Der Bastard von Mauléon
Alexandre Dumas der Ältere




Dumas Alexandre (père)

Der Bastard von Mauléon





Erstes bis viertes Bändchen





Erstes Kapitel

Wie Messire Jehan Froissard von der Geschichte unterrichtet wurde, die wir erzählen wollen


Der Reisende, welcher heut zu Tage denjenigen Theil des Bigorre durchstreift, der sich zwischen den Quellen des Gers und des Adour ausdehnt und das Departement der Oberpyrenäen geworden ist, hat zwei Wege zu seiner Wahl, um sich von Tournai nach Tarbes zu begeben: der eine, der ganz neu ist und die Ebene durchzieht, wird ihn in zwei Stunden in die ehemalige Hauptstadt der Grafen von Bigorre führen; der andere, der dem Gebirge folgt und eine Römerstraße ist, bietet ihm eine Strecke von neun Meilen. Aber auch dieser Zuwachs von Weg und Strapaze wird ihm wohl belohnt werden durch die reizende Gegend, die er durchwandert, durch den Anblick der herrlichen Vordergründe, die man Bagnóres, Montgaillard, Lourdes nennt, und durch den Horizont, den wie eine blaue Mauer die weit ausgestreckten Pyrenäen bilden, aus deren Mitte ganz weiß von Schnee der anmuthige Pic du Midi sich erhebt. Diese Straße ist die der Künstler, der Dichter und der Alterthumsforscher. Wir bitten also den Leser, aus diese mit uns die Augen zu werfen.

In den ersten Tagen des Monats März 1388, gegen Anfang der Regierung von König Karl VI., das heißt, als alle diese Schlösser, welche aus dem Niveau des Grases liegen, den First ihrer Thürme über dem Gipfel der höchsten Eichen und der stolzesten Fichten erhoben, als jene Männer mit der eisernen Rüstung und dem ehernen Herzen, die man Olivier von Cliffon, Bertrand Duguesclin und den Captal von Buch nannte, kaum sich in ihre homerischen Gräber niedergelegt hatten, nachdem die große Iliade begonnen, deren Entwicklung eine Schäferin machen sollte, ritten zwei Männer auf dieser schmalen, höckerigen Straße, welche damals der einzige Verbindungsweg war, der zwischen den bei deutenden Städten des Südens bestand.

Es folgten ihnen zwei Knechte, welche wie sie zu Pferde waren.

Die zwei Herren schienen ungefähr gleich alt zu sein, nämlich fünfundfünfzig bis achtundfünfzig Jahre. Doch hier hörte die Vergleichung auf; denn die große Verschiedenheit zwischen ihren Trachten deutete an, daß Jeder ein anderes Gewerbe trieb.

Der eine von ihnen, der, ohne Zweifel aus Gewohnheit, um eine halbe Pferdelänge voraus ritt, trug einen Ueberwurf von Sammet, der einst karmesinroth gewesen war, an dem jedoch die Sonne und der Regen, denen er sehr oft ausgesetzt gewesen, seit dem ersten Tage, wo ihn sein Herr angelegt, nicht nur den Glanz getrübt, sondern auch die Farbe verändert hatte. Aus den Oeffnungen des Ueberwurfes kamen zwei nervige Arme hervor, bedeckt von büffelledernen Aermeln, welche zu einem Wamms gehörten, das einst gelb gewesen, aber wie der Ueberwurf sein ursprüngliches Aussehen verloren hatte, nicht durch seine Berührung mit den Elementen, sondern durch sein Reiben am Panzer, für den es offenbar als Futter zu dienen bestimmt war. Ein Helm nach Art derjenigen, welche man Becken zu nennen pflegte, erlaubte, für den Augenblick ohne Zweifel wegen der großen Hitze am Sattelbogen des Reiters hängend, sein entblößtes Haupt zu erschauen, das oben kahl, aber an den Schläfen und hinten von langen und gräulichen Haaren beschattet war, welche im Einklange standen mit dem Schnurrbart, der etwas schwärzer als die Haupthaare, wie dies beinahe immer bei den Menschen der Fall ist, welche große Strapazen ausgehalten haben, und mit einem Kinnbart, der viereckig geschnitten war und aus ein eisernes Halsstück, den einzigen Theil der Defensivrüstung, den der Reiter beibehalten, herabfiel. Was die Angriffswaffen betrifft, so bestanden dieselben aus einem langen Schwerte, das an einem breiten ledernen Gürtel hing, und aus einer kleinen Axt, welche in einer dreieckigen Klinge endigte, so daß man mit dieser Axt eben sowohl mit der Schneide, als mit der Spitze schlagen konnte. Diese Waffe war an dem Sattelbogen rechts angehakt und bildete ein Gegenstück zu dem links hängenden Helme.

Der zweite Herr, nämlich derjenige, welcher ein wenig hinter dem ersten ritt, hatte im Gegentheil nichts vom Krieger, weder in seiner Kleidung, noch in seiner Haltung. Er trug einen langen schwarzen Rock, an dessen Gürtel, statt des Schwertes oder des Dolches, ein Tintenzeug von Chagrin hing, wie es die Schüler und Studenten trugen; sein Kopf mit den lebhaften, gescheiten Augen, mit den dicken Brauen, mit der an ihrem Ende gerundeten Nase, mit den etwas dicken Lippen, mit den spärlichen, kurzen Haaren war, jedes Bartes entbehrend, mit einem Käppchen bedeckt, wie es die Magistrate, die Schreiber und im Allgemeinen die ernsten Personen hatten. Aus seinen Taschen standen Pergamentrollen, bedeckt mit jener seinen, gedrängten Handschrift hervor, wie man sie gewöhnlich bei denjenigen findet, welche viel schreiben. Selbst sein Pferd schien die friedlichen Neigungen des Reiters zu theilen und sein bescheidener Paßgang, sein gegen den Boden geneigter Kopf contrastirten mit dem erhabenen Schritt, mit den rauchenden Nüstern und dem launenhaften Gewieher des Schlachtrosses, das stolz auf seine Ueberlegenheit stets sich den Vortritt anzumaßen schien.

Die zwei Knechte folgten und beobachteten unter sich denselben entgegengesetzten Charakter, der die Herren auszeichnete. Der eine war in grünes Tuch gekleidet, ungefähr auf die Art der englischen Bogenschützen, von denen er den Bogen im Bandelier und den Köcher auf der rechten Seite trug, während auf der linken dicht am Schenkel eine Art von Dolch mit breiter Klinge herabhing, der die Mitte hielt zwischen dem Messer und der furchtbaren Waffe, die man eine Ochsenzunge nannte.

Hinter ihm klirrte bei jedem etwas hohen Schritte seines Pferdes die Rüstung, welche für einen Augenblick abzulegen die Sicherheit des Weges gestattet hatte.

Der andere war, wie sein Herr, schwarz gekleidet und schien nach der Art, wie seine Haare geschnitten waren, und nach der Tonsur, die man oben auf seinem Kopfe bemerkte, wenn er seine schwarze Plattmütze mit den Oehrchen abnahm, den niederen Kategorien der Geistlichkeit anzugehören. Diese Meinung bestätigte sich noch durch den Anblick des Meßbuches, das er unter seinem Arm hielt und woran die silbernen Ecken und das Schloß von sehr schöner Arbeit, trotz der Anstrengung des Einbandes, glänzend geblieben waren.

Alle vier ritten also, die Herren träumend, die Diener plaudernd, als der Ritter, da sie zu einem Kreuzweg kamen, wo sich die Straße in drei Zweige theilte, sein Pferd anhielt, seinen Gefährten durch ein Zeichen dasselbe thun hieß und zu ihm sprach:

»Hört, Meister Jehan, schaut Euch die Gegend umher wohl an und sagt mir, was Ihr davon haltet.«

Derjenige, an welchen diese Aufforderung erging, warf einen Blick umher, und da die Gegend ganz öde und verlassen und durch die Beschaffenheit des Terrain sehr zu einem Hinterhalte geeignet schien, so erwiderte er:

»Bei meiner Treu, Sire Espaing, das ist ein seltsamer Ort, und ich erkläre, daß ich meines Theils nicht einmal so lange anhalten würde, als man braucht, um drei P a t er und drei A v e zu sprechen, wenn ich nicht in Gesellschaft eines Ritters von Eurem Rufe wäre.«

»Ich danke für das Kompliment, Sir Jehan, sprach der Ritter, »ich erkenne daran Eure gewöhnliche Höflichkeit; erinnert Euch nur an das, was Ihr mir vor drei Tagen, als wir die Stadt Pamiers verließen, über das gewaltige Scharmützel zwischen dem Mongat von Saint-Basile und Ernauton-Bissette beim Pas-de-Larre sagtet.«

»Oh! ja, ich erinnere mich,«

antwortete der Mann der Kirche, »ich sagte Euch, wenn wir beim Pas-de-Larre wären, solltet Ihr mich darauf aufmerksam machen; denn ich wolle den durch den Tod so vieler Braver verherrlichten Ort sehen.«

»Nun wohl, Ihr seht ihn, Messire.«

»Ich glaubte, der Pas-de-Larre wäre in Bigorre.«

»Er ist auch darin und wir ebenfalls, Messire, und zwar seitdem wir das Flüßchen Leze durchwatet haben. Wir haben vor einer Viertelstunde den Weg nach Lourdes und das Schloß Montgaillard links gelassen; hier unten liegt das kleine Dorf la Civitat, hier ist der Wald des Grundherrn von Barbezan, und dort durch die Bäume erblickt Ihr das Schloß Marcheras.«

»Ei! Messire Espaing,« erwiderte der Geistliche, »Ihr kennt meine Vorliebe für die schönen Waffenthaten und wißt, daß ich sie einregistrire, wie ich sie sehe, oder wie man sie mir erzählt, damit ihr Andenken nicht verloren geht; theilt mir also, wenn es Euch beliebt, in allen Einzelheiten mit, was an diesem Orte vorfiel.«

»Das ist leicht,« sprach der Ritter. »Um 13S8 oder l3S9, vor dreißig Jahren also, waren alle Besatzungen des Landes, mit Ausnahme der von Lourdes, französisch. Diese aber machte häufig Ausfälle, um die Stadt zu verproviantiren, nahm Alles weg, was sie traf, und brachte es hinter ihre Mauern; so daß, wenn man sie ausgezogen wußte, alle andere Garnisonen Abtheilungen ins Feld schickten und Jagt darauf anstellten, und wenn man zusammentraf, so entstanden furchtbare Kämpfe, wobei ebenso schöne Waffenthaten vollbracht wurden, als in geordneten Schlachten.

»Eines Tags zog der Mongat von Saint-Basile, den man so nannte, weil er sich als Mönch zu verkleiden pflegte, um seine Hinterhalte zu legen, aus Lourdes mit dem Herrn von Carnillae und etwa hundertundzwanzig Lanzen aus; es fehlte der Citadelle an Lebensmitteln, und es war ein großer Zug beschlossen worden. Sie ritten so lange, bis sie auf einem Wiesengrunde, eine Meile von der Stadt Toulouse, eine Herde Ochsen fanden, der sie sich bemächtigten, dann kehrten sie auf dem kürzesten Weg zurück; doch statt kluger Weise auf dem Wege zu bleiben, wandten sie sich rechts und links ab, um noch eine Herde Schweine und eine Herde Schafe zu nehmen, wodurch das Gerücht von diesem Zuge Zeit bekam, sich in der Gegend zu verbreiten.

»Der Erste, der es erfuhr, war ein Kapitän von Tarbes, Namens Ernauton von Sainte-Colombe. Er übergab sogleich zur Überwachung sein Schloß einem Neffen von ihm, Andere sagen einem Bastardsohne, welcher ein junger Mensch von fünfzehn bis sechzehn Jahren war, der noch keinem Gefechte oder Scharmützel beigewohnt hatte. Eiligst benachrichtigte er den Herrn von Berrac, den Herrn von Barbezan und alle Gewaffnete von Bigorre, die er finden konnte, so daß er noch an demselben Abend als Anführer an der Spitze einer Truppe stand, die der ähnlich war, welche der Mongat von Saint-Basile befehligte.

»Sogleich sandte er seine Spione in das Land aus, um zu erfahren, welchen Weg die Besatzung von Lourdes zu nehmen gedachte, und als er hörte, daß sie durch den Pas-de-Larre kommen würde, beschloß er, hier zu warten. Dem zu Folge, da er die Gegend ganz genau kannte und da seine Pferde nicht ermüdet waren, während im Gegentheil die seiner Feinde seit vier Tagen marschirten, nahm er eiligst seinen Posten, indeß die Landstreifer einen Halt ungefähr drei Meilen von dem Orte machten, wo er sie erwartete.

»Das Terrain ist, wie Ihr selbst gesagt habt, sehr günstig für einen Hinterhalt. Die Leute von Lourdes und der Mongat selbst vermutheten also nichts, und da die Herden voraus marschirten, so waren diese schon an dem Orte, wo wir sind, vorüber, als aus den zwei Wegen, die Ihr hier den einen zu unserer Rechten, den andern zu unserer Linken seht, die Truppe von Ernauton von Sainte-Colombe im Galopp unter gewaltigem Geschrei herbei sprengte; sie fand ein gutes Stück Arbeit; der Mongat war nicht der Mann, zu fliehen, er ließ seine Truppe Halt machen und sah dem Angriff festen Fußes entgegen.

»Er war furchtbar und so wie er sich unter den ersten Kriegern des Landes erwarten ließ; aber was die von Lourdes besonders wüthend machte, war der Umstand, daß sie sich von der Herde getrennt sahen, für die sie so viele Strapazen ausgestanden und so vielen Gefahren getrotzt hatten, und die sie nun blöbend und grunzend unter der Anführung der Knechte ihrer Feinde abziehen hörten, welche bei der durch ihre Herren entgegengestellten Schranke nur die Hirten zu bekämpfen gehabt hatten, die indessen nicht einmal kämpften, denn es lag ihnen wenig daran, ob ihr Vieh den Einen oder den Andern gehörte, sobald es nicht mehr ihnen gehörte.

»Sie hatten also ein doppeltes Interesse, ihre Feinde zu vernichten, einmal das ihrer eigenen Sicherheit, sodann das, wieder in den Besitz ihrer Lebensmittel zu gelangen, da sie wußten, daß ihre in der Citadelle zurückgebliebenen Kameraden derselben so sehr bedurften.

»Das erste Zusammentreffen hatte mit Lanzenstößen stattgehabt; doch bald war ein Theil der Lanzen zerbrochen, und diejenigen, welche die ihrigen noch hatten, fanden, daß, in einem so eng geschlossenen Raum die Lanze eine schlechte Waffe war, warfen sie weg und ergriffen die einen ihre Aexte, die andern ihre Schwerter, diese Keulen, jene jede Waffe, die ihnen unter die Hände fiel, und das wahre Gefecht begann so glühend, so erbittert, so grausam, daß Niemand um einen Schritt zurückweichen wollte, und daß diejenigen, welche fielen, noch vorwärts zu sterben suchten, damit man nicht sage, sie hätten das Schlachtfeld verloren, und so schlugen sie sich drei Stunden lang dergestalt, daß wie im Einverständniß diejenigen, welche zu sehr ermüdet waren, sich zurückzogen, hinter ihren Gefährten entweder im Walde, oder auf dem Wiesgrunde, oder, am Rande des Grabens sich niedersetzten, ihre Helme abnahmen, ihr Blut oder ihren Schweiß abwischten, einen Augenblick athmeten, und dann erbitterter als je in den Kampf zurückkehrten, und ich glaube nicht, daß je eine so gut angegriffene und so gut vertheidigte Schlacht seit dem berühmten Kampfe der Dreißig stattgefunden hat.

»Während dieses dreistündigen Gefechtes wollte es der Zufall, daß die zwei Führer, nämlich der Mongat von Saint-Basile und Ernauton von Sainte-Colombe, der eine auf der rechten Seite, der andere auf der linken kämpften. Doch Beide schlugen so kräftig und so hageldicht, daß sich am Ende die Menge vor ihnen öffnete und sie sich einander gegenüber fanden. Da dies der Wunsch von Beiden war und da sie sich seit dem Anfang des Gefechtes unaufhörlich gerufen hatten, so stießen Beide, als sie sich erblickten, einen Freudenschrei aus, und als ob die Andern begriffen hätten, jeder Kampf müßte vor dem ihrigen verschwinden, zog man sich beiseit, überließ ihnen das Terrain, und das allgemeine Treffen hörte auf, um diesem Einzelkampfe Platz zu machen.«

»Ah!« sagte der geistliche Herr, den Ritter mit einem Seufzer unterbrechend, »warum war ich nicht da, um ein solches Kampfspiel zu sehen, das an die schönen Zeiten des Ritterthums erinnern mußte, welche leider vorüber sind, um nie wiederzukehren!«

»Es ist wahr, Jehan,« erwiderte der Ritter, »Ihr hättet ein schönes seltenes Schauspiel gesehen. Denn die zwei Streiter waren zwei Kriegsmänner, mächtig an Körper und klug und gewandt in ihrem Gewerbe, aus guten stolzen Pferden reitend, welche ebenso begierig zu sein schienen, sich zu zerfleischen, wie ihre Herren; doch das Pferd vom Mongat von Saint-Basile fiel zuerst, getroffen von einem Axtstreiche, der von Ernauton seinem Herrn bestimmt war und das Roß todt zu Boden streckte. Doch der Mongat war, so rasch auch sein Fall, zu erfahren, als daß er nicht Zeit gehabt hätte, seine Füße aus den Bügeln loszumachen, so daß er nicht unter sein Pferd, sondern neben dasselbe zu liegen kam und, den Arm ausstreckend, die vordere Hackse dem Schlachtrosse von Ernauton abschnitt, das vor Schmerz wieherte, wankte und auf seine beiden Kniee fiel: Ernauton verlor seinen Vortheil und sah sich genöthigt, zu Boden zu springen. Kaum hatte er dies gethan, als sich der Mongat wieder auf seine Füße erhob und der Kampf abermals begann, wobei Ernauton mit seiner Axt und der Mongat mit seinem Streitkolben schlug.«

»Und gerade auf diesem Platz fiel die schöne Waffenthat vor?« fragte der Geistliche, das Auge funkelnd vor Gluth und als sähe er den Kampf vor sich, den man ihm schilderte.

»Gerade auf diesem Platze, Messire Jehan, und zehnmal haben mir Augenzeugen erzählt, was ich Euch nun erzähle. Ernauton war an der Stelle, wo Ihr seid, und der Mongat da, wo ich bin, und der Mongat bedrängte Ernauton so gewaltig, daß dieser, während er sich vertheidigte, dennoch genöthigt war, zurückzuweichen, und kämpfend von diesem Steine, der zwischen den Füßen Eures Pferdes liegt, bis zu jenem Graben zurückwich, in den er ohne Zweifel gefallen wäre, als ein junger Mensch, der ganz athemlos während des Kampfes ankam und von der andern Seite des Grabens zuschaute, da er den guten Ritter so bedrängt sah und begriff, seine Kräfte wären erschöpft, nur einen Sprung von dem Orte, wo er stand, bis zu Ernauton machte, die Axt, die er bald hätte fallen lassen, aus seinen Händen nahm und ihm zurief:

»»Ah! guter Oheim, gebt mir ein wenig diese Axt und laßt mich machen.««

»Ernauton war dies ganz lieb; er ließ die Art los und streckte sich am Rande des Grabens aus, wo ihm seine Knechte zu Hilfe eilten, denn er war einer Ohnmacht nahe.«

»Aber der junge Mann,« versetzte der Geistliche, »der junge Mann?«

»Nun wohl, der junge Mann bewies bei dieser Gelegenheit, daß, obgleich man ihn einen Bastard nannte, gutes Raceblut in seinen Adern stoß, und daß sein Oheim Unrecht gehabt hatte, ihn in einer alten Burg einzuschließen, statt ihn mit sich zu nehmen; denn kaum war die Axt in seiner Hand, als er, ohne sich darum zu bekümmern, daß er nur ein einfaches Tuchwamms und als einzige Kopfbedeckung eine Sammetmütze hatte, während sein Feind mit Eisen bedeckt war, diesem einen so heftigen Streich mit der Schneide seiner Waffe oben auf seinen Helm versetzte, daß das Becken gespalten war und der Mongat ganz betäubt wankte und beinahe zu Boden stürzte. Doch es war dies ein zu gewaltiger Kriegsmann, um so unter einem ersten Angriff zu fallen. Er richtete sich wieder auf, schwang seinen Kolben und führte einen solchen Schlag nach dem jungen Mann, daß ihm sicherlich der Schädel zerschmettert worden wäre, wenn er ihn getroffen hätte. Doch dieser, den keine Vertheidigungswaffe beschwerte, wich dem Streich durch einen Seitensprung aus, stürzte leicht wie ein junger Tiger auf seinen Feind los, umschlang mit seinen beiden Armen den durch den langen Kampf ermüdeten Mongat, bog ihn, wie es der Wind mit einem Baume thut, preßte in endlich unter sich nieder und rief ihm zu:

»»Ergebt Euch, Mongat von Saint-Basile, ob man Euch beisteht oder nicht, sonst seid Ihr des Todes!««

»Und er ergab sich?« fragte der geistliche Herr, der an dieser Erzählung so großen Antheil nahm, daß alle seine Glieder vor Wohlbehagen bebten.«

»Nein,« erwiderte Messire Espaing, »sondern er entgegnete geradezu:

»»Ich mich einem Kinde ergeben! ich würde mich schämen . . . schlage, wenn Du kannst.«

»»Nun so ergebt Euch meinem Oheim, Ernauton von Sainte-Colombe, der ein braver Rittersmann ist und nicht ein Kind wie ich.««

»»Ebenso wenig Deinem Oheim, als Dir,« sprach der Mongat mit dumpfer Stimme, »denn wärest Du nicht gekommen, so wäre Dein Oheim jetzt, wo ich bin; schlage also. Ich werde mich unter keiner Bedingung ergeben.««

»»Dann, und da Du Dich durchaus nicht ergeben willst, warte und Du wirst sehen,«« sprach der junge Mann.

»»Ja, sehen wir,«« sagte Mongat, der sich anstrengte wie der Riese Enkelados, da er sich von dem Berge Aetna freimachen will, »»sehen wir ein wenig.««

»Doch vergebens raffte er alle seine Kräfte zusammen, umschlang er den jungen Mann mit seinen Armen und seinen Beinen wie mit einem doppelten eisernen Ring, er konnte ihm seinen Vortheil nicht abgewinnen. Dieser blieb Sieger, hielt ihn mit einer Hand unter sich, während er aus seinem Gürtel ein kleines, langes, dünnes Messer zog, dessen Klinge unter das Halsstück schlüpfte. In demselben Augenblick hörte man es wie ein dumpfes Röcheln. Der Mongat zuckte, stemmte sich an, hob sich aus, doch ohne den Jüngling, der sich an ihn geklammert und fortwährend mit dem Messer stieß, von sich losmachen zu können; plötzlich drang ein Blutschaum durch das Helmvisir des Mongat und besprengte das Gesicht des Gegners. An diesen beinahe übermenschlichen Anstrengungen erkannte man die Convulsionen des Todeskampfes. Doch der junge Mann ließ ihn nicht im Geringsten los; er schien an alle seine Bewegungen gebunden. Wie es die Schlange mit dem Leibe des Opfers thut, das sie erstickt, hob er sich aus, sank er nieder, stemmte er sich an, wie er und mit ihm, schauerte er mit allen seinen Schauern und blieb liegen und ausgestreckt, bis das letzte Leben erloschen war und das Röcheln sich in einen Seufzer verwandelt hatte.

»Dann erhob er sich, wischte das Gesicht mit dem Aermel seines Wammses ab und schüttelte mit der andern Hand das kleine Messer, das ein Kinderspielzeug zu sein schien, während es so grausam einen Menschen getödtet hatte.«

»Wahrhaftiger Gott!« rief der Geistliche, der ganz und gar vergaß, daß ihn seine Begeisterung beinahe zum Schwören fortriß; »Ihr werdet mir den Namen des jungen Mannes sagen, nicht wahr, Sire Espaing von Lyon, damit ich ihn in meine Tabletten eintrage und dem Buch der Geschichte einzuverleiben suche?» »Er hieß der Bastard Agenor von Mauléon,« erwiderte der Ritter; »schreibt diesen Namen in seiner ganzen Länge in Eure Tabletten ein, wie Ihr sagt, Messire Jehan; denn es ist der Name eines tüchtigen Kriegers, der diese Ehre wohl verdient.«

»Doch er ist ohne Zweifel nicht hierbei stehen geblieben,« entgegnete der geistliche Herr; »und er hat in seinem Leben wohl andere Waffenthaten, würdig der mit welcher er begonnen, ausgeführt.«

»Oh! sicherlich, denn drei oder vier Jahre später zog er gen Spanien, wo er sich vier bis fünf Jahre gegen die Mauren und Saracenen schlug, und von wo er mit abgehauener rechter Faust zurückkehrte.«

»Oh!« machte der Geistliche mit einem Ausruf, der den Antheil bezeichnete, den er an dem Unfall des Besiegers vom Mongat von Saint-Basile nahm; das ist ein großes Unglück, denn ohne Zweifel war der tapfere Ritter gezwungen, auf die Führung der Waffen zu verzichten.«

»Nein,« erwiderte Messire Espaing von Lyon, »nein, Ihr täuscht Euch, im Gegentheil, Sire Jehan; denn statt der Hand, die er verloren, ließ er sich eine von Eisen machen, mit der er die Lanze so gut führt, als mit einer rechten Hand; abgesehen davon, daß er, wenn es ihm genehm ist, einen Streitkolben daran anpassen kann, mit dem er, wie es scheint, so schlägt, daß diejenigen, welche getroffen werden, kaum mehr aufstehen.«

»Und darf man erfahren, bei welcher Gelegenheit er diese Hand verlor?« fragte der Geistliche.

»Oh!« erwiderte Messire Espaing, »das kann ich Euch nicht sagen, so gern ich Euch angenehm sein möchte. Denn ich kenne den braven Ritter, von dem die Rede ist, nicht persönlich, und man hat mich sogar versichert, diejenigen, welche ihn kennen, wissen es ebenso wenig als ich: nie wollte er diesen Theil seines Lebens irgend Jemand mittheilen.«

»Dann werde ich auf keine Weise von Eurem Bastard erzählen, Meister Espaing,«

sagte der Geistliche; »denn diejenigen, welche die Geschichte, die ich schreibe, lesen, sollen nicht dieselbe Frage wie ich machen, ohne eine Antwort zu bekommen.«

»Ah! bei Gott, ich werde fragen, ich werde mich erkundigen,« erwiderte Messire Espaing, »doch gebt immerhin jede Hoffnung auf, Meister Jehan, denn ich zweifle, ob Ihr je etwas von dem, was Ihr wissen wollt, erfahren werdet, wenn nicht, falls Ihr ihn selbst irgendwo trefft.«

»Lebt er denn noch?«

»Ja, und zwar streitbarer als je.«

»Mit seiner eisernen Hand?«

»Mit seiner eisernen Hand.«

»Ah!« sagte Messire Jehan, »ich glaube, ich gäbe meine Abtei, wenn ich diesen Mann träfe, und er sich herbeiließe, mir seine Geschichte zu erzählen; doch Ihr werdet wenigstens die Eure vollenden, Messire Espaing, und mir sagen, was aus beiden Parteien geschah, als der Mongat todt war.«

»Der Tod des Mongat endigte die Schlacht; was die Ritter wollten, waren die geraubten Herden, und sie hatten sie. Ueberdies wußten sie, daß, nun da der Mongat todt, die so sehr gefürchtete Besatzung von Lourdes zur Hälfte weniger zu fürchten war, denn oft bildet ein einziger Mann die Stärke einer Garnison oder eines Heeres. Es wurde also abgemacht, daß jeder Theil seine Verwundeten und seine Gefangenen mitnehmen und daß man die Todten beerdigen sollte.

»Man hob also den schwer verletzten Ernauton von Sainte-Colombe auf, man beerdigte die Todten da, wo wir sind, gerade an dem Orte, den unsere Pferde mit den Füßen stampfen. Und damit ein so braver Kämpe nicht mit den gemeinen Leichnamen vermengt würde, grub man ein Grab, jenseits des großen Felsen, den Ihr vier Schritte von uns seht, mit einem steinernen Kreuz und seinem Namen darauf, daß die Pilger, die Reisenden und die braven Rittersleute im Vorüberziehen ein Gebet für die Ruhe seiner Seele sprechen könnten.«

»Gehen wir zu dem Kreuze, Messire Espaing,« sagte der Abt, »denn ich meines Theils werde von ganzem Herzen ein Vater unser, ein Ave Maria und ein De profundis sprechen.«

Und der Abt gab dem Ritter das Beispiel, winkte den Knechten, warf den Zügel seines Pferdes einem derselben zu und stieg mit einer Ungeduld ab, aus der man ersah, daß der gute Chronikschreiber, wenn es sich um solche Dinge handelte, um die Hälfte seines Alters erleichtert ward.

Messire Espaing von Lyon that dasselbe, und Beide wanderten nach dem bezeichneten Ort; doch an der Biegung des Felsen blieben Beide stehen.

Ein Ritter, von dessen Gegenwart sie nichts wußten, kniete vor dem Kreuze, in einen weiten Mantel gehüllt, der durch die Steife seiner Falten unter seiner Draperie eine völlige Rüstung verrieth. Sein Kopf allein blieb entblößt, und sein Helm lag auf dem Boden, während zehn Schritte rückwärts, ebenfalls durch den Felsen bedeckt, ein Schildknappe in kriegerischer Rüstung auf einem Schlachtrosse saß und an seiner Hand das wie für den Kampf geschirrte Pferd seines Herrn hielt.

Es war ein Mann in der vollen Kraft des Alters, nämlich sechsundvierzig bis achtundvierzig Jahre alt, mit der gebräunten Gesichtsfarbe eines Mauren, mit dichtem Haupthaare und dichtem Barte. Haare und Bart waren von der Farbe eines Rabenflügels.

Die zwei Reisenden blieben einen Augenblick stehen und betrachteten diesen Mann, der, unbeweglich und einer Bildsäule ähnlich, auf dem Grabe des Mongat die fromme Pflicht erfüllte, die sie selbst zu erfüllen kamen.

Der unbekannte Rittersmann schien seinerseits, so lange das Gebet dauerte, den Ankömmlingen keine Aufmerksamkeit zu schenken; als aber sein Gebet verrichtet war, machte er mit der linken Hand, zum großen Erstaunen der Anwesenden, das Zeichen des Kreuzes, grüßte sie höflich mit dem Kopf, drückte, immer in seinen Mantel gehüllt, seinen Helm auf seine gebräunte Stirne, stieg wieder zu Pferde, wandte sich um die Ecke des Felsen, gefolgt von seinem Schildknappen, der noch steifer und schwärzer war, als er, und entfernte sich.

Obgleich man in jener Zeit viele solche Gesichter traf, hatte dieses doch einen so eigenthümlichen Charakter, daß es den Reisenden auffiel, jedoch nur innerlich; denn die Zeit fing an zu drängen, man hatte noch drei Stunden zurückzulegen, und der Geistliche hatte sich anheischig gemacht, auf dem Grabe des Mongat ein Paternoster, ein Ave Maria, ein De profundis et Fidelium, zu sprechen.

Nach beendigtem Gebet schaute Messire Jehan umher. Der Ritter, der ohne Zweifel nicht mehr wußte, als er, hatte ihn allein gelassen; er machte also ebenfalls das Zeichen des Kreuzes, doch mit der rechten Hand, und ging dann seinem Gefährten nach.

»He!« sagte er zu den beiden Knechten, »habt Ihr nicht einen Ritter in Kriegsrüstung, gefolgt von einem Schildknappen gesehen, der Ritter schien sechsundvierzig und der Schildknappe fünfundfünfzig bis sechzig Jahre alt zu sein?«

»Ich habe mich schon erkundigt,« erwiderte mit einem Zeichen des Kopfes Espaing von Lyon, dessen Geist von demselben Gedanken wie der seines Reisegefährten in Anspruch genommen wurde. »Er scheint dem Weg zu folgen, dem wir folgen, und wird ohne Zweifel wie wir in Tarbes übernachten.«

»Setzen wir unsere Pferde in Trab, um ihn einzuholen, wenn es Euch beliebt, Messire Espaing,« sagte der Chronikschreiber, »denn wenn wir ihn einholen, wird er vielleicht mit uns sprechen, wie es die Gewohnheit unter Leuten ist, die derselben Straße folgen. Und mir scheint, man dürfte Vieles in der Gesellschaft eines Mannes erfahren, der in einer Sonne gelebt hat, welche warm genug war, um ihm eine Gesichtsfarbe zu machen, wie er sie hat.«

»Ganz nach Eurem Wunsche, Messire,« sagte der Ritter; »denn ich gestehe Euch, ich fühle mich von einer Neugierde ergriffen, die nicht minder lebhaft ist, als die Eurige, obschon ich mich nicht erinnere, ein solches Gesicht je in, dieser Gegend gesehen zu haben.«

In Folge dieses Entschlusses ritten unsere zwei Reisende etwas schneller, beobachteten jedoch fortwährend dieselbe Entfernung, und das Pferd des Ritters ging dem des geistlichen Herrn immer ein wenig voran.

Doch vergebens beschleunigten sie den Gang ihrer Rosse. Der Weg, der an der Seite des Lisse-Flusses breiter und schöner geworden war, hatte dem Unbekannten und seinem Knappen dieselbe Möglichkeit gegeben, den Schritt zu verdoppeln, und die Neugierigen kamen vor die Thore von Tarbes, ohne ihn eingeholt zu haben.

Sobald sie hier waren, schien etwas Anderes den Geistlichen zu beunruhigen.

»Messire,« sagte er zu dem Ritter, »Ihr wißt, daß das erste Bedürfniß aus der Reise ein gutes Lager und ein gutes Abendbrot ist. Wo werden wir, wenn es Euch beliebt, in der Stadt Tarbes wohnen, wo ich Niemand kenne, und wohin ich, von Monseigneur Gaston Phöbus berufen, zum ersten Mal komme?«

»Seid unbesorgt, Messire,« erwiderte der Ritter lächelnd; »wenn es Euch gefällt, wohnen wir im Stern: das ist das erste Gasthaus der Stadt, abgesehen davon, daß der Wirth zu meinen Freunden gehört.«

»Gut,« sprach der Chronikschreiber, »ich habe immer bemerkt, daß man aus der Reise zweierlei Leute zu Freunden haben muß, die Plünderer in der Stadt und die Plünderer im Walde, nämlich die Wirthe und die Räuber. Gehen wir also zu Eurem Freunde, dem Gastwirth zum Stern, und Ihr werdet mich ihm für die Zeit meiner Rückkehr empfehlen.«

Beide ritten nach dem bezeichneten Gasthof, der aus dem Marktplatze der Stadt lag und, wie es Messire Espaing von Lyon gesagt hatte, einen großen Ruf auf zehn Meilen in der Runde genoß.

Der Wirth stand aus seiner Thürschwelle, wo er, mit Hintansetzung seiner aristokratischen Gewohnheiten, selbst einen herrlichen Fasan rupfte, dem er mit der gastronomischem Gewissenhaftigkeit, welche nur die Gourmands zu würdigen wissen, die nicht allein durch den Geschmack und den Geruch, sondern auch durch das Gesicht genießen wollen, die Federn am Kopf und am Schwanz ließ; doch ehe er sich ganz und gar in dieses wichtige Geschäfts vertieft hatte, erblickte er Messire Espaing von Lyon, sobald er aus dem Platze erschien, steckte seinen Fasan unter seinen linken Arm, während er mit der rechten Hand seine Mütze abnahm, und ging ihm einige Schritte entgegen.

»Ah! Ihr seid es, Messire Espaing,« sagte er, die lebhafteste Freude kundgebend; »seid willkommen, Ihr und Euer ehrenwerther Gefährte; ich habe Euch lange nicht gesehen, und vermuthete, Ihr müßtet bald durch unsere Stadt kommen. He! Brind'avoine, nimm diesen Herren die Pferde ab. Hol Marion, bereite die besten Zimmer; meine Herren, steigt ab, wenn es Euch beliebt, und beehrt mit Eurer Gegenwart mein armes Gasthaus.«

»Nun,« sprach der Ritter zu seinem Gefährten, »ich sagte Euch, Meister Barnabé sei ein kostbarer Mann, bei dem man zu jeder Minute Alles finde, was man braucht.«

»Ja,« versetzte der Mann der Kirche, »und ich habe bis jetzt nur Eines zu erwidern, daß ich nämlich wohl vom Stall und von den Zimmern, aber nicht vorn Abendbrot reden hörte.«

»Oh! was das Abendbrot betrifft, so mag sich Eure Herrlichkeit beruhigen,« sprach der Wirth. »Messire Espaing wird Euch sagen, daß man mir nur zum Vorwurf macht, ich gebe meinen Reisenden zu reichliche Mahle.«

»Vorwärts, Meister Gascogner,« rief Messire Espaing, der wie sein Gefährte abgestiegen war und den Zügel seines Pferdes den Knechten zugeworfen hatte, »zeigt uns den Weg, und gebt uns nur die Hälfte von dem, was Ihr versprecht, und wir werden zufrieden sein.«

»Die Hälfte!« rief Meister Barnabé, »die Hälfte! mein Ruf wäre verloren, wenn ich so handelte. Das Doppelte, Messire! das Doppelte!«

Der Ritter warf einen Blick der Zufriedenheit auf den Geistlichen, und Beide traten, dem Wirthe folgend, hinter diesem in die Küche.

In dieser Küche gab in der That Alles einen Vorgeschmack von der Glückseligkeit, welche für die wahren Gourmands aus einem wohlgeordneten und wohlservirten Mahle entspringt. Der Spieß drehte sich, die Casseroles sangen, die Röste arbeiteten; und mitten unter allem diesem Geräusch schlug die Glocke wie ein harmonischer Aufruf zur Tafel sechs Uhr.

Der Ritter rieb sich die Hände und der Chronikschreiber fuhr mit dem Ende seiner Zunge über seine Lippen. Die Chronikschreiber sind im Allgemeinen sehr leckerhaft, und das ist noch viel schlimmer, wenn sie zugleich Chronikschreiber und Geistliche sind.

In diesem Augenblick und wie von einem und eben demselben Punkte ausgehend, nämlich vom Spieße, durchliefen die Blicke der zwei Reisenden in entgegengesetzter Richtung eine Kreislinie, um sich zu versichern, die verheißenen Genüsse wären wirkliche Genüsse und nicht phantastische Mahle, wie sie von boshaften Zauberern den alten fahrenden Rittern versprochen wurden. Eine Art von Hausknecht trat ebenfalls in die Küche und sagte dem Wirth ein Wort ins Ohr.

»Ah, Teufel!«

machte dieser, indem er sich hinter dem Ohre kratzte, »und Du sagst, es gebe keinen Platz für die Pferde dieser Herren?«

»Nicht den kleinsten, Herr; der Ritter, der soeben eingetroffen, hat die letzten zwei Plätze nicht im Stall, der schon voll war, sondern im Schoppen in Beschlag genommen.«

»Oh! oh!« versetzte Messire Espaing, »wir vermöchten uns kaum von unseren Pferde zu trennen; doch wenn Ihr durchaus keinen Platz hier habt, so würden wir, um die guten Zimmer, von denen Ihr gesprochen, nicht zu verlieren, einwilligen, wenn sie mit unseren Knechten in einem Hause in der Stadt untergebracht würden.«

»In diesem Fall, edler Herr, kann ich Euch dienen, und Eure Pferde werden dabei gewinnen, denn sie sollen in Ställen untergebracht werden, wie der Graf von Foix keine ähnliche hat.«

»Gut also, was diese herrlichen Ställe betrifft, doch morgen früh um sechs Uhr müssen sie gesattelt und gezäumt vor Eurer Thüre sein, denn Messire Jehan und ich begeben uns nach der Stadt Pau, wo wir von Monseigneur Gaston Phöbus erwartet werden.«

»Seid unbesorgt und zählt auf mein Wort,« erwiderte Meister Barnabé.

In diesem Augenblick kam das Stubenmädchen ebenfalls und sprach leise mit dem Wirth, dessen Gesicht plötzlich einen Ausdruck des Verdrusses annahm.

»Nun! was gibt es noch?« fragte Messire Espaing.

»Das ist nicht möglich,« entgegnete her Wirth.

Und er reichte dem Stubenmädchen abermals das Ohr, um sich wiederholen zu lassen.

»Was sagt sie?« fragte der Ritter.

»Sie sagt etwas Unglaubliches.«

»So laßt hören.«

»Es gebe keine Zimmer mehr.«

»Gut, gut,« sprach Messire Jehan, »so sind wir verurtheilt, bei unsern Pferden zu schlafen.«

»Oh! meine Herren,« rief Barnabé, »ich bitte tausendmal um Entschuldigung! doch der Ritter, der ein wenig vor Euch angekommen ist, hat für sich und seinen Schildknappen die zwei einzigen Zimmer genommen, welche noch übrig waren.«

»Bah!« sprach Messire Jehan, der an solche widrige Zufälle gewöhnt zu sein schien, »eine schlechte Nacht ist bald hingebracht, und wenn wir nur ein gutes Abendbrot haben.«

»Ah!« sagte der Wirth, »hier kommt gerade der Koch, den ich habe rufen lassen.«

Der Koch zog den Wirth bei Seite und fing mit ihm ein Gespräch mit leiser Stimme an.

»Oh!« rief der Wirth, der zu erbleichen suchte, »unmöglich!«

Der Koch machte mit dem Kopf und mit seinen beiden Händen eine Geberde, welche sagen wollte: »Es ist so.«

Der geistliche Herr, der das Vocabularium der Zeichen, wenn sich dies auf die Küche bezog, sehr gut zu verstehen schien, erbleichte wirklich.

»Oh!« sagte er, »was ist denn das?«

»Meine Herren,« sprach der Wirth, »Mariton täuscht sich.«

»Und worin tauscht er sich?«

»Darin, daß er mir so eben meldet, es sei nichts vorhanden, um Euch Abendbrot zu geben, insofern der Ritter, der vor Euch angekommen, den Rest der Mundvorräthe für sich in Beschlag genommen habe.«

»Ah! Meister Barnabé,« sprach Messire Espaing von Lyon, die Stirne faltend, »scherzen wir nicht, wenn,s beliebt.«

»Ach! Messire,« erwiderte der Wirth, »ich bitte Euch, zu glauben, daß ich nicht im Geringsten scherze, und daß ich sogar im höchsten Maße über diesen Vorfall betrübt bin.«

»Ich will zugeben, was Ihr uns in Betreff der Zimmer und Ställe gesagt habt,« entgegnete der Ritter, »doch beim Abendbrot ist es etwas Anderes, und ich erkläre Euch, daß ich mich nicht für geschlagen halte. Hier ist eine ganze Reihe von Casserolen.«

»Messire, sie ist für den Castellan von Marcheras bestimmt, der mit der Castellanin hier ist.«

»Und diese Poularde, die sich am Spieße dreht?«

»Sie ist von einem dicken Canonicus bestellt, der zu seinem Capitel zurückkehrt und nur einmal in der Woche Fleisch ißt.«

»Und dieser Rost, der ganz mit Rippchen beladen ist, welche so gut riechen?«

»Das ist nebst dem Fasan, den ich rupfe, das Abendbrod des Ritters, der einen Augenblick vor Euch ankam.«

»Oh!« rief Messire Espaing, »er hat also Alles genommen, dieser Teufel von einem Ritter? Meister Barnabé macht uns das Vergnügen und sagt ihm, ein nüchterner Ritter schlage ihm vor, eine Lanze mit ihm zu brechen, nicht für die Augen seiner Schönen, sondern für den guten Geruch seines Abendbrots, und Ihr fügt bei, Messire Jehan Froissard, der Chronikschreiber, werde Kampfrichter sein und unsere Thaten eintragen.«

»Es bedarf dessen nicht,« sprach eine Stimme hinter Meister Barnabé, »ich komme im Auftrage meines Herrn, um Euch, Messire Espaing von Lyon, und Euch, Messire Jehan Froissard, zum Abendbrod zu ihm einzuladen.«

Messire Espaing wandte sich um, als er diese Stimme hörte, und erkannte den Knappen des fremden Ritters.

»Oh! oh!«

machte er, »das ist eine Einladung, die mir sehr höflich dünkt; was sagt Ihr dazu, Messire Jehan?«

»Ich sage nicht nur, daß sie äußerst höflich ist, sondern auch, daß sie sehr gelegen kommt.«

»Und wie heißt Euer Herr, mein Freund, daß wir wissen, wem wir für eine solche Artigkeit zu Dank verpflichtet sind?» »Er wird es Euch selbst sagen, wenn Ihr mir zu folgen die Güte haben wollt,« antwortete der Knappe.

Die Reisenden schauten sich einander an, und halb aus Hunger, halb aus Neugierde hatten sie denselben Wunsch.

