Die Mühle zu Husterloh
Adam Karrillon




Adam Karrillon

Die Mühle zu Husterloh





1. Kapitel


Hans Höhrle war in der Tat ein richtiges »Röhrle«. Denkt ihr, es wäre ihm eingefallen, auf die Welt zu kommen, als seine guten Eltern ihn mit Fug und Recht erwarten konnten? Kein Gedanke daran. Er schickte seine Schwester Suse voraus in den Kampf ums Dasein. Er selber blieb in der Reserve. Mochte Suse einstweilen wachsen und groß werden, damit sie ihn warten und pflegen könne, wenn es ihm gefällig wäre, sich in die Welt hineinzubemühen. Es verstrichen einige Jahre, ohne dass Hans Höhrle auch nur das Geringste tat, um sich eine Existenz zu gründen. Schon in seiner Keimzelle lag ein bedauerlicher Beharrungstrieb. So überholte ihn auch seine Schwester Liese, und beide Mädchen waren schon ziemlich erwachsen, als der lang Erwartete endlich kam. Man badete ihn, was er geduldig hinnahm, setzte ihm eine feine Spitzenhaube mit rosa Schleifchen auf und legte ihn in einer blitzblanken Wiege unter eine Federwolke, die von rot und weiß gewürfeltem Barchent zusammengehalten war. Hans hielt die Augen geschlossen und schlief sorglos weiter, als ob mit ihm gar kein Ortswechsel vorgegangen wäre und als ob er nicht die Verpflichtung hätte, seine neue Umgebung mit einem herablassenden Lächeln zu begrüßen. Sein Atem ging ruhig, nur zuweilen trat eine kleine weiße Blase zwischen seine Lippen und ruhte da auf rosigem Grunde wie eine Perle in der Muschel. Die ganze Familie war um das Bettchen versammelt, zwei zur Rechten, zwei zur Linken, Hans Höhrle in der Mitte.

Er war ein goldiger Junge, das fühlten alle, aber Suschen fand zuerst die Sprache. »Er ist zum Anbeißen,« sagte sie. Erschrocken fuhr Lieschen zusammen und beugte sich mit ihrem Oberkörper über den Schläfer, als ob sie ihn gegen das menschenfresserische Gelüste ihrer Schwester schützen müsse.

Der Vater Höhrle hatte sich endlich satt gesehen. Er drehte sich um, aber seine Gedanken weilten doch bei dem Kinde. Seine Blicke schweiften durch das Fenster. Vor dem Hause schäumte von den Mühlenrädern nieder sein bester Knecht, der forellenreiche Olfenbach. An dessen Ufern hin streckte sich die Nährmutter seines Viehes, die saftgrüne Wiese. Drüben auf dem ansteigenden Pfade, der sich in den Tannenwald verkroch, ging bedächtig ein Trupp schwerbeladener Esel, die das Mehl nach den Bauernhöfen trugen und das Korn wieder nach der Mühle zurückbrachten. Lustig und taktfest klapperten die Stühle, und wenn der Korntrichter leer war, so schellten sie den Mahlknecht herbei, als ob sie nun einmal ohne Arbeit nicht leben könnten. Allerlei Reichtum war in der Mühle, nur Pferde gab es nicht. »Pferdverrecken das sind Schrecken« war ein Sprichwort, nach dem der Bauer in damaliger Zeit seinen Betrieb einrichtete, und schließlich hatte man ja die Kraft der bedächtigen Ochsen, um ganze Berge von Erntesegen heimzufahren, wenn auch langsam.

Wie war das Glück des Hauses Höhrle so wohlgefügt, so reich, auf so breiter Basis, als ob es die Jahrhunderte überdauern sollte. Speicher und Keller des weit ausladenden Hauses waren wohlgefüllt. Auf Stunden im Umkreis war kein Hof, der sich mit der Mühle von Husterloh messen konnte. Alle Tage überschaute der Müller sein Glück, heute aber fühlte er es, heute, wo der Erbe geboren war seines Namens und seiner Habe. Er wusste jetzt, für wen die Kühe kalbten, für wen der Tannenwald die hellgrünen zarten Sprösslinge trieb. Auf ein weiteres Menschenleben hinaus sah er den Bestand der Dinge gesichert. Ihm war so warm ums Herz, und so schweigsam und verschlossen er sonst auch war, heute musste er reden. Er schickte die beiden rosenschönen Töchter an irgendeine Arbeit, klopfte sich mit der Hand den Mehlstaub aus den Hosen und setzte sich vorsichtig auf den Rand des breiten Bettes, in dem die Wöchnerin lag. Er war nicht mehr ganz jung. Seine glatt rasierten Backen hingen schon wie müde Flügel eines Zugvogels nieder, und wenn er sprach, so tanzte ein langer Zahn verwegen zwischen seinen Lippen. Er hatte ein demütiges subalternes Gesicht und stach ab gegen die energievolle Erscheinung seiner Frau, deren runde Formen die Bettdecke lüpften und auf deren drallen Backen man wohl eine Erbse zerdrücken konnte. Wer die beiden so nebeneinander sah, konnte leicht erraten, wer der Herr im Hause sei.

Vater Höhrle nahm die Hand der Entbundenen und sah ihr mit den demütigen Augen in das breite Antlitz, das auch durch das Weh des Geburtsaktes nichts von seiner Energie verloren hatte. »Mutter«, begann er weitausholend, »sieh doch, was der Junge für kräftige Fäuste hat.«

»Was willst du damit sagen«, entgegnete die Angeredete, und ihr Blick nahm dabei etwas Lauerndes an, wie das Auge eines Fechters, der den Hieb erwartet und ihn mit dem Hiebe zu parieren gedenkt.

»Nun doch,« fuhr er ruhig fort, »das Haus braucht auch einmal eine kräftigere Faust, als die meinige ist, und der Pflug und die Egge wollen geführt sein.«

»Ah,« platzte sie höhnisch heraus, »denkst du, mein Kind soll hinter den Riegelwänden deiner Bude wie die Schwänze deiner Kühe hin- und herpendeln. Daraus wird nichts!«

»Willst du das Kind hinaustreiben und in der Ferne finden lassen, was es hier ungesucht haben kann?«

»Soll er sich zu einem Gerippe herunterrackern wie du,« schrie sie zornig, »daraus wird nichts. Der Junge studiert und wird ein hochwürdiger Herr, und wenn er’s nicht zum Bischof bringt, ein Pfarrer wird er jedenfalls.«

»Rege dich nicht auf,« so suchte Vater Höhrle einzulenken.

»Du regst mich auf,« warf sie dazwischen. »Du willst nichts an das Kind hängen. Du brauchst es auch nicht. Denkst du, ich hätte umsonst seit Jahren die Milch gewässert; und dann das Geld, das ich in die Ehe gebracht habe. War die Tochter aus dem Hause Schütteldich eines Bettelmannes Kind?«

In diesem Augenblick ging die Tür auf, und Röse Ricke, die Hebamme, trat aus der Küche, wo sie ein wenig gelauert hatte, ins Zimmer. Sie kannte also den Gegenstand der Familienkontroverse, schob ihre Brille auf die Stirne und hauchte das hadernde Paar ungefähr folgendermaßen an:

»Seid ihr verrückt, ihr Narren? Die Frage ist doch noch gar nicht prinzipiell« – Gott weiß, woher sie das Fremdwort hatte, aber sie hatte es nun einmal und schoss damit bei jeder Gelegenheit gefährlich um sich – »wartet’s ab, bis der Junge prinzipiell hinter den Ohren trocken ist. Bis dahin kann noch viel passieren. Es kann ein Erdbeben euer Haus verschlingen. Eine Sintflut kann es in den Neckar schwemmen. Und dann, muss denn jeder etwas werden? Seht, da ist sein Onkel Schütteldich. Bis dato hat er drei Ledersofas zu Schanden gesessen und am vierten hobelt er zur Stunde mit der Kehrseite. Der Junge wird einst der Erbe seines Reichtums sein und dessen, was ihr zusammengeschrappt. Wozu braucht er einmal anderen Leuten die Arbeit wegzustehlen? Ich an seiner Stelle würde mich an jedem Quatemberfasttage einmal waschen und damit pasta!«

Vater Höhrle, der wohl ahnte, dass nun das Wasser zweier Beredsamkeitskatarakte ineinander plätschern würde, erhob sich, schlug mit seinem Stulpkäppchen einen Haufen Mücken tot, der auf der Tischplatte an einem Tropfen Milch kneipte, und ging nach seiner Mühle.

Jetzt belebte sich die Stube und füllte sich wie ein Jahrmarkt. Nachbarsweiber kamen und brachten in unterschiedlichen Geschirren eine mehr oder minder kräftig ausgefallene Weinsauce, an der die Wöchnerin sich erlaben und stärken sollte. Röse Ricke dirigierte eine Anzahl dieser Töpfe zwischen die Blumenscherben des Fensterbrettes, setzte sich daneben und fing an einzunehmen wie eine Sekundärbahnlokomotive. So kam’s, dass sie bereits einen kleinen Affen hatte, als der Doktor ins Zimmer trat. Wäre der Mann eigentlich nötig gewesen? O nein, aber Mutter Höhrle hatte nun einmal einen Stich ins Großartige; sie liebte das Außergewöhnliche, weil sie sich dadurch abheben wollte von der Masse und vor allem von denen, die es weniger machen konnten als sie selber.

Der gute, dicke Herr balancierte den Sprössling des Hauses Höhrle auf seiner breiten Hand wie auf einem Nudelbrett, horchte an ihm herum, betrachtete ihn durch seine Brillengläser, und es fehlte nicht viel und er hätte an ihm wie an einem Handschuh die Innenseite nach außen gekehrt. Endlich legte er ihn auf den Tisch mit den Worten: »So einer wird nicht alle Tage geboren. Glücklich der Mann, der zwischen Martini und Fastnacht ein Spanferkel von seinem Gewichte auf dem Tische hat.« Die ganze Korona war hochbefriedigt von dem günstigen Urteil dieses Sachverständigen. Suse und Liese waren froh, dass ihr guter Bruder aus den Bärentatzen des Übermenschen heil und ganz herausgekommen war. Sie machten sich über den Buben her und stritten sich, wer ihn unter Singsang durchs Zimmer tragen dürfe.

So war alles in bester Ordnung, und der Arzt hätte seine zwei Zentner Doktorfleisch dem mageren Klepper, der vor der Türe wartete, wieder überantworten können, wenn nicht Röse Ricke wie ein Wegelagerer aus dem Hinterhalt hervorgebrochen wäre. Sie hatte ihre Brille zwischen linkem Daumen und Zeigefinger geklemmt, stemmte, um durch ihre Fläche zu imponieren, die Hände in die Seite und überraschte den Arzt mit der erstaunlichen Frage: »Haben Sie auch gesehen, dass die Haut prinzipiell gerötet ist?«

»Sie haben das Kind gebadet,« entgegnete der Angeredete trocken, »und wohl etwas zu heiß. Die Röte kommt von der Wärme,« damit verneigte er sich gegen die Versammlung, bedeckte den Kahlhieb seines Schädels mit einem emeritierten Zylinder und verschwand mit geringschätzigem Lächeln.

Röse Ricke versank darob einen Moment in verärgerte Beschämung, aber sie erholte sich rasch und verkündete der erlauchten Versammlung: »Wenn die prinzipielle Röte von den Wörm kommt, so weiß ich Rat. Habt ihr Wurmsamen im Haus?«

Man suchte danach. Die weise Frau vermengte ihn sorgfältig mit Latwerg und stopfte das Gemenge dem Kleinen mit rücksichtsloser Gründlichkeit in den Mund. Dabei nahm jedoch nicht alles den richtigen Kurs. Einiges geriet auf ein totes Geleise und blieb auf den Backen hängen, und so kam’s, dass Hans Höhrle eine Stunde nach seiner Geburt aussah wie ein Schnauzer, der vom Mäusegraben kommt.










2. Kapitel


Während der nun zunächst folgenden Jahre erstrahlte scheinbar der Himmel des Höhrleschen Glückes in lachender, wolkenloser Bläue. Der Wald gab sein Holz, das Feld die glänzende Ähre, die Kühe die Milch. Mit Bienenfleiß gingen die Esel aus und ein, die Mühle prägte Geld, von den Hühnern fielen die Eier, von den Bäumen die Äpfel, und es fehlte wenig und selbst der Sägebock auf dem Speicher hätte angefangen zu kälbern. Die Mutter Höhrle baute sich nach der Peripherie aus und glich einer Melone, Suse und Liese zweien Pfirsichen, die zu reifen beginnen. Hans Höhrle hatte den Mund voller Zähne bekommen, die etwas weit auseinanderstanden, woraus Röse Ricke den Schluss zog, dass er prinzipiell weit in der Welt herumkommen würde. Das einzige, was man zu beklagen hatte, war der Verlust des tanzenden Zahnes zwischen den Lippen des Vaters Höhrle. Hatte der Müller vorher das Aussehen eines Pfarramtskandidaten, der mit dreißig Kreuzern Tagesgehalt auskommen muss, so glich er jetzt, wo seine Lippen sich etwas nach innen umkrempelten, mehr und mehr einem gutmütigen Großmütterlein.

Allein über die versöhnliche Abendstimmung, die auf diesem alternden Antlitz thronte, zog zuweilen wie Höhenrauch ein Schatten von Sorge. Vater Höhrle, und zwar er allein, sah am äußersten Rande seines Besitzstandes ein Wölkchen sich entwickeln und rasch sich zu Klumpen ballen, und er fürchtete, dass aus diesem jetzt noch so schattenhaften Luftgebilde ein Hagelschauer niederprasseln möchte, der sein Glück vernichten könnte.

Weiter unten im Tal, dort wo der Bach kurz vor seiner Mündung in den Fluss noch einmal wie ein zorniger Truthahn seine Federn sträubt und fauchend sich über Felsstücke stürzt, dort im Wiesengrunde fing man an ein Fundament zu graben. Es war die Firma Groß und Moos, eine Gesellschaft mit beschränkter Haftpflicht und unbeschränkter Rücksichtslosigkeit. Bauern, die des Abends in der Mühlstube zu schlafen pflegten und warteten, bis der Mahlgang das als Mehl ausspie, was sie dem Trichter als Korn anvertraut hatten, erzählten umständlich, was man da unten plante. So erfuhr der alte Höhrle die schier unglaubliche Mär, dass man statt des Wassers den Dampf einspannen wolle, die Mühlräder zu treiben. Er konnte es nicht glauben; aber er misstraute gleichwohl den Veranstaltungen da drunten und den hohen Mauern, die, wie von Geisterhänden gebaut, rasch aus der Erde wuchsen und einen Schornstein wie einen drohenden Finger in die Luft reckten, der ungefähr sagen sollte: »Nehmt euch in acht, es kommt rascher als ihr denkt!« Höhrle verstand und fürchtete die Drohung. Der unheimliche Backsteinkoloss da unten hielt ihn fest in seinem Banne, ja lähmte ihn fast wie das Auge der Kreuzotter den Zaunkönig.

Manchmal schon, wenn sich der Abend niedersenkte, war er auf Waldwegen talab gegangen. Er sah, wie sich der Sonnenball in hunderten von Scheiben spiegelte, das fand er erklärlich; aber er wollte fast vor Schreck in die Erde sinken, als das steinerne Ungetüm im Dämmerlicht wie auf einen Zauberschlag von innen heraus zu glühen begann. Was war das? Hatte die Firma Groß und Moos die Sonne gepachtet und hing sie in ihrer Mühle aus, wenn sie den übrigen Sterblichen unterging? Der Bachmüller stand wie angewurzelt in den Haselnussstauden verborgen. Es fror ihn von innen heraus, und als er seine Beine gebrauchen wollte, um nach Hause zu gehen, war es ihm, als ob er sie aus steifem Schusterkleister herausziehen müsse. Auch folgten sie nicht seinem Willen. Sie trugen ihn hin, wohin er nicht wollte. Sie gingen im Dunkeln den moosigen Hang hinunter ins feuchte Gras des Wiesentales, überschritten den Bach, seither seinen Bach, und Höhrle stand nun vor den drahtübersponnenen Fenstern der Maschinenhalle. Aus einer offenen Feuerung schlug ihm die rote Glut eines ganzen Fegefeuers in die Augen. Alles, was diesen Flammenball allenfalls umgeben mochte, gewahrte er nicht. Wer in die Sonne schaut, übersieht die Fliegen. Die Helle nahm des Mannes ganzen Sinn gefangen. Da hörte er, wie eine schwere eiserne Tür mit dem exakten Geräusche eines Pistolenschusses ins Schloss fuhr, und nun mit einem Male kamen in dem hohen weißgetünchten Raume seltsame Dinge zum Vorschein. Ein schwarzer unheimlich auf dem Bauche kriechender Riesenleib hob silberhell glänzende, gigantische Glieder, ließ sie sausend niederfallen, um sie, in tausend Gelenke gebrochen, blitzschnell wieder zu heben. Räder schnurrten scheinbar frei im Raume schwebend mit pfeifendem Zischen durch die Luft; Taue und Riemen drehten sich um unsichtbare Wellen und geigten scheinbar zwecklos in der Luft wie Libellen über einem Sumpf. Bei all dem Lärm und all dem Schnauben musste das eiserne Ungeheuer doch nicht allzu gefährlich sein; denn Höhrle sah Menschen da drinnen herumlaufen, leibhaftige Menschen mit blauen, ölfleckenglänzenden Hosen, die friedlich aus kurzen Pfeifen rauchten. Einer der rußgeschwärzten Gesellen riss mit einem eisernen Haken die Tür der Feuerung auf, und Höhrle sah wiederum in die brodelnde, funkensprühende Glut. Wiederum versanken alle Gegenstände wie in der Helle eines Weltbrandes. Aber da kam vom Boden aus, langsam sich hebend, eine Schaufel mit einer unförmlich schwarzen Masse mitten in die leuchtende Scheibe. Ein kurzer Ruck, und der rätselhafte Stoff fuhr mit Funkengeknister in den feurig flüssigen Brei. Der Vorgang wiederholte sich ein paar Mal, dann fuhr die schwere Eisentür in ihr Schloss und alles im Raum nahm wieder die Gestalt und Form an, die es vorher hatte. Höhrle dachte nach und fand heraus, dass die schwarze Masse die Steinkohle sein könne, von der er irgendwo gelesen hatte, dass sie berufen sei, die Welt umzuformen. Ein Gruseln überkam ihn vor diesem unheimlichen Wechselbalg, der dem Schoß der Erde entsprungen war, um der Mutter Antlitz zu zerkratzen. Was konnte noch alles kommen! Vater Höhrle suchte Hilfe bei Gott und erhob das Auge zum Sternendom. Aber was fand er da? Oben in der klaren stahlblauen Nachtlust da stand wohl einen Kilometer lang und länger ein schwarzes Ungetüm, das den Mond verdeckte und wie in Schmerzen sich krümmend den klumpigen Schlangenleib wandte. Der erschreckte Mann sah genauer hin und entdeckte, dass der schwarze Wurm, der seinem Auge den Blick zum Himmel verlegte und das Tal mit einem stinkenden Brodem füllte, aus dem Riesenschornstein geboren wurde, den Menschenhand aus kleinen Backsteinen zusammengesetzt hatte. Da zum ersten Male verlor er den Respekt vor der Allmacht Gottes, der sich seinen Himmel wie einen Schinken räuchern ließ, und er fing an zu glauben an die Macht der Kohle und des Goldes. Ihn fror. Er bohrte die Fäuste tief in die Taschen seines Rockes, schlug die Absätze in den Straßenkot und senkte den müden Blick dem Boden zu, das Herz so schwer, das Herz so bang. Aber was gewahrte er da? Wie ein Notenblatt sah die Straße aus mit ihren in steifem Kote stehenden Wagenspuren. Das war ja die reine Verkehrsstatistik der Firma Groß und Moos. Was wollten ihr gegenüber die paar Hufspuren der Esel besagen, die hier und da wie Notenköpfe eingezeichnet waren. Höhrle versuchte mit geschlossenen Lidern weiterzulaufen. Doch ihn zwang die Angst, zuweilen sich umzusehen.

