La San Felice Band 10
Alexandre Dumas der Ältere




Dumas (père), Alexandre

La San Felice B10





Zehnter Theil





Erstes Capitel.

Michele der Kluge


In irgend einem Buche, ob in der Bibel oder in einem profanen Werke weiß ich für den Augenblick nicht und habe auch nicht Zeit nachzusuchen, kommt der Ausspruch vor: Die Liebe ist mächtig wie der Tod.

Dieser Ausspruch, welcher aussieht wie ein Gedanke, ist weiter nichts als eine Thatsache und zwar eine auf diese Weise nicht ganz präcis ausgedrückte.

Cäsar sagt in Shakespeare oder vielmehr Shakespeare läßt Cäsar sagen: »Die Gefahr und ich, wir sind zwei an einem und demselben Tage gebotene Löwen und ich bin der älteste davon.«

Die Liebe und der Tod sind ebenfalls an einem und demselben Tage, nämlich am Tage der Schöpfung, geboren, nur ist die Liebe am ältesten. Ehe man stirbt, hat man geliebt. Als Eva beim Anblick des von Kain erschlagenen Abel in mütterlichem Schmerz die Hände rang und rief: »Wehe! Wehe! Wehe! Der Tod ist in die Welt gekommen!» da war der Tod erst nach der Liebe eingedrungen, denn dieser Sohn, welchen der Tod soeben der Welt entrissen, war der Sohn ihrer Liebe.

Es ist daher nicht richtig, wenn man sagt: »Die Liebe ist mächtig wie der Tod!« Man maß vielmehr sagen: »Die Liebe ist mächtiger als der Tod!« denn alle Tage bekämpft die Liebe den Tod und wirft ihn nieder.

Fünf Minuten nachdem Luisa gesagt hatte: »Gesegnet seien die Dinge, welche Gott geschaffen. Was er thut, das ist wohl gethan!« hatte Luisa Alles vergessen, sogar die Ursache, welche sie zu Salvato geführt.

Sie wußte jetzt blos, daß sie bei Salvato und daß Salvato bei ihr war.

Es ward zwischen ihnen verabredet, daß sie einander erst am Abend verlassen sollten. Noch diesen selben Abend sollte Luisa den Anführer der Verschwörung sprechen und den nächstfolgenden Tag, nachdem er Zeit gehabt, Contreordre zugeben, und sich und seine Mitverschworenen in Sicherheit zu bringen, sollte Salvato den General benachrichtigen, welcher sich dann mit der Civilgewalt über die zur Vereitelung des Complotts nothwendigen Maßregeln für den Fall verständigen sollte, daß die Insurgenten trotz der ihnen von Luisa gemachten Mittheilung bei ihrem Unternehmen beharren sollten.

Nachdem man sich einmal über alles dies besprochen, überließen Salvato und Luisa sich ganz ihrer Liebe.

Sich ganz der Liebe überlassen , wenn man wirklich liebt, heißt Tauben – oder Engelsschwingen leihen, sich hoch über die Erde erheben, auf einer Purpurwolke, auf einem Sonnenstrahle ausruhen, sich betrachten, sich zulächeln, leise sprechen, das Paradies zu seinen Füßen, den Himmel über dem Haupte sehen, und zwischen den zweitausendmal wiederholten Zauberworten: »Ich liebe Dich!« die Klänge der himmlischen Sphären hören.

Der Tag verging wie ein Traum. Das Geräusch der Straße und der Beengung zwischen den vier Mauern eines Zimmers müde, nach Luft, nach Freiheit, nach Einsamkeit schmachtend, eilten sie hinaus ins Freie, welches in den neapolitanischen Provinzen gegen Ende des Januar wieder zu neuem Leben zu erwachen beginnt.

Hier aber, in den nächsten Umgebungen der Stadt, begegnete man auf jedem Schritte einem Neugierigen, einem Zudringlichen.

»Können wir nicht eine Wüste aufsuchen?« sagte Salvato lächelnd.

»Wir wollen nach Pästum fahren,« antwortete Luisa.

Ein Miethwagen fuhr vorüber. Salvato rief den Kutscher an, die beiden Liebenden stiegen ein, das Ziel der Fahrt ward genannt und die Pferde setzten sich in blitzschnelle Bewegung.

Keines von Beiden kannte Pästum. Salvato hatte das südliche Italien verlassen, ehe noch, so zu sagen, ihm die Augen aufgegangen waren, und obschon der Chevalier mit Luisa wohl zwanzigmal von Pästum gesprochen, so hatte er sie doch niemals dahin führen wollen, weil er für sie die verderblichen Einwirkungen der dort herrschenden bösen Luft fürchtete.

Jetzt dachten die beiden Liebenden nicht einmal daran. Hätte das Eine von ihnen die pontinischen Sümpfe genannt, so würde das Andere gesagt haben: »Ja, gehen wir nach den pontinischen Sümpfen,« Es war ja geradezu unmöglich, daß das Fieber in einem solchen Augenblicke Gewalt über sie hätte. Ist das Glück von allen Gegengiften nicht das wirksamste? Luisa war genau über die Oertlichkeiten unterrichtet, welche man passiert, wenn man die Runde um diesen prachtvollen Golf macht, welcher, ehe Salerno existierte, der Golf von Pästum genannt ward. Dennoch ließ sie wie eine unwissende, aber wißbegierige Schülerin der Archäologie Salvato sprechen, weil sie ihm einmal gerne zuhörte. Sie wußte im Voraus, was er sagen wollte, und dennoch war es ihr, als hörte sie Alles, was er sagte, zum ersten Male.

Was aber kein geschriebenes Buch weder dem Einen noch dem Andern hatte mittheilen können, dies war die Majestät der Landschaft, die Erhabenheit der Linien, welche sich den Augen der Reisenden entrollten, als sie an einer der Biegungen der Straße plötzlich die drei Tempel gewahrten, welche sich mit ihrer warmen, dem welken Laube ähnlichen Farbe gegen den dunkeln Azur des Himmels abhoben.

Es waren würdige Ueberreste der strengen Architektur jener am Fuße des Ossa und des Olymp gebotenen hellenischen Stämme, welche bei der Rückkehr von einem fruchtlosen Kriegszug in den Peloponnes, wohin Hyllus, der Sohn des Herkules, sie geführt, ihr Land von den Verhäbiern besetzt fanden, welche, nachdem sie die fruchtbaren Ebenen am Penrios den Lapythern und Jonierv überlassen, sich in der Tryopide niederließen, welche von dieser Zeit an den Namen Doride annahm, und hundert Jahre nach dem trojanischen Kriege den Pelasgern, welche sie bis nach Attika verfolgten, Messena und Tyrenthe, die noch heute durch ihre titanischen Rainen berühmt sind, die Argolide, wo sie das Grabmal Agamemnon’s fanden, und Latonien abnehmen, dessen Bewohner sie zu Heloten machten und wo sie aus Sparta den lebendigen Ausdruck ihres ernsten, düsteren Geistes machten dessen Dolmetscher Lykurgus ward. Sechs Jahrhunderte lang war die Civilisation durch diese Eroberer gehemmt, welche gegen den Gewerbfleiß, gegen die Wirthschaften und Künste gleichgültig oder feindselig gesinnt waren und welche, als sie in ihren messenischen Kriegen eines Dichters bedürften, den Atheniensern ihren Tyktäus abborgten.

Wie konnten diese rauhen Söhne des Olymps und des Ossa in diesen weichen, wollüstigen Ebenen von Pästum leben, mitten unter der Civilisation Großgriechenlands wo die Südwinde ihnen die Wohlgerüche von Sybaris und der Nordwind die Ausströmungen von Baja betrachten ?

Auch erbauten sie mitten unter ihren Feldern von Rosenbäumen, welche zweimal jährlich blühten, gleichsam als Protest gegen diese zierliche, vom sonischen Hauche durchdrungene Civilisation, jene drei furchtbaren Granittempel, welche unter Augustus schon in Trümmern liegend noch heutzutage das sind, was sie zur Zeit des Augustus waren.

Gegenwärtig ist von diesen Besiegern Spartas nichts weiter übrig, als diese drei Granitskelette, wo, von tödtlichen Miasmen umgeben, das Fieber herrscht, und jenes schnurgerade Mauerviereck, welches man binnen einer Stunde umgehen kann.

