Liebesdramen
Alexandre Dumas der Ältere




Dumas (père), Alexandre

Liebesdrahmen





Erster Theil





Erstes Capitel.

Welches allen ersten Capiteln gleicht


Wenn wir uns die Erlaubniß nehmen, unsere Leser nach Châteaudun zu führen, so sind mir im Voraus auf die Frage gefaßt: Was ist Châteaudun? wo liegt es?

Châteaudun ist die vormalige Hauptstadt der Grafschaft Dunois in Beauce. Und um jeder weitern Interpretation zuvorzukommen, setze ich hinzu, daß die Landschaft Beauce, welche in das Gebiet von Chartres, in Dunois und Vendomois zerfiel, ein prosaisches Aussehen hat und folglich den Poeten, Künstlern und andern Leuten, die keinen Werth auf Grundrenten legen, sehr häßlich erscheinen muß; wer hingegen fette Weizen- und Kleefelder mit einem gelb- und grüngestreiften Horizont den reizendsten Gebirgspartien der Alpen und Pyrenäen vorzieht, wird Beauce für das schönste Land der Welt halten.

Jeder Reisende, der durch dieses Land kommt, wird indeß zugeben, daß einige Bauminseln in diesem Getreidemeere, wie grüne Oasen in der Wüste, reizender scheinen, als sie wirklich sind.

Eine solche angenehme Unterbrechung der Einförmigkeit findet statt, wenn man, von Chartres kommend, über den Pappeln am Ufer des Loir den Höhenrücken bemerkt, auf welchem das Städtchen Châteaudun und das alte prächtige Schloß Montmorency erbaut ist.

Felsengruppen, Schluchten, grüne Bäume, mitten in der flachen, eintönigen Beauce! Man könnte die Landschaft, die sich plötzlich entrollt, für eine Theaterdecoration halten.

Diese liebliche Oase ist mit Schlössern und Landhäusern übersäet, deren Bewohner in sehr lebhaftem Verkehr mir einander stehen.

Dies war zumal im Anfange der Regierung Ludwig Philipps der Fall, in jener Zeit, wo wir Gelegenheit hatten, in einige Gesellschaftskreise von Châteaudun eingeführt zu werden und von den Ereignissen, die wir erzählen wollen, Kenntniß zu bekommen.

Es war die Zeit, wo eine jetzt in den Ehestandskatakomben begrabene Generation im vollen Glanz der Jugend strahlte, eine Generation, welche durch die von einer Revolution so gewaltsam geöffneten Thore um das Jahr 1832 in die große Welt einzog.

Es war ein seltsames Geschlecht, lebhaft, erregbar, leichtsinnig, gewissermaßen wie die Krieger des Kadmus, aus Drachenzähnen hervorgegangen, während eines kurzen Friedens zwischen zwei blutigen Kämpfen geboren, unter Trommelschlag aufgewachsen; ein Geschlecht, das in dem Alter, wo andere Kinder Ballspielen, nicht in Soldatenuniform, sondern in der Schälerjacke, mit der Flinte auf dem Rücken fortzog, um Paris zu vertheidigen.

Die Väter waren im Kampf gefallen; ihre nun verwaisten Söhne hatten sie kaum gekannt. Eines Morgens waren sie, wie einst Rodrigo zu Ximenes, auf blutbeflecktem Roß vor die Thür gekommen und ohne abzusteigen, nahmen sie Abschied von ihren Frauen, ließen sich ihre Kinder aufs Pferd reichen, küßten sie, gaben sie ihren Müttern zurück und ritten fort.

Als endlich der große Feldherr, der die Seele aller dieser Körper gewesen war, in einem Sturme verschwand und eine mit Pulverrauch angefüllte, von Blitzen durchzuckte Atmosphäre zurückließ, wankte die Generation auf den Trümmern eines für den Krieg gebornen Reiches. Sie war zum Frieden verurtheilt: in den Nächten träumte sie von den sandigen Ebenen Egyptens, von den schneebedeckten Bergen Syriens, und als sie erwachte, erblickte sie statt jenes Kriegsgottes, statt jener Heldengestalten mit Erstaunen eine schwerfällige sechsspännige vergoldete Kutsche, und in derselben einen bejahrten kränkelnden König, der für die alten Mäntel, von denen man die Bienen abgekratzt, neue mit Lilien besetzte Fracks austheilte.

Zwei Welten standen einander gegenüber: die bis zu Ludwig dem Heiligen zurückreichende Welt der Vergangenheit, und die mit Napoleon entstandene Welt der Gegenwart und Zukunft.

Und zwischen diesen beiden Welten, einem nur in flüchtigen Umrissen sichtbaren, aber furchtbar drohenden Gespenst gleich jene Göttin, die drei Jahre lang ein Schaffot als Thron erwählt und nach schweren blutigen Geburtswehen die Freiheit gebar.

Es war eine fieberhaft aufgeregte, aber ehrliche, würdevolle, überzeugungstreue Zeit. Der Börsenschwindel hatte unsere Gesellschaft noch nicht ergriffen; die Stunde hatte noch nicht geschlagen, wo ein Pair von Frankreich, ohne Aergerniß zu geben, sich unter die Coulissiers der Börse mischen konnte.

Es war daher natürlich, daß die jungen Leute, die das Fontanell der Spekulation noch nicht hatten, von einer unbeschreiblichen Unruhe getrieben und von thörichten, unerreichbaren Wünschen erfüllt, sich Hals über Kopf in zweckloses Beschäftigungen oder stürmische Genüsse stürzten. Alle Lebenskraft, alles Jugendfeuer vergeudeten sie in tollen Gelagen, unsinnigen Wetten und Glücksspielen, in Hetzjagden und Maitreffen. Die Lebemänner in der Provinz standen damals denen in Paris an wahnsinniger Verschwendung keineswegs nach; viele Trümmer geben noch heute Zeugniß davon.

Zu jener Zeit, die wir in dieser Hinsicht wahrhaft bevorzugt genannt haben, enthielt die Stadt Châteaudun mit ihren Umgebungen wohl zwanzig solcher unbeschäftigten Söhne vornehmer Familien, und dies trug nicht wenig dazu bei, der dortigen Gesellschaft den alten Ruf der heiteren, wenn auch nicht selten in Tollheit ausartenden Lebenslust zu erhalten.

Der auffallendste, wenn nicht angesehenste unter den dortigen Lions – dieses Wort war eben damals aufgekommen – war damals Marquis von Escoman.

Er war vermählt, aber er hatte die Ehe nur als ein Mittel betrachtet, seinen großen Aufwand fortzusetzen. Als guter Franzose hatte er bei der Wahl seiner Gattin nur die finanziellen Vortheile berücksichtigt, und das Geld seiner Frau glitt ihm eben so leicht und schnell durch die Finger, wie zuvor sein eigenes, oder vielmehr wie das Geld seines Vaters.

Der Marquis von Escoman war dreißig Jahre alt. Die Julirevolution hatte ihn als Unterlieutenant unter den Gardedragonern gefunden. Er war ein höchst liebenswürdiger, wenn auch nicht sehr tüchtiger Offizier, der viel häufiger aus Bällen in den Notizbüchern der Damen für Contretanz, Walzer und Polka, als in den Tabellen des Kriegsministeriums für das Avancement vorgemerkt war. Er würde indeß unter der ältern Linie der Bourbons immerhin Aussicht auf eine ehrenvolle Laufbahn gehabt haben, wenn die Julirevolution nicht ausgebrochen wäre.

Der Marquis hielt es unter seiner Würde, einem Bürgerkönige zu dienen, der baumwollene Handschuhe trug, zu Fuß mit einem Regenschirm unter dem Arme ausging und auf den Ruf des Pariser Pöbels auf dem Balcon erschien, dreimal grüßte und die Marseillaise sang. Er nahm seinen Abschied und ging nach Hause.

Er langweilte sich ungeheuer bis zur Eröffnung der Jagd, die einen Monat nach dem Regierungsantritt das neuen Königs folgte. Am 5. September nahm er seine Doppelflinte und durchstreifte in Begleitung seines Hühnerhundes die Felder; aber als die Rebhühner nicht mehr »halten« wollten, als das Glatteis die Hetzjagden unmöglich machte, sah sich der Marquis wieder auf die Gesellschaft ältlicher Damen, noch älterer Ludwigsritter und einiger eben aus der Schule entlassenen jungen Leute beschränkt und die Langweile wurde ihm bald unerträglich.

Er sah sich um und sann nach, was er wohl Gutes oder Böses unternehmen könne. Wir müssen ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er sich nicht mehr zu dem bösen Princip als zu dem guten hinneigte.

Die ländliche Einsamkeit war die Hauptschwierigkeit, die er zu überwinden hatte. Er mußte, wie die Spanier sagen, den Stier bei den Hörnern fassen. Er versuchte die Einöde zu bevölkern.

Eine der ersten Blüthen, welche die im Entstehen befindliche Gesellschaft trieb, war ein schönes Mädchen, welches sich der Marquis zur Geliebten erkor. Es war keine »Courtisane« mehr und auch noch keine »Lorette«, es war ein Mittelding zwischen beiden. Sie hieß Margarethe Gelis.

Trotzdem entschloß sich der Marquis, eine Frau zu nehmen; die Gründe dieses Entschlusses sind uns bereits bekannt; wir haben nur noch zu sagen, wie diese echt französische Ehe zu Stande kam.

Der Marquis von Escoman, dessen ererbtes Vermögen bereits im Dienste Sr. Majestät Carl X. bedeutend zusammengeschmolzen war, hatte dasselbe in den zwei Jahren zwischen der Julirevolution und der Zeit, in welcher unsere Erzählung beginnt, vollends verthan. Nach einem Jahre waren alle seine Güter mit Hypotheken belastet, und nach zwei Jahren begann der Credit, der den reichen Gutsherren in so reichem Maße zu Gebote steht, die Schnüre seines Geldbeutels fester anzuziehen.

Der Notar des Marquis erklärte seinem Clienten eines Tages die Unmöglichkeit, eine neue Anleihe zu machen und bewies ihm, daß er die Wahl zwischen zwei Mitteln habe, nicht in den Abgrund zu stürzen, an dessen Rand er stehe: er müsse entweder »ausspannen« oder eine Frau nehmen.

Der Marquis würde nicht einmal unter der Bedingung, die Ludwig XV. seinem Leibarzt stellte, nemlich »den Hemmschuh einzulegen«, den ersten Theil des Vorschlags angenommen haben; der zweite Theil allein schien ihm ausführbar und er erwiederte mit einem Seufzer: »Gut verschaffen Sie mir eine Frau.«

Der Notar meinte, man müsse das Eisen schmieden, so lange es heiß sei; er schlug daher seinem Clienten eine Partie mit 45,000 Franken jährlicher Renten vor. Der Marquis war so freudig überrascht, daß er sich sogleich bereit erklärte, die Million anzunehmen, ohne die Hände, die sie ihm bringen sollten, in Augenschein zu nehmen.

Der Marquis war in der That ein Glückskind. Die Inhaberin der Million hatte schöne, weiße, aristokratische Hände; sie war die letzte Blüthe eines hochansehnlichen alten Stammes in der Landschaft Blois, zählte achtzehn Jahre, war sehr hübsch und hatte eine sorgfältige Erziehung genossen. Ueberdies war sie eine Waise, und das verdoppelte den Werth der Million in den Augen des künftigen Gemals, der sich der lästigen Ueberwachung von launischen Schwiegereltern überhoben sah.

Einige Tage nach seiner Unterredung zwischen dem Marquis und seinem Notar wurden die beiden jungen Leute einander vorgestellt, und nach einer zweimonatlichen Bewerbung, die dem Marquis schwere Opfer an den gewohnten Genüssen kostete, wurde er in der Kirche zu Châteaudun mit dem Fräulein von Nanteuil vermält.

In einer sogenannten C o n v e n i e n zheirat – ein nach unserer Meinung sehr unpassender Ausdruck, denn es kommt dabei ja nicht in Betracht, ob die künftigen Gatten einander C o n v e n i r e n – ist fast immer gegenseitige Gleichgültigkeit, auf einer Seite oft sogar entschiedene Abneigung vorhanden. Dies war jedoch bei dieser bevorstehenden Verbindung nicht der Fall; denn obgleich Emma – so hieß das Fräulein von Nanteuil – dem Marquis sehr gleichgültig war, so liebte sie ihn doch aufrichtig und mit aller Hingebung.

Die jungen Mädchen aus den höheren Ständen mögen Sympathien und Hoffnungen gehegt haben, aber selten haben sie mehr empfunden, und noch seltener hat die Strenge ihrer Erziehung eine wirkliche Liebe in ihnen entstehen lassen. Sie haben in den Jahren, welche die Kindheit von der Vermählung trennen, wohl Sehnsucht nach Liebe gefühlt und ungeduldige Wünsche gehegt; aber ihre Stellung in der Gesellschaft ist so scharf abgegrenzt, daß nur wenige von ihren vorhandenen Gefühlen etwas merken lassen und fast alle sich die Ohren zuhalten, um das ungestüme Pochen ihres Herzens nicht zu hören. Sie träumen viel und glauben zu lieben, ohne wirklich zu lieben. So schwankt ihr Gemüth zwischen lauter Traumbildern, ähnlich den vom Lufthauch umhergetriebenen Sommerfäden, die nicht Festigkeit genug haben, um einen dauernden Standpunkt einzunehmen.

In einem Kloster erzogen, hatte Emma nur im Geiste ihren zukünftigen Gatten gesehen. Als ihr daher der Vormund auf den Antrag des Notars einen liebenswürdigen, ihren schönsten Träumen entsprechenden jungen Mann vorstellte, glaubte sie an eine Fügung der Vorsehung und dankte Gott von ganzem Herzen für das Glück, das ihr zu Theil wurde.

Die bisher unbekannten Gefühle, welche der tägliche Verkehr mit dem Marquis in ihr merkte, bewirkten wie ein magnetischer Strom diesen Uebergang von der Zuneigung zur Liebe.

Die Sinne sind um so thätiger, je weniger ihre Thätigkeit geahnt wird. Wenn daher Emma von ihrem Verlobten sprach und »mein schöner Raoul« sagte, so war leicht zu erkennen, daß sie ungeachtet ihrer Reinheit und Unschuld ein sinnliches Wohlgefallen an ihm fand; man ahnte, daß es keine blos geistige Liebe war, welche das holde Mädchen an den Mann ihrer Wahl fesselte, und man sah ihre Verblendung, wie es die vernünftigen Leute nannten.

Denn es fehlte nicht an Warnungen über das ihr bevorstehende Schicksal; es fehlte nicht an Briefen ohne Namensunterschrift, denen sie wohl keinen Glauben schenken mochte; der Wunsch, die Marquise von Escoman zu werden, war bei der armen Emma so lebhaft, daß sie nicht nur den anonymen Briefen und wohlgemeinten Warnungen, sondern auch den dringenden Vorstellungen einer mütterlichen Freundin widerstand. Die Letztere war eine alte Dienerin, die wegen ihrer Treue und Ergebenheit nach und nach den Platz eingenommen hatte, der durch den frühen Tod der Mutter des Fräuleins von Nanteuil erledigt worden war.

Susanne Mottet war Kammerjungfer des Fräuleins von Nanteuil, der nachmaligen Gräfin von Nanteuil, gewesen und hatte acht Tage nach der Vermählung ihrer Herrin einen Kammerdiener des Herrn von Nanteuil geheiratet. Sie war die Amme der kleinen Emma geworden und hatte ihre zärtliche Sorge zwischen dieser und ihrem eigenen Kinde getheilt.

Das letztere starb und es schien der treuen Susanne, als sei die Seele des Verstorbenen in ihren leiblichen Säugling übergegangen; so tröstete sie sich durch die sorgsame Pflege der kleinen Emma über den Verlust ihres eigenen Kindes. Die derbe Bäuerin war der Kleinen mit wahrhaft leidenschaftlicher Zärtlichkeit zugethan; sie war sorgsamer, ängstlicher, als die Mutter selbst. Bei der mindesten Unpäßlichkeit ihres Lieblings vergoß sie Thränen, bei dem geringsten Unfall hörte man Susanne schreien. Man pflegt die gänzliche Hingebung einer Person an eine andere mit den Worten auszudrücken: sie würde das Leben für sie geben. Diese sprichwörtliche Redensart war bei Susanne Mottet ganz buchstäblich zu nehmen. Diese Zärtlichkeit ging so weit, daß Frau von Nanteuil die Sache für bedenklich fand. Die Eifersucht einer Mutter ist leicht zu wecken. Die Dame glaubte, ihr Kind werde zu ihrer überzärtlichen Amme eine entschiedene Zuneigung bekommen und dem Mutterherzen entfremdet werden, und sie beschloß Susanne Mottet zu entfernen.

Dieses Mal blieb es aber nicht bei Thränen und Jammergeschrei. Die arme Susanne war ein Bild stummer Verzweiflung, und die Gräfin sah ein, daß sie nicht das Recht hatte, sie so hart zu behandeln. Bestand doch ihr ganzes Unrecht in allzu zärtlicher Liebe, zu einem fremden Kinde. Susanne Mottet blieb bei der kleinen Emma, und da sie mit wunderbarem Instinkt die Ursache dieser beschlossenen Entlassung eingesehen hatte, da sie sogar Anwandlungen von Eifersucht fühlte, wenn das Kind zärtlich mit der Mutter war, so beschloß sie, in Gegenwart der Frau von Nanteuil, sogar vor den Dienstleuten und Fremden ihre leidenschaftliche Zärtlichkeit zu verbergen. So gewann sie nach und nach so viele Selbstbeherrschung, daß sie die Hoffnung, die ihr Leben war, in ihr Herz verschloß.

Aber kaum war sie allein mit dem Kinde, so überließ sie sich ganz ihren Gefühlen; sie drückte es mit Entzücken und Freudenthränen an ihr Herz, nannte es mit den zärtlichsten Namen und geberdete sich wie toll.

Die kleine Emma, welche nur zwei Personen, ihre Mutter und Susanne, in der Welt kannte, theilte zwischen ihnen ihre ganze Zärtlichkeit, von welcher die Mutter nur sehr wenig mehr erhielt als die Amme.

Ueberdies wurde Emma, als sie größer ward, ihrer Mutter immer näher gerückt; sie schlief nicht mehr in der Stube ihrer Amme, sondern in einem großen Cabinet neben dem Zimmer der Gräfin.

Diese Uebersiedlung war eine schwere Prüfung für Susanne; es schien ihr, als würde ihr die Hälfte ihres Glückes geraubt, als würden die Nächte aus ihrem Leben genommen. Oft schlich sie in der Dunkelheit, während Frau von Nanteuil schlief, mit angehaltenem Athem und ungestüm pochendem Herzen, als ob sie ein Verbrechen begehen wollte, in das Cabinet, um ihre kleine Emma zu küssen. Ein paarmal erwachte die Mutter und Susanne gab vor, es sei ihr vorgekommen, das Kind schreie und sie habe keine Ruhe gehabt.

Es war die Zeit der großen Kriege. Der Graf von Nanteuil war Oberst eines Kürassierregimentes, er hatte die Siege des Kaisereiches mit erkämpft und nahm nun an den Niederlagen Napoleons theil. Er war an der Moskowa, bei Leipzig und Montmiral verwundet worden; bei Waterloo blieb er.

Die Gräfin erhielt eines Tages von dem Kriegsminister einen schwarzgesiegelten Brief, der ihr diese Trauerbotschaft brachte.

Die kleine Emma war damals zwei Jahre alt.

Wenn uns der Tod eine tiefe Wunde geschlagen hat, werden uns die Ueberlebenden um so theurer. Die Gräfin von Nanteuil wandte nun der kleinen Emma ihre ganze Liebe zur bis zum zehnten Jahre kam das Kind fast nie von der Seite der Mutter, und Susanne wurde, ohne eine Fremde für die Kleine zu werden, allmälig aus ihrer nächsten Umgebung entfernt.

Zwanzigmal war die Amme, der diese Entfernung von dem geliebten Kinde das Herz brach, im Begriff, ihren Abschied zu verlangen und sich in ihre Familie zurückzuziehen, aber sie hatte nicht den Muth dazu; sobald sie den Mund aufthat, um der Grafen ihr Anliegen vorzutragen, erstorben ihr die Worte auf der Zunge. Sie dachte: nur noch einen Tag! Der Tag verstrich und sie war eben so schwach wie gestern.

Eines Abends, als die Gräfin von einer Spazirfahrt nach Hause kam, klagte sie über heftiges Seitenstechen. Sie war im offenen Wagen gefahren; das Wetter war kalt und in ihrer Besorgniß um die kleine Emma hatte sie ihren Pelz abgenommen und das Kind in denselben gehüllt. Sie hielt es nicht für nothwendig, den Arzt kommen zu lassen. Vierundzwanzig Stunden nachher brach eine Lungenentzündung aus, und diese Krankheit machte so rasche Fortschritte, daß die Gräfin nach dreitägigem Krankenlager starb. Die Sorge für ihr Kind blieb nun der treuen Susanne überlassen.

Das menschliche Herz hat oft seltsame Widersprüche. Susanne war der Gräfin treu ergeben, aber als diese die Augen geschlossen hatte, glaubte sie doch eine innere Stimme zu hören, welche ihr zuflüsterte: »Jetzt erst ist Emma wirklich dein, Niemand kann Dich jetzt hindern sie zu lieben.«

Sie erschrak, als sie diese innere Stimme vernahm, aber sie drückte das Kind zärtlich an ihr Herz.

Ein Oheim der Gräfin von Nanteuil, ein eifriger Royalist, wurde zum Vormund der Waise ernannt. Er hatte seine Nichte, deren Gemahl dem Usurpator diente, sehr selten besucht, so daß er seine Mündel kaum kannte. Er beschloß Emma in eine der besten Kostschulen der Hauptstadt zu geben, und gab der Amme die Erlaubniß, ihr geliebtes Kind zu begleiten; er wußte, daß es der Wunsch der Gräfin gewesen war. – Mehr konnte ja auch Susanne nicht wünschen.

So verflossen sechs Jahre. Die Erziehung der jungen Gräfin war vollendet und ihr Vermögen unter der redlichen und verständigen Verwaltung des Vormundes fast verdoppelt. Dieser sagte einst zu seinem Notar:

»Sie wissen, lieber Herr Pienat, daß ich eine Mündel zu verheiraten habe; auf Vermögen sehe ich nicht, aber ich will einen gutgesinnten Edelmann aus altem Hause.«

Drei Tage nachher kam der Marquis von Escoman zu dem Notar, um eine Anleihe zu machen, und der Notar machte seinem Clienten den oben erwähnten Antrag.

Sobald von der beabsichtigten Heirat die Rede war, begann Susanne Mottet in ihrer mütterlichen Sorge Erkundigungen über den Marquis einzuziehen, und zwar nicht in den Salons, bei Leuten, welche ihr Interesse an der Entstellung der Wahrheit fanden, sondern bei der Dienerschaft in vornehmen Häusern; sie wußte wohl, daß die Dienerschaft ein strenges Richtercollegium bildet, von welchem nur wenige Herren völlig freigesprochen werden.

