Detektiv-Geschichten
Wilkie Collins




Wilkie Collins

Detectiv-Geschichten





Der Polizist und die Köchin.

(Mr. Policeman and The Cook)





Zunächst ein Wort für mich


Ehe der Arzt mich eines Abends verließ, fragte ich ihn, wie lange ich voraussichtlich noch zu leben habe. Er antwortete mir: »Das ist nicht leicht zu sagen; Sie können sterben, ehe ich morgen zu Ihnen zurückkommen kann, Sie können aber auch bis zu Ende des Monats leben.«

Ich war am nächsten Morgen noch kräftig genug, an die Bedürfnisse meiner Seele zu denken, und, da ich ein Glied der römisch-katholischen Kirche bin, einen Geistlichen kommen zu lassen.

Die Geschichte meiner Sünden, die ich in der Beichte erzählte, enthielt eine tadelnswerte Vernachlässigung der Pflicht, die ich gegen die Gesetze meines Vaterlandes hatte.

Nach der Meinung des Geistlichen – und ich stimmte mit ihm überein – war ich verpflichtet, ein öffentliches Eingeständnis meiner Schuld abzulegen, als einen Akt der Buße, wie er sich für einen katholischen Engländer geziemt.

Wir beschlossen deshalb, eine Teilung der Arbeit zu versuchen. Ich erzählte die einzelnen Umstände, während Seine Hochwürden die Feder nahm und dem Stoffe die Form gab.

Hier folgt, was daraus entstand:




I


Als ich ein junger Mann von fünfundzwanzig Jahren war, wurde ich Mitglied der Londoner Polizeimannschaft.

Nach einer beinahe zweijährigen Probezeit in diesem verantwortungsvollen und dabei schlecht bezahlten Berufe befand ich mich zum ersten Mal in der ernsten Lage, eine amtliche Untersuchung zu führen, welche auf nichts Geringeres als einen Mord sich bezog. Die näheren Umstände waren folgende:

Ich war damals einer Station im nördlichen London zugeteilt, die ich nicht näher bezeichnen möchte. An einem Montage kam die Reihe zum Nachtdienste an mich. Bis 4 Uhr des Morgens kam im Polizeigebäude nichts Außergewöhnliches vor. Es war damals Frühling und bei Gaslicht und Feuer im Zimmer ziemlich heiß. Ich ging an die Tür, um frische Luft zu schöpfen, sehr zur Verwunderung unseres diensthabenden Inspektors, der kühler veranlagt war. Es fiel ein feiner Regen, und ein hässlicher Nebel in der Luft veranlasste mich, an den Kamin zurückzukehren. Ich glaube nicht, dass ich länger als eine Minute wieder gesessen hatte, als die Tür heftig aufgestoßen wurde. Eine Frau, die sich wie wahnsinnig gebärdete, stürzte herein und schrie: »Ist dies das Polizeigebäude?«

Unser Inspektor, sonst ein tüchtiger Beamter, hatte zufolge einer Laune der Natur bei seiner Kühle in körperlicher Beziehung ein hitziges Temperament. »Himmel« sagte er, »sehen Sie denn nicht, dass dies das Polizeigebäude ist? Um was handelt es sich denn?« »Um einen Mord!« stieß sie hervor. »Um Gottes willen, kommen Sie mit mir! Es ist in der Pension der Frau Großcapel, Hochstraße Nr. 14. Eine junge Frau hat diese Nacht ihren Gatten erstochen! Mit einem Messer, mein Herr! Sie glaubt, wie sie sagt, es im Schlafe getan zu haben.«

Ich gestehe, dass ich erschrocken war, und der dritte im Dienste, ein Polizeidiener, schien dasselbe Gefühl zu haben. Das Frauenzimmer hatte nur nachlässig seine Kleider übergeworfen, da es anscheinend eben erst aus dem Schlafe aufgeschreckt worden war. Es war jung und selbst in dem gegenwärtigen Zustande eine hübsche Erscheinung.

Ich selbst war von hoher Gestalt, und sie hatte, wie man sagte, meine Statur. Ich stellte ihr einen Stuhl hin; der Polizeidiener schürte das Feuer. Was den Inspektor anlangte, so konnte ihn nichts aus der Fassung bringen. Er verhörte sie so kaltblütig, als wenn es sich um einen geringfügigen Diebstahl gehandelt hätte.

»Haben Sie den Ermordeten gesehen?« fragte er.

»Nein, mein Herr!«

»Oder die Frau?«

»Nein! Ich wagte nicht, das Zimmer zu betreten. Ich hörte nur davon.«

»Und wer sind Sie? Einer von den Mietern?«

»Nein, Herr Inspektor, ich bin die Köchin.«

»Ist denn kein Hausherr da?«

»Ja, aber er ist vor Schrecken außer sich, und das Hausmädchen ist nach dem Arzt gegangen. Dies alles fällt natürlich auf die armen Dienstboten. O, warum setzte ich jemals einen Fuß in dieses schreckliche Haus?«

Die arme Person stieß einen Seufzer aus und zitterte am ganzen Körper. Der Inspektor schrieb die von ihr dargestellten Umstände nieder und ersuchte sie dann, das Protokoll zu lesen und zu unterschreiben Der Zweck dieses Vorgehens war der, sie in seine Nähe zu bringen, um ihren Atem zu prüfen.

»Wenn Leute außergewöhnliche Erklärungen abgeben,« sagte er nachher zu mir, »bewahrt es Sie vor manchen Verdruss, wenn Sie sich überzeugen, dass sie nicht betrunken sind. Ich habe einzelne gekannt, die wahnsinnig waren, aber nicht viele. Sie werden dies in der Regel an ihren Augen merken.«

Die Frau erhob sich und zeichnete ihren Namen: Priscilla Thurlby. Die von dem Inspektor vorgenommene Prüfung ergab, dass sie nüchtern, und ihre Augen überzeugten ihn, wie ich glaube, dass sie nicht wahnsinnig war, denn diese, von lieblicher, hellblauer Farbe, blickten ohne Zweifel sanft und freundlich, wenn sie nicht starr von Furcht oder von Weinen gerötet waren.

Zunächst übertrug er mir die Angelegenheit.

Ich sah, dass er auch jetzt noch nicht an die Richtigkeit der Sache glaubte. »Gehen Sie mit ihr nach Hause!« sagte er, »es wird eine dumme Finte oder aufgebauschter Streit sein. Überzeugen Sie sich selbst und hören Sie, was der Arzt sagt. Wenn die Sache ernst ist, benachrichtigen Sie mich sofort und lassen Sie niemand im Hause ein- und ausgehen, bis wir kommen. Halt! Sie kennen ja die Form, wenn zu einer Protokollaufnahme Veranlassung sein sollte.«

»Ja, Herr Inspektor! Ich werde die Leute darauf aufmerksam machen, dass alles, was sie aussagen, niedergeschrieben wird und gegen sie geltend gemacht werden könne.«

»Ganz recht! Sie werden bald einmal selbst Inspektor sein.«

»Nun also, Fräulein!« Und damit entließ er sie unter meiner Begleitung. Die Hochstraße war nicht sehr weit, ungefähr zwanzig Minuten von dem Polizeigebäude entfernt.

Ich war der Ansicht, wie ich gestehe, dass der Herr Inspektor ein wenig grob gegen Priscilla gewesen war. Sie war natürlich deshalb ärgerlich über ihn. »Was meint er,« sagte sie, »mit der Finte? Ich wünschte, er wäre so erschrocken, wie ich es bin. Es ist das erste Mal, mein Herr, dass ich in fremdem Dienste bin, und ich dachte, eine anständige Stelle gefunden zu haben.«

Ich sprach sehr wenig mit ihr, da ich mich, die Wahrheit zu sagen, bei dem mir gewordenen Auftrag ein wenig ängstlich fühlte. Als wir das Haus erreichten, wurde die Tür von innen geöffnet, ehe ich anklopfen konnte. Es trat ein Herr heraus, der sich als der herbeigerufene Arzt zu erkennen gab. Er blieb stehen, sobald er mich sah. »Sie müssen vorsichtig sein, Schutzmann!« sagte er. »Ich fand den Mann, auf dem Rücken liegend, tot im Bette. Das Messer, mit dem er getötet wurde, steckte noch in der Wunde.«

Als ich dies hörte, fühlte ich mich verpflichtet, sogleich eine Meldung nach der Polizeistation zu machen.

Aber wo konnte ich einen zuverlässigen Boten finden?

Ich nahm mir die Freiheit, den Arzt zu fragen, ob er bei der Polizei das nochmals erklären wolle, was er mir bereits gesagt habe. Das Polizeigebäude war nicht weit von seinem Heimwege entfernt. Er gewährte mir freundlich meine Bitte.

Die Hauswirtin, Frau Großcapel, kam herzu, als wir noch miteinander sprachen. Sie war eine noch junge Frau und, soweit ich sehen konnte, nicht leicht zu erschrecken, selbst nicht durch einen in ihrem Hause begangenen Mord. Ihr Gatte stand hinter ihr im Türeingang. Er sah alt genug aus, um ihr Vater zu sein, und zitterte vor Schrecken so sehr, dass mancher ihn für den Schuldigen hätte halten können.

Ich nahm den Schlüssel der Haustür an mich, nachdem ich sie verschlossen hatte, und sagte der Hauswirtin, dass niemand das Haus verlassen und niemand es betreten dürfe, ehe der Inspektor komme.

Ich müsste die ganze Liegenschaft untersuchen, um zu sehen, ob jemand etwa einen Einbruch verübt habe.

»Hier ist der Schlüssel zur Tür der Lauftreppe,« sagte sie daraufhin zu mir. »Sie wird immer verschlossen gehalten. Kommen Sie wieder herab und überzeugen Sie sich selbst.« Priscilla ging mit uns. Ihre Herrin beauftragte sie alsdann, das Feuer in der Küche anzuzünden.

»Eins oder das andere von uns dürfte sich bei einer Tasse Tee wohler befinden,« äußerte Frau Großcapel. Ich bemerkte ihr, dass sie unter den vorliegenden Umständen die Dinge zu leicht nehme, worauf sie mir erwiderte, dass die Besitzerin einer Londoner Fremdenherberge es nicht fertig bringe, den Kopf zu verlieren, was auch vorfallen möchte.

Ich fand die Tür verschlossen und die Läden des Küchenfensters verriegelt. Die innere Seite der Küche und die Hintertür waren in derselben Weise gesichert. Nirgends war jemand verborgen. Nachdem wir wieder hinausgegangen waren, untersuchte ich das Vorderfenster des Salons. Auch dort bürgten die verriegelten Laden für die Sicherheit dieser Räumlichkeit. Durch die Tür des hinteren Salons hörten wir eine schnarrende Stimme. »Der Polizeibeamte kann hereinkommen,« sagte sie, »wenn er versprechen will, nicht nach mir zu sehen.«

Ich wendete mich um Auskunft an die Hauswirtin. »Es ist die Mieterin meines hinteren Salons, Fräulein Mybus« sagte sie »eine sehr achtbare Dame.« Nachdem ich das Zimmer betreten hatte, sah ich eine Gestalt, aufrechtsitzend und in die Bettvorhänge eingewickelt. Fräulein Mybus hatte sich in dieser Weise sittsam verhüllt. Nachdem ich mich so über die Sicherheit des unteren Teils des Hauses vergewissert und die Schlüssel wohlverwahrt in der Tasche hatte, war ich bereit, hinaufzugehen.

Auf unserem Wege zu dem oberen Teile des Hauses fragte ich, ob irgendwelche Besucher am vorhergehenden Tage dagewesen seien. Ich erfuhr, dass deren nur zwei, und zwar Freunde von Mietern, vorgesprochen hätten und von Frau Großcapel selbst wieder hinausgeleitet worden seien. Meine nächste Erkundigung bezog sich auf die Mieter selbst.

Im Erdgeschoß wohnte Fräulein Mybus. Im ersten Stock bewohnte ein Herr Barfield die beiden Zimmer. Er war ein alter Junggeselle und auf dem Comptoir eines Kaufmanns beschäftigt. Im zweiten Stock bewohnten das vordere Zimmer Johann Zebedäus, der Ermordete, und seine Frau. Im hinteren Zimmer war ein Herr Deluc, als Zigarren-Agent bezeichnet und vermutlich ein Kreole von Martinique.

In der vorderen Dachstube wohnten Herr und Frau Großcapel, in der hinteren die Köchin und das Hausmädchen. Dies waren die zu den Bewohnern des Hauses gerechneten Personen. Ich erkundigte mich nach den Dienstboten. »Beide sind vortreffliche Personen,« sagte die Hauswirtin, »sonst würden sie nicht in meinem Dienste sein.«

Wir gelangten nun den zweiten Stock und fanden das Hausmädchen auf Wache vor der Tür des vorderen Zimmers. Sie war nicht so hübsch wie die Köchin und natürlich sehr erschrocken. Ihre Herrin hatte sie dorthin gestellt, um Lärm zu schlagen, falls Frau Zebedäus, die im Zimmer verschlossen gehalten wurde, zu entweichen versuchen sollte. Meine Ankunft befreite sie von weiterer Verantwortlichkeit. Sie eilte zu ihrer Dienstgenossin in die Küche hinab.

Ich fragte Frau Großcapel, wie und wann zuerst über den Mord etwas laut geworden sei. Frau Großcapel erzählte: »Bald nach drei Uhr diesen Morgen wurde ich durch das Geschrei der Frau Zebedäus geweckt. Ich fand sie hier außen auf der Treppe, und ebenso Herrn Deluc in großer Aufregung, der sie zu beruhigen versuchte. Da er im nächsten Zimmer schlief, hatte er, als ihr Geschrei ihn weckte, nur seine Tür zu öffnen. »Mein lieber Johann ist ermordet; ich bin das elende Geschöpf, das es im Schlafe tat.« Diese wahnsinnigen Worte wiederholte sie ein über das andere mal, bis sie in Ohnmacht sank. Ich und Herr Deluc trugen sie in das Schlafgemach. Wir beide glaubten, dass das arme Geschöpf durch irgend einen furchtbaren Traum irrsinnig geworden wäre. Aber als wir in die Nähe des Bettes kamen, fragen Sie mich nicht, was wir sahen; der Arzt hat ihnen davon schon erzählt. Ich war einst Pflegerin in einem Krankenhause und als solche an schreckliche Anblicke gewöhnt. Dennoch überlief mich ein Schauder, und es schwindelte mir. Was Herrn Deluc betrifft, so dachte ich, er würde gleich in Ohnmacht fallen. Hierauf fragte ich, ob Frau Zebedäus irgend etwas Ungewöhnliches gesagt oder getan habe, seitdem sie Mieterin bei Frau Großcapel sei. »Sie denken wohl, sie sei wahnsinnig?« sagte die Hauswirtin, »und jeder würde Ihrer Meinung sein, wenn eine Frau sich selbst der Ermordung ihres Gatten im Schlafe anklagt. Alles, was ich sagen kann, ist, dass ich bis zu diesem Morgen keinem stilleren, vernünftigeren, braveren Weibchen als der Frau Zebedäus begegnet bin. Kaum erst verheiratet, war sie für ihren unglücklichen Gatten so eingenommen, wie es eine Frau nur sein kann. Ich hätte sie in ihren Verhältnissen ein Musterpaar nennen mögen.« Mehr war auf der Treppe nicht zu sagen. Wir schlossen die Tür auf und gingen in das Zimmer.




