Wie Satan starb 
Artur Landsberger




Artur Landsberger

Wie Satan starb . .



Dem Andenken meines Vaters







Erster Teil





I


Johann, der bis zum August 1914, wie seine Vorgänger im Hause Reinhart zweihundert Jahre lang, Jean gerufen wurde, saß im Anrichteraum und putzte Silber.

»Das Telephon!« rief er ins Nebenzimmer, und Lissi, die schmucke Kammerzofe, fuhr aus ihren Nachmittagsträumen auf und trippelte an den Apparat.

Sie nahm den Hörer ab, betrachtete sich im Spiegel, der gegenüber an der Wand hing, brachte mit der freien Hand ihr Haar in Ordnung und sagte verschlafen:

»Hier bei Frau von Reinhart!«

»Meine Schwester! Schnell meine Schwester!« forderte die Stimme eines Mannes.

»Wen wünschen Sie zu sprechen?« fragte Lissi gleichgültig und steckte sich ein Löckchen hoch.

»Zum Teufel ja! meine Schwester!!« tönte es ungehalten in dem Apparat, und Lissi erwiderte, ohne den Tonfall zu ändern:

»Wen, bitte, darf ich melden?«

»Kreuz Himmel! sind Sie noch immer am Apparat? So laufen Sie doch!«

»Die Frau Geheimrat schläft um diese Zeit.«

Inzwischen war Johann, ohne daß Lissi es bemerkte, aufgestanden und öffnete schon die Tür zu dem Zimmer, in dem Frau von Reinhart schlief. Ganz leise trat er ein, beugte den steifen Rücken behutsam über die Chaiselongue und sagte mit gedämpfter Stimme:

»Gnädige Frau.« – Frau von Reinhart schlug die Augen auf. – »Herr Generalarzt Wolf.«

Frau von Reinhart richtete sich auf.

»Wo?« fragte sie lebhaft »Um diese Zeit?«

Johann half ihr auf und sagte:

»Am Apparat.«

Und während die alte Dame sich in großer Hast in Ordnung brachte, wiederholte sie:

»Um diese Zeit! – Da muß doch etwas passiert sein.«

»Frau Geheimrat müssen nicht immer gleich etwas Schlimmes denken.«

»Ich bitt’ Sie, Johann,« erwiderte sie erregt, »das tut mein Bruder doch nie! wo er weiß, ich schlafe.«

»Er ist eben sehr beschäftigt.«

»Jean! Jean!!« rief Frau von Reinhart plötzlich und sah ihn starr und erschreckt an.

»Was meinen Sie?« fragte Johanns Blick, und Frau Julie von Reinhart entfärbte sich, beugte sich nach vorn und sagte:

»Am Ende gar . . . mein Junge!«

Da erschrak auch Johann, reichte der alten Dame den Arm, riß die Türen auf und nahm dem schmucken Mädchen Lissi, das mit rotem Kopf eben wütend mit dem Fuß auftrat und in den Apparat rief:

»Nein! Ich wecke sie nicht!« den Hörer ab und reichte ihn der Frau Geheimrat.

»Schnell einen Stuhl!« rief er der verdutzten Lissi zu und stützte Frau Julie, die vor Zittern kaum den Hörer halten konnte.

Mit schwacher Stimme rief sie in den Apparat:

»Ja! . . . Martin . . . Ich bin’s!«

»Endlich!!« klang es erlöst. Und gleich darauf trafen sie wie ein elektrischer Schlag, der ihr in alle Glieder fuhr, die Worte: »Freu dich!«

Frau Julie sank auf den Stuhl. Aber sie ließ den Hörer nicht los, umpreßte ihn fest und sagte:

»Was denn?«

»Er ist da!«

»Martin!!« schrie Frau Julie laut und ließ den Hörer fallen. Der ganze Körper zuckte krampfhaft, leise schluchzende Töne stiegen aus ihrem Inneren auf, sie lächelte eine Zeitlang vor sich hin, dann sagte sie, die Augen weit aufgerissen:

»Junge! – Peter! mein Junge!« und verfiel, – sie, die fünfundsechzigjährige, beherrschte Frau, die in ihrem langen Leben niemals vor Dritten gezeigt hatte, was sie bewegte – schließlich in ein langanhaltendes befreiendes Lachen.

Johann hatte in den Apparat gerufen:

»Frau Geheimrat ist so bewegt – Sie hören es wohl, Herr Generalarzt? Vielleicht, daß Sie doch lieber selber kommen – und sie beruhigen.«

Aber Frau Julie, die noch immer hell wie ein junges Mädchen lachte, schüttelte den Kopf und sagte:

»Mich braucht niemand zu beruhigen und ich brauche keine Aerzte! – Nun nicht mehr!« – Und dann liefen ihr die dicken Tränen über die Wangen und sie schluchzte selig: »Peterle! mein Peter! – Ach Gott! wie ist das Leben schön! – Josef, mein lieber guter Mann! du mußt es wissen! ich bin nicht mehr allein! Er lebt! Unser Junge, unser Einziger! er lebt! er ist da! – Dir danke ich ja das große Glück, den Jungen! Guter, lieber Josef, daß du das nicht miterlebst, die Freude! – Zehnfach, hundertfach stärker als vor fünfundzwanzig Jahren, als ich ihn dir schenkte, bester Mann!«

Dann stand sie auf, lehnte sich an den alten siebzigjährigen Diener, der den Hörer noch immer in der Hand hielt und Frau Julie anstrahlte, und fragte:

»Was sagt er noch?«

»Er kommt. Er ist schon unterwegs.«

»Er kommt. Er ist schon unterwegs,« wiederholte Frau Julie, die es auf ihren Sohn bezog. »Nach vier Jahren, Jean. Denken Sie! und unser guter Herr wird ihn nicht sehen. – Es ist zuviel Glück; zuviel Glück für eine alte Frau – Jean, Jean, Sie guter Alter, was habe ich Sie gequält vier Jahre lang. Sie waren ja der Einzige, der wußte, wie mir ums Herz war. – Gewiß, auch meine Töchter haben mit mir gefühlt. Aber doch nicht so wie Sie! Die haben ihre Männer und ihre Kinder und ihre Pflichten. Und leben in einer Zeit, in der man anders denkt und fühlt. Aber ich und Sie, Jean, wir hatten ja nichts, seitdem der gute Herr tot ist, als nur ihn, den Einen. – Sagen Sie, Jean, haben Sie geglaubt, wenn Sie mich trösteten und mir immer wieder sagten: Sie werden sehen, Frau Geheimrat, der Peter kommt. Eines Tages, wenn Sie gar nicht daran denken, dann geht die Tür auf und er ist da – Hand aufs Herz, Jean, haben Sie das wirklich geglaubt?«

Jean schüttelte den Kopf.

»So recht geglaubt hab’ ich’s nicht. Aber ich hab’ mir gesagt: wie soll die Frau Geheimrat weiter leben ohne den Glauben?«

»Gut, daß Sie das taten. Wer weiß, was sonst aus mir geworden wäre! Denken Sie, er wäre zurückgekommen, und ich war nicht mehr am Leben. Wo der Junge so an mir hängt! Nun aber soll er eine lebensfrohe Mutter wiederfinden.«

»Herr Generalarzt Wolf,« meldete der Diener.

»Willi!« rief Frau Julie, streckte die Arme aus und erhob sich, während der Medizinalrat noch in der Halle stand und dem Mädchen Helm und Säbel reichte.

Der alte Medizinalrat lächelte, beeilte sich, nickte seiner Schwester zu und sagte schon in der Tür: »Na also! Nun haben wir’n! endlich!«

Frau Julie schlang die Arme um seinen Hals und weinte. Der Alte drückte sie an sich.

»So Julie, Schwesterchen, da fühlt man mal wieder, wie man zusammengehört.«

Frau Julie drängten sich unzählige Fragen auf. Aber nach dem langen Leid wollte sie erst einmal ihr Glück genießen. Und da fragte sie ihren Bruder zunächst nicht, in welcher Verfassung ihr Sohn sei und wann sie ihn wohl wiedersehen werde. Sie wiederholte nur immer:

»Also er lebt! – ist da!«

Und als der Medizinalrat sie fragte:

»Ja, willst du denn nicht mehr von ihm wissen?« schüttelte sie den Kopf und sagte:

»Erst einmal laß mich das fassen, Martin.«

Und erst als sie eine Zeitlang ohne zu sprechen Hand in Hand neben ihrem Bruder, der wohl fühlte, was in ihr vorging, gesessen hatte, raffte sie sich plötzlich aus ihren glücklichen Gedanken auf, wandte sich zu ihm und sagte:

»So! und nun erzähle!«

Der Medizinalrat zog ein Telegramm hervor und sagte:

»Danach ist er morgen Nacht schon in Genf.«

»Dann war er womöglich schon jahrelang in Frankreich?« fragte Frau Julie.

»Nein! Denn das hätten wir erfahren. Er ist vermutlich mit einem der letzten Afrikatransporte nach Europa gekommen und wird nun durch irgendeinen glücklichen Zufall ausgetauscht, noch ehe wir etwas dazu unternommen haben.«

»Und . . .« fragte Frau Julie zögernd – »darüber, wie es ihm geht, steht nichts in dem Telegramm?«

»Doch! wenigstens indirekt. Denn er kommt via Luzern nach Engelberg; und da nur Gesunde dort hinauf kommen . . .«

»Martin!« unterbrach ihn Frau Julie und drückte seine Hand. »Er ist da! er lebt! und ist gesund!« – Wieder liefen ihre Tränen, und in ihrem Glück völlig unbeherrscht, stand sie auf, öffnete die Tür und rief strahlend: »Jean! so hören Sie doch!« —

Aber durch die offne Tür trat ihr ihr Schwiegersohn, der Landrat Dr. Moll, entgegen.

»Anton!« rief Frau Julie ihm zu. »Denk dir, er ist da! er lebt! und ist gesund!«

»Da siehst du, wie grundlos die ganzen Jahre über deine Sorgen waren,« erwiderte der, nahm ihre Hand und küßte sie.

»Es hätte ja doch auch anders sein können,« sagte Frau Julie.

»Gewiß! In solcher Zeit muß man aber auch dem Schlimmsten gefaßt ins Auge schaun.«

»Bedenke doch, Anton, wenn er ums Leben gekommen wäre!«

»Dann hättest du es wie Millionen andere Mütter tragen müssen.«

»Nein!« rief Frau Julie bestimmt. »Nie hätte ich das getragen.«

Der Landrat sah sie verdutzt an.

»Was willst du damit sagen?« fragte er.

»Daß ich an meinem Glück jetzt erst ermessen kann, wie groß mein Schmerz gewesen wäre. Das Herz hätte ausgesetzt. Verlaß dich drauf. Sein Tod wäre auch mein Tod gewesen.«

»Mama!« schalt der Landrat und wies auf Johann, der auf Frau Julies Ruf hin soeben ins Zimmer trat. »Erstens sind wir nicht allein. Und dann überhaupt.«

»Du vergißt, daß es ihr Einziger ist,« vermittelte der Medizinalrat.

»Und wenn ich sechs Söhne hätte! und ich stelle mir vor, ich verlöre einen: ich glaube, der Schmerz wäre der gleiche.«

»Wer fürs Vaterland stirbt, lebt ewig,« erklärte der Landrat und sah triumphierend erst den Medizinalrat und dann Frau Julie an.

»Du hast demnach freiwillig auf das ewige Leben verzichtet?« parierte der Medizinalrat.

»Ich habe einen Posten an der inneren Front, auf dem ich meinem König ebenso wertvolle Dienste leiste wie draußen.«

»Und wenn du nun deinen Sohn opfern solltest?« fragte Frau Julie . »Was dann?«

»Opfern?« wiederholte der Landrat und ließ sein Monokel, das er an einer dünnen Seidenschnur trug, aus dem Auge fallen.

»Nenne es, wie du willst: meinetwegen Pflicht.«

»Pflicht?« wiederholte der Landrat.

»Heilige Pflicht,« konzedierte ihm der Medizinalrat.

»Nun denn,« erwiderte der Landrat, stand auf, schloß den Knopf seines eng anliegenden Cutaways, stellte sich dicht vor die beiden, klemmte das Monokel wieder ein und sagte:

»Ich wäre stolz, wenn es meinem Sohne vergönnt wäre, auf dem Felde der Ehre zu fallen.«

»Anton!« rief Frau Julie entsetzt und hob wie zur Abwehr die Arme. »Du versündigst dich.«

»Die Zahl der Jahre macht das Glück nicht aus. Schließlich stirbt es sich zu achtzehn für seinen Kaiser leichter als zu siebzig an Arterienverkalkung.«

»Ja, setzen wir unsere Kinder denn in die Welt, damit sie sterben?« rief Frau Julie.

»Wie Gott will,« erwiderte der Landrat.

»Laß Gott aus dem Spiel!« forderte Frau Julie. »Er steht mir näher als dir.«

»Erlaub mal!« widersprach der Landrat gekränkt.

»Möglich, daß du ihn mehr im Munde führst. Das bringt dein Amt wohl mit sich. Jedenfalls: er hat nichts damit gemein, daß die Menschen sich umbringen, statt sich zu lieben.«

»Du vergißt, daß es für König und Vaterland geschieht,« erwiderte der Landrat.

»Zugegeben!« stimmte Frau Julie bei. »Jedenfalls aber nicht im Namen dessen, der die Liebe predigte.«

»In solchen Zeiten hat sich eben alles in den Dienst der Sache zu stellen.«

»Etwa auch die Religion?« fragte Frau Julie.

»Gewiß! Ausnahmslos alles! – Wem das nicht im Blute sitzt, dem muß es der Verstand sagen.«

»Nur, daß der Glaube nicht Sache des Verstandes, sondern eine Angelegenheit des Herzens ist.«

»Mit dem Herzen macht man keine Politik.«

»Eben darum soll man die Religion, die eine Herzenssache ist, auch nicht zum Werkzeug des Krieges machen.«

»Das meine ich auch,« stimmte der Medizinalrat seiner Schwester bei.

»All die spitzfindigen Definitionen«, fuhr Frau Julie fort, »durch die gar zu bereitwillige Geistliche zu beweisen suchen, daß Krieg und Religion wohl nebeneinander bestehen können, sind seelische Vergewaltigungen und Sünden wider den heiligen Geist. In Wahrheit kehren sie die Lehre Christi ins Gegenteil und besorgen die Geschäfte des Satan.«

»Das sind Schlagworte! Perversitäten,« erwiderte der Landrat.

Der Medizinalrat unterdrückte ein Lachen, und Frau Julie sagte:

»Mir scheint, daß die Religion zu keiner Zeit eine größere lohnendere Aufgabe zu erfüllen hatte als grade jetzt. Nicht als ein Werkzeug des Krieges, vielmehr neben dem Kriege, als die Trösterin! – Gelingt ihr das, vermag sie die Wunden zu schließen, und siegt schließlich über alle Schmerzen die große Liebe – dann hat sie die schwerste Prüfung bestanden, die ihr in all den Jahrhunderten auferlegt wurde. Dann hat sie das Böse endgültig besiegt.«

»Das sind alles Sentimentalitäten, mit denen man keine Kriege gewinnt,« sagte der Landrat.

»Aber sie überwindet!« belehrte ihn der Medizinalrat.

»Auf deutsch: Pazifismus,« sagte der Landrat und lachte spinös.

»Das ist nun zwar nicht gerade deutsch,« meinte Frau Julie. »Aber um über Krieg und Religion zu reden, steht mir heute nicht her Kopf.«

»Das will ich meinen!« rief Ilse von Zobel, die in diesem Augenblick ins Zimmer stürzte, sich ihrer Mutter an den Hals warf, sie an sich drückte und rief:

»Ich gratuliere!«

Ihr Mann, Kurt Freiherr von Zobel, Hilde Moll, die Frau des Landrats, und der Justizrat Willi Wolf, ein jüngerer Bruder Frau von Reinharts, folgten ihr.

»Ja! woher wißt ihr denn alle schon?« fragte Frau Julie, nickte allen zu und ließ sich von ihnen die Hand küssen.

»Du hast es uns doch mitteilen lassen,« erwiderte der Justizrat.

»Ich?« fragte Frau Julie erstaunt. »Ich war doch so benommen, daß ich gar keinen Gedanken hatte.« – Im selben Augenblick aber hatte sie auch schon die Lösung: zweifellos! Johann hatte in seiner Freude, ohne sie zu fragen, alle benachrichtigt.

»Ich bin so, wie ich war, von den Kindern fort und zu dir!« rief Hilde. Und der Landrat, der schon längst seine Frau scharf betrachtet hatte, sagte:

»Du siehst ja ganz zerzaust aus.«

»Das war unser Junge! Er hing sich an mich und wollte durchaus mit und Großmutti gratulieren.«

»Der geliebte Junge!« rief Frau Julie. »Er ähnelt dem Peter. Er hat soviel Gemüt.«

»Du solltest doch etwas mehr auf dein Aeußeres sehn,« sagte der Landrat, der jetzt dicht neben seiner Frau stand.

»Das bist du mir und meiner Stellung schuldig.«

Hilde stöhnte und sagte halblaut:

»Immer dasselbe.«

Und der Medizinalrat, der hinter dem Landrat stand, tat überrascht und sagte zu seinem Neffen:

»Schon offiziell?«

Der Landrat wandte sich zu ihm um, sah das spöttische Gesicht, verzog den Mund und sagte:

»Wozu?«

»Nun zum Staatsminister. Bei deinen Verbindungen! – Oder ist es etwa noch nicht so weit?«

»I was!« wehrte der Landrat ab und machte ein so verdutztes Gesicht, daß der Medizinalrat lachen mußte und sich abwandte.

»So laß ihn doch, Onkel!« sagte Ilse leise, und der Medizinalrat erwiderte:

»Ich kann mir nicht helfen, liebe Ilse, aber dieser Landrat liegt mir nun mal nicht.«

Ein Diener brachte eine Magnumflasche Champagner. Johann folgte mit Tablett und Gläsern.

»Es ist seit fünf Jahren die erste Flasche, die in meinem Hause getrunken wird,« sagte Frau Julie und ging auf Johann zu. Dann reichte sie jedem ein Glas.

»So habe ich dich seit Jahren nicht mehr gesehen,« sagte Ilse freudig.

»So wohl wie heut war mir auch nicht mehr ums Herz, seitdem unser guter Vater von uns ging,« erwiderte Frau Julie.

»Also denn«, sagte der Landrat, klemmte das Monokel fest und hob sein Glas – »ergreifen wir die Jelejenheit . . .«

»Was denn? was denn?« unterbrach ihn der Medizinalrat.

Der Landrat sah auf:

»Na, ich denke doch, es soll jefeiert werden.«

Hilde wies auf Frau Julie, die sich eben von dem Justizrat auf einen Stuhl helfen ließ.

