Das Kind
Adolf Wilbrandt




Adolf Wilbrandt

Das Kind





1


Gertrud ging in das Bücherzimmer, das für diesen Abend in ein Rauch- und Spielzimmer verwandelt war; der große runde Lesetisch war hinausgeräumt, dafür standen drei Spieltische mit allem Zubehör, auch mit kleinen Rauchtischchen wie die Winkel eines gleichschenkligen Dreiecks da, von dem alten Pedanten Brink wie mit dem Lineal gestellt. Gertruds rosiger Träumerkopf wandte sich in der Thür zurück:

»Was noch?« fragte sie.

»Kind, vergiß das Buch nicht!« rief der Vater ihr nach.

»O nein!« sagte sie, überlegen lächelnd, und machte die Thür hinter sich zu. Die junge, noch überschlanke Gestalt ging langsam zwischen den Spieltischen durch. Ja, ja, ich hole das Buch! murmelte sie, als spräche sie noch zum Vater. Die hellen Augen wurden wieder träumerisch; unbewußt wiederholend, halb singend summte sie vor sich hin: Ja, ja, ich hole das Buch . . . Ja, ja, ich hole das Buch . . . Sie stand vor einem der hohen Büchergestelle, schaute auf die hübschen, farbigen Einbände und durch sie hindurch, ins Ferne. Von dort klang er wieder her, ihr Vers, der Vers aus ihrem Traum.

»Und immer ging sie fort, aufs offne Himmelsthor . . . Nein, dachte sie, den Vers werd’ ich nicht mehr los. Wie sonderbar und wie feierlich klingt es. »Und immer ging sie fort, aufs offne Himmelsthor . . . Was wollt ich doch noch? Ich wollte doch was! Weiß nicht. Kann mich nicht besinnen . . .«

In einer süßen Unruhe ging sie weiter, an den Büchern hin. »Ach,« murmelte sie, da ihr so unbestimmt wohlig ums Herz war, »ach, ich bin so glücklich!« – ›Und immer ging sie fort, aufs offne Himmelsthor . . . ‹«

Schilcher trat geräuschlos ein, wie er pflegte, war er doch in dieser Wohnung ebenso zu Hause wie in seiner eigenen, der kleinen Junggesellenwohnung eine Treppe höher. Mit seinem einen Ohr hatte er Gertruds hingesummten Vers gehört, die kurze, hagere Gestalt blieb noch auf der Schwelle stehn und legte den Kopf auf die Seite, wie um mehr zu hören. »Was summt das Hummelchen?« fragte er, ein wenig lächelnd. »Und immer ging sie fort. – — Was heißt das?«

Gertrud lächelte auch. »Das ist aus einem Gedicht, Onkel Schilcher, das du noch nicht kennst.«

»Was?« sagte der alte Herr, die Augenbrauen hoch ziehend. »Gertrud Rutenberg dichtet?«

Sie schüttelte den Kopf: »Ich? O Gott! Nein! – So wenig wie du! – Ich hab’s nur geträumt.«

»Verse?« fragte er sehr erstaunt. »Das ist mir noch nie begegnet.«

»Mir auch heute zum erstenmal, heute nachmittag. Weil ich die letzte Nacht schlecht geschlafen habe —«

»Ja, ja!« warf er ein, mit seinem spöttischklug herzlichen Lächeln. »Vor dem ersten Fall!«

»So war ich heut nachmittag plötzlich weg – im Lehnstuhl, Onkel Schilcher – und hab’ dir so viel zusammengeträumt, es nahm gar kein Ende. Ich glaub’, es war ein ganzes Gedicht, – siehst du, im Traum, da hab’ ich Talent! – Und dieser eine Vers verfolgt mich förmlich . . .«

Schilcher nickte bedächtig. »Wahrscheinlich weil du den Traum noch niemand erzählt hast —«

Sie schüttelte den Kopf.

»Junge Mädchen pflegen aber ihre Träume gerne zu erzählen . . . Ist dein Vater zu Hause?«

Sie nickte. Mit dem dunkelblonden Kopf nach dem Salon deutend, warf sie hin. »Doktor Wild ist da; und Lugau.«

»Junge Mädchen,« wiederholte Schilcher in seiner trockenen Art, ». . . pflegen aber ihre Träume gerne zu erzählen.«

»Dir?« sagte sie. »Du lachst mich nur aus!«

»Wie werd’ ich. Siebzehnjährige Mädchen lach’ ich niemals aus, das sind sehr ernsthafte, ernst zu nehmende Wesen. Also ein poetischer Traum?«

»O!« stieß Gertrud heraus. »Ein wunderbarer Traum! – Weißt du, ich lag auf einer Wiese, oder auf irgend was Grünem, unter einer Eiche, oder so eine Art von Baum. Plötzlich stand da – — Aber du lachst mich wirklich nicht aus?«

»Wie werd’ ich!«

»Plötzlich stand da ein großer, langer, alter weißbärtiger Mann vor mir, sonderbar gekleidet – hast du einmal ägyptische Priester auf Bildern gesehn? Na, so ungefähr. Und der hob eine Hand – eine schauerlich weiße Hand war’s, aber doch sehr schön – und sagte ohne weiteres ein ganzes Gedicht zu mir, warum, weiß ich eigentlich nicht. Es klang aber so feierlich, so – nun lachst du. – Nein? – Es klang wie Musik wunderschön! mir schien’s wunderschön. Und der Inhalt war —« Sie stockte. Schilcher wartete eine Weile, dann fragte er mit seinem ernstesten Gesicht. »Und der Inhalt war —?«

»Auch sehr feierlich,« antwortete sie etwas verlegen »von Glück und – Liebe und – — Aber als ich aufwachte, hatt’ ich es vergessen. Nur diesen einen Vers hatt’ ich noch im Ohr – den du vorhin gehört hast.« —

»Bitte, noch einmal!«

»Und immer ging sie fort, aufs offne Himmelsthor . . .« Gertrud senkte ihr Köpfchen und lächelte still und glücklich vor sich hin.

Schilcher war auch eine Weile still, ganz regungslos wie gewöhnlich, denn viel mit den Gliedern zu sprechen war nicht seine Sache. Das bartlose Gesicht mit den frühen Runzeln, den starken Brauen, der gekrümmten Nase und dem vortretenden Kinn – eigentlich eine Art Nußknackergesicht – betrachtete das Mädel, an dem seine Seele so hing, mit einem langen Blick aus dem Augenwinkel, um die schmalen Lippen ging ein verstohlenes, weiches Lächeln.

»Hm!« machte er endlich und schob das Lächeln weg. »Der Vers ist übrigens eigentlich nicht ganz richtig, Gertrud. Es müßte doch heißen: ›Und immer ging sie vorwärts aufs offne Himmelsthor‹ . . . Nicht?«

»Ja, ja,« antwortete sie, dachte aber wohl an etwas anderes.

Der alte Herr schwieg wieder ein Weilchen. »Bist wohl sehr glücklich, meine kleine Gertrud?« sagte er dann langsam.

Sie lächelte ihn träumerisch an und sagte nichts.

»Freust dich wohl sehr auf den herrlichen göttlichen?«

»Auf wen?« fragte sie etwas hastig.

»Nun, auf den ersten Ball.«

»Ja, ja!«

»Den ersten Ball, den du selber giebst! – Wenn wir nur erst im Ballkleid prangen – Rosen im Haar, oder Gott weiß was . . . Wirst du auch noch fertig?«

Sie lachte. »Beruhigen Sie sich, Herr Oberappellationsrat. Regen Sie sich darüber nicht auf!«

»Werd’ mich also nicht aufregen. Danke. – Der erste Ball, den man selber giebt, siebzehn Jahre alt. – Ja, das ist nun auch eines von den Gefühlen, die ich nie gekannt habe! Der erste Ball – die Hochzeit – die Kindtaufe – diese drei höchsten Momente, die sind mir entgangen.«

Gertrud, die nun neben ihm stand – die lange Person war größer als der kleine Herr – hob sich auf den Zehen, im Uebermut, um auf die kleine Glatze zu sehn, die zwischen seinen etwas struppigen, emporgesträubten Haaren wie ein Teich im Schilf lag.

»Ach, du armer Mann«, sagte ihre liebe, streichelnde Stimme. »Du bist wohl sehr unglücklich?«

»Könnt’s nicht sagen, nein!« erwiderte er mit seiner trockenen Ruhe. »Erstens freu’ ich mich mit Gertrud Rutenberg sehr auf ihren ersten Ball. Zweitens hab’ ich diese Gertrud Rutenberg vor siebzehn Jahren taufen helfen und – und liebe sie ja ungefähr wie ein eignes Kind. Und drittens —«

»Und drittens?« fragte das Mädchen, da er inne hielt. Ihr ganzes kluges Gesichtchen lachte. »Und drittens denkst du noch zu heiraten?«

»Ne, das doch nicht. Aber wenn wir eines Tages Gertrud Rutenberg verheiraten, dann werd’ ich ja auch dabei sein; das heißt später, später, so ein zehn Jahre hat es wohl noch Zeit!«

Gertrud sah ihn über die Schulter an, sagte aber nichts. Sie war schon wieder bei ihrem Traum, in ihr summte es wieder mit der Priesterstimme. »Und immer ging sie fort . . .«




2


»Guten Abend, Schilcher!« sagte jetzt Rutenberg, der Vater, der mit Lugau und Wild vom Salon hereintrat. »Da ist ja wieder die ganze Whistpartie beisammen. Ihr seht, die Spieltische sind schon fertig, könntet gleich dableiben und euch niedersetzen.«

