La San Felice Band 12
Alexandre Dumas der Ältere




Dumas (père), Alexandre

La San Felice B12





Zwölfter Theil





Erstes Capitel.

Eine letzte Warnung


Während der Nacht, welche auf die Rückkehr der beiden Backer in ihr Gefängniß folgte, schrieb Salvato in einem der Gemächer des Palastes Angri, welchen er immer noch bewohnte, an einem Tische sitzend und die Stirn in die linke Hand stützend, mit jener festen, leserlichen Hand, welche das Symbol seines Charakters war, den folgenden Brief:

»An den Bruder Joseph im Kloster del Monte Cassino.



    »Am 12. Juni 1799.



»Geliebter Vater!


»Der Tag des letzten Kampfes ist da. Ich habe von dem General Macdonald die Erlaubniß erhalten, in Neapel zu bleiben, weil ich der Ansicht war, meine erste Pflicht als Neapolitaner sei, mein Vaterland zu vertheidigen. Ich werde Alles, was in meinen Kräften steht, thun, um es zu retten, und wenn ich es nicht retten kann, so werde ich Alles, was in meinen Kräften steht, thun, um zu sterben. Und wenn ich sterbe, dann werden zwei geliebte Namen mit meinem letzten Seufzer auf meinem Munde schweben und meiner Seele als Schwingen dienen, um sie in den Himmel emporzutragen, – der deinige und der Luisa’s.

»Obschon ich deine innige Liebe zu mir kenne, so verlange ich doch nichts für mich, mein Vater. Meine Pflicht ist mir vorgezeichnet und ich habe Dir schon gesagt, daß ich sie erfüllen werde. Wenn ich aber sterbe, mein geliebter Vater, dann ist Luisa allein, und da sie die unschuldige Ursache des Todes zweier gestern zum Erschießen verurtheilten Männer ist, so kann man nicht wissen; ob nicht, trotz ihrer Unschuld, die Rache des Königs sie verfolgt. Sind wir Sieger, so hat sie diese Rache nicht zu fürchten, und dieser Brief ist nur ein Zeugniß mehr von der großen Liebe, die ich zu Dir hege und von der ewigen Hoffnung, welche ich auf Dich setze.

»Werden wir dagegen besiegt und bin ich außer Stande, Luisa beizustehen, dann wirst Du mein Vater, mich ersetzen.

»Du wirst, lieber Vater, die Höhen deines heiligen Berges verlassen, und in dass Leben herabsteigen. Du hast Dir die Lebensaufgabe gestellt, den Menschen dem Tode streitig zu machen. Du wirst Dich nicht von diesem Ziele entfernen, wenn Du diesen Engel rettest, dessen Namen ich Dir genannt, und dessen Tugenden ich Dir erzählt.

»Da in Neapel das Geld das sicherste Hilfsmittel ist welches man haben kann, so habe ich auf einer Reise nach Molisa fünfzigtausend Ducati zusammengebracht, von welchen ich allerdings einige hundert wieder ausgegeben, die aber fast noch in ganzer Summe in einer eisernen Casse auf dem Pausilippo neben den Statuen des Grabmals Virgils am Fuße des ewigen Lorbeerbaumes vergraben sind; dort wirst Du sie finden.

»Wir sind hier nicht blos von Feinden, was nichts zu bedeuten hätte, sondern auch von Verräthern umringt, und dies ist entsetzlich. Das Volk ist so verblendet, unwissend und in seinen Aberglauben verrannt, daß es die, welche es frei machen wollen, für seine größten Feinde hält, und Jedem, der den Ketten, die es schon trägt, noch eine neue hinzufügt, einen förmlichen Cultus widmet. O, mein Vater, wer wie Du sich dem Wohl des Körpers widmet, erwirbt vor Gott ein großes Verdienst. Noch weit größer aber, glaube mir, wird das Verdienst dessen sein, der sich der Erziehung dieser Geister, der Aufklärung dieser Seelen widmet.

»Leb wohl, mein Vater! Der Herr hält das Leben dieser Nation in seinen Händen. Du hältst in deinen Händen mehr als mein Leben – meine Seele. Es grüßt Dich



    Dein Salvato.«

»Nachschrift. Es wäre überflüssig, aber auch sogar gefährlich, wenn Du mir bei den Zuständen, welche hier herrschen antworten wolltest. Der Bote könnte angehalten und deine Antwort gelesen werden. Uebergib daher dem Überbringer drei Perlen von deinem Rosenkranz. Sie werden für mich den Glauben repräsentieren der mir mangelt, die Hoffnung, welche ich zu Dir habe, die Menschenliebe, von welcher dein Herz überwallt.«

Als dieses Brief beendet war, drehte sich Salvato herum und rief Michele.

Die Thür öffnete sich sofort und Michele erschien.

»Hast-Du den Mann gefunden, den wir brauchen?« fragte Salvato.

»Wiedergefunden, wollen Sie sagen, denn es ist derselbe, welcher drei Reisen nach Rom gemacht hat, um dem General Championnet die Briefe des republikanischen Comité’s" zuzustellen und ihm Nachrichten von uns zu überbringen.«

»Dann ist es also ein Patriot?«

»Ja, und er bedauert nur Eines, Excellenz,« sagte der Bote, indem er in das Zimmer trat, »nämlich, daß Sie ihn im Augenblick der Gefahr von Neapel entfernen.«

»Das, was Du thun wirst, geschieht immer blos, um Neapel zu dienen.«

»Befehlen Sie. Ich weiß, wer Sie sind und welche Verdienste Sie besitzen.«

»Hier ist ein Brief, den Du aus den Monte Cassino tragen wirst. Du wirst dort nach dem Bruder Joseph fragen und ihm diesen Brief übergeben – aber nur ihm selbst, hörst Du?«

»Soll ich auf Antwort warten?«

»Da ich nicht weiß, wer, wenn Du wieder-kommst, Herr von Neapel sein wird, so wird diese Antwort ein zwischen uns verabredetes Zeichen sein. Für mich wird diese Antwort Alles sagen. Hat Michele sich mit Dir über den Preis für deinen Gang geeinigt?«

»Ja,« antwortete der Bote; »ich bitte um einen Händedruck, wenn ich zurückkomme.«

»Ich sehe, daß es doch noch wackere Leute in Neapel gibt. Geh, Bruder, und Gott geleite Dich.«

Der Bote entfernte sich.

»Nun, Michele,« sagte Salvato, »wollen wir an Luisa denken.«

»Ich erwarte Sie, mein Brigadier,« sagte der Lazzarone.

Salvato schnallte seinen Säbel um, steckte ein Paar Pistolen in seinen Gürtel, gab seinen Calabresen Befehl, ihn um Mitternacht mit zwei Handpferden am Moloplatze zu erwarten, ging die Toledostraße entlang, bog in die Chiaja ein, folgte dem Meeresstrande und gelangte auf diese Weise nach Mergellina. So wie er sich dem Palmbaumhause näherte, war es ihm, als hörte er eine Art seltsamen Gesang nach einer wunderlichen Melodie, obschon diese kaum eine solche zu nennen war.

Die Person, von welcher dieser Gesang ausging, stand, gegen das Haus gelehnt, unter dem Fenster des Speisezimmers und man sah ihre lange Gestalt sich durch ein düsteres, unbewegliches Reliefbild an der Mauer abzeichnen.

Michele erkannte die albanesische Hexe oder Wahrsagerin, welche bei allen wichtigen Umständen in dem Leben Luisas ihr erschienen war.

Sie faßte Salvato beim Arm, damit dieser auf sie höre. Sie war bei der letzten Strophe ihres Gesanges angelangt, die beiden Männer konnten aber noch die Worte hören:

»Fern von uns flieht die Schwalbe, wenn die Winde des Nordens wehen. Arme Taube, mache es wie sie, denn dein Fittig kennt die Straße des Frühlings!«

»Gehen Sie hinein zu Luisa,« sagte Michele zu Salvato, »ich werde Nanno mittlerweile zurückhalten, und wenn Luisa es angemessen findet, sie zu Rathe zu ziehen, so rufen Sie uns.«

Salvato hatte einen Schlüssel zu der Gartenthür, denn allmälig waren, wie wir gesagt haben, alle jene Geheimnisse, welche eine entstehende und schüchterne Liebe umgeben, wenn auch nicht verschwunden, doch wenigstens etwas aufgeklärt, obschon die Freunde den halbdurchsichtigen Zustand zu durchschauen vermochten.

Salvato ließ die Thür blos gegen die Mauer angelehnt, ging den Perron hinauf, öffnete die Thür des Speisezimmers und sah Luisa am Fenster hinter der geschlossenen Jalousie stehen. Es war augenscheinlich, daß sie von Nannos Gesang kein Wort verloren hatte.

