Frau Dirne
Artur Landsberger




Artur Landsberger

Frau Dirne





Erstes Kapitel

Eine gute, aber anrüchige Gesellschaft


Dieser Teetisch ist nicht zu überbieten,« flüsterte Frau Olga Herzog dem Grafen Scheeler zu, an dessen Arm sie den Salon der Frau Baronin von Waltner betrat.

»Fabelhaft!« näselte der und klemmte sich das Monocle fester ins Auge.

Frau Olga wandte sich um und rief – ihre Stimme war schrill und scharf –:

»Werner, so komm' doch!«

»Schlagt den Juden tot!« grellte die Stimme eines blaugelben Papageis, den Werner Herzog auf einer silbernen Stange trug.

»Wie reizend, daß Sie das entzückende Tier mitgebracht haben!« sagte Frau von Waltner und warf dem blaugelben Papagei ein Petitfour aus Schokolade zu.

Der kreischte, flatterte auf, fing und fraß. Die gelbe Creme, mit dem das Petitfour gefüllt war, glitt auf Werner Herzogs Cuttaway.

Baronin von Waltner und Olga reichten sich die Hände.

»Sie kennen meine Tochter und meinen Schwiegersohn?« fragte die Baronin und wies auf Heinz und Ina.

Rittmeister Mertens küßte Frau Herzog die Hand und sagte:

»Aber natürlich! Wir hatten ja im letzten Frühjahr das Vergnügen . . .«

». . . in Davos,« ergänzte Frau Olga. »Ihrer Frau Tochter verdanke ich die Bekanntschaft mit dem Grafen Scheeler.«

»Ich habe zu danken,« sagte der; und Ina Mertens, die gut gewachsen, schlank und, obgleich im Verblühen und beinahe zehn Jahre älter als ihr Mann, noch immer hübsch und von eigenem Reiz war, tat, als könne sie sich nicht daran erinnern und sagte:

»In diesem Sodom und Gomorrha lernt man so viele Menschen kennen . . .«

»Aber Ina,« parierte Heinz, »erinnerst du dich denn nicht mehr, daß du von Frau Herzog sagtest, sie habe ihren Mann noch besser dressiert als ihren Papagei?«

»Sei nicht so taktlos,« flüsterte Frau von Waltner ihrem Schwiegersohne zu. Ina berührte leise ihre Mutter und dachte: »so ist er immer;« warf ihrem Manne einen Blick zu, der ihn wie spitzige Nadeln traf, verzog den Mund und sagte lächelnd:

»Daß du doch immer spaßen mußt, Heinz.«

»Nun,« erwiderte Professor Reger, ein ansehnlicher und soignierter Mann in der Mitte der fünfziger Jahre, und wies auf Werner Herzog, der mit dem blaugelben Papagei auf der silbernen Stange, ratlos und servil und mit nicht gerade klugem Gesichtsausdrucke da stand – »die Hauptsache ist, daß diese Tätigkeit ihren Herrn Gemahl ausfüllt und befriedigt.«

Frau Herzog, der man nachsagte, daß sie einst schön gewesen sei und in einer europäischen Hauptstadt ein großes Haus ausgemacht habe, empfand den Spott, lächelte und sagte:

»Alles Gute, das man meinem Papagei erweist, erweist man mir. Und Sie werden nicht so unhöflich sein, zu bestreiten, daß selbst ein anspruchsvoller und kluger Mann darin seine Befriedigung finden kann.«

Das Erscheinen der hübschen Frau Mira und ihres Gatten Doktor Rießer ersparte dem Professor eine Antwort.

Frau Ina stellte vor und goß Tee ein; Schüsseln mit kleinen Kuchen, Torten und Sandwichs, silberne Schalen mit Früchten und Kompott gingen herum; ein Diener reichte Liköre und Heinz Mertens bot Zigarren, Zigaretten und Feuer an.

Frau Ina saß neben dem Grafen.

Als sie ihm mit der Gabel ein Sandvich mit Gänseleber reichte, zitterte ihre Hand. Er nahm das Brot von der Gabel und führte es, ohne es auf den Teller zu legen, in den Mund. Das geschah von ihm aus völlig unbewußt; sie aber empfand es wie eine zärtliche Berührung, hielt den Atem an und schloß für einen Augenblick die Augen. Tausend Jahre alt waren diese Scheelers!

»Ich muß es Ihnen immer wieder sagen,« wandte sich Baronin Waltner an ihren Nachbarn, den Professor Reger, und lorgnettierte ihn mit Wohlgefallen, »wie sehr Sie mich in jeder Bewegung an den vorzüglichen Marquis d'Ormilly erinnern. Sie sollten doch einmal unter Ihren Ahnen nachforschen.«

»Aber gnädigste Baronin,« erwiderte der Professor, »die Wiege meiner Vorfahren steht in Gleiwitz. Und wenn Sie mich französisch sprechen hörten, so würden Sie sich Antiphone in die Ohren stecken.«

»In meinem Hause verkehrte früher ein Chevalier de Pontignan, der im dritten Gliede mit den d'Ormilly's verwandt war,« sagte Frau Olga.

»Sie kennen ihn gewiß?« wandte sich Ina, deren Augen strahlten, an den Grafen Scheeler.

»Im Stammbaum meiner Mutter kommt er irgendwo vor,« erwiderte der Graf gleichgültig, und Inas Augen strahlten noch heller.

»Darf man wissen, für wen?« fragte Frau Mira und wies auf drei leere Sessel, die zwischen dem Teetisch und einer schmalen Anrichte standen. Der Tonfall, der lebhafte Blick und die ganze Haltung verrieten, daß es mehr als eine konventionelle Frage war.

»Für Erdt-Brückner's,« erwiderte Frau Ina und freute sich, als sie Frau Miras enttäuschtes Gesicht sah.

»Die machen wie immer erst große Toilette,« meinte Baronin Waltner, und Frau Olga spottete:

»Was die so große Toilette nennen. Hier ein Schleifchen, da ein Schleifchen; in jeder Farbe eins.«

»Und ein paar Ketten um den Hals, um die Taille und die Gelenke . . .« ». . . die nicht einmal schön sind,« fiel Frau Mira dem Professor ins Wort und schlug die Beine übereinander, so daß man mehr als nur die schlanken Gelenke sah; während Frau Ina, die fühlte, daß der Graf Frau Miras Bewegung folgte, die Füße unter den Tisch schob.

»Wird Frau Brückner uns etwas vorsingen?« fragte Professor Reger. »Für mich ist sie trotz ihres Alters noch heute in Deutschland die Erste.«

Es widersprach niemand. Nur Frau Mira sagte:

»Der Ansicht bin ich auch. Aber, daß sie uns etwas vorsingt, glaube ich nicht. Die Tochter liebt es nicht, daß sie sich vor ihren Mann stellt.«

»Sie meinen ihn verdunkelt?« fragte Frau Olga.

»Ja!« erwiderte statt Miras der Professor. »Er hat sich trotz seines starken Könnens noch immer nicht durchgesetzt. Und es mag für einen Mann auch nicht leicht sein, im Schatten seiner Frau zu stehen.«

»Ja aber,« warf Frau Ina ein, »diese Nelly ist doch Hedwig Brückners Kind aus erster Ehe. Die Mutter müßte ihr demnach doch näher stehen als der Stiefvater.«

»Müßte,« erwiderte Frau Mira. »Tut es aber nicht.«

Baronin Waltner wies zur Tür. Im selben Augenblick stockte das Gespräch. Frau Ina gab ihrem Manne ein Zeichen. Der sprang auf.

Erdt-Brückners hielten ihren Einzug. Wie ein nach qualvollen Versuchen von einem Photographen der siebziger Jahre gestelltes Bild. Vorn die allerliebste Frau Mathilde, eine Art Bovary, jenseits des gefährlichen Alters. Mit natürlicher Freundlichkeit nickte sie allen zu. Ein wenig zurück rechts daneben Nelly, ihre Tochter. Unscheinbar, aber mit einem hübschen Gesicht, das nicht erkennen ließ, ob sie schon verblüht war oder erst zu blühen begann. Auch Nelly lächelte; aber teils aus gêne, teils um als freundlich zu gelten und zu gefallen. Mutter und Tochter übersät mit Ketten, Münzen, Troddeln und Schleifen. Links von Nelly die hohe Gestalt Wolfgang Erdts. Ein feiner Kopf mit hoher Stirn, starker Nase, gewölbten Lippen und ein Paar Augen, mit denen man nicht recht etwas anzufangen wußte. Frau Mathilde schienen sie tief und verträumt; den Kollegen, die seinen Aufstieg fürchteten, bös und verbittert, den Frauen, die er unbeachtet ließ, herausfordernd und brutal, Nelly, die an ihn glaubte, durchgeistigt und genial, dem Unbeteiligten nichtssagend und dunkelbraun.

»Grade sprachen wir von Ihnen,« sagte Baronin Waltner.

»Schlechtes natürlich,« erwiderte Nelly.

»Das wird in unserem Hause niemand wagen,« beteuerte Frau Ina. »Wir unterhielten uns von dem eigenen Geschmack Ihrer Toiletten« – dabei nahm sie eine lila Kette, die Nelly um den Hals trug und die ihr bis auf die Knie herabhing, auf und sagte: »Wie apart. Diese Münze scheint die Imitation einer Reliquienkapsel aus dem fünfzehnten Jahrhundert, nur paßt sie nicht recht an diese undefinierbare Kette.«

»Wenn Sie sie Ihrer Sammlung einverleiben wollen,« sagte Nelly, die den Spott nicht spürte.

»Was denkst du!« widersprach v. Erdt, Frau Mertens stellt sich doch keine Imitationen in die Schränke!«

»Mir wäre das gleich,« erwiderte Nelly, »ich würde nur an hübschen Sachen Gefallen haben.«

»Jeder lebt seiner Kunst!« meinte Baronin von Waltner. »Sie dem Gesang, der Professor seinem Horaz, meine Tochter dem Sammeln alten Schmucks«.«

». . . und der Graf den Pferden,« ergänzte Frau Mira, die das Erscheinen Erdt-Brückners dazu benutzt hatte, ihren Platz mit einem neben dem Grafen zu vertauschen.

»Richtig!« nutzte Frau Ina die Gelegenheit und wandte sich an den Grafen, der gelangweilt zwischen den beiden Frauen saß und ein eisgekühltes Glas 1911er Menkow in den schmalen Händen hielt »mein Mann hat morgen früh Dienst; wenn Sie also seinen Schimmel reiten wollen – bewegt werden muß er – ihm erweisen Sie damit einen Gefallen.«

Der Graf vermied es, den Rittmeister anzusehen, dessen Gesicht er von ähnlichen Fällen her kannte. Dagegen dachte Frau Ina, als sie den verdutzt verlegenen Ausdruck ihres Mannes sah: wie peinlich den Anderen gegenüber, er sollte sich an derartige Fälle doch nachgrade gewöhnt haben.

Frau Mira, die Knie an Knie mit dem Grafen Scheeler saß und der im übrigen Bein Bein war, gleichgültig, ob es einem Grafen oder einem Chauffeur gehörte, hatte denn auch eine bissige Bemerkung auf der Zunge. Aber die Baronin las sie ihr von den Lippen und kam ihr zuvor, in dem sie sich laut an Professor Reger wandte und fragte:

»Nun Marquis, wie steht's mit der Theosophie? Werden wir Sie bald als den Unsern begrüßen können?«

»Ich bin ein Feind alles Halben,« erwiderte der Professor. »Man kann nicht Diener der Wissenschaft sein und sich gleichzeitig in diesem Lustgarten der Halbgebildeten ergehen.«

Die Baronin war gekränkt. Aber sie verstellte sich, stöhnte und sagte:

»Ja! ja! Ihr Protestanten!«

»Da hat Mama recht,« sprang ihr Frau Ina bei. »Die protestantischen Länder besitzen nicht die zum Glück eines wohlerzogenen Menschen unentbehrlichen Elemente: Galanterie und Frömmigkeit.«

»Dazu muß man an Gott glauben,« sagte die Baronin.

Der Professor, der alles das herbeigeholt und nicht logisch fand, stutzte. Aber als Frau Ina ihrer Mutter mit einer Geste, die beinahe feierlich war, erwiderte:

»Selbst wenn es keinen Gott gäbe, wäre die Religion doch heilig und göttlich,« da wußte er, daß man, wie so oft in diesem Hause, wieder einmal mit Bildung bluffte. Er kniff die Augen zusammen, zog die Zigarre in den rechten Mundwinkel, setzte sein sarkastisch-verbindliches Lächeln auf, sah die Baronin und Frau Ina scharf an und sagte:

»Gewiß! Gott ist das einzige Wesen, das zum Herrschen nicht einmal der Existenz bedarf.«

»Aber Sie werden doch zugeben,« erwiderte Frau Ina und senkte den Blick – »daß das Höchste im Leben, die Liebe, ohne den Glauben profan ist.«

»Was ist überhaupt Liebe?« stieß Frau Olga wie einen Seufzer hervor, und Frau Mira erwiderte prompt:

»Das Bedürfnis . . .«

». . . aus sich herausgehen,« beendigte unnötigerweise Frau Ina den Satz.

Der Rittmeister sah strahlend zu seiner Frau auf, und die Baronin sagte zu ihrer Tochter:

»Du meinst, um sich mit ihrem Opfer zu vereinigen.«

»Gewiß!« bestätigte die, »gewiß! Aber wie der Sieger mit dem Besiegten. Unter Wahrung der Vorrechte des Eroberers.«

»Siehst Du!« rief Frau Olga so unmotiviert wie möglich ihrem Manne zu, und der Papagei, der auf ihrer Schulter saß und nach dem vierten Petitfour und einem Gläschen Chartreuse fest eingeschlummert war, fuhr auf und schrie:

»Schlagt den Juden tot!«

Max Herzog sah verständnislos erst den Papagei, dann seine Frau an und sagte:

»Ich bin mir gar nicht bewußt . . .«

»Und doch,« fuhr die Baronin, ohne auf Frau Olgas Bluff zu achten, fort, »als langweilig in der Liebe habe ich immer empfunden, daß sie ein Verbrechen ist, bei dem man einen Mitschuldigen nicht entbehren kann.«

»Glänzend!« rief Frau Mira mit roten Wangen, und die Liebe, über deren Wesen und Betätigung sie Tage und oft auch die Nächte lang nicht nur nachsann, schien als Verbrechen ihr nun noch sonderbarer.

»Und wie stellt sich die Kirche zu dieser Liebe?« fragte Frau Ina, worauf die Baronin zur Antwort gab:

»Da sie nicht die Möglichkeit sah, sie zu unterdrücken, so hat sie sie wenigstens desinfizieren wollen und die Ehe geschaffen.«

»Ausgezeichnet!« rief Frau Mira. »Die Ehe als Desinfektionsanstalt. Sagen Sie,« wandte sie sich an ihren Nachbarn, den Grafen, der gelangweilt da saß, »haben Sie sie je als etwas anderes betrachtet?«

»Und doch,« beteuerte Ina und schlug die Augen zu dem Grafen auf, der indes keinerlei Notiz davon nahm, »ist die Liebe das Göttliche im Menschen.«

Der Rittmeister sah strahlend zu seiner Frau auf. Die Baronin widersprach.

»Dadurch, daß man sie Gott entzieht und auf die Menschen überträgt, entheiligt man sie. Darum sollte man in dem Menschen, zu dem es einen hinzieht, immer nur Gott lieben.«

»Das kommt praktisch ja wohl auf dasselbe hinaus,« sagte Nelly Brückner und sah verklärt Wolfgang v. Erdt an, der so gar nichts Göttliches hatte.

»Ein weites Feld, die Liebe,« meinte Mathilde Brückner, und der Professor, dem die Zeit gekommen schien, sagte breit:

»Sehr richtig! Jedenfalls ist sie mit dem Studium Bandelaires nicht erschöpft.«

Frau Ina wurde um einen Atom blasser und, um ihre Verlegenheit zu verbergen, nahm sie die schwere silberne Kanne auf und goß dem Grafen Tee ein, obgleich seine Tasse noch beinahe voll war.

