Lu die Kokotte
Artur Landsberger




Artur Landsberger

Lu, Die Kokotte





I


Es roch noch immer nach Lorbeerblättern, Rosen und Veilchen. Die breiten Wände des ausgeräumten Eßsaales waren mit schwarzem Tuche überspannt. Vor den großen Spiegeltüren, die an beiden Seiten in die Nebenräume führten, standen noch gedrängt die Efeukästen und Palmen. Zwischen den Riesenkandelabern, die in gerader Linie nebeneinander unten im Saale standen, lagen die letzten Kränze; die wohl zu spät gekommen oder, da der Wagen sie nicht mehr faßte, aus Not zurückgeblieben waren.

Die eine Spiegeltür wurde aufgerissen.

»Fabelhaft, fabelhaft«, sagte der Professor.

»Es riecht überall gleich stark nach Menschen«, stöhnte Ida. »Man hätte, während wir auf dem Kirchhofe waren, wahrhaftig lüften können. Aber Rücksichten kennt sie nun einmal nicht, deine Nichte Fanny.«

»Hier ist’s erträglicher«, erwiderte der Professor, schnüffelte in den Eßsaal und schob sich durch die Tür. Ida folgte:

»Meinetwegen!«

Auch die andern kamen: Regierungsrat Störmer mit Gattin, Oberlehrer Sasse mit Frau, Hofbankier Walther nebst Gemahlin. Alle in tiefer Trauer. Die Männer in zugeknöpftem Gehrock mit Zylinder; gekränkt, ernst, würdevoll, kerzengerade. Die Frauen mit blassen Gesichtern, rotgeweinten Augen und traurig mitleidsvollen Mienen.

»Setzt euch«, sagte der Professor.

Sie schoben die Stühle, die durcheinander standen, in einen Halbkreis und setzten sich. Die Männer legten ihre hohen Hüte unter die Stühle, die Frauen zogen die Leinentücher aus den Taschen und weinten.

Nur der Professor stand noch.

»Ihr seid damit einverstanden, daß wir mit Fanny das Notwendigste gleich jetzt besprechen?«

Die Männer sagten »Ja«; die Frauen nickten mit den Köpfen.

»Kann man denn nicht wenigstens bis morgen damit warten?« schluchzte die Gemahlin des Hofbankiers Walther.

»Nein!« sagte kurz der Professor und unterdrückte damit den Widerspruch Sasses, der auch gerade den Mund auftat, um zu sprechen. Der Professor schritt würdevoll zur Tür, rief dem Diener und befahl mit tiefer Stimme:

»Sagen Sie meiner Nichte, daß die Familie sie hier erwartet.«

Der Diener zögerte: »Gnädige Frau haben mir streng befohlen, heute jeden Besuch . . .«

Weiter kam er nicht; der Professor schob ihn zur Seite. Man hörte, wie er mit starken Tritten über den Korridor schritt, jetzt stehen blieb, kräftig an einer Tür pochte, öffnete, eintrat . . .

Nun, da man nichts mehr hörte, atmeten die Frauen tief auf; die Männer räusperten sich; der Oberlehrer spuckte ins Taschentuch; der Regierungsrat sah’s und wandte sich ab; der erstaunte Diener schüttelte den Kopf und flüsterte: »Shocking!« Nur die Gemahlin des Hofbankiers schluchzte noch immer . . .

Da wurden von neuem die Tritte des Professors hörbar; die Frauen begannen wieder zu weinen; die Männer räusperten sich nicht mehr; der Oberlehrer steckte sein Schnupftuch in die Hosentasche; der Diener stand kerzengerade, und in die Tür trat: der Professor! An seinem Arme hing Fanny, die kaum die Füße rührte. Ernst und entschieden schob er sie neben sich her, führte sie zu einem Sessel und sagte kurz:

»Setz’ dich.«

Fanny glitt willenlos in den Sessel. Sie hatte längst keine Tränen mehr und stierte mit glanzlosen Augen teilnahmslos vor sich hin. Sie sah nichts und wußte nichts; weder was diese Menschen hier von ihr wollten, noch was nun weiter wurde. »Nur nicht denken, nicht denken!« rief sie sich zu, so oft sie aus ihrer Anästhesie erwachte.

Der Professor war anderer Ansicht.

»Wir haben bis jetzt geschwiegen«, begann er mit kräftiger Stimme; »nun aber ist es endlich an der Zeit zu reden.«

Das war ganz dumm, denn draußen schaufelten die Leichengräber noch an dem Grabe. Aber es wirkte. Einmal, weil es echt war, und dann, weil bei allen die Neugier, mehr von den Motiven zu hören, die »diesen lebensfrohen Menschen mitten aus der Fülle seines künstlerischen Schaffens« – das waren die Worte des Geistlichen gewesen – in den Tod getrieben hatten, größer war als die konventionelle Trauer, für deren Äußerung ja später noch Zeit und Gelegenheit genug blieb.

»Liebe Fanny,« fuhr er in feierlichem Tone fort, »das reine Wappenschild unserer Familie ist durch diesen gewaltsamen Tod und seine Zusammenhänge beschmutzt. Es ist unsere Pflicht, aus Pietät für die Toten« – hier schluchzte die Frau des Oberlehrers – »wie aus Rücksicht auf die lebenden Mitglieder unserer Familie, diesen Schandfleck zu tilgen.«

»Sehr richtig!« rief der Regierungsrat, und der Oberlehrer nickte so lebhaft mit dem Kopfe, daß ihm der Kneifer von der Nase flog.

»Und zwar so schnell wie möglich!« fuhr der Professor fort. »Ich habe daher den Rechtsanwalt Heinrich gebeten, gemeinsam mit uns zu beraten, was im Interesse des Rufes der Familie zu geschehen hat. Wir rechnen dabei mit Bestimmtheit auf dich, Fanny. Für dich kann es ja in dieser Stunde nur eine Pflicht geben: die Schuld deines seligen Mannes zu sühnen. Bist du dazu bereit?« fragte er sie.

Fanny saß teilnahmslos und hörte nichts. Als er ihr jetzt: »Bist du bereit?« in die Ohren brüllte, sah sie auf und sagte leise: »Ja«, ohne zu wissen, was man von ihr wollte. Es ist ja auch ganz gleich, dachte sie.

Der Professor gab ein Zeichen. Der Diener öffnete die Tür, und der runde, kleine Anwalt polterte herein. Wie drei aufeinandergestülpte Kugeln sah er aus, legte Hut und Mantel ab, schlug die Hacken zusammen, beugte den runden Oberkörper nach vorn und küßte der Gemahlin des Hofbankiers ehrfurchtsvoll die Hand, drückte die der Frau Regierungsrat mit verbindlichem Lächeln, grüßte mit kurzer Kopfbewegung zur Frau Oberlehrer hinüber und sagte, ohne sich zu bewegen, kurz und steif: »Tag!«, als er bei Fanny vorüberschritt. Dann setzte er sich neben den Professor.

»Was zunächst die finanzielle Seite dieses Trauerfalles angeht, so hat dein Mann trotz seines großen Einkommens, es waren wohl an die 60.000 Mark im letzten Jahre« – »hier lächelte die Frau des Hofbankiers Walther, aber der Frau des Oberlehrers stieg das Blut in den Schädel, und sie stieß ihren Mann an – »wie du ja weißt, keinen Pfennig Vermögen hinterlassen.«

Vorwurfsvoll fuhr er fort: »Du, Fanny, kanntest seine leichtlebige Art, aber leider: du machtest nicht einmal den Versuch, ihn zur Sparsamkeit anzuhalten; du bist also mit schuld daran, wenn du mit deinen Kindern heute mittellos dastehst; hättet ihr nur die Hälfte eures Einkommens jährlich zurückgelegt, so würdet ihr heute nicht der Familie zur Last fallen.«

Er trat einen Schritt vor.

»Blickt auf mich! Ich gehöre seit fünfzehn Jahren als Extraordinarius dem Lehrkörper der königlichen Universität an, bin Mitglied des Stadtverordnetenkollegiums und seit nunmehr sechzehn Jahren Kandidat der nationalliberalen Partei im Kreise Dortmund-Hoerde. Es ist, wenn die heutige Konstellation bis zu den nächsten Wahlen anhält, durchaus nicht ausgeschlossen, daß ich eines Tages als Volksvertreter in den Deutschen Reichstag einziehe« – er machte eine Pause, denn er wollte die Wonnen dieser, wenn auch noch so fernen, Aussicht ganz genießen. – »Aber« – und er unterstrich jedes Wort – »ich brauche trotz der Verpflichtungen, die mir meine hohe soziale Stellung auferlegt, noch nicht die Hälfte von dem, was ihr jahrein, jahraus vergeudet habt. Ich lege Wert darauf, heute daran zu erinnern, daß ich vor zweiundzwanzig Jahren schon gegen diese Ehe Fannys mit einem Künstler war. Allen diesen mir so wesensfremden Menschen fehlt gerade das, was wir als die bedeutsamste Tugend von einem jeden deutschen Manne, gleichviel welcher Konfession und welcher politischen Richtung er angehört, entschieden fordern müssen: die innere Gebundenheit! Das Pflichtgefühl! Mit einem Worte: die Korrektheit! Wir brauchen keine Individualitäten! Die Begriffe von Moral und Recht stehen fest; sich ihnen anzupassen und unterzuordnen, ist die Pflicht eines jeden. Wem sie nicht passen, wer eigene Wege geht, den übergeben wir dem Arzte oder dem Staatsanwalt! – Und diese Korrektheit, die fehlte leider auch ihm, der dich zur Frau nahm und so mein Verwandter wurde, ohne daß ich mich bis zum heutigen Tage ihm verwandt fühlte. Ja, ich benutze diese Stunde, um ganz förmlich diese Absage an den nun in Gott Entschlafenen zu richten, dessen ganz freie, persönliche, an keine Prinzipien und keine Tradition gebundene Auffassung vom Leben, die sich über herrschende Moral und geltende Gesetze kühn hinwegsetzte, mir vom ersten Tage an zum äußersten zuwider war.«

Der Professor hatte gesprochen; seine Frau stand auf, trat an ihn heran, drückte ihm die Hand und sagte:

»Wie stolz ich auf dich bin!« Sie ging dann zu Fanny, die noch immer nicht wußte, was vorging, legte ihren Arm auf ihre Schulter und klagte:

»Wenn dein Mann ihm auch nicht gleich zu ähneln brauchte,« und dabei wies sie auf den Professor, der eben hinzutrat, »ein klein wenig nur von seiner Größe und Würde hätte ja genügt, um dich und die Kinder glücklich zu machen!«

Fanny schwieg; aber der Professor sagte: »Da magst du schon recht haben. Das darf uns aber nicht hindern,« und damit wandte er sich an den Anwalt, »so sehr euch meine Worte auch bewegt haben – man ist nun einmal Mensch und kommt aus seiner Haut nicht heraus – nunmehr den Gegenstand rein geschäftlich zu behandeln.«

Dr. Heinrich entnahm seiner Mappe ein Schriftstück.

»Bitte«, sagte der Professor.

»Was ich vorzutragen habe,« erklärte Dr. Heinrich, »ist an die Adresse der Frau Fanny Kersten gerichtet. Alle andern«, und er sah sie der Reihe nach an, »kennen den Inhalt. Ich habe aber den Eindruck, als wenn Frau Kersten den Vorgängen hier überhaupt nicht folgte.«

»Das wäre ja noch schöner«, erklärte entrüstet der Professor. »Ja, für wen sitzen wir denn hier und vergeuden die Zeit, die wir, weiß Gott, nutzbringender verwenden können?« Er wurde feierlich. »In zwei Stunden tritt im Rathause die Kommission, die über die Anlegung von zehn öffentlichen Bedürfnisanstalten beraten soll, zu ihrer ersten Sitzung zusammen. 30.000 Mark verlangt der Magistrat dafür! So etwas will durchdacht und auf seine Notwendigkeit hin geprüft sein! Die Interessen der Allgemeinheit stehen da in Frage, während es sich hier um das Einzelschicksal einer Familie handelt, die noch dazu durch eigene Schuld ins Unglück geriet.«

»Sie haben vollkommen recht«, sagte der Anwalt.

»Ich darf also bitten, liebe Fanny, daß du dich jetzt zusammenreißt. Du sollst Gott danken, daß du uns hast. Andere an unserer Stelle hätten sich längst zurückgezogen.«

Fanny, die mehr fühlte als hörte, was man sprach, richtete sich auf.

»Ja, was wollt ihr denn?« jammerte sie. »Laßt mich doch in Ruhe! Mir ist ja längst alles gleich! Beschließt! Und was ihr bestimmt, soll gelten und gut sein.«

»Wenn dem so ist,« sagte der Anwalt, »um so besser.« Und er entfaltete einen Bogen und las:

»1. Frau Fanny Kersten verpflichtet sich, innerhalb von vierzehn Tagen Berlin zu verlassen und ohne Genehmigung der Familie nicht nach dort zurückzukehren.

2. . . .«

»Halt!« unterbrach ihn der Professor. »Diese selbstverständliche Rücksicht auf uns bedarf wohl keiner Begründung?«

»Wenn mein Hiersein euch geniert – bitte!« – erwiderte Fanny; »mir ist es völlig gleichgültig, wo ich lebe.«

»Ich glaube, du mißverstehst uns«, sagte vermittelnd der Regierungsrat. »Du tust uns leid; von Herzen leid. Und was deinen Mann betrifft: ich für meine Person bedaure auch ihn!« – und zu den andern gewandt fügte er hinzu: »Wenngleich ich das nach außen natürlich nicht zu erkennen gebe.«

»Gott soll hüten«, sagte der Hofbankier Walther, der seine beste Kundschaft verlor, wenn der Skandal an die große Glocke kam.

Und der Regierungsrat unterstrich: »Nach außen, da müssen wir ihn natürlich ganz entschieden verurteilen und von ihm abrücken.«

»Was hat das alles nur mit meinem Fortgang aus Berlin zu schaffen?« fragte Fanny nervös.

»Man sieht,« erwiderte der Professor, »wie du an der Seite dieses Mannes jedes feine Gefühl verloren hast. Sonst könntest du nicht so naiv fragen.«

Und der Anwalt erläuterte: »Ihre Familie hat natürlich den Wunsch, daß alles, was sie und Dritte an diesen empörenden Skandal erinnert, aus dem Gesichtskreise Berlins verschwindet.«

»Natürlich,« bestätigte der Professor, »dadurch, daß du mit den Kindern hier lebst, man euch begegnet, von euch spricht, wird dauernd die Erinnerung an dies Unglück wachgehalten, in dessen letztem Zusammenhang man als Verwandte schließlich auch uns nennt. Seid ihr fort, sieht man euch nicht, so seid ihr und die ganze unglückselige Geschichte bald vergessen. In einer fremden Stadt weiß kein Mensch, wer ihr seid; ich meine, daß du selbst diesen Wunsch haben müßtest: schon mit Rücksicht auf deine Kinder.«

»Über meine Wünsche und Gefühle sprich bitte nicht!« forderte Fanny ziemlich energisch. »Das mache ich schon mit mir selbst ab. Es hat ja auch mit dem Geschäftlichen gar nichts zu tun. Und darauf wollen wir uns bitte beschränken; zumal nach der Offenheit, mit der ihr mir alle begegnet seid, und für die ich euch danke. Denn ich kenne nun eure Gesinnung.«

Sie stieß das alles bestimmt, aber ruckweise heraus; – eine Pause entstand, dann fragte sie plötzlich:

»Was also wird mit Harry?«

»Aber ich bitte,« sagte der Anwalt in unfreundlichem Tone, »wir wollen doch nach der Reihe gehen. Über das alles hat ja Ihre Familie bereits entschieden, und Sie haben Ihre Zustimmung, die juristisch verbindlich ist, zu diesen Entscheidungen ja bereits abgegeben. Also hören Sie mich zu Ende«, forderte er und fuhr fort: »Frau Kersten siedelt mit ihrem gesamten Mobiliar nach München über, woselbst sie eine Pension eröffnet, in deren Leitung sie von ihrer Tochter Luise unterstützt wird.«

»Dieser Vorschlag stammt von mir!« erläuterte die Frau des Oberlehrers. »Da werdet ihr endlich einmal den Wert des Geldes kennen lernen.«

»Laß doch das!« sagte die Frau des Hofbankiers und stieß sie an.

»Die Tragung der Kosten für die Übersiedlung«, fuhr der Anwalt fort, »bis zur Höhe von 1000 Mark hat in hochherziger Weise der Hofbankier und Geheime Kommerzienrat Walther übernommen«, und er krümmte abermals vor ihm und der Frau Gemahlin den Rücken. Dann las er weiter: »Frau Kersten erhält von der Familie im ersten Jahre einen Zuschuß von 3000, im zweiten einen solchen von 2000, im dritten einen von 1000 Mark und verpflichtet sich, die Darlehen zuzüglich 5 Prozent Zinsen vom fünften Jahre ab in monatlichen, noch näher zu bestimmenden Raten zurückzuzahlen.«

Alle sahen zu Frau Fanny hinüber; die aber verzog keine Miene; schien weder verlegen, noch dankbar, noch erstaunt; sagte nur, als der Anwalt im Lesen innehielt und sie ansah:

»Aber bitte, so lesen Sie doch weiter!«

Und Dr. Heinrich schüttelte entrüstet den Kopf und fuhr fort:

»Harry Kersten hängt seine Malerei an den Nagel . . .«

»Waas?« rief Frau Fanny dazwischen.

Aber er las mit erhobener Stimme zu Ende: »– und geht zum Bankier Alois Laqueur, einem Schwager des Hofbankiers Walther, nach Paris in die Lehre!«

»Nie!!« schrie Frau Fanny und sprang auf. »Nie dulde ich das! Harry ist Künstler durch und durch und taugt zu nichts anderem als zum Malen und geht zugrunde, wenn man ihn in irgendeinen Beruf zwängt, in den er nicht hineinpaßt.«

»Bist du noch immer nicht geheilt?« schrie der Professor. »Genügt dir die Enttäuschung noch nicht, die du an deinem Manne erlebt hast? Willst du sie durchaus an deinem Sohne noch einmal erleben?«

»Und dann träfe dich die Schuld, wenn es wieder so käme,« schrie die Frau des Oberlehrers, »dich allein.«

»Wir wollen aus dem Unglück lernen«, dozierte der Oberlehrer und stand auf; ein Zeichen, daß er zu einer seiner beliebten Reden ausholte; der Professor sollte ihn nicht in den Schatten stellen; was der konnte, konnte er auch.