Als sie Salvato erblickte, kam sie auf ihn zu und lehnte mit wehmüthigem Lächeln ihr Haupt an seine Schulter.

»Ich sah Dich mit Michele von weitem kommen,« sagte sie. »Ich hörte eben diesem Weibe zu.«

»Ich that dasselbe,« sagte Salvato. »Ich hörte aber blos die letzte Strophe ihres Gesanges.«

»Diese war eine Wiederholung der anderen. Es waren deren drei. Alle verkünden eine Gefahr und fordern auf, derselben zu entfliehen.«

»Hast Du Dich jemals über diese Frau zu beklagen gehabt?«

»O nein, niemals; im Gegentheile. Allerdings hat sie mir gleich an dem ersten Tage, wo ich sie sah, etwas prophezeit was ich damals für unmöglich hielt.«

»Und hältst Du es setzt für wahrscheinlich?«

»Es sind, seitdem wir einander kennen, so viele Dinge, welche unmöglich vorauszusehen waren, geschehen, daß mir jetzt Alles möglich geworden zu sein scheint.«

»Willst Du, daß wir diese Wahrsagerin heraufkommen lassen? Wenn Du Dich niemals über sie zu beklagen gehabt hast, so bin ich ihr geradezu Dank schuldig, denn sie legte den ersten Verband auf meine Wunde, eine Wunde, welche leicht hätte tödtlich werden können.«

»Allein hätte ich es nicht gewagt, mit Dir aber fürchte ich nichts.«

»Und warum hättest Du es nicht gewagt?« fragte hinter den beiden Liebenden eine Stimme bei der sie zusammenzuckten, denn sie erkannten in derselben die der Wahrsagerin. »Habe ich nicht immer wie ein guter Genius versucht, die Unglücke von Dir abzuwenden? Wärest Du, wenn Du meinen Rath befolgt hättest, jetzt nicht in Palermo bei, deinem natürlichen Beschützer anstatt hier zu sein, gequält von Selbstvorwürfen darüber, daß Du zwei Männer denuncirt hast, welche man morgen erschießen wird? Würdest Du nicht auch heute, während es nach Zeit ist, dem Schicksal entrinnen, welches ich Dir vorhergesagt und Welchem Du in verhängnißvoller Weise entgegengehst? Ich sagte Dir schon einmal: Gott hat das Geschick der Sterblichen in ihre Hand geschrieben, damit sie, wenn sie festen Willen haben, gegen dieses Schicksal kämpfen können. Ich habe seit dem Tage wo ich Dir einen unheilvollen, gewaltsamen Tod prophezeite, deine Hand nicht wieder gesehen. Wohlan, betrachte sie heute und sage mir, ob jener Stern, den ich Dir bezeichnete, welcher die zu jener Zeit staunt sichtbare, Lebenslinie theilte, nicht deutlicher und noch einmal so groß geworden ist.«

Luisa betrachtete ihre Hand und stieß einen Schrei aus.

Schau selbst hin, junger Mann,« fuhr die Wahrsagerin zu Salvato gewendet fort, »und Du wirst sehen, ob sein glühender Eisenstab mit einem lebhafteren Roth zeichnen würde, als die Vorsehung thut, welche Dir durch meinen Mund einen letzten Rath ertheilt.«

Salvato faßte Luisa in seine Arme, zog sie näher an das Fenster, brach ihr die Hand auf, welche sie geschlossen zu halten versuchte, und stieß seinerseits einen leichten Schrei des Erstaunens aus.

Ein Stern, so wie eine kleine Linse mit fünf deutlich sichtbaren divergirenden Strahlen theilte die Lebenslinie in zwei Hälften.

»Nanno,«– sagte der junge Mann, »ich erkenne an, daß Du unsere Freundin bist. Als ich noch Freiheit des Handelns besaß, als ich mich von Neapel entfernen konnte, schlug ich Luisa vor, sie nach Capua, nach Gaëta oder selbst nach Rom zu bringen. Heute ist es zu spät, ich bin an die Geschicke Neapels gefesselt.«

»Deshalb bin ich eben gekommen,« sagte die alte Albaneserin, »denn das, was Du nicht mehr kannst, kann noch recht wohl von mir gethan werden.«

»Ich verstehe nicht,« sagte Salvato.

»Und dennoch ist die Sache sehr einfach. Ich nehme diese gute Frau mit mir und bringe Sie nach dem Norden, das heißt dahin, wo die Gefahr nicht ist.«

»Und wie willst Du sie fortbringen?«

Nanno schlug ihren langen Mantel auseinander, zeigte auf ein Paket, welches sie in der Hand hielt, und sagte:

»Dieses Paket enthält das vollständige Costüm einer Bäuerin von Moida. In der Albanesertracht wird Niemand die Chevalière San Felice erkennen. Sie wird meine Tochter sein. Alle Welt kennt die alte Nanno und weder Republikaner noch Sanfedisten werden der Tochter der albanesischen Wahrsagerin etwas in den Weg legen.«

Salvato sah Luisa an.

Michele, welcher bis jetzt unbemerkt im Schatten der Thür gestanden hatte, näherte sich Luisa, kniete vor ihr nieder und sagte:

»Ich bitte Dich, Luisa, höre auf die Stimme Nanno’s. Alles, was sie prophezeit hat, ist bis jetzt eingetroffen, Dir sowohl als mir. Mir, dem Lazzarone, prophezeite sie, ich würde Oberst werden, und ich bin aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz einer geworden. Es bleibt nun noch die schlimme Seite der Prophezeiung übrig, und es ist wahrscheinlich, daß auch diese in Erfüllung gehen wird. Dir prophezeite sie, es würde ein schöner junger Mann unter deinen Fenstern verwundet werden, und der schöne junge Mann ist wirklich verwundet worden. Sie prophezeien daß Du ihn lieben würdest, und Du liebst ihn. Sie prophezeite, daß dieser Geliebte Dich verlieren würde, und er verliert Dich, weil Du Dich aus Liebe zu ihm weigerst zu fliehen. Luisa, höre, was Nanno Dir sagt. Du bist kein Mann; für Dich ist es keine Schande, wenn Du fliehest. Wir freilich müssen bleiben und kämpfen. Wenn wir alle Beide den Kampf überleben so werden wir Dir nachfolgen; bleibt nur Einer am Leben, so kommt dieser. Ich weiß wohl, daß, wenn ich dieser bin, ich Salvato nicht ersetzen kann, aber dies ist nicht wahrscheinlich Salvato wird durch keine Vorhersagung im voraus zum Tode verdammt, während ich bereits verurtheilt bin. Als die Wahrsagerin Dich vorhin aufforderte, deine Hand zu betrachten, meine arme Luisa, betrachtete ich auch unwillkürlich die meinige. Der Stern ist immer noch darin und weit sichtbaren als er es vor acht Monaten, das heißt am Tage der Prophezeiung war. Lege daher diese Verkleidung an, Schwesterchen. Du weißt, wie hübsch Du Dich in Assunta’s Costüm ausnahmst.«

»Ach,« murmelte Luisa, »welch ein herrlicher Abend war es für mich, wo ich Assunta’s Kleider lieh! Wie weit liegt diese Zeit schon hinter uns, mein Gott!«

»Diese Zeit kann, wenn Du willst, für Dich wiederkommen, Schwesterchen,« sagte Michele.

»Du brauchst blos den Muth zu haben, Salvato jetzt zu verlassen.«

»O, nimmermehr, nimmermehr!« murmelte Luisa, indem sie ihre Arme um Salvato’s Hals schlang. »Ich will mit ihm leben oder mit ihm sterben.«

»Ich weiß es wohl,« fuhr Michele fort. »Ganz gewiß wäre es etwas Großes und Herrliches, mit ihm zu leben oder mit ihm zu sterben; wer sagt Dir aber, daß Du, wenn Du hier bleibst, mit ihm leben oder mit ihm sterben wirst? Du wünschest es, Du hoffst es. Gesetzt aber, Du bliebst, würdest Du dann hier in diesem Hause bleiben?«

»O nein!« rief Salvato; »ich werde sie in das Castello Nuovo bringen. Wohl weiß ich, daß das Castell San Elmo besser wäre; nach dem aber, was zwischen Mejean und mir vorgegangen ist, traue ich ihm nicht mehr.«

»Und was werden Sie, nachdem Sie Luisa in das Castello Nuovo gebracht haben, dann thun?«

»Dann stell ich mich an die Spitze meiner Calabresen und kämpfe.«

»Dann sehen Sie also, Signor Salvato, daß Sie nicht bei Luisa leben, sondern sehr fern von ihr sterben können.«

»Sie lieben Luisa,« sagte Salvato; »es kann allerdings ganz so kommen, wie Michele sagt.«

»Was kommt darauf an, ob Du fern von mir oder in meiner Nähe stirbst, Salvato? Bist Du todt, dann weißt Du wohl, daß auch ich sterben werde.«

»Und hast Du auch das Recht zu sterben?« entgegnete Salvato in englischer Sprache, »jetzt, wo Du nicht mehr allein sterben würdest?«

»O, mein Freund,« murmelte Luisa, indem sie ihr Gesicht an Salvatos Brust barg.

