Herd und Schwert
Fritz Skowronnek




Fritz Skowronnek

Herd und Schwert Ein Roman aus Ostpreußen





Erster Teil





1. Kapitel


Herr von Rosen auf Berschkallen hatte das Zeitliche gesegnet. Von seinem Wahlspruch: ‘Lustig gelebt und selig gestorben, hat dem Teufel die Rechnung verdorben’, hatte er nur den ersten Teil befolgt. An der Erfüllung des zweiten Teils hatte ihn sein plötzlicher Tod verhindert. Zur gewohnten Stunde, pünktlich wie immer, war er nachts um zwei Uhr von seinem Jugend- und Busenfreund Braczko heimgekehrt, hatte sich vergnügt zu Bett gelegt und war sanft eingeschlafen…

Nicht einmal die gewohnte Stellung, auf der rechten Seite, das linke Bein über das Deckbett geschlagen, hatte er geändert. Mehrmals war sein alter Diener Jons durch das verdunkelte Zimmer gegangen und hatte nicht gewagt, den Schlummer seines Herrn zu stören.

Erst als es zu Mittag ging, hatte er sich entschlossen, an das, Bett zu treten und halblaut zu sagen:

»Gnädiger Herr, es ist Zeit, aufzustehen.«

Wie der Blitz war die Erkenntnis in ihn eingeschlagen, dass sein Herr nicht mehr unter den Lebenden weilte. Da hatte er sich auf den Bettrand gesetzt und hatte lange das stille Gesicht betrachtet, das im Tode noch ebenso jovial gutmütig aussah wie im Leben. Dann hatte er sich die Tränen abgewischt und war mit ruhiger, unbeweglicher Miene, wie sie ihm in seinem Beruf zur Gewohnheit geworden war, zur Gnädigen ins Zimmer getreten und hatte gewartet, bis sie nach seinem Begehr fragte.

»Melde gehorsamst, dass der gnädige Herr sanft eingeschlafen ist.«

Die alte Dame lehnte sich in ihrem Fahrstuhl zurück und schloss die Augen.

Leise fuhr Jons fort:

»Der gnädige Herr sind ganz sanft eingeschlafen. Wie er sich zu Bett gelegt hat, liegt er noch jetzt.«

Ein müdes Kopfnicken.

»Schicken Sie mir Grundmoser her.«

Eine kleine Handbewegung; er war entlassen.

Schweigend machte Jons kehrt und ging hinaus, um seinem Herrn den letzten Dienst zu erweisen, ihn zu waschen und anzukleiden.

Bald nach Mittag wurde der schwere schmucklose Eichensarg aus dem Kirchturm, wo er schon jahrelang in fester Umhüllung bereit stand, geholt, und als der trübe Herbstabend herabsank, war der Gutsherr von Berschkallen auf der Diele aufgebahrt. Ein Dutzend armdicker Wachslichter spendeten ihm das letzte Licht auf dieser Erde.

Bald nach dem Abendbrot kam sein Freund Braczko. Seit rund zwanzig Jahren hatte es kaum einen Abend gegeben, an dem die beiden nicht ihren Rotspohn miteinander getrunken hätten. Den einen Abend in Berschkallen, den anderen in Keimkallen.

Viel gesprochen wurde dabei nicht, selbst das Zuprosten hatten sie sich im Laufe der Zeit abgewöhnt, es genügte ja, wenn einer das Glas zum anderen erhob. Nur gegen ein Uhr pflegte der Gastgeber zu fragen: »Nehmen wir noch eine?«

Das war auch überflüssig, denn es pflegte nie vorzukommen, dass der andere die Frage verneinte.

Braczko hatte kein Wort gesagt, keine Frage getan, als er vom Wagen stieg. Der helle Lichterschein, der ihm von der Diele entgegen strahlte, sagte ihm alles. Still trat er an den Sarg und strich dem toten Freund über das stille Gesicht.

»August, warum hast du mich verlassen? Was soll ich armes Wurm jetzt allein anfangen? Das Beste war’, wenn Er mich jetzt auch holte.«

Dann hatte er sich in den Ledersessel am Kamin niedergelassen, in dem er immer zu sitzen pflegte. Jons hatte ihm wie immer die gewohnte Marke Rotwein gebracht und das erste Glas eingegossen, das Braczko zu seinem Freund hob…

Von den Wänden der Diele sahen sie Jagdtrophäen, die das alte Geschlecht im Laufe von vier Generationen zusammengebracht hatte, auf den Letzten des Stammes herab, der die letzten Stunden unter seinem Dache weilte. Da hingen ausgestopfte Köpfe vom Elch, Hirsch und Wildschwein, dazwischen mächtige Geweihe und altes Gewaffen, wie man es früher im Nah- und Fernkampf gegen starkes Wild gebrauchte.

Drei Nächte hielt Braczko bei seinem toten Freund und Rotspohn die Leichenwacht.

Das letzte Glas, das er ausgetrunken hatte, warf er in den leeren Kamin, dass es in tausend Scherben zersplitterte…

Das war weiter nichts als das Symbol für das Ende einer unwandelbaren treuen Freundschaft, nicht etwa die Bekräftigung eines Gelübdes zur Enthaltsamkeit, denn Herrn Braczko auf Keimkallen hat der Rotspohn noch manches Jahr gemundet…

Am meisten Arbeit von dem Todesfall hatte Fräulein Marie Brinkmann, die »Mamse1lchen«, wie sie als Beherrscherin der Küche genannt wurde, denn es wurde gesotten, gebraten und gebacken, wie es zu einem großen Schmaus erforderlich ist. Die Margellen[1 - Margell: Lituanismus für junges Mädchen.], die den Kuchenteig kneteten und walkten, mussten, wie es die alte Sitte verlangte, tüchtig dabei juchzen, damit der Kuchen gut geriet, denn Mamsellchen wollte auch beim Begräbnis ihres Herrn mit ihrer Kunst Ehre einlegen.

Mehr als anderswo haben sich dort hinten, fern im Osten, wo der deutsche Grundbesitz treue Macht hält gegen das andräuende Moskowitertum, die allen Gebräuche erhalten. Das Begräbnis ist nicht bloß ein Akt stiller Teilnahme für die Leidtragenden, sondern ein Opferfest, für den Entschlafenen, dem man bei kräftigem Schmaus und Trunk die rühmenden Nachreden nachschickt … ein Überrest aus den Zeiten des Heidentums, als man dem Tod noch nicht so wehleidig gegenüberstand als jetzt … Vielleicht muss man hier die Gegenwart ausnehmen, die uns wieder gelehrt hat, den Tod als die Krönung der Tapferkeit und Pflichterfüllung im Dienste des Vaterlandes zu bewerten …

Der kleine Kirchhof hatte nicht hingereicht, die Menge zu fassen, die dem Herrn von Berschkallen das letzte Geleit gegeben hatte.

Rings um den niedrigen Zaun standen die Menschen in dichten Reihen.

Auf der Diele am offenen Sarge hatte der Pastor Schimkus dem entschlafenen Jugendfreunde, der ihn von der Hochschule nach bestandenem Examen zum Seelsorger seiner Gutsleute berufen hatte, die Leichenrede gehalten. Er konnte ihm nachrühmen, dass er ein tüchtiger Wirt und seinen Leuten allzeit ein gütiger Herr gewesen, dem droben im Himmel ein gerechter Richter den gebührenden Platz in Abrahams Schoß anweisen würde.

Über den reichlichen Abendtrunk seines Gutsherrn dachte er wohl ebenso milde wie jener Kandidat, der die heikle Aufgabe zu erfüllen hatte, in der Probepredigt gegen Völlerei und Schlemmerei zu sprechen und auf den anwesenden Schlossherrn, der die Freuden der Tafel sehr liebte, die Nutzanwendung zu machen. Seine beiden Mitbewerber hatten sich mit Ach und Krach um die Aufgabe herumzudrücken versucht.

Er jedoch donnerte wie ein Held gegen die faulen Bäuche, dass alle Hofschranzen, vom Hofmarschall bis zum Diener, vor Schrecken erbleichten. Und dann kam die Nutzanwendung auf den gestrengen Patron:

»Was aber unseren allergnädigsten Landesherrn betrifft, der hat’s, dem schmeckt’s, wohl bekomm’s ihm, amen!«

Der weißköpfige Schimkus machte sich die Sache noch leichter. Er stellte dem fröhlichen Genießen des Lebens und all der guten Gottesgaben, die auf dieser Erde zu finden sind, die ernste Arbeit gegenüber, die der Entschlafene als Verwalter einer großen Begüterung mit sichtlichem Erfolg und reichlichem Segen geleistet hatte. Mit der von christlicher Anschauung gebotenen Einschränkung, dass wir allzumal Sünder sind und vor Gott des Ruhmes ermangeln, war auch dem Gerechtigkeitsgefühl aller Anwesenden reichlich Genüge geschehen.

Mit stillem, unbewegtem Gesicht saß die nun verwitwete Frau Christine von Rosen in ihrem Rollstuhl. Eine Erkältung bei einem schweren Gichtanfall, der ihr die Knie verkrümmt hatte, hatte ihr auch das Augenlicht geraubt … Nur ein schwacher Schimmer drang noch in ihre Augen…

Hatte das schwere Leid, das sie in sich selbst trug, sie gegen Schicksalsschläge abgestumpft? Oder war der Tod des Gatten kein Verlust mehr für sie? Von den Anwesenden wusste mancher, dass es keine Liebesheirat gewesen, wenigstens nicht von ihrer Seite, die das Paar zusammengeführt hatte.

Aber sie war dem Manne mehr als ein Menschenalter hindurch eine treue Gefährtin gewesen. Und die Nahestehenden wussten, dass sie von Anbeginn an die Zügel der Wirtschaft in festen, rastlos[2 - Original: „ratlos“.] schaffenden Händen gehalten, und dass der größte Teil des Lobes, den der Pastor dem Entschlafenen gespendet, ihr gebührte.

Der alte Inspektor Grundmoser, der mit seinem Herrn alt und grau geworden war, hätte noch hinzufügen können, dass alle Verbesserungen von ihr ausgegangen wären. Erblindet, gelähmt, hatte sie vom Fahrstuhl aus jeden Abend, während ihr Mann hinter der Flasche saß, die Anordnungen getroffen, die bei solch einem großen Gut erforderlich sind. Wer all das wusste, wunderte sich nicht darüber, dass ihre lichtlosen Augen keine Tränen mehr für den toten Gatten aufzubringen vermochten … Was ihr durch den Sinn ging, als der Sarg, dem sie des schlechten Weges und Wetters wegen nicht das Geleit zum Kirchhof geben konnte, von starken Männern aufgehoben und hinausgetragen wurde, konnte niemand wissen …

Ihre Stelle am offenen Grab wurde vollkommen von Braczko ausgefüllt, der dem Toten die ersten drei Hände voll Erde nachwarf. Und dann kamen alle und drückten ihm in ehrlicher Teilnahme die Hand, denn alle wussten, wie viel er verloren hatte…

Beim Kaffee und Kuchen herrschte im Trauerhaus noch die wehmütige Stimmung vor. Man sprach mit gedämpfter Stimme.

Aber bald, nachdem Frau von Rosen sich in ihr Zimmer hatte hinausfahren lassen, wurden die Reden lauter. Gute Freunde, alte Bekannte, die das traurige Ergebnis von weither zusammengeführt hatte, setzten sich zueinander, um sich zu berichten, wie es ihnen solange ergangen wäre.

In einem Kreise der näheren Bekannten, der sich um Braczko geschart hatte, wurde die Vergangenheit durchgesprochen, wobei sich recht oft die Veranlassung ergab, dem Entschlafenen ein stilles Glas zu weihen. Der Pastor erzählte mit einem Schuss dankbarer Rührung, wie ihn das Schicksal mit dem jungen Gutsherrn, der zu seinem Vergnügen einige Semester in Königsberg studierte, zusammengeführt hatte. Auf der Mensur hatten sie sich kennen gelernt.

»Die Normannen,« so erzählte der alte Herr, und das Feuer fröhlicher Erinnerung sprang dabei aus seinen Augen, »hatten bei uns Balten für Rosen wegen einer gleich starken Partie anfragen lassen. Wir waren damals nicht viel Aktive, ich glaube sechs Mann. Ich hatte erst dreimal, allerdings mit Glück, gefochten. Aber Rosen hatte schon mindestens sein Dutzend Mensuren hinter sich und fast stets abgestochen. Mir war die Sache gar nicht recht, aber als unser Fechtwart fragte: ‘Schimkus, willst du antreten?’ da gab es keine Weigerung…  Ich kann jetzt als alter Mann wohl eingestehen, dass mir ganz kodderig zumute war, als ich bandagiert wurde. Unser Erster, der mir sekundierte, ruckte mich zusammen. ‘Wenn du deine Tiefquart mit der Terz hinterher einmal anbringst, hast du gewonnen …’

Gleich beim zweiten Gang kratzte ich Rosen mit einer Terz. Das erste Blut auf Gegenseite gab mir die Ruhe und kühle Entschlossenheit wieder. Aber erst kurz vor dem Stellungswechsel gelang es mir, meinen Doppelhieb anzubringen … Die tiefe Quart parierte Rosen, aber die Terz kam ganz ungedeckt hinein …«

Der alte Herr machte eine kleine Pause und nahm einen Schluck. Dann fuhr er fort: »Es war eine starke Abfuhr … Kaum war Rosen genäht, als er mich auffordern ließ, den Abend bei ihm zu verleben. Da haben wir Schmollis getrunken…

Die Mensur, die uns zusammengeführt hatte, entschied auch über mein ferneres Leben. Wir hatten im Blutgericht mein zweites Examen sehr energisch begossen. Am anderen Morgen weckte mich Rosen: ‘Mensch, sorg’ bloß schnell für eine Quarr, du hast schon eine Pfarr’.’

Ganz verständnislos sehe ich ihn an.

‘Du musst dich schon etwas deutlicher ausdrücken.’ ‘Sehr einfach,’ erwidert er, ‘mein alter Pastor in Berschkallen ist gestern gestorben, du sollst sein Nachfolger werden’.«

»Na, die Quarr hattest du doch schon in Bereitschaft«, fiel Braczko lachend ein.