Der Landrat sah’s, war ganz verdutzt, sperrte den Mund auf und sagte:

»Nanu?«

Dann ließ er den Arm sinken und schüttelte den Kopf. Im selben Augenblick stand Frau Julie, überstrahlt von Glück, auch schon auf dem Stuhl und begann:

»Kinder! geliebte Kinder! Also ihr wißt ja gar nicht, wie es in mir aussieht! Als junge Braut mag mir so ums Herz gewesen sein. Seitdem nie wieder. Und dabei hatte ich, solange euer Vater lebte, doch nur frohe Tage. – Aber heute, wo ich meinen Jungen wieder habe, da ist mir, als fühle ich, wie sich eures Vaters Arm um meine Schultern legt, wie er mich mit seinen guten blauen Augen anschaut, und, wie so oft früher, zu mir sagt: ›Na, Liebling, ist das Leben nicht schön?‹ – Nie ist mein Ja aus vollerem Herzen gekommen als heut. Das Leben ist schön! Erst seine schwersten Prüfungen lassen uns seinen Sinn erkennen – Kinder! wir haben ihn wieder, unsern Peter, unsern guten, dummen Jungen, den strahlenden Bengel!«

»Erlaub mal,« fiel ihr der Landrat ins Wort, »daß ich dich unterbreche. Aber n’ Königlich Preußischer Regierungsassessor is doch schließlich kein dummer Junge und strahlender Bengel!«

»Doch! doch! rief Frau Julie lebhaft. »So wie ich es meine, ist mein Peter ein strahlender Bengel und soll es bleiben! So ein echter deutscher Kindskopf! Ganz wie ihn sein Vater sich wünschte! Sonnig! offen und keines falschen Tones fähig! Gottlob, wir haben ihn wieder, unsern Peter. Laßt ihn leben, den Jungen! Hoch!«

»Hoch!« riefen alle, und wiederholten es erst einmal, dann ein zweitesmal.

Baron Zobel und der Medizinalrat, die peinlich auf Frau Julie acht gegeben hatten, halfen ihr jetzt vom Stuhl herunter.

»Ich glaube, Mama,« sagte Ilse, »wir bringen dich jetzt zu Bett, damit du erst einmal richtig zur Ruhe kommst.«

»Was für ein Gedanke!« widersprach Frau Julie. »Ich werde doch die schönsten Stunden meines Lebens nicht verschlafen. In mir ist seit fünf Jahren zum ersten Male alles wieder ganz ruhig. Die ganze Nacht über werde ich mit offenen Augen daliegen und an mein Glück denken. Nun, wo ich meinen Jungen wieder habe, ist mir um meinen Schlaf nicht mehr bange.«

»Wer wird zu ihm fahren?« fragte der Baron Zobel.

»Du meinst, wer mich begleiten wird,« erwiderte Frau Julie.

»Aber Mama!« widersprach Ilse, »du wirst doch bei den jetzigen Verhältnissen und um die Jahreszeit nicht in die Schweiz fahren?«

Auch Hilde und der Justizrat rieten ab.

Frau Julie lächelte:

»Und wenn es an das Ende der Welt ginge! Ihr würdet mich nicht zurückhalten.«

»Dann fahre ich mit dir!« erklärten gleichzeitig Ilse, Hilde und der Medizinalrat.

»Das braucht am Ende doch nicht so überstürzt zu werden,« meinte Baron Zobel; und der Justizrat stimmte ihm bei und sagte:

»Ich finde auch, darüber kann man doch in ein paar Tagen in aller Ruhe sprechen.«

»Wie denn?« fragte Frau Julie und glaubte, sie habe ihren Bruder falsch verstanden. »In ein paar Tagen? Du sagtest doch, Peter sei morgen Nacht schon in Genf,« wandte sie sich fragend an den Medizinalrat.

»Gewiß,« sagte Zobel. »Das stimmt schon.«

»Nun also!« erwiderte Frau Julie.

»Das bedingt doch aber nicht, daß ihr nun auch alle gleich am selben Tage dort sein müßt.«

»Bei einer fünfjährigen Trennung,« stimmte der Justizrat seinem Neffen, dem Baron Zobel, bei, »spielen ein paar Wochen mehr am Ende auch keine Rolle.«

»Kinder! ich will euch mal was sagen,« erklärte Frau Julie bestimmt. »Ich begreife durchaus euren Standpunkt, der auf den ersten Blick vielleicht sogar die Logik für sich hat. Aber, wo Gefühle sprechen, setzt bekanntlich die Logik aus. Ich fahre!! Und zwar so, daß ich möglichst noch vor Peter in Genf bin.«

»Das ist unmöglich,« erwiderte der Medizinalrat. »Du könntest ihm schon rein zeitlich nur bis Luzern entgegenfahren. Aber auch das erreichst du kaum, da du zur Reise einen Paß benötigst.«

»Den ich mir innerhalb einer Stunde verschaffen kann,« erwiderte Frau Julie. »Also nochmals, Kinder: ich reise! und von euch braucht mich niemand zu begleiten. Ich nehme mir meine Jungfer und meinen Diener mit. Ihr braucht meinetwegen also keinen Augenblick in Sorge zu sein.«

Hilde und Ilse suchten zu widersprechen. Aber Frau Julie ließ keinen Einwand gelten, und als sie schließlich sagte:

»Im übrigen ist es auch nur das Natürliche, daß Peter nach so langer Trennung zuerst einmal mit seiner Mutter allein ist,« erwiderte der Landrat:

»Jewiß! An sich schon. Luzern ist ja schließlich nicht Costarika. Man bleibt sich in erreichbarer Nähe. Und gegen das Tempo wäre auch nichts einzuwenden. Denn, daß wir den Jungen in die Finger bekommen ehe etwa fremde Einflüsse auf ihn einwirken, das scheint mir bei seiner Sensibilität . . .«

»Wie bitte?« unterbrach ihn frotzelnd der Medizinalrat. »Darf ein derart tollwütiger Vaterlandsparteiler . .«

»Erlaub’ mal!« setzte sich der Landrat zur Wehr.

»Verzeih, lieber Neffe! wenn ich nicht fürchten müßte, dein patriotisches Gefühl zu verletzen, so hätte ich natürlich gesagt: darf ein so fanatischer Sprachreiniger wie du Worte wie Sensibilität gebrauchen?«

Der Landrat stutzte und verbesserte schnell:

»Ae . . . ich . . . e . . . meine natürlich . . . na, wie sagt man gleich?«

»Empfindsamkeit,« sprang ihm seine Frau bei.

»Richtig!« erwiderte der Landrat. »Ganz recht! das wollte ich natürlich sagen: Empfindsamkeit. Also bei seiner Empfindsamkeit – obgleich das Wort wohl doch nicht ganz das trifft, was ich eigentlich sagen wollte . . .«

»Ah!« rief lachend der Medizinalrat.

»Also jedenfalls bei seiner Veranlagung, die sich in den Jahren gewiß noch stärker ausjeprägt hat, halte ich es für durchaus notwendig, daß ihn gleich bei seiner Ankunft einer von uns in die Finger bekommt.«

»Nun also,« sagte Frau Julie.

»Nur, ob du da die Geeignete bist – nimm’s mir nicht übel, Mama, – bei aller Hochachtung, aber das glaube ich nicht.«

»Wie? ich, seine Mutter, wäre nicht die Geeignete? – Ja, Anton, ist es denn möglich, daß du das im Ernste sagst?« fragte Frau Julie entsetzt.

»Du befindest dich begreiflicherweise jetzt in einem – na, sagen wir mal Freudenrausch – das soll kein Vorwurf sein. Als Mutter, da ist das am Ende sogar natürlich – wennjleich ich offen sagen muß, daß du dich nach meinem Jefühl – und ich bin auch nicht von Stein – als deutsche Mutter dennoch etwas gar zu hemmungslos deiner Freude hingibst.«

»Soll ich in meinem Hause etwa mit meinen Gefühlen für mein Kind zurückhalten?« fragte Frau Julie erregt.

»Verzeih!« entschuldigte sich der Landrat und griff nach Frau Julies Hand, um sie zu küssen. Sie zog sie zurück.

»Er meint es ja nicht so,« verteidigte ihn seine Frau.

»Ich fürchte einfach,« fuhr der Landrat fort, »daß du zu weich ihm gegenüber sein wirst.«

»Kann man zu einem Kinde, das fünf, vielleicht grauenvolle Jahre von seiner Heimat, seiner Mutter, von allem, was es liebte, getrennt war, überhaupt weich genug sein?« fragte Frau Julie.

»Es ist mir wahrhaftig äußerst peinlich, liebe Mama,« sagte der Landrat, »dir deinen Freudenbecher sozusagen verwässern zu müssen. Aber ich sehe weiter. Und da Erfahrungen dazu da sind, daß man aus ihnen lernt, so meine ich: jetzt ist die Jelegenheit, wie vielleicht kein zweitesmal mehr da, um Peter mit fester Hand anzupacken und zu den Grundsätzen zu bekehren, die in unseren Familien Gott sei Dank seit Jahrhunderten bestanden haben.«

»Laß ihn doch erst einmal zur Besinnung kommen,« fiel ihm der Medizinalrat ins Wort.

»Heute mehr denn je,« fuhr der Landrat fort, »ist ein fester Zusammenschluß notwendig.«

»Worin hätte sich Peter denn jemals gegen die Traditionen der Familie vergangen?« fragte Frau Julie erregt.

»Na, erlaub mal!« wandte sich der Landrat gegen seine Schwiegermutter. »Das reizt denn doch beinahe zu der unhöflichen Frage: hat dein Gedächtnis in den paar Jahren denn derart gelitten? – Was mich betrifft, so ist die ganze Zeit über kein Tag vergangen, an dem ich nicht dankbar mir ins Jewissen jerufen habe, welcher Jefahr wir alle damals mit knapper Not entjangen sind.«

»Du übertreibst,« rief Ilse; und Hilde, des Landrats Frau, stimmte ihrer Schwester bei und sagte:

»Maßlos übertreibst du!« – Und halblaut fügte sie hinzu: »Wie immer und in allem.«

»Das hängt von dem Maß des jesellschaftlichen Reinlichkeitsjefühls ab, mit dem man behaftet ist,« erwiderte der Landrat. »Für eine Familie, die auf sich hält, jibt’s nach meinem Empfinden nichts Aergeres als eine Deklassierung.«

»Was ist das?« fragte der Medizinalrat spöttisch, und zu seiner Schwester, die stark bewegt war, sagte er: »So rege dich doch darüber nicht auf, Julie!«

Der Landrat war sichtlich in Verlegenheit.

»Ah so!« sagte er. »Ich meinte . . . ä . . . ja, wie sagt man da?« – Er fuchtelte mit der Hand in der Luft herum —

»Na! . . . ä . . . Abgrund ist wohl nicht das richtige Wort dafür. Aber . . . ä. . .« – und dann stieß er mit großer Bestimmtheit hervor: »Niederjang! das trifft’s! Also, ich meine, daß wir ganz einfach die Pflicht haben gegen uns selbst, und heute mehr denn je, uns davor zu schützen, daß nicht durch den Leichtsinn irgendeines von uns – und dieser Eine is in diesem Falle erfahrungsjemäß kein anderer als mein verehrter Schwager Peter – den Niederjang unserer Familie – das heißt: Niederjang is wohl doch nicht das richtige Wort – jedenfalls, ihr wißt, was ich meine – kurz und gut: ich für meine Person habe keine Lust, meinen Namen und meine Karriere und die meiner Kinder den Aventüren . . .«

»Wie bitte?« zog ihn der Medizinalrat auf. »Karriere, Aventüren! Was sind das für Worte!«

»Ae,« verbesserte sich der Landrat schnell. »Ich wollte sagen, den Abenteuern – das heißt, es ist wohl doch mehr. Denn, wenn es das nur wäre – Jedenfalls: jetzt ist Zeit und Jelegenheit, dem ein für alle Male einen Riegel vorzuschieben.«

»Was willst du eigentlich?« fuhr ihn Frau Julie, die sich nicht länger beherrschen konnte, in einem Tone an, den niemand an ihr kannte.

»Sehr einfach!« erwiderte der Landrat. »Ich will vermeiden, daß wir durch die Unbeherrschtheiten deines Sohnes noch einmal wie vor fünf Jahren in die Gefahr eines Skandals kommen, der mir heute noch in den Gliedern liegt.«

Frau Julie schwieg erst und sah den Landrat erstaunt an. Dann schüttelte sie den Kopf und sagte mit bewegter Stimme:

»Du nennst es einen Skandal, der dir heute noch in den Gliedern liegt! – Ich denke daran zurück als ein von uns begangenes Verbrechen, das mein Gewissen heute noch genau so quält wie vor fünf Jahren.«

»Wozu mußtest du nur davon anfangen?« schalt Hilde ihren Mann. »Und dann grad heut! wo wir die ganzen Jahre über mit Mama nicht davon gesprochen haben.«

»Hätten wir’s nur!« erwiderte Baron Zobel. »Hätten wir nur davon gesprochen! und zwar so oft wie möglich, damit sich in Mama nicht so unsinnige Ideen festgesetzt hätten.«

»Ich muß auch sagen,« stimmte der Justizrat bei, »daß das die Dinge denn doch etwas einseitig beurteilen heißt.«

»Sie auf den Kopf stellen heißt,« fiel ihm Zobel ins Wort.

Der Landrat unterdrückte, was ihm schwer genug fiel, die Erwiderung, die ihm auf der Zunge lag, und beschränkte sich darauf, sich in den Sessel zurückzulehnen, die Beine übereinander zu schlagen und zu sagen:

»Na! Dann kann das Theater ja wieder losgehen! Aber ich spiele nicht mehr mit. Ich nicht! Und meine Frau und meine Kinder auch nicht!«

»Ich weiß gar nicht, was du eigentlich willst,« sagte Hilde und wandte sich an ihren Mann. »Das liegt doch glücklich hinter uns.«

»Um morgen in neuer Auflage seine Wiederholung zu erleben.«

»Aber das ist ja doch gar nicht möglich,« erklärte Ilse, »das Mädchen ist doch tot.«

»Auf das System kommt es an! auf den Geist! ob der tot ist. Davon hängt es ab. Aber er lebt, wie ihr aus Mamas Worten ja eben gehört habt.«

»Da hat er recht,« bestätigte Zobel. »Was nützt es, daß diese Aenne starb, solange man befürchten muß, daß morgen eine Else oder Grete an ihre Stelle tritt. Vor allem, wo heutzutage eine derartige Hintertreppenchose unter Umständen keine interne Angelegenheit mehr bleibt, die man innerhalb seiner vier Wände mit ein paar braunen Lappen abmacht.«

»Aha!« mischte sich der Medizinalrat jetzt laut in die Unterhaltung. »Du befürchtest, daß, wenn ihr euch im Interesse des sogenannten guten Rufes der Familie wieder einmal veranlaßt sehen solltet, ein armes Mädchen in den Tod zu hetzen, daß das dann heute möglicherweise doch unangenehme Folgen für euch haben könnte.«

»Die Möglichkeit ist bei der heutigen Gefühlsrichtung durchaus nicht von der Hand zu weisen,« erwiderte Baron Zobel.

»Im übrigen,« stellte der Landrat seinen Onkel, »von uns hat sie meines Wissens keiner in den Tod gehetzt.«

»Sondern?« fragte der Medizinalrat.

»Sie hat, was für ein Mädchen ihrer jesellschaftlichen Stellung – wenngleich jesellschaftlich für ein Mädel ihres Standes kaum die richtige Bezeichnung sein dürfte – jedenfalls: Ehre, wem Ehre jebührt! und da muß ich trotz aller Mühen, die sie uns gemacht hat, sagen: sie hat für eine Pedellstochter – zumal für gewöhnlich derartigen Mädchen jedes Jefühl dafür abjeht – den Takt jehabt und sich jesagt: es jeht nich! eine Schreibmaschinenmamsell und ein königlich preußischer Regierungsassessor sind von der Vorsehung nu mal nich füreinander bestimmt. Im Anfang natürlich, da war se, wie alle, bockbeinig und klammerte sich an Peter fest. Schließlich dämmerte es ihr aber doch, sie lenkte ein, jab nach, entsagte freiwillig . . .«

». . . und brachte sich um,« ergänzte der Medizinalrat.

»Allerdings,« bestätigte der Landrat. »Sie sich. Nicht wir sie.«

Der Medizinalrat bekam einen roten Kopf, richtete sich auf und sagte laut:

»Erwürgt, erdrosselt, so zwischen euren Fingern, habt ihr sie freilich nicht.«

»Doch! doch!« rief laut Frau Julie und sprang auf, »bedacht und bewußt erwürgt und erdrosselt, gerade so, wie du es zeigst, so zwischen euern Fingern, habt ihr sie.«

Der Landrat riß den Mund auf und rief:

»Wa? . . . Wa? . . .« und vergaß, ihn wieder zuzumachen.

»Wer? wir?« rief Baron Zobel und trat vor Frau Julie hin. »Selbst bildlich gemeint ist dieser Vorwurf falsch und niederträchtig. Wir haben mit deinem Einverständnis Peters Abwesenheit in Südwest dazu benutzt, um ihn von seinem höchst seßhaften Verhältnis zu befreien, das er ohne uns vielleicht nie mehr losgeworden wäre.«

»Sehr richtig!« stimmte der Landrat bei, der sich wieder in der Gewalt hatte. »Weiter nischt!«

»Aber wie? wie habt ihr das gemacht?« rief Frau Julie.

»Zuerst auf deinen speziellen Wunsch mit Glacéhandschuhen,« sagte Zobel, und der Landrat fügte hinzu:

»Die wir uns dabei jehörig bedreckt haben.«

»Das habt ihr,« stimmte Frau Julie aus vollem Herzen bei.

»Ne, ne,« winkte der Landrat ab. »So nich, anders, liebe Mama. »So ’ne Loseisung, so ’n letzter Akt einer Liaison is doch schließlich kein Hofball! Das is für jewöhnlich ’n ziemlich schwieriger Handel, mit mehr oder wenijer rührselijem Einschlag.«

»Je kleiner die Abfindungssumme, um so größer die Rührung,« ergänzte Zobel.

»Sehr richtig,« stimmte der Landrat bei. »Hauptsache is bei so ’ner Szene die Tonart. Wenn man se natürlich wie du von vornherein statt auf Dur auf Moll stimmt, darf man sich nicht wundern, wenn’s ’n Kladderadatsch jibt.«

»Jetzt bin am Ende noch ich daran schuld!« rief Frau Julie.

»I Jott bewahre! Schuld is Peter. N’ Verhältnis – verzeiht, aber mir scheint, daß das doch ’mal jesagt werden muß – also so ’n Verhältnis is doch nichts weiter als ein auf materieller Verständijung beruhender körperlicher Zusammenschluß auf Widerruf.«

»Laß das!« befahl Frau Julie.

Aber dem Landrat gefiel die Formel.

»Wenn ein Teil widerruft, is es aus. Da jibt’s nichts! Und so wenig das Jesetz aus so ’ner Art Verbindung rechtliche Folgen herleitet, so wenig anerkennt der jesellschaftliche Kodex Pflichten moralischer Art – was ja auch sinnlos wäre, da das Janze ’ne höchst unmoralische Anjelejenheit is.«

»Ich bin auch der Ansicht,« sagte der Justizrat, »daß es in unser aller Interesse und nicht zuletzt in dem Peters liegt, wenn wir diese unglückselige Angelegenheit endgültig ad acta legen.«

Frau Julie, deren Nerven seit einer Stunde übermäßig angespannt waren, rückte ein wenig nach vorn, legte die weiße, gepflegte, noch immer schöne Hand auf den Tisch, sah ihre Schwiegersöhne an und sagte mit starker Betonung:

»Gut, es mag das letztemal sein! Aber entgegen dem Gesetz, dem gesellschaftlichen Kodex, und vor allem entgegen deinem Urteil, Anton, wonach ein derartiger Fall eine höchst unmoralische Angelegenheit ist, will ich, daß der armen Aenne wenigstens einmal ihr Recht wird. Dann mag der Fall zwischen euch und mir begraben sein.«

»So laß es doch ruhn, Mama,« bat Ilse, »und reg’ dich nicht auf!«

»Nein! nein!« wehrte Frau Julie heftig ab. »Ich dulde nicht, daß man sie noch über das Grab hinaus kränkt. Ganz kurz! Was war dann? Ist der Oberpedell eines Gymnasiums ein anständiger Mensch?« fragte sie laut.