»Vorwärts,« sagten sie zu gleicher Zeit, »zeigt uns den Weg, wir werden Euch folgen.«

Beide stiegen die Treppe hinter dem Knappen hinauf, der ihnen ein Zimmer öffnete, in dessen Hintergrund der unbekannte Ritter, seiner Rüstung entkleidet und angethan mit einem Rock von schwarzem Sammet mit weiten, langen Aermeln, die Hände auf dem Rücken, stand.

Als er sie erblickte, ging er ihnen einige Schritte entgegen, grüßte sie höflich und sprach, indem er ihnen die linke Hand reichte:

»Seid willkommen, meine edle Herren, und empfangt meinen Dank, daß Ihr die Güte habt, meine Einladung annehmen zu wollen.«

Der Ritter hatte ein so redliches und offenes Aussehen, die Hand, die er ihnen reichte, kam ihnen so treuherzig geboten vor, daß Beide sie berührten, obgleich es ein beinahe unerläßlicher Gebrauch unter Rittersleuten war, sich die rechte Hand zu reichen, und beinahe eine Beleidigung, anders zu handeln.

Während jedoch die beiden Reisenden dem unbekannten Ritter diese seltsame Höflichkeit erwiderten, waren sie nicht genug Herren ihres Erstaunens, daß es sich nicht auf ihrem Antlitz ausgeprägt hätte; der Ritter aber schien nicht hierauf zu merken.

»Wir, Messire, sind Euch Dank schuldig,« sagte Froissard; »denn wir waren in einer großen Verlegenheit, der uns Eure freundliche Einladung entzogen hat: empfangt also den Ausdruck unserer ganzen Erkenntlichkeit.«

»Mehr noch,« sagte der Ritter, »da ich zwei Zimmer habe und Ihr keines habt, so werde ich Euch das geben, welches für meinen Knappen bestimmt war.«

»In der That,« sprach Espaing von Lyon, »das ist zu viel Gefälligkeit; doch wo wird Euer Knappe schlafen?» »In meinem Zimmer, bei Gott!«

»Nein,« erwiderte Froissard, »das hieße Eure Güte mißbrauchen.«

»Bah!« versetzte der unbekannte Ritter, »wir sind hieran gewöhnt: es ist mehr als fünfundzwanzig Jahre, daß wir unter demselben Zelte geschlafen haben, und seit fünfundzwanzig Jahren ist uns das so oft vorgekommen, daß wir nicht mehr zählten, wie oft. Doch setzt Euch, meine edlen Herren.«

Der Ritter deutete auf Stühle, welche um einen Tisch standen, auf dem Gläser und eine Humpe aufgepflanzt waren, und gab ihnen das Beispiel, indem er sich selbst setzte.

Die zwei Reisenden nahmen ebenfalls Platz.

»Das ist also abgemacht,« sprach der unbekannte Ritter, und füllte drei Gläser mit Würzwein, wobei er sich, wie er es bis dahin gethan, seiner linken Hand bediente.

»Meiner Treue, ja,« sagte Espaing von Lyon, »wir würden Euch zu beleidigen glauben, Ritter, wenn wir ein so herzliches Anerbieten ausschlügen; seid Ihr nicht meiner Ansicht, Messire Jehan?«

»Um so mehr,« erwiderte der Säckelmeister von Chimay, »als wir Euch nicht lange zur Last fallen werden.«

»Wie so?« fragte der unbekannte Ritter.

»Wir reisen morgen nach Pau ab.«

»Schön,« sprach der Ritter, »man weiß, wann man ankommt, man weiß aber nicht, wann man abreist.«

»Wir werden am Hofe des Grafen Gaston Phöbus erwartet.«

»Und nichts würde Euch so anziehend erscheinen, um Euch acht Tage unter Weges verlieren zu lassen?« fragte der Ritter.

»Nichts, als eine sehr seltsame und sehr interessante Geschichte,« antwortete Espaing von Lyon.

»Auch weiß ich nicht.« äußerte der Chronikschreiber, »ob ich auf diese Art mein Wort gegen den erlauchten Herrn Grafen von Foix brechen könnte.«

»Messire Jehan Froissard,« erwiderte der unbekannte Ritter, »Ihr sagtet vorhin beim Pas-de-Larre, Ihr würdet gern Eure Abtei Chimay demjenigen geben, der Euch die Abenteuer des Bastards von Mauléon erzählte.«

»Allerdings habe ich es gesagt, doch woher wißt Ihr es?«

»Ihr vergeßt, daß ich ein Ave aus dem Grabe des Mongat sprach, und daß ich an dem Orte, wo ich war. Alles, was Ihr sagtet, hören konnte.«

»So ist es, wenn man in freier Luft spricht. Messire Jehan Froissard,« sagte lachend Espaing von Lyon, »das sind Werte, die Euch Eure Abtei kosten werden.«

»Bei der heiligen Messe! Herr Ritter,« sprach Froissard, »ich glaube, ich habe meinen Mann gefunden, und Ihr kennt die Geschichte.«

»Ihr täuscht Euch nicht,« erwiderte der Ritter, »Niemand weiß sie und kann sie besser wiederholen als ich, seit dem Augenblick, wo er den Mongat von Lourdes getödtet, bis zu dem, wo ihm die Faust abgeschlagen worden ist.«

»Und was wird es mich kosten?« fragte Froissard, der, so neugierig er war, die Geschichte zu hören, doch zu bedauern anfing, daß er seine Abtei als Preis geboten.

»Es wird Euch acht Tage kosten, Messire,« erwiderte der unbekannte Ritter, »und selbst während dieser acht Tage werdet Ihr kaum Zeit haben, Alles, was ich Euch sage, aus Pergament niederzuschreiben.«

»Ich glaubte, der Bastard von Mauléon habe geschworen, diese Geschichte nie bekannt werden zu lassen,« entgegnete Froissard.

»Bis er einen Chronikschreiber, würdig, sie aufzuzeichnen, gefunden hätte; und nun, Messire Jehan, ist kein Grund mehr vorhanden, sie zu verbergen.«

»Warum schreibt Ihr sie dann nicht selbst?« fragte Froissard.

»Weil ein Hinderniß obwaltet,« entgegnete lächelnd der Ritter.

»Und welches?« fragte Messire Espaing von Lyon.

»Dieses,« sprach der Ritter, indem er mit der linken Hand die Hand seines rechten Aermels aushob und aus den Tisch meinen verstümmelten Arm legte, der in einer eisernen Zange endigte.

»Jesus!«

rief Froissard vor Freude zitternd, »solltet Ihr es sein?«

»Der Bastard von Mauléon in Person, den Einige auch Agenor mit der eisernen Hand nennen.«

»Und Ihr werdet mir Eure Geschichte erzählen?« fragte Froissard mit der Angst der Hoffnung.

«Sobald wir zu Nacht gespeist haben,« antwortete der Ritter.

»Gut,« sprach Froissard sich die Hände reibend, »Ihr sagtet die Wahrheit, Messire Espaing von Lyon, Monseigneur Gaston Phöbus wird warten.«

Und an demselben Abend, nachdem sie gespeist, hielt der Bastard von Mauléon sein Versprechen und fing an, Messire Jehan Froissard nachfolgende Geschichte zu erzählen, die wir aus einer Handschrift genommen haben, ohne uns eine andere Mühe zu geben, als in die dritte Person eine Erzählung zu setzen, welche in der ersten geschrieben war.




Zweites Kapitel.

Wie der Bastard von Mauléon auf dem Wege von Pinchel nach Coimbra einen Mauren traf, den er nach dem Wege fragte und der vorüberzog, ohne ihm zu antworten


>An einem schönen Morgen des Monats Juni 1361 hätte derjenige, welcher bei einer Hitze von vierzig Graden sich ins Freie zu wagen nicht bange gehabt haben würde, auf der Straße von Pinchel nach Coimbra in Portugal eine Gestalt, für deren Schilderung die Leute unserer Tage uns Dank wissen werden, einherziehen sehen können.

Es war nicht ein Mann, sondern eine völlige Rüstung, bestehend aus einem Helm, einem Panzer, Armschienen und Beinschienen, mit der Lanze im Arm, der Tartsche am Hals, Alles überragt von einem rothen Federbusch, über den die Lanzenspitze noch empor stand.

Diese Rüstung saß im Gleichgewicht aus einem Pferde, von dem man nur die schwarzen Beine und das entstammte Auge erblickte, denn es verschwand wie sein Herr unter seiner Kriegswappnung, welche mit einer weißen, mit rothem Tuche eingefaßten Schabracke bedeckt war. Von Zeit zu Zeit schüttelte das edle Thier den Kopf und wieherte mehr aus Zorn, als aus Schmerz; dies geschah, wenn eine Bremse unter die Falten der schweren Decke geschlüpft war und es seinen gierigen Stich fühlen ließ.

Was den Reiter betrifft, der steif und fest in den Bügeln hielt, als ob er an den Sattel genietet wäre, so schien er seinen Stolz darein zu setzen, daß er der glühenden Hitze Trotz bot, die vom kupfernen Himmel herabfiel, die Lust entzündete und das Gras vertrocknete. Viele, welche Niemand deshalb der Weichlichkeit beschuldigt hätte, würden sich erlaubt haben, das vergitterte Visir, zu öffnen, welches das Innere des Helmes in eine Badewanne verwandelte; doch aus der unempfindlichen Haltung und aus der edlen Unbeweglichkeit des Ritters ersah man, daß er selbst in der Wüste die Stärke seines Temperaments und seine Abhärtung gegen die Strapazen des Kriegerstandes zur Schau trug.

Wir haben gesagt die Wüste, und in der That, die Gegend, durch die der Ritter zog, verdiente wohl diesen Namen. Es war eine Art von Thal, gerade tief genug, um aus dem Weg, dem der Ritter folgte, die glühendsten Sonnenstrahlen zusammenzudrängen. Schon seit mehr als zwei Stunden war die Hitze, die man hier empfand, so groß, daß das Thal seine beharrlichsten Bewohner verloren hatte; die Hirten und die Herden, welche am Morgen und am Abend an seinem doppelten Abhange erschienene um ein paar Halme gelben, dürren Grases zu suchen, hatten sich hinter die Hecken und Gebüsche geflüchtet, und schliefen im Schatten. So weit das Auge reichen konnte, hätte man auch vergebens einen Reisenden gesucht, der kühn und unempfindlich genug gegen die Flamme gewesen wäre, um diesen Boden zu betreten, welcher aus der Asche von der Sonne vertrockneter Felsen zu bestehen schien. Das einzige lebende Thier, das bewies, daß ein Geschöpf in einem solchen Ofen leben konnte, war die Grille, oder vielmehr die Taufende von Grillen, welche, zwischen den Kieselsteinen sitzend, an den Grashalmen angeklammert, oder auf einem von Staub weißen Olivenzweige sich ausbreitend, die scharfe, eintönige Fanfare von sich gaben, die ihr Triumphgesang war, durch welchen sie die Eroberung der Wüste verkündigten, wo sie als alleinige Souverains herrschten.

Mit Unrecht haben wir behauptet, vergebens hätte das Auge am Horizont einen andern Reisenden gesucht, als denjenigen, welchen wir zu schildern unternahmen, denn hundert Schritte hinter ihm kam eine andere Gestalt, nicht minder seltsam, als die erste, obgleich von einem ganz verschiedenartigen Typus: es war ein Mann von ungefähr dreißig Jahren, dürr, gebückt, bronzirt, mehr hockend, als reitend auf einem Pferde so mager als er, und auf dem Sattel schlummernd, woran er sich angeklammert hielt, ohne irgend eine von den Sorgen, welche seinen Gefährten wach hielten, sogar ohne die Sorge, seinen Weg zu erkennen, die er offenbar demjenigen überließ, welcher weiser oder mehr dabei interessirt war, sich nicht zu verirren.

Ohne Zweifel am Ende überdrüssig, seine Lanze so hoch zu tragen und sich so steif im Sattel zu halten, hielt der Ritter an, um sein Visir aufzuschlagen und dem Dampfe Durchgang zu lassen, der aus seiner eisernen Umhüllung in seinen Kopf aufzusteigen anfing; doch ehe er diese Bewegung ausführte, schaute er umher wie ein Mensch, der entfernt nicht der Ansicht ist, der Muth sei minder schätzbar, wenn er von einer geziemenden Dose von Klugheit begleitet werde.

Bei dieser Rundbewegung sah er seinen sorglosen Gefährten, und indem er ihn aufmerksam anschaute, bemerkte er, daß er schlief.

»Musaron!« rief der geharnischte Ritter, nachdem er zuvor sein Helmvisir ausgeschlagen hatte, »Musaron, wache auf, Taugenichts, oder bei dem kostbaren Blute von San Jago! wie die Spanier sagen, Du kommst nicht nach Coimbra mit meinem Felleisen, sei es nun, daß Du es unter Weges verlierst, oder daß es Dir die Diebe stehlen. Musaron! wirst Du denn immer schlafen, Bursche?«

Doch der Knappe, denn dies war der Grad, den bei dem Ritter derjenige einnahm, welchen er angeredet hatte, der Knappe, sagen wir, schlief zu tief, als daß ihn der einfache Lärmen der Stimme erweckt hätte; der Ritter bemerkte also, daß er ein anderes, kräftigeres Mittel anwenden mußte, um so mehr, als das Pferd des Schläfers, da es sah, daß sein Vordermann anhielt, es für geeignet erachtete, ebenfalls anzuhalten, so daß Musaron, von der Bewegung zur Unbeweglichkeit übergehend, eine nur um so bessere Chance hatte, sich eines tiefen Schlafes zu erfreuen; er nahm deshalb ein elfenbeinernes, mit Silber eingelegtes Horn, das an einem Haken an seinem Gürtel hing, hielt es an seinen Mund und ließ mit kräftigem Athem ein paar Noten ertönen, welche sein Pferd sich bäumen und das seines Gefährten wiehern machte.

Diesmal erwachte Musaron plötzlich.

»Hollah!« rief er, indem er eine Art von Messer zog, das an seinem Gürtel hing, »hollah! was wollt Ihr, Ihr Schurken? Hollah! was verlangt Ihr, Zigeuner, Enkel des Teufels? Entfernt Euch, oder ich schlitze Euch bis zum Gürtel den Bauch auf!«

Und der brave Knappe focht rechts und links mit seinem Messer, bis er am Ende, wahrnehmend, daß er nur die Luft schlitzte, anhielt, die Augen weit aufriß, seinen Herrn mit erstaunter Miene anschaute und fragte:

»Ei! was gibt es denn, Messire Agenor? Wo sind denn die Leute, die uns angreifen? Sind sie wie Dunst verschwunden? oder habe ich sie vernichtet, ehe ich gänzlich erwachte?«

»Was es gibt, Taugenichts?« sagte der Ritter, »Du träumst, und während Du träumst, schleppst Du meinen Schild am Ende seines Riemens, was entehrend für die Waffen eines wackeren Rittersmannes ist. Auf! Auf! erwache vollends, oder ich zerschmettere Dir meine Lanze auf der Schulter.«

Musaron schüttelte den Kopf mit einer ziemlich frechen Miene.

»Bei meiner Treue, Sire Agenor,« sagte er, »Ihr werdet wohl daran thun, und damit wird wenigstens eine Lanze auf unserem Wege gebrochen sein. Statt mich Eurem Vorhaben zu widersetzen, fordere ich Euch auf, es in Ausführung zu bringen.«

»Was soll das bedeuten, Schurke?« rief der Ritter.

»Das soll bedeuten,« erwiderte der Knappe, der mit seiner spöttischen Sorglosigkeit immer näher heran ritt, »das soll bedeuten, daß wir seit sechzehn vollen Tagen, die wir in Spanien, in diesem Lande voll Abenteuer reisen, wie Ihr bei unserem Aufbruche sagtet, nicht einen einzigen Feind außer den Fliegen und der Sonne, und als ganze Ausbeute nur Wasserblasen und Staub gefunden haben. Gottes Tod! Herr Agenor, ich habe Hunger; Gottes Tod! Herr Agenor, ich habe Durst; Gottes Tod! Herr Agenor, meine Börse ist leer, das heißt, ich bin den drei größten Calamitäten dieser Welt preisgegeben, und ich sehe die großen Plünderungen ungläubiger Mauren nicht kommen, welche, wie Ihr mir schmeicheltet, unsern Leib bereichern und unsere Seele retten sollten, und worüber ich süße Träume dort in unserem schönen Lande Bigorre hatte, ehe ich Euer Knappe war, und besonders seitdem ich es bin.«

»Wirst Du es zufällig wagen, Dich zu beklagen, während ich mich nicht beklage?«

»Ich hätte wohl Veranlassung dazu, und es fehlt mir in der That nur die Keckheit. Wir haben beinahe unsere letzten Franken für die Waffenschmiede von Pinchel ausgegeben, welche Eure Art schärften, Euer Schwert schliffen und Eure Rüstung putzten, und es fehlt uns in der That nichts mehr, als daß wir mit Räubern zusammentreffen.«

»Hasenherz!«

»Wartet einen Augenblick, daß wir uns verständigen, Sire Agenor; ich sage nicht, daß ich ein solches Zusammentreffen fürchte.«

»Was sagst Du denn?«

»Ich sage, daß ich es wünsche.«

»Warum?«

»Weil wir die Räuber berauben würden,« erwiderte Musaron mit dem spöttischen Lächeln, das den Hauptcharakter seiner Physiognomie bildete.

Der Ritter hob die Lanze, in der sehr sichtbaren Absicht auf, sie auf die Schulter seines Knappen fallen zu lassen, der nahe genug gekommen war, daß er auf eine ersprießliche Art eine solche Zurechtweisung versuchen konnte; doch mit einer einfachen kleinen Bewegung voll Gewandtheit, an die er gewöhnt zu sein schien, wich der Knappe dem Streich aus, während er mit seiner Hand die Lanze hielt.

»Nehmt Euch in Acht, Sire Agenor,« sagte er, »scherzen wir nicht so; ich habe harte Knochen und wenig Fleisch darauf. Ein Unglück ist bald geschehen, mit einem falschen Schlag würdet Ihr Eure Lanze zerbrechen, und wir wären genöthigt, ihr selbst einen andern Schaft zu machen, oder uns mit einer unvollständigen Rüstung vor Don Federigo zu zeigen, was demüthigend für die Ehre der bearn'schen Ritterschaft wäre.«

»Schweige, verfluchter Schwätzer; Du würdest besser daran thut, wenn Du durchaus sprechen mußt, jenen Hügel zu erklettern und mir zu sagen, was Du von oben siehst.«

»Ah!« rief Musaron, »wenn es der wäre, wohin Satan unsern Herrn führte, und wenn ich Einen fände, und wäre es auch der Teufel, der mir dafür, daß ich ihm die Klaue küßte, alle Königreiche der Erde böte. . .«

»Du würdest es annehmen, Abtrünniger?«

»Mit Dank, Ritter.«

»Musaron,« sprach der Ritter mit ernstem Tone, »scherze mit Allem, was Du willst, nur nicht mit heiligen Dingen.«

Musaron verbeugte sich und fragte:

»Der gnädige Herr wünscht also immer noch zu, erfahren, was man von diesem Hügel herab wahrnehme?«

»Mehr als je, gehe also,«

Musaron machte eine leichte Wendung . . . gerade so viel als er brauchte, um sich außerhalb des Bereiches der Lanze seines Herrn zu halten, und ritt dann den Hügel hinan.

»Ah!« rief er, als er den Gipfel erreicht hatte, »ah! Jesus und Gott! was sehe ich!«

Und er bekreuzte sich.

»Nun, was siehst Du?« fragte der Ritter.

»Das Paradies, oder wenigstens beinahe das Paradies,« antwortete Musaron, in die tiefste Bewunderung versunken.

»Beschreibe mir Dein Paradies,« erwiderte der Ritter, der stets von einem Scherze seines Knappen bethört zu werden befürchtete.

»Ah! edler Herr, was wollt Ihr?« rief Musaron, »Orangenwälder mit goldenen Früchten, ein großes Fluß mit silbernen Wellen, und jenseits das Meer, glänzend wie ein stählerner Spiegel.«

»Wenn Du das Meer sehest,« sagte der Ritter, der sich noch nicht beeilte, seinen Antheil an dem Gemälde zu nehme«, aus Furcht, wenn er selbst den Gipfel erreicht hätte, würde sich dieser herrliche Horizont in Dunst auflösen, wie jene Luftspiegelungen, von denen er die Pilger des Orients hatte sprechen hören; »wenn Du das Meer siehst, Musaron, so mußt Du noch besser Coimbra sehen, das nothwendig zwischen uns und dem Meere liegt, und wenn Du Coimbra siehst, so sind wir am Ziele unserer Reise, da es Coimbra ist, wohin mich mein Freund, der Großmeister Federigo, beschieden hat.«

»Oh! ja,« rief Musaron, »ich sehe eine schöne und große Stadt, ich sehe einen hohen Thurm.«

»Gut, gut,« sprach der Ritter, der nun an das, was ihm sein Knappe sagte, zu glauben anfing und diesmal den ein wenig zu lange ausgedehnten Scherz, wenn es etwa ein Scherz wäre, ernstlich zu bestrafen sich gelobte. »Gut, es ist die Stadt Coimbra, es ist der Thurm der Kathedrale.«

»Was sage ich: eine Stadt! was sage ich: ein Thurm! ich sehe zwei Städte, ich sehe zwei Thürme.«

»Zwei Städte! zwei Thürme!« rief der Ritter, als er ebenfalls auf den Gipfel des Hügels kam, »Du wirst sehen, vorhin hatten wir nicht genug und nun werden wir zu viel haben.«

»Zu viel,« sagte Musaron, »das ist die Wahrheit; seht, Sire Agenor, die eine rechts, die andere links, seht Ihr den Weg, der sich jenseits dieses Citronenwaldes gabelförmig trennt? Welche von den zwei Städten ist Coimbra? welchem von den zwei Wegen müssen wir folgen?«

»In der That,« murmelte der Ritter, »das ist eine neue Verlegenheit, an die ich nicht dachte.«

»Eine um so größere Verlegenheit,« sagte Musaron, »als wir, wenn wir uns täuschen und unglücklicher Weise den Weg nach dem falschen Coimbra einschlagen, im Grunde unserer Börse nichts finden, um damit unser Nachtlager zu bezahlen.«

Der Ritter schaute zum zweiten Male rings umher, doch diesmal in der Hoffnung, einen Vorübergehenden zu gewahren, bei dem er sich erkundigen könnte.

»Verfluchtes Land,« sagte er, »oder vielmehr verfluchte Wüste! denn wenn man Land sagt, so setzt man einen von anderen Geschöpfen, als von Eidechsen und Grillen, bewohnten Ort voraus. Oh! wo ist Frankreich?« fuhr der Ritter mit einem von jenen Seufzern fort, die zuweilen den am wenigsten schwermüthigen Herzen bei dem Gedanken an das Vaterland entschlüpfen; »Frankreich, wo Jeder stets eine ermuthigende Stimme findet, um ihm den Weg zu zeigen.«

»Und einen Schafkäse, um ihm den Gaumen zu erquicken; so ist es, wenn man sein Vaterland verläßt. Ah! Sire Agenor, Ihr hattet Recht, wenn Ihr sagtet: Frankreich! Frankreich!«

»Schweige, Thier!« rief der Ritter, der gern ganz leise denken wollte, was Musaron ganz laut sagte, der aber nicht wollte, daß Musaron laut sagte, was er leise dachte. »Schweige.«

Musaron hütete sich wohl, dies zu thun, und der Leser muß den würdigen Knappen schon hinreichend kennen, daß es in diesem Punkt nicht seine Gewohnheit war, blindlings seinem Herrn zu gehorchen; er fuhr also fort und sprach, als ob er seine eigenen Gedanken beantwortete:

»Wie sollte man uns auch beistehen, oder uns nur grüßen? Wir sind allein in diesem verdammten Portugal. Oh! die großen Compagnien, das ist schön, das ist angenehm, das ist herrlich, und besonders bequem zum Leben; oh! Sire Agenor, warum gehören wir nicht ganz einfach in diesem Augenblick zu einer großen berittenen Compagnie auf der Straße des Languedoc oder der Guienne!«

»Du urteilst wie ein Jacques, weißt Du das, Meister Musaron?« sagte der Ritter.

»Ich bin auch einer, Messire, oder ich war wenigstens einer, ehe ich in den Dienst Eurer Herrlichkeit trat.«

»Rühme Dich dessen, Elender!«

»Sprecht nicht schlimm von ihnen, Sire Agenor, denn die Jacques haben wenigstens Mittel gefunden, zu speisen, während sie Krieg führen; wir fuhren allerdings nicht Krieg, wir speisen aber auch nicht.«

»Dies Alles sagt uns nicht, welche von den zwei Städten Coimbra ist,« murmelte der Ritter.

»Nein,« erwiderte Musaron, »doch dort kommt etwas, was es uns sagen wird.«

Und er deutete mit dem Finger auf eine Staubwolke, die durch eine kleine Karavane in die Höhe getrieben wurde, welche eine halbe Stunde hinter ihnen kam, denselben Weg verfolgte, wie sie, und in deren Mitte die Sonne von Zeit zu Zeit etwas wie Goldflittern glänzen ließ.

»Ah!« sprach der Ritter, »da kommt endlich, was wir suchen.«

»Oder was uns sucht,« sagte Musaron.

»Nun wohl! so eben verlangtest Du Räuber.«

»Doch ich verlangte nicht zu viel,« entgegnete Musaron.

»Der Himmel ist in der That im Zug, uns mit Gnaden zu überhäufen; ich verlangte drei bis vier Räuber, und er schickt uns eine Truppe; wir verlangten eine Stadt, und er schickt uns zwei. Herr Ritter,« fuhr Musaron fort, indem er sich seinem Herrn näherte, »berathschlagen wir und sprechen wir unsere Ansichten aus, zwei Ansichten sind mehr werth als eine, Ihr wißt es wohl, sagt zuerst die Eure.«

»Meine Ansicht ist, daß wir nach dem Citronenwalde reiten, durch den die Straße zieht, und der uns zugleich Schatten und Sicherheit gibt; dort warten wir sodann, zum Angriff oder zur Vertheidigung bereit.«

»Oh! das ist eine Ansicht voll Vernunft,« rief der Knappe mit seinem halb spöttischen, halb überzeugtem Tone, »es ist eine Ansicht, der ich ohne Widerspruch beitrete; Schatten und Sicherheit, das ist Alles, was ich in diesem Augenblick wünschte. Schatten ist die Hälfte des Wassers; Sicherheit ist drei Viertheile des Muthes. Reiten wir also nach dem Citronenwalde, und zwar so schnell als möglich.«

Doch die zwei Reisenden hatten ohne ihre Pferde gerechnet. Die armen Thiere waren so müde, daß sie, obgleich vielfach gespornt, nur im Schritt gehen konnten. Zum Glück hatte die Langsamkeit keine anderen unangenehmen Folgen, als daß sie die Reisenden länger der Sonne ausgesetzt ließ. Die kleine Truppe, gegen welche sie diese Vorsichtsmaßregeln nahmen, war noch zu weit entfernt und hatte sie folglich nicht sehen können. Einmal in dem Gehölze angelangt, brachten,sie die verlorene Zeit wieder ein. In einem Augenblick war Musaron von seinem Pferde herab, das sich in seiner Müdigkeit beinahe so schnell als er niederlegte; der Ritter stieg ebenfalls ab, warf den Zaum seines Pferdes in die Hände seines Knappen und setzte sich an den Fuß eines Palmbaumes, der sich wie der König dieses duftenden Waldes erhob.

Musaron band das Pferd an einen Baum und suchte seine Nahrung im Gehölze umher. Nach einem Augenblick kehrte er mit einem Dutzend süßer Eicheln und ein paar Citronen zurück, deren Erstlinge er dem Ritter anbot, welcher ihm, den Kopf schüttelnd, dankte.

»Ah! Ja,« sprach Musaron, »ich weiß wohl, daß dies Alles nicht sehr erquickend für Leute ist, welche vierhundert Meilen in sechzehn Tagen gemacht haben; aber was wollt Ihr, gnädigster Herr! man muß sich gedulden. Wir begeben uns zu dem erhabenen Don Federigo, dem Großmeister von San Jago und Bruder, oder ungefähr Bruder des mächtigen Don Pedro, des Königs von Castilien, und wenn er nur die Hälfte von dem hält, was uns sein Brief verspricht, so haben, wir für unsere nächste Reise frische Pferde, Maulthiere, mit Schellen, welche die Vorübergehenden anziehen, Pagen mit Kleidern, die den Augen schmeicheln, und wir sehen dann die Mädchen aus den Posadas, die Maulthiertreiber und die Bettler herbeilaufen; die Einen geben uns Wein, die Anderen Früchte, und diejenigen, welche am mindesten karg sind, bieten uns ihre Häuser an, nur um die Ehre zu haben, uns zu beherbergen, und dann wird es uns an nichts fehlen, gerade weil wir nichts mehr nöthig haben; mittlerweile aber müssen wir Eicheln knacken und Citronen aussaugen.«

»Es ist gut, es ist gut, Sire Musaron,« sprach der Ritter lächelnd, »in zwei Tagen werdet Ihr Alles haben, was Ihr sagt, und dieses Mahl ist Euer letztes Fasten.«

»Gott höre Euch, gnädiger Herr!« sprach Musaron, indem er seinen Blick voll Zweifel zum Himmel ausschlug, und zugleich von seinem Kopf seine Sturmhaube nahm, woraus eine Feder von einem Pyrenaenadler befestigt war: »ich werde bemüht sein, mich aus die Höhe meines Glückes zu stellen, und dazu brauche ich nur aus Meer vergangenes Elend zu steigen.«

»Bah!« sagte der Ritter, »das vergangene Elend bildet das zukünftige Glück.«

»Amen,« sprach Musaron.

Ohne Zweifel wollte Musaron trotz dieses ganz religiösen Schlusses ein Gespräch über einen andern Gegenstand anfangen, als plötzlich das Klingeln von Schellen von einem Dutzend Pferde oder Maulthiere, und ein gewisses Klirren von Eisen in der Ferne zu ertönen anfing.

»Aufgepaßt!«sprach der Ritter, »das ist die fragliche Truppe, Teufel! sie hat,sich beeilt, und es scheint, die Pferde derjenigen, welche sie bilden, sind minder müde als die unsrigen.«

Musaron steckte in ein Büschel Gras den Rest seiner Eicheln und seine letzte Zitrone, und sprang nach dem Steigbügel seines Herrn, der in einem Augenblick im Sattel saß und die Lanze in der Faust hatte.

Da sahen sie mitten aus den Bäumen, wo sie diesen kurzen Halt gemacht hatten, auf dem Gipfel des Hügels eine Truppe Reisender erscheinen, welche gute Maulthiere ritten und reich, die einen nach spanischer, die andern nach maurischer Sitte, gekleidet waren. Nach dieser ersten Truppe kam ein Mann, der das Haupt derselben zu sein schien und, in einen langen Caban von seiner weißer Wolle mit seidenen Quasten gehüllt, dem Eindruck der Luft nur zwei hinter diesem Wall funkelnde Augen preisgab.

Es waren im Ganzen, diesen Häuptling mit einbegriffen, zwölf sehr starke und wohl bewaffnete Männer nebst sechs Maulthieren, geführt von vier Knechten; diese zwölf Männer bildeten, wie gesagt, die Spitze, dann kam, auch wie gesagt, der Anführer, und hinter diesem, die Nachhut bildend, die sechs Maulthiere und die vier Knechte, in deren Mitte. man eine angemalte und vergoldete Sänfte von Holz erblickte, welche, hermetisch durch seidene Vorhänge verschlossen, den Luftstrom durch Löcher empfing, die in den Verzierungen eines kleinen geschnitzten, um die Sänfte lausenden Frieses angebracht waren. Zwei in der von uns gegebenen Erzählung nicht einbegriffene Maulthiere trugen diese Sänfte und marschirten im Schritt.

Es war dies die ganze Truppe, welche, sich nähernd, so großen Lärmen mit Glöckchen und Schellen gemacht hatte,

»Ah!« sagte Musaron etwas erstaunt, »diesmal sind es wahre Mauren, und ich glaube, ich habe zu bald gesprochen, Messire. Schaut doch, wie schwarz sie aussehen. Jesus! man sollte meinen, es wäre die Leibwache des Teufels. Und wie reich gekleidet sind diese Ungläubigen I Sagt doch, welch ein Unglück, Sire Agenor, daß ihre Zahl so groß ist, oder daß wir nicht größere Gesellschaft haben. Ich denke, es dürfte dem Himmel sehr angenehm gewesen sein, wenn alle diese Reichthümer in die Hände von guten Christen wie wir übergegangen wären. Ich sage Reichthümer, und das ist das richtige Wort, denn die Schätze dieses Ungläubigen sind sicherlich in jenem angemalten und vergoldeten Kasten, der ihm folgt und gegen den er jeden Augenblick den Kopf umwendet.«

»Stille!« sagte der Ritter; »siehst Du nicht, daß sie sich berathen, daß zwei bewaffnete Pagen voraus geritten sind, und daß sie angreifen zu wollen scheinen? Auf! auf! halte Dich bereit, mir, wenn es nothwendig ist, beizustehen, und reiche mir meinen Schild, damit man, falls sich eine Gelegenheit bietet, erfahre, was ein französischer Rittersmann ist.«

»Messire,« erwiderte Musaron, der sich weniger als sein Herr für eine feindliche Stellung zu entscheiden schien, »ich glaube, Ihr seid in einem Irrthum begriffen; diese edlen maurischen Herren können nicht daran denken, zwei harmlose Menschen anzugreifen; seht, einer von den zwei Pagen hat seinen Gebieter um Rath gefragt, und die vermummte Gestalt hat keinen Befehl gegeben, sondern ihnen nur durch ein Zeichen bedeutet, sie sollen vorwärts gehen. Ei! seht, Messire, sie ziehen ihres Weges, ohne ihre Pfeile zugerichtet, ohne, ihre Armbrüste gespannt zu haben; sie legen nur die Hand an ihr Schwert, und es sind im Gegentheil Freunde, die uns der Himmel schickt.«

»Freunde bei den Mauren! und die heilige Religion . . . was machst Du denn, verfluchter Heide?«

Musaron fühlte, daß er sich dieses Anfahren mit Recht zugezogen hatte; er beugte ehrfurchtsvoll das Haupt und sprach:

»Verzeiht, Messire, ich täuschte mich, als ich sagte: Freunde. Ein Christ, ich weiß es wohl, kann nicht der Freund eines Mauren sein; es sind Rathgeber, wollte ich sagen; es ist erlaubt, Rathschläge von Jedermann anzunehmen, wenn die Rathschläge gut sind. Ich will diese ehrlichen Herren fragen, und sie werden uns unsern Weg bezeichnen.«

»Es sei, ich will es auch,« sprach der Ritter; »ich will es um so mehr, als sie, wie mir scheint, ein wenig zu stolz an mir vorüberziehen, und der Gebieter den höflichen Gruß, den ich ihm mit der Spitze meiner Lanze entbot, nicht erwidert hat; gehe und frage sie artig, welche von den zwei Städten Coimbra sei; füge bei. Du kommst im Auftrage von Messire Agenor von Mauléon, und im Austausch für meinen Namen frage diesen maurischen Ritter nach dem seinigen: vorwärts.«

Musaron, der vor dem Anführer der Truppe mit allen seinen Vorzügen erscheinen wollte, versuchte es, sein Pferd zum Aufstehen zu bringen; doch das Thier hatte so lange keinen Schatten und kein Gras mehr gefunden, und es schien ihm so bequem und besonders so angenehm, liegend zu weiden, daß es der Knappe nicht für einen Augenblick auf seine Beine bringen konnte; er entschloß sich also rasch und lief zu Fuß der Truppe nach, welche, da sie während der Berathung ihren Marsch fortgesetzt hatte, auf dem gekrümmten Abhang, bei der Biegung einiger Olivenbäume zu verschwinden im Begriffe war.

Während Musaron fortlief, um sich seiner Botschaft zu entledigen, verlor Agenor von Mauléon, aufrecht auf seinem Sattel, fest in den Steigbügeln, unbeweglich wie eine Reiterstatue, den Mauren und seine Gefährten nicht aus dem Blick; bald sah er ihn bei dem Rufe seines Knappen anhalten; seine Escorte machte Halt, wie er; alle diejenigen, welche dieselbe bildeten, schienen das Leben ihres Anführers zu leben, als wären sie von seinen Wünschen durch eine innere Stimme unterrichtet worden, und als bedürften sie nicht einmal eines Zeichens, um seinem Willen zu gehorchen.

Es war ein so reines Wetter, es herrschte ein so tiefes Stillschweigen in dieser ganzen Natur, welche unter der Hitze des Himmels entschlummert ruhte, der Seewind war so sanft, daß er ohne Hinderniß zu den Ohren des Ritters die Worte von Musaron brachte, und Musaron entledigte sich seines Auftrags nicht nur als ein treuer, sondern auch als ein geschickter Botschafter.

»Eure Herrlichkeit sei gegrüßt,« sprach er, »gegrüßt zuerst von Seiten meines Gebieters, des ehrenhaften und tapferen Sire Agenor von Mauléon, der dort auf seinen Steigbügeln die Antwort Eurer Herrlichkeit erwartet; gegrüßt sodann von seinem unwürdigen Knappen, der sich aufrichtig zu dem Zufall Glück wünscht, welcher ihm das Wort bis zu Euch zu erheben gestattet.«

Der Maure grüßte ernst und vorsichtig nur mit dem Kopfe, und wartete stillschweigend auf das Ende der Rede.

»Möge es,« fuhr Musaron fort, »möge es Eurer Herrlichkeit gefallen, uns anzugeben, welcher von den zwei Thürmen, die man dort sieht, der von Coimbra ist? Wolle mir auch Eure Herrlichkeit, wenn sie es weiß, sagen, welcher von allen den schönen Palästen der einen oder der andern Stadt, die von ihrem Grundgebiete das Meer beherrschen, der des erhabenen Großmeisters von San Jago, des Freundes und ungeduldigen Wirthes des tapferen Ritters ist, der Euch durch mich um diese doppelte Auskunft bitten läßt!«

Um seinem Herrn und sich selbst mehr Glanz zu geben, hatte Musaron lauter als die andern die auf Don Federigo bezüglichen Worte klingen lassen. In der That, gleichsam um seine Gewandtheit zu rechtfertigen, hörte der Maure aufmerksamer bei dem zweiten Theile seiner Rede, und bei diesem zweiten Theile funkelten seine Augen von jenem verständigen Feuer, das den Kindern seiner Nation eigenthümlich ist und einem Sonnenstrahl gestohlen zu sein scheint.

Doch er antwortete eben so wenig auf diesen zweiten Theil, als auf den ersten; erdachte nur einen Augenblick nach, grüßte dann mit dem Kopf, wie er es schon gethan hatte, und sagte seinen Leuten ein einziges arabisches Wort, das mit einer gebieterischen, gutturalen Stimme ausgesprochen wurde, wonach sich die Vorhut in Marsch setzte; der maurische Reiter trieb sein Pferd an, und die Nachhut, in deren Mitte die geschlossene Sänfte getragen wurde, setzte sich ebenfalls in Marsch.

Musaron blieb einen Augenblick ganz erstaunt und gedemüthigt an seinem Platz. Der Ritter aber wußte nicht genau, ob das arabische Wort, das er ebenso wenig als Musaron begriffen hatte, von dem Mauren zu seinem Knappen oder zu seinem Gefolge gesprochen worden war.

»Ah!« sagte plötzlich Musaron, der sich selbst gegenüber nicht zugestehen wollte, man habe ihm eine solche Beleidigung angethan, »er versteht das Französische nicht, das ist die Ursache seines Stillschweigens. Bei Gott! ich hätte Castilianisch mit ihm sprechen sollen.«

Doch da der Maure schon zu weit entfernt war, als daß Musaron ihm zu Fuß hätte nachlaufen können, und da der kluge Knappe überdies vielleicht einen tröstlichen Zweifel einer demüthigenden Gewißheit vorzog, so kehrte er zu seinem Herrn zurück.




Drittes Kapitel.

Wie der Ritter Agenor von Mauléon Coimbra und den Palast von Don Federigo, dem Großmeister von San Jago, ohne die Hilfe des Mauren fand


Wüthend über das, was er gehört, und über das, was ihm sein Knappe wiederholte, hatte Agenor einen Augenblick den Gedanken, durch Gewalt zu erlangen, was der Maure seiner Höflichkeit verweigerte. Als er aber sein Pferd den Sporn fühlen ließ, um dem unverschämten Sarazenen nachzujagen, zeigte das arme Thier so wenig Geneigtheit, seinen Herrn in seinen Wünschen zu unterstützen, daß der Ritter auf dem mit Kieselsteinen besäten Abhang anhalten mußte. Die Nachhut des Mauren beobachtete die Schritte der zwei Franken und wandte sich in Zwischenräumen um, wohl um nicht überfallen zu werden.

»Messire Agenor,« rief Musaron, unruhig über diese Kundgebung, der indessen die Müdigkeit des Pferdes jede Chance von Gefahr benahm, »Messire Agenor, habe ich Euch nicht gesagt, dieser Maure verstehe das Französische nicht, habe ich Euch nicht zugestanden, geärgert wie Ihr über dieses Stillschweigen, sei mir der Gedanke gekommen, ihn in spanischer Sprache zu befragen, doch erst, da er schon zu fern gewesen, als daß ich diesen Gedanken hätte in Ausführung bringen können? Ihm müßt Ihr also nicht grollen, sondern mir, der ich diesen glücklichen Gedanken nicht früher gehabt habe. Uebrigens« fügte er bei, als er sah, daß der Ritter einen Halt zu machen genöthigt war, »übrigens sind wir allein, und Ihr seht, daß Euer Pferd abgemattet ist.«

Mauléon schüttelte den Kopf und sprach:

»Das ist Alles schön und gut, doch dieser Maure hat nicht natürlich gehandelt. Man kann wohl das Französische nicht verstehen, aber in jedem Lande versteht man die allgemeine Sprache der Geberde. Während Du das Wort Coimbra aussprachst, deutetest Du abwechselnd auf die eine und auf die andere Stadt, und er mußte errathen, daß Du nach dem Weg fragtest. Ich kann den unverschämten Mauren zu dieser Stunde nicht mehr einholen, doch bei dem Blute unseres Herrn, das Rache gegen diese Ungläubigen schreit, er finde sich nie wieder auf meinem Wege!«

»Im Gegentheil, Messire,« sagte Musaron, bei dem die Klugheit weder den Muth, noch den Groll ausschloß. »Im Gegentheil, trefft ihn, doch nur unter andern Bedingungen. Trefft zum Beispiel ihn allein mit den Knechten, welche die Sänfte hüten, Ihr übernehmt den Herrn, und ich übernehme die Knechte; dann werden wir wohl sehen, was der Kasten von vergoldetem Holz enthält.«

»Irgend ein Götzenbild ohne Zweifel,« erwiderte der Ritter.

»Oder wohl seinen Schatz.« sagte Musaron, »eine große Kiste mit Diamanten, Rubinen, Perlen, um mit den Händen darin zu wühlen. Denn diese verfluchten Ungläubigen kennen die Beschwörungen, mit deren Hülse man die verborgenen Schätze findet. Oh! wenn wir nur zu sechs oder wenigstens zu vier gewesen wären, wir hätten Euch etwas gezeigt, Herr Maure. Oh! Frankreich! Frankreich! wo bist du? Ihr tapferen Kämpen, wo seid Ihr? Ihr ehrwürdigen Abenteurer, meine Compagnons, warum seid Ihr nicht da!«

»Ah!« sagte plötzlich der Ritter, der während dieses Ausfalls seines Knappen überlegt hatte, »wenn ich daran denke!«

»Woran?«

»An den Brief von Don Federigo,«

»Nun?«

»In diesem Brief gibt er uns vielleicht über den Weg nach Coimbra eine Erläuterung, die ich vergessen habe.«

»Ah! wahrhaftiger Gott! das heiße ich vernünftig denken und gescheit sprechen. Den Brief, Sire Agenor, den Brief, und wenn er nur dazu dienen würde, uns durch die schönen Versprechungen, die man uns darin macht, zu stärken.«

Der Ritter häkelte von seinem Sattelbogen eine kleine Rolle von parfumirtem Leder los, und zog aus dieser Rolle ein Pergament. Es war dies der Brief von Don Federigo, den er zugleich als einen Paß und als einen Talisman aufbewahrte.

Er enthielt Folgendes:

»Edler und hochherziger Don Agenor von Mauléon, erinnerst Du Dich des schönen Lanzenstoßes, den Du in Narbonne mit Don Federigo, dem Großmeister von San Jago, austauschtest, als die Castilianer in Frankreich Dona Bianca von Bourbon einholten?«

»Damit will er sagen, Madame Blanche von Bourbon,« unterbrach ihn der Knappe, indem er den Kopf von oben nach unten schüttelte, wie ein Mensch, der das Spanische zu verstehen sich anmaßt und eine Gelegenheit, bekannt zu machen, was er weiß, nicht vorübergehen lassen will.

