Adams Söhne
Adolf Wilbrandt




Adolf Wilbrandt

Adams Söhne





Erstes Buch





I. Kapitel


Es war Julis Anfang, und ein richtiger, heißer, kornreifender Sommertag. Wittekind war am Morgen vom Hintersee über die Schwarzbachwacht nach Reichenhall gewandert, und seinen fünfundvierzig Jahren tat es doch wohl, in dem tiefen Schatten eines menschengefüllten Wirtsgartens auszuruhen und sich an einem leidlichen Mittagsmahl zu stärken. Er hatte den Ranzen, mit dem er ganz nach seiner alten Weise dahinzog, neben sich gelegt, fühlte diese angenehme Erregung und behagliche Glut, die nach einer heißen Wanderung noch so sachte fortglüht, und beobachtete die Hunderte von Sommergästen an den kleinen Tischen.

Indessen eine gewisse Unruhe in ihm ward nicht ganz beschwichtigt, und sie galt in diesem Augenblick weniger dem lieben Jungen, seinem Sohn, den er heute wiedersehen sollte, als dem Untersberg, dem ihn seine Wanderung so nahe gebracht hatte. Der Untersberg ragt aus den Tälern, die sein breites Fußgestell umgeben, inselgleich hervor; wie ein verwildertes Dreieck, von etwas unsicherer Hand bei geschlossenen Augen gemacht. Von welcher Seite man ihn auch sehen mag, immer ist er einer Riesenburg ähnlich, mit langgestreckten Mauern, hinter denen sich eine Welt von Höfen und Häusern verbergen könnte; auch das Haus des alten Kaisers, den die Sage hier im ›Wunderberg‹ sein Leben fortträumen ließ, – was nun nicht mehr nottut. Wittekind hatte die Wege, die am Untersberg hinführen, schon in jungen Jahren alle unter seinen Füßen gehabt, nur den einen nicht, der am Nordrand, von Reichenhall her, gegen die Salzach führt. An dem großen Dreieck fehlte noch ein Stück.

Er musste selber lächeln, als er daran dachte; aber wie einem oft aus der Jugendzeit dieser oder jener unerfüllte Wunsch, ein Plan, eine Sehnsucht bleibt, die wie Luftblasen im stillen Wasser immer wieder auftauchen, so erging es ihm mit diesem letzten Stück Weges, das von je zu seinen Wandersträumen gehört hatte. Zwischen den Bäumen durch, über kleinen Häuschen an der Straße, konnte er ein Stück vom ›Wunderberg‹ sehen. Ihm war, als schaute der Berg ihn mit Vorwurf an, dass er von hier auf der Bahn nach Salzburg fahren wollte, und dann so weiter seinem Sohn entgegen, statt ihm, seinem alten Freund, endlich Wort zu halten.

Er setzte sich den Hut wieder auf und sah nachdenkend in sein Glas.

›Ich muss und soll nun doch endlich diesen Weg machen!‹ dachte er. ›Die Hitze, die tut mir nichts. Er wartet auf mich nun schon fünfundzwanzig Jahre. So lange kann ich ihn wohl nicht wieder warten lassen. Geh’ ich noch über Glanegg nach Grödig, so find’ ich da meinen Jungen an der neuen Bahn, und hab’ gegen den Untersberg ein reines Gewissen. Also auf nach Grödig!‹ Die alte Rastlosigkeit, die ihn in der Einsamkeit immer überkam, schnellte ihn empor. Er hatte hier ausruhen wollen, bis die kühleren Stunden kämen; mit der plötzlichen Unruhe eines Jünglings stand er auf, zahlte, hängte sich den Ranzen über die etwas unlustigen Schultern – sie waren an solchen Druck nicht mehr gewöhnt – und verließ den Garten. Als er in die Sonne kam, schüttelte er doch den Kopf. Es war noch mittagsheiß. Die Straße blendete ihn.

Der Himmel war blau wie Stahl. Die Sohlen brannten ein wenig; das von Speise und Trank erregte Blut lag ihm auf den Augen. Es fuhr ihm ein flüchtiges Missvergnügen durch den Kopf, mit einem so ruhelosen Menschen zu tun zu haben, der sich immer wieder plagen müsse und nicht Frieden halte. Dann aber lächelte er, stieß mit dem Stock auf die Erde, summte ein altes Studentenlied, das ihm plötzlich einfiel, und wanderte durch die heißen Straßen des Orts seinem Feldweg zu.

Wittekind war eine kraftvolle, noch schlanke Gestalt von auffallender Größe; sein blondes, ein wenig lockiges Haar ward an den Schläfen grau, die blauen Augen hatten aber das reinste jugendliche Feuer, den fast naiven, aber festen und unternehmenden Blick, der so viele Nordländer auszeichnet, und seine leuchtende, weiße, rosig gebräunte Haut war von großer Frische. Während er ging, wechselte er oft zwischen neugierig lebhaftem Umherschauen und tiefem Sichversinnen; stieß zuweilen einen herzhaften, aber gemütlichen Fluch aus, der der Hitze galt, weidete sich dann wieder mit treuherzigem Lächeln an dem schönen Tag, der so rein, so blau über den Bergen lag, so leise in den gelben Kornfeldern spielte und – was seinem Landmanns-Herzen wohltat – so reichlichen Erntesegen versprach. Von dem Hügel, an dem die letzten und vornehmsten Villen stehen und auf Reichenhall hinunterschauen, sah auch er noch einmal auf das Städtchen zurück, ehe er über die Felder ging; setzte sich auf eine schattige Bank, da ihm das Blut doch gar zu unruhig in den Augen tanzte, und saß eine Weile still. Er schloss sogar die Augen; ›nur auf ein paar Minuten!‹ dachte er. ›Eine kleine Siesta; es war noch zu früh!‹ – Indem er sich zurücklehnte, drückte ihn der Ranzen; er war im Begriff, ihn abzuwerfen; mitten in der Bewegung hielt er aber inne. Ihm fielen die wandernden Handwerksburschen ein, die er so oft beobachtet und in seinem menschenfreundlichen Herzen mitfühlend bedauert hatte. Die schonen sich nicht. Und die wandern anders als du, dachte er; nicht weil das Dreieck um den Untersberg noch nicht fertig ist, sondern weil das Handwerk oder die Not es will. Sollen wir Glücklichen, wir Verzogenen es denn immer besser haben, als die Stiefkinder des Schicksals? Er soll nur drücken, der Ranzen! Heute wenigstens, am Tag eines so ersehnten Wiedersehens, wollte er es nicht besser haben als sie. Er setzte sich aufrecht, um den Ranzen stärker zu spüren, um weniger – auszuruhen. Auf einmal flog, wie ein Vogelschwarm, eine ganze Kette von Erinnerungen vor ihm auf, und mit geschlossenen Augen ließ er sie vorbeiziehen.

Als junger Student, auch so mit dem Ranzen, wanderte er zum ersten Mal dem Untersberg entgegen! Die Welt, das Leben erschien ihm ein Paradies. Dann kamen die schwarzen Wolken, die aus diesem Paradies so oft ein Leichenfeld oder ein Schlachtfeld machen; plötzlich starb der Vater, neben dem stillen, wachsbleichen Gesicht stand die bisher ungekannte Sorge. Der lustige Student ward Landwirt, er übernahm das Gut, den einzigen Besitz, für sich und die Schwestern, verschuldet war und etwas verkommen: denn der gute, hochgesinnte Vater hatte zu sehr in Projekten, Idealen und Phantasien gelebt. Umso ernster packte nun das Leben seinen Sohn.

Nach langen Mühen ward’s licht; eine liebe, zarte, zärtliche Frau kam ins Haus; liebe Kinder dazu. Das Gut, das Vermögen gedieh. Die zarte Frau schwand dahin. Endlich lag sie da, mit stillem, wachsbleichem Gesicht. Die Sorge kam nicht wieder; das Gedeihen blieb; aber das reine Glück der Jugend fand sich nicht wieder ins Haus. Auch die Kinder schwanden ihm wieder dahin, ihrer Mutter nach. Nur dieser eine blieb ihm, der Berthold, der Blondkopf, der heute von Salzburg kam, den er noch vor Nacht ans Vaterherz drücken sollte.

›Seltsam‹, dachte er: ›und diese Freude ist doch nicht vollkommen; es liegt mir eine Art von Nebel ums Herz. Das sind nicht nur die Toten; auch sonst.‹ Eine eigene, weiche Wehmut, die zum Trübsinn ward, beklemmte ihm die Brust; ein Ungenügen am Leben, das ihm zuweilen in das heiterste Glücksgefühl hineindämmerte. Er kannte diesen Feind sehr wohl, aber er gab sich nicht gerne Rechenschaft über ihn. Solche Feinde wachsen, wenn man über sie nachdenkt irgendwo war in seinem Leben eine große Lücke.

Seine Tätigkeit tat ihm wohl, an Leib und Seele, seine Studien aller Art erhoben ihn über die Alltäglichkeit, er liebte das Landleben, die Unabhängigkeit, auch die Einsamkeit; seinem Ehrgeiz winkte die Politik, das Parlament, er brauchte nur zuzugreifen wenn er wollte; sein deutsches Vaterland gedieh unter der Kaiserkrone, wie es seine glühendsten Jünglingsträume ersehnt hatten. Dennoch war in seinem Leben eine große Lücke. … Fünfundvierzig Jahre! … Das ist ein Stück Zeit; und er hatte viel darin genossen und besessen. Aber wenn man noch so voll Kraft, Gesundheit, Lebensfeuer ist. … Wenn man noch zu jung ist, um sich nur auf das Wiederseh’n mit seinem erwachsenen Sohn, dem Herrn Studenten, zu freuen. … Wittekind sprang auf, um diesen Gedankengang abzubrechen: er wollte nicht weiter, und er hatte die Kraft, sich darin zu zwingen. Bald war er unten auf der Straße, die die Felder durchschnitt; die Sonne brannte zwar frei aus der Höhe herab, aber in der reinen Luft schwebten all die kräftigen und süßen Sommer-Wohlgerüche, die unser Juli bringt. Von den Wiesen herüber duftete frisch geschnittenes Heu; der dorfsüße Holunderduft kam von allen Wegen und Gehöften; wo eine Linde blühte, war sie schnell zu spüren; und auch das reifende, nickende, sonnenwarme Getreide gab seine Würze dazu. Wittekind brach sich von den Holunderbüschen am Weg einige mächtig blühende Zweige ab, die ihm als Fächer hätten dienen können; er musste sie aber bald zu einem unerwarteten Liebesdienst benützen. Als er in die Tiefe eines langsam ansteigenden, von der Sonne stark durchglühten Waldes eingedrungen war, fiel auf einmal, wie Wegelagerer, eine Wolke von Stechfliegen über ihn her, wie er noch keine erlebt hatte. Es war, als wäre diese Horde durch irgendeinen Vorgang in der Natur aufgeregt und zum wildesten Blutdurst aufgestachelt worden: so ungestüm fielen sie den Wanderer an, und so unermüdlich zogen sie neben ihm her. Er holte nach rechts und links gegen sie aus, um sie wegzuscheuchen; das war verlorene Mühe.

Sie warfen sich umso wütender, in ganzen Scharen, gegen sein Gesicht. Eine Weile ward er ganz verblüfft; dann sah er, dass er gegen dieses besessene Raubgesindel keine andere Waffe hatte, als mit den Holunderbüscheln vor seinem Gesicht auf und ab zu fahren, dann wieder einmal in die Wolke hineinzuschmettern, dann wieder durch rastloses Auf und Nieder Stirn und Augen zu schützen. Er ging rascher und rascher; die Wolke zog immer mit; oder hinter jedem Baum schien ein neues Geschwader von Bremsen hervorzubrechen. Es war ein wildes, minutenlanges Gefecht.

Endlich musste Wittekind in aller Erregung über sich selber lachen; er war in eine richtige Berserkerwut geraten, wie ein alter Germane, der sich im Hohlweg mit Tod und Teufel herumschlägt. Von seinen fünfundvierzig Jahren waren ihm höchstens zwanzig geblieben. In diesem kampflustigen Vernichtungsgrimm hätte er vielleicht noch eine Weile fortgewütet, aber der Anlass hörte plötzlich auf. Der Feind ließ von ihm ab. Als er die Waldhöhe überschritten hatte und in der kühleren Senkung hinabstieg, war das ganze Heer der Bremsen aus seinem Wege verschwunden.

Ein sonderbares, dröhnendes Lachen kam dagegen aus dem Wald herüber. Wittekind wandte den Kopf. Auf halber Höhe eines unbedeutenden Tannenbühels, hinter dem die Mauern des Untersberges aufstiegen, stand eine auffallend mächtige Gestalt, ein Mann in grauer Lodenjoppe und steirischem Hut. Ein langer weißer Bart hing ihm unter dem Kinn. Der Alte lachte noch einmal, herzlich, aber gedämpfter; dann kam er vollends den Bühel herab und ging, mit der rechten Hand zutraulich grüßend, auf Wittekind zu.

»Nichts für ungut«, sagte er ohne weiteres, in bayrischer oder österreichischer Klangfarbe, aber in reinem Deutsch; »mein Lachen war nicht übel gemeint. Ich hab’s eine Weile s mit angeseh’n, wie Sie sich mit diesem kleinen Raubzeug – —! Ein rechtes Gesindel das! Ich kenn’s! Hab’ zuweilen auch gedacht: die ganze Erde schlag’ ich in den Grund hinein!«—

Indem das hagere, lange Gesicht des Alten behaglich lächelte, setzte er hinzu:

»Mir war, als säh’ ich mich selbst, als Sie so kriegerisch, so ganz bei der Sache. – Hat mir sehr gefallen. Verzeih’n Sie, dass ich das sage. Hat mir halt gefallen!«

Wittekind sah diesem sonderbaren Wanderer etwas befremdet in die grauen Augen. Fast hätte er gedacht, der Alte mache sich über ihn lustig: es lag aber ein zu treuherziger Ausdruck auf dem braunen, faltigen, scharfgeschnittenen, ungewöhnlichen Gesicht, als dass er dieses Missgefühl hätte behalten können.

»Was sollte ich machen?« erwiderte er, höflich. »Ich musste notgedrungen eine komische Rolle spielen, und hab’ sie gespielt.«

»Wieso eine komische Rolle?« sagte der alte Herr und bewegte seine mächtigen, etwas ausgefransten Brauen mehrmals auf und nieder. »Alles was man tut, soll man ganz tun. Auf das Feuer kommt’s an, und nicht, wo es brennt. Feuer – — Ja so. Mit Verlaub: könnten Sie mir für meine Zigarre etwas Feuer geben?«

»Mit Vergnügen«, entgegnete Wittekind, der ein Schächtelchen hervorzog und ein Wachskerzchen anzündete. Der Weißbärtige machte eine Verneigung, deren vornehme Grazie Wittekind überraschte, nahm das Kerzchen und setzte seine große, dicke Zigarre langsam in Brand. Zwischen je zwei Zügen warf er einen Blick auf Wittekinds Gesicht, und jeder schien etwas zu fragen oder zu ergründen. Endlich nickte er vor sich hin.

»Ich danke Ihnen«, sagte er; dann setzte er langsam hinzu, mit seiner tiefen, etwas rollenden Stimme: »Eine Frage ist frei, und die Antwort kostet Sie nichts. Sie haben auch das rechte Gesicht für meine Frage; sonst behielt’ ich sie bei mir. Wollen Sie mir deutsch, das heißt ehrlich, sagen, ob es Ihnen angenehm ist, wenn ich Sie ein Stück Weges begleite, oder ob Sie lieber allein geh’n? Seh’n sie meine weißen Haare; schenken Sie mir aus Achtung ein wenig Aufrichtigkeit.«

Der Alte hatte diese seltsame Anrede mit einem gewissen feierlichen Ernst begonnen; sie endete aber mit einem sehr anmutigen, liebenswürdigen Lächeln. Dann bewegte er leise, wie fragend, seine Knie, und stützte beide Hände auf seinen Stock. Wittekind vergaß eine Weile zu antworten, so sehr beschäftigte ihn alles an diesem merkwürdigen Menschen. Lächelnd sagte er dann:

»So, hat man mich noch nie gefragt – und doch sollte es eigentlich immer so sein! Ich danke Ihnen für die gute Meinung, die Sie von mir haben. Ganz aufrichtig: ich ginge sonst gern allein; aber Sie – Sie möchte ich kennenlernen…«

Ein tiefes »Hm!« war die Antwort. Der Alte nahm die rechte Hand von seinem Stock – es war ein einfacher, oben gekrümmter Bergstock – und ergriff Wittekinds Hand, um sie stumm zu drücken. Darauf setzte er sich sogleich in Bewegung, mit zuerst langsamen, dann immer größeren Schritten; es war erstaunlich, wie elastisch und jugendlich er ausschritt.

»Sie wollen nach Grödig, denk’ ich, an die neue Bahn«, fing er an zu sprechen.

Wittekind nickte.

»Wie kommen Sie denn auf diesen Weg, wenn ich fragen darf? Von den norddeutschen ›Touristen‹ – und Sie sind – offenbar ein Norddeutscher – gehen hier nicht viele.«

»Daran ist der Untersberg schuld«, entgegnete Wittekind. »Dem war ich das schuldig. – Eine alte Liebe«, setzte er lächelnd hinzu.

Der Alte riss die Augen auf; ohne Zweifel aus Wohlgefallen.

»Sie lieben den Untersberg! – Seh’n Sie! Seh’n Sie!« rief er aus, als wäre nun die gute Meinung bestätigt, die er von Wittekind hatte. »Das ist ja mein Berg, lieber Herr; ohne den möchte’ ich nicht mehr leben. Um den kreis’ ich eigentlich das ganze Jahr herum; in Salzburg, Reichenhall, Berchtesgaden, Hallein; jetzt komm’ ich von oben. Von der Vierkasers-Alp – und so weiter. Eine alte Liebe! Seh’n Sie!«

»Und ich dachte wohl, dass Sie vom Untersberg kämen«, erwiderte Wittekind, »als ich Sie vorhin an dem Tannenbühel entdeckte. Sie sahen aus —« Er stockte.

»Nun, wie sah ich aus? – Nun, wie sah ich aus?«

»Wie der ›Alte vom Berge‹«, sagte Wittekind heiter. »Wie einer von denen, die in den ›Wunderberg‹ verzaubert sind; – mit dem weißen Bart da —«

»Und mit dem langen, ledernen Gesicht!« setzte der Alte vergnügt hinzu, und begann zu lachen. »Und bei alledem haben Sie’s getroffen«, fuhr er ernsthafter fort. »Ich gehör’ nicht mehr zu euch in die Welt – sondern in den Berg!«

»Wie meinen Sie das?« fragte Wittekind.

»Wie ich das meine? Dass ich ein Siebziger bin; – ja, ja; schütteln Sie nicht den Kopf. Nächstens zweiundsiebzig. Darum leb’ ich auch nicht mehr in der Welt. Sondern wie die Hindus – — Sie wissen wohl, wie die alten Indier dachten: der Jüngling kämpft, der Mann schafft, der Greis geht in den Wald, das heißt, er hört auf zu kämpfen und zu schaffen; er sieht nur noch zu. Er geht in die Beschaulichkeit. Ein weises Volk, diese alten Hindus! Der Arm nimmt ab und das Hirn nimmt zu; also lebe mit dem Hirn, wenn die Arme alt werden, lass’ deine Hand von der Welt und denke über sie nach, um sie zu begreifen! – Worüber lächeln Sie?« setzte er nach einer kleinen Stille hinzu.

Wittekind lüftete seinen Hut, wischte sich den Schweiß von der Stirn, und sagte:

»Verzeihen Sie! Ich lächelte nur, dass Sie schon ›in den Wald geh’n‹, wie Sie sagen —.«

»Nun, warum ich denn nicht? Zweiundsiebzig, Herr! – Ich hab’ mir das Leben um die Ohren geschlagen, kann ich Sie versichern; hab’ immer zuletzt Feierabend gemacht; hab’ toll und voll gelebt. Nun ist’s Abend worden. Also in den Wald geh’n. Es gibt keine weiseren Leute, sag’ ich Ihnen, als die alten Hindus … Warum stehen Sie still?«

Der Alte hatte bemerkt, dass er allein vorwärts rannte, hielt an und blickte zurück.

»Warum steh’n Sie still?« wiederholte er.

Wittekind lächelte wieder.

»Weil Sie – bei dieser Hitze – so gewaltige Schritte machen. Kurz, weil Sie, der Sie ›in den Wald geh’n‹ – weil Sie mir zu jung sind! —«

Einen Augenblick flog eine herzliche Heiterkeit über des Alten Gesicht. Plötzlich zog er aber die zerpflückten Brauen zusammen und stieß die eiserne Spitze seines Stocks mit solcher Gewalt zu Boden, dass sie in der trocknen, spröden Erde zitternd steckenblieb.

»Zum Teufel hinein!« dröhnte seine Bassstimme. »Das ist ja der Unsinn, dass wir nicht alt werden, wie es sich gehört; dass wir keine Hindus sondern unvernünftige Germanen sind! ›Gewaltige Schritte‹…Nun ja, ich kann keine Damenschritte machen. Ich bin ein Bergsteiger, und ein Wandersmann. Und das alte Mark in den Knochen – das ist wie der Saft in so ‘nem alten Eichbaum; wächst und steigt immer wieder nach. Wo bleibt da die Philosophie! —«

Mit einem komisch grimmigen Gesicht rief der Alte so laut, dass die Luft erbebte:

»Herr, ich bin manchen Tag noch wie ein junger Mensch!«

»Ist das ein Unglück?« fragte Wittekind, der zu lachen anfing.

»Herr, ich sage ja nicht, dass es ein Unglück ist! Aber dabei kommt man nicht zur Ruhe, zur Weisheit, zur Beschaulichkeit … Wir Germanen, mein’ ich! Seh’n Sie doch nur unsre Deutschen an; ein merkwürdiges Volk —« er begann zu lächeln und seinen Stock in der Erde hin und her zu drücken – »ein unvernünftiges, übersaftiges, ewig junges Volk! Wenn sie siebzig sind, so fangen sie von vorne an; so liefern sie erst ihr Stück Weltgeschichte ab! Der alte Blücher – da seh’n Sie’s – der alte Wilhelm – der alte Moltke; und so manches alte Haus, das mir nicht gleich einfällt. —«

Er schlug auf seinen Schenkel und auf seine Brust:

»Da geh’ einer in den Wald, mit solchen Muskeln – und mit so ‘nem dummen, affenjungen Herzen!«

»Nun, so geh’n Sie noch nicht«, sagte Wittekind.

Der Alte warf ihm einen Blick von der Seite zu, zog seinen Stab aus der Erde und schritt wieder weiter.

»Verehrter Herr«, sagte er im Gehen, den Stock leise schwingend, – »seh’n Sie, ich mag nicht mehr. Hab’ wohl zu viel erlebt. Das Leben ist ja eine gute Sache, aber ein Kinderspiel ist es nicht. Und dann – dieses Sterben! Rechts fällt einer, links fällt einer; all’ die alten Bekannten, die Freunde – Weib und Kind … Man marschiert immer weiter; endlich sieht man sich um und sieht lauter fremdes Volk. Für wen soll man schaffen? – Ja, wenn man gezwungen wird – durch das große Schicksal, wie diese Alten, von denen ich eben sprach – oder auch durch die Not … Beides trifft mich nicht. Mit dem großen Schicksal hab’ ich leider nichts zu schaffen. Gegen die Not schützt mich mein bisschen Hab und Gut. Na, da leb’ ich so hin; seh’ dem Weltlauf zu, denke mir das Meine – und bereite mich vor auf – —.«

Er brach ab. In seine Augen war ein tiefer Ernst, ein gesteigerter Glanz gekommen; es schien aber, dass er ihn verbergen wollte. Sie hatten, aus dem Wald hervortretend, eine freiere Stelle von großer und stimmungsvoller Einsamkeit erreicht: von der hohe Mauer des Untersberges senkten sich die waldigen Vorberge bis zu einer finsteren, schwarzgrauen Felsmasse herab, die man vielfach zerschlagen und zerrissen hatte, um den nutzbaren Stein zu brechen. Geformte und ungeformte Trümmer lagen überall umher; die schwärzliche Farbe des Gesteins machte das ganze Bild düster und ernst; nur ein paar rohe Holzhütten standen in der Nähe, Menschen sah man nicht. Der Alte blickte umher, zog die Stirn herunter, und seine Lippen drängten sich zusammen. Er schien in Erinnerungen zu versinken. Nach einer Weile legte er dem andern seine lange, schöngeformte, auffallend wohlerhaltene Hand leicht auf den Arm und sagte:

»Das ist der Veitl-Bruch. Wie man mit der Natur doch zusammenwächst, wenn man viel erlebt. Hier hab’ ich einmal – es ist gar nicht so lange her – einer jungen Dame gesagt, die ich recht gut kannte: ›Gib Acht, nimm den nicht. … Es wird dein Unglück: glaub mir’s…‹«

Er lächelte ein wenig und stieß einen kurzen Laut aus, durch den verhaltener Schmerz hindurchklang.

