Helene
Iwan Sergejewitsch Turgenew




lvan Turgenev

Helene





I


Im Schatten einer hohen Linde, am Ufer der Moskwa, unweit Kunzowo, lagerten an einem der heißesten Sommertage des Jahres 1853 zwei junge Männer im Grase. Der eine, dem Anscheine nach dreiundzwanzig Jahre alt, hoch von Wuchs, von dunkler Gesichtsfarbe, mit spitzen etwas schiefer Nase, offener Stirn und verhaltenem Lächeln auf den breiten Lippen, lag auf dem Rücken und blickte, leicht mit den Augen blinzelnd, in die Ferne hinaus; der andere lag auf der Brust, den blonden Lockenkopf auf beide Arme gestützt, und hatte gleichfalls den Blick in die Weite gerichtet. Er war drei Jahre älter als sein Gefährte, schien aber viel jünger zu sein: der Schnurrbart keimte kaum und das Kinn war mit leichtem Flaum bedeckt. Es lag etwas kindlich Liebliches etwas einnehmend Graziöses in den seinen Zügen seines frischen, runden Gesichtes, in den angenehmen braunen Augen, den schönen, vollen Lippen und den weißen kleinen Händen. Sein ganzes Wesen athmete glückliche, heitere Gesundheit, Sorglosigkeit, Selbstvertrauen, Jugendmuthwillen und Jugendzauber. Er ließ seine Blicke umherschweifen, lächelte und stützte den Kopf, wie es Knaben thun, die dessen sich bewußt sind, daß man sie mit Vergnügen betrachtet. Er hatte einen weiten, weißen Ueberrock in der Art eines Staubhemdes an; ein blaues Tuch war um seinen schlanken Hals geschlungen und neben ihm im Grase lag ein zerdrückter Strohhut.

Im Vergleich zu ihm schien sein Gefährte ein alter Mann und Niemand würde beim Anblick seiner ungelenken Figur geglaubt haben, daß auch er Genuß empfinde, daß auch ihm wohl zu Muthe sei. Es war etwas Unbeholfenes in seiner Stellung, in der Art wie sein nach oben breiter, nach unten spitz zulaufender Kopf auf dem langen Halse saß; diese Unbeholfenheit äußerte sich auch in der Haltung der Arme, des in einen kurzen, schwarzen Ueberrock gezwängten Oberkörpers und in den langen Beinen, die er, wie Heuschrecken ihre Hinterfüße, die Knie hinauf, an sich gezogen hatte. Bei alledem war unverkennbar, daß er ein wohlerzogener Mensch war; sein ganzes Wesen trug das Gepräge der »Ordentlichkeit« und sein unschönes und sogar etwas komisches Gesicht verrieth Gewohnheit des Nachdenkens und Gutmüthigkeit. Sein Staate war Andrei Petrowitsch Berßenjew; sein Kamerad, der blonde junge Mann, hieß Pawel Jakowlewitsch Schubin.

– Warum liegst Du nicht, gleich mir, aus der Brust? begann Schubin. So ist es viel besser. Besonders wenn man dabei die Füße in die Höhe hebt und mit den Hacken aneinander klopft – siehst Du, so! So hast Du den Rasen vor der Nase: fortwährend die Landschaft anzustieren, bekommt man satt; – betrachte Dir einmal ein rundes Käferchen, wie es den Grashalm hinaufkriecht, oder eine Ameise, wie sie geschäftig umherläuft. Das ist wirklich vernünftiger. Liegst Du doch in Deiner pseudo-classischen Positur hingestreckt, wie eine Tänzerin im Ballet, die sich auf einen Felsen aus Pappe stützt. Vergiß nicht, Du hast jetzt volles Recht auszuruhen; ’s ist keine Kleinigkeit; als Dritter aus dem Candidatenexamen hervorzugehen! Ruhen Sie aus, Sir; hören Sie auf, sich anzustrengen, strecken Sie Ihre Glieder!

Schubin brachte diese Rede näselnd in etwas trägem und tändelndem Tone vor (so reden verwöhnte Kinder zu den Freunden des Hauses, die ihnen Zuckerwerk bringen), und ohne eine Antwort abzuwarten fuhr er fort:

– Was mich am meisten bei Ameisen, Käfern und bei den anderen Herren Insecten in Erstaunen setzt, das ist ihre außerordentliche Ernsthaftigkeit; mit so wichtiger Physiognomie laufen sie umher, als gelte ihr Dasein auch etwas! Der Mensch, dieser Kopf der Schöpfung, dieses höhere Wesen, blickt auf sie herab, und siehe da, sie nehmen keine Notiz davon; ja einer Mücke kann es gar einfallen, sich dem Kopf der Schöpfung auf die Nase zu setzen und dieselbe als eine Nahrungsquelle für sich zu benutzen. Das ist beleidigend. Andererseits aber – weshalb wäre ihr Leben schlechter als das unsere? Warum sollten sie nicht auch wichtig thun, wenn wir es uns erlauben? Wohlan, Philosoph, löse mir diese Aufgabe! Warum sprichst Du nichts? Nun?

– Was willst Du? . . . fragte Berßenjew, aus seinen Träumen erwachend.

– Was? wiederholte Schubin. Dein Freund breitet vor Dir seine tiefsinnigsten Ideen aus und Du schenkst ihm nicht einmal Gehör!

– Ich ergötzte mich an der Fernsicht! Sieh doch, wie jene Felder herrlich im Sonnenschein glänzen! (Berßenjew lispelte etwas beim Sprechen.)

– Der Ton ist fein gehalten, brummte Schubin. Mit einem Worte, Natur!

Berßenjew schüttelte den Kopf.

– Du solltest mehr als ich daran Freude haben. Das schlägt in Dein Fach: Du bist Künstler.

– Nein; mein Fach ist es nicht, erwiederte Schubin und schob den Hut in den Nacken. Ich bin Fleischer; mein Fach ist – Fleisch, Fleisch zu modelliren, Schultern, Beine, Arme, und hier ist nichts von Form, nichts Bestimmtes, Alles auseinander geflossen . . . Und das bringe mal Einer zusammen!

– In seiner Art ist auch das schön! bemerkte Berßenjew. Ja, sage doch, hast Du Dein Basrelief beendet?

– Welches?

– Das Kind mit dem Ziegenbock.

– Das hole der Kukuk, Kukuk, Kukuk! rief Schubin in singendem Tone. Ich habe mir das Leben selbst, die Alten, die Antike angesehen und mein Machwerk zerschlagen. Du zeigst mir die Natur und sagst: Da ist auch Schönheit. Gewiß, Schönheit ist in Allem, selbst in Deiner Nase zu finden, wie willst Du aber jeder Schönheit nachlaufen. Die Alten, – die liefen dem Schönen nicht nach; es ließ sich von selbst auf ihre Werke herab, wer weiß woher! vom Himmel etwa? Ihnen gehörte die Welt; wir aber können uns so breit nicht machen: die Arme sind uns zu kurz. Wir werfen unsere Angel nach einem Punkte aus und passen auf. Hat etwas angebissen, bravo!l wenn nicht . . .

Schubin streckte die Zunge vor.

– Halt, halt! entgegnete Berßenjew, das ist ja ein Widerspruch. Wenn Du das Schöne nicht fühlen, es nicht lieben wirst, wo es Dir auch vorkommen mag, wird es sich Dir in Deiner Brust nimmer aufthun. Wenn eine schöne Aussicht, eine liebliche Musik Deine Seele nicht rühren, ich will sagen, Dein Gefühl nicht anregen . . .

– Ach, Du Gefühlsanreger! platzte Schubin aus und lachte bei diesem neugeschaffenen Worte auf, Berßenjew jedoch blieb ernsthaft. Nein, Bruder, fuhr Schubin fort, Du bist ein kluger Kopf, ein Philosoph der dritte Candidat der moskauer Universität, mit Dir zu streiten kann gefährlich werden, vorzüglich für mich, den ausgetretenen Studenten; eines muß ich Dir aber sagen: außerhalb meiner Kunst liebe ich die Schönheit nur an Frauen . . . an Mädchen, und auch das erst seit Kurzem . . .

Er drehte sich auf den Rücken um und legte die Hände unter den Kopf zurück.

Einige Minuten blieben sie stumm. Die Stille der Mittagshitze lag schwer aus der bestrahlten und ruhenden Erde.

– Da wir just von Weibern reden, fing Schubin wieder an, warum fällt es Niemandem ein, Stachow in Zucht zu nehmen? Hast Du ihn in Moskau gesehen?

– Nein.

– Der Graubart hat ganz den Verstand verloren. Täglich sitzt er bei seiner Augustine Christianowna, langweilt sich furchtbar und geht doch nicht fort. Sie gucken einander in die Augen, – so dumm . . . daß Jedem übel dabei wird. Da hast Du es! Was Familie betrifft, ist der Mensch doch gewiß nicht vom Himmel übergangen worden; aber nein, er muß noch die Augustine haben! Ich kenne nichts Widerlicheres, als diese Entenphosiognomie! Ich habe neulich eine Carricatur von ihr modellirt, in Dantan’schem Geschmack. Sie ist nicht schlecht ausgefallen. Ich werde sie Dir zeigen.

– Und Helena Nikolajewna’s Büste, fragte Berßenjew, geht es mit der vorwärts?

– Nein, Bruder, es geht nicht vorwärts damit. Das Gesicht könnte Jeden zur Verzweiflung bringen. Siehst Du Dir’s an, – sind es nur reine, regelmäßige, gerade Linien; es scheint, die Aehnlichkeit müsse leicht heraus zu bekommen sein. Doch nein . . . nichts davon. Hast Du bemerkt, wie sie zuhört? Kein einziger Zug bewegt sich, aber der Ausdruck im Blicke verändert sich beständig, und davon wird auch die ganze Figur anders. Was fängt dabei ein Künstler, und noch dazu ein mittelmäßiger, an? Ein wunderbares Wesen . . . ein sonderbares Wesen, setzte er nach einer kleinen Pause hinzu.

– Ja; ein wunderbares Mädchen, wiederholte Berßenjew.

– Und das ist Nikolai Artemjewitsch Stachow’s Tochter! Sprich Du mir nun von Blut und Race. Und ist es nicht curios, daß sie so ganz seine Tochter, ihm so ähnlich und zugleich der Mutter, Anna Wassiljewna, ähnlich ist. Diese Frau achte ich von ganzem Herzen, auch hat sie mir viel Gutes erwiesen – eine Gans ist sie aber doch! Von wem hat nur Helene diese Seele? Wer hat dieses Feuer entzündet? Da hast Du wieder eine Aufgabe, Philosoph!

Der Philosoph, antwortete jedoch wie vorhin nichts. Redseligkeit war überhaupt nicht Berßenjew‘s schwache Seite, Helene- und wenn er sprach, drückte er sich nicht in üblicher Weise aus; er stockte und gesticulirte ohne Noth mit den Händen; jetzt aber war ein besonderes Schweigen über ihn gekommen, ein Schweigen, das als Ermattung und Melancholie gedeutet werden konnte. Nach langer und schwerer Arbeit, die viele Stunden des Tages in Anspruch genommen hatte, war er, nicht weit von der Stadt, aufs Land gezogen. Die Unthätigkeit, die wonnige reine Luft, das Bewußtsein, ein Ziel erreicht zu haben, das offene ungezwungene Gespräch mit dem Freunde, das plötzlich hervorgerufene Bild eines lieben Wesens, alle diese verschiedenartigen und dabei einander doch ähnlichen Eindrücke verschwammen bei ihm zu einem allgemeinen Gefühle, das ihn zugleich beruhigte, aufregte und erschlaffte . . . Er war ein überaus empfindsamer junger Mann.

Unter der Linde war es kühl und still; die Fliegen und Bienen, die in den Schattenkreis derselben hineingeriethen, summten, wie es schien, leiser; das reine, kurze, smaragdgrüne Gras schillerte nicht in goldigen Uebergängen und bewegte sich nicht; wie von einem Zauber berührt ragten die längeren Halme regungslos empor, und wie von einem Zauber berührt und leblos hingen auch an den unteren Zweigen der Linde gelbe Blüthenbüschel herab. Mit Wonne sog jeder Athemzug den lieblichen Duft tief ein. In der Ferne« jenseits des Flusses, bis an den Horizont stand Alles in Glanz und Gluth; zuweilen strich ein Luftzug darüber hinweg und zertheilte und vervielfältigte den Glanzschimmer; ein strahlender Dunst zitterte über dem Boden. Kein Vogel ließ sich hören – während der heißen Mittagsstunden singen die Vögel nicht – doch rings umher zirpten Grillen und im kühlenden Schatten ruhend, hörte sich dieser geschäftige Lebensruf mit Vergnügen an: er schläferte ein und rief die Phantasie wach.