»Das kann – ich nicht leugnen … ich war schon im Stillen verlobt«, erwiderte der Pastor behaglich schmunzelnd. »Und ihr wisst ja alle, dass ich auch mit meiner Gattin, die mir der Tod viel zu früh entrissen hat, in den Glückstopf gegriffen habe.«

»Ob man das auch von dem Verstorbenen sagen kann?«, warf ein junger Gutsbesitzer ein.

Braczko sah ihn strafend, fast wütend an.

»Wenn Sie älter wären, würden Sie so was nicht fragen … nicht wahr, Gruber?«, wandte er sich an seinen Nebenmann, »die Christine von Berg war das schönste Mädel, das man sich denken kann. Gewachsen wie ein Licht, und das Gesicht, na wie sagt man gleich … wie Milch und Blut und dazu die dunklen Augen … Wir alle, die wir damals jung waren, flogen um sie herum Wie die Bienen um den blühenden Lindenbaum …«

»Es wird doch erzählt, dass sie vorher schon mit dem damaligen Forstassessor Mertinat so gut wie verlobt gewesen ist,« warf wieder derselbe ein.

»Das ist ein dummes Gerede,« erwiderte Braczko heftig, »dem ich bei dieser Gelegenheit den Kopf zertreten möchte. Der Forstassessor Mertinat war einer von den vielen, ich war auch darunter, die sich um Christine von Berg bewarben. Ich kann Ihnen auch sagen, dass er um einen Tag zu spät gekommen ist. Am Tage zuvor hatte sie meinem Freund Rosen das Jawort gegeben. Aus Ärger verlobte sich Mertinat wenige Tage später mit seiner nachmaligen Frau …«

»Ach, das war wohl der Grund zu der Feindschaft zwischen den beiden Frauen?«

»Eine andere Ursache ist uns hier nicht bekannt geworden,« erwiderte Braczko, »aber sie genügt nach meiner Ansicht vollkommen, wenn die richtige Frau merkt, dass sie sozusagen nur der Notnagel gewesen ist, dass der Herr Gemahl noch immer um die andere herumschleicht wie der Marder um den Taubenschlag. Aber Rosen war auf dem Posten, und vor allem: Frau Christine war unnahbar. Wenn wir sie heute anstatt ihren Mann begraben hätten, dann könnte ich auch nichts anderes von ihr sagen.«

»Ich möchte noch was hinzufügen,« fiel Gruber ein. »Ich weiß von meiner Frau, wie schwer Christine von Rosen daran getragen hat, dass sie kinderlos blieb.«

»Na, meinst du, Rosen hat das nicht auch empfunden? Weshalb hat er denn so tief in die Flasche gesehen, bis ihn die Wurschtigkeit und der Stumpfsinn überkamen?«

»Und weshalb hast du es getan?«

Braczko setzte eine entrüstete Miene auf.

»Sollte ich ihn dabei allein lassen? Das tut nicht gut, wenn einer allein hinter der Flasche sitzt. Na und dann ist es uns beiden zur Gewohnheit geworden. Ich weiß bloß nicht, was ich morgen Abend anfangen soll.«

»Na für morgen lade ich dich ein,« erwiderte Gruben.

»Und ich lade dich für übermorgen ein,« fügte der Pastor hinzu.

Gerührt streckte[3 - Original: „steckte“.] Braczko seine Hände nach beiden Seiten aus.

»Ich danke euch … und nun noch was Wichtiges. Ich kann heute Abend bei der Tafel nicht sprechen. Mir würde dabei das Tränentöppchen umkippen. Das musst du Pastor besorgen.«

Es war lange nach Mitternacht, als Braczko als Letzter das Trauerhaus verließ.

Was er nie in seinem Leben getan, tat er heute. Er reichte Jons die Hand, schüttelte sie kräftig, als wolle er ihm sein Beileid ausdrücken, und sagte halb gerührt, halb grimmig: »Einmal müssen wir doch alle daran glauben. Gute Nacht Jons…«
















2. Kapitel


Es war nicht vielen bekannt, wie wenig Herr von Rosen und wie viel seine Frau mit der Leitung der Wirtschaft und des Gutes zu tun gehabt hatte. Deshalb wurde sehr eifrig die Frage erörtert, was die arme erblindete und verkrüppelte Witwe nun anfangen würde.

Auch die Frage war aufgetaucht, wer schließlich mal das schöne große Gut erben sollte. Der Verstorbene war der letzte seines Stammes gewesen und besaß gar keine Verwandte, aber auch gar keine, nicht einmal von seiner Mutter Seite her.

Frau von Rosen sollte allerdings weitläufige[4 - Original: „weitläuftige“.] Verwandte im Reich haben, eine Kusine, die an einen kleinen Beamten verheiratet war. Es schienen aber gar keine Beziehungen zwischen ihr und der Verwandtschaft zu bestehen, denn es war nie einer von ihnen nach Berschkallen zum Besuch gekommen, und auch von einem Briefwechsel wusste man nichts.

Wenn Frau von Rosen mit Hilfe des Notars ein Testament errichtet hätte, so würde man wenigstens diese Tatsache wissen. So etwas pflegt auf dem Lande durchzusickern, und der Notar hätte wohl auch kein Hehl daraus gemacht, dass und zu welchem Zweck er in Berschkallen gewesen wäre.

Solch ein Rätsel bietet bei einem Begräbnis einen sehr ergiebigen Gesprächsstoff, weil er den weitesten und gewagtesten Vermutungen Spielraum lässt. Aber obwohl sich ein Dutzend flinker Jungen mit der Lösung des Rätsels beschäftigten, blieb es doch völlig dunkel, was dereinst aus Berschkallen werden sollte.

Wie interessant wäre es da den Teilnehmern des Begräbnisses gewesen zu erfahren, dass zu derselben Zeit, als sie sich den Kopf zerbrachen, Frau Christine in ihrem Zimmer einen langen Brief schrieb. Das war ein mühseliges Geschäft für eine alte Frau, die von dem Briefbogen nur gerade noch einen schwachen Schimmer vor sich erblickte.

Trotzdem flog ihre Hand mit dem Bleistift rastlos über den Bogen, während die Linke zuerst den oberen und dann auch den unteren Rand abtastete und auch beim Beginn der Zeile den Bleistift hinderte, zu früh zu beginnen. So füllte sie Seite auf Seite mit großen, steifen Buchstaben, wie sie nur selten von einer Frauenhand gestaltet werden. Aber die Hand, die da schrieb, war schon seit langen Jahren gewohnt, schwere Zügel zu führen, und die steifen Buchstaben waren der sichtbare Ausdruck eines starken, festen Willens.

Schließlich hob Frau von Rosen zu Lottchen, ihrer Vorleserin, die über ein Buch gebeugt ihr gegenüber saß, den Kopf:

»Geben Sie mir einen Umschlag. So, danke, und nun setzen Sie sich an meinen Tisch und schreiben Sie die Adresse: ‘Herrn Assessor Kurt v. Berg, Rheinsberg i. d. Mark’. Haben Sie, ja? Der Brief wird eingeschrieben geschickt. Und nun rufen Sie mir Dore, dass sie mich zu Bett bringt. Ich brauche Sie heute nicht mehr. Gute Nacht.«

»Ach, gnädige Frau, ich bleibe noch gern bei Ihnen und lese Ihnen noch etwas vor. Sie werden noch nicht einschlafen können.«

Auf das Gesicht der alten Dame trat ein milder, freundlicher Ausdruck:

»Sie gute Seele! Nein, gehen Sie nur ruhig schlafen, ich habe heute noch manche Stunde mit meinen Gedanken zu tun.«

Assessor von Berg hatte sich gerade von seinem Nachmittagsschläfchen erhoben und rüstete sich zu dem Dämmerschoppen, den er im Ratskeller einzunehmen pflegte. Selbst wenn man der größte Naturschwärmer ist, oder sich aus Sparsamkeitsrücksichten die regelmäßige Teilnahme an den Kneipereien der Honoratioren versagen will oder muss, kann man sich in solch einem kleinen Nest nicht ganz von der Geselligkeit abschließen, um nicht als hochmütiger oder menschenscheuer Sonderling zu gelten. Selbst den Anschein erzwungener Sparsamkeit muss man zu vermeiden suchen.

Da ist der Dämmerschoppen eine segensreiche Einrichtung. Man kann sparsam trinken und hat immer Veranlassung, zum Abendbrot die Sitzung abzubrechen. Und das ist sehr angenehm für einen Assessor, der von den Diäten eines mageren Kommissoriums leben, Wohnung, Essen und Kleidung bestreiten soll. Das ist wirklich eine schwere Aufgabe für einen jungen lebenslustigen Mann, wie es Kurt von Berg war, der von Hause aus mit so wenigen Glücksgütern gesegnet war, dass er schon als Student und später als Referendar Musik- und Unterrichtsstunden erteilen musste, um sich durchzuschlagen.

Ab und zu erfreute ihn das Schicksal durch ein paar hundert Mark, die ihm im Auftrage eines unbekannten Wohltäters von einer Bank zugeschickt wurden. Die Bank vermittelte auch seine Dankesbriefe, in denen er seinem unbekannten Wohltäter von seinem Leben und Streben einen wahrheitstreuen Bericht abzustatten pflegte. Aber den Namen konnte er nicht in Erfahrung bringen.

Der Assessor hatte seinen stattlichen Schnurrbart in die Binde gelegt und beschäftigte sich eben mit den Nägeln seiner wohlgepflegten Hände, nicht aus Eitelkeit, sondern, weil sie ihm zur Handhabung seiner mit Meisterschaft gespielten Geige wertvoll waren, als der Briefträger ihm einen eingeschriebenen Brief und einen Geldbetrag, der die bisherigen Sendungen um das Doppelte übertraf, brachte.

Mit begreiflicher Neugier griff er nach dem Brief, dessen Poststempel beim besten Willen nicht zu entziffern war. Die dünne kleine Handschrift der Adresse, die ohne Zweifel von Frauenhand herrührte, war ihm ganz fremd. Was konnte ein unbekanntes weibliches Wesen ihm so Wichtiges mitzuteilen haben, dass ihm der Brief eingeschrieben zugestellt werden musste.

In Gedanken nahm er den Abschnitt der Postanweisung zur Hand, den der Briefträger neben das Geld auf den Tisch gelegt hatte und warf einen Blick darauf. Da stand diesmal nicht der Stempel der Bank, sondern in kräftiger Handschrift: Absender Frau von Rosen geb. von Berg, Berschkallen.

Er hatte als seine Wohltäter bis jetzt zwei junge baltische Edelleute, von Roth, im Verdacht gehabt, mit denen ihn die Musik zusammengeführt hatte. Er hatte sich einmal auf ein Inserat, in dem ein guter Violinspieler für ein Liebhaberquartett gesucht wurde, gemeldet und hatte dadurch die beiden Brüder, die ebenso eifrig und künstlerisch die Musik pflegten, wie er, kennen gelernt.

Vor Jahren schon waren die Brüder in ihre Heimat, in die baltischen Provinzen Russlands zurückgekehrt, wo sie die durch den Tod ihres Vaters, geerbten Güter übernehmen mussten. Und in dieser Annahme hatte er in seinen Briefen einen frischen Ton mit einer Vertraulichkeit angeschlagen, wie man sie einem gleichgesinnten und befreundeten jungen Mann gegenüber anwenden kann.

Jetzt fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Der Wohltäter war die alte, sozusagen verschollene Tante gewesen, die weit hinten in Ostpreußen an einen Gutsbesitzer verheiratet war. Was mochte das für ein Anlass sein, der ihm die erkleckliche Geldsumme ins Haus trug?

Jetzt riss er den dicken Brief auf, aus dem ihm eine Anzahl mit einer großen unregelmäßigen Handschrift beschriebener Bogen in die Hand fiel. Zuerst sah er nach der Unterschrift. Richtig!

»Deine alte Tante Christine.«

Und dann las er und las.

Er vergaß, die Schnurrbartbinde abzunehmen, er vergaß Dämmerschoppen und Ratskeller und die fröhlichen Genossen, die gewiss schon mehrmals nach der Uhr gesehen und vorwurfsvoll gefragt hatten: »Wo bloß heute der Assessor steckt?«

Dann setzte er sich in da alte ehrwürdige Sofa, dessen steife Lehnen so wenig für die Bequemlichkeit des Zimmerbewohners gemacht waren. Aber man konnte wenigstens den Ellbogen aufstützen und den Kopf in die Hand legen. Das pflegt mancher zu tun, dem sich wie ein Blitz aus heiterem Himmel die Gewissheit aufdrängt, dass er an einem Wendepunkt seines Lebens und seines Schicksals angelangt ist, wenn er nur den Mut hat zuzugreifen und von dem Lebensweg abzubiegen, den man sich unter Not und Sorgen erkämpft hat und den man bis zu Ende zu gehen entschlossen war.

Allerdings nicht aus besonderer Vorliebe für den erwählten Beruf, sondern Kurt von Berg war Jurist geworden, weil er für die anderen drei Fakultäten noch weniger Vorliebe hatte und weil ihm die juristische Laufbahn die Möglichkeit bot, irgendwo und irgendwann eine erträgliche Stellung zu erwischen. Dabei hatte er natürlich nie an die Möglichkeit denken können, die sich jetzt ihm darbot, Gutsbesitzer in Ostpreußen zu werden.

Wie groß mochte das Gut sein? Weshalb schrieb die alte Dame, die plötzlich den Einfall hatte, ihn zu ihrem Erben einzusehen, nichts darüber? Vielleicht war der Tausch, wenn sie die Verhältnisse ihm von vorn herein klarlegte, gar nicht der Mühe wert? Was wusste sie denn von ihm, wie war sie auf den Gedanken gekommen? Was er von ihr bis dahin gewusst hatte, war herzlich wenig. Seine Eltern hatten nie von dieser Tante gesprochen. Nur einmal hatte er in einem alten Album das Bild einer jungen Dame gefunden, in der verschrobenen Tracht der siebziger Jahre. Trotzdem sagte ihm der erste Blick, dass das Bild ein sehr schönes junges Mädchen mit einer prachtvollen Figur darstellte.

