Seelenrätsel
Wilhelm Walloth




Wilhelm Walloth

Seelenräthsel





I


Die Landstraße herab, die von der Residenz D. nach dem Odenwald führt, rollte um das Jahr 18.. ein schwerbepackter Reisewagen, der auf seinem Schlage das gräfliche Wappen derer von Ibstein zeigte. In den Polstern des Wagens lehnte schlummernd die alte Erzieherin, jetzt Gesellschafterin der jungen Gräfin Isabella, während diese Letztere ihr aristokratisches Näschen, das eine kleine Neigung nach oben zur Schau trug, vergnügt zum Kutschenfenster hinausstreckte. Frau von Pork, die Gesellschafterin, begann gelinde zu schnarchen; das Schwanken des gut gefederten Wagens brachte den altmodischen Kopfputz der Dame zuweilen in feindlichen Zusammenstoß mit den Wänden, die Räder warfen den Staub auf die Sitze, die Stöße, die einige, allzu große Chausseesteine den Insassen versetzten, grenzten manchmal anʼs Unbehagliche und die junge Morgensonne verbreitete in dem geschlossenen Raum eine keineswegs angenehme Temperatur. Dies Alles verhinderte jedoch die Gräfin nicht, sich an der Schönheit der Landschaft zu weiden.

Fern herüber glänzte ja bereits das Ziel ihrer Reise, das Schloß zu Ibstein, auf welchem sie diesen Herbst zubringen sollte, auf Wunsch des Vaters. Dieser stolze Wald, dessen Dunkel der Wagen jetzt aufnahm, die Wiese, auf der ein buntes Gewebe von Dolden, Blumen und Schmetterlingen zitterte, der See, in dem sich die finsteren Föhren so stumm beschauten, dieser ganze Park, diese reiche Landschaft mit ihren fernen Dörfchen, getaucht in das warme Gold eines duftigen Herbstmorgens, gehörte zum Besitzthum des Grafen Ibstein. Wie rief der Anblick dieses Schlosses, dieser Hügel längst verklungene Jugenderinnerungen in der Brust Isabellaʼs wach. Sie zählte neunzehn Jahre; vor zwölf Jahren hatte sie diese Stätte zum letzten Mal an der Hand ihrer früh verstorbenen Mutter besucht und es war ihr nun, als habe dieser herrliche Park sie in treuem Angedenken behalten. Das Rauschen seiner Baumwipfel tönte ihr wie ein Gruß der verlorenen Kindheit, wie ein Mahnen an die hohe, schlanke Frau, die sie damals aus dem Wagen gehoben, leidenschaftlich an die Brust gedrückt hatte und die so strahlende, fast milde Augen hatte, immer mit dem Vater auf die Jagd ritt, immer so silberhell lachen konnte und die nun unter der Erde ruhte. Die Kutsche mäßigte jetzt ihre Schnelligkeit, man bog um eine Waldecke, und Isabellaʼs Augen zuckten, als sie rechts vom Weg, versteckt im Dunkel der Cypressen, ein der damaligen Zeit entsprechend, freilich recht unschönes Denkmal erblickten. Der sandsteinerne Engel auf der epheubewachsenen Säule schien auf der Erde die Tanzstunde besucht zu haben, er drückte die Fackel mit liebenswürdiger Grazie zu Boden, seine Waden überschritten alle schicklichen Dimensionen, der Schmerz seiner Züge grenzte gelinde an den Ausdruck des Blödsinns, auch glich der Schmetterling, der da auf dem Sockel eingemeiselt schwebte, allzusehr einer Omlette. Zwei halbrunde Steinbänke umschlossen den ovalen Platz, regelrecht geschnittene Taxushecken bildeten seine düstre Wand, über welcher obeliskenartig mehrere Pappeln emporragten, im Verein mit dem Grabmal dem Ort eine sanfte Melancholie verleihend. Hoch oben lachte der Himmel hell auf die dunklen Büsche herab. Isabellaʼs Züge wurden ernster, sie erinnerte sich der Mutter, die unter diesem Steine ruhte, wenig mehr. Diese Stelle, über der jetzt der Schleier einer conventionellen, langweiligen Trauer ruhte, sollte Gräfin Elgaʼs Lieblingsplatz gewesen sein, auf welchem sie die französischen Tragiker und die englischen Humoristen las und auf welchem sie begraben zu werden wünschte. Wäre es vielleicht schicklich, hier auszusteigen? dachte das Mädchen. Aber was bot ihr dieser schlechte Stein? Und sollte sie vor den Lakaien ihr Inneres zeigen? Es widerte sie an, für gefühlvoll gehalten zu werden. Nein! was geht es die Anderen an, was ich denke, sie mögen mich für herzlos halten! Weiter! an dem Grabmal vorüber, dessen goldne Inschrift verblaßt war, wie die Erinnerung Desjenigen, der sie mit Prunk einst setzen ließ. Ja! Der Vater hatte die Mutter, obgleich er sie liebte, vergessen. Er war so sehr in Anspruch genommen, der gute Vater; der Herzog bedurfte seiner so häufig und der Graf, der gutmüthige Lebemann, hatte von jeher an einem etwas unsicheren Gedächtnis gelitten. Isabella nahm sich vor, dem Vater zu schreiben, daß das Denkmal einer Restauration dringend bedürfe. Der gute Vater würde darüber in große Verlegenheit geraten, einige aufrichtig geweinte Thränen vergießen, sich selbst anklagen, sogleich versprechen, die nöthigen Schritte zu thun und dann die Sache auf sich beruhen lassen. Das Mädchen lehnte sich in die Kissen zurück, während Frau von Pork behaglich weiter schnarchte. Nun lichtete sich der Wald, ein Teich ward sichtbar, in dessen fast schwarzem Wasserspiegel sich eine baufällige Hütte beschaute. Unbeweglich glänzend wie Quecksilber lag der Teich in seinem Hügelbecken und als sich nun der Wagen langsam näherte, gewahrte Isabellaʼs Auge einen hellgrünen, übermäßig großen Sonnenschirm, der wie ein riesiger, schief gewachsener Giftpilz aus dem Schilfgestrüpp hervorragte. Noch einige Schritte hatte sich der Wagen weiterbewegt; nun löste sich das Rätsel dieses Schirmes, in seinem Schatten saß auf einem Feldstuhl ein hemdärmeliger, junger Mann, der mit eifriger Hand die vor ihm aufragende Leinwand bepinselte, zuweilen hastig dem Teich nebst dem baufälligen Häuschen Blicke zuwerfend. Also ein Maler! Isabellaʼs weiße Stirne bildete eine ganz kleine Falte über dem reizenden Näschen. Wer wagte es, ohne Erlaubnis in das Besitztum des Grafen Ibstein zu dringen? Die Falte vergrößerte sich. Und dieser Mensch schien so sehr in seine Arbeit vertieft, daß er nicht einmal das Rollen des näherkommenden Wagens bemerkte. Nun hob er zwar flüchtig den Kopf, da der Kutscher mit der Peitsche klatschte, wandte sich jedoch wieder gleichgültig der Leinwand zu. Isabella hatte gute Lust, den kecken Eindringling zur Rede zu stellen, vielleicht auch erregte seine Arbeit ihre Neugier und dann war es doch schmeichelhaft, wenn man Partieen aus dem Park des Grafen Ibstein für malerisch hielt – der Schelm erwachte in dem kleinen Trotzkopf, der mit so zierlichem Stumpfnäschen versehen war, die alte, kindliche Abenteurersucht, das Bedürfnis, etwas zu erleben, machte sich ebenfalls geltend, kurzum, Isabellaʼs zarte, behandschuhte Hand klopfte leise an das Glasfenster, und der Kutscher, dies Zeichen aus langer Erfahrung kennend, hielt die Pferde an.

Frau von Pork schlief noch immer: sie hatte sich heute Morgen, als man die Residenz verlassen, mit gewohnter, übertriebener Emsigkeit den Vorbereitungen der Abreise gewidmet, sie hatte darauf geachtet, daß die Kleider unzerknittert in die Koffer gelangten, hatte eigenhändig unter tausend Aengsten das kostbare Meißner Theeservice eingepackt und während der Fahrt unaufhörliche Befürchtungen gehegt, einer der aufgeschnallten Koffer könne heruntergefallen sein, warum sollte man ihr die Ruhe nicht gönnen! Isabella warf einen schlauen Blick auf die Schlummernde, drückte lächelnd einen Kuß auf ihre runzelige, treue Stirn, öffnete die Thüre und huschte rauschend ins Freie. Kaum hatte sie die Wiese betreten und schritt nun, das lange Kleid mit der Rechten hebend, auf dem Kiesweg, als der Maler, von seiner Arbeit aufsehend, sie gewahrte. Obgleich sie sich vorgenommen, keinerlei Gewissensbissen Raum zu geben, erwachten dieselben nun doch, ja, es fuhr ihr ein gelinder Schrecken in die Glieder, als der Maler plötzlich, seinen Pinsel ihr entgegenstreckend, mit lauter Stimme rief: »Halten Sie, bleiben Sie so stehen, welchʼ treffliche Beleuchtung.«

Isabella blieb erschrocken stehen und betrachtete ihre Umgebung, die aus einer Felsenpartie, nebst einigen zartweißen, moosbewachsenen, vom Sonnenlichte wie durchgeistigten Birkenstämmen bestand.

»Prächtiges, altes Gerümpel dahinten,« fuhr der Maler, auf die Chaise deutend, fort, während Isabella errötend weiterschritt, noch nicht ganz einig mit sich selbst, ob sie wieder umkehren oder dem Maler seine Art, mit ihr zu verkehren, vorwerfen sollte. Nun hatte sie die Staffelei erreicht; der junge Mann zog seine Hemdärmel über den Arm herunter, machte jedoch in anderer Hinsicht dem Schicklichkeitsgefühl einer Dame weiter keine Concessionen. Die lange Weste hatte er aufgeknöpft, sein Hut lag im Grase, die Halsbinde flatterte im Winde, seine Arbeit zu unterbrechen, fiel ihm nicht ein, ja, seine nun dicht hinter ihm stehende Zuschauerin auch nur eines Blickes oder gar eines Wortes zu würdigen, schien er zur größten Verwirrung derselben für durchaus unnötig zu halten. Isabellaʼs Blick fiel auf die Leinwand, welche eine düstere Waldlandschaft, morsche, gebrochene Stämme, herabdräuende Regenwolken zeigte. Im feuchten Grase saß ein auf einer Rohrflöte spielender Faun, um ihn her lagen, kichernd herbeischleichend, schüchterne Nymphen, die sein Spiel anzulocken schien. Das Mädchen war mit diesem Stoff nicht ganz einverstanden, jedoch fesselte sie die Behandlung des Waldhintergrunds sehr; einen Augenblick hindurch in Betrachtung versunken, vergaß sie, wo sie sich befand, übersah sie die Unhöflichkeit des Künstlers und bemerkte nicht, daß sie mit dem einen ihrer weißseidenen Stiefel in den auf dem Boden liegenden blauen Ölfarbentopf geraten war. Die peinliche Verlegenheit, die sich des Mädchens bemächtigt, machte, daß sie die Umgebung, Wald und Flur allmählig wie durch einen heißen, roten Schleier wahrnahm. Das ihr so neue Gefühl der Demütigung, welches sie vergebens nach Worten ringen ließ, hielt ihr das vielleicht Unschickliche ihrer That vor das Gewissen. Sie wollte sich zurückziehen, doch das trotzige Bewußtsein, thun zu können, was ihr beliebe, der Ärger, den sie darüber empfand, daß dieser Mensch es nicht für der Mühe wert hielt, eine junge, hübsche Aristokratin in ein Gespräch zu ziehen, fesselte ihren Fuß. Nun tönte vom Walde herüber eine helle Knabenstimme. Rasch über die Wiese laufend, schwang der Bursche sein Schmetterlingsnetz und stand bald neben dem Maler.

»Siehʼ, Eduard, ich habe ihn,« rief er keuchend, sich ebenso wenig um Isabella bekümmernd, als sein Freund, sie aber unaufhörlich anstarrend. Er breitete sein Netz aus und zeigte, immer die verwunderten Augen auf die Fremde gerichtet, einen darin flatternden Schmetterling.

»Nun, Ludwig,« sagte der Maler, »was beginnen wir mit dem Schmetterling.«

»Ich meinte, Du wolltest ihn mir malen,« entgegnete der Knabe, dessen von schön geschwungenen Brauen umgebenen Augen immer noch neugierig an den Zügen des Mädchens hingen.

»Gut,« erwiderte ihm der Maler, »dann müssen wir ihn zuvor töten!«

»Töten? Ja, das wollen wir,« sagte Ludwig nach dem Netze greifend, und man konnte sehen, wie seine sonst so sanften Züge neugierig leuchteten.

»Also es bereitet Dir Freude,« entgegnete ihm der Maler, »ein Tier sterben zu sehen?«

Der Knabe hob verdutzt den Kopf, während ihm der Künstler mit der Hand über seine schwarzen, krausen Haare strich, die, da sie sehr dicht in die weiße Stirne hereingewachsen waren, ganz italienisch anmuteten.

Der Künstler wandte sich dann ruhig zu Isabella und sagte: »Auffallend bleibt er doch immer, dieser unbewußte Zug zur Grausamkeit, der erst allmählig unserem Geschlechte durch Bildung ausgetrieben werden kann«

Darauf begann er, weiter malend, in gemütvoller Weise dem Knaben das Leben eines Schmetterlings zu beschreiben, wie er die Seele einer verblichenen Blume sei, wie er sich der Sonne freute, wie er vergnügt von Blume zu Blume gaukelte, denen Allen er zu erzählen hat, wie schön das Leben sei. Allmählig gestaltete sich seine Schilderung zum Märchen, er ließ Freunde, Eltern und Kinder des Schmetterlings auftreten, setzte seine Gefangenschaft in Contrast mit seiner Freiheit, malte seine Sehnsucht nach den Seinigen und ließ endlich als wirkungsvollen Abschluß des Dramas den langsamen Todeskampf des Tieres folgen, den er mit allerlei melodramatischem Nachtigallengeflöte, Abendröten und weinenden Rosen ausstaffirte. Die Erzählung erreichte denn auch die gehoffte Absicht; Ludwig, der im Anfang derselben aufmerksam gelauscht, brach am Schlusse in einen kaum zu stillenden Strom von Thränen aus, sodaß der Maler Mühe hatte, ihn zu trösten.

»Sehen Sie, gnädiges Fräulein,« wandte er sich lächelnd zu Isabella, »hier haben Sie den Beweis, daß Grausamkeit, überhaupt alle Schlechtigkeit, mehr das Ergebnis einer gewissen Dumpfheit des Geistes ist und sich leicht durch Aufklärung heben läßt. Wenn ein Verbrecher fähig wäre, vor der That alle Einzelumstände, alle Folgen derselben sich vorzustellen, würde er in den seltensten Fällen so weit kommen, sie durchzuführen. Der Mangel an Fantasie macht Verbrecher und freilich – auch die Tapferen!!«

Isabella, deren weibliches Gemüt von der Biographie des armen Schmetterlings kaum weniger bewegt war, als dasjenige des immer noch schluchzenden Knaben, fühlte, daß sie unter allen Umständen irgend etwas sagen mußte, da sie jedoch sich ihrer Rührung schämte, verfiel sie, um dieselbe zu verbergen, in den ihr entgegengesetzten Ton. Mit viel rauherer Stimme, als ihr selbst lieb war, sagte sie:

»Darf ich mir die Frage erlauben, mein Herr, auf welche Art Sie eigentlich hierhergekommen?«

Der junge Mann stutzte. Dann huschte ein sarkastischer Zug über seine blassen Lippen, den die Fragerin nicht bemerkte.