II


Der Ermordete lag auf dem Rücken, wie der Arzt angegeben hatte; das Blut auf der Leinwand links an seinem Schlafrocke, gerade über dem Herzen, redete seine schreckliche Sprache. Soweit man urteilen konnte, wenn man wider Willen ein totes Angesicht betrachtet, musste er zu seinen Lebzeiten ein schöner junger Mann gewesen sein. Es war ein Anblick, welcher einen jeden aus das tiefste ergreifen musste, aber ich glaube, den schmerzlichsten Eindruck machte es, als meine Augen daneben auf sein unglückliches Weib sich richteten. Sie kauerte auf dem Fußboden in einer Ecke des Zimmers: eine kleine schwarze Frau, in lebhafte Farben gekleidet. Ihr schwarzes Haar und ihre großen braunen Augen ließen die entsetzliche Blässe ihres Gesichtes noch greller erscheinen, als sie in Wirklichkeit vielleicht war. Sie starrte uns grade an, ohne dass es schien, als wenn sie uns sähe. Wir redeten sie an, aber sie antwortete kein Wort. Man hätte sie für tot halten können wie ihren Gatten, wenn sie nicht fortwährend an den Fingern gepickt und dann und wann ein Schauer sie überlaufen hätte, als wenn sie friere.

Ich ging zu ihr und versuchte, sie aufzurichten. Sie sank mit einem Schrei zusammen, der mich fast in Schrecken versetzte, nicht weil er laut, sondern weil er dem Schrei eines Tieres ähnlicher als demjenigen eines menschlichen Wesens war. Wie vernünftig sie sich auch während ihres bisherigen Aufenthaltes bei der Hauswirtin betragen haben mochte, jetzt war sie nicht bei Verstand. Sei es nun, dass ich durch ein natürliches Mitleiden gerührt war, oder sei es, dass mein Gemüt vollständig in Verwirrung geraten war, so viel weiß ich nur, dass ich mich von ihrer Schuld nicht überzeugen konnte. Ich sagte sogar zu Frau Großcapel: »Ich glaube nicht, dass sie es getan hat.« Während ich sprach, klopfte es an der Tür. Ich ging sogleich hinab und öffnete zu meiner großen Erleichterung dem Inspektor, der von einem unserer Beamten begleitet war. Er wartete unten, um meinen Bericht zu hören, und billigte, was ich bereits getan hatte. »Es sieht aus, als wenn der Mord von jemand im Hause begangen worden sei« sagte er, ließ den ihm folgenden Beamten unten und ging mit mir in den zweiten Stock hinauf. Als er kaum eine Minute im Zimmer sich befand, entdeckte er einen Gegenstand, der meiner Wahrnehmung entgangen war. Es war das Messer, mit welchem die Tat begangen worden war. Der Arzt hatte es in dem Leichnam steckend gefunden, es herausgezogen, um die Wunde zu untersuchen, und hatte es alsdann auf den in der Nähe des Bettes stehenden Tisch gelegt.

Es war eins von jenen praktischen Messern, welche eine Säge, einen Pfropfenzieher und andere ähnliche Werkzeuge enthalten. Die große Klinge wurde, wenn offen, durch eine Sprungfeder festgehalten Das Messer war, die blutbefleckte Stelle ausgenommen, so glänzend, als wenn es erst gekauft worden wäre. Eine kleine Metallplatte war auf dem Hornstiel befestigt, welche eine Inschrift enthielt. Dieselbe war nur zum Teil eingraviert und begann: »Dem Johann Zebedäus von —«; das folgende fehlte seltsamerweise. Wer oder was hatte die Arbeit des Graveurs unterbrochen? Jede Vermutung war unmöglich. Nichtsdestoweniger wurde der Inspektor dadurch ermutigt. »Dies könnte uns helfen,« sagte er; dann hörte er aufmerksam dem zu, was Frau Großcapel ihm zu sagen hatte, indem er währenddem nach dem armen Geschöpf in die Ecke blickte. Nachdem die Hauswirtin mit ihrem Berichte zu Ende war, erklärte er, dass er nun den Mieter sehen müsse, welcher in dem anstoßenden Zimmer geschlafen habe. Herr Deluc erschien, indem er sich in die Tür des Zimmers stellte und mit Entsetzen den Kopf von dem sich ihm darbietenden Anblicke abwendete. Er war in einen prächtigen blauen Schlafrock mit goldenem Gürtel und Besatz eingehüllt. Seine Gesichtsfarbe war gelb; seine grünlich-braunen Augen waren von der Art der sogenannten Glotzaugen; es schien, als wenn sie aus dem Gesichte fallen könnten, wenn man einen Löffel unter sie hielt. Sein Schnurrbart und sein Geißbart waren schön parfümiert und, um seine Ausrüstung zu vervollständigen, hatte er eine lange dunkle Zigarre im Munde. »Es ist nicht Gefühllosigkeit bei diesem schrecklichen Auftritte,« erklärte er; »meine Nerven sind zerrüttet, Herr Polizei-Inspektor, und ich kann nur auf diesem Wege das Unglück wieder gut machen. Entschuldigen Sie mich gütigst und haben Sie Mitgefühl für mich.«

Der Inspektor verhörte diesen Zeugen scharf und genau. Er war nicht der Mann, sich durch den Schein irreführen zu lassen, aber ich konnte sehen. dass er weit davon entfernt war, an Herrn Deluc Gefallen zu finden oder ihm gar zu glauben. Nichts kam bei der Untersuchung heraus außer dem, was Frau Großcapel mir im wesentlichen schon mitgeteilt hatte.

Herr Deluc kehrte in sein Zimmer zurück. »Wie lange wohnt er bei Ihnen?« fragte der Inspektor, sobald Deluc ihm den Rücken gekehrt hatte.

»Beinahe ein Jahr,« antwortete die Hauswirtin.

»Gab er Ihnen Referenzen?«

»So gut als ich sie wünschen konnte.« Darauf nannte sie die wohlbekannte Firma einer Zigarrenhandlung in der Altstadt. Der Inspektor notierte die Auskunft in seinem Notizbuche.

Ich möchte lieber im einzelnen nichts erzählen, was sich zunächst zutrug. Es ist zu peinlich, dabei zu verweilen. Lassen Sie mich nur sagen, dass die arme geisteskranke Frau in einer Droschke nach dem Polizeigebäude gebracht wurde. Der Inspektor nahm selbst das Messer und ein Buch in Verwahrung, das auf dem Fußboden gesunden wurde und »Die Welt des Schlafs« betitelt war. Die Reisetasche, die das Gepäck enthielt, wurde verschlossen und dann die Türe des Zimmers verwahrt, indem die Schlüssel von beiden meiner Obhut überlassen wurden. Meine Instruktion ging dahin, im Hause zu bleiben und niemand zu erlauben, es zu verlassen, bis dass ich in Kürze wieder etwas von dem Inspektor hörte.




III


Die amtliche Leichenschau wurde ausgesetzt und die gerichtliche Untersuchung vertagt, da Frau Zebedäus nicht in dem Zustande war, um das eine oder das andere Verfahren zu verstehen.

Der Gerichtsarzt sagte aus, dass sie durch eine Nervenerschütterung vollständig niedergeschmettert sei.

Als er gefragt wurde, ob er glaube, dass sie eine geistig gesunde Frau gewesen sei, ehe der Mord ausgeführt wurde, lehnte er es ab, hierauf zur Zeit eine bestimmte Antwort zu geben.

Eine Woche war vergangen. Der Ermordete war begraben. Sein alter Vater hatte dem Leichenbegängnis beigewohnt. Ich besuchte gelegentlich Frau Großcapel und ihre beiden Bediensteten in der Absicht, diejenige weitere Auskunft zu erlangen, die mir noch wünschenswerter erschien. Sowohl die Köchin als auch das Hausmädchen hatten von dem monatlichen Kündigungsrechte Gebrauch gemacht, um den Dienst zu verlassen, indem sie, wie sie sagten, im Interesse ihres guten Rufes es ablehnten, in einem Hause zu bleiben, welches der Schauplatz eines Mordes gewesen war.

Der Zustand seiner Nerven veranlasste auch Herrn Deluc zum Ausziehen; seine Ruhe wurde durch schreckliche Träume gestört. Er zahlte die verwirkte Buße und verließ das Haus ohne Kündigung.

Herr Barfield, der Mieter des ersten Stockes, behielt seine Zimmer, aber er bekam von seinen Prinzipalen einen Urlaub und flüchtete mit einigen Freunden auf das Land.

Fräulein Mybus allein blieb in den Salons. »Wenn ich mich wohl befinde,« sagte die alte Dame, »so bringt mich in meinem Alter nichts von der Stelle. Ein Mord zwei Stiegen höher ist beinahe dasselbe wie ein Mord im nächsten Hause. Sie sehen, die Entfernung allein macht den ganzen Unterschied.« Es war der Polizei wenig daran gelegen, was die Mieter taten. Wir hatten Geheimpolizisten, die das Haus Tag und Nacht bewachten. Jedem, welcher das Haus verließ, folgte man im geheimen, und die Polizei des Bezirks, in welchen er sich begab, wurde ersucht, ein wachsames Auge auf ihn zu haben. So lange wir nicht in der Lage waren, die außergewöhnliche Erklärung der Frau Zebedäus in irgendeiner Weise auf ihre Richtigkeit zu prüfen – geschweige dass unsere Bemühungen, den Käufer des benutzten Messers zu ermitteln, bis jetzt von Erfolg gewesen wären – waren wir verpflichtet, keine Person, die in der Nacht des Mordes unter dem Dache Großcapel gewohnt hatte, durch die Finger schlüpfen zu lassen.




IV


In weiteren vierzehn Tagen hatte sich Frau Zebedäus soweit erholt, dass sie die notwendige Erklärung abgeben konnte, nachdem die Vorsichtsmaßregeln vorausgegangen waren, die bei Personen in solcher Lage angewendet zu werden pflegen. Der Gerichtsarzt war jetzt nicht mehr unschlüssig, sie für eine geistig gesunde Frau zu erklären. Häuslicher Dienst war ihre Stellung im Leben gewesen. Sie hatte zuletzt vier Jahre lang als Kammerzofe bei einer Familie gelebt, welche in Dorsetshire wohnte. Das einzige Bedenken, das gegen sie erhoben werden konnte, war ein zeitweiliges Nachtwandeln, das es notwendig machte, dass ein anderer weiblicher Dienstbote in demselben Zimmer schlief, die Tür verschlossen hielt und den Schlüssel unter seinem Kopfkissen liegen hatte.

In jeder anderen Hinsicht wurde die Kammerzofe von ihrer Herrin als »vollkommenes Kleinod« beschrieben.

In den letzten sechs Monaten ihres Dienstes trat ein junger Mann namens Johann Zebedäus, mit einem schriftlichen Zeugnis versehen, als Bedienter in das Haus ein. Er verliebte sich alsbald in die nette kleine Kammerzofe und diese erwiderte aufrichtig seine Liebe.

Sie hätten wohl jahrelang warten müssen, ehe sie in der finanziellen Lage waren, sich zu verheiraten, wenn Zebedäus nicht bei dem Tode seines Oheims ein kleines Vermögen von 2000 Pfund als Erbe zugefallen wäre. Sie waren nun für Leute ihres Standes reich genug, um vergnügt zu leben, und sie verheirateten sich aus dem Hause weg, in welchem sie beide gedient hatten, wobei die kleinen Töchter der Familie als Brautjungfern mitwirkten, um der Frau Zebedäus ihre Zuneigung zu beweisen.

Der junge Gatte war ein vorsichtiger Mann; er beschloss, sein kleines Kapital in der Weise vorteilhaft anzulegen, dass er in Australien die Pachtung einer Schafzüchterei übernahm. Seine Frau machte keinen Einwand. Sie war bereit, ihm überallhin zu folgen. Demgemäß brachten sie ihre kurz bemessenen Flitterwochen in London zu, um selbst das Fahrzeug zu besichtigen, in welchem sie ihre Überfahrt machen wollten. Sie begaben sich in die Pension der Frau Großcapel, weil Zebedäus’ Oheim dort sich gewöhnlich aufgehalten hatte, wenn er nach London kam. Erst nach 10 Tagen sollte die Einschiffung stattfinden. Dies gewährte dem jungen Paare willkommene Feiertage und die Aussicht, sich nach Herzenslust an den Sehenswürdigkeiten dieser großen Stadt zu ergötzen. Am ersten Abend ihrer Anwesenheit in London gingen sie ins Theater. Sie waren beide an die frische Landluft gewöhnt und daher nahe daran, bei der hier herrschenden Hitze und dem Dunste des Gases zu ersticken. Indessen hatten sie an der ihnen neuen Unterhaltung ein solches Vergnügen, dass sie am nächsten Abend ein anderes Theater besuchten. Dort fand Zebedäus die Hitze unerträglich. Sie verließen das Theater und kehrten gegen 10 Uhr in ihre Wohnung zurück.

Ich will das übrige in den eigenen Worten der Frau Zebedäus erzählen. Sie sagte:

»Wir saßen kurze Zeit in unserem Zimmer und plauderten miteinander. Das Kopfweh meines Mannes wurde immer schlimmer. Ich überredete ihn, zu Bette zu gehen, und damit er um so schneller einschlafen möchte, löschte ich das Licht aus, da ja das Feuer im Kamin hinreichende Helle verbreitete, sich dabei zu entkleiden. Aber mein Mann war zu aufgeregt, um zu schlafen. Er bat mich, ihm etwas vorzulesen. Bücher machten ihn zu jeder Zeit schläfrig. Ich selbst hatte noch nicht begonnen, mich auszukleiden. Ich zündete das Licht wieder an und schlug das einzige Buch auf, welches ich besaß. Mein Mann wurde an einem Bücherstande des Bahnhofs auf dasselbe durch den Titel »Die Welt des Schlafes« aufmerksam. Er pflegte mit mir darüber zu scherzen, dass ich eine Nachtwandlerin sei, und mit den Worten: »Hier ist etwas, was dich sicherlich interessiert,« machte er mir das Buch zum Geschenk.

Ehe ich ihm noch eine halbe Stunde vorgelesen hatte, war er fest eingeschlafen. Da ich zum Schlafe keine Neigung verspürte, las ich für mich weiter. Das Buch interessierte mich in der Tat. Es enthielt eine schreckliche Geschichte, welche sich meines Gemütes bemächtigte, die Geschichte eines Mannes, welcher nachtwandelnd seine eigene Frau erstach. Ich dachte, das Buch wegzulegen, dann aber wurde ich wieder anderen Sinnes und las weiter. Die nächsten Kapitel waren nicht so interessant; sie waren voll von gelehrten Abhandlungen darüber, warum wir einschlafen, was unser Gehirn in diesem Zustande tut, und dergleichen mehr. Die Sache endigte damit, dass ich in meinem Lehnsessel am Kamin ebenfalls einschlief. Ich weiß nicht, wie viel Uhr es war, als der Schlaf kam; ich weiß auch nicht, wie lang ich schlief, oder ob ich träumte oder nicht.

Das Licht und das Feuer im Kamin waren beide abgebrannt, und es war außerordentlich dunkel, als ich erwachte. Ich kann nicht einmal sagen, warum ich erwachte, wenn nicht die Kälte des Zimmers die Ursache war. Auf dem Kamingesims befand sich noch der Rest einer Kerze. Ich suchte nach der Zündholzbüchse und zündete ein Licht an. Alsdann wendete ich mich zum erstenmal nach dem Bette um und sah – —«

Sie sah den toten Körper ihres Gatten, der ermordet wurde, während sie bewusstlos an seiner Seite sich befand – und das arme Geschöpf fiel bei der bloßen Erinnerung daran in Ohnmacht.