»Nun, natürlich hat sie mir nicht geglaubt! Und ich – — ich hab’ leider Recht behalten. – Ja, hier war’s! Das ist der Veitl-Bruch!«

Plötzlich winkte er, wie um sich loszureißen, seinem Begleiter stumm mit dem Kopf und ging mit seinen großen Schritten über die Steine weg, bis er auf einem kleinen Vorhügel stehenblieb. Über eine waldige Senkung hinweg tauchte hier in der Ferne, im leuchtenden Sonnenlicht, die Festung von Salzburg auf. Es war ein überraschender Anblick, wie ein Gruß aus einer andern, reizenden Welt in diese finstere Öde hinein. Die herrlichen Formen der Festung, auch in dieser Entfernung noch wirkend, wenn auch sonderbar zierlich, fast zum Spielzeug geworden, schimmerten in zartem Duft und zogen die Seele auf einmal wie an einem Faden ins ebene Land hinaus. Wittekind ward zu einem Ausruf der Überraschung und Bewunderung hingerissen, der den Alten ergötzte.

»Ja, ja!« sagte dieser. »Das ist unser Salzburg! Da liegt’s! – Die schönste von allen deutschen Städten; und ein wahres Wunder, wie sie daliegt in der abgestimmten Natur. Alles im großen Stil: der Fluss, die Ebene, das Hochgebirg’, die beiden Berge, in die sie sich hineinschmiegt. Da fehlt nur eins … Wissen Sie, was da fehlt?«

Wittekind sann und schwieg; der Alte rief aus:

»Ein See fehlt! Weiter nichts! – Und seh’n Sie, die Natur hätte nichts dagegen, so ein See wäre noch zu machen: da unten das flache Land zwischen Glanegg und Salzburg, grün und eben wie ein Billardtuch! Sie können’s von hier nicht seh’n – das war ja einmal ein See, und heißt noch das ›Moos‹ – oder ›Moor‹, wie ihr sagt – und z stäche man die Erdrinde wieder ab, so wäre das Wasser da! Herr, das gäb’ einen See – bis Leopoldskron und so weiter – zwischen dem Glanbach und dem Almkanal – der sich anseh’n ließe! Mehr als halb so groß wie der Mondsee oder der Wolfgangsee; und bei dieser Stadt und bei diesen Bergen; bis an die Wurzel unseres Untersbergs, Ihrer ›alten Liebe‹!«

Es war ein Feuer über den Alten gekommen, das nun wieder Wittekind ergötzte; die bronzenen Wangen fingen sacht an zu glühen, und der lange, weiße Bart, von der linken Hand ergriffen, stieg bis zu den Lippen hinauf.

»O ja«, murmelte Wittekind. »Wohl ein schöner Traum!«

»Geben Sie mir Macht und Geld«, rief der Alte aus, »und ich mache Ihnen Wahrheit aus dem Traum! – Seh’n Sie, das könnte mich noch wieder ins Leben zieh’n, verjüngen: wenn ich der Herzog von Salzburg wäre —, oder, wie er nun heißen soll – und könnte graben und graben, ein umgekehrter Faust, um Land zu Wasser zu machen – aber was für ein Wasser dann! Der ›Untersberger See‹. Da würden bald die Landhäuser aller Nationen an den Ufern stehen, um sich in dem See zu spiegeln und dies Paradies zu bevölkern; weiße Segel wie die Schmetterlinge; Wälder, Dörfer und Gärten; und die Salzburger Veste sähe in den See hinein – und der Untersberg. Und zuletzt würden die klugen Leute noch sagen: Der Saltner war gar nicht dumm, das Geld, das er da hineingegraben hat, das kommt auch wieder heraus. Der See trägt noch Zinsen. Und die ›dankbaren Salzburger‹ würden dem Saltner ein Denkmal bauen, nachdem sie im Anfang gesagt hätten: ›Der muss ins Narrenhaus‹, und ich – — ich wollte mich dann ganz zufrieden aufs Ohr legen und zu meinem Sterbekissen sagen: ich bin bereit, es war gut, ich hab’ doch gelebt!«

Wittekind war still. Er blickte von der Seite, in einer eigentümlichen Bewegung, auf den verjüngten Alten. Nach einer Weile fuhr dieser, wie zu sich kommend, fort, indem er ein Auge schloss und dazu lächelte:

»Bei dieser Gelegenheit hab’ ich mich Ihnen ja auch vorgestellt. Saltner. Ja, Saltner ist mein Name.«

»Ich heiße Wittekind«, entgegnete der andre.

»Ah! Der richtige Norddeutsche!«

»Zu dienen. Von der Ostsee.«

»Von der Ostsee! – Und ich aus dem richtigen Hochland: ein Tiroler Kind. Aber hier im Salzburger Land leb’ ich nun schon lange: fühl’ mich hier zu Haus. Dort hinter der Salzburger Festung seh’n Sie den langen Rücken, den Kapuzinerberg: an dessen Fuß steht mein Haus. Das schaut hierher, auf den Untersberg. Da bin ich noch in der Welt – und bin doch schon draußen. Hab’ zu viel erlebt … Geh’n wir weiter, wenn es Ihnen recht ist; dass wir nach Grödig kommen. Ja, da hinten am Kapuzinerberg, da träum’ ich noch zuweilen einen herzhaften Traum, wie den vom Salzburger oder Untersberger See; – sie enden auch alle so. Lebendig werden sie nicht. Vielleicht ist’s auch besser. Damit man desto mehr zurück und in sich geht, und sich vorbereitet … Kurz – geh’n wir weiter!«




II. Kapitel


Man schrieb 1887, den dritten Juli. Die Tage waren lang; als die beiden Wanderer – nach etwa vier Stunden Wegs vom Wirtsgarten in Reichenhall – gegen Grödig kamen, hatten sich die Schatten noch nicht ins Abenteuerliche gestreckt, die Sonne wirkte noch kräftig. Saltner betrachtete aufmerksam eine Photographie, die Wittekind im Gespräch aus der Brusttasche gezogen und ihm hingereicht hatte; das Brustbild eines auffallend schönen, aber zarten, blonden, noch völlig bartlosen Jünglings. Die Lippen waren besonders edel geformt; der Blick der hellen Augen war nach oben gerichtet, mit einem Ausdruck weicher Schwärmerei, der lieblich und befremdend zugleich war.

»Sie haben nur diesen einzigen?« fragte der Alte.

Wittekind nickte stumm.

»Und ich auch nicht einen mehr! – — An dem da haben Sie aber nichts Gewöhnliches. Man muss immer hinschauen. Anders als die Jugend von heute. Gar romantisch; unschuldig; rührend … In Italien hab’ ich früher so alte schöne Heiligenbilder geseh’n, mit rührenden Schwärmer-Augen; an die muss ich denken.«

»Es ist ein lieber, holder Junge!« murmelte Wittekind, mit einem weichen, väterlichen Lächeln.

»Ihre Statur scheint er nicht zu haben…«

Wittekind schüttelte den Kopf.

»Er ist kleiner, und zart gebaut; aber schlank, wohlgeformt. Kurz, wie im Gesicht, so auch darin seiner Mutter Bild!«

»Ja, ja, so ein Muttersöhnchen!« sagte Saltner ernst, aber ohne jede Härte; immer die Augen auf das Bild geheftet. »Ich verschau’ mich ganz in das feine G’frieserl; – verzeihen Sie mir das österreichische Wort. So ein wenig vom Christuskopf; – aber gefährliche Augen. Gar gut; gar weich; fast wie die lieben Augen einer schönen und guten Frau.«

»Sie haben Recht«, sagte Wittekind und tat einen langen, leise seufzenden Atemzug. »Ich kann Ihnen nicht sagen, wie freundlich und gut das Herz dieses jungen Menschen ist; gut bis zur Schwärmerei. Er leidet geradezu an der Menschenliebe: so nah geht ihm alles Elend, all die Ungleichheit, diese ganze Welteinrichtung, die so ungerecht aussieht.«

»Und sie wär’ es auch«, entgegnete der Alte, »wenn mit diesem einen Leben die ganze Schule schon aus wäre!«

»Wie meinen Sie das?«

Saltner antwortete nicht auf diese Frage, er sah wieder auf das Bild.

»Ach was!« sagte er plötzlich, »‘s ist ein edles Gesicht. Sie sind ein glücklicher Vater mit so einem Sohn!«

Wie es so oft ergeht, antwortete Wittekind nicht auf diese Worte, sondern auf das Unausgesprochene, das dahinter lag, das sich in dem »Ach was« leise angekündigt hatte.

»Ich bin vielleicht nicht ohne Schuld«, sagte er treu herzig, wieder leise seufzend. »Hab’ vielleicht seine Natur zu ruhig gewähren lassen; zu viel auf ihr Edles, Tüchtiges gebaut … Aber wann hatt’ ich ihn auch! Da ich auf dem Lande lebe, konnt’ ich ihn nicht bei mir behalten, denn ohne Schulkameraden wollt’ ich ihn nicht lassen; so gab ich ihn gleich weiter fort, zu meiner Schwester, die mit ihrem gelehrten Mann, dem Gymnasiums-Direktor, in einem auf blühenden, freundlichen Städtchen lebt. Aber sie ist ähnlich zart, weich und schwärmerisch, wie seine Mutter war; zu einer festen kleinen Eiche konnt’ er da nicht werden … Nun ist er ein junger Student; auf sein flehendes Bitten hab’ ich ihn nicht erst im Lande behalten, wie ich wollte, auf unserer Universität, eine Meile von meinem Gut – sondern nach Süddeutschland, nach München hab’ ich ihn ziehen lassen. Plötzlich schreibt er mir: mit seinen Nerven sei es nicht in Ordnung, sein Arzt hab’ ihn fortgeschickt, ins Gebirg’, da solle er eine Weile umherspazieren, bis er sich erholt habe. Das werde bald geschehen sein; im Übrigen fehle ihm nichts … Nach diesem Brief hatt’ ich keine Ruhe. Das einzige, letzte Kind. … Ich lasse die Ernte im Stich, helfe mir, so gut ich kann, fahre hierher ins Gebirg’, zum Berthold. Am Hintersee, von dem er mir geschrieben hatte, als von seinem Hauptquartier, – am Hintersee find’ ich nichts als einen neuen Brief: er ist nach Salzburg gegangen, will von da zu Fuß gegen Berchtesgaden, bei Grödig oder Sankt Leonhard könnten wir uns treffen. – Und so bin ich nun hier – und da ist ja Grödig; da geh’n wir ja schon ins Dorf. Aber wann kommt mein Sohn? Er ist leider ebenso unpraktisch, wie er edel und gut ist! Wer weiß, vielleicht kommt er erst bei stockdunkler Nacht. Und dabei lieb’ ich ihn so sehr, diesen – — denn ich sage Ihnen, er hat ein vornehmes, großes Herz. … Aber unpraktisch ist er. Und während ich, sein Vater, noch wie von Eisen bin, sind seine jungen Nerven ›nicht in Ordnung,‹ muss er ›spazieren gehen‹. … Da hält ein Wagen vor dem Wirtshaus; und da sitzt jemand vor der Tür. Verzeihen Sie, wenn ich etwas rascher gehe; – er könnte doch – — Zwar, im Wagen kommt er ja nicht. Was will ich. Aber wenn er etwa – — Berthold! Berthold! Bist du’s?«

Die letzten Worte rief Wittekind schon von weitem, während er mit großen Schritten durch die Dorfgasse stürmte. Es kam aber keine Antwort; die Gestalt vor der Wirtshaustür saß still, ohne sich zu rühren. Als die beiden Männer nun herankamen und die untere Hälfte dieser Gestalt nicht mehr durch ein junges Gebüsch verdeckt ward, sahen sie, dass es ein Mädchen war, das an einem Tisch saß und etwas Käse mit trocknem Brot verzehrte; ein Glas Bier stand daneben. Sie trug das schwarze Kopftuch mit den langen Zipfeln, das ›Salzburger Tüchel‹, das dort weit und breit getragen wird, sonst die gewöhnliche städtische Kleidung und eine einfache Korallenschnur um den Hals.

Von ihrem Käse aufblickend zeigte sie ein paar feurige, braune, schöngefärbte Augen und wahre Rosen von Wangen, während die Lippen in der sinkenden Sonne wie Kirschen glühten. Sie war sicher kein Kind mehr, aber sie schien noch sehr jung zu sein.

»Da kommt er ja!« rief sie auf einmal aus, sprang auf wie ein Federball und lief den Männern entgegen.

»Grüß’ Sie Gott!« rief sie dann dem überraschten Saltner zu und ergriff seine Hand, die sie küssen wollte. Der Alte aber machte sich los, nahm ihren Kopf zwischen seine Hände und küsste sie auf die Stirn.

»Dumme Kathi!« sagte er. »Lass’ doch das Händeküssen; großes Mädel du! Machst du mir das noch einmal, so werd’ ich sehr bös’ und küss’ dich ohne weiteres auf den Mund. Ei, Kathi, wo kommst du her? Oder ›wo kommen Sie her,‹ muss ich nun wohl sagen —«

Sie schüttelte hastig den Kopf.

»Nun, wo kommst denn her? Bist der ›Gems’‹ etwa durchgegangen, du Bachstelze du?«

»Aber nein! Aber nein!« rief das Mädchen in drolliger Entrüstung aus, mit einer weichen, klangvollen, eher tiefen Stimme. »Herr von Saltner! Das fragen Sie mich … Und bloß um Ihretwegen hab’ ich mich auf den Weg gemacht! Und such’ Sie und frag’ nach Ihnen, wo Sie denn wohl stecken – am hangenden Stein, und in Sankt Leonhard, und nun hier in Grödig —«

»Kind, da bin ich ja! – s’ ist ja alles in Ordnung; hab’ euren rührenden Schreibebrief erhalten, dass ihr meinen Namenstag wieder feiern wollt – hab’ vor Rührung geweint, wie sich’s gebührt, und meine Einsiedelei verlassen und mich aufgemacht —«

»Aber eine Antwort geschrieben haben Sie uns nicht!« rief das junge Mädchen.

»Hab’ ich das nicht? – Nein, das hab’ ich nicht. Nun, warum denn auch: ich war ja auf dem Weg – und vor Nacht bin ich noch oben in der ›Gemse‹!«

»Aber wir wussten halt nichts! Und weil gar kein Brief kam, hat heut’ endlich der Onkel gesagt – nein, ich hab’ gesagt: der Herr von Saltner ist doch – — Nein, ich will’s lieber nicht sagen. Und dann hat der Onkel gesagt: ›Nun, so fahr’ du mit, Kathi, der Herr Verwalter fährt nach Sankt Leonhard an die Bahn, und da herum soll der Herr von Saltner jetzt zu finden sein, der Verwalter hat ihn geseh’n‹; Na, da hab’ ich mich schnell zurechtgemacht —«

»Und bist nun hier«, fiel Saltner ein, »um den alten Mann an seinen Namenstag zu mahnen, den ihr feiern wollt…«

Er fuhr sich mit der gebräunten Hand durch den weißen Bart:

»Da bin ich aber schön zerknirscht! Ich schreibe den Brief nicht, ich kann mich nicht mehr benehmen, wie es sich gehört; diese kleine Goldkathi aber fährt in die Welt hinein, um mich wie ein verlorenes kleines Kind zu suchen. Blitz, Wetter und Mädel du! Bist doch eigentlich ein ganz süßes Geschöpf. Und dabei lächelt sie wie ein Kind. Sag’ mir zur Strafe, Kathi, dass ich ein alter Narr und ein dummer Kerl bin, und dann sei wieder gut!«

Die rosige Kathi erglühte noch rosiger, vor Vergnügen über seine Reden und dann wieder aus Zartgefühl; dabei stieß sie ein eigentümliches, zitterndes, liebliches Lachen aus.

»Was Sie alles reden«, sagte sie mit leiser Stimme. »Kommen Sie jetzt nur mit!«

»Freilich komm’ ich mit«, entgegnete der Alte, »obwohl ich dann diesen lieben Herrn verlassen muss, den ich am Untersberg in einem mörderischen Kampf mit Stechfliegen angetroffen hab’: denn diese zwei Tage bin ich da hinten herumgestiegen. Ja, sehen Sie, werter Herr, das ist die Gemsen-Kathi! Jetzt reicht sie mir an die Brust; als sie mir nur bis an die Hüften reichte, da bin ich zum ersten Mal in der ›Gemse‹ eingekehrt und sommerlang geblieben; und seitdem kam ich jedes Jahr, wenn auch nur auf Wochen, oder für einen Tag. Und der kleine Flittich von damals bringt nun den Gästen ihres Herrn Onkels das Bier und heißt Kellnerin. Ist das ein Röslein geworden, oder nicht?«·– Er legte dem Mädchen, das so klein und zierlich vor dem Riesen stand, eine Hand auf den Kopf: »Haben Sie schon viel so angenehme Kellnerinnen geseh’n? So liebe, gute und hübsche?«

Die Kathi, rot bis ans Kopftuch, sah den Alten vorwurfsvoll an; dieser aber strich ihr so herzlich und weich über die Wange, dass sie zu zittern anfing:

»Ei!«, sagte er, »die Wahrheit muss man nicht unter den Scheffel stellen. Oder kannst du’s etwa nicht vertragen, dass man dich lobt? Macht dich das eitel wie die andern dummen Mädels, denen ein gutes Wort gleich den Kopf verdreht? – Nein, das glaub’ ich nicht von unsrer kerngesunden Kathi; die ist nicht so herzschwach, was? Die ist stolz und grad’ gewachsen, und wenn man sie lobt, so gibt’s ihr nur, wie der Sonnenschein, einen frischen Mut.«

Das Mädchen lächelte flüchtig, verschämt, was sie sehr verschönte, blickte ebenso flüchtig zu Saltner auf, und nickte.

»Na, also da sind wir einig«, fuhr der Alte fort; »und wenn du mir die Dummheit mit dem Brief nun christlich vergeben hast, so bestell’ mir einen Wagen zur ›Gemse‹! – Oder nein: ich geh’ mit hinein; denn ich muss nun endlich auch ein Glas gegen meinen Durst trinken, in der kühlen Stube. Sie nicht auch, Herr? Was meinen Sie?«

»Ich danke«, sagte Wittekind, der an die Türschwelle gelehnt stand und die beiden mit stillem Vergnügen betrachtete. »Durst hab’ ich nie.«

»Sie haben nie Durst? Auch nach so einer Wanderung nicht?«

»Nein. – Ich kann nichts dafür. Ich bin so geschaffen.«

»Sie trinken also auch nie?«

»Ah«, sagte Wittekind lächelnd, »das ist etwas anderes. Einen edlen Wein oder ein edles Bier trink’ ich so, wie ich eine gute Musik höre oder ein schönes Bild sehe: aus reinem, göttlichem Vergnügen.«

»Da sind Sie also um eine Klasse weiter als ich«, entgegnete Saltner. »Ich trinke noch, weil ich muss. Na, so komm denn, Kathi!«—

Er legte ihr einen Arm auf die Schulter – nun sah sie völlig aus wie ein Kind – und sie ging in gleichem Schritt wie er, die kleine Gestalt drollig dehnend, ins Haus.

Wittekind sah ihnen nach, mit heiterem Wohlgefallen; dann blickte er wieder, nachdenklich, die Dorfgasse hinab.

Das umherschwimmende goldene Licht verklärte alles, die zerstreut stehenden Häuser, denen die Bäume über den Kopf wuchsen, die umherlungernden Kinder, geschäftige alte Weiber, ein paar Hunde, die sich in der Sonne wälzten. Der ›Salzburger hohe Thron‹ des Untersbergs zeigte auch hier, über den Dächern aufsteigend, seine Felsenstirn. Dem Wanderer erschien es auf einmal wie ein Traum, dass er aus seiner Ebene, von seiner Ostsee an diesen Märchenberg verschlagen sei; dann fuhr ihm die zurückgedrängte Sehnsucht nach seinem Jungen wie ein Pfeil durchs Herz. Er schob sich den Hut von der Stirn zurück. Wenn er nun plötzlich käme! Dort um das Haus, an der Ecke! – — Die Brust stand ihm still. Die Gasse hinunterspähend sah er etwas Staub emporsteigen; es durchzuckte ihn einen Augenblick; aber: ›nun ja!‹ dachte er dann. ›Das kann ja nicht Berthold sein. Was ist’s? Ein Wagen. Und von dort, von Süden her, käm’ er ja auch nicht…‹

Plötzlich musste er lächeln: ein so jugendlicher, romantischer Gedanke tauchte in seinem erregten Innern auf und flog wie ein Vogel vorbei. ›Nun, und wenn da mein Sohn nicht kommt, kommt vielleicht mein Schicksal…‹

Er wandte den Kopf, als blicke er diesem Vogel nach.

›Was heißt das?‹ dachte er verwundert weiter; ›mein Schicksal? Was kann mir denn kommen? Was erwart’ ich denn noch? – Mir geht’s wohl auch wie diesem Alten, diesem Theoretiker der Greisenruhe und Waldeinsamkeit: die Jugend rennt immer wieder mit mir davon. Das, was da „kommt“, ist ein Wagen; mit zwei hübschen Braunen davor. Nicht einmal Schimmel sind’s. Und er fährt vorüber … Nein; er hält hier an. Also das wäre „mein Schicksal“. Auf dem Bock oder im Wagen säß’ es. Seh’n wir zu, wie es aussieht!‹

Ein offener Wagen, die Dorfgasse herausgefahren, hielt vor dem Wirtshaus; die Pferde schwitzten stark, schnoben und schüttelten sich; der Kutscher stieg vom Bock, um sie abzusträngen. Im Wagen saßen zwei Herren auf dem Rücksitz, zwei verschleierte Damen ihnen gegenüber; die, welche Wittekind zunächst saß, war in einen hellen, eleganten Staubmantel gehüllt.

»Aber, lieber Himmel!« sagte diese Dame mit einer schmachtenden, beinahe weinerlichen Stimme; »wozu dieser Aufenthalt! Ich finde, dass es ein Unsinn ist, ein paar Minuten vor Salzburg in diesem öden Nest noch eine Rast zu machen!«

»Meine Liebe«, erwiderte der Herr, der ihr gegenüber saß, eine schlanke Gestalt mit einem aristokratischen, aber unbedeutenden Gesicht: »die Pferde haben es nötig, wie der Kutscher behauptet. Und wir sind nicht ein paar Minuten von Salzburg entfernt, sondern eine Stunde.«

»Zehn Minuten!« entgegnete die Dame, wieder mit der klagenden Stimme; ihr Gesicht konnte Wittekind durch den dichten Schleier nicht erkennen. »Was tun wir hier in – Grödig? Da wollt’ ich doch wahrhaftig, wir wären in Berchtesgaden geblieben!«

Die andre Dame – halb verdeckt durch die erste – hob eine Hand, bewegte sie ein wenig hin und her, und sagte:

»Liebste Frau Baronin, in Berchtesgaden erlaubte ich mir zu sagen: bleiben wir doch noch hier. Aber um jeden Preis wollten Sie ja fort!«

›Das ist eine merkwürdige Stimme‹, dachte Wittekind, indem er den Kopf neugierig vorstreckte. ›Was für ein edles Metall. Offenbar eine Altstimme. Und wie schön sie spricht. Das Gesicht zu dieser Stimme möchte ich wohl seh’n!‹ – Er neigte sich aber vergebens vor und zur Seite: der Schleier verhüllte auch dieses andre Gesicht, unter einem feinen Strohhut, zu sehr; er war blau und doppelt. ›Wozu denn diese dichten Schleier?‹ dachte Wittekind etwas entrüstet. ›Auf den Landstraßen ist ja fast kein Staub, nach all den Gewittern.‹

»Bei alledem sind wir hier, meine Damen«, sagte jetzt eine vierte Stimme, »und wir sollten wohl aussteigen!«—

Wittekind horchte auf. Es fiel ihm bei dieser kalten, etwas näselnden Stimme ein Knabe ein, den er einmal als Schuljunge – obgleich der andre zwei Jahre älter war – durchgeprügelt hatte. Wie kam ihm der auf einmal hier am Untersberg in den Sinn? Könnte der Herr da hinten, den der Aristokrat verdeckte, wirklich Friedrich Waldenburg sein? Die Gestalt erhob sich, lang und etwas schwerfällig, zeigte ihren breiten Rücken, stieg auf der andern Wagenseite vorsichtig aus, und wandte sich dann herum, vermutlich um den Damen beim Aussteigen zu helfen. Jetzt sah Wittekind das Gesicht dieses langen Menschen, und nach einem raschen, scharfen Blick konnte er nicht mehr zweifeln.

Es war ein Kopf, den man nicht vergaß (wenn er ihn auch vor fünfzehn Jahren, in Italien, zuletzt geseh’n hatte); ein auffallend großer, aber wohlgeformter Kopf mit bedeutender Stirn, großen, aber durch breite, schwere Lider halb bedeckten Augen, deren helles und kaltes Licht eigentümlich strahlte; unter einer starken, feingeschnittenen Nase ein geistreicher Mund, den ein schöner, lichtbrauner Bart überschattete und sich in einen ebenso schönen Backenbart verlor. Das Kinn war ausrasiert, der Kopf nur noch mit dünnem, schlichtem Haar bedeckt, der kurze Hals durch eine kropfähnliche Anschwellung entstellt. Kurz, man sah einen schönen Menschen und wusste nicht, ob man sich nicht täuschte; einen von diesen Köpfen, bei denen man sich fragt, ob mehr die Natur von vornherein, oder mehr der Geist nach und nach, und von innen heraus, ihn so gewinnend geformt hat. Und was für ein Geist? Seele oder Verstand? Wärme oder Kälte?