»Wenn ich mich nun,« sagte er, »diebischer Weise in diesen Park geschlichen hätte, würden Sie die Grausamkeit besitzen, mich hinausweisen zu lassen?«

Die Gräfin, welcher der ironische Ton dieser Entgegnung nicht entging, errötete. Mit einer Betonung, die eine Anklage enthalten sollte, versetzte sie: »Dieser Park ist Eigentum des Grafen Ibstein.«

»Dann müssen sich allerdings die Bäume sehr geschmeichelt fühlen,« entgegnete er ruhig, »ich dachte nämlich, dieser Park gehöre zu dem Besitztum des lieben Gottes.«

Isabella, die, über alle Standesvorurteile erhaben, jeden Menschen, ja jeden Bettler als mit sich gleichberechtigt betrachtete, konnte es doch nicht ertragen, wenn sich ein Bürgerlicher erlaubte, spöttisch über alle Schranken wegzusetzen. Das Rot wollte gar nicht von den Wangen des Mädchens weichen, sie warf einen verwunderten Blick auf den Sprecher und sagte dann:

»Verzeihen Sie mir, mein Herr, ich selbst habe gar nichts dagegen einzuwenden, wenn Sie Studien in unsrem Park entwerfen, durchaus nichts, jedoch nehmen Sie sich vor Herrn Enger, unserem Förster, in Acht, er soll ein sehr gewissenhafter, beinahe harter Mann sein. Ertappte er Sie, er wäre im Stande, Sie für einen verkappten Wilddieb zu halten und —«

»Mich zu erschießen,« lachte der Maler, während Isabella, die fühlte, daß sie zu weit gegangen war, erschrocken innehielt. Dem Maler kam es hart an, einen Witz zu unterdrücken, dessen Pointe in einer Verwechslung von Rehen und anderen jagdbaren Tieren mit schönen Damen bestand, er begnügte sich, zu entgegnen:

»Sie haben Recht, ich habe wirklich einige Ähnlichkeit mit einem Wilddieb; mein Haarwuchs, meine Kleidung, vielleicht auch mein Blick lassen darauf schließen, daß ich gern in Heuhaufen oder hinter Schloß und Riegel übernachte. Etwas vom Vagabunden haben wir Künstler ja Alle und nicht bloß in der einen Beziehung, daß es uns meistens an Geld fehlt.«

Dem Knaben, der seinem Schmetterling die Freiheit geschenkt, schien diese Bemerkung einzuleuchten, er griff lachend nach seines Freundes keineswegs sehr neuem Hut, um eifrigst die verschiedenen defekten Stellen an demselben zu zählen und mit ihm Ball zu spielen, wodurch er die Verlegenheit des Mädchens nicht wenig steigerte. Sie ging mit sich zu Rate, was sie thun sollte, während der junge Mann dem Knaben sehr besorgt den Hut entriß, dem das Ballspiel augenscheinlich gar nicht zuträglich war.

»Machen Sie sich keine Sorge, betreffs des Försters,« sagte sie endlich mit einer mitleidigen Protektorstimme, »ich werde mit dem alten Manne reden und —« sie zerbrach sich den Kopf, wie sie am besten zu verstehen geben könne, daß sie beabsichtige, ihm eine kleine Unterstützung zu gewähren. Während sie noch einige unbeholfene Worte stammelte, aus denen man mit Aufwand einigen Scharfsinns ihre edle Absicht vielleicht heraushören konnte, fiel ihr der Maler in die Rede.

»Ich fürchte den alten Förster nicht,« sagte er barsch, »wir stehen auf ganz gutem Fuß. Ich bin sein Sohn.«

Nun war es mit Isabellaʼs Fassung zu Ende. »O, ich bitte, ich bitte,« stammelte sie entschuldigend, entfernte mit hastiger Hand ein Schlinggewächs, das sich an die Spitzen ihres Kleides geklammert, warf einen fast furchtsamen Blick auf den Maler und schritt an die Chaise heran. Am liebsten hätte sie jetzt ihrer Verwirrung durch Thränen Luft gemacht; sie wußte gar nicht, wie ihr war, ärgerte sie sich eigentlich oder schämte sie sich? Doch warum sollte sie sich ärgern oder schämen; Frau von Pork schnarchte so überaus komisch im Wagen und sie beschloß, sich einen Scherz zu bereiten. Sie wollte dem Kutscher etwas zurufen, die Stimme versagte ihr. Wie verwundert der Lakai von dem Kutschersitze auf sie herabsah, das respektvoll-neugierige Gesicht des Menschen war wirklich unerträglich. Nun suchte sie langsam wie im Halbschlaf einen Strohhalm; als sie einen gefunden, trat sie dicht an die schlafende Frau von Pork heran; es war ein Lächeln, das nun über ihr brennendes Gesicht huschte, wie sie es noch nie gelächelt, ein verdrossenes, mißmuthiges Lächeln, und als sie nun der schlafenden Dame mit dem Strohhalm leise über die Nase fuhr, die dem ehrwürdigen Gesicht eine anʼs burleske streifende Majestät gab, hätte sie sich selbst ohrfeigen mögen, so kindisch kam ihr der triviale Spaß auf einmal vor. Freilich als nun die Gesellschafterin so heftig nieste, daß ihr alterthümlicher Kopfputz in Konvulsionen zu verfallen begann und als sie, die Augen aufschlagend, mit einer unheilvoraussehenden Miene, die Versicherung aussprach, der große Koffer, der das Meißener Kaffeeservice enthielt, sei heruntergefallen, nahm das Lächeln auf Isabellaʼs Zügen mehr und mehr seine natürliche Form an. Nachdem die alte Dame sich davon überzeugt hatte, daß der große Koffer noch seinen Platz auf dem Dach der Kutsche inne hatte, begann sie allerlei mysteriöse Befürchtungen zu hegen, sie habe ihren Sonnenschirm, ihr Schnupftuch, ihr Kopfkissen, ihre Handschuhe, ihr Portemonaie und noch einige andere Gegenstände verloren, welche Ansicht sie mit der größten Hartnäckigkeit nicht eher preisgab, als bis man sie von dem Gegenteil überzeugt. Schließlich fehlte allerdings der Sonnenschirm, welchen zu suchen der Lakai sogleich ausgesandt ward. Dann machte sich das Herz der Dame in verschiedenen Anklagen Luft. Warum man sie denn habe einschlafen lassen, sobald sie ein Auge zuthue, passiere ein Unglück, man solle doch nie mehr (wie sie es heute gethan) sein Geschick preisen, ohne das Wort: »unberufen« dazuzufügen. Und warum habe Isabella, da sie ausgestiegen, nicht ihren Mantel angezogen, die Luft fange an kühl zu werden und wie sie etwa ein Fieber ihrer Schutzbefohlenen vor Gott und dem Grafen verantworten solle. Isabella behandelte Frau von Porks Sonderbarkeiten mit der größten Geduld und hatte nur ein nachsichtiges Lächeln für dieselben. Was diese Frau für das früh verwaiste Kind gethan hatte, würde die Weltgeschichte längst aufgezeichnet haben, wenn diese hohe Schriftstellerin es nicht vorzöge, die Grausamkeiten eines Tiberius lieber als die Fürsorglichkeit einer armen Erzieherin zu schildern. Rasch entschloß sich Frau von Pork trotz dem ihr unbegreiflichen Widerstreben Isabellaʼs den Wagen, so lange nach dem Schirme gesucht wurde, zu verlassen. Nun verband diese starkknochige Frau mit der Trockenheit und Nüchternheit ihrer Lebensanschauung ein ganz klein wenig Schwärmerei und als sie am Arm ihres Kindes unter den Ästen breitstämmiger Eichen dahinwandelte, konnte sie nicht umhin, einige französische Verse zu recitiren, unterbrach jedoch z. B. Kloppstocks Ode: »Schön ist Mutter Natur Deiner Erfindung Pracht,« mit der trockenen Frage, wie sich das Milchgeschäft der gräflichen Meierei wohl in diesem Jahr rentieren würde. Sodann freute sie sich über ihre Zimmerblumen, die in diesem Jahre herrlich zu gedeihen versprachen und mit welchen sie sich von jeher die liebevollste Mühe gegeben. Sie warf hierauf, wie sie es schon oft gethan, Isabella ihre Gleichgültigkeit diesen schönen Pflanzen gegenüber vor, es sei doch so befriedigend, dieselben wachsen zu sehen, sie zu waschen, zu pflegen. Isabella erwiderte nichts, doch als man sich dem Standorte des Malers näherte, ward sie sichtlich unruhig und ersuchte ihre Begleiterin, die lebhaftes Interesse an dem Kunstwerk zu nehmen schien, dasselbe lieber ungesehen zu lassen, hier führe ja ein schöner Weg abseits an dem Maler vorüber. Frau von Pork sah gar nicht ein, warum sie an dem Maler vorübergehen sollte; sie drückte ihr Erstaunen über die Teilnahmlosigkeit ihrer Pflegetochter aus, die doch selbst zuweilen den Pinsel führe, und schritt mit gutmüthigem Lächeln auf dem ehrwürdigen Gesicht dem Maler entgegen. Es lag ein Trieb in dieser Frau, jedem Menschen etwas Angenehmes zu sagen, sich stets ein Ideal von allen noch unbekannten Menschen zu bilden, und wenn sie dadurch zuweilen auch zudringlich erschien, oder diese Sucht das Leben zu idealisieren einen Hauch von Affektation erhielt, so verzieh man ihr das gern, denn sie verband mit allen ihren Handlungen eine Naivität, von der man hätte sagen können, sie wandle diese sechzigjährige Matrone in ein achtzehnjähriges Mädchen um. So sprach sie denn auch sofort den Maler mit einer Freundlichkeit an, die denselben nötigte, mit derselben Freundlichkeit zu antworten. Isabella aber hielt sich im Hintergrunde auf, wagte sich nicht herbei, hörte jedoch, indem sie that, als pflücke sie Blumen, den größten Theil der Unterhaltung mit an. Der alten Frau gegenüber benahm sich der Künstler auffallend ernst, sein Lächeln glich eher einer andern Art von Schmerzausbruch und Isabella hörte mit Erstaunen, daß er, als die gutmütige Frau sein Bild loben wollte, sich mit sehr entschiedener Betonung einen Stümper nannte. Frau von Porks Augen leuchteten, sie sah sogleich ein Ideal von Bescheidenheit in dem jungen Manne und ihr menschenfreundliches Herz legte ihr die schönsten Worte des Trostes auf die Zunge, die indeß der Maler mit Kopfschütteln begleitete.

»Ich spreche mich Ihnen gegenüber offener aus,« sagte er, »weil Sie eine ältere Frau sind, weil ich sehe, daß Sie mir mit nicht gewöhnlicher Herzlichkeit entgegengekommen. Ich wollte, ich könnte die ganze Malerei an den Nagel hängen, so sehr ich sie liebe. Was ich kann, können Hunderte auch. Architekt hätte ich werden sollen, doch dazu istʼs nun zu spät. Wir müssen weiter pinseln.«

Frau von Pork erfuhr nun, daß sie den Sohn des gräflichen Försters Enger vor sich habe, was sie sehr erfreute.

»Wie?« sagte sie, »so sind Sie mir ja gar nicht fremd? Habe ich doch, als Sie ein kleiner Knabe waren, das Vergnügen gehabt, Sie, der Sie in den Mühlbach gefallen, mit einem neuen Kleide zu versehen. O, welchʼ ergötzliche Scene das war, und welchen Schrecken die Gräfin damals hatte.«

Auch Eduard erinnerte sich jener Scene.

»Ja,« sagte er lachend, »mir blieben von diesem Vorfall einige dunkle Spuren im Gedächtnis, vornehmlich die Schläge, die mir mein Vater dabei applicirte vermochte kein Lethe vergessen zu machen.«

»Wie groß und stattlich Sie geworden sind,« fuhr die Dame fort, »d. h. eigentlich mehr schlank, denn den zarten Knaben von damals erkennt man noch in Ihnen wieder. Sehen Sie dort? Das ist Isabella, die Tochter des Grafen. Sie haben der Familie manches zu verdanken, ich hoffe, Sie zeigen sich dadurch erkenntlich, daß Sie uns bisweilen durch Ihren Besuch, Ihre Unterhaltung in dieser Einsamkeit von Ibstein eine vergnügte Stunde bereiten. Besuchen Sie uns zuweilen,« setzte sie hinzu, »die Sammlungen des Schlosses stehen Ihnen zu Diensten, sie enthalten manches, was Sie vielleicht bei Ihrer Arbeit benutzen können.«

Den Maler interessirte hauptsächlich ein altes Ölgemälde, das die Grabkapelle des Schlosses barg, das Werk eines altdeutschen Meisters; er bat um die Erlaubnis, es sich nochmals ansehen zu dürfen. Gern ward ihm diese Erlaubnis zu teil, und da Frau von Pork den Knaben gewahrte, rief sie ihn herbei und schenkte dem verlegen Dreinschauenden eine Tafel Chokolade, die sie für unvorhergesehene Fälle auf die Reise mitgenommen. Erst auf die Aufforderung des Malers hin dankte der Knabe unbehülflich genug.

»Ist dies Ihr Bruder?« frug die Gesellschafterin.

»Nein,« entgegnete der Künstler, »er ist der Sohn eines mir befreundet gewesenen Malers. Sein Vater starb, ich nahm das Kind zu mir.«

Eduard Enger hatte mit so einfacher Betonung gesprochen, daß Frau von Pork, dieser That des Edelmuts nicht einmal mit Worten Beifall zu zollen wagte. Sie schwieg gerührt und betrachtete mit Teilnahme den jungen Menschen, der, nachdem er dem Knaben einen Augenblick die Hand auf das Haupt gelegt, ruhig weiter malte.

Als Frau von Pork wieder mit der schweigsamen Isabella zusammentraf, wußte sie viel von der breiten Stirn, dem offenen Blick, dem bescheidenen Benehmen des jungen Mannes zu berichten und als sie bereits auf ganz andere Gesprächsgegenstände gekommen war, unterbrach sie sich manchmal mit den Worten, der junge Mann thäte ihr leid, ob sich sein Los nicht vielleicht verbessern ließe.

»Kennst Du ihn denn nicht mehr,« frug sie dann das Mädchen, »er ist ja der Sohn des Försters, der kleine Junge, der Dich, als Du, 7 Jahre alt, Schloß Ibstein besuchtest, über den Mühlbach tragen wollte?«

Die Gräfin schüttelte den Kopf, obgleich sie sich jener Scene wieder dunkel zu erinnern begann. »Du mußt es doch noch wissen,« fuhr die alte Dame fast ärgerlich fort, »erinnere Dich doch! Mama stand in der Nähe der Mühle; Du wolltest ihr in die Arme eilen, doch der reißende Bach trennte euch. Als dies der kleine Eduard gewahrte, lief er herzu, Dir die Hand zu bieten. Erinnerst Du Dich jetzt? Der Kleine stand auf einem Stein mitten im Wasser, als er Dich fassen wollte, schlug der Stein um, Du und er, ihr lagt beide im Bache, ehe man zu Hilfe eilen konnte.«

»Mag sein,« entgegnete Isabella trocken.

»Schade, daß er ein Jude ist,« meinte sie dann. Erst bei dieser Bemerkung erwachte Isabella aus ihrem Hinbrüten und sagte, unwillig lachend: »Zerstöre mir doch meine Illusionen nicht. Ein Jude, das wäre ja abscheulich.«

»Soviel ich mich erinnere, stammt er mütterlicherseits aus jüdischer Familie,« entgegnete Frau von Pork.

