Spreemann Co
Alice Berend




Alice Berend

Spreemann & Co





Erster Teil





Erstes Kapitel


Niemand weiß, was aus ihm werden kann.

So ahnten auch die Bewohner von Berlin einmal nicht, in wie hohem Maße man sie zu Weltstädtern bestimmt hatte.

Selbst als draußen schon die Stränge der Eisenbahn die Welt zu verstricken begannen, barg sich die grüne Stadt an der Spree noch arglos im Netz der Behaglichkeit.

Neben den niedern Giebelhäusern reiften Kohl und Johannisbeeren. Unter schattigen Bäumen trank man seinen Milchkaffee. Und zwar in langsam bekömmlichen Schlucken. Tief waren die Tassen, groß die Semmeln, lang die Pfeifen. Ruhig die Straßen, friedlich die Plätze. Dick und fest die Grenzmauern.

Keinem Berliner wäre es damals eingefallen, durch die Luft fliegen zu wollen. Gemessen und sorgsam bewegte man sich über das holprige Pflaster. Im Sommer hatte man Gras und Wiesenblumen auszubiegen. Im Winter verboten Schlamm oder Glatteis jede übertriebene Eile. Keinem kam es in den Sinn, sich ängstlich zu berechnen, daß eine einzige Minute sechzig kostbare Sekunden umschloß. Aus dem einfachen Grunde, weil man von den Sekunden überhaupt noch keinen Gebrauch machte.

Trotzdem man sonst durchaus nicht verschwenderisch war. Auch wenn man das Geld dazu hatte, kaufte man nicht mehr als man brauchte. Man verlangte von den Menschen sowie den andern nützlichen Gegenständen nicht, daß sie schön und glänzend waren, sondern praktisch und dauerhaft. – – – –

In jenen Tagen war es, wo beinahe jeder in Berlin wußte, daß es die besten Kleiderstoffe bei Klaus Spreemann am Dönhoffsplatz gab.

Das war einem ebensogut bekannt, wie daß man wußte, daß Mittwochs und Sonnabends Markt war. Oder daß man seine Fische vor der Spittelkirche kriegte.

Alles Gute aber kündet sich vorher an. Man roch die Fische schon ehe man die Leipziger Straße zu Ende war. Man bemerkte Spreemanns Laden, bevor man den Dönhoffsplatz erreichte. Denn von dem Firmenschild über der Tür lächelte ein eleganter Herr weit über den Platz hinaus. Im besten Mannesalter, in großkarierten Beinkleidern, langem Rock, gelockten Bartkoteletten und breitkrempigem Zylinder zeigte er mit einem zierlichen Spazierstock auf die zwei bedeutungsvollen Worte: Reell und billig.

Hinter ihm stand seine Familie. Eine hübsche Dame mit zwei wohlerzogenen Kindern. Wie sich's gebührte in sehr viel kleinerem Format als der Hausherr. Aber ebenfalls gut und gediegen angezogen. Denn auch aus diesen sechs hellblauen Augen sprach es bescheiden aber deutlich: Reell und billig.

Hatte man Klaus Spreemanns Laden betreten, wußte man noch mehr, daß man hier am rechten Ort war, um sich gut und würdig zu kleiden. Über dem Ladentisch, wo neben Elle und Schere Herrn Spreemanns lange Pfeife glimmte, hing ein angenehm belehrender Spruch. Wie auf einem Haussegen stand da in goldenen Buchstaben:

		In London nicht, noch in Paris,
		In Brüssel nicht, noch Wien,
		Kleiden Monsieur sich und Madame
		So schick wie in Berlin.

Jetzt wußte man es also. Jeder Käufer richtete sich straffer auf, begann ängstlich an Krawatte oder Seidenband zu nesteln, wenn seine Blicke mit dem Buchstabengold zusammentrafen. Denn die Berliner waren zu allen Zeiten pflichtgetreu. . . .

Zwischen dem Wandspruch und dem Käufer aber bewegte sich Herr Spreemann selbst. Immer lächelnd und in unermüdlichem Eifer. Seine kurzen stämmigen Beine trabten zwischen Regal und Ladentisch rastlos hin und her. Wie die Sonne lief er seine täglichen Kilometer genau auf derselben Bahn ab.

Unverdrossen schleppte er seine Waren herbei. Lobte den hellgelben Nanking. Pries die karierten, echt englischen Stoffe. Die alle in dem nahen Sachsen gewebt waren, das wahrlich immer noch entfernt genug lag. Mit gespreizten Fingern bauschte er Mull und bunten Tarlatan auf. Fiel draußen der Schnee, riet er dringend zu den Schlafrockstoffen, warm und geblümt. Und holte schon den Samt zu ihrer Garnierung. Sogar Troddeln und Quasten gab es in jeder Couleur. Dicht neben dem Kachelofen klaffte der vollgehäufte Kasten. Ganz nach Belieben konnte sich jeder daraus wählen, was ihm gefiel.

Auf dem hohen Regal, unter blumigem Vorhang, verbarg sich die beste, gediegenste Seide. In den Mauern Berlins gewebt. Steif wie ein Brett. Und nach Klaus Spreemanns tröstlicher Versicherung: Weit dauerhafter als ein Menschenleben.

Wenn man von dieser Seide etwas abhandeln wollte, stieß Klaus Spreemann einen kleinen Pfiff aus. Wie wenn er Zug auf einen hohlen Zahn bekommen hätte. Seine kurzen Finger fuhren Aufruhr stiftend in die enggedrängte Schneckenherde der braunblonden Locken, die seinen dicken Schädel überkrausten. Oder er knebelte seine rotbraunen Bartkoteletten, die mit denen auf dem Firmenschild genau übereinstimmten. Aber kein Wort des Verdrusses entfuhr seinen Lippen. Er lächelte weiter. Geduld und Ausdauer sind die Wege zum Reichtum. Und reich wollte Klaus Spreemann werden, so lange er denken konnte.

Auch Hochmut wäre nur ein Hindernis gewesen. Darum führte Klaus Spreemann neben den vornehmen Stoffen auch die einfachsten. Neben der Ladentür, die an Markttagen weit geöffnet war, stapelten sich ganze Ballen von Flanell und Barchent auf. Selbst das lackglänzende Wachstuch für die Schutenhüte der Milchfrauen brauchte sich nicht zu verstecken.

Wie auf dem Rathaus waren alle Stände vertreten. Daher konnte auch hier jeder Stand etwas Passendes finden.

Und das wollte Klaus Spreemann.

Jeder Mensch hat seinen Wert. Jede Ware und jedes Geldstück. Darum machte Klaus Spreemann keinen Unterschied zwischen seinen Käufern. Für alle dasselbe Lächeln. Für alle die gleiche Fixigkeit. Ganz egal, ob es die Madame Bankier mit dem Schildpattlorgnon oder die Hökerfrau mit der Marktkiepe war.

Alles nach einer Elle, sagte er lächelnd, wenn Geld und Schere klapperten und er abwechselnd Seide, Flanell und Wachstuch rasch, reichlich und reell abmaß und durch einen flinken Galoppritt der blanken Schere vom Stück schnitt.

Gleichmäßig tief fielen dabei seine schnellen Verbeugungen aus, wenn die Glocke an der Ladentür meldete, daß ein Käufer kam oder ging.

Denn Klaus Spreemann hatte von früh an gelernt, daß man dem Geld nicht seine Herkunft ansieht.

Und vielleicht nicht nur dem Gelde. . . . . . . .

Der Weg zwischen den gefüllten Regalen und der nicht leeren Kasse war jetzt schmal und kurz. Die Straße, die dahin geführt hatte, war lang gewesen . . .

Obwohl in Klaus Spreemann echtes Berliner Blut floß, konnte er doch nicht behaupten, daß seine Wiege an der Spree gestanden hatte, denn er hatte nie in einer Wiege gelegen. Auf einem alten Sack, der mit Lumpen aller Art gepolstert war, hatte er sich hineingeschlafen ins emsige Leben. Und dieses leicht bewegliche Lager war heute in dieser Herberge aufgeschlagen worden und morgen in jener. Denn Klaus Spreemanns Vater Friedrich wußte, warum es in den Mauern die Tore gab. Sein bunter Laden war die Landstraße gewesen.

Er hatte die neuen glatten Stoffe, die sein tüchtiger Sohn jetzt führte, bewundernd und kopfnickend befühlt. Denn er selbst hatte sein Leben lang nur mit alten Kleidern gehandelt. In der Stadt erstand er sie. Vor den Mauern, in den Dörfern verkaufte er sie. Und mit Prosit. Von ihm hatte es Klaus geerbt, daß man die Käufer nicht wählen, sondern nehmen sollte, wie sie kamen.

Er hatte mit vollem Eifer an den breiten Schanzen mitgeschaufelt, die man dem Erbfeind vor das Brandenburger Tor gebaut hatte. Aber als die Franzosen dann doch kamen, hatte er mit ihnen Geschäfte gemacht. Und keine schlechten. Denn wenn solch lustiger Welsche auch außen ein Franzmann sein mußte, so konnte er unter der Uniform oft genug ein altes Berliner Wollhemd gebrauchen, das wenig kostete, so gut wie neu aussah, aber an den deutschen Winter gewohnt war. Und ebenso gereichte es keinem zu Schaden, wenn sich unter feindlichen Stulpstiefeln Strümpfe versteckten, die irgendeine kreuzbrave Berlinerin einmal gestrickt hatte. Wenn sie es auch nicht geahnt hatte, daß sie damit einem fremden Kriegsmann die Füße wärmen würde. Denn niemand weiß, was er tut.

Auch ein Feind ist schließlich ein Mensch. Besonders, wenn er nicht knausert. Ja, wenn's sein soll, kann uns ein Feind mehr nützen als ein Freund. Die Russen kamen als treue Verbündete. Aber sie wärmten sich mit Branntwein und Schnaps, statt mit alten, durchaus noch gediegenen Kleidern.

Ein Patriot jedoch bleibt ein Patriot trotz alledem. Er versteht, daß man das persönliche Glück zur Kriegszeit zurückstellen muß.

Friedrich Spreemann war damals Bräutigam gewesen, aber niemals hätte er früher geheiratet, als bis der Herr Napoleon wieder nach Haus gezogen war.

Denn diese fremden Soldaten hatten im Liebeshandel einen großen Kredit bei den Jungfern. Wär es nach den Mädchen gegangen, hätte Preußisch-Berlin bald kapituliert. Das war ein Gekicher, wenn die Herren Franzosen ihre raschen Kompliments machten. Man verstand nur wenig davon. Aber soviel merkten die schlauen Jüngferchen doch, daß sich's in dieser beweglichen Sprache dreimal so geschwind schwatzen ließ als im reellen, gediegenen Deutsch. Das gefiel den Plappermäulern natürlich.

Gefallen aber ist gegenseitig.

Die Beauté ist Internationale, sagte der spitzbärtige Hauptmann, wenn er die Mädchen küßte.

Nein, das war keine Konkurrenz für einen soliden Geschäftsmann.

Ehe muß auf sichern Grund gebaut sein. Erst als Friede im Land war und die Straßen wieder dem Preußen allein gehörten, hatte sich Friedrich seine Weggenossin geholt. Sie diente auf einer Ackerwirtschaft und war das Leben im Freien gewohnt. Sie hatte versprochen, sich weder vor Wind noch Wetter zu fürchten. Besonders nicht an der Seite ihres Fritz. Liebe, Lebensmut und Gesundheit waren ihr Brautschatz gewesen.

Aber als ein Ehejahr herum war, hatte sie dazu als erstes greifbares Besitztum den kleinen Klaus erhalten. In der Nikolaikirche war er mit Spreewasser getauft worden. In einer alten zerschossenen Pferdedecke des großen russischen Reichs gewickelt, ward er dem Schutzpatron des Handels, dem heiligen Nikolai, in besondere Obhut gegeben . . .

Er konnte einen Schutzpatron gebrauchen. Denn die Mutter sollte er nicht behalten. In der Ehe geht mancher Brautschatz verloren. Berthas hatte nur ausgereicht, bis der kleine Klaus laufen und sprechen konnte. Derselbe Winter, der ganz Preußen die große Freiheit brachte, hatte auch sie von allen Lasten befreit.

Auf schief gelaufenen Hacken war Spreemann hinter ihrer Bahre hergerannt. Es ging im Trab. Berlin erwartete die Rückkehr seiner Sieger. Fahnen, Bänder und Banner wimpelten. Festlich gekleidete Menschen füllten die Straßen. Die Träger waren von einer Seitengasse in die andere geeilt, um nicht mit ihrer schweren Bürde zu stören. Aber man war überall im Wege.

Spreemann hatte niemandem übelgenommen, daß man für seinen Schmerz keinen Platz hatte. Wer auf der Landstraße lebt, weiß, daß jeder an sich selbst denken muß. Und schon auf dem Rückweg vom Kirchhof hatte er wieder sein Warenlager auf der Schulter.

Auch neue Sieger konnten alte Kleider gebrauchen.




Zweites Kapitel


Manches aus dieser längst vergangenen Zeit spukte noch in Klaus' Erinnerung. Fetzen ohne Zusammenhang, die aus Erzählungen des Vaters übriggeblieben waren. Er selbst besann sich erst auf die Zeit, die er bei der Latrinen-Jule verbrachte. Diese lange, hagere Frau, die Mutterstelle an ihm vertrat, bis die Landstraße sein Heim wurde. Sie stand im festen Solde der Stadt Berlin. Sie übte das nützliche Amt aus, das man jetzt den finsteren Röhren der Kanalisation überläßt. Sie trug das irdischste der Menschen aus der Stadt hinaus auf die Felder. Kein Wunder, daß sie nicht nach Flieder roch. Und Unrecht, daß man seinen Spott mit ihr trieb. Aber man tat's. Obwohl es Beamtenbeleidigung war.

Wenn am Abend alle miteinander durchs Tor der Herberge drängten, kehrte auch Jule heim. Denn sie erfüllte ihren Beruf unter dem Schleier der Dämmerung.

Kaum aber, daß sie zur Tür hineingeschwenkt war, hagelte Gespött auf sie. Man lobte ihr feines Parfüm oder fragte, ob sie auch nichts von der köstlichen Ware, die ihr anvertraut worden, beiseite geschmuggelt hätte.

Aber auch sie war aus Berlin. Sie verstand zu antworten. Sie rief, daß sie alle zusammen das Maul halten sollten. Der Mist sei am ganzen Leben das Wichtigste. Und sie würden sich tüchtig wundern, wenn's einmal alle damit wär.

Denn Jule war eine gebildete Frau, die von der Landwirtschaft etwas verstand.

Sie also wandte den Rest ihrer verkümmerten Gefühle dem kleinen Klaus Spreemann zu. Besser etwas, als gar nichts. Das konnten beide voneinander sagen. Klaus bekam zweimal am Tage eine warme Suppe und spielte dafür geduldig mit alten Knöpfen. Und Jule war froh, nicht allein zu sein. Sie hatte sich seit langem ein Hündchen gewünscht. Das war etwas Ähnliches . . .

In der Herberge aber wurden die Leute nicht alt. Eines Tages war's vorbei mit der Jule. Es war der gewohnte Winterschnupfen gewesen. Von dem sie zu sagen pflegte, daß er drei Tage komme, drei Tage stehe und drei Tage gehe. Wohl fünfzigmal hatte sie recht behalten mit dieser Diagnose. Aber diesmal kam's anders. Nicht der Schnupfen ging, sondern die Jule. Doch ehe sie ihre übernommene Mutterpflicht aufgab, steckte sie dem Vater Spreemann ein kleines, schmieriges Säckchen zu. Einige sorgsam versteckte Groschen klirrten erschreckt darin auf. Für Klaus sollten sie sein. Begraben konnte die Stadt Berlin ihre treue Beamtin. Dienst gegen Dienst. Dreimal benieste Jule noch diese Wahrheit. Dann war sie ihres Berufs und allen Gespöttes enthoben. Sie sah zufriedener aus als je im Leben. Klaus' Vater aber steckte das Groschensäckchen tief in den Stiefelschaft und wunderte sich, daß selbst am einfachsten Geld kein schlechter Geruch bleibt . . .

Von dieser Stunde an wanderte Klaus mit dem Vater mit. Sein sehnlichster Wunsch war, ebensoviel aufbuckeln zu können wie dieser. Ein dickes Bündel unter dem linken Arm, ein gleiches auf der linken Schulter, das schwerste aber in der rechten Hand. Bald konnte er's. Schwer beladen hielt er Schritt, in faltigen Hosen und einem alten Männerrock. Die Stiefel so weit und groß, daß die Füße darin immer noch einen Schritt allein für sich machten. Trotzdem sie doch reichlich genug zu laufen bekamen. Seit dem Tod der Mutter hatte Klaus keine Kleider mehr getragen, die für ihn selbst bestimmt waren.