»Wahrhaftig, das ist Friedrich Waldenburg!« rief Wittekind unwillkürlich aus, doch mit halber Stimme. Der Angerufene horchte auf und spähte zwischen den Insassen des Wagens herüber. Dann stieß er einen hellen Ton der Verwunderung aus, und ein kaltes Lächeln lief ihm über die Lippen.

»Alle guten Geister!« sagte er, mit einem gewissen schönen Vortrag wie auf dem Theater. »Das ist ja Karl Wittekind, der ›Biedere‹, der ›Gerechte!‹«

»Jedenfalls heiße ich Wittekind«, gab dieser, etwas kühler als vorhin, zurück.

»Warte einen Augenblick, mein Teurer!« rief nun der andere etwas herzlicher aus; »bis ich die landesüblichen Ritterdienste geleistet habe!«—

Er hielt der Dame in dem blauen Schleier die Hand hin; leicht darauf gestützt sprang diese auf die Erde. Der Lange ging dann um den Wagen herum, nicht mühsam oder ältlich, aber mit einem sonderbaren Schein von Unsicherheit, wie wenn seine hohen Beine doch etwas zu schwach wären, um den breit entwickelten Oberkörper zu tragen. Ehe er an dem andern Wagenschlag angekommen war, hatte die Dame mit der schmachtenden Stimme sich erhoben und mit Hilfe des andern Herrn, nicht ohne einen leidenden Seufzer, den ›Landauer‹ verlassen.

»Komme ich zu spät?« sagte Waldenburg. »Nun, so sei mir gegrüßt, Karl Wittekind, edler Freund!« —

Mit der vornehmen Grazie eines Prinzen hielt er ihm die Hand hin, bewillkommnete ihn aber zugleich durch ein vertrauliches, behaglich schmunzelndes Lächeln.

»Meine Damen, ich stelle Ihnen hier einen Mustermenschen vor«, setzte er dann hinzu; »Herrn Wittekind, den Mann, wie er sein soll. In diesem verkommenen Zeitalter noch ein echter Idealist!«

Wittekind machte eine zuckende Bewegung; er wollte auf diese sonderbare Anpreisung, die ein kalter Spott zu begleiten schien, eben etwas erwidern, als ein unerwarteter Anblick ihn abzog. Die Dame mit der merkwürdigen Stimme war Waldenburg um den Wagen gefolgt und warf eben, gleich der andern, ihren Schleier zurück. Sie enthüllte ein Gesicht, das vielleicht weniger schön, als auffallend und bedeutend war; von herrlichem blondem Haar umrahmt, großgeformt, aber überraschend bleich und so mager, dass die großen dunkelblauen Augen übergroß und fast beängstigend wirkten. Daher erschien sie wohl auch älter, als sie war; denn die hohe Gestalt, durch ein anschmiegendes hellgraues Sommerkleid und einen Ledergürtel in all ihrer Schlankheit gezeichnet, machte einen durchaus mädchenhaften Eindruck. Ihr Blick schien aber ebenso unmittelbar zu berühren, zu treffen, wie der Waldenburgs; nur dass dieser klug und kalt, der der jungen Dame warm und zurückhaltend traurig war. Fast auf den ersten Blick dachte Wittekind: ›So jung die ist, hat sie viel gelitten!‹

Er betrachtete sie so aufmerksam, dass Waldenburg zu lächeln anfing. Dieser nahm wieder das Wort:

»Ich habe meinen alten Freund wohl zu grob angepriesen; das macht die unverhoffte Freude, und die Erinnerung an die alten Zeiten! Wir haben uns oft gesehen, aber zuerst auf dem Schulweg, und auf dem Schulhof in den Zwischenstunden; da haben wir Griechen und Trojaner gespielt und ritterlich gekämpft.«—

›Ja, ich hab’ ihn durchgeprügelt‹, dachte Wittekind.

Waldenburg unterbrach sich selbst:

»Bei alledem vergesse ich, meinen Kommilitonen auch mit den Herrschaften bekannt zu machen! – Meine werten Freunde, Baron und Baronin Tilburg; mit mir aus Wien gekommen, und für die nächsten vier Wochen noch mit mir verheiratet Frau. Marie von Tarnow (er deutete mit einer anmutigen Kopfbewegung auf die Blasse), unsre Amerikanerin, die wir der neuen Welt wieder abgerungen haben; sie bleibt nun hoffentlich in der immer noch interessanten Ruine, unserm alten Europa!«

»Der weibliche Leibarzt meiner Frau«, sagte Baron Tilburg lächelnd, und schlug mit dem abgezogenen Handschuh der rechten in die linke Hand.

»Warum sehen Sie mich so verwundert an?« fragte die junge ›Amerikanerin‹, da Wittekind sie mit neuem Erstaunen und Interesse betrachtete. »Glauben Sie nicht an den Leibarzt?«

›Ja, die Stimme ist ein schöner Alt!‹ dachte Wittekind.

»Verzeihen Sie«, sagte er dann laut, nicht ganz unbefangen: »ich hatte mir einen weiblichen Arzt nicht so – so weiblich gedacht. Mehr – wie soll ich sagen – robust, mit männlichem Stehkragen; Übergang zum Mann. Und da sah ich nun – Sie —.«

›Alle Wetter‹, dachte Waldenburg, ›wie der Herr sie anstarrt!‹

Die junge Dame erwiderte schlicht:

»Ich hab’ in Amerika etwas Medizin studiert, weil mein Vater Arzt war; es lag mir so nah. Und meinen Vater machte es so glücklich«, setzte sie zu den andern gewandt hinzu. »Übrigens brauchte man mich der neuen Welt nicht wieder abzuringen; ich kam nach Deutschland zurück, weil ich da geboren bin und dahin gehöre!«

»Ja«, sagte Frau von Tilburg, deren Klagestimme diesmal etwas herzhafter einsetzte, »meine liebe Marie hat uns nie verleugnet, ihr Herz ist deutsch geblieben – deutsch avant tout!«

Die Blasse errötete flüchtig, wohl wegen dieser französischen Bekräftigung.

»Ich hab’ sie immer gehasst«, sagte sie, »diese braven Landsleute, die da drüben auf einmal Eingeborne wurden und über Deutschland mit den Achseln zuckten. Sollen wir nicht auf unser Vaterland stolz sein, wohin wir auch kommen? Und ihm Ehre machen – wie Sie, Herr Geheimrat (sie wandte sich zu Waldenburg) der Sie aus Deutschland nach Österreich hinübergezogen sind, und dem Kaiser dort gewiss mit aller Hingebung dienen, aber Ihre Heimat nie verleugnen werden —«

Sie brach plötzlich ab, und auf eine Weise, die den voll Anteil beobachtenden Wittekind aufs Äußerste überraschte. Saltner trat in diesem Augenblick wieder aus der Wirtshaustür, der Alte, mit der Kathi. Frau von Tarnow warf einen verlorenen Blick zu ihm hin; auf einmal fuhr sie zusammen. Ihre Blässe ward geisterhaft. Sie hatte ihr Taschentuch in die Hände genommen und im Reden zusammengedreht; jetzt fiel es auf die Erde. Eh’ aber noch einer der Herren hinzutreten konnte, um es aufzuheben, bückte sie sich rasch, als wünschte sie ihr verändertes Gesicht zu verbergen, und hob es selber auf; blieb dann noch eine Weile gebückt, und schien ein wenig hin und her zu schwanken. Wittekind sah das alles. Nach einer Weile hatte sie sich, wie es schien, gefasst, und ging mit einer raschen Bewegung auf den Alten zu.

»Grüß’ Sie Gott!« sagte sie und streckte ihm die Hand hin. Zugleich beugte sie sich aber vor, und Wittekind glaubte zu hören, dass sie ihm etwas zuflüsterte, während die beiden Köpfe sich beinahe berührten.

Saltner machte ein betroffenes Gesicht, und mit einem verwirrten, rollenden Blick überflog er die Gesellschaft. Er fasste sich indessen geschwind, drückte die Hand der jungen Dame mit einem höflichen Lächeln und lüftete seinen Hut.

Es stieg ihm aber nachträglich eine Röte in die bronzenen Wangen, als schämte der Alte sich, eine Komödie zu spielen.

So erschien es wenigstens Wittekind. Frau von Tarnow trat dann langsam zurück, hielt aber die Augen noch auf Saltner geheftet.

Plötzlich wandte sie sich, wieder wie nach einem raschen Entschluss, und stellte ›Herrn von Saltner, einen alten Freund‹ der Gesellschaft vor. Der ›Alte vom Berge‹, der Waldmensch, verneigte sich mit einer vornehmen Würde und Anmut, die von diesem Riesen in der Lodenjoppe offenbar niemand erwartet hatte. Er trat dann auf den Baron und die Baronin zu und begann in leichtem Ton – nur dass die Stimme ein wenig zitterte oder schwankte – über Wetter und Reisen zu sprechen. Die Baronin hörte andächtig zu, stieß einmal einen sanften Reise-Seufzer aus, und betrachtete diesen ›Urmenschen‹ mit einem gewissen bangen Respekt, der Wittekind ergötzte. Bald ward es ihr aber lästig, aus ihrer zierlichen Untermittelgröße zu einem solchen Turm hinaufzusehen, der noch den langen Waldenburg überragte. Sie fühlte auf einmal, dass sie nach ›dieser endlosen Fahrt‹ völlig steif geworden sei und sich bewegen müsse; nahm Frau von Tarnows Arm, hängte sich hinein und ging mit einem etwas schleppendem, schmachtenden Gang die Dorfgasse hinunter. Saltner sah ihr und der Amerikanerin nach. Er stand still, seine Augen starrten regungslos, es schien ihm ein schmerzliches Zucken über die Wangen zu gehen.

›Was ist zwischen ihm und dieser blassen Frau?‹ dachte Wittekind. ›Was für ein Geheimnis haben sie miteinander?‹ Er sah gleichfalls den Damen nach. Der Baron Tilburg hatte sich ihnen angeschlossen; Waldenburg folgte, blieb dann aber stehen, als fiele ihm etwas Besseres ein, und zog eine Zigarre hervor, die er mit seiner etwas feierlichen Grazie in Brand setzte. Wittekind, von einem unklaren Gefühl gezogen, trat zu dem ›Jugendfreund‹.

»Ist diese junge Dame leidend?« fragte er. »Sie hat ja fast kein Blut im Gesicht.«

»Die Amerikanerin?« fragte Waldenburg zurück und blies einige zarte, blaue Ringe in die Luft. »Lieber Freund, ich wollte, ich wüsste, was ihr fehlt; – um sie zu heilen«, setzte er mit einem leichtfertigen Lächeln hinzu.

»Ich fragte nur nach ihrem körperlichen Befinden«, sagte Wittekind trocken.

Waldenburg sah ihn an:

»Ist das bei Frauen je vom seelischen zu trennen? – Sieh, wie sie geht; eine Tusnelda-Gestalt. Sie hat ihre Fülle verloren; aber das kommt wieder … Was ihr fehlt, weiß niemand. Eine verschlossene Schweigerin, die aber, wie es scheint, allerlei Interessantes zu verschweigen hat. Um den Mund lauter Geist, Übersinnliches; dagegen um die Augen – —«

Wittekind unterbrach ihn:

»Und wie kommt sie zu – euch?«

»Zu uns? Du hörtest ja: der ›Leibarzt‹. Weniger vornehm ausgedrückt: sie ist die Gesellschafterin dieser Baronin Tilburg; einer sehr gesunden Dame, die sich beständig für krank hält. Die arme Transatlantische hat offenbar kein Geld!«

»Und der Baron Tilburg?«

»Was der ist? Ein sogenannter Diplomat; ein Herr ohne Kopf, aber mit guten Beinen, auf denen er das ganze Jahr herumläuft, um sich nützlich zu machen. Einer von den kleinen Schmetterlingen der ›auswärtigen Angelegenheiten‹«.

›So spricht er von seinen „Freunden“‹, dachte Wittekind, ›mit denen er „für die nächsten vier Wochen noch verheiratet ist“. – Aber vielleicht ist er das nicht um ihretwillen, sondern wegen der Gesellschafterin der „Tusnelda“.‹

»Nun, und du?« fragte er dann. »Du bist nun ›Geheimer Rat‹?«

Waldenburg lächelte, stieß eine Rauchwolke aus und seufzte.

»Weil mich die Transatlantische so nannte?« sagte er langsam. »Die versteht das nicht. So ein bisschen Hofrat, das bin ich; und ein bisschen ›Geheimes‹ auch; aber der richtige ›Wirkliche Geheime Rat‹ – nein, das bin ich nicht. Wär’ ich das, dann wär’ ich Exzellenz. Danach tracht’ ich, mein Sohn; aber diesen großen Vogel kann ich noch immer nicht erjagen. So einem blaublütigen Dummkopf fliegt er zuletzt ganz von selbst ins Maul; uns ›Plebejern‹, uns ›Parvenus‹ schwebt er hoch überm Kopf, wie ein schwarzer Punkt, an den unsere Kugel nicht reicht, und verachtet uns. Das ist unser Martyrium; davon weißt du nichts. Ich könnte Europa regieren – Waldenburgs etwas vorgebeugte Gestalt richtete sich hoch auf – und ich bring’ es nicht einmal bis zur Exzellenz!« —

Wittekind lächelte still über diesen Kummer, den sein Herz nicht verstand. Er wollte etwas entgegnen, als er hinter sich, irgendwo im Dorf, eine jugendliche Stimme singen hörte, deren Klang ihm ins Herz schlug. Er konnte nicht irren, er kannte diese Stimme zu gut. Sie schwang sich weich und hell über die Häuser herüber.

»Das ist mein Junge! Mein Berthold!« rief Wittekind aus und stand einen Augenblick vor Freude wie angewurzelt. Dann aber, ohne weiter ein Wort zu sagen, drehte er sich um, und mehr laufend als gehend flog er der Stimme entgegen.




III. Kapitel


Östlich von Grödig, unter dem Hellbrunner Fels, liegt das Schloss und das Dorf Anif; parkähnlicher Wald und Wiesen trennen dann noch Anif von der breiten Salzach, die in rauschender Eile nach den Hügeln, Türmen und Brücken von Salzburg strebt. Auf dem Waldweg, der nah an dem Flusse hinführt und bald rechts, bald links einen ahnungsvollen Ausblick an die Gebirge hat, die das Tal begleiten, war an eben diesem Nachmittag, von Salzburg her, ein einsamer Wanderer stromauf geschritten; von den sonnig leuchtenden Bergen hatte er aber wenig geseh’n, denn er war in seine Gedanken versunken. Sein Hut saß im Nacken; den abgetragenen schwarzen Rock hatte er ausgezogen und über den Arm gelegt; er trug einen Knotenstock, den er nur zuweilen schwenkte, ohne sich auf ihn zu stützen.

Die Gestalt war stämmig, plebejisch, doch bewegte sie sich mit elastischer Leichtigkeit; so war denn auch das bartlose Gesicht jung und kraftvoll, wenn es auch nicht eigentlich jugendlich zu nennen war. Ein altklug nachdenklicher Zug hatte sich darin eingenistet; die Schärfe eines trotzigen und zersetzenden Denkens, die zwischen Nase und Mund allerlei Falten gegraben und auf die knochige Magerkeit des Gesichts gleichsam noch den hinweisenden Zeigefinger gelegt hatte.

Das schlichte Haar lag feucht und wirr auf der breiten Stirn, die von Schweißtropfen perlte; die grauen Augen waren tief unter die Stirn versenkt, während das Kinn hervortrat. Der junge Mann war bis an den Rand der schmalen Waldung gekommen, die zwischen Anis und der Salzach liegt; er wollte weitergehen, aber ein Anblick, der auch für diesen versonnenen Grübler merkwürdig war, hielt ihn auf. Am letzten Baum, einem großen Ahorn, lag ein junger Mensch im Gras, den Kopf auf seiner schwarzen Reisetasche, und schlief. Die im Westen weiterwandernde Sonne schien ihm jetzt gerade auf die Augenlider, doch ohne ihn zu wecken; sie vergoldete seine verwirrten blonden Locken und goss eine sanft glühende Verklärung über die auffallende Schönheit seines Gesichtes aus. Die zarten und edlen Formen waren in vollkommener Harmonie; Nase und Kinn überaus fein gebildet, die Wangen schienen ein wenig eingefallen, der Mund, fest geschlossen, war von fast rührendem Liebreiz, ohne doch unmännlich oder unentwickelt zu sein. Es war die allererste Blüte eines schönen Jünglings; der leuchtenden Haut fehlte nur dieser rosige Schimmer, der sonst bei so rein blonden nordischen Menschen aus den Adern durchscheint.

Er war blass. Selbst die Lippen hatten ein etwas verblasstes Rot. Vielleicht verstärkte das den eigentümlich idealen, rührenden, an Heiligenbilder erinnernden Ausdruck, der über dem zarten, bartlosen Antlitz lag; der in diesem Zeitalter so befremdend und überraschend war, dass der Wanderer stehen blieb und ihm ein Laut der Verwunderung entschlüpfte.

Der Schläfer rührte sich nicht. Er war fein gekleidet; ein blaues, lose geschlungenes Halstuch lag auf der hellen Weste; sein Panama-Hut war nach hinten gesunken. Eine goldene Uhr, die an goldener Kette hing, schaute ein wenig aus ihrer Tasche hervor, die Sonne spielte auf ihr.

›Wenn man nicht so ein anständiger Mensch wäre‹, dachte der mit dem Knotenstock, ›so tauschte man jetzt dem seine Uhr ab; der junge Aristokrat schläft so gut, der würd’ es nicht merken. Es ist eigentlich verrückt, dass man so anständig ist! – Allerdings, meine alte silberne, geh’n tut sie auch. Ich brauch’ dein goldenes Spielzeug nicht, junger Aristokrat. – Ein schöner Kerl. – Ein gar feines Bürschchen. – Adieu!‹

Er wollte weiter geh’n. Eben begann der Schläfer zu lächeln, offenbar im Traum. Der andre sah hin, blieb steh’n; es war ein so unschuldiges, gutes Lächeln. Wovon mochte er träumen? – Der junge Mensch fing an zu sprechen; doch zuerst so hastig und undeutlich, dass kein Wort zu verstehen war. Dann lächelte er noch einmal, und sagte langsam:

»Ach ja! Ein Eierkuchen! Sehr gut!«

Murmelnd wiederholte er: »Eierkuchen!« und machte eine Bewegung mit dem Arm, als wollte er ihn essen.

Das finstere Gesicht des Zuschauers erheiterte sich.

»Ob der Hunger hat?« sagte er vor sich hin. Ihm fiel darüber ein, dass er eigentlich selber Hunger habe, und dass seine Zeit gekommen sei, zu essen. Er zog aus einer seiner großen Rocktaschen ein Päckchen in grobem, grauem Papier hervor, und setzte sich zwei Schritte von dem Schläfer unter den nächsten Baum. Dann öffnete er das Päckchen, indem er das Papier auf seinem Schoß zur Tischplatte machte, holte ein starkes Messer aus der Tasche, und fing an, sein einfaches Mahl: Käse und Brot, zu verzehren.

Während er die vorspringenden Kinnbacken in Bewegung setzte, blickte er wieder auf den ›Aristokraten‹ hin.

Dem war das Lächeln vergangen; der geträumte Eierkuchen war offenbar nicht bis zu ihm gekommen. Die feinen Brauen zogen sich leicht zusammen. Um den Mund zuckte eine schmerzliche Bewegung, und ein schwacher Laut des Bedauerns entstand hinter den geschlossenen Lippen. Als der andre dies hörte, machte er eine Gebärde des Mitleids, die er aber sogleich wieder unterdrückte.

»Nu!« sagte er vor sich hin, »warum soll so ein ›Feiner‹ nicht einmal im Schlaf hungern? Andere hungern im Wachen. Seufz’ du nur weiter!«

Er vertiefte sich in seine wohltuende Beschäftigung, – selber noch ein Stück von einem ›Aristokraten‹, da er Brot und Käse mit dem Messer schnitt, statt allein mit den Zähnen zu arbeiten. Eine Weile vergaß er seinen Nachbar, der nichts mehr von sich vernehmen ließ. Als er dann wieder aufblickte, wäre er fast erschrocken: das bleiche Gesicht des Schläfers starrte ihn aufgerichtet an. Der junge Mensch musste sich fast unhörbar leise erhoben haben; er saß, seine großen, hellblauen, etwas matten Augen waren auf das ›Tischtuch‹ mit dem Brot und Käse geheftet, als wollten sie sich daran satt sehen, nachdem jener Traumkuchen sich so unredlich verflüchtigt hatte.

»Aha, Sie sind aufgewacht!« sagte der andre trocken. »Sie sehen meinen Käse an. Wenn Sie mittun wollen, – gerne. Oder haben Sie selber was, da in Ihrer Tasche?«

Der Jüngling schüttelte den Kopf.

»Nun, dann langen Sie zu! – Oder nein: das muss ja feiner gemacht werden. Da haben Sie die ganze Mahlzeit, und hier ist das Messer; – wenn Sie nicht lieber Ihr eigenes nehmen. Aber meins ist rein. Kurz, bedienen Sie sich, wie es Ihnen beliebt!«

»Ich danke Ihnen«, sagte der junge Mensch mit einer weichen, fast gerührten Stimme. »Ich – ich esse jetzt nicht.«

»Ist Ihnen mein Käse zu schlecht? – Oder bin ich Ihnen zu schlecht?«

»O nein; ganz und gar nicht. Wie können Sie das sagen. Ich esse nur nicht – weil ich keinen Hunger habe.«

»Sie haben keinen Hunger?«—

Der ›Plebejer‹ sah den ›Aristokraten‹ sehr verwundert an.

»Sie haben doch eben erst Eierkuchen essen wollen, – im Traum, mein’ ich. Und haben dann geseufzt. Und dann haben Sie auf meinen Käse einen Blick geworfen – einen Blick, dass mir sogleich der halbe Appetit vergangen ist! – Ja, ja!« setzte er hinzu, mit einem Lächeln, in dem wirklich Güte lag und das dieses knochige, harte Gesicht verschönte.

Der Blasse errötete.

»Ich hab’ also im Schlaf gesprochen?« fragte er.

»Ja freilich. Vom Essen. Und dann dieser Blick … Wie können Sie dann sagen, dass Sie keinen Hunger haben?«

Der Jüngling zuckte hilflos die Achseln. Er war noch schöner, als vorhin im Schlaf; auf den erröteten Wangen lag es wie hingemalte Rosenblätter, die nur allzu bald wieder verschwanden. Eine sonderbare Schwäche schien dann über seine feine, schlanke Gestalt zu kommen. Er sah sich um, wie nach einer Stütze, lehnte sich gegen seinen Ahornbaum und schloss flüchtig die Augen.

»Was haben Sie? – Fehlt Ihnen was?« fragte der andere.

»Das nicht«, erwiderte er sanft. »O nein!« —

Er raffte sich dann auf und suchte männlich gleichgültig zu lächeln:

»Ich muss Ihnen nur – — Ich hab’ Ihnen noch nicht einmal gedankt. Wie gut sind Sie. Das Wenige, was Sie haben, wollten Sie mit mir teilen. Und dabei – —«

Er sah an den einfachen, stark verbrauchten Kleidern des andern hinunter, und auf den abgetragenen schwarzen Rock, der im Grase lag.

»Dabei sind Sie wahrscheinlich kein Rothschild … Und mancher reiche Mann hätte nicht daran gedacht, gleich mit mir zu teilen!«

»Ja, die Reichen! Die Reichen!« murmelte der andre.

Er setzte dann lauter hinzu, mit einem Blick über die Achsel:

»Sie wissen ja, was die Bibel von den Reichen sagt. Eher wird ein Kamel – — übrigens, Bibel oder nicht: diesen Reichen wird man’s noch ganz anders sagen!«

Er hob seinen Knotenstock und schlug damit gegen die weiche Erde.

»Oder gehören Sie auch dazu?« sagte er dann mit einem kurzen Lachen. »Da oben – er deutete auf sein Gesicht – seh’n Sie nicht so aus; aber da unten: die Kleider und die Kette. Und meinen plebejischen Käse essen Sie ja doch nicht. Lieber hungern Sie. Einer ist wie der andre!«

»Da irren Sie sehr«, sagte der blasse Jüngling mit einem wunderbaren, schlicht überzeugenden Ton seiner weichen Stimme.

Überrascht sah der ›Plebejer‹ auf. Es war ihm, als hätte er einen jungen Christuskopf vor Augen; etwas, das ihn zum Lächeln reizte, aber dieses Lächeln ging dann in Erstaunen unter. Er hatte nie so einen Menschen geseh’n.