Die Baronin hingegen hielt den Blick des Professors aus:

»Sie haben sich demnach auch viel mit Bandelaire beschäftigt?« fragte sie und tat unbefangen.

»Leider nicht mit dem gleichen Erfolge wie Sie,« erwiderte der. »Aber man hört ihn doch immer wieder gern.«

Frau Olga sah mit triumphierendem Lächeln Frau Ina an und sagte:

»Ach so! – Bei uns in Berlin bringt man sich jetzt seine Butterbrote mit, wenn man eingeladen ist. Man kann, scheint's, aber auch geistige Nahrungsmittel hamstern. Man steckt sie wie die Butterbrote zu sich und verzehrt sie in Gegenwart seiner Gäste, um die damit zu ärgern.

Mathilde Brückner sprang der Wirtin bei: »Ich verstehe nicht,« sagte sie, »wie eine geistvolle Unterhaltung, gleichviel ob sie aus Eigenem schöpft oder aus Fremdem, Sie ärgern kann. Schließlich bleibt es doch interessanter, zu erfahren, wie ein großer Mann über die Liebe dachte, als mit welchen hohen und höchsten Herrschaften Sie in gesellschaftlichem Verkehr stehen.«

Und Wolfgang v. Erdt, der wie alle wahren Künstler im Grunde seines Herzens materiell war – nur große Kinder sind es nicht! – setzte hinzu:

»Der Ärger, gnädige Frau, dürfte durch den Chartreuse und die Petitfour, die Ihr Liebling geschluckt hat, ausgeglichen sein.« – Und da Max Herzog daraufhin ein Fruchttortelette, das er eben in den Mund schieben wollte, auf den Teller zurücklegte, so wies Wolfgang v. Erdt mit seiner Riesentatze auf den Papagei und sagte: »Ich meinte natürlich den andern Liebling.«

Alles lachte, nur der blaugelbe Papagei, der spürte, daß er im Mittelpunkte stand, setzte sich zur Wehr und kreischte:

»Schlagt den Juden tot!«

»Kann er denn gar nichts anderes?« fragte die Baronin und glaubte damit Frau Herzog zu reizen.

Die aber hatte schon lange auf dies Stichwort gewartet.

»Reden Sie nur mit ihm!« trieb sie sie an.

»Na, Dummchen,« wandte sich die Baronin an den Papagei, »was sagst denn Du zu alledem?«

Der Papagei machte einen schiefen Kopf und beaugte mißtrauisch die Baronin.

»Nicht wahr,« fuhr die fort, »die Theosophie erschließt der Menschheit neue Wege?«

Frau Olga machte mit der Schulter eine kurze Bewegung, die niemand sah, und der Papagei kreischte der Baronin ins Gesicht:

»Quatsch nicht!«

Damit war sein Repertoire erschöpft. Doch dem tiefsinnigen Beobachter wurde klar, daß dieser Sprachschatz für die Unterhaltung in einem sogenannten besseren Salon durchaus genügte.

Der Diener kam und reichte Frau Ina eine Karte.

»Haben Sie nicht gesagt, daß Besuch da ist?«

»Wenn gnädige Frau wenden wollen.«

Frau Ina wandte die Karte und las:

»Ich habe unbedingt und unaufschiebbar mit Ihnen zu sprechen.«

»Geh!« trieb ihre Mutter, die über ihren Nachbar hinweg schneller als sie Name und Text der Karte entziffert hatte, sie an.

Ina stand auf, entschuldigte sich und ging. Als der Graf ihr lässig die Hand reichte, wurde sie rot und zitterte in den Knien; den fragenden Blick ihres Mannes ließ sie unbeantwortet, zerknitterte die Karte und ging hinaus.


* * *

Der Diener hatte den alten Katz in den vorderen Salon geführt, der von dem erlesenen Geschmack Frau Inas und ihrer Mutter zeugte und auf Generationen alten Reichtum schließen ließ.

Katz zog den abgeschabten roten Glacéhandschuh von der rechten Hand, fuhr sich mit den ungepflegten Fingern durch das ergraute Haar, kaute an seinem Zigarrenstummel, musterte mit ein paar Blicken den Salon, ging auf ein kleines Schränkchen zu, in dem allerhand alter Schmuck aufgebaut war, schloß es auf, nahm einen breiten Platinring mit glitzernden Steinen heraus und steckte ihn sich in die Tasche. Dann zog er den abgeschabten roten Handschuh wieder auf.

Ungeduldig sah er zur Tür. Nebenan hörte man Schritte. Gleich darauf betrat Frau Ina den Salon.

Katz sagte ohne sich zu verbeugen:

»Guten Tag!«

Frau Ina bewegte leicht den Kopf, wies mit ihrer weißen schlanken Hand auf einen Stuhl und sagte:

»Bitte!«

Katz setzte sich, griff in die Tasche, legte ihr ein Papier vor und sagte:

»Unterschreiben Sie!«

Dabei schob er den abgekauten Zigarrenstummel, der nicht mehr brannte, in den anderen Mundwinkel, wobei die Asche auf den Tisch, dicht neben das Papier fiel.

Frau Ina, deren Gedanken noch bei dem Grafen und Miras schönen Beinen waren, überflog das Papier, verstand es nicht und sah Stanislaus Katz, der schmutzig und aus Lodz war, fragend an.

»Worauf warten Sie?« fragte der und hielt ihr die Füllfeder hin.

»Auf das Geld«, erwiderte sie.

»Es sind die Zinsen für das schuldige Kapital.«

Er legte seine Füllfeder neben das Papier.

Frau Ina rührte sie nicht an. Sie stand auf, nahm das Papier, ging damit zum Schreibtisch, nahm ihren Halter und unterschrieb.

Katz zerbiß wütend seinen Stummel und steckte seine Füllfeder wieder ein.

»Es klebt kein Dreck dran«, sagte er.

Frau Ina erwiderte:

»Aber Sünde.«

»Mein Beruf und Frömmigkeit vertragen sich nicht miteinander.«

»Um so mehr Grund hätten Sie, zur Beichte zu gehen.«

Katz wehrte ab. Mein Beruf fordert Diskretion. Oder wäre es Ihnen lieb, wenn ich dem Probst Weidner von Ihren Beziehungen zu dem Grafen . . .«

Frau Ina wurde kreidebleich, richtete sich auf und fuhr ihn an:

»Schweigen Sie!«

»Wenn ich im Beichtstuhl säße und er die Geldgeschäfte machte – vielleicht, daß Sie dann freundlicher zu mir wären.«

»Schweigen Sie!« wiederholte Frau Ina, und ihre Stimme überschlug sich. »Sie mischen irdische und weltliche Dinge – Sie versündigen sich!«

»Wir sind allein, und ich konstatiere Tatsachen.«

»Das sind Dinge, die mit unseren Geschäften nichts zu tun haben. Wenn ich im Guten auf Sie einzuwirken versuche, so brauchen Sie nicht ausfallend zu werden.«

»Ich bin ein Mensch, der mit beiden Füßen fest auf der Erde steht und kein Ohr für das Paradiesgeklimper hat.«

»Schlimm für Sie!«

»Jedenfalls ist die Hilfe, die ich Ihnen hier auf Erden leiste, zuverlässiger als die Versprechungen, die er Ihnen auf das Jenseits macht.«

»Sie tun es nicht aus Liebe!«

»Und er nicht aus Religiosität.«

Katz war aufgestanden und lehnte sich an den Schreibtisch, der dicht neben dem Sessel stand, auf dem Frau Ina saß. Sie hielt noch immer den Halter in der Hand.

»Zerreißen Sie den Wisch«, sagte er und beugte sich zu ihr.

Sie warf den Halter hin und schob ihm das Blatt zu.

»Zerreißen Sie's!« wiederholte er mit belegter Stimme und griff nach ihrer Hand.

»Was fordern Sie?« fragte sie leise.

»Nicht mehr als das letzte Mal.«

Sie beugte sich in den Sessel zurück und schloß die Augen. Katz nahm den Stummel aus dem Mund, schob sich zwischen Sessel und Schreibtisch, stemmte die Arme auf die Lehne und drückte seine Lippen auf Frau Inas Mund. – Zwei Sekunden lang – dann schob sie ihn zur Seite und sagte:

»Genug! Mein Mann ist da.«

Katz, der außer Atem war, lächelte und meinte spöttisch:

Der kommt – doch nicht – ohne daß – Sie ihn rufen.«

Dann trat er zur Seite, atmete auf, nahm das Papier, zerriß es, warf es in den Papierkorb und sagte:

»Man ist bescheiden«, und lachte laut auf. Dann fügte er leise hinzu: »und doch nicht dumm.«

Das klang so herausfordernd, daß sich Frau Ina, die noch immer ihr Spitzentuch vor den Mund hielt und sich damit die Lippen betupfte, in ihrem Sessel aufrichtete und zu ihm umwandte.

Katz zog den Mund breit, griente, wies auf den Papierkorb und fragte:

»Was war der Schein wert?« Frau Ina fuhr auf: »Sie haben mich betrogen!«

»I Gott bewahre!« erwiderte er. »Höchstens Sie mich.«

»Was bedeutet das?«

»Der Schein war richtig ausgestellt über viertausendfünfhundert Mark Zinsen, die Sie mir schulden.«

»Nun also.«

»Aber, was war er wert? Wovon wollten Sie zahlen?« – Er sah sich im Zimmer um. »Alles, was in der Wohnung steht, alles, was Sie am Leibe haben, gehört mir. – Nur Sie noch nicht.«

Frau Ina sprang auf.

»Ich rufe meinen Mann!«

Katz schüttelte in aller Ruhe den Kopf.

»Das tun Sie nicht. Denn Sie wissen genau, der kann's nicht ändern. – Im übrigen: weiß er von alle dem was?«

»Nein.«

»Wovon glaubt er, daß das Geld für Ihren Luxus und Ihre Gesellschaften herrührt?«

»Er ist ein Kind, das nicht nachdenkt und mir blind vertraut.«

»Wollen Sie ihm nicht reinen Wein einschenken?«

»Sie sagten doch eben selbst, er kann's nicht ändern.«

»Aber am Ende muß er seine Dispositionen treffen.«

»Er tut seinen Dienst – basta!«

»Wenn Sie fallieren, wird er den Dienst quittieren müssen.«

»Ich? – Wie meinen Sie das?«

»Daß ich einzutreiben und zu versteigern gedenke.«

Frau Ina fuhr auf:

»Sie wollen mich ruinieren?«

»Das haben Sie selbst getan. Für Ihre gesellschaftlichen Ambitionen hätten Sie eine Rente von hundertundfünfzigtausend Mark benötigt. Wenn ich nicht irre, beträgt das Gehalt eines Rittmeisters aber nur sechstausend Mark.«

»Damit hätte ich in einem Gartenhaus in einer Dreizimmerwohnung verkümmern können.«

»Ich gebe zu, daß das schade gewesen wäre. – Sie waren klug und haben wenigstens ein paar Jahre lang Ihr Leben genossen.«

Frau Ina wandte sich jetzt beinahe flehend zu ihm:

»Und nun wollen Sie mich untergehen lassen?«

»Ich habe Ihnen geholfen, solange Sie mir Sicherheit boten. Die aber ist erschöpft.« – Er beugte sich wieder zu ihr und sagte flüsternd: »Sie kennen meine Liebhabereien.«

Frau Ina schloß die Augen.

»Sie sprachen mir davon«, hauchte sie.

»Ein reicher Amerikaner hat mir für die Mantelschließe des heiligen Ludwig von Frankreich, die der Probst Weidner in Verwahrung hat, über eine Million geboten.«

»Ich sagte Ihnen doch schon, die Jahreszahl 1234 fehlt; das Email ist ersetzt.«

»Beidem ließe sich abhelfen.«

Frau Ina zitterte jetzt am ganzen Körper; mit ihren Händen machte sie Bewegungen, als wenn sie einen Rosenkranz zwischen den Fingern hielte.

»Wenn Sie sich aus religiösen Bedenken scheuen, es heimlich zu entwenden,« drang Katz in sie, »mit dem Probst Weidner ließe sich schon ein Abkommen treffen.« – Frau Ina zuckte zusammen. – »Schließlich haben Sie ihn ja in der Hand. Ein Keuschheitsgelübde wiegt schwerer als ein Ehegelübde. Ihr Gatte verzeiht Ihnen; der Bischof ihm nicht. – Verschaffen Sie mir die Schließe, so gebe ich Ihnen die Mittel für weitere fünf Jahre in diesem Stil. Sie hätten Ruhe vor mir! Bedenken Sie, was das heißt! – Und die Absolution von ihm haben Sie, wenn Sie wollen, im voraus.«

Frau Ina wurde schwarz vor den Augen. Sie konnte die Gegenstände nicht mehr unterscheiden. Nur die Hände mit den abgeschabten roten Handschuhen, mit denen er vor ihrem Gesicht herumgestikulierte, empfand sie wie zuckende Flammen, die drohend vor ihr auflohten und ihr den Atem nahmen. Wie um sich zu befreien, griff sie plötzlich nach diesen zuckenden Händen, riß sie nach unten, sprang auf und rief:

»Nein! nein!! – dann werde ich lieber Ihre Geliebte!«

Katz sah eine Weile in ihr erregtes Gesicht. Sie ließ seine Hände los und stand ihm dicht gegenüber. Er kniff die Augen zusammen, schnalzte mit der Zunge und sagte:

»Ich möcht' schon. Aber den Luxus kann ich mir nicht leisten.« – Er sah sie frech an. – »Und dann: ich teil' nicht gern. Das reizt zu Vergleichen. Und ich weiß, ich bin nicht schön.«

Frau Ina glitt auf den Sessel zurück und schloß die Augen.

»Dann geben Sie mir Gift!« hauchte sie.

»Unsinn!« erwiderte Katz. »Was hätte ich davon? Tun Sie mir die Liebe und werden Sie nicht sentimental. Das steht Ihnen nicht. Was mich an Ihnen so reizt, ist der Heiligenschein, mit dem Sie Ihre bewußte Gemeinheit verdecken. Sie haben Talent genug, um nicht unterzugehen.«

»Geben Sie mir Gelegenheit, es zu nutzen.«

Katz tat, als dächte er nach, dann schlug er mit der Hand auf den Tisch und sagte:

»Ich hab' etwas! – Auf den ersten Blick werden Sie sagen: nein! Aber dann wird es Ihnen eingehen; ganz allmählich. Genau, wie es mir eingegangen ist. Denn Ihre Moral, von allem religiösen und gesellschaftlichen Nimbus entkleidet, bewerte ich ungefähr gleich hoch wie meine.«

»So sagen Sie schon!« drängte Frau Ina.

Katz setzte sich, stützte den Arm auf den Schreibtisch und sagte: »Diese Art Geldgeschäfte, wie ich sie nun schon seit zehn Jahren betreibe, ohne auf den grünen Zweig zu kommen, reiben mich auf. Ich habe daher beschlossen, mein Leben auf eine solide Basis zu stellen. Sie allein können mir dazu verhelfen.«

Frau Ina sah ihn erstaunt an.