Die hier umherirrendem von der Malaria verzehrten Gespenster, welche mit hohlem neugierigem Blick den Reisenden betrachten, sind eben so wenig die Nachkommen jener Bewohner, als die ungesunden oder giftigen, in den faulen Sümpfen wachsenden Kräuter die Sprößlinge jener Rosenbäume sind, mit welchen der von Syracus nach Neapel gehende Reisende das Land weit und breit bedeckt sah, und von welchem der Wohlgeruch durch den Wind zu ihm herübergetragen ward.

Zu jener Zeit, wo die Archäologie noch in der Wiege lag und wo die klebrige Natter allein in den einsamen Ruinen herumkroch, gab es nicht wie heutzutage einen Weg, auf welchem man nach jenem Tempel gelangte. Man mußte vielmehr durch jene riesigen Kräuter hindurchschreiten, ohne zu wissen, auf welches giftige Gewürm man Gefahr lief den Fuß zu setzen.

Luisa schien, als man dieses faule Röhricht betreten wollte, zu zögern, Salvato aber nahm sie auf die Arme wie ein Kind, hob sie über die sonnverbrannte, trockene Ernte und setzte sie nicht eher wieder nieder, als bis man die Stufen des größten der Tempel erreicht hatte.

Ueberlassen wir sie jener Einsamkeit, welche sie so weit aufzusuchen gekommen, jener tiefen, geheimnißvollen Liebe, welche sie den Blicken Aller zu verbergen suchten und welche eine eifersüchtige Feder einem Nebenbuhler verrathen.

Sehen wir vielmehr, was die Ursache jenes Geräusches gewesen, welches die beiden Liebenden in dem Nebenzimmer gehört und wodurch sie einen Augenblick lang um so mehr beunruhigt worden, als sie sich vergebens bemüht hatten, die Ursache davon zu entdecken.

Michele war, wie man sich erinnert, Luisa gefolgt und erst aus der Schwelle von Salvatos Zimmer in dein Augenblick stehen geblieben, wo der junge Officier auf Luisa zugeeilt gekommen war und sie an sein Herz gedrückt hatte.

Dann hatte Michele sich discreterweise zurückgezogen, obschon es für ihn in Bezug auf das Gefühl, welches die beiden Liebenden gegen einander hegten, nichts Neues zu erfahren gab. Als aufmerksame Schildwache hatte er sich sodann in der Nähe der Thür niedergesetzt, um weitere Befehle von seiner Milchschwester oder von seinem Brigadechef zu erwarten.

Luisa hatte vergessen, daß Michele da war. Salvato welcher wußte, daß er auf seine Verschwiegenheit rechnen konnte, kümmerte sich nicht darum, und Luisa hatte, wie man sich erinnert, nachdem sie erst ihren Geliebten ohne nähere Erklärung zur Flucht aufgefordert ihm endlich Alles gestanden, ohne jedoch den Namen des Hauptes der Verschwörung zu nennen.

Michele aber kannte diesen Namen. Das Haupt der Verschwörung war, wie Luisa ihrem Geliebten selbst gestand, der junge Mann, der bis um zwei Uhr Morgens auf sie gewartet hatte; der ihr Haus erst um drei Uhr verlassen, und Giovannina hatte auf die Frage des jungen Lazzarone: »Was fehlt denn Luisa heute Morgen? Ist sie, seitdem ich vernünftig geworden, vielleicht närrisch geworden?« die furchtbare Bedeutung ihrer Antwort nicht verstehend gesagt: »Das weiß ich weiter nicht; sie ist so seit dem Besuche, welchen Signor André Backer ihr diese Nacht gemacht hat.«

Das Haupt der Verschwörung war sonach Signor André Backer, der Bankier des Königs, jener junge Mann, der so wahnsinnig in Luisa verliebt war.

Was war aber der Zweck dieser Verschwörung? Kein anderer, als in einer einzigen Nacht die sechs- bis achttausend Franzosen, welche Neapel besetzt hielten,und mit denselben zugleich alle ihre Anhänger zu ermorden.

Michele fühlte, wie er bei dem Gedanken an diese neue sicilische Vesper unter seiner schönen Uniform an allen Gliedern erzitterte.

Er war selbst ein Anhänger der Franzosen und zwar einer der eifrigsten. Demzufolge war er auch einer der Ersten, welche sich darauf gefaßt machen mußten, niedergemetzelt oder gehängt zu werden, denn es war ihm ja prophezeit, daß er Oberst und gehängt werden würde, und Oberst war er schon.

Wenn aber Nanno‘s Prophezeiung in Erfüllung gehen sollte, so lag Michele viel daran, daß es wenigstens so spät als möglich geschähe. Die Frist, welche ihm vom Donnerstag Mittag bis zur Nacht des Freitag gegeben war, schien ihm nicht lang genug zu sein.

Er glaubte deshalb, daß er kraft des Sprichwortes, daß es besser sei, den Teufel todtzuschlagen als sich von demselben todtschlagen zu lassen, keine Zeit zu verlieren habe, um sich gegen den Teufel zur Wehre zu setzen.

Es war ihm dies um so leichter, als sein Gewissen durchaus nicht durch die Zweifel bewegt ward, welche das Herz seiner Milchschwester beunruhigten. Ihm hatte mag keine vertrauliche Mittheilung gemacht; er hatte keinen Schwur geleistet.

Er hatte die Verschwörung erfahren, indem er an der Thür gehorcht hatte, ohne darauf ausgegangen zu sein.

Den Namen des Hauptes der Verschwörung errieth er, weil Giovannina es ihm gesagt, ohne ihm im mindesten Verschwiegenheit zu Pflicht zu machen.

Er war der Ansicht, daß er, wenn er die reaktionären Projecte der Herren Simon und André Backer sich verwirklichen ließe, in der That den Namen eines Narren verdienen würde, welchen man ihm seiner Meinung nach ohne triftigen Grund gegeben. Dagegen glaubte er, daß er in den Augen seiner Zeitgenossen sowohl als in denen der Nachwelt, ebenso wie Thales und Solon, den Namen eines Weisen verdienen würde, wenn er den Ausbruch der Gegenrevolution vereitelte und indem er das Leben zweier Menschen opferte, das von fünfundzwanzig bis dreißigtausend rettete.

Deshalb hatte er, ohne Zeit zu verlieren, das Zimmer neben dem, in welchem sich die beiden Liebenden befanden, verlassen und beim Fortgehen die Thür hinter sich geschlossen, so daß Niemand in das Zimmer treten konnte, ohne gehört zu werden.

Das Geräusch dieser sich schließenden Thier war es eben, was Luisa und Salvato beunruhigt, welche nach unruhiger geworden wären, wenn sie gewußt hätten, in welcher Absicht Michele der Narr, jetzt Michele der Weise, sich entfernt hatte.




Zweites Capitel.

Michele‘s Bedenklichkeiten


Als Michele das Stadthaus verlassen hattest sprang er in ein Calessino, dessen Kutscher er einen Ducaten versprach, wenn er binnen Dreiviertelstunden im Castellamare wäre.

Der Kutscher setzte sein Pferd sofort in Galopp.

Schon vor langer Zeit habe ich die Geschichte dieser unglücklichen gespenstischen Pferde erzählt, welche weiter nichts haben, als dem Athem und welche laufen wieder Wind.

In vierzig Minuten hatte das, welches den Wagen zog, in welchem Michele saß, den Raum zurückgelegt, welcher Salerno von Castellamare trennt.

Michele hatte, als er auf die Brücke gelangte und Giambardella seine Segel richten sah, um einen sich eben erhabenen Wind zu benutzen, anfangs die Idee, sich wieder an Bord dieser Barke zu begeben und mit derselben nach Neapel zurückzukehren.

Der Wind aber, welcher sich einmal gelegt hatte, konnte sich auch wieder legen, oder nachdem er ein erstes Mal von Südost nach Nordost umgesprungen war, zum zweiten Mal nach irgend einem anderen Punkt des Compasses umspringen, wo er ganz conträr ward, so daß man seine Zuflucht wieder zum Ruder nehmen mußte.

Alles dies wäre für einen Narren ganz vortrefflich gewesen, für einen Weisen aber war es viel zu gewagt. Deshalb beschloß er auf dem Landwege zu bleiben, und um schneller fortzukommen, die Entfernung in zwei Stationen zu theilen, von welchen die erste von Castellamare bis Portici, die zweite von Portici bis Neapel reichte.