Die jungen, blauen Augen strahlten von Güte und Menschenliebe; in dem schrägen Blick, im Lächeln zeigte sich eine schwärmerische Erhebung der Gefühle, die nach Worten zu suchen schien, aber zu keusch war, um sich auszusprechen.

Die Schwäche, die ihn vorhin befallen hatte, schien verflogen zu sein. Er neigte sich etwas vor, sah seinen Reisegefährten ruhig an, und drückte sich den Hut in die weichen Locken.

»Inwiefern irr’ ich denn?« fragte der Grobknochige, nachdem er eine Weile gezögert hatte.

Der Jüngling bewegte die Lippen, antwortete dann aber nicht. Er warf einen Blick auf die Sonne, und verwunderte sich.

»Wie lange hab’ ich denn geschlafen?« sagte er, wie mit sich allein. Er sah auf die Uhr. Er schüttelte den Kopf.

»Nun, wie lange haben Sie denn geschlafen?« fragte der andre, der wieder seinen Käse anschnitt.

»Zwei Stunden, glaub’ ich; und mehr! – Das ist doch des Teufels!«

Der andre horchte hoch auf; es überraschte ihn, dass dieser Jüngling ›aus einer anderen Welt‹ auch so menschlich und natürlich den Teufel in den Mund nahm.

»Und ich weiß nicht einmal, wie ich eingeschlafen bin«, fuhr der junge Mensch fort. »Es kam so auf einmal – eine Art von Schwäche – kurz, ich wurde müde. Aber ich warf mich nur ins Gras, um einen Augenblick auszuruhen. – Und machte die Augen zu. Als ich sie wieder aufmachte, saßen Sie da und aßen; – und zwei Stunden lang hab’ ich fest geschlafen!«

»Und Sie hungerten im Schlaf«, setzte der andre hinzu. »Sie müssen schon erlauben, junger Herr, dass ich mir bei alledem etwas denke; ich bin auch nicht auf den Kopf gefallen. Da irren Sie sehr, sagten Sie vorhin. Und dazu haben Sie so ein – merkwürdiges Gesicht … Inwiefern irr’ ich denn?«

Der Jüngling hob den Kopf, wie um zu antworten, blieb aber wieder still.

»Wann haben Sie denn heute zuletzt gegessen, wenn ich fragen darf?«

»Heute?« – Der Jüngling lächelte und sah auf seine Füße, die er sacht, wie spielend, aneinander rieb. »Heute hab’ ich noch nicht gegessen.«

»Was? – Noch gar nicht?«

»Nein.«

»Und wann denn zuletzt?«

»Wozu fragen Sie? – Sie werden die ganze Sache komisch finden…«

»Nein«, sagte der andere trocken. »Ich werde die ganze Sache gar nicht komisch finden; das versprech’ ich Ihnen. Also wann aßen Sie denn zuletzt?«

»Vorgestern Abend – wenn Sie’s denn wissen wollen.«

»Nu, das ist mehr, als ich je geleistet habe! – Und was mich betrifft, ich tat’s unfreiwillig; aber Sie – — Sie sehen so aus, als hätten Sie’s nicht nötig. Als hätten Sie nur zum Spaß – —. Nein, nicht zum Spaß. Das ist ein dummes Wort; das passt nicht zu Ihnen. Warum haben Sie denn gehungert? – — Sagen Sie mir das nicht? Bin ich Ihnen zu schlecht gekleidet, oder sonst zu ordinär, um mich mit einer offenen Antwort zu beehren?«

Der Jüngling machte eine hastige Bewegung, seine sanften Augen blitzten. Er zwang sich aber wieder zur Ruhe, indem er mit der linken Hand langsam an sich hinunterstrich.

»Ich werd’s Ihnen also sagen … Aber so müssen Sie nicht reden. Was gehen Sie oder mich unsere Kleider an? Sie sind ein Mensch, ich auch. – Warum ich hab’ hungern wollen? Nun – um einmal zu fühlen, wie’s tut.«

»Und warum wollten Sie das? Ihnen kann’s ja genug sein, dass andre dazu verdammt sind.«

»Das ist ja eben der Jammer, dass es solche gibt! Und dass – — kurz, dass die einen mehr leiden als die andren; – und dass die andren so gern die Achseln zucken und sagen: das ist nun einmal so verteilt, was ist da zu machen! – Es wäre aber doch wohl etwas zu machen, wenn nur alle wollten. … Kurz und mit einem Wort: besser muss es werden. Das Glück soll zu allen kommen, alle sollen gleich sein. Und jeder muss dazu tun, was er kann!«

»Hm!« murmelte der andere. Er warf wieder einen staunenden, halb verblüfften Blick auf diesen sonderbaren Menschen. Dann stieß er scheinbar spöttisch oder unwirsch heraus: »Und darum haben Sie gehungert?«

»Nun ja!« sagte der junge Mensch, über sich selber lächelnd. »Nur so ein Versuch. … Um es nicht besser zu haben; und um mir’s wirklich vom Munde abzusparen, was ich andren gebe. Dass ich doch sagen kann: ich hab’ gefastet, damit ein anderer satt wird. – Was wollen Sie? Warum sehen Sie mich so grimmig an?«

»Seh’ ich Sie grimmig an? – Das wusst’ ich nicht. So hab’ ich’s nicht gemeint. Ich dachte nur —«

»Nun, was dachten Sie?« fragte der junge Schwärmer, da der andere stockte.

»Ich dachte nur: ist der wirklich lebendig? Solche Leute, meint’ ich, hätt’ es nur im Mittelalter gegeben. Herr, Sie sind also wirklich so einer? So ein Pelikan, der sein Blut für die andern hingibt —«—

»Nein, der tut’s nur für sein eigenes Fleisch und Blut. Das ist nichts Besondres.«

»Sie tun’s für die andern, für die, welche vor der Tür stehen. Darum auch dies Gesicht!«

»Was denn für ein Gesicht? – Was hab’ ich denn getan? Ich kann ja noch nichts. Ich erwerb’ ja noch nichts; bin ein Student, im ersten Semester, also ein halber Mensch. Während Sie – — Sie sind doch wohl auch noch jung; aber Sie leben gewiss nicht mehr aus des Vaters Tasche. Sie bringen sich selber fort. O lassen Sie mich erst auch so einer werden: dann – dann —«

Er sprach nicht zu Ende, weil auf einmal die innere Bewegung sich nicht mehr unterdrücken ließ und durch die Glieder ihren Ausweg suchte. Er hob die Arme, bewegte sie in der Luft – mit einer gewissen ungeschickten Anmut – und dehnte, tief atmend, die Brust. Seine Augen leuchteten, nach oben gerichtet. Der junge ›Plebejer‹ konnte nicht umhin, diesen schönen Schwärmer mit einer Art von Andacht anzustarren. Es rührte sich dabei auch ein Missgefühl, das ihm etwas in die Brust schnitt; er spürte es, ohne zu fragen, was es von ihm wolle.

»Nu, Sie wissen ja, ein Schelm tut mehr, als er kann!« sagte er nach einer Weile, fast brummig. »Wer für andere hungern kann, der kann wohl eines Tages noch mehr. Davon reden wir noch, wenn es Ihnen recht ist … Nun sollten Sie aber doch von meinem Käse essen; denn gefastet, mein’ ich, haben Sie nun genug!«

»Apage Satanas!« erwiderte der Jüngling lächelnd, mit einer abwehrenden Bewegung der Hand. – »Verzeihen Sie!« setzte er dann etwas verlegen hinzu.

»So viel Lateinisch versteh’ ich noch«, sagte der andre, der dies ›Verzeihen Sie‹ wohl begriffen hatte. »Ich bin auch eine gute Strecke weit durch die Schulen gelaufen; wenn ich auch als ein armer Hund im Handwerk stecken geblieben bin: Mechaniker, Kunstschlosser. Afinger ist mein Name Rudolf Afinger.«

»Berthold Wittekind«, erwiderte der Student mit einer Art von Verneigung.

»Nicht von Adel?« fragte der andre verwundert.

»Nein.«

»Ich dachte: wegen der Nase – und der feinen Hände … Also von meinem Käse wollen Sie nichts essen?«

»Nein, nein, nein; reden Sie mir nicht mehr zu. Eh’ ich meinen Vater nicht gesehen habe, will ich nichts mehr essen. Ich war etwas hungerschwach, das ist wieder vorbei. Es tut mir gut – inwendig, mein’ ich – noch etwas zu fasten. Und mein Körper ist stark, dauerhaft; viel zäher, als man ihm ansieht. Kommen Sie, wenn es Ihnen recht ist; geh’n wir wieder weiter.«

»Also Sie haben Lust, noch eine Weile in meiner Gesellschaft zu bleiben?« fragte der Kunstschlosser, wieder mit seinem irreführenden ›grimmigen‹ Gesicht.

»Ja, ich habe Lust. Kommen Sie Herr Rudolf Afinger!«

»Ich bin so frei, Herr Berthold Wittekind!«

Ein etwas spöttisch klingendes Lachen folgte diesen Worten. Afinger stieß den Rest von seinem Brot und Käse mit der Hand ins Gras – schon wieder mehr Aristokrat, als zu ihm gehörte – und stand langsam, sich reckend auf.

Der junge Wittekind war schon auf den Beinen. Die beiden Gestalten standen sich nun aufrecht gegenüber: die schlanke, feingebaute neben der untersetzten, kraftdurchwachsenen.

»Wo wollen Sie denn Ihren Vater seh’n?« fragte Afinger.

»In Grödig, an der neuen Bahn, denk’ ich ihn zu finden.«

»Da geh’n Sie also durch Anif; und bis Anif haben wir denselben Weg: von da will ich auf der Bahn nach Salzburg zurück. Denn in Salzburg wohn’ ich jetzt. Als Mechaniker – und Weltverbesserer. … Denn ich bin auch so einer wie Sie: ich will die Welt auch nicht so lassen, wie sie ist; will sie anders machen. Aber auf meine Art; nicht so sanft wie Sie!«

»Was verstehen Sie unter Ihrer Art?« fragte Berthold arglos.

Der Mechaniker sah ihn, während sie schon ausschritten, von der Seite an; offenbar mit sich uneinig, wieviel er diesem jungen ›Idealisten‹ im ersten Anlauf davon verraten solle. Nach einem leisen Summen antwortete er:

»Na, es ist ja gewiss eine schöne Sache, wenn dieser und jener aus reiner Menschenliebe – so, wie Sie – für die Elenden, die Unterdrückten, die Sklaven etwas opfern will; ich bin gar nicht verknöchert, Herr, ich weiß das zu schätzen. Aber so ein paar Tropfen höhlen nicht den Stein! Sie können sich als Pelikan ganz zu Tode bluten, die Welt bleibt doch so schofel, wie sie ist. Die, welche etwas haben, wollen’s auch behalten; so freiwillig wie Sie geben sie’s nicht her. Darum muss man nachhelfen! Und dann muss man eine solche Ordnung machen, dass dieses Unkraut von Blutsaugern, Prassern und Selbstvergötterern nicht wieder nachwachsen kann!«

»Wie meinen Sie das?« fragte Berthold.

Der andre antwortete nicht; er zog nur die Achseln.

»Nun, wie war Ihnen gestern und heute beim Fasten?« fragte er dann zurück.

»Wie mir war?« – Berthold lächelte: »Gut war mir nicht. So krampfig. So hohl. … Und so wenig Leben im Kopf; bis die Phantasien kamen, die nicht enden wollten. Phantasien vom Essen und vom Trinken, mein’ ich.«

»Grausame Phantasien! Und beneideten Sie nicht all die andern, die was essen konnten?«

»Wie sollt’ ich sie denn beneiden? Ich tat’s ja, damit andre essen konnten. Wenn ich unterwegs ein paar alte Leute, die nach Armut aussahen, oder ein zerlumptes Kind sah, die führt’ ich zum nächsten Wirtshaus, ließ ihnen zu essen geben, und sah ihnen zu. Es tat mir weh und wohl. Wunderbar tat’s wohl; eben weil’s auch wehtat. Es gab mir so eine sichere Kraft, fröhlich auszuhalten!«

»Aber kam Ihnen nicht die Wut auf die andern, die es nicht so machen, die sich übersatt fressen und uns hungern lassen?«

»Wut? – Ich dachte mehr: wenn ihr wüsstet, wie so ein Opfer wohltut, ihr ließet euer Schlemmen sein und tätet mir’s nach!«

»Können Sie denn nicht hassen, Herr?« fragte Afinger etwas ungeduldig, den Stock heftiger aufstoßend.

»O ja; ein edler Hass ist auch eine gute Sache. Aber der Hass kann doch nur vernichten; und nur die Liebe kann aufbauen.«

Afinger lachte kurz auf.

»Meinen Sie? Kann die Liebe das? – Herr Wittekind, Sie sind sehr jung. Nehmen Sie’s nicht übel. Da will ich Ihnen doch gleich zeigen, wie diese schofle Welt beschaffen ist, und was darin zu tun ist! – Seh’n Sie nur einmal auf; Sie haben noch gar nicht bemerkt, wo wir sind, Sie in Ihren idealen Gedanken. Das ist der Park von Anif; und das ist das Schloss. Da wohnt auch so einer von den großen Herrn, denen unser Schweiß Milch und Honig ist, die sich’s wohl sein lassen!«

Sie waren einen Fußweg gegangen, der durch das gepflegte Baum- und Wiesenland in den eigentlichen Schlossgarten von Anif geführt hatte. In einem kleinen See, den herrliche alte Bäume umstanden, lag das Schloss wie eine alte Burg, vom regungslosen Wasser umflossen, durch eine Brücke mit dem Land verbunden, und spiegelte seinen Turm, seine Zinnen, die das Sonnenlicht übergoldete, in der verklärenden Flut. Berthold blieb betroffen stehen, mit einem Ausruf der Bewunderung.

»Wie schön das ist!« sagte er in jugendlicher Freude.

»Ja, ja!« murmelte Afinger. »So sagt ihr immer, ihr geschulten Herren und gebildeten Damen: wie schön das ist! – Wer hat’s denn so schön gemacht? Die ›Stiefkinder der Natur‹ – so nennt man sie ja – die ihr Dasein verwünschen. Tausend leiden für einen! Millionen für Tausend! Die Tausend aber sagen dann: die Welt ist schön, und der Mensch ist groß! – Da seh’n Sie zum Beispiel diese Buche an; die Blutbuche hier mein’ ich. Wie groß, und wie schön gewölbt! Was? Und so ‘ne richtige Blutbuche, über und über blutrot. Nun treten Sie aber gefälligst zwischen den hängenden Ästen durch, stellen Sie sich an den Stamm, wie ich. So. Was seh’n Sie nun? Seh’n Sie ein rotes Blatt? All die Blätter da, rund um Sie her und über Ihnen – zu denen die Sonne nicht durchkommt; die ›Stiefkinder der Natur‹ – sind sie nicht alle grün geblieben? Alle?«

Berthold erstaunte sehr: Afinger hatte Recht. Er sah nur dunkelgrüne, wenn auch rot gerippte, Blätter, wohin er auch sah. Dass er unter einer ›Blutbuche‹ stünde, wäre ihm vermutlich nicht in den Sinn gekommen, wenn er’s nicht gewusst hätte.

»Nun, und wenn Sie draußen steh’n«, fuhr Afinger fort, indem er wieder heraustrat, – »was sagen Sie dann? Dann sagen Sie wie alle andern: das ist eine Blutbuche und hat rote Blätter! So ist alles Betrug, Herr! In der Natur wie bei uns! – Kommen Sie, ich will Ihnen noch so einen Prachtbaum zeigen…«

Er ging voran, zu einem gewaltigen Kastanienbaum, der sein dichtes Laub in herrlicher Rundung ausgebreitet hatte.

»Bitte, treten Sie auch hier gefälligst unter, seh’n Sie drinnen um sich! Seh’n Sie überall hinauf!«—

Berthold tat es und war überrascht: so viele verkümmerte, gelbe, herbstlich vergehende Blätter zeigten ihm ihr trauriges, verborgenes Dasein, im Innern dieser entzückenden Laubkrone.

»Nicht wahr«, rief Afinger aus, »da sagen Sie nicht, ›wie schön das ist!‹ – Und so ist’s bei den andern Bäumen auch, überall; treten Sie unter welchen Sie wollen. Glauben Sie auch nicht, weil wir ›Juli‹ schreiben, erst die Sommerhitze hätte das gemacht; das war schon im Mai so. Herr, so ist’s auch bei uns! Alles ungerecht! Die einen haben alle Sonne, die andern nicht einen Strahl. Die einen grünen und gedeihen vom ersten bis zum letzten Tag, die andern kommen schon als elende, kranke Blätter auf die Welt. Warum? Weil ihnen die andern alle Sonne nehmen. Das ändert man nicht mit der ›Liebe‹, Herr! Da muss was anderes helfen!«

»Und was soll man denn tun?« fragte Berthold nachdenklich.

»Was? Luft und Licht schaffen! Die zu üppigen Zweige weghauen, damit die ›Stiefzweige‹ auch ihre Sonne kriegen!«

»Die edlen Bäume verstümmeln?«

»Ah bah!« rief Afinger mit seiner harten, schneidenden Stimme. »Was liegt daran! – In den Ofen mit ihnen, wenn nicht Licht wird für alle!«

Berthold erwiderte nichts. Er sah in das Gesicht des andern, das sich gerötet hatte, und fühlte sich von einem heißen, fanatischen Glanz in dessen Augen getroffen, der in ihm selber etwas gefrieren machte. Dennoch fesselte ihn dieses harte, grob geformte, aber schwärmerisch vergeistigte Gesicht. ›Ein Kunstschlosser‹, dachte er, ›und mit was für Augen sieht er in die Welt, mit was für einem Herzen eifert er für die „Stiefkinder der Natur“. Was tut denn ihr, ihr Gebildeten? Ihr Reichen? Ist der da mit dem Knotenstock nicht hundertmal mehr als ihr? Er hasst euch, er will euch zu Boden drücken; aber wer ist daran schuld?‹

Berthold trat schweigend unter dem Baum hervor und ging langsam weiter. Das Elend der Welt lag ihm schwer auf dem jungen Herzen. Auch der andere schwieg, und forschte nur von der Seite in dem rosig angehauchten, erregten Antlitz. Sie gingen in gleichem Schritt nebeneinander her.

»Dass Sie mich nur auch recht versteh’n«, sagte Afinger endlich, indem er seinen Stock langsam, von Zeit zu Zeit, durch die Luft niedersinken ließ. »Für mich will ich nichts! Ich kann mein Handwerk und ich hab’ mein Brot. Ein Schloss wünsch’ ich mir nicht. Ehrgeiz hab’ ich nicht. Ich kann’s nur nicht ruhig mit ansehen, dass die Welt verkehrt steht; und wenn ich einsehe: damit sie richtig wird, muss man sie auf den Kopf stellen, – so stell’ ich sie auf den Kopf! – Jetzt nur in Gedanken, versteht sich – aber von ganzem Herzen. Und das tun Sie auch, Herr, oder – nehmen Sie’s nicht übel – oder Ihre ganze Menschenliebe ist nur Kinderei! Alte Weiber gibt’s – von beiderlei Geschlecht – die wimmern und winseln so von der Menschenliebe, und stricken Strümpfchen oder schmieren Traktätchen, und legen sich dann zufrieden aufs Ohr und auf ihr ›gutes Gewissen‹. Zu diesen frommen Missgeburten gehören Sie ja doch nicht. Sie mit Ihrem feinen Gesicht, Sie haben das Feuer in sich, das den Märtyrer macht. Oder wären Sie nicht ganz bereit dazu, für Ihre armen, unterdrückten Brüder sich aufzuopfern? Für eine große Sache zu sterben?«

Berthold begann vor Erregung leise am ganzen Körper zu zittern.

»Ob ich das möchte!« sagte er nur, weiter nichts.

Seine blassen Wangen erglühten.

»Ich wusst’ es ja«, entgegnete Afinger. »Es gibt Leute genug, die uns ausholen, die uns täuschen wollen; aber Sie können nicht täuschen. In Ihnen – — in Ihnen steckt etwas Großes, glauben Sie mir das; wenn Sie nur nicht zu sanft und fromm bei der ›Liebe‹ bleiben. Ich hab’ einmal ein Bild vom heiligen Georg geseh’n, wie er den Lindwurm tötet; er sitzt zu Pferd, mit seinem langen Spieß; – der hatte auch so ein junges, feines, sonderbar schönes Gesicht. Nu ja, warum soll ich’s nicht sagen; ’s ist die reine Wahrheit; schmeicheln tu’ ich nicht. Aber der schöne Jüngling, der Georg, fackelte nicht lange, er stieß dem großen Ungeheuer, dem Drachen, dem Weltscheusal seinen Speer in den Leib!«

»O, ich wollte wohl«, sagte Berthold, dem die Stimme vor Bewegung stockte. »Große Dinge müssen geschehen, das weiß ich. Schonen würd’ ich mich nicht!«

»Nun also!«

»Aber was soll man tun?«

Afinger blieb steh’n. Mit beiden Händen auf seinen Stock gestützt sah er dem Jüngling so fest und scharf in die Augen, dass dieser sich anstrengen musste, den Blick auszuhalten.

»Das könnt’ ich Ihnen sagen«, fing er dann langsam an. »Aber jetzt – — jetzt sind Sie erschöpft von dem langen Fasten; und Sie wollen zu Ihrem Vater nach Grödig, und ich muss nach Salzburg. Wie lange bleiben Sie in dieser Gegend, Herr Wittekind?«

»Ich weiß es noch nicht. – Nach Salzburg komm’ ich ganz gewiss zurück.«

»Wollen Sie mich da besuchen, Herr? Und noch so ein paar Schwärmer und Lindwurmtöter bei mir kennenlernen? Junge Kerle von Herz, die Mark in den Knochen haben?«

»Wo wohnen Sie?« fragte Berthold.

»Am Kapuzinerberg; aber auf der Nordseite, an der Straße nach Ischl.«—

Er beschrieb ihm das Haus genau. —

»Eine kleine Bude, mein Zimmer; ich gehör’ ja eben auch zu den ›Stiefkindern‹. Würden Sie kommen, Herr?«

»Ganz gewiss. Da haben Sie meine Hand!«

»Teufel, ist das eine feine Hand«, sagte Afinger lächelnd, indem er sie mit seiner derben, rauen Faust eine Weile umschlossen hielt. »Aber das tut nichts; Sie haben das Herz auf dem rechten Fleck. Wie der Sankt Georg. Also ich zähl’ auf Sie! Jeden Abend in dieser Woche, gegen sieben Uhr, träfen Sie mich gewiss.«

»Ich komme!«

»Nun, dann leben Sie wohl. Da geht Ihr Weg weiter gegen Grödig; dort liegt’s. Eine gute Viertelstunde, wenn Sie ausschreiten; – ich wundre mich nur, dass Sie nach diesen Hungertagen noch so rüstig sind. Ja, ja, es ist Kraft in Ihnen. Mein Weg geht hier rechts zur Bahn. Sie müssen aber heute noch essen; lieber Herr, Sie seh’n doch erbärmlich aus. Sie können Besseres tun, als fasten; und Sie werden es tun! Adieu!«

Er gab ihm noch einmal die Hand, und nickte ihm zu, mit einem wirklich warmen, herzlichen Blick. Dann lüftete er höflich den Hut. Im nächsten Augenblick ging er mit großen Schritten nach rechts auf das Schienengeleise zu, auf dem eben vom Gebirge her ein Bahnzug heranrollte.

Berthold sah ihm noch eine Weile nach; darauf schritt er auch seines Weges weiter. Eine Art von Nebel lag ihm vor den Augen, ein Gefühl von Taumel im Hirn; war es nur die Hungersschwäche, die ihm wieder fühlbar ward, oder auch die Erregung, die Nachwirkung dieses merkwürdigen Gesprächs? Seine Füße gingen nicht sicher, und darum desto hastiger. ›Sankt Georg!‹ dachte er; und mit halblauter Stimme sagte er dann mehrmals, wie von einer gewissen Freude trunken, vor sich hin: »Sankt Georg! – Ja, etwas Großes tun; etwas tun für die arme Menschheit; sich zum Opfer bringen…«

Er suchte den stechenden, wühlenden Schmerz nicht zu fühlen, der sich in ihm rührte. Er bemühte sich, über diesen neuen Menschen, diesen Afinger nachzudenken, sich ein klares Bild von dessen Seele zu machen: was war er denn eigentlich, dieser derbknochige, harte, aufgeregte, dann kalte, dann schwärmerisch bewegte Mensch? War er edel? Gut? Verbittert? Rücksichtslos revolutionär? – Sein junger, unerfahrener Kopf, jetzt von diesem Taumel durchwogt, konnte die Fragen nicht lösen, die Gestalt nicht fassen. Die Sonne, die ihm gegenüberstand, glühte ihm so blendend in die umnebelten Augen; er zog sich den Hut tiefer in die Stirn und schwankte eilig auf der ebenen Straße hin.

Auf einmal war ihm, als spüre er die Nähe seines Vaters, des geliebtesten aller Menschen, und eine selige Empfindung ging ihm durch die Brust. Er fühlte keinen Schmerz, keine Schwäche mehr; er fing an zu singen. Dann war ihm, als höre er seines Vaters Stimme. Er sang lauter, wie toll, wie ein Trunkener. So kam er an den ersten Häusern vorbei, kam um die Ecke, und plötzlich lag er in Vater Wittekinds Armen.