Begreiflich, daß er manchmal mit sämtlichen Packen halt machte, wenn er einen Altersgefährten in neuen Kleidern sah; daß er weit hinter dem Vater zurückbleiben konnte, um mit weitaufgerissenen Augen zuzustarren, wie ein Dickbauchiger, der des Vaters Angebot ärgerlich abgewinkt hatte, seinem Hunde ein großes, richtiges Fleischstück zuwarf.

Ja reich mußte man sein. Reich. Die Reichen waren die Starken.

Und des Abends, wenn Vater und Sohn den Stadttoren zueilten und rings in den dunklen Wiesen die Kobolde kauerten, träumte Klaus, daß er schon solch ein reicher Mann sei. Der im Sommer im Schatten sitzen und süße Getränke gegen den quälenden Durst trinken konnte. Der im Winter durch die Scheiben der warmen Stuben die Schneeflocken zählte. Der sogar seinen Hund mit gebratenem Fleisch futtern konnte, das manche Jungen nicht einmal Sonntags bekamen.

Und blinkten die ersten Lampen auf, war die Wirklichkeit wieder da, sagte Klaus sich's immer aufs neue: Reich muß man sein. Reich. –

Dieser zähe Wunsch war sein erstes Kapital, das ihm Zinsen brachte wie jedes Vermögen.

Erstaunlich schnell begriff Klaus die alten Hosen und Jacken so vorzulegen, daß Flicke und Risse auf der andern Seite waren. Verstand er mehr zu verlangen, als selbst der Vater als Bezahlung wünschte. Lernte er, daß Kunden angelächelt sein wollten, gleichviel ob man fror oder schwitzte.

In den ersten Jahren seines Umherwanderns sprach man noch viel vom Krieg. In den Schilderungen von Raub- und Beutezügen hockte der Neid über das rasche Soldatenglück. Klaus wünschte sich neue Kriege. Er wollte Soldat werden. Gewiß, es würde Gefahr geben, aber auch ebensoviel Wege zu Geld und zu Glück.

Wenn er dergleichen dachte, machten seine Beine so große Schritte, daß sie den humpelnden Füßen des Vaters lange vorauskamen.

Aber es wurde nicht wieder Krieg.

Es kamen bessere Zeiten für die Berliner. Gute Tage. Sehr gute Jahre. Aus der Ruhe des Friedens hob sich der Wohlstand. Auf blutgedüngtem Boden wogte Erntesegen.

Neue Zeiten – neue Kleider.

Mancher, der nie eine neue Jacke getragen, konnte sich, wenn's ihm gefiel, jetzt zwei auf einmal anmessen lassen.

Viele, die jeden Lumpenfetzen verkauften, um einen Sechser in die leere Tasche zu kriegen, erinnerten sich gar nicht mehr, je dergleichen Handel getrieben zu haben, und klapperten mit Geld im gut gefütterten Rock.

Friedrich Spreemanns Geschäft war gehemmt.

»Die Konjunktur der Landstraße steht faul.« Er sagte es immer häufiger, unter der rauchenden Funzellampe am Wirtstisch. Und manches vom Hunger modellierte Gesicht nickte ihm schweigend Beifall.

Sonderbar war nur, daß Spreemann bei solchen Reden wohl schmerzlich das Gesicht verzog, doch nicht sonderlich von Sorgen gehetzt schien.

Man kann auch ein Übel bedauern, ohne selbst davon betroffen zu sein. Denn nicht jeder ist ein Egoist.

Viel stärker, als die Zeit, drückten Friedrich Spreemann seine hohen gefüllten Stiefel. Selbst wenn er die Füße still unter dem Tisch hielt, geschweige denn bei jedem Schritt–fühlte er die harten Taler, die Rubelchen und Napoleons, die sich, in den Tagen der guten Konjunktur, dort angesammelt hatten. Und unter der linken Zehe, in der tausend Stecknadeln stachen, wenn sich das Wetter ändern wollte, und die er darum sein Barometerchen nannte, lagen die Scheine. Die ersten Zettel, die der preußische Staat seinen Bürgern gegen Bargeld gegeben. Das erste Papiergeld.

Der Mensch ist immer mehr, als sein Nachbar von ihm glaubt.

Der siegreiche, preußische Staat war Friedrich Spreemanns Schuldner.

Und an Klaus sollte er zurückzahlen.

Friedrich Spreemann war zu sparsam und praktisch, um von seinen Schätzen noch etwas für sich auszugeben. Er war ein zu gewiegter Geschäftsmann, um nicht zu wissen, daß ein verbrauchtes Leben nichts wert war. Abgetragene Sachen auszubessern, das lohnte sich nicht.

Aber das Leben von Klaus war noch neu, war ein glattes gediegenes Stück, aus dem sich noch alles schneidern ließ. Er konnte in Wirklichkeit haben, was sich sein Alter nur gewünscht hatte.

Klaus war pfiffig, gut und geduldig. Er würde erst einen kleinen Laden haben. Dann einen größeren. Und schließlich einen großen. Er würde eines Tages soviel Steuern zahlen, daß ihm der König gnädig zuwinken würde, wenn er ihm Unter den Linden begegnete. Mancher, der das sieht, wird dann vielleicht sagen: Sein Vater war noch Händler. Allerdings ein tüchtiger . . .

So hatte auch Friedrich Spreemann seine heimlichen Träume. Trotz seines guten Geschäftssinns naschte auch er von dieser goldenen Arznei. Sie kostete gar nichts. Und war doch das beste Mittel gegen knurrenden Magen und wunde Füße.

Klaus war nicht wenig erstaunt gewesen, als der Vater eines Tages mit ihm in eine Schneiderstube bog und dem Schneider befahl, dem Jungen hier Hose und Rock anzumessen.

In der warmen Werkstatt saß, neben dem Ofen, des Schneiders Vater und hämmerte Schuhe. Da waren zwei schöne Gewerbe friedlich beisammen.

»Ihr habt's gut,« sagte Friedrich Spreemann, als er sich ächzend auf einen Stuhl plumpsen ließ. Seine tränigen Blicke blinzelten von Schuster und Schneider zu Klaus hinüber und dann an sich selbst nieder.

Ja, ja. Um das Stubenhocken zu lernen war nicht mehr Zeit genug übrig. Er hatte zu viele Menschen dem Leben adieu sagen sehen, um nicht zu wissen, was die dicke Schwere in Kopf und Beinen bedeute.

Der Bader hatte schon recht: Fünfzig Jahre lang immer zu wenig Brot und immer zu viel Schnaps, das rächt sich. Es geht alles ganz natürlich im Leben zu . . .

Der Schneider – ein Stück Kreide hinterm Ohr, zwei Stecknadeln im Mund, die Elle in der Hand – drehte kichernd mehrmals Klaus herum, bevor er mit dem Maßnehmen begann.

Er sagte, daß er das junge Herrchen gar nicht herausfinde aus dem großen Rock, und meckerte wieder.

Aber der Alte am Ofen, der neugierig zusah, stocherte mit dem gebogenen Zeigefinger in die Luft und krächzte, daß man dem Bürschchen da noch manchen neuen Anzug anmessen werde. Hunger und Entbehrung machen die Schlauköpfe.

»Das ist wahr,« sagte der Schneider, und sah sich in den Spiegel.

Kleider machen Leute. Spreemann hatte es oft genug versichert, wenn er seine Waren anpries. Überzeugt von der Wahrheit dieser Worte aber wurde er erst, als er seinen Klaus im neuen Anzug sah. So wohlgewachsen und stämmig hatte er sich seinen kleinen Ableger gar nicht gedacht. Er hatte alle Mühe, seinen Stolz zu unterdrücken.

Denn erst hieß es, Schneider und Schuster noch einige Silbergroschen vom Preise zu handeln. Freude braucht nicht gleich übermütig und verschwenderisch zu machen.

Alles zu seiner Zeit. Stolz und Wichtigkeit breiteten sich erst über sein Gesicht, als man den niederen Laden betrat, wo Klaus als Lehrling eintreten sollte.

Hier begann Spreemann seinen Sohn aus vollem Halse zu rühmen. Es wurde ihm leicht. Es war eins der seltenen Male, daß ihm das Lob über den angepriesenen Gegenstand von Herzen kam. Es war das erstemal, daß er etwas anzubieten hatte, das nicht nur wie neu aussah, sondern auch wirklich nicht abgenutzt war.

Doch Klaus' künftiger Prinzipal, der in den Kriegsjahren eine Zeitlang Spreemanns Weggenosse gewesen, unterbrach ihn lächelnd. Er klopfte ihm auf die Schulter und sagte: »Er ist dein Sohn, Spreemann, das genügt mir.«

So trennten sich die Wege von Vater und Sohn. Spreemann wanderte allein hinaus . . .

Klaus fegte den Laden, verschnürte Pakete, sprang schnell über die Straße um seinem Herrn das heimliche Schnäpschen zu holen, zog die Wassereimer aus dem Brunnen und kaufte Eier und Brot für die Frau Prinzipalin. In der Mittagsstunde aber, wenn der Herr Chef sein Nickerchen machte, durfte er selber die Kunden bedienen und den Stoff an der Elle abmessen.

In seiner Schlafkammer war es nicht wärmer als draußen auf der Landstraße. Im Winter war das Wasser in der Kanne gefroren. Wie Feuer brannte das Eis nach dem Waschen auf Gesicht und Händen. So lebte Klaus – trotz aller Bescheidenheit – auf vertrautestem Fuß mit zwei der mächtigsten Elemente.

Am Nachmittag kam sogar etwas Sonne zu ihm. Wenn auch nicht auf dem geradesten Wege. Ehe sie unterging, brach sich ihr blankes Licht in den gegenüberliegenden Fenstern. Die warfen einen warmen Wiederschein hinüber zu Klaus. Und oft genug brockte er sich sein Vesperbrot bei schönstem Sonnenschein in die dampfende Tasse.

Zu alle diesem bekam er in jedem Monat noch zwei runde Taler ausgezahlt.

Als er sie zum erstenmal erhalten hatte, wollte er sie dem Vater geben, der ihn des Sonntags fast immer besuchte, denn er wußte, wieviel Geld seine neuen Kleider gekostet hatten. Aber Spreemann wehrte würdig ab. Er sagte:

»Du hast nun Anzug und Schuhe. Du wirst also bald an ein Hemd denken müssen. Und über kurz oder lang sogar an ein zweites. Auch die beiden Paar Strümpfe werden nicht ewig reichen. Verschwende nicht, aber kaufe, was sich als nötig erweist.«

Als er dann in der Dämmerung des Sonntags durch die ruhigen Straßen, vorbei an den erhellten Fenstern der Giebelhäuser, dem Stadttor zuwanderte, wo seine Herberge lag, blieb er häufig stehn, um heftig mit dem Kopf zu nicken. Auf Schritt und Tritt war ihm etwas anderes eingefallen, was sich sein Klaus wird anschaffen müssen, um so nach und nach ein Herr zu werden . . .

Er hätte gern mit angesehen, wie der König den Klaus Unter den Linden grüßen würde. Immerhin erlebte er noch, daß Klaus mit einem weißen Kragen und großer Seidenkrawatte, die widerspenstige Lockenfülle mit wohlduftender Pomade vornehm geglättet und gescheitelt, als »junger Mann« hinter dem Ladentisch stand. Daß er nicht mehr zu fegen brauchte, sondern nur mit einem Federpuschel die Waren abstäubte und zu jeder Tageszeit die geehrten Kunden artig lächelnd bedienen durfte.

So weit war Klaus gekommen, als eines rauhen Novembersonntags nicht mehr die eigenen Füße, sondern mitleidige Menschen den Vater zum Sohn brachten. Er war einige Straßenecken vorher zusammengebrochen.

Klaus bewohnte noch dieselbe kleine Kammer. Nur daß jetzt ein paar Handelsbücher darin standen und Seife, Kamm und Pomade dazugekommen waren. Der kleine, kalte Raum borgte sich gerade wieder den allerletzten Sonnenfunken vom Nachbarhause, als man Friedrich Spreemann auf seines Sohnes Bett legte.

»Die schöne Sonne,« sagte er bewundernd.

Als er sich ein wenig erholt zu haben schien, befahl er dem weinenden Klaus, ihm die hohen Stiefel von den geschwollenen Beinen zu schneiden. Und drückte ihm das Messer dazu in die Hand.

Klaus sammelte fassungslos die herausspringenden Münzen zusammen, auch das Wachstuchpaket unter dem Barometerchen fand er.

»Alles für dich,« sagte Spreemann. »Mit einem kleinen Laden fang an.«

Dann schien seine Kraft zu Ende zu sein. Klaus schluchzte und begann mechanisch das Geld zu zählen.

Da hob Spreemann noch einmal mühselig den Kopf und flüsterte unruhig, daß Klaus nun etwa nicht unnützes Geld für das Begräbnis verschwenden solle.

»Sparsamkeit ist halber Profit.«

Bei diesen Worten war Klaus seines Vaters gesetzlicher Erbe geworden.




Drittes Kapitel


Man kann in niemand hineinsehen. Möglich, daß der freundliche Herr Spreemann noch heute an die vergangenen Zeiten zurückdachte. Anzumerken war es ihm nicht.

Er war nun längst gewohnt, daß sein Lehrling den Laden fegte und daß sein junger Mann die Waren und den Wandspruch mit einem Federpuschel abstäubte. Daß über der Ladendecke eine hübsche Wohnung lag, mit Mullgardinen an den Fenstern und einem breiten Lehnstuhl davor, mit warmem Ofen und hohem Federbett. Und daß Klaus Spreemann darin der Hausherr war.

Was dem Vater der Krieg gewesen, war dem Sohn der Frieden geworden. Von allen Seiten war man durch die friedenbehüteten Tore gezogen, hatte sich seßhaft gemacht und war Berliner geworden. Und da man – so wohl sich's auch lebte im werdenden Wohlstand – doch nicht im Paradiese war, so hatte man Kleider gebraucht. Kleider und wieder Kleider. Trotz aller Sparsamkeit.

Klaus Spreemann hatte nicht nach Käufern zu suchen gebraucht. Er hatte nur reell und billig zu sein. Zumal auf dem Firmenschild.

In den zwanzig Jahren, die seit seiner Jünglingszeit verflossen waren, hatten sich die Berliner um das Doppelte vermehrt.

Dazu hatte Klaus Spreemann allerdings nichts beigetragen.

Aber auch das war verzeihlich.

Er hatte keine Zeit für Ehe und Liebe gehabt. Alle seine Tage hatten der Arbeit gehört. Einer wie der andere. Denn damals war es noch keine Sünde, auch Sonntags ein gutes Geschäft zu machen. Erst zu vielen Jahren gereiht, hatten alle diese zähen Stunden diesen heimlichen Wohlstand geschaffen.

Doch auch ohne um Amors Reich zu streichen, hatte Klaus Spreemann mehr Freuden genossen als die meisten seiner Mitbürger.

Man kann seine Abstammung vor andern verbergen, aber nicht vor sich selbst.

Keiner, wie Klaus Spreemann selbst, konnte ganz und voll ermessen, was es heißen wollte, des Morgens in sonniger Stube ein kühles Leinenhemd über die gepflegte Haut rieseln zu lassen. Oder sich an einen Tisch zu setzen, der sauber gedeckt war, wo Messer und Gabeln blank, mit reinlichen Horngriffen – und später sogar mit Elfenbeinenden – neben dem guten Berliner Porzellan lagen und Speisen aufgetragen wurden, die auf dem eigenen Herde gekocht waren. Wer begriff, was es sagen wollte, dann mit vollem Magen, die lange Pfeife im Mund, in der Ladentür zu stehen und sich von den besten Bürgern höflich grüßen zu lassen.

Wer von seinen Nachbarn wußte, was es bedeutete, des Abends, wenn draußen der Regen rauschte und die Hunde die müden Schritte eines nächtlichen Wanderers umkläfften, unter das hohe Federbett zu kriechen und an das Dunkel der Landstraße, an die schmutzigen Strohsäcke der Herberge zu denken.

Ruhe und Zufriedenheit gab das.

Selbst die schmerzlich süßen Vorfrühlingstage, wo die weiche Luft mit Veilchenduft gemischt ist, obwohl sie noch nirgends blühen, und jeder sich wünschevoll fragt: »Was wollen alle die schönen Tage, wird einer auch mir etwas bringen?« erregten Klaus Spreemann nicht. Er wußte genau, was sie ihm bringen würden: Eine gute Säson.