»Ja, das könnten wir wohl,« entgegnete Doktor Wild, dessen volles Gesicht wie gewöhnlich von Behagen glänzte, »aber schöne Leute haben ihre Pflichten. Wir müssen uns erst durch den Frack und die weiße Weste unwiderstehlich machen, sintemal es ein Ballfest ist. Was würde Gertrud sagen, wenn ihre drei Haus-Adonisse nicht ihre Schuldigkeit thäten, um vollkommen schön zu sein!«

Wild sah seine Kollegen mit den vortretenden Humoristenaugen an und lächelte einen Augenblick. Sie waren alle drei nicht schön, Lugau, Wild und Schilcher, neben dem kleinen »Nußknacker« Schilcher stand der Doktor breit und mächtig da, aber leider viel zu dick, und der viel kürzere Lugau war fast noch dicker, sodaß ihn die Freunde den »Schneeball« nannten, weil er wie die Blüten des Schneeballs sich so allmählich aufgerundet hatte. Nur Rutenberg war ganz wohlgebaut, stattlich, ein echter nordischer Germane mit regelmäßigen, kräftigen Zügen und strahlend blauen Augen. Doch im Humor, konnte man wohl sagen, waren sie alle gleich, ein stadtbekanntes »vierblättriges Kleeblatt«, das schon lange zusammenhielt; zwei Witwer, zwei Junggesellen, drei von ihnen sehr dem Whist ergeben, das damals – im Herbst 1880 – noch nicht so wie jetzt vom Skat abgelöst worden war. Rutenberg, der vierte, saß lieber daneben als Zuschauer, allein oder mit seiner Gertrud, seiner geliebten »Puppe«. So dachte er auch heute zu thun, während seine Puppe tanzte; darum sagte er, die Hand auf einen Spieltisch legend.

»Alles ist da, ihr Männer, auch den Geist des Strohmanns hab’ ich eingeladen, denn ohne den Strohmann könnt ihr ja nicht leben. Vergeßt nur nicht das Wiederkommen, und zur rechten Zeit!«

Wild verneigte sich. »Hast’s schon einmal gesagt, danke ergebenst für die Wiederholung.«

»Lieber Wild,« bemerkte Rutenberg, »wir haben unvergeßliche Beispiele von vergeßlichen Junggesellen!« – Er wandte sich zu Gertrud: »Nun, Kind? Das Buch! Ich warte auf das Buch!«

»Heiliger —!« rief das Mädel aus. »Vergessen!«

Die drei Whistspieler lachten. Wild sah die Tochter und dann den Vater mit seinen glänzenden Augen triumphierend an

»Es scheint,« sagte er, »die Vergeßlichkeit beschränkt sich nicht auf zu dick gewordene Junggesellen —«

»Ja, ja!« schmunzelte Schilcher. »So ein siebzehnjähriges Junggesellchen vor dem erstes Ball!«

Der kleine runde Domänenrat Lugau nahm nun auch das Wort, seine redseligen Arme mitbewegend.

»So war’s auch damals mit der Grete, meiner kleinen Nichte, – heute abend kommt sie. Gab auch ihren ersten Ball, konnt’ es nicht erwarten! Ganz in Rosa, sah aus wie ein Flamingo stundenlang ging sie in träumerischer Erwartung durch die Zimmer, – so!«

Er versuchte es nachzumachen, wie das seine Art war, es saß ihm in den Gliedern, er konnte es nicht lassen. Der »Schneeball« bewegte sich träumerisch, schmachtend hin und her, es war aber doch mehr, wie wenn eine Kugel auf zwei Rädchen rollte. »Und dann« fuhr er fort, »dann sah sie wieder in den Spiegel, gradaus, seitwärts, rückwärts, – so!«

Er machte es wieder nach, wie seine Grete in den Spiegel schaute. Gertrud lachte, zuletzt unbändig, sie lachte sich auf einen Stuhl.

»Ach«, sagte sie dann, »wie anmutsvoll spielen Sie so ein junges Mädchen! Jeder Jüngling muß sich ja in Sie verlieben, Herr Domänenrat.«

»Es war so!« rief Lugau eifrig aus. »Auf Ehre!«

Jetzt lachten alle.

»Also, das Buch!« sagte Rutenberg. Gertrud schnellte vom Stuhl empor: »Ja, jetzt hol’ ich das Buch!«

Sie ging wieder am nächsten Büchergestell entlang, mit den Augen suchend; dabei kam ihr aber auch der Traumvers wieder und das süße Träumen im Blick. Indem sie an den bunten Rücken der Bücher mit der streichelnden Hand entlang strich, summte sie gedankenlos vor sich hin, als wäre sie allein: »Und immer ging sie fort, aufs offne Himmelsthor . . .«

Doktor Wild, der sie auch so gut kannte, – ihr Arzt seit der Kinderzeit – beobachtete sie heimlich, mit Vergnügen; er sah, wie sie träumte. Ihm kam auch schon die Lust, eine seiner üblichen Schnurren und Komödien zu spielen. Nicht zu ihr, sondern zu Rutenberg gewendet, warf er in seiner raschen Weise hin:

»Ja, aber meine lieben Freunde, was hilft das? Es ist sehr zu fürchten, daß das Zauberfest heute abend etwas angespritzt wird —«

»Wieso angespritzt?« fragt Lugau.

»Nu, ich meine, etwas getrübt; etwas ungemütlich. Denn die Depeschen im Abendblatt —«

Gertrud drehte sich zu ihm herum. »Was für Depeschen?« fragte sie.

»Ist das Abendblatt schon da?« fragte Schilcher.

»Allerdings«, sagte Wild und nickte sehr ernsthaft; »Ich hab’s schon durchflogen.« Er zuckte gegen Gertrud die Achseln, mitleidig: »Häßliche Depeschen! Störung des lieben Friedens; oder, um es mit einem kurzen Wort zu sagen: Krieg! – Ja, mein Herz, was hilft’s. Was man schon seit achtundsiebzig fürchtet, ist nun eingetroffen: die grande nation und das ›heilige‹ Rußland haben sich richtig verbündet und was sie von Deutschland verlangen, ist ein bißchen viel!«

Er wiederholte, da er das Mädchen langsam blaß werden sah: »ist ein bißchen viel!«

»Was verlangen sie denn?« fragte Gertrud stockend.

»Die Herausgabe von Luxemburg, Livland, Kurland und auch Jütland —«

»Im Abendblatt?« stammelte Gertrud.

Wild zuckte wieder die Achselm »Ja!«

»Aber – — Aber das ist ja infam!« rief das Mädchen aus.

»Was wollt’ es nicht!« sagte Wild. »Freundlich ist es jedenfalls nicht.«

Sie sah den Doktor zaghaft an, nun ganz blaß geworden. »Und das alles können wir Deutschen natürlich nicht herausgeben?«

»Nein«, fiel er ihr ins Wort, sich scheinbar ereifernd, »nein, das können wir nicht! Luxemburg und Jütland, Livland und Kurland – das können wir nicht! Das ist ganz unmöglich!«

Gertrud blickte in ihrer Hilflosigkeit umher und sah, daß alle sonderbar heiter waren. »Worüber lächeln Sie?« sagte sie zu Lugau.

Der Domänenrat rieb seine Hände. »Ueber die Andacht, meine liebe Gertrud, mit der Sie immer wieder auf Doktor Wilds Erfindungen eingehen. Und ein ganz klein bißchen auch über Ihren Lehrmeister in der Geographie!«

»Ah!« rief das Mädchen, etwas verlegen. »Luxemburg und Jütland – richtig – das gehört uns gar nicht —«

»Und das andre auch nicht!«

Mit seinem ernsthaftesten Gesicht bemerkte Wild. »Fräulein Gertrud hatten ohne Zweifel in den Geographiestunden etwas Besseres zu thun . . .«

»Ich?« fiel sie ihm ins Wort. »Was denken Sie!« – Ihre rosigen Wangen wurden aber doch noch röter, ihr fiel ein, daß es wirklich schon damals anfing, das mit ihrem Arthur. In einer Geographiestunde, das wußte sie, hatte sie sich zuerst so recht an ihn festgedacht . . . »Immer haben der Herr Doktor solche Späße im Kopf!« sagte sie geschwind, um die allgemeine Aufmerksamkeit von sich abzulenken.

»Was soll so ein alter Doktor sonst thun, meine liebe Gertrud?« erwiderte Wild. »Wenn man nicht gesund genug ist, um so wie früher zu praktizieren, dann verfällt man auf Allotria. Spaß und Ernst – wie’s nun gerade kommt. Wie ein anständiger Mensch für alle Fälle zwei Krawatten im Frack hat – eine schwarze und eine weiße, so hat man auch Spaß und Gruft im Kopf! – — Wünsche also einen ungetrübten Abend, ohne Krieg wegen Jütland, und auf Wiedersehn!«

Er winkte Lugau, mit ihm zu gehen; in diesem Augenblick trat der alte Brink, der Diener, herein, um in seiner förmlichen Manier und mit seiner gedämpften Stimme zu melden, daß Fräulein Gertrud auf einen Augenblick zum Fräulein in die Küche kommen möchte. Das »Fräulein« war die unverheiratete Schwester Rutenbergs, die seit dem Tode seiner Frau das Haus führte.

»Ah!« sagte Wild, scheinbar sehr erstaunt. »Auch Fräulein Gertrud hat schon Wirtschaftssorgen!«

»O ja,« entgegnete das Mädchen heiter, »auch mein Kopf kann schon mit Beidem aufwarten, mit Spaß und mit Ernst! – Auf Wiedersehn beim Whist!« – Damit war sie schon draußen, dem alten Brink nach.

Wild folgte ihr mit den Augen. »Glückliches Geschöpf!« murmelte er neidlos.