»Wie oft habe ich euch gewarnt,« fuhr er fort und wandte sich zu Fanny, »wenn der Junge die Schule vernachlässigte und tagsüber, statt zu lernen, oben im Atelier deines Mannes saß. Jetzt solltest du endlich einsehen, wie schwer ihr euch an ihm vergangen habt, als ihr ihn Künstler werden ließet. Und das, obschon sich der Hofbankier Walther auf meine Vorstellungen hin bereit erklärte, ihn gegen seine Gewohnheit auch ohne das Zeugnis der Reife in sein Geschäft zu nehmen. – Ich werde den Affront nie vergessen: als ich mit der fröhlichen Botschaft zu deinem Manne kam und ihm das Resultat meiner erfolgreichen Bemühungen beim Hofbankier Walther verkündete, da nahm er ein halbfertiges Bild von der Staffelei, das einen nackten Frauenkörper darstellte, hielt es mir vors Gesicht – ich schloß instinktiv die Augen —«, sagte er zu seiner Frau gewandt, »und rief laut: ›Hier, sieh! Das hat mein siebzehnjähriger Bub heut’ früh, während du seine Kameraden mit Herodot traktiertest, in knapp zwei Stunden fertiggebracht – da sitzt noch das Modell!« – und er wies mit dem Pinsel auf einen Diwan, auf dem halbentkleidet eine junge . . .« – der Professor räusperte sich, der Oberlehrer besann sich – »und wenn du mir die Krone Frankreichs für meinen Harry brächtest: ich und mein Sohn schlügen sie aus, und er würde Maler!«

»Unverantwortlich!« – »Skandalös!« – »Ein netter Vater!« – »Das grenzt an Verbrechen!« surrte es durcheinander.

Aber Frau Fanny strahlte über das ganze Gesicht, auf dem breit der Kummer lag. Wie ein Regenbogen über trübe Wolken fährt, also spielten tausend Lichter jetzt in Fannys Augen, die in Gedanken an ihrem Manne hingen, ihm ins Atelier folgten, dort den Knaben sahen, sein Bild, das der beglückte Vater in den Armen hielt . . .

»Recht so!« schrie sie. »Ja, mein Harry wird Maler, wie es sein Vater war!«

»Du weißt nicht, was du sprichst!« brüllte der Professor.

»Die Aufregung ist ihr in den Kopf gestiegen«, schrie die Frau des Oberlehrers.

»Ich habe es gleich gesagt, man hätte ja auch bis morgen warten können«, zitterte die Frau des Hofbankiers.

Aber Fanny richtete sich auf:

»Nicht nötig, meine lieben Verwandten,« rief sie, »ich bin mir niemals über etwas so klar gewesen. Ihr habt mir heute erst so recht deutlich gezeigt, was ich an meinem Manne verloren habe. Wie sehr er Mensch war im Vergleich zu euch! Ihr hättet es nie gewagt, in seiner Gegenwart so zu reden, denn ihr wußtet, er wäre euch die Antwort nicht schuldig geblieben. Und wenn ihr gegangen wäret, dann hätte er hinter euch hergelacht, so herzlich, wie nur er lachen konnte, und hätte sich geschüttelt vor Vergnügen, wie er es oft tat, über eure Beengtheit, eure Vorurteile und die große Würde und Wichtigkeit, die ihr in alle äußerlichen Dinge legtet, eben weil es euch an jeder Innerlichkeit fehlt! – Heute zum ersten Male verstehe ich ganz, was er mit alledem meinte! – Und ihr wollt über ihn zu Gericht sitzen? Ihn schlecht machen vor mir? Ihr ihn? – Ich lache euch aus. – Ich weiß zwar nicht, was morgen wird. Aber hunderttausendmal lieber, als daß einer von euch heute mein Mann und der Vater meiner Kinder wäre, ist mir das Bewußtsein, daß er, der heute fortlebt in meinen Kindern, ein ganzer Kerl war!«

»Ein Verbrecher war er, der sich nur dadurch dem irdischen Richter entzogen hat, daß er sich eine Kugel in die Schläfe schoß«, schrie der Professor.

»Ich und seine Kinder verzeihen ihm! Und nur darauf kommt es an! Um eure Achtung und die der Welt hat er sich nie gekümmert. – Was er getan hat, das macht ihn mir und den Kindern auch nicht um so viel weniger liebenswert. Daß diese Margot, die er aus dem Dreck der Straße auflas, die so sündhaft war und so schön, die ihm den ganzen Sommer über zu seinen Bildern saß, der er das Höchste und Herrlichste, was er geschaffen hat, verdankt, die sich ihm an den Hals warf Tag für Tag und darum bettelte, daß er sie nahm« – sie lachte wehleidig – »nun, ich wußte es, als ich im Sommer in die Berge fuhr, daß es eines Tages dazu kommen würde. Es waren ja nur Menschen; Menschen von Fleisch und Blut. Und es hätten Gestalten sein müssen wie ihr, wenn es hätte anders kommen sollen. – Also es geschah, was so furchtbar und doch so natürlich war! Es geschah, ohne daß das Mädchen, noch er, noch ich, noch unsere Ehe, noch sonst jemand daran Schaden nahm. Im Gegenteil: in dieser Margot erwachte gerade jetzt so etwas wie ein moralisches Bewußtsein; ich habe mit ihr gesprochen. – Nun, ich lege meine Hand dafür ins Feuer, daß diese Margot zeit ihres Lebens nie einem Manne angehören wird, den sie nicht liebt. Ihr möget das beurteilen wie ihr wollt; für mich ist das jedenfalls der einzige Gradmesser für die Tugend einer Frau!«

Sie saßen alle da, sahen sich an und brachten vor Entsetzen kein Wort heraus.

»Und daß diese Margot«, fuhr Frau Fanny fort, »erst vier Wochen später sechzehn Jahre wurde – nun, ich glaube nicht, daß er es wußte – aber das ist auch gleich, denn hätte er es gewußt« – sie schüttelte den Kopf – »es wäre darum nicht anders gekommen. Ein unglücklicher Zufall: der Eklat war da! Ohne ihn war er noch heute – auch wenn längst alle darum wußten – der große, von allen gefeierte und umworbene Meister. Für euch mag dieser Zufall der Regulator eurer Gefühle sein! Ihr werdet das von mir und seinen Kindern nicht verlangen! – Ich bat, ich flehte ihn an, er möge die Folgen auf sich nehmen, suchte ihm klarzumachen, daß sie ja nichts an seinem Menschen, nichts an seiner Kunst, an meiner Liebe und der seiner Kinder ändern könnten. – Aber« – und sie richtete sich stolz vor dem Professor auf, der zornig vor ihr stand und sich nur schwer beherrschte – »er wollte die Hintertüren nicht benutzen, die ihr ihm botet. Er zog den freiwilligen Tod vor! Und wenn es einen Richter gibt dort oben – ich weiß es nicht – um seine Seele ist mir nicht bange!«

Sie war mit ihrer Kraft zu Ende, zitterte am ganzen Körper und wankte; die Frau des Hofbankiers stand auf und wollte sie stützen; der Anwalt hielt sie zurück; die Gattin des Regierungsrates faßte die Hand ihres Mannes und suchte Schutz; die Frau des Oberlehrers sah beschämt zur Erde; ihr Mann rückte an seinem Kneifer; der Hofbankier saß gelangweilt; der Regierungsrat schüttelte den Kopf und tat entrüstet – aber der Professor trat vor, stellte sich kerzengerade und sprach:

»Der Auftritt, dessen Zeugen wir und leider auch unsere Frauen soeben waren, und der so recht die Schamlosigkeit der Gesinnung, die hier herrscht, zum Ausdruck bringt, enthebt uns der Pflicht und Mühe, uns weiter um euch zu bekümmern. Ja, dieser Auftritt macht es mir und, wie ich glaube, auch den andern geradezu unmöglich, diese Schwelle noch einmal zu betreten.«

Diese Sätze sprach er ruhig und bedächtig; jetzt aber erhob er die Stimme, als spräche er in einem Riesensaale vor seinen Wählern:

»Damit du dich aber über den freiwilligen Abtritt deines sauberen Herrn Gemahls nicht täuschst, dessen Tod für dich noch etwas besonders Großes zu haben scheint, so will ich dir verraten, daß dein Mann auf deine Bitten hin allen Ernstes gewillt war, den Dingen ihren Lauf zu lassen;« – Fannys Ausdruck wurde zu Stein – »ich aber zwang ihn, sich und uns alle vor der Schmach einer Verhandlung und sicheren Verurteilung zu bewahren – ich habe ihm die Waffe in die Hand gedrückt und – dein Sohn wird es mir einmal danken —«

Fanny war unwillkürlich nahe an ihn herangetreten; sie wußte nicht, daß sie sich bewegte; auch jetzt, als sie die Faust erhob und sie dem Professor ins Gesicht schlug, wußte sie nicht, was sie tat.

Ein kräftiger Stoß des Professors warf sie zu Boden; alle stürzten hinaus.

»Im Kern verdorben!« sagte Dr. Heinrich an der Haustür.

Sonst sprach niemand was; und sie trennten sich ohne ein Wort des Abschieds. —

Oben im Saal roch es noch immer nach Lorbeerblättern, Rosen und Veilchen. Neben den letzten Kränzen, die wohl zu spät gekommen oder, weil der Wagen sie nicht mehr faßte, aus Not zurückgeblieben waren, lag regungslos Fanny.




II


Fanny saß im Salon an ihrem Schreibtisch; vor ihr lag ein großer Bogen, der mit Hunderten von Zahlen vollgeschrieben war. Sie rechnete; zum ersten Male seit Jahren. Addierte und subtrahierte, aber es wollte nicht stimmen.

Sie drückte auf die Klingel; der Diener kam.

»Rufen Sie meine Tochter; aber sie soll gleich kommen.«

»Sehr wohl, gnädige Frau!«

Sie begann von neuem; schrieb Zahlen um Zahlen; strich sie wieder aus; schüttelte den Kopf; gab es dann auf; trat an einen Bulschrank; öffnete ihn; schraubte eine schwere Kassette los, stellte sie auf den Tisch, schloß sie auf, entnahm ihr eine Reihe von Schachteln und Kästen, die sie zum Schreibtisch trug.

Luise trat ins Zimmer; schritt auf die Mutter zu, legte ihren Arm um sie, warf einen Blick auf das Papier, sah die Schachteln und Kästen und wußte, was vorging.

»Armes Mütterchen«, flüsterte sie. »Ja, wer das Rechnen nicht gewöhnt ist, wie wir, dem fällt’s schwer!«

Sie sah ihr Kind traurig an. »Es ist noch weit weniger, als ich dachte«, sagte sie.

»Wenn’s nur so lange reicht, bis der Harry sich durchgesetzt hat.«

»Das tut’s eben nicht«, erwiderte Fanny.

»Das muß es tun!« erklärte Luise so bestimmt, daß Fanny erstaunt aufblickte und ihr in die Augen sah.

»Sonderbar! Daß der Vater nie auf den Gedanken kam, dich so zu malen! Ich gäbe etwas darum, wenn ich das festhalten könnte.« Sie stand auf und trat auf sie zu: »Keines der vielen Bilder, die er von dir malte, ist so schön wie dies!« Dabei fuhr sie ihr mit der Hand übers Haar und küßte sie auf die Stirn:

»Vergiß nie die sonnige Jugend, die du ihm verdankst. Solche Erinnerung reicht oft fürs ganze Leben. Denke in Liebe an ihn, mein braves Mädel!« Luise erschrak; das klang ja wie Abschied vom Leben.

»Warum so feierlich, Mama? Du willst ihm doch nicht etwa . . .?« Sie scheute sich den Gedanken auszusprechen.

Aber Fanny beruhigte sie: »Aber nein! Glaubst du, ich werde dich allein lassen? Du würdest dich in dieser schlimmen Welt ja gar nicht zurecht finden ohne mich.«

»Sag’ das nicht«, erwiderte Luise; »ich habe mehr über das Leben nachgedacht als du glaubst.«

»Sieh mal an!« rief Fanny ganz erstaunt. »Wann hattest du denn Zeit dazu? Ich habe dich immer nur strahlend gesehen. Des Tags über tolltest du im Garten; gleich ob es Sommer oder Winter war. Und des Abends saßest du beim Vater, und ihr erzähltet euch Geschichten, die gewiß nicht traurig waren. Wo blieb meinem Sonnenkinde denn da noch Zeit, über das Leben nachzudenken?«

Luise wurde verlegen. »Dann war es wohl doch mehr mit dem Herzen, wenn ich dachte . . . als mit dem Verstande.« – Sie wurde nachdenklich. »Da magst du schon recht haben, Mütterchen, daß alles dann mehr Gefühle als Gedanken waren . . .«; und fast traurig fuhr sie fort: »Und da Vater mich nur mit dem Herzen denken lehrte, was wohl recht gut für frohe Zeiten war, so werde ich mich jetzt, wo ich kalt denken und berechnen muß, womöglich schwer im Leben zurecht finden.« Trostlos klang es, als sie sagte: »Oder gar nicht.«

Fanny faßte sie an die Schultern:

»Darum eben bin ich da«, sagte sie bestimmt, »und bleibe da! Denn jetzt brauchst du jemand, der für dich denkt; einen ganz kalten, nüchternen Menschen – weißt du, so einen, wie du ihn nie leiden mochtest.«

Luise wollte widersprechen – aber Fanny sagte:

»Gewiß, ich weiß ja; daß ich dich lieb habe, hast du trotz allem am Ende doch immer herausgespürt.«

»Ja, Mutter«, bestätigte Luise leidenschaftlich; »wenn ich auch . . .«

»Wenn du mit deinem heitren Sinn auch mehr zum Vater paßtest . . . Natürlich!« unterbrach sie Fanny. »Aber jetzt ist meine Stunde da, wo ich mein Kind so sicher durch alles Trübe und Schwere führen muß, daß es sich sein goldnes Gemüt erhält. Bis es eines Tages wieder ohne ernste Gedanken nur mit dem Herzen leben darf.«

»Statt, daß du mich teilnehmen läßt an deinen Sorgen«, antwortete Luise unzufrieden; »ich bin auch zu anderem gut als nur zum Lachen und Scherzen. Gerade weil ich leichter und heiterer bin als du und alles nicht so ernst nehme, gerade darum kann ich dir jetzt mehr sein als du mir.«

Fanny war starr: »Nein, wie du sprichst, Luise! Das kenne ich ja gar nicht an dir, als ob du in den paar Tagen ein anderer Mensch geworden wärest.«

»Durchaus nicht!« erwiderte Luise. »Oder hat es etwa schon einmal eine Situation in meinem Leben gegeben, in der du Gelegenheit hattest, mich kennenzulernen? Gerade im Unglück wird sich mein Temperament am besten bewähren, versuch’s mir!«

Sie ging an den Schreibtisch. Fanny sah sie noch einmal an, als stände sie vor einem Wunder. Aber Luise hielt bereits den großen Bogen mit den vielen Zahlen in der Hand, den ihre Mutter gerade vor ihr verbergen wollte.

»Was? Mit 150 Mark soll der Harry in Rom leben? Das ist ganz unmöglich!« rief sie. »Wo er bis jetzt monatlich 1000 hatte.«

»Wir werden uns alle an ein anderes Leben gewöhnen müssen«, sagte Fanny.

»Wir schon! Aber er? Niemals! Schon wenn er sein Atelier aufgibt, an das er gewöhnt ist, wird seine Kunst leiden. Harry muß weiterleben wie bisher«, erklärte sie ganz bestimmt; »sobald der bei seiner leichten und unpraktischen Art anfangen muß, mit Kleinigkeiten zu rechnen, verliert er sich. Ich kenne ihn! Tausende, die es könnten, deren Entwicklung es nichts schaden würde; aber niemals er! Verlaß dich darauf. Erst wird’s ihn amüsieren, und er wird denken: Pah, als ob es darauf ankäme! Dann aber wird’s ihm unbequem werden; ihn schließlich verstimmen, unlustig zur Arbeit machen! – Erst einmal muß er durch sein! Nachher, da kann man an seinem äußeren Leben so viel Änderungen vornehmen, wie man will. Bis dahin aber muß alles bleiben, wie es ist!«

Fanny hatte bis zu dieser Stunde ihr Kind nicht gekannt; hatte geglaubt, es werde nun wie ein Vögelchen mit gebrochenen Flügeln scheu und zaghaft umherflattern und nie mehr seine helle Stimme erheben. Sie hatte sich schon ein ganzes Programm zurechtgelegt, wie sie ihr Kind erheitern, alles Häßliche und Schmutzige, was nun kommen mußte, von ihm fernhalten würde. Und nun? – Dankbarkeit für ihren Mann war das erste, was sie empfand. Ja, in Luise lebte sein aufrechter Geist. Ein ganzer Kerl war sie mit ihren 19 Jahren, der das Leben gerade da bejahte, wo es am schwersten wurde; der sich nicht zimperlich den Verhältnissen unterwarf. Der seinen Willen erzwang! Wenn es sein mußte, auch gegen die Verhältnisse! – Ja, das war das Kind ihres Mannes. Und erst jetzt kam ihr so recht zum Bewußtsein, was auf seiten des Professors dazu gehört haben mußte, um den Widerstand ihres Mannes, der dem Leben selbst da, wo es nichts mehr bot, noch Reize abrang, zu brechen.

»Du willst mir also helfen?« sagte sie bloß.

»Welche Frage!« erwiderte Luise. »Harry darf nichts von den Verhältnissen erfahren. Wir dürfen überhaupt nicht über Geld mit ihm sprechen. Denn sobald er auch nur ahnte, wie es bei uns aussieht, gäbe er die Malerei auf . . .«

»Du meinst, er täte das?« unterbrach sie Fanny und schüttelte den Kopf.

»Bestimmt! Aber was innerlich aus ihm würde, ist eine andere Frage; froh würde er nie mehr!«

»Und leisten würde er auch nichts«, fügte Fanny hinzu.

