Das Horoscop
Alexandre Dumas der Ältere




Dumas Alexandre (père)

Das Horoscop





Erster Band





Prolog





I.

Die Landimesse


Gegen Mitte Juni des Jahres 1559, an einem herrlichen Sommermorgen, drängte sich eine Volksmenge, die man etwa auf dreißig bis vierzigtausend Personen schätzen konnte, auf dem Sankt-Genovefaplatz zusammen.

Ein Mensch, der ganz frisch aus seiner Provinz gekommen und auf einmal mitten in die Straße St. Jacques gerathen wäre, wo er diese Menge hätte sehen können, würde sich gewiß gewaltig den Kopf darüber zerbrochen haben, was diese zahlreiche Versammlung auf diesem Punkt der Hauptstadt bedeuten solle.

Das Wetter war herrlich: man wollte also nicht wie im Jahr 1551 das Reliquienkästchen der heiligen Genovefa hervorholen, um das Aufhören des Regens zu erlangen.

Es hatte zwei Tage vorher geregnet: man führte also nicht das besagte Reliquienkästchen der heiligen Genovefa in Prozession herum, um wie im Jahr 1556 Regen zu erflehen.

Man hatte keine unglückliche Schlacht nach Art der von St. Quentin zu beklagen: man zog also nicht wie im Jahr,1557 mit dem Reliquienkästchen der heiligen Genovefa umher, um den Schutz Gottes zu erlangen.

Nichtsdestoweniger war es augenscheinlich, daß diese ungeheure Volksmasse, die sich auf dem Platz der alten Abtei versammelt hatte, irgend eine große Feier begehen wollte. Aber welche Feier?

Sie war nicht Religiös denn, obschon man da und dort unter der Menge einige Mönchskutten bemerkte, so waren diese verehrungswürdigen Gewande doch nicht in genügender Anzahl vorhanden, um dem Fest einen religiösen Charakter zu geben.

Sie war nicht militärisch, denn der Kriegerstand war nur schwach vertreten, und die anwesenden Mitglieder desselben hatten weder Partisanen noch Musketen.

Sie war nicht aristokratisch, denn man sah über den Köpfen nicht die wappengeschmückten Fahnen der Edelleute, noch die Federbüsche auf den Castetten der vornehmen Herren flattern.

Was in dieser tausendfarbigen Menge, wo Edelleute, Mönche, Diebe, Bürgersfrauen, Freudenmädchen, Greise, Hanswurste, Zauberer, Zigeuner, Handwerker, Bettelreimer, Verkäufer von Kräuterbier, die Einen zu Pferd, die Andern zu Maulesel, Diese zu Esel, Jene in Kutschen – man hatte just in diesem Jahr die Kutschen erfunden – sich unter einander drängten, und deren Mehrzahl gleichwohl hin und herging, sich herumstieß, herumwimmelte und sich abmühte, um in den Mittelpunkt des Platzes zu gelangen; was, sagen wir, in dieser Menge vorherrschte, das waren die Studenten: Studenten der vier Nationen, Schotten, Engländer, Franzosen, Italiener.

Es verhielt sich in der That so: man hatte den ersten Montag nach dem St. Barnabastag, und diese ganze Menge war versammelt, um auf die Landimesse zu gehen.

Aber vielleicht verstehen die Leser dieses Wort nicht, das der Sprache des sechzehnten Jahrhunderts angehört. Erklären wir ihnen also, was die Landimesse war.

Gebt Achtung, liebe Leser, wir müssen jetzt Etymologie treiben, nicht mehr und nicht weniger als ein Mitglied der Academie der Inschriften und schönen Wissenschaften.

Das lateinische Wort indictum bedeutet einen Tag und Ort, die für irgend eine Volksversammlung indicirt oder bezeichnet sind.

Das i wurde Anfangs in e, dann später bleibend in a verwandelt. Man sagte also statt indictum nach einander: l'indit, l'endit, dann l'arndit und endlich landit.

Daraus folgt, daß dieses Wort Tag und Ort bedeutet, die zu seiner Versammlung bezeichnet sind.

Zur Zeit Carls des Großen, des in Aachen residirenden Teutonenkönigs, zeigte man den Pilgern jedes Jahr einmal die heiligen Reliquien in der Kapelle.

Carl der Kahle versetzte diese Reliquien von Aachen nach Paris, und man zeigte sie dem Volk einmal im Jahr auf einem Markt, der in der Nähe des Boulevards St. Denis abgehalten wurde.

Der Bischof von Paris, welcher fand, daß bei der zunehmenden Frömmigkeit der Gläubigen das Marktfeld in keinem Verhältnis: zu der Menge der Herbeiströmenden stand, verlegte das Landifest in die Ebene von St. Denis.

Die Geistlichkeit von Paris brachte die Reliquien in Procession dahin; der Bischof predigte daselbst und ertheilte dem Voll seinen Segen; aber es verhielt sich mit dem Segen wie mit den Geistern des Nebenmenschen oder den Früchten des Nachbars: nicht Jeder der will kann ihn ertheilen; die Geistlichen von St. Denis behaupteten, ihnen allein stehe auf ihrem Gebiete das Recht der Segnung zu, und sie verklagten den Bischof beim Parlament von Paris wegen Eingriffs in ihre Gerechtsame.

Die Sache wurde von beiden Seiten hartnäckig und mit solcher Beredtsamkeit verfochten, daß das Parlament, da es nicht wußte, wem es Recht geben sollte, allen beiden Unrecht gab, und in Anbetracht der Unruhen, die sie veranlaßten, sowohl den Bischöfen auf der einen, als den Abbé's auf der anderen Seite verbot sich auf der Landimesse blicken zu lassen.

Der Rector der Universität war es, der die in Anspruch genommenen Vorrechte ererbte: er hatte das Recht sich alljährlich am ersten Montag nach St. Barnabas auf die Landimesse zu begeben, um daselbst das nothwendige Pergament für alle seine Collegen auszuwählen; den auf dem Markt sitzenden Kaufleuten war sogar verboten auch nur ein einziges Blatt zu verkaufen, bevor der Herr Rector alle seine Einkäufe gemacht hatte.

Dieser Spaziergang des Rectors, der mehrere Tage dauerte, brachte die Studenten auf die Idee ihn zu begleiten, und sie ersuchten ihn um Erlaubnis. Sie wurde ihnen gewährt, und von diesem Augenblick an wurde die Reise alljährlich mit allem Pomp und aller Pracht veranstaltet, die man sich nur denken kann.

Professoren und Studenten versammelten sich zu Pferd auf dem St. Genovefaplatz und zogen von da in guter Ordnung auf das Marktfeld. Die Cavalcade kam ziemlich ruhig an ihrem Bestimmungsort an, dort aber schlossen sich ihnen alle Zigeuner und Hexenmeister – man zählte ihrer damals dreißigtausend in Paris – alle zweideutigen Frauenzimmer – die Zahl von diesen hat noch nie ein Statistiker angegeben – in Mannskleidern so wie sämmtliche Fräulein vom Vald'Amour, von Chaud-Gaillard, von der Straße Froid-Mantel an; eine wahre Armee, ähnlich jenen großen Völkerwanderungen vom vierten Jahrhundert, nur mit dem Unterschied, daß diese Damen keine Barbarinnen oder Wilde, sondern vielmehr nur allzu civilisirt waren.

Auf der Ebene St. Denis machte Jeder Halt, stieg von seinem Pferd, seinem Esel oder Maulthiere, schüttelte einfach den Staub von seinen Stiefeln, Schuhen und Camaschen ab, wenn er zu Fuß gekommen war, mischte sich in die ehrenwerthe Gesellschaft und versuchte auf ihren Ton einzugehen oder ihn zu steigern. Man setzte sich, man aß Blutwürste, Bratwürste und Pasteten, man trank auf die blumigen Wangen der Damens schreckliche Quantitäten weißer Weine von allen Hügeln der Umgegend, von St. Denies, la Briche, Epinaylez, St. Denis und Argenteuil. Die Köpfe wurden warm bei den Liebesreden und Trinksprüchen, dann entstand ein Lärm, Geschrei, und Gejohle, es wurden Wettkämpfe im Trinken gehalten, die Zecher forderten immer mehr und mehr, sie behaupteten ein rechter Kellner müßte wie Briareus hundert Hände haben, um unermüdlich einschenken zu können. Kurz und gut, man führte förmlich das fünfte Capitel von Gargantua auf.

Die schöne Zeit oder vielmehr, das müßt Ihr selbst zugeben, die lustige Zeit, wo Rabelais, Pfarrer von Meudon, den Gargantua, und wo Brantome, Abt von Bourdeille, galanten Damen schrieb.

War man einmal betrunken, so sang man, umarmte sich fing Händel an, machte tausend Tollheiten, verhöhnte die Vorübergehenden. Man mußte sich doch lustig machen, zum Teufel!

Man knüpfte daher mit dem ersten besten Ankömmling, der unter die Hand fiel, Gespräche an, die je nach dem Charakter der Leute mit Gelächter, Beleidigungen oder Prügeln endeten.

Es waren zwanzig Parlamentsbeschlüsse nöthig, um diesem Unfug zu steuern; zuletzt mußte man versuchsweise die Messe auf der Ebene in die Stadt St. Denis selbst verlegen.

Im Jahr 1550 wurde beschlossen, daß die Studenten nicht mehr in corpare der Landimesse anzuwohnen, sondern dieselbe blos durch Deputationen von zwölf Mann für jedes der vier Nationalcollegien,wies man sie damals nannte, und zwar die Professoren mit inbegriffen, zu beschicken hätten.

Aber da geschah Folgendes:

Die nicht zugelassenen Studenten legten ihre Universitätskleider ab, zogen kurze Mäntelchen an, setzten farbige Hüte auf, trugen zerfetzte Strümpfe, fügten, um diesen Saturnalien Ehre zu machen, den Degen, der ihnen verboten war, zu, dem Dolch, den zu tragen sie sich seit unvordenklichen Zeiten das Recht angemaßt hatten, und zogen auf allen möglichen Straßen nach dem Sprichwort: Jeder Weg führt nach Rom, nach St. Denis; da sie nun unter ihren Masken der Wachsamkeit ihrer Lehrer entgingen, so wurde der Unfug noch unendlich größer als vor der, Ordonnanz, die man erlassen hatte um ihm zu steuern.

Man war also im Jahr 1559, und wenn man die Ordnung sah, womit das Collegium sich in Marsch zu setzen begann, so hätte man auf hundert Meilen nicht an die Ausschweifungen gedacht, denen es sich überlassen sollte, sobald es einmal angekommen war.

Diesmal also zog wie gewöhnlich die Cavalcade in ziemlich guter Ordnung auf, kam in die große Rue St. Jacques, ohne allzu viel Lärm zu machen, stieß vordem Chatelet angelangt eines jener Verwünschungshurrahs aus, zu denen nur Pariser Volkshaufen fähig sind – denn die Hälfte der Mitglieder, welche die Versammlung bildeten, kannte gewiß die unterirdischen Gefängnisse dieses Monuments anders als von bloßen Höransagen – und nach dieser Kundgebung, welche immerhin eine kleine Herzenserleichterung war, drang sie in die Rue St. Denis.

Laß uns ihr vorangehen, geneigter Leser, und sodann in der äbtlichen Stadt St. Denis Platz nehmen, um daselbst einer Episode des Festes anzuwohnen, welche sich an die Geschichte knüpft, die zu erzählen wir unternommen haben.

Das officielle Fest war allerdings in der Stadt, in der Hauptstraße der Stadt selbst; in der Stadt und besonders in der Hauptstraße war es, wo die Barbiere, die Bierwirthe, Tapetenmacher, Krämer, Weißzeughändlerinnen, Kummetmacher, Sattler, Sailer, Spornmacher, Lederhändler, Weißgerber, Rothgerher, Schuhmacher, Muldenmacher, Tuchmacher, Wechsler, Goldschmiede, Gewürzkrämer und besonders die Schenkwirthe in hölzernen Buden, die sie schon zwei Monate vorher hatten erbauen lassen, ihren Geschäften oblagen.

Wer vor etwa zwanzig Jahren dem Markt von Beaucaire oder, noch einfacher, vor zehn Jahren dem Jahrmarkt von St. Germain angewohnt hatte, der kann sich einen Begriff von der Landimesse machen, wenn er das Gemälde, das er in diesen beiden Lokalitäten gesehen, auf riesige Verhältnisse ausdehnt.

Wer aber regelmäßig jedes Jahr diese selbe Landimesse besuchte, die man noch in unsern Tagen in der Unterpräfectur der Seine feiert, der kann sich, wenn er sieht was sie jetzt ist, schlechterdings keine Vorstellung von dem machen, was sie früher war.

Statt dieser düstern schwarzen Kleider, die bei allen Festen unwillkürlich als eine Erinnerung an Trauer, als eine Protestation der Traurigkeit, der Königin dieser armen Welt, gegen die Heiterkeit, die nur als Usurpatorin erscheint, selbst die am wenigsten Melancholischen wehmüthig stimmen, schimmerte diese ganze Masse in hellen Tuchkleidern, in Gold und Silberstoffen mit Borten, Tressen, Federn, Bändern, Sammt, golddurchwirktetn Tafft, Atlas mit Silberlahn, diese ganze Menge, sagen wir, funkelte der Sonne und schien ihr ihre glühendsten Strahlen in Blitzen zurückzusenden; in der That war niemals ein ähnlicher Luxus von den obersten bis in die untersten Schichten der Gesellschaft entfaltet worden, und obschon seit dem Jahr 1543 zuerst Franz I. und dann Heinrich IV. zwanzig Luxusgesetze erlassen hatten, so waren dieselben doch niemals zur Ausführung gekommen.

Die Erklärung dieses unerhörten Luxus ist höchst einfach. Die Entdeckung der neuen Welt durch Columbus und Americas Vespucius, so wie die Kriegszüge eines Fernando Cortez und Pizarro nach dem berühmten Königreich Cathay, das von Marco Polo angezeigt worden, hatten eine solche Menge baar Geld nach ganz Europa geworfen, daß ein Schriftsteller dieses Jahrhunderts sich über das Ueberfluthen des Luxus so wie über das Steigen der Waarenpreise beklagt, die sieh, wie er behauptet, binnen achtzig Jahren mehr als vervierfacht hatten.

Inzwischen war die pittoreske Seite des Festes nicht in St. Denis selbst. Zwar hatte die Ordonnanz des Parlaments es in die Stadt verlegt, aber die unendlich mächtigere Ordonnanz des Volkes hatte es an den Fluß versetzt. Somit war die Messe in St. Denis, das Fest aber am Ufer. Da wir nichts zu laufen haben, so wollen wir uns hiermit an das Ufer unterhalb der Insel St. Denis begeben, um allda zu sehen und zu hören, wie es zugeht.

Die Cavalcade, die wir vom St. Genovefaplatz aus die Rue St. Jacques hinabziehen, das Chatelet mit einem Hurrah begrüßen und von da in die Rue St. Denis einmünden sahen, hatte zwischen elf und halb zwölf ihren Einzug in der königlichen Necropole gehalten; sodann entwischten die Studenten gleich Schafen, die man bei ihrer Ankunft auf der Wiese in Freiheit läßt, ihren Professoren und ergossen sich theils über die Felder, theils über die Stadt, theils über das Seineufer hin.

Es war, das muß man gestehen, für sorglose Herzen – dergleichen es auch jetzt noch, obschon nur wenige, gibt – ein herrlicher Anblick, da und dort im Sonnenschein, auf dem Gras des Uferrandes, eine Meile in der Runde frische Studenten von zwanzig Jahren zu den Füßen schöner junger Mädchen mit Schnürleibchen von rothem Atlas, Wangen von rosenfarbigem Atlas und Hälsen von weißem Atlas liegen zusehen.

Dies Augen Boccoacios mußten den azurnen Teppich des Himmels durchdringen und liebevoll auf diesen gigantischen Decameron herabschauen. »Der erste Theil des Tages verging ganz gut. Man hatte warm und trank. Man hatte Hunger und aß. Man ruhte sitzend oder liegend aus. Dann begannen die Unterhaltungen lärmend zu werden und die Köpfe sich zu erhitzen. Gott weiß, wie viele Weintöpfe gefüllt und geleert, wieder gefüllt und wieder geleert, aufs Neue gefüllt und zuletzt zerschlagen wurden, worauf man einander die Scherben an die Köpfe warf.

So kam es, daß gegen drei Uhr das Ufer mit theils ganzen, theils zerbrochenen Töpfen und Tellern, mit vollen und leeren Tassen, mit Paaren, die in zärtlicher Umarmung auf dem Rasen lagen, mit Ehemännern, die fremde Frauenzimmer für ihre Weiber, mit Weibern, die ihre Liebhaber für ihre Männer nahmen, bedeckt, daß, sagen wir, das Ufer, das kaum noch grün, frisch gewesen und wie ein Dorf am Arnostrande gefunkelt hatte, jetzt einer Teniersschen Landschaft glich, die einer flämischen Kirchmeß als Rahmen diente.

Auf einmal erhob sich ein furchtbares Geschrei.

»Ins Wassers ins Wasser!« rief man.

Alles erhob sich, das Geschrei wurde immer arger.

»Ins Wasser mit dem Ketzer! ins Wasser mit dem Protestanten! ins Wasser mit dem Hugenotten! ins Wasser mit dem Gottlosen! ins Wasser, ins Wasser, ins Wasser!«

»Was gibt es denn, riefen zwanzig, hundert, tausend Stimmen.

»Er hat Gott gelästert, er hat an der Vorsehung gezweifelt, er hat gesagt, es werde regnen.«

So unschuldig diese Anklage auf den ersten Blick erscheinen mochte, so rief sie doch eine ungeheure Aufregung unter der Menge hervor. Die Menge amüsirte sich und wäre wüthend gewesen, wenn ein Gewitter sie in ihren Lustbarkeiten gestört hätte. Die Menge hatte ihre Sonntagskleider an und wäre wüthend gewesen, wenn der Regen ihre Sonntagskleider verderbt hätte. Das Geschrei in Folge dieser Aufklärung wurde daher immer ärger. Man näherte sich dem Ort, woher die Stimmen kamen, und allmählig drängte sich ein so dichter Volkshaufen dort zusammen, daß selbst der Wind Mühe gehabt hätte durchzukommen.