Auf diese Weise und mittelst eines Ducatens für jede Station konnte er binnen weniger als zwei Stunden im Palast Angri sein.

Wir sagen im Palast Angri, weil Michele vor allen Dingen mit dem General Championnet zu sprechen wünschte.

Während er nämlich so mit Blitzesschnelle entlang rollte und sich dabei verzweifelt am Kopfe kratzte, fühlte er in seinem Gemüth allerhand Zweifel und Bedenklichkeiten erwachen.

Er war ein ehrlich-es, biederes Wesen und konnte sich nicht verhehlen, daß er im Begriffe stand, die Rolle eines Angebers zu spielen.

Ja; aber wenn er auch zum Angeber ward, so rettete er doch auch zugleich die Republik.

Er war deshalb so ziemlich, ja sogar ganz entschlossen, das Complott zu denunciren und nur noch unschlüssig in Bezug auf die Art und Weise, wie dies geschehen sollte.

Wenn er den General Championnet aufsuchte und denselben zu Rathe zog wie einen Beichtvater in einer Gewissenssache, so stand er dann nach seiner Ansicht als ein Mensch da, welcher selbst in den Augen seiner Feinde für ein Muster von Redlichkeit galt.

Deshalb haben wir gesagt, daß er in weniger als zwei Stunden im Palast Angri sein konnte, anstatt zu sagen, daß er binnen weniger als zwei Stunden im Ministerium der Polizei hätte sein können.

Und in der That setzte er eine Stunde fünfzig Minuten, nachdem er Castellamare verlassen, den Fuß auf die erste Stufe der Treppe des Palastes Angri.

Bei der Schildwache erkundigte er sich; ob der General Championnet zu Hause wäre, und die Antwort lautete bejahend.

Im Vorzimmer aber sagte ihm der hier befindliche Ordonnanzsoldat, daß der General Niemanden empfangen könne, weil er mit den Architecten beschäftigt sei, welchen ihm Entwürfe zu dem Grabmal Virgils vorgelegt hätten.

Michele antwortete, er käme in einer weit wichtigeren Angelegenheit, als das Grabmal Virgils sei, und er müsse, wenn nicht das größte Unglück daraus entstehen sollte, den General augenblicklich sprechen.

Alle Welt kannte Michele den Narren, alle Welt wußte, wie er durch Salvatos Vermittlung dem Tode entronnen, wie der General ihn zum Obersten gemacht und welchen Dienst er geleistet, indem er dem heiligen Januarius wohlbehalten eine Ehrengarde zugeführt.

Man wußte auch, daß der General leicht zugänglich war und man setzte ihn deshalb von dem Begehren des improvisirten Obersten in Kenntniß.

Der Obergeneral der Armee von Neapel hatte von jeher es sich zur Regel gemacht, keinen Rath zu verachten.

Demgemäß entschuldigte er sich bei seinen Architecten, welche er im Solon zurückließ, indem er ihnen versprach, zurückzukehren sobald er sich Michele's entledigt hätte, was wahrscheinlich nicht lange dauern würde.

Dann begab er sich in sein Cabinet und befahl Michele vorzulassen.

Dieser erschien und grüßte militärisch. Trotz dieses anscheinenden Aplomb und dieses militärischen Grußes aber schien der arme Junge, der niemals Anspruch darauf gemacht ein Redner zu sein, sehr verlegen zu werden.

Championnet errieth diese Verlegenheit und beschloß mit seiner gewöhnlichen Herzensgüte, dem armen jungen Mann zu Hilfe zu kommen.

»Ah, Du bist es, ragazzo,« sagte er im neapolitanischen Dialekt. »Du weißt, daß ich zufrieden mit Dir bin. Du benimmst Dich sehr gut und predigst wie Don Michelangelo Ceccone.«

Michele fühlte sich ein wenig ermuthigt, als er seinen Dialect so gut sprechen hörte, und ein Mann wie Championnet ihm so große Lobsprüche machte.

»Mein Generale antwortete er, »ich bin stolz darauf und fühle mich glücklich, daß Sie zufrieden mit mir sind, aber das ist nicht genug.«

»Wie , es ist noch nicht genug?«

»Nein, ich muß auch selbst mit mir zufrieden sein?«

»Ah, dann machst Du auch ziemlich große Ansprüche. Mit sich selbst zufrieden sein, dies ist die moralische Glückseligkeit auf Erden. Wo wäre der Mensch, der, wenn er streng sein Gewissen befragt, mit sich selbst zufrieden wäre?«

»Ich, mein General, wenn Sie sich die Mühe nehmen wollen, mein Gewissen zu erleuchten und zu leiten.«

»Mein lieber Freund– sagte Championnet lachend, »ich glaube, Du hast die rechte Thür verfehlt. Du hast geglaubt zu Monsignore Capece Zurlo, Erzbischof von Neapel, zu kommen und bist dagegen zu Jean Etienne Championnet, dem Obergeneral der französischen Armee, gerathen.«

»O nein, mein General,« antwortete Michele, »ich weiß recht wohl, bei wem ich bin. Ich bin bei dem redlichsten, tapfersten und biedersten Soldaten der Armee, die er commandiert.«

»Aha, Du schmeichelst! Wahrscheinlich hast Du eine Bitte anzubringen.«

»O nein; im Gegentheil, ich habe Ihnen einen Dienst zu leisten.«

»Du hast mir einen Dienst zu leisten?«

»Ja, und zwar einen sehr wichtigen.«

»Mir?«

»Ja, Ihnen, der französischen Armee, dem ganzen Lande. Nur muß ich erst wissen, ob ich Ihnen diesen Dienst leisten und dabei ein ehrlicher Mann bleiben kann und ob, wenn ich den Dienst geleistet habe, Sie mir Ihre Hand eben so wieder reichen werden, wie Sie mir dieselbe jetzt gereicht haben.«

»Ich sollte meinen, Du hättest in diesem Punkte einen besseren Führer, als ich sein kann, nämlich dein Gewissen.«

»Eben mein Gewissen ist es, was nicht vollkommen weiß, woran es sich halten soll.«

»Du kennst,« sagte der General, welcher allmälig seine Architecten vergaß und an der Unterhaltung mit dem Lazzarone Vergnügen fand, »Du kennst das Sprichwort: Wenn Du zweifelst, so enthalte Dich.«

»Aber wenn ich mich nun enthalte, und dadurch ein großes Unglück herbeigeführt wird?«

»Also, wie Du eben sagtest, Du zweifelst?« fragte Championnet.

»Ja, mein General, ich zweifle,« entgegnete Michele, »und ich fürchte mich zu enthalten. Unser Land ist ein eigenthümliches, sehen Sie, denn unglücklicher Weise gibt es darin infolge des Einflusses, den unsere Souveraine geäußert haben, keinen moralischen Sinn und kein öffentliches Gewissen mehr. Sie werden niemals sagen hören: Herr Soundso ist ein ehrlicher Mann, oder Herr Soundso ist ein Schurke, sondern Sie hören blos sagen: Herr Soundso ist reich, oder: Herr Soundso ist arm. Wenn er reich ist, so ist dies schon genug und er gilt für einen ehrlichen Mann. Ist er dagegen arm, so, ist er gerichtet und gilt für eine Canaille. Sie haben Lust, Jemanden umzubringen Sie suchen einen Priester auf und sagen zu ihm: »Mein Vater, ist es ein Verbrechen, seinem Nächsten das Leben zu nehmen?« Der Priester antwortet Ihnen: »Das kommt darauf an, mein Sohn. Wenn dein Nächster ein Jakobiner ist, so tödte ihn, ohne für dein Gewissen etwas zu fürchten; ist er aber ein Royalist, so hüte Dich wohl, so etwas zu thun.« Ebenso wie die Ermordung eines Jakobiners in den Augen der Religion ein verdienstliches Werk ist, eben so ist die Ermordung eines Royalisten in den Augen des Herrn ein abscheuliches Verbrechen. »Spioniert und denunziert!« sagte die Königin zu uns. »Ich werde den Spionen so große Gnadenbezeigungen erweisen und die Angeber so reichlich belohnen, daß die ersten Männer des Königreiches sich in Spione und Denuncianten verwandeln werden.« – Wohlan, mein General, was wollen Sie, daß wir werden, wenn wir die allgemeine Stimme sagen hören: »Jeder Reiche ist ein ehrlicher Mann, jeder Arme ist ein Schurke,« und wenn wir die Religion erklären hören: »Es ist gut, die Jakobiner zu tödten; aber es ist unrecht, die Royalisten umzubringen,« und wenn wir endlich selbst königliche Personen sagen hören: »Die Spionage ist ein Verdienst, die Verleumdung eine Tugend.« Es bleibt uns nur Eines noch übrig, nämlich, daß wir zu einem Ausländer gehen und zu ihm sagen: »Du bist in anderen Grundsätzen erzogen worden, als die unsrigen sind. Was meinst Du, was ein ehrlicher Mann unter den und den Umständen thun soll?«

»Laß die Umstände hören,« sagte der General erstaunt.