»Und darum ist darüber überhaupt kein Wort zu verlieren«, bestätigte Luise, die noch immer den großen Bogen in der Hand hielt. »Damit freilich« – und sie vertiefte sich in die Zahlen – »werden wir nicht weit kommen. Aber hör’ mal, Mama,« sagte sie beinahe gekränkt, »da unterschätzt du Papa denn doch gewaltig, wenn du seine beiden letzten Bilder mit 8000 Mark ansetzt. Das Doppelte sind sie wert; und vielleicht das Vierfache, da es seine letzten sind.«

Fanny ging zum Schreibtisch; nahm aus einem Stoß von Papieren einen Brief heraus, gab ihn Luise und sagte:

»Lies!«

Und Luise las:



»Liebe Fanny! Da ich die prekäre Lage kenne, in die Du durch den Tod Deines Mannes geraten bist, so will ich Dir die letzten beiden Bilder Deines Mannes aus besonderem Entgegenkommen, und obgleich ich nicht recht weiß, wohin damit, abkaufen. Den Kaufpreis, den ich Deiner augenblicklichen Lage entsprechend ziemlich hoch bemessen habe, lege ich Dir in einem Scheck über 8000 Mark  bei; setze aber voraus, daß es sich dabei wirklich um die letzten Bilder Deines seligen Mannes handelt, und behalte mir vor, falls sich etwa noch spätere Bilder von ihm vorfinden sollten, den Kauf rückgängig zu machen. Mit Gruß Dein Vetter

    Theodor Walther.«

»Pfui Deibel!« rief Luise. »Wo ist der Scheck? Gib ihn mir; er muß ihn zurücknehmen und uns die Bilder wieder herausgeben.«

»Wir brauchen das Geld, Luise, das weiß er; bedenke, ehe wir die Bilder woanders unterbringen . . .«

»Das laß meine Sorge sein! . . . Noch heute, wenn es sein muß!«

Fanny stand nur immer und staunte ihr Kind an. Luises Lebhaftigkeit und Bestimmtheit gab auch ihr wieder Mut und Zutrauen; und was mehr war: sie fühlte, daß sie nicht mehr allein war. Daß ihr Kind, um das sie sich am meisten bangte, fester stand als sie; daß sie eine Gefährtin hatte in ihrer Sorge um Harrys Zukunft.

»Du bist ein Optimist, mein Kind! Vorläufig reißt man sich noch nicht um Vaters Bilder; im Gegenteil.«

»Was heißt das?«

»Denke dir, eine besonders empfindsame Natur schickt uns das eigene Porträt zurück mit der Begründung, daß es . . .« – sie stockte – »ich sollte es dir lieber nicht sagen, es wird dich kränken . . .«

»Ich dachte, wir wollen aufrichtig zueinander sein«, erwiderte Luise.

»Du hast recht«, sagte Fanny; »also er schreibt, daß er es mit seinen Ansichten über Moral nicht vereinen könne, ein Bild von der Hand dieses Mannes in seinem Hause zu haben.«

»Wer ist der Esel?« fragte Luise.

»Dein lieber Onkel, der Professor.«

»Daß ich noch frage!« rief sie aus. »Dieser Philister, der nie gefühlt hat, mit welcher himmlischen Ironie Papa ihn kerzengerade wie ein Stück Holz, starr und bewegungslos, auf die Leinewand warf.«

Fanny geriet in Bewegung; sollte sie nicht ehrlich gegen ihr Kind sein und ihm sagen, daß er es war, der den Vater in den Tod getrieben hatte? – Nein! Jetzt nicht! Vielleicht später, entschied sie; wenn die Zeit den ersten Eindruck etwas verwischt hatte!

»Und immer, wenn wir traurig sind – und das wird wohl oft sein in nächster Zeit,« sagte Luise, »dann stellen wir uns beide vor dies Bild; das wirkt unfehlbar! Wenn wir da ernst bleiben, steht es schlimm um uns.«

Sie ist doch noch ein halbes Kind, dachte Fanny; aber sie wird es, wie ihr Vater, zeit ihres Lebens sein! – Gott geb’ es! fügte sie hinzu. Man könnte ja auch dieses Bild verkaufen, dachte sie weiter, aber sie sprach es nicht aus. Wenn es die Wirkung hatte, dann sollte es als letztes Stück im Hause bleiben.

Luise stand am Telephon und mühte sich, Anschluß zu bekommen.

»Warum läßt du dich nicht von Franz verbinden?« fragte Fanny.

»Aber Mama,« erwiderte sie, »in vierzehn Tagen gibt es hier keinen Diener, keine Zofe mehr; es ist doch besser, man gewöhnt sich beizeiten.«

Sie war verbunden: »Hier Luise Kersten, ist Herr Casper da?«


– — – — – — – —

»Guten Tag, Herr Casper; sagen Sie, Sie kennen doch die beiden letzten Bilder von Papa?«


– — – — – — – —

»Ja! Eben die! – Wollen Sie sie haben?«


– — – — – — – —

»Den Preis müssen Sie nennen; ich weiß, Sie haben Papa lieb gehabt und werden zahlen, was sie wert sind.«


– — – — – — – — – —

»Mit 15.000 Mark? Aber natürlich bin ich damit zufrieden; soviel haben wir gar nicht einmal erwartet. – Wie schade, daß Papa das nicht mehr hört; er hat auf Ihr Urteil immer so viel gegeben.«


– — – — – — – — – —

»Ja, abgemacht! Ich danke Ihnen sehr! Adieu, Herr Casper!« —

Sie hängte den Hörer wieder an und wandte sich um.

»Bitte, Mama! Was sagst du nun zu deiner geschäftstüchtigen Tochter?«

Fanny war ganz aufgeregt: »Hast du dich auch nicht verhört?«

»Aber Mama!« erwiderte Luise und hatte Mühe, ihrer Mutter klarzumachen, daß jeder Irrtum ausgeschlossen war. – Schon stand sie wieder am Telephon und ließ sich mit dem Hofbankier Walther verbinden.

»So!« rief Luise in den Apparat. »Der Herr Geheimrat ist nicht zu sprechen? Dann sagen Sie, bitte, daß seine Nichte ihn zu sprechen wünscht und so lange hier wartet, bis er Zeit findet.«

Kaum eine Minute verging.

»Ah! Bist du’s, Onkel?«


– — – — – — – — – —,

»Danke, einigermaßen; – — Mama auch; hör’ mal, wir haben deinen Brief und Scheck erhalten. Wir danken dir für dein ›Entgegenkommen‹ » – das klang sehr ironisch – »möchten aber nicht gern, daß du gegen dein Gefühl . . .«

Hier unterbrach er sie wohl; denn sie hörte auf zu sprechen und bewegte nur lebhaft den Kopf.

»Also« . . . weiter kam sie nicht.


– — – — – — –  —

»Wir wollen aber nicht!« brüllte sie schließlich in den Apparat. »Wir verzichten auf deine Gnade! Wir brauchen dich nicht!«


– — – — —

»So!« schrie Luise. »Ich wüßte nicht, seit wann du Bilder zu beurteilen verständst! Jedenfalls, uns sind sie mehr wert. Franz ist in einer halben Stunde mit dem Scheck bei dir und holt sie ab.«


– — – — – — – — – —

»Was, das geht nicht? Warum nicht?«


– — – — – — – — – —

»Du hast sie verkauft? An wen?«


– — – — – — – — – —

»So? Das geht mich nichts an? Vielleicht aber interessiert es mich, zu erfahren, wieviel du daran verdient hast.«

Ein Brüllen durchs Telephon. Der Geheimrat hing an.

»Verlaß dich darauf,« sagte Luise in aller Ruhe und hing den Hörer an, »er hat mehr als das Dreifache daran verdient, dein lieber Schwager . . . Aber ganz gut! Man ist nun wenigstens fertig mit dem Gesindel!«

Der Diener meldete den Kommerzienrat Mohr.

»Aber Sie sollten doch keinen Besuch . . .«

Luise unterbrach ihre Mutter:

»Mit Ausnahme des Herrn Mohr; ich habe das Franz ausdrücklich eingeschärft« – und zum Diener gewandt fuhr sie fort:

»Bitte in den Salon!«

»Was bedeutet das?« fragte Frau Fanny, die sich an die Selbständigkeit ihrer Tochter zwar allmählich gewöhnte, hier aber doch einigermaßen erstaunt war.

»Ich begreife dich nicht, Luise, seit seiner erfolglosen Werbung gehst du ihm überall aus dem Wege – besuchst nicht einmal Gesellschaften, auf denen du fürchtest, ihm zu begegnen, und nun . . .«

»Das war einmal«, erwiderte Luise und sah ihre Mutter traurig an; »diesen Luxus kann ich mir heute nicht mehr gestatten.«

»Soll das etwa heißen? – Aber nein, das ist nicht möglich – du kannst im Ernste nicht daran denken.«

»Doch Mama, ich denke daran, und zwar sehr ernstlich . . . in einer halben Stunde werde ich seine Braut sein.«

»Luise!« schrie Frau Fanny entsetzt, »bist du von Sinnen? Ich gebe das nie zu! Ich weiß, wie dir dieser rohe Mensch im Innersten zuwider ist – du willst dich opfern! – Lieber wollen wir anständig verhungern.«

»Und Harry?« warf Luise ein und sah der Mutter in die Augen. »Ja, wenn’s nur um uns ginge! Aber verlaß dich darauf, ich weiß, was ich tue. Ich vergebe mir nicht mehr, als unbedingt nötig ist. Dies Opfer aber muß sein! Es ist nicht etwa ein Gedanke, der mir so im Augenblick gerade kommt. Seit Vaters Tode habe ich Stunde um Stunde darüber nachgedacht – aber es gibt keinen anderen Weg. Es ist der einzige!«

»Du darfst das nicht!« erklärte Fanny; aber ihr Widerspruch klang schon zögernd: »Das geht zu weit.«

»Auch dann nicht, wenn ich mein Glück darin finde, Harry den Weg zu ebnen? Ja mehr: wenn ich darin eine Pflicht gegen den Vater sehe?«

Sie trat nahe an Frau Fanny heran:

»Sei ehrlich, Mama! Was nützt es, daß wir uns wehren? Wir werden den Vater nie vergessen! Du so wenig wie ich. Harry ist sein Vermächtnis! In ihm lebt das fort, was wir mit dem Vater zu Grabe trugen. Und darum werden wir ihn halten und durchsetzen um jeden Preis.«

Sie legte ihre Arme um Frau Fannys Hals und sah ihr in die Augen:

»Hab’ ich recht, Mama?« —

Frau Fanny schwieg.

»Siehst du!« sagte Luise. »Nun widersprichst du nicht mehr und – das mußt du mir versprechen – wirst zu allem, was nun kommt, ein fröhliches Gesicht machen.«

Sie schritt zum Schreibtisch; nahm wieder den großen Bogen mit den vielen Zahlen, riß ihn in tausend Fetzen und warf ihn in den Papierkorb. Dann ging sie hinaus, den Korridor entlang und trat in den Salon.

Als sie eintrat, erhob sich der Kommerzienrat langsam von seinem Sessel, ging ihr entgegen, nahm ihre Hand und sagte:

»Mein Fräulein, es tut mir leid, daß wir uns unter so traurig veränderten Verhältnissen wiedersehen. Meine Schuld ist es nicht, wenn ich mich heute darauf beschränken muß, Ihnen in dieser Form mein aufrichtiges Beileid auszusprechen.«

Dabei drückte er Luises Hand stärker, als es wohl nötig war, und sah ihr so fest in die Augen, daß sie, statt zu danken, nur eine kurze Bewegung machte, worauf er, noch ehe sie saß, wieder auf seinen Sessel glitt und die Beine übereinanderschlug.

»Daß es auch so kommen mußte!« sagte er; aber aus seinen Worten sprach mehr Spott als Mitgefühl.

So empfand es jedenfalls Luise; und dieser breite und schwere Mensch mit dem gelben Teint, seinen 44 Jahren, den falsch dreinschauenden Schlitzaugen hinter der goldenen Brille, dem aufgedunsenen, sinnlichen Mund und dem tiefschwarzen, sorgsam gescheitelten Haar ekelte sie an.

»Tut es Ihnen wirklich leid?« fragte sie ihn. »Ich habe das Gefühl, als müßten gerade Sie eine gewisse Genugtuung über unser Unglück empfinden.«

»Ich wäre ein schlechter Mensch, wenn ich das täte«, erwiderte er; aber er widersprach nicht.

»Nun, ich glaube, daß das Herz bei Ihren Entschließungen in den seltensten Fällen spricht«, sagte Luise.

»Woraus schließen Sie das?«

»Weil man nicht mit Sentiments arbeiten darf, um so große und vor allem so schnelle geschäftliche Erfolge zu erzielen wie Sie.«

»Ich bewundere Ihre Schärfe«, antwortete Mohr und sah sie groß an. »Ich wußte gar nicht, daß Sie auch über solche Dinge nachdenken.«

»Gewiß, mich interessieren auch Menschen, die ganz anders sind als ich.«

»Aber dies Interesse würde nie so weit gehen, um einem solchen Manne Ihr Vertrauen zu schenken.«

»O doch!« erwiderte Luise schnell. Der Kommerzienrat rückte näher; schob die Beine nach vorn, setzte die Brille zurecht und schnalzte mit der Zunge; er tat das immer, sobald er von Dingen sprach, die für ihn von Bedeutung waren.

»Dann haben sich Ihre Ansichten aber seit dem Tode Ihres Herrn Papa gewaltig verändert«, sagte er.

»Durchaus nicht«, gab sie zur Antwort. »Die Verhältnisse haben sich geändert. Ich kann heute nicht mehr wie damals nur nach meinen Gefühlen handeln; ich habe Rücksichten, meinetwegen auch Pflichten, die ich früher nicht hatte – das ist der ganze Unterschied.«

»Sieh einmal an! Wie amüsant!« entschlüpfte es ihm.

»Ich finde es höchst widerwärtig, daß es so ist – aber schließlich: meine Jugend war so schön, daß man auch ein kleines Opfer nicht gar so tragisch nehmen darf.«

»Sie sind sehr offen, mein verehrtes Fräulein«, erwiderte er und grinste ganz niederträchtig; »aber das reizt mich, das gefällt mir!«

»Um so besser! Denn es wäre mir unmöglich, Gefühle zu heucheln, wo . . .« sie stockte.

»Nun bitte!«

»Man braucht die Offenheit nicht weiter zu treiben, als es nötig ist!« erwiderte sie.

Aber er drang darauf. »Wenn ich Sie bitte! Ich sage Ihnen doch, das reizt mich, reizt mich ungemein. Sagen Sie’s nur! Nicht wahr, ich bin Ihnen widerwärtig! Oh, Sie haben es mir ja schon einmal gesagt; Sie haben einen Ekel vor mir! – Sehen Sie, so muß eine Frau sein, die ich liebe. Nur keine Süßigkeiten, kein Schmachten, keine liebevolle Hingabe!« – Der Schweiß trat ihm auf die Stirn, seine Augen tränten, und aus den Mundwinkeln lief ihm der Speichel. »Zwingen gegen Ihren Willen, jede Nacht von neuem, darin liegt der große Reiz; darum kann ich mir nicht wie andere Maitressen halten und Frauen kaufen, weil sie entweder lieben oder völlig apathisch sind – Sie aber . . .«

Luise schüttelte sich vor Ekel. Er war jetzt ganz nahe an sie herangerückt, seine schweißige Hand lag auf ihrem Schoß, und er sah sie so sudelig an, daß sie Übelkeit verspürte.

»Sie aber hassen mich«, fuhr er fort. »Sie werden sich immer von neuem wehren; sich vor mir verbergen; ich werde Sie immer von neuem erobern müssen; und Sie werden mich innerlich verfluchen, so oft ich Sie in meinen Armen habe.«

Er stand jetzt auf und wollte nach ihr greifen; seine Hand lag schon auf ihrer Schulter, und sie spürte den heißen Atem, der aus seinem Munde kam.

Sie hob den Stuhl in die Höhe und trat ein paar Schritte zurück.

»Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie Sie mir zuwider sind«, rief sie. »Ich könnte Ihnen ins Gesicht spucken.«

»Tun Sie’s, bitte, tun Sie’s!« brüllte er laut und stellte sich in seiner ganzen Breite vor sie hin. »Ich lechze danach!«

»Ich wollte das Opfer bringen!« schrie Luise; »Ihnen heute sagen, daß ich meine Weigerung von damals bedaure, daß ich mich anders besonnen habe und bereit bin, Ihre Frau zu werden; aber . . .«

Weiter kam sie nicht. Er brüllte jetzt vor Vergnügen.

»Frau?« rief er. »Sind Sie naiv, mein Kind! Heiraten! Sie! Nach dem, was vorgefallen ist? Sie womöglich in die Gesellschaft einführen! Mutter meiner Kinder werden lassen . . .! Oh, das wäre köstlich!«

Luise traute ihren Ohren nicht! Dies Vieh ist rasend, dachte sie; aber sie überzeugte sich, daß er ganz ruhig wurde, allmählich wieder in Haltung kam und jeden Wort abwog, das er sprach:

»Ich danke meinem Schöpfer, daß Sie mich vor zwei Monaten abgewiesen haben. Sonst säße ich heute schön in der Tinte! Wäre als naher Verwandter gesellschaftlich boykottiert und – was schlimmer ist – geschäftlich ruiniert. – Nein, mein Engel, davon kann natürlich keine Rede mehr sein! – Ich kenne Ihre Verhältnisse genau und weiß, daß Sie und Ihre Mutter, wenn Sie nicht betteln gehen wollen, keine Wahl mehr haben; – — darum habe ich mich beeilt, um als erster hier zu sein – Sie verstehen,« sagte er spöttisch – »denn Sie sind schön und jung – bald werden andere kommen.«

Luise stand regungslos an die Wand gelehnt und krallte die Fingernägel in die Tapete.

»Zu meiner Geliebten will ich Sie haben! – Und Sie werden ›Ja‹ sagen, so gewiß ich hier vor Ihnen stehe. – Heute und morgen werden Sie sich vielleicht noch sträuben – aber in ein paar Tagen, wenn Sie ruhiger geworden sind, dann werden Sie von selbst kommen.«

Er trat an sie heran; sie stand noch immer unbeweglich.