Inmitten dieser Gruppe, die beinahe von sich selbst erstickt wurde, kämpfte sich ein junger Mensch von etwa zwanzig Jahren ab, in dem man leicht einen vermummten Studenten erkannte; mit blassen Wangen, bleichen Lippen, aber geballten Fäusten schien er darauf zu warten, daß kühnere Angreifer als die andern, statt sich mit bloßem Geschrei zu begnügen, wirklich Hand an ihn legten, und dann wollte er Alles zu Boden schlagen, was ihm unter die beiden Streitkolben geriethe, die seine geschlossenen Fäuste bildeten.

Er war ein großer Blondin, aber ziemlich mager und leibarm; er sah aus wie eines der als Herrn verkleideten galanten Jüngfernchen, von denen wir so eben sprachen; seine Augen mußten, wenn sie gesenkt waren, die außerordentlichste Ehrlichkeit anzeigen, und wenn die Demuth eine menschliche Gestalt angenommen hätte, so würde sie keinen andern Typus gewählt haben als denjenigen, welchen das Gesicht dieses Jünglings darbot.

Welches Verbrechen konnte er doch begangen haben, daß dieser ganze Volkshaufe ihm zu Leibe wollte, daß diese ganze Meute hinter ihm herbellte, daß all diese Arme sich ausstreckten, um ihn ins Wasser zu werfen?




II.

Worin erklärt ist, warum es, wenn's am St. Medardustag regnet, vierzig Tage später regnet


Wir haben es im vorstehenden Capitel gesagt, er war Hugenott und hatte erklärt, daß es regnen würde.

Die Sache war ganz einfach, wie ihr sehen werdet, und ging folgendermaßen zu.

Der junges Blondin, der einen Freund oder eine Freundin zu erwarten schien, ging am Ufer hin spazieren. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen und schaute ins Wasser; dann, als er das Wasser lange genug angeschaut hatte, schaute er auf den Rasen; endlich, nachdem er den Rasen zur Genüge betrachtet, schlug er die Augen auf und sah zum Himmel empor.

Man kann allerdings finden, daß dieß eine einthönige Beschäftigung war, aber man wird gestehen müssen, daß sie harmlos war. Gleichwohl stießen sich einige der Personen, welche das Landifest nach ihrer Weise feierten, daran, daß dieser junge Mann es nach der seinigen feierte. Seit ungefähr einer halben Stunde hatten mehrere Spießbürger, vermischt mit Studenten und Handwerkern, deutlich genug verrathen, daß sie sich über die dreifacher, Betrachtungen des jungen Mannes ärgerten; sie ärgerten sich um so mehr, als dieser selbe junge Mann ihnen nicht die mindeste Beachtung zu schenken schien.

»Ah,« sagte eine Mädchenstimme, »ich bin nicht neugierig, aber ich möchte doch gerne wissen. warum dieser junge Mensch so hartnäckig zuerst das Wasser, dann die Erde und dann den Himmel ansieht.«

»Du willst es wissen? meine Herzensperrette?« fragte ein junger Spießbürger, welcher galant den Wein aus dem Glas der Dame und die Liebe aus ihren Augen trank.

»Ja, Landry, und ich werde demjenigen, der mirs sagt, einen tüchtigen Kuß geben.«

»Ach, Perrette. ich wollte, daß Du für einen so süßen Lohn etwas Schwierigeres fordertest.«

»Ich will mich mit dem begnügen.«

»Versprich mirs noch einmal.«

»Da hast Du meine Hand.«

Der junge Spießbürger küßte die Hand des jungen Mädchens und erhob sich mit den Worten:

»Du sollst es sogleich erfahren.«

Sofort schritt er auf den einsamen und stummen Betrachter zu.

»He da, junger Mann,« redete er ihn an, »ohne Euch befohlen zu wollen, warum schaut Ihr denn den Rasen so an? Habt Ihr Etwas verloren?«

Als der junge Mann bemerkte, daß. man ihn Meinte, drehte er sich um, nahm höflich seinen Hut ab und antwortete mit der größten Freundlichkeit: »Ihr täuscht Euch, mein Herr, ich sah nicht auf den Rasen sondern in den Fluß.«

Nach diesen wenigen Worten drehte er sich wieder auf die andere Seite. Meister Landry war ein wenig verblüfft; er hatte keine so höfliche Antwort erwartet. Diese Höflichkeit rührte ihn. Er kehrte zu seiner Gesellschaft zurück und kratzte sich hinter dem Ohr.

»Nun wohl?« fragte ihn Perrette.

»Nun wohl, wir täuschten uns,« sagte Landry in ziemlich kläglichem Tone, »er sah nicht den Rasen an.«

»Was denn?«

»Den Fluß.«

Man lachte dem Boten unter die Nase, so daß ihm die Schamröthe ins Gesicht stieg.

»Und Ihr habt ihn nicht gefragt, warum er in den Fluß schaue?« fragte Perrette.

»Nein,« antwortete Landry; »er war so höflich, daß ich dachte, es wäre unbescheiden noch eine zweite Frage an ihn zu richten.«

»Zwei Küsse Jedem, der ihn fragt, warum er in den Fluß schaue?« sagte Perrette.

Drei oder vier Liebhaber erhoben sich.

Aber Landry gab durch ein Zeichen zu verstehen, daß er die Sache einmal angefangen habe und folglich auch zu Ende bringen müsse.«

Man gab die Richtigkeit seiner Forderung zu.«

Er wandte sich also von Neuem gegen den jungen Blondin und redete ihn zum zweiten Mal an.

»He da, junger Mann,« fragte er ihn, »he da junger Mann, warum seht Ihr denn so in den Fluß hinein?«

Die vorige Scene erneuerte sich wieder. Der junge Mann drehte sich um, nahm seinen Hut ab und antwortete fortwährend höflich:

»Entschuldigen Sie mich, mein Herr, ich sah nicht den Fluß an, sondern den Himmel.«

Nach diesen Worten salutirte der junge Mann und begab sich auf die andere Seite.

Aber Landry, der schon durch diese zweite Antwort aus seiner Fassung gebracht worden war, wie vorher durch die erste, glaubte seine Ehre im Spiel, und da er seine Gesellschaft laut lachen hörte, so faßte er Muth, nahm den Studenten an seinem Mantel und sagte dringend zu ihm:

»Dann junger Mann, wollt Ihr mir vielleicht gefälligst sagen, warum Ihr den Himmel ansehet?«

»Mein Herr,« antwortete der junge Mann, »wollt Ihr mir gütigst sagen, warum Ihr mich das fraget?«

»Nun wohl, ich will mich offen gegen Euch erklären, junger Mann.«

»Das soll mich freuen, mein Herr.«

»Ich frage es Euch, weil meine Gesellschaft sich darüber ärgert, daß Ihr seit einer Stunde unbeweglich wie ein Klotz dastehet und immer die gleichen Bewegungen machet.«

»Mein Herr,« antwortete der Student, »ich bin unbeweglich, weil ich einen Freund erwarte. Ich bleibe stehen, weil ich ihn beim Stehen aus größerer Ferne kommen sehe. Da er nun nicht kommt und das Warten mich langeweilt, da ferner die Langeweile mich zum Gehen veranlaßt, so sehe ich auf den Boden, um meine Schuhe nicht an den Scherben zu zerreißen, womit der Rasen übersäet ist; wenn ich dann lang genug auf den Boden gesehen habe, so sehe ich in den Fluß; endlich, wenn ich lang genug in den Fluß gesehen habe, so sehe ich zum Himmel hinauf.«

Der Spießbürger nahm diese Erklärung nicht für Das was sie war, nämlich für die reine und einfache Wahrheit, sondern glaubte sich mystifcrirt und wurde roth wie die Klatschrosen, die man von Ferne in den Klee und Kornfeldern schimmern sah.

»Und gedenket Ihr, junger Mann,« fragte er, indem er sich herausfordernd auf seine linke Hüfte stützte und gewaltig in die Brust warf, »gedenket Ihr diese langweilige Beschäftigung noch lange zu treiben?«

»Ich gedachte sie noch bis zu dem Augenblick zu treiben, wo mein Freund zu mir kommen würde, mein Herr, aber« – der junge Mann schaute zum Himmel empor – »ich glaube nicht, daß ich warten kann, bis es ihm gefällig ist. . .«

»Und warum wollt Ihr nicht auf ihn warten?«

»Weil es dergestalt regnen wird, mein Herr, daß weder Sie, noch ich, noch sonst Jemand in einer Viertelstunde noch im Freien bleiben können.«

»Ihr sagt, es werde regnen?« fragte der Spießbürger mit der Miene eines Menschen, welcher glaubt, daß man sich über ihn lustig mache.

»Ja,« und zwar tüchtig, mein Herr, antwortete der junge Mann ruhig.

»Ihr wollt ohne Zweifel spaßen, junger Mann?«

»Ich schwere Euch, daß ich nicht die geringste Lust dazu habe.«

»Dann wollt Ihr Euch über mich lustig machen?« fragte der Spießbürger erbittert.

»Mein Herr, ich gebe Euch mein Wort, daß ich dazu eben so wenig Lust habe als zu einem Spasse.«

»Warum sagt Ihr mir dann, es werde regnen, während das Wetter doch herrlich ist?« heulte Landry, der immer hitziger wurde.

»Ich sage aus drei Gründen, daß es demnächst regnen werde.«

»Kenntet Ihr mir diese drei Gründe anführen?«

»Allerdings, wenn es Euch Freude macht.«

»Es macht mir Freude.«

Der junge Mann salutirte höflich und mit einer Miene, welche besagen wollte: »Ihr seid so liebenswürdig mein Herr, daß ich Euch Nichts abschlagen kann.«

»Ich erwarte Eure drei Gründe,« sagte Landry mit geballten Fäusten und zähneknirschend.

»Der erste, mein Herr,« sprach der junge Mann, »besteht darin: Da es gestern nicht geregnet hat, so ist dieß ein Grund, daß es heute regnen wird.«

»Ihr verhöhnt mich, mein Herr?«

»Ganz und gar nicht.«

»Nun denn, laßt den zweiten hören.«

»Der zweite besteht darin, daß der Himmel die ganze Nacht wie auch den ganzen Morgen überzogen war und es noch in diesem Augenblick ist.«

»Weil der Himmel überzogen ist, so ist das noch kein Grund, daß es regnen wird, versteht Ihr mich?«

»Es ist wenigstens eine Wahrscheinlichkeit.«

»Gebt jetzt Euren dritten Grund zum Besten: nur sage ich Euch zum Voraus, wenn er nicht besser ist als die zwei ersten, so werde ich böse.«

»Wenn Ihr böse würdet, mein Herr, so müßtet Ihr einen abscheulichen Character haben.«

»Ah! Ihr sagt, ich habe einen abscheulichen Character?«

»Mein Herr, ich spreche in der bedingten Zeit und nicht im Präsens.«

»Der dritte Grund, mein Herr? Der dritte Grund?«

»Der dritte Grund zum Regnen ist, das es regnet, mein Herr.«

»Ihr behauptet, daß es regne?«

»Ich behaupte es nicht blos, sondern ich versichere es.«

»Nein, das ist unerträglich!« sagte der Spießbürger außer sich.

»Es wird sogleich noch unerträglicher werden.« sagte der junge Mann.

»Und Ihr glaubt, daß ich mir das gefallen lasse?« rief der Spießbürger scharlachroth vor Wuth.

»Ich glaube, daß Ihre Euch so gut gefallen lassen müßt wie ich,« sagte der Student, »und wenn ich Euch einen Rath ertheilen darf, so machet es wie ich: suchet eine Unterkunft.«

»Ha, das ist zu stark!« heulte der Spießbürger, indem er sich gegen seine Gesellschaft zurückwandte.

Dann rief er denjenigen, die im Bereich seiner Stimme waren, zu:

»Komm Alle hierher! kommt, kommt!«

Er schien so wüthend, daß Jedermann auf seinen Ruf herbeieilte.

»Was gibt es?« fragten die Frauenzimmer mit gellenden Stimmen.

»Was ist los?« fragten die Männer mit heiseren Stimmen.

»Was es gibt?« sagte Landry, als er sich unterstützt sah, »es gehen da ganz unglaubliche Sachen vor.«

»Was denn?«

»Dieser Herr will mich ganz einfach am hellen Mittag die Sterne sehen lassen.«

»Ich bitte um Verzeihung, mein Herr,« versetzte der junge Mann »mit der größten Sanftmuth »ich habe Euch im Gegentheil gesagt, der Himmel sei schrecklich überzogen.«

»Das ist eine Figur, Herr Student,« versetzte Landry, »versteht Ihr mich, das ist eine Figur.«

»In diesem Fall ist es eine schlechte Figur.«

»Ihr sagt, daß ich eine schlechte Figur mache!« heulte der Spießbürger, dem das Blut zu den Ohren drang, so daß er absichtlich oder unwillkürlich schlecht hörte. »Ha, das ist zu stark, meine Herrn Ihr sehet ganz deutlich, daß dieser Schlingel da sich über uns lustig macht.«

»Daß er sich über Euch lustig macht,« sagte eine Stimme, »nun ja, das ist möglich.«

»Ueber mich wie über Euch und uns Alle; er ist ein Witzbold, der blos Possen im Kopf hat und Euch zum Schabernack einen Regen herbeiwünscht.«

»Mein Herr, ich schwöre Euch, daß ich keinen Regen wünsche, da ich sonst eben so naß werde wie Ihr, ja sogar noch nässer, weil ich drei oder vier Zoll mehr habe als Ihr.«

»Ihr wollt also sagen, daß ich ein Knirps sei?«

»Das ist mir nicht eingefallen, mein Herr.«

»Ein Zwerg?«

»Das wäre eine ungerechtfertigte Beleidigung. Ihr habt beinahe fünf Fuß, mein Herr.«

»Ich weiß nicht, warum ich Dich nicht ins Wasser werfe!« ruft Landry.

»Ach ja, ins Wasser! ins Wasser! sagten mehrere Stimmen.

»Wenn Ihr mich ins Wasser werfet, mein Herrn,« sagte der junge Mann mit seiner gewöhnlichen Höflichkeit, »so würdet Ihr nichtsdestoweniger naß werden.«

Da der junge Mann durchs diese Antwort bewiesen hatte, daß er für sich allein mehr Geist besaß als alle Andern, so kehrten sich alle Andern gegen ihn. Ein großer Kerl trat heran und sagte halb spöttisch, halb drohend zu ihm:

»Sag einmal, Du Spitzbube, warum behauptest Du, daß es in diesem Augenblick regne?«

»Weil ich Tropfen gespürt habe.«

»Tropfen!« rief Landry. »Wenn es Tropfen regnet, so ist Dieß noch kein starker Regen, und er hat ausdrücklich gesagt, daß es tüchtig regnen werde.«

»Du stehst also mit einem Astrologen in Verbindung?« sagte der große Kerl.«

»Ich stehe mit Niemand in Verbindung, mein Herr,« antwortete der junge Mann, der sich zu ärgern anfing, »nicht einmal mit Euch; der ihr mich dutzet.«

»Ins Wasser! ins Wasser!« riefen Mehrere Stimmen.

In diesem Augenblick war es, daß der Student, als er den Sturm heftiger werden sah, seine Fäuste ballte und sich zum Kampf vorbereitete. Der Kreis um ihn herum begann sich zu verdichten.

»Ei, sieh da,« sagte Einer der neu Angekommen, »es ist Medardus.«

»Was ist mit Medardus?« fragten mehrere Stimmen.

»Dieß ist der Heilige, dessen Fest wir heute feiern,« versetzte ein Spaßvogel.

»Schon gut,« sagte derjenige, der den jungen Mann erkannt hatte, »dieser da ist kein Heiliger, sondern vielmehr ein Ketzer.«

»Ins Wasser mit dem Ketzer!« rief die Menge, »ins Wasser mit dem Ketzer! ins Wasser mit dem Gottlosen! ins Wasser mit dem Albigenser! Ins Wasser mit dem Hugenotten!«

Und alle Stimmen wiederholten im Chor:

»Ins Wasser! ins Wasser! ins Wasser!«

Dieses Geschrei war es, wodurch das Fest unterbrochen wurde, mit dessen Beschreibung mir im besten Zug waren.

Aber just in diesem Augenblick, wie wenn die Vorsehung dem jungen Mann die Hilfe zusenden wollte, deren er so bedürftig schien, kam der erwartete Freund – ein schöner Cavalier, von zwei bis dreiundzwanzig Jahren, dessen vornehme Miene den Edelmann und dessen ganze Turnüre den Fremden verrieth – der erwartete Freund sagen wir, kam herbeigelaufen, durchbrach die Menge und hatte sich bis auf zwanzig Schritte von seinen Freund vorangearbeitet, als dieser von vorn, von hinten, an den Füßen und am Kopfe zugleich gepackt wie ein Rasender um sich schlug.

»Vertheidige Dich, Medardus!« rief der neue Ankömmling, »vertheidige Dich!«

»Ihr sehet, daß es wirklich Medardus ist!« rief derjenige, der ihn mit diesem Namen begrüßt hatte.

Und als ob die Führung dieses Namens ein Verbrechen wäre, schrie die ganze Menge:

»Ja, es ist Medardus! ja, es ist Medardus! Ins Wasser mit dem Ketzer! ins Wasser mit dem Hugenotten!«

»Wie kann ein Ketzer die Frechheit haben den Namen eines so großen Heiligen zu führen?« rief Perrette.

»Ins Wasser mit dem Gottlosen!«

Und die Leute, die den armen Medardus ergriffen hatten, schleppten ihn nach dem abschüssigen Rand.

»Hierher, Robert!« rief der junge Mann, welcher sah, daß er dieser Masse nicht zu widerstehen vermochte, und daß dieser Spaß leicht mit seinem Tod endigen kannte.

»Ins Wasser!« heulten die Weiber, die im Haß wie in der Liebe wüthend sind.

»Vertheidige Dich, Medardus!« rief der Fremde zum zweiten Mal, indem er den Degen zog, »vertheidige Dich, ich bin da.«

Dann begann er mit der flachen Klinge rechts und links einzuhauen und wälzte sich wie eine Lawine nach der Böschung hin. Aber es kam ein Augenblick, wo diese Menge so dicht war, daß sie beim besten Willen nicht auseinander zugehen vermochte. Sie empfing die Hiebe, heulte vor Schmerz; ging aber nicht auseinander. Nachdem sie vor Schmerz geheult hatte, heulte sie vor Wuth.