Ihm war, als ob der schwarze Wurm da oben in den Lüften ihm nachkriechen und nach ihm schnappen könne, und er nahm mit Eifer den Weg zwischen die Beine.

Als er aber in den Wiesenpfad nach seiner Mühle einschwenkte, wurde er ruhiger. Das schier melodische Klappern, das nun an sein Ohr drang, und der Schimmer des Öllampenlichtes zwischen dem Blattwerk des Erlengebüsches senkten ihren Frieden in sein Herz und gaben ihm wieder Sicherheit. Ohne eines von den Seinen aufzusuchen, ging er in sein Bett. Doch schlafen konnte er nicht. Er zog sich an, stieg die Treppe hinunter, und trat zu ebener Erde in den Raum ein, wo die Bauernkundschaft schlief oder Karten spielte, um sich die Zeit zu vertreiben. Von dem mehlbestaubten Balkenwerke der Decke pendelte die Laterne nieder und warf wandernde Lichter auf ein halbes Dutzend kräftiger Gestalten, die auf Spreusäcken am Boden lagen oder saßen.

»Grüß Gott«, rief Vater Höhrle zwischen das Geklapper der Mahlstühle hinein.

»Grüß Gott,« tönte es vielstimmig zurück, und eine Anzahl Männer richtete die Köpfe in die Höhe, zum Zeichen, dass sie geneigt seien, sich in eine Unterhaltung einzulassen.

»Woher zu dieser Stunde, Vater Höhrle?« rief eine Stimme aus dem Hintergrund. »Habt Ihr Euch beim Kartenspiel verspätet?«

»Das nicht, ich war im unteren Tale.«

»Und habt die Mühle von Groß und Moos angesehen? Ich denke, Ihr besinnt Euch und verkauft beizeiten Eure Spreusäcke, Vater Höhrle, denn in ein paar Jahren liegt Euch hier kein Bauer mehr herum!«

»Und versäumt seine Zeit,« rief eine boshafte Stimme. »Wer drunten Korn ablädt, braucht nur den Wagen zu wenden, und er kann mit seinem Mehle wieder von dannen fahren.«

»Nehmt Euch in acht, Müller,« sagte ein anderer beißend, »als der Dampf sich vor die Wagen spannte, wurden die Fuhrleute gerädert, wenn er die Steine dreht, so zerquetscht er die Müller.«

»Man schneidet keinem die Haare, der nicht still hält,« sagte Höhrle und suchte einen zuversichtlichen Ton in seine Worte zu legen, aber es gelang ihm nicht, zumal da es ihm den Eindruck machte, als ob er zur Stunde schon einige Spreusäcke entbehrlich hätte. Er ging in seine Kammer; aber der Gott des Schlafes kam jetzt erst recht nicht, obwohl nickende Mohnköpfe, zu Bündeln geknüpft, vom Durchzug des Zimmers herniederhingen.










3. Kapitel


Früh am nächsten Morgen erhob sich Vater Höhrle. Wer mochte auch auf einem Lager bleiben, auf dem die Sorge das Leintuch in tausend scharfe Fältchen zerknüllt hatte? Es war ein Sonntag, und der Kuhbub hatte heute seinen Kirchgang. So ging denn der Hausherr hinter den Rindern her, die in gemächlichem Wiegen das Dorf durchschritten, zuweilen auch ein wenig stehen blieben und die Häuser betrachteten, die sie wohl alle kannten, die aber heute in ihrer sonntäglichen Sauberkeit einen kuriosen Eindruck machten. Sie kamen an einen steilen Pfad, der die Berglehne hinaufführte, und bogen in diesen ein, ohne dass ihnen irgendjemand einen Wink gegeben hätte. Sie kannten sich aus in der Gemarkung, und Vater Höhrle konnte unbesorgt hinterhergehend seinen Gedanken nachhängen. Als sie an einen geschorenen, aber wieder frisch treibenden Kleeacker kamen, fingen sie an zu fressen, und ihr Hüter konnte sich die Sache noch bequemer machen. Er setzte sich auf eine kleine Böschung, die das Feld vom Walde schied, und hatte hinter sich die schwarzgrünen Nadeln eines Tannenwaldes und vor sich das hellgrüne Wiesental mit seinen zerstreuten Bauernhöfen, seinem strudelnden Bache, seinem weißglänzenden schäumenden Wehr und über dem ganzen mildstrahlend die Morgensonne des Frühherbstes. Gewiss dies alles waren dem Vater Höhrle bekannte Dinge, und doch betrachtete er alle wieder mit stillem Wohlgefallen. Nur nach einer Seite hin konnte er nicht blicken, das Tal abwärts, dorthin wo gestern das schmutzige, schwarzgraue Ungetüm in den Lüften hing, wo die Dampfmühle stand, der er so sehr misstraute. Und doch war kein Gedanke daran, dass er von dem Punkte aus, wo er sich befand, den Backsteinkoloss hätte sehen können; das Tal war viel zu gewunden. Aber einerlei, er mochte nicht einmal nach der Himmelsrichtung schauen. Er ahnte, von dort heraus, von dem Schienenstrang der Eisenbahn aus, der sich durchs Neckartal wie eine falsche Schlange wand, kam die neue Zeit mit ihren Tücken und ihrer Grausamkeit, ihrer Großmannssucht, ihrem Geldhunger, deren Opfer er werden sollte.

Das Tal herunter wälzte sich jetzt in getragenen Wellen der Klang der Kirchenglocken. Vater Höhrle war ein frommer Mann und ging gern zur Kirche, aber heute war doch der Kühbub an der Reihe, also musste der Bauer seinen Gottesdienst im Freien halten. So faltete er die Hände über seinem Stocke und betete ein Gebet, das er selber verfasst hatte und das also lautete:

»Lieber Gott erhalte, was du mir gegeben hast. Lass mich deine Scholle bebauen, so lange ich lebe, und lass sie mein Bett werden, wenn ich gestorben bin. So viel erflehe ich für mich und mehr auch nicht für meine Kinder. Meinem Weibe aber gib einen friedfertigen demütigen Sinn, damit sie nicht nach Dingen strebe, die dem Bauer nicht erreichbar sind.«

Es war nicht viel, was der Landmann da erbat, und wenn der Himmel nicht geizig war, konnte er’s gewähren. Aber er tat’s nicht.

Eben war Vater Höhrle fertig mit seiner Andacht und setzte sein Stulpkäppchen wieder auf, als der Viertakt eines Zweigespannes auf der Straße unter ihm erklang. Höhrle schaute hinunter. Was war das? Auf dem Rücken zweier mutwilliger Goldfüchse spiegelte sich die Morgensonne und dahinterher rollten fast lautlos die schwellenden Lederpolster eines Wagens, für einen König, der zur Krönung fährt, eben gut genug, und doch saßen nur zwei Bürgerfrauen darin. Der Bauer brauchte einige Augenblicke, um die Erscheinung zu deuten. Da schneidet ihm wie ein Peitschenhieb ein widerwärtiger Gedanke durch das Gehirn: Das ist die Firma Groß und Moos, das sind die Damen mit der beschränkten Haftpflicht. – Jetzt war’s vorbei mit dem Sonntagsgottesfrieden, vorbei mit seiner Ruhe und seiner Andacht. Er verließ das freie Feld und vergrub seine Aufregung und seine Angst im Waldesdunkel. Nur zuweilen schielte er wie ein verscheuchter Räuber unter den Tannenzweigen hervor, und als er nach Stunden der Zurückgezogenheit sah, dass seine Rinder die Nasen häufig in die Luft streckten und nur lässig fraßen, trieb er sie auf einsamen Pfaden ins Dorf den Ställen zu.

Als Vater Höhrle gegen Mittag sich seiner Mühle näherte, gewahrte er, wie ein Bündel Unterröcke voller Grazie um die Hausecke flog. Obwohl er nicht sehen konnte, wer in den Röcken steckte, so wusste er doch, dass dies der Kometschweif von Röse Ricke sei und dass der dazugehörige Stern sich nun die Treppe zum zweiten Stock hinaufschob, um oben irgendein Unheil zu verkünden. Er hatte keine Eile zu erfahren, was vorging. Er begab sich in den Stall und legte gemächlich eine Kuh nach der andern an die Kette.

»Vater Höhrle, Vater Höhrle, hört Ihr denn nicht, Vater Höhrle?« so rief mit einem Male Röse Ricke die Treppe herunter, »die Hausherrin wünscht, dass Ihr zur Stelle sein sollt, und ich denke Ihr werdet erscheinen!«

»Gewiss werde ich das,« gab der Müller zur Antwort und beeilte sich, die ausgetretenen Stufen zu ersteigen. Vor der Stubentür ordnete er erst in etwas seine Kleider und trat in demütiger Haltung ins Zimmer. Als er in das Antlitz seiner Frau sah, fuhr er ängstlich zusammen, denn obgleich der Kopf nicht die Hörner von Michelangelos Moses trug, lag doch die ganze eiserne Härte eines unerbittlichen Gesetzgebers in seinem Ausdruck.

»Hab ich dir’s nicht immer gesagt,« polterte die Müllerin los, »so kann’s nicht weiter gehen. Hast du dich je bemüht, deine Familie auf das Niveau hinaufzuheben, wohin sie gehört? Wer spielt nun im Tale die erste Geige? Groß und Moos. Wer fährt auf Gummirädern und hat seidene Schleier vorm Gesicht? Die Damen Groß und Moos. Wer hat in der Kirche einen eigenen Stuhl und lässt niemand anders mehr hinein? Groß und Moos. Und wer muss sich die Beine in den Leib stehen, solange die Predigt währt und die Messe? Die Kinder des Hauses Höhrle. Wer kommt daher wie eine Kuhmagd, hat nichts aufzusetzen und nichts anzuziehen? Die Frau vom Hause Höhrle.«

In dem Augenblick, wo sie sich so ganz erbärmlich nackt und bloß der Welt zeigen musste, übermannte sie das Mitleid mit sich selber. Sie fing heftig zu weinen an und hob die Schürze nach den Augen, woraus der Leser sehen mag, dass sie allzu dick auftrug, und dass sie immerhin noch etwas mehr am Leibe hatte, als unsere ehrsame Stamm-Mutter Eva nach dem Sündenfall.

Zunächst hörte man freilich nichts weiter als ein ausdrucksvoll vorgetragenes Schluchzen, das nicht einmal Röse Ricke sonderlich zu rühren schien, denn sie lief mit erheucheltem Seufzen nach der Küche, holte eine blecherne Waschschüssel und stellte sie der Mutter Höhrle auf den Schoß. »So,« sagte sie, »nun lasst die Tränen fließen. Das Wasser, was einer weint, das braucht er nicht zu schwitzen. So hat der liebe Gott prinzipiell die Wasserfrage entschieden, und wenn der eine Topf voll ist, so hol’ ich einen andern.«

Nun konnte eigentlich alle Welt erwarten, dass man es tropfen höre, allein es geschah ganz etwas anderes. Höhrle junior stürzte aus einer Seitenkammer und benutzte die Pause des Schweigens, um sich seinem Vater in einem neuen eleganten Anzuge vorzustellen. Wenn ich von einem neuen Anzug rede, so ist das eigentlich etwas zu viel gesagt, denn der Stoff zum mindesten war nicht neu. Er hatte vordem schon durch manches Jahr Vater Höhrles Beine geziert, und wenn ich sage, elegant, so ist auch dies ein Euphemismus, denn da der Meister Eisengarn die Metamorphose mehr mit der Schere als mit der Nadel bewerkstelligt hatte, so waren die Hosen etwas völlig ausgefallen, und sie täuschten an der Rückseite vor allem bedeutend mehr vor, als Höhrle junior sein eigen nennen konnte. Aber der Junge, der noch wenig ästhetisches Zartgefühl besaß, war mit seinem Aussehen offenbar sehr zufrieden, und er verlangte von seinem Vater einige Worte bewundernder Anerkennung. Dieser, glücklich über die kleine Ablenkung, fuhr dem Knaben mit der Hand durch das lichtblonde Haar und sagte: »Schön, mein Junge, sehr schön, du könntest der Sohn des Amtmannes sein.«

Diese Worte rissen die geborene Schütteldich plötzlich aus tränenfeuchter Lethargie empor, und sie schrie in bellendem Tone: »O, der Hohn, das muss Unsereiner sich bieten lassen! Da sieh einer den Jungen an, gleicht der noch einem Menschen?«

»Ihr übertreibt, Nachbarin,« fiel Röse Ricke ein, »er ähnelt immer noch dem Dalai-Lama von Taklakott, den ich einmal in einem Guckkasten kennen gelernt habe,« und sie lachte hell hinaus.

Auch Vater Höhrle lachte, und da er an derartige Rührszenen längst gewohnt war, so benutzte er die Gelegenheit und brachte die Tür hinter seinen Rücken. Der kleine Hans, der merkte, dass man sich über ihn amüsiere, hatte nichts dagegen einzuwenden, sondern griff mit beiden Händen an die Hosennähte und fing an, in den unaussprechlich weiten einen Cancan zu tanzen. Jetzt nahm Mutter Höhrle die Schürze von den Augen, und da sie wusste, dass sie vorhin gewaltig übertrieben hatte, so wollte sie wenigstens Röse Ricke gegenüber etwas einlenken, und sie sagte kleinlaut: »Ist nicht sein Aussehen so, dass man ihn auf Jahrmärkten sehen lassen könnte?«

»Doch,« sagte Röse Ricke, »und wenn wir zwei mit dem Zinnteller sammeln gingen, so dürfte immerhin ein Stück Geld dabei herausspringen.«

Die Tür ging auf, und Suse und Liese, die im Sonntagsputz vom Kirchgang nach Hause kamen, machten sich ungestüm über ihren drolligen Bruder her und bedeckten ihn mit einer schier endlosen Anzahl von Küssen. Mutter Höhrle fand das langweilig und kürzte die Szene des Wiedersehens mit der Frage ab, ob denn die Mädchen nichts Neues im Kirchdorfe erfahren hätten. Doch, sie hatten die Damen der Firma Groß und Moos in einem Viktoriawagen gesehen, und sie bestätigten ausdrücklich, was Röse Ricke nur gerüchtweise erzählt hatte, dass Groß und Moos in einem eigenen Kirchenstuhle saßen, der durch eine Tür für andere Leute abgesperrt war, dass der Kirchendiener vor ihnen einen Knicks gemacht, mit seinem Sacktuch die Sitze abgestäubt und ein Polster auf ihre Kniebank gelegt habe. Mutter Höhrle war empört über eine derartige Bevorzugung hereingeplackter Menschen vor dem Angesichte des Herrn, und sie erklärte rundweg: »So, entweder räumt jetzt der Pfarrer der Familie Höhrle gleichfalls einen eigenen Stuhl ein, oder wir werden Protestanten.«

»Wacker geredet,« sagte Röse Ricke, »und dem guten Hirten über dem Kirchenportal geschieht es recht, wenn seine Schafe aus dem Pferch brechen, warum speist er sie mit so unterschiedlichem Futter. Unheil, du bist im Zug,« murmelte sie noch, ging gut gelaunt nach der Türe und überließ die Mutter Höhrle dem Dämon des Neides, der mit seinen Krallen ihr Herz zerfleischte.










4. Kapitel


Schade, recht schade, dass Entschließungen oft so rasch reifen, und dass sie nicht wie die Schlehen am ernährenden Stiele hängen müssen, bis es einmal tüchtig gefroren hat. Mutter Höhrle hatte in der Nacht von Sonntag auf Montag den altbäuerlichen Erfahrungssatz, dass Pferdewirtschaft dem kleinen Besitzer gefährlich werden kann, aus Eitelkeit über Bord geworfen und lenkte ihr Boot ins gefährliche Fahrwasser der Großtuerei verwegen hinein. »Uns übertrumpft keiner,« sagte sie und bestellte die Amtschaise. Sie hatte sich vorgenommen in die Stadt zu fahren, um für die Kinder modische Kleider zu kaufen. »Es geht absolut nicht mehr an, dass die Würmer in ihren billigen Fähnchen herumlaufen und abstechen gegen das Personal der Firma Groß und Moos,« sagte sie zu ihrem Mann, »und Hans, der nun schon bald zur Schule geht, kann nicht länger die Fleischseite deiner abgeworfenen Häute als Galalivree tragen.« Das war’s, was sie sagte, was sie verschwieg, war das Folgende: »Schirren wir das Pferd von hinten auf, und haben wir erst die Chaise, so sieht der Dümmste ein, dass sie ohne Pferde zwecklos wäre.« Zur Reise hatte sie sich leidlich modern zurechtgestutzt, und als sie breit wie ein Abbild des Allvaters Brahma in den roten Polsterschonern der Amtschaise saß, konnte sie für einen, der nicht zu nahe stand, immerhin für eine Dame gelten. Ihren Kurs nahm sie an der neuen Dampfmühle vorbei, obwohl es einen näheren Weg nach Heidelberg gab, denn sie wollte, dass ihre Gegner sie sehen und sich überzeugen sollten, dass es auch noch andere Leute gebe, die in einer Chaise eine gute Figur machten. Auch fuhr sie neben der Eisenbahn her. Ihr fiel nicht ein, so was zu benutzen. Mochten arme Leute sich in einem solchen Fuhrwerk wie Dampfpflaumen zusammenquetschen lassen, sie brauchte Platz, und sie war unabhängig genug, um sich weder eine Abfahrts- noch Ankunftszeit vorschreiben zu lassen.