Und ebensowenig beunruhigten sein Gemüt die ungewohnten Pfiffe der neuen Eisenbahn, die dann und wann vom Potsdamer oder Anhalter Tore über die Stadtmauer schrillten. Er sagte, daß man auch in Berlin Sonne und Mond sehen könne. Er konnte sich überhaupt nicht vorstellen, daß es irgendwo in der Welt schöner sein könne als hier.

Ganz früher, ehe er das war, was er heute geworden, war er wohl manchmal an sommerlichen Sonntagsabenden mit irgendeinem runden Mädchen durch die Kornfelder nach Tempelhof und Schöneberg gewandert. Oder hatte auf dem Stralauer Fischzug eine rotbäckige Schöne einige Runden hindurch auf dem klingelnden Karussell begleitet auf hochgebäumtem und doch sicherem Pferde. Aber nie hatte er solche Ausfälle mit den Gedanken an seine Zukunft verbunden.

Zu dieser gehörte eine Dame.

Zwischen die Mullgardinen und die buntbemusterte Tapete hätte nur eine von den hübschen Demoisellen gepatzt, die an der Seite ihrer Mama den duftigen Tarlatan für die Ballkleidchen bei ihm kauften.

Aber im Privatverkehr mit seinen Kunden fühlte sich Klaus Spreemann unsicher. Besonders den jungen Damen gegenüber, die immer über etwas Unbekanntes kicherten und lachten, so daß man ängstlich nach allen seinen Knöpfen zu fassen begann.

Mit den Herren und auch mit den älteren Damen war es leichter gewesen, auf dasselbe Niveau zu kommen. Dazu hatte beinahe der einzige Erziehungslehrspruch zugereicht, den er aus seiner Kindheit behalten hatte. Und den er der Latrinen-Jule verdankte.

»Guter Ton ist nichts weiter als Katzenfreundlichkeit,« hatte sie mehr als einmal gesagt, wenn sie mit den andern städtischen Beamtinnen ihres Berufs beisammen saß und Strümpfe strickte oder sich mit einer der langen Stricknadeln hinterm Ohr kratzte.

Mit diesem Satz konnte man weiter kommen, als man glaubte.

Nur bei den jungen Damen reichte er nicht aus.

Darum hatte sich Spreemann, als seine Wohnung immer gemütlicher wurde, sogar verleiten lassen, ein Buch anzuschaffen, von dem jetzt viel die Rede war, weil es über den Umgang mit Menschen belehrte.

Aber was da an Nachsicht, Höflichkeit und Geduld seinen Mitmenschen gegenüber gefordert wurde, hatte Klaus Spreemann im Blut sitzen. Daß man sich vor weichen, verworrenen Wünschen hüten sollte, war ihm ebenfalls selbstverständlich.

Über die Liebe jedoch fand er nur etwas Bemerkenswertes: Daß man dem geliebten Gegenstand nicht stundenlang ins Gesicht starren dürfe. Das wäre Klaus Spreemann ohne dies niemals eingefallen. Einzig neu war ihm, daß man auch seine ernsten Absichten nicht dem geliebten Gegenstand anvertrauen dürfe, sondern nur dem in Frage kommenden Papa.

Das war ein unsicheres Geschäft. Denn es war natürlich leichter, einem vernünftigen, älteren Herrn zu gefallen, als einem wetterwendischen Mädchen voll Spaß und heimlichem Schnickschnack. Nachher hatte man das Auslachen, konnte blamiert für alle Zeit hinter dem Ladentisch stehen. Ein solider Geschäftsmann aber läßt sich auf keinerlei Risiko ein.

Vielleicht ging Klaus Spreemanns löbliche Vorsicht hier zu weit, denn manche der Mütter, besonders solche, die schon drei Winter hindurch Ballkleider einkauften, oft sogar für mehrere Töchter, lächelten den offenbar recht gut situierten Herrn Spreemann, der im besten Mannesalter hinter dem Ladentisch stand, sehr gütig und nachsichtig an. Spreemann aber kam es gar nicht in den Sinn, dieses Lächeln auf seine Privatperson zu beziehen. Er war überzeugt davon, daß die Damen nur lächelten, weil sie möglichst billig einkaufen wollten. Sankt Nikolai schützte sein Patenkind vor Amors Hinterlist.

Trotzdem stand Klaus Spreemann nicht mehr allein auf der Welt.

Seit es ihm gut und reputierlich ging, hatte es sich herausgestellt, daß auch er, wie alle andern soliden Bürgersleute, Verwandte besaß. Onkel, Tanten, Vettern und Basen. Ganz wie sich's gehörte.

Man sagte damals häufig: daß Unglück zusammenleime. Sicherlich klebten auch schon zu jener Zeit Glück und Gelingen bedeutend fester.

Denn auf Onkel Emil, den Gerbermeister Ziehlke und dessen Frau, die Tante Minna, die nun beide meist noch mit ihrer Verwandtschaft seine gewohnten Feiertagsgäste waren, konnte er sich aus seiner Kindheit her nur wenig erinnern. Auch daß er mit ihren Kindern, seinen Kusinen, reizend gespielt haben sollte, war ihm ganz etwas Neues.

Er wußte nur noch, daß Ziehlkes zu fein gewesen waren, um mit ihnen zu verkehren. Vater und er wurden stets mit wenig Freude aufgenommen, wenn sie einmal des Sonntagnachmittags in der Splittgerbergasse einkehrten. Ihre Besuche dauerten nicht lange. Wenn die Kaffeetasse ausgetrunken war, wischte man sich den Mund und ging weiter, worüber Klaus allerdings sehr zufrieden gewesen war. Denn hier mußte er sich immerfort die Nase zuhalten, trotzdem er durch die Latrinen-Jule gewiß nicht verwöhnt war. Er konnte sich nicht genug wundern, daß es etwas Feines war, zwischen diesen stinkenden Fellen zu wohnen. Er konnte gar nicht begreifen, wie man das aushielt.

Jetzt war er natürlich lebenskluger geworden. Wenn er jetzt pfeiferauchend mit Onkel Emil über gute und schlechte Konjunkturen sprach, wußte er: Geschäft ist Geschäft.

Aber auch mütterlicherseits hatte Klaus Spreemann Angehörige. Das war die Tante Karoline, die er früher überhaupt nicht gekannt hatte. Erst als sie Witwe geworden und Klaus schon zum zweitenmal den Laden vergrößerte, war sie eines Sonntagnachmittags zum Kaffee gekommen. Mit ihrem Mariechen, das nicht viel jünger als ihr Vetter Klaus war, aber noch verschämt auf alles Liebesglück der Welt wartete. Zu diesem Zweck vermietete Tante Karoline ihr bestes Zimmer an einzelne Herren, Studenten oder Sekretäre. Einstweilen noch ohne den gewünschten Erfolg.

Klaus hatte sie mit freundlicher Zufriedenheit aufgenommen, als sich die schmale Dame mit Kapottehut, Seidenumhang und goldener Brosche zu seinem Erstaunen als nahe Angehörige bekannte. Und er hatte auch Mariechen, die er ein wenig vertrocknet fand, kräftig die Hand gedrückt. So daß sie errötet war und: »O, Vetter!« gelispelt hatte. Und als dann Ziehlkes hinzukamen, hatte er mit großer Genugtuung die neuen Verwandten miteinander bekannt gemacht und ohne Arger eine zweite Portion Streuselkuchen holen lassen. Er fand es durchaus richtig und standesgemäß, daß man an festlichen Tagen Verwandtenbesuch zu erwarten hatte. Es war gleich, ob man den Ofen für zwei oder zehn Personen heizte. Nur der Taugenichte gehört zu niemand.

Und der gute Hausgeist, der den Ofen zu heizen und den Kaffee zu brauen hatte, murrte doch nie über ein Zuviel an Arbeit.

Nach manchen Jahren des Ärgers, Aufpassens und doch Übervorteiltwerdens hatte Herr Spreemann auch in der Wahl seiner Wirtschafterin das Rechte getroffen. Mamsell Lieschen schien eigens für diesen Beruf erschaffen zu sein. Sie hatte alle Tugenden des sparsamen Weibes. Auch die, das Herz eines einzelnen Herrn nicht eine Sekunde lang zu beunruhigen. Im Waisenhaus groß geworden, ging stets ein Strom praktischen Gleichmuts und bescheidener Geduld von ihr aus.

Wenn der Frühling kam, band sie sich keine bunten Schleifen ins Haar, sondern sie freute sich, daß nun die Frostbeulen heilten, die Eier billiger wurden, daß es Radieschen gab, die Herr Spreemann schätzte, und jungen Schnittlauch und duftenden Dill. Wenn die Sommersonne ihr Blut zu erhitzen versuchte, hatte sie vor Arbeit überhaupt nicht Zeit dies zu bemerken. In jeder Woche beinahe hatte eine andere Obstart ihre preiswerteste Zeit und mußte als Winterkompott eingekocht und in Gläser gepackt werden. Und mit der größten Akkuratesse. Im Herbst aber drehte sich Lieschens ganzes Denken um die Gans. Geschunden, gepökelt, gefüllt, gebraten wand sich dieser nützliche Vogel in ihren fleißigen Händen. War doch an jedem Sonnabend dicht vor der Haustür großer Gänsemarkt. Stundenlang durchschritt Mamsell Lieschen die Reihen der blauen Leiterwagen, zwischen deren Latten die langen Gansehälse die schnatternden Köpfe heraussteckten.

»Kommen Sie her, Jungfer Lieschen, ein schönes Gänschen für den reellen Herrn Spreemann.«

»Brät sich im eignen Fett, wie die reiche Madame,« lockten die Marktfrauen.

Aber ehe Mamsell Lieschen nicht mindestens dreißig Gänsebrüste befühlt hatte, kaufte sie nicht. Das war sie dem ehrenvollen Vertrauen Herrn Spreemanns wohl schuldig. Sie trug manch blutigen Riß der unvernünftigen Gänse an Armen und Händen. Aber mit dem gleichen Stolz wie der Student seine Schmisse.

Im Winter waren die kurzen Tage auch reich mit Arbeit beladen. Da heizte Mamsell Lieschen die Ofen, briet sie Schweineschmalz aus, zart und weiß wie Himmelsschnee, hatte sie in der eiskalten Speisekammer immer etwas Gesülztes und Gepökeltes zu drehen und zu wenden.

Strickte sie Strümpfe und Pulswärmer für Herrn Spreemann, faltete sie Fidibusse, briet sie in der einen Ofenröhre kleine, runde Apfel braun, wärmte sie in der andern Herrn Spreemanns hellgrüne, von ihren Händen mit Rosen bestickte Hausschuhe und kannte von morgens sechs bis abends neun kein Ausruhen. Dann aber sank sie träumelos in Schlaf.

Für alles dies erhielt sie Ende jedes Monats drei runde Silbertaler. Und wenn jetzt das dritte Jahr herum sein würde, sollte sogar ein vierter, ebenso runder, hinzukommen.

Aber schon die drei Taler ärgerten Tante Karoline, die sehr rasch heimisch bei ihrem Neffen geworden und ihn viel häufiger besuchte als die Familie Ziehlke. Sie machte Klaus oft genug darauf aufmerksam, daß dieser Lohn geradezu auf die Straße geworfen sei. Und gab ihm zu verstehen, daß sie selbst von Herzen gern bereit wäre, Mamsell Lieschens Amt zu übernehmen. Aus reiner Verwandtenliebe, ohne die geringste Entschädigung. Und Mariechen bekäme er ebenso gratis dazu. Das liebe Kind spielte so reizend Piano. Und würde die ganze Wohnung mit Wohllaut erfüllen. Sogar das Piano würde sie mitbringen. Es war die stumme und doch geräuschvolle Bezahlung eines Mieters, der ohne Abschied zu nehmen ausgezogen war.

Frauen sind schlau. Und Klaus war kein Praktikus ihnen gegenüber. Aber er gehörte zu den glücklichen Menschen, die stets von selbst das Richtige finden. Wenn Tante Karoline von diesen heiklen Dingen sprach, sah er so eifrig zur Decke auf, wie wenn er dort eine vielziffrige Rechnung zu addieren hatte, und dazu zog er so kräftig aus seiner Pfeife, daß er sehr bald hinter einer Wolke von Tabak allen irdischen Wünschen entschwand. Erst wenn Tante Karoline hustete und spuckte und sich die Wolken wieder zu verteilen begannen, fragte er ruhig:

»Und dein neuer Mieter, gefällt er euch, seid ihr zufrieden miteinander?«

Er konnte fast immer nach einem neuen Mieter fragen. Tante Karolines Hausgenossen wechselten rascher als der unbeständige Mond. Sie hatten es zu gut bei Tante Karoline, und das können die Menschen bekanntlich nicht vertragen. Wohl zehnmal des Tages klopfte Mariechen an die Tür und fragte, ob der junge Herr vielleicht etwas nötig habe. Sobald sich aber der Herr Student oder Sekretär zum Ausgehen rüstete, kam Karoline selbst heraus, fragte, wohin des Weges und wann zurück und erinnerte daran, daß jung gefreit noch niemanden gereut habe, und daß das wahre Glück nur im eignen Herzen zu finden sei. Man also nicht dazu auszugehen brauche.

Die leichtsinnigen Jünglinge eilten zwar trotzdem davon, aber Tante Karoline sagte sich hier wie bei Klaus, daß noch nicht aller Tage Abend sei. Und das war recht von ihr. Denn Hoffnung muß sein.

Auf diese Weise war man wieder einmal in den März gekommen. Wo der Mensch ganz insbesondre neuen Wünschen geneigt ist. Man heizte zwar noch, aber wenn man die Fenster geöffnet hatte, blieb noch lange ein frischer belebender Hauch im Zimmer zurück.

Klaus Spreemann hatte schon die ganze, neue Sommersäson im Lagerraum. Einen Bleistift hinterm Ohr und einen in der Hand, notierte er die Preise, klebte er die Etiketten, rechnete er die wünschenswerten Überschüsse aus.

Oben in der Küche putzte Mamsell Schmidt die ersten Radieschen und bemerkte dabei mit Staunen die erste Fliege. Die Fliegenklappe, eine Schuhsohle an ein Holzstück gebunden, lag noch wohlverwahrt bei den Sommersachen. Aber Lieschen versuchte trotzdem, sich des geflügelten Insekts zu bemächtigen, denn sie hatte auch für die Mahlzeiten eines Laubfroschs zu sorgen. Sie selbst hatte sich erlaubt, ihn Herrn Spreemann als Weihnachtsgabe zu überreichen.

In Ausdauer geübt, hielt Lieschen auch schließlich diese weltfremde erste Fliege zwischen Daumen und Zeigefinger, um sie so dem Laubfrosch zu überreichen.

Zugleich wollte sie sehen, wie es mit dem Wetter stand.

Es lag eine merkwürdige Unruhe in der Luft. Am Himmel wie zwischen den Häusern. In den Straßen war ein Lärmen, Rennen, ein Gejohle und Gesinge, als wäre die ganze Stadt ein Jahrmarkt. Es war nicht klug zu werden aus alledem.

Aber auch der Laubfrosch schien ratlos zu sein. Er schnappte zwar eilig die Fliege, aber kaum, daß er oben auf der Leiter saß, hüpfte er wieder herab. Und war er unten, hopste er wieder hinauf. Heute war irgend etwas nicht richtig in Berlin.

Mamsell Schmidt beschloß, in den Hof hinunter zu gehn und Wasser zu holen. Vielleicht traf man dort am Brunnen diese oder jene, die mehr wußte. Während sie mit den klappernden Eimern die Treppe hinunterstieg, zog draußen wieder ein lärmender Schwarm Studenten vorbei. Sie sangen:

»Gegen Demokraten helfen nur Soldaten.«

Lieschen schüttelte den Kopf. Das ging nun schon seit Tagen so. Herr Spreemann hatte wirklich recht. Hatte man ihnen dazu ein ganzes Schloß eingerichtet? Dieses Prachtgebäude am Kastanienwäldchen? Als Lieschen den Brunnen wieder zuklappte, kam gerade die Sonne noch einmal hervor. Ihr tieftoter Abendschein spiegelte und bewegte sich in den gefüllten Eimern.

Wie Blut, dachte Lieschen und wußte nicht, was sie auf solche dummen Gedanken brachte.

Hastig griff sie nach den Eimern, um ins Haus zu gehn.

Da kam Anna, die Magd von Herrn Kreisrat Giesecke, der mit seiner Familie das obere Stockwerk bewohnte, eilig herausgelaufen.