Der neue Ankömmling, den man an seinem ausländischen Accent leicht als einen Schotten erkannte, schlug beständig darauf los, kam aber nicht vorwärts oder gewann doch so langsam sein Terrain, daß man wohl sah, sein Freund würde im Wasser liegen, bevor er zu ihm gelangen könnte. Etwa zwanzig Bauern, die da waren, und fünf oder sechs Schiffsleute mischten sich in die Sache. Vergebens klamrnerte sich der arme Medardus mit den Händen fest, vergebens stieß er mit den Füßen, vergebens biß er um sich, jede Secunde brachte ihn dem Uferrand näher.

Der Schotte hörte nur noch sein Geschrei, und dieses näherte sich dem Wasser immer näher. Er selbst schrie nicht mehr, sondern brüllte, und bei jedem Gebrüll fiel seine flache Klinge oder sein Degenknopf auf einen Kopf. Auf einmal wurde das Geschrei noch heftiger, dann verstummte es und dann hörte man das Geräusch eines schweren Körpers, der ins Wasser fällt.

»Ha, ihr Halunken! ha, ihr Mörder! ha, ihr Meuchler!« heulte der junge Mann indem er auch dem Fluß voranzudringen versuchte, um seinen Freund zu retten oder mit ihm zu sterben.

Aber es war unmöglich. Eben so leicht hätte er eine Granitwand umgeworfen, als diese lebendige Mauer. Gänzlich abgehetzt, zähneknirschend, mit Schaum vor dem Mund und schweißtriefender Stirne wich er zurück, Er wich bis auf die Höhe der Böschung zurück, um zu sehen, ob er nicht über diese Menge hinweg den Kopf des armen Medardus bemerken könne, der etwa wieder über das Wasser emporkäme. So stand er auf seinen Degen gestützt, oben auf der Böschung, aber als er Nichts zum Vorschein kommen sah, da senkte er seine Augen auf diese müthende Menge herab und sah voll Eckel diese Menschenmeute an.

Indem er ganz allein, bleich und in seinem schwarzen Costüm so dastand glich er dem Würgengel, der mit ein gezogenen Flügeln einen Augenblick ausruhte Aber nach diesem Augenblick stieg die Wuth, die in seiner Brust kochte wie die Lava in einem Vulkan, brennend auf seine Lippen.

»Ihr seid sammt und sonders Halunken,« sagte er, »Ihr seid sammt und sonders Meuchelmörder, und Schandbuben! Ihr habt Euch zu vierzig zusammengerottet, um einen armen Jungen, der Euch Nichte zu Leide gethan hatte, zu ermorden, ins Wasser zu werfen und zu ersäufen. Ich biete Euch allen zusammen den Kampf an. Ihr seid vierzig, kommt und ich werde Euch alle vierzig Einen um den Andern wie Hunde todtschlagen, denn Hunde seid Ihr.«

Die Bauern, Spießbürger und Studenten, an welche diese Einladung zum Sterben erging, bezeugten ganz und gar keine Lust den Kampf mit blanker Waffe gegen einen Mann auszunehmen, der seinen Degen so sieghaft zu führen schien. Als der Schotte Dieß sah, steckte er verachtungsvoll sein Schwert wieder in die Scheide.

»Ihr seid eben so feig als gemein, niederträchtige Schufte!« fuhr er fort, indem er seine Hand über alle Köpfe ausbreitete, »aber ich werde diesen Tod an Leuten rächen, die weniger erbärmlich sind als Ihr denn Ihr seid des Degens eines Edelmanns nicht würdig. Zurück also ihr elende Bauern, und möge Regen und Hagel eure Weinberge Verwüsten und eure Ernten zu Boden schlagen, und zwar so viele Tage lang, so viel Leute Ihr waret, um einen einzigen Menschen zu tödten!«

Aber da es nicht gerecht gewesen wäre diesen Mord ganz ungestraft zu lassen, und da das Blut wiederum Blut fordert, so machte er eine große Pistole von seinem Gürtel los und schoß, ohne zu zielen, mitten unter die Menge.

»Wie es Gott gefällt,« sagte er.

Der Schuß ging los, die Kugel pfiff, und einer der Bursche, die so eben den jungen Mann ins Wasser geworfen hatten, stieß einen Schrei aus, fuhr mit der Hand an seine Brust und sank tödtlich getroffen nieder.

»Und jetzt adieu!« rief er. »Ihr sollt noch öfter von mir hören. Ich heiße Robert Stuart.«

Als er diese Worte sprach, platzten die Wolken, die sich seit gestern am Himmel gesammelt hatten, plötzlich los, und wie der unglückliche Medardus vorausgesagt, fiel einer jener wolkenbruchartigen Regen, wie sie in den Regenzeiten niemals fallen.

Der junge Mann zog sich langsam zurück.

Die Bauern würden ihm unfehlbar nachgelaufen sein, als sie sahen, daß seine Flüche augenblicklich ihre Wirkung hervorbrachten, aber das Donnergrollen, das ihnen den jüngsten Tag anzukündigen schien, der strömende Regen, die Blitze, die ihre Augen blendeten, beschäftigten sie unendlich mehr als der Gedanke an Rache, und von diesem Augenblick an entstand eine allgemeine wilde Flucht.

Das Ufer das so eben noch von fünf bis sechstausend Personen bedeckt gewesen, war jetzt so verlassen wie der Strand eines jener Flüsse der neuen Welt, die der genuesische Schiffer in der letzten Zeit entdeckt hatte.

Der Regen strömte vierzig Tage lang unausgesetzt fort.

Und deßhalb, wir glauben es wenigstens, liebe Leser, deßhalb regnet es, wenn es am St. Medardustag geregnet hat, vierzig Tage später




III.

Das Wirthshaus zum rothen Roß


Wir werden es nicht unternehmen unsern Lesern zu sagen, wohin sich die fünfzig oder sechzigtausend Personen flüchteten, die dem Landifest anwohnten und, als sie so plötzlich von dieser neuen Sündfluth überrascht wurden, in den Hütten, den Häusern, den Schenken und sogar in der Domkirche Schutz suchten.

Es gab damals in der Stadt St. Denis kaum fünf oder sechs Wirthshäuser, und diese füllten sich in einem Augenblick dermaßen; daß manche Personen schneller wieder hinausgingen, als sie hereingekommen waren, weil sie lieber im Regen ertrinken als in der Hitze ersticken wollten.

Das einzige Wirthshaus, das beinahe leer blieb – und diesen Vortheil verdankte es seiner abgesonderten Lage – war das Wirthshause zum rothen Roß, das ein paar Büchsenschußweiten von St. Denis an der Straße stand.

Drei Personen bewohnten für den Augenblick das große rauchige Zimmer, das man emphatisch den Saal der Reisenden nannte, und das neben der Küche und einem über diesem Erdgeschoß befindlichen Speicher, wo die verspäteten Maulthiertreiber und Viehhändler schliefen, für sich allein den ganzen Gasthof bildete. Es war eine Art von Riesenschoppen der sein Licht durch die Thüre erhielt, welche bis ans Dach hinaufragte; die Zimmerdecke bestand nach dem Muster der Arche aus Balken, die sich nach der Form des Daches neigten.

Wie in der Arche kroch eine gewisse Anzahl von Thieren, Hunde, Katzen, Hühner und Enten auf dem Boden herum, und in Ermanglung des Raben, der mit leerem Schnabel zurückkehren sollte, so wie der Taube, welche den Oelzweig heimbrachte, sah man um die rauchgewärzten Balken herum bei Tag Schwalben und bei Nacht Fledermäuse flattern. Die Möbel in diesem Saal beschränkten sich auf die unerläßlichen Utensilien einer Herberge, d. h. auf hängende Tische, so wie auf krüppelhafte Stühle mit oder ohne Lehne.

Die drei Personen, die dieses Zimmer bewohnten, waren der Wirth, seine Frau und ein Reisender von dreißig bis fünfunddreißig Jahren.

Wir wollen sagen, wie diese drei Personen gruppirt waren und mit was sie sich beschäftigten.

Der Wirth, den wir in seiner Eigenschaft als Hausherr zuvörderst in die Scene setzen, beschäftigte sich mit gar Nichts; er saß rittlings vor der Thüre auf einem Strohstuhl, er hatte sein Kinn auf den obern Theil der Lehne gelegt und brummte über das schlechte Wetter.

Seine Frau, die ein wenig hinter ihrem Manne saß, jedoch so, daß sie sich im Lichte befand, spann am Rädchen und, benetzte an ihrem Mund den Faden, den sie aus dem Hauf an ihrer Kunkel hervorzog und unter ihren Fingern drehte.

Der Reisende hatte das Licht nicht gesucht, sondern saß im Gegentheil mit dem Rücken gegen die Thüre im entferntesten Winkel des Zimmers und schien, nach dem Weinkrug und dem Becher zu schließen, die vor ihm standen, Etwas draufgehen zu lassen.

Gleichwohl schien es ihm nicht ums Trinken zu thun zu sein; den Ellbogen auf dem, Tisch, den Kopf in seine Hand gestützt, war er in ein tiefes Nachdenken versunken.

»Verfluchtes Wetter!« brummte der Wirth.

»Du beklagst Dich?« sagte die Frau; »Du hast es ja selbst so verlangt.«

»Das ist wahr,«,versetzte der Wirth, »aber ich habe Unrecht gehabt.«

»Nun, so beklage Dich nicht.«

Bei dieser nicht sehr tröstlichen, aber vollkommen logischen Ermahnung ließ der Wirth seufzend seinen Kopf hängen und hielt sich ruhig. Dieses Schweigen währte etwa zehn Minuten; dann richtete der Wirth den Kopf wieder empor und wiederholte:

»Verdammtes Wetter!«

»Du hast dieß schon einmal gesagt,« bemerkte die Frau.

»Nun, so sage ichs von Neuem.«

»Und wenn Du es bis zum Abend an Einem fort sagst, so wird es doch Nichts helfen.«

»Das ist wahrt aber es thut mir doch wohl über den Donner, den Regen und Hagel zu lästern.«

»Warum lästerst Du nicht lieber sogleich über die Vorsehung?«

»Wenn ich glauben könnte, baß sie uns ein solches Wetter schicke. . .«

Der Wirth hielt inne.

»Dann würdest Du über sie lästern; ei wie, gestehe es nur sogleich.«

»Nein, weil. . .«

»Weil was?«

»Weil ich ein guter Christ bin und kein Hund von einem Ketzer.«

Bei diesen Worten »weil ich kein Hund von einem Ketzer bin« erwachte der Reisende, der sich im Wirthshaus zum rothen Roß verfangen hatte, wie eine Katze in einem Schlag, aus seiner Betrachtung, richtete sein Haupt empor und schlug mit seinem Zinnbecher so heftig an den Tisch, daß der Krug zu tanzen anfing und der Becher sich abplattete.

»Hier, hier,« rief der Wirth, der auf seinem Stuhl aufsprang, wie der Krug auf dem Tisch auf gesprungen war, in der Meinung, daß sein Gast ihn rufe: »hier, mein junger Herr.«

Der junge Mann drehte seinen Stuhl auf einem der Hinterfüße und sich selbst mit ihm, so daß er dem Wirth gegenüber kam, der vor ihm stand; er betrachtete ihn dann von Kopf zu Fuß und sagte, ohne seine Stimme um eine Note zu erhöhen, aber mit gerunzelter Braue zu ihm:

»Habt nicht Ihr so eben die Worte ausgesprochen: Hund von einem Ketzer?«

»Ja, mein junger Herr,« stammelte der Wirth ertöthend.

»Nun wohl, wenn Ihr es seid, einfältiger Kerl,« versetzte der Kunde, »so seid Ihr weiter Nichts als ein ungezogener Esel, und würdet verdienen, baß man Euch die Ohren stutzte.«

»Verzeiht, mein edler Herr, aber ich wußte nicht, daß Ihr der reformirten Religion angehöret,« sagte der Wirth an allen Gliedern zitternd.

»Seht, Einfaltspinsel,« fuhr der Hugenotte, ohne seine Stimme auch nur um einen halben Ton zu steigern, fort, »Das muß Euch beweisen, daß ein Wirth, der es mit allen Arten von Leuten zu thun hat, seine Zunge im Zaum halten muß; es konnte ja geschehen, daß er einen Hund von Katholiken vor sich zu haben glaubte, während er einen Ehrenwerthen Schüler Luthers und Calvins vor sich hätte.«

Und bei diesen beiden Namen lüpfte der Edelmann seinen Fils. Der Wirth that das Gleiche. Der Edelmann zuckte die Achseln.

»Schon gut,« sagte er, »bringt mir jetzt frischen Wein und laßt mich das Wort Ketzer nicht mehr hören, sonst renne ich Euch meinen Degen durch den Leibe Ihr versteht mich, mein Freund?«

Der Wirth zog sich rücklings zurück und ging in die Küche, um den verlangten Wein zu holen.

Während dieser Zeit befand sich der Edelmann, nachdem er mit seinem Stuhl eine halbe Schwenkung nach rechts gemacht hatte, aufs Neue im Finstern, sodaß er der Thüre abermals den Rücken kehrte, als der Wirth zurückkam und sein Krüglein vor ihn stellte.

Jetzt streckte ihm der Edelmann schweigend seinen zerdrückten Becher hin, damit er ihm einen neuen dafür geben sollte. Der Wirth machte ohne ein Wort zu sprechen, mit den Augen und dem Kopf ein Zeichen, welches bedeutete: »Zum Teufel es scheint, wenn Dieser zuschlägt, so schlägt er tüchtig zu.« Dann kam er zurück und reichte dem Schüler Calvins einen frischen Becher.

»Es ist gut,« sagte dieser, »so liebe ich die Wirthe.«

Der Wirth lächelte dem Edelmann so angenehm als nur möglich zu und nahm dann seinen Platz im Vordergrund wieder ein.

»Nun wohl,« fragte ihn seine Frau, welche, da der Protestant so leise gesprochen, kein Wort von der Unterredung zwischen ihrem Mann und ihrem Gast verstanden hatte, »was hat dieser junge Herr zu Dir gesagt?«

»Was er zu mir gesagt hat?«

»Ja, das frage ich Dich.«

»Er hat mir die allerschmeichelhaftesten Dinge gesagt,« antwortete dieser; »mein Wein sei ausgezeichnet, mein Haus ganz vortrefflich gehalten, und er könne sich nicht genug darüber wundern, daß ein solcher Gasthof nicht größere Kundschaft besitze.«

»Und was hast Du ihm geantwortet?«

»Dieses verdammte Wetter sei Schuld an unserem Ruin.«

In dem Augenblick, wo unser Mann zum dritten Mal ganz vom Zaun gerissen über das Wetter schimpfte, ließ die Vorsehung, als wollte sie ihn Lügen strafen, zu gleicher Zeit, aber von zwei entgegengesetzten Seiten her zwei neue Gäste anrücken, den einen zu Fuß, den andern zu Pferd. Der Fußgänger, der einem Abenteurer gleich sah, laut von links, d. h. von der Straße von Paris her; der Reiter, der das Costüm eines Pagen trug, kam von rechts, d. h. von der Straße nach Flandern.

Aber als der Fußgänger die Schwellen des Wirthshauses Überschritt, geriethen seine Füße unter die des Pferdes. Er stieß einen Fluch aus und erblaßte. Schon dieser einzige Fluch zeigte die Heimath des Fluchers an.

»Ah! Cap de Diou!« rief er

Der Andere, ein Reiter von erster Stärke, ließ sein Pferd eine halbe Wendung nach links beschreiben, riß es auf seine Hinterbeine, sprang herab, ehe das Thier mit seinen Füßen den Boden wieder berührt hatte, stürzte auf den Verwundeten zu und sagte im Tone der lebhaftesten Besorgniß:

»Oh, mein Capitän, ich bitte tausendmal um Entschuldigung.«

»Wißt Ihr, Herr Page,« versetzte der Gascogner, »daß Ihr mich beinahe erdrückt hättet?«

»Glaubet mir Capitän,« erwiderte der junge Page, »daß ich es aufs innigste bedaure.«

»Nun, tröstet Euch, mein junger Herr, antwortete der Capitän mit einer Grimasse, welche bewies, daß er seinen Schmerz noch nicht ganz bewältigt hatte; »tröstet Euch, Ihr habt mir so eben, ohne daran zu denken, einen ungeheuren Dienst geleistet, und ich weiß in Wahrheit nicht, wie ich Euch meine Erkenntlichkeit dafür bezeugen soll.«

»Einen Dienst!«

»Einen ungeheuren!« erwiderte der Gascogner.

»Und wie so, mein Gott?« fragte der Page, der an den nervösen Gesichtsverzuckungen des Andern sah, daß er einer großen Selbstbeherrschung bedurfte, um nicht zu fluchen, statt zu lächeln.

»Es ist ganz einfach,« versetzte der Capitän, »es gibt nur zwei Dinge in der Welt, die mich sehr ärgern können: alte Weiber und neue Stiefel; nun stecke ich schon seit heute früh in neuen Stiefeln, in denen ich von Paris bis hierher gehen mußte. Ich besann mich auf ein Mittel sie recht bald zu Grunde zu richten, und nun habt Ihr im Nu zu Eurem ewigen Ruhm dieses Wunder verrichtet. Ich bitte Euch daher an mich zu denken und bei jeder Gelegenheit über meine Person zu verfügen, die sich Euch höchlich verbunden erklärt.«

»Mein Herr,« sagte der Page sich verneigend, »Ihr seid ein Mann von Geist, was mich nicht wundert, nachdem ich den Fluch gehört habe, wo mit Ihr mich begrüßten Ihr seid höflich, was mich nicht wundert, da ich ahne, daß Ihr ein Edelmann seid. Ich nehme Euer Anerbieten an und stelle mich meinerseits vollständig zu Euren Diensten.«

»Ohne Zweifel gedachtet Ihr in dieser Herberge einzukehren?«

»Ja, mein Herr, auf einige Augenblicke,« antwortete der junge Mann, indem er sein Pferd an einen zu diesem Behufe in der Mauer befestigten Ring band, eine Verrichtung, bei welcher der Wirth mit freudefunkelnden Augen zusah.

»Und ich auch,« sagte der Capitän; »he da, Teufelswirth, Wein her und vom besten!«

»Sogleich, meine Herren,« sagte der Wirth, in dem er nach seiner Küche stürzte, »sogleich!«

Fünf Secunden nachher kam er mit zwei Krügen und zwei Gläsern zurück, die er auf einen Tisch neben demjenigen stellte, wo bereits der erste Edelmann saß. «

»Herr Wirth« fragte der junge Page mit einer weichen frauenähnlichen Stimme, »habt Ihr in Eurem Haus ein Zimmer, wo ein junges Mädchen ein paar Stündchen ausruhen könnte?«

»Wir haben blos diesen Saal hier,« antwortete der Wirth.