Ihre Einkäufe in den Konfektionsgeschäften waren bald erledigt. Nun kam für sie die Hauptsache, ein Wagenbauer, und womöglich der gleiche, von dem Groß und Moos bezogen hatten. Der Mann fand sich und auch eine gediegene Auswahl von Wagen; als aber der Preis genannt wurde, da erwachte in der geborenen Schütteldich für einen Augenblick wenigstens das Mitleid mit dem Bachmüller Höhrle, und wie der Kutscher seine Pferde stramm nahm und rückwärts zum Hofe hinaushufte, so griff sie, wenn auch ungern, ihren Wünschen in die Zügel und zerrte sie vorübergehend auf ein Pflaster zurück, wo Begehrlichkeit und Ausführbarkeit gleichen Schritt miteinander halten konnten. Ein kalter Blitzstrahl war niedergefahren vor der Mühle zu Husterloh, er hatte sie nicht beschädigt.

In verärgerter Stimmung kam Frau Höhrle, die ihren Groll in der Zugluft des Neckars kühlte, an den Fuß des Schlossberges, wo durch Zierstauden hindurch rote Sättel leuchteten, die auf grauen Eseln lagen. Da schlug ihr der Gedanke ins Gehirn: »Das muss verfangen und kommt nicht zu teuer. Esel haben wir ja und Geld für Sättel auch.«

Nach einer halben Stunde waren drei Sättel, zwei für Damen und einer für einen Herrn gebaut, in der Kutsche verstaut, und die Amtschaise schaukelte zum Karlstore hinaus, der Strömung des Flusses entgegen.

Auf der Heimfahrt nahm man den kürzeren Weg. Mutter Höhrle konnte nicht darauf rechnen, dass sie von den Fenstern der Dampfmühle aus noch einmal gesehen würde, denn der Abend war finster, und eine beträchtliche Kühle dämpfte den Hass der leidenschaftlichen Frau. Zu Hause angekommen, wurden die Sättel im Erdgeschoss untergebracht, die verschiedenen Kartons aber brachte man in die Wohnstube, wo deren Inhalt bei den Kindern freudiges Erstaunen, bei dem Vater Höhrle aber, der trotz seiner blöden Augen weit voraus in die Zukunft blickte, eine bange Furcht erweckte.

Am folgenden Tage ging eine Aufforderung an die bucklige Nähkatherine und ihre Schule, dass sie zur Mühle kommen sollten. Allein es geschah das Unerhörte, die Bucklige lehnte ab, mit dem Ausdruck des Bedauerns, weil sie bei Groß und Moos zugesagt habe. So was war einfach zum Überschäumen. In Mutter Höhrle kochte und brodelte es wie in einem Wurstkessel, und Röse Ricke erhielt den Befehl, der Missgeburt zu verkünden, »dass es auch wieder andere Zeiten geben könne, und dass der Winter den Haufen Kartoffeln im Keller abflachen und das Holz am Herde knapp werden lasse. Dann aber sollten gewisse Leute nicht wagen, vor gewisse Türen zu kommen. Die Treppe der Mühle sei steil, und leichthin könne einer, der herunterflöge, das Genick brechen.« Röse Ricke richtete ihren Auftrag wörtlich aus und fügte aus dem eigenen noch hinzu: »Die Nähkatherin möchte es nicht so weit treiben, dass die Müllerin prinzipiell werde, denn in diesem Falle werde sie – Röse Ricke – sogar dem Teufel raten, ihr aus dem Wege zu gehen.«

Die Furcht vor der Mühle zu Husterloh war zu der Zeit noch groß genug, um die arme Nähkatherine umzustimmen. Sie zog mit ihrem Gefolge von Nahsichtigen und Halbgelähmten in die Mühle ein. Mutter Höhrle hatte einen staunenswerten diplomatischen Erfolg zu verzeichnen, und ihr Siegerauge glühte über den bleichsüchtigen Mädchengestalten, wie das des Pompejus über seinen Legionen.

Nun begann ein gewaltiges Nadeleinfassen, Garnwickeln, Sticheln und Steppen, und bald blähten sich die Kleider der Mädchen über Puppen von Rohr und Weidengeflecht wie Festwimpel dem großen Tage entgegen, der ihrer harrte. Gehörten die Tagesstunden der Schneiderei, so war der Abend der Reiterei aufgehoben. Der Mühlbaschel mit seinem Anflug von Triefaugen musste den Kindern im Grasgarten die Kunst des Reitens beibringen.

Hans ließ sich das gern gefallen, die Mädchen aber beugten sich mit verschämten Gesichtern dem Willen der Mutter. So hätte Frau Höhrle vorerst glücklich sein können, wenn nicht zuweilen die Chaise der Firma Groß und Moos vor ihrem Fenster vorübergerasselt wäre und wenn nicht Röse Ricke die Neuigkeit gebracht hätte, dass der Sattler im Dorfe Husterloh eine phänomenale Sache – »Lamperkins« für genanntes Haus in Arbeit habe.

So hatte denn die Woche ihre sechs Werkeltage heruntergearbeitet und Mutter Höhrle ihre Vorarbeiten, um den Kirchenstuhl zu erstürmen, den die Firma Groß und Moos widerrechtlich usurpiert hatte. Diese Leute sollten sehen, dass es vor Gottes Angesicht keine Logenplätze gibt, auch für den nicht, der viel Geld in den Klingelbeutel werfen kann. Die Müllerin hatte große Aussichten in diesem Ringen zu siegen, zumal da sie noch mit gewandter Kavallerie ins Feld rücken konnte, denn die Kinder sollten zum ersten Male auf den roten Plüschsätteln zur Kirche traben. Suse und Liese wollten nicht recht, sie fürchteten aufzufallen. Sie hatten vom Vater die Demut geerbt und den Verstand, und der Wert der Mutter war in ihren Augen gesunken, gerade da, als sie ihren Willen durchgesetzt und sie mit harten Worten in die Sättel gezwungen hatte. So ritten sie denn verschämt und mit niedergeschlagenen Augen die Straße entlang, ihren Bruder in der Mitte. Kam irgendjemand des Weges, so spornten sie ihre Tiere, um rasch vorbeizukommen. Sie hatten das Gefühl, dass sie sich lächerlich machten, und sie fürchteten irgendeinen, der ihnen das geradezu ins Gesicht schleuderte. Richtig, eben hatten sie einen Trupp langsam schreitender Kirchgänger überholt, als sie hinter sich die Bemerkung hörten: »Die Bachprinzessinnen. Die Bachprinzessinnen.« Ach, was war das für die Mädchen ein hartes Wort. War damit nicht ausgedrückt, dass man sie der Überhebung beschuldigte, dass man sie für halbverrückt hielt? Hatten sie das verdient, weil man sie einen Meter über das Niveau erhob, auf dem andere sich fortbewegen, indem man sie zwang, auf einen Esel zu steigen? Am liebsten wären sie heruntergerutscht und zu Fuß weitergegangen, aber die Mutter, die eigenwillige, schreckliche Mutter! Und dann ihr Bruder Hans, der sich auf dem Esel wie ein Maharadscha fühlte. Von all dem Herzeleid, das die Schwestern bedrückte, hatte er nicht die mindeste Unbequemlichkeit. Er freute sich der frischen Morgenluft, die mit seinen Locken spielte, war ausgelassen, quälte seinen Esel und wollte vor Lachen vergehen, wenn das Tier allerlei Kapriolen machte, um seinen Quälgeist in den Sand zu setzen. So hatten die Mädchen auch noch die Sorge, dass ihm ein Unfall zustoßen könne, und sie waren wie erlöst, als sie bei einer Biegung des Weges ihren guten Vater vor sich sahen. Still und gedrückt ging er dahin in seinem Sonntagsanzuge, der in seiner stellenweisen Fadenscheinigkeit nicht vermuten ließ, dass sein Träger der Ernährer sein könne so hochtrabender Kinder. Ach wie schnitt die armselige Erscheinung des Vaters wie ein giftiger Vorwurf in das Herz der Töchter ein, ganz anders noch als vorhin der Spottname: »Bachprinzessinnen«. Und gar als er zu ihnen aufsah mit den staunenden stillen Augen, da fühlten sie, dass ihr Platz am Boden sei, bei dem einsamen unscheinbaren Fußgänger, und beide rutschten mit einem Schlage aus den Sätteln und schmiegten sich an seine Seite. In diesem Augenblicke war die Familie Höhrle zerrissen in zwei Teile, von denen der eine weiches Eisen war, der andere ein harter Hammer, der mit permanenter Gefühllosigkeit niederfuhr und die Masse nach seinem Willen formte.

Zuerst war alles still. Die drei fühlten, dass sie in ihrem Empfinden zusammengehörten und freuten sich, dass niemand da war, die Harmonie ihrer Seelen zu stören. Ach! Wer war der niemand? Sie alle wussten es, und doch wäre ihr Geheimnis nie über ihre Lippen gekommen. So wollen wir es sagen. Die Mutter war es, die eitle Mutter, die kein Verständnis hatte für das zartere Fühlen ihres Mannes und ihrer Töchter, und die Furcht vor ihr war es, die aus dem schwachen Vater redete, als er die verschüchterten Mädchen aufforderte, so schnell wie möglich ihre Tiere zu besteigen und dem wilden Bruder nachzutraben, der in toller Ausgelassenheit seinen Esel tummelte und eben auf dem Punkte war, an einer Straßenbiegung sich den kontrollierenden Augen seiner Schwestern zu entziehen. Die Sorge um den Wildfang verdrängte jetzt jedes andere Empfinden. Es begann eine wahre Hetzjagd hinter ihm her, und wie ein Wirbelsturm sauste die kleine Kavalkade die Straße von Husterloh hinauf. Als man vor der Kirchentür angekommen und die Mädchen abgestiegen waren, begann die Verlegenheit erst recht. Was sollte man mit den unleidlichen Eseln machen inmitten der stechenden Blicke aller derer, die um das Gotteshaus standen und auf das Zusammenläuten warteten? Hans Höhrle kam nicht aus der Fassung. Er blieb auf dem Grauen sitzen, und als die Leute lachten, schnitt er ihnen von dem Rücken des Kreuzträgers herunter Fratzen. Die Mädchen aber standen beschämt da und legten die Köpfe mit den verschüchterten Rehaugen auf den Hals ihrer Tiere, rat und hilflos und warteten, wie führerlose versprengte Soldaten, auf irgendjemand, der kommen und ihnen befehlen möchte.

Die Mutter hatte heute wieder ihren großartigen Tag. Sie hatte die Amtschaise bestellt, saß geschwollen darin, überholte gleichfalls ihren nominellen Gebieter und kam nach einer Weile glücklich bei ihren Sprösslingen an. Nun kam Leben in die Gruppe. Man band die Esel an kleine eiserne Ringe, die an der Mauer des Wirtshauses angebracht waren, und großartig, als ob sie zu einer Krönung schritte, sah man die Müllerin, die drei Kinder hinter sich, unter dem Spitzbogen des Kirchenportals verschwinden.

Das Gotteshaus war noch wenig gefüllt. Nur hier und da saß einer, der sich die Zeit mit dem Anschauen der Stationsbilder vertrieb, ein anderer gähnte und ein dritter benutzte die Zeit, bevor die Orgel anfing, störend dreinzureden, zu einem kleinen Schläfchen. Mutter Höhrle erregte Aufsehen bei diesen wenigen, als sie mit ihrem Gefolge zwischen den Bänken dahinschritt, mit einem Schlüssel, den ihr der Schlosser angefertigt hatte, den Stuhl der Firma Groß und Moos aufschloss und sich mit herausfordernder Stirne umsah, als ob sie sagen wolle: »Hier bin ich, und ich will den sehen, der mich da hinauswirft.« Vor dieser Haltung verduftete der Kirchendiener in die Sakristei, und Röse Ricke, die von dem Kitzel, etwas zu erleben, hergetrieben, gedankenlos einen Rosenkranz zöpfte, weckte ihre Nachbarin, deutete mit dem Finger nach der Müllerin und flüsterte leise: »Das kann gut werden.« –

Indessen fingen die Glocken an zu läuten, und alles, was draußen seither stumpfsinnig herumgestanden hatte, drängte sich nun wie eine Herde Kamelkälber in das Gotteshaus, stieß und drückte sich, trat sich auf die Hühneraugen und tat so, als ob es durchaus keine andere Gelegenheit mehr gebe, sich einen Unterstützungswohnsitz im himmlischen Jerusalem zu sichern. Getragen von dieser schwappenden Menschenwelle kamen auch die Damen der Firma Groß und Moos herangeschwommen und trieben auf ihre reservierten Plätze zu. Als sie diese schon zum Teil besetzt sahen, warfen sie hochmütig fragende Blicke um sich, die Mutter Höhrle mit einem grimmverbissenen Lächeln beantwortete. Suse und Liese wollten nichts sehen. Sie knieten da, drückten die Gesichter in ihre Gebetbücher. Der kleine Hans aber, der die Mimik richtig beurteilte, hoffte auf eine kleine Abwechslung und hätte zunächst nichts lieber gesehen, als eine kleine Balgerei zwischen den zwei feindlichen Firmen. Er glühte förmlich in dem Verlangen, zerfetzte Hauben zu sehen und heruntergerissene Zöpfe. Doch er sowohl wie Röse Ricke kamen nicht auf ihre Kosten. Die Orgel fing an zu präludieren, und ihre milden Töne lockten aus dem Gewölbe herab einen wahren Tauregen von Gottesfrieden, der Starres geschmeidig machte und allzu Sprödes leise niederbog. Dann fing man an zu singen, und es war, als ob das Herz den Schatz mild versöhnlicher Regungen nicht fassen könne und ihn hinauswerfen müsse in alle Lüfte. Suse und Liese knieten in der Menge drin. Sie sangen nicht; die Angst, dass sich irgend etwas ereignen könne, drückte ihnen die Lippen zu, aber sie beteten leise: »Herr Gott, gib Frieden allen Herzen.«

Da mit einem Male, was war denn das? Von draußen her ein fürchterliches Brüllen, mitten hinein in den frommen Gesang der Gemeinde.

»Suse, die Esel,« flüsterte Liese und sank tief in sich zusammen. »Auch das noch,« gab Suse leise zurück und zog ihren Bruder, der die Sache von der heitersten Seite nehmend bereits auf die Bank gestiegen war und Faxen machte, zu sich herunter und hielt ihm den Mund zu, als er stoßweise Versuche machte, laut hinauszulachen. Mutter Höhrle fing mit ihrem breiten Rücken all die höhnenden Blicke auf, die wie Pfeile von allen Seiten nach ihnen geschossen wurden. Aber die Mädchen, die armen Mädchen, sie hatten das Gefühl, als ob sie nackt im prasselnden Hagelwetter ständen. Was konnten sie mehr tun, als die Augen zu schließen? O, hätten sie doch auch die Ohren schließen können, um nicht die Esel hören zu müssen, die schrecklichen Esel und das Zischeln giftiger Zungen neben sich.

Endlich ward’s draußen stille. Der Kirchendiener war hinausgeeilt. Er fand den Vater Höhrle bereits bei der Arbeit, und die zwei brachten die Tiere nach einem entfernten Stalle, wo sie sich aus Mangel an Anregung wieder schweigsam verhielten. Hans, den seine Schwestern unter die Bank gedrückt hatten, war da unten eingeschlafen, und nun hätten auch diese wieder ruhig werden können, wenn sie nicht der Gedanke an den Heimweg in qualvoller Aufregung gehalten hätte. Wer gab ihnen ein Gewand, das sie, der Menge unsichtbar, meinetwegen durch die Nacht des Hades in ihre stille Dachkammer entführte?

Ach das Geschick ist grausam, und wem es einmal übel will, dem spart es keine Demütigung und keine Schande. Umsonst blieben die verschüchterten Tauben nach dem Gottesdienst noch eine geraume Weile auf ihrem Platze, endlich mussten sie doch hinaus. Draußen stand die steifgewordene Menge, die es sonst so eilig hatte, zum Mittagstische zu kommen, fest wie eine Mauer, und achtete nicht der glühenden Sonne, welche die Partei der Mädchen ergreifend, unbarmherzig niederbrannte. Es half nichts, auch dieses Spießrutenlaufen musste noch ausgehalten werden. Mit niedergeschlagenen Blicken gingen die Kinder durch die lachende Gasse, die man so gefällig für sie geöffnet hatte. Sie sahen nichts als den Fußboden, aber sie hörten leise höhnendes Kichern und wieder das schreckliche Wort: die »Bachprinzessinnen«.

Vater Höhrle hatte für seine Töchter vorausgedacht. Er trat neben sie, nahm sie bei der Hand und führte sie in den Flur eines befreundeten Hauses. Das Hinzutreten des schlichten Alten gab den armen, durch Putz verunzierten Mädchen wieder Ansehen und Würde. Man hörte keine Zurufe mehr.

Hans blieb der Mutter überlassen, die Mannes genug war, für ihn zu sorgen und sich über alles hinwegzusetzen.

Den ganzen Tag über hielten die Töchter zusammen mit dem Vater sich im Hause des Gastfreundes, und erst am Abend, als der Neumond über den Bergen stand und ein fahles Zwielicht, das alles in graue Schleier hüllte, über das Tal hin ausgoss, wagten sie es, eng an den Vater geschmiegt, der Mühle zuzustreben. Ohne die Wohnstube noch einmal zu betreten, schlichen sie die Holzstiege hinaus zu ihrer Kammer, wo der Gott des Schlafes die Müden und Vergrämten in seine Arme nahm, sie leise wiegte und sie vergessen ließ, was der Tag ihnen Schweres zugefügt hatte.