Das Gerichtsverfahren wurde wieder vertagt. Sie erhielt alle mögliche Pflege und Aufmerksamkeit, der Geistliche und der Gerichtsarzt waren um ihren Zustand besorgt.

Ich habe noch nichts von dem Zeugnis der Hauswirtin und ihrer Dienstboten gesagt. Es wurde für eine bloße Förmlichkeit gehalten. Das Wenige, was sie wussten, bewies nichts gegen Frau Zebedäus. Die Polizei machte keine Entdeckungen, die ihre erste wahnsinnige Selbstanklage unterstützen konnten. Ihr letzter Dienstherr und seine Frau sprachen von ihr in den schmeichelhaftesten Ausdrücken. Wir befanden uns in einem vollständigen Stillstand.

Man hatte bis jetzt für das Beste gehalten, Herrn Deluc nicht dadurch in Unruhe zu versetzen, dass man ihn als Zeugen vorlud. Die Tätigkeit des Gesetzes war indessen in diesem Falle durch eine vertrauliche, gelegentliche Mitteilung beschleunigt worden, die wir von dem Geistlichen erhalten hatten. Nachdem er Frau Zebedäus zweimal gesehen und mit ihr gesprochen hatte, war der ehrwürdige Herr überzeugt, dass sie nicht mehr als er selbst mit der Ermordung ihres Gatten zu tun hatte; er hielt es indessen nicht für gerechtfertigt, eine ihm gemachte vertrauliche Mitteilung weiter zu sagen – er wollte nur empfehlen, dass Herr Deluc aufgefordert werden möchte, bei der nächsten gerichtlichen Verhandlung zu erscheinen. Dieser Rat wurde befolgt.

Die Polizei hatte noch kein Beweismaterial gegen Frau Zebedäus, als die Untersuchung wieder aufgenommen wurde. Damit sie der Schlussverhandlung beiwohne, wurde sie auf die Zeugenbank verwiesen. An dem Umstande, dass sie zuerst die Wahrnehmung von der Ermordung ihres Gatten machte, als sie in früher Morgenstunde erwachte, wurde so schnell wie möglich vorübergegangen. Nur drei Fragen von Wichtigkeit wurden an sie gestellt.

1. (nachdem ihr das erhobene Messer vorgelegt worden war) »Haben Sie jemals dieses Messer in dem Besitze Ihres Gatten gesehen?« »Niemals!« »Wussten Sie etwas von demselben?« »Durchaus nichts!«

2. »Verschlossen Sie oder Ihr Gatte die Tür des Schlafzimmers, als Sie aus dem Theater heimkehrten?« »Nein!« »Verschlossen Sie selbst etwa später die Tür?« »Nein!«

3. »Haben Sie irgendwelchen Grund anzugeben, der vermuten ließe, dass Sie Ihren Gatten in einem Zustande des Nachtwandelns ermordet haben?« »Keinen Grund, wenn nicht denjenigen, dass ich damals nicht bei Sinnen war, und dass das erwähnte Buch mir den Gedanken dazu eingegeben haben könnte.«

Darauf wurden die anderen Zeugen veranlasst, aus dem Gerichtssaal abzutreten. Nunmehr wurde über den Inhalt der Mitteilung des Geistlichen verhandelt. Frau Zebedäus wurde gefragt, ob irgendetwas Unangenehmes zwischen ihr und Herrn Deluc vorgekommen sei. »Ja.« Sie sagte, er habe sie allein auf der Treppe des Gasthauses erfasst und die Kühnheit gehabt, ihr seine Liebe zu erklären; ja er habe die Beleidigung so weit getrieben, dass er versucht habe, sie zu küssen. Sie habe ihm darauf das Gesicht zerschlagen und ihm erklärt, dass ihr Gatte davon erfahren würde, falls seine üble Ausführung sich wiederholen sollte. Deluc war wütend, dass er das Gesicht zerschlagen hatte, und drohte: »Sie werden dies noch zu bedauern haben!«

Nach stattgefundener Beratung und auf das Ansuchen unseres Inspektors wurde beschlossen, Herrn Deluc für jetzt über die Aussage der Frau Zebedäus noch im Ungewissen zu lassen. Als die Zeugen zurückgerufen wurden, machte er dieselbe Aussage, die er schon vor dem Inspektor gemacht hatte. Dann wurde er befragt, ob er etwas von dem Messer wisse. Er betrachtete dasselbe, ohne dass irgendein Anzeichen der Schuld auf seinem Gesichte erschien, und schwur, dass er dasselbe bis zu diesem Augenblicke nicht gesehen habe. Die wieder aufgenommene Untersuchung nahm ihr Ende, und noch war nichts entdeckt worden.

Aber wir hielten ein wachsames Auge auf Herrn Deluc. Unsere nächste Aufgabe bestand darin, zu versuchen, ob wir ihn nicht mit dem Ankaufe des Messers in Verbindung bringen könnten. Aber es schien in dieser Sache wirklich eine Art Verhängnis zu sein, denn auch hier wieder kamen wir zu keinem verwendbaren Resultat. Es war ja leicht, die Großfabrikanten herauszufinden, die das Messer in Sheffield angefertigt hatten, an dem Fabrikzeichen, das sich auf der Klinge befand.

Aber dieselben verfertigten zehntausende solcher Messer und gaben dieselben an Einzelverkäufer über ganz Großbritannien hin weiter – vom Auslande zu geschweigen. Um aber die Person ausfindig zu machen, welche die unvollständige Inschrift angefertigt hatte, so konnten wir, da wir nicht wussten, wo und von wem das Messer gekauft wurde, ebenso gut nach der sprichwörtlichen Nabel im Heubündel suchen. Unser letztes Hilfsmittel war, das Messer, die mit der Widmung versehene Seite oben, photographieren zu lassen und Abdrücke davon an jede Polizeistation des Königreichs zu senden.

Zu gleicher Zeit rechneten wir noch mit Herrn Deluc, indem wir Nachforschungen über sein vergangenes Leben anstellten, mit der Möglichkeit zu erfahren, ob er und der Ermordete sich gekannt und ob sie vielleicht früher einen Streit oder eine Nebenbuhlerschaft wegen einer Frau miteinander gehabt hatten. Keine Entdeckung der Art belohnte unsere Anstrengungen. Wir vermuteten zwar, dass Deluc ein liederliches Leben geführt hat und in schlechter Gesellschaft verkehrt hatte, doch hatte er sich so verhalten, dass ihn das Strafgesetz nicht erreichen konnte.

Es kann ein Mann ein verdorbener Landstreicher sein, er kann eine Frau beschimpfen und ihr in dem ersten empfindlichen Schmerz, den ihm ein zerschlagenes Gesicht verursacht, Drohworte entgegengeschleudert haben, aber aus diesen Charakterblößen folgt noch nicht, dass er den Gatten der Frau in der Stille der Nacht ermordet hat.

Als wir nochmals aufgefordert wurden, Bericht zu erstatten, konnten wir noch keine Beweismittel beibringen. Die Verschickung der Photographie führte nicht dazu, den Eigentümer des Messers zu ermitteln und dessen unfertige Inschrift zu erklären.

Der armen Frau Zebedäus wurde gestattet, sich zu ihren Freunden zu begeben, unter der ausdrücklichen Zusage von ihrer Seite, wieder zu erscheinen, wenn sie dazu aufgefordert werde. Zeitungsartikel fingen an zu untersuchen, wie viele Mörder wohl zu entkommen pflegen, indem sie die Polizei irreführen.

Die Staatsbehörde setzte eine Belohnung von hundert Pfund für die zur Ermittelung des Täters führende Auskunft fest. Aber Wochen gingen vorüber, und niemand machte auf diese Belohnung Anspruch. Unser Inspektor war nicht der Mann, der leicht zu schlagen war. Weitere Nachforschungen und Untersuchungen folgten. Aber es ist unnötig, etwas über sie zu sagen. Wir unterlagen in allen unseren Anstrengungen, und so hatte die Sache ihr Ende, soweit sie die Polizei und das Publikum betraf.

Die Ermordung des armen jungen Mannes entschwand bald wie so mancher andere unentdeckte Mord der allgemeinen Aufmerksamkeit.

Nur eine unbedeutende Person war töricht genug, in ihren Mußestunden beharrlich die Lösung der Frage zu versuchen: Wer hat den Zebedäus ermordet? Er hatte das Gefühl, dass er zu der höchsten Stellung im Polizeidienste sich emporschwingen könne, wenn er da einen Erfolg erringe, wo ältere und bessere Leute nichts ausgerichtet hatten, und er hielt an seinem eigenen kleinen Ehrgeiz fest, obgleich ihn jedermann verlachte. In deutlichem Englisch gesprochen: Ich war dieser Mann.




V


Ohne es zu wollen, bin ich bei meiner Erzählung undankbar gewesen. Denn es gab zwei Personen, welche in meinem Entschlusse, die Nachforschungen auf eigene Hand fortzusetzen, nichts Lächerliches fanden. Die eine war Fräulein Mybus, die andere die Köchin Priscilla Thurlby.

Was zunächst Fräulein Mybus betraf, so war sie über die geduldige Ergebung, mit welcher die Polizei ihre Niederlage aufnahm, sehr ungehalten. Sie war ein kleines, helläugiges, lebhaftes Frauenzimmer, das seine Meinung immer freimütig aussprach. »Das geht auch mich an,« sagte sie, »denn wenn ich ein oder zwei Jahre zurückblicke, kommen mir zwei Fälle ins Gedächtnis, wo zu London Personen ermordet aufgefunden wurden und von den Mördern nie eine Spur aufgefunden worden ist. Ich bin auch eine Person und ich frage mich, ob nicht demnächst die Reihe an mich kommt. Sie sind ein netter Bursche, und Ihr Blut und Ihre Ausdauer gefällt mir. Kommen Sie hierher, so oft Sie es für gut finden, und sagen Sie, Sie wollten mich besuchen, wenn man Schwierigkeiten macht, Sie einzulassen.« »Noch etwas! Ich habe nichts Besonderes zu tun, und ich bin nicht auf den Kopf gefallen; hier in meinen Zimmern sehe ich jeden, der in das Haus kommt, und jeden, der es verlässt. Lassen Sie mir Ihre Adresse hier; ich kann vielleicht noch irgendeine Aufklärung für Sie erlangen.«

Mit dem besten Willen fand jedoch Fräulein Mybus keine Gelegenheit, mir zu helfen. Von den beiden Genannten schien Priscilla Thurlby von größerem Nutzen für mich zu sein. Zunächst war sie schlau und tätig, und sie war Herr ihrer Entschlüsse, da ihre Bemühungen, eine andere Stelle zu bekommen, bis jetzt ohne Erfolg geblieben waren. Sodann war sie ein Frauenzimmer, auf das ich mich verlassen konnte. Ehe sie ihre Heimat verließ, um in London sich im häuslichen Dienste zu versuchen, gab ihr der Pfarrer ihres Kirchspiels ein schriftliches Zeugnis, von welchem ich eine Abschrift hier beifüge. Sie lautet:

Ich empfehle Fräulein Priscilla Thurlby gerne für jede anständige Stelle, die sie zu übernehmen imstande sein sollte. Ihre Eltern sind gebrechliche alte Leute, die kürzlich eine Verminderung ihres Einkommens erlitten haben, und sie haben noch eine jüngere Tochter zu ernähren. Da sie ihren Eltern nicht zur Last sein will, geht Priscilla nach London, um einen häuslichen Dienst zu suchen und ihren Lohn zur Unterstützung ihrer Eltern zu verwenden. Dieser Umstand spricht für sich selbst. Ich kenne die Familie seit vielen Jahren, und ich bedauere nur, dass ich keine freie Stelle in meinem eigenen Haushalt habe, welche ich diesem tüchtigen Mädchen anbieten könnte.

gez. Heinrich Derrington,

Pfarrer.

Nachdem ich diese Zeilen gelesen hatte, konnte ich Priscilla ohne Bedenken bitten, mir bei der Wiederaufnahme der Nachforschungen über den geheimnisvollen Mord zu helfen, um sie zu einem guten Ende zu führen. Mein Gedanke war der, dass das Verhalten der Leute im Hause der Frau Großcapel noch nicht sorgfältig genug untersucht worden sei. Im Verlaufe meiner Nachforschungen fragte ich Priscilla, ob sie mir irgendetwas mitteilen könnte, was das Hausmädchen im Bunde mit Herrn Deluc erscheinen lasse. Sie war nicht gewillt, mir zu antworten.

»Ich könnte vielleicht Verdacht auf eine unschuldige Person werfen,« sagte sie; »außerdem war ich nur eine so kurze Zeit mit dem Mädchen im Dienste. —« »Sie schliefen in demselben Zimmer mit ihr,« bemerkte ich, »und Sie hatten deshalb Gelegenheit, ihr Verhalten gegen die Mieter zu beobachten. Wenn man Sie bei dem gerichtlichen Verhöre gefragt hätte, was ich Sie jetzt frage, würden Sie sicherlich als rechtschaffene Frau geantwortet haben.« Dieser Folgerung gegenüber gab sie nach. Ich hörte von ihr gewisse Umstände, welche neues Licht auf Herrn Deluc und auf die Angelegenheit im allgemeinen warfen. Auf diese Auskunft hin handelte ich. Infolge der Ansprüche, die der regelmäßige Dienst an mich stellte, war es zwar nur langsame Arbeit, aber mit Priscillas Hilfe rückte ich sicher gegen das Ziel vor, das ich im Auge hatte. Außerdem hatte ich noch eine Verpflichtung gegen Frau Großcapels hübsche Köchin.

Das Geständnis muss ja früher oder später gemacht werden, und ich kann es ebensogut auch jetzt machen. Durch sie erfuhr ich damals zuerst, was Liebe ist, von ihr erhielt ich köstliche Küsse; und wenn ich fragte, ob sie mich heiraten wolle, sagte sie nicht nein. Sie sah ja, ich muss es gestehen, ein wenig traurig aus und erwiderte: »Wie können zwei so arme Leute, wie wir sind, jemals hoffen zu heiraten?« Darauf antwortete ich ihr: »Es wird nicht lange dauern, so werde ich meine Hand auf den Faden legen, den mein Inspektor nicht hat finden können. Wenn diese Zeit kommt, werde ich, meine Teuere, in der Lage sein, dich zu heiraten.«

Bei unserer nächsten Zusammenkunft sprachen wir von ihren Eltern. Ich war nun ihr Verlobter. Nach den Schritten anderer Leute in meiner Lage zu urteilen, schien es mir nur richtig zu sein, nunmehr mit ihren Eltern bekannter zu werden. Sie stimmte ganz mit mir überein und schrieb an diesem Tage noch den Eltern nach Hause, dass sie uns am Ende der Woche erwarten möchten. Ich übernahm Nachtdienst und gewann so freie Zeit für den größten Teil des nächsten Tages. Ich legte einfache bürgerliche Kleidung an, und wir nahmen an der Bahn Billets nach Yateland, der nächsten Station bei dem Dorfe, in welchem Priscillas Eltern wohnten.




VI


Der Zug hielt wie gewöhnlich bei der wichtigen Stadt Waterlank. Priscilla, die sich ihren Lebensunterhalt durch Näharbeit verschaffte, da sie noch nicht wieder eine Stellung erlangt hatte, war noch spät in der Nacht an ihrer Arbeit gewesen; sie war müde und durstig. Ich verließ deshalb den Wagen, um ihr etwas Sodawasser zu bringen. Das einfältige Mädchen im Wirtszimmer war nicht imstande, den Korkstopfen aus der Flasche zu ziehen, und wollte auch nicht, dass ich ihr half. Sie nahm einen Pfropfenzieher und gebrauchte ihn verkehrt. Ich verlor die Geduld und nahm ihr die Flasche aus der Hand. Grade als ich den Korkstopfen herauszog, läutete die Glocke auf dem Perron zur Abfahrt. Ich verweilte nur noch so lange, um ein Glas mit Sodawasser zu füllen, aber der Zug setzte sich eben in Bewegung, als ich das Wirtszimmer verließ.