Susanne erschrak über die Geschichten, welche von der Liederlichkeit und Verschwendung des Marquis von Escoman erzählt wurden. Es schien ihr, als ob ihre liebe Emma die Beute eines jener Ungethüme werden sollte, welche in den Feenmärchen geschildert werden. Sie bat und beschwor ihren Liebling, sich nicht vorsätzlich ins Verderben zu stürzen. Zum Unglück waren die tollen Streiche des Marquis derart, daß eben diejenigen unter denselben, die gerade am abschreckendsten gewirkt haben würden, einem jungen Mädchen unmöglich erzählt werden konnten. Susanne konnte und durfte nichts näher bezeichnen; Emma lachte über die Besorgnisse ihrer alten Freundin, zeigte ihr das hübsche Gesicht ihres Zukünftigen und fragte sie, ob es einem Blaubart ähnlich sei.

Emma vermählte sich also.

Acht Tage, nachdem das süße und so verhängnißvolle Ja gesprochen war, konnte man an Emma eine trübe Stimmung bemerken, obgleich sie die Gedanken der Amme, deren verweinte Augen nicht aufgehört hatten gegen die Freude der jungen Frau zu protestieren, nicht theilte. Aber die neue Ehe hatte keine der Versprechungen gehalten, welche die Phantasie derer Herzen der jungen Frau gegeben. Sie hatte gehofft, ganz dem geliebten Gatten zu leben, seine Gefühle zu theilen, und nun fand sie sich zu ihrem großen Erstaunen allein, immer allein. Die Kälte und Gleichgültigkeit, die der Marquis nicht verhehlte, hatte sie aus den Anstandsrücksichten erklärt; sie hatte seine Zurückhaltung für feines Benehmen gehalten, aber sie fand es auffallend, daß diese Kälte immer fortdauerte.

Wie der durch das Phänomen der Luftspiegelung getäuschte Wanderer, sah sie statt der erfrischenden Quelle nur die heiße Sandwüste um sich, und sie fühlte nicht gegen den Marquis von Escoman, sondern gegen das Leben, das den Menschen solche Täuschungen bereitet, ein Entsetzen, neben welchem die Besorgnisse Susannens nur kindische Furcht waren.

Der Marquis von Escoman hatte nach seiner Vermählung seine Lebensweise nicht im mindesten geändert. Er kaufte noch zwei Pferde und nahm einen Koch; und da Margarethe Gelis diese Vermählung sehr ungern zu sehen schien, so hatte er als echter Cavalier einen für seine Braut bestimmten Shawl aus den angekauften Geschenken genommen und Margarethen geschenkt. Emma bekam ja ohnedies zwei Shawls, und Margarethen konnte er wohl die Freude gönnen, die Bürgersfrauen in Châteaudun neidisch zu machen.

Er widmete seinen geselligen Freunden und seiner Maitresse eben so viel Zeit wie vor seiner Vermälung Pferde und Hunde blieben immer seine Lieblinge, das Spiel seine Hauptleidenschaft.

Aber trotzdem war Châteaudun eine wahre Einöde, und der Marquis suchte dieselbe zu bevölkern. Die Ludwigsritter waren nicht nach seinem Geschmack; ihre endlosen Bemerkungen über die Artikel der »Gazette« und der »Quetidienne« nahmen ihre Geisteskräfte und ihre Zeit in Anspruch. Die eben aus dem College entlassenen jungen Leute waren schon mehr für ihn geeignete einige von ihnen berechtigten zu den schönsten Erwartungen; der Marquis übernahm die Ausbildung der glücklichen Naturanlagen. Er lenkte die Studien seiner jungen Freunde freilich nicht auf Rhetorik und Philosophie, sondern auf die nobleren Passionen des Spiels, des Weines und der Weiber.

Nach sechs Monaten konnte der Marquis von Escoman auf seine Zöglinge stolz sein; die Stadt Châteaudun war gänzlich umgestaltet. Nie hatte ein Abgesandter ein solches Resultat erzielt. Elegante Equipagen fuhren auf den Promenaden; die Jagdhörner klangen bis in die späte Nacht in der Umgegend, deren Stille sonst nur durch das Geläute der Glocken unterbrochen worden war; die nächtliche Ruhe der friedlichen Bürger wurde durch das laute Singen weinseliger Schaaren gestört; viele Mütter weinten über ihre Töchter, welche den Weg der Tugend verlassen hatten, und die frommen ehrbaren Leute rechneten die von den jungen Leuten im Clubb verspielten ungeheuren Summen zusammen.




Zweites Capitel.

Louis von Fontanieu


Zu der Zeit, in welcher unsere Geschichte beginnt, war der Marquis von Escoman mit Emma von Nanteuil seit zwei Jahren vermält, und die Ehe hatte gehalten was sie versprochen.

Jede nicht vernarbte Wunde wird größer und tiefer, das ist ein moralisches und ein physisches Gesetz. Weder in den Lastern noch im Schmerz gibt es einen Stillstand. In zwei Jahren war der Schmerz Emma‘s tiefer gewordene die Laster des Marquis hatten beträchtliche Fortschritte gemacht.

Noch mehr, diese Laster hatten die Grenze des Anstandes und der Schicklichkeit überschritten und daher jeden Anspruch auf Entschuldigung verloren, mit der man gegen die vornehme junge Männerwelt sonst sehr freigebig ist. Die elegante Welt, die gemeiniglich sehr gleichgültig ist gegen häusliches Mißgeschick, nahen Anstoß an der Aufführung dieses Mannes, der nicht nur die Schranken des Anstandes niedergetreten, sondern auch jede Maske abgeworfen hatte.

Emma’s Betrübniß war nach und nach zur völligen Muthlosigkeit, zur Verzweiflung gewordene zum Glück besaß sie Charakterstärke genug, um ihr Unglück endlich mit stiller Ergebung zu tragen. Schwere Prüfungen kräftigen und erheben ja jedes Gemüth, das stark genug ist, reicht durch sie gebrochen zu werden. Emma hatte seit ihrer Kindheit manches Mißgeschick erfahren; sie hatte ihre Mutter in Trauer gesehen, und später hatte sie selbst Trauer angelegt. In der Verlassenheit war ihr Geist gekräftigt worden, denn die Zärtlichkeit Susannens konnte ihr keine wirkliche Stütze gewähren. Als daher der erste heftige Schmerz über die Täuschung vorüber war, schien sie ruhig und gefaßt in ihrem Unglück; sie unterdrückte ihre Thränen und ertödtete durch Verachtung eine Liebe, welche sie unter ihrer Würde hielt. Sie seichte keinen Trost bei Anderen, sondern zeigte sich vielmehr so gleichgültig und stolz mitten unter den Huldigungen, von denen sie umgeben war, daß es in der That den Anschein hatte, als ob nichts mehr im Stande sei, diese marmorkalte Gestalt wieder zu beleben, dieses allen Lebensfreuden abgewandte Herz zu erwärmen.

Aber Susanne Mottet war mit dieser Ergebung und Entsagung keineswegs einverstanden. Die Tugend ihrer Emma verkennen, ihre Schönheit verachten, war für die alte treue Dienerin schon ein unverzeihliches Verbrechen; aber daß der Marquis diesen schönen blauen Augen Thränen entlockte, daß er dieser reizenden jungen Frau Kummer machte, mußte Susanne aufs äußerste gegen ihn erbittern.

Dieser Haß erreichte den höchsten Grad, als sie einst im Carneval dem Marquis mit Margarethe Gelis begegnete und den Blick der Verachtung, den sie den Beiden zuschickte, mit frechem Gelächter beantwortet sah.

Emma besuchte die Gesellschaften nur auf Befehl ihres Mannes, der die Verlassenheit, zu der er sie verurtheilt hatte, nicht allzu offenkundig werden lassen mochte. Die geselligen Freuden hatten aber keinen Reiz für sie; die Einsamkeit sagte ihrer ernsten Stimmung mehr zu, als das geräuschvolle Leben; aber Susanne war mit dieser Zurückgezogenheit keineswegs einverstanden, und da sie den Marquis nicht todtmachen konnte, so war sie wenigstens daraus bedacht ihn recht zu ärgern.

Wenn die junge Marquise sich dann und wann einmal entschloß, ihren Gemal in eine Soiree zu begleiten, so schmückte Susanne ihre Gebieterin mit ungemeiner Sorgfalt, wie ein Brahmane sein Idol ausputzt; sie folgte damit ihrer Zärtlichkeit und befriedigte zugleich ihren Haß gegen den Marquis.

Oft folgte sie der Marquise in die befreundeten Häuser, mischte sich unter die Dienerschaft des Ortes, wo das Fest gegeben wurde, und betrachtete ihren Liebling durch eine angelehnte Thür. Sie freute sich ihres Erfolges und war entzückt, wenn sie Emma von Verehrern umgeben sah, und in ihrem Haß gegen den Marquis fühlte sie sich versucht, die Marquise durch Worte und Geberde zu ermuthigen.

Der Marquis kümmerte sich überigens so wenig um sein Hauswesen, daß er die gar nicht verhehlte Feindseligkeit der alten Haushälterin keineswegs beachtete.

So standen die Sachen, als in den ersten Tagen des Jahres 1835 ein Ereigniß eintrat, welches unter der Aristokratie von Dunois ein unerhörtes Aufsehen machte.

Der Unterpräfect des Bezirks hielt sich einen Geheimsecretair, und dieser Secretär gehörte einer der vornehmsten Familien der Normandie an. Er hatte eben seinen Posten angetreten und an einen in Beauce wohnenden Verwandten sein Empfehlungsschreiben mitgebracht, durch welches die Mutter des jungen Mannes a vista auf das Wohlwollen ihres Vetters trassirte und ihn ersuchte, ihre Tratte durch Einführung des Söhnleins in die dortige Gesellschaft zu honorieren.

So wurde denn Louis von Fontanieu, so hieß der neue Secretär, in die Salons eingeschmuggelt, au deren Pforten noch nie ein öffentlicher Beamter das »Sesarm thue Dich auf!« vernommen hatte.

Anfangs wurde er wenig beachtet; aber eine aus boshaften Munde kommende Bemerkung brachte die ganze Gesellschaft in Aufruhr, denn Keiner wollte dem Andern an Reinheit der royalistischen Grundsätze nachstehen.

Viele erklärten eine solche Herabwürdigung des Adels für unerhört. Die Royalisten mußten es allerdings höchst anstößig finden, daß ein Fontanieu in die Dienste der Juliregierung trat, daß ein Edelmann aus gutem Hause der Lakei eines dem Bürgerkönige dienenden Beamten wurde. Jedes Wohlwollen für den jungen Mann, der seinen Namen und seine Ehre so weit vergessen konnte, galt in den Augen der Aristokratie für mitschuldig. Die eifrigsten Royalisten wollten dem Eindringling die Thür weisen.

Es konnte nicht fehlen, daß diese heftigen Aeußerungen des Unwillens vielfachen Wiederhall fanden.

Dieses Echo drang auch bis zu Herrn von Mauroy, – dem Vetter, der Louis von Fontanieu in die Gesellschaft eingeführt hatte; er nahm seinen jungen Verwandten lebhaft in Schutz und suchte ihn dadurch zu entschuldigen, daß dessen Vater dem legitimen Königthum weit größere Opfer gebracht habe, als die Unzufriedenen, die sich als so eifrige Royalisten geberdeten. Der würdige Mann sei als Oberst der königlichen Garde im Jahre 1830 gefallen; sein Sohn habe kein Vermögen und sei folglich auf den Staatsdienst angewiesen, um seine Mutter und seine Tochter zu unterstützen.

Aber die Eiferer waren nicht durch Gründe zu beschwichtigen; Herr von Mauroy wurde zwar von einigen einsichtsvollen und vorurtheilsfreien Personen unterstützt, aber ein beträchtlicher Theil der aristokratischen Gesellschaft von Châteaudun widersetzte sich der Zulassung des jungen Secretärs in ihren Gesellschaftskreis.

Einer seiner ärgsten Gegner war der Marquis von Escoman. Der Parteigeist war freilich bei diesem nicht die Ursache, sondern der Vorwand der Feindseligkeit.

Es gibt allerdings energische Charaktere, die mitten in einem regellosen Leben fest bei ihren Meinungen beharren; die Völlerei ist bei ihnen dann eine Art Sicherheitsventil, durch welches das überflüssige innere Feuer entweicht. Aber es sind immer nur Ausnahmen. Für gewöhnliche Menschen hat das Uebermaß in den sinnlichen Genüssen einen entnervenden Einfluß auf alle Geisteskräfte, und folglich auch auf die politische Ueberzeugung. Die gewaltsamen Veränderungen der gesellschaftlichen Zustände, die vergangenen oder bevorstehenden Revolutionen waren dem Marquis gleichgültiger als ein einziger Blick von Margaretha Gelis. Und eben eine unwillkürliche Bewegung ihrer großen schwarzen Augen hatte seinen Groll gegen Louis von Fontanieu geweckt.

Jener Blick, der sich anfangs wohl unwillkürlich auf den Letzteren gerichtet hatte, wurde oft und sehr willkürlich wiederholt, und zwar jedesmal feuriger und herausfordernder.

Der Marquis, aufs äußerste erzürnt, erklärte den kleinen aristokratischen Gesellschaftskreis von Châteaudun für entehrt und betheuerte, er werde die Einsamkeit suchen und als Eremit leben.

Fontanieu, der von diesen Umtrieben anfangs keine Ahnung hatte, war ein junger Mann von vierundzwanzig Jahren und schien von der Natur ungemein begünstigt zu sein; wenn man ihn aber durch die Lupe betrachtete, fand man etwas Unfertiges, des letzten Schliffes Bedürftiges an ihm.

Er war hübsch gewachsen, sein Gesicht regelmäßig und selbst nicht ohne Ausdruck und Geist; aber seinem ganzen Wesen fehlte die Anmuth, die Ungezwungenheit der feinen Weltsitte. Er hatte die steife, gezwungene Haltung eines, Soldaten in Civilkleidern. Er war als der Sohn keines Offiziers zum Militärstande bestimmt gewesen, und er würde auch Soldat geworden sein, wenn sein Vater am Leben geblieben wäre. Die Besorgnisse seiner Mutter hatten ihn bewogen die Militärschule zu St. Cyr nicht als Unterlieutenant zu verlassen, sondern der Secretär eines Unterpräfecten zu werden. Er hatte also bis zum einundzwanzigsten Jahre die Uniform getragen.

Seine Fassungskraft war außerordentlich, aber es fehlte ihm an Ausdauer; er wußte von Allem etwas, aber seine Kraft erlahmte, sobald ein Studium die mindeste Anstrengung erforderte. Uebrigens war er sanft von Charakter und herzensgut. Die Natur hatte eben durch die Superlative seine Vorzüge verringert und sogar ihm und Anderen lästig gemacht; diese keineswegs gewöhnlichen Eigenschaften waren bei ihm eine Art nervöser Schwäche, aus welcher er sich durch gewaltsame Anstrengungen erhob, so daß er, wenn er sich nicht in einem Zustande der Ueberreizung befand, einen mehr weiblichen als männlichen Charakter hatte.

Da er gegen Jedermann freundlich und wohlwollend war, so erblickte er Alles in einem rosigen Lichte. In den ersten acht Tagen nach dem Antritt seiner neuen Stellung schilderte er in zwei langen Briefen an seine Mutter mit Begeisterung die Aufnahme, die er in der vornehmen Gesellschaft von Dunois gefunden. Männer und Frauen, behauptete er, wetteiferten mit einander, ihm den Aufenthalt in diesem Städtchen angenehm zu machen, und Gott weiß, durch welches überschwängliche Lob er die Schuld der Dankbarkeit bezahlte. Wer diese Briefe las, mußte glauben, er werde vergöttert.

Er war daher sehr erstaunt, als ihn der Unterpräfect eines Morgens im Vertrauen über die wirkliche Lage der Dinge aufklärte und ihm sagte, einige Unhöflichkeiten die er in seiner Arglosigkeit wahrscheinlich nicht bemerkt, hätten Gerüchte hervorgerufen, die seinen Muth in Zweifel stellten; er verlange daher im Namen der ihm befreundeten Familie Fontanieu, selbst im Namen der von ihm vertretenen Regierung, daß der neue Secretär Alles aufbiete, um diesem Zerwürfniß mit den Gegnern der Regierung in einer für ihn ehrenvollen Weise ein Ende zu machen.

Ein Blitzstrahl, der zu den Füßen Fontanieu‘s eingeschlagen hätte, würde seine Nerven nicht heftiger erschüttert haben. Ohne den Unterpräfekten weiter anzuhören, ohne seinen Vetter Mauroy zu Rath zu ziehen, eilte er in den Clubb mit dem festen Entschlusse, die erste Person, die er dort finden würde zu fordern.

Es war ein Uhr Nachmittags und die Säle des Clubbs waren fast leer. Der Marquis von Escoman und zwei Tagediebe von seiner Bekanntschaft waren indeß schon da.

Georg von Guiscard, der eine dieser beiden Genossen des Marquis, war ein frivoler junger Mensch von zwanzig Jahren, der andere, der Chevalier von Montglas, ein sechzigjähriger Bruder Liederlich. Alle Drei lehnten sich auf das Geländer des Balcons und erwarteten ihre Pferde zum Spazierritt.

Die beiden Ersten rauchten ihre Cigarren; der Dritte, in dessen Jugendzeit die Cigarren noch nicht erfunden waren, hatte diesem modernen Genuß keinen Geschmack abgewinnen können.

Als Fontanieu vor oder vielmehr unter diesen drei Herren vorüberging, glaubte er ein spöttisches Gelächter zu hören, und dieses Gelächter verdoppelte den Zorn, den er im Herzen hatte.

Er eilte ins Haus und die Treppe hinan. Er war einige Tage vorher im Clubb vorgestellt worden; sein Name stand auf einem angehefteten Zettel, der bis zum Ballotiren so bleiben sollte.

Fontanieu riß den Zettel von der Wand und trat ihn mit Füßen.

Der Marquis von Escoman beschrieb eben seinem Freunde Guiscard die Schönheit einer unlängst gekauften Stute, die sein Groom am Zügel hielt. Die Beiden hatten Fontanieu nicht kommen sehen und wußten gar nicht, daß er da war. Nur der Chevalier von Montglas sah sich um.

Der Chevalier war der einzige alte Garcon in Châteaudun, den der Marquis dem altmodischen Reversi und der Politik abtrünnig gemacht hatte. Der sechzigjährige Lebemann bezahlte freilich für alle Andern und bezahlte so gut, daß er der beste Helfershelfer des Marquis in dessen philanthropischen Bestrebungen geworden war. Er war klein, aber noch kräftig und gewandt; unter der Kupferfarbe seines Gesichts errieth man noch immer den hübschen unternehmenden Pagen, der einst mancher Marquise und Herzogin den Kopf verdreht hatte.

Er war in seiner Jugend ein ausgezeichneter Tänzer gewesen, und noch auf der Kehrseite seines Lebens machte er von diesem Talent noch gerne Gebrauch, obgleich dasselbe bei der Kleinheit unserer modernen Salons lächerlich geworden war. Er hatte nie begreifen können, daß zwei Paare von Personen von verschiedenem Geschlechte sich einander gegenüber stellten, um steif und langsam vor und zurückzuschreiten, rechts und links hinüber und wieder auf ihren Platz mit derselben Anmuth und Lebhaftigkeit zu gehen, als s ob sie einem Leichenwagen folgten. Als Zögling des großen Vestris, den er noch immer als »Dieu da la Danse« verehrte, machte der Chevalier seine halben Schritte und Pas de Zephir und Entrechats. Ein Ball war für ihn eine hochwichtige Angelegenheit, die ihn acht Tage im voraus beschäftigte, ein choreographisches Kunststück, das er in seinem Zimmer vor dem Spiegel einstudirte. Man sagte sogar, der Chevalier sei mehr als einmal, wenn er auf das Land zu einem Ball gefahren, aus dem Wagen und hinten aufgestiegen, um auf dem Platze des abwesenden Bedienten die gewagtesten Sprünge zu machen.

Ungeachtet seiner höchst stürmischen Jugend schienen seine sechzig Jahre weder seine Leidenschaften noch seine Körperkraft vermindert zu haben. Sollte eine Hirschjagd gehalten werden, so war der Chevalier von Montglas der Erste, der auf dem Sammelplatz erschien, und keiner der jungen Männer, die an der Jagd theilnahmen, konnte so gut wie er über eine Hecke oder einen Schlagbaum setzen. Eine zehnstündige Jagd war für ihn ein Spiel und hinderte ihn keineswegs, die folgende Nacht tüchtig zu zechen. Bei Tische zumal leistete der alte Kämpe Ausgezeichnetes. Niemand erinnerte sich den mindesten Rausch an ihm bemerkt zu haben, obgleich der Chevalier Jedermann Bescheid that; eben so wenig hatte sein frohes Gesicht jemals die mindeste Spur von Gram und Sorge gezeigt.

Endlich sprach man von einigen Abenteuern, die der Chevalier, trotz feiner grauen Haare, mit Ehren bestanden hatte, gleichviel ob er mit einer schönen Dame oder mit einem Gegner zu thun hatte.

Vollkommene Helden im guten wie im bösen Sinne findet man übrigens nur in Romanen, und da wir eine wahre Geschichte erzählen, müssen wir gestehen, daß der Chevalier von Montglas auch seine Mängel hatte.

Zuvörderst machte er sich dadurch lächerlich, daß er zu viel an die Vergangenheit dachte. Die Vergangenheit schien ihm um so schöner, da ihm das Leben und Treiben der vermeintlichen Nachfolger großer Roués kleinlich und erbärmlich vorkam. Natürlich sprach er auch zu viel von der glänzenden Rolle, die er in jener heroischen und nun fast schon dem Sagenkreise angehörenden Zeit gespielt habe. Niemand mochte die wahren oder erdichteten Duellgeschichten mehr hören, die immer mit den Worten endeten: »Das Gefäß meines Degens diente ihm als Pflaster.« Daher pflegte man ihn, wenn er nicht da war, den »Pflaster-Chevaliers« zu nennen.

Der Chevalier von Montglas war arm, und das Bedürfniß eines geräuschvollen, ruhelosen Lebens, zumal die Leidenschaft des Spiels hatte ihn viel zu weit fortgerissen, seitdem der Marquis von Escoman den Ton angab.

Die Armuth, die einen alten ehrenhaften Edelmann wahrhaft ehrwürdig macht, war dem lasterhaften Chevalier – denn anders kamt matt ihn nicht nennen – in hohem Grade lästig geworden und hatte ihn nach und nach zur Verleugnung alles Schicklichkeitsgefühls geführt. Er borgte hier und da einige Louisd'or, die er aber eben so wenig bezahlte wie seine Spielschulden, und so war er im Verkehr mit den jungen Leuten, die ihm doch weit nachstanden, in eine gewisse untergeordnete Stellung gekommen. Seine wahren Freunde bedauerten dies; aber es lag in seinem Wesen so viel Einnehmendes, daß matt über seine Thorheiten oft, lachte, aber nie unwillig wurde.