»Das werde ich nie glauben,« sagte Isabella fast heftig. Man hatte den Wagen erreicht und während man nun dem Schlosse entgegenfuhr, setzte Frau von Pork dem ungläubigen, aber dennoch neugierigfragenden Mädchen die Familienverhältnisse des Förstersohns auseinander, die sie ziemlich genau kannte, da der alte Förster ungefähr um dieselbe Zeit in den Dienst des Grafen eingetreten war, wie sie selbst. »Eigentlich solle man solche Geschichten nicht erzählen,« meinte Frau von Pork, doch konnte sie ihrem Mitteilungsdrange nicht länger widerstehen und so berichtete sie denn, was ihr der Förster selbst einst ausführlich erzählt hatte, nachdem sie dem sonst schweigsamen Mann durch ihren menschenfreundlichen Zuspruch das Herz weichgemacht. Förster Enger hatte einen verkommenen Juden, den er mehrmals bei Wilddiebereien ertappt, ernstlich gewarnt. Da dies nichts fruchtete, der verwegene Mensch nur immer verwegener wurde, betrat der Förster eines Abends die Wohnung des Juden, eine ärmliche, am Ende des Dorfes gelegene Hütte. Draußen lag der Schnee, durch die Fenster pfiff der Nordsturm; der junge Mann schauerte zusammen, als er die düstre Kammer betrat, aus deren finsterstem Winkel eine schwache Stimme frug wer hier sei! Die untergehende Sonne gab jetzt mit ihrem letzten Strahl, der durch die papierverklebten Scheiben glomm, jenem Winkel eine graue Helle. Dort kauerte, die Hände unter der Schürze verborgen, ein junges Mädchen, das, als sie den Förster erblickte, ihre halberstarrten Glieder erhob und mit zitternder, frostblauer Lippe noch einmal frug, was man hier suche. Der junge Mann drängte das Mitleid gewaltsam zurück, das ihn ergreifen wollte und frug barsch, ob sie die Tochter des Ephraim sei. Wie im Halbschlafe, mit geschlossenen Augenlidern, nickte das Mädchen vor sich hin, die zitternden Arme fest um den Leib gepreßt.

»Nehmt Euch in acht,« fuhr der Förster fort und gab nun in drohendem Tone zu verstehen, daß er, wenn er den Ephraim noch ein einziges Mal im Walde ertappe, kein Erbarmen mehr haben dürfe. Die Jüdin hob langsam ihre Augenlider und flüsterte, sie habe den Vater schon mehrmals gewarnt.

»Nun,« sagte Enger mit möglichst heiterer Stimme, »wenn ich an Deinem Vater so handle, wie es mir das Gesetz vorschreibt, – rechnet Euch die Schuld bei, wenn es ein Unglück giebt. Du verstehst mich.«

Er drückte seinen Hut ins Gesicht und wollte gehen, doch als ihn der ängstlich fragende Blick des Mädchens streifte, glaubte er sich vielleicht nicht deutlich genug ausgedrückt zu haben, er blieb stehen, murmelte noch einmal eine Warnung hervor und ging hierauf in seltsamer Stimmung, ärgerlich darüber, daß er es für nöthig gefunden, den heruntergekommenen Menschen, dem man eine Wohlthat erzeigte, wenn man ihn möglichst bald aus der Welt beförderte, zu warnen. »Was nütztʼs,« kaute er zwischen den Zähnen, »ich habe mir nur die Hand unsicher gemacht.«

Wenige Tage später begegnete er richtig dem Ephraim im beschneiten Walde; er legte sein Gewehr an, ließ es jedoch wieder sinken: der andere aber im Glauben, er hätte die Absicht, zu schießen, sprang hinter einen Baumstamm und drückte ab. Des Försters Hund, den er an der Leine hielt, versetzte, indem er sich losreißen wollte, seinem Herrn einen Ruck; der Förster taumelte und der Wilddieb, wähnend, er habe seinen Feind verwundet, eilte aus seinem Versteck. Ohne sich zu besinnen, riß Enger das Gewehr an die Wange und gleich darauf lag der Jude stöhnend am Boden. Ephraim war nicht tötlich verwundet. Da man ihn am frühen Morgen in die Hütte seiner Tochter brachte, erhob diese ein kurzes Klagegeschrei, verstummte jedoch sogleich, als der Vater dem Förster zu fluchen begann. Ephraim mußte seine That mit einer langjährigen Gefängnisstrafe büßen, indeß seine Tochter auf die Mildthätigkeit ihrer Nachbarn angewiesen war. Eines Tages traf sie, da sie im Walde Holz las, mit dem Förster zusammen, der, als er sie gewahrte, sich rasch hinter einen Holzstoß zurückziehen wollte. Plötzlich kam er jedoch hastig auf die Dirne zugeschritten. Es war ein stürmischer Herbsttag, das Laub wirbelte am Boden, die Äste krachten, der Wind drang feuchtkalt durch die Kleider und das Mädchen stand mit nackten Füßen, wehendem Halstuche, in das sich ihre flatternden Haare verwickelt, vor dem starken Manne, dessen Auge scheu auf sie gerichtet war.

»Hast Du Nachricht vom Vater,« frug er mit sehr lauter Stimme, als müsse er den rauschenden Wald übertönen. Dabei hielt er sich mit der Hand den Hut, als ob er ihm fortzufliegen drohe.

»Ja,« sagte das Mädchen, nach einer anderen Richtung blickend.

»Nun?« frug der Förster, und man wußte nicht, ob er vor Frost zitterte oder ob nur sein Mantel im Winde flatterte.

»Er ist tot,« sagte das Mädchen ausdruckslos.

Der Förster that, als schlucke er einen im Halse festsitzenden Gegenstand hinunter, der Wind riß ihm nun wirklich den Hut vom Kopf, er stand da, als wolle er sich sogleich entfernen.

»Im Gefängnis gestorben?« frug er.

Die Dirne nickte, ihr Holz zusammenlesend. Der Mann im grünen Kleide sah ihr schweigend zu. Sie war schlank gebaut, ihr Gesicht hatte einen orientalischen Schnitt, und wie sie sich so niederbückte, fielen ihr etliche sturmverwehte Blätter auf den feingebauten Hals, in den weißen Rücken hinab. Nun richtete sie sich auf und wollte gehen.

»Fluchst Du dem, der Schuld an Deinem Elend trägt?« flüsterte der Mann wie verloren vor sich hin, den Blick an den Boden geheftet. Sie sah ihn mit großen, ahnungslosen Augen an, dann, als er nach einiger Zeit zu ihr aufblickte, schüttelte sie den Kopf, und die großen, regungslosen Augen füllten sich mit Thränen. Einen neuen Anlauf nahm der Sturm gegen die ächzenden Waldriesen, es begann zu regnen, ein kalter, nasser Schauer rauschte herab und der Jäger sah, wie das Mädchen sein Tuch fester um den fröstelnden Hals schlang.

»Du hattest ihn gewarnt,« sagte sie und wollte gehen.

»Gehe nicht,« bat er mit milderer Stimme, »folge mir. Willst Du?« Er reckte die Hand aus; die sie nicht erfaßte, aber sie nickte träumerisch vor sich hin, faßte ihr Holzbündel fester und folgte ihm.

So weit hatte Frau von Pork die Familienchronik des gräflichen Försters erzählt, als sich der Wagen dem Schlosse näherte, wodurch die Aufmerksamkeit der Frau von Pork sehr durch den sie erwartenden Inspektor in Anspruch genommen wurde, welcher bereits lächelnd am Portale stand. Isabellas Neugierde war jedoch so heftig erregt, daß sie verlangte, nun in Kürze noch den Schluß der Erzählung zu hören und Frau von Pork in ihren Gedanken schon mit der Auspackung des Kaffeeservices, der Einrichtung mehrerer Gemächer, der Auswahl der Schlaf- und Wohnzimmer beschäftigt, berichtete, sich selbst oft unterbrechend, daß die Jüdin ein Jahr im Hause des Försters als Magd gedient habe und zwar mit solcher Gewissenhaftigkeit, daß der Förster nicht anstand, ihr nach Ablauf dieses Jahres die Hand vor dem Altare zu reichen, trotz aller Schwierigkeiten, die ein solches Verhältnis zwischen Christ und Jüdin dem ehrlichen Manne bereitet habe. Der Wagen fuhr bereits in die Thorhalle ein, als Isabella noch etliche Fragen in Bezug auf den Sohn des Försters zu stellen wagte, Frau von Pork jedoch erteilte, diese Fragen überhörend, ganz in ihre Pflichten vertieft, den Dienern bereits Aufträge. Erst am folgenden Tag erfuhr Isabella, daß Eduard, der Sohn des Försters, bis zu seinem 13. Jahre als Christ erzogen worden sei; als jedoch in Ungarn und anderen Orten Judenverfolgungen ausbrachen, empörte dies den Mann dergestalt, daß er, von seinem ersten Entschluß zurückkommend, den Christen zum Trotz, den Sohn in die jüdische Schule schickte, ihn vollständig israelitisch erziehen ließ. Frau von Pork tadelte diese Starrköpfigkeit des Försters sehr. Isabella jedoch meinte, gerade dieser Charakterzug gefiele ihr an dem Alten ausnehmend, übrigens könne man nicht wissen, ob Eduard in der That ein Jude sei, ob er nicht in späteren Jahren aus freien Stücken wieder den alten, christlichen Glauben angenommen.


* * *




II


Das Residenzschloß des Grafen Ibstein lag unweit des gräflichen Landstädtchens Ibstein, dicht am sogen. Ibsteiner See. Zuweilen ward das große im 15. Jahrhundert erneuerte und im Jahre 1685 nochmals umgebaute Renaissanceschloß von einigen Fremden seiner Rüstkammer halber besucht; auch ein Museum, eine Hirschgallerie, eine Grabkapelle und ein Rittersaal bildeten zuweilen Anziehungspunkte für Vorüberreisende. Rechts und links vor dem Portal stand je ein eiserner Hirsch; prächtige Eichen umrauschten seine reichornamentirten, rötlichen Facaden, und der wohlgepflegte Garten, der sich rings um seine altersgrauen Türme hinzog, verlor sich nach beiden Seiten in den wildromantischen Park, während er nach der nördlichen Seite eine Terrasse bildete, die senkrecht aus dem See emporstieg. Man bewahrte außer verschiedenen griechischen Altertümern, die der verstorbene Graf Leopold aus Italien, man darf wohl sagen entwendet hatte, den Sarg einer deutschen Kaiserin in der Grabkapelle auf. Das Museum, dessen Schätze ebenfalls dem Kunstsinn und dem Aneignungstalente des Grafen Leopold ihre Aufspeicherung verdankten, enthielt nebst einer ägyptischen Mumie, deren Byssusbinden eine neugierige Hand teilweise entfernt hatte, das Schweißtuch des Grafen August und den hohlen Zahn der Gräfin Leontine, welchen ihr, wie das Gerücht geht, einer ihrer Kavaliere nächtlicher Weile auf eine rätselhafte Weise ausgezogen haben soll. Eine prächtige Urne bewahrte die Nasenspitze des jungen Grafen Ulrich, die derselbe im Duell mit dem General X . . . . verloren hatte. In der Hirschgallerie war selbstverständlich das ganze Mobiliar aus Hirschgeweihen verfertigt, das hierdurch völlig unbrauchbar, ja geradezu häßlich wurde; der Kronleuchter z. B. bestand aus einem Zweiunddreißig-Ender, den der regierende Fürst erlegt hatte, nachdem sein ihn begleitender Förster mit ihm zugleich geschossen. Es war bereits gegen fünf Uhr abends, als Isabella, nachdem sie sich umgekleidet, durch die verschiedenen Gemächer des Schlosses eilte, getrieben von der Neugier, die Orte, an welchen sie ihre Jugend verlebt, wiederzusehen. Nichts schien sich hier verändert zu haben während ihrer Abwesenheit; den alten Möbeln, den Sammlungen, den langen, nachhallenden Korridoren waren hundert Jahre wie ein Tag. Wie ihr der kühle Hauch der lang verschlossenen Räume die Stirne streifte, war es Isabella, als empfinge sie den Kuß einer Fee, so plötzlich sah sich ihr Geist in verklungene Zeiten entrückt, mit so seltsam, verblaßten Bildern füllte sich die schwere, modrige Luft um sie her an. Und doch fühlte sie sich nicht glücklich, wenn sie das Vergangene mit der Gegenwart verglich. Etwas, das sie auf der Reise vergessen hatte, Gedanken, Befürchtungen, die sie in der Residenz bereits gequält, traten nun an diesem Orte der Ruhe, der Erholung wieder vor sie hin. Wirklich? Hier sollte es sich friedlich leben lassen? Mit dieser Aussicht in die Zukunft? Sie öffnete rasch den Laden, um das beklemmende Gefühl, das sie beschleichen wollte, durch das noch immer kräftige Licht des scheidenden Tages zu verscheuchen und stand dann sinnend am Fenster, den stillen Spiegel des Sees in seinen waldigen Ufern betrachtend, während vom Hofe herüber die Stimmen der Diener ertönten, die unter Anleitung der Frau von Pork die Koffer behutsam die Treppe hinauftrugen. Die alten Rokokomöbel schienen vergnügt den frischen Windhauch einzuatmen, der jetzt die Tapeten leise streifte, die Vorhänge rauschen ließ. Das lang entbehrte Licht fiel auf die vergoldeten Tapeten, die leise knisternd alte Märchen von Festen oder Jagden zu erzählen schienen. Das sonst so heitre Mädchen lehnte das Haupt an das reichverzierte Fenstersims und zog die Brauen finster zusammen, was ihrem Gesichtchen einen knabenhaft trotzigen Ausdruck verlieh. Manchmal verriet eine zuckende Bewegung ihrer Hand, das verächtliche Kräuseln ihrer Lippen, daß sie unwillig über jene ernste Angelegenheit nachgrübelte, bis sie endlich mit raschem Entschluß das Fenster schloß. Sie wollte sich gewaltsam zerstreuen, dies kündigte ihr unstäter Blick an, der nach einem einer längeren Betrachtung würdigen Gegenstand suchte, das verkündigte die Unsicherheit ihres Schrittes, der den Widerhall der dunklen Corridore wachrief. Endlich nach langem Wandern war sie, ohne es zu wollen, vor der unterirdischen Grabkapelle, die im linken Flügel des Schlosses lag, ihr Licht von einem dicht am Erdboden befindlichen Fenster empfangend, angekommen. Ein Druck öffnete die eisenbeschlagene Thüre: sie war überrascht, sich hier zu sehen. Die Feierlichkeit des Ortes, sein gedämpftes, graues Licht, der altertümliche Altar mit dem bald undeutlichen Ölgemälde darüber, die schweren, goldenen Leuchter, diese ganze abgestorbene Pracht wirkte wohl auf ihr ästhetisches, nicht auf ihr religiöses Gefühl. Links an der Wand stand der verwitterte Steinsarg der deutschen Kaiserin, einem großen Troge ähnlich. Das Mädchen betrachtete ihn mit der Empfindung, als sei dieser Sarg für sie bestimmt. Sie verfiel einen Augenblick hindurch in eine seltsame Geistesabwesenheit. Wie groß mein Sarg ist, dachte sie, bin ich denn von solcher Länge, solcher Breite? Und warum fehlen die Kissen? Sie trat näher heran und befühlte das kalte, ausgezackte Gestein. Wir wollen uns ein feierliches Begräbnis versinnbildlichen, sagte sie zu sich. Dann bedauerte sie, daß sie kein Feuerzeug zur Hand hatte, um die beiden thränenden Wachskerzen auf dem Altare anzuzünden, und fühlte auf einmal den unwiderstehlichen Drang, sich in den Sarg der Kaiserin zu legen. Sie faßte ihr Kleid, stieg über den Rand des Steines, konnte sich aber einer ans Gruseln streifenden Heiterkeit nicht erwehren, als durch die gemalten Fenster ein roter Strahl der untergehenden Sonne über die Goldleuchter des Altars glitt, um den mageren Christus des alten Gemäldes mit Blut zu übergießen. So, halb sitzend, halb liegend, wartete sie fröstelnd, bis der Purpur des Abends die graue Steinwand der Kapelle verlassen; kaum sichtbar mehr wurde das Ölbild; wie zwei unheimliche Augen blinkten die Goldleuchter aus der Nacht herüber. Wie stille es ringsum war! Wollten sie vielleicht die Geister Derjenigen besuchen, die sich über diesem Altare einst die Hand gereicht. Das Mädchen überließ sich mit schaudernder Wonne allerlei Fantasieen und belebte sich auf diese Art die Einsamkeit dieses Raums. »Hier unten müßte an heißen Sommertagen, Lenauʼs Gedichte in der Hand, gut weilen sein,« lachte sie auf, daß es dumpf von der Decke zurückdröhnte, als hätten unsichtbare Geister nur auf dieses Signal gewartet, um ihrem Hohngelächter den Lauf zu lassen. Erschrocken sprang sie empor und eilte, sich ihrer Beklemmung schämend, aus der Kapelle. Kaum hatte sie die Thüre geschlossen, als sie stehen blieb, dann, gleichsam um sich zu strafen, dieselbe Thüre noch einmal öffnete, langsam, den Blick starr auf den abschreckend häßlichen Christus des Gemäldes gerichtet, an den Sarg herantrat, sich einen Augenblick auf dessen Einfassung niederließ und ebenso langsam, wie um ihre Seelenkraft zu prüfen, wieder aus der Kapelle hinausschritt. Warum sich fürchten, dachte sie bei sich, man muß seine Fantasie bändigen und dabei fühlte sie das behagliche Schaudern, das sie schon in frühester Jugend sich gerne zu erwecken suchte. Als Kind besaß sie ein Märchenbuch, vor dessen einer Seite, die eine gemalte Kröte zeigte, sie sich von jeher gefürchtet. Jetzt erinnerte sie sich wieder an jenes Bild und dachte mit Lächeln an die Angst, mit der sie damals die Blätter umwendete, bis das gefürchtete Krötenportrait auftauchte. Alsdann hatte sie das Buch schreiend zu Boden fallen lassen und war schutzsuchend an die Brust Frau von Porkʼs geflüchtet. Dies Spiel hatte sie jeden Tag getrieben, bis man ihr das Buch wegnahm. Und jetzt suchte sie mit ähnlicher kindischer Abenteurerlust das Angsteinflößende auf. So weilte sie bis zum Abend allein in dem einsamsten Teile des weitläufigen Gebäudes, ließ sich dann durch den Diener bei Frau von Pork entschuldigen und eilte auf ihr Zimmer, das die Fürsorge der Gesellschafterin bereits wohnlich hergerichtet hatte. Wie müde sie sich fühlte, wie wohlthuend die Dunkelheit des Gemaches sie umfing. Sie legte sich angekleidet auf das Bett und ließ den Nachtwind, der einen feuchten Waldgeruch in das Zimmer brachte, mit ihren Haaren spielen. Sonderbar, dieser Waldgeruch weckte plötzlich ihre Erinnerung an jenen Maler, den Sohn des Försters Enger. Sie lächelte, ärgerte sich über ein Erröten, das sie wie einen brennenden Hauch über die Stirne ziehen fühlte und fragte sich selbst, ob sie etwa vor den Wänden ihres Zimmers in Verlegenheit zu kommen nötig habe, oder was denn dies Erröten bedeuten solle. Nun! er möge nur zusehen, der stolze Mensch, sie werde ihm die Kränkung zurückgeben, meinte sie, unwillkürlich mit dem Kopfe nickend. Auf welche Art man ihn wohl am besten in Verlegenheit setzen könnte, denn gedemütigt mußte er werden. Freilich war es rachsüchtig, sie fühlte es und schämte sich dieses unweiblichen Zugs. Was hatte sie vor ihm voraus? Daß sein Vater der Untergebene ihres Vaters war, sollte sie das nicht eher zum Mitleid bewegen? Und schien er nicht unglücklich zu sein? Vielleicht waren seine Antworten nur die Ausflüsse einer tief gereizten, unglücklichen Seele. Vielleicht waren diese Leute sehr arm. Arm sein! Isabella hatte nur sehr unvollkommene Vorstellungen von diesem Zustand. Jeden, von dem sie hörte, er sei arm, bemitleidete sie, mehrmals schon hatte ihr der Anblick eines Bettlers für einen ganzen Tag die Lebensfreude geraubt. Nicht nur, daß sie in solchen Fällen gern Alles hingab, sondern sie machte sich dann meist Vorwürfe über ihren Reichtum, verachtete ihr Wohlleben und umgab das Leben des Bedürftigen mit einer Glorie. Als nun die Dienerin Licht in das Zimmer brachte, erhob sich die Gräfin, um sich beim Auskleiden Hülfe leisten zu lassen. Sie sei müde, möge man Frau von Pork sagen, sei deshalb früher zu Bette gegangen. Ob sie nicht den Thee wünsche, frug die Zofe. Nein, sie wünsche nicht zu Abend zu speisen. Als die Zofe den jugendlichen Körper von den engen Kleidungsstücken befreite, fiel der Blick Isabellaʼs auf ihren eignen, einen Moment hindurch entblößten Arm. Wunderlicherweise mußte sie, was ihr noch niemals begegnet war, über diesen Anblick erröten. Ja, es fuhr ihr plötzlich der Einfall durch den Kopf: Du hast doch schöne Arme. Welche Thorheit! Emma, die Zofe, konnte sich anfangs nicht erklären, warum ihre Herrin heute mit so auffallender Hast in das Nachtkleid schlüpfte, sagte jedoch mit jener instinktiven Dienerschlauheit, die jede kleine Schwäche der Herrin zu ihrem Vorteil zu benutzen weiß:

»Gnädiges Fräulein sehen heute reizend aus in dem Nachtkleid.«

»Dummes Ding,« erwiderte die Gräfin, »lösche die Lampe und gehe.« Emma hing die Kleider vorsichtig in den Schrank, stieß ein entschuldigendes: »Oh!« heraus und that, wie ihr geheißen wurde. Isabella drückte ihre Wange in die Kissen und sah nach dem Fenster, das sie im Sommer des Nachts nie zu schließen gewohnt war. Wie behaglich sich vom Bette aus der kühl über die Waldung heraufdämmernde Mond beschauen ließ, wie angenehm es war, in weichen Kissen zu versinken, während der frische Nachthauch die Schläfen streifte, als wolle der Geist der Nacht uns seine Traumgestalten senden. Es dauerte nicht allzulang, so schloß Isabella die Augen, um sich dem erfrischenden Lufthauch hinzugeben. Schon fühlte sie den süßen Schauer eines erquickenden Schlummers auf sich niederschweben, als sie noch einmal die Augen öffnete, von dem heftigeren Rauschen des Vorhangs aufgeschreckt. Sie gehörte zu den Menschen, die überhaupt schwerer einschlafen. Als nun ein bleicher, vom Monde ausgehender Lichtschimmer durch den schweren Vorhang zitterte, um den altertümlichen Marmorkamin in Glanz zu baden, fiel dem Mädchen auf, daß sich von der leuchtenden Scheibe des Spiegels der dunkle Rahmen eines Bildes abhob. Sie glaubte zu träumen, schloß zum zweiten Mal die Augen und ward plötzlich von jenem seltsamen Schrecken durchzittert, der leicht erregbare Personen vor dem Augenblick des Einschlafens zu überfallen pflegt. »Und er ist es doch,« hauchte sie vor sich hin. Rasch machte sie Licht und schaute düster in die bläuliche Flamme, die ihren Schein bis zu jenem Bilde auf dem Kamin hinübersendete. »Ich will wetten, er istʼs,« fügte sie leise hinzu, schwieg dann wieder und sagte dann fast laut: »Das hat mir Frau von Pork gethan.« Nach der auf dem Kaminsims stehenden Photographie hinüberschielend, saß sie einige Zeit in Brüten verloren, lächelte dann ein bitteres, herbes Lächeln und stahl sich, den Bronzeleuchter ergreifend, aus dem Bette, vor den Kamin. Der weiche Teppich schützte ihre Fußsohlen vor Kälte, aber kühl, gleichsam neugierig spielte der Hauch der Herbstnacht mit ihrer dünnen Bekleidung. So stand die feine, nervöse Gestalt fröstelnd vor dem Spiegel des Kamins, die flackernde Kerze warf unruhige, blaue Lichter über jene Photographie, aber das Auge des Mädchens ruhte sehr fest auf dem männlichen Kopf, der aus dem reichen Ebenholzrahmen herauslächelte. Es war kein übler Kopf, jedoch entstellte ihn ein Zug von Affektirtheit, der sich besonders über den vornehm zusammengepreßten Mund ausdehnte. Isabella hatte ihn sogleich erkannt; es waren die blasirten Züge des Herrn von Brunau, des Generalintendanten der herzoglichen Schauspiele, deren getreue photographische Wiedergabe Frau von Pork, im Glauben, einen überaus klugen Streich auszuführen, heimlicherweise auf das Kamingesims hatte stellen lassen. Es waren die Züge eines Mannes, den der alte Graf Ibstein gern als den Gatten seiner Tochter begrüßt hätte, eines Mannes, der sich die größte Mühe gegeben, Isabellaʼs Herz zu gewinnen, dem dies jedoch bis zu diesem Augenblick noch nicht gelungen war. Isabella, eine große Freundin des Schauspiels, hatte sich zuweilen ganz gern mit dem Intendanten unterhalten, seine Theateranekdoten ergötzten sie, seine Bonmots schienen anfänglich neu, bald jedoch kam sie dahinter, wie kläglich es um die litterarische, ja, die allgemeine Bildung dieses Intendanten bestellt war. Herr von Brunau, der es in der Armee bis zum Lieutenant gebracht, zeichnete sich als solcher einst in einem Lustspiel, das die hohe Aristokratie zu Ehren Se. Hoheit aufführte, als flotter, d. h. ungenierter Schauspieler aus; die höhere Gesellschaft war von dem Dilettanten entzückt, was sonst noch mitwirkte, das Entzücken des kunstsinnigen, hohen Publikums zu erregen, als Adel der Geburt, schöne Gestalt, Schnurrbart u. s. w. lassen wir dahingestellt. Als nun der alte Intendant der herzoglichen Schauspiele starb, erzählte man sich, der jagdliebende Herzog habe lachend das Dokument unterschrieben, welches den Herrn von Brunau zum Nachfolger des Verstorbenen machte. Herr von Brunau konnte diese einträgliche Stelle brauchen; seine Jagden, seine Liebesabenteuer hatten seine Geldmittel bereits völlig erschöpft; der Herzog mochte wohl einsehen, daß man einem so eifrigen Jagdliebhaber, einem so flotten Gesellschafter ein wenig unter die Arme greifen mußte. Isabella betrachtete noch einmal die vornehm rohen Züge dieses Mannes, der sie durch seine beharrliche Werbung so weit gebracht hatte, daß sie gezwungen gewesen, ihrem Vater gegenüber heftig abweisende Worte zu gebrauchen. Der gute, schwache Vater, er war Wachs in der Hand des Intendanten, die Günstlingsstellung, die der Intendant infolge einer gewissen Schauspielerin am Hofe einnahm, hatte den alten Vater, dem Hofgunst Alles galt, bestochen.

In Isabella erwachte, als sie dies Bild längere Zeit betrachtet und dasselbe mit dem gegenüber hängenden Portrait ihres Vaters verglichen hatte, ein wahrer Ingrimm gegen Denjenigen, der eine solche Macht auf das Herz ihres Vaters besaß, daß der schwache, alte Mann, der sich früher allen Launen seiner Tochter lächelnd gefügt, in diesem Falle sich unerbittlich, ja beinahe hart gezeigt hatte.

Sie wußte wohl, daß man auch von Oben herab die Verheiratung des Barons von Brunau mit der reichen Erbin von Ibstein wünschte, aber durfte das den Vater so sehr verblenden, daß er sich dem Willen seines Kindes entgegensetzte? Sie nahm das Bild des Barons und war im Begriff, es zornig bei Seite zu werfen, ließ es dann aber verächtlich lächelnd stehen und begab sich in ihr Bett zurück. Die Zofe Emma, die im Nebenzimmer schlief, war erwacht und hatte gerufen, ob man sie nötig habe. Isabella biß die Lippen zusammen und schwieg. Sie war ärgerlich darüber, daß das Mädchen gerufen, wäre aber ebenso ärgerlich gewesen, wenn sie nicht gerufen. Warum kommt sie nicht zu mir, dachte sie und würde, im Falle sich Emma im Schlafgemach gezeigt hätte, sie weggeschickt haben. Welcher Reiz liegt doch darin, bemitleidet zu werden, aber sie wollte nicht bemitleidet sein. Warum sie auch bemitleiden? War sie denn bemitleidenswert? Vergebens suchte ihr Geist den entfliehenden Schlaf herbeizuzwingen. Wie sie sich auch abmühen mochte, immer kehrten ihre Gedanken zu dem Bild zurück; ein unleidliches Herzklopfen verscheuchte jede Ruhe.

Vor Allem bedrückte sie ihr unkindliches Benehmen, das sie dem Vater beim Abschied gezeigt. Ja, sie war unkindlich gewesen, herb und trotzig war sie in den Wagen gestiegen, ohne dem alten Manne Lebewohl zu sagen. Sie fühlte sich jetzt so zu Thränen geneigt, könnte sie doch ihr Unrecht wieder gut machen, es war ihr, als solle sie den Vater nie wiedersehen. Warum es ihr nur heute so weich ums Herz war, sie mußte sich in der That mit dem Taschentuch über die Augen fahren und sie wußte gar nicht, warum sie so plötzlich wünschte, irgend Jemand sähe sie hier weinend liegen. Sie war auf dies Schloß geflohen, um den Bitten ihres Vaters, dem Andrängen Brunauʼs zu entgehen – jetzt verfolgten diese Beiden sie bis in ihr Schlafgemach. Sie hörte im Geiste das scharfklingende Gelächter des Barons, sie sah die kleinen vorsichtigen Schritte ihres Vaters, die auf dem Parket hinglitten. Schwer und träge zog die Nacht vorüber, die Uhr auf der Toilette kündigte mit dünner, zirpender Metallstimme an, wenn eine Stunde vorbei war; sonderbar hallte der Schall der größeren Wanduhr im unteren Teil des Schlosses durch die Corridore, als ob er die kleine Uhr im Zimmer zurechtweisen wollte; manchmal knackte es in den altersschwachen Möbeln, sonst finstre Stille. Allmählig kam sie in jenen Zustand der Ermattung, in welchem die quälenden Gedanken ihre nagende Kraft verlieren. Endlich schlief sie gegen Morgen ein, bis es ihr schien, als vernehme sie jenes aristokratische Räuspern, mit dem Papa immer nach drei Worten seine Sätze zu unterbrechen pflegte – hem! hm! schlug es an ihr Ohr, dann glaubte sie das höfliche, lachende Gesicht des Barons vor sich zu sehen, seine theatralische Art sich zu verbeugen; sie fuhr aus dem Schlafe empor. Wie lange hatte sie wohl geschlafen? Eine Stunde oder eine Minute? Wie müde sie noch war, wie schwer es auf ihren Augenlidern lag. Sie gähnte und starrte dem öden Grauen des Tags ins schläfrige Antlitz. Was sie für das Räuspern Papaʼs gehalten, war entferntes Hundegebell gewesen. Nochmals gähnend und mit schmerzendem Augenlid durch das offene Fenster blickend, gewahrte sie das rötliche Dach des gräflichen Forsthauses, wie es aus dem Blättermeere des Parks auftauchte, wie die schlanke, weiße Rauchsäule seines Schornsteins sich so graziös abhob von dem blauen Duft des dahinterliegenden Eichwalds. Von dort herüber erscholl das Hundegebell. Die scharfe, keusche Morgenluft wirkte seltsam berauschend auf ihr Nervensystem, es war ihr, als badete sie im reinsten Äther einer höheren Welt. Sie wußte nicht, warum sie lächeln mußte, reckte sich behaglich in den Polstern und schlief noch einmal ein.


