Lache Bajazzo
Artur Landsberger




Artur Landsberger

Lache Bajazzo





Erstes Buch


»Das Leben insgesamt ist des großen

Ernstes nicht wert. Trotzdem …«

    (Plato – Nietsche)




Erster Teil





Erstes Kapitel


Die Schlußszene des letzten Aktes ging zu Ende. Euphorion lag tot in Helenas Armen. Von Schmerz zerrissen klagte die Mutter. Faust nahm das Kind und bettete es unter Blumen, die wie das ewige Leben rings emporblühten. Dann trat er wieder an Helena heran. Der gleiche Schmerz einte beide. Faust und Helena standen umschlungen. Mächtig klang das Lied der Liebe, die Welt und Zeiten überdauert.

Ergriffen saßen die Hörer. Schwer lag auf allen der gewaltige Eindruck.

Vor Helena und Fausten, die jetzt die hingebende Liebe selbst schienen, senkte sich der Vorhang.

Das Publikum blieb unbeweglich. Die Erhabenheit dieser Liebe und ihr gewaltiger Ausdruck nahmen ihm den Atem.

»Schlafmütze!« brüllte Faust, als der Vorhang eben gefallen war, Helena an.

»Blödian!« erwiderte Helena wütend.

»Zweimal hast du mir das Stichwort wieder falsch gebracht.«

»Und zweimal bist du wieder von der falschen Seite aufgetreten.«

»Schlamperei!« rief Faust.

»Grobian!« erwiderte Helena.

Der Bann, der auf den Hörern lag, löste sich; man atmete tief auf, räusperte sich, bewegte die Füße, rückte sich zurecht – dann brach ein Sturm des Beifalls durch das Haus.

»Vorhang auf!« brüllte der Regisseur, und die schweren seidenen Portieren rauschten auseinander.

Im selben Augenblick lagen sich Faust und Helena wieder in den Armen. Wieder schienen sie die hingebende Liebe selbst. Wieder saßen die Menschen ergriffen und klatschten Beifall.

Das dauerte etwa zehn Sekunden. Dann gab der Regisseur ein Zeichen. Der Vorhang schloß sich, und das Bild verschwand.

Das Publikum klatschte.

»Estella von Pforten!« schrien die meisten.

»Blöde Gesellschaft!« schalt Faust verächtlich hinter dem geschlossenen Vorhang und trat ab.

Estella von Pforten aber, die im bürgerlichen Leben Mieze Krüger hieß, raffte ihr griechisches Helenagewand auf und schwebte nach vorn. »Vorhang auf!« schrie sie erregt, und da es ihr nicht schnell genug ging, so brüllte sie wütend in die Kulissen: »Verdammte Schlamperei!«

Im selben Augenblick öffneten sich die Portieren, und Helena, alias Mieze Krüger, erschien und verbeugte sich. Sie tat ergriffen und erschöpft, zwang sich ein paar Tränen in die Augen und schwankte geschickt in den Knien, so daß man glaubte, sie müsse jeden Augenblick zusammenbrechen.

Sie tat es nicht.

Aber das Publikum raste. Teils in Bewunderung, teils aus Anteilnahme. Tränen flossen, Blumen flogen. »Hoch Estella von Pforten!« riefen Hunderte von Stimmen.

Mieze Krüger war gerade entschlossen, in Ohnmacht zu fallen, als vom ersten Rang her grell eine Stimme noch dem Dichter rief. Andere folgten, und schon hielten sich die Rufe nach Estella und dem Dichter die Wage.

Kaffern! dachte Mieze Krüger, und auf Helenas Stirn zeigte sich eine Falte.

In den Kulissen wurde jetzt für einen Augenblick der Schoß eines Gehrocks sichtbar.

Das genügte, um den Ruf nach dem Dichter zu verhundertfachen.

Und es erschien die Hälfte eines hochgewachsenen Mannes, der, wie es schien, nicht ganz sicher stand, immer wieder zurück hinter die Kulissen strebte, jedoch von irgendeiner Kraft, die man nicht sah, ständig nach vorn getrieben wurde.

Mieze Krüger übersah sofort die Situation. Erschien jetzt der Dichter, so teilte sie Faustens Los und war ausgeschaltet. Des Dichters Erscheinen aber ließ sich nicht mehr verhindern. Also entschloß sie sich zu einem Kompromiß. Mit würdevollen Schritten ging Helena auf den Gehrock zu, streckte mit königlicher Gebärde den Arm nach ihm aus und zog – den Dichter, der wie im Traume alles mit sich geschehen ließ, auf die Bühne. Sie stellte ihn vorn an die Rampe, wo sie eben noch gestanden und ihren Triumph gefeiert hatte, ließ ihn los und wies mit großer Geste, unter der sie ihren Groll verbarg, auf ihn als den, dem allein alle Ehren gebührten.

Das brachte ihr und dem Dichter neuen Beifall; erhöhte aber zugleich ihre Beliebtheit.

Zehnmal noch öffnete sich der Vorhang und schloß sich wieder; zehnmal noch wiederholte Helena Krüger, die längst an keine Ohnmacht mehr dachte, ihre Gebärde. Und der Dichter stand und verbeugte sich, fortgesetzt, in denselben Zwischenräumen, gleichviel ob der Vorhang auf oder geschlossen war.

Ihm war zumute, als wäre es Nacht und er stände am Meer, dessen dunkle Wellen ihm unaufhörlich entgegenrollten. Und so oft sich der Vorhang schloß, glaubte er sich in die Tiefen gezogen, seine Knie zitterten, in seinen Ohren brauste es, und mit jedem Augenblick deutlicher fühlte er das Bewußtsein für das schwinden, was eigentlich mit ihm vorging.

Der Vorhang hatte sich längst zum letzten Male geschlossen, Faust war bereits auf dem Wege zu seinem Stammtisch, von Helena fielen eben mit Hilfe der Garderobiere die letzten Reste königlicher Würde – da stand der Dichter noch immer, blaß wie der Tod, auf der Bühne und verbeugte sich.


*

In der Direktionsloge reichten sich Brand Vater und Sohn die Hände.

»Wir haben ihn durch!« sagte der Alte, und der Sohn, dem Jugend, Leidenschaft und Verstand in den Augen stand, strahlte über das ganze Gesicht und sagte:

»Endlich!«

Sie stürzten zur Bühnentür und liefen die Treppe hinauf. Oben an der Estrade lehnte der Direktor und nahm die Glückwünsche seiner Freunde entgegen. Je nach ihrer Stellung und ihrem Einfluß gab er ihnen die Hand und dankte ihnen, oder er lächelte nur und sagte garnichts.

Als Brands an ihm vorüberkamen, rief er ihnen zu:

»Das gibt hundert ausverkaufte Häuser.«

»Also??« fragte der Alte und blieb stehen. Der Direktor ging auf ihn zu.

»Falls Sie mir Holtens nächstes Stück zur Uraufführung überlassen, bringe ich bis zum Frühjahr nächsten Jahres seine sämtlichen Dramen heraus.«

»Wieviel Prozente?«

»Zehn.«

»Besetzung?«

»Bestimmen Sie, Holten und ich.«

»Wer entscheidet?«

»Ich, als der Direktor.«

Brand schüttelte den Kopf.

»Dann Sie, der Verleger!«

»Lassen Sie mich raus, Holten muß allein entscheiden,« erklärte Brand.

»Mir auch recht!« sagte der Direktor und streckte dem Alten die Hand hin.

»Einverstanden!« sagte Brand und schlug ein.

Dann nahm er seinen Sohn unter den Arm und verschwand mit ihm hinten im Bühnenraum.

Der eiserne Vorhang schloß sich eben.

»Wo ist der Dichter!« rief er dem Maschinenmeister zu.

»Keine Ahnung,« erwiderte der, »ich habe ihn zuletzt auf der Bühne gesehen.«

»Werner,« sagte Brand zu seinem Sohne, »sieh auf der Bühne nach, ich warte hier.«

Auf der Bühne war es fast dunkel. Nur durch die seitwärtigen Kulissen fiel ein matter Lichtschein auf die Bühnenlandschaft, die jetzt echter wirkte als zuvor im Lichte der unzähligen Glühkörper.

Gespensterhaft hob sich von der Landschaft der Schatten eines Mannes ab, der, die Augen weit aufgerissen, vor sich hinstarrte, scheu den Kopf zur Seite wandte und sich zu orientieren suchte.

»Holten!« rief Werner und stürzte auf die Gestalt zu, »wo steckst du denn?« Dann ergriff er seine beiden Hände, schüttelte sie kräftig und sagte: »Tiefer hat keine Dichtung in den letzten Jahren gewirkt.«

Holten sah ihn mit verträumten Augen an.

»Bist du’s, Werner?« sagte er und erwiderte den Druck seiner Hände. »Gut, daß du kamst. Meine Gedanken, die waren, scheint’s . . .« und dabei fuhr er sich mit der Hand über die Augen; »du meinst also, es wird . . .«

»Es ist!« rief Werner. »Ja, Holten, du bist ja wieder in einer ganz anderen Welt! So wach doch auf! Du hast einen beispiellosen Erfolg gehabt.«

»Das also war’s!« sagte Holten. »Ich hatte mich verloren. Der Lärm und die Menschen. Du verstehst, wenn man aus seinen Bergen kommt!«

»Ich verstehe dich,« erwiderte Werner. »Aber du mußtest einmal aus deinen Bergen heraus. Dreißig Jahre kennt man nun den Dichter Holten, ohne etwas von dem Menschen zu wissen.«

»Also ein Erfolg!« wiederholte Carl noch immer verträumt und schüttelte den Kopf. »Wie sonderbar!«

»Ich habe das gewußt!« sagte Werner. »Ich hätte dich sonst nicht aus deiner Bergeinsamkeit gerissen, wo ich wußte, was für eine Ueberwindung dich das kostete!«

»Mit dir, Werner, ist der gute Stern in mein Leben getreten!« sagte Carl und drückte ihm die Hand: »Ich hatte es im Gefühl, als du das erstemal bei uns da oben warst.«

»Wenn es doch so wäre!« sagte Werner. »Ich wäre glücklich.«

Und Carl, der sich nun ganz wieder in die Welt der Tatsachen zurückgefunden hatte, sagte nochmals:

»Also ein Erfolg! Ich hätte es nicht geglaubt. Als ich zu Beginn des Abends all die aufgeputzten Menschen sah, da hätte ich mich am liebsten auf und davon gemacht. Ich hielt es nicht für möglich, daß es einen Zusammenhang zwischen ihnen und meinem Werke geben könne. – Und darauf, auf das Sich-einfühlen kommt ja am Ende alles an.«

»Hallo! Kommt ihr endlich?« rief der alte Brand und polterte auf die Bühne. Er klopfte Carl auf die Schultern und sagte: »Alter Junge! Jetzt ist das Eis gebrochen. Von heute ab gibt’s nicht nur einen berühmten Romancier Carl Holten, sondern auch einen berühmten Dramatiker dieses Namens.«

»Du glaubst das wirklich?« fragte Carl und sah ihn mit erstaunten Augen an.

»Kind, das du bist!« erwiderte Brand. »Nach einem derartigen Erfolge würde jeder andere an deiner Stelle erwarten, daß alle Welt vor ihm auf die Knie fiele und Hosianna riefe. Statt dessen stehst du da, träumend und befangen, wie eine Kommunikantin nach dem Abendmahl.«

»Es liegt in alledem auch etwas Wunderbares,« sagte Carl.

Im selben Augenblick hörte man laut die Stimme des Direktors.

»Also nicht vergessen, Fräulein von Pforten, mit Rücksicht auf den Abendschoppen und den Appetit des Publikums fällt von morgen ab die ganze zweite Szene des ohnehin zu langen dritten Aktes fort.«

Und Fräulein Krüger erwiderte:

»Dazu hat man sich nun wochenlang das dumme Zeug in den Schädel gequält.«

Der alte Brand lachte laut auf, aber Werner sah das Entsetzen in Carls Gesicht.

»Das redet die dumme Person ja nur so dahin, ohne sich was dabei zu denken,« sagte er teilnahmsvoll.

Aber Carl war zumute wie einem Priester, der mit ansehen mußte, wie man das Allerheiligste entweihte. Und daß die Schändung von dem ausging, dessen Obhut es anvertraut war, vertiefte den Schmerz.

»Helena!« sagte er traurig vor sich hin; und das schöne Bild, das er sich in seinem Geiste errichtet, das er Monate mit sich herumgetragen hatte und das hier zur Wirklichkeit erwacht war, brach zusammen.

»In die Luft!« entschied der alte Brand – »unter fröhliche Menschen!«

»Nur das nicht!« wehrte Carl ab. »Nur keine Menschen; ich habe genug!«

»Glaubst du etwa,« fragte Brand, »wir werden dich in dieser Verfassung allein lassen?«

»Ich will nach Haus!« erwiderte Carl.

»Morgen mittag, wie vereinbart; nicht eine Stunde früher. Erstens gibt’s morgen noch tausenderlei Geschäftliches zu erledigen.«

»Damit verschon’ mich!« bat Carl.

»Gut, aber heute abend gehörst du der Welt und wirst dich feiern lassen.«

»Unter gar keiner Bedingung!« erklärte Carl.

»Du wirst es!« entschied Brand, »und zwar bitt’ ich mir aus, daß du zu allem, was man dir sagt, ein freundliches Gesicht machst; auch wenn dir manches übertrieben und unwahr erscheint.«

Carl sah ihn hilflos an und seufzte.

»Du bist das deinem Erfolge schuldig,« fuhr Brand fort. Und war seine Sprache auch bestimmt und ließ sie auch keinen Widerspruch aufkommen, so zeigte die Wärme seines Tons doch deutlich, daß aus ihm nichts anderes als Sorge und Interesse für den Dichter sprach.

»So ein Erfolg hat auch seine unangenehmen Seiten,« vermittelte Werner.

»Und das muß wirklich sein?« fragte Carl, als er an Brands Seite die kleine Treppe, die von der Bühne zur Garderobe führte, hinabstieg.

»Ich kenne dich,« sagte der Alte, »und nehme auf deine Wesensart jede Rücksicht. Unbequemlichkeiten aber, die zur Ausnutzung deines Erfolges nötig sind, mußt du dich unterziehen.«

Ein Theaterdiener kam ihnen entgegen.

»Der Herr Direktor läßt sagen, daß er in seinem Auto am Bühnenausgang auf Herrn Holten wartet.«

Carl, dem man ansah, wie ungern er dieser Aufforderung folgte, sagte:

»Ich komme.«

Vor dem Bühnenausgang hatte sich eine große Menschenmenge angesammelt. Als Holten an der Seite der beiden Brands, weniger in Gedanken an seinen Erfolg als voller Unbehagen vor der Feier, die ihm bevorstand, aus dem Theater trat, brach die Menge in lauten Jubel aus.

»Hoch Holten! Bravo! Hoch!« riefen Hunderte von Stimmen, und alles drängte an ihn heran, schwenkte Hüte und Tücher und sperrte den Weg zu seinem Wagen.

Auch Werner stimmte in den Jubel ein. Der alte Brand, der ein paar Schritte auf die Treppe hin zurücktrat, sah schmunzelnd auf die Menschen, die sich in immer größere Ekstase schrien.

Carl stand erfreut da, nahm verlegen den Hut ab, nickte schüchtern wie ein Kind und hätte doch am liebsten jeden Einzelnen an sein Herz gedrückt.

Plötzlich packten ihn ein paar junge Leute unter die Arme und hoben ihn zur Freude aller anderen in die Höhe.

»Reden!«  rief eine kräftige Stimme, und der alte Brand schüttelte teilnahmsvoll den Kopf und dachte: Armer Holten.

Der aber fühlte sich, obschon seine Lage reichlich unbequem war, wie in den Olymp gehoben.

»Ruhe!« riefen viele Stimmen – der Lärm brach, wie durchschnitten, plötzlich ab – und Carl Holten sprach:

»Ich bin zu bewegt, um viel zu sagen. Aber ich bin sehr glücklich – und danke Ihnen.«

Wieder erhob sich lauter Jubel, und sie trugen ihn durch die Menschen hindurch zu dem Auto des Direktors, der gelangweilt in seinem Wagen lehnte und über eine zweite Besetzung des heutigen Stückes nachdachte.

Als man Carl unter Hochrufen, die immer lauter wurden, in das Auto hob, gab es auf der Welt wohl kaum einen Menschen, der glücklicher war als er.

Er saß kaum, da sagte der Direktor:

»Vor dem Mumpitz hätte ich Sie ja gern bewahrt, lieber Holten; aber es macht sich ganz nett, wenn morgen in den Blättern eine Notiz darüber steht.«

Carl fuhr zusammen.

»Vor was für einem Mumpitz?« fragte er.

»Na, vor den Ovationen! Oder glauben Sie etwa, meine Regie endet mit dem Schluß des letzten Aktes? Für die Straßenszene, die doch gewiß echt und lebendig war, zeichne ich ebenfalls verantwortlich.«

Carl riß den Mund auf; seine Augen standen still.

»Wie? – Sie haben . . . Sie !?«

»Natürlich habe ich,« erwiderte der Direktor – »oder glaubten Sie etwa . . .?« und er sah ihn erstaunt an. »Um eins werden die Lokale geschlossen; jetzt ist es halb zwölf – und da meinen Sie, die Leute werden sich mit leeren Magen mitten in der Nacht da aufstellen? Ne! So weit reicht der Kunstenthusiasmus der Berliner denn doch nicht.«

Carl hätte weinen mögen.

»Im übrigen, lieber Holten,« fuhr der Direktor fort, »Sie haben Ihre Sache vorzüglich gemacht. Sie hätten sie nicht besser machen können, wenn Sie vorbereitet gewesen wären.«

Carl biß die Lippen zusammen, um nicht laut aufschreien zu müssen. Wie Kolbenschläge fielen die Worte des Direktors auf ihn nieder. Er drückte sich tiefer in seine Ecke und ließ die Schläge auf sich niederprasseln, unfähig sich gegen sie zu wehren. Wäre es nach seinem Gefühl gegangen, er hätte sein Manuskript zurückgefordert und jede weitere Aufführung verboten. Was hätte er darum gegeben, wenn er jetzt, statt neben dem Direktor zur Siegesfeier seines Triumphes zu fahren, in der Bahn gesessen hätte, das Manuskript in der Tasche, um es morgen früh mit liebevollen Händen wieder an seinen alten Platz zu legen.

Dort in dem schweren alten Eichenschrank hätte es neben seinen anderen Werken ein würdigeres Dasein geführt als jetzt, wo es sich allabendlich vor lieblosen Menschen prostituierte.

Der Direktor berechnete inzwischen die Einnahmen von hundert ausverkauften Häusern, und das Ergebnis stimmte ihn so heiter, daß er Carl vergnügt auf die Schultern klopfte und sagte:

»Sie werden staunen, wenn Sie die erste Abrechnung zu Gesicht bekommen.«

Als sie bei Borchard ankamen, fragte Carl:

»Kann man wohl jetzt noch ein Telegramm aufgeben?«

»Selbstredend,« erwiderte der Direktor.

»Ich hätte dann nämlich gern meiner Frau ein paar Worte . . .«

Der Direktor gab ein Zeichen; ein Page brachte Formular und Tinte, und Carl schrieb:

Frau Cläre Holten, Tutzing, Bayern.

Ich bin mit meinen besten Gedanken bei Dir, fühle mich einsam und zähle die Stunden bis zu meiner Rückkehr.

Carl.

Den Erfolg zu erwähnen, kam ihm gar nicht in den Sinn; dabei wußte er nicht etwa, daß Brand an Frau Clara Holten bereits ausführlich über den Verlauf des Abends berichtet hatte.

Sie hatten ihre Garderobe noch nicht abgelegt, als aus dem Restaurant ein kleiner runder Herr im Frack herausgestürzt kam und mit ausgebreiteten Armen auf den verdutzten Carl Holten losging.

»Mein lieber Holten,« rief er schon von weitem, ergriff Carls beide Hände, schüttelte sie und sagte: »Meinen aufrichtigsten Glückwunsch! Endlich einmal wieder ein großer Theaterabend!«

Und statt Carls, der über die Begrüßung eines Menschen, den er gar nicht kannte, so erstaunt war, daß er nicht einmal »Danke« sagte, erwiderte der Direktor:

»Sie geben nach dem heutigen Abend also zu, Herr Geheimrat, daß man nicht durchaus ins Metropoltheater gehen muß, wenn man sich amüsieren will.«

»Fangen Sie nicht wieder das alte Thema an,« rief der Geheimrat. »Wenn ich bei einer unberufen fünfaktigen griechischen Tragödie nicht einschlafe, dann sagt mir mein Verstand: da muß was dran sein.«

»Tiefe und Dauer Ihres Schlafs,« sagte der Direktor spöttisch, »das ist allerdings ein zuverlässiger literarischer Maßstab.«

»Sie bleiben eben ein unverbesserlicher Idealist,« erwiderte der Geheimrat und wandte sich an Carl. »Aber, nicht wahr, Holten, Sie begreifen, daß ich, der ich tagsüber in ernsten Geschäften stecke, mich des Abends lieber an dem Anblick einer jungen Operettendiva aufmuntere, statt mich vier Stunden lang in schwerfüßigen Jamben über den Seelenzustand Helenas unterrichten zu lassen, der mir im Grunde genau so gleichgültig ist, wie etwa der Seelenzustand irgendeines meiner Kassenboten.«

»Das begreif’ ich durchaus,« erwiderte Carl, »nur verstehe ich nicht, warum Sie dann statt in die griechische Tragödie nicht lieber in eine der vielen Operetten gehen.«

Da lachte der Geheimrat laut auf und klopfte Carl vor Vergnügen auf die Schultern:

»Ausgezeichnet! Ich wußte gar nicht, daß es griechische Tragöden mit so viel Humor gibt! Was sagen Se dazu, Direktor? Malen Sie sich aus: eine Sensationspremiere in Ihrem Theater und mein Platz in meiner Loge leer.«

»Nicht auszudenken!« erwiderte der Direktor ironisch.

»Was würden die Leute sagen?«

»Zunächst mal würden die tollsten Gerüchte über Ihren Gesundheitszustand in der Stadt kursieren,« sagte der Direktor, »und die nächste Folge wäre, daß an der morgigen Börse die Aktien Ihrer Bank um zehn Prozent fielen.«

»Sehr richtig!« sagte der Geheimrat, »und die zweite Folge wäre ein Skandal mit meiner Frau, im Vergleich zu dem dieser Kurssturz eine Lappalie wäre.«

Carl, der vom gesellschaftlichen Leben Berlins nichts wußte, fehlte für den Zusammenhang dieser Dinge jedes Verständnis. Sich in diese Welt hineinzufühlen, schien ihm undenkbar. Ihm war die Kehle wie zugeschnürt, zentnerschwer lag es ihm auf der Brust, und schon im Begriff, das für die Feier reservierte Zimmer zu betreten, erwog er noch allen Ernstes die Möglichkeit einer Flucht.

Im selben Augenblick nahm ihn der Geheimrat, als wären sie seit Jahren die besten Freunde, auch schon unter den Arm und sagte:

»Morgen mittag sind Sie natürlich mein Gast. Meine Frau freut sich schon auf Sie. Sie treffen nur die beiden Brands, den Direktor und ein paar Freunde.«

»Sie verzeihen,« erwiderte Carl und blieb stehen, »es liegt wohl an mir, aber . . .«

»Wie? Was?« fragte der Geheimrat.