In diesem Augenblick trat Giovannina ein und sagte mit dem Lächeln eines bösen Engels auf den Lippen:

»Ein Brief von Signor André Backer an Signora.«

Luisa zuckte zusammen, als ob sie Backer’s Geist hätte erscheinen sehen.

Salvato betrachtete sie mit Erstaunen.

Michele stand auf und wendete seine Blicke nach der Thür.

An dieser stand der Cassirer Klagmann. Er war Luisa persönlich wohlbekannt, denn er war es, der ihr gewöhnlich die Zinsen von dem Gelde brachte, welches sie oder vielmehr der Chevalier bei dem Hause Backer angelegt hatte.

Er war Ueberbringer nicht eines, sondern zweier Briefe an Luisa.

Diese beiden Briefe sollten ohne Zweifel in einer bestimmten Reihenfolge gelesen werden, denn der Bote gab Luisa zuerst einen, indem er durch eine Geberde andeutete, daß er, wenn sie den ersten gelesen hätte, ihr dann auch den zweiten geben würde.

Der erste war das an die Gläubiger des Hauses Backer gerichtete gedruckte Circulat.

So wie Luisa die verhängnißvolle Schrift laut vorlas, ward ihre Stimme immer wankender und bei den Worten: »InFolge der Verurtheilung der beiden Chefs zum Tode« entfiel das Papier ihrer zitternden Hand und ihre Stimme erlosch.

Michele hob das Papier auf, und während Luisa sich schluchzend an Salvatos Brust lehnte, der sie mit beiden Armen an sein Herz druckte, las er das Circular laut vollends zu Ende.

Dann trat ein langes schmerzliches Schweigen ein.

Dieses Schweigen ward zuerst wieder durch die Stimme des Boten unterbrochen, welcher sagte:

»Signora, das Papier, welches man soeben gelesen, ist das an Alle gerichtete Circulat; überdies aber bin ich Überbringer eines Briefes von Signor André Backer. Dieser Brief ist an Sie persönlich adressiert und enthält seine letzten Absichten und Wünsche.«

Salvato öffnete seine Arme, um Luisa die ihr angekündigte Art Testament lesen zu lassen.

Sie streckte die Hand aus, empfing von Klagmann den Brief, anstatt aber diesen selbst zu entsiegeln, reichte sie ihn Salvato, indem sie zu ihm sagte:

»Lies!«

Die erste Bewegung, welche Salvato machte, war, daß er den Brief sanft zurückdrängte; Luisa aber bestand auf ihrem Wunsch, indem sie sagte:

»Siehst Du nicht, mein Freund, daß ich völlig außer Stande bin, selbst zu lesen?«

Salvato entsiegelte den Brief, und da er in der Nähe des Camines stand, auf welchem die Kerzen eines Candelabers brannten, so konnte er, indem er fortfuhr Luisa an sein Herz zu drücken, den folgenden Brief lesen:

»Signora!

»Wenn ich ein reineres Wesen kennte als Sie, so würde ich dieses mit der heiligen Mission beauftragen, welche ich indem ich aus dem Leben scheide, Ihnen hinterlasse.

»Alle unsere Schulden sind bezahlt, unsere Liquidation festgestellt, und es bleibt unserem Hause eine Summe von ungefähr vierhunderttausend Ducati. Diese Summe bestimmen mein Vater und ich zur Unterstützung der Opfer des Bürgerkrieges, in welchem wir erliegen, und zwar ohne Rücksicht auf die Grundsätze, zu welchen diese Opfer sich bekannt haben, oder auf die Reihen, in welchen sie gefallen sein werden. Für die Todten können wir weiter nichts thun, als selbst sterbend für sie beten. Auch sind es nicht die Todten, welche wir mit dem Namen der Opfer bezeichnen. Wohl aber können wir – und dies sind nach unserer Ansicht die eigentlichen Opfer – etwas für die Kinder und die Witwen derer thun, welche auf irgend eine Weise in dem Kampfe fallen, den wir in seinem wahren Lichte erst in dieser Stunde sehen und der, wie wir mit innigem Leidwesen sagen, ein brudermörderischer Kampf ist.

»Damit aber diese Summe von vierhunderttausend Ducati auf verständige, redliche und unparteiische Weise vertheilt werde, legen wir dieselbe in Ihre gesegneten Hände, Signora. Sie werden sie, dessen sind wir überzeugt, dem Recht und der Billigkeit gemäß vertheilen.

»Dieser letzte Beweis von Vertrauen und Achtung zeigt Ihnen, Signora, daß wir in unser Grab die Ueberzeugung mitnehmen, daß Sie nicht Schuld an unserem unschuldigen vorzeitigen Tode sind, sondern daß das Verhängniß Alles gethan hat.

»Ich hoffe, daß dieser Brief Ihnen heute Abend zugestellt werden wird und daß wir in diesem Augenblicke uns dem Troste hingeben können, zu wissen, daß Sie die Mission übernehmen, welche den-Zweck hat, die Gnade des Himmels auf unser Haus und den Segen der Unglücklichen auf unser Grab herabzurufen.

»Mit denselben Gesinnungen, womit ich gelebt, sterbe ich, und nenne mich, Signora, Ihren ehrerbietigen Bewunderer.



    »André Backer.«

Ganz im Gegensatze zu dem ersten schien dieser zweite Brief Luisa die Kräfte wieder zu geben. So wie Salvato, der die eigene Bewegung nicht bemeistern konnte, mit zitternder Stimme vorlas, richtete sie ihr von der Furcht des Fluches gebeugtes Haupt strahlend empor und ein triumphierendes Lächeln durchbrach wie Sonnenschein die Wolken ihrer Thränen.

Sie näherte sich dem Tische, auf welchem Schreibmaterialien lagen, und schrieb folgende Worte:

»Ich stand im Begriffe fortzugehen; ich wollte Neapel verlassen, als ich Ihren Brief erhielt. Um die heilige Pflicht, die er mir auflegt, zu erfüllen, bleibe ich nun. Sie haben mich richtig beurtheilt, und ich sage Ihnen, ebenso wie ich zu Gott sagen werde, vor welchem Sie im Begriffe stehen zu erscheinen und wohin ich vielleicht Ihnen bald nachfolgen werde – Ihnen sage ich: Ich bin unschuldig! Leben Sie wohl. Ihre Freundin ins dieser und jener Welt, wo wir, hoffe ich, uns wieder finden werden.



    »Luisa.«

Luisa reichte diese Antwort Salvato, der sie lächelnd ergriff und ohne zu lesen Klagmann übergab.

Der Bote entfernte sich, und Michele that nach ihm dasselbe.

»Also,« sagte Nanno, »Du bleibst?«

»Ja« ich bleibe,« antwortete Luisa, deren Herz nur seinen Vorwand verlangte, um sich zu Gunsten Salvatos zu entscheiden und welche, ohne sich vielleicht selbst Rechenschaft davon zu geben, begierig diesen ergriff, welchen der Verurtheilte ihr darbot.

Nanno hob die Hand empor und sagte in feierlichem Tone zu Salvato:

»Du, der Du diese Frau mehr liebst als dein Leben, und eben sei innig wie deine Seele, Du bist mein Zeuge, daß ich Alles, was in meinen Kräften gestanden, gethan habe, um sie zu retten. Du bist mein Zeuge, daß ich sie über die Gefahr in der sie schwebt, aufgeklärt, daß ich sie aufgefordert habe, zu fliehen und daß ich ihr im Widerspruche mit den Befehlen, welche das Schicksal denen gibt, welchen es die Zukunft enthüllt, ihr meine thatsächliche Unterstützung angeboten habe. Wie grausam daher das Schicksal gegen Euch sein möge, so fluchet doch der alten Nanno nicht, sondern sagt im Gegentheile, daß sie Alles, was sie gekonnt, gethan hat, um Euch zu retten.«

Und in den Schatten gleitend, mit welchem ihr eigener düsterer Schatten verschwamm, verschwand sie, ohne daß Luisa oder Salvato daran gedacht hätten, sie zurückzuhalten.




Zweites Capitel.

Die Vorposten


Ehe noch Salvato und Luisa Zeit gehabt hatten, ein Wort aneinander zu richten, trat Michele wieder ein.