IV. Kapitel


Vor dem Wirtshaus in Grödig waren die Pferde wieder eingespannt; ein zweiter Wagen, auch ein viersitziger Landauer, kam vom Hof gefahren, für Saltner und Kathi bestimmt. Die Gesellschaft hatte sich versammelt, die Baronin Tilburg war schon eingestiegen. Saltner, der bei seinem Wagen stand, sah nach der Uhr.

»Der Herr Wittekind kommt nicht wieder«, sagte er ungeduldig. »Ich hätt’ ihm so gern noch die Hand gedrückt. Zum Teufel, was für eine Halluzination hat ihn denn genarrt, dass er seinem Buben so entgegenrannte, der vielleicht noch in Salzburg steckt!«

Waldenburg lächelte:

»Sie irren; da kommen sie, offenbar Vater und Sohn. Obwohl sie auch für ein paar Brüder gelten könnten; ein saftstrotzender Mann und ein feiner Jüngling. Wie dieses Landleben seine Leute konserviert! – Freilich ist’s auch nicht viel mehr als eine Räucherkammer!«

Wittekind Vater und Sohn kamen in der Tat von der Ecke, wo die Straßen zusammenliefen, langsam herangeschritten; sie gingen Arm in Arm, und sahen sich fast beständig in die Augen. Berthold erschien klein neben seinem Vater; in der Art zu gehen, die Schultern zu bewegen, zeigte sich das geerbte Blut, auch das blonde Haar und der Blick konnten darauf deuten. Die Freude hatte Berthold gerötet, man sah seine Blässe und seine Schwäche nicht. Es ward ihm nicht bewusst, dass sie sich einer ganzen Gesellschaft von zuschauenden und lächelnden Menschen genähert hatten; er umschlang den Vater plötzlich und küsste ihn auf den Mund.

»Nun ist’s aber genug!« sagte Waldenburg mit seinem gemütlichsten Lächeln, ein paar Schritte entfernt.

Berthold wandte sich überrascht herum. Wittekind lachte laut.

»Hier hat sich inzwischen der Feldzugsplan geändert«, nahm Waldenburg wieder das Wort. »Herr von Saltner hat uns so anziehend geschildert, wie es bei der ›Gemse‹ aussieht, und unsere liebe Frau von Tarnow hat so lebhaft den Wunsch geäußert, dieses Wirtshaus einmal zu seh’n, dass sich auch in der Baronin die Neugier geregt hat, die doch sonst nur bei Männern vorkommt. Kurz, wir haben Zeit, und wir fahren heute noch das Stündchen bis zur ›Gemse‹, und erst morgen nach Salzburg. Wie steht’s mit Vater und Sohn? Schließen sie sich an?«

Wittekind blickte auf Saltner und auf die blasse ›Amerikanerin‹; die beiden sahen sich eben flüchtig in die Augen, aber, wie es ihm schien, mit heimlichem Einverständnis. ›Will Frau von Tarnow auf einmal zur „Gemse“‹, dachte er, ›weil der Alte hin will?‹

Er wusste noch nicht, was er erwidern sollte, als Saltner auf ihn zutrat.

»Machen Sie uns die Freude!« sagte der Alte herzlich; »wenn Sie nicht durchaus die nächsten vierundzwanzig Stunden mit Ihrem Junker allein sein wollen, so lassen Sie mir, und uns, auch etwas davon zukommen, und fahren Sie mit! Das da ist mein Wagen. Platz genug, wie Sie seh’n. Ich müsste doch eigentlich den ›Muttersohn‹ etwas kennenlernen. Morgen sind Sie dann frei und vergraben sich mit ihm, wenn Sie wollen, in den ›Wunderberg‹!«

»Wie denkt Wittekind junior?« fragte der Vater lächelnd.

Berthold hatte mittlerweile die schöne blonde Frau und Kathis braune Augen geseh’n, fasste sich schnell und nickte.

»Aber du solltest erst etwas essen – und trinken.«—

»O nein«, sagte Berthold rasch. »Noch nicht. Ich hab’ weder Hunger noch Durst. Bin überhaupt gesünder, als du glaubst – als ich selber wusste. Fahren wir nur mit!«

»Gut; wir sind also entschlossen«, sagte Wittekind. »Heute tät’ ich nichts ohne meinen Sohn. Der will. Also die Firma will. Sind wir den Herrschaften willkommen, so sind wir bereit!«

Alles stieg in die Wagen; er selber zu seinem alten Herrn, indem er sich im Stillen sagte, dass es ihn doch auch locke, der blassen Frau und ihrem Geheimnis eine Strecke weit nachzugeh’n. Kathi, die sich bisher in bescheidener Entfernung gehalten hatte, kletterte auf den Bock.

Sowie Berthold das wahrnahm, zuckte es unwillig über seine Stirn; er hatte geseh’n, wie gut sie gekleidet war und wie herzlich der alte Saltner mit ihr geflüstert hatte; sollte sie nun als ›Paria‹ behandelt werden? Er neigte sich zu seinem Vater hinüber und sprach ihm ins Ohr.

Wittekind lächelte, blickte dann auf das Mädchen und auf Saltner.

»Was gibt’s?« fragte dieser.

»Der junge Demokrat da meint«, sagte Wittekind leise, »Ihre kleine Freundin Kathi sollte bei uns sitzen; – und ich mein’ es auch.«

»Ei, dann soll sie’s auch!« rief Saltner sogleich mit seiner Kraftstimme ans. »Kathi, komm’ herein!«

»Ich sitz’ gut auf dem Bock«, antwortete das Mädchen.

»Widerspruch und kein Ende!« rief der Alte. »Im Augenblick kommst du, oder ich hol’ dich im Namen des Gesetzes!«

Kathi kam, und nahm mit einem reizend verlegenen Lächeln neben dem schönen jungen Menschen Platz, den sie mit heimlicher Bewunderung betrachtete. Der Wagen setzte sich in Bewegung, dem andern vorauf, gegen die südlichen Berge zu. Wie in halbwachem Traum fuhr Berthold dahin; nach der taumeligen Wanderung so bequem in einem tiefen, weichen Wagensitz ausgestreckt, die teure Gestalt des Vaters sich gegenüber, neben sich das Mädchen mit den feurigen Augen, von dem ihn ein Duft der Jugend und Gesundheit anflog. Die Sonne zehrte nun nicht mehr an seinem Hirn, sie wärmte nur; das erhabene Felsenschloss des Untersbergs, unter dem sie hinfuhren, das weite leuchtende Land, alles so festlich schön, ließ ihn das ganze ›Weltelend‹ vergessen.

Wie männlich schön war sein Vater; und wie liebte er ihn … Er lächelte ihm zu, nahm seine niederhängende Hand, hielt sie in der seinen. ›Heute Abend‹, dachte er, ›sage ich ihm alles, auch dass ich gehungert habe – und noch hungere; vorhin beim Wiederseh’n konnt’ ich’s ihm nicht sagen! Da erklär’ ich ihm nur, es gehe mir schon gut; und das war keine Lüge. Wie könnt’ ich es sonst so gut ertragen, ein paar Tage zu fasten? Mir ist so wunderlich wohl.‹ Es war ihm, als sättige ihn die herrliche, reine Luft, das Gefühl der Freude, der Jugend, des Glücks, der sonnenwarme Kraftgeruch, der von den Wiesen und Getreidefeldern heraufstieg, auch dieser Lebensduft, den das junge Mädchen zu seiner Rechten auszuatmen schien. ›Und wie edel und weise ihn der Vater erzogen hatte‹, dachte er dann wieder, da es in seinem Geist immer hin und her sprang; wie er von den ersten Jahren an alles auf die Liebe und das Ehrgefühl gestellt, sich immer an das Herz, den Verstand, die Einsicht, an alles Gute und Edle in der jungen Seele gewendet, ihm die Lüge als das Erbärmlichste auf Erden von Grund auf verleidet hatte. Dafür liebte und ehrte er nun diesen Mann da gegenüber, seinen besten Freund, über alle Maßen … Und wie lieblich sie zwitscherte, da sie mit dem weißbärtigen, merkwürdigen Alten sprach, diese kleine Kathi. Wie sonderbar ihm zumut’ war, als sei er in sie verliebt. Ein anderes Gefühl aber mischte sich mit diesem; es kam nicht aus der Herzgegend, doch aus deren Nähe. Ein sehnsuchtsvolles, nagendes Gefühl … Schiller’sche Verse fingen an zu klingen, über die Mutter Natur:

		– — erhält sie das Getriebe
		Durch Hunger und durch Liebe…

Ja, ja, Hunger und Liebe! Auch Hunger. Da kam er wieder, und wie! – Was hatte vorhin der Weißbart zur holden Kathi gesagt, als sie einstiegen? ›Nun, kleine Kellnerin? Vorwärts!‹ Also Kellnerin. Wie gut. Ja, der alte Schiller hat Recht: Hunger und Liebe! – Mit matten, halbgeschlossenen Augen so denkend, wandte sich Berthold nach rechts, und in einem träumerischen Durcheinander zärtlicher Gefühle flüsterte er Kathi zu:

»Liebes gutes Fräulein! Gibt’s da oben auf der ›Gemse‹ auch Beefsteaks?«

Sie lächelte und nickte. ›Was für ein holdes, herzliches Lächeln!‹ dachte er und fühlte sich halb beruhigt. Er nickte wieder liebevoll dem Vater zu, dessen Augen ihn anstrahlten.

Nur reden mochte er nicht; es war ihm lieb, dass die andern miteinander sprachen. Als er die Augen, die ihm zugefallen waren, wieder öffnete, schien er eine Weile geschlafen zu haben; denn der Wagen hielt, der alte Herr stieg schon aus. Auch der andere Wagen kam heran und hielt. Sie befanden sich auf einem ansteigenden Platz in einem kleinen Städtchen, wie es schien; die Häuser standen Wand an Wand, schöne alte Wirtshauszeichen, kunstvoll aus Eisen geschmiedet, leuchteten in zierlichen Windungen in der blauen Luft. Grüne, zum Teil bewaldete Hügel erschienen oben über den Häusern.

»Warum steigen wir denn aus?« fragte die Baronin vom andern Wagen herüber. »Sind wir denn schon am Ziel?«

»Das nicht«, antwortete Saltner, fast etwas verlegen. »Aber diese großen, schweren Wagen können hier nicht weiter; der Weg zur ›Gemse‹ hinauf ist für sie zu steil. Für uns, Frau Baronin, ist’s ein Katzensprung. Zehn Minuten, so sind wir auf der Höhe!«

»Das sind merkwürdige Katzen«, sagte die Baronin leise zum Baron (doch Bertholds scharfes Ohr konnte es hören), »die zehn Minuten lang springen! – Nun, in Gottes Namen!«

Die Dame setzte sich mit elegischer Langsamkeit in Bewegung; Saltner schritt voran, die anderen folgten. Es war ein unglückliches Wort gewesen, das von den ›zehn Minuten‹; denn für rüstige Fußgänger waren es gewiss nicht mehr; aber für eine Gesellschaft, zu der die Baronin Tilburg gehörte, genügte kaum eine halbe Stunde. Der Weg wand sich in rascher Steigung an einem Hügel hinauf, den ein Bauernhaus krönte; indem er das Städtchen und den stark strömenden Fluss unter sich zurückließ, gewann er die schönsten Fernblicke ins Gebirge und nach Salzburg zu; die seufzende Baronin aber, ihr keuchender Gemahl und der zuweilen stöhnende Waldenburg hatten keine Augen dafür, sie rasteten nur – und oft – um einander klagende Blicke zuzuwerfen oder gegen den ›verrückten Riesen‹, den ›Bergfex‹ heimliche Verwünschungen auszustoßen.

Auch Berthold wusste nicht, wie ihm war; so matt, so schwer stieg er aufwärts; er, sonst ein Fußgänger und Bergsteiger wie sein Vater, elastisch wie eine Feder, er fühlte jeden Schritt. Seine Knie zitterten bald; sein Kopf war wie ausgepumpt, seine Glieder schmerzten. Er schwankte zuweilen, einer Ohnmacht nahe. Nur sein Ehrgefühl, zäher als er selbst, blieb wach und trieb ihn immer wieder eine Strecke weiter, heimlich, ohne ein Wort.

Sie hatten endlich die letzte Windung überstanden und sahen an der Straße ein sehr einfaches, unmalerisches Haus, das sich mit großen Buchstaben das ›Wirtshaus zur Gemse‹ nannte. Ein offenes Gärtchen stieß daran, und über diesem erhob sich ein kleiner, länglicher Fels, aus dessen Bäumen und Büschen ein halb steinernes, halb hölzernes, mit Schindeln gedecktes Häuschen im schlichtesten Alpenstil sehr anmutig hervorblickte.

»Das ist Ihre ›Gemse‹?« fragte die Baronin mit vernichtender Langsamkeit, und mit der klagendsten Miene der Enttäuschung.

»Treten wir in den sogenannten Garten ein, um wieder zu Menschen zu werden«, sagte Waldenburg. »Eine Flasche Champagner, wenn ich bitten darf!«

»Ein gutes Bier können Sie haben«, bemerkte Kathi schüchtern.

Waldenburg warf ihr einen Blick zu, wie wenn er sich an ihren rosigen Wangen, ihren Kirschenlippen für den mangelnden ›Sekt‹ schadlos halten wollte; die Baronin aber trat mit der Majestät einer gefangenen Fürstin in das Gärtchen ein. Über die Hecke weg sah sie in die Ferne.

»Sie haben Recht«, sagte sie zu Saltner, »Berge sieht man von hier; aber leider die unbedeutendsten, unschönsten im ganzen Salzburger Land. Wo haben Sie denn in aller Eile die herrliche Aussicht versteckt, die Sie uns von hier versprochen hatten!«

»Von dem Felshäuschen da oben, meine Gnädige«, erwiderte Saltner, der seine mächtige Gestalt etwas geknickt nach vorn hängen ließ; »oder von der ›Hedwigsruhe‹ da rechts, noch zehn Minuten höher!«

»Das gefällt mir an Ihnen«, sagte die Baronin, »dass Sie noch den Mut haben, von ›zehn Minuten‹ zu sprechen! – Nein, lieber sterben, als noch eine von Ihren zehn Minuten steigen. Hier sitz’ ich, hier bleib’ ich. Ach, meine liebe Marie, wären wir in Salzburg!«

Frau von Tarnow schwieg; sie wagte auch nicht, Saltner anzuseh’n. Tilburg nahm einen der roh gezimmerten hölzernen Stühle in die Hand, betrachtete ihn kritisch, sah wie gelangweilt umher, und gähnte.

Wittekind, den diese Gesellschaft halb verdross, halb belustigte, trat nun auch in das Gärtchen ein:

»Ich muss um Entschuldigung bitten«, sagte er, »wenn ich bei alledem dieses Plätzchen heimlich und poetisch finde. Auch bitt’ ich unsern werten Führer, noch nicht an uns zu verzweifeln: zu einer letzten kleinen Anstrengung bis zur ›Hedwigsruhe‹ raffen wir uns wohl noch auf!«

Die blasse Frau von Tarnow nickte ihm eifrig zu; ihre Wangen waren durch die Bewegung aufgeblüht, was sie sehr verjüngte.

»Ich halte ja niemand zurück«, sagte die Baronin gutmütig, wiewohl noch immer elegisch. »Steige, wer steigen kann; – Sie auch, liebe Marie, Sie auch. Man soll mich ruhig allein lassen; ich gehe ins Haus, strecke mich auf ein Sofa – wenn es hier so üppige Luxus-Artikel gibt – und entferne mich für eine Weile aus dieser ewigen Luft!«

Von Kathi geführt zog sie sich ins Haus zurück, nur noch einmal, aber tief nach ›ihrem Salzburg‹ seufzend.

Die Gesellschaft ging weiter, Saltner wieder voran; nach wenigen Schritten verließen sie die Straße und stiegen auf einem Fußpfad aufwärts, dem an der Berglehne hängenden Buchenwald zu. Die Sonne war verschwunden, aus nahen Schluchten kam eine erfrischende Kühle, die erste an diesem Tag; in dem Wald aber schien die Sonnenwärme noch ungestört zu schweben und zu brüten. Als sie ihn erreicht hatten, ging Waldenburg mit seinen schweren, majestätischen Schritten sogleich auf eine Bank zu, die unter den ersten Bäumen am Rand einer Wiese stand, setzte sich und streckte die langen Beine aus.

»Wozu weiter schweifen?« sagte er. »Auch von hier hat man ja eine wohlerzogene, stilvolle Aussicht. J’y suis et j’y reste!«

Baron Tilburg ließ sich sofort neben ihm nieder, lächelte und gähnte. Wittekind zuckte die Achseln und stieg neben Frau von Tarnow weiter in den Wald hinein.

›Entnervte Großstädter!‹ dachte er. Gleich darauf hörte er Saltner, der voraufging, murmeln:

»Verfettete Byzantiner!«

Der Fußweg schlängelte sich sehr angenehm, wohlgepflegt, zwischen den Buchen hinauf, die sich, so gut wie es ging, in den steinigen Abhang eingegraben hatten und ihn mit ihren Wurzeln bedeckten. Mit wahren Riesenschritten stieg der Alte voran; die blasse Frau folgte aber so leichtfüßig, dass Wittekind, den der lange Wandertag doch ermüdet hatte, nur mit Mühe an ihrer Seite blieb. Er erstaunte über ihre kräftige Lunge, und freute sich, wie jugendlich lebendig die schlanke Tusnelda-Gestalt dahinschritt. Es währte nicht lange, so hatten sie das Ziel, die ›Hedwigsruhe‹, erreicht: einen gelichteten und geebneten Vorsprung, den man mit Tischen und Bänken ausgestattet hatte. Rückwärts und höher, unter den Bäumen, stand eine lustige Laube oder Hütte aus Fichtenzweigen, mit Baumrinden gedeckt. Unter dem Vorsprung stürzte der Waldberg nach Osten und Süden jäh in die Tiefe; trat man an das schützende Geländer, so sah man auf den grauen Fluss und auf das Städtchen hinab, an dessen Häusern er hinfloss. Ein hochgetürmtes Kloster leuchtete auf einem sanften, grünen Hügel, von dem es die Stadt beherrschte. Fern im Norden schwamm die Salzburger Veste im letzten sonnigen Licht; im Süden aber erhoben sich lange Mauern und mächtige Gipfel felsigen Gebirgs, und die Gletscher des Dachsteins, im schönsten, rosigsten Rot, stiegen über fichtenschwarzen Bergrücken wie Grenzwächter eines fernen Landes in den erblassenden Himmel.

»Freilich ist das schön!« sagte Frau von Tarnow leise.

Sie trat dann einen Schritt zurück, denn der Blick auf den jähen Absturz schien ihre erregten Sinne doch etwas zu verwirren.

Wittekind schaute nach allen Seiten umher, und sah sich dann zu seiner Verwunderung mit der Dame allein.

Saltner war verschwunden.

»Und wo ist denn mein Sohn geblieben?« fragte Wittekind laut.

»Ich hab’ ihn nicht mehr geseh’n, seit wir aufwärts stiegen«, erwiderte Frau von Tarnow. »Übrigens hab’ ich auch nie zurückgeblickt. Was für eine merkwürdige Erscheinung, Ihr Sohn; wie zart, und wie liebenswürdig. Beinahe hätt’ ich gesagt: wie holdselig!«

»Von Ihrer Stimme gesprochen klang dieses Wort: ›holdselig‹ gar rührend und gut. Ich danke Ihnen als eitler Vater«, sagte Wittekind, der zu lächeln suchte.

»Bitte«, erwiderte sie, »sprechen Sie nicht so. Zwischen Ihnen und Ihrem Sohn ist – Ich hab’s ja geseh’n, wie Sie beide kamen; Arm in Arm, so innig, so – brüderlich, so glücklich. Ach, es muss wohl eine Wonne sein, wenn sich Vater und Sohn so von Herzen lieben!«

Wittekind erstaunte, mit welcher Bewegung die junge Frau dies sagte. Ihre Stimme erzitterte. Er stand neben ihr und sah nur ihr Profil; er glaubte aber eine Träne, einen zarten, regungslosen Tropfen in ihrem Auge zu seh’n.

›Was ist das nun wieder?‹ dachte er. ›Warum rührt es sie so, an die Liebe zwischen einem Vater und seinem Sohn zu denken?‹

Die Dame wandte sich eine Weile von ihm ab; sie schien ihre Augen wie zufällig mit den Fingern zu berühren; Wittekind sah eine nicht kleine, auch nicht sonderlich schmale, aber wohlgebildete und charaktervolle Hand. Sie hatte, während sie heraufstiegen, nur von Dingen, die nichts bedeuten, von den kleinen Reiseerlebnissen gesprochen. Jetzt sah sie ihn auf einmal mit einem ernsten Frageblick an und sagte, etwas zögernd:

»Sie sind also ein Jugendfreund des Geheimrats von Waldenburg?«

»Von der Schule her«, erwiderte Wittekind. »Das heißt, auf der Schule kamen wir einander nicht sehr nahe (außer mit den Fäusten, dachte er); Waldenburg war der Ältere und Gescheitere; unternehmend, witzig, frühreif, schon damals voll ehrgeiziger Träume und Gedanken; und was man so gewöhnlich ›Ehrgeiz‹ nennt, das hat mich nie gequält. Aber auf der Universität trafen wir uns wieder; und hernach auf Reisen. Der Unterschied der Jahre, der war ausgeglichen; der an Geist und Witz freilich, der blieb. Keiner von uns allen, die miteinander jung waren, kam ihm darin gleich; er hatte Geist für zwei, und schon als junger Mann hatte er die Kunst, die Menschen so zu führen, wie es ihm dienlich ist, und aus der Welt das zu machen, was er von ihr will!«

Frau von Tarnow erwiderte nichts, sie ließ nur einen unverständlichen, leisen Laut vernehmen und sah auf den Mond, der als blasse, noch nicht ganz gefüllte Scheibe über den östlichen Bergen schwebte. Wittekind fuhr fort von Waldenburg zu sprechen; er erzählte heitere und witzige Geschichten, die seiner Gewandtheit und Geistesgegenwart alle Ehre machten. Eine Weile hörte sie zu, ohne sich zu rühren.

Dann entfuhr ihr aber eine ungeduldige Bewegung, und mit einem eigentümlichen Ausdruck von edler Traurigkeit legte sie sich eine Hand an die Wange.

»Warum reden Sie so obenhin zu mir?« sagte sie, ihn fest anblickend. »Denken Sie, ich weiß nicht, dass er einen guten Kopf, aber kein gutes Herz hat?«

Überrascht starrte Wittekind sie an. Sie errötete leicht; sonst war ihr Gesicht wieder so blass, wie da er sie zuerst gesehen hatte. Eine Welt von Schicksalen und Schmerzen schien auf diesem jungen Antlitz zu liegen. Er wusste nicht, was er denken, was er sagen sollte. Sein Herz zog sich zusammen; – warum? – —

»Verzeihen Sie«, sagte er endlich, um etwas zu sagen. »Ich wusste nicht – — Wie lange kennen Sie ihn?«

»Kurz – und lang!« antwortete sie langsam. »Aber andre – — andre kennen ihn«, setzte sie wie sich verbessernd hinzu. »Sind Sie andrer Meinung? Glauben Sie an sein Herz?«

Sie blickte ihm in die Augen, als wünschte sie darin etwas Tröstliches zu lesen. Wittekinds Staunen und Verwirrung wuchs. Nicht weil er sich zu einer Fremden über den ›Jugendfreund‹ offen äußern sollte: er war gewohnt, aufrichtig zu reden, und diese ernste junge Frau schien ihm gar nicht mehr fremd zu sein. Es beklemmte ihn nur ein banges Gefühl: was war dieser Waldenburg ihr?

Das letzte Licht auf den Dachstein-Gletschern war unterdessen erloschen, farblos und kalt dämmerten sie aus der blassen Ferne. Wittekind hob eine Hand und deutete hinaus. Mit etwas unsicherer Stimme sagte er:

»Seh’n Sie, wie die Eisfelder kalt geworden sind. Vorhin, als sie so schön rosig beleuchtet waren, sahen sie fast warm aus. So ungefähr dachten wir auch von Freund Waldenburgs Herzen, als noch der erste Glanz der Jugend – — Sie versteh’n, wie ich’s meine. Jetzt denk’ ich: kalt wie Eis.«

Sie antwortete nicht. Ein flüchtiger Schauer schien nur über sie hinzufliegen. Sie hatte auf einer der Bänke gesessen; leise und langsam erhob sie sich und trat wieder an das Geländer, das aus Fichtenästen roh gezimmert war.

Vor sich hin murmelte sie:

»Und ich muss doch versuchen…«

Indessen wie vor ihrer eigenen Stimme erschreckend brach sie wieder ab.

