König Lear der Steppe
Iwan Sergejewitsch Turgenew




lvan S. Turgenev

König Lear der Steppe



Wir waren an einem Winterabend bei einem alten Universitätsfreunde versammelt. Das Gespräch kam auf Shakespeare. Es war ein hoher Genuß für uns, seine so tiefen wie wahren Gestaltungen, die gleichsam ans dem Innersten des menschlichen Wesens herausgebildet sind, wieder einmal vor uns vorüberziehen zu lassen. Wir bewunderten ihre ewige Frische, ihre Lebenswärme. Jeder von uns erinnerte sich, einem Doppelgänger Hamlets oder Othellos oder einem echten Fallstaff schon irgendwo begegnet zu sein, ja Einige von uns wollten in ihren Erlebnissen sogar Möglichkeiten von Richard dem Dritten und selbst Macbeth’s entdeckt haben.

»Und ich, meine Herren,« rief unser Wirth, ein schon älterer Mann, »ich kannte einen König Lear.«

»Wie?« riefen wir etwas überrascht.

»Ja der That, meine Herren; wollen Sie, daß ich Ihnen von ihm erzähle?«

»Machen Sie uns dies Vergnügen,« riefen wir, und unser Freund ließ sich nicht weiter bitten.




I


Meine ganze Kindheit, fing er an, und meine erste Jugend bis zum fünfzehnten Jahre brachte ich auf dem Lande, auf dem Gute meiner Mutter zu einer reichen Gutsbesitzerin des Gouvernements . . . Wohl als der lebendigste Eindruck dieser schon entfernten Zeit blieb in meiner Erinnerung die Figur unseres nächsten Nachbars; eines gewissen Martin Petrowitsch Charloff. Dieser Eindruck könnte auch nur l schwer verwischt werden; in meinem ganzen Leben bin ich seitdem etwas Charloff Aehnlichem nicht wieder begegnet. Stellen Sie sich einen Menschen von riesigem Wachse vor. Auf seinem Rumpfe sitzt, ein wenig zur Seite, ohne Andeutung eines Halses, ein ungeheurer Kopf darauf erhebt sich, beinahe von den struppigen Augenbrauen beginnend, ein ganzes Bündel wirrer, gelbgrauer Haare. Die Farbe des Gesichts spielte in’s Aschgraue, die Gesichtshaut schien abgeschunden zu ein. Aus der Mitte desselben ragte, wie eine Beule, eine dicke Nase hervor, blitzten selbstbewußt die blauen kleinen Augen, und öffnete sich der ebenfalls kleine, aber schiefe Mund, gleicher Farbe mit dem Gesichte und mit geborstenen Lippen. Die Stimme, welche diesem Munde entstieg, war zwar ein wenig rauh, dafür aber auch desto kräftiger und lauter . . . Ihr Klang erinnerte an das Klirren von Eisenstangen, die auf schlechtem Pflaster gefahren werden. Charloff’s gewöhnliche Art zu sprechen war daher, als ob er bei starkem Wind über ein breites Thal hin Jemand etwas zuzurufen hätte. Es fiel schwer, den Ausdruck dieses Gesichts zu bestimmen, bei seinen Dimensionen war es mit einem Blicke gar nicht zu umfassen. Abstoßend war er jedoch nicht. Bei allem Sonderbaren und Ungewöhnlichen lag in ihm etwas Imposantes. Was er für Hände hatte, wahre Kissen, und was für Finger, was für Füße! Ich erinnere mich, daß ich ohne respectvolle Angst weder auf seinen drei Ellen breiten Rücken noch aus seine Schulterblätter blicken konnte, die zwei Mühlsteinen glichen. Aber besonders staunte ich über seine Ohren. Sie sahen ganz Bretzeln ähnlich, mit denselben Krümmungen und Biegungen. Von diesen Ohren waren die Wangen ’an beiden Seiten förmlich in die Höhe gepreßt. Martin Petrowitsch trug Winter und Sommer dieselbe Casaquine aus grünem Tuch, um dieselbe einen Tscherkessengürtel geschnallt und bäuerische Stiefel. Ein Halstuch habe ich nie bei ihm gesehen; um was hatte er es auch binden sollen? Er athmete langsam und schwer wie ein Stier, aber bewegte sich ohne Geräusch. Trat er in ein Zimmer, so hätte man glauben mögen, er fürchte, Alles zu zerschlagen und umzustoßen. Er wechselte nur vorsichtig den Platz, meistens sich zur Seite bewegend und gleichsam schleichend. Er besaß eine wirklich herkulische Kraft und genoß in Folge dessen eine große Achtung im ganzen Umkreise: unser Volk liebt es, vor Riesen sich stets zu beugen. Ganze Legenden hatten sich über ihn gebildet: man erzählte, daß, als er einst allein einem Bären begegnete, er denselben niedergerungen, daß, als er in seinem Bienengarten einen Dieb aus einem anderen Dorfe getroffen, er ihn sammt Pferd und Wagen über den Zaun geschleudert habe, und Aehnliches.

Charloff selbst prahlte nie mit seiner Kraft. »Wenn ich eine gebenedeite Rechte habe, so war es Gottes Wille!« sagte er. Er war stolz, aber nicht auf seine Kraft, sondern auf seinen Stand, seine Herkunft, seinen Verstand und seine Menschenkenntniß.

»Unser Geschlecht kommt von »Wscheden« her, (so sprach er das Wort Schweden aus); vom Wscheden Charlus stammt es ab,« versicherte er. »Dieser kam während der Regierung des Iwan Wassiliewitsch des Dunklen (in der Zeit war es also!) nach Rußland, und dieser Wschede Charlus wollte kein finnischer Graf, sondern ein russischer Edelmann sein und hat sich in das goldene Buch eingezeichnet. Davon stammen wir, die Charloff’s, ab!«

»Aber Martin Petrowitsch,« versuchte ich ihm zu erwidern, »einen Iwan Wassiliewitsch den Dunklen hat es ja gar nicht gegeben; wir hatten nur einen Iwan Wassiliewitsch den Schrecklichen. Der Dunkle wurde aber der Großfürst Wassilij Wassiliewitsch genannt.«

»Lüge nur zu!« antwortete mir Charloff, »wenn ich es sage, so ist es wahr!«

Einst fiel es meiner Mutter ein, ihn wegen seiner wirklich merkwürdigen Uneigennützigkeit in’s Gesicht zu loben.

