ich bereit, einen Schleier über die Vergangenheit zu werfen, und werde bedacht sein, der Religion, der persönlichen Sicherheit und dem Eigenthume Achtung zu verschaffen.

»Sagen Sie dem Volke, daß ich, wer auch meinen gerechten Zorn verdient haben möge, doch der Plünderung Einhalt thun werde und daß Ordnung und Ruhe in diese verrathene und betrogene unglückliche Stadt zurückkehren werden. Gleichzeitig erkläre ich aber auch, daß, so wie ein einziger Schuß aus einem Fenster fällt, ich das betreffende Haus niederbrennen und alle darin befindlichen Bewohner erschießen lassen werde.

»Erfüllen Sie daher die Pflichten Ihres hohen Amtes und Ihr religiöser Eifer wird hoffentlich für die öffentliche Ruhe nützlich sein.

»Ich schicke Ihnen zugleich eine Ehrengarde für die Kirche des heiligen Januarius.



»Neapel, am 4. Pluviose im Jahre VII der Republik (23. Jänner 1799).

    »Championnet.«



Michele, der wie alle Andern diesen Brief vorlesen gehört, suchte mit den Augen unter der Menge seinen Freund Pagliuccella. Da er ihn aber nicht fand, so wählte er vier Lazzaroni, von welchen er wußte, daß er auf sie zählen könne wie auf sich selbst, und marschierte Salvato voran, dem eine Compagnie Grenadiere folgte.

Dieser kleine Zug begab sich von dem Largo delle Pigne durch die Strada dell' Orticello, den Vico di San Giacomo di Ruffi und die Strada de l'Arcivescovado, das heißt durch einige der engsten und volkreichsten Gassen des alten Neapel, nach dem nicht weit entfernten erzbischöflichen Palast.

Die Franzosen waren bis jetzt noch nicht in diese Region der Stadt eingedrungen, wo von Zeit zu Zeit einige von dem Volk wie zur Ermuthigung abgefeuerte Flintenschüsse knatterten und wo die Republikaner im Vorüberziehen nur drei Eindrücke lesen konnten: Schrecken, Haß und Bestürzung.

Zum Glück hatte Michele, von Salvato Palmieri gerettet und von Championnet begnadigt und sich im Geiste schon in seiner Oberstenuniform auf einem schönen Pferde einhergaloppieren sehend, sich mit dem ganzen Feuer seines leicht zu lenkenden Gemüths für die Franzosen erklärt und marschierte vor ihnen her, indem er mit der ganzen Kraft seiner Lunge schrie:




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