»Ich meine . . . ich entsinne mich nämlich gar nicht . . . wie war doch Ihr Name?«

»Also Holten,« prutschte der Geheimrat los, »Sie sind köstlich! Direktor, was sagen Sie dazu? Ein Phänomen! Ein Tragöde, der gleichzeitig Humorist ist.«

Aber wenn das auch sehr belustigt klang, so stand ihm die verletzte Eitelkeit doch deutlich auf dem Gesicht geschrieben. So deutlich, daß der Direktor vermittelte und sagte:

»Lieber Herr Geheimrat, es ist ein Vorrecht der Dichter, zerstreut zu sein.« Und zu Carl gewandt fuhr er fort: »Sie waren mit Ihren Gedanken gestern natürlich ganz wo anders, als ich Ihnen während der Generalprobe Herrn Geheimrat Weber vorstellte.« Und da er wußte, daß der das gern hörte, so fügte er hinzu: »Herr Geheimrat Weber ist als Industrieller und als Mäzen eine der bekanntesten Persönlichkeiten Berlins; die literarischen Tees seiner kunstverständigen Gattin sind ebenso geschätzt wie seine Sammlung alten Porzellans und seine Galerie alter Meister, unter denen besonders die Porträte Lippis Erwähnung verdienen. Ferner . . .«

»Halten Sie keine Vorlesung, lieber Direktor,« unterbrach ihn der Geheimrat. »Was Herrn Holten weit mehr interessieren dürfte als mein altes Porzellan ist, daß ich Hauptaktionär Ihres Theaters und somit indirekt wenigstens einer der Faktoren bin, denen er Aufführung und Erfolg seiner Tragödie verdankt.«

Carl stieg der Ekel auf. Und als er jetzt den kleinen Saal betrat und etwa dreißig geputzte Menschen aufsprangen, ihn umringten und in die Hände klatschten, da glich er mehr einem Delinquenten, der vor seiner Aburteilung stand, als einem Dichter, den ein auserwählter Kreis von Gästen zum Gegenstand einer Huldigung machte.

Zunächst nannte man Carl dreißig verschiedene Namen, dann schüttelte man ihm dreißigmal die Hand und sprach ihm ebenso oft in allen möglichen Variationen Glückwunsch und Bewunderung aus.

Schließlich saß er und nahm bald darauf wahr, daß er rechts die Frau des Geheimrats Weber, links Estella von Pforten zur Nachbarin hatte. Beide redeten auf ihn ein, ohne daß er auch nur einen Satz im Zusammenhange verstand. Und ihm gegenüber äugte eine dekolletierte Dame derart ungeniert zu ihm hinüber, daß er die Füße unter den Stuhl zog und kaum mehr aufzusehen wagte.

Links versicherte Estella von Pforten, daß ihr das Studium keiner Rolle je ähnlichen Genuß bereitet habe wie die Rolle der Helena, und rechts beteuerte Frau Geheimrat Weber, daß es überhaupt nur zwei Dinge gäbe, die für sie das Leben lebenswert machten; das eine sei der Verkehr mit prominenten Persönlichkeiten und das andere der Neid ihrer Freundinnen, die ihr diesen Verkehr, wie überhaupt ihre ganze soziale Stellung nicht gönnten.

Carl begnügte sich mit der Frage:

»Ihre Freundinnen sind das?«

»Ja! Die Wenigen, vor denen man keine Geheimnisse hat. Das heißt: dies oder jenes gibt’s für eine Frau in unseren Kreisen ja immer, was ein Dritter nicht zu wissen braucht.«

Und nach dem Blick zu urteilen, mit dem sie ihn umfing, schien sie sich irgend etwas Bestimmtes dabei zu denken. Carl, der nicht weiter darüber nachdachte, erriet es nicht.

Dann hielt irgendwer einen Toast auf ihn, der heiter, gescheit und fesselnd war; hier und da freilich stark an Wilamowitz erinnerte. Für Carl waren diese Minuten, so ungern er an sich im Mittelpunkt einer Rede stand, eine Wohltat, nur begriff er nicht, warum die Damen jedesmal, wenn der Redner eine griechische Sentenz in griechischer Sprache brachte – und das geschah saß nach jedem zweiten Satze – empfindsam die Köpfe senkten und verständnisinnig lachten. Ja, einmal, als der Redner mit einem Homerischen Verse die Kunst feierte, mit der Carl die Stimmung der Landschaft festhielt, drückte Estella von Pforten seine Hand, errötete und flüsterte:

»Was sagen Sie dazu?«

Und das gab denn auch den Anlaß, aus dem Carl einmal wenigstens an diesem Abend aus sich herausging und laut auflachte; als nämlich Werner ihm später dies Rätsel löste und sagte:

»Sehr einfach! Die Damen vermuteten natürlich hinter jedem griechischen Satz eine Cochonnerie, taten selbstredend, als verstünden sie sie, erröteten pflichtgemäß und lachten.« Dem Redner dankte der alte Brand in Carls Namen als dessen Freund und Verleger und versprach, daß dieser Abend, an dem man zum ersten Male »halboffiziös« dem Dramatiker Carl Holten huldige, einmal literarhistorische Bedeutung erlangen werde. Dann nämlich, wenn das dramatische Werk dieses gottbegnadeten Dichters einmal als Ganzes abgeschlossen zur Beurteilung stehen werde. Und der Tag, dafür verbürge er sich, werde kommen. Nur bäte er – und da setzte das Verständnis der meisten Festteilnehmer aus – der Wesensart Holtens Rechnung zu tragen und ihn nach diesem Abend wieder sich selbst, der Einsamkeit und seinen Bergen zu überlassen. »Dieser Dichter darf nicht, wie so viele vor ihm, ein Opfer seiner Erfolge werden; darf nicht als Zier- und Renommierstück von Salon zu Salon gereicht werden. Ein Adler, den man in einen Käfig sperrt und mit Zucker füttert, wird sich, auch wenn man ihm eines Tages die Freiheit wiedergibt, zu keinem Flug in die Wolken mehr emporschwingen. Stören Sie nicht seinen Flug, indem Sie seine Schwingen lähmen. Lassen Sie ihn unbehindert auf seinen Höhen und in seinen Bergen leben, suchen Sie ihn nicht in Ihre Welt herabzuziehen, in der er doch ewig ein Fremder bliebe.« Dann wandte er sich wieder an Carl und schloß: »Und nun, Königsadler, erhebe dich zu neuen Flügen! Wir werden, die Herzen offen, den Blick dir zugewandt, abseits stehen und, deinem Fluge folgend, zu dir emporschauen.«

Carl stand auf und reichte dem alten Brand die Hand. Und die Dame ihm gegenüber sagte nicht eben leise zu einen anderen:

»Er mag ja als Dichter bedeutend sein; aber soviel habe ich schon heraus: viel anzufangen ist mit ihm nicht.«

Ueberhaupt bekam die Stimmung jetzt etwas Gezwungenes. Carl, den man nach dem heutigen Erfolge als neue Errungenschaft gesellschaftlich hoch gewertet hatte, war nach Brands Rede nur noch eine imaginäre Größe. An historischen Reminiszenzen lag diesen Wirklichkeitsmenschen ebenso wenig wie an der Perspektive, die Brand gab und die im Grunde nichts anderes als ein undiskontierbarer Wechsel auf die Zukunft war.

Und wenn man bisher über nichts anderes als über den Dichter und sein Werk gesprochen hatte, so wagte man nun, sich auch anderen Dingen zuzuwenden. Besonders Estella von Pforten wurde Gegenstand der Unterhaltung. Man pries ihre schauspielerische Leistung als Helena, und ein junger Assessor verstieg sich sogar zu der Behauptung:

»Diese Tragödie mag ja literarisch ’ne sehr achtbare Leistung sein; Leben hat se jedenfalls erst durch das Spiel von Fräulein von Pforten bekommen.«

Estella strahlte. Und alles blickte entsetzt zu Holten hinüber. Der sah den jungen Assessor freundlich an und dachte gerade: endlich mal einer, der, unbekümmert um die Wirkung, ausspricht, was er denkt, als Werner dem Redner in die Parade fuhr und sagte:

»Wie können Sie das Spiel von Fräulein von Pforten beurteilen, Herr Assessor, wo Sie heute abend in der Herrnfeldpremiere waren?«

Alles lachte laut auf, Estella senkte den Kopf und dachte: Tölpel! und Frau Geheimrat Weber vervollständigte den Eindruck, den diese Szene auf Carl machte, indem sie ihm zuflüsterte:

»Sie müssen nämlich wissen, daß dieser Assessor sich seit Wochen vergebens um die Gunst Fräulein von Pfortens müht. Die findet aber, daß ihre finanziellen und künstlerischen Interessen bei ihrem jetzigen Freunde besser aufgehoben sind.«

Von den Lügen, die hier im Laufe des Abends die Lust schwängerten und Carl den Atem benahmen, war das die einzige, der man zu Leibe rückte. Und wenn man auch über die Abfuhr, die sich der Assessor holte, gelacht hatte, so bereute man das im nächsten Augenblicke auch schon wieder. Denn, was dem Assessor heute widerfuhr, das konnte genau so gut morgen jedem von ihnen widerfahren. Davor eben schützte einen jene gesellschaftliche Konvention, zu der sich jeder stillschweigend bekannte und gegen die man nur verstieß, wenn man Revolutionär, von Natur taktlos oder schlecht erzogen war.

Das wenigstens war der Standpunkt, den ein Freund des Assessors mit vielen Worten Werner gegenüber vertrat und den der generell auch gelten ließ, dessen Anwendung auf den vorliegenden Fall er aber ablehnte.

Carl war unfreiwilliger Zeuge dieser Unterredung als er gleich nach dem Essen den ersten günstigen Augenblick benutzte, um sich unauffällig zu entfernen.

Werner und der junge Mann standen auf dem Flur, der zur Garderobe und von da aus auf die Straße führte. Hut und Mantel hätte er im Stich gelassen, um von hier fort zu kommen. Aber an diesen beiden mußte er vorüber. Er versuchte es; aber Werner sah ihn schon von weitem, ließ den Herrn stehen, ging auf Carl zu und fragte:

»Nanu? wohin so eilig?«

»Laß mich! bitte! ich halt’s nicht mehr aus!« erwiderte Carl und wollte an ihm vorbei.

»Gut! ich komme mit dir!« rief Werner.

»Wirklich?« fragte Carl und war erfreut.

Die Garderobiere reichte die Sachen. Carl griff hastig nach Hut und Mantel und trat ins Freie.

Den Hut in der Hand stand er auf der Straße, der Wind fegte ihm durchs Haar; er lehnte den Kopf zurück und sah zu dem schwarzbewölkten Himmel, streckte breit beide Arme aus und sagte:

»Endlich!«

»Siehst du denn nicht, daß es gießt?« rief ihm Werner zu. »Setz den Hut auf!«

Aber Holten schüttelte den Kopf.

»Die Kleider möchte ich mir vom Leibe reißen!« rief er, »und mich stundenlang von Wind und Regen durchpeitschen lassen! – Ja, geht es dir denn nicht ebenso?« wandte er sich an Werner. – »Hältst denn du das aus? erstickst denn du da nicht?«

»Ich kenne es nicht anders,« sagte Werner, »aber ich sehe ein, du kannst das nicht.«

»Nie!« versicherte Carl.

Sie stiegen in einen Wagen.

»Wo willst du hin?« fragte Werner.

»Laß den Wagen öffnen und dann ins Freie!«

»Undenkbar! bei dem Wetter!« erwiderte Werner, »du holst dir den Tod!«

»Dann irgendwo anders hin! Nur fort von hier und unter Menschen, die sich geben, wie sie sind.«

Werner lächelte.

»Das gibt es nicht.«

»Dann in eine Spelunke!« rief Carl. »Meinetwegen unter Dirnen und Verbrecher! aber Naturlaute muß ich hören.«

Und Werner überlegte, stieg in den Wagen und rief dem Chauffeur zu:

»Zum schwarzen Ferkel!«




Zweites Kapitel

Im schwarzen Ferkel


Der Wind peitschte den Regen an die Wagenfenster. Die Tropfen liefen in langen Strähnen die Scheiben entlang, so daß man nicht erkennen konnte, wo man sich befand. Das grelle Licht, das plötzlich aufblitzte, kam vom Friedrichstraßenbahnhof her, unter dem das Auto eben hindurchraste. Rechts und links spritzte es aus den Pfützen die Wagentüren hinauf, und ein paar Weiber liefen kreischend mit hochgeschürzten Röcken über den Damm. Dann verschwand die Helle wieder; man sah hier und da die Bogenlampen der großen Hotels, deren Licht wie der Schein des Mondes hinter Wolken verschwamm.

Mit unverminderter Geschwindigkeit ging es über die Weidendammerbrücke, man streifte das Rad einer Droschke, die ins Wanken kam. Die Insassen schrien auf, der Kutscher schimpfte niederträchtig, und ein Schutzmann, der triefend unter einer Laterne stand und in seinem langen Mantel aus Gummi wie ein Seehund glänzte, wühlte in der Tasche seines Rockes, aus der er mit gewichtiger Miene sein Wachtbuch zog.

Das Auto fuhr in die Elsasserstraße und hielt auf der linken Seite vor einem jener alten Häuser, die da wie die Riesen stumpfsinnig und unterschiedslos in den Himmel wachsen.

Sie stiegen aus und ließen das Auto warten. Neben dem Haustor führte eine schmale Tür auf einen Gang, der zur Garderobe hergerichtet war. Werner warf ein Zweimarkstück hin. Eine alte Frau riß die verklebten Augen auf, staunte, nahm ihnen Hüte und Mäntel ab, schimpfte aufs Wetter und sagte, als Carl um die Garderobemarke bat:

»Aber Herr Jraf, ich kenne Ihnen doch. Sie brauchen doch keene Marke.«

Carl sah sie groß an.

»Sie – mich?« fragte er allen Ernstes, »das muß wohl ein Irrtum sein.«

Werner mußte lachen und sagte:

»Leugne nicht, Carl, du bist hier Stammgast.«

Nun war auch Carl im Bilde und sagte heiter:

»Ach so!«

»Siehste Carle!« sagte die Alte, »de bist erkannt,« dann öffnete sie eine alte verstaubte rote Plüschgardine und rief:

»Emil! besorch’ mal ne jute Mittelloge for’n Jrafen Koks mit Jefolge.«

Ein alter Mann mit krummem Rücken und abgeschabter grüner Livree kroch heran.

»’S wird schwer sein,« sagte er und musterte Carl und Werner. Die Alte zwinkerte mit den Augen und zeigte ihm verstohlen das Zweimarkstück. »Aber ’s wird sich schon machen lassen.« – Er bog den Rücken noch krummer, schob die Plüschportieren auseinander und sagte: »Bitte, Herr Jraf!«

Ein Dunstgeball von Rauch, Schweiß und schlechtem Parfüm, der von jedem der Tische aufkroch und sich an Decke, Wänden und Möbeln festsetzte, hing über dem Saal. Schwer, dick, dumpf, wie eine fest zusammengeballte Masse kroch es heran, und man hatte das Gefühl, sich daran zu stoßen, wenn man tiefer in den Saal trat. Der faßte hundertfünfzig Personen und war überfüllt.

»Rauche!« sagte Werner und steckte Carl, der den Atem anhielt, eine Zigarette in den Mund.

Der alte Mann nahm Carl bei der Hand und sagte:

»So!« und schob sich und hinter sich Carl, dem wieder Werner folgte, durch den Saal. Es ging, da sie an Tische und Stühle stießen, nicht ohne Stöße, Knüffe und ranzige Bemerkungen ab. Aber schließlich standen sie doch vorn, vor einer primitiven Holzbühne, deren schmutziger Vorhang geschlossen war und von der ein paar Stufen in den Saal führten.

Der alte Mann sah sich der Reihe nach genau die Leute an, die vorn an den ersten Tischen saßen. Dann sagte er zu Carl und Werner:

»Warten Sie ’n Augenblick, ich bin gleich wieder da.«

Er ging an einen der vorderen Tische, an dem zwei junge Kerle mit einem nicht mehr jungen Mädchen saßen, heran, beugte sich zu ihnen und redete leise auf sie ein. Allem Anschein nach machte er ihnen einen Vorschlag. Der eine der beiden Burschen schien auch gleich bereit, darauf einzugehen; aber das Mädchen stellte eine Reihe von Fragen. Schließlich nickte auch sie mit dem Kopfe. Und der Alte kam wieder zu Carl und Werner zurück.

»Die Herrschaften da,« sagte er und wies auf den Tisch, an dem er eben verhandelt hatte, »sind so freundlich, for Ihnen zusammenzurücken.«

Werner sah Carl an, der ganz unter dem Eindruck dieses neuen Bildes stand. Wie ungeheuerlich kontrastierte das von dem, dem er eben glücklich entronnen war.

Wieder nahm der Alte Carls Hand und schob ihn an den Tischen der ersten Reihe vorbei zu dem Mädchen und den beiden Kerlen, die keinen Blick von ihm und Werner ließen, ihre Stühle zusammenschoben und Platz machten.

»Aber wir wollen nicht stören,« sagte Carl.

Die Drei sahen ihn an.

»Ne doch!« sagte das Mädchen, »davon kann gar keene Rede sind. Kommen Se man hier nieder!« und sie faßte Carl bei der Hand und zog ihn auf einen Stuhl. »So! An meine jrüne Seite! Det is der beste Tisch von die janze Bude.«

»Sehr freundlich!« sagte Carl und meinte es auch so.

»Det will ick meinen! Na und Sie olle Stange,« wandte sie sich an Werner, »heben Se doch den dicken Heinrich da nebenan aus die Fotölje; der is schon blau und merkt nich, wenn er ’ne Etage tiefer rückt!«

Aber der Alte hatte schon einen Stuhl zur Hand, auf den sich Werner setzte.

Dann winkte Werner eine Kellnerin heran. Und das Mädchen an ihrem Tisch, das beide mit einer Ungeniertheit und Gründlichkeit musterte, die beispiellos war, stieß Carl mit dem Ellenbogen an, wies auf ihr leeres Glas und die der beiden Kerle und sagte:

»Na, Jraf – wie wär’s denn?«

Carl begriff nicht, was sie wollte, aber Werner sagte zu der Kellnerin:

»Fünf Dunkle!« und einer der beiden Kerle gab dem Mädchen durch Zeichen zu verstehen, daß nicht der Alte, sondern Werner »derjenige welcher« war.

Hinten am Ausgang begann man an ein paar Tischen zu trampeln. Andere folgten dem Beispiel, und in wenigen Augenblicken waren sämtliche Beine des Saals in Bewegung.

Carl war über diese ungenierte und kräftige Willensäußerung belustigt und trampelte zu Werners Vergnügen kräftig mit.

»Die Vorstellung hat wohl noch gar nicht begonnen?« fragte er das Mädchen.

Die fühlte sich verulkt und sagte:

»Aber jewiß doch! Wenn der Vorhang uff jeht, denn fängt de jroße Pause an.«

»Sei doch nich so dreiste, Ida!« sagte der Kerl, der neben ihr saß.

»Was? for das dunkle Bier laß ick mir doch nich dumm machen. Bei mir muß eener erst mit Schampus ranfahren, denn kann er mir erzählen, in Himmel is Jahrmarkt, denn jlob ick’s noch. Aber von wejen det eene Dunkle? Ne, Männeken,« und sie wollte das volle Glas gerade umstülpen und ihm auf die Hose gießen, als der Kerl rechts mit einem schnellen Ruck nach ihrer Hand griff, sie festhielt und sagte:

»Dir hab’n se woll mit de Muffe geschmissen, seh dir bloß vor, Ida, saj ick dir.«

Ida geriet in Wut und wollte sich eben auf ihren Kerl stürzen, als jemand auf ein altes Klavier, das links der Bühne stand, loshackte. Sofort legte sich Idas Wut, schwanden die giftigen Falten um ihren Mund, bekamen die toten Augen einen leichten Glanz, öffneten sich die schmalen Lippen, hoben und senkten sich die schweren Brüste, ging ein Zucken durch den ganzen Körper – und sie glitt, wie magnetisiert, auf ihren Stuhl zurück, hakte die feisten Arme in die ihrer Nachbarn und gröhlte mit einer Stimme, die hart und rauh wie die Töne eines verrosteten Grammophons klang, im selben abgehackten Tempo, in dem die steifen Finger des Klavierspielers auf die Tasten schlugen, den Refrain mit:

		Blühte, der Rose gleich, im sonnigen Tal —
		War jung und schön, hatte die Wahl.
		Doch von der Konfektion, in Fa. Meyer-Cohn —
		Brach mich Herr Rosenthal.

Und auch die beiden Kerle hakten sich ein; der eine faßte Werner unter den Arm und Werner schloß sich an Carl. Dann lehnten sich alle zurück, bildeten einen geschlossenen Kreis und sangen aus Leibeskräften den Refrain mit.

Und wie an diesem Tische, so war’s an allen anderen. Jedes Denken war ausgeschaltet. Was hier herrschte, war ausschließlich der Trieb. Dieser holperige Kasten, der noch dazu von einem Dilettanten mißhandelt wurde, besaß eine Macht über diese Menschen, die ohnegleichen war.

Wie leicht, dachte Werner, müssen diese Menschen zu leiten sein, wenn man in ihrer Sprache zu ihnen spräche; und Carls Dichterauge suchte diesen Menschen in die Seele zu schauen, die sich hinter dem primitiven Ausdruck ihres Gefühls verbarg.

Plötzlich ertönte ein Klingelzeichen; im selben Augenblick brachen Klavierspieler und Publikum mitten im Refrain ab. Es wurde ganz still im Saal. Der Vorhang ging auf, und aus einer schmutzigen Kulisse, die unglaubwürdig genug eine Gebirgslandschaft vorzutäuschen suchte, trat der alte Mann im Frack und verkündete:

»Ich bitte das verehrliche Publikum um Aufmerksamkeit für die Hauptnummer des Programms und zwar ›Das Schäferspiel‹, Ballett in einem Akt mit Gesang und Tanz, ausgeführt von Fräulein ›Sybilla‹ genannt ›die Lilie vom Manzanares‹.«

Das Publikum trampelte und rief:

»Sybilla!«

Eine nicht mehr junge, gräßlich gepuderte und bemalte, faltenreiche, spindeldürre Soubrette mit langem, blondem, offenem Haar trat auf, lächelte geziert wie ein junges Mädchen, hob mit je zwei Fingerspitzen ihren an sich schon kniekurzen Rock, spreizte und verbeugte sich.

Das Publikum trampelte und klatschte.

Der alte Mann, der noch immer auf der Bühne stand, verkündete weiter:

»Fräulein Elfrida, genannt ›die Perle des Ganges‹, Star des Orpheums in Kiel, seit zwölf Jahren zum ersten Male wieder in Berlin.«

Abermals trampelten die Leute und riefen:

»Elfrida!«

Und Elfrida, die Perle des Ganges, schwebte, zwei Zentner schwer, auf den Fußspitzen auf die Bühne; ein übler Geruch von Schweiß und Moschus und schlechtem Puder stieg Carl, der unmittelbar vor der Bühne saß, in die Nase.

Endloser Jubel brach los.