»Luisa,« sagte er, »sei ruhig, Alles was für die Backer ein Geheimniß war, wird bald für sie aufgeklärt sein und sie werden wissen, wer derjenige ist, dem sie als ihrem Angeber fluchen müssen. Es kann mir nichts Aergeres begegnen, als daß ich gehängt werde. Wohlan, dann werde ich, ehe ich gehängt werde, wenigstens gebeichtet haben.«

Die beiden Liebenden betrachteten Michele mit Erstaunen.

Er fuhr fort:

»Wir haben keine Zeit mit langen Erklärungen zu verlieren. Die Nacht rückt vor und Sie wissen, was wir noch zu thun haben.«

»Ja, Du hast Recht,« antwortete Salvato. »Bist Du bereit, Luisa?«

»Ich habe für elf Uhr einen Wagen bestellt,« sagte Luisa. »Er muß an der Thür sein.«

»Ja, er ist da,« sagte Michele. »Ich habe ihn gesehen.«

»Dann ists gut, Michele. Laß die wenigen Effecten hineintragen, deren ich während meines Verweilens in dem Castello Nuovo bedürfen werde. Sie sind in einem Koffer eingeschlossen. Ich werde mittlerweile Giovannina einige Befehle ertheilen.«

Luisa zog, indem sie dies sagte, die Klingel, aber vergebens; die Dienerin erschien nicht.

Luisa klingelte zum zweiten Male, vergebens aber heftete ihr Blick sich auf die Thür, durch welche die Dienerin eintreten sollte. Die Thür öffnete sich nicht.

Luisa erhob sich und ging selbst nach Giovannina’s Kammer, in der Meinung, die Dienerin sei vielleicht eingeschlafen.

Das Licht stand brennend aus dem Tisch. Neben dem Leuchter lag ein versiegelter Brief an Luisa adressirt.

Dieser Brief war von Giovanninas Hand. Luisa ergriff und öffnete ihn. Er lautete:



»Signora!


»Wenn Sie Neapel verlassen hätten, so wäre ich Ihnen überall hin gefolgt, in der Voraussetzung daß Sie meiner Dienste bedürften.

»Sie bleiben aber in Neapel, wo Sie, von Personen, von denen Sie geliebt werden, umgeben, meiner nicht mehr bedürfen.

»Unter den Ereignissen, welche die nächste Zukunft bringen wird, wage ich nicht allein im Hause zu bleiben, und da nichts, selbst nicht eine Anhänglichkeit, deren Sie nicht bedürfen, mich zwingt, mich in eine Festung einzuschließen, wo ich in meinem Thun und Handeln nicht frei wäre, so kehre ich zu meinen Aeltern zurück. Uebrigens haben Sie schon heute Morgen die Güte gehabt, meine Rechnung auszugleichen, und unter den Umständen, in welchen wir uns befinden, habe ich diese Ausgleichung als einen Abschied zu betrachten gehabt.

»Ich verlasse Sie daher, Signora, erfüllt von Dankbarkeit für die Güte, welche Sie mir erwiesen, und so betrübt über diese Trennung, daß ich mir den Schmerz auflege, Ihnen nicht Lebewohl zu sagen, aus Furcht vor dem noch größeren Schmerz, den ich empfinden würde, wenn ich es thäte. Ich bin«, Signora, Ihre dankbare Dienerin



    »Giovannina.«

Luisa schauderte, als sie diesen Brief las. Es lag trotz der darin enthaltenen Betheuerungen von Anhänglichkeit und Treue dennoch auch zugleich ein seltsamer Ausdruck von Kälte und Haß darin. Man sah denselben allerdings nicht mit den Augen, aber man gewahrte ihn mit dem Verstande, man fühlte ihn mit dem Herzen.

Luisa kehrte in das Speisezimmer zurück, in welchem Salvato geblieben war, und überreichte ihm den Brief.

Er las ihn zuckte die Achseln und murmelte das Wort: »Natter!«

In diesem Augenblick trat Michele wieder ein. Er hatte den Wagen nicht mehr an der Thür gefunden und fragte, ob er einen andern holen sollte.

Auf die Rückkehr des ersten Wagens konnte man nicht warten, denn es war augenscheinlich daß Giovannina sich desselben bedient hatte.

Michele konnte deshalb nichts Besseres thun, als bis nach Bin di Giotto laufen; wo gewöhnlich Miethwagen standen, und einen andern mitbringen.

»Mein Freund,« sagte Luisa zu Salvato, daß mich diese wenigen Augenblicke Verzögerung, welche uns der Zufall aufnöthigte, draußen um einen letzten Besuch bei der Herzogin von Fusco und ihr zum letzten Mal den Vorschlag machen, mit mir zugleich in dem Castello Nuovo Schutz zu suchen. Bleibt sie dennoch, so will ich ihr wenigstens mein Haus empfehlen, weil dieses dann gänzlich verlassen steht.«

»Geh mein liebes Kind,« sagte Salvato, indem er Luisa auf die Stirn küßte wie ein Vater seine Tochter.

Luisa ging hinauf auf den Corridor, öffnete die Verbindungsthür und trat in den Solon der Herzogin.

Dieser war wie immer, mit allen republikanischen Notabilitäten gefüllt.

Trotz der drohenden Gefahr, trotz der heranziehenden Ereignisse waren die Gesichter ruhig. Man fühlte, daß alle diese Männer des Fortschrittes, welche den gefahrvollen Weg aus Überzeugung betreten, entschlossen waren, ihn bis ans Ende zu verfolgen, und gleich den alten Senatoren der römischen Republik den Tod auf ihren carulischen Stühlen zu erwarten.

Luisa machte auch heute durch ihre Schönheit und ihr interessantes Wesen die gewohnte Sensation.

Man gruppierte sich um sie. Jeder hatte in diesem äußersten Augenblick einen Entschluß für sich gefaßt, und fragte nun die Anderen, wozu sie sich entschlossen hätten, denn er hoffte vielleicht, daß dieser Entschluß der Anderen besser wäre als der seine.

Die Herzogin hatte sich vorgenommen, in ihrem Hause zu bleiben und hier die Ereignisse abzuwarten. Sie hielt dabei aber das Costüm einer Frau aus dem Volke bereit, unter welchem sie im Falle drohender Gefahr zu fliehen gedachte. Die Pächterin eines ihrer Landgüter hielt ihr für diesen Fall ein Asyl bereit.

Luisa bat sie, ihr Haus bis zur dem-Augenblick zu überwachen, wo sie selbst das ihrige verlassen würde, und meldete ihr, daß Salvato, weil er nicht wisse, ob er während des Kampfes im Stande sein würde, für ihre Sicherheit zu sorgen, für sie ein Zimmer ins dem Castell Nuovo habe einrichten lassen, wo sie unter der Obhut des Gouverneurs Massa, eines Freundes von Salvato, bleiben würde.

Es war dies übrigens der Ort, wohin sich die Patrioten alle im äußersten Falle flüchten mußten, denn Niemand traute der Gastfreundschaft Mejean’s, der, wie man wußte, fünfhunderttausend Franks verlangt hatte, um Neapel zu schützen und der für fünfhundertundfünfzigtausend Franks bereit war, es zu vernichten.

Man sagte sogar – was aber, beiläufig gesagt, nicht begründet war – er habe mit dem Cardinal Ruffo unterhandelt.

Luisa suchte mit den Augen Eleonora Pimentel, für welche sie große Bewunderung hegte; Eleonora aber hatte einen Augenblick vor Luisa’s Eintritt den Solon verlassen, um sich in ihre Druckerei zu begeben.

Nicolino kam aus sie zu, um sie zu begrüßen. Er war ganz stolz aus seine schöne Uniform als Husarenoberst, welches den nächstfolgenden Tag von den Säbeln der Feinde zerfetzt werden sollte. Cirillo, welcher, wie wir bereits bemerkt, zur gesetzgebenden Versammlung gehörte, als dieselbe sich permanent erklärt hatte, kam auf Luisa zu und umarmte sie.

Er wünschte ihr nicht alles mögliche Glück – in der Lage, in welcher man sich befand, stand sehr wenig Glück zu hoffen – wohl aber, daß sie unversehrt und mit dem Leben davonkommen möchte. Dann legte er seine Hand auf ihr Haupt und ertheilte ihr mit leiser Stimme seinen Segen.

Luisa’s Besuch war gemacht. Sie umarmte die Herzogin von Fusco zum letzten Mal. Beide Frauen vermochten kaum ihre Thränen zurückzudrängen.

»Ach,« murmelte Luisa, »wir sehen einander vielleicht nie wieder!«

Die Herzogin warf einen Blick gegen Himmel, als ob sie sagen wollte:

»Da oben gibt es ein untrügliches Wiedersehen.»