»Ah Teufel, das ist unangenehm.«

»Ihr erwartet eine Dame, mein wackerer Camerad?« sagte der Capitän geheimnißvoll, indem er seine Zunge über seine Lippen spielen ließ und damit das Ende seines Schnurrbarts erwischte, worein er zu beißen anfing.«

»Die Dame kommt nicht meinetwegen Capitän,« antwortete der junge Mann ernsthaft; »sie ist die Tochter meines edlen Gebieters, des Herrn Marschalls von St. André«

»Ei, wie schön sich das trifft! Solltet Ihr also im Dienste des erlauchten Marschalls von St. André stehe?«

»Ich habe diese Ehre, mein Herr.«

»Und Ihr glaubt, daß der Marschall hier in dieser elenden Hütte einkehren werde?« Ihr bildet Euch das ein, mein junger Page? Ei, warum nicht gar!« sagte der Capitän.

»Er muß wohl; seit vierzehn Tagen liegt der Herr Marschall krank im Schloß von Villers-Cotterets, und da es ihm unmöglich war zu Pferd nach Paris zu reisen, wo er dem Tournier vom 29-sten anwohnen will, das zu Ehren der Hochzeit seiner, König Philipps II. mit der Prinzessin Elisabeth und der Prinzessin Margareth mit dem Herzog Emanuel Philibert von Savoyen stattfinden so hat Herr von Guise als Schloßnachbar von Villers-Cotterets. . .«

»Herr von Guise hat ein Schloß in der Nähe von Villers-Cotterets?« fiel der Capitän ein, der beweisen wollte, daß er seinen Hof kenne; « »woher bekommt Ihr doch dieses Schloß, junger Mann?

»Es liegt in Nunteuil-le-haudouin, Capitän, »und er hat es erst in der neuesten Zeit gekauft, um sich auf dem Weg des Königs zu befinden, wenn dieser nach Villers-Cotterets geht und daher zurückkommt.«

»Ah, ah, ich finde daß das recht gut gespielt ist.«

»Oh!« sagte der junge Page lachend, »die Geschicklichkeit ist es nicht, was diesem Spieler fehlt.«

»Das Spiel auch nicht,« bemerkte der Capitän.

»Ich sagte also« fuhr der Page fort, »daß Herr von Guise dem Marschall seine Kutsche geschickt habe und daß er ihn in langsamem Schritt heimführet; aber so angenehm die Kutsche sein mag und so langsam die Pferde sie nach Gonesse führten, so ist doch der Herr Marschall müde geworden, und Fräulein Charlotte von St. André hat mich vorausgeschickt, um eine Herberge zu suchen, wo ihr Vater ein wenig ausruhen könne.«

Als der erste Edelmann, der vor Aerger scharlachroth wurde, wenn man den Hugenotten Böses nachsagte, diese Werte andern in seiner Nähe stehenden Tisch hörte, lauschte er und schien an der Unterhaltung ein sehr directes Interesse zu nehmen.

»Per la crux Diou! Machte der Gascogner, »ich schwöre Euch, junger Mann, daß ich, wenn ich auf zwei Meilen in der Runde ein Zimmer wüßte, das würdig wäre diese zwei Feldherrn zu empfangen, die Ehre sie dahin zu führen Niemand, Selbst meinem Vater nicht, abtreten würde; aber leider,« fügte er hinzu, »weiß ich keines.«

Der hugenottische Edelmann machte eine Bewegung, die einem Zeichen der Verachtung gleichen konnte. Diese Bewegung zog die Aufmerksamkeit des Capitän auf sich.«

»Ah, ah!« machte er. Damit erhob er sich, grüßte den Hugenotten mit ausgesuchter Höflichkeit und wandte sich nach Erfüllung dieser Pflicht gegen den Pagen hin. Der Hugenott erhob sich, wie der Gascogner gethan hatte, grüßte höflich, aber trocken, und drehte seinen Kopf gegen die Wand. Der Capitän schenkte dem Pagen ein; dieser hob sein Glas in die Höhe, bevor es zum dritten Theil voll war; dann trank er.

»Ihr sagtet also, junger Mann,« begann er, »daß Ihr im Dienst des Marschalls von St. André, des Helden von Cerisoles und von Renty, stehet. Ich wohnte als junger Mensch der Belagerung von Boulogne bei und sah, welche Anstrengungen er machte, um sich in den Platz zu werfen. Ah, so wahr ich lebe, das ist einmal ein Mann, der seinen Marschallstitel nicht gestohlen hat.«

Dann hielt er auf einmal inne und schien nachdenklich zu werden.

»Cap de Diou!« sagte er, »da fällt mir gerade Etwas ein. Ich komme aus der Gascogne, ich habe das Schloß meiner Väter verlassen, um mich in den Dienst eines berühmten Prinzen oder erlauchten Feldherrn zu begeben. Junger Mann, sollte es im Hause des Marschalls von St. André nicht irgend einen Platz geben, den ein braver Officier wie ich auf passende Weise ausfüllen könnte? Ich bin in Bezug auf den Gehalt nicht heikel, und wenn man mir nur keine alte Frau zum Unterhalten und keine neuen Stiefel zum Zerreißen gibt, so verspreche ich jedes Amt, das man mir gütigst anvertrauen wird, zur Zufriedenheit meines Gebieters auszufüllen.«

»Ach, Capitän,« sagte der junge Page, »es thut mir wirklich unendlich leid, aber unglücklicherweise ist das Haus des Herrn Marschalls vollständig, und ich zweifle, ob er, selbst beim besten Willen, Euer verbindliches Anerbieten annehmen könnte.«

»Zum Henker, das ist um so schlimmer für ihn; denn ich kann mich rühmen, daß ich den Leuten, die mich anstellen, kostbare Dienste zu leisten vermag. Thun wir jetzt, als hätte ich Nichts gesagt, und laßt uns Trinken.«

Der junge Page hatte bereits sein Glas erhoben, um dem Capitän Bescheid zu thun, als er auf einmal eine Bewegung machte und lauschte, dann aber sein Glas wieder aus den« Tisch stellte

»Verzeiht, Capitän,« sagte er, »aber ich höre das Geräusch einer Kutsche, und da die Kutschen noch selten sind, so glaube ich wohl versichern zu dürfen, daß es die des Herzogs von Guise sein wird; ich bitte also um Erlaubniß Euch auf einige Augenblicke zu verlassen.«

»Immer zu, mein junger Freund, immer zu,« sagte der Capitän mit besonderem Nachdruck; »die Pflicht geht Allem vor.«

Die Bitte um Erlaubniß war eine pure Höflichkeit von dem Pagen. denn ehe noch der Capitän antwortete, hatte er rasch die Herberge verlassen und war an der Biegung des Weges verschwunden.




IV.

Die Reisenden


Der Capitän benutzte diese Abwesenheit, um nachzudenken und bei dieser Gelegenheit den Krug auszutrinken, den er vor sich hatte. Nachdem der erste expedirt war, verlangte er einen zweiten. Dann wandte sich der Capitän, wie wenn ihm der Denkstoff ausgegangen wäre, oder wie wenn diese geistige Verrichtung in Folge der Ungewohnheit nicht ohne eine reinliche Anstrengung bei ihm vor sich ging, gegen den Hugenotten, grüßte ihn mit der affektirten Höflichkeit, wovon er bereits Beweise gegeben hatte, und sagte:

»So wahr ich lebe, mein Herr, es scheint mir, ich begrüße einen Landsmann.«

»Ihr täuschet Euch, Capitän,« antwortete der Angeredete; »denn wenn ich mich nicht irre, so seid Ihr aus der Gascogne, während ich aus dem Angoumois bin.«

»Ah! Ihr seid aus dem Angoumois!« rief der Capitän im Tone bewundernder Ueberraschung: »aus dem Angoumois, wahrhaftig! Ei! Ei! Ei!«

»Ja, Capitän; ist Euch Das angenehm?« fragte der Hugenotte.

»Ich glaube es wohl; erlaubt mir deßwegen auch, daß ich Euch mein Compliment darüber mache; ein prächtiges Land, fruchtbar, von herrlichen Flüssen durchschnitten; die Männer sind voll von Muth, wie man an dem verstorbenen König Franz I. sieht; die Frauen sprudelte von Geist, wie Frau Margareth von Navarra beweist; kurz und gut, ich gestehe Euch, mein Herr, daß ich, wenn ich nicht aus der Gascogne wäre, aus dem Angoumois sein möchte.«

»Das ist in der That allzu viel Ehre für meine arme Provinz, mein Herr,« sagte der angoumoisische Edelmann, »und ich weiß nicht, wie ich Euch meinen Dank abstatten soll.«

»Oh! Nichts ist leichter, mein Herr, als mir das bischen Dank zu beweisen, das Ihr meiner rauhen Offenheit gütigst zollen wollt. Erweiset mir die Ehre mit mir auf den Ruhm und die Wohlfahrt Eurer Landsleute anzustoßen.«

« »Mit dem größten Vergnügen, Capitän,« sagte der Hugenotte, indem er seinen Krug und sein Glas auf eine der Ecken des Tisches herüberstellte, an welchem der Gascogner seit dem Weggang des Pagen ganz allein saß.

Nachdem der Toast auf den Ruhm und die Wohlfahrt der Kinder des Angoumois ausgebracht war, brachte der hugenottische Edelmann, um an Höflichkeit nicht zurückzustehen, denselben Toast auf die Wohlfahrt und den Ruhm der Kinder der Gascogne aus.

Da nun die Höflichkeit gehörig erwidert war, nahm der angoumoisische Edelmann seinen Krug und sein Glas wieder und traf Anstalten nach seinem Platz zurückzugehen.

»Oh, mein Herr« sagte der Gascogner, »Ihr wollt die Bekanntschaft gar zu schnell abbrechen; « erweiset mir doch den Gefallen Euren Krug an diesem Tisch vollends auszutrinken.«

»Ich fürchtete Euch zu belästigen, mein Herr,« erwiderte der Hugenotte höflich, aber kalt.

»Mich belästigen? Nie! Ueberdieß, mein Herr, bin ich der Meinung, daß die besten und vollständigsten Bekanntschaften bei Tisch erschlossen werden. Es ist sehr selten, daß ein Krug nicht drei Gläser Wein enthält, nicht wahr?«

»Allerdings, mein Herr, dieß ist sehr selten,« antwortete der Hugenotte, der sich sichtlich besann, wo wohl der Andere hinauswollte.

»Nun denn, so laßt uns mit jedem Glas Wein eine Gesundheit ausbringen. Gestaltet Ihr mir eine Gesundheit auf das Glas?«

»Ja wohl, mein Herr.«

»Wenn man sich dazu vereinigt hat aus Herzensgrund die Gesundheit dreier Männer auszubringen, so beweist Dieß, daß man von gleicher Gesinnung und von gleichen Grundsätzen ist.«

»Es ist etwas Wahres an dieser Bemerkung, mein Herr.«

»Etwas Wahres! etwas Wahres! Ihr sagt, es sei etwas Wahres daran. Beim Blute Gottes, mein Herr, es ist die reinste Wahrheit.«

Dann fügte er mit seinem einnehmendsten Lächeln hinzu:

»Um die Bekanntschaft anzufangen, mein Herr, und um die Aehnlichkeit unserer Ansichten ans Licht kommen zu lassen, erlaubt mir also als erste Gesundheit die des erlauchten Connetabels von Montmorency auszubringen.«

Der Edelmann, der bereits vertrauensvoll sein Glas erhoben und ein heiteres Gesicht angenommen hatte, wurde wieder ernsthaft und stellte sein Glas wieder auf den Tisch.

»Ihr werdet mich entschuldigen, mein Herr; aber bei diesem Mann kann ich Euch unmöglich Bescheid thun. Herr von Montmorency ist mein persönlicher Feind.«

»Euer persönlicher Feind?«.

»Soweit ein Mann in seiner Stellung der Feind eines Mannes in der meinigen, soweit der Große der Feind des Kleinen sein kann.«

»Euer persönlicher Feind in diesem Fall wird er von Stund an der meinige, um so mehr als ich offen gestanden, ihn ganz und gar nicht kenne und keine tiefe Zärtlichkeit gegen ihn empfinde. Schlechter Ruf: geizig, krittlich, ein Hurenjäger, läßt sich schlagen wie ein Einfaltspinsel, fangen wie ein Dummkopf. Wie zum Teufel konnte mir doch die Idee kommen Euch eine solche Gesundheit vorzuschlagen? Erlaubt mir daher, daß ich meine Revanche nehme und eine andere ausbringe. Auf den erlauchten Marschall von St. André!«

»So wahr ich lebe. Ihr habt kein Glück, Capitän,« antwortete der hugenottische Edelmann, indem er bei dem Namen St. André ganz dasselbe that was er bei dem Namen des Connetabels gethan hatte. »Ich trinke nicht auf die Gesundheit eines Mannes, den ich nicht achte, eines Mannes, der bereit ist für Ehren und Geld Alles zu thun, eines Mannes, der seine Frau und seine Tochter verkaufen würde, wie er sein Gewissen verkauft hat, wenn man ihm den gleichen Preis dafür böte.«

»Oh, oap de Diou!« Was sagt Ihr mir da?« rief der Gascogner, »wie sich wollte auf die Gesundheit eines solchen Mannes trinken. . . wo zum Teufel hattest Du denn Deinen Kopf, Capitän?« fuhr der Gascogner fort, indem er sich selbst eines Verweis ertheilte. »He, guter Freund, wenn Du Dir die Achtung der ehrlichen Leute bewahren willst, so darfst Du künftig keine solche Dummheiten mehr machen.«

Dann wandte er sieh wieder an den Hugenotten und sagte:

»Mein Herr, von diesem Augenblick an hege ich gegen den Marschall von St. André ganz dieselbe Verachtung wie Ihr. Da ich Euch nun nicht unter dem Eindruck des Irrthums lassen will, den ich begangen habe, so will ich eine dritte Gesundheit ausbringen, gegen die Ihr hoffentlich Nichts einzuwenden haben werdet.«

»Welche, Capitän?«

»Die Gesundheit des erlauchten Franz von Lothringen, Herzogs von Guise! – auf den Vertheidiger von Metz! auf den Sieger von Calais! auf den Rächer von St. Quentin und von Grävelingen! auf den Wiedergutmacher der Dummheiten des Connetabel von Montmorency und des Marschalls von St. André.«

»Capitän,« sagte der junge Mann erblassend, »Ihr habt kein Glück mit mir, denn ich habe ein Gelübde abgelegt.«

»Welches, mein Herr? Glaubet mit, daß ich, wenn ich zur Erfüllung desselben Etwas beitragen kann. . .«

»Ich habe geschworen daß Derjenige, dessen Gesundheit Ihr mir verschlaget, von meiner Hand sterben solle.«

»Ei zum Henker!« rief der Gascogner.

Der Hugenotte machte eine Bewegung, um aufzustehen.

»Wie?« rief der Gascogner. »Was macht Ihr da, mein Herr?«

»Mein Herr,« sagte der Hugenotte, »der Versuch ist gemacht; die drei Gesundheiten sind ausgebracht, und da wir, wie es scheint, über die Menschen nicht gleicher Ansicht sind, so steht zu befürchten, daß es noch schlimmer ausfallen wird, wenn wir an die Grundsätze kommen.«

»Ha, beim lebendigen Gott! man soll nicht sagen, mein Herr, daß Männer, die geschaffen sind. um sich zu verstehen, sich um Anderer willen überworfen haben, die sie nicht einmal kennen, denn ich kenne weder den Herzog von Guise, nach den Marschall von St. André, noch den Connetabel von Montmorency. Nehmen wir also an, ich habe die Unklugheit begangen die Gesundheit dreier großer Teufel aus der Hölle, des Satan, des Lucifer und der Aftaroth auszubringen; Ihr gebet mir bei der dritten Gesundheit zu verstehen, daß ich meine Seele verliere, und nun trete ich natürlich in aller Geschwindigkeit zurück— Ich stehe also noch immer auf dem Punkt, von dem ich ausgegangen bin, und da unsere Glaser voll sind, so laßt uns, auf wenns Euch gefällig ist, auf unsere beiderseitige Gesundheit trinken. Gott verleihe Euch lange und glorreiche Tage, mein Herr, Das ist es, was ich aus tiefstem Herzen von ihm erflehe!«

»Der Wunsch ist allzu höflich, als daß ich ihn nicht zurückgeben sollte, Capitän.«

»Und dießmal leerte der Angoumois sein Glas nach dem Beispiel des Capitäns, welcher dem seinigen bereits sein Recht angethan hatte.

»Nun wohl, es bleibt also dabei,« sagte der Gascogner mit der Zunge schnalzend, »und wir verstehen uns ganz vortrefflich;. vom heutigen Tag an also, mein Herr, könnt Ihr über mich als Euren ergebensten Freund verfügen.«

»Ich stelle mich auf gleiche Weise zu Eurer Verfügung, Capitän,« antwortete der Hugenotte mit seiner gewöhnlichen Höflichkeit.

»Ich meinerseits« fuhr der Gascogner fort, »will noch hinzufügen, mein Herr, daß ich nur auf eine Gelegenheit warte, Euch einen Dienst zu erweisen.«

»Ich gleichfalls,« antwortete der Angoumois.