»Ja, Sie wollen doch nicht etwa, daß ich mich scheiden lasse und Ihre Frau werde?«

»Das wäre nach allem, was ich über Sie weiß, unsittlich. Aber vor allem: ich sprach von einer soliden Basis.«

»Was wäre das?«

Katz beugte sich zu ihr, sah ihr fest in die Augen und sagte bestimmt:

»Sie müssen ein Bordell übernehmen.«

Frau Ina schnellte zurück und erwiderte laut:

»Sie sind verrückt!«

»Auf die Antwort war ich vorbereitet. Sie ist weder originell, noch schreckt sie mich. – Sie werden das Bordell übernehmen, so wahr ich Stanislaus Katz heiße. Schon, weil Ihnen gar keine Wahl bleibt.«

»Ja, sind Sie toll? Weil Sie mir mit ein paar Hunderttausend Mark ausgeholfen haben, glauben Sie ein Recht zu haben . . .«

»Ich bin weder toll, noch maße ich mir irgendein Recht an. Ich weiß nur, daß Sie weder in ein Kloster, noch in ein Bureau mit Schreibmaschine und Registratur passen. Sie können auf Grund von Veranlagung und Erziehung auf das Leben nicht verzichten. Sie haben also die Wahl, sich eine Kugel in den Kopf zu jagen oder Grande Kokotte zu werden. Beides keine Annehmlichkeiten. Nun fügt es der Zufall, daß mir eins der ersten europäischen Bordells an die Hand gegeben ist, aus dem sich bei geschickter Leitung Millionen herauswirtschaften lassen. Es gibt neben der Post und Eisenbahn kein sichereres und lukrativeres Unternehmen.«

»Ich wünsche Ihnen Glück! Aber was soll ich dabei?«

»Ich habe mein Lebtag niemanden betrogen. Aber ich mache Geldgeschäfte; bin also eine anrüchige Person; bekomme daher nie die Konzession. Meinen Bekannten, die besser beleumdet sind, kann ich das Geschäft nicht vorschlagen, sonst machen sie's selbst. Aber Ihr Ruf ist der denkbar beste. Bei Ihnen verkehrt die erste Gesellschaft. Und wenn man bei den Recherchen bis hinauf zum Probst Weidner gehen sollte – Ihnen sagt niemand etwas Schlechtes nach.«

»Es handelt sich demnach nur . . .«

». . . um Ihren Namen«, bestätigte Katz. »Aber ich erwarte, daß Neugier, Lust und vor allem die Chance, ein Vermögen zu erwerben,« – in Frau Inas Augen blitzte es auf – »Sie weitertreiben.«

Frau Ina fieberte in der Aussicht, ein Vermögen zu erwerben, ohne daß ihr der Graf ewig unerreichbar blieb. Aber dies Konventionelle saß in ihr so fest, daß sie ganz automatisch sagte:

»Davor schützt mich der gute Geschmack und die Kinderstube.«

»Darum gerade handelt es sich. Denn die möchte ich, um auf diesem Gebiete etwas Neues, Originelles und daher Konkurrenzloses zu bieten, dem Unternehmen dienstbar machen.«

»Und wie denken Sie sich daneben meine gesellschaftliche Position?«

»Darauf erwidere ich: das ist Ihre Sache! Denken Sie darüber nach, wie Sie es anstellen, daß Sie trotzdem Dame bleiben. In der internationalen Gesellschaft gibt es Frauen, die von Hand zu Hand gehen und doch fest im Sattel sitzen, wie es Frauen gibt, die sich durch einen einzigen Rülps Zeit ihres Lebens unmöglich machten.«

Und wie lange Zeit lassen Sie mir, über diesen grotesken Vorschlag nachzudenken?«

»Das hängt zunächst davon ab, wie lange Sie sich den Luxus gestatten können, ohne meine Zuschüsse zu leben.«

In diesem Augenblick trat die Baronin am Arme ihres Schwiegersohnes ins Zimmer.

»Du hast Gäste, Ina!« sagte sie mit leichtem Vorwurf. Ina tat, als überhörte sie und stellte Katz vor.

Die Baronin zwang sich ein Lächeln ab und sagte:

»Meine Tochter hat mir von Ihnen erzählt. Sie interessieren sich für alten Schmuck?«

»Oh, dann muß ich Ihnen unsere Sammlung zeigen«, erbot sich der Rittmeister eifrig. »Wir haben Stücke, die bis ins elfte Jahrhundert zurückgehen.«

»Herr Katz kennt sie«, sagte Frau Ina schneidend.

»Aber in welchem Zusammenhange sie mit unserer Familie stehen, wie wir mit jedem einzelnen Stücke sozusagen verwachsen sind, was uns den Besitz mit jeder Generation wertvoller macht, das wissen Sie nicht!« ereiferte sich der Rittmeister.

»Herr Katz ist kein Genealog«, unterbrach ihn Frau Ina, »er ist Sammler.«

»Ich muß deinem Manne recht geben,« sagte die alte Baronin; »ich werde nie begreifen, wie man Freude am Sammeln von Schmuck fremder Familien haben kann. Da lege ich mir denn doch lieber gleich eine Sammlung von Wertpapieren an; das ist doch wenigstens praktisch, und unpersönlich ist das eine genau so wie das andere.«

»Aber das Kennertum hat doch auch seine Berechtigung«, erwiderte Katz.

»Wenn man Geschäfte damit macht,« sagte die Baronin, »gewiß! für Juweliere. Für uns aber kommt allein der Affektionswert in Frage.« – Sie gab ihrem Schwiegersohn ein Zeichen; er trat eilfertig an sie heran und reichte ihr den Arm. »Hier zum Beispiel«, sagte sie und wies auf den Glasschrank, zu dem der Rittmeister sie führte, »sehen Sie diesen Kardinalsring, verliehen von Sixtus dem Vierten im Jahre 1475, hat ein . . .«

Plötzlich ging ein Ruck durch ihren Körper und sie hielt sich am Arme ihres Schwiegersohnes fest; dann hob sie die weißgepuderte Hand und wies auf den leeren Platz im Schrank, auf dem die Mantelschließe gelegen hatte, wurde kreidebleich und sagte:

»Wo . . . wo . . . ist denn . . . der . . . Ring?«

Katz trat dicht an Frau Ina heran und wies unauffällig auf seine Tasche, in der das Schmuckstück war. Die begriff sogleich und sagte:

»Ich habe Herrn Katz gebeten, den einen der Steine auf seine Echtheit hin zu prüfen. Ich werde das Gefühl nicht los, daß der eine Stein während unserer letzten Reise durch einen anderen ersetzt worden ist.«

»Zeigen Sie her!« rief die Alte erregt und ging jetzt ohne Stütze auf Katz zu, der den Ring aus der Tasche zog, aber in der Hand behielt.

Die Frau Baronin prüfte genau mit der Lorgnette und erklärte:

»Ich lasse meinen weißen Kopf dafür: an diesem Stück ist alles genau so, wie es in meiner frühesten Kindheit war« – und nun erzählte sie die Geschichte dieses Ringes, so wie sie von Mutter und Großmutter ihr überkommen war.

Gerade, als sie den Ring wieder an ihre gewohnte Stelle legen wollte, meldete der Diener:

»Der Herr Graf v. Scheeler will sich verabschieden.«

Er trat zur Seite, und der Graf erschien auf der Schwelle. Er nahm von Katz keine Notiz, schritt auf die Baronin zu und ergriff ihre Hand, in der sie den Ring hielt. Er stutzte und sah Katz an.

Die Baronin erriet seine Gedanken.

»Wir waren in Sorge um die Echtheit eines Steines«, sagte sie. »Darum baten wir Herrn Katz« sie stellte ihn dem Grafen vor – »der Kenner ist, ihn zu prüfen. – Gott Lob, er ist echt« – und sie legte den Ring wieder in den Schrank.

Aber auch Katz wußte, was vorging. Der Glaube des Grafen, daß der Glanz dieses Hauses echt war, durfte nicht erschüttert werden. Er nutzte die Situation, gab Frau Ina ein Zeichen, zog ein Papier aus der Tasche, breitete es vor ihr aus, wies mit dem Zeigefinger auf eine bestimmte Stelle und flüsterte:

»Bitte!«

Mit zitternder Hand griff sie zur Feder und setzte ihren Namen unter das Papier. Sie sah nicht, was sie unterschrieb, aber die Hand in dem abgeschabten roten Glacé, die das Papier hielt, ließ es sie fühlen.

Katz nahm hastig das Papier an sich und steckte es in die Tasche.

Der Graf war an Ina herangetreten, sie wagte nicht, ihn anzusehen.

»Also bis morgen«, sagte sie; ihre Stimme zitterte: »Wir reiten zusammen.«

Er nahm ihre Hand, die eben den Bordellvertrag gefertigt hatte, und küßte sie.

»Mit Vergnügen«, erwiderte er, verbeugte sich und ging. Und zu dem Rittmeister, der ihn hinausbegleiten wollte, sagte er in der Tür:

»Bitte, bleiben Sie!«

Als er draußen war, sank Frau Ina in den Sessel zurück und schloß die Augen.

»Ist dir etwas?« fragte der Rittmeister besorgt.

Sie wies auf Katz und sagte schroff: »Begleite den Herrn hinaus!«

Der war keineswegs gekränkt, überzeugte sich durch einen schnellen Griff in die Tasche, daß der Vertrag darin war, und ging. Er war noch im Flur, da stürzte die Baronin auf ihre Tochter zu, riß sie aus dem Sessel, sperrte neugierig die Augen auf und fragte hastig:

»Nun, was ist? Was verlangt er? Zahlt er weiter oder weigert er sich? Was hast du da unterschrieben? Ich kann mir denken, es ist kein Glück, seine Geliebte zu sein. Aber, was willst du tun? Wir müssen leben! – Betrüg ihn! Schlag ihn! Bring ihn um! Aber handle vorsichtig und klug und mach mir keine Sorgen. – Wie ich ihm den Ring abgejagt habe! – Wer mir das gesagt hätte vor fünfzig Jahren, als ich in meiner Verliebtheit dem Herzog von Montfleury einen Korb gab, um deinen Vater zu heiraten.«

»Ach Mutter!« seufzte Frau Ina.

»Was für ein Papier hast du da unterschrieben?« drängte die Baronin.

»Ich weiß es nicht. Vermutlich einen Kontrakt.«

»Was für einen Kontrakt? – Um deinen Mann los und die Frau des Grafen Scheeler zu werden, mußt du alles vermeiden, was dich nach außen hin kompromittiert.«

Ina lachte spöttisch, sah die Baronin fest an und sagte:

»Ich werde ein Bordell übernehmen.«

»Ina!« schrie die Baronin laut auf. »Hast du den Verstand verloren?«

»I Gott bewahre! Aber in dieser Form geht es nicht weiter. Statt zu Geld zu kommen, geraten wir nur immer tiefer in Schulden. Jetzt heißt es, endlich einmal Realpolitik treiben! Biegen oder brechen!«

Die Baronin sah entsetzt ihre Tochter an.

»Und . . . auf . . . die . . . Art . . . meinst . . . du . . .?«

»Ja, Mama!« lautete die bestimmte Antwort. »Auf die Art; wenn in der Form auch etwas anders.«

»Und . . . du . . . glaubst . . .?«

»Ich hoffe!«

Der Rittmeister kam wieder ins Zimmer.

»Ein sympathischer Mensch, dieser Katz«, sagte er. »Und auf dich, Ina, hält er große Stücke.«

Aus einem Nebenzimmer ertönte hell die Stimme Mathilde Brückners.

»Allmächtiger!« rief Ina. »Wir haben ja Gäste!«

Sie trat an den Spiegel, legte Puder auf, befahl ihrem Manne, der Baronin den Arm zu reichen, und ging mit ihnen in den Salon zurück, der auf der andern Seite des Flurs lag.


* * *

Mathilde Brückner hatte ihr Lied gerade beendet, als die Drei den Salon wieder betraten.

»Ich habe versucht, Sie zu ersetzen,« wandte sich Mathilde an die Baronin.

»Solchen Ersatz werden sich unsere Gäste gern gefallen lassen,« erwiderte die, dankte Mathilde lebhaft und drückte ihr die Hand.

»Hoffentlich war die Abhaltung keine unangenehme,« fragte Wolfgang v. Erdt.

»Ja und nein,« erwiderte Frau Ina. »Es kommt, wie bei allem, darauf an, wie man es nimmt. Einer findet es katastrophal, der Andere sieht darin eine Wohltat.«

»Sehr richtig!« stimmte der Professor zu. »Das gilt ganz allgemein und uneingeschränkt; nur merken es die Menschen in den seltensten Fällen. Alles ist letzten Endes auf Zerstörung gerichtet.«

»Jeder Aufbau trägt in sich schon den Keim späterer Vernichtung.«

»Daß wir ihn nicht erkennen,« erwiderte Frau Ina, um dem Gespräch eine andere Richtung zu geben, »liegt daran, daß man uns schon als Kinder eine Brille auf die Nase stülpt, durch die wir dann Zeitlebens alles wie durch einen Schleier sehen. Zu einer eigenen Wertung über Gut und Böse kommen wir dadurch überhaupt nicht. Das hat man uns schon vorweggenommen.«

»Und man sollte nicht imstande sein, sich diese Brille herunterzureisen und mit eigenen Augen zu sehen?« fragte v. Erdt.

»Das Resultat wäre ein Mensch ohne Vorurteile,« erwiderte der Professor. »Ich glaube nicht, daß es so etwas in unseren Kreisen gibt.«

»Und gäbe es das, was gewiß schon viel wäre,« fuhr Frau Ina fort, »wem wäre damit gedient? Dieser Ausnahmemensch würde sich ja doch nur immer in seinen Kreisen bewegen. Das Leben da, wo es unverfälscht ist, würde er doch nicht kennen lernen.«

»Und wo, meinen Sie, lernt man das unverfälschte Leben am besten und am gründlichsten kennen?« fragte Frau Mira.

»Unten im Volke natürlich,« erwiderte der Professor, »wo die Instinkte frei und ohne gesellschaftliche Rücksichten zum Durchbruch kommen.«

Frau Olga führte ihr Spitzentuch vor den Mund und sagte: »Danke ergebenst! Alle diese Menschen haben einen Odeur an sich, der mich umwirft.«

»Vor allem,« meinte Frau Ina, »ist an dieser Art Menschen nichts zu studieren. Sie sind durch die Tretmühle des täglichen Lebens so abgestumpft, daß sie kaum noch Leidenschaften haben.«

»Aber man liest doch soviel in Romanen und sieht soviel auf der Bühne . . .« brachte Frau Mira etwas zaghaft mit einem Blick auf Wolfgang v. Erdt vor.

»Das ist doch alles Phantasie,« meinte die Baronin, worauf sie ein vernichtender Blick Nelly Brückners traf. »Oder irre ich mich da?« fragte sie höflich.

»Aber sehr!« erklärte Nelly überlegen und bestimmt, sah ängstlich zu ihrem Stiefvater auf, streichelte ihn mit einem zärtlichen Blick und sagte:

»Intuition ist es! Göttliche Intuition!«

»Jedenfalls, und darauf allein kommt es an,« erwiderte Frau Ina, »weit ab von jeder Wirklichkeit. – Um die Wirklichkeit kennen zu lernen,« fuhr sie mit Pathos fort, »dazu bedarf es schon einer gewissen Größe, die von uns, die wir bis da hinauf in gesellschaftlichen Vorurteilen stecken, kaum einer aufbringt.«

»Ich schon!« widersprach Frau Mira. »Wenn Sie mir nur zusichern, daß dies Studium mehr Abwechslung bietet und weniger formal ist als unser gesellschaftliches Leben, das mit der Präzision eines tausend Meter Films abrollt, ohne – genau wie der – je eine Überraschung zu bringen, dann stürze ich mich in dies Studium, selbst auf die Gefahr hin, mich und meinen Mann zu kompromittieren.«

»Es ist ja klar,« sagte Frau Ina, »daß man den nackten Menschen – ich spreche natürlich bildlich – nur kennen lernen kann, wenn man ihn da aufsucht, wo seine Leidenschaften ungehemmt, zügellos, nackt – und jetzt meine ich es wörtlich – zum Ausdruck kommen.«

»Gibt es so einen Ort?« fragte Frau Mira voll Interesse.

»Den gibt es!« erwiderte Frau Ina.

»Nämlich?« fragte Mathilde Brückner, und die gleiche Frage stand auf allen Gesichtern.