– Hast Du bemerkt« begann plötzlich Berßenjew, indem er mit Gesticuliren seiner Rede nachhalf, welch’ ein eigenthümliches Gefühl die Natur in uns erweckt? Alles in ihr ist so vollendet, so klar, ich möchte sagen, so selbstgenügsam; wir sehen es und freuen uns daran und doch erweckt sie dabei immer, wenigstens in mir, eine gewisse Unruhe, eine unbestimmte Angst, ja sogar Schwermuth. Woher kommt das wohl? Wäre es etwa, weil wir bei ihrem Anblicke, Angesichts derselben, uns unserer Unvollkommenheit, unserer Unklarheit bewußt werden, oder ist das, was ihr genügt, zu wenig, um uns zu befriedigen und fehlt es ihr an Anderem, das heißt an dem, was uns Noth thut?

– Hm, erwiederte Schubin, ich will Dir, Andrei Petrowitsch, sagen, woher das kommt. Du hast die Eindrücke eines einsamen Mannes beschrieben, der nicht lebt, sondern vor sich hinstiert und in sich selbst zerfließt. Was nützt das bloße Gassen? Fange zu leben an und Du wirst ein ganzer Kerl werden. Klopfe so viel Du willst an das Thor der Natur, sie wird Dir nicht antworten, weil sie stumm ist. Sie wird tönen und jammern wie eine Darmsaite, auf Lieder warte nicht. Eine lebende Seele – die wird Dir Antwort geben, und vor Allem die Seele eines Weibes. Und darum, mein edler Freund, rathe ich Dir, Dich nach einer Gefährtin des Herzens umzusehen, und alle schwermüthigen Empfindungen werden sofort bei Dir verschwinden. Das ist es, was uns »Noth thut« wie Du sagtest. Diese Angst, diese Schwermuth, das ist ja Alles, wahrhaftig, in seiner Art, eine Hungersnoth. Gieb dem Magen die angemessene Speise und Alles wird bald in Ordnung sein. Nimm Deine Stelle im Weltraume ein, werde ein lebender Körper, mein Bester. Und was ist denn, was nützt denn, die »Natur?« Höre auf das Wort: Liebe . . . welch’ ein mächtiges, glühendes Wort! Natur . . . was für ein kalter, schülerhafter Ausdruck! Und darum (Schubin sagte es singend): Es lebe Maria Petrowna; oder nein« setzte er hinzu, nicht Maria Petrowna; nun das bleibt sich ganz gleicht Vous me comprenez!

Berßenjew erhob sich ein wenig und stützte sein Kinn aus die gekreuzten Arme.

– Wozu der Scherz, sagte er, ohne den Gefährten anzusehen, wozu der Spott? Ja, Du hast Recht: Liebe . . . ist ein großes Wort, ein großes Gefühl . . . Von welcher Liebe aber sprichst Du?

Schubin richtete sich gleichfalls etwas auf.

– Von welcher Liebe? Von welcher Dir beliebt, sie muß aber da sein. Offen gestanden, giebt es, meiner Ansicht nach, keine verschiedenen Gattungen von Liebe. Wenn Du wirklich liebst . . .

– Von ganzer Seele, warf Berßenjew ein.

– Nun ja, das versteht sich von selbst: die Seele ist kein Apfel; man kann sie nicht in Theile zerlegen. Wenn Du also liebst, hast Du auch Recht. Spotten wollte ich aber nicht. Mein Herz ist jetzt so zärtlich, so weich gestimmt . . . Ich wollte blos erklären, warum die Natur, wie Du sagtest, einen solchen Eindruck aus uns hervorbringt. Das kommt, weil sie in uns das Bedürfniß der Liebe erregt und nicht im Stande ist, es zu befriedigen. Sie drängt uns sanft in andere, lebendige Umarmung und wir verstehen sie nicht und erwarten von ihr selbst etwas Besonderes. Ach, Andrei, Andrei, schön ist diese Sonne, dieser Himmel, Alles, Alles um uns her ist so herrlich und Du trauerst; wenn Du aber in diesem Augenblicke in Deiner Hand die Hand eines geliebten Weibes hieltest, wenn diese Hand und das ganze Weib Dein wären, und wenn Du dazu noch mit ihren Augen sähest, nicht mit eigenem, isolirtem Gefühle, sondern mit ihrem Gefühle fühltest . . . o Andrei, nicht Schwermuth, nicht Angst erregte dann die Natur in Dir und für ihre Schönheiten hättest Du kein Auge; sie selbst würde frohlocken und jubeln, sie würde Deine Hymne mit ihrem Gesang begleiten, denn Du hättest ihr, der Stummen, die Sprache gegeben.

Schubin sprang auf und ging einige Mal auf und ab, Berßenjew seinerseits senkte den Kopf und sein Gesicht röthete sich leicht.

– Ich bin nicht ganz mit Dir einverstanden, begann er, nicht immer weist die Natur auf . . . Liebe hin. (Dieses Wort kam nicht sogleich aus seinem Munde.) Sie droht uns auch, sie mahnt uns an schreckliche . . . ja an unergründliche Geheimnisse. Ist sie es nicht, die uns verschlingen soll, die uns fortwährend verschlingt? an ihr ist Leben und Tod; aus ihr redet ebenso laut Tod wie Leben.

– Auch in der Liebe ist Leben und Tod, unterbrach ihn Schubin.

– Und dann, fuhr Berßenjew fort, wenn ich zum Beispiel im Frühling in einem Walde, im Dickicht des Grüns mich befinde und mir däucht, ich höre die romantischen Töne von Oberon‘s Horn (Berßenjew empfand etwas wie Scham, als er diese Worte vorbrachte), wäre das wohl . . .

– Liebessehnen, Sehnen nach Glück, weiter nichts! warf Schubin ein. Auch mir sind jene Töne, jene Rührung, jene Erwartung bekannt, die im Schatten des Waldes, in dessen tiefstem Dickicht, oder auch wohl Abends auf freiem Felde, wenn die Sonne sich neigt und hinter dem Röhricht Nebel vom Flusse aufsteigen, die Seele beschleichen. Aber auch vom Walde, wie vom Flusse, von der Erde, wie vom Himmel, von jedem Wölkchen, jedem Grashalme erwarte und fordere ich Glück, ich spüre in Allem dessen Herannahen, überall höre ich sein Rufen. »Mein Gott, mein Gott ist licht und heiter!« Das war der Anfang eines Gedichtes von mir; Du wirst gestehen, der Vers ist schön, den folgenden habe ich aber nicht dazu finden können. Glück!s Glück! so lange das Leben noch nicht abgelaufen ist, so lange wir noch alle unsere Glieder in unserer Gewalt haben, so lange es mit uns nicht bergab, sondern bergan geht! Hol‘s der Kukuk! fuhr Schubin in einem plötzlichen Anfalle von Begeisterung fort; wir sind jung, nicht mißgestaltet, nicht auf den Kopf gefallen: wir wollen uns das Glück erobern!

Er schüttelte die Locken und blickte selbstbewußt und fast herausfordernd gen Himmel. Berßenjew erhob die Augen zu ihm.

– Als ob es nichts Höheres gäbe, als Glück! sagte er ruhig.

– Was denn zum Beispiel? fragte Schubin und blieb stehen.

– Nun, wir sind Beide, wie Du sagst, jung, ehrliche Männer, so zu sagen; Jeder von uns wünscht für sich Glück . . . Ist aber wohl dieser Begriff: »Glück« solcher Art, daß er uns Beide vereinigen, begeistern und zwingen könnte, einander die Hand zu bieten? Ist er nicht ein selbstsüchtiger, ich will sagen, ein trennender Begriff?

– Du kennst also wohl Begriffe, die vereinigen?

– Gewiß, und es sind deren nicht wenig; auch Du kennst sie.

– Wohlan denn, nenne mir diese Begriffe.

– Nun zum Beispiel, Kunst – da Du gerade Künstler bist – Heimath, Wissenschaft, Freiheit, Gerechtigkeit.

– Und Liebe? fragte Schubin.

– Auch Liebe ist ein vereinigender Begriff; aber nicht jene Liebe, nach welcher Dich jetzt gelüstet: Liebe ist nicht . . . Genuß; Liebe ist . . . Opfer.

Schubin machte ein saures Gesicht.

– Das paßt für Deutsche; ich will für mich selbst Liebe; ich will Nummer Eins sein.

– Nummer Eins, wiederholte Berßenjew – Ich möchte glauben Nummer Zwei zu werden . . . wäre die rechte Bestimmung unseres Lebens.

– Wenn Jeder Deinem Rathe folgen wollte, erwiederte Schubin mit kläglicher Grimasse, – so äße Niemand auf der Welt Ananas: ein Jeder überließe sie dem Nächsten.

– Daraus folgt, daß Ananas kein Bedürfniß ist; sei übrigens ohne Sorge: es wird immer Leute geben, die selbst das liebe Brod Anderen vom Munde nehmen.

Beide Freunde schwiegen einige Zeit.

– Neulich begegnete mir wieder Inßarow, nahm Berßenjew das Gespräch wieder auf: – ich habe ihn zu mir eingeladen; ich will durchaus, daß er mit Dir . . . und auch mit Stachow‘s bekannt werde.

– Wer ist dieser Inßarow? Ach ja jener Serbe oder Bulgare, von dem Du mit mir gesprochen. Jener Putriot! Hat er nicht vielleicht Dir alle diese philosophischen Ideen beigebracht!

– Vielleicht.

– Ist das ein ungewöhnliches Individuum, wie?

– Gewiß.

– Gescheit? Talentvoll?

– Gescheidt? . . . ja; talentvoll? . . . weiß nicht, glaube nicht.

– Nicht? Was ist denn Merkwürdiges an ihm?

– Du wirst es sehen. Für jetzt aber, denke ich, ist es Zeit, daß wir gehen. Anna Wassiljewna wartet vermuthlich auf uns. Wie viel ist es an der Zeit?

– Ueber Zwei. Komm. Welche Hitze! Diese Unterhaltung hat mir alles Blut entzündet. Auch Du warst einen Augenblick . . . nicht umsonst bin ich Künstler: ich bemerke Alles. Gestehe, das Mädchen steckt Dir im Kopfe . . .

Schubin wollte Berßenjew in die Augen blicken, dieser wandte sich jedoch ab und verließ seinen Platz unter der Linde. Schubin folgte ihm, nachlässig-graziös auf seinen zierlichen Füßchen dahin schreitend. Berßenjew‘s Gang war linkisch, er zog beim Gehen die Schultern hoch hinauf und streckte den Hals vor, und doch hatte er mehr das Aussehen eines ordentlichen Menschen, als Schubin, er war mehr Gentleman, würden wir sagen, wenn dieses Wort bei uns nicht verbraucht wäre.j




II


Die jungen Leute stiegen zum Flusse hinab und gingen an dessen Ufer weiter. Vom Wasser wehte Kühle ihnen entgegen und das leise Plätschern der kleinen Wellen schlug angenehm an ihr Ohr.

– Ich möchte gern wieder baden, sagte Schubin, – fürchte aber zu spät zu kommen. Sieh doch das Wasser an; es scheint uns zu locken. Die alten Griechen hätten eine Nymphe darin gesehen. Wir aber sind keine Griechen, o schöne Nymphe! wir sind dickhäutige Scythen!

– Wir haben unsere Nixen, bemerkte Berßenjew.

– Zum Henker mit Deinen Nixen! Wozu nützen mir, dem Bildhauer, diese Ausgeburten einer eingeschüchterten, starren Phantasie, diese in dicker Bauernstubenluft und im Dunkel der Winternächte ausgebrüteten Gestalten? Ich brauche Licht, Raum . . . Wann, o mein Gott, wann werde ich Italien sehen? Wann . . .

– Du willst wohl sagen Kleinrußland?

– Schäme Dich, Andrei Petrowitsch, mich an einen dummen Streich zu erinnern, den ich ohnehin bitter bereue. Nun ja, ich war ein Narr; die vortreffliche Anna Wassiljewna gab mir Geld, nach Italien zu reisen und ich bin zu den Chochols[1 - Das heißt: Schöpfe. Spottname für Kleinrussen. D. Uebers.] gefahren, um Mehlklößchen zu essen und . . .

– Brauchst nicht weiter zu sprechen, unterbrach ihn Berßenjew.

– Und dennoch kann ich sagen, das Geld war doch nicht ganz weggeworfen. Ich habe dort solche Typen, besonders weibliche, gefunden . . . Freilich, ich weiß es, außerhalb Italiens giebt’s kein Heil!

– Du kannst nach Italien reisen, sagte Berßenjew, ohne sich umzuwenden: – und wirst doch nichts schaffen. Du wirst nur mit den Flügeln schlagen und doch nicht fliegen. Wir kennen Euch!

– Stawasser[2 - Namhafter russischer Bildhauer, verstorben. D. Uebers.] hat sich aber doch erhoben . . . Und nicht er allein. Und kann ich es nicht, so heißt das« daß ich ein flügelloser Pinguin bin. Es wird mir hier schwül, ich muß nach Italien, fuhr Schubin fort: – dort ist Sonne, Schönheit . . .

Ein junges Mädchen, in breitem Strohhute, mit einem rosenfarbigen Sonnenschirme in der Hand, zeigte sich in diesem Augenblicke auf dem Fußwege, auf welchem die Freunde dahingingen.