›Was ist ihr Waldenburg?‹ dachte Wittekind wieder. ›Was mir da durch den Kopf fährt, das ist ja verrückt … Sagte er mir nicht selbst in Grödig: „Lieber Freund, ich wollte, ich wüsste, was ihr fehlt?“ Und „um sie zu heilen“, setzte er mit seinem Don-Juans-Gesicht hinzu. Also er wünscht etwa; weiter nichts. … Aber was fragt sie dann so? Was bewegt sie so? Was will sie „versuchen“?‹

Der Mond hatte mittlerweile, da die Nacht hereinsank, Gold und Glanz gewonnen; er schwebte höher hinauf, die Schatten, die man sah, waren Mondesschatten, die Farben der Häuser, der Dächer, der Felder, Straßen und Berge schienen die Wirkungen seines Lichts zu sein. Frau von Tarnow, beide Hände auf das Geländer gelegt, starrte in die Tiefe.

»Wie anders die Welt nun aussieht!« sagte sie nach einer Weile, offenbar um das Gespräch über Waldenburg zu beenden.

»Der Mond hat sie nun«, entgegnete Wittekind.

»Ja, nun hat sie der Mond. Wie blass, wie schwach nun da unten alle Farben sind. Das Haus da am Wasser, es erscheint wohl noch gelb, und sein Dach noch rot; und die Bäume grün; aber alles doch nur wie eine Ahnung von dem, was es war. Wie Farben ohne Körper – oder ohne Seele. Nicht wahr?«

Wittekind nickte nur. Alles, was diese Frau da sagte, ging ihm so eigen durchs Herz.

»Wenn das nun immer so bliebe«, fuhr sie leiser fort; »wenn das unser Tag wäre – unser einziger! Eine Art von Tag wäre es ja auch. Wir gingen ›im Licht‹ umher, könnten alles sehen und erkennen. Wir könnten auch sagen wie jetzt: das ist gelb, das ist rot. Und wenn wir keine Erinnerung an die Sonne hätten und all die glühenden Farben, so würden wir ja wohl auch mit diesem Dämmerlicht ganz zufrieden sein.«

»An was gewöhnte sich nicht der Mensch!« murmelte Wittekind.

»Und wenn es nun auch in uns ebenso würde, wie draußen!« fuhr sie nach kurzem, träumerischem Sinnen fort. »Alles Dämmerung, Frieden. Mondseelen, statt Sonnenseelen; ohne Sonnenschein, aber auch ohne Feuer, ohne Glut, ohne Leidenschaften. Man ginge so still dahin; etwas schattenhaft – aber man wüsste es ja nicht anders, man vermisste ja nichts. Ach, es wäre wohl —«

›Gut‹, wollte sie sagen; aber sie sprach es nicht aus, Mit einer plötzlichen Bewegung, die noch viel von der ›Sonnenseele‹ hatte, schüttelte sie sich.

»Nein, es wäre nicht gut!« sagte sie mit stärkerer Stimme. »Wozu dann noch leben? Dann lieber gleich ganz tot. Nein – es muss nun so bleiben wie es ist. … Aber ich kann den Mond nicht mehr seh’n!« setzte sie hinzu, indem sie Kopf und Schultern wieder schüttelte.

Sie wandte sich ab. Nun erblickte sie den vom Mond beleuchteten Saltner, der von der Hütte her über den schrägen, steinigen Boden langsam herunterkam, und dessen weißer Bart in diesem Licht fast geisterhaft schimmerte. Sie stieß ein paar Worte aus, die Wittekind nicht verstand.

»Ich saß da in der Hütte«, sagte der Alte ruhig; »in Erinnerungen. Ein Abend, der sich dazu eignet!«

Frau von Tarnow sah ihn schweigend an. Obwohl die beiden weder durch Worte, noch durch Gebärden ihren Gedanken verrieten, fühlte Wittekind doch, dass sie den Wunsch hätten, eine Weile allein zu sein. Er blickte in die Senkung und zum Wirtshaus hinunter, in dem nun schon Lichter glänzten, und warf wie verloren hin:

»Man muss wohl nach Hause geh’n.«

Darauf schritt er langsam auf die Bäume zu und betrat wieder den Waldweg, den der Mond beschien.

Die beiden blieben steh’n. Wittekind ging weiter. Er sah nicht zurück; in seine eigenen Gedanken über Mond und Sonnen-Seelen versinkend. Es schreckte ihn dann aber ein unerwarteter, zitternder Ton auf, der wie plötzliches Weinen klang; unwillkürlich blickte er zurück. Zwischen den Bäumen durch sah er, wie die junge Frau sich an die hohe, breite Brust des Alten warf, und er konnte sich nicht täuschen: sie schluchzte, laut und unaufhaltsam. Saltner hielt sie stumm in seinen Armen, ohne sich zu regen.

Wittekind trat geschwind tiefer in den Waldschatten, wieder abgewandt. Dann ging er mit möglichst leisen Schritten bergab; sein Herz fühlte er klopfen.




V. Kapitel


An dem hölzernen, offenen ›Salettl‹ des Wirtsgartens, das an das Haus angebaut war, brannten schon die Windlichter; Berthold saß ganz allein an einem der drei runden Tische, vor einem Fläschchen roten Tiroler Weins. So fand ihn Wittekind, als er in das Gärtchen eintrat.

»Junge, wie kommst du hierher?« fragte er. »Warum bist du unterwegs wieder umgekehrt?«

Der Jüngling ward rot, aber in sorgloser, weinfroher Heiterkeit.

»Das will ich dir sagen, Vater: weil ich Hunger hatte. Einen solchen Hunger, dass – —. Heute Abend, vor dem Schlafengehen, erzähl’ ich dir alles; komm, trink auch ein Glas!«

»Und du hast schon gegessen?«

»Ja. Die gute Kathi hielt Wort: ein Beefsteak· Sehr geschwind; und gut. Und einen Eierkuchen. Eine Weile hat sie mir zugesehen; dann verschwand sie plötzlich. Ich bin wieder ein Mensch!«

»Ich hätte dir auch gerne zugesehen«, sagte Wittekind lächelnd. »Wir wollen dich nun oft so zum ›Menschen‹ machen!«—

Auch in ihm regte sich der Hunger. Er rief eben nach dem Wirt, als vom Hause her, um die Ecke, Tilburgs und Waldenburg kamen; die Baronin frisch und freundlich und wie aufgeblüht. Es verlangte sie aber leidenschaftlich ›in die Luft hinaus‹.

»Wir haben inzwischen für die Nachtquartiere gesorgt«, sagte Waldenburg; »da in dieser Herberge nur drei Zimmer sind – von der rührendsten Unschuld und Einfachheit – so werden die Damen und der Herr Baron unten im Städtchen übernachten. Uns andern hat der kleine gute Hausgeist, die Kathi, hier oben verteilt. Du mit deinem Sohn im Hauptzimmer, das zwei Betten hat; der Riese in seinem angestammten Bett nebenan; im dritten Kämmerlein ich. So beschlossen und angeordnet, weil ich morgen in aller Frühe die Bergbesteigung nachholen und auf der ›Hedwigsruhe‹ auch meine Andacht verrichten will.«

›Wer dir das glaubt!‹ dachte Wittekind. ›Du hast irgendeinen andern Grund, in so einem unwürdigen „Kämmerlein“ zu übernachten und dich von deiner Gesellschaft zu trennen … Nun, was geht’s mich an?‹

Die Baronin fragte nach Marie; in diesem Augenblick erschien sie mit Saltner, von der Straße her, wieder mit ihrem ruhigen, verschlossenen Gesicht. Auch der Wirt kam, und eine Alte, die Getränke und Speisen brachten; Kathi ward nicht sichtbar. Man begann sich zu stärken, alle hungerten; in ihrer zarten, schmachtenden Weise griff auch die Baronin zu, die jetzt diesen ›Aufenthalt‹ sehr idyllisch fand. Nur empörte sie sich, da der Mond so herrlich herabscheine, über das ›ewige Lampenlicht‹ (es waren übrigens Kerzen), und auf ihr Verlangen wurden die Windlichter ausgelöscht. Es währte aber nicht lange, so fand sie dieses ›Halbdunkel‹ unleidlich, und die Herren zündeten die Windlichter wieder an. Die Gesellschaft saß im ›Salettl‹, an zwei Tischen; der dritte war leer. Im Gärtchen hatten sich allmählich allerlei Gäste, bäurische und städtische, eingefunden, und begnügten sich fast alle mit dem Mondlicht, das ihre Biergläser und Weinfläschchen versilberte; einige saßen auch am Fels, im tiefen Schatten, man bemerkte sie kaum, hörte nur ihr Plaudern und Lachen.

Es trat dann aber noch eine Gesellschaft ins ›Salettl‹ ein, grüßte zutraulich-linkisch und pflanzte sich breit um den dritten Tisch. Ein graubärtiger Bauer war’s, mit seiner Bäuerin, die eine Brille auf der Nase hatte, ein fast ausgewachsener Bub und ein kleinerer, alle in der landesüblichen Tracht, die Buben mit Alpenstöcken. Sie forderten zu trinken, unterhielten sich laut in breitem Dialekt; wandten sich dann auch ohne weiteres an den Nachbartisch und sprachen besonders in Saltner hinein, der ihnen zunächst saß.

»Um Gottes willen! Was ist das?« flüsterte die Baronin, der auf einmal das ›Idyll‹ hier oben shocking wurde.

»Ist das in der ›Gemse‹ Stil? Wir müssen wohl gar noch aus einem Seidel trinken?«—

Der Baron bewegte sich auf seinem Stuhl, als werde es hohe Zeit, sich zu entfernen. Indessen rückte der alte Bauer, in wachsender Zutraulichkeit, näher an Saltner heran; beklagte sich über das teure Bier und die schlechten Zeiten, in einem dumpfen Bass, der sonderbar gedrückt und heiser klang, und schlug endlich dem alten Herrn mit schwerer Hand auf das Knie.

Dies war doch auch Saltner’n überraschend; er stand auf.

»Wären wir doch in Berchtesgaden geblieben!« seufzte die Baronin.

Auf einmal schlug der Bauer eine helle, herzliche Lache auf, und drei andere helle Stimmen lachten mit.

Der Bauer zog sich den grauen Bart vom Kinn und nahm seinen Hut ab. Man erkannte Kathis braune Schelmenaugen und ihr rosiges, von kindlicher Heiterkeit strahlendes Gesicht.

»Schönen guten Abend all den verehrten Herrschaften!« sagte sie in ihrem besten Hochdeutsch, aber mit ihrer natürlichen Stimme.

»Das ist die Kathi!« rief Saltner aus, zog die Brauen auf und nieder und lachte. »Gut gespielt, Teufelsmädel du! – Wer sind denn die andern?«—

Er versuchte der Bäuerin die Brille von der Nase zu nehmen; sie trat aber zurück und zog sie sich selber ab.

»Mich kennen Sie wohl nicht mehr«, sagte sie und knixte; »bin die Wabi vom Mehlweg. Und der große dumme Bub’ da, das ist meine Schwester. Und der andere Bub’ ist der Riesenbauer-Franzi!«

»Ja freilich, ja freilich«, sagte Saltner, der sich vor jedem dieser vier Komödianten aufpflanzte und ihm in die lachenden Augen sah. »Wie das spielen kann! Ich hör’ euch alle reden und erkenn’ eure Stimmen nicht! Ich schau’ wohl sechsmal hin und bleib’ so blind wie ‘ne Schnecke! – O ihr Possenspieler! Wie kommt ihr dazu, im Juli Fasching zu machen?«

»Wie wir dazu kommen?« fragte Kathi, die nun wieder ernst und sittig dastand und in dem langen Bauernrock, den vertragenen Kniehosen, der grauen Perücke umso drolliger aussah. »Haben Sie denn vergessen, Herr von Saltner, dass Ihr Namenstag ist? Dasmal fiel uns halt nichts anderes ein, als das Bauernspielen. Die Wabi und die andern haben mitgetan mir zu Lieb’ – und weil hier alle Sie gern haben. Die Wabi ist in Sie verliebt«, setzte die Schelmin hinzu. »Geben Sie nur nichts drauf, wenn sie’s leugnen will. Schau’n Sie, wie sie rot wird! Rot werden« sie sprach jetzt in etwas gekünsteltem Hochdeutsch – »rot werden ist, wie der Herr Lehrer sagt, das erste Zeichen der Liebe. Er hat aber auch noch ein kleines Gedicht auf diesen Tag gemacht; und das möchte’ ich Ihnen aufsagen, lieber Herr von Saltner, wenn Sie nicht meinen, es schickt sich nicht vor den hohen Herrschaften!«

»Ei, es schickt sich wohl«, sagte Saltner gerührt. »Die Herrschaften werden dich und mich wohl nicht auslachen, Kathi; – na, und wenn sie’s täten, dann wären wir stolz und machten uns nichts draus. Willst du mir durchaus noch so was Zusammengedichtetes vorzwitschern, dann tu’s. Ich halte still!«

Die Baronin klatschte gnädig ermunternd in die Hände:

»Das ist ja ein allerliebstes Idyll! Nur zu, Kleine, nur zu!«

Kathi nahm sich zusammen, wollte ihre Schürze glatt streichen, merkte nun, dass sie über einen alten Bauernrock fuhr, lächelte und fing an. Es war ein Gedicht ›zur Feier des hohen Namensfestes‹, offenbar aus einem Buch für solche und ähnliche Feste entlehnt, aber für den besonderen Fall ein wenig umgedichtet. Kathi sprach es fließend, sie hatte es gewiss fleißig eingelernt; die natürliche Anmut ihrer Rede aber war wie weggewischt, sie trug die Verse, die nichts als gereimte Redensarten waren, mit einem schwerfälligen Prunk vor, den sie vermutlich herumziehenden schlechten Schauspielern einmal abgelauscht hatte. Als sie zu Ende war, atmete sie tief. Nun sah sie auch wieder den Alten mit ihrem treuherzigen, hold-guten Blick an.

»Kathi! Kind! Was hast’ da alles zusammengered’t!« rief Saltner aus, nahm sie bei den Ohren und küsste sie auf den Mund; sie hielt lächelnd still.

»Der Glückliche!« murmelte Waldenburg.

Kathi legte ihren Bart wieder an, und indem sie zum närrischsten aller Greise wurde, ward sie zugleich blutrot wie ein Kind. Nach einem offenherzig befangenen Umherblicken fing sie zaghaft an:

»Wir hatten jetzt eigentlich noch – Aber es macht sich halt nicht.«

»Was macht sich nicht?« fragte Saltner.

»Damals wollten Sie durchaus, dass wir Steirisch tanzten; dumme Mädels haben Sie uns geheißen, weil wir keine Kurasch hätten. Wir trauten’s uns halt nicht! Aber jetzt haben wir’s ordentlich gelernt. Und Sie sind so gut. Darum dachten wir – — Aber es geht nicht!«

»Warum nicht?«

»Weil hier im Salettl die hohen Herrschaften sitzen; und drin in der Wirtsstuben, da ist’s natürlich zu heiß.«

Saltner blickte stumm auf die Baronin. Die war aber schon aufgestanden, sie hatte offenbar ganz vergessen, dass sie leidend war:

»Soll hier im Salettl Steirisch getanzt werden? Dann hinaus mit uns, das versteht sich! Diesen himmlischen alten Bauer muss ich tanzen seh’n. Meine Herren, machen Sie gefälligst Platz!«

In wenigen Augenblicken waren die Tische und Stühle hinausgetragen und standen auf dem Rasen im Mondschein; dort setzten die Damen sich wieder, einige der Herren blieben steh’n. Der Wirt zündete an der Hecke bengalische Feuer an, die ihren roten und grünen Schein mit dem Mondlicht wunderbar vermischten und alle die neugierigen Gesichter der Gäste, die sich näher hinzudrängten, wie in farbige Flammen tauchten. Die ›Bauernfamilie‹ trat in das Salettl und der ›Steirische‹ begann; Kathi ganz in ihrer Rolle als bejahrter Bauer, zuerst ein wenig unsicher und schüchtern, einem Kinde ähnlich, das etwas auswendig gelernt hat, allmählich freier und bald überraschend naturwahr. Ebenso drollig war Wabi als Alte mit der Brille, die feierlich und ehrenfest mit ihrem Alten tanzte, während doch die jugendliche Lust in allen Gliedern zuweilen durch die Maske hervorzuckte. Die beiden Buben tanzten weniger kunstgerecht, aber auch im Gefühl ihrer Rollen, hinterdrein. Die Musik zum Tanz machte ein unsichtbarer Bauernknecht vom Nachbarhaus, der sich in einer holzbedeckten Laube des Gärtchens mit seiner Handharmonika versteckt hatte.

Die Baronin klatschte vor Vergnügen Beifall; die ganze Gesellschaft folgte. Vielleicht dadurch befeuert ward Kathi lustiger, toller; sie hörte auf, die wechselnden Tanzfiguren mit so sauberer altväterlicher Geschicklichkeit und Genauigkeit auszuführen, sie spielte mehr und mehr den Bauern, in dem das Bier oder der Wein tanzt, ward in ihren Bewegungen kühner, unternehmender, die ›Alte‹ mit sich fortreißend; endlich geriet sie ganz in bacchantischen Übermut hinein, der durch den Gegensatz zu ihrer Erscheinung völlig phantastisch wirkte und unbändiges Gelächter unter den Zuschauern hervorrief. Dabei war die Anmut des Mädchens erstaunlich; in ihren Armen, ihren Hüften war Rhythmus, Musik, sie schien für charaktervollen Tanz wie geboren zu sein. Ihre Augen brannten vor Lust, närrisch genug in diesem grau eingerahmten Gesicht. Wenn sie aufstampfte, zitterten die Bretter, ihre Zähne blitzten, und ihre aufgeblühten Lippen schienen in der Luft irgendeinen Wein- und Feuergeist zu trinken, der sie selig berauschte.

Sie hatte schon lange so getanzt, aber sie ward nicht müde; dass noch sonst jemand da war als sie und ihre Wabi, schien sie ganz vergessen zu haben.

»Eine richtige Alpenrose!« sagte endlich hinter Wittekind eine kalt begeisterte, gleichsam feinschmeckende Stimme. Es war Waldenburg.

»Bei alledem«, fuhr dieser fort, da Wittekind ihm zunickte, – »so ein Steirischer wiederholt sich. Ja, wenn die Mädels noch in antiken Schleiergewändern tanzten. … Wollen wir uns beiseite stehlen und auf meinem Zimmer eine stille Zigarre rauchen? Wir haben uns ja seit dem unerwarteten Wiedersehen noch nicht ausgesprochen.«

»Ja, das sollten wir tun«, sagte Wittekind zerstreut.

Er hatte grade die Augen auf Frau von Tarnow geheftet, die allen Figuren des Tanzes mit so verzehrender Aufmerksamkeit folgte, als lerne sie sie auswendig; ihre großen Augensterne leuchteten, aber ernst, nicht lustig.

Sie saß neben der Baronin. Diese stand plötzlich auf und ging auf die Tänzerinnen zu.

»Genug! Genug!« rief sie aus.

Als die Mädchen fast erschrocken stehen blieben, setzte sie sanfter, aber doch mit nervös klagender Stimme hinzu:

»Entzückend, ich danke euch; aber nun hört auf. Es war ein großer Genuss; aber ich werde krank! Mit mir dreht sich alles. Woher nehmt ihr diese Ausdauer; das ist übermenschlich!«

Kathi lächelte; auf ihrer Stirn perlten große Tropfen, sie schien’s aber nicht zu spüren. Die Baronin klopfte ihr huldvoll auf die Schulter:

»Machen Sie uns noch ein Vergnügen, mein Kind, singen Sie uns was! Einen Jodler, ein Lied!«

»Singen kann ich nicht«, antwortete das Mädchen, das seinen Bart langsam herunterzog.

»Dann spielen Sie die Zither; – die Harmonika bringt mich um. Sie haben doch eine Zither?«

»Wir haben eine im Haus, weil ich’s lernen soll. Aber ich kann noch nichts; so zum Vorspielen nicht.«

»Nicht? Das tut mir Leid. Dann bringen Sie uns die Zither; unsre liebe Marie wird singen!« fuhr die Baronin fort und wendete sich ihrem ›Leibarzt‹ zu; Kathi war in demselben Augenblick aus ihrem Gehirn gelöscht. »Und setzen wir uns wieder ins Salettl; hier auf dem Rasen wird’s kühl!«

Man trug die Tische und Stühle ins Salettl zurück.

»Beste Frau Baronin«, sagte Frau von Tarnow, ohne die philosophische Ruhe zu verlieren, mit der sie allen Launen ihrer Dame folgte: »ich tue so gern, was Sie nur wollen, aber diesmal, bitt’ ich, dispensieren Sie mich. Ich habe heute Abend gar kein Herz zum Singen; – und wir sind nicht allein«, setzte sie leiser hinzu.

»Aber was tut das, Marie?« sagte die Baronin. »Wir sind hier ja wie im Theater; alles produziert sich. Und der romantische Mondschein. … Da ist schon die Zither. Singen Sie uns dazu ein paar von Ihren amerikanischen Liedern!«

»Ich bitte Sie, das geht nicht. Diese Lieder werden zum Klavier gesungen oder zur Gitarre.«

»Ihre Gitarre«, sagte die Baronin achselzuckend, »ist mit unsern Koffern in Salzburg. Also Sie wollen nicht?«

Waldenburg war hinzugetreten, setzte sich der Amerikanerin gegenüber und blickte ihr mit seinem schmeichelnd majestätischen Lächeln in die Augen.

»Wenn man Sie nun recht schön bittet?« sagte er nachdrücklich. »Damit Sie diesem poetischen Abend seine Krone aussetzen?«

Frau von Tarnow zögerte noch einen Augenblick; dann antwortete sie aber mit einem so liebenswürdigen Lächeln, dass es Wittekind überraschte und befremdete:

»Ich möchte Ihnen nicht Nein sagen, Herr Geheimrat. Gut, ich werde singen. In Gottes Namen mit der Zither statt mit der Gitarre; es passe nun, wie es will!«

Sie legte die Zither vor sich hin, präludierte ein wenig – offenbar war sie auch mit diesem Instrument vertraut – und sang ein Lied mit englischem Text. Es war eine zarte, wiewohl nicht sonderlich originelle Melodie; die Worte waren von einem Mädchen oder einem Jüngling an den Vater gerichtet, der nicht hartherzig sein, nicht zu strenge richten, der liebend verzeihen soll. Frau von Tarnow sah zuerst vor sich hin, auf die zitternden Saiten; dann ruhte ihr Blick fast die ganze Zeit auf Waldenburg, und so warm und herzlich, dass dieser eine eigentümliche Erregung mit Anstrengung verbarg und Wittekind sich unruhig auf seinem Sessel bewegte. Er hatte sich nicht getäuscht, es war eine Altstimme; von edlem und reinem Wohllaut, und besser geschult, als man hätte erwarten dürfen. Er wäre entzückt, ja berauscht gewesen, wenn ihn nicht das Benehmen der Sängerin verstimmt und verwundet hätte. Wozu sagte sie ihm denn, dass Waldenburg kein gutes Herz habe, wozu wusste sie’s, wenn sie ihm so vertrauensvoll warme Blicke schenken konnte?

Er dachte schon daran, sich in seinem Winkel leise zu erheben und hinwegzugeh’n, da sie ein zweites Lied zu singen bereit schien, als die Baronin Tilburg aufstand und erklärte: draußen warte der Wagen, es sei spät geworden, und sie müsse zu Bett. Es mochte sie verdrossen haben, dass Waldenburgs Bitten mehr vermocht hatten, als die ihrigen.

Frau von Tarnow erhob sich stumm, mit ihrem versiegelten, marmorblassen Gesicht; auch die andern fügten sich, ohne etwas zu entgegnen. Die Baronin hatte aus der Stadt einen leichten Wagen kommen lassen, um hinunter zu fahren; der Kutscher knallte mit der Peitsche, die beiden Pferde schnoberten munter in die mondhelle Luft. Als jedoch die Damen mit Tilburg auf die Straße traten, warf die Baronin einen sorgenvollen Blick auf das Gefährt; sie sah den absinkenden Weg hinunter und schüttelte den Kopf.

»Das ist Gift für die Nerven«, sagte sie, »so einen Berg in so einer Nussschale hinabzurollen. Wir geh’n, liebe Marie, wenn es Ihnen recht ist. Fahren Sie voran, Kutscher!«

Der Wagen fuhr im Schritt hinunter, und die andern folgten. Die Männer gaben ihnen noch eine Weile Geleit; die Baronin, durch die milde, verklärte Nacht romantisch gestimmt, schwankte edel und ohne Klage dahin, und begann sogar leise zu singen. Nach einer Weile kehrten die Herren, die oben übernachteten, um; Wittekind aber blieb bald wieder steh’n, auf die Schulter seines Berthold gelehnt, und schaute still in das Tal, das so im Halbtag träumte. Seine Verstimmung schwand, er dachte an Mariens Worte von den Mondlichttagen und dem Dämmerungsfrieden; etwas von diesem Frieden kam über ihn. Er sah mit stiller Lust in das edle Angesicht seines teuren Jungen, und drückte ihn stumm an die Brust.

»Geh’n wir hinauf«, sagte er, nachdem sie beide lange geschwiegen hatten. »Du bist ja wohl ganz verzückt … Wer hat dir’s angetan: der Mond, der Tanz, oder der Gesang?«

Berthold lächelte träumerisch, ohne Antwort zu geben.