»Ich will es Ihnen sagen.« – Sie wandte sich an ihren Mann: »Bitte, Heinz, gieße uns erst einmal allen von dem Chartreuse ein.« – Frau Olga hielt ihre mit Brillanten besäte unschöne Hand über ihr Glas – »auch Ihnen, Frau Herzog – und zwar bis an den Rand.«

»Sie lenken ab,« sagte Nelly, die vor Erregung leichenblaß war und ihre Neugier nicht meistern konnte.

»O nein!« erwiderte Frau Ina. »Ich beuge vor. – Also,« fuhr sie fort und überzeugte sich, daß alle Gläser gefüllt waren, »der einzige Ort, an dem wir das nackte Leben, das heißt, die Menschen so, wie sie sind, kennen lernen können, ist« – sie sah alle der Reihe nach an – ›das Bordell!‹

»Ina!« rief die Baronin entsetzt und war in diesem Augenblicke seltsamer Weise die Einzige, die sich verstellte.

»Nein!« schluchzte Nelly laut und griff wie zum Schutze nach der Hand ihrer Mutter.

»Sie scherzen natürlich,« sagte lächelnd v. Erdt, worauf hin Inas Mann, wie immer, wenn jemand einen Witz erzählte, auch wenn er ihn nicht verstand oder längst kannte, laut anfing, zu lachen.

Nelly sah sich furchtsam nach ihm um, Frau Ina fuhr ihn grob an und sagte:

»Laß das!«

Mathilde Brückner machte ein nachdenkliches Gesicht, kniff die Lippen zusammen, nickte mit dem Kopf und sagte, ohne daß sie jemanden ansah:

»Gewiß! – ich begreife. – Man muß die Menschen aufsuchen, wo sie sich gehen lassen und unbeherrscht sind – und ich kann mir denken, daß sie sich da ihrem Naturzustande am weitesten nähern. – Denn schließlich ist Moral, der zu Liebe sich der Mensch seit Jahrtausenden verstellt und der wir unsere sogenannte Kultur verdanken, ja letzten Endes nichts anderes als eine Vergewaltigung unserer Leidenschaften und somit ein menschlicher Eingriff in die Natur.« – Sie nickte wieder mit dem Kopf und wandte sich dann an Frau Ina. »Ich glaube, Sie haben recht – da ließe sich vieles herausholen – meinst du nicht auch, Wolfgang, daß es sich lohnte, da einmal Studien zu machen.«

Nelly fuhr auf.

»Papa braucht das nicht!« rief sie gekränkt. »Papa schafft von Innen.«

Wolfgang v. Erdt zog die Stirn in Falten und meinte:

»Darum kann man sich doch befruchten lassen.«

»Aber,« wandte der Professor ein, »ist die Art der Betätigung in derartigen . . . Instituten nicht ziemlich ungeistig und gleichartig?«

»O nein!« widersprach Frau Mira, die mit leuchtenden Augen dasaß und aufmerksam jedem Worte folgte: »Haben Sie denn nie etwas von dem Marquis de Sade und Retif de la Brétonne gehört?«

Der Professor lächelte und sagte:

»Gewiß! Aber wenn ich recht verstanden habe, so handelt es sich hier doch um seelische Konflikte und nicht um gymnastische Möglichkeiten.«

»Gerade die seelischen Konflikte,« erwiderte Mathilde Brückner, in der Frau Ina ganz unerwartet einen leidenschaftlichen Helfer fand, »wird man nirgends besser als gerade dort studieren.«

»Doch aber nur die weiblichen,« wandte der Professor ein.

»O nein!« widersprach Mathilde. »Wenn man die Psyche des Mannes nur einigermaßen versteht – nirgends wird er sich ungezwungener geben als hier. Und gerade weil er an solchem Ort am wenigsten Verständnis erwartet, wird er, in seiner Überraschung, es zu finden, wie ein Kind sein.«

Der Professor nickte und sagte:

»Das leuchtet mir ein. Aber was ich noch nicht verstehe: als was dachten die Damen denn in dem . . . Institut zu fungieren?«

»Das ist doch klar!« platzte Frau Mira heraus.

Eine peinliche Pause entstand. Nach einer Weile sagte Frau Ina:

»Ihre Frage ist durchaus berechtigt, Herr Professor. Denn, geben wir wahrheitsgemäß Studium als Grund an, so laufen wir in dieser heuchlerischen Welt Gefahr, falsch verstanden und kritisiert zu werden.«

»Die Befürchtung habe auch ich,« sagte Frau Olga. »Wie wäre es, wenn man ganz zeitgemäß mit diesem Studium eine soziale Absicht verbände?«

»Selbstredend!« fing Frau Ina den Gedanken auf und tat, als wenn sie ihn von Anfang an gehabt hätte. – »Wir wollen, was wir sehen und erfahren, praktisch verwerten. Dadurch, daß man von Zeit zu Zeit einen Händler oder Verführer zur Strecke bringt, kommt man dem Übel nicht bei. Man muß sich selbst überwinden und sich den Gefallenen persönlich zuwenden; man muß ihr Vertrauen gewinnen und aus ihrer Seelenverfassung und aus ihrer Lebensgeschichte das lernen, was man wissen muß, um die Bedrängten und Gefährdeten draußen vor dem gleichen Schicksal zu bewahren.«

»Ich glaube,« stimmte Frau Olga bei, »daß dies ein sehr ersprießlicher Zweck wäre, der uns auch vor übler Nachrede schützt.«

»Und wer weiß,« meinte Mathilde Brückner, »ob es uns auf die Weise nicht auch gelingt, die Eine oder die Andre wieder dem Leben zuzuführen.«

»Das Programm ließe sich dahin erweitern,« sagte der Professor, »daß man auch auf die männlichen Besucher einzuwirken sucht. Wenn man es geschickt anstellt, läßt sich auf die Art mancher Ehebruch verhindern.«

»Entsetzlich!« rief Frau Mira. »Ich hoffte, man bekäme mal etwas freiere Luft zu atmen. Aber unter Ihren Händen wird selbst das Bordell zu einer moralischen Anstalt.«

»Ausgezeichnet!« sagte Frau Ina. »Sie haben das befreiende Wort gesprochen: Das Bordell als moralische Anstalt. Halten wir an dieser Bezeichnung fest! Der Gedanke, den wir Frau Herzog verdanken, ist so kostbar, daß ich die Gründung auf der Stelle vornehmen möchte.«

»Unter welcher Rubrik?« fragte der Professor, und Frau Ina erwiderte:

»Natürlich unter der Rubrik: Wohlfahrtsverein.«

»Und wir,« sagte Wolfgang v. Erdt, »bilden den Ehrenausschuß.«

Das entsprach ganz den Intentionen Frau Inas.

»Fehlt nur noch die Anstalt selbst,« sagte Frau Olga.

»Natürlich dürfen wir keine neue gründen, sondern müssen eine bestehende übernehmen,« meinte Frau Ina, »da wir uns sonst mit unseren eigenen Waffen schlagen.«

»Aber das ist doch klar,« stimmte Mathilde Brückner zu.

»Ich glaube, einen solchen Ehrenausschuß wird sich gern jedes Institut dieser Art gefallen lassen,« sagte Wolfgang v. Erdt. »Es ist entschieden etwas Neues.«

»Und wird,« erwiderte die Baronin, »Sie werden sehen, sehr bald Nachahmung finden. Die Wohltätigkeit sucht längst ein neues Feld der Betätigung. Säuglings-, Armen-, Alters- und Genesungsheime haben abgewirtschaftet und ziehen nicht mehr. Die Leute, die ihr Geld für solche Dinge hinauswerfen, wollen auch einmal Abwechslung haben.«

»Wirken wir außerdem also bahnbrechend,« sagte Frau Olga, die sich aus Gründen, die selbst Frau Ina nicht verriet, immer mehr für das Projekt erwärmte.

»Und die Auswahl,« versicherte Frau Ina, »können wir getrost meinem Manne überlassen.«

»Mir?« fragte der und sah ganz entgeistert seine Frau an.

»Ja, dir!« wiederholte die nur um so bestimmter.

»Ich bin, so lange ich lebe, nicht ein einziges Mal . . .«

»Laß nur!« fiel sie ihm ins Wort und wandte sich wieder an die Anderen. »Wir können uns auf ihn verlassen. Und ich hoffe, Ihnen sehr bald mitteilen zu können, daß die Voraussetzungen erfüllt sind.

Ihr Mann, der völlig ahnungslos war, wagte nicht mehr, zu widersprechen. Alle sahen ihn an und dachten: das hätten wir ihm garnicht zugetraut. Aber der Blick der Baronin, an die sie sich fragend wandten, sagte: ach! wenn Sie wüßten! er ist noch viel schlimmer.

Jetzt nahm die Baronin wahr, daß Nellys Augen voller Tränen standen.

»Oh!« sagte sie teilnahmsvoll. »Haben unsere Reden Sie gekränkt? – Nun ja, mein Kind, Sie sind noch zu jung, um den Kern der Sache, der durchaus moralisch ist, zu erfassen. Sie stößt das Äußere ab. Verschönen sie es, in dem Sie es auf ein höheres Niveau heben. Tragen Sie die Kunst hinein, die alles veredelt. Sorgen Sie dafür, daß diese moralische Anstalt zugleich ein Muster des guten Geschmacks wird. Betätigen Sie sich auf diese Weise. Sie werden der Sache damit einen großen Dienst erweisen. Erlaubt ist, was gefällt. Beweisen Sie, daß der Aufenthalt in einem Bordell unter Umständen stärkere ästhetische Wirkung ausübt als der Aufenthalt in einer Kirche mit schlechtem Meßgerät.«

Nelly biß die Lippen aufeinander und erwiderte kein Wort. Frau Olga war aufgestanden und legte den Arm um sie:

»Sie sind vom Leben noch unberührt.«

Das wäre verständlich gewesen, wenn sie statt: vom Leben: gesagt hätte: vom Manne: Denn das meinte sie.

Auch die Anderen erhoben sich. Frau Olga rief dem Papagei, der in tiefen Gedanken auf einer Truhe saß, einen inartikulierten Laut zu, auf den hin er sich auf den von Max Herzog bereit gehaltenen silbernen Stab setzte und schrill rief:

»Schlagt den Juden tot!«

Wolfgang v. Erdt hatte, was nur Nelly sah, tiefe Falten in der Stirn und steckte sich, ehe er ging, noch eine Zigarre an. Mathilde Brückner seufzte, als sie der Baronin die Hand reichte und sagte:

»Die Ärmsten! selbst wenn wir ihnen helfen können, was besagt es schon. Es wird im besten Falle doch nur ein Tropfen auf einen hohlen Stein sein.«

»Jeder muß tun, was in seiner Macht steht,« erwiderte die Baronin, und Frau Ina setzte eine feierliche Miene auf und sagte:

»Vor allem sollen wir Gutes tun um des Guten willen. Dann trägt es auch Früchte.«

»Wie gut Sie sind!« sagte Mathilde gerührt und drückte ihr innig die Hand. –

Der Rittmeister begleitete die Gäste hinaus.

Als sie draußen waren, sahen die Baronin und Frau Ina sich an und lachten.

»Hätte ich, um mich zu halten, ein stubenreines Pensionat für alte Jungfern oder junge Mädchen errichtet,« sagte Frau Ina, »so wäre ich deklassiert und gesellschaftlich erledigt; nun, wo ich ein Bordell eröffne, wird man mich bewundern und sich um mich reißen.«

»Wenn es allen so eingeht, wie ihnen,« erwiderte die Baronin und wies auf den Flur, in dem noch immer die Gäste standen und sich unterhielten.

»Das laß meine Sorge sein. Worauf es jetzt ankommt, ist, daß es mir gelingt, diesem Katz das Geschäft zu entreißen.

Die Baronin erschrak.

»Du willst doch nicht etwa . . .?«

»Doch, Mama! – Dieser Katz kompromittiert das ganze Unternehmen. – Und dann: was hat es für einen Sinn, zu teilen, nun, wo wir nichts mehr zu verbergen haben.«

Der Rittmeister kam in den Salon zurück. Er schien erregt, wenigstens, soweit er dazu imstande war.

»Willst du mir nun erklären, Ina, was alles das bedeutet?« fragte er weniger zaghaft als sonst.

Frau Ina schüttelte den Kopf und sagte:

»Nein! – Wozu? Du würdest es doch nicht verstehen.«

»Aber du sagtest doch, daß ich die Auswahl treffen soll.«

»Das fehlte noch!« mischte sich die Baronin in das Gespräch.

Frau Ina gab ihm einen Klaps auf die Backe und sagte: »Nein! du wirst an die Kette gelegt; verstehst du? als Wachhund. Und dann auch aus Vorsicht – damit du nicht etwa auf dumme Gedanken kommst.

Das heißt: einmal, da mache ich dich vielleicht los und gebe dir freie Fahrt. Aber sei vorsichtig, mein Junge! daß ich dich nicht ertappe. Auf Ehebruch steht Scheidung.«

Strahlend sah der Rittmeister zu ihr auf:

»Ich schwöre . .« begann er und erhob die Hand.

»Ich weiß! ich weiß!« wehrte sie ab. »Und vorläufig kann auch noch keine Rede davon sein.«

Er griff nach ihrer Hand; sie zog sie zurück.

»Darf ich heute zu dir kommen?« fragte er zaghaft.

»Wie abgeschmackt,« sagte die Baronin, die am Fenster stand und den Gästen nachsah. »In meiner Gegenwart!«

»Ich bin leider nie allein mit Ina,« gab er zur Antwort.

»Soll das ein Vorwurf sein?« fragte die Baronin, und Ina schalt ihn:

»Du beleidigst Mama!«

Er trat auf die Baronin zu, küßte ihr die Hand und bat um Entschuldigung. Dann sagte er gute Nacht. An der Tür blieb er stehen.

»Worauf wartest du?« fragte Frau Ina.

»Ina!« bettelte er.

»Quäl' mich nicht!« gab sie zur Antwort.

»Gestern waren es drei ein halb Jahre, daß wir zum letzten Male . . .«

Ina trampfte mit dem Fuß auf.

»Schweig!« befahl sie ihm.

»Tyrann!« schalt die Baronin.

Er wandte den Kopf, sagte:

»Verzeih!« und ging.


* * *

Am Gartentor der Villa trennten sich die Gäste.

Frau Mathilde Brückner hing am Arm ihres Mannes.

»Diese Frau Ina hat Gemüt und Geist,« sagte sie. »Das findet man selten bei einander.«

»Schweig' Mama!« forderte Nelly mit Tränen in der Stimme. »Es ist Nordwind.« – Und sie klappte den Kragen ihrer Mutter hoch.

»Gutes Kind!« dachte Mathilde, aber Nelly's Gedanken waren bei Wolfgang v. Erdt. Wie sollte der in Ruhe und ohne Rücksicht auf äußeren Erfolg schaffen, wenn die Stimme der Mutter Schaden nahm.

Wolfgang v. Erdt fand Nellys Tränen, so lange man bei Mertens war, angesichts der zum mindesten nicht alltäglichen Unterhaltung klug, angebracht und schicklich. Aber weshalb sie auch jetzt noch schluchzte, wo sie unter sich waren, begriff er nicht. Ihm brauchte sie doch nichts vorzumachen. Und daß sie sich für die Mutter bemühte, war höchst unwahrscheinlich.

»Was hast du denn?« fuhr er sie an, da sie sich gar nicht beruhigte.

»Furcht, daß du dich verplemperst!« stieß sie wie befreit hervor.

»Laß nur!« beruhigte er sie und legte den freien Arm um ihre Taille. »Ich weiß schon, was ich tu.«

»Was denn?« fragte sie zaghaft.

»Ich mache uns unabhängig.«

»Wen?« fragte sie und sah zu ihm auf.

Er gab keine Antwort, drückte sie an sich; sie verstand ihn.

»Liebster!« las er von ihren Lippen.

»Bemüh dich nicht, Wolf«, wollte Mathilde sagen. »Für uns sorge ich.«

Aber des Nordwinds wegen schwieg sie.