»Aufrichtig, wein edler Herr?«

»Ganz aufrichtig, mein Capitän.«

»Nun wohl, diese Gelegenheit, die Ihr sucht, mir einen Dienst zu erweisen, habt Ihr, glaube ich, bereits gefunden.«

»Ists möglich. daß ich dieses Glück gehabt hätte?«

»Ja; beim Kreuze Gottes. ich wüßte mich sehr täuschen, wenn Ihr sie nicht unter der Hand hättet.«

»So sprecht.«

»Die Sache ist die, ich komme aus der Gascogne; ich habe das Schloß meiner Väter, wo ich zusehends und auf eine beklagenswerthe Art fetter wurde, verlassen. Mein Barbier hat mir tüchtige Bewegung anempfohlen, und ich komme nach Paris in der Absicht, mir welche zu machen. Es versteht sich von selbst, daß ich die Laufbahn der Waffen ergriffen habe. Solltet Ihr nicht im Angoumois irgend ein gutes Plätzchen wissen, das ein gascognischer Capitän ausfüllen könnte, vorausgesetzt daß man ihn nicht alte Weiber zur Unterhalten oder neue Stiefel zum Zerreißen gibt? Ich wage mir zu schmeichelt, wein Herr, daß ich in diesem Fall die Geschäfte, die man mir anvertrauen dürfte, auf eine vorteilhafte Art besorgen werde.«

»Ich möchte gern, Capitän,« antwortete der Angoumois; »aber unglücklicher Weise habe ich sehr jung weine Provinz verlassen und kenne Niemand dort.«

»Bei den Eingeweiden des heiligen Vaters, das ist sehr unglücklich, wein Herr, aber da fällt mir eben ein, mein edler Herr, vielleicht wüßtet Ihr irgend ein Plätzchen in einer andern Provinz; ich bestehe nicht gerade darauf ins Angoumois zu kommen, denn man versichert mich, daß dort die Fieber herrschen; oder vielleicht könntet Ihr mich irgend einem tugendhaften Herrn von hohem Geschlechte empfehlen. Wenn er auch nicht vollkommen tugendhaft wäre, so wollte ich mich darein ergeben, vorausgesetzt daß Gott ihm an Bravour zugetheilt hatte, was er ihm an Tugend verweigert.«

»Ich bedanke lebhaft, Capitän, daß ich einem so schmiegsamen Manne, wie Ihr seid, in Nichts zu dienen vermag; aber ich bin ein armer Edelmann wie Ihr, und wenn ich einen leiblichen Bruder hätte, so könnte er vom Ueberfluß meiner Börse oder meines Credits sein Leben nicht stiften.«

»Beim frommen Schächer!« rief der Gascogner, »das ist in Wahrheit sehr verdrießlich; aber da wenigstens die Absicht vorhanden war, wein edler Herr,« fuhr der Capitän fort, indem er aufstand und sein Degengehäng wieder fester band, »so bin ich Euch auf Ehre in gleicher Weise verpflichtet.«

Und er grüßte den Hugenotten, der ihm den Gruß erwiderte, seinen Krug und sein Glas wieder nahm und sich aufs Neue an seinen ersten Platz setzte.

Im Uebrigen brachte die Ankunft der Kutsche auf die handelnden Personen, die wir in Scene gesetzt haben, einen verschiedenen Eindruck hervor.

Wir haben gesehen, daß der angoumoisische Edelmann seinen Platz wieder einnahm, der ihm gestattete der Thüre den Rücken zu kehren. Der gascognische Capitän blieb kerzengerade stehen, wie es einem jüngeren Sohn aus gutem Hause gegenüber den hohen Berühmtheiten zustand, welche der Page angekündigt hatte; der Wirth und seine Frau endlich stürzten auf die Thüre zu, um sich zur Verfügung der Reisenden zu stellen die ihr Glücksstern zu ihnen führte.

Der Page, der, um seine Kleider nicht durch Berührung der kothigen und eingesunkenen Straße zu beschmutzen, aus dem dreifachen Kutschentritt stand, sprang herab und öffnete den Schlag. Ein Mann von vornehmer Miene mit einer breiten Narbe auf der Wange stieg zuerst aus.

Es war Franz von Lothringen, Herzog von Guise, dem man seit der furchtbaren Wunde, die er in Calais erhalten hatte, den Beinahmen der Benarbte gegeben. Er trug die weiße Schärpe mit den goldenen Franzen und Lilien, die Insignie seines Grads als Generallieutenant der königlichen Armeen. Seine Haare waren kurz geschnitten und standen bürstenartig empor; er trug die schwarze Sammtmütze mit weißen Federn, die damals in der Mode war, das perlgraue und silbergestickte Wamms, das seine Lieblingsfarben enthielt, Hosen und Mantel von scharlachrothem Sammt nebst langen Stiefeln, die man nöthigenfalls bis an den Oberschenkel heraufziehen oder auch unter dem Knie hinabschlagen kannte.

»Ei, das ist ja eine wahre Sündfluth,« sagte er, indem er sich mitten in die Pfützen stellte, durch die man zur Wirthshausthüre gelangen mußte.

Dann wandte er sich zur Kutsche zurück, neigte sich ins Innere hinein und sagte:

»Liebe Charlotte, Ihr könnt unmöglich Eure hübschen Fäßchen in diesen dicken garstigen Koth stellen.«

»Was dann thun?« fragte ein weiches flötenartiges Stimmchen

»Mein lieber Marschall,« fuhr der Herzog fort, »wollt Ihr mir erlauben Eure Tochter in meinen Armen hineinzutragen? Dieß würde mich um vierzehn Jahre verjüngen, denn es sind heute gerade vierzehn Jahre, meine schöne Pathin, daß ich Euch auf diese Weise aus Eurer Wiege nahm. Wohlan denn, mein holdes Täubchen,« fügte er hinzu, »kommt hervor aus Eurer Arche.«

So sprechend nahm er das junge Mädchen in seine Arme und stellte es mit drei großen Schritten ins Innere des Saales.

Der Titel Täubchen, welchen der galante Herzog seiner Pathin gegeben hatte, die nunmehr bald seine Schwiegertochter werden sollte, war keineswegs angemaßt: es war in der That unmöglich einen weißerem schmachtenderen und zierlicheren Vogel zu sehen als denjenigen, welchen der, Herzog so eben in seinen Armen weggetragen und auf den feuchten Platten des Wirthshauses niedergestellt hatte.

Die dritte Person, die aus der Kutsche stieg oder vielmehr zu steigen versuchte, war der Marschall von St. André. Er rief seinen Pagen, aber dieser hörte nicht, obgleich er kaum drei Schritte von ihm stand. Als ächter Page verschlang er mit verliebten Blicken die Tochter seines Gebieters.

»Jacques! Jarques!« wiederholte der Marschall. »He da! wirft Du endlich kommen, kleiner Schlingel.«

»Ich bin da!« rief der junge Page, indem er sich lebhaft umwandte; »ich bin da, Herr Marschall.«

»Zum Henker!« sagte dieser, »ich sehe es wohl, daß Du da bist; aber da solltest Du nicht sein, Du Lümmel! Komm schnell hierher, hierher an diesen Tritt da. Du weißt wohl, daß ich im Augenblick gehindert bin, kleiner Schlingel! Au! Uf! Donnerwetter!«

»Verzeiht, Herr Marschall,« sagte der Page beschämt, indem er seinem Herrn seine Schulter darbot.

»Stützet Euch auf mich, Herr Marschall,« sprach der Herzog, indem er dem Podagristen seinen Arm reichte.

Der Marschall benützte die Erlaubniß und gelangte mit Hilfe dieser doppelten Stütze ebenfalls ins Wirthshaus.

Er war damals ein Mann von etwa fünfzig Jahren, mit rosigen blühenden Wangen, obschon für den Augenblick etwas blaß in Folge der Krankheit, die ihn befallen hatte. Er hatte einen rothen Bart, blonde Haare, blaue Augen, und man sah es auf den ersten Blick, daß der Marschall von St. André zehn oder zwölf Jahre vor der Epoche, wo wir angelangt sind, einer der schönsten Cavaliere seiner Zeit gewesen sein mußte.

Er setzte sich mit einiger Mühe auf eine Art von Lehnstuhl aus Stroh, der in der Ecke des Camins, d. h. im entgegengesetzten Winkel von demjenigen, wo der gascognische Capitän und der angoumoisische Edelmann sich befanden, auf ihn zu warten schien.

Der Herzog bot Fräulein Charlotte von St. André den Strohstuhl, auf welchem wir zu Anfang des vorhergehenden Capitels den Wirth reiten sahen. Er selbst bequemte sich mit einem Schemel und gab dem Wirth ein Zeichen, daß er ein großes Feuer im Camin anmachen solle; denn obschon man sich im vollen Sommer befand, so war doch die Feuchtigkeit von der Art, daß das Feuer als ein höchst dringendes Bedürfniß erschien.

In, diesem Augenblick fiel der Regen mit solcher Heftigkeit, daß das Wasser zur offenen Thüre wie durch einen durchbrochenen Damm oder eine Schleuße, die man zu schließen vergessen hätte, ins Wirthshaus hereinzudringen anfing.

»Hollah, Wirth!« rief der Marschall, »macht doch unsere Thüre zu! Wollt Ihr uns bei lebendigem Leib ertränken?«

Der Wirth übergab den Reißbüschel, den er herbeibrachte, seiner Frau, überließ ihr als einer modernen Vestalin das Geschäft das Feuer anzuzünden, und eilte an die Thüre, um den Befehl des Marschalls zu vollziehen. Aber in dem Augenblick, wo er alle seine Kräfte zusammennahm, um die Thüre zu schließen, hörte man auf der Straße den raschen Galopp eines Pferdes.

In Folge dessen blieb der würdiges Mann stehen, damit nicht der Reisende, wenn er die Thüre verschlossen fand, das Wirthshaus für voll oder für gänzlich verlassen halten und in der einen wie in der andern Voraussetzung vorüber ziehen sollte.

»Verzeiht, gnädigster Herr,« sagte er, indem er seinen Kopf durch die halboffene Thüre herein streckte, »aber ich glaube, daß ich noch einen Reisenden bekomme.«

In der That hielt ein Reiter vor dem Wirthshause an, sprang von seinem Pferde und warf dem Wirth den Zügel zu mit den Worten:

»Führ dieses Thier in den Stall und laß es ihm weder an Kleie noch an Haber fehlen.«

Dann trat er rasch in das vom Feuer noch nicht beleuchtete Wirthszimmer und schüttelte seinen vom Regen triefenden Hut ab, ohne daran zu achten, daß er sämmtliche Anwesende benetzte.

Das erste Opfer dieses Regens war der Herzog von Guise, der rasch aufstand, mit einem einzigen Sprung beidem Fremden war und ihm zurief:

»He da, Herr Schlingel, könnt Ihr nicht Acht geben, was Ihr thut?«

Bei diesem Gruß drehte der neue Ankömmling sich um und fuhr blitzschnell mit der Hand an seinen Degen. Ohne Zweifel würde Herr von Guise seinen Ausdruck theuer bezahlt haben, wenn er nicht, weniger vor dem Degen als vor dem Gesicht, zurückgetreten wäre.

»Wie, Prinz, Ihr seids?« sagte er.

Derjenige, welchen der Herzog von Guise als Prinz anredete, brauchte blos einen Blick auf den berühmten lothringischen Feldherrn zu werfen, um ihn seinerseits zu erkennen.

»Ja wohl, ich bins, Herr Herzog« antwortete er eben so erstaunt ihn in dieser elenden Herberge zu treffen, als der Herzog erstaunt gewesen war ihn hereinkommen zu sehen

»Gestehet, Prinz, daß der Regen einen Menschen sehr blenden muß, da ich Eure Hoheit für einen Studenten von der Landimesse halten konnte.«

Dann fuhr er mit einer Verbeugung fort:

»Ich bitte Eure Hoheit aufrichtigst um Entschuldigung.«

»Es ist wahrhaftig nicht der Mühe werth, Herzog,« sagte der letztangekommene Gast in einem ungezwungenen überlegenen Ton, der bei ihm zur Gewohnheit geworden war. »Und durch welchen Zufall befindet Ihr Euch hier? Ich glaubte Euch in Eurer Grafschaft Nanteuil.«

»Ich komme wirklich davon her, Prinz.«

»Ueber St. Denis?«

»Wir haben einen Abstecher nach Gonesse gemacht, um im Vorbeigehen die Landimesse mitanzusehen.«

»Ihr, Herzog! Das könnte man etwa mir hingehen lassen, da mein Leichtsinn, Dank meinen Freunden, sprichwörtlich zu werden anfängt. Aber wie kann der ernste, der strenge Herzog von Guise von seinem Wege abgehen, um ein Studentenfest mitanzusehen?«

»Ich bin auch nicht auf diese Idee gekommen, Prinz ich reiste mit dem Marschall von St. André, und seine Tochter, meine Pathin Charlotte, eine Kleine, die ihre Capricen hat, wollte sehen, was diese berühmte Landimesse eigentlich sei; dann aber wurden wir von dem Regen überrascht und haben hier eingestellt.«

»Der Marschall ist also hier?« fragte der Prinz.

»Da ist er,« sagte der Herzog, indem er die beiden Personen zum Vorschein kommen ließ, welche der Prinz zwar im Halbschatten bemerkt hatte, aber ohne ihre Züge zu erkennen. Der Marschall machte eine Anstrengung und stand auf, indem er sich auf seinen Lehnstuhl stützte.

»Marschall,« sagte der Prinz, auf ihn zugehend, »entschuldigt mich, daß ich Euch nicht erkannt habe; aber außerdem, daß dieser Saal dunkel wie ein Keller oder vielmehr dieser Keller düster wie ein Gefängniß ist, hat mich der Regen dermaßen geblendet, daß ich, wie der Herr Herzog, im Stande wäre einen Edelmann mit einem Bauern zu verwechseln. Glücklicherweise, mein Fräulein,« fuhr der Prinz gegen das junge Mädchen fort, das er mit Bewunderung anschaute, »glücklicherweise stellt sich meine Sehkraft allmählig wieder ein und ich beklage von ganzem Herzen die Blinden denen es nicht vergönnt ist ein Gesicht wie das Eurige betrachten zu dürfen.«

Dieses vom Zaun gerissene Compliment trieb die Röthe in die Wangen des Mädchens. Sie schlug ihre Augen auf, um den Mann anzusehen, der ihr vielleicht die erste Schmeichelei gesagt, die sie sei empfangen hatte; aber sie senkte sie sogleich wieder, weil die Blitze aus den Augen des Prinzen sie blendeten.

Wir wissen nicht, welcher Art ihr Eindruck war, aber gewiß war er voll Lieblichkeit und Zauber, denn ein junges Mädchen von vierzehn Jahren konnte nicht wohl ein einnehmenderes Gesicht zu sehen bekommen, als diesen Cavalier von neunundzwanzig Jahren, den man Prinz nannte und mit dem Titel Hoheit begrüßte

Ludwig I. von Bourbon, Prinz von Condé, war in der That ein vollendeter Cavalier.

Geboten am 7. Mai 1530, ging er zur Zeit, wo diese Erzählung beginnt, in sein dreißigstes Jahr.

Er war eher klein als groß, aber von bewundernswürdiger Taille. Seine kastanienbraunen Haare, die kurz geschnitten waren beschatteten glänzende Schläfe, worin ein Phrenolog unserer Zeit alle Beulen der höchsten Intelligenz gefunden haben würde. Seine Augen, blau wie Lasurstein, drückten eine unaussprechliche Sanftmuth und Zärtlichkeit aus, und hätten nicht dichte Brauen diesem Gesicht einigermaßen eine Härte gegeben, die ein blonder Bart noch milderte, so hätte man den Prinzen für einen schönen Studenten gehalten, der ganz frisch aus dem Mutterhaus käme. Gleichwohl trug dieses prächtige, gleich dem Azur des Himmels, helle Auge manchmal ein Gepräge trotziger Energie, so daß die Schöngeister jener Zeit es mit einem Flusse verglichen« der ruhig sei, je nach den Strahlen, die ihn beleuchten, aber furchtbar, je nach den Stürmen, die ihn aufregen. Mit einem Wort, er trug auf seinem Gesicht seinen vorherrschenden Character, d. h. Physischen Muth und Liebesbedürfniß, beide auf den höchsten Grad getrieben.

Ja diesem Augenblick beleuchtete sich die Wirthsstube in Folge der geschlossenen Thüre und des im Herd flammenden Feuers mit phantastischen Scheinen, die capriciös auf die beiden Gruppen im rechten und im linken Winkel fielen; überdieß fielen zwischen den obern Oeffnungen von Zeit zu Zeit Blitze herein, welche auf die Gesichter einen bläulichen Wiederschein warfen, wodurch selbst die Jüngsten und Lebenskräftigsten das Ansehen von Bewohnern einer andern Welt erhielten. Dieser Eindruck war so stark, daß er selbst den Wirth ergriff. Als er sah, daß, obschon es kaum sieben Uhr war, die Nacht schon gänzlich hereingebrochen schien, zündete er eine Lampe an und stellte sie auf den Kaminmantel über der Gruppe des Prinzen von Condé des Herzogs von Guise, des Marschalls von St. André und seiner Tochter.

Der Regen nahm nicht nur nicht ab, sondern wurde immer stärkere an eine Weiterreise war also nicht zu denken. Ueberdieß kam zu dem Regen noch vom Fluß her ein so furchtbarer Wind, daß die Fensterläden gegen die Mauer schlugen und das Haus selbst vom Gipfel bis zu seiner Grundlage zitterte. Wäre die Kutsche auf der Straße gewesen, so würde sie ohne allen Zweifel vom Sturm fortgeweht worden sein: die Reisenden beschlossen also im Wirthshaus zu bleiben, so lange dieser entsetzliche Orkan dauern würde.

Auf einmal hörte man mitten in diesem schrecklichen Tumult der Elemente, während der Regen auf die Köpfe herabrieselte, die Läden gegen die Mauer schlugen, die Ziegel vorn Dach herabgeweht wurden und auf der Erde zerbrachen, an die Thüre klopfen, und eine ächzende Stimme wiederholte in einem Ton, der jedes mal schwächer wurde.