Seine Mutter hatte ihm auf seine Frage nach der Person dieses Bildes mit deutlicher Ablehnung im Ton die Antwort gegeben, dass es eine entfernte Verwandte wäre, die in ihrer Jugend gegen den Willen der Eltern aus dem Elternhause gegangen und sich in Ostpreußen als Wirtin auf einem Gut mit ihrem Gutsherrn verheiratet hätte.

Kurt hatte damals trotz seiner Jugend die starke Missbilligung und Abweisung, die in den Worten seiner Mutter lag, herausgefühlt. Den Anlass dieser Missbilligung konnte sowohl ihr Verlassen des Elternhauses, wie ihre Heirat gegeben haben.

Nun schrieb ihm diese Tante, dass sie blind und gelähmt im Rollstuhl sitze und dass er kommen möge, um ihr die Last abzunehmen. Er nahm den Brief wieder zur Hand und las ihn zum zweiten Mal langsam durch. Manches hatte er in der Hast beim ersten Lesen über· flogen, ohne dass es ihm recht zum Bewusstsein gekommen war.

Da schrieb sie ja auch über die Ursache ihres Zerwürfnisses mit seinen Eltern. Seine Mutter habe ihr den schwersten Vorwurf daraus gemacht, dass sie gegen den ausdrücklichen Willen ihrer Eltern als junges Mädchen in die weite Welt gegangen wäre, um sich auf eigene Füße zu stellen und sich selbst ihr Brot zu verdienen. Sie wies diese Vorwürfe kurz und bündig damit zurück, dass sie die Enge und die Armseligkeit und die Gebundenheit im elterlichen Hause nicht habe ertragen können. Sie habe mit der Aussicht rechnen müssen, als alte Jungfer mit ihrer Mutter von einer kärglichen Pension zu leben, und nach dem Tode der Mutter hätte sie vor dem Nichts gestanden.

»Wie man es mir zum Vorwurf anrechnen kann, dass ich meinen Mann, der mich ehrlich und aufrichtig liebte, geheiratet habe, begreife ich nicht. Dass ich als seine Bedienstete ihn auf unlautere Weise dazu gebracht hätte, mich zu heiraten, ist eine Annahme, die nur aus der in der Familie gegen mich herrschenden feindseligen Stimmung zu erklären ist. Mein Mann warb ehrlich und anständig um mich und ich verließ sofort, nachdem ich ihm mein Jawort gegeben hatte, sein Haus, das ich erst wieder nach unserer Hochzeit betrat. Ein Annäherungsversuch wurde von deinen Eltern schroff zurückgewiesen. Das wird dir wohl zur Genüge erklären, weshalb ich mich nicht mehr um sie gekümmert habe. Aber um dich habe ich mich gekümmert. Ich weiß ganz genau, wie du dich als Student und Referendar hast durchschlagen müssen, und entnehme daraus die Gewissheit, dass du genügend Energie und Gewandtheit besitzt, um dich auch in die Pflichten eines Landwirts einzuleben.«

Tante Christine hatte sich anscheinend die Tragweite ihres Vorschlages, ja sogar einen möglichen Fehlschlag ihrer Zukunftspläne reiflich überlegt, denn sie gab ihm den Rat, sich zunächst mal für ein halbes Jahr oder ein ganzes von seiner Behörde beurlauben zu lassen, um sich die Rückkehr in seinen Beruf offen zu halten.

Das war ein guter Rat, der ihm den Entschluss wesentlich erleichterte. Im schlimmsten Fall konnte er ein halbes Jahr verlieren.

Wieder und immer wieder überlas er den Brief, um daraus ein Bild von dem Wesen und der Persönlichkeit seiner Tante zu gewinnen, mit der er und unter der er die nächste Zeit verleben sollte. Sie war ohne Zweifel eine willensstarke Frau, denn sie berichtete, dass sie schon seit vielen Jahren die Hauptlast bei der Leitung des Gutes habe tragen müssen.

Er konnte sich gar nicht vorstellen, wie sich sein Leben dort hinten an der russischen Grenze abspielen würde. Das würden stille einsame Abende mit einer kranken alten Frau werden, einer alten Frau, deren Wohlwollen er sich erwerben musste, um an das Ziel, das sie ihm in Aussicht stellte, zu gelangen.

Ob der Einsatz doch nicht etwas zu groß und zu schwer war, wenn die alte Dame auch späterhin ihre leitende Stellung beibehalten wollte? Er stand auf und ging einige Male nachdenklich im Zimmer auf und ab. Dabei kam er an dem Spiegel vorbei, der ihn daran erinnerte, dass er noch immer seine Schnurrbartbinde trug.

Da lachte er laut auf, tat die Binde ab, zog seinen Rock an und schloss das Geld ein.

Dann nahm er Hut und Stock und ging in den Ratskeller zum Dämmerschoppen. Er wollte heute Abend einen tiefen Trunk tun und morgen früh noch einmal die ganze Sache in Ruhe überlegen. Ob er aber heute Abend einen guten Gesellschafter abgeben würde? Das war in der Tat nicht der Fall. Mehrmals ertappte er sich selbst und die anderen ihn, dass er nicht gehört hatte, was von der Tafelrunde gesprochen wurde. Natürlich erfolgten darauf die am Stammtisch üblichen derben Scherze über Verliebtheit und dergleichen. Er fühlte dabei eine innerliche Belustigung. Wenn die Tafelrunde wüsste, dass er sich in diesem Augenblick beinahe schon als ostpreußischer Großgrundbesitzer fühlte.

Dann ertappte er sich selbst dabei, wie sehr ihn der Gedanke beschäftigte, wie groß wohl das Berschkallen sein könnte, und aus diesen Gedanken heraus fragte er den Kollegen, der das Grundbuch des Kreises führte, ob es keine Möglichkeit gebe, Näheres über ein Gut in Ostpreußen zu erfahren. Natürlich erfolgte zunächst die Frage, was ihn dazu veranlasse.

»Ach, da hat ein Verwandter ein Gut gekauft und ich möchte gern wissen, ob er sich nicht bekauft hat.«

»Wie heißt denn das Gut?« fragte der Kollege. »Ich bin doch Jahre lang in Ostpreußen gewesen und kann es Ihnen vielleicht sagen. Berschkallen? Hm, soviel ich mich erinnere, ja warten Sie mal, das gehört ja einem Herrn von Rosen.«

»Das stimmt, er ist gestorben.«

»Na, ganz jung ist er wohl nicht mehr gewesen, ob er aber von dem Gut viel übrig gelassen hat, ist eine andere Frage. Das war schon damals ein doller Heiland, aber das Gut ist, soviel ich mich erinnere, sehr stattlich. Ich möchte fast sagen, es ist selbst für ostpreußische Begriffe recht groß. Warten Sie mal, tausend ja, nun seien Sie mal offen, die Frau von Rosen war ja eine geborene von Berg. Sollte das nicht eine Verwandte von Ihnen sein?«

»Stimmt auffallend, lieber Herr Kollege. Ich erzähle Ihnen morgen Näheres darüber, was mich zu der Frage veranlasst hat.«
















3. Kapitel


Es waren doch sehr, gemischte Gefühle, mit denen Kurt von Berg in Berlin den Zug bestieg, um nach Ostpreußen zu fahren. Seine Vorstellungen über Land und Leute an der russischen Grenze waren ungefähr dieselben, wie die aller Gebildeten. Litauer und Masuren stellte er sich als halbwilde Völkerschaften vor, etwa auf demselben Kulturzustand, wie den russischen Bauer, dessen Lebensinhalt darin besteht, dass er alles, was er einnimmt, möglichst schnell in Schnaps umsetzt.

Er hatte vor kurzem Gustav Freytags Soll und Haben gelesen und der Eindruck, den Anton Wohlfahrt seinerzeit von dem Landvolk in Polen erhalten hatte, drängte sich ihm ins Gedächtnis.

Er fuhr die Nacht hindurch und schlief bis Königsberg. Als er nach einer halben Stunde Aufenthalt weiterfuhr, am Pregel entlang nach Ostpreußen hinein, und von dem Fenster des Speisewagens beim Frühstücken die weite, flache Landschaft sah, auf der sich langgestreckte Flächen grüner Wintersaaten bis an den von Wald umrankten Horizont erstreckten, gewann er bald einen anderen Eindruck. Stattliche Gutsgehöfte, große freundliche Dörfer, Häuser, Scheunen und Ställe von Ziegeln erbaut und rot eingedeckt, lachten ihn aus dem Grün der Obstgärten an. Hin und wieder sah er ein Fuhrwerk mit stolzen, schönen Pferden, die vom Zug erschreckt kaum zu bändigen waren.

In Insterburg hatte er zwei Stunden Aufenthalt, die er dazu benutzte, einen Gang durch die Stadt zu tun. Er fand einen ansehnlichen Ort mit sauberen breiten Straßen, auf denen eine elektrische Bahn verkehrte, mit einem lebhaften Verkehr und zahlreichen Läden, deren Auslagen in den Schaufenstern auf eine sehr wohlhabende Umgegend schließen ließen. Von dort führte ihn die Bimmelbahn durch große Wälder, deren Bestand ihm Bewunderung abnötigte. Bald waren es dicke Kiefern und Eichen, bald stattliche Eichen und Buchen, die an seinem Blick vorüberflogen.

Dazwischen wieder Gutshöfe und langgestreckte Dörfer. Und der Zug hielt so oft auf kleinen Stationen, dass er sich auch einen Begriff von der Landbevölkerung machen konnte. Männer und Frauen unterschieden sich durch nichts von den Menschen, denen er in der Mark begegnet war.

Er hatte, als er seinen Entschluss gefasst und Urlaub erhalten hatte, an Tante Christine einen nicht gerade sehr langen Brief geschrieben, in dem er sich für die Unterstützungen, die er von ihr erhalten, bedankte und seine Ankunft meldete. Tag und Stunde seines Eintreffens hatte er der Gutsverwaltung telegrafisch angezeigt.

Der Zug hielt. Auf dem Bahnsteig stand ein alter Diener in Livree, der ohne zu fragen auf ihn zu kam, seinen Namen Jons nannte und ihm Handtasche und Geigenkasten abnahm. Gleichzeitig brachte auch schon der Bahnhofsvorsteher, an seiner roten Mütze kenntlich, dienstbeflissen den Koffer angetragen, den er aufgegeben hatte.

Von Jons geführt, schritt er um das Bahnhofsgebäude herum. Da stand ein leichter Jagdwagen mit zwei Braunen bespannt, deren Wert und Schönheit auch seinem ungeübten Auge auffiel. Ein Kutscher, den ein eisgrauer Vollbart zierte, griff grüßend an den betressten Zylinder, dessen Silberborte mit schwarzem Flor bedeckt war. Der Diener nahm vom Wagen einen geräumigen Reisepelz und hielt ihn ihm zum Einschlüpfen bereit.

»Hat der gnädige Herr noch Gepäck?«

Kurt schämte sich, als er diese Frage verneinen musste. Die Pferde zogen langsam an, dann ging es in schlankem Trab durch ein großes Dorf, dessen Einwohner alle vor den Türen standen und ihn respektvoll begrüßten.

Sie waren augenscheinlich alle von seiner Ankunft unterrichtet.

Im Vorbeifahren hatte er auf einer Tafel gelesen: Adlig Rittergut Berschkallen. Das waren also schon seine Leute, wie er lächelnd denken musste.

Dann bog der Wagen in einen von mannshoher Mauer umzogenen Park, und wenige Minuten später rasselten die Räder auf der gepflasterten Rampe eines zweistöckigen, schmucklosen, aber sehr ansehnlichen Gebäudes.

Ein Mädchen trat aus der Tür und knickste freundlich lächelnd, als er an ihr vorüber ins Haus trat. Eigenartige Gefühle waren es, die ihn beschlichen, als er, von dem Mädchen geführt, durch die Zimmer schritt.

Zuerst ein großes Arbeitszimmer mit Schreibtisch, Geldspind und mindestens einem halben Dutzend schwerer Ledersessel. Dahinter ein kleines Eckzimmer, in dessen Kamin ein helles Feuer loderte. Daneben sein Schlafzimmer, mit solider Behaglichkeit eingerichtet. Alles, was er sah, machte den Eindruck alten gefestigten Reichtums. Eine kleine Klitsche war es sicherlich nicht, die ihm das Schicksal in den Schoß werfen wollte, sondern ein großer, reicher Herrensitz.

Sein ganzes Innere geriet in Aufruhr, als der Gedanke auf ihn einstürmte, dass er von Stund’ an über ein Stück Erde schreiten sollte, das ihm gehörte, oder aller Wahrscheinlichkeit nach gehören würde, und aus diesem Gedanken erwuchs der feste Vorsatz, den Besitz zu gewinnen und festzuhalten.

Kurt musste sich förmlich zusammenrucken, als der alte Diener mit seinem Koffer eintrat und ihn fragte, ob er dem gnädigen Herrn ein Bad bereiten sollte … wie es der gnädige Herr haben wollte, heiß oder lauwarm. Es fiel Kurt auf, dass der alte Mann ihn nicht Herr Assessor, sondern gnädiger Herr ansprach. Hatte die Tante ihn bereits dem Dienstpersonal gegenüber in diese Würde eingesetzt? Ganz mechanisch reichte er Jons den Kofferschlüssel und trat vor den Spiegelschrank, um einen Blick hineinzutun. Es kam ihm vor, als müsste er in diesem Moment ganz anders aussehen als sonst, wenn er um diese Zeit, manchmal noch mit einem Aktenstück unter dem Arm, durch die stillen Gassen des märkischen Städtchens zum Amtsgericht wanderte. Fast schien es ihm wunderbar, dass er keinen Unterschied entdecken konnte.