»Sie haben, Natalia Nikolaewna!« rief er beinahe ärgerlich, »auch was Gescheidtes gefunden, mich zu loben! Wir Edelleute können nicht anders, damit nicht ein Bauer, ein unterthäniger Mensch über uns etwas Schlechtes zu denken wage! Ich – Charloff, führe meine Familie von da her – (hier zeigte er mit dem Finger ganz hoch über sich auf die Decke) und ich soll keine Ehre besitzen?! Wie wäre denn das möglich?« Ein anderes Mal fiel es einem bei meiner Mutter zu Gaste weilenden hohen Beamten ein, sich über Martin Petrowitsch lustig zu machen. Dieser erzählte wieder vom »Wscheden« Charlus, der nach Rußland gekommen war . . .

»Unter dem Bohnen-König!« unterbrach der Beamte.

»Nein, nicht unter dem BohnenKönig, sondern unter dem Großfürsten Iwan Wassiliewitsch dem Dunklen.«

»Und ich meine,« fuhr die hohe Persönlichkeit« fort, »daß Ihr Geschlecht noch älter sei, und selbst in die Zeit vor der Sündfluth reicht, als es noch Mastodonten und Megaloterien gab.«

Diese gelehrten Bezeichnungen waren Martin«Petrowitsch fremd, aber er bemerkte doch, daß der hohe Beamte über ihn herziehe.

»Das kann sein!« rief er, »unser Geschlecht ist wirklich sehr alt. Als mein Großahn nach Moskau kam, da lebte dort, wie man erzählt, ein Narr, der Eurer Excellenz in nichts nachgab, und solche Narren werden nur einmal in tausend Jahren geboren!«

Die hohe Persönlichkeit wurde wüthend, Charloff, aber warf den Kopf zurück, bewegte sein Kinn nach vorne, lachte auf und entfernte sich eiligst. Zwei Tage darauf erschien er wieder. Meine Mutter machte ihm Vorwürfe.

»Es war eine Lection für ihn,« unterbrach Charloff, »dränge dich nicht blindlings heran, frage erst, mit wem du zu thun hast. Er ist noch zu jung, man muß ihn noch belehren!« Der Beamte war gleichen Alters mit Charloff; diesem Riesen galten aber alle Anderen für noch nicht ausgewachsen. Er rechnete zu viel auf sich selbst und hatte entschieden vor Niemandem Angst. »Kann man denn mir etwas anhaben? Wo wird sich auf der Welt ein Mensch dazu finden?« pflegte er zu fragen und ließ dann plötzlich ein kurzes, aber betäubendes Lachen erschallen.




II


Meine Mutter war sehr wählerisch in ihrem Umgange, aber Charloff empfing sie mit besonderer Freundlichkeit und sah ihm Vieles nach; er hatte ihr nämlich vor etwa fünf und zwanzig Jahren das Leben gerettet, indem er ihren Wagen am Rande eines tiefen Abgrundes aufhielt, in den die Pferde bereits gestürzt waren. Die Strang und Geschirrriemen waren gerissen, aber Martin Petrowitsch hatte das ergriffene Rad nicht aus den Händen gelassen, obwohl das Blut ihm aus den Nägeln spritzte. Durch meine Mutter war er auch verheiratet worden, und zwar mit einer siebzehnjährigen Waise, die sie in ihrem Hause erzogen hatte; er selbst war damals ein Vierziger. Die Frau des Martin Petrowitsch war kränklich und zart; man sagte, er habe sie auf seiner Handfläche in sein Haus getragen; auch dauerte ihre Ehe nicht lange. Doch hinterließ sie ihm zwei Töchter. Auch nach dem Tode der Gattin des Martin Petrowitsch erwies meine Mutter dem Letzteren allerlei Gefälligkeiten, sie sorgte, daß seine älteste Tochter in das Gouvernements Pensionat aufgenommen wurde, wählte späterhin einen Gatten für dieselbe, und hatte bereits für die zweite gleichfalls einen solchen in Aussicht genommen.

Charloff war ein tüchtiger Wirth, er besaß circa sechshundert Morgen Land und hatte sich allmälig sehr gut darauf eingerichtet. Er erfreute sich des vollsten Gehorsams seiner Bauern. Wegen seiner Wohlbeleibtheit ging er beinahe niemals zu Fuß: die Erde trug ihn nicht. Er fuhr immer auf einem niedrigen Rennwagen umher, und lenkte selbst sein Pferd, eine magere dreißigjährige Stute mit einer ungeheuren Wundnarbe auf der Schulter. Sie hatte diese Wunde in der Schlacht bei Borodino unter einem Wachtmeister der Garde-Cavallerie davongetragen.

Dass arme Thier hinkte beständig, und zwar auf allen vier Füßen zugleich; im Schritt zu gehen, war ihm unmöglich, es trippelte einen hüpfenden Trapp; es fraß Beifuß und Wermuth an den Grenzreihen – eine Eigenthümlichkeit, die ich bei anderen Pferden nicht bemerkt habe. Ich erinnere mich, daß es mir stets ein Räthsel gewesen, wie dieser halblebende Klepper die ungeheure Last bewegen konnte, ich wage übrigens nicht zu sagen, mit wie vielen Centnern das Gewicht unseres Nachbars berechnet wurde. Hinter dem Rücken des Martin Petrowitsch befand sich auf dem – Rennwagen sein pechschwarzer Laufbursche Maksimka. Wie er mit dem Gesicht und seinem ganzen Körper sich dicht an seinen Herrn schmiegte, mit den nackten Beinen sich auf die hintere Achse des Wagens stemmend, glich er einem Blatte oder Insecte, das zufällig an die sich vor ihm erhebende riesige Masse angeweht worden war.

Derselbe Laufbursche rasirte einmal in der Woche Martin Petrowitsch. Man erzählte, daß er sich bei der Ausführung dieser Operation auf den Tisch stelle, und Witzbolde behaupteten, daß er dabei um das Kinn seines Herrn herumlaufen müsse. Charloff liebte es nicht, lange zu Hause zu sitzen, und daher sah man ihn oft umherfahren, stets in demselben Wagen, die Leinen in der einen Hand, die andere aber, den Ellbogen nach vorne, keck auf sein Knie gestemmt und mit einer ganz kleinen Mütze auf der Spitze feines Kopfes. Er blickte mit seinen kleinen Bärenaugen munter umher, fuhr mit seiner dröhnenden Stimme sämmtliche vorüberfahrende Bauern, Städter und Kaufleute an, schickte den Priestern, denen er nicht grün war, fromme Wünsche nach und ließ einmal, als er mir begegnete (ich war mit der Flinte ausgegangen) solch’ einen Jagdruf gegen einen neben dem Wege liegenden Hasen los, daß mir die Ohren bis zum Abend davon gellten.