»Glücklicher Vater!« setzte Lugau hinzu, mit einem kleinen Junggesellenneid; er hatte, wie Schilcher, nie geheiratet. Die Beiden grüßten und gingen.

Rutenberg, der heute vor Lebenslust strahlte – er gehörte zu den Leichtbewegten, »himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt —« setzte sich auf einen der Spieltische. »Glücklicher Vater – o ja! – Aber das Buch hab’ ich noch immer nicht.«

»Schlechte Erziehung,« sagte Schilcher trocken, der sich in seine Lieblingsecke gesetzt hatte.

»Natürlich,« antwortete Rutenberg nur. – »Ich such’s also selber!«

Er trat an ein Büchergestell, aber mit einem vergnügt ratlosen Gesicht. »Gott mag wissen, wohin das Kind dieses Buch verkramt hat!« – Er zog ein paar Bücher aus ihren Reihen hervor, schüttelte den Kopf, steckte sie wieder hin. Ebenso heiter wie zuvor wandte er sich dann wieder zu Schilcher und strahlte ihn mit den blauen Augen an, ohne zu sprechen.

»Was kuckst du so?« fragte der in seiner Ecke.

Rutenberg lachte nur so vor Vergnügen – »Nimm ’ne Cigarre, Alter.«

Schilcher schüttelte den Kopf. »Warum ich so kucke? – Ich bin sehr fidel, Schilcher. – Das heißt, es geht mir gut. Ich beneide mich.«

»Habe nichts dagegen,« murmelte der kleine Herr.

»Das Kind – — das Kind ist doch entzückend, Schilcher.«

»Hat das Buch verkramt.«

»Ist aber doch entzückend, Schilcher.«

Das gute Nußknackergesicht konnte sich nicht länger enthalten, mitvergnügt zu lächeln. »Meinetwegen!« stieß er heraus.

»Und auch gut erzogen« behauptete Rutenberg jetzt.

»Zu weich,« sagte Schilcher.

»In der richtigen Freiheit, Alter, und darum so gut geraten.«

»Bringt dir aber das Buch nicht. »Der erste Ball!« warf Rutenberg ein.

Schilcher mußte wieder lächeln. »Na ja, meinetwegen!«

Rutenberg, in seiner jugendlichen, glücklichen Unruhe, nahm wieder einen Band, betrachtete ihn, steckte ihn wieder hin.

»Dieses verflixte Buch,« sagte er mit einer Art von Genuß, »wird kein menschliches Auge jemals wiedersehn! – — Ja, was ich sagen wollte . . . Ich glaube wahrhaftig, Alter, ich war nie so glücklich. Hab’ heut’ nachmittag lange drüber nachgedacht, und mir ist so dankbar zu Mut. Was sich der Mensch wünschen kann, das hab’ ich – — nein, das zwar nicht: meine gute Frau ist fort. Aber es ist doch merkwürdig, was ich alles habe. Gute alte Freunde – eiserne Gesundheit – Freude an der Arbeit – ein schönes Vermögen, das ich mir selber geschaffen —«

»Und es wächst ja noch,« bemerkte Schilcher.

»Thät nicht nötig, Alter. Aber meine brave Fabrik, die läßt sich ja nicht lumpen, will mich durchaus zum richtigen Millionär machen . . . Und meine gute Vaterstadt wächst auch und gedeiht, eine unserer hübschesten alten Städte, nicht? Gute, heitere Leute, nicht verschopenhauert, nicht weltwehkrank, thun das Ihre und leben gern! – — Ja und dann dieses Kind. Ihr so merkwürdig ähnlich, beinahe wie eine Fortsetzung meiner guten Frau —.«

»Hat aber auch viel von dir,« murmelte Schilcher. Rutenberg lächelte. »Das thut auch nichts, Alter! Mir deucht sogar, die Mischung ist gut! – Ein sehr liebes Kind, Schilcher.«

»Mein einziges; aber ein Prachtstück, so frisch, so gut, so drollig, so zärtlich – und poetisch auch – — na, kurz, diese Gertrud!«

Schilcher wollte nichts sagen, dieser redselige Rutenberg hatte ihn in eine Weichheit hineingeredet, die ihm beinahe unmännlich vorkam. Die großen strahlenden Augen schauten ihn aber gar so auffordernd an. »Freilich!« brummte er. »Was sagst du?«

»Freilich!« sagte ich. – — – »ein Patenkind. – Gut, daß wir sie haben, Rutenberg.«

»Ja, gut, daß wir sie haben. Wenn mir’s zuweilen leid that, Schilcher, daß sie immer älter wurde, dieses süße Göhr, dieser kleine zierliche, spaßige, verrückte Engel, unser Trudelchen —«

Schilcher nickte, mit fast geschlossenen Augen. Er hatte ja nichts als die Trudel. Er hatte sie ja unsinnig lieb.

»Daß ich keinen Zauberstab hatte,« fuhr der poetisch werdende Rutenberg fort, »um das süße Ding damit anzurühren ›Bleib so wie du bist, kleines Spielzeug! kleiner Menschentraum!‹ dann dacht’ ich zum Trost an die Zeit, die nun da ist, Schilcher. Jungfrau Gertrud Rutenberg, siebzehn Jahre alt, ein großes, denkendes, reizend ernsthaftes Geschöpf —«

»Das die Bücher verkramt,« warf Schilcher ein, gegen seine Weichheit kämpfend.

»Unser Kamerad,« fuhr der Vater unbeirrt fort, »unser Mitmensch, unsre – unsre Antigone —«

»Die nicht weiß, daß Jütland zu Dänemark gehört.«

»Die aber ein richtiges deutsches Mädchen ist – eine feine Seele – eine gute, vornehme Seele – und dabei doch immer noch unser Kind! Unser langer, magerer, reizender Liebling, ja, ja, unser Liebling; denn du alter Heuchler, dem ich bis in den tiefsten Grund seines schwarzen, grimmigen, galligen Herzens sehe, du hast sie auch so lieb wie dich selbst! Ja, du, Oberappellationsrat Gottfried Schilcher!«

»Lieber,« sagte Schilcher tonlos und stand dabei auf. – »Nun wollt ich aber eigentlich bei dir ’ne Postkarte schreiben.«




3


Die Thür zum Salon öffnete sich und hinter dem melden wollenden Brink ward ein hochgewachsener junger Mann sichtbar, der den untersetzten alten Diener überragte.

»Mein lieber Brink,« sagte der auffallend hübsche Bariton des jungen Mannes, »Sie brauchen Arthur van Wyttenbach nicht anzumelden!«

Er schob Brink mit einer leichten, eleganten Bewegung ein klein wenig beiseite, nur so viel, daß er an ihm vorbeischlüpfen konnte, und trat geschwind in das Bücherzimmer. Ein mattes, flüchtiges Lächeln ging über das noch sehr junge Gesicht, die schwarzgekleidete schlanke Gestalt machte eine etwas gesucht nachlässige, aber doch auch ehrerbietige Verbeugung. Darauf warf er das schöngekräuselte Haar zurück, das ihm in die niedrige Stirn fiel, und heftete die kleinen grauen Augen wohlwollend auf Schilcher und verbindlich auf den Hausherrn.

»Entschuldigen die Herren gütigst,« sagte er mit der einschmeichelnden schönen Stimme, »wenn ich stören sollte —«

»Bitte, Sie stören nicht,« fiel Rutenberg ihm ins Wort. Er wandte sich zu Schilcher. »Herr van Wyttenbach, ein junger – Freund unsres Hauses.«

Schilcher, dem ein Anflug von Unbehagen über das faltige Gesicht ging, machte eine seiner trockenen Handbewegungen; »Herr van Wyttenbach ist mir bekannt.«

»Jawohl, ich habe die Ehre,« warf der junge Mann leicht und doch verbindlich hin. »Wer wird den Herrn Oberappellationsrat nicht kennen!« Er verneigte sich nochmals ein wenig gegen den Hausherrn und sprach in fließender Rede fort: »Sie erwiesen mir soeben die Auszeichnung, Herr Rutenberg, mich einen Freund Ihres Hauses zu nennen. In dieser Eigenschaft, auf die ich stolz bin, hab’ ich mir die Freiheit genommen, an diesem festlichen Abend ein unbedeutendes Zeichen der Huldigung darzubringen und die liebenswürdige Königin des Festes damit zu begrüßen.«

Er hob den großen, farbenprangenden Blumenstrauß ein wenig, den er in der rechten Hand hielt die andere hielt seinen schwarzen Hut.

»Ich denke mir,« fuhr er dann fort, »Fräulein Gertrud wird noch beschäftigt sein, die letzte Hand – er lächelte – »an das große Kunstwerk zu legen, ihre Balltoilette zu vollenden, meine ich. In diesem Fall haben vielleicht Sie die Güte, ihr diesen schlichten Blumengruß zu Füßen zu legen.«

»Mit Vergnügen,« entgegnete Rutenberg höflich. »Ich danke Ihnen. Nehmen Sie Platz, wenn’s gefällig ist.«

»Ich wünsche durchaus nicht zu stören«, sagte Herr van Wyttenbach rasch, »Sie haben ja selber noch Toilette zu machen und so weiter, nur auf einen Augenblick!« Er setzte sich, Rutenberg auch. – »Der große Moment ist nun also gekommen,« fuhr der Jüngling fort. »Der erste Ball! In welcher freudigen Erregung mag das junge Herz da schlagen . . .«

Er hielt lächelnd inne und blickte zur Decke hinauf.