– Was sehe ich aber? Selbst hier kommt die Schönheit uns entgegen! Der reizenden Zoë entbietet seinen Gruß der bescheidene Künstlers rief plötzlich Schubin, theatralisch den Hut schwenkend.

Das junge Mädchen, dem diese Anrede galt, blieb stehen, drohte ihm mit dem Finger und sagte, nachdem beide Freunde an sie herangekommen waren, mit heller Stimme und etwas schnarrend:

– Warum kommen Sie denn nicht zum Essen, meine Herren? Der Tisch ist gedeckt.

– Was höre ich? rief Schubin, die Hände zusammenschlagend. Hütten Sie sich wirklich, reizende Zoë, bei dieser Hitze herausgewagt nur um uns aufzusuchen? Muß ich so den Sinn Ihrer Worte deuten? Sagen Sie, wäre es möglich? Oder nein, besser, Sie sprechen das Wort nicht aus: die Reue würde mich auf dem Flecke tödten.

– Ach, hören Sie auf, Pawel Jakowlewitsch, erwiederte nicht ohne Unwillen das junge Mädchen, warum sprechen Sie nie im Ernste zu mir? Ich werde böse werden, setzte sie mit koketter Miene hinzu und warf die Lippen auf.

– Sie werden mir nicht zürnen, ideale Zoë Nikitischna; Sie werden mich nicht in den finsteren Abgrund wahnsinniger Verzweiflung stürzen wollen. Ernsthaft zu sprechen ist mir aber unmöglich, denn ich bin kein ernsthafter Mensch.

Das junge Mädchen zuckte die Achseln und wandte sich zu Berßenjew.

– So ist er immer; er behandelt mich wie ein Kind, und ich bin doch schon über achtzehn Jahre alt. Ich bin schon ein erwachsenes Mädchen.

– O Gott! seufzte Schubin und verdrehte die Augen; Berßenjew lächelte still.

Das Mädchen stampfte mit dem Fuße.

– Pawel Jakowlewitschs Sie werden mich böse machen! Helene hat mich begleiten wollen, fuhr sie fort, ist aber im Garten geblieben. Sie hat sich vor der Hitze gefürchtet . . . ich fürchte aber die Hitze nicht. Kommen Sie.

Sie ging auf dem Fußwege voran, den schlanken Körper bei jedem Schritte sanft hin- und herwiegend und mit dem schönen Händchen, in schwarzem Halbhandschuh, die langen, weichen Locken aus dem Gesichte zurückstreichend.

Die Freunde folgten ihr (Schubin preßte bald die Hände ans Herz, bald streckte er dieselben über dem Kopfe empor) und waren einige Augenblicke darauf vor einem der vielen Landhäuser in der Umgegend Kunzowos angekommen. Es war ein kleines hölzernes Häuschen mit einem Erker von hellrothem Anstrich, das inmitten eines Gartens lag und still aus dem Grün der Bäume hervorguckte. Zoë war die Erste am Pförtchen, sie machte es auf, lief in den Garten und rief: Ich habe die Herumstreicher zurückgebracht! Ein junges Mädchen, von blassem und ausdrucksvollem Gesichte, erhob sich von einer Bank in der Nähe des Gartenweges und an der Schwelle des Hauses zeigte sich eine Dame in violett-seidenem Kleide; sie hielt gegen die Sonne ein gestieltes Batisttuch vor der Stirn und lächelte schmachtend und träge.




III


Anna Wassiljewna Stachow, geborene Schubin, blieb, sieben Jahre alt, als vater- und mutterlose Waise und Erbin eines ziemlich beträchtlichen Vermögens zurück. Sie hatte sehr reiche und sehr arme Verwandte; die armen von väterlicher, die reichen von mütterlicher Seite: den Senator Wolgin, die Fürsten Tschikurassow. Fürst Ardalion Tschikurassow, der ihr zum Vormund bestimmt wurde, gab sie in die beste Pension Moskaus, und als sie die Anstalt verließ, nahm er sie zu sich ins Haus. Er lebte auf großem Fuße und gab im Winter Bälle. Anna Wassiljewna‘s zukünftiger Mann, Nikolai Artemjewitsch Stachow, eroberte sich seine Gattin auf einem jener Bälle, wo dieselbe in einem »reizenden rosenfarbenen Anzuge und Kopfputz aus kleinen Röschen, erschienen war. Sie bewahrte diesen Kopfputz noch auf . . . Nikolai Artemjewitsch Stachow, Sohn eines verabschiedeten Capitains, der, 1812 verwundet, eine einträgliche Anstellung in Petersburg bekommen hatte, bezog, sechszehn Jahre alt, die Junkerschule und trat in die Garde. Er war hübsch von Gestalt, gut gebaut und galt fast für den besten Tänzer auf den Tanzkränzchen des Mittelstandes, die er vorzugsweise besuchte; in der hohen Welt hatte er nicht Zutritt. Von Jugend auf schwärmte er für zwei Dinge: Flügeladjutant zu werden und eine vortheilhafte Heirath zu schließen; dem ersteren entsagte er bald, dafür aber behielt er desto fester letzteres im Auge. Zu diesem Zwecke fuhr er jeden Winter nach Moskau. Stachow sprach ziemlich fertig französisch und wurde, weil er kein ausschweifendes Leben führte, für einen Philosophen gehalten. Schon als Fähnrich liebte er eifrig zu disputiren, ob zum Beispiel ein Mensch wohl in seinem Leben alle Punkte des Erdballs bereisen, oder ob er wohl erfahren könne, was auf dem Boden des Meeres vorgehe – und war stets der Meinung, es sei unmöglich.

Stachow war fünfundzwanzig Jahre alt, als er Anna Wassiljewna »kaperte;« er nahm seinen Abschied und zog aufs Land, um die Wirthschaft zu führen. Er wurde des Lebens auf dem Lande jedoch bald überdrüssig, umsomehr, da die Bauern zinspflichtig waren und zog daher nach Moskau, wo seine Frau ein Haus besaß. In seiner Jugend hatte er keinerlei Spiel gespielt, nun aber bekam er eine Leidenschaft fürs Lottospiel und als dieses verboten ward,[3 - Dieses sonst unschuldige Spiel wurde in den öffentlichen Clubs verboten, da sich zahlreiche Familienväter ihm Tage lang hingaben und bedeutende Summen verloren. D. Uebers.] für Whist. Zu Hause fühlte er Langeweile; er machte die Bekanntschaft einer Wittwe deutscher Abkunft und verbrachte bei ihr fast seine ganze Zeit. Den Sommer 1853 ging er nicht nach Kunzowo aufs Land; er blieb unter dem Vorwande, Mineralwasser zu brauchen, in Moskau; in Wahrheit jedoch, weil er sich nicht von seiner Wittwe trennen konnte. Er sprach übrigens auch mit ihr wenig und stritt meistens mit ihr darüber, ob man wohl die Witterung vorausbestimmen könne und dergleichen mehr. Es nannte ihn einmal Jemand Frondeur; diese Benennung gefiel ihm sehr. Ja wohl, dachte er, selbstgefällig die Mundwinkel herabziehend und sich langsam schaukelnd, es ist nicht leicht, mich zu befriedigen; mich führt man nicht so leicht an. Das Frondiren Stachow‘s bestand aber einfach darin, daß er zum Beispiel wenn Jemand von Nerven sprach, fragte: Und was nennen Sie Nerven? oder wenn in seiner Gegenwart von Fortschritten der Astronomie die Rede war, er dazwischen warf: Und glauben Sie an Astronomie? Wollte er seinen Gegner gänzlich vernichten, dann sagte er: Das sind Alles nur Phrasen. Man muß gestehen, daß dergleichen Argumente vielen Leuten (wie es heut zu Tage noch vorkommt) unumstößlich schienen; Stachow hatte aber gewiß keine Ahnung davon, daß Augustine Christianowna in ihren Briefen an ihre Cousine Theolinde Petersilius ihn »mein Pinselchen« nannte.

Nikolai Artemjewitsch‘s Frau, Anna Wassiljewna, war ein kleines mageres Weibchen mit feinen Gesichtszügen, zu Gemüthsbewegungen und Trauer geneigt. In der Erziehungsanstalt hatte sie Musik getrieben und Romane gelesen, später aber beides aufgegeben; dann hatte sie sich mit ihrem Putze beschäftigt, aber auch dieses bei Seite gelegt; zuletzt war es die Erziehung ihrer Tochter, die sie zu übernehmen gedachte, doch es versagten ihr die Kräfte auch hierin und sie überließ diese Sorge einer Gouvernante; das Ende von Allem war, daß sie weiter nichts mehr that, als sich ihrer Trauer und stiller Gemüthsbewegung hinzugeben. Helene Nikolajewna‘s Geburt zerstörte ihre Gesundheit, sie gebar keine Kinder mehr; auf diesen Umstand machte Nikolai Artemjewitsch Anspielungen, um sein Verhältniß mit Augustine Christianowna zu rechtfertigen. Anna Wassiljewna betrübte die Untreue ihres Gatten sehr; es schmerzte sie besonders, daß er einmal durch List seiner Geliebten ein paar graue Pferde aus ihrem eigenen Gestüte geschenkt hatte. Ins Gesicht machte sie ihm niemals Vorwürfe, insgeheim aber beklagte sie sich über ihn bei allen Hausgenossen selbst bei ihrer Tochter. Anna Wassiljewna liebte nicht Besuche zu machen; sie hatte es gern, wenn irgend ein Gast bei ihr saß und ihr etwas erzählte; blieb sie allein, dann fühlte sie sich sogleich unwohl. Sie besaß ein sehr liebevolles und gefühlvolles Herz: das Leben aber hatte sie sehr bald aufgerieben.

Pawel Jakowlewitsch Schubin war in entferntem Grade ihr Neffe. Sein Vater hatte in Moskau gedient. Seine Brüder waren im Cadettencorps erzogen worden; er, als jüngstes Kind, Liebling der Mutter, und von zarter Leibesbeschaffenheit, wurde zu Hause behalten. Er wurde für die Universität bestimmt und machte mit Mühe das Gymnasium durch. Schon früh zeigte sich bei ihm Neigung zur Bildhauerei; dem gewichtigen Senator Wolgin kam einmal bei des Knaben Tante eine kleine Statuette zu Gesicht (eine Arbeit des damals noch Sechszehnjährigen) und er erklärte, das angehende Talent unter seine Protection nehmen zu wollen. Der plötzliche Tod von Schubin‘s Vater hätte beinahe der Zukunft des jungen Menschen eine andere Richtung gegeben. Der Senator als Gönner der Talente, schenkte ihm eine Büste des Homer aus Gyps – das war Alles; Anna Wassiljewna aber half ihm mit Geld aus und mit genauer Noth, neunzehn Jahre alt, bezog er die Universität, um Medicin zu studiren. Pawel empfand nicht die geringste Neigung zur Medicin, doch bei der damaligen Zahl der Studenten war es unmöglich, in irgend eine andere Facultät zu treten;[4 - Die Zahl der Studenten wurde einmal auf 300 festgesetzt; über diese Zahl hinaus durften nur angehende Mediciner immatrieulirt werden. D. Uebers.] außerdem hoffte er Anatomie zu lernen. Er beendete dieses Studium nicht; ohne in den zweiten Cursus übergegangen zu sein, verließ er vor dem Examen die Universität, um sich ausschließlich seinem Berufe zu widmen. Er arbeitete eifrig, aber mit Unterbrechungen, streifte in der Umgegend Moskaus umher, formte und zeichnete Portraits von Bauermädchen, kam mit vielerlei Leuten, mit Jung und Alt, Hohen und Niederen, italienischen Formgießern und russischen Künstlern zusammen, wollte nichts von der Akademie wissen und keine Professoren anerkennen. Er besaß entschiedenes Talent: sein Name fing an in Moskau genannt zu werden. Seine Mutter, eine Pariserin aus – guter Familie, eine brave und kluge Frau, hatte ihm die französische Sprache gelehrt, Tag und Nacht sich um ihn bekümmert und Sorge für ihn getragen; sie war stolz auf ihn und als sie, noch jung, von der Schwindsucht ergriffen, im Sterben lag, bat sie Anna Wassiljewna, sich ihres Sohnes anzunehmen. Er war damals einundzwanzig Jahre alt. Anna Wassiljewna erfüllte ihre letzte Bitte; sie stellte Schubin ein kleines Zimmer in einem Nebengebäude. des Landbauses zur Verfügung.




IV


– So kommen Sie doch zum Essen, kommen Sie, bat die Hausfrau mit kläglicher Stimme, und Alle begaben sich in den Speisesaal. Sehen Sie sieh zu mir, Zoë, sagte Anna Wassiljewna, Du aber, Helene, unterhalte den Gast, und Du Paul, ich bitte Dich, treibe nicht Muthwillen und necke nicht Zoë. Mir thut heute der Kopf weh.

