Aus der Praxis
Wilhelm Walloth




Wilhelm Walloth

Aus der Praxis





I. Kapitel


In dem elegant eingerichteten Wartezimmer des Dr. Friedrich Kahler blätterte eine schwarzgekleidete, dichtverschleierte Dame bereits seit einer Stunde in dem großen, zum allgemeinen Gebrauch niedergelegten Album. Die hastige, zuckende Bewegung ihrer Hände, die Art, wie sie den hinter der Portiere des ärztlichen Studierzimmers verschwindenden Patienten nachblickte, verriet eine gewisse Spannung; auch konnte ein scharfes Auge die Erregung ihrer bald erblassenden, bald hocherrötenden schönen Gesichtszüge durch die Schwärze des verhüllenden Spitzenschleiers schimmern sehen. Der letzte vor ihr angekommene Patient wurde soeben durch den Gehilfen des Arztes mittelst eines kräftigem ›Herein!‹ in das Sprechzimmer gerufen; die junge Dame saß allein. Sie schloss das Album, beugte seufzend den Kopf, schenkte sich alsdann ein Glas Wasser ein und setzte es, ihren Schleier lüftend, mit zitternden Händen an die Lippen. Ihr schwer atmender Busen ließ auf ein Lungenleiden schließen, obgleich ihre Wange eine völlig gesunde Farbe trug. Indes schien ihr das kalte Wasser nicht zu behagen, der kleine Schluck, den sie genommen, ließ sie zusammenschauern, sie setzte das Glas auf den Tisch, stand auf und ordnete vor dem prächtigen, goldumrahmten Spiegel ihre ein wenig exzentrische, von einer seltsamen Phantasie zeugende Kleidung, wobei es auffallen musste, wie wenig weibliche Anstelligkeit sie besaß. Als sich jetzt die Türe öffnete, um einen neuen hilfesuchenden Patienten einzulassen, schlug die Dame sofort ihren Schleier über ihre fein geformten Züge, benahm sich aber im Übrigen so ungeniert, als befände sie sich zu Hause.

»Guten Tag,« sagte der neue Ankömmling, ein älterer, militärisch aussehender Herr, der den Arm in einer Binde trug. Die Dame räusperte sich, blätterte in dem Album und schwieg.

Da sich nun unter dem Rufe: ›Herein!‹ die Türe des ärztlichen Studierzimmers öffnete, wollte der neue Ankömmling, wie es ihm, dem später Erschienenen ziemte, der Dame den Vortritt lassen, diese sagte jedoch mit einer singenden Stimme und nicht ganz dialektfreien Aussprache:

»Bitte, gehen Sie nur —«

»Aber Sie kamen doch vor mir?« wandte der Herr bescheiden ein.

»Tut nichts – ich warte,« sagte die Dame, sich unbehilflich verbeugend und an den ihr, wie es schien, ungewohnten Glacee-Handschuhen zupfend.

Der Herr folgte dem Diener, indes die Verschleierte, die sich wieder allein sah, durch das Fenster hinab auf den Schlossplatz blickte, woselbst gerade das Musikcorps des Garderegiments einen Kreis formierte. Bald schmetterten die champagnersprühenden Töne eines Strauß’schen Walzers heraus, schienen jedoch die Nerven der Dame, anstatt sie zu besänftigen, nur noch mehr zu überreizen, wenigstens zog sie ihre schwarzen, ungemein delikat gezogenen Augenbrauen finster zusammen und murmelte einige unwillige Bemerkungen. Die goldene Pendüle, die vor dem Spiegel prunkte, zeigte gleich 4 Uhr; um vier Uhr pflegte Dr. Kahler seine Sprechstunde zu beenden, und als sich nach einiger Zeit der militärische Herr mit dem Arm in der Binde durch eine Hintertüre, die man laut erknarren hörte, entfernte, vernahm die Dame, wie der Gehilfe des Arztes die Türe des Sprechzimmers von innen schließen wollte. Sie räusperte sich, so laut sie vermochte; der junge Gehilfe, aufmerksam gemacht, öffnete noch einmal, streckte den Kopf durch die Portiere und sagte, als er die Anwesende bemerkte:

»Ach! Verzeihen Sie – der Herr Doktor muss um halb 5 an die Bahn – eine schwierige Operation in Frankfurt —«

Aber sein Herr unterbrach ihn mit der aus dem Sprechzimmer dumpf herausschallenden Frage:

»Noch jemand hier?«

Der Gehilfe verschwand, bis er nach einiger Zeit wieder erschien.

»Bitte, treten Sie ein,« sagte er zu der nun sichtlich zitternden, hocherregten Dame.

Als die Portiere sich hinter ihr rauschend geschlossen, sah sich unsere Freundin einem schwarzbärtigen Herrn gegenüber, der von einem Buche, in das er Notizen gemacht hatte, aufsah und die Zigarre aus dem Munde nahm, die das ohnehin düstere Gemach mit bläulichem Nebel erfüllte.

»Bitte, setzen Sie sich,« sagte er, auf einen Stuhl deutend, der vor einem riesigen, mit Hörrohren und andren Apparaten bedeckten Tische stand. Die Dame nahm allen ihren Mut zusammen, räusperte sich und setzte sich, während der Arzt in einem wissenschaftlichen Buche blätternd frug, mit was er dienen könne.

Die Töne eines Regimentsmarsches schmetterten jetzt lauter denn zuvor an die Scheiben des Zimmers, wodurch die Dame augenscheinlich in eine noch peinlichere Verlegenheit versetzt wurde, sie begann mehrmals einen Satz, brach ab, begann einen neuen und beugte den Kopf schließlich in so tödlicher Verlegenheit auf die Brust herab, dass Dr. Kahler sich mitleidig zu ihr hinüberneigte.

»Ist Ihnen unwohl?« frug er höflich besorgt, »Sie haben wohl starken Kopfschmerz, bitte, vertrauen Sie mir Ihr Leiden getrost an—«

»Mein Herr, erlauben Sie, dass ich mich Ihnen zuerst vorstelle: Fräulein Emma Pöhn,« stieß die Dame hervor, richtete dann den Kopf mit Würde in die Höhe und hatte nach kurzer Anstrengung sogleich ihre Fassung in einem solchen Grade wieder gefunden, dass der Arzt es für nötig fand, sich erstaunt ein wenig in seinem Strohsessel zurückzubeugen.

»Ich bin durchaus gesund,« fuhr die Dame fort, nun einen kühlen, imponierenden Ton affektierend, der auch nicht verfehlte, eine verblüffende Wirkung auf den Doktor hervorzubringen, »durchaus gesund,« lächelte sie, »und Sie werden erstaunen, nenne ich die Ursache, die mich hierhergeführt.«

Der Arzt nickte bestätigend, als sei er darauf vorbereitet zu erstaunen. Sie lächelte, strich ihr Kleid glatt und wartete, bis eine rauschende Fanfare des Regimentsmarsches verklungen war, dann begann sie, während der Arzt ungeduldig mit einem Bleistifte spielte, von neuem:

»In meiner Lage befand sich wohl noch kein Weib, seit die Welt existiert,« sagte sie so gelassen als möglich, »wenngleich man behauptet, es gäbe nichts Neues unter der Sonne. Sie sehen, ich bin über die allerersten Jugendjahre hinaus, dennoch bin ich gezwungen zu heiraten. Ja, mein Herr, gezwungen! Ich verabscheue die Ehe und komme nun in die Lage, mir einen Mann zu suchen! Ich fühle, dass ich edler handeln würde, dies nicht zu tun.«

Da sie nun schwieg, sah ihr der Arzt prüfend in die Augen, doch sie, diesen unzweideutigen Blick ignorierend, starrte längere Zeit düster vor sich nieder und zuckte erst, als der Regimentsmarsch plötzlich schwieg, wie aus einem bösen Traume erwachend empor.

»Sie sind ein Mann von Erfahrung, haben sich bereits einen Namen gemacht,« sagte sie in ihrer etwas singenden, gedehnten Weise, »ich denke, ich brauche mich vor einem berühmten Manne nicht anders zu zeigen, als ich bin. Sie werden mich für wunderlich halten, wenn ich mich Ihnen zeige, wie ich bin.«

»Gewiss nicht,« murmelte der Arzt, das gespannt prüfende Auge nicht von ihren Gesichtszügen entfernend, »reden Sie unumwunden.«

»Ich setze mich über die Meinung der Welt hinweg,« fuhr sie ruhig fort, »ich tat es von jeher, schon vor dem Tode meines Vaters, und werde es immer tun, ich verachte die Meinung der Welt. So hören Sie denn, ich lege Ihnen eine seltsame Frage vor.«

Sie hielt einen Augenblick inne, als beschwere sie der Tabaksdunst und fuhr in geschäftsmäßigem Tone fort, der indes ihre innerliche Erregung kaum zu bemänteln imstande war:

»Haben Sie unter Ihren Patienten einen womöglich armen Mann, einerlei von welchem Alter, der an einer Krankheit leidet, die ihm kein langes Leben mehr gönnen wird?«

»Es wird sich wohl ein solcher finden lassen,« sagte der Arzt, von dem ein gewisser Verdacht wich, den er betreffs des Geisteszustandes Fräulein Pöhns gehegt, »aber bitte, reden Sie weiter – wenn hier ein Werk der Mildtätigkeit —«

»Gewiss nicht,« fiel ihm Fräulein Emma hastig in die Rede, »ich will mich nicht besser machen, als ich bin; mein Zweck ist ein ganz und gar egoistischer, total egoistischer. Wollten Sie mir die Adresse dieses Kranken – doch ich vergesse,« unterbrach sie sich, »der Kranke muss unverheiratet sein–«

Der Arzt lächelte ein wenig ironisch, schüttelte den Kopf und streifte die schöne Seltsame wieder mit seinem zweifelnden prüfenden Seitenblick.

»Unverheiratet?« sagte er zögernd.

»Allerdings,« erwiderte Fräulein Emma Pöhn, dem Blick des Arztes mit einer gewissen herausfordernden Scheu begegnend, »doch ich glaube, Sie halten mich nicht recht für zurechnungsfähig, wenn ich Ihnen nicht betreffs meines merkwürdigen Gebarens sobald als möglich nähere Auskunft erteile. Wenn Sie Zeit haben, wird die Aufklärung, die ich Ihnen zu geben habe, bald jeden Ihrer Zweifel zerstreuen.«

Sie hatte dies mit einer Würde gesagt, die an Kälte streifte, wie sie denn während des ganzen Zwiegesprächs eine große Gemütskälte zur Schau zu tragen suchte. Der Arzt sah nach der Uhr.