Herr Kreisrat ließ Herrn Spreemann raten, nicht wie gewöhnlich zu Klausing an den Stammtisch zu gehn, sondern sich sein Weißbier rechtzeitig ins Haus holen zu lassen. Denn heute wäre die Straße kein Aufenthalt für anständige Leute. Er selbst ginge auch nicht aus.

Wieder schrillten draußen Pfiffe, und laufende Schritte jagten über das Pflaster.

»Was wollen denn die verrückten Menschen nur,« fragte Mamsell Schmidt, und war ganz blaß im Gesicht.

Die runde, saftige Magd zuckte die Achseln.

»Ich glaube Gleichheit, das rufen sie wenigstens immer,« sagte sie dann.

»Wie denn, was denn?« Mamsell Lieschen riß den Mund auf. »Was soll denn gleich sein?«

Anna schneuzte die Frühlingsfeuchtigkeit in der kurzen Nase hoch und sagte:

»Mir ist alles gleich, wenn sie nur nicht schießen tun. Vor den Soldaten fürchte ich mich nicht, nur vor ihren Gewehren.«

Aber da rief man sie und die Unterhaltung war zu Ende.

Lieschen schleppte die Eimer so rasch es ging die Treppe hinauf. Dann verriegelte sie die Tür.

Gegen Demokraten helfen nur Soldaten, sang man draußen aufs neue. Dann pfiff und heulte es und war wieder vorüber.

Kaum, daß es still geworden, klopfte es an der Tür.

»Hier ist niemand,« schrie Lieschen Schmidt und warf willenlos ein Handtuch über die fertig geputzten Radieschen.

»Nu, da machen Sie nur unbesorgt auf, Mamsell Niemand,« antwortete draußen eine gutmütige Stimme.

Lieschen hatte sofort erkannt, daß da der kleine Herr Hirschhorn vor der Tür stand. Er kam in jedem Monat einmal, um Herrn Spreemanns Hühneraugen zu schneiden. Eine der wenigen Jugenderinnerungen, die Klaus von der Landstraße und den zu großen Schuhen zurückbehalten hatte.

Mamsell Schmidt mochte den kleinen Juden nicht, der jedem Christenmenschen bis unter die Sohlen sah und mit seinem reichen Wissen von Haus zu Haus ging. Aber heute war er ihr von Herzen willkommen. Rasch riegelte sie die Tür auf und ließ ihn hinein.

»Nur schnell, Jungfer Lieschen, schnell,« sagte er. »Ich hab schon dem Herrn Spreemann zugerufen, daß ich da bin. Heute muß es schnell gehn. Heute soll mit Gottes Hilf noch mancher loswerden, was ihn drückt.«

Damit hatte er schon mit seiner schwarzledernen Handwerkstasche den ihm bekannten Weg zu Herrn Spreemanns sauber gehaltenem Schlafzimmer zurückgelegt.

Mamsell Schmidt folgte ihm in Eile und ergriff noch unterwegs einige frischgewaschene Tücher, die sie vor Herrn Spreemanns Lehnstuhl auf den Boden breitete.

»Versprengen Sie nur nicht wieder die Nägel in alle Zimmerecken, Herr Hirschhorn,« sagte sie ermahnend.

»He, he. Mamsellchen, heute wird vielleicht noch etwas anderes in alle Ecken gesprengt,« antwortete der kleine Mann und packte eifrig seine Scheren und Messer aus.

Lieschen starrte ängstlich auf das geriebene Lächeln um seinen Mund.

»Was ist denn nur los,« sagte sie, »soll denn die Welt untergehen?«

Aber da schloß Herr Spreemann die Tür auf, und Mamsell Schmidt huschte bescheiden aus dem Zimmer.

»Ich hab mich ein wenig verspätet,« fing Hirschhorn sofort an, als er Herrn Spreemanns kräftigen Fuß zwischen den Händen hatte. »Ich war in den Selten, bei den Versammlungen. Ei weih, da kriegt mancher die Wahrheit zu hören. Da schwillt einem der Mut in der Brust. Das hätten Sie auch mitanhören sollen, Herr Spreemann. Weiß Gott, das hätten Sie tun sollen.«

»Ich hab meine Arbeit,« knurrte Spreemann. Er liebte es nicht, daß Hirschhorn sprach, während er mit den scharfen Messern an seinen Füßen hantierte.

»Wir sollten Söhne haben, Herr Spreemann,« fuhr Hirschhorn fort. »Jeder sollte jetzt Söhne in der Wiege haben, Herr Spreemann. Eine neue Zeit kommt, eine große.«

»Au!« rief Herr Spreemann. »Passen Sie doch auf, Hirschhorn.«

»Pardon, pardon, Herr Spreemann. Ich bin heute ein bißchen erregt, sozusagen. Ich bewundre Herrn Spreemanns Ruhe.«

»Ich weiß nicht, warum die Leute stets mißvergnügt sind. Es wird schon alles von selbst zurechtkommen,« sagte Herr Spreemann ärgerlich.

»Das teure Brot, die Mißernten in Schlesien,« warf Hirschhorn dazwischen, tief über Herrn Spreemanns kleiner Zehe gebückt.

Herr Spreemann meinte, daß sich jeder um sich selbst kümmern müsse. Daß für Herrn Hirschhorn das Wachsen der Hühneraugen wichtiger sei als das des schlesischen Korns.

Hirschhorn erwiderte, daß alles in der Welt seinen Zusammenhang habe. Es wäre schon recht, wenn es auch das Volk besser bekäme. In der Wiege und im Sarge sähen alle Menschen gleich aus. Da könnten sie es auch zwischendurch ein bißchen ähnlicher haben.

Herr Hirschhorn hatte nicht umsonst stundenlang unter den kahlen Bäumen des Tiergartens gestanden. Reden gehört und kalte Füße bekommen. Kalte Füße, warmes Herz.

Spreemann sagte, daß er vor zwanzig Jahren solchen Aufruhr begriffen hätte. Aber jetzt wäre doch alles schön und gut.

»Jeder hat es, wie er sich's macht,« schloß er. »Wer arbeitet, hat auch zu essen.«

Hirschhorn maß mit schiefem Kopf sein begonnenes Werk an der kleinen Zehe, griff nach einem andern Messerchen und sagte:

»Nu, es gibt auch noch höhere Güter, Herr Spreemann. Der Magen regiert nicht allein. Das Volk will und muß auch . . .«

Da glitt das Messer ab und bohrte sich tief in die fleischige Zehe. Herrn Spreemanns rotes Blut strömte über die saubern Tücher.

Denn im Eifer des Disputs hatte man überhört, daß ein dumpfes Murren, ein schrilles, sausendes Geheul näher und näher schwoll.

Jetzt kam es plötzlich über den Platz gejagt.

Kreischende Stimmen von Weibern und Männern, Pfiffe, Schreie, Flüche, Drohungen ballten sich zum Gebrüll eines Raubtiers zusammen.

Mit einem Freudenruf war Hirschhorn aufgesprungen und hatte im gleichen Augenblick seinen Kram von Scheren, Messern und Feilen in die alte Ledertasche geworfen. Ohne einen Blick, ohne eine Entschuldigung für Herrn Spreemanns blutende Zehe.

»Sie kommen!« schrie er, »sie kommen!« und hatte mit einem Ruck zwischen seinen Salben und Pomaden eine schwarzgelbrote Kokarde hervorgerissen.

Dann rannte er hinaus. Im Flur hatte er die Kokarde schon an seinem großen, abgenutzten Hute stecken.

»Freiheit! Gleichheit!« schrie er. »Mein Lebtag hab ich drauf gewartet.«

Und dann riß er die Tür auf und stürzte hinaus.

Er rannte beinahe den Lehrling um, der von unten heraufgejagt kam.

»Sie bauen Barrikaden! Barrikaden bauen sie!« kreischte er mitten in Lieschens entsetztes Gesicht. »Ich geh mit, ich geh mit.«

Und er packte einen Küchenstuhl und rannte hinter Herrn Hirschhorn her.

Und der blonde junge Mann, den man immer nur lächeln gesehn und: »sehr wohl, Herr Spreemann,« sagen hörte, hatte eine Kokarde an die Staubpuschel gebunden und eine Holzbank unterm Arm. Das Gesicht verzerrt voll Wut, warf er sich ins Gewühl.

Herr Spreemann war ans Fenster gehumpelt und sah es mit Entsetzen.

Immer unheimlicher steigerte sich das rasende Raubtiergebrüll.

Erstarrt sah Spreemann Hirschhorns lange Rockschöße in der stoßenden, stampfenden Menge verschwinden. Sah er den kleinen Lehrling beinah allen voran davonstürmen. Eine Sekunde lang blitzte eine Erinnerung in ihm auf. Sein Vater wäre auch mitgelaufen, die hohen Stiefel voll heimlicher Schätze. Und er selbst? Wenn es damals gewesen wäre . . .

Da schmetterte ein Trompetensignal. Das Militär. Die Menge stieß ein Wutgeheul aus, das allen, die hinter den klirrenden Fenstern lauschten, Eiskörner über den Rücken jagte. Einen Augenblick lang staute sich alles. Dann drängte man mit verdoppelter Wut und Anstrengung vorwärts.

»Der Laden!« schoß es Spreemann beim Trompetenstoß durch den verängstigten Kopf. Der Laden mit der ganzen Sommersäson im Lagerraum. Wenn sie ihn plünderten. Wenn sie ihn stürmten.

Mamsell Lieschen flatterte im Zimmer herum, wie ein Huhn ohne Kopf. Sie sah das Blut aus Herrn Spreemanns Zehe quillen, sie hörte das furchtbare Geheule, sah den Lehrling und den »jungen Mann« unter die Räuber gehen, hörte Militärgetrappel, Signale, Pfiffe. Jetzt begannen auch alle Glocken zu läuten. Sie wußte nicht ein, noch aus.

Als Herr Spreemann: »Der Laden, der Laden!« schrie, stürzte sie in gewohntem Diensteifer hinaus. In ihrer Todesangst vergaß sie Angst zu haben.

Sie drückte sich zwischen die tobend Vorwärtseilenden und legte mit zitternden Händen, ohne zu wissen, daß sie's tat, die schweren Holzplanken vor die Ladentür. Noch ein kurzer Augenblick und auch die schweren Eisenstangen fielen schützend vor Herrn Spreenarms Sommersäson. Keinen der wahnwitzig Erregten, hatte die schmale Gestalt im waisengrauen Hauskleid gestört. Gerade als ein Schuß fiel, keuchte Mamsell Lieschen ins Haus zurück. Die Tür schlug zu. Sie war gesichert.

Über das Treppengeländer beugte sich Herr Kreisrat. Im Schlafrock, die runde, samtne Hausmütze auf dem Kopf, aber die Pfeife erloschen zwischen den blassen Lippen.

»Die Haustür fest verriegelt, Mamsell Lieschen?« flüsterte er fragend. »Nicht besser, noch einmal nachzusehen?«

»Ich muß hinauf, Herr Spreemann blutet,« schrie Lieschen in zappelnder Erregung.

»Blutet – woher – wieso – im Laden – in der Wohnung – verwundet von wem?«

Herr Kreisrat flüsterte es erregt und schaudernd.

»Von Herrn Hirschhorn, in demselben Augenblick, als die Horde über den Platz kam,« stieß Mamsell Lieschen eilig hervor und sprang atemlos die Stufen hinauf.

»Ich sage ja, die Juden, die Juden. Sie sind bei allen Schlächtereien die ersten.«

Empört raffte Herr Kreisrat den langen Schlafrock und eilte so schnell es die lose sitzenden Pantoffel erlaubten die Treppe zurück.

Das mußte Frau Kreisrat, die mit Weinkrämpfen auf dem Sofa lag, so schnell als möglich erfahren.

Die Türen klappten. Oben und unten. Die Riegel schnappten vor. Unten und oben. Man war geborgen.

Herr Spreemann starrte immer noch hinter der Gardine in den kreischenden, brüllenden Haufen. Ein schmaler Blutstrom rann von seiner kleinen Zehe ins Zimmer.

»Sie kennen ins sichre Verderben. Sie opfern ihr Leben, als wenn es nichts wert wäre,« murmelte er und wußte nicht, daß auf seinem Gesicht der große Respekt lag, der sich bei ganz besonders guten Kunden doch in seine Mienen zu schleichen pflegte. Nur, daß er jetzt nicht lächelte.

»Denken Sie vor allen Dingen an Ihr eignes teures Leben,« rief Mamsell Lieschen aufschluchzend. Und kam mit Pflaster, Arnikawasser und Leinwandstreifen.

Als Herr Spreemann im Lehnstuhl saß, den Fuß gekühlt und verbunden, fühlte er sich ruhiger werden.

Mamsell Lieschen hatte die Holzladen vor die Fenster gelegt, das dämpfte den Lärm ein wenig.

Die Menge schien weiterzueilen. Allmählich wurde es ruhiger vor den Fenstern. Nur aus der Ferne klang Trommelwirbel und Geschrei.

Lieschen zündete die Öllampe an. Der helle, ruhige Schein gab neuen Mut.

»Wenn ich an die Funzellampen denke, die man in meiner Kindheit brannte,« sagte Herr Spreemann, der nachdenklich in die freundliche Helle blickte. »Man hat es doch wirklich gut, jetzt in der Neuzeit. Ich weiß nicht, warum die Leute immer und immer unzufrieden sind.« Er seufzte. Mamsell Lieschen stand unschlüssig im Zimmer. Zu setzen wagte sie sich nicht. Aber draußen allein zu sein fürchtete sie sich.

Herr Spreemann schien auch nicht allein bleiben zu wollen.

»Wo meine Verwandten heute sein mögen,« fing er wieder das Gespräch an.

»Gott schütze sie alle,« antwortete Mamsell Lieschen demütig.

Und dann fragte sie, ob sie vielleicht den Abendtisch hier aufdecken sollte.

Herr Spreemann kam in Verlegenheit. Appetit hatte er nicht. Im Gegenteil. Aber er wollte jemanden um sich haben.

Er zog eine Weile schweigend an seiner Pfeife. Dann sagte er: »Sie können mir kühlende Umschläge auf meinen Fuß machen, Mamsell. Alle fünf Minuten einen andern.« Wieder hatte er das Richtige gefunden. Beiden war geholfen.

Auch in der Familie des Herrn Kreisrat schien man wieder im Gleichgewicht zu sein. Sanfte Klaviermusik tönte herunter. Die beiden Töchterchen spielten vierhändig und genau im Takt das hübsche Lied von dem guten Monde, der so stille durch die Abendwolken zieht.

Mamsell Lieschen summte es leise mit. So friedlich hätte alles sein können.

Aber da – Herr Spreemann horchte auf – von neuem wälzte sich das Grauenhafte näher.

»Wenn sie nur nicht die Stadt in Brand setzen,« ächzte Mamsell Lieschen, die wieder ins Flattern gekommen war.

»Die Berliner stecken ihr Berlin nicht an,« sagte Spreemann fest.

Wieder klirrten die Fensterscheiben.

Herr Spreemann löschte die Lampe und öffnete die Fensterladen um einen schmalen Spalt.

Man trug schon Verwundete zwischen sich.

Mamsell Lieschen schluchzte auf.

Aus Spreemanns Augen tropfte es. Er hätte gern den Arm um Lieschens Schulter gelegt. Er spürte etwas Sonderbares – weiche, schmerzliche Wünsche, wie er sie seit seiner Kindheit nicht mehr gekannt hatte. – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit . . .

Da zeigte jemand aus der Menge auf den gemalten Herrn auf Spreemanns Firmenschild. Die einzige Laterne, die am gurgelnden Rinnstein brannte, warf ihren matten Schein auf seine Beinkleider, schick und kariert. Gelächter erscholl. Ein Haufen Steine hagelte gegen das Schild. Man hörte es splittern. Dann stürmte man weiter.

Herr Spreemann atmete auf. Nun hatte auch er seinen Tribut gezahlt. Er untersagte Mamsell Lieschen das Jammern über diesen Vorfall. Der Lärm verhallte. Das rasende Gebrüll dämpfte sich zu dem befriedigten Geknurr des gesättigten Tieres.

In den Zimmern flammten wieder die Lampen auf. Alles wurde still.

Herr Spreemann gähnte. Die Spannung ließ nach. Er blinzelte nach seinem hohen Federbett. Zum erstenmal in seinem Leben begriff er, daß die Ehe ihre guten Seiten haben konnte. Wenn da noch so ein Bett im Zimmer stände, hätte man es wagen können, unter das hohe Deckbett zu kriechen . . .

So aber blieb er im Lehnstuhl und ließ sich weiter die Zehe kühlen.