Schubin richtete wieder den Blick gen Himmel; Zoë erwiederte denselben mit einem leichten Lächeln. Diese Zoë, oder richtiger Zoja Nikitischna Müller, war ein nettes, blondgelocktes, etwas schieläugiges, volles junges Mädchen, deutscher Abkunft, mit einem Stutznäschen und rothen zierlichen Lippen. Sie sang nicht schlecht russische Romanzen, spielte ganz hübsch auf dem Clavier verschiedene bald heitere, bald rührende Stückchen,« kleidete sich mit Geschmack, aber etwas kinderhaft und gar zu zierlich. Anna Wassiljewna hatte sie als Gesellschafterin ihrer Tochter engagirt und ließ sie fast niemals von sich. Helene hatte nichts dagegen; wenn sie zufälliger Weise mit Zoë allein blieb, wußte sie niemals, was sie mit ihr sprechen sollte.—

Die Mahlzeit dauerte ziemlich lange; Berßenjew unterhielt sich mit Helene vom Studentenleben, von seinen Plänen und Hoffnungen; Schubin horchte, schwieg, aß mit übertriebener Hast und warf von Zeit zu Zeit komische Blicke auf Zoë, die darauf beständig mit phlegmatischem Lächeln antwortete. Nach der Tafel begaben sich Berßenjew, Helene und Schubin in den Garten; Zoë blickte ihnen nach, zuckte leicht die Achseln und setzte sich dann ans Clavier. Anna Wassiljewna fragte sie zwar: Warum gehen Sie denn nicht auch in den Garten? doch die Antwort nicht abwartend, setzte sie hinzu: spielen Sie mir etwas recht Schwermüthiges vor . . .

– La dernière pensée de Weber? fragte Zoë.

– Ach ja, aus Weber, sagte Anna Wassiljewna, ließ sich auf einen Armstuhl nieder und eine Thräne zitterte an ihren Wimpern.

Unterdessen war Helene mit ihren beiden Begleitern in eine Akazienlaube gelangt, in deren Mitte sich ein hölzerner Tisch, von Bänken umgeben, befand. Schubin blickte zurück, sprang einige Male umher, sagte dann leise: Warten Sie! lief auf sein Zimmer, brachte ein Stück Lehm und begann nun, Zoë‘s Gestalt unter Kopfschütteln, Brummen und Lachen zu modelliren.

– Immer die alte Geschichte, sagte Helene zu Berßenjew, nachdem sie einen Blick auf die Arbeit geworfen hatte, und setzte damit ihr an der Tafel begonnenes Gespräch mit ihm fort.

– Die alte Geschichte! wiederholte Schubin. Das ist aber ein unerschöpflicher Stoff! Heute besonders bringt sie mich zur Verzweiflung.

– Weshalb denn das? fragte Helene. Man könnte glauben, Sie sprechen von irgend einer boshaften, widerlichen Alten. Ein hübsches junges Fräulein . . .

– Freilich, warf Schubin ein, – sie ist hübsch, sehr hübsch; ich bin überzeugt, daß jeder Vorübergehende, der sie sieht, durchaus dabei denken muß: das ist mir Eine, mit welcher sich köstlich . . . eine Polka tanzen ließe; auch bin ich überzeugt, daß sie das weiß und daß es ihr angenehm ist . . . Wozu denn also dieses verschämte Spiel, diese Bescheidenheit? Nun, Sie verstehen schon, was ich damit sagen will, setzte er durch die Zähne hinzu. – Sie sind übrigens jetzt mit anderen Dingen beschäftigt.

Und Zoë’s Bild zerbrechend, begann Schubin hastig und augenscheinlich ärgerlich den Lehm zu kneten.

– Sie möchten also Professor werden? fragte Helene Berßenjew.

– Ja, erwiederte dieser, die rothen Hände zwischen die Kniee zwängend. Das ist mein liebster Traum. Freilich, ich weiß sehr gut, was mir noch Alles fehlt, um würdig eines so hohen . . . ich will sagen, ich bin zu wenig vorbereitet, hoffe indessen die Erlaubniß zu einer Reise ins Ausland zu erhalten;[5 - Es war zu jener Zeit das Reisen ins Ausland gesetzlich erschwert. D. Uebers.] ich bleibe drei, vier Jahre dort, wenn es nöthig ist, und dann . . .

Er hielt inne, schlug die Augen nieder, dann rasch wieder auf und brachte unbeholfen lächelnd sein Haar in Ordnung. Wenn Berßenjew mit Frauen sprach, wurde seine Rede noch langsamer; auch lispelte er dann mehr.

– Sie wollen Professor der Geschichte werden? fragte Helene.

– Ja, oder der Philosophie, setzte er, die Stimme sinken lassend, hinzu, wenn es sich thun läßt.

– Er ist schon jetzt stark wie ein Teufel in der Philosophie, bemerkte Schubin, indem er mit dem Nagel tiefe Furchen in dem Lehm zog, wozu braucht er ins Ausland zu reisen?

– Und wird Sie Ihre Stellung vollkommen befriedigen? fragte Helene, auf den Ellenbogen gestützt und ihm gerade ins Gesicht blickend.

– Vollkommen, Helene Nikolajewna, vollkommen. Welchen besseren Beruf könnte es geben? Denken Sie nur, in die Fußstapfen eines Timofei Nikolajewitsch[6 - Granowski, ein sehr beliebter Professor der Geschichte in Moskau; verstorben. D. Uebers.] zu treten . . . Der Gedanke allein an einen solchen Wirkungskreis erfüllt mich mit Freude und Schauer, ja . . . mit Schauer, den . . . der aus dem Bewußtsein der Unzulänglichkeit meiner Kräfte entspringt. Mein seliger Vater ertheilte mir seinen Segen zu diesem Werke . . . Seine letzten Worte werde ich nie vergessen . . .

– Ihr Vater starb im vergangenen Winter?

– Ja, Helene Nikolajewna, im Februar.

– Man sagt, fuhr Helene fort, er habe eine bemerkenswerthe Schrift in Manuscript hinterlassen; ist das wahr?

– Ja, ein solches ist vorhanden. Das war ein vortrefflicher Mann. Sie hätten ihn lieb gewonnen, Helene Nikolajewna.

– Ich bin davon überzeugt. Und was ist der Inhalt jener Schrift?

– Den Inhalt, Helene Nikolajewna, könnte ich Ihnen nicht leicht in ein paar Worten wiedergeben. Mein Vater war ein Mann von großer Gelehrsamkeit, Schellingianer, er gebrauchte nicht immer deutliche Ausdrücke . . .

– Andrei Petrowitsch, unterbrach ihn Helene, vergeben Sie mir meine Unwissenheit, was bedeutet Schellingianer?

Berßenjew lächelte leicht.

– Ein Schellingianer bedeutet einen Anhänger Schelling’s, eines deutschen Philosophen, worin aber Schelling’s Anschauung bestand . . .

– Andrei Petrowitsch! rief plötzlich Schubin, um des Himmels Willen! Du wirst doch Helene Nikolajewna nicht gar einen Vortrag über Schelling halten wollen? Habe doch Mitleid!

– Durchaus keinen Vortrag, murmelte Berßenjew und wurde roth, ich wollte . . .

– Und warum denn keinen Vortrags warf Helene ein. Wir Beide, Pawel Jakowlewitsch, bedürfen der Vorträge sehr.

Schubin sah ihr fest in die Augen und brach plötzlich in Lachen aus.

– Worüber lachen Sie denn? fragte sie trocken und fast streng.

Schubin verstummte.

– Ach ich bitte, zürnen Sie nicht, sagte er nach einer kleinen Pause, vergeben Sie mir. Aber in der That, wie ist es möglich, ich bitte Sie, jetzt, bei diesem Wetter, unter diesen Bäumen von Philosophie zu sprechen? Wäre es nicht besser, wir sprächen von Nachtigallen, von Rosen, von jungen Gesichtern und Lächeln?

– Ja, und von französischen Romanen, von Weiberstaat, setzte Helene hinzu.

– Meinetwegen auch davon, wenn er nur hübsch ist.

– So? Nun wenn wir aber nicht von Weiberstaat sprechen wollten? Sie nennen sich mit Stolz einen freien Künstler, warum suchen Sie die Freiheit Anderer zu schmälern? Und erlauben Sie mir die Frage, weshalb greifen Sie bei dieser Sinnesart Zoë an?

Schubin fuhr plötzlich von seiner Bank auf. Ja, so! sagte er mit unsicherer Stimme, Ich verstehe Ihren Wink; Sie schicken mich fort, zu ihr, Helene Nikolajewna. Mit anderen Worten, ich bin hier überflüssig?

– Es fiel mir gar nicht ein, Sie fortzuschicken.

– Sie wollen sagen, fuhr Schubin zornig fort, ich sei keiner anderen Gesellschaft werth, wir paßten zusammen, ich sei ebenso flach, albern und kleinlich wie die süßliche deutsche Mamsell? Nicht so?

Helene runzelte die Stirn.

– Sie haben nicht immer so von ihr gesprochen, Pawel Jakowlewitsch, bemerkte sie.

– Ah! Vorwürfe, Vorwürfe jetzt! rief Schubin aus. Nun ja, ich mache kein Hehl daraus, es war eine Minute, ja eine einzige Minute, als mich diese frischen, albernen Wangen . . . Nun, wenn ich Ihnen mit Vorwürfen entgegnen, Ihnen ins Gedächtniß rufen wollte . . . Leben Sie wohl, brach er plötzlich ab, es ist zum Verrücktwerden!

Und mit der Hand auf den zu einem Kopfe geformten Lehm schlagend, lief er aus der Laube hinaus und begab sich auf sein Zimmer.

– Ein Kind, sagte Helene und sah ihm nach.

– Ein Künstler« sagte lächelnd Berßenjew. Die Künstler sind alle so. Man muß ihnen ihre Launen hingehen lassen. Das ist ihr Recht.

– Ja wohl, erwiederte Helene, Pawel hat jedoch bisher sich noch durch nichts dieses Recht erworben. Was hat er bis jetzt vor sich gebracht? Geben Sie mir Ihren Arm, wir wollen einen Gang durch die Allee machen. Er hat uns gestört. Wir sprachen von der Schrift Ihres Vaters.

Berßenjew nahm Helene’s Arm und folgte ihr in den Garten, doch das zu früh unterbrochene Gespräch ward nicht wieder aufgenommen; Berßenjew war wieder auf seine Ansichten über Professur und seine künftige Wirksamkeit zurückgekommen. Langsam und unbeholfen ging er an Helene‘s Seite hin, hielt ungeschickt ihren Arm, stieß sie zuweilen mit der Schulter an und blickte ihr nicht ein einziges Mal ins Gesicht; seine Rede floß indessen leicht, wenn auch nicht frei dahin, er drückte sich dießmal einfach und passend aus, seine Blicke, die langsam an den Stämmen der Baume, an dem Rande des Weges, an dem Rasen hinstreiften, glühten von sanfter Rührung edler Gefühle und in der ruhigen Stimme äußerte sich die Freude, die der Mensch empfindet, wenn ihm vergönnt wird, sich gegen ein anderes, ihm theueres Wesen auszusprechen. Helene hörte ihm mit Aufmerksamkeit zu, und halb zu ihm gekehrt, verwandte sie nicht den Blick von seinem etwas bleichgewordenen Gesichte, von seinen freundlichen und sanften Augen, die doch den ihrigen auszuweichen suchten. Ihre Seele hatte sich aufgethan und ein Gefühl von Zärtlichkeit, Gerechtigkeit, Güte ergoß sich halb in ihr Herz, halb wuchs es in ihm empor.




V


Bis in die Nacht hinein kam Schubin nicht aus seinem Zimmer. Es war schon ganz dunkel geworden, der Mond stand hoch am Himmel, die Milchstraße leuchtete und die Sterne flimmerten, als Berßenjew, nachdem er von Anna Wassiljewna, Helene und Zoë Abschied genommen hatte, an die Thür seines Freundes trat. Er fand sie verschlossen und klopfte an.

– Wer da? ließ sich Schubin‘s Stimme vernehmen.

– Ich bin’s« gab Berßenjew zur Antwort.

– Was willst Du?

– Laß mich ein, Pawel, höre auf zu schmollen; schämst Du Dich nicht?

– Ich schmolle nicht, ich schiefe und sehe im Traume Zoë’s Bild.

– So höre doch auf. Du bist ja kein Kind. Laß mich hinein, ich muß mit Dir sprechen.

– Hast Du Dich denn noch nicht sattgesprochen mit Helene?

– Nun höre endlich auf; laß mich ein!

Schubin stellte sich schnarchend. Berßenjew zuckte die Achseln und entfernte sich.