III


Meine Mutter empfing, wie ich bereits gesagt habe, Martin Petrowitsch mit Freundlichkeit; sie wußte, welche tiefe Achtung er für sie hegte. »Herrin, gnädige Frau, unserer Felder Frucht« nannte er sie. Pries er sie als seine Wohlthäterin, so sah meine Mutter ihrerseits in ihm einen ihr ergebenen Rieseln der nöthigenfalls sich keinen Augenblick bedenken würde, allein gegen einen ganzen Haufen empörter Bauern für sie einzutreten, und obgleich die Möglichkeit eines solchen Conflicts gar nicht nahe lag, so wäre es doch nach den Ansichten meiner Mutter nicht richtig gewesen, in Ermangelung des Gatten, den sie früh verloren, einen solchen Beschützer, wie Martin Petrowitsch zu unterschätzen. Er war außerdem ein grader Mensch, der sich bei Niemandem einzuschmeicheln suchte, keine Schulden machte und keinen Wein trank. Auch war er nicht ohne alle Bildung, obgleich er gar keine Erziehung bekommen hatte. Martin Petrowitsch genoß das volle Vertrauen meiner Mutter; als sie daran dachte, ihr Testament zu machen, wählte sie ihn zum Zeugen, und er mußte nach Hause fahren, blos um seine eiserne Brille mit den runden Gläsern, ohne die er nicht schreiben konnte, zu holen; aber auch mit der Brille auf der Nase gelang es ihm kaum im Zeitraume einer Viertelstunde, seinen Rang, Tauf, Vaters und Familiennamen, in ungeheuern viereckigen Buchstaben mit Abkürzungen und Verzierungen unter Stöhnen und Schwitzen auf’s Papier zu bringen. Als seine Arbeit vollendet war, erklärte er, er sei müde und: »Schreiben oder Flöhe fangen sei dasselbe für ihn.«

Ja, meine Mutter achtete ihn . . . aber weiter als bis in’s Speisezimmer ließ man ihn nicht kommen. Ein allzu starker Duft zog ihm nämlich voran: ein Duft nach Erde, nach Waldwildniß, nach Morast. »Ein wahrhaftiger Waldteufel!« sagte von ihm meine alte Bonne. Beim Mittagsessen wurde für Martin Petrowitsch ein besonderer Tisch in die Ecke gestellt; er fühlte sich dadurch nicht beleidigt – er wußte, wie es Anderen neben ihm zu sitzen unbequem war – und er selbst konnte da freier schalten, auch aß er so, wie wohl Niemand seit Polyphem. Man beobachtete die Vorsicht, ihm allein gleich beim Anfang des Mittagessens einen Topf mit wohl sechs Pfund Grütze zu serviren.

»Du wirst mich sonst durch Essen ruiniren!« scherzte meine Mutter.

»Ich bringe es auch zu Staude!« antwortete er lächelnd.

Meine Mutter liebte, seinen Mittheilungen über Wirthschaftsfragen zuzuhören, konnte jedoch nicht lange seine Stimme aushalten.

»Was ist mit Dir, mein Lieber!« rief sie, »Du mußt Dich davon curiren! Du hast mich ganz betäubt. Du Trompete, Du!«

»Natalia Nikolaewna, meine Wohlthäterin!« pflegte Martin Petrowitsch zu antworten, »über meine Kehle habe ich keine Macht! Und welche Arznei könnte bei mir wirken – urtheilen Sie selber? Ich werde lieber für ein Weilchen schweigen.«

Ich meine auch, daß keine Arznei auf Martin Petrowitsch gewirkt hätte; er war übrigens nie krank.

Zu erzählen verstand er nicht und liebte es nicht. »Von langen Reden kriegt man kurzen Athem!« bemerkte er tadelnd. Nur wenn man ihn auf das Jahr 1812 brachte (er hatte in den Freischaaren gedient und eine bronzene Medaille bekommen, die er an Festtagen an dem Bande des Wladimir-Ordens trug), wenn man ihn über die Franzosen ausfragte, dann erzählte er einige Anekdoten, obgleich er stets versicherte, daß wirkliche Franzosen nie nach Rußland gekommen wären, blos Marodeure wären vom Hunger getrieben, hereingelaufen, und von diesem Pack hätte er viele in den Wäldern todtgeschlagen.




IV


Auch dieser unerschütterliche, selbvertrauende Riese hatte seine Augenblicke melancholischen Nachdenkens. Ohne jeden sichbaren Grund fing er manchmal sich zu langweilen an, schloß sich dann in sein Zimmer ein und summte – ja summte allein wie ein ganzer Bienenschwarm; oder er rief seinen Laufburschen Maksimka und befahl ihm, aus dem einzigen Stück Literatur, »das sich in sein Haus verirrt hatte, einem einzelnen« Theil der »Muße des Fleißigen« von Nowikowsky, laut vorzulesen – oder zu singen. Und Maksimka, der durch merkwürdiges Spiel des Zufalles dahin gelangt war, silbenweise lesen zu können, begann mit dem üblichen Entzweihauen der Wörter und Umstellung des Accentes, Phrasen wie die folgende vorzuschreien:,aber ein leidenschaftlicher Mann macht aus dieser leeren Stellé, die er in den Wesen findet, ganz entgegengesetzte Schlüsse. Jedes Wesen für sich, sagte er sich, ist nicht im Stande mich glücklich zu machen!« u.s.w.[1 - »Muße des Fleißigen.« Periodische Zeitschrift, Moskau 1785. Band 3, p. 23, Z.11.]