Elfrida war als Baby gekleidet, trug Wadenstrümpfe, ein ganz kurzes Hängekleid, das vorn weit ausgeschnitten war und die klobigen Brüste ungehindert hervorquellen ließ. Elfrida teilte mit ihren fleischigen Armen, die sich nicht einmal nach den Knöcheln hin verjüngten, vielmehr dort eine Reihe tiefer Falten schlugen, nach allen Seiten hin Kußhände aus.

Das Publikum raste.

Der alte Mann im Frack trat ab, der Klavierspieler schlug wieder auf die Tasten. Elfrida, die Perle des Ganges, hob mit einem mächtigen Satz das rechte Bein. Carl zitterte vor dem Augenblick, wo sie es wieder niedersetzen würde. Sybilla, die Lilie vom Manzanares, machte eine lächerlich affektierte Armbewegung, wies auf Elfrida, verzog den Mund erst, öffnete ihn dann und sagte:

		Seht dort Elfrida, die Perle des Ganges,
		Königin des Tanzes und des Gesanges.
		Wenn sie zum Tanze das Bein erhebt,
		Das Herz jedes Mannes zittert und bebt.

Im selben Augenblick schnellte auch Sybilla eines ihrer Stockbeine wie ein Signal in die Höhe, und Elfrida, die zu Carls Entsetzen noch immer auf einem Beine stand, wies mit der fleischigen beringten Hand auf sie und sang:

		Seht Sybilla, die Lilie vom Manzanares,
		Seht den Schmelz der Gestalt, die Fülle des Haares,
		Wer ihr naht, der liebt, drum nehmt euch in acht,
		Ihre Liebe hat vielen schon Unglück gebracht.

Dann reichten sich die Perle des Ganges und die Lilie vom Manzanares die Hände, das Schäferspiel begann. Zuerst kam ein sentimentaler Gesang, dann Zoten, eindeutig und plump, am Schluß ein Verstellen der Beine, ein unrhythmisches Heben, Senken und Verzerren des Körpers, was Tanz bedeuten sollte, und Elfrida und Sybilla traten unter dem jubelnden Gejohle der begeisterten Menge ab.

»Scheußlich!« sagte Werner, und Carl erwiderte:

»Widerwärtig, aber psychologisch interessant.«

»Nicht wahr,« sagte Ida und stieß Carl an, »da kribbelt’s einen orntlich in die Knie. Wenn Se wollen, mit die Perle vom Ganges kann ick Ihnen bekannt machen; mit die war ick zusammen in Konfirmationsstunde.«

Der alte Mann stand schon wieder auf der Bühne und sagte etwas, was Carl infolge des Lärms nicht hören konnte. Er sah nur, daß aller Augen wieder auf die Bühne gerichtet waren und daß im selben Augenblick auch schon ein auffallend hübsches und junges Mädchen aus der Kulisse trat.

»Bravo!« rief der Kerl, der neben Werner saß und klatschte in die Hände. Auch viele andere klatschten jetzt und riefen dem jungen Dinge, das ungezwungen, keck und heiter an die Rampe trat, aufmunternde Worte zu. Aber mit dem Jubel wie die Perle des Ganges und deren Partnerin wurde sie nicht begrüßt.

»Jeben Se acht,« sagte das Mädchen am Tisch, »das is de schwarze Agnes, een dolles Ding. Vor sechs Wochen war se noch in Fürsorge, und heute fadient se siebenundzwanzig Märker de Woche, außer was se sich nebenbei macht.«

Carl ließ kein Auge von ihr; er hörte auch nicht, was das Mädchen am Tische sagte; er sah sie nur immer an und erkannte, daß es die Lieblichkeit und Anmut in Menschengestalt war. Auch auf das, was sie sang, hörte er nicht. Aber er folgte ihren Bewegungen und sah, wie sich der junge Körper unabsichtlich in den Hüften wiegte, sah ihre gazellenhafte Schlankheit und Gewandtheit, sah die zarten Knöchel an den feinen Händen und den schmalen Füßen, sah unter dem weißen Hals die straffe Brust, die knospengleich verriet, wie wenig sie vom Leben wußte, und sah ein Gesicht, in dem zwei schwarze Augen träumten, als wenn in ihnen eine große Sehnsucht nach dem Leben schliefe.

»Die fällt ja völlig aus dem Rahmen,« sagte Werner und wandte sich an Carl, der, die Augen weit aufgerissen, da saß und auf die Bühne starrte.

»Was tut se?« sagte das Mädchen am Tisch. »Ick saje Ihnen, beleidjen Se die schwarze Agnes nich, sonst kriegen Se’s mit den da zu tun!« und sie wies auf den Kerl, der neben Werner saß.

Die schwarze Agnes sang erst ein Lied, das gewiß genau so rührselig oder zotig war, wie die Lieder der beiden anderen. Aber sonderbar! Hatten ihn die gepfefferten und aufdringlich gebrachten Späße der anderen bedrückt und ihm körperlich wehgetan, so wich angesichts dieser Erscheinung, ohne daß er darauf achtete, was sie sang, alles, was ihn beschwerte und niederdrückte. Es war das wie, von dem diese reinigende und befreiende Wirkung ausging.

Und daß ihr Vortrag sich inhaltlich nicht wesentlich von dem der anderen unterschied, bewies der Beifall, der nach jedem Vers lärmend einsetzte.

»Die möchte ich tanzen sehen!« sagte Carl ohne ernste Absicht vor sich hin.

»Das Vajnüjen kenn Se haben,« sagte der Kerl, der neben Werner saß.

»Wie?« wandte sich Carl zu ihm um. »Sie meinen, sie wird noch tanzen?«

»Wenn ick will – und Sie zahlen – warum nich?«

»Wirklich? Das ließe sich machen?« fragte Carl ganz erregt und wandte sich an Werner: »Weißt du, dafür bliebe ich noch einen Tag länger in Berlin.«

»Nanu!« sagte Werner erstaunt und sah jetzt erst, daß Carl völlig unter dem Eindruck dieses Mädchens stand.

»Dazu brauchen Se Ihre Reise janich zu vaschieben,« sagte der Kerl. »Bis morjen früh is noch de halbe Nacht.«

»Liegt dir sehr viel daran?« fragte Werner.

»Unendlich viel! Mehr als du überhaupt ahnen kannst.«

»Carl, Carl!« drohte Werner scherzhaft, »du bist kein Jüngling mehr.«

»Ich war es nie!« erwiderte Carl. »Aber ich glaube, ich könnte es trotz meiner Jahre noch mal werden.«

»Also,« wandte sich Werner an den Kerl, »wollen Sie das in die Hand nehmen?«

Das Mädchen am Tisch gab ihm einen Wink und sagte:

»Mach doch, Otto!«

Und Otto hielt Werner unter dem Tisch die flache Hand hin.

Werner griff in die Tasche, holte ein Fünfmarkstück heraus, sagte: »Da!« und legte es Otto in die Hand. Der besah es, verzog den Mund und schüttelte den Kopf. Das Mädchen hob sich ein wenig in die Höhe, beugte sich über den Tisch und sah auf Ottos Hand, in der das Geldstück lag.

Sie prutschte los, machte zu Werner hin ein Zeichen, daß er wohl nicht ganz richtig im Kopfe sei und sagte:

»Hab’n Sie ’n Schimmer von die schwarze Agnes.«

Werner, der Carls Interesse sah, legte ein zweites Fünfmarkstück drauf. Wieder besah es Otto und schüttelte den Kopf. Wieder hob sich das Mädchen in die Höhe und beugte sich über den Tisch – diesmal mit dem ganzen Oberkörper – und schlug wütend von unten gegen die Hand Ottos, so daß die nach oben schnellte und beide Geldstücke in einem mächtigen Bogen durch den Saal flogen.

Irgendwo kreischte ein Weib, ein paar Menschen fielen übereinander her, jemand schwang einen Stuhl, Gläser klirrten, Stimmen dröhnten, Schläge fielen dumpf und kurz, irgendwer schlug zu Boden – dann brach der Lärm plötzlich ab.

»Sau!« sagte Otto und schlug Ida die Faust ins Gesicht. Die verzog keine Miene. Keiner tat auch nur einem Blick nach der Stelle, von der der Lärm kam.

Aber Carl war aufgesprungen; kerzengerade stand er da, die Lippen zusammengepreßt, starr den Blick nach dem Tisch gerichtet, von dem der Lärm kam, keine Spur von Scheu war mehr an ihm. Sein Ausdruck war straff, scharf, bestimmt. Plötzlich huschte ein Schatten über seine Stirn. Es war der Augenblick, in dem die Gläser klirrten. Carl schaffte sich rücksichtslos Bahn, stieß rechts und links alles beiseite, stand an dem Tisch, beugte sich über einen Stuhl, riß ihn mitsamt einem Weib, das sich an ihn klammerte und schrie, in die Höhe, hielt ihn fest, als ein Schlag dumpf seinen Kopf traf, und trug ihn, selbst erstaunt über seine Kraft, hinaus, über den dunklen Flur, auf die Straße.

Werner sah es mit an und wußte keine Erklärung. Er warf ein Zehnmarkstück auf den Tisch und folgte Carl.

Der stand bei strömendem Regen ohne Hut und Mantel mitten in der Nacht auf der Straße und hielt in seinen Armen ein junges Weib, das er mit Leidenschaft ohnegleichen an sich drückte.


*

Keiner sprach ein Wort.

Werner winkte das Auto heran, öffnete den Schlag, und Carl barg seine Beute mit großer Sorgfalt in den Wagen.

Werner nannte dem Chauffeur seine Wohnung.

»Wo bringst du mich hin?« fragte müde eine weiche Stimme, die Werner zu kennen glaubte.

Es waren die ersten Worte, die einer von ihnen sprach.

Carl beugte sich über sie, schob das Tuch zurück, das sie sich hastig über Gesicht und Kopf geschlagen hatte, und sagte sanft:

»Zu mir, mein Vögelchen!«

Jetzt sah Werner zwei große schwarze Augen und erkannte sie wieder. Eine weiße Hand strich die Haare aus der Stirn. Ein feines, schmales Gesicht kam zum Vorschein.

Die schwarze Agnes war es, die neben Carl saß.

»Wer bist du?« fragte sie, und unter ihrem Tuch kam das verstaubte Soubrettenkleid zum Vorschein.

»Ein Dichter,« erwiderte Carl.

Sie sah ihn groß an, lächelte, fuhr ihm mit der Hand durchs Haar und sagte:

»Komisch! – Wo hast du deinen Hut?«

»Ich weiß nicht – ist dir nicht kalt?«

Sie schüttelte den Kopf, nahm seine Hand und führte sie an ihr Gesicht.

»Da! Fühle, wie ich warm bin – so glühe ich am ganzen Körper.«

»Hat man dich sehr geschlagen?« fragte Carl.

»Ja!«

»Weshalb?«

Agnes lachte verschmitzt und wies auf ihre Hand, die sie fest geschlossen hielt.

»Was hast du da?«

»Aber nicht fortnehmen,« sagte sie und spreizte die Finger. Es war das Fünfmarkstück, das das Mädchen am Tisch dem Kerl neben Werner aus der Hand geschlagen hatte.

»Ich sah, wie du von der Bühne aus an den Tisch stürztest – du wirbeltest förmlich.«

»Ja, ich bin flink.«

»Willst du, daß ich dir zu dem Gelde was hinzutue?«

Agnes fiel Carl um den Hals und küßte ihn ins Gesicht.

»Bitte! Bitte!«

»Später!«

»Nein, jetzt!« Sie ließ ihn wieder los. »Du hast es versprochen! Jetzt gleich! Oder . . .« Und sie machte sich an der Tür des Wagens zu schaffen.

Carl griff ängstlich nach ihr und zog sie zurück.

»So komm!«

Er griff in die Tasche und holte eine Handvoll Silber heraus.

Agnes stand vor ihm. Werner kümmerte sie gar nicht.

»Gib! Gib!« rief sie und leerte hastig seine Hände. Dann schlang sie die Arme wieder um seinen Hals und sagte:

»Ich habe dich lieb! – Sag, du bist wohl sehr reich?«

»Wozu brauchst du das Geld?« fragte Carl.

»Für ein neues Kleid – um nicht so herumzulaufen!« und sie wies auf das abgenutzte Kostüm. »Aber die Kerls sind ja so schäbig – und dann . . .« sie unterbrach plötzlich und sagte: »Na! – bex!«

»Ich will dir ein neues Kostüm kaufen – das heißt, dahin, in diese Gesellschaft solltest du nicht mehr . . .«

Was er weiter sagte, ging in Agnes’ Jubel unter.

»Wirklich!« rief sie, »das willst du tun?«

Und wie sie jetzt in diesem engen Raum ihrer Freude Ausdruck gab, wie sie die Arme hob, die Hände bewegte, wie unzählige Nuancen ihr Gesicht belebten, wie ihr ganzer Körper nur noch einer Verkündung höchsten Glücksgefühls glich, das mit anzusehen war ein Genuß sondergleichen.

»Sieh nach der Uhr!« sagte sie endlich.

»Es ist eins vorbei.«

»Also noch sieben Stunden. Um acht werden die Geschäfte geöffnet. Kennst du Baruch am Alexanderplatz? Da gehen wir hin. Du, aber der ist teuer. Dafür hat er aber die schönsten Kostüme! Ja, und lumpen wirst du dich doch nicht lassen. Otto sagt, da kaufen sogar die richtigen Schauspielerinnen aus den großen Theatern.«

Wieder verwischte der ästhetische Anblick das Häßliche ihrer Rede so vollkommen, daß man nicht einmal das Gefühl hatte, wenn sie doch schweigen wollte.

»Was sagst du dazu?« fragte Carl mit einem Blick auf Agnes seinen jungen Freund.

»Ich bin, wie du, voller Bewunderung,« erwiderte Werner, »trotzdem staune ich über dich.«

»Weil du meine jahrelange Sehnsucht nicht kanntest.«

»Wonach hast du dich gesehnt?« fragte Werner.

»Danach!« sagte Carl und riß Agnes an sich.

Wie ein Jüngling, dachte Werner und schüttelte den Kopf, als er Carls Rausch und Begeisterung sah.

Als das Auto hielt, fragte Agnes:

»Wo sind wir hier?«

Werner sagte:

»Bei mir.«

»Wo ist das?«

»Im Tiergarten.«

Agnes sah zum Fenster.

»Aber da stehen ja Häuser,« sie beugte sich nach vorn.

»Oh!« rief sie voller Bewunderung, »das ist ja ein Palast! Wohnst du hier?«

»Ja!«

»Bist du auch Dichter?«

Werner nickte.

»Verdient man als Dichter denn so viel Geld?« fragte sie, als sie jetzt in ihr Tuch gehüllt, das Carl besorgt am Halse festhielt, vor dem Hause stand.

»Das Haus gehört meinem Vater.«

Werner schloß die Haustür auf.

»Ich gehe voraus!« sagte er.

Carl und Agnes blieben stehen.

Plötzlich lag die weite Diele hellerleuchtet vor ihnen.

Agnes hielt sich die Hände vor die Augen, zitterte in Carls Armen und rief ängstlich:

»Was ist das?«

»Blendet’s dich?« fragte Carl.

»Nein!« rief Agnes, deren Augen sich an die Helle gewöhnten, und staunte den Raum an. »Gehört das alles dir? – Oder was bist du hier?«

»Ich wohne hier zusammen mit meinem Vater,« sagte Werner. »Gefällt’s dir hier? Sonst gehen wir da hinein; da ist es wohnlicher.«

Er öffnete die Tür und ging voraus. Agnes folgte an Carls Hand mit aufgerissenen Augen – wie ein Kind, dem man von einem Wunderlande erzählt. Sie wagte kaum die Füße aufzusetzen und hielt Carls Hand so fest, daß der unwillkürlich den Druck erwiderte.

Werner, der ihr Erstaunen sah und es als Freude deutete, öffnete Portieren und Türen, die in die Nebenzimmer führten, und erleuchtete alle Räume.

Carl nahm ihr das Tuch ab.

Wie eine Bettelprinzessin stand sie in all dem Reichtum. Sie rührte sich nicht vom Fleck. Ihre Augen gingen die Decken und Wände entlang, hingen an Bildern, Statuen und Möbeln, sahen zu den schimmernden Kronen auf, hefteten sich auf die Gobelins und Perser, sahen staunend all die Pracht, leuchteten hell auf und füllten sich dann mit Tränen.

»Was ist dir?« fragte Carl besorgt.

Agnes biß die Lippen aufeinander. Ein harter, herber Zug trat um den Mund, sie ballte die Faust, krampfte die Finger, stampfte mit den Füßen auf, zitterte am ganzen Körper und sagte mit einer Stimme, die wie die eines unartigen Kindes klang:

»Ich will . . . ich will!«

»Was willst du?« fragte Carl.

Sie sah ihn mit Augen, die noch voll Tränen standen und doch schon wieder lachten, an, warf sich auf eine Chaiselongue, auf der ein schwerer seidener Perser lag, dehnte und strecke sich, rief Carl zu:

»Komm!« Carl trat zu ihr heran. »Hier – so!« zog ihn zu sich herab, so daß er kniend vor ihr saß, und spielte wieder in seinem vollen Haar.

»Ganz grau bist du, Onkelchen – altes Onkelchen! – Aber ich hab dich lieb.« Dann betrachtete sie sich, fuhr mit der Hand über ihr Kleid und sagte:

»Pfui! die alten Fetzen! – Willst du, daß ich sie runterreiße?«

»Morgen, Vögelchen, morgen!« sagte Carl. »Wir müssen erst neue kaufen.«

»I was!« rief Agnes übermütig. »Heute!« Und zu Carls Erstaunen zerrte sie mit ihren Füßen den Rock herunter, öffnete die Taille, hob sich kaum hoch, schlüpfte heraus, warf die Sachen in weitem Bogen ins Zimmer, tastete den Körper, dessen ganze Schönheit erst jetzt voll zur Geltung kam, mit ihren weißen Händen ab, sagte zu Carl:

»Zieh mir die Schuhe aus!« dehnte und streckte sich voller Behagen, hob an beiden Seiten den seidenen Perser, der bis über den Boden reichte, hoch, und wickelte sich darin ein; nur den Kopf und die weißen Arme ließ sie draußen.

Werner, der des eigenartigen Besuches und der späten Stunde wegen den Diener nicht wecken wollte, war selbst hinausgegangen, um Champagner zu holen, mit dem er eben wieder ins Zimmer trat.

Als Agnes es sah, fuhr sie wie der Blitz auf, strahlte über das ganze Gesicht, warf die Arme hoch und rief:

»Champagner! – her! her! Ich verdurste!«

Sie jauchzte vor Freude laut auf, als der Pfropfen knallte, und stürzte das erste Glas, das Werner ihr reichte, ehe er Carl und sich noch eingegossen hatte, in einem Zuge herunter.

»Mehr! mehr!« rief sie und streckte Werner das leere Glas hin, das er füllte, und das sie im selben Tempo heruntergoß. Dann jauchzte sie laut auf und rief:

»Kinder! ist die Welt schön!«

»Kennst du sie denn?« fragte Carl, der sich ein Kissen herangerückt hatte und neben der Chaiselongue zu ihren Füßen saß.

Agnes lachte; sie verstand ihn nicht.

»Da ich doch lebe, muß ich sie doch kennen,« sagte sie.

»Ich meine die ganze Welt da draußen – weißt du, die Berge und die Seen und all die fremden Völker, zu denen man Tage und Wochen reist, um zu ihnen zu gelangen.«

»Ja, aber dazu gehört doch Geld, viel Geld – das können doch nur die Reichen.«

»Möchtest du das?«

Ihre Augen glänzten.

»Ja!« sagte sie lebhaft. »Wenn ich reich wäre!!«

»Was tätest du dann?«

Agnes sah ihn an und lachte, dann setzte sie das volle Glas an und trank es aus.

»Das täte ich! Alle Tage! Und dann hätte ich eine Wohnung wie diese.« Sie sah sich um. »Vielleicht auch anders, weißt du, nicht so schwer, das macht traurig; mehr schlanke Möbel und Schränke aus Glas und viel viel Vasen und Gläser.«

Werner öffnete die zweite Flasche.

»Gib mir die Propfen! sonst glaubt’s mir die dicke Ida morgen nicht.« Sie besah den Korken. »Du, is das ’ne feine Marke?« Sie buchstabierte: Mo – ett et Schandou.«

»Gewiß,« sagte Werner. »Soll ich dir ein paar Flaschen davon schicken?«

»Ja!« rief sie freudig – zog dann aber, noch ehe sie den Mund wieder geschlossen hatte, die Stirn in Falten, schien nachdenklich und sagte schnell:

»Nein, nein, laß; ich will nicht!«

»Aber ich tue es gern.«

»Wozu?« sagte sie fast ärgerlich. »Ich will nicht – es hat ja doch keinen Sinn. Ihr wißt ja nicht . . . Wenn das so wäre, ja!« – und dabei wies sie wieder auf den Glanz der Wohnung. »Aber da oben,« und dabei streckte sie verzweifelt die Arme aus und rief: »Ach wenn das doch nicht wäre!« Sie richtete sich jetzt ganz auf und stand, nichts am Körper als Hemd und Strümpfe, auf der Chaiselongue: »Aber ich will nicht, will nicht – helft mir doch! du! du!« rief sie und warf sich an Carls Hals. »Du mußt mir helfen!«

Werner war von der Traurigkeit, die in jeder Bewegung lag und sich wie ein Schatten, den man mehr fühlte als sah, auf den ganzen Körper übertrug, erschüttert. Er mußte an Chopin denken, wie ihn die Derp tanzte. Hier, bei Agnes, empfand er die Wirkung, schon weil sie unbewußt war und nicht durch den Verstand ging, verhundertfacht.

»Willst du nicht tanzen?« fragte er ganz unvermittelt.

Sie ließ Carl los und sah ihn an.

»Willst du’s?« fragte sie, und Carl sagte:

»Bitte!«

»Wirst du mir helfen?«

Carl nickte.

»Spiel!« rief sie Werner zu.

»Was soll ich spielen?«

»Was du willst.«

»Aber ich muß doch wissen, was du tanzen willst.«

»Das weiß ich selbst nicht.«

»Wie?« fragte Werner.

»Das hängt davon ab, was du spielst.«

»Soll es traurig sein oder heiter?«

»Heiter! Denn ihr wollt mir ja helfen!«

Und Werner ging an den Flügel und spielte . . .

Agnes zog von einem der Tische eine Decke herunter und warf sie sich über. Wie einen langen Schal band sie sie fest um ihren Leib und ließ sie lose über die Beine fallen, so daß sie bis zu den Knien bedeckt waren. Brust und Schultern blieben entblößt. Dann zuckte im Takte der Musik der ganze Körper ein paarmal heftig zusammen – und Agnes tanzte, daß Luft und Fröhlichkeit sich auf Tische, Stühle und Bilder übertrugen und alle Zimmer lebendig wurden.

Und Carl stand mit leuchtenden Augen am Flügel, den Kopf ein wenig nach vorn gestreckt, den Mund, um den ein Lächeln spielte, leicht geöffnet, die Arme halb erhoben, die Finger in Bewegung, und merkte nicht, wie ein Gefühl in ihm erwachte, emporwuchs, über ihn Macht ergriff, ihn schließlich ganz erfüllte.