Der Chevalier von Montglas war also der Einzige, der sah was Fontanieu that. An der Blässe und Aufregung des Secretärs errieth er leicht was in ihm vorging.

Seit einiger Zeit waren die Zuhörer des Chevalier minder nachsichtig geworden; er hatte auf manchen Lippen ein spöttisches Lächeln bemerkt, wenn er feine Jugendstreiche erzählte. Das ärgerte ihn, und er meinte, ein Duell sei das beste Mittel, den Spöttern den Mund zu stopfen und sich ein aufmerksames Gehör zu verschaffen. Es schien ihm überdies pikant, sich in seinem Alter zu schlagen. Er verließ den Balcon und trat auf den jungen Mann zu.

»In der That,« sagte er mit der kecken Miene, die den Edelleuten aus dem vorigen Jahrhundert eigen war, »ich bedaure, daß wir so eben die Lakeien fortgeschickt haben.«

Fontanieu fühlte den Stachel dieser Worte.

»Warum das?« fragte er trotzig.

»Weil die Lakeien nöthig gewesen wären, um einen Tollkopf zu ersuchen seinen Zorn zu Hause oder in der Unterpräfectur auszulassen.«

»Sie haben Unrecht es zu bedauern,« erwiederte Fontanieu, der in seinem Zorn alle Anstandsrücksichten verläugnete; »denn Sie ersehen die Lakeien sehr gut.«

»Oho!« fuhr der Chevalier auf, als ob er eine Ohrfeige bekommen hätte, »wissen Sie wohl, mein Herr, daß Sie mir eine grobe Beleidigung gesagt haben?«

»Nehmen Sie die Sache wie sie ist, ich sehe, daß Sie ein sehr richtiges Urtheil haben.«

»Wenn das ist,« sagte der Chevalier, der ungeachtet der ernsten Wendung, welche das Gespräch genommen, in seinen Lieblingsfehler verfiel, »so muß ich Ihnen erzählen, daß mir einst ein Engländer, der Capitän Jarvis, viel weniger sagte als Sie mir so eben sagen, und daß ich gleichwohl in dem Duell, das ich mit ihm hatte, seinen ersten Stoß parirte, dann eine Finte machte und ihm meine Klinge bis an das Gefäß in den Leib stieß —«

»Eitles Geschwätz!« fiel ihm der Secretär ins Wort. »Lächerliche Prahlerei!«

Dieser neue Beweis einer offenbar epidemischen Zweifelsucht versetzte den Chevalier aus einem erkünstelten in einen wirklichen Zorn.

»Und ich hoffe,« setzte er hinzu, »daß Sie mir Rede stehen werden.«

»Ich bin bereit, mein Herr,« zuvor aber wünsche ich Genugthuung von den unverschämten Leuten, die ihre arglistigen Absichten hinter der Maske der Freundlichkeit versteckt und mich verlästert haben.«

Der Marquis von Escoman war während des Wortwechsels näher getreten.

»Darf ich fragen, worüber Sie sich beklagen,« sagte er kalt.

Fontanieu wandte sich zu ihm.

»Ich beklage mich,« erwiederte er, »über einige Personen, welche behauptet haben, man müsse mich aus den Salons weisen, in denen mir mein Name und meine Familienverhältnisse einen der ersten Plätze anweisen. Ich erkläre Jeden für einen erbärmlichen Wicht, der mich hinter meinem Rücken verleumdet und nicht den Muth hat mich offen anzugreifen.«

»Niemand bestreitet das Alter Ihres Hauses,« sagte der Marquis mit spöttischem Lächeln, »Jedermann weiß, daß der Name Fontanieu bis auf Sie zu den geachtesten der Normandie gehörter aber Ihre Geburt gibt Ihnen nicht das Recht, sich in die Häuser Derer einzudrängen, welche die Treue als den ersten Adelstitel betrachten.«

Louis von Fontanieu sah trotz seiner Unerfahrenheit und Aufregung wohl ein, daß eine Erörterung über die Legitimität seines Verhaltens ihn in ein lächerliches Licht stellen würde; er wußte, daß die Geldfrage, wenn schon die Existenz seiner Familie davon abhing, eine traurige Figur spielen müsse, wenn der Marquis von Escoman so chevalereske Gesinnungen zur Schau trug. Aber der Zorn des jungen Secretärs war so groß, daß er an eine andere Klippe stieß, während er die eine zu vermeiden suchte.

»Wenn ich nur, wüßte,« antwortete er, »wer die schändlichen Reden geführt hat, so würde ich beweisen, daß der von dem Blute der Feinde des Königs noch geröthete Degen meines Vaters auch von mir mit Ehren geführt wird.«

»Nehmen Sie sich in Acht,« sagte der Marquis mit höhnischem Tone. »Wenn es Ihre Vorgesetzten hörten, so würden Sie durch die Bezeichnung: Feinde des Königs, gewiß nicht sehr erbaut werden. Doch das kümmert mich nicht – Sie wünschen also die Personen zu kennen, die der Meinung sind, daß der Secretär des Herrn Unterpräfecten nicht in unsere Salons gehöre?«

»Nennen Sie sie,« erwiederte Fontanieu, der die kalte, gleichgültige Haltung des Marquis falsch deutete; »und Sie werden sich Ansprüche auf meinen Dank und meine Freundschaft erwerben.«

»Beide sind mir so schätzenswerth, daß ich nicht umhin kann Ihre Bitte zu gewähren.«

Fontanieu wartete in angstvoller Spannung.

»Ich habe es gesagt,« setzte der Marquis von Escoman hinzu und sah den Secretär mit einem festen, ja herausfordernden Blicke an.

Fontanieu gab sein Erstaunen in so naiver Weise zu erkennen, daß Guiscard und Montglas in ein lautes Gelächter ausbrachen.

Dieses einstimmige Zeugniß der Ungeschicktheit, mit der er sein Anliegen vorgebracht, führte ihn einigermaßen zur Besinnung

»Belieben Sie die Waffen zu wählen, Zeit und Ort zu bestimmen,« sagte er ernst zu dem Marquis von Escoman.

»Nur nicht so voreilig, mein Herr!« höhnte der Marquis, »man sieht, daß Sie in solchen Dingen nicht bewandert sind. Unsere Zeugen werden das Nöthige verabreden. Hier sind die meinigen,« setzte er hinzu, indem er einen Schritt zurücktrat und auf Guiscard und den Chevalier zeigte.

Guiscard verneigte sich, aber der Chevalier von Montglas trat vor und entgegnete:

»Entschuldigen Sie, lieber Marquis. Ich habe mit diesem Herrn eine Sache auszugleichen, für die ich die Priorität beanspruche.«

»Genug, Montglas,« unterbrach der Marquis; »ich habe mit Herrn von Fontanieu eine Ehrensache, und Ihre Späße sind jetzt nicht am rechten Orte. Begnügen Sie sich daher bis auf Weiteres, die Leute mit Worten zu bombardiren.«

Dieser neue Zweifel an der Wahrheit seiner Aussagen brachte den Chevalier vollends in Harnisch.

»Sacrebleu!« erwiederte er; »ich will Ihnen beweisen, Marquis, daß mein Degen nicht stumpf geworden ist, und behaupte mein Recht.«

»Ich meine,« sagte Guiscard zu dem Marquis, »Du solltest ihm vorschlagen, seine angebliche Priorität gegen fünfundzwanzig Louisd’or einzusetzen; seine Hartnäckigkeit wird dann wie Wachs schmelzen. Wir kennen den Chevalier.«

Die Mühe werde ich mir nicht nehmen; ich werde dem Chevalier nur zu bedenken geben, daß er mir schon sowohl an Darlehen, als an Spielschulden Geld genug schuldet, für welches er nur seine Person verpfändet hat; es wäre seht unzart von ihm, mein Pfand aufs Spiel zu setzen.«

Wie sehr sich die Beiden auch bestrebten, dem Gespräch seine scherzhafte Wendung zu geben, so war der Inhalt doch sehr beleidigend für den Chevalier von Montglas.

Louis von Fontanieu gewahrte mit Freude die schwache Seite, welche ihm seine Gegner darboten, und er fühlte mit Stolz, daß er unfähig war, einem Feinde zu sagen, was der Marquis und Guiscard einem Freunde gesagt hatten.

»Mein Herr,« sagte er, auf den Chevalier zutretend, »wenn das Anerbieten einer leider ziemlich schlaffen Börse Ihnen für einige Tage angenehm ist, so erlauben Sie mir die meinige zu Ihrer Verfügung zu stellen.

Der Chevalier nahm hastig die Brieftasche, die ihm der junge Mann reichte, dankte ihm mit einem flüchtigen Blick – der alte Roué fand die Sache ganz natürlich – und begann sogleich den Inhalt zu untersuchen.

Die Brieftasche enthielt eine Banknote zu tausend und eine zu fünfhundert Franken nebst einigen Goldstücken.

Er nahm eine Banknote und vier Louisd’or heraus, übergab sie Guiscard und steckte die Brieftasche ein.

»Wir Beide wollen zuerst mit einander abrechnen,« sagte er.

»Mit dem größten Vergnügen, Chevalier, und ich verhehle Ihnen nicht, daß Sie nur gewinnen, wenn Sie in Zukunft so glücklich sind wie heute.«

»Ich war Ihnen eintausendundachtzig Francs schuldig, Sie haben diese Summe erhalten, nicht wahr?«

»Allerdings,« antwortete Guiscard.

»Ich schulde Ihnen also nur noch einen Degenstoß, und den sollen Sie morgen haben.«

»Glauben Sie?«

»Sie können sich darauf verlassen; ich werde mich künftig durch meine kaufmännische Pünktlichkeit auszeichnen.«

»Ich nehme die tausendundachtzig Franken an, Chevalier; aber den Degenstoß werde ich Ihnen hoffentlich geben.«

Der Marquis von Escoman und Guiscard entfernten sich.

Der Chevalier von Montglas trat nun auf Fontanieu zu und reichte ihm die Hand.

»Wir sind jetzt allein,« sagte er; »bitten Sie um Verzeihung.«

»Um Verzeihung!« erwiederte der junge Mann entrüstet; »ich soll Sie um Verzeihung bitten? Nein, nein!«

»Armer Teufel!« sagte der Chevalier von Montglas, den Kopf schüttelnd; »es gibt wirklich keinen rechten Mann mehr. Sie haben sich als echter französischer Cavalier benommen, Sie haben sich zu der Ritterlichkeit Ihrer Ahnen erhoben, und nun verhunzen Sie Ihre schöne That dadurch, daß Sie einen armen Teufel, der Ihr Geld angenommen hat und den Degen nicht gegen Sie ziehen kann, zwingen wollen, sich zu entschuldigen und Ihnen Worte zu sagen, die in Ihrem Munde sehr passend, in dem meinigen aber lächerlich sein würden. Pfui! die Revolution hat auch ihn verdorben!«

»Sie haben mich nicht verstanden, Herr Chevalier,« sagte Fontanieu; »ich bin Ihr Gläubiger geworden, aber es war keineswegs meine Absicht, die erbärmliche Summe Geldes als ein Hindernis zum Ausfechten unserer Ehrensache zu betrachten.«

»Ich habe das Geld angenommen,« entgegnete der Chevalier, »weil ich Sie nicht mehr als Gegner betrachten wollte. Vormals hätten wir, ungeachtet dieses mir erwiesenen Dienstes, unsere gegenseitige Stellung bewahren können, aber die Zeiten haben sich geändert; jetzt würde man sagen, ich hätte Ihnen nach dem Leben getrachtet, um unsere Rechnung auszugleichen. Fallen Sie daher nicht aus Ihrer Rolle, junger Mann. Es ist ja keine Schande, sich vor einem grauen Haupte zu beugen. Und ich habe graue Haare, ich muß es mir zuweilen selbst gestehen.«

Bis dahin war Louis von Fontanieu unschlüssig geblieben, da er nicht wußte, was er von dem Chevalier denken sollte. In der eleganten Welt erfährt man die Lächerlichkeiten und schwachen Seiten derer, die ihr angehören, zugleich mit ihren Namen. Der Chevalier von Montglas war bisher für den Neuangekommenen nur ein alter Wüstling gewesen, der wegen seiner Prahlereien verhöhnt, wegen seiner Laster fast verachtet wurde. Fontanieu hatte Mitleid mit der traurigen Lage des armen Teufels und zürnte denen, die über seine Noth und seine Leidenschaften spotteten. Seine offene, entschlossene Sprache, sein ehrliches Gesicht verwandelte dieses Mitleid in Theilnahme. Fontanieu ergriff die Hand, die ihm der Chevalier darbot, und drückte ihm sein Bedauern aus, daß er nicht so achtungsvoll gesprochen, wie es das Alter des Mannes erforderte.

»Gut, gut,« erwiederte der Chevalier; »ich habe nicht das Recht, es allzu genau zu nehmen. Morgen wird‘s besser sein, und in einigen Tagen sind wir vielleicht Freunde. Inzwischen verfügen Sie über mich, junger Mann; reden Sie, wenn ich Ihnen in etwas dienen kann. Ich kann nicht vergessen, daß ich zu unserm Wortwechsel Anlaß gab, ich möchte daher gern mein Unrecht wieder gut machen.«

»Ich danke Ihnen tausendmal, Herr Chevalier, und um Ihnen zu beweisen, wie hoch ich Ihr Wohlwollen schätze, ersuche ich Sie mir zu erklären, warum der Marquis von Escoman so erbittert gegen mich ist. Diese Feindseligkeit scheint mir durch politische Gründe nicht gerechtfertigt.«

Der Chevalier lächelte.

»Kennen Sie seine Maitresse?« fragte er.

»Nein, meines Wissens wenigstens nicht.«

»Margarethe Gelis?«

»Nicht einmal dem Namen nach.«

»Das ist fatal.«

»Warum denn?«

»Es ist gut die Maitresse eines Freundes zu kennen, um so wichtiger ist es, die eines Gegners zu kennen.«

»Wozu könnte mir das in dem vorliegenden Falle nützen?«

»Warten Sie nur. Der Marquis von Escoman möchte Ihnen gern seinen Degen durch die Brust stoßen, weil Sie, ohne es zu wollen, seine Eigenliebe verletzt haben, weil die schöne Margarethe Gelis seit acht Tagen nicht müde geworden ist, Ihre Haltung zu loben; kurz, sie scheint ein Auge auf Sie zu haben.«

Louis von Fontanieu war ganz bestürzt über diese Erklärung, die ihm die Vorgänge in einem ganz andern Lichte zeigte.

»Erweisen Sie mir noch eine Gefälligkeit, Herr Chevalier,« sagte er nach kurzem Besinnen.

»Ist diese Margarethe Gelis wirklich schön?«

»Schön?« erwiederte Montglas. »Das kommt auf den Geschmack an. Es ist im Grunde gleichgültig; aber ich versichere, daß ich an Ihrer Stelle und in Ihrem Alter nicht mehr als vierundzwanzig Stunden gebraucht haben würde, um dem Marquis von Escoman einen ganz andern Aerger zu machen, als über die Einbildungen einer Närrin. Doch da erwacht der alte Adam wieder in mir, setzte er, wie mit sich selbst redend, hinzu; »ich hatte mir doch so eben fest vorgenommen, mit dem Satan nichts mehr zu thun zu haben.«

Der Chevalier drehte sich mit einer aus dem achtzehnten Jahrhundert herübergebrachten Grazie auf dem Absatz und tänzelte, ein Schnippchen schlagend, zum Saale hinaus.




Drittes Capitel.

Der Vorabend eines Duells


Louis von Fontanieu begab sich wieder in die Unterpräfectur. Da er nicht sehr schnell ging, so kam das Gerücht von dem Duell schon vor ihm dort an; in kleinen Städten ist der Vergleich mit einem Lauffeuer auf die Vervielfältigung zur Verbreitung einer Nachricht ganz buchstäblich anzuwenden.

Herr von Mauroy erwartete seinen Vetter in dessen Zimmer. Er erbot sich in Begleitung eines Freundes die Secundanten des Marquis von Escoman zu besuchen und mit ihnen das Nöthige zu verabreden.

Fontanieu wurde nun mit seinen Sorgen allein gelassen. Es fehlte ihm keineswegs an Muth, aber am Tage vor dein ersten Duell ist es einem jungen Manne nicht zu verargen, wenn er etwas aufgeregt ist und sich des Gedankens: heute roth und morgen vielleicht todt! nicht erwehren kann.

Er ging zur Stadt hinaus, und ohne Zweck und Ziel in‘s Freie. Der Weg führte in einer Pappelallee am Ufer des Flusses hin. Fontanieu dachte an die Heimat und dies dort zurückgelassenen Lieben, zumal an seine Mutter, die natürlich keine Ahnung hatte von der Gefahr, in der sich ihr Sohn befand. Zuweilen war er ganz gedankenlos, sein Geist schwebte gewissermaßen zwischen Leben und Tod.

Die Promenade war ganz menschenleer; es war freilich mehr ein Fahrweg als eine Promenade. Es fing an dunkel zu werden, und so wurde auch die Stimmung des jungen Mannes trüber. Plötzlich hörte er Hufschläge auf dem Straßenpflaster, und er sah sich nach dem Reiter um.

Er erkannte sogleich Roß und Mann. Das Pferd war jene schöne Stute, welche der Marquis von Escoman vor einigen Stunden seinem Freunde Guiscard gezeigt hatte. – Der Reiter war der Marquis selbst.

Der Anblick seines Gegners entlockte dem jungen – Manne einen tiefen Seufzer; sein Haß gegen den Marquis war ja nicht so groß, daß er kein anderes Gefühl hätte hegen können. Er wollte weiter gehen, als er bemerkte, daß der Marquis sein Pferd anhielt.

Der Marquis war hinter einer Biegung der Straße bereits verschwunden, und Fontanieu hörte mehre Stimmen, unter denen er eine Frauenstimme zu unterscheiden glaubte.

Wenn er weiter ging, mußte er wenige Schritte an dem Reiter vorübergehen, und dies wäre ihm gar nicht lieb gewesen; sein Stolz sträubte sich indeß gegen die Umkehr. Er nahm einen Ausweg: er ging an den Fluß hinunter und blieb dicht an der Böschung.

Er hörte die Stimmen nun deutlicher und der Dämon der Neugierde trieb ihn an zu lauschen.

Er schaute durch die Bäume und sah zwei Frauen. Die eine, welche bejahrt zu sein schien, stand in einiger Entfernung, während die andere die Hand auf den Hals des Pferdes gelegt hatte und vertraulich mit dem Marquis plauderte.

Die letztere war jung und sehr schön. Fontanieu zweifelte gar nicht, daß es die schöne Margarethe Gelis sei, von der ihm der Chevalier von Montglas eine für seine Eigenliebe so schmeichelhaft stille Neigung verrathen hatte.

Er bezweifelte es noch weniger, als er sah, wie sich der Marquis bückte, ihre Hand faßte, einen Kuß auf ihre Stirn drückte und ihr zum Abschied ganz vertraulich sagte: »Diesen Abend!«

Fontanieu war höchst aufgebracht; eine Anwandlung von Eifersucht weckte in seiner Seele den Haß, den er bis dahin noch nicht gegen den Marquis gefühlt hatte. Seine Eifersucht wurde indeß nicht durch die Vertraulichkeiten, die sich der Marquis mit Margarethe Gelis erlaubte, sondern durch den Gedanken erregt, daß sein Gegner in der düstern Stimmung, die er bei ihm ebenfalls voraussetzte, den Trost der Liebe hatte. Seine Verlassenheit schien ihm eine große Ungerechtigkeit des Schicksals und erinnerte ihn an die von Montglas kurz vorher entwickelten Grundsätze.

Fontanieu war in der Liebe noch eben so sehr ein Neuling wie in den sogenannten Ehrensachen; die Theorie war gut, aber die Praxis fehlte ihm noch. Die Erfahrung mußte bei ihm durch Eifer und guten Willen ersetzt werden. Der überreizte Gemüthszustand, der durch die Aussicht auf das nahe Duell hervorgerufen wurde, machte ihm Lust mit einer andern Art von Abenteuer einen Versuch zu machen. Das schöne Mädchen mußte auf dem Wege zur Stadt an ihm vorbeigehen. Er erwartete sie ohne einen bestimmten Entschluß, aber mit dem festen Vorsatz, seine Schiffe hinter sich zu verbrennen, wenn es die Umstände erheischten.

Die Dunkelheit machte ihn noch kühner, denn es war« inzwischen Nacht geworden. Als aber Margarethe oder wenigstens die, welche er dafür hielt – nur noch einige Schritte von ihm entfernt war, als er das Rauschen des seidenen Kleides auf dem Sandwege hörte, fing sein Entschluß an zu wanken, sein Blut langsamer durch die Adern zu strömen, sein Athem zu stocken; aber er bedachte, daß er morgen eine Degenspitze oder die Mündung eines Pistols vor sich haben werde und die Fassung nicht verlieren dürfe, und ohne sich weiter zu besinnen, verließ er seinen Versteck und war mit einem Sprunge an der Allee.

Die inneren Stürme, die den jungen Mann bewegten« mochten wohl seinem Gesicht einen etwas verstörten Ausdruck gegeben haben; denn die junge Dante schrie laut auf, als sie ihn erblickte. Die ältere, welche wohl vertrauter; mit der Gefahr sein mochte, trat zwischen ihre Begleiterin und Fontanieu, und hielt ihm entschlossen ihren Regenschirm entgegen.

Fontanieu machte jedoch keine Bewegung, um den Angriff fortzusetzen; er war ganz erstaunt über die Schönheit der jungen Dame und über den feinen, vornehmen Anstand, den er an ihr bemerkte und der mit ihrer sehr schiefen gesellschaftlichen Stellung im Widerspruch zu stehen schien. Er fühlte jetzt, daß es ihm weit leichter sein werde, den Marquis von Escoman trotzzubieten, als den Blick dieser großen blauen Augen auszuhalten. Er hatte seine Fassung verloren und wollte sich beschämt zurückziehen; aber die alte Dame ließ ihm nicht Zeit dazu.

Mitten in der schnell zunehmenden Dunkelheit hatte sie die Verlegenheit Fontanieu‘s nicht bemerkte sie sah sich nach Hilfe um, ohne jedoch ihre Vertheidigungsposition aufzugeben.