Oder er singt mit sehr dünner Stimme, von der man nur einzelne Laute wie: »i . . a . . e . . . la . . 2c. hören konnte. Martin Petrowitsch aber nickt mit dem Kopfe, äußert etwas von der Vergänglichkeit des Daseins, »daß Alles in sich zerfallen, wie unnütziges Kraut ausdorren, vergehen und nicht mehr sein werde!« Er hatte zufällig ein Bild in die Hände bekommen, das ein brennendes Licht darstellte, auf welches von allen Seiten die Winde mit vollen Wangen bliesen. Unter dem Bilde befanden sich die Worte: »Das ist das menschliche Leben.« Das Bild gefiel ihm ungeheuer. Es hing in seinem Arbeitszimmer, aber zu gewöhnlichen Zeiten, bei Abwesenheit der melancholischen Stimmung, war die Vorderseite zur Wand gekehrt, damit es ihn nicht verwirre. Charloff, dieser Koloß, hatte Angst vor dem Tode! Zur Hilfe der Religion, zum Gebet griff er selbst während der Melancholieanfälle nur selten und glaubte durch seine Verstandeskraft ihrer Herr werden zu können. Er war durchaus nicht religiös, man sah ihn nur selten in der Kirche, doch versicherte er, daß er nur deshalb nicht hingehe, weil er wegen seines Körperumfanges Andere hinauszudrängen befürchte. Gewöhnlich endete der Anfall damit, daß Martin Petrowitsch zu pfeifen anfing – und plötzlich mit donnernder Stimme seinen Wagen anzuspannen befahl und in die Nachbarschaft fuhr. Dann pflegte er die Hand, in welcher die Zügel nicht lagen, über seinem Hute zu schwenken, als ob er damit sagen wollte, daß jetzt ihm Alles einerlei sei; er war eben Rasse durch und durch.




V


Leute, welche die Kraft eines Martin Petrowitsch besitzen, sind gewöhnlich phlegmatisch; er jedoch erhitzte sich im Gegentheil sehr leicht, namentlich brachte ihn außer sich ein gewisser Bitschkoff, der Bruder seiner verstorbenen Frau, der sich in unserem Hause als Hofnarr oder Parasit eingenistet hatte. Von seinen Kindesbeinen an hatte man ihn stets nur »Souvenir« genannt und so blieb er auch für Alle »Souvenir«, selbst für die Diener, welche ihn übrigens »Souvenir Thimotheewitsch« nannten Seinen wirklichen Namen schien er selbst nicht zu kennen.

Es war ein elender, von Allen verachteter Mensch, mit einem Wort ein Schmarotzer. An der einen Seite des Mundes fehlten ihm alle Zähne, deshalb schien auch sein kleines, runzliches Gesicht schief zu sein. Er machte sich stets etwas zu schaffen, mischte sich in Alles; bald schmiegte er sich in das Mägdezimmer, bald in das Wirthschaftsamt hinein, bald ist er beim Pfaffen, bald beim Dorfältesten; überall jagt man ihn weg, er aber macht sich möglichst klein, spitzt seine schiefen Augen und lacht so widerwärtig, so wässrig, als ob er eine Flasche spühle. Es schien mir immer, daß Souvenir, hätte er Vermögen gehabt, ein scheußlicher Mensch, sittenlos, boshaft, ja grausam geworden wäre. Die Armuth hatte ihm nothgedrungen die Flügel gestutzt. Trinken durfte er nur an Feiertagen; auf den Befehl meiner Mutter kleidete man ihn aber sehr anständig, weil er Abends ihre Partie Piquet oder Boston bilden half.

Souvenir wußte nichts, als ewig zu wiederholen: »Erlauben Sie, ich werde sofort —« »Was sofort?« fragte ihn ärgerlich meine Mutter. Er bekommt Angst, nimmt eine unterthänige Miene an und flüstert: »Wie Sie befehlen!« Unter der Thüre, lauschen, klatschen und namentlich sticheln und necken, waren seine einzigen Sorgen, und er stichelte in einer Weise, als ob er sich für etwas zu rächen hätte. Martin Petrowitsch nannte er »Brüderchen« und war stets wie der leibhaftige Teufel hinter ihm her. »Weßhalb haben Sie die Schwester Margarita Timotheewna in die andere Welt befördert?« pflegte er ihn anzufallen, sich vor ihm drehend und giftig lachend. Einst saß Martin Petrowitsch im Billardzimmer, dem kühlsten des ganzen Hauses, in dem Niemand je eine Fliege gesehen hatte, und welches deshalb von unserem Nachbar, einem Feinde der Hitze und Sonne, sehr geschätzt wurde. Er hatte seinen Platz zwischen dem Billard und der Wand. Souvenir trippelte um ihn herum, neckte ihn, schnitt ihm Gesichter. . . Martin Petrowitsch wollte ihn wegstoßen – und bewegte beide Hände wie abwehrend gegen ihn nach vorne, Souvenir gelang es zu seinem Glücke, ihm zu entwischen – die Hände seines Brüderchens stießen sich am Billardrande und das schwere ländliche Billard stürzte zu Boden trotz der sechs Schrauben die dasselbe festzuhalten bestimmt waren . . . Zu welchem Brei wäre Souvenir verwandelt worden, wäre er unter die mächtigen Hände gerathen!




VI


Ich war immer neugierig, Martin Petrowitsch’s Wohnort und Haus zu sehen. Einst schlug ich ihm vor, ihn zu Pferde bis Eskowo, so hieß sein Gut, zu begleiten. »Ah! Du willst Dir meine Wirthschaft ansehen,« sagte Martin Petrowitsch, »gut, ich will Dir den Garten, das Haus, die Tenne, Alles zeigen. Ich habe was zu zeigen!« Wir machten uns auf den Weg. Von unserem Gut bis Eskowo ist’s kaum eine viertel Meile. »Da ist sie, meine Herrschaft!« donnerte Martin Petrowitsch, sich anstrengend, seinen unbeweglichen Kopf mir zuzudrehen und mit der Hand nach rechts und links deutend. »Das Alles ist mein!« Charloff’s Gutshof befand sich auf einer sacht aufsteigenden Anhöhe, an deren Fuße, einem kleinen Teiche entlang, einige schlichte Bauernhäuschen standen. Beim Teiche schlug eine alte Frau im carrirten Unterrock auf dem Floß stehend mit dem hölzernen Schlägel die ausgewundene Wäsche.

»Aksinja!« dröhnte Martin Petrowitsch’s Stimme, und ein Schwarm Krammetsvögel erhob sich vom anliegenden Haferfelde. »Du wäscht wohl Deinem Manne die Hosen?«

Die Frau drehte sich jählings um und verbeugte sich tief.

»Ja, die Hosen, Herr,« hörte man ihre schwache Stimme.