»Ihre Mitteilung interessiert mich in mannigfacher Weise,« sagte er, abermals ein Lächeln unterdrückend, »ich werde mit einem späteren Zuge fahren! Bitte, reden Sie weiter.«

Er legte die Zigarre weg, streifte den Vorhang am Fenster ein wenig zurück, schlug ein Bein über das andere und nahm sich vor, das nun etwas heller beleuchtete Gesicht des Fräuleins mit dem ganzen Aufwand seines medizinischen Scharfsinns zu studieren. Fräulein Pöhn verharrte in ihrer geheuchelten Gleichmütigkeit und begann ihren Bericht in einer etwas gesuchten Ausdrucksweise, der man anhören sollte, dass sie sich einer gewissen höheren Geisteskultur teilhaftig gemacht.

»Ich lebte,« erzählte sie, »bis vor kurzem auf dem Dorfe Rheinheim in der Nähe von D., als einziges Kind meines Vaters, des Pfarrers, der mir, ich darf es wohl gestehen, eine sehr gute Erziehung angedeihen ließ. Schon in frühster Jugend auf der Schulbank, war ich indes mit den Dogmen der christlichen Kirche, die mein Vater mir beibringen wollte, nicht völlig einverstanden, was mir mein guter Vater jedoch nicht übelnahm, da ich sonst rasch und willig lernte. Meine Mutter, die ein armes Bauernkind gewesen und die mein Vater ihrem häuslichen Elend, besonders der schlechten Behandlung ihrer Eltern entzogen, befasste sich freilich wenig mit meiner Erziehung; mein Vater war von mildem, fast schwachem Charakter, und so wuchs ich ziemlich wild auf. Ich übergehe meine Jugend. Als ich kaum das zehnte Lebensalter erreicht, traf uns ein großes Unglück, meine Mutter nämlich, die unter der rohen Behandlung ihrer Eltern sehr gelitten hatte, sowohl körperlich als geistig—« die Erzählerin begann sich zu verwirren, »es wurde mir erzählt, man habe sie oft misshandelt—«

Sie hielt inne, fuhr dann aber, nachdem sich ihre Stirne einen Augenblick verfinstert und ihre Stimme sich belegt hatte, mit Fassung fort:

»Wir zogen vor einigen Jahren nach der Stadt. Da ist eine Türe in dem neuen Hause, das wir in der Stadt bezogen, die sich nur für mich öffnet, durch die, außer dem meinen, noch kein Fuß geschritten und die von jedem der wenigen Freunde, die uns besuchen , mit Scheu betrachtet , ängstlich vermieden wird. Hinter dieser Türe, in dem stets verdunkelten Zimmer, liegt einem lebenden Wesen nicht mehr ähnlich nun schon seit Jahren eine Unglückliche, meine Mutter.«

Wiederum hielt sie inne, zog die zitternden Augenbrauen schmerzlich zusammen und suchte ihre aufquellende Gemütserschütterung mit der ganzen Kraft ihres starken Charakters niederzuhalten. Der Arzt betrachtete sie mit Teilnahme und als sie jetzt mit leiser, bebender, fast verschämter Stimme sagte: »Eine unheilbare Geisteskrankheit!« zuckte er zusammen und suchte in der Tat bewegt nach Worten des Mitgefühls. Sie jedoch war ihrer Schwäche bald Herr geworden.

»Was ist da zu ändern,« fuhr sie fort, »ich muss es tragen und ich erfülle meine Pflicht, darf ich wohl sagen, ich erfülle sie freudig. Nur von mir nimmt die Unselige Speisen an, nur von mir lässt sie sich reinigen, ich muss sie zeitweise im Zimmer auf und ab tragen, wenn sie ihr phantastisches Angstgefühl überfällt, und ich muss sie oft beruhigen, wie man ein Kind beruhigt. Ich lasse gewöhnlich alle Türen der ganzen Wohnung offen, um auf das geringste Geräusch, das aus ihrem Zimmer dringt, zu ihr eilen zu können, ich koche, ich arbeite, ich lebe nur noch für sie, die kaum mehr den Lebenden beigezählt werden darf. Sie mögen sich denken, welches Dasein ich führe, wie öde, wie einsam ich zwischen meinen vom Wahnsinn verfinsterten Wänden sitze. Vielleicht ist es Ihnen nun auch verständlich, als Arzt verständlich, wenn ich Ihnen sage, dass ich, immer von den krankhaften Gebilden einer Geisteskranken umgeben, immer dieses Elend vor Augen, selbst zuweilen fürchte geisteskrank zu werden; vielleicht werden Sie es nach solchen Erlebnissen entschuldigen, wenn ich auf die sogenannte sittliche Weltordnung nicht aufs Beste zu sprechen bin.«

»Solche Erlebnisse können freilich auch das mitfühlendste Herz verbittern,« entgegnete der Arzt mit weicher, teilnehmender Stimme.

»Doch bitte, hören Sie weiter,« begann sie aufs neue, den wärmeren Ton, in welchem der Arzt mit ihr verkehren wollte, absichtlich ablehnend. »Es kann Sie schwerlich wundernehmen, wenn ich Ihnen sage, dass ich, besonders da unsre pekuniären Verhältnisse nicht eben die glänzendsten waren, nie daran dachte zu heiraten und dass sich auch schwerlich jemand gefunden haben würde, der die Tochter der Geisteskranken zum Eheweib begehrte, schon deshalb nicht, weil dieser unglückliche Ehegatte meine Mutter sozusagen mit mir zugleich hätte heiraten müssen, denn selbstverständlich hätte mich die Ehe nicht abhalten können, meine Mutter weiter zu pflegen. Es fand sich auch kein Freier, was mir sehr angenehm war, denn – offen herausgesagt – ich hatte von jeher eine Abneigung gegen die Ehe, die sich noch bedeutend steigerte, als ich die neueste Philosophie, besonders als ich Schopenhauer kennenlernte —«

»So? Sie haben Schopenhauer gelesen,« unterbrach sie der Arzt respektvoll.

»Ich schätze mich glücklich, diesen Geist kennengelernt zu haben,« fuhr sie, ein wenig stolz auf ihre Starkgeistigkeit fort. »Kurzum ich hasste die Ehe; ich lernte von den Frauen gering denken und hielt die Männer ebenfalls nicht sehr hoch, wenigstens flößten mir die jungen Kandidaten, mit denen mein Vater umzugehen gezwungen war, keinen sonderlichen Respekt ein. Nun besuchte uns zuweilen ein alter, grillenhafter Onkel, der es sich in seiner jovial mephistophelischen Weise in den Kopf gesetzt hatte, mir andere Begriffe über Männerwelt und Ehe beizubringen. Der Mann, der eine reiche Frau geheiratet, wusste diesen Reichtum als geschickter Jurist ins Bedeutende zu steigern; er hatte seine Jugend, wie man sagt, allzu reichlich genossen, es hing ihm noch etwas Burschikoses, Lebemännisches an und er glaubte nun, er dürfte uns, da wir seine Erben seien, tyrannisieren. Das tat er denn auch, obgleich wir uns seine Schroffheiten keineswegs gefallen ließen, wo er nur konnte. Nach seiner Vorschrift musste gehandelt werden, ihm musste gehuldigt werden, und wehe uns, wenn wir zu widersprechen wagten. Besonders mich pflegte er unaufhörlich zu ärgern, suchte mir, obgleich er ihn selbst gern las, Schopenhauer zu verleiden und behauptete, ein weibliches Wesen, das keine Ehe einginge, sei nur ein halbes Wesen, ein Unding. Ich blieb ihm keine Antwort schuldig, ward ihm zuweilen sogar recht unliebenswürdig, was ihn indes eher zu erfreuen schien, und als ich ihm bewies, dass ich schon durch die außergewöhnlichen Verhältnisse, in welchen wir lebten, gezwungen sei, ehelos zu bleiben, behauptete er, gerade ich müsste heiraten und zwar ganz unbedingt, denn nur die Ehe könnte meinen sich mehr und mehr verdüsternden Geist aufhellen, ihm eine heilsame Ablenkung geben. Ich sehe den alten heißblütigen Rechtsanwalt noch immer hinter seiner Weinflasche sitzen, wie er mit nachdrucksamen Gebärden seine Rede über die Ehe begleitete. Mein alter Vater saß vor ihm, sein Haupt billigend wiegend und aufmerksam dem Beweise folgend, den ihm der scharfe Advokat, der sich so gerne sprechen hörte, mit ungewöhnlicher Präzision entgegenschleuderte. Ich ging ab und zu, kochte, sah nach der Mutter und warf zuweilen eine spitzige Bemerkung hin, die der greise Redner widerlegte, stolz darauf, dass er in seinem 80. Jahre noch so gut disputierte. Kurze Zeit darauf starb Onkel Konrad am Schlage; ich dachte von jeher, dass er am Schlag sterben würde, er war so sanguinisch, so aufgeregt. Ich kann sagen, sein Tod ging mir nahe, er berührte mich umso tiefer, als mein armer Vater kurz vorher ebenfalls der Welt Lebewohl gesagt und ich mit meiner kranken Mutter allein in der Welt stand. Ich komme nun zum Schluss, Herr Doktor, zu dem Punkt, um den sich alles dreht und der Ihnen die gewünschte Aufklärung über mein seltsames Gebaren geben wird. Mein Onkel hatte mir seine ganzen Reichtümer testamentarisch vermacht, Haus, Hof und Gut; aber in dem Testament befand sich eine Bedingung, die mir so unerhört schien, dass ich anfangs die ganze Erbschaft mit Entrüstung zurückzuweisen entschlossen war.«

Dr. Kahler neigte sich gespannt lauschend zu der Sprecherin hinüber, diese errötete ein wenig, fuhr sich mit dem Taschentuch über die Lippen, und suchte alsdann ein Lächeln zu erzwingen.

