Die neue Gesellschaft
Artur Landsberger




Artur Landsberger

Die neue Gesellschaft





Vorwort



Lieber Freund!

Erinnere Dich! Du warst ein so lieber Kerl. Zwar hattest Du nicht viel gelernt und Dein Drang, Dich zu bilden, war mit den Jahren nicht größer geworden. Du pfiffst auf die Kultur – schon damals, als wir anderen es noch nicht taten.

Aber Du besaßt Gemüt und Takt und hattest etwas so Gütiges und Gerades – wie soll ich es bezeichnen? – mein Vater nannte es Herzensbildung und schätzte es höher als angelerntes Wissen.

Zwar schwiegst Du, wenn wir von den Theosophen, von Plato, Nietzsche, von neuen Erfindungen, von Kunst und Literatur oder gar von Politik sprachen. Ach ja! das taten wir damals und kamen uns so gescheit vor.

Aber wir liebten Dich und wußten, was wir an Dir hatten: Einen echten unverbildeten Menschen, zu dem wir mit jedem Kummer unsres Herzens kamen.

Und dann kam der Krieg.

Da geschahʼs, daß eines Tages in Deinen Laden, in dem Du – ich weiß nicht einmal was – verkauftest; warʼs Leder oder waren es Felle und ähnliche, bis dahin wenig beachtete Dinge? – jedenfalls: in Deinen Laden kam ein Herr in reichem Pelz, mit vielen Ringen auf den Fingern. Du fragtest ihn noch seinem Begehren. Und er erwiderte:

»Ich will nichts. Ich bringe!«

»Was bringen Sie?« fragtest Du. Und er sagte:

»Das Glück.«

Du lächeltest und fragtest:

»Wie sieht das aus?«

Da zog er ein Kuvert aus der Tasche und breitete vor Dir in endloser Reihe braune Reichsbankscheine aus.

»Das alles gehört Ihnen,« sprach er. – »Und tausendmal mehr werden Sie hinzuverdienen, wenn Sie mich als Teilhaber bei sich aufnehmen.«

»Lieber Mann,« erwidertest Du – »Sie sind toll! Wie sollte das geschehen?«

Da erklärte er Dir die Methode. Er sprach vom Kriege, von Ausnutzung der Konjunktur und ähnlichen Dingen.

Du fühltest instinktiv, daß das – wenn auch nicht Verbotenes, so doch etwas war, was zu Dir und Deiner Art nicht paßte.

Du sagtest: »nein!« – und wiest ihm die Tür.

Und abends saßen wir, wie so oft, beieinander. Und Du erzähltest uns Dein Erlebnis. Da waren wir es, die Dir rieten, nach dem Glück zu greifen, das sich Dir bot.

Du tatest es. Nicht gern. Aber im Vertrauen auf unsere Klugheit, auf uns, die wir Dich kannten und die wir ja wissen mußten, ob das das Glück, Dein Glück war.

Ein paar Tage später war er Dein Teilhaber geworden.

Und dann folgte lange nichts. Wir sahen und hörten nichts voneinander. Hier- und dahin trieb uns die Zeit.

Da, nach Jahren, saßen wir eines Abends alle wieder beieinander. Keiner von uns hatte sich verändert. Nur Du!

Du kamst in reichem Pelz, mit vielen Ringen auf den Fingern und erzähltest von Deinen Erfolgen. Aber Du seist nicht wie die andern, sagtest Du, die nur das leicht verdiente Geld verprassen, ohne an ihre geistige Fortentwicklung zu denken. Du hattest nicht nur Millionen gehäuft, Du hattest Dich auch gebildet. Du sprachst von Theosophie, von Nietzsche und Plato, von Literatur und Kunst; sogar von Politik sprachest Du. Und was Du sagtest, war nicht dumm. Aber wo war Dein Gemüt und Takt, wo das Gütige und Gerade – wie soll ich es bezeichnen? – mein Vater nannte es Herzensbildung und schätzte es höher als angelerntes Wissen – geblieben? Das, um dessen willen wir Dich liebten.

Wir sahen bald: Du warst ein anderer geworden. Wir hatten Dich verloren!

Am nächsten Tage schrieben wir Dir einen Brief und baten Dich, nicht mehr zu kommen. —

Wir haben viel verloren – damals, als wir Dir rieten und Du unserem Rate folgtest.

Ob auch Du in späten Tagen einmal bereuen wirst?

Vielleicht schon dann: wenn Du dies Buch liest, eine der erweiterten Stegreifgeschichten, die wir uns an den Montag-Abenden zu erzählen pflegten, die ich niederschrieb und Dir als letzten Gruß unserer Tafelrunde widme.

Lebʼ wohl!



    Dr. Artur Landsberger




Erstes Kapitel

Wie die Villa von Röhrens auf Berndts überging


Frau Käte lag in einem Morgenkleid aus rosafarbenem Chinakrepp auf der Veranda ihrer Tiergartenvilla und las. Vor der Chaiselongue stand ein kleiner runder Tisch, auf dessen mattgrau seidenem Perser eine lila Schachtel mit Zigaretten lag. Zwischen Tisch und Chaiselongue saß Lori, die deutsche Schäferhündin aus dem Stamm Tuaillons, spitzte die Ohren und ließ kein Auge von der Tür, die in den Garten führte.

Plötzlich sprang Lori auf, öffnete sich die Tür und stürzte die kleine Treppe hinunter in den Garten. Käte sah von ihrem Buch auf und lächelte, als sie im Kies die Tritte ihres Mannes hörte. Sie setzte sich auf und rief freudig:

»Hallo!«

»Liebling!« klang es zurück. Die Schritte wurden lauter und schneller. Lori kläffte vor Freude hell auf; und wenige Augenblicke später stand Paul vor seiner Frau.

Er küßte ihr erst die Hand, die sie ihm entgegenstreckte, beugte sich dann über sie und schloß sie in die Arme.

Käte sprang auf, klingelte, gab Anordnungen; und ein paar Minuten später meldete der Diener:

»Es ist angerichtet.« »

»Viel ist es nicht,« sagte Käte, »aber da wir uns nun doch bald an das neue Leben gewöhnen müssen. . . .«

»Wird es dir schwer fallen?« fragte Paul.

Sie sah ihn groß an und schüttelte den Kopf:

»Nein!« sagte sie. – »Je mehr ich mich hineindenke, um so leichter erscheint es mir. Wir werden die vielen gesellschaftlichen Verpflichtungen los und viel mehr als bisher uns und den Kindern leben.«

»Du findest bei allem noch immer was Gutes heraus,« sagte Paul.

»Ich kann nun ’mal darin kein Unglück sehen, daß wir unsere Tiergartenvilla mit einer Dreizimmerwohnung vertauschen und Pferde und Auto aufgeben müssen. Für die Kinder ist es vielleicht viel besser, sie wachsen nicht in dem Luxus auf.«

Paul nahm ihre Hand und drückte sie.

»Du machst es einem leicht,« sagte er.

»Habe ich nicht recht? Bleiben wir nicht, wer wir sind, auch wenn man uns aus unseren Verhältnissen herausnimmt und uns in andere setzt?«

»Freilich! Darin liegt der Wertmesser des Menschen. Das ist die Belastungsprobe! Wer die besteht, der hat nichts zu fürchten.«

»Ich weiß noch, wenn ich als Kind von der englischen Gouvernante im Fuhrwerk zur Schule gebracht wurde, wie ich da die Kinder beneidet habe, die sich ohne Aufsicht auf dem Schulwege balgten und jagten!«

»Und wie gern hätte ich oft als Kind mit den Jungen unseres Portiers getauscht,« stimmte Paul bei.

»Und wenn wir später als erwachsene Menschen dann anders denken,« erwiderte Käte, »so ist damit noch lange nicht gesagt, daß wir damals als Kinder in einem Irrtum befangen waren, nun aber das Leben richtig werten.«

»An sich gewiß nicht! Denn man wird in den Portierwohnungen wahrscheinlich mehr zufriedenen Menschen begegnen als in den Millionärswohnungen, die darüber liegen.«

»Siehst du! Und wenn unsere Jungen einmal erwachsene Menschen sind und wir ihnen sagen können: Eure Eltern, Großeltern und Urgroßeltern waren einmal die größten deutschen Übersee-Exporteure und besaßen Millionen. Dann aber kam der Weltkrieg, und die Engländer brachen das Völkerrecht und ruinierten uns. Euer Vater stand vor der Wahl zwischen einem Konkurs, durch den er unzählige Familien ins Unglück gestürzt, das große mütterliche Vermögen sich und euch aber gerettet hätte, und zwischen einem Vergleich, durch den er den Konkurs abwandte und sich seinen Namen makellos erhielt, dafür aber das ganze Vermögen opferte und noch einmal von vorn anfing, wie sein Urahn vor über hundert Jahren – und er wählte das letzte, und darum müßt nun auch ihr euch euer Leben erst erkämpfen – ich glaube, daß uns unsere Jungen dann verstehen, stolz sein und uns dankbar sein werden.«

»Weißt du, Käte, daß ich es durch dich beinahe wie eine Genugtuung empfinde, für euch, die ich liebe, nun kämpfen zu müssen? Das Bewußtsein dieser Pflicht gibt mir ein so stolzes Gefühl, wie ich es früher mit meinen Millionen niemals hatte.« Käte lächelte und nickte ihm zu.

»Recht so!« sagte sie – »was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen. Das Haus Röhren ist unbefleckt aus dem Weltkrieg hervorgegangen. Es hat dem Vaterlande seinen Tribut gezahlt! Was es in hundertzwanzig Jahren friedlicher Arbeit erworben hatte, hat es ihm geopfert. Wenn irgend einer, so kannst du mit stolzem Bewußtsein von neuem an die Arbeit gehen.«

»Tue ich!« beteuerte er. »Und die Unannehmlichkeiten, die es hier noch gibt, die sollen uns nicht verstimmen.«

»Du meinst doch nicht die Übergabe des Hauses?«

»Ja! alles das.«

»Verstimmen soll uns das? Stehen wir nicht über den Dingen? Ich bin so heiter, Paul, und werde auch das von der heiteren Seite nehmen.«

Der Diener meldete:

»Herr und Frau Berndt.«

Paul und Käte sahen sich an.

»Mitten in der Nacht!« sagte Paul. – »Was heißt denn das?« – Er sah nach der Uhr. – »Ein Viertel nach zehn. Ja, Käte, verstehst du das?«

Käte zog die Schultern hoch:

»Das kann am Ende ganz heiter werden. Ich habe nichts dagegen. Von mir aus können sie in den Salon.«

»Also gut!« sagte Paul und gab dem Diener ein Zeichen.

Der verschwand, ging zur Diele und meldete:

»Die Herrschaften lassen bitten.«

»Is Besuch da?« fragte Frau Berndt.

»Nein, die Herrschaften sind allein.«

»Schade!«

»Weshalb schade? Was meinst du, Cäcilie?« sagte Berndt und mühte sich aus dem Pelz.

Cäcilie, der der Diener eben den Seal abgenommen hatte, brachte vor dem Spiegel die Frisur in Ordnung und sagte:

»Nu, ich mein’ nur! Es kann ja jeder hören. Wir haben ja keine Geheimnisse.«

»Wo sind se denn?« fragte Berndt den Diener.

»Die Herrschaften waren noch beim Abendessen.«

»Was heißt beim Abendessen? um viertel elf? das ist doch keine Zeit,« sagte Cäcilie.

»Wieso, keine Zeit?« fragte Berndt.

»Nu, ich mein’ nur. Für ohne Theater is es zu spät; und für nach’m Theater is es zu früh.«

»Deine Sorgen! – Wo also?« fragte er den Diener und setzte sich auf eine Tür hin in Bewegung.

»Nein! nein!« rief der Diener. – »Wenn Sie bitte hier . . .« und er wies auf die Treppe, die in die oberen Räume führte. —

Käte und Paul waren vom Tisch aufgestanden und in den Salon gegangen.

»Was sie nur wollen?« meinte Paul. – »Das ist doch keine Art, einem unangemeldet mitten in der Nacht auf den Leib zu rücken.«

»Etwas Besonderes wird es schon sein. Am Ende wollen sie von dem Kauf unserer Villa zurücktreten.«

»Der ist notariell vollzogen.«

»Du wirst sie trotzdem nicht zwingen.«

»Ich bitt’ dich, Käte, wir handeln doch nicht zum Zeitvertreib, sondern unter einem Zwang.«

»Wenn auch. . . .«

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür und Herr und Frau Berndt traten ins Zimmer. Cäcilie in großer Abendtoilette; er im Frack.

»Wir kommen hoffentlich nicht ungelegen,« sagte Cäcilie und gab Käte die Hand.

»Durchaus nicht,« erwiderte Paul und forderte Berndts auf, sich zu setzen.

Die ließen sich umständlich in die schweren Sessel weder; Cäcilie wußte nicht recht, wo sie das komplizierte Seidenkleid, das hier und da in Unordnung geriet, zuerst zurechtstutzen sollte; und Berndt, ihr Gatte, zog die Enden des Selbstbinders fest, öffnete den untersten Knopf der weißen Weste und zog über den Knien die Hosen in die Höh’. All’ diese Bewegungen verrieten, den Neuling, schienen angelernt und wirkten unnatürlich, so daß Paul und Käte erstaunt aufsahen und dachten: Was haben sie bloß! und gar nicht merkten, daß sie selbst, indem sie sich setzten, ganz unbewußt ähnliches oder dasselbe taten.

So! Nun waren sie so weit, und während Paul und Käte darauf warteten, den Grund zu hören, aus dem Berndts ihnen spät abends, unangemeldet und in dieser Aufmachung, gegenüber saßen, sagte Cäcilie und sah sich im Salon um:

»Schön hatten Sie’s hier!«

Paul stutzte und Käte erwiderte lächelnd:

»Wir werden uns in unserem neuen Heim ebenso wohl fühlen.«

»Gott ja!« sagte Cäcilie, – »man gewöhnt sich an alles.«

Käte widersprach:

»Sagen Sie das nicht, Frau Berndt. – Sehen Sie, bei einem da dauert’s Generationen, um mit dem Luxus, der von außen plötzlich an ihn herantritt, zu verwachsen. Und bei andern, wie bei uns, da bedarf’s gar keiner Gewohnheit, um uns äußerlich mit weniger zu bescheiden. Das Wesentliche nämlich, worauf es ankommt, das nehmen wir mit.«

»Nun, darüber sind ja wohl genaue Abmachungen getroffen,« erwiderte Berndt.

»Worüber?« fragte Käte. »Über das, was hier bleibt und was in dem Kaufpreis von achtmalhunderttausend Mark mit einbegriffen ist.«

Käte lachte.

»Ich meinte das anders,« sagte sie. »Ich meinte das Bewußtsein und die Gesinnung.«

»So, so!« erwiderte Berndt verwirrt, »natürlich, das dürfen Sie mitnehmen.«

»War sonst noch etwas, worüber Unklarheit besteht?« fragte Paul, der nun endlich den Grund dieses späten Überfalls kennen lernen wollte.

»Für uns nicht!« erwiderte Cäcilie. »Ich wenigstens fühle mich hier schon wie zu Hause.«

»Ach!« entfuhr es Käte, und Paul dachte: Na, das kann ja nett werden. Am Ende übernachten sie gleich hier.

»Sie waren im Theater?« fragte Käte, um das Gespräch auf etwas anderes zu bringen.