* * *

»Halt die Stange gerade!« befahl Frau Olga ihrem Manne nicht eben freundlich, als sie die Allee, die der Mertens'schen Villa gegenüberlag, entlang gingen. Und der Papagei kreischte wie immer, wenn Olga ihren Mann schalt:

»Schlagt den Juden tot!«

Max Herzog führte den Befehl aus.

Sie gingen schweigend nebeneinander her, aber in Beiden lebte noch die Erregung über die Vorgänge in der Mertens'schen Villa. Nach einer Weile sagte Frau Olga:

»Ich hatte schon lange das Gefühl: bei den Leuten stimmt was nicht. Wenn sie mit dem Grafen durchgegangen oder sonst auf rätselhafte Weise verschwunden wäre – nichts hätte mich überrascht. Aber diese Bordellgeschichte geht mir nicht ein.«

»Glaubst du wirklich,« fragte Max Herzog, »daß dieser Mertens Verbindungen zu anrüchigen Häusern hat?«

»Esel!« schalt ihn Frau Olga, und der Papagei kreischte in den Park hinein:

»Schlagt den Juden tot!«

»Ich habe geglaubt, er ist seiner Frau treu?«

»Ist er auch!« bestätigte Frau Olga. »Du kannst dich darauf verlassen, daß er so wenig Ahnung von einem Bordell hat wie du.«

»Ja, wenn er doch aber eins ausfindig machen soll.«

Nur mit Rücksicht auf den Papagei, der mit schiefem Kopf dem Gespräch folgte, unterdrückte Frau Olga diesmal das Wort »Esel«, das ihr auf den Lippen lag. Statt dessen hängte sie sich in den Arm ihres Mannes und sagte:

»Schäfchen,« was für den Papagei keinen Anlaß gab, sich zu echauffieren. »Das Bordell, das sie uns aufgeredet hat, ist längst da. Niemand braucht es zu suchen.«

»Ja, was will sie damit?«

»Das wüßte ich auch gern.«

»Und du hast allen Ernstes die Absicht, da mitzutun?«

»Stört es dich?« fragte sie gereizt.

»Du wirst schon wissen, was du tust.«

»Verlaß dich drauf, das weiß ich. Und wenn es keinen anderen Zweck hat, als deine Brüder zu kompromittieren, dann hat es sich auch gelohnt. Jeder, der unseren Namen hört, fragt: Sind Sie verwandt mit dem Bankhaus Herzog? – Was meinst du, wenn das Bordell Herzog internationale Berühmtheit erlangt und man denkt beim Nennen unseres Namens nicht mehr an das Bankhaus, sondern an das Bordell Herzog, wie das mit einem Schlage das gesellschaftliche Niveau deiner Brüder drückt.«

»Sie werden es leugnen.«

»Aber wir werden für Verbreitung sorgen.«

»Sie werden uns die Rente entziehen.«

»Wir werden uns das Zehnfache damit verdienen. Und wenn ich es geschickt anstelle, dann werde ich mir mit Hilfe dieses Bordells meine gesellschaftliche Position zurückerobern.«

»Aber ein Bordell ist doch etwas Anrüchiges.«

Auf eine Bewegung Frau Olgas hin kreischte der Papagei:

»Quatsch nicht.«

»Das Tier ist klüger als du,« sagte sie und hing, während er nur daran dachte, daß er den Stab gerade hielt, ihren Gedanken nach.


* * *

»Nett benommen hast du dich wieder,« sagte Doktor Rießer auf dem Heimwege zu seiner Frau.

»Deine Schuld,« erwiderte die.

»Die Geilheit sprang dir nur so aus den Augen.«

»Deine Schuld.«

»Glaubst du, die Frauen haben es nicht bemerkt?«

Mir höchst gleichgültig.«

»Was hälst du von dem Gedanken?«

»Welchem?«

»Na, der heute Nachmittag so ausgiebig ventiliert wurde – verrückt was?«

»Was ist nicht verrückt?«

»Da hast du recht.«

»Glaubst du, daß daraus etwas wird?«

»Ich hoffe es.«

»Warum?«

»Aus dem gleichen Grunde wie du.«

»Du meinst . . .?«

»Natürlich!«

»Das wäre ja unter Umständen dann eine Lösung.«

»Erlösung!« verbesserte Mira.

»Wir würden dann gewiß besser miteinander leben.«

»Wenn du dort findest, was du brauchst.«

»Dafür könnte man sorgen.«

»Das nehme ich an.«

»Und du?«

»Ich ebenfalls.«

»Ohne dich und mich zu kompromittieren.«

»Ich hoffe.«

»Wir würden dann endlich einmal zur Ruhe kommen.«

»Zeit ist es.«

»Daß wir nie von selbst auf den Gedanken kamen.«

»Sonderbar!«

»Heute zum Beispiel – an einem Abend wie diesem. . .« Er faßte sie unter den Arm. »Wo wir uns in allem Anderen doch so gut verstehen; und du eine so kluge Frau bist.«

»Wenn wir erst älter sind, fällt alles das ja von selbst fort.«

»Dann wird nichts Trennendes mehr zwischen uns stehn.«

»Ich freu' mich drauf.«

»Komm', trinken wir eine Flasche Pommery!«

Sie gingen in das nächste Restaurant, tranken erst eine, dann eine zweite Flasche; und als er ihr zwei Stunden später in den Mantel half, sagte sie:

»Einen so netten Abend haben wir schon lange nicht mehr miteinander verlebt.«

»Das wird nun bald immer so sein,« erwiderte er.


* * *

Der Professor stülpte sich den Hut schief auf den Kopf, schob den Stock mit der Elfenbeinkrücke unter den Arm und ging in vergnügtester Stimmung auf einem Umweg seinem Hause zu.

Er liebte diese Art von Besuchen, nach denen er seine Freiheit um so wohltuender empfand. Und vor sich hin summte er:

		Seu maestus omni tempore vixeris
		Seu te in remoto gramine per dies
		Festos reclinatum bearis
		Interiore nota Falerni.




Zweites Kapitel

Die Neuf d'or


Schon am nächsten Morgen rief Katz bei Frau Ina an und fragte, wann er mit dem Verkäufer, »um den Kaufvertrag zu fertigen«, mit herankommen könne.

»Ja, was glauben Sie?« erwiderte Frau Ina, »ich werde doch nicht die Katze im Sack kaufen.«

»Sie wollten . . .?« fragte der verblüfft.

»Mir das Institut vorher ansehen.«

»Ja, Sie scheinen nicht zu wissen . . .«

»Ich weiß genau.«

»Wenn sich das herumspricht.«

»Um so besser.«

»Aber Ihr Renommee.«

Ina lachte laut in den Apparat.

»Hören Sie auf«, rief sie. »Sie als Hüter meines Renommés! Das wirkt auf mich geradezu komisch.«

»Ich habe mir stets Mühe gegeben . . .«

»Ich weiß! ich weiß!« fiel sie ihm ins Wort. »Sie haben sich stets bemüht, taktvoll zu sein. Aber Sie haben dies selbstverständliche Bemühen, das für Sie etwas Ungewöhnliches war, stets so laut betont, daß das allein schon taktlos wirkte. – Wann also kann ich die Besichtigung vornehmen?«

Katz brabbelte irgend etwas Unverständliches und sagte:

»Wann es Ihnen paßt; das heißt, natürlich nicht zur Besuchszeit. Am besten so um Mittag herum, falls Sie, was ich gar nicht begreife, wirklich die Absicht haben.«

»Und wo ist das?«

Katz nannte Straße und Hausnummer und fragte: »Ja, ist das denn Ihr Ernst?«

Statt einer Antwort erwiderte Ina:

»Sagen Sie dann den Leuten, daß ich um zwei Uhr mit meinem Manne und meiner Mutter, der Baronin, sein Institut besichtigen werde.«

Katz prallte von dem Apparat zurück.

»Ja . . . mir . . . scheint . .« sagte er und stieß jedes Wort wie abgehackt hervor, »daß . . . da ein . . . Mißverständnis . . . vorliegt. Ich sprach von dem . . .«

»Bordell!« fiel Ina ihm ins Wort. »Ich weiß! Um zwei Uhr also! Ich bitte Sie, auch dort zu sein.«

Und ohne eine Antwort abzuwarten, hing sie an. –

Eine Stunde später ritt sie mit dem Grafen Scheeler, der auf dem Schimmel ihres Mannes saß, auf dem Hippodrom spazieren.

»Ist das nicht wohltuend, so ein Morgen?« fragte Ina.

»Du hast mich bald so weit, daß ich die Erniedrigung nicht mehr empfinde«, erwiderte er.

»Du verdrehst die Dinge. Du siehst schief. Ich bin die letzte, die wünscht, daß du deinem Stolz etwas vergibst. Schon aus Egoismus. Denn dein Stolz ist das Einzige, woran ich mich aufrichte.«

»Es ist und bleibt eine Erniedrigung.«

»Das ist Wahnsinn. Mein Mann fühlt sich dadurch geehrt. Er hat ausdrücklich befohlen, daß man dir den neuen Sattel auflegt. Er selbst schont ihn.«

»Trottel!« sagte der Graf halblaut vor sich hin. Ina lächelte, gab dem Pferd die Schenkel und rief dem Grafen zu:

»Galopp!«

»Unhaltbar auf die Dauer!« sagte der Graf, ohne sich an Ina zu wenden. Und dann wiederholte er laut: »Trottel!«

»Warum beschimpfst du meinen Mann?« fragte Ina. »Er ist so harmlos – und bequem.«

»Mich beschimpf' ich!« erwiderte der Graf. Und wütend wiederholte er: »Mich! mich! mich!«

»Willst du nicht Rechtsgalopp reiten?« fragte Ina, warf Kopf und Oberkörper zurück, ohne daß ihr Pferd die Gangart änderte, und sagte: »Gott, ist das schön, so ein Morgen!«

»Reize mich nicht!« sagte er zornig und biß die Zähne aufeinander.

»Liebst du mich denn nicht mehr?«

»Wenn du ein junges Mädchen wärst, würde ich dein Benehmen begreifen. Aber so – eine verheiratete Frau in deinen Jahren . . .«

»O, wie unhöflich!«

»Weil ich deine erste Liebe bin, gestaltest du unser Verhältnis zu einer Backfisch- und Gymnasiastenangelegenheit. Das mag für dich seine Reize haben. Und an sich gönn' ich dir diesen Liebesfrühling gewiß, wenn nur ich nicht der Leidtragende wäre. Ich war, selbst als ich noch kurze Hosen trug, in Liebesdingen immer mehr sachlich als lyrisch.«

»Nennst du das lyrisch, wenn man sich an einem solchen Morgen auf einem Spazierritt an der Seite eines Mannes, den man liebt, glücklich fühlt?«

»Verdammt!« brummte der Graf so leise vor sich hin, daß selbst Ina, die ihn scharf beobachtete, es nicht hörte. Und in dem Gefühl, daß sie, in der Dialektik ihm überlegen, ihm wieder entwich, entglitt ihm, der nicht gewöhnt war, sich zu beherrschen, das Wort: »Aalglatt«.

Ina, die sich mehr in der Gewalt hatte, tat, als überhörte sie es. Aber sie empfand, wie schon so häufig, daß es ihm nur darauf ankam, sie zu besitzen.

»Furcht kann es doch nicht sein«, sagte er hart. »Denn wovor solltest du dich fürchten? Ich habe in der Liebe Verständnis für alles; das Wort pervers existiert für mich nicht. Aber auf dich da paßt es; denn eine leidenschaftliche Frau, die sich aus irgend einer Aversion ihrem Manne versagt und einen Kerl liebt wie mich, der in der Liebe kein Egoist, dessen Leidenschaft vielmehr, ich sage es ganz offen, die genießende Frau ist, der außerdem nicht der erste Beste, sondern ein Edelmann ist, in dessen Adern das Blut französischer Könige und eines der ältesten deutschen Fürstengeschlechter fließt, zum Teufel ja!« brauste er auf, »eine Frau mit Gefühl, die von einem solchen Manne geliebt wird und sich ihm nicht geradezu an den Hals schmeißt, die nenne ich, nimm's mir nicht übel, pervers.«

Ina senkte den Kopf; sie quälte sich ein paar Tränen in die Augen, ließ die Zügel locker; ihr Pferd fiel in Trab.

Der Graf, der alles sah, sagte:

»Aber, wie alle Frauen – die Wahrheit verträgst du nicht.«

»Ich will dir mehr geben – als nur mich«, sagte sie schluchzend.

Er tat erstaunt und wiederholte fragend: »Mehr?«

Und sie erwiderte: »Dein standesgemäßes Leben.«

»Einen Thron?« fragte er spöttisch. »Die Konjunktur dafür ist die denkbar schlechteste.«

»Du sollst erst mal deine Freiheit wieder haben. – Niemandem verpflichtet sein. – Standesgemäß leben.«

»Eine Million zweimal hundertfünfundsiebzigtausend Mark«, sagte der Graf monoton wie ein Sprechapparat. Und mit belegter Stimme fuhr er fort: »Du kennst die Summe, denn du zahlst die Zin. . .«

»Laß das !« wehrte sie ab. »Ich will, daß du frei davon wirst.«

»Dazu bedarf es nur eines telephonischen Anrufs.«

Sie sah ihn erstaunt an.

»Eines telephonischen Anrufs?« fragte sie. Wo sie sich seit Monaten damit quälte und den Kopf zermarterte.

»Nun ja« erwiderte er mit der gleichgültigsten Miene von der Welt. »Ich brauche dieser Person, die mir nachstellt, nur zu telephonieren, daß ich bereit bin, eine der fünf mir offerierten Millionärstöchter zu ehelichen – und ich bin die Last los.«

»Du tauschst sie mit einer anderen, schwereren«, drang Ina lebhaft auf ihn ein. »Du gibst dich auf.«

»Das habe ich längst getan«, erwiderte er. »Was mich noch hält, bist du.«

»Du wirst dich nicht verkaufen!«

»Sondern?« fragte er und sah sie an.

»Ich mach' dich frei.«

»Das kannst du nicht!«

»Ich bin dabei. Ich habe einen Weg gefunden.«

Der Graf lächelte.

»Worüber lachst du?« fragte Ina; und er wiederholte tonlos und mechanisch; es hörte sich an, als spräche ein Apparat:

»Eine Million zweimal hundertfünfundsiebzigtausend Mark.«

»Ich kenn' die Summe.«

»Und die wolltest du . . .« – Verzeih', aber das ist doch wohl nur ein Scherz?«

»Vielleicht in ein paar Wochen schon – bestimmt aber in drei, vier Monaten.«

»Und dein Mann?«

»Mein Mann hat nichts damit zu tun.«

»Du läßt dich scheiden . . .«

»Möglich.«

»Und heiratest einen . . .«

»I Gott bewahre!«

»Du verkaufst deine Sammlung.«

»Die ist keine Fünfmalhunderttausend wert – und außerdem verpfändet!«

»Wa . . .?« – Der Graf war platt. »Ver . . .ver . . . pfändet? – Deine Sammlung? . . . ja . . . wie . . . erklärst . . . du . . . das?«

»Sehr einfach; für deine Zinsen.«

»Das hast du . . . für mich . . .?«

»Was ist dabei? Irgendwie mußten sie doch bezahlt werden.«

»Dann seid ihr also gar nicht . . .?«

»Was?« fragt Ina.

»Ich glaubte, ihr hättet ein großes Vermögen.«

»Wir haben Schulden – genau wie du. Wenn auch nur etwa den zehnten Teil. – Wir müssen herauskommen, genau wie du. Sonst sind wir aufgeschmissen.«

»Ja – wie fängst du das an?«

»Ich eröffne ein Bordell.«

»Wie?« fragte der Graf kurz – sein Pferd stand wie eine Mauer – und das Monokel, mit dem er schlafen und über Hürden ging, fiel ihm aus dem Auge.