Vorerst musste er sich daran gewöhnen, dass der alte Mann ihn wie einen kleinen Jungen bediente. Er half ihm beim Auskleiden, dann verschwand er durch eine Tapetentür im Badezimmer und stellte das Wasser ab, das die Wanne bereits gefüllt hatte.

Zu gern hätte Kurt mit dem alten Diener, der sicherlich doch mit dem Hause verwachsen war, ein Gespräch angeknüpft, um ihn nach allem Möglichen zu fragen. Er unterließ es jedoch, um sich nicht eine Blöße zu geben und zu zeigen, wie wenig er von dem Hause wusste, in das ihn sein Schicksal geführt hatte. Beim Ankleiden trank er eine Tasse Kaffee und ein Gläschen Benediktiner, wobei er die Entdeckung machte, dass ein Wandschrank des Zimmers eine ganze Anzahl verschieden geformter Flaschen barg.

»Kann ich jetzt meine Tante sprechen?«

»Die gnädige Frau lässt bitten.«

Über die mit Jagdtrophäen geschmückte Diele, durch ein saalartiges Esszimmer, führte ihn Jons nach dem anderen Flügel des Schlosses, wie das Herrschaftshaus von den Leuten genannt wurde. Eine seine Nerven erregende Spannung überkam ihn auf dem kurzen Gange.

Nun öffnete Jons vor ihm leise die Tür, um ihn hindurch zu lassen und sie hinter ihm zu schließen. Überrascht blieb er auf der Schwelle stehen. Das Bild, das sich seinen Augen bot, machte einen tiefen Eindruck auf ihn.

In einem Fahrstuhl saß eine stattliche alte Dame. Das frische Gesicht von einer Fülle weißer Haare umrahmt, die noch kein Häubchen duldeten. Von dem Gesicht, das noch jetzt schön genannt werden musste, strahlte ihm eine herzgewinnende Freundlichkeit und eine Freudigkeit entgegen, dass er mit schnellen Schriften auf sie zu eilte und sich über die beiden Hände beugte, die sich ihm entgegenstreckten.

»Tante Christine!«

Seine Stimme hatte den aus tiefer Brust kommenden Herzenslaut gefunden.

»Mein lieber Junge,« sagte die alte Dame leise, und ihre Hand fuhr sanft über sein volles Haar. Ihre Augen, aus denen helle Freude leuchtete, verrieten nicht im Geringsten, dass sie nichts mehr wahrnahmen, als einen dunklen Schatten. Schnell holte er einen Stuhl und setzte sich neben sie. Tante Christine fasste seine Hand und hielt sie fest.

»Ich danke dir, dass du gekommen bist … Ist dir der Entschluss schwer gefallen?«

Mit einem aufrichtigen Lachen antwortete er:

»Ja, Tante, es ist mir nicht ganz leicht geworden.«

»Du hast wohl erwartet, eine alte, verbitterte, griesgrämige Frau zu finden, die dich unter ihre Fuchtel nehmen würde?«

»Griesgrämig und verbittert? Nein, Tante, ich hatte doch schon genug Beweise des Gegenteils. Offen gesagt, ich habe mich nur vor der ländlichen Einsamkeit gefürchtet. Sieh mal, ich bin in der Stadt aufgewachsen und nie aufs Land hinausgekommen.«

»Mein lieber Kurt, wer hinreichend Arbeit hat, kennt Einsamkeit und Langeweile nicht.«

Ihre Stimme war bei diesen Worten ernst geworden, dann zog aber wieder ein mildes Lächeln über ihr Gesicht.

»Du brauchst aber auch hier die Freuden der Geselligkeit nicht zu vermissen. Du findest junge lebensfrohe Nachbarn. Du hast auf Berschkallen selbst eine sehr gute Jagd. Du wirst überall zur Jagd eingeladen.«

»Ach, Tante, ich habe noch kein Gewehr in der Hand gehabt, und zuerst und vor allen Dingen muss ich doch die Landwirtschaft lernen.«

»Willst du es wirklich?«

»Ja, Tante, das ist mein fester Entschluss, und ich will mir Mühe geben. Ich will mich doch nicht hier als Drohne füttern lassen.«

»Nein, mein Junge, die Absicht hatte ich allerdings nicht. Aber stell’ dir deine Aufgabe nicht zu schwer vor. Mein alter Oberinspektor Grundmoser ist ein treuer und sehr zuverlässiger Mensch, der dich ganz allmählich in deinen Beruf einführen wird.«

Kurt nickte eifrig.

»Du behältst natürlich die Leitung in der Hand und bestimmst, was ich zuerst lernen soll … die Viehzucht, oder?«

Er sah, wie Tante Christine über seinen Eifer lächelte und hielt inne.

»Nein, mein Junge, du sollst nicht bei mir und Grundmoser als Eleve eintreten. Du bist hier jetzt schon der Herr. Das Schriftstück, das dich dazu einsetzt, findest du in deinem Zimmer im Geldschrank. Hier sind die Schlüssel dazu. Du sollst und brauchst dich nicht um Kleinigkeiten zu kümmern, das besorgt Grundmoser mit seinen Inspektoren. Und im Notfall, wenn eine wichtige Entscheidung an dich herantritt, wirst du mich bereit finden, dir jeden Rat zu erteilen, den du verlangst. Ich will nach 30 Jahren schwerer Arbeit Ruhe und Stille haben.«

Kurt sah erstaunt, ja fassungslos die Dame an. Er glaubte, nicht recht gehört zu haben.

Er war schon in diesem Augenblick hier Herr und Besitzer des Gutes? Die alte Dame fühlte, was ihn bewegte. Ganz leise sprach sie weiter:

»Du musst auch mit der Möglichkeit rechnen, dass ich mal ganz plötzlich die letzte Fahrt zum Gottesacker antrete. Ja, mein Junge, ich leide an einer sehr schweren heimtückischen Krankheit, an der Gicht. Sie hat mir bereits das Augenlicht und den Gebrauch meiner Füße geraubt. Jetzt ist sie nach dem Oberkörper emporgestiegen, und dann pflegt es manchmal sehr rasch zu Ende zu gehen.«

Kurt schwieg erschüttert und beugte sich über die Hand der tapferen Frau, die so ergeben von ihrem schweren Leiden und ihrem Ende sprechen konnte. Sie legte ihm wieder die Hand auf das Haupt.

»Ich glaube zu wissen, Kurt, dass du verständig genug sein wirst, dich der Leitung Grundmosers anzuvertrauen Er ist nicht mehr der Jüngste, aber er wird noch einige Jahre vorhalten und bei dir bleiben, bis du selbst im Stande bist, Berschkallen zu bewirtschaften. Du vergibst dir nichts, wenn du ihn wie einen guten, treuen Freund behandelst.«

»Darauf kannst du dich verlassen, Tante. Das, wird mir schon die Ehrfurcht gebieten, die ich vor dem, was du geschaffen hast, empfinde.«

Über das Gesicht der alten Dame huschte ein Lächeln.

»Das hast du sehr schön gesagt, mein Junge. Aber Grundmoser wird dir schon sagen, wo die Ehrfurcht aufhören muss, weil der Fortschritt der Landwirtschaft eine Neuerung verlangt.«

Nach einer kleinen Pause fing Tante Christine von ihrem Leben und von ihrem verstorbenen Gatten an zu erzählen. Aus ihren Worten sprach eine milde Abgeklärtheit, die über den Dingen steht und deshalb mit gütigem Verstehen urteilt. Es war, als wenn sie mit sich selbst spräche. Zuletzt schwieg sie eine Weile, in Erinnerung versunken. Dann sagte sie mit fester Stimme:

»So, mein lieber Junge, nun lass’ mich allein. Lass’ dir Grundmoser holen und besprich dich mit ihm. Ist es dir recht, dass ich alle Beamten heute zu Mittag eingeladen habe, damit du sie gleich kennen lernst und sie dich auch?«

»Selbstverständlich, liebste Tante. Sei mir nicht böse, dass ich dir noch nicht so gedankt habe, wie ich es müsste. Es ist zu viel, was auf mich einstürmt Ich kann es ja noch nicht fassen.«

Er beugte sich nieder, um ihre Hände zu küssen. Da nahm sie sein Gesicht in beide Hände und küsste ihn auf Stirn und Mund.

»Ich verstehe dich, man muss sich auch an das Glück gewöhnen, hoffentlich wird es dir nicht zu schwer fallen,« fügte sie mit einem schalkhaften Lächeln hinzu.

… Kurt zitterten die Hände, als er den Geldschrank in seinem Arbeitszimmer aufschloss und das Dokument herausnahm, das ihn aus einem armen Assessor zu einem reichen Großgrundbesitzer machte. Als Jurist sah er auf den ersten Blick, dass es eine Schenkungsurkunde, nicht etwa ein Testament war, das erst nach dem Tode der Tante in Kraft getreten wäre.

Er schloss die Augen und lehnte sich in den Sessel zurück. Es kam ihm dabei das Gelüst an, von seiner Macht sofort Gebrauch zu machen und sich ein Frühstück zu bestellen.

Doch ehe er den Entschluss ausführen konnte, trat Jons ein und meldete:

»Das Frühstück ist aufgetragen.«

Kurt lachte laut auf. Es kam ihm vor, als wäre er in einen Prinz verzaubert, dem eine höhere Gewalt jeden Wunsch erfüllte, kaum dass er ihn gedacht hatte. Wenn er nur nicht aus dieser Verzauberung unsanft in die Wirklichkeit zurückversetzt würde. Dann lachte er wieder, als er das Dokument zurücklegte und im Schrank verschloss.

Auch nach Grundmoser brauchte er nicht zu schicken. Der Graubart erwartete ihn schon und begrüßte seinen neuen Herrn zurückhaltend und ehrerbietig. Kurt schüttelte ihm sofort kräftig die Hand und bat ihn, Rücksicht darauf zu nehmen, dass er von der Landwirtschaft nichts, aber auch nicht das Geringste verstehe.

»Das werden wir schon kriegen«, erwiderte der Graubart gleichmütig. »Wir sind mit der Aussaat durch und die stille Zeit für uns Landwirte hat begonnen.«

»Wie stehen die Saaten, Herr Inspektor«, fragte Kurt, um doch etwas zu fragen.

Grundmoser schmunzelte.

»Sie werden ja selbst sehen. Ich denke, wenn es Ihnen recht ist, lassen wir uns gleich nach Mittag den Jagdwagen anspannen und fahren das Gut ab. Vormittags kann ich Ihnen noch die Ställe zeigen.«

Dem neuen Besitzer von Berschkallen schwirrte der Kopf von all den Namen, die er in den Ställen hörte und las. Jedes Pferd, jeder Bulle, jede Kuh hatte einen Namen, der auf einer Tafel über ihren Köpfen verzeichnet war. Dann kamen die Beamten zur Mittagstafel. Ein verwitterter, knorriger Grünrock, der Förster mit seinem Hilfsjäger, der Brennereiführer, der Molkereiverwalter, der Ziegeleimeister, der Hofverwalter und noch einige junge Inspektoren.

Kurt fühlte sich unter all den Männern wie ein junger Hund, der ins Wasser geworfen wird und schwimmen soll. Aber er schwamm, und Grundmoser half ihm dabei. Er sprach nicht von der Landwirtschaft, sondern von dem seligen gnädigen Herrn und erzählte von dem großen Begräbnis. Wie der alte Herr Braczko aus Keimkallen drei Nächte beim toten Freunde die Leichenwache gehalten, dabei Rotspohn getrunken und dem Verstorbenen im Sarge zugeprostet habe. Bald nach 1 Uhr sei er jede Nacht sanft eingeschlummert, dann habe ihn Jons unter den Arm genommen und auf einer Liege zur Ruhe gebracht.
















4. Kapitel


Schneller, als er selbst gedacht hatte, fand sich Kurt in die Rolle des Gutsherrn. Eine Stunde, nachdem ihn Grundmoser durch die Hälfte der Begüterung gefahren hatte, denn in den paar Stunden war es nicht möglich, das ganze Gut zu besichtigen, trat er wieder bei seinem Herrn ein, blieb an der Tür stehen und sagte in einem von der bisherigen derben Vertraulichkeit völlig abstechenden Ton:

»Wir haben heute mit zehn Gespannen auf den Schlag 4 nach der Keimkaller Grenze Dung gefahren. Sechs Gespanne haben Getreide zur Bahn gebracht, ein Gespann …«

Kurt drehte sich lachend in seinem Stuhl um:

»Aber lieber Herr Grundmoser, weshalb erzählen Sie mir das? Kommen Sie lieber her und setzen Sie sich zu mir. Ich habe, offen gestanden, immer um diese Zeit einen bescheidenen Dämmerschoppen eingenommen und wäre nicht unglücklich darüber, wenn die Beherrscherin der Küche ein paar Fläschchen Bier im Hause hätte.«

Grundmoser verbeugte sich schmunzelnd und trat näher, nachdem er durch einen Druck auf die elektrische Klingel Jons herbeigerufen hatte.

»Was befehlen der gnädige Herr. Pilsener Urquell oder Münchener Hofbräu? Es ist beides frisch angesteckt.«

Die Frage kam dem Gutsherrn so komisch vor, dass er den alten Diener erst einen Augenblick verdutzt ansah und dann laut auflachte.

»Frisch angesteckt?«

»Aber ja doch,« erwiderte Grundmoser. »Die Herrschaft braucht doch kein Flaschenbier zu trinken.«

Kurt kam die Sache so unbegreiflich vor, dass er aufstand und Jons folgte. Er fand im Korridor hinter der Diele eine Kammer und darin zwei in Eis gepackte Fässer, die an zwei Stahlflaschen mit Kohlensäure angeschlossen waren. Kopfschüttelnd kehrte er auf seinen Platz zurück. Das war eine angenehme Überraschung, aber sie bestätigte ihm nur die Tatsache, dass man sich auch hier an der russischen Grenze mit allen Annehmlichkeiten des Lebens umgeben kann, wenn man nur das nötige Kleingeld besitzt.

Bei dem Gedanken, wie sich sein Leben wohl in dem einsamen Gutshause gestalten werde, hatte er mit einem gelinden Schauer auch an die magere Beleuchtung mit Petroleum oder im besten Falle mit Spiritusglühlicht gedacht. Auch darin hatte er sich geirrt. Denn überall im Hause gab es elektrisches Licht.