Cäcilie wies auf ihre Toilette.

»Sehen Sie das nicht?«

»Doch! doch!« erwiderte sie und unterdrückte ein Lachen. »Ich wunderte mich nur, daß Sie dann schon so früh – vermutlich sind Sie nicht bis zum Schluß geblieben?«

»Nein! Ich finde, man braucht sein Geld nicht bis zur letzten Minute abzusitzen. Im übrigen: ein Stück haben die gegeben! – Ich kann Ihnen sagen! – Fallen Sie ja nicht darauf hinein. . . . Aber Ihnen wird ja der Kopf so wie so nicht nach Theater stehen.«

»Wieso?« fragte Käte.

»Nu, ich mein’ nur! In Ihren jetzigen Verhältnissen. Aber schließlich geht man ja auch ins Theater, um sich zu zerstreuen und auf andere Gedanken zu kommen.«

»Was haben Sie gesehen?« warf Paul ein.

»Wie hieß es?« fragte Cäcilie ihren Mann.

Der zog die Schultern hoch:

»Irgend was mit Sonate war’s.«

»Vermutlich die Gespenstersonate von Strindberg?« sagte Käte.

»Möglich!« erwiderte Cäcilie. »Wir glaubten natürlich, es wär’ was mit Musik.«

»Bewußte Irreführung ist das!« schalt Berndt.

Cäcilie beruhigte ihn und sagte:

»Nur gut, daß Geld bei uns keine Rolle spielt! Sonst müßte man sich wahrhaftig über die fünfzehn Mark ärgern.«

Berndt stimmte seiner Frau zu und meinte:

»Für dasselbe Geld hätte man die schönste Operette haben können.«

»Sie lieben die Operette?« fragte Käte, und Frau Berndt, die die Ironie nicht merkte, rief:

»Ich bitt’ Sie! Wer liebt die nicht? Wenn Sie später ’mal zu uns hierher zu Besuch kommen – wir haben zweihundertsechsunddreißig Platten auf unserem Grammophon – Sie werden staunen! Da sitz’ ich doch lieber zu Haus bei meinem Grammophon, statt mir so einen Blödsinn wie heute abend anzuhören.« Cäcilie erhitzte sich und warf die beringten Hände in die Luft. – »Ach, überhaupt Musik! Ich weiß nicht, ob Sie auch so dafür inklinieren. Ich sage immer zu meinem Mann: große Reisen und teure Kleider und feiner Verkehr, das ist ja alles ganz nett – aber über so eine gefühlvolle Operette, darüber geht nichts!«

»Ich kann es nicht beurteilen,« sagte Käte, »ich bin seit drei Jahren in keiner Operette mehr gewesen.«

»Was?« rief Cäcilie entsetzt und wandte sich zu ihrem Mann: »Leo, hast du gehört? Wie ist das möglich? – Ja, aber vor dem Kriege, du ging es Ihnen doch. . . .«

Paul fiel ihr ins Wort:

»Das liegt daran, daß meine Frau musikalisch ist.«

Cäcilie sperrte den Mund auf und schnappte noch Luft.

»Wa . . . a?« sagte sie.

»Ha ha ha!’« lachte Berndt, und Paul fragte:

»Warum lachen Sie?«

Herr und Frau Berndt sahen sich an.

»Ja!« sagte Käte und freute sich über die Verwirrung, in die Berndts gerieten. – »Ich habe vor meiner Ehe und auch später noch, bis mein erster Junge kam, Musik studiert.«

»Meine Frau ist eine Schülerin d’Alberts und Meyer-Mahrs. Beide haben uns bittere Vorwürfe gemacht und tun es heut’ noch, daß sie der Kinder wegen das Studium aufgegeben hat.«

»Wa— . . . wa . . . was hat sie studiert . . .? und bei wem?« fragte Cäcilie benommen.

»Nu eben, du mußt sie doch kennen,« sagte Berndt, »du kennst sie doch alle.«

»Nicht wahr?« wandte sie sich selbstbewußt zu ihrem Mann. – »Als ob sie bei mir im Musikzimmer nicht alle hängen; in eichenem Rahmen; so sag’s doch.«

»Gewiß!« erwiderte Berndt; und Cäcilie fragte:

»Sie hatten vermutlich Klavierstunden? . . .«

»Gewiß! in erster Linie,« erwiderte Käte.

Da richtete sich Cäcilie triumphierend auf und lachte laut:

»Klavierstunden!« wiederholte sie. – »Du lieber Gott! wer hat die nicht? Ob der Klavierlehrer nun Meyer oder Schulze heißt! Es gibt ja Tausende. Ich hatte auch Klavierstunden, als ich zwölf Jahre alt war.« —

Paul wurde die Sache zu dumm.

»Das ist ja wohl kaum der Grund, dem wir Ihren Besuch verdanken,« sagte er nicht übermäßig freundlich. – »Vermutlich hängt er mit der Übernahme der Villa zusammen.«

»Selbstredend!« erwiderte Berndt. »Als wir aus dem Theater kamen, meinte meine Frau: Eigentlich könnten wir noch ein Stündchen in unsere Villa. Und da wir vor dem Theater gegessen haben, so . . .«

»Ich habe natürlich nichts dagegen,« erwiderte Paul, »daß Sie die Villa aufsuchen, wenn es Sie hierher zieht. Nur darf ich erinnern, daß Sie erst vom ersten April ab Eigentümer sind. Heute haben wir den fünften März. Und dann scheint mir auch die Zeit der Besichtigung nicht gerade glücklich gewählt.«

»Paul!« begütigte Käte, entsetzt über die Art, in der ihr Mann Berndts an die Luft beförderte.

»Ich hab’ doch recht,« wehrte er Kätes Einspruch ab.

»Gewiß! Aber das konnte man doch auch anders machen.«

Berndts empfanden gar nichts. Sie blieben, ohne eine Miene zu verziehen, sitzen und Berndt sagte:

»Ich weiß! – Wir wollen Sie auch nicht etwa zu einer früheren Räumung veranlassen.«

»So hat Ihr Besuch also einen anderen Grund?« fragte Paul.

»Wie gesagt, einen besonderen Zweck hat er nicht,« erwiderte Berndt, und Cäcilie ergänzte:

»Gegessen haben wir! Und wie!«

»Das interessiert mich nicht,« fiel ihr Paul ins Wort, und Käte, die das an ihrem Mann nicht kannte, fragte:

»Sie sind wohl sehr vermögend?«

Cäcilie blähte sich auf und wurde so breit, daß Paul glaubte, die schlanken Lehnen des Louis XVI. müßten jeden Augenblick auseinanderplatzen. Dann sagte sie mit einem schmalzigen Lächeln auf dem Gesicht:

»Sehr!«

Berndt rekelte sich in seinem Sessel, schob Kravatte und Weste zurecht und setzte ein Bein vor

»Man sieht es Ihnen an,« sagte Käte.

Cäcilie riß die Augen auf und strahlte.

»Nicht wahr?« sagte sie und zog die Perlkette, die straff um den feisten Hals lag, nach vorn.

»Sie haben eine Lederhandlung?« fragte Käte

»Wir haben alles!« erwiderte Cäcilie stolz »Leder, Pelze, Decken und Konserven en gros.«

»Das ist ja das reine Warenhaus,« meinte Paul

»Nicht wahr?« rief sie freudig. »Sie müssen es ansehn.«

»Ich kann es mir vorstellen.«

»Das können Sie nicht! Vor drei Jahren bestand die Firma Leo Berndt aus zwei Verkaufsräumen und einem kleinen Kontor. Jetzt hat die Firma Berndt & Tie. acht Kontors und vierundzwanzig Verkaufsräume! Einer immer größer als der andere.«

»Denken Sie an!«

Cäcilie erhitzte sich:

»Vor zwei Jahren, da wußten wir noch nichts von Leder, Pelzen, Decken und Konserven.«

Berndt räusperte sich.

»So! so!« sagte Paul – »wovon wußten Sie denn da?«

»Da hatten wir ein Buttergeschäft,« platzte sie heraus.

»Cäcilie!« rief Berndt wütend und sprang auf. – »Wir haben uns doch in die Hand gelobt, nie wieder . . .«

Cäcilie erschrak und senkte den Kopf.

»Was ist?« fragte Käte.

»Es scheint, sie stoßen sich an ihrer Vergangenheit, dem Buttergeschäft,« erläuterte Paul.

»Ist das eine Schande?« fragte Käte.

»Wir hatten es ja von meinem Schwiegervater übernommen,« entschuldigte sich Cäcilie ohne aufzusehen, und verbarg ihre Hände, die trotz der vielen Ringe noch stark an die Vergangenheit erinnerten. Paul ließ nicht locker. Ihn interessierte die Psychologie der neuen Gesellschaft.

»Nun, das kann jedem passieren,« sagte er. Cäciliens Kopf, der tief über der breiten Brust hing, hob sich ein wenig.

»In so ungewöhnlichen Zeiten ist mancher achtbare Kaufmann in Konkurs gegangen.«

Berndt sah ihn erstaunt an; Cäciliens Kopf hob sich höher.

»Wie meinen Sie das?« fragte Berndt.

»Ich nehme an, daß Ihr Buttergeschäft den Zeitverhältnissen zum Opfer gefallen ist und Sie sich dann mit mehr Erfolg einer neuen Branche zugewandt haben.«

»I Gott bewahre!« riefen beide. Cäcilie saß fetzt wieder kerzengerade.

»Sie meinen, wir wären in Konkurs gegangen?«

»Ja, das dachte ich.«

»Im Gegenteil! Wir haben so viel verdient, daß wir das Geschäft – übrigens sehr preiswert – verkauft und uns einer vornehmeren Branche zugewandt haben.«

»Ja!« bestätigte Cäcilie, und ihr Kopf saß jetzt wieder straff auf dem feisten Nacken.

»Liegt die Vornehmheit in der Branche?« fragte Paul. Und da Berndts ihn verständnislos ansahen, fuhr er fort: »Ich denke doch, sie liegt im Menschen.«

»Na, ich meine doch,« erwiderte Berndt, »daß beispielsweise ein Bankdirektor vornehmer ist als ein Aufschnitthändler.«

»In dieser Allgemeinheit durchaus nicht.«

»Aber doch gesellschaftlich.«

»Das ja.«

»Nu also!« sagte Cäcilie.

»Wie, bitte!« fragte Paul.

»Nu, ich mein’ nur: darauf kommt es doch an!«

»Sie haben also den Wunsch, gesellschaftlich eine Rolle zu spielen?« fragte Paul, und beide erwiderten gleichzeitig:

»Ja!« und Cäcilie fügte noch hinzu:

»Deshalb sind wir ja hier.«

»Wie?« fragten Käte und Paul

»Na, Sie gehörten doch auch dazu . . .«

»Wozu?« fragten Paul und Käte, obschon sie wußten, was Cäcilie meinte. Aber es reizte sie, zu sehen, wie weit ihre Taktlosigkeit, in der nicht einmal kränkende Absicht lag, ging.

»Nu, ich mein’ nur,« erwiderte sie. »Man hört und sieht doch allerlei. Und nachdem Sie nun doch ’mal unsere Vergangenheit kennen, brauchen wir Ihnen ja auch kein Theater mehr vorzumachen.« – Und damit gab sie ihre gezwungene Haltung auf, zog nicht mehr alle paar Minuten ihr Seidenkleid zurecht und ließ ihre roten, fleischigen Hände ungeniert auf dem Schoß liegen.

»Ich dachte gar nicht, daß es heute abend noch so nett werden würde,« sagte Käte belustigt. »Findest du nicht, Paul? ein echter Thackeray.«

»Sie sprechen von einem Maler?« fragte lernbegierig Cäcilie und besah sich die Wände.

»Ungefähr,« erwiderte Paul.

»Schöne Sachen haben Sie da!«

»Gefallen sie Ihnen?«

»Welches ist der echte Thackeray?« fragte Cäcilie und wies auf ein Porträt, das man Lippi zuschrieb und das einen alten Mann mit unverkennbar orientalischem Typ darstellte. – »Vermutlich das?«

»Ungefähr,« erwiderte Paul, und Berndt sagte:

»Ich glaube, du kennst dich bald aus.«

Cäcilie strahlte.

»Und die andern?« fragte sie, und wies auf eine Reihe alter Porträts, die an den beiden Längswänden des Salons hingen.

»Das sind Familienbilder,« erwiderte Käte, »die Eltern, Großeltern und Urgroßeltern von mir und meinem Mann, und das da« – sie wies’ auf ein Porträt in Lebensgröße – »ist der Großvater meines Urgroßvaters aus dem Jahre siebzehnhundertsieben.«

»Sieh’ bloß, Leo!« rief sie erregt – »Was es alles gibt! Aber das ist doch nicht zweihundert Jahre alt? Das sieht ja aus wie neu. Das ist erst später angefertigt, nicht wahr? Vermutlich nach einer Photographie?«

Käte lächelte.

»Das ist über zweihundert Jahre alt,« erwiderte sie, – »nur in der Zwischenzeit wiederholt gefirnißt. Wenn Sie nahe herangehen, sehen Sie auch das Alter.«

Cäcilie stand auf, trat an die Wand, stieg auf einen Stuhl und besah sich das Bild.

»Wahrhaftigen Gott!« rief sie – »lauter Sprünge! Na, für das Alter hat er sich trotzdem gut erhalten, Ihr Urgroßvater! – Gott, Leo, wenn man doch auch so was hätte!«

Berndt hatte ein Notizbuch herausgezogen, in dem er eifrig blätterte.

»Leider sind diese Porträts bei dem Kaufpreis von achtmalhunderttausend Mark nicht einbegriffen,« stellte er fest.

»Schlemihl!« erwiderte Cäcilie; und Käte, die nach einer stummen Verständigung mit Paul gerade im Begriff war, Getränke und Zigarren kommen zu lassen, ließ den Arm, den sie eben zur Klingel hob, fallen und dachte:

Nein! sie sind zu unmöglich!

»Vielleicht läßt sich das nachträglich noch machen,« meinte Cäcilie und wandte sich an Paul.

Der schüttelte den Kopf.

»Biete!« rief Cäcilie ihrem Mann zu, und der sagte:

»Tausend!«

Paul und Käte mußten lachen.

Berndt bot.

»Zweitausend!«

Und da Pauls und Kätes Ausdruck auch daraufhin nicht ernster wurde, so sagte Cäcilie, die noch immer auf dem Stuhle stand:

»Unsinn! keine Ahnung hast du!« – Sie stellte ihre Lorgnette wieder auf das Bild ein, besah und befühlte es, pustete darauf und sagte:

»Fünftausend!«

»Cäcilie!« rief Berndt vorwurfsvoll.

»Laß mich!« wehrte sie ab. »Ich will das Bild haben. Ich seh’ nicht ein: es sieht mir genau so ähnlich wie Ihnen!« sagte sie zu Käte. »Also, wie ist’s? Fünftausend Mark sind kein Pappenstiel!«

Käte führte das Spitzentuch vor den Mund, um nicht laut aufzulachen. Paul, der sich mehr in der Gewalt hatte, sagte:

»Und wenn Sie für die Villa den doppelten Kaufpreis zahlen – das Bild, wie überhaupt jedes dieser Familienbilder, bekommen Sie nicht.«

Cäcilie war außer sich:

»Was soll das heißen?« rief sie. »Für Geld bekommt man alles!«

»Doch wohl nicht!« erwiderte Paul.