»Erst an dem Tage,« fuhr sie mit immer sicherer werdender Stimme fort, »sollte mir die Erbschaft zufallen, an welchem ich meine Hand am Altar einem Manne gereicht.«

Sie unterbrach sich und sah einmal so scheu zu Doktor Kahler empor, als fürchte sie durch ihre Enthüllung dessen Geringschätzung oder gar Abscheu herausgefordert zu haben. Der Doktor verzog indes den Mund ein wenig zum Lächeln, schüttelte dann aber ernst das bärtige Haupt und murmelte vor sich hin:

»Sonderbar, dass die meisten Menschen ehe sie mit dem Tode abgehen, glauben, sie müssten sich von irgendeiner interessanten Seite zeigen.«

»Da haben Sie recht,« entgegnete Fräulein Emma Pöhn, erfreut darüber, dass ihr Gegenüber die Sachlage ernstzunehmen begann. »Wie oft liest man von wunderlichen Testamenten; ich habe dergleichen Wunderlichkeiten stets für Erfindungen mäßiger Zeitungsschreiber gehalten und nun komme ich selbst in die Lage, in einer derartigen Komödie zu figurieren, die für mich freilich eher tragischer Natur ist. Es scheint für den Sterbenden ein gewisser Reiz darin zu liegen, die Lebenden durch irgendeine Absonderlichkeit zu verblüffen, als wenn hierdurch das Gedächtnis an den Geschiedenen länger erhalten bliebe.«

»Sie wollen nicht vergessen, dass der Reichtum gar manche Grille ausbrütet,« warf der Arzt ein, »doch in Ihrem Falle hat der Verstorbene so ganz unrecht nicht. Eine Ehe könnte eine ganz günstige Wirkung auf ihr Geistesleben ausüben.«

»Und das sagen Sie? Ein Arzt?« fiel sie ihm heftig ins Wort, »Sie, der doch wissen muss, wie leicht,—« sie brach ab und fuhr mit zitternder Stimme fort, »wie leicht sich Geisteskrankheiten vererben?«

Sie errötete, erblasste dann sehr tief und sah mit dem Ausdruck eines großen unauslöschlichen Seelenleids vor sich nieder, sodass Dr. Kahler, erschrocken einlenkend, von Mitgefühl erfasst, ihr Mut, einzuflößen suchte.

»Es ist unbedingt notwendig, dass Sie sich zerstreuen,« sagte er mit weicher Stimme, »das Leben, das Sie führen, muss Sie in kurzer Zeit aufreiben, denn nichts ist gefährlicher, als tagelanges Alleinbleiben und Grübeln über Unabwendbares; Sie müssen Gesellschaft aufsuchen und zwar heitere Gesellschaft, damit Sie das traurige Bild gewaltsam vergessen lernen, das Sie täglich vor Augen haben. – Am besten wäre es – wenn Sie dem düstern Anblick für immer entfliehen könnten, das würde Ihre angegriffenen Nerven wiederherstellen, würde Ihnen die Welt wieder in schönerem Lichte zeigen. Könnten Sie die Kranke nicht in einer Irrenanstalt unterbringen?«

Fräulein Pöhn erklärte mit einfachen, festen Worten, dass sie dies letztere nie tun werde, sie halte eine derartige Erleichterung ihrer Lebensaufgabe für ein Verbrechen, sie wolle ihre Mutter bis ans Ende pflegen und würde sie niemals fremden Händen anvertrauen. Sie sagte dies mit so schlichten, starken Worten, dass der Arzt, fast beschämt, nicht das Herz hatte, etwas Weiteres dagegen einzuwenden. Er neigte ergriffen das Haupt und sah dem Mädchen alsdann mit einem Blick innigster Hochachtung in das klare große Auge. Nach einiger Zeit begann er mit unsicherer Stimme:

»Ich glaube, nach dem, was sie mir erzählt haben, nicht, dass sich die Geisteskrankheit Ihrer Mutter in Ihrer Familie forterbt, da nicht angeborene Anlagen, sondern traurige Gemütszustände, fortgesetzte schlechte Behandlung die Krankheit Ihrer Mutter herbeigeführt. Etwas anderes ist es, wenn das Leiden ohne jede äußere Veranlassung ausbricht.«

»Einerlei!« entgegnete sie rasch, »man soll das Schicksal nicht auf die Probe stellen. Vielleicht ist der Widerwille, den ich der Ehe entgegenbringe, ein Fingerzeig der Natur; ich hatte mir vorgenommen, auf die Ehe völlig zu verzichten; ein Wesen, wie ich es bin, sagte ich mir, eine vom Schicksal Gezeichnete, begeht ein Verbrechen, wenn sie heiratet! Nun kommt diese Erbschaft, die uns auf einmal allen Nahrungssorgen entreißen würde, die so viel dazu beitragen könnte, das unselige Los meiner Mutter zu verbessern, ihre letzten Lebenstage zu verschönen. Ich würde in das prächtig ausgestattete Haus des Onkels ziehen, die Mutter erhielte ein größeres luftiges Zimmer, ihr Bett würde, da sie sich oft wund liegt, mit Luftkissen versehen werden, ich könnte ihr beständig ihre Lieblingsspeisen kochen; sehen Sie, das Essen blieb ihr einziger Genuss – ich könnte ihr einen Fahrstuhl machen lassen – kurzum, ich könnte ihr jede nur irgend mögliche Bequemlichkeit verschaffen. Mit dem Tode meines Vaters erlosch unsre kleine Pension; ich selbst könnte mir ja durchhelfen, aber nun dieses Elend, ohne genügende Mittel es zu lindern! Ich darf nicht daran denken.«

Wiederum hielt sie einen Augenblick inne, sah starr vor sich nieder, schüttelte sich dann ein wenig und begann fortzufahren:

»So bin ich denn nach langem, schwerem Kampfe zu einem Entschluss gekommen, zu dem Entschluss, mich um die Meinung der Welt möglichst wenig zu kümmern, dem Wohl meiner Mutter ein Opfer zu bringen. Mögen die Leute dazu sagen, was sie wollen, sie kennen die Verhältnisse nicht, haben keinen Überblick über meine Lage und dann bin ich ja auch, wenn ich die Erbschaft antrete, zum Glück so gestellt, dass ich das Gerede der Welt kühn verachten darf.«

»Sie folgen also dem Willen Ihres Onkels?« frug Dr. Kahler gespannt, »ah – jetzt begreife ich – warum Sie—« er brach ab, zündete seine Zigarre an und begann eine auffallende Unruhe zu zeigen.

»Ja, Herr Doktor,« sagte sie ruhig, »ich heirate, wie es sein letzter Wille ist – nur gehe ich ein wenig jesuitisch dabei zu Werk.«

Ihr schönes Gesicht nahm einen naiv-trotzigen Ausdruck an, der des Doktors Aufmerksamkeit in hohem Grade fesselte, als sie nach einer Pause mit leiserer Stimme fortfuhr:

»Ich werde heiraten! Aber, um möglichst bald wieder selbstständig dazustehen – einen todkranken Mann! Auf diesen Ausweg verfiel ich gestern Nacht, als mich das Nachdenken über diese ganze peinliche Angelegenheit nicht schlafen ließ. Ich war kaum ein wenig eingeschlafen, als ich plötzlich wieder emporfuhr, und da ging es wie eine Offenbarung in mir auf. Wenn du einen Sterbenden heiratest, sagte ich mir mit der Sophistik des Unglücks, tust du ja noch an dem Armen ein gutes Werk, dessen letzte Stunden du mittelst deines Reichtums verschönern kannst. Ich weiß sehr wohl, dass dies egoistisch gedacht ist, was aber bleibt mir, wenn ich meiner Mutter traurige Tage verschönen will, wenn ich uns dem drückendsten Elend entreißen will, andres übrig? Stellen Sie es sich nur vor! Eine Wahnsinnige, die Mangel leidet…?«

Der Arzt blies heftige Rauchwolken vor sich hin und frug dann ein wenig ärgerlich:

»Und ich soll Ihnen jenen todkranken Mann unter meinen Patienten auswählen, den Sie zu beglücken gedenken?«

»Wenn Sie nicht wollen, wird sich ein anderer finden,« meinte sie mit erzwungener Ruhe.

»Ich bewundere Ihre Energie,« sagte er dann herb.

»Die braucht man im Leben,« erwiderte sie ebenso kalt.

Es entstand eine peinliche Pause. Der Arzt schien unschlüssig. Sein Auge irrte im Gemach umher, er begann die Zigarre unruhig zwischen den Lippen zu drehen.

»Ich muss Ihnen gestehen,« sagte er rau, »dass mir diese Art, Ihnen zu einem Manne zu verhelfen, ebenso sonderbar wie widerwärtig vorkommt. Ich glaube, ich kann mich nicht entschließen, Ihrer Bitte entgegenzukommen.«

»Und warum nicht?« frug sie aufstehend, die schönen Lippen aufeinander pressend, »indes, wie Sie wollen.«

Sie trat einen Schritt dem Ausgang entgegen, während er, die Zigarre im Mund, am Schreibtisch sitzen blieb.

»Sind Sie fest entschlossen,« frug er noch einmal, »eine solche abenteuerliche Ehe einzugehen?«

»Was ist abenteuerlich?« gab sie zurück, »es kommt nur darauf an, von welcher Seite man die Sachlage betrachtet. Uns modernen Europäern kommt vieles abenteuerlich vor, was einem Beduinen oder einem Menschen vergangener Zeiten als etwas durchaus Gewöhnliches erschienen wäre. Sie verblüfft dieser Fall, weil er Ihnen zum ersten Mal mit seiner vollen Neuheit und Seltsamkeit vor Augen tritt; hätten Sie so lang darüber nachgedacht wie ich, er würde alles Ungewöhnliche für Sie verloren haben, wie er es für mich verloren hat. Ich habe mich an das Abenteuer so sehr gewöhnt, dass es keines mehr für mich ist.«

Sie hatte die Türklinke erfasst, ließ diese jetzt los und trat auf den noch immer nachdenklich Dasitzenden zu.

»Können Sie mir,« sagte sie ernst, »meinen Egoismus wirklich nicht verzeihen? Und ist meine Handlungsweise denn völlig egoistisch? Handle ich nicht unter dem Zwang der Notwendigkeit?«

»Ich muss Ihnen das zugestehen,« sagte er langsam, als prüfe er seine eigene Entscheidung, »doch —« er schwieg und setzte dann ganz rasch hinzu, ohne recht zu wissen, was er sagte: »warum wollen Sie es nicht einmal mit einem Gesunden probieren?«

Er runzelte darauf die gesenkte Stirne ein wenig; sie bemerkte das, sah ihn erstaunt an und entgegnete nach einer Pause: »Sie wissen es ja, warum nicht!« .

»Ach so!« sagte er errötend und sich tiefer herabneigend fügte er hinzu: »Dann gefiele mir es, offen gestanden, immer noch besser, Sie wiesen die Erbschaft von sich und ertrügen das Unvermeidliche so gut es eben gehen will.«

»Raten Sie mir das wirklich?« frug sie erstaunt, indem ein tiefer Ernst ihre Züge überschattete.

»Sie mögen recht haben,« fuhr sie leiser fort, als der Doktor schwieg, »obgleich Sie nicht wissen, was Sie von mir verlangen, welche Entbehrungen meiner harren, welche Opfer ich bringen muss, welche dunklen Pläne zuweilen von meinen Sinnen Besitz nehmen. Aber trotzdem, wenn Sie mir diesen Rat geben, will ich versuchen, die finsteren Gedanken zu verscheuchen, die alsdann, zuweilen Einlass begehrend, an mein Herz pochen werden!«

»Finstere Gedanken?« frug er wie träumend, neigte dann den Oberkörper langsam in den Sessel zurück und sah ihr ernst in das finster brütende Auge, in dessen verschleiertem Glanz er zu lesen suchte.