5. Kapitel


Der folgende Montag war in der Familie Höhrle ein kritischer Tag erster Ordnung. Lange vor dem Hahnenschrei donnerte die Müllerin in der Küche herum. Zuweilen schlug es ein, und Blechkannen und zinnerne Löffel tanzten klirrend auf dem Wasserstein. Alles, was im Hause als Schmarotzer lebte, machte, dass es unter den Füßen fortkam. Das Volk der Mäuse floh in die Löcher hinter die Lamperien, die Katzen dehnten sich wie die Gummischläuche und verzogen sich durch einen Türspalt hinaus nach dem Kornboden, und Röse Ricke, die gekommen war, ihre Kaffeemilch zu holen, entfernte sich in eiligen Sprungschritten wie ein Wiedehopf.

Vater Höhrle, der im Stalle unter der Küche seine Kühe putzte, bekreuzte sich, als er zu seinen Häupten das Unwetter brausen hörte. Es gab wohl niemand auf der Welt, der ihn für einen tapferen Mann gehalten hätte, aber seiner Frau gegenüber war er geradezu ein Feigling. Mit Zittern stieg er die Treppe hinauf, als er zwischen mancherlei unartikulierten Lauten kurz und scharf akzentuiert den Namen »Höhrle, Höhrle!« unterscheiden konnte. Er fand die Küche leer und bemühte sich nach der Wohnstube hinüber. In dieser war das Tageslicht durch das Zuziehen der Vorhänge etwas abgetönt, und da Mutter Höhrle unbeweglich und mit strengem Antlitz am Kopf des Tisches saß, so gewann das sonst so anspruchslose Gemach die ernste Würde eines Gerichtssaales. Vater Höhrle wusste wohl, dass er der Angeklagte, ja der Verurteilte war, ob die Verhandlungen sich in die Länge zogen oder nicht, und deshalb wollte er wenigstens Zeit sparen und unterbrach das verlegene Schweigen mit den Worten: »Warum hast du mich hierher gerufen?«

»Das fragst du noch,« wetterte die erregte Frau los, »wer hat all die Schmach von gestern über unser Haus gebracht?«

Vater Höhrle hätte einfach sagen können: »Dein Hochmut;« aber er schwieg, und sie fuhr fort, die ganze Anklage in immer neuen Fragesätzen aufbauend: »Wer drückt seine Familie, dass sie sich beugen muss vor hergelaufenem Volk? Wer bleibt an altem Herkommen kleben und lässt sich von dem ersten besten Hereingeplackten aus dem Sattel heben? Könnten nicht auch wir wie andere Menschen Geld verdienen und in einer Chaise fahren? Wer isst seine Suppe mit dem Kaffeelöffel und glaubt mit seinem alttestamentlichen Eselbetrieb siegen zu können über die Planwagen der Firma Groß und Moos, die eine Schiffsladung Weizen auf ihrem Rücken tragen?«

Mit dem letzteren Satz hatte sie das Geschäftsinteresse vor ihre eitlen Wünsche als Vorspann gekoppelt, und der Wagen rutschte in der Tat in die Höhe.

Vater Höhrle in seiner stillen Art seufzte tief und sagte nachgiebig: »So gib denn das Einlagebüchelchen von der Sparkasse heraus.«

Die Müllerin erhob sich großartig, und wie die Hand einer Fürstin irgendeinem Subalternen gnädig ihre Photographie überreicht, so überreichte sie ihrem Manne das kleine Heftchen mit dem blauen Umschlag. Vater Höhrle nahm’s entgegen, und wenige Minuten später sah man ihn bedrückten Herzens und schleppenden Ganges dem Pfarrdorfe zuschreiten, wo die Sparkasse ihren Sitz hatte. Er wusste, dass mit dem heutigen Tage das Geschick der Mühle zu Husterloh entschieden war. Er wusste, dass der Weg, den er und die Seinen seither, wenn auch langsam aufwärtssteigend gegangen waren, jetzt abwärts führte. Er sah ihn tief unter sich steiniger werden, sich zu einem Pfade verschmälern, aber er sah nicht, wo er endete. Es war das erste Mal, dass Vater Höhrle von seiner Kasseneinlage Geld zurückverlangte, und wie er so vor den abgeblendeten Scheiben des Büros stand, hinter denen er die Kassenbeamten wie schwarze Schattenrisse an einer Wand sich bewegen sah, stieg ihm die Schamröte ins Gesicht, und er wollte umkehren. Doch er klopfte zaghaft und ganz leise, fast so, als ob er wünschte, dass man ihn drinnen nicht hören solle. Ihm war’s, als ob noch irgendetwas sich ereignen würde zu seinen Gunsten. Konnte nicht der Strahl irgendeiner überirdischen Erleuchtung seiner Frau gezeigt haben, dass sie einen Irrweg ging? Konnte nicht noch in letzter Sekunde ein Bote hinter ihm nachkommen und ihn von dem verhassten Schalter hinwegreißen?

Ach nein. Nichts von alledem geschah. Die Leute da drinnen mit ihren Dividendenohren hatten nicht bloß gehört, dass überhaupt einer klopfte, sie hatten auch gehört, dass einer klopfte, der gekommen war, Geld zu holen. Im Nu klapperten die Goldfüchse auf dem hellackierten Zahltisch, und Vater Höhrle war sein blaues Büchlein los.

Jetzt, wo die Würfel gefallen waren, auf dem Heimwege, redete der Müller sich selber Mut zu. War denn das Geld, das er in seiner Tasche trug, nun wirklich schon verloren? Ach nein, es wechselte ja nur den Namen. Aus dem Rentenkapital wurde Betriebskapital, das reiche Zinsen tragen konnte. So sprach er zu sich selber wie ein Makler, der ein Geschäft machen will, aber er glaubte auch wieder sich selber so wenig, wie er einem wildfremden Geschäftsvermittler geglaubt haben würde.

Wie er so blinzelnd seines Weges ging, erregte die Auslage eines Krämers seine Aufmerksamkeit. Kleine prall gefüllte Säckchen standen eines neben dem andern, eine dichte Reihe, und jedes trug einen bilderreichen Ausdruck. In der linken Ecke der Gebinde sah man eine Windmühle, rechts eine baufällige Wassermühle und über beiden breit und protzig sich hinflegelnd mit ihren Schornsteinen und ihren Silos die Anlage der Firma Groß und Moos. Vater Höhrle suchte den Sinn der Darstellung zu ergründen, als eine Schulter sich an ihn drückte, die ein Viehtreiberknüppel im Lauf der Jahre tiefer gezogen hatte, als ihre Kollegin auf der anderen Seite. Im selben Augenblick hörte er die näselnde Stimme von Mordche Rimbach:

»Stehst du da und betrachtest dein Elend. Groß und Moos wird sich legen über euch Bachmüller, wie der Schnee sich legt auf alte Heustadel bis sie zusammenbrechen. Höhrle, noch weiß ich dir einen Käufer, gib deine Mühle her. Werd’ ich verdienen an dem Handel eine Kleinigkeit, du aber viel Geld.«

»Paperlapp,« entgegnete der Vater Höhrle, »eine Mühle ist eine Goldgrube, heißt’s im Sprichwort. Was andere können, vermögen auch wir.«

»Dass du Recht hättest,« sagte der Jude und zog eine Tüte mit Mehl gefüllt aus der Tasche.

»Da sieh zu, kannst du herstellen eine Qualität wie diese? Du erschrickst, du wirst weiß, und der Ellenbogen deines Rockes ist grün. Du hast deine Hand nicht zur Faust gemacht und hast doch was mitgenommen aus dem Wartezimmer der Sparkasse. Dein Ärmel verrät, wo du warst. Vater Höhrle, – so wahr ich gesund bleiben will, mein ich’s ehrlich – behalte dein Geld, deine Mühle aber gib her.«

Diese Zumutung stachelte in dem Mühlenbesitzer alles auf, was an Bauerntrotz in seiner zaghaften Seele lebte. »Wenn du reiten willst,« sagte er gereizt, »dann setz’ dich der eignen Geiß auf den Rücken, meine Sachen lass mich selber ordnen,« damit drehte er dem Juden den Rücken und ging.

Dieser sah ihm nach, schüttelte den Kopf und murmelte vor sich hin: »Wen Adonai verderben will, den schlägt er mit Blindheit. Massel–toff!«










6. Kapitel


Wie hatte doch das Geld in kurzer Zeit die Mühle umgekrempelt. Vor den Fenstern waren die rotblühenden Geranien verschwunden und die verbleiten Butzenscheiben waren durch große Platten Spiegelglas verdrängt, hinter denen weiße Spitzenvorhänge jedem neugierigen Blicke den Eingang verwehrten. Im Zimmer machte sich selbstbewusst ein Kanapee breit, und dort, wo früher hinter einem gewürfelten Kattunvorhang das Bett der Eltern sich schämig verbarg, stand ein klobiges Möbel, dessen Zweck eigentlich niemand begriff, ebenso wenig wie seinen Namen »Büffet«, den Röse Ricke ihm sprachkundig gegeben hatte. Auch der Uhrkasten mit seinem Insassen, einer alten bedächtig zählenden Schwarzwälderin, war verschwunden, und statt ihrer schnatterte nun ein leichtfertiges kleines Ding auf der sogenannten »Konsole« geschwätzig den Lauf der Zeit herunter.

Hinter den Dingen waren die Menschen nicht zurückgeblieben. Mutter Höhrle hatte ihren Umfang durch einen Reifrock verdreifacht und die Kinder flohen vor ihr, wie vor Goethes wandelnder Glocke. Hätten Suse und Liese die Mode mitgemacht, so konnte fast ein Glockenspiel aus dem Hause Höhrle werden. Aber sie taten es nicht, obwohl auch sie in ihrer Kleidung etwas städtischer geworden waren. Für den Alten hatte man vom Hausierer ein seidenes Halstuch erstanden, das Liese oder Suse, wenn er am Sonntag ausging, über seinem Hemdenkragen zu einem kunstvollen Knoten schürzten. Unter seinem glattrasierten Kinn bildeten die beiden, wie schwarze Ohren abstehenden Zipfel einen wirkungsvollen Abschluss. Das war alles, was von dem erhobenen Gelde dem Hausherrn persönlich zugute kam.

Auch im Stall hatte sich manches geändert. Die Esel waren ausgezogen bis auf einen, der nicht verkäuflich war, und aus den steinernen Trögen, aus denen die Genügsamen ihre Rüben genossen hatten, fraßen jetzt zwei anspruchsvolle Pferde den teuren Hafer, den ihnen der zum Pferdeknecht avancierte Mühlbaschel aufschüttete.

Als man die Mähren mit aufgebundenen Schwänzen durchs Dorf geführt hatte, war viel pferdeverständiges Volk hintennach gezogen. Auch Mordche Rimbach war dabei. Die Beine in die Knie gesunken, stand er im langen Kaftan da, hatte beide Daumen im Ärmelausschnitte der Weste, und graumelierte Haarbüschel schlüpften unter seinem schmierigen Stulpkäppchen hervor und hingen wie Heringschwänze über seine gefurchte Stirn hernieder. Während alle Welt ein Urteil fertig hatte und damit nicht zurückhielt, schwieg der Jude, und erst als die Müllerin dem Schecken über den glänzenden Rücken fuhr und seine Frömmigkeit lobte, sprach er ruhig vor sich hin: »Flieh ihn wie die Pest, denn er ist ein Bruder der Kuh.«

Dann ging er schlotternden Ganges auf die andere Seite des Gespannes und musterte den Rappen, der neben dem Schecken stand. Seine Beine wurden dabei krummer und krummer, und der ganze Hebräer glich zuletzt einem auf den Kopf gestellten Ypsilon.

»Du bist müde, Mordche,« rief ihm Vater Höhrle zu, »ich will dir einen Stuhl holen, dass du dich ausruhen kannst.«

»Sehr gütig, lass mich auf den Beinen, bis ich dir den Pferdemetzger geschickt habe,« sagte der Jude und wackelte in seinem Kaftan über die Wiese hin, seinem Hause zu.

Im Gegensatz zu Mordche Rimbach war Mutter Höhrle mit dem Pferdekauf recht zufrieden. Jetzt hatte sie, was sie brauchte. Sie konnte sonntags in die Kirche fahren, und sie hatte den Mühlbaschel, obwohl sie ihn eigentlich seiner Triefaugen wegen nicht mochte, doch so weit abgerichtet, dass er in einem Abstand vor den Damen Groß und Moos zu fahren wusste, der diesen das ausgiebigste Staubschlucken zu betrübender Notwendigkeit machte.

Am besten schnitt bei der Transsubstantiation des Hauses Höhrle der kleine Hans ab. Der Tagedieb ging nun schon eine geraume Weile in die Schule, und ob nun der Winter eine kleine Kattundecke von Schnee auf die Erde gelegt hatte, oder der Sommer etwas staubigen Puder auf die Straße, gleich musste er ins Kirchdorf gefahren oder von dort wieder abgeholt werden. Man sah die Pferde mehr im Silbergeschirr vor dem Viktoriawagen als vor dem Lastwagen, und es fehlte nur wenig und Vater Höhrle konnte seine Säcke selber tragen.

Der kleine Hans war übrigens ein guter Schüler, trotzdem er kein fleißiger war. Eine Zeitlang hielt er mit den Besten Schritt, dann ließ er nach und wurde von den Mittelmäßigen überholt, bis es ihm wieder ersprießlich dünkte zu arbeiten, um die Ersten einzuholen. So war er eigentlich bei Lehrern und Schülern gut gelitten, bei letzteren vor allem des Umstandes wegen, weil er Dackel malen konnte. Nun waren diese derart, dass sie jedem andern Tiere genau so ähnlich sahen, wie einem Dachshund, aber nachdem Hans Höhrle, der Sohn eines angesehenen Geschlechtes, gesagt hatte, es seien Dachshunde, glaubten die andern an ihn, strebten ihm nach und vor dem Titelblatt eines jeden Katechismus verlebten von jetzt ab unzählige Dackel ihr hundemäßiges Leben.

Der Pfarrer, der wusste, was die Mutter mit dem Knaben vorhatte und ihn früh zum Dienste der Kirche erziehen wollte, ließ ihn sogar zum Messedienen zu. Dieses Amt verwaltete Hans mit stolzer Würde, was ihn übrigens nicht hinderte, vor dem Hochamte den Messwein mit Inbrunst zu versuchen. Auch verstand er es, kleine Kerzenstummel wegzustehlen, um mit ihnen an Septemberabenden gräulich zugeschnittene Kürbisse zu erleuchten.

Zu Hause hatte Höhrle junior an dem zurückgebliebenen Esel einen guten Kameraden. Zur Arbeit nicht mehr angehalten, aber auch nicht mehr gefüttert, trieb sich das Tier in den Baumgärten hinter dem Dorfe herum und verschmähte weder Weißrüben noch Kohlkraut, auch dann nicht, wenn es zweifelhaft war, ob er sich auf dem Grund und Boden der Familie Höhrle aufhielt oder auf dem anderer Leute.

Hans wurde des Öfteren ausgeschickt, ihn zu suchen, und nie brachte er ihn nach Hause, ohne dass er irgendeinen Schelmenstreich ausgeführt hatte.

Mit Vorliebe holte er den einen oder anderen seiner Schulkameraden herbei und veranlasste ihn, den Rücken des Grauen zu erklettern. Dann kitzelte er den Esel, bis er den Kopf durch die Vorderbeine steckte und so seinen Reiter zwang, sich zu entscheiden, ob er über die musikalisch oder die landwirtschaftlich produktive Seite eines Eseldaseins zur Erde rutschen wollte. Beides hatte seine Bedenklichkeiten, und nicht selten kamen Mütter in die Mühle, die über zerrissene Hosen und aufgeschundene Knie ihrer Sprösslinge bitter zu klagen hatten.

Frau Höhrle nahm derlei Streiche ihres Lieblings keineswegs tragisch. Sie lachte höchstens und entließ die Ankläger mit dem Stachel des beleidigten Rechtsgefühles im Herzen.

»Euch werden wir’s einbrocken,« sagten die Leute, und sie wären lieber Hungers gestorben, als dass sie von dem Mehle der Mühle zu Husterloh gegessen hätten. So arbeitete Hans früh zum Nachteil des väterlichen Geschäftes.

Zuweilen nahm Suse den Wildfang vor und erklärte ihm: »Dass sie Liese den Auftrag geben werde, über Hansens Streiche mit dem Vater zu reden.« Der Strolch lachte und sagte höhnisch:

»Du wirst es der Liese sagen, die wird es dem Vater sagen und dann werde ich, wenn Gott will, die Prügel bekommen! Höre Suse, das ist ein weiter Umweg, da kann sich sogar ein Landbriefträger verirren. Glaubst du wirklich, Schwester, dass die Prügel an ihre richtige Adresse kommen?«

Suse musste lachen, aber sie konnte ihrem Bruder nicht Unrecht geben. Leider war die Methode, nach der man den Stammhalter des Hauses Höhrle erzog, so, dass ihm jede Unart ungestraft hinging, weil die Nemesis niemand finden konnte, der den Strafvollzug bewerkstelligen wollte. Das wusste der Bengel sehr wohl, und deshalb stellte er sich mit souveräner Würde über Gesetz und Recht. Er war angesehener Leute Kind. Er ging in die Schule, wenn es ihm gerade passte, wenn es ihm nicht passte, lag er auf dem Anger und ließ sich die Sonne in den Magen scheinen. Aus dem Nachbargarten holte er jeden Apfel, der ihm gefiel, und nur einmal, als er zur Kirmeszeit von dem Marktstand einer Zuckerbäckerin ein süßes Herrgöttle aus Lebkuchen heruntergenascht hatte, ereilte ihn die Rache. Wie’s Gewitter war die resolute Frau mit einem Staubbesen hinter ihm her, und nun bezog er in einer großen Generalabrechnung, was er sich ratenweise im Laufe der Jahre verdient hatte. Arg durchwalkt kam er nach Hause, ja er lahmte sogar ein wenig, aber all den mitleidsvollen Fragen der Seinigen setzte er ein stoisches Schweigen entgegen. Er hatte Gerechtigkeitssinn genug, um zu wissen, dass er nicht schuldlos leide, und sein von der Mutter ererbtes Selbständigkeitsgefühl ließ es nicht zu, dass ein anderer sich seiner wie eines Mündels annahm.