Werner, der ohne Noten spielte, und mit seinen Augen an Agnes hing, folgte ihrem Tempo, raste über die Tasten und hielt erst inne, als sie plötzlich laut aufschrie, die Arme hochwarf und vor Carl zusammenstürzte.




Drittes Kapitel


Carl reiste am nächsten Tage nicht.

Eine ganze Woche lang blieb er in Berlin. Und als er am Abend des neunten Tages vor seinem Coupé stand und der Schaffner an ihn herantrat und sagte: »So steigen Sie doch ein! Wir fahren ab,« da schloß er Agnes, trotz den vielen Menschen, die ihm das Geleite gaben, in die Arme, küßte sie und drückte sie an sich.

»In zehn Tagen!« sagte er, und die Tränen, die ihm in den Augen standen, und der Ausdruck seines Mundes, um den sich scharf jedes seiner Gefühle prägte, zeigten, wie ihm ums Herz war.

Das Zeichen ging in die Höhe; der Zug setzte sich in Bewegung.

Carl nickte den anderen flüchtig zu und sprang behende wie ein Jüngling in den Zug, riß das Fenster herunter, beugte den Oberkörper heraus und winkte mit beiden Armen Agnes zu, als wenn er sie noch in letzter Minute zu sich emporziehen wollte.

Und Agnes lächelte und nickte, trippelte noch ein paar Schritte neben dem Zug her und rief ihm, als die Maschine schon aus der Bahnhofshalle fuhr, mit ihrer weichen Stimme zu:

»Denk an dein Vögelchen!«

Und wer ihn so sah, wußte, daß er an nichts anderes denken würde. —

»Wie ausgewechselt seit ein paar Tagen,« sagte der Direktor.

Ja! die Weiber!« rief der Geheimrat, lachte und hielt sich den Bauch.

Der alte Brand stand in Gedanken, schüttelte den Kopf und sagte:

»Mir gefällt das nicht!«

»Philister!« sagte der Direktor und klopfte ihn auf die Schulter. »So gönnen Sie ihm doch diese harmlose Eskapade.«

»Wenn es das wäre,« erwiderte Brand, »vom Herzen gern! Aber ihr kennt ihn nicht! Wie seine Dichtung, so ist der ganze Mensch. Tiefgründig – schwerblütig – gradlinig!«

»Was heißt das, gradlinig?« fragte der Geheimrat.

»Daß er seiner ganzen Natur nach unkompliziert ist, daß es die tausend Nebenstraßen, die unser Leben erst bunt und abwechslungsreich machen, für ihn nicht gibt. Nicht geben kann, da er in seinem Handeln ebenso primitiv ist wie in seinem Gefühl. Und darin liegt auch seine beste Kraft: in dieser Einheit. Ein Guß das Ganze. Da ist, wenn’s sich um das Gefühl handelt, kein Bruch, kein Sich-teilen, kein Kompromiß möglich!«

Der Geheimrat verzog das Gesicht.

»Das ist mir zu hoch,« sagte er. »Aber den Menschen möcht’ ich sehen, der heute, ohne Kompromisse zu machen, weiter kommt.«

»Das Genie schon,« sagte Brand, »das Talent freilich nicht.«

»Nu, da is mir schon lieber, ich bin kein Genie.«

»Und dann fürchte ich . . .« fuhr Brand fort, brach aber ab, da Agnes nur noch ein paar Schritte von ihm entfernt war.

Und während den alten Brand die innere Wandlung Carls mit Sorge erfüllte, dachte Werner über die Veränderung nach, die sich in der kurzen Zwischenzeit mit Agnes vollzogen hatte:

Am Morgen nach jener an Ereignissen reichen Nacht war der Zusammenschluß zwischen Carl und Agnes bereits vollzogen. Beide erklärten bestimmt und feierlich, nicht mehr voneinander lassen zu können. Carl aus der Tiefe seines Herzens heraus und aus innerster Ueberzeugung, Agnes, nachdem sie die Daseins- und Entwickelungsmöglichkeiten, die ihr ein Anschluß an Carl versprach, gegenüber dem Leben an der Seite Ottos und im Ferkel gewissenhaft gegeneinander abgewogen hatte. Und das hatte ein so gewaltiges Plus zugunsten Carls ergeben, daß sie schon am nächsten Morgen nicht nur in die Trennung von Otto und in die Aufgabe ihrer künstlerischen Tätigkeit im Ferkel einwilligte, sondern für Carl sogar so etwas wie eine, freilich mehr kindliche und schülerinnenhafte Zuneigung verspürte.

Die Auseinandersetzung mit Otto und dem Besitzer des Ferkels, die rein geschäftlicher Natur war, hatte sich nicht ganz glatt vollzogen. Otto hatte seine »Braut« ganz ungeniert als ein Wertobjekt von vielseitigen Möglichkeiten bezeichnet und sich auf das Sachverständigenurteil des Ferkelwirtes berufen. Der prophezeite Agnes eine große Zukunft und meinte:

»Wenn ick der zwischen die Finger behalte, macht se ’ne Karriere wie die Perle vom Ganges.«

Und als Werner, der für Carl handelte, fragte, was das denn in Zahlen ausgedrückt bedeute, da sagte der Wirt:

»De Woche zweiunddreißig Mark.«

Als man sich schließlich geeinigt hatte, sagte Otto:

»Einmal will ick ihr aber noch sehen.«

Kein Angebot vermochte ihn von dieser Forderung abzubringen. Und Werner setzte es erst nach vielem Reden durch, daß er dieser Begegnung beiwohnen durfte. Ein Tag der übernächsten Woche wurde vereinbart. —

Agnes kam zu Werners Freundin, die auf den Namen Lori hörte und ein guter Mensch war. Sie wurde vom Kopf bis zu den Füßen neu eingekleidet, begeisterte sich an jedem Stück, das man ihr zeigte, fiel abwechselnd Lori, dem Verkäufer und Carl, der leuchtenden Auges alles miterlebte – denn für ihn war alles das ein Erlebnis – um den Hals und tanzte zur Verwunderung der anderen Kunden mit ihnen durch die Verkaufsräume.

Und Carl, Lori und der Verkäufer staunten über die Sicherheit, mit der sie unter Hunderten von Dingen auf den ersten Blick stets das herausfand, was sie am besten kleidete, über die Grazie, mit der sie in die feine batistene Wäsche und die seidenen Röckchen schlüpfte, über den Charme, mit dem sie ihr erstes Korsett anpaßte und sich die dünnen Seidenstrümpfe überzog; vor allem aber über die Natürlichkeit, mit der sie sich in allen diesen ihr ungewohnten Dingen bewegte, als wenn sie nie etwas anderes getragen hätte. Und als sie dann als neuer Mensch vor den Spiegel trat, da war sie von dem Zauber, der von ihr ausging, selbst betroffen, fiel Carl um den Hals und rief:

»Sieh nur, was ihr aus mir gemacht habt!«

Und als Carl sie jetzt fragte:

»Möchtest du noch immer dahin zurück?« da schüttelte sie sich, sagte: »Bex!« und spuckte aus.

Lori und der Verkäufer wichen unwillkürlich ein paar Schritte zurück, sahen sich an und lachten. —

Gleich am ersten Abend saß Agnes an Carls Seite unten in der Direktionsloge des Neuen Theaters. Es war die erste Wiederholung seiner griechischen Tragödie. Das Haus war ausverkauft. Der Beifall womöglich noch größer als am ersten Abend. Man erkannte Carl in der Loge und huldigte ihm stürmisch nach jedem Akt; mehrmals sogar auf offener Szene.

Agnes erschien das anfangs alles wie ein Traum. Aber schnell fand sie sich in das neue Bild, fragte Carl neugierig nach tausend Dingen. Und Carl freute sich über ihre Ahnungslosigkeit, war oft erstaunt, wie scharf sie beobachtete, und es bereitete ihm Genuß, sie diese neue Welt durch seine Augen schauen zu lassen.

Als man Carl huldigte und aller Augen auf ihre Loge gerichtet waren, zeigte sie mehr Geistesgegenwart als er. Er fühlte sich geniert und war verlegen, nahm ihre Hand und drückte sie. Aber Agnes flüsterte ihm zu: »Steh auf!« Sofort erhob er sich. »Verbeug dich!« Und er drückte ihre Hand noch fester und verbeugte sich mehrmals kurz hintereinander. »Genug!« sagte sie und zog ihn auf den Stuhl zurück. Das Publikum wandte sich wieder zur Bühne.

»Wie gut, daß ich dich bei mir habe,« sagte er in einem Gefühl der Sicherheit.

Weit mehr als für das Stück interessierte sich Agnes für Estella von Pforten. War die nicht auf der Bühne, dann war sie unaufmerksam, langweilte sich wohl gar und sah in die Logen und ins Parkett. Und wenn sie dann regelmäßig feststellte, daß vieler Augen auf sie gerichtet waren, freute sie sich und lächelte auch hin und wieder. Im Augenblick aber, wo Estella von Pforten auftrat, verschwand für sie alles andere.

»Wie macht man das?« fragte sie einmal ganz erregt, als der Vorhang fiel. Und Carl freute sich über ihre Regsamkeit und wollte ihr klar machen, wie die Idee zu der Tragödie in ihm entstanden sei.

»Aber nein!« unterbrach sie ihn. »Ich will wissen, wie diese Person das anstellt, so eine ganz andere zu sein.«

»Dazu gehört viel Talent und großer Fleiß,« sagte er.

»Meinst du, daß ich das könnte?« fragte sie erregt und wartete ängstlich auf seine Antwort.

»Ja! Das glaube ich!« sagte er aus voller Ueberzeugung.

Da vergaß sie sich und fiel ihm vor allen Menschen um den Hals, küßte ihn und sagte freudig:

»Du! – Ich will! – Ich will!«

Carl zog sie tief in die Loge zurück und versprach ihr, sie außer im Tanz auch für die Bühne ausbilden zu lassen. Und von diesem Augenblick an kannte Agnes nur eine Sehnsucht: zu werden, was Estella von Pforten war.

Und sie ließ Carl keine Ruhe, bis er mit Werner zu Estella von Pforten ging und sie bat, Agnes mit den Anfangsgründen der Schauspielkunst bekannt zu machen. Die lehnte erst ab; und erst der Vermittelung des reichen Peter, der mit Werner befreundet und Estellas Freund war, gelang es, sie gegen ein märchenhaftes Honorar zur Erteilung des Unterrichts zu bestimmen.

Und da Carl in diesen Tagen in aller Munde war, wie seit langem kein Dichter mehr – da man sich in der Presse nicht nur mit seinen Werken, sondern auch viel mit seinem Leben beschäftigte, und ganze Spalten über den einsamen Dichter schrieb, der »fern dem Getriebe der Welt in glücklichster Ehe mit seiner gleichaltrigen Gattin wie ein Einsiedler in seinen Bergen lebe«, so gewann sein Verhältnis zu der Tänzerin Agnes, das man bei jedem anderen Dichter als etwas Alltägliches kaum beachtet hätte, eine gewisse Bedeutung. Ja, die Szene in der Theaterloge, die schon am nächsten Tage in aller Munde war, machte Agnes schnell bekannt und verhalf ihr zu einer gewissen Berühmtheit.

Auf Estella von Pfortens Wunsch saß sie nun allabendlich in ihrer Loge. Auf die richtete jeder Besucher, sobald er das Theater betrat, sein Glas. Zu ihrer Berühmtheit gesellte sich die Sensation. Und wenn man auch nicht gerade ihretwegen ins Theater ging, so interessierte sie doch mehr als Estella von Pforten. Und so oft sich auf den Beifall hin nach den Aktschlüssen der Vorhang schloß und es hell wurde, sahen alle, als wenn sie den ganzen Akt über nur darauf gewartet hätten, in die Loge. Estella, die sich auf der Bühne verbeugte, beachtete kaum noch einer.

Kein Wunder, daß es unter diesen Umständen Ehrensache für Frau Geheimrat Weber war, diesen literarischen Leckerbissen, wie es der Gatte nannte, ihrem Freitag-Nachmittag-Tee vorzusetzen. Und die Gerüchte über Agnes’ Herkunft, über die man geheimnisvoll allerlei munkelte, ohne bei der Diskretion der beiden Brands je etwas Bestimmtes zu erfahren, erhöhten nur den Reiz. Für Frau Geheimrat Weber, der daran lag, für eine moderne, vorurteilslose Frau in gelten, waren sie Anlaß, ihren Beziehungen zu Agnes, wenigstens nach außen hin, einen freundschaftlichen Charakter zu geben.

So war die Schule, die Agnes genoß, in jeder Weise die denkbar beste. Lori und die Frau Geheimrat ergänzten sich ausgezeichnet. Für das ganz aufs Aeußere Gestellte, Oberflächliche, Formale, Berechnende, kurz für das rein Gesellschaftliche, konnte es keinen besseren Lehrmeister geben, als es Frau Geheimrat Weber war. Die Fähigkeit, mit echten und vorgetäuschten Gefühlen den Mann zu fesseln und zu beherrschen, sah sie bei Lori. Das Geheimnis, den so schwierigen Ausgleich zwischen beiden zu finden, lehrte Estella. Und das Wichtigste, was sich nicht erlernen ließ, weiblichen Instinkt, brachte sie mit.


*

Auch während der Fahrt war Carl mit seinen Gedanken ausschließlich bei Agnes. Erst kurz vor München dachte er zum ersten Male an die Heimkehr.

Was waren das sonst für schöne Stunden, wenn er von einer Reise kam und seine Berge wiedersah. Und am Bahnhof stand immer an der gleichen Stelle seine Frau und wartete auf ihn. Und ihre Festigkeit und ihr Gleichmaß wirkten so stark auf ihn, daß er meist schon auf der Heimfahrt Mißliches, was hinter ihm lag, vergaß, und am nächsten Morgen mit dem Gefühl, als wäre er nie fortgewesen, wieder an die Arbeit ging. Und so kam über ihn, den allein schon das Zusammensein mit fremden Menschen aus dem Gleichgewicht brachte, je näher er seinem Dorfe kam, eine immer größere Ruhe.

So war es sonst! Wie anders heute!

War ihm während der ersten Stunden der Fahrt leicht gewesen wie nie zuvor, so spürte er jetzt ein Unbehagen, gegen das er vergebens anzukämpfen suchte. Mit jedem Kilometerstein, an dem der Zug vorüberraste, fühlte er sich schwerer und bedrückter. Als er Tutzing vor sich liegen sah, schloß er die Augen und fühlte den Wunsch, sie erst wieder zu öffnen, wenn der Zug längst über das Dorf hinaus wäre.

Was waren das nur für Gefühle, die er da plötzlich für seine Frau empfand? War der Wunsch nicht stark und deutlich in ihm: wenn sie doch heute nicht da stände! – Er erschrak über sich selbst. Wie konnte ein Gefühl, das sich zwanzig Jahre lang stark und unverändert geäußert hatte, so plötzlich aussetzen?

Als Erster war er sonst stets aus dem Zuge, und während sich die anderen Reisenden noch durch die Sperre drängten, stand er schon auf der Landstraße, drückte seine Frau an sich, holte tief Atem und sagte:

»Gott sei Dank! Da bin ich wieder!« Dann begrüßte er mit kräftigem Händedruck Alois, den Knecht, klopfte den strammen Fuchs, der mit den Füßen scharrte, auf den Hals und gab ihm Zucker, den er aus dem Speisewagen mitbrachte. Dann erst bestieg er den Wagen.

So war es sonst. Heute aber war ihm die Kehle wie zugeschnürt.

Der Zug hielt. Er nahm seine Tasche und trat auf den Gang. Auf dem Bahnsteig stand seine Frau; froher noch als sonst, und winkte ihm zu.

Er war nicht der Erste heute, der durch die Sperre ging, und seine Augen hatten nicht den Glanz wie sonst, als er auf sie zuging, ihr die Hand reichte und sagte:

»Grüß Gott, Cläre!«

Also schlechte Kritiken! dachte Cläre und ging, ohne ein Wort zu sprechen, neben ihm aus dem Bahnhofsgebäude.

Als sie jetzt aber auf der Landstraße standen, und er sie nicht wie sonst unter den Arm nahm, den Knecht, der sich schon die Hand an seinem Rock abwischte, nur durch Nicken des Kopfes begrüßte und von dem scharrenden Fuchs überhaupt keine Notiz nahm, da nahm sie seine Hand und fragte teilnahmsvoll:

»Was ist dir?«

Er sah sie lange an: »Das ist so schwer zu sagen, Cläre.«

»Willst du nicht Alois begrüßen?« fragte sie.

»Ach so! – richtig!« und er reichte ihm die Hand.

»Grüß Gott, Alois! Na?«

»Dank schön, Herr Doktor! Alleweil gut! – Und der Hans schaut auch net übel aus.«

Dabei wies er mit der Peitsche auf den Fuchs, um zu zeigen, daß noch einer war, der begrüßt sein wollte.

Carl griff gewohnheitsgemäß in die Tasche, und Cläre lachte und sagte:

»Na also!«

Aber Carl schüttelte gleich darauf den Kopf und sagte:

»Das habe ich doch wahrhaftig vergessen.«

Alois hob die Peitsche, und der enttäuschte Hans zog an.

Nach einer Weile fragte Cläre:

»Bist du zufrieden?«

Carl wandte sich zu ihr und fragte:

»Womit?«

»Seltsame Frage! Mit deinem Erfolg; womit wohl sonst? Nach den Münchener Zeitungen und den Briefen, die man uns schreibt, muß man dich ja beispiellos gefeiert haben.«

»Ja, ja!« sagte Carl hastig. »Das stimmt – gefeiert hat man mich. Und meine anderen Dramen kommen nun auch. Bis gestern hatte Brand bereits zweiunddreißig Annahmen.«

»Und die Kritiken?«

»Sämtlich über Erwarten gut.«

»Und trotzdem . . .?« sie sah ihn an und schüttelte den Kopf.

Carl quälte sich.

»Natürlich! Wissen mußt du’s,« sagte er.

»Die ganzen zwanzig Jahre über hatten wir kein Geheimnis voreinander,« erwiderte Cläre, »und doch würde ich mich damit abfinden, wenn du mir nur sagst, daß es keine Sorge ist, und daß du glücklich bist.«

»Würdest du das wirklich?« fragte Carl.

»Ja!«

»Es könnte eine große Freude sein, wenn ich wüßte, daß es dich nicht kränkt.«

»Kann mich kränken, was dich erfreut?« fragte sie.

»Gewiß nicht! Ich habe selbst noch nicht darüber nachgedacht. Erst jetzt, wo es an mich herantritt, ich meine, wo ich mit dir darüber spreche, da scheint es mir, als wenn ich damit ein Unrecht an dir beginge.«

»Ich versteh dich nicht, Carl. Das ist doch deine Art nicht, um die Dinge herumzureden.«

»Du hast recht.« – Er nahm ihre Hand, sah sie an und sagte: »Also, Cläre, ich möchte, daß wir beide die besten Kameraden würden.«

»Sind wir das nicht?« fragte sie, begriff aber, als sie es kaum ausgesprochen hatte, auch schon, was er meinte. —

»Carl!«  rief sie und hielt sich die Hand vors Gesicht. »Das ist es?«

Und Carl nickte mit dem Kopfe und sagte: »Ja!«

»Erzähle!« drängte sie, ließ seine Hand los und senkte den Kopf.

Und Carl entwarf ein Bild von Agnes, aus dem Cläre mehr eine Vorstellung von der Tiefe seiner Leidenschaft bekam als von der Frau, der diese Leidenschaft galt. – »Mir ist, als fühlte ich etwas, was ich bisher nicht kannte,« schloß er, »von dem ich nicht einmal wußte, daß es das gibt; und zwar mit einer Stärke, daß daneben das Gefühl für alles andere verschwindet. Selbst dieser Erfolg, der mich doch sonst aufs äußerste erschüttert hätte, erscheint mir im Vergleich dazu blaß, nebensächlich . . .«

»Lieber Carl,« sagte Cläre, »du bist nach zwanzig Jahren zum ersten Male wieder verliebt.«

Carl sah sie an.

»Und was wird daraus?« fragte er.

Cläre schüttelte den Kopf. »Wenn du anders wärst,« sagte sie, und ihre Stirn zog sich in Falten, »dann wüßt’ ich’s! Aber so, wie du bist, da weiß ich es nicht.«

»Sprich bitte!« drängte Carl und nahm ihre Hand.

»Was soll ich sagen?« Und nach einer Weile fuhr sie fort: »Was kann ich anderes wollen als dein Glück?«

Carl nickte:

»Ich weiß es,« sagte er. »Aber du . . .«

»Ich bin es, wenn du es bist.«

»Auch dann?«

»Auch dann!« sagte sie bestimmt.

»Wenn du das könntest!« rief er freudig. »Wenn zwischen uns beiden alles so bliebe!«

»Aber es wird mit dir nicht alles so bleiben.«

»Ich schwöre!« sagte er und wollte die Hand erheben. Sie hielt sie fest.

»Laß!« sagte sie, »du hast mich nicht verstanden. Als wir vor zwanzig Jahren zusammen gingen, da fühltest du genau das, was du heute fühlst. Ich war, als Frau, reifer als du, und vor allem: ich war nüchterner. Du warst ein Dichter und daher ein Kind, und bist es heute noch. Ich sagte mir damals schon: es ist sein erster Rausch, aber es wird nicht sein letzter sein; es werden andere kommen. Aber ob die Gesinnung bleibt und sich festigt, darauf kommt es an!« Sie zog die Schultern hoch: »Nun, es kam in den ganzen Jahren kein zweiter Rausch. Vielleicht, weil die Gelegenheit fehlte und du immer hier in den Bergen saßt. Ich sollte mich darüber freuen, aber heute glaube ich fast, daß es am Ende gut gewesen wäre, wenn er hin und wieder gekommen wäre. Du würdest ihn dann richtig werten. Heute, nach zwanzig Jahren, überschätzt du ihn.«

Carl sah sie erstaunt an.

»Das ist deine Ansicht?« fragte er.

»Durchaus! Keine Frau, am wenigsten aber die eines Dichters, hat das Recht, sich unter Berufung auf die Ehe gegen diese Gefühlsausbrüche aufzulehnen. Das käme mir vor, als wenn etwa ein Gelehrter gegen den Ausbruch eines Vulkans Protest erhebt, weil nach seiner Berechnung der Ausbruch erst in zehn Jahren hätte erfolgen dürfen.«

»Da hast du recht,« sagte Carl, »das Gefühl, demgegenüber es nicht einmal einen freien Willen gibt, kann nicht durch Gesetze reguliert werden.«

»Gewiß nicht!« erwiderte Cläre. »Das ist nicht der Sinn der Ehe, daß der Mann verurteilt wird, von nun an auf das höchste Glücksgefühl, den Rausch des Verliebtseins, zu verzichten.«

»Du meinst, wenn nur die Gesinnung die gleiche bleibt, dann vermag ein Rausch auch nicht das Glück einer Ehe zu stören?«

»Das ist meine Ansicht. Ehe ist Beständigkeit, Rausch Flüchtigkeit. Rausch schließt Bewußtsein aus, Ehe bedingt es. Rausch tangiert also nicht die Gesinnung. Aendert die sich, dann freilich hört es auf, ein Rausch zu sein – und damit wäre dann auch . . .« »Nie!« beteuerte Carl aus vollster Ueberzeugung und dachte nicht mehr an seine Gefühle während der Bahnfahrt. »Alles was du da sagst, das kann meine Gesinnung nur stärken und befestigen.«

»Es wird sich zeigen,« sagte Cläre. »Und nun kein Wort mehr davon! Laß den Rausch vorübergehen, und erst wenn du den großen Kater spürst, komm zu mir und sage mir: es ist vorbei.«

Carl strahlte.