Schilcher, der sonst so Unbewegliche, begann auf seinem Stuhl zu rutschen und warf dem Hausherrn einen Blick des Mißvergnügens zu. Indessen, Rutenberg schien das nicht zu bemerken, in etwas kerzengerader Höflichkeit erwiderte er. »Sie werden den Ball mit meiner Tochter eröffnen, hör’ ich.«

»Eine Ehre, auf die ich stolz bin!« entgegnete Wyttenbach, wieder mit einem leichten Lächeln. »Unter diesen besonderen Umständen ist der Tanz natürlich ein Vergnügen für mich, das ich zu schätzen weiß – wenn ich auch sonst nicht mehr der unreife Jüngling bin, den dieses Herumspringen beglückt. Für ernsthafte Männer wird natürlich der Tanz zu dem, was er wirklich ist: zu einer Spielerei – einer ›angenehmen‹ – na ja, mag sein. Aber doch eigentlich zu einer geistlosen Geschäftigkeit der Beine, des unteren Menschen – also des niederen Menschen. So denke auch ich, meine Herren halte eigentlich schon zu Ihnen – zu Ihnen. Nur die Galanterie gegen die Damen zwingt mich natürlich noch« – — er verbesserte sich »legt mir die angenehme Pflicht auf —«

»Zu springen,« ergänzte Schilcher trocken.

»Zu tanzen,« schloß Wyttenbach seinen Satz.

»Schadet Ihnen nichts,« bemerkte Schilcher.

Der junge Mann lächelte etwas gezwungen. »Gewiß nicht! – Gewiß nicht! – Außerdem ist es ja eine gesunde körperliche Bewegung – wie schon die Alten bemerkten und wenn Plato das Gehen für die gesündeste Motion erklärte, so —«

Er konnte nicht zu Ende sprechen, Gertrud erschien eben in der Thür, zu seiner Verwunderung noch im Hauskleid, aber mit einem entzückend strahlenden, zugleich auch ein bißchen verlegenen Gesicht. Indem sie ihm flüchtig zunickte und noch stehen blieb, sagte sie: »Brink hat mir’s verraten. Ein Bouquet für mich!« Wyttenbach war aufgestanden mit einer seiner elegantesten Verneigungen kam er auf sie zu. »Allerdings,« sagte er, das »r« wie ein Lieutenant schnarrend, »diese armen Blumen, verehrtes Fräulein Gertrud, möchten Sie begrüßen.« Wie zur Entschuldigung zuckte er die Achseln. »Das Beste, was unser rauher deutscher November hergab —«

»Das Treibhaus,« setzte Schilcher hinzu.

Gertrud hörte das nicht, sie nahm die Blumen und schaute sie zärtlich an. »O wie dank’ ich Ihnen!« sagte sie mit fast kindlicher Freude. »O wie bin ich glücklich!«

Sie war aber zu eilig gewesen, der junge Mann hatte noch allerlei zu sagen, mit einer geschickt tändelnden Bewegung nahm er ihr den Strauß wieder aus der Hand und bewegte ihn vor ihr hin und her, wie wenn er damit salutierte. »Die Blumen brauchten zwar nicht deutsch zu sprechen,« setzte er darauf seine Rede fort, »denn sie haben bekanntlich ihre eigne Sprache, aber sie möchten Ihnen doch auf deutsch ein paar Worte, ein paar Verse sagen.

		›Der Süßen Süßes!‹ spricht ein Dichterwort
		›Der Blume Blumen!‹ wagen wir zu sprechen.
		Doch wir verbessern uns sofort:
		Der Knospe will man Knospen brechen.
		Du Knospe denn, die sich zur Blume heut’ erschlossen
		Nimm Knospen hier und Blumen zu Genossen!«

Nun erst überreichte er ihr das Bouquet, mit feierlichem Lächeln, dann wandte er sich zu den Männern zurück. »Meine Herren,« sagte er, auf einmal zehn Jahre älter geworden, »verzeihen Sie mir diese kleine lyrische Schwärmerei!«

Das Mädchen hatte mit rührend großen Augen bewegungslos zugehört, während ihr Dichter die Verse mit seiner schönen Stimme sprach, da sie nun den Strauß wieder in der Hand hielt, die vor Freude leise zu zittern anfing, dankte sie über ihn hinweg mit einem verstohlen liebevollen Blick. Sie versenkte ihr feines Näschen, ihr ganzes Gesicht in die duftenden Blumen, küßte sie heimlich, nur Arthur konnte es sehn. Aus dem Bouquet heraus klang dann ein leises, kaum vernehmbares, glückseliges Lachen.

Unterdessen beugte sich Rutenberg zu Schilcher hinunter und sagte ebenso leise: »Ein etwas süßes, fades Herrchen was?«

»Ein Hansquast!« flüsterte Schilcher.

Gertrud strahlte wieder den Dichter an. »Und wie dank’ ich Ihnen für die schönen Verse! Die müssen Sie mir aufschreiben —«

Mit einer geringschätzigen Bewegung lehnte Wyttenbach diese Zumutung ab.

»Ich verlang’ es!« sagte sie wie eine kleine Herrscherin, doch dann lieblich bittend. »Sie müssen!« – Jetzt lief sie zum Vater, den sie so von Herzen liebte, und hielt ihm den Strauß hin, daß auch er daran riechen, sich mitfreuen sollte. »Nun, Ballväterchen?« sagte sie, als er das gethan hatte, und streichelte ihm die blühenden Wangen trotzig mit dem Strauß. »Deine Trudel geht nun und macht sich schön. Könnt’st das wohl auch thun, du. Bitte, wart’ heute nicht wie gewöhnlich bis zum allerletzten Augenblick!«

»Nein, nein, ich werd’ mich anständig benehmen, Trudel,« erwiderte der Vater. Er legte ihr eine Hand an die warme und so weiche Wangen es that ihm gar gut. Auf Schilcher hinunterblickend, deutete er mit dem Kopf auf das Kind, voll Liebe und Wohlgefallen. Sein Blick schien zu fragen: Hab’ ich vorhin zu viel gesagt? bin ich nicht sehr glücklich? – Dann fragte er auch noch mit der Stimme durch ein leises »Hm?«

»Hm!« erwiderte Schilcher einverstanden.

Rutenberg wandte sich zu dem jungen Mann »Sie entschuldigen uns, Herr van Wyttenbach.«

»Bitte sehr« fiel dieser ein »der sich zu entschuldigen hat, das bin ich!« – Er nahm seinen Hut, den er vor dem Versesprechen aus der Hand gelegt hatte, wie um nun auch zu gehn.

Schilcher war aufgestanden, er nahm Rutenbergs Arm und zog ihn langsam zur andern Thür, die in Rutenbergs Wohnzimmer führte. »Ich schreib’ noch erst meine Postkarte bei dir,« sagte er: »Brink will sie dann in den Briefkasten stecken. Im Gehn setzte er leise hinzu, nachdem er den jungen Mann zum Abschied mit der Hand gegrüßt hatte. »Und ich trinke einen Schnaps auf dies Zuckerwasser . . .«

»Gut zum Tanzen, Schilcher!« flüsterte Rutenberg, harmlos vergnügt, mit einer kleinen Daumenbewegung auf Wyttenbach zurückdeutend. »Ballfutter!« – Damit gingen sie aus der Thür.




4


Herr van Wyttenbach hatte sich, während die beiden Alten noch in Sehweite waren, mit einer förmlichen Verbeugung von Gertrud verabschiedet, als sie verschwanden, blieb er an der Salonthür stehn, warf das schöngekräuselte Haar zurück und lächelte das Mädchen zärtlich an. Die Stimme ein wenig dämpfend, doch nur so, daß sie noch Wohllaut behielt, fragte er, indem er die Lippen spitzte.

»Also ich hab’ Ihnen etwas Freude gemacht, meine süße Gertrud?«

Sie nickte liebevoll. »Die Blumen – und ihre Sprache! Ach, ich bin so glücklich!«

»Sind Sie glücklich, Gertrud?«

»Ich kann Ihnen so nicht sagen,« antwortete sie, »wie ich glücklich bin! – ›Und immer ging sie fort‹ . . . Ich muß Ihnen noch einen Traum erzählen —«

Sie sollte aber ihren Traum heute nicht zum zweitenmal los werden. Arthur legte plötzlich einen Finger auf die Lippen und deutete mit dem Kopf hinter sich nach der Thür. Nun hörte sie auch Schritte dort, und Brinks verschleierte Stimme. Es wollte offenbar jemand kommen, man sprach hin und her. Arthur zuckte entsagend die Achseln, Gertrud, die siebzehnjährige, stampfte auf die Erde; sie fühlte, wie sie diesen Jemand haßte.

Richtig, dachte sie, da kommt das Ungetüm! Die Salonthür ging auf, eine lange Gestalt, ebenso lang wie Wyttenbach, ebenso schwarz gekleidet, erschien auf der Schwelle. Es war ein junger Mann mit blassem Gesicht, mit sehr ernsten Zügen, den weichen schwarzen Hut hielt er in der Hand. Den kenn’ ich ja, dachte Gertrud, die ihn mit herzlichem Widerwillen ansah, da er sie so störte. Zu ihrem Erstaunen zitterten ihm die Lippen eine Weile, ehe er mit etwas unsicherer Stimme zu sprechen anfing. »Entschuldigen Sie, Fräulein Rutenberg —!«

»Ach ja, wir kennen uns,« sagte sie nun gutmütig, seine Aufregung entwaffnete sie. »Herr von Hiller, nicht wahr —«

Der junge Mann lächelte, im ersten Augenblick etwas schmerzlich, aber schnell gefaßt. »Sie verwechseln mich mit einem andern, mein Fräulein,« sagte er schlicht. »Waldeck ist mein Name.«

»O!« stieß sie erschrocken aus. »Verzeihen Sie! – Ja, ja, nun seh’ ich —«

»Was ist da zu verzeihen,« unterbrach er sie, »Sie haben mich ja nur ein paarmal gesehn. Ich wollte mir erlauben, Ihren Herrn Vater – wohl etwas spät – in einer besonderen Sache – — Aber ich höre eben, hier ist heute Ball. Ihr Herr Vater wird also nicht mehr zu sprechen sein, vielleicht könnt’ ich morgen —«

Gertrud schüttelte den Kopf. »Ach nein! Wenn Sie hier etwas warten wollten – er zieht sich an, aber er ist bald wieder da. Mit seiner Toilette« – sie lächelte ermutigend – »dauert es nicht lange! Ich werd’ ihm sagen lassen, nicht wahr, daß Sie auf ihn warten . . .«

Na, dachte sie, während sie sprach, ich bin doch freundlich genug gegen das Ungetüm!