»Die Umstände sind sehr ernst, mein General,« fuhr Michele fort. »Ohne es zu wollen habe ich in allen ihren Einzelheiten die Geschichte eines Complotts mit angehört. Ich weiß, daß dieses Complott dreißigtausend Personen in Neapel mit Ermordung bedroht; ich weiß, daß die Patrioten und die Royalisten diese bedrohten Personen sind. Was soll ich nun thun?«

»Was anders, als den Ausbruch dieses Complotts verhindern und dadurch dreißigtausend Menschen das Leben retten?«

»Selbst wenn dieses Complott unsere Feinde bedroht.«

»Ganz besonders wenn dieses Complott unsere Feinde bedroht.«

»Wenn Sie so denken, mein General, wie werden Sie dann den Krieg führen?«

»Ich führe den Krieg in der Weise, daß ich am hellen Tage kämpfe, aber nicht in der Nacht morde. Kämpfen ist ruhmreich, Morden ist feige.«

»Ich kann aber das Complott nur dadurch vereiteln, daß ich es denuncire.«

»Nun so denuncire es.«

»Aber dann bin ich —«

»Was denn?«

»Ein Verräther.«

»Ein Verräther ist der, welcher das Geheimniß, welches ihm anvertraut worden, offenbart und in der Hoffnung aus Belohnung seine Mitschuldigen angibt. Waren die Männer, welche conspirirten, deine Mitschuldigen?«

»Nein, mein General.«

»Denunzierst Du sie in der Hoffnung auf eine Belohnung?«

»Nein, mein General.«

»Nun, dann bist Du auch kein Verräther, sondern ein ehrlicher Mann, welcher, weil er nicht will, daß das Uebel großwachse, es mit der Wurzel herausreiße.«

»Wenn nun aber dieses Complott, anstatt die Royalisten zu bedrohen, Sie, mein General, die französischen Soldaten und die Patrioten bedrohte, was müßte ich dann thun?«

»Ich habe Dir deine Pflicht unsern Feinden gegenüber angedeutet, in Bezug auf unsere Freunde ist meine Moral ganz dieselbe. Wenn Du die Feinde rettest, so erwirbst Du Dir ein Verdienst um die Menschheit; rettest Du die Freunde, so erwirbst Du Dir ein Verdienst um das Vaterland.«

»Und Sie werden also fortfahren mir die Hand zu geben?«

»Ich gebe sie Dir.«

»Wohlan, warten Sie, mein General. Ich werde Ihnen einen Theil der Sache sagen und einer andern Person überlassen, Ihnen den Rest zu sagen.«

»Ich höre Dich.«

»Während der Nacht vom Freitag zum Sonnabend soll eine Verschwörung zum Ausbruch kommen. Die zehntausend Mann Deserteure Macks und Naselli's sollen im Bunde mit zwanzigtausend Mann Lazzaroni sämtliche Franzosen und alle Patrioten ermorden. Nach Einbruch der Dunkelheit werden die Thüren der verurtheilten Häuser mit Kreuzen markiert werden und um Mitternacht soll das Blutbad beginnen.«

»Weißt Du das gewiß?«

»So gewiß, als daß ich lebe, mein General.«

»Aber werden die Mörder dann nicht Gefahr laufen, gleichzeitig mit den Jakobinern auch die Royalisten zu morden?«

»Nein, denn die Royalisten werden nur eine Sicherheitskarte vorzuzeigen und ein geheimes Zeichen zu geben haben, um verschont zu bleiben.«

»Kennst Du dieses Zeichen? Kennst Du diese Sicherheitskarte?«

»Auf der Sicherheitskarte ist eine Lilie abgebildet; das Zeichen besteht darin, daß man sich in das erste Glied des Daumens beißt.«

»Und wie kannst Du verhindern, daß dies Complott zum Ausbruch komme?«

»Dadurch, daß ich die Häupter desselben festnehmen ließe.«

»Kennst Du diese Häupter?«

»Ja.«

»Wie heißen Sie?«

»Ja, das ist es eben.«

»Was willst Du damit sagen?«

»Ich will sagen, daß eben hier der Zweifel nicht blos anfängt, sondern sich verdoppelt.«

»Ah so!«

»Was wird man mit den Häuptern des Complotts machen?«

»Man wird ihnen den Proceß machen.«

»Und wenn sie schuldig sind?«

»So werden sie verurtheilt.«

»Wozu?«

»Zum Tode.«

»Nun sehen Sie, dieses ist es eben, wogegen mein Gewissen sich empört. Man nennt mich Michele den Narren, aber niemals habe ich einem Menschen, oder einem Hunde, oder einer Katze, oder auch nur einem Vogel etwas zu Leide gethan. Ich möchte nicht die Ursache zum Tode eines Menschen sein. Ich hätte nichts dagegen, wenn man fortführe mich Michele den Narren zu nennen, aber nie möchte ich, daß man mich Michele den Verräther, Michele den Spion oder Michele den Mörder nennt.«

Championnet betrachtete den Lazzarone mit einem gewissen Grad von Ehrerbietung.

»Wenn ich,« sagte er dann, »Dich nun Michele den ehrlichen Mann taufe, wirst Du Dich mit diesem Titel begnügen?«

»Das heißt, ich werde niemals einen andern verlangen und ich werde meinen ersten Pathen vergessen, um mich nur meines zweiten zu erinnern.«

»Wohlan, im Namen der französischen und neapolitanischen Republik taufe ich Dich hiermit auf den Namen Michele der ehrliche Mann.«

Michele ergriff die Hand des Generals, um sie zu küssen.

»Weißt Du nicht,« sagte Championnet zu ihm, »daß ich den Handkuß zwischen Männern abgeschafft habe?«

»Aber was soll ich dann thun,« fragte Michele, indem er sich hinter dem Ohr kratzte. »Ich möchte Ihnen dennoch sagen, wie dankbar ich Ihnen bin.«

»Nun, dann umarme mich;« sagte Championnet, indem er ihm die Arme öffnete.

Michele umarmte den General, indem er vor Freuden schluchzte.

»Nun,« sagte der General, »wir wollen aber vernünftig mit einander sprechen, regazzo.«

»Ich verlange nichts Besseres, mein General.«

»Du kennst also die Häupter des Complotts?«

»Ja, mein General.«

»Wohlan, nimm einen Augenblick lang an, daß die Enthüllung von einem Andern käme.«

»Gut.«

»Und daß dieser Andere zu mir gesagt hätte: Lassen Sie Michel festnehmen. Er kennt die Namen der Häupter des Complotts.«

»Gut.«

»Daß ich Dich daraufhin hätte festnehmen lassen.«

»Sehr schön.«

»Und daß ich sage: Michele, Du kennst die Namen der Häupter des Complotts. Du wirst mir sie nennen, oder ich lasse Dich erschießen: Was würdest Du dann thun?«

»Ich würde Ihnen sagen: Lassen Sie mich erschießen, mein General. Lieber will ich sterben, als Ursache des Todes eines Menschen sein.«

»Weil Du Hoffnung hättest, daß ich Dich nicht erschießen lassen würde, nicht wahr?«

»Nein, weil ich die Hoffnung hätte, daß die Vorsehung, die mich schon einmal gerettet, mich auch das zweite Mal retten würde.«

»Zum Teufel, die Geschichte wird verwickelt,« sagte Championnet lachend. »Ich kann Dich indeß doch nicht erschießen lassen , um zu sehen, ob Du die Wahrheit sprichst.«

Michele dachte einen Augenblick nach, dann sagte er:

»Es ist also wohl sehr nothwendig, daß Sie das Haupt oder die Häupter des Complotts kennen?«

»Jawohl, durchaus nothwendig. Weißt Du nicht, daß man den Bandwurm nur dadurch curiren kann, daß man ihm den Kopf abreißt?«

»Können Sie mir aber versprechen, daß diese Leute nicht erschossen werden?«

»So lange ich in Neapel sein werde, ja.«

»Aber wenn Sie Neapel verlassen?«

»Dann stehe ich freilich für nichts.«

»Madonna, was soll ich thun?«

»Sinne nach. Siehst Du kein Mittel, um uns beide aus der Verlegenheit zu ziehen ?«

»Ja wirklich, mein General, ich sehe eins.«

»Nenne es.«

»Also, solange Sie in Neapel sein werden, wird wegen des Complotts, welches ich Ihnen entdeckt haben werde, Niemand hingerichtet?«

»Nein, Niemand.«

»Wohlan, es gibt außer mir noch eine Person, welche die Namen der Häupter des Complotts kennt, nur mit dem Unterschiede, daß diese Person wiederum von dem Vorhandensein eines Complotts nichts weiß.«

»Wer ist diese Person?«

»Die Kammerzofe meiner Milchschwester, die Gemahlin des Chevalier San Felice.«

»Und wie heißt diese Zofe?«

»Giovannina.«

»Und wo wohnt sie ?«

»In Mergellina, im Palmbaumhause.«

»Und wie sollen wir etwas von ihr erfahren, wenn sie das Complott nicht kennt?«

»Lassen Sie sie vor den Polizeipräsidenten Bürger Nicolo Fasulo citiren, der ihr drohen wird, sie in’s Gefängniß bringen zu lassen, wenn sie nicht sagt, wer der Mann ist, der ihre Herrin in der vergangenen Nacht bis um zwei Uhr Morgens erwartet und ihr Haus erst um drei Uhr verlassen hat.«

»Und der Mann, den sie nennen wird, ist also das Haupt des Complotts?«

»Ja, ganz besonders wenn sein Vorname mit dem Buchstaben A und sein Familienname mit dem Buchstaben B anfängt. Und nun, mein General, habe ich, so wahr ich Michele der ehrliche Mann bin, Ihnen allerdings nicht Alles gesagt, was ich Ihnen zu sagen habe, wohl aber Alles, was ich Ihnen sagen werde.«

»Und verlangst Du für die Dienste, welche Du Neapel leistest, nichts von mir?»

»Ich verlange weiter nichts von Ihnen, als niemals zu vergessen, daß Sie mein Pathe sind.«

Und indem er diesmal mit aller Gewalt die Hand küßte, welche der General ihm bot, verließ er eiligst das Zimmer, indem er nach den von ihm mitgetheilten Aufschlüssen es dem General überließ, Alles zu thun, was dieser unter den obwaltenden Umständen angemessen finden würde.




Drittes Capitel.

Die Verhaftung


In dem Augenblick, wo Michele das Quartier des Generals Championnet verließ, war es zwei Uhr Nachmittags.

Er sprang in den ersten besten Corricolo, der ihm in den Weg kam, und langte unter Beobachtung desselben Verfahrens wie auf dem Herwege, das heißt, indem er in Portici und in Castellamare den Wagen wechselte, kurz vor fünf Uhr wieder in Salerno an.

Hundert Schritte vor dem Gasthause stieg er ab, bezahlte seinen letzten Kutscher und kehrte zu Fuße in das Gasthaus zurück, ohne mehr Geräusch zu machen, als wenn er eine Promenade nach Eboli oder nach Montalta unternommen hätte.

Luisa war noch nicht zurück.

Um sechs Uhr hörte man das Geräusch eines Wagens. Michele eilte an die Thür.

Es war Luisa, die mit Salvato von Pästum zurückkam. Michele war noch niemals in Pästum gewesen, als er aber die strahlenden Züge der beiden Liebenden erblickte, kam er auf die Vermuthung daß es in Pästum sehr schöne Dinge zu sehen geben müsse.

In der That schien Luisa’s Haupt von einer Glorie des Glückes und das Salvato‘s von einer des Stolzes umglänzt zu sein.

Luisa war schöner, Salvato war größer.

Luisa‘s Schönheit hatte sich durch etwas Unbekanntes und gleichwohl Sichtbares vervollständigt. Es lag jetzt in ihr jener Unterschied, welcher zwischen Galathea als Bildsäule und Galathea als Weib bestanden haben mußte.

Man denke sich, daß die keusche Venus das Paradies betreten habe und unter dem Hauche des Engels der Liebe die Eva der Genesis geworden sei.

Auf ihren Wangen mischte sich das Weiß der Lilie mit dem rosigen Sammethauche der Pfirsiche. In ihren Augen verschmolz der letzte Schimmer der Jungfräulichkeit mit der ersten Flamme der Liebe.

Ihr zurückgebogenes Haupt schien nicht mehr die Kraft zu haben, die Wucht ihres Glückes zu tragen, ihre sich blähenden Nüstern schienen in der Luft neue und bis jetzt unbekannte Wohlgerüche zu athmen. Ihr halbgeöffneter Mund ließ einen keuchenden, wollüstigen Hauch entweichen.

Als Michele sie erblickte, konnte er sich nicht enthalten zu ihr zu sagen:

»Was ist Dir, Schwesterchen? O, wie schön Du bist!«

Luisa lächelte, sah Salvato an und reichte Michele die Hand.

Sie schien zu ihm zu sagen:

»Ich verdanke meine Schönheit dem, welchem ich mein Glück verdanke.«

Dann setzte sie mit sanften liebkosender Stimme die dem Gesange eines Vogels glich, hinzu:

»O, wie schön ist es in Pästum! Wie beklage ich, daß wir nicht morgen, übermorgen alle Tage dahin zurückkehren können!«

Salvato drückte sie an sein Herz. Es war klar, daß er eben so wie Luisa fand, Pästum sei das Paradies der Welt.

Die beiden Liebenden kehrten mit so leichtem Tritt, daß sie die Stufen der Treppe kaum zu berühren schienen, in ihr Zimmer zurück.

Ehe sie dasselbe jedoch betraten, drehte Luisa sich herum und ließ die Worte fallen:

»Michele, in einer Viertelstunde reisen wir ab.«

Nach Verlauf von einer Viertelstunde war der Wagen bereit, aber erst nach Ablauf einer ganzen Stunde kam Luisa herunter.

Diesmal war der Ausdruck ihres Gesichtes ein sehr verschiedener. Es trug einen leichten Anflug von Schwermuth und die Flamme ihres Glückes ward durch Thränen gemildert.

Obschon sie einander den nächstfolgenden Tag wieder sehen sollten, so war doch der Abschied der Liebenden deswegen nicht weniger traurig gewesen.

In der That, wenn man sich liebt und wenn man sich verläßt, wäre es auch nur auf einen Tag, so gibt man s ein Glück einen Tag lang den Händen des Zufalls preis.

Wo wäre die Weisheit, welche vorauszusehen vermöchte, was zwischen zwei Sonnen geschehen wird?

Als Luisa die Treppe hinunterging, begann die Nacht einzubrechen und der Wagen stand schon seit drei Viertelstunden bereit.

Er war mit drei Pferden bespannt.

Es schlug eben sieben Uhr und der Kutscher versprach, gegen zehn Uhr wieder in Neapel zurück zu sein.

Luisa wollte sich geraden Weges zu Backers bringen lassen und in Bezug auf André den Rath befolgen, welchen Salvato ihr gegeben.

Letzterer sollte den nächstfolgenden Tag Nachmittags nach Neapel zurückkommen, um sich zur weiteren Verfügung seines Generals zu stellen.

Zehn Minuten vergingen mit Abschiednehmen. Die beiden Liebenden schienen sich gar nicht trennen zu können.

Bald war es Salvato, welcher Luisa zurückhielt, bald war es Luisa, die sich nicht überwinden konnte, Salvato fortzulassen.

Endlich ging es fort. Die Schellengeläute der Pferde klingelten und Luisas von Thränen benetztes Tuch wehte dem Geliebten ein letztes Lebewohl zu, welches dieser durch Schwenken seines Hutes erwiederte.

Es dauerte nicht lange, so verschwand der Wagen, erst theilweise im Dunkel und dann an der Biegung der Straße vollständig.