Der Ritter sah Musaron von der Seite mit dem Ausdruck an, mit dem er die Prahlereien jeder Art, die sich sein Knappe erlaubte, auszunehmen pflegte. Dann schaute er wieder in das Pergament und fuhr fort:

»Ich habe Dir ein gutes Andenken versprochen, denn Du warst edelmüthig und artig gegen mich.«

»Es ist wahr,« unterbrach ihn zum zweiten Male Musaron, »Eure Herrlichkeit konnte ihm vortrefflich ihren Dolch in die Gurgel stoßen, wie sie es so zart dem Mongat von Lourdes bei dem Kampfe am Pas-de-Larre bei ihrem ersten Auftreten gethan hat. Denn bei dem berühmten Tournier, wo Ihr ihn ans dem Sattel hobet, und wo er wüthend, aus dem Sattel gehoben worden zu sein, mit scharfen Waffen, statt mit stumpfen, den Kampf fortzusetzen verlangte, hieltet Ihr ihn vollkommen unter Eurem Knie. Und statt Euren Sieg zu mißbrauchen, sagtet Ihr großmüthig (ich höre noch diese schönen Worte): »»Erhebt Euch, Großmeister von San Jago, um die Ehre der castilianischen Ritterschaft zu sein.««

Musaron begleitete dies» letzten Worte mit einer Geberde voll Majestät, durch die er, ohne es zu vermuthen, die Geberde parodirte, die sein Herr bei dieser feierlichen Gelegenheit hatte machen müssen.

»Wurde er aus dem Sattel gehoben,« sprach Mauléon, »so war dies der Fehler seines Pferdes, das den Stoß nicht anshalten konnte. Diese halb arabischen, halb castilianischen Pferde taugen mehr beim Rennen, aber weniger beim Kampfe als die unsrigen. Und wenn er unter mich fiel, so war dies der Fehler seines Spornes, der sich an einer Baumwurzel in dem Augenblick anhing, wo ich ihm einen Streich mit der Art aus den Kopf versetzte; denn er ist ein unerschrockener und gewandter Ritter. Gleichviel,« fügte Agenor mit einem Gefühle des Stolzes bei, das er bei all der Bescheidenheit, mit der er sich ausdrückte, nicht ganz zurückzudrängen vermochte, »der Tag, an welchem dieser merkwürdige Kampf in Narbonne statt fand, war ein schöner Tag für mich.«

»Abgesehen davon, daß Ihr den Preis von Madame Blanche von Nourbon erhieltet, welche sehr bleich wurde und sehr zitterte, die sanfte Prinzessin, als sie sah, daß das Tournier, dem sie beizuwohnen glaubte, sich in einen wirklichen Kampf verwandelte. Ja, edler Herr,« sprach Musaron, ganz zitternd bei dem Gedanken an die Herrlichkeiten, welche in Coimbra seines Gebieters und seiner harrten, »Ihr habt Recht, wenn Ihr sagt es sei ein schöner Tag gewesen, denn Euer Glück ward an demselben geboren.«

»Ich hoffe es,« erwiderte Agenor bescheiden; »doch fahren wir fort.«

Und er las weiter,

»Ich erinnere Dich heute an Dein Versprechen, Niemand als mir Waffenbrüderschaft zu bewilligen. Wir sind beide Christen; komm zu mir nach Portugal, nach Coimbra, das ich von den Ungläubigen erobert habe. Ich verschaffe Dir Gelegenheit, schöne Waffenthaten gegen die Feinde unserer heiligen Religion zu vollbringen. Du lebst in meinem Palaste wie ich selbst, und an meinem Hofe wie mein Bruder. Komm also, mein Bruder, denn ich bedarf eines Mannes, der mich liebt, ich, der ich von gewandten und gefährlichen Feinden umgeben lebe. Coimbra ist eine Stadt, die Du kennen mußt, und liegt, wie ich Dir gesagt habe, in Portugal, zwei Meilen vom Meer, am Flusse Mondigo. Du hast nur befreundete Länder zu durchziehen: zuerst Aragonien, welches das Hauptbesitzthum ist, das Don Sancho der Große Ramiro hinterlassen hat, der ein natürlicher Sohn war wie Du, und ein großer König wurde, wie Du ein braver Rittersmann bist; sodann Neucastilien, das König Alfons VI. von den Mauren wiederzuerobern begonnen hat, und das von seinem Nachfolger vollends erobert worden ist; ferner Leon, den Schauplatz großer Waffenthaten des berühmten Pelago, dieses tapferen Ritters, dessen Geschichte ich Dir erzählt habe. Endlich wirst Du durch Acqueda kommen und Dich in Portugal befinden, wo ich Dich erwarte. Nähere Dich nicht zu sehr den Bergen, die Du zu Deiner Linken sehen wirst, wenn Du nicht ein beträchtliches Gefolge hast, und traue weder den Juden, noch den Mauren, die Du auf Deinem Wege findest.

»Gott befohlen! erinnere Dich, daß ich mich einen ganzen Tag Dir zu Ehren Don Agenor genannt habe, wie Du Dich einen Tag, um mich zu ehren, Federigo nanntest.

»Ich habe an jenem Tag Deine Farben getragen, und Du hast die meinigen getragen. So ritten wir, Du mit meiner Schärpe, ich mit der Deinigen, neben einander bis nach Urgel und geleiteten unsere viel geliebte Königin Dona Bianca von Bourbon. Komm, Don Agenor: ich bedarf eines Bruders und eines Freundes; komm.«

»In diesem Briefe steht nichts, was uns leiten könnte,« sagte Musaron.

»Doch; im Gegentheil. Alles,« sprach Agenor. »Hast Du nicht gehört, und das ist wahr, daß ich einen Tag seine Schärpe getragen habe?«

»Nun?«

»Seine Farben waren gelb und roth. Suche wohl, Musaron, Du, dessen Gesicht so scharf ist, suche, ob Du nicht in einer von den beiden Städten ein Gebäude erblickst, aus dem ein Banner gelb wie Gold, roth wie Blut flattert, und dieses Gebäude wird der Palast meines Freundes Don Federigo sein, und rings um diesen Palast liegt die Stadt Coimbra.«

Musaron hielt seine Hand über seine Augen, um die Sonnenstrahlen zu brechen, welche alle Gegenstände in Lichtwogen vermengten, die ein Flammenmeer bildeten, und nachdem er seinen Blick nach rechts und nach links hatte schweifen lassen, heftete er seine Augen fest auf die Stadt, welche rechts vom Fluß in einer von den Krümmungen seines Laufes lag.

»Sire Agenor,« sprach Musaron, »in diesem Fall ist Coimbra dort rechts, am Fuße jenes Abhang« und hinter jener Wand von Platanen und Aloen, denn aus dem Hauptgebäude flattert das von Euch bezeichnete Banner; nur wird es von einem rothen Kreuze überragt.«

»Das Kreuz von San Jago!« rief der Ritter, »so ist es. Doch irrst Du Dich nicht, Musaron?«

»Eure Herrlichkeit wolle selbst schauen.«

»Die Sonne ist so glühend, daß ich schlecht unterscheide; leite ein wenig meinen Blick.«

»Dort, Messire, dort . . . folget dem Weg. . . dort zwischen jenen zwei Armen des Flusses. Er scheidet sich in zwei Zweige, nicht wahr?«

»Ja.«

»Folgt dem rechten Zweig, der am Flusse hinläuft; seht die Truppe des Mauren durch eines der Thore einziehen . . . Seht, seht . . .«

Gerade in diesem Augenblick kam die Sonne, welche bis jetzt ein Hinderniß für die zwei Reisenden gewesen war, Mauléon zu Hilfe, indem sie einen Feuerstahl aus den ganz mit Gold damascirten maurischen Rüstungen springen ließ.

»Gut! gut! ich sehe,« sagte er.

Dann, nachdem er einen Augenblick nachgedacht: »Ah! der Maure ging nach Coimbra, und verstand das Wort Coimbra nicht; vortrefflich. Als erste Artigkeit muß mir Don Federigo Genugthuung von diesem Frechen verschaffen. Doch wie kommt es,« fuhr der Ritter, immer mit sich selbst sprechend, fort, »daß Don Federigo, dieser fromme Fürst, den sein Titel in die Reihe der ersten Vertheidiger der Religion stellt, Mauren in der neuerdings erst eroberten Stadt, in der Stadt, aus der er sie vertrieben, duldet?«

»Was wollt Ihr, Messire?» antwortete Musaron, ohne befragt zu werden. »Ist Don Federigo nicht der natürliche Bruder von Don Pedro, dem König von Castilien?«

»Nun?«

»Wißt Ihr nicht (und das würde mich wundern, denn das Gerücht ist auch nach Frankreich gekommen), wißt Ihr nicht, daß die Liebe zu den Mauren dieser Familie angeboren ist? Der König kann ihrer nicht mehr entbehren, wie man versichert. Er hat Mauren als Räthe, Mauren als Aerzte, Mauren als Leibwachen, und endlich Maurinnen als . . . Liebschaften.«

»Schweige, Meister Musaron, und mische Dich nicht in die Angelegenheiten des Königs Don Pedro, eines sehr großen Fürsten und Bruders meines erhabenen Freundes.«

»Bruder! Bruder!« murmelte Musaron, »ich habe sagen hören, es sei dies eine von den maurischen Brüderschaften, welche früher oder später mit dem Stricke oder mit dem Säbel endigen. Ich will lieber Guillonnet, der die Ziegen im Thale von Andorre hütet und dabei singt:

		Auf dem Berge sitzt der Hirte,
		Schauet traurig in die Fern',

zum Bruder haben, als Don Pedro von Castilien. Das ist meine Ansicht.«

»Es kann wohl Deine Ansicht sein, doch es ist die meinige, daß Du nicht ein Wort mehr diesem beifügst. Wenn man Gastfreundschaft von den Leuten verlangt, so ist es doch das Wenigste, daß man nicht schlimm von ihnen spricht.«

»Wir kommen nicht zu Don Pedro von Castilien, da wir zu Don Federigo, dem Herrn von Coimbra in Portugal, kommen,« erwiderte der wunderliche Musaron.«

»Zu dem Einen oder zu dem Andern,« sprach der Ritter, »schweige, ich will es haben.«

Musaron nahm sein weißes Beret mit rother Eichel ab und verbeugte sich mit einem höhnischen Lächeln, das seine langen, ebenholzschwarzen Haare verbargen, die aus seine magern, dunkelbraunen Wangen herabfielen.

»Wenn Eure Herrlichkeit ausbrechen will, so ist ihr unterthänigster Diener zu ihrem Befehl,« sagte er nach einem kurzen Stillschweigen, »Das mußt Du Dein Pferd fragen,« erwiderte Mauléon. »Jeden Falls, wenn es nicht weiter ziehen will, lassen wir es, wo es ist, und wenn der Abend kommt und es die Wölfe heulen hört, wird es schon allein nach der Stadt gehen.«

Und in der That, als ob das Thier, das den Namen, den ihm der Knappe gab, dem Thale verdankte, wo es geboren war, die Drohung gehört hätte, erhob es sich behender, als man hätte denken sollen, und bot seinem Herrn seinen noch ganz von Schweiß triefenden Widerrist.

»Aufgebrochen also,« sprach Agenor.

Und er setzte sich wieder in Marsch und hob zum zweiten Male das Helmvisir auf, das er beim Vorbeiziehen des Mauren herabgelassen hatte.

Wenn der Araber da gewesen wäre, so hätte nun sein durchdringender Blick durch die Oeffnung des Helmes ein Gesicht edel und schön, ganz erhitzt, ganz bestaubt, aber voll Charakter, einen sichern Blick, seine, schlaue Lippen, Zähne weiß wie Elfenbein, ein Kinn noch ohne Hart, aber von jener kräftigen Formung, welche den hartnäckigen Willen andeutet, sehen können.

Es war im Ganzen ein junger und schöner Ritter, dieser Messire Agenor von Mauléon, und dies konnte er sich wohl selbst sagen, wenn er sich' in der glatten Oberfläche seines Schildes spiegelte, den er wieder aus den Händen von Musaron genommen hatte.

Dieser Halt von einem Augenblick hatte den zwei Pferden wieder einige Kraft gegeben. Sie zogen daher mit ziemlich raschem Schritte aus ihrem Wege weiter, der ihnen fortan aus eine untrügerische Weise durch das aus dem Palaste flatternde Banner des Großmeisters von San Ingo angedeutet wurde.

Während sie so fortritten, sah man die Einwohner trotz der Hitze des Tages aus, den Thoren hervorkommen. Man hörte die Trompeten erschallen, und das Glockenspiel der Thürme breitete seine freudigen vibrirenden Töne in der Luft aus.

»Hätte ich Musaron vorangeschickt,« sprach Agenor zu sich selbst, »so könnte ich wahrhaftig glauben, dieser ganze Lärmen, diese ganze Feierlichkeit finden mir zu Ehren statt. Aber so schmeichelhaft ein solcher Empfang für meine Eitelkeit wäre, so muß ich doch all' dieses Geräusch einer andern Ursache zuschreiben.«

Musaron aber, der in diesem ganzen Lärmen offenbare Zeichen der Heiterkeit erblickte, erhob munter das Haupt, da er lieber von freudigen Leuten, als von traurigen empfangen werden wollte.

Die zwei Reisenden hatten sich nicht getäuscht, Es herrschte eine große Aufregung in der Stadt, und wenn das Gesicht der Einwohner nicht gerade die lächelnde Maske der Freude an sich trug, welche ihnen das Läuten der Glocken und die Fanfaren der Trompeten zu befehlen schienen, so w« ihre Physiognomie wenigstens die von Leuten, in deren Mitte eine wichtige und unerwartete Neuigkeit vorgefallen ist.

Agenor und sein Knappe hatten nicht nöthig, nach dem Weg zu fragen, denn sie brauchten nur der Menge zu folgen, die nach dem Hauptplatze der Stadt eilte.

In dem Augenblick, wo sie das Gedränge durchschnitten, um aus den Platz zu kommen, und während Musaron, um seinen edlen Herr, der ihm folgte, einen Weg zu bahnen, rechts und links Hiebe mit dem Peitschenstiel austheilte, sahen sie plötzlich vor sich, von hohen Palmbäumen und von buschigen, in der Richtung, die ihnen an Tagen des Sturms der Seewind gab, geneigten Sycomoren beschattet, den prächtigen maurischen Alcazar sich erheben, der für den König Muhamed erbaut worden war und nun dem jungen Eroberer, Don Federigo, als Wohnung diente.

So sehr sie sich aber auch beeilten, um an Ort und Stelle zu kommen, so blieben doch Agenor und sein Knappe in Bewunderung vor dem weiten, launenhaften Monument, das ganz mit der feinsten steinernen Spitze gestickt, ganz mit marmorenen Mosaiken incrustirt war, welche breite Platten von Topas, von Saphir und von Lapislazuli zu sein schienen, die irgend ein Baumeister von Bagdad für einen Palast von Feen oder von Huris gefaßt hätte. Der Occident, und selbst derjenige Theil des Occidents, den man, in Beziehung aus Spanien, den Süden von Frankreich nennt, kannte noch nichts Anderes, als seine romanischen Kathedralen, oder seine antiken Brücken und Bogen, hatte aber keinen Begriff von jenen Ohrgewölben und Kleezügen von Granit, welche der Orient hundert Jahre später an die Fronte der Kathedralen und an die Spitze der Thürme zeichnen sollte. Er bot also einen herrlichen Anblick, der Alcazar von Coimbra, selbst für unsere unwissenden und barbarischen Altvorderen, welche in jener Zeit die arabische und italienische Civilisation, die sie später bereichern sollte, verachteten.

Während sie so unbeweglich und in Betrachtung verharrten, sahen sie durch die zwei Seitenpforten des Palastes zwei Truppen von Leibwachen und Pagen, Maulthier und Pferde an der Hand führend, herauskommen.

Diese zwei Truppen, welche jede einen Viertelkreis beschrieben, vereinigten sich, indem sie das Volk zurücktrieben und vor der Mittelthüre, zu der man ans einer Treppe von zehn Stufen hinausstieg, einen großen Platz, dessen eine Seite die Facade des Palastes bildete, leer ließen. Die Mischung des blendenden Luxus von Afrika mit der strengeren Eleganz der occidentalen Tracht verlieh diesem Schauspiel einen unwiderstehlichen Zauber, dessen Einfluß auch Agenor und sein Knappe unterlagen, als sie einerseits das Gold und den Purpur aus Sattel und Zeug der arabischen Pferde schimmern sahen und die Kleider der maurischen Reiter gewahrten, und andererseits die Seide und die getriebene Arbeit, und besonders jenen fränkischen Stolz, so zu sagen, in die Haltung der Rosse incrustirt erblickten.

Was das Volk betrifft, so rief es, als es dieses ganze Schauspiel sich entwickeln sah: »Es lebe!« wie es dies beim Anblicke aller Schauspiele thut.

Plötzlich erschien das Banner des Großmeisters von San Jago unter dem hohen, im Kleezug ausgehauenen Gewölbe, das die Mittelpforte des Alcazar bildete; begleitet von sechs Leibwachen und getragen von einem mächtigen Kriegsmann, wurde dieses Banner im Mittelpunkte des leeren Raumes ausgepflanzt.

Agenor begriff, daß Don Federigo irgend eine Prozession durch die Straßen halten, oder eine Reise von einer Stadt zur andern zu machen im Begriff war, und er fühlte sich, trotz der Dürftigkeit seiner Börse, versucht, sich nach irgend einem Gasthaus zu begeben, wo er seine Rückkehr abwarten könnte, denn er wollte die Anordnung des Auszuges nicht durch seine lästige Gegenwart stören.

Doch in demselben Augenblick sah er durch eines von den Seitengewölben die Vorhut des maurischen Häuptlings und dann, stets geschaukelt aus dem Rücken weißer Maulthiere, die bekannte Sänfte von vergoldetem Holz hervorkommen, welche Musaron so starke und so religiöse Versuchungen bereitete. Endlich verkündigte ein gewaltiger Lärmen von Posaunen und Trompeten, der Großmeister würde erscheinen, und vierundzwanzig Musiker, acht in der Front, rückten aus dem Gewölbe bis zu den Stufen vor, die sie, stets blasend, hinabstiegen.

Hinter ihnen sprang ein Hund heraus: es war einer von den kräftigen, aber schlanken Hunden der Sierra, mit einem Kopfe spitzig wie der des Bären, mit Augen funkelnd wie die des Luchses, mit Beinen nervig wie die des Hirsches, Sein ganzer Körper war mit glatten, langen, seidenen Haaren bedeckt, welche in der Sonne ihre silbernen Reflexe spielen ließen; er hatte am Hals ein breites Collier von Gold mit Rubinen besetzt, und daran ein Glöckchen von demselben Metall; seine Freude verrieth sich durch Sprünge, und seine Sprünge hatten ein sichtbares Ziel und ein verborgenes Ziel. Das sichtbare Ziel war ein Pferd weiß wie der Schnee, bedeckt mit einer großen Schabracke von Purpur und Brocat, das seine Liebkosungen, als wollte es antworten, wiehernd ausnahm. Das verborgene Ziel war ohne Zweifel irgend ein edler Herr, der unter dem Gewölbe ausgehalten wurde, in das der Hund ungeduldig zurückkehrte, um nach einigen Sekunden springend und freudig wieder zu erscheinen.

Derjenige, für welchen das Pferd wieherte, derjenige, für welchen der Hund sprang, erschien endlich ebenfalls, und es erscholl ein einziger Ruf, wiederholt von tausend Stimmen:

»Es lebe Don Federigo!«

Es kam wirklich Don Federigo, mit dem arabischen Häuptling plaudernd, der zu seiner Rechten ging, her vor; zu seiner Linken schritt ein junger Page von reizendem Antlitz, obgleich seine schwarzen Augenbrauen und das leichte Zusammenziehen seiner frischrothen Lippen seinen Zügen den Ausdruck der Festigkeit verliehen; er hielt weit geöffnet eine Börse voll Goldstücke, aus der Don Federigo, als er auf die erste Stufe kam, mit allen Fingern schöpfte, um, sodann mit seiner frauenartig weißen und zarten Hand einen blendenden Regen auf die bewegten Häupter der Menge strömen zu lassen, welche bei dieser unter den Vorgängern ihres neuen Herrn ungewohnten Freigebigkeit ihr Geschrei verdoppelte.

Dieser neue Herr war von einem Wuchse, der selbst zu Pferde majestätisch erschien. Die Mischung des gallischen Blutes mit dem spanischen hatte ihm lange schwarze Haare, blaue Augen und eine weiße Gesichtshaut gegeben: und aus diesen blauen Augen kamen so wohlwollende, so sanfte Blicke hervor, daß Viele, um ihn nicht eine Secunde aus den Augen zu verlieren, nicht einmal daran dachten, die Zechinen aufzuheben, und daß die Luft rings um den Palast von Segnungen erscholl.

War es Zufall, oder geschah es absichtlich, plötzlich nahmen die Trompeten und Posaunen, welche sich kurze Zeit unterbrochen hatten, ihre Fanfaren wieder auf; doch statt der heiteren, lustigen Töne, die sie hatten hören lassen, gaben sie dem Volk nur eine traurige, schwermüthige Melodie, während die Glocken, diese neue Erfindung, um als Dolmetscher zwischen den Menschen, und Gott zu dienen, statt ihres lebhaften und glänzenden Spieles, dumpfe, lange gedehnte Klänge aussandten, die einem Todtengeläute glichen.

Zu gleicher Zeit erhob sich der Hund vor seinem Herrn, stützte seine Vorderpfoten auf seine Brust und ließ ein so düsteres, so klägliches Geheule vernehmen, daß die Muthigsten darob schauerten.

Die Menge blieb stumm, und mitten unter diesem Stillschweigen rief eine Stimme: »Zieht nicht hinaus, Großmeister, bleibt bei uns, Don Federigo.«

Doch Niemand konnte wissen, wer den Rath gegeben hatte.

Bei diesem Rufe sah Agenor den Mauren beben und eine Erdfarbe annehmen, was die Blässe der Kinder der Sonne ist, während sein unruhiger Blick in der Tiefe des Herzens von Don Federigo die Antwort suchte, die er der so allgemeinen Bestürzung und dem vereinzelten Rufe geben würde.

Doch Don Federigo streichelte mit der Hand seinen heulenden Hund, machte seinem Pagen ein sanftes Zeichen, grüßte mit einem traurigen Lächeln die Menge, die ihn mit flehenden Augen und gefalteten Händen anschaute, und sprach:

»Meine guten Freunde, der König, mein Bruder, ruft mich nach Sevilla, wo mich die Feste und Turniere zur Feier unserer Wiederversöhnung erwarten. Statt mich abhalten zu wollen, zu meinem Bruder und meinem König zu gehen, segnet vielmehr die Einhelligkeit zweier Brüder, die sich lieben.«

Doch statt diese Worte mit Freude zu empfangen, empfing sie das Volk mit seinem düsteren Stillschweigen. Der Page flüsterte seinem Herrn einige Worte zu, und der Hund fuhr fort zu heulen.

Mittlerweile verlor der Maure weder das Volk, noch den Pagen, noch den Hund, noch Don Federigo aus dem Blick.

Die Stirne des Großmeisters verdüsterte sich jedoch einen Augenblick. Der Maure glaubte, er zögere, und sprach:

»Hoher Herr, Ihr wißt, daß jedes Menschen Geschick bei den Einen in dem goldenen Buch, bei den Andern in dem ehernen Buch eingeschrieben ist. Das Eurige ist in dem goldenen Buch eingeschrieben, erfüllt also muthig Euer Geschick.«

Don Federigo schlug seine Augen aus, die er eine Minute gesenkt gehalten hatte, als suchte er in dieser ganzen Menge ein befreundetes Gesicht, einen ermuthigenden Blick.

Gerade in dieser Sekunde erhob sich Agenor aus seinen Steigbügeln, um nicht den geringsten Umstand der Scene zu verlieren, die vor ihm in Erfüllung ging; als hätte er errathen, was der Großmeister suchte, hob er mit einer Hand sein Helmvisir aus und schwang mit der andern seine Lanze.

Der Großmeister stieß einen Freudenschrei aus, seine Augen funkelten und ein Lächeln der Wonne, das sich aus seinen jungfräulich-rosigen Lippen erschloß, verbreitete sich über sein ganzes Antlitz.

»Don Agenor!« rief er, die Hand gegen den Ritter ausstreckend.

Der Page, als ob er allein das Vorrecht hätte, in seinem Herzen zu lesen, brauchte nicht mehr zu hören; er eilte von der Seite von Don Federigo fort, lief aus den Ritter zu und rief:

»Kommt, Don Agenor, kommt.«

Die Menge trat aus die Seite, denn sie liebte Alles, was Don Federigo liebte, und sogleich hefteten sich Aller Augen aus den Ritter, den der Großmeister so freudig empfing, als einst der junge Tobias den göttlichen Gefährten, den ihm der Himmel sandte.

Agenor stieg ab, warf den Zügel seines Pferdes Musaron an den Arm, gab ihm seine Lanze, hing seinen Schild an den Sattelbogen und durchschritt die Menge, geführt von Pagen.

Der Maure erbleichte abermals. Er hatte den fränkischen Ritter, den er aus der Straße nach Coimbra getroffen, und den Knappen, dem er nicht geantwortet, wiedererkannt.

Federigo streckte indessen Agenor die Arme entgegen, und dieser stürzte darein mit dem Ergusse eines zwanzigjährigen Herzens.

Sie waren wunderbar anzuschauen, diese zwei schönen jungen Leute, deren Antlitz alle edle Gefühle athmete, welche so selten das Bild der Schönheit aus Erden vollständig machen.

»Folgst Du mir?« fragte Don Federigo Agenor.

»Ueberallhin,« antwortete der Ritter.

»Meine Freunde,« sprach nun der Großmeister mit seiner klangreichen Stimme, welche die Liebe der Menge war, »ich kann nun von hinnen ziehen und Ihr habt nichts zu befürchten; Don Agenor von Mauléon, mein Bruder, mein Freund, die Blüthe der fränkischen Ritterschaft, kommt mit mir.«

Und aus ein Zeichen des Großmeisters schlugen die Trommler einen lebhaften Marsch, bliesen die Trompeter eine freudige Fanfare; der Stallmeister brachte Don Federigo sein schönes schneeweißes Pferd, und alles Volk rief einstimmig: »Es lebe Don Federigo, der Großmeister von San Jago! Es lebe Don Agenor, der fränkische Ritter!«

In diesem Augenblick schaute der Hund von Don Federigo dem Ritter und dem Mauren ins Gesicht, Dem Mauren zeigte er seine weißen Zähne mit einem boshaften, bedrohlichen Knurren, dem Ritter machte er tausend Liebkosungen.

Der Page fuhr mit einem traurigen Lächeln mit der Hand über den Hals des Hundes.

»Hoher Herr,« sprach Agenor zu dem jungen Fürsten, »als Ihr mich Euch zu folgen batet, und ich Euch erwiderte, ich würde folgen, ging ich nur mit meinem Eifer zu Rath, wie ich dies that, als ich von Tarbes hierherkam. Von Tarbes hierher kam ich in sechzehn Tagen, und das ist ein harter Marsch; meine Pferde sind auch todt vor Müdigkeit, und ich kann Eure Herrlichkeit nicht sehr weit begleiten.«

»Ei!« rief Don Federigo, »habe ich Dir nicht gesagt, mein Palast sei der Deinige? Meine Waffen und meine Pferde gehören Dir, wie Alles, was in Coimbra ist; wähle in meinen Ställen Pferde für Dich, Maulthiere für Deinen Knappen, oder vielmehr, nein, nein, verlasse mich nicht einen Augenblick, Fernando wird Alles besorgen. Laß Antrim, mein Schlachtroß, satteln, und frage im Vorübergehen den Knappen von Don Agenor, ob er ein Pferd oder ein Maulthier vorziehe. Was Deine müden Rosse betrifft, ist Dir an ihnen gelegen, und jedem guten Ritter ist an den seinigen gelegen, so sollen sie bei der Nachhut folgen, und man wird sie schonen.«

Der Page machte nur einen Sprung und verschwand.

Mittlerweile war der Maure im Glauben, man würde ausbrechen, die Treppe hinabgestiegen, um rings um seine Sänfte zu gehen und denjenigen, welche sie bewachten, einige Befehle zu geben. Als er aber sah, daß man mit dem Ausbruch zögerte und daß die zwei Freunde, welche allein geblieben waren, ein paar vertrauliche Worte auszutauschen sich anschickten, stieg er rasch wieder zu ihnen hinaus und nahm abermals seinen Platz an der Seite des Großmeisters ein.

»Senor Mothril,« sprach dieser, »der Ritter, den Ihr hier seht, ist einer meiner Freunde. Es ist mehr als einer meiner Freunde, es ist mein Waffenbruder; ich nehme ihn mit mir nach Sevilla, denn, ich will ihn meinem Herrn, dem König von Castilien als Kapitän anbieten, und wenn der König die Gnade hat, mir ihn zu lassen, nachdem ich ihm denselben angeboten habe, werde ich ihn segnen. Denn es ist eine unvergleichliche Klinge und ein Herz noch tapferer als seine Klinge.«

Der Maure antwortete in vortrefflichem Spanisch, obgleich seine Aussprache durchaus nicht von dem gutturalen Accent frei war, den Agenor schon bemerkt hatte, als er aus der Straße nach Coimbra das einzige arabische Wort aussprach, nach welchem er sich wieder in Marsch gesetzt:

»Ich danke unserem Herrn, daß er mir den Namen und die Eigenschaft des Herrn Ritters mitgetheilt; doch der Zufall hatte mir schon den edlen Franzosen vorgestellt. Leider muß ein Fremder, ein Reisender, wenn er von einer feindlichen Race ist, wie ich, oft dem Zufall mißtrauen. Ich habe auch nicht mit der Höflichkeit, die ich hätte anwenden sollen, den Senor Agenor empfangen, den ich vor Kurzem im Gebirge traf.«

»Ah! Ah!« sagte Federigo neugierig; »Eure Herrlichkeiten haben sich schon begegnet?«

»Ja, Seigneur,« erwiderte Agenor in französischer Sprache, »und ich muß gestehen: daß sich der Herr Maure nicht herbeiließ, die einfache Frage zu beantworten, die ich durch meinen Stallmeister an ihn richtete, um mich nach dem Weg zu erkundigen, verletzte mich einigermaßen. Wir sind höflicher jenseits der Pyrenäen gegen die Fremden, unsere Gäste.«

»Messire,« erwiderte Mothril in spanischer Sprache, »Ihr irrt Euch, in einem Punkte. Es ist wahr, die Mauren sind noch in Spanien, doch sie sind schon nicht mehr zu Hause; und diesseits der Pyrenäen, Granada ausgenommen, sind die Mauren selbst nur Gäste der Spanier.«

»Ah!« machte leise Musaron, der sich allmälig den Stufen genähert hatte, »nun versteht er das Französische.«

»Diese Wolke zerstreue sich unter Euch; der Tenor Mothril, Freund und Minister meines Herrn, des Königs von Castilien, wird hoffentlich dem Ritter von Mauléon, dem Freund und Bruder seines Bruders, wohl einige Geneigtheit zuwenden.«

Der Maure verbeugte sich, ohne zu antworten, und da Musaron, stets neugierig, zu erfahren, was die Sänfte enthielt, sich dieser mehr näherte, als Mothril wohl wünschte, daß man sich ihr nähern möchte, so stieg er die Stufen hinab und stellte sich, unter dem Vorwand, einen von seinen Knechten einen vergessenen Auftrag vollziehen zu lassen, zwischen die Sänfte und den Knappen.

Federigo benützte diesen Augenblick, um sich an das Ohr von Agenor zu neigen, und sagte: »Du siehst in diesem Mauren denjenigen, welcher meinen Bruder beherrscht, und folglich mich beherrscht.«

»Ah!« erwiderte Agenor, »warum dieses bittere Wort? Ein Fürst von Eurem Geschlecht, ein Ritter von Eurer Tapferkeit, erinnert Euch dessen stets, Don Federigo, darf nur von Gott beherrscht werden.«

»Und dennoch gehe ich nach Sevilla,« entgegnete seufzend der Großmeister.

»Und warum geht Ihr dahin?«

»Der König Don Pedro bittet mich darum und die Bitten des Königs Don Pedro sind Befehle.«

Der Maure schien getheilt zwischen dem Aerger, sich von seiner Sänfte trennen zu sollen, und der Furcht, Don Federigo zu viel zu dem französischen Ritter sagen zu lassen. Die Furcht bekam die Oberhand und er kehrte zu den zwei Freunden zurück.

»Hoher Herr,« sprach er zu Don Federigo, »ich sehe mich veranlaßt, Eurer Herrlichkeit eine Nachricht mitzutheilen, die ihre Pläne durchkreuzt. Ich mußte mich zuvor bei meinem Geheimschreiber erkundigen, obschon ich beinahe Gewißheit hatte. Der König Don Pedro hat zum Anführer seiner Leibwachen einen Kapitän von Tarisa, einen tapferen Mann, in den er sein ganzes Vertrauen setzt, obgleich seine Voreltern jenseits der Meerenge geboren sind. Ich würde also befürchten, der Herr Franzose dürfte sich eine vergebliche Mühe machen, wenn er an den Hof von König Don Pedro käme, und ertheile ihm deshalb den Rath, in Coimbra zu bleiben, um so mehr, als bekanntermaßen Dona Padilla die Franzosen nicht liebt.«

»In der That, das ist wahr, Senor Mothril.« sprach Federigo; »desto besser, dann behalte ich meinen Freund bei mir.« »Ich bin nicht nach Spanien, sondern nach Portugal gekommen. Ich bin nicht gekommen, um dem König Don Pedro, sondern um dem Großmeister Don Federigo zu dienen,« sprach Agenor voll Stolz. »Den Dienst, den ich suchte, habe ich, und ich will keinen Andern. Dies ist mein Herr.«

Und er verbeugte sich höflich vor seinem Freund.

Der Maure lächelte. Seine weißen Zähne funkelten unter seinem schwarzen Bart.

»Oh! die schönen Zähne!« sagte Musaron, »wie gut muß er beißen!«

In diesem Augenblick brachte der Page Antrim, das Schlachtroß des Großmeisters, und Coronella, das Maulthier von Musaron. Der Austausch war bald vorgenommen.

Agenor von Mauléon bestieg das frische Pferd, Musaron das frische Maulthier; man übergab die müden Rosse den Troßknechten, und aus die Einladung des Mauren ging Don Federigo die Stufen hinab und wollte ebenfalls zu Pferde steigen.

Doch zum zweiten Male schien sich der schöne Hund mit den langen seidenen Haaren seiner Absicht zu widersetzen. Er stellte sich zwischen seinen Herrn und sein Pferd, suchte seinen Herrn zurückzudrängen und heulte.

Doch Don Federigo schob ihn mit dem Fuß aus die Seite, schwang sich trotz aller dieser Kundgebungen seines treuen Hundes in den Sattel und gab Befehl zum Aufbruch. Dann, als hätte er diesen Befehl begriffen und als wäre er dadurch in Verzweiflung gebracht, sprang der Hund dem Roß an die Kehle und biß es grausam.

Das Pferd bäumte sich, wiehernd vor Schmerz, und machte einen Seitensprung, der jeden Andern, als einen so erfahrenen Reiter wie Don Federigo aus dem Sattel geworfen hätte.

»Nun! Alan,« rief er, indem er seinem Hund den Namen gab, unter welchem man seine Race bezeichnete. »Böses Thier, wirst du wüthend?«

Und er versetzte ihm mit der Peitsche, die er in der Hand hielt, einen so gewaltigen Hieb, daß das Thier niedergeschmettert zehn Schritte fortrollte.

»Man muß diesen Hund tödten,« sagte Mothril.

Fernando schaute den Mauren von der Seite an.

Alan setzte sich auf die Stufen des Alcazar, hob den Kopf in die Höhe, öffnete den Rachen und heulte zum zweiten Male kläglich.

Da erhob das ganze Volk, welches stillschweigend dieser langen Scene beigewohnt, die Stimme, und der Ruf, der schon einmal aus einem einzigen Munde ertönt hatte, wurde ein allgemeiner Schrei.

»Zieht nicht von hinnen, Großmeister Don Federigo! bleibt bei uns. Großmeister! Was braucht Ihr einen Bruder, da Ihr ein Volk habt! Was verheißt Euch Sevilla, was Euch nicht, auch Coimbra böte?«

»Hoher Herr,« sprach Mothril, »soll ich zum König, meinem Herrn, zurückkehren und ihm sagen. Euer Hund, Euer Page und Euer Volk wollen nicht, daß Ihr kommet?«

»Nein, Senor Mothril,« erwiderte Don Federigo, »wir gehen; vorwärts, meine Freunde.«

Und er grüßte das Volk mit der Hand, stellte sich an die Spitze des Reiterzuges und durchschnitt die schweigsame Menge, die sich vor ihm öffnete.

Man schloß die vergoldeten Gitter des Alcazar, welche ächzten wie die verrosteten Pforten eines leeren Grabgewölbes.

Der Hund blieb auf den Stufen, so lange er seinen Herrn sehen konnte, so lange er hoffen konnte, er würde seinen Entschluß ändern und zurückkehren; als er aber diese Hoffnung verloren hatte, als Don Federigo an der Biegung der Straße, welche nach dem Thore von Sevilla führte, verschwunden war, stürzte er ihm nach und holte ihn ein, als wollte er, da er ihn nicht hatte abhalten können, der Gefahr entgegenzugehen, wenigstens diese Gefahr mit ihm theilen. Zehn Minuten nachher hatte man Coimbra hinter sich und schlug den Weg ein, aus welchem am Morgen der Maure Mothril und Agenor von Mauléon gekommen waren.




Viertes Kapitel.

Wie Musaron wahrnahm, daß der Maure zu seiner Sänfte sprach und daß die Sänfte antwortete


Die Truppe des Großmeisters bestand im Ganzen aus achtunddreißig Männern, den fränkischen Ritter und seinen Knappen mit inbegriffen, und den Mauren und seine zwölf Leibwachen, Pagen oder Knechte nicht gerechnet; Maulthiere trugen das reiche Gepäcke, denn schon seit acht Tagen war Don Federigo davon in Kenntniß gesetzt, daß er von seinem Bruder in Sevilla erwartet werde, als Mothril ankam. Er hatte sodann Befehl gegeben, sogleich auszubrechen, in der Hoffnung, der Maure würde zu müde sein, um ihm zu folgen, und daher zurückbleiben. Doch die Müdigkeit war etwas Unbekanntes für diese Söhne der Wüste und für ihre Pferde, welche von jenen Stuten, von denen Birgit spricht und die der Wind befruchtete, abzustammen schienen.

Man machte noch zehn Meilen an demselben Tage: dann kam die Nacht, und man schlug die Zelte auf dem Abhange des Gebirges auf, an dessen Ende Pombal sich erbebt.

Der Maure hatte während dieses ersten Tagemarsches die zwei Freunde beständig überwacht. Anfangs unter dem Vorwand, sich bei dem fränkischen Ritter wegen seiner Unhöflichkeit zu entschuldigen, und sodann, um seine frühere Unhöflichkeit durch seine gegenwärtige Artigkeit wieder gut zu machen, verließ er Agenor nur die Zeit, die er nothwendig brauchte, um einige Worte mit den Wächtern der Sänfte auszutauschen. Doch so kurz auch diese Abwesenheiten waren, zu denen ihn ein Gefühl, stärker als alle andern Gefühle, zu nöthigen schien, so hatte Agenor doch Zeit, zu dem Großmeister zu sagen:

»Don Federigo, ich bitte, habt die Gnade, mich zu belehren, woher es kommt, daß uns Senor Mothril mit solcher Beharrlichkeit folgt und zu unterhalten sucht. Er liebt Euch also ungemein, hoher Herr, denn ich meinerseits glaube seine etwas verspäteten Zuvorkommenheiten nicht so aufgenommen zu haben, daß ihm dadurch eine große Zuneigung für mich eingeflößt worden sein sollte.«

»Ich weiß nicht, ob mich Mothril ungemein liebt,« erwiderte Don Federigo; »doch ich weiß, daß er Dona Padilla, die Geliebte des Königs, ungemein haßt.«

Agenor schaute den Großmeister wie ein Mensch an, der gehört, aber nicht begriffen hat. Doch der horchende Maure kam alsbald wieder, und Don Federigo hatte nur Zeit, zu dem Ritter zu sagen:

»Sprecht von etwas Anderem.«

Agenor beeilte sich, zu gehorchen, und da dieser Gedanke sich auf eine natürliche Weise seinem Geiste bot, so sprach er:

»Ah! edler Don Federigo, wollt mir doch mittheilen, wie, sich in Spanien unsere geehrte Dame Blanche von Bourbon, Königin von Castilien, angewöhnt hat. Man ist sehr unruhig in Frankreich über diese gute Prinzessin, welche so viele Wünsche bei Ihrer Abreise von Narbonne begleiteten, wo Ihr sie im Auftrage des Königs, ihres Gemahls, abholtet.«

Agenor hatte nicht sobald vollendet, als er sich heftig am linken Knie durch das rechte Knie des Pagen gestoßen fühlte, der, wie durch sein Pferd fortgerissen, zwischen Don Federigo und seinen Freund geritten kam und, während er sich bei dem Ritter für sich und sein Roß entschuldigte, zugleich einen Blick an ihn richtete, der ganz im Stande war, die Worte in die Kehle des Indiscretesten zurückzudrängen.

Don Federigo begriff indessen, daß er antworten mußte, denn in der Lage, in der er sich befand, konnte sein Stillschweigen nur noch schlimmer gedeutet werden, als seine Worte.

»Aber« sagte Mothril, der ein ebenso großes Interesse zu haben schien, das Gespräch fortzusetzen, als Federigo, es fallen zu lassen, »hat denn Herr Agenor keine Nachrichten mehr von Dona Bianca erhalten, seitdem sie in Spanien ist?«

»Herr Maure,« erwiderte der Ritter ganz erstaunt, »seit zwei bis drei Jahren führe ich Krieg mit den Compagnien gegen England, den Feind von meinem Herrn, dem König Johann, der in London gefangen sitzt, und unserem Regenten, dem Prinzen Karl, den man eines Tags Karl den Weisen nennen wird, eine so frühzeitige Klugheit und eine so hohe Tugend zeigt er.«

»Wo Ihr auch sein mochtet,« erwiderte Mothril, »ich hätte geglaubt, die Geschichte von Toledo habe Lärm genug gemacht, um bis zu Euch zu gelangen.«

Don Federigo erbleichte leicht, und der Page legte seinen Finger an seine Lippen, um Agenor zu bedeuten, er möge schweigen.

Agenor begriff vollkommen und begnügte sich, innerlich zu murmeln:

»O Spanien! Spanien! Land der Geheimnisse!«

Mothril aber rechnete nicht so.

»Da Ihr nicht besser über die Schwägerin Eures Regenten unterrichtet seid, Herr Ritter,« sprach er, »so will ich Euch sagen, was aus ihr geworden ist.«

»Wozu, Herr Mothril?« entgegnete Don Federigo: »die Frage meines Freundes Don Agenor ist eine von den alltäglichen Fragen, welche eine Antwort mit Ja oder Nein heischen und durchaus nicht eine von den langen Erzählungen, welche kein Interesse für einen Zuhörer hätten, der Spanien fremd ist.«

»Aber wenn Herr Agenor Spanien fremd ist,« entgegnete Mothril, »so ist er wenigstens Frankreich nicht fremd und Dona Bianca ist eine Französin. Uebrigens wird die Erzählung nicht lange sein, und wenn er an den Hof des Königs von Castilien geht, muß Senor Agenor nothwendig wissen, was man dort sagt, und was man dort nicht sagen soll.«

Don Federigo stieß einen Seufzer aus und schlug seinen großen weißen Mantel aus seine Augen nieder, als wollte er die letzten Strahlen der untergehenden Sonne vermeiden.

»Ihr habt Dona Bianca von Narbonne nach Urgel begleitet,« fuhr Mothril fort; »ist das die Wahrheit oder hat man mich getäuscht, Senor Agenor?«

»Es ist die Wahrheit,« sprach der Ritter, der durch, die Warnung des Pagen und durch das verdüsterte Antlitz von Don Federigo zwar vorsichtig geworden, dennoch aber unfähig war, die Wahrheit zu verbergen.