»Zu gütig, mein Fräulein,« erwiderte der andre mit seiner sonderbar gepreßten Stimme, die das Mädchen so weich und liebenswürdig gemacht hatte.

»Aber jetzt entschuldigen Sie mich,« fiel sie ein, mit einem Blick auf ihr Hauskleid, »ich muß nun endlich fort, ’s ist die höchste Zeit! – Wenn Sie Waldeck heißen – ach Gott, wie konnt’ ich, dann sind die Herren ja alte Freunde, nicht wahr?«

Wyttenbach nickte: »Schulfreunde, jawohl.«

»Ich lasse Sie also allein – Sie können ja von alten, alten Zeiten miteinander sprechen.« – Ueber ihren Strauß hinweg warf sie rasch noch einen zärtlichen Blick auf Arthur, ganz verstohlen, wie sie dachten; er war aber doch nicht verstohlen genug, denn der Herr Waldeck fing ihn auf. »Auf Wiedersehn!« rief sie, »bald!« – Mit anderer Stimme und einer ihrer gelernten leichten Verbeugungen wandte sie sich dann zu dem andern »Adieu, Herr – — Waldeck!«

Sie errötete nachträglich, daß sie ihn »Hiller« genannt hatte, und lächelte und huschte hinaus.

Waldeck sah ihr nach. Seine starken, dunkelblonden Brauen zogen sich zusammen, als dächte er an den heimlichen Blick mit dem sie Arthur eben angestrahlt hatte. Er zuckte, als ihm nun Arthur eine Hand auf die Schulter legte; er schien merkwürdig erregt zu sein. »Nun, Waldeck?« sagte Arthur. »So düster?«

»So heiter?« fragte Waldeck zurück.

»Das ist ’ne komische Frage. Warum sollt’ ich nicht heiter sein? Wenn irgend ein Mensch dazu Ursache hat, so hab’ ich – —«

Er unterbrach sich, nach einem neuen Blick auf den alten Schulfreund, mit dem er als Junge so manchen lustigen Streich ausgeführt hatte. Gutmütig, wie er im Grunde doch war, legte er ihm wieder eine Hand auf den Arm:

»Uebrigens, wenn ich dir mit etwas nützlich sein kann, so disponier’ über mich. Du siehst so aus, alter Junge, wie wenn du Sorgen hättest, – brauchst du vielleicht ›Kies‹? oder ›Schotter‹, wie der Oesterreicher sagt? Ich hab’ im Augenblick ›heidenmäßig viel Geld‹!«

Offenbar wider Willen lächelnd, sah Waldeck den jungen Krösus freundlich an. »Ein guter Kerl bist du doch!«

»Daran hast du hoffentlich nie gezweifelt,« warf Wyttenbach hin. »Also – brauchst du Geld?«

»Gott sei Dank, nein. Weder das, noch sonst was! – Es geht dir also gut.«

»O ja,« sagte Wyttenbach, die kleinen Augen vor Vergnügen noch kleiner machend. »O ja, mehr als gut! – Ich werde jetzt solid. Ich werde jetzt un homme sérieux.«

»Schon? – Dann bist du ja mit vierzig ein Greis!«

Wyttenbach lächelte überlegen, sein braunes Schnurrbärtchen in die Länge ziehend. »O, ich werd’ es schon verstehen, mein Junge, mich jung zu erhalten! – Von allem etwas, weißt du, und von nichts zu viel: Arbeit, Ruhe, gutes Leben, zuweilen eine Reise zur Auffrischung, ein viertel Jahr auf dem Lande, denn meine entschiedene Absicht ist, Großgrundbesitzer zu werden. Das gehört jetzt mit dazu, und mit Recht! Das giebt dir festen Boden unter den Füßen, giebt dir eine gesunde Existenz, eine solide Weltanschauung, Ansehen und Einfluß. Später laß’ ich mich dann in den Reichstag wählen —«

»Und dein Großgrundbesitz,« fragte Waldeck, »wer verwaltet den?«

»Ich selbst, wer denn sonst? Eine Thätigkeit muß der Mensch haben, natürlich, das ist der kategorische Imperativ des Lebens . . . Ich studiere jetzt erst eine Weile Landwirtschaft und Nationalökonomie, dann mach’ ich noch eine kleine Reise um die Erde – das gehört mit dazu —«

»Und dann heiratest du,« ergänzte Waldeck, mit einem unwillkürlichen Blick auf die Thür, durch die vorhin das junge Mädchen hinausging.

»Wahrscheinlich!« sagte Wyttenbach lächelnd.

»Und heut’ – wirst du hier tanzen.«

»Naja!« – Wyttenbach lächelte wieder, aber matt, resigniert. »Ich bin ja noch in dem Alter, wo man herumhopsen muß. Und überhaupt – eine Zeit lang muß ich die Kindereien noch mitmachen. Obgleich ich eigentlich, kann ich dir sagen, mit all diesen Jugendeseleien ziemlich fertig bin —«

»Bist wohl schon sehr blasiert?« fragte Waldeck, nach einem neuen düsteren Blick auf die Thür.

»Die Sachen verlieren ja natürlich mit der Zeit ihre Reize! Indessen, wenn man noch jung ist —«

Waldeck unterbrach ihn wieder, mit einem etwas unsicheren Anlauf. »Und – durch was für einen Glücksfall willst du das alles erreichen, wenn man fragen darf?« Wyttenbach trat einen Schritt zurück, sein glattes, hübsches Gesicht verzog sich: »das möcht’st du wohl wissen,« sagte er vergnügt. »Das ist mein Geheimnis. – Adieu!«

Er ging zur Salonthür.

»Adieu!« rief ihm Waldeck nach.

Mit der blasierten Grazie eines Prinzen öffnete Wyttenbach die Thür und stieß sie vor sich her.




5


Fritz Waldeck stand eine Weile, ohne sich zu rühren, dann seufzte er langsam, tief, er wußte nicht warum. Ein schwer wütiges Gefühl lag ihm so breit und voll auf der Brust. Der wird nicht umkommen, dachte er, der macht seinen Weg . . . Und diese hübsche Figur aus Chinasilber scheint der Gertrud Rutenberg gar so gut zu gefallen . . .

Er versank in diesen Gedanken wie in weichen Moorgrund.. er kam nicht wieder heraus. Vielleicht hatte er schon lange so dagestanden, auf demselben Fleck, als endlich die andere Thür, die zu Rutenbergs Wohnzimmer, aufging und der Hausherr erschien. Die noch so jugendliche breitschulterige Gestalt war nun für den Ball gekleidet, ins Knopfloch hatte Rutenberg eine Rose gesteckt, die ihm Gertrud durch die kleine Jungfer aus ihrem Arthur-Strauß geschickt hatte. Hinter ihm, etwas später, kam Schilcher, noch in seinem Hausrock.

»Ich stehe Ihnen jetzt zu Diensten,« sagte Rutenberg. »Mit wem habe ich – —«

Er unterbrach sich selbst; der schlanke, blasse junge Mann stand wie ein Fragezeichen vor ihm. Es war ihm, als hätte er schon eine ähnliche Erscheinung gesehn, und doch war ihm diese fremd. Er sah in ein tiefernstes, kühnes, geistiges Gesicht, es erinnerte ihn an eine Büste von Schiller, die er vor Zeiten gesehen hatte. Der junge Mann gefiel ihm, eine gewisse sonderbare Schwermut in den starken Zügen ging ihm gleich zu Herzen.

»Entschuldigen Sie, Herr Rutenberg,« sagte Waldeck schlicht, die magern Wangen flogen aber rötlich an. »Ich komme zur unrechten Zeit —«

»Durchaus nicht,« erwiderte Rutenberg. »Bis die ersten Gäste kommen, und das dauert noch lange, hab’ ich nichts zu versäumen. Also —«

Nach einem ungewissen Blick auf Schilcher der regungslos bei der Thür stand, fiel Waldeck ihm in die Rede: »Dann verzeihn Sie. Ich hätte eigentlich mit Ihnen allein —«

»Ist mein Freund da zu viel?« fragte Rutenberg, gemütlich lächelnd. »Er ist eigentlich wie mein zweites Ich. Indessen, wenn Sie wünschen —«

Schilcher wandte sich stumm zur Thür.

Mit einer hastigen, etwas eckigen Bewegung suchte ihn der Jüngling jetzt zurückzuhalten. »Ach nein! Bitte, bleiben Sie Herr Oberappellationsrat. Unter diesen Umständen . . . Es könnte vielmehr gut sein . . . Es wird mir nämlich so furchtbar schwer, ich meine, das, was ich sagen will. Vielleicht bring’ ich’s leichter heraus, wenn der Herr Oberappellationsrat da ist – den ich doch schon kenne. Ich habe nämlich die Ehre —«

»Wir kennen uns, ich weiß,« murmelte Schilcher. Er warf einen freundlichen, ermutigenden Blick auf Waldeck und lehnte sich in sein er kurz entschlossenen Art an den nächsten Tisch.