»An sich – warum nich,« erwiderte der Landrat.

»Ja oder nein?« fragte Frau Julie.

»Er kann es sein.«

»Genau so gut und so schlecht, wie es ein Landrat sein kann.«

»Erlaube! erlaube!« widersprach Anton heftig. »Mir scheint doch, daß der Vergleich . . .«

» . . . i Gott bewahre!« fiel ihm Frau Julie ins Wort. »Ich erlaube gar nicht: es gibt anständige Pedells und unanständige, genau so wie es anständige und unanständige Landräte gibt.«

». . . und – unanständige . . . Land . . . räte!« wiederholte Anton. »Na, da muß ich doch sagen, daß man bei der Auswahl der Landräte denn wohl doch etwas sorgfältiger verfährt, als bei der Auswahl von Schuldienern. – Verzeih, Mama, aber der Vergleich ist grotesk.«

»Ist es durchaus nicht. Denn ich spreche nicht von der Herkunft, von der Kinderstube, von der Bildung, die neben verschiedenen andern weniger wichtigen, meist rein äußern Formen die Voraussetzung für die Ernennung eines Landrats sind: sondern ich spreche von der rein menschlich moralischen Seite, und da wirst du mir zugeben, daß ein Pedell ein ebenso anständiger Mensch wie ein Landrat sein kann.«

»Diese Nebeneinanderstellung!« wehrte Anton verdrießlich ab. »Fühlst du denn jar nich, wie unanjenehm und kränkend das für mich is.«

»Ganz und gar nicht. Ich für meine Person wenigstens ziehe einen anständigen Schuldiener einem unanständigen Landrat vor.«

»Das sind doch rein jesellschaftlich jar nich miteinander komparable Begriffe.«

»Wir sprechen ja jetzt von höheren als gesellschaftlichen Werten,« lenkte Frau Julie ein ohne es zu wollen, »nämlich von menschlichen. Jedenfalls, du gibst mir zu, ein Pedell kann bei allem, was ihn gesellschaftlich vom Landrat trennt, ein anständiger Mensch sein.«

»Jewiß!«

»War nun Oberpedell Hoffmann ein anständiger Mensch?«

»Das war er wohl.«

»Und seine Frau?«

»Die war es wohl auch.«

»Diese Aenne war demnach achtbarer Leute Kind.«

»Ja, ja, aber was soll das nur?« fragte der Landrat ungeduldig.

»Diese Aenne besuchte eine höhere Schule, eine Handelsakademie, sprach mehrere Sprachen und bekleidete in einem der ersten Anwaltsbüros eine durchaus nicht untergeordnete Stellung.«

»Jewiß! jewiß! ’n Bürovorsteher oder ’n Volksschullehrer wäre wahrscheinlich sehr glücklich mit ihr jeworden.«

»Peter, der kurze Zeit bei demselben Anwalt arbeitete,« fuhr Frau Julie fort, »erkannte ihre außergewöhnlichen Qualitäten und die beiden Menschen verliebten sich ineinander.«

»Was man so lieben nennt,« warf Baron Zobel ein.

»O nein!« widersprach Frau Julie, »vielmehr eine Liebe, wie man sie heutigen Tages leider nur noch selten findet. Sie vertraute ihm und er hatte den ernsten Willen, sie zu seiner Frau zu machen.«

»Das is ja doch der Wahnsinn!« erwiderte der Landrat. »Um es dazu nich kommen zu lassen, um diese Mesalliance zu verhindern, veranlaßten wir seine Versetzung nach Südwest.«

»Weil wir keine Ahnung von der Tiefe des Gefühls hatten, das die beiden Menschen miteinander verband,« sagte Frau Julie, und der Medizinalrat ergänzte:

»Weil wir uns einredeten, diese Trennung würde genügen, um sie auseinander zu bringen.«

»So hattet ihr es mir wenigstens dargestellt,« sagte Frau Julie, »ich sehe euch beide« – wandte sie sich an ihre Schwiegersöhne – »noch vor mir, als wenn es heute wäre. ›Laß uns nur machen‹ sagtet ihr, ›das geht ganz schmerzlos. Man macht ihr klar, daß Peter für die nächsten Jahre fort ist, für ihre Zwecke also ausscheidet, legt auf die Wunde ein Pflaster und verabschiedet sie an den Nächsten, mit dem es ihr ein paar Monate später dann genau so geht.«

»Das ist ja doch so üblich,« erwiderte Zobel, und Frau Julie sagte:

»Ich, die ich von den Dingen natürlich keine Ahnung hatte, war entsetzt und fragte: ist es denn möglich, hat so eine Frau denn kein Gefühl? worauf ihr nicht ohne Spott erwidertet: ›Gewiß! das hat sie schon. Aber die Person spielt dabei keine so große Rolle. Wen sie hat, auf den konzentriert sie’s.‹ »

»Tut se’ auch,« bestätigte der Landrat, »wenigstens im allgemeinen.«

»Aber ihr nahmt euch nicht die Mühe, festzustellen, ob euer Wald- und Wiesenrezept auch auf diese Aenne zutraf. Bei ihr war die Liebe nicht das Primäre, für das sie nur einen Gegenstand der Betätigung suchte: gleichviel, wer es war. Peter war es, der jenes Gefühl in ihr zum Erwachen brachte, das eine Frau nur einmal und nur an einen zu vergeben hat. Für eine Frau von Wert wird das ihr Schicksal bedeuten. Aenne war so eine! Ihr kamt ihr erst in moralischer Pose und suchtet mit Geld und sachlichen Argumenten ein Gefühl, wie einen Vertrag oder eine Sache wegzudiskutieren. Und der Erfolg? Und das Ergebnis? Es stellte sich heraus, wieviel tiefer und moralischer ihr Gefühl war, als euer Zorn und eure Entrüstung. Ihrem einfachen und unverfälschten Wesen gegenüber, den schlichten Worten, die ihr Herz als Antwort auf alle eure spitzfindigen Reden fand, wirktet ihr in eurer Gespreiztheit und mit euren gesellschaftlichen Phrasen, verzeiht, possenhaft. Aller Schmutz, den ihr, da euer so erprobtes System bei Aenne nicht zum Ziele führte, in eurer gekränkten Eigenliebe auf sie abzuladen suchtet, glitt von diesem reinen Kinde, das nichts wußte und nichts wollte, das nur liebte und geliebt sein wollte, ab wie von einer Heiligen. Ich übertreibe nicht und die Zeit hat ihr Bild nicht verklärt – aber nie in meinem langen Leben habe ich die Gegensätze und gesellschaftliche Lüge stärker empfunden als in jenen peinlichen Stunden, da ihr über diese Aenne zu Gericht saßt, und ihre reine Liebe trotz aller Liebesnächte über eure anempfundene Moral und künstliche Erregung triumphierte.«

»Aber Mama,« sagte Hilde mit einem ängstlichen Blick auf den Landrat.

»Laß nur, mein Kind,« erwiderte Frau Julie, »wir alle spielen ja das ganze Leben über Komödie. Einmal dürft ihr euch von eurer alten Mutter schon die Wahrheit sagen lassen. Wenn der armen Aenne auch nicht mehr damit geholfen ist, so sollt ihr wenigstens mit Scham und Reue und Achtung an sie denken.«

Der Landrat verzog den Mund, glitt lässig in den ledernen Fauteuil zurück, zog mit großer Nachlässigkeit erst sein goldenes Zigaretten-Etui, dann sein goldenes Gehänge aus der Tasche und zündete sich eine Zigarette an. Frau Julie aber sah an dem Ausdruck seines Gesichts, wie erkünstelt seine Ruhe war.

»Ihr empfandet es ja denn auch als das, was es war,« fuhr Frau Julie fort, »als eine moralische Niederlage, die euch um so schwerer traf, als ihr auf seiten eures Gegners alles vorausgesetzt hattet, nur keine Moral. Auf Wut, Niedertracht, Geldgier, auf alles das wart ihr gefaßt! Denn über diese Mittel verfügtet auch ihr und konntet sie daher mit der Art nach gleichen, an Wirkung aber zehnfach, hundertfach stärkeren Waffen niederkämpfen. Nur über Moral verfügtet ihr nicht! Ich will euch nicht zu nahe treten, gesellschaftliche Moral, gewiß, die besaßet ihr! Darin übertrifft euch niemand! Aber die reine Moral, die unbewußte, die von Gott kommt, davon habt ihr in euren Kindertagen vielleicht einmal einen Hauch gespürt. Nun, da sie in dieser Aenne wieder vor euch hintrat, wart ihr entwaffnet. Und in dieser Bedrängnis – und darin liegt denn auch die einzige Entschuldigung für euch! – wuchs eure Wut ins Ungeheure und ihr verhundertfachtet eure Niedertracht, um das arme Geschöpf zu Tode zu hetzen. Ihr ließt ihr suggerieren, Peter sei ihr untreu geworden, habe sie aufgegeben. Ihr Glaube erwies sich stärker als eure Lüge! Ihr ließt ihr nachstellen, suchtet auf raffinierteste Weise sie zu Fall zu bringen. Auch das gelang nicht. Jetzt hetztet ihr den Vater gegen sein Kind. Damit hattet ihr mehr Glück. Dieser einfache Mann war leicht zu verwirren. Von dem Glauben an einen verbotenen Umgang mit Peter, den ihr ihm wie ein Gift beibrachtet, bis zu der falschen Vorstellung, daß sein Kind eine Dirne sei, war nur ein Schritt. Er warf Aenne aus dem Haus. Aber die Mutter, die zu ihrem Kinde hielt, ging mit. So war es für euch nur ein halber Triumph. Was tatet ihr nun? Ihr stecktet euch hinter die Mutter. Und als die, die das Herz ihrer Tochter kannte, sie zu keinem Verzicht auf Peter bringen wollte, da triebt ihr die Aenne auf infame Weise aus ihrer Stellung und sorgtet dafür, daß sie auch anderswo nirgends mehr ankam. Ihr glaubtet: was Gewalt nicht erreicht, erzwingt am Ende der Hunger. Aber mehr als der Hunger fraßen an der Alten die Sorge um ihr Kind und die Sehnsucht nach ihrem Mann. Es dauerte nicht lange, da setzte eines Tages das gequälte Herz aus. Jetzt schwankte Aenne wohl, die sich für den Tod der Mutter mit verantwortlich fühlte. Aber schließlich erwies sich doch wieder die Liebe zu Peter als stärker. Ein um das andere Mal wiederholte sie: ›Ein Wort von Peter, daß sein Gefühl für mich die geringste Aenderung erfuhr – und ich trete zurück, ohne daß jemand ein Wort zu verlieren braucht‹. – Da setztet ihr die famose Verlobung mit Margot Rosen in Szene, und um sie dem standhaften Peter mundgerecht zu machen, verdächtigtet ihr Aenne. Margot Rosen saß in Berlin, Peter in Südwest: er kannte sie kaum. Und so sagte er nicht ja, nicht nein; und so verlockend nach der für seine Karriere ja nicht gleichgültigen materiellen Seite hin die Partie war – er machte seine Entscheidung von Aenne abhängig. Da wandtet ihr euch an den verkommenen Baron Seifert, um den ihr sonst in einem weiten Bogen herumgingt, und verspracht ihm Geld und hetztet ihn auf sie. Dieser Hund« – Frau Julie zitterte am ganzen Körper – »nie, solange ich lebe, habe ich solch ein Wort für einen Menschen gebraucht, aber es ist zu gut für ihn, denn dieses verkommene Subjekt« – Frau Julie senkte den Kopf, dämpfte die Stimme und sagte: »Es soll nicht über meine Lippen kommen, was er mit ihr tat. – Zu Tode gehetzt, in ihrer höchsten Not flüchtete sie zu dir, Martin,« wandte sich Frau Julie an den Medizinalrat, »und du tatest, was als Mensch deine Pflicht war – du führtest sie zu mir! Und nun erst erfuhr ich all das, was ich eben geschildert habe. Aber darüber hinaus: ich lernte einen Engel kennen, gütig, klug – aber ohne Kraft mehr zum Leben. – Das hattet ihr aus ihr gemacht! Da schämte ich mich – zum erstenmal in meinem Leben. – Nie empfand ich mehr die Sinnlosigkeit aller gesellschaftlichen Vorurteile. Ich verglich Margot Rosen mit ihr und wußte, wo für meinen Jungen das Glück lag. Ich hatte nur noch ein Gefühl: sie ihm zu erhalten und dafür zu sorgen, daß er an ihr gutmachte, was ihr an ihr gesündigt hattet. Auch ich! Denn wenn ich eure Mittel auch nicht kannte, ich kannte euch! Ich hätte mich darum kümmern müssen. Aber mit soviel Liebe ich sie nun umgab, so heilig ich ihr auch versicherte, daß ich sie als Peters Braut und mein Kind betrachte – sie lächelte nur und schüttelte den Kopf. Und als ich hinausging, um Papier und Feder zu holen und an Peter zu telegraphieren, war sie fort. – Eine halbe Stunde später stand ich in einer kleinen, sauberen Stube vor einer Chaiselongue, fiel in die Knie und küßte die Lippen seiner toten Braut. Ich fühlte in dieser Stunde wie eine Mutter, die ihr Kind verliert. Und als ich ihr die Augen geschlossen hatte und aufstand – ihr wißt, ich bin nicht fromm – da faltete ich die Hände und sagte so laut, daß ich vor mir selbst erschrak: Gott gib, daß wir die Schande überleben.«

Alle starrten Frau Julie an und schwiegen. Sie richtete sich hoch auf und sagte:

»Nun, mein Gebet hat sich erfüllt! Wir haben die Schande überlebt! Aber wenn ihr euch noch so hochmütig gebärdet, vergeßt nie, daß wir allesamt schuldig und Verbrecher sind.«

Sie winkte ihrem Bruder, dem Medizinalrat. Er ging auf sie zu und reichte ihr den Arm. An der Tür wandte sie sich um und sagte:

»Das also soll das letztemal gewesen sein! Und nun gute Nacht, Kinder! Ich bin müde.« – Sie bewegte leicht den Kopf, sagte noch einmal »gute Nacht« und ging aus dem Zimmer.

»Gute Nacht, Mama!« sagten gedämpft ein paar Stimmen, als sie am Arme des Medizinalrates durch die Tür schritt.




II


Als Frau Julie draußen war, herrschte zunächst Totenstille. Der Landrat zündete sich wieder eine Zigarette an und sah, als er das Streichholz löschte und auf den Tisch legte, unabsichtlich seinem Onkel, dem Justizrat, ins Gesicht. Schnell zog er das Etui noch einmal aus der Tasche, reichte es über den Tisch und sagte:

»Bitte!«

Der Justizrat lehnte ab; der Landrat verzog das Gesicht und glitt in den Sessel zurück.

Nach einer Weile fragte Ilse von Zobel:

»Was soll nun werden?«

»Das hast du ja eben gehört,« erwiderte der Landrat, und Baron Zobel bestätigte:

»Deutlich genug war ja eure Mama.«

»In manchem hat sie recht,« erklärte Hilde, und Ilse nickte mit dem Kopf und sagte:

»Die arme Mama!«

Der Justizrat sah nach der Uhr und stellte fest:

»Es ist halb acht,« worauf auch Zobel und der Landrat ihre Uhren zogen und sagten:

»Wahrhaftig!«

Der Justizrat stand auf, knöpfte seinen Rock zu, dachte einen Augenblick nach und sagte:

»Falls ihr mich braucht, ich bin zu Hause.«

Er gab allen die Hand und ging. Als er draußen war, sagte Zobel:

»Wollen wir nicht auch gehen?«

»Na und?« fragte Ilse und sah ihn an.

»Das geht doch nicht,« erklärte Hilde.

»Warum nicht?« fragte der Landrat.

»Erstens haben wir Margot Rosen herbestellt.«

»Ach du lieber Gott,« sagte Zobel, verzog das Gesicht und trat vor den Likörschrank.

»Und dann,« fuhr Ilse fort, »wir müssen doch wissen, was wird.«

»Gar nichts wird,« sagte Zobel und goß sich einen Likör ein. »Was soll denn werden?«

»Mir auch bitte.« sagte der Landrat, trat an seinen Schwager heran, goß erst einen, dann einen zweiten uralten Meukow herunter, wischte sich mit seinem Batisttuch den Mund, klemmte das Monokel fest, stemmte die Arme in die Hüften, beugte sich ein wenig nach vorn und sagte:

»Diese verfluchte Rührseligkeit! Machen wir uns doch klar, was ist denn eijentlich jeschehen?«

»Nun fang nur du nicht auch noch an!« wehrte Zobel ab und goß sich einen Chartreuse ein.

»Jott bewahre! Fällt mir nich ein. Mir steht’s bis da! Aber unter uns: Tatbestand? Tippmamsell – Regierungsassessor. Das landesübliche Verhältnis. Statt auf Schmuck und Sekt mehr auf Jefühl jestimmt. Schon faul. Die Sache vertieft sich. Familie jreift ein. Ihre verfluchte Pflicht und Schuldigkeit. Jeder, der auf sich jibt, hält seinen Stall rein. Und ’n Stammbaum ist schließlich keine Hühnerleiter. Sondern eine verdammt ernst zu nehmende Sache. Die Karriere des Jungen stand auf dem Spiel. Bei seinen Verbindungen konnte er’s mal zum Staatssekretär oder Botschafter bringen. Wir haben’s in Jüte versucht, indem wir ’ne Abfindung boten. Wir waren wahrhaftig nich kleinlich. Aber nee! Nu jerade nich! – Was sollten wir tun? Sollten wir nachjeben und uns mit der Pedellstochter verschwägern? Mama war jlücklich so weit. Sie öffnete die Arme, die Mätresse verwandelte sich in eine Märtyrerin und flog ihr als Schwiejertochter in die Arme. Das reine Theater! Na, da mag se denn wohl selbst jefühlt haben, daß was nich stimmte. Als sie am Halse unserer lieben Schwiejermutter hing, jing ihr der Atem aus! Es is eben doch ’ne andere Luft als in der Pedellsstube. Jott sei Dank! – Wenn n’en Droschkenjaul sich plötzlich für’n Steepler hält und über Hürden jeht und sich dabei das Jenick bricht, so is das seine Sache.«

»Ausgezeichnet!« stimmte Zobel bei; und der Medizinalrat, der eben ins Zimmer trat und die letzten Worte mit angehört hatte, sagte:

»Gewiß! nur ist dir nicht ganz der Nachweis gelungen, lieber Neffe, daß du dich als Mensch so hoch über diese Aenne erhebst, wie der Steepler als Pferd über einem Droschkengaul steht.«

»Na, erlaub mal,« wehrte sich der Landrat gekränkt, »an Klasse doch nu mal sicher.«

»Was du unter Klasse verstehst, ist etwas rein Aeußerliches,« erwiderte der Medizinalrat. »Etwa: wenn ein reicher Viehhändler auf der Eisenbahn erster Klasse und ein gottbegnadeter Dichter dritter Klasse fährt, so bleibt der eine darob doch ein Vieh und der andere ein höheres Wesen.«

»Erlaub mal,« erwiderte der Landrat gereizt und trat fast drohend vor den Medizinalrat hin, »willst du damit etwa sagen . . .«

»I Gott bewahre,« fiel ihm der ins Wort. »Da du meines Wissens kein reicher Viehhändler bist und die arme Aenne kein gottbegnadeter Dichter, so trifft auch der Vergleich auf dich nicht zu.«

»Das wollte ich nur in aller Form festjestellt wissen,« sagte der Landrat mit starker Betonung und wandte sich von dem Medizinalrat ab. Aber der Rittergutsbesitzer Kurt Freiherr von Zobel, dessen Güter einen besonders reichen Viehbestand hatten, setzte das Glas, das er eben zum Munde führen wollte, ab, wandte den Kopf zu dem Medizinalrat und sagte:

»Ich muß dich ebenfalls um eine Erklärung ersuchen, Onkel.«

»Aber ich sagte ja schon,« erwiderte der Medizinalrat, »da die arme Aenne keine Dichterin war, so kannst du dich doch nur im Falle eines schlechten Gewissens betroffen fühlen.«

»Danke,« erwiderte Zobel, »das genügt mir,« setzte an und trank seinen dritten Likör.