»Das möchte ich ’mal sehen, was wir uns bei unserm Geld nicht kaufen können.«

Paul wies als Antwort mit einer leichten Gebärde auf die Wände, an denen die Porträts der Familie hingen.

»Denn nicht!« rief sie verärgert, stieg von dem Stuhl herunter und brabbelte vor sich hin: »Koulant is das nicht!«

»Wie? bitte!« fragte Paul.

»Nu, ich mein’ nur, ich begreif’ das nicht.«

»Das glaub’ ich gern!« sagte Käte.

»Wenn Sie den Mann noch gekannt hätten! aber das ist doch unmöglich!«

»Er ist seit zweihundert Jahren tot,« erwiderte Paul.

Cäcilie sah Paul und Käte mitleidig an, schüttelte den Kopf und sagte:

»Schade!«

»Was ist schade?« fragte Käte.

»Nu, ich mein’ nur,« sagte sie. »Aber vielleicht, daß die Zeiten auch für Sie noch einmal besser werden.«

Paul wollte aufbrausen. Käte, die es sah, hielt ihn zurück.

»Herr, vergib ihnen,« sagte sie, »denn sie wissen nicht, was sie tun.«

Da mußte auch Paul lachen. Und während sich Berndts verständnislos ansahen, rief er Käte zu:

»Du hast recht! Laß was zu trinken kommen. – Nehmen Sie eine Hamburger oder eine Import?« fragte er Berndt.

Der griff in die Tasche, zog ein Zigarrenetui heraus und sagte:

»Danke! Ich bin versehen, ich möchte nicht gern, daß Sie . . .«

»Herr!« rief Paul bestimmt und hielt ihm zwei Kisten Zigarren unter die Nase. »Da Sie in die Gesellschaft wollen, so merken Sie sich: wenn man wo zu Besuch ist, raucht man nicht seine eigenen Zigarren.«

»Merk’ dir’s, Leo!« sagte Cäcilie, und Leo machte ein verdutztes Gesicht und nahm vor Schreck gleich aus beiden Kisten.

»Sie nehmen es meinem Manne doch nicht übel?« fragte Käte. – »Nur, weil Sie vorhin doch selbst sagten, Sie seien hauptsächlich aus diesem Grund heute abend zu uns gekommen.«

»Durchaus nicht!« erwiderte Berndt.

»So! Dann legen Sie eine Zigarre gefälligst wieder zurück,« befahl Paul. Und Leo folgte und legte die Hamburger Zigarre zu den Importen.

Der Diener schob einen Tisch herein, auf dem Liköre, Pilsener Bier, Saft, Obst, Ingwer, Kuchen und Konfitüren standen.

Cäcilie staunte.

»Sieh bloß, Leo!« rief sie – »wie entzückend!«

Und Leo nickte und erwiderte:

»Merk’s dir!«

Als Cäcilie sich das zwölfte Praliné in den Mund schob, schlug Berndt das Gewissen, und er sagte:

»Ich hoffe, Sie geben uns bald Gelegenheit, uns zu revanchieren.«

»Wieder falsch!« rief Paul.

»Gott, so laß doch!« suchte Käte zu vermitteln.

»Im übrigen: es kommt nicht in Frage, denn wir werden für die nächsten Jahre auf jeden gesellschaftlichen Verkehr verzichten.«

»Ich will mich natürlich nicht in Ihre persönlichen Angelegenheiten mischen,« sagte Cäcilie.

»Gnädige Frau,« erwiderte Paul, »das bedeutet entschieden einen Fortschritt.«

»Trotzdem . . .« fuhr Cäcilie fort.

»Nein!« rief Paul, »nicht ›trotzdem‹, denn damit verderben Sie wieder alles. – Wenn ich Ihnen bei dem Sprung ins neue Leben auch gern behilflich bin, so wollen wir doch nicht vergessen, daß es in erster Linie geschäftliche Dinge sind, die uns zusammenführen. Und was den Sprung in die Gesellschaft betrifft, den mit Ihnen jetzt hunderttausend andere machen, so glaube ich, daß Sie sich nicht viel hinaufzumühen brauchen. Die Gesellschaft wird Ihnen entgegenkommen.«

»Hörst du’s, Leo!« rief sie erregt. »Die Gesellschaft wird mir entgegenkommen. – Wenn Sie doch recht behielten!«

»Und schließlich kommt es dahin, daß Sie sich besser in der neuen Gesellschaft zurechtfinden als wir.«

»Sie schmeicheln,« wehrte Cäcilie verlegen und kokett.

»Nein, nein! Sie werden sehen, daß ich recht habe.«

»Sie meinen, daß wir moderner sind. Das ist schon möglich.«

»Wandlungsfähiger! Schon, weil Sie nichts aufzugeben haben. Oder« – und dabei dachte er an das Buttergeschäft – »wenigstens nichts, dessen Aufgabe Ihnen schwer fiele.«

Cäcilie verstand ihn zwar nicht ganz, sagte aber:

»Das ist sehr möglich. – Übrigens, es war im Grunde doch etwas Geschäftliches, was ich Ihnen sagen wollte.«

»Dann, bitte!«

»Mein Mann würde Sie, falls Sie noch nichts gefunden haben, gern zu sich nehmen. Es käme ihm auch auf ein paar Tausend Mark . . .«

»Verehrte Frau Berndt,« unterbrach sie Paul; »ich weiß, Sie meinen es gut; vielen Dank also! – Aber es geht nicht.«

»Schade!« sagte sie. – »Ich hätte es mir so nett gedacht. – Und, warum nicht?«

»Ich muß schon wieder auf die Familienbilder weisen!« erwiderte er. »Gewiß! Sie haben recht, wenn Sie uns darum beneiden. Es ist das Beglückendste, was es gibt, dieser Zusammenhang. Es ist mehr wert als Geld, das merke ich jetzt erst so recht, wo ich mein Vermögen verloren habe. Es gibt einem das Gefühl der Sicherheit; man schwebt nicht in der Luft, man hat seine innere Heimat, man fühlt sich bodenständig. Dieser alte Mann« – und er wies auf eins der Porträts – »den ich nie kannte, steht meinem Herzen so nahe, wie jedes meiner Kinder.«

»Nicht möglich!« rief Cäcilie. »Hast du gehört, Leo?«

Und da Berndt nicht gehört hatte, sondern mit seinen Gedanken gerade bei einer Konservenlieferung war, um die er sich bewarb, so sagte er:

»Merk’ dir’s!«

»Aber daraus erwachsen auch Pflichten! Gewiß, es wäre ein Leichtes, die Firma Röhren, deren Name allein ein Vermögen wert ist, zu veräußern. Gerade heut’, wo die Besitzer der neuen Vermögen Gelegenheiten suchen, auch sozial aufzurücken. Denken Sie, ich verkaufte Ihrem Manne die Firma!«

»Ich wollte es eben in Vorschlag bringen!« sagte Cäcilie.

»Ich käme mir vor wie ein Verräter! Glauben Sie nur, ich hätte nicht mehr den Mut, zu diesen Bildern da aufzusehen. Es ist eben mehr als nur die tote Leinwand, mehr als nur Familiengeschichte, was sich darin äußert. Es ist die Fortsetzung der Persönlichkeit. – Ich bin ein sehr eigenwilliger Mensch und dulde nicht, daß andere sich in meine Angelegenheiten mischen. Denen gegenüber aber fühle ich mich verpflichtet, Rechenschaft abzulegen über alles, was ich tue.«

»Großer Gott!« rief sie und sah auf die lange Bilderreihe – »jedem Einzelnen? Das ist ja schrecklich! Leo, was meinst du, da verzichten wir lieber.«

»Ich hoffte, Sie würden mich verstehen,« sagte Paul. – »Es wäre mir eine Genugtuung gewesen, wenn es mir gelungen wäre, Ihnen . . . .«

»Nein! nein!« wehrte Cäcilie ab, »nur nicht! Wenn wir bei jedem Geschäft erst erforschen wollten, was mein seliger Vater und Großvater und die meines Mannes dazu gesagt hätten – du lieber Gott, derweil hätte uns die Konkurrenz längst die fettesten Bissen weggeschnappt.«

»Du läßt also wohl besser deine Bekehrungsversuche,« sagte Käte; und Paul stimmte ihr zu und erwiderte:

»Das scheint mir auch.«

»Überhaupt,« sagte Cäcilie – »geschäftlich, da ist mir nicht bange, da werden wir schon machen. Aber wenn Sie uns gesellschaftlich ein wenig zur Hand gehen wollten. Denken Sie – darf ich es sagen, Leo?«

»Wie? was?« fragte Berndt und sagte vor sich hin: »elftausendsiebenhundert.«

Cäcilie zierte sich, wurde rot, senkte den Kopf, spreizte die dicken Finger und sagte:

»Gott, Leo, du weißt doch!«

»Ach so! natürlich! Du meinst . . .«

»Ja!« sagte sie und sah ihn kokett von unten herauf an. – »Unsere Hoffnung.«

Eine Pause entstand. Dann sagte Käte:

»Ihre Hoffnung? was ist das?«

»Gott! es sagt sich so schwer, nicht wahr?«   – und sie bedeckte beschämt den Leib mit ihren roten Händen.

»Sie werden Mutter?« fragte Käte ohne jede Verlegenheit.

Cäcilie senkte den Kopf noch tiefer und hauchte:

»Ja!«

»Da brauchen Sie doch nicht so heimlich zu tun,« sagte Käte. – »Das ist doch das Schönste, was einer Frau geschehen kann.«

»Ich schäm’ mich aber so.«

Käte, die das gar nicht begriff, sagte:

»Ja, Sie sind doch verheiratet.«

»Ich schwör’s Ihnen zu,« erwiderte Cäcilie.

»Seit vier Jahren.«

»Nun also! Und es ist das erste Mal?«

»Ja!«

»So freuen Sie sich doch!«

»Das sage ich meiner Frau auch,« meinte Berndt. – »Man weiß dann doch wenigstens, wo sein Geld ’mal bleibt.«

»So meinte ich es natürlich nicht. Ich dachte dabei lediglich an das Gefühl einer Mutter.«

Paul legte seinen Arm um Käte und sagte:

»Spar’ dir die Müh’, Kind!« – und leise fügte er hinzu: »freue dich, daß wir anders sind!«

Cäcilie überwand infolge dieses Zuredens ihre falsche Scham, hob den Kopf wieder in die Höhe, zog die Hände ein, gab den Leib frei und sagte breit:

»Ja! Also ich bekomme ein Kind.«

»Darauf habe ich nur eine Antwort,« erwiderte Käte, »ich gratuliere!«

»Danke!« sagte Cäcilie. Auch Berndt verbeugte sich, meinte aber:

»Übrigens ist es noch nicht so weit.«

Und Cäcilie ergänzte:

»Erst in zwei Monaten. Wir nehmen natürlich eine Amme. Das heißt: wenn wir eine prima bekommen. Wissen Sie keine?«

Käte, die so plötzlich Vertrauensperson ihr völlig fremder Menschen wurde, konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.

»Ich wüßte schon eine!« sagte sie.

»Leo! das wäre doch glänzend!« rief Cäcilie.

»Du weißt ja noch gar nichts!« gab Berndt zur Antwort.

»Ich bitt’ dich, die Amme von Röhrens! Was brauch’ ich da weiter viel zu wissen?«

»Das heißt,« berichtigte Käte, »unsere Amme ist es nicht.«

»Wessen denn?«

»Ich habe es mir nicht nehmen lassen, meine Kinder selbst aufzuziehen!«

»Unmodern!« rief Cäcilie.

Käte lachte und sagte:

»Möglich! – Aber um auf diese Amme zurückzukommen . . .«

»Ja, bitte!« drängte Cäcilie.

»Wir haben seit sieben Jahren einen Hausverwalter, dessen Frau bereits zweimal bei uns Mutter wurde und infolge ihrer besonderen Konstitution außer ihrem Kinde, mit Wunsch und Willen des Arztes, noch ein fremdes aufgezogen hat.«

»Leo!« rief Cäcilie und lachte laut auf, »hast du so was erlebt! Prachtvoll! Nein, was es alles gibt!«

»Diese Frau, für deren Gesundheit und Charakter ich mich übrigens verbürge, sieht wieder ihrer Niederkunft entgegen. Genau unterrichtet über den Zeitpunkt bin ich natürlich nicht. Aber es könnte doch sein . . .«

»Leo, was sagst du? eine eheliche Amme! die hat nicht jeder!«

»Das wäre in der Tat etwas Exquisites,« bestätigte Berndt.

»Ich stoße mich schon lange daran, daß unser Kind einmal einer lüderlichen Person angelegt werden soll. Man kann nämlich gar nicht wissen: schließlich färbt so ’was ab.«

Käte hielt sich ihr Spitzentuch wieder vor den Mund. Paul wandte sich um.

»Und Sie meinen, die würde . . .?« fragte Berndt.

Käte zog die Schultern hoch.

»Möglich,« sagte sie. »Vorausgesetzt, daß es zeitlich übereinstimmt. Am besten, Sie fragen sie selbst.«

Paul trat dicht an Käte heran.

»Was tust du nur?« fragte er leise. »Ich kenne dich ja gar nicht wieder.«

»Laß mir das Vergnügen!« bat sie. »Am Ende verhelfen wir Linkes zu einer Stellung.«

Das leuchtete Paul ein.

»Also?« fragte Käte, »soll ich sie rufen?«

»Aber doch nicht jetzt!« widersprach Paul – »mitten in der Nacht! die Leute schlafen doch!«

»Uns macht’s nichts,« sagte Cäcilie. »Wir sitzen alle Nacht bis zwei Uhr auf.«

Käte ging ans Fenster und schob den Store zurück.

»Es ist noch Licht bei ihnen,« sagte sie. Paul telephonierte hinunter.

»Was kostet die Frau?« fragte Cäcilie. »Wird sie im ganzen berechnet? oder wöchentlich?« – Und da Käte keine Antwort gab, so fragte sie weiter:

»Oder von Fall zu Fall?«

»Das wird sie uns alles sagen,« erwiderte Käte.

»Neugierig bin ich! Du nicht, Leo? Ist sie blond, dunkel?«

Der Diener trat ein und flüsterte Paul etwas zu.

»Ja! ja!« sagte der. »Sie sollen nur ungeniert hereinkommen!«

Franz und Emma Linke traten in den Salon, sagten guten Abend und blieben in der Tür stehen.

Cäcilie sah ihren Mann an und verzog den Mund. Berndt schüttelte den Kopf.

»Das ist unser Hausmeisterpaar,« sagte Käte.

»Herr Linke hat außerdem den Weinkeller unter sich.«

»Richtig! Weinkeller!« rief Cäcilie. »Das muß man ja auch haben.«

»Merk’ dir’s!« sagte Berndt.

»Verstehen Sie ’was davon?« fragte Cäcilie.

»Ich glaub’ schon,« erwiderte Linke und sah mit sicherem und offenem Blick Paul und Käte an.

»Er kennt sich aus!« bestätigte Paul. »Und ist dabei umsichtig und gewissenhaft.«

»Der ist natürlich auch nicht übernommen,« sagte Cäcilie vorwurfsvoll. »Ist Ihr Mann auch so’n Schlemihl?« fragte sie Käte.