Und was las er in diesen Zügen? Unwillkürlich schrak er zurück, als er einige Zeit in dieses unter den schwarzen, hochgewölbten Brauen blitzende Auge gesehen. Vor einigen Tagen hatte er die berühmte Clara Ziegler in Grillparzers Medea bewundert. An diese Medea, wie sie über dem letzten, blutigen Entschluss brütet, musste er plötzlich denken, als er das seltsame Mädchen so in sich gekehrt, so starr in die öde Luft blickend an der Türe stehen sah. Er zuckte zusammen; welcher Tat wäre diese leidenschaftliche, starke Seele fähig, dachte er; nein! Da gibt es keinen Ausweg! Sogleich bemühte er sich zu lächeln, stand auf und erfasste die Hand Fräulein Pöhns.

»Nein, mein Fräulein, achten Sie nicht auf meine Worte,« sagte er herzlich, »ich habe mich geirrt! Handeln Sie nach Ihrem ersten Entschluss, es ist das Beste, das kleinere von zwei Übeln. Ich werde Ihnen behilflich sein.«

»Ich danke Ihnen,« sagte sie tonlos, ganz kalt.

»Wollen Sie mich morgen um diese Zeit wieder besuchen?«

Sie nickte und er fuhr in einem Tone fort, dessen Leichtfertigkeit seine tiefe, innere Bewegung bemänteln sollte:

»Da ist unter meinen Patienten,« warf er hin, »ein armer Maler, er heißt Paul Steinacher, dem hat die undankbare Muse so übel mitgespielt, dass ich vor einigen Wochen gerade noch recht kam, ihm ein Gegengift wider das Arsenik beizubringen, das er in einem Anfall von Katzenjämmerlichkeit genommen. Ich habe den jungen Mann in der Tat recht liebgewonnen, während der Zeit, da ich ihn behandelt und ich würde es ihm von Herzen gönnen, wenn er seine letzten Lebenstage statt in einer windigen Dachwohnung in einem guten Krankenhause bei ordentlicher Nahrung beschlösse.«

Er schwieg, ein Lächeln erzwingend.

»So wird er sterben?« frug Fräulein Pöhn nicht ohne eine gewisse Teilnahme.

Des Arztes Gesicht verdüsterte sich einen Augenblick.

»Voraussichtlich!« warf er achselzuckend hin, »ich möchte es ihm fast wünschen. Schade um den talentvollen Jüngling. Das Gift hat seinen ohnehin durch erzwungene Hungerkur angegriffenen Körper zu stark mitgenommen. Doch genug hiervon.«

Er zog die Uhr.

»Es ist Zeit, dass ich gehe,« unterbrach er sich, »ich werde also morgen das Vergnügen haben. Inzwischen werde ich den Patienten vorbereiten und da er mir sehr freundschaftlich zugetan ist, zweifle ich nicht, dass er nichts gegen die seltsame Verbindung einzuwenden hat.«

Fräulein Pöhn verabschiedete sich, da sie empfand, wie Dr. Kahler das Thema abzubrechen wünschte. Sie versprach, die nötigen Papiere, aus welchen er die ganze Angelegenheit näher kennenlernen werde, ihm durch ihren Rechtsanwalt einhändigen zu lassen; mit diesem Rechtsanwalt bitte sie das weitere ausführlicher zu besprechen.

Nachdem sie das Zimmer verlassen, stand der Arzt noch so lange sinnend am Fenster, bis er die schlanke, schwarze Gestalt über den Schlossplatz gehen sah, dann von dem eintretenden Diener an den harrenden Wagen erinnert, riss er sich aus seinen Träumereien, kleidete sich rasch an und eilte hinab.

Das Mädchen, musste er sich gestehen, war durch eigenartige Schicksale in ein eigenartiges Wesen verwandelt werden, aber je länger er über sie nachsann, desto geheimnisvoller wurde ihm ihr Auge, ihre ein wenig stark ausgeprägte Stirne, ihr eigentümlich ländlicher Dialekt, überhaupt das wunderlich Ungenierte und dabei Sichere, Nachdenkliche ihres Benehmens.

Den Kindern Geisteskranker, wenn sie gesund bleiben, verleiht die Natur oft außergewöhnliche Geisteskräfte – hatte der Arzt hier ein solch wunderbares Wesen vor sich, das unter dem schwülen, exotischen Hauch des Wahnsinns herangereift, besonders glänzende Geistesschwingen erhalten? War dies eines jener unglücklich-glücklichen Wesen, deren reiche Talente aus Grauen, Trümmern und Moder erblüht sind?

Als er nach der Bahn fuhr, begegnete er ihr im raschen Vorbeifahren noch einmal und fühlte, als sie ihn jetzt lächelnd grüßte, ein mit Hochachtung gemischtes Mitleid in seine Brust dringen. Wenn er sich die ganze Sachlage klarlegte, die Rolle, die er spielen sollte, verdeutlichte, befiel ihn stets ein Missbehagen und zuweilen kam es ihm zu Sinne: wie, wenn das, was du eben vernommen, die phantastische Erfindung einer tatsächlich Geisteskranken gewesen wäre? Doch ihr Vortrag war so ruhig, so sachlich, dass er diesen Zweifel bald fallen ließ. Und doch war er, als er jetzt aus dem Wagen stieg, so zerstreut, dass er sein Etui voll kostbarer Instrumente vergaß und am Billettschalter sich einige Zeit auf sein Reiseziel besinnen musste. – Wie ihn der Lärm, das Fahren, Laufen, Lachen betäubte! Er hätte einem beständig »Kaffee« in vier Sprachen schreienden Kellner einen Verweis erteilen mögen, so unzufrieden war er mit sich selbst; das »Achtung«, »Vorgesehen« der vorübereilenden Gepäckträger störte ihn, als sei es nur an ihn allein gerichtet, kurz, sein sonst so energischer, selbstbewusst ironischer Charakter war wie niedergehalten, wie gedämpft.

Ärgerlich über seine Versunkenheit schritt er nach dem Wartesaal I. Kl., sich gewaltsam verbietend, an die ganze, sonderbare Angelegenheit zu denken

»Kaffee,« ertönte noch immer des sprachfertigen Kellners Stimme, als er eben den Saal betreten und mitten im Gedränge der Passanten sich ihm eine Hand auf die Schulter legte.

»Wie Doktor, Sie hier?« frug es ihn.

»Ah, Rechtsanwalt Heinheimer,« sagte Kahler zerstreut, einen kleinen Mann bemerkend.

»Wohin, mein Bester?« schrie der kleine behäbige Rechtsanwalt, um sich im Lärm verständlich zu machen.

»Operation in Frankfurt, reiche Bankierfamilie,« erklärte der Arzt rasch.

»Ah!« rief Herr Heinheimer, »man merkt, Ihr Ruhm vergrößert sich von Tag zu Tag; Sie sind ein berühmter Mann, eine Autorität…«

»Alter Herr – Schlaganfall,« sagte Kahler ein wenig geschmeichelt, »werde das eine Auge herausnehmen müssen…«

»So, so! Gut, dass Sie nicht mich zu malträtieren brauchen – bin Gott sei Dank gesund,« fuhr der joviale Rechtsanwalt fort, einen scheuen Blick auf den Instrumentenkasten werfend, »aber was ich Ihnen sagen wollte, werde morgen das Vergnügen haben…«

»Morgen?« frag Kahler zerstreut.

»In einer sehr wunderlichen Erbschaftsgeschichte,« setzte der kleine Herr hinzu.

»Was?« stieß der Arzt erschrocken heraus.

»Hm? Mein Bester? Höre in dem Lärm nicht gut,« gab der Rechtsgelehrte zurück, indes der Menschenstrom die kleine Gestalt vier Schritte weit von der Tür wegriss.

»Sind Sie der Rechtsanwalt,« stieß der Arzt hervor, »mit dem Fräulein Pöhn jene Erbschaftsangelegenheit ordnet?«

»Ah! Sie wissen schon? Das Fräulein hat Sie bereits besucht?« lachte der Rechtsanwalt, »desto besser, erspart Einleitung, kostet das Fräulein 3 Mark weniger! Seltsamer alter Kauz, der Todesverblichene – nicht wahr? Doch hören Sie, Ihr Zug pfeift – komme von Mainz – leben Sie wohl – auf morgen also —«

Der Jurist empfahl sich, das heißt, er wurde von der Menge hinweggewirbelt und der Arzt schritt wie im Traume seinem anfahrenden Zuge entgegen. Also Wahrheit! Es verhielt sich alles so, wie sie angegeben? Es ließ sich nicht mehr zweifeln? Erst als er, im Coupé sitzend, einmal rasch sein Etui öffnete und ihm die wohlgeordnete Reihe der glänzenden Messer entgegenlächelte, kam wieder Sicherheit in seine Seele. Pflichterfüllung, das war es, das half ja auch ihr über den Jammer ihrer Tage hinweg! Pflichterfüllung bis zur Selbstaufopferung!

Sein ganzes Denken konzentrierte sich mit einem gewissen Stolz auf den ernsten Krankheitsfall, den er jetzt in Frankfurt zu behandeln hatte, er fühlte Kraft in den Händen, Mut im Auge und es durchströmte ihn jene beruhigende, erhebende Empfindung, die uns ergreift, wenn unser Vollbringen unsrem Wollen die Waage halten kann. —




II. Kapitel


Am folgenden Tag sehen wir Herrn Dr. Kahler nebst Fräulein Pöhn vor einem baufälligen Hause der Altstadt aus einer Mietskutsche steigen und sehen beide einen kleinen schmutzigen Hof durchwaten. Es hatte geregnet, der Frühling war indes noch nicht bis zu diesen alten Stadtmauern vorgedrungen, die grau und schläfrig ihre rieselnden moosigen Steine zeigten, wie Bettler, die hilfesuchend ihre Blößen enthüllen. Emma befand sich in nicht geringer innerer Erregung, die sie vergeblich vor ihrem Begleiter zu verbergen suchte; sie hörte wie im Fieberhalbschlaf den Regen leise durch die morsche Dachkandel rinnen und sein eintöniges Lied singen; ein feuchter Geruch von verfaultem Stroh drang aus der Holzgalerie, über deren schwankende Dielen sie beide jetzt wandelten, drüben an der zerbrochenen Sprosse der Feuerleiter, die von verrosteten Klammern getragen wurde, hing ein durchgeweichter Filzhut, ein melancholisches Symbol geschwundener Herrlichkeit; drunten die Gasse, in die sich der Brunnen entleerte, die Wäsche, die von der Galerie herabhing, der graue Himmel und der fern über die Dächer der Stadt herüberragende, in Duft gehüllte Kirchturm vervollständigte das Bild trübseliger, missmutiger Einsamkeit und legte um das für Natureindrücke empfängliche Gemüt des Mädchens eine bange, ungeduldige Spannung. Der Arzt hatte sie gebeten, einen Augenblick auf der Galerie zu warten, er wolle sich vorher überzeugen, ob sein Patient bereits angekleidet sei.