Ilse, die schärfer sah, flüsterte dem Medizinalrat zu:

»Ich bitt’ dich, Onkel, laß das! Wir haben gerade Verdruß genug. Sag’ uns lieber, was nun werden soll.«

»Mir scheint, ihr werdet eure Mutter nicht zurückhalten können, zu Peter zu fahren.«

»Sie wird ihm doch nicht erzählen, daß Aenne Selbstmord beging?« fragte Hilde.

»Nein,« erwiderte der Medizinalrat, »ich habe ihr klar gemacht, wie das unter Umständen zeitlebens auf ihn wirken könnte. Sie sieht das ein und wird die Lüge, daß sie eines natürlichen Todes starb, aufrecht erhalten.«

»Gott sei Dank!« sagte Ilse und atmete auf.

»Trotzdem halte ich es für notwendig,« fuhr der Medizinalrat fort und wandte sich an die beiden Frauen, »daß eine von euch mit ihr fährt.«

»Ich bin bereit,« erklärte Hilde.

Zobel wandte sich an seine Frau und sagte:

»Dann fahr’ auch du mit!«

»Fräulein Margot Rosen!« meldete Johann.

Im selben Augenblick rauschte ein ungewöhnlich hübsches und geschmackvoll gekleidetes junges Mädchen ins Zimmer. Vielleicht, daß die ganze Art ihrer Haltung und Kleidung für ein Mädchen aus gutem Hause eine Nuance zu mondän und bewußt war. Daß sie zu unbefangen auftrat und jene reizvolle Schüchternheit vermissen ließ, hinter der sich sonst die Scheu und die Neugier erwachter Sinnlichkeit verbergen. Aber ihr Scharme milderte, was sonst vielleicht aufdringlich gewirkt hätte.

Sie begrüßte höflich die beiden Damen, indem sie ihnen die Hand reichte, und grüßte dann zu den Herren hinüber, die an sie herangetreten waren und sich vor ihr verbeugten. »Wir haben uns lange nicht gesehen,« begann sie unbefangen.

»An uns lag es nicht,« erwiderte Ilse, »Sie wissen, daß wir uns immer mit Ihnen freuen,« – Margot machte ein verschmitztes Gesicht – »oder glauben Sie das etwa nicht?«

»Doch, doch – das heißt – teils – teils.«

»Ja, was heißt das?« drängte Ilse. »Haben wir es Ihnen gegenüber jemals an der nötigen Achtung fehlen lassen? Bewußt jedenfalls nicht.«

»Aber nein, liebe Frau Baronin,« erwiderte Margot und setzte wieder ihr allerliebstes Lächeln auf, »wirklich nicht. Ich wollte damit nur sagen: eine Komtesse wär Ihnen als Schwägerin jedenfalls lieber als Margot Rosen.«

Alle waren verdutzt, nur Hilde raffte sich auf und sagte:

»Wie können Sie glauben!«

»Ich nehme Ihnen das durchaus nicht übel. Mama auch nicht. Sie sagt: das Leben besteht aus Kompromissen. Alles Gute findet sich selten beieinander – na ja, da hat sie doch recht. Ueberhaupt, ich finde es so komisch, daß Mama alles ausspricht, was sie denkt. Sie glauben gar nicht, in welche komischen Situationen sie sich und uns alle dadurch oft bringt. – Na, Sie werden sie ja nun wohl endlich kennen lernen. Es tut mir leid ihretwegen – aber es wird sich nicht umgehen lassen. Ich liebe Mama und finde, es spricht durchaus nicht gegen sie, daß sie in all den Jahren sich den sogenannten gesellschaftlichen Schliff noch immer nicht angeeignet hat.«

»Ja, ich bejreife ja nich,« sagte der Landrat, »warum Sie so aggressiv jejen uns vorjehn.«

Und Baron Zobel, der ganz in Margots Anblick vertieft war, und bald das hübsche Gesicht und die ebenmäßigen Glieder, bald die weißen Hände und den kleinen Fuß anstaunte, schnalzte mit der Zunge und sagte:

»Ich muß auch sagen, Sie finden durchaus unsern Beifall. Sie gefallen uns sehr. Wenigstens mir. Na, und mit dem übrigen, vor allem mit der Frau Mama, da werden wir uns schon abfinden.«

Margot, die längst fühlte, mit welchem Behagen Zobels Augen auf ihr ruhten, schlug die Beine übereinander, lächelte und sagte:

»Es wird Ihnen auch gar nichts anderes übrig bleiben.«

»Aber im Gegenteil,« parierte Ilse die Unart ihres Mannes, »wir hatten schon lange den Wunsch, Ihre Frau Mutter kennen zu lernen.«

»Na, der Wunsch hätte sich im Laufe der Jahre am Ende erfüllen lassen,« erwiderte Margot. »Mama hat von der Stunde an, wo ich durch Familienbeschluß Ihrem Bruder in Südwest verlobt, oder doch wenigstens zugesprochen wurde, täglich auf Ihren Besuch gewartet.«

»Wir hatten auch immer die Absicht,« brachte Hilde nicht eben geschickt hervor.

»Mama besitzt leider so wenig Menschenkenntnis. Ich habe ihr gleich gesagt: du wirst sehen – du wirst sehen, sie kommen nicht.«

»Pardon!« unterbrach sie der Landrat, »aber wieso dachten Sie das?«

Margot sah den Landrat, der gerade kein schlaues Gesicht machte, an und mußte lachen.

»Sie werden sich gesagt haben,« erwiderte sie, »wer weiß, ob wir Peter wiedersehen. Wozu uns also einen Verkehr aufladen, den wir doch nur der Not gehorchend, pflegen würden. Es genügt, wenn wir die Beziehungen zu dieser Margot lose aufrecht erhalten« – die verdutzten Gesichter, die alle machten, reizten sie – »so lose,« fuhr sie fort, »daß wir sie im Falle, daß Peter verschollen bleibt oder fällt, jederzeit, ohne ungezogen zu sein, abbrechen können.«

»Aber!« wehrten alle ab, weniger entsetzt darüber, daß dies junge Mädchen ihnen auf den Grund ihrer Herzen sah, als daß sie ohne Hemmung und Rücksicht aussprach, was sie dachte.

»Mama ist doch eine kluge Frau,« fuhr Margot fort, »aber glauben Sie, daß ihr jemals solche Gedanken kämen? Vielleicht ist es bei ihr auch Klugheit und sie will nicht sehen und belügt sich selbst. Möglich! Aber ich kann das nicht.« Der Landrat versuchte, dieser allen, außer Margot, peinlichen Szene ein Ende zu machen.

»Jedenfalls Jnädigste,« sagte er, »die Hauptsache is, daß Peter, wie Sie erfahren haben, lebt und bereits morjen Nacht in erreichbarer Nähe sein wird. Es sind vier Jahre vergangen, daß wir ihm nach Südwest unsern Heiratsplan und Ihre Bereitwilligkeit unter jenauer Klarlejung der Gründe . . .«

». . . und materiellen Verhältnisse,« ergänzte Margot.

». . . übermittelten.«

»Ich weiß! ich weiß!« erwiderte Margot, »und obgleich er damals noch unter dem Eindruck vom Tode seiner allerliebsten Aenne stand . . .«

»Aber, aber!« wehrten alle ab, und Zobel sagte:

»Wir wollen ihm diese kleine Verirrung doch nicht nachtragen.«

»Wieso Verirrung? Ich weiß nicht, ob Sie erfahren haben, daß ich bei ihr war. Ich wollte sie sehen.«

»Leider,« sagte Ilse.

»Ich fand sie reizend. Zwar etwas spießig und so gar nicht das, was ich mir immer unter einer Geliebten vorgestellt habe. So gar nicht – ja, wie soll ich nur sagen: nichts Leichtes, nichts Prickelndes, was man so mit Wohlbehagen wie einen schönen seidenen Stoff durch die Finger gleiten läßt; sie aber glitt nicht, hatte im Gegenteil etwas Starkes, Festes, Bestimmtes; mit einem Worte: sie roch förmlich nach Charakter. Ja, ich bitt’ Sie, so was nennt man doch nicht Geliebte! So was heiratet man, aber so was liebt man nicht.«

»Ja, wollen wir denn nicht lieber von den Lebenden sprechen?« sagte der Medizinalrat, und Zobel, der sich endlich sattgesehen hatte, flüsterte seiner Frau zu:

»Sie ist zwar reizend, aber sie ist furchtbar.«

»Katastrophal!« ergänzte der Landrat leise, während der Medizinalrat sagte:

»Ich finde sie gar nicht so übel.«

»Tuscheln Sie nicht!« rief Margot übermütig. »Ich weiß doch, es geht gegen mich.«

»Aber nein!« wehrten sie ab.

»Doch, doch, ich habe gute Ohren und weiß auch so, wie Sie über mich denken.« – Sie sah sich um: »Uebrigens, das merk’ ich erst jetzt, wo ist denn die Frau Geheimrat, meine präsumptive Schwiegermutt . . .«

». . . in Aussicht genommene,« verbesserte der Landrat.

»Wie? wie? Das ist doch dasselbe.«

»Nein,« widersprach der Landrat, »das heißt: ja. Natürlich ist es dasselbe! Eben darum soll man das Fremdwort vermeiden und den deutschen Ausdruck gebrauchen, der sich damit deckt.«

»Richtig, richtig,« erwiderte Margot, »Sie sind ja auch einer von den Sprachreinigungsfatzken! – Pardon! Verzeihung!« verbesserte sie schnell. »Das platzte mir so heraus. Das Wort stammt von Mama. Sie werden begreifen, was für ’ne Wut die auf diese Sprachfa . . .«– sie beherrschte sich, lächelte dem Landrat zu und sagte breit: »Reiniger hat.«

»Wieso Wut?« fragte der Landrat.

»Jahrelang quält sich Mama damit ab, die letzten Spuren ihrer Kinderstube zu verwischen. Am meisten Schwierigkeiten machte ihr die Erlernung der Fremdwörter. Kaum hat sie es mit Mühe dahin gebracht, sie einigermaßen richtig anzuwenden, da kommt der Krieg und mit ihm neben anderen sogenannten kulturellen Fortschritten als einer für den Sieg wichtigsten, dieser Sprachreinigungsfimmel! Na, ich kann Ihnen sagen, ich war mal in so einer Sitzung und hab’ mir die Brüder angesehen. Die sollten sich lieber ihre Haare und Zähne reinigen, ehe sie an die Reinigung unserer Sprache gehen. Jedenfalls: Mama hat sie im Magen, was man ihr schließlich auch nicht verdenken kann.«

»Wenn ich nicht irre,« lenkte Zobel ab, »so waren Sie so freundlich, nach Frau von Reinhart, meiner Schwiegermutter . . .«

». . . unserer Schwiegermutter,« verbesserte Margot schelmisch, und mit süßsaurem Gesicht beendete Zobel seinen Satz und sagte:

». . . zu fragen.«

»Gewiß,« erwiderte Margot »Mir wurde telephoniert, es sei Nachricht vom jungen Herrn da, er lebe, sei gesund und werde als Internierter morgen in der Schweiz anlangen. Frau Geheimrat von Reinhart habe den Wunsch, es mir persönlich mitzuteilen, und zwar noch heute abend. Ich war gerade beim Anziehen, da ich mit meiner Freundin für das Berliner Theater verabredet war. Aber, um nicht ungezogen zu sein, verzichtete ich auf die Premiere, die mir übrigens schon bis da hinaus stehn. Ich sage immer: Ein Publikum, das den Quatsch goutiert« – der Landrat verzog den Mund, hütete sich aber, zu verdeutschen – »sollte vom allgemeinen gleichen Wahlrecht ausgeschlossen werden.«

»Bravo!« rief der Landrat. »Das allgemeine gleiche und geheime Wahlrecht ist überhaupt das blödeste . . .«

». . . ich bitt’ dich,« unterbrach ihn seine Frau, »du wirst doch hier nicht deine Propagandarede gegen das Wahlrecht halten wollen.«

»Du hast recht,« erwiderte er, »das jehört nicht hierher.«

»Na also, wo ist Mama?« fragte Margot und sah deutlich, wie alle, außer dem Medizinalrat, bei dem Worte in ihrem Munde zusammenzuckten.

»Leider«, erwiderte Ilse, »hat sie sich zurückziehen müssen. Die Freudennachricht, die sie völlig unerwartet traf, hat sie derart erregt, daß sie sich legen mußte.

»Sie hat uns aber warm ans Herz gelegt,« log Hilde, »Ihnen zu sagen, wie sehr sie es bedauere, daß sie Sie nicht sehen kann.«

Ilse ging darauf ein und sagte:

»Auch hat sie mehrmals nach Ihnen gefragt. Schade, daß Sie nicht früher gekommen sind.«

»Ich sagte Ihnen ja schon: ich war beim Anziehen. Und wenn es am Telephon auch hieß: er ist gesund, so dachte ich mir doch, wer weiß, vielleicht will man mir nicht die Wahrheit sagen. Und denken Sie, ich wäre« – und dabei fuhr sie mit der hübschen Hand über ihre Brüste – »bis dahin dekolletiert gekommen« – Ilse und Hilde fuhren zurück und schlossen die Augen – »nun ja, schön ist das nicht, aber so geht man doch jetzt, und schließlich, wenn es vielleicht auch nicht jedem steht, jedenfalls ich kann mich sehen lassen – also denken Sie, ich wäre in großer Abendtoilette gekommen und Sie hätten am Ende hier in Tränen aufgelöst gesessen. Wie peinlich wäre das für uns alle gewesen.«

»Nun, Sie können beruhigt sein,« erwiderte Zobel, »er lebt und ist wirklich gesund.«

»Um so besser,« erwiderte Margot. »Und wie denken Sie sich nun die weitere Entwicklung?«

»Das hängt zum großen Teil natürlich von Ihnen ab,« sagte Ilse.

»Von mir?«

»Nun ja. Vor allem müssen wir wissen, ob Sie auch heute noch wie vor vier Jahren entschlossen sind, Peters Frau zu werden.«

»Ja, warum denn nicht?« fragte Hilde, und Zobel wandte sich nicht gerade freundlich an seine Frau und sagte:

»Ich verstehe deine Frage gar nicht.«

Aber der Landrat mischte sich ein:

»Ich wüßte auch wirklich nich,« sagte er, »was sich inzwischen jeändert haben sollte.«

»Na, geändert hat sich in den vier Jahren ja so manches,« erwiderte Margot, »und an sich ist die Frage auch nicht unberechtigt.«

»Ja, erlauben Sie mal, Verehrteste,« erwiderte der Landrat, »ich verstehe Sie jar nich . . .«

»Na, wenn ich nicht so taktvoll wäre, könnte ich Ihnen das sehr schnell verständlich machen.«

»Ich bitte ergebenst darum,« forderte er. »Wir sind nicht empfindlich.«

»Na, vor vier Jahren lagen die Dinge doch wohl wesentlich anders.«

»Inwiefern?« fragte Zobel, und Ilse meinte:

»Ihre Ehe hat doch mit dem Krieg nichts zu tun.«

»Indirekt schon,« erwiderte Margot. »Wie lagen denn die Verhältnisse, als Sie vor vier Jahren zu meinem ahnungslosen Vater kamen, um ihm klar zu machen, daß eine Ehe zwischen Peter und mir für beide Teile – na, wie soll ich sagen – also auf gut deutsch, Herr Landrat: eine aufgelegte Sache wäre.«

»Wie, Sie wissen?« fragte Ilse erstaunt.

»Alles weiß ich. Bei uns gibt es – das heißt gab es – denn jetzt, wo unsere Einverleibung in die Gesellschaft sozusagen beendet ist, hat sich auch bei uns manches gegen früher geändert – jedenfalls vor vier Jahren sagten wir uns noch alles. Na, und da weiß ich denn, was mir auch sonst wohl nicht eingegangen wäre, denn ich bin nicht auf den Kopf gefallen, daß auf Ihrer Seite der tadellose, gutaussehende junge Mann im Staatsdienst, mit der Aussicht auf eine große Karriere, aus alter, vornehmer Familie, die damals wenigstens noch keinen Schönheitsfehler aufwies, der ebenfalls gut aussehenden Tochter eines reich gewordenen Fabrikanten ohne Stammbaum und mit unverkennbar jüdischem Einschlag gegenüber steht.«

»Das sind Nebenerscheinungen rein zufälliger Art,« log der Landrat.

»Nein, nein, das sind die wesentlichen Voraussetzungen,« widersprach Margot. »Hier der gesellschaftliche Fundus, bei uns der materielle. Das ist ein ganz einfaches Exempel und geht von selbst auf. Und ist vor allem ein sichererer Wechsel auf die eheliche Glückseligkeit, als die himmelstürmende Liebe.«

»Na, also,« sagte der Landrat. »Dann stimmt’s ja.«

»Stimmte,« erwiderte Margot. »Durch diese Ehe wäre ich, und durch mich meine Familie, mit einem Schlage auf eine gesellschaftliche Stufe gerückt, auf die wir sonst vielleicht nie, im besten Falle aber in ein paar Jahrzehnten gerückt wären. Nun aber hat der Krieg mit seinem rasenden Tempo eine sogenannte neue Gesellschaft geschaffen, durch die wir mit einem Schlage aufgehört haben, Parvenüs zu sein. Neben denen bilden wir heute, da wir schon vor dem Kriege unser Haus, unsere Diener, unser Auto und unsere seidene Bettwäsche hatten – lachen Sie nicht! es ist so! – die sogenannte gute Gesellschaft.«

»Na, na, na,« widersprach der Landrat ironisch. »Die jesellschaftliche Distanz zwischen Ihnen und uns, die bleibt doch wohl auf alle Fälle bestehen.«

»Arg vermindert,« erwiderte Margot, »denn der Unterschied zwischen guter – das sind wir!« betonte sie übermütig, »und bester Gesellschaft, das sind Sie! ist allemal geringer, als der Unterschied zwischen Gesellschaft ganz allgemein und Parvenütum.«

»Das trifft doch nur sehr bedingt zu,« sagte der Landrat, da ihm nichts Besseres einfiel.