Die Köpfe des Ehepaares Linke wandten sich entsetzt zu Käte. Die tat, als überhörte sie’s und sagte:

»So viel ich weiß, haben Sie noch keinen neuen Posten, Linke?«

Der war noch so verdutzt, daß er gar nicht hörte, was Frau Käte sagte. Seine Frau, die sich schneller wieder in der Gewalt hatte, stieß ihn an:

»So red’ doch!« – Und auf sein dummes Gesicht hin wiederholte sie: »Die gnädige Frau fragt, ob wir schon einen neuen Posten haben.«

Linke sagte:

»Ach so – nein! – noch nicht! – wir hoffen noch immer . . .«

»Was hoffen Sie?« fragte Frau Käte.

»Wir würden, wenn wir könnten, gern bei dem gnädigen Herrn und der gnädigen Frau bleiben. Auch mit weniger . . . .«

»Linke!« sagte jetzt Paul bestimmt, »was ist das für ein bodenloser Leichtsinn! Wie oft habe ich Ihnen gesagt: es fällt mir nicht leicht, mich von Ihnen zu trennen, aber es muß sein; darum sehen Sie sich rechtzeitig nach was anderm um! Stimmt’s?«

»Jawohl, gnädiger Herr! Aber wir dachten doch noch immer – weil es uns doch so schwer wird . . .«

»Sie haben in erster Linie an Ihre Familie zu denken! Ob es Ihnen leicht oder schwer fällt, das ist daneben ganz ohne Belang; stimmt’s?«

Linke nickte mit dem Kopf und erwiderte:

»Ja! – an sich schon.«’

»Ich hab’ ihn ja auch immer zurückgehalten,« sagte Emma, »weil ich mir doch gar nicht hab’ denken können, daß das nun hier alles wirklich soll ein Ende haben.«

Cäcilie reckte sich in ihrem Louis XVI. empor:

»Das hat’s auch nicht!« rief sie stolz und wies mit der roten Hand auf sich: »Hier! Wir setzen’s fort! – Genau wie’s war. Vielleicht noch großartiger. Ich hab’ schon zu meinem Mann gesagt: im nächsten Jahr, da wird das ganze auf neu umgearbeitet, außen und innen. Wir lassen es uns was kosten, was Leo? Das muß alles prima sein!«

»Was? – Sie!« rief das Ehepaar Linke und sah erstaunt Cäcilie und Berndt an, wandte sich dann an Paul und Käte und ihre Blicke fragten: »Das stimmt doch nicht?«

»Doch! doch!« erwiderte Käte, »Herr und Frau Berndt« – Cäcilie bewegte sich leicht nach vorn, Berndt faltete die Hände über dem Bauch – »bewohnen vom ersten April ab die Villa.«

»Aber nicht etwa als Mieter!« rief Cäcilie. —«Wir haben sie für . . .«

»Der Kaufpreis interessiert Linkes nicht,« unterbrach sie Paul.

»Nein! nein!« wehrte Linke ab. Dann schüttelte er den Kopf und sagte traurig: »Also doch! – Wir wollten’s nicht glauben.«

Cäcilie zog ein Kuvert hervor, in dem Plan und Vertrag der Villa lagen, hielt es hoch und sagte:

»Da! schwarz auf weiß. Wollen Sie’s sehen?«

»Danke!« sagte Linke ohne hinzusehen, wandte sich an Paul und fragte: »Und Sie wollen uns nicht . . .? Es braucht ja nicht zu sein wie hier. Dann richtet man sich eben ein. Gehen tut alles. Was, Emma, wenn man nur will.«

Emma stimmte zu.

»Unter den augenblicklichen Verhältnissen, mein lieber Linke,« sagte Paul, »ist es nicht möglich! Aber, nicht wahr, Sie lassen ja von sich hören?«

»Gewiß! gewiß!« versicherte Linke, »wenn ich darf.«

»Ich wünsche es! Sie wissen ja, welch’ Interesse meine Frau für Ihre Kinder hat, na, und ich natürlich auch. Aber vorläufig heißt’s nun arbeiten! Für mich – und auch für Sie! Verstanden?«

Linke nickte mit dem Kopf und Emma sagte:

»Ja, da werden wir uns nu wohl beeilen müssen, Franz!«

»So red’ doch!« rief Cäcilie und gab ihrem Mann einen Stoß.

»Tja!« sagte der. – »Sie haben also noch nichts? Na, dann wär’s am Ende ganz praktisch, Sie blieben, wo Sie sind.«

Linkes sahen ihn an.

»Ich mein’ auch,« sagte Käte. – »Es wäre für beide Teile gut.« – Sie wandte sich an Cäcilie. – ». . . Sie haben zuverlässige Menschen und in Linke vor allem jemanden, der mit allem Bescheid weiß – nicht nur mit den Weinen; auch sonst wird er Ihnen in allen gesellschaftlichen Fragen eine Stütze sein; wenngleich er etwas grad’ heraus ist! Aber daran gewöhnt man sich! Na, und Sie,« wandte sie sich an Linkes, »blieben, wo Sie sind und würden sich pekuniär vielleicht sogar verbessern.«

»Das Doppelte!« rief Cäcilie.

»Wie meinen Sie das?« fragte Käte.

»Von dem, was Sie bisher hatten.«

»Nun sehen Sie ’mal an!« sagte Käte.

»Und Sie meinen wirklich,« fragte Linke und sah Paul und Käte an, »wir sollen. . . .«

»Aber gewiß, meine ich das!« erwiderte Paul.

»Da erübrigen Sie was für die Kinder; die kosten Geld, wenn sie größer werden.«

Linke wandte sich an seine Frau.

»Was meinst du, Emma?«

»Wenn die gnädige Frau glaubt. . . .«

»Ja, Emma! Ich rate Ihnen dazu.«

»Also?« fragte Berndt und holte sein Buch hervor.

»Ja, Franz, denn is es wohl recht,« sagte Emma. Linke nickte.

»Kostenpunkt?« fragte Berndt, steckte die Bleistiftspitze in den Mund und beugte sich über sein Notizbuch.

Linkes sahen sich an.

»Herr Berndt meint die Höhe des Gehalts.« erläuterte Paul.

»Wir hatten bisher hundertfünfundzwanzig Mark,« sagte Linke.

»Das hieße also für uns zweihundert,« sagte Cäcilie.

»Wenn ich recht verstand,« erwiderte Paul, »so sagten Sie vorhin das Doppelte.«

»Aber das ist ja mehr als genug,« versicherte Linke.

»Hatte ich falsch gehört?« fragte Paul und sah Cäcilie fest an.

»Was meinst du, Leo?« wandte sie sich an ihren Mann. Und der erwiderte, obgleich er genau gehört hatte:

»Du mußt doch wissen, was du gesagt hast.« Cäcilie setzte die Lorgnette an und sagte:

»Kommen Sie doch ’mal ein bißchen näher heran!«

»Ich?« fragte Emma.

»Ja, Sie!«

Emma trat unbefangen vor Frau Berndt hin. Die musterte sie derart ungeniert, daß Emma, die sonst nicht schüchtern war, beschämt zur Erde sah. Dann nahm sie sie bei der Hand, zog sie zu sich heran und flüsterte ihr ins Ohr.

»Wann?«

»In acht Wochen.«

»Glänzend!« rief Cäcilie erfreut. »Denk’ dir, Leo, es paßt.«

»Nu also!«

Paul nahm Käte unter den Arm und wandte sich zur Tür. – »Sie machen das wohl besser untereinander aus!« sagte er, verbeugte sich und ging mit Käte aus dem Zimmer.

Es dauerte kaum eine Viertelstunde, da war der Vertrag zwischen Linkes und Berndts perfekt.

Als Berndts aus dem Hause traten, sagte Cäcilie zu ihrem Manne:

»Sehr feine Leute, diese Röhrens!«

»Wieso?« fragte Leo.

»Nu, ich mein’ nur. Hast du nicht gemerkt, wie diskret sie sich zurückgezogen haben?«

»Selbstredend,« erwiderte Berndt, nahm seine Frau unter den Arm und sagte:

»Merk« dir’s!«




Zweites Kapitel

Wie Frida und Günther zur Welt und zu falschen Eltern kamen


»Also, nicht so viel liegen!« wiederholte der alte Hausarzt ein um das andere Mal. – »Sie haben es doch wahrhaftig bequem! Drei Stufen, und Sie sind in Ihrem Garten, und kein Mensch sieht Sie.«

»Der Garten ist noch nicht restauriert,« erwiderte Cäcilie, die auf der Chaiselongue lag

»Was heißt das?«

»Nu, er sieht noch nicht prima aus. Der neue Gärtner tritt erst am ersten Mai seine Stellung an.«

»Hier handelt es sich nicht um Äußerlichkeiten, sondern um die Gesundheit; und zwar nicht nur um Ihre,« betonte der Arzt nicht gerade freundlich.

»Eben darum.«

»Ich verstehʼ Sie nicht.«

»Nu, ich meinʼ nur.«

»Was meinen Sie?«

»Des Jungen wegen.«

»Was für eines Jungen?«

»Leo meint zwar, ich soll mir das nicht zu fest in den Kopf setzen, um nachher nicht enttäuscht zu sein, wenn es ein Mädchen wird. Aber nicht wahr, das fühlt man doch?«

»Keine Spur!«

»Ich weiß aber, daß es ein Junge ist.«

»Dann wissen Sie mehr als wir. Im übrigen, ich verstehe noch immer nicht, was hat das mit dem Garten zu tun?«

»Wissen Sie das nicht?« fragte Cäcilie erstaunt.

»Nein.«

»Daß das abfärbt?« – Und da das Gesicht des Arztes nicht klüger wurde, so fuhr sie fort: »Daß das Kind alles annimmt, und daß man darum alles Häßliche von ihm fernhalten und es immer nur mit Schönem umgeben soll?«

»So! so! – aber im Vertrauen: derartige Dinge sind Unsinn!«

»Dann haben wir das ganze Geld ja zum Fenster herausgeworfen! Wie gräßlich! Schade um die Zeit!«

»Was haben Sie getan?«

Cäcilie stand auf und öffnete eine Tür; mit der Klinke in der Hand blieb sie stehen.

»Da, sehen Sie hinein, Herr Sanitätsrat!«

Der Arzt stand auf und sah in ein geräumiges Zimmer, in dessen Mitte ein Ruhebett stand. An den Wänden rechts und links hing dicht aneinander gedrängt Porträt an Porträt. Auf der einen Seite nur männliche, auf der andern nur weibliche. Es waren zum größten Teil schlechte Kopien alter Meister. Aber auch moderne Bildnisse, denen man die Neuheit nur zu sehr ansah, hingen massenhaft herum. Auch Öldrucke fehlten nicht, und die Zwischenräume füllten Gravuren, Photographien, ja selbst einfache Drucke, die aus illustrierten Zeitungen ausgeschnitten waren.

Der Arzt staunte; er hielt es für die Galerie eines Parvenu und hoffnungslosen Dilettanten.

»Nach welchem Prinzip,« fragte er, »ist diese Sammlung entstanden?«

»Nach dem Prinzip der Schönheit!« erwiderte Cäcilie stolz.

»Und zu welchem Zweck?« fragte er nicht eben artig.

»Ja, begreifen Sie denn noch immer nicht?« rief Cäcilie erstaunt.

Der Arzt schüttelte den Kopf.

»Für unser Kind! Den Vormittag über liege ich auf der einen Seite, den männlichen Bildnissen gegenüber, nachmittags auf der andern. Denn es ist ja nicht ausgeschlossen, daß ich mich irre und daß es doch ein Mädchen wird.«

»Und Sie meinen . . .?« fragte der Arzt, der ganz verdutzt war und Augen und Ohren nicht traute.

»Daß allʼ diese Schönheit auf mein Kind abfärbt! Ja! Das glaube ich!«

Der Arzt schüttelte den Kopf, dann trat er ein paar Schritte in diese sonderbare Schönheitskammer.

»Wo haben Sie nur allʼ die Bilder her?« fragte er.

»Von den alten Meistern haben wir einige gekauft,« erwiderte sie. – »Aber die meisten sind von unseren eigenen Meistern angefertigt; teils nach den Originalen an Ort und Stelle, teils nach dem Leben.«

»Von Ihren eigenen Meistern?«

»Ja!« sagte sie stolz. »Wir haben in unserer Konservenabteilung zwei Angestellte, die die Etikettes und Reklameplakate zeichnen. Prima Leute. In vier Wochen, die mein Mann ihnen Zeit gab, haben sie achtunddreißig Porträts gemalt. Das soll ihnen erst ʼmal einer nachmachen«»

»Fabelhaft!« rief der Sanitätsrat. – »Und das soll hier am Ende auch über die Geburt hinaus . . .?«

»Wie meinen Sie?« fragte Cäcilie.

»Ich meine, das soll doch nicht etwa permanent so bleiben?«

»Doch! doch! Wir wollen die Galerie sogar erweitern.«

»Na ja!« sagte der Sanitätsrat, »dagegen läßt sich nun ʼmal nichts machen.«

»Und wann glauben Sie?« fragte Cäcilie.

»Bald! sehr bald! Aber ich wiederhole Ihnen, machen Sie sich, statt hier auf dem Ruhebett zu liegen, Bewegung! Sonst stehʼ ich für nichts ein.«

Cäcilie versprachʼs, und der Sanitätsrat ging.

Er sah noch schnell beim Vorübergehen zu Linkes hinein, rief Emma, die gerade am Herd stand zu:

»Na, Frau Linke, wie schautʼs aus?«

»Jlänzend! Morjen können Se mir jratulieren!«

»Na, na!« erwiderte der Sanitätsrat. – »So schnell schießen die Preußen nicht!«

»Wollen Se wetten?«

»Na, dann werdʼ ich doch mal lieber . .« sagte der Arzt, machte kehrt und ging in das Leutehaus.

»Nich nötig!« rief Emma.

»Noch mindestens vierzehn Tage!« stellte er fest.

Emma schüttelte den Kopf.

»Nʼ Taler für jeden Tag früher, Herr Doktor?«

»Da würden Sie nicht reich bei werden, liebe Frau!«

Emma wischte sich an der Schürze schnell die Hand ab und streckte sie ihm hin.

»Abgemacht?«

Der Sanitätsrat lachte und schlug ein.

»Na, also! Auf alle Fälle! Sie wissen ja, wennʼs auch nachts ist. Dazu bin ich da!«

»Schönen Dank. Herr Doktor.«

Sie brachte ihn bis zur Tür und ging dann an den Herd zurück. —

Cäcilie nahm einen der vielen Adonisse von der Wand und ging damit in den Garten. Das ungewohnte Gehen fiel ihr schwer. Nach zehn Minuten kehrte sie in das Haus zurück, ging in den Gemälderaum und legte sich auf das Ruhebett, den Rücken, obgleich es Vormittag war, den männlichen Bildnissen zugewandt; der Sanitätsrat hatte sie doch beunruhigt.

Emma saß währenddessen mit ihrem Manne und den beiden Kleinen um den blitzblank gescheuerten Tisch und aß zu Mittag.

»Scharf ist das Gulasch!« wiederholte Franz, als Emma ihm das zweite Mal den Teller füllte. Und der vierjährige Paul, der ein Patenkind Röhrens war, zog den Löffel aus dem Mund und sagte:

»Mutta! das sagt Vata bloß, daß de ihm was zu trinken jibst.«

»Richtig!« rief Franz, »der Junge kennt mich.«

»Heutʼ sollʼs nicht drauf ankommen,« erwiderte Emma.