»Ich hoffe, lieber Freund,« sagte sie in der Voraussetzung, daß der junge Mann ein Räuber sei, »ich hoffe, wir werden uns verständigen. Thun Sie uns nichts zu Leide, und Madame wird Ihnen ihre Börse geben. Es ist ein schöner blanker Louisd’or darin, ich habe ihn selbst hineingethan, ehe wir fortgingen; mehr haben wir nicht bei uns, so wahr Susanne Mottet eine ehrliche Frau ist. Auf die Promenade nimmt man keine Capitalien mit – und im Grunde ist ein Louisd’or auch nicht zu verachten; Sie können schon einige Tage damit leben – denn ohne Zweifel werden Sie durch die Noth zu dieser schlechten That getrieben.«

Und ohne die Annahme ihres Vorschlags abzuwarten, griff sie mit der Hand, welches bei der defensiven Haltung des Regenschirms entbehrlich war, in die Tasche ihrer Herrin, nahm eine grünweiße Börse heraus, durch deren Maschen man das blanke Goldstück sah, und warf sie dem jungen Manne vor die Füße.

Der Irrthum Susannens gab dem Letzteren eine Keckheit, die er unter andern Umständen gewiß nicht gehabt haben würde.

»Sie irren sich, meine liebe Dame,« sagte er, die Geldbörse aufnehmend. »Ihre Börse verlange ich nicht als Lösegeld —«

»Gerechter Himmel!« rief Susanne,« was verlangen Sie denn?«

»Nichts und viel, wie Sie es nehmen wollen – ein Almosen und einen Schatz: einen einzigen Kuß von Ihrer Begleiterin,« antwortete Fontanieu mit einem Tone, dem er einen ungezwungenen, liebenswürdigen Ausdruck zu geben suchte.

Die Marquise von Escoman, die er für Margarethe Gelis hielt, hatte bis dahin kein Wort gesprochen, obgleich sie den Irrthum ihrer Begleiterin über das plötzliche Erscheinen des jungen Mannes nicht theilte.

Sie war nichtsdestoweniger sehr erschrocken, als sie eine Viertelstunde von der Stadt, in der Dunkelheit einen Unbekannten vor sich sah. Die Unsicherheit, welche sie in der Stimme des jungen Mannes bemerkte, gab ihr indeß einigen Muth wieder. Seine lebten Worte weckten in ihr das Gefühl der verletzten weiblichen Würde; sie trat auf Fontanieu zu, der ihr die Börse überreichte und den Arm ausstreckte, um seinen Tribut zu empfangen.

»Halt, mein Herr!« sagte sie kalt, »wir wollen die Sache lieber so lassen, wie Susanne vorgeschlagen hat. Des Verlustes einer Kleinigkeit werde ich mich stets mit Gleichgültigkeit erinnern, aber es würde mir weh thun, wenn ein dem Anscheine nach gebildeter Mann die mir schuldige Achtung verletzte.«

»Wie groß auch mein Wunsch ist, Ihnen zu gefallen,« erwiederte Fontanieu, der sich bemühte das Gespräch in dem gleichen Tone fortzusetzen, »kann ich mich doch nicht entschließen, in Ihren Augen als Straßenräuber zu gelten.«

»Sie haben Unrecht mein Herr; diese letzte Rolle ist nicht gehässiger als die, welche Sie durch den Angriff einer wehrlosen Frau spielen, und in meinen Augen viel weniger lächerlich.

Fontanieu war ganz erstaunt. Eine Grisette in Châteaudun konnte sich unmöglich mit dieser imponirenden Würde und zugleich so ungezwungen ausdrücken. Er fing daher an zu fürchten, daß er sich geirrt habe, und es folgte eine kurze Pause, in welcher er seine Verlegenheit verrieth.

Susanne Mottet errieth zuerst die Ursache dieses Stillschweigens.

»Mein Gott!« sagte sie, ihren Regenschirm drohend erhebend, »diese schreckliche Beleidigung hat wieder der Herr Marquis verschuldet. Er ist erstaunt, uns allein zu begegnen, und trotzdem reitet er weiter, statt seine —«

»Susanne,« sagte die Marquise ernst, »vergessen Sie sich nicht!«

Aber diese unterbrochenen Worte der erbitterten Feindin Escoman’s hoben alle Zweifel des jungen Wegelagerers und führten ihn wieder auf den zuerst betretenen Weg.

Susanne wollte sagen: »seine Frau;« Fontanieu aber verstand: »seine Geliebte.«

Der Marquis war so zügellos in seinen Sitten, die Marquise hingegen lebte so eingezogen, daß Louis von Fontanieu wohl von seiner Maitresse gehört hatte, aber von der Marquise fast gar nichts wußte. Mit etwas mehr Erfahrung würde er gewußt haben, daß sich ein Mann wie der Marquis von Escoman gegen seine Maitresse nicht so benimmt, wie es Susanne rügte, sondern derlei Unhöflichkeiten nur für seine Frau aufspart. Aber er war erst in das Leben eingetreten und daher noch kein scharfer Beobachter, und die junge Dame, für welche die alte Susanne so rührend das Wort genommen, schien ihm mehr als je Margarethe Gelis zu sein.

Er nahm das Geldstück aus der Börse und reichte es der Dame ans der einen Hand, während er die Börse mit der andern an sein Herz drückte.

»Nein, mein Herr,« antwortete die Marquise, den Kopf schüttelnd, »nicht das Eine ohne das Andere.«

Louis von Fontanieu gab seine Ungeduld zu erkennen.

»Ich sehe wohl,« sagte er, »daß wir uns nicht so schnell verständigen werden. Die Nacht bricht an, und ich bitte Sie um Erlaubniß, Sie bis an das Stadtthor zu begleiten; wir können ja unterwegs die Sache besprechen.«

»Nein, mein Herr,« antwortete die Marquise, »wir sind jetzt ausgeplündert und haben daher keinen Raubanfall mehr zu fürchten. Behalten Sie daher Geld und Börse und lassen Sie uns fortgehen.«

»In der That,« sagte Fontanieu, den diese unerwartete Kälte ärgerte, »man hatte mir Hoffnung auf eine bessere Aufnahme gemacht.«

»Darf ich fragen, mein Herr, wer so gütig gewesen ist, für meine Gesinnung zu bürgen?«

»Ein Bekannter, der die Ihnen von dem Marquis d‘Escoman bereitete Stellung kennt.«

»Sie kennen also den Marquis von Escoman und die Stellung, die er mir bereitet hat?« erwiederte Emma ganz erstaunt.

»Wie abscheulich!« eiferte Susanne. »Die Stellung, die er Ihnen bereitet hat! Jedermann weiß in Châteaudun, wie er sich gegen uns benimmt. Wer weiß, ob uns nicht der Herr Marquis selbst diese Falle gestellt hat.«

»Ich heiße Louis von Fontanieu,« erwiederte der junge Mann mit Verwunderung über die Haltung der vermeinten Margarethe Gelis. »Es ist also nicht auffallend, daß ich einen Mann von meinem Stande kenne.«

»Mein Herr,« sagte Emma, »bis jetzt betrachtete ich Ihr Benehmen nur als eine Unbesonnenheit, jetzt aber bekommt es das Ansehen einer Schlechtigkeit. Sie sind indeß noch jung, Sie sind ein Edelmann und gewiß noch nicht unempfänglich für Ehre. Erlauben Sie daher, daß ich Sie als Edelmann behandle. Ich beschwöre Sie, verlängern Sie diesen empörenden Auftritt nicht; Sie kennen mich nicht und ahnen daher auch nicht, wie weh Ihre letzten Worte einem ohnedies schon tief verwundeten Gemüthe gethan haben.«

Aus den Worten der Marquise sprach ein so tiefes, Gefühl« daß Fontanieu sogleich seine Eroberungsgedanken aufgab und seine Keckheit zu bereuen begann.

»Verzeihen Sie mir,« sagte er, »ich habe Sie schwer beleidigt; ich habe Sie verkannt und mich durch den Ruf, in welchem Sie stehen, verleiten lassen. Mein Unrecht ist um so größer, da ich Ihnen nur in meiner Verstimmung, in meinem Schmerze eine ungenügende Entschuldigung bieten kann.

»Verstimmung? Schmerz?« erwiederte die Marquise mit Ironie.

»Finden Sie das so erstaunlich?« fragte Louis von Fontanieu.

»Ich wundere mich darüber, weil ich an einen Schmerz nicht glaube, der noch einer Hoffnung Raum gibt, und weil Sie mir noch viel zu jung scheinen, um nicht mehr hoffen zu können.«

»Sie glauben also meinen Worten nicht?«

»Was kann Ihnen daran liegen, ob ich Ihren Worten traue oder nicht? Ich habe Sie nur durch eine Unschicklichkeit kennen gelernt – Sie sehen, daß ich den allermildesten Ausdruck für Ihre Handlungsweise wähle. Was in Ihrem Innern vorgeht, kümmert mich nicht, ich verlange nur, daß Sie mir aus dem Wege gehen.«

»Ich bitte Sie,« erwiederte Fontanieu, »gehen Sie so nicht von mir, es würde mir Unglück bringen; ich befinde mich in einer Lage, wo man der Verzeihung bedarf. Noch ein Wort, und vielleicht wird meine Offenheit für mich reden. Ich will Ihnen mit wenigen Worten Alles sagen, selbst auf die Gefahr hin, mich lächerlich zu machen. Ich will lieber lächerlich als gehässig erscheinen; Sie sehen also, daß mir vor Allem an meiner Entschuldigung liegt. Ich habe morgen ein Duell; vielleicht wissen Sie es schon, denn in dieser kleinen Stadt findet ja das unbedeutendste Ereigniß ein Echo.«

»Ich habe es noch nicht gewußt,« antwortete dies Marquise mit einiger Ironie; »aber die peinliche Stimmung, von der Sie sprechen, ist doch wohl nicht durch dieses Duell hervorgerufen worden?«

Louis von Fontanieu erröthete und biß sich in die Lippen.

»Sie haben Recht, Madame,« sagte er, »ich fürchte keineswegs den Tod; aber Angesichts des Grabes, das für mich vielleicht schon gegraben ist, stehe ich allein, verlassen, mitten unter fremden Menschen, wie in einer Wüste, ohne ein befreundetes Herz, dem ich meine Gedanken mittheilen könnte, ohne ein zärtliches, trauliches Wort von süßlächelden Lippen zu hören. Das ist die Ursache meiner peinlichen, trostlosen Stimmung, die mich so eben zu der schlechten That trieb.«

»Sie sollten lieber sagen,« erwiederte Emma, »daß« Sie verrückt sind.«

»Ja, ich war es vielleicht vor einer Weile, aber jetzt bin ich es nicht mehr. Man sagt ja, daß die Wahnsinnigen nicht weinen, und ich fühle Thränen in meinen Augen. – O, wenn meine gute Mutter bei mir wäre! sie ist jetzt vielleicht recht heiter und sorglos, ohne zu ahnen, daß sie ihren Sohn vielleicht nie wieder sehen wird!«

Fontanieu sprach mit so tiefem, wahrem Gefühl, daß die junge Dame gerührt wurde.

»Armer junger Mann!« sagte sie, »Gott wird Ihrer Mutter den letzten Trost nicht rauben; suchen Sie daher bei Gott den Trost, dessen Sie bedürfen.«

»Sie sehen, daß ich nicht so schuldig war, wie ich schien,« sagte Fontanieu, indem er ein Knie vor der jungen Dame beugte. »Gewähren Sie mir also die Verzeihung, um die ich Sie bitte, und nehmen Sie mit diesem Goldstück Ihre Börse zurück. Ach! ich hätte gern einen Talisman daraus gemacht, der die Stelle Ihres holden Bildes in meinem Herzen vertreten haben würde.«

Die Marquise von Escoman nahm ihre Geldbörse und rollte sie, wie in Gedanken vertieft, zwischen den Fingern zusammen.

In diesem Augenblicke hörte man auf dem Fahrwege das Rollen eines Wagens. Dieses Geräusch erinnerte die Marquise an die Nothwendigkeit, dieser Scene ein Ende zu machen. Sie ging an Louis von Fontanieu vorüber und sagte mit einem beinahe freundlichen Wink:

»Fassen Sie Muth. Ich kann Ihnen zwar nicht bieten, was Sie suchen; aber wenn Sie glauben, daß das Gebet einer fremden Person nicht schaden könne, so werde ich Sie in mein Gebet mit einschließen.«

Sie entfernte sich schnell und mit vornehmer Haltung . Fontanieu machte keine Bewegung, sie zurückzuhalten.

Er schaute den beiden Frauen nach, bis sie in der Dunkelheit verschwunden waren. Dann stand er auf, und als er sich mit der Hand auf die Erde stützte, faßte er die Geldbörse, welche die Marquise in der Eile hatte fallen lassen.

Er drückte die Börse an seine Lippen und eilte fort um sie der Eigenthümerin zurückzugeben; aber er besann sich und stand wieder still. Warum sollte er sich von einem Gegenstande trennen, der ihn an dieses schöne wunderholde Weib erinnerte – an ein Wesen, das ihn entzückte, dem er sein ganzes Leben zu widmen beschloß!

Nicht ohne einiges Zögern gab er der Versuchung nach. Der Louisd’or steckte wieder in der Börse, und um so mehr war er verpflichtet, sie der Eigenthümerin zurückzugeben.

Während er noch mit seinem Gewissen zu Rathe ging, fühlte er einen leisen Schlag ans seiner Schulter.

Er sah sich um und erkannte die alte Dame, die wieder umgekehrt war.

»Mein Herr«s sagte Susanne fast athemlos und daher nicht in so feierlichem Tone, wie sie wohl beabsichtigt hatte, »ich habe wohl gewußt, daß Sie morgen ein Duell haben, ich weiß auch mit wem. Schonen Sie Ihren Gegner nicht, und wenn Gott Sie zum Werkzeuge seiner Rache, oder vielmehr seiner Gerechtigkeit macht, so hoffen Sie. Denn ich werde dann die beste Freundin des Mannes sein, der meinem armen Kinde Freiheit und Glück wiedergibt.«

Und ohne Fontanieu‘s Antwort abzuwarten, verschwand Susanne Mottet wieder in der Dunkelheit.

Wie räthselhaft unserm Helden auch die Worte der alten Dame schienen, so machten sie doch seiner Unschlüssigkeit ein Ende. Er dachte, der Verlust der Geldbörse sei wohl nicht ganz unfreiwillig, und nahm sich fest vor, über das ihm so seltsam scheinende Verhältniß des Marquis von Escoman zu Margarethe Gelis genaue Erkundigung einzuziehen.

Er steckte die Börse mit dem darin befindlichen Goldstück in die Westentasche und flüsterte den Namen Margarethe mit schwärmerischer Zärtlichkeit.




Viertes Capitel.

Das Duell


Louis von Fontanieu kam in einer kaum zu beschreiben den Aufregung nach Hause. Er fand nun Alles erklärlich, was ihm der Chevalier von Montglas über die leidenschaftliche Liebe des Marquis von Escoman für Margarethe Gelis gesagt hatte; ein so reizendes Geschöpf zu lieben, war gewiß verzeihlich.

Nach und nach aber erblickte er die Wirklichkeit durch die in seinem Geiste zurückgebliebene glänzende Luftspiegelung. Morgen sollte er dem Marquis von Escoman, der schon manche Ehrensache muthig ausgefochten, im Zweikampf gegenüberstehen. Er hingegen hatte noch nie ein Duell gehabt.

Man wird es vielleicht befremdend finden, wenn ich behaupte, daß der Muth mindestens eben so sehr eine Sache der Gewohnheit wie des Temperamentes sei. Man gewöhnt sich an die Gefahr wie an Alles; wenn man einigemale eine, und dieselbe Gefahr glücklich überstanden hat, so scheint dieselbe geringer als im Anfange, und zum fünften oder sechsten Male geht man ihr mit weit ruhigerem Herzen entgegen, als das erste Mal.

Es war daher natürlich, daß Louis von Fontanieu von Zeit zu Zeit von einem bangen Gefühl ergriffen wurde, und obgleich er seine Gedanken mit andern Dingen zu beschäftigen suchte, so gedachte er doch nicht ohne tiefe Worte des Evangeliums: Mensch, Du bist Staub, und wirst wieder zu Staub werden!

Gegen zehn Uhr Abends wurde die Glocke an seiner Thür gezogen und sein Diener meldete die Herren von Mauroy und von Apremont.

Mauroy, der Vetter Fontanieu‘s, hatte ihn, wie wir wissen, in die vornehme Gesellschaft von Châteaudun eingeführt,und kam nun, um über seine Unterredung mit den Sekundanten des Marquis von Escoman Rechenschaft zu geben. Herr von Apremont war der Freund, der ihn begleitet hatte.

Die Sache war schnell abgethan worden. Als Waffe hatten beide Parteien den Degen gewählt, und das Duell sollte am andern Morgen um sieben Uhr in einem nahen Wäldchen stattfinden.

Herr von Mauroy sah seinen Vetter scharf an, während er ihm Bericht abstattete; er suchte zu errathen, ob im entscheidenden Augenblicke auf die Stärke seiner Nerven zu zählen sei.

Louis von Fontanieu hörte ganz ruhig zu.

»Sie sind also mit dem Degen vollkommen vertraut?« fragte Mauroy.

»Vertraut ist viel gesagt,« erwiederte Louis; »ich führe morgen den Degen zum ersten Male in einer ernsten Sache; ich bin aber auf dem Fechtboden eben nicht ungeschickt gewesen.«

»In der That,« sagte Apremont, »ich sehe dort an der Wand Rapiere und Masken.«

»Würde es Ihnen unangenehm sein, lieber Vetter,« fragte Herr von Mauroy, »mir eine Probe Ihrer Fechtkunst zu geben?«

»Durchaus nicht,« sagte Louis von Fontanieu; »ich will noch einige Kerzen anzünden, es ist nicht hell genug.«

Fontanieu zündete alle Kerzen und Lampen an, die er in seiner Wohnung hatte, und das Zimmer, in welchem sich die drei Herren befanden, wurde taghell erleuchtet.

Mauroy und er nahmen die Mensur, nahmen die Rapiere und fingen ihre Fechtübung an.

Louis von Fontanieu war, wie schon erwähnt, ein Zögling der Militärschule von St. Cyr, und hatte natürlich auch Fechtunterricht erhalten. Seine große, kräftige, geschmeidige Gestalt war ihm dabei sehr zu Statten gekommen, und er war aus dem Fechtboden einer der Besten geworden.

Er traf seinen Vetter dreimal, während dieser ihn nur einmal mit der Spitze seines Rapiers berührte.

»Ich bin sehr mit Ihnen zufrieden, lieber Vetter,« sagte Mauroy; ich habe mich mit dem Marquis von Escoman nie gemessen und kann Ihnen daher über seine Fechtart nichts Näheres sagen. Aber ich glaube, daß Herr von Apremont dem Marquis etwa gleichkommt. Wollen Sie mir erlauben, ihm das Rapir zu übergeben?«

»Herr von Apremont wird mir viel Ehre erweisen,« antwortete Fontanieu mit jener natürlichen Höflichkeit, dir aus einem Fechtboden fast zur Etikette wird.

Apremont nahm das Rapir und legte sich aus.

Dieses Mal waren sich die beiden Gegner ziemlich gleich. Apremont stand in dem Rufe eines guten Fechters und Pistolenschützen. Nach einer Viertelstunde war er viermal, Louis dreimal getroffen worden.

»Sie können’s mit dem Marquis sehr wohl aufnehmen,« sagte Apremont.

Fontanieu dankte seinen beiden »Gevattern«, die sich mit dem Versprechen entfernten, ihn in der Frühe um halb sieben Uhr abzuholen.

Louis blieb allein, die beiden Rapiere und die Maske in der Hand haltend; die zweite Maske war noch aus seinem Gesicht.

Er hängte Rapiere und Masken wieder an die Wand und setzte sich an seinen Schreibtisch, um an seine Mutter zu schreiben.

In diesem Briefe, der nur im Falle eines Unglücks abgeschickt werden sollte, schüttete er sein ganzes Herz aus und gab allen seinen zärtlichen Gefühlen einen Ausdruck. Bei den letzten Zeilen flossen seine Thränen.

Es war weder Furcht noch Schwäche, sondern eine ungemein starke Aufregung.

Er siegelte den Brief, aber nun schien es ihm, als ob er seiner Mutter noch viel zu sagen hätte.

Er erbrach das Siegel und schrieb noch vier Seiten voll.

Dann ging er zu Bett und dachte an Margarethe Gelis.

Sein Schlaf war ziemlich ruhig.

Er träumte, sein Schlummer werde von den beiden Frauen bewacht. Sie standen auf beiden Seiten seines Bettes, und allmälig bekamen sie Flügel, so daß zwei Engel daraus wurden.

Gegen fünf Uhr erwachte er. Der Tag brach an. Louis hatte noch eine halbe Stunde Zeit, an die beiden Gestalten zu denken, welche die ganze Nacht an seinem Lager gewacht hatten.

Um sechs Uhr kamen Mauroy und Apremont. Sie fanden ihn völlig angekleidet und bereit ihnen zu folgen.

Sie brachten Degen mit, welche sowohl dem Marquis von Escoman als dessen Gegner unbekannt waren.

Die Freunde sprachen noch eine Viertelstunde von gleichgültigen Dingen und brachen dann auf.

« Der Wagen Mauroys hielt vor der Thür.

Ein junger Arzt war zum Stelldichein beschieden. Fünf Minuten nachher war Louis von Fontanieu auf dem Kampfplatz.

Einige Minuten nachher kam auch der Marquis von Escoman in Begleitung Guiscard’s und des Chevalier von Montglas.

Die Gegner begrüßten sich mit einer leichten, aber höflichen Verbeugung; die vier Sekundanten traten zusammen, der Arzt blieb in einiger Entfernung.

Die Unterredung der Sekundanten war kurz, die Bedingungen waren ja bereits festgestellt worden. Es blieben nur die Degen zu wählen.

Man warf ein Goldstück in die Höhe; der Marquis hatte die Wahl. Er wählte die Degen seines Gegners, ohne dieselben in Augenschein zu nehmen.

Die Degen wurden den Gegnern von den Secundanten überreicht, und jeder von ihnen zog seinen Rock aus.

Der Chevalier von Montglas und der Vicomte von Mauroy stellten sich, mit dem Stock in der Hand, neben die Kämpfenden und gaben das Zeichen.

Die Klingen kreuzten sich. Der Marquis von Escoman schien vollkommen ruhig und gefaßt; ein spöttisches Lächeln spielte um seine Lippen, und hätte sich seine Stirn nicht in leichte Falten gezogen, so hätte man glauben können, es sei eine gewöhnliche Fechtübung gewesen.

Louis von Fontanieu war mehr fest und entschlossen als ruhige seine Füße schienen am Boden festgeniete;z man sah es ihm an, daß er den festen Vorsatz hatte, keinen Schritt zurückzuweichen; seine etwas emporgezogene Oberlippe zeigte unter dem kleinen Schnurrbart die fest aufeinandergedrückten weißen Zähne; sein Auge funkelte von Muth und zugleich von Lebenslust; man sah es ihm an, daß er nicht sterben wollte und mit seiner ganzen Willenskraft am Leben festhielt.