So wie Luisa sich von Salvato entfernte, beruhigte sich jene magnetische Gewalt, welche der junge Mann aus sie ausgeübt, und Luisa, welche sich des Grundes erinnerte, der sie hierhergeführt, ward wieder ernst und dieser Ernst ging allmälig in Trauer und Wehmuth über.

Während der ganzen Fahrt sprach Michele kein Wort, wodurch er auf das Geheimniß, welches er erlauscht, oder auf die Reise hingedeutet hätte, welche er mittlerweile gemacht.

Man passierte nach der Reihe Torre del Greco, Portici, Resina, die Magdalenenbrücke, die Marinella.

Die Backer wohnten in der Strada Medina zwischen der Strada dei Fiorentini und der Via Schizzitella.

Schon in Marinella hatte Luisa dem Kutscher befohlen, sie an dem Brunnen Medium das heißt am äußersten Ende der Strada del Malo, absteigen zu lassen.

Am äußersten Ende der Strada del Piliere aber begann Luisa an dem Zusammenlaufe von Menschen, welche sich der Strada del Malo drängten, zu bemerken, daß in diesem Quartier etwas Außerordentliches vorgehen müsse.

Der Strada del Porto gegenüber erklärte der Kutscher, daß es ihm unmöglich sei, mit seinem Wagen weiterzufahren. Sein Pferd liefe Gefahr von Denen niedergestochen zu werden, welche er seinerseits zu überfahren drohte.

Michele that, was er konnte, um Luisa zu bewegen umzukehren, einen andern Weg einzuschlagen oder am Malo ein Boot zu nehmen. Dieses Boot hätte sie in einer halben Stunde nach Mergellina gebracht.

Luisa hatte aber eine Absicht, welche sie als geheiligt betrachtete, und sie weigerte sich, sich zu entfernen.

Uebrigens drängte diese Menge nach der Strada Medina. Das Geräusch welches man hörte, kam von der Strada Medina, und die Worte, welche Luisa erhaschte, erweckten Unruhe in ihrem Herzen.

Es bedünkte sie, als sprachen alle diese Leute, welche sich in die Strada Medina hineindrängten, von Complotten, von Verrath und Blutbad und zugleich glaubte sie dabei den Namen Backer zu hören.

Sie sprang aus dem Wagen und faßte schaudernd den Arm Michele‘s, mit welchem sie sich vom Strome fortreißen ließ.

Im Hintergrunde der Straße sah man Fackeln leuchten und Bajonnette funkeln. Mitten durch den verworrenen Lärm hindurch hörte man zugleich Drohrufe.

»Michele,« sagte Luisa, »steigt doch auf die Einfassung des Brunnens und sag’ mir, was Du siehst.«

Michele gehorchte und konnte von seinem nunmehrigen Standpunkte aus über alle Köpfe hinweg bis in den Hintergrund der Straße sehen.

»Nun?« fragte Luisa.

Michele zögerte zu antworten.

»Aber so sprich doch!« rief Luisa immer unruhiger. Sprich doch, was siehst Du?«

»Ich sehe,« sagte Michele, »Polizeidiener, welche Fackeln tragen, und Soldaten, welche das Haus des Herren Backer bewachen.«

»Ha!« rief Luisa, »man hat sie denuncirt, die Unglücklichen! Ich muß bis zu ihnen hindurchdringen; ich muß sie sehen!«

»Nein, nein, Schwesterchen,« sagte Michele. »Du bist doch nicht selbst mit bei der Sache betheiligt, nicht wahr, nicht?«

»Nein, Gott sei Dank.«

»Nun, dann komm; ziehen wir uns zurück.«

»Nein, nein, im Gegentheile,« sagte Luisa, »wir wollen weitergehen.«

Und Michele beim Arme fassend, zwang sie ihn, von der Brunneneinfassung herabzusteigen und sich wieder mit ihr unter die Menge hineinzudrängen.

In diesem Augenblicke verdoppelte sich das Geschrei und es machte sich unter der Menge eine gewaltige Bewegung bemerkbar. Man hörte die Kolben der Musketen auf dem Pflaster klirren, gebieterische Stimmen riefen: »Platz! Platz!« eine Art Laufgraben öffnete sich und Michele und Luisa sahen sich plötzlich den beiden Gefangenen gegenüber, von welchen der eine – es war der jüngste – in seinen um den Leib herum festgebundenen Armen die weiße Fahne der Bourbons trug.

Sie waren von Männern, theils mit Fackeln, theils mit Säbeln in den Händen, umringt und trotz der Schmähungen und Hohnreden des Pöbels, welcher stets bereit ist, den Schwächsten zu schmähen und zu verhöhnen, schritten sie mit aufgerichteten Häuptern einher wie Leute, welche ihren Glauben laut bekennen.

Ganz bestürzt über diesen Anblick blieb Luisa, anstatt auf die Seite zu treten wie die Andern, unbeweglich stehen, so daß sie sich dem jüngsten der beiden Gefangenen, das heißt André Backer gegenüber sah.

Beide traten, indem sie einander erkannten, einen Schritt zurück.

»Ach, Signora,« sagte der junge Mann mit Bitterkeit, »ich wußte wohl, daß Sie es wären, die mich verrathen hätte, aber ich wußte nicht, daß Sie auch den Muth haben würden, meine Verhaftung mit anzusehen.«

Luisa wollte antworten, läugnen und betheuern, der Gefangene aber schob sie sanft auf die Seite und ging vorwärts, indem er sagte :

»Im Namen meines Vaters und in dem meinigen verzeihe ich Ihnen, Signora. Mögen Gott und der König Ihnen eben so verzeihen wie ich.«

Luisa wollte antworten, die Stimme versagte ihr aber und mitten unter dem Rufe des Volkes. »Sie ist es! Diese Frau ist die San Felice, welche sie denuncirt hat,– sank sie in Micheles Arme.

Die Gefangenen setzten ihren Weg weiter fort nach dem Costello Nuovo, wo sie unter Aufsicht des Commandanten Oberst Massa eingesperrt wurden.




Viertes Capitel.

Die Apotheose


Als Luisa wieder zu sich kam, sah sie sich in einer Art Café, welches die Ecke der Strada del Malo und der Calata San Marco bildet.

Hierher hatte Michele sie durch die Menge hindurchgetragen, welche sich an der Thür angesammelt und nun bemüht war, durch die geschlossenen Fenster und die offenstehenden Thüren hineinzuschauen.

Diese Menschenmasse wiederholte die Worte des Gefangenen und sagte, indem sie mit dem Finger auf Luisa zeigte:

»Sie ist es, die sie verrathen hat.«

Als Luisa die Augen wieder aufschlug, hatte sie anfangs Alles wieder vergessen. Allmälig aber, als sie sich umschaute, als sie sah, wo sie war und die um das Haus herum versammelte Menge erblickte, fiel ihr Alles wieder ein, was geschehen war. Sie stieß einen lauten Schrei aus und bedeckte sich das Gesicht mit den Händen.

»Einen Wagen, im Namen des Himmels, mein lieber Michele, schaffe einen Wagen, damit ich nach Hause zurückkehren kann.«

Luisa‘s Wunsch war nicht schwer zu erfüllen. Es gab damals ebenso wie noch heute zwischen dem Theater San Carlo und dem Theater Fondo einen Droschkenplatz zur Bequemlichkeit der Kunstfreunde, welche zu jener Zeit der Darstellung der Meisterwerke eines Cimarosa und Paesiello beiwohnten und welche gegenwärtig die Opera eines Bellini, eines Rossini oder Verdi besuchen.

Michele ging hinaus, rief einen geschlossenen Wagen herbei, ließ ihn dicht an die auf die Strada del Molo gehende Thür heranfahren, Luisa mitten unter dem Beifallsgeschrei oder Murren der Zuschauer, welche, jenachdem sie Patrioten oder Bourbonisten waren, ihr wegen ihres angeblichen Verraths Dank wußten oder grollten, hineinsteigen, folgte ihr selbst nach und schloß den Schlag, indem er dem Kutscher zurief:

»Nach Mergellina!«

Die Menge theilte sich, der Wagen fuhr fort, passirte den Largo Castello, bog dann in die Strada Chiaja ein und machte nach Verlauf einer Viertelstunde an dem Palmbaumhause Halt.