Bis draußen ein Hahn krähte. Wahrhaftig, über den Dächern dämmerte der erste Morgenschein.

Eilig verabschiedete Herr Spreemann Mamsell Lieschen. Wenige Augenblicke später lag er im Bett.

Nötiger, als daß man weiß, was die andern wollen, ist zu wissen, was man selbst will.




Viertes Kapitel


Mamsell Schmidt hatte nur eine kurze Stunde zu schlummern gewagt. Als die Sonne richtig am Himmel stand, war auch sie wieder am gewohnten Werk. Leise öffnete sie die Fenster des Wohnzimmers und spähte hinaus. Das Firmenschild hing schief. Zerbrochen aber schien es nicht. Platz und Straße waren leer und still. Alle Arbeit schien zu ruhen. Lautlos lag die Stadt im neuen Morgenrot. Nur aus den Schornsteinen stieg ein leichter Rauch und verriet, daß Leben in den Häusern war. Die Sonne war ebenso blutig zurückgekommen, wie sie gegangen war. Aber nun war es Tag. Mamsell Lieschen erschauerte nicht. Sie sah noch zu, wie drüben auf dem Dach des Eckhauses der alte Herr Jung mit einer weißen Fahne seine Tauben zu einem Morgenflug anregte, dann ging sie an ihre Arbeit. Auf leisen Filzschuhen räumte, reinigte und heizte sie.

Herrn Spreemanns Ofen war vom Nebenzimmer aus zu heizen. Vorsichtig, ohne Lärm zu machen, schichtete Lieschen das glatte Buchenholz auf, um es dann mit einem Kienspan aufprasseln zu lassen. Von oben drang wieder der gewohnte brenzlige Qualm herunter. Diese Geizhälse heizten mit Torf. Das hatte man bei Herrn Spreemann nicht nötig. Zufrieden schloß Mamsell Schmidt die Ofenklappe, lauschte einen Augenblick an Herrn Spreemanns Tür und eilte dann lautlos zu neuer Tätigkeit.

Man schien wirklich in einer Zeit des Umsturzes zu leben. Trotzdem Ofen und Sonne längst für ihn wirkten, schlief Herr Spreemann bis in den Mittag hinein. Das war in seinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen. Mamsell Schmidt hatte sich schon Sorgen gemacht, und als er das Frühstückszimmer betrat, begrüßte sie ihn wie einen, der von weither zurückkommt. Sie berichtete sofort, daß das Firmenschild schief hinge, aber keineswegs zerbrochen sei. So beschloß Herr Spreemann, erst eine belebende Tasse Kaffee zu trinken, ehe er den Laden öffnete. Mamsell Lieschen bestärkte ihn in diesem Entschluß, denn die Straßen waren immer noch leer und still. Selten, daß ein eiliger Schritt vorüberklappte. Vor einigen Augenblicken war allerdings die Zeitung gekommen.

Herr Spreemann öffnete sie, und was er da las, ließ seinen Kaffee kalt werden. Eine lange Reihe von Toten war aufgezählt. Und auch der Name des kleinen Herrn Hirschhorn war dabei. Er hatte, bald nach seinem Davonstürzen, die Freiheit und Gleichheit gewonnen, die allen Menschen gewiß ist.

Mit Rührung besann sich Herr Spreemann, daß ihn der kleine, geschickte Mann bis auf den gestrigen Unfall kein einziges Mal geschnitten. Und daß er niemals mehr als vier Groschen für alle zehn Zehen genommen hatte. Auch Mamsell Lieschen schluchzte und vergaß vollständig, daß sie ihn nicht hatte leiden mögen.

»Wenn ich denke, daß er gestern noch lebendig in meiner Küche stand,« sagte sie und putzte sich wieder heftig die Nase.

Nur gut, daß von dem Lehrling und dem »jungen Manne« nichts in der Zeitung zu finden war.

Es war ein heller, klarer Tag. Man spürte es durch die geschlossenen Fenster, daß es zum Frühling ging. Während sich Herr Spreemann, gedankenerfüllt, die Pfeife stopfte, eilte Mamsell Schmidt zum Laubfrosch, um zu sehen, was er zu diesem Wetter sagte. Erschreckt prallte sie zurück. Er lag tot auf dem Boden seines Glashauses. Ob ihn die Aufregung getötet oder die einzige Fliege nicht genug Nahrung gewesen, war nun nicht mehr zu enträtseln. Von Grauen und Ekel gepackt, spähten Herr Spreemann und Mamsell Lieschen durch das Glas. Er lag auf dem grünen Rücken und zeigte einen gelben Bauch. So war er also nur auf einer Seite so hübsch grün gewesen? Auch die Natur lackierte also nur die obere, dem Käufer zugewandte Seite? Das gab beiden eine gewisse Beruhigung. Es tut immer wohl, sich mit der Schöpfung im Einverständnis zu wissen . . .

Milde und bewegt griff Spreemann zum Schlüsselbund und verließ die Wohnung, um endlich seinen Laden zu öffnen. Als er noch das Firmenschild musterte und mit Freude feststellte, daß ein wenig Tischlerleim hier alles kurieren könne, bogen zögernde Schritte um die Ecke. Und ehe Herr Spreemann sich noch selbst bemühen konnte, hoben sein Lehrling und sein »junger Mann« Eisenstange und Holzplanke von der Ladentür.

Der Lehrling hinkte, und der »junge Mann« trug einen Arm in der Binde. Statt der Kokarden hatten sie wieder ihre höflichen Mienen aufgesteckt. Aber die Kokarden waren noch da. Sie lagen in der Tasche, bereit, beim ersten Anlaß wieder hervorgeholt zu werden. Nur mußte man auch inzwischen leben und essen.

Die gegenseitige Begrüßung fiel etwas gezwungen aus. Der Lehrling begann sofort, alte Bindfäden aufzuknoten, und der »junge Mann« beeilte sich, mit dem gesunden Arm einen neuen Staubpuschel in Bewegung zu setzen.

Aber Herr Spreemann war sich schon vorher klar geworden, Milde walten zu lassen. Leute zu finden, die gestern nicht dabei gewesen waren, wäre gewiß nicht leicht. Ein Wechsel aus diesem Grunde hätte also keinen Sinn gehabt. Dagegen konnte es den einfachen Kunden gegenüber, vielleicht auch sogar den Besseren, beinahe als Empfehlung gelten, daß man sein Personal an der großen Gefühlsaufwallung hatte teilnehmen lassen.

So sagte er nur: »Vorüber ist vorüber« und begann im Lagerraum weiter zu arbeiten, wo er gestern aufgehört hatte. Mochten sich seine guten Mitbürger auch noch so wild gebärden, die Sommersäson wird trotzdem unbeirrt heranrücken. Man würde tüchtig schwitzen müssen, hätte Klaus Spreemann nicht wie stets auf seinem Posten gestanden und für sie alle vorausgesorgt. Reich an innerer Freude, ließ er den gespitzten Bleistift über die Etiketten spazieren.

Wenn sich nicht jeder von uns viel zu wichtig nähme, könnte die Welt nicht weiter bestehen . . .

Auch am Nachmittag war Spreemann in eifriger Tätigkeit, als die Ladentür heftig aufgerissen wurde. Er wollte schon seine Verbeugung machen, als er erkannte, daß es seine Tante Karoline war, die hereingestürmt kam.

»Gottlob, da bin ich,« sagte sie. Worauf Klaus einstweilen noch nichts erwiderte.

»Bist du vielleicht auch gestern zu Biere gewesen?« fragte sie nun.

Sie sah auf Spreemanns verbundenen Fuß, der im Filzschuh steckte, und bemerkte ebenso rasch, daß auch der Lehrling wie der »junge Mann« nicht ganz intakt waren.

»Ihr wart wohl alle dabei?« schrie sie aus. »Ist das eine Welt, ist das eine Welt, ich weiß nicht, wo mir der Kopf sitzt. Mein Mariechen . . .«

Klaus unterbrach sie, weil er nicht gern Unangenehmes hörte, und sagte:

»Ich habe die Nacht friedlich mit Mamsell Schmidt verbracht.«

Tante Karoline, die sich nicht hatte unterbrechen lassen wollen und gleichzeitig geschrien hatte, daß Mariechen, dieses sanfte, immer gehorsame Kind, auf den Barrikaden gestanden habe, brach ab, als hätte ihr jemand die Kehle durchschnitten.

»Wir waren bis zum Morgengrauen in meinem Schlafzimmer,« erzählte Klaus arglos weiter, mit der bescheidenen Ruhe eines Menschen, der die Wahrheit spricht.

Der Lehrling knotete Bindfaden, und der »junge Mann« puschelte . . .

Erst als Klaus wieder viele ruhige Pfeifenzüge getan, quoll aus Karolines Mund die Frage, ob er verrückt sei oder sie.

Die Rückwirkungen der schlaflosen Nacht mit ihren verschiedenen Schrecken überstiegen alle Vorsicht für Zukunft und Hoffnungen. Außerdem hatten Mariechen und der Herr Sekretär einen verwundeten Russen von den Barrikaden heimgebracht, der sehr reich war und den man gesund pflegen würde.

Darum ließ sie alle Beherrschung zum Teufel fahren und fragte noch einmal, ob Klaus oder sie den Verstand verloren habe.

Aber ehe Klaus noch sein Gutachten abgeben konnte, klingelte die Ladentür, und Spreemanns andere Tante, Madame Ziehlke, kam herein. Im Pelzschal und großem Skunksmuff, erkundigte sie sich, wie ihrem Neffen der gestrige Schreckenstag bekommen sei. Auf ihrem runden Gesicht, das einem reifen Apfel glich. der schon ein wenig zu schrumpeln begann, sah man keine Spuren des ausgestandenen Schreckens. Mit breiter Neugierde wandte es sich jetzt der Tante Karoline zu.

»Ich hörte, daß dein Mariechen – aber das ist doch wohl nicht möglich . . .«

Tante Karoline wurde rot vor Ärger. Leugnen konnte sie die schon stadtbekannte Tatsache nicht, aber beschönigen. Das ist das Recht der Mutter. So sagte sie schnell und mit erhobenem Kopf:

»Mariechen begleitete nur ihren heimlichen Bräutigam.«

Sie dachte bei diesen Worten, die ihr selbst überraschend kamen, schnell zu dem jungen Russen hin. Er war noch bewußtlos, aber er würde es wohl nicht ewig bleiben.

»So, so, wieder einmal eine Aussicht, das ist ja nett,« antwortete Madame Ziehlke, die Hände tief in dem großen Muff. Sie war durch diese Neuigkeit nicht erschüttert; denn Karoline machte diese geheimnisvollen Anspielungen stets, wenn sie einen neuen Mieter bekommen hatte.

Karoline lenkte auch selbst das Gespräch sofort ab, indem sie der pelzverbrämten Madame Ziehlke zuflüsterte, was sie soeben aus Spreemanns eigenem Munde erfahren hatte.

Madame Ziehlke neigte nicht so zur Erregung, wie Karoline. Sie hatte gar keinen Grund dazu. Ihre beiden Töchter waren verheiratet, ihre Schwiegersöhne hatten zusammen eine recht rentable Mühle am Mühlendamm. Brot brauchten die Leute nun mal zu allen Zeiten, und ihr eigener Sohn bekam einmal die wohl renommierte Gerberei und hätte längst um die beste Bürgerstochter freien können. Aber sie hatte auch Enkelkinder. Schließlich war es kein Verbrechen, wenn Spreemanns Geld in der Familie bliebe.

Sie rückte daher ihre stattliche Fülle näher an die schmale Karoline heran und ließ sich das eben gehörte noch einmal sagen.

Spreemann merkte nichts davon; denn er gab dem Lehrling Auftrag, Kuchen mit Schlagsahne zu holen und Mamsell Lieschen mitzuteilen, daß man Kaffeegäste habe.

Als Spreemann die Damen nach oben begleiten wollte, kamen die ersten Kundinnen dieses Tages. Es waren zwei Milchfrauen, denen gestern die großen Schutenhüte abhanden gekommen waren.

Madame Ziehlke und Karoline gingen allein hinauf, was ihnen nicht ungelegen kam; denn sie wollten diese Mamsell da ein wenig aufs Korn nehmen.

Lieschen hatte einen ungeheuren Respekt vor Herrn Spreemanns Verwandtschaft. In demütiger Zuvorkommenheit befreite sie Madame Ziehlke von Samt und Pelz, nahm der Tante Karoline ihren leicht wiegenden Umhang ab, dann eilte sie davon, um den Kaffee zu bringen.

Als sie die dickbauchige Kanne auf den Tisch setzte, meldete sich der Lehrling und berichtete, daß der Herr Konditor sagen lasse, daß es heute keinen frischgebackenen Kuchen gebe und daß die süße Sahne heute sauer sei.

Um des Lehrlings Mund lag bei der Erledigung dieser Bestellung etwas, das im Kontakt stand mit der Kokarde in seiner Tasche. Aber die Damen hatten keine Gelegenheit, dies zu beobachten.

»Das sind doch ganz ungeheuerliche Zeiten, in denen wir leben,« sagte Tante Karoline. »Am hellichten Tage kein Krümchen Streuselkuchen in ganz Berlin.«

»Ach, es ist zu verstehen,« sagte da unglücklicherweise Mamsell Lieschen. »Nach solcher Nacht.«

»Ja, alles Gesindel hat sich diese furchtbaren Stunden zunutze gemacht,« sagte Tante Karoline und maß Mamsell Schmidt von oben bis unten.

Lieschen merkte, daß man ihr böse war, und weil sie keinen Grund dafür wußte und heute ohnehin zum Weinen geneigt war, holte sie ihr weißes Taschentuch hervor.

»Ich habe nichts Unpassendes getan,« sagte sie und drehte ihre kurze, bescheidene Nase im Tuch herum.

Tante Karoline sagte, daß sie nichts Näheres über diese heikle Angelegenheit zu erfahren wünsche und sie nur ihren armen, unschuldigen Neffen bedaure. Und dann fügte sie hinzu, ob man nicht wenigstens ein Stück Brot mit Butter zum Kaffee bekommen könne.

In schnellem Gehorsam eilte Mamsell Lieschen davon.

Madame Ziehlke war von Lieschens Tränen bewegt worden. Sie teilte nicht mehr Karolinens Argwohn und sagte es ihr auch.

»Wer ist heute nicht müde,« sagte sie. »Auch ich kann meine Arme kaum heben.«

»Warum sagst du denn immer Arme?« antwortete Karoline gereizt.

»Nun, weil es doch zwei sind,« antwortete Madame Ziehlke, nun auch aus ihrer Ruhe gebracht. Diese magere Person konnte wirklich den freundlichsten Menschen in Wut bringen. Madame Ziehlke hatte gerade etwas in diesem Sinne auf der Zunge, als Mamsell Schmidt hereingestürzt kam und voll Erregung ausrief:

»Ruhe ist die erste Bürgerpflicht.«

Und dann in bebender Eile erklärte, daß man drüben, an der Hausecke, ein Manifest des Königs angeschlagen habe, worauf man vom Schlafzimmerfenster des Herrn Spreemann deutlich lesen könne, daß Ruhe die erste Bürgerpflicht sei.

»Aha, das sollte gewiß schon gestern fertig sein,« sagte Madame Ziehlke und trank befriedigt den Rest des guten Kaffees aus.

»Ich weiß nicht, was Sie immer in Herrn Spreemanns Schlafzimmer zu suchen haben,« sagte dagegen Tante Karoline, die aufgestanden war. »Man kann die Manifeste des Königs wohl auch von anderswo lesen, scheint mir.«

Sie nahm sich selbst den Umhang um; denn sie wollte nun rasch nach Haus. Sie verstand nicht viel von Politik und fürchtete neue Aufregungen durch Mariechen und den Herrn Sekretär.

Auch Madame Ziehlke ging. Die Dämmerung nahte, und man konnte nicht wissen, was geschah.

Erregende äußere Vorgänge hemmen die Innenpolitik. Beide Tanten vergaßen, ihrem lieben Neffen Lebewohl zu sagen.

Spreemann hatte sich mit seinen Kundinnen ein wenig verschwatzt. Man hatte auch hier des Königs Aufruf erörtert, wovon ein Abdruck gerade neben Spreemanns Ladentür geklebt worden war. Spreemann sah darin eine Auszeichnung. Sein Selbstbewußtsein hob sich, als er sich darauf als »Lieber Berliner« angeredet sah. Familiäre Fäden zogen sich vom Dönhoffplatz nach dem Schloß.

Darüber hätte Spreemann auch mit seiner engeren Verwandtschaft gern einige Worte ausgetauscht. Er war sehr erstaunt, niemanden mehr am Kaffeetisch zu finden.