* * *




III


»Ich muß zurück nach München, liebe Mutter,« rief Eduard Enger, »hier, wo mir jede Anregung durch Gleichstrebende fehlt, gelingt mir kein Pinselstrich.« Eduard hatte sich das nördlich gelegene, eigentlich nicht zum Bewohnen bestimmte, sogenannte gute Zimmer des Forsthauses zum Atelier eingerichtet, da er beschlossen, einige Zeit bei seinen Eltern zuzubringen, um sich einesteils von den anstrengenden Studien zu erholen, andernteils sich mehr, als er es seither gethan, der Landschaft, dem Tierstück zu widmen. Das Zimmer, nicht größer und nicht höher wie die übrigen vier oder fünf des Hauses, mußte seine schwerfälligen Möbel dazu hergeben, Farben und Pinsel zu beherbergen; auf dem muldenförmig ausgesessenen Sopha, auf welchem Vater Enger sein Mittagsschläfchen zu machen pflegte, standen Rahmen; selbst der gutmütige, lederne Sorgenstuhl, in welchem der Urahne der Familie verstorben war, mußte sich herbeilassen, zum Aufbewahrungsort der Pinsel zu dienen. Zwar mochte der moderne Gewehrschrank ziemlich verdrießlich auf die Unordnung herabschauen; auch das Rehgeweih neben dem Spiegel reckte sich grimmig empor, aber die vorher kahlen Wände trugen ihren reichen Schmuck an halbvollendeten Bildern sehr befriedigt zur Schau. So saß denn Eduard in dem mit Skizzen aller Art beklebten, niedrigen Zimmer vor seiner Staffelei und führte jenes Bild, das wir bereits kennen, genauer aus. Nebenan in dem einfach behaglich eingerichteten Familiengemach deckte die Mutter den Tisch. Ihre Schicksale, die wir bereits kennen, hatten keine sichtliche Spur in ihrem Antlitz zurückgelassen, der Förster wußte die Erinnerung an dieselben zu verwischen. Nur eines fiel auf: sie war frühe gealtert; ein Augenleiden, das ihrem Blick einen starren Ausdruck gab, ebenso ein nervöses Zittern, das zuweilen ihren hageren Hals befiel, trug dazu bei, sie älter erscheinen zu lassen. Ob dieses Augenleiden in Verbindung mit den Lebenserfahrungen stand, würde schwerlich zu entscheiden gewesen sein. Wie vorsichtig prüfend sie die Teller stellte, wie unsicher sie nach dem Messer tastete. Der Sohn warf zuweilen durch die geöffnete Thüre einen besorgten Blick auf die Beschäftigte, die mit ihren mageren Armen über den Tisch fuhr. Die Bäume, die das Haus auf jener Seite dicht umgaben, warfen über das weiße Tischtuch, über das Geschirr und über das bleiche Gesicht der Frau einen grünen Schleier, der zuweilen zitternd seine runden Lichtflecken bewegte. Auf dem Schrank standen mehrere Bücher, die deutschen Klassiker, sogar griechische Schriftsteller in Uebersetzungen, welche der Förster billig erstanden und die er sich abendlich von seiner Frau hatte vorlesen lassen, solange deren Augen es erlaubten. Verstand er auch nicht alles, so gefielen ihm die Bücher doch, ja es war ihm, dem Ungelehrten, vielleicht mehr zum Bedürfnis geworden, zu lesen, als vielen der sogenannten Gebildeten. Auch schien die Familie bessere Tage gesehen zu haben, die Bruchstücke einer glänzenderen Haushaltung, z.B. ein Spiegel mit vergoldetem Rahmen, bewiesen das; Eduard hatte manchmal über frühere Verhältnisse nachgefragt, erinnerte sich auch eines größeren Hauses und einer Mühle. Der junge Maler war nicht mit sich zufrieden, seine Arbeit mißfiel ihm gründlich und manchmal zuckte es ihm in der Hand, das ganze Gemälde mit einem energischen Pinselstrich zu verunstalten. Es ging ihm gewöhnlich so. Er begann eine Arbeit mit außerordentlichem Enthusiasmus, bis er nach einigen Tagen die Lust daran verlor. Zwar waren ihm mehrere Bilder gelungen, aber es hatte dabei die beständige Ermutigung seiner Freunde bedurft, um ihn an diesen Arbeiten festzuhalten; hier fehlten ihm jene Ermutigungen, er fühlte sich nicht genug gesteigert und setzte sein Talent in seinen eignen Augen herab.

»Ich sehe Dir bereits eine Stunde lang zu,« sagte die Mutter, einen Teller in der Hand, nähertretend, »Du hast in dieser Stunde wenig gearbeitet. Auch bist Du so nachdenkend, was fehlt Dir denn, liebes Kind?« Sie legte ihre Hand auf seine Schulter, vergebens auf eine Antwort harrend. Nachdem er so einige Zeit hastig weiter gemalt, lachte er verdrießlich vor sich hin. »Es ist eine Thorheit, liebe Mutter.«

»Was ist Thorheit?« frug sie verwundert.

»Ei nun! Das Menschenleben überhaupt,« sagte er.

Frau Enger war andrer Meinung. Sie gab ihrem Sohne zu verstehen, das seien wunderliche Redensarten, an die er selbst nicht glaube, er möge nur den Geruch des Rehbratens einziehen, der aus der Küche herüberdränge, der werde ihn eines Besseren belehren. Eduard erklärte sich für überwunden, für völlig geschlagen, an den Rehbraten habe er freilich garnicht gedacht, als er sein großes Wort ausgesprochen, fügte jedoch, als sich die Mutter bereits zufrieden erklärte, mit seinen umgewandelten Ansichten hinzu: Wenn ihn seine Kunst nicht hielte, liebe Mutter, glaube mir, Dein Sohn wäre längst dem Leben davongelaufen. Frau Enger strich ihm über das krause Haar und betrachtete den Sohn kopfschüttelnd mit bekümmerten Blicken. Er muß krank sein, dachte sie, dies München hat seine Gesundheit angegriffen.

»Nicht wahr,« frug sie, »Du hast recht schlecht gegessen in München?«

Der Künstler lachte und meinte, sein Magen habe allerdings zuweilen Gelegenheit gehabt, das Verdauen zu verlernen.

»Nun, von was hast Du denn gelebt?« frug Frau Louise ängstlich. Eduard erzählte, daß das Stipendium von 600 Mark, das ihm der Graf Ibstein verschafft, nicht ausgereicht habe, die Modelle zu bezahlen und dabei auch auf die Gesetze der Ernährung Rücksicht zu nehmen. Er habe zum ersten Male die Segnungen des Kaffees empfunden. Da die Mutter eine nähere Erklärung des Wortes »Model!« wünschte, ließ sich der junge Mann hierauf nicht näher ein, sondern setzte ihr seine Absicht auseinander, sich hier in Ibstein für die Entbehrungen Münchens zu entschädigen.

»Hättest Du dem Vater gefolgt,« murmelte Louise, »er wollte einen Gärtner aus Dir machen; das Malen ist Dein Unglück, Du hättest jetzt Dein Brot.«

»Freilich, freilich,« bestätigte der Sohn, die Stirn runzelnd, »es ist mein Unglück, Gärtner hätte ich werden sollen. Du hast vollkommen recht.« Und er schleuderte nervös gereizt den Pinsel von sich. Die Mutter, erschrocken über ihr vorschnelles Wort, das ihr Kind so tief berührt, stammelte:

»Nein, nein, so meinʼ ichʼs nicht – male nur weiter, der Graf sagte doch, Du habest viel Talent – gewiß, dies schrieb mir auch Dein Freund Alfred.«

»Alfred hat Dir geschrieben?«

»Ja gewiß, ich will Dir den Brief zeigen.« Sie eilte an die Kommode und legte ihm den Brief des Freundes vor. Eduardʼs Züge nahmen, als er die belobende Stelle gefunden, sogleich einen mutigeren Ausdruck an.

»Er verstehtʼs,« sagte er, »nun, es mag sein. Alfred ist ein guter Junge, ich stehe nicht einmal sehr gut mit ihm, desto mehr freut mich sein Urteil.« Frau Louise sah immer noch traurig auf ihren Sohn herab. Als nun aber dieser, sich umwendend, zu ihr empor sah, gab sie ihrer Miene sogleich einen heiteren Ausdruck, durch welchen er jedoch den bekämpften Schmerzenszug noch durchleuchten sah.

»Gewiß, Du wirst Dir Dein Brod schon verdienen,« sagte sie, »später oder früher, es hat keine Eile, so lange wir noch leben. Deine Bilder sind ja gewiß schön, ich verstehʼs nicht, aber Alfred sagtʼs.«

Er faßte die Hand der alten Frau und versuchte die Heiterkeit, die sich seines Gemüts bemächtigt, auch der Mutter mitzuteilen.

»Alfred verstehtʼs,« sagte er, »der ist ein scharfer Kritiker und ein eminenter Maler. Weiß Gott, nun habʼ ich wieder Lust zur Arbeit.«

Nochmals griff er zu jenem Brief und las jene Zeilen mit freudiger Stimme sich selbst laut vor. »Ist bald Essenszeit?« frug er darauf, »wo bleibt Ludwig? Ich habe den Jungen heute noch nicht zu Gesicht bekommen.«

»Er ist in den Wald, den Vater zu Tisch zu bitten,« entgegnete die Mutter, die sich nun ausführlich über die verschiedenen Gewohnheiten des Försters, besonders über seine immer zunehmende schlechte Laune, zu verbreiten begann. »Es ist zuweilen schwierig mit ihm auszukommen,« seufzte sie, »er war immer barsch, je älter er wird, desto schlimmer wird es. Ich darf kaum drei Worte aussprechen, so werde ich zur Ruhe verwiesen, eine eigene Meinung darf ich natürlich nicht haben, überhaupt verstehe ich gar nichts, er allein ist allwissend und allmächtig.« Sie trocknete sich rasch die Augen mit der Schürze und gab ihrem Sohn mit einem gutmütigen, durch Thränen schimmernden Lächeln zu verstehen, er solle nicht weiter fragen, da sei nichts zu ändern und im Übrigen sei der Vater der beste Mann von der Welt. Ohne rechten logischen Zusammenhang berichtete sie sodann, daß der Vater heute Bäume fällen ließe, daß er nach solcher Arbeit müde nach Hause käme, es liebe die Suppe dampfend auf dem Tisch zu finden und daß man ihm alsdann auch ein Gläschen Rum nicht mißgönnen dürfe. Diese Bemerkung mit entschuldigendem Hüsteln begleitend, eilte sie an den Tisch zurück, ihr Werk zu beenden. Als man nun von weitem die fröhliche Stimme Ludwigs, vermischt mit Hundegebell, erschallen hörte, trat Eduard, sein Malzeug bei Seite legend, an das Fenster. Durch das Hofthor schritt, Ludwig an der Hand, von seinen Hunden umwedelt, der alte, weißbärtige Förster. »Hans, Hans!« erscholl seine Stimme über den Hof. Der Knecht, dem er gerufen, kam ihm aus einer Stallung entgegen; beide blieben im Hofe stehen, wie es schien, in ein Gespräch über Hundedressur vertieft.

»Hans,« rief der Förster darauf, »gib den Hunden zu fressen, dem Kato eine besonders reichliche Mahlzeit, er hatte sehr unter der Hitze zu leiden, das arme Tier. Nicht wahr, Alter?« Hiermit beugte er sich zu dem Hund hernieder, der keuchend die rothe Zunge aus dem Rachen hängen ließ und klopfte ihm auf den schweißbedeckten Rücken. »Darfst nicht so springen in der Hitze,« fuhr der Förster fort, freundlich den Hund anzureden, »aber das wird schmecken, das Fressen heutʼ, wie? Hans, daß Du dem kalten Wasser umʼs Himmels Willen warmes beimischst, ehe es die Tiere trinken.«

Eduard ergriff die Zärtlichkeit, mit welcher der Vater für seine Tiere sorgte, und doch ward ihm seltsam weh umʼs Herz, als er den alten Mann darauf mit solchem Ernst, solcher Wichtigkeit von Dingen sprechen hörte, die ihm so trivial, so gleichgültig vorkamen. Gewiß, er liebte seine Eltern und doch schob die Bildung, die er sich allmälig in der Fremde errungen, zwischen ihn und die Eltern eine dunkle, unübersteigliche Wand, seiner Liebe mischte sich eine Kälte der Gefühle bei, über die er selbst zuweilen schauderte. Die Kunst erzieht den, der sich ihr ergeben, zum Egoisten. Schon als er zum ersten Male vor Jahren entdeckt, daß die Eltern auch Fehlern, so gut wie alle übrigen Erdbewohner, unterworfen seien, stellte sich dies schneidende, kalte Schmerzgefühl bei ihm ein, das zersetzend auf seine Liebe wirkte. Jetzt konnte er eigentlich nur dann ein wärmeres kindliches Gefühl in sich erzwingen, wenn er sich beide, als alte hilfsbedürftige Leute, nicht als seine Erzeuger, vorstellte. Mit Trauer blickte er in die Vergangenheit zurück, da ihm das Wort: »Vater« noch der Inbegriff alles höchsten, heiligen gewesen. Wohin war diese Märchenzeit geschwunden und zu was ist die höhere Bildung, die der Kunstenthusiasmus verleiht, nütze, wenn sie uns solche Jugendgefühle raubt. War er denn eigentlich ein herzloser Mensch, der nicht lieben konnte? Dem widersprach doch zu sehr das Gefühl, das er für den kleinen Ludwig hegte. Wie wohl that ihm der aufmerksame, ehrfürchtige Blick des Knaben, welche Lust bereitete es ihm, den aufgeweckten Burschen heranzubilden und selbst seine oft auf Eigennutz beruhenden Schelmenstreiche, wie gerne verzieh er sie, wie fesselte gerade diese Schalkhaftigkeit ihn an den Jungen. Er wandte sich schmerzlich bewegt vom Fenster weg zur Mutter, die bereits, da sie von der Ankunft ihres Mannes Kunde erhalten, ein frisches Hemd am Ofen ein wenig wärmte.

»Seine Haare wurden in den letzten Jahren sehr grau,« sagte er leise, wie geistesabwesend, »auch scheint mir, daß ihm sein Asthma mehr zu schaffen macht, ihr müßt ihm das zuviele Arbeiten verbieten!«

Die Mutter beschäftigte sich gerade mit dem Austeilen der Suppe, die ihr Gesicht in eine Dampfwolke hüllte, die Gelegenheit, dem zurückgekehrten Sohn ihr Herz auszuschütten, konnte sie indeß nicht vorübergehen lassen.

»Nicht wahr, er arbeitet zu angestrengt?« fiel sie sogleich ein, ohne sich in ihrem Geschäft stören zu lassen, »da läßt er sich nichts dʼreinreden, wenn es sich um seinen Wald handelt.« Nun tadelte sie, die letzten Reste der Suppe in die verschiedenen Teller ausgießend, eifrigst diese übertriebene Liebe des Mannes für die grünen Bäume, die ja, wie sie meinte recht schön, ja sogar, was mehr, nützlich seien, die es jedoch mit einer regelrecht gebauten Straße in der Stadt keineswegs aufnehmen könnten. Ihrem Manne goß sie sodann den Teller bis an den Rand voll, ein kleines, gefülltes Liqueurgläschen in die Nähe schiebend.