»Bedingt oder unbedingt,« erwiderte Margot. »Ich für meine Person pfeife auf den Kram. Mir genügt’s, wenn ich in großem Stile leben und mich gut kleiden kann. Schließlich läuft doch alles auf denselben Stumpfsinn hinaus. Aber für meine Eltern, das geben Sie zu, hat diese Ehe ein Teil ihres ursprünglichen Reizes eingebüßt.«

»Ich wiederhole,« sagte der Landrat, der sich inzwischen angestrengt hatte, scharf zu denken, »das ist nicht logisch. Für jeden, der sehen kann, bleibt Klasse Klasse und Minderwertiges minderwertig.«

»Es kommt nur darauf an, wie es äußerlich in die Erscheinung tritt,« erwiderte Margot, »und da hat sich das Bild eben verändert, wenn nicht gar ins Gegenteil gekehrt. Wenn Mama und Papa früher im Theater saßen, dann kamen sie vor Aerger, daß rings um sie überall Leute saßen, die ihnen gesellschaftlich unerreichbar blieben, überhaupt nie zu einem Genuß. Heute fühlen sie sich! Denn heute sind sie wer! Weil die meisten andern, die heute auf den teuren Plätzen sitzen, ganz einfach noch weniger sind als sie.«

»Das ist doch dann aber sozusagen Selbstbetrug,« meinte Ilse.

Margot sah den Landrat an und mußte lachen.

»Worüber lachen Sie?« fragte der Landrat.

»Mir kam nur so der Gedanke, ob am Ende nicht alles Selbstbetrug ist.«

Der Landrat bekam einen roten Kopf und sagte:

»Das soll doch nicht etwa heißen, daß jede jesellschaftliche Distanz, womöglich also auch die zwischen uns und dieser sojenannten neuen Jesellschaft – pfui Deibel! – jar nich vorhanden is und nur auf Selbstbetrug beruht? wo se doch nachweisbar existiert. Zum Fassen deutlich. Einfach da is, für jeden, der Augen hat und sehen will.«

»Hat Ihr sogenannter gesellschaftlicher Aufstieg denn auch eine Wandlung Ihrer Gefühle zur Folge gehabt?« fragte Zobel.

»Meine Gefühle?« wiederholte Margot. »Was für Gefühle?«

»Nun, zu Peter natürlich.«

»Zu Peter?« fragte sie erstaunt, »den ich kaum kenne?«

»Ja, wenn Sie ihn doch aber heiraten wollen?« sagte Ilse.

Margot lachte.

»An zuviel Gefühl wird die Ehe jedenfalls nicht scheitern.

Und daß eine Ehe je an zuviel Vernunft gescheitert wäre, ist mir jedenfalls noch nicht zu Ohren gekommen.«

»Sie für Ihre Person haben demnach Ihre Stellung zu dem Projekte nicht geändert?« fragte Zobel.

»Nein! Mir sagt es zu. Und wenn Peter äußerlich geblieben ist, wie er war, so gefällt er mir. Na, und wie er innerlich aussieht, erfahre ich ja doch erst in der Ehe.«

»Dann ist ja alles gut,« sagte Zobel.

»Ja! Aber Mama! Die ist nicht halb mehr so verrückt nach dieser Ehe wie vor vier Jahren.«

»Sie sagten doch vorhin, Ihre Frau Mutter warte ungeduldig darauf, mit uns in Verkehr zu treten,« warf Hilde ein.

»Ja, glauben Sie, daß das jahrelange vergebliche Warten sie grade günstig für das Projekt gestimmt hat?«

»Hätten wir das doch gewußt,« sagte Ilse.

»Mama gefällt sich augenblicklich nämlich in einer neuen Rolle.«

»Darf man wissen, welche das ist?« fragte Ilse.

»Gewiß! Es ist dieselbe, die Sie uns gegenüber spielen. Sie können sich vorstellen, was für ein Vergnügen ihr das bereitet.«

»Janz unbejreiflich,« meinte der Landrat gekränkt. »Ihre Frau Mutter sollte dieselbe Rolle spielen wie wir?«

»Ja, ja, Herr Landrat! Die Welt ist rund und dreht sich. – Wissen Sie, was Leder ist?«

»Leder?« wiederholte der Landrat. »Was für ’n Leder?«

»Einfach Leder! Ich kann Ihnen verraten, Herr Landrat, daß das heute keine schlechte Sache ist.«

»Ich denke,« erwiderte der Landrat, »daß Ihr Vater sein Vermöjen in Terrains jemacht hat?«

»Gewiß. Aber vielleicht kennen Sie Herrn Priester?«

»Priester?« wiederholte der Landrat. »Ne, wer soll’n das sein?«

»In Firma A. W. Priester, bis zum Jahre 1914 Schuhmachermeister.«

»Ich verstehe jar nich, wie ich zu so ’ner Bekanntschaft kommen sollte.«

»Es wäre doch möglich, zumal er nur Schuhe nach Maß anfertigte,« sagte sie und sah auf seine Schuhe – »aber nein, Sie tragen ja fertige Stiefel. Wie unschick! Ich hoffe, daß Peter das nicht auch tut. Sonst gewöhne ich’s ihm ab. Ich bin in solchen Dingen sehr peinlich. Und ein Mann mit schlechtem Schuhwerk ist für mich schon erledigt.«

»Ich kann Sie beruhigen,« sagte Ilse, während der Landrat seine Füße unter den Sessel schob, »mein Bruder gibt sehr viel auf gutes Aeußere.«

»Eben!« erwiderte Margot. »So hatte ich ihn denn auch in der Erinnerung. Ich hätte mich sonst nie auf diese Ehe eingelassen. Aber, um auf besagten Schuster zurückzukommen – du lieber Gott, es kann ja nicht jeder Landrat sein! – Also dieser Priester hat sich gleich bei Beginn des Krieges ein großes Lederlager angelegt und das ständig erweitert. Kurz und gut, der Mann soll heute seine vierzig Millionen haben. Denken Sie, Landrätchen!«

»Ja, was jeht das denn uns an?« fragte der Landrat.

»Unter Umständen viel,« erwiderte Margot. »Der Mann hat außer einer Frau nämlich auch einen erwachsenen Sohn.«

»Wa . .« stieß der Landrat hervor, »und der soll am Ende« – er wies auf Margot – »wie? am Ende jar an Stelle von Peter treten? Pfui Deibel!« – Dann lachte er laut auf und sagte: »Ergebensten Diener!« und wandte sich zur Tür.

»Hallo!« rief Margot. »Einen Augenblick, Herr Landrat, so lassen Sie mich doch ausreden. Dieser junge Mann hat studiert und ist Dr. med.«

»Die Laufbahn eines Schustersohnes interessiert mich nicht.«

»Aber meine Mama. Passen Sie auf, wie komisch. Dieser Schuster . . .«

»Scheußlich!« sagte der Landrat und wandte sich wieder um. »Da dieser . . . Mensch durch Sie in Beziehung zu meinem Schwager, dem königlich preußischen Regierungsassessor Dr. von Reinhart jebracht wird, so haben Sie jefälligst die Jüte und nennen ihn nicht immer Schuster.«

»Ja, aber wie soll ich ihn denn nennen?«

»Sie sagten doch, er handelt mit Leder. Dann sagen Sie wenigstens Lederfritze.«

»Gut, den Gefallen tu’ ich Ihnen gern, obschon er als einfacher Schuster tausendmal eher nach meinem Geschmack war als jetzt, wo er Millionär ist. Also denken Sie, wie entsetzlich komisch! Dieser Lederfritze ist plötzlich von einer krankhaften Sucht nach gesellschaftlichem Aufstieg besessen und hat den brennenden Ehrgeiz, in unsere Familie zu kommen! Mama, denken Sie doch, meine Mama, die gerade gelernt hat, sich auf dem Parkett zu bewegen ohne auszurutschen, die soll ihn zu sich emporziehen und gesellschaftlich lancieren.«

»Und Sie? Was haben Sie damit zu tun?« fragte Zobel.

»Ich soll seinen Sohn, dem er das großartigste Sanatorium der Welt erbauen will, heiraten! Nicht, himmlisch!«

»Ich finde es degoutant,« sagte Hilde und führte die Hand vor den Mund, »wenn man denkt, mit wem man da konkurriert.«

»Sieht man daran nicht besser als an allem andern, wie die Welt sich verkitscht hat?« fragte Margot, »wenn es so weit gekommen ist, daß meine Mama die Menschen gesellschaftlich zu sich emporzieht.«

»Und wieweit ist die Sache gediehen?« fragte Zobel.

»Ich wußte ja nicht, was hier wird,« sagte Margot. »Infolgedessen habe ich durch Launen und Ausflüchte die Entscheidung hingezogen. Lange wäre es nicht mehr gegangen.«

»Sie hätten es, falls Peter ausgeschieden wäre, wirklich über sich gebracht . . .?« fragte Zobel.

»Warum nicht? Ich denke mir so’n Leben im Sanatorium ganz amüsant. Denken Sie, mit wieviel Menschen man da in Berührung kommt. Wirklich Kranke dürften natürlich nicht aufgenommen werden. Das wäre für mich Bedingung. Aber leicht Nervöse. Gott, wer ist heute nicht nervös!«

»Ich!« sagte der Landrat.

»Das trifft natürlich nur auf die feiner Besaiteten zu,« erwiderte Margot, und der Landrat, der aus dem Ton die Ironie heraushörte, fragte:

»Was?«

»Ich meinte das nur ganz allgemein,« erwiderte Margot. »Und als Ort hatten wir Baden-Baden in Aussicht genommen. Da gibt’s zwar schon unzählige so’ner Nepplokale, aber das unsrige sollte alle andern in den Schatten stellen.«

»Und der Mensch?« fragte der Medizinalrat.

»Was für ’n Mensch?« erwiderte Margot.

»Der dazu gehört! den Sie heiraten sollen?«

»Ein allerliebster Kerl! Und verliebt, sage ich Ihnen. Also davon können Sie sich gar keinen Begriff machen, was der alles aufstellt, um aus mir das Jawort herauszubringen. – Aber er hat einen Fehler. Er hält sich nicht gut und hat einen schlechten Gang. Das kann ich auf den Tod nicht leiden. Und dann seine Hände! Nicht, daß er etwa einen Schusterdaumen hätte – Sie wissen doch: so!« – und dabei machte sie die entsprechende Bewegung, schüttelte sich und sagte: »Brr! – Das natürlich nicht. Aber die Hand gefällt mir nicht. Schade! Er ist sonst wirklich ein lieber Kerl! Na, und das Geld ist schließlich auch nicht zu verachten. Aber wie gesagt: alles in allem gefällt mir Peter doch besser! Wenigstens so, wie ich ihn in der Erinnerung habe. Auch alles Drum und Dran sagt mir mehr zu. Und da ich nun weiß: er lebt, ist da und ist gesund, so dränge ich Herrn Dr. med. Paul Priester morgen zu einer Erklärung und sage: Nein! – Auf das Gesicht bin ich gespannt. Er rechnet nämlich ganz bestimmt drauf, daß ich ja sage. Aber er wird sich damit eben abfinden, daß ich, wenn ich später von Peter mal ein paar Wochen getrennt sein will, sein Sanatorium nicht als seine Frau, sondern als sogenannte Patientin aufsuche. Das aber tue ich bestimmt! Das bin ich ihm sozusagen moralisch schuldig. Oder finden Sie nicht?« wandte sie sich an Ilse.

»Ich kann das schwer beurteilen,« sagte sie. »Auf alle Fälle sind Sie also entschlossen . . .«

»Peter zu heiraten,« beendete Margot den Satz und stand auf. »Ja! das bin ich!« wiederholte sie, streifte ihre weißen Schweden auf und trat vor Ilse und Hilde hin. »Ich verlasse mich nun also fest darauf.«

»Das dürfen Sie!« sagte der Landrat.

»Und was hätte nun zunächst zu geschehen?« fragte Margot.

»Meine Mama fährt morgen nach Luzern und nimmt Peter in Empfang.«

»Kann ich da nicht mit?« fragte sie lebhaft. »Himmlisch jetzt in Luzern. Im Hotel National! Das heißt, im des Alpes ist die Verpflegung besser. Aber da kann man nicht hin, weil es zu billig ist.«

»Meine Mama hat den Wunsch,« erwiderte Ilse, »erst mal ein paar Tage mit ihrem Sohne allein zu sein.«

»Das paßt mir ganz gut. Da habe ich ein paar Tage Zeit, meine Garderobe in Ordnung zu bringen. Und wie erfahre ich, wenn ich fahren soll?«

»Das werden wir Sie natürlich, sobald Mama ihn gesprochen hat, wissen lassen,« erwiderte Ilse. – »Und wenn es Ihnen recht ist, machen wir morgen vormittag Ihren Eltern unsere Aufwartung.«

»Natürlich! Das paßt sogar ganz gut und wird Mama über Dr. Priester hinwegtrösten.« Sie reichte allen die Hand, nickte ihnen noch einmal zu und sagte: »Also bis morgen.«

Die Herren verbeugten sich. Zobel begleitete sie bis zur Tür. Ilse und Hilde sagten:

»Auf Wiedersehen!«

An der Tür drehte sich Margot noch einmal um und rief:

»Und viele Grüße und eine glückliche Reise für Mama!«

Im ersten Augenblick stutzten alle. Dann sagten sie wie aus einem Munde:

»Danke!«

Als sie draußen war, herrschte zunächst wieder tiefes Schweigen. Alle saßen unbeweglich und starrten vor sich hin. Der Landrat lehnte sich in den Sessel zurück, ließ das Monokel aus dem Auge fallen, zündete sich eine Zigarette an und sagte halblaut:

»Na, ich danke!«

Nach einer Weile sagte Ilse:

»Ob das die richtige Frau für Peter ist?«

»Kaum,« erwiderte Hilde.

Der Medizinalrat machte ein nachdenkliches Gesicht und sagte:

»Mir mißfällt sie nicht.«

Als Johann eine Viertelstunde später die Familie auf den Flur hinausbegleitete, sagte er:

»Recht leise, wenn ich bitten darf, die Frau Geheimrat schläft.«

Ohne ein Wort zu sprechen, zogen sie sich an und gingen auf den Zehen über die Terrasse die Treppe hinunter bis in den Hausflur, wo ihnen ein Diener leise die Haustür öffnete.

Johann irrte.

Wohl war das Licht gelöscht und die Zofe entlassen.

Aber Frau Julie von Reinhart schlief nicht. Verklärt und mit offenen Augen lag sie da und genoß das Glück, das, wenn auch von stiller Wehmut überschattet, doch stärker und innerlicher war als in jener Nacht, da sie ihrem Manne nach zwei Töchtern Peter, den Knaben, schenkte.




III


Peter war über Genf hinaus. Im ersten Dämmer fuhr der Zug den See entlang, der noch in tiefem Schlafe lag.

Peter saß abgezehrt und wachsbleich, mit tief in den breitumränderten Höhlen liegenden, matten Augen, stumm, gebeugt und in sich versunken.

Seine Kameraden standen und sahen mit staunenden Augen hinaus.

Nach endloser Fahrt durch Frankreich, hinter verrammelten Fenstern, nach einer nicht endenwollenden Nacht, der letzten als Gefangene in Feindesland, lag nun, ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht, schweigend in friedlichem Schlummer der See vor ihnen. Auch die Berge, an denen die letzten Schatten der Nacht hingen, schliefen noch.

Eine feierliche Rührung war über alle gekommen. Ohne daß jemand ein Zeichen gab, waren sie aufgestanden und hatten sich an die Fenster gedrängt. Mit dem scheuen Glanz in den erstaunten Augen von Kindern, die, halbbewußt, zum ersten Male am heiligen Abend zu dem strahlenden Baume emporschauen – also starrten die dem Leben Zurückgegebenen die Landschaft an. Eine Weile lang; dann rissen sie die Mützen von den Köpfen, faßten sich bei den Händen, einer hob den Kopf ein wenig, und aus vierzig Kehlen erscholl leidenschaftlich und bewegt der Gesang:

»Nun danket alle Gott!«

Lautes Schluchzen mischte sich in den Gesang; erst vereinzelt und beherrscht; dann wuchs es an und gab dem Klang der Stimmen eine Rührung, die ohnegleichen war.

Nur Peter saß in sich zusammengesunken auf seinem Platz und rührte sich nicht.

Ein junger Offizier, der gestern noch bleich wie der Tod ausgesehen, jetzt aber vor Freude rote Wangen hatte, trat an ihn heran, legte ihm die schwere Hand auf die Schulter und sagte mit weicher Stimme:

»Reinhart!«

Peter erschrak, fuhr auf und sah ihn an. In seinen Augen lag etwas Wehes, Müdes.

»Sieh dir das an!« sprach ihm der blonde Offizier zu.

»Du bist draußen! in der Schweiz! bist frei!«

Peter nickte teilnahmlos.

»Woran denkst du?« fragte der Blonde.

»An die da!« erwiderte Peter mit zitternder Stimme und wies mit der Hand in die entgegengesetzte Richtung, in der der Zug fuhr.

»Sie werden frei sein wie wir! – Sie werden alle heimbefördert.«

Peter schüttelte den Kopf.

»So reiß dich doch endlich aus den trüben Erinnerungen! Denk nicht immer zurück! Denke vorwärts!«

»Ich kann nicht.«

»Ja, was soll denn aus dir werden?« fragte der Blonde entsetzt.

»Nichts! – Ich möchte zurück.«

»Wohin willst du?«

»Nach Dahomey – zu den Meinen!«

»Reinhart! Mensch! weißt du, was du sprichst?«

»In das Lager von Abomey.«

»Die Deinen sind in der Heimat! Oder hast du deine Mutter und Geschwister vergessen?«

Peter schüttelte den Kopf und sagte:

»Nein! – Aber ich gehöre zu denen da unten.«

»Willst du in die Hölle zurück?«

»Ich muß!«

»Wer zwingt dich?«

»Mein Gewissen. – Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß sie leiden – und ich sitze hier.«

»Denke an dich! und danke Gott, daß du den Bluthunden nicht erlegen bist.«

»Ein andrer wird an meiner Stelle leiden.«

»Rede dich nicht in solchen Wahnsinn hinein! Daß du hier sitzt, bedeutet ein Opfer weniger!«

»Zu spät,« erwiderte Peter.

»Wieso zu spät?« fragte der Blonde.

Peter heb mühsam seine Hände und streckte sie, die Flächen nach außen, vor ihm aus. Sie waren zersetzt.

»Das heilt schnell. Es gibt für dich von nun ab keinen Venére mehr, der dich mit dem Ochsenziemer mißhandelt, und keinen Leutnant Grabiani, der dir Daumenschrauben anlegt und dich von Schwarzen prügeln läßt.«

»Ich fühle nichts mehr« erwiderte Peter und hielt dem

Blonden noch immer die Flächen seiner Hände hin. »So sieht es auch in mir aus.«

Der fühlte mehr, was Peter meinte, als daß er ihn verstand.

»Du bist noch durcheinander. Das findet sich alles wieder. Nur widersetz dich nicht. Du mußt den Willen haben, Reinhart, gesund zu werden.«

Peter sprang auf, packte ihn bei den Armen, führte sein Gesicht dicht an seines, sah ihm fest in die Augen und sagte laut:

»Ich will nicht! Ich lebe nicht! Fühlst du denn nicht, wie sie leiden. Wie die Peitschenhiebe ihnen Fleisch und Seele zersetzen? Ich will zu ihnen! will zurück! will mitleiden! – Wo führt ihr mich hin? Ins Paradies? Unter Menschen? – Ich will zu den Tieren in die Hölle!« —

Ueber den Bergen des Sees färbte sich das graue Blau des Himmels in helles Rot. Auf zerfetztes Gewölk, das wie eine Herde schmutziger Schafe am Himmel klebte, fiel rosafarbenes Licht. Leichte Nebel, die leblos an den Bergen hingen, stiegen auf, verflüchteten sich und verschwanden. Die Strahlen der aufgehenden Sonne bestrichen die Rücken der Berge, die strahlend erwachten, legten sich auf den dunklen See und glitzerten da wie helle Smaragde.