Nach dem Abendbrot ließ er bei seiner Tante anfragen, ob er ihr gute Nacht wünschen dürfe. Sie empfing ihn für ein paar Minuten, bloß um ihn zu fragen, ob er sich schon etwas mit seinem Schicksal ausgesöhnt habe.

»Ach, Tante,« rief er aus, »mir kommt alles, wie ein schöner Traum vor.«

»Aus dem du jeden Morgen neu gestärkt zur Wirklichkeit erwachen wirst. Schlaf wohl, mein Junge.«

»Das wünsche ich dir auch, liebe Tante.«

»Ach, mein Junge, die Nacht ist für mich nicht der schönere Teil des Tages … Dann regen sich bei mir die Schmerzen, erst gegen Morgen pflege ich ein paar Stunden Schlaf zu finden … Vergiss nicht, was du heute Nacht träumst,« rief sie ihm nach, als er sich zur Tür wandte.

An einem der nächsten Abende nahm er seine geliebte Geige aus dem Kasten und spielte in seinem Arbeitszimmer auf und ab gehend im Dunkeln … Und er war ein Meister auf seinem Instrument, der zur Not mit dieser Kunst sich hätte sein Brot verdienen können. Ohne dass er es merkte, wurde die Tür zur Diele leise geöffnet. Er wusste nicht, dass die alte Dame auch die anderen Zimmertüren hatte öffnen lassen und mit stiller Freude seinem Spiel lauschte. In den ersten Jahren ihrer Ehe hatte sie viel musiziert, aber schon seit Jahren stand der prächtige Flügel im Musikzimmer unbenutzt.

Am nächsten Tage sagte ihm die Tante, welchen Genuss und welche Freude er ihr durch sein Spiel bereitet habe. Seitdem spielte er in dem großen Speisezimmer, das näher an ihrem Schlafzimmer lag, und kein Abend verging, wo er nicht sein Instrument zur Hand genommen hätte. Ihm selbst bereitete es die größte Freude, dass er durch sein Spiel seiner Wohltäterin einen Genuss verschaffen konnte.

Allmählich entwickelten sich auch seine gesellschaftlichen Beziehungen zu den Nachbarn.

Er hatte auf den Rat der Tante auf den Nachbargütern Antrittsbesuche gemacht. Zuerst lernte er den Jugendfreund seines verstorbenen Onkels, den alten Herrn Braczko auf Keimkallen kennen, der ihm bereits am nächsten Tage einen Gegenbesuch machte, aber nicht zur Visitenzeit. Nein, der alte Herr kam nach dem Abendbrot, wie er es früher jeden zweiten Tag zu tun gewohnt war. Er hatte selbst den Platz vor dem Kamin auf der Diele dazu gewählt und erzählte ihm bei mehreren Flaschen Rotwein viel von seinem verstorbenen Freunde.

Als Kurt nach einigen Stunden seine Müdigkeit nicht unterdrücken konnte, hatte der alte Herr ihm freundlich zugenickt und ihm den Rat gegeben, sich hinzulegen, er selbst würde gerne noch ein Stündchen sich in die Erinnerungen an vergangene Tage vertiefen. Kurt wollte aber nicht so unhöflich sein, seinen Gast allein zu lassen und war schließlich in seinem Sessel sanft eingeschlafen. Er war jetzt immer abends so schrecklich müde und schlief fest und traumlos, bis Jons am Morgen zur festgesetzten Stunde mit der Meldung in sein Zimmer trat, dass das Bad gerüstet sei.

Dann hatte Kurt Braczkos Neffen, Paul, kennen gelernt, der ein Nebengut seines Onkels bewirtschaftete. Der junge Hüne hatte ihn mit offenen Armen aufgenommen und festgehalten, so dass er erst gegen Abend von seinem Besuch zurückkehrte.

Auf den Rat der Tante hatte er auch die verwitwete Frau Strawischke auf Schorellen besucht, deren Hauptreichtum in sechs hübschen Töchtern bestand, von denen die jüngste erst 16 und die älteste erst 21 war. Wie die Orgelpfeifen standen sie nebeneinander.

Und er hatte ein paar sehr angenehme Stunden verlebt, bei einem guten Frühstück, wie es auf dem Lande so üblich ist. Und die frischen Mädel hatten in ungezwungener Natürlichkeit mit ihm geplaudert, wie alte gute Bekannte.













Als im November das schlechte Wetter mit Wind und Regen einsetzte, bekam er die Tante tagelang nicht zu Gesicht. Sie lag, von Schmerzen geplagt, zu Bett und ließ ihm sagen, wenn er sich anmeldete, sie wollte sich ihm in dieser Verfassung nicht zeigen. Dann spielte er ihr jeden Abend etwas vor und länger, als er es sonst zu tun pflegte.

Und wieder eines Morgens stand Jons an seinem Bett und meldete mit bebender Stimme, während ihm die Tränen über die Backen liefen:

»Die gnädige Frau sind heute Nacht sanft entschlafen.«

Es war Kurt, als wenn ihm die Mutter zum zweiten Mal gestorben wäre. Noch nie hatte er sich so verlassen und einsam gefühlt, selbst nicht, als seine leibliche Mutter kurz nach dem Vater gestorben war.

Wieder wurde es ein großes Begräbnis.

Dies Mal kamen viele Menschen nicht bloß aus Neugier, sondern aus ehrlicher Teilnahme, um der Frau, die weit und breit Liebe und Achtung sich erworben, die letzte Ehre zu erweisen.

Und viele von denen, die ihrem Neffen und Erben auf dem Kirchhof die Hand drückten, fanden ein Wort der richtigen Anerkennung für die seltene Frau, ein Wort, das in seinem Herzen lauten Widerhall fand.

Der neue Gutsherr kannte die wenigsten seiner Gäste, hatte aber für jeden ein freundliches Wort, hoffte mit jedem in guter, freundlicher Nachbarschaft zu leben und gewann sich die Anerkennung aller durch sein liebenswürdiges Wesen. Namentlich waren es die Damen, die sich schon am Kaffeetisch sehr anerkennend über ihn aussprachen, und unter ihnen waren es insbesondere die Mütter heranwachsender und herangewachsener Töchter, die mit Befriedigung wahrgenommen hatten, dass an des jungen Gutsherrn Hand kein Verlobungsring, geschweige denn ein Ehering steckte. In jedem Falle aber hoffte und vermutete man, dass jetzt eine neue Zeit für Berschkallen beginnen würde, eine Zeit solider Festlichkeiten und regen Verkehrs, wobei man seine Tochter herausstellen konnte.

Namentlich Frau Strawischke malte sich in Anbetracht dessen, dass sie gleich sechs ganz wunderhübsche Töchter ins Treffen führen konnte, die Zukunft sehr rosig aus, und sie konnte es wahrhaftig brauchen, denn auf Strawischken war es an allem schon recht knapp geworden, vor allem aber am Gelde.

Natürlich hatte Kurt von Berg keine Ahnung von den Plänen, die für und gegen ihn da geschmiedet wurden, und er musste laut auflachen, als der alte Braczko ihm auf die Schulter klopfte und in seiner angeheitert vertraulichen Art sagte:

»Nachbar, nehmen Sie sich in Acht. Es wird, wenn nicht alle Zeichen trügen, schon gegen Sie mobil gemacht und alle unsere Gluckhennen da« – und er zeigte auf die Damen hinüber – »sind schon drauf und dran, ihre Küchlein auf Sie loszulassen.«

»Glauben Sie?« hatte Herr von Berg gefragt, und lächelnd zu den Damen hinübergesehen. »Aber wenn auch, mich bringt’s in keine Gefahr, denn ich bin ein eingefleischter Junggeselle.«

Da aber hatte Braczko mit einem Auge gezwinkert und gesagt:

»Nein, nein, glaube ich nicht: die eingefleischtesten Junggesellen sind immer wir verheirateten Leute«, und damit war er gegangen und hatte zu den vielen anderen, die er schon hinter die Binde gegossen hatte, noch einen genommen.

Sein Neffe aber, der Paul, hatte ihm zugedroht und gesagt:

»Onkel Braczko, gib Acht, dass du deinen Lötkolben nicht zu tief in das Glas steckst, sonst zischt es, so glüht er schon wieder.«

»Du verdammter, nichtsnutziger Bengel du!« drohte ihm der Alte, stieß aber gleich darauf mit ihm an und leerte wieder sein Glas.

Der neue Gutsherr unterhielt sich indessen in recht ernstem Gespräche mit dem Herrn Pastor, erkundigte sich eingehend nach den Beziehungen zwischen Gutsherrschaft und Kirche und zeigte namentlich ein reges Interesse für die Schulverhältnisse.

Dadurch gewann er sich natürlich auch die rückhaltlose Anerkennung dieses echten Seelsorgers der Gemeinde.

Am eingehendsten aber sprach er mit dem alten Gutsinspektor von Keimkallen, der nicht genug hervorheben konnte, was für Verdienste sich die eben Verstorbene um Hebung und Vergrößerung und Abrundung des Gutes erworben hatte.

»So einen Mann, wie die Frau, bekommen wir im Leben nicht wieder,« sagte er. »Freilich ist aber noch immer sehr viel zu tun und viel zu verbessern. Vor allem aber steckt ein verdammter, ekliger Dorn noch im Fleisch Ihres Gutes.«

»Und der ist?« fragte der Gutsherr.

»Der Mertinatsche Besitz. Na, Sie werden das ja selbst schon gesehen haben, wie Sie auf dem Gute hier Umschau hielten. Viel hat Frau von Rosen ja schon an sich gebracht, denn die Mertinat hat vieles, nur das Wirtschaften, das hat sie gar nicht verstanden. Die drei Margellen aber, die jetzt darauf sitzen, die halten an dem bisschen fest und lassen nicht locker, so wie mein Hund nicht locker lässt, wenn er einen Schinkenknochen im Maule hat.«

»Und Sie halten das Einverleiben des Mertinatschen Besitzes in Berschkallen für wünschenswert?«

»Für eine Notwendigkeit, Herr von Berg. Für eine Lebensfrage für Sie. Aber Sie haben ja selbst Ihre Augen, Sie werden ja sehen.«

Er sah es auch wirklich.

So überraschend gut ihm das, unter der Leitung seiner Tante zu einem Mustergute gewordene Berschkallen, in allen seinen Teilen gefiel, so wenig entzückt war er von dem ganz unmotivierten Hineintragen fremden Besitzes in den seinen.

Grundmoser war natürlich derselben Ansicht, die sich übrigens jedem von selbst aufdrängte.

»Über kurz oder lang müssen die ollen Margellen die Sache ja doch hergeben. Lange können sie ja nicht mehr machen. Das Gut trägt ja nichts, sondern es frisst. Dass sie raus müssen, ist also, so traurig es für sie ja auch sein mag, nur eine Frage der Zeit. Uns kann es aber nicht gleichgültig sein, in wessen Hände es fällt. Wir müssen’s bekommen. Jeder Dritte würde horrende Preise verlangen, oder womöglich, uns zum Possen, eine Fabrik oder eine Schneidemühle mit rauchendem Schlot hinsetzen, mitten in unser eigenes Herz.«

»Das darf natürlich in gar keinem Falle geschehen. Der ganze Besitz würde ja dadurch entwertet. Was ist aber dabei zu tun? Kann man ihnen denn nicht einen vernünftigen Preis dafür anbieten?«

»Sie nehmen keinen, nicht wenn man ihnen das Zehnfache bietet, und so bleibt nur ein Mittel: ausräuchern.«

»Wie meinen Sie das?«

»Na, einfach unter der Hand weg die Hypotheken zusammenkaufen und warten, bis sie fällig werden, oder die Zinsen nicht mehr gezahlt werden können.«

»Steht es denn wirklich so schlecht um die drei Damen?«

»Schlecht ist gar kein Wort mehr dafür, und darum hat sich ja die selige, gnädige Frau auch so geärgert.«

Natürlich befolgte Herr von Berg den Rat seines alten, erfahrenen Inspektors. Die Hypotheken waren bald alle in seiner Hand, die erste sowohl wie die zweite und dritte.

Wenn er aber darauf gerechnet hatte, dass die Damen, wie er sie nannte, mit der Bezahlung der Zinsen im Rückstande blieben, so irrte er sich sehr. Mit einer ganz regelmäßigen Pünktlichkeit ging das Geld ein, und er rechnete es sich schon aus, dass, wenn es so weiterging, die Mertinats weiter zahlen würden, so lange auch nur ein Atemzug in ihrem Leibe und die letzte Faser Fleisch an ihren Knochen war.

Ganz gegen seinen Willen rang ihm diese geradezu verzweifelte Hartnäckigkeit, mit der sie sich durchkämpften, ein Gefühl der Bewunderung ab, und eines Tages sagte er auch seinem Inspektor: »Die alten Damen flößen mir tatsächlich Respekt ein, Grundmoser, Ihnen nicht?«

»Welche alten Damen?« fragte der, wie aus den Wolken gefallen.

»Na, die ollen Margellen, wie Sie sie nennen, die Mertinats.«

Da lachte aber der Inspektor hellauf, trotz seines Respekts vor dem Herrn.

»Alte Damen?« rief er. »Wenn Sie sie nur sehen würden! Ganz junge Dinger sind’s, aber sie schlagen sich durch wie alte Kriegsveteranen, und namentlich die eine, die ficht und kämpft wie eine Katze.«

»Jung also sind sie, Grundmoser?« fragte Herr von Berg, der maßlos erstaunt war, denn das gab jeder Sache ein ganz anderes Gesicht.