»Oeffnet! Öffnet! im Namen unseres Herrn und Heilandes, öffnet!«

Der Wirth, der an die Ankunft eines neuen Reisenden glaubte, hatte sich, als er klopfen hörte, schnell aufgemacht, um die Thüre zu öffnen; aber als er die Stimme erkannte, blieb er mitten im Saal stehen und sagte kopfschüttelnd:

»Du täuschest Dich in der Thüre, alte Hexe. Nicht hier mußt Du klopfen, wenn Du willst, daß man Dir öffnen soll.«

»Oeffnet, Herr Wirth,« wiederholte dieselbe klagende Stimme; »es ist eine wahre Sünde ein armes altes Weib bei solchem Wetter draußen zu lassen.«

»Kehre Deinen Besenstiel nach einer andern Seite, Du Teufelsbraut,« antwortete der Wirth durch die Thüre hindurch; »die Gesellschaft hier ist zu vornehm für Dich.«

»Und warum?« fragte der Prinz von Condé, den die Hartherzigkeit des Wirthes empörte, »warum öffnest Du dieser armen Frau nicht?«

»Weil sie eine Hexe ist, Euer Hoheit, die Hexe von Andilly, eine alte Halunkin, die man des Exempels wegen mitten auf der Ebene von St. Denis verbrennen sollte, weil sie von Nichts als Wunden und Beulen träumt, Nichts als Hagel und Donner prophezeit. Ich bin überzeugt, daß sie sich an irgend einem armen Bauern gerächt haben wird und daß sie an diesem verfluchten Wetter Schuld ist.«

»Herr oder nicht«« sagte der Prinz, »auf, öffne ihr. Es ist nicht erlaubt ein menschliches Geschöpf bei einem solchen Sturm vor der Thüre zu lassen.«

»Da Euer Hoheit es wünscht,« sagte der Wirth, »so will ich dieser alten Ketzerin öffnen; aber ich wünsche nur daß Euer Hoheit es nicht bereuen möge, denn es geschieht überall ein Unglück, wo sie hinkommt.«

Der Wirth, der trotz seines Widerwillens gehorchen mußte, öffnete die Thüre, und nun sah man eine alte Frau mit zerzausten fliegenden grauen Haaren hereintreten oder vielmehr hereinfallen. Sie trug ein ganz zerrissenes rothes Wollkleid und einen großen Mantel, der sich im selben Zustand wie das Kleid befand und bis aus ihre Ferse hinabreichte.

Der Prinz von Condé trat trotz seiner prinzlichen Würde vor, um der Hexe ausstehen zu helfen, denn er war das beste Herz von der Welt. Aber der Wirth warf sich dazwischen, stellte die Alte wieder auf ihre Beine und sagte zu ihr:

»Dann dem Herrn Prinzen von Condé, Hexe, denn ohne ihn hätte ich Dich, das darfst Du mir glauben, zum Wohl der Stadt und ihrer Umgegend vor der Thüre crepiren lassen.«

Die Hexe ging ohne zu fragen, wer der Prinz sei, gerade auf ihn zu, kniete nieder und küßte den Saum seines Mantels.

Der Prinz ließ einen Blick voll innigen Mitleids auf das arme Geschöpf fallen.

»Wirth,« sagte er, »gib dieser armen Frau einen Krug Wein und zwar von Deinem besten. Geh, trink ein wenig, Alte,« fuhr er fort, »das wird Dich wärmen.«

Die Alte setzte sich. an einen der Tische im Hintergrund des Saals; auf diese Art befand sie sich gegenüber der Eingangsthüre und hatte zu ihrer Rechten die Gruppe des Prinzen, des Marschalls von St. André und seiner Tochter; zu ihrer Linken den gascognischen Capitän, den angoumoisischen Edelmann und den jungen Pagen.

Der angoumoisische Edelmann war wieder in eine tiefe Träumerei versunken. Der junge Page weidete seine Augen an den Reizen des Fräuleins von St. André. Der gascognische Capitän allein besaß seine ganze Geistesfreiheit; er dachte, wenn die alte Frau auch nur im zehnten Theil der Behauptungen des Wirthes Hexe sei, so könne dieß für ihn immerhin ein Licht und ein Leitfaden sein, um die erledigte Stelle zu suchen, wegen deren er sich bei dem angoumoisischen Edelmann und dem Pagen erkundigt, und worüber diese ihm nichts Bestimmtes hatten sagen können.

Er schritt also über seine Bank weg, pflanzte sich vor der Hexe auf, die mit sichtlicher Befriedigung so eben ihr erstes Glas Wein getrunken hatte, und indem er mit gespreizten Beinen, die linke Hand auf den Degenknopf gelegt, den Kopf auf die Brust geneigt, die alte Frau mit seinem zugleich feinen und ausdauernden Blick fixirte, sagte er:

»Sag einmal, Hexe, kannst Du wirklich in der Zukunft lesen?«

»Mit Gottes Hilfe« mein Herr, ja, zuweilen.«

»Könntest Du mir mein Horoscop stellen?«

»Ich wills versuchen, wenn es Euer Wunsch ist.«

»Nun ja, es ist mein Wunsch.«

»Dann steh ich Euch zu Befehl.«

»Sieh, da hast Du meine Hand; denn ihr Zigeunerinnen leset ja doch aus der Hand, nicht wahr?«

»Ja.«

Die Hexe ergriff mit ihren fleischlosen schwarzen Händen die Hand des Capitäns, die beinahe eben so trocken und schwarz war wie die ihrige.

»Was wollt Ihr, daß ich Euch zuerst sagen soll?« fragte sie.

»Du sollst mir zuerst sagen, ob ich Glück machen werde.«

Die Hexe prüfte die Hand des Gascogners lange Zeit.

Dieser wurde ungeduldig, als er sah, daß die Hexe sich nicht aussprach; er schüttelte den Kopf und sagte dann mit zweifelnder Miene:

»Wie zum Teufel kannst Du denn in der Hand eines Menschen lesen, ob er sein Glück machen wird.«

»Oh sehr leicht« gnädiger Heer, nur ist Das mein Geheimniß.«

»Heraus mit Deinem Geheimniß.«

»Wenn ichs Euch sage, Capitän,« antwortete die Hexe, »so ist es nicht mehr mein Geheimniß sondern das Eurige.«

»Du hast Recht, behalte es, aber spute Dich! Du kitzelst weine Hand, Zigeunerin, und ich liebe es nicht, daß alte Weiber mir die Hand kitzeln.«

»Ihr werdet Glück machen, Capitän.«

»In Wahrheit, Hexe?«

»Beim Kreuz!«

»Oh cap de Diou, gute Nachrichten, und glaubst Du, daß es bald sein werde?«

»Ja einigen Jahren.«

»Teufel! Ich hatte es schneller gewünscht; in einigen Tagen zum Beispiel.«

»Ich kann blos den Erfolg der Ereignisse sagen, aber ich kann ihren Gang nicht beschleunigen.«

»Und wird mir Das sehr mühselig werden?«

»Nein, aber es kann Andern mühselig werden.«

»Was willst Du sagen?«

»Ich will sagen, daß Ihr ehrgeizig seid, Capitän.«

»Ah beim Kreuze Gottes, Das ist wahr, Zigeunerin.«

»Nun wohl, um zu Eurem Ziel zu gelangen werden alle Wege Euch gut sein.«

»Ja, zeige mir nur denjenigen, den ich einschlagen soll, und Du wirst sehen.«

»Oh, Ihr werdet ihn wohl von selbst einschlagen, so furchtbar er auch sein mag.«

»Und sag einmal, was wird aus mir werden, wenn ich diesen furchtbaren Weg einschlage?«

»Ein Mörder, Capitän.«

»Gottes Bluts« rief der Gascogner, »Du bist ein alter Luder und Du kannst Deine Horoscope Denjenigen stellen, die dumm genug sind, um daran zu glauben.«

Er bedeckte die Alte mit einem Blick der höchsten Entrüstung und setzte sich wieder an seinen Platz, indem er brummte:

»Mörder! Mörder! Ich! Höre, Hexe, es müßte eine sehr große Summe sein, wenn ich Das werden sollte.«

»Jacques,« sagte jetzt Fräulein von St. André, welche das ganze Treiben des Capitäns beobachtet und mit ihren neugierigen Oehrchen von vierzehn Jahren kein Wort von dem Zwiegespräch zwischen der Hexe und dem Gascogner verloren hatte, zu dem jungen Pagen:

»Jacques laßt Euch doch auch einmal Euer Horoscop stellen; Das wird mir Spaß machen.«

Der junge Mann, den man zum zweiten Mal mit Jacques anredete und der kein anderer war als der Page, erhob sich ohne eine Bemerkung zu machen, und trat in der Haltung absoluten Gehorsams zur Hexe hin.

»Hier ist meine Hand, gute Frau,« jagte er; »wollt Ihr mir mein Horoscop stellen, wie Ihr es so eben dem Capitän gestellt habt?«

»Seht gern, mein schöner Junge,« antwortete sie. Damit ergriff sie die Hand, die der junge Mann ihr reichte, und die so weiß war wie eine Menschenhand.

»Dann schüttelte sie den Kopf.

»Nun, Alte,« fragte der Page, »Ihr sehet in dieser Hand nichts Gutes, nicht wahr?«

»Ihr werdet unglücklich sein.«

»Ach, armer Jarques,« sagte halb spöttisch, halb besorgt das junge« Mädchen, das die Weissagung provocirt hatte.

Der junge Mensch lächelte wehmüthig und murmelte:

»Ich werde es nicht sein, ich bin es schon.«

»Die Liebe wird all Euer Unglück verursachen,« fuhr die Alte fort.

»Werde ich doch wenigstens jung sterben?« fragte der Page wieder.

»Ach ja, mein armes Kind, mit vierundzwanzig Jahren.«

»Um so besser.«

»Wie so, Jacques, um so besser? Was wollt Ihr denn damit sagen?«

»Da ich ja doch unglücklich sein soll, wozu soll ich leben?« antwortete der junge Mensch. »Und werde ich wenigstens auf einem Schlachtfeld sterben?«

»Nein.«

»In meinem Bette?«

»Nein.«

»Durch einen Zufall?«

»Nein.«

»Wie werde ich denn sterben, Alte?«

»Ich kann Euch nicht genau sagen, wie Ihr sterben werdet, aber ich kann Euch die Ursache Eures Todes sagen.«

»Und worin wird diese Ursache bestehen?«

Die Alte senkte ihre Stimme:

»Ihr werdet ein Mörder sein,« sagte sie.

Der junge Mensch wurde blaß. wie wenn das prophezeite Ereigniß bereits eingetreten wäre. Er ging gesenkten Hauptes an seinen Platz zurück und sagtet:

»Dank, Alte; möge sich erfüllen, was geschrieben steht.«

»Nun,« fragte der Capitän den Pagen, »was hat diese verdammte Alte zu Euch gesagt, mein schönes junges Herrlein?«

»Nichts was ich wieder sagen könnte, Capitän,« antwortete dieser.

Der Capitän drehte sich gegen den Angoumois um.«

»Nun wohl, mein wackerer edler Herr,« sagte er, »seid Ihr nicht auch neugierig das Schicksal zu versuchen? Kommt doch her, wahr oder falsch, gut oder schlecht, hilft eine Prophezeiung doch immer über einige Augenblicke hinweg.«

»Verzeiht mir, antwortete der Edelmann, der auf einmal aus seiner Träumerei zu erwachen schien, »ich habe im Gegentheil diese Frau etwas sehr Wichtiges zu fragen.«

Damit stand er aus und ging mit der bestimmten Haltung, die auf Kraft und Festigkeit des Willens deutet, gerade auf die Hexe zu.

»Zauberin,« sagte er mit düsterer Stimme, in dem er ihr eine nervige Hand hinhielt, »wird mir das Unternehmern das ich vorhabe, gelingen?«

Die Hexe ergriff die dargebotene Hand, sah sie jedoch nur eine Secunde an und ließ sie dann mit einer Art von Entsetzen fallen.

»O ja,« sagte sie, »es wird Euch gelingen. Aber zu Eurem Unglück.«

»Doch wird es gelingen?«

»Ja, aber um welchen Preis, barmherziger Gott.«

»Der Preis wird der Tod meines Feindes sein, nicht wahr?«

»Ja.«

»Was liegt mir dann an allem Andern?«

Und der Edelmann ging an seinen Platz zurück, indem er dem Herzog von Guise einen Blick voll unaussprechlichen Hasses zuwarf.

»Seltsam! Seltsam! Seltsam!« murmelte die Alte, »Mörder alle Drei!«

« Und sie betrachtete mit einer Art von Schrecken die Gruppe, die aus dem gascognischen Capitän, dem angoumoisischen Edelmann und dem jungen Pagen bestand. Die erlauchten Gäste auf der entgegengesetzten Seite des Saales waren dieser chiromantischen Scene aufmerksam mit den Augen gefolgt Wir sagen mit den Augen, weil sie nicht Alles hatten hören, wohl aber sehen können.

So wenig Vertrauen man nun auch zur Hexerei haben mag, so ist es doch immer interessant, diese düstere Wissenschaft, Magie genannt, zu befragen, sei es nun, daß sie tausend Glückseligkeiten voraus sagt und man ihr Recht gibt, oder daß sie tausenderlei Unglück prophezeit und man sie der Lüge beschuldigt. Dieses Gefühl war es ohne Zweifel, was den Marschall von St. André veranlaßte, die Alte gleichfalls zu befragen.

»Ich gebe wenig um all dieß Geschwätze,« sagte er; »aber ich muß gestehen, daß in meiner Kindheit eine Zigeunerin mir prophezeit hat, was mir bis in mein fünfzigstes Jahr zustoßen wird; ich bin seht fünfundfünfzig alt, und es wäre mir nicht unlieb, wenn eine Andere mir nunmehr prophezeite, was mir bis zu meinem Tod widerfahren wird. Komm also heran, Tochter Belzebubs,« rief er der Alten zu.

Die Hexe stand auf und näherte sich der Gruppe.

»Hier ist meine Hand,« sagte der Marschall; »sprich und zwar laut, was verkündest Du mir Gutes?«

»Nichts, Herr Marschall.«

»Nichts! Zum Teufels Das ist nicht viel; und Böses?«

»Befraget mich nicht, Herr Marschall.«

»Doch, zum Henker, ich will Dich nun einmal befragen. Sprich, was liesest Du in meiner Hand?«

»Eure gewaltsame Unterbrechung der Lebenslinie, Herr Marschall.«

»Das bedeutet, daß ich nicht mehr lange zu leben habe, he?«

»Mein Vater!« murmelte das junge Mädchen, indem sie ihn mit einem Blicke bat, daß er es nicht weiter treiben mochte.

»Laß doch Charlotte,« sagte der Marschall.

»Höret auf dieses schöne Kind,« sagte die Hexe

»Nein, Du mußt Dich ganz aussprechen, Zigeunerin! Ich werde also bald sterben?«

»Ja, Herr Marschall.«

»Werde ich eines gewaltsamen oder eines natürlichen Todes sterben?«

»Eines gewaltsamen Todes. Ihr werdet den Tod auf dem Schlachtfeld empfangen, aber nicht von einem ehrlichen Feinde.«

»Von Verräthershand also?«

»Ja, von Verräthershand. Das heißt, Ihr werdet ermordet werden.«

»Mein Vater,« murmelte das junge Mädchen, sich fester an den Marschall schmiegend.

»Glaubst Du denn an all diese Teufeleien da?« sagte dieser, indem er sie auf die Stirne küßte.

»Mein lieber Vater, und dennoch klopft mir das Herz in der Brust, wie wenn das Unglück, das man Euch weissagt, bald eintreffen sollte.»

»Kind!« sagte der Marschall, die Achseln zuckend; ««komm, zeig Du ihr jetzt auch Deine Hand, und mögen ihre Prophezeiungen Deinem Leben all die Tage beifügen, welche sie dem meinigen abschneiden.«

Aber das junge Mädchen weigerte sich beharrlich.

»Nun, so will ich Euch mit gutem Beispiel vorangehen« mein Fräulein,« sagte der Herzog von Guise, indem er der Hexe seine Hand reichte.

Dann fügte er mit einem Lächeln hinzu:

»Ich sage Dir zum Voraus, Zigeunerin, daß man mir schon dreimal mein Horoscop gestellt, und daß es dreimal auf Tod gelautet hat; zur Ehre der Zauberkunst laß es nicht lügen.«

»Gnädigster Herr,« sagte die Alte, nachdem sie die Hand des Herzogs untersucht hatte, »ich weiß nicht was man Euch bis jetzt prophezeit hat; aber hört was ich Euch prophezeie.«

»Sprich!«

»Ihr werdet wie der Marschall von St. André ermordet werden.«

»Das trifft vollkommen zu,« sagte der Herzog, »und es gibt da kein Entrinnen. Da, nimm dieß und pack Dich zum Teufel.«

Und er warf der Hexe ein Goldstück zu.

»Ei zum Henker, diese Hexe prophezeit uns ja eine ganze Mörderei von Edelleuten! Ich fange an zu bereuen, daß ich sie hereinkommen ließ, und da mit man nicht glauben kann, ich wolle allein dem Schicksal entrinnen, so prophezeie mir seht auch, Alte.«

»Glaubt Ihr denn an Hexen, Prinz?« fragte der Herzog von Guise.

»Wahrhaftig, Herzog, »ich habe so viele Prophezeiungen fehlschlagen, so viele Horoscope in Erfüllung gehen sehen, daß ich wie Michel Montaigne blos sagen will: Was weiß ich? Komm her, gute Frau, da ist meine Hand; was siehst Du darin? Gutes und Böses, sag Alles.«

So vernehmt was ich in Eurer Hand sehe, gnädigster Herr: ein Leben voll von Liebe und von Kämpfen, von Vergnügungen und von Gefahren und am Ende einen blutigen Tod.«

»Welche ich also auch ermordet werden?«

»Ja, gnädigster Herr.«

»Wie der Marschall von St. André, wie Herr von Guise?«

»Wie sie.«

»Ob Du nun die Wahrheit sagst oder nicht, gute Frau, da Du mir ankündigst, daß ich in guter Gesellschaft sterben werde, so nimm das für Deine Mühe.«

Und er gab ihr nicht ein einziges Goldstück, wie der Herzog von Guise gethan hatte, sondern seine ganze Börse.

»Meine Gott« gnädigster Herr«« sagte die Alte, indem sie dem Prinzen die Hand küßte, »daß die arme Zauberin sich täusche und die Weissagung nicht in Erfüllung gehe.«

»Und wenn sie trotz Deines Wunsches dennoch in Erfüllung geht, gute Frau« so verspreche ich Dir künftig an Zauberei zu glauben. Freilich,« fügte er lachend hinzu, »wird es dann fast etwas zu spät sein.«

Einen Augenblick herrschte düsteres Schweigen, während dessen man den Regen langsam herabfallen hörte.

»Nun«« sagte der Prinz, »das Unwetter läßt nach. Lebt wohl, Herr Marschall, lebt wohl, Herr Herzog; man erwartet mich um neun Uhr im Hotel Coligny; ich muß mich also wieder aus den Weg machen.«

»Ei wie, Prinz« bei diesem Unwetter?« fragte Charlotte.

»Mein Fräulein,« sagte der Prinz, »ich danke Euch aufrichtigst für Eure Besorgtheit; aber ich habe vom Blitz und Donner Nichts zu fürchten, da ich ermordet werden soll.«

Nachdem der Prinz sofort seine beiden Waffenbrüder begrüßt, auf Fräulein von St. André aber einen Blick geheftet hatte, welcher das junge Mädchen zwang die Augen niederzuschlagen, verließ er die Herberge, und einen Augenblick darauf hörte man auf der Straße von Paris den raschen Galopp eines Pferdes.