Auch klagte er zu Hause niemals über ein Ungemach, das ihm die Schule einbrachte. Seine Lehrer behandelten ihn wie eine kleine Respektsperson, und dieser Umstand gerade, sowie das bessere Aussehen seiner Kleider, seiner Bücher, seines Ranzens schufen ihm Gegner unter seinen Mitschülern, die nun einmal von historischen Vorurteilen nicht beschwert, kein anderes Vorrecht anerkannten, als das der stärkeren Faust. So war der kleine Hans nicht selten gezwungen, wenn seine Mitschüler die Ehrfurcht vor dem Dackelmaler vergaßen, gegen ein ganzes Rudel anzukämpfen, und er tat es ohne Empfindsamkeit mit Mut und ohne Klage, wenn er einmal den Kürzeren zog. Es übte der Verkehr mit seinen Altersgenossen auf ihn eine gute erziehliche Wirkung aus, und es hätte zu seinem Segen ruhig noch ein paar Jahre so fortgehen können, wenn er nicht eines Tages einen blutigen Hemdenkragen nach Hause gebracht hätte.

Seine sonst so starknervige Mutter, die sich in der letzten Zeit immer mehr aus dem Weibe heraus zur Dame entwickelt hatte, fiel mit erkünstelter Grazie in eine komfortable Ohnmacht auf das neue Kanapee, und als es dem Duft geriebenen Meerrettichs endlich gelungen war, sie aus der Vergangenheit in die Gegenwart zurückzurufen, überhäufte sie den unglücklichen Vater Höhrle, der mit Gelassenheit das Doppelweh von Frau und Kind zu tragen schien, mit einer Flut von Vorwürfen. Sie sprach von Rabenvätern, die mit ansehen könnten, wie ihr eigenes Fleisch und Blut von einer entmenschten, – entmenschten, – entmenschten– offenbar suchte sie hier nach einem Substantivum, das stark genug wäre, ihrer Indignation Ausdruck zu verleihen, aber sie fand es nicht, – und als nun Röse Ricke, die von der blutigen Tat Kunde bekommen hatte und herbeigesprungen war, mit »Rotte Kora« aushalf, wurde sie mit einem dankbaren Blicke belohnt, und die Müllerin seufzte tief auf, als ob ihr ein Stein vom Herzen gefallen wäre. Dann aber, als ihr die hohe Würde, der ihr Sohn langsam entgegenreifte, einfiel, faselte sie von einem Sakrilegium, vor dem die blöde Menge bewahrt werden müsse, indem man den Gegenstand ihres Hasses dem Bereiche ihrer Fäuste entzöge.

Jetzt wusste Vater Höhrle, wohin die Wetterfahne zeigte, und er sah den Hauslehrer bereits hinter seinem Tische sitzen und mitessen, obwohl er noch lange nicht wusste, womit er ihn bezahlen sollte. Denn die Mühle ging schlechter von Jahr zu Jahr. Der Alte hatte versucht, die Qualität seines Mehles zu verbessern, um es Groß und Moos gleichzutun. Er hatte den Schälgang enger gestellt und eine hellere Farbe erzielt; aber damit hatte er die Quantität verringert, und die Bauern, bei denen Müller und Spitzbube ohnedies als gleichwertige Begriffe gelten, klagten, dass sie übervorteilt würden. Die Pferde fraßen wohl, aber sie produzierten nicht wie die Kühe, und was sie an Arbeit leisteten, nutzte ihre Kraft nicht aus und hätte billiger durch die Esel besorgt werden können. Dabei wurde Mutter Höhrle von Tag zu Tag anspruchsvoller. Ganz nach Belieben ergänzte sie Fehlendes in ihrem Hausrat und komplettierte ihn nach Laune. Die Pferde entzog sie dem Feldbau und Mühlenbetrieb durch gelegentliche Reisen, die sie machte, um sich und den kleinen Hochwürdigen bei Freunden und Bekannten in nah und fern zu zeigen.

Kaum mehr gab es in der Umgegend eine Kindstaufe oder einen Leichenschmaus, bei dem nicht Mutter Höhrle wie Bankos Geist aus der Versenkung emporstieg.

Als solch’ schwere Gewichte auf die Wage seiner pekuniären Leistungsfähigkeit geworfen wurden, sah Vater Höhrle mit Schrecken die Schale, auf der sein Haben lag, hoch in die Lüfte schnellen. Eine mit Verzweiflung verwandte Resignation erfasste ihn und lähmte seine Arbeitskraft. In die Träume seiner Nächte drängte sich eine unheimliche Gestalt mit einem blauen Streifen um die Mütze, einer kleinen Kokarde über dem Glanzlederschild und abgegriffenen Jackettaschen, aus denen gelbe Aktenkuverte vorlaut und aufdringlich hervorleuchteten –: der Gerichtsvollzieher. Am Tage sah er mehr, als ihm lieb war, den breiten Planwagen der Firma Groß und Moos, der seine Gedanken wie ein Leichenwagen auf trübe, unfriedliche Wege leitete. So wurde er immer einsamer, strich durch das Erlengebüsch seiner Wiesen mit der Sense, ohne dass er gewusst hätte, wo er mähen sollte. Am Wehr setzte er sich sinnierend nieder und sah seinem Knechte, dem Mühlbach, bekümmert in die ewig wechselnden Züge.

Da geschah’s, dass eines Tages das sinnlose Murmeln des Baches sich für das Ohr des Grübelnden zu klaren Worten formte. »Was sitzest du ratlos da«, sprach der Bach. »Hab’ ich nicht seit Jahrhunderten deinem Hause treu gedient. Warum willst du meiner Kraft misstrauen, seitdem der windige Halunke Dampf da unten im Tal sein Wesen treibt? Fasse mich fester, Vater Höhrle, dass ich an Widerständen meine Kraft erneuere! Schleudere mich tiefer hinab in den Abgrund, dass ich die Wucht des Anpralls für mich habe, und lass meinen Zorn in der Turbine wüten, und du sollst sehen, dass ich mehr kann, als feiste Forellen füttern. Hinweg mit dem trägen Umtrieb des Wasserrades, das schwerfällig wie Samson in der Mühle zu Gaza die plumpen Steine wälzt. Kleine hurtige Porzellanwalzen schaffe herbei, raschelnde, wuselige Siebe will ich dir schwingen, tausend kleine Hebel will ich dir brechen, und unruhig muss es in der Mühle werden wie in einer Schachtel Maikäfer. Folge mir, der ich die Sache kenne, Vater Höhrle. Schaffe ich nicht oben in der Papiermühle eine ähnliche Arbeit, warum sollte ich bei dir versagen?«

Das waren tröstliche befreiende Worte, und der bekümmerte Müller lauschte auf und dachte über ihren Sinn nach. Mit einem Male erschien ihm nun alles so klar, so selbstverständlich, und es war ihm fast, als ob die Ratschläge gar nicht von außen gekommen, sondern in ihm selbst entstanden wären. Ein nie geahntes Vertrauen zu der eigenen Kraft beseelte ihn. Ja, so musste es gehen. Die Mühle musste von Grund aus umgestaltet werden, dann, – dann musste sich alles – alles – noch zum Guten wenden. Vater Höhrle nahm seine Sense auf die Schulter und ging mit elastischen Schritten, fast wieder ein Jüngling, seinem Hause zu. An diesem Abend sahen Suse und Liese das sonst so trübe Gesicht des Vaters wieder einmal sonnig heiter, ohne den Grund zu kennen, und Scherz und Lieder fielen wie reife Erbsen von den Schoten aus ihren weit geöffneten dankbaren Herzen heraus. An diesem Abend war seit langer Zeit zum ersten Mal wieder das Glück auf seinem Rundgang zwischen geborstenen Hütten und morschen Heustadeln in der Mühle eingekehrt.

Am nächsten Tage schon meldeten sich allerlei Bedenklichkeiten zur Stelle. Die Sache kostete viel, und das vorhandene Bargeld hatte Mutter Höhrle mit den Pferden und sonstigem Tand vergeudet. Doch die Mühle hatte Kredit. Der Bachmüller zog sich gut an, damit er nach Wohlstand aussehen möge, und ging zum Sparkassenvorstand. Man empfing ihn höflich, aber man hielt die Truhen geschlossen. Man bedeutete ihm mit Achselzucken, dass man seiner Kreditwürdigkeit nicht misstraue, dass man aber höchst bedauerlicherweise durch Paragraphen von Statuten gebunden sei und einen Bürgen verlangen müsse.

So weit war es also. Der einst so gut stehende Müller galt für erschüttert, man brauchte einen, der ihn stützte. Die Pille dieser Wahrheit, obwohl von dem Beamten mit höflichen Worten vergoldet, war für Vater Höhrle schwer zu schlucken. Er ging mit langem Gesichte und leeren Taschen weg, und sein erster Gedanke war: »Mich seht ihr da drinnen nicht wieder.« Allein die Gewissheit, dass er sein Geschäft, so wie es bisher war, nicht weiter treiben könne, beugte den Rest seines Stolzes, und so entschloss er sich, bei seinem Schwager, der ein kleines Geschäft in Kolonialwaren betrieb, vorzusprechen und ihn um die geringe Gefälligkeit zu bitten, seinen Namen an den Fuß eines Aktenbogens zu schreiben.

Franz Schütteldich, der Bruder von Frau Höhrle, hatte in letzter Zeit zu allem, was er schon war, die Würde eines Gemeinderates erworben, sprach von Grundbüchern, Flurbereinigung, Akten und Registraturen und unterschrieb mit Fanatismus alles, was vor ihn kam. Kaum hatte er gehört, was Vater Höhrle von ihm verlangte, so zog er mit Begeisterung die Hände aus einem Schmierseifenfass, wischte die Nase an einem Handtuch und sagte: »Gleich, gleich Schwager, und warum denn nicht.«

Damit war die Sache, vor der sich Vater Höhrle so unsagbar gefürchtet hatte, in überraschend einfacher Weise erledigt. Er hatte im Handumdrehen die Kunst des Schuldenmachens erlernt. Die Quelle floss, aber niemand sollte ihm diesmal die durch Schütteldichs Wünschelrute erschlossenen Wasser über unfruchtbares Brachland leiten.










7. Kapitel


Unterdessen hatte Hans Höhrle in Gesellschaft eines Hauslehrers auf der Wanderschaft dem Salböle des Bischofs entgegen den ersten Meilenstein hinter seinen Rücken gebracht. Der Jammer der »Elend’schen« Grammatik war überwunden, und bereits warfen die großen Ereignisse des »Bellum gallicum« ihre drohenden Schatten auf des Knaben seither so sonnigen Lebensweg. Der teure Hauslehrer, der bis dato seinen lateinischen Lebensgang geleitet hatte, war nicht Stratege genug, um seinen Zögling durch einen so ohrfeigenreichen Feldzug zu führen. Das Geld war knapp und sollte der Mühle zugute kommen, und so gewann auch Mutter Höhrle die Einsicht, dass man den zukünftigen Domherrn einstweilen dem bischöflichen Konvikt in Mainz anvertrauen solle.

Der Tag, der Hansens Kinderglück abschloss, begann mit einem leichten Nebel, dessen Grau die Septembersonne mit einigen goldenen Pfeilen durchschoss. Das Bohnenlaub im Garten hatte bereits die fleckig kränkelnde Farbe des Herbstes, und die kleinen Fichtenstangen, die es getragen, lagen entlastet in Haufen umher. Das Vieh ging auf den geschorenen Wiesen, die ihr sattgrünes Sommerkleid mit einem lichtgrünen vertauscht hatten, in das die blauen Kelche der Herbstzeitlosen gar zierlich eingestickt waren. Der Wald war scheckig wie das Kleid eines Harlekin in den Fastnachtstagen.

Hans Höhrle stand am offenen Fenster, schaute in den aufdämmernden Morgen und war bemüht, sich Stück für Stück in einen neuen Anzug hineinzuzwängen. Er putzte sich zur Reise in die Bischofsstadt und zu einem anderen Zweck. Er hatte nämlich noch einige Abschiedsbesuche zu machen und darunter einen, der ihm sehr wichtig war. Hans Höhrle wäre kein ganzes »Röhrle« gewesen, wenn er nicht neben seinem Hang zum geistlichen Stande noch eine andere fromme Neigung gepflegt hätte. Ihn zog es, man kann nicht genau sagen seit wann, zu einer kleinen Agnes hin, der er beim Suchen von Haselnüssen zuweilen die ringelnden Locken aus dem garstigen Reisig gelöst hatte. So mag es gekommen sein, dass ihr lieber Kopf mit den haselnussbraunen Augen zwischen seinen Händen ihm wie ein artiges Spielzeug vorkam, das er nach Laune drückte und herzte. Agnes, weniger Kind als er, war betroffen von dieser weitgehenden Art der Spielerei und hatte schon das Bewusstsein, eine Unschicklichkeit geduldet zu haben. Sie ließ verstimmt das Köpfchen hängen. Das rührte den Hans Höhrle, den seine Sünde nicht genügend reute, als dass er nicht deren Wiederholung wünschte. So wusste er sich denn zu helfen. Er kehrte den Biedermann heraus und erklärte, dass Agnes von jetzt ab im stillen seine kleine Frau sei, bis er in die Lage käme, sie durch ein lautes »Ja« vor aller Welt zu einer solchen zu machen. So gewann er fast das Recht des Nießbrauches, und was einmal geschehen war, geschah öfters. Bald fand Agnes Geschmack am kindischen Getändel, schlug die kleinen Hände ineinander, dass es klang wie das Jauchzen der Kastagnetten, und hing sich hilfesuchend an seinen Arm, wenn es im wilden Lauf durch Hecken und über Gräben ging. Doch zuweilen war sie ernster, besann sich auf ihre neuen Pflichten, schritt sittsam neben ihm her und entdeckte, dass an seiner Weste ein Knopf fehlte und dass ein anderer nur noch an wenig Fäden hing. Auch musterte sie altklug mit dem besorgten Blicke einer sparsamen Bauersfrau die Kartoffelfelder und sprach nicht ohne Kummer von den schlechten Aussichten für die Kraut- und Bohnenernte. Derartige Bemerkungen beruhigten den Knaben, weil sie ihm die Sicherheit gaben, dass er dereinst eine sparsame Gattin haben werde. So lebten sie im Frieden dahin. Seitdem es aber im Dorfe bekannt geworden war, dass Hans nun auf die Schule käme, um sich vorläufig zum Pfarrer und dann zum Bischof weihen zu lassen, war Agnes zurückhaltender. Gewiss teilte sie nicht die blöde Ansicht des Bauernvolkes, dass einer, der mehr lernt als seinen Namen schreiben, nun unbedingt ein »Hochwürden« werden müsse, aber sie ahnte mit dem feinen Instinkt des Weibes, dass Hansens fortschreitende Bildung einen Graben zwischen sie beide wühlen würde, den sie dann nicht mehr überspringen könnten. Schon dass er wiederkehren und hochdeutsch reden sollte, war ihr ein widerwärtiger Gedanke.

Sie zog sich von dem Höhersteigenden scheinbar zurück. Sie schmollte. Sie begünstigte in auffallender Weise wohl einmal einen anderen Knaben, ließ sich suchen und nicht finden. Dies alles war dem Hans nicht entgangen, und er fürchtete um seinen Besitz. Nach wenigen Stunden schon legte sich zwischen sie und ihn ein Kilometer nach dem anderen. Das gab einen weiten Spalt, in den sich bequem ein anderer lagern konnte.

Einer derartig betrübenden Möglichkeit musste Hans zuvorkommen. Noch einmal wollte er die sprechen, aus deren Augen jene schmelzende Glut geflossen war, die seine Kinderseele entflammt hatte. Er wusste, dass sie drüben hinter den Haselsträuchern bei den Kühen ihres Vaters zu finden war, und dahin eilte er jetzt. Bald erblickte er sie sitzend zwischen den Zweigen des Unterholzes auf dem weißblühenden Teppich des Hasenklees, seine seitherige kleine Frau. Sie hatte das müde Braungrün hinsterbender Buchen- und Brombeerblätter zu einem melancholischen Strauß gebunden und schien auf jemanden zu warten, dem sie ihn geben könne. »Agnes!« rief Hans. Das Mädchen fuhr zusammen, erhob sich, kam näher und blieb doch wieder befremdet stehen, als sie den Freund in dem neuen modischen Anzug sah. Sie ahnte, dass von jetzt ab wie mit dem äußeren, so mit dem inneren Menschen ein Wandel vor sich gehen werde. Umsonst war’s, dass Hans ihr beteuerte, nicht jeder, der durch ein Gymnasium gedrückt werde, brauche mit geschorenem Schädel herumzulaufen. Umsonst, dass er ein Dutzend Jahre vorüberziehen ließ wie einen flüchtigen Kranichzug. Umsonst, dass er ihr von allem Geld und allen Ehren, die er auf sich zu häufen gedachte, ein gutes Teil versprach. Es half alles nichts. Ihr schönes nachdenkliches Gesicht wiegte sich gedankenvoll von einer Schulter zur anderen, ihr Auge schweifte geängstigt ins Weite, ihre Pupille wurde größer und größer, als ob sie einem nachsehe, der kleiner und kleiner wird und in der unendlichen Weite des Weltenraumes für sie wenigstens verschwindet. Stumm reichte sie ihm noch einmal die Lippen zum Kusse, befestigte den Blätterstrauß mit dem verbleichenden Grün der Hoffnung an seinem neuen Rocke und floh wie vor einem ihr fremd gewordenen Menschen aus dem schützenden Waldesdunkel hinaus in die zwinkernde Helle eines vielversprechenden Septembermorgens.

Hans sah die liebe Gestalt von goldglänzenden Nebelschleiern umflossen vor sich fliehen, und ihm ward traurig zumute, zum ersten Mal in seinem Leben. Er fing an, sich vor der Weite zu fürchten, in der er nichts bedeuten und so leicht sich spurlos verlieren konnte, und heimwehkrank ging er, seinen Strauß unterm Rocke verborgen, dem Dorfe zu.