Die Bahnbeamten hielten mich zurück, als ich versuchte, auf den Wagentritt zu springen. So war ich zurückgelassen. Sobald ich mich wieder etwas beruhigt hatte, sah ich nach dem Fahrplan. Wir hatten Waterlank 5 Minuten nach Eins erreicht. Wenn der nächste Zug keine Verspätung hatte, so traf er 1 Uhr 44 Minuten ein und kam in Yateland, der nächsten Station, zehn Minuten später an. Ich konnte nur hoffen, dass Priscilla ebenfalls sich den Fahrplan ansehen und mich erwarten möchte.

Wenn ich versucht hätte, die Entfernung zwischen den beiden Orten zu Fuß zurückzulegen, so würde ich nur Zeit verloren haben. Die Zwischenzeit, die ich zu warten hatte, war nicht sehr lang, und ich benutzte sie, um mir einmal die Stadt anzusehen.

Unbeschadet der gebührenden Achtung für die Bewohner, muss ich doch sagen, dass Waterlank selbst für andere Leute ein langweiliger Ort ist. Ich ging eine Straße hinauf und eine andere hinunter und blieb stehen, um einen Laden zu betrachten, der mir auffiel, nicht wegen der Gegenstände in demselben, sondern weil er das einzige Ladenlokal in der Straße war, das die Erker geschlossen hatte. Ein angeschlagener Zettel kündigte an, dass der Laden zu vermieten sei.

Name und Geschäft des bisherigen Geschäftsmannes, die in den üblichen gemalten Buchstaben darauf angekündigt waren, lauteten: »Jakob Wycomb, Messerschmied«. Zum erstenmal fiel es mir ein, dass wir bei der Versendung der Photographie des Messers ein Hindernis nicht beachtet hatten. Keiner von uns hatte daran gedacht, dass ein Teil der Messerschmiede zufällig uns entgangen sein könnte, sei es, dass sie sich vom Geschäfte zurückgezogen, sei es, dass sie in Konkurs geraten waren. Ich trug immer ein Exemplar der Photographie bei mir und dachte bei mir selbst: Hier könnte sich eine Aussicht eröffnen, die Spur des Messers bis zu Deluc zu verfolgen.

Die Ladentür wurde, nachdem ich zweimal die Schelle gezogen hatte, von einem alten Manne geöffnet, der sehr schmutzig und stocktaub war. Er sagte zu mir: »Sie tun besser, hinaufzugehen und mit Herrn Scorrier, oben im Hause, zu sprechen.« Ich brachte meine Lippen an das Hörrohr des alten Burschen und fragte ihn, wer Herr Scorrier sei. »Schwager des Herrn Wycomb. Herr Wycomb ist tot. Wenn Sie das Geschäft kaufen wollen, wenden Sie sich an Herrn Scorrier.«

Nach dieser Antwort ging ich die Treppe hinauf und fand Herrn Scorrier damit beschäftigt, ein messingenes Türschild zu gravieren. Er war ein Mann in mittlerem Alter mit einer wahren Leichenphysiognomie und blöden Augen. Nach den nötigen Entschuldigungen zeigte ich ihm die Photographie des Messers vor: »Darf ich fragen, ob Sie etwas von der Inschrift auf diesem Messer wissen?« Er nahm sein Vergrößerungsglas und betrachtete es. »Das ist sonderbar,« bemerkte er mir kühn. »Ich erinnere mich des seltsamen Namens Zebedäus. Ja, mein Herr, ich führte die Arbeit aus, soweit sie fertig ist. Doch möchte ich gerne wissen, was mich an der Vollendung der Inschrift hinderte.«

Der Name Zebedäus und die unfertige Inschrift auf dem Messer waren in jeder englischen Zeitung erschienen. Er nahm die Sache so kaltblütig, dass ich zweifelhaft war, wie ich mir seine Antwort auslegen sollte. War es möglich, dass er den Zeitungsbericht über den Mord nicht gelesen hatte? Oder war er ein Mitschuldiger, der mit wunderbarer Kraft der Selbstbeherrschung ausgestattet war?

»Entschuldigen Sie,« sagte ich, »lesen Sie Zeitungen?« »Niemals! Mein Augenlicht ist zu schwach. Ich enthalte mich des Lesens im Interesse meiner Beschäftigung.«

»Haben Sie nicht den Namen Zebedäus erwähnen hören, besonders von Leuten, welche die Zeitungen lesen.« »Sehr wahrscheinlich; aber ich achtete nicht darauf. Wenn mein Tagewerk vorüber ist, mache ich einen Spaziergang. Dann nehme ich mein Abendessen, ein Gläschen Grog und meine Pfeife. Dann gehe ich zu Bett: Sie denken wohl, ein armseliges Dasein das! Ich hatte ein elendes Leben, als ich jung war. Den bloßen Lebensunterhalt und ein wenig Ruhe vor der letzten vollkommenen Ruhe im Grabe – das ist alles, was ich wünsche. Die Welt ist schon lange an mir vorübergegangen; umso besser!«

Der arme Mann redete ehrlich. Ich schämte mich, an ihm gezweifelt zu haben. Dann wendete ich mich wieder zu der Angelegenheit des Messers »Wissen Sie, wo und von wem es gekauft wurde?« fragte ich. »Mein Gedächtnis ist nicht mehr so gut, wie es war,« antwortete er, »aber ich habe etwas, das ihm nachhilft.« Er nahm vom Schranke eine schmutzige, alte Mappe. Soweit ich sehen konnte, waren Papierstreifen mit darauf befindlicher Schrift auf die einzelnen Seiten geklebt. Er wendete nach einem Register um und schlug eine Seite auf. Es blitzte etwas wie Leben auf seinem düsteren Gesichte auf. »Ha! Jetzt erinnere ich mich,« rief er. »Das Messer wurde von meinem verstorbenen Schwager, unten im Laden, gekauft. Alles kommt mir wieder in die Erinnerung. Eine Person, die sich wie wahnsinnig gebärdete, stürzte gerade in dieses Zimmer und riss mir das Messer weg, als ich kaum die halbe Inschrift fertig hatte.« Ich fühlte, dass ich jetzt nahe an der Entdeckung war. »Darf ich sehen, was Ihr Gedächtnis unterstützt hat?« fragte ich. »O ja, Sie müssen wissen, mein Herr, ich lebe von dem Eingravieren von Inschriften und Adressen und klebe die Originale der mir erteilten Aufträge mit meinen eigenen Bemerkungen am Rande in dieses Buch. Zunächst dienen sie mir als Empfehlung neuen Kunden gegenüber, und dann unterstützen sie sicherlich mein Gedächtnis.« Er hielt mir das Buch entgegen und zeigte auf einen Papierstreifen, der den unteren Teil einer Seite einnahm. Ich las die vollständige Inschrift, die für das Messer bestimmt war, mit welchem Zebedäus ermordet wurde: »Dem Johann Zebedäus von Priscilla Thurlby.«




VII


Es ist mir nicht möglich, zu beschreiben, was ich fühlte, als Priscillas Name mir wie ein schriftliches Schuldbekenntnis entgegentrat. Ich kann nicht sagen, wie lange es währte, bis ich mich einigermaßen wieder erholte. Nur dessen kann ich mich deutlich erinnern, dass ich den armen Graveur sehr erschreckte. Mein erstes Verlangen war, das Manuskript der Inschrift an mich zu nehmen. Ich sagte ihm, dass ich Polizeibeamter sei, und forderte ihn auf, mir in der Entdeckung eines Verbrechens behilflich zu sein. Ich bot ihm sogar Geld an. Er wich vor mir zurück. »Sie sollen es umsonst haben,« sagte er, »wenn Sie nur fortgehen und niemals wieder hierher zurückkommen.« Er versuchte, das Manuskript aus dem Blatte herauszuschneiden, aber seine zitternden Hände waren hierzu nicht imstande. Ich schnitt es selbst heraus und versuchte, ihm zu danken. Er wollte mich aber nicht anhören. »Gehen Sie fort!« sagte er, »Ihr Blick gefällt mir nicht.«

Es mag hier erwähnt werden, dass ich mich von Priscillas Schuld nicht so, wie ich tat, hätte überzeugt fühlen sollen, ehe ich mir nicht weitere Beweismittel gegen sie verschafft hatte. Denn das Messer konnte ihr gestohlen worden sein, vorausgesetzt, dass sie die Person war, die es der Hand des Graveurs entrissen hatte, und so konnte es nachher von dem Diebe dazu benutzt worden sein, den Mord zu begehen. Das ist alles richtig. Aber ich war nicht einen Augenblick mehr über ihre Schuld im Zweifel, als ich die entsetzliche Zeile in der Mappe des Graveurs gelesen hatte.

Ich ging ohne irgendeinen bestimmten Plan nach der Bahn zurück. Der Zug, mit welchem ich Priscilla hatte folgen wollen, hatte Waterbank bereits verlassen. Der nächste Zug, welcher ankam, ging nach London. Ich nahm Platz in demselben, ohne dass noch irgend ein Plan zur Reife gekommen war. Zu Charing Cross traf mich einer meiner Freunde und rief: »Sie sehen erbärmlich aus. Kommen Sie mit und trinken Sie etwas!« Ich ging mit ihm. Einen Liqueur bedurfte ich wirklich; er regte mich an und klärte den Kopf. Mein Freund ging dann seinen Weg, und ich tat es ebenso. Kurze Zeit darauf hatte ich mich darüber entschieden, was ich tun wollte.

Zunächst entschloss ich mich, meine Stellung im Polizeidienste aufzugeben aus einem Beweggrunde, der sich sogleich zeigen wird. Sodann nahm ich eine Wohnung in einem Gasthause. Denn ohne Zweifel würde Priscilla nach London zurückkehren, in meine Wohnung kommen und ausfindig machen, warum ich der getroffenen Verabredung nicht nachgekommen sei. Die einzige Frau, die ich zärtlich geliebt hatte, dem Gerichte zu überliefern, war eine zu grausame Pflicht für mich Armen. Ich zog daher vor, den Polizeidienst zu verlassen. Auf der anderen Seite hatte ich eine entsetzliche Furcht, dass ich nunmehr zum Mörder an ihr werden möchte, falls wir uns begegnen sollten, ehe die Zeit mich gelehrt hatte, wieder die Herrschaft über mich zu gewinnen. Die Elende hatte nicht allein mich beinahe verleitet, sie zu heiraten, sondern auch das unschuldige Hausmädchen anzuklagen, dass sie bei dem Morde beteiligt gewesen sei.

In der Nacht fand ich den Weg, die Zweifel aufzuklären, welche mein Gemüt noch quälten. Ich schrieb an den Pfarrer Derrington, indem ich ihn benachrichtigte, dass ich mich mit Priscilla verlobt habe, und anfragte, ob er mit Rücksicht auf meine Stellung mir sagen wolle, welcher Art ihre früheren Beziehungen zu einer Person namnes Johann Zebedäus gewesen seien. Mit wendender Post erhielt ich folgende Antwort:

»Mein Herr! Unter den vorliegenden Umständen glaube ich verpflichtet zu sein, Ihnen vertraulich mitzuteilen, was Priscillas Freunde und Gönner um ihretwillen bisher geheimgehalten haben. Zebedäus stand in der Nachbarschaft im Dienst. Es tut mir leid, es von einem Manne sagen zu müssen, der ein solch klägliches Ende genommen hat, aber sein Betragen Priscilla gegenüber zeigte, dass er ein lasterhafter und herzloser Wicht gewesen ist. Sie waren verlobt, und er versuchte, wie ich mit Entrüstung hinzufügen muss, sie unter dem Versprechen der Heirat zu verführen. Ihre Tugend leistete ihm Widerstand, und er gab vor, sich seiner selbst zu schämen. Das Aufgebot fand in meiner Kirche statt. Am nächsten Tage verschwand Zebedäus und verließ sie in grausamer Weise. Er war ein brauchbarer Dienstbote, und ich glaube, dass er bald wieder eine andere Stelle erhielt.

Ich überlasse Ihnen sich vorzustellen, wie das arme Mädchen unter dem ihr zugefügten Schimpf gelitten haben mochte.

Nachdem sie mit meiner Empfehlung sich nach London begeben hatte, ging sie auf die erste Annonce ein, die sie las, und war so unglücklich, ihren häuslichen Dienst in dem nämlichen Gasthause zu beginnen, in welches, wie ich aus dem Zeitungsberichte über den Mord schließe, Zebedäus die Frau mitnahm, die er heiratete, nachdem er Priscilla verlassen hatte.

Seien Sie versichert, dass Sie im Begriffe sind, sich mit einem vortrefflichen Mädchen zu verbinden, und empfangen Sie meine besten Wünsche für Ihr künftiges Glück.«

Es war hiernach klar, dass weder der Pfarrer, noch die Eltern oder Freunde etwas von dem Kaufe des Messers wussten. Der Elende, der allein die Wahrheit kannte, war der Mann, der von ihr begehrt hatte, sein Weib zu werden.

Ich war es mir schuldig – wenigstens schien es mir so – nicht die Vermutung aufkommen zu lassen, dass auch ich sie in niedriger Gesinnung verlassen hätte. Wie peinlich dies auch voraussichtlich war, so fühlte ich doch, dass ich sie noch einmal und zum letztenmal sehen müsse.

Sie war an der Arbeit, als ich ihr Zimmer betrat. Als ich die Tür öffnete, fuhr sie in die Höhe, ihre Wangen röteten sich, und ihre Augen blitzten im Zorn auf. Ich ging auf sie zu, und sie sah mir ins Antlitz. Der Ausdruck meines Gesichtes ließ sie im Schweigen verharren. Ich sprach in den kürzesten Worten, die ich finden konnte. »Ich bin im Laden des Messerschmiedes in Waterbank gewesen,« sagte ich. »Dort befindet sich ganz in Ihrer Handschrift die noch unvollendete Inschrift des Messers. Ich könnte Sie mit einem Worte an den Galgen bringen, aber – Gott vergebe mir – ich kann dieses Wort nicht sprechen.«

Ihre frische Gesichtsfarbe wurde plötzlich erdfahl und ihre Augen starr und groß wie die Augen einer Person im Fieberschauer. Sie stand unbewegt und schweigend vor mir. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, warf ich die Inschrift ins Feuer. Schweigend verließ ich sie. Ich sah sie nie wieder.




VIII


Aber einige Tage später hörte ich von ihr. Ihren Brief habe ich längst verbrannt. Ich wünschte, dass ich ihn auch hätte vergessen können. Aber er haftet mir im Gedächtnis. Wenn ich bei Bewusstsein sterbe, wird Priscillas Brief mein letzter Gedanke auf Erden sein. In der Hauptsache wiederholte er das, was der Pfarrer mir bereits mitgeteilt hatte. Dann teilte sie mir mit, dass sie das Messer als ein Andenken für Zebedäus gekauft habe an Stelle eines ähnlichen Messers, das er verloren hatte. Sonnabend kaufte sie es, ließ es aber zur Anfertigung der Inschrift zurück. Am Sonntag erfolgte das Aufgebot, am Montag wurde sie von Zebedäus verlassen. Sie eilte darauf zu dem Messerschmied und nahm ihm mitten in der Arbeit das Messer vom Tische weg.