»Etwas Unangenehmes?« fragte er; denn er hatte wohl bemerkt, daß Mamsell Schmidt bei seinem Kommen rasch die Nase aus dem Taschentuch geholt hatte.

»Nicht daß ich wüßte,« antwortete die Mamsell und stopfte das nasse Schnupftuch in die Tasche. Aber sie konnte doch nicht hindern, daß ein letzter Schluchzer aus ihrem unruhigen Gemüt in das stille, behagliche Zimmer sprang.

»Was ist das? Sind Sie krank?« fragte Spreemann und bedachte im gleichen Augenblick, daß dies sowohl Kosten, wie Störung mit sich bringen würde.

Lieschen schüttelte den Kopf.

Spreemann dachte nach. Einen Todesfall in der Familie konnte sie auch nicht zu beklagen haben, da sie allein in der Welt stand. Er hatte dies stets besonders an ihr geschätzt. Seine früheren Wirtschafterinnen benötigten beständig Urlaub zu Begräbnissen oder Taufen.

Lieschen schluchzte weiter. Gedämpft und ruckweise, wie ein Kind, das in der Ecke steht. Spreemann sog an seiner Pfeife.

»Ist es der Laubfrosch?« fragte er vorsichtig.

Lieschen schüttelte den Kopf.

»Oder der arme Herr Hirschhorn?«

Lieschen verneinte.

»Überhaupt so das Unglück im allgemeinen?«

Jetzt antwortete Lieschen, daß sie doch Herrn Spreemann gesund und munter vor sich sähe und es somit eine Sünde sein würde, über fremdes Unglück zu weinen.

Und der Sprache nun wieder habhaft, stotterte sie weiter hervor, daß Madame Karoline sie nicht für wert befunden habe, sich den Umhang von ihr zureichen zu lassen.

»Woran haben Sie es fehlen lassen?« fragte Spreemann.

Lieschen stieß ruckweise hervor, daß Madame Karoline – der Meinung zu sein scheine – daß sie – Mamselle Schmidt – in der verflossenen Unglücksnacht – nicht ihre Pflicht erfüllt habe.

»Und dabei ist die Zehe doch geheilt,« sagte sie zum Schluß, das Gesicht vergraben in dem durchweichten Tuch.

Spreemann räusperte sich und stand auf.

Er hatte Tante Karoline besser verstanden.

Er fand es plötzlich sehr warm im Zimmer. Schwül. Unangenehm.

»Öffnen Sie das Fenster, Mamsell Schmidt,« befahl er.

Voll Diensteifer gehorchte Lieschen. Als sie auf den Stuhl stieg, um den oberen Riegel zu öffnen, fiel es Spreemann zum erstenmal auf, daß auch mit ihr viel Rundliches verbunden war. Er war erstaunt.

Als Lieschen mit bescheidenem Sprung wieder auf dem Teppich stand, sagte er:

»Ich bin nicht unzufrieden mit Ihnen, das genügt.«

Lieschens Tränen waren getrocknet. Mit dankbarem Blick fragte sie, ob sie Herrn Spreemann zum Abend Radieschen vorsetzen dürfe, die schon gestern geputzt wären.

Herr Spreemann genehmigte es, und jeder ging an seine Arbeit.

Lieschen hatte sich den ganzen Tag über noch nicht aus dem Hause gewagt, aber nun war der Wasservorrat zu Ende. Sie mußte auf den Hof hinunter, da half nichts. Kaum, daß sie unten mit den Eimern klapperte, kam Kreisrats Anna dazu.

Sie sah ebenso verweint aus wie Mamsell Lieschen.

»Haben Sie auch einen dabei?« fragte sie und schneuzte die Nase am rotwollenen Ärmel entlang.

»Wo?« fragte Mamsell Lieschen und zog mit aller Kraft die Eimer in die Höhe.

»Bei den Soldaten natürlich. Alle müssen sie mit Wrangeln aus der Stadt heraus. Meiner auch. Hätte ich nur gestern mitgemacht. Solch hochmütiges Bürgerpack. Alle Soldaten wegzugraulen.«

»Wer weiß, wozu es gut ist,« sagte Mamsell Schmidt.

»Gut ist?« äffte Anna nach. »Gut ist, wenn ich meinen Fritz bei mir habe.«

Sie warf den Eimer mit solcher Wucht in den Brunnen, daß das Wasser beide überspritzte. Mamsell Lieschen schleppte die schweren Eimer in würdigem Schweigen ins Haus.

Die Dämmerung kam, und aus den Häusern fiel der Lampenschein auf die leeren Straßen. Draußen war es ruhig, aber in den Stuben hämmerte die zitternde Erregung, die bei allen großen Geschehnissen erst hinterher kommt. Die Pfeifen waren mit Pulver geladen, die Stricknadeln sprühten Funken.

Durch die Hirne galoppierten Gedanken, an die man nie früher gedacht hatte. Trockene, wunschlose Lippen verlangten in heimlicher Gier nach Küssen und starkem Wein. Die sausenden Ohren forderten wilde, laute Worte, die die innere Unruhe überschrien.

»Es ist das Wetter,« sagte Spreemann zu seinen invaliden Angestellten und wischte sich mit dem Taschentuch über die Stirn.

»Gewiß, das Wetter,« wiederholten Lehrling und »junger Mann« und schnitten ein Gesicht, sobald ihnen Herr Spreemann wieder den Rücken kehrte.

Bei den vielen Zahlen, die Spreemann zu notieren hatte, sprang in seinem Kopf immerfort die Frage auf: wie alt mochte diese Mamsell Schmidt eigentlich sein? Er kalkulierte einige Ziffern und sagte sich dann gereizt, daß ihm dies höchst gleichgültig sein könnte. Die Person war tüchtig, verstand vorzüglich Karpfen zu kochen und Gänse zu braten, alles andere war nebensächlich. Aber als er 2,80 Mark auf ein Etikett kritzelte, mußte er sofort wieder denken, daß Mamsell Schmidt ungefähr 28 Jahre haben könne. Gedanken sind eine unangenehme Sache.

Er schloß den Laden früher als sonst.

Draußen sickerte ein kühlender Regen aufs Pflaster.

Vielleicht beweinte der Himmel die tapferen Herzen, die sich zum Opfer gebracht. Schlafenden Wiegenkindern zum Heil. Vielleicht wollte er auch nichts weiter, als seine alte Pflicht erfüllen: neue Keime, neue Veilchen tränken. Wer kann dergleichen wissen . . .

»Da haben wir's,« sagte Spreemann befriedigt. »Der Regen hat uns in den Gliedern gesteckt, das war's.«

Er saß beim Abendbrot und lagerte Radieschen scheibenweise auf eine Butterstulle.

»Mir war es auch heute so kribblig,« antwortete Mamsell Schmidt, die noch ein Schüsselchen mit Wurst und Bratkartoffeln auf den Tisch stellte. »Ich hoffe nur, daß morgen wieder Markt ist. Man kommt aus aller Ordnung.«

Es klopfte an die Wohnungstür, und bald darauf führte Mamsell Schmidt den Herrn Kreisrat ins Zimmer.

Er war nicht im Schlafrock, sondern in Hut und Mantel. Die lange Pfeife guckte aus der Tasche.

Er sagte, wenn Ruhe die erste Bürgerpflicht wäre, sei Ordnung gewiß die zweite. Daher wollte er vorschlagen, daß man heute wieder pünktlich am Stammtisch erscheine. Spreemann fragte mit gefüllten Backen, ob man es wagen könne. Mamsell Schmidt seufzte hörbar und räumte noch dies und das vom Tisch, ehe sie das Zimmer mit einem zweiten, warnenden Seufzer verließ.

Giesecke hatte sich gesetzt, und indem er eifrig den Tisch musterte, um seiner Madame genau erzählen zu können, was der Herr Spreemann zu Abend gegessen, sagte er, daß auch seine Frau ihn nicht gern fortgelassen habe, daß man aber ein Mann sein müsse, weil man doch hören wolle, was es Neues gab.

So säuberte sich Spreemann mit der großen Serviette Lippen und Bart und erhob sich.

Mamsell Schmidt nahm den großen Hausschlüssel von der Wand, versenkte ihn in ein wollenes Beutelchen, damit er keinen Schaden in Herrn Spreemanns Tasche anrichte und reichte ihn dann, ergeben, dem Hausherrn. Die Herren verließen das Haus. Mamsell Schmidt sah hinter der Gardine, wie sie unter ihren großen Regenschirmen die breiten Pfützen umsegelten, in die der Regen prasselte. Gerade kam der Nachtwächter um die Ecke und blies die achte Stunde aus. Mamsell Schmidt seufzte. In später Nacht noch fortzugehen in dieser Zeit, bei solchem Wetter! Ein rechter Leichtfuß war Herr Spreemann manchmal. Hätte er eine Frau, sie würde dies sicher nicht zugeben.

»Sie haben es gut,« sagte inzwischen der Herr Kreisrat zu Spreemann.

»Inwiefern?« sagte dieser, die Blicke vorsichtig auf dem glitschenden. Boden.

»Ich meine nur so – mein Hausschlüssel hängt nicht so lose an der Wand.«

Spreemann kannte diese Klagen des Herrn Kreisrat. Darum lenkte er ab und sagte, daß die Ehe dafür andere Vorzüge habe. Darauf schwieg der Herr Kreisrat.

Wahrscheinlich, weil ihm so viel Gutes einfiel, daß er es nicht aufzuzählen vermochte . . .

Man war nun in der Zimmerstraße und sah die Laterne vor Klausings Bierstube. Vor der Tür klaffte ein tiefes Loch im Pflaster, eine Wunde von gestern.

Drinnen ging es lebhaft zu. Durch den säuerlichen Bierdunst und den steifen Tabakqualm sausten die Stimmen.

Heute gab es keine umständliche Begrüßung. Keiner wollte unterbrochen werden.

Herr Lehrer Pritzel war feuerrot im Gesicht und schon heiser. Er schrie, daß es der alte Herr Jung nicht wert sei, Enkel zu haben, die einmal stolze, freie Bürger sein würden, weil er nicht einsehen wollte, daß der gestrige Tag notwendig gewesen.

Herr Jung aber, von dessen hoher Stimme die Jahre nur noch eine dünne Schicht übriggelassen hatten, blieb dabei, daß er keinen Segen darin finden könne, wenn ihm zwanzig Tauben ertränken. Die wilde Menge hatte alle seine Wasserbehälter demoliert und dadurch den Taubenstall überschwemmt.

»Dann hätten Sie eben Enten halten sollen,« schrie Herr Lehrer Pritzel, »dann hätte sich die ganze Sache aufs Glücklichste erledigt.«

»Andermal werde ich Sie vorher um Rat fragen, Sie Mann der Wissenschaft,« rief Herr Jung mit einer Stimme, hoch wie ein Kirchturm.

Spreemann bestellte sich erst mal eine große Weiße mit Himbeer. Dann sagte er:

»Die Herren sprechen von gestern?«

»Allerdings,« antwortete der Lehrer und stieß eine Wolke Tabaksqualm aus.

»Ja, der gestrige Tag wird uns lange im Gedächtnis bleiben,« beeilte sich der Kreisrat einzuschalten.

»Das walte Gott,« sagte der Lehrer und qualmte wie die neuen Lokomotiven vorm Tor.

Der Kreisrat hüstelte, und dann sagte er, daß er bei aller Achtung vor dem Herrn Lehrer nicht zu begreifen vermöge, wie man, als ein Mann von Bildung, ein Parteigänger des Radaus sein könne und fügte noch hinzu, daß er zum Beispiel das eigenmächtige Vorgehen des Volkes keineswegs billige.

»Das sehe ich nicht ein,« mischte sich nun Herr Gerbermeister Ziehlke, Spreemanns beleibter Onkel, ins Gespräch. »Wenn man recht hat, kann man auch dreinhauen. Recht muß sein.«

Der Lehrer sagte, daß dies das erste Vernünftige sei, was er heute abend gehört habe.

Spreemann behauptete darauf, daß er das nicht auf sich beziehen könne; denn er hätte sich überhaupt noch nicht geäußert. Aber bedauerlich fände er die gestrigen Vorgänge auch. Und er wiederholte, was er schon gestern zu Mamsell Schmidt gesagt hatte, daß er überhaupt nicht begreife, warum die Leute immer unzufrieden wären.

»Na, zum Beispiel aus Hunger, werter Herr Spreemann,« knurrte der Lehrer und zerrte an seinem schwarzen Bart, als risse er damit allen seinen Tischgenossen die Haare aus.

»Dann müssen sie arbeiten. Wer arbeitet, kommt vorwärts.«

Spreemann sah bei diesen Worten seine eigenen Züge ruhig und würdig im Weißbier schaukeln.

»Besonders, wenn man eine Frau und fünf Kinder hat und der Lohn kaum für einen selbst ausreicht,« antwortete der Lehrer. Und dann drehte er sich ganz zu Herrn Spreemann und sagte ihm, mitten ins Gesicht hinein, daß ein Junggeselle überhaupt nicht über Volkswirtschaft mitreden rönne, ein Mann, der sich der allereinfachsten Bürgerpflicht entziehe.

Darüber lachte Gerbermeister Ziehlke laut auf. Dieser Lehrer war ein Kerl. Der gab es ihm.

Schadenfreude ist zwar nicht die edelste aller Freuden, aber sie macht Spaß. Nur ist sie, wie alle Laster, gefährlich und überrumpelt leicht ihre Anhänger. Ziehlke vergaß in diesem vergnüglichen Augenblick vollkommen, daß es der Erbonkel seiner Enkel war, den man da zum Heiraten aufreizte.

»Großartig,« gluckste er. »Allereinfachste Bürgerpflicht. Großartig.«

Aber Spreemann war nun auch heftig geworden und erklärte mit lauter Stimme, er würde sich in jeder Lebenslage zu benehmen wissen. Er würde genau wie jetzt in seinem Haushalt für alles eine Reservekasse anlegen. Auch für die fünf Kinder. Man erfahre doch immer eine geraume Zeit vorher, daß man Nachwuchs zu erwarten habe.

»Daß ich nicht lache,« sagte der Lehrer, kehrte ihm den Rücken zu und nahm eine Zeitung.

»Er hat's zu gut,« sagte der Kreisrat, der am Stammtisch durchaus nicht parteifest war. »Er hat's zu gut, der Herr Spreemann.«

Jetzt hatte sich aber der alte Herr Jung wieder zusammengerafft.

»Natürlich, man hat's zu gut,« piepste er. »Wenn einem zwanzig Tauben ersaufen, hat man's zu gut. Wenn dem soliden Herrn Spreemann, der gar keine Kinder hat, für jene große, neue Zeit, von der da trompetet wird, sein Ladenschild eingeschlagen wird, hat er's zu gut. Ich gratuliere Ihnen zu dieser Anschauung, meine Herren.«

Seine Stimme war in solche Höhe geraten, daß sie nicht weiter konnte. Herr Jung verstummte, nahm seine Weißbierschale und schmatzte Schluck für Schluck über seine dünnen Lippen, als schlürfe er heiße Medizin.

Nur eine Tabakswolke verriet, daß der Lehrer noch hinter der Zeitung saß.

Spreemanns Onkel aber sagte:

»Was ich hör, sie haben dir dein Ladenschild eingeschmissen, Kläuschen, das wußte ich ja noch gar nicht.«

»Eingeschmissen ist zu viel gesagt,« dämpfte der Herr Kreisrat sofort diese verwandtschaftliche Anteilnahme. »Ein wenig lädiert. Leicht wieder geleimt.«

»Ach so,« sagte Onkel Ziehlke.

Spreemann aber schwieg. Er war beleidigt. Den krausen Kopf zwischen die breiten Schultern gezogen, trommelte er mit den Fingern auf den Tisch. Er ärgerte sich, daß er diesem Lehrer, diesem Federfuchser, nicht schon morgen beweisen könne, daß er auch mit fünf Kindern, mit sechs, mit neun, ja mit zwölf und dreizehn ordentlich auskommen würde.

»Er hat's zu gut, unser Spreemann,« wiederholte inzwischen Kreisrat Giesecke.

Er war immer neidisch auf seinen Nachbarn. Heute reizte ihn insbesondere die große Weiße mit Himbeer. Seine Rätin hatte nur den Groschen für eine kleine ohne bewilligt. Alles wurde für die Mitgift der Mädchen auf die hohe Kante gelegt. Recht hatte der Lehrer. Was wußte solch Junggeselle vom Leben?

