Ingénue
Alexandre Dumas der Ältere




Alexandre Dumas

Ingénue





Erstes bis Fünftes Bändchen





I

Das Palais-Royal


Will uns der Leser mit jenem Vertrauen folgen, das wir ihm seit den zwanzig Jahren, die wir ihm als Führer durch die tausend Krümmungen des Labyrinths dienen, welches wir, ein moderner Dädalos, zu erbauen unternommen, eingeflößt zu haben uns schmeicheln, so werden wir ihn in den Garten des Palais-Royal am Morgen des 24. Aug. 1788 einführen.

Ehe wir uns aber unter den Schatten der wenigen Bäume wagen, welche die Art der Speculation verschont hat, sagen wir ein Wort vom Palais-Royal.

Das Palais-Royal, – das zu der Zeit, wo wir den Vorhang von unserem ersten revolutionären Drama aufziehen, eben durch seinen neuen Eigenthümer, den Herzog von Chartres, der seit dem 18. October 1785 Herzog von Orleans geworden ist, einer bedeutenden Umwandlung unterworfen wird, – verdient in der That durch die Wichtigkeit der Scenen, welche in seinem Umkreise vorgehen sollen, daß wir die verschiedenen Phasen, die es durchlaufen hat, erzählen.

Im Jahre 1629 fing Jacques Lemercier, Architekt Seiner Eminenz des Cardinal-Herzogs von Richelieu, an auf der Stelle der Hotels Armagnac und Rambouillet das Gebäude zu errichten, das Anfangs bescheiden den Titel Hotel Richelieu annahm; sodann, da diese Macht, die sich von Tag zu Tag vergrößerte, eine ihrer würdige Wohnung bedurfte, sah man allmälig vor diesem Manne, dessen Geschick es war, alle Wände zu durchbrechen, die alte Ringmauer von Karl V. einstürzen; niederstürzend, füllte die Mauer den Graben, und die Schmeichelei konnte ebenen Fußes in das Palais-Cardinal eintreten.

Darf man den herzoglichen Archiven glauben, so hatte das Terrain allein, auf welchem sich das Meisterwerk von Jacques Lemercier erhob, beim Ankaufe achtmalhundertsechzehntausend sechshundert und achtzehn Livres gekostet, eine ungeheure Summe für jene Zeit, die jedoch sehr gering im Vergleiche mit der war, welche man für das Gebäude selbst ausgegeben; diese verheimlichte man sorgfältig, wie später Ludwig XIV. sorgfältig verheimlichte, was ihn Versailles gekostet hatte; wie dem sein mag, diese Summe trat durch eine solche Pracht an den Tag, daß der Verfasser des Cid.[1 - Cornel.] der in einer Dachkammer wohnte, vor dem Palaste des Verfassers von Mirame ausrief:

		Non, l'univers entier ne peut rien voir d'égal
		Aux superbes dehors du Palais-Cardinal;
		Toute une ville entiére, avec pompe bâte,
		Semdle d'un vieux fossé par miracle sortie,
		Et nous fait présumer, à, ses superbes toits,
		Que tous ses habitans sont des dieux ou des rois.[2 - Nein, das ganze Weltall kann nichts sehen,was der äußern Herrlichkeit des Palais-Cardinal gliche;eine ganze Stadt, mit Pracht gebaut,scheint ans einem alten Graben durch Wunder hervorgegangen zu seinund läßt uns nach ihren kostbaren Dächern denken,alle ihre Einwohner seien Götter oder Könige.]

Dieser Palast war in der That so prachtvoll mit seinem Schauspielsaale, der dreitausend Zuschauer fassen konnte; mit seinem Salon, wo man Stücke spielte, die man gewöhnlich auf dem Theater der Marais-du-Temple gab; mit seinem in Mosaik auf Goldgrund von Philipp von Champagne decorirten Gewölbe; mit seinem Museum großer Männer gemalt von Vouet, Juste d'Egmont und Paerson, ein Museum, in welchem, der Zukunft vertrauend, der Cardinal zum Voraus seinen Platz bezeichnet hatte; mit seinen antiken Statuen, welche von Rom und Florenz gekommen; mit seinen lateinischen Distichen von Bourdon componirt; mit seinen Devisen von Guise, dem königlichen Dolmetscher, ersonnen, – daß der Cardinal-Herzog, der doch bekanntlich nicht leicht erschrak, vor dieser Herrlichkeit erschrak und, um sicher zu sein, seinen Palast bis zu seinem Tode bewohnen zu können, denselben zu seinen Lebzeiten König Ludwig XII. schenkte.

Eine Folge hiervon war, daß am 4. December 1649, an welchem Tage der Cardinal-Herzog verschied, Gott bittend, er möge ihn bestrafen, wenn er im Laufe seines Lebens Etwas gethan habe, was nicht für das Beste des Staates gewesen sei, dieser Palast, in welchem er gestorben, den Namen Palais-Royal annahm, ein Name, den ihm die Revolutionen von 1793 und 1848 entrissen, um ihm die Namen Palais-Egalite und Palais-National zu geben.