»Und zwar noch heute.«

Der Graf glotzte sie an und sagte:

»Bor. . .«

Mehr brachte er nicht heraus.

». . . dell!« vervollständigte Ina. »Du wirst doch wissen, was ein Bordell ist.«

»Gewiß! das weiß ich. – Aber eben darum . . .«

»Du wirst dich auch daran beteiligen«, sagte sie bestimmt.

»Ich . . . mich? – an dem Bordell? – erlaub' mal! – Nee! da heirate ich lieber eine Jüdin!«

»Das tust du nicht!«

»Für 'n Besuch, dazu könnte ich mich, vorausgesetzt, daß ich unter Alkohol stehe, dir zu Liebe mal entschließen, das heißt: passiv; anders nich.«

»Du verstehst nicht, um was es sich handelt.«

»Nee – allerdings – das geb' ich zu.«

Sie griff in die Tasche und reichte ihm einen Bogen; er nahm ihn und las:


Das Bordell


eine moralische Anstalt


Eingetragener Verein


zur


Bekämpfung der Unsittlichkeit


und des Mädchenhandels


Ehrenausschuß:

Und nun folgte eine Reihe von Namen, darunter auch der Inas, der Baronin und des Grafen.

Als Graf Scheeler mit einem Gesicht, das nicht gerade schlau war, den Bogen gelesen hatte, fragte Ina:

»Einverstanden?«

Der Graf sah von dem Bogen auf, sie an und fragte:

»Zweck?«

»Gemeinsame Schuldentilgung und Vermögensgründung – auf wohltätiger Grundlage.«

»Du meinst . . .?« – ihm dämmerte etwas ganz fern; aber er erkannte noch nicht einmal die Konturen. Nur dies Selbstbewußte Inas und ihre Sicherheit ließ ihn glauben – ja mehr: überzeugte ihn.

»Das alles könnte ich dir verschweigen und nach Verlauf einiger Wochen oder Monate mit der fertigen Tatsache vor dich hintreten. Das wäre vielleicht wirksamer; und für das, was ich will, jedenfalls praktischer. Aber ich will dich mir nicht zu Dank verpflichten. Durch das Prestige deines Namens hilfst du mit, hebst und sicherst das Ganze, das ja immerhin ein Wagnis bleibt.«

»Zweck?« wiederholte der Graf, in dessen Unterbewußtsein, ohne daß er sich recht klar darüber wurde, langsam eine Ahnung aufstieg. Und ohne Mittlung des Verstandes, rein gefühlsmäßig, stieß er halb unbewußt hervor:

»Was dann?«

Ina stutzte einen Augenblick. Sie, die alles bedachte, hatte die Frage nicht erwartet. Sie konnte ablenken, ausweichen, irgend etwas Gleichgültiges erwidern. Sie überlegte einen Augenblick und tat von alledem nichts.

Sie schob ihr Pferd dicht an das des Grafen heran, beugte sich zu ihm, lehnte sich an seinen Arm, sah ihn zärtlich an und sagte mit vor Erregung zitternder Stimme:

»Dann, Ralf, bin ich dein – für immer.«

Der Graf dachte über die Worte nicht nach. Auf ihn wirkte der Tonfall der Stimme, ihr heißer Atem und der Duft ihres Körpers.

»Ich muß mich beherrschen,« sagte er, »daß ich dich nicht an mich reiße.«

Da sagte es Ina zum ersten Male gerade heraus:

»Erst muß ich deine Frau sein.«

Und er, nur von dem Gefühl beherrscht, diese Frau, die ihn seit Monaten hinhielt und erregte, endlich zu besitzen, erwiderte nur:

»Und dein Mann?«

»Den werde ich los,« erwiderte sie, »dir zuliebe.«

»Bald!« bettelte er.

»Aber ja!« versprach sie mit freudiger Stimme. »Nun, wo ich deine Braut bin.«

Und dem Grafen, der nicht schnell genug gefolgt war, wurde klar, daß er nun verlobt war.


* * *

Für zwei Uhr waren Ina und Katz in dem Institut verabredet.

Der Zufall oder eine Panne oder sonst irgendein Hindernis oder eine Abhaltung wollte es, daß Katz sich verspätete. Zwar hatte er dem alten Löschner telephonisch den Besuch angekündigt, und der wieder hatte für die nötige Bereitschaft des Hauses gesorgt. Seine Frau, Emilie Löschner, hatte sich von einer ihrer Schutzbefohlenen sogar ein paar Stunden früher als sonst frisieren lassen und ihr schwarzseidenes, tief dekolletiertes Abendkleid angezogen, das in der Helle des Junitages ebenso abscheulich wirkte wie die Schminke und der Puder, die sie den ungewohnten Gästen zur Ehre in doppelten Mengen auflegte. Wie denn überhaupt jede Anordnung, die sie in Erwartung Frau Inas traf, eine der Absicht entgegengesetzte Wirkung übte. Das ganze Haus setzte sie unter Moschus, mit dem sie sonst geizte. Vasen mit verstaubten künstlichen Blumen, die kaum des Abends echt wirkten, stellte sie auf Tische und Schränke. Minderwertige Felle undefinierbarer Provenienz, die sie verschlossen hielt und nur bei Besuchen beliebter Gäste hervorholte, breitete sie über Wände, Stühle und Chaiselongues. Kitschigen Nippes stellte sie auf die kleinen Tische und Wandbretter, auf denen sonst Krüge und Gläser standen. Der Gedanke, all diese Dinger abzustauben, kam ihr nicht. Und so entstand jener ekle, atembenehmende Dunst, den die Vereinigung von Staub und Moschus erzeugt. Auch ihre Schutzbefohlenen, die sich in ihren Morgenkleidern zum Teil recht nett ausnahmen, wurden mitten am Tage in dekolletierte, schwere Sammet- und Seidenkleider gesteckt, jene erste Garnituren, die Frau Löschner nur bei ganz besonderen Gelegenheiten herausgab. Dann behängte sie jede Einzelne noch mit Riesenstücken unechten Schmuckes und spritzte sie mit einer Flüssigkeit an, die sie Lodespansch nannte. Und als eine der Schutzbefohlenen sich anschickte, die lange Schleppe ihres völlig verstaubten Sammetkleides abzubürsten, fuhr sie sie an:

»Schwein! schon' den Sammet und ruinier' mir nicht meine Garderobe!«

Die Mädchen fühlten sich in den Kleidern, an die sie nicht gewöhnt waren, sehr unbehaglich. Eine Weißgepuderte, der die Schwindsucht im Gesicht, vor allem in den flimmernden Augen stand, brach fast unter der Last zusammen.

»Die feift ja man so schon auf ›es letzte Loch‹«, meinte eine andere. »Noch vier Wochen in des Tempo und se steht nich mehr auf.«

»So schont sie doch!« forderte eine andere. »Wir können es schon richten, daß sie weniger rankommt.«

»Marianne ist eben begehrt, weil sie nicht so frech und vorlaut ist«, sagte die Alte.

»Für die werden Sie schwer einen Ersatz finden«, meinte eine dritte. Und wieder eine andere sagte:

»Er muß gefunden werden. Ohne sie können wir's nicht machen. Die gegenüber haben denselben Besuch und sind achtzehn; wir nur acht.«

Die Alte fing an, laut zu jammern:

»So ein Pech! Hab ich schon mal ein nettes Mädchen, stirbt's mir an der Schwindsucht. Da bleiben mir dann wieder drei der besten Kunden weg.«

»Vielleicht, daß ich den Winter doch noch überlebe«, tröstete die blasse, schwarze Marianne, die den Körper eines Knaben und den Blick eines Rehes hatte und sich in den Hüften wiegte, wenn sie ging, die Alte.

»Du wirst sehen, du stirbst«, erwiderte die. »Bei meinem Pech!«

Die dunkle, um Jahre ältere Änne, die zuvor für Schonung plaidiert hatte, trat an Marianne heran, legte ihren Arm um sie und flüsterte ihr zu:

»Du wirst nicht sterben, Marianne. Mein Doktor wird für dich sorgen. Ich habe schon mit ihm gesprochen. Er tut's mir zuliebe. – Ich tue ihm leid.«

»Du – tust – ihm – leid?« fragte Marianne und sah erstaunt die ältere Freundin an. »Du hast es doch von uns allen am besten.«

»Ich nähme dir die Krankheit gleich ab, wenn ich wüßte, ich bin morgen tot«, erwiderte Änne.

»Sie ist auch erst siebzehn«, sagte eine Dritte und wies auf Marianne.

Eine schlanke Blondine, die Frau Löschner in hellrote Seide gesteckt und dadurch noch ausdrucksloser gemacht hatte, hielt sich die Ohren zu, trampfte mit den Füßen und rief:

»Hört auf! ich werde verrückt! Wir sind hier im Freuden- und nicht im Leichenhaus. Wir werden ohnedies alle früh genug krepieren.«

»Bei dem Leben!« seufzte eine Rotblonde, und Änne sagte aus tiefer Überzeugung:

»Hoffentlich!«

Die Blonde in dem hellrosa Kleid sprang auf und schrie: »Nein! nein! Ich fürchte mich vor dem Tod! Ich will nicht sterben.«

»Macht mir die Lona nicht verrückt!« befahl die Alte. »Bis der alte Geheimrat auf Reisen geht, muß sie auf dem Posten sein.«

»Nachher kannst du von ihr aus verrecken«, sagte die Rotblonde.

»Vorlautes Frauenzimmer!« schalt die Alte. »Wer sorgt denn für euch? Ich! Ohne mich säßt ihr irgendwo im Dreck. Und wenn ihr draußen verreckt, so kommt ihr in einen Armensarg. Frag' doch die Motte« – und dabei wandte sie sich an ein sehr zierliches, hübsches Persönchen – »wie ich ihre Freundin, die blonde Loni, beerdigt habe. Mit einem Berg von Kränzen und in einem eichenen Sarg.«

»Der mein Geld kostet«, erwiderte Motte.

»Ich hab's verauslagt«, sagte die Alte.

»Und vom Strumpfgeld zahl' ich's Ihnen ab. Seit vier Monaten habe ich nicht einen Pfennig für mich gehabt.«

»Du hast es ja gewollt.«

»Es tut mir auch nicht leid. Aber daß Sie sich aufspielen für meinen Sarg . . »

»Wer spielt sich auf?« schrie die Alte. »Ich vor euch? Das lohnte einen Dreck! Statt euch zu freuen, daß ihr in meinem Hause seid, lehnt ihr euch auf! Bagage! Ihr werdet's bereuen. Ich habe genug, ich zieh' mich zurück. Oder glaubt ihr, ich werde mich noch jahrelang mit euch herumplagen? Aber umsehen werdet ihr euch nach mir. Der neue Herr ist ein Pole, der wird euch mit der Knute traktieren, wie ihr's verdient!«

Die Mädel rückten zusammen und wagten nichts zu erwidern. Sie wußten: lehnten sie sich gegen die Behandlung auf, so wurde der Fraß noch schlechter und sie schikanierte sie nur noch mehr.

Aber die Alte schimpfte um so toller:

»Feiges Gesindel! Wenn ihr wüßtet, was ihr wert seid. Jahrelang mästet man euch und schafft für euch an. Alles wird teurer. Aber ihr steigt nicht im Wert. Was ihr leistet, leistet heut draußen jede anständige Frau. Die Männer brauchen sich heute nicht mehr zu uns zu bemühen. Das Handwerk übt heute jede aus. Aus Passion, und verdirbt uns die Preise. Wenn ich jung wär' wie ihr, ich erfände Neues, nie Dagewesenes, was es in keinem anderen Hause gibt. Weltberühmt machte ich die »Neuf d'or«. Aber euch anzustrengen, fällt euch nicht ein. Wozu auch besser sein als die andern? Statt Ehrgeiz zu haben und für das Renommé eures Hauses zu sorgen. Das Doppelte hätte ich verlangen können. Dazu plagt man sich siebzehn Jahre, um mit einem Dreck von Gewinn irgendwo anders neu zu beginnen. Keine von euch nehme ich mit,« kreischte sie, »nicht eine! Aber der Pole wird euch zeigen, wie man ein Bordell konkurrenzlos macht, darauf verlaßt euch.«

Unten fuhr ein Auto vor. Frau Löschner stürzte ans Fenster.

»Am Nachmittag am offenen Fenster,« sagte die rotblonde Lona, »das gibt wieder ein Strafmandat und wir haben's auszubaden.«

»Hier! hier!« schrie die Alte in großer Erregung auf die Straße.

»Auch das noch!« dachten die Mädchen und glaubten, die Alte habe den Verstand verloren.

Die beugte sich jetzt mit dem ganzen Oberkörper aus dem Fenster und kreischte hinaus: »

»Herrschaften! »Neuf d'or«! Nummer neun! Wo das goldene Schild ist!«

Das erregte die Mädchen derart, daß sie alle Vorsicht und jede Vorschrift außer acht ließen und auch an die Fenster stürzten. Alle, vornehmlich Marianne, die Ähnliches nie gesehen hatte, rissen vor Staunen die Augen auf. Eine elegante Dame mit weißem Haar, eine große, junge, schlanke Frau im Reitkostüm, die Gerte in der Hand, und ein Offizier in Uniform – ja, war das möglich? und noch dazu am hellichten Tage! – stiegen auf dem Bürgersteig gegenüber aus dem Auto und gingen auf ihr Haus, die »Neuf d'or«, zu.

Die große schlanke Dame winkte mit der Reitgerte energisch ab, die an Gehorchen gewöhnten Mädchen traten vom Fenster zurück, nur die Alte blieb stehen, fuchtelte mit den Armen und schrie noch immer:

»Hier! hier! »Neuf d'or«! Nummer neun! Das goldene Schild.«

»Weg vom Fenster!« flitzte schrill die Stimme Frau Inas durch die Luft und fegte die Alte, die erschrocken zusammenfuhr, vom Fenster fort.

»Schert euch in eure Stuben!« rief sie erregt und außer Atem den Mädchen zu. »Und wartet, bis ich euch rufe!« Dann stürzte sie auf den Flur, die Treppe hinunter und brüllte: »Emil! Mann! Sie kommen! Schick' zur Tür. – In den Salon natürlich!« –

Frau Ina hatte, um nicht aufzufallen, absichtlich ein paar Häuser früher und auf der anderen Seite halten lassen. Die Tölpelhaftigkeit Frau Löschners vereitelte die Absicht und kehrte den Zweck ins Gegenteil. So hielten Mertens und die Baronin bei dichtbesetzten Fenstern der anliegenden Häuser ihren Einzug in die »Neuf d'or«.

»Allmächtiger!« sagte die Baronin, bereits als der Hausdiener Anton die Tür des Hauses öffnete; und sie hatte, als ihr der Moschusdunst ins Gesicht schlug, das Gefühl, als müsse sie, ehe sie das Haus betrat, erst draußen einen Vorrat frischer Luft ansammeln. Sie trat auf den Bürgersteig zurück und schöpfte tief Atem. Die alte Löschner hingegen, die durch eine Türspalte des Salons den Vorgang verfolgte, kränkte es, daß die Haustür so lange offen stand. »Die ganzen Wohlgerüche ziehen aus«, dachte sie. Und was sie am schmerzlichsten empfand, war der Gedanke, daß die Konkurrenzunternehmen, die nebenan lagen, davon profitieren könnten.

»So geh doch hinein und bleib nicht auf der Straße stehen«, trieb Ina ihre Mutter an. Da die aber umständlich erst aus ihrer goldenen Tasche ihr Spitzentuch hervorzog, so ging Ina voraus und gab auch ihrem Manne ein Zeichen, ihr zu folgen. Die Baronin folgte als Letzte.