Die Nacht war warm und ganz besonders still, als ob Alles rings umher aus ein Unbekanntes lauschte und Wache stünde; auch Berßenjew, umfangen von dem unbeweglichen Dunkel, blieb unwillkürlich stehen, lauschte gleichfalls und stand Wache. Ein leichtes Rauschen, dem Rauschen eines seidenen Gewandes vergleichbar, ließ sich von Zeit zu Zeit in den Wipfeln der nächsten Bäume vernehmen und erregte in Berßenjew eine angenehme und beängstigende Empfindung, ja etwas wie Furcht. Ein leichter Schauer überflog seine Wangen, seine Augen wurden von kalten Thränen plötzlich feucht; ihm dünkte, er müsse so leise wie möglich auftreten, sich verbergen, fortschleichen. Da strich ein scharfer Hauch an ihm vorüber: er fuhr zusammen und war fast wie versteinert; ein schläfriger Käfer fiel aus den Zweigen zu seinen Füßen nieder; ein leises Ah! entschlüpfte Berßenjew’s Lippen von Neuem blieb er stehen. Er begann an Helene zu denken, und mit einem Male waren jene zufälligen Eindrücke vermischt: es blieb nur die belebende Empfindung der nächtlichen Kühle und des nächtlichen Spazierganges zurück; das Bild des jungen Mädchens erfüllte ganz seine Seele. Gesenkten Kopfes schritt Berßenjew fort und dachte an ihre Worte und Fragen. Auf ein Mal glaubte er rasche Fußtritte hinter sich zu hören. Er lauschte: es kam Jemand gelaufen, man wollte ihn einholen, ein unterbrochenes Athemholen konnte er schon hören; da tauchte plötzlich aus dem schwarzen Schatten eines großen Baumes, ohne Mütze auf dem zerwühlten Haare, ganz bleich im Lichte des Mondes, Schubin vor ihm auf.

– Es freut mich, daß Du diesen Weg gegangen bist, brachte er außer Athem hervor, – ich hätte die ganze Nacht nicht geschlafen, wenn ich Dich nicht eingeholt hätte. Gieb mir die Hand. Du gehst jetzt nach Hause?

– Ja, nach Hause.

– Ich werde Dich begleiten.

– Ohne Mühe?

– Thut nichts. Ich habe auch das Halstuch abgenommen. Es ist jetzt warm.

Die Freunde gingen einige Schritte weiter.

– Nicht wahr, ich bin heute ein Narr gewesen? fragte Schubin plötzlich.

– Aufrichtig gesagt, ja. Ich habe Dich nicht begreifen können. So habe ich Dich noch nie gesehen. Und worüber bist Du in Zorn gerathen, lohnte sich’s denn! Um solche Kleinigkeiten?

– Hm, murmelte Schubin. Das sagst Du, für mich sind es aber, keine Kleinigkeiten. Siehst Du, setzte er hinzu, – ich muß es Dir bekennen, ich . . . ich . . . denke von mir was Du willst . . . ich . . . nun ja denn! ich liebe Helene.

– Du liebst Helene! wiederholte Berßenjew.

– Nun ja, sagte Schubin mit affectirter Gleichgültigkeit. Das nimmt Dich Wunder? Ich will Dir noch mehr sagen. Bis zum heutigen Abend durfte ich hoffen, daß auch sie mich mit der Zeit lieben werde. Heute aber habe ich die Ueberzeugung gewonnen, daß ich auf nichts zu hoffen habe. Sie hat einen Anderen liebgewonnen.

– Einen Anderen? Wen denn?

– Wen? Dich! rief Schubin aus und gab Berßenjew einen Schlag auf die Schulter.

– Mich?

– Dicht wiederholte Schubin.

Berßenjew that einen Schritt zurück und blieb regungslos stehen. Schubin beobachtete ihn scharf.

– Und das wundert Dich? Du bist ein bescheidener Jüngling. Sie liebt Dich aber doch, darauf kannst Du Dich verlassen.

– Was Du für Unsinn schwatzst! sagte endlich Berßenjew ärgerlich.

– Keinen Unsinn, nein. Doch warum bleiben wir stehen? Laß uns weiter gehen. Es spricht sich besser im Gehen. Ich kenne sie schon lange, und kenne sie gut. Ich kann mich nicht täuschen. Sie hat Geschmack an Dir gefunden. Es war eine Zeit, wo ich ihr gefiel; aber erstens bin ich ihr ein gar zu leichtfertiger junger Bursche, Du hingegen bist ein ernster Kopf, bist moralisch und physisch eine anständige Persönlichkeit, Du . . . warte etwas, ich bin noch nicht fertig . . . Du bist ein gewissenhaft-gemäßigter Enthusiast, Du bist ein wahrer Repräsentant jener Priester der Wissenschaft, auf die . . . nein, nicht auf die . . . auf welche die Klasse des mittleren russischen Adels mit vollem Rechte stolz ist! Und zweitens hat Helene mich neulich ertappt, wie ich Zoë die Hände küßte.

– Zoë?

– Ja wohl, Zoë. Was ist dabei zu machen? Sie hat so schöne Schultern.

– Schultern?

– Nun ja, Schultern, Hände, ist das nicht einerlei? Helene überraschte mich bei dieser freien Beschäftigung nach der Mittagstafel, und vor dem Essen hatte ich über Zoë losgezogen. Helene begreift leider nicht, wie natürlich dergleichen Widersprüche sind. Da kommst Du nun dazu: Du mit Deinem Glauben an . . . ja« an was glaubst Du denn gleich? . . . Du wirst gleich roth, verwirrt, sprichst von Schiller, Schelling (sie ist ja wie versessen aus merkwürdige Männer), nun und der Sieg ist Dein, und ich Unglückseliger versuche zu scherzen und . . . und . . . dabei . . .

Schubin brach plötzlich in Thränen aus, ging auf die Seite, setzte sich auf den Boden und griff mit beiden Händen ins Haar.

Berßenjew trat an ihn heran.

– Pawel, begann er, was soll diese Kinderei? Ums Himmelswillen! Was hast Du denn heute? Der Himmel weiß, was für ein Unsinn Dir in den Kopf gekommen ist, und Du weinst. Wahrhaftig, mir scheint, Du spielst Komödie.

Schubin erhob den Kopf. Im Scheine des Mondes glänzten Thränen auf seinen Wangen, sein Gesicht lächelte jedoch.

– Andrei Petrowitsch, nahm er das Wort, Du kannst von mir denken, was Dir beliebt. Ich will sogar zugeben, daß mich in diesem Augenblicke die Hysterie gepackt hat; ich bin aber, bei Gott, in Helene verliebt und Helene liebt Dich. Uebrigens versprach ich Dir, Dich bis nach Hause zu begleiten, ich muß mein Versprechen halten.

Er stand auf.

– Welch eine Nacht! Wie silberglänzend, wie dunkel, wie jugendfrisch! Wie wohl ist jetzt denen, die geliebt werden! Wie freuen sie sich, nicht zu schlafen! Du wirst schlafen, Andrei Petrowitsch?

Berßenjew gab keine Antwort und beeilte seine Schritte.

– Wohin eilst Du? fuhr Schubin fort. Glaube meinen Worten, eine solche Nacht wird sich in Deinem Leben nicht wiederholen und zu Hause wartet Deiner Schelling. Es ist wahr, er hat Dir heute einen guten Dienst erwiesen; doch laufe deshalb nicht so. Singe wenn Du es verstehst, singe noch lauter, wenn Du es nicht verstehst . . . zieh den Hut ab, wirf den Kopf zurück, lächele die Sterne an. Sie alle blicken Dich an, Dich nur allein; weiter haben sie nichts zu thun, die Sterne, als nur Verliebte anzublicken . . . darum sind sie auch so wunderschön. Du bist ja doch verliebt, Andrei Petrowitsch? . . . Du antwortest mir nicht . . . Warum giebst Du keine Antwort? fuhr Schubin wieder fort. O, wenn Du Dich glücklich fühlst, dann schweige, schweige! Ich, ich schwatze, weil mir’s den Hals zuschnürt, ich werde nicht geliebt, ich bin ein Taschenspieler, ein Artist, ein Possenreißer; aber welch stilles Entzücken zöge ich bei diesem nächtlichen Fächeln, unter dieser Sternendecke, unter diesen Brillanten in mich ein, wüßte ich mich geliebt! . . . Berßenjew, bist Du glücklich?

Berßenjew verharrte in Schweigen und schritt eilig aus dem ebenen Wege weiter. In der Ferne glänzten durch die Bäume die Lichter des Dorfes, in dem er wohnte; es bestand im Ganzen aus etwa zehn kleinen Landhäusern. Ganz im Anfange desselben, rechts vom Wege ab, unter zwei weitästigen Birkenbäumen, befand sich eine kleine Bude mit Hökerwaaren; die Fenster derselben waren alle bereits geschlossen, nur ein breiter Lichtstreifen fiel fächerartig aus der geöffneten Thür auf das zertretene Gras und die unteren Theile der Bäume und beleuchtete grell die weißliche Rückseite des dichten Laubes. Ein Mädchen, dem Anschein nach eine Kammerzofe, stand in der Bude, mit dem Rücken zur Thüre gewandt und handelte um etwas mit dem Krämer; unter dem rothen Tuche, das sie über den Kopf geworfen hatte und mit entblößtem Arme am Kinn zusammenhielt, waren ihre vollen Wangen und ihr schlanker Hals kaum zu bemerken. Die jungen Leute traten in den Lichtkreis; Schubin warf einen Blick in das Innere der Bude, blieb stehen und rief: Annuschka! Das Mädchen wandte sich rasch um. Es zeigte sich ein liebliches, etwas breites, aber frisches Gesicht mit heiteren, braunen Augen und schwarzen Augenbrauen. Annuschka! rief Schubin wieder. Das Mädchen sah ihn forschend an, erschrak, wurde verlegen . . . und, ohne ihren Einkauf zu beschließen, sprang sie die Stufen hinab, schlüpfte gewandt vorbei und ging mit kaum merklichem Seitenblick über den Weg links ab. Der Krämer, ein dicker und für Alles auf der Welt gleichgültiger Mensch, wie es alle Landhöker sind, rief ihr gähnend nach, Schubin aber wandte sich zu Berßenjew mit den Worten: Das . . . das, siehst Du . . . ich habe hier eine bekannte Familie . . . bei ihnen nun . . . glaube Du nur nicht . . . und ohne seine Rede zu Ende zu bringen lief er dem sich entfernenden Mädchen nach.

– Wische doch wenigstens Deine Thränen ab, rief ihm Berßenjew, der sich des Lachens nicht enthalten konnte, nach. Als er aber zu Hause angelangt war, hatte sein Gesicht kein heiteres Aussehen; er lachte nicht mehr. Er hatte den Worten Schubin’s keinen Augenblick Glauben geschenkt, sie waren aber doch tief in seine Seele gedrungen. Pawel wollte mich zum Besten haben, dachte er, . . . einmal wird sie aber doch Jemand lieben . . . Wen wird sie lieben?

Berßenjew hatte in seinem Zimmer ein Clavier, es war nicht groß und nicht neu, doch von weichem und angenehmem, wenn auch nicht ganz reinem Tone. Berßenjew setzte sich an dasselbe und schlug einige Arcorde an. Gleich allen russischen Edelleuten hatte er in seiner Jugend Musik gelernt und spielte auch, wie fast alle unter ihnen, grundschlecht, liebte jedoch leidenschaftlich Musik. Es war, streng genommen, nicht die Kunst, die er an ihr liebte, nicht die Formen, die ihr zum Ausdrucke dienen (Symphonien und Sonaten, ja selbst Opern stimmten ihn traurig), sondern das Element derselben: er liebte jene unbestimmten und angenehmen, jene gegenstandslosen und Alles umfassenden Eindrücke, welche der harmonische Uebergang der Töne in der Seele erregt. Ueber eine Stunde blieb er vor dem Clavier, wiederholte mehrere Male dieselben Acrorde, versuchte sich unbeholfen an neuen und stockte oft, bei den verkürzten Septimen gern verweilend. Sein Herz war schwer und mehr als ein Mal traten ihm Thränen in die Augen. Er schämte sich derselben nicht: er vergaß sie im Dunkeln. Pawel hat Recht, dachte er, ich fühle es: dieser Abend kehrt nicht wieder. Endlich stand er auf, zündete ein Licht an, zog den Schlafrock über, holte von einem Bücherbrette den zweiten Theil von Raumer‘s Geschichte der Hohenstaufen – seufzte ein paar Male und vertiefte sich in seine Lectüre.