»Sie wissen, wo Sie mich finden! Ich bin für Sie immer zu sprechen. – Ich erwarte Sie! —«

Dann ging er.

Luise biß die Zähne aufeinander.

»Nie!« sagte sie; zitterte am ganzen Körper, starrte zur Tür und tastete schwankend zum nächsten Sessel, auf den sie wie tot niederglitt.




III


Als Harry nach des Vaters Tode von Mutter und Schwester Abschied nahm, da hatte Luise ihm in die Hand gelobt, daß sie mit allen großen und kleinen Sorgen, die sie bisher zum Vater getragen hatte, von nun an zu ihm kommen werde.

Sollte ihr erster Brief mit der Schilderung der bedrängten Verhältnisse beginnen, unter denen die Mutter litt? Sollte sie gar von der qualvollen Stunde ihrer Begegnung mit Kommerzienrat Mohr berichten? Das eine war so unmöglich wie das andere. Was sich in dieser Stunde zugetragen hatte, verbarg sie selbst vor der Mutter. Die wußte nur, daß Luise die abermalige Werbung weder angenommen noch abgelehnt, sich vielmehr ein paar Tage Zeit erbeten hatte, während der sie diesen bedeutsamen Schritt noch einmal erwägen wollte.

Wie schwer es doch war, zu lügen, wenn einem die Übung fehlte! Nicht einmal ein paar heitere Zeilen an ihren Bruder brachte sie fertig. So sehr sie sich zwang, alle Traurigkeit zu verbergen, aus ihren Worten klang es doch immer, als wenn sie das alles nur schrieb, um nicht von dem zu sprechen, was sie bedrückte. Das kam daher, daß sie so gar nicht Herr ihrer Gedanken war; die führten sie immer wieder zum Vater; dann wurde ihr schwer; sie hörte auf zu denken; vergaß alles andere; vergrub sich in ihrem Kummer; gab sich ihm willenlos hin.

Und denken mußte sie doch, wollte sie vorwärts kommen. – Wieviel leichter sie sich das alles gedacht hatte!

»Wenn nicht ein Wunder geschieht,« hatte die Muttee gesagt, »dann bleibt uns nichts anderes übrig, als Harry die Wahrheit zu sagen.«

Das war für sie das Zeichen, daß es kein Zögern mehr gab, daß sie handeln mußte. Sie schrieb:


»Lieber Harry!



Ich bringe ein Opfer, das fast über meine Kraft geht – das höchste, das ich bringen kann. Ich gebe mich auf! Denn ich werde mich diesem Manne geben, gegen den sich alles, was Weib in mir ist, auflehnt.

Seit acht Tagen lebe ich in dieser Vorstellung; und jedesmal, wenn ich in Gedanken das durchmache, was mir bevorsteht, gerate ich in Zustände, die unbeschreiblich sind.

Ach, Harry, wieviel froher und leichter wäre mir, könnte ich mit meinem Leben erwirken, daß uns geholfen wird!

Aber es geht nicht! Alles, was sonst in Frage kommt, genügt kaum, um für die Mutter zu sorgen, deren Herz sich durch den Auftritt mit dem Professor arg verschlimmert hat. Der Geheimrat ist für Davos. – Davos! Wenn er ahnte, wie es bei uns aussieht!

Aber du darfst: ja nicht denken, Harry, daß ich voll Bitterkeit dies Opfer bringe. Wenn es mir auch schwer fällt. Ich könnte laut heulen, wenn ich daran denke. Sieh mal, ich werde ja nicht seine Frau sein. Weißt Du, wie ich das meine? Dir erscheint das wahrscheinlich nur um so verächtlicher; mir hat es den schweren Entschluß erleichtert. Lach’ mich nicht aus! Ich habe nun mal so eine Art heiliger Vorstellung von allem, was mit der Ehe zusammenhängt. Es ist vielleicht töricht, was ich da empfinde; aber mir ist, als vollzöge sich damit erst die Weibwerdung des Mädchens; das Recht, Mutter zu werden; wenigstens dem Kinde gegenüber! Das gilt natürlich nur für Menschen, die aus Liebe zusammengehen. Und das bedeutete mir alles Glück, das ich für mich vom Leben erhoffte. Die Aussicht auf dies Glück begrabe ich nun für immer. —

Aber ich weiß auch, wieviel mehr ich leiden würde, wenn ich mir dies Bild aller Glückseligkeit durch eine Ehe mit diesem Menschen für immer zerstörte. Das Ideal, dem ich nun doch wenigstens in Gedanken und, wenn Gott es gut mit mir meint – bitte, Harry, lach’ nicht! Ich glaube in diesen Stunden mehr denn je an ihn! – auch in meinen Träumen nachgehen kann, bleibt mir! Und was ich tue, fasse ich rein als einen physischen Vorgang . . . Nein, nein! Harry, ich lüge, ich kann das alles nicht von meiner Seele trennen; da ich es niederschreibe, um mich zu beruhigen, zu stärken, zu ermutigen, bäumt sich alles in mir auf, und ich fühle, wie ich mich belüge . . . wie ich zu schwach zu dieser Lüge bin. – Ein Geschäft ist es, das ich mit ihm schließe, werde ich ihm ins Gesicht schreien, wenn er die Arme nach mir ausstreckt – aber ich werde zerbrechen . . . und zugrunde gehen . . .«


Sie legte die Feder fort, zerriß den Brief; strich sich das Haar aus der Stirn; fuhr mit der Hand über das heiße Gesicht . . . ihr war leichter; und sie konnte weinen.

Nebenan schlief die Mutter. Wenn die ihr Schluchzen hörte, wachte sie auf; kam und fragte, und sie mußte lügen. So schlich sie langsam zur Tür, die Treppe hinunter, lief in den Park weit hinein und heulte sich aus.

Matt kam sie wieder ins Haus, schlich die Treppen hinauf, setzte sich wieder an den Tisch, schob die Fetzen des Briefes beiseite, nahm eine Karte und schrieb:


»Mein lieber Harry!



Mir ist nun schon viel besser, und ich fühle mich freier. Alles, was ich jetzt tue, geschieht ohne Furcht, denn ich habe Dich lieb und glaube mit all der Kraft, deren ich fähig bin, an Dich. Denke an unseren lieben, guten Vater; aber in Freuden, so wie er es wünschte! Denke viel an ihn, dann werden sich unsere Gedanken oft begegnen.

Ich habe so viel Liebe im Herzen, Harry! Sie gehört ganz Dir, der Mutter und der Erinnerung an »ihn«. Ich werde nie einen anderen lieben als Euch! Denn ich müßte sonst unglücklich werden. So aber werden wir alle vielleicht noch einmal froh.

    Deine Schwester Luise.«

Diesen Brief trug sie am nächsten Morgen selbst zur Post.

Dann nahm sie einen Bogen und schrieb:


Herrn Kommerzienrat Mohr!



Sie haben recht behalten: morgen nachmittag um 3 Uhr bin ich bei Ihnen. Und ich werde Gott danken, wenn man mich als Leiche von Ihnen trägt.

    Luise.«




IV


Gegen Abend des nächsten Tages suchte Kommerzienrat Mohr den Universitätsprofessor Mallinger auf, mit dem er im dritten oder vierten Grade durch dessen Frau irgendwie verwandt war.

Als das Mädchen ihn meldete, drehte sich der Professor langsam an seinem Schreibtisch um und befahl mit sonorer Stimme:

»Sagen Sie dem Herrn Kommerzienrat, daß ich mich zwar für mein morgiges Kolleg noch nicht vorbereitet habe, daß ich ihn aber trotzdem bäte, abzulegen und näherzutreten.«

Der Professor mochte ihn nicht; kannte ihn kaum; hatte trotz der vielen Jahre, die er in seinem Hause verkehrte, kaum fünf Worte mit ihm gewechselt.

Das lag daran: Mohr galt als Lebemann. Man sprach sogar von einem Verhältnis, das er seit Jahren unterhielt. Einen rechten Begriff vermochte der Professor zwar damit nicht zu verbinden. Aber er hatte es im Gefühl, daß es etwas Anstößiges war, etwas, was der Ehe, der Institution des Staates, ins Gesicht schlug. Und das genügte ihm, um ihm diesen Menschen unsympathisch zu machen. Hinzu kam: für Mohr lag der tiefste Sinn des Lebens im Geldverdienen. Das an sich nahm er ihm nicht übel. Im Gegenteil! Aber daß er das Geld so leicht wieder unter die Leute brachte, anstatt es zusammenzuhalten, daß er es oft sogar in Lokalen ließ, in denen Frauen zweifelhaften Rufes verkehrten, verurteilte er scharf. Was aber das Schlimmste war: dieser Mohr sah in einem Universitätsprofessor durchaus keinen Honoratioren, der ihm besonderer Verehrung wert erschien; ja, es hatte sich ereignet, daß er auf einem Diner beim Hofbankier Walther zuerst den Oberlehrer Sasse und dann erst ihn begrüßte.

Alles das trat wieder in seine Erinnerung, als das Mädchen jetzt seinen Namen nannte; dennoch stand er auf und ging ihm entgegen!

»Was führt denn Sie, Herr Kommerzienrat, zu so ungewohnter Stunde in die Arbeitsstube eines Gelehrten?« fragte er ihn, als er eintrat.

»Sie gestatten wohl, daß ich mich setze?«

»Ich hatte nicht die Absicht, Sie stehen zu lassen,« sagte der Professor, »obschon meine Zeit beschränkt ist, da ich morgen um acht Uhr Kolleg und nachmittags Stadtverordnetensitzung habe, bei der ich gelegentlich des Müllabfuhrverbots den Standpunkt meiner Fraktion zu vertreten habe, ohne mich bisher mit der für die Kommune wie im besonderen für die Hausbesitzer äußerst wichtigen Materie mit der nötigen Gründlichkeit befaßt zu haben.«

Dem Kommerzienrat war das, obgleich er selbst Häuser besaß, ohne freilich je über die Müllabfuhr nachgedacht zu haben, höchst gleichgültig. Wie gut, daß Leute da waren, die sich über solche Dinge den Kopf zerbrachen, dachte er. Wozu so ’n Professor nicht alles gut ist! Aber er sprach es nicht aus. Da der Professor jedoch eine Antwort erwartete, so tat er interessiert und sagte:

»Gewiß, verehrter Professor, in einer Stadt wie Berlin muß die Müllabfuhr ja eine bedeutende Rolle spielen.« Was zur Folge hatte, daß der Professor sich leidenschaftlich über dies Thema ausließ, worauf Mohr ihn mit den Worten unterbrach:

»Sehr interessant, Herr Professor, aber der Grund, aus dem ich hier bin und es wage, Ihre Zeit in Anspruch zu nehmen, ist ein anderer.«

»Bitte, bitte!« sagte der gekränkt. »Ich weiß ja, daß die Politik nicht in Ihr Fach schlägt; ich bin in der Tat sehr beschäftigt, also bitte.«

»Ich hatte das Thema ja nicht angeschlagen,« erwiderte Mohr bissig, »ich weiß auch nicht, ob Sie aufmerksam wären, wenn ich von meinen Angelegenheiten sprechen würde.«

Entsetzt wehrte der Professor ab.

Nun ja, das fehlte gerade, daß er ihn in seine Abenteuer einweihte. Ihm genügte, was ihm seine Frau gelegentlich beim Schlafengehen erzählte; die bezog ihre Nachrichten von der Dame, die Mohr seit Jahren das Haus führte; auf Details verzichtete er gern; ließ sie sich nicht einmal von seiner Frau erzählen, der er erst kürzlich jedes Gespräch mit »dieser Person«, die solche Dinge um sich duldete und sie weitertrug, verboten hatte. Seine Frau freilich war ihm über den Mund gefahren, hatte ihn verächtlich von der Seite angesehen und gesagt:

»Es ist schlimm genug, daß ich mich seit zehn Jahren mit diesen Geschichten begnügen muß. Dein Verhalten mir gegenüber als Ehemann ist nicht derart, daß du das Recht hättest, mir dies harmlose Vergnügen zu verbieten.«

Und daß er diese Vorwürfe dulden mußte, war der vierte und vielleicht ernsteste Grund, aus dem er den Kommerzienrat haßte.

»Sie wissen,« begann Mohr, »daß ich mich seit Jahren für Ihre Nichte, Luise Kersten, interessiere.«

Der Professor, der sich kaum gesetzt hatte, sprang auf:

»Herr Kommerzienrat, ich muß Sie bitten, das interessiert mich nicht; wie mich nichts mehr interessiert, was mit diesen Leuten in Verbindung steht. Ich habe angeordnet, und diese Anordnung erstreckt sich auf alle, die in mein Haus kommen, daß der Name« – er vermied, ihn auszusprechen – »hier nicht mehr genannt wird.«

»Sie können doch Frau und Kinder nicht für das verantwortlich machen, was der Vater gesündigt hat.«

»Sie scheinen nicht zu wissen, daß die Familie zu den weitgehendsten Opfern bereit war.«

»Davon ist mir allerdings nichts bekannt.«

»Diese Leute haben es aber unmöglich gemacht, daß jemand, der auf Reputation hält, sich überhaupt noch um sie bekümmert. Statt jede Erinnerung an diesen – nun ist er tot; de mortuis nil nisi bene, sonst würde ich sagen: Verbrecher – in den Kindern zu töten, wissen Sie, was diese Mutter da tut? Sie werden es nicht für möglich halten: sie führt ihn den Kindern noch als nachahmenswertes Beispiel vor Augen.«

»Dann muß man die Kinder dem Einfluß der Mutter entziehen«, erwiderte Mohr.

»Das wäre das beste«, sagte der Professor. »Wenn Sie jemand wissen, der das Opfer bringt und die Zeit hat. Das Vormundschaftsgericht hat sich natürlich an mich gewandt; ich sollte Gegenvormund werden; ich habe dankend abgelehnt.«

»Ich erfuhr es, und das ist auch der Grund, aus dem ich hier bin; um Sie zu bitten, Ihre Weigerung zu widerrufen.«

»Es wäre sündhaft von mir,« erklärte der Professor mit feierlicher Stimme, »wenn ich der Wissenschaft und der Kommune dieser Leute wegen auch nur eine Stunde meiner Wirksamkeit entzöge. Offen gesagt, ich verstehe überhaupt nicht, wie Sie nach alledem noch den Mut finden können . . .«

»Herr Professor!« sagte Mohr und mühte sich, feierlich zu erscheinen, »da reden Gefühle. Ich bin mir bewußt, daß es mich gesellschaftlich Opfer kosten wird . . . große . . . vielleicht vernichtende. Ich habe das alles erwogen. Aber wie gesagt: die Gefühle sind stärker. Muß es sein, so gehe ich aus Berlin heraus. Die Welt ist groß.«

Er mußte über sich selbst lachen, als er sich so sprechen hörte. Aber der Professor fuhr mit einem gewaltigen Ruck in die Höhe, stellte sich kerzengerade vor ihn hin, streckte ihm mit großer Würde die Hand entgegen und rief:

»Sie sind ein Held!«

Mohr lehnte die Huldigung ab. Einmal hatte das noch Zeit, bis er seinen letzten Trumpf ausspielte, und dann wußte er: je selbstloser er hier auftrat, um so sicherer kam er zum Ziel.

»Alle Liebe ist am Ende Egoismus, verehrter Herr Professor, und darum sind es auch alle Handlungen, die aus ihr entspringen.«

»Sie sind übermäßig bescheiden!« entschied der Professor und setzte sich wieder.

»Mir scheint kein Preis zu hoch für das, was ich fordere«, erwiderte Mohr. »Natürlich bin ich mit meinen 44 Jahren nicht mehr jung genug, um ohne Besinnung auf mein Ziel loszustürmen. Ich weiß, daß erst Gras wachsen muß über die furchtbaren Ereignisse der letzten Wochen.«

Der Professor stimmte zu.

»Ein, zwei Jahre vielleicht! Das scheint mir aber auch im Interesse der Zartheit und Jugend Ihrer Nichte zu liegen. Und Sie wissen ja, Herr Professor, wie schnell sich in einer Stadt wie Berlin alles vergißt. So wird auch das vergessen. In zwei Jahren denkt kein Mensch mehr daran.«

»Hoffentlich!« sagte der Professor.

»Was Ihre Nichte zunächst mal nach all den Aufregungen braucht, ist Ruhe und Schonung; es ist daher durchaus wünschenswert, wenn sich eine Zeitlang möglichst niemand um sie bekümmert. Ich weiß, das alles regt sie auf; selbst wenn es noch so gut gemeint ist.«

»Vor mir ist sie sicher«, sagte der Professor.

»Leider«, erwiderte Mohr. »Gerade von Ihrem Einfluß hatte ich so viel erwartet.«

Der Professor stand auf und gab abermals breit und feierlich eine Erklärung ab.

»Herr Kommerzienrat!« begann er. »Als Onkel und Senior der Familie habe ich natürlich das denkbar größte Interesse an der Rehabilitation der Familie Kersten. Daß diese vor den nächsten Reichstagswahlen erfolgt, ist für mich beinahe eine Lebensfrage. Denn ich weiß nicht, ob ich es ohne diese Rehabilitation mit meinem Gewissen werde vereinbaren können, vor meine Wähler hinzutreten. Diese Rehabilitation kann bei meinem Neffen nur durch besondere Leistungen, für die ihm meines Erachtens die sittliche Reife fehlt, bei meiner Nichte nur durch die Ehe mit einem Manne von Reputation erfolgen. Ich stehe nicht an zu erklären, und ich darf wohl für mich die Fähigkeit, Menschen zu beurteilen, in Anspruch nehmen, daß ich meine Nichte durch eine Ehe mit Ihnen als durchaus rehabilitiert betrachten würde.«

Mohr stand auf, reichte dem Professor die Hand und dankte ihm.

»Darf ich Ihre Zeit noch fünf Minuten in Anspruch nehmen?« fragte er.

»Ich bitte darum.«

»Sehen Sie,« begann Mohr, »mir liegt natürlich daran, daß diese Rehabilitation, von der Sie da sprachen, auch die träfe, zu denen ich durch die Ehe in ein näheres verwandtschaftliches Verhältnis trete; ich meine die Mutter und den Sohn.«

»Sehr begreiflich!« bestätigte der Professor.