»Jetzt erst bin ich glücklich,« sagte er, »wo ich weiß, daß zwischen dir und mir alles unverändert bleibt.«

Er lehnte seinen Kopf an Cläre, beugte sich zu ihr herab und küßte ihre Hände.

Cläre fuhr ihm mit der Hand durchs Haar und sagte:

»Du mein großes Kind!«

Sie suchte zu lächeln, aber ihre Augen, um die die Jahre scharfe Falten gruben, standen voll Tränen.




Viertes Kapitel


Mein lieber, guter und besorgter Carli, deine Briefe und Telegramme sind sämtlich bei mir angekommen und wir haben uns sehr damit gefreut, indem nämlich auch Lori immer eine große Freude hat mit dem, was du schreibst, als sie damit dann bei Werner, weil der nicht so viel sich um sie kümmern kann, Vergleiche macht, wo du dann immer besonders gut abschneidest. Gestern war ich mit Lori nach dem Pferderennen, wofür uns Werner eine Loge gegeben und auch sein Auto überlassen hat. Die Pferde interessieren mich sehr – du! weißt du, der Duden is ne feine Sache! das Briefschreiben dauert zwar dadurch verflucht lange, aber man macht keine Fehler, lernt was und wird nicht ausgelacht – also die Pferde! ja, siehst du, da war unter den Offizieren, die Lori kannte, Mensch, kennt die eine Masse Männer! ein Graf Hech, nu denke dir, der will mir das reiten beibringen, du das kost nichts, nur so, weißt du, weils ihm Freude macht, sagt er. Morgen gehts an. Die Pforten ist tücksch auf mich, aber ich tu als wenn ichs garnicht merke, weil die Leute abends mehr zu mir als zu ihr hinsehen und dann habe ich gestern den reichen Peter, na du weißt doch, Werners Freund, der sie aushält und der das mit seinen Vater hat, wovon er in eine Tour reden tut, ich kenne das nun schon so auswendig wie als deine »Helena«, die ich schon souflieren könnte – also nicht wahr, wegen dem Reiten, ach nein, das war ja schon, also den reichen Peter habe ich doch so aus’m Handgelenk die Helena in der dritten Szene des zweiten Aktes vorgemacht, der Geheimrat war auch da, der ist überhaupt meist da, weil er sagt, daß ihn die Entwicklung einer jungen Künstlerin als Mäcen interessiert, dabei sieht er mehr auf meine Beine als er achtet, was ich sage, also der reiche Peter fand, daß bei geschlossenen Augen man nicht unterscheiden könne, ob die Estella oder ich das sei, das hat sie gefuchst, na, der hat nachher bekommen als ich mit dem alten Geheimrat auf der Treppe war, da hat’s was gesetzt. Wir haben natürlich auf der Flurtür gestanden und gehorcht: »die dumme Gans«, hat sie auf mir gescholten, »morgen setz ich sie an die Luft« – Aber sie braucht mich für ihre Toiletten, da ich dafür was weg habe, wie sie meint, so daß gestern beim Tee ins Esplanade von dem, der die Elegante Welt heraus gibt, einer zu uns an den Tisch kam und den Grafen bat, mich in dem neuen Frühjahrskostüm bei sich aufzunehmen, in dem Blatt natürlich, wozu der Graf denn auch ja gesagt hat. Wegen des Tanzabends in dem Beethovensaal zankt sich der alte Brand mit der Sello, und er sagt, daß sie mich nur um Reklame für ihre Schule jetzt schon herausstellen will, das wäre aber ein Fehler, da das noch nicht so weit sei! Weil du doch willst, daß ich dir über alles berichte, so mußt du die langen Seiten über dich ergehen lassen. Wegen Reitkleid und Massage und den Büchern für die deutsche Stunde und der Pariserin – also so ein Schwindel, denn die is übrigens garnicht aus Paris, was ich per Zufall rausgekriegt habe, sondern vielmehr aus einem Neste stammt, das Wimmereux heißt und ein Bad sein soll, wo am Meere ist, mußt du mir wieder was schicken, was du ja gern tust. Schreibe immer so zärtlich auch schon um Werner und Lori, ich bins dann auch. Aber denn mußt du kommen, ich hab immer so fieles vor und kann nicht so viel Zeit an dich denken. Du fragst, ob ich auch tue was du tust und die Tage bis daß du hier bist, zähle – ach Carl! das dumme zählen, ich kenne mich doch garnicht aus. Wenn ich nun schon Bühne und tanze und Reiten und das viele Sprechen und schreiben lerne und mich doch auch noch anziehen muß, dann laß mich doch noch erst nicht zählen. Aber darum komme, es ist ja bald und zähle du nur darum auch ruhig weiter, ich freue mich auch auf das reiten und viele Küsse, wie du so schön schreibst, daß ich nämlich immer lebendig oder so ähnlich – Lori hat den Brief von wegen Werner – vor deinem geistigen Auge stehe und daß du mit allen deinen Gefühlen bei mir bist; das wünscht dir auch von Herzen dein kleines Vögelchen.


*

Mein Lieber! Nun, wo ich mit Werner bei dem Otto war, mag ich dich noch viel mehr leiden, da du mich da hast rausgezogen. Das ist doch nichts, wenn es auch bequemer ist und man nicht immer braucht bei allem zu überlegen, ob es so auch ist, wie es sein muß, womit zum Beispiel die Frau Geheimrat aufsteht und schlafen geht. Aber erst mal von Otto! Na, das war ’n Theater! erst ist er aufgebraust und dann nachher war er so klein und hat gesagt, wenns denn nicht anders is, denn sollten wir doch wenigstens gute Freunde sein, dazwischen aber, bis es dazu hin kam, krachte es man immer so mit gemeinen Redensarten, von denen du auch nicht verschont bliebst. Gewaltsmensch! hat die Geheimrätin immerzu gesagt, da ich nämlich bei ihr war nachher und ihr alles erzählt habe. Aber sie liebt Gewaltsmenschen, sagt sie und will den Otto kennen lernen. Du, am Ende macht der auch noch sein Glück, denn sie scheint sehr reich zu sein. Also der Otto war ordinär, sag ich dir! aber glaube janich, daß du seinetwegen brauchst in Unruhe zu geraten. Otto war Otto, heute ist Otto Carl. Wenn du aber nicht willst, daß ich deine Briefe weitergebe, so laß ich’s. Ich dachte nur, warum soll man dem andern keine Freude machen, wenns nichts kostet. Da fällt mir ein, schick doch dem Geheimrat 500 Mark. Er hat’s auf der Wäscheausstattung für mich bezahlt. Weißt du, daß der was wek hat! Also Hemden haben wir ausgesucht, du, die zerfließen einem zwischen den Fingern. Er wollte sie mir zum Geschenk machen. Aber Estella, die mit dem reichen Peter mit uns war, sagte, das ginge nicht, weil es doch Hemden sein und wegen dir. Na, denn nich. Obschon ich nicht begreife, was da soll bei sein, wenn ich für dich spare; der hat’s ja. Du, weißt du, was ich möchte, daß Estella mal recht krank wäre und ich die Helena für sie spiele; du, ich könnts! Mit dem Grafen is nichts; was soll denn sein? Also du schenkst mir das Pferd. Am meisten Mühe gebe ich mir ja bei Estella, wenn ich doch auch erst so weit wäre! Aber amüsieren tue ich mich doch mehr bei der Frau Geheimrat. Du, seit Ihr komisch! Wenn Otton mal einer zuwider war, denn ging er ihm ausn Weg oder er suchte Streit mit ihm zu bekommen und dann gings drauf wie Blücher, und hinterher da war ihm noch mal so leicht, auch wenns Brüschen gab. Und Ihr ladet euch sone Leute extra ein und macht mit ihnen, wenn sie da sind, großen Schmus und setzt ihnen das beste Essen und die teuersten Weine vor; und wenn sie dann mit ihren vollen Bäuchen gehen wollen, bittet Ihr sie womöglich noch, zu bleiben. Sind sie dann aber endlich fort, dann schimpft ihr hinter ihnen her. Wenn ihr noch was von ihnen wolltet. Ich würde alle Abende bei dem glotzäugigen Direktor sitzen, so eklich er ist, wenn er mich einmal die Helena spielen ließe. Aber nur, weil jemand, wie die alte Geheimrat sagt, gesellschaftlich ne erste Nummer is? – ne, dazu wär ich nich zu haben. Nimms nich krum Carli, aber ich geh nu nich mehr alle Abende in die Helena, die kotzt mich nachgrade an, ich meine die Estella, das weiß ich ja nu, wie die’s macht! die schmeiß ich glatt, wenn ich mal für sie raus komme. Aber die Routine kuck ich ihr ab, da kannst du dich drauf verlassen. Na und denn is das auch kein Publikum mehr, das jetzt rein geht. Das mit den Blumen alle Tage ist lieb von dir. Erst hatte ich den Geheimrat in Verdacht. Du, der will mir ein Ballet schreiben lassen, er war bei Lori und ich mußte ihm vortanzen, und er meinte, das wäre für ihn sehr leicht, da er das könnte, mich berühmt zu machen. Aber ich will doch zur Bühne. Das ist doch klar, daß wenn du kommst, ich mich freue, du mußt mir doch helfen, und ich muß weiter, denn immer nur lernen, dazu tut mans doch nicht. Also denn komm nur, du warst ja nun auch lange genug fort. Und überrasche mich (hier führte der Brief auf die nächste Seite) mit der Stola aber kein Bruch, sondern Zobel, weißt du, so mit weißen Fädchen, wie ’n Estella vom reichen Peter hat. Dann bin ich auch immer dein Vögelchen.


*

Als Carl die Briefe las, sagte er sich zwar, daß er ja nie auf Agnes’ Worte geachtet hatte, daß es vielmehr ausschließlich der Zauber ihrer Person gewesen war, der ihn gefangen hatte. Und doch suchte er jetzt einen Zusammenhang zwischen diesen Briefen mit dem Menschen herzustellen. Denn gerade weil jedes Wort, das in diesen Briefen stand, echt und ursprünglich und ohne jede Rücksicht auf die Wirkung geschrieben war, so glaubte er, danach den Menschen werten zu können. Und da geschah’s dann, daß das Bild für Augenblicke an Glanz verlor, nüchterner Ueberlegung wich und ihn Cläre beipflichten ließ, die seine Leidenschaft einen Rausch nannte, der das Bewußtsein ausschloß. Dann war ihm, als wenn er es körperlich fühlte, wie die Glut nachließ und sein Gemüt allmählich wieder zur Ruhe kam. Und doch wußte er nicht, ob er sich dies Nachlassen eines Gefühls, das ihn beglückte, wünschen sollte, so stark auch in ihm der Wille war, Cläre nicht zu kränken. Aber das erkannte er aus der Unsicherheit seines Gefühls, daß die Leidenschaft zu Agnes nicht unerschütterlich und der Gesinnung, die ihn zu Cläre zog, zum mindesten nicht überlegen war. Und so war es denn auch ehrlich, wenn er jetzt, im Begriffe, nach Berlin zu fahren, zu Cläre beim Abschied sagte:

»Ich glaube, es wird bald vorüber sein.«

Cläre sah ihn freundlich an und nickte.

»Schieb die Reise noch acht Tage hinaus, Carl! dann hast du’s hinter dir.«

Carl stutzte.

»Meinst du?« fragte er fast ängstlich – und erwog. Und gerade weil er die Ansicht Cläres teilte, so schüttelte er den Kopf und sagte:

»Es geht nicht!«

Cläre stand noch lange und sah dem Zuge nach. Dann holte sie tief Atem, sagte:

»Schade!« schüttelte den Kopf und trat den Heimweg an.


*

»Also, liebes Kind,« sagte Frau Geheimrat, »Sie sind ein entzückendes Geschöpf, ich sage es Ihnen alle Tage, aber worauf es letzten Endes ankommt, das haben Sie noch immer nicht erfaßt.«

»Möglich,« erwiderte Agnes, »aber schließlich ist das auch gar nicht nötig, und es geht auch ohne das.«

»Aber nein, Kind! Sie haben nicht nur die Aussicht, eine berühmte Künstlerin zu werden, sondern sind auch prädestiniert, in der Gesellschaft zu glänzen.«

»Worauf ich pfeife!«

Die Frau Geheimrat schüttelte den Kopf.

»Unverbesserlich!« sagte sie.

»Möglich! wenigstens in der Beziehung! Ich bin, wie ich bin! Da läßt sich nichts machen. Ich kann nur tun, was mir Spaß macht. Herrschen will ich und eine Rolle spielen; die Gesellschaft, das ist für mich so, was für euch das Theater is.«

»Und wenn man Ihnen dieses Theater eines Tages verbietet, dann wird’s Ihnen fehlen.«

»Pah!« rief Agnes. »Soviel hab ich raus: is man erst ’ne Nummer, dann kann man sich manches erlauben.«

»Gewiß! Aber immer nur, wenn man bei allem, was man tut, den Takt wahrt.«

»Was is das?«

Die Frau Geheimrat zog die Schultern hoch:

»Das läßt sich schwer sagen. Takt ist, was man hat.«

»Ne,« sagte Agnes und schüttelte den Kopf, »das versteh ich nicht.«

»Also zum Beispiel, daß man keine Geschmacklosigkeiten begeht, nicht anstößt.«

»Hm, hm,« sagte Agnes. »Ich beginne zu begreifen,« und führte den Zeigefinger an die Stirn.

»Was meinen Sie?« fragte Frau Geheimrat.

»Na – zum Beispiel: Otto.«

Die Frau Geheimrat erschrak und sah zur Tür.

»Allerdings!« sagte sie empört. »Es ist taktlos und geschmacklos, den Namen hier im Salon, wo einen jeder hören kann, so laut zu nennen.«

»Hm,« sagte Agnes. »Aber sonst . . . nicht wahr?« und zog eine Schnute.

»Sonst geht’s niemanden was an! Hauptsache, daß niemand dabei kompromittiert wird.«

»Kompromittieren, das heißt ja wohl lächerlich machen?«

»Sehr richtig!« bestätigte die Frau Geheimrat. »Die Rücksicht hat man vor allem auf seine Nächsten zu nehmen.«

»Dann hätten also in erster Linie Sie auf den Geheimrat . . .«

»Selbstverständlich.«

»Na – und e— er?«

»Er ebenso auf mich! Das versteht sich.«

Agnes überlegte:

»Ja, und die Gesellschaft?«

»Auf die natürlich auch. Sie hat ein Recht darauf, zu verlangen, daß alles, was geschieht, in einer Form geschieht, die keinen Skandal verursacht.«

»Also kommt’s mehr auf das Wie als auf das Was an?« fragte Agnes.

»Bravo, Kind!« rief die Frau Geheimrat. »Sie beginnen zu begreifen.«

»Ich bin doch nich auf den Kopf gefallen.«

»So wissen Sie’s nun also?«

»Natürlich: Takt is nicht, wie Sie sagen, was man hat; das versteht kein Schw . . .« Sie hielt sich schnell die Hand vor den Mund und sagte: »O Gott, das durfte nicht kommen.«

»Also was ist Takt?« fragte die Alte.

»Takt is, raffiniert sein und sich nicht erwischen lassen.«

»Wenn man Sie so sieht, Agnes, glaubt man, eine kleine Prinzessin vor sich zu haben.«

»Das ist doch schön.«

»Gewiß! Wenn man aber hinhört, was Sie sagen, dann läuft’s einem kalt über den Rücken.«

»Auf deutsch: Gänsehaut! Im übrigen, wir haben doch eben festgestellt: was ist Nebensache; das wie entscheidet.«

»Eben die Art, in der Sie die unmöglichsten Dinge, die jeden anderen gesellschaftlich unmöglich machen würden, vorbringen, ist so reizend, daß man es Ihnen durchgehen läßt.«

»Das ist doch fein,« sagte Agnes. »Bin ich froh! Da brauch’ ich mich also gar nicht so in acht zu nehmen.«

»Doch! doch!« widersprach die Alte eifrig. »Vergessen Sie nicht, daß Sie eigentlich überhaupt gesellschaftlich gar nicht qualifiziert sind . . .«

»Was heißt denn das nu wieder?« fragte Agnes.

»Da Sie weder eine verheiratete Frau noch ein junges Mädchen sind.«

»Nanu!« rief Agnes und besah sich von oben bis unten, sprang auf und trat vor den Spiegel. »Wie nennen Sie denn das?«

»Außenseiter!« sagte Frau Geheimrat und betrachtete Agnes durch die Lorgnette. »Klassifiziert lediglich durch die Ausnahmestellung des Besitzers.«

»Na,« erwiderte Agnes, »bisher hat man sich auf Gesellschaften mehr um mich gekümmert als mir lieb war.«

»Verdientermaßen!« sagte Frau Geheimrat.

»Also!«

Die Alte nahm ihre Hand:

»Kind! ich mein’s ja gut mit Ihnen! Darum sind Sie der einzige Mensch, dem ich die Wahrheit sage. Sie müssen eins wissen: die Position haben Sie nur durch Ihr Verhältnis zu Holten. Zieht der sich von Ihnen zurück, so sind Sie erledigt. Selbst ich kann Sie dann nicht halten.«

»Und meine Karriere?« fragte Agnes ängstlich.

»Kein Mensch wird sich mehr für Sie interessieren.«

»Großer Gott!« rief sie, »dann hätte ich ihm ja öfters schreiben müssen!« Sie zog die Stirn in Falten und dachte nach. »Und anders vor allem.«

»Was haben Sie ihm geschrieben? Etwa die Wahrheit? Was Sie alles mitmachen und erleben?«

»Ja!« platzte Agnes laut heraus. »Buchstäblich – ohne jeden Schmus.«

»Sehr dumm!« sagte die Alte. »Aber hoffentlich doch zärtlich und verliebt.«

Agnes verzog den Mund und schüttelte den Kopf.

»Das ist fatal! Nun, hoffentlich hat sich seine Liebe noch nicht abgekühlt. Seien Sie doppelt zärtlich, wenn er jetzt kommt, und vor allem: Kein Brief mehr ohne mich! Das will verstanden sein!« Sie reichte ihr die Hand. Agnes schlug ein. »Wir beide wollen zusammenhalten!«

Agnes machte ein nachdenkliches Gesicht.

»Hätte ich daran nur früher gedacht!« sagte sie vor sich hin. »Wenn’s nur nicht schon zu spät ist.«

»Noch eins!« sagte die Frau Geheimrat, »und zwar was sehr Wichtiges. Wenn Sie mit Carl heut abend bei uns sind, darf kein Mensch merken, daß ihr zusammengehört.«

Agnes stutzte und sah sie an, als wenn sie überlegte, wer von ihnen beiden nicht ganz bei Sinnen war.

»Wie? Was?« fragte sie und suchte sich das Gespräch der letzten Minuten ins Gedächtnis zu rufen: Meine Position beruht auf meinem Verhältnis zu Carl; endet das, so ist sie erschüttert. Also – was sagte die Frau Geheimrat doch eben? Kein Mensch darf merken, daß ihr zusammengehört!

»Brrrr!« sagte sie und schlug sich mit der Faust vor die Stirn.

»Natürlich! natürlich!« rief die Alte. »Im übrigen: es weiß ja so ein jeder.«

»Na, dann schadt’s doch gewiß nichts!«

»Kind! Kind! Sie lernen es nie!«

»Das scheint mir auch,« sagte Agnes.

»Und ich prophezeie Ihnen: wenn Sie noch so hoch steigen und das nicht lernen, dann kommt eines Tages die große Katastrophe.«

Der Geheimrat trat ins Zimmer.

Agnes lehnte sich, obschon sie mit ihren Gedanken wo anders schien und sich ihr alles im Kopfe drehte, in den Sessel zurück und schlug die Beine übereinander.

Der Geheimrat begrüßte sie und setzte sich ihr gegenüber.

»Dann bleibt mir am Ende nichts anderes übrig, als ihn zu heiraten,« sagte Agnes und verzog den Mund.

»Wenn Sie das fertig brächten!« sagte die Frau Geheimrat strahlend. »Hören Sie, das wäre das große Los!«

»Und eine große Last,« erwiderte Agnes. »Wenn ich denke, immer um ihn – und immer dasselbe – und dann, ich weiß kaum mehr: wie sieht er denn aus?« Sie senkte den Kopf und dachte nach. »Grau! grau! grau! Das weiß ich bestimmt. Und dann so bombastisch! Wißt ihr, so feierlich! Aber das gewöhn’ ich ihm ab! Das ertrag’ ich nicht.«

Die Frau Geheimrat stand auf und trat vor sie hin.

»Vor allem, Agnes, versprechen Sie mir eins: reden Sie mit niemandem darüber, bevor die Verlobung perfekt ist. Glauben Sie mir, die Menschen sind zu schlecht. Man darf heutzutage niemand trauen. Das muß einschlagen wie eine Bombe! Und wissen Sie wo? Hier bei mir! Ich lade Sie ein wie immer. Ganz ahnungslos müssen alle sein, und dann – ich denke mir so zwischen dem eingeschobenen Gang und dem Geflügel – muß mein Mann aufstehen, ans Glas klopfen und die Verlobung verkünden. Das gibt eine Sensation; das war noch nicht da! – Nicht wahr, Leo?« wandte sie sich an ihren Mann, der dasaß und kein Auge von Agnes ließ.

»Gewiß!« erwiderte der Geheimrat und hob langsam den Kopf. »Nur gibt’s da noch ein kleines Hindernis zu überwinden.«

»Wieso?« fragten beide.

»Nun, Carl Holten ist, so viel ich weiß, seit zwanzig Jahren verheiratet – und führt, wie man sagt, eine sehr glückliche Ehe.«

Da der Gesichtsausdruck beider Frauen unverändert blieb, so wußte man nicht, ob sie diesen, nach des Geheimrats Ansicht erschwerenden Umstand bereits kannten oder eben zum ersten Male davon erfuhren.

»Dann, liebe Agnes,« sagte die Alte, »erfordert die Durchführung Takt und Delikatesse, um die Moral auf unserer Seite zu haben.«

»Ich verlasse mich dabei ganz auf Sie,« erwiderte Agnes.

Der Diener trat ein und meldete:

»Herr Doktor Carl Holten.«

»Allmächtiger!« fuhr Agnes entsetzt auf, »daran habe ich ja ganz vergessen!«

»Sehr peinlich!« sagte Frau Geheimrat.

»Ich sollte ihn ja um sechs Uhr von der Bahn abholen.«

»Das erscheint mir allerdings auch nicht als der Weg zur Ehe,« sagte der Geheimrat und erhob sich.

»Und dabei wollte ich so zärtlich zu ihm sein!«

»Was macht man da?« fragte die Alte ganz nervös und hielt sich die Stirn.

»Ich weiß schon!« sagte Agnes und warf sich Carl, der ernst ins Zimmer trat, an den Hals:

»Mein Carli! Liebster! Ist das eine Ueberraschung!« Carl sah fragend und erstaunt die Frau Geheimrat an

»Gott sei Dank! Gut daß Sie da sind, lieber Holten!« rief die. »Die Agnes hat uns mit ihrer Sehnsucht schon alle mit krank gemacht. – Komm Leo!« Und sie nahm ihren Mann bei der Hand und ging mit ihm aus dem Zimmer.