»Denke Dir nur,« fuhr sie fort, während Eduard sinnend zuhörte, »als er im vorigen Jahre einige Wochen hindurch krank lag, mußte ihm der Knecht das ganze Bett mit frischen Buchenzweigen umstecken, damit er stets an seinen Wald erinnert würde, von dem er getrennt war.«

Auf Eduard machte dieser kindliche Zug im Charakter des Vaters zwar einen tiefen, doch mehr einen ästhetischen Eindruck Die Liebe des Alten zum Wald berührte, wie er sich, mit sich selbst unzufrieden, eingestand, weniger sein Herz, mehr seinen beobachtenden Kunstverstand. Ebenso weckte dieser dampfende Tisch, die geschäftige Mutter, der nach Hause kehrende Förster mehr seine malerische Produktionslust, als daß dieses Bild seinen Familiensinn befriedigte, er fühlte mit Unbehagen, wie er statt mitten in der Situation zu leben, viel mehr über derselben schwebte, ein Gefühl, das ihn öfter überraschte und ihm die rechte, mitempfindende Teilnahme am eignen, wie am Dasein anderer zerstörte.

Schon hörte man die näherkommenden Schritte des Försters, als die Mutter ihren Mund verstohlen an ihres Sohnes Ohr legte.

»Lieber Gott!« flüsterte sie, »wenn ihn der Graf nur nicht pensioniert. Es ging schon im vorigen Jahre das Gerücht. Der Gehalt ist alsdann zu gering. Doch das ginge noch. Er würde aber sterben, Eduard, wenn er nicht mehr in seinem Wald arbeiten dürfte. Ich sage Dir, er würde sterben,« setzte sie mit zitternder Stimme hinzu. Eduard zuckte zusammen, es ward wieder auf einige Augenblicke warm in seiner Brust. Die Liebe dieser Frau zu dem unfreundlichen Mann beschämte ihn.

»Du hast Recht,« hatte er noch Zeit zu flüstern, »wenn seine Kräfte abnehmen, sorgt dafür, daß der Graf davon nichts merkt. Das darf nie geschehen. Das ist sein Tod.«

»Wer spricht hier vom Tod?« erdröhnte die rauhe Stimme des Försters inʼs Zimmer, »laßt mir doch das garstige Wort.« Verdrießlich lachend warf er seinen Hut auf ein an der Wand befestigtes Hirschgeweih, legte die Pfeife bei Seite und schielte, sich über die triefende Stirne fahrend, nach dem Liqueurgläschen.

»Es ist heiß, aber heutʼ Abend wirdʼs regnen, der Hund fraß Gras,« meinte er, noch immer lachend, dem Sohn zunickend, während Frau Enger bemüht war, ihm den Rock auszuziehen.

»Schweigʼ nur still,« rief er dann barsch seiner Frau zu, noch ehe diese ein Wort gesprochen.

»Wie der Mann geschwitzt ist,« wollte sie dann sagen, erhielt aber kaum nach dem zweiten Wort die Weisung, nur den Mund zu halten, sie verstände nichts. Sie ließ sich dadurch weiter nicht einschüchtern, brachte es jedoch nie zu einem geschlossenen Satz, immer wieder wurde ihr das Wort im Munde mit einem rauhen: Nur still! zerschnitten. Anfangs widersetzte er sich wie gewöhnlich der Operation des Rockausziehens, murmelte verschiedene Redensarten, ließ es dann endlich geschehen und verfügte sich brummend ins Nebengemach, ein trockenes Hemd anzulegen, da ihn Louise an den Rheumatismus erinnerte, der ihm vor drei Wochen gar nicht aus dem Rücken gewollt habe.

»Muß alles mitgemacht werden,« rief er im Weggehen ärgerlich-lustig, »ist ganz recht so, der Rückenschmerz muß auch mitgemacht werden . .«

Als nun aus der Thüre des Nebengemachs die Mahnung: Nur still, nur still! ununterbrochen hervortönte, begleitet von den begütigenden, ängstlichen Bitten der Frau, fühlte sich Eduard recht unbehaglich. Die Art, mit der der Vater (der gegen Fremde die Liebenswürdigkeit selbst war) seine Frau als Dienstmagd behandelte, gefiel ihm nicht, obgleich er wußte, daß sich die Mutter nun seit Jahren an dies barsche Benehmen gewöhnt.

»In welcher Ehe ist es anders,« sagte sie meist entschuldigend, »er ist der Schlimmste noch lange nicht.«

Ich halte es hier keine drei Wochen aus, dachte der Künstler, ruhig diese väterliche Tyrannei mit ansehen mag ich nicht, dreinreden läßt er sich nicht, er wäre im Stande, mich alsdann aus dem Hause zu jagen. Das ist so die vielgerühmte deutsche Familiengemütlichkeit! Er fühlte mehr denn je den Abstand, der ihn von den Eltern trennte. Noch als er sie vor drei Jahren besucht, hatte er sich besser in ihre Lebensart zu schicken gewußt, diesmal kam er sich wie ein Fremdling in der Heimat vor. Und doch war der Vater ein guter Mensch, der kein Tier leiden sehen konnte, warum er nur seinen Angehörigen gegenüber immer diese Tyrannenlaune hervorkehrte.

»Guten Tag, Eduard,« rief eine helle Knabenstimme, während aus dem Nebengemach das Gezänke weiter forttönte, und Eduard fühlte sich jetzt heftig von dem hereinstürzenden Ludwig angerannt. Der Knabe warf sich mit ausgebreiteten Armen auf seinen eben noch von so trüben Gedanken heimgesuchten Freund und diesem ging das Herz auf, als er den Krauskopf an sich geschmiegt fühlte.

»Onkel Heinrich hat mir ein Reh gezeigt,« sagte der Kleine, »wirst Du mir denn auch ein Reh zeigen?« Des Knaben Augen waren so vertrauensvoll bittend zu dem Maler emporgeschlagen, es leuchtete jener eigentümliche Glanz aus ihnen empor, in dem man die Keime der sich entwickelnden Seele belauschen zu können wähnt.

»Gewiß,« erwiderte Eduard von diesem träumerischen Glanz des Kindesblicks getroffen, »wenn Du artig bist, erhältst Du Alles, was Du willst, mein Liebling.« Der Knabe errötete ein wenig, was seinem reizenden, schwarzumlockten Gesicht sehr gut stand, atmete dann tiefer auf und ließ seine Blicke verlegen im Zimmer umhergleiten.

»Fehlt Dir etwas?« frug der Maler.

»Lieber Eduard,« stammelte er lächelnd, »gieb mir – weißt Du —?«

»Nein, was soll ich Dir geben —?«

»Du weißt es,« sagte er, schalkhaft mit dem Finger drohend.

»Ich? ich weiß nicht, was Du meinst?«

»O doch.«

»Nun, so sprich deutlicher.«

»Es sieht braun aus und ist viereckig,« flüsterte Ludwig, seinen Kopf in seines Freundes Rock verbergend. Er hatte nicht Zeit, seine Beschreibung des gewünschten Gegenstandes zu vollenden, der Förster, in einen bequemen Schlafrock gehüllt, trat, sich den starren, weißen Schnurrbart streichend, aus dem Schlafgemach. Rasch benutzte der Kleine die Gelegenheit und flüsterte, als der Förster auf Eduards Staffelei zuschritt, dem Maler zu:

»Die vornehme Dame gab mir gestern davon.« Eduard erriet, daß er Chokolade meinte und verwies ihm mit ein paar tadelnden Worten diese Naschhaftigkeit, welcher Tadel seine beschämende Wirkung nicht verfehlte.

»Du bist doch zu alt,« meinte der Maler, »um an solchen Leckereien Gefallen zu finden.«

Der zehnjährige Schlaukopf drückte errötend die Augen zu, atmete hastiger und nickte, als gäbe er seinem Erzieher vollkommen recht.

»Siehʼ, da ist Kato,« rief er dann mit jener der Jugend eigenen Verschmitztheit, auf ein angenehmeres Thema übergehend, eilte an das Fenster und that, als ob er draußen den Hund erblickte, der nirgends zu erblicken war. Der Förster hatte sich indessen vor das Bild gestellt, um es in Tabaksrauchwolken einzuhüllen, die er wohlbedächtig aus der kurzen Pfeife gesogen. Seine Augenbrauen, die sich über seinen lebhaften Augen wie zwei angeklebte, weiße Wattballen ausnahmen, hielt er mit wichtiger Miene zusammengezogen und, obgleich ihn die Arbeit seines Kindes höchlichst ergötzte, schüttelte er mißbilligend den grauen Kopf.

»Hm! das gefällt mir nicht,« sagte er, sein Wohlgefallen unterdrückend, »so krumm darf kein Baum stehen in einer ordentlichen Waldung und das Unterholz da vorn dürfte ein gewissenhafter Förster auch nicht stehen lassen, der Weg hier läuft so sehr im Zickzack, daß ich mich schämen würde, wenn ich ihn angelegt.«

»Lieber Vater,« wandte Eduard bescheiden ein, »das soll auch keine vorschriftmäßige Waldung sein mit schnurgraden Wegen und glatt angestrichenen Wegweisern.«

Des alten Sanguinikers Augen hatten die Eigenschaft, sich von innen heraus zu entzünden, wenn er lebhafter wurde.

»Mag sein, daß Du das Bild hübsch findest,« entgegnete er, »der wirkliche Wald ist mir lieber, als der gemalte – ich verstehe doch etwas davon, wie ein Wald aussehen muß – Louise sei still —« wandte er sich darauf zu seiner Frau, die auch eine Bemerkung mit einfließen lassen wollte, »Du verstehst gar nichts von der Sache – nun, Eduard, wenn sie Dir nur das Bild gut bezahlen. Kannstʼs brauchen. Wie viel erhieltest Du für Deine Gebirgslandschaft?«

»Dreitausend Mark, Vater.«

»Gar kein Geld, gar kein Geld,« sagte der Alte wegwerfend, konnte dabei jedoch nicht umhin, dem Sohn einen bewundernden Blick zuzuwerfen. »Dreitausend Mark, damit kannst Du kaum ein Jahr leben in München. Wer hat das Bild gekauft?«

»Ein reicher Amerikaner.«

»So, so,« schmunzelte der Vater, »hm! wir wollen uns zu Tische setzen. Louise sei nur still, die Suppe ist immer noch warm genug, brauchst nicht zu zanken. Fragʼ doch einmal den Hans, ob er die Hunde versorgt.«

Als Antwort hierauf kam, als man sich eben zu Tisch begab, Kato, ein prächtiger Hühnerhund, zur Thüre herein und legte sich befriedigt zu den Füßen seines Herrn nieder. Der Förster, der es sich nicht eher schmecken ließ, als bis er seine Tiere versorgt wußte, langte nun tüchtig zu, einige Male wohlwollende Blicke zu Eduard hinüber und auf seinen Kato herabsendend. Wen er von beiden mehr liebte, würde in der That schwer zu entscheiden gewesen sein. Er freute sich über Eduards Talente, über seine schlanke Gestalt, seine städtischen Manieren, mit denen er das Brod brach oder das Fleisch zerlegte. Doch redete er, um sich absichtlich die Freude an seinem Sohn zu zerstören, nicht, wie er es so gern gethan, von ihm und seinen Arbeiten, sondern von allerlei unangenehmen Berufsgeschäften, Holzarbeitern, Pferden, oder dem Schaden, welchen das Wild auf benachbarten Feldern angerichtet. Dann trat ein Zeitpunkt ein, in welchem sich alle Anwesenden mit solcher Innigkeit den Genüssen der Mahlzeit hin gaben, daß, außer dem Gerassel der Messer und dem Geräusch der Kauwerkzeuge, kein Laut die dämmernde, sonniggrüne Stille des Gemachs störte. Ludwig konnte es natürlich nicht unterlassen, dem Hunde zuweilen die Überbleibsel seines Tellers zuzuschieben, was ihm auch einige Zeit hindurch ungestraft auszuführen gelang, bis endlich Eduard, durch die Unruhe des Tieres aufmerksam gemacht, die höchst verpönte Fütterung bemerkte und dem Missethäter einen Verweis erteilte. Da der Bann der Stille auf diese Weise gebrochen war, fand auf einmal jeder wieder Worte, es war, als sollte das Versäumte nachgeholt werden, so viel wußte jetzt jeder vorzubringen, bis die Stimme des Försters die der drei anderen übertönte. Mit einer gewissen verdrießlichen Behaglichkeit, durch die man die versteckte Liebe zu seinem Kinde durchklingen hörte, verbreitete er sich darüber, wie er es anfangen würde, ein Bild zu malen. Das sollte derber, stämmiger werden, meinte er, als dort jenes auf der Staffelei: Natürlich müßte es von Wild wimmeln, auf allen Ästen, im Gras, überall, wie denn auch ein Jäger schlechterdings nicht fehlen dürfe, dem man selbstverständlich ein Gewehr in die Hand geben müsse, welches Gewehr denn der eigentliche Glanz- oder Mittelpunkt des Gemäldes bildete. Daß es nach neuester Konstruktion gebaut ist, versteht sich von selbst. Auch die Feder, die jener Jäger auf dem Hute trüge, sei von Wichtigkeit. Eduard nickte, anfangs ein Gähnen kaum unterdrückend, zustimmend, konnte jedoch später sich eines Gefühls der Rührung nicht erwehren, als er des alten Mannes sorgsam unterdrückte Liebe zum Waldleben aus seinen Worten herausklingen hörte, aus den Augen hervorglänzen sah. Der alte Waldmensch (wie er sich selbst nannte), fand oft für diese Empfindung der Waldlust volkstümlich poetische Wendungen, die jedem Gebildeten würden Ehre gemacht haben, durch die Rauheit seines Charakters zitterte der Stolz, der Pfleger, ja der Erbauer dieser grünen Welt sein zu dürfen und man mußte ihm, wenn er von seinen Kindern, den Bäumen zuweilen im Ton eines kleinen Herrgotts sprach, diese Selbstüberhebung verzeihen. Eduard hob absichtlich seine Unkenntnis des Waldbaues hervor, um dem Vater die Freude des Berichtigens, des Erklärens bereiten zu können. Auf seine mannigfachen Fragen antwortete der Alte alsdann mit der Würde einer Autorität und Eduard war mit allem einverstanden, da der geringste Widerspruch einen Sturm würde heraufbeschworen haben.

»Alles,« sagte der Förster, »alles sollen sie mir nehmen, nur meinen Wald mögen sie mir lassen. Ich hin darin geboren und unter dem grünen Dach sterbe ich fröhlicher, wie der Fürst unter seinem Thronhimmel.«

Dann, als schäme er sich, sein Inneres so unverhüllt gezeigt zu haben, machte er seine Frau in rauhem Ton auf Eduard aufmerksam, der sich vom Tisch erhoben und an seine Staffelei gesetzt hatte, um die Palette zu reinigen. Diese Absonderung gefiel dem Förster schlecht, da sie ihn plötzlich eines aufmerksamen Zuhörers beraubte, er verbarg jedoch seine Mißstimmung, indem er erzählte, seines Brotherrn Tochter, Gräfin Isabella, sei auf Schloß Ibstein angekommen. Je mehr sich Frau Enger für diese Neuigkeit interessirte, desto weniger durfte sie sich das anmerken lassen, sie stieß nur ein verwundertes: Ach was! heraus und versuchte vermittelst erheuchelter Gleichgültigkeit den Förster zum Weitererzählen zu bewegen.

»Wird wohl nur ein Gerücht sein,« sagte sie möglichst gleichgültig, indem sie das Tischtuch abnahm.

»Louise,« fuhr der Alte auf, »laß mir das Dreinreden. Sie ist hier! Man sagt, ihr Vater, der Graf, wolle sie zu einer Heirat bewegen, von der sie nichts wissen will. Um ihr nun andere Gedanken in den Kopf zu bringen, schickt er sie auf Reisen. Weißt Du nichts von der Sache, Eduard,« wandte er sich an seinen Sohn.

»Nein,« erwiderte dieser barsch.

»Nein?« frug der Förster, »der Hans murmelte so etwas, als habe sie Dir beim Malen über den Rücken gesehen, er will es von weitem bemerkt haben.«

»Unsinn,« murmelte Eduard kaum hörbar. Ludwig, der mit einem Farbenfläschchen gespielt, sah, sich über seines Erziehers schlechtes Gedächtnis wundernd, auf.