VI


Inzwischen war Helene aus ihr Zimmer gekommen, hatte sich an das geöffnete Fenster gesetzt und den Kopf auf die Arme gestützt. Es war ihr zur Gewohnheit geworden, jeden Abend ein Viertelstündchen am Fenster ihres Zimmers zu verbringen. In dieser Zeit unterhielt sie sich mit sich selbst und legte sich Rechnung über den verflossenen Tag ab. Sie war vor Kurzem zwanzig Jahre geworden. Sie war von hohem Wuchs, hatte ein bleiches, brünettes Gesicht, unter runden Augenbrauen große graue Augen, um die feine Sommersprossen lagen, Stirn und Nase in ganz gerader Linie, einen festgeschlossenen Mund und ein ziemlich hervortretendes Kinn. Dunkelbraune Haarflechten fielen über den schlanken Hals tief in den Nacken herab. In ihrem ganzen Wesen, im gespannten und etwas scheuen Ausdrucke des Gesichtes, im klaren, doch wechselnden Blicke, in dem gleichsam gezwungenen Lächeln, in der sanften und ungleichen Stimme lag etwas Nervöses, Elektrisches, etwas Heftiges und Hastiges, mit einem Worte etwas, was nicht Jedermann ansprechen, ja Manchen sogar abstoßen konnte. Ihre Hände waren schmal, blaßroth, mit langen Fingern, die Füße auch schmal; sie ging rasch, fast eilig und etwas nach vorn geneigt. Sie hatte einen sonderbaren Entwickelungsproceß durchgemacht; anfangs hatte sie ihren Vater vergöttert, dann leidenschaftlich der Mutter angehangen und war darauf gegen Beide erkaltet, insbesondere gegen den Vater. In der letzten Zeit behandelte sie ihre Mutter wie eine kranke Muhme; der Vater aber, der auf sie stolz gewesen war, so lange sie für ein ungewöhnliches Kind gegolten hatte, begann vor ihr Scheu zu empfinden, als sie erwachsen war, und sagte ihr, sie sei ein exaltirtes Mädchen, der Himmel wisse, nach wem sie geartet! Schwäche empörte sie, Dummheit ärgerte sie, Lüge verzieh sie in »alle Ewigkeit« nicht; in ihren Anforderungen war sie unnachgiebig, selbst in ihre Gebete mischten sich bisweilen Vorwürfe. Hatte Jemand ihre Achtung verloren, – ihr Urtheilsspruch erfolgte rasch, oft gar zu rasch, – dann war er für sie, nicht mehr vorhanden. Alle Eindrücke gruben sich mit Schärfe in ihre Seele; das Leben gab sich ihr nicht leicht.

Die Gouvernante, welcher Anna Wassiljewna übertragen hatte, die Erziehung ihrer Tochter zu vollenden, – eine Erziehung, die, beiläufig gesagt, die schmachtende Dame nicht einmal begonnen hatte, – war russischer Abkunft, die Tochter eines ruinirten Sportelreißers, ein äußerst empfindsames,« gufherziges und lügenhaftes Institutsfräulein, das sich beständig in Jemand verliebt hatte und zuletzt in ihrem fünfzigsten Lebensjahre (als Helene sechszehn geworden war) einen Offizier heirathete, der sie sogleich im Stiche ließ. Diese Gouvernante liebte sehr die Literatur und machte auch selbst Verse; sie brachte Helene Geschmack am Lesen bei, doch befriedigte sie das Lesen allein nicht: von Kindheit an hatte sie nach Thätigkeit, nach nutzbringender Thätigkeit gedürstet; Arme, Hungernde, Kranke beschäftigten, beunruhigten und plagten sie; sie sah diese Elenden in ihren Träumen, erkundigte sich nach ihnen bei allen Bekannten; Almosen theilte sie eifrig mit unwillkürlicher Wichtigkeit, ja mit Aufregung aus. Alle verfolgten Thiere, ausgehungerte Hofhunde, dem Tode ausgesetzte Kätzchen, aus dem Neste gefallene Sperlinge, ja selbst Insecten und Gewürm fanden bei Helene Schirm und Schutz: sie selbst reichte ihnen die Nahrung und empfand keinen Ekel dabei. Die Mutter ließ ihr den Willen; dafür war aber der Vater sehr angehalten über seine Tochter, ihrer unwürdigen Zärtlichkeit willen, wie er es nannte, und betheuerte, daß man vor Hunden und Katzen keinen Schritt im Hause thun könne. Lenotschka, rief er zuweilen, komm rasch, eine Spinne saugt einer Fliege das Blut aus, rette die Unglückliche! Und ganz bestürzt kam Lenotschka gelaufen, befreite die Fliege und reinigte ihr die Füße. Laß Dich nun selbst stechen, wenn Du ein so gutes Herz hast, bemerkte ironisch der Vater. Helene war etwas über neun Jahre alt, als sie mit einem Bettelmädchen, Katja, Bekanntschaft machte und insgeheim Zusammenkünfte mit demselben im Garten hielt; sie brachte ihr Naschwerk, schenkte ihr Tücher, Zehnkopekenstücke . . . Spielzeug nahm Katja nicht . . . setzte sich zu ihr in irgendeinen Winkel, hinter Nesseln auf den Boden, aß mit freudiger Demuth von ihrem trockenen Brode und hörte ihre Erzählungen an. Katja hatte eine Tante, ein böses altes Weib, von welcher sie oft Schläge bekam; sie haßte die Alte und sprach nur davon, wie sie ihr entlaufen und »in Gottes freier Welt« leben wollte; mit heimlicher Ehrfurcht und mit Grauen hörte Helene die ungewohnten, fremdartigen Reden Katja‘s und verwandte kein Auge von derselben; Alles an ihr – die schwarzen, unstäten, fast thierischen Augen, die von der Sonne gebräunten Hände, die hohle Stimme und selbst die zerrissene Kleidung – Alles schien Helene außerordentlich, beinahe heilig. Und war dann Helene ins Haus zurückgekehrt, so dachte sie noch lange an die Bettlerin, an Gottes freie Welt; dachte daran, wie sie sich einen Stock aus Nußholz schneiden, sich ein Ränzel umhängen, mit Katja davonlaufen und mit einem Kranze von Kornblumen auf den Landstraßen umherziehen wollte; sie hatte einmal Katja mit einem solchen Kranze gesehen. Wenn Jemand von ihren Verwandten in solchen Augenblicken ins Zimmer trat, wurde sie mürrisch und blickte scheu umher. Einst lief sie im Regen zu Katja hinaus und beschmutzte sich das Kleid; der Vater sah es und schalt sie eine Schlampe, eine Bauerndirne. Sie fuhr plötzlich auf . . . und es wurde ihr schauerlich und wunderbar ums Herz. Katja trällerte oft ein etwas wildes Soldatenlied; Helene hatte von ihr dies Lied gelernt . . . Anna Wassiljewna belauschte sie und wurde unwillig darüber.

– Wo hast Du eine solche Abscheulichkeit hergenommen? fragte sie ihre Tochter.

Helene blickte ihre Mutter blos an und antwortete nichts darauf; sie fühlte, sie könne sich eher in Stücke reißen lassen, als daß sie ihr Geheimniß verrieth, und wieder wurde ihr schauerlich und angenehm ums Herz. Die Bekanntschaft mit Katja dauerte jedoch nicht lange; das arme Mädchen erkrankte an einem hitzigen Fieber und starb wenige Tage darauf.

Als Helene den Tod Katja’s erfuhr, war sie lange Zeit traurig und konnte die Nächte nicht schlafen. Die letzten Worte des armen Mädchens klangen fortwährend in ihren Ohren und ihr däuchte sogar, es rufe sie Jemand.

Und die Jahre kamen und gingen, rasch und unmerkbar. Wie Wasser unter einer Schneedecke floß Helene’s Jugendzeit, äußerlich unthätig, doch unter innerem Kampf und Sturm dahin. Gespielinnen hatte sie nicht; von allen jungen Mädchen, die das Haus der Stachow’s besuchten, hatte sie sich mit keinem befreunden können. Elterliche Macht hatte nie aus Helene gelastet, aber seit ihrem sechzehnten Jahre war sie fast ganz unabhängig und führte ein ihr eigenartiges, einsames Leben. In Einsamkeit erglühte und erkaltete ihre Seele, wie ein Vogel schlug sie gegen ihren Käfig, und doch war kein Käfig da; es that ihr Niemand Zwang an, es stand ihr Niemand im Wege, und doch suchte sie sich frei zu machen und quälte sich müde. Zuweilen begriff sie sich selbst nicht, empfand sogar Furcht vor sich selbst. Alles um sie herum kam ihr bald abgeschmackt, bald unbegreiflich vor. Was heißt Leben ohne Liebe? und doch ist Niemand da, den man lieben könnte! dachte sie, und ihr wurde Angst vor diesen Gedanken, vor diesen Empfindungen. Als sie achtzehn Jahre alt war, wäre sie beinahe an einem bösartigen Fieber gestorben; ihr von Natur gesunder und kräftiger Organismus aufs Tiefste erschüttert, konnte sich lange nicht erholen; endlich verschwanden die letzten Spuren der Krankheit, doch Helene Nikolajewna’s Vater sprach immer noch, nicht ohne Erbitterung, von ihren Nerven. Zuweilen wollte ihr’s dünken, als trage sie Verlangen nach Etwas, wonach Niemandem in Rußland verlange, woran überhaupt Niemand denke. Dann war sie wieder ruhig, lachte sogar über sich selbst, lebte sorglos in den Tag hinein, bis etwas Heftiges, Namenloses, das sie nicht zu bewältigen wußte, in ihrem Innern zu kochen begann und sich mit Ungestüm Luft zu machen strebte. Das Gewitter zog weiter, die Flügel, die sich nicht zu erheben vermocht hatten, sanken matt herab; doch gingen diese Aufwallungen nicht spurlos vorüber. Wie sehr sie sich auch bestrebte, nichts von dem merken zu lassen, was in ihr vorging, so äußerte sich doch die Pein der aufgeregten Seele in ihrer scheinbaren Ruhe, und ihre Verwandten hatten oft das volle Recht, die Achseln zu zucken, sich zu verwundern und ihre »Sonderbarkeiten« unbegreiflich zu finden.

An jenem Tage, mit welchem unsere Erzählung beginnt, blieb Helene länger als gewöhnlich am Fenster sitzen. Sie dachte viel an Berßenjew und an das Gespräch mit ihm. Er gefiel ihr; sie glaubte an die Wärme seiner Gefühle, an die Lauterkeit seiner Absichten. Er hatte noch nie mit ihr so gesprochen, wie an jenem Abende. Sie erinnerte sich des Ausdruckes seiner bescheidenen Augen, seines Lächelns . . . und lächelte selbst und verfiel in Gedanken, doch war nicht mehr er der Gegenstand derselben. Durch das offene Fenster blickte sie hinaus in die Nacht; blickte lange auf den dunklen, niedrig hängenden Himmel, dann stand sie auf, warf mit einer Bewegung des Kopfes das Haar aus dem Gesicht zurück und breitete darauf nach ihm, nach diesem Himmel, ihre entblößten, gekühlten Arme aus; dann ließ sie sie sinken, fiel vor ihr Bett auf die Knie, drückte ihr Gesicht in das Kissen und brach, trotz aller Anstrengung, das sie überwältigende Gefühl zu unterdrücken, in ursachslose, doch ahnungsvolle, heiße Thränen aus.




VII


Am folgenden Tage, gegen zwölf Uhr, fuhr Berßenjew mit einem Retourwagen nach Moskau. Er hatte Geld auf der Post zu heben, wollte sich einige Bücher kaufen und bei dieser Gelegenheit Inßarow besuchen, mit dem er Einiges zu besprechen hatte. Während der letzten Unterhaltung mit Schubin war Berßenjew der Gedanke gekommen, Inßarow zu sich aufs Land einzuladen. Er fand denselben jedoch nicht sogleich; Inßarow war aus seiner früheren Wohnung in eine andere übergezogen, zu welcher der Zutritt nicht leicht war; die Wohnung befand sich auf dem hinteren Hofe eines häßlichen, steinernen Hauses, das in petersburger Geschmack, zwischen dem Arbat und der Powarskaja erbaut war. Vergeblich schleppte sich Berßenjew von einer der schmutzigen Aufgangstreppen zur anderen, vergeblich war sein Rufen nach dem Hausknecht oder »sonst Jemandem.« Schon die Hausknechte Petersburgs entziehen sich nach Möglichkeit den Blicken der Fremden, in Moskau erst vollends; Niemand antwortete auf Berßenjew‘s Rufen; ein einziger neugieriger Schneider, in Hemdärmeln und Weste, ein Gebind grauen Zwirns um den Hals, streckte schweigend sein fahles, unrasirtes Gesicht mit blau geschlagenem Auge zum hohen Luftloch hinaus; eine schwarze Ziege ohne Hörner, die auf einem Misthaufen stand, drehte mit kläglichem Gemecker den Kopf und setzte mit vermehrter Hast ihr Wiederkäuen fort. Endlich erbarmte sich eine Frau in alter Saloppe und abgetretenen Stiefeln Berßenjew‘s und wies ihm die Wohnung Inßarow’s. Berßenjew traf ihn zu Hause. Er bewohnte ein Zimmer bei jenem Schneider, der so gleichgültig aus dem Luftloche Berßenjew‘s Verlegenheit angesehen hatte . . . das Zimmer war groß, fast leer, mit dunkelgrünen Wänden, drei viereckigen Fenstern, einem kleinen Bett in der einen, einem kleinen ledernen Divan in einer anderen Ecke und einem großen leeren Käfige hart an der Decke, den vor Zeiten eine Nachtigall bewohnt hatte. Inßarow trat dem Gaste an der Schwelle entgegen; aber nicht mit einem »Ah« Sie sind es!« oder »Ach Du mein Gott! durch welchen Zufall?« er sagte ihm nicht einmal »Guten Tag« sondern drückte ihm einfach die Hand und führte ihn zum einzigen Stuhl, der sich im Zimmer befand.