»Wenn Ihre Mamsell Schmidt Sie verläßt, werden Sie doch noch Hals über Kopf in die Ehe springen,« sagte er aus diesem Gedanken heraus. »Solche Wirtschafterin finden Sie nicht zum zweitenmal.«

»Na, na,« sagte Onkel Ziehlke, dem endlich die Verfänglichkeit dieses Themas aufzufallen begann.

Spreemann hörte auf zu trommeln. »Warum soll Mamsell Schmidt mich verlassen?« fragte er.

Kreisrat Giesecke zuckte die Achseln und sagte, daß es allerdings nur eine bescheidene Hypothese von ihm sei, aber er wäre nun mal überzeugt davon, daß Mamsell Schmidt, sobald sie genug erspart habe, einen jungen Mann oder auch einen älteren Witwer heimführen werde. Das sei das Ziel jeder Haushälterin.

Der Lehrer steckte den Kopf hervor und bemerkte, daß dabei durchaus nichts Lächerliches sei. Jeder wolle sein Tröpfchen Liebe vom Leben.

Onkel Ziehlke schüttelte den Kopf und erklärte, daß er weder in Mamsell Schmidts Aussehen noch in ihrem Benehmen je etwas bemerkt hätte, was auf solche Vermutungen schließen ließe.

Spreemann atmete durch die Nase vor Erregung. Er sagte, daß es einfach eine Gemeinheit sei, einer hochanständigen Person solche lüsternen Frivolitäten anzudichten.

Herr Kreisrat blieb ruhig und erwiderte ganz langsam, daß er sich, bei aller Freundschaft für Herrn Spreemann, gegen das Wort Gemeinheit verwahren müsse, und daß er es leider bedeutend unpassender fände, wenn jemand die Ehe als lüsterne Frivolität hinzustellen versuche.

»Nee, mein Junge, da hast du einen ganz falschen Begriff von der Sache,« sagte Onkel Ziehlke einlenkend.

Spreemann trommelte.

Kreisrat Giesecke, der keinen Hausschlüssel hatte, sagte, daß es nicht seine Absicht war, den geschätzten Herrn Spreemann zu kränken.

Eine Höflichkeit erzeugt die andere. Spreemann hob sein Glas und stieß mit seinem Nachbar an.

»Nichts für ungut,« sagte Herr Kreisrat noch einmal, als seine kleine Schale an das große Weißbierbassin des anderen pochte.

Die anderen Herren kamen nach.

»Auch Prost ist'n Trost,« knurrte der Lehrer versöhnlich, als er mit Herrn Jung anstieß.

»Man muß die Meinungsverschiedenheiten nicht übertreiben,« antwortete dieser und gähnte.

Gähnen steckt an. Man wurde ruhiger.

Als man sich erhob, einigte alle die gleiche Zufriedenheit. Man war müde und wußte sich nicht weit von seinem guten Bette.

»Es war doch wieder mal recht gemütlich,« sagte Gerbermeister Ziehlke, als er aufstand, seinen schweren Körper streckte und zum Pelz griff.

Spreemann und der Herr Kreisrat tappten vorsichtig über den schlammigen, dunklen Platz. Der Regen hatte aufgehört, aber die Pfützen waren größer geworden.

Als Spreemann die Haustür aufschloß, fragte Giesecke, schon halb im Schlaf:

»Wieviel Tauben sind dem Herrn Jung eigentlich ertrunken? – Sie verstehen – meine Frau – ich muß da genau berichten können.«

»Fünfundzwanzig, so viel ich weiß,« sagte Spreemann. Er war ganz mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. So machte er auch bei dieser Summe den gewohnten, kleinen Aufschlag, ohne sich bewußt zu werden, daß es hier nicht nötig gewesen wäre. Aber Gewohnheit ist eine Macht.

Womit nicht gesagt sein soll, daß es ein Unrecht ist, mehr zu tun, als die Notwendigkeit verlangt.




Fünftes Kapitel


Wenige Tage können viel verändern.

Preußen ging einer neuen Verfassung entgegen. Herr Spreemann aber war ganz außer Fassung geraten.

Sein Heim war anders geworden. Mamsell Schmidt hatte sich verändert. Er selbst war nicht mehr der Gleiche. Die ganze Welt lief in einem andern Schritt.

Zwischen großen und kleinen Aufregungen war man schwindelnd schnell in den April geschoben worden. Wo die ersten Stare kommen und ihre Nester bauen. Der Mai stand schon bereit.

Die Sommersäson war aus dem Lagerraum in den Laden gerückt.

Während Spreemann die ersten leichten Stoffe anpries, abmaß und von den vollen Stoffen schnitt, hämmerte und polterte es vor seiner Ladentür, daß sie zitterte. Die neue Zeit klopfte draußen. Man pflasterte den Dönhoffsplatz.

Mamsell Schmidt war wenig erbaut über den Staub, der in die saubern Stuben flog. War es durchaus nötig, Herrn Spreemann den Weg zur Bierstube zu ebnen? Aber sie äußerte sich nicht darüber. Seit jenem furchtbaren Märztage mußte man auf alles gefaßt sein.

Auch Herrn Spreemann waren diese Tage nicht gut bekommen. Er war vollkommen verändert. Mamsell Schmidt verstand ihn nicht mehr.

Wenn sie die Speisen auftrug, starrte er sie unverwandt an. Die ersten Tage war sie jedesmal, kaum daß sie wieder draußen war, vor den Spiegel gestürzt. Vielleicht hatte sie Kohlenruß im Gesicht. Herr Spreemann war sehr eigen. Aber auf ihren Wangen lag nichts als eine sanfte Röte.

Sie begann nun sich aufs Sorgfältigste zu kleiden, ehe sie vor Herrn Spreemann erschien. Zu ihrer Freude bemerkte sie, daß sich aus dem vielen hellbraunen Haar, das sie in einen kleinen Knoten zusammengezwirbelt am Nacken trug, sehr leicht die hübsche Puffenfrisur herstellen ließ. An Hals und Ärmelausschnitt heftete sie sich weiße Spitzenrüschchen. Außerdem nähte sie sich eine zierliche Tändelschürze mit einer hellblauen Seidenschleife. Damit Herr Spreemann bei seinem häufigen Hinsehen nicht etwa unangenehm berührt werde.

Aber auch dies schien ihm nicht recht zu sein.

»Woher haben Sie denn auf einmal alle die Haare her? Für wen putzen Sie sich mit einmal so schön heraus, Sie, Mamsell, Sie?« schrie er plötzlich und schlug auf den Tisch.

Mamsell Schmidt hatte vor Schreck laut aufgeschrien. Unter einer Flut von Tränen versicherte sie, daß sie die Haare immer besessen hätte. Daß sie sich nur für Herrn Spreemann ein wenig nett zu machen versuche, weil doch niemand gern etwas Unangenehmes sähe. Und weil doch Herr Spreemann sie ohnedies immer anstarre, als wäre ihm garnichts mehr recht an ihr.

Herr Spreemann schrie, daß man sich bei drei Taler monatlichem Gehalte wohl seine Wirtschafterin ansehen dürfe, so oft es einem passe.

Aber als Mamsell Schmidt flehte, daß er ihr verzeihen solle und sie wieder genau wie früher aussehen wolle, wenn er es wünsche, wurde er plötzlich sanft.

Er räusperte sich mehrmals und sagte dann:

»Meinetwegen lassen Sie den Kram, so wie er ist. Es sieht ja ganz nett aus.«

Leider regte dies Mamsell Schmidt zu dem Einkauf eines schwarzen Sammetbandes an, woran sie ihr einziges Schmuckstück um den Hals binden wollte. Nämlich das goldne Kreuzchen, das man ihr im Waisenhaus als einziges Erbe ausgehändigt hatte.

Als sie die duftende Frühlingssuppe, sorgsam bereitet aus allen jungen Gemüsen, auf den Tisch setzte, bemerkte Herr Spreemann Sammetband und Kreuzchen.

Niemals hätte Mamsell Schmidt geglaubt, daß Herr Spreemann im Beisein eines so herrlichen Suppenduftes derartig wütend werden konnte.

»Was haben Sie da wieder angerichtet,« schrie er.

Lieschen dachte im Augenblick nur an die Suppe. Zitternd schnurrte sie das Rezept, eine halbe Seite Kochbuch, fehlerlos herunter, und endigte aufatmend:

»Dazu ein walnußgroßes Stück Butter und eine Mehlschwitze.

»Mehlschwitze,« wiederholte Herr Spreemann wütend. »Haben Sie mich nicht zum Narren. Woher das Kreuz, das da herumschwippelt bei jedem Schritt?«

»Von meinem Papa,« stammelte Lieschen.

Nichts scheint oft weniger wahrscheinlich als die Wahrheit.

Da Herr Spreemann um Lieschens Waisenschaft wußte, konnte ihn diese Antwort nicht zufriedenstellen.

Er erhob sich mit einem Ruck.

»Mit den Spitzen und Löckchen sind auch sofort die Lügen da,« schrie er und sah mit dem Ausdruck des höchsten Abscheus auf die hübschen Haarpuffen, die heute gerade besonders gut geraten waren.

Dann rannte er, ohne das Essen auch nur anzusehen, zurück in den Laden.

Hier schreckte er den Lehrling auf, der als einziger Ladenhüter in der Sicherheit mittäglicher Ruhe auf dem Kontorstuhl saß und Herrn Spreemanns Pfeife rauchte.

Spreemann gab ihm eine Ohrfeige und riß ihm die Pfeife aus dem Mund. Der Junge heulte.

Wer sich nicht an die übliche Zeiteinteilung hält, macht sich und seinen Mitmenschen Verdruß . . .

Spreemann erkletterte den hohen Kassenstuhl, der rund und drehbar war wie die Welt. Er schlug das Hauptbuch auf, das ihm keine unangenehme Lektüre geboten hätte, aber er sah nicht hinein. Seit ihm sein Vater den ersten Anzug bestellt hatte, war kein Tag mehr ohne Mittagbrot vergangen. Sein Magen knurrte.

Er rief nach dem heulenden Jungen und befahl ihm, eine Tasse heißen Kaffee mit Sahne und Kuchen aus der nächsten Konditorei zu holen. Der Junge lief.

Nun war es wenigstens um ihn herum ruhig. In seinem Innern tobte es noch.

Er sah von seinem hohen Sitz auf den Platz hinaus. Da pflasterten sie. Steinchen nach Steinchen reihten sie nur und kamen doch vorwärts. So wie er Geldstück für Geldstück beiseite gelegt hatte. Er fühlte einen Stich in dem heilenden Zeh und mußte plötzlich an den toten Herrn Hirschhorn denken. Was hatte er gesagt?

»Sie sollten einen Sohn in der Wiege haben? Eine neue, eine große Zeit wird kommen.«

Etwas, was erst kommen sollte, war eine unsichre Sache. Dafür gab Spreemann nichts. Aber er dachte an sein Geld, das schon da war. Wer sollte es einmal kriegen? Wenn man so sah, wie jemand, der von einer ganzen neuen Zeit gesprochen hatte, einen Augenblick später wegrasiert war, konnte man sich schon allerlei Gedanken machen. Sollte er nur gelebt haben, um Ziehlkes Enkel zu mästen? Oder Tante Karolines Kinderkinder? Denn schließlich würde sie wohl welche erreichen. Ein Verwundeter ist rasch verlobt. Ein Gesunder überlegt sich dergleichen ganz anders.

Der heiße Kaffee kam. Mit vorzüglicher Sahne. Das schmeckte. Feuer rannte ins Blut.

Spreemann fühlte, wie jung er noch war. Er würde einfach zugreifen und heiraten.

Mit Behagen stellte er sich die Gesichter seiner Tanten vor, wenn er ihnen eine hübsche Braut präsentieren würde. Es war schade, daß er nicht schon zu gleicher Zeit in jedem Arm einen Erben halten konnte. Damit sie begriffen, daß sie sich das Mehl für ihre Enkel selber mahlen mußten. Auch Aufruhr steckt an, nicht nur Gähnen.

Die Ladentür klingelte und Spreemann verbeugte sich.

Frau Jung mit ihrer Jüngsten kam herein. Womit nicht gesagt ist, daß diese Jüngste auch jung war. Ein einzelnes Wort kann nicht alle Wahrheit enthalten.

Mit dem breiten Lächeln, das der neue Entschluß auf sein Gesicht gepflanzt, fragte Spreemann nach dem Begehr der Damen.

Frau Jung wünschte einen Sommerstoff für ihr Töchterchen. Vielleicht einen Musselin mit Rosen.

Herr Spreemann bauschte einen Musselin mit Rosen auf, versicherte, daß er die Damen vollkommen befriedigen werde, und kondolierte zu dem Verlust der reizenden Täubchen.

Frau Jung dankte und sagte, daß die Tauben den Schaden schon wieder wett gemacht hätten.

»Es ist ja Frühling,« fügte sie hinzu und bat Herrn Spreemann, den hübschen Stoff einmal ihrer Tochter um die Schultern zu legen.

Herr Spreemann tat es. Vorsichtig, mit gespreizten Fingern.

»Unsre Tauben girren jetzt so süß,« sagte die Jüngste. »Sie sollten einmal zu Papa kommen, Herr Spreemann.«

Herr Spreemann überhörte den Sinn der Worte. Er dachte im gleichen Augenblick, daß sich bei Mamsell Schmidt alles viel rundlicher bauschte.

Daher sagte er:

»Mit weißen Spitzenrüschchen an Hals und Ärmeln müßte es reizend sein.«

Die Jüngste legte den Kopf nachdenklich auf die Seite. Dabei glitt ihre Haut über Herrn Spreemanns Fingen spitzen, die den Stoff hielten.

Herr Spreemann zuckte zusammen. Die Jüngste bemühte sich zu erröten und lächelte.

Auch Herr Spreemann lächelte.

Ihm war etwas Kurioses eingefallen. Er dachte, wenn sich solch altes Mädchen noch so weich anfühlte, dann . . .

Und wieder sprangen seine Gedanken zu der Stelle, wo das goldne Kreuzchen heute gehangen hatte. Sapperlot. Man lernt nicht aus.

Der Musselin mit den Rosen wurde gekauft.

Und nun hatte Herr Spreemann einstweilen keine Zeit mehr für Privatgedanken. Die Ladentür klingelte ohne Unterbrechung, und Geld und Schere klapperten.

In der Dämmerstunde kam Herr Kreisrat Giesecke. Er wollte nur ein Troddelchen für seinen Schlafrock. Ein haltbares, in der Farbe passendes Quästchen. Das ein langes Kramen und Wählen erforderte.

Denn der Herr Kreisrat wollte in Wirklichkeit etwas andres herausholen.

Man war nicht blind. Man hatte bemerkt, wie niedlich sich Mamsell Schmidt herausgemacht hatte. Ganz als ob eine Madame Spreemann aus ihr werden sollte. Frau Kreisrat war aufs heftigste beunruhigt.

Heute aber hatte Mamsell Lieschen gar geweint am Brunnen. So viel Kreisrats Anna herausbekommen hatte, zweifelte Mamsell Schmidt an Herrn Spreemanns Verstande.

Frau Kreisrat triumphierte. Sie hatte es immer gewußt. Wer mit seiner Haushälterin schön tat, obwohl ihm selbst gute Beamtenfamilien eine ihrer Töchter anvertrauen würden, der konnte nicht normal sein.

Ein Ehepaar, zwei Meinungen.

Herr Kreisrat war andrer Ansicht. Er konnte nichts Verrücktes darin finden, daß man ein Wesen heiratete, von dem man genau wußte, daß es vorzüglich kochen konnte, sparsam und ohne jeden Familienanhang sei. Das war ein Handel, wo man einmal nicht die Katze im Sack kaufte. Und sah Herrn Spreemann durchaus ähnlich.

Frau Kreisrat erwiderte, daß sie sich erstmal den Vergleich von der Katze im Sack verbitte. Dann befahl sie ihrem Manne, die Troddel zu kaufen, nicht etwa aber mit der leeren Troddel allein zurückzukehren. Sie wollte wissen, mit wem sie unter einem Dache lebte.

Gesagt, getan.

Herr Kreisrat Giesecke kramte im Troddelkasten und beobachtete dabei Herrn Spreemann. Dieser lächelte. Er hatte zur üblichen Kaffeestunde noch eine Tasse getrunken. Er war gefüllt mit Lebensmut.

Herr Kreisrat sagte sich: Der Mann hat schon das Aufgebot bestellt. Allerdings, auch die Irren lächeln beständig.

Er schob auf jeden Fall den Troddelkasten zwischen sich und seinen Freund.