Das Herz war ihm schwer, und er wäre am liebsten einsam geblieben. Das ging nicht an. Da war der Onkel Schütteldich, Inhaber der Firma Knuff und Schütteldich, Gemeinderat und Bürge für gar manchen, der aus dem Vorschussverein etwas herauspressen wollte. Er wohnte so gelegen, gerade nebenan der Sparkasse, er galt für wohlhabend, und es schmeichelte ein wenig seiner Eitelkeit, wenn er mit der Zugkraft seines klangvollen Namens das steife Geld der Kasse ins Rollen bringen konnte. Er freute sich, wenn er andere und anderes sich bewegen sah, der eigenen Ruhe, denn er war von unüberwindlicher Faulheit. Er war Junggeselle geblieben, weil er die Anstrengung des Heiratens fürchtete. Sein Geschäft betrieb er von einem dreimal reparierten Ledersofa herunter mit der Spitze einer langen Pfeife. Wer einen Hering verlangte, legte das Geld auf den Ladentisch und bequemte sich nach der Ecke, die Schütteldich mit seiner Pfeifenspitze ihm bezeichnete. Dort fand er, was er suchte. Kam einer, der etwas kaufen wollte, was gewogen werden musste, so lud ihn Onkel Schütteldich ein, neben der Schmierseifentonne Platz zu nehmen, bis noch einer käme. Wegen eines einzigen Geschäftes aufzustehen, dazu war er nicht zu bewegen.

In halb liegender Stellung traf ihn unser Hans auf dem Ledersofa und erklärte ihm in Kürze, dass er gekommen sei, um Abschied zu nehmen. Schütteldich blies aus seiner Pfeife einige Frage- und Ausrufezeichen in die Luft, als ob er sagen wollte: »Wohin? – Und was soll aus diesem Kinde werden?«

Der Knabe beantwortete diese Wimpelsignale prompt: »Ich soll ein Geistlicher werden, Onkel, und soll fort nach der Bischofsstadt.«

»Du, ein geistlicher Herr?« lachte Onkel Schütteldich. »Höre, mein Junge, dein Onkel ist auch nicht allwissend, aber das kann er doch prophezeien, dass du eher an die Mondsichel einen Stiel drechselst, als den Weihwasserpinsel schwingst. Wo warst du übrigens heute morgen schon, verliebter Kakadu, bevor du zu mir kamst?«

Hans errötete und schwieg.

»Ich will dir was sagen. Von der Dachluke unseres Hauses hat man eine schöne Aussicht, und ich, dein Onkel, weiß, dass du mit einem schelmigen Buben verkehrst, der Agnes heißt.«

Dem derart gefolterten Knaben lief eine Purpurröte bis unter die Haare, und er stammelte verlegen: »Du wirst doch schweigen können, guter Onkel!«

»Ich«, sprach dieser, »ich kann unverschämt schweigen jedem anderen gegenüber. Dir aber sage ich: Überlass den langen Rock anderen Leuten, die krumme Beine haben! Gewiss, ich sage nichts gegen den Priesterstand. Schon seine bequeme Zeiteinteilung: Ein Werktag und sechs Sonntage, gefällt mir sehr. Aber, Hans, das Zölibat, das Zölibat, und die Mädels und die Mädels!«

Und Onkel Schütteldich lachte verschmitzt wie einer, der viel erzählen könnte, wenn er wollte. Es gehörte so zu seinen kleinen Schwächen, durchscheinen zu lassen, dass er nicht aus Mangel an Auswahl Junggeselle geblieben sei, sondern weil die Größe des Angebots seine Kaufkraft überstieg.

Nachdem Onkel Schütteldich eine Zeitlang mit verschlagenem Zwinkern vor sich hin gelacht, wendete er sich um, so dass er auf dem Bauche lag, und begann mit der Linken unter dem Sofa zu wühlen. Es dauerte nicht lange, und er beförderte einen alten Krug ans Tageslicht, der mit einem halben Holzdeckel notdürftig verschlossen war. Aus dem Kruge entwickelte er nun wie aus einem Zauberkasten eine schier endlose Strumpflänge, aus dieser einen Lederbeutel und aus diesem einige schier erblindete Taler.

»Die sind für dich«, sagte er. »Die Herren in der Stadt verstehen nur den Leuten den Kopf zu füllen und lassen den Magen leer. Wenn du die gesunden Sinne deines Onkels geerbt hast, dann wirst du riechen, wo der Metzger wohnt, und wirst hören, wo man den Teig in der Backmulde schlägt. Wenn sie dich hungern lassen, wirf die Bücher in den Rhein, komm hierher, heirate Agnes und übernimm deines Schwiegervaters Hotel ›Zum Weltschirm‹. Damit Gott befohlen!« sagte Onkel Schütteldich, qualmte und verschwand wie Israel hinter der Wolkensäule im grauen Dunste einer Tabakswolke.

Kaum hatte Hans Höhrle den Laden seines Onkels verlassen, als er dem würdigen Pfarrherrn begegnete, der, sein Brevier betend, gerade aus der Frühmesse kam. Der alte Herr steckte das braune, abgegriffene Büchlein in die Hintertasche seiner Sutane und nahm den Jungen bei der Hand.

»Du willst Abschied nehmen, um aus unseren Bergen in die Welt hinauszugehen. Komm mit, ich will dir Gottes Segen mitgeben und noch was anderes.«

Derweilen hatten die beiden die Schwelle des Pfarrhauses überschritten und standen vor dem übervollen Büchergestell des alten Herrn, der sich streckte und zwei mächtige Folianten mit vergoldetem Lederrücken herunterholte. Liebevoll wiegte er sie in seinen wohlgepflegten Händen und sah dem Knaben stramm ins Gesicht. »Siehst du,« begann er, »dies ist die Strickleiter, an der schon gar mancher zu hohen Ehrenstellen in Staat und Kirche emporgestiegen ist!«

Da er das Wort Kirche etwas scharf betonte, so sah Hans, der wegen der Agnes kein gutes Gewissen hatte, etwas betreten zur Seite.

Der geistliche Herr merkte das nicht, denn er hatte die Einbanddecke umgeschlagen und las: »Taschenwörterbuch der Lateinischen Sprache von Georges.« Hans erschrak und suchte im Geiste den gewaltigen Umfang dieses Buches mit dem Kosenamen Taschenwörterbuch in ein harmonisches Verhältnis zu bringen. Der Pfarrer aber drehte plötzlich nach vorn um und las dem Knaben eine schier endlose Namensliste von Leuten vor, die das Buch vordem besessen. Da waren Männer verzeichnet, die es zum Regierungsbauinspektor, Steuerperäquator, Kanzleirat, Rechnungsrat, Dompraebendenten usw. gebracht hatten. Kurzum, das Vorblatt des Buches war das reinste Pantheon, in dem illustre Menschen aller Art beigesetzt waren. Indem der Pfarrherr dem Knaben die letzte Seite des Buches vor Augen hielt, ließ er sich von diesem bestätigen, dass auf dieser keinerlei weder Gedrucktes noch Geschriebenes zu finden sei. Hans konnte dies mit gutem Gewissen tun, und der Pfarrer fuhr fort:

»So rein wie dies Blatt hier, ist die Seele, die du nun in die Fremde trägst, und rein und sauber sollst du nach Jahr und Tag mir beides wiederbringen, deine Seele und das Buch. Vor allen Dingen aber, kleiner Künstler, male mir keine Dackel da hinein, das ist die Bedingung, unter der du das Lexikon mitnehmen kannst.«

Hans nickte zustimmend. »Büblein,« fuhr der Priester fort, und eine Wolke von Trauer legte sich über seine buschigen Augenbrauen, »es kommen nun harte Jahre für dich. Dich packt der Ernst des Lebens, und alle Kindereien müssen jetzt hinter dir liegen.«

Vielleicht reute es ihn, so drohend harte Worte gesprochen zu haben, denn er lenkte ein: »Wenn du dir aber das Dackelmalen durchaus nicht abgewöhnen kannst, nun denn meinetwegen, beschmiere das Schlussblatt. Irgendeine Dummheit macht schließlich jeder, aber deine Seele bewahre mir weiß und rein.«

Damit legte er dem Knaben segnend die Hand aufs Haupt, und schob ihn mit freundlichem Lächeln vor die Tür. Auf der Dorfgasse erhoben die Gänse ein begehrliches Geschrei, als sie den angehenden Studenten wie mit Futterkörben beladen über das Pflaster schreiten sahen.










8. Kapitel


Während Hans seine Abschiedsbesuche machte, hatte sich in der Mühle ein bisher ganz unerhörtes Ereignis vollzogen. Mutter Höhrle, die den Abgang ihres Einzigen zu einem Tage gestalten wollte, der in der Erinnerung aller Dorfbewohner haften sollte, hatte den Auftrag gegeben, die Pferde vor den Viktoriawagen zu spannen. Diesem Ansinnen widersetzte sich Suse mit der Bemerkung: ›Die Pferde seien beim Umbau der Mühle unentbehrlich, und Hans und seine Sachen könnten recht gut mit einer Gelegenheitsfuhre nach der Bahnstation gebracht werden.‹

Mutter Höhrle war zunächst starr vor Staunen über die Kühnheit ihrer Tochter und fiel dann in eine ihrer komfortablen Ohnmachten, die sie allmählich recht täuschend herzustellen gelernt hatte. Aber als sie erwachte und sah, dass dieses letzte Mittel, ihren Willen durchzusetzen, niemand erschüttert hatte, geriet sie in Wut, und eine Lawine von Schmähungen ergoss sich über das tapfere Mädchen. Suse aber stand kaum bewegt wie eine Tanne im Föhn, schüttelte sich nur ein wenig und erklärte ihrer Mutter, dass von jetzt ab sich vieles ändern müsse. Sie kenne die Lage des Vaters und werde an seiner Seite stehen, und was die Pferde angehe, so sollten sich diese ihr Futter verdienen; lange vor Tag habe sie dieselben in den Wald geschickt, um Steine für den Wasserbau zu holen. Hansens Koffer sei dem Frachtfuhrmann übergeben, und wenn er selber zeitig zurückkäme, so könne er mit der gleichen Gelegenheit auf seinen Sachen sitzend bequem genug die Bahnstation erreichen.

Hans aber verspätete sich, und als er endlich das Elternhaus erreichte, war der Frachtwagen mit seinem auf Reifen gespannten Zelttuch schwankenden Ganges längst über alle Berge. Also musste der Junge laufen. Suse befestigte die Strickleiter, die er ja nun nicht mehr entbehren konnte, an einem Riemen und hing diesen mit manchem Worte ernster Ermahnung über seine Schulter. Derweilen stopfte Liese die Taschen des Bruders mit hart gesottenen Eiern und Butterbrot. Reisefertig bot er Vater und Mutter die Hand, den Schwestern die Lippen zum Kuss, und rüstig wanderte er einsam am Bache hin, der ihm wichtige Dinge erzählte aus den Kindertagen: Vom Dompfaffen, der im Strauch der wilden Rose sein Nest hatte, und vom Eichhorn, das vom Baume hinter der Scheune die Nüsse stahl.

Bald bog der Pfad vom Bache nach aufwärts ab und erreichte einen mit Erlen bestandenen Klingen. Die Sonne brannte heiß vom Himmel nieder, und der Riemen, der die Strickleiter zusammenhielt, hatte auf den Schultern des Knaben brennendrote Furchen eingegraben. Hans warf die Last ab, setzte sich darauf und sah sich um. Unten lag, von dem langen Morgenschatten des Berges noch teilweise überdeckt, sein Heimatdorf schöner, als er es je gesehen hatte, und vor der reizvollen Wirklichkeit im Tale verblassten hier zum ersten Male die Illusionen, die er sich von der großen Welt gemacht und die seine Kinderseele mit jubelndem Entzücken erfüllt hatten. Tiefe Trauer um die Gewissheiten, die er verließ, und Furcht vor dem Unbekannten, dem er entgegen ging, quälten ihn und drückten die frohe Zuversicht auf eine glänzende Zukunft merklich herab. Hans wurde unsicher.

Der Winkel eines Kranichzuges, der gleich ihm in die Fremde steuerte, gab ihm neue Zuversicht, und bald wieder machte er einen Schritt nach dem anderen, der Stadt entgegen, die ihm Geist und Körper umgestalten sollte.

Um ihn war eine unendliche Stille ausgebreitet, die in seinem Inneren ein Gefühl der Verlassenheit erzeugte. Er sehnte sich nach einem Begleiter, und seine Blicke kehrten oftmals den Weg zurück, den seine Füße soeben gegangen waren, um auszuschauen, ob nicht irgendeiner des Weges käme. Er sah nichts, aber er hörte mit einem Male den stolpernden Hufschlag eines Pferdes aus dem Tannendickicht. Hans, der seine Strickleiter, die ihn in die Höhe führen sollte, aber zunächst nur niederdrückte, gern losgeworden wäre, sah mit Freude vor der grünen Wand des Waldes ein ungeschlachtes, fast viereckiges Pferd, das bei jedem Schritt mit dem Kopfe nickte und hinter sich einen Wagen nachzog, auf dem man einen blauen Fuhrmannskittel unterscheiden konnte. Auch der Fuhrmann nickte, als ob ein verbindender Draht seinen und des Pferdes Kopf zu der gleichen Bewegung nötigte. Er schlief den Schlaf des Gerechten. Der Knabe fasste sich ein Herz und rief dem Schlummernden an. Schlaftrunken, war der Geweckte über die Störung seiner Ruhe aufgebracht, fluchte und schien viel eher Lust zu haben, den kleinen Wanderer durchzuhauen, als mitzunehmen. Hans lief neben dem Wagen her, weil er hoffte, dass nach dem Zorne vielleicht doch ein menschlich Rühren in die harte Fuhrmannsseele sich einnisten könne, und er hatte sich nicht verrechnet. Der Mann rief mit einem Male: »Oha!« und das Pferd machte so bereitwillig halt, dass ihm das Kummet über den Ohren saß.

»Was zahlst du, wenn ich dich mitnehme, mein Goliath, du Riesenkerl, du?«

»Einen Groschen und vielleicht noch etwas darüber.«

»Sitz auf,« ermunterte der Fuhrmann und musterte Hansens Pakete mit neugierigen Blicken. Der Knabe kroch gewandt wie eine Katze von hinten auf den Wagen und machte es sich auf dem Futtersack bequem.

»Kaust du auch, Dreikäsehoch?« fragte nach einiger Zeit bedächtigen Nachdenkens der Fuhrmann, der kein Auge von den beiden Paketen verwendet hatte.

»Ja,« sagte Hans, »alles, was ich ungekaut nicht schlucken kann.«

»So war’s nicht gemeint, mein Tausendsassa, aber du rauchst doch?«

»Nein!«

»So hast du es doch wohl gern, wenn andere rauchen und dir ein wenig den Duft unter die Nase blasen?«

Hans bemerkte, dass er dagegen nichts einzuwenden habe. Nun griff der Fuhrmann zutraulich nach dem einen der Pakete und riss das graue Katzenpapier herunter. Als er aber nicht fand, was er erwartet hatte, schob er enttäuscht seine Schirmkappe ins Genick, fasste den armen Jungen erbarmungslos am Kragen, hob ihn über den Leiterbaum und ließ ihn fallen. Im nächsten Augenblick bereits lag der fahrende Scholar in der sehr schätzenswerten Gesellschaft des großen Georges auf der Straße. Der Fuhrmann fuhr weiter, verärgert und gekränkt darüber, dass hinter einem so kleinen Knirpse und seinem Bündel so viel Lug und Trug verborgen sein könne.

Hans erhob sich und suchte seine Kleider und den großen Georges, der beschmutzt und übel zugerichtet war, wieder zu restaurieren. Er dachte an den Pfarrherrn, der ihm dies Liebespfand anvertraut hatte, und mitleidig an die noch ungeborenen Generationen, denen es auf der sozialen Leiter in die Höhe helfen sollte. Ihm hatte es seither wenig gedient. Eine Zigarrenkiste mit dem minderwertigsten Inhalt hätte ihn sicher weiter gebracht, wie all die papierne Weisheit. Noch war der Wanderer kaum eine Stunde aus dem Elternhaus, und bereits war er mit den Realitäten des Lebens arg aneinander geraten. Er war traurig, aber ein wilder Trotz erwachte in seiner Kinderseele. Er wollte den Kampf aufnehmen, und wenn er zermalmt werden sollte.

Resolut warf er den Riemen, an dem der große Georges baumelte, über seine Schulter und folgte, der Chaussee mit ihren unfreundlichen Gesellen ausweichend, einem kleinen Seitenpfade, der ihn durch Waldesschatten in ein quellendurchrauschtes Wiesental führte. Buchen wechselten mit Wallnüssen und der Pfad mit einem tiefgeleisigen Feldweg, der die weit im Tale verstreuten Bauernhöfe aufsuchte und bald auf-, bald abstieg. Die Leute sah man in den Feldern hinterm Pflug oder in den Wiesen hinter dem Wetterleuchten der geschwungenen Sensen. Die Höfe schienen leer, den Hühnern überlassen, die fleißig im Miste scharrten, und der Wachsamkeit der Hofhunde. Einer nach dem anderen dieser zottigen Wächter kam dem Knaben vorsichtig näher, beschnupperte misstrauisch den großen Georges und warf im Fortgehen mit den Hinterpfoten etwas Schmutz nach dem Lexikon und seinem Träger. So feierlich dieser Vorgang an sich war, so wurde er durch die öftere Wiederholung dem Reisenden doch schließlich langweilig, und als eben gerade ein struppiger Bullenbeißer die Zeremonie vollzog, hob er seinerseits das Bein auf, um ihm einen Tritt zu geben. Doch da kam er übel an. Im Nu hatte das Tier mit den Zähnen seine Hose erfasst, und es lag Hans und der große Georges zum zweiten Male an diesem ereignisreichen Tage an der Erde. Hart waren sie nicht gebettet, aber etwas feucht, denn sie lagen in einer breiten Rinne, die den Extrakt des Dunghaufens der Wiese zuführte.

Als sie sich aus der Niedrigkeit erhoben, waren sie in einer Verfassung, dass sie ohne gründliche Reinigung nicht gut in die menschliche Gesellschaft zurückkehren konnten. Die Sonne nahm sich jedoch ihrer an und trocknete sie, allein sie vermochte nicht die beiden von einem Dufte zu befreien, der ihnen nachging wie ihr Schatten und ihren Kredit herunterdrückte. So kamen sie in übler Verfassung an die Bahn.