– Setzen Sie sich, sagte er, und nahm selbst auf einer Ecke des Tisches Platz.

– Es ist bei mir noch Alles in Unordnung, wie Sie sehen, fuhr Inßarow fort, indem er auf einen Stoß Papiere und Bücher auf dem Fußboden deutete; ich habe mich noch nicht gehörig eingerichtet. Es hat mir an Zeit dazu gefehlt.

Inßarow sprach das Russische vollkommen richtig, betonte jedes Wort fest und rein; doch lag in seiner Kehlstimme, die übrigens angenehm klang, etwas Fremdartiges. Inßarow’s ausländische Herkunft (er war Bulgare) bekundete sich noch auffallender in seinem Aeußeren; er war ein junger Mann von fünfundzwanzig Jahren, hager und sehnig, mit eingefallener Brust und starkgelenkigen Fingern; die Gesichtszüge waren scharf, er hatte eine gebogene Nase, schwarzes, ins Blaue schillerndes, straffes Haar, eine niedrige Stirn, kleine starrblickende, tiefliegende Augen und dichte Augenbrauen; wenn er lächelte, kamen herrliche weiße Zähne auf einen Augenblick hinter den feinen, harten, gar zu scharfgeschnittenen Lippen zum Vorschein. Er hatte einen abgetragenen, aber reinlichen, bis an den Hals zugeknöpften Rock an.

– Warum haben Sie Ihre frühere Wohnung verlassen? fragte ihn Berßenjew.

– Diese ist billiger; sie liegt auch der Universität näher.

– Jetzt sind aber Ferien . . . Und wie kann es Ihnen Vergnügen machen, im Sommer in der Stadt zu wohnen! Sie hätten sich auf dem Lande einmiethen sollen, da Sie doch Ihre Wohnung aufgaben.

Inßarow erwiederte auf diese Bemerkung nichts und bot Berßenjew eine Pfeife an, indem er hinzufügte: Entschuldigen Sie, ich habe weder Papyros noch Cigarren.

Berßenjew zündete die Pfeife an.

– Ich habe es so gemacht, fuhr er fort, habe mir ein Häuschen bei Kunzowo gemiethet. Sehr billig und sehr bequem. Es ist sogar oben ein überflüssiges Zimmer da.

Inßarow antwortete wieder nichts.

Berßenjew that einen Zug aus der Pfeife.

– Es ist mir der Gedanke gekommen, fuhr er dann fort, indem er den Rauch als dünnen Strahl wieder ausstieß, wenn sich zum Beispiel Jemand fände . . . der Lust hätte, zum Beispiel Sie, habe ich gedacht . . . oder sich dazu verstehen wollte, sich’s dort oben bei mir bequem zu machen . . . wie wäre das schön! Was meinen Sie dazu, Dmitri Nikanorowitsch?

Inßarow blickte ihn mit seinen kleinen Augen an.

Sie machen mir den Vorschlag, bei Ihnen auf dem Lande zu wohnen? – Ja; ich habe dort oben ein Zimmer übrig.

– Danke sehr, Andrei Petrowitsch; ich glaube jedoch, meine Mittel werden es mir nicht erlauben.

– Was heißt das . . . nicht erlauben?

– Sie erlauben mir nicht auf dem Lande zu wohnen. Zwei Wohnungen kann ich nicht bestreiten.

– Ich meinte ja . . . fing Berßenjew an und stockte. Es würde Ihnen keine weiteren Kosten verursachen, fuhr er fort. Diese Wohnung hier, wollen wir sagen, würden Sie behalten; dafür ist nun Alles dort sehr billig; wir könnten es zum Beispiel so machen, so einrichten, daß wir gemeinschaftlichen Tisch hielten.

Inßarow schwieg. Berßenjew wurde verlegen.

– Besuchen Sie mich wenigstens bei Gelegenheit, begann er nach einer kleinen Pause. Ganz in der Nähe von mir wohnt eine Familie, mit welcher ich Sie gern bekannt machen möchte. Was für ein herrliches Mädchen da ist, wenn sie wüßten, Inßarow! Auch wohnt dort ein guter Freud von mir, ein Mensch von großem Talent; ich bin überzeugt, Sie werden einander gefallen. (Der Russe ist sehr gastlich und liebt es, mit seinen Bekanntschaften aufzuwarten.) Wirklich, kommen Sie. Aber noch besser, ziehen Sie herüber zu uns, wahrhaftig. Wir könnten zusammen arbeiten, lesen . . . Sie wissen, mein Fach ist Geschichte, Philosophie. Alles dies interessirt Sie, ich habe eine Menge Bücher.

Inßarow stand auf und ging im Zimmer umher. Darf ich wissen, fragte er endlich, wie viel zahlen Sie für Ihr Landhaus?

– Hundert Rubel Silber.

– Und wie viel Zimmer sind im Ganzen dort?

– Fünf.

– Folglich würde, wohlgerechnet, ein Zimmer zwanzig Rubel kosten?

– Wohlgerechnet . . . Aber bedenken Sie nur, es ist mir ganz überflüssig. Es steht ganz leer.

– Das kann sein; hören Sie aber, setzte Inßarow mit einer entschiedenen und dabei gutmüthigen Bewegung des Kopfes hinzu, ich kann nur in dem Falle auf Ihren Vorschlag eingehen, wenn Sie einwilligen, laut Berechnung Zahlung von mir anzunehmen. Zwanzig Rubel bin ich im Stande zu zahlen, um so mehr, da Ihrer Aussage nach ich an anderen Dingen werde sparen können.

– Freilich; aber in der That, ich mache mir ein Gewissen daraus . . .

– Anders geht es nicht, Andrei Petrowitsch.

– Nun, wie Sie wollen; sind Sie aber eigensinnig!

Inßarow antwortete auch hieraus nichts.

Die jungen Männer bestimmten den Tag, an welchem Inßarow überziehen sollte. Es ward der Wirth gerufen; er schickte jedoch zuvor sein Töchterchen, ein Kind von sieben Jahren, mit einem großen, bunten Tuche auf dem Kopfe; aufmerksam, fast mit Schrecken, hörte sie Alles, was ihr Inßarow sagte, an, und entfernte sich schweigend; gleich nach ihr erschien ihre Mutter, hochschwanger und gleichfalls mit einem Tuche, aber einem ganz kleinen, auf dem Kopfe. Inßarow erklärte ihr, er fahre aufs Land in die Umgebung von Kunzowo, behalte indessen die Wohnung und übergehe alle seine Effekten ihrer Aufsicht; die Schneidersfrau schien ebenfalls in Schreck zu gerathen und ging hinaus. Endlich kam der Wirth; dieser schien anfänglich Alles begriffen zu haben und sagte blos nachsinnend: In die Umgebung von Kunzowo? nachher aber riß er plötzlich die Thür auf und rief: Behalten Sie die Wohnung? Inßarow beruhigte ihn. Man muß es doch wissen, wiederholte der Schneider barsch und verschwand.

Berßenjew kehrte, sehr zufrieden mit dem Erfolge seines Vorschlages, wieder zurück. Inßarow gab ihm, mit einer in Rußland wenig gebräuchlichen, liebenswürdigen Höflichkeit das Geleite bis an die Thür, legte, als er allein geblieben war, sorgfältig seinen Rock ab und begann seine Papiere zu ordnen.




VIII


Am Abend desselben Tages saß Anna Wassiljewna in ihrem Empfangszimmer und sammelte sich zum Weinen. Im Zimmer befanden sich außer ihr ihr Gatte und ein gewisser Uwar Iwanowitsch Stachow, ein weitläufiger Oheim Nikolai Artemjewitsch’s, Cornet außer Diensten, sechzig Jahre alt, ein Mann, der sich vor Feistheit kaum bewegen konnte, mit kleinen, schläfrigen, gelben Augen und farblosen dicken Lippen im gelben und fetten Gesicht. Seit seinem Austritt aus dem Dienste lebte er beständig in Moskau von den Zinsen eines kleinen Capitals, das ihm seine Frau, eine Kaufmannstochter, hinterlassen hatte. Er trieb nichts und dachte wohl nicht mehr, und was er je dachte, behielt er für sich. Nur einmal in seinem Leben war er in Aufregung gerathen und hatte Thätigkeit entwickelt; er hatte nämlich in der Zeitung von einem neuen Instrumente auf der londoner Ausstellung, einem »Contra-bombardon« gelesen, den Wunsch geäußert, sich dies Instrument kommen zu lassen und sich sogar erkundigt, an wen das Geld adressirt und durch welches Comptoir es abgesandt werden müsse. Uwar Iwanowitsch trug einen weiten Oberrock von Tabakssarbe und ein weißes Halstuch, aß häufig und viel und machte in allen schwierigen Fällen, das heißt jedes Mal, wenn es an ihm gewesen wäre, seine Meinung über etwas zu sagen, in der Luft convulsivische Bewegungen mit den Fingern der rechten Hand, anfangs vom Daumen zum kleinen Finger, dann vom kleinen Finger zum Daumen, wobei er mit Anstrengung hinzusetzte: »Man müßte . . . irgendwie, so . . . oder so . . .«

Uwar Iwanowitsch saß in einem Lehnstuhle am Fenster und athmete schwer. Nikolai Artemjewitsch ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, die Hände in den Taschen; sein Gesicht drückte Unzufriedenheit aus.

Er blieb endlich stehen und schüttelte den Kopf. Ja, begann er, zu unserer Zeit waren die jungen Leute anders erzogen. Junge Leute erlaubten sich nicht gegen ältere zu manquiren. Er sprach die Sylbe »man«, nach Art der Franzosen, durch die Nase.) Jetzt aber sperre ich vor Erstaunen die Augen weit auf. Vielleicht haben sie und nicht ich Recht; vielleicht. Ich habe aber doch auch meine persönlichen Ansichten; ich bin doch nicht als Dummkopf auf die Welt gekommen. Was halten Sie davon, Uwar Iwanowitsch?

Uwar Iwanowitsch sah ihn blos an und ließ seine Finger spielen.

– Helene Nikolajewna zum Beispiel, fuhr Nikolai Artemjewitsch fort, Helene Nikolajewna begreife ich freilich nicht. Ich bin für sie nicht hoch genug. Ihr Herz ist so weit, daß es die ganze Natur umfaßt, bis auf die kleinste Schabe, den kleinsten Frosch, mit einem Worte Alles, ihren leiblichen Vater ausgenommen. Nun schön; ich weiß es und mische mich nicht hinein. Da kommen die Nerven und die Gelehrsamkeit und das Schweben in den Lüften, von allem dem verstehen wir nichts. Daß aber Herr Schubin . . . und wenn er auch ein merkwürdiger, außerordentlicher Künstler ist, wogegen ich nichts zu sagen habe, wenn er sich gegen einen älteren Mann vergißt, gegen einen Mann, dem er doch, man kann wohl sagen, viel zu verdanken hat . . . das, muß ich gestehen, kann ich dann dans mon gros sense nicht zugeben. Ich bin von Natur nicht geneigt. zu viel zu verlangen, gewiß nicht; es giebt aber in allen Dingen ein Maß.

Anna Wassiljewna schellte mit Aufregung. Ein Dienstbursche trat herein.

– Warum kommt Pawel Jakowlewitsch nicht? fragte sie. Ich rufe, ich rufe – und er kommt nicht!

Nikolai Artemjewitsch zuckte die Achseln.

– Weshalb aber, ich bitte Sie, wollen Sie ihn rufen lassen? Ich fordere es durchaus nicht, wünsche es nicht einmal.

– Sie fragen weshalb? Nikolai Artemjewitsch! Er hat Ihnen Unruhe verursacht; vielleicht Ihnen in Ihrer Brunnencur Nachtheil gebracht. Ich muß mit ihm sprechen. Ich will wissen, wodurch er sich Ihren Zorn zugezogen hat.

– Ich sage Ihnen, ich verlange es nicht. Und warum müssen Sie . . . devant les domestiques . . .

Anna Wassiljewna erröthete leicht.

– Sie thun mir Unrecht, wenn Sie so reden, Nikolai Artemjewitsch. Ich werde niemals . . . devant . . . les domestiques . . . Geh Feduschka, daß Du mir sogleich Pawel Jakowlewitsch herrufst.

Der Junge entfernte sich.

– Das ist Alles ganz und gar nicht nöthig, sagte Nikolai Artemjewitsch durch die Zähne und begann wieder im Zimmer umherzugehen. Das lag ja durchaus nicht in meinen Worten.

– Aber ich bitte Sie, Paul muß sich bei Ihnen entschuldigen.

– Aber ich bitte Sie, wozu brauche ich seine Entschuldigungen? Und was heißt denn Entschuldigung? Das sind nichts als Phrasen.

– Wozu? fragen Sie. Er muß eine Zurechtweisung erhalten.

– Die mögen Sie ihm selbst ertheilen. Ihnen wird er eher gehorchen. Ich habe nichts gegen ihn.