Dann geleitete sie ihre Freundin bis an die Verbindungsthür.

Hier trennten sie sich, und zwar, wie Luisa sehr richtig prophezeit, um einander nie wiederzusehen.

Salvato erwartete Luisa. Michele hatte einen Wagen mitgebracht. Die beiden Liebenden gingen mit verschlungenen Armen und ohne daß sie ihre Ideen einander mitzutheilen brauchten, um dem »glücklichen Zimmer«, wie sie es nannten, Lebewohl zu sagen.

Dann schlossen sie die Thüren, deren Schlüssel Michele zu sich nahm.

Salvato und Luisa stiegen in den Wagen, Michele, trotz seiner schönen Uniform auf den Bock, und der Wagen rollte noch dem Castello Nuovo.

Obschon es noch nicht spät war, so waren doch alle Thüren und Fenster geschlossen und man fühlte, daß ein gewaltiger Schrecken auf der Stadt lastete.

Hier und da sah man Männer, welche von Zeit zu Zeit sich den Häusern näherten, einen Augenblick stehen blieben und dann weitereilten.

Salvato bemerkte diese Männer, und neugierig, zu wissen, was sie machten, forderte er Michele, indem er das Vorderfenster des Wagens öffnete, auf, sich wo möglich eines dieser nächtlichen Wanderer zu bemächtigen und zu ermitteln, was sie eigentlich thäten.

Als man an dem Palast Curamanico anlangte gewahrte man wieder einen dieser Männer. Michele sprang, ohne erst den Wagen Halt machen zu lassen, zur Erde herab und stürzte sich auf den Mann.

Dieser warf eben eine Rolle Stricke durch ein nahes Kellerloch.

»Wer bist Du?« fragte Michele.

»Ich bin der Fachino des Palastes.«

»Was machst Du?«

»Nun, Sie sehen es doch. Der Abmiether der ersten Etage hatte mich beauftragt, ihm fünfundzwanzig Meter Stricke zu kaufen und sie ihm heute Abend zu bringen. Ich habe mich in einem Wirthshaus auf dem Markte ein wenig verspätet, und als ich an den Palast kam fand ich Alles verschlossen. Da ich den Portier nicht erst wecken wollte, so habe ich das Paket durch das Kellerloch in den Keller des Palastes geworfen, wo man sie morgens schon finden wird.«

Michele, der in all diesem nichts Verdächtiges oder Tadelnswerthes sah hieß den Mann, welchen er am Kragen gepackt, los. Kaum sah der Mann sich frei, so rannte er schleunigst davon und in die Strada del Pace hinein, in welcher er sofort verschwand.«

Diese hastige Flucht machte Michele wieder stutzig.

Von dem Palast Caramanico bis zum Castello Nuovo längs der ganzen Chiaja und dem Riesenhügel sah er dieselbe Thatsache sich wiederholen. Zweimal versuchte er sich wieder eines dieser mit einer unbekannten Mission beauftragten nächtlichen Herumtreiber zu bemächtigt, aber sie waren auf ihrer Hut und es gelang ihm nicht.

Man langte in dem Castello Nuovo an.

Dank der Parole, welche Salvato wußte, durfte der Wagen in das Innere hineinfahren. Er passierte an dem acagonesisschen Triumphbogen vorbei und hielt dann vor der Thür des Gouvernerus.

Dieser machte eben eine Nachtrunde auf den Wällen, wovon er eine Viertelstundes nach Salvatos Ankunft zurückkam.

Beide geleiteten Luisa nach dem für sie in Stand gesetzten Zimmer. Dasselbe gehörte zu den Gemächern des Madame Massa selbst und es zeigte sich sofort, daß man für Luisa das hübscheste und bequemste reserviert hatte.

Es schlug Mitternacht und es war folglich hohe Zeit sich zu trennen.

Luisa nahm Abschied von Michele und dann von Salvato, welche Beide mit demselben Wagen der sie hierher gebracht, wieder bis nach dem Malo zurückfuhren.

Hier fanden sie den Calabresen mit den Pferden welchen sie bestell, schwangen sich in den Sattel und ritten nachdem sie Strada del Piliere, die Rhede, die sogenannte neue Marine und die Marinella passiert, über die Magdalenenbrücke und dann auf der nach Portici führenden Straße im Galopp weiter.

Die Straße war mit republikanischen Truppen besetzt, die abtheilungsweise von der Magdalenenbrücke, dem ersten äußeren Posten, bis zum Granatello, dem Posten, welcher die Feinde am nächsten war, und wie wir schon bemerkt, von Schipani commandirt ward.

Ueberall war Alles wach. An sämtlichen Hauptwachen machte Salvato Halt, stieg vom Pferde, erkundigte sich und ertheilte Instructionen.

Die erste Station, die er machte, war in dem Fort Vigliana.

Dieses kleine Fort steht am Rande des Meeres, rechts von dem Wege, der von Neapel nach Portici führt, und vertheidigt den Zugang zu der Magdalenenbrücke.

Salvato ward mit lautem Beifallsruf empfangen. Das Fort Vigliana ward von hundertfünfzig seiner Calabresen unter dem Commando eines Priesters Namens Tascano vertheidigt.

Es war augenscheinlich, daß auf dieses kleine Fort, welches den Zugang zu der Stadt vertheidigte, alle Anstrengungen der Sanfedisten gerichtet sein würden, deshalb war die Vertheidigung desselben auch auserwählten Leuten anvertraut worden.

Toscano zeigte Salvato alle seine Vertheidigungsanstalten. Er gedachte, wenn er forcirt würde, seine Pulvervorräthe anzuzünden und sich mit seinen Leuten in die Luft zu sprengen.

Uebrigens war es nicht Toskanos Absicht, dies ohne Vorwissen seiner Leute zu thun. Alle waren davon unterrichtet, alle hatten ihre Zustimmung zu diesem äußersten Opfer für das Vaterland gegeben, und die Fahne, welche über dem Thore flatterte, trug die Inschrift:

»Rache! Sieg oder Tod!«

Salvato umarmte den würdigen Geistlichen, stieg unter dem Rufe: »Es lebe die Republik!« wieder zu Pferde und setzte seinen Weg weiter fort.

In Portici gaben die Republikaner große Unruhe und Befürchtungen zu erkennen. Sie hatten es hier mit Bevölkerungen zu thun, welche durch ihre Interessen vorwiegend royalistisch gemacht worden waren. König Ferdinand hatte in Portici einen Palast, in welchem er den Herbst zubrachte, und beinahe den ganzen Sommer hindurch bewohnte der Herzog von Calabrien den Palast neben der Favorita.

Die Republikaner konnten sich hier Niemanden anvertrauen, sondern fühlten sich von Verrath und Schlingen umgeben. Wie in den Tagen des Erdbebens schien der Boden unter ihren Füßen zu wanken.

Salvato langte in Granatello an.

Schipani lag mit seiner gewohnten Zuversicht oder vielmehr mit seiner gewohnten Unklugheit in tiefem-Schlafe. Salvato ließ ihn wecken und fragte ihn, was er in Bezug auf den Feind gehört habe.

Schipani antwortete ihm, er rechne darauf, den nächstfolgenden Tag von dem Feinde angegriffen zu werden und suche sich eben zu stärken, um ihn mit Nachdruck zu empfangen.

Salvato fragte ihn, ob er von den Spionen, die er doch jedenfalls ausgeschickt, keine genaueren Mittheilungen erhalten habe.

Der republikanische General gestand ihm, daß er keinen Spion ausgeschickt habe und daß diese unredlichen Mittel, den Krieg zu führen, ihm widerstrebten.

Salvato fragte weiter, ob er die Straße von Stola habe besetzen lassen, wo der Cardinal sei und von wo er über die Abhänge des Vesuv Truppen gegen Portici und gegen Resina entsenden könnte, um ihm den Rückzug abzuschneiden.

Schipani antwortete, es sei Sache des Commandanten von Resina und Portici diese Vorkehrungen zu treffen. Was ihn beträfe, so würde er, wenn er Sanfedisten auf seinem Wege träfe, ohne Weiteres auf sie losgehen.

Diese Art und Weise Krieg zuführen und über-das Leben seiner Leute zu verfügen, bewog den geschickten Strategen den Zögling aus der-Schule eines Championnet und Macdonald, die Achseln zu zucken. Er begriff, daß mit einem Manne wie Schipani keine Verabredung zu treffen sei und daß man Alles dem rettenden Genius der Völker anheimgeben müsse.

Sehen wir jetzt ein wenig, was der Cardinal, welcher geschickter zu Werke ging, als Schipani, während dieser Zeit machte.