Da wir aber zu denjenigen gehören, welche, trotz der Decrete, den Menschen ihre Titel erhalten und, trotz der Revolutionen, den Monumenten ihre Namen bewahren, so wird, wenn unsere Leser es gütigst erlauben wollen, das Palais-Royal fortwährend für sie und für uns das Palais-Royal heißen.

Ludwig XIII. erbte also das glänzende Gebäude. Ludwig XIII. war aber nur ein einen Leichnam überlebender Schatten, und wie es der Geist in Hamlet seinem Sohne macht, so winkte der Geist des Cardinals Ludwig XIII, ihm zu folgen, und Ludwig XIII., mit welchem Widerstande er sich auch bleich und zitternd an das Leben anklammerte, folgte ihm fortgezogen durch die unwiderstehliche Hand des Todes.

Dann war es der junge König Ludwig XIII. der diesen schönen Palast erbte, aus welchem ihn eines Morgens die Herren Frondeurs verjagten, weshalb er einen solchen Haß gegen denselben faßte, daß er, als er am 21. October 1652 von Saint-Germain nach Paris zurückkam, nicht mehr im Palais-Royal, sondern im Louvre abstieg, so daß dieses Gebäude, welches den großen Corneille so sehr in Verwunderung setzte, der Aufenthaltsort von Frau Henriette wurde, die das Schaffot von Whitehall zur Witwe gemacht hatte, und der Frankreich die Gastfreundschaft gab, welche England zwei Jahrhunderte später Karl X. geben sollte, die Gastfreundschaft, die zwischen Stuart und Bourbon geübt wird.

Im Jahre 1692 bildete das Palais-Royal die Mitgift von Francoise Marie von Blois, dieser matten, schläfrigen Tochter von Ludwig XIV. und Frau von Mortespan, von der uns die Prinzessin von der Pfalz, die Frau von Monsieur, ein so interessantes Portrait hinterlassen hat.

Es war der Herzog von Chartres, später Regent von Frankreich, welcher, die Backe noch geröthet von der Ohrfeige, die ihm seine Mutter gegeben, als sie seine zukünftige Verbindung mit der königlichen Bastardtochter erfahren hatte, unter dem Titel einer Apanage-Erhöhung, das Palais-Royal dem Hause Orleans als Eigenthum brachte.

Diese Monsieur und seinen von ihm aus gesetzlicher Ehe abstammenden männlichen Kindern gemachte Schenkung wurde beim Parlament am 13. März 1693 einregistrirt.

Während der zwischen der Flucht des Königs und der Schenkung des Palais-Royal an Monsieur abgelaufenen Periode waren große Veränderungen im Schlosse vorgegangen. Anna von Oesterreich hatte zur Zeit ihrer Regentschaft einen Badesaal, ein Betzimmer, eine Gallerie und über Allem dem den berufenen geheimen Gang beigefügt, von dem die Prinzessin von der Pfalz spricht, und durch welchen sich die Königin Regentin zu Herrn von Mazarin begab, und Herr von Mazarin zu ihr: »denn,« setzt die indiskrete Deutsche hinzu, »es ist heute weltbekannt, daß Herr von Mazarin, der kein Priester war, die Witwe von Ludwig XIII. geheirathet hatte.«

Diese Thatsache war noch nicht, wie die Prinzessin von der Pfalz sagte, weltbekannt, doch durch sie sollte sie sich sonderlich im Volke verbreiten.

Seltsame Laune eines Weibes und einer Königin, die einem Buckingham widersteht und einem Mazarin nachgibt!

Die von Anna von Oesterreich beigefügten Constructionen verunstalteten indessen durchaus nicht die glänzende Schöpfung des Cardinal-Herzogs.

Der Badesaal war mit Blumen und Chiffres gezeichnet auf Goldgrund verziert; die Blumen waren von Louis und die Landschaften von Belin.

Das Betzimmer war mit Gemälden geschmückt, in welchen Philipp von Champagne, Vouet, Bourdon, Stella, Lahire, Dorigny und Paerson das Leben und die Attribute der Jungfrau dargestellt hatten.

Die Gallerie endlich, die man am abgelegensten Orte des Schlosses angebracht hatte, zeichnete sich zugleich durch ihren Plafond, der von Vouet, und durch ihren Boden in eingelegter Arbeit, der von Macé war, aus.

In dieser Gallerie hatte die Königin Regentin 1650 durch Guitaut, ihren Kapitän der Garden, die Herren von Condé, von Conti und von Longueville verhaften lassen.

Der Garten enthielt damals ein Mail, eine Reitschule und zwei Bassins, von denen man das größere das Rond-d'Eau nannte: er war mit einem Wäldchen bepflanzt, das buschig und einsam genug, daß König Ludwig XIII» der Letzte der französischen Falkner, darin Elsternjagd halten konnte.