Der Umstand, dass bei der Fahrt Bäume und Kirchtürme lustig tanzten, unterhielt den Knaben und verscheuchte die Trauer über die schlimmen Erlebnisse. Bald stahl sich der Zug leise wie auf Gummischuhen mit einer gewissen Ängstlichkeit, die sich auch den Reisenden mitteilte, über das Gitterwerk der Rheinbrücke, schoss wie vom Teufel gehetzt durch das Dunkel der Festungswälle und hielt vor einem schmutzigen Bahnhof. »Station Mainz,« riefen die Schaffner, die Trittbretter krachten, und ein mit allerlei Gepäck beladener Menschenknäuel wälzte sich durch ein eisernes Gittertor einem kleinen Zollhäuschen zu. Hans hatte den großen Georges wieder über die Schulter geworfen und schaute entzückt ins Abendrot, das Kirchtürme, Häusergiebel und auch das Zollhäuschen in einen zarten Rosaschleier kleidete. Ganz ins Schauen verloren lief er wie ein Träumender nur immer geradeaus und kam an der Oktroibude vorüber, als er hinter sich die unfreundlichen Worte hörte:

»Wirst du dich wohl hierherbemühen, du da mit deiner Heringskiste auf dem Rücken,« und eine polternde Faust schlug ungestüm gegen ein gelbes Messingblech, das einen kleinen Holzrahmen füllte. Hans sah sich um, und als sich aus der Faust ein Finger loslöste, der ihm zu winken schien, näherte er sich dem Zollhäuschen, aus dessen Fenster ihn das bärbeißige Gesicht eines Affenpinschers mit folgender Liebenswürdigkeit traktierte:

»Denkst du Galgenvogel, dass du hier schmuggeln kannst?«

»Ha, da läuft man so für sich hin, als ob es keine Aufsichtsbehörde gäbe; übersieht großherzogliche Beamten und betrügt die Stadt um die Konsumsteuer.«

»Ja, so sind sie alle, diese Harmlosen vom Lande! Sie wissen von nichts, aber Gendarmen müsste es wochenlang regnen, wenn man all’ die Spitzbuben einsperren wollte, die hier vor der Zollbude ihr Gewissen mit Todsünden belasten.«

»Her mit deinem Bündel,« rief der Zöllner, und seine Faust, grob wie ein Steinschlegel, griff nach dem Riemen und zerrte den großen Georges pietätlos in das Innere der Zollbude.

Hans erbebte, als ob er vor dem Rachen eines Krokodils stände. Er war starr, aber nicht lange, denn als die unselige Strickleiter ihm gleich darauf vor die Füße flog, raffte er sie schleunigst auf und machte, dass er aus der gefährlichen Gegend fortkam. Er eilte der Stadt zu, die eine enge Gasse mit schmalen Häusergiebeln vor ihm auftat. Er war müde und gedrückt, und nur wenn er jemand kommen sah, der mühselig und beladen war wie er selber, so wagte er, ihn anzusprechen und fragte sich zurecht nach dem bischöflichen Konvikte. So borgt die Niedrigkeit von der Niedrigkeit und Armut beschenkt die Armut.

Endlich fand er das gesuchte Asyl auf dem Marienplatze. Es war ein stattliches, aber nüchtern und pedantisch aussehendes Haus, an dessen Fensterscheiben weiße Kattunvorhänge niederhingen und die spießbürgerliche Wahrheit verkündeten: »Fein braucht man nicht zu sein, wenn man nur sauber ist.«

An dem Äußeren hatte der Junge sich bald satt sehen, nun wollte er ins Innere. Das war schwieriger zu bewerkstelligen, als man denken sollte, denn die Türe hatte nach außen keine Klinke. Hans verstand. Das wollte ungefähr heißen: ›Hier geht niemand ein, er ruft mich denn zuvor‹. Also streckte er sich, um den Schellenzug zu erreichen. Dies gelang nicht, er war zu klein. Da der große Georges im Lauf des Tages viel von seiner Ehrwürdigkeit eingebüßt hatte, stellte er sich mit den Füßen darauf und zog an der Schelle. Das Geräusch schlürfender Tritte von Innen verkündete, dass er gehört worden sei. In den Angeln knarrte die Tür, und Hans stand vor einem geistlichen Herrn mit gewaltigem Kahlkopf.

»Du bist Hans Höhrle?« war die kurze Anrede.

»Ja,« sagte der Knabe.

»Du hast die Nummer 28. Im Studiersaal findest du dein Pult, im Schlafsaal dein Bett und deinen Stuhl, am Tisch deinen Teller, alles mit der Nummer 28.« Damit ging der geistliche Herr durch eine Seitentür und bedeutete der Nummer 28, sie möge die Treppe emporsteigen.

Hans tat es. An den Wänden hinauf hingen Haussegen, Herzjesubilder und Kruzifixe, verdorrte Kränze und Weihwasserkessel, ach so viel aufdringliche Frömmigkeit, dass es dem Knaben angst und bange wurde. Auch quälte ihn der Gedanke, dass er von einer Persönlichkeit zu einer Zahl heruntergesunken war, er fühlte den Abstand von gestern auf heute, war niedergeschlagen und wünschte nichts sehnlicher als sein Bett aufsuchen zu können. Das Essen berührte er kaum. Verschlafen machte er das Abendgebet mit. Die Responsorien schlugen aus endlosen Fernen an sein Ohr. Schweigend trabte die Herde der Schüler dem Schlafsaal zu. Hans riss das Fenster seiner Zelle auf. Sein Auge suchte die Weiten der Welt, gierig folgte er dem Zug der Wolken, dem Monde, der in der blauen Nacht wie ein goldenes Schiff nach fernen Gestaden schwamm.

Ach die enge Zelle mit der Nummer 28, dem Bette, dem Nachttisch und einem Stuhl ohne Lehne. O, wie wenig Raum für einen, der gewohnt war, dem Hirsche gleich ziellos durch Wald und Flur zu streichen. Der Knabe setzte sich und stützte das müde gedankenschwere Haupt mit den Händen. Ach, wäre er doch noch einmal zu Hause! Mit wieviel Bereitwilligkeit hätte er auf all die hohen Ehren verzichtet, zu denen die Strickleiter ihn führen sollte.

Mitten hinein in das grübelnde Suchen seiner Gedanken schlug der Ton einer kleinen Glocke. Hans wusste, dass es das Zeichen war, das Licht auszulöschen. Er tat es, aber er ärgerte sich über diese anmaßende Schelle, die sich herausnahm, sein ganzes Leben zu regeln, sein Wachen, sein Schlafen, seine Arbeit, seine Erholung, ja sogar sein Gebet. Aber er folgte, legte sein Haupt aufs Kissen und schlief ein.










9. Kapitel


Der Winter war da. Wo immer sich ein kleiner Wasserlauf die Sache bequem machen und langsam gehen wollte, schlug ihn der Frost in Fesseln und hielt ihn fest. Am Wehre, an jeder überhängenden Wurzel erstarrte das Wasser und kam nicht fort. Schwach und dunstend erreichte der Bach die Mühle; wie wollte er da noch arbeiten? Ja, Groß und Moos, die hatten’s gut. Sie waren vom Wasser nicht abhängig. Ein paar Zentner Kohle und ihre Mühle lief, ob die Sonne den Wasserstand verringerte oder der Frost. Sie konnten vergnügt ihren Schlitten über den singenden Schnee sausen lassen, aber Frau Höhrle nicht, denn Suse brauchte die Pferde am Göpelwerk. Es hatte eine hässliche Szene zwischen Mutter und Tochter gegeben, aber Suse war fest geblieben. Sie war die einzige, die den schwachen Vater stützen, und den unheilvollen Einfluss der Mutter beschränken konnte. Sie tat es nicht gerne, aber sie fühlte, dass es ihre Pflicht sei, ihre Pflicht gegen die Eltern und die Geschwister. An sich selber dachte sie nicht. Sie wollte nur mit starker Hand das Steuer führen am Nachen, in dem die anderen saßen, und seinen Kiel durch den Sturm zu einer stillen Bucht zwingen, in der sie alle Ruhe fänden. Der Drang, helfend einzugreifen, verkürzte den kargen Schlummer ihrer Nächte und im Dämmerschein jedes jungen Tages stand sie munter zugreifend und anspornend unter den Arbeitern in der Mühle. Alle sahen sie mit Respekt an dem Mädchen in die Höhe, und ob einer bei dem Umbau des Werkes hobelte oder sägte, er schielte nach ihr, wenn sie den Bodenstein mit Pech ausgoss und über ihn den Läufer stellte, um den Hafer zu schälen. Das erforderte eine feinfühlende, sichere Hand. Der Stein musste drücken, ohne zu zermalmen, gerade so, wie die geistige Überlegenheit Susens auf den anderen wie ein Gewicht ruhen musste, ohne ihnen jedoch den Atem zu rauben.

Alles das, was Suse im Hause und in der Mühle wert war, zog wie Rosenduft durch Türen und Ritzen des alten Gemäuers, verbreitete sich durchs Tal und drang lockend wie ferner Glockenklang über Wald und Hecken in die entlegensten Dörfer. Bald sah man wieder die angejochten Ochsen mit den kleinen Leiterwagen hinter sich vor der Mühle stehen, und das lockere Volk der Tauben kam aus der Nachbarschaft und pickte wieder die süßen Hirsekörner durch die Maschen der Maltersäcke. Suse entwickelte die Spezialität des Hafer- und Hirseschälens zur Kunst und wurde in der Gegend eine Berühmtheit. Es war nicht viel, was sie produzierte, aber gut. So führte sie den Kampf gegen Groß und Moos mit einem Achtungserfolg, indes Vater Höhrle den Versuch wagte, durch Neueinrichtungen das Korn- und Weizenmahlen rentabel zu machen.

Das Sieb wurde hinausgeworfen, und was früher an Mahlgut durch grobe Maschen lief, musste jetzt in Beuteln durch die Poren seines Seidenstoffes sich durchschlagen. So erzielte man ein besseres Mehl, und die verödete Mahlstube füllte sich einigermaßen wieder mit Bauern. Wenn an den Winterabenden ihr lautes Sprechen oder ihr Gesang durch die Bodendielung heraus in das Familienzimmer drang, dann machte wohl die Müllerin ein verärgertes Gesicht, aber dem Vater Höhrle schmeckten seine Kartoffeln wieder besser, und er überhörte es gerne, wenn seine Frau die Sensible spielte und über das rohe Gebaren unkultivierter Menschen empfindsam klagte. Suse und Liese saßen dann am Ofen und strickten Strümpfe für »Hochwürden«, ihren Bruder.

Auffallend, dass Suse in letzter Zeit verträumt und nicht recht bei der Sache war, namentlich dann, wenn aus dem Stimmengewirr unter dem Fußboden der klagende Tenor einer klangvollen Männerstimme herausscholl. O ja, das Mädchen kannte den Inhaber dieser Stimme wohl. Er kam öfter mit seiner Hirse und hatte es mit dem Gehen nicht eilig. Er konnte warten und ließ manch einem, der nach ihm gekommen war, den Vortritt am Mühltrichter. Er übte sich scheinbar aus Langerweile im Schärfen der Steine und war stets zufrieden mit dem, was die Mühle aus seinem Mahlgut herausschlug. Auch half er der niedlichen Müllerin im Stellen des Läufers, und diese ließ sich nicht ungern helfen. Zuweilen drängte sich beim Heben und Stemmen Hüfte an Hüfte, und es schien, als ob aus dieser Vereinigung eine Stärke geboren würde, der nichts widerstehen könne. Aber auch ein mollig weiches Empfinden umhüllte wärmend den Körper des Mädchens, wie die Flamme den Stab. Suse fühlte sich auf seidenen Wolken hoch über die Erdensorgen getragen und wiegte sich in süße Zukunftsträume, wenn sie die klagende Weise seines Liedes hörte:

		»Jetzt geh ich ans Brünnele, trink aber nit,
		Da such ich meinen herztausigen Schatz,
		Find ihn aber nit.«

Es ist wahr, dass sie in solch sentimentaler Stimmung durch das Grunzen der Ferkel oder das Glucksen der Henne noch über den Hof gelockt werden konnte. Manchmal lief sie nach dem Brunnen und holte Wasser, obwohl kein Mensch durstig und keiner da war, der sich zu waschen begehrte. Es war nicht zu verkennen, dass ihre sonst so elastischen Schritte auf der Treppe mehr Geräusch machten als vordem, und es war kein Kunststück, wenn der Sänger in der Mühlstube das Lockende dieser Schritte heraushörte und das Bedürfnis empfand, im Mondschein sein Geld zu zählen.

So kam es, dass die zwei Menschen zu ihrem beiderseitigen Erschrecken manchmal im Schatten der Häusergiebel wider einander trafen und sich langsamer trennten, als man aus dem erschreckten Aufschrei des Mädchens eigentlich hätte vermuten sollen. So kam es aber auch, dass die anderen Insassen der Mühlstube, wenn sie nicht gerade Karten spielten oder ihren Namen in die Tischplatte schnitten, von Neugier getrieben den Mehlstaub von den Scheiben wischten und das Paar ein wenig belauerten. Was Wunder, dass es nach kurzer Zeit im Dorfe ein Gemunkel gab, und dass Röse Ricke mit ihrem unter sieben Siegeln der Verschwiegenheit geborgenen Geheimnis wie ein Schwärmer durchs Dorf schwirrte und explodierte, so oft sie wider einen Menschen schoss, der ihr prinzipiell versprach, keiner Menschenseele irgend etwas von der interessanten Neuigkeit zu erzählen. So kam es, dass das süße Geheimnis der unvorsichtigen Suse bald wie ein Gemeingut auf der Straße lag und dass aller Welt zur unumstößlichen Gewissheit wurde, was den Hauptbeteiligten noch recht zweifelhaft war.

Mutter Höhrle geriet, als sie von dem, was sich vorbereitete, erfuhr, in einen wahren Paroxysmus der Wut. Sie konnte sich Suse nun einmal nicht anders denken, als an der Seite eines Gatten, der eine Vorstecknadel am Busen trug. Und nun kam einer, dessen Stiefel gerüstert waren und dessen Vater auf einem Pachthof der Kirchschaffnei saß, und wagte es, die Augen zu einem Spross aus dem erlauchten Hause der Schütteldich zu erheben. Suse hatte in den Augen der Mutter allen Wert verloren. Sie war wie ein Löffel, von dem das Silber abgescheuert ist, während ein blinder Messingglanz sich sehen lässt. Wer konnte auch ahnen, dass die Schwester eines zukünftigen Kirchenfürsten sich zu einem Menschen niederbeugen würde, der nichts sein Eigen nannte als kräftige Schenkel und plumpe Fäuste, Dinge, die doch höchstens einen Vater Höhrle entzücken konnten.

Und dann die Dreingabe einer hergelaufenen Sippschaft, die wie der Vogel auf dem Baume eines Pachtgutes saß und auffliegen musste, sobald ein Rechnungssupernumerarius am Stamm schüttelte.

»Den Leuten muss man zeigen, wer sie sind,« sagte sie, und als es sich traf, dass sie im Gang des Kirchenschiffes an der Mutter von Susens Erkorenem vorüberrauschte, warf sie verächtliche Blicke um sich und hustete großartig, um anzudeuten, dass sie nur nötig hätte auszuspeien, um kriechendes Gewürm von solcher Sorte wie im Auswurf eines Schlammvulkanes zu ersticken.

Mit diesem gebildeten Betragen erreichte sie, dass in Susens Verehrer der Stolz erwachte, dass er zwar dem Mädchen nicht entsagte, aber sein Liebeswerben auf bessere Tage zurückstellte und schließlich von der Mühle Unglück erhoffte, was ihr Glück ihm verweigerte.

Für Vater Höhrle war damit ein Licht erloschen, auf das er im Nebel seiner Ängste und Sorgen zusteuerte. Susens Wohl und die Zukunft des Hauses Höhrle schienen ihm auf den Schultern des jungen Mannes wie auf zwei starken Pfeilern zu ruhen.

Gequält und gefoppt von den Enttäuschungen, die das Leben mit sich bringt, wollte er sich, ein verwundeter Krieger, aus dem Kampfe zurückziehen, zufrieden mit der Auszugswohnung über den Schweineställen und mit der Aussicht, seinen Sohn zu einem tüchtigen Menschen heranreifen zu sehen. Das war nun alles, alles wieder zerstört, zum mindesten in weite Ferne gerückt und zwar durch den Unverstand seines eigenen Weibes, der keine Ahnung dämmerte von dem, was den Schlaf seiner Nächte kürzte und Falten in sein Gesicht grub, dass er borkig und zerrissen aussah wie der Stamm einer Eiche. Denn ach, es wollte kein Segen ins Haus ziehen, trotzdem der Bach sich schäumend in der Turbine wälzte und die neuen Stühle wie wütend zwischen ihren rotierenden Walzen das Mahlgut quetschten. Man hatte bei all den teueren Umbauten einen Umstand übersehen, der sich schwer rächte. Der Weizen, den der vaterländische Boden trug, war zu weich, das stellte sich nun heraus, er »floss« unter der Walze und ward dünn wie Papier, aber er gab sein Mehl nicht her.

Mordche Rimbach sagte: »Taganróck muss es sein oder Argentinier, der Heimische tut’s nicht,« und er schüttelte den Kopf, dass ihm schier die Ohren abgefahren wären. Aber wo sollte der Müller das Geld hernehmen, um Schiffsladungen fremden Weizens kommen zu lassen?

Mutlos und verzagt sah er, dass die Mühlstube wieder stiller, ja ganz einsam wurde. So war sie eine Brutstätte trübseliger Gedanken, in der Vater Höhrle verlassen sitzen und sein Soll und Haben täglich überdenken konnte. Vom Lärm des Getriebes umgeben, den er nicht mehr hörte, saß er mit seinen zugestaubten Gehörgängen unter dem Scheine der altväterischen Laterne, die vom rußgeschwärzten Durchzug niederhing, und rechnete an den Fingern sein schweres Soll heraus. Da war der Aufwand für die Mühlknechte und den Mühlarzt, da waren Steuern in allen Namen und unter jedem Vorwand, ein wahrer Straßenraub unter gesetzlichen Formen. Da war der Aufwand für Hans, der erst nach Jahrzehnten eine Rente versprach und dann nur seiner Person, schwerlich dem, der seine Ausbildung mit so saurer Arbeit ermöglichte. Da waren Luxusausgaben, die auf dem Konto seiner Frau standen, die er aber nicht schmälern durfte, ohne das magere Paradies seines Ehehimmels in eine Wüste voller Schrecken zu verwandeln. Da waren die Zinsen für das von Schütteldich verbürgte Darlehn bei der Sparkasse, die mit zur Tafel gingen und den Löffel in die Schüssel senkten, bevor noch irgendjemand vom Hause Höhrle sein Tischgebet gesprochen.