»Nun wohl, sie setzte ihre Reise gen Madrid fort, und durchzog Aragonien und einen Theil von Neucastilien, unter der Obhut von Don Federigo, der sie nach Alcala führte, wo die königliche Hochzeit mit einer des erhabenen Paares würdigen Pracht gefeiert wurde; doch schon am andern Tag,« sagte Mothril, indem er aus Federigo einen von den scharfen, glänzenden Blicken warf, die bei ihm Gewohnheit waren, »schon am andern Tag . . . der Beweggrund ist geheim geblieben . . . kehrte der König nach Madrid zurück und ließ seine junge Frau mehr als Gefangene, denn als Königin im Schlosse von Alcala.«

Mothril unterbrach sich einen Augenblick, um zu sehen, ob der eine oder andere von den zwei Freunden etwas zu Gunsten von Dona Bianca sagen würde; doch Beide schwiegen, und der Maure fuhr fort:

»Von diesem Augenblick an fand eine völlige Trennung zwischen den beiden Gatten statt. Mehr noch, ein Concil von Bischöfen sprach die Ehescheidung aus; Ihr werdet zugeben, Ritter,« sagte der Maure mit seinem ironischere Lächeln, »Ihr werdet zugeben, daß wichtige Gründe zur Klage gegen die fremde Frau vorliegen mußten, wenn eine so ehrwürdige und fromme Versammlung wie ein Concil das Band brach, das die Politik und die Religion geschlossen hatten.«

»Oder wohl,« entgegnete Federigo, der nicht länger seine Gefühle zu verbergen vermochte, »oder wohl, daß dieses Concil ganz und gar dem König Don Pedro zugethan war.«

»Oh!« rief Mothril mit jener Naivetät, die den Spott nur schärfer und bitterer macht, »wie läßt sich voraussetzen, zweiunddreißig fromme Männer, deren Auftrag es ist, das Gewissen Anderer zu lenken, haben sich so gegen das ihrige verfehlt? Das ist unmöglich, oder was müßte man sonst von einer von solchen Dienern vertretenen Kirche denken?«

Die zwei Freunde schwiegen.

»Um diese Zeit wurde der König krank, und man glaubte, er müsse sterben. Da fingen die geheimen ehrgeizigen Bestrebungen an, an den Tag zu treten; der edle Don Enrique von Transtamare . . .«

»Senor Mothril,« sagte Federigo, der diese Gelegenheit ergriff, um dem Mauren etwas zu entgegnen, »vergeßt nicht, daß Don Enrique von Transtamare mein Zwillingsbruder ist, und daß ich eben so wenig in meiner Gegenwart von ihm, als von meinem Bruder Don Pedro, dem König, von Castilien, etwas Böses zu sagen erlauben werde.«

»Das ist richtig,« erwiderte Mothril, »entschuldigt mich, erhabener Großmeister. Ich vergaß Eure Brüderschaft, indem ich Don Enrique so meuterisch und Euch dem König Don Pedro so liebevoll zugethan sah. Ich werde also nur von Dona Bianca sprechen.«

»Verdammter Maure!« murmelte Don Federigo.

Agenor warf dem Großmeister einen Blick zu, welchen sagen wollte: »Soll ich Euch von diesem Menschen befreien, hoher Herr? Das wird bald geschehen sein.

Mothril stellte sich, als hörte er die Worte nicht und als sähe er den Blick nicht.

»Ich sagte also, die ehrgeizigen Bestrebungen haben angefangen an den Tag zu treten, die Anhänglichkeiten wurden lockerer, und in dem Augenblick, wo der König Don Pedro beinahe die Ewigkeit berührte, öffneten sich die Pforten des Schlosses von Alcala und in einer Nacht entfernte sich Dona Bianca daraus, geleitet von einem unbekannten Ritter, der sie bis Toledo führte, wo sie verborgen blieb. Doch die Vorsehung wollte, daß unser viel geliebter König Don Pedro, beschützt durch alle Gebete seiner Unterthanen und wahrscheinlich auch durch die seiner Familie, wieder zu Kraft und Gesundheit gelangte. Da vernahm er die Flucht von Dona Bianca, die Hilfe des unbekannten Ritters und den Ort, wohin sie sich geflüchtet hatte. Er befahl sogleich, sie festzunehmen, die Einen sagen, um sie nach Frankreich zurückzuführen, und ich bin der Ansicht von diesen, die Andern sagen, um sie in engeren Gewahrsam als zuvor einzuschließen. Was aber auch die Absicht des Königs, ihres Gemahls, gewesen sein mag, Dona Bianca flüchtete sich, zu rechter Zeit von den Befehlen, die er gegeben, in Kenntniß gesetzt, in die Kathedrale von Toledo an einem Sonntag, mitten unter dem Gottesdienst, und hier erklärte sie den Einwohnern, sie fordere das Asylrecht und stelle sich unter den Schutz des Gottes der Christen. Es scheint, Dona Bianca ist schön,« fuhr der Maure fort, indem er abwechselnd den Ritter und den Großmeister anschaute, als wollte er sie befragen, »zu schön sogar. Ich meines Theils habe sie nie gesehen. Ihre Schönheit, das mit ihrem Unglück verknüpfte Geheimniß, wer weiß? vielleicht schon lange vorbereitete Einflüsse bewegten alle Seelen zu ihren Gunsten. Der Bischof, der einer von denjenigen war, welche die Ehe für nichtig erklärt hatten, wurde aus der Kirche verjagt, die man in eine Festung verwandelte, und wo man sich Dona Bianca gegen die herannahenden Wachen des Königs zu vertheidigen anschickte.«

»Wie,« rief Agenor, »die Wachen hatten im Sinn, Dona Bianca aus einer Kirche wegzuführen! Christen willigten ein, das Asylrecht zu verletzen!«

»Ei! mein Gott, ja!« erwiderte Mothril. »Der König Don Pedro wandte sich zuerst an seine maurischen Bogenschützen; doch diese baten ihn, in Erwägung zu ziehen, daß die Entheiligung eine noch größere wäre, wenn er Ungläubige zu einer solchen Profanation verwenden würde, und Don Pedro begriff diese Bedenklichkeit. Er wandte sich also an Christen, und diese willigten ein. Was wollt Ihr, Herr Ritter! alle Religionen sind voll von solchen Widersprüchen, und diejenigen, welche am wenigsten haben, sind die besten.«

»Willst Du etwa sagen, Du Ungläubiger,« rief der Großmeister, »willst Du damit sagen, die Religion des Propheten sei mehr werth, als die Religion Christi?«

»Nein, erhabener Großmeister, ich will dergleichen nicht sagen, und Gott behüte ein armes Atom von Staub, wie ich bin, irgend eine Meinung über einen solchen Gegenstand zu haben! Nein. In diesem Augenblick bin ich nur ein einfacher Erzähler und wiederhole die Abenteuer von Madame Blanche von Bourbon, wie die Franzosen sagen, oder von Dona Bianca von Bourbone, wie die Spanier sagen.«

»Unverwundbar!« murmelte Don Federigo.

»So viel ist gewiß,« fuhr Mothril fort, »daß die Wachen diese abscheuliche Heiligthumsverletzung begingen, in die Kirche eindrangen und dort Dona Bianca wegreißen wollten, als plötzlich ein Ritter, ganz mit Eisen bedeckt, das Visir niedergelassen, ohne Zweifel derselbe unbekannte Ritter, der der Gefangenen zu ihrer Flucht verholfen hatte, zu Pferde in die Kirche sprengte.«

»Zu Pferde!« rief Agenor.

»Ja, gewiß,« erwiderte Mothril! »das ist eine Kirchenschänderei, aber vielleicht war es ein Ritter, dem sein Name, sein Rang, oder irgend ein militärischer Orden das Recht hierzu gaben. Es bestehen mehrere Privilegien dieser Art in Spanien. Der Großmeister von San Jago, zum Beispiel, hat das Recht, behelmt und bespornt in alle Kirchen der Christenheit einzutreten. Ist das nicht wahr, Don Federigo?«

»Ja,« antwortete Don Federigo mit dumpfem Tone, »das ist die Wahrheit.«

»Nun wohl!« sprach der Maure, »dieser Ritter kam in die Kirche, stieß die Wachen zurück, rief die ganze Stadt unter die Waffen, und bei seinem Aufruf empörte sich die Stadt, vertrieb die Soldaten des Königs Don Pedro und schloß ihre Thore.«

»Doch seitdem,« sagte Don Federigo, »hat sich der König, mein Bruder, gerächt, und die zwei und zwanzig Köpfe, welche auf seinen Befehl aus dem öffentlichen Platze von Toledo fielen, haben ihm mit Recht den Beinamen der Justiciar eingetragen.«

»Ja, doch unter diesen zweiundzwanzig Köpfen war nicht der des meuterischen Ritters, denn nie hat ein Mensch erfahren, wer dieser Ritter war.«

»Und was hat der König mit Dona Bianca gemacht?« fragte Agenor.

»Dona Bianca wurde in das Schloß von Xexes geschickt, wo man sie gefangen hält, obgleich sie vielleicht eine viel härtere Strafe als die der Gefangenschaft verdient hätte.«

»Herr Maure,« sprach Don Federigo, »es geziemt sich nicht für uns, zu entscheiden, was für eine Strafe oder Belohnung diejenigen verdienen, welche Gott auserwählt hat, um sie an die Spitze der Nationen zu stellen. Nur Gott steht über ihnen und Gott allein kommt es zu, sie zu bestrafen oder zu belohnen.«

»Unser edler Herr spricht würdig,« erwiderte Mothril, indem er seine beiden Hände über seiner Brust kreuzte und seinen Kopf bis aus den Hals seines Pferdes neigte; »sein demüthiger Sklave hatte Unrecht, zu sprechen, wie er es gethan.«

In diesem Augenblick kam man an den Ort, an dem man am Abend Halt zu machen gedachte, und man hielt auch wirklich an, um die Zelte auszuschlagen.

Als sich der Maure entfernte, um dem niedersetzen der Sänfte beizuwohnen, näherte sich Don Federigo dem Ritter und sagte rasch zu ihm:

»Sprecht nichts mehr, was den König, oder Dona Bianca oder mich selbst betrifft, vor diesem verdammten Mauren, den ich alle Augenblicke von meinem Hunde erwürgen zu lassen Lust habe; sprecht nichts mehr davon bis zum Abendmahle, dann sind wir allein und können nach Muße plaudern.«

»Und Mothril der Maure wird er nicht ebenfalls dabei sein, wie immer?«

»Mothril der Maure wird genöthigt sein, uns allein zu lassen, er ißt nicht mit Christen; überdies hat er seine Sänfte zu bewachen.«

»Diese Sänfte enthält also einen Schatz?«

»Ja,« antwortete Federigo lächelnd, »Ihr täuscht Euch nicht, es ist ein Schatz.«

In diesem Augenblick näherte sich Fernando; Agenor hatte an diesem Tage schon genug Indiscretionen begangen, um zu befürchten, er könnte neue begehen. Aber wenn er seine Neugierde auch unterdrückte, so war sie doch nur um so lebhafter.

Fernando kam herbei, um die Befehle seines Herrn einzuholen, denn das Zelt von Don Federigo war mitten im Lager aufgeschlagen worden.

»Laß uns auftragen, mein guter Fernando,« sprach der Großmeister zu dem jungen Mann, »der Ritter muß Hunger und Durst haben.«

»Und ich werde zurückkommen,« sagte Fernando, »Ihr wißt, daß ich es versprochen habe, und Ihr wißt auch, wem ich es versprochen habe.«

Eine flüchtige Rothe stieg dem Großmeister in die Wangen.

»Bleibe also bei uns, Kind,« sagte er, »denn ich habe keine Geheimnisse vor Dir.«

Das Mahl wurde unter dem Zelte des Großmeisters aufgetragen; Mothril wohnte demselben in der That nicht bei.

»Nun, da wir allein sind,« sprach Agenor, »denn es ist, als ob wir allein wären, da Ihr, wie Ihr selbst sagtet, keine Geheimnisse vor diesem jungen Manne habt, erzählt mir, theurer Herr, was vorgefallen ist, damit ich in Zukunft nichts dem ähnlich begehe, was ich so eben begangen habe.«

Don Federigo schaute unruhig umher und sagte:

»Eine linnene Wand ist ein sehr schwacher Wall, um ein Geheimniß zu bewahren. Mann kann unten hineinsehen, man kann durch dieselbe hören.«

»Dann sprechen wir von etwas Anderem,« versetzte Mauléon; »trotz meiner natürlichen Neugierde werde ich warten. Und überdies, wenn es sich auch Satan zur Aufgabe machte, uns zu verhindern, finden wir doch sicherlich einen Augenblick von hier bis Sevilla, um ein paar Worte auszutauschen, ohne daß wir etwas zu befürchten haben.«

»Wäret Ihr nicht so müde gewesen sagte Don Federigo, »so hätte ich Euch eingeladen, mit mir mein Zelt zu verlassen, wir würden hinausgegangen sein. Jeder mit seinem Schwerte bewaffnet, in unsere Mäntel gehüllt, begleitet von Fernando, und hätten an einem Orte der Ebene geplaudert, der offen genug gewesen wäre, daß man hätte sicher sein können, aus fünfzig Schritte von uns würde uns Niemand hören, und verwandelte sich der Maure auch in eine Schlange als in seine erste Form.«

»Senor,« erwiderte Agenor mit jenem Lächeln, das die Stärke und das unerschöpfliche Vertrauen der Jugend verleihen, »ich bin nie müde. Oft, nachdem ich den Gemsbock aus den höchsten Felsen unserer Gebirge gejagt hatte, sagte mein edler Vormund Ernauton von Sainte-Colombe zu mir, wenn ich am Abend zurückkehrte: »»Agenor, man hat die Spur eines Bären im Gebirge erkannt, ich weiß, wo er wechselt; willst Du mit mit mir kommen und aus ihn warten?«« Ich nahm mir nur Zeit, um das Wildpret, das ich nach Hause brachte, niederzulegen, und brach, welche Stunde es auch war, auf's Neue auf.«

»Vorwärts also,« sprach Don Federigo.

Sie legten ihre Helme und ihre Panzer ah und hüllten sich in ihre Mäntel, minder noch wegen der zwischen den Gebirgen stets kalten Nächte, als um unbekannt zu bleiben; dann verließen sie ihre Zelte und wanderten in der Richtung fort, die sie am schnellsten aus dem Lager führen mußte.

Der Hund wollte ihnen folgen, doch Don Federigo machte ihm ein Zeichen, und das verständige Thier legte sich bei der Thüre des Zeltes nieder; er war Jedermann so bekannt, daß er bald das Incognito der zwei Freunde verrathen hätte.

Schon bei den ersten Schritten wurden sie von einer Schildwache angehalten.

»Wer ist dieser Soldat?« fragte Don Federigo seinen Pagen Fernando, indem er einen Schritt rückwärts machte.

»Es ist Ramon der Armbrustschütze, gnädigster Herr,« erwiderte der Page; »man sollte gut Wache halten um die Lagerstätte Eurer Herrlichkeit, und ich stellte selbst eine Linie von Schildwachen aus; Ihr wißt, ich habe Euch zu hüten versprochen.«

»So sage ihm, wer wir sind,« sprach der Großmeister, »diesem unsern Namen zu offenbaren, ist nicht gefährlich.«

Fernando näherte sich der Schildwache und sagte ihr leise ein Wort. Der Soldat hob seine Armbrust in die Höhe, trat ehrfurchtsvoll bei Seite und ließ die Spaziergänger vorüber.

Doch kaum hatten sie fünfzig Schritte gemacht, als sich eine weiße, unbewegliche Gestalt in der Dunkelheit erhob. Der Großmeister, welcher nicht wußte, wer dies sein konnte, ging gerade auf das Gespenst zu. Es war eine zweite Schildwache, in einen Caban gehüllt: sie senkte ihre Lanze und sagte spanisch, jedoch mit dem gutturalen Accent der Araber:

»Man geht nicht vorbei.«

»Und dieser?« fragte Don Federigo den Pagen, »wer ist es?«

»Ich kenne ihn nicht,« antwortete Fernando.

»Du hast ihn also nicht ausgestellt?«

»Nein, es ist ein Maure.«

»Laß uns vorbei,« sagte Don Federigo arabisch.

Der Maure schüttelte den Kopf und hielt fortwährend dem Großmeister die scharfe Spitze seiner Hellebarde aus die Brust.

»Was soll das bedeuten? bin ich denn Gefangener, ich, der Großmeister, ich, der Fürst? Hollah! meine Wachen herbei!«

Fernando zog ein goldenes Pfeifchen aus seiner Tasche und pfiff.

Doch vor den Leibwachen, sogar vor der spanischen Schildwache, welche fünfzig Schritte hinter den Spaziergängern stand, erschien rasch und springend der Hund von Don Federigo, der, als er die Stimme seines Herrn erkannte und begriff, daß er um Hilfe rief, mit gesträubten Haaren herbeilief, mit einem Satze, mit einem Tigersatze auf den Mauren losstürzte und ihn durch die Falten seines Caban so gewaltig bei der Gurgel packte, daß der Soldat einen Schrei ausstoßend niederstürzte.

Bei dem Nothgeschrei kamen Mauren und Spanier aus den Zellen hervor: die Spanier eine Fackel in einer Hand und das Schwert in der andern; die Mauren schweigsam und ohne Licht, Raubthieren ähnlich in der Finsterniß hinschlüpfend.

»Herein, Alan!» rief der Großmeister.

Aus diesen Ruf ließ der Hund langsam und wie mit Bedauern seine Beute los und wich, die Augen aus den Mauren geheftet, der sich aus ein Knie erhob, bis zu den Fußen seines Herrn zurück, bereit, aus ein Zeichen von diesem abermals loszustürzen.

In diesem Augenblick kam Mothril.

Der Großmeister wandte sich gegen ihn um und sprach mit der doppelten Majestät, die ihn zum Fürsten zugleich dem Herzen und »er Geburt nach machte:

»Wer hat Schildwachen in meinem Lager ausgestellt? Antwortet, Mothril. Dieser Mensch gehört Euch. Wer hat ihn hierher gestellt?«

»In Euer Lager, hoher Herr,« erwiderte Mothril mit der größten Demuth: »oh! nie wäre ich so vermessen gewesen. Ich habe nur diesen treuen Diener hier (und er deutete auf den Mauren, der aus einem Knie lag und seine blutige Kehle zwischen beiden Händen hielt), ich habe nur diesem treuen Diener Befehl gegeben. Wache zu halten, aus Furcht vor nächtlichen Ueberfällen, und er wird meine Befehle überschritten oder Euch nicht erkannt haben; jedenfalls aber, wenn er den Bruder meines Königs beleidigt hat, und man glaubt, diese Beleidigung verdiene den Tod, soll er sterben.«

»Nein,« sprach Don Federigo.

»Die böse Absicht macht den Schuldigen, und sobald Ihr mir dafür steht, daß die seinige gut war, Herr Mothril, bin ich ihm eine Entschädigung für die Lebhaftigkeit meines Hundes schuldig. Fernando gib diesem Menschen Deine Börse.«

Fernando näherte sich mit Widerstreben dem Verwundeten und warf ihm seine Börse zu, die er aufhob.

»Nun, Herr Mothril,« sprach Don Federigo wie ein Mann, der nicht den geringsten Widerspruch gegen seinen Willen zulassen würde, »ich danke Euch für Eure Sorgfalt, doch sie ist unnöthig, meine Wachen und mein Schwert genügen, um mich zu vertheidigen; wendet also Euer Schwert an, um Euch und Eure Sänfte zu bewachen, und nun, da Ihr wißt, daß ich weder Eurer, noch der Eurigen bedarf, kehrt unter Euer Zelt zurück, Senor Mothril, und schlaft im Frieden.«

Der Maure verbeugte sich und Don Federigo ging weiter.

Mothril ließ ihn gehen, und als er die drei Gestalten des Prinzen, des Ritters und des Pagen in der Dunkelheit sich, hatte verlieren sehen, näherte er sich der Schildwache und fragte:

»Bist Du verwundet?«

»Ja,« antwortete die Schildwache mit düsterer Miene.

»Schwer?«

»Die Zähne des verfluchten Thieres sind, in ihrer ganzen Länge in meine Gurgel eingedrungen.«

»Leidest Du?«

»Sehr.«

»Zu sehr, als daß Du Dich rächen könntest?«

»Wer sich rächt, leidet nicht; befehlt.«

»Ich werde befehlen, wenn es Zeit ist; komm.«

Hiernach kehrten Beide in das Lager zurück.

Während Mothril und der verwundete Soldat sich dem Lager zuwandten, wanderte Don Federigo, begleitet von Agenor und Fernando, in der düsteren Landschaft fort, deren Horizont die Sierra Estrella bildete; von Zeit zu Zeit schickte er voraus oder zurück den Hund mit dem unfehlbaren Geruche, der, wenn man ihnen gefolgt wäre, sicherlich seinen Herrn von der Gegenwart des Spions benachrichtigt hätte.

Sobald er glaubte, er sei vom Lager entfernt genug, daß der Klang seiner Stimme nicht mehr bis dahin dringen könnte, blieb Don Federigo stehen, legte seine Hand aus die Schulter des Ritters und sagte mit dem tiefen Ausdruck, welcher offenbart, daß die Stimme vom Herzen kommt:

»Höre, Agenor, sprich mir nie mehr von der Person, deren Namen Du genannt hast; wenn Du vor Fremden von ihr sprichst, wirst Du meine Stirne erröthen und meine Hand zittern machen; sprächst Du von ihr, wenn wir allein wären, so würdest Du meine Seele vergehen machen. Die unglückliche Dona Bianca hat die Gnade ihres königlichen Gemahls nicht zu erlangen gewußt; der so reinen und sanften Französin hat er Maria Padilla, die hochmüthige und glühende Spanierin, vorgezogen. Eine ganze beklagenswerthe Geschichte von Argwohn, Krieg und Blut ist in den wenigen Worten enthalten, die ich Dir gesagt habe. Eines Tags, wenn es nöthig ist, werde ich Dir mehr sagen; doch bis dahin beobachte Dich, Agenor, und sprich mir nicht mehr von ihr; ich denke nur zu viel an sie, ohne daß man von ihr spricht,«

Bei diesen Worten hüllte sich Federigo in seinen Mantel, als wollte er einen ungeheuren Schmerz mit sich absondern und begraben.

Agenor blieb nachdenkend beim Großmeister; er suchte, indem er seine Erinnerungen zurückrief, diejenigen Theile des Geheimnisses seines Freundes zu durchdringen, wobei er ihm nützlich sein könnte, und denen, wie er wohl einsah, die Einladung, die er von ihm erhalten, nicht fremd war.

Der Großmeister begriff, was in dem Herzen von Agenor vorging, und fügte bei:

»Dies ist es, was ich Dir sagen wollte, Freund; Du wirst fortan bei mir leben und, da ich keine Vorsicht gegen meinen Bruder zu gebrauchen habe, ohne daß ich von ihr spreche, ohne daß Du mir von ihr sprichst, am Ende den Abgrund erforschen, vor dem ich selbst erschrecke; doch für den Augenblick gehen wir nach Sevilla, die Feste eines Turniers erwarten mich dort; der König, mein Bruder, will mir Ehre anthun, wie er sagt, und er hat mir in der That, wie Du gesehen, Don Mothril, seinen Rath und seinen Freund, geschickt.«

Fernando zuckte die Achseln, um zugleich Haß und Verachtung auszudrücken.

»Ich gehorche also,« erwiderte Federigo, seinen eigenen Gedanken beantwortend; »doch schon als ich Coimbra verließ, hatte ich Argwohn, und die Beaufsichtigung, die man um mich her übt, hat diesen Argwohn bestätigt. Ich werde also wachen. Ich habe nicht nur zwei Augen, ich habe auch die meines ergebenen Dieners Fernando, und wenn Fernando mich verläßt, um eine geheime, unerläßliche Sendung zu vollziehen, so bleibst Du bei mir, denn ich bin Euch Beiden in gleicher Freundschaft zugethan.«

Und Don Federigo reichte jedem von den zwei jungen Leuten eine Hand, welche Agenor ehrfurchtsvoll an sein Herz drückte und Fernando mit Küssen bedeckte.

»Edler Herr,« sprach Mauléon, »ich bin sehr glücklich, so zu lieben und geliebt zu werden; doch ich komme sehr spät, um meinen Antheil an einer so lebhaften Freundschaft zu nehmen.«

»Du wirst unser Bruder sein,« erwiderte Don Federigo, »Du wirst in unser Herz einziehen, wie wir in das Deinige. Und nun sprechen wir nur von den Festen und von den schönen Lanzenstößen, die uns in Sevilla erwarten. Kommt und laßt uns ins Lager zurückkehren.«

Hinter dem ersten Zelte, an dem er vorbei schritt, fand Don Federigo Mothril, der ganz wach hier aufgepflanzt war; er blieb stehen und schaute den Mauren an, ohne den Aerger verbergen zu können, den ihm diese Hartnäckigkeit verursachte.

»Senor,« sagte Mothril zu Don Federigo, »als ich sah, daß Niemand im Lager schlief, kam mir ein Gedanke; würde es Eurer Hoheit, da die Tage so glühend heiß sind, nicht gefallen, sich wieder in Marsch zu setzen? Der Mond geht aus, die Nacht ist mild und schön, und Ihr kürzt dadurch die Ungeduld des Königs, Eures Bruders ab.«

»Doch Ihr?« sagte Federigo, »doch Eure Sänfte?«

»Oh! Senor,« erwiderte der Maure, »ich und alle meine Leute sind Eurer Hoheit zu Befehl.«

»Vorwärts also, es ist mir genehm,« sprach Federigo, »gebt Befehl zum Ausbruch.«

Während man die Pferde und Maulthiere sattelte, während man die Zelte abschlug, näherte sich Mothril der verwundeten Schildwache und fragte sie:

»Wenn wir zehn Meilen in dieser Nacht machen, so haben wir die erste Gebirgskette überschritten?«

»Ja,« antwortete der Soldat.

»Und wenn wir morgen Abend gegen sieben Uhr aufbrechen, um welche Stunde werden wir bei der Furt der Zezere sein?«

»Um elf Uhr.«

Um die von dem Soldaten bezeichnete Stunde war man zum Lagerungsplatz gekommen. Diese Art, zu reisen, war, wie es der Maure vorhergesehen. Jedermann angenehm gewesen und hatte für ihn noch den besonderen Vortheil gehabt, daß er seine Sänfte leichter den neugierigen Blicken von Musaron zu entziehen vermochte.

Denn eine einzige Sorge beschäftigte den würdigen Knappen, die, zu erfahren, welche Art von Schatz in dem vergoldeten Kasten, den Mothril so ängstlich hütete, verborgen sei.

Als wahrer Sohn Frankreichs nahm er auch keine Rücksicht auf die Anforderungen des neuen Klima, in welchem er sich fand, und er schweifte bei der größten Hitze des Tages um die Zelte her.

Die Sonne schoß senkrecht herab, Alles war verlassen auf dem Felde. Federigo hatte sich, um ganz seinen Gedanken zu leben, unter sein Zelt zurückgezogen. Fernando und Agenor plauderten unter dem ihrigen, als sie plötzlich Musaron auf der Schwelle erscheinen sahen. Der Knappe zeigte das lachende Gesicht eines Menschen, der beinahe sein längst ersehntes Ziel erreicht hat.

»Seigneur Agenor,« sagte er, »eine große Entdeckung?«

»Welche?« fragte de« Ritter, der an die scherzhaften Ausfälle seines Knappen gewöhnt war.

»Don Mothril spricht mit der Sänfte und die Sänfte antwortet ihm.«

»Und was sagen sie sich?« fragte der Ritter.

»Ich habe wohl das Gespräch gehört, doch ich konnte es nicht verstehen, in Betracht, daß sie Arabisch mit einander sprachen.«

Der Ritter zuckte die Achseln.

»Was sagt Ihr hierzu, Fernando?« fragte er.

»Wenn man Musaron glauben darf, spricht der Schatz von Don Mothril.«

»Darüber darf man sich nicht wundern,« erwiderte der Page, »der Schatz von Don Mothril ist eine Frau.«

»Ah! . . .« machte Musaron, im höchsten Maße erstaunt.

»Jung?« fragte Agenor lebhaft.

»Wahrscheinlich.«

»Schön?«

»Ah! Ihr fragt mich zu viel, Herr Ritter; ich glaube, nur wenige Personen, selbst von dem Gefolge von Don Mothril, vermöchten Euch hierauf zu antworten.«

»Nun wohl, ich werde es erfahren,« sprach Agenor.

»Wie dies?«

»Da Musaron bis zum Zelte gekommen ist, so werde ich wohl auch dahin gelangen. Wir Gebirgsjäger sind gewohnt, von Fels zu Fels zu schlüpfen und die Gemsen aus den Gipfeln unserer Pics zu überraschen. Der Senor Don Mothril wird weder schlauer, noch argwöhnischer sein, als eine Gemse.

»Es sei,« sprach Fernando, ebenfalls durch einen unwiderstehlichen Zug toller Jugend fortgerissen; »doch nur unter der Bedingung, daß ich mit Euch gehe.«

»Kommt, und Musaron soll mittlerweile wachen.«

Agenor hatte sich nicht getauscht, und man hatte nicht einmal so viel Vorsicht nöthig. Es war elf Uhr Morgens. Die Sonne Afrikas schoß ihre heißesten Strahlen aus die Erde herab; das Lager schien verlassen; die spanischen und maurischen Schildwachen hatten den Schatten eines Felsen oder eines einsamen Baumes gesucht, so daß man sich, wenn die Zelte nicht gewesen wären, die der Landschaft den augenblicklichen Anschein der Bewohnung gaben, in einer Wüste hätten glauben können. Das Zelt von Don Mothril war das entfernteste. Um es noch mehr abzusondern, oder um ihm ein wenig Frische zu geben, hatte er es an eine Gruppe von Bäumen angelehnt. In dieses Zelt hatte er die Sänfte bringen lassen, und vor der Thüre fiel ein großes Stück türkischen Stoffes herab, das den Blick in das Innere zu dringen verhinderte. Musaron bezeichnete ihnen dieses Zelt als dasjenige, welches den Schatz enthalte. Die jungen Leute ließen Musaron an dem Platz, wo er war, und von wo er Alles, was aus der Seite des Zeltes vorging, sehen konnte, machten einen Um weg und erreichten das Ende des Gehölzes; sobald sie hier waren, hielten sie den Athem an, dämpften sie ihre Tritte, schoben sie behutsam die Zweige, deren Rauschen sie hätte verrathen können, auseinander, und schlichen sich, ohne von Don Mothril gehört zu werden, bis zu dem kreisförmigen Zelte, in dessen Mittelpunkt Don Mothril und seine Sänfte sich befanden.

Man konnte nichts sehen, doch man konnte horchen.

»Oh!« sagte Agenor, »das Gespräch wird uns nicht viel lehren, denn sie sprechen Arabisch.«

Fernando legte den Finger aus seine Lippen und erwiderte:

»Ich verstehe das Arabische, laßt mich hören.«

Der Page horchte und der Ritter blieb still.

»Das ist seltsam,« sagte Fernando nach wenigen Augenblicken, »sie sprechen von Euch.«

»Von mir?« versetzte Agenor, »unmöglich.«

»Doch, wenn ich mich nicht sehr täusche.«

»Und was sagen sie?«

»Don Mothril hat bis jetzt allein gesprochen. Er hat gefragt: »»Ist es der Ritter mit dem rothen Helmbusch?««

In dem Augenblick, wo der Page diese Worte vollendete, erwiderte eine melodische, vibrirende Stimme, eine von jenen Stimmen, welche Ambra und Perlen zu destilliren scheinen und ein Echo im Herzen finden:

»Ja, es ist der Ritter mit dem rothen Helmbusch; er ist jung und schön.«

»Jung allerdings,« erwiderte Mothril, »denn er ist kaum zwanzig Jahre alt, doch schön, das leugne ich.«

»Er trägt seine Waffen gut und scheint muthig zu sein.«

»Muthig! ein Räuber! ein Geier der Pyrenäen, der sich auch aus den Leichnam unseres Spanien niedergelassen hat!«

»Was sagt er?« fragte Agenor.

Der Page wiederholte lachend die Worte von Mothril.

Der Ritter wurde roth bis über die Stirne; er legte die Hand an den Griff seines Degens und zog ihn halb aus der Scheide. Fernando hielt ihn zurück.

»Edler Herr,« sagte er, »das ist der Lohn der Indiscreten; doch ohne Zweifel wird die Reihe auch an mich kommen: horchen wir.«

Die sanfte Stimme fuhr stets in arabischer Sprache fort:

»Es ist der erste Ritter von Frankreich, den ich sehe; verzeiht mir also ein wenig Neugierde.

Die französischen Ritter sind berühmt durch ihre Artigkeit, wie man mich versichert.

Ist dieser im Dienste des Königs Don Pedro?«

»Aissa,« entgegnete Mothril mit einem Ausdruck gedrängter Wuth, »sprecht mir nicht mehr von diesem jungen Menschen.«

»Ihr,« erwiderte die Stimme, »Ihr habt mir von ihm gesprochen, als wir ihn im Gebirge trafen; Ihr habt mich, nachdem Ihr mir unter den Bäumen, wo er uns voran geritten, Halt zu machen zugesagt, ermahnt, eine Strapaze mehr zu ertragen, um nach Coimbra zu kommen, ehe der französische Herr mit Federigo sprechen könnte.«

Fernando legte seine Hand auf den Arm des Ritters, es kam ihm vor, als zerrisse der Schleier und entblößte das Geheimniß des Mauren.

»Was sagt er denn?« fragte der Ritter.

Fernando wiederholte ihm Wort für Wort, was Mothril gesagt.

Doch dieselbe Stimme fuhr mit einem Tone fort, der dem Ritter bis ins Herz ging, obgleich er die Worte nicht verstand, und fragte: »Warum scheint Ihr ihn denn so zu fürchten, wenn er nicht muthig ist?«

»Ich mißtraue Jedermann und fürchte Niemand,« erwiderte Mothril. »Dann finde ich es unnöthig, daß Ihr Euch mit einem Mann beschäftigt, den Ihr bald nicht mehr sehen sollt.«

Mothril hatte diese letzten Worte mit einem Ton gesprochen, der keinen Zweifel über ihre Bedeutung übrig ließ; Agenor erkannte auch an der Bewegung, die der Page machte, daß er etwas Wichtiges erlauert hatte.

»Seid aus Eurer Hut, Sire von Mauléon,« sagte er. »Ihr habt in Don Mothril einen Feind, mag nun Politik oder Eifersucht die Ursache sein.«

Agenor lächelte verächtlich.

Beide horchten wieder, hörten aber nichts mehr. Einige Minuten nachher erblickten sie durch die Bäume Mothril, der sich entfernte und den Weg nach dem Zelte von Don Federigo einschlug.

»Mir scheint,« sagte Agenor, »dies wäre der Augenblick, die schöne Aissa, welche so viel Sympathie für die fränkischen Ritter hat, zu sehen und zu sprechen.«

»Sie sehen, ja, sie sprechen, nein,« erwiderte Fernando. »Denn, glaubt mir, Mothril hat sich nicht entfernt, ohne Wachen vor der Thüre zurückzulassen.«

Und er machte mit der Spitze seines Dolches in die Naht des Zeltes eine schmale Oeffnung, welche, so schmal sie auch war, dem Blick in das Innere zu dringen gestattete.

Aissa lag aus einem Ruhebett von purpurnem, mit Gold gesticktem Stoff, und war in eine von jenen stummen, lächelnden Träumereien versunken, die den Frauen des Orients, deren ganzes Leben sinnlichen Empfindungen angehört, eigenthümlich sind. Eine von ihren Händen hielt das musikalische Instrument, das man die Guzla nennt. Die andere war in ihre mit Perlen bestreuten schwarzen Haare getaucht, welche nur um so mehr ihre seinen, zart zugespitzten Finger mit den roth gefärbten Nägeln hervorhoben. Ein langer, feuchter Blick, der, um sich daraus zu heften, den Gegenstand zu suchen schien, den sie in ihrem Geiste sah, sprang unter ihrem Augenlid mit den seidenen Wimpern hervor.

»Wie schön ist sie!« murmelte Agenor.

»Senor,« erwiderte Fernando, »bedenkt wohl, es ist eine Maurin, und folglich eine Feindin unserer heiligen Religion.«

»Bah!« versetzte Agenor, »ich werde sie bekehren.« In diesem Augenblick hörte man Musaron husten. Dies war das verabredete Zeichen, wenn sich Jemand dem Gehölze nähern würde; und die zwei jungen Leute kehrten mit derselben Vorsicht, die sie zuvor angewendet, aus dem Weg, den sie schon gemacht hatten, zurück. Als sie an den Saum des Gehölzes kamen, erblickten sie aus der Straße von Sevilla eine kleine Truppe, bestehend aus einem Dutzend arabischer und castilianischer Reiter. Sie ritten gerade aus Mothril zu, der, sobald er sie erblickte, einige Schritte von dem Zelte des Großmeisters stehen blieb. Diese Reiter kamen abgesandt vom König Don Pedro und brachten eine neue Depeche an seinen Bruder. Die Depeche war begleitet von einem Brief für Mothril. Der Maure las den für ihn bestimmten Brief und trat in das Zelt von Don Federigo, nachdem er die Ankömmlinge einen Augenblick hatte warten heißen, für den Fall, daß es dem Großmeister belieben würde, einige Erläuterung von ihnen zu verlangen.

»Abermals!« rief Don Federigo, als er Mothril aus seiner Thürschwelle erblickte.

»Hoher Herr,« sprach der Maure, »was mich so kühn macht, bis zu Euch zu dringen, ist eine an Euch gerichtete Botschaft unseres geehrten Königs, die ich Euch ungesäumt übergeben wollte.«

Und er reichte den Brief Don Federigo, der ihn mit einem gewissen Zögern nahm. Doch bei den ersten Zeilen, die er las, klärte sich die Stirne des Großmeisters auf.

Die Depeche enthielt Folgendes:

»Mein viel geliebter Bruder, beeile Dich, denn schon ist mein Hof voll von Rittern aller Nationen. Sevilla freut sich in Erwartung der Ankunft des tapferen Großmeisters von San Jago. Diejenigen, welche Du mit Dir bringen wirst, sollen willkommen sein; doch hemme Deinen Marsch nicht durch ein zu großes Gefolge. Zum Ruhm wird es mir gereichen, Dich zu sehen, zum Glück, Dich bald zu sehen.«

Fernando und Agenor, denen diese neue Truppe, welche sich nach dem Zelte von Don Federigo wandte, einige Unruhe verursachte, traten nun ebenfalls ein.

»Ah!« sprach Don Federigo, indem er Agenor den Brief des Königs reichte, »leset und seht, welche Aufnahme uns zu Theil werden wird.«

»Wird Eure Hoheit nicht einige Worte des Willkomms zu denjenigen sagen, welche ihr diesen Brief gebracht haben?« fragte Mothril.

Don Federigo machte ein Zeichen mit dem Kopf, ging hinaus und dankte ihnen für die Eile, die sie angewendet, denn er hatte vernommen, daß sie den Weg von Sevilla bis zu seinen Zelten in fünf Tagen zurückgelegt. Nachdem er dies gethan, wandte sich Mothril an den Anführer und sprach:

»Ich behalte Deine Soldaten, um dem Großmeister mehr Ehre anzuthun. Du aber kehre zu dem König Don Pedro mit der Schnelligkeit der Schwalbe zurück und melde ihm, der Prinz sei im Marsch nach Sevilla begriffen.«

Dann fügte er ganz leise bei:

»Gehe und sage dem König, ich werde nicht ohne den Beweis, den ich ihm versprochen, zurückkehren.«

Der arabische Reiter verbeugte sich und schoß, ohne ein Wort zu erwidern, ohne sich oder sein Pferd zu erfrischen, wie ein Pfeil fort.

Dieser mit leiser Stimme gegebene Auftrag entging Fernando nicht, und obgleich er den Gegenstand desselben nicht wußte, weil er die Worte nicht hatte hören können, glaubte er doch seinem Herrn sagen zu müssen, der Wiederaufbruch des kaum angekommenen Führers erscheine ihm um so verdächtiger, als dieser Führer ein Maure und kein Castilianer sei.

»Höre,« sagte Don Federigo, als sie allein waren, »die Gefahr, wenn eine solche obwaltet, kann weder mich, noch Dich, noch Agenor bedrohen: wir sind starke Männer, welche keine Gefahr fürchten. Doch im Schlosse Medina Sidonia ist ein schwaches, wehrloses Wesen, eine Frau, welche schon zu viel für mich und meinetwegen gelitten hat. Du mußt abgehen; Du mußt mich verlassen; Du mußt durch irgend ein Mittel, dessen Wahl ich Deiner Gewandtheit anheimstelle, bis zu ihr gelangen und sie auf ihrer Hut zu sein ermahnen. Alles, was ich ihr nicht in einem Briefe sagen könnte, wirst Du ihr mündlich sagen.«

»Ich werde abreisen, wann Ihr wollt,« antwortete Fernando; »Ihr wißt, daß ich zu Euren Befehlen bin.«

Federigo setzte sich an einen Tisch und schrieb einige Zeilen auf ein Pergament, auf das er, nachdem er es geschlossen hatte, sein Siegel drückte. Als er hiermit zu Ende war, kam der unvermeidliche Mothril wieder in sein Zelt.

»Ihr seht,« sprach Don Federigo, »ich schreibe meinerseits auch an den König Don Pedro. Es hieß, wie mir scheint, seinen Brief kalt empfangen, daß man Eurem Boten nur eine mündliche Antwort ertheilte. Morgen früh wird Fernando abgehen.«

Der Maure verbeugte sich statt jeder Antwort; in seiner Gegenwart verschloß der Großmeister das Pergament in einen mit Perlen gestickten Beutel, übergab diesen dem Pagen und sprach zu ihm: »Du weißt, was damit zu thun ist?«

»Ja, gnädigster Herr, ich weiß es.«

»Aber,« versetzte Mothril, »aber da Eure Hoheit diesem fränkischen Ritter wohl gewogen ist, warum schickt sie nicht ihn ab, statt ihres Pagen, den sie nöthig haben dürfte? Ich würde ihn von vier von meinen Leuten escortiren lassen, und wenn er dem König den Brief, einen Brief seines Bruders überbrachte, so hätte er mit einem Male die Gnade verdient, die Ihr für ihn zu erbitten gedenkt.«

Die Schlauheit des Mauren brachte Don Federigo einen Augenblick in Verlegenheit; doch Fernando kam ihm zu Hilfe.

»Mir scheint,« sagte er zu Don Federigo, »mir scheint, daß man zum König von Castilien einen Spanier schicken muß. Ueberdies hat Eure Hoheit mich zuerst gewählt, und wenn sie es nicht durchaus befiehlt, so wünsche ich, daß mir die Ehre dieser Sendung übertragen bleibe.«

»Es ist gut,« erwiderte Don Federigo, »wir ändern nichts an dem, was wir einmal beschlossen haben.«

»Eure Hoheit ist der Herr,« sprach Mothril, »wir Alle haben keine andere Pflicht, als ihre Befehle zu vollziehen, und ich kam auch, um diese einzuholen.«

»Wozu?«

»Für die Abreise; ist es nicht verabredet, daß wir wie gestern in der Nacht reisen? Hat sich Eure Hoheit bei diesem nächtlichen Marsch schlecht befunden?«

»Nein, im Gegentheil.«

»Nun wohl! wir haben nur noch eine oder zwei Stunden Tag,« erwiderte Mothril; »es wäre also Zeit, aufzubrechen.«

»Gebt die Befehle, und ich werde bereit sein.«

Mothril ging hinaus.

»Höre,« sprach Don Federigo zu Fernando: »wir haben über den Fluß zu setzen. der von der Sierra Estrella herkommt und sich in den Tajo wirft. Im Augenblick des Uebergangs wird immer eine kurze Verwirrung stattfinden, benütze sie, sobald Du am andern User bist, um Dich auf der Stelle zu entfernen; denn ich glaube es ist Dir ebenso wenig als mir an der Escorte gelegen, die uns der Maure angeboten hat. Sei nur vorsichtig aus der Reise, sei noch vorsichtiger, wenn Du angekommen bist, denn Du weißt, daß sie aus das Strengste bewacht wird.«

»Ja, gnädigster Herr, ich weiß es.«

Mothril verlor keinen Augenblick, um die nöthigen Befehle zu geben. Die Karavane setzte sich in der gewohnten Ordnung in Marsch, nämlich eine Vorhut von maurischen Reitern sondirte den Weg; hernach kam Don Federigo von Mothril überwacht, und dann erst kamen die Sänfte und die Nachhut.

Gegen zehn Uhr erreichte man das Ende der Sierra und stieg dann in das Thal hinab. Eine Stunde nachher erblickte man durch die Bäume, mit denen der Abhang des Berges besetzt war, ein langes, gekrümmtes, bläuliches Band, aus dem der Mond an verschiedenen Stellen Taufende von Funken hervorspringen machte.

»Das ist die Zezere,« sagte Mothril; »mit der Erlaubniß Eurer Hoheit will ich die Furt untersuchen lassen.«

Dies war eine Gelegenheit für Don Federigo, einen Augenblick mit Agenor und Fernando zurückzubleiben. Er beeilte sich daher, den Mauren durch ein Zeichen mit dem Kopf zu entlassen.