Wieder drängten alle zum Fenster und standen wie vor einem Wunder. Was da glühend hinter den Bergen aufkroch, empfanden sie wie den ersten heißen Gruß der Mutter Erde, der sie dem Gefühle nach jahrelang entrückt, nun zurückgegeben waren. Sie steckten die Arme zum Fenster hinaus, als wollten sie das Glück mit Händen fassen und den Gruß erwidern, der ihre Herzen wie das erste gütige Wort der fernen, langentbehrten Mutter traf.

Noch einmal wandte sich der blonde Husar an Peter, wies ihn auf die Landschaft draußen und sagte:

»Kann dich das nicht heilen?«

Peter starrte hinaus.

»Man soll den Menschen nicht aus seinem Schicksal reißen. Keiner weiß, warum er da ist. Jedes Menschenleben aber hat einen Zweck.«

»Raff dich auf! Erfüll ihn!«

»Er liegt dort!« erwiderte Peter und wies wieder hinter sich. Und dann fügte er mit starker Betonung hinzu: »Nur die Bestie hat ihn nicht.«

»Denk nicht an das Häßliche,« redete der blonde Husar auf ihn ein und wies auf die Sonne, die jetzt voll am Himmel stand. »Sieh das Schöne!«

»Wenn es einen Gott gibt . . .«

»Den gibt es!« beteuerte der sonst nicht gläubige Husar.

» . . und ich stehe vor dem Jüngsten Gericht und Gott fragt mich: ›Warum ließest du sie am Leben?‹ so antworte ich: ›Weil dein Gebot, Herr, lautet: du sollst nicht töten.«

Der blonde Husar faßte teilnahmvoll Peters Hand, die kalt und rauh war.

»An was denkst du?« fragte er Peter in fast bittendem Tone.

Peter erhob laut die Stimme:

»Aber die Bestie!‹ wird der Herr fragen. ›mein Gebot geht auf Menschen. Nicht auf wilde Tiere! Warum ließest du sie leben? wo du doch sahst, wie sie meine Menschen quälten!«

»Wir sind nicht da, um zu richten,« ging der blonde Husar auf Peters Reden ein. »Das steht nur Gott zu.«

»Leutnant Grabiani!« rief Peter im Kommandoton, »Sergeant Castelli! Sergeant Vergnaud! in die Knie! – Venére!!« schrie Peter, daß es dröhnte. »Venére, Tier! hörst du die Stimme des Herrn? Warum hast du Gottes Menschen zu Tode gefoltert? Satansknecht! – Aber nun bin ich da! Gesandt von Gott! Verstehst du, grausames Tier! Weißt du, was das bedeutet?« Er dämpfte die Stimme und lächelte fast beglückt. »Ziehe die Daumenschrauben nur an! Fester! fester!! Schlage mit deinem Ochsenziemer nur auf mich ein. Laß die Schwarzen mich schlagen! Ich fühl’ es nicht! Denn mit mir ist Gott! Du Höllenhund!«

Dann sank er wieder in sich zusammen, schloß die Augen und schlief ein.

Einer der Kameraden, ein Arzt, setzte sich zu ihm.

»Ist er wahnsinnig?« fragte der blonde Husar.

»Das möchte ich nicht unbedingt bejahen,« erwiderte der. »Die gewaltige Reaktion! Bei uns löst sie Glück und Freude aus. Bei ihm das Gegenteil!«

»Er hat auch mehr als wir gelitten,« sagte ein andrer.

»Gewiß! Von denen, die da unten in Gefangenschaft waren, ist wohl keiner geistig ganz intakt geblieben.«

»Er ist noch am Tage, bevor er aus Dahomey fort kam, von Castelli mit dem Ochsenziemer geschlagen und unter Würgen mit Faustschlägen ins Gesicht und auf den Kopf mißhandelt worden.«

»Das liegt doch aber Monate zurück,« sagte der blonde Husar.

»Gewiß,« erwiderte der Arzt, »so weit haben sie ihn für den Austausch in dem Lazarett schon hergerichtet, daß die äußeren Merkmale so ziemlich verschwunden sind. Darin sind sie als Volk, das auf Kultur hält, äußerst gewissenhaft! Aber was sich da innen festgesetzt hat – ob das je verschwindet, ist mir doch zweifelhaft. Zumal bei einem so empfindsamen Menschen wie es Reinhart ist.«

»Die arme Mutter!« klagte der blonde Husar.

»Ist es ihr Einziger?« fragte der Arzt und Kamerad.

»Ihr Einziger und ihr Alles.«

»Hoffen wir, daß er in anderer Umgebung und sachgemäßer Behandlung gesundet.«

»Als was würden Sie seine Krankheit bezeichnen?« fragte, immer flüsternd, der blonde Husar.

Der Arzt zog die Schultern hoch.

»Dafür gibt es noch keinen Namen. Es ist das Verdienst der Franzosen, die Welt um diese Krankheit bereichert zu haben. Tausende leiden darunter. Man sollte sie ›die französische Krankheit‹ nennen. Das Krankheitssystem ist allemal das gleiche: die verprügelte Seele!«

Der blonde Husar nickte zustimmend mit dem Kopf und sagte:

»Das ist eine treffende Bezeichnung. Gut, daß die meisten Menschen wenig Seele haben und die Behandlung nur körperlich empfinden.«

»Gewiß ist das gut,« stimmte der Arzt bei.

»Gibt es auch unter denen, die aus englischer Gefangenschaft kommen, viele derart Kranke?« fragte der blonde Husar.

»Nein! – Nur hier und da mal ein Fall, genau wie es natürlich auch in Deutschland vereinzelt solche Fälle gibt. – Es gibt eben überall rohe und feige Menschen, die ihr Mütchen an wehrlosen Gefangenen kühlen. Aber der Ruhm, die geistige und seelische Mißhandlung wehrloser Menschen sozusagen von Staats wegen zum System erhoben zu haben, gebührt den Franzosen.«

Obgleich sie leise sprachen und die lauten Stimmen der andern sie übertönten, schien es dem blonden Husaren doch, als ob Peter, der ihm gegenüber saß, ihrer Unterhaltung folgte.

Peter sah sie an, wieder mit jenem wehleidigen Lächeln, schüttelte den Kopf und sagte:

»Nein!«

»Sie glauben es nicht?« fragte der Arzt, nur um etwas zu erwidern.

»Der Mensch und die Bestie!« sagte Peter. »Darin liegt alles! Das Tier in sich überwinden. Den Satan austreiben. Gott ähnlich werden. Darauf kommt alles an.«

»Da hast du völlig recht,« sagte der blonde Husar und war erstaunt über die klare Rede.

»Allein das Bibellesen macht es nicht,« fuhr Peter fort. »In die eignen Tiefen steigen. In seiner Seele lesen, darin Gottes Wort steht: Ueberwinde!«

»Was?« fragte der blonde Husar.

»Das Tier, das in uns allen steckt, überwinden, um Mensch zu werden.«

»Sie haben ganz recht, Reinhart,« sagte der Arzt. »Wenn alle es schon überwunden hätten, wenn es nicht, zurückgedrängt und verborgen, doch noch in uns allen steckte in irgendeiner Form, das Furchtbare, was wir jetzt erleben, wäre unmöglich!«

»Ob der Mensch es überhaupt überwinden kann?« fragte der blonde Husar.

Peter sah ihn groß an und sagte laut und bestimmt:

»Ja! – Komm mit mir zurück, Lux! Lerne es!«

»Wo?« fragte der.

»Unten! In Dahomey! In dem Gefangenenlager! Komm mit mir, Lux!« sagte er bittend.

»Du hast doch nicht etwa im Ernste den Gedanken, in diese Hölle zurückzukehren?«

»Ich muß!«

»Wer treibt dich?«

»Gott!«

»Er hat dich daraus erlöst. Versündige dich nicht! Sei ihm dankbar!«

Peter stand auf und zitternd am ganzen Körper hob er die Hand zum Schwur und gelobte:

»Ich kehre zurück! – Hörst du’s, Venére? Ich komme! Bestie! Quälgeist! Deine Stunde schlägt! Der Mensch kommt, der von Gott ist. Ich schwör’ es euch, ihr Lieben, daß ich komme und euch erlöse oder mit euch leide!«

»Sie haben recht,«  sagte der Arzt. »Es ist Ihre Pflicht und die von uns allen, Mittel und Wege zu finden, um diese Unglücklichen zu befreien und ihre Peiniger zur Rechenschaft zu ziehen.«

»Kommen auch Sie mit mir!« rief Peter und sein Auge strahlte. »Helfen auch Sie mit!«

»Gewiß! Aber nicht heut und nicht morgen. Denn, nicht wahr, wir wollen die Armen doch erlösen. Und das muß, soll es gelingen, bedacht und gut bedacht sein. Damit, daß wir mit ihnen leiden, ist ihnen nicht geholfen. Aber Sie haben ganz recht. Es muß etwas geschehen, und zwar schnell.« Peter sah ihn groß an und sagte:

»Nicht jeder darf richten!«

»Gewiß nicht!« gestand ihm der Arzt zu. »Die zuständige Stelle muß nach Vernehmung glaubwürdiger Zeugen, wie Sie einer sind, die Erlösung der Opfer und die Bestrafung der Schuldigen fordern, und wenn es nötig wird, erzwingen.«

»Nein!« widersprach Peter. »Wer Uebel vergelten und gerecht richten will, muß an sich selbst das Uebel erfahren haben. Wie sollte er es sonst verstehen und gerecht sein.«

»Gut! gut!« stimmte der Arzt ihm bei. »Ueber alles das werden wir in Ruhe miteinander reden. Von jetzt an sind wir ja nur noch der Form nach Gefangene und niemand hindert uns mehr, unsere Gedanken auszusprechen. Sie werden sehen, Reinhart, wenn wir erst ein paar Tage weiter sind, dann werden wir ruhiger über alles denken.«

»Nur nicht denken!« drängte Peter. »Der Gedanke hat das Unglück über die Welt gebracht. Der Gedanke hat das Gefühl verdrängt, der erste Gedanke war die Lüge.« Er wandte sich vom Fenster ab, durch das die Sonne schien, führte die Hände vors Gesicht und sagte: »Wenn doch der Tag nicht wäre!«

»Ja, aber Reinhart, wie stellst du dir das denn vor?« Der Arzt gab dem blonden Husaren ein Zeichen, nicht weiter in Peter zu dringen, der ganz deutlich wieder Zeichen starker Erregung zeigte.

»Nichts stelle ich mir vor! Ich will nicht! Die Vorstellung ist die Ursache alles Uebels! Oder seht ihr denn noch immer nicht, was ihr damit angerichtet habt? Dank eurer falschen Vorstellungen und eurer Verstandesarbeit, auf die ihr euch soviel zugute haltet, ist ganz Europa heute ein Blutfetzen. Setzt endlich das Gefühl an die Stelle des Verstandes und ihr werdet morgen den ewigen Frieden haben!«

»Hören Sie, Doktor,« sagte der blonde Husar strahlend, »hören Sie, was Reinhart sagt: Er hat doch ganz recht!« Und in seiner Freude polterte er, ehe der Arzt es hindern konnte, darauflos. »Nicht wahr, Reinhart, du bist gar nicht krank, nur mit den Nerven ein wenig herunter. Gott sei dank! Dich reißen wir wieder hoch!«

Er sah nicht, wie Peters Gesicht sich wieder veränderte.

»Nein!« rief der laut. »Ihr reißt mich nicht wieder hoch. Wohin wollt ihr mich reißen? Etwa mit eurem Verstand gegen mein Gefühl angehen? Ich will nicht. Bin ich euch etwa gefolgt? Freiwillig? Man hat mich herausgerissen! Mit Keulen und Ochsenziemern – genau, wie man mich hineingetrieben hat. Ich wollte bleiben. Ich war durch. Hatte alles vergessen, was ich wußte. Dachte an nichts mehr. Litt nur, litt. Und aus meinem Leid wuchs das Gefühl, die Liebe zu den Menschen. Und ihr wollt mich in die Welt zurücktreiben? Ihr meint es gut, aber ich will nicht! Ich habe eine Mission! eine große! heilige! von der ihr nichts wißt. Die ich fühle! Ich bin weder ein Heiliger, noch ein Narr, noch gar ein Kranker. Ich bin so gesund wie ihr,« sagte er und lächelte wehleidig.

Er zog mit einem festen Ruck die Gardine vor das Fenster. Der Arzt hielt einen Kameraden, der ihn daran hindern wollte, zurück. Er schloß die Augen wieder und lehnte sich zurück, und an seinem schmerzverzerrten Mund erkannte der Arzt, daß er sich wieder in Dahomey, bei den Seinen, fühlte.

Der Zug fuhr durch einen Tunnel. Der Aufsicht führende Schweizer Offizier verkündete:

»Meine Herren! noch fünf Minuten!«

»Was ist in fünf Minuten?« fragte der Arzt.

»Luzern!« erwiderte der Schweizer und schlug hinter sich die Türe zu.

Alles sprang auf. Mit dem Gefühl, daß ein Wunsch, den man jahrelang Tag für Tag, Stunde um Stunde heiß ersehnt hatte, sich nun erfüllen sollte, umfaßte man in Gedanken schnell noch einmal alles, was hinter einem lag und nun plötzlich in endlose Ferne gerückt schien. Als lägen zwischen gestern und heute Jahre, so stark überschattete die Freude alles Vergangene, das nur noch wie ein Bild aus lang vergangener Zeit in der Erinnerung stand.

Empfanden so alle das Wort Luzern als den endgültigen Abschluß eines traurigen Kapitels und den Ausgangspunkt eines neuen Lebens, so war es für Peter nur eine Etappe auf dem Wege zu dem Ziel, das die Vorsehung ihm bestimmt hatte.

Völlig teilnahmlos nahm er seinen kleinen Koffer und schob sich durch den Gang zur Tür. Die vielen Menschen auf dem Bahnsteig sah er kaum. Als ein kräftiges Hurra zu den Wagen emporscholl und die Hunderte von Ausgetauschten körperlich schmerzhaft wie ein elektrischer Schlag traf, der das Blut wieder in Fluß brachte und Körper und Seele wie von einer Lähmung befreite und sie wieder zu vollwertigen Menschen machte – auch da empfand Peter noch immer nichts. Es glitt an ihm ab wie der beliebige Ruf eines Bahnbeamten. Automatisch folgte er den andern, ließ sich von fremden Menschen und früheren Kameraden teilnahmlos die Hände schütteln und bewegte sich mit der Menge in das nahegelegene Hotel du Lac, wo sie nach einem feierlichen Empfange für die Nacht einquartiert wurden.

Als sie dann die geschmückte Hotelhalle betraten und das Lied: »Deutschland, Deutschland über alles!« den Heimkehrenden entgegentönte, da traten selbst den Starknervigen die Tränen in die Augen. In dieser Stunde war Peter unter vielen Hunderten von Menschen der einzige, dessen Gesichtsausdruck unverändert und dessen Lippen geschlossen blieben.

Der rangälteste Offizier sprach patriotische Worte. Peter hörte sie kaum. Und als er zum Schluß nicht mit in das Hoch einstimmte, fiel er einigen neben ihm stehenden Offizieren zum ersten Male unangenehm auf.

Ein aus Deutschland zum Empfang gesandter würdiger Geistlicher trat vor.

»Kameraden!« rief er den Heimkehrenden zu. »Ich war zu einer Zeit, da noch Frieden war, eines Sommers in Norderney. Das Meer spülte die Leiche eines jungen Mannes an den Strand. Es schien ein Engländer zu sein. Die Badegäste standen in einiger Entfernung neugierig und entsetzt um den Toten herum. Da trat eine vornehme Dame an den Toten heran, kniete vor ihm nieder, beugte sich über ihn und küßte ihn auf die Stirn. ›Im Namen der fernen Mutter!‹ sagte sie. – So stehe auch ich hier als Abgesandter eurer fernen Mutter und heiße euch im Namen der heißgeliebten deutschen Mutter Erde willkommen!«

War es Zufall oder göttliche Eingebung, daß der würdige alte Herr jetzt auf Peter zuschritt, obgleich er in ziemlicher Entfernung von ihm stand, ihm die Hand auf den Kopf legte und ihn auf die Stirn küßte?

Ein wohliges Gefühl von Ruhe und Frieden empfand Peter. Unter dem weichen Druck der Hand sank Peter willenlos in die Knie, faltete die Hände und betete laut:

»Unser Vater in dem Himmel. Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe. Auf Erden wie im Himmel. Unser täglich Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Uebel. Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.«

Alle falteten die Hände und beteten mit. Und die tiefe Inbrunst seines Gebetes ging wie die Stimme der fernen Mutter in aller Herzen ein.

Und der würdige geistliche Herr, die Hand noch immer auf dem Haupte des knienden Peter, erhob die Stimme und fuhr fort:

»Denn so ihr den Menschen ihre Fehler vergebt, so wird auch euer himmlischer Vater euch vergeben. Wo ihr aber den Menschen ihre Fehler nicht vergebet, so wird euch euer Vater eure Fehler auch nicht vergeben.«

Dann wandte er sich an seinen Platz zurück und die Feier nahm ihren Fortgang.

Wie eine zusammenstimmende Folge von Akkorden lösten sich in Peter die starren Glaubenssätze. Alles drückend Schwere fiel von ihm ab, und als er eine Stunde später oben in seinem Bett lag, hatte er noch immer das Gefühl, als wenn die weiche Hand des würdigen Herrn auf seinem Haupte ruhte.




IV


Frau Julie war infolge der Aufregungen nachts erkrankt. Durchaus unbedenklich, aber doch so, daß der Medizinalrat sie nicht in die Schweiz reisen ließ. Am frühen Morgen erhielt Peter, der noch in tiefem Schlafe lag, ihr Telegramm. Als der Hotelpage sein Zimmer betrat und ihn weckte, wußte er zunächst nicht, wo er sich befand. Er erschrak und rief entsetzt:

»Venére! Hilfe! Venére!«

Der Page legte ihm das Telegramm auf die Bettdecke und entfernte sich schnell. Peter richtete sich auf, starrte in das noch dunkle Zimmer, fuhr sich mit der Hand über die Stirn, tastete vor sich das Bett ab und fand das Telegramm.

Jetzt kam ihm zum Bewußtsein, wo er sich befand. Er knipste das Licht an und sah sich im Zimmer um. Stark empfand er die Wiederkehr der freien Bestimmung. Jahrelang unter Zwang, hatte er längst verlernt, über Person und Zeit zu bestimmen. In der gedankenlosen Ausführung der Weisungen, die andere gaben, hatten sich seine Tage erschöpft. Nun saß er da in seinem Bett, und niemand kam und erteilte Befehle. Etwas ratlos saß er da mit sich und wußte nicht, was beginnen. Er konnte das Licht wieder löschen, sich hinlegen und weiterschlafen. Ganz wie er wollte. Er konnte auch aufstehen, sich anziehen und gehen, wohin er wollte. Es gab keine Wachen und niemand würde ihn fragen, wohin er ging. Auf dem Tisch in der Mitte des Zimmers lagen Blumen und Zeitungen, die freundliche Menschen ihm in den Arm gelegt hatten. Er konnte auch lesen. Er hatte solange kein Blatt mehr in der Hand gehabt. Er erschrak vor der Fülle der Entschlüsse, die sich ihm boten. Wie schwer war es, sich zu entschließen, wenn man jahrelang keinen selbständigen Entschluß gefaßt hatte. Er sah sich im Zimmer um. Dort an der Wand stand ein Schreibtisch; Tinte und Papier; alles lag bereit. Peter streckte den Arm aus, griff in Gedanken nach Feder und Papier, wünschte sich den Schreibtisch herbei, ganz dicht ans Bett, lächelte, bewegte leicht den Kopf und dachte:

»Mutter! – du!« und faßte den Entschluß, an sie zu schreiben.