Um Mitternacht; das heißt zu der Stunde, wo wir Salvato das Castello Nuovo verlassen sahen, empfing der Cardinal Ruffo, in dem größten Zimmer dies erzbischöflichen Palastes zu Nola vor einem Tische sitzend und mit seinem Secretär Sacchinelli und dem Marquis Malaspina, seinem Adjutanten, in der Reihe, die eingehenden Meldungen und ertheilte seine Befehle,«

Die Couriere folgten aufeinander mit einer Schnelligkeit, welche die Rührigkeit beweies, womit der improvisierte General seine Correspondenzen zu organisieren verstanden.

Er selbst entsiegelte alle Briefe von woher dieselben auch kommen mochten; und dictirte die Antworten bald Sacchinelli, bald Malaspina.

Nur selten schrieb er die Antwort selbst, ausgenommen auf die geheimen Briefe, denn ein nervöses Zittern der Hand erschwerte ihm das Schreiben.

In dem Augenblick, wo wir in das Zimmer treten und wo der Cardinal die Boten erwartet, hat er schon von dem Erzbischof Ludovici die Nachricht empfangen, daß Panedigrano und seine tausend Sträflinge am Morgen des 12. Juni in Bosco angelangt sein müßten.

In der Hand heilt er einen Brief von dem Marquis von Curtis, der ihm meldet, daß der Oberst Tschudi, um sein Verhalten bei Capua vergessen zu machen, mit vierhundert Mann Grenadieren und dreihundert Manns Linie, die eine Art Fremdenlegion bilden, in Sorento gelandet sey um das Fort von Castellamare zu Lande anzugreifen, während die Linienschiffe »Seahorse« und »Minerva« es von der Seeseite angreifen sollen.

Nachdem der Cardinal diesen Brief gelesen, erhob er sich und zog eine auf einem andern Tische ausgebreitet liegende Landkarte zu Rathe. Dann diktierte er stehend und sich mit der Hand auf den Tisch stützend Sacchinelli die folgenden-Befehle:

»Der Oberst Tschudi wird den Angriff auf das Fort von Castellamare, wenn derselbe schon begonnen hat, einstellen und sich sofort mit Sciarpa und Panedigrano in Einvernehmen setzen, um am 13. Morgens die Armee Schipanis anzugreifen. Tschudi und Sciarpa werden den Angriff von vorn beginnen, während Panedigrano sich auf den Flancen halten und längs der Lava des Vesuvs hinbewegen wird, so daß er den Weg beherrschen kann, auf welchem Schipani seinen Rückzug zu bewirken suchen wird.

»Ueberdies, da es möglich ist, daß der republikanische General, wenn er die Ankunft des Cardinals in Nola erfährt, sich aus Furcht, daß ihm der Rückzug abgeschnitten werde, auf Neapel zurückzuziehen wünscht, so werden Sie ihn kräftig vor sich hertreiben. In der Favorita wird der republikanische General auf den Cardinal Ruffo stoßen, der bis dahin den Vesuv umgangen haben wird. Von allen Seiten eingeschlossen, wird Schipani genöthigt sein, sich niederhauen zu lassen, oder sich zu ergeben.«

Der Cardinal ließ von dieser Order eine dreifache Abschrift machen, unterzeichnete jede derselben und sendete sie durch drei Boten an Die ab, an welche sie gerichtet waren.

Kaum waren die Befehle abgesendet, als der Cardinal, eine jener tausend Combinationen voraussehend, welche die best angelegten Pläne scheitern machen, Cesare rufen ließ.

Nach Verlauf von fünf Minuten trat der junge Brigadier bewaffnet und gestiefelt ein. Die fieberhafte Thätigkeit des Cardinals wirkte ansteckend auf seine ganze Umgebung.

»Bravo, mein Prinz,« sagte Ruffo, der zuweilen im Scherz dem jungen Mann noch diesen Titel gab. »Sind Sie bereit?«

»Stets, Eminenz,« antwortete Cesare.

»Dann nehmen Sie vier Bataillone Linieninfanterie, vier Stück Feldgeschütz, zehn Compagnien calabresische Jäger und eine Schwadron Cavallerie. Bewegen Sie sich die nördliche Flanke des Vesuvs entlang, nämlich die, von welcher man die Aussicht auf die Madonna del Arco hat, und langen Sie wo möglich des Nachts in Resina an. Die Einwohner erwarten Sie, denn dieselben sind bereits von mir benachrichtigt und vollkommen bereit, sich zu unseren Gunsten zu erheben.

Dann wendete er sich zu dem Marquis und sagte zu diesem:

Malaspina, geben Sie dem Brigadier diese schriftliche Ordre und unterzeichnen Sie dieselbe in meinem Namen.«

In diesem Augenblick trat der Caplan des Cardinals in das Zimmer, näherte sich ihm und sagte leise:

»Eminenz, der Capitän Scipio Lamarra ist so eben von Neapel eingetroffen und erwartet im Nebenzimmer Ihre Befehle.«

»Ha, endlich!« sagte der Cardinal, indem er freier aufathmete, als er bis jetzt gethan. »Ich fürchtete schon, es sei ihm ein Unglück zugestoßen, diesem armen Capitän. Sagen Sie ihm, daß ich sofort bei ihm sein werde, und leisten Sie ihm mittlerweile Gesellschaft.«

Der Cardinal zog einen Ring vom Finger und drückte ihn auf die Ordre, die in seinem Namen ausgefertigt wurde.

Dieser Scipio Lamarra, dessen Ankunft der Cardinal mit so großer Ungeduld zu erwarten schien, war jener selbe Bote, durch welchen die Königin dem Cardinal ihre Fahne übersendet und welchen sie ihm als zu Allem verwendbar empfohlen.

Er kam von Neapel, wohin er durch den Cardinal geschickt worden. Der Zweck dieser Mission war, sich mit einem der Hauptmitschuldigen an der Verschwörung der Backers, Namens Gennaro Tansano, zu besprechen.

Dieser Gennaro Tansano spielte den Patrioten und stand in den Registern aller republikanischen Clubs obenan, aber blos um stets von ihren Maßnahmen und Beschlüssen Unterrichtetet zu sein, von Welchen er dann den Cardinal Ruffo, mit dem er in Briefwechsel stand, in Kenntniß setzte.

Ein Theil der Waffen, welche beim Ausbruch der Verschwörung der Backers in Gebrauch genommen werden sollten, war bei ihm deponiert. Die Lazzaroni von Chiaja, von Pie di Grotta, von Pozzuole und den nahegelegenen Stadttheilen standen zu seiner Verfügung.

Der Cardinal erwartete auch, wie man gesehen, seine Antwort mit Ungeduld.

Er trat in das Cabinet, in welchem Lamarres, als republikanischer Nationalgardist umkleiden ihn erwartete.

»Nun?« fragte er eintretend.

»Nun, Eminenz, es geht Alles nach Wunsch. Tansano gilt immer noch für einen der besten Patrioten von Neapel und Niemanden fällst es ein, Argwohn gegen ihn zu hegen.«

»Aber hat er gethan, was ich gesagt habe?«

»Ja, das hat er gethan, Eminenz.«

»Das heißt er hat Stricke in die Kellerlöcher der Häuser der hervorragendsten Patrioten werfen lassen?»

»Ja. Er wollte gern wissen, zu welchem Zweck dies geschehe, da ich es aber selbst nicht wußte, so konnte ich ihm hierüber keinen Aufschluß geben. Doch gleichviel, da der Befehl von Ihnen kam, Eminenz, so ist er pünktlich ausgeführt worden.«

»Wissen Sie das gewiß?«

»Ich habe die Lazzaroni bei der Arbeit gesehen.«

»Hat er Ihnen nicht ein Paket für mich mitgegeben?«

»Allerdings, Eminenz. Hier ist es. Es ist in Wachsleinwand gewickelt.«

»Geben Sie her.«

Der Cardinal zerschnitt mit seinem Federmesser die Umschnürung des Pakets und zog dann ein großes Banner hervor, auf welchem er vor dem heiligen Antonius kniend und zu diesem betend dargestellt war, während der Heiland ihm seine beiden mit Stricken gefüllten Hände zeigte.

»So ist es recht,« sagte der Cardinal hocherfreut. »Nun brauche ich noch einen Mann, welcher das Gerücht von dem Wunder in Neapel verbreiten kann.«

Einen Augenblick lang blieb er in Gedanken versunken und fragte sich, wer der Mann sei, der ihm diesen Dienst leisten könne.

Plötzlich schlug er sich auf die Stirn.

»Man schicke Fra Pacifico zu mir,« sagte er.

Fra Pacifico ward gerufen und trat in das Cabinet, in welchem er eine halbe Stunde lang mit dem Cardinal eine Unterredung unter vier Augen hatte.