Mothril marschirte, wie man weiß, nicht ohne die Sänfte; er machte auch eine Wendung gegen die Nachhut, und man sah ihn in Begleitung des Schatzes vorrücken, der Musaron, so lange er nicht wußte, welcher Natur er war, so sehr beschäftigt hatte.

»Nun ist es an mir, Eure Hoheit um eine Erlaubniß zu bitten,« sprach Agenor; »wir Franzosen haben die Gewohnheit, über die Flüsse zu setzen, wo wir uns gerade finden, und ich möchte gern zu gleicher Zeit mit dem Mauren jenseits des Flusses ankommen.«

Dies war abermals eine Gelegenheit für Don Federigo, Fernando seine letzten Instructionen geben zu können, ohne daß sie Jemand hörte.

»Macht es, wie es Euch beliebt,« sagte er zu dem Ritter, »setzt Euch aber nicht unnöthig einer Gefahr aus, Ihr wißt, daß ich Eurer bedarf.«

»Hoheit,« sprach Agenor, »wir werden uns aus dem andern Ufer wiederfinden.«

Und der Ritter machte in entgegengesetzter Richtung dieselbe kreisförmige Wendung, die der Maure und die Sänfte gemacht hatten, und verschwand begleitet von Musaron in den Krümmungen des Gebirges.




Fünftes Kapitel.

Der Uebergang über den Fluß


Der Maure, der zuerst abgegangen war, kam zuerst an das User des Flusses.

Ohne Zweifel hatte er entweder bei seiner Ankunft oder während der andern Reise die Furt untersucht, denn ohne das geringste Zögern ging er zum Rand des Flusses hinab, bis um den halben Leib in den Oleandern verborgen, welche im südlichen Theil von Spanien und Portugal beinahe immer die Flüsse begleiten. Auf ein Zeichen von ihm nahmen die Führer der Sänfte die Maulthiere am Zügel und stiegen, nachdem ihnen Mothril den Weg bezeichnet hatte, dem sie folgen sollten, und den ein kleines in dieser Richtung stehendes Orangenwäldchen leicht erkennbar machte, in den Fluß hinab und schickten sich an, ihn zu durchschreiten, eine Operation, die sie ausführten, ohne daß das Wasser höher als bis zum Bauch der Maulthiere ging.

So sehr auch Mothril mit der Sicherheit der Furt vertraut zu sein schien, folgte er doch nichtsdestoweniger mit den Augen dem Uebergang, bis er die kostbare Sänfte am andern User angelangt sah.

Nun erst schaute er umher und fragte, indem er sich bis zum Niveau der Oleander bückte: »Bist Du da?«

»Ja,« antwortete eine Stimme.

»Nicht wahr, Du wirst den Pagen wohl erkennen?«

»Es ist derjenige, welcher dem Hund gepfiffen hat.«

»Der Brief ist in einem Beutel, den er in einer Waidtasche trägt, welche an seiner Seite hängt.

Diese Waidtasche muß ich haben.«

»Ihr sollt sie haben,« erwiderte der Maure.

»Ich kann ihn also rufen? Du bist an Deinem Posten?«

»Ich werde daran sein, sobald es Zeit ist.«

Mothril stieg wieder am User hinauf und kehrte zu Don Frederigo und Fernando zurück.

Während dieser Zeit waren Agenor und Musaron ebenfalls auf der Böschung des Flusses angelangt, und der Ritter hatte, wie er es gesagt, ohne sich um die Tiefe des Wassers zu bekümmern, muthig sein Pferd in die Strömung getrieben.

Der Fluß hatte an den Usern nur eine geringe Tiefe. Der Ritter und sein Knappe sanken nur langsam und stufenweise ein. Als sie ungefähr drei Viertel des Uebergangs gemacht hatten, verlor das Pferd den Boden; aber unterstützt durch den Zügel und die Liebkosungen seines Reiters, schwamm es kräftig und faßte den Boden wieder ungefähr zwanzig Schritte von der Stelle, wo es ihn verloren hatte. Musaron folgte seinem Herrn wie sein Schatten und kam, nachdem er ungefähr dasselbe Manoeuvre gemacht hatte, wie er unversehrt auf die andere Seite der Strömung. Seiner Gewohnheit gemäß, wollte er sich laut zu dieser Heldenthat Glück wünschen, doch sein Herr legte einen Finger auf seine Lippen und hieß ihn durch dieses Zeichen schweigen. Beide erreichten also das User, ohne daß man etwas Anderes hörte, als das leichte Platschen des Wassers, und ohne daß ein anderes Merkmal Mothril den Uebergang des Ritters verrathen hätte.

Hier angelangt, hielt Agenor an, stieg ab und warf den Zügel seines Pferdes Musaron zu; dann beschrieb er einen Kreis und erreichte das andere Ende des Orangenwäldchens, vor dem man einen Mondstrahl auf dem vergoldeten Fries der Sänfte spielen sah; hätte er aber auch nicht gewußt, wo sie war, so würde er sie doch leicht gefunden haben. Die vibrirenden Töne der Guzla erklangen in der Nacht und offenbarten, daß Aissa, um sich zu zerstreuen, bis ihr Wächter ebenfalls übergegangen wäre, zu diesem Instrumente ihre Zuflucht genommen hatte.

Anfangs waren es nur Accorde ohne Folge, eine Art von unbestimmter Klage, dem Wind und der Nacht von den zerstreuten Fingern des Mädchens zugeworfen. Doch auf diese Accorde folgten Worte, und der Ritter erkannte zu seiner großen Freude, daß diese Worte, obgleich aus dem Arabischen übersetzt, im reinsten Castilianisch gesungen wurden. Die schöne Aissa verstand also das Spanische; der Ritter würde mit ihr sprechen können. Er trat immer näher hinzu, diesmal geleitet durch das Instrument und durch die Stimme.

Aissa hatte die Vorhänge ihrer Sänfte auf der dem Fluß entgegengesetzten Seite zurückgezogen, und die zwei Führer hatten sich, ohne Zweifel, um dem Befehle des Herrn zu gehorchen, ungefähr zwanzig Schritte von derselben entfernt. Das Mädchen lag mitten im Palankin, den der reinste Strahl des Mondes beleuchtete, dessen Lauf sie am wolkenlosen Himmel folgte. Ihre Haltung, war wie die aller Mädchen des Orients, voll natürlicher Anmuth und tiefer Wollust. Sie schien durch alle Poren jene Wohlgerüche der Nacht einzuathmen, welche ein warmer Südwind von der Ceuta gen Portugal sandte. Was das Lied betrifft, so war es eine von den orientalischen Compositionen ungefähr folgenden Inhalts:

»Es war die Abendstunde, die Stund' im Dämmerlicht, wo die Nachtigall dem Flug entsagt, und dann einsam aus dem Zweige, in des Thales Tiefe, ihren Sang ertönen läßt.

»Es war die Abendstunde, die Stunde spät und still, wo der Lärmen rings erlischt, wo die Rose ihren Wohlgeruch an des Flusses Rand dunkler Nacht als Opfergabe bringt.

»Die Lust ließ ihre Lieder schweigen, die Quell' sie murmelte nicht mehr, und Alles lauschte und selbst die Sterne horchten aus des Vogels Stimme.

»Er sprach zur Rose: »»Warum, der Frauen Blume, öffnest nur am Abend du den Kelch?«« Und sie sprach: »»Warum schenkst du dein Lied den Seelen nur, wenn schwarz der Himmel?««

»Darauf erwiedert er: »»Mein Sang gehört des Ufers Blume, die in der Nacht sich nur erschließt.«« »»Mein Duft dem Vogel, der schüchtern erst sein Lied beginnt, wenn das Geräusch des Tags erstirbt.««

»Und es vermengt' geheimnißvoll die Nacht des Herzens Wohlgeruch und seinen Liederschmuck. Und als der Morgen kam, fand er gesenkt zum Boden den Vogel zur Seit' der Blume.«

Als sie das letzte Wort geendigt, und als die letzten Accorde harmonisch in der Lust nachklangen, erschien der Ritter, außer Stands, seine Ungeduld länger zu bemeistern, in dem von den Mondstrahlen beleuchteten leeren Raum, zwischen dem Wäldchen und der Sänfte. Eine Frau des Occident, wenn sie plötzlich so einen Mann hätte auftauchen sehen, würde einen Schrei ausgestoßen und um Hilfe gerufen haben. Die schöne Maurin that weder das Eine, noch das Andere; sie erhob sich aus ihre linke Hand und zog mit der rechten einen kleinen Dolch, den sie im Gürtel trug; doch beinahe in demselben Augenblick stieß sie, den Ritter erkennend, den Dolch wieder in seine Scheide, ließ ihr Haupt auf eine ihrer weich gerundeten Hände fallen, näherte die andere ihren Lippen und bedeutete dem Ritter durch ein Zeichen, er möge sich geräuschlos nähern. Agenor gehorchte. Die langen Draperien der Sänfte, die großen Decken der Maulthiere bildeten eine Art von Wandung, die ihn unsichtbar für die Augen der zwei Wächter machte, welche überdies damit beschäftigt waren, daß sie nachdem andern User hinüberschauten, wo man Vorkehrungen zum Uebergang von Don Federigo und Fernando traf; er näherte sich also kühn der Hand des jungen Mädchens, welche außerhalb der Sänfte war, nahm sie, drückte seine Lippen daraus und sprach:

»Aissa liebt mich, und ich liebe Aissa.«

»Sind die Leute Deines Landes Nekromanten?« erwiderte sie, »daß sie im Herz der Frau die Geheimnisse lesen, die sie nur der Nacht und der Einsamkeit anvertraut hat?«

»Nein,« sprach der Ritter; »doch sie wissen, daß Liebe Liebe heischt. Sollte ich mich unglücklicher Weise getauscht haben?«

»Du weißt wohl, daß Du Dich nicht getäuscht hast,« sprach das Mädchen. »Seit Don Mothril mich in seinem Gefolge mit sich führt, als ob ich seine Frau und nicht seine Tochter wäre, habe ich die schönsten maurischen und castilianischen Ritter vorüberziehen sehen, ohne daß meine Augen sich von den Perlen meiner Armspange abwandten, ohne daß meine Gedanken dem Gebet abspänstig wurden. Aber bei Dir war es nicht wie bei den andern Männern: von dem Augenblick an, wo ich Dich im Gebirge traf, hätte ich gern aus meinem Palankin aussteigen und Dir folgen mögen. Du wunderst Dich, daß ich so mit Dir spreche; doch ich bin keine Frau der Städte: ich bin eine Blume der Einsamkeit, und wie die Blume ihren Wohlgeruch demjenigen gibt, welcher sie pflückt, und stirbt, so werde ich Dir meine Liebe geben, wenn Du sie willst, und sterben, wenn Du sie nicht willst.«

Wie Agenor der erste Mann war, aus den die schöne Maurin ihre Augen geheftet hatte, so war sie die erste Frau, die durch die Harmonie der Stimme, der Geberde und des Blickes so süß zu seinem Herzen gesprochen. Er schickte sich auch an, dieses seltsame Geständniß zu erwidern, das, statt ihn abzuweisen, ihm gleichsam entgegenkam, als plötzlich ein schmerzlicher, tiefer Schrei erscholl und Agenor und das junge Mädchen beben machte.

Zu gleicher Zeit hörte man die Stimme des Großmeisters rufen: »Zu Hilfe! Agenor! zu Hilfe! Fernando ertrinkt!» Mit einer raschen Bewegung kam das Mädchen beinahe aus seinem Palankin hervor, streifte die Stirne des jungen Mannes mit ihren Lippen, und sagte nur die Worte:

»Nicht wahr, ich werde Dich wiedersehen?«

»Oh! bei meiner Seele,« sprach Agenor.

»Eile also dem Pagen zu Hülse.«

Und sie schob ihn mit einer Hand zurück, während sie mit der andern die Vorhänge wieder zuzog.

Mit zwei Sprüngen und mit Hilfe einer leichten Wendung befand sich der Ritter wieder am Rande des Flusses. In einem Augenblick entledigte er sich seines Schwertes und seiner Sporen, und da er glücklicher Weise ohne Rüstung war, so stürzte er sich nach dem Punkte, wo die Bewegung des Wassers das Verschwinden des Pagen bezeichnete.

Man vernehme, was vorgefallen war:

Nachdem Mothril seine Sänfte hatte übersetzen lassen, nachdem er dem in den Oleandern verborgenen Mauren seine Instruction gegeben, kehrte er zu dem Großmeister und zu Fernando zurück, welche ungefähr hundert Schritte vom Ufer mit dem übrigen Gefolge warteten.«

»Senor,« sagte der Maure, »die Furt ist gefunden und die Sänfte, wie Eure Hoheit sehen kann, ohne Unfall am andern User angelangt. Doch, zu größerer Vorsicht werde ich zuerst Euren Pagen und dann Euch führen; meine Leute kommen hernach.«

Dieses Anerbieten entsprach so sehr den Wünschen des Großmeisters, daß er nicht den Gedanken hatte, die geringste Einwendung dagegen zu machen. Es konnte in der That nichts die Ausführung des zwischen Fernando und Don Federigo verabredeten Planes mehr erleichtern.

»Es ist gut,» sagte er zu Mothril. »Fernando wird zuerst gehen, und da er uns aus der Straße nach Sevilla voranreiten muß, so wird er seinen Weg fortsetzen, während wir den Uebergang über den Fluß vollends bewerkstelligen.«

Mothril deutete durch eine Verbeugung an, es stehe diesem Wunsche des Großmeisters kein Hinderniß entgegen.

»Habt Ihr durch dieselbe Gelegenheit dem König Don Pedro, meinem Bruder, etwas sagen zu lassen?« fragte Don Federigo.

»Nein, hoher Herr, mein Bote ist abgegangen und wird vor dem Eurigen ankommen.«

»Es ist gut,« sagte Don Federigo, »geht voran.«

Der Großmeister widmete den kurzen Raum, der ihm bis zum Flusse blieb, einer zärtlichen und klugen Ermahnung an Fernando. Er liebte ungemein diesen Pagen, den er noch als Kind zu sich genommen, und der junge Mann war ihm innig ergeben. Auch halte Don Federigo nicht gezögert, ihn, so jung er noch war, zum Vertrauten aller seiner Geheimnisse zu machen.

Mothril wartete am User des Flusses, Vom Mond beschienen, da und dort durch die großen Schatten des Gebirges unterbrochen, stellenweise durch die glänzenden Reflexe des Stromes beleuchtet, schien die Landschaft einem von jenen Feenreichen anzugehören, wie man sie im Traum sieht. Beruhigt durch dieses Schweigen und durch diese nächtliche Durchsichtigkeit, würde auch der mißtrauischste Mensch, wenn man ihn gewarnt hätte, nicht an die Gefahr haben glauben wollen.

Von Natur tapfer und abenteuerlich, wie man es in seinem Alter ist, empfand Fernando auch nicht die geringste Furcht und ritt aus seinem Rosse hinter dem Maulthier des Mauren nach dem Fluß.

Mothril ritt voran. Ungefähr fünfzehn Schritte hielten das Pferd und das Maulthier gerade Linie, doch allmälig zog sich der Maure gegen rechts.

»Ihr geht vom Wege ab, Mothril!« rief Don Federigo vom Ufer aus. »Nimm Dich in Acht, Fernando, nimm Dich in Acht!«

»Seid unbesorgt, Hoheit, da ich voran reite,« erwiderte Mothril. »Wenn eine Gefahr vorhanden wäre, so würde ich sie zuerst erkennen.«

Diese Antwort war nicht zu verwerfen. Fernando, obgleich der Maure immer mehr von der geraden Linie abging, faßte auch keinen Verdacht. Vielleicht war es überdies ein Mittel, das sein Führer anwandte, um die Strömung mit geringerer Schwierigkeit zu durchschneiden.

Das Maulthier des Mauren verlor den Boden, und das Pferd von Fernando fing an zu schwimmen; doch der Page kümmerte sich wenig darum, denn er selbst schwamm so, daß er sich wohl durch den Fluß arbeiten konnte, falls er zu seinen eigenen Kräften Zuflucht zu nehmen genöthigt gewesen wäre.

Der Großmeister beobachtete mit wachsender Unruhe den Uebergang.

»Ihre geht schräge, Mothril,« rief er. »Halte Dich zur linken Seite, Fernando!«

Doch Fernando, der sein Pferd kräftig schwimmen fühlte und dem der Maure immer voran ritt, faßte keine Angst ob diesem schiefen Zuge, worin er nur ein Spiel sah, und aus dem Sattel sich umwendend, antwortete er seinem Gebieter:

»Seid unbesorgt, Hoheit, ich folge dem guten Weg, da Herr Mothril vor mir ist.«

Doch während er diese Bewegung machte, war ihm eine seltsame Vision erschienen; er hatte in dem Sog, den sein Pferd hinter sich ließ, den Kopf eines Menschen zu sehen geglaubt, der sogleich, als er sich umgedreht, niedergetaucht war, doch nicht schnell genug, um seinem Blick zu entgehen.

»Senor Mothril,« sagte er zu dem Mauren, »mir scheint in der That, wir täuschen uns.

Eure Sänfte ist nicht hier hinübergekommen, und wenn mich nicht Alles trügt, sehe ich sie dort, in den Strahlen des Mondes, vor dem Orangenwäldchen und ganz zu unserer Linien.«

»Das ist nur ein kleiner etwas tieferer Raum,« erwiderte der Maure.

»Du gehst ganz ab!« rief abermals Don Federigo, doch schon so entfernt, daß seine Stimme kaum bis zu dem Jüngling gelangte.

»Es ist wahr,« sprach Fernando, den eine gewisse Unruhe zu ergreifen anfing, als er sah, daß sein wie durch eine Unbekannte Gewalt in die Strömung fortgezogenes Pferd vergeblich sich anstrengte, während, Herr seines Maulthiers, Mothril zu seiner Linken ziemlich entfernt von ihm blieb.

»Senor Mothril!« rief der Page, »das ist eine Verrätherei!«

Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als das Pferd plötzlich stöhnte, aus eine Seite sank, und das Wasser mit aller Gewalt schlug, doch ohne wie zuvor mit dem rechten Beine zu schwimmen. Beinahe in derselben Secunde wieherte es schmerzlich und hörte auch mit dem linken Beine auf zu schwimmen. Und nun, da es sich nur noch mit den Vorderbeinen zu halten vermochte, sank das Thier allmälig mit dem Kreuz unter das Wasser.

Fernando sah, daß der Augenblick, sich in den Fluß zu stützen, gekommen war, doch er wollte vergebens die Steigbügel verlassen: er fühlte sich an das Pferd festgebunden und rief:

»Zu Hilfe! zu Hilfe!«

Dies war der schmerzliche Rus, den Agenor hörte, und der ihn der Begeisterung entriß, in die ihn der Anblick und die Stimme der schönen Maurin versetzt hatten.

Das Pferd sank in der That immer mehr unter; nur noch seine Nüstern waren über der Oberfläche des Flusses und schnauften geräuschvoll, während seine Vorderfüße das Wasser rings umher aufspringen machten.

Fernando wollte zum zweiten Male um Hilfe rufen: doch fortgerissen durch die geheime Gewalt, der er schon vergebens zu widerstehen versucht hatte, folgte er dem Pferde in den Abgrund; nur seine Hand bewegte sich noch, zum Himmel emporgestreckt, als wollte sie Rache oder Hilfe fordern, einen Augenblick über dem Schlund; bald aber verschwand sie wie der übrige Körper, und man sah nichts mehr, als einen Wirbel, der aus der Tiefe des Flusses an die Oberfläche emporstieg, wo zahlreiche und blutige Blasen zerplatzten.

Zwei Freunde eilten Fernando zu Hilfe; einerseits, wie wir gesagt, Agenor, andererseits der Gebirgshund, der gewohnt war, der Stimme des Pagen so getreu zu, gehorchen, als der seines Gebieters.

Beide suchten vergebens, obgleich Agenor den Hund zwei oder dreimal in derselben Richtung untertauchen sah; als das Thier zum dritten Male wieder erschien, hatte es einen Fetzen Stoff in seinem keuchenden Rachen. Doch als hätte er diesen Fetzen abreißend, Alles gethan, was er hatte thun können, schwamm der Hund an das User, legte sich zu den Füßen seines Herrn nieder und ließ jenes klägliche, verzweiflungsvolle Geheul vernehmen, das in der Stille der Nacht auch die muthigsten Herzen mit Schauer erfüllt. Dieser Fetzen Stoff war Alles, was von dem unglücklichen Fernando übrig blieb.

Die Nacht verging mit vergeblichen Nachsuchungen. Don Federigo, der ebenfalls ohne Unfall über den Fluß gesetzt war, blieb die ganze Nacht am Ufer. Er konnte sich nicht entschließen, das bewegliche Grab zu verlassen, aus dem er jeden Augenblick seinen Freund hervorkommen zu sehen hoffte.

Sein Hund heulte zu seinen Füßen.

Träumerisch und düster, hielt Agenor den von dem Hund zurückgebrachten Fetzen in der Hand und schien mit Ungeduld den Tag zu erwarten.

Mothril, der seinerseits, als suchte er den Jüngling, lange in die Oleander gebückt geblieben war, kehrte mit verzweifeltem Gesicht zurück, rief wiederholt: »Allah! Allah!« und suchte den Großmeister mit jenen Alltagsphrasen zu trösten, die für den Leidenden ein Schmerz mehr sind.

Es kam der Tag; seine ersten Strahlen beleuchteten Agenor, der zu den Füßen von Don Federigo saß; offenbar erwartete der Ritter diesen Augenblick mit großer Ungeduld, denn kaum schlüpften die ersten Strahlen durch die Oeffnung der Thüre, als er sich dieser Oeffnung näherte und mit dieser Aufmerksamkeit den von dem Wammse des unglücklichen Pagen abgerissenen Fetzen Stoff betrachtete.

Diese Prüfung bestärkte ihn ohne Zweifel in seinem Verdacht, denn er sprach, schmerzlich den Kopf schüttelnd, zum Großmeister:

»Hoher Herr, das ist ein sehr beklagenswerthes und besonders sehr seltsames Ereigniß.«

»Ja,« erwiderte Federigo, »sehr beklagenswerth und sehr seltsam! Warum hat mir die Vorsehung einen solchen Schmerz bereitet!«

»Hoheit,« entgegnete Agenor, »ich glaube, daß Ihr hierbei die Vorsehung nicht anklagen dürft. Schaut diese letzte Reliquie des Freundes an, den Ihr beklagt.«

»Meine Augen würden stumpf werden durch die Thränen, die ich bei ihrer Beschauung vergießen müßte,« versetzte Federigo.

»Aber seht Ihr denn nichts daran, Senor?«

»Was wollt Ihr damit sagen?«

»Ich will damit sagen, daß das Wamms des unglücklichen Fernando weiß war wie das Kleid eines Engels; ich will damit sagen, daß das Wasser des Flusses durchsichtig und klar ist wie der Krystall, und dennoch, schaut edler Herr, ist die Farbe dieses Fetzen röthlich: es ist Blut aus diesem Stoffe gewesen.«

»Blut?«

»Ja, Hoheit.«

»Alan wird sich verwundet haben, indem er denjenigen, welchen er liebte, zurückzuhalten suchte, denn Ihr seht, er hat dieselbe Farbe aus dem Kopf.«

»Ich dachte Anfangs wie Ihr; doch ich mochte, immerhin schauen, ich fand keine Wunde, Das Blut kommt nicht vom Hund.«

»Sollte sich nicht Fernando selbst an irgend einem Felsen gestoßen haben?«

»Hoheit, ich bin an der Stelle untergetaucht, wo er verschwunden ist, und ringsumher waren mehr als zwanzig Fuß Wasser; doch hier ist etwas, was uns vielleicht leiten kann. Seht diesen Riß in dem Stoff.«

»Das ist der Zahn des Hundes.««

»Nein, mein hoher Herr, denn hier ist der sehr sichtbare Ort, wo der Hund hinein gebissen hat. Dieses Loch ist, mit einem schneidenden Instrument gemacht: mit der Klinge eines Dolches.«

»Oh! welch ein finsterer Gedanke!« rief Don Federigo, der sich bleich, die Haare gesträubt, Wuth und Schrecken im Blick erhob; »Du hast Recht! Du hast Recht! Fernando war ein vortrefflicher Schwimmer; in meinen Gestüten ausgezogen, hat sich sein Pferd hundertmal durch andere, viel raschere Strömungen als diese gearbeitet. Agenor, es ist ein Verbrechen vorgefallen!«

»Ich würde nicht daran zweifeln, wenn ich eine Ursache dazu sehen könnte.«

»Ah! . . . es ist wahr . . . Du weißt nicht, daß Fernando dieses User berührend mich verlassen sollte, nicht um sich zu dem König Don Pedro zu begeben, wie ich dem Mauren sagte, der es nicht geglaubt haben wird, sondern um eine Sendung zu erfüllen, mit der ich ihn beauftragt hatte. Mein armer Freund! mein so sicherer und treuer Vertrauter! Oh! für mich und durch mich stirbt er.«

»Mein edler Herr, es ist unserer Aller Pflicht, für Eure Hoheit zu sterben.«

»Oh! wer kann wissen, welche furchtbare Folgen dieser Tod haben soll?« sagte Don Federigo, seinen eigenen Gedanken beantwortend.

»Warum bin ich nicht in demselben Grad Euer Freund, wie Fernando?« sprach traurig der Ritter: »ich würde Euer Vertrauen erben und Euch dienen, wie er Euch gedient hat.«

»Du bist ungerecht, Agenor,« entgegnete der Prinz, indem er ihm die Hand reichte und ihn mit jener unendlichen Sanftmuth anschaute, die man stets in dem Blicke eines solchen Mannes zu finden staunte. »Ich hatte zwei Theile aus meinem Herzen gemacht, einen für Dich, den andern für Fernando. Fernando ist todt, Du bist fortan mein einziger Freund, und ich will es Dir dadurch beweisen, daß ich Dir sage, welchen Auftrag Fernando von mir erhalten hatte. Er sollte Deiner Landsmännin, der Königin Bianca, einen Brief überbringen.«

»Ah! das ist die Ursache . . . Und wo war dieser Brief?«

»Dieser Brief war in dir Waidtasche, die er an seinem Gürtel trug. Ist Fernando wirklich ermordet worden, und ich glaube nun wie Du, daß er es ist, haben die Mörder den Leichnam, der nicht wieder zum Vorschein kam, aus ein ödes, verborgenes User geschleppt, so ist mein Geheimniß entdeckt, und wir sind verloren.«

»Wenn dem so ist, geht nicht nach Sevilla, Herr,« rief Agenor. »Flieht! Ihr seid noch nahe genug bei Portugal, um ohne Unfall nach Eurer guten Stadt Coimbra zurückzukehren und Euch hinter ihren Wällen in Sicherheit zu bringen.«

»Nicht nach Sevilla gehen heißt sie verlassen; fliehen heißt einen Verdacht offenbaren, der nicht besteht, wenn der Tod von Fernando nur ein gewöhnlicher Unfall ist. Ueberdies hält Don Pedro Dona Bianca zurück, und hält mich durch sie. Ich werde nach Sevilla gehen.«

»Doch worin kann ich Euch dienen?« fragte der Ritter. »Kann ich Fernando ersetzen? Könnt Ihr mir für den Brief, den Ihr ihm gegeben, einen ähnlichen nebst einem Pfande geben, das mich erkenntlich macht? Ich bin kein Knabe von sechzehn Jahren; ich habe kein Wamms von leichtem Tuch mit Seide gefüttert; ich habe einen guten Panzer, an dem sich Dolche abgestumpft, welche gefährlicher waren, als alle Kandschars und alle Yatagans Eurer Mauren. Gebt, ich werde an Ort und Stelle kommen. Und wenn Jedermann acht Tage braucht, um zu ihr zu gelangen, ich bringe ihr Euren Brief, das verspreche ich Euch, in vier Tagen.«

»Ich danke, mein braver Franzose. Doch wenn der König in Kenntniß gesetzt ist, so hieße dies die Gefahr verdoppeln. Das Mittel, das ich anwandte, war nicht gut, da Gott sein Gelingen nicht wollte. Wir werden uns nun nur von den Umständen berathen lassen. Wir setzen unsern Weg fort, als ob nichts geschehen wäre. Zwei Tagereisen von Sevilla und in dem Augenblick, wo keine Erinnerung mehr übrig sein wird, verlassest Du mich, und während ich in Sevilla durch das eine Thor einziehe, reitest Du durch das andere ein. Am Abend schlüpfst Du sodann in den Alcazar des Königs, wo Du im ersten Hofe verborgen bleibst, in dem, welchen majestätische Platanen beschatten, in dessen Mitte sich ein marmornes Bassin mit Löwenköpfen findet; Du wirst Fenster mit purpurnen Vorhängen sehen: das ist meine gewöhnliche Wohnung, wenn ich meinen Bruder besuche. Um Mitternacht komm unter diese Fenster, ich werde nach dem Empfang des Königs Don Pedro wissen, was wir zu fürchten oder zu hoffen haben. Ich spreche mit Dir, oder wenn ich nicht mit Dir sprechen kann, werfe ich Dir ein Billet zu, das Dir sagt, was Du thun sollst. Schwöre mir nur, auf der Stelle auszuführen, was ich Dir entweder schreibe oder sage.«

»Bei meiner Seele, gnädiger Herr, schwöre ich Euch, Euer Wille soll Punkt für Punkt erfüllt werden,« sprach Agenor.

»Es ist gut!« sagte Don Federigo, »ich bin nun ein wenig ruhiger. Armer Fernando!«

»Gnädigster Herr,« sprach Mothril, der in diesem Augenblick auf der Schwelle des Zeltes erschien, »Eure Hoheit wolle sich erinnern, daß wir in dieser Nacht nur die Hälfte unseres Marsches gemacht haben. Wenn es ihr gefiele, Befehl zum Aufbruch zu geben, so kämen wir in drei bis vier Stunden unter den Schatten eines Waldes, den ich kenne, weil ich schon auf dem Wege zu Euch einen Halt unter demselben gemacht habe, und wir würden dann die Hitze des Tages vorübergehen lassen.«

»Brechen wir auf,« sprach Don Federigo, »nichts hält mich hier zurück, nun da ich jede Hoffnung, Fernando wiederzusehen, verloren habe,«

Die Karavane setzte sich in Marsch, doch nicht ohne daß der Großmeister und der Ritter sehr oft die Augen gegen den Fluß umwandten, auch sehr oft wie einen schmerzlichen, ihrer Brust entschlüpften Ausruf wiederholten: »Armer Fernando! armer Fernando!«

So wurde die Reise von Don Federigo nach Sevilla fortgesetzt.




Sechstes Kapitel.

Wie Mothril dem Großmeister bei dem König Don Pedro von Castilien zuvorkam


Es gibt Städte, welche durch die Lage, die ihnen die Natur gegeben, durch die Schätze an Schönheiten, mit denen sie durch die Menschen bereichert worden sind, nicht nur der Sache nach, sondern auch dem Rechte nach, Königinnen der Länder, die sie umgeben, zu sein scheinen: so ist Sevilla diese Königin des schönen Andalusien, was wiederum eine von den königlichen Ländereien Spaniens ist. Die Mauren, die es mit Freude erobert, die es mit Liebe behauptet hatten, trennten sich auch mit Schmerz davon, indem sie ihr die Krone des Orients ließen, die sie drei Jahrhunderte hindurch auf ihr Haupt gesetzt hatten. Einer von den Palästen, mit denen sie während ihres Aufenthalts diese Favoritsultanin beschenkt hatten, war der, welchen Don Pedro bewohnte, und in den wir nun unsere Leser versetzen werden.

Auf einer marmornen Terrasse, wo die duftenden Orangen, und Citronenbäume mit den Granatbäumen und Myrthen ein so dichtes Gewölbe bilden, daß die Feuer der Sonne nicht durchdringen können, warten maurische Sklaven, bis die glühenden Strahlen des Tages ihre Flamme im Meere ausgelöscht haben. Dann erhebt sich der Abendwind; Sklaven besprengen die marmornen Platten mit Rosen- und Benzoewasser, und die Brise trägt in die Lüfte die natürlichen und die künstlichen Wohlgerüche fort, welche mit einander vermischt sind, wie der Putz und die Schönheit. Unter die Decke, welche die hängenden Gärten dieses anderen Babylon bilden, bringen maurische Sklaven Betten von Seide und weiche Kissen, denn mit der Nacht lebt Spanien wieder aus, denn mit der Frische des Abends bevölkern sich, die Straßen, die Promenaden und die Terrassen.

Bald hebt sich der Vorhang, der die Terrasse von einem weiten Gemache trennt, und ein Mann erscheint; aus seinen Arm stützt sich eine schöne Frau von vierundzwanzig bis fünfundzwanzig Jahren, mit schwarzen glatten Haaren, mit schwarzen samtenen Augen und einer matten dunkelfarbigen Haut, was die Frische der Frauen des Süden ist; der Mann mag achtundzwanzig Jahre alt sein, er ist blond, hochgewachsen und trägt in seinen blauen Augen und aus seiner Gesichtshaut, welche die Sonne Spaniens nicht zu bräunen vermochte, alle die unvertilgbaren Charaktere der Racen des Norden von Europa.

Diese Frau ist Dona Maria Padilla; dieser Mann ist der König Don Pedro.

Beide schreiten schweigend unter dem grünen Gewölbe vor; doch es ist leicht zu sehen, daß bei ihnen dieses Schweigen nicht von der Abwesenheit, sondern im Gegentheil von der Ueberfülle der Gedanken herrührt. Die schöne Spanierin hat übrigens weder für die Mauren, die aus ihre Befehle warten, noch für alle die Reichthümer, die sie umgeben, Blicke. Obgleich von mittlerem Stande und beinahe in der Armuth geboren, hat sie sich doch mit Allem vertraut gemacht, was der königliche Luxus Glänzendstes zu bieten vermag, seitdem sie, wie ein Kind mit der Klapper spielt, mit dem Scepter des Königs von Castilien gespielt.

»Pedro,« sagte sie endlich, zuerst das Stillschweigen brechend, das jedes von ihnen, wie es schien, zu brechen zögerte, »Ihr habt Unrecht, wenn Ihr behauptet, ich sei Eure Freundin und Eure geehrte Geliebte; ich bin Sklavin und erniedrigt, hoher Herr.«

Pedro lächelte und machte eine unmerkliche Bewegung mit der Schulter.

»Ja, allerdings,« fuhr Maria fort, »Sklavin und erniedrigt. Ich habe es gesagt und wiederhole es.«

»Wie so? Erklärt Euch,« sprach der König.

»Oh! das ist sehr leicht, hoher Herr. Der Großmeister von San Jago soll, wie man sagt, zu einem Turnier, das Ihr ihm bereitet, in Sevilla ankommen. Auf Kosten der meinigen vergrößert, hat man seine Wohnung mit dem kostbarsten Tapetenwerk und den schönsten Gerätschaften ausgeschmückt, welche aus den verschiedenen Gemächern des Palastes dahin gebracht worden sind.«

»Es ist mein Bruder,« sagte Don Pedro.

Dann fügte er mit einem Tone bei, dessen Ausdruck er allein verstand:

»Mein viel geliebter Bruder.«

»Euer Bruder?« erwiderte sie; »ich glaubte, es wäre der Bruder von Enrique Transtamare.«

»Ja, Senora; doch sie sind Beide die Söhne von König Don Alphonso, meinem Vater.«

»Und Ihr behandelt ihn als König; ich begreife es, in der That, er hat beinahe ein Recht aus diese Ehre, da er von einer Königin geliebt wird.«

»Ich verstehe Euch nicht,« entgegnete Don Pedro, unwillkührlich erbleichend, doch ohne daß irgend ein anderes Zeichen, als gerade diese unwillkührliche Blässe andeutete, der Streich habe ins Herz getroffen.

»Ah! Don Pedro I Don Pedro I Ihr seid sehr blind oder sehr Philosoph.«

Der König antwortete nicht, er schaute nur mit einer absichtlichen Geberde nach dem Osten.

»Nun, was schaut Ihr?« fragte die ungeduldige Spanierin; »etwa, ob Euer viel geliebter Bruder kommt?»

»Nein, Senora,« erwiderte Don Pedro. »Ich schaue, ob man von dieser königlichen Terrasse, wo wir sind, die Thürme von Medina Sidonia nicht sehen kann.«

»Ja,« sagte Maria Padilla, »ich weiß wohl, daß Ihr mir antworten werdet, was Ihr mir Immer antwortet, nämlich die ungetreue Königin werde gefangen gehalten; wie kommt es aber, daß Ihr, den man den Justiciar nennt, das Eine bestraft, ohne das Andere zu bestrafen, wie kommt es, daß die Königin gefangen ist, während ihr Mitschuldiger mit Ehren überhäuft wird?«

»Was hat Euch denn mein Bruder Don Federigo gethan, Senora?« fragte Don Pedro.

»Wenn Ihr mich liebtet, würdet Ihr mich nicht fragen, was er mir gethan habe, und Ihr hättet mich schon gerächt. Was er mir gethan hat? Er hat mich verfolgt, nicht mit seinem Haß, das wäre nichts, der Haß ehrt, sondern mit seiner Verachtung, und Ihr müßtet Jeden bestrafen, der die Frau verachtet, die Ihr allerdings nicht liebt, die Ihr aber zu Eurem Lager zugelassen, und die die Einzige ist, welche Euch Söhne geschenkt hat.«

Der König antwortete nicht: es war eine undurchdringliche Seele, in der man unmöglich unter der ehernen Lage, die sie bedeckte, lesen konnte.

»Oh! wie schön ist es, sich mit Tugenden zu schmücken, die man nicht hat,« sprach Maria Padilla mit verächtlichem Tone: »wie leicht ist es für listige Frauen, ihre schmählichen Leidenschaften unter einem schüchternen Blick zu verschleiern, ihr ärgerliches Leben durch das Vorurtheil zu schützen, welches behauptet, die Töchter Galliens seien kalt und unempfänglich im Vergleich mit den spanischen Frauen I«

Don Pedro schwieg fortwährend.

»Pedro! Pedro!« rief die Favoritin gereizt, als sie sah, daß der Spott an dem unverwundbaren Fürsten abglitt, »Pedro, ich glaube, Ihr würdet wohl daran thun, auf die Stimme Eures Volkes zu hören. Hört Ihr es rufen: »,Ah! Maria Padilla, die königliche Courtisane, die Schmach des Landes, seht sie, die Schuldbefleckte, die Verbrecherin; sie hat es gewagt, ihren Fürsten nicht seines Ranges wegen, denn er war verheirathet, sondern seiner selbst wegen zu lieben! Während sich die andern Frauen gegen seine Ehre verschworen, hat sie, auf seinen Schutz und seine Dankbarkeit rechnend, die ihrige preisgegeben. Während seine Gemahlinnen, denn der Christ Pedro hat Frauen wie ein maurischer Sultan, unfruchtbar blieben, hat sie ihm zwei Söhne geschenkt, die sie liebt; welche Schmach! Verfluchen wir die Maria Padilla, wie man die Cava verflucht hat; diese Frauen richten stets die Völker und die Könige zu Grund!« « Das ist die Stimme Spaniens. Hört sie also, Don Pedro! Doch wenn ich Königin wäre, würde man sagen: »Arme Maria Padilla, Du warst sehr glücklich, als Du, noch Jungfrau, mit den Jungfrauen, Deinen Gefährtinnen, am Gestade der Guadalopa spieltest! Arme Maria Padilla, Du warst sehr glücklich, als der König Dir Dein Glück nahm, indem er sich den Anschein gab, als liebte er Dich! Deine Familie war so berühmt, daß die vornehmsten Herren Castiliens um Dich freiten, doch Du begingst den Fehler, daß Du einen König vorzogst. Armes, unerfahrenes Mädchen, das Du noch nicht wußtest, daß die Könige keine Menschen sind; er hintergeht Dich, Dich, die Du ihn nie hintergingen hast, nicht einmal in Gedanken, nicht einmal im Traum! Er schenkt sein Herz andern Geliebtinnen und vergißt Deine Treue, Deine Ergebenheit, Deine Fruchtbarkeit.«« Wenn ich Königin wäre, würde man dies Alles sagen und mich für eine Heilige erklären, ja, für eine Heilige. Ist das nicht der Titel, den man einer Frau gibt, die ich kenne, und die ihren Gatten durch seinen Bruder verrathen hat?«

Don Pedro, dessen Antlitz sich unmerklich mit Wolken bedeckt hatte, fuhr mit seiner Hand über seine Stirne hin, und seine Stirne erschien ruhig und beinahe lächelnd.

»Was wollt Ihr im Ganzen, Senora?« sagte er, »Königin sein? Ihr wißt wohl, daß dies nicht möglich ist, da ich verheirathet bin, und zwar zweimal. Verlangt von mir mögliche Dinge, und ich werde sie Euch bewilligen.«

»Ich glaube das verlangen zu können, was Juana von Castro verlangte und erhielt.«

»Juana von Castro verlangte nichts, Senora. Es war die Notwendigkeit, diese unerbittliche Königin der Könige, welche für sie verlangte. Sie hatte eine mächtige Familie, und in der Zeit, wo ich mir dadurch, daß ich Blanche verstieß, einen Feind auswärts machte, mußte ich mir Verbündete im Innern machen. Wollt Ihr nun, daß ich meinen Bruder Federigo Kerkerknechten in dem Augenblick überantworte, wo der Krieg mich bedroht, wo mein anderer Bruder, Enrique von Transtamare, Aragonien gegen mich zum Aufruhr bewegt, Toledo nimmt, Toro erstürmt, was ich von meinen nächsten Verwandten mit größerer Mühe wiedererobern muß, als es mir machte, Granada von den Mauren wiederzuerobern. Vergeßt Ihr, daß ich, der ich Andere gefangen halte, einen Augenblick selbst Gefangener und genöthigt war, zu heucheln, das Haupt zu beugen, denjenigen zuzulächeln, welche ich beißen wollte, zu kriechen wie ein Kind unter dem ehrgeizigen Willen meiner Mutter; daß ich sechs Monate der Verstellung brauchte, um eines Tags eine Minute lang die Thüre meines eigenen Palastes offen zu finden: daß ich genöthigt war, nach Segovia zu fliehen, Stück für Stück den Händen derjenigen, welche sich derselben bemächtigt, die Erbschaft, die mir vom Vater hinterlassen, zu entreißen, Garcilaso in Burgos erdolchen, Albuquerque in Toro vergiften, zweiundzwanzig Köpfe in Toledo fallen zu lassen, und meinen Beinamen: der Justiciar, in den des Grausamen zu verwandeln, ohne zu wissen, welchen die Nachwelt mir aufbewahren wird? Und was die Französin betrifft, wie Ihr sie nennt, ist es nicht genug, daß ich sie für ein gemuthmaßtes Verbrechen nach Medina Sidonia verbannt habe. . . beinahe allein, beinahe arm, beinahe verachtet, weil es Euch beliebt hat, sie so zu sehen?«

»Ah! nicht weil es mir beliebt hat, sie so zu sehen,« rief Maria Padilla, die Augen flammend; »weil Ihr durch sie entehrt worden seid.«

»Nein, Senora,« sprach Don Pedro, »ich bin nicht entehrt worden, da ich nicht zu denjenigen gehöre, welche die Ehre oder die Schande eines Königs auf etwas so Gebrechlichem, wie die Tugend einer Frau, beruhen lassen. Alles, was für die anderen Menschen ein Beweggrund der Freude oder des Schmerzes ist, ist für uns Könige nur ein politisches Mittel, zu einem ganz entgegengesetzten Ziele zu gelangen. Nein, ich bin durch die Königin Blanche nicht entehrt worden; aber man hat mich sie wider meinen Willen zu heirathen genöthigt, und ich ergriff die Gelegenheit, die sie und mein Bruder mir zu bieten so unklug waren. Ich stellte mich, als hätte ich einen furchtbaren Verdacht über sie geschöpft. Ich demüthigte Blanche, ich entsetzte sie ihrer Würde, sie, die Tochter des ersten Hauses der Christenheit. Wenn Ihr mich also liebt, wie Ihr sagt, müßt Ihr zu Gott beten, daß mir kein Unglück widerfährt, denn der Regent, oder vielmehr der König von Frankreich ist ihr Schwager. Das ist ein großer Fürst, Senora, der gewaltige Heere hat, befehligt von dem ersten Feldherrn der Zeit, von Messire Bertrand Duguesclin.«

»Oh! König, Du hast Furcht!« rief Maria Padilla, den Zorn des Königs dieser kalten Unempfindlichkeit vorziehend, die aus Don Pedro bei seiner Selbstbeherrschung den gefährlichsten Fürsten der Erde machte.