»Ja, mir muß daran liegen, daß diese Rehabilitation stattfände, bevor ich offiziell . . .«

»Ich verstehe . . .«

»Das ist aber nur möglich, wenn jemand wie Sie als Vormund mit aller Energie die Geschicke dieser Leute lenkt und jeden Einfluß eines Dritten, wer immer es sei, ausschaltet.«

Das schmeichelte dem Professor; und das kam so deutlich auf seinem Gesicht zum Ausdruck, daß Mohr einen Augenblick lang fürchtete, er werde womöglich seinen Widerstand aufgeben und die Vormundschaft annehmen.

»Natürlich ist es bei Ihrer Position als Lehrer der akademischen Jugend, als Vertreter der Stadt wie als Parlamentarier . . .«

»Das letzte noch nicht«, berichtigte geschmeichelt der Professor.

»Nun, auch das ist ja wohl nur eine Frage der Zeit, einer recht kurzen, wie ich im Interesse des Ansehens unseres Parlaments hoffen darf.«

Der Professor krümmte dankerfüllt seinen breiten Rücken.

»Ich meine,« fuhr Mohr fort, »auf der einen Seite darf man Ihre wertvolle Kraft nicht der Allgemeinheit auf Kosten einer einzelnen Familie entziehen . . .«

Der Professor war begeistert. »Das habe ich auch gesagt! Und das war für mich das Entscheidende!« stimmte er zu.

». . . auf der anderen Seite aber verlangt eine Vormundschaft wie diese natürlich ein vollkommenes Aufgehen in den Interessen dieser Menschen, an denen Jahre hindurch schwer gesündigt wurde.«

»So ist es«, bestätigte der Professor.

»Ich höre nun, daß man Sie im Falle Ihrer Weigerung um Vorschläge gebeten hat, wer Ihres Erachtens wohl als Vormund in Frage käme. Nun . . .« – er stand auf und trat dicht vor den Professor hin – »ich bin, falls Sie mich für würdig erachten, bereit, diese Vormundschaft zu übernehmen.«

»Sie wollten!« rief der Professor und erhob sich.

»Vorausgesetzt, daß zwei Bedingungen erfüllt werden«, erwiderte Mohr.

»Die wären?« fragte er.

»Einmal muß jeder Einfluß eines Dritten aus der Familie ausgeschaltet werden.«

»Dafür stehe ich Ihnen ein,« versicherte der Professor, »und das zweite?«

»Ja, das zweite«, fuhr Mohr fort und setzte sich wieder. »Natürlich sorge ich dafür, daß die Familie unverändert in dem Stile fortlebt, in dem sie bisher gelebt hat.«

»Was?« rief entsetzt der Professor. »Wissen Sie auch, was das bedeutet?«

»Fünfzig- bis sechzigtausend Mark im Jahre, hat man mir gesagt«, erwiderte Mohr völlig gelassen.

»Und Sie wollen?« fragte der Professor und war ganz außer sich, fuchtelte mit der Hand in der Luft herum und schüttelte den Kopf.

»Ja!« sagte Mohr, als handle es sich um eine Bagatelle, »aber« – und nun legte er wieder Nachdruck in seine Worte – »nun kommt die zweite Bedingung: Ihr Neffe sowie die Mutter dürfen unter keinen Umständen wissen, daß das Geld von mir kommt.«

Der Professor sah ihn erstaunt an.

»Von mir werden sie ’s nicht erfahren«, sagte er.

»Ihre Nichte wünscht das so,« erläuterte Mohr, »und ich weiß nicht, weshalb man ihr diese belanglose Bitte nicht erfüllen soll. Die Empfindsamkeit der Mutter, Sie verstehen, die darunter litte; und dann der Bruder – nun, er mag mich nicht, würde das Geld von mir nicht nehmen, womöglich seinen Beruf aufgeben . . .«

»Das soll er nur!« unterbrach ihn der Professor. »Das ist das Gescheiteste, was er tun kann.«

»Ihre Nichte hängt mit ganz besonderer Liebe an ihm. Ihr sehnlichster Wunsch ist es, daß er Maler wird! Mag er also bleiben, wo er ist. Und was liegt schließlich daran, wenn der Junge glaubt, das Geld kommt von Ihnen.«

Der Professor wehrte entschieden ab.

»Von mir unter keiner Bedingung; wenn das jemand erfährt, was sollte man davon denken, daß ich diese Leute unterstütze. Aber Geheimrat Walther wird das gern an meiner Stelle übernehmen. Ich verbürge mich sogar dafür, daß er es tut. Er ist Spezialist in der Kunst, auf Kosten anderer wohltätig zu sein. Und dann nimmt es diese Frau auch lieber von ihm als von mir – sie hat ihre Gründe dafür – verlassen Sie sich darauf. – Nein! Glück haben die Leute! Wahrhaftig mehr als sie verdienen.«

»Ich darf also damit rechnen?«

»Sie dürfen!« erwiderte der Professor. »Ich gehe noch heute zum Vormundschaftsgericht und erledige alles; auch das mit meinem Schwager.«

Dann wurde er zum drittenmal feierlich, stellte sich kerzengerade, warf den Kopf zurück und sagte: »Und nun will ich in unser aller Interesse hoffen, daß Sie für die gewaltigen Opfer, die Sie bringen, auch Dank ernten.«

Mohr grinste über das ganze Gesicht. Das Geschäft war perfekt.

»Darauf können Sie sich verlassen!« erwiderte er. »Ich sorge schon, daß ich nicht zu kurz dabei komme.« Dann reichte er dem Professor die Hand und verabschiedete sich.

»Wie man sich doch manchmal im Menschen täuschen kann«, sagte der Professor, als Mohr draußen war, und vertiefte sich wieder in seine Akten über die städtische Müllabfuhr.

Mohr stieg in sein Automobil. Er hatte die Bedingungen erfüllt, die Luise stellte, den Kaufpreis bezahlt. Es war nur natürlich, daß er bei den großen materiellen Opfern, die er nun bringen mußte, auch an sich dachte, ihr Vormund wurde, sich das Verfügungsrecht über sie sicherte und so jede Einwirkung und Kontrolle eines Dritten ausschaltete.




V


Frau Fanny war mit dieser Regelung sehr zufrieden. Von allen Verwandten war ihr der Geheimrat Walther immer noch der liebste, denn er allein hatte hin und wieder so etwas wie einen großen Zug – im Gegensatz zu jener philiströsen Korrektheit und Beengtheit, die ihr an dem Oberlehrer und Professor so zuwider waren.

Auch daß sie den Geheimrat wie die übrige Familie erst am Tage, an dem Luises Verlobung mit Kommerzienrat Mohr offiziell wurde, wiedersehen sollte, war ihr sympathisch. Denn an diesem Tage – so glaubte sie – zahlte Mohr alles Geld, das der Geheimrat verauslagt hatte, zurück, so daß sie kaum noch nötig hatte, sich besonders bei ihm zu bedanken.

Wofür auch? Bürgte ihm Mohr doch selbst für den Fall, daß diese Verlobung aus irgendeinem Grunde zu keiner Ehe führte. Und darin lag für sie der beste Beweis für die große und aufrichtige Liebe ihres Schwiegersohnes, der bei der Launenhaftigkeit und Jugend Luises durchaus mit dieser Möglichkeit rechnen mußte.

Bis zur offiziellen Verlobung durfte Mohr auf Luises Wunsch und sehr gegen den Willen der Mutter ihr Haus nicht betreten und mußte alles, was er in seiner Eigenschaft als Vormund zu verrichten hatte, auf schriftlichem Wege erledigen. Nicht einmal sprechen durfte sie von ihm, wenn Luise nicht selbst davon anfing; das hatte sie ihrer Tochter versprechen müssen; und die hatte es damit begründet, daß ja nicht einmal Harry etwas von dieser Verlobung wußte.

Luise aber hatte keine ruhige Stunde mehr. Daß sie ihr ganzes Leben nun auf eine große Lüge stellte, drückte sie nicht. Das machte sie gern mit sich ab. Denn Lügen war hier gleichbedeutend mit Sich-Opfern; und sie wußte, daß dies Opfer in dem Augenblick seinen Zweck verlor, in dem die, denen es galt, darum wußten.

Was ihr geschehen war, das konnte ja nie ein Mensch begreifen; selbst die Mutter nicht. Wenn sie jetzt an ihr Herz flog und ihr alles erzählte, ihr sagte, was sie litt – die würde es aufnehmen, wie es eben eine Mutter aufnimmt; würde es für ihre Pflicht halten, zu begreifen, zu verzeihen, zu trösten, wiederaufzurichten. Ja, es wäre jene große, tragische Szene, die sie aus dem Leben, aus Dramen und Romanen kannte, bei der jede gute Mutter ihre große Stunde hat, in der sie sich für wenige Augenblicke über das Alltägliche erhebt und zur Tragödin wird.

Aber im Leben war am Ende doch immer die Mutter die Gerührte. Entweder das Kind war glücklich in seiner Sünde, dann stürzte es sich nur um so freier in die Arme des Geliebten; oder aber in ihm war etwas gebrochen; und dann konnte auch alle Rührung einer Mutter nichts mehr helfen.

Und was konnte von dem, was ihr geschehen war, die Mutter begreifen? Sie hatte einmal ein Buch voll Grauen gelesen, in dem die Heldin das Produkt eines Mörders und einer Dirne war. Als auf dem Richtplatz die Henker nach verzweifelter Gegenwehr den Mörder niederrangen und er sich verloren sah, da hatte dieser gewalttätige Mensch, der im Leben nie eine Rührung kannte, wie ein gequältes Kind dreimal, ehe der Kopf fiel, laut »Mutter!« geschrien! Und allen, die herumstanden, Staatsanwälten, Richtern, Zeugen, Henkern und deren Knechten was es kalt über den Rücken gelaufen.

Als dieser Mohr über sie herfiel, da hatte sie sich triebmäßig zur Wehr gesetzt. So fest sie entschlossen war, alles zu ertragen; sie hatte jede Macht über ihren Willen verloren und wie eine Verzweifelte gekämpft, die um ihr Leben rang; zwecklos, das wußte sie; und sie hätte auch jede Hilfe, die sich zu ihrer Befreiung bot, zurückgewiesen. In ihrer höchsten Not hatte sie, kaum noch bei Bewußtsein, den Kopf gehoben und mit zitternder Stimme »Vater, Vater!« gerufen.

Sie fühlte deutlich, daß in diesem Augenblick etwas in ihr zerbrach. Ihre Augen standen unbeweglich; aber die Tränen, die sie weinte, flossen ins Herz. Ihre Mädchenträume, an denen sie mit großer Liebe hing und an die sie noch nach des Vaters Tode mit der ganzen Tiefe eines unschuldsvollen Herzens glaubte, begrub sie in dieser Stunde, in der sie deutlich fühlte, daß sie eine andere wurde.

Alles, was sie im voraus gelitten hatte, verblaßte neben der Wirklichkeit.

Luise wußte nun, wie einem Menschen in der Stunde seiner Hinrichtung zumute war. Eine Abschlachtung war es gewesen; alles, was in ihr an Stolz, Mut, Freude, Hoffnung lebte, war tot. Jedes unmittelbare Gefühl erstorben. Sie konnte wohl noch anderen nachempfinden; sich auch im Geiste vorstellen, wie dieser oder jener Vorgang auf sie wirken würde, wenn sie noch die wäre, die sie damals war; ohne Mittelung des Verstandes aber war sie keines Gefühles mehr fähig.

Das schlimmste aber war: jedesmal, wenn sie wieder zu ihm mußte, ging sie mit dem Bewußtsein völliger Empfindungslosigkeit. Jedesmal aber verstand er es von neuem, sie zu peinigen und zu quälen. Und indem er klug berechnend gerade das, was sie am meisten an ihm haßte, bei jeder Begegnung fast unmerklich steigerte, brachte er sie jedesmal von neuem in Aufruhr und reizte sie dann so lange, bis sie sich in hellem Zorne doch wieder gegen ihn auflehnte. —

Und diese Qualen, von denen der Tod den armen Sünder für immer befreite, litt sie nun, so oft sie zu ihm ging, von neuem.

Die Mutter, die ihr elender Zustand erschreckte, drang darauf, daß der Hausarzt kam und sie untersuchte.

»Ersparen Sie sich die Mühe,« sagte Luise ihm und heuchelte Glück, »ich will es Ihnen verraten – aber Sie dürfen der Mutter nichts sagen . . .«

»Ich weiß schon,« lächelte der Arzt und Weltmann,

»Sie haben einen Geliebten.«

Luise nickte, sah zu Boden: »Ja!« sagte sie leise – »ich habe einen Geliebten.«

»Sie dürfen sich auf meine Diskretion verlassen. Natürlich werde ich etwas verordnen« – er streifte mit zwei Fingern die Augenlider nach unten – »Eisen, das kann auf keinen Fall etwas schaden. Aber«, fügte er mit ernster Miene hinzu und fühlte den Puls, »Sie dürfen dem Genuß, den ich Ihnen bei der nötigen Vorsicht ja gewiß gönne, nicht Ihre Gesundheit opfern. Ich begreife ja durchaus, zumal wenn man jung und leidenschaftlich ist; aber Maß, meine teure Freundin; das Leben ist lang, und man soll sich die Freuden deshalb auch möglichst lange erhalten.«

Dann verabschiedete er sich; ging vor zur Mutter, die ihn mit ängstlichem Gesicht erwartete.

»Nun, was fehlt ihr? Ist sie krank? – Um Himmels willen, Sie machen ein so ernstes Gesicht.«

Der Sanitätsrat setzte wieder das überlegene Lächeln des Weltmannes auf, faßte Frau Fanny leicht um die Schulter und beruhigte sie.

»Sorgen Sie dafür, daß Ihre Tochter bald unter die Haube kommt; für ihr Leiden gibt es nur ein Mittel, die Ehe.«

Dann ging er.

»Gott sei Dank!« sagte Frau Fanny laut und holte tief Atem. Und in Gedanken setzte sie hinzu: Wie gut sich das doch alles fügt; sie dachte an Mohr; er wird sie schon glücklich und gesund machen. —

Manchmal vergingen Tage, ohne daß Luise ihn sah.

Dann kamen wohl Stunden, in denen sie sich nach ihrem früheren Leben sehnte. Alles lebte dann wieder auf, was längst vergessen war; die langen Sommertage im Atelier des Vaters; sie hatten ja beide das Leben so lieb und konnten sich mit allem freuen wie die Kinder. Wenn es dunkel wurde, und Vater hatte nicht mehr Licht genug zur Arbeit, dann stiegen sie zum Dachgarten hinauf, saßen und schwiegen – über sich den Himmel, unter sich die Riesenstadt; ersannen Geschichten, die sie sich gegenseitig erzählten, die von Menschen handelten, die das Glück suchten und es immer fanden, wenn sie sich selbst nur treu blieben. Das schien so einfach und natürlich, daß sie fest daran glaubte und gar nicht dachte, daß es je anders kommen könnte. Daher die Feiertagsstimmung, in der sie lebte; daher die leuchtenden Augen und das freudvolle Herz, das sich nie die Zeit verwünschte und geduldig hoffte.

Häufig brach der Vater, der die Gedanken seines Kindes kannte, das Schweigen mit den Worten:

»Wer wird es werden? Doch ein Künstler?«

»Hoffentlich!« gab sie zur Antwort. »Denn wenn es ein Mensch ist, der in Zwang und Vorurteilen steckt, dann paßt er nicht zu dir und zu Harry.«

»Und zu dir?« fragte der Vater.

»Wie sollte er zu mir passen, wenn ihr euch nicht versteht?« fragte sie treuherzig.

Und wenn der Vater die Arme um sie legte und die Zukunft malte und erzählte, wie nur er erzählen konnte, so daß man alles glauben mußte, was er sagte, dann gab es keine Zweifel mehr, dann gewann alles Gestalt, dann schien, was sie hoffte und sann, der Erfüllung nahe.

An alles das dachte Luise mit so großer Innerlichkeit, daß sie erst jetzt den Brief bemerkte, den der Diener vor sie auf den Tisch gelegt hatte.

Von Harry! Sie griff danach und hing dabei noch ganz in ihren Gedanken; öffnete und las:


»Liebe!



Denke Dir, mein Freund, der junge Aletto, von dessen Begabung schon der gute Vater so große Stücke hielt, – der sich mit soviel Güte und Herz müht, mir über alle Traurigkeit hinwegzuhelfen, dieser prächtige Aletto, ohne dessen Freundschaft ich jetzt, wo ich Euch allein und traurig weiß, die Trennung kaum ertragen würde – dieser Aletto liebt Dich!

Ich hatte es längst gemerkt. Wenn wir des Abends beisammensaßen und mit dem Essen fertig waren, ohne daß von Dir die Rede war, dann wußte ich schon immer: jetzt bringt er das Gespräch auf irgendeine, oft recht ungeschickte Art auf Dich. Ich muß ihm dann von Dir erzählen – oft bis in den Morgen hinein, und er sitzt dabei und sieht mich an mit Augen, in denen sein ganzes Herz liegt.

Du weißt, ihm allein gebe ich mich, wie ich bin. Und Du begreifst daher, daß er auf diese Weise manches Gute über Dich zu hören bekam. Ich wollte schon, als ich jetzt in Berlin war, mit Dir davon sprechen. Aber der traurige Anlaß und die kurze Zeit schienen mir ungeeignet.

Als ich wieder nach Rom kam, holte er mich von der Bahn, und in seinen Augen standen tausend Fragen nach Dir. Und so sagte ich ihm – ehe er mich fragte: »Es geht ihr gut.«

Aber ich merkte schon, als wir vom Bahnhof aus zu mir nach Hause fuhren, daß er irgendeine große Freude mit sich herumtrug, und daß es ihm schwer fiel, mir nicht davon zu sprechen.

Je näher wir zur Villa kamen, um so deutlicher sah ich es.