»Frage nach den Besitzern«, befahl Ina ihrem Manne. Der tat es. Und Anton, mit pomadisiertem Kaiser-Wilhelmsbart, hell karriertem Anzug und knallroter Krawatte, verbeugte sich und sagte:

»Die Herrschaften sind gemeldet.«

Noch im Flur steckte Frau Ina sich eine Zigarette an und befahl ihrem Manne:

»Rauche!«

Die Baronin nahm für einen Augenblick das Spitzentuch vom Gesicht und steckte sich einen D'Orateur in den Mund. Dann betraten sie, von Anton geleitet, die sogenannten Empfangsräume.

Frau Löschner grüßte erst durch Bewegen des Kopfes, dann, als sie die starren Gesichter und den eleganten Aufzug ihrer Gäste sah, war sie verblüfft und machte eine Art Hofknix.

Frau Ina war sofort Herrin der Situation.

»Sie sind?« fragte sie mit dem Ton des Vorgesetzten.

»Frau Löscher, wenn Sie gestatten«, erwiderte die devot.

»Vermutlich die Besitzerin?«

»Ich bin so frei.« Und schüchtern trat sie auf Frau Ina zu und zaghaft reichte sie ihr die Hand.

Frau Ina übersah es und gab durch einen Blick, auf den hin Frau Löschner ein paar Schritte zurücktrat, zu verstehen, daß es mit Absicht geschah. Den Rittmeister berührte das peinlich.

»Sie haben sich sehr dumm benommen vorhin«, fuhr sie die Alte an. »Es fehlte nur noch, daß Sie unsern Namen auf die Gasse schrien.«

»Verzeihung«, flötete Frau Löschner, und ihr Mann, der eben mit einer Verbeugung ins Zimmer trat, machte gar nicht erst den Versuch, den Rücken wieder aufzurichten.

»Ich dachte,« fuhr Frau Ina fort, »daß Diskretion und Takt gerade in Ihrem Gewerbe notwendige Eigenschaften sind.«

»Sie können sich darauf verlassen – es war nur in der Erregung . . .«, stammelte die Alte.

»Was hast du angestellt?« fragte Löschner und sah nicht eben freundlich seine Frau an.

»Spiel' dich nicht auf«, fuhr die ihn an.

Der Rittmeister sah den Alten teilnahmsvoll an und dachte: wie bei uns.

»Bitte, in unserer Gegenwart keine Familienszenen«, forderte Frau Ina. »Das können Sie nachher abmachen. Wo ist Katz?«

Das Ehepaar Löschner sah sich verdutzt an. So sprach die von dem Manne, der auf sie einen so gewaltigen Eindruck machte, der mit Hunderttausenden herumwarf und nach überall hin die besten Beziehungen unterhielt. Nicht einmal »Herr« sagte sie, wenn sie von ihm sprach.

»Herr Katz wollte . . .« sagte Frau Löschner.

»Um zwei hier sein«, fiel sie ihr ins Wort. »Er hatte von mir eine Vollmacht zum Ankauf dieses Unternehmens.«

»Ich weiß«, sagten beide und verbeugten sich.

»Sind Sie die rechtmäßigen Besitzer?«

Sie bejahten.

»Ist der Kaufakt aufgesetzt?«

Der Alte ging zu einem Tisch, schloß einen Schub auf und entnahm ihm ein Kuvert.

»Es ist alles vorbereitet.«

»Setz dich, Mama«, sagte Frau Ina zu der Baronin. Der Rittmeister schob ein paar Sessel heran. Dann ließ sich Ina das Kuvert geben und las den Vertrag. Sie tat, als wüßte sie längst, was darin stand.

»So war es mit diesem Katz besprochen«, sagte sie. »Das Haus gehört dem Unternehmer Schulz und ich trete in Ihren Vertrag, der noch fünf Jahre reicht, ein. Als Abstand zahle ich Ihnen zweimalhunderttausend Mark. – Was Katz da weiter mit Ihnen vereinbart hat hinsichtlich der Einrichtung, des Fundus und der Toiletten, die Sie mir leihweise überlassen wollten, paßt mir nicht.« – Sie sah sich im Zimmer um. »Dies minderwertige Zeug – und ich nehme an, daß die übrigen Räume und die Toiletten Ihrer Damen ebenso kitschig sind – muß heute noch aus dem Hause, Sie können damit ja irgendwo eine neue Giftbude errichten.«

»Ja, aber . . . es war doch . . . vereinbart«, sagte Löschner ganz entsetzt.

»Vereinbart war nichts, sondern nur besprochen.«

»Erlauben Sie!« widersprach die Alte, die, wenn sie auch noch nicht wieder sie selbst war, so doch begann, wieder Boden unter den Füßen zu spüren.

»Nein!« schnitt ihr Frau Ina das Wort ab. »Von diesem Leihvertrag kann gar keine Rede sein.«

»Unter diesen Umständen müßten wir uns doch noch mal überlegen . . .«

»Halt!« rief Frau Ina »Sie fordern als Leihgebühr jährlich zehntausend Mark. Sie sollen die Hälfte haben. Aber Bedingung ist, daß der Kram bis sechs Uhr nachmittags aus dem Hause ist.«

»Sie wollen bezahlen, ohne es zu benutzen?« fragte die Alte und glaubte, falsch verstanden zu haben.

»Es nicht benutzen zu müssen ist das Dreifache wert«, erwiderte die Baronin und lachte.

»Sie haben die Möglichkeit, Ihre Sachen unterzubringen?« fragte Frau Ina.

»Aber gewiß! Wir haben ja ein neues Haus.«

»Gut! – das geht mich nichts an. – Haben Sie Telephon?« »Selbstredend! Wir haben ja so viel Bestellungen. Das Geschäft geht . . .«

»Interessiert mich nicht. – Wieviel Räume haben Sie hier?«

»Vierundzwanzig«, erwiderte die Alte. »Wenn ich sie Ihnen zeigen darf.«

»Danke! – Vielleicht haben Sie einen Plan.«

Der Alte holte aus der Kommode den Plan und breitete ihn vor Frau Ina aus.

»Erläutern Sie!« befahl sie und zündete sich eine neue Zigarette an. Der alte Löschner, unterstützt von seiner Frau, beschrieb:

»Dies ist der Flur, dies der Vorraum, mit Kasse, in dem meine Frau empfängt; diese drei die Gesellschaftsräume, hier ein Salon für Privatgesellschaften, die kleine Kammer mit zwei Ruhebetten gehört dazu; auch der Raum hier.«

»Vermutlich ein Bad.«

»Nein. Wir haben ihn in kleine Kojen geteilt. Mit Öffnungen in der Wand. Viele Herren, besonders ältere, lieben es . . .«

»Ich weiß!« schnitt sie ihm die Rede ab und wies auf den Plan: »Was ist das?«

»Unsere Wohnräume und die Wirtschaftsräume. Hier in der ersten Etage wohnen die Mädchen.«

»Wieviel Zimmer liegen hier?«

»Sechzehn.«

»Bäder?«

»Zwei.«

»Sehr minderwertig.«

»Unsere Mädchen baden täglich.«

»Interessiert mich nicht. – Deine Füllfeder!« wandte sie sich an ihren Mann, schob den Plan beiseite und änderte den Vertrag. »Ich zahle morgen fünfzigtausend Mark an, das Übrige in monatlichen Raten von zwanzigtausend Mark. Einverstanden?«

Löschners stimmten zu.

Ina unterschrieb, schob ihnen das Papier hin und sagte:

»Unterschreiben Sie!«

Die Alte stieß ihren Mann an; der setzte seinen Namen unter den Vertrag.

»Sie auch«, wandte sich Ina an Frau Löschner.

Die zögerte und sagte:

»Mir fällt das Schreiben schwer.«

Ina stand auf, nahm das Papier und sagte:

»Also zerreißen wir den Vertrag.«

Beide stürmten auf sie ein:

»Nein! nein! ich unterschreibe!«

Ina hielt ihr den Bogen hin, wies mit der Hand auf die Stelle, an die die Unterschrift gehörte, und sagte:

»Und recht deutlich, nicht wahr?« Frau Löschner schrieb ihren Namen. – »Sehen Sie nur, was für eine schöne Handschrift Sie haben!«

Anton mit dem Kaiser-Wilhelmsbart trat ins Zimmer und meldete Herrn Katz.

»Ah!« sagten Löschners und wandten sich zur Tür.

»Sehr spät, Herr Katz,«' sagte Frau Ina, »und wenig höflich, wenn man mit Damen verabredet ist.«

»Ich hatte eine dringende Abhaltung.«

»Darf man wissen?«

»Ein Mißverständnis. Ein Telephongespräch, auf das hin ich dringend zu einem Agenten nach Westend fuhr. Draußen stellte sich heraus, daß es ein Irrtum war. Es war wohl eine falsche Verbindung; außerdem muß ich den Namen falsch verstanden haben.«

»Pech!« sagte Frau Ina, und wer genau hinsah, bemerkte einen spöttischen Zug um ihren Mund, von dem ein Argwöhnischer vielleicht abgelesen hätte, daß zwischen ihr und dem Telephongespräch irgendein Zusammenhang bestand. »Wirklich schade!« sagte sie. »Sie haben hier viel versäumt.«

»Haben Sie etwa . . .?«

»Was meinen Sie?«

»Die Lokalitäten hier einer Besichtigung unterzogen?«

»I Gott bewahre! Ich verlasse mich da ganz auf Ihr Urteil. So sehr, daß ich, ohne auch nur einen Schritt aus diesem Zimmer gesetzt zu haben, soeben den Vertrag mit den Herrschaften hier unterzeichnet habe.« – Sie wies auf den Vertrag. »Da. – Sehen Sie! Er ist noch naß.«

»Wie – Ihren Namen? –? Wo Sie mir doch Vollmacht gaben. – Das geht unter Umständen durch vieler Leute Hände.«

»Bestimmt sogar.«

»Was bedeutet das?«

»Daß ich noch heute einen Prospekt in Druck gebe, der den ersten Gesellschaftskreisen mit der Aufforderung, sich zu beteiligen, zugesandt wird, und in dem ausführlich die Übernahme dieses Hauses, deren Zweck und Ziel behandelt werden.«

»Ja, ist denn heute alles verrückt?« sagte Katz und faßte sich an den Kopf. . »Erste Gesellschaftskreise – Bordell – Beteiligung. – Sie scheinen nicht im Bilde zu sein, gnädige Frau! Sie befinden sich hier in einem Bordell und nicht in einem Säuglingsheim. Der Krieg mit seinen tausend Wohlfahrtseinrichtungen hat wohl die Begriffe verwirrt.«

»O nein! er hat sie nur erweitert. – Wenn Sie sehen wollen« – und sie zeigte ihm den Prospektentwurf, dessen Drucklegung auf feinstem Japanpapier bereits in die Wege geleitet war.


Das Bordell


eine moralische Anstalt


Eingetragener Verein


zur


Bekämpfung der Unsittlichkeit


und des Mädchenhandels


Ehrenausschuß:

Er las die Seite nicht zu Ende, sondern wandte um. Da stand:

»Nach einstimmigem Urteil aller Sachverständigen haben sich die verschiedenartigen Methoden, auf die man bisher die Unsittlichkeit und den Mädchenhandel bekämpfte, nicht bewährt. Ein kleiner Kreis von Leuten, die seit Jahren in ernster Arbeit diesem Problem nachhängen, glauben nun den Weg, der Erfolg verspricht, gefunden zu haben. Sie sind sich bewußt, daß ihn beschreiten, völlige Selbstentäußerung und den Bruch mit letzten Vorurteilen bedeutet. Sie sind bereit, ihn zu gehen, in der Überzeugung, der Menschheit damit einen Dienst zu erweisen.

Der Irrtum war, daß man dem Übel bisher von außen beizukommen suchte. Es muß von innen bekämpft werden. Alle, die bisher auf diesem Gebiete bessernd zu wirken suchten und denen es an gutem Willen gewiß nicht fehlte, haben sich mit der Materie, nicht mit der Psyche befaßt. Man muß das Übel an seinem Herde aufsuchen. Wer gewohnt ist, Unsittlichkeit und Armut durch Veranstaltungen von Wohltätigkeitsfesten zu bekämpfen, kann hier fernerhin nicht mehr geduldet werden. Wem es nicht darum zu tun ist, sich öffentlich herauszustellen, wem es um die Sache, nicht um sein Vergnügen geht, dessen Mitarbeit ist uns willkommen.

Wir verhehlen niemandem: die Arbeit ist hart und ungewöhnlich. Denn das Übel an seiner Quelle aufsuchen, heißt in diesem Falle: mit Dirnen Umgang pflegen, ihr Vertrauen gewinnen, ihr Innenleben bis zum letzten bloßlegen, um einmal den Heilungsprozeß von innen zu ermöglichen, vor allem aber, um mit Hilfe so erworbener Einblicke in diese uns fremde Gefühlswelt mit ihren sozialen Voraussetzungen und Begleiterscheinungen allgemein gültige Grundlagen zu ihrer Bekämpfung zu schaffen. Die bisher unbekannte Psychoanalyse der Dirne soll auf Grund praktischen Studiums gegeben werden. Die Synthese zu finden, wird dann das gemeinsame Werk derer sein, die sich der Menschheit zuliebe nicht gescheut haben, unter zeitweisem Verzicht ihrer Persönlichkeit in die Niederungen herabzusteigen und sie mitzuerleben.

Zu diesem Zweck hat der eingangs namentlich angeführte Ehrenausschuß in der Erkenntnis, daß es mit gelegentlichen Besuchen und Aussprachen nicht getan ist, beschlossen, selbständig den Betrieb eines Freudenhauses in die Hand zu nehmen. Für uns wird es eine Bildungsanstalt sein. In hingebender und ernster Arbeit soll an Ort und Stelle das Problem studiert und, wie wir bestimmt erwarten, gelöst werden. Wer Wohltätigkeit nicht nur zum Vergnügen treibt, ist uns als Mitarbeiter willkommen.

Die Studiengelder, die wohltätige Stiftungen im besten Sinne des Wortes sind und ihre Früchte tragen werden, betragen für männliche Mitglieder dreitausend, für weibliche fünfhundert Mark monatlich. Die Namen der Mitglieder werden nicht veröffentlicht. Wer also Wohltätigkeit treibt, um nach Außen zu glänzen, bleibe fern! Um ein gedeihliches Zusammenarbeiten zu ermöglichen, ist hinsichtlich der Mitglieder ein numerus clausus unumgänglich. Deren Höhe wird noch bekannt gegeben.«

»Nun, was sagen Sie?« fragte Frau Ina.

»Das ist das Raffinierteste und Tollste, was mir je begegnet ist.«

»Aber gut, nicht wahr?«

»Ein interressantes Experiment auf alle Fälle. Nur scheint mir, daß Ihre ganze Situation für derartige Abenteuer zu ernst ist.«

»Was meinen Sie damit?« fragte, beinahe herausfordernd, der Rittmeister, der fühlte, daß darin ein Affront gegen seine Frau lag.

»Laß nur,« winkte Frau Ina ab. »Wir verständigen uns schon.«

»Und wenn Ihr Experiment mißglückt?«

»Dann sind Sie durch meine Möbel und Antiquitäten noch immer gedeckt.«

Der Rittmeister folgte nur unvollkommen. Was gehen ihn unsere Möbel und Antiquitäten an, fragte er sich und legte die Stirn in Falten. Irgend etwas geht da vor, was man mir verschweigt. Als er sich bei diesem Gedanken ertappte, lachte er über sich selbst. Und zum ersten Male legte er sich die Frage vor: was verschweigt man mir nicht? Weiß ich überhaupt etwas aus dem Leben meiner Frau? Warum sitze ich hier? Keine Ahnung. Nichts weiß ich! Aber, das soll anders werden, muß anders werden. Und zum Zeichen seines Entschlusses stieß er mit seinem Säbel auf den Boden und freute sich des Eindrucks, den er damit erzielte.

»Ist dir was?« fragte die Baronin. Und Frau Ina lächelte ihm zu und sagte:

»Wie gut, daß du bei uns bist. Es gibt einem ein so sicheres Gefühl.«

Während die Worte auf den Rittmeister wie eine Liebkosung wirkten, machten sie Katz, der fühlte, daß sie unecht waren und nur der Situation galten, unsicher.