»Was ist heutʼ?« fragte Franz.

»Heutʼ liegt noch ʼwas in der Luft.« – Dabei stand sie auf, holte ein Glas und eine Flasche Bier und stellte sie vor Franz auf den Tisch.

»Das jibtʼs ja janich; was Vata?« sagte Paul. »In der Luft, da fliegt doch höchstens ʼwas.«

»Na, ja,« sagte Emma, »da hast du recht. Es fliegt auch was, mit langen Beinen und ʼnem roten Schnabel; na Paul, nu rate ʼmal!«

»Is wahr?« rief Linke strahlend.

»Wasʼn, Vata?«

»Dummer Junge! Wer hat denn lange Beine und ʼn roten Schnabel?«

»Jroßvata!« rief Paul freudig.

»Nein! Aber ʼn Klapperstorch!«

»Schon wieda?« fragte Paul und sah auf sein Schwesterchen; »Pauline kann ja noch nicht ʼmal laufen.«

»Dott! dott!« widersprach Schwester Pauline, die auf einem hohen Kinderstuhl saß. Sie strampelte und wollte gerade von dem Stuhl herunterstürzen, um Paul zu widerlegen, als Emma ihr in den Arm fiel und sie gerade noch im letzten Augenblicke auffing.

Aber eine Erschütterung hatte es doch gegeben. Sie fühlte heftige Schmerzen, Franz nahm sie unter den Arm, half ihr und brachte sie zu Bett.

Man hatte ein helles, sonniges Zimmer in Cäciliens Nähe für sie hergerichtet.

Cäcilie, die noch immer in der Bildergalerie lag, warf sich unruhig von einer Seite auf die andere. Kehrte sie den männlichen Porträts den Rücken, so war sie überzeugt, es wurde ein Junge und wechselte schnell ihre Lage. Und lag sie mit dem Rücken zu den weiblichen Porträts, so schwor sie auf ein Mädchen, ließ jede Vorsicht außer acht und wandte sich ruckartig um. So auch jetzt wieder.

»Oh!!« schrie sie laut, griff nach der Klingel, läutete und rief dem Mädchen, das eintrat, erregt zu:

»Schnell! schnell! Ich muß ins Bett! Telephonieren Sie an Frau Helbing und meinen Mann und den Sanitätsrat. Sagen Sie, es geht los!« —

Es war etwa um die gleiche Zeit, als Cäcilie und Emma in ihren Betten lagen.

Es war bei beiden nicht leicht, und Frau Helbing lief wohl ein dutzend Mal von einer zur andern.

Emma litt sehr, und als der Knabe zur Welt kam, war sie apathisch, sah und fragte nichts.

Franz durfte nicht bei ihr sein. Sie wollte nicht, daß er sah, wie sie sich quälte. Er saß in Angst und aufgeregt in der Küche und sah und horchte zur Tür, obschon zwei Zimmer dazwischen lagen. Alle Augenblicke sah er zur Uhr: wie Stunden krochen die Minuten.

Kaum war bei Emma alles glücklich vorüber, da war Frau Helbing mit ihren Gedanken auch schon bei Cäcilie. Und ohne an Franz zu denken, stürzte sie die Treppe hinauf in Cäciliens Zimmer.

»Endlich! Ich haltʼs nicht mehr aus!« rief die Zofe und lief davon.

Frau Helbing trat eilig an das Bett heran und beugte sich über Cäcilie:

»Ulala!« sagte sie. – »Na, denn man zu!«

Erst wurde Leo, der am Bettrand stand, ohnmächtig, dann Cäcilie, – und dann kam das Kind zur Welt, das ein Mädchen war.

Frau Helbing eilte mit der Neugeborenen in Emmas Zimmer, in dem alles aufs beste für den Empfang der Sprößlinge vorbereitet war.

Franz war in seiner Unruhe ein Zimmer näher zu Emma vorgerückt.

Als Frau Helbing jetzt mit der kleinen Berndt, die in feinen Battist gewickelt war, im Eilschritt durch das Zimmer kam, sprang Franz auf, stürzte auf sie zu und rief:

»Was ist es?«

»Ein Mädchen!« erwiderte Frau Helbing und war im nächsten Augenblick auch schon aus dem Zimmer.

Neben Emmas Bett stand die Wage. Sie legte die beiden jüngsten Weltbewohner hinauf und schrieb auf einen Zettel, der daneben lag: Junge neun Pfund, Mädchen siebeneinhalb. Dann rief sie Franz und die Zofe, gab ihnen Anweisungen hinsichtlich der beiden Mütter, beugte sich über Emmas Bett und sagte:

»Nun, wie gehtʼs?«

Emma schlug die Augen auf, lächelte und sagte:

»Gut!«

»Also!« erwiderte Frau Helbing, packte in großer Hast ihre Sachen zusammen und lief zu Cäcilie.

Leo und die Zofe mühten sich um sie. Sie lag schachmatt, aber bei vollem Bewußtsein.

»Alles in Ordnung?« fragte Frau Helbing, überzeugte sich selbst, ordnete in Hast dies und jenes an und stürzte aus dem Zimmer.

Draußen empfing sie der Diener.

»Es ist schon dreimal für sie antelephoniert worden. Neiß oder Neißer oder so ähnlich. Es wäre die höchste Zeit!«

»Ich weiß! ich weiß!« rief Frau Helbing und stürzte atemlos die Treppe hinunter.

Leo lief ihr nach.

»Wo ist das Kind?« rief er aufgeregt.

»Drin, bei Frau Linke!« gab sie zur Antwort.

»Ich gratuliere, gnädiger Herr!« sagte der Diener und verbeugte sich.

»Danke! danke!« erwiderte Leo. »Ich weiß ja noch gar nicht,« und lief über den Korridor in Emmas Zimmer.

»Wo? wo?« fragte er und hatte vor Neugier und Aufregung einen ganz roten Kopf.

»Hier!« erwiderte Franz mit einer Stimme, die recht dünn klang, und wies auf einen Wickeltisch, auf dem die beiden Neugeborenen friedlich nebeneinander lagen.

Leo stürzte an den Tisch.

»Wa . . .?« rief er, »Zwillinge?«

Emma, die es hörte, erschrak.

»I Gott bewahre!« entgegnete Franz. »Eins davon gehört uns.«

»Welches?« fragte Leo.

Und Franz wies ziemlich resigniert auf das siebeneinhalb Pfund schwere Mädchen und sagte:

»Das sind wir.«

»Bravo!« rief Leo, »dann gehört der Junge also uns! Ein strammer Kerl!«

»Neun Pfund!« sagte das Mädchen, das daneben stand.

»Schade!« dachte Emma in ihrem Bette, rief mit schwacher Stimme »Franz!«, nahm seine Hand und sagte: »Macht nichts! Wir sind ja noch jung!«

Franz nickte und sagte:

»Jewiß! Hauptsache, daß es ʼn ordentlicher Mensch wird.«

Leo ging triumphierend durch das ganze Haus. Der Diener stand bis zum Abend am Telephon und meldete allen Bekannten, das Günther, neun Pfund schwer, angelangt sei. Dasselbe berichteten am nächsten Morgen in Sperrschrift sämtliche Blätter.

Auch Cäcilie erholte sich nach ein paar Stunden. Sie schmunzelte, als Leo ihr sagte: Ein Junge! Und als er mit besonderer Wichtigkeit hinzufügte: Neun Pfund schwer! – strahlte sie und dachte: prima.

Daß Linkes ein Mädchen hatten, das siebeneinhalb Pfund wog, fanden sie natürlich. Sie sahen darin so etwas wie den Takt der Natur, die Distanz wahrte.

Als die beiden Mütter sich völlig erholt hatten, die beiden Neugeborenen bei Emma lagen und die ersten Züge ins Leben taten, erschien der Sanitätsrat.

Er fühlte mit Würde den Puls und stellte fest, daß der Verlauf normal sei; dann drückte er Leo die Hand, und in seinem Blick lag so etwas wie Anerkennung. Leo erfüllte es mit Stolz, und er beschloß, dem Sanitätsrat »anläßlich der Geburt seines Erstgeborenen« eine Extragratifikation zu senden.




Drittes Kapitel

Mutter und Kind


Günther entwickelte sich alle Tage mehr zu jener Gattung von Wunderkind, dem man in den Häusern der oberen Zehntausend auf Schritt und Tritt begegnet und dessen hervorragende Eigenschaften man mit dem bloßen Auge nicht wahrnehmen kann.

Allein die Affenliebe von Eltern und Tanten verleiht die Gabe, in Häßlichkeit verborgene Schönheit, in Widerspenstigkeit den Ausdruck starken Willens und in unbekümmertem und ohne Rücksicht auf Zeit und Ort geübtem Nässen die Äußerung einer schönen Seele zu erblicken.

Der Gast hingegen, dem man dies Wunder vorsetzt, wendet sich mit Grausen – es sei denn, daß Rücksichten und gesellschaftlicher Takt ihn zwingen, zu loben und zu bleiben.

Cäcilie empfing jetzt viel Rekonvaleszensbesuche. Und Günther wurde bald jeden Nachmittag von halb fünf bis halb sieben zum Tee gereicht. Alle bestaunten ihn, und bei vielen hinterließ er einen schwer verwischbaren Eindruck.

Cäcilie fand, schon als er sechs Wochen alt war, daß er einem alten spanischen Granden aus der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, dessen Porträt in der Gemäldegalerie dem Ruhebett unmittelbar gegenüber hing, unverkennbar ähnlich sah.

Und als er nach weiteren vier Wochen das erste Mal unartikulierte Laute von sich gab, die anders klangen als das gewöhnliche Geplärre und einem abgerissenen Lallen glichen, rief Cäcilie begeistert:

»Hast du gehört, Leo, was er gesagt hat?«

Leo und Emma sahen sich erstaunt an.

Da lallte der spanische Grande von neuem.

»Hört ihrʼs nicht? Tarantella! ruft er ganz deutlich!« – Und sie fiel Leo um den Hals und rief:

»Ich bin ja so stolz! Es ist ein Wunderkind!«

Emma schüttelte den Kopf und dachte:

»Ist das eine verrückte Mutter!«

Cäcilie war wie ein Spürhund hinterher, daß Günther bei Emma stets einen Platz an der Sonne hatte. Oft zum Nachteil des andern Säuglings, dem Linkes den Namen Frida gaben. Aber Emma stellte, sobald Cäcilie draußen war, das Gleichgewicht wieder her und sorgte dafür, daß keins zu kurz kam.

Trotzdem blieb Günther stets um ein paar Kilo voraus. Und Franz dachte, so oft er vor Emma stand und seine Augen auf den beiden Kindern ruhten:

»Strammer ist ja der Junge. Aber das Mädel ist auch nicht übel.«

Aber er sprach es nicht aus, um Emma nicht zu kränken.

Für Cäcilie hingegen war Frida eine ständige Ursache des Stolzes und der Freude.

Kam Besuch, so versäumte sie nie, Günther gegen Frida auszuspielen.

»Soll man es für möglich halten,« fragte sie regelmäßig, »daß die beiden Kinder am selben Tage und zur gleichen Stunde geboren sind?«

Alle sagten, daß sie es nicht für möglich hielten, obgleich nicht jedem gleich der Gewichtsunterschied in die Augen fiel.

Und wenn sie dann aus der Kinderstube heraus waren und wieder im Salon saßen, dann sagte Cäcilie, falls es ihr nicht einer der Besucher vorweg nahm:

»Und da gibt es noch immer Leute, die für die allgemeine Gleichheit sind. Wo sich die Klassenunterschiede doch rein äußerlich so deutlich zeigen.« —

Einen Tanz gab es, als eines Morgens eine Probierdame von Gerson in Begleitung eines Laufjungen erschien, der auf seinem Rücken keuchend einen Berg von Kartons schleppte.

Emma wurde nach vorn gerufen. Die Kartons wurden geöffnet.

»Wat soll das?« fragte Emma drohend, stemmte die Fäuste in die Hüften und sah in die Kartons, die offen ringsum auf der Erde standen.

»Echte Spreewälder Kostüme!« sagte Cäcilie.

»Wollen die Jnädige aufʼn Maskenball jehn?«

»Aber nein. Emma, die sind für Sie!«

»Für mich? – Das wärʼ jelacht!«

»Das gehört sich so!« suchte Cäcilie sie zu belehren.

»Für wen?«

»Nu, überhaupt.«

»Für Sie! Das mag sein. Für mich nich! Warum haben Se sich da nich jleich so ʼne wendische Unschuld jenommen? Da hätten Sie das teure Kostüm gespart.«

»Aber Emma, bedenken Sie, Sie schonen Ihre Sachen!«

»Ausjeschlossen!« widersprach Emma. »Und denn überhaupt, im Tiergarten, mang die echten Spreewälderinnen! Ich werʼ mich blamieren! Fällt mir nich ein! Können Sie wendisch? Ich sagʼ Ihnen, das is, wie wenn Sie ʼn Frosch breitquetschen. Da verstehn Se kein Wort.«

»Das haben Sie ja nicht nötig.«

»Ich bittʼ Sie, man will doch auch mal ʼn Wort reden!«

»Schließlich, es lernt sich alles.«

»Ne, ne, da gibtʼs nichts! – Erzählen Sie das ʼmal meinem Mann, daß Se ʼne Spreewälder Amme aus mir machen wollen.«

»Das ist doch nur äußerlich.«

»Innerlich krempelt mich auch keiner um!« rief Emma.

Jetzt mischte sich auch die Probierdame in die Unterhaltung.

»Das Kostüm ist doch so kleidsam!« sagte sie. »Ich glaube, daß es Sie vorzüglich kleiden würde.«

»Sehn Se ʼmal an! Was Se nich sagen!« erwiderte Emma. – »Na, wie wärʼs denn, wenn Sie mal ʼn paar Monate darin rumliefen? – Wennʼs doch so kleidsam is! Der Jnädigen kommtʼs nich drauf an. Selbstredend troddele ich nebenher. Für alle Fälle! Und in Anspruch werden Se von dem Kind weiter nich jenommen.«

»Das ist eine Idee!« rief Cäcilie. – »Sie mit Ihrer Figur und dem Gesicht würden überall Aufsehen machen! Jeder würde fragen, wem der Junge gehört!«

»Jawoll!« bestätigte Emma. – »Das ist de beste Reklame für Sie und den Jungen – und für de Konserven.«

Cäcilie sah sie erstaunt an.

»Na ja!« fuhr Emma fort. »Wenn es denn heißt: Das is der Junge von der Konservenfabrik Berndt & Tie., was meinen Sie, wie soʼn lebendiges Plakat zieht!«

Cäcilien leuchtete das ein.

»Und was Sie da alles für Bekanntschaften machen!« reizte Emma die Probiermamsell.

Die protestierte und rief entsetzt:

»Gnädʼge Frau!«

»Sagen Se das nich!« widersprach Emma.

»Ich . . . bin . . »» rief die Probierdame atemlos.

»Ich weiß!« beruhigte sie Emma. »Sie sind! Aber das macht nichts. – Ich bin ja bei Ihnen. Und in soʼm Fall, wo Ihnen jemand zu nahe tritt, da nehmʼ ich ʼn mir schon beiseite und bringʼ ihm bei, daß Se man nur ʼne Atrappe sind.«

»Das ist ja toll!« rief die Probierdame.