Nur sie wusste, dass Zebedäus der ersten Kränkung eine neue hinzugefügt hatte, als er mit seiner Frau im Gasthause ankam. Ihre Arbeit hielt sie in der Küche zurück, und Zebedäus erfuhr nie, dass Priscilla im Hause war. Ich teile noch die letzten Zeilen ihres Geständnisses mit:

»Ein böser Geist fuhr in mich, als ich auf meinem Gange zum Schlafzimmer hinauf ihre Tür untersuchte und sie unverschlossen fand. Ich horchte eine Weile und spähte in das Zimmer hinein. Ich sah sie beide beim verlöschenden Lichte der Kerze, das eine schlafend im Bette, das andere im Schlaf neben dem Kamin. Ich hatte das Messer in der Hand, und es kam mir der Gedanke, die Tat auszuführen, derentwegen die Frau an den Galgen kommen würde. Das Messer konnte ich nicht mehr aus dem Körper ziehen, als die Tat vollbracht war. Bleiben Sie dessen eingedenk, dass ich Sie wirklich liebte. Als Sie mich fragten, ob ich Sie heiraten wolle, sagte ich nicht ja, weil Sie doch nicht Ihre eigene Frau an den Galgen bringen konnten, wenn Sie ausfindig machten, wer den Zebedäus getötet hatte.«

Seitdem habe ich nichts mehr von Priscilla Thurlby gehört. Ich weiß nicht, ob sie noch lebt oder tot ist. Viele Leute denken wohl, dass ich selbst gehenkt zu werden verdiene, weil ich sie nicht an den Galgen brachte.

Sie mögen vielleicht enttäuscht sein, wenn sie diese Beichte lesen und hören, dass ich ehrlich in meinem Bette gestorben bin. Ich tadele sie nicht. Ich bin ein reuiger Sünder. Allen barmherzigen Christen sage ich ein Lebewohl für immer.




Fräulein Morris und der Fremde.

(Miss Morris And The Stranger)





I


Als ich ihn zum ersten Mal sah, hatte er sich in eine der öden an der Südküste Englands gelegenen Städte verirrt, nach Sandwich. Soll ich Sandwich beschreiben? Ich denke nicht. Die Wahrheit zu gestehen, Beschreibungen von Orten, wie hübsch sie auch gehalten sein mögen, haben immer etwas mehr oder weniger Langweiliges, und ich hasse das natürlich, da ich ein Weib bin. Aber vielleicht wird doch aus meinem Berichte über die Unterhaltung, die wir miteinander hatten, als wir uns zum ersten Mal als Fremde in der Straße begegneten, so eine Art Beschreibung von Sandwich gleichsam herauströpfeln.

Ärgerlich redete er mich an: »Ich habe mich verirrt.«

»Leuten, die die Stadt nicht kennen, passiert dies oft« bemerkte ich.

Er fuhr fort: »Welches ist der Weg zum Gasthofe zur Lilie?«

Um diesen zu erreichen, musste er zuerst auf demselben Wege wieder zurückgehen, alsdann links sich wenden, dann so lange weiter gehen, bis er zwei sich kreuzende Straßen fand, dann die Straße zur Rechten einschlagen, sich dann umsehen nach einer zweiten links abbiegenden Straße und dann dieser veränderten Richtung folgen, bis er Ställe roch – dort war der Gasthof. Ich erklärte ihm dies in der deutlichsten Weise und war bei keinem einzigen Worte im Zweifel.

»Wie zum Teufel soll ich das alles im Gedächtnis behalten?« rief er.

Das war ungezogen. Wir sind natürlich sehr ungehalten über einen Mann, der sich uns gegenüber ungezogen benimmt. Aber ob wir ihm mit Verachtung den Rücken wenden, oder ob wir barmherzig sind und ihm eine Lektion über Höflichkeit geben, das hängt ganz von dem Manne ab. Er kann ein Bär sein, aber er kann doch auch seine versöhnenden Eigenschaften haben. Jener hatte solche. Ob er schön oder hässlich war, jung oder alt, gut oder schlecht gekleidet, das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Aber mit Bestimmtheit kann ich von seinen persönlichen Vorzügen sprechen, die auf ihn aufmerksam werden ließen. So zum Beispiel war der Ton seiner Stimme überzeugend. (Las man jemals eine unserer Geschichten, in der wir es unterließen, bei der Stimme unseres Helden zu verweilen?) Dann auch war sein Haar leidlich lang.(Kennt man eine Frau, die einen Mann mit kurzgeschnittenem Kopfhaare leiden mag?) Überdies war er von hoher Statur. (Es muss schon eine sehr hochgewachsene Frau sein, die sich zu einem kleinen Manne hingezogen fühlt.) Endlich war der Schelm, obgleich seine Augen in Form und Farbe nur mäßig hübsch sich präsentierten, doch auf eine unerklärliche Weise in den Besitz sehr schöner Augenwimpern gekommen.

Sie waren sogar schöner als die meinigen. Ich schreibe in völligem Ernste. Es gibt eine Frau, die über die gewöhnliche Schwäche der Eitelkeit erhaben ist – und sie hält eben die Feder in der Hand.

Ich gab also meinem verirrten Fremden eine Lektion über Höflichkeit und kleidete sie in eine verfängliche Form. Ich fragte ihn, ob er es gerne sehe, dass ich ihm den Weg zum Gasthofe zeige. Er war noch darüber verdrießlich, dass er sich verirrt hatte, und antwortete, wie ich dies vorausgesehen hatte, schwerfällig: »Ja!«

»Als Sie noch ein Knabe waren und etwas wünschten« fragte ich, »lehrte Sie da Ihre Mutter nicht sagen 'Bitte'?« Er errötete wirklich.

»Sie tat dies« gab er zu, »und sie lehrte mich auch sagen: 'Ich bitte um Verzeihung', wenn ich ungezogen war. Ich will daher jetzt sagen: Ich bitte um Verzeihung.«

Diese sonderbare Entschuldigung bestärkte mich in meinem Glauben an seine versöhnenden Eigenschaften. Ich führte ihn den Weg zum Gasthofe. Schweigend folgte er mir. Aber keine Frau, welche sich selbst achtet, kann das Schweigen ertragen, wenn sie in der Gesellschaft eines Mannes sich befindet. Ich brachte ihn zum Sprechen.

»Kommen Sie von Ramsgate zu uns?« fing ich an. Er nickte nur. »Wir halten hier nicht viel von Ramsgate« fuhr ich fort. »Es gibt nicht ein altes Bauwerk in diesem Orte. Und Ramsgates erster Oberbürgermeister wurde erst kürzlich gewählt!«

Dieser Gesichtspunkt schien ihm neu zu sein. Er machte keinen Versuch, ihn zu bestreiten; er blickte nur umher und sagte:

»Sandwich ist ein düsterer Ort, Fräulein!« Er machte so rasche Fortschritte in der Höflichkeit, dass ich ihn durch ein Lächeln ermutigte. Als zur Bürgerschaft von Sandwich gehörig darf ich sagen, dass wir es als ein Kompliment betrachten, wenn uns gesagt wird, dass unsere Stadt ein melancholischer Ort ist. Und warum nicht? Melancholie ist verbunden mit Würde und Würde mit dem Alter. Und wir sind ja alt. Ich lehre meine Zöglinge unter anderem Logik – das war eine Probe davon. Was auch immer Gegenteiliges gesagt werden möge, Frauen haben ein vernünftiges Urteil. Sie können auch phantasieren, und ich muss zugeben, dass ich dies eben tue. Erwähnte ich anfangs, dass ich Erzieherin war? Wenn nicht, so muss die Anspielung auf meine Zöglinge recht unvermittelt hierher geraten sein. Ich bitte um Entschuldigung und kehre zu meinem verirrten Fremden zurück.

»Gibt es in ganz Sandwich so etwas wie eine gerade Straße?« fragte er.

»Nicht eine gerade Straße im ganzen Städtchen.«

»Irgend welchen Handel, Fräulein?«

»So wenig wie möglich – und dieser ist im Verfall.«

»Kurzum, ein verkommener Ort?«

»Vollständig verkommen.«

Mein Ausdruck schien ihn in Erstaunen zu setzen. »Sie sprechen, als wenn Sie stolz darauf wären, dass Sandwich verkommen ist« sagte er.

Ich billigte gebührend seine Bemerkung, denn sie war sehr verständig. Wir freuen uns unseres Verfalles: er bildet unsere besondere Auszeichnung. Fortschritt und Gedeihen sonst überall, hier Verfall und Auflösung. Als notwendige Folge hiervon bringen wir unseren besonderen Eindruck hervor und wir lieben es, originell zu sein. Das Meer verließ uns vor langer Zeit: einst bespülte es unsere Mauern, jetzt ist es zwei Meilen von uns weg – wir vermissen das Meer nicht. Wir hatten zuweilen, der Himmel allein weiß, vor wie vielen Jahrhunderten, fünfundneunzig Schiffe in unserem Hafen; jetzt haben wir ein oder zwei kleine Küstenfahrzeuge, die die Hälfte ihrer Zeit in dem Schlamme eines kleinen Flusses liegen – wir vermissen unseren Hafen nicht. Aber ein Haus in der Stadt ist kühn genug, die Ankunft Wohnung suchender Fremden zu erwarten, und kündigt an, dass möblierte Zimmer zu vermieten seien. Welch ein passender Gegensatz zu unserem modernen Nachbar Ramsgate! Unser vornehmer Marktplatz veröffentlicht die von der Gemeindebehörde erlassenen Verordnungen, und jede Woche gibt es weniger Leute, die sie beobachten. Wie passend! Betrachten Sie unser einziges Magazin am Flusse – mit dem gewöhnlich unbenutzten Kranen, den meistens mit Brettern verschalten Fenstern und vielleicht mit einem einzigen Manne an der Tür, der sich nach Arbeit umsieht, die, wie sein Verstand ihm sagt, unmöglich kommen kann.Welch ein heilsamer Protest gegen die sonstige alles zerstörende Hast und Überanstrengung, die die Kräfte der Station zerrüttet haben. »Fern sei von mir und meinen Freunden« (um einen beredten Ausdruck Doktor Johnsons zu gebrauchen) »solch kühle Begeisterung, die uns ungerührt und gleichgültig« über die Brücke führt, auf der Sie Sandwich betreten und Brückengeld zahlen, wenn Sie zu Wagen kommen.

»Der Mann« (auch nach Doktor Johnson) »ist wenig zu beneiden« der sich in unsere labyrinthischen Straßen verirren kann und nicht fühlte, dass er die willkommenen Grenzen des Fortschritts erreicht und einen Hafen der Ruhe in diesem Zeitalter der Hast gefunden hat.

Ich phantasiere wieder. Man dulde die unüberlegte Begeisterung einer Bewohnerin Sandwichs, die die Jahre der Besonnenheit erst an ihrem letzten Geburtstage erreicht hat. Wir werden mit Sandwich bald fertig sein; denn wir sind ganz nahe dem Gasthofstore.

»Sie können jetzt nicht mehr irre gehen, mein Herr« sagte ich.

»Guten Morgen.«

Er blickte unter seinen schönen Augenwimpern hervor und sah auf mich herab (habe ich erwähnt, dass ich eine kleine Frau bin?) und er fragte in seiner überzeugenden Art: »Müssen wir wirklich Lebewohl sagen?«

Ich verbeugte mich.

»Würden Sie mir erlauben, Sie sicher nach Hause zu bringen?« warf er ein.

Ein anderer Mann würde mich gekränkt haben. Dieser Mann errötete wie ein Knabe und blickte auf das Pflaster, anstatt mich anzusehen. Unterdessen hatte ich meinen Entschluss gefasst. Er war zweifellos nicht bloß ein gebildeter Herr, er war auch ein schüchterner Mann. Sein unbeholfenes Benehmen und seine sonderbaren Äußerungen waren, wie ich mir dachte, teils Anstrengungen, seine Schüchternheit zu verbergen, teils Hilfsmittel, durch die er die eigene Empfindung davon zu verscheuchten suchte. Ich beantwortete seinen kühnen Vorschlag freundlich und mit einem Scherze. »Sie würden nur nochmals den Weg verfehlen« sagte ich; »und ich müsste Sie zum zweiten Mal nach dem Gasthofe zurückbringen.« Unnütze Wortverschwendung! Mein halsstarriger Fremder machte nun einen neuen Vorschlag.

»Ich habe hier das Frühstück bestellt« sagte er, »und ich bin ganz allein.«

Er hielt verlegen inne und nahm eine Miene an, als wenn er eher erwarte, von mir eine Ohrfeige zu bekommen. »Ich werde an meinem nächsten Geburtstage vierzig Jahre alt sein« fuhr er fort, »ich bin alt genug, Ihr Vater zu sein.« Ich brach beinahe in lautes Lachen aus und schritt über die Straße meiner Wohnung zu. Er folgte mir. »Wir könnten ja die Wirtin einladen, uns Gesellschaft zu leisten« sagte er und bot dafür das Bild eines überstürzten Mannes, den das Bewusstsein seiner eigenen Unvorsichtigkeit erschreckt hat. »Könnten Sie mir nicht die Ehre erweisen, mit mir zu frühstücken, wenn wir die Wirtin bei uns hätten?« fragte er.

Das war doch ein wenig zu viel. »Davon kann gar keine Rede sein, mein Herr – und Sie sollten dies wissen« sagte ich mit strenger Miene.

Zögernd streckte er mir die Hand entgegen. »Wollen Sie mir nicht einmal die Hand reichen?« fragte er in kläglichem Tone. Wenn wir einem Manne in der geziemendsten Weise einen Tadel ausgesprochen haben, was ist es für eine Verkehrtheit, ihn schon eine Minute nachher schwächlich zu bemitleiden? Ich war töricht genug, diese mir vollständig fremden Manne die Hand zu reichen. Und nachdem ich dies getan, zeigte ich vollendes, dass mir jede Würde mangele, indem ich weglief. Unsere armen kleinen Straßen mit ihren Krümmungen entzogen mich bald seinen Blicken.

Als ich im Hause meines Herrn die Türschelle zog, fuhr mir ein Gedanke durch den Kopf, der auch für jemand von einer geordneteren Gemütsverfassung beunruhigend gewesen sein mochte.

»Angenommen, der Fremde würde nach Sandwich zurückkehren.«




II


Ehe noch geraume Zeit verstrichen war, hatte ich mit meiner eigenen Not zu kämpfen, die den wunderlichen Fremden eine Zeitlang aus meinem Sinne verdrängte.

Unglüclicherweise bildete diese Not einen Teil meiner Erzählung, und mein früheres Leben ist mit ihr aufs engste verbunden. Mit Rücksicht auf das, was nachfolgt, möchte ich daher einige Worte über die Zeit meines Lebens sagen, in der ich noch nicht Erzieherin war.