»Ganz jung. Die älteste wird, na was wird sie sein? Wenn’s hoch kommt, ihre vierundzwanzig oder fünfundzwanzig Jahr, und die jüngste und gerade die ärgste ist noch nicht einmal flügge, mit ihren sechzehn oder siebzehn Jahren. Unser Förster aber, glaub’ ich, kennt die Jüngste am besten.«

»Wie ist das zu verstehen? Wie meinen Sie das?«

»Na, man redet nicht gern davon, aber schließlich muss es Ihnen ja doch endlich gesagt werden, wenn Sie auch noch kein Interesse an der Jagd haben. Die Jüngste, – ein Racker! Na, wenn Sie die einmal kennen lernen! – Die treibt’s doch schon ein bisschen zu arg. Die hat nämlich die Forstmeisterei drüben unter sich, wie sie’s nennt. Stolziert in ihrem Forstanzug herum und ist ohne Flinte überhaupt im Wald nicht zu treffen. Schießt übrigens wie der Deuwel. Aber … hm … wie soll ich’s sagen? Sie beschränkt sich nicht auf das Wild aus dem eigenen Grund und Boden, sondern hat auch schon manch einen unserer Hasen und unserer Fasanen abgeschossen.«

»Seht mal an,« sagte Kurt von Berg, um nur etwas zu sagen.

»Wir hatten’s natürlich der Seligen seinerzeit vermeldet und die hatte mit den Achseln gezuckt und gesagt: ‘Lasst sie nur machen. Viel Schaden tut sie uns doch nicht, so lange sie’s nur für die eigene Küche braucht, und ich glaube fest, unser Wild richtet mehr Unheil auf ihren Äckern an, als sie uns schadet.’«

»Da könnten die jungen Damen ja den Schaden anmelden,« sagte Herr von Berg.

»Ja, das könnten sie wohl, aber da kennen Sie die Mertinatschen Mädels schlecht. Eh’ die einen Heller genommen hätten, eher wären sie verhungert. Nun handelt es sich nur darum, wie wir die Geschichte jetzt handhaben sollen.«

»Wir lassen es natürlich beim Alten, also ganz so wie es zu Tante Christinens Zeiten gewesen ist.«

»Das ist ja ganz schön und ganz gut,« sagte der Gutsinspektor, »aber die Sache hat einen neuen Haken bekommen. In Goldap ist nämlich seit einer Weile Wild auf dem Markt, das ganz sicher kein anderer hingeliefert hat, als die kleine Mertinat. Einmal hat unser Förster sie ja dabei erwischt, wie sie sich gerade einen Rehbock bei uns herausgeholt hatte, na und da hatte er, um ein Exempel zu statuieren, nicht viel Federlesens gemacht, hatte ihr ihre Büchse abgenommen, mit der sie den Bock geschossen hatte, und hatte sie bei der Gutsherrin zur Anzeige gebracht. Die aber hatte wieder nur gelächelt und gesagt: ‘Lassen Sie’s gut sein, Fröhlich, die Angst wird schon als Lektion gefruchtet haben. Geben Sie ihr die Büchse nur ruhig wieder. Sie soll sich’s aber gesagt sein lassen, dass so was nicht länger geht.’«

»Na und?« fragte der Gutsherr, den die Sache sichtlich zu interessieren schien.

»Unser Förster wollte die Kleine nicht vor ihren Schwestern blamieren. Er wartete also ab, bis er sie allein fand. ‘Ich habe Ihnen hier etwas zu geben, Fräulein Georginchen’, sagte er, ‘hier Ihr Gewehr, und Frau von Rosen lässt Ihnen sagen, sie sähe von einer Bestrafung noch ab und sie gäbe Ihnen sogar Ihr Gewehr zurück.’ Da aber hätten Sie die Kleine sehen sollen. ‘So? Tut sie das?’ rief sie. ‘Na, dann erzählen Sie ihr auch, wie ich ihr Geschenk aufgenommen habe und was ich daraus mache.’ Mit diesen Worten nahm sie das Gewehr und wollte es einfach über ihrem Knie zerbrechen. Als das aber nicht ging, da nahm sie’s, wirbelte es ein paarmal herum und schlug es mit solcher Gewalt gegen einen Baum, dass es in tausend Splitter ging. Die warf sie dem Kittler vor die Füße. ‘So, und das können Sie ihr auch mit zurücktragen.’«

»Das muss ja ein ganz gefährliches Mädel sein«, rief Kurt von Berg.

»Ist sie auch und wenn die so bleibt, dann Gnad’ Gott dem, der die einmal heimführt! Ich weiß aber immer noch nicht, was wir mit der kleinen Grünröckin tun sollen, wenn wir sie wieder einmal auf Wildfrevel erwischen.«

»Ja, wenn Sie wirklich den Markt damit beschickt, dann ist das eine ganz verteufelte Sache«, erwiderte Herr von Berg. »Aber wissen Sie was, das Beste ist, Sie schreiben der Ältesten, wie die Sache steht und bitten sie, doch ein bisschen besser auf ihre jüngere Schwester zu achten und sie ein klein wenig mehr an der Kandare zu halten, damit sie ihre tollen Seitensprünge nicht mehr macht, die ihr teuer zu steh’n kommen könnten. Halten Sie aber das Schreiben in einem recht versöhnlichen Tone, aus dem sich sofort herauslesen lässt, dass wir die Sache nicht tragisch nehmen, denn das tun wir doch nicht, was? Solange sich der kleine Wilddieb in mäßigen Grenzen hält.«

»Das zu beurteilen ist ganz Ihre Sache, Herr von Berg,« sagte der Inspektor, und der Brief ging ab.
















5. Kapitel


Es war abends.

Die Dämmerung, die alles Licht aus der sonst so hellen Arbeitsstube des jungen Gutsherrn allmählich vertrieben hatte, wich nun schon selber der Dunkelheit, in der sich Kurt am wohlsten fühlte, zumal wenn er die glimmende Glut seiner gut brennenden Zigarre, bei jedem Zuge, den er tat, in ihrem leuchtenden Rot aufzucken sah.

Da konnte er am besten allen seinen Gedanken nachhängen, die ihn der wirklichen Welt entrückten und in das Reich jener Lebensträume führten, die mehr oder minder ja jeder für sich oder für andere spinnt.

Plötzlich aber wurde er von Jons aus diesen Träumen durch die Meldung geweckt:

»Es ist jemand draußen, der den Herrn gern sprechen möchte.«

»Zu dieser Stunde? Wer denn, Jons? Etwa Herr Braczko?«

»Nein, eine Dame. Eine von den Mertinats unten.«

»Oh!« rief Herr von Berg ganz erstaunt und erhob sich aus seiner so wundervoll bequemen Stellung, die er bis jetzt eingenommen hatte.

»Ich lasse bitten.«

»Es tut mir leid,« sagte in demselben Augenblick eine sehr weiche, liebliche Stimme, »dass ich Sie zu dieser Stunde noch belästigen muss. Der Zweck meines Kommens duldet aber leider keinerlei Aufschub, wenigstens hätten wir, meine Schwester und ich, keine ruhige Stunde, ehe diese Sache geordnet ist.«

Kurt von Berg war, während diese Worte wie Glockenton an sein Ohr schlugen, an die Tür getreten und hatte das elektrische Licht angedreht. Bei dem hellen Lichtschein, der plötzlich das ganze Gemach überflutete, sah er, nicht ein Weib, nein eine Vision, sah das Weib seiner Träume!

Madeline von Mertinat war schlank, kraftvoll und sehnig gebaut, hatte aber einen Leidenszug auf ihrem Gesicht liegen, der ihre ganze Gestalt mit zu umfließen und ihrer ganzen Erscheinung den Wesenszug einer Dulderin auszuprägen schien.

Sie war bleich und auch ihre Lippen schienen blutleer und weiß. In ihren Augen, die tief und blau wie ein See waren, schien eine fast angstvolle Schwermut zu liegen und das glatt gescheitelte Haar gab dem feingeschnittenen Antlitz etwas geradezu madonnenhaft Schönes.

»Darf ich bitten?« sagte der junge Gutsherr und wies auf den hohen Lehnstuhl, der am Schreibtisch stand.

»Sie kommen wohl wegen der Hypotheken,« fragte Herr von Berg, der die Episode mit seinem Gutsinspektor längst vergessen hatte, nur um etwas zu fragen.

»Nein,« sagte Madeline von Mertinat, »ich komme wegen … wegen Georginne, wegen des Geschehnisses mit meiner Schwester Georginne,« wiederholte sie und sah ihn, ihre Lippen aufeinander beißend, fest dabei an.

»Oh, und was hat Ihr Fräulein Schwester getan?« fragte er.

»Das wissen Sie doch ganz genau. Sie hat in Ihrer Forst, auf Ihren Feldern gewildert. Jahrelang hat sie das getan, ohne dass wir es wussten. Von ihrem zwölften Lebensjahr an, und die ganze Zeit über, haben wir Ihren Wildbraten gegessen, während wir geglaubt hatten und glauben mussten, dass es unser Wild sei! Ich gebe Ihnen mein Wort darauf, dass wir keine Ahnung davon hatten. Wir waren der festen Überzeugung, dass wir alles[5 - Original: "mit".] dem Jagdglück und der Geschicklichkeit unserer Schwester verdankten, und freuten uns des Wildreichtums, der unser einziger Reichtum geblieben zu sein schien. Sie werden mir vielleicht nicht glauben. Sie werden es für unmöglich halten, dass wir so blind und vertrauensselig gewesen sein sollten. Und doch ist es so! Ich kann Ihnen mein Ehrenwort darauf geben.«

»Aber ich bitte Sie, gnädiges Fräulein, das ist doch gar nicht so schrecklich zu nehmen. Ich hatte die ganze Geschichte überhaupt schon vergessen, eine so geringe Wichtigkeit habe ich Ihr beigelegt. Ich hatte es nur für meine Pflicht gehalten, es Sie wissen zu lassen, nicht, weil ich die paar Hühner und Hasen, auf die es herauskommt, als eine Schädigung meines Wildstandes betrachtet hätte, sondern weil ich mir dachte, dass es nicht, sagen wir pädagogisch richtig sein würde, ein Kind, und das ist ja, wie ich höre, Ihr Schwesterlein noch, nicht davor zu behüten, dass eine Unüberlegtheit, vielleicht doch bei ihr zur Passion und dann allerdings gefährlicher werden könnte.«

»Sie haben es eine Unüberlegtheit genannt, Herr von Berg. Das ist, meiner Ansicht nach, nicht der richtige Ausdruck dafür. Ich habe einen weit schärferen …«

»Dann jedenfalls einen ganz ungerecht harten, wenn Sie alle mitbestimmenden Gründe ins Auge fassen,« erwiderte er.

Da aber sprang sie auf.

»Wie meinen Sie das?!« rief sie aus, und ihre Augen schienen Blitze zu sprühen, während ihre feinen, schmalen Hände sich in den sich wundervoll anschmiegenden Handschuhen zusammenkrampften.

»Wollen Sie uns vielleicht unsere Armseligkeit vorwerfen? Glauben Sie vielleicht …?«

»Ich glaube gar nichts,« unterbrach er sie, »und habe nie an das gedacht, was Sie mir jetzt in Ihrer Erregtheit unterschieben wollen. Ich habe lediglich an die übergroße Freiheit gedacht, in der Ihr kleines Schwesterchen aufgewachsen zu sein scheint, und ich möchte nur wissen, was Sie mit dem Kinde vorhaben, das nun ich plötzlich auf dem Gewissen haben soll, während eigentlich doch auch Sie, gnädigstes Fräulein, einen Teil der Schuld mittragen.«

»Ich?« rief sie und sprang wieder auf.

»Ja. Denn an allem ist meiner Ansicht nach nur Ihr – verzeihen Sie mir, dass ich so aufrichtig spreche, aber Ihr übergroßer Stolz schuld. Man schlägt die Hand nicht aus, die sich einem in Freundschaft anbietet, um einem zu helfen. Ich bewundere zwar Ihren Stolz und die Fähigkeit Ihres Ausharrens und Ihres geradezu heldenhaften Ankämpfens gegen die Verhältnisse, die das Schicksal nun einmal mit sich gebracht hat, aber die Bewunderung, gnädigstes Fräulein, schließt nicht immer das Zugeständnis ein, dass man mit dem, was man bewundert, auch einverstanden sein muss. Sie haben aber eine Art Märtyrertum darin gesehen, das Kreuz des Lebens auf sich zu nehmen, und das selbst dort, wo es nicht unumgänglich notwendig war. Nein, bitte, lassen Sie mich ausreden. Ihre Schwester – Georgine nannten Sie, glaube ich, ihren Namen – war jedenfalls noch viel zu sehr Kind, um das Verständnis für Ihre Lebensauffassung zu haben, und da sie sich das, was sie haben wollte und was sie, vielleicht nicht ganz mit Unrecht, als eine Lebensnotwendigkeit empfand, nicht anders beschaffen konnte …«

»So stahl sie es,« setzte Madeline von Mertinat den Satz des jungen Gutsherrn fort, gleichsam als wollte sie ihm auf diese Art das Wort abschneiden.

Er jedoch ließ sich nicht beirren.

»Nein,« sagte er, »ich nenne das anders. Sie nahm es sich eben dort, wo sie es im Überfluss fand und legte sich gar nicht Rechenschaft über das Unrecht ab, das sie damit beging. Sie war sich ja auch gar nicht eines solchen bewusst. Rechnen Sie dazu noch die ihr offenbar angeborene Lust am edlen Weidwerk, und Sie werden ohne weiteres sehen, dass das sich selbst überlassene Kind der Lockung und Versuchung unterliegen musste. Überdies wurden ihr ihre kleinen Ausflüge in das Gebiet der Wilddieberei zur Zeit, da meine Tante noch lebte, immer recht gnädig nachgesehen, und sie nahm wohl, vielleicht nicht einmal so ganz mit Unrecht an, dass auch ich nicht zu den Unmenschen gehören werde, die ihr kleines Unrecht gleich zum Verbrechen stempeln werden. Schließlich und endlich aber dürfte die Romantik des Wilderns das sicherlich reizende Köpfchen der jungen Wildfrevlerin entflammt haben, und dieses bisschen Romantik dürfen Sie ihr am allerwenigsten übel nehmen, weil Sie, gnädigstes Fräulein, sich auch eine Romantik zurecht gelegt haben, die krankhafter und gefährlicher ist, als die Ihrer Schwester. Ich meine die Romantik des Elends.«

»Wie Sie über mich denken, das kann mich ja kalt lassen, nicht wahr, Herr von Berg«, sagte Madeline. »Bei der Beurteilung des Fehltrittes meiner Schwester Georginne vergessen Sie aber eines: sie hat nicht nur für uns gewildert, sondern sie hat auch das Ihnen gestohlene Wild an den Goldaper Wildbrethändler Söhnke verkauft.«

Das Gesicht des Gutsherrn wurde sichtlich viel ernster.