»Jewiß!« sagte Emma. – »Aber das macht nichts. Wissen Se, ich habʼ so ʼne Ahnung. . . .  Jlauben Sie übrigens an Ahnungen?«

»Ja!« sagte die Probierdame.

»Na sehʼn Se!« rief Emma. – »Denn müssen Seʼs einfach probieren. Ich sage Ihnen, das wird Ihr Glück!«

»Ja, wie kommen Sie denn darauf?« fragte die Probierdame interessiert.

»Pscht!« wehrte Emma geheimnisvoll ab. —

»Nicht reden! sonst wirdʼs nichts! Also, Fräulein, wollʼn Se?«

»Mein Gott, das ist doch unmöglich!«

»I Gott bewahre! Bei unserer Jnädigen is nichts unmöglich – von wo sind Sie?«

»Von Gerson.«

»Sehn Se ʼmal an! Na, mit dem Mann wird sich doch reden lassen. Oder glauben Se, der macht Bankrott, wenn Sie zwei Monate lang bei Berndts Amme spielen?«

»Ich werde das schon erledigen,« sagte Cäcilie, »schlimmsten Falls zahlt man drauf.«

»Da hören Seʼs, Fräulein! – Bei uns is es so fein, da wird immer draufjezahlt.«

»Und Ihre Ansprüche?« fragte Cäcilie.

»Gott, ich weiß ja gar nicht – ich war ja noch nie – was hätte man denn da zu tun?«

»Nichts!« erwiderte Emma.

»Ich weiß ja auch gar nicht mit so was Bescheid.«

»Sie haben nichts weiter zu tun, als hübsch auszusehen und alle Augen auf sich zu lenken.«

»Auf den Jungen!« rief Cäcilie.

»Vasteht sich! Das is natürlich der Zweck der Übung. Der Junge! – Na, und dann die Konserven!«

»Und Sie meinen wirklich, daß ich auf diese Weise . . .?«

»Pscht!« rief Emma und legte den Finger auf den Mund.

»Und wann wäre das?«

»Ich denke, daß es vorläufig genügt, wenn Sie meinen Sohn auf den Spaziergängen begleiten,« sagte Cäcilie. »Ob Sie nachher dann ganz zu uns kommen, nicht wahr, das müßte man dann erst sehen.«

»Jewiß!« stimmte Emma bei. »Das heißt, morgens von zehn bis zwölf und nachmittags von . . . ach so, zu den Tees, da müßte sich das Fräulein denn wohl auch schon bemühen. Sie macht doch ʼne janz andre Figur als ich.«

»Selbstredend!« erwiderte Cäcilie. »Was haben Sie in Ihrer jetzigen Stellung?«

»Neunzig Mark.«

»Schön. Ich will mit meinem Mann sprechen.

Ich denke. wir geben Ihnen das Doppelte.«

»Das heißt hundertfünfundzwanzig Mark,« sagte Emma

Die Probierdame machte ein verständnisloses Gesicht und Cäcilie bestätigte:

»So etwa!«

»Sehn Se!« rief Emma. »Ich kennʼ mich aus!«

»Sie heißen?« fragte Cäcilie.

»Fiffi Lehmann.«

»Wie reizend!« rief Cäcilie. »Fiffi! – Sie wohnen bei Ihren Eltern?«

»I Gott bewahre!« erwiderte Emma. – »Wie wird se denn, wenn se Fiffi heißt.«

»Bei Bekannten!« sagte Fräulein Lehmann.

»Bei Bekannten wohnt sichʼs ja auch ganz nett,« meinte Emma, nahm eins der Spreewälder Kostüme heraus und sagte: »Ja, Fräulein Fiffi, dann werdʼn Se wohl ʼmal in so ʼne Garnitur steigen müssen.« Fiffi zog Rock und Bluse aus, und Emma half ihr in eins der Kleider.

»Nu, was sagen Se?« fragte Emma.

»Prächtig! prächtig!« rief Cäcilie. – »So ʼne Amme soll uns noch ʼmal jemand nachmachen!«

Fiffi sah in den Spiegel und gefiel sich.

»Kann ich denn dazu die Lackschuhe und die seidenen Strümpfe tragen?«

»Erst recht! erst recht!« rief Emma. »Nu machen Se man gar keine Faxen weiter und kommen Se! Sehn Se bloß, wie die Sonne scheint! Jetzt fahrʼn wir jleich mit dem Jungen in de Siegesallee!«

»Und Gerson?« fragte Fiffi unschlüssig.

»Das erledigt die Jnädige – Also denn!« Sie nahm Fräulein Lehmann unter den Arm und ging mit ihr hinaus. – »Na, der Junge wird Augen machen!« sagte sie.

»Und Sie meinen wirklich . . .?«

»Pscht!« rief Emma und hielt ihr den Mund zu.

Eine Viertelstunde später fuhr Fiffi den jungen Günther durch die Siegesallee.

Emma ging triumphierend daneben.

Fiffi fiel jedem, der vorüber kam, auf. Die Leute blieben stehen und sahen ihr nach. Mehr als einmal hätte Emma nur ein paar Schritte zurückzubleiben brauchen – und Günther hätte seine erste Straßenbekanntschaft gemacht. —

Fiffi machte auch auf Leo einen ausgezeichneten Eindruck. Zwar schien ihm als Kaufmann Zweck und Notwendigkeit dieser Neuerwerbung nicht einwandsfrei erwiesen. Doch irgend etwas in ihm sträubte sich dagegen, diesen Zuwachs seines Hauspersonals zahlenmäßig zu werten.

Es war dasselbe Gefühl, das ihn bei der Lösung der Etikettenfrage leitete. Denn Fiffi ließ sich schwer in das Hauspersonal einreihen. Sie behauptete, höhere Töchterschulbildung zu besitzen und zur Erweiterung ihrer französischen Kenntnisse längere Zeit in Paris gewesen zu sein.

Beiden Berndts fehlte die Fähigkeit zur Nachprüfung. Französische Seifen und Parfüms und ein Dorinlappen, mit dem sie sich alle halbe Stunde leidenschaftlich die Nägel polierte, waren keine stichhaltigen Beweise. Und daß sie zu Cäcilie nie anders als Madame, statt danke merci und zu Günther, wenn sie gutgelaunt war, Cheri sagte – nun ja, allʼ das sprach für die Richtigkeit ihrer Angaben, schließlich aber waren das Dinge, die man sich auch ohne Spezialstudium in Paris aneignen konnte.

Jedenfalls: Dienstpersonal im üblichen Sinne war Fiffi nicht. Man konnte sie nicht an die Leutetafel setzen; und sie in ihrem Spreewälderkostüm mit dem Charakter einer Gouvernante oder Hausdame zu den herrschaftlichen Mahlzeiten heranzuziehen, war gleichfalls unmöglich.

Auch Franz, der sonst stets Rat wußte, fand keine andere Lösung als: selbständige Haushaltung. – Fiffi bekam im Seitenflügel der Villa ihre eigenen Räume, aß auf ihrem Zimmer, und ihre Lebensführung glich der eines kostbaren Vollbluts. Sie wurde von der Dienerschaft abgewartet und verwöhnt. Früh am Morgen wurde sie von der Zofe frisiert und machte Toilette. Dann wurde sie von Emma abgeholt, vor Günthers Wagen gespannt und zwei Stunden im Freien bewegt. Nachmittags, wenn Besuch kam, fanden Besichtigungen statt, die sie von Gerson her gewöhnt war. Und dann erschien bei gutem Wetter Emma noch einmal, um sie zu einem zweiten Spaziergang zu holen. Von sieben ab aber war sie sich selbst überlassen und war freie Herrin ihrer Zeit.

So vergingen Wochen und Monate, bis Emma eines Tages sagte: Bis hierher und nicht weiter.

Am selben Tage machte sich der junge Herr Berndt von Emma unabhängig.

Fiffi bedeutete für Emma eine Entlastung. Zwar die eigentlichen Leistungen ruhten nach wie vor auf Emmas Schultern. Aber gerade das, was Emma auf den Tod nicht leiden konnte, die Repräsentation, erledigte mit Würde und, wie es schien, mit Anstand Fiffi Lehmann. Die Beziehungen zwischen ihr und Emma waren mithin normale.

Auf die bei den Spazierfahrten immer wiederkehrende Frage, die man, mehr um mit Fiffi anzuknüpfen als aus Interesse für den Jungen, stellte:

»Wer ist denn dies reizende Kind?« antwortete Fiffi:

»Günther Berndt,« und Emma fügte regelmäßig hinzu:

»In Firma Berndt & Tie., Konserven en gros.«

Und es dauerte gar nicht lange, da war »das Konservenkind« das populärste aller Tiergartenkinder.

Cäcilie ging häufig in einem Abstand von dreißig Schritten hinter dem Wagen her und genoß den Triumph ihres Sohnes als eine Ehrung, mit der man zugleich die verantwortliche Stelle, die Mutter, traf. Und wenn es bisher nur der Reichtum gewesen war, im Gefühl dessen sie sich blähte, so kam nun der Stolz einer Mutter hinzu, deren Sohn sich auszeichnete vor allen anderen Söhnen. —

Günther selbst verhielt sich allen Liebesbezeugungen und Auszeichnungen gegenüber passiv. Er empfand es höchst störend, wenn Unbekannte sich zu ihm hinabbeugten, mit ihren Händen auf seiner Decke entlang fuhren, die Mäuler spitzten und ihm die dümmsten Koselaute ins Gesicht pruschten.

Er riß die blauen Augen weit auf und dachte:

»Seid ihr verrückt? oder was wollt ihr?«

Daß man ihm die kurze Zeit, die er wach lag, keine Ruhe gönnte, verdroß ihn, zumal er von dem dummen Zeug, das man ihm erzählte, kein Wort verstand. Nur, was das ewig wiederkehrende: »Na, so lachʼ doch mal!« zu bedeuten hatte, wußte er. Denn als zwei Tanten ihn eines Tages stundenlang mit diesem »na, so lachʼ doch mal« gepeinigt hatten, und er für diese Quälereien nur einen verächtlichen Blick übrig hatte, sah er plötzlich in einem Spiegel, wie Fiffi sich mit einem runden Gegenstand das Gesicht betupfte und ganz weiß auf den Backen wurde. Das fand er komisch und mußte lachen. Im selben Augenklick riefen die Tanten strahlend:

»Na also!«

Von da ab wußte er, was dies ewige »na, so lachʼ doch mal!« zu bedeuten hatte. Und Günthers erster Schritt, den er bewußt tat, war die Opposition. Denn von dieser Stunde ab waren alle Versuche, ihn auf diese Weise zum Lachen zu bringen, vergeblich. Außer Emma langweilten ihn alle. Kam sie aber in seine Nähe, so streckte er die kleinen Arme nach ihr aus und rief:

»A . . . a . . . a . . .!«

»Großer Gott!« rief Cäcilie entsetzt. »Der Junge wird doch nicht etwa stottern?«

»Was soll das heißen?« fragte Emma.

Und Cäcilie, die sich den Glauben nicht nehmen ließ, daß diese Rufe nichts anderes bedeuteten, als Amme, verfolgte ängstlich die Lautentwicklung ihres Sohnes.

Fiffi erkannte er am Geruch. Und wenn er dann mit dem Näschen instinktiv »seinen Hochzieher« machte, wie Emma sich ausdrückte, der sich so ähnlich, wie: »Hif – hif – hif,« anhörte, dann war es für Cäcilie ganz deutlich, daß er Fiffi rief.

Und, um dies Wunder zu zeigen, mußte sich Fiffi, so oft Besuch kam – an manchen Tagen mehr als ein dutzendmal – über seine Wiege beugen.

Hatte er ʼmal eine unruhige Nacht und war er daher tagsüber besonders ruhebedürftig, so wußte er schon im voraus, daß die bösen Menschen ihn heutʼ doppelt quälen würden. Sie schleppten alles mögliche Spielzeug heran, mit dem er durchaus nichts anzufangen wußte. Die meisten Gegenstände verübten sogar noch Lärm, klapperten, quietschten, knatterten und miauten und wurden in ihrer Wirkung höchstens noch durch den Lärm der Umstehenden übertönt, die allʼ dies Zeug mit süßem Lächeln in Bewegung setzten.

In solchen Fällen sehnte Günther das Ende des Tages herbei und streckte Emma, wenn sie des Abends zum Waschen kam, mit doppelter Bereitwilligkeit die kleinen Ärmchen entgegen. Cäcilie begriff er gar nicht. – Daß sie ihm mit ihrem Munde unaufhörlich im Gesicht herumfuhr, ließ er sich gefallen, weil er dachte, das gehöre zu den Dingen, die, wie das Bürsten, Waschen und Kämmen, sein müssen. Daß sie aber, so oft er einen Laut von sich gab, wobei er sich gar nichts dachte, in Begeisterung geriet, vor Freude aufschrie, ihn in die Höhe riß und an sich drückte, verstand er nicht. So lag er denn nie ruhiger, als wenn Cäcilie vor ihm stand.

»Du kannst mir glauben,« sagte sie zu Leo, »der Junge denkt.«

In Günthers kleiner Vorstellungswelt, in deren Mittelpunkt Emma, Fiffi und Cäcilie standen, wirkte Cäcilie auf seine Gehörs-, Fiffi auf seine Geruchs-, Emma auf seine Geschmacksnerven. Leo, der ihm alle Tage neue Spielsachen aufs Bett baute, mochte er gar nicht. Leo hatte die Angewohnheit, ihm mit zwei Fingern auf den Bauch zu stuken und dabei zu sagen:

»Wie macht die Kuh? – Muh! Muh!«

So kam es, daß Günther, der gar nicht wußte, was eine Kuh war, die Begriffe verwechselte, Leo für eine Kuh hielt und, wenn er gerade bei Laune war, »muh, muh!« sagte, sobald Leo sich über sein Bettchen beugte. Da daraufhin aber regelmäßig ein Jubel losbrach, der ihm wehʼ tat, so gab er auch das bald auf.

Am wenigsten konnte es Günther leiden, wenn er des Nachmittags nach vorn gebracht und von Arm zu Arm gereicht wurde. Daß es sich dabei um Cäciliens Teegesellschaften handelte, wußte er natürlich nicht. Aber etwas anderes hatte er bemerkt: Einmal, als es ihn dabei überkam, war so eine Tante, die ihn gerade im Arm hielt und »kille kille« mit ihm machte – was er, da er kitzlich war, auf den Tod nicht leiden konnte – aufgesprungen, hatte entsetzt aufgeschrien und ihn Fiffi wieder in den Arm gelegt. Und danach war er nicht weitergereicht, sondern in sein Zimmer getragen worden. Das wiederholte sich ein zweites und ein drittes Mal. Und schließlich empfand er so etwas wie einen Zusammenhang zwischen dem »Überkommen«, dem Aufschrei, der Rückkehr in Fiffis Arme, dem Hinausgetragenwerden und der Rückkehr in sein Bett, in dem er endlich Ruhe hatte.

Und so entwickelte sich in ihm der Wille. Er dachte schon von dem Augenblick an, in dem man ihn nach vorn trug, an nichts anderes. Und oft machte sich seine Willensäußerung schon fühlbar, wenn Cäcilie ihn vor den entzückten Augen ihrer Gäste der Amme Fiffi aus dem Arm nahm. Die Vorstellung mußte dann vorzeitig abgebrochen werden.