So stand jetzt Emma allein auf der feuchten, im Winde schwankenden Brücke und versuchte, das beängstigende Herzklopfen der Erwartung zu unterdrücken, indem sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf ihre armselige Umgebung lenkte. War es ihr doch zuweilen, als sei sie im Begriff, ein Verbrechen zu begehen, doch sobald im hintersten Winkel ihres Bewusstseins eine derartige Empfindung aufsteigen wollte, frug sie sich mit einem trotzigen Erstaunen, was denn Verbrecherisches sei an einer Handlung, zu der sie noch überdies durch außerordentliche Schicksale gezwungen werde? Und ob man denn, wenn man über eignen Geist und Verstand zu verfügen habe, sich nicht von der Meinung anderer emanzipieren könne? Nein! Sie wollte selbstständig sein, und begehe sie eine Torheit – was kümmere es die Welt, wenn sie töricht sein wolle?

So stand sie fröstelnd, von mannigfachen Vorstellungen gequält, und sah in den kleinen Hof hinab, wo soeben zwei Ratten aus einer Maueröffnung schlüpften und sich nach etwas Essbarem umschauten.

Sie stützte sich auf das Geländer und verfiel für einige Augenblicke in jene träumerische Geistesabwesenheit, wie sie uns öfter zu überfallen pflegt, wenn wir nach langen, ermattenden Gemütskämpfen uns zu einem gewagten Entschluss emporgerafft haben.

Der Regen rieselte weiter, die Dachkandel klagte ihr eintöniges Lied, einige Sperlinge piepsten auf dem Dache – ihr Geist ging plötzlich völlig in diese dürftige Umgebung über, es war ihr auf einmal, als sei sie zwischen diesen kahlen Mauern, dieser Wäsche, diesen Besen, Eimern und ausgetretenen Treppen geboren, als müsse sie nun bis an ihr Lebensende in dieser von Schmutz und Armut strotzenden Häuslichkeit verweilen – arm – elend; – ein entsetzliches Angstgefühl sank auf sie nieder, sie hätte aufschreien mögen, doch da kam der Doktor aus dem dunklen Hausgange zurück, sie atmete erleichtert auf. So war es nur ein böser Traum! Sie war nicht arm und elend, sie hatte es sogar in ihrer Hand, reich, sehr reich zu werden! Und sie musste lächeln und sich gestehen, dass es das Glück diesmal besser mit ihr gemeint, dass der Reichtum doch nicht so verachtungswert sei, wenn man eine kranke Mutter zu pflegen habe.

Indes war Doktor Kahler, dessen Gesicht eine gewisse Unruhe zeigte und der die Unstetigkeit seiner Bewegungen zu verbergen suchte, näher gekommen.

»Wollen wir eintreten?« frug er leise, »ich habe mich erkundigt, er ist aufgestanden.«

Sie nickte und folgte dem Voranschreitenden durch einen schmalen Gang, eine Treppe hinab, dann wieder eine Treppe hinauf, bis sie vor einer Tür Halt machten, die in ihrem oberen Teile ein Glasfenster trug, unter dessen Scheibe eine Visitenkarte befestigt war.

›Paul Steinacher, Kunstmaler‹, lautete die Aufschrift dieser Karte.

»Hier wohnt der arme Teufel,« flüsterte der Arzt, »soll ich anklopfen?«

»Ich kann mich noch nicht entschließen, einzutreten,« sagte sie ebenso leise.

Der Arzt entgegnete nichts, beugte sich vor und blickte einige Zeit durch das Glasfenster.

»Sehen Sie hier,« sagte er dann zu Emma, die ihr Herzklopfen zu unterdrücken suchte, und deutete mit ernster Miene nach der Glasscheibe, »sehen Sie nur hindurch.«

Emma zögerte ein wenig, stellte sich aber dann, da ihre Neugier den Sieg davontrug, auf die Fußspitzen und überblickte eine enge Kammer, in derem hinterstem Winkel ein verwahrlostes Bett stand. Dicht vor dem Fenster befand sich ein Tisch, an welchem ein schlanker, junger Mann von kaum zweiundzwanzig Jahren in sehr abgetragener Kleidung saß; er zeichnete oder wollte wenigstens zeichnen. Seine schmalen, krankhaft weißen Finger zitterten über das an das Fenster gerückte Reißbrett, zuweilen setzte er ab, fuhr sich seufzend über die breite Stirne und sah dann mit müdem, erloschenem Blick hinaus auf die Dächer und Schornsteine, die seine Aussicht bildeten. Dann suchte er sich emporzuraffen, Emmas Herz krampfte sich zusammen, als sie beobachtete, wie er den Stift fester zu fassen suchte, wie er die schmerzlich verzogenen Lippen, als wolle er sich zur höchsten, letzten Kraftleistung anspannen, zusammenbiss, während sich sein großes Auge mit Tränen füllte. Als sie länger in dies abgehärmte Gesicht geblickt, kam es ihr vor, als habe sie diese Züge, über die der Tod jetzt seinen geheimnisvollen Hauch breitete, irgendwo schon einmal gesehen, obgleich sie sich auf keine bestimmte Begegnung besinnen konnte. Doch vielleicht, sagte sie sich, ist es nur das Mitleid mit dem Armen, das mir die Täuschung vorspiegelt: ich habe diesen unglücklichen Gesichtsausdruck schon einmal gesehen.

Sie wollte sich, von peinlichem Mitleid ergriffen, abwenden, als sie gewahrte, wie der junge Mensch plötzlich einen unartikulierten Laut ohnmächtiger Wut ausstieß, den Stift heftig von sich schleuderte und darauf krampfhaft schluchzend in den Stuhl zurücksank, das Gesicht, in das die wirren, schweißtriefenden Haare herabhingen, mit beiden Händen bedeckend.

Emma traten die Tränen in die Augen, sie wollte sich, wie von einer peinlichen Marterszene, abwenden, und doch fühlte sie sich genötigt, den Unglücklichen zu beobachten, dessen wildnaiver Schmerzensausbruch einen eignen bestrickenden Reiz auf sie ausübte.

Endlich wandte sie sich zum Arzt.

»Ich kann nicht bei ihm eintreten,« sagte sie mit bebender Stimme, »gehen Sie allein! Teilen Sie ihm alles mit.«

Der Arzt nickte, sie verließ ihn, blieb dann stehen und sagte, unruhig vor sich niedersehend:

»Es ist nur zu seinem Besten, Doktor, nicht wahr? Sie sehen das selbst? Wo ist da ein Unrecht?«

»Sie sind unschlüssig geworden,« gab Kahler achselzuckend zurück.

Sie besann sich, ein wenig erblassend.

»Nein! Nein! Gehen Sie nur, ich erwarte Sie im Wagen,« stieß sie mit rauer Stimme, fast unverständlich hervor und ging.

Der Arzt hatte angeklopft; wie es seine Gewohnheit war, trat er, kaum das: »Herein!« abwartend, ein. Paul Steinacher ließ die Hände vom Gesicht gleiten und blickte mit finster drohendem, fast wildem Gesichtsausdruck nach der sich öffnenden Türe, errötete aber sofort, als er den Arzt, seinen einzigen Freund, eintreten sah. Indem ein kindlich verschämtes Lächeln seine bleichen Züge belebte und indem er sich mühsam erhob, fasste er, ohne das Wort, das ihm auf der zuckenden Lippe schwebte, aussprechen zu können, nach seines Ratgebers Hand.

Es lag etwas unbehilflich Demütiges in seinem ganzen Betragen, eine scheue, tiefgefühlte Dankbarkeit, die keine Worte fand. Doktor Kahler, sonst redselig, setzte sich diesmal schweigsam nieder, spielte mit seinem Stock und suchte das Gesicht abzuwenden.

»Sie sind heute so ernst, Doktor,« begann der Maler nach einiger Zeit mit aufrichtiger Besorgnis, aber auch einer gewissen respektvollen Ängstlichkeit die Miene seines Freundes studierend, »mache ich Ihnen Sorge?« setzte er dann leise hinzu.

Der Arzt hob langsam den Kopf.

»Wie haben Sie geschlafen?« frug er dann ablenkend.

»Wie immer, nicht gut,« sagte der zuweilen nervös mit dem Kopfe Zitternde, »ich träumte wüstes Zeug die ganze Nacht! Ich fühle mich matter denn je zuvor.«

Der Arzt griff nach dem Puls des Kranken.

»Ich habe von Ihnen geträumt,« setzte Paul leise hinzu.

»Von mir?« frug der Doktor zerstreut, ohne zu wissen, was er fragte.

»Ja,« fuhr der Maler erregt fort, das Haupt beschämt zur Erde neigend, »die ganze Nacht quälte mich mein Gewissen, Doktor, ich lag mit mir selbst im Zank, ich ohrfeigte mich, mein Stolz trat vor mich hin und spie mir ins Gesicht; du bist ein Undankbarer, ein ganz nutzloses Geschöpf, das von der Gnade anderer leben muss, ich warf es mir vor, dass ich Ihre Hilfe in Anspruch nahm, ohne doch nur im Geringsten, nicht einmal durch ein Bild —«

Der Arzt, der erriet, wie sein Patient den Satz schließen werde, unterbrach ihn heftig.

»Wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, dass Sie meine Hilfe gar nicht in Anspruch nehmen,« entgegnete er mit ärgerlich-freundlichem Lachen. »Ich habe Ihnen meine Hilfe aufgenötigt, lieber Freund. Wie konnten Sie meine Hilfe in Anspruch nehmen, als Sie das Arsenik im Magen hatten und sich hier auf dem Fußboden vor Schmerz umherwälzten und mich der Schutzmann aus dem Bette holte! Da wussten Sie ja gar nichts von meiner Gegenwart, sondern lagen auf Ihrem Bett, stöhnten und riefen: Sie hätten nichts Eiligeres zu tun als ins bessere Jenseits abzureisen. Sehen Sie das nicht ein – –«

»Ja,« wandte der Künstler tief aufseufzend ein, »einmal wäre genug gewesen, aber dass Sie alsdann Tag für Tag kamen, mir Medikamente aufdrangen, die ich nicht nehmen wollte, mir für bessere Nahrung sorgten,« die Stimme versagte ihm: kaum hörbar, den Kopf tief auf die Brust herabgedrückt, fügte er hinzu: »nein! Das ertrag ich nicht länger! Das beschämt mich zu tief – –«

»Beschämen?« rief der Arzt jetzt beinah wirklich ärgerlich, »schämen hätten Sie sich vorher sollen, wie Sie das Gift an die Lippen setzten. Wissen Sie, das war ein ganz einfältiger Streich –«

»Im Gegenteil, es war der vernünftigste meines Lebens,« sagte der Künstler kopfschüttelnd, während er mit düstrem Auge vor sich niederstarrte, »und es war ein einfältiger Streich Ihrerseits, mich wieder ins Leben zurückzurufen, das mir zur Qual geworden. Was soll ich nun im Leben beginnen! Es ist auch nur Galgenfrist, denn glauben Sie, Doktor, ich fühlte es nicht, dass mir der Tod bereits am Herzen frisst?«

»Unsinn,« fuhr der Doktor dazwischen.