Der Marquis von Escoman hatte anfangs geglaubt, mit seinem Gegner leicht fertig zu werden, aber schon im ersten Gange erkannte er an der Kraft und Gewandtheit Fontanieu‘s den Meister in der Fechtkunst. Er war daher vorsichtig, um das Spiel seines Gegners zu beobachten; dann aber fiel er plötzlich mit aller Gewalt aus, und er würde seinen Gegner durch und durch gestoßen haben, wenn seine Degenspitze nicht auf einem harten Gegenstande abgeglitten wäre; sie streifte nur die Rippen Fontanieu‘s

Dieser parirte instinctmäßig die Klinge, die er in seiner Seite fühlte, und zwar mit solcher Heftigkeit, daß dem Marquis der Degen aus der Hand fiel.

Fontanieu’s Hemd färbte sich mit Blut.

Ehe sich der Marquis bückte, um seinen Degen wieder aufzunehmen, stellte Louis behende den Fuß auf die Klinge.

Wie muthig und sorglos auch der Marquis war, so fühlte er doch in den wenigen Secunden, welche dieser Zwischenfall dauerte, einen Todesschauer durch seine Adern laufen. Er mußte denken, sein Gegner, durch die Wunde gereizt, werde den Stoß erwiedern. Aber statt nachzustoßen, hob Fontanieu den Degen des Marquis auf und überreichte ihm denselben.

Der Marquis legte sich wieder aus und Fontanieu kreuzte mit gleicher Schnelligkeit die Klinge.

Aber als der Kampf wieder anfangen sollte, trat der Chevalier von Montglas vor und trennte die Klingen durch einen tüchtigen Stockschlag.

»Es ist genug, meine Herren!« sagte er; »der Ehre ist Genüge geleistet. Marquis, vergessen Sie, daß Herr von Fontanieu in Ermanglung eines hinlänglichen Vermögens eine Stellung gesucht, ohne auf die Cocarde Rücksicht zu nehmen, und drücken Sie als Freund die Hand, in welcher einen Augenblick Ihr Leben war.«

Die andern Zeugen stimmten dem Chevalier bei und erklärten, daß sie eine Fortsetzung des Kampfes nicht dulden würden.

Der Marquis von Escoman fügte sich willig ihren dringenden Bitten.

»Von Herzen gern, Montglas; ich habe Herrn von Fontanieu Unrecht gethan, und er hat sich so ehrenvoll gerächt, daß mir nichts übrig bleibt, als um die Ehre seiner Freundschaft zu bitten.«

Fontanieu nahm die Hand, die ihm der Marquis reichte.

»In der That,« sagte Escoman, »es freut mich, daß meine tiefe Quart keinen bessern Erfolg gehabt hat. Es ist ein Opfer, das meine Eigenliebe dem Gewissen bringt, denn ich hatte die Ueberzeugung, diesen von einem Fechtmeister meines Regiments erlernten Stoß meisterhaft zu führen. Ich glaube übrigens, daß das wunderbare Gelingen Ihrer Parade weniger eine Folge des von Ihrem Degen beschriebenen Halbkreises als eines Hindernisses war, das meine Klinge unter Ihren Kleidern traf.«

Fontanieu, der noch sehr aufgeregt war, sah in den Worten des Marquis mehr als eine einfache und gleichgültige Frage, er glaubte, sein Gegner setze Zweifel in seine Ehrlichkeit und riß schnell sein Hemd auf, um seine entblößte Brust zu zeigen.

Man sah die von dem Degen des Marquis gezogene blutige Furche.

Der Marquis errieth die Gedanken seines Gegners.

»Glauben Sie denn,« setzte er hinzu, »daß ich nach der ritterlichen Großmuth, welche Sie gegen mich bewiesen, einem bösen Gedanken Raum geben könne? Nein, ich vermuthe blos, daß meine Degenspitze Ihre Uhr und eine jener Kleinigkeiten welche die jungen Leute als Talisman oder Amulette bei sich zu tragen pflegen, getroffen hat. Ich selbst bin nicht mehr jung und trage doch noch solche Siebensachen.«

»Escoman hat Recht,« sagte der Chevalier von Montglas, »und es ist erlaubt, eine sonderbare Thatsache aufzuklären. Ich habe im Jahre 1814 erlebt, daß ein Dragoneroffizier des Usurpators, mit dem ich mich schlug, seinen Degen an meinen Berlocken zerbrach; er hätte mir sonst die Klinge durch den Leib gestoßen. Ich stieß nach —«

Der Chevalier hielt erröthend inne. Er erinnerte sich, daß er ebenfalls eine Ehrensache hatte, und daß die Erzählung seiner Heldenthaten nicht am rechten Orte war.

»Ich glaube, daß Sie Recht haben, Herr Marquis,« sagte Louis von Fontanieu, der inzwischen in seine Westentasche gegriffen hatte. »Belieben Sie sich selbst zu überzeugen.«

Er zog die ganz vergessene kleine Börse heraus, welche seinen blutigen Fingern entglitt und auf den Rasen fiel.

Montglas nahm die Börse auf, zog das Goldstück heraus und betrachtete es aufmerksam.

»Ein Seitenstück zu dem Degenstoß auf meine Berlocken,« sagte er frohlockend. »Sehen Sie, Herr Marquis, das Gold hat trotz seiner Härte eine Schramme. Dieses Geld war gut angelegt, wie einst ein geistreicher Mann sagte.«

Der Chevalier reichte dein Marquis die Börse und das Goldstück.

Fontanieu erblaßte; er fürchtete, der Marquis werde einen Gegenstand erkennen, welcher, wie Louis glaubte, seiner Geliebten gehörte.«

Er suchte daher der Gefahr zu begegnen.

»Der Zufall ist um so sonderbarer,« sagte er, »da die Börse nicht mir gehört.«

»Wirklich?«

»Nun, das ist leicht zu erkennen,« setzte der Chevalier hinzu; »diese kleine Börse ist offenbar nicht für einen Cavalier gestrickt worden, es ist ein platonisches Andenken.«

»Sie irren sich,« erwiederte aber Fontanieu; »es ist nicht einmal ein Andenken, ich habe diese Börse gestern auf der Landstraße gefunden.«

»Wenn das ist,« sagte der Chevalier, »so müssen Sie die Eigenthümerin aufsuchen und kniefällig bitten, Ihnen diesen Talisman zu lassen, den Sie künftig wie ein Agnus Dei am Halse tragen werden.«

»Sie haben Recht, Montglas,« sagte der Marquis, der die Börse aufmerksam betrachtete; »ich werde ihn zu der Eigenthümerin führen, und wenn’s nöthig ist, meine Bitten mit den seinigen vereinigen.«

»Sie, Marquis?«

»Ja, ich – Herr von Fontanieu, haben Sie dieses Kleinod nicht am Ufer des Loir gefunden?«

»Ich glaube – ja,« stammelte Louis.

»Sie werden sehen,« sagte der boshafte Chevalier, »daß die schöne Margarethe auf einem sentimentalen Spaziergange diese Börse verloren hat. Nehmen Sie sich in Acht, Marquis, Sie haben heute kein Glück, und Sie vergessen etwas unbesonnen die Warnung der Schrift: wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.«

»Herr Chevalier,« antwortete der Marquis lächelnd, »ich kenne wirklich die Eigenthümerin dieser Börse; aber wenn ich Jemanden die Ehre erwiesen habe, ihm die Hand zu bieten und meinen Freund zu nennen, so stelle ich ihm, trotz Ihrer Warnung, Alles was ich besitze, zu seiner Verfügung.«

»O! diese Opferwilligkeit geht nur bis an die Schwelle einer mir wohlbekannten Thür,« erwiederte der Chevalier.

»Sie irren sich,« sagte der Marquis, der sich in die Enge getrieben sah; »und um es Ihnen zu beweisen, lade ich Sie und Herrn von Fontanieu aus diesen Abend zum Souper bei Margarethe ein.«

Das Gespräch hatte eine so beunruhigende Wendung genommen, daß Fontanieu, um seine Verlegenheit zu verbergen, zu dem von seinen Zeugen mitgebrachten jungen Arzt ging und ihm seine Wunde zeigte.

Der Schüler des Aeskulap erklärte, es sei nur eine unbedeutende Schramme und legte einen leichten Verband an.

Für den Fall, daß einer der beiden Gegner fiele oder schwer verwundet würde, hatten Guiscard und Montglas, die ihren Strauß noch auszufechten hatten, zwei Freunde in das Wäldchen bestellt. Letztere erschienen nun wirklich.

Der Marquis von Escoman bot alle Beredtsamkeit auf, um den Chevalier mit Guiscard zu versöhnen. Der Letztere sah wohl ein, daß ein solcher Zweikampf für ihn nur lächerliche Folgen haben könne und zeigte sich zu einer Aussöhnung bereit; aber alle Bemühungen des Marquis scheiterten an der Hartnäckigkeit des Chevaliers, und der Marquis fuhr mit Louis von Fontanieu, den er zur Annahme eines Platzes in seinem Wagen zwang, in die Stadt zurück.

Als der Wagen am den ersten Vorstadthäusern vorbeifuhr, bemerkte Fontanieu hinter einer halb verfallenen Gartenmauer eine Frau, deren Gesicht und Gestalt ihm auffiel. Er steckte schnell den Kopf zum Schlage hinaus und erkannte die alte Dame, die ihm Abends zuvor empfohlen hatte, den Marquis nicht zu schonen.

Sie schien die Rückkehr des Wagens zu erwarten. Als sie ihn kommen sah, lehnte sie sich über die Mauer, um das Innere der Kutsche zu beobachten, und als sie Louis von Fontanieu neben dem Marquis sitzen sah, machte sie ein zorniges Gesicht, bückte sich und verschwand hinter der Gartenmauer.

Der Marquis von Escoman hatte Susanne Mottet nicht bemerkt, und Fontanieu hielt es nicht für gerathen, sein Erstaunen über die seltsame Erscheinung merken zu lassen.

Louis glaubte, der Marquis werde ihn nach Hause begleiten; er war daher etwas verwundert, als der Wagen vor einem der ältesten und stattlichsten Häuser der Stadt hielt und ein schweres Hausthor sich knarrend aufthat.

»Wohin führen Sie mich denn, Herr Marquis?« fragte er.

»An den Ort, wo ich mein Versprechen halten muß.«

»Was für ein Versprechen meinen Sie?«

»Undankbarer, haben Sie denn die kleine Geldbörse schon vergessen?«

»O nein.«

»Ich habe Sie ja der Eigenthümerin vorzustellen.«

»Wie!« erwiederte Louis erstaunt, »wohnt denn Margarethe Gelis in diesem Hause?«

»Ei! wer spricht denn von Margarethe Gelis? Sind Sie etwa mit dem Chevalier einverstanden? Steigen Sie aus und folgen Sie mir.«

Der Marquis sprang aus dem Wagen; Fontanieu folgte ihm.

Wir haben noch zu sagen, was unterdessen zwischen dem Chevalier von Montglas und Georg von Guiscard vorging.

Auf die Weigerung des Ersterem eine Entschuldigung anzunehmen, hatte sich Guiscard bereit erklärt, Satisfacntion zu geben.

Die beiden Gegner ergriffen daher die Degen, welche, der Marquis von Escoman und Louis von Fontanieu zurückgelassen hatten. Bei dem dritten Gange stieß Montglas seinem Gegner den Degen zwischen die Rippen.

Der junge Arzt erklärte, daß die Wunde zwar nicht tödtlich sei, aber doch große Schonung und sorgfältige Pflege erheische.

Der Zweikampf hatte somit ein Ende und die beiden Gegner entfernten sich.

Der Chevalier von Montglas begab sich zu Fuß in die Stadt zurück, Guiscard wurde in den Wagen gesetzt und langsam zu seiner Wohnung gefahren.




Fünftes Capitel.

Gute Absichten und Nebenabsichten


Wir haben Louis von Fontanieu an der Thür des Hotel Escoman gelassen.

Er machte gar keine Gegenvorstellungen, erlaubte sich keine Frage, obgleich er über die Folgen dieser Unterredung nicht ohne Besorgniß war.

Er befand sich mit dem Marquis vor einem jener alten düsteren Häuser aus dem sechzehnten Jahrhundert, deren Quadersteine und Ziegel die gleiche röthlichbraune Farbe angenommen haben. Beide blieben vor einer halbrunden Außentreppe stehen.

»Ist die Frau Marquise zu Hauses?« fragte Escoman den Diener, der an den Wagen kam.

Diese Worte überzeugten Louis von Fontanieu, daß er Abends vorher einen großen Irrthum begangen; er sann nur auf ein Mittel, sich einer Unterredung zu entziehen, in welcher er jedenfalls eine sehr lächerliche Rolle spielen müßte.

»Um des Himmels willen, Herr Marquis,« sagte er, »lassen Sie mich nach Hause!«

»Nach Hause? Warum denn?«

»Weil ich mich in diesem Anzug, mit meinen blutigen Kleidern und schmutzigen Stiefeln nicht vor einer Dame zeigen kann. Und diese Dame —?«

Fontanieu stockte.

»Nun ja, die Dame, deren Börse Sie aufgenommen haben, ist die Marquise von Escoman. Finden Sie das so außerordentlich? Warum machen Sie so große Augen?«

»Weil ich – ich gestehe, daß ich —«

»Wußten Sie nicht, daß ich verheiratet bin?«

»Nein.«

»Das wundert mich nicht: Sie sind noch nicht lange hier, und ich führe im Grunde ein Junggesellenleben, das ich Ihnen ebenfalls empfehle, falls Sie einmal in die Verlegenheit kommen eine Frau nehmen zu müssen.«

Und ohne seinem Begleiter Zeit zu weiterem Nachdenken zu lassen, schob ihn der Marquis in die Vorhalle und sagte zu dem Diener: »Frage die Frau Susanne, ob die Marquise uns empfangen kann.«

»Frau Susanne ist in der Frühe ausgegangen,« antwortete der Diener.

In diesem Augenblicke that sich eine Seitenthür auf und die Marquise erschien. Ihre Augen waren verweint und sie war so zerstreut, daß sie die Anwesenheit Fontanieu‘s reicht bemerkte.

Als sie ihren Mann so heiter und vergnügt sah, hob sie die Hände empor, und fühlte sich so tief ergriffen, daß. sie sich an der Thürbekleidung halten mußte, um nicht zu fallen.

»Er lebt!« mehr vermochte sie nicht zu sagen.

Der Marquis trat rasch auf sie zu, um sie zu halten.

»Ich bitte Dich,« sagte er leise und mit spöttischem Tone, der ihr tief ins Herz drang, »keine Melodramenscene. Wir sind nicht allein. – Ja wohl ich lebe,« setzte er laut hinzu, »und zwar durch die Gnade des Herrn Louis von Fontanieu, den ich Dir sogleich vorstellen wollte, denn ich dachte, es würde Dir nichts angenehmer sein als der Anblick des Mannes, der Dich noch nicht zum Witwenschleier verurtheilen wollte. Der schwarze Schleier würde deinem blonden Haar indessen sehr hübsch stehen; Susanne würde mir gewiß beistimmen, wenn sie da wäre.«

»Wie können Sie in einem solchen Moment scherzen, Marquis!« erwiederte Emma, welche die tiefe Verbeugung Fontanieu’s nur mit leichtem Kopfnicken beantwortete.

»Parbleu!« sagte der Marquis, »warum soll man sich nicht freuen? Aber wenn Sie durchaus ernsthaft sein wollen, so hören Sie Herrn von Fontanieu an, der ein wichtiges Anliegen an Sie hat.«

»An mich?« sagte die Marquise erstaunt.

»Ja wohl, an Sie.«

»Ich höre,« sagte die Marquise.

»Es handelt sich um eine Börse, welche Sie in einem sehr günstigen Augenblicke verloren haben, denn sie hat uns Beiden einen großen Dienst geleistet. Herr von Fontanieu wird Ihnen die ganze Geschichte erzählen. Ich verlasse Sie, denn die Anwesenheit eines Ehernannes würde der gegenseitigen Mittheilung nur hinderlich sein. – Bieten Sie der Marquise Ihren Arm, mein junger Freund.«

Der Marquis ging trällernd die zu seiner Wohnung führende Treppe hinauf, er war froh, nicht mehr Zeuge der Freude zu sein, welche die Marquise über seine Rückkehr zu erkennen gab.

Fontanieu wartete, daß ihm die Marquise einen Wink gebe ihr zu folgen. Er trat tief bewegt in den Salon.

Die Marquise setzte sich und bot ihm einen Stuhl.

»Mein Herr,« sagte sie, ohne ihn zu Worte kommen zu lassen, »ich will die Vortheile, die Sie mir eingeräumt, nicht mißbrauchen: ich bin Ihnen zu dankbar für Ihr Benehmen gegen den Marquis. Ich verspreche Ihnen, daß ich mich in Zukunft nie des Unrechts erinnern werde, dessen Sie sich gegen mich schuldig gemacht haben; ich will es Ihrer Jugend und Ihrem Leichtsinn zuschreiben. Aber Sie müssen mir versprechen, jenes unangenehmen Auftrittes, den Sie gewiß bedauern werden, nie wieder zu erwähnen.«

Diese mit Sanftmuth gesprochenen Worte verfehlten aber ihre Wirkung. Einer vornehmen Dame zu begegnen, wo er nur Margarethe Gelis zu finden geglaubt, war in den Augen des jungen Mannes ein unverhofftes Glück. Seine gestrigen Träumereien nahmen nun eine bestimmte Gestalt an. Seine Phantasie schuf, wie Pygmalion, ein Weib. Sein launenhafter Uebermuth wurde zur Liebe. Einige der alten Dienerin entschlüpften Worte, die ihm bis dahin unverständlich gewesen waren, bekamen nun einen Sinn für ihn, und der kalte Hohn des Marquis erfüllte ihn mit ehrgeizigen Hoffnungen. Weit entfernt daher, eine Entschuldigung zu stammeln, sann er auf ein Mittel, das Spiel des Zufalls auf Rechnung eines überlegten Planes zu schreiben.

»Ach! Frau Marquise,« erwiederte er, »das Schicksal hat Alles so gefügt, daß ich Ihnen nicht gehorchen kann.«

»Das Schicksal!« erwiederte die Marquise erstaunt. »Was hat denn das Schicksal damit zu thun?«

»Hat Ihnen der Herr Marquis nicht gesagt, daß ich Sie um eine Gunst zu bitten habe?«

»Ja wohl, aber ich gestehe, daß ich nicht begreife, was für eine Gunst Sie von mir erwarten können.«

»Die Erlaubniß, diese kleine Börse behalten zu dürfen, Madame. Der Zufall setzte mich in den Besitz derselben, und auf meiner Brust wehrte sie einen Degenstich ab, der sonst tödtlich gewesen sein würde. Urtheilen Sie selbst, Madame, ob ich unser gestriges Zusammentreffen vergessen kann – selbst wenn mir alle Stimmen in meinem Innern nicht zuriefen, daß ich erst seit jener Stunde angefangen habe zu leben.«

Aber die Marquise unterbrach ihn.

»Verzeihen Sie,« sagte sie, »daß ich Ihnen ins Wort falle. Sie werden aber gestehen, daß es keineswegs schmeichelhaft für mich ist, in Ihrem Roman eine Rolle zu spielen, die mir gar nicht zugedacht war – mit einem Worte nur ein Lückenbüßer in Ihrem kleinen Intriguenstücke zu sein.«

»Madame —«

»Sie werden doch nicht behaupten,« fuhr die Marquise fort, »daß ich die erste Inspiration der Gefühle, welche Sie mit so viel Wärme ausdrücken, für mich in Anspruch nehmen könne? Ich habe gestern sehr wohl gemerkt, daß Sie keineswegs mit der Marquise von Escoman zu sprechen glaubten: Sie erlauben mir daher, dem Kaiser zu lassen, was des Kaisers ist.«

Die Stimme der Marquise war bewegt, als sie diese Anspielung auf Margarethe Gelis machte. Fontanieu bemerkte, daß die Augen der jungen Frau feucht wurden, und daß zwei Thränen an ihren langen Wimpern zitterten.

Die Marquise errieth an den Blicken des jungen Mannes, daß ihre Thränen nicht unbemerkt bleiben würden.

»Entschuldigen Sie,« setzte sie hinzu, »verzeihen Sie, daß ich mich nicht zu beherrschen vermag; aber das Unglück kennt ja kein Ansehen, der Person, und Niemand hat mir bis jetzt noch das Recht der Thränen streitig gemacht.«

Diese Worte, welche die Marquise mit erzwungenem Lächeln sprach, machten einen tiefen Eindruck auf Fontanieu. Er blieb einige Augenblicke stumm. Er verglich in Gedanken seine gemeinen niedrigen Gefühle mit der wahrhaft großen Ergebung dieser Frau, und er schämte sich. Sein Uebermuth schwand allmälig vor dem ehrerbietigen Mitleid, das sich in ihm regte. Je ernster aber die Liebe wurde, desto inniger, edler wurde sie.

Diese Umwandlung seiner Gefühle war auf seinem Gesicht bemerkbar. Er erröthete und erblaßte abwechselnd; endlich füllten sich auch seine Augen mit Thränen. Er sprang auf und fiel der Marquise zu Füßen.

»Verzeihen Sie mir,« sagte er mit dem Ausdruck der innigsten, aufrichtigsten Reue.

»Sie sind gut,« erwiederte Emma und drückte ihm die Hand; »ich hoffe, daß wir Freunde sein können, wenn Sie sich nemlich entschließen können, vernünftig zu werden.«

»Wenn Sie damit sagen wollen, daß ich Sie nicht mehr vergöttern soll, so irren Sie sich, Madame, in diesem Sinne werde ich nie vernünftig werden!«

»Wie thöricht sind Sie,« erwiederte Emma, sich abwendend; »kann man denn hoffnungslos lieben?«

»Die Beantwortung dieser Frage kommt nicht mir, sondern Ihnen zu, Madame.«

Emma erblaßte.