»Ei, eine Dame« – kam es stotternd über seine Lippen – und er würde gewiß von jener Begegnung im Wald in seiner Weise berichtet haben, wäre ihm Eduard, der sich seiner Lüge schämte, nicht errötend zuvorgekommen.

»Mag sein,« sagte der Maler, dem Knaben die Flasche hastig aus der Hand nehmend, »mag sein, daß der Hans recht hat, wenn ich beim Malen sitze, habe ich kein Auge für Gräfinnen. Doch halte nun in Frieden Deinen Mittagsschlaf, Vater,« fügte er rasch hinzu, um Ludwigs Gesprächslaune zu unterdrücken, »komm, mein Kind, wir verfügen uns in das Zimmer hier und sind recht still, damit der Papa schlafen kann.«

Vater Enger hatte seine Kaffeetasse leer geschlurft, er sann noch einige Augenblicke still vor sich hin, lehnte sich in den Sessel zurück und breitete seiner Gewohnheit gemäß ein grünes Tuch über das Gesicht, um sich vor den Mücken zu schützen, die über den Speiseresten des Tisches summten.

»Wird Arbeit geben,« murmelte er noch im Halbschlaf, »muß mich morgen im Schlosse vorstellen, sorge für die Uniform, Louise – neue Knöpfe – zu eng —«

»Der Onkel schläft,« flüsterte Ludwig und legte den Finger auf den Mund, »nicht wahr, Tante?«

»Ja, mein Kind,« lispelte diese, »sei nur hübsch still.«

»Hübsch still,« hauchte Ludwig und schlich sich heran, um sich die bei Seite gelegte, noch qualmende Pfeife anzueignen, aus welcher es ihm auch gelang, einige herzhafte Züge zu thun, während er den grüneingewickelten, jetzt laut schnarchenden »Onkel« eifrigst beobachtete. Eduard schabte mit dem Spachtel an seiner Arbeit, die Mutter schlich auf den Zehen ab und zu, das leere Geschirr des Mittagstisches hinwegzutragen; an dem Pfosten der geöffneten Thüre her strich die Hauskatze in das schwüle, noch von den Gerüchen der Mahlzeit durchduftete Gemach. Selbst Eduard wandelte lebhaftes Schlafbedürfnis an in dieser schwülen Mittagsruhe, er legte sein Werkzeug hinweg und sah träumerisch auf den sonnigen Hof. Draußen scheuerte die Magd einen Kessel am Brunnen. Der Hund schlief vor seiner Hütte, die Hühner saßen verschlafen auf dem Brunnentrog, überall auf Stein und Mauer, auf Dach und Treppe lag die blendend grelle Sonne eines warmen Septembertages, Wie einschläfernd die Physiognomie des Brunnens herüberschaute, es war ein gutmütiger alter Brunnen, dem immer ein wenig Wasser im Munde stand, der Baum neben ihm breitete wie schützend seine Äste über den kühlen Ort. Eduard ärgerte sich über jene Lüge, die er eben vorgebracht. Warum er nur in jenem Augenblick: nein! statt: ja! gesagt, Thorheit! Es ging ihm das: Ja! nicht von der Zunge. Doch schlafen wir ein wenig, dachte er, ich bin mit Allem unzufrieden, mit der Gräfin nicht zum wenigsten. Es ist recht seltsam, daß sie meines Vaters Herrin ist, freilich ist es ebenso seltsam, daß ich ich, d. h, meines Vaters Sohn bin. Da schlug näherkommender Hufschlag an sein träumendes Ohr. Eine Ahnung stieg in ihm auf, er wußte in seiner Schlaftrunkenheit selbst nicht warum, aber es war ihm, als wisse er genau, wer sich zu Roß dem Hofe nahe. Richtig, es war so selbstverständlich, da ritt sie zum Thore herein, von einem Lakaien gefolgt, die junge Gräfin Isabella. Nun muß sie auch noch kommen, dachte er und riß, als er Ludwig so gemüthlich rauchen sah, dem Jungen die Pfeife aus dem Mund. »Was machst Du,« rief er barsch, dämpfte jedoch gleich seine Stimme, als der Förster sich regte. Die Hunde schlugen an, der schlafende Förster reckte sich seufzend, während seine Frau sogleich hinausgeschlüpft war, den Gast zu bewillkommnen. Eduard erhob sich unschlüssig, was er thun sollte, da Ludwig, die Pfeife wegwerfend, in den Hof gestürzt war, die Pferde zu bewundern.

»Ich werde nicht gehen,« dachte der Künstler, »warum auch!« Hiermit setzte er sich vor seine Staffelei, um sich einzureden, die Gräfin interessiere ihn nicht, übrigens sei sie auch schwerlich seinetwegen in dem Forsthause erschienen.

Gleich darauf eilte Frau Enger aufgeregt in das Gemach zurück.

»Sie ist da, die Gräfin, Eduard, so komm doch,« sagte sie, »sprich mit ihr, oder soll ich den Vater wecken?«

»Nein,« sagte Eduard, »er ist den ganzen Tag verdrießlich, wenn man ihm den Mittagsschlaf raubt, laß ihn schlafen. Was will sie denn?«

»Die Gräfin? ich weiß nicht! Vielleicht eine Laune, vielleicht hat sie Aufträge für den Vater. Aber es muß doch jemand mit ihr reden, sieh nur, wie erstaunt sie sich in dem leeren Hof umblickt. Geh doch, geh doch!«

Eduard wollte hinausgehen.

»So wie Du da bist, willst Du mit der Gräfin reden,« frug die Mutter, »in Hemdsärmeln? Das geht nicht an. Ich will Dir Deinen Rock holen —«

Eduard ließ sich nicht irre machen, er schritt langsam auf Isabella zu, deren sehr erhitztes Gesicht erkennen ließ, wie sie heftiges Herzklopfen unterdrückte. Sie hatte einstweilen vom Pferde herab freundlich lächelnd ein Gespräch mit Ludwig angeknüpft. Wie sich die Familie befinde, wie er sich selbst befinde, ob Frau Enger zu sprechen sei, ob Herr Enger zu Hause sei; alle diese Fragen richtete sie an den blöde Dʼreinschauenden, der sie mit einem verlegʼnen; »Ich weiß nicht!« abfertigte.

»Nicht wahr, die Pferdchen gefallen Dir,« frug sie dann, welche Frage der Junge mit einem Kopfnicken bejahte.

»Möchtest Du eines davon besitzen?« frug sie weiter.

»Ja,« erwiderte der Kleine gedehnt.

»Möchtest Du ein wenig reiten?«

»Ja.«

»Nicht wahr, das gefiele Dir – nun, wir wollen es einmal versuchen, wie?«

Des Knaben Augen begannen zu leuchten, er zitterte vor Erwartung. Der Diener mußte auf den Befehl des Fräuleins absteigen und den Knaben auf den Sattel heben, was sich dieser mit glückseligem Lächeln gefallen ließ.

»Sieh,« rief der kleine Reiter, als er Eduardʼs ansichtig ward, »sieh doch, – wie schön —«

»Du wirst gleich herunterfallen,« rief Eduard, um nur irgend etwas zu sagen, worauf Ludwig aus Leibeskräften zurückschrie: »nein! nicht wahr – Du hast es mir erlaubt, Fräulein Gräfin, nicht wahr?«

Isabella lachte, um sich ihre Fassung zu erringen, länger als nötig schien, brach dann aber dies Gelächter mit nervöser Herbheit ab.

»Konrad,« redete sie den Diener an, »halte den Knaben fest.« Hierauf preßte sie die ein wenig zitternden Lippen aufeinander, indeß Eduard näher tretend den Jungen mit einem Ernst, über den er sich zu anderer Zeit lustig gemacht haben würde, frug, ob er wüßte, wie man ein gnädiges Fräulein anrede. Das: »ein gnädiges Fräulein!« klang auffallend ehrerbietig.

»Ich freue mich, daß er es nicht weiß,« entgegnete sie, ein wenig geschmeichelt. Als hierauf ein beklemmendes Stillschweigen von beiden Seiten einzutreten drohte, erinnerte sie sich daran, daß sie als Dame von Welt diesem armen Maler imponiren müsse. Sie möchte ihn gar zu gern einmal in Verlegenheit sehen, wie er sich nur dabei ausnehmen würde. Bis jetzt hatte sie immer die Verlegene spielen müssen.

»Ich wollte,« sagte sie tief Atem holend, »auf meinem Spazierritt nicht versäumen, unser altes, gutes Forsthaus zu besuchen. Ich hoffe, Ihre Eltern befinden sich wohl?«

»Gewiß, gnädiges Fräulein.« Eduard blickte von der Sonne geblendet zu ihrem von einem breiten Hutrande beschatteten Gesicht empor. Dies Gesicht war von feinen, goldgelben Sommersprossen überdeckt, die indeß, weit entfernt es häßlich zu machen, ihm einen eigentümlich kühlen, kränkelnden Reiz verliehen. Da dem Maler die Augen in dem scharfen Licht zu thränen begannen, legte er die Hand über die Stirne ob dieses Thränens, das doch mit seiner inneren, gänzlich gleichmütigen Seelenstimmung in gar keinem Zusammenhang stand, tief errötend. »Wie einfältig,« dachte er, »muß mir auch das noch passiren.« Er drückte mit den Fingern verstohlen die Thränen aus den Wimpern und versuchte zu lächeln, damit die Gräfin nicht etwa auf den absurden Gedanken verfallen möge, er weine.

Die Gräfin hatte mit ihrem unruhig gewordenen Pferde zu thun, bemerkte aber dennoch die Feuchtigkeit in des Künstlers Augen. »Endlich habe ich meinen Zweck erreicht. So also sieht er aus, wenn er verlegen ist,« dachte sie, »sie steht ihm ganz gut, diese Röte auf den blassen Wangen, auch der kindlich verwirrte Ausdruck seiner Augen ist reizend.« Sie wußte nun recht gut, daß diese Thränen lediglich der grellen Sonne ihr Dasein verdankten. Dennoch wirkte der Kampf, den der Jüngling mit seiner Schwäche kämpfte, seltsam beunruhigend auf ihr Herz. Sie wünschte ihn dieser Beklemmung überhoben zu sehen. Sie kam in eine ähnliche Verwirrung wie Eduard, der sich um alles in der Welt nicht abwandte, sondern, wie um die Festigkeit seiner Sehnerven zu prüfen, zu dem schmalen Gesichte der Reiterin emporstarrte, dem schmalen, reizend-vornehmen Gesichte. Schließlich überkam sie geradezu ein bereuendes Mitleid.

»Herr Enger,« sagte sie möglichst gleichgültig, mit der Reitgerte ihres Rosses Mähne streichelnd.

»Gnädiges Fräulein —«

»Ich habe mich müde geritten —«

»Oh, ich vergaß,« unterbrach sie der Maler, »bitte, wollen Sie nicht absteigen – warum steigen Sie nicht ab – ?«

»Nein, nein!« rief sie, »ich will mich nicht lange aufhalten, da man auf mich im Schlosse wartet. Wie viel Uhr mag es wohl sein – o, bitte, bleiben Sie nur, ich möchte Sie nur um ein Glas Milch ersuchen – Sie haben gewiß gute Milch hier – ich bin so durstig —.«

Kaum hatte die am Fenster lauschende Frau Enger dies Wort vernommen, als sie sogleich die Magd nach der gewünschten Milch in den Keller schickte

»Einen Teller, um das Glas darauf zu stellen,« befahl sie, indeß Eduard bereits in das Haus geeilt war, das Verlangte zu holen. Ludwig wurde nun wieder vom Pferde herunter gehoben, was ihn sicherlich zum Weinen gebracht haben würde, hätte nicht ein für ihn sehr interessanter Gegenstand seine Aufmerksamkeit gefesselt. Ihm fiel auf, daß der Diener einen kleinen Vogelkäfig mit zwei lebendigen Insassen in der Hand trug, und gerade als Frau Enger nebst der Magd, welche die Milch auf einem Teller trug, aus der Hausthüre traten, frug er, was das für Vögel seien.

»Ach ja, die Vögel,« rief Isabella heiter, »die vergaß ich ganz. Sehen Sie, Herr Enger,« rief sie dem jetzt wiederkehrenden Maler entgegen, »diese Vögel habe ich einem Bauernjungen abgekauft. Welchʼ dürftiger Käfig – nicht wahr? – komm, gieb ihn her, Konrad. – Aber vorsichtig, Du wirfst ja die armen Tiere an das Gitter.« Der Diener reichte ihr den rohen Holzkäfig und sie öffnete mit neugierigem Behagen die Thüre desselben.

»Sollen sie wegfliegen?« frug Ludwig.

»Gewiß, das sollen sie,« rief sie kindlich hellauflachend, »dazu habe ich sie ja gekauft. Die armen Tiere – oh! die armen Tiere. Nun will keines zuerst hinaus!«

Die beiden Amseln fürchteten sich und flogen scheu hinter dem Gitter umher. Der Diener wollte seiner Herrin den Käfig wieder abnehmen, da die Tiere in ihrer flatternden Angst den schmutzigen Inhalt ihrer Wohnung auf Isabellaʼs Kleidung schleuderten.

»O nein,« rief sie, »es bereitet mir solche Freude, sie frei zu lassen. Gieb Acht, so wird es gehen, so beruhigen sie sich.«

Hierauf hielt sie den Käfig mit einer graziösen Armbewegung weit von sich weg. Alle schwiegen erwartungsvoll, bis nach einigem Zögern mit schnurrendem Flügelschlag erst der eine, dann der andere Vogel aus dem Behälter schwirrte. Ludwig klatschte, ein freudiges Geheul anstimmend, in die Hände, Isabella sah nach den beiden Flüchtlingen. Sie saß ganz still, fast mit einem Ausdruck von Schwermut hing ihr weit offenes, weltverlorenes Auge an den beiden immer kleiner werdenden Punkten, bis sie im Blau des Himmels verschwanden. Dann atmete sie tief auf, sah sich erstaunt um, und wie aus einem Traum erwachend, errötete sie ein wenig, als sie des Malers aufmerksames Auge ernst auf sich gerichtet sah. Dieser stand neben ihrem Pferd und hielt das Glas Milch, das er der Magd abgenommen, während des ganzen Vorgangs hoch zu ihr empor. Ihr Anblick war ein künstlerischer Genuß für sein Auge gewesen. Besonders hatte sich ihm jene weichlich anmutige Armbewegung in die Seele geprägt, mit welcher das Mädchen den Käfig von sich gehalten; auch der traumverlorene Blick, den sie den Entfliehenden nachsandte, weckte seine Beobachtungsgabe und Forscherlust. An was mochte sie wohl gedacht haben? Nun kam er wieder zu sich und fühlte neben dem rein ästhetischen Genuß, den ihm diese Scene gewährt, eine Art Beschämung, als jetzt Isabella ihre kleine Hand nach dem Glase ausstreckte.

»An was, gnädiges Fräulein,« frug er lächelnd, »haben Sie wohl gedacht, als Sie den beiden Tieren nachsahen?«

»Ich – nachsah —? Davon weiß ich gar nichts —« gab sie zurück, das Glas ergreifend.

»Ja – ich habe Sie beobachtet —«

»Ich weiß wahrlich nicht, an was ich dachte,« sagte sie leise. Dann that sie einen Schluck aus dem Glase, blickte ein wenig starr über dessen Rand hinweg und sagte: »Ja, erraten Sie, an was ich dachte —«

»Wer kann die hohen Gedanken eines hochgeborenen Fräuleins erraten, wenn es hoch zu Roß sitzt?« entgegnete Eduard achselzuckend, wieder in seine sarkastische Laune verfallend. Sie jedoch überhörte diese Bemerkung.