Dann sagte er:

»Na, Herr Spreemann, wann heiraten Sie?«

Spreemann schlug sich an die Stirn. War da ein Loch? Konnte man in ihn hineinsehen? Er klopfte sich noch einmal erschreckt an die Stirn.

Wahrhaftig, er ist nicht normal, dachte Herr Kreisrat.

Er rückte den Troddelkasten noch ein Stück weiter vor. Dann fing er wieder an:

»Wer hätte geahnt, daß Mamsell Schmidt so niedlich ist? Sie sind ein Schlauer. Sie haben recht, die Perle selber einzufassen.«

Spreemann riß den Mund auf. Er verstand Herrn Kreisrat plötzlich. Und manches andre auch.

»Das ist ein großartiger Gedanke,« schrie er nach einer Weile. »Ein großartiger Gedanke.«

Er schwieg und starrte vor sich hin.

»Glauben Sie, daß man ein goldenes Kreuzchen von seinem Papa haben kann, auch wenn man keinen Papa hat,« fragte er plötzlich und packte Herrn Kreisrat erregt an einem Rockknopf.

»Nur nicht aufregen, ganz ruhig,« sagte der Kreisrat bebend. »Alles ist möglich auf dieser Welt, alles.«

Er maß mit aufgerissenen Augen den Abstand bis zur Tür.

Aber Herr Spreemann hielt immer noch den Knopf fest. Den Frau Kreisrat angenäht hatte und der also noch ganz andres aushalten würde.

»Sie glauben – auch eine Waise,« fragte Herr Spreemann, das Gesicht dicht vor Herrn Kreisrats Nase.

»Warum nicht. Als Kind, zum Beispiel,« stotterte Herr Kreisrat. »Einmal muß sie doch einen Papa gehabt haben, wenn es sich um eine halbwegs anständige Waise handelt.«

»Um eine tadellose,« sagte Herr Spreemann streng.

Aber dann lachte er hell auf, wie ein übermütiger Junge. Ließ aber, Gott sei's gedankt, Herrn Kreisrats Knopf dabei los.

»Gewiß, das war es. Als Kind hatte sie das Kreuzchen bekommen,« dachte er.

»Ich Narr, ich Narr,« sagte er laut und lachte schon wieder schallend auf. »Meine Verwandten werden ihre Freude haben.«

Er lachte wahrhaftig schon wieder und lief, die Hände in den Hosentaschen, mit großen Schritten durch den Laden.

Nie hatte ihn der Kreisrat so beweglich gesehn.

Es war klar. Der Mann war verrückt oder verliebt. Das war nicht leicht zu unterscheiden.

Er bezahlte seine Troddel und konnte seiner Frau nur dieselben Zweifel zurückbringen, die er mitgenommen hatte.

Frau Kreisrat sagte, daß es eine Schande sei, daß sie hier im Hause alles selber tun müsse. Sie holte ihren Kapotthut mit den langen Bändern hervor und wollte selbst gehn.

Aber als der Kreisrat das sonderbare Wesen Spreemanns näher beschrieb, verschob sie ihren Besuch bis morgen. Über Nacht kann manches zu Tage kommen . . .

Mit Grauen hörten sie eine Weile später Herrn Spreemann laut und singend die Treppe hinaufsteigen. Auch Mamsell Schmidt erbebte. Sie hatte garnicht gewußt, daß Herr Spreemann singen konnte.

Spreemann ließ sich die Frühlingssuppe auftischen und speiste mit großem Behagen alles, was ihm schon als Mittagbrot bestimmt gewesen war. Jedes Gericht war aufs vorzüglichste geraten. Ja, seine junge Frau verstand zu kochen. Das war sicher.

Jedesmal, wenn Mamsell Schmidt hereinkam, lächelte er sie bedeutungsvoll an. Was Mamsell Lieschen seinem beschädigten Geisteszustand zuschrieb. Zwischen jedem Gericht betete sie in der Küche.

Nach den Preißelbeeren nickte ihr Spreemann sogar dreimal zu. Sie nickte nicht zurück, sondern jagte hinaus.

Da fiel es Spreemann ein, daß sie noch nichts von der ganzen Sache wüßte. Leider. Vor der Auseinandersetzung mit dieser Mamsell war ihm unbehaglich. Sehr unbehaglich. Daß auch bei allem, was mit Weibern zusammenhing, so viel Gerede nötig war.

Eigentlich hatte er schon nach der Suppe sprechen wollen. Jetzt war er schon bei der Pfeife, ohne daß ein Wort gesagt war. Er war satt und wohlig müde. Wenn er nun zu reden anfing, würde sie aller Wahrscheinlichkeit nach erst ein wenig weinen. Das tat sie leicht. Sehr unangenehm würde das sein.

Er rauchte und dachte nach.

Mamsell Schmidt hatte inzwischen den Tisch abgeräumt und war bescheiden hinausgeglitten. Sie war froh, daß alles ganz glücklich verlaufen war.

Spreemann grübelte weiter. Er wurde immer heiterer. Die Freude auf ein Vergnügen ist auch ein Vergnügen. Und er dachte unaufhörlich an Tante Karoline. Nichts sollte sie vorher zu wissen bekommen. Nichts. Erst die fertige Madame Spreemann würde man ihr mit Knix und Verbeugung vor Augen führen.

Nur wenn er wieder an Mamsell Schmidt dachte, dämpfte sich seine Freude. Sie mußte es gewiß einige Zeit vorher wissen. Die Weiber brauchten zu solchen Dingen besondere Kleider. Das wußte er nur zu gut. Und hatte keinen Grund, ärgerlich auf diesen Fehler zu sein.

Wenn man nur diese verflixten Tränen umgehen könnte.

Er sah nach der Uhr und gähnte. Nein, für heute war es auf jeden Fall zu spät. Schade. Er hätte gern schon morgen früh das Aufgebot bestellt. Dringliche Angelegenheiten soll man nicht verschieben.

Da fiel ihm ein, daß er selber Mamsell Schmidts Papiere verwahrte. Zum Aufgebot waren nur die Papiere nötig. Das hatte er schon neulich, so ganz nebenbei, von dem Herrn Lehrer erfahren.

Er ging an seinen Schreibtisch und holte die Bogen heraus. Wort für Wort studierte er die Aufzeichnungen. Erstens erfuhr er da, daß Lieschen erst dreißig Jahre alt war. Dann, daß ihr Papa, der, von dem sie also das Goldkreuzchen hatte, mit einem Apfelkahn auf der Spree untergegangen war. Sie war mithin die Tochter eines ehrbaren Schiffers. Ihre arme Mutter war gestorben, als sie die Kleine der Welt und dem Waisenhaus übergeben hatte.

Spreemann seufzte. Was es alles für Unglück gab.

In diesem Augenblick kam Mamsell Schmidt zur Tür herein.

Spreemann fuhr zusammen und bedeckte seine Lektüre mit einem Zeitungsblatt.

»Was wünschen Sie denn noch,« fragte er barsch.

Mamsell Schmidt bat um Entschuldigung, daß sie gestört habe. Sie wolle nur fragen, ob Herr Spreemann noch etwas befehle. Oder ihr erlaube, sich zur Ruhe zu begeben.

»Legen Sie sich nur ruhig schlafen,« sagte Herr Spreemann wieder ganz sanft. Er dachte mit Rührung, was für eine ernste Unterredung dem niedlichen Wesen morgen bevorstand. Ihr, der der Vater mit einem Apfelkahn untergegangen war.

»Gute Nacht, Herr Spreemann,« sagte Mamsell Lieschen höflich.

»Gute Nacht, Mamsell,« antwortete Spreemann feierlich.

Am andern Morgen steckte Herr Spreemann seine und Lieschens Papiere, die er schon am Abend sorgfältig zusammengebunden hatte, in die Tasche und ging damit schnellen Schritts zum Pfarrer. Er selbst kannte den Geistlichen wenig. Er versprach sich nichts von Kirchenbesuchen, bei denen man leicht einen guten Kunden versäumen konnte. Aber Mamsell Lieschen verfehlte keine Predigt. Was ihrem Hausherrn durchaus recht war, denn da man über alle diese Dinge nichts Bestimmtes wußte, war es immerhin gut, daß einer aus dem Haushalt einen gewissen Zusammenhang mit den unbekannten Mächten aufrecht hielt.

Der Empfang bei dem Herrn Pfarrer fiel zunächst kühl aus. Erst als der Geistliche hörte, um was es sich handelte, wurde er freundlicher. Hochzeit, Taufe und Nebeneinnahmen durchkreuzten sein Hirn.

»Nichts Edleres als die Gründung einer Familie. Meinen aufrichtigen Glückwunsch,« sagte er und drückte dem gutsituierten Manne kräftig die Hand.

»Vor allen Dingen ist Eile geboten. Höchste Eile,« sagte Spreemann.

Der Pfarrer zuckte zusammen, beherrschte sich aber amtlich.

Er erklärte, daß ein dreimaliges Aufgebot an drei Sonntagen nötig wäre und daß nur in besonders dringenden Fällen eine Ausnahme gestattet sei. Wenn dieser Notfall vorliege . . .

»Er liegt vor,« sagte Spreemann bestimmt.

Der Pfarrer räusperte sich. Dann sagte er streng und gemessen, daß er Herrn Spreemann, aus Rücksicht für Mamsell Schmidt, entgegenkommen würde. Am zweitfolgenden Sonntag konnte die Trauung sein.

Höchst zufrieden trabte Herr Spreemann ab.

Der Geistliche schüttelte den Kopf. Er dachte an Mamsell Lieschens frommes und bescheidenes Wesen. Er sagte sich, daß auch ein Seelsorger manchmal blind und unwissend sei.

Inzwischen putzte Mamsell Lieschen fürsorglich die ersten Karotten. Ohne zu ahnen, welchen Schaden ihr Ruf erlitten. Sie bedachte fröhlich, daß man wahrscheinlich schon am zweitfolgenden Sonntag die Mohrrübchen mit den ersten grünen Erbsen mischen können würde. Dazu ein wenig gehackte Petersilie und eine kleine Zwiebelschwitze, wie es der gute Herr Spreemann so liebte. Denn nun ging es vorwärts mit dem Frühling und seinen Gemüsen.

Kein Mensch kennt sich selbst. Nicht eine Ahnung sagte ihr, daß sie Braut war.

Spreemann aber sorgte weiter für sie.

Er stand in seinem Laden auf der hohen Leiter und holte die teuerste Brautseide herunter. Prima Qualität. Die Madame Bankier hatte als Braut keine bessere getragen. Reichlich maß er ab und machte ein Paket daraus. Der Lehrling sprang hinzu und fragte, wohin er die Seide zu tragen habe.

Spreemann befahl ihm, das Maul zu halten, und als die Mittagsstunde kam, nahm er selbst das Paket unter den Arm und trug es hinauf in seine Wohnung.

Er aß sehr wenig zu Mittag. Die neuen Karotten blieben unberührt. Mamsell Schmidt sagte sich mit Bangigkeit, daß sie auch heute wieder etwas nicht recht gemacht haben müßte. Sie kostete immer aufs neu die Speisen, aber sie konnte nichts Versalzenes oder Mißratenes daran finden.

Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, als Herr Spreemann sie gleich nach dem Essen in die gute Stube rief.

»Setzen Sie sich,« sagte er.

»Zu viel der Ehre,« flüsterte Lieschen, und blieb stehen.

Sie war überzeugt davon, daß ihr Herr Spreemann den Dienst aufsagen würde. Sie war nun drei Jahre da und hätte von nun an den vierten Taler bekommen müssen.

»Ich verzichte gern auf die Zulage, wenn mich Herr Spreemann nur behalten wollen,« stammelte sie.

»Da haben wir schon die Tränen,« rief Spreemann und stampfte mit dem Fuß auf.

Er fühlte, nun müßte die Sache eins, zwei, drei erledigt werden.

»Ich werde Ihnen überhaupt keinen Lohn mehr geben, sondern ich werde Sie heiraten, Mamsell. Das Aufgebot ist schon bestellt,« schrie er.

Nun war es heraus. Er atmete auf.

»Wie belieben?« fragte Mamsell Schmidt. Sie lehnte sich an den blanken Mahagonitisch. Die ganze gute Stube drehte sich im Kreise. Ein Wunder, daß die große Vase aus Berliner Porzellan noch nicht heruntergestürzt war.

»Wie belieben?« stammelte sie noch einmal.

Herr Spreemann riß das Paket auf und bauschte mit dem gewohnten und geschickten Griff die glänzende Brautseide auf.

»Diese herrliche Seide,« schrie Lieschen, »ach, ist die schön!«

»Prima Qualität,« sagte Herr Spreemann. Er hob den knisternden Stoff vom Tisch und legte ihn um Mamsell Schmidts Schultern. Genau so wie gestern den Musselin um die Demoiselle Jung. Dann prüfte er sein Werk. Richtig, viel rundlicher bauschte sich hier alles. Viel netter und hübscher.

Seine Finger glitten, ganz von ungefähr, an Lieschens rosiger Wange vorbei. Auch hier hatte er richtig kalkuliert. Alles war bedeutend weicher und zarter . . .

Allmählich fand er sich immer besser in Mamsell Lieschens Gesicht zurecht. Wenn man erst weiß, wo man etwas zu suchen hat, findet man es auch.

Als er Mamsell Lieschen fragte, ob sie ihm böse sei, sagte sie, daß sie ihn viel zu gern dazu habe. So wurde man vollkommen einig . . .

Erleben heißt, sich verändern.

Madame Kreisrat, die vom Küchenfenster aus beobachtete, wie Mamsell Lieschen mit leisem Sang die Eimer aus dem Brunnen zog, sagte, daß die Mamsell nicht wiederzuerkennen sei. Es war unbegreiflich, woher sie auf einmal die hellen Kleider und die vielen Bänderchen habe. Auch der Ausdruck ihres Gesichts hatte sich vollkommen verändert, wenn sich Madame Kreisrat nicht irrte. Sie sah verjüngt und fröhlich aus. Jedenfalls war es sicher, daß Herr Spreemann nicht verrückt war.

Sich wundern ist der Anfang jeder Weisheit. Madame Kreisrat wäre vielleicht für alle Zeiten klug geworden, hätte sie auch in des Nachbars Wohnung sehen können. Auch da geschah viel Wunderbares.

Wenn Mamsell Schmidt Herrn Spreemann die süße Nachspeise gebracht hatte, glitt sie nicht wieder schweigend zur Tür heraus, sondern setzte sich dem Hausherrn gegenüber.

Am ersten Tage hatte Herr Spreemann zugleich mit den vorzüglichen Speisen einen bösen Arger durchzukauen gehabt. Eine gute Kundin hatte durchaus ein abgeschnittenes Stück Stoff wieder umtauschen wollen. Sie war der Ansicht, daß man bis auf seinen Mann alles in der Welt auswechseln könne. Spreemann aß daher ganz versunken in Gedanken, und als sich Lieschen setzte, fuhr er auf und sagte erschreckt:

»Was erlauben Sie sich?«

Aber sogleich war ihm wieder alles eingefallen. Er rief rasch: »Ach so, natürlich,« und beugte sich vor, um sie am Ohrläppchen zu ziehn.

Man hatte sehr viel miteinander zu besprechen.

Auch Lieschen war nicht aller menschlichen Regungen bar. Sie fragte bald, wann Herrn Spreemanns liebe Verwandtschaft die Neuigkeit erfahren würde. Als sie hörte, daß dies noch eine Zeitlang dauern sollte, war sie sehr enttäuscht, und aus vollster Seele wünschte sie den Hochzeitstag herbei.

Das Brautkleid war schon in Arbeit. Sonst waren nicht viel Vorbereitungen zu treffen. In der Wohnung konnte alles beim Alten bleiben. Wenigstens beinah. Herrn Spreemanns Schlafzimmer war sehr geräumig. Man konnte dort bequem noch allerhand hinstellen.

Aber unsre eignen Entschlüsse können unsre Feinde werden. Herr Spreemann hatte für diese Neuanschaffung keine Reservekasse.

Darum betrat er eines Morgens, als Lieschen auf dem Markt war, vorsichtig die enge, schiefe Mädchenkammer. Sie war sehr sauber gehalten, kein Stäubchen war zu sehen. In dem Glashaus des verstorbenen Laubfrosches lagen Stecknadeln und zusammengerollte Bindfadenendchen. Wie im Weltenhaushalt ging auch in Herrn Spreemanns Wirtschaft nichts verloren. Er sah es mit Befriedigung. Aber zugleich bemerkte er mit Betrübnis, daß dieses Gesindebett sein vornehmes, in grünem Rips gehaltenes Schlafzimmer vollkommen entstellen würde. Es war unbrauchbar für seine künftigen Zwecke.




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