Fünftes Kapitel


Am Abend bevor Carl wieder heimfuhr, gab Estella von Pforten zu seinen Ehren ein Krebsessen. Ihr Freund Peter und der junge Brand setzten, bevor die Gäste kamen, eine Bowle an und ließen sie, um sie zu kosten, in Estellas Boudoir tragen.

Während Estella Toilette machte, saßen sie behaglich in der weichen Chaiselongue neben dem Frisiertisch und tranken. Peter reichte Estella alle paar Augenblicke das Glas und schob den Schirm beiseite, hinter dem Estella, so oft die Zofe ins Zimmer kam, verschwand.

»Wenn jetzt der faule Besuch nicht käme,« sagte Peter, »dann würde ich sagen: setz dich, so wie du bist, zwischen uns auf die Chaiselongue und laß die Krebse kommen.«

»Kinder, wär’ das schön!« sagte Estella.

»Wenn ihr wollt, dann telephoniere ich allen ab.«

»Grund?« fragte Estella.

»Ach wat! Wozu brauchen wir Gründe? Du bist einfach nicht wohl – basta!«

»Dann sag schon lieber gleich, einer der Riesenkrebse hat sie ins Bein gebissen.«

»Kinder, das wäre ja alles sehr nett und schön,« sagte Estella, »aber ihr glaubt doch nicht, daß ich mir die öde Bagage rein zu nix und wieder nix auf den Hals lade! So blöd bin ich nicht.«

Peter grinste und zeigte die weißen Zähne.

»Dazu is mir dem Peter sein Geld zu schade!« fuhr sie fort. »Ueberhaupt, deutscher Sekt hätt’s bei der Bowle auch gemacht.«

»Also aus welchem Grunde sind wir öde Bagage geladen?« fragte Werner.

»Das gilt nicht für dich!« sagte Peter und klopfte ihn auf die Schulter.

Werner nickte und sagte:

»Ich weiß.«

»Also, es is ganz gut, wenn ihr Bescheid wißt, damit ihr mich unterstützt, nachher, wenn ich die Rede drauf bringe. Es handelt sich um Holtens neues Stück. Ich hab so was läuten hören, man will die Schabelsky von der Burg kommen lassen. Na, sowas gibt’s bei mir nicht! Sobald ich das raus hab, da schmeiß ich dem Direktor Abend für Abend die Helena, bis keine Katze mehr ins Theater geht. Also ihr versteht, die Rolle krieg ich!«

»Ehrensache!« sagte Werner. »Meine Stimme hast du!« und sie stießen an.

»Schnür’ mir mal hier das Korsett, Brand,« sagte Estella und setzte sich Peter auf den Schoß, so daß sie Werner den Rücken kehrte. »Der Peter schafft’s nicht!«

Und Werner zog das Korsettband so fest an, daß Estella von Peters Schoß auf seinen glitt.

»Nicht einmal halten kann er mich,« sagte Estella.

»Du läufst mir schon nicht fort,« erwiderte Peter und grinste.

»Dabei, was glaubst du wohl, was er anstellen würde, wenn das ein anderer wäre als du,« sagte Estella.

»Natürlich!« erwiderte’ Peter. »Werner bildet eine Ausnahme! In allem! Für den tue ich alles, und der darf auch alles tun!«

»Bist du nicht stolz?«  fragte Estella.

»Ich hab so das Gefühl, als wenn das selbstverständlich wäre, wenn zwei Menschen befreundet sind wie wir.«

Draußen klingelte es.

Alle drei fuhren auf, verzogen die Gesichter und sahen sich an.

Sollte das etwa schon einer von den Gästen sein? dachten sie und sahen, ohne daß einer zu reden wagte, zur Tür.

Die Zofe kam mit einem Rohrpostbrief in der Hand.

»Hurra!« schrie Werner. »Eine Absage!«

»Soll ich euch sagen, von wem?« fragte Peter.

»Wie kannst du wissen?« fragte Estella und nahm der Zofe den Brief ab.

»Wetten, daß er von Frau Geheimrat Weber ist?«

Estella öffnete und las.

»Wo hast du sie gesprochen?« fragte sie erregt.

»Also es stimmt.«

»Antworte bitte!« drängte Estella.

»Nirgends! Aber ich habe gewußt, daß ihr Bedenken kommen werden. Denn sie lebt beständig in Sorge, nur ja keinen gesellschaftlichen Fauxpas zu begehen.«

»Lächerlich!« sagte Estella gekränkt und reichte ihm den Brief: »Da lies!«

»Danke! Vermutlich eine Migräne? Was?«

»Nein!« sagte Estella überlegen. »Aber sie ist zu ihren Tochter nach Dresden, die plötzlich erkrankt ist.«

Peter wollte widersprechen. Aber Werner gab ihm ein Zeichen, und so ließ er’s.

»Gieß lieber ein, statt mich zu kränken,« sagte Estella.«

»Recht hat sie!« entschied Werner.

»Im übrigen, ob die aufgetakelte Pute kommt oder nicht, da mach ich mir viel draus. Ich bleib doch wer ich bin.«

»Bravo!« rief Werner.

»Dann kommen eben auf jeden neun Krebse statt acht.«

»Das Stück zu?« fragte Werner.

»Fünfundsiebzig Pfennige!«

»Ausgeschlossen!« rief Werner. »Die acht Krebse der Frau Geheimrat verzehren wir!«

»Das ist eine Idee!« sagte Peter.

Und schon war Werner draußen und holte aus der Riesenschüssel die acht strammsten Jungen heraus.

Werner und Peter zogen ihre Smokings aus und machten sich an die Krebse.

»Die ersten drei Schwänze auf das Wohl der Frau Geheimrat.«

Sie führten sie gleichzeitig zum Munde und schnalzten, trotz ihrer guten Manieren, vor Vergnügen mit der Zunge.

»Nachspülen!« kommandierte Werner, und sie leerten ihre Gläser in einem Zuge.

Als sie beim siebenten Krebse angekommen waren, verzog Werner das Gesicht und sagte:

»Eigentlich könnte jetzt noch jemand absagen.«

»Das wär’ reichlich spät,« meinte Estella.

»Wir würden’s jedenfalls nicht übelnehmen.«

»Wißt ihr,« sagte Peter, »eigentlich ist es genug, wenn jeder sieben Krebse hat.«

»Durchaus meine Meinung!« sagte Werner und war auch schon wieder an der Tür, trotz Estellas Protest, dem er wirksam damit begegnete, indem er sagte:

»Laß nur, ich bring’s schon geschickt irgendwie an, daß das Stück eine Mark kostet – dann gleicht’s sich aus.«

Und das beruhigte Estella, die um ihr Prestige besorgt war.

Als sie trotz keiner weiteren Absage eben bei der dritten »Krebsserie« waren und den Preis pro Stück nach einigen Bedenken abermals um fünfundzwanzig Pfennige erhöht hatten, klingelte es, und es kamen die ersten Gäste.

»Herr Geheimrat Weber,« meldete die Zofe. Werner und Peter ließen die Köpfe hängen und sahen wehmütig auf ihre Teller. Aber Estella, die schon zur Tür stürzte, um den Geheimrat zu empfangen, kehrte plötzlich um und schrie:

»Kinder, ich habe ja vergessen, mich weiter anzuziehen.«

Und Werner und Peter stellten fest, daß sie recht hatte.

Werner half ihr, den Rock überziehen, Peter in die Taille; die Zofe wechselte ihr die Schuhe; dann tanzte die Puderquaste über das Gesicht, der Dorinlappen fuhr über die Fingernägel und ein paar Tropfen Ideal huschten und verschwanden auf den Händen, an der Brust und unter den Armen. Werner und Peter schlüpften in die Smokings, und das intime Fest war beendet.

Estella betrat vom Wohnzimmer aus den Salon und begrüßte den Geheimrat.

»Verzeihen Sie, liebster Geheimrat, aber ich war so in meine neue Rolle vertieft, daß ich wirklich erst ein wenig ans offene Fenster mußte, um mich zurechtzufinden.« Dabei holte sie mehrmals tief Atem und führte mit Anmut das Spitzentuch an den Mund.

»Meine Teuerste,« rief der Geheimrat entsetzt, »in dieser Aufmachung am offenen Fenster! Womöglich in erhitztem Zustand! Wir haben keine drei Grad. Bedenken Sie, daß Tausende an Ihrer Gesundheit ein Interesse haben.«

»Ich bin daran gewöhnt,« sagte sie und bat den Geheimrat, sich zu setzen.

»Vor allem muß ich Ihnen nochmals das Bedauern meiner Frau aussprechen. Sie wissen ja, wie sehr meine Frau Sie schätzt, nicht nur als Künstlerin, auch als Menschen. Ich versichere Sie, sie hatte sich ganz besonders auf den heutigen Abend gefreut. Sie begreifen, wenn man, wie wir, von Gesellschaft zu Gesellschaft gehetzt wird, zu denen man doch immer mehr oder weniger gezwungen geht, wie wohltuend es da für sie ist, mal einen Abend mit Menschen aus Ihrer geistigen Sphäre zu verleben.«

»Ich muß sagen, daß mir die Hauptfreude des Abends durch das Fernbleiben Ihrer Gattin genommen ist – vor allem der traurige Anlaß. Ich hoffe nur, daß es nichts Ernstes ist.«

»I Gott bewahre, das heißt,« verbesserte er schnell, »ich meine, Sie verstehen ja, die übertriebene Angst einer Mutter.«

»Gewiß! ich bin zwar noch nicht . . .«

»Ich weiß – aber trotzdem – ich meine von der Bühne her, da kennen wohl auch Sie die übertriebene Angst einer Mutter.«

»Nun,« meinte Estella, »es ist nur gut, daß es Dresden ist.«

»Gewiß – aber wieso eigentlich?«

»Nun, ich meine, die Nähe! Es konnte doch ebenso London oder Paris sein.«

»Ach so! Gewiß! Da haben Sie recht. Aber schließlich konnte ja meine Tochter auch in Berlin verheiratet sein.«

»Gewiß! Das wäre noch näher!«

»Ich kenne solche Fälle – sogar bei uns in der Familie.«

»Sie sind sehr verzweigt?«

»Wieso?«

»Ich dachte.«

»Ach so! Ich verstehe; ja! ja! natürlich! Wir waren zwölf Geschwister; bei meiner Frau waren es zehn. Die alle haben geheiratet, da waren es vierundzwanzig; es kamen Kinder, wie das in den Ehen so ist; in ein paar Jahren waren es über neunzig. Wenn ich die Ehre habe, Sie zu Tisch zu führen, Gnädigste, dann wird es mir ein Vergnügen sein, da ich sehe, es interessiert Sie . . .«

»Ganz außerordentlich.«

»Es ist auch wirklich interessant.«

»Finden Sie?«

In diesem Augenblick betraten Werner und Peter den Salon.

Gott sei Dank! dachte Estella, so lange hätten sie doch nicht zu warten brauchen.

»Die Unzertrennlichen!« sagte der Geheimrat.

»Ja! das ist wirklich eine Freundschaft!« meinte Estella.

Man begrüßte sich.

»Ich höre von Ihren großen Plänen zum ewigen Frieden, Doktor!« sagte der Geheimrat zu Werner.

Der wies auf Peter.

»Dank dem Interesse, das der Baron Peter Linden meinen Ideen entgegenbringt, besteht wenigstens einige Aussicht, sie der Verwirklichung näher zu bringen.«

»Nun, wo solche Kräfte walten,« sagte der Geheimrat und wandte sich an Peter.

»I, wat,« wehrte der ab, »auf die Ideen von Werner gebe ich gar nichts; im Gegenteil! Erstens gehen se gegen die Geschäftsinteressen meines Vaters, also auch gegen meine; vor allem aber sind das so ideale Chosen, aus denen ja doch nie was wird.«

»Und trotzdem . . .?«

»Ich bitte Sie, was kann ich denn mit meinem Geld besser anfangen? Noch ’ne Jacht? Noch ’n Landsitz? Drauf sitzen tun doch nur meine Freunde, und ich hab’ de Scherereien. Da is doch wenigstens ’ne Idee, wenn se auch verrückt is; aber was im Leben is denn nich verrückt?«

»Das sagen Sie in Ihrem Alter?« rief der Geheimrat

»Ach wat, ich kenn’ den Klöngel und halt’ mich draußen. Aber ich seh ’n mir mit an und amüsier’ mich. Und dann: ich sag immer zu Werner: mach’ du deinen Friedensklöngel nur so laut wie möglich. Wenn viel vom Frieden geredet wird, dann wird auch viel vom Kriege geredet; das ist doch klar. Na, und mit dem Positiven erzielt man immer stärkere Wirkungen als mit dem Negativen.«

»Das stimmt,« sagte der Geheimrat.

»Folglich, je lauter Werner seine Friedensideen betreibt, um so stärker wird die Reaktion – ich kenn’ das doch – und um so mehr Geschützlieferungen bekommen unsere Fabriken, das ist doch klar!«

»Wenn man dich reden hört,« sagte Werner, »könnte man beinahe an seinen Idealen verzweifeln.«

»Aber Sie werden doch dem Baron nicht sein Geschäft verderben.«

»Wo die anderen bloß bleiben!« sagte Estella.

»Sie erwarten noch Gäste?« fragte der Geheimrat.

»Ja! Nur ein Paar. Herrn Holten und Fräulein Agnes.«

»So! So! Ist der noch immer in Berlin?«

»Sie läßt ihn nicht fort,« sagte Peter.

»Ich bitt’ dich, als ob ein Mann wie Holten sich von einer solchen —« Ein Blick Peters, und sie brach ab.

»Sie schätzen sie nicht?« fragte der Geheimrat.

»Aber ja!« erwiderte Estella. »Wie kommen Sie darauf? Wir sind die besten Freundinnen; wir sehen uns täglich.«

»Ich finde, sie gewinnt von Tag zu Tag,« sagte Werner. »Noch ein wenig mehr Kultur, und sie ist« – er verneigte sich zu Estella – »die Anwesenden natürlich ausgeschlossen, in Bezug auf Weib nach meinem Begriff: die Vollendung.«

»Du bist ein Schwärmer! Ein Uebertreiber! Ein Idealist!« sagte Peter.

»Ich meine auch,« äußerte Estella. »Ich will mich durchaus nicht mit ihr vergleichen, schon weil sie die Jugend für sich hat. Ihr merkt das natürlich nicht so, aber wenn man sie alle Tage um sich hat, dann empfindet man doch die Provenienz recht störend.«

»Du meinst die Herkunft?« fragte Peter, und Estella errötete, weil sie glaubte, ein falsches Fremdwort gebraucht zu haben.

Der Geheimrat tat erstaunt.

»Das wußt’ ich gar nicht! Von wo kommt sie denn?«

»Wie? Sie wissen nicht . . .?« fragte Estella erregt.

Der Geheimrat schüttelte den Kopf.

»Nein! Aber das interessiert mich sehr.«

»Also, das soll ja furchtbar sein!« sagte Estella.

»Nicht möglich!« erwiderte der Geheimrat. »Darf man nicht ein wenig mehr . . .?«

Estella tat, als wenn sie Bedenken hätte:

»Wissen Sie, Herr Geheimrat, ich möchte nicht gern – nicht wahr, Sie verstehen – Agnes ist meine Freundin . . . Aber ich begreife gar nicht, daß Sie davon nichts wissen.«

»Gott ja! Man redet viel! Aber nie was Bestimmtes. Immer nur so in der Form wie Sie . . .«

»Na, das dürfte ja auch genügen,« meinte Estella.

»Und Holten?«

»Wie meinen Sie?«

»Ich meine, weiß er?«

»I Gott bewahre!« platzte Estella heraus. »Wie können Sie glauben. Holten ist ein so feiner Mensch, – wenn der eine Ahnung hätte!«

»Wovon?« fragte Werner nicht eben freundlich. »O pardon!« sagte Estella, »ich vergaß, du bist mit ihm befreundet.«

»Sie hat ja nichts gegen ihr gesagt!« vermittelte Peter.

»Durchaus nicht!« sagte der Geheimrat. »Im Gegenteil!«

»Ich erlaubte mir nur die Frage,« wiederholte Werner, »wovon weiß Holten nichts?«

»Stammt sie denn aus Berlin?« fragte der Geheimrat. »Oder hat er sie importiert?«

»Soviel ich weiß, kommt sie von ganz wo anders her,« erwiderte Estella.

»So hört mit dem Quatsch auf!« sagte Peter. »Im Grunde wißt ihr ja alle nichts.«

»Jedenfalls habe ich nichts Nachteiliges über sie gesagt,« stellte Estella fest.

»I Gott bewahre, du hast nur geschimpft,« sagte Peter.

»Peter! Ich bitt’ dich!« empörte sich Estella. »Laß deine Scherze!«

»Ich meine auch, die Gnädigste hat nicht ganz unrecht,« vermittelte der Geheimrat. »Unser Interesse zeigt doch nur, wie sehr wir . . .«

»Ah!« sagten alle und sprangen auf, und der Geheimrat setzte hinzu:

»Da sind sie!«

Und Agnes, Carl und der Direktor traten in den Salon.

Estella ging auf Holten zu und sagte:

»Sie glauben gar nicht, was für eine Freude und Ehre es für mich ist, Sie bei mir zu sehen.«

Carl war verlegen und sagte:

»Aber bitte – das ist wirklich sehr freundlich!« und drückte ihr die Hand.

Dann begrüßte sie Agnes, so, daß Carl es sah, küßte sie und sagte:

»Es ist mir direkt unbehaglich, daß ich dich jetzt so wenig sehe.«

»Carl reist morgen,« sagte Agnes – wandte sich zu ihm und sagte: »Leider!«

Der strahlte und reichte ihr die Hand:

»Ich komme wieder!«

»Bald!« bettelte Agnes und zog eine Schnute.

Werner stand neben Peter.

»Was sagst du dazu?« fragte er und wies auf Agnes.

»Also mag sie ihn doch.«

»Sie wird ihre Gründe haben!« erwiderte Peter.

»Wir haben eben von Ihnen gesprochen,« sagte der Geheimrat, als er Agnes begrüßte. Estella gab acht und rief:

»Wo spricht man nicht von ihr? Ganz Berlin spricht von Agnes. In der letzten Nummer der Illustrierten ist das Bild des neuen Präsidenten von Amerika rausgeblieben, um ihrem Bilde Platz zu machen.«

»Mit Recht!« sagte der Direktor. »Das hat für das Publikum auch mehr Interesse.«

Der Geheimrat stimmte bei:

»Nur die neue Mode der langen Röcke sollten Sie nicht mitmachen,« sagte er, betrachtete ihr Kleid und sah sich um den Hauptreiz des Abends betrogen.

»Wissen Sie nicht, daß Fräulein Agnes die Mode mit veranlaßt hat?« sagte Werner.

Estella sah ihn wütend an.

Der Geheimrat schüttelte den Kopf, und der Direktor sagte:

»Was heißt das?«

»Nun, sie hat Fräulein von Pforten beim Zusammenstellen der Kostüme für die Komödie von Shaw geholfen; und wenn Sie sich erinnern, haben die Kostüme mehr Aufsehen erregt als das Stück. Seitdem . . .«

»Sie hatten schon bessere Einfälle,« sagte der Geheimrat.

Agnes lachte und sagte:

»Unhöflicher Mensch. Nehmen Sie bei Ihrer Frau, von der wir übrigens eben kommen,« – Peter und Estella sahen sich an – »Unterricht im Takt.«

»Entschuldige!« sagte Werner leise zu Estella. »Das war eine kleine Lektion für vorhin!«

Estella verzog das Gesicht und sagte:

»Esel!«

Peter, der dabei stand, zeigte die Zähne.

»Ich amüsier’ mich,« sagte er und grinste.

»Herr Holten,« wandte sich Estella an Carl, »denken Sie, Ihre Dame hat mir vor einer halben Stunde abgesagt.«

»Was heißt das, seine Dame?« trat Agnes dazwischen, nahm Carls Hand und lehnte sich an ihn: »Ich bin seine Dame!«

Werner stand sprachlos.

»Was sagst du zu Agnes?« fragte er Peter.

»Gute Schule!« erwiderte Peter.

»Ich sag dir, Agnes verstellt sich nicht.«

»Ein ganz harmloser Mensch!« bestätigte der Direktor.

Peter kniff die Augen zusammen:

»Laßt sie mal erst sich auskennen.«

»Sie meinen, sie tastet noch?«

»Ne, die macht’s mit ’m Instinkt.«

»Ich glaube mit dem Geheimrat,« sagte der Direktor.

Und da er das für einen Witz hielt, so lachte er.

»Wie können Sie das behaupten?« fragte Werner empört.

»Behaupten?« sagte der breit und schüttelte den Kopf.

»Sie wissen, scheint’s, nicht, daß ich mit Holten . . .!«

Peter faßte ihn an die Schulter:

»Sei doch bloß nicht gleich immer so feierlich.«

»Im übrigen,« sagte der Direktor und beugte sich leicht nach vorn. »Ich meinte das natürlich ganz harmlos.«

Werner gab ihm die Hand und Peter sagte:

»Na also!«

Aber die anderen waren aufmerksam geworden.

»Darf man wissen, um was da gestritten wird?« fragte Agnes.

»Um die Dame des Hauses,« sagte Werner.

»Wieso?«

»Wer sie zu Tische führt.«

»Das ist doch klar!« rief Agnes, »soviel verstehe ich auch schon; natürlich der Aelteste!« Sie sah sich um und wies auf den Geheimrat.

»Glaubst du nun, daß die echt ist?« fragte Werner, und Peter erwiderte:

»Zeitweis.«

Der Geheimrat empfand es nicht als Kompliment, und dadurch, daß Estella sagte:

»Du meinst natürlich den Würdigsten,« wurde die Situation noch unangenehmer.

Denn jetzt brauste Agnes auf und rief:

»Na, weißt du, wenn’s danach ginge, dann müßtest du wohl mit Carl zu Tische gehen.«

»Aber Agnes!« sagte Carl beschämt, legte seinen Arm um sie und wandte sich zu den anderen: »Das sagt sie natürlich nur so dahin, ohne sich was dabei zu denken.«

»Ich versteh schon!« sagte der Geheimrat, und auch die übrigen gaben zu erkennen, daß sie die Aeußerung mehr belustigte als kränkte.

»Lächerlich!« rief Agnes. »Was heißt denn das? Als ob einer von euch an ihn heranreicht. Nicht mal alle zusammen!« Dabei sah sie sie der Reihe nach an.

»Ich glaube,« sagte der Geheimrat und rettete geschickt die Situation, »wir tun am besten, in diese spontane Huldigung auf unseren berühmten Dichter mit einzustimmen und zu rufen: Er lebe hoch! hoch! hoch!«

Alle stimmten ein, und Agnes dachte:

Schade, daß die Alte das nicht gehört hat. Sie wäre mit mir zufrieden.

Als der Diener, der Peter gehörte und hier nur aushalf, die Türen zum Speisezimmer aufschob und meldete:

»Es ist serviert,« nahm Agnes Carl unter den Arm und sagte:

»Komm!«

»Dein rechter Tischnachbar kommt später,« sagte Estella, indem sie selbst dem Geheimrat den Arm reichte und den Direktor an ihre rechte Seite bat.