»Ich habe Furcht vor Euch, ja, Senora,« erwiderte der König, »denn Ihr allein habt bis jetzt die Macht gehabt, mich die einzigen Fehler begehen zu lassen, die ich begangen habe.«

»Mir scheint, ein König, der seine Räthe und Unterhändler unter den Mauren und Juden sucht, müßte die Fehler Anderen als der Frau, die er liebt, zuschreiben.«

»Oh! Ihr auch, Ihr seid auch auf den gewöhnlichen Irrthum verfallen,« sprach Don Pedro die Achseln zuckend; »meine Räthe Mauren, meine Unterhändler Juden, ei! Senora, ich wähle meine Räthe nach dem Verstand, und schöpfe meine Mittel, wo Geld ist. Wenn Ihr und diejenigen, welche mich anklagen, sich die Mühe geben wollten, die Augen auf Europa zuwerfen, so würdet Ihr sehen, daß bei den Mauren die Civilisation ist, daß bei den Juden die Reichthümer sind. Wer hat sie gebaut, die Moschee von Cordoba, die Alhambra von Granada, alle die Alcazars, welche die Zierde unserer Städte bilden? den Palast sogar, wo wir sind, wer hat dies Alles gemacht? Die Mauren. In wessen Händen ist der Handel? In wessen Händen ist die Gewerbthätigkeit? In wessen Händen häuft sich das Geld der sorglosen Nationen an? In den Händen der Juden! Was darf man von unsern halbbarbarischen Christen erwarten? Gewaltige, aber unnütze Lanzenstöße, große Kämpfe, welche die Nationen bluten machen. Doch wer schaut ihnen dabei zu, diesen wahnsinnigen Nationen? wer blüht, wer singt, wer liebt, wer genießt das Leben in ihrer Nähe während ihrer Convulsionen? Die Mauren. Wer stürzt auf ihre Leichname nieder, um sie zu plündern? Die Juden. Ihr seht also, daß die Mauren und die Juden die wahren Minister und die wahren Agenten eines Königs sind, der frei und unabhängig von den Königen, seinen Nachbarn, leben will. Nun wohl! das ist es, was ich versuche, das ist es, wonach ich seit sechs Jahren trachte, das ist es, was so viele Feindschaften gegen mich erhoben, so viel Verleumdungen hervorgerufen hat. Diejenigen, welche meine Minister sein, diejenigen, welche meine Agenten werden wollten, sind meine unversöhnlichen Feinde geworden, und das ist ganz natürlich; ich hatte nichts für sie gethan, ich wollte nichts von ihnen, ich entfernte sie von mir. Doch Euch, Maria, Euch habe ich im Gegentheil genommen, wo Ihr waret; ich habe Euch meinem Thron so nahe gebracht, als ich vermochte; ich habe Euch den Antheil an meinem Herzen gegeben, über den ein König verfügen kann, ich habe Euch geliebt, ich, den man beschuldigt, ich habe nichts geliebt.«

»Oh! wenn Ihr mich geliebt hättet,« entgegnete Maria mit jener Beharrlichkeit der Frauen, welche nie auf die Beweise, mit denen man ihre tollen Anklagen widerlegt, sondern immer nur auf ihre eigenen Gedanken antworten, »wenn Ihr mich geliebt hättet, so wäre ich nicht zu Thränen und zur Schmach verurtheilt, weil ich meinem König «geben gewesen bin; wenn Ihr mich lieben würdet, wäre ich gerächt.«

»Ei mein Gott!« sprach Don Pedro, »wartet, und Ihr werdet gerächt sein, wenn sich ein Anlaß dazu gibt. Glaubt Ihr, ich trage Don Federigo in meinem Herzen? Glaubt Ihr, ich wäre nicht glücklich, eine Gelegenheit zu finden, dieser ganzen Race der Bastarde ein Ende zu machen? . . . Wenn Don Federigo Euch wirklich verletzt hat, was ich bezweifle . . .«

»Ist es nicht eine Verletzung,« entgegnete Maria Padilla bleich vor Zorn, »ist es nicht eine Verletzung, daß er Euch den Rath gegeben hat, wie er dies gethan, mich nicht als Geliebte zu behalten und die Königin Blanche wieder als Frau anzunehmen?«

»Und Ihr seid sicher, daß er mir diesen Rath gegeben hat, Maria?«

»Oh! ja, ich bin dessen sicher,« rief die Spanierin mit einer halb drohenden Geberde, »sicher wie meines Lebens.«

»Meine liebe Maria,« fuhr Don Pedro mit dem Phlegma fort, das die Leute, welche sich durch den Zorn hinreißen lassen, zur Verzweiflung bringt, »meine liebe Maria, wenn mir Don Federigo Euch nicht als Geliebte zu behalten und die Königin Blanche wieder als Frau anzunehmen gerathen hat, so begeht Ihr einen Irrthum, daß Ihr ihn beschuldigt, er sei der Geliebte von eben dieser Königin Blanche, sonst, Ihr begreift das, Ihr, die Ihr eifersüchtig seid, hätten sie sich glücklich gefühlt, eine so große Freiheit zu genießen, wie man sie einer verachteten Frau läßt.«

»Ihr seid ein zu großer Redner für mich, Sire Pedro,« sagte Maria, welche rasch aufstand, da sie die Unmöglichkeit, ihre Wuth länger zu bemeistern, fühlte. »Ich grüße Euch und werde mich allein rächen.«

Don Pedro folgte ihr mit dem Blick, ohne ein Wort zu sagen, er sah sie weggehen, ohne daß er sie mit einer Geberde zurückrief, und dennoch war diese Frau die einzige, die ihm zuweilen ein anderes Gefühl eingeflößt hatte, als das befriedigter materieller Leidenschaft. Gerade aber deshalb fürchtete er seine Geliebte, wie er einen Feind gefürchtet, hätte. Er drängte also das schwache Gefühl des Mitleids zurück, das sich im Grunde seines Herzens regte, streckte sich auf den Kissen aus, welche Maria Padilla verlassen hatte, und schaute hinaus auf die Straße nach Portugal, denn von dem Balcon, wo der König ruhte, könnte man durch die Ebene, die Wälder oder Berge die verschiedenen Straßen sehen, welche nach den verschiedenen Punkten des Königreichs führten.

»Die Lage der Könige ist eine schreckliche Lage!« murmelte Don Pedro. »Ich liebe diese Frau und dennoch darf ich es weder sie, noch die, Anderen, noch irgend Jemand sehen lassen, daß ich sie liebe; denn wenn sie diese Liebe bemerkte, würde sie Mißbrauch davon machen. Niemand darf glauben, er habe Herrschaft genug über den König, um ihm eine Genugthuung für Beleidigungen oder irgend einen Vortheil zu entreißen. Niemand darf sagen können: »»Die Königin hat den König verletzt, der König weiß es und hat sich nicht gerächt!«« Oh!« fuhr Don Pedro fort, nachdem er einen Augenblick geschwiegen, während seine Physiognomie ausdrückte, was Alles in seinem Herzen vorging, »es fehlt mir nicht am Verlangen, mich zu rächen, Gott sei Dank! doch wenn ich zu heftig handelte, würde mein Königreich vielleicht durch diese unkluge Gerechtigkeit zu Grunde gehen. Was Don Federigo betrifft, so hängt er nur von mir ab, und der König von Frankreich hat sich nicht um seinen Tod oder sein Leben zu bekümmern. Nur fragt es sich, wird er kommen? oder wenn er kommt, wird er nicht Zeit gehabt haben, seine Mitschuldige zu warnen?«

Als er diese Worte sprach, erblickte der König auf der Straße der Sierra Aracena etwas wie eine Staubwolke. Diese Wolke vergrößerte sich. Bald gewahrte er durch ihren durchsichtiger gewordenen Schleier die weißen Gewänder der maurischen Reiter; dann erkannte er Mothril an seiner hohen Gestalt und an dem vergoldeten Palankin.

Die Truppe rückte rasch heran.

»Allein!« murmelte der König.

Als er mit dem Blicke die ganze Truppe von dem ersten bis zu dem letzten der Menschen, aus denen sie bestand, hatte umfassen können, sagte er:

»Allein!i was ist denn aus dem Großmeister geworden? Sollte er sich zufällig geweigert haben, nach Sevilla zu kommen? oder wird man ihn in Coimbra suchen müssen?«

Die Truppe kam indessen immer näher.

Nach einem Augenblick verschwand sie unter den Thoren der Stadt. Der König folgte ihr mit den Augen und sah sie von Zeit zu Zeit wieder erscheinen und in den gekrümmten Straßen glänzen; er sah sie in den Alcazar einziehen; indem er sich über das Geländer neigte, konnte er ihr in die Höfe folgen; es war klar, daß er in einem Augenblick bestimmte Kunde erhalten würde.

Der Maure hatte freien, unbeschränkten Zutritt beim König. Nach wenigen Secunden erschien er aus der Terrasse und fand Don Pedro, der die Augen aus den Ort geheftet hielt, von wo er kommen mußte. Sein Gesicht war düster und ersuchte durchaus nicht seine Unruhe zu verbergen.

Der Maure kreuzte seine Hände über seiner Brust und berührte beinahe die Erde mit der Stirne. Doch Don Pedro erwiderte diesen Gruß nur durch eine Geberde der Ungeduld.

»Der Großmeister?« sagte er.

»Sire,« erwiderte Mothril, »ich mußte mich beeilen, zu Euch zurückzukommen. Die großen Interessen, von denen ich zu sprechen habe, werden hoffentlich bewirken, daß Eure Hoheit die Stimme ihres getreuen Dieners hört.«

Obgleich gewohnt, in der Tiefe des Herzens zu lesen, war Don Pedro doch zu sehr von den Leidenschaften in Anspruch genommen, die ihn in diesem Augenblick bewegten, um zu sehen, was Alles an schlauer Vorsicht in den absichtlich ausweichenden Worten des Mauren enthalten war.

»Der Großmeister?« wiederholte er mit dem Fuße stampfend.

»Hoheit, er Wird kommen,« antwortete Mothril.

»Warum habt Ihr ihn verlassen? Warum, wenn er nicht schuldig ist, kommt er nicht frei? Und wenn er es ist, warum kommt er nicht durch Gewalt?«

»Senor, der Großmeister ist nicht unschuldig, und dennoch wird er kommen, seid unbesorgt; er möchte vielleicht gern fliehen, doch er wird von meinen Leuten überwacht, die ihn mehr bringen, als geleiten. Wenn ich ihm voran geeilt bin, so geschah es, um mit dem König nicht von vergangenen Dingen, sondern von Dingen zu sprechen, die er noch zu thun hat.«

»Er kommt also, Du bist dessen sicher?« wiederholte Don Pedro.

»Morgen Abend wird er vor den Thoren von Sevilla sein. Ich habe mich beeilt, wie Ihr seht.«

»Niemand ist von seiner Reise unterrichtet?«

»Niemand.«

»Ihr begreift die Wichtigkeit meiner Frage und den Ernst Eurer Antwort?«

»Ja, Sire.«

»Nun wohl! was gibt es noch Neues?« fragte Don Pedro mit einem furchtbaren Zusammenpressen des Herzens, dessen Folter indessen sein Gesicht nicht verrieth, denn sein Gesicht hatte Zeit gehabt, wieder gleichgültig zu werden.

»Der König weiß, wie eifersüchtig ich aus seine Ehre bin.« sprach der Maure.

»Ja, aber Ihr wißt auch, Mothril,« erwiderte Don Pedro die Stirne faltend, »Ihr wißt, daß die Einflüsterungen über diesen Gegenstand von Maria Padilla zu mir, das heißt, von einer eifersüchtigen Frau zu einem vielleicht zu geduldigen Geliebten, gut sind; aber Euch gegen Don Pedro, Euch, dem Minister gegen den König, ist jede mißbilligende Aeußerung über das tadellose Benehmen der Königin Blanche untersagt, das wißt Ihr, und wenn Ihr es nicht wißt, wiederhole ich es Euch.«

»Sire Pedro,« erwiderte der Maure, »ein mächtiger, glücklicher, geliebter, liebender König, wie Ihr seid, findet weder für den Neid, noch für die Eifersucht Platz in seinem Herzen; ich begreife das: Euer Glück ist groß, hoher Herr; aber Euer Glück darf Euch nicht blind machen.«

»Diesmal weißt Du etwas,« rief Don Pedro seinen tiefen Blick auf den Mauren heftend.

»Sire,« erwiderte dieser mit kaltem Ton, »Eure Hoheit hat ohne Zweifel mehr als einmal über die Fallen nachgedacht, von denen sie umgeben ist? Sie hat sich in ihrer Weisheit gefragt, wohin die Monarchie Kastiliens kommen werde, da der König keinen Erben habe?«

»Keinen Erben?« wiederholte Don Pedro.

»Wenigstens keinen gesetzlichen Erben,« fuhr der Maure fort; »so daß das Königreich, wenn Euch ein Unglück widerführe, dem Kühnsten oder dem Glücklichsten von allen den Bastarden, sei es nun Enrique oder Federigo, oder Tello gehören würde.«

»Warum alle diese Worte, Mothril?« fragte Don Pedro; »würdest Du mir zufällig zu einer dritten Vermählung rathen? die zwei ersten hatten keine so glückliche Resultate, daß ich Deinem Rathe folgen sollte. Das sage ich Dir, Mothril.«

Diese der Tiefe der Seele des Königs durch einen heftigen Kummer entrissenen Worte machten das Auge des Mauren funkeln.

Es war die Enthüllung aller von Don Pedro in seinem so bewegten Innern ausgestandenen Qualen; Mothril wußte die Hälfte von dem, was er wissen wollte; ein Wort sollte ihn von dem Uebrigen belehren.

»Hoher Herr,« sprach er, »warum sollte diese dritte Frau nicht eine Frau sein, deren Charakter von Euch geprüft, deren Fruchtbarkeit sicher wäre? Heirathet zum Beispiel Dona Maria Padilla, da Ihr sie so sehr liebt, daß Ihr Euch nicht mehr von ihr trennen könnt, und da sie von genugsam gutem Hause ist, um Königin zu werden. Auf diese Art werden Eure Söhne gesetzlich sein, und Niemand wird das Recht haben, ihnen den Thron von Castilien streitig zu machen,«

Mothril hatte alle Kräfte seines Verstandes zusammengerafft, um das Gewicht eines Angriffs zu ermessen, der für ihn ohne Unterstützung war. Da sah er mit einer Wollust, die den übrigen Menschen unbekannt und nur den Ehrgeizigen mit weit ausgebreiteten Flügeln, welche das Spiel der Königreiche spielen, bekannt ist, eine düstere Wolke über die Stirne seines Fürsten hinziehen.

»Ich habe schon ohne Erfolg eine Heirath gebrochen, die mich mit dem König von Frankreich verband, ich kann jetzt nicht diejenige brechen, welche mich mit dem Hause Castro verbindet.«

»Gut,« murmelte Mothril; »keine wirkliche Liebe im Herzen, kein Einfluß zu befürchten, es ist ein Platz zu nehmen, wenn nicht aus dem Thron, doch wenigstens in dem Bett des Königs von Castilien.«

»Machen wir ein Ende,« sprach Don Pedro. »Du sagtest mir, Du habest mir etwas Wichtiges mitzutheilen.«

»Oh! was ich Euch zu sagen hatte, war einfach eine Nachricht, die Euch jeder Rücksicht gegen Frankreich entbindet.«

»Diese Nachricht also, sprich geschwinde.«

»Hoher Herr, erlaubt mir zuvor hinabzugehen und den Wächtern der Sänfte, welche unten ist, einige Befehle zu geben. Ich bin unruhig, denn ich habe eine Person, die mir sehr theuer ist, dort gelassen.«

Don Pedro schaute ihn voll Erstaunen an.

»Gehe,« sagte er, »komm rasch zurück,«

Der Maure ging hinab und ließ die Sänfte bis in den ersten Hof bringen, Don Pedro folgte von der Terrasse herab mit irrenden Blicken den Schritten seines Ministers. Mothril erschien nach einigen Augenblicken wieder und sprach: »Sire, bewilligt mir Eure Hoheit auch diesmal wie gewöhnlich eine Wohnung im Alcazar?«

»Ja, gewiß.«

»Erlaubt mir also, daß ich die Person eintreten lasse, welche sich in der Sänfte befindet.«

»Eine Frau?« fragte Don Pedro.

»Ja, Sire.«

»Eine Sklavin, die Du liebst?«

»Nein, Sire, meine Tochter.«

»Ich wußte nicht, daß Du eine Tochter hattest, Mothril.«

Mothril antwortete nicht; der Zweifel und die Neugierde erfaßten zugleich den Geist des Königs. Das war es, was der Maure wünschte.

»Nun sage mir, was Du über die Königin Blanche weißt,« sprach Don Pedro durch die Wichtigkeit der Lage zu den Dingen zurückgeführt, die er erfahren wollte.




Siebentes Kapitel.

Wie der Maure Don Pedro erzählte, was vorgefallen war


Der Maure näherte sich dem König, gab seinen Zügen den Ausdruck eines tiefen Miteids, das heißt des Gefühls, das Don Pedro von Seiten eines Untergeordneten am meisten verletzen mußte, und sprach:

»Sire, ehe ich diese Erzählung beginne, ist es nothwendig, daß Eure Hoheit sich Punkt für Punkt der Befehle erinnert, die sie mir gegeben hat.«

»Ich vergesse nie das, was ich einmal gesagt habe,« erwiderte Don Pedro.

»Der König befahl mir nach Coimbra zu reisen, und ich begab mich dahin; dem Großmeister zu sagen. Seine Hoheit erwarte ihn, und ich sagte es ihm; seinen Ausbruch zu beschleunigen, und ich ruhte nur eine Stunde aus, und wir setzten uns schon am Tage unserer Ankunft wieder in Marsch.«

»Gut, gut, ich weiß, daß Du ein treuer Diener bist, Mothril.«

»Eure Hoheit fügte bei: »»Du wirst darüber wachen, daß der Großmeister während der Reise Niemand Nachricht von seinem Aufbruche gibt.«« Nun wohl, am andern Tage nach unserer Abreise schrieb der Großmeister . . . Doch in der That, ich weiß nicht, ob ich Eurer Hoheit trotz ihrer Befehle Alles sagen soll, was vorgefallen ist.«

»Sprich . . . Am andern Tag nach Eurer Abreise. . .«

»Schrieb der Großmeister einen Brief. . .«

»An wen?«

»Gerade an die Person, von der Eure Hoheit befürchtete, er würde an sie schreiben.«

»An die Königin Blanche?« rief Don Pedro erbleichend.

»An die Königin Blanche, Sire.«

»Maure,« sprach Don Pedro, »bedenke, wie ernst eine solche Anschuldigung ist.«

»Ich bedenke nur, daß ich meinem König diene.«

»Du kannst abermals sagen, Du habest Dich getäuscht.«

Mothril erwiderte den Kopf schüttelnd:

»Ich täusche mich nicht.«

»Nimm Dich in Acht! dieser Brief, ich muß ihn haben,«

»Ich habe ihn!« antwortete kalt der Maure.

Don Pedro, der einen Schritt vorgegangen war, schauerte und machte einen Schritt rückwärts.

»Ah! Du hast ihn?» sagte er.

»Ja.«

»Dieser Brief ist von Don Federigo geschrieben?«

»Ja.«

»An Blanche von Bourbon?«

»Ja,«

»Und dieser Brief? . . ..«

»Ich werde ihn Eurer Hoheit geben, sobald sie nicht mehr zornig sein wird, wie sie es in diesem Augenblick ist.«

»Ich,« erwiderte Don Pedro mit einem nervigen Lächeln, »ich zornig? Ich bin nie ruhiger gewesen.«

»Nein, hoher Herr, Ihr seid nicht ruhig, denn Euer Auge ist entrüstet, denn Eure Lippen erbleichen, denn Eure Hand zittert und greift nach dem Dolche. Warum wollt Ihr es verhehlen, Sire? Es ist ganz natürlich, und die Rache ist in einem solchen Fall gesetzlich; da ich errathe, die Rache Eurer Hoheit werde furchtbar sein, so versuche ich es zum Voraus, sie zu mildern.«

»Gebt den Brief, Mothril!« rief der König.

»Aber, Hoheit . . .«

»Gebt den Brief, ohne Verzug, aus der Stelle, ich will es!«

Der Maure zog langsam unter seinem rothen Gewande die Waidtasche des unglücklichen Fernando hervor.

»Meine erste Pflicht,« sprach er, »ist, meinem König zu gehorchen, was auch daraus entstehen mag.«

Der König betrachtete die Waidtasche, nahm daraus den mit Perlen gestickten Beutel, öffnete ihn und griff rasch nach dem Brief, den er enthielt. Das Siegel dieses Briefes war sichtbar abgenommen; abermals zog sich das Gesicht von Don Pedro bei diesem Anblick zusammen; doch er las, ohne eine Bemerkung zu machen:

»Madame, meine Königin, der König ruft mich nach Sevilla.

Ich habe Euch versprochen, Euch von den großen Ereignissen meines Lebens in Kenntniß zu setzen; dieses scheint mir entscheidend.«

»Wie es auch sein mag, erhabene Dame und geliebte Schwester, ich werde die Rache von Dona Padilla, die mich ohne Zweifel rufen läßt, wenig fürchten, wenn ich weiß, daß Eure so theure Person vor ihren Angriffen geschützt ist, Es ist mir nicht bekannt, was meiner harrt! vielleicht das Gefängniß, vielleicht der Tod. Als Gefangener vermöchte ich Euch nicht mehr zu vertheidigen; und wenn ich sterben soll, benütze ich den Augenblick, wo mein Arm frei ist, um Euch zu sagen, daß mein Arm Euer wäre, wenn man ihn nicht gefesselt hätte, daß mein Herz Euch gehört bis zum Tod.

»Fernando bringt Euch diese Kunde, diesen Abschied vielleicht. Auf Wiedersehen, meine süße Königin und Freundin, in dieser Welt vielleicht, im Himmel gewiß.



    »Don Federigo.«

»Dieser Fernando, wer ist er? wo ist er?« rief Don Pedro so bleich, daß er furchtbar anzuschauen war.

»Sire,« erwiderte Mothril mit vollkommen natürlichem Tone, »dieser Fernando war der Page des Großmeisters. Er reiste mit uns ab. Am Abend des ändern Tages nach unserem Ausbruch erhielt er die Sendung. In derselben Nacht, beim Uebergang über die Zezere, wollte es der Zufall, daß er ertrank und daß ich diese Schrift an seinem Leichnam fand.«

Don Pedro brauchte keine Erläuterungen, um Mothril zu verstehen?«

»Ah!« sagte er, »Ihr habt den Leichnam wiedergefunden?«

»Ja.«

»Vor Jedermann?«

»Ja.«

»Also weiß Niemand, was dieser Brief enthält?«

»Sire,« sprach Mothril, »verzeiht meine Kühnheit; die Interessen meines Königs überwogen die mir gebotene Discretion; ich öffnete die Waidtasche und las den Brief.«

»Doch Ihr allein? Dann ist es, als ob ihn Niemand gelesen hätte.«

«Gewiß, gewiß, Hoheit, seitdem der Brief in meinen Händen ist.«

»Doch zuvor?«

»Ah! Sire, für das Zuvor stehe ich nicht, um so mehr, als der Page nicht allein bei seinem Herrn war: es war da ein Verfluchter . . . ein Giaur . . . ein Hund . . . ein Christ . . . Verzeiht, Sire.«

»Und wer war dieser Christ?«

»Ein französischer Ritter, den er seinen Bruder nennt.«

»Ah!« versetzte Don Pedro lächelnd, »ich hätte geglaubt, er würde seinen Freunden einen andern Namen geben.«

»Für diesen Christen hat er nun keine Geheimnisse, und man dürfte sich nicht wundern, wenn er das Vertrauen, das der Page genoß, theilte, und in diesem Fall wäre das Verbrechen öffentlich.«

»Der Großmeister kommt?« fragte Don Pedro.

»Er folgt mir, Hoheit.«

Don Pedro ging eine Zeit lang, die Stirne gefaltet, die Arme gekreuzt, den Kopf auf die Brust geneigt, auf und ab; es war leicht zu sehen, daß ein furchtbarer Sturm um sein Herz tobte.

»Man muß also mit ihm anfangen,« sprach er endlich mit dumpfer Stimme, »das ist überdies das einzige Entschuldigungsmittel, welches mir Frankreich gegenüber zu Gebot steht. Sieht Karl V., daß ich meinen Bruder nicht schonte, so wird er nicht mehr am Verbrechen zweifeln und mir verzeihen, daß ich seine Schwägerin nicht geschont habe.«

»Befürchtet Ihr aber nicht, Hoheit,« sagte Mothril, »man könnte sich in der Rache täuschen und denken, Ihr habet den Großmeister, nicht den Geliebten der Königin Blanche, sondern den Bruder von Enrique Transtamare, Eurem Mitbewerber um den Thron, geschlagen?«

»Ich werde den Brief öffentlich machen,« erwiderte der König, »das Blut wird den Flecken bedecken; Ihr habt mir treulich gedient.«

»Was befiehlt nun der König?«

»Man halte die Wohnung des Großmeisters bereit.«

Mothril ging ab. Don Pedro blieb allein, und seine Gedanken verdüsterten sich immer mehr; er sah den Spott sich an seinen Namen anhängen, der eifersüchtige und stolze Mensch erschien wieder unter dem unempfindlichen König; es kam ihm vor, als hörte er schon das Gerücht von der Liebschaft von Blanche und dem Großmeister unter dem Volk mit allen Uebertreibungen umherlaufen, mit denen man die Fehler der Könige behandelt. Dann, als er die Augen auf die Gemächer von Dona Padilla heftete, glaubte er sie hinter dem Vorhang ihres Fensters stehen zu sehen, und auf ihrem Gesichte das Lächeln des befriedigten Stolzes wahrzunehmen.

»Nicht sie ist es, die mich bewegt, zu thun, was ich vollbringen will,« sprach er, »und dennoch wird man sagen, sie sei es, und dennoch wird sie es glauben.«

Ungeduldig wandte er den Kopf ab und schaute rings umher.

In diesem Augenblick gingen über eine Terrasse, welche niedriger war als die königliche, zwei maurische Sklaven; sie trugen Räucherpfännchen, die einen bläulichen, wohlriechenden Dampf ausströmten. Der Gebirgswind machte diesen berauschenden Wohlgeruch bis zum König aufsteigen.

Hinter den Sklaven kam eine verschleierte Frau von geschmeidigem, hohem Wuchse, von zartem Leib mit geneigtem Kopf. Sie war bedeckt mit dem arabischen Schleier, der nur eine Oeffnung läßt, daß der Strahl des Auges hervorspringen kann. Mothril folgte ihr mit einer gewissen Ehrfurcht, und als sie vor der Thüre des Zimmers waren, wo die Fremde eintreten sollte, warf sich der Maure gleichsam zu den Füßen des Mädchens nieder.

Dieser Wohlgeruch, dieser wollüstige Blick, diese Ehrerbietung des Mauren bildeten einen so mächtigen Contrast mit den Leidenschaften, welche das Herz von Don Pedro zusammenpreßten, daß er sich einen Augenblick erfrischt und wiedergeboren fühlte, als ob ihm die Jugend und die Freude durch diese Erscheinung eingeflößt worden wären.

Er erwartete auch voll Ungeduld den Abend.

Und als der Abend gekommen war, stieg er aus seiner Wohnung hinab und kam, der Nacht vertrauend, durch die Gärten, wo er allein einzutreten das Recht hatte, vor den von Mothril bewohnten Kiosk; vorsichtig hob er die dicken Epheugewinde und die Zweige eines ungeheuren Oleanders auf, der besser als ein Vorhang das Innere der Wohnung vor indiscreten Augen verbarg, und er erblickte nun aus einem Kissen von silbergestickter Seide, die Füße nackt, kaum verschleiert durch ein langes durchsichtiges Gewand, geschmückt mit Ringen und Halsbändern, nach orientalischer Sitte, die Stirne ruhig, die Augen in einer Träumerei verloren, Aissa lächelnd und unter der Röthe ihrer Lippen ihre seinen, weißen, perlartig gleichen Zähne entblößend.

Mothril hatte aus die Neugierde des Königs gerechnet; seitdem es Nacht geworden war, horchte und schaute er; er hörte das Geräusch der ausgehobenen Zweige; er unterschied in der ruhigen Frische der Nacht den glühenden Athem des Königs; doch er schien aus keine Weise zu bemerken, daß sein Fürst da war. Nur, als das nachlässige Mädchen von seinen zerstreuten Fingern sein Combolio von Korallen fallen ließ, stürzte er nieder, hob es auf und kniete beinahe vor ihr, als er es ihr zurückgab.

Aissa lächelte.

»Warum so viele Ehrenbezeigungen seit zwei oder drei Tagen?« sagte sie. »Ein Vater hat nur zärtlich gegen sein Kind zu sein, und das Kind ist dem Vater Ehrfurcht schuldig.«

»Was Mothril thut, muß er thun,« erwiderte der Maure.

»Mein Vater, warum erweist man mir sogar mehr Zuvorkommenheit, als Euch?«

»Weil man Euch mehr Zuvorkommenheit schuldig ist, als mir; denn bald erscheint der Tag, wo sich Alles enthüllen wird, und ist dieser Tag erschienen, so werdet Ihr Euch vielleicht nicht mehr herablassen, mich Euren Vater zu nennen, Dona Aissa.«

Diese geheimnißvollen Worte machten einen unbeschreiblichen Eindruck sowohl auf das Mädchen, als auf den König; doch so sehr auch Aissa in ihn drang, Mothril wollte nicht mehr sagen und zog sich zurück.

Hinter ihm traten die Frauen von Aissa ein; sie kamen mit großen Fächern von Straußenfedern und bewegten die Luft um den Sopha ihrer Gebieterin, während eine sanfte Musik, die man hörte, ohne das Instrument und den Musiker zu sehen, gleichsam einen melodischen Wohlgeruch in der Luft vibriren ließ. Aissa schloß ihre großen, ganz von geheimen Flammen entzündeten Augen.

»Woran mag sie denken?« sagte der König, als er sah, wie der Schatten eines Traumes über ihr Antlitz hinzog.

Sie träumte von dem schönen französischen Ritter. Die Frauen näherten sich, um die Vorhänge niederzulassen.

»Es ist seltsam,« sprach der König, genöthigt, diese gefährliche Beschauung aufzugeben, »man sollte glauben, sie habe einen Namen ausgesprochen.«

Der König täuschte sich nicht, sie hatte den Namen Agenor ausgesprochen.

Aber obgleich die Vorhänge wieder geschlossen waren, befand sich doch Don Pedro nicht in einer Stimmung des Geistes, die ihm in seine Gemächer zurückzukehren gestattete.

Das Herz des Fürsten vereinigte zu dieser Stunde die entgegen gesetztesten Gefühle.

Diese Gefühle bildeten unter sich einen Kampf, der jede Hoffnung auf Rast und Schlaf ausschloß; Kühlung von der Nachtluft, Ruhe vom Stillschweigen erwartend, irrte er in den Gärten umher und kam immer wieder zu einem unwiderstehlichen Ziele, zu dem Kiosk zurück, wo die Maurin im tiefsten Schlafe lag; zuweilen ging er auch an den Fenstern von Dona Padilla vorüber und heftete seine Augen auf die finsteren Scheiben; im Glauben, die hochmüthige Spanierin schlafe, setzte er sodann seine Wanderung fort, die ihn auf einem mehr oder minder langen Umweg zu dem Kiosk zurückführte.

Der König täuschte sich, Maria Padilla schlief nicht; es waren keine Lichter vorhanden, doch voll Flammen, wie das von Don Pedro, brannte und sprang in der Brust ihr Herz, denn unbeweglich hinter ihrem Fenster, in ein Gewand von dunkler Farbe gehüllt, schaute sie nach dem König, ohne eine von seinen Bewegungen zu verlieren und, wir möchten beinahe sagen, ohne einen von seinen Gedanken entschlüpfen zu lassen.

Außer den Augen von Maria Padilla gab es noch zwei Augen, die sich in das Herz des Königs Don Pedro tauchten; es waren die des Mauren, welcher Schildwache stand, um den Erfolg seiner Intriguen beurtheilen zu können. Wenn sich der König den Fenstern von Aissa näherte, so bebte er vor Freude. Schlug aber Don Pedro den Blick zu den Gemächern von Maria Padilla auf, schien er zu zögern, ob er nicht zur Favoriten hinaufgehen sollte, so stieß sein Mund ganz leise Drohungen aus, welche seine Hand, instinctartig seinen Dolch suchend, zu vollziehen bereit schien. Unter dem Einfluß dieser zwei so durchdringenden und so giftigen Blicke, brachte Don Pedro die ganze Nacht hin, während er sich allein und vergessen glaubte. Endlich von Müdigkeit niedergebeugt, streckte er sich eine Stunde vor Tagesanbruch aus einer Bank ans und versank in jenen fieberhaften, bewegten Schlaf, der nur ein Leiden mehr den übrigen beigefügt ist.

»Du bist noch nicht, wie ich Dich haben will,« sagte Mothril, als er den König der Last der Müdigkeit erliegen sah; »ich muß Dich von dieser Dona Padilla frei machen, die Du wie Du behauptest, nicht mehr liebst und dennoch nicht verlassen kannst.«

Und er ließ den Vorhang wieder fallen, den er aufgehoben hatte, um in den Garten zu schauen.

»Auf!« sagte Maria Padilla zu sich selbst, »es ist ein letzter Versuch zu machen, aber aus eine rasche, entscheidende Weise und ehe diese Frau, denn es ist ohne Zweifel eine Frau, was er durch das Fenster betrachtete, Einfluß aus sein Herz erlangt hat.«

Und sie gab ihren Leuten Befehle, und diese machten vom Morgen an einen großen Lärmen im Palast.

Als der König erwachte und wieder in seine Gemächer hinausging, hörte er in den Höfen das Stampfen von Pferden und Maulthieren, und in den Gängen die hastigen Schritte von Frauen und Pagen.

Er wollte sich nach den Ursachen dieser Bewegung erkundigen, als sich die Thüre öffnete und Maria Padilla aus der Schwelle erschien.

»Woraus warten diese Pferde, und was wollen diese geschäftigen Diener, Senora?« fragte Don Pedro.

»Sie warten aus meine Abreise, Sire, zu der ich so früh, als ich konnte, Vorkehrungen treffen ließ, um Eurer Hoheit die Gegenwart einer Frau zu ersparen, welche nichts mehr für Euer Glück vermag. Ueberdies kommt heute mein Feind, und da es ohne Zweifel im Erguß Eures brüderlichen Herzens Sure Absicht wäre, mich ihm zu opfern, so trete ich ihm den Platz ab, denn ich bin mich meinen Kindern schuldig, die, da ihr Vater sie vergißt, ihrer Mutter zweimal bedürfen.«

Maria Pudilla galt für die schönste Frau Spaniens; ihr Einfluß auf Don Pedro war so groß, daß die Chronikschreiber der Zeit, überzeugt, die Schönheit, so vollkommen sie auch sein möge, könne keine solche Macht erreichen, diesen Einfluß der Zauberkunst zuschrieben, statt die Ursachen desselben in den natürlichen Reizen der Zauberin zu suchen.

So, wie sie war, schön in ihren fünfundzwanzig Jahren, reich in ihrem Muttertitel, mit ihren langen schwarzen Haaren, welche auf das einfache wollene Kleid herabfielen, das nach der Mode des vierzehnten Jahrhunderts ihre Arme, ihre Schultern und ihren Buden eng umschloß, faßte sie für Don Pedro nicht Alles, was er geträumt, aber Alles, was er an Liebe und süßen Gedanken gefühlt hatte, zusammen; es war die Fee des Hauses, die Blume des Gemüths, das Schmuckkästchen glücklicher Erinnerungen. Der König schaute sie traurig an und sprach:

»Es wunderte mich, daß Ihr mich noch nicht verlassen hattet, Maria; Ihr habt allerdings den Augenblick gut gewählt, den, wo mein Bruder Enrique sich empört, den, wo mein Bruder Federigo mich verräth, den, wo der König von Frankreich ohne Zweifel Krieg mit mir anfangen wird. Es ist wahr, die Frauen lieben das Unglück, nicht.«

»Seid Ihr unglücklich!« rief Dona Padilla, indem sie drei Schritte machte und ihre beiden Hände gegen Don Pedro ausstreckte, »dann bleibe ich, das genügt mir; einst hätte ich gefragt: »»Pedro, wirst Du glücklich sein, wenn ich bleibe?««

Der König hatte seinerseits den Leib vorwärts geneigt, so daß eine von den schönen Händen von Maria auf die seinige fiel. Er befand sich in einem der Augenblicke, wo das tief verwundete Herz das Bedürfniß fühlt, sich durch ein wenig Liebe zu vernarben. Er drückte diese Hand an seine Lippen.

»Ihr habt Unrecht, Maria,« sagte er, »ich liebe Euch, nur hättet Ihr, um eine Liebe zu finden, die der Eurigen entspräche, einen andern Mann als einen König lieben müssen.«

»Ihr wollt also nicht, daß ich abreise?« fragte Maria Padilla mit dem anbetungswürdigen Lächeln, das Don Pedro die übrige Welt vergessen ließ.

»Nein,« sprach der König, »wenn Ihr einwilligt, mein zukünftiges Glück zu theilen, wie Ihr mein vergangenes getheilt habt.«

Von dem Platze, wo sie war, und durch das offene Fenster befahl nun die schöne Statue mit einer jener Geberden einer Königin, durch die man hätte glauben sollen, Maria wäre am Fuße eines Thrones geboren, der Schaar von Dienern, welche zum Aufbruch bereit waren, in die Gemächer zurückzukehren.

In diesem Augenblick trat Mothril ein. Die zu sehr ausgedehnte Unterredung von Don Pedro mit seiner Geliebten beunruhigte ihn.

»Was gibt es?« fragte Don Pedro ungeduldig.

»Sire,« erwiderte der Maure, »Euer Bruder Don Federigo kommt an, und man erblickt schon sein Gefolge auf der Straße nach Portugal.«

Bei dieser Nachricht zuckte ein solcher Ausdruck von Haß in Blitzen aus den Augen des Königs hervor, daß Maria Padilla wohl sah, sie habe von dieser Seite nichts zu befürchten, und daß sie, nachdem sie ihre Stirne Don Pedro geboten, der seine bleichen Lippen darauf drückte, lächelnd in ihr Gemach zurückkehrte.




Achtes Kapitel.

Wie der Großmeister in den Alcazar von Sevilla einzog, wo ihn der König Don Pedro erwartete


Der Großmeister rückte in der That, wie Mothril gesagt hatte, gegen Sevilla heran; er erreichte die Thore gegen Mittag, nämlich mitten in der stärksten Hitze des Tages.

Die Reiter, welche sein Gefolge bildeten, Mauren und Christen, waren mit Staub überzogen, und der Schweiß badete die Flanken der Maulthiere und Pferde. Der Großmeister warf einen Blick aus die Mauern der Stadt, die er mit Soldaten und Volk bedeckt zu sehen glaubte, wie dies an festlichen Tagen Gewohnheit ist; doch er sah nichts als Schildwachen, die man auch an anderen Tagen hier zu sehen pflegte.

»Soll ich den König benachrichtigen?« fragte einer der Officiere von Don Federigo, der, wenn es der Prinz befehlen würde, voran zu reiten sich anschickte.

»Beunruhigt Euch nicht,« erwiderte Don Federigo mit einem traurigen Lächeln, »der Maure ist voraus gereist und mein Bruder ist benachrichtigt. Wißt Ihr übrigens nicht,« fügte er mit einem bitteren Tone bei, »wißt Ihr nicht, daß Turniere und Feste bei Gelegenheit meiner Ankunft in Sevilla stattfinden?«

Die Spanier schauten erstaunt umher, denn nichts deutete die versprochenen Turniere und die befohlenen Feste an. Es war im Gegentheil Alles düster und traurig; sie befragten die Mauren, doch die Mauren antworteten nicht.

Sie zogen in die Stadt ein; Thüren und Fenster waren geschlossen, wie es in Spanien zur Zelt der großen Hitze Gewohnheit ist: man sah in den Straßen weder Volk, noch Vorbereitungen, und man hörte kein anderes Geräusch, als das der Thüren, welche sich öffneten, um irgend, einen säumigen Schläfer durchzulassen, der, ehe er seine Siesta machte, gern wissen wollte, wer diese Truppe von Reitern wäre, welche in die Stadt zu einer Stunde einzogen, wo in Spanien selbst die Mauren, die Kinder der Sonne, den Schatten der Wilder oder die Frische des Flusses suchen.

Die christlichen Reiter marschirten voran; um das Doppelte zahlreicher, denn mehrere Truppen hatten sich nach und nach der ersten angeschlossen, bildeten die Mauren die Nachhut. Don Federigo betrachtete mit forschendem Blick alle diese Manoeuvres; die Stadt, die er lebendig und freudig zu sehen erwartete und im Gegentheil düster und schweigsam wie ein Grab fand, hatte schon in seinem Herzen furchtbaren Argwohn erregt.

Ein Officier ritt nahe zu ihm heran, neigte sich an sein Ohr und sprach:

»Hoher Herr, habt Ihr bemerkt, daß man hinter uns das Thor geschlossen, durch welches wir eingeritten sind?«

Der Großmeister antwortete nicht, man ritt weiter und erblickte bald den Alcazar. Mothril wartete vor der Thüre mit einigen Officieren von Don Pedro. Sie hatten wohlwollende Gesichter.

Die so ungeduldig erwartete Truppe zog alsbald in die Höfe des Alcazar ein, dessen Thore sich, wie die der Stadt, sogleich hinter ihr schloßen.

Mothril folgte dem Prinzen mit allen Zeichen der tiefsten Ehrfurcht. In dem Augenblick, wo er abstieg, näherte er sich ihm und sagte: »Ihr wißt, Hoheit, daß es nicht gebräuchlich ist, mit Waffen in den Palast einzutreten. Soll ich Euer Schwert in Eure Wohnung tragen lassen?«

Der so lange zurückgehaltene Zorn von Don Federigo schien nur diese Gelegenheit abzuwarten, um loszubrechen,

»Sklave!« sprach er, »hat Dich die Knechtschaft so verdumpft, daß Du Deine Fürsten nicht mehr zu erkennen und Deine Herren nicht mehr zu achten weißt? Seit wann hat der Großmeister von San Jago von Calatrava, der das Recht hat, behelmt und bespornt in die Kirchen einzutreten und ganz bewaffnet mit Gott zu sprechen, nicht mehr das Recht, bewaffnet in den Palast einzutreten und den Degen in der Scheide mit seinem Bruder zu reden?«

Mothril hörte mit Ehrfurcht, beugte das Haupt in Demuth und erwiderte:

»Eure Hoheit hat die Wahrheit gesprochen, und Euer untertäniger Diener vergaß, nicht daß Ihr Prinz, sondern daß Ihr Großmeister des Ordens von Calatrava seid. Alle diese Vorrechte sind christliche Gewohnheiten und man darf sich nicht wundern, wenn ein armer Ungläubiger, wie ich, sie nicht kennt oder vergißt.«

In diesem Augenblick näherte sich ein anderer Officier Don Federigo.

»Ist es wahr, Hoheit,« fragte er, »habt Ihr befohlen, daß wir Euch verlassen sollen?«

»Wer hat das gesagt?« entgegnete der Großmeister.

»Eine von den Wachen am Thore.«

»Und was habt Ihr darauf geantwortet?«

»Wir hätten nur Befehle von unserem Herrn Don Federigo zu empfangen.«

Der Prinz zögerte einen Augenblick; er sah sich jung, er fühlte sich kräftig, er wußte sich muthig: er war endlich hinreichend umgeben, um eine lange Vertheidigung zu unternehmen.

»Hoheit,« fuhr der Officier fort, als er sah, daß sein Herr mit sich zu Rathe ging, »sprecht ein Wort, macht eine Geberde, und wir ziehen Euch aus dem Hinterhalt, in den Ihr gerathen seid; wir sind hier zu Dreißig, die die Lanze, den Dolch und das Schwert führen.«

Don Federigo schaute Mothril an; er gewahrte ein Lächeln aus seinen Lippen und folgte der Richtung seines Blickes. Auf den Terrassen, die den Hof um gaben, sah man Bogenschützen und Armbrustschützen, den Bogen oder die Armbrust in der Hand.

»Ich würde diese braven Leute erwürgen lassen,« sagte Don Federigo zu sich selbst; »nein, da es aus mich allein abgesehen ist, will ich auch allein eintreten.«

Der Großmeister wandte sich ruhig und fest gegen seine Gefährten um und sprach:

»Zieht Euch zurück, meine Freunde; ich bin in dem Palaste meines Bruders und meines Königs; der Verrath wohnt nicht an solcher Stätte, und wenn ich mich täusche, erinnert Euch, daß man mich vor einem Verrathe gewarnt hat, und daß ich es nicht habe glauben wollen.«

Die Soldaten von Don Federigo verbeugten sich und gingen einer nach dem andern ab. Don Federigo fand sich nun allein mit den Mauren und den Leibwachen des Königs Don Pedro.