»Sie dürfen mich nicht lieben,« erwiederte sie fast mit Schrecken, »wenigstens nicht so, wie Sie es meinen. Sie klagten gestern, daß Sie von den Personen, die Ihnen theuer sind, entfernt sein müssen: ichs will Ihre Schwester, Ihre Freundin, Ihre Mutter sein; aber Sie müssen, so lange es noch Zeit ist, jedes Gefühl unterdrücken, das Ihnen nur Schmerz bereiten könnte. Wenn Sie wüßten, welchen Schmerz eine nicht getheilte Liebe bereitet! Wenn Sie wüßten, wie der Gram am Herzen nagt, wie man das Leben müde wird und sich nach dem Tode sehnt! Diesen Schmerz mischte ich Ihnen ersparen. Und wenn es nothwendig ist, Ihnen zu sagen was ich seit drei ewig langen Jahren gelitten habe und noch leide, so will ich‘s thun, wenigstens versuchen. Aber keine Liebe, keine Liebe! Hören Sie mich an.«

»Nein, Madame,« sagte Louis von Fontanieu, rasch aufstehend. »Ich will lieber nichts hören. Was könnten Sie mir auch sagen? daß Sie den Marquis lieben, vergöttern. O, ich weiß es nur zu gut, daß Sie ihn lieben, es ist nicht nothwendig, daß sie mir’s sagen.« Meine Liebe ist Wahnsinn, ich gebe es zu: aber dieser Wahnsinn wird mir in meiner Traurigkeit vielleicht liebliche Täuschungen, süße Hoffnungen bereiten, wie schnell sie auch schwinden mögen. Ich beschwöre Sie, rauben Sie mir diesen geringen Trost nicht; zerreißen Sie mir das Herz nicht durch das Bekenntniß ihrer Liebe für den Marquis, nicht durch die mahnende Stimme Ihres Gewissens, falls Sie keine Liebe für ihn fühlen. Vergessen Sie nicht, daß ich mit Ihnen geweint.«

»Ich werde mich dessen erinnern,« erwiederte Emma; »und eben deshalb werden Sie mich ohne Erbarmen finden gegen diese Leidenschaft, die ich scharf rügen würde, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß sie noch keine tiefen Wurzeln geschlagen. Ich danke Ihnen für die gute Meinung welche Sie von mir haben: Sie irren sich nicht, daß die Stimme des Gewissens mich bewahren würde vor einer Sünde, welche die Welt einen Fehltritt zu nennen pflegt – selbst wenn ich den Marquis nicht so innig liebte.«

»Ach, Madame, zwingen Sie mich nicht ihn anzuklagen.«

»Was habe ich denn zu fürchten? Mich an die Vergehen des Marquis zu erinnern, mir vorzuhalten, daß er mir gegenüber alle Anstandsrücksichten vergißt, das wäre nicht edel und nicht klug gehandelt. Sie würden den beabsichtigten Zweck dadurch nicht erreichen. Glauben Sie denn, es sei mir nicht bekannt, was er thut? Ich verlange nur, daß in meiner Gegenwart keine Rede davon sei, und die mich umgebenden Personen schweigen davon. Aber der Scharfblick der Liebe enthüllt mir mehr als seine Gleichgültigkeit. Was mir dieser Instinct sagt, suche ich im Stillen zu widerlegen; denn kann man dem Marquis die Schuld geben? Liegt es nicht vielmehr an seiner Erziehung, an der gewohnten Lebensweise, an den-Freunden, mit denen er umgeht? Alle Männer machen sich solcher Vergehen mehr oder weniger schuldig; und wenn er noch größeres Unrecht hätte, so würde ich ihn noch lieben. Er könnte mir nach dem Leben trachten, und ich würde ihn nicht verfluchen. Und überdies bin ich überzeugt, daß meine Treue und Hingebung ihre Früchte tragen wird und daß ich nicht von dieser Erde scheiden werde, ohne den Trost dessen erhalten zu haben, der allein mich hienieden zu trösten vermag. Gott wird den Verblendeten, den er mir zum Gatten gegeben, sehend machen, wie einst den blinden Tobias; er wird ihn erkennen lassen, daß ich nur für ihn lebe. O, dann werde ich überglücklich sein! – Es ist nur ein Traum, werden Sie sagen. Ja, aber es ist ein Traum, der sich jede Nacht wiederholt, er wird zur Wirklichkeit werden. Ihr Traum hingegen ist unsinnig, ja sündhaft. Den meinigen schickt die Vorsehung, um mein Herz zu erquicken; der Ihrige ist eine Einflüsterung des Dämons, der Sie ins Verderben stürzen will. Nein, nein, glauben Sie mir, eine Frau kann nicht sterben, ohne daß ihr Gatte ein Wort der Liebe zu ihr spricht. Doch ich bin sehr thöricht,« setzte sie wehmüthig lächelnd hinzu, »daß ich Ihre Worte für Ernst nehme. Mein Kopf ist durch dieses Duell, durch diesen Talisman, durch die Besorgniß um das Leben des Marquis ganz verwirrt geworden, und ich hoffe, daß morgen von dieser schwärmerischen Leidenschaft, durchs welche Sie mich zu erschrecken suchen, nur eine wohlwollende Theilnahme zurückbleiben wird.

Während die Marquise sprach und unwillkürlich ihrem Schmerz einen Ausdruck gab, hielt Louis von Fontanieu beide Hände auf das Gesicht. Als sie schwieg, richtete er sich auf und sagte:

»Wollen Sie mir erlauben, Madame, Ihnen zu beweisen, daß dem nicht so sein wird?«

»Lassen Sie hören.«

»Verzeihen Sie, daß ich noch von meinem Gefühl rede, das Ihnen mißfällt; aber meine Zuneigung ist so aufrichtig, so wahr, daß ich von Herzen wünsche, daß Ihr Traum von dem verlorenen Gatten zur Wirklichkeit werde. Wenn die Verwirklichung dieses Traumes von mir abhinge, so schwöre ich Ihnen bei Gott, daß ich sagen würde: er komme wieder zu ihr und mache sie glücklich!«

»Ich danke Ihnen für diesen Trost,« erwiederte Emma und drückte ihm mit Wärme die Hände. »Mein Gott, ist es denn ein unmögliches Wunder? Escoman hat einen klaren Verstand und ein gutes Herz. Wenn ihm Jemand zeigte, wie leicht das Opfer ist, das er mir zu bringen hat; wenn ihm Jemand bewiese, wie unwürdig jene Geschöpfe sind, denen er mich nachsetzt; wenn ihm Jemand meine Liebe, meinen Schmerz schilderte: er würde dann gewiß seine Irrwege verlassen und zu mir zurückkehren. – Doch nein, die leichtfertige Welt will nur mühelose Almosen geben, und was ich von seinem Mitleid erbitte, würde seiner Selbstsucht zu viel kosten. Doch wie würde ich den Namen dessen segnen, der mir mein Glück wiedergäbe! Der Himmel scheint Sie dazu erkoren zu haben. Sie sind jung, Sie sind fast sein Freund geworden, er wird Ihnen ein willigeres Ohr leihen, als irgend einem Andern. Der Rath seines Greises hat zu sehr das Ansehen einer Predigt. Ueberdies haben Sie ihm ja das Leben geschenkt, er kann Ihnen nichts übel nehmen. O, thun Sie es, ich beschwöre Sie!«

»Wenn aber meine Bemühungen erfolglos bleiben,« sagte Fontanieu, »was habe ich dann zu hoffen?«

»Mein Gott, es ist ja, als ob Sie mir nicht einen Freundschaftsdienst erweisen, sondern einen Handel vorschlagen wollten! Sie bedenken nicht was Sie sagen.«

»Sie haben immer Recht, Madame. Verzeihen Sie mir. Der Blinde wird selbst nicht durch ein Wunder plötzlich sehend, er muß eine Zeit lang im Dämmerlicht wandeln und straucheln in demselben. Ja, es ist wahr, es ist unmöglich, aber ich habe versprochen, den Versuch zu wagen. Ich hätte diesen kurzen Wonnerausch schon vergessen sollen, um nur den Namen Ihres Freundes zu verdienen. Das Opfer muß vollständig unbedingt sein und so soll es sein. Kein Wort, keine Geberde, keine Bewegung meiner Augen soll Ihnen fortan zeigen, wie schwer es mir wird. Leben Sie wohl, Madame, und wenn Ihr Wunsch nicht in Erfüllung geht, so klagen Sie weder meinen guten Willen noch meinen Eifer an.«

»Ich möchte zwei Herzen haben,« erwiederte Emma, »um sie zwischen Ihnen und ihm zu theilen.«

Sie schlang, von ihrem überwallenden Dankgefühl getrieben, die Arme um den Nacken Fontanieu’s. Ihre langen Locken streiften sein Gesicht. Einige Secunden schmiegte sich ihr wogender Busen an seine Brust, und diese beiden so harmlosen und zugleich so leidenschaftlich bewegten Herzen schlugen dicht an einander.

Aber die Marquise besann sich sogleich, und beschämt über diesen unwillkürlichen Erguß ihres Dankgefühls gegen einen Fremden verneigte sie sich mit linkischem Anstande, welcher ihre Gemüthsbewegung verrieth, und ging in ihr Zimmer.

Louis von Fontanieu stand einen Augenblick regungslos und starrte die Thür an, die sich hinter ihr geschlossen hatte. Es dauerte lange, ehe er sich völlig besinnen konnte; die stürmischen, in seinem Innern streitenden Gefühle lähmten seine Geisteskraft. Er glaubte zu träumen. Er ging auf die Thür der Vorhalle zu, um sich ebenfalls zu entfernen; aber es fehlte ihm die Kraft und der Wille, er sank in einen Lehnstuhl.

Hinter ihm that sich, ohne daß er es hörte, die Thür auf, und Susanne Mottet steckte den Kopf herein, um zu sehen, ob er allein sei.




Sechstes Capitel.

Susanne Mottet


Louis von Fontanieu wurde durch Susannens Stimme ans seiner Bewußtlosigkeit geweckt.

Die Stimme der Frau Mottet würde dies vielleicht nicht vermocht haben, aber sie klopfte ihm auf die Schulter.

»Wünschen Sie, junger Herr, daß ich Sie hinaus begleitete?« sagte sie höhnisch.

Fontanieu sah sich um und erkannte die alte Dame von gestern Abend – dieselbe, die er vor einer Stunde hinter der Gartenmauer gesehen hatte.

Sie nahm sofort seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, als hätte er geahnt, daß diese ihm doch ganz fremde Person einen unheilvollen Einfluß auf sein Geschick haben werde.

Wir haben das moralische Bild Susannens gegeben, aber ihr Aeußeres noch nicht geschildert.

Susanne Mottet war eine Frau von fünfzig Jahren, kurz und beleibt, also von ziemlich gemeinem Aeußern. Die Fettschichten, die sich auf ihren Wangen gelagert, hatten ihr ausdrucksvolles, schlaues Gesicht indeß nur wenig verändert. An ihre zwar dicken, aber in den Mundwinkeln stark aufgezogenen Lippen, an dem starken Flaum, der sie beschattete, an dem hervorstehenden Kinn war ihre Willenskraft zu erkennen. Die niedrige Stirn, welche unter den struppigen grauen Haaren und den buschigen Brunnen fast verschwand, würde dem großen Gesicht einen grotesken Ausdruck gegeben haben, wenn der Blick ihrer hellblauen Augen nicht so lebhaft und durchdringend gewesen wäre.

Während Louis von Fontanieu ihre Person musterte, nahm Susanne ohne Umstände auf einem Sessel des Salons Platz. Sie schien einen weiten Weg gemacht zu haben, denn dicke Schweißtropfen rannen von ihrer Stirne, die sie mit einem großen bunten Schnupftuch trocknete. Endlich wiederholte sie, wie ein zur Tränke geführtes Pferd schnaubend, ihre Frage.

»Wünschen Sie, junger Herr, daß ich Sie hinaus begleitete?«

»Nein,« antwortete Louis, »aber statt dessen ersuche ich Sie um eine Gefälligkeit.«

»Womit kann ich Ihnen dienen?«

»Erklären Sie mir Ihre gestrigen Worte, die für mich ein Räthsel geblieben sind.«

»Ich erinnere mich nicht mehr.«

»Aber ich erinnere mich so gut, daß ich dem Herrn Marquis Alles was Sie gesagt haben, Wort für Wort wiederholen kann, und er wird solche Aeußerungen in dem Munde einer Frau, die seiner Dienerschaft angehört, gewiß sonderbar finden.«

Susannens Augen sprühten Feuer.

»Ich stehe nicht bei dem Herrn Marquis im Dienst,« antwortete sie mit einer Verachtung, die sie gar nicht verhehlte. »Ich bin die Amme, die Gesellschafterin der Frau Marquise, und der Marquis hat nicht das Recht mich von ihr zu trennen.«

»Sie haben sie also sehr lieb?« fragte Louis von Fontanieu, für den es schon eine Freude war von Emma zu sprechen.

»Wen meinen Sie? meine Tochter?«

»Ich meine die Frau Marquise.«

»Wie sollte ich sie nicht lieb haben? ich habe sie ja erzogen. Sie sahen sie gestern zum ersten Male und waren gleich vernarrt in sie.«

»Ei! ei! es scheint, daß Sie mein Gespräch mit der Marquise belauscht haben.«

Susanne lachte. – Louis sah sie scharf an.

»Was ist denn lächerlich an meinen Worten?« fragte er.

»Wenn ich Ihnen gesagt habe, daß ich jede Nacht aufstehe, um sie schlafen zu sehen, daß ich stundenlang auf ihren Athem lausche, ihr Mienenspiel beobachte, um sie zu wecken, falls sie von bösen Träumen geplagt wird – dann werden Sie sich nicht mehr wundern, daß ich zu wissen wünschte, was der Mann, der eine Secunde ihr Schicksal in seiner Hand hatte, mit ihr sprach.«

»Sie werden doch nicht im Ernst bedauern,« sagte Fontanieu leise, »daß mein Duell mit dem Marquis keinen schmählichen Ausgang genommen?«

»Warum nicht?« fragte Susanne Motten den jungen Mann scharf ansehend.

Fontanieu vermochte sein Erstaunen nicht zu verbergen.

Susanne setzte mit Ingrimm hinzu:

»Haben Sie denn Mitleid, haben Sie Thränen für den Mörder, der auf dem Blutgerüst den Tod eines Mitmenschen büßt?«

»Aber der Marquis —«

»Was!« eiferte Susanne, »Sie haben kein Erbarmen mit dem Unglücklichen, der ein Verbrechen begangen, um Brot für seine Kinder zu bekommen – und den Unhold, der mir mein Kind genommen, der es vor meinen Augen zu Tode martert, der Verzweiflung preisgibt, soll ich nicht hassen! Sie sind wahrlich nicht bei Sinnen, junger Herr!«

»Still! man kann uns hören –«

»Ei! was liegt mir daran? ich will’s ihm ins Gesicht sagen. Ich will ihm sagen, daß ich heute Früh eine geweihte Kerze in die Kirche getragen und die heilige Jungfrau angerufen habe, meinen täglichen Wunsch zu erfüllen. Sie wissen nicht was eine Mutter ist – und ich bin ihre Mutter: ich habe sie an meiner Brust genährt. Jede Thräne die aus ihren Augen rinnt, fällt aus mein Herz und brennt eine Wunde hinein. Und an meinem Herzen ist längst kein Platz mehr für eine einzige Wunde. Sie hat so viel geweint, daß sie graue Haare bekommt. Mit zweiundzwanzig Jahren! Und bei einer Blondine! Es ist eine himmelschreiende Sünde. Ach! ich wußte es wohl, ich wollte auch nicht zugeben, daß er uns heirate. Gott ist mein Zeuge, daß ich es nicht wollte! Wenn er noch ein freundliches, liebevolles Wort für sie hätte, wie Sie vorhin, so könnte ich wohl ruhig zusehen, wenn er ihre Güter verkauft und ihr Vermögen verpraßt. Ach! sie liebt! Ich sage Ihnen, was in ihrem Herzen vorgeht, weiß Niemand. Schon als Kind hatte sie ein tiefes Gefühl. Wenn ich sie auszankte, begnügte sie sich nicht, wie andere kleine Mädchen zu weinen und zu schmollen – nein, sie wand sich zu meinen Füßen und sagte: Susanne, meine gute Susanne, sage mir doch, daß Du mich lieb hast! Und ich dachte bei mir selbst: Mein Gott! was wird daraus werden, wenn sie einmal einen Mann bekommt, der nicht liebevoll und zärtlich gegen sie ist? Und was ich gefürchtet, ist wirklich eingetroffen. Gott allein weiß was sie leidet. Sie wird sich todt grämen. Sie ist verloren. Nein, nein, so kann sie nicht leben!«

Die letzten Worte sprach Susanne mit zitternder Stimme. Sie brach in Thränen aus, stand auf, nahm von dem Arbeitstische eine Stickerei, an welcher Emma gearbeitet hatte, und bedeckte sie mit Küssen.

Louis von Fontanieu war eben so erstaunt als gerührt. Er hatte die innige Zuneigung dieser Frau zu ihrer Gebieterin gar nicht geahnt, und der unwillkürliche Vergleich, den er zwischen dieser Zärtlichkeit und seiner Leidenschaft machte, stellte diese tief in den Schatten. Susanne erschien ihm groß und edel, ungeachtet ihrer etwas trivialen Geschwätzigkeit und ihres Mangels an feiner Weltsitte. Er betrachtete sie mit eifersüchtiger Neugierde; er beneidete die feurigen Blicke der armen Frau, die so ganz Hingebung und Liebe war.

Ohne recht zu wissen, was er sprach, nahm er den Marquis in Schutz.

»Sie machen sich vielleicht zu übertriebene Vorstellungen von der Aufführung des Herrn Marquis,« sagte er. »Mich dünkt, daß die Folgen nicht so unglücklich sein werden, wie Sie fürchten. Und warum sollte man an seiner Rückkehr zum Guten verzweifeln?«

Susanne zuckte die Achseln und sah den jungen Mann mit einer Verachtung an, die ihm bewies, daß sie alles gehört hatte, was er mit der Marquise gesprochen.

»Hören Sie,« sagte sie endlich, »ich kenne die Frau Marquise; zu jeder Stunde des Tages kann ich sagen, was in ihrem Herzen vorgeht. Den Marquis kenne ich noch besser. Er sollte sich seiner Frau wieder zuwenden? Kann denn meine Emma lügen? Weiß sie sich zu vorstellen, um ihm zu gefallen?«

»Ich wiederhole, was ich der Frau Marquise gesagt habe: es ist nicht meine Schuld, wenn meine Bemühungen fruchtlos bleiben.«

»Glauben Sie denn, junger Herr, Sie könnten mit mir Ihr Spiel treiben wie mit meiner armen Emma? Es ist eine Komödie, nichts weiter. Wer weiß, ob er Ihnen diese Rolle nicht einstudirt hat? Er ist ja zu Allem fähig. Es wäre ihm eben recht, wenn wir uns etwas zu Schulden kommen ließen. – Ja, ja,« setzte Susanne nachsinnend hinzu, »er hat Sie abgeschickt. – Aber sie, soll gewarnt werden, darauf können Sie sich verlassen; ehe Sie aus dem Hause sind, werde ich ihr sagen, was ich von der Sache denke.«

»Ei, thun Sie das nicht, ich beschwöre Sie!« sagte Louis von Fontanieu.

»Und wenn Sie sich hier wieder blicken lassen,« setzte Susanne, ohne seine Bitte zu beachten, hinzu, »so werden Sie von ihr mit verdienter Verachtung behandelt werden.«

»Aber ich liebe sie! ich liebe sie!« sagte Fontanieu außer sich.

»Wenn das wäre,« entgegnete Susanne, »würden Sie dann nicht begierig die Gelegenheit ergriffen haben, sie ihrem Peiniger zu entreißen? Nein, nein, sie soll wissen, daß sie von Ihnen nichts zu erwarten hat, daß Sie ein Verräther sind —«

»Ich beschwöre Sie, thun Sie das nichts Rauben Sie ihr nicht den einzigen Freund, den sie auf der Welt hat.«

Louis von Fontanieu begleitete diese Worte mit einer bittenden Geberde.

»Das fehlte noch!« erwiederte Susanne Mottet, »nein, so wahr wir —«

Sie hielt inne. Die Thür that sich rasch auf und der Marquis von Escoman trat ein.

Als er die feierliche Geberde Susannens und das bestürzte Gesicht Fontanieu‘s sah, bracht er in ein lautes Gelächter aus.

»Par la mort!« sagte er, »ich glaube, daß ich störe – ich entferne mich.«

»Was meinen Sie, Marquis?« stammelte Louis von Fontanieu.

»Ich meine, Theuerster, daß Sie einer Situation nahe sind, wo Sie, wie weiland Jupiter, eine Wolke zu Ihrer Verfügung haben möchten; da dies aber schwerlich der Fall sein dürfte, so wird Ihnen die Discretion eines Cameraden gewiß willkommen sein.«

»Wahrhaftig, Marquis,« erwiederte Fontanieu, der sich alle Mühe gab, in den frivolen Ton einzustimmen, »ich habe große Lust, Sie wieder auf die Wiese zu führen.«

»Herr Marquis,« sagte Susanne, die sich so steif und gerade hielt, wie es bei ihrer Beleibtheit möglich war, und ihren Zorn gar nicht verbarg, »Sie-scheinen dem Herrn sowohl als mir ein schlechtes Compliment zu machen. Das wundert mich gar nicht: Sie sind ja immer generös gegen Frauen.«

»Ich wette, lieber Fontanieu,« sagte der Marquis, »daß mich Frau Susanne gelobt hat, als ich eintrat.«

Louis von Fontanieu wollte mit einer Nothlüge antworten, aber Susanne ließ ihm nicht Zeit dazu.

»Der Herr Marquis,« sagte sie, »sollte wissen, daß ich nicht gewohnt bin, etwas Unmögliches zu unternehmen.«

Ohne die kecke Antwort im mindesten übel zu nehmen, brach der Marquis in ein lautes Gelächter aus.

»Bravo!« rief er, »so habe ich Dich gern, meine dicke Huronin. Du bist für war meine einzige Unterhaltung in diesem trübseligen Hause.«

»O, es ist gar nicht nöthig, mir Impertinenzen zu sagen,« entgegnete die Alte. »Gott sei Dank, ich hasse Sie ohnedies schon genug.«

»Das ist es ja eben, was mich entzückt und was Ihnen, keusche Susanne, in meinen Augen einen so hohen Werth gibt. Sie hassen mich – und nicht nur mich, sondern auch meine Freunde. Wie nennen Sie sie doch in Ihrer hochpoetischen Blumensprache?«

»Schnapphähne!« erwiederte Susanne entschlossen.

»Ja, richtig – Schnapphähne! Sie haben’s gehört, lieber Fontanieu. Wenn Sie etwa auf die Freundschaft der Dame Susanne gezählt haben, so haben Sie die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Sie sind in die Classe der Ungethüme versetzt worden, weil Sie zu meinen Freunden gehören.«

»Wirklich, Marquis?« sagte Fontanieu.

»Ich hatte also recht gerathen,« sagte Susanne, »ich hatte mich nicht geirrt: dieser Herr gehört zu Ihren Freunden! – Er hat Ihnen ohne Zweifel etwas zu sagen, ich will nicht stören – ich gehe.«

Susanne ging mit stolzem Anstande und höhnischer Miene in das Zimmer der Marquise.

Louis von Fontanieu hätte sie gern zurückgehalten, denn er zweifelte nicht, daß sie der Marquise sofort die nachtheilige Meinung, die sie von ihm hatte, mittheilten werde.

Der Marquis schaute ihr nach und zuckte die Achseln.