»Laß mich vorausgehen«, sagte er, als wir zu Hause waren. Er riß alle Vorhänge auf, schob die Gardinen zur Seite und führte mich vor eine Staffelei, auf der in Lebensgröße . . . Dein Bild hing. Er hatte es, während ich fort war, aus dem Gedächtnis, mehr wohl noch aus dem, was ich ihm von Dir erzählte – denn Ihr saht Euch ja nur ein einziges Mal – auf die Leinewand gebracht.

»Wer ist’s?« rief er. Ich sah ihn nie strahlender, obschon so etwas wie ein Bangen in seinen Augen lag; er sorgte, ich könnte Dich nicht erkennen.

»Sie!« sagte ich nur, und er drückte mir die Hand und sagte mit Tränen in den Augen:

»Nicht wahr, so sieht sie aus?«

Ich habe nie ein Bild gesehen, in dem mehr Seele lag. Ich habe Stunden vor diesem Bilde gestanden; und so wenig ähnlich es nur im ersten Augenblicke schien – ich kann seitdem nicht mehr an Dich denken, ohne daß in meiner Vorstellung dies Bild aufsteigt.

Und dann sprach er zum ersten Male ganz offen mit mir von seiner Liebe.

Du sollst ihn genau kennenlernen und Dich dann entscheiden; ganz unabhängig von unserer Freundschaft; unabhängig auch von seinem Namen und seiner Kunst, die in so vielem an die unseres guten Vaters erinnert. Du sollst in ihm nur den Menschen sehen, obschon der ja von seiner Kunst kaum mehr zu trennen ist.

Weihnachten will er mich nach Berlin begleiten; jetzt ist der Oktober noch nicht zu Ende. Du hast Muße, Du Gute, Liebe, Dich mit dem Gedanken vertraut zu machen. Ich küsse Dich in brüderlicher Liebe!

    Harry.«

Das also war das Glück!!

Es kam zu spät. – Sie verbarg das Gesicht in den Händen. Denn nun fühlte sie deutlich, daß es für sie gestorben war.




VII


Frau Fanny litt unter dem veränderten Wesen ihrer Tochter; die Diagnose des Hausarztes genügte ihr auf die Dauer nicht; diese völlige Wandlung mußte einen andern Grund haben. Sie quälte ihr Kind, bat es, doch offen zu sein, sich mit ihr auszusprechen, beobachtete sie und suchte auf alle Weise hinter ihr Geheimnis zu kommen.

So wurden selbst die Stunden zu Hause für sie zur Qual.

An Harry schrieb Luise:

»Ich lese Deinen Brief alle Tage; schilt mich nicht kindisch, wenn ich Dich bitte, mir nicht mehr zu schreiben, ehe Ihr kommt. Sieh, so lebe ich in der Stimmung fort, in die ich durch Deine Zeilen kam. Und das ist, glaube ich, gut so. Aus Deinen Karten an die Mutter lese ich, daß es Dir gut geht; was brauche ich mehr zu wissen, da ich ja Deinen Eifer, Dein Herz und Deine Gesinnung kenne.« —

Aber auch Mohr merkte diese Veränderung; alle Mühe, die er sich mit ihr gab, blieb fruchtlos. Ihr Widerstand war gebrochen, mochte er sie reizen, wie er wollte. Er sann Tag für Tag nach neuen Scheußlichkeiten, peinigte sie maßlos und ohne Erbarmen, verhöhnte und verspottete sie – aber sie blieb gleichgültig, kalt und empfindungslos.

»Glaube ja nicht, daß du mich los bist, wenn das Jahr um ist!« brüllte er sie eines Tages an, als sie im Begriff war, von ihm zu gehen.

»Es war so ausgemacht!« erwiderte sie kalt.

Er lachte laut auf.

»Habe ich es dir vielleicht schriftlich gegeben? Und selbst wenn: Abmachungen, die gegen die guten Sitten verstoßen, sind nichtig.«

»Ich wußte, daß Sie ein Schuft sind!« sagte sie völlig ruhig.

»Vielleicht paßt es mir, dich ein paar Monate länger zu behalten.«

»Sie wissen, daß ich Sie kompromittieren kann, wenn ich rede.«

»Nicht mehr als dich selbst.«

»Ich habe nichts mehr zu verlieren«, erwiderte sie.

»Oho!« sagte er, »liegt dir plötzlich gar nichts mehr an dem Renommee deines Bruders und deiner Mutter, um das du dich bei mir nun schon seit Monaten abrackerst?«

»Was soll das heißen?« erwiderte sie und erschrak.

»Ja!« grinste er laut, »du bist ein schlechter Geschäftsmann, Schatz! – Mir liegt nicht etwa daran, mich um das Geld herumzudrücken. In punkto Liebe bin ich empfindlich und lasse mir nichts schenken. Aber was glaubst du wohl, was geschieht, wenn dein Bruder von der Herkunft des Geldes etwas erfährt.«

Luise sah ihn entsetzt an. Und Mohr fuhr fort:

»Er würde auf der Stelle die Malerei an den Nagel hängen und nur noch einen Gedanken haben: Geld verdienen, um mir Heller und Pfennig dieses Sündengeldes« – er unterstrich dies Wort, um sie zu reizen –  »zurückzuzahlen.«

Luise sah, wie alles vor ihren Augen sich drehte; sie wankte; er stand auf und nahm sie in seine Arme.

»Entsetzlich!« stieß sie mühsam hervor; »dann war ja alles umsonst!«

»Durchaus nicht!« erwiderte er. »Du wirst mir, falls ich Lust verspüre, einfach ein bißchen länger gefällig sein, als du dachtest. Das ist alles. – Im übrigen halte ich mein Wort; wie ich es jeden Monat bisher gehalten habe. Und wenn das Jahr um ist, gibt’s statt der erwarteten Verlobung die zwischen uns vereinbarte Abfindung.«

Er hielt sie noch immer im Arm; drückte ihren Kopf an seine Schulter, sah sie frech an und fragte:

»Was also wirst du tun?«

»Schuft!« stieß sie wieder hervor.

»Haßt du mich nun?« fragte er sie.

Luise schüttelte sich:

»Du bist ein Tier, vor dem man sich ekelt.«

»So ist’s recht!«

Sie suchte sich zu befreien, aber er schloß sie fest in seine Arme.

»So mag ich dich!« kläffte er mit heißem Atem und küßte sie; immer leidenschaftlicher, je mehr sie sich sträubte.




VIII


Am 20. Dezember kam Harry mit Aletto nach Berlin. Frau Fanny und Luise erwarteten sie an der Bahn.

Aletto war rot und verlegen wie ein Knabe, als er Luise die Hand reichte. Sie sah ihm fest in die Augen, und er sah zur Erde – beschämt wie ein Kind.

»Gratulier’ ihm!« rief Harry seiner Schwester zu. »Er hat auf der Weihnachtsausstellung den ersten Preis für das Porträt eines jungen Mädchens erhalten; etwas ganz Außergewöhnliches für einen Dreißigjährigen. Aber das Bild hat’s verdient.«

Harry ließ die Mutter los, trat zu Luise und sah ihr ins Gesicht.

»Teufel, ja!« rief er, »Du bist dem Bilde in den paar Monaten wahrhaftig ähnlich geworden. Aber so sahst du früher nicht aus.« Er ließ nicht einen Blick von ihr. »Wie ist denn das nur möglich, in den paar Wochen?«

»Laß sie nur!« sagte die Mutter. »Sie hört es nicht gern.«

Dann stiegen sie in den Wagen und fuhren nach Hause.

»Es ist kalt bei euch geworden«, sagte Harry, als er durch die Räume schritt.

»Der gute Vater fehlt«, meinte Frau Fanny.

»Gewiß!« bestätigte Harry. »Aber auch ihr seid anders, als ihr früher war’t. Es ist, als wenn mit ihm alles Leben hier ausgelöscht wäre.«

»Es sind kaum drei Monate, daß er tot ist«, vermittelte die Mutter.

»Aber ist denn gar nichts von ihm zurückgeblieben!« rief er ganz verzweifelt. »Es ist, als wenn er nie gewesen wäre!«

»Wir haben genug geweint!« klagte Frau Fanny.

»Das hat er nicht gewollt«, sagte er vorwurfsvoll. »Ihr mußtet euch wehren. Dazu gehört mehr Kraft! Wie ich es tat; mußtet gegen eure trüben Gedanken ankämpfen, statt sie weiterzuspinnen. Vor allem du, Luise, mußtest dir deinen frohen, heiteren Sinn erhalten, den er so an dir liebte.«

Luise sprach kein Wort. Er nahm ihre Hand und sagte: »Es war Zeit, daß ich kam. Nun aber bleibe ich und gehe nicht eher, als bis du wieder die alte bist.«

Dann ging er auf sein Zimmer.


– — – — – — – — – —

Sie saßen am dritten Nachmittage oben im Atelier des Vaters: Luise, Harry und Aletto.

Auch heute gelang es Harry wieder, die Lebzeit des Vaters so deutlich zu gestalten, die Atmosphäre so völlig mit der Wärme seines Herzens zu erfüllen, daß die Erinnerung in allen gegenständlich wurde.

Und indem so Vergangenes gegenwärtig wurde, fühlte man auch die Empfindungen von damals wiederkehren. Und die hielt er fest, belebte und vertiefte sie, bis aus ihnen alte Hoffnungen neu erwachten.

Dann kam es, daß sich Luises Starrheit löste, ihre Augen lebten, ihre Träume wiederkehrten und ein Bild ihrer Zukunft entstand, ganz wie damals, als der Arm des Vaters sie umschlungen hielt.

Und Aletto stand vor ihr mit leuchtenden Augen, schüchtern wie ein Knabe, nahm sie leicht am Arm, kaum daß sie’s merkte, und gelobte still, daß er sie lieben werde bis an sein Ende.

Und am dritten Tage stürzte er vor sie hin und sagte ihr alles; leidenschaftlich mit vielen Worten.

»Du bist die Erfüllung!« hauchte sie nur; fuhr ihm mit der Hand übers Haar, sah ihm tief in die Augen: »Du! – Ja, ich liebe dich!«

Dann plötzlich – als wäre ein Blitz in sie gefahren – fiel alle Freude von ihr ab; wich alle Spannung; die Augen stierten glanzlos; starr wie in Todesangst; das Gesicht wurde aschgrau, zuckte und verzerrte sich; der ganze Körper geriet in zitternde Bewegung; sie spreizte die Finger; riß die Lippen auseinander – wollte schreien. Kein Ton kam – alle Glieder wurden steif, sie schlug wie ein Brett nach vorn über und blieb regungslos liegen.

Sie trugen sie in ihr Zimmer und legten sie auf die Chaiselongue. Es dauerte wohl eine Stunde, ehe die Besinnung wiederkehrte. Sie lehnte den Arzt ab: bat so dringend, Aletto zu sprechen, daß man ihn zu ihr ließ.

Aletto kam, ängstlich um sie besorgt, und konnte doch das Glück nicht unterdrücken. Sie hatte ihm ja gesagt, daß sie ihn liebte – sie hatte ihn »du« genannt.

»Ganz dicht neben mich müssen Sie sich setzen – es darf uns niemand hören«, sagte sie.

Aletto nahm ein Kissen; trug es vor die Chaiselongue und setzte sich zu ihr.

»Sie müssen mich ruhig anhören. Ganz bis zu Ende! Versprechen Sie mir das?«

»Wie können Sie zweifeln?« gab er zur Antwort.

»Ich muß Ihnen wehe tun« – er erschrak – »aber ich habe Sie lieb.«

Er nahm ihre Hand und wollte sie küssen; aber sie zog sie zurück.

»Hören Sie mich an!« und nun begann sie:

»Der Vater starb . . .« und sie schilderte ihm den ganzen Jammer, der hinter ihr lag.

»Und nun wissen Sie’s!«

Aletto schluchzte wie ein Kind; er saß vor ihr auf den Knien und preßte den Kopf in die Hände:

»Sie tun mir leid«, sagte sie; dann richtete sie Alettos Kopf hoch und sah ihm voll Rührung in die Augen.

»Bin ich Ihre erste Liebe?« fragte sie zaghaft.

Er sah sie groß an und nickte.

»Ja!«

Da ließ sie seinen Kopf los, wandte sich zur Seite und weinte bitterlich.

Auch er war ja der erste, den sie liebte!

Nach einer Weile sagte sie: »Es ist sehr schwer für mich, daß ich Ihnen so wehe tun muß; ich hätte Sie lieber glücklich gemacht – — aber Sie sind jung; Sie werden es verwinden.«

Doch Aletto dachte nicht an sich.

»Was müssen Sie durchgemacht haben!« klagte er.

Sie setzte sich auf, bewegte leicht den Kopf und hauchte: »Ja! – Ich habe gelitten.«

»Sie müssen hier heraus – so schnell wie möglich – weit fort – wo Sie nichts erinnert.«

Sie sah ihn mit Augen, in denen kaum noch Leben lag, an und sagte mit einer Stimme, die schwer und müde war:

»Sie vergessen – ich kann nicht – ich bin gebunden!«

Er wandte sich ab.

»Steigt Ihnen nun der Ekel auf?« fragte sie. »Und wenn es ginge: es wäre zu spät.«

Aber Aletto widersprach:

»Kein Mensch, der fühlt, kann Sie verurteilen . . . Sie haben sich aufgeopfert!«

»Gewiß!« sagte Luise. »Aber ich habe mehr getan: ich habe mich aufgegeben. Glauben Sie nur, es ist zu spät; ich weiß das – ich fühle das!«

»Sie müssen vergessen!« sagte er. »Sie brauchen jemand, bei dem Sie sich alles vom Herzen weinen, bis die toten Gefühle wieder lebendig werden; einen Menschen, der Sie lieb hat, brauchen Sie.«

Sie schüttelte den Kopf, sah ihn wehmütig an:

»Sie sind ein Kind!« sagte sie.

»Möglich; aber ich fühle, daß meine Liebe zu Ihnen stark genug ist.«

Weiter kam er nicht. Sie sprang auf, stürzte auf ihn zu:

»Aletto!« schrie sie; »wissen Sie, was Sie reden? Begreifen Sie, was das bedeutet? Bringen Sie mich nicht ganz um meinen Verstand.«

»Ich liebe Sie!« wiederholte er mit großer Bestimmtheit.

»Wollen Sie mich zu Ihrer Frau machen – sind Sie bei Sinnen? Ich sagte Ihnen doch, was mit mir vorgeht – daß ich für Geld – nicht einmal – Dutzende von Malen – daß ich beschmutzt bin, da – bis oben hin —«

»Das sind Sie nicht!«

»Ich bin es!« rief sie.

»Nicht für mich«, gab er zur Antwort.

»Aber für die Welt!«

»Was liegt an der!« erwiderte Aletto.

»Sie leben in ihr.«

»Ich brauche sie nicht!«

»Das ist eben Ihr Irrtum! Sie brauchen sie wie jeder andere auch. Ja! Eine Strecke lang – heute und morgen, da geht’s ohne sie. Aber eines Tages, da kommt die Reaktion. Bei einem früher, beim andern später! Aber sie kommt!«

»Dann werde ich der erste sein!« beteuerte er.

»Das hat schon mancher gedacht.«

»Ich will doch sehen,« sagte er trotzig, »ob ich mir meine Eigenart der Welt gegenüber nicht erhalten kann!«

»Schwärmer!« sagte Luise. »Bisher ist noch jeder daran gescheitert, der den Versuch nicht rechtzeitig aufgegeben hat.«

Und nach einer kurzen Weile fuhr sie fort:

»Das ist ja gerade die große Traurigkeit im Leben, daß Sie und ich und wir alle, die wir mit unserer Eigenart nicht recht hineinpassen in diese Welt, uns schließlich doch in irgendeiner Form in sie hineinzwängen müssen.«

»Es gibt Ausnahmen!« warf Aletto ein.

»Es gibt keine!« sagte sie bestimmt. »Wenn es je einen Menschen gab, der unbekümmert um die Welt sein Leben lebte, so war’s mein Vater. Sie kannten ihn. Und was war der Schluß?« Sie änderte ihre Stimme und sprach ruhig: »Ich hätte es nie geglaubt – aber als es darauf ankam, versagte auch er – so weit reichte sein Mut nicht, die öffentliche Ächtung ertrug er nicht.« – Sie machte eine Pause. – »Und was er zurückließ?« – Sie zuckte leicht zusammen und wies auf sich: »Es steht vor Ihnen – wenn er mich heut’ so sähe, ich glaube nicht, daß er gegangen wäre . . . Er würde die Welt mit anderen Augen sehen – wie ich sie anders sehe – seit jenem Tage . . . da ich das wurde, was ich heute bin.«

Aletto wandte sich ab.

»Und nun denken Sie, es wäre Ihr Kind, das so vor Ihnen stände, wie ich jetzt . . . das so wurde, weil Sie . . .« – weiter sagte sie nichts – »was würden Sie tun?«

Aletto fuhr zusammen. »Ich würde mich umbringen!« schrie er leidenschaftlich.

Um Luises Mund zuckte ein Lächeln. »Und die Frau wollen Sie zur Mutter Ihrer Kinder machen?« fragte sie bitter.

Aletto blieb die Antwort schuldig.

»Sehen Sie’s nun? Aber sprechen wir heute nicht weiter«, sagte sie.

»Und morgen?« fragte er treuherzig.

»Wenn Sie dann noch wollen; ich tue gern alles, um Ihnen über die Enttäuschung hinwegzuhelfen.«

»Ich will!« sagte er mit großer Bestimmtheit. »Denn ich werde morgen nicht anders denken als heute.« Er griff nach ihrer Hand.

»Einen Augenblick noch«, bat sie ihn. »Denn nun muß ich Ihnen auch sagen, weshalb ich Ihnen das alles erzähle.«

Aletto verstand sie nicht.

»Ich habe nämlich eine große Bitte«, sagte sie.

»Sie dürfen von mir fordern, was Sie wollen«, erwiderte Aletto.

»Sie besitzen Vermögen?« fragte sie ihn.

»Genug, um ganz meiner Kunst leben zu können.«

Luise war enttäuscht. »Dann wird es freilich kaum möglich sein«, sagte sie.

Aber Aletto hatte längst ihre Gedanken erraten.

»Es ist nicht nur möglich, es ist gewiß!« sagte er freudig.

»Was?« fragte Luise erstaunt.