»Und nun will ich meinen Bruder sehen,« sagte er, sich gegen Mothril umwendend.

»Hoher Herr, Euer Wunsch wird sogleich erfüllt werden, denn der König erwartet Euch voll Ungeduld,« antwortete der Maure.

Er trat aus die Seite, damit der Prinz die Treppe des Alcazar hinaussteigen konnte.

»Wo ist mein Bruder?« fragte der Großmeister.

»In dem Gemach der Terrasse.« Dies war ein Gemach in der Nähe desjenigen, welches Don Federigo in der Regel bewohnte. Als er vor der Thüre des seinigen vorüberkam, blieb der Großmeister einen Augenblick stehen, und fragte:

»Kann ich nicht in meine Wohnung eintreten und ein wenig ausruhen, ehe ich vor meinem Bruder erscheine?«

»Gnädigster Herr erwiderte Mothril, »wenn Eure Hoheit den König gesehen hat, mag sie ganz nach ihrem Belieben, und so lange es ihr gut dünkt, ausruhen.«

Es entstand nun eine Bewegung unter den Mauren, welche dem Prinzen folgten. Federigo wandte sich um.

»Der Hund . . .« murmelten die Mauren.

Der getreue Alan war in der That, statt den Pferden in den Stall zu folgen, seinem Herrn gefolgt, als hätte er die Gefahr ahnen können, die ihn bedrohte.

»Der Hund gehört mir,« sagte Don Federigo.

Die Mauren traten weniger aus Achtung, als aus Furcht bei Seite, und der Hund lief freudig herbei und stützte seine Pfoten auf die Brust seines Herrn.

»Ja,« sagte dieser, »ich verstehe Dich, und Du hast Recht. Fernando ist todt, Agenor ist fern von hier, und Tu bist der einzige Freund, der mir bleibt.«

»Hoheit,« fragte Mothril mit seinem spöttischen Lächeln, »gehört es auch zu den Privilegien des Großmeisters von San Jago, in die Gemächer des Königs, gefolgt von seinem Hund, einzutreten?«

Eine finstere Wolke zog über die Stirne von Don Federigo hin. Der Maure war nahe bei ihm; Don Federigo hatte die Hand an seinem Dolch; ein schneller Entschluß, eine rasche Bewegung und er war gerächt an diesem frechen, höhnischen Sklaven.

»Nein,« sagte er in seinem Innern, »die Majestät des Königs ist in allen denjenigen, welche ihn umgeben; wir wollen die Majestät des Königs nicht angreifen.«

Er öffnete kalt die Thüre seines Gemaches und hieß den Hund durch ein Zeichen hineingehen.

Der Hund gehorchte, »Erwarte mich hier, Alan,« sagte Don Federigo.

Der Hund legte sich aus eine Löwenhaut nieder, der Großmeister schloß die Thüre. In diesem Augenblick hörte man eine Stimme rufen:

»Mein Bruder, wo ist denn mein Bruder?« Don Federigo erkannte die Stimme des Königs und eilte nach dem Punkte, von dem diese Stimme kam.

Don Pedro verließ so eben das Bad; noch bleich von der schlaflos zugebrachten Nacht, in dumpfem Zorne brütend, heftete er einen strengen Blick auf den jungen Mann, der sich vor ihm niederwarf und sprach:

»Hier bin ich, mein König und Bruder; Ihr habt mich gerufen und hier bin ich. Ich bin in aller Eile gekommen um euch zu sehen und Euch jedes Glück zu wünschen.«

»Wie ist dies Möglich, Großmeister?« erwiderte Don Pedro, »und muß ich mich nicht wundern, daß Eure Worte so wenig mit Euren Handlungen im Einklange stehen? Ihr wünscht mir alles Glück, sagt Ihr, und conspirirt mit meinen Feinden!«

»Sire, ich begreife Euch nicht,« entgegnete Don Federigo ausstehend, denn sobald man ihn anschuldigte, wollte er nicht eine Secunde mehr aus den Knieen bleiben. »Sind diese Worte wirklich an mich gerichtet?«

»Ja, an Euch selbst, Don Federigo, Großmeister von San Jago.«

»Sire, Ihr nennt mich also einen Verräther?«

»Ja! denn Ihr seid ein Verräther,« antwortete Don Pedro.

Der junge Mann erbleichte, bemeisterte sich aber.

»Warum dies, mein König?« fragte er mit einem Ausdruck unendlicher Sanftmuth. »Ich habe Euch nie beleidigt, wenigstens nie mit Willen. Ganz im Gegentheil: bei mehreren Treffen und besonders im Kriege gegen die Mauren, weiche heute Eure Freunde sind, handhabte ich ein Schwert, das sehr schwer für meinen Arm, denn ich war noch so jung.«

»Ja, die Mauren sind meine Freunde!« rief Don Pedro, »und ich mußte meine Freunde wohl unter den Mauren wählen, da ich in meiner Familie nur Feinde fand.«

Don Federigo richtete sich immer stolzer, immer unerschrockener aus, je ungerechter und verletzender die Vorwürfe des Königs wurden.

»Wenn Ihr von meinem Bruder Enrique sprecht,« sagte er, »so habe ich nichts zu erwiedern, und das geht mich nichts an. Mein Bruder Enrique hat sich gegen Euch empört, er hat Unrecht gehabt, denn Ihr seid unser gesetzlicher Herr, sowohl durch das Alter, als durch die Geburt; doch mein Bruder Enrique will König von Castilien sein und man sagt, der Ehrgeiz lasse Alles vergessen; ich bin nicht ehrgeizig und nehme nichts in Anspruch. Ich bin Großmeister von San Jago; wenn Ihr Einen wißt, der würdiger ist, als ich, so bin ich bereit, mein Amt in seine Hände niederzulegen.«

Don Pedro antwortete nicht.

»Ich habe Coimbra von den Mauren erobert und mich darin wie in meinem Eigenthum eingeschlossen. Niemand hat ein Recht auf meine Stadt. Wollt Ihr Coimbra, mein Bruder? es ist ein guter Hafen.«

Don Pedro antwortete eben sowenig.

»Ich habe ein kleines Heer,« fuhr Don Federigo fort. »Doch ich sammelte es unter Eurem Gutheißen. Wollt Ihr meine Soldaten, um Eure Feinde zu bekämpfen?«

Don Pedro schwieg fortwährend.

»Ich besitze kein anderes Gut, als das meiner Mutter, Dona Eleonore von Guzman, und die Schätze, die ich von den Mauren erobert habe. Wollt Ihr mein Geld, mein Bruder?«

»Ich will weder Dein Amt, noch Deine Stadt, noch Deine Soldaten, noch Deinen Schatz,« rief Don Pedro, der bei dem Anblick des ruhigen jungen Mannes nicht mehr länger an sich halten konnte, »ich will Deinen Kopf.«

»Mein Leben gehört Euch, wie alles Uebrige, mein König; ich werde es ebenso wenig vertheidigen, als ich das Uebrige vertheidigt hätte.

Nur frage ich, warum wollt Ihr den Kopf nehmen, wenn das Herz unschuldig ist?«

»Unschuldig!« versetzte Don Pedro. »Kennst Du eine Französin, die sich Blanche von Bourbon nennt?«

»Ich kenne eine Französin, die sich Blanche von Bourbon nennt, und ich achte sie wie meine Königin und wie meine Schwester.«

»Ah! das ist es, was ich sagen wollte,« erwiderte Don Pedro: »Du nimmst Partei für Deine Königin und Deine Schwester, die Feindin Deines Bruders und Deines Königs.«

»Sire,« sprach der Großmeister, »wenn Ihr Feind denjenigen nennt, welchen Ihr beleidigt habt, und der das Andenken an diese Beleidigung in seinem Herzen bewahrt, so ist die Person, von der Ihr sprecht, vielleicht Eure Feindin. Doch bei meiner Seele, man könnte eben sowohl Eure Feindin die Gazelle nennen, die Ihr mit einem Pfeil verwundet, und die mit ihrer Wunde entflieht.«

»Ich nenne meinen Feind Jeden, der meine Städte, zum Aufstand anreizt, und diese Frau hat Teledo zum Aufruhr bewogen. Ich nenne meinen Feind Jeden, der meine Brüder gegen mich bewaffnet, und diese Frau hat gegen mich meinen Bruder, nicht meinen Bruder Enrique den Ehrgeizigen, wie Du ihn so eben nanntest, sondern meinen Bruder Don Federigo, den Heuchler und Blutschänder, bewaffnet.«

»Mein Bruder, ich schwöre Euch . . .«

»Schwöre nicht, Du würdest einen falschen Eid schwören.«

»Mein Bruder . . .«

»Kennst Du dies?« fragte Don Pedro, indem er aus der Waidtasche von Fernando den Brief des Großmeisters zog.

Bei diesem Anblick, der ihm bewies, daß Fernando ermordet worden, bei diesem Beweis, daß seine Liebe in die Hände des Königs gefallen war, fühlte Don Federigo, wie seine Stärke von ihm wich. Er beugte das Knie vor dem König und blieb einen Augenblick das Haupt unter der Last des Unglücks gesenkt, das er vorhersah. Ein Gemurmel des Erstaunens durchlief die Gruppe der Höflinge, welche am Ende der Gallerie standen: vor seinem Bruder aus den Knieen, flehte Federigo offenbar seinen König an; wenn er aber stehle, war er schuldig; sie dachten nicht, er könnte für einen Andern stehen.

»Sire,« sprach Don Federigo, »ich nehme Gott zum Zeugen, daß ich unschuldig an dem bin, was Ihr mir vorwerft.«

»Das wirst Du also Gott sagen,« entgegnete der König: »denn ich, ich glaube es Dir nicht.«

»Mein Tod würde eine Befleckung abwaschen,« erwiderte der Großmeister; »wie wird es aber sein, wenn ich rein von Verbrechen bin?«

»Rein von Verbrechen!« rief der König Don Pedro; »wie nennst Du denn dieses?«

Und vom Zorn fortgerissen, schlug der König seinem Bruder mit dem Brief ins Gesicht, den er an Blanche von Bourbon geschrieben hatte.

»Es ist gut,« sprach Don Federigo und that einen Schritt rückwärts; »tödtet mich, beschimpft mich aber nicht! Ich weiß seit langer Zeit, daß die Menschen feige werden, wenn sie beständig mit Buhlerinnen und Sklaven leben! . . . König, Du bist ein Feiger, denn Du hast einen Gefangenen beschimpft!«

Herbei!« rief Don Pedro, »herbei, meine Wachen! man führe ihn weg und tödte ihn!«

»Einen Augenblick . . .« unterbrach ihn Don Federigo, die Hand gegen seinen Bruder ausstreckend, »so wüthend Du bist, wirst Du doch vor dem, was ich Dir sage, einhalten. Du hast eine unschuldige Frau beargwohnt, Du hast den König von Frankreich beschimpft, indem Du sie beargwohntest, doch Du wirst Gott nicht nach Deinem Wohlgefallen beleidigen. Ich aber will zu Gott beten, ehe Du mich ermordest, ich will eine Stunde, um mich mit meinem höchsten Herrn zu besprechen. Ich bin kein Maure!«

Don Pedro war beinahe wahnsinnig vor Wuth. Doch er hielt an sich, denn er hatte Zuschauer.

»Es ist gut, Du sollst eine Stunde haben,« sagte er; gehe!«

Alle diejenigen, welche dieser Scene beiwohnten, waren vor Furcht in Eis verwandelt. Die Augen des Königs stammten; doch aus denen von Don Federigo sprangen auch Blitze hervor.

»Halte Dich in einer Stunde bereit!« rief Don Pedro in dem Augenblick, wo er das Zimmer verließ.

»Sei unbesorgt, ich werde stets zu früh für Dich sterben, da ich unschuldig bin,« erwiderte der junge Mann.

Er blieb eine Stunde in seinem Gemach eingeschlossen, ohne daß sich Jemand näherte, von Angesicht zu Angesicht mit dem Herrn; dann, als diese Stunde abgelaufen war und die Henker nicht erschienen, trat er in die Gallerie und rief:

»Du läßt mich warten, Senor Don Pedro; die Stunde ist vorbei.«

Die Henker traten ein.

»Welchen Todes soll ich sterben?« fragte der Prinz.

Einer von den Henkern zog sein Schwert.

Federigo untersuchte es, indem er mit dem Finger über die Schneide fuhr.

»Nehmt das meinige,« sagte er. sein Schwert aus der Scheide ziehend, »es schneidet besser.«

Der Soldat nahm das Schwert.

»Wann werdet Ihr bereit sein, Großmeister?« fragte er.

Federigo hieß den Soldaten durch ein Zeichen einen Augenblick warten; dann trat er an einen Tisch, schrieb ein paar Zeilen aus ein Pergament, rollte dieses Pergament zusammen und nahm es zwischen seine Zähne.

»Was bedeutet dieses Pergament?« fragte der Soldat.

»Es ist ein Talisman, der mich unverwundbar macht,« erwiderte Don Federigo; »schlage nun, ich trotze Dir.«

Und der junge Fürst entblößte seinen Hals, hob seine langen Haare oben aus den Kopf und kniete, die Hände gefaltet und ein Lächeln aus den Lippen, nieder.

»Glaubst Du an die Macht dieses Talismans?« fragte ganz leise ein Soldat denjenigen, welcher schlagen sollte.

»Wir werden bald sehen,« erwiderte dieser.

»Schlage!« sprach Don Federigo.

Das Schwert flammte in den Händen des Scharfrichters; ein Blitz sprang aus der Klinge hervor, und mit einem einzigen Streiche gelöst, rollte der Kopf des Großmeisters aus den Boden.

In diesem Augenblick durchdrang ein furchtbares Geheul die Gewölbe des Palastes.

Der König, der an seiner Thüre horchte, entfloh erschrocken. Die Henker stürzten aus dem Gemache fort.

Aus dem Platze blieb nichts mehr, als Blut, ein vom Rumpf getrenntes Haupt und ein Hund, der, nachdem er eine Thüre gesprengt, sich bei diesen traurigen Ueberresten niederlegte.




Neuntes Kapitel.

Wie der Bastard von Mauléon das Billet erhielt, das er hatte holen wollen


Die ersten Schatten der Nacht fielen grau und finster auf den trostlosen Palast herab. Don Pedro saß düster und unruhig in den unteren Gemächern, wohin er sich geflüchtet hatte, da er es nicht wagte, in dem Gemach zu bleiben, welches an das stieß, wo der Leichnam seines Bruders lag. An seiner Seite weinte Maria Padilla.

»Warum weint Ihr, Senora?« fragte plötzlich der König voll Bitterkeit. »Habt Ihr denn nicht erlangt, was Ihr so sehr wünschtet? Ihr verlangtet von mir den Tod Eures Feindes; Ihr müßt befriedigt sein, denn Euer Feind ist nicht mehr.«

»Sire,« antwortete Maria, »ich habe vielleicht in einem Augenblick weiblichen Stolzes, in einem Ausbruch wahnsinnigen Zornes diesen Tod gewünscht. Gott verzeihe mir, wenn dieser Wunsch je in mein Herz eingedrungen ist! Doch ich glaube dafür stehen zu können, daß ich ihn nie gefordert habe.«

»Ah! so sind die Frauen!« rief Don Pedro; »glühend in ihren Wünschen, furchtsam in ihren Entschließungen; sie wollen immer, doch sie haben nie den Muth, zu handeln; dann, wenn ein Anderer wahnsinnig genug ist, ihrem Gedanken Folge zu geben, leugnen sie, diesen Gedanken je gehabt zu haben.«

»Sire, im Namen des Himmels,« sprach Maria, »sagt nie, Ihr habet mir den Großmeister geopfert; es wäre meine Qual in diesem Leben, es wäre mein Gewissensbiß im andern . . . Nein, sagt mir das, was wahr ist, sagt mir, Ihr habet ihn Eurer Ehre geopfert. Ich will nicht, hört Ihr wohl? ich will nicht, daß Ihr mich verlaßt, ohne daß Ihr mir sagt, nicht ich habe Euch zu diesem Morde angetrieben. . .«

»Ich werde Alles sagen, was Ihr wollt Maria,« erwiderte mit kaltem Tone der König, indem er aufstand und Mothril entgegenging, der mit den Rechten eines Ministers und der Sicherheit eines Günstlings eintrat.

Anfangs wandte Maria die Augen ab, um diesen Menschen nicht zu sehen, gegen den der Tod des Großmeisters, obschon er ihren Interessen diente, ihren Haß noch verdoppelt hatte; sie ging in eine Fenstervertiefung und erblickte hier, während der König mit dem Mauren sprach, einen völlig gewappneten Ritter, der die Verwirrung benützend, welche die Hinrichtung von Don Federigo in das ganze Schloß gebracht hatte, in den Hof trat, ohne daß sich die Schildwachen um ihn bekümmerten und ihn fragten, wohin er gehen wollte.

Dieser Ritter war Agenor, der der Aufforderung des Großmeisters entsprach und mit den Augen die purpurnen Vorhänge suchend, welche ihm Federigo als die seiner Wohnung bezeichnet hatte, an der Ecke der Mauer verschwand.

Maria Padilla folgte maschinenmäßig mit ihren Augen, und ohne zu wissen, wer er war, dem Ritter, bis sie ihn aus dem Blicke verloren. Dann kehrte sie vom Aeußeren zum Inneren zurück, und schaute wieder nach dem König und nach Mothril.

Der König sprach lebhaft. Aus seinen Geberden ersah man, daß er furchtbare Befehle gab. Ein Blitz durchzuckte den Geist von Dona Maria; mit jener raschen, den Frauen eigenthümlichen Anschauung errieth sie, wovon die Rede war.

Sie stürzte auf Don Pedro in dem Augenblick zu, wo er durch ein Zeichen Mothril weggehen hieß.

»Sire,« sprach sie, »Ihr werdet nicht zwei gleiche Befehle an einem und demselben Tage geben.«

Ihr, habt also gehört?« rief der König erbleichend.

»Nein, doch ich habe errathen. Oh! Sire, Sire,« fuhr Maria vor dem König aus die Kniee fallend fort, oft habe ich mich über sie beklagt, oft habe ich Euch gegen sie ausgereizt, doch tödtet sie nicht, Sire, tödtet sie nicht; denn nachdem Ihr sie getödtet, würdet Ihr mir auch sagen, wie Ihr mir in Beziehung aus Don Federigo gesagt habt, weil ich ihren Tod verlangt, habet Ihr sie getödtet.«

»Maria,« sprach der König mit finsterer Miene, »steht auf, bittet nicht, es ist vergeblich. Alles war voraus beschlossen. Man hätte nicht anfangen sollen, oder muß nun endigen: der Tod des Einen zieht den Tod des Andern nach sich. Wenn ich nur Don Federigo schlüge, würde man alsbald glauben, Don Federigo habe nicht ein Verbrechen gesühnt, sondern er sei einer Privatrache geopfert worden.«

Dona Maria schaute den König voll Bangen an; sie war dem Reisenden ähnlich, der erschrocken vor einem Abgrund anhält.

»Oh!« sprach sie, »dies Alles wird aus mich zurückfallen, aus mich und meine Kinder: man wird sagen, ich habe Euch zu diesem doppelten Mord angetrieben, und Du siehst es doch, mein Gott,« fügte sie, sich zu seinen Füßen schleppend bei, »ich bitte ihn, ich siehe ihn an, mir nicht ein Gespenst aus dieser Frau zu machen.«

»Nein, denn ich werde laut meine Schande und ihr Verbrechen verkünden, nein, denn ich werde den Brief von Don Federigo an seine Schwägerin zeigen.«

»Aber Ihr werdet nie einen Spanier finden, der die Hand an seine Königin legen würde,« rief Dona Maria.

»Ich habe auch einen Mauren gewählt,« erwiderte unempfindlich Don Pedro.

»Wozu wären die Mauren gut, wenn man sie nicht thun ließe, was die Spanier zu thun sich weigern?«

»Oh! ich wollte diesen Morgen gehen, warum bin ich geblieben?« rief Dona Padilla. »Doch es ist noch diesen Abend Zeit, erlaubt, daß ich den Palast verlasse; mein Haus ist Euch zu jeder Stunde des Tags und der Nacht geöffnet, Ihr werdet mich in meinem Hause besuchen.«

»Thut, was Ihr wollt, Senora,« erwiderte Don Pedro, dem durch eine seltsame Wendung des Gedächtnisses in diesem Augenblick das Bild der schönen Maurin erschien, wie sie in ihrem wollüstigen Schlummer im Kiosk lag, während ihre Frauen mit großen Fächern über ihrem Schlafe wachten. »Thut, was Ihr wollt. Ich bin es müde, Euch immer sagen zu hören, Ihr werdet abreisen, ohne daß Ihr je reist.«

»Mein Gott!« sprach Maria Padilla, »Du bist Zeuge, daß ich von hier weggehe, weil ich, nachdem ich den Tod von Don Federigo nicht gefordert, vergebens das Leben der Königin Blanche fordere.«

Und ehe der König sich dieser Handlung widersetzen konnte, öffnete sie rasch die Thüre und schickte sich an, wegzugehen; doch in diesem Augenblick erscholl ein gewaltiger Lärmen im Palast: man sah Leute von einem wahnsinnigen Schrecken ergriffen entfliehen; man hörte Schreie, deren Ursache man nicht begreifen konnte; der Schwindel schien mit weit geöffneten Flügeln über dem Palast zu schweben.

»Hört!« sagte Maria, »hört!«

»Was geht denn vor?« rief Don Pedro, sich der Spanierin nähernd, »was soll dies Alles bedeuten? Antwortet, Mothril,« fuhr der König fort, indem er sich an den Mauren wandte, der am anderen Ende des Vorplatzes flehend, bleich, die Augen aus einen Gegenstand geheftet, den Don Pedro nicht sehen konnte, unbeweglich, eine Hand an seinem Dolch, mit der andern den Schweiß abwischend, der von seiner Stirne stoß, verharrte.

»Gräßlich! Gräßlich!« wiederholten alle Stimmen. Ungeduldig machte Don Pedro einen Schritt vorwärts, und es traf in der That seine Blicke ein Grauen erregendes Schauspiel. Oben aus den breiten Platten der Treppe sah man den Hund von Don Federigo, die Haare gesträubt wie die eines Löwen, blutig und furchtbar erscheinen; er hielt in seinem Rachen den Kopf seines Herrn, den er sachte aus dem Marmor an seinen langen Haaren fortzog. Vor ihm flohen, die Schreie ausstoßend, welche Don Pedro gehört hatte, alle Diener, alle Wachen des Palastes. So muthig. so verwegen, so unempfindlich er war, suchte doch Don Pedro auch zu fliehen; doch seine Füße schienen wie die des Mauren aus den Boden genagelt. Eine blutige Spur hinter sich lassend, stieg der Hund immer weiter herab. Sobald er aber zwischen Don Pedro und Mothril kam, legte er, als hätte er in ihnen die zwei Mörder erkannt, den Kopf auf die Erde und gab ein so klägliches Geheul von sich, daß die Favoritin darob in Ohnmacht sank, und der König schauerte, als ob ihn der Engel des Todes mit seinen Flügeln berührt hätte; dann nahm er seine kostbare Last wieder auf und verschwand im Hof.

Noch ein anderer Mann hörte das Geheul des Hundes und schauerte dabei. Dieser Mann war der vollständig gewappnete Ritter, den Dona Maria in den Alcazar hatte eintreten sehen, und der als guter Christ, wenigstens so abergläubisch als ein Maure, sich bei dem Geheule bekreuzte und, Gott bat, jedes schlimme Zusammentreffen von ihm abzuwenden.

Dann versetzte ihn aber diese Schaar erschrockener Diener, welche, an einander stoßend, sich niederwerfend. entflohen, in ein Erstaunen, das dem Schrecken glich. Der würdige Ritter lehnte sich an eine Platane an und sah, die Hand an seinem Dolch, diese rasche Procession bleicher Schatten vor sich vorüberziehen; endlich erblickte er den Hund und der Hund erblickte ihn.

Der Hund ging gerade aus ihn zu, geleitet von dem seinen Instinkt, der ihn in dem Ritter den Freund seines Herrn erkennen ließ.

Agenor wurde von einem Schauer ergriffen. Dieses blutige Haupt, dieser Hund, einem Wolfe ähnlich, der seine Beute fortschleppt, diese Welt fliehender Diener mit bleichen Gesichtern und unterdrücktem Geschrei, Alles stellte ihm einen von jenen gräßlichen Träumen dar, wie sie die vom Fieber verzehrten Kranken machen. Der Hund näherte sich immer mehr mit einer schmerzlichen Freude, und legte zu seinen Füßen den von Staub befleckten Kopf; dann erhob er zu den Gewölben das traurigste und durch dringendste Geheul, das er noch ausgestoßen. Einen Augenblick unbeweglich vor Schrecken, glaubte Agenor, sein Herz müßte brächen; endlich errieth er einen Theil von dem, was vorgefallen war: er bückte sich, schob mit seinen Händen die schönen Haare auseinander, und erkannte, obgleich in die Schatten des Todes getaucht, die ruhigen, sanften Augen seines Freundes. Sein Mund war freundlich, wie da er noch lebte, und man hätte glauben sollen, das Lächeln, das bei ihm Gewohnheit war, wolle noch aus seinen blauen Lippen zu Tage ausgehen. Agenor sank aus seine Kniee, und schwere, stille Thränen rollten aus seinen Augen über seine Wangen herab. Er wollte den Kopf nehmen, um ihm die letzte Ehre zu erweisen, und jetzt erst gewahrte er, daß die Zähne des unglücklichen Großmeisters eine kleine Pergamentrolle festhielten; er trennte sie mit seinem Dolch, entrollte das Pergament, und las gierig, wie folgt:

»Freund, unsere traurigen Ahnungen täuschten uns nicht, mein Bruder tödtet mich. Benachrichtige und warne die Königin Blanche: auch sie ist bedroht. Du hast mein Geheimniß: bewahre mein Andenken.«

»Ja, Herr,« sprach der Ritter: »ja, ich werde gewissenhaft Deinen letzten Willen vollziehen!. . . Doch wie von hier wegkommen?. . . Ich weiß nicht mehr, wie ich hereingekommen bin. Mein Kopf verwirrt sich: ich habe kein Gedächtniß mehr, und meine Hand zittert dergestalt, daß mir mein Dolch, den ich nicht mehr in die Scheide stecken kann, entschlüpfen wird.«

Der Ritter erhob sich in der That bleich, schauernd, und beinahe wahnsinnig; er ging, ohne zu sehen, stieß sich an den marmornen Säulen und streckte die Hände vor sich aus wie ein Trunkener, der die Stirne zu zerschmettern befürchtet. Endlich befand er sich in einem herrlichen, ganz mit Orangenbäumen, Granatbäumen und Oleandern bepflanzten Garten: Wassergarben, denen silberner Cascaden ähnlich, sprangen in porphyrnen Vasen. Er lief zu einem dieser Bassins, trank gierig, erfrischte seine Stirne, indem er sie in das eiskalte Wasser tauchte, und suchte sich nun zurechtzufinden: da zog ein schwaches Licht, das er durch die Bäume erschaute, seinen Blick an und leitete ihn. Er lies daraus zu: eine weiße Gestalt, die sich aus das Geländer eines Balcon stützte, stieß einen Seufzer aus und flüsterte seinen Namen. Agenor schaute empor, sah eine Frau, die die Arme nach ihm ausstreckte, rief: »Aissa, Aissa!« und eilte aus dem Garten zu der Maurin: das Mädchen streckte ihm die Arme mit einem Ausdruck tiefer Liebe entgegen, doch plötzlich wich es voll Unruhe zurück und fragte:

»Oh! mein Gott! Franzose, bist Du verwundet?«

Agenor hatte in der That blutige Hände: doch statt ihr zu antworten, statt ihr eine lange Erklärung zu geben, legte er eine von seinen Händen aus ihren Arm und deutete mit der andern aus den Hund, der ihm gefolgt war. Bei dieser furchtbaren Erscheinung stieß das Mädchen ebenfalls einen Schrei aus; Mothril, der gerade nach seiner Wohnung zurückkehrte, vernahm diesen Schrei, Man hörte, wie seine Stimme nach Fackeln verlangte; man hörte seine Tritte und die seiner Diener, die sich näherten.

»Fliehe!« rief das Mädchen, »fliehe; er würde Dich tödten, und ich würde sterben, weil ich Dich liebe.«

»Aissa,« sprach der Ritter, »ich liebe Dich auch; »sei mir treu, und Du wirst mich wiedersehen.«

Dann schloß er das Mädchen an sein Herz, drückte ihm einen Kuß aus die Lippen, ließ das Visir seines Helmes nieder, zog sein langes Schwert, sprang durch das niedrige Fenster und entfloh durch die Zweige streifend und die Blumen niedertretend; er kam bald vor den Garten, durchschnitt den Hof, stürzte ganz erstaunt, daß man ihn nicht aufzuhalten versuchte, aus dem Thor und erblickte in der Ferne Musaron, der fest in seinem Sattel saß und das schöne schwarze Roß an der Hand hielt, das ihm Don Federigo gegeben hatte.

Ein scharfes Schnaufen begleitete den Ritter von hinten; er wandte sich um, und der geringe Eifer, mit dem ihm die Wachen den Weg zu versperren gesucht hatten, war ihm erklärlich. Der Hund, der den einzigen Freund, welcher ihm blieb, nicht hatte verlassen wollen, folgte ihm.

Von Angst ergriffen bei dem Geschrei, das er gehört hatte, lief Mothril mittlerweile zu Aissa. Er fand sie bleich und am Fenster stehend: er wollte sie befragen, doch sie erwiderte seine ersten Fragen nur durch ein düsteres Stillschweigen. Endlich vermuthete der Maure, was vorgefallen war.

»Ist Jemand hierhergekommen? . . . Aissa, antworte.«

»Ja,« sprach das Mädchen, »der Kopf vom Bruder des Königs.«

Mothril schaute das Mädchen aufmerksamer an. Aus dem weißen Gewande war der Abdruck einer blutigen Hand zurückgeblieben.

»Der Franzose hat Dich gesehen!« rief Mothril außer sich.

Doch diesmal schaute ihn Aissa mit stolzem Auge an und antwortete nicht.




Zehntes Kapitel.

Wie der Bastard von Mauléon in das Schloß Medina Sidonia kam


Am andern Morgen nach diesem furchtbaren Tag und als die ersten Sonnenstrahlen den Gipfel der Sierra Aracena beschienen, nahm Mothril, in einen weiten, weißen Mantel gehüllt, unten an den Stufen des Alcazar von Don Pedro Abschied.

»Ich stehe Euch für meinen Diener,« sagte der Maure, »er ist der Mann, wie Ihr ihn für Eure Sache braucht, Sire; ein sicherer, rascher Arm; dabei werde ich ihn überwachen. Laßt mittlerweile den Franzosen, den Mitschuldigen des Großmeisters, aufsuchen, und wenn Ihr ihn findet, habt kein Mitleid mit ihm.«

»Es ist gut,« sagte Don Pedro, »gehe rasch und komm bald zurück.«

»Sire,« erwiderte der Maure, »um größere Eile anzuwenden, werde ich meine Tochter zu Pferde und nicht in der Sanfte mitnehmen.«

»Warum lässest Du sie nicht in Sevilla?« versetzte der König, »hat sie denn nicht ihr Haus, ihre Frauen und ihre Duenen?«

»Sire, ich kann sie nicht verlassen. Wohin ich gehe, muß sie mir folgen. Es ist mein Schatz, den ich bewache.«

»Ah! ah! Maure, Du erinnerst Dich der Geschichte des Grafen Julian und der schönen Florinda?«

»Ich muß mich derselben erinnern,« erwiderte Mothril, »da ihr es die Mauren zu verdanken haben, daß sie nach Spanien gekommen sind, und da mir dadurch folglich die Ehre zu Theil geworden ist, der Minister Eurer Hoheit zu sein.«

»Du sagtest mir aber nichts davon, daß Du eine so schöne Tochter habest.«

»Es ist wahr, meine Tochter ist sehr schön.«

»Nicht wahr, so schön, daß Du sie aus beiden Knieen anbetest?«

Mothril stellte sich, als würde er durch diese Worte sehr beunruhigt.

»Ich!« sprach er, »wer konnte Eurer Hoheit sagen?«

»Man hat mir nichts gesagt, ich habe es gesehen,« antwortete der König. »Es ist nicht Deine Tochter.«

»Ah! Herr, glaubt nicht, es sei meine Frau oder meine Geliebte!«

»Aber wer ist es denn?«

»Eines Tages wird es der König erfahren; doch mittlerweile will ich die Befehle Seiner Hoheit vollziehen.«

Und er nahm Abschied von Don Pedro und entfernte sich. In einen weißen Mantel gehüllt, der nur ihre großen schwarzen Augen und ihre gebogenen Brauen sehen ließ, war Aissa wirklich unter dem Gefolge des Mauren; doch dieser log, als er sagte, sie müsse ihn aus der ganzen Reise begleiten. Zwei Meilen von Sevilla ging er von seinem Wege ab und brachte das Mädchen in Sicherheit in dem Palaste einer reichen Maurin, der er sich anvertraute.

Und dann trieb er rasch sein Pferd an und kürzte den Weg durch einen ununterbrochenen Laus ab.

Bald setzte er über den Quadabete an derselben Stelle, wo der König Don Rodrigo nach der bekannten Schlacht, welche sieben Tage dauerte, verschwunden war, und zwischen Tarisa und Cadix sah er das Schloß Medina Sidonia, ganz beladen mit jener Traurigkeit, welche aus der Wohnung der Gefangenen lastet, sich erheben.

Hier lebte eine junge, blonde, bleiche Dame, seit langer Zeit in Gesellschaft einer einzigen Frau. Die Wachen vermehrten sich um sie her, wie um die gefährlichsten Gefangenen, und unbarmherzige Augen folgten ihr unablässig, ob sie nun, die Arme hängend und den Kopf gesenkt, langsam die von der Sonne verzehrten Gärten durchwanderte, oder an ihrem mit eisernen Gittern verschlossenen Fenster liegend, nach Freiheit seufzend und den endlosen, beständig sich wiedergebärenden Wellen des ungeheuren Oceans folgend, mit einem schwermüthigen Blick den Raum befragte.

Diese Frau war Blanche von Bourbon, die Gemahlin von Don Pedro, die dieser in der Hochzeitnacht verstoßen hatte. Sie verzehrte sich allmälig in den Thränen. und in der Reue darüber, daß sie dem eitlen Gespenste der Ehre die so süße Zukunft geopfert, die sie einst in den blauen Augen von Don Federigo hatte glänzen sehen.

Wenn die arme Frau auf dem Felde die Mädchen vorübergehen sah, welche die Trauben von Xeres oder von Marbella gelesen hatten, wenn sie ihre Liebhaber, die ihnen entgegen gingen, singen hörte, dann schwoll ihr Herz an, dann entstürzten die Thränen ihren Augen, Und bedenkend, daß sie hätte fern vom Thron und frei wie eine von den jungen Winzerinnen mit der gebräunten Gesichtshaut geboren werden können, rief sie auch ein geliebtes Bild an, und flüsterte ganz leise einen Namen, den sie schon oft ausgesprochen hatte.

Seit Blanche von Bourbon hier gefangen saß, schien Medina Sidonia ein verfluchter Ort zu sein. Die Wachen entfernten davon den Reisenden, der stets in den Verdacht kam, er sei ein Mitschuldiger, oder mindestens ein Freund. Die Königin hatte jeden Tag nur einen Augenblick der Freiheit, oder vielmehr der Einsamkeit: dies war die Stunde, wo die Schildwachen, unter der glühenden Sonne Siesta haltend, selbst beschämt durch so viele Vorsichtsmaßregeln, die man nahm, um eine Frau zu bewachen, sich auf ihre Spieße stützten und im Schatten einer grünen Platane oder einer weißen Mauer schliefen.

Dann stieg die Königin auf die Terrasse hinab, welche auf einen Graben mit fließendem Wasser ging, und wenn sie in der Ferne einen Reisenden erblickte, streckte sie in der Hoffnung, sich deinen Freund aus ihm zu machen, der König Karl Nachricht von ihr bringen würde, ihre Arme flehend gegen ihn aus.

Doch Niemand hatte noch diese Anrufungen der Gefangenen erwidert.

Eines Tags jedoch sah sie auf dem Wege von Arcos zwei Reiter, von denen der eine trotz der Sonne, welche wie eine Feuerkugel auf seinen Helm drückte, in seiner vollständigen Rüstung ganz bequem zu sein schien. Er trug so stolz seine Lanze, daß man in ihm einen muthigen Ritter erkannte. Sobald sie ihn gewahrte, hefteten sich die Augen von Blanche auf ihn und vermochten ihn nicht mehr zu verlassen. Er sprengte im raschen Galopp eines kräftigen Rappen heran, und obgleich er sichtbar von Sevilla kam, obgleich er sich gegen Medina Sidonia zu wenden schien und alle Boten, die sie bis jetzt von Sevilla empfangen hatte, Schmerzensboten gewesen waren, erfaßte Blanche doch mehr ein Gefühl der Freude, als der Angst, da sie den Ritter gewahrte.

Sobald er sie ebenfalls erblickte, hielt er an. In einem unbestimmten Vorgefühl der Hoffnung schlug das Herz der Gefangenen immer stärker; sie näherte sich dem Wall, machte das Zeichen des Kreuzes und faltete, wie aus Gewohnheit, die Hände.

Alsbald ritt der Unbekannte im Galopp gerade gegen die Terrasse.

Eine Geberde des Schreckens von Seiten der Königin bezeichnete ihm die Schildwache, welche, an einen Adamsfeigenbaum angelehnt, schlief.

Der Ritter stieg ab, winkte seinen Knappen zu sich und sprach ein paar Augenblicke leise mit ihm.

Der Knappe führte die zwei Pferde hinter einen Felsen, der sie den Blicken entzog, kehrte dann zu seinem Herrn zurück, und Beide gingen nach einem Gebüsch von Mastixstauden und Myrthen, das man von der Terrasse aus mit der Stimme erreichen konnte.

Der würdige Ritter, der wie Karl der Große, in seinem Leben mit der Feder keine andere Zeichen hatte machen können, als Buchstaben, welche die Form eines Dolches oder eines Schwertes hatten, befahl seinem Knappen mit einem Bleistift, das der letztere, in den Wissenschaften besser bewandert, stets bei sich trug, ein paar Worte aus einen großen Kieselstein zu schreiben.

Dann bedeutete er der Königin durch ein Zeichen, sie möge sich ein wenig entfernen, weil er den Kieselstein aus die Terrasse schleudern werde.

Er ließ in der That mit kräftigem Arm den Stein stiegen: dieser durchschnitt die Lust und fiel auf die Platte, ein paar Schritte von der Königin.

Der Lärmen seines Falles machte, daß der in einen schweren Schlaf versunkene Soldat erwachte, da er aber um sich her nichts erblickte, als die unbewegliche, trostlose Königin, die er alle Tage an derselben Stelle zu sehen gewohnt war, schloß er seine geblendeten Augen und schlief bald wieder ein.

Die Königin hob den Kieselstein aus und las folgende Worte:

»Seid Ihr die unglückliche Königin Blanche, die Schwester meines Königs?«

Die Antwort der Königin war erhaben in Schmerz und Majestät. Sie kreuzte ihre Arme über ihrer Brust und machte von oben nach unten ein Zeichen mit dem Kopfe, wobei zwei schwere Thränen zu ihren Füßen fielen.

Der Ritter verbeugte sich ehrfurchtsvoll, wandte sich sodann an seinen Knappen, der schon mit einem zweiten Kieselstein für einen zweiten Brief versehen war, und sagte:

»Schreibe Folgendes:

»Madame, könnt Ihr heute Abend um acht Uhr aus dieser Terrasse sein? Ich habe Euch einen Brief von Don Federigo zu übergeben.«

Der Knappe gehorchte.

Das zweite Sendschreiben gelangte ebenso glücklich als das erste an Ort und Stelle. Blanche machte eine Bewegung der Freude, dachte lange Zeit nach und erwiderte:

»Nein!«

Ein dritter Stein wurde geschleudert.

»Gibt es ein Mittel bis zu Euch zu gelangen?« fragte genöthigt durch die Pantomime die Stimme, welche den Soldaten hätte erwecken können, oder die Schrift zu ergänzen, die sein Arm aus die andere Seite des Grabens zu schleudern nicht die Kraft hatte.

Die Königin bezeichnete dem Ritter einen Adamsfeigenbaum, mit dessen Hilfe er auf die Mauer steigen konnte; dann deutete sie aus eine Thüre, welche von dieser Mauer nach dem von ihr bewohnten Thurme führte.

Der Ritter verbeugte sich. Er hatte begriffen.

In diesem Augenblick erwachte der Soldat und versah wieder seinen Dienst als Schildwache.

Der Ritter blieb eine Zeit lang verborgen, benützte sodann einen Augenblick, wo die Aufmerksamkeit der Schildwache nach einer andern Seite gezogen wurde, und schlüpfte mit seinem Knappen hinter den Felsen, wo die Pferde warteten.

»Edler Herr,« sagte der Knappe, »wir haben da ein schwieriges Stück Arbeit unternommen; warum habt Ihr nicht das Billet des Großmeisters sogleich der Königin zugeschleudert? Ich meinerseits würde nicht verfehlt haben, dies zu thun.«

»Weil es ein Zufall unter Weges losmachen konnte, und die Königin mir nicht geglaubt haben würde, wenn das Billet verloren gegangen wäre. Diesen Abend also, und laß uns ein Mittel suchen, aus die Terrasse zu kommen, ohne von der Schildwache gesehen zu werden.«

Es kam der Abend, und Agenor hatte noch kein Mittel gesunden, in die Beste zu dringen. Es mochte halb acht Uhr sein.

Agenor lag daran, wo möglich ohne Gewalt und eher mit List, als durch Anwendung der Kraft hineinzukommen. Doch wie gewöhnlich war Musaron gerade der entgegengesetzten Meinung.

»Wie Ihr Euch auch dabei benehmen möget, edler Herr,« sagte er, »stets werden wir genöthigt sein, ein Treffen zu liefern und zu tödten. Euer Bedenken ist also keines Wegs vernünftig. Tödten bleibt immer tödten, der Mord ist eine Sünde um halb acht Uhr wie um acht Uhr Abends. Ich behaupte also, daß von allen Mitteln, die Ihr vorschlagen könnt, das meinige allein annehmbar ist.«

»Worin besteht es?«

»Ihr sollt es sehen. Die Schildwache ist gerade ein häßlicher Maure, ein abscheulicher Ungläubiger, der weiße Augen im Kopfe rollt, als ob er schon halb in die Flammen getaucht wäre, in die er eines Tags ganz und gar hineingetaucht werden muß. Wollt also, Herr Ritte ein In manus sprechen, und im Geist diesem Ungläubigen die Taufe geben.«

»Und welches Resultat wird dies haben?« fragte Agenor.

»Das einzige, um das wir uns unter diesen Umständen bekümmern müssen. Wir tödten seinen Leib, doch wir retten seine Seele.«

Der Ritter begriff noch nicht ganz das Mittel, das Musaron anzuwenden gedachte: da er jedoch ein großes Zutrauen zu der Einbildungskraft seines Knappen hatte, welche er bei mehr als einer Gelegenheit zu würdigen im Stande gewesen war, so trat er dem Vorschlag bei und verrichtete das Gebet. Während dieser Zeit spannte Musaron mit einer Ruhe, als ob er einen silbernen Becher bei einem ländlichen Feste zu gewinnen gehabt hätte, seine Armbrust, legte einen Bolzen daraus und zielte aus den Mauren: beinahe in demselben Augenblick hörte man ein scharfes Schwirren. Agenor, der die Schildwache mit den Augen nicht verließ, sah, wie ihr Turban schwankte, wie ihre Arme sich ausstreckten. Zusammensinkend öffnete der Soldat den Mund, als wollte er schreien, doch es kam kein Ton aus seiner Kehle: erstickt durch das Blut und unterstützt durch die Mauer, an die er angelehnt war, blieb er beinahe aufrecht und gänzlich unbeweglich.

Agenor wandte sich nun gegen Musaron um, der, ein Lächeln aus seinen Lippen, die Armbrust wieder zurecht richtete, von welcher in diesem Augenblick der in das Herz geschnellte Bolzen abgegangen war.

»Seht Ihr, Herr Ritter,« sagte Musaron, »es sind zwei Vortheile bei dem, was ich so eben gethan habe: der erste besteht darin, daß ich einen Mauren wider seinen Willen ins Paradies geschickt habe, der andere, daß ich ihn: Wer da! zu rufen verhinderte! Nun vorwärts, nichts hindert uns mehr, die Terrasse ist verlassen und der Weg ist uns geöffnet.«

Sie sprangen nach dem Graben, durch den sie schwammen. Das Wasser glitt von der Rüstung des Ritters ab, wie von den Schuppen eines Fisches. Was Musaron betrifft, so hatte er stets voll Vorsicht und Achtung für sich selbst seine Kleider ausgezogen, die er in einem Päckchen auf seinem Kopfe trug. Als sie an den Fuß des Adamsfeigenbaums kamen, kleidete er sich wieder an, während sein Herr das Wasser durch alle Oeffnungen seines Panzers ablaufen ließ, und an den Zweigen des Baumes hinaufkletternd, kam der Knappe zuerst zu dem Gipfel, der die gleiche Höhe mit dem Wall hatte.