»Also, wie Sie wünschen!« sagte Rutenberg, in dem sich die angeborene Ungeduld nun doch zu regen anfing. Er lud den jungen Mann ein, sich zu setzen. »Ihr werter Name, mein Herr —!«

»Eh’ ich Ihnen den sage,« fiel Waldeck ein, indem er sich niedersetzte, »gestatten Sie mir drei Worte . . . Es handelt sich um eine – eigene, delikate Sache; und es wird mir so schwer, den Anfang – — wie ich beginnen soll, mein’ ich —«

Rutenberg lächelte. »Nun, so überlegen Sie sich’s. wir haben ja Zeit!«

»Sie sind gar zu gütig . . . Ich hab’ also das Unglück gehabt, Herr Rutenberg, mein Herz an Ihre Tochter zu verlieren —«

Rutenberg stand auf. Diese gänzlich unerwartete Mitteilung fuhr ihm in die Glieder. Schilcher rührte sich nicht. Auch Waldeck saß ohne Regung da; er atmete nur tief, als hätte er das eine Weile gar nicht gethan, und ward wieder blaß, noch blasser als vorher.

»Bitte, erschrecken Sie nicht!« fuhr er dann mit einer Art von Lächeln fort, das den gutherzigen Rutenberg wieder rührte. »Wenn Sie etwa fürchten sollten, es könnte das gegenseitig – ach nein, so steht’s nicht. Das Fräulein kennt mich so wenig – daß sie mich verwechselt . . .«

Rutenberg setzte sich wieder.

»Daß sie mich verwechselt . . . Mein Fall ist so eigentümlich. Eh’ ich es wagen würde, mich dem Fräulein zu nähern – das ich leider schon zu oft, zu viel gesehen habe —«

»Entschuldigen Sie,« nahm nun Rutenberg doch das Wort. Der junge Schiller da schien ihm allmählich ein junger Don Quichote zu werden. »Sie reden nun schon einige Zeit, aber ich muß Ihnen offen bekennen, noch versteh’ ich kein Wort.«

»Ja,« stammelte Waldeck, »das mag wohl sein . . . Eh’ ich es also wagen würde, mich dem Fräulein zu nähern, möchte ich von Ihnen hören – muß ich von Ihnen hören – ob Sie je gestatten würden, daß der Sohn Ferdinand Waldecks Ihre Tochter heiratet.«

Rutenberg stand wieder auf, diesmal schoß ihm aber das Blut ins Gesicht. In seine leuchtenden, menschenfeindlichen Augen stieg eine plötzliche Glut, seine Hände zogen sich zusammen. »Ferdinand Waldecks?« fragte er.

Waldeck erhob sich nun auch. »Ja« antwortete er.

Schilcher nickte jetzt vor sich hin, er hatte bisher kein Glied gerührt. Da die andern aufgestanden waren, setzte er sich nieder.

»Versteh’ ich Sie recht?« fragte Rutenberg, den sein Gefühl, wie so oft, fortzureißen anfing. »Ferdinand Waldecks, der damals damals nach Amerika floh? Der sich das Leben nahm?« – Der junge Mann nickte, mit einem schmerzhaften Zucken. – »Der aus der Welt ging, weil er in ihr keinen Platz mehr hatte – weil er ein verlorener Mensch, ein Verbrecher war?«

»Herr —!« rief Waldeck aus.

Rutenbergs Empörung war aber nicht mehr aufzuhalten: »Der ein Betrüger und ein Schurke war,« fuhr er fort, »bis in seinen Tod?«

Der unglückliche Fritz Waldeck bebte. Zwischen den völlig farblosen, zitternden Lippen stieß er hervor: »Herr, das lü —!«

Er brach aber ab. Mit einer überraschenden Gewalt, eine Hand aufs Herz legend und dann an die Stirn, erstickte er sichtbar, was er sagen wollte, und zwang sich zur Ruhe. Ihm kam auch wieder etwas Blut in die Lippen. Erst nachdem er sich ganz gefaßt hatte, sagte er mit Haltung und sogar mit Würde: »Sie sagen da nicht die Wahrheit, mein Herr!«

»Hm —!« murmelte Schilcher, nur so vor sich hin.

Rutenberg warf einen Blick auf Schilcher, sein altes lebendiges Gewissen, er suchte sich dann ebenso zu fassen wie der Junge da. »Na ja,« fing er weich und unsicher, fast etwas verlegen an »es thut mir leid. Sie sagten ja – — Sie sind also der Sohn. Der Fritz, den ich als Kind – — Jetzt ist mir auch, als seh’ ich in Ihnen das Kind. Es macht mir kein Vergnügen, bei Gott nicht, jemandem weh zu thun . . . Was aber Ihre Behauptung betrifft, daß ich nicht die Wahrheit sage – Sie sind jung – sehr jung —«

»Verzeihen Sie,« entgegnete Waldeck mit fast heiserer Stimme, »wenn ich trotz meiner Jugend wiederhole, Sie haben nicht das Recht, meinen Vater so zu nennen, wie Sie ihn nannten. Es ist nicht die Wahrheit!«

Rutenberg sah den jungen Fritz Waldeck eine Weile schweigend an, er murmelte unverständlich, er bewegte die Brauen, die Lider. Doch kein Don Quichote, dachte er, doch mehr Friedrich Schiller . . . »Ich will Ihnen was sagen, junger Herr,« nahm er endlich das Wort. »Gehn Sie wieder. Es ist besser so. Sie können mich nicht bekehren, und ich kann nicht lügen – obwohl Sie vorhin meinten, ich könnte es. Wozu uns böse Worte sagen. Sie mögen ein guter Sohn und ein guter Mensch sein. Eine – eine Art von Antwort hab’ ich ja schon gegeben —«

»Verzeihen Sie,« sagte Fritz Waldeck und trat in seiner blassen Erregung einen Schritt näher zu Rutenberg hin. »Ich kann so nicht gehn. Diese Beschimpfung, diese Entehrung meines toten Vaters —«

»Herr!« rief Rutenberg, in dem es wieder überwallte, »wer hat ihn denn beschimpft, wer hat ihn denn entehrt, als sein eigenes Leben und sein eigener Tod?«

Er glaubte jetzt zu hören, daß sich auf Schilchers Stuhl etwas rührte; sogleich zwang ihn ein inneres Unbehagen, einen Blick hinüberzuwerfen: richtig: aus dem guten, klugen Nußknackergesicht sahen ihn die blaßgrauen Augen ganz still und doch wie um etwas mehr Ruhe bittend an. Naja! dachte Rutenberg, einen Augenblick verstimmt, dann einverstanden, und knöpfte am Rock über seiner Brust.

»Junger Mann,« sagte er ruhiger, »ich war sein Freund, als Sie noch ein Kind waren. Sie waren auch noch ein Kind, oder nicht viel mehr, als er meine Freundschaft, mein Vertrauen täuschte – bitte, reden Sie nachher – als er uns alle täuschte, die wir ihm vertraut hatten, und – — ja, und dann davonging, auf Niewiederkommen. Es war diese tolle Zeit, vor Dreiundsiebzig, die hoffentlich auch nie wiederkommt, wo die neuen Gründungen über Nacht in die Höhe schossen wie Pilze, und die Millionen kamen und gingen wie die Seifenblasen und die guten Namen mit ihnen! Damals gründeten Sie auch diese gottverfluchte Bank – und Ihr Vater mit. Und weil ich ihm glaubte – nicht den andern, verstehen Sie wohl, sondern ihm, ihm, dem grundgescheiten und gründlich eingeweihten und ehrlichen Ferdinand Waldeck – so gab ich mein sauer erworbenes junges Geld hinein, mehr und immer mehr. Und wenn ich doch einmal zauderte, wenn ich zweifelte – Gieb nur her! schrieb er, gieb nur her! es steht gut, wir blühen, wir gedeihen, wir machen rasende Geschäfte, du wirst Millionär dabei! – Ja, und endlich – krach! Wie loses Pulver flog alles in die Luft. Alles war hin. Herr, ich jammere nicht um das Pulver, um das Geld. Ich hab’s längst verschmerzt. Wenn meine Fabrik damals in Gefahr kam, durch diese vielen Aderlässe zu blutarm zu werden und umzufallen, sie hat sich wieder erholt, und wie! Aber nur Ferdinand Waldeck hab’ ich’s nie verschmerzt – werd’s auch nie verschmerzen. Er hat seine Ehre, seine Seligkeit – Und nun rühren Sie nicht länger auf, was ich da in mir habe; lassen Sie mich, gehn Sie fort!«

Waldeck Sohn schüttelte jedoch den Kopf, als wollte er durch die stumme Bewegung sagen: Ich kann noch nicht gehn! Er drehte den Hnt zwischen den zitternden Händen, ungelenk wie ein Bauernknecht. In seinen übergroß gewordenen Augen leuchtete aber eine unverzagte Flamme, die das abgemagerte Gesicht verklärte und verschönte. Mit überraschend klarer Stimme erwiderte er dann:

»Sie sagen die Wahrheit nicht, Herr Rutenberg, weil Sie sie nicht wissen. Nicht ein Betrüger war mein Vater, sondern betrogen wie Sie. Die andern, die andern hatten ihn getäuscht. Und das trieb ihn dann in die Verzweiflung, in den Wahnsinn und in den Tod!«

»Herr, beweisen Sie das!« rief Rutenberg aus. »Worten glaub’ ich nicht. Worte, Worte hatte auch Ihr Vater, die waren alles, was er uns zurückließ. Dann – fort übers Meer – und dann in die andere Welt!