Michele riß kräftig an der Klingel. Giovannina kam, um zu öffnen.

Ihren Mund umspielte jener schadenfrohe Ausdruck böswilliger Diener, welche eine schlimme Nachricht mitzutheilen haben.

»Na,« sagte sie, zuerst das Wort ergreifend, »es sind in Ihrer Abwesenheit schöne Dinge hier vorgegangen, Signora.«

»Hier?« fragte Luisa.

»Ja hier, Signora.«

»Hier? Meinst Du im Hause oder überhaupt in Neapel?«

»Ich meine hier im Hause.«

»Was ist denn geschehen?«

»Sie hätten mir für den Fall, daß man mich über Signor André Backer befragte, sagen sollen, was ich antworten sollte, Signora.«

»Wie, man hat Dich über Signor Adré Backer befragt?«

»Das wollte ich meinen! Man kam hierher, nahm mich fest, führte mich auf die Polizei und drohte mir mit Gefängniß, wenn ich nicht sogleich sagte, wer in der vergangenen Nacht bei Ihnen gewesen wäre, Signora. Daß Jemand dagewesen war, wußte man, aber nur nicht wer.«

»Und Du hast Signor Backer genannt?«

»Ich mußte wohl. Ins Gefängniß zu spazieren, verspürte ich durchaus keine Lust und meinetwegen war Signor Backer nicht hier.«

»Unglückliche, was hast Du gethan!« rief Luisa, indem sie auf einen Stuhl niedersank und sich das Gesicht mit den Händen bedeckte.

»Was wollen Sie? Ich fürchtete, wenn ich läugnete, trotz meines Läugnens überführt zu werden. Die bösen Zungen würden übrigens, wenn ich Signor Backer‘s Besuch bei Ihnen hätte verhehlen wollen, sofort behauptet— haben, Signor Backer wäre Ihr Geliebter, gerade so wie man von Signor Salvato zu sagen anfängt.«

»O Giovannina!« rief Michele.

Luisa erhob sich, betrachtete die Dienerin mit dem Ausdruck des Erstaunens und des Vorwurfes und sagte dann in sanftem, aber festem Tone:

»Giovannina, ich weiß nicht, welchen Grund Du hast, meine Güte durch so schwarze Undankbarkeit zu vergelten. Morgen verlässest Du mein Haus.«

»Ganz wie Ihnen beliebt, Signora,« antwortete Giovannina keck.

Und sie verließ das Zimmer, ohne sich auch nur umzusehen.

Luisa fühlte wie ihr die Thränen in die Augen traten. Sie reichte Michele die Hand und dieser kniete vor ihr nieder.

»O Michele, mein theurer Michele!« murmelte sie, in Schluchzen ausbrechend.

Michele ergriff ihre Hand und küßte dieselbe. Er war um so tiefer erschüttert, als er in seinem innersten Herzen fühlte, daß all dieses Unheil durch ihn angestiftet worden.

»Das ist ein schlimmer Abend nach einem so schönen Tage,« sagte er. »Armes Schwesterchen! Als Du von Pästum zurückkamst warst Du so glücklich.«

»Ja, ich war glücklich« überglücklich!« murmelte Luisa; »ich weiß aber nicht, welche Stimme mir in’s Ohr flüstert daß mein schönstes und ganz besonders mein reinstes Glück vorüber ist. O Michele, Michele, wie schrecklich war das, was diese Wahnsinnige sagte!«

»Ja« damit sie aber nicht auch Anderen sage, was sie soeben zu Dir gesagt, darfst Du sie nicht fortschicken. Bedenke, daß sie Alles weiß – die versuchte Ermordung Salvato‘s, das Asyl, welches wir ihm gegeben, seinen Aufenthalt im Hause, deinen vertrauten Verkehr mit ihm. Mein Gott, ich für meine Person weiß wohl, daß all diesem nichts Böses zu Grunde liegt. Die Welt dagegen wird viel Böses darin sehen, und wenn Giovannina, anstatt daß sie, wenn sie bei Dir bleibt, ein Interesse daran hat, zu schweigen, es vielmehr, wäre es auch nur aus Rache —, in ihrem Interesse findet, zu sprechen, so wird dein guter Ruf dadurch leiden.«

»Wäre es auch nur aus Rache, sagst Du? Und warum sollte Giovannina sich an mir rächen? Ich habe ihr ja niemals etwas Anderes als Gutes erzeigt.«

»Ein schöner Grund! Es gibt verderbte Gemüther, Schwesterchen, welche, je mehr man ihnen Wohlthaten erzeigt, desto falscher und undankbarer werden. Schon seit einiger Zeit habe ich zu bemerken geglaubt, daß, Giovannina zu dieser Classe gehört. Hast Du selbst nichts davon wahrgenommen?«

Luise betrachtete Michele. Allerdings hatte die Widersetzlichkeit ihrer Dienerin sie seit einiger Zeit mehr als einmal befremdet. Sie hatte sich selbst befragt, was wohl die Ursache dieser Veränderung in Giovanninas Charakter sein könne, aber sich keine Rechenschaft davon zu geben vermocht. Es war möglich, daß sie sich getäuscht hatte; von dem Augenblick an aber, wo Michele diese schlimme Gesinnung der Zofe ebenfalls erkannte, war diese schlimme Gesinnung sicherlich auch vorhanden.

Plötzlich kam ihr ein Gedanke ein. Sie warf einen unruhigen Blick ringsherum und sagte:

»Sieh einmal nach, Michele, ob man uns nicht belauscht.«

Michele näherte sich der Thür, ohne jedoch das Geräusch seiner Tritte zu dämpfen zu versuchen, so daß indem Augenblick, wo Luisas Zimmerthür sich öffnete, die von Ninas Zimmer sich schloß.

Hatte Nina gehorcht, oder war das gleichzeitige Oeffnen der einen und das Schließen der andern Thür blos eine Wirkung des Zufalls ?

Michele schloß die Thür wieder, schob den Riegel vor, nahm wieder seinen Platz zu Luisas Füßen ein und sagte:

»Du kannst sprechen. Ich will nicht sagen: Es hat uns Niemand behorcht, wohl aber kann ich sagen: Es behorcht uns Niemand mehr.«

»Wohlan,« sagte Luisa in gedämpftem Tone und indem sie sich ans Michele herabneigte, »es ist Zweierlei, was mich in meinem Argwohn bestätigt. Als in der vergangenen Nacht der arme André Backer mich besuchte, wußte er ganz genau, was zwischen Salvato und mir geschehen ist. Heute Morgen, während ich in Salerno mit Salvato sprach, traf ein anonymer Brief ein, in welchem Salvato benachrichtigt ward, daß ein junger Mann mich in der vergangenen Nacht um zwei Uhr Morgens in meiner Wohnung erwartet und erst um drei Uhr, nachdem er eine Stunde bei mir zugebracht, mein Haus verlassen habe. Von wem kommen diese Denunciationen, wenn nicht von Giovannina, frage ich?«

»Managgia la Madonna!« murmelte Michele, »das ist eine ernsthafte Geschichte Nichtsdestoweniger aber sage ich: In dem gegenwärtigen Augenblick, und wenn Da nicht völlige Gewißheit hast, mache kein Aufsehen. Ich wurde Dir gern einen andern Rath geben, aber Du würdest ihn nicht befolgen.«

»Welchen ?«

»Ich würde sagen: Begib Dich zu deinem Gemahl, dem Chevalier, nach Palermo. Dadurch wirst Du alle schlimmen Gerüchte ans einmal abschneiden.«

Eine lebhafte Röthe überzog Luisa’s Wangen. Sie ließ den Kopf auf die Hände niedersinken und entgegnete mit halberstickter Stimme:

»Ach, dieser Rath ist gut, und kommt von einem Freunde.«

»Und, nun?«

»Gestern noch hätte ich ihn befolgen können, heute aber kann ich es nicht mehr.«

Und ein tiefer Seufzer entrang sich Luisa’s Herzen.

Michele sah Luisa an und verstand Alles. Die Traurigkeit Neapels bestätigte den Argwohn, welchen die Freude von Salerno in ihm erweckt.

In diesem Augenblicke hörte Luisa in dem Verbindungscorridor nahende Tritte. Dieselben suchten sich nicht zu verhehlen.