Cäcilie war außer sich. Daß man Günther bewunderte, war eins der vielen Imponderabilien, die ihr mütterliches Glück ausmachten. Sie wandte sich besorgt an den Sanitätsrat und war sofort für Hinzuziehung eines Spezialisten. Aber der Arzt sah in Günthers Verhalten keinen Grund zur Besorgnis. —

Günther wurde nicht mehr herumgereicht und bereitete damit Cäcilie die erste Enttäuschung.—

Während so Günther schon in seinem ersten Lebensjahre viel auszustehen hatte, lebte Frida bei Linkes ein ruhiges Leben. Sie wurde von Emma pünktlich und gewissenhaft besorgt, in die Luft gefahren, von Paul geschaukelt, durch die Stube gefahren und von keinem Menschen sonst belästigt.

Für Laute, die sie von sich gab und die sich trotz dem Unterschiede im Körpergewicht in nichts von den Lauten Günthers unterschieden, interessierte sich niemand. Franz, der mehrmals am Tage durch das Zimmer kam, in dem sie lag, trat so leise wie möglich auf und sah beim Vorübergehen zu ihr hinüber. Hatte sie die Augen offen, so trat er an ihr Bettchen heran und nickte ihr zu. Aber weder zwang sie jemand zu lachen, noch hatte sie es, wie ihr Altersgenosse im ersten Stock, nötig, sich zu etwas zu zwingen, was ihr nicht von selbst kam.

Kein Zweifel, daß Frida von den beiden Kindern das glücklichere war.

Daran vermochte auch die Tatsache nichts zu ändern, daß Frida Günthers abgelegte Sachen trug. Denn, was Berndts im Laufe des Jahres ablegten, was unmodern oder Günther zu eng wurde, verschenkten sie mit herrschaftlicher Miene am Heiligabend ihren Leuten.

Da stand in seinem Lichtstrahl dann der Riesenbaum mitten im Zimmer und bildete die Grenze für die beiden Welten, die sich einmal im Jahre auf ein paar Stunden hier begegneten.

Rechts vom Baum streckte sich sechs Meter lang die stolze Herrschaftstafel, die über und über mit Geschenken für die drei Berndts und Cäciliens Bruder bepackt war. Kleine Fähnchen in verschiedenen Farben wiesen jedem seinen Platz. Am weitesten dehnte sich Günthers Reich, das sinnig durch grüne Fähnchen markiert war. Ein ganzes Spielwarenlager war hier zusammengetragen. Musik- und Gesang-Apparate neuester Konstruktion, die ganz harmlos dastanden, aber für Günther, der die Ruhe liebte, später zur Hölle wurden. Aber auch das heliotropfarbene Revier Cäciliens konnte sich sehen lassen. Nahmen die Schmucksachen, die Leo herangeschafft hatte, auch weniger Raum ein, so verkündeten doch laut die mit peinlicher Sorgfalt nach vorn gekehrten Preise ihren Wert.

Links vom Baum stand schüchtern die Leutetafel, auf der die Geschenke für die fünfköpfige Familie Linke und sechs Bediente lagen. Es war nicht überwältigend, und hier und da berührten sich die Zettel, die mit dem Namen der Beschenkten auf den Gegenständen lagen. Immerhin: als Cäciliens Bruder, der Referendar und auch sonst ein hübscher Kerl war, auf dem neuen Steinwayflügel ein Weihnachtslied spielte und Cäcilie an Leos Arm, gefolgt von Fiffi, die Günther trug, dem Personal voran in den erleuchteten Saal schritt, roch es nach Wohlhabenheit.

Vor dem Baum blieb Cäcilie stehen. Alle bildeten einen Kreis. Cäcilie sang laut das Lied von der heiligen Nacht, und alle sahen zu ihr auf. Und vom zweiten Vers an sangen sie mit.

Als das Lied zu Ende war, lehnte sie den Kopf zurück, schloß die Augen und sagte hoheitsvoll: »Ich danke Ihnen!«

Dann wies sie mit feierlicher Geste auf die Leutetafel:

»Alles, was dort liegt, ist für Sie! Es steht überall bei, für wen es ist. Die Geschenke sind der Ausdruck unserer Anerkennung für die Dienste, die Sie unserem Hause geleistet haben. Lassen Sie dieselben einen Ansporn sein, in treuer Pflichterfüllung auch weiterhin zu uns zu stehen. In Freudʼ und Leid!«

Sie schloß zum Zeichen, daß sie zu Ende war, die Augen wieder, wandte sich zu Leo, Fiffi und ihrem Bruder, der Referendar und auch sonst ein hübscher Kerl war, wies auf die fette Herrschaftstafel und sagte:

»So! und das sind wir!«

Alles stand jetzt um die Tische herum und besah die Geschenke. Emma hielt den »Ansporn treuer Pflichterfüllung« in Gestalt eines von Cäcilie abgelegten Ballkleides in der Hand.

»Wahrscheinlich sollst du zu den Berndtschen Hoffestlichkeiten zugezogen werden,« spottete Franz, der sich gerade ein Paar abgelegte Hosen von Leo anhielt.

»Vata!« rief Paul. »Hast de denn herrschaftliche Beine, wenn de Herrn Berndts seine Hosen anhast?«

Linke lachte; aber Cäcilie, die es hörte, rief auf die Leuteseite hinüber:

»So belehren Sie Ihren Sohn doch!«

Linke sah sie fragend an.

»Daß das Herrschaftliche nicht im Äußern liegt.« dozierte Cäcilie. »Wenigstens nicht ausschließlich«

»Worin denn?« fragte Paul.

»Du mußt die gnädige Frau bitten, daß sie es dir sagt.«

Paul sah zu Cäcilie auf.

»Das liegt im ganzen,« sagte sie breit. – »Verstehst du?«

Paul erwiderte: »Nein!«

»Erklären Sieʼs ihm!« sagte Cäcilie zu Linke, und der meinte:

»Herrschaft, das sind die, die sich bedienen lassen.«

»Also die kleine Frida!« rief Paul strahlend.

»Unsinn!« sagte Cäcilie. – »Aber Günther! Denn Herrschaft sind die, die herrschen und deren Kinder; und Dienerschaft die, die dienen und deren Kinder. So, nun weißt duʼs.«

»Und wer macht das?« fragte Paul.

Cäcilie überlegte einen Augenblick; dann sagte sie:

»Der liebe Gott.«

»Und warum macht er das?«

»So fragʼ doch nicht so viel,« sagte Emma.

Aber Cäcilie widersprach:

»Man soll Kindern auf alles eine Antwort geben,« sagte sie und wandte sich wieder an Paul. »Das macht der liebe Gott, um zu zeigen, daß er allmächtig ist.«

»ʼnen Reicheren als den lieben Gott gibtʼs denn wohl nicht?« fragte Paul.

»Gewiß nicht!« erwiderte Cäcilie.

Diese Religionslehre erschien Linke denn doch etwas zu materiell. Den lieben Gott auf eine Stufe mit Rockefeller und Rothschild stellen, das hieß denn doch die Lehre Christi ins Gegenteil kehren.

Oder wie? Er dachte nach. Diese Gegenüberstellung machte ihn stutzig. Hatte Cäcilie etwa recht? War es nicht so? Sprach sie nicht nur aus, was tatsächlich der Fall war? Und Paul, das Kind, hatte ganz unbewußt die Nutzanwendung daraus gezogen.

Linke war kein Mensch, der Problemen nachhing. Aber als Paul seine Frage stellte, war es ihm wie eine Erleuchtung durch den Kopf geschossen. Das Christentum war eine Angelegenheit der Armen. Also war es für die Reichen nur ein Vorwand. Und darüber hinaus ein Schutzwall, an dem sich die Feindschaft und der Haß der Armen brach. – Den Armen gab es Trost, ihnen Sicherheit.

Die Überzeugung fraß sich in Franz fest. Ohne seinen Willen. Und mit der Zeit verdichtete sie sich zu einer Art Weltanschauung, die er auch Emma gegenüber mit Leidenschaft verfocht. —

Unter Günthers Geschenken war auch eine Soldatenmütze und eine Litewka aus weicher, grauer Wolle. Und an dem schmalen umgeklappten Kragen prangten stolz die Gardelitzen. Das Ganze sah aus wie ein Puppenspielzeug. Fiffi mußte Günther auf Leos Befehl Mütze und Litewka anlegen. Günther, der sich schon längst aus diesem Trubel heraussehnte, sträubte sich. Aber es half nichts.

»Je früher er sich daran gewöhnt,« sagte Cäcilie, »umso besser.«

Seine militärische Einkleidung wurde erzwungen und der junge Held auf den hohen Kinderstuhl gesetzt. Mit Tränen kämpfend und mit zusammengekniffenem Munde sah er wahrhaft martialisch aus.

Cäciliens Phantasie feierte Triumphe.

»Leo, schieb den Thron unter den Baum!« rief sie ihrem Manne zu.

Und wie hypnotisiert rollte Leo Günthers Stuhl unter den leuchtenden Tannenbaum.

Günther dachte entsetzt:

»Was kommt denn nun schon wieder?«

Dann mußten alle im Halbkreis um den Baum treten. Auf einen Wink hin saß Cäciliens Bruder, der Referendar, wieder am Flügel, und Cäcilie, die dem Stuhl Günthers gegenüberstand, sang:

		»Feinde ringsum! Feinde ringsum!
		Um diese zischende Schlange, Vaterland
		Ist dir so bange. Warum? bange, warum?
		Vater und Sohn! Vater und Sohn! Flammende
		Säbel gezogen, kommen wie Raben geflogen!
		Sprechen im Hohn. Sprechen im Hohn.
		Feldherr voran! Feldherr voran! Seht auf
		Dem Rappen ihn sitzen; schaut wie die
		Augen ihm blitzen.«

Die ganze Korona sang den Kehrreim mit. Vom zweiten Vers an sangen sie alle.

Cäciliens Augen waren strahlend auf Günther gerichtet. Der fuhr mit den Patschen über die blanken Knöpfe, sah dann alle der Reihe nach an, bis seine Augen auf Cäciliens verklärtem Gesichte ruhen blieben. Ihr Gesang quälte ihn furchtbar. Er rutschte erst unruhig auf seinem Stuhl umher. Dann schmiß er die Stimmung, indem er sich die Mütze vom Kopf riß und sie der dicht vor ihm stehenden Cäcilie ins Gesicht warf.

Paul lachte laut auf und rief:

»So ʼn Luder!«

Cäcilie wankte. Dieses Luder, mit dem Paul ihren Günther bewarf, traf sie schwerer als die Mütze, obschon ihr Haar in Unordnung geriet und ihr linkes Auge tränte.

Der Gesang brach ab; Cäciliens Bruder stand vom Flügel auf. Leo, an dessen Arm Cäcilie mit halbgeschlossenen Augen lehnte, sah drohend zu Paul hinüber. Günther, froh, daß der Lärm ein Ende hatte, zerrte wieder an den blanken Knöpfen, die zu seiner Freude bereits nachgaben und locker wurden. Die Dienerschaft starrte erwartungsvoll die Herrschaft an, die noch immer eine Gruppe bildete. Frida, die auf Linkes Arm saß, streckte die Hände nach dem Platz aus, auf dem Cäciliens Brillanten lagen, piepste: »Ha . . . habn« – und patschte mit ihren kleinen Pfoten auf eine Smaragdbrosche. Cäcilie stürzte von Leo weg auf das Kind zu, schlug es wütend auf die Hände und schrie:

»Dumme Jöhre!« wandte sich zornig an Emma und rief:

»Schämen Sie sich! So verwahrloste Kinder!«

Frida brüllte laut.

Emma riß ihrem Manne das Kind aus dem Arm.

»Das verbittʼ ich mir!« rief sie Cäcilie zu. – »Sonst . . .« und sie warf drohende Blicke auf Günther.

»Himmel!« schrie Cäcilie und stürzte auf den Stuhl zu, auf dem Günther saß.

Als der sie kommen sah, heulte er laut.

Sie nahm ihn hoch. Da heulte er noch lauter.

Die beiden Mütter mit den beiden Kindern standen sich gegenüber.

»Wehe dem, der mein Kind anrührt!« brüllte Cäcilie.

»Und wer meinʼs anrührt . . .« schrie Emma, zitternd vor Erregung.

Aber das Geheul der Kinder übertönte das der Mütter.

Linkes verließen den Saal. Die Dienerschaft folgte. Berndts blieben zurück.

»So beruhige dich doch!« sagte Leo.

Cäcilie streichelte und drückte den von oben bis unten nassen Günther an sich.

»Mein Prinz!« sagte sie zärtlich. »Aber deine Mutter wird dir den Pöbel schon vom Leibe halten!«




Viertes Kapitel

Was Günther in den ersten Jahren zu leiden hatte


Die nächsten Lebensjahre verliefen für Günther und Frida ohne besondere Erschütterungen.

Daß die Preise, die man für Leder, Decken und Konserven zahlte, immer weiter in die Höhe gingen, bewies der Luxus in der Berndtschen Lebensführung, die immer großartiger wurde. Für Günther wuchsen damit die Unbequemlichkeiten. Kaum hatte er sich an ein Kleidungsstück gewöhnt, so erschien Cäcilie schon wieder mit einem neuen im Arm. Wenn die braunen Kartons von den Lieferanten kamen, erfaßte Günther schon immer ein Grauen. Oft mußte er unter Fiffis Assistenz, die darin besondere Technik besaß, an einem Vormittag ein halbes Dutzend solcher Kleidchen anprobieren. Und Cäcilie fiel zu Günthers Entsetzen bei solcher Modeschau von einer Begeisterung in die andere.

»Sieht er nicht aus wie ein Prinz!?« war der Ausruf, der immer wiederkehrte. Und Fiffi, die von Günthers zweitem Lebensjahre an wieder Zivil trug, erwiderte dann stets:

»Gewiß! gnädige Frau! Wie aus dem Gesicht geschlossen!«

Das hatte zwar keinen Sinn, beglückte aber Cäcilie, die dann regelmäßig die Augen schloß und bedeutungsvoll mit dem Kopfe nickte. Was sie sich dabei dachte, war nicht ersichtlich. Denn da Günther nicht nur dem Namen nach männlichen Geschlechts war, so war an solchen Aufstieg durch eine Ehe nicht zu denken. Wäre Frida Berndts Tochter gewesen – dann freilich! Aber so!

Aber in dem Toilettenwechsel erschöpften sich die Peinigungen, denen Günther dank ʼdem Reichtum Berndts ausgesetzt war, nicht. Die modernen Sportwagen, in denen er seine Spazierfahrten machte, mochten für die Augen des Beschauers wohl ihre Reize haben. Aber derjenige, der drin saß, empfand anders. Und die Feinheit der Wagenfeder, auf die Cäcilie so stolz war, erweckte in Günther nur das ängstliche Gefühl, jeden Augenblick in die Höhe geschleudert zu werden.

Seine Haare waren kaum greifbar lang, da stellte Fiffi täglich Versuche an, ihm eine Frisur beizubringen, die sie an ihren früheren Chef erinnerte. Die Versuche waren qualvoll für Günther und erwiesen sich als Versuche am untauglichen Objekt.

Kam die Stunde der Ausfahrt, dann begann die Toilette, die ihren Höhepunkt darin erreichte, daß man ihm über die Händchen, die so gern frei in der Luft herumfuhren, dicke Fausthandschuhe stülpte. Überaus lästig empfand er sie und verwandte seine ganze geistige und körperliche Energie darauf, sie abzustreifen. Wohl dreißig Mal während einer Ausfahrt gelang es ihm. Aber ebenso oft zog Fiffi sie ihm mit einer Schnelligkeit, die er bestaunte, wieder auf. Und wenn er von seiner Spazierfahrt, deren Zweck es war, ihn zu erfrischen, heimkehrte, lag er erschöpft in seinen Kissen.