»Aufstehen,« dachte er. »Ich brauche es nur zu wollen. Es hängt nur von mir ab. – Von mir!« wiederholte er laut. »Und ich, – ich bin mein eigner Herr.« – Und wieder mit jenem weichen Lächeln sagte er vor sich hin, langsam und breit: »An – meine – Mutter – schreiben. – Wann ich will und so oft ich will. Von mir allein hängt das ab! Mutter, hörst du? Niemand mehr kann’s mir nehmen.«

Er hielt noch immer verschlossen das Telegramm in Händen. Jetzt erst achtete er darauf. Er sah es sich an: »Dr. Peter von Reinhart« stand darauf. Er lächelte wieder und sagte laut: »Dr. Peter von Reinhart? Das war ich einmal. Bevor sie mich zerschlugen, die Hunde!« – Er stutzte und es schien, als wenn er sich mühte, die Gedanken zusammenzufassen. – »Bin ich es denn wieder? Bin ich es denn noch?« fragte er sich. »Am Ende haben sie mich zusammengeflickt wie eine zerbrochene Puppe.« Er befühlte sein Herz. »Es schlägt!« sagte er. »Ich lebe! Aber ich bin krank. Mir fallen die Gedanken alle auseinander. Ich wollte doch an die Mutter schreiben. Aber nein, hier, dies Telegramm sollte ich öffnen.« Er riß es auf und las:

»Junge! mein Junge! Wir haben uns wieder! Ich komme zu dir! Freust du dich, Junge? Ich bin so selig! Mutter.«

Er las es immer wieder. Und fühlte es mehr, als daß er es verstand.

»Die Mutter hat mich wieder,« sagte er vor sich hin. »Ja, Mutter, komm nur und bringe die Aenne mit.« – Er stutzte und erschrak. Dann sah er traurig vor sich hin und sagte leise: »Die Aenne ist tot! Die Aenne! – Ich habe schon lange nicht mehr an sie gedacht. Woran – warum mußte sie sterben? – Ohne die Aenne, Mutter, weißt du, daß ich da lieber gar nicht kommen möchte. Viel lieber bliebe! – Ja, wo? wo?« fragte er laut. »Nein! nein! Das ist ja gar nicht möglich. Mutter, verzeih’, ich habe die Gedanken noch nicht beieinander. Solange ohne alle Gedanken leben und dann auf einmal wieder so mitten hineingestellt sein ins Leben. – Das geht noch alles so durcheinander. Die Schläge, Mutter, die vielen Schläge!«

Peter sprang aus dem Bett. Der Kopf war ihm zum Springen heiß. Er ging ans Fenster, öffnete es und sah auf See und Berge, an denen eben der neue Tag emporstieg.

Ihm wurde leichter. Er las noch einmal das Telegramm der Mutter, ging an den Schreibtisch und antwortete ihr:

»Mutter! Komme! Ich brauche dich ja so nötig! Die Menschen sind schlecht. Es war so schlimm. Mutter, ich bin noch ängstlich. Aber ich habe doch Mut. Und nicht wahr, Mutter, ich finde zurück? Da die Aenne doch tot ist, so hilfst du mir! Komme nur schnell! Ich bin so allein. Die andern mußten bleiben, die Armen! Komme schnell, Mutter, dein Peter.«

Peter erhielt bald darauf noch Stöße von Telegrammen, die er kaum las. Er zog sich an, ging zum gemeinsamen Frühstück hinunter und fiel, da alle andern sprachen, durch sein Schweigen nicht auf. Als man dann nach Engelberg aufbrach, wo die Internierung erfolgte, nahmen sich Lux, der blonde Husar, und der Arzt Peters an.

»Sie müssen viel in der Sonne sitzen,« sagte der Arzt, »und gute, heitere Bücher lesen.«

Peter erwiderte:

»Meine Mutter kommt.«

Und der Arzt, der das zufriedene Gesicht sah, sagte:

»Freilich, das ist noch besser.«

Peter zeigte Interesse für See und Berge, die er von früheren Reisen her genau kannte.

»Wissen Sie,« sagte er zum Arzt, »wenn das mit Uebergängen geschähe! Aber dies völlig unvermittelte von einem Extrem ins andere! Man hat in den Ohren noch das Geräusch von den Schlägen, die auf unsere Leiber niederprasselten, und plötzlich tönt einem von den Bergen her das Horn des freien Hirten entgegen.«

»Recht so!« erwiderte der Arzt. »Es gibt Erlebnisse, wie Ihre, die sind so tief in das Gefühlsleben eingedrungen, haben sich da so festgesetzt und stehen so außerhalb jeder Verbindung mit allem Alltäglichen, daß es für ein Zurück keinen Uebergang mehr gibt. Etwa Sie versteigen sich da oben auf den Bergen und ständen plötzlich auf der Spitze einer steilen Felswand, die herabzusteigen unmöglich ist. Sie werden einen Sprung durch die Luft auf das nächste Tableau wagen müssen, und gerettet oder erledigt sein. – Sehen Sie, nur ein fanatischer Katholik kann überzeugter Satanist werden. Wer sich im Glauben verstiegen hat und an die absolute Unfehlbarkeit glaubt, dann aber plötzlich erkennt, daß nicht das Gute, sondern das Böse die Welt beherrscht, dem sind die Wege ruhigen Abwägens und vernünftiger Einkehr verschlossen, und er kann seine Seele nicht allmählich wieder ins Gleichgewicht bringen, sondern er wird sich mit derselben Leidenschaft, mit der er an Gott hing, nun dem Teufel in die Arme werfen. Gottlob! Ihr Weg ist der entgegengesetzte! Und ich rate Ihnen, ohne sich umzusehen und ohne zurückzudenken, sich in das neue Leben zu stürzen.«

Peter dachte nach, nickte mit dem Kopf und sagte:

»Ich will es versuchen.«

Das sprach er nicht nur so dahin; es war sein fester Wille. Denn deutlich sah er die Gefahr, die drohte, wenn es ihm nicht gelang, das Gefühl, das ihn zurücktrieb, zu verdrängen. Er drückte dem Arzt die Hand und fügte feierlich hinzu:

»Ich verspreche es Ihnen!«

»Bravo!« rief der blonde Husar und klopfte Peter auf die Schulter. »Fest im Willen, mein Junge, das ist die Hauptsache!«

»Nein! nein!« widersprach der Arzt, der wohl wußte, daß Peter noch krank war. »Sie müssen es als Ihren Wunsch fühlen. Aus dem Herzen muß es kommen. Nicht etwa, weil Sie es als zweckmäßig erkannt haben.« Und er zitierte des Dichters Worte: »Erst wenn der Geist von jedem Zweck genesen und nichts mehr wissen will als seine Triebe, dann offenbart sich ihm das weise Wesen verliebter Torheit und der großen Liebe.«

Peter war wieder nachdenklich geworden. Er ging auf dem dicht besetzten Schiffe, auf dem nur die für Engelberg bestimmten Offiziere waren, auf und ab und redete sich zu:

»Vergiß sie!« sagte er sich immer wieder. »Du kannst ihnen doch nicht helfen. Du mußt darüber hinweg! sonst gehst du zugrunde!« —

Wie ich vernünftig rede, dachte er und lächelte. Aber liegt es denn überhaupt in meiner Kraft, zu bestimmen, ob ich es vergesse oder mich immer mehr in diesen Gedanken vertiefe! – Kaum! Das wird und ist in mir! Und alles, was von außen kommt und verstandesgemäß geschieht, um dagegen anzugehen, ist zwecklos. Etwa, man wollte das Wachsen eines Baumes wegdiskutieren, indem man ihm sagte: Laß es! wachse nicht, deine Mühe ist umsonst. Ein Sturm wird kommen, ein Unwetter, und dich entwurzeln. Der Baum würde darum doch weiterwachsen. Denn der Trieb läßt sich nicht dem Zwecke unterordnen! Genau so ist es mit mir! – Und diese Erkenntnis stimmte ihn nicht traurig. Viel eher war er froh, die Lösung gefunden zu haben. Das Leben mochte nun kommen und ihm seine Bestimmung anweisen. Er war bereit, sich ihr zu unterwerfen.

Er setzte sich zu seinen Kameraden, die froh, fast übermütig, von der Zukunft sprachen, und von Gedanken, die durch Zeit und Umstände wohl berechtigt gewesen wären, nicht im mindesten beschwert waren.

Sie sind wohl glücklicher als ich, dachte Peter. Und doch, ich möchte nicht sein wie sie.

Als sie nach einstündiger Fahrt auf dem See und anderthalbstündiger Bergfahrt in Engelberg ankamen, scholl ihnen ein dreimaliges Hurra ihrer schon internierten Kameraden entgegen. Der rangälteste Offizier quälte sich zum Empfang ein paar nichtssagende Worte ab und dann ging’s über den Bahnsteig hinaus zu den Hotels. Freundliche Willkommensgrüße der Einheimischen und der Kurgäste begleiteten sie.

Peter ging nicht mehr wie in Luzern den Kopf teilnahmslos gebeugt zwischen seinen Kameraden. Er sah den Menschen, die da standen, ins Gesicht. Nach viereinhalb Jahren zum ersten Male sah er wieder Frauen, die sommerlich gekleidet, fröhlich und geschmückt, mit weißgepflegten Händen winkten, Blumen warfen und in seiner Sprache zu ihm redeten. Seine elegante Gestalt mit dem feingeschnittenen Gesicht fiel allen auf. Er, der Vielgewandte, errötete bei dem Anblick wie ein Gymnasiast und das Herz schlug ihm bis an den Hals hinauf. Und als eine der Frauen nahe an ihn herantrat und ihm Blumen reichte, zitterten seine Knie und er war so bewegt, daß er nicht einmal »danke« sagte.

»Haben Sie viel gelitten?« fragte die junge Dame.

Peter sah sie groß an und sagte nichts.

»Sie sehen leidend aus.«

Peter nickte.

»Waren Sie verwundet?«

Er schüttelte den Kopf.

»Nun also!« sagte sie lächelnd. »Dann werden Sie auch bald wieder gesund und fröhlich sein.« —

Wie lange hatte so keine Frau mit ihm gesprochen! »Gesund und fröhlich sein« klang ihre weiche Stimme in ihm fort.

»Sie sind so gütig!« drängte es ihn zu sagen. Aber während er sich vergebens mühte, ein Wort herauszubringen, suchte sie aus einem Strauß von Rosen die schönste Rose heraus und steckte sie ihm an. Während ihre gepflegten schmalen Finger seinen schmutzigen Rock berührten und der zarte Duft ihres Körpers an ihm aufstieg, lächelte sie und sagte:

»Rosen haben Sie wohl lange nicht mehr gesehen?«

Wieder nickte Peter und kam mit seinem Gesicht ganz nahe an ihr duftendes Haar. Sie befestigte noch immer die Blume und hatte den Kopf etwas nach vorn gebeugt. Er sah den weißen Nacken und schloß die Augen.

»Die sollen Sie jetzt öfter haben,« sagte die Dame.

Peter hörte es kaum. Ihm war schon ganz heiß. Er streckte die Arme aus, seine Knie zitterten. Langsam glitt sein Kopf nach vorn und seine Lippen küßten das weiche Haar, das sie kaum berührten.

»Aber! aber!« sagte die Dame leise und trat unauffällig von ihm weg. Peter verharrte in seiner Stellung. Die Arme ausgebreitet, den Kopf nach vorn gebeugt, stand er, schwer atmend, mit geschlossenen Augen da.

»Herr Oberleutnant!« durchschnitt es schrill wie eine Granate die Luft und traf Peter, der einen Augenblick lang am ganzen Körper zitterte und dann wie leblos zu Boden fiel.

Die Aufmerksamkeit war erregt. Niemand hatte von dem Vorgang etwas bemerkt außer der Dame, die Takt und Ruhe wahrte, dem Arzt, der in nächster Nähe, und dem rangältesten Offizier, der in einiger Entfernung stand.

»Wie dumm!« dachte die Dame und schüttelte den Kopf.

»Hätte sie ihn an die Hand genommen und auf ihr Zimmer geführt – noch heute wäre der arme Reinhart gesund geworden!« dachte der Arzt.

»Skandal! ein Skandal!« rief der rangälteste Offizier und stürzte, ohne sich um Peter zu kümmern, auf die Dame zu. Dann nahm er Stellung an, legte die Hand an die Mütze und sagte: »Verzeihen, Gnädigste, diesen ganz unerhörten Vorfall. Der Herr Oberleutnant wird sich bei Ihnen entschuldigen und auf das allerstrengste bestraft werden.«

Neugierig standen alle herum.

»Aber ich weiß gar nicht,« sagte die Dame und suchte Peter zu retten. »Was ist denn eigentlich vorgefallen?«

»Ja, haben Gnädigste denn nicht bemerkt?«

»Was?« fragte die Dame.

Der Offizier sah dupiert erst die Dame, dann die Menschen an, die ihn neugierig umstanden.

Der Arzt rettete die Situation und sagte:

»Der Herr Oberstleutnant glaubte, daß der Offizier Sie beim Fall berührt oder gar verletzt habe.«

Arzt und Dame verständigten sich sofort durch einen Blick.

»Der arme Mensch ist krank,« sagte er. »Und statt ihn zu bestrafen, sollte man lieber dafür sorgen, daß er gesund wird.«

»Dafür scheint mir dieser Oberst kaum der richtige Mann zu sein,« erwiderte die Dame.

»Gewiß nicht! Aber auch der Arzt vermag hier nicht zu helfen.«

»Hat er keine Familie? Keine Eltern?«

»Gewiß! eine sehr kluge und liebevolle Mutter. Aber auch hier hilft nur eins.«

»Nämlich?«

»Die Frau!«

Die Dame errötete – oder sie tat doch so. Jedenfalls sah sie zur Erde, und da der Arzt schwieg, so fragte sie:

»Jede Frau?«

»Nein! Eine bestimmte! Oder doch ein bestimmter Typ. Eine, bei der sich – wie soll ich sagen? – der Funke entzündet,« er schwieg, dann sagte er mit gedämpfter Stimme:

»Wie es bei Ihnen der Fall war.«

Was er noch sagte, hörte sie kaum. »Die Schmerzen, an denen er leidet, können nur durch eine große Leidenschaft enden. Das große Mitleiden mit andern, das ja der selbstloseste aller Schmerzen ist, kann nur durch das egoistischste Empfinden, die Liebe, geheilt werden.«

»Ein interessanter Fall, jedenfalls!« sagte die Dame, die ihn gar nicht verstand.

»Interessant genug, um sich mit ihm zu befassen,« erwiderte der Arzt und stellte sich vor.

»Wer ist er?« fragte die Dame.

»Dr. von Reinhart, aus einer der ersten Berliner Familien. Er war Regierungsassessor in Südwest; in Dahomey gefangen.«

»O Gott, der Aermste!«

»Unter den dortigen Eindrücken steht er noch heute. Sie müssen durch andere, stärkere, ersetzt werden.«

»Ich verstehe,« sagte die Dame.

Der Arzt mußte lächeln und sagte:

»Nun also.«

Sie waren vor dem Hotel stehen geblieben.

»Wollen wir nicht hineingehen?« fragte die Dame.

Der Arzt trat einen Schritt zur Seite und sagte:

»Bitte!«

Die Dame ging ein paar Schritte hinauf, dann blieb sie stehen, sah sich um und sagte zu dem Arzt:

»Ja, wo bleiben Sie denn, Herr Doktor?«

»Ich?« erwiderte der und tat erstaunt. »Ich sagte Ihnen doch, gnädige Frau, daß der Arzt hier nicht helfen kann.«

Sie lächelte und sagte:

»Nun, dann muß ich eben allein gehen.«

Sie nickte ihm noch einmal zu und eilte dann rasch die Treppen hinauf.

Der Arzt sah ihr nach und lachte.

Mit rotem Gesicht und offensichtlich noch immer in großer Erregung stürzte der Oberst auf ihn zu.

»Was sagen Sie nur zu der Blamage!« rief er laut. »Ein deutscher Offizier vergißt sich derart!«

»Aber, Herr Oberst!« suchte der Arzt ihn zu beruhigen.

»Die Sache ist ja nicht halb so schlimm.«

»So?« widersprach der Oberst. »Die Dame gehört zur allerbesten Gesellschaft. Meine Frau und ich verkehren mit ihr. Ihr Mann steht an einflußreicher Stelle! Wenn das einen Skandal gibt! – Wie fangen wir es nur an, ihr Genugtuung zu verschaffen? Seine Bestrafung allein wird ihr nicht genügen!«

»Genugtuung?« wiederholte der Arzt und sah den Obersten groß an.

»Ja!« wiederholte der mit martialischer Geste.

»Herr Oberst können beruhigt sein. Die verschafft sie sich bereits selbst.«

Der Oberst riß den Mund auf und sagte:

»Wa . . .?«

Der Arzt legte die Hand an die Mütze, ließ den Oberst stehen und verschwand.




V


Die nächsten beiden Tage, die Peter in der Gesellschaft der Dame verbrachte, vergingen schnell. Es wurde nicht viel gesprochen; um so mehr gehandelt. Und die wenigen Stunden, die er dann allein war, saß er meist unter Ausschaltung aller Gedanken auf seinem Balkon oder im Garten. Seine Kameraden sah er nur zu den Mahlzeiten. Oberflächliche Reden, an denen er sich selten beteiligte und die für die meisten andern ausreichende Zerstreuung waren, übten auf ihn keinerlei Wirkung.

Sein wahres Leben, das des Unbewußten, das sich bei ihm vor Tagen noch so stark an die Oberfläche gedrängt hatte, dies durch den Sexualtrieb wieder ins Unterbewußtsein verdrängte Leben, lebte er jetzt nur in seinen Träumen. Da sah er in den Gefangenenlagern Dahomeys wieder, wie seine Kameraden unter Aufsicht und auf Befehl französischer Offiziere von den Schwarzen bespien, getreten und halbtot geprügelt wurden. Zerfetzt sah er sie in die Knie sinken und mit letzter Kraft die Arme ausgebreitet, hörte er sie immer wieder rufen:

»Rette uns, Peter! Komm! hilf uns!«

Aber schnell fand er am nächsten Morgen in die Wirklichkeit zurück. Es war ein Rausch, nicht mehr, an dem weder das Herz, geschweige denn die Seele irgendwelchen Anteil hatten. Herz und Seele waren zerrissen und außerstande, zu lieben. Aber der Rausch betäubte ihn und er fühlte die Schmerzen nicht.

Als er am dritten Morgen in Engelberg erwachte, brachte man ihm ein Telegramm, darin stand, daß seine Mutter tags zuvor von Berlin abgereist sei und im Laufe des Tages eintreffen werde.