Ich bin die verwaiste Tochter eines Krämers in Sandwich. Als mein Vater starb, hinterließ er seiner Witwe und seinem Kinde einen ehrlichen Namen und ein kleines Einkommen von achtzig Pfund jährlich. Wir führten das Ladengeschäft weiter; aber wir gewannen dabei weder noch verloren wir etwas. Um die Wahrheit zu sagen, es war niemand da, der unser armseliges kleines Geschäft kaufen wollte. Ich war damals dreizehn Jahre alt und bereits imstande, meiner Mutter zu helfen, deren Gesundheit zu der Zeit zu schwinden begann. Niemals werde ich einen hellen Sommertag vergessen, an dem ich einen neuen Kunden unseren Laden betreten sah. Er war ein ältlicher Herr und schien überrascht zu sein, ein so junges Mädchen wie mich mit der Führung des Geschäfts betraut zu finden und, was mehr ist, zu sehen, dass es zu dieser Führung auch befähigt war. Ich beantwortete seine Fragen in einer Weise, die ihm zu gefallen schien. Er merkte bald, dass meine Erziehung, abgesehen von meiner Geschäftskenntnis, außerordentlich vernachlässigt war, und fragte, ob er meine Mutter sehen könne. Diese ruhte auf einem Sofa im hinteren Zimmer und empfing ihn dort. Als er wieder herauskam, streichelte er mir die Wange. »Ich habe Gefallen an Ihnen gefunden« sagte er, »und werde vielleicht wieder zurückkommen.« Er kam wieder zurück. Meine Mutter hatte ihn zur Auskunft über unseren Ruf in hiesiger Stadt an den Pfarrer verwiesen und er hatten von ihm alles erfahren, was dieser über uns wusste. Unsere einzigen Verwandten waren nach Australien ausgewandert, und es ging ihnen dort nicht gut. Der Tod meiner Mutter musste mich daher, soweit Verwandte in Betracht kamen, buchstäblich allein in der Welt lassen.

»Geben Sie diesem Mädchen eine vorzügliche Erziehung« sagte unser ältlicher Kunde, als er im hinteren Zimmer am Teetische bei uns saß, »und es wird sein Ziel erreichen. Wenn Sie es in die Schule schicken wollen, werteste Frau, so will ich die Kosten seiner Ausbildung übernehmen.« Meine arme Mutter fing an zu weinen, als sie daran dachte, dass wir uns trennen müssten. Der alte Herr sagte: »Überlegen Sie es sich« und stand auf, um wegzugehen. Er gab mir seine Karte, als ich ihm die Ladentür öffnete. »Wenn Sie in Not geraten« flüsterte er mir zu, so dass meine Mutter ihn nicht hören konnte, »so seien Sie ein verständiges Kind und schreiben oder sagen Sie es mir.« Ich sah auf die Karte. Unser gutherziger Kunde war kein geringerer als Herr Gervasius von Damian von Garrum Park in Sussex, welcher auch in unserer Grafschaft begütert war. Er war ohne Zweifel durch den Pfarrer über dne wahren Zustand der Gesundheit meiner Mutter besser als ich unterrichtet.

Vier Monate nach dem denkwürdigen Tage, da der angesehene Mann den Tee bei uns nahm, war die Zeit für mich gekommen, allein in der Welt zu stehen. Ich habe nicht den Mut, bei dieser Zeit zu verweilen, meine Stimmung verdüstert sich, selbst nach so langer Zeit noch, wenn cih an mich in jenen Tagen denke. Der gute Pfarrer unterstützte mich – ich schrieb an Herrn Gervasius von Damian.

Seit der Zeit unserer Begegnung war auch in seinem Leben eine Veränderung eingetreten.

Herr von Damian hatten zum zweiten Male geheiratet und hatte, was in seinem Alter vielleicht noch törichter war, eine junge Frau genommen. Es wurde gesagt, dass siee schwindsüchtig und zugleich sehr eifersüchtiger Natur sei. Das einzige Kind ihres Gatten aus erster Ehe, sein Sohn und Erbe, war über die zweite Heirat seines Vaters so erbittert, dass er das Haus verließ. Da der Grundbesitz als Erblehn dem Sohne gehörte, so konnte Herr von Damian sein Urteil über seines Sohnes Betragen nur in der Weise fällen, dass er in einem neuen Testament sein ganzes Vermögen in barem Gelde seiner jungen Frau vermachte.

Diese Einzelheiten erfuhr ich von dem Verwalter, der eigens abgeschickt worden war, mich in Sandwich zu besuchen.

»Herr von Damian gibt niemals ein Versprechen, das er nicht auch hält« sagte mir dieser Herr. »Ich habe die Weisung, Sie in eine vorzügliche Mädchenschule in der Nähe von London zu bringen und alle notwendigen Anordnungen zu treffen, damit Sie dort bis zur Vollendung ihres achtzehnten Lebensjahres verbleiben können. Irgendwelche schriftlichen Mitteilungen wollen Sie in Zukunft gefälligst durch die Hand des Pfarrers von Sandwich gehen lassen. Die schwankende Gesundheit der Frau von Damian macht es nur zu wahrscheinlich, dass sie und ihr Gemahl sich meistens in einem milderen Klima als dem von England aufhalten werden.«

»Ich bin angewiesen, Ihnen dies mitzuteilen und Ihnen von Herrn von Damian beste Wünsche zu überbringen.«

Auf den Rat des Pfarrers fügte ich mich in die Lage, die mir in so unangenehm förmlicher Weise angeboten wurde, da ich – mit vollem Recht, wie ich nachher erfuhr – vermuten konnte, dass ich diese Anordnung, die mich von meinem Wohltäter persönlich trennte, Frau von Damian zu verdanken hatte.

Die Güte ihres Gemahls und meine Dankbarkeit, die sich auf dem neutralen Boden von Garrum Park begegneten, waren für diese Dame die Ursache zu ehelichem Misstrauen geworden. Abscheulich! Abscheulich! Ich ließ einen aufrichtig dankbaren Brief zurück, der an Herrn von Damian befördert werden sollte, und kam, vom dem Verwalter begleitet, zur Schule, als ich gerade vierzehn Jahre alt war.

Ich weiß, dass ich töricht bin. Es tut nichts. Ich besitze ein wenig Stolz in mir, obgleich ich nur die Tochter eines kleinen Krämers bin. Mein neues Leben hatte seine Versuchungen, aber mein Stolz hielt mich aufrecht.

Während der vier Jahre, die ich in der Schule blieb, mochte das Wohlergehen meiner geringen Person wohl dem Pfarrer und zuweilen selbst dem Verwalter Veranlassung zur Nachfrage geben, niemals aber Herrn von Damian selbst. Die Winter brachte er ja ohne Zweifel im Auslande zu, aber im Sommer waren er und seine Frau doch wieder zu Hause. Man fühlte jedoch nicht einmal so viel Mitleid mit meiner verlassenen Lage, dass man mich ersucht hätte, für einen oder zwei Tage in den Ferien der Gast des Hausmeisters zu Garrum Park zu sein. (Weiter hatte ich nichts erwartet.) Mein Stolz hatte dies bitter empfunden. Aber mein Stolz sagte zu mir: »Übe Gerechtigkeit gegen dich selbst!« Ich arbeitete so fleißig, und meine Aufführung war so tadellos, dass die Vorsteherin der Schule an Herrn von Damian schrieb, wie vollständig ich der Güte würdig sei, die er mir erwiesen habe. Keine Antwort traf ein. (O, Frau von Damian!) Kein Wechsel änderte mein eintöniges Leben – ausgenommen, wenn eine befreundete Mitschülerin mich zuweileln für einige Tage in den Ferien mit sich nach Hause nahm. Es schadete nichts! Mein Stolz hielt mich aufrecht. Als das letzte halbe Jahr herankam, begann ich die wichtige Frage meiner Zukunft in ernstliche Erwägung zu ziehen.

Ohne Zweifel hätte ich von meinen achtzig Pfund jährlich leben können, aber was für ein einsames, dürftiges Dasein versprach dies zu werden, wenn mich nicht jemand heiratete, und wo, sage man mir gütigst, sollte ich diesen finden? Meine Ausbildung befähigte mich vollständig zur Erzieherin.

Warum sollte ich nicht mein Glück versuchen und auf diese Weise ein wenig von der Welt sehen? Selbst wenn ich unter übelgeartete Leute geriet, konnte ich mich ja wieder von ihnen frei machen und zu dem kleinen Einkommen meine Zuflucht nehmen. Als der Pfarrer nach London kam, stattete er auch mir einen Besuch ab. Er billigte nicht allein mein Vorhaben, sondern bot mir auch die Gelegenheit, es auszuführen Eine vortreffliche Familie, die sich unlängst in Sandwich niedergelassen hatte, bedurfte einer Erzieherin. Der Hausherr war Teilhaber eines Geschäftes – dessen nähere Beschaffenheit zu erwähnen wird nicht nötig sein – und dieses hatte außerhalb Londons Zweigniederlassungen.

Auch zu Sandwich war eine solche neue Niederlassung als geschäftlicher Versuch unter besonderen Umständen gegründet und der erwähnte Teilhaber zu dessen Beaufsichtigung bestimmt worden.

Der Gedanke, in meinen Heimatsort zurückzukehren, gefiel mir – so langweilig der Ort auch anderen erschien.Ich nahm die Stelle an.

Als des Verwalters üblicher halbjährlicher Brief bald nachher eintraf, in dem er mich fragte, was ich beim Abgang von der Schule zu tun gedächte und wie er mich hierbei namens des Herrn von Damian unterstützen könne, da durchdrang mich ein köstliches Gefühl von Kopf zu Fuß, wenn ich an meine Unabhängigkeit dachte.

Es war nicht Undankbarkeit gegen meinen Wohltäter, es war nur ein kleiner, stiller Triumph über Frau von Damian.

O, meine Mitschwestern, könnt ihr mich nicht verstehen und mir vergeben?

So kehrte ich nach Sandwich zurück und blieb dort während dreier Jahre bei den gütigsten, wohlwollendsten Menschen, die jemals gelebt haben. Unter ihrem Dache weilte ich noch, als ich dem verirrten Fremden in der Straße begegnete.

Ach! das Ende jenes rührigen, angenehmen Lebens war nahe. Als ich mit dem seltsamen Fremden leichthin über den verfallenden Handel der Stadt sprach, da ahnte ich nicht, dass auch das Geschäft meines Herrn in Verfall geriet. Die Spekulation erwies sich als fehlgeschlagen, und alle seine

Ersparnisse waren von ihr verschlungen worden. Er konnte nicht länger in Sandwich bleiben und war nicht mehr imstande, eine Erzieherin zu halten. Seine Frau teilte mir die traurige Nachricht mit.

Ich hatte die Kinder so liebgewonnen, dass ich ihr vorschlug, auf mein Gehalt zu verzichten. Ihr Gemahl lehnte es aber ab, mein Anerbieten auch nur in Erwägung zu ziehen. Es war wieder einmal die alte Geschichte von den armen Menschenkindern. Wir weinten, wir küssten uns und schieden voneinander. Was sollte ich tun? An Herrn von Damian schreiben?

Ich hatte schon bald nach meiner Rückkehr nach Sandwich geschrieben und handelte dabei den getroffenen Anordnungen zuwider, indem ich mich an Herrn von Damian direkt wandte. Ich drückte meine dankbaren Gefühle für seine Großmut mir, einem armen Mädchen gegenüber aus, das keinerlei Familienansprüche an ihn habe, und ich versprach, diejenige Vergeltung zu üben, die allein in meiner Macht stehe, zu versuchen, mich der mir erwiesenen Teilnahme würdig zu erweisen. Dieser Brief war ohne jeden Hintergedanken geschrieben worden. Mein neues Leben als Erzieherin war ein so glückliches, dass das niedrige Gefühl der Bitterkeit gegen Frau von Damian entschwunden war.

Es war für mich eine Erleichterung, an diese Veränderung zum Besseren zu denken, als der Sekretär in Garrum Park mich benachrichtigte, dass er meinen Brief Herrn von Damian, der sich mit seiner kranken Gemahlin zu Madeira aufhalte, übersandt habe. Die Frau siechte langsam, aber ohne Rettung dahin. Ehe noch ein Jahr vorüber war, war Herr von Damian zum zweiten Mal Witwer geworden, ohne ein Kind zu haben, das ihn in seinem Verluste hätte trösten können. Es kam keine Antwort auf mein Dankschreiben. Es wäre allerdings unbillig von mir gewesen. wenn ich erwartet hätte, dass der verwitwete Gatte in seinem Kummer und seiner Einsamkeit noch an mich hätte denken sollen.

Konnte ich unter diesen Umständen ihm nochmals in meiner eigenen unbedeutenden Sache schreiben? Ich glaubte und glaube noch, dass das geringste Zartgefühl mir dies verbot. Die einzige andere Möglichkeit war, mich an die immer bereiten Freunde des geringeren, hilflosen Publikums zu wenden. Ich annoncierte in den Zeitungen. Der Stil einer der Offerten machte einen so günstigen Eindruck auf mich, dass ich meine Zeugnisse einsandte. Die nächste Post brachte mein schriftliches Engagement und das Anerbieten eines Gehaltes, das mein Einkommen verdoppelte.

Die Geschichte der Vergangenheit ist erzählt und wir können nun ohne Unterbrechung weitergehen.




III


Der Wohnort meines jetzigen Herrn lag im nördlichen England. Da ich London zu passieren hatte, richtete ich es so ein, dass ich mich mehrere Tage in der Stadt aufhalten konnte, um mir einige notwendige Ersatzstücke für meine Garderobe zu beschaffen. Eine alte Dienerin des Pfarrers, die in der Vorstadt ein Logierhaus innehatte, nahm mich freundlich auf und leitete in der wichtigen Eigenschaft einer Damenschneiderin meine Auswahl. Am zweiten Morgen nach meiner Ankunft wurde mir durch die Post ein Brief überbracht, der aus dem Pfarrhause an mich abgesandt worden war. Man kann sich mein Erstaunen vorstellen, wenn ich sage, dass Herr Gervasius von Damian selbst den Brief geschrieben hatte.

Der Brief war in seinem Londoner Hause geschrieben worden, und ich wurde in ihm kurzer Hand gebeten, zum Besuche bei ihm aus einem Grunde vorzusprechen, den ich aus seinem eignen Munde hören solle. Er vermutete natürlich, dass ich noch in Sandwich verweile, und ersuchte mich in einer Nachschrift, meine Reise als auf seine Kosten ausgeführt zu betrachten.

Ich begab mich noch an demselben Tage zu seiner Wohnung. Als ich im Hausflur meinen Namen angab, trat ein Herr heraus und redete mich ohne weitere Umstände an.

»Herr von Damian glaubt« sagte er, »dass er sterben werde. Bestärken Sie ihn nicht in diesem Gedanken. Er kann noch ein und das andere Jahr leben, wenn seine Freunde ihn nur bereden wollen, dass er die Hoffnung nicht sinken lässt.«

Mit diesen Worten verließ er mich, und der Diener teilte mir mit, dass es der Arzt gewesen sei.

Die Veränderung in dem Zustande meines Wohltäters, seitdem ich ihn zuletzt gesehen hatte, erschreckte und betrübte mich außerordentlich Er lag zurückgelehnt in einem großen Sessel und trug einen abscheulichen schwarzen Schlafrock. Er war jämmerlich abgezehrt und sah bedrückt und erschöpft aus. Ich glaube nicht, dass ich ihn wiedererkannt hätte, wenn wir uns zufällig begegnet wären.

Er winkte mir, auf einem kleinen Stuhle an seiner Seite Platz zu nehmen.

»Ich wünschte Sie zu sehen« sagte er ruhig, »ehe ich sterbe. Sie müssen mich mit vollem Recht für nachlässig und unfreundlich gehalten haben. Mein liebes Kind, Sie sind nicht vergessen worden. Wenn Jahre vergangen sind, ohne dass wir uns gesehen haben, so ist dies nicht meine Schuld allein gewesen —«

Er hielt inne. Ein schmerzlicher Zug ging über sein armes, abgezehrtes Gesicht; er dachte augenscheinlich an die junge Frau, die er verloren hatte.