»So ist es gut! Sieh’ hierher,« fuhr Martin Petrowitsch fort, sich zu mir wendend, als wir bei einem halb verfaulten Zaune vorbeitrabten, »das ist, mein Hanf – und jener da gehört den Bauern; siehst i Du den Unterschied? Und das ist mein Garten, die Aepfel und die Birnenbäume habe ich selbst gepflanzt. Früher war hier kein Baum zu sehen. So macht man es, lerne!«

Wir fuhren in den mit Brettern umzäunten Hof. Gerade dem Thore gegenüber erhob sich ein ganz altes, kleines Häuschen mit Strohdach und einem Balcon auf dünnen Säulen; etwas seitwärts stand ein anderes, ganz neues, mit einem kleinen Aufbau oben in der Mitte; es machte aber den Eindruck ziemlicher Gebrechlichkeit.

»Lerne hier wiederum,« sagte Charloff, »siehst Du, in welcher Hütte unsere Väter gewohnt haben und was für einen Palast ich mir erbaut habe!«

Dieser Palast sah jedoch einem Kartenhäuschen ähnlich. Ungefähr fünf bis sechs Hunde, einer zottiger und unförmlicher als der andere, empfingen uns mit Gebell.

»Schäferhunde,« bemerkte Charloff. »Echte aus der Krim! Kuscht euch, verfluchte! Wartet – ich hänge euch alle auf!«

Auf dem Balcon des neuen Hauses zeigte sich ein junger Mensch im langen Rock von Nanking, der Mann der ältesten Tochter des Martin Petrowitsch. Er kam schnell zum Wagen herab, half ehrerbietig dem Schwiegervater herunter und gab sich selbst den Anschein, als wolle er mit der einen Hand den Riesenfuß er greifen, den dieser, nach vorne geneigt, mit einer Art von Anschwung über das Sitzbrett auf die Erde setzte; nachdem half er mir vom Pferde.

»Anna!« rief Charloff, »der Sohn der Natalia Nikolaewna ist zu uns gekommen; man muß ihn bewirthen. Und wo ist Eulampia?«

(Anna hieß die ältere, Eulampia die jüngere Tochter.)

»Sie ist nicht zu Hause; sie ist auf das Feld gegangen, Kornblumen zu pflücken,« antwortete Anna sich im Fenster bei der Thüre zeigend.

»Gibt es frischen Käse?« fragte Charloff.

»Ja wohl.«

»Auch Sahne?«

»Ebenfalls.«

»Bringe Alles auf den Tisch; und ich will Ihnen unterdessen mein Arbeitszimmer zeigen, kommen Sie hierher,« fügte er hinzu, sich zu mir wendend und mit dem Zeigefinger mich herbeiwinkend. Bei sich zu Hause redete er mich nicht mit »Du« an, als Wirth wollte er – höflich sein. Er führte mich durch den Corridor. – »Hier hause ich,« sagte er, seitwärts durch eine breite Thür schreitend. »Das ist mein Zimmer. Seien Sie willkommen!«

Das Arbeitszimmer war ein großes, nicht tapezirtes und beinahe ganz leeres Zimmer; an den Wänden hingen an unegal eingeschlagenen Nägeln zwei Peitschen, ein dreieckiger vergilbter Hut, eine einläufige Flinte, ein Säbel, ein seltsames Pferdegeschirr mit großen Blechknöpfen und das Bild, ein brennendes Licht mitten unter den Winden darstellend. In einer Ecke stand ein hölzerner Divan, eine bunte Decke darüber. Hunderte von Fliegen summten oben unter der Decke des Zimmers; übrigens war es kühl in demselben, nur herrschte hier unvermischt jener besondere Erdgeruch, welcher Martin Petrowitsch überall begleitete.

»Wie gefällt Dir das Arbeitszimmer?« fragte nun Charloff.

»Seht gut.«

»Sieh’, hier hängt ein holländisches Pferdegeschirr,« fuhr Charloff fort, wieder mich dutzend. »Ein prachtvolles Pferdegeschirr! Ich habe es bei einem Juden eingetauscht. Betrachte es ordentlich.«

»Es ist wunderschön.«

»Ein besseres kann man für die Wirthschaft nicht bekommen! Rieche doch . . . was für ein Leder!«

Ich roch daran. Es roch nach ranzigem Thran.

»Setzen Sie sich doch da auf den Stuhl, seien Sie hier zu Haus,« sagte Charloff und ließ sich selber auf den Divan nieder. Er schien einzuschlafen, denn er schloß die Augen, ja schnarchte selbst ein wenig. Ich betrachtete ihn schweigend und konnte ihn nicht genug bewundern. »Ein Berg, ein wirklicher Berg!« dachte ich. Plötzlich regte er sich. »Anna!« schrie er, und dabei hob und senkte sich sein mächtiger Bauch wie die Welle auf dem Meere. »Was machst Du? Beeile Dich! Oder hast Du es nicht gehört?«

»Alles ist fertig, Vater, kommen Sie nur herein!« ließ sich die Stimme der Tochter vernehmen.

Ich war überrascht über die Schnelligkeit, mit der die Befehle des Martin Petrowitsch ausgeführt wurden, und begab mich mit ihm in das Speisezimmer, wo auf dem mit rothem und weißgerändertem Tischtuche bedeckten Tische schon ein Imbiß bereit stand: Käse, Sahne, Weißbrot, zerstoßener Zucker mit Ingwer. Während ich mit dem Käse beschäftigt war, hatte Martin Petrowitsch, nachdem er: »Iß, mein Lieber, iß, verachte unser Dorfessen nicht! gemurmelt, sich wieder in die Ecke gesetzt und war wieder eingeschlummert. Vor mir stand unbeweglich mit gesenkten Augen Anna Martinowna und durch das Fenster konnte ich sehen, wie ihr Mann mein Reitpferd im Hofe herumführte, und eigenhändig die Trensenkette desselben rieb.