»Laß die Kutsche verfahren, Jacques,« sagte der Marschall. »Wenn man den Prinzen um neun Uhr im Hotel Coligny erwartet, so erwartet man uns um zehn Uhr im Tournellespalast.«

Die Kutsche kam. Der Marschall von St. André, seine Tochter und der Herzog von Guise setzten sich hinein.

Lassen wir diese Gesellschaft hinter dem Prinzen von Condé her nach Paris fahren, wir werden sie später dort wieder treffen.

Stellen wir nur noch neben die Namen der drei Personen, welchen die Hexe den Tod durch Mörderhand prophezeit hatte, die Namen der drei andern, denen sie vorhergesagt, daß sie Mörder werden sollten, so haben wir auf der einen Seite den Herzog von Guise, den Marschall von St. André, den Prinzen von Condé; auf der andern Poltrot de Mere, Baubigny de Mezieres, Mentesquiou.

Ohne Zweifel hatte die Vorsehung diese sechs Männer im Wirthshaus zum rothen Roß zusammengeführt, um den Einen wie den Andern eine Warnung zukommen zu lassen, die sich bei beiden Theilen als gleich unnütz erwies.




I.

Triumphzug des Präsidenten Minards


Dienstag den 18. December 1559, sechs Monate nach dem Landifest, Nachmittags gegen drei Uhr, bei einem so schonen Sonnenuntergang, als man in dieser vorgerückten Jahreszeit nur wünschen konnte, ritt der Parlamentsrath, Meister Anton Minard, auf einem Maulthier von so armseligem Ansehen, daß es den schmutzigen Geiz seines Eigenthümers aufs Handgreiflichste verrieth, mitten in der alten Templestraße.

Meister Anton Minard, auf welchen wir die Blicke unserer Leser für eine Weile lenken wollen war ein Mann von etwa sechzig Jahren, dick und bausbäckig, und ließ die blonden Locken seiner Perücke cokett im Winde flattern.

Sein Gesicht muß in gewöhnlichen Zeiten die vollendetste Seligkeit ausgedrückt haben; sicherlich hatte niemals ein Kummer die glatte, leuchtende und runzellose Stirne verdüstert Keine Thräne hatte unter diesen dicken, stark hervorstehenden Augen ihre Furche gegraben; kurz und gut, blos egoistische Sorglosigkeit und gemeine Lustigkeit waren mit ihrem Firniß über das Roth dieses blühenden Gesichtes gefahren, das majestätisch von einem dreifachen Kinn getragen wurde.

Aber an diesem Tag strahlte das Gesicht des Präsidenten Minard ganz und gar nicht in seinem gewöhnlichen Heiligenschein; denn obschon er nur noch vierhundert Schritte von seinem Hause hinweg und folglich, wie man sieht, die Entfernung nicht mehr groß war, so schien er doch nicht mit Sicherheit auf seine glückliche Ankunft daselbst zu rechnen, und daraus folgte, daß sein Gesicht, der Spiegel seiner Gewüthsbewegungen, die peinlichste Unruhe ausdrückte.

In der That war die Volksmenge, welche das Geleite des würdigen Präsidenten bildete, weit entfernt ihm Freude zu machen. Seit er ausgeritten war, hatte sich ein ungeheurer Menschenhaufen um ihn gesammelt, und schien sich ein wahres Vergnügen daraus zu machen ihm übel mitzuspielen: die allerärgsten Schreie; und Krakeler in der Hauptstadt den allerchristlichsten Königreichs schienen sich verabredeter Maßen an dem Platze des Justizpalastes eingefunden zu haben, um den brauen Mann bis nach Hause zu geleiten.

Welche Gründe entfesselten doch die Mehrheit seiner Mitbürger gegen den würdigen Meister Minard?

Wir wollen sie möglichst kurz auseinandersetzen.

Meister Minard hatte so eben einen der mit allein Recht geachtetsten Männer von Paris, seinen Collegen im Parlament, seinen Bruder in Gott den tugendhaften Rath Anne Dubourg, zum Tod verurtheilen lassen.

Welches Verbrechen hatte hier begangen? Dasselbe wie der Athenienser Aristides. Man nannte ihn den Gerechten. Folgendes waren die Ursachen des Processes, der sechs Monate währte und so eben ein für den armen Rath so fatales Ende genommen hatte.

Im Juni 1559 hatte Heinrich II. auf die dringenden Vorstellungen des Cardinals von Lothringen und seines Bruders Franz von Guise, die von der französischen Geistlichkeit als Gesandte Gottes zur Vertheidigung und Erhaltung der katholischen, apastolischen und römischen Religion ernannt worden waren, Heinrich II. hatte ein Edict erlassen, wodurch das Parlament gezwungen wurde sämmtliche Lutheraner ohne Ausnahme und ohne Gnade zum Tod zu verurtheilen.

Als nun diesem Edicte zum Trotz einige Räthe einem Hugenotten aus dem Gefängniß geholfen hatten, da überredeten der Herzog von Guise und der Cardinal von Lothringen, die auf nichts Geringeren als auf die gänzliche Vertilgung der Protestanten ausgingen, den König, daß er am 10. Juni im großen Saal des Augustinerklosters eine öffentliche Gerichtssitzung halten solle. In diesem Kloster nämlich befand sich der Hof für den Augenblick, weit der Palast selbst durch die Vorbereitungen für die Feste bei der Doppelhochzeit den Königs Philipp II. mit Madame Elisabeth, und der Madamoiselle Margareth mit dem Prinzen Emanuel Philibert in Anspruch genommen war.

Drei- oder viermal im Jahr versammelten sich sämmtliche Kammern oder Gerichte des Hofes um einer einzigen von ihnen, welche man die große Kammer nannte, und diese Versammlung wurde vorzugsweise am Mittwoch abgehalten, daher sie auch den Namen Mercuriale führte.

Der König begab sich also am Tag der Mercuriale ins Parlament und eröffnete die Sitzung mit der Frage, warum man sich erlaubt habe Protestanten in Freiheit zu setzen, und woher es komme, daß man das Edict, das ihre Verurtheilung ausspreche, nicht gerichtlich eingeschrieben habe.

Fünf Räthe erhoben sich von einem und demselben Gefühl getrieben, und Anne Dubourg sprach in seinem und seiner Collegen Namen mit fester Stimme:

»Weil dieser Mann unschuldig war, und weil das menschliche Gewissen gebietet einen Unschuldigen zu befreien, auch wenn er Hugenotte ist.«

Diese fünf Räthe hießen Dufaur, Fumée, de Poix, de la Porte und Anne oder Anton Dubourg.

Dubourg war es, wie gesagt, der die Antwort übernommen hatte. Er fügte also hinzu:

»Was das Edict betrifft, Sire, so kann ich dem König nicht rathen es gerichtlich einschreiben zu lassen. Ich verlange im Gegentheil, daß man die Verurtheilungen, die es enthält, einstelle, bis die Meinungen derjenigen, die man so leichthin aufs Schaffot schickt, vor einem Rath reiflich erwogen und gründlich erörtert worden sind.«

In diesem Augenblick trat der Präsident Minard dazwischen und verlangte den König unter vier Augen zu sprechen.

Es war dies, sagt Condé in seinen Memoiren, ein verschmitzter, heimtückischer, wollüstiger und unwissender Mann, aber ein gewandter Ränkeschmied und Complottmacher. Da er dem König und den Häuptern der römischen Kirche zu Gefallen sein wollte und überdieß fürchtete, die Meinung eines Dubourg könnte durchdringen, so gab er dem König zu verstehen, die Räthe seines Hofes seien beinahe sämmtlich Lutheraner, sie gehen darauf aus ihm Macht und Krone zu rauben, sie begünstigen die Lutheraner, es sei gräulich anzuhören, wie Einige unter ihnen von der heiligen Messe sprechen, sie bekümmern sich Nichts um Gesetze und königliche Ordonnanzen, sie rühmen sich ganz laut, daß sie die selben verachten, sie kleiden sich nach maurischer Sitte, die Meisten von ihnen gehen häufig in die Versammlungen, aber niemals in die Messe, und wenn er das Uebel nicht gleich bei dieser Mercuriale in seiner Wurzel abschneide, so sei die Kirche für immer verloren.

Kurz und gut, mit Hilfe des Cardinals von Lothringen beschwatzte er den König und brachte ihn dermaßen in Harnisch, daß er den Herrn von Lorges, Grafen von Montgomery, Capitän der schottischen Garde, und Herrn von Chavigny, Capitän seiner gewöhnlichen Garde, rufen ließ, und ihnen Befehl ertheilte die fünf Räthe festzunehmen und unverzüglich nach der Bastille zu führen

Kaum war diese Verhaftung vorgenommen, so sah auch schon Jedermann ihre Folgen voraus die Guise wollten den Hugenotten durch eine furchtbare Execution Angst einjagen, und man betrachtete, wenn auch nicht alle fünf Räthe, doch wenigstens den bedeutendsten unter ihnen, nämlich Anna Dubourg, als verloren

Schon am folgenden Tag war daher nachstehen des Verschen, das die Namen der fünf Angeklagten enthielt und vermöge der Gruppirung dieser Namen eine Idee von dein Schicksal gab, das den Führer der hugenottischen Opposition erwartete, in ganz Paris verbreitete


Par Poix, da la Porte, du Faux, J'aporcois du Bourg, la Fumée

Wie dem nun sein mag, die fünffache Verhaftung, die irgend einem Schöngeist der Zeit diesen schlechten Vers eingegeben, rief in der ganzen Stadt Paris, und in Folge dessen in allen Städten Frankreichs, ganz besonders aber in den nördlichen Provinzen eine Art von Verblüfftheit und Bestürzung hervor. Man kann sogar die Verhaftung dieses ehrlichen Anne Dubourg als die Hauptursache der Verschwörung von Amboise sowie sämmtlicher Unruhen und Schlachten betrachten, die vierzig Jahre lang Frankreichs Boden blutig färbten.

Deshalb verweilen wir, man verzeihe es uns also, in diesem ersten Kapitel bei allen geschichtlichen Thatsachen, auf denen das vollständige Baugerüste dieses neuen Buches beruht, das wir unsern Lesern in aller Demuth, aber mit dem Vertrauen, woran ihre lange Sympathie uns gewöhnt hat, vor Augen legen.

Vierzehn Tage nach dieser Verhaftung Freitag den 25. Juni, am dritten Tag des Tourniers, welches der König im Tournellesschloß gab, ganz Inder Nähe derselben Bastille, wo die gefangenen Räthe die Zinken, Trompeten und Hobden des Festes erklingen hörten, ließ der König den Capitän seiner schottischen Garbe, diesen selben Grafen von Montgomery, der nebst Herrn von Chavigny die fünf Räthe ins Gefängniß abgeführt hatte, kommen, und befahl ihm unverzüglich gegen die Lutheraner in Caux-les-Tournois auszuziehen.

Dabei wurde dem Grafen von Montgomery aufgegeben, alle diejenigen, die der Kezerei über wiesen wären, über die Klinge springen, sie der Folter unterwerfen, ihnen die Zunge ausschneiden und sie zuletzt bei langsamem Feuer verbrennen zu lassen; denjenigen, die nur verdächtig wären sollten blos die Augen anegestochen werden.

Nun geschah es, daß fünf Tage, nachdem König Heinrich II seinem Capitän der schottischen Garde diesen Befehl ertheilt hatte, Gabriel von Lorges, Graf von Montgomery, den König Heinrich mit seiner Lanze erstach.

Der Eindruck dieses Todes war so groß, daß er vier von den fünf verhafteten Räthen rettete, und daß die Hinrichtung des fünften verschoben wurde. Einer von den fünf wurde freigesprochen drei wurden zu Geldstrafen verurtheilt. Anne Dubourg allein mußte für die andern büßen, War er nicht der Wortführer gewesen?

Wenn nun die Guise die leidenschaftlichen Aufhetzer zu diesen Edicten waren, so war einer der leidenschaftlichsten Anführer derselben dieser heuchlerische Präsident Anton Minard, den wir in der alten Templestraße verlassen haben, wie er auf einem widerspenstigen Maulthier zwischen einem doppelten Spalier von entrüsteten Bürgern ritt, die ihn mit schrecklichem Geschrei, Beschimpfungen und Drohungen verfolgten.

Und wenn wir sagten, er habe, obschon er nur noch hundert Schritte von seinem Haus entfernt gewesen, dennoch keine Sicherheit gehabt mit heiler Haut heimzukommen, so haben wir die Lage nicht schlimmer gemacht, als sie wirklich war, denn Tags zuvor war am hellen Tag ein Parlamentsschreiber Namens Julian Fresne aus unmittelbarer Nähe mit einem Pistol erschossen worden, als er eben in den Justizpalast gehen wollte, um, wie man sagte, einen Brief vom Herzog von Guise zu über bringen, worin derselbe seinen Bruder, den Cardinal von Lothringen, aufforderte, die Verurtheilung von Anne Dubourg zu beschleunigen.

Daraus folgt, daß dieser Mord, dessen Urheber man nicht hatte ermitteln können, natürlich dem Gedächtniß des Präsidenten vorschwebte, und daß das Gespenst des armen, Tags zuvor erschossenen Schreibers hinter ihm aus dem Maulthier saß.

Dieser Reisegesellschafter war es, der den Präsidenten so blaß machte und die krampfhaften Bewegungen seiner Fersen veranlaßte, womit er sein halsstarriges Thier bearbeitete, das darum keineswegs schneller ging.

Gleichwohl kam er mit heiler Haut vor seinem Hause an; ich schwöre Euch, und wenn er noch lebte, so würde er selbst Euch schwören, daß es höchste Zeit war.

In der That drängte sich die Menge, erbittert durch sein Stillschweigen, das blos die Folge seiner Angst war, worin sie aber einen Beweis seiner Bosheit fürchtete, allmählig immer dichter um ihn, so daß er in förmliche Gefahr gerieth erstickt zu werden.

Nun gelangte der Präsident Minard, so sehr ihn auch die Fluthen dieses stürmischen Meers bedroht hatten, gleichwohl sicher in den Hafen zur großen Beruhigung seiner Familie, welche alsbald die Thüre hinter ihm verriegelte und fest verschloß.

Der würdige Mann hatte über diese Gefahr dermaßen den Kopf verloren, daß er sein Maulthier an der Thüre vergaß, was er bei einer andern Gelegenheit gewiß nicht gethan hätte, obschon es mit zwanzig Sous Parisis sehr gut und weit über seinen Werth bezahlt gewesen wäre.

Und es war ein großes Glück für ihn, daß er sein Maulthier vergaß, denn als dieses gute Pariservolk, das so leicht von Drohungen zum Lachen und vom Furchtbaren zum Grotesken übergeht, sah, daß man ihm Etwas ließ, so begnügte es sich mit Dem was man ihm ließ und nahm das Maulthier statt des Präsidenten.

Was unter den Händen des Janhagels aus dem Maulthier wurde, sagt die Geschichte nicht. Lassen wir also das Maulthier und folgen wir seinem Herrn ins Innere seiner Familie.




II.

Das Geburtsfest des Präsidenten Minard


Wir bekümmern uns sehr wenig, nicht wahr, liebe Leser um die Besorgnisse, welche das lange Ausbleiben des Präsidenten Minard bei seiner Familie hervorgerufen hatte. Wir werden uns also nicht mehr damit beschäftigen, sondern uns sogleich der Familie anschließen, wie diese sich ihrem Oberhaupt angeschlossen hatte, und mit ihr in den Speisesaal gehen, wo das Abendessen aufgetragen war.

Werfen wir einen flüchtigen Blick auf die Gäste, dann wollen wir auch ihre Unterhaltung belauschen.

Keiner der Gäste, die am Tisch saßen, würde auf den ersten Blick die Sympathie eines intelligenten Beobachters erregt haben. Es war eine Musterkarte von all den nichtssagenden oder einfältigen Physiognomien, die man in allen Klassen der Gesellschaft wiederfindet.

Jedes Mitglied der Familie des Präsidenten Minard trug den Wiederschein der Gedanken, die es bewegten, auf seinem Gesicht. Alle diese Gedanken krochen und wimmelten in den Nebeln der Unwissenheit oder in den Niederungen der Gemeinheit.

Bei den Einen war es das Interesse, bei den Andern der Egoismus, bei Diesen der Geiz, bei Jenen der Knechtssinn.

Man sah hier einen scharfen Gegensatz gegen die Menge, welche, gleich dem Sclaven hinter dem Wagen des römischen Triumphators, dem Präsidenten Minard so eben zugerufen hatte: »Erinnere Dich, Minard, daß Du sterblich bist!« Die Mitglieder dieser Familie, die sich zur Jahresfeier seiner Ernennung zum Präsidenten, welche mit seinem Geburtstag zusammenfiel, versammelt halten, warteten sammt und sonders nur auf ein Wort aus seinem Munde, um ihn zu der glänzenden Rolle, die er so eben beim Proceß seines Collegen gespielt, zu beglückwünschen und auf das glückliche Ergebniß dieses Processes d. h. auf das Todesurtheil gegen Herrn Dubourg zu trinken; und als Minard auf seinen Lehnstuhl sank, sich mit dem Schnupftuch über die Stirne fuhr und sagte: »Ah wahrhaftig, ihr lieben Leute, heute haben wir eine stürmische Sitzung gehabt!« da brachen Alle in lautes Geschrei aus, wie wenn sie nur auf dieses Signal gewartet hätten.

»Schweigt, großer Mann!« sprach ein Neffe, der im Namen Aller das Wort führte; »sprecht nicht, sondern ruhet von Euren Strapazen aus und erlaubet uns den Schweiß zu trocknen, der von Eurer edlen Stirne fließt. Heute ist der Jahrestag Eurer Geburt, dieser große Tag, so glorreich für Eure Familie Und für das Parlament, zu dessen glänzendsten Leuchten Ihr gehöret. Wir sind versammelt, um ihn zu feiern, aber wir wollen noch einige Augenblicke warten. Schöpfet Athem; trinket ein Glas von diesem alten Burgunden und dann werden sogleich auch wir auf die Erhaltung Eures kostbaren Lebens trinken; aber ums Himmelswillen, hemmet den Lauf desselben nicht durch eine Unvorsichtigkeit. Eure Familie fleht Euch an, daß Ihr Euch ihr erhaltet, daß Ihr der Kirche ihre festeste Stütze, Frankreich einen seiner berühmtesten Söhne erhalten möget.«

Auf diese kleine Rede, welche der Form nach schon in jener antiken Zeit veraltet war, wollte der Präsident Minard mit Thränen in den Augen antworten, allein die dürren Hände seiner Frau und die fleischigen Hände seiner Fräulein Töchter verschlossen ihm den Mund, und verhinderten ihn zu sprechen. Endlich nach einigen Minuten Ruhe wurde Herrn Minard das Wort zurückgegeben, und ein langes Bst lief durch die Reihen der Anwesenden damit selbst die Diener, die hinter den Thüren standen, keine Sylbe von der Antwort des beredten Rathes verlieren sollten.