Sein Haben war nahe beisammen. Da lagen ums Haus herum die Äcker und die Wiesen, schön gepflegt, aber sie lohnten bei den erhöhten Forderungen der Taglöhner nur mit geringen Zinsen den Aufwand von Mühe und Geld. Da war der Wald hinter dem Hause, in dem die mächtigen Eichen ihre Arme zum Himmel reckten und unvorsichtige Wolken fingen, die sich der Mutter Erde zu sehr genähert hatten. Er war die Sparkasse in jedem wohlgeordneten Bauernhaushalt. Es war eine heilige, aus der Urväter Zeiten überkommene Tradition, dass er die Aussteuer und das Nadelgeld der Töchter zu liefern hatte. Hatte er das getan, so ließ man ihm wieder Ruhe, und die Wunden, die man ihm geschlagen, vernarbten, bis die Enkel das Lieben gelernt. Vater Höhrle hing mit frommer Scheu an dem althergebrachten Brauche, und leichter wohl hätte er eines der zehn Gebote übertreten, die am Sinai unter Blitz und Donner gegeben waren, als das ungeschriebene Gesetz, dessen strikte Handhabung die hundert Augen all der Nachbarbauern kontrollierten.

Da war die Mühle, vordem so einträglich, als noch der Landmann mit allen seinen Lebensbedingungen im eignen Grund und Boden wurzelte und aus ihm seine Nahrung sog wie Apfel- und Birnbaum. Aber seitdem Groß und Moos den verfeinerten Genuss boten, schienen sich die Bauernmäuler geändert zu haben. Es war nicht zu glauben, aber es gab Leute, die empfindsam geworden waren gegen den Reiz der Kleie auf dem Zahnfleisch. Den Anfang machten die Frauen mit ihrem Kirchweihkuchen, dann kamen die Fastnachtskrapfen daran, und schließlich wurden die sturzblechernen Bauernmägen, die vordem Schuhnägel verdauten, nervös. So wich das gediegene Schwarzbrot dem Produkte der Firma Groß und Moos und verschwand genau so wie der blauleinene Kittel, der vor der Schabwolle floh, die ihre Auferstehung aus Lumpen feierte. Die neue Zeit, den Papierkragen als Wimpel am Fockmast, steuerte ihr Schifflein in die entlegensten Gebirgstäler. Vater Höhrle wusste, dass sein Gebet von jenem Sonntag nicht erhört war. Traurig und in einer Allerseelenstimmung ging er an sein Hauptbuch, den Tisch mit den eingeschnittenen Namen.

Da war zu lesen: »Franz Hintenlang von Falkengesäß«. Vater Höhrle erinnerte sich seiner genau. Er hatte einige Auswüchse wie Schneeballen so groß aus seinem Kopfe und konnte deshalb nur gestrickte Kappen tragen. Das war der eigentliche Grund, weshalb er nie zum Abendmahle ging und in den Geruch kam, ein Aufgeklärter zu sein. Er war unter seinen Kartoffelwagen gekommen und hatte den Weg von hier in die Ewigkeit in wenig mehr als einigen Sekunden gemacht. Vater Höhrle verzieh ihm, dass er nicht mehr mit seinem Korn zur Mühle kam, und machte ein kleines Kreuz hinter seinen Namen.

Dann kam »Pankraz Wohlgemuth aus Hartenrod.« Der lag auf dem Rücken, als er starb. So kam’s, dass der Tod seinen Schnitzbuckel nicht sah; denn wer weiß, ob er ihn aufgeladen, wenn er gewusst hätte, wie schwer er zu verpacken war.

»Ignatius Weißkohl aus Hammelbach« war in einem guten Weinjahr den Weg alles Fleisches gegangen, obwohl man bei ihm von Fleisch eigentlich nicht reden konnte, denn er war so mager wie ein Spinnrad und doch durstig wie ein Trichter. Auch die beiden hatten einen anständigen Grund ihre Geschäftsverbindungen mit der Mühle zu lösen. Vater Höhrle zürnte ihnen nicht und setzte jedem ein kleines Kreuz hinter seinen Namen und ein Requiescat in pace.

Jetzt aber entdeckte er den Namen »Klaus Krummholz aus Brombach«. Der Mann war ein leidlich begüterter Bauer. Im Winter aber und an den Regentagen besserte er alte Wagenräder aus und machte auch wohl neue. Er war ein unzuverlässiger Kopf und musste immer beim Neuesten sein. Er wechselte seinen Arzt, seinen Barbier, seinen Schuster und hatte sogar seine Religion gewechselt, nur seine Strümpfe wechselte er nicht. Er war einer der ersten, der sein windschiefes Rückgrat vor der Firma Groß und Moos beugte und sein Korn nach deren Mühle trug. Der Chef des Hauses hatte sich herabgelassen, mit ihm ein paar freundliche Worte zu reden, und Krummholz war vor Ergebenheit schier noch buckliger geworden, als er schon war. Späterhin lief er dann im Dorfe herum und erzählte Wunderdinge von dem Produkte der neuen Kunstmühle. Seine Frau hatte mit einer Hand voll Mehl einen Kuchen gebacken, so groß, dass das Wunder Jesu – die Speisung der fünftausend Menschen – wenn nur Groß und Moos das Mehl lieferten, eine selbstverständliche Sache war.

Vater Höhrle, der den windigen Gesellen hasste, wenn sein sanftes Wesen einer derartig starken Gefühlsäußerung fähig war, empfand einen Ekel vor dem Namenszug dieses Klebrigen, schnitt ihn mit seinem Taschenmesser ans der Tischplatte und suchte weiter.

Da kamen nun aber eine ganze Anzahl Leute, die wohl alle etwas besser wie der Krummholz, aber noch lange nicht gut waren. Es kam die große Schar derer, die dem Vater Höhrle Geld schuldig waren, und die nun vor anderen Leuten so taten, als ob sie nur ungern und nicht ohne Bedauern der Mühle ihre Gunst entzögen. ›Wir hätten gerne‹, – pflegten sie bedeutungsvoll zu sagen, – ›aber es ging nicht mehr, es ging wirklich nicht mehr.‹ Ehrabschneider, die andere Leute schlecht machen durch das, was sie scheinbar großmütig verschweigen.

Dann jene Sorte, die überall für sich einen kleinen Vorteil riechen. ›Man kann nicht wissen, Groß und Moos konnten sich ein Paar Stiefel machen, den Bart scheren, einen Zahn ziehen lassen! Eine Hand wäscht die andere. Groß und Moos konnten in den Stadtrat gewählt werden.‹

Diese erbärmliche, sich selbst misstrauende, aber zahlreiche Sorte hatte dem Tische übel mitgespielt. Von der krankhaften Sucht beherrscht, dass von ihrem Nichts etwas auf künftige Geschlechter kommen müsse, hatten sie das Eichenbrett glatt durchgeschnitten. Vater Höhrle konnte die Gänge dieser Holzwürmer unmöglich herausradieren, deshalb holte er Fensterkitt und schmierte sie zu. Aber ihrer waren viele, und als der Alte fertig und nur die treugebliebene Kundschaft nebst den Toten übrig war, sah der Tisch verschmiert aus, schier wie ein Nudelbrett am Freitagvormittag.

Der Müller war recht traurig, als er so sein Hauptbuch überschaute, und auch Suse, die unbemerkt an die Seite des Vaters getreten war und sein seltsam Tun beobachtete, ließ das schöne Köpfchen hängen, so dass sie mitleiderregend aussah wie eine Rosenknospe im Novemberfrost.

»Vater,« sprach sie nach langem Schweigen, »will’s denn immer noch nicht gehen?«

Der Alte erschrak und sagte ausweichend: »Nun gehen, gehen tut’s schon, aber nicht gerade so, wie es gehen sollte.«

»Und könnte ich dir hierin denn gar nichts tun, ich, deine Tochter? Vater, sei offen gegen mich. Lass dein Kind teilnehmen an deinen Sorgen.«

»Sorgen, mein Kind,« sagte Höhrle betreten, »nein, was man Sorgen nennt, die haben wir nicht. Nur so, wie soll ich’s nennen, so kleine Verlegenheiten ab und zu. Doch das wird sich geben, wird sich geben.«

»Vater,« sagte Suse ernst, »dein Aussehen zeugt wider deine Rede. Seit Monaten sehe ich, wie schwer du leidest. Vater, sei barmherzig gegen mich, gegen dich, sprich deinem Kinde von deinem Gram, der Kummer, der nicht spricht, frisst nach dem Herzen, bis es bricht.«

Der Alte wurde weich. Seine Hand suchte die seiner Tochter. Müde sank sein Haupt auf die Schulter des Mädchens nieder. Seine Knie wankten. Suse suchte mit ihm die Bank hinter dem Tische zu erreichen.

Da saßen sie nun, Vater und Tochter. Die Laterne am Durchzug warf ab und zu trübe Lichter auf sie und auf die Tischplatte, die so deutlich zu reden wusste vom Niedergang des Hauses Höhrle. Eifrig plapperte die Mühle, ein leeres Geschwätz. Zwei Menschen, die sich viel zu sagen hatten, fanden keine Worte. Die Tränen, die über Susens Hände niederliefen, sagten viel, und sie waren reichlich, und doch waren sie nur der millionste Teil aller derer, die vergossen wurden in den grausamen Zeiten des Überganges, als der brutale Kapitalismus den Kleinbetrieb erwürgte.

Wie lange sie so, eines am anderen Schutz suchend, gesessen haben, und wie oft sie sich wieder aufgesucht haben, um still zu klagen, wer wollte so indiskret sein und danach fragen. Eines nur ist sicher. Als die Träne im Vaterauge Suse die Gewissheit gegeben hatte, dass sein Gang nach dem Grabe durch viele Leidensstationen führen werde, da beschloss sie, den Schuldbrief ihres eignen Glückes unerbrochen zu lassen und beim Vater auszuharren. Unnachsichtig riss das starke Mädchen, grausam gegen sich, die Liebe aus ihrem Herzen. Der erste Brief, den sie dem Erwählten ihrer Neigung sandte, war auch der letzte.










10. Kapitel


Am Tage nach seiner Ankunft in der Stadt wanderte unser Hans nach dem Gymnasium und nahm als Begrüßung eine Tracht Prügel entgegen, die ihm von Seiten seiner Mitschüler nicht eben kärglich im Schulhof zugemessen wurde. Das war so hier wie wohl auch anderwärts die Art, wie man den Neuling feierlich einweihte, das Heimweih schonend austrieb und in unserem speziellen Falle die Gedanken an eine lichtgrüne Wiese, auf der zwischen buntscheckigem Vieh ein kleines Mädchen herumlief, begehrenswert und lockend wie ein reifer Pfirsich, und doch verehrungswürdig wie eine Heilige. Hans Höhrle hatte schon in früher Stunde noch vor dem Morgengebete an sie gedacht, und als er zur Schule ging, nahm er die Strickleiter mit, weil er das Gefühl hatte, er müsse gleich am ersten Tage für sie und sich einige Sprossen aufwärtssteigen.

Nach ermüdendem Herumstehen auf den Gängen rief ein Glockenzeichen die Jungen in die Klasse. Man setzte sich in die während der Ferien neu gefirnissten Bänke, wie es der Zufall eben wollte. Hans kam zwischen zwei freche Offizierssöhne zu sitzen, die, wie sie sagten, nur eine Nachprüfung abzulegen hatten. Sie machten sich lustig über den etwas unbehilflichen Bauernjungen, fragten ihn, ob es im Odenwald noch Kängurus gäbe, und als er dies verneinte, meinten sie, sie seien auf diesen Verdacht gekommen, weil er so aussehe, als ob er von einem dieser lieblichen Haustiere abstamme. Hans ärgerte sich und griff dem einen nach dem dünnen, durchsichtigen Hälschen, um ihm Respekt vor seiner Person beizubringen, als die Tür aufging, und ein putziges Männlein in sackgrauer Uniform mit einem Paradedegen an der Seite eintrat. Es sah, was vorging, und packte unseren Hans an der Schulter. »Wie heißt du?« herrschte er ihn an. »Hans Höhrle,« war die Antwort. »Hans Höhrle, Hans Höhrle,« wiederholte der Uniformierte, »eine Konsonanz deines Namens haben wir hier in der Klasse. Pass auf, dass nicht ein Röhrle auf dem Höhrle tanzt.«

Jetzt begriff der Knabe, dass er seinen Klassenführer vor sich habe, und war über dessen kriegerisches Aussehen sehr betreten. Derartig herausgeputzt hatte er noch nie einen Lehrer gesehen, und wozu das kleine Männchen sein Schwert gebrauchen sollte, war ihm nicht minder schleierhaft, wie wahrscheinlich dessen Träger selber.

Übrigens stand der Mann in Waffen alsbald gefangen in einer Art Waschzuber, den man Katheder nannte. Er knetete sein Taschentuch in die Form eines Maiskolbens und sägte damit eine Zeitlang unter seiner Nase her, bevor er mit einem Diktat begann. Es herrschte tiefe Stille, und man hörte nur die Federn mit kratzendem Gang über die blauen Zeilen eilen, um einige gewichtig vorgetragenen Sätze festzuhalten. Hans, der am Morgen mit inbrünstigem Gebet einige Heilige ersucht hatte, ihm beizustehen, ging mit gutem Mut und Gottvertrauen an Übersetzung dieser Sätze, und bevor ein weiteres Glockenzeichen vom Turme erklang, war er fertig und lieferte seine Arbeit ab.

Am nächsten Tage erfuhr er, dass er in die Klasse aufgenommen sei, kam aber an deren Schwanz zu sitzen, wo man gewöhnlich die Neulinge unterzubringen pflegte. Gleich von vornherein machte man mit den Letzten wenig Wesens. Man führte den gallischen Krieg, ohne dass sie Kombattanten stellten, und auch den Akkusativ cum Infinitiv konstruierte man ohne ihre Mithilfe. Dies Stillleben war nach Geschmack manch eines, aber es konnte zu nichts Gutem führen, und dauerte auch nicht lange. Eine neue Probearbeit änderte die Dinge. Hans machte sie unter Zuhilfenahme des großen Georges. Manche Schwierigkeit des Diktates ließ sich leicht überklettern, andere bereiteten Kopfzerbrechen, und der Schüler musste die Strickleiter zu Hilfe nehmen. Da kam er aber in ein wahres Labyrinth gelehrter Subtilitäten, wurde von einem Buchstaben zum anderen genarrt, verlor den Überblick und die Zeit. So kam’s, dass er schwitzend und halbfertig dasaß, als die anderen Schüler bereits das Klassenzimmer verlassen hatten. Der Lehrer wurde ungeduldig, drängte, und Hans gab schließlich ab, was er hatte und wie es war. Mit dem beunruhigenden Gefühle, dass er nicht glänzend abgeschnitten haben könne, verließ er das Schulgebäude. Doch es kam noch schlechter, als er sich vorgestellt hatte. Nach Tagen qualvollen Hangen und Bangens erschien das graue Männlein wieder auf dem Katheder und holte einen Pack weißer Bogen unter seinem Philosophenmäntelchen hervor. Im Nu war die ganze Klasse auf den Beinen. Den Schulranzen unterm Arm, in den Taschen das Frühstück, die Feder hinterm Ohr, das Lineal zwischen den Fingern, so stand die Menge marschbereit da, als ob es sich um eine Mobilmachung handle. Die Ungewissheit, was die nächste Minute bringen werde, lag als weiße Schminke auf allen Gesichtern.

Schon las der Lehrer die Namen derer herunter, die gute Arbeiten geliefert hatten. Die erste Bank hatte sich gefüllt, und es ging an die zweite. Wer gerufen wurde, stürzte mit Geschwindschritten nach seinem Platze, als ob ihm dieser wieder entrissen werden könne. Die Zurückbleibenden traten ungeduldig von einem Bein auf das andere und beneideten jene, die in der Nähe der Kathedersonne einen warmen Platz gefunden hatten. Schon war mehr als die Hälfte aller Plätze besetzt und Hans war nicht aufgerufen. Da brachte ihm der Gedanke, er könne überschlagen sein, einigen Trost, und er hielt diesen Strohhalm der Hoffnung mit Polypenarmen fest und fester, je mehr sich die Zahl seiner Leidensgenossen verringerte. Jetzt waren es schon nicht mehr als die Finger einer Hand. Darüber freute sich Hans, denn es wuchs die Aussicht, dass seine Vermutung Gewissheit werden könne. »Der Vorletzte ist Emmerig,« tönte es vom Katheder, »und bedeutend die letzten sind: Hans Höhrle und Ammelung.« Also war der glimmende Funke von Hoffnung vollends erloschen. Hans wankte nach seinem Platze, aber schon war ihm sein Sozius zuvorgekommen, indem er seine Ansprüche auf den vorletzten Sitz mit dem Einwand stützte, dass er im Alphabet weit vor einem Höhrle komme. Diesen glücklichen Umstand nutzte er aus, und Hans akzeptierte, physisch und moralisch vernichtet, den letzten Platz. Er war schlapp wie die Sünde, legte seine Arme kreuzweise auf die Tischplatte und seinen Kopf drauf. Seine Arbeit, die mit roten Strichen durchschossen war, wie ein Studentengesicht nach der Mensur, wurde ihm von irgendeinem unter den Rockärmel geschoben. Er würdigte sie keines Blickes. Seine Gedanken weilten bei Onkel Schütteldich und seinem Ledersofa, und nur zuweilen kehrte Hans in die Gegenwart zurück, um in blinder Wut mit den Füßen auf dem großen Georges herumzutrampeln, der seinen Platz noch unter den beiden am Boden gefunden hatte. Als die zwölfte Stunde schlug, packte ihn der unglückliche Schüler voller Verdrossenheit unter den Arm und schlenderte langsam und nachlässig über den Marktplatz dem Konvikte zu.




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