VII


Meine Mutter war der ältesten Tochter Charloffs nicht gewogen, sie nannte dieselbe »die Stolze,« und wirklich erschien Anna Martinowna fast nie bei uns, um ihre Ehrerbietung zu bezeugen und verhielt sich in Anwesenheit der Mutter gemessen und kalt, obgleich sie derselben ihre Erziehung im Pensionat, ja selbst ihren Mann verdankte; an ihrem Hochzeitstage hatte sie sogar von meiner Mutter fünfhundert Rubel und einen gelben, allerdings schon getragenen türkischen Shawl erhalten. Sie war eine Frau von mittlerem Wuchs, mager, aber sehr lebendig und flink in ihren Bewegungen, mit dichtem, braunem Haare; ihr schönes, brünettes Antlitz mit mattblauen Augen machte einen eigenthümlich angenehmen Eindruck. Sie hatte eine gerade und feine Nase, dünne Lippen und ein spitz zulaufendes Kinn. Jeder, der sie ansah, dachte sicherlich: »Wie klug Du bist, aber auch wie böse!« Und bei allem Diesem hatte sie etwas Anziehendes, selbst einige Muttermale, die auf ihrem Gesichte bemerkbar waren, kleideten sie und erhöhten die Empfindungen, die sie erweckte. Die Hände in das Busentuch gelegt, betrachtete sie mich verstohlen von oben nach unten (ich saß, sie stand); ein Lächeln, das nichts Gutes verrieth, flog bald über ihre Lippen, bald über ihre Wangen, welche lange Augenwimpern beschatteten. »Ach, Du verzogenes Herrchen!« schien dies Lächeln ausdrücken zu wollen. Jedesmal, wenn sie Athem holte, erweiterten sich die Nasenflügel, was ganz eigenthümlich aussah, doch meinte ich, daß, wenn Anna Martinowna mich lieben oder mich mit ihren dünnen, zarten Lippen küssen wollte – ich vor Wonne zur Decke springen würde! Ich wußte, daß sie sehr streng und eigen war, daß die Bauernfrauen und Mägde sie wie das liebe Feuer fürchteten – das ging mich aber nichts an! Anna Martinowna beunruhigte meine Phantasie! . . . Übrigens war ich erst fünfzehn Jahre . . . und in diesem Alter . . .

»Martin Petrowitsch regte sich wieder. »Anna!« rief er »klimpre uns etwas auf dem Piano vor, die jungen Herren lieben das!«

Ich sah mich um: ein elendes Zerrbild eines Pianoforte fand sich wirklich im Zimmer.

»Zu Befehl, Vater,« antwortete Anna Martinowna. »Was soll ich spielen? das wird den Herrn nicht amusiren.«

»Was hast Du im Pensionat gelernt?«

»Ich habe Alles vergessen – auch sind die Saiten gesprungen.«

Anna Martinowna hatte eine angenehme, helle Stimme: der Ton derselben war ein wenig klagend . . . und erinnerte etwas an den, welchen die Raubvögel hören lassen. »Nun,« brummte Martin Petrowitsch und dachte nach . . . »Nun,« fing er wieder an, »wollen Sie denn nicht meine Tenne besehen, dieselbe in Augenschein nehmen? Wolodka wird Sie begleiten. He Du, Wolodka!« rief er seinem Schwiegersohn, der noch immer mit – meinem Pferde auf dem Hofe herumging, »begleite den Herrn zu der Tenne und führe ihn überhaupt umher: zeige ihm meine Wirthschaft. Ich aber will mein Schläfchen machen. Auf glückliches Wiedersehen!«

Er ging hinaus, ich folgte ihm. Anna Martinowna fing sofort, wie ärgerlich, den Tisch aufzuräumen an. An der Thürschwelle drehte ich mich um und verbeugte mich: sie schien es nicht zu bemerken, nur glaubte ich, daß sie noch boshafter lächelte.

Ich nahm dem Schwiegersohne Charloff’s mein Pferd ab und führte es am Zügel. Wir kamen zur Tenne – aber da hier nichts besonders Merkwürdiges zu finden war, und er bei mir, einem jungen Knaben, keine außerordentliche Liebe zur Landwirthschaft vermuthen konnte, so gingen wir durch den Garten zum Dorfwege zurück.




VIII


Der Schwiegersohn von Charloff war mir bereits bekannt. Er hieß Wladimir Wassiliewitsch Sletkin. Er war eines Waise, der Sohn eines kleinen Beamten, der die Geschäfte meiner Mutter besorgt hatte, und daher auch ihr Zögling. Nachdem er die Kreisschule verlassen, hatte er zunächst in unserm Wirthschaftsamt gearbeitet; später fand man bei dem kaiserlichen Proviantmagazin eine Stelle für ihn, und endlich hatte man ihn mit der Tochter Charloff’s verheiratet. Meine Mutter nannte ihn »Judenbengel« und wirklich erinnerte er durch sein krauses Haar und seine schwarzen, stets feuchten, gekochten Pflaumen ähnlichen Augen, durch seine Habichtsnase und seinen breiten Mund an den jüdischen Typus, nur war er sehr weiß und machte im Ganzen den Eindruck eines recht hübschen Menschen. Er war äußerst gefällig, aber nur, so lange es nicht seinen Vortheil berührte. Ja solchem Falle verlor er den Kopf, ja er weinte sogar; einer Bagatelle wegen war er im Stande, den ganzen Tag zu jammern, hundertmal an ein gegebenes Versprechen zu erinnern, sich beleidigt zu fühlen und zu stöhnen, wenn es nicht sofort erfüllt wurde. Er liebte, mit der Flinte umherzuschweifen, und wenn es ihm gelang, einen Hasen oder eine Ente zu erlegen, so steckte er mit großer Befriedigung seine Beute in die Jagdtasche und pflegte dabei auszurufen: »Nun jetzt, Kindchen, entgehst Du mir nicht! Jetzt wirst Du mir von Nutzen sein!«

»Ein schönes Pferd haben Sie da,« sagte er mit seiner schleppenden Stimme, mir in den Sattel helfend. »Hätte ich doch so ein Pferd! Doch wie soll ich dazu kommen? Dies Glück ist nicht für mich. Wenn Sie doch Ihre Frau Mutter darum bitten . . . sie daran erinnern wollten!«

»Hat sie denn Ihnen eins versprochen?«

»O, hätte sie es gethan! nein, aber ich glaubte, daß sie in ihrer großen Güte. . . «

»Wenden Sie sich doch lieber an Martin Petrowitsch?«

»An Martin Petrowitsch?« wiederholte langsam Sletkin, »Ihm gelte ich nicht mehr als ein elender Laufbursche wie Maksimka! Er hält uns ganz schrecklich knapp, keinen Dank bekommt man von ihm für all’ die große Mühe . . .«