»Wer ist es?« fragte Agnes.

»Der alte Herr Brand.«

Agnes verzog das Gesicht, hatte ein »Bex« auf der Zunge, dachte an die Frau Geheimrat und beherrschte sich.

»Na also, dann, bis er kommt, Baron!« rief sie, nahm Peter bei der Hand und ging mit ihm und Carl voran. Die anderen folgten.

»Was ist denn das?« sagte Agnes und beugte sich über die Riesenschüssel, die in der Mitte der Tafel stand. Dann rief sie: »Krebse!« und Estellas großer Moment war da.

Sie wußte von einem Spaziergang her, daß Agnes mit diesen beschwerlichen Tieren noch niemals in direkte Berührung getreten war, ihnen also hilflos gegenüberstand, und sie freute sich auf den Augenblick, in dem Agnes ihre Blöße, die nach ihrer Ansicht immerhin Mangel an Kultur verriet, eingestehen mußte.

Aber Agnes, die Estellas Hinterhältigkeit nicht einmal ahnte, war keinen Augenblick verlegen, sondern sagte ganz arglos:

»Au, fein Carl! Du mußt mir zeigen, wie man die Tiere aufpellt, damit ich mich nicht blamiere, wenn’s die mal in richtiger Gesellschaft gibt.«

Estella sprach die nächsten fünf Minuten kein Wort mehr.

Aber der Geheimrat, Peter und Carl wetteiferten, Agnes in die Mysterien des Krebsessens einzuweihen. Das Resultat war überraschend; Agnes übertraf an Geschicklichkeit bald ihre Lehrmeister. Es schmeckte ihr köstlich, während Estella – ohne es auszusprechen – fand, daß jeder Krebs bitter war und nach Galle schmeckte. Agnes mußte sich auf Peters Geheiß nach jedem Krebs den Mund und die Fingerspitzen spülen. Sie tat es lächelnd und ungezwungen und ahnte nicht, daß sie bei dieser Prozedur, die an sich gewiß mehr ein notwendiges Uebel war, einen reizvollen Anblick bot.

Das gab den Anlaß zu einem Gespräch über Aesthetik, und man einigte sich dahin, daß immer nur die Ausführung, nie der Gegenstand, den Maßstab für ästhetische Wertung abgeben könne. Ein Muttergottesbild mit dem Jesusknaben, das auf einer von Engelsköpfen umrankten Wolke Marias Himmelfahrt darstelle, könne unästhetisch wirken, während die Grablegung Christi eines Matthias Grünewald, auf der man sieht, wie das Fleisch des verwesenden Körpers in Fäulnis übergeht, neben dem Genuß und der Freude am Kunstwerk keinen Ekel aufkommen lasse.

»Sehr richtig!« sagte der alte Brand, der gerade ins Zimmer trat, »denn das Grauen vor dem Gegenständlichen verschwindet völlig vor dem überwältigenden Können.«

»Und damit«, sagte Werner, »ist auch das Problem Agnes’ gelöst – mit dem Genuß am Kunstwerk, so wie Gott es hingestellt hat. Und damit ist zugleich bewiesen, daß dem Sujet keine Grenzen gesetzt sind. Ein Kunstwerk wie Agnes wird selbst in seiner tiefsten Verworfenheit für den Aestheten noch einen größeren Genuß bedeuten, als ein königlicher Koprophage in Samt und Seide.«

Estella tat sehr interessiert, verstand aber kein Wort und nickte daher auch meist bei falscher Gelegenheit sehr intensiv mit dem Kopfe. Nur wenn Agnes’ Name zu häufig wiederkehrte, war sie gekränkt. Agnes hingegen gab sich erst gar keine Mühe und rief, als Peter ein anderes Thema anregte:

»Gott sei Dank! Endlich mal ein vernünftiges Wort!«

»Was heißt das?« fragte Estella, »ich fand, es war äußerst anregend!«

»Also schlagt mich meinetwegen tot,« rief Agnes, »aber ich habe kein Sterbenswort verstanden.«

»Das tut mir deinetwegen leid,« sagte Estella.

»Das kann ich nich finden!« widersprach Peter. »So ’n theoretischer Kram geht mir auch auf die Nerven. Wat is, is! Einer fühlt doch nicht wie der andere. Und das meiste is doch immer nur einjebildet und nachjeredet!«

»Ich finde auch,« sagte Agnes. »Ihr seid unter uns noch langweiliger.«

»Was meinst du denn damit wieder?« fragte Estella.

»Laß man!« wehrte Peter ab und grinste, »se wird schon was meinen.«

Als die Unterhaltung später wieder im Gange war, fragte Peter leise:

»Sagen Sie, liebe Agnes, was meinten Sie damit, daß wir unter uns noch langweiliger seien? Langweiliger als in der Gesellschaft?«

»Natürlich! Was sonst?«

»Glauben Sie nicht, daß Sie Estella damit kränken, wenn Sie so deutlich zum Ausdruck bringen, daß sie oder ihr Haus, oder wie Sie wollen, nicht zur Gesellschaft gehört?«

Agnes sah ihn erstaunt an.

»Das ist doch nicht meine Schuld – ich finde es dumm genug, aber es ist doch so!«

»Gewiß! Aber man braucht es doch nicht zu sagen.«

»Ja, weiß sie das denn nicht?« fragte Agnes höchst verwundert.

»Natürlich weiß sie’s.«

»Na also! – Und Sie und die anderen wissen’s doch auch. Jeder weiß es doch. Und sie wird doch mit Ihnen zusammen auch nirgends eingeladen, weil Sie nicht Mann und Frau sind.«

»Das alles ist natürlich richtig. Aber es ist doch peinlich, das zu berühren.«

»Das Berühren ist peinlich, und das Tatsächliche ist es nicht?« fragte Agnes und wies auf die Gesellschaft. »Wenn es peinlich ist, dann umgeht man’s doch und platzt es sich nicht noch so faustdick vor die Nase. Das ist doch der größte Schwindel! Das is doch nich halb und nich ganz: das is doch Bruch. Ne, Baron, für so ’n Mumpitz bin ich nich zu haben. Entweder ich pfeif’ auf was – aber dann so laut, daß es alle hören, oder ich such’s zu ändern. Aber mich selbst betrügen, da käm’ ich mir zu dämlich bei vor.«

»Mein Standpunkt!« sagte Peter. »Aber nicht der der Welt«

»Mir wurscht.«

»Mir darf’s wurscht sein,« sagte Peter, »weil ich zufällig und ohne Verdienst Millionen habe, aber Ihnen . . .«

Sie klopfte ihn auf die Hände.

»Abwarten, Baron! Ich bin auch nicht auf den Kopf gefallen!« Dann wandte sie sich schnell zu Carl und sagte: »Carli, wär’s nicht netter, wenn wir den letzten Abend allein gewesen wären?«

Er nahm ihre Hand und sagte zärtlich:

»Wir haben noch viele Stunden vor uns.«

»Glaubst du, daß ich mich freue?«

Er sah sie strahlend an und nickte.

»Mehr als du?« fragte sie.

Er schüttelte den Kopf.

»Doch! doch!« sagte sie, fiel ihm um den Hals und küßte ihn.

»Aber, aber!« sagte der alte Brand.

»Laß doch, Onkelchen!« rief Agnes und wandte den Kopf.

»Wir sind ja unter uns!«

Der Direktor hatte inzwischen Peter in ein Gespräch gezogen. Er wußte, daß er ihn hier treffen würde. Das war auch der Grund, aus dem er der Einladung Estellas gefolgt war. Er trug sich mit dem Gedanken einer freien Bühne im großen Stile, die für die unbemittelten Einwohner Groß-Berlins kostenlos gute Vorstellungen gab. Der Plan stand, wie alle Theaterpläne, längst bis ins kleinste Detail fest. Die jährliche Steuerquote, die der einzelne entrichtete oder besser nicht entrichtete – denn das Hauptkontingent stellten die, deren Einkommen unter dem steuerpflichtigen Satze blieb – entschied über den Anspruch auf Mitgliedschaft der Freien Bühne, die jedem Unbemittelten das Recht auf eine Vorstellung in der Woche gab. Alles war wie gesagt, bis aufs kleinste durchdacht; nur fehlte, wie bei allen Theaterplänen, die Finanzierung. Durch einen minimalen, kaum fühlbaren Steueraufschlag, den die Vermögen von über einer halben Million zu entrichten hätten und über dessen »Erwägungsmöglichkeit« der Finanzminister mit sich reden lassen wollte, sobald die Finanzierung des Unternehmens erfolgt wäre, würden die jährlichen Unkosten gedeckt. Der ethische Wert des Projekts war in einer Denkschrift niedergelegt, im Anschluß an die sich prominente Persönlichkeiten aller Berufsstände zustimmend, teils begeistert geäußert hatten. Eine Option auf eine Reihe erster Künstler und Künstlerinnen war bereits erfolgt.

»Kurz es ist eigentlich alles da,« sagte der Direktor, »was fehlt ist lediglich . . .«

». . . das Geld!« ergänzte Peter.

»Ja!«

Peter grinste, denn er hatte vom ersten Augenblick an gewußt, worauf der Direktor hinaus wollte. Auch der Geheimrat ahnte es und hatte daher mit seiner Begeisterung für die Idee zurückgehalten.

»Ich sehe noch eine Lücke,« sagte der alte Brand. »Hat denn die von Ihnen projektierte Steuer, deren Erwägungsmöglichkeit sich der Finanzminister vorbehielt, auch schon einen Namen?«

Und der Direktor merkte nicht die Ironie, die in der Frage lag, und sagte:

»Nein, noch nicht!«

»Dann möchte ich vorschlagen, sie die ideale Forderung zu nennen,« sagte Werner, der den Plan ernst nahm und von ihm entzückt war.

»Jedenfalls möchte ich raten, ehe man an die Finanzierung geht – denn die scheint nach dem, was Sie sagen, ja nur so eine Art Formalität zu sein —«

Peter grinste über das ganze Gesicht.

»Sagen wir mal die Krönung des Ganzen,« erwiderte der Direktor und war stolz und froh, über den Knüppel, den der alte Braun ihm zwischen die Beine schmiß, nicht gestolpert zu sein.

»Und mich halten Sie für geeignet, diese Krönung zu vollziehen?« fragte Peter.

»Ich wüßte keinen Würdigeren.«

Da legte Peter Messer und Gabel hin, schluckte das Stück Rehfilet, das er im Mund hielt, ungekaut herunter, wischte sich den Mund mit der Serviette, lehnte sich in den Stuhl, schob den Kneifer gerade und sagte:

»Mein Lieber, Sie müssen nämlich wissen . . .«

»Allmächtiger!« sagte Agnes und stieß Carl an. »Paß auf, jetzt kommt dem seine Tour.«

». . . das is alles ganz anders, als Sie und die anderen sich das denken. Mein Vater, das is ein unbequemer Herr. Jewiß, er hat hundertsiebzig Millionen – aber was hab ich davon? Wenn das so einfach wäre, was glauben Sie wohl, wozu ich mich da die ganzen Jahre bei den Gerichten mit ihm herumschlüge? Sie müssen nämlich wissen, meine Mutter war ’ne verwitwete Baronin Linden, ehe sie Freiin von Ostrau wurde; und ich bin aus dieser ersten Ehe, bin aber von Baron Ostrau, als er meine Mutter heiratete, adoptiert worden. Daher auch mein Name Linden-Ostrau. Sehen Sie, das ist alles nicht so einfach! Es existiert nämlich auch aus der geschiedenen Ehe des Baron Ostrau ein Sohn, der seit zwei Jahren verheiratet ist.«

Peter holte Atem.

Agnes beugte sich über den Tisch.

»Diese Ehe«, fuhr sie genau in Peters Tonfall fort, »ist bis heute gottlob kinderlos. Die freiherrlich Lindenschen und die freiherrlich Ostrauschen Güter, Hochöfen, Gruben und Geschützfabriken wurden bei Schließung der Ehe zu einem Fideikommiß vereinigt – verstehen Sie, und zwar wurde bestimmt, falls aus der Ehe kein Kind hervorginge – na und das is nich hervorgegangen, daß das Fideikommiß an den ersten männlichen Erben fallen solle, der aus einer Ehe hervorgeht, die mein Adoptivbruder oder ich schließe. Diesen ganzen Vertrag . . . – So, lieber Baron, nun haben Sie sich wohl erholt, nun bringen Sie’s zu Ende!« Und Peter nahm die Rede auf und schloß:

». . . ficht nun mein Vater nach dem Tode meiner Mutter aus formalen Gründen an, um sich freies Verfügungsrecht zu erwirken. In der ersten Instanz habe ich gewonnen; daher mein Kredit. Verliere ich aber die zweite, pumpt mir kein Mensch mehr was. Also, ich bin ein armer reicher Mann.«

»Und wann dürfte die Entscheidung der zweiten Instanz fallen?« fragte der Direktor.

Peter und Agnes zogen die Schultern in die Höhe und sagten gleichzeitig:

»Vielleicht in sechs Wochen – vielleicht in zwei Jahren – das weiß kein Mensch.«

Alle lachten und klatschten Agnes Beifall.

Dadurch ermuntert, nahm sie genau die Stellung des Direktors ein, schob die Unterlippe nach vorn, drehte den Kopf zur Seite, kniff das linke Auge ein bißchen zusammen und sagte mit einer Stimme, die seiner zum Verwechseln glich:

»Nun, lieber Baron, wenn Sie mir das Versprechen geben, dann warte ich schlimmstenfalls die beiden Jahre.«

Der Direktor war platt, und da sie ihm diese Antwort vom Munde abgelesen hatte, so war ihm ganz unheimlich zumute, und er nickte nur zustimmend mit dem Kopfe.

Und ehe Peter noch etwas erwidern konnte, änderte Agnes Ausdruck, Maske und Stimme und fuhr als Peter fort:

»Das ginge, wenn es keine dritte Instanz, das Reichsgericht, gäbe.«

Und wieder als Direktor sagte sie:

»Wie lange dauert das?«

Sie zog wie Peter die Schultern in die Höhe und sagte:

»Am Reichsgericht schwebt heute noch ein Prozeß seit 1876; die Parteien sind schon zweimal darüber hinweggestorben; die Erben führen ihn weiter.«

Sie ahmte das entsetzte Gesicht des Direktors nach und fuhr als Peter fort:

»Aber das ist nicht immer so. Es gibt auch Prozesse, die schneller gehen. Worauf aber am Ende der ganze Klöngel hinausläuft und worauf es mir und meinem Alten ankommt, ist die Frage, ob einmal Lindensches oder Ostrausches Blut auf Ostrau-Linden herrscht. Und das is ’ne verflucht ernste Sache.«

»Als ob ich mich sprechen höre!« rief Peter – und der lachende Jubel, der Agnes’ Leistung folgte, ließ auf eine zehnmal stärkere Zuhörerschaft schließen.

»Das ist eine ganz ungewöhnliche Begabung!« sagte der alte Brand.

Und der Geheimrat rief dem Direktor zu:

»Direktor, die Kraft sichern Sie sich rechtzeitig!«

Carl saß da und staunte sie an.

»Du bist ganz wunderbar!« sagte er. »Tausend eigene Saiten klingen in dir. Und sie alle kommen aus einer  Quelle – die ist tief und unergründlich! Das Gute und die Sünde geht darin um, wie Schwestern. Sie alle klingen zusammen, und du weißt es selbst nicht, was das Gute und was das Böse ist.«

»Ein Vorwurf für eine Dichtung!« sagte Werner.

Und Carl nickte nachdenklich und sagte:

»Ja! Wenn man das gestalten könnte!«

»Wenn es einer kann, dann kannst du’s,« sagte Brand.

Carl wandte sich ganz zu Agnes, nahm ihre beiden Hände, beugte sich zu ihr, küßte sie auf die Stirn und sagte mit einer Stimme, die zeigte, wie feierlich ihm zumute war:

»Ich will’s versuchen.«

Und alle stießen auf ein gutes Gelingen an.

Dies erschien Estella als der Augenblick, um unauffällig auf den eigentlichen Zweck des Abends zu sprechen zu kommen.

»Vorher aber haben wir ja wohl noch ein modernes Trauerspiel von Ihnen zu erwarten?« sagte sie.

»Oh, was glauben Sie!« erwiderte Carl und führte die Hand zur Stirn. »Bis das in mir Gestalt gewinnt, das kann zwei, drei Jahre dauern. Solange trage ich es in mir und fühle es werden, und gehe mit einem Glücksgefühl umher. Und eines Morgens, da steht die Gestalt wie ein fertiger Mensch in mir, und ich führe ein Doppelleben. Sie begleitet mich überall hin. Alles, was ich tue, lasse ich in Gedanken auch sie tun. Jeden meiner Gedanken denkt auch sie, und stundenlang am Tage halten wir Zwiesprache miteinander. Oft fasse ich es selbst nicht, daß, was da in mir wurde und nun lebt, nicht Mensch von Fleisch und Blut ist. Sehen Sie, dann erst beginnt meine Arbeit, indem ich dies neue Wesen von mir gebe, wie ein Geheimnis ausplaudere, der Welt überantworte – und dadurch eben mich von ihm befreie. Das ist eine Arbeit, die mir dann freilich schnell von der Hand geht, um so schneller, je größer die Zahl der Gesichte ist, die sich von neuem in der Ferne mir schon wieder aufdrängen und denen ich, selbst wenn ich mich zur Ruhe zwingen will, doch immer wieder verfalle.«

»Ihr Dichter seid eben komische Menschen,« sagte Agnes. »So gar nicht gegenständlich! und ich bin’s nur!«

»Bravo, Agnes!« rief der alte Brand. »Das kennzeichnet ihn und Sie; Sie sind es ausschließlich, während Carl in einer ständigen Auflösung, in einem ständigen Fluß der Gefühle lebt.«

»Hab ich also mal keine Dummheit gesagt?« fragte Agnes, lächelte, hob das Glas, nickte hinein, sagte: »Prost, Agnes!« und trank.

»Prost, Agnes!« rief der alte Brand, und alle stimmten in den Ruf mit ein.

Estella erneute ihren Versuch.

»Also dann kommt das neue Drama bald?« fragte sie.

»Nach Weihnachten vermutlich!« sagte Carl.

»In der Presse standen ja schon verschiedentlich Notizen.«

»Die ich nicht lanciert habe,« sagte der Direktor.

»Kennt denn sonst jemand schon das Stück?« fragte Estella.

»Gewiß! Außer Brand und mir noch ein paar andere Direktoren – und wem Doktor Holten es etwa sonst noch gegeben oder gelesen hat.«

»Keinem einzigen,« sagte Carl, »außer natürlich meiner Frau.«

Carl erschrak; zum ersten Male in Agnes’ Gegenwart sprach er von ihr. Und auch die anderen empfanden es peinlich.

»Weshalb nicht mir?« fragte Agnes erregt.

»Du sollst es haben,« beschwichtigte sie Carl.

»Nein, ich will, daß du es mir auch liest, so gut wie ihr.«

»Mit Freuden, Agnes!«

»Wann?«

»Wenn ich wiederkomme.«

»Nein! Ich will, daß du es gleich tust.«

»Du weißt doch, daß ich morgen reise«

»Dann bleibst du noch, auf einen Tag kommt es doch nicht an.«

»Das sagst du schon seit acht Tagen.«

»Du hättest mir ja nicht zu folgen brauchen, da ich keinen Grund hatte als den, dich hier zu haben. Jetzt aber habe ich einen Grund. Und darum darfst du nicht reisen, versprich mir das!«

»Agnes, das geht nicht!«

»Du willst mir das Stück also nicht lesen?«

»Gewiß will ich. Wenn du mich gestern darum gebeten hättest, so . . .«

»Gestern wußte ich noch nichts von einem Stück.«

»Ich habe dir davon erzählt.«

»Aber nicht, daß andere es kennen. Also, Carli —« sie änderte den Ton ihrer Stimme, wurde weich, fuhr ihm mit beiden Händen durchs Haar, brachte ihr Gesicht nahe an seins und sagte: »Du bleibst?«

Carl überlegte.

»Du hast das Stück doch hier?« fragte sie.

»Nein!« sagte er beinahe froh, denn er hatte gar nicht daran gedacht, daß er das Manuskript nicht bei sich hatte.

Agnes schien verstimmt. Aber nur einen Augenblick lang, dann wandte sie sich zu dem alten Brand und sagte:

»Onkel Brand, Sie müssen es ja haben – und Sie auch, Direktor!«

Beide schüttelten den Kopf.

»Ihr lügt!« rief sie wütend. »Ich lasse mich nicht dumm machen! Also einer von beiden gibt’s auf einen Tag heraus. Wir fahren ja bei Ihnen vorbei, Direktor, oder haben Sie’s im Theater?«

»Wie kann ich das bei der Menge von Manuskripten wissen!« sagte der Direktor.

»Wieder gelogen!« rief Agnes. »Gut, suchen wir’s erst bei Ihnen. Ist’s da nicht, so liegt’s im Theater. Wann sind Sie da morgen früh?«

Der Direktor lächelte über Agnes’ Beharrlichkeit.

»Ich seh schon,« sagte er, »mir bleibt nichts übrig als die Waffen zu strecken.«

»Also?« fragte Agnes und ließ kein Auge von ihm.

»Wenn Sie bei mir vorüberfahren, schick’ ich’s Ihnen an den Wagen – vorausgesetzt, daß Doktor Holten . . . .«

Agnes wandte sich an Carl:

»Sag’ ja!«

Und jeder fühlte, daß er nicht nein sagen konnte.

Holten nickte denn auch mit dem Kopfe, worauf ihm Agnes um den Hals fiel, einen Kuß auf den Mund drückte und »Danke« sagte.

Nur der alte Brand wagte einen Einwurf und sagte:

»Fänden Sie es in Carls Interesse nicht richtiger, Agnes, wenn er nun endlich wieder an die Arbeit ginge?«

»Ich bitt’ Sie, ob das neue Werk in zwei Jahren oder in zwei Jahren und einem Tage fertig ist, das ist doch wahrhaftig gleichgültig.«

»Es ist nicht der Tag, es ist das System,« sagte Brand, schon mehr vor sich hin.

Unter System verstand Agnes vielleicht fälschlich in erster Linie Carls Frau, die ja vermutlich auch in irgendeiner Form in das System, von dem Brand sprach, mit hineinspielte.

Sie kämpfte schwer und wohl zum ersten Male, um eine Antwort, die sich aus dem Blute ihr aufdrängte, zu unterdrücken. Sie biß die Lippen zusammen, krampfte die Hände und würgte die Antwort herunter. Aber in ihrem Gesicht stand das Wort: Kampf.

Und Brand las es und erriet, wem es galt. Er suchte ihren Blick und sah sie an. Sie erschrak und fühlte, daß sie in ihm einen Gegner hatte.

Estella, die sich immer wieder von ihrem Ziele abgedrängt sah, brachte das Gespräch zum dritten Male, was nun schon nicht mehr unabsichtlich schien, auf Carls Drama.

»Das nächste Stück hat ja wohl eine weibliche Rolle, die der Helenas entspricht,« fragte sie.

»Das möchte ich nicht sagen!« erwiderte Carl, und entwickelte in ein paar Zügen den Charakter der weiblichen Hauptrolle.