Sie gingen zur ›Gemse‹ zurück. Die Gäste im Garten waren großenteils verschwunden; Saltner und Waldenburg auch. Von den ›Bauernspielern‹ war nichts mehr zu seh’n.

Der Wirt führte Vater und Sohn zu ihrem Zimmer hinauf; denn sie wünschten nun still mit sich allein zu sein.

»Geh’«, sagte Wittekind, »ich komme dir nach. Wir haben noch viel zu reden und zu fragen! Ich versprach aber dem andern, dem Waldenburg, eine Weile mit ihm zu plaudern. Morgen reist er ab. Wenn ich von ihm zurückkomme, sind wir ganz für uns, Vater und Sohn!«

Berthold nickte zärtlich; die Augen fielen ihm aber zu, mit einem schlaftrunkenen Lächeln riss er sie wieder auf.

Wittekind ließ ihn allein, in ihrem mondhellen Zimmer, und ging über den Vorplatz bis zu Waldenburgs Tür. Als er sich näherte, hörte er leises, danach lautes Sprechen; die laute war Kathis Stimme, sie klang wie abweisend, oder gar wie empört.

»Ich muss hinunter!« sagte sie zuletzt; »gute Nacht!«—

Von innen öffnete sich die Tür, Kathi trat hastig heraus; ohne Perücke und Bart, sonst noch im Kostüm. Sie erschrak einen Augenblick, als sie so unerwartet Wittekinds Gestalt vor sich stehen sah; rief dann auch ihm »Gute Nacht« zu, und sprang die Treppe hinab.

Waldenburg stand mitten im Zimmer, dem Mädchen nachblickend. Da er Wittekind eintreten sah, richtete er seine etwas zusammengesunkene Gestalt sofort majestätisch auf, zu ihrer ganzen Länge, und fasste sich in olympischer Heiterkeit.

»Die Kleine ist sehr brav«, sagte er mit einem ruhigen, kalten Lächeln, das etwas Satanisches hatte. »Setz’ dich, nimm eine Zigarre und rauch’!«

Wittekind schwieg. Er glaubte zu erraten, weshalb Waldenburg sich in der ›Gemse‹ einquartiert hatte. Durch das kleine Zimmer ging er bis ans offene Fenster, das zu einem Kalkofen jenseits der Straße hinübersah, und horchte auf einen Jodler, den heimwandernde Bursche in die stille Nacht hinaufschickten.

»Dein Junge gefällt mir sehr«, fing Waldenburg wieder an. »Nimm doch eine Zigarre … Er gehört zu einer besonderen Gattung; nichts von der landläufigen Prosa, nichts von Trivialität. Sein Gesicht hat etwas Rafaelisches … Hoffentlich ist er nicht bloß Engel, auch ein wenig Teufel!«

»Hoffentlich wird er ein ganzer Kerl«, erwiderte Wittekind; »das meintest du ja wohl. Wo hast du denn deinen Jungen? Der muss nun ja schon vierundzwanzig alt sein. Wie viele Jahre hab’ ich nichts von dem gehört!«

Waldenburg warf sich auf einen Stuhl neben seinem Bett. Er sah seine spitzen Fingernägel an und sagte gedehnt:

»Von dem wirst du wohl auch nicht viel mehr hören, denk’ ich.«

»Wieso? Ist er – —«

»Tot? Nein, das ist er nicht. Aber fort ist er. Fort aus meinem Leben. Von der Tafel gewischt. Kurz, du kennst die Geschichte vom ›verlorenen Sohn‹; das ist unsre Geschichte – und der wunde Punkt in meinem Leben!«

Er nahm ein gefülltes Glas, von dem roten Tiroler, den Kathi vorhin gebracht hatte, und stürzte es hinunter.

»Vom ›verlorenen Sohn‹?« fragte Wittekind bestürzt.

»Du hörst. So ist es!« —

Waldenburg schenkte ein, in ein zweites Glas, und schob es dem andern hin.

»Da; trink’ wenigstens eins, wenn du nicht rauchen willst. Er ist sauer, aber echt! – Mein Sohn Eugen – um also von ihm zu reden – ist ein schmucker Mensch; er hat allerlei gute Gaben – nur nicht das goldene Band, das sie zusammenhält. Vielleicht war ich auch im Anfang nicht der richtige Lehrmeister: du weißt, ich hab’ lächerlich früh geheiratet; es kam mir so über den Hals … Kurz, er hat mein Talent, das Leben zu genießen, geerbt, aber leider nicht auch meinen Verstand. Ich liebe die Himbeeren sehr; aber die Würmer, die sich darin niederlassen, liebe ich nicht und schaffe sie beiseite. Mein Sohn gab nicht genug auf die Würmer in den Himbeeren Acht; – das ist seine Geschichte. Er wurde unreputierlich; ich musste mich seiner schämen, statt auf ihn stolz zu sein, wie ich mir’s gehofft hatte. Da schrieb ich ihm endlich: du hast genug auf meinen Namen gesündigt, sündige fortan lieber auf einen andern Namen; störe meine Kreise nicht mehr, geh’, wohin du willst!«

Waldenburg stand auf, und bewegte sich mit seinen langsamen Schritten durch das Zimmer hin. Im Geh’n, die Hände auf dem Rücken, sprach er weiter; »Eugen nahm es wörtlich. Er legte meinen Namen ab, wie ich hörte, und ging nach Amerika. Na, er wird wiederkommen, dachte ich, und wir werden dann auch die zweite Hälfte der Geschichte vom ›verlorenen Sohn‹ spielen; – aber er kam nicht wieder. Er ist mir verschollen. Lebt er noch? Ich weiß es nicht. Lassen wir dieses Thema; es greift mich an; – ich hab’ einmal viele ehrgeizige Hoffnungen auf diesen Jungen gesetzt. … Ich hatte viel Glück im Leben. Das schlug mir fehl. Was ist da zu machen? So gut, wie ich weiß: seine Mutter ist tot, so denk’ ich und sag’ ich mir: auch ihr Sohn ist tot…«

Er kam an den Tisch zurück und schenkte sich wieder ein.

»Lassen wir’s! Man lebt nur einmal; also weiterleben!«—

Er sah in das Glas, setzte es an und trank.

Wittekind zögerte eine Weile; endlich sagte er bedächtig:

»Freilich, wenn du zu seinem Namen einfach ein schwarzes Kreuz machst —«

Waldenburg unterbrach ihn:

»Du meinst, ich wünsche ihn tot? O nein, so steht’s nicht. Wenn er wiederkäme, in leidlicher Verfassung. – — Er ist ja doch mein Fleisch und Blut. Ich habe ein Vaterherz. Aber er kommt ja nicht wieder. Du kennst ihn nicht; der Junge ist stolz! Seit ich ihn verleugnet habe, verleugnet er mich!«

»Hm!« murmelte Wittekind. »Das gefällt mir an ihm.«

»Danke dir ergebenst! Du nimmst wohl gar Partei für den Sohn gegen den Vater … Aber lassen wir’s. Sprechen wir nun endlich von dir. Ich bekenne dir, ich hatte dich ganz aus dem Gesicht verloren; der Teufel soll mich holen, wenn ich weiß, was du geworden bist.«

»Geworden?« entgegnete Wittekind, der noch immer am Fensterbrett lehnte. »Ich wollte nie ›etwas werden‹; nur womöglich etwas sein.«—

Waldenburg wandte den Kopf und sah ihn durch die halbgeschlossenen Augen ironisch bewundernd an. —

»Ich meine, etwas Nützliches«, sprach Wittekind weiter; »nicht ganz überflüssig. So ein Stück vom Ganzen. – Worüber lächelst du?«

»Nur so für mich. – Und was bist du denn?«

»Bauer«, erwiderte Wittekind ruhig. »Ich hab’ mein Gut, am Wasser, nicht weit von der See; es ist gut im Stand, es ernährt mich, trotz der schlechten Zeiten für die Landwirtschaft. Ich baue auch für die Rübenzuckerfabrik, die wir uns angelegt haben; die ganze Wirtschaft gewinnt dabei. Unter unsern Landwirten gelte ich für einen weisen Mann, weil ich etwas mehr gelernt habe als sie, mich mit dem Weltverkehr beschäftige, und sie durch Vorträge, durch Flugschriften zu allerlei Nützlichem angefeuert habe, von dem sie nun Segen spüren. Sie wollen mich auch zum Abgeordneten für den Reichstag machen; kommt es einmal dazu, dann wär’ es freilich aus mit dem schönen Landfrieden, mit der Seelenruhe, meinen Büchern, meiner Musik. Aber was man für den allgemeinen Nutzen tun kann, nun, das muss man tun. … Worüber lächelst du wieder?«

Waldenburg warf seine halbverrauchte Zigarre fort und nahm eine andere vom Tisch.

»Du bist also noch immer der alte ›Idealist‹!« sagte er mit gemütlichem Spott, in behaglicher Heiterkeit. »Es macht dir noch immer Spaß, für die andern zu leben —«

»Wenigstens für irgendeine Sache, die der Mühe wert ist. Die Katze und der Pfau sind sich selbst genug; das kann ich von mir nicht sagen.«

Waldenburg streckte sich wieder auf seinem Sessel aus und begann die neue Zigarre zu rauchen.

»Lieber Freund«, sagte er in seinem schönen, reinen, etwas theatralisch ausgefeilten Hochdeutsch, – »du kommst mir vor wie einer von diesen freiwilligen Nordpolfahrern, der etwa zu einem Neapolitaner sagte: auch wir leben da auf Jan Mayen oder Spitzbergen ganz behaglich! Erst im März vereisen wir ganz; im Juni wird’s schon wieder eisfrei um uns her; im Juli haben wir ganz nette Tage, beinahe wie Sommer, und selbst im Winter kommen wir manchmal über Null! – Der Neapolitaner würde darauf antworten: Aber zum Teufel, ich will das ganze Jahr schöne Jahreszeit haben, und ich will über die Schönheit dieser schönen Welt außer mir geraten, schwelgen, wie ein Gott genießen! – Was hast du auf deinem Gut, am Wasser, mit den Zuckerrüben? Was hast du an deinen Vorträgen für diese bornierten Bauern, die sich Pächter und Gutsbesitzer nennen, und an deiner Hingebung für zehntausend oder zwanzigtausend Schafsköpfe, die dir achtungsvoll zublöken: du sollst unser Hauptkopf sein?«

»Nun ja, du bist auch der Alte«, sagte Wittekind lächelnd. »Wir reden wohl auch umsonst. … Ich auf meinem Spitzbergen halte mich eben noch immer an meinen alten Spruch: Wer sich für nichts begeistern kann, den soll man begraben!«

»Geh’ mir doch, alter Träumer«, entgegnete Waldenburg mit seinem überlegensten Lächeln. »Kinder spielen, Jünglinge begeistern sich; Männer werden etwas. So hat die Natur es gewollt. Das, wofür die Jünglinge sich begeistert haben, muss den Männern dienen und gehören: Frauenliebe, Ehre, Bacchus (er leerte sein Glas, und schenkte wieder ein), Kunst, Wissenschaft, der Staat – und so weiter. Was ich erreiche, das bin ich; und für den wahren Menschen ist nichts wahrhaft wirklich, als sein geliebtes Ich.«

»Danach lebst du also.«

»Gewiss!«

»Nun«, sagte Wittekind trocken, die Arme übereinander legend, »so ungefähr spricht man auch von dir. Du bist ja ein sogenannter berühmter Mann geworden, von dem man viel spricht; ein witziger Kopf, eine gute Feder, eine von den Säulen im Staat, vielleicht noch einmal Minister – und dann also auch Exzellenz. Außerdem ein Liebling der Frauen, gefeierter Don Juan; na, diesem Beruf ergabst du dich ja schon auf der hohen Schule, – oder vielmehr schon auf dem Gymnasium. Du bist also der ›wahre Mensch‹ und lebst für dein Ich!«

»Ja, mein Herr Idealist. Ich tue, was alle tun, nur mit mehr Geist, als die meisten; ohne all den buntscheckigen Aberglauben, der diese Narren aufhält: darum bleiben sie eben hinter uns Klügeren zurück! – Lasst euch doch nicht auslachen, ihr mit euren ›Idealen‹, die euch zum Narren halten. Die guten Köpfe haben so nach und nach alle die alten Aberglauben abgeschüttelt: Fetische, Gestirne, Feuer, gute und böse Geister, Nemesis und Vorsehung; nur der bleichsüchtige Philister-Aberglaube an das sogenannte ›Wahre, Gute, Ideale‹, der ist noch immer im Schwung. Mich narrt er nicht mehr; er liegt hinter mir. Ich bin auf der Welt, um sie zu genießen – Wohl bekomm’s! Das tut’s auch! – Es gibt Genüsse genug, wenn man nur Geist genug hat, um sie sich zu verschaffen: so eine gute Zigarre, Diners, gute Bücher, Theater, alle schönen Künste, Seebäder, Natur, Stellung und Macht, Orden und Titel; eine schöne Frau erobern, eine schöne Frau verlassen; hübsche Verse machen, angebetet werden, Befriedigung der Rache, Schadenfreude, Protegieren, den Herrgott spielen. … Alles, alles ist da! Vogue la galère!«

Wittekind betrachtete Waldenburg, er konnte nicht hinwegsehen; auf diesem geistreichen, beinahe schönen Gesicht schwebte ein eigentümlich teuflisches Lächeln, in das er sich mit stillem Grauen vertiefte. ›Lebten wir noch im Mittelalter‹, dachte er, ›so würd’ ich vielleicht ernstlich glauben dass da der Teufel sitzt. … Ein Teufel, der alle Formen der feinen Welt angenommen hat, der sehr einnehmende Manieren hat und Geist und Witz und sogar Poesie; aber alles, was er sagt, ist im Grunde teuflisch…‹

Mit äußerer Ruhe fragte er nach einer Weile:

»Bist du gegen jedermann so aufrichtig?«

»O nein«, sagte Waldenburg, seinen· Rauch majestätisch in die Luft blasend. »Im Gegenteil. Es ist mir zuweilen ein angenehmes Bedürfnis, ganz unverschämt offenherzig zu sein, – und dein bürgerlich-kritisches Gesicht reizt mich eben dazu; aber noch öfter ist es mir Bedürfnis, mit den lieben Mitmenschen Komödie zu spielen. Jeder tut eben, was er kann! Ich habe mehr Talent zum Schauspieler als die meisten, die sich da auf der Bühne vor die Lampen stellen; und wer sein Pfund vergräbt, der ist ein fauler Knecht. Darum spiele ich Komödie, mein Herr Sittenrichter, und mit Urbehagen; aber nur auf der großen Weltbühne, zu meinem Benefiz. Da zeigt sich erst das Genie; und was ist all das Agieren auf den hohlen Brettern gegen meines! Der Komödiant muss die Rollen spielen, die man ihm geschrieben hat; ich spiele nur Rollen, die ich mir selber erfinde, die ich selber dichte, die immer wechseln und neu sind, – mit kleinen, interessanten Gefahren ausgestattet, mit kleinen verfluchten Aufregungen gewürzt. Dazu gehört Talent! Und das ist Lebensgenuss!«

»Und was man so Wahrheit nennt?« fragte Wittekind.

»Kommt man mit Wahrheit durchs Leben? Lass’ mich doch mit diesem alten Aushängeschild in Ruh’. Wenn ich, Friedrich Waldenburg, das erreichen will, was die Dummköpfe oder Strohwische zu besitzen pflegen: Rang, Ansehen, Reichtum – kann ich das durch Wahrheit erreichen? Alle Wetter auch! Ich, der ich zum Genuss geschaffen, ich, der ich als ein echter Aristokrat auf die Welt gekommen bin – wenn auch mein Vater das bürgerliche Wappen der Laden-Elle führte – ich, der ich mich in jeder Fingerspitze, in jeder Gewohnheit des Lebens, in jedem Instinkt wie einen Freiherrn fühle, ich soll im Parterre stehen bleiben, wo die Schneider und Schuster steh’n? Nein, mein Lieber, mein Platz ist in der Loge, bei den hohen Herrschaften. Aber um da hinzukommen, um mich da einzuwohnen, muss ich hübsch mit Talent meine Rollen spielen, – zuweilen den Bedienten, zuweilen den verruchten Kerl; – nun Gott sei Dank, ich habe das Talent.«

Wittekind richtete sich auf und ging langsam vom Fenster weg, gegen die Tür. Mitten im Zimmer jedoch blieb er wieder steh’n. Er sagte dann mit etwas bewegter Stimme, doch bedächtig:

»Aber du verlangst wohl nicht, dass ich dich beneide. Was mich betrifft, so würd’ ich lieber in dem Hundestall vor meiner Haustür verfaulen, als für so eine ›Loge‹ mein bisschen Selbstgefühl, meinen alten Aberglauben an Freiheit, Wahrheit, Menschenwürde opfern. … Aber das führt zu weit. Und über den breiten Fluss hinüber, bei so ungünstigem Wind, verstünden wir uns doch nicht. Also nehmen wir einander lieber wie wir sind, und damit holla. – Nur noch eine Frage!«

»Bitte!« erwiderte Waldenburg mit vollendeter Artigkeit, und mit jenem diabolischen, behaglichen Schmunzeln, als wären sie im schönsten Einverständnis, als sagten sie sich lauter gute Dinge.

»Wenn ich nun deine Aufrichtigkeit missbrauchte?«

»Bei wem?« fragte Waldenburg zurück. »Da, wo es mir schaden könnte, da verkehrst du nicht; die andern amüsiert oder ärgert es, ohne mir zu schaden.«

Nach kurzem Schweigen erwiderte Wittekind:

»Nun, eine gewisse Größe ist in deinem Zynismus; das muss man dir lassen. – Ich fragte selbstverständlich nur so beispielsweise; denn ich missbrauche keines Menschen Aufrichtigkeit. – — Also gute Nacht. Morgen willst du fort. Wir sind dann wieder weit auseinander, wie bisher; und sehr oft werden wir uns wohl nicht seh’n!«

Waldenburg lächelte:

»Warum nicht? Als Männer von Geist können wir uns ja über hundert Dinge vortrefflich, unterhalten, wenn wir auch über das hundertunderste verschiedener Meinung sind —«

»Über das Erste, Waldenburg.«

»Nun gut, über das Erste. Dann fangen wir morgen bei dem Zweiten an, wo wir uns versteh’n. Willst du morgen in Salzburg mein Gast sein? Ich gehe ins Hotel N… . Ein sehr angenehmes Haus. Du würdest vermutlich die Gräfin Lana bei mir seh’n —«

»Die Frau des früheren Ministers?«

»Ja. Eine ausgezeichnete Frau: – sie kann dir vielleicht einmal nützlich sein —«

Wittekind musste lächeln.

»Ich danke«, sagte er. »Ich brauche sie nicht.«

»Auch fändest du mit ihren Tilburgs die Blasse, die Amerikanerin, die dir gar nicht so übel zu gefallen scheint, du tugendhaftere Mensch.«

»Warum dürfte sie einem tugendhaften Menschen nicht gefallen?« fragte Wittekind. Er kam übrigens einen Schritt zurück, da er sich der Tür schon wieder genähert hatte.

Auf seinen Hut blickend setzte er hinzu:

»Was ist sie eigentlich? Witwe oder verheiratet?«

»Baronin Tilburg versichert, dass sie Witwe ist«, antwortete Waldenburg, ohne eine Miene zu verziehen. »Infolgedessen kommst du?«

»Ich danke«, sagte Wittekind.

Ein Missgefühl schüttelte ihn plötzlich. Sie bei ihm zu seh’n … Nein! – — Er ging wieder zur Tür.

»Ich möchte jetzt mit meinem Sohn einige Tage allein sein«, setzte er darauf hinzu.

»Nun, wie du willst! – Von Salzburg zieh’n wir dann an die Ostsee, ins Bad; ganz in deine Nähe. Bist immer willkommen, alter Freund; – ich sage das nur als avis au lecteur. Denn du wirst wohl nicht kommen. Du bleibst nun also bis ans Lebensende auf dem schmalen Pfade der Tugend; und auf dem festen Land. Ich brauche mehr Platz – und ein weniger solides, ein etwas lockeres Element. Mein alter guter Wahlspruch ist halt: Vogue la galère!«

»Also noch einmal: wohl bekomm’s!« sagte Wittekind mit ernstem Lächeln, und bot ihm zum Abschied die Hand.

Waldenburg schlug ein.

»Leb’ wohl, Idealist! Leb’ wohl, ›wahrer Mensch‹!« – —

Wittekind verließ das Zimmer. Er sehnte und freute sich, in das seine zu kommen, und zu seinem Jungen. Leise ging er über den halbdunklen Vorplatz; nur ein Lämpchen brannte an der Wand. Im Hause war es still.

Als er aber in sein Zimmer trat, in dem der unsichtbar gewordene Mond noch durch die erhellte Luft wirkte, sah er, dass er zu spät kam. Berthold lag schon im Bett, und in tiefem Schlaf; durch die Stille horchend konnte Wittekind seine ruhigen, gleichen Atemzüge hören.




VI. Kapitel


Die Sonne schien früh in die Zimmer der ›Gemse‹, so viele ihrer nach Osten lagen; sie schien auch auf die Betten von Vater und Sohn, doch ohne sie zu wecken. Als Wittekind, spät eingeschlafen, nach einer traumreichen Nacht spät genug erwachte, schlief Berthold noch immer fort. Der Vater staunte, lag noch eine Weile, wartete und träumte; endlich stand er auf. Er kam in den Garten hinunter, um dort am Felsen zu frühstücken; Kathi trat ihm morgenfrisch entgegen und überreichte ihm einen Brief.

»Den hat der lange Herr mit den halbeten Augen für Sie dagelassen«, sagte die Schelmin; »denn er ist schon fort. Und der Herr von Saltner ist auch schon in die Stadt hinunter.«

Wittekind öffnete das Billet; es war von Waldenburgs Hand, gleichmäßig und sauber geschrieben.



›Lieber Freund, das Schicksal hat gesprochen, wie gewöhnlich in Gestalt einer Frau! Unsere sehr verehrte Malade imaginaire, die Baronin Tilburg, hat in aller Frühe Botschaft herausgeschickt: ihre Nerven verlangen ungestüm nach Salzburg. Ich gehorche. Wir brechen auf. Adieu! An deiner Ostsee, hoff’ ich, sehen wir uns wieder!‹


Wittekind lächelte über die ruhelosen Nerven der Baronin; dann gab es ihm auf einmal einen starken, schmerzhaften Ruck. Frau von Tarnow war also fort; die weiße Sklavin dieser Baronin, mit der philosophischen Geduld und den unergründlichen Augen. Wozu sollte er sich verhehlen dass sie ihm einen Eindruck gemacht hatte, wie seit langen Jahren keine Frau. Ein paar Stunden lang; wie ein Frühlingstag im Winter war sie vorübergezogen; nun beginnt wieder die öde Zeit, wo der eintönige, kalte Schnee Vergangenheit und Gegenwart bedeckt. Er wird sie vergessen, wie so manches andere; – aber was heißt das: vergessen? Nur umso leerer wird sein Leben sein…

Aus so trüben Gedanken, einer ungewohnten Last auf seinem gesunden Herzen, weckte ihn der Morgengruß seines lieben Jungen, der nun endlich erschien. Berthold hatte blühende Wangen, fast wie ein so recht ausgeschlafenes Kind; ein tröstlicher Anblick für das Vaterauge. Auch der lustigen Kathi, die ihnen das Frühstück brachte, schien diese Rosenblüte seiner verjüngten Schönheit aufzufallen; sie sah ihn wieder mit offenherziger Bewunderung an. Aber sie hätte auch eine schöne Wachsfigur oder ein edles Pferd nicht harmloser angeseh’n; dieser zarte Jüngling war für sie aus einer andern Welt. Leise summend ging sie ins Haus zurück; Bertholds Augen folgten ihr mit nicht so ganz unbefangener Freude.

»Du bist mir noch eine Erklärung schuldig«, sagte Wittekind, als sie nun in dem kühlen Felsenschatten allein saßen; das ganze Gärtchen war um diese Stunde leer. »Warum du gestern diesen gewaltigen Hunger hattest; – und in Grödig, beim Wiederseh’n, sagtest du davon kein Wort!«

»Vater, ich konnte nicht«, erwiderte Berthold mit seinem treuherzigen Lächeln. Er erzählte dann stockend, aber peinlich wahrhaft, wie lange er gefastet hatte, und wie das gekommen sei. Er verschwieg auch nicht die Begegnung mit Afinger, und dass er diesem ›Weltverbesserer‹ versprochen hatte, ihn an einem der nächsten Abende zu besuchen. Wittekind hörte mit äußerer Fassung zu, ohne ein einziges Mal zu unterbrechen. Seine Augen waren aber beständig auf dieses schwärmerische Antlitz gerichtet, in Freude, Sorge und Nachdenken.