»Ich halte sie für etwas verrückt, die arme Alte,« sagte er. »Sie hängt an ihrer Herrin mit der Treue eines Pudels, und fletscht die Zähne, wenn ihr Jemand nahe kommt. Ich habe mir daher ein- für allemal vorgenommen, über ihre närrischen Streiche zu lachen, und es ist das Beste, was ich thun kann.«

»In der That,« erwiederte Fontanieu, der nach und nach seine Fassung wieder bekam, und in der Erwartung, daß Susanne an der Thür horchen werde, sich einigermaßen wieder in Gunst setzen wollte; »in der That, sie scheint der Frau Marquise sehr zugethan zu sein.«

»Allerdings« das ist sie. – Apropos, hat Ihnen die Marquise erlaubt, das wunderbare Goldstück zu behalten?«

Louis von Fontanieu bemerkte erst jetzt, daß er den Gegenstand, welcher der Vorwand seines Besuches war, ganz vergessen hatte. Er griff in die Tasche und zog die grünseidene Börse heraus.

»Ei ja, da ist sie ja,« setzte der Marquis hinzu. »Ich wünsche Ihnen von Herzen Glück zu Ihrem guten Erfolge, lieber Fontanieu. Wie haben Sie die Marquise gefunden?«

»Ich verhehle Ihnen nicht, Herr Marquis,« sagte Louis, »daß sie aus mich einen sehr tiefen Eindruck gemacht hat. Es ist unmöglich, mehr Schönheit mit Anmuth zu verbinden.«

»Ei, der tausend, wie begeistert! Man könnte wirklich glauben, Sie hätten ihr schon zu tief in die Augen geschaut – Sie müssen nicht roth werden, Theuerster. Ich sage Ihnen im voraus, daß ich ein sehr willfähriger Ehemann bin. Ja, sie ist hübsch – und dann hat sie eine für mich sehr schützbare Eigenschaft: sie legt mir in keiner Sache ein Hinderniß in den Weg.«

Louis von Fontanieu glaubte diese Gelegenheit zur Ausführung seines Planes benützen zu müssen.

»Ja,« erwiederte er, »aber glauben Sie, daß ihre Ergebung Glück oder auch nur Gleichgültigkeit sei?«

»Aha! ich sehe schon was vorgegangen ist,« sagte der Marquis, »eine Fee hat Sie mit ihrem Zauberstabe berührt, Susanne hat Ihnen den Kopf verdreht, gestehen Sie es nur. Nennen Sie es wie Sie wollen; ich kann Ihnen nur sagen, daß sie thun und lassen kann was sie will, und das ist für eine Frau sehr viel werth.«

»Ich glaube aber,« erwiederte Louis lächelnd, »daß sie die Sclaverei vorziehen würde, wenn Ihre Liebe die Fesseln vergoldete.«

»Lieber Freund, die sentimentalen Redensarten wollen wir den Zuckerbäckern und Poeten überlassen,« antwortete Escoman, der nun von seiner erzwungenen Heiterkeit zu einem ihm sonst fremden ernsten Tone überging. Die Marquise hat in Ihrer Gegenwart geweint, die Thränen machen sie sehr anziehend. Die Weiber weinen eben so leicht, wie sie lächeln, wenn das Lächeln ihrem Gesicht einen neuen Reiz gibt. Sie haben sich durch Thränen bewegen lassen, zu Gunsten meiner Frau eine Lanze mit mir zu brechen. Ich könnte mich beklagen über die Unschicklichkeit, mit der sie das Publikum in die Geheimnisse unseres Alkovens einweiht. Denn Sie sind nicht der erste Ritter, den sie an mich abgeschickt, lieber Fontanieu; doch es ist eine Kinderei, die ich ihr verzeihe. Ich will mich nicht zu rechtfertigen suchen. An Ihrer Stelle würde ich vielleicht so denken wie Sie; an meiner Stelle werden Sie künftig so handeln wie ich, wenn Sie selbst fühlen, wie unerträglich solche Fesseln für einen unabhängigen Geist sind. Uebrigens kennen Sie Margarethe Gelis, nicht wahr!«

»Ich habe nicht die Ehre.«

»Wirklich? Wenn Sie sie gesehen haben, werden Sie meine Gleichgültigkeit gegen die Reize der Marquise erklärlich finden. Die Dante sollte sich mit der stillen, gemüthlichen Freundschaft ihres Gemals begnügen, und diese Freundschaft habe ich ihr nie verweigert – Doch lassen wir diese langweiligen Dinge; ich wünsche, daß unter uns nie wieder die Rede davon sei.«

Louis von Fontanieu ward ganz eingeschüchtert durch die üble Laune, welche aus diesen letzten Worten des Marquis sprach. Er sah ein, daß sein Plan nicht leicht auszuführen war, wie er anfangs geglaubt, und er nahm Abschied von dem Marquis, um ungestört über die Verhältnisse nachzudenken.




Siebentes Capitel.

Das Gasthaus »zur Sonne.«


Wie alle Provinzstädte hatte Châteaudun ein in großem Rufe stehendes Gasthaus. Dieses hatte zum Schild eine goldene Sonne, und der Speisekünstler, welcher dieses Etablissement in Ruf gebracht hatte, hieß Bertrand.

In Paris beobachtet man den auf dieses Schild vollkommen anwendbaren Grundsatz: Sol lucet omnibus: die Säle eines Speisewirthes bilden ein auf der Grenze zweier erst unlängst abgetheilten Gebiete stehendes neutrales Haus, in welchem die beiderseitigen Einwohner ohne die mindeste Unannehmlichkeit zusammentreffen und essen und trinken; man setzt bei ihnen voraus, daß sie sich nicht um einander kümmern.

In der Provinz ist es anders: dort kennt man kein neutrales Gebiet. Natürlich: zwischen Leuten, die einander persönlich oder gruppenweise als sociale Gegner gegenüberstehen, muß allerdings eine tiefe Demarcationslinie gezogen werden.

Dies hatte Bertrand wohl eingesehen. Die Kundschaft der Wüstlinge war ihm erschienen, mit Trüffeln vollgestopft, von Champagner triefend,« von zerbrochenen Gläsern schimmernd, beständig hungrig und zumal durstig, das Geld mit vollen Händen ausstreuend.

Diese Kundschaft hatte ihn in Versuchung geführt. Er hatte die sybaritischen Mahlzeiten verglichen mit den immer um einige Pfennige verkürzten Rechnungen der ruhigen und vernünftigen Leute. Mit tiefer Verachtung betrachtete er daher die unter den ehrsamen Bürgern beliebten und häufig in deren Häuser gelieferten Blätterteigpasteten, in denen nach der Meinung der Besteller, die doch dreißig Saus dafür zahlten, nie genug Hahnenkämme waren; und ohne die Bestellungen der Bürgersleute ganz abzuweisen, hatte er sich durch die glänzenden Aussichten, welche ihm die Schlemmer eröffneten, verleiten lassen.

Frau Bertrand war Feine gottesfürchtige, sehr thätige Hausfrau. Der Gemal war ein moralischer Mann, gewissenhaft in der Erfüllung seiner Zahlungspflichten und ein eifriger Nationalgardist. Er glaubte dadurch die bösen Zungen völlig zum Schweigen gebracht zu haben, und wirkte daher unverdrossen in Küche und Keller zum Besten der mehr als leichtfertigen Gesellschaft, in welcher der Marquis von Escoman den Vorsitz führte.

Die beiden feindlichen Parteien – die Regierungsbeamten und die Aristokratie – zogen sich mit einer Uebereinstimmung der Gesinnung, die man sonst bei ihnen vermißte, aus der »goldenen Sonne« zurück. Bertrand verlor nicht nur die Lieferung der Hochzeitsmahle für die Bürgersleute und die Festessen; er verlor nicht nur die unverheirateten Abonnenten, sondern es kam so weit, daß ehrbare Frauen nicht einmal mehr eine Torte bei Bertrand kaufen mochten. Die Köchinnen bekreuzten sich, wenn sie vorübergingen. Der Wirth zur »goldenen Sonne« hatte Personen von üblem Ruf in seinem Hause.

Dahin war er also mit den besten Absichten von der Welt gekommen. Als ehrlicher Mann erkannte er nicht ohne Schmerz die Ursache der Leere, die um sein Haus entstand; über Mangel an Besuch konnte er sich eben nicht beklagen. Die großen Rechnungen, welche ihm seine Gäste zahlten,« trösteten ihn nicht über seinen Verruf. Er versuchte gegen den allgemeinen Unwillen zu kämpfen, indem er seine Gäste beiderlei Geschlechts in den Augen Aller entschuldigte, die kleinen Sünden derselben als die harmlosesten Vergnügungen darstellte und jedes öffentliche Aergerniß zu vermeiden suchte.

Die Damen, welche in Begleitung der Gäste zum Souper gekommen waren, hatten, als sie sich Morgens entfernten, einige Male einen Auflauf in der Nachbarschaft veranlaßt. Bertrand möblirte nun, um den Anstand zu beobachten, einige Zimmer im zweiten Stockwerke seines Hauses; seine verspäteten »Cousinen« konnten nun bei ihm verweilen, bis die Nacht angebrochen war.

Das Gegenmittel erwies sich aber schlimmer als das Uebel. Der köstliche Bratengeruch war einigen der jungen Damen, welche das Gasthaus besuchten, so unwiderstehlich, daß sie sich nicht entschließen konnten diese duftende Atmosphäre zu verlassen; sie verschoben ihr Fortgehen von einem Abend zum andern, bis sie am Ende bei dem Speisewirth ihren Wohnsitz erwählten und die »goldene Sonne« zu einem nicht eben empfehlenswerthen Hotel garni machten.

Altes aus Anstandsrücksichten!

Am Abende des Tages, an welchem die eben beschriebenen Ereignisse stattgefunden halten, klopfte Louis von Fontanieu an die Thür dieses Gasthauses.

Er war sehr aufgeregt gewesen,, seitdem er das Hotel Escoman verlassen hatte. Der arme Louis hatte eine zu lebhafte Phantasie, er vergeudete Zeit und Thatkraft in leeren Träumereien. Wie ein Opiumraucher und Hatschisesser baute er Luftschlösser auf die geringsten Hoffnungen. Die Folge davon war, daß es ihm an Energie und Willenskraft fehlte, um seine Ideen in Ausführung zu bringen.

Seit einigen Stunden hatte seine erregte Phantasie die verschiedensten Entwickelungen des Abenteuers gefunden, dessen Held er war. Er sah sich, trotz der Feindseligkeit Susannens, als den Wiederhersteller des Friedens im Hause des Marquis; er sah, wie er den beiden Gatten einen späten Honigmonat bereitete, und gefiel sich in der Ausschmückung seines Liebeswerkes.

Wir wollen indeß nicht behaupten, daß sich sein Herz über alle selbstsüchtigen Nebengedanken erhoben hätte. Seine erregte Phantasie setzte vielmehr ein Nachspiel in die Scene, in welcher seine Rolle gerade nicht die unangenehmste war.

Da er jedoch nicht alle Gewissensscrupel hinsichtlich dieser kleinen Abänderung des ursprünglichen Themas beseitigen konnte, so wurde er durch diese täuschende Luftspiegelung nicht beschwichtigt, sondern noch mehr aufgeregt. Er hatte ja gesehen, wie gleichgültig der Marquis gegen, Emma war, und konnte sich des Gedankens nicht erwehren, daß er ihm im Grunde wenig Unrecht thue, wenn er die Liebe der schönen Frau zu gewinnen suchte und den lieblichen Blumenstrauß, den man in einem Winkel verwelken ließ, aufnähme und an seinem Herzen erfrischte. Und überdies war ja, wie es unter solchen Verhältnissen immer der Fall ist, die Leidenschaft nach Maßgabe der zu überwindenden Hindernisse größer geworden.

Es war in der That zu fürchten, daß Susanne ihren Verdacht gegen Emma ausgesprochen. Wie abgeschmackt auch der Argwohn war, daß Fontanieu mit dem Marquis einverstanden sei, so war jenem doch der Gedanke unerträglich, bei der Marquise in einem zweideutigen Lichte zu erscheinen. Er fürchtete, daß sie den Einflüsterungen Susannens, die so viel über sie vermochte, nicht widerstehen werde, und er hielt es für unmöglich sich der Marquise vorzustellen, bevor er einen ernsten Versuch gemacht, sein Versprechen zu halten.

Sein erster Versuch war freilich nicht glücklich gewesen, die kurze Unterredung mit dem Marquis hatte ihn überzeugt, daß dieser nicht leicht in das Ehejoch zu bringen war.

In seiner Unerfahrenheit dachte er an den Chevaliers von Montglas, der ihm in dieser schwierigen Lage gewiß mit Rath und That würde beistehen können, und er beschloß sich an den alten Roué zu wenden, jedoch ohne ihn völlig zu seinem Vertrauten zu machen.

Fontanieu war also einige Minuten vor der bestimmten Stunde zur »goldenen Sonne« gekommen, in der Erwartung, den Chevalier zu finden; denn Montglas hatte alle Anordnungen für das Souper zu treffen und mußte früher da sein als die Andern.

Eine alte Bäuerin, welche den doppelten Dienst einer Kellnerin und eines Küchenmädchens versah, führte Fontanieu in ein an den Speisesaal stoßendes Zimmer.

In diesem Zimmer fand er den Chevalier.

Der alte Roué saß in einem großen Lehnstuhle; vor sich hatte er eine Flasche Madeira, zwei Gläser, ein Blatt Papier und Schreibzeug.

Neben ihm saß Frau Bertrand, welche der Chevalier, als galanter Cavalier, genöthigt hatte, in seiner unmittelbarsten Nähe Platz zu nehmen.

Am andern Ende des Zimmers stand Bertrand mit ehrerbietiger Haltung. Er war in vollständiger Rüstung, in weißer Jacke, weißer Schürze, das Küchenmesser an der Seite.

Der Congreß entwarf eben den Küchenzettel. Der Chevalier hatte unbeschränkte Vollmacht. Die Berathung war ungemein lebhaft.

Der Kochkünstler, welcher nicht Zeit gehabt hatte umfassende Vorkehrungen zu treffen, hatte nur ganz einfache Speisen anzubieten. Der alte Feinschmecker war entrüstet, bei einem solchen Festessen hätte er gern gebratene Ortolanen und Fricassée von Feigenschnepfen auf der Tafel gesehen.

Bertrand versprach vergebens die feinsten Saucen zu den Hühnern, Rehkeulen und Forellen, welche in der Speisekammer vorräthig waren, der Chevalier verschmähte Alles.

Bertrand war tief betrübt. Die Frau vom Hause hatte Mitleid mit den Seelenleiden ihres Gatten und machte einen Vermittlungsversuch.

Frau Bertrand war freilich nicht mehr in der ersten Jugendblüthe, aber sie wußte aus langer Erfahrung, daß ein Blick von ihr, daß ein Lächeln ihres Mundes mehr über den Chevalier vermochte, als alle Beredsamkeit des Speisewirthes.

Montglas schlang zum Zeichen der Zustimmung den Arm um die Taille der Frau Bertrand und die vereinbarte Speise wurde auf den Küchenzettel geschrieben.

Dann schlürfte er mit Behagen ein Glas Madeira.

Die Berathung, das Lächeln, das Umschlingen der Taille, das Nippen aus dem Glase wiederholte sich, und so wurde der Küchenzettel voll, die Flasche aber leer.

Der Chevalier von Montglas hatte natürlich zu viel Höflichkeit aus dem achtzehnten Jahrhunderte in das neunzehnte herübergebracht, als daß er das Glas an den Mund gesetzt hätte, ohne Frau Bertrand einzuladen ihm Bescheid zu thun. Dieser Einladung wurde auch jedesmal, wenn auch mit einigem Sträuben, Folge geleistet.

Bertrand drehte unterdessen seine weiße Mütze zwischen den Fingern, ohne daß sich der Chevalier darum kümmerte.

Als er Louis von Fontanieu erscheinen sah, trat er rasch auf seine Ehehälfte zu. Bertrand hielt auf Sitte und Anstand, er duldete die Vertraulichkeiten des Chevaliers nur hinter verschlossenen Thüren.

Aber Montglas, dessen Grundsätze minder streng waren, umfaßte die Taille der Frau Bertrand, die sich scheinbar sträubte, aber trotzdem gar holdselig lächelte, – und mit der andern Hand schlug er den Speisewirth auf den Bauch.

»Was fällt Ihnen denn ein?« sagte er. »Sind Sie toll? Wie können Sie sich erkühnen, mit Herrn von Fontanieu und mir im Zimmer zu bleiben? Sehen Sie ihm denn nicht an, daß er mir sehr wichtige Dinge mitzutheilen hat?«

»Gott behüte mich, Herr Chevalier!« sagte Bertrand mit einer tiefen Verbeugung. »Wie könnte ich so zudringlich sein? – Komm’, Louise, wir wollen die Herren allein lassen.«

»Nein, Ihre Frau bleibt. Eine hübsche Frau ist immer an ihrem Platze zwischen zwei Cavalieren. Wir haben auch noch die Entremets und das Dessert zu wählen.«

Und als Bertrand dennoch blieb und sogar wieder näher trat, rief ihm der Chevalier zu:

»In die Küche, Schmerbauch! Diable! ich leide nicht, daß Sie mich belauschen, wenn ich mit Madame spreche.«

Der Chevalier neigte sich zu dem Ohre der Wirthin und flüsterte ihr einige Worte zu, die ihr das Blut in die Wangen trieben.

Bertrand verschwand.

»Was für ein guter Genius führt Sie denn als den Ersten hierher?« fragte der Chevalier den neuen Gast.

»Der Wunsch, Ihnen Glück zu wünschen,« antwortete Louis von Fontanieu. »Ich hörte, daß Sie in Ihrem Duell mit Herrn von Guiscard unverletzt geblieben, und ging zu Ihnen, um mich davon zu überzeugen. Man sagte mir, Sie wären hier, und so bin ich gekommen, auf die Gefahr hin, Sie mitten in Ihren wichtigen Geschäften zu stören.«

»Ei, welche Theilnahme!« sagte Montglas, die Stirn runzelnd, denn er dachte, Fontanieu interessire sich weniger für seine Person, als für die fünfzig Louisd’or, die er ihm geliehen.

Fontanieu bemerkte die Verstimmung des alten Wüstlings nicht. Die Anwesenheit der Frau Bertrand vereitelte seinen Plan, er erwiederte aber, ohne eine Verlegenheit zu zeigen:

»Und Herr von Guiscard? Ich möchte von Ihnen erfahren, daß er eben so heiter und vergnügt sei wie Sie.«

»Es thut mir sehr leid, lieber Freund, daß ich Ihnen nicht nach Wunsch antworten kann. Herr von Guiscard lacht nicht, und wird hoffentlich nie mehr lachen, wenn in seiner Gegenwart von einem als Pflaster applicirten Degengefäß die Rede ist.«

»Sie haben ihn also erstochen, Chevalier?«

»Nein, nicht ganz; er wird vierzehn Tage das Bett und vier Wochen das Zimmer hüten müssen, und die zurückbleibende Blässe wird ihn in den Augen der Frauen interessant machen – doch um auf unser voriges Thema zurückzukommen. Wenn ich jung und hübsch wäre, wie unsere reizende Wirthin,« setzte der Chevalier hinzu, indem er mit den Fingerspitzen über den Nacken der Frau Bertrand strich, »so könnte ich glauben, die persönliche Zuneigung habe Sie zwanzig Minuten vor der bestimmten Zeit in dieses Zimmer getrieben; aber ich habe meine guten Gründe, mich dieser Täuschung nicht hinzugeben und Ihr frühes Erscheinen einer andern Ursache zuzuschreiben.«

»Chevalier, ich versichere –«

»Versichern Sie nichts,« entgegnete der Chevalier, und griff in die Westentasche, um mit einigen Goldstücken zu klimpern.

»Was meinen Sie?«

»Sie wundern sich, daß ich Ihnen die fünfzig Louisd’or, die Sie mir geliehen, noch nicht zurückgeschickt habe.«

»Herr Chevalier,« erwiederte Fontanieu, über diese Zumuthung beleidigt, »Sie haben versprochen, mich als Freund zu behandeln, aber Sie scheinen sich dessen nicht mehr zu erinnern.«

»Wie so?«

»Ihre Zumuthung ist so beleidigend, daß ich sie nicht einmal widerlegen mag.«

»Sie sind ein braver junger Manns Ihre Handlungsweise gefällt mir, sie erinnert mich an die gute alte Zeit. Wenn nicht eine Frau hier wäre, welche die nächsten Ansprüche an meine Huldigungen hat, so würde ich Sie küssen. Aber nehmen Sie Ihre tausend Franken.

»Lassen Sie doch, Chevalier —«

»Sie müssen mir diese zweite Gefälligkeit noch erweisen, junger Mann.«

»Aber ich brauche das Geld nicht, Chevalier.«

»Sie wollen wohl gar für einen Millionär gehalten werden? Nehmen Sie das Geld, das Ihre Mutter und Ihre Schwester vielleicht in zwei oder drei Jahren mühsam erspart haben. Nehmen Sie es und gewöhnen Sie mich nicht daran.«

»Warum denn?«

»Weil ich Ihnen von Herzen gut bin, und wenn Sie mich gewöhnen Ihr Schuldner zu sein, so würde daraus ein für unsere Freundschaft nachtheiliges Verhältniß entstehen.«

»Chevalier, es wird mich immer freuen —«

»Das ist möglich, aber wenn ich Ihr Schuldner bin, werde ich Ihnen natürlich Böses nachsagen. Ich will lieber die Casse des Marquis in Anspruch nehmen; was ich ihm nachsagen werde, ist wenigstens keine Verleumdung.«

Er bemerkte nun, daß Frau Bertrand den jungen Mann sehr aufmerksam ansah.

»Warum sehen Sie denn Herrn von Fontanieu so scharf an?« sagte er zu ihr, »Sehen Sie doch lieber mich an, Sie könnten sonst die schöne Margarethe zu meiner Feindin machen.«

»O Chevalier —« bat Fontanieu.

»Was für eine Margarethe? etwa Margarethe Gelis?« fragte Frau Bertrand neugierig.

»Allerdings, es gibt ja sonst keine Margarethe in Châteaudun. Ja, Madame, Margarethe Gelis verschlingt ihn mit den Augen, wie Sie eben thaten; sie ist in ihn vernarrt. Sind Sie nun zufrieden?«

»Was sagen Sie, Chevalier?« sagte Louis von Fontanieu, unwillkürlich erröthend.

»Mordieu! ich sage die Wahrheit, wie immer. Es ist indeß gut, daß Sie es wissen. Margarethe ist in Ihre liebenswürdige Person so vernarrt, daß sie im Stande ist sich Ihnen diesen Abend beim Dessert an den Kopf zu werfen.«

»O das ist viel zu schmeichelhaft für mich, Chevalier, und ich glaube nicht km die Gefahr, die Sie mir in Aussicht stellen. Und wenn‘s wirklich so wäre, so verspreche ich Ihnen, Mademoiselle Margarethe so kalt zu behandeln, daß sie ihre Eroberungsgedanken aufgeben muß.«

»Ta ta ta ta! Wenn Sie ihren wundervollen Nacken, ihre üppigen Schultern, ihre runden Arme, ihren zarten Fuß gesehen haben und an andere verborgene oder halbverhüllte Reize denken, dann bürge ich für Sie nicht mehr als für mich selbst.«

Louis von Fontanieu blieb stumm; nicht als ob die Aufzählung der Reize Margarethens einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht hätte, aber die Andeutungen des Marquis über die Laune des schönen Mädchens brachten ihn auf den Gedanken, das Entgegenkommen Margarethens zu benutzen, und den Marquis von ihrer Unwürdigkeit zu überzeugen.