Alle vierzehn Tage wurde er photographiert. Der Blödsinn, mit dem man ihm dann ein freundliches Gesicht zu entlocken suchte, brachte ihn meist zum Weinen. Die Bilder waren dementsprechend. Aber in dem Riesenalbum mit der Aufschrift »Unser Heinz-Günther« fanden sie trotzdem Aufnahme. Jeder bekam dies Album vorgelegt und mußte die Heldenlaufbahn Heinz-Günthers bestaunen. Datum der Aufnahme und erläuternder Text standen darunter. »So sah unser Bubi an dem Tage aus, als er zum ersten Male ›Adda‹ sagte« – oder »Bubi machte zum ersten Male backe, backe Kuchen«. – Damit glaubten Berndts die geistige Entwicklung ihres Sohnes festzuhalten.

Das Schlimmste aber kam nach dem Schlafengehen. Schon wenn er gewaschen wurde, stieg ihm im Vorgefühl dessen, was ihn erwartete, der üble Geschmack auf. Er schloß den Mund und preßte die kleine Zunge wie zur Abwehr zwischen die Zähnchen. Aber es half ihm nichts. Emma hielt ihn, Fiffi öffnete gewaltsam seinen Mund und Cäcilie goß mit einem Porzellanlöffel den klebrigen Lebertran zwischen das Gehege seiner Zähne. Dann hielt man ihm noch eine ganze Weile den Mund zu, um ihn nach des Tages Qualen nachts über endlich sich selbst zu überlassen

Wie hätte er Frida beneidet, wenn er gewußt hätte, wie friedlich und still ihr Leben dahinging. Da gab es keine Kleiderschau: der Wagen, in dem sie lag, war altmodisch schon als Paul, der Erstgeborene, darin gefahren wurde. Für Handschuhe, Lebertran und anderen Luxus hatten Linkes weder Zeit noch Geld, noch Verständnis. Wenn Frida im Tiergarten in ihrem Wagen lag, bereiteten ihr weder Handschuhe, noch die moderne Feder des Wagens Beschwerden. Sie sah mit ihren dunkelbraunen Augen zu den Bäumen und zum Himmel empor und lachte, wenn sich die Zweige im Winde bewegten und die weißen Wolken über ihr hinzogen.

So kam es, daß sie gesündere Farbe hatte und daß man sie, im Gegensatz zu Günther, für ein freundliches Kind hielt. Dabei stopfte man nicht die teuersten Dinge in sie hinein, und sie blieb den ganzen Sommer über in Berlin, während Günther mit Berndts an die See und von der See aus ins Gebirge reiste. Da litt er mehr noch als zu Hause, da ihm Cäcilie im Konkurrenzkampf gegen andere herrschaftliche Kinder keine ruhige Stunde gönnte.

Frida kroch inzwischen unter Pauls Aufsicht ungeniert auf allen Vieren in Berndts Garten umher, den sie, wenn die Herrschaft da war, nicht betreten durfte. Sie zupfte Gras aus, spielte im Sande und war totmüde und rabenschwarz, wenn Emma sie abends ins Haus holte.

Als Günther und Frida sechs Jahre alt waren, schulten die Eltern sie ein. Günther kam in das Königliche Wilhelmsgymnasium, Frida in die zweiunddreißigste Gemeindeschule.

Während Frida in der schulfreien Zeit mit ihren Geschwistern im Tiergarten herumspielte und sich ihre Freundinnen nach eigenem Geschmack wählte, promenierte Günther an der Seite Fiffis, die sich gegen hohes Gehalt zur typischen Gouvernante entwickelt hatte, im Garten der Berndtschen Tiergartenvilla und pflegt Umgang mit Kindern, die Cäcilie hierzu für geeignet erklärte.

Günthers Geschmack traf sie dabei selten. Sie traf die Auswahl nach der sozialen Stellung und Vermögenslage der Eltern, Dinge, für die Günther keinerlei Verständnis hatte.

Ebensowenig reagierte er auf Musik, was wohl die Folge der zahllosen mechanischen Musikinstrumente war, mit denen man ihn in den ersten Jahren seines Lebens gepeinigt hatte. Er stand daher seiner Violine durchaus feindlich gegenüber.

Zweimal in der Woche erschien ein glattrasierter Maestro mit einer Riesenmähne, der auf den Namen Santo Bre hörte, und der ihn, für fünf Mark die Stunde, in die Geheimnisse der Violinkunst einzuweihen suchte. Indes vergebens!

»Barbar!« schalt er Günther und klopfte ihm mit dem Violinbogen auf die Finger. »Es ist eine Sünde, dir das heilige Instrument in die Hand zu geben. Steine sollten sie klopfen, diese seelenlosen Hände!«

So sprach der Glattrasierte zu Günther – und er sprach die Wahrheit.

Wenn aber Cäcilie während des Unterrichts hereinkam, um sich nach den Fortschritten ihres Lieblings zu erkundigen, dann warf er den Kopf zurück, daß die Künstlermähne in hellem Aufruhr in die Höhe fuhr, rieb die Fingerspitzen aneinander und rief:

»Oh! eminent! eminent! Joseph Joachim rediviuus! Musikalisch bis in die Fingerspitzen!«

Er nahm ihm die Violine ab und reichte Cäcilie Günthers Hand. – »Da! Fühlen Sie selbst!«

Cäcilie ließ Günthers Finger durch ihre Hand gleiten, schloß die Augen, zuckte leicht zusammen und sagte:

»Sie haben recht!«

Und Günther schwieg. Aus Furcht, die doppelte Zeit üben zu müssen.

»Wann wird er so weit sein?« fragte Cäcilie

»Sie meinen?« erwiderte der Maestro.

»Nun, um öffentlich . . .«

»Oh! ich will Ehre mit ihm einlegen!« unterbrach er sie. – »Alle Wunderkinder haben nachher enttäuscht, weil man sie zu früh herausbrachte. Aber über ihn wachʼ ich!« und er legte gütig wie ein Vater die Hand auf Günther.

»Was meinen Sie, wenn man ihm statt zwei, dreimal in der Woche . . .«

»Nein!«ʼ brüllte Günther.

»Ja!!« überschrie ihn der Maestro, »dann ginge es schneller.«

Und von dem Tage an hatte Günther dreimal wöchentlich Unterricht – zu fünf Mark die Stunde. In anderer Weise trat dies Mehr nicht in die Erscheinung. Cäcilie und Leo aber stritten sich, ob dies Künstlertum ihm von väterlicher oder mütterlicher Seite überkommen war. —

Der jeweilige Ordinarius gab ihm Nachhilfestunden. Das Fach spielte dabei keine Rolle. Entscheidend waren die Konserven, die Qualität des Leders und der Decken, die man dank dieser Verbindung zum Engrospreis von Herrn Berndt bezog – zu zahlen vergaß und, wenn der eigene Bedarf gedeckt war, an gute Bekannte weiter verkaufte. Auf Zensur und Versetzung übte das jedenfalls seine Wirkung. Nur Günthers Kenntnisse wurden dadurch nicht erweitert.

Da war der französische Unterricht, den Fiffi erteilte, denn doch eine andere Sache.

Fiffi war, bevor sie die seidenen Froufrous mit dem Spreewälderkostüm vertauschte, tatsächlich mehrmals mit ihrem Chef zum Einkauf und so in Paris gewesen. Von jeder dieser kleinen Reisen brachte sie ein paar Brocken Französisch mit nach Haus, die sie als eisernen Bestand in ihren Sprachschatz aufnahm.

Das ging bei Berndts Anspruchslosigkeit gegenüber allem, was Günther anging, eine Zeitlang. Wenn es klopfte und er auf Fiffis Wink hin »Entrez« rief oder »sʼil vous plait« sagte, wenn er bei Tisch etwas forderte, so sahen sich Leo und Cäcilie gerührt an. So etwas genügte für ein paar Wochen, dann flaute die Wirkung ab und Berndts erwarteten neue Überraschungen.

Aber Fiffis Vorrat reichte nicht lange, und als er verbraucht und der Versuch, die alten Beziehungen zu ihrem Chef wieder aufzunehmen, gescheitert war, offenbarte sie sich Cäciliens Bruder, der nicht nur Referendar und ein netter Kerl war, sondern auch Humor hatte und schon längst zu Fiffi neigte.

Referendar Alfred besaß Langenscheidts Sprachlehre in vierundzwanzig Lieferungen, die seit vielen Jahren unbenutzt in seinem Schranke stand. Und da er klug genug war, zu erklären, daß er sie nicht aus dem Hause gäbe, so blieb Fiffi nichts anderes übrig, als sich zu ihm zu bemühen.

Er brachte ihr während ihres Besuchs in angenehmer Art immer nur so viel bei, wie bei Berndts bescheidenen Ansprüchen für eine Woche nötig war. Und in dem Maße, in dem mit dem Alter Günthers Aufnahmefähigkeit zunahm, nahmen auch die Beziehungen zwischen Fiffi und dem Referendar einen immer innigeren Charakter an. Denn bald reichte der wöchentliche Besuch für das, was Günther an französischer Sprache konsumierte, nicht mehr aus. Fiffi war gewissenhaft, zog die Konsequenzen und kam häufiger.

Und als diese Beziehungen Berndts gegenüber nicht mehr zu leugnen waren, erhielt Fiffi ganz offiziell, und zwar in Gegenwart des Dienstpersonals, die Erlaubnis, Herrn Referendar Alfred, der sich angeblich für vergleichende Rechtswissenschaft interessierte und gerade mit dem Studium des Code Napoleon beschäftigt war, »zur Vervollkommnung in der französischen Sprache« Nachhilfeunterricht zu erteilen.

Und zwar im Hause des Referendars. Denn als Cäcilie des Geredes der Leute wegen das für bedenklich hielt, warf sich Fiffi in die Brust, die sie noch von der Zeit des Spreewälderkostüms her mit besonderem Stolze trug, rief: »Honny soit, qui mal y pense« und stellte die Kabinettsfrage.

Und Cäcilie, die nicht einzugestehen wagte, daß sie das nicht verstand, erklärte sich für überzeugt und sagte:

»Dann allerdings. Das ist was anderes!« und erteilte die Erlaubnis.

Daß Günther auf dem Gymnasium trotz dieser privaten Vorstudien gerade im Französischen hinter den Leistungen der Klasse zurückblieb, war für Berndts ein Rätsel, zu dessen Lösung Fiffi auf Befehl Cäcilies den Lehrer, der den französischen Unterricht erteilte, aufsuchte.

Fiffi wußte, es ging um ihr Prestige. Sie ließ alle Künste springen. Und obgleich der Oberlehrer Sasse so gar nicht das war, was Fiffi liebte, so war das Resultat doch ein ständiger »Gedankenaustausch« zwischen beiden, der ausgezeichnete Erfolge brachte. Denn zu Michaelis ging Günther, statt mit einer Admonition im Französischen, mit dem Prädikat »gut« in die Quinta über.

Fiffi erhielt Gehaltserhöhung.

»Woran lag es nur?« fragte Cäcilie.

»Sehr einfach,« erwiderte Fiffi, »Professor Sasse hatte seine Studien in Bordeaux betrieben, ich in Paris.«

»Ja – und?«

Fiffi war erst um die Antwort verlegen. Dann aber meinte sie:

»Wir haben uns auf der mittleren Linie geeinigt.«

»Dann ist ja alles gut,« sagte Cäcilie.

Denn das hatte Fiffi längst heraus, daß Cäcilie, aus Scheu, sich zu blamieren, alles billigte, was sie nicht begriff.

Von dieser Schwäche machte Fiffi ausgiebigen Gebrauch.

Das eigentliche Regime im Hause aber führte Linke.

Nach außen freilich trat das nicht in die Erscheinung. Denn Linkes wahrten die Distanz, die sie Röhrens gegenüber als etwas Natürliches empfunden hatten, auch ihrer neuen Herrschaft gegenüber. Nur, daß ihrer Ehrerbietung die Ehrfurcht fehlte und sie nicht frei von Ironie war.

Das trat am deutlichsten zutage, als Berndts ihr erstes Diner im neuen Stil gaben, und Franz nicht nur bei der Zusammenstellung des Menus, der Auswahl der Weine und Zigarren half, sondern auch bei der Tischordnung und allen anderen Fragen des gesellschaftlichen Taktes das entscheidende Wort sprach.

Günther lag damals noch in den Windeln und wurde zwischen der süßen Speise und dem Käse gereicht. Das heißt, nur ein paar Stühle weit. Denn seine Kunst, sich derartigen Ovationen durch Äußerungen, die beredter waren, zu entziehen, übte er schon damals mit Erfolg.

Immerhin muß anerkannt werden, daß Berndts gelehrige Schüler waren und sich schon in wenigen Jahren ohne grobe Verstöße sicher auf dem Parkett der neuen Gesellschaft bewegten. Zwar war das nicht übermäßig glatt, und man konnte auch ruhig einmal ausrutschen, ohne darum gleich Gefahr zu laufen, daß man ausgeschlossen wurde. Jedenfalls wurden die Fälle, in denen sie Linkes Rat bedurften, immer seltener. —

Eines Tages trat Cäciliens Bruder, der längst Assessor geworden, dabei aber doch ein netter Kerl geblieben war, vor Fiffi hin und bekannte, daß er mit einer Nichte seines Schwagers Leo verheiratet werden solle. Und er bekannte: da er finanziell von Leo abhängig, an ein gutes Leben gewöhnt und zudem nicht schuldenfrei sei, so bliebe ihm keine Wahl.

Fiffi war weltklug und sah das ein. Auch auf die übliche Szene verzichtete sie. Die Langenscheidtsche Sprachlehre in vierundzwanzig Lieferungen, die trotz des jahrelangen Verkehrs der beiden jungen Leute kein Buchhändler für antiquarisch angesprochen hätte, wanderte in den Schrank zurück. Der Unterricht, und was mit ihm zusammenhing, hörte auf.

Eine Woche später verlobte sich Fiffi mit dem Oberlehrer am Königlichen Wilhelmsgymnasium – Professor Sasse. Da der damals gerade Günthers Ordinarius war, so nutzte Cäcilie die Konjunktur und feierte die Verlobung in ihrem Hause. Die Rückwirkung zeigte sich zu Weihnachten. Günther erhielt eine Prämie, die nach der Zensur nicht eben   überzeugend war.

Um diese Zeit etwa fing auch Günther an, nachzudenken und sich über seine Handlungen und die seiner Mitmenschen Rechenschaft zu geben.




Fünftes Kapitel

Wie sich der Familienrat konstituierte


Das mit dem Familienrat hatte Cäcilie aus dem Roman einer illustrierten Zeitung. Irgend ein Fürst mit hochtönendem Namen hatte da die männlichen Mitglieder seines Geschlechtes zusammenberufen, um über Maßnahmen gegen seinen Sohn, der entartet war und freiheitlichen Anschauungen huldigte, zu beraten. Das hatte auf Cäcilie gewaltigen Eindruck gemacht.




Конец ознакомительного фрагмента.


Текст предоставлен ООО «ЛитРес».

Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=48632972) на ЛитРес.

Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.