»Ich gehe noch heute zu diesem Kommerzienrat! Ich übernehme alles! Sie sehen mich erst wieder, wenn das geordnet ist,« rief er ganz glücklich, nickte ihr zu und ging.

Luise stand und sah ihm nach und rührte sich nicht.

»Hätte ich doch an ihn gedacht!« schluchzte sie.




IX


Kommerzienrat Mohr saß in seinem Privatkontor und las in einem Brief, der schwarz umrändert war. Die letzte Seite las er laut. Er tat das stets bei Dingen, die ihm wichtig waren oder Freude machten.



»Ich kann auch heute nicht schließen, ohne Ihnen für alles Gute, das Sie an uns tun, von Herzen zu danken.

Wo wären wir heute ohne Sie! Ich muß es immer wieder bedauern, daß sich Menschen im Verkehr so wenig kennenlernen. Das kommt wohl daher, daß gerade die Besten selten aus sich herausgehen, wenn sie unter Menschen sind. Hätte meine Luise Sie früher gekannt – so, wie sie Sie heute kennt —, sie hätte schon damals freudig in Ihre Werbung gewilligt.

Welch gütiges Geschick, daß Ihre Liebe standhaft blieb! Weiß ich doch mein Kind geborgen!

Ihre dankbar ergebene

    Frau Professor Fanny Kersten.«

Er schnalzte mit der Zunge und schob den Brief in eine kleine Mappe, in der er die »Korrespondenz Professor Kersten« aufbewahrte. —

Ganz schmerzlos wird das eines Tages kaum enden, dachte er. Ich hasse sentimentale Liebschaften; wenn aber die Gefühlswalze gar von der Mutter aufgezogen wird, dann geht’s selten ruhig ab. Er stand auf.

Auf alle Fälle: es war der Mühe wert. So viel Stolz und Widerstand hatte ich selten bei einer Frau zu brechen. Und wie schnell sie den Wesenszug meines Charakters erkannt hat. Haß hat gute Augen. Seitdem müht sie sich ab, möglichst gleichgültig zu erscheinen. Und ich habe doppelte Arbeit.

Er ging im Zimmer umher.

Ein Diener kam und meldete Herrn Aletto aus Rom.

Mohr zog die Schultern in die Höhe.

»Darf ich ihn vorlassen, Herr Kommerzienrat?«

»Unsinn! Ich kenne ihn nicht; wer hat ihn herbestellt?« fragte er wütend.

»Er sagte, er käme in persönlicher Angelegenheit.«

»Das kann jeder Esel sagen. In welcher?«

»Darüber könne er nur mit dem Herrn Kommerzienrat selbst sprechen!«

»Schicken Sie ihn ins Sekretariat – oder sonstwo hin.«

»Das habe ich versucht – aber er macht es so dringend . . .« Im selben Augenblick öffnete sich die Tür und Aletto trat ein.

»Sie werden mich nicht abweisen!« sagt er bestimmt; »ich bin . . .«

»Das werden wir sehen«, unterbrach ihn Mohr; »was ist das für eine Kühnheit! Hier meldet man sich an – dazu sitzt mein Sekretär im Vorzimmer und verteilt Besuchszeiten . . . Sie befinden sich hier in keinem Trödelladen, wo jeder ein- und ausgeht, wie’s ihm paßt.«

»Ich muß Sie sprechen«, wiederholte Aletto; wenn möglich noch bestimmter als zuvor.

»Das ist doch eine seltene Dreistigkeit«, schrie Mohr zum Diener gewandt; der sah verlegen zur Erde, zog leicht die Schultern in die Höhe und flüsterte:

»Meine Schuld ist es nicht, Herr Kommerzienrat.«

»Sagen Sie, bitte, dem Diener, daß er sich entfernt«, forderte Aletto.

»Das wird ja immer besser!« brüllte Mohr. »Wer sind Sie?«

»Das werde ich Ihnen sagen, sobald der Diener draußen ist.«

Mohr gab dem Diener wütend ein Zeichen, und er ging.

»Also!!« sagte er und zitterte vor Wut.

»Ich heiße Aletto, bin Kunstmaler und habe die Absicht, Fräulein Kersten zu heiraten«, sagte er ruhig und sicher.

Mohr fuhr zusammen; einen kurzen Augenblick; dann fragte er ziemlich bestimmt:

»Was geht das mich an?«

»Man sagte mir, daß Sie der Vormund sind«, erwiderte Aletto und ließ ihn nicht aus den Augen.

Der Kommerzienrat biß die Lippen aufeinander – schnalzte mit der Zunge – überlegte – bot Aletto einen Stuhl an – ging an seinen Schreibtisch und setzte sich.

»Danke! Ich stehe!« sagte Aletto kurz.

»Wie Sie wollen«, erwiderte Mohr.

»Ich sagte Ihnen bereits,« begann Aletto, »aus welchem Grunde ich bei Ihnen bin.«

»Wollen Sie mir, bitte, noch einmal Ihren Namen nennen«, bat der Kommerzienrat.

»Aletto, Sohn des verstorbenen Akademieprofessors Henrico Aletto, Kunstmaler aus Rom.«

»Ich danke«, sagte er kurz und machte eine Bewegung, aus der Aletto entnahm, daß er entlassen sei.

»Was bedeutet das?« fragte er lebhaft.

»Ich werde Erkundigungen über Sie einziehen und je nachdem diese ausfallen, Ihnen Nachricht zukommen lassen, ob es Zweck hat, auf diese Angelegenheit zurückzukommen. Das wird, denke ich, in drei bis vier Wochen möglich sein.«

»Ich bedaure!« erklärte Aletto. »Ich betrachte Ihre Einwilligung nur als Formalität . . .«

»Erlauben Sie mal«, unterbrach ihn Mohr.

Aber Aletto fuhr unbekümmert fort: ». . . die das Gesetz nun mal verlangt.«

»Und die ich, falls es das Interesse meines Mündels fordert, verweigern werde.«

Er wollte weitersprechen; aber Aletto trat dicht an ihn heran, sah ihm fest in die Augen und wiederholte:

»Es ist lediglich Formsache, ich sagte Ihnen das schon, wenn ich um Ihre Einwilligung bitte. Denn wir werden uns heiraten – verlassen Sie sich darauf – auch gegen Ihren Willen.«

Den Kommerzienrat reizte die Entschiedenheit, mit der Aletto für seine Liebe focht. Zweifellos liebte Luise diesen Menschen und begehrte ihn. Und je mehr sich ihre Leidenschaft zu Aletto vertiefte, um so bestimmter mußte sich alles gegen ein Zusammensein mit ihm auflehnen. Der Gleichmut, mit dem sie jetzt alles ertrug, und gegen den er erfolglos kämpfte, war dann gebrochen. Und deshalb war ihm dieser Aletto durchaus willkommen. Er peitschte die Gefühle Luises auf, riß sie aus ihrer Empfindungslosigkeit und Stumpfheit; brachte alles wieder in Bewegung, rief in ihr wieder jenen wilden, ungestümen Trotz wach, der gerade nachzulassen drohte, und den er bei ihr über alles liebte. Ja, Kommerzienrat Mohr war ein Gourmet in Liebesdingen. Dieser Aletto, das erkannte er deutlich, bedeutete für ihn einen Glücksfall sondergleichen. Nun hieß es, gescheit sein, geschickt operieren und sich nicht durch unüberlegtes Handeln um die Vorteile dieses Zufalls bringen.

»Ich sage ja nicht nein«. lenkte Mohr ein. »Aber Sie werden zugeben, daß es meine Pflicht ist, mich genauer über Sie zu informieren. Wie gesagt, ich stehe Ihrem Plane, mein Mündel zu heiraten, durchaus nicht ablehnend gegenüber. Nur will ein derartiger Schritt in so jugendlichem Alter doch bedacht sein. Ich weiß nichts von Ihrem Lebensgang, Ihrer Familie, Ihren Verhältnissen, Sie werden zugeben . . .«

Aletto erinnerte sich jetzt, daß der eigentliche Zweck, aus dem er hier war, ja die Regelung des Finanziellen war. Daß der Kommerzienrat so sprach, fand er durchaus natürlich. Im Grunde konnte es für diesen Halunken ja gar nichts Günstigeres geben, als wenn er Luisen, die er auf dem Gewissen hatte, in eine gesicherte Ehe half. Und daß er obendrein noch sein Geld zurückerhielt, mußte ihm diese Wendung nur um so willkommener machen. Viel besser also, dachte Aletto, schon Luises wegen, wenn sich alles in Ruhe erledigt. Und er kämpfte allen Haß, der ihn immer von neuem packte, wenn er diesem Menschen in die Augen sah, gewaltsam nieder.

»Ich verstehe Sie durchaus,« sagte Aletto, »und da ich die Auskünfte nicht zu scheuen brauche, so habe ich gegen Ihren Vorschlag nichts einzuwenden. Nur möchte ich bei dieser Gelegenheit eine Regelung in Vorschlag bringen, die für mich so wichtig ist, daß ich von ihr meine Werbung abhängig mache!«

Der Kerl ist fabelhaft, dachte Mohr. Ein verbindliches Wort – ja, nicht einmal das, nur mein veränderter Tonfall genügt ihm, und er knüpft Bedingungen an seine Werbung, ohne noch zu wissen, ob sie mir überhaupt genehm ist . . . Aber er sprach es nicht aus. Im Gegenteil: er blieb verbindlich, machte eine kurze Handbewegung und sagte:

»Bitte!«

Und Aletto begann.

»Meine Braut«, sagte er, und Mohr gab sich Mühe, ruhig zu bleiben, »hat mir mit großer Offenheit erzählt, daß die Zuschüsse, von denen sie augenblicklich leben, nicht von der Familie, sondern von Ihnen fließen.«

Der Kommerzienrat setzte sich gerade und nickte zustimmend.

»Ich weiß nicht, ob Ihnen mein Mündel auch gesagt hat, daß Herr Professor Kersten ohne einen Pfennig Vermögen zu hinterlassen . . .«

»Ich weiß«, wehrte Aletto ab.

»Man kann daher nicht gut von Zuschüssen sprechen; es ist in Wirklichkeit denn auch so, daß ich den Unterhalt der Familie bestreite.«

»Eben, eben!« warf Aletto ein. »Das muß ein Ende nehmen, und zwar von heute ab.«

Mohr sah ihn groß an und staunte.

»Wie denken Sie sich das?« fragte er ihn.

»Indem ich das von heute ab übernehme – natürlich in der gleichen Form, in der es bisher von Ihrer Seite aus geschah.«

»Sie wollen . . .?«

»Desgleichen werde ich Ihnen diejenigen Summen zurückerstatten, die Sie bisher verauslagt haben.«

»Ich kenne Ihre Verhältnisse nicht, Herr Aletto; . . . aber im übrigen: das alles sind Dinge, die sich dann ganz von selbst finden werden.«

»Wann?« fragte Aletto.

»Nun, ich meine, wenn es sich zeigt, daß ich Ihrer Werbung meine Zustimmung geben kann, dann würde ich mit Rücksicht auf die Jugend meines Mündels und auf die besonderen Verhältnisse im Hause Kersten auf alle Fälle dafür sein . . .«

»Bitte!« warf Aletto ungeduldig ein.

». . . daß mit der offiziellen Verlobung noch ein Jahr gewartet wird.«

»Das ist vollständig ausgeschlossen!« rief Aletto erregt. »Dafür liegt nicht die geringste Veranlassung vor.«

»Das dürfte sich so im Augenblick schwer entscheiden lassen«, erwiderte Mohr in aller Ruhe.

Aletto aber verlor seine Haltung.

»Ich lasse mich auf keinerlei Versprechungen ein, die in der Zukunft liegen; ich bestehe – und zwar aus ganz besonderen Gründen– darauf, daß jetzt, in diesem Augenblick, die ganze Angelegenheit geregelt wird.«

»Aber . . .« warf der Kommerzienrat ein und wollte etwas erwidern; doch Aletto ließ ihn nicht zu Worte kommen.

»Wollen Sie oder wollen Sie nicht?« fragte er mit großer Bestimmtheit.

Mohr überlegte: »Und zwar aus ganz besonderen Gründen«, wiederholte er sich. Was mochte er damit meinen? Daß Luise ihm etwas von ihren Beziehungen erzählt hatte, war ausgeschlossen! Der Gedanke allein war widersinnig! Immerhin konnte sie ihm angedeutet haben, daß auch er Interesse für sie habe – hm, das leuchtete ihm ein – und zwar ein Interesse, das nicht nur das eines Vormundes war. Gewiß, so mochte es sein! So erklärte sich dann auch Alettos Erregtheit, der das Gefühl hatte, einem Nebenbuhler gegenüberzustehen.

Er stand also auf, tat verlegen, suchte nach Worten, sah zur Erde und sagte:

»Ich weiß nicht, ob Luise Ihnen gesagt hat . . .«

»Was?« fragte Aletto.

»Auch ich liebe Luise.«

Es fehlte nicht viel, und Aletto saß ihm an der Kehle. Dieser Mensch wagte es . . .

»Ich habe einen Vorschlag,« stammelte Mohr, als er die drohende Haltung Alettos sah, »ich trete zurück!«

»Ah!« sagte Aletto.

»Vorausgesetzt, daß die Familie Ihre Werbung meiner vorzieht!«

»Das wird sie!« rief Aletto. »Ich bin einverstanden und habe nur eine Bedingung . . .«

»Die wäre?«

»Keinen Aufschub!«

»Wie ist das zu verstehen?«

»Sehr einfach! Eine sofortige Zusammenkunft, der ich natürlich beiwohne.«

»Das wird schwer zu erreichen sein.«

»Ich bestehe darauf.«

»Ich werde es versuchen.«

»Um wen handelt es sich?« fragte Aletto.

»Nun, vornehmlich um den Professor Mallinger als Senior der Familie, dann den Geheimen Kommerzienrat Walther, den Oberlehrer Sasse und eventuell noch um den Regierungsrat Störmer, auf den man aber eventuell verzichten kann.«

»Wollen Sie sich, bitte, mit den Herren telephonisch in Verbindung setzen!«

»Gewiß! Und wohin lasse ich Ihnen Nachricht geben?«

Aletto schüttelte den Kopf. »Gar nicht! Ich bleibe bei Ihnen!«

»Was?« rief Mohr entsetzt, und Aletto erklärte mit großer Bestimmtheit:

»Ich gehe, bis der Familienrat zusammentritt, nicht von Ihrer Seite.«

Der Kommerzienrat riß das Maul weit auf und schnalzte mit der Zunge; das freilich erschwerte den Fall bedenklich. Aber – und er beruhigte sich schnell – mit den Leuten wird dieser Tolpatsch nicht umzugehen wissen; er wird es an der nötigen Reserviertheit und den Formen fehlen lassen; und daran wird er mehr als an seinen Gründen scheitern.

Er kannte diese Menschen; wer sie bei ihren Schwächen nahm, blieb Sieger.

»Meinetwegen!« sagte er daher in aller Ruhe; »ich hoffe, die Zeit wird Ihnen nicht lang werden.« Er ließ sich mit dem Professor, dem Geheimrat Walther und dem Oberlehrer Sasse verbinden; der Zufall wollte es, daß er sie alle antraf; und es wurde für eine Stunde später ein Rendezvous in der Wohnung des Professors vereinbart.

Während Aletto, den Rücken zur Stube, am Fenster stand, gab der Kommerzienrat noch eine Reihe geschäftlicher Anweisungen, befahl sein Automobil, sagte zu

Aletto kurz:

»Bitte!«

Sie gingen die Treppe hinunter, bestiegen den Wagen und fuhren, ohne ein Wort zu sprechen, zur Wohnung des Universitätsprofessors.


– — – — – — – — – —




X


»Was werden wir wieder zu hören bekommen?« sagte der Geheimrat Walther, als er ins Arbeitszimmer des Professors trat und ihn, wie den Oberlehrer, der gewohnheitsgemäß fünf Minuten vor der vereinbarten Stunde erschienen war, begrüßte.

»Er wird nicht mehr zahlen wollen«, erwiderte der Professor; und der Oberlehrer nickte, rieb sich die Hände vor Vergnügen und sagte:

»Meine Frau hat einen seinen Spürsinn; schon am vorigen Ultimo hat sie’s vorausgesagt; . . . wie schade, daß wir kein Telephon haben, es würde ihr Freude machen . . .«

Ein Blick des Professors strafte ihn; und um seine Entgleisung gut zu machen, fuhr er fort: »Nicht als ob meine Frau den Leuten das Almosen nicht gönnt! Nur sind wir nach allem Vorangegangenen der Meinung, daß die Hälfte auch genug gewesen wäre!«

»Man soll der Wohltätigkeit keine Schranken setzen«, dozierte der Professor. – Gewiß wäre die Hälfte übergenug, dachte er; er hat ganz recht . . . aber man spricht es nicht aus.

»Und was geschieht wirklich,« fragte besorgt Geheimrat Walther, »wenn dieser Mohr seine Zahlungen an Kerstens aus irgendeinem Grunde einstellt? Wie soll ich es erklären, daß ich plötzlich ohne jeden Grund meine Hand von der Familie ziehe, nachdem ich monatelang, ohne mich sonst um sie zu kümmern, pünktlich und regelmäßig bezahlt habe?«

»Hast du dich denn für eine bestimmte Zeit verpflichtet?« fragte der Professor.

»Das nicht«, erwiderte Walther.

»Also liegt auch keine juristische Verbindlichkeit vor!« erklärte er. »Und moralisch, glaube ich, haben wir alles getan, was in Anbetracht der Verhältnisse möglich war.«

Abermals stimmte der Oberlehrer bei: »Meine Frau meint sogar, daß es moralischer gewesen wäre, man hätte sich gar nicht mehr um sie gekümmert; und ich muß sagen, in gewissem Sinne hat sie nicht ganz unrecht; denn das echte deutsche Familienleben hatte in diesem Hause wohl nie eine Heimstatt.« Und dabei dehnte sich seine breite Brust, daß es aussah, als müsse der enge Gehrock auseinander platzen.

Im selben Augenblick meldete das Mädchen den Kommerzienrat Mohr und Aletto.

»Ich lasse bitten«, rief der Professor, und in der Tür erschien Mohr und Aletto.