»In die andere Welt,« wiederholte Waldeck mit bitterem Lächeln. »Dahin ging er ja, weil er es nicht mehr aushielt, in dieser Welt so beschimpft zu leben. – und weil die Verzweiflung ihm den Verstand verwirrt hatte. Noch auf dem Sterbebett hat mir meine Mutter – die nie eine Lüge auf der Seele hatte, glauben Sie mir das – noch in der letzten Stunde, eh’ sie das Bewußtsein verlor, hat sie mir beteuert: dein Vater war ohne Schuld! Aber die blinde Wut der Menschen, die giftigen Verleumder brachen ihm das Herz —«

Jetzt fuhr Rutenberg wieder in die Höhe. »Junger Mensch, von wem reden Sie? Wer sind die Verleumder? – Geben Sie besser acht, was Sie sagen. Sie können weder Ihren Vater noch Ihre Mutter aus dem Grabe rufen, schaffen Sie Beweise, die für Ihren Vater und Ihre Mutter zeugen —«

Waldeck zuckte hilflos die Achseln.

»Oder reden Sie nicht von giftigen Verleumdern! – Als diese Bank damals in den Erdboden versank, und nichts als einen wertlosen Haufen bedruckter Papierbogen auf der Welt zurückließ – und der oberste dieser Schurken, der Direktor, mit seinem Sekretär in irgend ein unbekanntes Land verduftete – warum blieb Ihr Vater nicht da, wo sein Platz war, und stellte sich dem Gericht, um sich zu reinigen – wenn er sich schuldlos fühlte? Warum ging er auch, bei Nacht und Nebel, über den Ocean? Warum that er nichts, gar nichts, um es gut zu machen? Warum wurde er still wie das Grab, statt für seinen guten Namen zu reden und zu zeugen, so lang’ er noch Atem hatte? – Herr, wenn so die Unschuldigen handeln, dann kenne ich die Welt nicht. Ich hab’ Ihre Mutter bedauert, ich kann Sie bedauern aber Ferdinand Waldeck —«

Er machte mit dem Arm, den er erhoben hatte, einen langen Strich nach unten durch die Luft »So tief, wie die Erde ist,« setzte er dann mit der ganzen Kraft seines überströmenden Gefühls hinzu, »ist der Abgrund zwischen mir und ihm!«

»Und seinem Sohn,« ergänzte der unglückliche Waldeck langsam, nachdem er wieder einen tiefen Atemzug gethan hatte. Er trat hinter sich und stieß dabei gegen einen der Spieltische. Auf den blickte er dann verstört. »Ich hab’ also meine Antwort,« murmelte er, nachdem er sich eine Weile gesammelt hatte. »Also leben Sie wohl« – Er ging zur Thür.

»Sie haben keine Beweise?« fragte Rutenberg hinter ihm her, um doch noch etwas zu sagen.

Der Jüngling schüttelte den Kopf. »Die hier verlangt werden, nein, die nicht. – Ich kann die Toten nicht aus dem Grabe rufen. O, Sie haben recht. – Dennoch weiß ich, mein Vater – —«

Er brach aber mit einem Seufzer ab, der tief aus der Brust stieg. Mit überraschend frühreifer Würde verneigte er sich darauf gegen beide, und sagte zu Rutenberg: »Ich bedaure, wenn ich Sie an so einem Tage des Vergnügens störte. Leben Sie wohl!«

Etwas taumelnd, dann wieder fest und sicher kam er aus der Thür.




6


Die beiden, die zurückblieben, waren eine Weile still. Daß er immer wie aus Holz geschnitzt dasitzt, dachte Rutenberg, der seitwärts auf den regungslosen Schilcher blickte; manchmal ist’s doch unerträglich. – »Hm!« machte er selber endlich, um die Stille zu unterbrechen. »Ferdinand Waldecks Sohn. – Auch ein Schicksal. – Armer Junge . . .«

Schilcher brummte etwas, aber nach seiner unausstehlichen Art so leise, daß man’s nicht verstand.

»Was sagst du?« fragte Rutenberg. »Nichts,« antwortete Schilcher und erhob sich von seinem Stuhl.

»Hab’ ich ihm unrecht gethan, Schilcher? – Hab’ ich etwas gesagt, das dir nicht gefällt? Ging es wieder mit mir durch? – Aber um des Himmels willen, konnt’ ich denn schweigen, Schilcher? Oder sollt’ ich sagen er war unschuldig, ja, ja, Sie versichern es, also glaub’ ich es —?«

»Nein,« warf Schilcher hin, der auf seinen Weg zur Thür sah und seine Halsbinde rückte. – »Ich muß mich nun also auch verschönern. Eh’ zur Polonaise geblasen wird, bin ich wieder hier.«

Es mißfiel Rutenberg, daß der andere in diesem Augenblick die Polonaise erwähnte. »Ich bitte,« sagte er verstimmt. »Ja, ja. – — Die ganze Festtagslaune, die ist hin, Schilcher!«

»Wird wiederkommen. Das geht fix bei dir.« Schilcher hustete und machte die Salonthür auf, um in seine Junggesellenwohnung im oberen Stock zu gehen.

»Na ja!« brummte Rutenberg. Er wollte aber den »Heimtücker« nicht so stumm hinauslassen, darum fing er noch einmal an: »Ferdinand Waldecks Sohn . . .«

Richtig, jetzt drehte sich der kleine Schilcher herum und sah dem alten Freund ins Gesicht. »Der wird einmal ein Mann,« sagte er in äußerer Ruhe. »Ein richtiger.« Dann schob er sich aus der Thür.

Rutenberg lächelte einen Augenblick, nickte nach einer Weile, versank in immer tieferes Nachdenken und ging in sein Wohn- und Arbeitszimmer zurück. In diesem behaglich geschmückten Raum – nicht reich, denn er war bei einfachen Gewohnheiten geblieben – vertrug er sich mit seinen Gedanken am besten und dachte sie am leichtesten bis zu Ende durch. In den alten bequemen Lehnstuhl gesunken, den er vom Vater geerbt hatte – sonst war fast alles eigene Erwerbung – fühlte er sich ganz eigen zurückgeworfen in die Jugendzeit, da er sich mit Ferdinand Waldeck befreundet hatte . . . Das war die Aehnlichkeit, dachte er; dieser Fritz erinnerte mich im ersten Augenblick an den Vater. Aber wie sie doch verschieden sind! der Sohn sieht interessanter aus, ein merkwürdiger Knochenbau. Und ein ganz anderes Feuer in den Augen – in dem Jungen ist mehr, viel mehr. Der alte Heimtücker, der Schilcher hat recht: »Der wird einmal ein Mann!« – Rutenberg sann nach – zehn Jahre war es jetzt her, daß er den Fritz Waldeck hier in seiner Vaterstadt gesehen hatte, da gab ihn der Vater von Berlin hierher aufs Gymnasium, damit der etwas zarte Junge in einer kleineren Stadt recht gesund heranwüchse. Damals war er zwölf Jahre alt, also jetzt zweiundzwanzig . . . Na ja, dachte Rutenberg, dann sah ich ihn bald nicht mehr wieder, weil ich meine Fabrik in Warnowrande gegründet hatte. Und als ich die hierher verlegte und größer machte, da war ich mit Waldecks weltweit auseinander . . .

Er rückte jetzt mißmutig in dem alten Lehnstuhl; es gefiel ihm nicht, daß Schilcher so gegangen war, offenbar mehr auf Fritz Waldecks Seite, offenbar nicht zufrieden mit den rücksichtslos empörten Worten des alten »Durchgängers« Rutenberg. Und dieser Durchgänger hatte sich so sehr gewöhnt, auf den alten Nußknacker zu hören, wie wenn es sein ganz persönlicher nur für ihn angestellter »Oberappellationsrat« wäre – nicht eher mit sich einig zu sein, als bis er auch mit dem kleinen holzgeschnitzten Mann sich einig wußte. Er vertiefte sich in die Frage: hab’ ich wieder unrecht? – Dann mußte er doch auch gegen den Vater Waldeck unrecht haben und das hatte er nicht! Gegen diesen Vater, den er einst mit seiner ganzen überschwenglichen Herzlichkeit geliebt hatte, der in diesem Augenblick lebendig, leibhaftig vor ihm stand wie in alten Zeiten, als der so gerngläubige Rutenberg noch geschworen hätte: der ist echtes Gold . . .

Er lächelte auf einmal, aber unruhig, beklommen und jetzt verliebt sein Sohn sich in meine Gertrud. – Das ist denn doch wirklich eine närrische und verrückte Welt!

So mochte er wohl lange dagesessen haben er erwachte wie aus einer Art von Traum, als durch die Thür zum Bücherzimmer, die er offen gelassen hatte, seine Gertrud eintrat. Sie kam in ihrem leichten, schwebenden Gang, den er mit so viel Vaterstolz liebte und in dem sie ihre einst so anmutige Mutter doch noch übertraf. Das schlichte rosafarbene Ballkleid, das auf der schlanken Gestalt wie ein zarter Duft lag, stand ihr wirklich gut, auch die frischen Blumen im seidigen dunkelblonden Haar, das sich auf der leuchtenden Stirn so angenehm natürlich kräuselte, obwohl er wußte, daß es gebrannt war. Sie kam mit Wyttenbachs Bouquet in der Hand, mit dem strahlenden Rutenbergschen Lächeln.

»Da bin ich!« sagte sie, wie ein Lieutenant vor dem Oberst salutierend.

»Bravo!« sagte der Vater, sogleich wieder vergnügt »Rosig wie der junge Tag!« – — In die ist Fritz Waldeck verliebt, fuhr ihm aber auf einmal wieder durch den Kopf. Ihm ward unbehaglich. »Komm einmal her, mein Kind,« sagte er so harmlos wie nur irgend möglich.