»Machen Sie nur kein solch’ ungläubiges Gesicht, ich sehe es Ihnen an, das ich recht habe, mein Körper ist ruiniert, zerstört für immer. Die Dosis Gift war zwar nicht groß genug, um mir in einer Stunde den Garaus zu machen, dafür wirkt sie desto sicherer nach. Ganz behutsam – ganz langsam – « er lächelte ein ironisches mattes Lächeln und strich mit der Hand durch die Luft, als wolle er die geheimnisvolle Nachwirkung des Giftes hierdurch andeuten. Der Arzt wollte etwas Tröstliches entgegnen, der fieberhaft erregte junge Mann holte mühsam Atem, erhob sich und wankte, sich an den Möbeln zuweilen haltend, in dem engen Gemach auf und ab.

»O, wenn ich wieder Muskel und Nerv’ hätte,« klagte er, indes sein sonst so edles Auge in krankhafter Glut schwamm, »sehen Sie hier diese angefangene Skizze – Antigone, wie sie zum Tode geführt wird – es ist meine beste Skizze, ausgeführt könnte mich dieses Gemälde mit einem Schlage zum berühmten Mann machen – sehen Sie nur, wie sie sich an den Altar klammert, wie sie der raue Kriegsmann packt, dieser Ausdruck in ihrem Auge – das heißt, Sie sehen noch nichts – aber ich sehe es – hier – hier im Kopfe – und wenn ich den Stift ergreife – glauben Sie, ich brächte eine vernünftige Linie heraus? Kaum zehn Minuten kann ich den Stift halten – ja! Kaum zehn Minuten, es ist um wahnsinnig zu werden, kaum zehn Minuten —«

Die letzten Worte mit zitternder, tränenerstickter Stimme hervorkeuchend, sank er hilflos auf sein Bett nieder, das Haupt zwischen beide auf die Knie gestützten Arme gepresst. Der Arzt legte gerührt seine Hand auf die Schulter des Trostlosen und bat ihn, sich zu beruhigen.

»Fassen Sie sich, mein Freund, es kann noch alles besser werden,« sagte er, »hören Sie mich an – ich habe Ihnen eine merkwürdige Begebenheit mitzuteilen – wollen Sie mich ruhig anhören —?«

Der Künstler ließ sein Haupt los, nickte mit einem kindlich-bitterem Gesichtsausdruck, der ihm sehr gut stand, vor sich hin und alsdann sich langsam dem Arzte zuwendend, sagte er leise:

»Verlassen Sie mich nicht, Doktor – bitte, verlassen Sie mich nicht, Sie sind mein einziger Freund.«

Den Arzt bewegten diese so einfach naiv ausgesprochenen Worte Pauls aufs Tiefste; er fühlte, wie nie zuvor, dass sich dieses Kindergemüt mit seiner offenen Hoffnungsseligkeit an ihn, den Verschlossenen, Strengen geklammert hatte, dass er einen großen Einfluss übte auf diese reine, hingebende Seele und dies erfüllte ihn mit einer seltsamen Weichheit. Die Tränen traten dem Manne in die Augen, als er die edelgeschwungenen Linien dieses von sanfter Traurigkeit überschatteten Gesichts mit dem Auge verfolgte und er fasste, von aufrichtiger Freundschaft bewegt, die Hand des Unglücklichen, sie innig drückend.

»Ach ja,« flüsterte der Künstler von einer Stimmung rasch in die entgegengesetzte verfallend, »es kann vielleicht alles noch besser werden, nicht wahr? Sie glauben es selbst, ich kann wieder gesund werden?«

Dr. Kahler nickte so heiter wie möglich, seine aufsteigende Rührung gewaltsam zurückdämmend.

»Armer Mensch,« dachte er, »der am Rand des Grabes noch dem Traum des Lebens nachjagt.«

»Ach! Wenn Sie mich retten könnten, Doktor,« fuhr der andere ermattet fort, die widerstrebende Hand des Arztes an die Lippen führend, »nur so lange mich am Leben lassen könnten, bis ich dies Bild vollendet habe – dann will ich ja gern sterben, nur noch so viel Kraft, um vier Wochen hindurch den Pinsel führen zu können —«

Kahler atmete auf.

»Wissen Sie, mein Freund,« fiel er rasch ein, »dass ich gekommen bin, um Ihnen diese Rettung, von der Sie sprechen, zu bieten?«

Da nun der Kranke freudig lächelnd aufzuhorchen begann, wich jedes Schuldgefühl, das ihn anfangs beklemmte, aus des Arztes Brust; er war im Begriff, diesem Unglücklichen eine Wohltat zu erzeigen, ihm die letzten Tage seines Lebens zu verschönern, und das in der Tat innige, fast väterliche Freundschaftsgefühl, das er dem jungen Mann, kaum da er ihn kennengelernt, entgegenbrachte, überwand seine letzten Zweifel. Voraussichtlich wird der arme Schelm innerhalb eines Monats sterben, sagte sich Doktor Kahler seufzend, doch darf ich deshalb ein Mittel unversucht lassen, das unter Umständen wenigstens sein Leben um einige Monate verlängern könnte? Die Heilkunde betrügt oft die scharfsinnigste Vorausberechnung. Wer weiß, wie lange ihn bessere Pflege am Leben zu erhalten vermag? Vielleicht wird es ihm in der Tat noch möglich sein, jenes Bild zu vollenden, dessen Skizze ihn nicht ruhig sterben lässt, und wie dankbar wird er sein, wenn sein brechendes Auge auf dem vollendeten Bilde ruht!

Als der Arzt sich einen Augenblick hindurch in der Phantasie Fräulein Pöhn als die Gattin des Malers vorstellte, wusste er selbst nicht, warum ihm auf einmal ein bitteres Gefühl die Brust beklemmte und es ihm war, als müsse er sogleich das Zimmer verlassen. Ein Blick in das abgemattete Gesicht des Kranken verscheuchte ihm jedoch, so schnell wie sie gekommen, diese seltsame Unruhe und sich rasch überwindend, teilte er dem gespannt Lauschenden lächelnd mit, da sei ihm in seiner Praxis ein höchst merkwürdiger Fall vorgekommen.

»Ganz außergewöhnlich, mein Lieber,« sagte er, »und zwar geht die Sache weniger mich als Sie an. Immer die Künstler, natürlich die Künstler, die haben das größte Glück!«

Der Kranke frug lächelnd, was ihm Glückliches denn bevorstehe, und der Doktor ging mit sich zu Rate, ob er ihm die ganze volle Wahrheit sagen, oder ob er der rettenden Arznei ein wenig täuschende Süßigkeit beimischen solle. Auf diese Art gelangte er rascher zu seinem Ziele, und durfte man einem Arzte es verübeln, wenn er eine kleine Notlüge ersann, um das Leben seines Patienten zu verlängern, unter Umständen zu erhalten? Wie oft war er in die Lage versetzt worden, mittelst einer Unwahrheit des Leidenden Los zu erleichtern, z. B. die sehr gefährliche Krankheit für gefahrlos zu erklären, und hier sollte er dies Mittel, das schon seit dem alten Galen jeder Arzt mit Erfolg angewandt, verschmähen? Trotzdem entschied er sich für die Wahrheit, dann aber erschien ihm die Sache doch gar zu wunderlich, der arme Freund, sagte er sich, würde gewiss den sonderbaren Heiratsantrag mit Entrüstung zurückweisen und sich nicht zum Werkzeug einer reichen Erbin erniedrigen wollen.

Er schwieg und überlegte, ob er nicht besser tun werde, seine Hände gänzlich aus diesem gefährlichen Spiel zu lassen, aber ein Blick in das bleiche Gesicht seines Freundes stieß diesen Vorsatz sogleich wieder um. Hier musste Rettung geschaffen werden, rief eine Stimme seines Innern, er fühlte, dass ihn die Zerstörung dieses unverfälschten, einst so lebensfrohen Gemüts tiefer erschüttern werde, als alles, was ihm seither Schmerzliches begegnet, obgleich er sich nicht zu erklären wusste, weshalb er eigentlich diesen lebhaften Anteil an Paul nahm. So entschloss er sich denn mit der Tollkühnheit der Ratlosigkeit.

»Hören Sie,« stieß er hervor, ohne recht zu wissen, was er sagte, »da kam eine Dame zu mir in mein Sprechzimmer; sie wusste, dass ich den Maler Paul Steinacher in Behandlung habe, sie will diesen hübschen Menschen irgendwo gesehen haben und —« er zögerte einen Augenblick, neigte dann den Kopf und fügte schelmisch lächelnd hinzu: »nun warum soll ich es nicht offen heraussagen, aus der Art, wie mich die Dame über Sie ausfrug, ging hervor, dass sie eine lebhafte Neigung zu Ihnen gefasst hat.«

Paul schüttelte ungläubig lächelnd den Kopf.

»Was Sie nicht sagen,« warf er hin.

»Die Dame ist sehr wohlhabend,« fuhr der Arzt, ob seiner Fälschung der Wahrheit ein wenig errötend, fort, »die Dame ist eine große Verehrerin der Kunst – kurzum – warum soll ich damit zögern —? Sie haben es ja längst erraten – die Dame, die erfuhr, Sie seien krank, seien in schlechten Verhältnissen, die Dame frug mich, auf welche Weise sie Ihnen nützlich sein könnte, ob sie etwas für Sie tun könne, ja sie ging noch weiter!«

»Bin ich dieser Dame in der Tat so interessant?« frug der Jüngling mit naivem Erstaunen.

Doktor Kahler nickte.

»Sie glaubt in Ihnen eine lebhafte Neigung voraussehen zu dürfen,« fuhr er fort, immer unruhiger auf seinem Stuhle hin und her rückend, »Fräulein Emma Pöhn lässt nun durch mich anfragen, ob sie sich betreffs dieser Neigung keiner Täuschung hingibt –«

Paul unterbrach den Sprecher.