Hierauf sah man ihn in den Stall gehen, seinen Esel Giacobino herausziehen und mit ihm den Weg nach Neapel einschlagen.

Was den Cardinal betraf, so kehrte er in den Salon zurück, expedirte noch einige Befehle und warf sich, angekleidet auf das Bett, nachdem er noch angeordnet, daß man ihn mit Tagesanbruch wecke.

Mit Tagesanbruch ward der Cardinal geweckt. Während dar Nacht war mitten in dem außerhalb Nola aufgeschlagenen sanfedistischen Lager ein Altar errichtet worden. Der mit dem Purpur bekleidete Cardinal las die Messe zu Gunsten des heiligen Antonius, welchem er den Schutz der Stadt an der Stelle des heiligen Januarius zu übertragen gedachte, der weil er zweimal sein Wunder zu Gunsten der Franzosen verrichtet, für einen Jacobiner erklärt und von dem König seines Titels als Generalcommandant der neapolitanischen Truppen wieder beraubt worden war.

Der Cardinal hatte nach Degradierung des heiligen Januarius lange nachgedacht, wer zu seinem Nachfolger ernannt werden sollte, und seine Wahl war endlich auf den heiligen Antonius von Padua gefallen.

Warum nicht auf den heiligen Antonius den Großen, der wenn man sein Leben in’s Auge faßt, diese Ehre sicherlich weit mehr verdiente als der heilige Antonius von Padua? Ohne Zweifel aber fürchtete der Cardinal, daß die Sage seiner von Callot volksthümlich gemachten Versuchungen in Verbindung mit dem eigenthümlichen Begleiter, den er sich gewählt, seiner Würde Eintrag thun könnte.

Der heilige Antonius von Padua erhielt, obschon er moderner war als sein tausendjähriger Namensvetter, was nun auch der Grund sein mochte, den Vorzug und er war es, welchem im Augenblicke des Kampfes der Cardinal es gerathen fand die heilige Sache in die Hände zu geben.

Nachdem der Cardinal die Messe gelesen, stieg er in seinem Purpurgewand zu Pferde und stellte sich an die Spitze des Hauptcorps.

Die sanfedistische Armee war in drei Divisionen getheilt. Die eine marschierte über Capodichino, um die Porta Capuana anzugreifen.

Die andere umgingt auf dem nördlichen Abhange den Fuß des Vesuvs.

Die dritte that dasselbe auf der Südseite.

Mittlerweile griffen Tschudi; Sciarpa und Panedigrano den General Schipani von vorn an oder sollten ihn angreifen.

Am 13. Juni gegen acht Uhr Morgens sah man von der Höhe des Fort San Elmo die sanfedistische Armee in einer ungeheuern Staubwolke zum Vorschein kommen und sich nähern.

Es wurden sofort an dem Castello Nuovo die drei Alarmschüsse abgefeuert und die Straßen von Neapel wurden augenblicklich so einsam wie die von Theben so stumm wie die von Pompeji.

Der entscheidende Augenblick war da, ein feierlicher und furchtbarer Augenblick, wenn es sich um die Existenz eines Menschen handelt, aber noch weit feierlicher und furchtbarer, wenn es das Leben oder den Tod einer Stadt gilt.




Drittes Capitel.

Der Tag des 13. Juni


Ohne Zweifel waren im Voraus Befehle ertheilt worden, daß diese drei Kanonenschüsse ein doppeltes Signal sein sollten.

Kaum war nämlich der letzte verhallt, so hörten die beiden Gefangenen im Castello Nuovo, welche am Tage vorher verurtheilt worden, in dem nach ihrem Kerker führenden Corridor die eiligen Tritte eines Trupps Bewaffneter.

Ohne ein Wort zu sprechen, warfen sie sich einer in des andern Arme, denn sie begriffen sofort, daß ihre letzte Stunde geschlagen hatte.

Die, welche die Thür öffneten, fanden die Gefangenen einen in des andern Arm, aber resigniert und lächelnd.

»Sind Sie bereit, Bürger?« fragte der Officier, welcher die Escorte commandirte und welchem empfohlen worden, gegen die Verurtheilten mit der größten Schonung und Rücksicht zu verfahren.

Beide antworteten: »Ja,« gleichzeitig André mit der Stimme, Simon durch eine Kopfbewegung.

»Dann folgen Sie uns,« sagte der Officier.

Die beiden Verurtheilten warfen auf ihr Gefängniß jenen letzten Blick der Trauer und der Rührung, welche der Verurtheilte, den man zum Tode führt, stets auf seinen Kerker zu werfen pflegt, und in Folge jenes Wunsches, den der Mensch empfinden etwas zurückzulassen, kratzte André mit einem Nagel seinen Namen und den seines Vaters in die Wand ein, so daß sich diese Namen über dem Bett eines jeden befanden.

Dann folgte André den Soldaten, in deren Mitte sein Vater bereits Platz genommen.

Eine schwarz gekleidete Frau erwartete sie in dem Hofe, den sie zu durchschreiten hatten. Mit festem Schritt kam sie ihnen entgegen.

André stieß einen lauten Schrei aus und begann an allen Gliedern zu zittern.

»Die Chevalière San Felice!« rief er.

Luisa sank auf die Knie nieder.

»Warum knieen Sie, Signora, während Sie doch Niemanden um Verzeihung zu bitten haben?« fragte André.

»Wir wissen Alles. Der wirklich Schuldige hat sich selbst angegeben. Lassen Sie mir auch die Gerechtigkeit widerfahren, zu erklären, daß, ehe ich Michele’s Brief erhalten, Sie schon den meinigen besaßen.«

Luisa schluchzte.

»Mein Bruder!« murmelte sie.

»Ich danke!« sagte André.

»Mein Vater, segne deine Tochter.«

Der alte Mann näherte sich Luisa und legte seine Hand auf ihr Haupt.

»Möge Gott Dich segnen, wie ich Dich segne, mein Kind, und von deiner Stirn selbst den Schatten des Unglücks fern halten.«

Luisa ließ den Kopf auf die Knie herabsinken und brach in lautes Schluchzen aus. Der junge Backer ergriff eine lange Locke ihres wallenden blonden Haares und drückte sie begierig an seine Lippen.«

»Bürger!« murmelte der Officier.

»Wir sind bereit,« sagte André.

Bei dem Geräusch der sich entfernenden Tritte richtete Luisa den Kopf empor und folgte knieen bleibend und mit, ausgestreckten Armen den Verurtheilten mit den Augen, bis sie hinter der Ecke des aragonesischen Triumphbogens verschwanden.

Wenn irgend etwas den unheimlichen Eindruck dieses Trauerzuges noch vermehren konnte, so war es die Einsamkeit und das Schweigen der Straßen, welche die Verurtheilten passierten, obschon diese Straßen die volkreichsten von Neapel waren.

Von Zeit zu Zeit jedoch öffnete beim Geräusch eines bewaffneten Trupps sich verstohlen eine Thür oder ein Fenster, man sah ein schüchternes Gesicht, welches fast allemal einer Person weiblichen Geschlechts angehörte, durch die Oeffnung lugen und dann schloß die Thür oder das Fenster sich schneller wieder, als sie sich geöffnet hatten.

Man hatte zwei Waffenlose in der Mitte eines Trupps Bewaffneter gesehen und man errieth, daß diese beiden Männer zum Tode geführt wurden.

So durchschritten sie Neapel in seiner ganzen Länge und kamen endlich auf den sogenannten Altmarkt, dem gewöhnlichen Hinrichtungsplatz, heraus.

»Hier ist es,« murmelte André Backer.

Der alte Backer schaute sich um.

»Wahrscheinlich,« murmelte er.

Dennoch aber ging es immer noch weiter über den Markt hinweg.

»Wo führt man uns hin?« fragte Simon auf deutsch.

»Wahrscheinlich sucht man einen bequemeren Platz, als dieser hier ist,« antwortete André in derselben Sprache.

»Man bedarf einer Mauer und hier gibt es nur Häuser.«

Als sie auf den kleinen Platz der Kirche del Carmine gelangten, berührte André seinen Vater am Ellbogen und zeigte mit den Augen auf eine der Wohnung des Pfarrers gegenüberstehende Verbindungsmauer ohne irgend welche Oeffnung.

Es war dies dieselbe, an welcher man gegenwärtig ein großes Crucifix angebracht sieht.

»Da,« antwortete Simon.

In der That lenkte der Officier, welcher den kleinen Trupp commandirte, seine Schritte nach dieser Richtung. Die beiden Verurtheilten beschleunigten ihren Schritt, traten aus den Reihen heraus und stellten sich an die Mauer.

»Wer wird von den Beiden zuerst sterben?« fragte der Officier.

»Ich!« rief der alte Backer.