»Ist das wahr?«

»Bei Gott! Wenn er etwas abgeschlagen und gesagt hat: »Mein Wort ist heilig!« so ist es für allemal zu Ende. Man bitte oder bitte nicht, man kommt zu nichts. Anna Martinowna, meine Frau, genießt auch nicht dieselbe Gunst wie Eulampia Martinowna.«

»Ach Gott, mein Gott!« unterbrach er sich plötzlich in Verzweiflung die Hände zusammenschlagend. »Sehen Sie hierher! einen ganzen Scheffel Hafers, unseres Hafers, hat ein Bösewicht abgemäht! Canaille! Leben Sie nun unter diesen Leuten! Räuber sind es, wirkliche Räuber! Richtig sagt das Volkssprüchlein: »Traue nicht dem Eskowo, Béskowo, Erina, Belina!« (so hießen die vier Nachbardörfer) Gott, Gott, ist das ein Unglück! Das gibt ja einen Schaden von anderthalb oder gar zwei Rubeln!«

In der Stimme Sletkin’s war förmliches Schluchzen; ich gab dem Pferde die Sporen und ritt von ihm weg.

Noch konnte ich sein Wimmern vernehmen, als ich plötzlich bei einer Biegung des Weges der zweiten Tochter Charloff’s, Eulampia, begegnete, welche, wie Anna Martinowna gesagt hatte, in’s Feld nach Kornblumen gegangen war. Ein dichter Kranz dieser Blumen umgab ihren Kopf. Wir wechselten schweigend Grüße. Eulampia war wie ihre Schwester sehr hübsch, nur auf andere Art. Sie war von hohem Wuchs, kräftig gebaut; Alles war groß bei ihr: der Kopf, die Füße, die Hände, die schneeweißen Zähne und namentlich die hervortretenden, umschleierten, dunkelblauen Augen, trotz einiger übertriebenen Dimensionen (nicht umsonst war sie die Tochter Martin Petrowitsch), war sie dennoch schön. Sie wußte augenscheinlich nicht, was sie mit ihrem blonden Haargeflechte anfangen sollte und trug es dreifach um die Stirne gewunden. Ihr Mund war wunderschön, frisch wie eine Rose, dunkel roth gefärbt und wenn sie sprach, so hob sie aller liebst die Mitte der Oberlippe. Doch lag in dem Ausdruck ihrer großen Augen etwas Strenges, ja Wildes. »Reines, freies Kosakenblut!« sagte Martin Petrowitsch von ihr. Ich fürchtete sie ein wenig. . . Diese colossale Schönheit erinnerte mich zu sehr au ihren Vater.

Ich ritt weiter und hörte, wie sie mit gleich mäßiger, voller, ein wenig scharfer und ungeschulter Stimme zu singen anfing. Dann verstummte sie. Ich wandte mich um und sah von der Anhöhe aus, wie sie neben dem Schwiegersohne Charloff’s, vor dem beraubten Haferfelde stand. Sletkin bewegte seine Hände hin und her, dieselben bald gegen sie, bald gegen den Hafer richtend.

Sie stand unbeweglich. Die Sonne übergoß sie mit ihren Strahlen und der Korublumenkranz auf ihrem Haupte verbreitete weithin einen bläulichen Schimmer um ihre hohe Gestalt.




IX


Ich habe wohl bereits erwähnt, daß meine Mutter auch für diese Tochter Charloff’s einen Mann in Aussicht genommen hatte. Es war der ärmste aller unserer Nachbarn, der Major a. D. Gawril Fedulitsch Gitkoff, ein nicht mehr junger Mann oder, wie er sich nicht ohne Selbstgefallen und gleichsam zu seiner Empfehlung ausdrückte, »mit allen Hunden gehetzt.«

Er konnte kaum lesen und schreiben und war ziemlich dumm, doch hegte er die heimliche Hoffnung, als Verwalter bei meiner Mutter anzukommen, da er sich für einen guten, »Vollführer« hielt. »Wenn nichts Anderes, doch den Bauern die Zähne auszuschlagen und sie zu zählen, verstehe ich gar fein!« äußerte er, dabei mit den eigenen Zähnen knirschend, »denn daran,« erklärte er, »bin ich eben von meinem früheren Dienst her gewöhnt.« Wäre Gitkoff weniger dumm gewesen, so hätte er längst begriffen, daß es ihm gerade als Verwalter bei meiner Mutter anzukommen rein unmöglich war, denn dazu hätte man erst den wirklichen Verwalter, einen energischen und tüchtigen Polen, Wikentij Ossipitsch Kwitzinski mit Namen, dem meine Mutter ihr ganzes Vertrauen schenkte, entlassen müssen. Gitkoff hatte ein langes Pferdegesicht, dasselbe war ganz und gar mit graublonden Haaren selbst an den Wangen bis unter die Augen bewachsen, und während des stärksten Frostes mit Schweiß, wie mit Thau tropfen bedeckt. Wenn er meine Mutter erblickte, sprang er auf und stand vor ihr, als hätte er einen Stock verschluckt. Sein Kopf zitterte vor Diensteifer, seine, riesigen Hände klapperten an den Seiten und seine ganze Haltung schien auszurufen: »Befiehl und ich folge blindlings!« Meine Mutter urtheilte richtig über seine Fähigkeiten, was übrigens sie nicht hinderte, an seiner Verbindung mit Eulampia zu arbeiten.

»Wirst Du nur mit ihr fertig werden, mein Lieber?« fragte sie ihn einst.

Gitkoff lächelte selbstzufrieden.

»Erlauben Sie, Natalia Nikolaewna! Eine ganze Compagnie habe ich in Ordnung gehalten, wie nach Nöten mußten die Kerls bei mir tanzen. Was bedeutet dem gegenüber ein Mädchen! Rein gar nichts!«

»Das war eine Compagnie, mein Lieber, hier handelt es sich um ein adeliges Mädchen!« bemerkte die Mutter unzufrieden.

»Erlauben Sie, Natalia Nikolaewna!« rief er wieder. »Das zu verstehen bin ich vollends im Stande. Mit einem Wort: sie ist ein Fräuleins ein zartes Wesen . . .«

»Uebrigens,« entschied die Mutter, »wird sich Eulampia nicht leicht etwas anthun lassen.«




X


Einst, es war Mitte Juni und bereits gegen Abend, meldete der Diener die Ankunft von Martin Petrowitsch. Meine Mutter war erstaunt; wir hatten ihn zwar eine Woche lang nicht gesehen, aber er besuchte uns nie so spät. »Es ist etwas vorgefallen!« rief sie halblaut. Das Gesicht von Martin Petrowitsch, als er sich in das Zimmer hereinwälzte und sofort auf den Stuhl bei der Thür niederließ, hatte einen ungewohnten Ausdruck, es war so nachdenkend und selbst bleich, daß die Mutter unwillkürlich und laut ihren Ausruf wiederholte.