Ich wiederholte warm und aufrichtig, was ich ihm schon schriftlich gesagt hatte: »Ich verdanke alles, gnädiger Herr, Ihrer väterlichen Güte.« Als ich dies sagte, wagte ich mich ein wenig näher, ergriff seine welke, weiße Hand, die über die Lehne seines Stuhles hing, und brachte sie ehrerbietig an meine Lippen. Er entzog mir sanft seine Hand und stieß dabei einen Seufzer aus. Vielleicht hatte sie diese Hand zuweilen geküsst.

»Nun erzählen Sie mir etwas von Ihnen selbst« sagte er. Ich erzählte ihm von meiner neuen Stellung und in welcher Weise ich sie erlangt hatte. Er hörte mir mit sichtbarem Interesse zu.

»Ich täuschte mich nicht« sagte er, »als ich damals im Laden für Sie eingenommen wurde. Ich bewundere Ihr selbständiges Auftreten; es ist der rechte Mut bei einem Mädchen, wie Sie es sind. Aber Sie müssen mich etwas mehr für Sie tun lassen – eine kleine Gefälligkeit, durch welche Sie sich meiner erinnern, wenn ich nicht mehr sein werde. Was soll es sein?«

»Machen Sie, dass es wieder besser mit Ihnen wird, gnädiger Herr, und erlauben Sie mir, dass ich zuweilen an Sie schreibe« antwortete ich; »mehr wünsche ich wirklich nichts.«

»Sie werden aber doch wenigstens ein kleines Geschenk von mir annehmen?« Mit diesen Worten nahm er aus der Brusttasche seines Schlafrockes ein emailliertes Kreuz, das an einer goldenen Kette hing. »Denken Sie zuweilen an mich« sagte er, als er die Kette mir um den Hals legte. Er zog mich sanft an sich und küsste mir die Stirn. Es war zu viel für mich. »Weinen Sie nicht, mein teures Kind« sagte er, »erinnern Sie mich nicht an ein anderes trauriges junges Gesicht –«

Er hielt noch einmal inne, und noch einmal dachte er an die tote Frau. Ich zog meinen Schleier nieder und eilte aus dem Zimmer.




IV


Am nächsten Tage war ich auf dem Wege nach dem Norden. Die Geschichte meines Lebens hellt sich wieder auf – aber wir wollen Herrn Gervasius von Damian nicht vergessen.

Ich bitte um die Erlaubnis, einige Leute von Stand ier einzuführen: Frau Fosdyke von Carsham Hall; Witwe des Generals Fosdyke; sodann den jungen Herrn Friedrich, Fräulein Helene und Fräulein Eva, die Zöglinge der neuen Erzieherin, und endlich zwei Damen und drei Herren, die als Gäste im Hause verweilten. Besonnen und würdig, schön und gebildet – das war der Eindruck, den ich von Frau Fosdyke empfing, als sie von ihren Kindern zu mir sprach und mir ihre Ansichten über Erziehung mitteilte. Da ich diese Ansichten vorher schon von andern gehört hatte, so tat ich zwar, als wenn ich ihr zuhörte, bildete mir aber insgeheim meine Meinung über das Schulzimmer. Es war groß, hoch und vollkommen seinem Zweck entsprechend ausgestattet; es hatte ein großes Fenster und einen Balkon, die auf die Gartenterrasse und den dahinter liegenden Park hinausgingen – nach meiner geringen Erfahrung ein wundervolles Schulzimmer. Eine der beiden Türen, die es besaß, stand offen und zeigte mir ein liebliches, kleines Schlafgemach mit hellbraunen Tapeten und mit Möbeln aus Ahornholz, das für mich bestimmt war. Hier zeigten sich Reichtum und Freigebigkeit in jener wohltuenden Verbindung, die ein Geringbegüterter so selten wahrzunehmen Gelegenheit hat.

Ich beherrschte mein anfängliches Gefühl der Verwirrung gerade zur rechten Zeit, um Frau Fosdyke über Lesen und Deklamieren Rede zu stehen, geringer geachtete Fertigkeiten, die, wie man erwarten konnte, eine gute Erzieherin wohl beizubringen verstand.

»So lange die Organe noch jung und biegsam sind« bemerkte die Dame, »erachte ich es von großer Wichtigkeit, die Kinder in der Kunst zu üben, laut, mit entsprechender Betonung und mit richtigem Nachdruck zu lesen. In dieser Weise geübt, werden sie, erwachsen, einen günstigen Eindruck auf andere selbst in der gewöhnlichen Unterhaltung hervorbringen. Poesie, dem Gedächtnisse eingeprägt und dann vorgetragen, ist ein wertvolles Mittel zu diesem Zwecke. Darf ich hoffen, dass Ihre Studien Sie befähigt haben, meine Absichten auszuführen?«

Etwas förmlich im Ausdruck, aber in höflicher und freundlicher Weise benahm ich Frau Fosdyke ihre Besorgnis, indem ich ihr mitteilte, dass wir in der Schule einen Lehrer der Beredsamkeit gehabt hätten. Und dann wurde mir überlassen, die Bekanntschaft mit meinen drei Zöglingen zu vervollständigen.

Es waren dies ganz verständige Kinder, der Knabe, wie gewöhnlich, etwas schwerfälliger als die Mädchen. Ich tat – mit mancher traurigen Erinnerung an die weit teureren Zöglinge, die ich verlassen hatte – mein Bestes, sie dazu zu bringen, dass sie mich gern hatten und mir vertrauten; und es gelang mir bald, ihr Zutrauen vollständig zu gewinnen. Eine Woche nach meiner Ankunft in Carsham Hall begannen wir, uns gegenseitig zu verstehen. Der erste Tag der Woche wurde nach den von Frau Fosdyke erhaltenen Anweisungen für das Deklamieren von Dichtungen bestimmt. Ich war mit den Mädchen fertig und hatte in Fritzchens rednerischem Interesse Shakespeares Julius Cäsar gerade in Angriff genommen (entweiht sollte ich vielleicht sagen).

Die Hälfte von Markus Antonius herrlicher Rede an der Leiche Cäsars hatte Fritz auswendig gelernt, und es war nun meine Pflicht, ihn so gut als dies bei meiner geringen Fähigkeit möglich war, zu lehren, wie er dies aussprechen sollte. Der Morgen war warm, und wir hatten unser großes Fenster offen; der köstliche Wohlgeruch der Blumen unten im Garten erfüllte das Zimmer Ich trug laut die ersten acht Zeilen vor und hielt dann inne, da ich fühlte, dass ich von dem Knaben für den Anfang nicht zu viel fordern dürfe. »Nun Fritzchen« sagte ich, »versuche, ob du die Verse so sprechen kannst, wie ich sie gesprochen habe.«

»Tue so was durchaus nicht, Fritzchen« sagte eine Stimme aus dem Garten, »es ist alles falsch gesprochen.«

Wer war dieser unverschämte Mensch? Unzweifelhaft ein Mann – und es lag seltsamerweise in seiner Stimme etwas, was mir nicht ganz fremd war. Die Mädchen fingen an zu kichern. Ihr Bruder war deutlicher »O« sagte Fritz, »es ist nur der Herr Sax.«

Das einzig richtige Verhalten, das ich beobachten konnte, war, die Unterbrechung nicht zu beachten. »Fahre fort« sagte ich. Fritz sagte die Zeilen wie ein lieber, guter Knabe her, indem er meine Betonung sich so gut zu eigen machte, wie es von ihm nur erwartet werden konnte.

»Armer Teufel« hörte ich wieder die Stimme mit ihrem aufdringlichen Mitleid für meinen aufmerksamen Zögling aus dem Garten rufen. Durch einen Blick gebot ich den Mädchen Schweigen – und äußerte dann, ohne vom Stuhle aufzustehen, meine Meinung über das unpassende Benehmen des Herrn Sax in deutlichen, entschiedenen Worten. »Ich werde genötigt sein, das Fenster zu schließen, wenn so etwas wieder vorkommen sollte.« Nachdem ich dies gesagt hatte, wartete ich auf eine Entschuldigung Die einzige Entschuldigung war Stillschweigen Es genügte mir, den richtigen Eindruck hervorgebracht zu haben, und ich fuhr in meiner Deklamation fort:

»Hier mit des Brutus Willen und der andern

(Denn Brutus ist ein ehrenwerter Mann, Das sind sie alle, alle ehrenwert)

Komm' ich, bei Cäsars Leichenzug zu reden.

Er war mein Freund, war mir gerecht und treu —«

»O guter Gott, ich kann das nicht aushalten! Warum sprechen Sie nicht die letzte Zeile richtig aus? Hören Sie mich!«

Würde ist eine schätzbare Eigenschaft, besonders bei einer Erzieherin. Aber es gibt Grenzen selbst für die aufs äußerste geübte Geduld. Ich eilte auf den Balkon und sah dort auf der Gartenterrasse, eine Zigarre rauchend, meinen in den Straßen Sandwichs verirrten Fremden!

Er erkannte mich seinerseits in dem Augenblicke wieder, als ich auf dem Balkon erschien. »O Gottt« rief er im Tone des Entsetzens und sürte von der Terrasse, als wenn meine Augen wütende, ihn verfolgende Stiere gewesen wären. Nun ist es, fürchte ich, nutzlos, mich im Notfalle für eine besonnene Person auszugeben. Eine andere Frau hätte sich vielleicht beherrscht, ich aber brach in lautes Lachen aus, und Fritz und die Mädchen taten dasselbe. Es war klar, dass es jetzt nutzlos sein würde, das Erziehungsgeschäft fortzusetzen.

Ich machte daher mein Buch zu und erlaubte den Kindern – nein, ich will die Wahrheit sagen, ich ermunterte sie – von Herrn Sax zu plaudern.

Sie schienen nur das zu wissen, was Herr Sax ihnen selbst erzählt hatte. Vater, Mutter, Brüder und Schwestern waren alle im Laufe der Zeit gestorben. Er war das sechste und jüngste der Kinder und war demzufolge »Sextus« genannt worden, das lateinische Wort für »der sechste« wie Fritz hier einschaltete. Er wurde auch – hier kamen die Mädchen zum Worte – auf den Wunsch seiner Mutter – »Cyril«« genannt, da »Sextus« ein so scheußlicher Name sei. Und welchen von seinen Vornamen gebrauchte er? Man würde nicht fragen, wenn man ihn kennte! »Sextus« natürlich, weil es der hässlichste ist. Sextus Sax? Es ist nicht der romantische Name, den man gern hat, wenn man ein Weib ist. Aber ich habe kein Recht, empfindlich zu sein. Mein eigener Name (ist es möglich, dass ich ihn in diesen Blättern noch nicht erwähnt habe?) ist ja auch nur Ännchen Morris. Man verachte mich nicht – und kehre mit mir wieder zu Herrn Sax zurück. Ist er verheiratet? Das älteste Mädchen glaubte es nicht. Sie hatte gehört, dass ihre Mama zu einer Dame sagte: »Er stammt aus einer alten deutschen Familie, liebe X., und ist trotz seiner Eigenheiten ein vortrefflicher Mann, aber so arm, dass er kaum zum Leben genug hat. Und doch platzt er mit der Wahrheit heraus, wenn die Leute ihn fragen, als wenn er zwanzigtausend Pfund jährlich zu verzehren hätte!«

»Deine Mama kennt ihn also genau?« »Ich sollte es denken, und wir kennen ihn auch. Er kommt oft hierher. Man sagt, dass er kein guter Gesellschafter für erwachsene Leute sei. Wir halten ihn für einen lustigen Burschen. Er versteht sich auf das Puppenspiel und ist der beste Partner beim Bockspringen in ganz England.«

So weit waren wir in dem Lobe des Sextus Sax gekommen, als eins von den Dienstmädchen mit einem Billet für mich hereinkam. Sie lächelte geheimnisvoll und sagte: »Ich soll auf Antwort warten, Fräulein.«

Ich öffnete das Billet und las folgende Zeilen:

»Ich schäme mich so sehr, dass ich nicht wage, meine Entschuldigung persönlich vorzubringen Wollen Sie diese schriftlich annehmen? Auf mein Ehrenwort, niemand sagte mir, als ich gestern hierher kam, dass Sie im Hause seien. Ich hörte Ihre Deklamation und – können Sie meine Dummheit entschuldigen? – ich dachte, es sei ein für das Theater schwärmendes Stubenmädchen, das sich mit den Kindern unterhalte. Darf ich Sie begleiten, wenn Sie mit den Kleinen Ihren gewöhnlichen Spaziergang machen? Ein Wort genügt. Ja oder nein?

Ihr reumütiger

S. S.«

In meiner Stellung war nur eine Antwort möglich. Erzieherinnen dürfen kein Stelldichein mit fremden Herren verabredenu – selbst wenn die Kinder als Zeugen anwesend sind. Ich antwortete mit nein. Beanspruche ich zu viel für meine Bereitwilligkeit, Beleidigungen zu vergeben, wenn ich hinzufüge, dass ich es vorgezogen hätte, ja zu sagen?

Wir speisten früh zu Mittag und waren bereit, unseren gewöhnlichen Spaziergang zu machen. Diese Blätter sollen ein aufrichtiges Geständnis enthalten. Ich will daher bekennen, dass ich hoffte, Herr Sax würde meine Weigerung begreifen und Frau Fosdyke um die Erlaubnis bitten, uns begleiten zu dürfen.

Als wir ein wenig zögerten, wie wir die Treppe hinabgingen, hörte ich ihn im Hausflur, als er gerade mit Frau Fosdyke sprach. Was sagte er? Unser lieber Fritz hatte gerade im rechten Augenblick Schwierigkeiten mit einem seiner Schuhriemen. Ich konnte ihm helfen und dabei lauschen – aber das, was ich hörte, täuschte mich bitter in meinen Erwartungen. Herr Sax war erzürnt auf mich.

»Sie brauchen mich der neuen Erzieherin nicht vorzustellen« hörte ich ihn sagen. »Wir sind uns bei einer früheren Gelegenheit bereits begegnet, und ich habe auf sie einen ungünstigen Eindruck gemacht. Ich bitte Sie, bei Fräulein Morris nicht von mir zu sprechen.«

Ehe noch Frau Fosdyke ein Wort erwidern konnte, verwandelte sich unser Fritz aus einem lieben Knaben plötzlich in einen abscheulichen Kobold. »Ich sage Ihnen, Herr Sax« rief er aus »Fräulein Morris macht sich gar nichts aus Ihnen, sie lacht nur über Sie.«

Die Antwort darauf war das plötzliche Schließen einer Tür. Herr Sax hatte sich vor mir in eins der Zimmer des Erdgeschosses geflüchtet. Ich war so ärgerlich, dass ich beinahe geweint hätte.

Als wir unten in den Hausflur kamen, fanden wir Frau Fosdyke, die ihren Sommerhut trug, und eine der beiden Damen, die im Hause wohnten – die Unverheiratete – wie sie ihr an der Tür des Damenzimmers etwas zuflüsterte. Die Dame – Fräulein Melbury – sah mit einer gewissen Neugier nach mir, die ich durchaus nicht verstehen konnte, und wandte sich dann plötzlich dem anderen Ende des Hausflurs zu.

»Ich will mit Ihnen und den Kindern spazieren gehen« sagte Frau Fosdyke zu mir. »Fritz, du kannst auf deinem Dreirad fahren, wenn du Lust hast.« Sie wandte sich dann zu den Mädchen. »Liebe Kinder, es ist kühl unter den Bäumen. Ihr könnt die Sprungseile mitnehmen.«

Sie hatte mir offenbar etwas Besonderes zu sagen und das Nötige angeordnet, um die Kinder von uns weg und außer Hörweite zu halten. Fritz legte seinen Weg auf seinem dreirädrigen Stahlross zurück, die Mädchen folgten ihm, indem sie lustige Sprünge machten.