»Ja,« sagte er, »Sie haben recht, das gibt der Sache einen unangenehmen Beigeschmack. Aber auch da können wir mildernde Umstände annehmen. Trotzdem aber muss ich Ihnen gestehen, dass es gerade dieser Umstand war, der mich veranlasste, Sie von der ganzen Sache überhaupt in Kenntnis zu setzen. Wenn ich mir aber auch hier sage, dass wir es nur mit der Unüberlegtheit eines Kindes zu tun haben …«

»Dann sprechen Sie,« unterbrach sie ihn, »das furchtbarste Urteil für seine Zukunft aus, das man überhaupt zu fällen vermag, denn wenn sie nicht einmal die Armut von jetzt zu ertragen vermag, was wird dann erst in ein paar Wochen aus ihr werden?«

»Wieso? Wie meinen Sie das?« fragte Berg, von der Tragik in des Mädchens Worten, noch mehr aber von der Verzweiflung in ihrer Stimme und ihrer Haltung erschüttert.

»Wenn wir heimatlos, obdachlos hinausgestoßen sein werden in die Fremde! Hilflos, geldlos, freudlos in ein Leben gestürzt, das wir nicht kennen. Was wird aus Georginne dann, wenn jetzt schon ein Dieb aus ihr wurde?! Glauben Sie denn, die Welt draußen hat weniger Versuchungen für ein Kind, als unser stilles, einsames Heim hier? Ja, für ein Kind! Aber für ein Kind von siebzehn Jahren. Für ein Mädchen, das draußen sicher für schön gelten wird! Nein, nein, Sie wissen das anders, und ich weiß es auch!«

Sie war wieder in ihren Stuhl zurückgesunken und barg ihr Gesicht krampfhaft in beide Hände. Es war, als wolle sie durch den physischen Druck, die Tränen zurückhalten, die der seelische Schmerz ihr schluchzend erpressen wollte.

Berg wusste in seiner Herzensangst nicht, was tun. Er konnte, wollte und durfte dieses wundervolle Geschöpf, das geschaffen schien, um glücklich zu sein und glücklich zu machen, nicht weinen sehen. Am liebsten … so, was er am liebsten getan hätte, das wusste er wohl.

Er hätte diese Hände genommen und mit sanfter Ljebesgewalt von den in Tränen schwimmenden Augen gelöst. Er hätte dieses wundervolle, blasse, zitternde Köpfchen an sein Herz, an seine Brust gelegt und gesagt: »hier, hier ist ein Platz, hier schlägt ein Herz für dich!« Aber durfte er das? Bei jeder anderen vielleicht ja, bei ihr aber nicht. Und so sagte er nur im ruhigsten, geschäftsmäßigsten Tone, der ihm möglich war:

»Sie müssen sie eben irgendwohin in die Schule geben. In ein ganz ausgezeichnetes Pensionat, in dem sie durch ihre Lehrerinnen sowohl, als ihre Freundinnen, andere Anschauungen vom Leben gewinnen kann, als die, die sie sich bisher in ihrer frühreifen Selbständigkeit anzueignen vermocht hat.«

»Pensionate, Herr von Berg, kosten Geld.«

»Gewiss kosten sie das, es muss aber eben darauf angewandt werden.«

»Auch wenn man keins hat?« fragte sie mit verzweifeltem Lächeln.

»Sie bilden sich ja nur ein, dass Sie keines mehr haben,« sagte er. »Wenn Sie Ihr Gut verkaufen, so bleibt Ihnen, wenn Sie einen rechtschaffenen Käufer haben, dem daran liegen muss, das Land in seine Hand zu bekommen, weil er dadurch, so wie ich, sein eigenes Gut arrondieren kann, dann sicher nach Abzug aller darauf lastenden Schulden, gewiss noch eine Summe übrig, die jedenfalls hinreichen dürfte, Ihren Lebensbedürfnissen zu genügen und jene Ausgaben zu ermöglichen, die Sie ja selbst für notwendig halten. Und wenn das nicht der Fall wäre, dann müssten Sie eben mir erlauben, in meinem Interesse, im Interesse meines gefährdeten Wildstandes, das meinige dazu beitragen.«

Er lächelte, als er das sagte, sie aber rief:

»Herr von Berg!«

und die alte Empörung schien wieder in ihr zu erwachen.

»Mit Ihrer Entrüstung, mein verehrtestes Fräulein, kommen Sie nicht weit. Wenn Sie mir das Recht nicht geben wollen, zu helfen; wenn Ihr krankhafter Stolz sich wirkliche immer noch dagegen aufbäumt, dann lässt sich eben nichts dagegen machen, dann sind Sie ebenso unheilbar, wie die Zustände auf Ihrem Gute.

Mein Recht, gnädiges Fräulein, mein ganz unumstößliches Recht, Ihr Fräulein Schwester ihrer Bestrafung zuzuführen, lasse ich mir nicht nehmen, und Sie gestatten wohl, dass ich diesmal Kläger und Richter in einer Person bin und demgemäß Ihr Fräulein Schwester zu zwei Jahren Festung, zwei Jahren Königsberg verurteile, die sie in einem guten Pensionate abzubüßen hat. Was aber Sie anbelangt, so rate ich Ihnen als Freund – ich weiß, ich weiß, als sehr unerwünschter und ungebetener Freund, meinen Vorschlag anzunehmen.«

Er sah, wie sie zusammenzuckte und förmlich nach Atem ringend, mit sich kämpfte.

»Ich verstehe,« sagte er, »wie schwer Ihnen der Entschluss werden muss. Denken Sie aber doch, was für ein Unterschied zwischen einem freihändigen und einem Zwangsverkaufe Ihrer Liegenschaften ist. Bei ersterem können Sie Ihre Bedingungen stellen, bei letzterem müssen Sie tatenlos zusehen. Stellen Sie doch diese Bedingungen. Das schwerste für Sie ist jedenfalls der Gedanke, das Haus, das Ihren Vätern gehört hat, das Haus Ihrer Jugend, verlassen zu müssen. Ist denn das aber nötig? Kann in den Kaufvertrag nicht eine Bedingung hineinkommen, die Ihnen das Recht gibt, auf dem Gut zu verweilen? Etwa als Eigentümern einer Sitzstelle mit Garten. Ist das nicht ein annehmbarer Vorschlag? Nehmen Sie ihn an, Fräulein Mertinat, es ist nur zu Ihrem Besten.«

Er streckte ihr seine Hand entgegen, als solle sie in diese einschlagen, sie aber übersah wohl geflissentlich seine Bewegung.

»Ich werde mich mit meiner Schwester besprechen,« sagte sie. »Nicht mit meiner Schwester Georginne, sondern Malvine. Leben Sie wohl, Herr von Berg.«

Damit war sie gegangen. Er hatte sie bis zur Tür begleitet.

Ein stummer, ganz förmlicher Gruß und dann … war alles vorbei.

Das heißt, nicht alles, denn Herr von Berg nahm seine Zigarre, zündete sie sich an und warf sie nach wenigen Augenblicken mit einem Ausruf des Zornes weit von sich weg.

»Kurtchen, mein alter Junge, ich glaube, du warst eben ein recht großer Esel oder bist auf dem besten Wege, es zu werden.«

Dann ging er hin, drehte das elektrische Licht wieder ab, steckte sich einen anderen Glimmstängel an, und gab sich seinen Gedanken wieder hin, die jetzt ganz, aber ganz anderer Art waren, als früher.










6. Kapitel


Am nächsten Tage schon wurden von Madeline von Mertinat die Verkaufsverhandlungen mit dem Herrn Oberinspektor der von Bergschen Güter begonnen.

Nicht mit Herrn von Berg selber, und so stand er persönlich, einem Ausgeschalteten gleich, bei dem ganzen Verkaufe hinter den Kulissen und gab nur vor dem Notar seine Unterschrift. Damit war die Sache erledigt, denn dass er sich nicht vordrängte, wenn man ihm so deutlich zeigte, wie man ihn mied, das war doch selbstverständlich…

Das Mertinatsche Gut hatte aufgehört zu bestehen, den drei Mertinatschen Töchtern aber war, ganz so, wie Kurt von Berg das in Vorschlag gebracht hatte, das Recht geblieben, das Gutshaus bis an ihr Lebensende zu bewohnen, und ein schönes Stück Hausgarten und Obstgarten war bei dem Hause geblieben, und ein Stück Feld und eine Wiese zum Nießbrauch auch.

Haus und Garten hatten sich die beiden Mertinats – denn Georginne war selbstverständlich fort – umfrieden lassen, wohl um damit anzudeuten, dass sie sich ganz für sich allein, von der Welt, zum mindesten aber von ihrer nächsten Umgebung abschließen wollten.

Selbstverständlich wurde dieser Wunsch respektiert, was aber nicht verhindern konnte, dass die Gedanken des jungen Gutsherrn, doch öfter als sie sollten, hinüberschweiften nach dem Mertinatschen Hause und seiner schönen Insassin.

Diese selbst hatte sich mit dem Schicksal abgefunden, ja, wenn sie offen gegen sich selber sein wollte, musste sie sich sogar gestehen, dass sie sich glücklich fühlte.

Die schwere Last der Sorgen, die auf ihr gewuchtet hatte, war von ihr genommen, ihr und ihrer Schwestern Leben war gesichert, ja sogar eine gewisse Behaglichkeit herrschte wieder in dem Hause, und das war mehr, weit mehr, als sie noch je vom Leben erhoffen zu dürfen geglaubt hatte.

Georginne schrieb aus Königsberg auch sehr übermütig, lustig und zufrieden »die anderen Mädels seien noch viel doller als sie«, und Madeline, die unter den Verhältnissen mehr als sie es gezeigt hatte, gelitten zu haben schien, bekam auch allen Lebensmut wieder, der schon arg im Versagen gewesen war.

Ja, sie bekam wieder einen Anflug von Farbe, und in ihren Augen strahlte ein ruhiges, zufriedenes Glück.

Nur eines nagte an ihr, und das war, dass sie das alles dem Manne verdankte, den sie nicht nur darum, weil er der Erbe der Christine von Rosen war, hasste, sondern noch viel mehr, weil er sie seine Überlegenheit damals, als sie zum ersten und letzten Mal mit ihm sprach, so sehr hatte fühlen lassen.

Sie betrachtete darum auch stets ihr wiedergekehrtes Glück als eine Art Demütigung ihm gegenüber, aber als eine Demütigung, die zu ertragen ist, wie Malvine ihr in ihrem praktischeren Sinne sagte.

Das Haus des Herrn von Berg war übrigens durchaus nicht das geworden, was die Nachbarschaft, oder ein Teil der Nachbarschaft sich von ihm versprochen hatte.

Es war nicht das laute, fröhliche Heim eines sein Leben genießenden Junggesellen geworden, sondern das ruhige, behagliche Heim eines Mannes, der nach des Tages reichlicher und ernster Arbeit, in einer stillen Behaglichkeit sich selbst leben wollte und seine ruhige Zufriedenheit fand.

»Zufriedenheit ist aber nicht Glück, Herr von Berg,« hatte ihm Frau Strawischke gesagt. »Bei Ihnen müsste das Glück hier im Hause herrschen und das kann Ihnen nur eine Frau geben.«

»Das kann schon sein,« hatte Herr von Berg ihr zur Antwort gegeben, und der unwillkürliche Seufzer, der diese Antwort begleitet hatte, war von Frau Strawischke nicht etwa als ein Zeichen der Sehnsucht nach einer ganz bestimmten Person, sondern als allgemeines Sehnsuchtszeichen gedeutet worden.

Und so hatte sie sich denn beinahe den Mund fusselig darüber geredet, was für ein anderer Mensch man durch die Ehe gleich würde, und was für einen Segen die Ehe ins Haus bringe, obwohl der einzige Segen, den ihr die Ehe gebracht hatte, nur der sehr problematische ihrer sechs Töchter gewesen war.

In allem Übrigen aber war die Strawischkesche Ehe in geradezu kläglicher Weise gescheitert, was allerdings nicht an der netten, rundlichen Frau gelegen hatte, sondern ganz natürlich an ihm.

So oft auf dem Bergschen Gutshofe etwas los war, und das war wie gesagt nicht so oft, fuhr sie natürlich mit allen Sechsen an, was die beiden Ältesten als eine verfehlte Taktik empfanden, da merkwürdigerweise die Männer für die Reife weit weniger Verständnis zu haben pflegen, als für das Grüne der vorlauten Jugend.

Mutter Strawischke hatte aber eine andere Ansicht darüber, die sie noch aus der Artillerie übernommen hatte, bei der ihr Vater einstmals gestanden hatte. »Je mehr Geschütze man aufprotzt, um desto eher kriegt man den Feind klein.«

Leider aber wollte ihr System nicht verfangen, so niedlich ihre Töchter auch waren, und so schmachtende Blicke sie auch in unbewachten Momenten auf den jungen Gutsherrn warfen.

Der war freilich, so wie sich für jeden Gastgeber gehört, die Liebenswürdigkeit selbst, aber – gegen alle, und das, war ja gerade, was so zum Verzweifeln war.

Zum Glück blieb die Strawischke nicht mit Ihrer Enttäuschung allein, sondern sie wurde von allen Müttern heiratsfähiger Töchter geteilt, so dass sich allmählich die Zahl der Einladungen, denen der Herr von Berg ausgesetzt war, immer mehr und mehr verringerte.

Und das zur Freude des jungen Gutsherrn, der kein großer·Freund von großen Bekanntschaften war, sondern sich am glücklichsten fühlte, wenn er mit sich oder ein paar gleichgestimmten Seelen allein war.