»Das ist mir ja wie auf den Leib geschrieben!« rief Estella, »nein, wie ich mich darauf freue, das zu spielen.«

Der Direktor verzog den Mund und machte ein dummes Gesicht. Carl sah sie an und sagte:

»Nun, wir wollten, offen gesagt, die Wedelly von der Burg für die Rolle gewinnen.«

Estella zwang sich zum Lachen.

»Nicht nett von Ihnen, Herr Doktor, mich zu frotzeln; auch als Scherz kränkt’s mich. – Sehen Sie,« und sie wies auf ihre Finger, die nervös zitterten, »das ist unser Künstlerblut.«

»Das tut mir aber leid,« sagte Carl teilnahmsvoll und wandte sich an Brand und den Direktor. »Vielleicht, daß wir’s noch ändern.«

»Wie?« rief Estella grell und ließ geschickt Messer und Gabel fallen, so daß zwei Teller laut in Scherben sprangen – »Nein! das ist ja nicht möglich! Das kann nur ein Scherz oder ein Bluff sein! Das hieße ja, mich der Lächerlichkeit preisgeben! Das wäre ja eine Provokation! eine bewußte Erniedrigung! ein wohlbedachtes mich Totmachen! Wo jeder weiß, daß ich da bin, daß ich die Helena spiele, und wie spiele —« und sie zitierte aus dem Gedächtnis Wort für Wort ein halbes Dutzend von Kritiken, in denen man ihre Leistung maßlos lobte.

»Wie können Sie nur so reden,« sagte der Direktor, »wo Sie genau wissen, wie ich Sie schätze.«

»Das seh ich!« sagte Estella.

»Ich versteh janich, wie man sich um das bißchen Theater so aufregen kann,« sagte Peter. »Sei doch froh, wenn du nicht soviel zu lernen brauchst.«

»Das verstehst du nicht!« rief Estella.

»Das geb ich zu,« sagte Peter.

»Aber Sie wissen es,« wandte sie sich an den Direktor, »daß da meine künstlerische Ehre engagiert ist.«

»So hören Sie mich doch nur einmal ruhig an, ich will es Ihnen ja erklären.«

»Da gibt es keine Erklärung!« rief Estella.

»Also zunächst mal: niemand will Sie kränken. Wir alle schätzen Sie als weitaus bestes Mitglied des ganzen Ensembles. Aber Sie wissen, ich habe außer dem Neuen Theater noch das Stadttheater gepachtet.«

»Muten Sie mir etwa zu, da aufzutreten?« fragte Estella verächtlich – »in dem Arme-Leute-Viertel?«

»Uns, und ich hoffe auch Ihnen, liegt daran, daß die Werke Holtens, über deren Bedeutung wir uns ja alle klar sind, ins Volk, in die Massen dringen.«

»Und ausgerechnet ich soll das vermitteln; soll vor einem Publikum spielen, das eine Tingeltangeleuse nicht von einer Heroine unterscheiden kann?«

»Also während man das neue Drama Holtens im Neuen Theater spielt, wollen wir – und zwar in der gleichen Besetzung – die Helena im Stadttheater spielen.«

»So! – Und wenn es Ihnen eines Tages einfällt, Herrn Holten noch tiefer in die Massen dringen zu lassen, dann muß ich womöglich drei Wochen lang auf einem Budenrummel in Kyritz oder Treuenbrietzen gastieren, während Sie mir in Berlin eine Konkurrenz großpäppeln, die inzwischen die Rollen spielt, die kontraktlich mir zukommen. Nein, Herr Direktor, Schundluder lasse ich mit mir nicht treiben. Das habe ich nicht nötig, und dazu ist man Gott sei Dank auch wer!«

»Das kann ja alles in Ruhe morgen im Bureau besprochen werden,« sagte der Direktor. »Wir wollen doch hier nicht . . .«

Aber Estella ließ sich den Mund nicht verbieten.

»Nein!« rief sie, »ich verlange auf Grund meines Vertrages einfach die Rolle in dem neuen Stück! Lassen Sie in Ihrem Vorstadttheater meinetwegen sonstwen als Helena auftreten. Es gibt genug Schmierenkomödiantinnen, die sich noch um die Ehre reißen. Wie wäre es zum Beispiel mit Agnes? Die ist mir ja angeblich zum Verwechseln ähnlich.« Sie lachte laut auf. »Das wäre ja dann ein vollwertiger Ersatz.«

Für Peter war Estella mit diesem Augenblick erledigt. Frauen, die derart aus der Rolle fielen, ertrug er nicht. Der Direktor vergegenwärtigte sich den Vertragsparagraphen, auf den sich Estella stützte, um sich für den Fall eines Prozesses über die juristische Lage zu orientieren. Der Geheimrat dachte: Wie wird meine Frau bereuen, das versäumt zu haben. Die beiden Brands bedauerten Carl, da sie wußten, daß er tagelang unter dem Eindruck dieser häßlichen Szene stehen und leiden würde. Aber Agnes, die Estella, ohne es zu wissen, an ihrer empfindlichsten Stelle getroffen hatte, sprang auf:

»Einverstanden!« rief sie. »Ja! Ich spiele die Helena. Ich, die Schmierenkomödiantin nehme den Kampf mit dir, große Künstlerin, auf. Ich spiele! Wie du! So verlogen und so raffiniert! Ich mache denselben großen Schwindel! Vielleicht sogar besser als du, weil ich zehn Jahre jünger und tausendmal hübscher und schlanker und gewandter bin als du. Und mit dem griechischen Tanz, der fortbleiben mußte, weil du zu klobig und zu plump warst – ja! ja! meine Herrschaften, das wußten Sie noch gar nicht! – stech’ ich dich aus! Und dann – weißt du, was dann geschieht? Dann spielen wir abwechselnd, einen Abend du, den anderen ich. Und der Teufel soll mich holen, wenn das Theater an meinen Abenden nicht voller ist als an deinen. Und nachher, dann werden an deinen Abenden die Preise ermäßigt; du verstehst? weil sonst nämlich keine Katze mehr hineingeht. Und am Ende da wirst du noch froh sein, wenn du durch mich als Schmierenkomödiantin in Kyritz oder Treuenbrietzen oder in einem Armenviertel unterkommst.«

Eine Pause entstand. Alle waren starr. Nur Peter grinste, schob den Kneifer gerade und sagte:

»So’n Klamauk!«

Estella fühlte sich einer Ohnmacht nahe und schloß die Augen.

Nach einer Weile fuhr Peter fort:

»Also, das is nu mal Tatsache: von allen Weibern sind die von der Bühne die verrücktesten! – Ich verstehe nicht, wie ein Mann das aushält.«

Diese Sachlichkeit wirkte beruhigend und nahm die Angst, die auf allen lag.

Nur Carl ergriff Partei und sagte:

»So reg dich doch nicht auf, Agnes! Das läßt sich ja alles in Ruhe erledigen.«

»Ich will das jetzt erledigt haben!« sagte sie. »Hört endlich mit dem Versteckspiel auf! Kommt die Wedelly – ja oder nein? Mir ist’s gleich! Nur wissen will ich’s!«

»Sie kommt!« sagte der Direktor.

»Ha!« rief Estella; ein Schreck traf den anderen – und die Ohnmacht ging vorüber.

»Gut!« fuhr Agnes fort, »ist Estella trotzdem verpflichtet, die Helena am Stadttheater zu spielen?«

Der Direktor, dem die juristische Situation inzwischen klar geworden war, nickte.

»Gut! Dann bleibt’s also dabei! Ich habe Ihr Wort, Direktor? Ich spiele abwechselnd mit Estella.«

»Ja, das ist doch wohl nicht möglich.«

»Und warum nicht?«

»Diese große Rolle, wo Sie noch nie . . .«

»Ich bin kein Idiot und tät’s nicht, wenn ich nicht wüßte, daß ich’s kann. Ich kenne jede Bewegung, jedes Hilfsmittel, jeden Tonfall. Ich habe Szene für Szene probiert.«

»Mit wem?«

»Fragen Sie den Geheimrat. Der versteht zwar nicht viel davon, aber er ist doch kein Esel; und schlauer als er wird das Publikum im Stadttheater auch nicht sein.«

Der Geheimrat beugte sich verlegen über seinen Teller, der wie die Teller aller anderen unberührt stand.

»Also, Kinder, wahrhaftig, es ist gescheiter, wenn wir die jungen Enten nicht ganz kalt werden lassen,« sagte Peter. »Los, Geheimrat, wir essen!«

Aber dem war gar nicht danach zumute.

»Reden Sie!« drängte ihn Agnes. »Sie haben sich doch sonst vor Begeisterung immer rein umgebracht.«

»Ich muß sagen, nach meinem Laienurteil und nach den Proben, die ich zu sehen bekommen habe – es waren nicht viel . . .«

»Mindestens zehn!« unterbrach ihn Agnes.

». . . steckt in Fräulein Agnes eine große Künstlerin!«

»Na, also!«

»Obschon ich . . .«

»Was denn nun noch?« fragte Agnes.

»Obschon ich glaube,« fuhr der Geheimrat fort, »daß ihre stärkere Begabung auf dem Gebiete der Tanzkunst zu suchen ist.«

»Quatsch!« sagte Agnes. »Das weiß ich besser,« und wandte sich wieder an den Direktor:

»Uebrigens haben Sie denn allein die Besetzung zu bestimmen?«

»Aber nein! Ueberhaupt nicht! Auf Wunsch Brands hat Holten seit dem Tage der Helenapremiere allein die Entscheidung; ich kann nur raten und Vorschläge machen.«

»Nun also!« sagte Agnes und setzte sich erleichtert.

»Dann ist’s ja gut. Dann brauchen wir ja gar nicht weiter darüber zu reden,« und sie nahm Gabel und Messer auf und begann zu essen.

Brand sah Carl an und sagte:

»Ich hoffe, den Wahnsinn wirst du nicht begehen.«

Carl fuhr mit der Hand durch das Haar.

»So antworte ihm doch!« drängte Agnes.

»Nun – ich meine, bis dahin ist’s ja noch lange.«

»Wieso? Es sind kaum drei Wochen,« sagte Brand.

»Ich weiß auch nicht, warum du zögerst,« drängte Agnes »Du bist doch kein Kind und brauchst dich vor Brand doch nicht zu fürchten.«

»Er hat sich sechsundzwanzig Jahre lang nicht vor mir gefürchtet,« sagte Brand.

»Um so besser!« erwiderte sie und legte Messer und Gabel wieder auf den Teller. »Also, Carl! Gib mir die Hand!« Und da er sie nicht gab, so nahm sie sie selbst und hielt sie fest. »Ich will, daß du’s sagst!« Sie fühlte Brands Blick und war um so fester entschlossen, die Entscheidung zu erzwingen.

»Sieh, Kind!« erwiderte Carl, »alles was du willst. Aber, nicht wahr, das siehst du selbst, das geht doch wirklich nicht.«

»Versuch’s!« drängte Agnes und drückte seine Hand.

»Es geht! sage ich. Ich will’s! und ich kann was ich will.«

»Du denkst dir das leichter.«

»Ich denke mir nichts! Ich fühl’s! – Wenn du willst, daß ich bei dir bin, dann tu mir den Willen! Abwechselnd sie und ich! Laß sie beginnen – und falle ich durch, so schadet’s nur mir! Weder dir, noch dem Stück! Dann war’s ein Versuch! – Aber das sage ich nur so, denn ich weiß: ich kann’s! Wenn du das nicht fühlst, dann hast du mich nicht lieb, Carl – dann ist das alles nur so dahingeredet, so ins Blaue hinein – denn sonst wüßtest du’s, wenn ich dir was wär’! Davon hängt jetzt alles ab . . . das weiß ich. Ob du das tust oder nicht.«

»Tu’s nicht!« rief der alte Brand, der sah, wie Agnes ihn zu sich hinüberzog. »Sie hat recht: davon, wie du dich jetzt entscheidest, hängt alles ab!«

»Alles!« wiederholte Agnes, und es war etwas in ihrem Ton, was diesem Worte Sinn und Deutung gab. Er wußte: gab er jetzt nach, so war sie sein, sein auch dem Geiste nach; sagte er nein: so stand sie morgen wieder da, von wo er sie hergeholt hatte. Das war kein Zufall gewesen, sondern Bestimmung. Daran glaubte er.

»Alles!« wiederholte sie jetzt leise, schob sich dicht an ihn heran, berührte sein Bein, zitterte, spreizte die Hand und sagte langsam und bestimmt: »Abwechselnd sie und ich. Sag, daß du es willst!«

Carl sann noch einen Augenblick nach; dann sagte er:

»Ja! ich will’s!«

»Danke!« rief Agnes wie erlöst und sank auf ihren Stuhl zurück.

Der alte Brand klopfte nervös mit den Fingern auf den Tisch und brummte vor sich hin:

»Schmachvoll ist das!«

»Nehmen Sie’s bitte nicht übel,« sagte Estella und stand auf, »aber ich fühle mich nicht wohl. Baron Peter ist so freundlich, an meiner Stelle – also bitte, bleiben Sie! Ich hoffe, daß ich in einer halben Stunde wieder . . .« und sie wankte am Arme des Geheimrats aus dem Zimmer.

Als sie draußen war, sagte der Direktor:

»Ich glaube, wir gehen.«

»I wat!« widersprach Peter. »Das kenn’ ich – das geht vorüber. Es wird noch sehr jemütlich heute abend; passen Sie auf! Nur diese verfluchte Fachsimpelei muß aufhören.

Also wollen wir uns versprechen: kein Wort vom Theater mehr.«

Sie versprachen’s sich und blieben. Nur der alte Brand ging. Als sie im Salon saßen, erzählte Peter von afrikanischen Jagden, der Geheimrat brachte Börsenwitze, Carl sprach von der Mystik des Gebirgslebens, der Direktor klatschte aus Künstlerehen, Werner entwickelte neue Ideen vom ewigen Frieden und Agnes schoß den Vogel ab, indem sie mit feiner Witterung für das, was dem einzelnen das Gepräge gab, Typen aus der Berliner Gesellschaft kopierte.

Schließlich war es Agnes, die mehr aus Neugier hinausging und nach Estella sah.

Estella saß vor ihrem Toilettenspiegel und puderte sich.

»Du! liebste Agnes?« rief sie freudig, als wenn nichts vorgefallen wäre.

Agnes stutzte erst, dann fand sie das gar nicht so dumm und sagte:

»Na also! denn komm, wir amüsieren uns himmlisch bei dir!«

Estella nahm Agnes unter den Arm und ging mit ihr nach vorn. Peter stand auf, und die beiden Frauen setzten sich auf das Sofa; Estella legte ihren Arm um Agnes’ Taille, und der Geheimrat erzählte seinen Witz zu Ende.

»Nu haben wir aber genug davon,« sagte Agnes.

Der Direktor setzte sich an den Flügel und spielte Rienzi.

»Walzer!« rief Agnes, sprang auf und zog Carl, der seit seiner Hochzeit nicht mehr getanzt hatte, in den Saal.

Peter nahm den Teppich auf. Werner reichte Estella den Arm, der Geheimrat setzte sich neben den Flügel, beugte sich nach vorn und beobachtete Agnes.

Als sie sich lange nach Mitternacht verabschiedeten, küßten sie der Reihe nach Estella die Hand und dankten ihr für den genußreichen Abend.

»Und für die Krebse!« ergänzte Agnes.

Estella lächelte, hatte für jeden ein freundliches Wort, küßte Agnes auf die Stirn und beteuerte mehrmals, daß sie es sei, die zu danken habe.

Dann ging sie zu Bett. Die Zofe löschte das Licht und ging den Korridor entlang in ihr Zimmer. Estella zog sich die seidene Decke bis an den Hals hinauf, streckte sich, holte tief Atem und sagte:

»Bagage!«

Danach fühlte sie sich leichter. Aber sie wälzte sich noch lange umher, ehe sie Schlaf fand. —

Carl war nie glücklicher als nach diesem Abend. —

Als der Geheimrat gegen ein Uhr nach Hause kam, drehte sich seine Gattin auf die andere Seite und fragte:

»Nu, Leo, wie war’s?«

Das gerötete Gesicht des Geheimrats strahlte:

»Das war einer der anregendsten Abende in den letzten Jahren.«

Die Tat bewies es.




Sechstes Kapitel


Cläre Holten an den alten Brand.


Mein lieber Freund!

– schrieb Cläre Holten an den alten Brand – Sie haben recht mit allem, was Sie schreiben, und ich würde handeln, wie Sie es von mir erwarten, wenn ich ein Mann wäre. Ich kenne die Pflichten, die ich gegen Carl, als Menschen und Dichter habe, und bringe auch die Kraft auf, meine Gefühle als Weib, das ich trotz meinen vierzig Jahren doch nun mal bin, auszuschalten und alles vernunftmäßig zu behandeln. Aber was nutzt es, wenn ich es tue? Jeden Einwand, den ich mache, jedes Bedenken, das ich äußere, wird er ja doch in erster Linie als den natürlichen Versuch des Weibes deuten, das den Mann entgleiten sieht. Alles wird er unter diesem Gesichtswinkel betrachten, von dem aus jedes meiner Argumente seine Beweiskraft verliert.

Ich glaube mit Ihnen, daß er sich noch immer in aufsteigender Linie bewegt und daß erst die nächsten Jahre seine Höhe bringen werden. Ich glaube auch, wie Sie, daß er begnadet ist wie zurzeit kein anderer deutscher Dichter, und daß sein Werk nicht ihm, sondern der Welt gehört. Ich weiß auch, daß er, um zu schaffen, seine Berge und einen gleichgesinnten Menschen braucht; weiß das alles ja weit besser noch als Sie es wissen können, bester Freund, die ich in der Zeit seines Schaffens jedes Werden eines Gedankens, jeden Ausbruch eines Gefühls schweigend miterlebe – dafür sorge, daß ihn in seiner Welt nichts stört, was oft weit schwerer ist, als Sie es sich denken können.

Alle diese meine Pflichten kannte und kenne ich, und es tut nicht not, daß Sie mich an sie erinnerten.

Ich aber habe allen Erwägungen des Freundes und Verlegers, die gewiß den besten Absichten entspringen und der Ausdruck besorgtester Freundschaft, in letzter Linie aber doch die Sorge um sein Werk sind, als Frau und Kameradin noch etwas anderes entgegenzusetzen, und das ist: die Sorge um sein Glück.

Mir hat in den zwanzig Jahren unserer ehelichen Kameradschaft sein Glück stets mehr gegolten als sein Ruhm. Steinigen Sie mich! aber ich will ihn lieber ruhmlos glücklich sehen, als daß die ganze Welt ihm Kränze flicht, während ihn eine unerfüllte Sehnsucht quält. Abgesehen davon, daß ich es dann wäre, die der Erfüllung sein Wünsche im Wege steht, würde damit die Frage, die für Sie als Freund und Verleger von so großer Bedeutung ist, ja doch eine negative Lösung erfahren. Denn wenn Sie glauben, daß er, innerlich zerrissen, auch nur ein Werk gleichwertig den früheren zu Ende bringt, dann kennen Sie ihn und seine Art nicht.

Gelänge es aber wirklich, seiner Leidenschaft, die sich vertieft hat und kein Rausch mehr ist, mit Mitteln, die ich nicht kenne, wirksam zu begegnen und das seelische Gleichgewicht wieder in ihm herzustellen, glauben Sie mir: es wäre nur ein gewaltsames Halten und Zurückdrängen; das Gefühl wäre nicht tot, es würde in seinem Unterbewußtsein weiterleben, um eines Tage mit doppelter Kraft wieder hervorzubrechen. Für das Gefühl gilt noch immer: was ist, ist, und kann nur durch sich selbst enden. Einwirkungen von außen, Bemühungen Dritter schaden mehr als sie nützen. Besonders bei einer Natur wie der Carls, der jeder Zweck fremd ist und die ganz nur auf das Gefühl gestellt ist.

Die Zumutung, ihn für seine Gefühle auch nur einen Augenblick lang verantwortlich zu machen, lehne ich als denkdumm ab. Auf seine Gefühle einzuwirken, dagegen sträubt sich außer den tatsächlichen Gründen, die ich Ihnen verständlich gemacht zu haben glaube, auch meine weibliche Ehre.

Die Frage, die allein ich mir vorlege, lautet: ist es sein Glück? Und warum soll es das nicht sein, nach allem, was ich von dieser Agnes weiß und höre? – Meine Aufgabe kann demnach nur darin bestehen, mich davon zu überzeugen. Das, freilich, muß geschehen. Denn aus ihren Briefen gewinnt man kein Bild. Wie Sie wissen, spricht Carl mit mir über alles und gibt mir auch ihre Briefe zu lesen. Er meint es gut und kann bei seiner Mitteilsamkeit und Ehrlichkeit wohl auch nicht anders. Aber leichter macht er es mir dadurch nicht. Jedenfalls sind diese Briefe dem Geiste nach einander so unähnlich, als wenn nicht ein und derselbe Mensch sie geschrieben hätte. Ich lege die letzten bei, bitte lesen Sie sie! —

In dem Augenblicke aber, in dem ich mich davon überzeuge, daß diese Frau sein Glück ist, ist es meine Pflicht, Platz zu machen. Nicht etwa in Form eines Opfers, indem ich mit großer Gebärde Verzicht leiste und ihm Schmerz bereite, sondern indem ich mich kameradschaftlich zu ihm stelle und Anteil nehme, damit er seines Glücks auch froh werden kann.

Fragen Sie mich nicht phrasenhaft, ob ich diese Größe auch werde aufbringen können. Ich liebe Carl! Und was mir bei einem Menschen, den ich liebe, über alles geht, also auch über seinen Ruhm und über mich – ist sein Glück. Und darin suchen Sie nicht nur den Grund für die Ablehnung der in Ihrem Briefe ausgesprochenen Bitte, sondern auch die Erklärung für alles, was nun folgen wird.


In Freundschaft Ihre



    Cläre Holten.

Diesem Schreiben lagen die folgenden Briefe bei:


Mein Carli!

Obgleich ich von früh bis spät nicht zum Ausruhen komme, so denke ich doch bei allem, was ich tue, an Dich. Es ist sehr traurig, daß wir so viel getrennt sein müssen. Menschen, die sich lieb haben, sollten immer zusammen sein. Aber das liegt ja nicht in meiner Macht. Wenn es nach mir ginge, so wüßte ich wohl, was ich täte. So gebe ich mich mit dem zufrieden, was mein Herr und Meister für richtig hält, und hoffe nur, daß es mir gelingt, mir seine Liebe zu erhalten und mich ihrer jederzeit würdig zu erweisen.

Ich habe den dramatischen Unterricht bei Fräulein Pforten aufgegeben, da ich bemerkt habe, daß sie mich absichtlich Falsches lehrt. Statt dessen lerne ich jetzt bei Frau Führer das, was mir zur vollständigen Ausbildung noch fehlt. Die Frau Geheimrat hat sie mir empfohlen. Die sorgt überhaupt selbstlos und rührend für mich wie eine Mutter. Und Dich, Carli, vergöttert sie.

Ich mag überhaupt nur mit Leuten zusammen sein, die Dich mögen und mit denen ich von Dir sprechen kann. Nicht, um ihnen von meiner Liebe zu erzählen! die trage ich wie ein Heiligtum in mir. Aber es tut doch schon wohl, von Dir reden zu können. Glaubst Du’s?




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