Martin Petrowitsch glotzte sie mit seinen kleinen Augen an, schwieg, holte tief Athem, schwieg wieder und erklärte endlich, daß er gekommen sei in einer Angelegenheit . . . welche derartig sei . . . daß in Folge dessen . . . Nachdem er diese Worte unverbunden ausgestoßen, erhob er sich plötzlich und ging zur Thür hinaus.

Die Mutter klingelte und befahl dem hereintretenden Diener, sofort Martin Petrowitsch einzuholen und ihn durchaus wieder zu ihr zu führen, doch dieser hatte sich bereits auf seinen Wagen gesetzt und war davon gefahren.

Am nächsten Morgen war meine Mutter, die durch das seltsame Benehmen und den ungewöhnlichen Gesichtsausdruck des Martin Petrowitsch befremdet, ja erschreckt worden, eben im Begriffe, Jemanden zu ihm zu schicken, als er plötzlich selbst erschien.

Dieses Mal war er, wie es schien, ruhiger.

»Erzähle, mein Lieber,« erzähle, rief meine Mutter, als sie ihn sah, »was ist mit Dir geschehen? Ich habe wirklich gestern Zweifel gehabt, ob nicht unser alter Riese seinen Verstand verloren habe?«

»Meinen Verstand, gnädige Frau, habe ich nicht verloren,« antwortete Martin Petrowitsch. »Das kann Anderen, aber mir nicht widerfahren! Ich muß mich aber mit Ihnen berathen.«

»Worüber?«

»Nur zweifle ich, daß es Ihnen angenehm sein werde . . .«

»Sprich nur, sprich, mein Lieber, aber einfacher. Rege mich nicht auf. Wozu sprichst Du in dieser Weise? Rede einfacher. Oder hat Dich vielleicht Deine Melancholie wieder heimgesucht?«

Charloff wurde finster.

»Nein, nicht die Melancholie – die kommt zu mir nur um Neumond; aber erlauben Sie, gnädige Frau, Sie um ihre Meinung hinsichtlich des Todes zu befragen?«

Meine Mutter fuhr auf.

»Worüber?« frug sie erstaunt.

»Ueber den Tod. Kann der Tod sich irgend Jemandes auf dieser Welt erbarmen?«

»Was hast Du da ausgedacht, Väterchen? Wer von uns ist unsterblich? Magst Du selbst als Riese auf die Welt gekommen sein, aber auch für Dich gibt’s ein Ende,«

»Ein Ende, ja ein Ende!« wiederholte Charloff und hielt ein. »Ich habe ein Traumgesicht gehabt . . . « sagte er nach einer Pause.

»Was sagst Du?« unterbrach ihn die Mutter.

»Ein Traumgesicht,« wiederholte er, »ich bin ja ein Traumseher.«

»Du?«

»Ich! wußten Sie es nicht?« Charloff holte Athem. »Ja so war es . . . Etwa vor einer Woche, gnädige Frau – es war grade der Vorfastentag zum Petri-Fasten, – da hatte ich mich nach dem Mittag essen, ein wenig auszuruhen, hingelegt und bin dabei eingeschlafen. Da erscheint mir ein schwarzes Fohlen; es läuft in mein Zimmer hinein auf mich zu; läuft wie spielend umher und weist mir die Zähne. Pech schwarz war dieses Fohlen!«

»Und weiter?« rief die Mutter.

»Und wie mit einmal wendet sich dasselbige Fohlen um, schlägt aus und trifft mich grade an die empfindlichste Stelle des Arms, am linken Ellbogen! . . . Ich wache auf, meine Hand bewegt sich nicht, der Fuß ebenfalls nicht. Es ist der Schlag, glaube ich; aber nein, ich habe mich ausgereckt und bin wieder in Bewegung gekommen, nur ein Knistern lief mir durch die Glieder, das fühle ich auch jetzt noch. Oeffne ich die Hand, da knistert es sogleich.«

»Martin Petrowitsch, die Hand ist Dir eingegeschlafen.«

»Nein, gnädige Frau, Sie urtheilen falsch. Es war eine Vorbedeutung . . . mich nämlich vor dem Tode zu warnen.«

»Unsinn!« warf meine Mutter ein.

»Eure Warnung! Bereite Dich vor, Sterblicher! Und daher, gnädige Frau, habe ich Ihnen, ohne weiter zu zögern, Folgendes mitzutheilen »Nicht wollend,«« schrie plötzlich Charloff, »daß dieser selbige Tod mich, den Knecht Gottes, unvorbereitet ereile, habe ich in meinem Sinne Folgendes beschlossen: Schon jetzt bei meinem Leben, mein Eigenthum zwischen meine beiden Töchter Anna und Eulampia zu theilen, wie es mir der Herrgott in’s Herz legen wird.« Martin Petrowitsch hielt inne, ächzte und fügte hinzu: »Ohne weiter zu zögern.«

»Nun, das ist eine gute That!« bemerkte die Mutter, »nur beeilst Du Dich damit umsonst.«

»Und da ich diese Angelegenheit,« fuhr noch lauter Charloff fort, »mit nöthiger Ordnung und Gesetzlichkeit zu Ende führen will, so bitte ich höflichst, Ihren Sohn Dmitri Semenowitsch – Sie selbst zu belästigen, gnädige Frau, wage ich nicht – bitte also diesen Sohn Dmitri Semenowitsch, meinem Verwandten Bitschkoff aber lege ich es geradezu zur Pflicht auf, bei der Vollziehung des formellen Actes, sowie bei der Uebergabe der Güter an meine beiden Töchter zugegen zu sein, welcher Act übermorgen, um zwölf Uhr, in dem mir gehörigen Gut Eskowo, auch Kosülkino genannt, bei Anwesenheit der zuständigen Behörden, wie sonstiger Zeugen, die bereits eingeladen sind, zu geschehen hat.«




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notes



1


»Muße des Fleißigen.« Periodische Zeitschrift, Moskau 1785. Band 3, p. 23, Z.11.