Der Kommerzienrat stellte vor. Die Herren verbeugten sich.

»Und welchem Umstande verdanken wir Ihre Anwesenheit?« fragte der Professor, zu Aletto gewandt.

»Sie werden gleich hören«, antwortete Mohr; »ich werde Ihre Zeit wohl etwas länger in Anspruch nehmen – es wäre daher vielleicht gut, wenn wir uns setzen.«

»Bitte!« sagte der Professor, und sie setzten sich um einen runden Tisch herum, der in der Mitte des Zimmers stand.

Der Oberlehrer zog aus Gewohnheit sogleich Bleistift und Notizbuch aus der Tasche; der Professor hauchte an sein Pincenez und bearbeitete es mit seinem Leinentuch; der Geheimrat faltete die Hände und dachte an seine Geschäfte. Und der Kommerzienrat, dem zumute war, als handle es sich um ein wichtiges Geschäft, das ihm ein anderer streitig machte, schnalzte mit der Zunge und begann:

»Um mich kurz zu fassen: dieser Herr hier bewirbt sich um die Hand des Fräulein Kersten.«

»Was?« sagten alle drei zur gleichen Zeit und rissen die Mäuler auf und waren so erstaunt, daß sie gar nicht daran dachten, sie wieder zu schließen.

»Er kam zu mir und bat mich als Vormund pflichtgemäß um meine Einwilligung. Natürlich fühlte ich mich außerstande, zu entscheiden, wer von uns beiden der Würdigere ist.«

Es entstand eine Pause, in der einer den andern fragend ansah. Dem Geheimrat lag es auf den Lippen, ob denn der neue Bewerber auch die finanziellen Lasten, die mit diesem Personenwechsel verbunden waren, übernehmen würde; aber er dachte, es wäre taktvoller, wenn erst mal die ideelle Seite der Sache behandelt würde.

»Ich begreife gar nicht«» sagte denn auch schon der Professor, »ich dachte, daß die Frage längst entschieden sei. Also sind es ältere Rechte, die dieser Herr geltend macht.«

»Nein!« antwortete Aletto.

»Worauf sonst stützen Sie Ihre Forderung?« fragte er ihn.

»Welche Forderung?« fragte Aletto.

Der Professor sah erst ihn, dann den Kommerzienrat an; schüttelte den Kopf und sagte nach einer Weile:

»Ja, ich denke, Sie fordern, daß wir in Ihre Ehe mit der bewußten Dame einwilligen. Sie werden uns dann also schon erklären müssen, worauf Sie eigentlich Ihren Anspruch gründen.«

»Auf unsere Liebe!« erwiderte Aletto mit dem selbstverständlichsten Gesichte von der Welt.

»Pappelapapp!« fuhr ihn der Professor an. »Für solche Luxusartikel scheint mir augenblicklich die ganze Situation der Familie wenig zugeschnitten zu sein. Aber selbst wenn sie es wäre, so würde sich der spezielle Fall doch damit erledigen, daß Herr Kommerzienrat Mohr, was Ihnen nicht bekannt zu sein scheint, bereits der von der Familie anerkannte künftige Gatte der betreffenden Dame ist. Und damit erübrigt sich wohl jede weitere Diskussion.«

Aletto wollte erwidern. Aber Mohr kam ihm zuvor.

»Sie werden begreifen, meine Herren, daß ich lediglich aus der Priorität nicht ein Recht herleiten möchte; da müssen doch andere Faktoren den Ausschlag geben.«

»Vergessen Sie nicht, daß wir in einem Rechtsstaat leben,« belehrte ihn der Professor, »in dem alles seine Ordnung hat. Das wäre ja helle Anarchie! Denken Sie doch, wo das hinführen würde!«

Aletto sah bald: mit diesen Leuten zu diskutieren, war zwecklos. Diese Menschen ließen sich nicht überzeugen; sie klebten an Begriffen und verurteilten alles, was nicht herdenmäßig ihre ausgetretene Straße ging. Nur was sie dachten und taten, war das Normale; während alles, was nicht in dem engen Kreise ihrer beschränkten Einsicht lag, für sie nicht existierte.

»Schließlich ist aber eine Ehe doch nicht nur ein Zweckverband!« sagte Mohr sehr gegen seine Überzeugung. »Ich weiß mich von allen Sentiments frei; aber am Ende muß doch auch so etwas wie ein Zusammengehörigkeitsgefühl vorhanden sein. – Und was die geschäftliche Seite der Angelegenheit betrifft, so würde durch den Eintritt des Herrn Aletto in meine Position die Lage unverändert bleiben.«

Geheimrat Walther begann wieder Interesse zu gewinnen.

»Denn,« fuhr Mohr fort, »Herr Aletto verpflichtet sich zu den gleichen Leistungen, wie ich sie der Familie Kersten gegenüber übernommen habe!«

Ganz gegen seine Absicht sagte der Geheimrat: »Soo!«

»Es bliebe also lediglich das Ideelle, womit wir uns zu beschäftigen hätten. Und da« – er wurde pathetisch – »muß ich denn doch sagen, daß der große Altersunterschied zwischen Fräulein Luise und mir entschieden zugunsten des Herrn Aletto spricht. Hinzu kommt – und das bedingt moralisch meinen Verzicht«, daß Fräulein Luise sich bereits für Herrn Aletto, also gegen mich, entschieden hat.«

»Das ist ja unglaublich!« rief der Oberlehrer.

»Was gab es denn da noch zu entscheiden, wo wir uns einmal in corpore für Sie erklärt hatten?« fragte mit großem Ernst der Professor. »Das ist ja ein völlig gesetzloser Zustand!«

»Aber das sieht ihr ähnlich!« brüllte der Oberlehrer.

»Ganz der Papa!« Und in seiner Wut schrieb er in sein Notizbuch eine dicke 5 und unterstrich sie.

»Ehrlos ist es!« sagte der Professor. »Ein anständiger Mensch hält sein gegebenes Wort! Sie durfte ihre Gefühle gar keinem anderen Manne zuwenden, nachdem wir uns einmal für Sie entschieden hatten. Jedenfalls ist diese Sinnesänderung für uns ohne jede Bedeutung – res judicita!« rief er sehr bestimmt.

Aber Geheimrat Walther, der durchaus den Geschmack Luises teilte und dem jugendlichen Aletto entschieden den Vorzug vor dem verschlagenen Mohr gab, sagte nicht ohne Ironie:

»Es gibt auch ein Wiederaufnahmeverfahren, lieber Onkel!«

»Nur falls neue und triftige Gründe vorliegen«, erwiderte er.

»Eben! Eben!« sagte der Geheimrat und wandte sich an den Kommerzienrat: »Nicht wahr, Sie würden Fräulein Kersten doch unter gar keinen Umständen gegen ihren Willen heiraten?«

»Man wird ihr den Willen aufoktroyieren!« sagte der Oberlehrer, noch ehe Mohr eine Antwort geben konnte.

Der Geheimrat wiederholte seine Frage. Mohr stand auf und erklärte: »So schwer mir der Verzicht fällt, aber es ist mir nach meiner ganzen Veranlagung absolut unmöglich, mit einer Frau zusammen zu leben, die mich nicht liebt.«

»Also«, sagte der Geheimrat, »bleibt uns gar keine Wahl – — – es sei denn, daß du, lieber Onkel, falls du den einen ablehnst und der andere verzichtet, bereit bist, an Stelle des Kommerzienrats Mohr die Mittel vorzuschießen.«

Der Professor ging der Beantwortung dieser Frage, die für sein Votum entscheidend war, aus dem Wege, indem er sich erhob und folgende Erklärung abgab:

»Herr Kommerzienrat! Wir können uns Ihren Argumenten nicht verschließen. Wir genehmigen daher Ihren Verzicht und erklären uns gleichzeitig damit einverstanden, daß Herr Aletto an die frei gewordene Stelle tritt. Alle übrigen Abmachungen bleiben bestehen und gehen mit dem heutigen Tage auf Herrn Aletto über. Wir erklären aber schon heute, daß diese Entscheidung unwiderruflich ist, und daß wir uns weiteren Personalveränderungen gegenüber schon aus ethischen Gründen prinzipiell ablehnend verhalten werden. – Von Herrn Aletto erwarten wir, daß er trotz seiner Jugend die Ehre, in unsere Familie aufgenommen zu werden, zu würdigen weiß und nun seinerseits seine ganze Kraft daran setzen wird, das moralische Bewußtsein in der Familie Kersten zu vertiefen.«

»Bravo!« rief der Oberlehrer.

Alle erwarteten nun, daß Aletto sich erheben, danken und seiner Freude Ausdruck geben würde. Statt dessen stand Mohr auf und sagte:

»Lassen Sie nun auch kurz noch den Vormund zu Worte kommen. Als solcher muß ich in Anbetracht der Jugend meines Mündels darauf bestehen, daß vor Ablauf eines Jahres kein offizieller Schritt in dieser Angelegenheit geschieht. Das auch mit Rücksicht auf Sie, meine Herren, denn die Welt würde eine Verlobung so unmittelbar nach dem traurigen Fall mit Recht als verfrüht und pietätlos empfinden. Die Liebesleute mögen sich in der Zwischenzeit schreiben und sehen . . . sie sind jung genug . . .«

»Das ist ganz ausgeschlossen!« rief Aletto dazwischen und sprang auf.

»Das ist schon mit Rücksicht auf uns ganz selbstverständlich«, sagte der Professor.

»Und ich erkläre Ihnen allen, daß ich mich nie und nimmer darauf einlassen werde«, rief mit aller Bestimmtheit Aletto. »Wollen Sie Skandal vermeiden, so ist es in Ihrem Interesse . . .«

»Ich protestiere mit aller Entschiedenheit!« rief Mohr dazwischen.

»Nun ja!« schrie der Professor; »wir sind noch gar nicht blamiert genug; der eine Skandal ist kaum vergessen, schon droht ein neuer.«

»Ich habe gleich gegen die Aufnahme eines Künstlers in unsere Familie protestiert!« rülpste der Oberlehrer und überschlug sich fast, so aufgeregt war er.

In aller Ruhe und Bestimmtheit wiederholte Aletto:

»Ich würde nicht ein Wort weiter reden, wenn es nicht im Interesse der jungen Dame läge, daß dieser Schritt mit Ihrem Wissen und Willen geschieht; . . . mir persönlich ist ein Skandal natürlich äußerst gleichgültig.«

»Fabelhaft!« schrie der Professor.

»Was sind das alles für Menschen!« rief der Oberlehrer und faßte sich an den Kopf.

Aletto ging achtlos darüber hinweg.

»Da Sie aber, wie mir scheint, nichts so sehr fürchten wie den Skandal, so bitte ich Sie, zu erwägen, ob es nicht in Ihrem eigenen Interesse liegt, meinem Vorschlage beizustimmen.«

Der Geheimrat suchte zu vermitteln:

»Was in aller Welt, junger Freund, drängt denn derart, daß diese Heirat Hals über Kopf stattfinden muß?«

»Das möchte ich auch wissen!« sagte Mohr.

»Das sieht ja gerade aus, als ob Gründe vorlägen . . .«

»Schon um diesen Schein zu vermeiden,« unterbrach ihn Mohr, »protestiere ich als Vormund mit allem Nachdruck.«

Aletto beugte sich jetzt zu Mohr und flüsterte ihm in erregtem und bestimmtem Tone zu: »Machen Sie dem Theater ein Ende!«

»Das werde ich tun!« erwiderte der laut und erhob sich:

»Meine Herren!« sagte er in großer Erregung und schnalzte mit der Zunge. »Da die dringende Gefahr besteht, daß Herr Aletto seine Drohung wahr macht, so möchte ich mein Mündel der sicheren Obhut eines von Ihnen anvertrauen.«

Die drei sahen sich verdutzt an.

»Na ja, das fehlte noch!« rief der Oberlehrer. »Das Gesicht meiner Frau möchte ich sehen, wenn ich mit der Luise nach Hause käme!«

Auch der Geheimrat Walther lehnte mit Rücksicht auf seine erwachsenen Töchter, für die seine Nichte kein Umgang sei, ab.

Der Professor entschuldigte sich mit Vorlesungen, Sitzungen und Würden.

Schließlich stand der Geheimrat auf und erklärte, daß es aus diesem Dilemma nur einen Ausweg gäbe, und das wäre der: Herr Kommerzienrat Mohr, der in diesem Falle ja schon so viele Beweise seiner Menschenfreundlichkeit gegeben habe, kürzt in aller Interesse die Wartefrist, die er sich anfangs gesetzt hat, ab und heiratet Luise Kersten auf der Stelle!

Dem Oberlehrer und Professor schien dieser Vorschlag sehr plausibel; Mohr aber war auf diese Wendung nicht vorbereitet.

»Da stecken Sie das arme Geschöpf schon lieber in die Fürsorge!« rief Aletto. »Da ist sie jedenfalls besser aufgehoben als bei diesem Herrn.«

»Waas?« schrien alle durcheinander und waren entsetzt.

Der Kommerzienrat war in großer Erregung aufgesprungen. Alles kam jetzt darauf an, Zeit zu gewinnen.

»Ich bin bereit!« rief er. »Sobald sie zu mir kommt, werde ich mit ihr sprechen.«

»Nanu?« fragte der Geheimrat. »Meine Nichte besucht Sie?«

Wütend über seine Entgleisung brüllte Mohr:

»Was fällt Ihnen ein! Ich lasse mich nicht verhören!«

Aber da stand auch schon der Professor:

»Meine Herren!« rief er, »ich bitte um Ruhe! Ich habe eine Erklärung abzugeben. Ich muß Sie entschieden bitten, in meinem Hause alles zu vermeiden, was auch nur den Schein des Anstößigen an sich trägt. Schon die Feststellung, daß ein Mädchen aus ehemals gutem Hause einen unverheirateten Mann in seiner Wohnung aufsucht, geht zu weit. Eine solche Konversation dulde ich in meinem Hause nicht!«

Aber der Oberlehrer bekam Appetit. Teufel, das fing ja an, pikant zu werden! Wer konnte wissen, was man da noch alles zu hören bekam? Und er fühlte förmlich, wie sein verwandtschaftliches Gefühl erwachte. Am Ende war es ja seine Nichte; und so unerquicklich es war . . . dazu war man ja Mann!

»Ich verstehe durchaus deine Scheu, lieber Onkel«, begann er; »aber mir scheint doch, wir müssen uns überwinden und, so hart es uns ankommt, den Fall erörtern.«

Mohr sah: jetzt kam die Entscheidung, die zur Katastrophe führte, wenn er nicht auf dem Posten war. Er überlegte: diese Leute verlangten, daß er Luise auf der Stelle zum Traualtar führte. Und in der Tat: die Gründe, die dagegen sprachen, hatte er selbst beseitigt, um Luise vor Alettos Nachstellungen zu schützen. Wie schlecht hatte er operiert! Wie gerissen dieser verschlagene Aletto, der ihm, fast ohne ein Wort zu reden, fußbreit den Boden abgerungen hatte. Soviel stand fest: Aletto wußte um alles! Zwar würde er die Schmach Luises diesen Leuten nicht preisgeben! Davor war er wohl sicher! – Aber wenn er es doch tat? – Einen Augenblick sann er nach; eben wollte der Professor dem Oberlehrer erwidern, da stand er auf und erklärte ruhig und bestimmt.

»Ich leugne nicht, Fräulein Luise besucht mich hin und wieder. Aber trotz ihrer leidenschaftlichen Veranlagung sind unsere Beziehungen dank meiner Reserve über das unter Brautleuten übliche Maß von Zärtlichkeit nie hinausgegangen.«

Weiter kam er nicht; Aletto ging ihm an den Hals; schlug ihm die Fäuste ins Gesicht.

»Schuft! – Glauben Sie’s ihm nicht! Sie liebt ihn nicht – sie liebt mich! – Er hat sie gezwungen – jedesmal mit Gewalt! – Und jetzt macht er sie gemein; so gemein macht er sie!«

Noch ehe die anderen dazwischentraten, hatte sich Mohr von ihm befreit; Aletto war zur Tür gewankt, hatte nach seinem Hut gegriffen und war die Treppe hinuntergestürzt. Er hatte das bestimmte Gefühl, als müsse Luise in diesem Augenblicke zusammenbrechen.

Er stürzte an Häusern und Menschen vorüber; sah nichts; hörte nur immer ihren Schrei; warf sich in Angst und Sorge um sie in den nächsten Wagen und fuhr zu ihr.

Der Kommerzienrat tat, als wäre nichts geschehen.

»Ich halte es als Gentleman unter meiner Würde, mich gegen die Verleumdungen dieses konfusen Menschen zu verteidigen, der in seiner Verliebtheit nicht weiß, was er spricht.«

Der Professor stimmte dem zu und gab eine Ehrenerklärung ab, in der es hieß:

»Wir verurteilen auf das Entschiedenste das unqualifizierbare Benehmen des Herrn Aletto und haben zu Herrn Kommerzienrat Mohr das volle Vertrauen, daß er seine Pflichten als Vormund auf das gewissenhafteste erfüllt. – Im Interesse unserer Familie, sowie um der Wiederholung von Auftritten vorzubeugen, dessen Zeuge wir soeben sein mußten, bitten wir ihn jedoch, alle die Familie Kersten betreffenden Angelegenheiten künftighin ohne unser Zutun selbständig zu erledigen.«

Der Kommerzienrat dankte; bat um eine schriftliche Ausfertigung dieser Erklärung, die er auch erhielt, und der auf seinen Wunsch der Zusatz beigefügt wurde, daß es nach Ansicht der Familie im Interesse des Mündels läge, wenn dieses möglichst bald aus dem häuslichen Milieu heraus in die Obhut einer vom Vormunde zu bestimmenden Familie käme.

Dann standen sie alle auf und verabschiedeten sich.

»Ich will nur eilen, daß ich nach Hause komme!« sagte der Oberlehrer, als er aus der Haustür trat. »Nein, daß meine Frau auch nie dabei sein kann, wenn es mal was zu erleben gibt – mir ist ganz heiß geworden.« Und er nahm den Hut ab und wischte sich mit der Hand den Schweiß von der Stirn. Dann gab er dem Geheimrat Walther die Hand, was dem sehr eklig war, und sprang auf die nächste Elektrische.




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