»Das wird immer besser,« lachte er auf und der Arzt, durch dieses Lachen aus dem Zusammenhang gebracht, sah verwirrt zu Boden, während Pauls Stirne sich auf einmal zu verfinstern begann.

»Nun, nun, mein Freund,« meinte der Arzt mit unsicherer Stimme nach einiger Zeit, »die Sache ist keineswegs lächerlich. Sie kennen die Macht, die der Künstler auf das weibliche Gemüt ausübt, Sie haben auch schon von den extravaganten Leidenschaften vornehmer Damen gehört. Warum soll eine solche Dame sich nicht in Sie verlieben dürfen? Was ist da erstaunlich? Warum soll sie eine solche Liebe nicht gestehen dürfen? Ich sehe überdies nicht ein, warum man dem Glück, wenn es endlich einmal eintreten will, verdrossen die Türe schließen soll. Ob sich nun Fräulein Pöhn betreffs Ihrer Neigung täuscht oder nicht, jedenfalls sucht sie eine Annäherung und es wäre Torheit von Ihnen, mein Freund, wollten Sie eine Neigung, durch die Sie mit einem Schlage aller Nahrungssorgen enthoben wären, zurückweisen. Wie gesagt, die Dame ist sehr reich, und —«

Paul richtete sich hastig von seinem Lager empor.

»Nicht weiter, mein Freund,« unterbrach er den Sprecher, indem die Blässe seiner Wangen in erschreckender Weise zunahm und er rascher Atem holte, »ich kenne dieses Fräulein nicht, aber auch wenn ich sie kennte, und wäre auch ihre Neigung so tief, wie Sie sagten, und gäbe sie mir auch die Mittel an die Hand, glücklich zu werden, – nie —«

Er brach ab, fuhr sich mit der Hand seufzend durch die schwarzen, feuchten Locken und sank ermattet auf die Kissen zurück. Doktor Kahler schaute äußerst beklommen drein.

»Sie wissen noch nicht alles, mein Freund,« stammelte nach einiger Zeit der Maler kaum hörbar.

Doktor Kahler hatte die Photographie Emma Pöhns, welche ihm diese, ehe sie beide von Hause wegfuhren, eingehändigt, aus seinem Portefeuille genommen, hielt das Bild jetzt in der Hand und sah mit verlegen fragendem Blick zu dem in die Kissen Gesunkenen hinüber.

»Wie? Was weiß ich nicht?« frug er erstaunt, indes eine Ahnung in ihm aufstieg, als er des Kranken geisterbleiche Miene genauer beobachtete.

»Ach! Doktor,« fuhr jener nach einiger Zeit leise, fast verschämt fort, »ehe ich das Gift nahm – o Gott! Ich will es Ihnen gestehen – nicht allein meine Armut war schuld an der verzweifelten Tat —«

»Was?« rief der Arzt, als der Kranke abbrach, »sollte auch hier wieder einmal – die alte Geschichte – welche Torheit —!«

Er schwieg, als wolle er sich ärgerlich zeigen, und betrachtete dann den tief Atem holenden Freund, mit melancholischem Lächeln. Der Patient schwieg lange Zeit, das Gesicht mit beiden Händen bedeckend, als schäme er sich, seine Gemütsbewegung zu zeigen.

Nach einer längeren Pause sprach der Doktor mit weicher Stimme und in fragendem Tone das Wort: »Liebe« aus, worauf Paul wie erschrocken emporfuhr und den Freund mit seinen großen, schmerzlich leuchtenden Augen ansah.

»Nicht wahr, das ist Torheit?« sagte er, wie über sich selbst entrüstet, »ich weiß, es ist Torheit! Aber sehen Sie, uns Künstlern haftet ein einmal gesehenes interessantes Gesicht so tief im Gedächtnis, dass wir uns von dem liebgewonnenen Phantasiebilde nicht mehr zu trennen vermögen, dass es von unserem ganzen Wesen Besitz ergreift, uns völlig ausfüllt. Es war an jenem Tage, da ich hungrig und sehr erschöpft nach dem Schlosse wandelte, um in der Gemälde-Ausstellung mich durch geistige Genüsse für die Entbehrung der körperlichen zu entschädigen; das ist so meine Art, ich suche und finde Trost bei den toten Bildern, die sich vor meinen Blicken beleben. Ich war so ermattet, dass ich kaum die Treppe hinaufklimmen konnte, wandelte dann wie betäubt durch die Säle und suchte, indem ich zuweilen von meiner letzten Semmel aß, meine traurige Gemütsstimmung mittelst der Phantasiewelt, die mich umgab, zu verscheuchen. Ich brauche Ihnen meinen jämmerlichen Zustand nicht weiter auszumalen, nur das will ich hinzufügen, dass ein abscheulicher Menschenhass mir diesmal zu schaffen machte und der Gedanke, was andere in der Kunst geleistet und mir unerreichbar bleiben sollte, mich diesmal ganz besonders bitter stimmte. Im letzten Saale traf ich eine Dame, deren geistvoll schöne Gesichtszüge mir trotz meiner Sinnenverwirrung auffielen. Sie stand vor einem modernen Bilde, einer Hero, und ihr ernstes, von tiefer Glut beseeltes Auge schien mehr in sich hinein als auf das Bild zu sehen. Die Dame redete mich an und ich gab ihr, meinen Schwächezustand so gut es gehen wollte bemäntelnd, Antwort. Ich weiß nicht mehr ausführlich, was sie frug und was ich antwortete, nur so viel weiß ich, dass sie mich einmal, da ihr wahrscheinlich mein schlechtes Aussehen auffiel, mit sanfter Stimme frug: ob ich krank sei. Ich schüttelte natürlich den Kopf, obgleich ich kaum auf den Füßen stehen konnte. Trotzdem ich die Welt wie durch einen Schleier sah und mir die Ohren summten, bewegte ihre weiche Stimme, der mitleidige, so geistvolle Blick, den sie auf mir ruhen ließ, mein Innerstes. Kam es mir nur so vor, oder verhielt es sich in Wirklichkeit so, es schien mir, als wollte sie mir ein Anerbieten betreffs pekuniärer Aushilfe machen, als wage sie dies jedoch nicht. Die mitleidige Art, in der sie mit mir sprach, flößte mir seltsamer Weise ein tiefes, geradezu peinliches Mitleid mit mir selbst ein, ich glaube, ich konnte meine Tränen nicht länger beherrschen; ich benahm mich in dem nervösen Zustande, der mich befallen, beinahe kindisch. Ich weiß nicht, wie es kam, wahrscheinlich stand ich nicht mehr fest auf den Füßen, ich glaube, sie hielt mich am Arme, oder tat sonst etwas, kurzum, ich saß auf einmal in einem der Sessel, die zu allgemeinem Gebrauch aufgestellt sind. Die ganze Szene ist mir übrigens in einen Nebel gehüllt, ich könnte sie ebenso gut geträumt haben. Ich sah noch ihr bestürztes, seltsam schönes Auge in mein Auge blicken, hörte noch ihr Gemurmel: ›der arme Mensch!‹ Dann mag ich wohl die Besinnung verloren haben, ich fand mich später, wohl von einem der Saaldiener dorthin gebracht, auf der Steintreppe des Schlosses. Als ich nach meinem Taschentuch griff, um mir den kalten Schweiß von der Stirne zu wischen, fand ich zwei Fünfmarkscheine in der Tasche. Wie ich nach Hause kam, weiß ich nicht, doch es ergriff mich zu Hause in meinen kahlen, liebeleeren Wänden eine solche Sehnsucht nach der edelherzigen Freundin und zugleich ein so überwältigendes Mitleid mit mir selbst, dass ich —« Paul hielt inne, die Tränen drangen ihm in die Augen, seine Stimme zitterte, »nun, Doktor, Sie wissen am besten,« fuhr er, sich gewaltsam fassend, fort, »was alsdann geschah.«

Da er, die Augenbrauen finster zusammenziehend, vor sich niederstarrte und schwieg, machte der Doktor eine abwehrende Bewegung auf dem Stuhl.

»Und die fremde Dame,« redete er den Sinnenden an, »haben Sie nie wieder etwas von ihr gehört?«

Der Maler schüttelte den Kopf.

»Das sind romantische Träumereien, mein Lieber,« fuhr der Doktor fort, »halten Sie sich jetzt wieder an die Wirklichkeit. Sie machen sich das weis, dass Sie jene unbekannte Mildtätige lieben.«

»Ich weiß auch nicht, ob ich sie liebe,« entgegnete der Kranke träumerisch, »ihre Mildtätigkeit tat mir nach dem vielen Schlimmen, Gehässigen, das ich erlebt, so unendlich wohl, erfüllte mich mit so hingebender Dankbarkeit. Und dann ihre Schönheit; wenn Sie diesen Kopf gesehen hätten, Doktor, Sie würden anders reden. Diese Feinheit, diese Durchgeistigung in allen Linien, dabei diese Weichheit des Mundes, während um die Augenbrauen ein reizender Trotz schwebte und die Augen so tief aufmerksam leuchteten – wer das gesehen, vergisst es nie wieder.«

»Nun,« unterbrach ihn der Doktor lächelnd, »jene Fremde, von der ich sprach, ist auch nicht zu verachten, wenn auch Ihr Phantasiebild, das Sie von jener anderen im Kopfe tragen, unerreichbar zu sein scheint für arme Sterbliche. Sehen Sie sich einmal das Gesicht Fräulein Pöhns an, ich finde, diese Züge könnten einem Maler unter Umständen gefallen.«

Er hielt Paul die Photographie entgegen, die dieser ohne Interesse, fast widerwillig ergriff, dann aber, da seine Hände nervös zitterten, zu Boden fallen ließ. Er bückte sich, das Bild aufzuheben, warf einen Blick darauf, zuckte wie vom Schlag gerührt zusammen und legte dann das Bild, während ihn eine tödliche Schwäche anzuwandeln schien, mit zitternden Fingern aus das Bett, auf das er langsam zurücksank.

Der Arzt sprang dem, wie von einem Krampfe Befallenen bei, spritzte ihm aus einer nebenstehenden Schüssel Wasser in das erblasste Gesicht und frug erschrocken, was ihm denn fehle, was denn geschehen sei. Er erinnerte sich, dass er dem Kranken gestern durch einen Diener eine Flasche Portwein zugeschickt; nach dieser Flasche suchte er sogleich in allen Winkeln, fand sie auch schließlich hinter der Staffelei und flößte dem nun allen Ernstes in Ohnmacht Gesunkenen einige Tropfen ein. Die belebende Wirkung des Weins blieb nicht aus. Nach einiger Zeit begannen sich die Wangen des Ohnmächtigen zu röten, seine Augen verloren ihre verglaste Starrheit und indem er die Hand seines Helfers krampfhaft an die Brust drückte, bewegte er die Lippen zum Sprechen.