Sonderbar! Diese Nachricht wirkte so anders als vor Tagen am Morgen nach seiner Ankunft in Luzern das erste Telegramm seiner Mutter gewirkt hatte. Um den unmittelbar-innerlichen Zusammenhang zu ihr herzustellen, mußte er mühevoll erst allerlei Gedanken verdrängen. Und je mehr er das tat, um so deutlicher fühlte er, daß ihm schwer ums Herz wurde. Die Liebe für seine Mutter saß tief da, wo in nächster Nähe auch das große Leid seine Stätte hatte. Und nun, da er an diesem Gefühl rührte und sich durch seinen äußern Rausch hindurch den Weg zu diesen Tiefen bahnte, fühlte er deutlich auch schon wieder jenes leidenschaftliche Mitleid mit seinen ehemaligen Kameraden sich regen. Er kämpfte dagegen an, und, um sich abzulenken, öffnete er ein Kuvert, das ihm der Diener zugleich mit dem Telegramm gebracht hatte. Es war ein Befehl, der ihn vormittags zehn Uhr zu dem rangältesten Offizier rief. So gleichgültig an sich ihm diese Aufforderung war, so suchte er doch, um seine Gedanken abzulenken, zu erraten, was der Vorgesetzte wohl von ihm wissen wolle. Alle möglichen Einfälle kamen ihm, nur den wahren Grund, den jeder dritte ihm sofort genannt hätte, erriet er nicht.

»Also, Herr Oberleutnant,« empfing ihn der vorgesetzte Offizier sehr dienstmäßig. »Ihr skandalöses Benehmen, verstehen Sie,« und er wiederholte noch einmal und unterstrich es: »Ihr skandalöses Benehmen muß ein Ende haben. Und zwar sofort. Wie Sie da abbrechen, das ist Ihre Sache. Sie scheinen nämlich nicht zu wissen, daß Sie sich und nicht zuletzt diese Dame kompromittieren.«

Peter stand ganz verdutzt.

»Ja . . . das ist doch . . . rein zwischen uns . . . beiden . . .« stammelte er. »Das . . . kann doch höchstens eine Vermutung sein.« – Und er, der sich die Tage über um niemanden gekümmert, kaum jemanden gesehen hatte, begriff gar nicht, daß Fernstehende so aufdringlich und taktlos sein und sich um Dinge kümmern konnten, die sie nichts angingen.

»Das kombiniert man sich einfach,« erwiderte der Oberst. »Wir alle kombinieren uns das! Selbst meine Frau! Man muß sich schämen.«

»Ja, aber warum tut man das?« fragte Peter. »Wen es stört, der braucht es sich doch einfach nicht zu kombinieren, und wem es Freude macht, nun, der nimmt eben keinen Anstoß daran.«

»Es hört auf! Und zwar noch heute! Sieht man Sie noch einmal zusammen, so bestrafe ich Sie.«

»Man wird uns nicht mehr zusammen sehen,« versprach Peter.

»Und Sie werden mit der Dame auch nicht mehr unter vier Augen zusammen sein,« forderte der Oberst.

»Das kann ich Herrn Oberst nicht zusagen.«

»Es handelt sich um keine Zusage, sondern um einen Befehl!«

»Wenn Herr Oberst der Dame das dann vielleicht direkt sagen wollten.«

»Ich? Wieso ich?« erwiderte er verwirrt. »Was habe ich mit Ihren Liebschaften zu tun?«

»Ich dachte, nichts! Aber Herr Oberst haben mich soeben eines Besseren belehrt.«

Der Oberst zitterte jetzt am ganzen Körper.

»Kommt die Da —, die Frau etwa zu Ihnen aufs Zimmer?«

»Darüber bedaure ich Herrn Oberst keine Auskunft geben zu können.«

»Ich verbiete es Ihnen!«

»Ich bin auf die Entschlüsse der Dame ohne Einfluß.«

»Weisen Sie ihr die Tür.«

»Das verbietet mir außer meiner Erziehung in diesem Falle das Gefühl.«

»Sie haben Ihr Gefühl dienstlichen Befehlen unterzuordnen.«

»Ich bedaure, Herr Oberst, aber das vermag ich nicht.«

»Ich werde Sie zwingen.«

»Dazu hat man mich nicht einmal in Dahomey zwingen können.«

»Sie sind hier nicht in Dahomey, sondern stehen vor Ihrem deutschen militärischen Vorgesetzten.«

»Das ist mir inzwischen zum Bewußtsein gekommen.«

Der Oberst, der den Sinn dieser Worte mehr fühlte als verstand, fuhr Peter an und sagte:

»Sie haben drei Tage Stubenarrest wegen Renitenz.«  —

Aber der Gesichtsausdruck Peters, der ein leises Lächeln nicht unterdrücken konnte, machte ihn nachdenklich. – »Ae . . »das heißt . . . ä . . .,Sie werden natürlich umquartiert – und zwar in ein anderes Stockwerk. Sie werden Ihr Zimmer überhaupt nicht mehr betreten.« – Und er schien sehr zufrieden mit dieser Lösung.

»Verzeihung, Herr Oberst,« erwiderte Peter. »Die Neigung der Dame gilt nicht dem Zimmer, sondern der Person. Es dürfte sich daher nicht um die Ausschaltung des Zimmers, sondern um Ausschaltung der Dame handeln.«

»Ich verbiete Ihnen, die Dame von dem Zimmerwechsel in Kenntnis zu setzen! So! Und damit dürfte der Fall erledigt sein.«

Er war es leider nicht! Denn als am Nachmittage desselben Tages Frau Julie von Reinhart in Engelberg ankam und beim Hotelportier, der weder von dem Zimmerwechsel noch von dem Stubenarrest Peters Kenntnis hatte, nach der Zimmernummer ihres Sohnes fragte, wurde ihr die ehemalige Zahl genannt.

»Ja, hat mein Sohn das Telegramm denn nicht bekommen?« fragte sie beängstigt und bewegt, als sie im Fahrstuhl in die zweite Etage fuhr.

»Ich kann es nicht sagen,« erwiderte der Hoteldirektor, der infolge der doppelten Bedienung, in der Frau Julie reiste, an die Stelle des Portiers getreten war.

»Mir lag daran, ihn nicht zu überraschen, weil ich fürchte, daß ihn das zu stark erregen wird. – Ist er gesund? Hat er alle . . .?« Sie stutzte und brachte das Wort ›Glieder‹ nicht über die Lippen.

»Er macht einen durchaus gesunden Eindruck,« erwiderte der Direktor.

Für Frau Julie war das ein großer Augenblick. Auf eine Frage, die sie sich vier Jahre lang Tag für Tag, Stunde um Stunde gestellt hatte, war ihr endlich die erlösende Antwort geworden! Ihr wurde schwarz vor den Augen, die Knie zitterten und sie hielt sich an ihrer Zofe und Johann, dem Diener, fest.

Ein dankbarer Blick Johanns traf den Direktor.

»Die gnädige Frau hat vier Jahre lang nichts von dem jungen Herrn gehört,« sagte er zur Erläuterung. »Denken Sie, er war in Dahomey gefangen; in den Kolonien!«

»Nun, bei den Franzosen hat er es gewiß gut gehabt.«

»Glauben Sie?« fragte Johann.

»Ich bitt’ Sie, ein Kulturvolk wie die Franzosen wird seine Gefangenen doch nicht schlecht behandeln.«

Der Fahrstuhl hielt. Frau Julie hatte sich wieder in der Gewalt.

»Ich möchte doch lieber,« sagte Frau Julie mit geröteten Wangen. »Ich fürchte, er könnte zu sehr erschrecken. – Vielleicht, daß Sie zunächst mal Johann . . . Aber, dann denkt er womöglich, mir sei etwas zugestoßen und Sie sollen ihn vorbereiten.«

»Das wäre denkbar,« stimmte Johann zu. »Aber der Herr Direktor könnte vielleicht sagen, es sei von Luzern aus telephoniert worden, daß die gnädige Frau nach Engelberg unterwegs sei.«

»Das ginge!« meinte Frau Julie und war so erregt, daß sie den Direktor am Arm nahm und ihm mit einer Stimme, die zitterte und bebte, zuflüsterte: »Gehen Sie, gehen Sie zu meinem Sohne! Und dann, wenn er weiß, dann sagen Sie ihm: am Ende ist sie gar schon da! – Aber nur, wenn Sie sehen, daß er ruhig ist. Sonst muß man es ihm allmählich beibringen.«

Der Direktor ging den Flur hinunter. Frau Julie stand und hielt sich mit der einen Hand bei Johann, mit der andern bei ihrer Zofe fest. Jeden Schritt, den er tat, fühlte sie in ihrem Herzen. Jetzt blieb er stehen und wandte sich rechts zur Tür. Frau Julie lehnte sich leicht an Johann an. Der Direktor klopfte und öffnete, in dem Glauben, daß jemand »Herein!« rief, die Tür. Im selben Augenblick schrie eine Frau laut auf und man sah, wie der verdutzte Direktor zurückfuhr.

»Was ist?« rief Frau Julie laut.

Die Tür flog zu und wurde verschlossen.

Der Direktor kam zurück und verkündete verlegen:

»Es tut mir leid, gnädige Frau, aber Ihr Herr Sohn kann nicht empfangen.«

Frau Julie starrte noch immer zur Tür.

»Er . . . er . . . ist . . . doch . . . da?« fragte sie zaghaft.

»Gewiß . . . aber, Verzeihung, er ist nicht allein.«

In diesem Augenblick kam der Oberst, der sich persönlich davon überzeugt hatte, ob Peter auch in dem ihm angewiesenen Zimmer im oberen Stock die ihm zuerkannte Strafe absaß, die Treppe hinunter. Er gab dem Direktor ein Zeichen, daß er ihn zu sprechen wünsche. Der trat an ihn heran.

»Kennen Sie Frau . . .?« flüsterte er ihm zu und nannte einen Namen.

Der Direktor bejahte.

»Wenn die Da—, die Frau nach Herrn Oberleutnant Reinhart fragen sollte, so sagen Sie ihr nicht, daß er seit heute nicht mehr in Zimmer 43, sondern eine Etage höher in 117 untergebracht ist.«

Der Direktor machte nicht grade ein besonders kluges Gesicht.

»War sie etwa schon bei ihm?« fragte der Oberst lebhaft.

»Nein. Aber ich wußte gar nichts von diesem Zimmerwechsel und mir scheint, daß auch die Dame ihn übersehen hat.«

»Wieso? Was soll das heißen?«

»Ich hatte eben den Vorzug, einen Blick in Zimmer Nr. 43 zu werfen.«

»Da wohnt jetzt Rittmeister von Droste.«

»Gewiß. Aber es scheint, daß der Name nicht viel zur Sache tut.«

»Wieso? Was meinen Sie?«

»Die Uniformen der beiden Herren sind einander wohl zu ähnlich.«

»Der eine ist neunter, der andere vierzehnter Dragoner.«

»Dann scheint die Dame sich in der Nummer der Achselklappen geirrt zu haben«

»Inwiefern?«

»Nun, jedenfalls befindet sie sich zurzeit auf Zimmer Nr. 43.«

»Bei Rittmeister von Droste!« rief der Oberst laut und lief mit rotem Kopf den Korridor hinunter.

Der Direktor klärte inzwischen Frau Julie auf, und während sie am Arme Johanns und der Zofe die Treppe hinaufstieg, hörte man, wie der Oberst mit beiden Fäusten an die Tür von Zimmer 43 klopfte und laut rief:

»Herr von Droste! Herr von Droste! schämen Sie sich! Bedenken Sie, was das für einen Skandal gibt! Wo wir doch alles vermeiden sollen, was irgendwie Aufsehen macht.« Gleich darauf öffneten sich die meisten Flurtüren und neugierig äugten die Hotelgäste beiderlei Geschlechts nach dem Zimmer, vor dem mit krebsrotem Gesicht Hände ringend der Oberst stand.

»Da haben wir’s!« sagte er entsetzt, als er die vielen Menschen sah. Und in das Zimmer hinein rief er: »Wenn Sie wüßten, was Sie angerichtet haben!«

Frau Julie war inzwischen an der Tür ihres Sohnes angelangt. Von den Vorgängen im unteren Stock hatte sie in ihrer Bewegtheit kaum etwas verstanden.

»Soll ich nicht . . .?« fragte Johann.

»Nein! nein!« erwiderte Frau Julie. »Ich bin schon . . .« Und sie klopfte zaghaft an und schloß die Augen, als sie die Stimme ihres Sohnes hörte, der laut »Herein!« rief. Und da sie nicht öffnete, so sagte er es noch einmal.

Frau Julie griff mit zitternder Hand nach der Klinke. Sie versuchte, sie herunterzudrücken. Es gelang ihr nicht. Sie wandte sich an Johann. Der nahm mit Takt ihre Hand herunter und öffnete die Tür.

»Jean!« rief Peter erfreut und sah Frau Julie nicht, die dahinter stand. »Guter, alter Freund!« sagte er und ging auf ihn zu, nahm ihn bei beiden Händen und zog ihn ins Zimmer. Frau Julie war zur Seite getreten. Die Tür blieb offen. »Also Sie leben noch! Sehn Sie mal an! Jünger sind Sie nicht geworden. Aber der brave, alte Jean sind Sie doch geblieben. Innerlich unverändert! Was, Jean? Wir sind einander nicht fremd geworden?«

»Will’s nicht hoffen, Herr Doktor,« erwiderte Johann.

Und draußen stand Frau Julie und lauschte beglückt der Stimme ihres Sohnes, die sie fünf Jahre lang nicht mehr gehört hatte.

»Ja, was bringen Sie? Kommen Sie allein? Haben Sie mir was auszurichten?« fragte er lebhaft.

»Ich bringe Ihnen etwas sehr Wertvolles,« erwiderte Johann und Peter verstand sofort und rief:

»Die Mutter! Wo ist sie?«

Johann wandte sich zur Tür.

»Mutter!« rief Peter laut und innig auf den Flur hinaus. Die stand zitternd an der Wand und sagte ganz leise:

»Mein Junge!«

»Mutter!« rief Peter und stürzte hinaus. »Da! da bist du! – Ja, ja, du bist es! Mütterchen, mein Mütterchen, so komm doch! – So! Ganz fest in meine Arme. Ich bin ja da! – Du! – Bei dir! Mein bestes, gutes Mütterchen! – Wie das wohl tut! So! so! fest schmiege dich an mich. – Und so bleiben wir nun für immer. Ganz dicht beieinander, Mutter! hörst du? Unser ganzes Leben lang.«

»Ja, mein Junge!« erwiderte Frau Julie leise und streichelte ihn mit zitternden Händen. »Das wiegt die ganze Trennung und alle Schmerzen auf. Halte sie nur fest, deine alte Mutter.«

Umschlungen, wie sie gestanden hatten, gingen sie jetzt in Peters Zimmer. Er half Frau Julie in einen tiefen Sessel und setzte sich ihr zu Füßen. Johann ging diskret aus dem Zimmer und schloß die Tür. Peter legte den Kopf in Frau Julies Schoß und sie streichelte ihn mit ihrer weißen, schmalen Hand, lächelte beglückt vor sich hin und flüsterte lautlos:

»Ich habe ihn! Ich habe ihn, Ferdinand! Unsern guten Jungen! Du kannst ganz ruhig sein. Er ist bei mir!«

Und Peter, in dem alles aufgewühlt war, schmiegte sich fest an Frau Julie. Er fühlte sich geborgen. Hatte er doch einen Ort, zu dem er von nun an jederzeit sein Leid tragen konnte.

Draußen stand Johann und wischte sich mit seinem Leinentuch dicke Tränen aus den roten Augen.




VI


Was Frau Julie an ihrem Sohne erst rührte, dann nachdenklich stimmte und schließlich beängstigte, war die Weichheit und Schwere, mit der er an alle Dinge herantrat. Die Tiefgründigkeit, mit der er auch Belanglosigkeiten bis auf die letzten Zusammenhänge nachspürte, trug deutlich schon die Spuren von Schwermut an sich. Ganz im Gegensatz zu früher, wo sie ihn oft übereilter Entschlüsse und seiner gar zu schnellen Urteile wegen, die er über Menschen und Taten fällte, tadeln mußte, sagte sie ihm jetzt immer wieder:

»Nimm doch nur nicht alles so entsetzlich schwer.«

Peter seufzte dann nur und sagte:

»Ach, Mutter, wenn du wüßtest!«

Und wenn sie ihn dann fragte:

»Was denn, mein Sohn?« dann gab er zur Antwort:

»Wie die Menschen leiden müssen.«

»Du hast soviel durchgemacht, mein Junge, und mußt nun zunächst mal an dich denken.«

»Was gibt es da zu denken, Mutter? Ich bin doch da, mir fehlt nichts; es quält mich niemand und ich habe dich. Es ist fast zuviel für einen Menschen.«

»Gewiß, Peter, du hast es gut. Aber du mußt auch weiter denken. Jeder Mann in Deutschland zählt jetzt doppelt. In ein paar Wochen wirst du vermutlich wieder in der Heimat sein und eine deinem Berufe entsprechende Verwendung finden.«

»Soweit bin ich noch nicht, Mutter. Weißt du, am Tage, da geht es schon; obschon es mir auch da noch oft so ist, als wenn mein Körper und mein Geist nicht eins wären.«

»Wie meinst du das?« fragte Frau Julie.

»Ich weiß wohl und fühle es ja auch, daß ich hier bin; körperlich bestimmt. Das steht ja fest. Aber das bin nicht ich. Denn das, was den Menschen ausmacht, das Gefühl, das Geistige, das ist da unten bei ihnen.«

Frau Julie suchte es ihm auszureden. Aber er blieb dabei.

»Ich fühle es ja doch, wenn ich aus Not hier mit Freunden, Kameraden oder Fremden bin. Dann komme ich mir vor wie eine leblose Masse. Worüber die andern sich unterhalten, was sie wichtig nehmen und womit sie sich freuen, das empfinde ich überhaupt nicht. Selbst wenn ich Musik höre, auf die ich doch früher so stark reagierte – gewiß! es entgeht mir keine Note und ich merke auch jeden falschen Ton – aber es bleibt außen, es trifft mich nicht. Ach, Mutter, ich weiß ja nicht, ob du mich verstehst; mir ist, als wenn Seele und Körper sich in mir getrennt hätten. Und die Seele, die da unten blieb, sehnt sich nun den Körper herbei; genau wie der Körper unter der Trennung leidet und sich nach der Seele sehnt.«

Geisteskrank! hätten vermutlich die Psychiater erklärt. Frau Julie aber verstand ihren Sohn und wußte, daß er das nicht war. Sie war feinfühlig genug, um den Gedankengängen ihres Sohnes zu folgen. Zur Ergründung seines Zustandes bedurfte es keiner tiefgründigen Psychoanalyse. Die Synthese war ja doch sonnenklar. Ganz kraß gedacht, befand sich im Unterbewußtsein Peters aufgepeitschte Seele noch immer an dem Ort ihrer Leiden; nicht infolge krankhafter Vorstellung; vielmehr, wenn Unterbewußtsein Leben bedeutet, in Wirklichkeit. Genau wie die Hunderttausende, die man als unheilbar hinter verschlossenen Gittern hielt, weil sie die Schrecken der Schlachten nach Jahren erneut und verstärkt erlebten, nicht geisteskrank in dem bisher üblichen Sinne waren. Es galt nur, die in der Vorstellung der Schlachtengreuel befangen gebliebene Seele durch andere, möglichst noch stärkere Vorgänge zu befreien. Gewiß waren die schwer zu finden. Und es bedurfte für jeden einer besonderen Analyse, um zu ergründen, wodurch man die gefangene Seele aus ihrer Gebundenheit löste. Wege und Mittel waren bei jedem verschieden. Und man mußte, war man nicht Psychoanalytiker von Rang und Beruf – und auch dann noch konnte man irren! – die Menschen schon vor dem Eintritt innerer Konflikte gekannt haben.




Конец ознакомительного фрагмента.


Текст предоставлен ООО «ЛитРес».

Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=48633020) на ЛитРес.

Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.