Luise richtete den Kopf empor und horchte mit unruhiger Miene. In der Lage, in welcher sie sich jetzt befand, war in der That Alles beunruhigend.

Es dauerte nicht lange, so ward an ihre Thür gepocht, und die Stimme der Herzogin Fusco fragte:

»Liebe Luisa, bist Du du da?«

»Ja wohl, ja wohl; komm herein!« rief Luisa.

Die Herzogin trat ein. Michele wollte aufstehen, Luisas Hand aber hielt ihn fest, wo er war.

»Was machst Du denn hier, meine schöne Luisa?« rief die Herzogin. »Du sitzest allein und beinahe im Finstern mit deinem Milchbruder hier, während man Dir bei mir einen Triumph bereitet.«

»Einen Triumph bei Dir, Theuere?« fragte Luisa ganz erstaunt. »Aus welchem Grunde denn?«

»Auf Grund dessen, was geschehen ist. Ist es denn nicht wahr, daß Du eine Verschwörung, welche uns Alle bedrohte, entdeckt und dadurch, daß Du dieselbe denuncirt, nicht blos uns Alle, sondern auch das Vaterland gerettet hast?«

»O, also auch Du, Amalie!« rief Luisa schluchzend, »auch Du hast mich einer solchen Nichtswürdigkeit schuldig glauben können.«

»Einer solchen Nichtswürdigkeit!« rief ihrerseits die Herzogin welche ihr glühender Patriotismus und ihr Haß gegen die Bourbons die Dinge in einem ganz andern Lichte erscheinen ließ, als dieselben Luisa erschienen. »Nichtswürdigkeit nennst Du eine That, welche eine Römerin zur Zeit der Republik für immer in der Geschichte berühmt gemacht hätte? Ach, warum warst Du nicht heute Abend bei uns, als jene Kunde eintraf! Du hättest dann die Begeisterung gesehen, welche dieselbe hervorrief. Monti improvisirte sofort Dir zu Ehren ein Gedicht. Cirillo und Pagano schlugen vor, Dir die Bürgerkrone zuzuerkennen. Cuoco, welcher die Geschichte unserer Revolution schreibt, behält sich vor, Dir eines der schönsten Blätter zu widmen. Cleonora Pimentel wird morgen in ihrem Moniteur die unvergeßliche Schuld verkünden, welche Neapel Dir gegenüber auf sich genommen. Die Frauen, die Herzogin von Pepoli riefen Dich, um Dich zu umarmen. Die Männer erwarteten Dich auf den Knien, um Dir die Hand zu küssen. Was mich betraf, so war ich stolz darauf, deine beste Freundin zu sein. Morgen wird Neapel sich nur mit Dir beschäftigen; Neapel wird Dir Altäre errichten, wie Athen der Göttin Minerva, der Beschützerin des Vaterlandes, errichtete.«

»Wehe! Wehe!« rief Luisa. »Ein einziger Tag ist hinreichend gewesen, um mir ein doppeltes Brandmal aufzudrücken. O siebenter Februar! Siebenter Februar! Tag des Entsetzens und des Unheils!«

Und beinahe sterbend sank sie rückwärts in die Arme der Herzogin Fusco, während Michele, jetzt erfüllt von Zweifel über die That, die er begangen, erfüllt von Reue, als er die, welche er mehr liebte als sein Leben, in diesem Zustande sah, sich mit feinen Nägeln die blutende Brust zerfleischte.

Am nächstfolgenden Tage, den 8. Februar 1799, las man in dem »Parthenopäischen Moniteur« einen großgedruckten Leitartikel, welcher folgendermaßen lautete:

»Eine bewunderungswürdige Bürgerin, Luisa Molina San Felice, hat gestern Abend Freitag die Verschwörung entdeckt, welche von einigen wahnsinnigen Bösewichtern angestiftet worden, die, auf die Anwesenheit mehrerer Schiffe des englischen Geschwaders in unseren Hafen rechnend, nach getroffener Verabredung mit denselben in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag, das heißt heute Abend, die Regierung stürzen, die guten Patrioten niedermetzeln und eine Gegenrevolution versuchen wollten.

»Die Häupter dieses verruchten Unternehmens waren die Bankiers Backer, Vater und Sohn, beide geborene Deutsche und in der Strada Medina wohnend. Noch gestern Abend sind sie festgenommen und ins Gefängniß gebracht worden. André Backer mußte als Symbol seiner Schande die weiße Fahne tragen, die man bei ihm gefunden.

»Eben so fand man bei ihm auch eine gewisse Anzahl Sicherheitskarten, welche an Diejenigen vertheilt werden sollten, die man verschonen wollte. Jeder, der nicht eine solche Karte bei sich gehabt, wäre dem Tode verfallen gewesen.

»In Folge dieser Festnahme der Haupträdelsführer haben nach verschiedene untergeordnete Verhaftungen stattgefunden und das Kloster San Francesco delle Monache ist in Anbetracht seiner günstigen Lage – es bildet bekanntlich eine Art Insel – zum Gefängniß der Angeklagten bestimmt worden. Die seither darin wohnenden Nonnen haben es demgemäß verlassen und sind in das Kloster der Donna Albina übergesiedelt.

Zur Zahl der Verhafteten gehören außer den beiden Backen Vater und Sohn, der Pfarrer von del Carmine, der Fürst von Canossa, die beiden Brüder Jorio, der seine Magistratsbeamter, der andere Bischof, und ein Richter Namens Giovanni Battista Verchione.

»Im Zollhause hat man überdies ein Depot von hundertzwanzig Musketen und andern Waffen, wie z. B. Säbel und Bajonette, aufgefunden.

»Gepriesen sei Luisa Molina San Felice! Sie hat das Vaterland gerettet!«




Fünftes Capitel.

Die Sanfedisten


Die Encyclia des Cardinals Ruffo hatte in ganz Untercalabrien die Wirkung des elektrischen Funkens hervorgebracht.

Und in der That« je weiter man von Neapel entfernt war, desto mehr vermindete sich der schwache Reflex von Intelligenz, welcher von der Hauptstadt ausging.

Der Cardinal hatte, wie wir bereits erwähnt, seinen Fuß in das antike Brutium, jenes Asyl entflohener Sklaven, gesetzt. Dieser ganze Theil Calabriens befand sich trotz der verflossenen Jahrhunderte immer noch im Zustande der fürchterlichsten Unwissenheit und der vollkommensten geistigen Stumpfheit, so daß dieselben Menschen, welche am Tage vorher, ohne zu wissen, was sie sagten, riefen: »Es lebe die Republik! Nieder mit den Tyrannen!« mit derselben Stimme zu schreien begannen: »Es lebe die Religion! Es lebe der König! Nieder mit den Jakobinern!«

Wehe Denen, welche sich für die bourbonische Suche gleichgültig zeigten und nicht lauter oder wenigstens eben so laut schrieen als die Anderen. Sie wurden mit dem Ruf: »Das ist ein Jakobiner!« begrüßt und dieser Ruf war, sobald er sich hören ließ, hier wie in Neapel ein Todesurtheil.

Die Anhänger der Revolution oder Diejenigen, welche ihre Sympathie für die Franzosen zu erkennen gegeben, sahen sich genöthigt, ihre Häuser zu verlassen und zu fliehen. Niemals hatte das »Dulcia linquimus arva« Virgils einen traurigeren und umfassenderen Wiederhall gesunden.

Alle diese fliehenden Patrioten nahmen den Weg nach Obercalabrien und blieben, dafern es ihnen gelungen war, den Dolchen ihrer Landsleute zu entrinnen, die einen in Monteleone, die anderen in Catanzaro oder Cotrone, den einzigen Städten, in welchen es gelungen war demokratische Behörden einzusetzen. Dieses Beharren auf der republikanischen Meinung ward in den drei Staaten durch die Hoffnung auf die Ankunft der französischen Armee genährt.

Aus allen anderen durch die Encyclica des Cardinals aufgewiegelten Städten sah man Massen von Bürgern hervorkommen, welchen ihr Pfarrer mit dem Kreuze in der Hand voranschritt und die an ihren Hirten weiße Bänder, die sichtbaren Zeichen ihrer politischen Meinungen, trugen.

Diese Schaaren nahmen, wenn sie aus dem Gebirge kamen, die Richtung nach Mileto, dagegen, wenn sie von der Ebene kamen die Richtung nach Palmi.




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