»Ich besitze sie nicht,« sagte sie ernst, einen bedeutungsvollen Blick auf Eduard werfend, der, von diesen für ihn inhaltslosen Worten seltsam berührt, dastand, nicht wissend, was er von diesem Blick halten sollte. Was besitzt sie nicht? tönte es in ihm wieder. Er senkte den Kopf. Während er nachgrübelte, scharrte der Pferdehuf vor seinen Augen. »Was das Pferd schön gebaut ist,« fuhr es ihm durch den Sinn, dabei wehte das Rauschen von Isabellaʼs Reitkleid leise an sein Ohr und es entstand eine augenblickliche Gedankenleere in seinem Kopf. Sie trank hastig ihr Glas zur Hälfte leer, sogleich ein gezwungen heiteres Wesen annehmend, da Eduard nicht auf ihre Stimmung einging. Mit einem Ernst, der sich vergeblich bemühte als Heiterkeit zu gelten, richtete sie mehrere gleichgültige Fragen an die sich verbeugende Frau Enger, deren Antwort gar nicht abwartend, oder vielmehr dieselbe mit ihren Fragen beständig durchschneidend, was, da Frau Enger sehr redselig wurde, dem Gespräch der Beiden einen gar eigenen Charakter gab.

»So, so,« plauderte sie in die lebhaften Ausrufe der Frau hinein, »also Ihr Mann – brummig? – zuweilen – wie? – so meinen Sie? – ja – gewiß – schöner Wald – ganz wohl, gute Milch – köstlich – danke – danke – mein Durst ist gestillt – grüßen Sie mir den Förster – nein! bitte, bitte, lassen Sie ihn schlafen – um Gotteswillen den Schlaf des alten Mannes nicht stören – werde nächstens wiederkommen – gewiß – der Herr Förster soll mir einen hübschen Hund ziehen – sagen Sie ihm dies —«

»Gewiß, gewiß, gnädige Gräfin,« rief Frau Enger mit devoter Miene, »das werde ich ihm ausrichten – bleibe vom Pferd, Ludwig, Ungezogener – Du siehst, es spitzt die Ohren – es wird unruhig —«

Eduard stand noch immer sinnend, bis die Gräfin ihrem Pferde ein: »Vorwärts, Hector!« zurief, was die Mutter veranlaßte, den kleinen Ludwig am Kragen festzuhalten, bis das Thier sich in Bewegung gesetzt. Eduard ging, ohne zu wissen, was er thun solle, der Reiterin nach. Als diese an dem Hofthore angekommen war, ließ sie den Diener Konrad vorreiten. Plötzlich wandte sie dem Maler ihr Gesicht zu, das einen gleichgültigen, nichtssagenden Ausdruck angenommen.

»Sehen Sie noch einen der Vögel, Herr Enger?« frug sie nachlässig, ohne Betonung.

»Jetzt noch? Nein!« entgegnete Eduard erstaunt.

»Ich auch nicht,« sagte sie ruhig, »sie besitzen die Freiheit.« Damit sprengte sie von dannen. Eduard schlenderte nach dem Hause zurück. Er mußte über die Koketterie oder vielmehr über die kokette Natürlichkeit des Mädchens lächeln, doch schien ihm dies ihr Gebahren eigentlich zu ernst, um darüber zu lächeln. Dadurch kam er in eine Stimmung, in der er selbst nicht wußte, was er wollte, eine Stimmung, die ihn weich und zugleich verdrießlich machte.

»Merkwürdiges Frauenzimmer,« sagte er leichtfertig vor sich hin, ging pfeifend, die Hände in den Taschen auf sein Zimmerchen, das im oberen Stock des Hauses lag und lehnte sich gelangweilt in die Fensterbrüstung, die Landschaft betrachtend, über die sich allmählig Wolken zogen. Fühlte er sich wirklich gelangweilt, oder redete er sich nur ein, sich gelangweilt zu fühlen? Vielleicht hielt er die Spannung seines Geistes, die jede Erfassung eines bestimmten Gedankens unmöglich machte, für Langeweile. Als er sich so laut pfeifen hörte, schämte er sich über sich selbst, hielt inne, konnte aber dem Drang nicht widerstehen, von neuem die Lippen zum Pfeifen zu spitzen. Was ist das nur! Habe ich nichts Gescheidteres zu thun, als zum Fenster hinauszublicken, dachte er. Als er nun das Fenster schloß, bemerkte er Ludwig im Zimmer, der ihm gefolgt war.

»Nun, mein Kind, gefällt es Dir hier?« frug er so heiter als möglich.

»Sehr, sehr,« entgegnete der Knabe, »es ist hier viel schöner als in München.«

»Wir müssen aber dennoch wieder nach München zurück —«

»Wann denn?«

»Sehr bald, sehr bald, mein Kind,« sagte er, setzte sich auf sein Bett und schloß bald darauf die Augen.

»Pfui, Du willst schlafen; nein, es ist zu dumm von Dir, ich willʼs nicht,« rief Ludwig, eilte zu dem Maler heran und drückte ihm mit den kleinen Fingern die geschlossenen Augenlider auseinander.

»Du sollst nicht schlafen,« lachte er, indeß Eduard, vor sich hinbrummend, die Augenlider immer wieder zupreßte, sobald sie ihm der Knabe gewaltsam geöffnet. Nachdem dies Spiel einige Zeit gedauert, raffte sich Eduard empor.

»Laß uns in den Wald gehen, mein Lieber,« sagte er. Ludwig war gern bereit hierzu, besonders da ihm sein Freund die Aussicht eröffnete, sie würden draußen Rehe sehen. Vater Enger hatte ausgeschlafen und war schon vor einer Viertelstunde an die Arbeit gegangen. Eduard hing ein Gewehr, das er aus seines Vaters Schrank genommen, über die Schulter, nahm den Kleinen bei der Hand und eilte raschen Schrittes dem Waldeingang entgegen, dessen geheimnisvolles Dunkel er aufatmenden Herzens begrüßte.

»Willst Du ein Reh schießen?« frug Ludwig. Doch der Künstler, schweigend weiterwandelnd, überhörte, in allerlei Reflexionen vertieft, gänzlich diese Frage. Zuerst fesselte ihn wie immer, wenn er im Wald wandelte, das gedämpfte Licht, das in der Ferne durch die stolz aufragenden Stämme grünlich spielte und das ihn an das zauberhafte Wirken eines märchenhaften Smaragds erinnerte, von dem er als Kind einmal gelesen. Ja, wie märchenhaft muteten diese blauduftigen Durchblicke auf Wiesen und Bäche an, wie riefen sie längst verklungene Kindheitserinnerungen wach. Dann mußte er mit einer gewissen Wehmuth des Vaters gedenken, in dessen Heiligtum er wandelte. War diese Liebe des Vaters zum Wald nicht eine Art tierischen Instinkts? War der Vater doch im Walde geboren, die kurze Zeit, die er als Offiziersbursche beim Grafen Ibstein zugebracht, abgerechnet, hatte er immer nur im Walde gelebt. Des alten Mannes Körper war gleichsam ein Waldgewächs, das ohne die belaubten Stämme verdorren mußte. Ja, aus einer gewissen Entfernung betrachtet, nahm sich der Vater sehr gemütvoll aus, konnte man ihn schon lieben, in der Nähe änderte sich Manches. Ist er nicht seltsam so ein Lebenslauf? Wer sind die geheimen Mächte, die ihn leiten? Umgeben sie mich jetzt in der offenen Natur? Kann ich sie hier belauschen? Ich sitze als elfjähriger Junge in meines Vaters Zimmer und zeichne einen schlechten Kupferstich ab. Der Bediente des Grafen, der meinem Vater einen Befehl zu überbringen hat, sieht mich zeichnen. Er sagt dem Grafen davon, dieser verlangt meine Zeichnung zu sehen und erwirkt mir, als ich den Schulbesuch beendet, ein Stipendium. War es auch von Vorteil für ihn, daß jener Lakai den Elfjährigen zeichnen sah? Merkwürdig, daß mein Schicksal von einem alten Lakaien abhing.

Bald darauf kamen die Beiden an eine Lichtung, von der herüber Stimmen erschallten, Äxte erklangen. Näher kommend, gewahrte Eduard seinen Vater, wie er im Schweiße seines Angesichtes den Arbeitern beim Baumfällen half, sie zurecht wies oder lobte. Hier war der Vater mehr am Platze als zu Hause im Zimmer, hier hatte die Art, wie er mit seinen Leuten sprach, etwas Patriarchalisches, Ehrwürdiges, ließ ihn als einen thatkräftigen, gefürchteten Feldherrn erscheinen.

»So, Ihr Männer,« rief er voll Feuer, »er muß fallen, sägt zu und Ihr dort haltet die Stricke fest – noch nicht ziehen – Geduld —«

Der eifrige Mann war, von der Wichtigkeit des Werkes durchdrungen, überall zugleich, stets seinen kräftigen Lieblingsausdruck: »Ihr Männer!« im Munde. Die gewaltige Tanne ächzte bei jedem Zug der Säge, ins innere Mark getroffen, wie ein lebendes Wesen, und dieser trotzig klagende Ton schien den Förster in eine Art Kampfeslust zu versetzen, Obgleich er seinen Sohn in der Nähe wußte, nahm er absichtlich nicht die mindeste Notiz von dessen Gegenwart, und erst als unter vielen Schwierigkeiten, die die ganze Aufmerksamkeit des Alten in Anspruch genommen, die Tanne zu Boden schmetterte, ohne einen Unfall herbeigeführt zu haben, erst dann schritt er auf den Sohn zu.

»Ein schöner Baum, nicht wahr?« sagte er, seine Schnupftabaksdose ziehend, »gutes Holz, würde einen trefflichen Mastbaum abgeben.«

Eduard bemühte sich ein vergnügtes Gesicht zur Schau zu tragen und pries im Stillen den Vater glücklich, der so ganz in der Freude dieser körperlichen Arbeit aufging, so völlig mit sich zufrieden war.

»Darf ich Dir ein wenig helfen, Vater?« frug er dann.

Der Alte lachte in seiner gewohnten, näselnden Weise, eine Prise nehmend.

»Machʼ, daß Du fort kommst,« entgegnete er, sich den Schnurrbart von dem Schnupftabak reinigend, »helfen, solche Leute wie Du bist können wir bei der Arbeit nicht brauchen. Sieh doch nur Deinen Rock oder Deine Finger an. Du willst uns helfen; ha, ha! geh! doch! gehʼ doch!«

Dabei klopfte er ihm gutmütig auf die Schulter und sagte leise begütigend:

»Nun, nun, will Dich nicht beleidigen, kräftig genug wärst Du ja wohl, wärst auch sonst nicht mein Sohn, aber – weißt Du – hem! solche Arbeit schickt sich nicht mehr für Dich, Du bist ein feiner Herr, die mußt Du schon dem ungebildeten, alten Waldkerl überlassen.«

»Aber, lieber Vater —«

»Nur still,« fiel er ihm behaglich in die Rede, »machʼ, daß Du fortkommst, ich weiß, was Du denkst. Du weißt ja dabei doch, daß der alte Arbeiter Dein Vater war und es noch ist. Dürfte mich auch keiner ungebildet nennen, weißt Du, außer wenn ich es selbst thue. Schau meine Hände – geltʼ die sind rauh, ungehobelt? Und doch haben sie Dich so weit gebracht, als Du jetzt bist, und Du wirst noch manchmal an die Hände denken.«

Er ging ohne Gruß zur Arbeit zurück, während in Eduardʼs Erinnerung, als er dem Vater nachblickte, eine alte Kunde auftauchte. Sollte es dennoch möglich sein, was ihm die Mutter einst erzählt? Der Vater konnte so gutmütig sein, daß man ihm eine solche Handlungsweise nicht zutraute. Und dennoch neben dieser Gutmütigkeit, diese Härte. Der Vater habe von seiner ersten Frau eine Tochter gehabt, die er durch sein rauhes Benehmen so weit gebracht, daß sie Haus und Hof verlassen und dem Manne ihrer Wahl, der nicht ihres Vaters Wahl gewesen, in die Fremde gefolgt sei. Unglückliches Mädchen! Du bist begraben, Dein Name darf nie erwähnt werden.

Eduard schritt, ein dumpfes Unbehagen in der Brust, weiter, schlug sich jedoch mit aller ihm zu Gebote stehenden Kraft den Gedanken an jene Stiefschwester aus dem Sinn, auf einmal, da er sich umblickte, mit einer gewissen Befriedigung wahrnehmend, daß sich Ludwig heimlicher Weise von ihm weggeschlichen. Das laute in den Wald Hineinrufen gab seinem Grübeln eine willkommene Ablenkung. Der Aerger über das Davonlaufen des Jungen machte ihm sozusagen Spaß, er ärgerte sich mit Behagen und nährte diesen Aerger mit allem, was ihn umgab. Es ist wirklich an der Zeit, daß ich dem Jungen eine Ohrfeige versetze, er verliert allen Respekt, läßt mich da stehen, damit ich mir den Hals wund rufe. Und wenn er sich zu guterletzt verirrt. Ich bin wahrlich ein schlechter Pädagog, was kann eine Ohrfeige schaden, alle Sachverständigen sind darüber einig, daß ohne ein gewisses Maß von Prügeln ein Knabe garnicht zu erziehen ist. Und ernsthaft darüber nachdenkend, ob er in diesem Falle nicht seinen Widerwillen gegen körperliche Züchtigung überwinden müsse, kam ihm zugleich die Lust darüber nachzusinnen, was das wohl für eine Befriedigung gewähren möge, sich Vater nennen zu hören. Vater! hm! Das klingt mir so seltsam, mir wird ordentlich unheimlich, stelle ich mir vor, man dürfe mir diesen Ehrentitel beilegen. Warum nur? Tauge ich nicht zu diesem Beruf? Alle meine Freunde haben, sobald es ihre Mittel erlauben, nichts Eiligeres zu thun, als sich zum Familienvater zu entwickeln, warum wird denn mir so weh zu Mut, so als begehe ich ein Unrecht gegen die Natur, wenn ich mir vorstelle, ich vermehre die leidende Menschheit um ein neues Exemplar? Vielleicht stelle ich mir zu deutlich vor, daß es nicht zu den Annehmlichkeiten gehört geboren zu werden! Kurz, ich weiß nicht, die ganze Sache widert mich an. Er dankte Gott, daß er nicht Ludwigs Vater zu sein brauchte und wie er über sein eigentümliches Verhältnis zu dem Jungen nachdachte, trat jener Abend, an welchem er ihn auf der Straße gefunden, lebhaft vor seine Seele. Er war einst in München gegen Abend über die Isarbrücke gegangen, die Hände in der Tasche, den Kopf zur Erde gebeugt. Im Scheine einer mit dem Nebel kämpfenden Laterne, gewahrte er einen auf dem Pflaster langausgestreckten, schlafenden, sehr dürftiggekleideten Knaben von etwa acht Jahren, dessen leidende Züge ihn lebhaft an den berühmten jungen Bettler von Murillo gemahnten. Er blieb stehen. Da wäre ja ein prächtiges Modell gefunden, sagte er sich, um sein Mitleid zu unterdrücken. Der Junge öffnete verschlafen die Augen und als er einen Menschen vor sich stehen sah, streckte er die kränkliche Hand aus, eine gewohnheitsgemäße Bitte murmelnd. Der Maler half dem Durchfrorenen auf die Beine, frug wo er wohne und ging, die Blicke der Vorübergehenden ignorirend, mit dem zerlumpten Jungen nach Hause. Jetzt noch errötete er, da er an das Gesicht seiner Hauswirtin dachte, wie es so fragend auf ihn nebst seine Begleitung gerichtet war. »Und ich habe es nie bereut, mich des Kindes angenommen zu haben,« murmelte der nachdenkliche Spaziergänger vor sich hin, »einen solchen Sohn lasse ich mir gefallen, der wird einmal dankbar und hat auch Grund dazu, es zu werden.«




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