»Ich mache dir keine Vorwürfe«, sagte er, als Berthold geendet hatte; »wozu! Du sagst dir, wie ich merke, schon selbst, dass es eine unendlich jugendliche Unvernunft war, so eine Hungerprobe auf dieser Erholungsreise anzustellen, die dein Arzt dir verordnet hatte. Ich verwehre oder widerrate dir auch nicht, diesen jungen Sozialisten aufzusuchen – denn dafür halte ich ihn – und ihn und seine Gesinnungsgenossen näher kennenzulernen. Die Welt erkennt man nur in der Welt. Auch wenn du vorläufig eine Weile mit den Irrenden irren solltest, das fürchte ich nicht. Dein Herz wird deinem Kopf schon die Wege finden. Aber eins muss ich dir sagen, Kind. Ob die Welt nun aus Plan oder aus Notwendigkeit so ›unvollkommen‹ ist, wie sie uns erscheint, – alle Bertholds der Welt können das nicht ändern. Und wie heilig ernst wir’s auch nehmen sollen, zu ihrer Verbesserung mit allen Kräften zu helfen, mit der einen großen Resignation müssen wir beginnen!«

»Ich weiß, Vater, ich war dumm«, entgegnete der Jüngling; »mit dem Hungern, mein’ ich. Ich weiß auch, dass nur ein Narr die Welt neu machen will. Aber so ruhig und geduldig zuseh’n wie du – Vater, das kann ich nicht! So wie es ist, frisst es mir am Herzen … Gestern sagt’ ich dir, als ich gegessen und getrunken hatte: ›ich bin wieder ein Mensch!‹ Wie falsch und wie dummstolz war das. Eine Bestie war ich wieder, die satt und zufrieden verdaut, nur um sich bekümmert. Und wenn ich diese sogenannten Menschen sehe, die vielleicht ihr ganzes Leben lang nichts anderes tun, als mit oder ohne Grazie verdauen – diese Tilburgs von gestern – oder diesen geistreichen Waldenburg mit den kalten Schlangen-Augen, die ihrer Beute nachgeh’n, ihrer schnöden Lust, denen das Leid der andern wohl gar noch eine grausame Freude, eine Erhöhung ihres Weltgenusses, ihres Selbstgefühls, ihres Vorzugs ist – so wird mir hart, furchtbar hart zu Mut, während ihr mich weich nennt; so wäre es mir eine Wonne, Vater, diese hochmütigen Schmarotzer, dieses blutsaugende Ungeziefer vom Erdboden zu vertilgen, damit für die Besseren Platz wird, damit die Unglücklichen Luft, Licht und Leben haben!«

Wittekind lächelte. Indem er seinem Jungen in die leuchtenden, fast brennenden Augen sah und heimlich erstaunte, sagte er:

»Es scheint, dein Sozialist hat schon abgefärbt! – Nun, was tut das. Deine neunzehn Jahre. … Ich gebe dir auch gern diese Tilburgs preis; und auch den – Waldenburg mit den Schlangen-Augen; mir scheint, du hast ein ahnungsvolles Gemüt. Aber, guter Junge! Wenn wir anfangen wollten, auszurotten, was uns nicht gefällt, wo hörten wir dann auf? Und was würde dann aus dieser leidlich zivilisierten Welt, als ein einziger Urwald, in dem lauter wilde Tiere sich gegenseitig zerfleischen? Welcher Engel vom Himmel hat dir denn auch gesagt, dass die andern, die du bedauerst, wirklich die ›Besseren‹ sind? Dass sie nicht auch gebrechliche, selbstische Menschen sind, die dich treten würden, wenn sie über dich kämen, die zu Tilburgs würden oder zu Waldenburgs, dass du dann auch wieder ergrimmen und dir sagen müsstest: vertilgen wir sie vom Erdboden, damit für die Besseren Platz wird!?«

Der Jüngling rückte unruhig auf seiner Bank; er möchte sie leicht umgeworfen haben, wäre sie nicht bodenfest gewesen. Mit der Hand über den Tisch fahrend erwiderte er dann:

»So soll man also alles geh’n lassen, wie es eben geht? Die einen sollen es gut haben, und die andern nicht?«

»Kind, wer hat es gut? – — Doch das führte zu weit. Wir wollen jeder tun, was wir können, dass möglichst viele es gut haben; aber mit dem Ausrotten, denk’ ich, fangen wir lieber nicht an. Besser noch die Welt, wie sie ist, als das große Chaos, aus dem mit vielem andern Guten und Schönen auch das Beste verschwinden würde: die edlen Schwärmer, wie du!«

Berthold lächelte jetzt; aber nur obenhin, einen Augenblick. Er antwortete nicht. Es trat eine Stille ein, wie so oft zwischen zwei Menschen, deren Gedanken nicht zusammenkommen. Der Jüngling fühlte sich auf einmal weit vom Vater weg, den er doch so liebte. Seine neunzehn Jahre konnten die fünfundvierzig diesmal nicht versteh’n; er sah das Gesicht des Afinger vor sich, den er besser begriff, und drückte die Augen zu. Der Vater betrachtete ihn, seine Tasse leise von sich schiebend. ›Noch so überschwänglich!‹ dachte Wittekind. ›Schon so beruhigt!‹ dachte Berthold.

Die Stimme des alten Saltner fuhr in ihre Gedanken hinein und weckte sie beide auf. Saltner kam aus dem Städtchen zurück; vom Heraufsteigen glühten seine braunen Wangen, seine mächtige Brust hob sich gewaltig bei dem beschleunigten Atmen. Er stieß aber doch einen kräftigen Jodler aus. Nachdem er dann Vater und Sohn begrüßt hatte, fragte er:

»Wie steht’s? Wollen die Herren hier ganz selbander bleiben – brauchen’s nur zu sagen – oder soll ich sie ein wenig in die Berge führen und ihnen von da oben die Welt zeigen, wie der Teufel dem Herrn?«

Wittekind blickte fragend auf seinen Sohn.

»Ich ginge sehr gerne mit Ihnen, wenn Sie so gütig sein wollen«, sagte Berthold, der bei Saltners Begrüßung aufgestanden war. »Auch soll ich tüchtig wandern, meint der Doktor. Übrigens – ich bin ja eigentlich schon gesund!«

Der Alte lächelte wohlgefällig und nickte ihm zu. Sein faltiges Gesicht schien zu sagen: ›In dieser hübschen Schale steckt doch wohl auch ein harter Kern!‹ – Sie brachen bald auf, in den sonnigen, fast schon heißen Morgen hinein.

Der Weg, den Saltner sie führte, ging die nächste, schmale, felsige Schlucht hinauf, dann bald in Waldesschatten, bald zwischen reifendem Roggen und Hafer, immer langsam steigend. Einzelne hohe Gipfel erschienen über den waldigen Abhängen zur Linken oder vor ihnen; endlich ward auch erkennbar, dass eines dieser Steingebirge der Untersberg war, dem sie näherkamen. Wittekind freute sich, ihn wieder zuseh’n, in veränderter, bedeutender Gestalt. Mehr noch freute ihn, mit den unersättlichen Augen seinem Berthold zu folgen, dessen feine Gestalt so elastisch und unternehmend voraufstieg. Der Jüngling schien beweisen zu wollen, dass ihm das törichte Hungern nicht geschadet habe; er bewies aber gewiss, dass nicht irgendein ernstes Leiden an ihm zehrte, dass in dem jungen Baum die Säfte der Jugend lebten. Rascher, als der Alte gedacht hatte, kamen sie, an sonderbaren, wie von Menschenhand zugehauenen, steilen Felsen vorbei, auf dem Erdbuckel an, den Saltner die ›schöne Aussicht‹ nannte. Dieser Ehrenname gebührte ihm: nach allen Seiten – nur einen absperrenden Waldhügel ausgenommen – entwickelte sich ein herrlich aufgebautes Alpengebiet, von den emporsteigenden Dachsteingletschern an über die formenschöne Berchtesgadener Gebirgswelt hin bis zum Untersberg, der mit seiner Riesenmauer den ganzen Norden verdeckte.

Der Alte zeigte ihnen Berg für Berg, wie man jemandem die Zimmer seiner Wohnung zeigt; dann aber führte er sie noch eine Strecke weiter, mit stummem Winken, als ginge es ins Allerheiligste. Durch das hügelige Wäldchen hinter ihnen kamen sie bald wieder ins Freie und zu einigen Aussichtsbänken, auf denen sie rasten konnten, um in die reichbelebte Ebene zu sehen. Die silberne Schlange der Salzach wand sich am Grunde hin, bis sie hinter der Salzburger Zitadelle für eine Weile verschwand. Saltner zeigte lächelnd auf die weite grasige Fläche zwischen Untersberg und Salzach:

»Da sehen Sie meinen See! Er liegt noch unter der Decke. Und dort am Kapuzinerberg sehen Sie mein Haus!«

Wittekind erwiderte nichts. Wie sie hier saßen, musste er der ›Hedwigsruhe‹ gedenken – und der blassen Frau.

Es gab ihm wieder einen herzhaften Stich in die Brust.

Seine Augen ruhten auf dem noch fernen Salzburg; sie suchten aber nicht Saltners Haus, sondern das, wohin man ihm diese Frau heute Morgen entführt hatte. So saß er ohne Regung da; aber die andern auch. Alle waren still.

›Da ist sie nun!‹ dachte er. Wie wenn sein Gedanke Stimme bekommen hätte, hörte er im nächsten Augenblick den Alten vor sich hin sagen:

›Da ist sie nun!‹—

Berthold sah auf und nickte.

»Sie meinen Frau von Tarnow!« sagte der Jüngling mit gedämpfter Stimme.

Sie hatten also alle drei an Frau von Tarnow gedacht…

Wittekind stand auf. Saltner folgte ihm. In den Augen des Alten bewegte sich, da er mit den Wimpern zuckte, ein feuchter Schimmer.

»Ja, ja, Frau von Tarnow!« murmelte er dann, mit der blaugeaderten Hand durch seinen Mosesbart gleitend. »Glauben Sie mir, das ist keine üble Frau. Ich – — ich kenn’ sie lange. So klein …« Er hielt die Hand bis zu seinen Knien hinab. »Wenn’s der so gut ginge, wie sie es verdient, dann platzten wir alle vor Neid! – Das heißt, die von uns, die für sie kein Herz haben. Ich wollt’s ihr wohl gönnen, Herr!«

Er seufzte dann und schwieg. Wittekind wollte etwas erwidern; aus irgendeinem unklaren Gefühl blieb er aber still. Sie traten den Rückweg an, alle in ihren Gedanken.

Raubvögel kreisten über ihnen in der blauen Luft, oder zogen mit raschem, rauschendem Flügelschlag vorüber, man hörte ihre hellen Rufe, sonst waren nur Axtschläge aus den Waldbergen vernehmbar, die an den gegenüberliegenden Wänden mit sonderbar verstärkter Stimme widerhallten. Die Sonne brannte jetzt in ihrer Mittagshöhe. Die scheinbar behauenen Felswände, an denen sie wieder vorbeikamen, schienen zu glühen; auch der Wiesengrund, über den sie schritten, hauchte warmen Dunst aus. Der Alte führte sie einen anderen Weg, in den dichten Wald hinein, der an niedrigeren Fortsetzungen jener Wände entlanglief; so im Schatten wollte er sie über die ›Hedwigsruhe‹ wieder zur ›Gemse‹ hinunterbringen. Es war hier menschenstille Einsamkeit. Auch alle Singvögel schwiegen. In zuweilen wieder verstummendem Gespräch gingen die Männer langsamer weiter; bis sie in der Nähe ein helles Hundebellen hörten und Saltner stehenblieb.

»Warum bellt denn der?« sagte er verwundert. »Das ist dort bei den Felsbrocken; da geht’s drüben steil in das Tal hinab. Da sieht man doch sonst weder Mensch noch Hund! Und der kleine Kerl bellt so eigen, als hätte er ‘was Absonderliches zu melden; so polizeilich. Finden Sie nicht auch?«

»Man sollte wohl hingeh’n«, entgegnete Wittekind.

Berthold nickte eifrig; seine jugendliche Phantasie war sogleich erregt. Der Hund bellte lauter, sie folgten seiner Stimme und standen bald neben dem zerrissenen, zerbröckelten Gestein, unter den Bäumen am Abhang. Ein wohlgekleideter Mann lag dort hart am Rand, offenbar in tiefem Schlaf; so unmittelbar über dem jähen Absturz, dass kaum zu begreifen war, dass nicht irgendeine Bewegung im Schlaf ihn in die Tiefe gestürzt hatte. Er lag auf dem Gesicht. Sein Hut war ihm von dem braunen, lockigen Haar herabgeglitten und hing an einer vorspringenden Wurzel. Seine eleganten Schuhe glänzten; der eine war abgestreift, man sah den kleinen, fast zierlichen Fuß in seinem halbseidenen Strumpf.

Ein auffallender, üppig schwüler Duft, wie Blumengeruch, stieg von dem Schläfer herauf. Der Hund, ein schmutzig grauer Rattler, hörte auf zu bellen und sah die Männer erwartungsvoll, mit klug wichtiger Miene an.

Eh’ Wittekind noch hinzutreten konnte, hatte der Alte sich hinabgebeugt, den Schlafenden an beiden Armen gepackt, und hob ihn so in die Höhe, vom Abgrund hinweg. Er setzte ihn dann sanft wieder nieder, mit dem Rücken gegen ein rundliches, bemoostes Felsstück. Man sah nun das Gesicht; es war jung, von ungewöhnlich schöner Farbe, Nase und Mund auch von edlem Schnitt; die Haare fielen in dichten Ringeln über die etwas niedrige Stirn. Die grünlich grauen Augen hatten sich geöffnet; sie schienen sich wieder schließen zu wollen, aber der Anblick dieser über ihn gebeugten Männer weckte doch in dem jungen Mann das Bewusstsein, die Lebensgeister auf. Er blies die Luft verwundert durch die Lippen. Er hob eine Hand zum Ohr und bog es mehrmals zusammen, immer um sich starrend.

Endlich sah er auch die Baumwipfel, die aus der Tiefe hier und da heraufragten, und schien zu begreifen, wo er lag, wo er gelegen hatte. Seine Stirn zog sich, wie vor Schmerz, zusammen. Er seufzte; dann aber suchte er leicht und herzlich zu lächeln und zeigte dabei seine kleinen, perlenhaft glänzenden Zähne.

»Aha! Lebensretter!« sagte er, mit wahrer oder erzwungener Heiterkeit. »Also eingeschlafen; am Abgrund. Ich hätte mir’s denken können – denn ich war so müde. Ergebensten Dank, meine Herren; Sie retten ein junges, hoffnungsvolles Leben. Na, das sehen Sie ja. Meinen ergebensten Dank!«

»Gehört der Hund zu Ihnen?« fragte Saltner trocken.

»Nein; ich weiß nichts von einem Hund. Der da? Ich kenn’ ihn nicht. Hat der mich etwa gerettet? Dann möcht’ ich ihm – — Wir werden ihm nachher eine große Wurst kaufen«, setzte der junge Mann hinzu, statt den andern Satz zu vollenden, und lächelte wieder. Er erhob sich dann langsam auf die Füße. Seine Gestalt war klein neben der des Riesen, aber schlank, aristokratisch; nur die Schultern etwas hoch und spitz. Ein Brillant glänzte auf seiner farbigen Krawatte. Die etwas abgetragenen Handschuhe waren stark mit Erde bedeckt. Er sah das, lachte auf und schlug sie mehrmals stark gegeneinander, wie wenn er Beifall klatschte; dann nickte er dem jungen Berthold, den er verwundert betrachtete, in drolliger Heiterkeit zu und zog den Schuh wieder an, den er verloren hatte.

»Wie kamen Sie denn hierher?« fragte Wittekind.

»Ja, wie kommt man zu solchen Dummheiten!« erwiderte der andre, der sich nun auch den Bart von einigen Erdkrumen reinigte; denn ein lichtbrauner, schöngeformter Schnurrbart kräuselte sich über der Oberlippe. »Ich war da drüben in Salzburg; hatte einen Brief bekommen, dass ich da nichts zu tun hätte, dass ich anderswo – — na, kurz, einen Brief. Ich steige also auf den Mönchsberg, eh’ ich wieder abreise; sehe auf die Stadt hinunter und in die Natur. Und da fallen mir hier so ein paar sonderbare, verrückte Felsen auf; die willst du besteigen! Dacht’ ich. Denn was sollt’ ich sonst? Ich hatte ja nichts zu tun! – Das war heute früh. Ich fuhr auf der kleinen neuen Bahn bis an die Berge, kletterte dann herauf. Und zu guter Letzt – bin ich hier eingeschlafen. Aber die Vorsehung, ohne die bekanntlich kein Sperling vom Dache fällt – — Kurz, da steh’ ich. Ein nützliches, wichtiges Leben ist gerettet. Und da ist ja auch noch mein Hut … Alles ist gerettet!«

Er lachte wieder auf. Es war ein etwas mühsam leichtsinniges Lachen, das Wittekind nicht gefiel. Dagegen erstaunte er, wie schön und dem Ohr sich einschmeichelnd der Fremde sprach; fast ein wenig zu gut, wie oft Schauspieler oder Prediger sprechen. Er fühlte sich an Waldenburgs Art zu reden erinnert. Der junge Mann verzog auf einmal das Gesicht, ward blass, und fragte nach dem nächsten Wirtshaus; es hungere ihn heftig. Auch die Rettungs-Prämie für den Hund, die Wurst, müsse ja gekauft oder gesotten werden.

»Nun, so geh’n Sie mit uns«, sagte Saltner; »zur ›Gemse‹. Da sorgt man für Mensch und Hund!«

»Ich schließe mich Ihnen also an, wenn Sie erlauben«, entgegnete der Fremde und machte sich sogleich auf den Weg.

Im Geh’n fiel ihm ein:

»Ich hatte doch einen Überrock. Wo ist der geblieben? Wo ich lag, da liegt keiner. Ah! Der ist also statt meiner —«

»Hinuntergerollt«, ergänzte der Alte.

»So scheint es. Der Glückliche!« sagte der junge Mann, mit einem verzerrten, unsinnigen Lächeln, das Wittekind sonderbar ergriff. Dann zuckte er die Achseln, und blickte einen der Männer nach dem andern mit jugendlicher Heiterkeit an.

»Jetzt bin ich der weise Bion – oder wie hieß er —: Omnia mea mecum porto! Denn mein bisschen Gepäck, das hab’ ich schon unterwegs verloren, eh’ ich nach Salzburg kam; in irgendeinem Coupé. Ich behalte nichts. Das ist schon mein Schicksal. Also auf zur ›Gemse‹! Ich vergesse«, setzte er hinzu und blieb wieder steh’n: »ich habe mich den Herren noch nicht vorgestellt. Dorsay ist mein Name. Eugen Dorsay. Vierundzwanzig Jahre alt; gegenwärtig – Reisender, oder was Sie wollen.«

Er schob die Füße und die Knie aneinander und verneigte sich mit vollendeter Grazie; die Schönheit seiner Gestalt, seiner Bewegungen war noch auffallender als zuvor. Die Herren erwiderten seine Höflichkeit Als er Wittekinds Namen hörte, stutzte er und betrachtete ihn aufmerksam; aber er blieb stumm.

»Wo ist der Hund?« fragte er nach einer Weile, da sie weitergingen.

Der ›Lebensretter‹ hatte sich ihnen anfangs angeschlossen, stand nun aber hinter ihnen still, wo zwei Waldwege sich kreuzten, und schien noch zu schwanken, wohin er sich wenden sollte.

»Heda!« rief Dorsay. »Her zu uns! – Die Wurst! Vergiss nicht: die Wurst! Der Lohn deiner Tugend!«

Der Rattler ließ sich aber nicht locken; den Schwanz zwischen die Beine nehmend wandte er sich langsam und trabte in anderer Richtung davon.

Dorsay hob die Arme, und mit pathetischen Bewegungen, als stände er auf der Bühne, rief er dem Flüchtling nach:

		»He, Romeo! Mein Vetter Romeo! —
		Bei Rosalindens hellem Aug’ beschwör ich dich,
		Bei ihrer hohen Stirn, den Scharlachlippen…«

Der Hund lief nur umso hurtiger in den Wald hinein. Endlich lachte Dorsay auf. Er wandte sich zu Berthold:

»Sehen Sie«, sagte er, »das ist der Lauf der Welt! Die Tugend geht ohne Lohn davon; und das Laster – — nun, das Laster setzt sich an die Tafel!«

»Bei alledem gestatten Sie mir die Frage«, sagte Saltner mit einem fast grimmigen Gesicht, da er die dicken Brauen tief herunterzog: »was für ein starker, süßer Teufelsduft kommt denn da von Ihnen? Er ist gar nicht übel, aber von einer Gewalt – — Er liegt in der Luft, wie Weihrauch in der Kirche; man riecht ja den Wald nicht mehr.«

Statt zu antworten, griff der junge Mann in die Brusttasche, zog einen mit Golddruck verzierten Brief heraus und hielt ihn dem Alten vors Gesicht.

»Sie meinen, von dem Brief da kommt’s? Nun ja, von dem Brief. Das ist eben der, von dem ich vorhin sagte. Von einer Dame natürlich…«

Er lächelte, gar liebenswürdig leichtfertig, und steckte ihn wieder ein.

»Aber erlauben Sie«, brummte der Alte: »von so einem Brief in der Tasche wird nicht eine ganze Gegend lasterhaft; denn das ist wirklich ein lasterhaft süßer Wohlgeruch. Wenn die Sünde als Weib herumginge, das wär’ ihr richtiger Duft!«

Dorsay lachte laut. Es wirbelte wie eine Art von Musik zu den Wipfeln hinauf; denn diesem etwas bedenklichen Gesellen steckte ein eigener goldener Zauber in der Kehle.

»Sie haben übrigens Recht«, sagte er darauf. »Mein ganzer Rock – — Mir fällt jetzt ein: von demselben Duft hatt’ ich noch einen Rest, den hab’ ich mir, eh’ ich nach Salzburg kam, auf den Rock gegossen. Davon riech’ ich nun so nach Sünde. Pardon! Wie alles vergeht, wird auch das vergeh’n. Sie werden in der ›Gemse‹ staunen, werter Herr, wie tugendhaft ich auch sein kann. Wären wir nur erst dort! Ich hab’ eine Sehnsucht nach allerlei Labsal – und nach Ruhe – nach Kühle – — Mir wird gar nicht gut!«

Er sagte das noch scherzend; es war aber eine letzte Anstrengung, mit der es zu Ende ging. Da sie aus dem Wald in eine Lichtung hinausgetreten waren, die in der Sonne glühte, schien sich dem Fremden ein Druck auf die Augen, auf das Hirn zu legen, wie in zu heißem Bad; er hob seine Hand zum Kopf, sein Gesicht überfüllte sich mit Blut, er begann zu seufzen. Endlich stand er still. Er schwankte.

Saltner und Wittekind, schnell entschlossen und in schweigendem Einverständnis, fassten ihn rechts und links und führten ihn, so eilig wie sie konnten, über die Lichtung fort; der eine mehr als mannesstark, der andre von Riesenkraft: so trugen sie die schlanke, leichte Gestalt fast mehr, als sie sie führten. Er widerstrebte nicht, er sprach auch nicht; mit geschlossenen Augen seufzte er zuweilen leise vor sich hin.

Als sie dann in neuem Wald, auf dem Wege, der Wittekind gestern zur ›Hedwigsruhe‹ geführt hatte, vollends abwärts stiegen, schien die Schwäche von ihm zu weichen; er beteuerte mit freilich noch matter Stimme, er könne allein gehen, er bedürfe keiner Hilfe mehr. Doch in der Nähe der ›Gemse‹, da ihm die Sonne wieder auf den Scheitel brannte, begann er in erschreckender Weise zu stöhnen, und seine Glieder wurden wie Binsen, alle Kraft verließ ihn. Sie schleppten ihn noch eine Weile auf der Straße fort; etwa zwanzig Schritte vom Wirtshaus sank er ihnen bewusstlos aus den Armen.

Kathi stand vor der Tür, unter dem kleinen Schutzdach. Sie stieß den Schrei aus, den der junge Mann im Fallen unterdrückt hatte, lief herbei und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Indessen hatten die beiden Männer den Ohnmächtigen bald emporgehoben, Berthold half ihn tragen, soviel man ihm übrig ließ, und so kamen sie in das Haus und die Treppe hinauf. Sie legten ihn auf das Bett, in welchem Waldenburg diese Nacht geruht hatte. Er lag blass wie ein Toter da; einen Augenblick war Wittekind, als sähe er Waldenburgs kaltes, stilles Gesicht; aber der Ort, die Erinnerung an das hier geführte Nachtgespräch mochte ihn so täuschen und verwirren. Jedenfalls verflog die Ähnlichkeit bald. Dorsay lag lange, ohne sich zu regen; allmählich kehrte den blassblauen Lippen ihre Röte wieder, er schlug auch die Augen auf. Es währte aber noch eine Weile, bis sein Bewusstsein erwachte und er mit einem eigentümlichen Ausdruck von Pein nach etwas Wasser verlangte. Kathi, die ihn schon lange voll Mitleid betrachtet hatte, stürzte hinunter, um ein Glas zu füllen.




Конец ознакомительного фрагмента.


Текст предоставлен ООО «ЛитРес».

Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=48632308) на ЛитРес.

Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.