– Nein, Nikolai Artemjewitsch, Sie sind heute, seit Sie hierher gekommen sind, nicht gut bei Laune. Mich däucht, Sie haben in dieser letzten Zeit sogar etwas abgenommen. Ich befürchte, die Cur schlägt bei Ihnen nicht gut an.

– Ich bedarf durchaus dieser Cur, bemerkte Nikolai Artemjewitsch; meine Leber ist nicht in Ordnung.

In diesem Momente trat Schubin herein. Er schien ermüdet. Ein leichtes, fast spöttisches Lächeln schwebte um seine Lippen.

– Sie haben nach mir gefragt, Anna Wassiljewna? sagte er.

– Ja, gewiß habe ich nach Dir gefragt. Aber Paul, ich bitte Dich, das ist ja schrecklich. Ich bin sehr unzufrieden mit Dir. Wie hast Du Dich gegen Nikolai Artemjewitsch vergessen können?

– Nikolai Artemjewitsch hat bei Ihnen über mich geklagt? fragte Schubin und warf mit demselben spöttischen Lächeln einen Blick aus Stachow. Dieser wandte sich ab und senkte die Augen zu Boden.

– Ja, er hat über Dich geklagt. Ich weiß nicht, was Du gegen ihn verschuldet hast, Du mußt ihn aber gleich um Entschuldigung bitten, seine Gesundheit ist jetzt sehr zerrüttet und dann müssen wir Alle, so lange wir jung sind, unseren Wohlthätern Achtung erweisen.

– Oh Logik! dachte Schubin und wandte sich gegen Stachow. Ich bin bereit, Sie um Entschuldigung zu bitten, Nikolai Artemjewitsch, sagte er mit einer kurzen, höflichen Verbeugung, wenn ich Sie wirklich durch irgend etwas beleidigt hätte.

– Ich hatte . . . durchaus nicht, entgegnete Stachow immer noch den Blicken Schubin‘s ausweichend. Ich verzeihe Ihnen übrigens gern, denn Sie wissen, ich bin gar nicht difficil.

– Oh, das unterliegt durchaus keinem Zweifel! sagte Schubin. Erlauben Sie mir aber die Frage, ist es auch Anna Wassiljewna bekannt, worin mein Vergehen besteht?

– Nein, ich weiß Nichts, bemerkte Anna Wassiljewna, und streckte neugierig den Hals vor.

– O mein Gott! rief ungeduldig Nikolai Artemjewitsch: wie viele Male habe ich schon gebeten, gefleht, wie viele Male gesagt, wie verhaßt mir alle diese Erklärungen und Scenen sind! Kommt Unsereiner ein Mal nach langer Zeit nach Hause und glaubt auszuruhen, – man spricht ja immer von: Familienkreis, intérieur, Familienvater, – gleich giebt es Scenen und Unannehmlichkeiten. Keine Minute Ruhe! Man mag wollen oder nicht, man fährt in den Club oder . . . oder sonst irgend wohin. Der Mensch ist ja ein lebendes Wesen, er hat doch physische Bedürfnisse, und da will man . . .

Und ohne seine Rede zu Ende zu bringen, verließ Stachow rasch das Zimmer und warf die Thür zu. Anna Wassiljewna folgte ihm mit dem Blicke. In den Club? sagte sie mit bitterer Miene leise, – es ist nicht der Club, wohin Sie fahren, flatterhafter Mensch! Im Club giebt’s Niemand, dem man Pferde aus dem eigenen Gestüte schenkt – noch dazu Grauschimmel! Meine liebste Farbe. Nein, nein, leichtfertiger Mann, setzte sie schon lauter hinzu, – nicht in den Club fahren Sie. Und Du, Paul, fuhr sie fort und erhob sich von ihrem Sitze, – schämst Du Dich gar nicht? Du bist doch kein kleines Kind. Da habe ich wieder Kopfweh bekommen. Wo ist Zoë, weißt Du nicht, wo sie ist?

– Sie ist, glaube ich, oben auf ihrem Zimmer. Das schlaue Füchslein verkriecht sich bei solchem Unwetter immer in seinen Bau.

– Oh, bitte, bitte! – Anna Wassiljewna tastete suchend rings um sich her. Mein Gläschen mit geriebenem Meerrettig, hast Du es nicht gesehen? Paul, thue mir den Gefallen, ärgere mich in Zukunft nicht mehr.

– Wie könnte ich das, Tantchen? Lassen Sie mich Ihr Hündchen küssen. Den Meerrettig habe ich im Cabinet, auf dem Tischchen gesehen.

– Die Darja läßt ihn auch immer irgendwo stehen, seufzte Anna Wassiljewna, und rauschte in ihrem seidenen Kleide ab.

Schubin wollte ihr folgen, blieb jedoch stehen, als er hinter sich die träge Stimme Uwar Iwanowitsch’s vernahm.

– Dich . . . Gelbschnabel . . . sollte . . . man . . . anders . . . abfertigen; sagte in gebrochener Rede der Cornet außer Diensten.

Schubin trat zu ihm. Und weshalb sollte man mich, abfertigen, ehrenwerther Uwar Iwanowitsch?

– Weshalb? Bist jung, mußt ehrerbietig sein, Ja.

– Gegen wen?

– Gegen wen? Das versteht sich von selbst. Ja, grinse nur.

Schubin kreuzte die Arme über einander.

– Oh, Sie Repräsentant des Chors in der Tragödie, rief er aus, – Sie Schwarzerdenproduct, Sie Grundfeste des gesellschaftlichen Baues!

Uwar Iwanowitsch ließ seine Finger spielen.

Genug, mein Junge, laß ab.

– Da sitzt er, fuhr Schubin fort, an Jahren offenbar kein junger Edelmann mehr, und wie viel glücklichen, kindlichen Glauben birgt er noch in sich! Achtung haben! Wissen Sie aber auch, Sie Elementarmensch, weshalb mir Nikolai Artemjewitsch zürnt? Ich habe den ganzen heutigen Morgen mit ihm bei seinem deutschen Liebchen zugebracht; wir haben heute unser drei: »Verlaß mich nicht, gesungen; das hätten Sie hören müssen. Das zieht bei Ihnen, denke ich, ja auch. Wir sangen also, mein bester Herr, und sangen, – nun, das wurde mir langweilig; ich sehe, es wird nicht gut, die Zärtlichkeit wird zu arg. Ich begann die Beiden zu necken. Da ging es los! Zuerst wurde sie auf mich böse, dann auf ihn; dann wurde er auf sie böse, und sagte ihr, nur zu Hause fühle er sich glücklich und dort sei sein Paradies; sie aber erwiederte, er habe keine Moral, und ich fügte auf deutsch hinzu: »Ach!« Er ging davon; ich blieb da. Da ist er nun hergekommen in sein Paradies, und es wird ihm ganz übel darin. Darum brummte er auch jetzt. Wohlan, rund heraus, wer ist schuld?

– Natürlich Du, erwiederte Uwar Iwanowitsch.

Schubin blickte ihn scharf an. – Darf ich mir die Freiheit nehmen, ehrenhafter Ritter, die Frage an Sie zu richten, – sagte er mit unterwürfiger Stimme, – waren die räthselhaften Worte, die Sie so eben auszusprechen geruhten, das Ergebniß irgend einer Kombination Ihrer Denkfähigkeiten, oder der Ausdruck eines momentanen Bedürfnisses, eine Lufterschütterung, einen sogenannten Schall hervorzubringen?

– Laß mich in Ruhe, stöhnte Uwar Iwanowitsch.

Schubin lachte auf und lief hinaus. – He, rief eine Viertelstunde später Uwar Iwanowitsch, bringt mir . . . ein Gläschen Branntwein.

Ein kleiner Diener brachte auf einem Präsentirteller Branntwein mit dem zugehörigen Imbiß. Uwar Iwanowitsch nahm langsam das Glas mit Branntwein vom Präsentirteller und heftete seinen Blick lange mit gespannter Aufmerksamkeit darauf, als ob er im Zweifel sei, was er eigentlich in der Hand habe. Dann blickte er den Jungen an und richtete die Frage an ihn, ob er nicht Waßka heiße. Dann machte er eine betrübte Miene, trank das Glas aus, aß etwas dazu und zog sein Schnupftuch aus der Tasche. Der Junge hatte schon längst Teller und Branntwein an seinen Ort zurückgestellt und die Ueberreste von Hering aufgegessen, war auch schon, auf einen Paletot der Herrschaft niedergekauert, eingeschlummert, als Uwar Iwanowitsch immer noch sein Taschentuch mit gespreizten Fingern vor sich hielt und mit der gleichen angestrengten Aufmerksamkeit bald zum Fenster hinaus, bald auf den Fußboden und die Wände stierte.




IX


Schubin kehrte auf seine Kammer zurück und griff nach einem Buche. Da trat Nikolai Artemjewitsch‘s Kammerdiener vorsichtig zu ihm in’s Zimmer und überreichte ihm ein kleines, dreieckig zusammengelegtes Billet, das ein großes Wappen als Siegel trug. »Ich hoffe, stand in dem Zettel, daß Sie, als Mann von Ehre, sich mit keinem Worte eine Anspielung auf einen gewissen Wechsel erlauben werden, von welchem heute Morgen die Rede war. Meine Verhältnisse und meine Grundsätze sind Ihnen bekannt, ebenso die Geringfügigkeit der Summe selbst und andere Umstände; endlich giebt’s Familiengeheimnisse, die man achten muß und die Ruhe einer Familie ist ein Heiligthum, welches nur des êstres sans coeur, zu denen ich Sie zu zählen keinen Grund habe, nicht anerkennen! (Dieses Billet schicken Sie zurück.) N. S.«

Schubin fügte mit Bleistift die Worte darunter: »Seien Sie unbesorgt, noch ziehe ich nicht Schnupftücher aus fremden Taschen;« übergab den Zettel dem Kammerdiener und nahm wieder sein Buch vor. Es entfiel aber bald seinen Händen. Er blickte auf den sich röthenden Himmel, auf zwei mächtige Fichten, die abgesondert von den übrigen Bäumen standen und dachte: »Bei Tage haben die Fichten ein bläuliches Ansehen und Abends ein so herrliches Grün;« darauf begab er sich in den Garten in der stillen Hoffnung, Helene dort anzutreffen. Er täuschte sich nicht. In einiger Entfernung, auf einem Wege hinter dem Gebüsch, ward er ihr Kleid gewahr. Er eilte ihr nach und redete sie an:

– Sehen Sie nicht nach mir, ich bin es nicht werth.

Sie warf einen raschen Blick auf ihn, lächelte leicht und ging weiter in den Garten hinein. Schubin folgte ihr.

– Ich bitte Sie, mich nicht anzusehen, begann er – und beginne doch ein Gespräch mit Ihnen: ein reiner Widerspruchs es bleibt sich gleich, ‚s ist nicht der erste. Es fiel mir eben ein, daß ich Sie wegen meines albernen Ausfalls von gestern noch nicht, wie sich’s gebührt, um Entschuldigung gebeten habe. Sie sind doch nicht böse auf mich, Helene Nikolajewna?

Sie blieb stehen und gab ihm nicht sogleich Antwort – nicht daß sie ihm böse gewesen wäre, ihre Gedanken schweiften vielmehr in der Ferne.

– Nein, sagte sie endlich, – ich bin durchaus nicht böse auf Sie.

Schubin biß sich auf die Lippen.

– Was für ein besorgtes . . . und dabei gleichgültiges Gesicht! murmelte er. – Helene Nikolajewna, fuhr er etwas lauter fort« – lassen Sie mich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Ich hatte einen guten Freund, und der Freund hatte einen Freund. Dieser letzte führte anfangs ein Leben, wie es ein anständiger Mensch thun muß, später jedoch ergab er sich dem Trunk. Da begegnete mein Freund ihm eines Morgens (sie hatten, bemerken Sie wohl, ihre Bekanntschaft bereits gelöst), er begegnet ihm und sieht ihn betrunken. Mein Freund drehte ihm sogleich den Rücken. Jener aber trat zu ihm heran und sagt: »Es würde mich nicht ärgern, wenn Sie ohne Gruß vorübergegangen wären, warum wandten Sie sich aber von mir ab? Vielleicht hat Gram mich soweit gebracht . . . Friede meiner Asche!«




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notes



1


Das heißt: Schöpfe. Spottname für Kleinrussen. D. Uebers.




2


Namhafter russischer Bildhauer, verstorben. D. Uebers.




3


Dieses sonst unschuldige Spiel wurde in den öffentlichen Clubs verboten, da sich zahlreiche Familienväter ihm Tage lang hingaben und bedeutende Summen verloren. D. Uebers.




4


Die Zahl der Studenten wurde einmal auf 300 festgesetzt; über diese Zahl hinaus durften nur angehende Mediciner immatrieulirt werden. D. Uebers.




5


Es war zu jener Zeit das Reisen ins Ausland gesetzlich erschwert. D. Uebers.




6


Granowski, ein sehr beliebter Professor der Geschichte in Moskau; verstorben. D. Uebers.