»So tief durchdacht und raffiniert es sein mag,« sagte er, – »fein ist es nicht.«

»Erlauben Sie!« rief der Rittmeister, stampfte den Säbel wieder auf den Boden und sprang auf.

Frau Ina wollte ihn zur Ruhe weisen. Als sie aber den Eindruck wahrnahm, den der Auftritt auf Katz machte, lächelte sie und schwieg.

Katz wurde kreidebleich und stierte auf den Degen.

»Sie haben meine Frau beleidigt,« rief der Rittmeister; worauf auch Löschners sich in die äußerste Ecke des Zimmers zurückzogen.

»Es war nicht meine Absicht,« erwiderte Katz. »Ich konnte nicht wissen, daß Sie – ich dachte . . .«

»Also was wollen Sie?«

»Dies Geschäft,« – und dabei wies er auf die Alten, die jetzt dicht beieinander standen – »ist das beste, das ich seit Jahren an der Hand hatte. In meiner Gutmütigkeit habe ich es Ihrer Gattin anvertraut. Und nun hat sie es mir sozusagen aus den Händen gewunden.«

»Für meine Frau stehe ich ein,« erwiderte der Rittmeister. »Was die tut, dafür verbürg' ich mich, ist korrekt.«

Frau Ina wurde unruhig.

»Dies alles hält nur auf,« sagte sie, wandte sich an Löschner und fragte mit einem Hinweis auf eine Tür, in deren Nähe sie stand:

»Kann man da hinein? Ist dort wer?«

»Es ist leer, bitte!« erwiderte der Alte und öffnete die Tür.

»Kommen Sie auf einen Augenblick hier herein!« sagte Ina zu Katz. »Wir werden uns schnell verständigen.«

Katz zögerte, sah sie mißtrauisch an und fragte:

»Wozu?«

»Bitte!« sagte sie, und Katz folgte ihr in das Zimmer.

Als sie draußen waren, wandte der Rittmeister sich an die Baronin und sagte:

»Das gehört sich nicht.«

»Aber ich bitt' dich,« erwiderte die. »Geschäfte!«

Das Telephon läutete. Im selben Augenblick war die alte Löschner nur Geschäft. Ihre Umgebung existierte nicht mehr. Sie stürzte an den Apparat und flötete hinein. In wenigen Augenblicken, während deren sie sich fortgesetzt verbeugte, war das Gespräch beendet.

Ohne von dem Besuch Notiz zu nehmen, riß sie die Tür auf und schrie mit greller Stimme hinauf:

»Marianne! – Marianne! – wird's bald? – Faultier!«

»Ja?« antwortete eine zarte Frauenstimme.

»Um fünf ein halb! verstanden?«

»Wer?« fragte die Stimme traurig.

»Geht dich nichts an.«

»Ich kann nicht . . . ich habe ja schon um ein halb vier . . .«

»Das übernehme ich!« rief jetzt eine andere Stimme, die viel klarer klang.

»Wie? Was? polterte die Alte. »Ungehorsam! Aufruhr! Bande! ich werde euch zeigen, elende Bestien!« – und fauchend stürzte sie aus dem Zimmer und lief die Treppe hinauf.

Frau Ina kam mit Katz, den sie durch die übliche harmlose Zärtlichkeit, zu der sich diesmal feierlich ein Versprechen gesellte, beruhigt und gewonnen hatte, aus dem Nebenzimmer.

»Was ist denn das für ein Lärm?« fragte sie.

Auf die Baronin und ihren Schwiegersohn hatte der Vorgang so stark gewirkt, daß sie kein Wort der Erwiderung fanden und entsetzt noch immer auf die offene Tür starrten, durch die die Alte eben hinausgestürzt war.

Der alte Löschner klärte den Vorgang auf. Frau Ina überlegte einen Augenblick. Oben wurde es immer lauter. Die kreischende Stimme der Alten übertönte das Schluchzen und Heulen der Mädchen. Man hörte Schläge klatschen und die tiefe Stimme eines Mannes, der »Feste! feste!« rief.

Frau Ina ging eilig auf eine Art Buffet zu, das an der Wand stand und bis oben hinauf voll von Gläsern und billigem Porzellan war.

»Heinz!« rief sie. »Hilf!«

Und ohne zu überlegen, was er eigentlich tat, riß er mit Ina das Buffet um, das mit tosendem Lärm auf die Erde stürzte. Kein Stück, das darin war, blieb ganz. Es war das Getöse eines Donners aus nächster Nähe, der unmittelbar einem voll einschlagenden Blitze folgt.

Im selben Augenblick brach der Lärm oben wie durchschnitten ab. Totenstille folgte. Dann hörte man auf der Treppe Schritte, die näher kamen.

»Tritt zu mir!« rief Ina ihrer Mutter zu, und ihrem Manne befahl sie: »Zieh deinen Degen!«

In der Tür stand jetzt drohend, fauchend und doch blaß vor Schreck, die alte Löschner. Hinter ihr mit hochgestülpten Ärmeln Anton mit dem pomadisierten Kaiser Wilhelmbart. Die Alte, der der Atem fortblieb, schnappte nach Luft.

»Wer?« war das einzige Wort, das sie hervorbrachte. Und voll Haß und Wut stierte sie auf die Trümmer, die auf dem Boden lagen.

»Was kümmert Sie das?« fuhr Frau Ina sie an und hielt ihr den Vertrag hin.

»Möbel und Geschirr, das im Hause bleibt, gehört mir,« sagte die Alte und ballte die Fäuste, »sind nur gepachtet.«

»Was zerschlagen wird, ist zu ersetzen, basta!« erwiderte Frau Ina. Und nun verbitte ich mir jede weitere Äußerung; sonst setze ich Sie an die Luft, samt ihrem Mann und dem Kerl da!« – Dabei wies sie auf Anton, der eine drohende Haltung einnahm.

»Wer ist hier Herr im Hause?« wandte sich Anton mit fast vor Wut zitternder Stimme an den Alten. Ehe der erwidern konnte, rief Ina:

»Ich! verstanden? – Treten Sie hier herüber! Sie gehören zum Personal, das ich mit übernommen habe.« – Anton trat ein paar Schritte von der Alten fort. »Neben meinen Mann!« befahl sie. Anton gehorchte. »Und wenn er sich rührt, schlägst du ihn nieder!«

Der Rittmeister und Anton sahen sich an. Der Rittmeister war glücklich und fühlte sich als Held. Anton beherrschte sich wie noch nie in seinem Leben. Dem Gefühle nach hätte er sich auf den Rittmeister stürzen und ihn würgen müssen, bis er keinen Laut mehr von sich gab; dann Frau Ina niederreißen, sie vergewaltigen und zu Brei trampeln; – aber, was allein noch auf diesen sogenannten Menschen wirkte: eine Gefühlslosigkeit, die absoluter war als seine, und die er, wenn auch nur im Unterbewußtsein und ohne sich Rechenschaft darüber zu geben, bei Frau Ina spürte, bändigte ihn und hielt ihn zurück.

»Führen Sie mir die Mädchen vor!« befahl jetzt Frau Ina, und da Frau Löschner sich nicht vom Fleck rührte, so fuhr sie sie an: »Soll ich erst Gewalt anwenden?«

»Sie werden sich doch nicht an mir vergreifen?« sagte Frau Löschner ängstlich mit einem Blick auf den Rittmeister.

»Mein Mann an Ihnen? Nein! – Dazu ist der da!« – Und dabei wies sie auf Anton, dem diese Frau immer mehr Achtung einflößte.

Frau Löschner, die gar nicht begriff, daß Anton, statt bei ihr zu stehen, neben Frau Ina stand, fauchte:

»Der ist von mir bezahlt!«

»Ich habe ihn übernommen,« erwiderte Frau Ina, »und zwar mit dem doppelten Gehalt.«

»Anton!« wimmerte die Alte.

Da wußte Frau Ina Bescheid. Sie trat an Anton heran und besah ihn genau. »Gut! gut!« sagte sie. »Ausgezeichnet! So etwas braucht man hier. Sie heißen?« fragte sie und sah ihn fest an.

»Anton Drexler,« erwiderte er und dachte, die Frau kann mit mir machen was sie will. Für die täte ich alles.

»Nun, Anton Drexler, wir werden schon auskommen miteinander. Aber pariert wird, verstanden? Dann gibt's auch Belohnung. Von heute ab existiert für Sie keine Frau Löschner mehr! Von heute ab bin ich Frau Löschner.«

Ihm wurde ganz heiß. Sie hätte ihm jetzt befehlen können: »Mach schön!« und der Riesenkerl wäre vor ihr auf den Knieen gerutscht. So nickte er nur und sagte:

»Aber ja! aber ja!«

Und Frau Löschner, deren wegen Ina diesen Auftritt in Szene setzte, begann am ganzen Körper zu zittern. Alles andere war im Augenblick vergessen.

»Anton!« rief sie schluchzend, und die Tränen schossen ihr stromweise aus den Augen. »Schlechter Kerl! Gibst du mich so leicht auf? Vergißt du alles so schnell?« – Weiter kam sie nicht, die Tränen flossen.

Anton schämte sich vor Frau Ina und wehrte ab.

»I wat! ik weiß von nischt.«

Die alte Löschner löste sich in ihrem Schmerz auf. Die Tränen fingen sich in Puder und Schminke, setzten sich fest und machten aus dem faltigen Gesicht eine breiige Masse, die allem anderen eher ähnlich war als einem Gesicht. Die schweren, bis auf den Bauch herabhängenden Brüste schlugen infolge der Zuckungen, von denen der schmerzgequälte Körper hin und her gerissen wurde, wie Gummisäcke auf dem schlappen Leib. Sie ächzte und stöhnte und litt unsäglich.

Der alte Löschner, von dem alle erwarteten, er werde Anton oder der Alten an den Hals gehen, trat auf seine Frau zu, legte den Arm um sie und sagte zärtlich:

»Reg' dich nicht auf, Elise! so einen findest du alle Tage wieder.«

»Wie ich für ihn gesorgt hab'!« jammerte die Alte.

»Von allem ihm das Beste. Nichts hat man sich gegönnt, seinetwegen!«

Frau Ina, die ihren Zweck erreicht hatte, schlug mit der Gerte auf den Tisch.

»Das geht wohl auch ohne uns zu regeln,« sagte sie bestimmt. »Ich wünsche jetzt die Mädchen zu sehen. Und zwar auf der Stelle!«

Die Alte quälte sich zur Tür, schlug in die Hände, und im selben Augenblick begann die Treppe sich zu beleben.

Motte, Lona, Marianne, Änne, die Rothblonde und noch drei andere Mädchen traten ängstlich und steif in den Salon und blieben dicht beieinander an der Wand stehen. In ihrer steifen Unbeweglichkeit, den unmodernen, verstaubten Gewändern und den weißgepuderten Gesichtern glichen sie mehr abgestandenen Modellen eines Wachsfigurenkabinetts als lebenden Menschen.

Der Eindruck, den sie auf die Baronin machten, war so stark, daß sie wie zum Schutz die Hand ihres Schwiegersohnes ergriff und halblaut sagte:

»Entsetzlich!«

Auch Frau Ina sah man die Überraschung an. Die Welle von parfümiertem Dunst, die mit dem Eintritt der Mädchen in den Salon drang, legte sich ihr auf die Brust. Wie aus einer alten Rumpelkammer hervorgeholte Theaterrequisiten, die mit Hilfe eines unvollkommenen Mechanismus den Schein von Lebewesen vorzutäuschen suchten, wirkten sie auf Ina. Aber sie machte sich schnell von dem Eindruck frei und rief Drexler zu:

»Anton! geben Sie den Damen Stühle!« Der führte eilig den Befehl aus. Als ihm der Rittmeister behilflich sein wollte, gab sie ihm ein Zeichen und sagte:

»Laß das!«

Die Mädchen setzten sich möglichst ungeschickt und wußten nicht, wohin mit den Beinen und den Schleppen. Nur die blasse, schlanke Marianne gab sich völlig natürlich und lachte laut, als sich Lona und die Rothblonde in ihren Schleppen verwickelten.

Die Baronin erschrack, als hätte sie es für unmöglich gehalten, daß eins dieser Mädchen einen menschlichen Laut von sich gäbe.

»Meine Damen!« begann Frau Ina, und die Mädchen, die an alle Schimpf- und Liebesworte, nur an keine formale Anrede – und nun gar an diese! – gewöhnt waren, grienten teils, teils senkten sie den Kopf und schämten sich – aus einem Gefühl heraus, das Ina später verstehen lernte. »Von heute ab«, fuhr sie fort und genoß während sie sprach, die Wonnen eines Würdenträgers, der sein hohes Amt antrat, »unterstehen Sie mir. Das Ehepaar Löschner tritt zurück. Ich trete an ihre Stelle. Mehr, als das unter der bisherigen Leitung der Fall war, wird von nun ab vor allem auch für ihr seelisches Wohl gesorgt werden. Sie werden in mir und den Meinen – dabei wies sie auf die Baronin und den Rittmeister – »dies da ist meine Mutter, dies mein Mann – Menschen finden, die für alles, was Sie bewegt, Verständnis haben. Das ganze Unternehmen, das in dieser Form unwürdig und veraltet ist, wird auf eine völlig neue Basis gestellt werden.«

Von alledem verstand kaum ein Mädchen ein Wort. Nur als von der veralteten Form und der neuen Basis die Rede war, stieß die Rotblonde ihre Nachbarin, die nicht gerade die jüngste war, an und flüsterte ihr zu:

»Du fliegst!«

»Besitzen Sie außer diesen abscheulichen Kleidern nichts Anziehbares?« fragte Frau Ina.

Für die Mädchen antwortete Frau Löschner stolz:

»Die Schränke sind bis oben hin voll. Jede hat mindestens zwei Abendkleider, die meisten drei. Und Matinees über ein Dutzend.«

»Warum haben Sie sich denn so entstellt?« fragte Ina, und Löschner antwortete:

»Ihnen zu Ehren.«

Frau Ina lächelte, trat auf sie zu, gab jeder die Hand. Nur Marianne brachte es mit dieser Begrüßung in Zusammenhang, daß sie sich zuvor die dicken wildledernen Reithandschuhe überzog und dachte:

»Wie viel Ehre! das tut sie nur unsertwegen«, während der gutmütige Rittmeister peinlich berührt war und sich sagte:

»Diese Kränkung könnte sie ihnen auch ersparen.«

Einige blieben sitzen, einige standen auf, als Frau Ina ihnen die Hand reichte. Änne schien sich zu schämen und sah zu Boden. Die Anderen waren gleichgültig. Marianne war gerührt und weinte.

»Also, meine Lieben,« fuhr Frau Ina nach vollendeter Prozedur, während der sie den Atem anhielt, fort, »während der baulichen Renovationen in diesem Hause bringe ich Sie in meiner Villa unter.«

»Allmächtiger!« platzte die Baronin heraus und hielt sich an ihrem Schwiegersohne fest. Und Katz, der bisher schweigend und staunend alles mit angesehen hatte, trat an Frau Ina heran und sagte:

»Das verstößt gegen die polizeiliche Vorschrift.«

»Mit den Leuten verständige ich mich schon«, erwiderte Frau Ina und zu den Mädchen gewandt, fuhr sie fort:

»Gehen Sie nun bitte hinauf und ziehen Sie sich etwas Anständiges an; möglichst ein einfaches Straßenkleid oder Kostüm.

Die Mädchen sahen ängstlich und fragend Frau Löschner an.

»Meine Mädchen streichen nicht auf der Straße herum,« sagte die Alte herausfordernd. »Das hatten sie bei mir nicht nötig.«




Конец ознакомительного фрагмента.


Текст предоставлен ООО «ЛитРес».

Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=48632980) на ЛитРес.

Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.