»Mein Herr,« fragte Andre den Officier, schaben Sie ausdrücklichen Befehl, uns nur Einen nach dem Andern zu erschießen?«

»Nein, Bürger,« antwortete der Officier; »eine dahin lautende Instruction habe ich nicht erhalten.«

»Nun dann, wenn es Ihnen gleich wäre, so würden wir Sie um die Gunst bitten, mit einander und gleichzeitig erschossen zu werden.«

»Ja, ja,« sagten fünf oder sechs Stimmen unter der Escorte, »das können wir Ihnen schon zu Gefallen thun.«

»Sie hören es, Bürger,« sagte der mit dieser traurigen Mission beauftragte Offieier, »ich werde Alles, was in meinen Kräften steht, thun, um Ihre letzten Augenblicke zu versüßen.«

»Man gewährt unsere Bitte!« rief der alte Backer hoch erfreut.

»Ja, mein Vater,« sagte André indem er ihn umschlang »wir wollen diese Herren, die so freundlich gegen uns sind, nicht lange warten lassen.«

»Haben Sie Sie noch um eine letzte Gunst zu bitten oder irgend einen Auftrag zu ertheilen?« fragte der Officier.

»Nein,« antworteten die beiden Verurtheilten.

»Nun denn, da es einmal sein muß,« murmelte der Offieier, »aber so wahr ich lebe, man hat uns da ein häßliches Handwerk aufgenöthigt.«

Mittlerweile hatten die beiden Verurtheilten während André seinen Vater immer noch umschlungen hielt, sich mit dem Rücken an die Mauer gestellt.

»Stehen wir so recht, meine Herren?« fragte der junge Backer.

Der Officier machte eine bejahende Geberde.

Dann drehte er sich nach seinen Leuten herum und fragte:

»Sind die Gewehre geladen?«

»Ja.«

»Wohlan, dann stellt Euch. Macht schnell und seht zu, daß sie nicht lange leiden. Es ist dies der einzige Dienst, den wir ihnen leisten können.«

»Ich danke Ihnen, mein Herr,« sagte André.

Was nun geschah, ging rasch vorüber wie ein Gedanke.

Man hörte schnell auf einander die Commandoworte:

»Fertig! – Schlagt an! – Feuer!«

Dann krachte eine Salve.

Alles war vorüber.

Die Republikaner von Neapel hatten, durch das Beispiel derer von Paris verleitet, eine jener blutigen Thaten begangen, zu welchen das Fieber des Bürgerkrieges oft das beste Gemüth und die heiligste Sache verlockt. Unter dem Verwand, den Bürgern jede Hoffnung auf Verzeihung, den Kämpfenden jede Aussicht auf Rettung zu rauben, hatten sie einen Blutstrom zwischen sich und die königlicher Gnade gezogen – eine unnütze Grausamkeit, welche nicht einmal die Entschuldigung der Nothwendigkeit für sich hatte.

Allerdings waren dies die einzigen Opfer; sie genügten aber, um den bis jetzt makellosen Mantel der Republik mit einem unvertilgbaren Blutflecken zu besudeln.

In demselben Augenblick, wo die beiden Backer von denselben Kugeln getroffen einer in des andern Armen todt niedersanken, übernahm Bassetti das Cammando der Truppen von Capodichino, Manthonnet das der Truppen von Capodimonte und Writz das der Truppen der Magdalena.

Die Straßen waren allerdings öde und leer, dafür aber waren alle Mauern der Castelle und alle Terrassen der Häuser mit Zuschauern bedeckt, welche mit bloßen Augen oder mit dem Fernrohr in der Hand zu sehen suchten, was auf jenem unermeßlichen Schlachtfelde vorginge, welches sich von Granatello bis Capodimonte erstreckt.

Auf dem Meere sah man, von Torre dell’ Annonciata bis zur Magdalenenbrücke, die ganze kleine Flottille des Admirals Caracciolo. Dieselbe ward beherrscht von den zwei feindlichen Kriegsschiffen, der von dem Grafen von Thurn commandirten »Minerva« und dem von dem Capitän Ball commandirten »Seahorse«. Letzteren haben wir Nelson an jenem denkwürdigen Abend begleiten sehen, wo jede Dame des Hofes ihren Vers gemacht und wo alle diese vereinigten Verse das Akrostichon Carolina gebildet hatten.

Die ersten Schüsse, welche man hörte, der erste Rauch, den man aufsteigen sah, war vor dem kleinen Fort Branntello.

Sei es nun, daß Tschudi und Sciarpa die Befehle des Cardinals nicht erhalten, oder dieselben nicht schnell genug ausgeführt hatten, kurz, Panedigrano und seine tausend Sträflinge erschienen allein auf dem Sammelplatz, marschieren aber deswegen nicht weniger kühn gegen das Fort.

Allerdings begannen auch die beiden Fregatten, als sie Panedigano anrücken sahen, um ihn zu unterstützen, ihr Feuer gegen das Fort Granatello.

Salvato verlangte fünfhundert Mann Freiwillige stürzte sich mit dem Bojonnet auf diese Räuberbande, sprengte sie auseinander, tödtete gegen hundert Mann und kehrte mit nur wenigen Verwundeten, die überdies fast alle nur von den Kugeln der beiden englischen Schiffe getroffen worden, in das Fort zurück.

Als der Cardinal in Somma anlangte, ward ihm diese Schlappe gemeldet.

Cesare dagegen war glücklicher gewesen. Er hatte die Befehle des Cardinals pünktlich befolgt, außerdem aber als er erfahren, daß das Schloß von Portici schlecht bewacht und die Bevölkerung für den Cardinal sei, Portici angegriffen und sich zum Herrn des Castells gemacht.

Dieser Posten war wichtiger als der von Resina, weil die Straße dadurch besser gesperrt ward.

Er setzte den Cardinal von seinem Erfolg in Kenntniß und bat ihn zugleich um neue Befehle.

Der Cardinal trug ihm auf, sich so gut als möglich zu befestigen, um Schipani den Rückzug vollständig abzuschneiden, und schickte ihm tausend Mann Verstärkung.

Dies war es eben, was Salvato fürchtete. Von der Höhe des kleinen Fortes Granatello hatte er einen bedeutenden Trupp gesehen, welcher um den Fuß des Vesuvs herum gegen Portici verrückte. Er hatte schießen gehört und nach einem kurzen Kampfe war das Feuer verstummt.

Nun war ihm klar, daß die Straße nach Neapel abgeschnitten sei, und er bestand darauf, daß Schipani, ohne einen Augenblick Zeit zu verlieren, gegen Neapel marschiere, das Hinderniß beseitige und mit seinen durch das Fort von Vigliana geschützten fünfzehnhundert oder zweitausend Mann wieder zurückkehre, um die Zugänge zur Magdalenenbrücke zu vertheidigen.

Schipani aber, welcher schlecht unterrichtet war, behauptete, der Feind werde auf der Straße von Sorento anrücken.

Eine lebhafte Kanonade, welche sich in der Richtung von der Magdalenenbrücke her vernehmen ließ, verrieth, daß der Cardinal Neapel von dieser Seite angriff.

Wenn Neapel sich achtundvierzig Stunden hielt und wenn die Republikaner eine äußerste Anstrengung machten, so konnte man von der Position, in welche sich der Cardinal begeben, Nutzen ziehen und anstatt daß Schipani abgeschnitten worden wäre, hätte der Cardinal sich zwischen zwei Feuern gesehen.

Nur mußte ein Mann von Muth, von gutem Willen und Einsicht, welcher im Stande war alle Hindernisse zu überwinden, nach Neapel zurückkehren und von hier entscheidenden Einfluß auf die Berathungen der Oberhäupter der Republik äußern.

Die Lage war eine höchst kritische. Wie Dante konnte auch Salvato sagen:

»Wenn ich bleibe, wer wird dann gehen? Und wenn ich gehe, wer wird dann bleiben?«

Er entschloß sich dennoch zu gehen, indem er Schipani zugleich empfahl, seine Verschanzungen nicht eher zu verlassen, als bis er von Neapel einen bestimmten Befehl erhalten, welcher ihm anzeigte, was er zu thun habe.

Dann und stets von dem treuen Michele begleitet, welcher ihm bemerklich machte, daß er auf glattem Felde unnütz, in den Straßen von Neapel dagegen sehr nützlich sein könnte, in eine Barke, ließ sich nach der Flottille Caracciolo’s rudern, gab sich dem Admiral zu erkennen, theilte diesem seinen Plan, welcher Billigung und Zustimmung fand, mit, passierte wieder durch die Flottille, welche das Meer mit einer Feuerflöthe und das Gestade mit einem Hagel von Kugeln und Granaten bedeckte, ruderte gerade auf das Castell Nuovo zu und langte am Molo an.




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