»Nun!« fragte Mauléon, »was siehst Du?«

»Nichts,« erwiderte der Knappe, »wenn nicht die Thüre, welche Niemand bewacht, und die Eure Herrlichkeit mit zwei Artstreichen sprengen kann.«

Mauléon war zu derselben Höhe gelangt, wie sein Knappe, und konnte sich folglich durch sich selbst von der Wahrheit des Gesagten überzeugen. Der Weg war frei und die bezeichnete, am Abend geschlossene, Thüre schnitt allein die Verbindung des Zimmers der Gefangenen mit den Terrassen ab.

Mit der Schneide seiner Art, die er zwischen die Steine schob, sprengte Agenor zuerst das Schloß und dann die zwei Riegel.

Die Thüre öffnete sich. Vor der Thüre zeigte sich eine Wendeltreppe, welche als Nebenausgang für die Wohnung der Königin diente, deren Hauptausgang im inneren Hose war. Im ersten Stocke fanden sie eine Thüre, an welche der Ritter dreimal klopfte, ohne daß er Antwort erhielt.

Agenor vermuthete, die Königin befürchte einen Ueberfall.

»Fürchtet Euch nicht, Madame, wir sind es,« sagte der Ritter.

»Ich habe Euch wohl gehört,« erwiderte die Königin von der andern Seite der Thüre; »doch verrathet Ihr mich nicht?«

»Ich verrathe Euch so wenig, Madame,« sprach Agenor, »daß ich Euch diese Thüre öffne, um Euch fliehen zu lassen. Ich habe die Schildwache getödtet. Wir setzen über diesen Graben, das wird die Sache eines Augenblicks sein, und in einer Viertelstunde seid Ihr frei und im offenen Feld.«

»Aber diese Thüre, habt Ihr den Schlüssel dazu?« fragte die Königin. »Ich bin eingeschlossen.«

Agenor antwortete damit, daß er dasselbe Manoeuvre ausführte, welches ihm schon bei der unteren Thüre gelungen. Nach einem Augenblick war die der Königin gesprengt wie die erste.

»Mein Gott, ich danke!« rief die Königin, als sie ihre Befreier erblickte. »Aber,« fügte sie mit zitternder, beinahe unverständlicher Stimme bei, »aber Don Federigo?«

»Ah! Madame,« erwiderte langsam Agenor, indem er ein Knie auf die Erde setzte und der Königin das Pergament überreichte, »Don Federigo . . . hier ist sein Brief.«

Bei dem Scheine einer Lampe las Blanche das Bittet.

»Er ist verloren!» rief sie; »dieses Billet ist das letzte Lebewohl eines Sterbenden!«

Agenor antwortete nicht.

»Im Namen des Himmels!« rief die Königin, »im Namen Eurer Freundschaft für den Großmeister, sagt mir, ob er lebt, oder todt ist.«

»Ihr seht, daß Euch Don Federigo in dem einen und in dem andern Fall fliehen heißt.«

»Warum fliehen, wenn er nicht mehr ist? Warum leben, wenn er todt ist?« rief die Königin.

»Um seinem letzten Wunsche zu gehorchen, Madame, und um Rache in Eurem und in seinem Namen von Eurem Schwager, dem König von Frankreich, zu fordern.«

In diesem Augenblick öffnete sich die innere Thüre der Wohnung, und die Amme von Blanche, die ihr von Frankreich gefolgt war, trat bleich und erschrocken ein.

»Oh! Madame,« rief sie, »das Schloß ist voll von bewaffneten Männern, welche von Sevilla kommen, und man meldet einen Abgesandten des Königs, der Euch zu sprechen verlangt.«

»Kommt, Madame, es ist keine Zeit zu verlieren,« sagte Agenor.

»Im Gegentheil,« sprach die Königin, »wenn man mich in diesem Augenblick nicht fände, würde man uns nachsetzen und unfehlbar einholen. Es ist besser, ich empfange diesen Abgesandten, und wenn er dann durch meine Anwesenheit und durch unsere Unterredung beruhigt ist, fliehen wir.«

»Doch wenn dieser Abgesandte mit unheilvollen Befehlen beauftragt wäre?« entgegnete der Ritter; »wenn er schlimme Absichten hätte?« »Ich werde durch ihn erfahren, ob er todt ist oder lebt,« sagte die Königin.

»Nun wohl, Madame, wenn Ihr ihn nur aus diesem einzigen Beweggrund empfangt, so werde ich Euch die Wahrheit sagen: Leider ist er todt!«

»Wenn er todt ist,« erwiderte die Königin Blanche, »was bekümmere ich mich um das, was dieser Mensch hier zu thun beabsichtigt? Denkt an Eure Sicherheit, Sire von Mauléon. . . Sagt diesem Menschen, ich folge Euch,« sprach Blanche zu ihrer Amme.

Als sie aber der Ritter immer noch zurückhalten wollte, nöthigte sie ihn durch eine königliche Geberde zum Gehorsam, und verließ das Zimmer.

»Herr Ritter,« sagte Musaron, »wenn Ihr mir glaubt, lassen wir die Königin ihre Angelegenheiten abmachen, wie es ihr gut scheint, und denken wir daran, auf unseren Weg zurückzukehren. Mir sagt Etwas, wir werden hier elendiglich umkommen. Wir wollen die Flucht der Königin ans morgen verschieben, und vor Allem. . .«

»Stille.« erwiderte der Ritter, »die Königin wird in dieser Nacht frei, oder ich werde todt sein.«

»Nun, edler Herr,« sagte der kluge Musaron, »so wollen wir wenigstens die Thüren wieder in Ordnung bringen, damit man nichts bemerkt, wenn man die Terrasse visitirt. Man wird den Leichnam des Mauren finden, Herr.«

»Stoße ihn in's Wasser.«

»Das ist ein Gedanke, doch höchstens aus eine Stunde gut; der Halsstarrige wird wieder aus die Oberfläche kommen.«

»Eine Stunde ist bei gewissen Fällen das Leben,« entgegnete der Ritter; »vorwärts also!«

»Ich möchte zugleich gehen und bei Euch bleiben; wenn ich nicht gehe, wird man den Mauren finden; wenn ich gehe, so habe ich bange, es könnte Euch während des Augenblicks, den ich Euch allein lasse, Unglück widerfahren.«

»Und was soll mir mit meinem Dolche und meinem Schwerte widerfahren?«

»Hm!« machte Musaron.

»Gehe, Du verlierst die Zeit.«

Musaron that drei Schritte gegen die Thüre, doch plötzlich blieb er stehen und sagte:

»Ah! Herr, hört Ihr diese Stimme?«

Es gelangte in der That das Geräusch einiger ziemlich laut ausgesprochenen Worte zu ihnen, und der Ritter horchte.

»Man sollte glauben, es wäre die Stimme von Mothril,« rief der Ritter; »das ist doch unmöglich.«

»Nichts ist unmöglich bei den Mauren, die von der Hölle und der Zauberkunst unterstützt werden,« erwiderte Musaron, der mit einer Schnelligkeit nach der Thüre stürzte, welche für sein Verlangen, sich wieder in freier Luft zu finden, zeugte.

»Ist es Mothril, so haben wir einen Grund mehr, zu der Königin hinein zu gehen,« rief der Ritter; »denn wenn es Mothril ist, so ist die Königin verloren!«

Und er machte eine Bewegung, um seiner hochherzigen Eingebung zu folgen, »Herr sprach Musaron, der ihn an seinem Waffenrock zurückhielt, »Ihr wißt, ob ich ein Feiger bin; ich bin nur vorsichtig, ich leugne das nicht, sondern ich rühme mich dessen sogar. Wartet nur noch einige Minuten, guter Herr, dann folge ich Euch in die Hölle, wenn Ihr wollt.«

»Warten wir,« versetzte der Ritter, »Du hast vielleicht Recht.«

Die Stimme sprach indessen immer fort und wurde allmälig dumpfer; die Königin, welche Anfangs mit leiser Stimme gesprochen hatte, nahm ihrerseits im Gegentheil einen energischen Ton an.

Auf diese seltsame Unterredung folgte ein kurzes Stillschweigen, dann ein gräßlicher Schrei.

Agenor konnte sich nicht mehr hatten und stürzte in den Gang.




Elftes Kapitel.

Wie der Bastard von Mauléon von Blanche von Bourbon beauftragt wurde, der Königin von Frankreich, ihrer Schwester, einen Ring zu überbringen


Man vernehme, was vorgefallen war, oder was vielmehr bei der Königin vorfiel.

Kaum hatte Blanche von Bourbon den Corridor durchschritten und war, ihrer Amme folgend, einige Stufen hinaufgestiegen, welche in ihr Zimmer führten, als der schnelle Gang mehrerer Soldaten auf der großen Treppe des Thurmes erscholl.

Doch die Truppe stellte sich in den unteren Stockwerken auf, zwei Männer kamen herauf, und Einer von ihnen blieb noch im Corridor, während der Andere nach dem Zimmer der Königin ging.

Man klopfte an die Thüre.

»Wer ist da?« fragte die Amme ganz zitternd.

»Ein Soldat, der im Auftrage des Königs Don Pedro kommt, um Dona Blanche eine Botschaft zu überbringen,« antwortete eine Stimme.

»Oeffne,« sagte die Königin.

Die Amme öffnete und wich vor einem Mann von hoher Gestalt zurück, der, in ein Soldatengewand, nämlich in ein Panzerhemd gekleidet, das ihm den ganzen Leib umhüllte, überdies in einen weiten, weißen Mantel gewickelt war, dessen Capuze seinen Kopf verhüllte und dessen Falten seine Hände verbargen.

»Entfernt Euch, gute Amme,« sagte er mit dem leichten, gutturalen Accent, der auch die im Sprechen der castilianischen Sprache am meisten geübten Mauren unterschied, »entfernt Euch, ich habe mit Eurer Gebieterin über wichtige Dinge zu reden.«

Von einem ersten Gefühle bewogen, wollte die Amme trotz der Aufforderung des Soldaten bleiben; doch ihre Gebieterin, die sie mit dem Blicke befragte, hieß sie durch ein Zeichen weggehen, und sie gehorchte. Doch als sie durch den Corridor ging, bereute sie alsbald diesen Gehorsam, denn sie sah aufrecht und stillschweigend an der Mauer den zweiten Soldaten, der sich ohne Zweifel bereit hielt, die Befehle desjenigen zu vollziehen, welcher zu der Königin eingetreten.

Sobald die Amme an diesem Menschen vorübergegangen war und sie sich von ihrer Gebieterin durch diese zwei seltsamen Besuche, wie durch eine unübersteigbare Schranke, getrennt fühlte, begriff sie, daß Blanche verloren war.

Kalt und majestätisch, wie die Gefangene auf den angeblichen Soldaten deren Boten des Königs zu. Dieser neigte den Kopf als ob er erkannt zu werden befürchtete.

»Wir sind nun allein, sprecht,« sagte die Königin.

»Madame,« erwiderte der Unbekannte, »der König weiß, daß Ihr im Briefwechsel mit seinen Feinden gestanden seid, was, wie Euch bekannt, ein Verbrechen des Verraths an dem obersten Haupte ist.«

»Und der König weiß dies erst heute?« entgegnete die Königin mit derselben Ruhe und derselben Majestät. »Mir scheint, ich werde schon lange genug für das Verbrechen bestraft, das man erst seit heute zu wissen vorgibt.«

Der Soldat erhob das Haupt und erwiderte:

»Madame, der König spricht diesmal nicht von den Feinden seines Thrones, sondern von den Feinden seiner Ehre. Die Königin von Castilien darf in keinem Verdacht stehen, und dennoch hat sie Anlaß zum Aergerniß gegeben.«

»Vollzieht Euren Auftrag und geht, wenn Ihr damit zu Ende seid,« sprach die Königin.

Der Soldat schwieg einen Augenblick, als ob er weiter zu gehen zögerte, und sagte sodann:

»Kennt Ihr die Geschichte von Don Guitiere?«

»Nein.«

»Sie ist doch neu und hat ziemlich viel Lärmen erregt.«

»Die neuen Dinge weiß ich nicht,« erwiderte Blanche, »und der Lärmen, so groß er auch sein mag, dringt nur schwer durch die Mauern dieses Schlosses.«

»Nun wohl, ich will sie Euch erzählen,« sagte der Bote.

Genöthigt, zu hören, blieb die Königin ruhig und würdig stehen.

»Don Guttiere,« sprach der Bote, »heirathete eine junge, schöne Frau von sechzehn Jahren, gerade von dem Alter, das Eure Hoheit hatte, als sie den König Don Pedro heirathete.«

Die Königin blieb unempfindlich bei dieser Anspielung, so unmittelbar sie auch war.

»Diese Frau fuhr der Soldat fort, »nannte sich, ehe sie Senora Guttiere war, Dona Mencia, und unter diesem ihrem Mädchennamen hatte sie einen Herrn geliebt, der kein anderer war, als der Bruder des Königs, der Graf Enrique von Transtamare.

Die Königin schauerte.

Als Don Guttiere in einer Nacht nach Hause zurückkehrte, fand er sie ganz zitternd und ganz ängstlich. Sie behauptete, einen Mann in ihrem Zimmer verborgen gesehen zu haben. Don Guttiere nahm eine Kerze und suchte; doch er fand nichts, als einen so reichen Dolch, daß er wohl sah, dieser Dolch könne nicht einem einfachen Edelmann gehören.

Der Name des Fabrikanten stand auf dem Griff; er suchte ihn auf und fragte ihn, an wen er diesen Dolch verkauft habe.

»»An den Infanten Don Enrique, den Bruder des Königs Don Pedro,«« antwortete der Fabrikant.

Don Guttiere wußte Alles, was er wissen wollte. Er konnte sich nicht an dem Prinzen Don Enrique rächen, denn er war ein alter Castilianer, voll Achtung und Ehrfurcht für seine Herren, der, welche Beleidigung ihm auch angethan worden, seine Hände nicht in ein königliches Blut hätte tauchen wollen.

»Aber Dona Mencia war die Tochter eines einfachen Edelmanns, an ihr konnte er sich also rächen, und er rächte sich auch.«

»Wie dies?« fragte die Königin, fortgerissen durch die Theilnahme, die ihr die Erzählung dieses Abenteuers einflößte, welches eine so große Ähnlichkeit mit dem ihrigen hatte.

»Oh! aus eine ganz einfache Weise,« erwiderte der Bote. »Er erwartete einen armen Wundarzt Namens Ludovico vor seiner Thüre, und als dieser nach Hause kehrte, setzte er ihm den Dolch an die Kehle, verband ihm die Augen und führte ihn in sein Haus.

»Sobald sie hier waren, nahm er ihm die Binde ab. Eine Frau war aus ein Bett gefesselt; zwei Kerzen brannten, die eine zu ihren Häupten, die andere zu ihren Füßen, als ob sie schon todt wäre.

Ihr linker Arm besonders war so fest angebunden, daß sie sich vergebens angestrengt hätte, um sich von ihren Banden loszumachen. Der Wundarzt blieb ganz bestürzt, denn er begriff dieses Schauspiel nicht.

»»Oeffnet dieser Frau eine Ader,«« sprach Don Guttiere, »»und laßt ihr Blut fließen, bis sie stirbt.««

»Der Wundarzt wollte Widerstand leisten, doch er fühlte, wie der Dolch von Guttiere durch seine Kleider drang und seine Brust zu durchbohren im Begriff war, und gehorchte. In derselben Nacht warf sich ein bleicher, ganz blutiger Mann zu den Füßen von Don Pedro.

»»Sire,«« sprach er, »»in dieser Nacht hat man mich mit verbundenen Augen und den Dolch an meiner Kehle in ein Haus geschleppt, und daselbst durch Gewalt gezwungen, einer Frau eine Ader zu öffnen und das Blut fließen zu lassen, bis sie todt war,««

»»Wer hat Dich gezwungen?«« fragte der König, »»Wie heißt der Mörder?««

»»Ich weiß es nicht,«« antwortete Ludovico. »»Doch, ohne daß mich Jemand sah, tauchte ich meine Hand in das Gefäß, und da ich wegging, stellte ich mich, als stolperte ich, und drückte meine blutige Hand an die Thüre. Sucht, Sire, und das Haus, an dessen Thüre Ihr eine blutige Hand sehen werdet, ist das des Schuldigen.««

»Der König Don Pedro nahm den Alcayde von Sevilla mit sich, und sie durchwanderten mit einander die Stadt, bis er das blutige Merkmal gefunden hatte; er klopfte an die Thüre, und Don Guttiere öffnete selbst, denn er hatte durch das Fenster den hohen Besuch erkannt.«

»»Don Guttiere,«« sagte der König, »»wo ist Dona Mencia?««

»»Ihr sollt sie sehen, Sire,«« antwortete der Spanier.

»Und er führte den König in das Zimmer, wo die Kerzen noch brannten, und wo das Becken voll lauen Blutes noch rauchte, und sprach:

»»Sire, hier ist Diejenige, welche Ihr sucht.««

»»Was hatte Euch diese Frau gethan?«« fragte der König.

»»Sie hatte mich verrathen, Sire.««

»»Und warum habt Ihr Euch an Ihr und nicht an ihrem Mitschuldigen gerächt?««

»»Weil Ihr Mitschuldiger der Prinz Don Enrique von Transtamare, der Bruder des Königs Don Pedro ist.««

»»Habt Ihr einen Beweis für das, was Ihr sagt?«

» »»Hier ist der eigene Dolch des Prinzen, den er in dem Zimmer meiner Frau fallen ließ, und den ich daselbst bei meinem Eintritt fand.««

»»Es ist gut,«« sprach der König, »»laßt Dona Mencia beerdigen und die Thüre Eures Hauses reinigen, an der man eine blutige Hand sieht.««

»»Nein, Sire,«« entgegnete Don Guttiere:

»»Jeder, der ein, öffentliches Geschäft treibt, pflegt das darstellende Zeichen seines Gewerbes über seine Thüre zu setzen; ich bin der Arzt meiner Ehre, und diese blutige Hand ist mein Schild.««

»»Es sei,«« sprach Don Pedro, »»sie bleibe also daran und lehre Eure zweite Frau, wenn Ihr eine solche nehmt, was sie an Treue und Verehrung ihrem Manne schuldig ist.««

»Und es ist nichts Anderes geschehen?«

»Doch, Senora; als der König Don Pedro in den Palast zurückkehrte, verbannte er den Infanten Don Enrique.«

»Nun! in welchem Zusammenhang steht diese Geschichte mit mir?« fragte die Königin, »und in welcher Hinsicht gleicht mir Dona Mencia?«

»Darin, daß sie wie Ihr die Ehre ihres Gatten verrathen hat,« erwiderte der Soldat, »und darin, daß der König Don Pedro wie Don Guttiere, dessen Verfahren er guthieß und den er begnadigte, schon an Eurem Mitschuldigen Gerechtigkeit geübt hat.«

»An meinem Mitschuldigen! Was willst Du damit sagen, Soldat?« fragte Blanche, welche diese Worte an das Billet von Don Federigo und an ihren vorangegangen Schrecken erinnerten.

»Ich will damit sagen, daß der Großmeister todt ist,« antwortete mit kaltem Tone der Soldat »todt für das Verbrechen des Verraths an der Ehre seines Königs, und daß Ihr Euch, desselben Verbrechens schuldig, wie er, zum Sterben bereit halten müßt,«

Blanche war wie in Eis verwandelt, nicht durch die Ankündigung, daß sie sterben sollte, sondern durch die Nachricht, ihr Geliebter sei todt.

»Todt?« sagte sie, »es ist als, wahr, er ist todt!«

Die geschickteste Betonung der menschlichen Stimme hätte nicht, die Verzweiflung auszudrücken vermocht, welche in diesen Worten der jungen Frau lag.

»Ja, Senora,« erwiderte »er maurische Soldat, »und ich habe dreißig Soldaten mitgebracht, um den Leib der Königin von Medina Sidonia nach Sevilla zu begleiten, wo ihr, obgleich sie schuldig ist, die letzte Ehre erwiesen werden soll.«

»Soldat,« sprach die Königin, »ich habe Dir schon gesagt, der König Don Pedro sei mein Richter, und Du seist es nicht.«

»Es ist gut, Senora,« versetzte der Soldat.

Und er zog aus seiner Tasche eine lange, biegsame seidene Schnur, an deren Ende er eine Schlinge machte.

Diese kalte Grausamkeit empörte die Königin.

»Oh!« rief sie, »wie konnte der König Don Pedro in seinem ganzen Reiche einen Spanier finden, der diesen schändlichen Auftrag übernahm? . . .«

»Ich bin kein Spanier: ich bin ein Maure!« entgegnete der Soldat, während er den Kopf erhob und die weiße Capuze zurückschlug, die sein Gesicht verhüllte.

»Mothril!« rief sie, »Mothril, die Geißel Spaniens! . . .«

»Ein Mann von vornehmer Abkunft, Senora, der den Kopf seiner Königin, wenn er ihn berührt, nicht entehrt,« erwiderte Mothril lachend.

Und er that, den unseligen Strick in der Hand, einen Schritt gegen Blanche.

Der Instinct der Lebenserhaltung machte, daß die junge Frau von dem Mörder einen Schritt dem gleich, zurückwich, welchen er gethan hatte, um sich ihr zu nähern.

»Oh! Ihr werdet mich nicht so ohne Gebet und im Zustande der Sünde tödten!« rief Blanche.

»Senora,« erwiderte der wilde Bote, »Ihr seid nicht im Zustande der Sünde, da Ihr Euch unschuldig nennt.«

»Elender! der Du es wagst, Deine Königin zu beschimpfen, ehe Du sie erwürgst. Oh! Feigling! daß ich nicht einen meiner braven Franzosen zu meinem Schutze hier habe!«

»Ja,« sagte Mothril lachend, »doch unglücklicher Weise sind Eure braven Franzosen jenseits der Pyrenäen, und wenn nicht Euer Gott ein Wunder thut. . .«

»Mein Gott ist groß!« rief Blanche.

»Zu Hilfe! Ritter zu Hilfe!«

Und sie sprang nach der Thüre; doch ehe sie die Schwelle erreicht, hatte Mothril die Schnur geschleudert, welche auch auf ihren Schultern blieb.

Er zog nun die Schlinge an sich, und in diesem Augenblick geschah es, daß die Königin, als sie fühlte, wie ihr das kalte Halsband die Kehle zusammenschnürte, das klägliche Geschrei ausstieß. In diesem Augenblick geschah es auch, daß Mauléon, den Rath seines Knappen vergessend, nach die Seite fortstürzte, woher die Stimme der Königin kam.

»Zu Hilfe!« rief die junge Frau mit zusammengepreßter Stimme, während sie sich auf dem Boden sträubte.

»Rufe, rufe,« sprach der Maure, die Schlinge anziehend, an welche sich die junge Frau mit beiden Händen krampfhaft anklammerte, »rufe, und wir werden sehen, wer Dir zu Hilfe kommt. Dein Gott oder Dein Liebhaber,«

Plötzlich klirrten Sporen im Corridor, und auf der Thürschwelle erschien der Ritter vor dem erstaunten Mauren.

Die Königin stieß einen Seufzer gemischt aus Freude und Schmerz aus. Agenor schwang sein Schwert, doch Mothril zwang mit kräftigem Arm die Königin, sich zu erheben, und machte sich einen Schild aus ihrem Leibe.

Das Stöhnen der Unglücklichen hatte sich in ein dumpfes, ersticktes Röcheln verwandelt, ihre Arme krümmten sich durch die Gewalt des Schmerzes und ihre Lippen wurden blau.

»Kedir!« rief Mothril arabisch, »Kedir! komm mir zu Hilfe.«

Und er bedeckte sich zugleich mit dem Leibe der Königin und mit einem von jenen furchtbaren Säbeln, deren innere Krümmung einen Kopf, wenn sie ihn faßt, abschneiden und fliegen macht, wie die Sichel eine Aehre.

»Ah! Ungläubiger!« rief Agenor, »Du willst eine Tochter Frankreichs tödten!«

Und er suchte über dem Kopfe der Königin Mothril mit seinem Schwerte zu schlagen.

Doch in demselben Augenblick fühlte er sich mitten um den Leib gepackt und zurückgebogen durch Kedir, dessen beide Arme ihm einen eisernen Gürtel machten.

Er wandte sich gegen diesen neuen Gegner um, doch damit ging eine kostbare Zeit verloren. Die Königin war wieder auf ihre Kniee gefallen; sie schrie nicht mehr, sie röchelte nicht mehr. Sie schien todt zu sein.

Kedir suchte mit den Augen an dem Ritter eine Stelle, wo er, die Arme eine Secunde von seinem Leibe lösend, den Dolch einbohren könnte, den er zwischen den Zähnen hielt.

Diese Scene hatte weniger Zeit gebraucht, um bis zu dem Punkte zu gelangen, wo wir sind, als der Blitz braucht, um zu glänzen und zu verschwinden. Es war auch die Zeit, die Musaron brauchte, um seinem Herrn zu folgen und ebenfalls in das Zimmer der Königin zu kommen.

Er kam.

Der Schrei, den er ausstieß, als er sah, was vorging, belehrte Agenor von der unerwarteten Verstärkung, die er erhielt.

»Die Königin zuerst!« rief der Ritter, stets von dem kräftigen Kedir zusammengepreßt.

Es trat ein kurzes Stillschweigen ein, dann hörte Mauléon ein Schwirren an seinem Ohr vorüber, und er fühlte, wie sich die Arme des Mauren lösten.

Der von der Armbrust von Musaron geschleuderte Bolzen hatte ihm die Kehle durchbohrt.

»Geschwinde an die Thüre!« rief Agenor; »versperre jeden Zugang: ich will den Räuber tödten!«

Und den Leichnam von Kedir abschüttelnd, der noch durch einen Rest von Kraftanwendung an ihm hing und dann schwerfällig aus den Boden fiel, sprang er aus Mothril zu; und ehe dieser Zeit gehabt hatte, sich zu erheben und in Verteidigung zu setzen, Führte er einen so gewaltigen Streich, daß das schwere Schwert die doppelte eiserne Verhüllung des Kopfes durchschnitt und in den Schädel eindrang. Die Augen des Mauren verdunkelten sich, sein dickes schwarzes Blut überströmte seinen Bart, und er fiel aus Blanche, als hätte er noch in seinen letzten Convulsionen sein Opfer ersticken wollen.

Agenor entfernte den Mauren durch einen Fußtritt, neigte sich über die Königin herab und zog rasch die beinahe gänzlich im Fleisch verborgene Schlinge auseinander. Ein langer Seufzer deutete allein an, daß die Königin noch nicht todt war; doch ihre ganze Person schien gelähmt.

»Der Sieg ist unser!» rief Musaron. »Herr Ritter, nehmt die junge Dame beim Kopf, ich will sie bei den Füßen nehmen, und so bringen wir sie fort.«

Als ob sie diese Worte gehört hätte, als ob sie ihren Befreiern hätte zu Hilfe kommen wollen, erhob sich die Königin mit einer krampfhaften Bewegung, und das Leben stieg wieder aus ihre Lippen.

»Unnöthig, unnöthig,« sagte sie; »laßt mich; ich bin schon mehr als halb im Grabe. Nur ein Kreuz, daß ich das Sinnbild unserer Erlösung küssend sterbe.«

Agenor gab ihr den Griff seines Schwertes zu küssen, der ein Kreuz bildete.

»Ach! Ach!« sprach die Königin, »kaum vom Himmel herabgestiegen, steige ich wieder zu ihm hinaus, kehre ich unter die Jungfrauen, meine Gefährtinnen, zurück. Gott wird mir vergeben, denn ich habe sehr geliebt, denn ich habe sehr gelitten.«

»Kommt, kommt,« sagte der Ritter, »noch ist es Zeit, wir werden Euch retten.«

Sie ergriff die Hand von Agenor.

»Nein, nein!« sagte sie, »Alles ist für mich vorbei. Ihr habt Alles gethan, was Ihr thun konntet. Flieht, verlaßt Spanien, kehrt nach Frankreich zurück, sucht meine Schwester auf, erzählt ihr Alles, was Ihr gesehen habt, und sie räche uns. Ich will Don Federigo sagen, wie sehr Ihr ein edler und treuer Freund seid.«

Und sie streifte einen Ring von ihrem Finger, reichte ihn dem Ritter und sagte: »Ihr werdet ihr diesen Ring einhändigen, es ist derjenige, welchen sie mir in der Stunde meiner Abreise im Namen ihres Gemahls, des Königs Karl, gegeben.«

Nach diesen Worten erhob sie sich zum zweiten Mal zu dem Kreuz des Schwertes von Agenor, und sie verschied in dem Augenblick, wo sie das symbolische Eisen mit ihren Lippen Berührte.

»Hoher Herr!« rief Musaron, nach dem Gange hinhorchend, »sie kommen, sie laufen, sie sind zahlreich.«

»Man darf den Leib meiner Königin nicht mit den Leibern von Mördern vermischt finden,« sprach Agenor; »hilf mir, Musaron.

Und er nahm den Leichnam von Manche, setzte ihn majestätisch aus ihren geschnitzten Stuhl und stellte ihren Fuß aus das blutige Haupt von Mothril, wie die Maler und Bildhauer den Fuß der Jungfrau aus den zermalmten Kopf der Schlange gesetzt haben.

»Und nun laß uns von hinnen eilen, wenn wir nicht eingeschlossen sind,« sprach Agenor.

Zehn Minuten nachher befanden sich die zwei Franzosen wieder unter dem Himmelsgewölbe und sahen, als sie den Weg nach dem Adamsfeigenbaum nahmen, den Leichnam des Soldaten, der, in derselben Stellung und stets durch die Mauer gehalten, an die er sich angelehnt hatte, mit seinen großen blicklosen Augen, die der Tod zu schließen vergessen hatte, noch Schildwache zu stehen schien.

Sie befanden sich schon jenseits des Grabens, als ein rasches Bewegen der Fackeln und eine Verdoppelung des Geschreis sie belehrten, daß das Geheimniß des Thurms entdeckt war.




Zwölftes Kapitel.

Wie der Bastard von Mauléon nach Frankreich abreiste, und was ihm unterwegs begegnete


Agenor schlug, um nach Frankreich zurückzukehren, beinahe denselben Weg ein, den er gewählt hatte, um nach Spanien zu kommen. Allein und folglich keine Furcht einstoßend, arm und daher keinen Neid, keine Begierde erregend, hoffte er sich mit Glück der Sendung zu entledigen, mit der ihn die sterbende Königin beauftragt hatte; doch er mußte aus dem Wege mißtrauen:

Zuerst den Aussätzigen, welche, wie man sagte, die Brunnen mit einer Mischung von beschmierten Haaren, Natternköpfen und Krötenfüßen vergifteten;

Sodann den Juden, die mit den Aussätzigen und gewöhnlich mit Allem, was den Christen Schaden oder Böses zufügen konnte, verbunden waren;

Ferner dem König von Navarra dem Feinde des Königs von Frankreich, und folglich der Franzosen;

Ferner Jacques, die, nachdem sie lange Zeit das Volk gegen den Adel aufgewiegelt, es dahin gebracht hatten, daß sie den Dreschflegel und die Sense gegen die Rüstung erhoben;

Ferner dem Engländer, der sich verrätherischer Weise an allen guten Ecken des schönen Frankreichs aufpflanzte, in Bayonne, in Bordeaux, im Dauphiné, in der Normandie, in der Picardie und im Falle der Roth auch sogar in den Vorstädten von Paris;

Den großen Compagnien endlich, heterogenen Vereinen, welche dies Alles znsammenfaßten und gegen den Reisenden, gegen das Eigenthum, gegen den Einwohner, gegen die Schönheit, gegen die Macht, gegen den Reichthum ein ewig ausgehungertes Contingent von Aussätzigen, von Juden, von Navarresen, von Engländern, von Jacques lieferten, die andern Länder Europas nicht zu rechnen, welche jeder Frankreich durchziehenden und verheerenden Bande ein Muster des gebrechlichsten und schlechtesten Theils ihrer Bevölkerung geliefert zu haben schienen. Es gab sogar Araber in diesen großen, so glücklich und reich buntscheckigen Compagnien: nur hatten sie sich aus Widerspruchsgeist zu Christen gemacht, was ihnen wohl gestattet war, da sich die Christen ihrerseits zu Arabern gemacht hatten.

Abgesehen von den Beschwerden und Fährlichkeiten, von denen wir nur ein ungenügendes Programm gegeben haben, reiste Agenor auf das Aller bequemste.

Es war für den Reisenden in jener Zeit eine Verpflichtung, das Manoeuvre des diebischen Sperliegs zu studiren. Er macht keinen Sprung, er beginnt keinen Flug, keine Bewegung, ohne den Kopf rasch nach den vier Himmelsgegenden zu drehen, um zu sehen, ob er nicht eine Flinte, ein Netz, eine Schleuder, einen Hund, ein Kind, eine Ratte oder einen Habicht erblicke.

Musaron war dieser unruhige Sperling, er war von Agenor mit der Führung der Börse beauftragt worden, und hätte nicht gern ihre nicht sehr goldene Mittelmäßigkeit in eine völlige Nichtigkeit verwandelt gesehen.

Er errieth daher von fern die Aussätzigen, er roch die Juden auf fünfhundert Schritte, er sah die Engländer in jedem Gebüsch; er grüßte die Navarresen voll Höflichkeit und zeigte den Jacques sein langes Messer und seine kurze Armbrust; was die großen Compagnien betrifft, so fürchtete er sie viel weniger als Mauléon, oder er fürchtete sie vielmehr gar nicht.

»Denn,« sagte er zu seinem Herrn, »wenn man uns gefangen nimmt, Herr Ritter, nun so treten wir selbst in die großen Compagnien ein, um uns loszukaufen, und bezahlen unsere Freiheit mit der Freiheit, die wir Andern gestohlen haben.«

»Dies Alles wird schön und gut sein, wenn ich meine Sendung erfüllt habe,« erwiderte Agenor, »dann mag geschehen, was Gott gefällt; doch mittlerweile möge es ihm gefallen, daß uns nichts begegne.«

So durchzogen sie, ohne auf ein Hinderniß zu stoßen, das Roussillon, das Languedoc, das Dauphiné, das Lyonnais und gelangten bis Chalon-sur-Saone. Daß sie so ungestraft ihres Weges zogen, war ihr Verderben: überzeugt, so nahe am Hasen würde ihnen nichts mehr begegnen, wagten sie es, eine Nacht zu reisen, und am Morgen nach dieser Nacht geriethen sie in einen so zahlreichen und so gut gestellten Hinterhalt, daß kein Widerstand möglich war; der kluge Musaron legte auch seine Hand auf den Arm seines Herrn, in dem Augenblick, wo dieser unbedachtsamer Weise vom Leder ziehen wollte, und so wurden sie ohne Schwertstreich gefangen genommen. Was sie am meisten befürchtet, ober was vielmehr der Ritter am meisten befürchtet hatte, begegnete ihnen; Musaron und er waren in der Gewalt eines Compagnie – Kapitäns, des Messire Hugo von Caverley, eines Engländers der Geburt, eines Juden dem Geiste, eines Arabers dem Charakter, eines Navarresen der Schlauheit und über Allem beinahe eines Aussätzigen dem Leibe nach, denn er hatte, wie er sagte, den Krieg in so heißen Ländern mitgemacht, daß er zu sehr an die Wärme gewöhnt worden war, um seine Rüstung und seine eisernen Handschuhe ablegen zu können.

Was seine Verleumder betrifft, und der Kapitän hatte wie alle Menschen von erhabenem Verdienst deren viele, so behaupteten sie ganz einfach, der Kapitän lege seine Rüstung nicht ab und behalte seine Panzerhandschuhe, um seinen zahlreichen Freunden die Krankheit nicht mitzutheilen, die er aus Italien zurückzubringen das Unglück gehabt habe.

Man führte den Ritter und Musaron unmittelbar vor den Kapitän. Es war dies ein schlauer Bursche, der Alles selbst sehen und fragen wollte, denn er sagte immer, in diesen gefährlichen Zeiten könnten seine Leute einen als Bauern verkleideten Prinzen entlassen, wodurch er eine Gelegenheit, sein Glück zu machen, verlieren würde.

In einem Augenblick war er vertraut mit den Angelegenheiten von Mauléon, wohl verstanden mit denjenigen Angelegenheiten, welche sich zugestehen ließen; daß Anfangs von der Sendung der Königin Blanche nicht die Rede war, versteht sich von selbst. Man sprach hauptsächlich vom Lösegeld.

»Entschuldigt mich,« sagte Cuverley, »ich war hier am Wege wie die Spinne unter einem Balken. Ich erwartete irgend Jemand oder irgend Etwas, Ihr kamet, und ich nahm Euch fest; doch ohne eine böse Absicht gegen Euch; ach! seit König Karl V. Regent ist, nämlich seit dem Ende des Krieges gewinnen wir unseren Lebensunterhalt nicht mehr. Ihr seid ein sehr artiger Cavalier, und ich ließe Euch mit aller Höflichkeit gehen, wenn wir in gewöhnlichen Zeiten lebten, aber seht Ihr, in der Zeit der Hungersnoth liest man die Krümchen auf.«

»Hier sind die meinigen,« erwiderte der Ritter, indem er dem Parteigänger den Grund seiner Börse zeigte. »Ich schwöre Euch nun bei Gott und bei dem Antheil, den er mir, wie ich hoffe, am Paradies geben wird, daß ich weder in Ländereien, noch in Geld, noch in sonstigen Dingen etwas Anderes besitze. Wozu sollte ich Euch also nützen? Laßt mich gehen.«

»Einmal, mein junger Freund,« entgegnete der Kapitän Caverley, während er die kräftige Gestalt und die martialische Miene des Ritters prüfend betrachtete, »einmal würdet Ihr dazu dienen, eine herrliche Wirkung in der ersten Reihe unserer Compagnie hervorzubringen, sodann habt Ihr Euer Pferd, Euren Knappen, doch das ist noch nicht Alles, was aus Euch einen kostbaren Fang für mich macht.«

»Welcher unglückliche Umstand verleiht mir denn einen so großen Werth in Euren Augen?« fragte Agenor.

»Ihr seid Ritter, nicht wahr?«

»Ja, und zwar in Narbonne von einem der ersten Fürsten der Christenheit bewehrt.«

»Ihr bleibt also ein kostbarer Geißel für mich, da Ihr zugesteht, daß Ihr Ritter seid.«

»Ein Geißel?«

»Allerdings; Karl V. nehme einen von meinen Leuten, einen von meinen Lieutenants, und wolle ihn am ersten Baum aufknüpfen lassen; ich drohe ihm. Euch aufknüpfen zu lassen, und das hält ihn zurück. Läßt er ihn trotz dieser Drohung wirklich aufknüpfen, so lasse ich Euch auch aufknüpfen, und es ist ihm peinlich, daß man einen Edelmann gehenkt hat. Doch verzeiht,« fügte Caverley bei, »ich sehe hier an Eurer Hand ein Juwel, das ich nicht bemerkt hatte. . . etwas wie einen Ring. Teufel! zeigt mir das doch einmal, Ritter. Ich bin ein Liebhaber von gut gearbeiteten Dingen, besonders wenn die Kostbarkeit des Stoffes den Werth der Arbeit erhöht,«

Mauléon erkannte nun leicht, mit wem er es zu thun hatte. Der Kapitän Caverley war einer von den Bandenanführern; er hatte sich zum Räuberhauptmann gemacht, weil er, wie er selbst sagte, sein Soldatengewerbe auf eine ehrliche Weise fortsetzend nichts mehr zu thun wußte.

»Kapitän,« sprach Agenor, seine Hund zurückziehend, »achtet Ihr etwas auf der Welt?«

»Alles, wovor ich Furcht habe,« antwortete der Condottiere. »Doch es ist wahr, ich habe vor nichts Furcht.«

«Das ist ärgerlich,« sagte Agenor mit kaltem Tone, »sonst wäre dieser Ring von einem Werthe von . . .«

»Von dreihundert Livres dem Goldgewichte nach, und die Fason nicht zu rechnen,« unterbrach ihn der Kapitän, indem er einen einfachen Blick auf das Juwel warf.

»Nun wohl! dieser Ring, Kapitän, der Eurem eigenen Zugeständniß nach dreihundert Livres werth ist, würde Euch, wenn Ihr etwas gefürchtet hättet, tausend eingetragen haben.«

»Wie so? sprecht, mein junger Freund, man lernt in jedem Alter, und ich belehre mich gerne.«

»Habt Ihr wenigstens ein Wort, Kapitän?«

»Ich glaube, daß ich früher eines hatte; doch dadurch, daß ich es oft gegeben, habe ich keines mehr.«

»Ihr traut aber mindestens dem von Anderen, welche, da sie es nie gegeben, das ihrige noch haben?«

»Ich würde nur dem eines einzigen Menschen trauen, und Ihr seid dieser Mensch nicht, Ritter,«

»Wer ist es denn?«

»Messire Bertrand Duguesclin. Doch würde Messire Duguesclin für Euch gut stehen?«

»Ich kenne ihn nicht, wenigstens nicht persönlich; aber so fremd er mir auch ist, – wenn Ihr mich gehen laßt, wohin ich nothwendig gehen muß, wenn Ihr mich diesen Ring an seine Bestimmung übergeben laßt, verspreche ich Euch im Namen von Messire Duguesclin selbst, nicht tausend Livres, sondern tausend Goldthaler.«

»Ich will lieber in baarem Geld die drei hundert Livres, die der Ring werth ist,« sagte Caverley lachend, und er streckte die Hand gegen Agenor aus.

Der Ritter wich rasch bis zu dem Fenster zurück, das aus den Fluß ging, und sprach, indem er den Ring von seinem Finger zog und die Hand über die Saone ausstreckte: »Dieser Ring ist der der Königin Blanche von Castilien, und ich überbringe ihn dem König von Frankreich. Wenn Du mir Dein Wort gibst, daß Du mich gehen lassest, und ich traue ihm, so verspreche ich Dir tausend Goldthaler. Weigerst Du Dich, so werfe ich den Ring in den Fluß, und Du verlierst Ring und Lösegeld.«

»Ja, aber ich behalte Dich und lasse Dich hängen.«

»Was eine geringe Entschädigung für einen Rechner ist, wie Du bist; und zum Beweis, daß Du meinen Tod nicht zu tausend Thaler anschlägst, dient, daß Du nicht nein sagst.«

»Ich sage nicht nein, weil. . .«

»Weil Du Furcht hast, Kapitän; sage nein, und der Ring ist verloren und Du lassest mich hernach hängen, wie Du willst.

Nun! sagst Du nein, sagst Du ja?«

»Meiner Treue!« rief Caverley voll Bewunderung, »das nenne ich einen hübschen Jungen. Der Teufel soll mich holen! bei der Milz unseres heiligen Vaters des Papstes, ich liebe Dich, Ritter.«

»Sehr gut, und ich bin Dir dankbar dafür, wie es sich gezielt. Doch antworte.«

»Was soll ich antworten?«

»Ja oder nein, ich verlange nichts Anderes, und das ist bald gesagt!«

»Nun . . . ja.«

»So ist es gut,« sprach der Ritter und steckte den Ring wieder an seinen Finger.

»Doch unter einer Bedingung,« fuhr der Kapitän fort.

»Nennt sie.«

Caverley wollte antworten, als ein gewaltiger Lärmen seine Aufmerksamkeit erregte; dieser Lärmen fand am Ende des Dorfes, statt, das am User des Flusses lag und ganz mit Wäldern umgeben war. Mehrere Soldaten zeigten ihre erschrockenen Gesichter an der Thüre und riefen:

»Kapitän, Kapitän!«

»Es ist gut, es ist gut, ich komme,« erwiderte der Condottiere, an dergleichen Vorfälle gewöhnt.

Dann sich gegen den Ritter umwendend:

»Du bleibst hier, zwölf Mann werden Dich bewachen; ich hoffe, daß ich Dir damit Ehre anthue, wie?«

»Es sei,« sprach der Ritter, »doch sie sollen mir nicht nahe kommen, denn bei dem ersten Schritt, den sie machen, schleudere ich den Ring in die Saone.«

»Nähert Euch ihm nicht, verlaßt ihn aber auch nicht,« sagte Caverley zu seinen Banditen.

Und er grüßte den Ritter, ohne einen Augenblick sein Helmvisir ausgehoben zu haben, und begab sich mit einem Schritte, welcher die Sorglosigkeit aus Gewohnheit bezeichnete, nach der Stelle des Lagers, wo der Lärm am stärksten war.




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