Ja, das ließ sich gut sagen: »gleichgestimmte Seelen«. Woher aber die nehmen? Und da traf es sich gut, dass eines Tages ein Brief kam.

»Ja, lieber Freund, ist es denn wahr, dass du seit so geraumer Zeit so ganz in unserer Nähe bist, und nichts hast von dir hören lassen? Ist es dem großen Gutsherrn vielleicht nicht bekannt, dass drüben, über der Grenze, ein anderer Gutsherr sitzt, der sich unter sechstausend Banausen mopst und sich nach einer Menschenseele sehnt, die ihn versteht? Ist deine Ehe mit Frau Musika schon getrennt, oder schmachtest du schon in anderen, weniger geistigen, aber dafür umso süßeren Ehefesseln? Das muss ich alles sehen; dem allem muss ich auf den Grund kommen. Mache dich daher gefasst, dass ich dich nächstens einmal überrumple. Heute aber schicke ich gleichzeitig mit diesem meinem Geschreibsel noch meine Visitenkarte an dich ab. Kola.«

Ja, wahrhaftig, an Nikolai von Roth hatte Kurt von Berg eine ganze Ewigkeit nicht gedacht, am allerwenigsten in der letzten Zeit.

Wieso und warum, das war ihm selber nicht klar, jetzt aber freute er sich auf den kommenden Besuch, und das umso mehr, als die Visitenkarte, die Nikolai von Roth abgeschickt hatte, sich als ein schönes dickbauchiges Cello entpuppte, auf dem Kola ein Meister war, während er nach dem Tod der Tante seine Geige arg vernachlässigt hatte.

Jetzt aber suchte er sie hervor, und er streichelte sie mit seiner Hand und mit seinen Blicken, gleich als wollte er ihr das Unrecht abbitten, das er an ihr getan hatte.

Ja, ja, Frau Musika, jetzt kehrt der Sünder reuig wieder zu dir zurück! Er nahm die köstliche Geige behutsam aus Ihrem Kasten, legte sie an seine Schulter an und ließ durch einen Griff seiner Finger ihre Saiten erklingen. Dann strich er mit feinem Bogen darüber hinweg und entlockte ihnen die süßen, herrlichen, langentbehrten, zitternden, schwingenden Töne.

Wie ein Rausch kam es über ihn, wie eine Erfüllung.

Ton an Ton reihte sich ihm wie in herrlicher Schönheit; alles, was in seiner eigenen Seele verborgen lag, legte er in die Seele des Holzes; tongewordene Träume entströmten dem herrlichen Instrumente. Alle Sehnsuchten des Herzens klangen wie ein Strom lockenden Werbens heraus.

Lockenden Werdens und sieghaften Wollens, denn was er spielte, war zum Liebesliede geworden.

Auf dem Korridor draußen lauschte der alte Jons und spitzte die Ohren. So etwas hatte er noch nicht gehört, so lange das Haus stand. Unten in der Küche, bis zu der die nie gehörten Klänge unbestimmt und verschwommen herunterklangen, legte die Köchin, die alte Maria ihren Kartoffelnapf weg, und die Dore, die gerade Zwiebeln schnitt, begann mit tränenden Augen und schluchzender Stimme zu singen:

		»Ach Gott, ach Gott, wie ist mir arg,
		Mein Schatz der ist in Königsbarg.«

Oben aber, in des Herrn Zimmer, legte dieser seine Geige weg; der verklärte Ausdruck blieb aber noch eine ganze Weile auf seinen Zügen liegen.

Zwei Tage später kam Nikolai von Roth.

Frisch, rot, pausbäckig und mit lachenden Augen wie immer.

»Na du,« rief er dem ihn erwartenden Freunde zu, »du kannst mir gestohlen werden. Seit einem halben Jahr ist er hier und lässt nichts von sich hören, und nur dem Zufall muss man es danken, wenn man’s erfährt. Ist das die Freundschaft? Dann dank’ ich allergehorsamst dafür. So, und damit wir wenigstens unser Trio beisammen haben, habe ich den da, meinen Bruder, gleich mitgenommen. Und das,« – und er wies auf einen jungen, blassen, sehr elegant und geschniegelt aussehenden jungen Mann mit kleinem, sorgsam gepflegten Schnurrbärtchen – »das ist mein Sekretär, Herr von Iwolski. Na, ihr werdet euch ja kennen lernen, denn so schnell bringst du uns nicht wieder weg.«

Er sprach in der offenen, lebhaften Art, die seinem Wesen entsprach, aber mit dem eigentümlichen, getragenen, breiten Tone der Balten.

Kurt von Berg schüttelte ihm freudig die Hände, ebenso Bogdan von Roth, der ihm auch ein lieber Bekannter war, wenn er ihm auch nicht so nahe stand wie Nikolai. Den Sekretär aber begrüßte er mit jener entgegenkommenden Zurückhaltung, die jedem Fremden gegenüber angebracht ist. Die Bratsche und die Violine standen schon bereit.

»Ne, lieber Junge,« sagte aber Nikolai von Roth. »Erst essen. Wir haben nämlich einen mordsmäßigen Appetit nach dieser Fahrt. Es sind doch zweihundert Werst, die wir zurückgelegt haben, und der Frühling liegt uns überdies noch in allen Gliedern. Außerdem weißt du ja, die Seele des Menschen liegt in unserem Magen. War es nicht Kuno Fischer, der uns das gelehrt hat? Nein? Nu, dann war es ein anderer.« und er schob seinen Arm in den seines Freundes und ließ sich von ihm in das Esszimmer führen.

Speisesaal konnte man es füglich wohl nennen.

Die Frühstückstafel war schon gedeckt. Mit Kennermiene wurde sie von Nikolai von Roth überflogen.

»Ja,« sagte er, »das tut’s. Da wollen wir einmal auf russische Art frühstücken, nicht wahr, Timofei Simonowitsch?«

»Wie ist das?« fragte der Sekretär, an den diese Worte gerichtet waren.

Herr von Roth lachte.

»Da ist er ein Russe und ich, ein Deutscher, muss ihm das erst erklären: ein russisches Frühstück fängt früh an und ist abends noch nicht zu Ende. So wollen wir’s halten. Stimmt’s?«

»Wenn die Vorräte reichen, warum nicht?« sagte Herr von Berg lachend.

Das Frühstück zog sich zwar nicht ganz so in die Länge, wie Nikolai von Roth das vorausgesagt hatte, reichte aber doch ziemlich weit in den Tag hinein und war zweifellos das anregendste und gemütlichste, das Kurt von Berg bisher in seinem neuen Heime zu sich genommen hatte, denn es ging plötzlich in das Mittagessen über.

Man hatte über tausenderlei Dinge gesprochen, Berliner Erinnerungen ausgetauscht und über Musik und Weiber gesprochen.

Hauptsächlich natürlich über Musik.

»Ja,« sagte Kola, »dass dir die hier fehlt, das begreif’ ich. Ich finde es nur spaßhaft, dass du ausgerechnet auf mich warten musstest, um dich ihrer wieder zu erinnern. Aber freilich, wenn einem das Pusten und Prusten des Dampfpflugs, wenn einem der Takt der klappernden, schlagenden Dreschflegel, wenn einem der Milchstrom der Kühe zur Musik geworden ist, dann ist es ja möglich, die Kunst zu vergessen. Ich aber bin nur Bauer von sechs bis acht – von sechs Uhr früh bis abends um acht, mein’ ich natürlich, und bin es, frag’ nur die da, mit Stolz und mit Leidenschaft; dann aber zieh’ ich den Bauernkittel oder den Gutsherrnrock aus und werde wieder Salonmensch und Künstler. Ach, Künstler! Weißt du noch, Kurt wie wir davon geträumt haben, als Künstler die Welt zu durchzieh’n? Du, Bogdan und ich? Und wie wir eine vierte gesucht haben, die mit uns zieht? Aber wer weiß, wozu das gut ist, dass es nicht so geworden ist. Im Übrigen siehst du in uns hier«, und er zeigte auf sich, Bogdan und Herrn von Iwolski, »das Fleisch und Bein gewordene Trio: Ich immer noch a11egro vivace, ma non troppo, Bogdan das Andante und unser lieber Herr Sekretär hier das Adagio molto moderato.«

»Sind Sie denn auch musikalisch?« wandte sich Herr von Berg an Herrn von Iwolski.

»Es gibt keinen Russen,« antwortete dieser, »der es nicht wäre. Aber ich spiele nicht.«

»Gar nichts?«

»Nein.«

»Dann sind Sie eine glänzende Ausnahme von den vielen Tausenden, die nicht musikalisch sind und doch spielen.«

»Ja, das bin ich, Gott sei Dank!« sagte der Russe mit dem Tone solcher Überzeugung, dass alle anderen lachten.

»Und nun sind wir vier da,« sagte Bogdan von Roth, »und das Quartett ist doch nicht beisammen.«

»Nein,« erwiderte Kurt von Berg, »die vierte fehlt«, und er warf seinen Zigarettenstummel abermals von sich.

»Teufel, dann musst du eben für die vierte sorgen! Ihr werdet doch wohl hier in der Nachbarschaft eine haben, die zur Not mit uns klimpern kann.«

»Klimpern gewiss, aber spielen?«

»Ja, da hast du recht, das findet sich schwer. Heirat’ doch eine. Ein unverheirateter Gutsherr ist überhaupt eine Absurdität. ,Bauer ohne Frau’, sagt ein gutes kurländisches Sprichwort bei uns„ist wie Hahn ohne Henne, wie Hof ohne Tenne, wie Stall ohne Sau’.«

Alles lachte. Am hellsten und fröhlichsten Kola; ja selbst Herr von Iwolski verzog seinen Mund zu einem Lächeln.

»Auch wir Russen haben ähnliche Sprichwörter,«, sagte er. »Eines der bekanntesten lautet: ‘Geh’, Bauer, und such’ dir ’ne Frau, hol’ du dir den Teufel, sonst holt er dich’.«

»Ein Sprichwort, das nicht gerade viel Lust zum Heiraten macht«, meinte Herr von Berg.

»Warum nicht,« meinte Bogdan von Roth. »Wir zum Beispiel, Kola und ich, dachten gerade hier etwas für uns Passendes zu finden. Hast du nichts hier auf Lager, in das man sich verlieben könnte? Gar nichts? Wirklich nichts?«

Einen Augenblick lang war es, als flöge eine Wolke über Kurts Gesicht.

»Rein, gar nichts,« sagte er dann. »Aber wollt ihr euch nicht meinen Besitz ansehen?«

Die, Tage verflogen. Nikolai von Roth sah sich mit Interesse den Berschkaller Meisterbetrieb an, denn Kurt konnte das Verdienst, das Gut auf solche Höhe gebracht zu haben, selbstverständlich nicht für sich in Anspruch nehmen, soviel auch schon unter seiner Herrschaft geschehen war.

»Alles verdanken wir ihr und unserem trefflichen Gutsinspektor, nicht wahr, Grundmoser?« sagte der Gutsherr und klopfte dem wackeren Mann auf die Schulten.

Der strahlte natürlich vor Glück, denn er hatte den neuen Gutsherrn – für ihn blieb er nämlich immer der neue – weiß Gott, schon geradezu lieb gewonnen. Er war halt auch aus gutem Holz geschnitten, das merkte man gleich.

»Sie sollten mit mir nach Russland kommen,« sagte Herr von Roth lachend. »Dort brauchen wir Menschen wie Sie. Wollen Sie?«

Da hätte man den alten Inspektor aber sehen sollen! Mit beiden Händen sträubte er sich gegen die Zumutung.

»Für[6 - Original: "Nichts".] nichts um die Welt bringt man mich von hier fort,« rief er, »und am wenigsten nach Russland hinein.«

»Fürchten Sie sich denn vor den Russen so sehr?«

»Herr,« sagte da aber der alte Inspektor und straffte seine ganze Gestalt, »hassen vielleicht, aber von wegen fürchten, da kennen Sie uns Ostpreußen schlecht,« und er ballte seine Faust, wie in tiefem zurückgehaltenen Grimme.

Kurt von Berg winkte seinem Freunde zu, von dem Gespräch lieber abzulassen, denn er kannte den alten, eingefleischten Hass des alten Mannes und wusste, dass eine Geschichte dahintersteckte, die weit zurücklag, aber Schuld daran war, dass der alte Grundmoser, trotz seiner sechsundfünfzig Jahre, und trotzdem er so ein stattlicher Mann war, noch immer keine Frau genommen hatte.

Während die beiden, Herr von Berg und Kola von Roth, das Gut inspizierten, pirschte Bogdan im Walde herum. Das heißt, die Büchse hatte er zwar übergehängt, ans Schießen aber dachte er doch nicht.

Ihn nahm der Wald mit seinem Zauber gefangen.

Es war aber auch ein Wald mit der ganzen Märchenschönheit des herrlichen, ostpreußischen Waldreviers.

Prachtvoller, dunkler, hochstämmiger Nadelwald, – Kiefern und Fichten; aber ganz mit hellem, im frischen Grün des Frühlings, förmlich hervorleuchtendem Laubunterholz durchsetzt; dann eine saftige, von einem kleinen Wasser durchflossene Wiesenschlenke und hinter dieser und rings um sie köstlichster Laubwald. Alte, große, wuchtige Eichen, die wie in kraftvoller Herrennatur ihre festen, knorrigen Äste ausbreiteten, und prachtvolle Buchen, die es an Kraft und an Eindruck den riesigen Eichen gleich zu tun suchten.

Auf den Lichtungen stand äsendes Wild, das misstrauisch nach dem fremden Mann äugte; der aber stand im Genuss des Anblickes da und dachte nicht an das Schießen.




Конец ознакомительного фрагмента.


Текст предоставлен ООО «ЛитРес».

Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=48633276) на ЛитРес.

Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.



notes



1


Margell: Lituanismus für junges Mädchen.




2


Original: „ratlos“.




3


Original: „steckte“.




4


Original: „weitläuftige“.




5


Original: "mit".




6


Original: "Nichts".