»Ach, meine Freunde,« konnte er endlich beginnen, »meine Brüder, meine Verwandten, meine tugendhafte und vielgeliebte Familie, ich danke Euch für Eure Freundschaft und Eure Lobsprüche; aber ich verdiene sie auch in Wahrheit, oh meine zärtliche Familie! denn ich kann ohne Stolz oder wenn Ihr lieber wollt, mit einem edlen Stolz sagen, ja ich kann laut sagen, daß ohne mich, ohne meine Ausdauer und ohne meine Hartnäckigkeit, der Ketzer Anne Dubourg zu dieser Stunde freigesprochen wäre wie seine Mitschuldigen: Poix, Fumée, du Faux und de la Porte; aber meinem energischen Willen hat mans zu verdanken, daß die Partie gewonnen worden ist, und ich habe, fuhr er fort, indem er seine Augen als Zeichen des Dankes zum Himmel aufschlug, »ich habe, Gott sei Dank, so eben die Verurtheilung dieses elenden Hugenotten aussprechen lassen.«

»Vievat hoch!« rief die Familie, indem sie mit ihren Armen in die Höhe fuhr, wie aus einem Munde. »Es lebe unser hochberühmte Verwandter! Es lebe der Mann, der sich stets gleich geblieben ist! Es lebe der Mann, der bei jeder Geleigenheit die Feinde des Glaubens zu Boden schlägt! Hoch lebe der grobe Präsident Minard!«

Und die Bedienten hinter der Thüre, die Köchinnen der Küche, der Stallknecht im Stall, riefen alle nach:

»Hoch lebe der große Präsident Minard!«

»Dank, meine Freunde, Dank!« sagte der Präsident mit salbungsvoller Stimme, »Dank! Aber zwei Männer, zwei große Männer, zwei Prinzen haben auch ein Recht auf diese Lobsprüche, die Ihr an mich verschwendet: ohne sie, ohne ihre Unterstützung, ohne ihren Einfluß, würde ich diesen glorreichen Handel niemals zu Ende geführt haben. Diese beiden Männer, meine Freunde, sind der Herzog von Guise und Seine Eminenz der Cardinal von Lothringen. Nachdem Ihr auf meine Gesundheit getrunken, meine Freunde, laßt uns auch auf die ihrige trinken, und möge Gott diesen beiden großen Staatsmännern ein langes Leben schenken!«

Man brachte die Gesundheit des Herzogs von Guise und des Cardinals von Lothringen aus; aber Frau Minard bemerkte, daß ihr huldreicher Gemahl das Glas kaum mit seinen Lippen berührte und es wieder auf den Tisch stellte, während irgend eine Erinnerung wie eine Wolke über seinen Kopf hinzog und mit ihrem Schatten seine Stirne verdüsterte.

»Was habt Ihr mein Lieber?« fragte sie, »und woher kommt diese plötzliche Traurigkeit?«

»Ach!« sagte der Präsident, »es gibt keinen vollständigen Triumph, keine ungemischte Freude! Eine melancholische Erinnerung drängt sich nur auf.«

»Und welche melancholische Erinnerung kann sich Euch im schönsten Augenblick Eures Triumphes aufdrängen, theurer Gemahl?« fragte die Präsidentin.

»Im Augenblick, als ich auf ein langes Leben für Herrn von Guise und seinen Bruder trank, fiel es mir ein, daß gestern ein Mensch ermordet worden ist, welchen sie an mich abzusenden mir die Ehre erwiesen.

»Ein Mensch!« rief die Familie

»Das heißt ein Canzleischreiber,« versetzte Minard.

»Wie! Einer Eurer Canzleischreiber ist gestern ermordet worden.«

»Ach mein Gott, ja.«

»Wirklich?«

»Ihr kennt doch Julian Fresne?« fragte der Präsident Minard.

»Julian Fresne?« rief ein Verwandter, »ja, Wir kennen ihn allerdings.«

»Ein eifriger Katholik,« sagte ein Zweiter.

»Ein sehr rechtschaffener Mann,« bemerkte ein Dritter.

»Ich habe ihn gestern in der Rue Barre-du-Bec getroffen, als er gerade aus dem Hotel Guise kam und, wie er mir sagte, nach dem Palais gehen wollte.«

»Nun wohl, Das ist es gerade: er wollte dem Herrn Cardinal von Lothringen aus Auftrag seines Bruders, des Herzoge von Guise, eine Depesche überbringen, die mir mitgetheilt werden sollte. und da wurde er in der Nähe der Notre-Damebrücke ermordet.«

»Oh!« rief die Präsidentin, »welch ein Gräuel!«

»Ermordet!« wiederholte die Familie im Chor, »ermordet! Abermals ein Märtyrer!«

»Man hat doch wenigstens den Mörder verhaftet?« fragte die Präsidentin ihren Gemahl.

»Man kennt ihn nicht«« antwortete Dieser.

»Man hat doch Vermuthungen?« fragte die Präsidentin.

»Man hat sogar Gewißheiten.«

»Gewißheiten?«

»Ja; wer soll es anders sein, als ein Freund von Dubourg?«

»Ganz gewiß ist es ein Freund von Dubourg,« wiederholte die ganze Familie; »wer soll es bei Gott anders sein, als ein Freund von Dubourg?«

»Hut; man Jemand verhaftet?« fragte die Präsidentin.

»Ungefähr hundert Personen; ich selbst habe mehr als dreißig bezeichnet.«

»Man müßte sehr Unglück haben,« sagte eine Stimme, »wenn sich der Mörder nicht unter diesen hundert Personen vorfinden sollte.«

»Wenn er nicht darunter ist,« erklärte der Präsident, »so wird man noch hundert andere, ja noch zwei oder dreihundert verhaften.«

»Die Schurken!« meinte ein achtzehnjähriges Fräulein, »man sollte sie Alle zusammen verbrennen.«

»Man denkt daran,« antwortete der Präsident, »und der Tag, wo man den massenhaften Tod der Protestanten beschlossen haben wird, wird ein schöner Tag für mich sein.«

»Oh welch ein rechtschaffener Mann Ihr seid, mein Gemahl!« sagte die Präsidentin mit Thränen in den Augen.

Die beiden Töchter des Herrn Minard begannen ihren Vater zu küssen.«

»Und weiß man, was der Brief des Herzogs enthielt?« fragte die Präsidentin.

»Nein,««antwortete Minard, »gerade das hat den Hof heute so lebhaft beschäftigt; aber man wird es morgen erfahren, da der Herr Cardinal von Lothringen heute Abend seinen erlauchten Bruder besuchen wird.«

»Der Brief ist also gestohlen worden?«

»Ohne Zweifel, und es ist sogar wahrscheinlich, daß der arme Julian Fresne blos deswegen er mordet wurde, weil er Ueberbringet dieses Briefes war. Nachdem der Mörder sich desselben bemächtigt und die Flucht ergriffen, hat man Bogenschützen ausgeschickt, um auf ihn zu fahnden. Die ganze Schaarwache und sämmtliche Mannschaft des Herrn von Monchy sind heute früh auf den Beinen; aber diesen Abend um fünf Uhr hatte man noch keine Nachrichten.«

In diesem Augenblick trat eine Dienerin ein und meldete Herrn Minard, daß ein Unbekannter als Ueberbringer des Briefs, der gestern Abend Julian Fresne durch einen Mörder entwendet worden« ihn augenblicklich zu sprechen verlange.

»Oh, laßt ihn sogleich hereinkommen!« rief der Präsident strahlend vor Freude. »Gott belohnt meinen Eifer für seine heilige Sache, indem er diese kostbare Depesche in weine Hände fallen läßt.«

Fünf Minuten nachher führte die Dienerin den Unbekannten ein, und Herr Minard sah einen jungen Manns von vier- bis fünfundzwanzig Jahren mit rothen Haaren, blondem Bart, lebhaftem eindringlichem Blick und blassem Gesichte. Auf die Einladung des Präsidenten setzte er sich auf der andern Seite des Tisches ihm gegenüber.

Es war derselbe junge Mann, der, als er sich auf dem Ufer zurückzog, zu den Mördern seines Freundes Medardus gesagt hatte, man würde vielleicht eines Tags von ihm hören.

Es war Robert Stuart.

Der junge Mann hatte, bevor er sich setzte, höflich und mit einem Lächeln auf den Lippen die ganze Gesellschaft begrüßt; dann hatte er einen Stuhl genommen, so daß er den Präsidenten vor und die Thüre hinter sich hatte.

»Mein Herr,« sagte Robert Stuart, indem er sich an den Präsidenten selbst wandte, »ich habe doch wohl die Ehre mit dem Herrn Präsidenten Anton Minard zu sprechen?«

»Ja wohl, mein Herr, gewiß,« antwortete der Präsident sehr erstaunt darüber, daß man in der Phosiognomik Ignorant genug sein könne, um nicht auf seinem Gesicht zu lesen, daß nur er allein der berühmte Minard sein könne und wirklich sei. »Ja, mein Herr, ich bin der Präsident Minard.«

»Seht gut, mein Herr,« fuhr der Unbekannte fort, »und wenn ich diese Frage an Euch gerichtet habe, die Euch auf den ersten Blick indiscret erscheinen könnte, so werdet Ihr aus der Folge er sehen, daß ich dieß blos that, weil ich durchaus jede Verwechslung zu vermeiden wünsche.«

»Um was handelt es sich, mein Herr?« fragte der Beamte. »Man hat mir gesagt, daß Ihr Mir die Depesche zu übergeben wünschet, welche der unglückliche Julian Fresne bei sich trug, als er ermordet wurde.«

»Man ist vielleicht etwas zu weit gegangen, mein Herr,« sagte der junge Mann mit unendlicher Höflichkeit »wenn man Euch meldete, daß ich Euch diese Depesche überreichen würde. Ich habe in dieser Beziehung Nichts versprochen, und ich werde sie Euch geben oder auch behalten, je nachdem Ihr mir eine Frage beantwortet, die ich an Euch zu stellen die Ehre haben werde: Ihr begreift, mein Herr, daß ich, um in den Besitz eines so wichtigen Papieres zu kommen, mein Leben riskiren mußte Man riskirt sein Leben nicht, wenn man nicht ein großes Interesse dabei hat, das wißt Ihr, der Ihr im menschlichen Herzen zu lesen gewohnt seid, Recht wohl. Damit also auch hierüber kein Mißverständniß aufkommen kann, habe ich die Ehre Euch zu wiederholen, daß ich Euch diese Depesche nur dann überreichen werde, wenn ich mit Eurer Antwort auf meine Frage zufrieden bin.«

»Und worin besteht diese Frage, mein Herr?«

»Herr Präsident, Ihr wißt besser als irgend Jemand, daß in einer wohlgeordneten Instuction Alles seiner Reihe nach kommt: ich kann Euch also meine Frage erst in einem Augenblick sagen.«

»Ihr habt jedoch die Depesche bei Euch?« »

»Hier ist sie, mein Herr.«

Und der junge Mann zog ein versiegeltes Papier aus der Tasche und zeigte es dem Präsidenten.

Der erste Gedanke Minards war, das muß man gestehen, eines Halunken würdig: er dachte daran, seinen Vettern und Neffen, welche diese Besprechung mit einer gewissen Ueberraschung anhörten, ein Zeichen zu geben, daß sie über den Unbekannten herfallen ihm die Depesche entreißen und ihn dann in die Gefängnisse des Chatelet zu den hundert Personen schicken sollten, die wegen der Ermordung des Canzleischreibers Julian Fresne bereits verhaftet waren.

Aber außer der Entschlossenheit, die auf dem Gesicht des jungen Mannes abgeprägt war, welches alle Kennzeichen einer bis zur Halsstarrigkeit getriebenen Willensstärke trug, so daß der Präsident fürchtete, er möchte nicht die nöthige materielle Macht besitzen, um sich des Pergaments zu bemächtigen, dachte er auch, er würde vermöge seiner außerordentlichen Gewandtheit und Feinheit mit List weit eher zum Ziel gelangen als mit Gewalt; er that sich also Zwang an, und da die elegante Haltung des jungen Mannes, sowie seine sorgfältige, obschon strenge Kleidung zum Voraus die Einladung rechtfertigte, die er an ihn zu erlassen gedachte, so ersuchte er ihn, sich an den Tisch zu setzen und mit ihnen zu soupiren, damit er der Entwicklung seiner Erzählung alle nothwendige Zeit widmen könnte.

Der junge Mann dankte ihm höflich, lehnte aber seine Einladung ab.

Der Präsident ersuchte ihn, wenigstens eine Erfrischung anzunehmen, aber der junge Mann lehnte dankend wiederum ab.

»So sprecht doch, mein Herr,« sagte Minard, »und da Ihr Nichts annehmen wollt, so bitte ich Euch um Erlaubniß mein Mahl fortzusetzen; denn ich gestehe Euch offen, daß ich einen gewaltigen Hunger habe.«

»Immer zu, mein Herr!« antwortete der junge Mann, »und guten Appetit! Die Frage, die ich an Euch zu richten habe, ist von solcher Wichtigkeit, daß einige Vorfragen zu ihrem Verständnis, nöthig werden. Eßt, Herr Präsident, ich werde fragen.«

»Fragt, mein Herr; ich esse,« sagte der Präsident.

Und wirklich begann er, indem er seinen Gästen ein Zeichen gab es ihm gleichzuthun, mit einem Appetit zu essen, der das gegebene Programm nicht Lügen strafte

»Mein Herr,« begann der Unbekannte langsam mitten unter dem Geräusch von Gabeln und Messern, das indeß Jeder möglichst zu dämpfen suchte, um kein Wort von der bevorstehenden Erzählung zu verlieren, »mein Herr, Ihr müßt aus meinem Accent bereits ersehen haben, daß ich ein Ausländer bin?«

»In der That,« antwortete der Präsident mit vollem Mund, »Ihr habt etwas Englisches in Eurem Accent.«

»Es ist wahr, mein Herr, und Euer gewöhnlicher Scharfblick hat sich in Beziehung auf mich bewährt, Ich bin in Schottland geboren und würde noch dort sein, wenn nicht ein Ereigniß, das ich Euch nicht zu erzählen brauche, mich genöthigt hätte nach Frankreich zu kommen. Einer meiner Landsleute, ein feuriger Anhänger von Knox. . .«

»Ein englischer Ketzer, nicht wahr, mein Herr,« fragte der Präsident Minard, indem er sich ein volles Glas Burgunder einschenkte.

»Mein vielgeliebter Lehrer,« antwortete der Unbekannte sich verbeugend.

Herr Minard sah seine ganze Gesellschaft mit einer Miene an, welche deutlich sagte: »Gebt wohl Acht, ihr lieben Leute, Ihr werdet da schöne Dinge zu hören bekommen.«

Robert Stuart fuhr fort:

»Einer meiner Landsleute, ein feuriger Anhänger von Knor, befand sich vor einigen Tagen in einem Haus, wohin ich selbst zuweilen komme: man sprach da vom Todesurtheil gegen den Rath Anne Dubourg.«

Die Stimme des jungen Mannes zitterte, als er diese legten Worte sprach, und sein schon vorher blasses Gesicht wurde noch blässer.

Nichtsdestoweniger wollte er fortfahren, ohne daß seine Stimme die Veränderung auf seinem Gesichte zu theilen schien; aber als er bemerkte, daß alle Blicke sich gegen ihn kehrten, sagte er:

»Als mein Landsmann nur den Namen Anne Dubourg aussprechen hörte, erblaßte ersichtlich wie vielleicht ich selbst in diesem Augenblicke thue, und fragte die Personen, die von dieser Verurtheilung sprachen, ob es möglich sei, daß das Parlament eine solche Ungerechtigkeit begehe.«

»Mein Herr,« rief der Präsident, der seinerseits beinahe seinen Mund nicht mehr fand, als er diese ungewohnten Worte hörte. »Ihr wißt doch daß Ihr mit einem Mitglied des Parlaments sprecht, nicht wahr?«

»Entschuldigt, mein Herr,« antwortete der Schotte, »mein Landsmann ist es, der sich so ausdrückte; er sprach nicht von einem Parlamentsmitglied, sondern vor einem einfachen Canzleischreiber des Parlarments Namens Julian Fresne, der gestern ermordet worden ist. Julian Fresne beging jetzt die Unvorsichtigkeit vor meinem Landsmann zu sagen: Ich habe in meiner Tasche ein Schreiben von dem gnädigsten Herrn Herzog von Guise, worin er dem Parlament des Königs bedeutet, daß es die Geschichte mit einem gewissen Anne Dubourg endlich einmal abmachen und denselben so schnell als möglich abfertigen solle.«

»Als mein Landsmann diese Werte hörte, schauderte er und wurde noch blässer, er erhob sich, ging auf Julian Fresne zu und bestürmte ihn mit allen erdenklichen Bitten, er möchte diesen Brief nicht forttragen; er stellte ihm vor, daß, wenn Anne Dubourg verurtheilt würde ein Theil der Todesschuld auf ihn selbst zurückfalle, allein Julian Fresne war unerbittlich.«

»Mein Landsmann grüßte den Canzleischreiber und erwartete ihn vor dem Hause; er ließ ihn einige Schritte thun, dann ging er auf ihn zu Julian Fresne, sagte er ganz leise und in sanftesten Ton, aber mit der größten Festigkeit zu ihm, Du hast die ganze Nacht, um zu überlegen; aber wenn Du morgen um diese Stunde Deine Absicht ausgeführt oder nicht aufgegeben hast, so bist Du des Todes.«

»Oh! Oh! machte der Präsident.

»Und auf gleiche Weise,« fuhr der Schotte fort, »werden alle Diejenigen sterben, die mittelbar oder unmittelbar zum Tode von Anne Dubourg mitgewirkt haben.«




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