Frau Fosdyke leitete ihre Geschäfte mit einer Bemerkung ein, die mich unter den gegenwärtigen Verhältnissen am meisten in Verlegenheit setzen musste. »Ich finde, dass Sie mit Herrn Sax bereits bekannt sind« begann sie, »und ich bin überrascht, zu hören, dass er Ihnen missfällt.«

Sie lächelte vergnügt, als wenn die vermeintliche Abneigung gegen Herrn Sax sie ein wenig belustigte.

Welches die »herrschende Leidenschaft« bei Männern sein möge, erlaube ich mir nicht zu untersuchen, aber mein eignes Geschlecht zu kennen, das darf ich wohl behaupten. Die herrschende Leidenschaft bei Frauen ist der Dünkel. Der lächerlichen Meinung von meiner eignen Wichtigkeit war irgendwie zu nahe getreten worden Ich nahm dabei die Miene der stolzesten Gleichgültigkeit an. »Ich bin wirklich nicht imstande, gnädige Frau« sagte ich, »von irgendwelchem Eindruck, den etwa Herr Sax auf mich hervorgebracht haben möchte, Rechenschaft zu geben. Wir begegneten uns ganz zufällig, und ich weiß gar nichts von ihm.«

Frau Fosdyke schaute mich listig an und schien mehr als je belustigt zu sein.

»Er ist ein sehr sonderbarer Mann« gab sie zu,» »aber ich kann Ihnen sagen, dass unter diesem seltsamen Äußern ein edles Gemüt verborgen ist. Indessen« fuhr sie fort, »vergesse ich, dass er mir verboten hat, in Ihrer Gegenwart von ihm zu sprechen. Wenn sich die Gelegenheit bietet, werde ich den geeigneten Weg einschlagen, Sie beide zu lehren, sich gegenseitig zu verstehen. Sie werden mir beide dankbar sein, wenn mir dies gelingt. Indessen gibt es noch eine dritte Person, die sehr enttäuscht sein wird zu hören, dass Sie nichts von Herrn Sax zu sagen wissen.«

»Darf ich fragen, gnädige Frau, wer diese Person ist?«

»Können Sie ein Geheimnis bewahren, Fräulein Morris? Natürlich können Sie dies! Es ist Fräulein Melbury.«

(Fräulein Melbury war eine Brünette. Wenn auch nicht aus dem Grunde, weil ich selbst eine Blondine bin – denn ich glaube, über so engherzige Ansichten erhaben zu sein – so ist es nichtsdestoweniger richtig, dass ich keine Verehrerin brünetter Frauen bin.)

»Sie hörte Herrn Sax zu mir sagen, dass Sie besondere Abneigung gegen ihn hätten« fuhr Frau Fosdyke fort. »Und gerade als Sie in dem Hausflur erschienen, bat sie mich, ausfindig zu machen, welchen Grund Sie dafür hätten. Meine eigene Meinung über Herrn Sax, muss ich Ihnen sagen, befriedigt sie nicht; ich bin eine alte Freundin von ihm und stelle ihn natürlich nach meiner eignen ihm günstigen Beurteilung dar.

Fräulein Melbury ist begierig, mit seinen Fehlern bekannt gemacht zu werden, – und sie erwartet, dass Sie ein wertvoller Zeuge gegen ihn sind.«

Bis jetzt waren wir weiter gegangen. Nun aber blieben wir wie auf Verabredung stehen und sahen einander an.

Bei meinem seitherigen Verkehre mit Frau Fosdyke hatte ich nur mehr das zurückhaltende und Förmliche ihres Charakters kennengelernt. Ohne meinen Erfolg gewahr zu werden, hatte ich das Herz der Mutter gewonnen, indem ich die Zuneigung ihrer Kinder gewann. Nun schwand erst ihre Zurückhaltung und der schalkhafte Sinn der vornehmen Dame zeigte sich, während ich innerlich begierig war, zu erfahren, welcher Art wohl das außerordentliche Interesse sein möchte, das Fräulein Melbury Herrn Sax entgegenbrachte.

Da Frau Fosdyke meine Gedanken mit Leichtigkeit erriet, so befriedigte sie meine Neugier, ohne sich durch eine ausdrückliche Antwort bloßzustellen. Ihre großen grauen Augen glänzten, als sie auf meinem Antlitz ruhten, und sie summte die Melodie des alten französischen Liedes »es ist die Liebe, die Liebe, die Liebe!« Da ist nichts zu verheimlichen – etwas in dieser Enthüllung machte mich außerordentlich ärgerlich. Ärgerlich über Fräulein Melbury? oder über Herrn Sar? oder iiber mich selbst? Ich glaube, ich muss ärgerlich über mich selbst gewesen sein.

Da Frau Fosdyke fand, dass ich dazu meinerseits nichts zu sagen hatte, so sah sie auf ihre Uhr und erinnerte sich ihrer häuslichen Verpflichtungen. Zu meiner großen Erleichterung hatte unsere Unterhaltung ein Ende.

»Ich habe heute Tischgesellschaft« sagte sie, »und ich habe die Haushälterin noch nicht gesehen. Machen Sie sich schön, Fräulein Morris, und kommen Sie nach dem Mittagstisch zu uns in den Salon.«




V


Ich hatte meine beste Kleidung angelegt und mir im ganzen früheren Leben nie so viele Mühe wie diesmal mit meiner Frisur gegeben. Hoffentlich wird niemand so töricht sein zu glauben, dass ich dies wegen Herrn Sax getan hätte. Wie konnte ich mich denn um einen Mann kümmern, der mir kaum etwas anderes als ein Fremder war. Nein! Die Person, derentwegen ich mich herausputzte, war Fräulein Melbury.

Sie warf mir, als ich mich bescheiden in die Ecke setzte, einen Blick zu, der mich reichlich für die Zeit entschädigte, die ich auf meine Toilette verwendet hatte. Die Herren traten ein. Ich blickte aus reiner Neugier unter meinem Fächer hervor nach Herrn Sax. Er war durch den Gesellschaftsanzug sehr zu seinem Vorteil verändert. Als er meiner in der Ecke gewahr wurde, schien er zweifelhaft zu sein, ob er sich mir nähern solle oder nicht. Ich erinnerte mich unserer ersten seltsamen Begegnung und konnte nicht umhin, darüber in Gedanken zu lächeln. Glaubte er vielleicht, dass ich ihn zum Nähertreten ermuntern wolle? Ehe ich mir diese Frage beantworten konnte, nahm er den leeren Platz neben mir auf dem Sofa ein. Bei jedem anderen Manne würde dies nach dem am Morgen zwischen uns Vorgefallenen ein recht keckes Benehmen gewesen sein. Er aber sah so peinlich verlegen aus, dass es eine Art Christenpflicht für mich wurde, Mitleid mit ihm zu haben. »Wollen Sie mir nicht die Hand reichen?« sagte er, gerade so, wie er es in Sandwich getan hatte. Ich blickte unter meinem Fächer hervor nach Fräulein Melbury und nahm wahr, dass sie nach uns herübersah. Ich reichte Herrn Sax die Hand.

»Was für eine Empfindung haben Sie « fragte er, »wenn Sie einem Manne die Hand reichen, den Sie hassen?«

»Ich kann es Ihnen wirklich nicht sagen« erwiderte ich in treuherziger Weise, »denn ich habe so so etwas nie getan.«

»Sie wollten in Sandwich nicht mit mir frühstücken« erklärte er, »und wollen mir nun auch nach der demütigsten Entschuldigung meinerseits das nicht verzeihen, was ich diesen Morgen tat. Soll ich unter diesen Umständen glauben, dass ich nicht ein besonderer Gegenstand Ihres Widerwillens bin? Ich wünsche, ich wäre Ihnen nie begegnet! In meinem Alter kränkt es einen Mann, wenn er unfreundlich behandelt wird und dies nicht verdient hat. Ich darf wohl sagen, Sie verstehen das nicht.«

»O ja, ich verstehe dies. Ich hörte auch, was Sie von mir zu Frau Fosdyke sagten und ich hörte Sie die Tür zuschlagen, als Sie mir aus dem Wege gingen.« Er nahm diese Antwort anscheinend mit großer Befriedigung entgegen.

»Sie lauschten also? wirklich? Ich bin froh, dies zu hören.«

»Warum?«

»Es zeigt mir, dass Sie am Ende doch einiges Interesse an mir nehmen.«

Während dieses ziemlich wertlosen Gespräches, das ich nur erwähne, weil es zeigt, dass ich keinen Groll hegte, blickte Fräulein Melbury nach uns wie der Basilisk der Alten. Sie gestand zu, über die Dreißig hinaus zu sein, und sie hatte etwas Geld – aber dies war doch sicherlich kein Grund, weshalb sie eine arme Erzieherin anstarren sollte. Bestand vielleicht schon ein zärtliches Einverständnis zwischen ihr und Herrn Sax? Sie reizte mich zu dem Versuche, dies herauszubringen, besonders da die letzten Worte, die er gesprochen hatte, mir die Gelegenheit dazu boten.

»Ich kann beweisen, dass ich ein aufrichtiges Interesse für Sie hege« begann ich wieder. »Ich kann Ihnen zugunsten einer Dame entsagen, welche einen weit besseren Anspruch auf Ihre Aufmerksamkeit hat als ich. Sie vernachlässigen diese Dame wirklich in unverantwortlicher Weise.«

Er war augenscheinlich in Verlegenheit und starrte mich in einer Weise an, die deutlich verriet, dass bis jetzt seine Zuneigung der Dame wirklich zugewendet war. Es war natiirlich unmöglich, Namen zu nennen, und ich gab daher meinen Augen nur die rechte Richtung. Er blickte in der gleichen Richtung – und seine Verlegenheit verriet sich selbst trotz seines Bestrebens, sie zu verbergen. Er errötete und schien gekränkt und überrascht zu sein. Fräulein Melbury konnte dies nicht länger ertragen. Sie erhob sich, nahm ein Lied vom Musikpulte und näherte sich uns.

»Ich will etwas singen,« sagte sie, indem sie ihm das Musikstück überreichte »Bitte, Herr Sax, wenden Sie mir das Blatt um.« Ich glaube, er zögerte – aber ich bin nicht sicher, ob ich ihn richtig beobachtete. Es ist wenig daran gelegen. Ob zögernd oder nicht, er folgte ihr nach dem Klavier.

Fräulein Melbury sang und beherrschte dabei mit vollkommener Sicherheit ihre umfangreiche Stimme. Ein Herr, der in meiner Nähe saß, sagte, sie gehöre auf die Bühne. Ich dachte auch so. Denn so groß auch unser Empfangszimmer war, für sie war es nicht ausreichend. Gleich darauf sang der Herr. Er hatte gar keine Stimme, aber sein Gesang war so lieblich und von einem so echten Gefühle durchdrungen! Ich wandte ihm das Blatt um. Eine liebe, alte Dame, die in der Nähe des Klaviers saß, fing eine Unterhaltung mit mir an und sprach von den berühmten Sängern aus dem Anfange des gegenwärtigen Jahrhunderts.

Herr Sax, auf den fortwährend Fräulein Melburys Auge gerichtet war, wanderte umher. Ich war von den Anekdoten meiner ehrwürdigen Freundin so entzückt, dass ich ihm keine Beachtung schenken konnte.

Später, als die Tischgesellschaft sich auflöste und wir uns zur Nachtruhe begeben wollten, wanderte er noch immer umher und bot mir schließlich eine Schlafzimmerkerze an. Ich händigte sie sogleich an Fräulein Melbury aus.

Es war wirklich ein sehr genussreicher Abend.




VI


Am nächsten Morgen wurden wir durch das ungewöhnliche Benehmen eines unserer Gäste beunruhigt. Herr Sax hatte Charsham Hall mit dem ersten Zuge verlassen und niemand wusste warum. Die Frauen sind – so sagen wenigstens die Philosophen – von Natur mit schweren Bürden belastet. Haben jene gelehrten Leute dabei auch die Bürde der Hysterie im Auge gehabt? Wenn das der Fall ist, dann stimme ich von ganzem Herzen ihnen bei. Es ist indessen in meinem Falle kaum der Mühe wert, davon zu sprechen, – ein ganz natürliches Leiden, das in der Einsamkeit des Zimmers zum Ausdruck kommt, mit Wasser und Eau de Cologne behandelt wird und dann, wenn ich in mein Erziehungsgeschäft vertieft bin, wieder völlig vergessen ist. Mein Lieblingszögling Fritz war früher als wir übrigen außer Bett gewesen und hatte im Obstgarten die frische Morgenluft genossen. Er hatte Herrn Sax gesehen und ihn gefragt, wann er wieder zurückkomme. Und Herr Sax hatte gesagt: »Ich werde nächsten Monat wieder zurück sein.« (O liebes Fritzchen!)

Mittlerweile hatten wir in unserem Schulzimmer die Aussicht auf eine langweilige Zeit im leeren Hause. Denn die übrigen Gäste mussten am Ende der Woche weggehen, da ihre Hauswirtin genötigt war, einigen alten Freundinnen in Schottland einen Besuch abzustatten.

Obwohl ich während der nächsten drei oder vier Tage mit Frau Fosdyke oft allein war, so sagte sie doch niemals ein Wort von Herrn Sax. Ein oder zwei Mal aber ertappte ich sie dabei, wie sie mit ihrem bedeutungsvollen Lächeln nach mir blickte, das mir unerträglich war. Fräulein Melbury wurde ebenfalls unangenehm, aber in anderer Weise. Wenn wir uns zufällig auf der Treppe begegneten, schossen rasche Blicke voll Hass und Vernichtung aus ihren schwarzen Augen.

Glaubten diese beiden Damen etwa —?

Doch nein; ich enthielt mich damals, diese Frage zu vollenden; und ich enthalte mich auch jetzt, dies hier zu tun.

Das Ende der Woche kam heran, und ich und die Kinder wurden zu Charsham Hall allein gelassen.

Ich benutzte die Mußestunden, die mir zur Verfügung standen, um an Herrn von Damian zu schreiben, und erkundigte mich ehrerbietigst nach seinem Befinden, indem ich ihn zugleich benachrichtigte, dass ich in der Erlangung einer neuen Stelle wieder sehr glücklich gewesen sei. Mit wendender Post erhielt ich die Antwort. Begierig öffnete ich sie, und schon die ersten Zeilen benachrichtigten mich von Herrn von Damians Tode.

Der Brief entfiel meiner Hand, und ich blickte unwillkürlich nach meinem kleinen Emailkreuz. Es ist mir nicht gegeben zu sagen, was ich fühlte. Man denke an alles, was ich ihm zu verdanken hatte, und erinnere sich, wie traurig mein Schicksal in der Welt war. Ich gab den Kindern frei; es war ja nur die Wahrheit, wenn ich ihnen sagte, dass mir nicht wohl sei.

Wie lange es dauerte, bis ich daran dachte, dass ich nur die ersten Zeilen des Briefes gelesen hatte, vermag ich nicht zu sagen. Als ich ihn wieder aufhob, war ich überrascht zu sehen, dass das Schreiben zwei Seiten umfasste. Kaum hatte ich einen Augenblick weiter gelesen, als mir schwindlig wurde. Als ich die drei ersten Sätze gelesen hatte, befiel mich eine schreckliche Furcht, dass ich nicht recht bei Sinnen sein möchte. Hier sind sie, um zu zeigen, dass ich nicht übertreibe:




Конец ознакомительного фрагмента.


Текст предоставлен ООО «ЛитРес».

Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=48634340) на ЛитРес.

Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.