»Was wollen Sie sagen, mein Freund?« frug Kahler, der ihn nicht zu verstehen vermochte, mitleidig.

»Doktor, Doktor,« brachte der Kranke mühsam hervor, »sie ist es!«

»Wer?« frug Kahler, der zu erröten begann, »es ist doch nicht —«

Der Maler nickte, während sich ein glückseliges Lächeln in seinen vergrämten Zügen Bahn brach.

»Ja, sie ist es, es ist dieselbe,« flüsterte er »eben diese Augen, eben dieser Mund, so sah sie mich an – und Sie sagen, sie liebt mich —?«

»Wie? Es ist also jene Fremde, die auf dem Schlosse, vor dem Bilde mit Ihnen sprach?« frug Kahler und wusste selbst nicht, warum ihm bei dieser Vermutung das Blut in die Wangen stieg und ein fast an Zorn grenzendes Schmerzgefühl die Brust umklammerte.

Der Maler, der sich infolge der freudigen Erregung auffallend rasch von seiner Ohnmacht erholte, erklärte nochmals, dass er sich nicht täusche. Er ließ sich noch einmal die Photographie reichen, betrachtete sie mit inniger Aufmerksamkeit und sagte dann, während ein kindliches Lächeln seine Lippen kräuselte:

»Also habe ich ihr gefallen. Sie sagen, dass sie sich nach mir erkundigt, Doktor? Reden Sie doch! Teilen Sie mir doch ihre Schicksale, ihre Familienverhältnisse mit.«

Kahler, der in ein trübes Sinnen verfallen war, bestätigte die Neigung des Mädchens und fügte ein paar flüchtige Bemerkungen über ihre Familie bei, mit sich selbst uneins, was er nun beginnen solle, ob er seine Lüge aufrecht erhalten oder dem unerfahrenen Jüngling die offene Wahrheit, die ganze unselige Erbschaftsangelegenheit auseinandersetzen solle. Endlich stand er, nach seinem Hut greifend, auf.

»Ich muss gehen,« sagte er ein wenig rau, »werde aber heute Mittag gegen 3 Uhr wieder erscheinen; wenn es Ihnen recht ist, begleitet mich Fräulein Pöhn.«

Der Maler, den die Aussicht, jene unbekannte Wohltäterin von Angesicht zu Angesicht wiederzusehen in eine momentane Aufregung versetzte, konnte kein Wort hervorbringen. Er begnügte sich, tief aufatmend mit dem Haupte zu nicken.

»Also bis heute Mittag,« sagte der Arzt, als er bereits die Türe geöffnet, »denken Sie über das Glück nach, das Ihnen bevorsteht, mein Lieber! Die Dame scheint ganz ernstliche Absichten zu haben – denken Sie an Ihre der Pflege bedürftige Gesundheit und vor allem an Ihr unvollendetes Bild —«

Der Arzt hatte diese Worte sehr hastig, fast unverständlich hervorgestoßen, die letzte Mahnung hatte er durch den Spalt der fast geschlossenen Türe in das Zimmer hereingesprochen und war dann rasch von dannen geeilt. Er kennt sie also bereits, er liebt sie, klang es in seinem Innern nach, während er die finstre Galerie entlang schritt, aber wie töricht, wie charakterlos, einem Sterbenden diese Liebe verübeln zu wollen Gewaltsam lenkte er seine Gedanken von diesem ihm peinlichen Gegenstande ab, bemerkte jedoch mit Verwunderung, wie ihm alle Gegenstände, an welchen er vorübergehen musste, in ein flimmernd rotes Licht getaucht erschienen und seine Augen, oder seine Sinne sich in einer Verfassung befanden, die ihn mehrmals den Weg verfehlen ließ, der ihm doch genau bekannt war. Das Nervensystem des jungen Menschen ist überreizt, dachte er dann, er liebt sie wohl kaum, das ist eine krankhafte, sentimentale Anwandlung. Als er dann auf die Straße vor den noch immer haltenden Wagen trat, durch dessen herabgelassenes Fenster Fräulein Emma Pöhn, ihre Erwartung verbergend, herausschaute, konnte er anfangs vor Herzklopfen kaum reden, bezwang sich jedoch und berichtete, durch welche Lüge er sich aus der Affäre gezogen. Emma sah ein, dass diese Lüge eine Notwendigkeit gewesen und wusste, obgleich sie sich eines unbehaglichen Gefühls nicht zu erwehren vermochte, nichts dagegen einzuwenden.

»Natürlich muss diese kleine Täuschung aufrechterhalten werden,« mahnte Kahler, als beide Platz genommen und der Wagen abfuhr. Emma schwieg, auch Kahler war einsilbig und prüfte zuweilen das ernste, schöne Antlitz des nachdenklichen Weibes.

»Wie lange mag er noch leben?« frug sie nach längerem Stillschweigen.

»Einen Monat vielleicht,« sagte Kahler achselzuckend, während er die heftigsten Gewissensbisse darüber empfand, dass er es nicht über sich gewinnen konnte, dem Mädchen von jenem Zusammentreffen im Ausstellungssaale und der Dankbarkeit des armen Malers zu erzählen, ebenso wie ihn bei der Aussicht, sein Patient überlebe den kommenden Monat nicht mehr, ein ihm unerklärliches Gefühl anwandelte, ein Gefühl, das er, da er den jungen Mann doch wahrhaft liebte, verdammen musste, das er mit Gewalt verscheuchen wollte und das doch immer wiederkehrte.


* * *

Indessen lag der junge Maler auf seinem Bette, von einem Glücksrausch übermannt, der sein Herz beängstigte und ihn manchmal an seiner gesunden Vernunft zweifeln ließ. Wie? Träumst du nicht dies alles? murmelte er manchmal vor sich hin.

Oder hat dir die Nachwirkung des Arseniks die Verstandeskräfte verwirrt und du hältst Eingebildetes für Wirkliches. Aber hier stand noch der Stuhl, auf dem Kahler gesessen, noch klang ihm das Wort des Arztes im Ohr nach, und da lag sie ja noch, die Photographie, da blickten sie ihn an, die düster schönen, geheimnisvoll-unheimlichen Gesichtszüge.

O diese Gesichtszüge, wie sie ihn während seines Krankseins verfolgt, wie sie auch in der tiefsten Betäubung aller seiner Sinne nicht von ihm wichen, und wie sie ihn anlächelten, wenn diese Betäubung einem leichteren Traum Platz machte. Aus dem einen edlen Charakterzug dieses Weibes konstruierte sich der Schwärmer den ganzen Charakter, und noch jetzt rührte ihn ihr mitleidiger Blick, der damals auf ihm geruht, zu Tränen. In seiner jugendlichen Phantasie stand sie wie ein überirdisches Wesen; seine Seelenleiden, Hunger und Schwäche hatten seine Liebe ins Krankhafte gesteigert.

Also ein solches Glück stand wie ein Wunder plötzlich vor ihm und wollte ihn ans Herz drücken und sagte: fasse zu, hier bin ich, du hast lang genug gelitten, ich will dich erlösen. Und sollte er zugreifen? War es nicht beschämend für ihn, ohne Kampf den Sieg zu genießen? Er sah durch sein Dachfenster über die wirr durcheinander geworfenen Dächer, überall rauchende Schornsteine, trübe Fenster, moosbewachsene Ziegel, Windeln und Geschirr, eine öde, traurige Welt gähnte ihn an, so weit er blickte, dürre, erdrückende Prosa! Und aus diesem engen Gefängnis konnte er sich befreien, nur eines Wortes bedurfte es, so führte man ihn in ein reiches, glänzendes Leben! Ach! Und er gesundete vielleicht noch! War es ihm doch, als durchströme ihn jetzt schon ein nie gekanntes Jugendfeuer; die Aussicht, sein Bild zu vollenden, an der Seite eines geliebten Weibes zu wandeln, sie war schon hinreichend, ihn mit jenem stürmischen Lebensmut zu erfüllen, der den phantasievollen Künstler zuweilen mit göttlicher Kraft überfällt. Und wenn sie ihn wirklich liebte – ihr Wort, ihre Miene mussten es ja beweisen —! Und warum sollte sie ihn nicht lieben? Sprach doch schon damals, als er in der Bildergalerie auf einen Stuhl gesunken war, eine so tiefe Teilnahme aus ihrem Auge, konnte sich diese Teilnahme nicht mit der Zeit vergeistigt, verstärkt haben? Und wenn sie ein seltsam geartetes Weib war, einen außergewöhnlichen Charakter besaß – was schadete dies! Sollte das ihn abhalten, sie zu lieben? Konnten Untiefen und Absonderlichkeiten des Charakters einer Ehe nicht erst einen außergewöhnlichen Reiz verleihen? War er doch auch kein Philister, der immer nur die breite Heerstraße des Gewöhnlichen liebt, suchte er doch mit Vorliebe das Abenteuerliche.

Und dann sein nagender Ehrgeiz – wenn das Bild vollendet vor ihm prangte, allen Meistern mit seiner leuchtenden Farbenpracht zurufend: Seht, das hat ein seither Unbekannter, Verachteter geschaffen! Paul stand auf und schritt, wie im Fieber an allen Gliedern zitternd, in dem engen Gemach auf und nieder, zuweilen halblaute Worte vor sich hinmurmelnd.

Bald verwarf er den ganzen Plan als seiner unwürdig, bald war er freudeberauscht mit allem einverstanden, selig in dem Gedanken, ihr Sklave zu sein, und als jetzt Luise, die Tochter seiner Hauswirtin mit dem Mittagessen ins Zimmer trat, sah er sie so geistesabwesend an, dass das Mädchen ganz erschrocken frug, ob sie den Arzt rufen solle? Es scheine, als ob ihm unwohl sei.

Paul, der dem Mädchen, da es ihn während seiner Krankheit treu gepflegt, Dank schuldete, griff ihm lächelnd unter das Kinn und bemerkte in seinem trunkenen Zustande nicht, wie dem Kinde fast die Tränen in die Augen traten, er richtete, ohne recht zu wissen, was er sagte, stammelnd ein paar freundliche Worte an sie und war in seinem Taumel nahe daran, ihr die Ereignisse, die ihm bevorstanden, mitzuteilen. Er frug einmal, was sie wohl dazu sagen werde, wenn er Hochzeit halte, und gab dann in so humoristisch-verwirrter Weise ein paar Andeutungen, betreffs zu erwartenden Reichtums, dass Luise ihm wirklich mehrmals mit unverhohlener Angst in die Augen sah. Endlich bemerkte er selbst, dass man ihn heute nicht verstehen werde und er lenkte lachend von diesem Thema ab.




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