Dieser schnell entworfene Plan machte seiner Unschlüssigkeit ein Ende.

»Chevalier,« sagte er nach einer kurzen Pause, welche Montglas benutzt hatte, um Frau Bertrand zu necken, »ich will aufrichtig sein und Ihnen gestehen, daß ich gekommen bin, Sie um Rath zu fragen.«

»Einen Rath geben, mein junger Freund, ist eine bedenkliche Sache. Diable! ein guter Rath wird selten befolgt, oder wenn man ihn befolgt, so macht man dem Rathgeber Vorwürfe. Ein Rath fordert Ueberlegung, und da es mir unmöglich ist, zwischen einem guten Madeira und einer schönen Frau zwei vernünftige Gedanken zusammenzubringen, so wollen wir Frau Bertrand um Erlaubniß bitten,. auf die Straße zu gehen.

Der Chevalier nahm seinen Hut und drückte einen Kuß aus die Wange der hübschen Wirthin, die sich gerade genug sträubte, um den Werth der Gunstbezeigung zu verdoppeln. Dann gingen die beiden Edelleute Arm in Arme auf die Straße.




Achtes Capitel.

Der Rath des Chevalier von Montglas


Der Chevalier und Louis von Fontanieu gingen Arm in Arm eine kleine Weile aus der Straße fort. Endlich stand der Erstere still, sah seinen Begleiter forschend an und sagte:

»Lassen Sie hören.«

Fontanieu dachte,er müsse mit diplomatischer Klugheit verfahren.

»Sie erinnern sich,« begann er, »daß mich der Marquis nach dem glücklichen Ausgange unseres Kampfes zum Souper eingeladen –«

»Und daß er hinzugesetzt hat: Chevalier von Montglas, schreiben Sie den Küchenzettel.«

»Ganz recht.«

»Sie haben’s gesehen und können’s bezeugen, daß Sie mich bei der Erfüllung dieser wichtigen Function gefunden haben.«

»Jetzt hören Sie weiter, Chevalier. Ich habe einiges Bedenken, meine Functionen anzutreten.«

»Als Gast oder als Courmacher?«

»Haben Sie nicht versichert, daß ich das Eine nicht ohne das Andere sein könne?«

»Ich fürchte es.«

»Aber es ist noch Zeit, Chevalier. Ich kann mich unter irgend einem Vorwande entschuldigen und nicht zum Soupet kommen.«

Der Chevalier sah Louis erstaunt an.

»Ist das Ihr Ernst?«

»Allerdings,« stammelte Fontanieu.

»Nun, so thun Sie es. Es ist ein heldenmüthiger Entschluß, aber der Klugheit angemessen.«

»Wie, Sie geben mir einen solchen Rath?«

»Sie haben mich ja um Rath gefragt.«

»Ja wohl, aber ich glaubte —«

»Sie glaubten, ich würde Ihnen einen andern Rath geben.«

»Aus Ihren gestrigen Aeußerungen glaubte ich zu schließen —«

»Der große Talleyrand hatte vollkommen Recht, man muß seinem ersten Gefühl nicht trauen. – Ich sehe, junger Mann, daß Sie den schlechten Rath, den ich Ihnen gegeben, zu früh befolgt haben. In einer Aufwallung des Zornes behauptete ich, ein hübscher junger Mann, wie Sie sind, könne wie Cäsar sagen: Ich kam, sah und siegte.«

»Ich verstehe Sie nicht, Chevalier.«

»Das glaube ich wohl. Es gibt Augenblicke, wo ich mich selbst nicht verstehe, zum Beispiel wenn die Vernunft, was zum Glück sehr selten der Fall, in meinem Kopfe die Oberhand über die Narrheit bekommt.«

»Erklären Sie sich.«

»Ich will so klar werden wie Krystall. Hören Sie wohl zu, ich predige: Mein lieber Sohn, die Stadt Châteaudun, die Alles weiß und die Herzen wie die Börsen aller Einwohner erforscht, sie versicherte gestern einstimmig, daß keine seidene oder kattunene Schürze dem hoffnungsvollen Louis von Fontanieu den Kopf verdrehe. Ich war, derselben Meinung wie die Stadt Châteaudun. Aber als Sie selbst erkannten, daß das kleine grünseidene Ding, das- Sie in der rechten Westentasche trugen, Ihr Leben so wunderbar gerettet, da bemerkte ich, daß Sie besagtem grünseidenen Dinge verschiedene halb erstaunte, halb schmachtende Blicke zuwarfen. Ich vermuthete daher, daß Liebe dabei im Spiel sei.«

»Und auf wen fiel Ihre Vermuthung?«

»Ich sah mich um und bemerkte nur Margarethe, die eine so schnelle Eroberung gemacht haben konnte.«

» Finden Sie, daß der Erfüllung meines Wunsches ein Hinderniß im Wege steht?« fragte Fontanieu, der den Chevalier gern in seinem Irrthum ließ.

»Ich sehe sehr große Hindernisse,« antwortete Montglas, »sogar Gefahren —«

»Ist diese Margarethe Gelis denn eine Syrene, eine Zauberin, eine Fee?«

»Ja, eine Syrene ist sie – formosa superne. Ich habe freilich nur ihren Oberkörper gesehen, aber ich habe Ursache, an den Fischschwanz zu glauben. Die Gefahr für Sei, mein junger Freund, scheint mir jedoch weniger in der Bekanntschaft mit diesem Mädchen, als in dem täglichen Umgange mit andern Leuten zu liegen, die Ihnen durch diese Bekanntschaft nahegerückt werden. Es würde mir leid thun, einen jungen Mann, für den ich wahre Theilnahme gehe, auf Abwegen zu sehen.«

»Sie sind sehr gütig, Chevalier; aber die Leute, von denen Sie sprechen, sind ja Ihre Freunde.«

»Fürwahr eine schöne Empfehlung!«

»Was für Nachtheile kann denn eine Annäherung für mich haben?«

»Sehr viele Nachtheile. Vor Allem ist für einen unbemittelten Mann, wie Sie sind, ein vertraulicher Umgang mit reichen Leuten ein unangenehmes Verhältniß.

»Ich bin allerdings arm,« erwiederte Louis von Fontanieu erröthend, »aber ich kann in den Herren nur Meinesgleichen sehen.«

»Ich sehe wohl, lieber Freund, daß man Ihnen die nackte Wahrheit sagen muß, wie den Sclaven des Großtürken. Der Adelstitel, an den Sie glauben, ist eine Goldmünze, aus welcher man kupferne Zahlpfennige gemacht hat. Es ist nur noch ein Fetisch, der mit der Burg Ihrer Ahnen niedergeworfen ist. Glauben Sie aber nicht, daß die Gleichmacher den Boden geebnet hätten, wie sie beabsichtigten; ihre Nase hat an dem eingestürzten Gestein tiefe Schatten bekommen. Statt des Fetisch hat man das goldene Kalb aufgestellt. Die Gleichheit ist in unserer Zeit eben so chimärisch, als zu der Zeit unserer Väter; es gibt keine Edelleute und Unadelige mehr, dafür aber gibt es Reiche und Arme, und ich glaube, daß die Dilettanten mehr dabei verloren als gewonnen haben. Die Geburtsaristokratie war im Grunde recht gemüthlich; wie oft habe ich nicht Geist, Talent und Wissen an ihrem Tische gesehen! Die Zahlen hingegen sind Abstractionen, neben denen selbst das größte persönliche Verdienst eine traurige Figur spielt. Der Reichthum ist eine Zahl, eine Ziffer; wenn Sie Ihren Werth nicht mit klingender Münze geltend machen können, so müssen Sie kriechen, und sich krümmen und winden und sich Demüthigungen jeder Art gefallen lassen. – Ist das verlockend für Sie, mein junger Freund? Reden Sie aufrichtig, ich habe in meiner Erinnerung Manches, das Ihnen die Sache verleihen könnte. Es wird Ihnen trotz aller Mühe nicht gelingen, Ihren verstorbenen Adel wieder ins Leben zu rufen, er ist und bleibt todt. Sie sind aus der ersten Kaste in die letzte übergetreten, überschreiten Sie nicht den um Sie gezogenen Kreis. Hüllen Sie sich nicht in moderne Laster, die auf Ihrem Kopfe eben so lächerlich sein würden, wie das Barbierbecken auf dem Kopfe Don Quixotte’s. Sie sind unbemittelt, Sie haben eine Mutter zu unterstützen, eine Schwester zu verheiraten, eine Stelle zu erringen: bedenken Sie das und bequemen Sie sich zur Thätigkeit und Sparsamkeit, führen Sie ein exemplarisches Leben. Es ist freilich unangenehm, ich weiß es wohl; aber es war von jeher das Los der steuer- und frohnbaren Classe, zu welcher Sie gehören.«

»Ich erkenne Sie gar nicht mehr, Chevalier,« erwiederte Louis von Fontanieu erstaunt, »Sie sprechen ja wie einer der sieben Weisen Griechenlands.«

»Lieber junger Freund,« antwortete der Chevalier, indem er seine Hand auf die Schulter Fontanieu‘s legte, »wenn ich weder Schürze noch Flasche noch grünen Tisch vor mir sehe, bin ich selbst ganz erstaunt über den gesunden Verstand, den mir der liebe Gott gegeben, aber diesen gesunden Verstand theile ich nicht allen Leuten mit.«

»Ich bin Ihnen um so mehr zu Dank verpflichtet. Womit habe ich dieses Vorrecht verdient?«

»Sie gefallen mir.«

»Wirklich?« sagte Fontanieu lachend.

»Es ist ja nicht zu verwundern. Man wählt sich eine Geliebte nach dem Wohlgefallen, das man an ihr findet: warum sollte man nicht eben so einen Freund wählen? Und dann ist man ja nicht undankbar – Sie sind ja für mich ein Deus ex machina gewesen.«

»Herr Chevalier, ich bitte Sie, nichts mehr davon zu erwähnen.«

»Glauben Sie denn nicht au Dankbarkeit? Um eine Stellung zu erringen, muß man arbeiten; um zu arbeiten, muß man das Leben lieben; um das Leben zu lieben, braucht man Täuschungen. Mit den Täuschungen ist es aber wie mit den Röcken der Tänzerinnen: sie müssen weder zu lang noch zu kurz sein. – Jetzt ist der Roman zu Ende, junger Freund; jetzt können Sie gehen. Sie haben in Ihrer Schreibstube gewiß manches interessante bürgermeisterliche Schreiben einzuregistriren, manchen musterhaft stylisirten Feldhüterbericht zu studiren; die Polizei nimmt Sie in Anspruch – gehen Sie – retten Sie Frankreich und lassen Sie mich dem Verderben entgegeneilen.«

»Es thut mir unendlich leid, Chevalier, daß ich Ihren guten Rath so schlecht befolge; ich will der Einladung des Marquis auf jeden Fall folgen. Um jedoch Ihre Bedenklichkeiten zu beschwichtigen, gebe ich Ihnen mein Wort, daß ich nicht so große Gefahr laufe, wie Sie glauben.«

»Hm! dahinter steckt ein Geheimniß,« sagte Montglas; »man glaubt vor einer angelehnten Kellerthür zu stehen. Aber ich bin weit entfernt, die Lösung des Räthsels zu verlangen.«

»Sie haben das Räthsel schon errathen,« erwiederte Fontanieu lachend; »ich bin zum Rasendwerden in Margarethe verliebt.«

»Lieber Freund, wenn man zum Rasendwerden verliebt ist, so sagt man’s nicht, und am wenigsten lacht man dabei.«

»Es ist so meine Art.«

»Gut. Und Sie wollen meinen Rath nicht.«

»Nein, Chevalier.«

»Nun, desto besser. Da wir wieder vor Bertrand‘s Thür sind, so gebe ich meine Anwandlung von Vernunft dein Wind und Wetter preis. Meine Weisheit flattert wie die zwei Unschlittkerzen, die das Schaufenster unseres Wirthes erleuchten, und zerstreut sich wie der Nebel in der Morgensonne; meine Gedanken nehmen die Rosenfarbe des Champagners an; meine Kehle wird trocken, und die wenigen Louisdor, die noch in meiner Tasche sind, hüpfen voll Sehnsucht nach dein grünen Teppich. – Wer sprach denn von Armuth und Reichthum? Es gibt hiernieden keine andere Ungleichheit, als die Größe des Magens und die Stärke der Liebe. In diesem Punkte haben wir uns also zu beklagen, nicht wahr, lieber Fontanieu? Mordieu! wer wird wohl die Nacht unter staubigen Acten sitzen, wenn man guten Wein, ein hübsches Mädchen und den grünen Tisch in Aussicht hat? Wie der große Condé bei Rocroy, werfe ich meinen Stock in die feindlichen Reihen – und vorwärts!«

Diese plötzliche Umwandlung, obschon von dem Chevalier selbst vorhergesagt, setzte Fontanieu doch in Erstaunen, und er fragte sich, ob der alte Roué nicht verrückt sei.

»Margarethe soll Ihre Geliebte werden,« setzte der Chevalier hinzu. »Ob, Sie sie lieben oder nicht, ist mir ganz gleichgültig; aber ich will mein Lebenlang Wasser trinken, ich will keinen Louisd’or mehr gewinnen, ich will nie mehr eine Eroberung machen, wenn ich Sie nicht mit ihr einsperre. Ich bin seit vierundzwanzig Stunden begierig zu sehen, wie der falsche Roué Escoman die Sache aufnehmen wird.«

Louis von Fontanieu, etwas erschrocken über diesen feierlichen Schwur, folgte dem Chevalier auf der in das obere Stockwerk führenden Wendeltreppe, die der alte Montglas mit jugendlicher Kraft und Behändigkeit hinaufeilte.




Neuntes Capitel.

Wo der Chevalier von Montglas seinen jungen Freund im Angeln unterrichtet


Bertrand hätte den Wahlspruch des großen Königs: Nec pluribus impar! gern unter die auf seinem Schilde prunkende goldene Sonne gesetzt. Er zollte dem sogenannten »Salon der Herren« die aufrichtigste Bewunderung und erklärte ohne erheuchelte Bescheidenheit, daß selbst in den Gemächern der Unterpräfectur keine kostbarere Einrichtung, keine geschmackvollere Verzierung zu finden sei, als die von Frau Bertrand gewählte.

Diese so gerühmte Einrichtung bestand aus zwei Sophas, sechs Fauteuils und zwölf Stühlen von Mahagoniholz, dessen Politur schon etwas abgenutzt war, und mit amarantfarbenen wollenen Ueberzügen; ferner aus einem großen Tische, dessen grüner, mit Fett getränkter Ueberzug Zeugniß gab von den geleisteten gastronomischen Diensten. Die Fenstervorhänge waren roth und schwarz geblümt, mit gelben Kanten und Fransen, welche letzteren die Form von Schellen hatten. Au den Wänden hingen zwei Schlachtbilder, ein Mazeppa und die Ermordung der Mamelucken: schlechte Lithographien in gepreßten Rahmen. Auf dem Camine stand eine Bronzeuhr, eine Psyche in engem Kleide mit kurzer Taille darstellend. Trotzdem aber hatte die Göttin Flügel und diente den Herren, welche Zutritt in diesem Salon hatten, zur beständigen Zielscheibe des Spottes.

Dies waren die Wunder, auf welche Herr Bertrand so stolz war.

Louis von Fontanieu fand hier einige ihm bereits bekannte junge Männer wieder, aber er sah nur Margarethe Gelis.

Der Chevalier von Montglas sagte ihm, die Geliebte des Marquis von Escoman sei eine jener Personen, die der Speisewirth nur sehr ungern in seinem Hause dulde, sie wohne in demselben Stockwerk.

Als der Chevalier eben die Erklärung gegeben hatte, erschien der Marquis von Escoman mit Margarethe, welche von Louis mit der größten Aufmerksamkeit gemustert wurde.

Margarethe Gelis war fünfundzwanzig Jahre alte sie war schön, aber ihre ganz materiellen Reize entbehrten jener Zartheit und Anmuth, durch welche die Marquise so anziehend wurde. Ihre sehr regelmäßigen Züge waren stark ausgeprägt; ihre langgeschlitzten, beständig feuchten schwarzen Augen nahmen bei den allergewöhnlichsten Anlässen einen schmachtenden Ausdruck an und schwächten dadurch den Eindruck, den sie sonst gemacht haben würden.

Margarethe hatte die Nähe ihrer Wohnung benutzt, um sich in einem einfachen Hauskleide zu zeigen, welches sie dem großen Putz vorzog, weil es ihr schöner stand. Sie trug einen hellblauen seidenen, sehr freigebig ausgeschnittenen Ueberrock, der die ganze blendendweiße Fülle der Brust und Schultern sehen ließ. Die gefügigen Falten dieses Peignoirs schmiegten sich an den üppigen Körper, an welchem man nur die feine, anmuthige Haltung vermißte. Außerdem hatten die Hände der vormaligen Grisette die bräunliche Farbe und die dicken Fingergelenke als Merkmale früherer Arbeit.

Ihr Eintritt in den Salon wurde von den jungen Leuten, von denen Viele ihre Gründe hatten, dem Marquis von Escoman zu schmeicheln, mit Jubel begrüßt.

Louis von Fontanieu blieb kalt. Das Bild der Marquise von Escoman erfüllte seinen Geist und sein Herz. Er mußte ein schlechter Beurtheiler der Schönheit Margarethens sein, um so mehr, da ihm ihre Eroberung leicht schien und die schöne Dunenserin, wie wenigstens der Chevalier von Montglas behauptete, ihn nicht einmal schmachten lassen sollte.

Er meinte, es müsse ihm gelingen den Marquis von seinem Irrthum zu überzeugen, und nur diese gemeine Person hindere die Rückkehr Escoman’s zu seiner liebenswürdigen Frau. Er ward nun ganz begeistert für seinen Plan, an den er noch vor einigen Augenblicken nicht ohne eine gewisse Besorgniß gedacht hatte.

Louis von Fontanieu war nicht der Einzige, der das junge Paar beobachtete: der Chevalier von Montglas ließ es nicht aus den Augen. Als der Marquis seinen neuen Freund Fontanieu unter den Gästen bemerkte, begrüßte er ihn lächelnd; die Augen Margarethens nahmen einen ungemein schmachtenden Ausdruck an, ihre Wangen rötheten sich, und der Chevalier rieb sich frohlockend die Hände.

Der Marquis von Escoman stellte ihr Fontanieu vor. Sein Benehmen hatte nichts von der Heiterkeit und Sorglosigkeit, die er Morgens vor seiner Frau zur Schau getragen hatte. Er war ernst, er behandelte Margarethe sehr höflich, fast ehrerbietig, und an der Mühe, die er sich gab, sie in den Augen seiner Genossen zu erheben, war leicht zu erkennen, daß der junge Edelmann von der schönen Repräsentantin hausbackener bürgerlicher Reize völlig beherrscht wurde.

»Nun, was denken Sie?« fragte der Marquis, der Margarethe zu einem Fonteuil geführt hatte und wieder zu Fontanieu kam.

»Von wem?«

»Von Margarethe.«

»Um aufrichtig zu sein und ohne hier einen sehr unziemlichen Vergleich machen zu wollen, gestehe ich Ihnen, daß die Morgenvorstellung der Abendvorstellung geschadet; man muß die Frau Marquise von Escoman nicht gesehen haben, um diese Demoiselle schön zu finden.«

»Sie haben einen sonderbaren Geschmack,« antwortete der Marquis so gleichgültig, als ob von einer ihm ganz fremden Dame die Rede gewesen wäre, aber sein Gesicht drückte doch Zweifel und Mißtrauen aus.

Diese Worte drangen wie ein glühendes Eisen in das Herz Fontanieu’s. Er fühlte einen Haß gegen Margarethe: konnte er ihr verzeihen, daß man sie über sein Idol stellen wollte?

Der Marquis, der sich entweder schnell beruhigte oder sich nicht durch Eifersucht lächerlich machen wollte, wies Fontanieu, als dem Helden des Tages, einen Platz neben Margarethen an.

In seinem Eifer, die einmal übernommene Rolle zu zu spielen, war Fontanieu ungemein freundlich und zuvorkommend gegen seine hübsche Nachbarin und überhäufte sie mit Schmeicheleien. Aber zu seinem großen Erstaunen blieb Margarethe kalt und ernst; sie antwortete ihm nur mit Gemeinplätzen, so daß er die größte Mühe hatte, das Gespräch in der angefangenen Weise fortzuführen.

Der Marquis von Escoman runzelte die Stirn und bewies dadurch, daß ihm die Galanterie seines neuen Freundes nicht sehr angenehm sei.

Als das Souper beendet war und während der Tisch abgeräumt und zum Spiel hergerichtet wurde, trat der Chevalier von Montglas auf Louis von Fontanieu zu, der noch ganz verblüfft war über die ernste, würdevolle Verbeugung, mit der ihn Margarethe, als er sie wieder an ihren Platz geführt, verabschiedet hatte.

»Nun, wie gehen die Geschäfte?« fragte der alte Edelmann den Secretär.

»Schlecht,« antwortete Fontanieu; »ich glaube, Sie haben Margarethe verleumdet.«

»Bah! lassen Sie sich nur nicht abschrecken. Sie haben’s nur nicht recht angefangen. Die Männer sind sehr albern, und gerade da recht dumm, wo sie recht klug zu sein wähnen. Ich spreche im Allgemeinen, Sie haben nicht das Recht sich beleidigt zu fühlen. Um bei einem Plunder hundert Sous zu verdienen, bieten sie so viel diplomatische Kunstgriffe auf, als ob sie ein Volk verkaufen oder einen König auf den Thron setzen wollten, und sobald ihre Eitelkeit ins Spiel kommt, wollen sie nicht begreifen, daß man ihn noch nicht nimmt, wenn man sagt: Ich möchte ihn wohl haben.«

»Sie finden also —«

»Daß Sie viel zu viel Eifer an den Tag legen,« fuhr der Chevalier fort. »Angeln Sie?«

»Nein. Wozu diese Frage?«

»Sie werden in der Kunst des Angelns ein Geheimniß finden, das für die jetzige Situation sehr gut paßt. – Sie sehen schöne Fische im Wasser schwimmen; das Wasser kommt Ihnen in den Mund, wenn Sie an die leckern Speisen denken; Sie werfen ihnen den Köder hin, aber sie verschmähen ihn, weil er ihnen zu nahe ist. Ziehen Sie aber die Angelschnur etwas zurück, so stürzen die Fische gierig auf den Köder zu und beißen sich fest. Eben so geht’s mit den Weibern, lieber Freund.«




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