Sie trat vor ihn hin. »Du solltest der erste sein, der mich so sieht! —Hab’ nur vorher noch die Anstalten für den Ball revidiert. Alles in Ordnung. – Na? Aber was hast du denn? Ich glaub’ gar, du machst ein sorgenvolles Gesicht?«

»Nein, nein —«

»Gefall’ ich dir nicht?«

»Närrin! – Sehr. – Sehr gelungen, Gertrud. – Nun sag’ aber ’mal: du kennst einen Herrn Waldeck, nicht wahr? Einen jungen Mann —«

»Ja, ein wenig, ja!« warf sie so natürlich gleichgültig hin, daß es ihm Freude machte. Darauf fing sie an zu lächeln. »Du, der hat mich vorhin schön verlegen gemacht; ich hab’ ihn verwechselt. Mir war so, als müßte er Herr von Hiller heißen. – Mein Gott,« setzte sie übermütig lustig hinzu, »wenn man so viele junge Männer kennt!«

»Freilich,« sagte Rutenberg ebenso lustig, dabei atmete er beruhigt auf. »So viel merk’ ich, Trudel, einen sehr lebhaften Eindruck hat er dir nicht gemacht.«

Sie schüttelte die schönen Löckchen: »Er? – Nein, O nein!«

»,Er‹ nicht!« wiederholte der Vater, noch ganz arglos lächelnd. »O nein! das könnt’ ja so klingen, wie wenn —«

Bei diesem ›wenn‹ brach er aber ab. Lieber gar nicht von der Möglichkeit reden, dachte er, man male nur nie den Teufel an die Wand! . . .

Das Mädel blickte ihn etwas unsicher an »Wie wenn was —?« fragte sie.

»O nichts. Gar nichts von Bedeutung. – Siehst poetisch aus, Kind.«

»Also ich gefall’ dir doch?«

»Ganz entschieden gefällst du mir,« sagte er mit dem sachlichen Vatergesicht und streichelte ihr vorsichtig über das blumengeschmückte Haar. »Kein Geflitter und kein Geprunk, einfach, simpel, siebzehnjährig. So lieb’ ich’s.« – Er steigerte sich drollig, in seiner inneren Heiterkeit. »Ja, ja, ja, so lieb’ ich’s!« Und sich so recht zufrieden über sie neigend, küßte er sie auf die Stirn.

»Ach,« dachte Gertrud in ihrer jungen, selig schmachtenden Seele, wie gern möcht’ ich’s ihm jetzt sagen! Könnt’ ich’s ihm jetzt sagen! – Sie fühlte, ihr kam der Mut, und das Geheimnis drückte sie, so süß es zuerst gewesen war, es drückte sie jetzt. Auf einmal begann sie mit seiner Hand zu spielen, sie versuchte, seine großen goldenen Ringe hin und her zu schieben; dann streichelte sie über die Finger hin.

»Du! Vater!« fing sie an. »Wie wenn was —?«

Er verstand sie noch nicht »Was meinst du, Kind?« fragte er.

»Ach, du sagtest vorhin ›das könnt’ ja so klingen, wie wenn‹ – — .«

Sie sah ihm mit einem raschen Blick ins Gesicht, dann wieder auf seine Hand.

Zuerst nur verwundert, dann betroffen, starrte er sie an. Erst nach einer Weile brachte er heraus: »Warum fragst du noch einmal? So neugierig?« – Wie? Jetzt wird sie rot! – Er nahm ihre Hand, die noch auf der seinen lag, und sah ihr fest in die Augen. Alle Teufel! dachte er. Wenn dieses Kind einen Andern —

Nein, sagte er sich geschwind, um diesen Schreck wieder abzuschütteln, und ließ ihre Finger los, – nein, das ist unmöglich. Das thut mir das Kind nicht an. – Nur nichts merken lassen . . .

Er schaute umher, er wollte sich etwas zu schaffen machen, sein Blick fiel auf die offene Thür und auf die Spieltische im Bücherzimmer. »Mir war doch so,« warf er hin, »als hätte Brink auf den Rauchtischchen die Aschenbecher vergessen. Will doch mal sehn —!«

Damit ging er schon durch die Thür. Im Bücherzimmer sah er nun freilich, daß er den alten Pedanten, den Brink, falsch verdächtigt hatte: an Aschenbechern fehlte es nicht. Dagegen überfiel ihn jetzt ein zweiter Schreck. Gertrud kam ihm nach, trat zu ihm, als er still stand, und legte mit einer plötzlichen Bewegung ihr Gesicht stumm an seine Brust.

»Um Gottes willen!« entfuhr ihm, indem er zusammenzuckte. »Was hast du?«

»O, nichts Trauriges,« sagte sie leise. »Süßer alter Vater du. Du bist so gut gegen mich, und machst mich heut’ so glücklich . . .«

Er atmete etwas erleichtert auf. »Dankbarkeit?« fragte er. »Ja, Dankbarkeit und – —« Sie brachte eine Art von Lächeln zustande, das ihm aber nicht gefiel, und sagte wieder leise: »Er nicht! O nein!«

»Gertrud!« stieß Rutenberg hervor. »Was heißt das?« Jetzt flüsterte sie nur noch: »Kannst du’s nicht erraten?«

Unwillkürlich, und ohne es zu wissen, drückte er das Mädel langsam von seiner Brust hinweg, sah sie nicht mehr an und ging durchs Zimmer. Hinter einem der Tische blieb er dann wieder stehn, hob in seiner Ohnmacht den Arm ein wenig; fortlaufen konnte er dem Schicksal ja doch nicht – »Trudel!« sagte er. »Du bist toll!«

Sie schüttelte den Kopf.

»Du bist toll, Trudel.«

Sie schüttelte ihn wieder. So recht weich und sanft sagte sie dann »Warum sollt’ ich toll sein? – Ich möcht nur vor dir kein Geheimnis haben . . .«

Rutenberg horchte, was nun noch kommen werde. Sie war aber still. Die innere Unruhe fuhr ihm in die Finger, er nahm die neuen Spielkarten von dem Tisch, hinter dem er stand, zog sie aus dem Umschlag, legte sie wieder hin. Dann nahm er ein Häufchen davon ab, warf es auf den Tisch. Es war doch eine Art von Thätigkeit, drum fuhr er auch damit fort, ohne es zu wissen. Unglückliches Kind! sagte er, wieder ein Häufchen hinwerfend. »Du bist siebzehn Jahre alt!«

»Eben darum!« erwiderte sie leise.

»Ich glaube, du bildest dir ganz im Ernst ein, dich ernsthaft verliebt zu haben —«

»Ach!« seufzte sie, vor sich niederblickend. »Ich weiß es, Vater!«

»Was sagst du?«

Sie lächelte ihn nun etwas mutiger an. »Ich sagte nur, ich weiß es!«

»So! – Und wer ist dieser andre?«

»Wer? Arthur van Wyttenbach . . .«

Rutenberg ließ die Karten, die er noch in der Hand hatte, vor Schreck auf den Tisch fallen. »Heiliger Gott!« rief er aus.

»Was ist dir?« fragte sie.

»Arthur van – Arthur van – Dieser —! Der Name »Wyttenbach« blieb ihm in der Kehle stecken.

»Ja, Vater. Ja, der ist’s, lieber, guter Vater. Und wenn du mir nicht erlaubst, ihn zu heiraten – sie suchte zu lächeln, es sah aber sehr ernsthaft aus – »dann sterb’ ich!«

Rutenberg schob die Spielkarten auseinander, daß sie den ganzen Tisch bedeckten »Da haben wir’s,« sagte er. »Dann stirbt sie. – Unsre Antigone. – Schilcher! Schilcher!«

»Warum rufst du Schilcher?« fragte das Mädchen ängstlich. »Was soll der? – Lieber, süßer Vater ..«

Ihre Stimme war so rührend weich; sie ging ihm zu Herzen. »Lieber, süßer Vater« – das machte ihm wieder etwas Mut. Er faßte sich so nach und nach. Ihm half dabei, daß er die Karten langsam wieder zusammenschob.

»Komm her, Kind!« sagte er dann, nicht so weich wie sie, aber ganz ohne Strenge und ohne Härte. »Setz dich. Da an den Tisch! – Sie kam und setzte sich. Er stellte sich vor sie hin. – »So, nun laß uns mal ruhig reden. Sitz’ still. Also du liebst ihn, sagst du. Diesen – —«

Er sprach nicht weiter. Sie nickte. In ihrem Ballkleid, mit den Rosen im Haar, saß sie so unheimlich romantisch da, als gehöre die Liebe selbstverständlich dazu, als sei es ganz natürlich, daß sie jemand liebte.

»Und er liebt dich,« fragte Rutenberg weiter. »dieser –.«

Sie nickte.

»Und ihr wollt euch heiraten —« Sie nickte wieder.

»Und wenn ich es nicht erlaube, dann stirbst du.«

Sie lächelte, doch dann nickte sie, wieder mit ihrem ernsthaften siebzehnjährigen Gesicht.

»Und dieser Bund der Seelen dauert wohl schon lange —«

Nun schüttelte sie den Kopf. »Noch nicht lange, Vater. – Aber so sehr! so sehr!«

In einem Anfall von humoristischer Verzweiflung schlug Rutenberg die Augen zum Himmel auf. Einen »Hansquast« nannte ihn Schilcher! fuhr ihm durch den Sinn. Ahnungsloser Schilcher! Na, und ich? Ich nannte ihn »Ballfutter«. Ahnungsloser Vater! – Er schaute wieder seine romantische Ballnixe an.

»Wofür hältst du ihn, Gertrud?« fragte er, sich wieder fassend, so gut er konnte.




Конец ознакомительного фрагмента.


Текст предоставлен ООО «ЛитРес».

Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=48631708) на ЛитРес.

Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.