Ueberdies hatte man dem Palais einen zur Wohnung des Herzogs von Anjou bestimmten Bau beigefügt und, um denselben zu errichten, den linken Flügel des Palastes eingerissen, der von Philipp von Champagne dem Ruhme des Cardinals geweiht worden war.

Monsieur starb an einem Schlaganfalle am 1. Juni 1701.

Es war dies der Mensch, den Ludwig XIV. am meisten auf der Welt geliebt hatte; dessen ungeachtet, als zwei Stunden nach seinem Tode Frau von Maintenon in das Zimmer ihres erhabenen Gemahls, – denn sie war auch verheirathet, – eintrat, dessen ungeachtet, sagt Saint-Simon, fand sie ihn eine kleine Opernarie zu seinem eigenen Lobe singend.

Von dieser Stunde an wurde also das Palais-Royal Eigenthum von demjenigen, welcher vierzehn Jahre später Regent von Frankreich werden sollte.

Wir wissen Alle, etwas mehr, etwas weniger, etwas besser, etwas schlechter, was in dem ernsten Bau des Cardinals vom 1. September 1715 bis zum 25. December 1723 vorging; – und seit jener Zeit vielleicht hat sich das Sprichwort verbreitet: »Die Wände haben Augen und Ohren.«

Außer den Augen und den Ohren hatten die Wände des Palais-Royal eine Sprache, und diese Sprache hat durch den Mund von Saint-Simon und durch den des Herzogs von Richelieu seltsame Dinge erzählt.

Am 25. December 1723 fühlte der Regent, der bei Frau von Phalaris saß, seine Stirne ein wenig beschwert; er neigte den Kopf auf die Schulter des kleinen schwarzen Raben, – so nannte er seine Geliebte, – stieß einen Seufzer aus und starb.

Am Tage vorher hatte Chirac, sein Arzt, den Prinzen dringend ermahnt, er möge sich zur Ader lassen; doch der Herzog hatte die Sache aus den andern Tag verschoben. Der Mensch denkt, Gott lenkt.

Mitten unter allen seinen Lustbarkeiten, so seltsam sie waren, hatte der Regent, der im Ganzen Künstler, durch seinen Architekten Oppenort einen herrlichen, als Eingang für die von Mansart errichtete Gallerie dienenden Salon bauen lassen; diese zwei Constructionen erstreckten sich bis zur Rue de Richelieu und haben dem Saale des Théatre-Francais Platz gemacht.

Dann ließ Louis, der gottesfürchtige Sohn eines sittenlosen, leichtfertigen Vaters, Louis, auf dessen Befehl für dreihunderttausend Franken Bilder von Albano und Tizian wegen der Nuditäten, die sie darstellten, verbrannt werden sollten, Louis ließ, mit Ausnahme der großen Allee des Cardinals, die er beibehielt, den Garten des Palais-Royal nach einer neuen Zeichnung pflanzen; das den Buntspechten theure buschige Gehölze verschwand; zwei schöne Grasplätze dehnten sich aus eingefaßt von Ulmen mit Kugelform, welche ein in einem Halbmonde angebrachtes und mit Gitterwerk und Statuen geschmücktes großes Bassin umgaben; dann, jenseits dieses Halbmondes, fand sich eine Kreuzpflanzung von Linden, die sich der großen Allee anschloß und eine für die Sonnenstrahlen undurchdringliche Laube bildete.

Am 4. Februar 1752 starb Louis von Orleans in der Sainte-Geneviéve-Abtei, in der er seit zehn Jahren seine Wohnung genommen hatte; es war, als hätte er sich, ein frommer Sohn, zurückgezogen, um über die Sünden seines Vaters zu beten! »Das ist ein Seliger, der viele Unglückliche zurückläßt,« sagte Maria Leszinka,[3 - Gemahlin von Ludwig XV.] diese andere Heilige, als sie den frühen Tod des seltsamen Fürsten erfuhr, der seinen Leib der königlichen Chirurgie-Schule vermacht hatte, damit er zum Unterrichte der Zöglinge diene.

Louis Philipp von Orleans folgte ihm als Erbe: die Berühmtheit von diesem bestand darin, daß er sich zur ersten Ehe mit der Schwester des Prinzen von Conti und zur zweiten mit Charlotte Jeanne Béraud de la Haie de Riou, Witwe des Marquis von Montesson, verheirathet hatte.

Das war überdies, – denn wir geben die ruchlose Verleugnung des Sohnes nicht zu, – das war überdies der Vater des berufenen, unter dem Namen Philipp Egalite bekannten, Herzogs von Orleans.

Die Leichenrede dieses Fürsten wurde vom Abte Maury gehalten, eine so seltsame Rede, daß der König den Druck derselben verbot.

Seit einigen Jahren hatte der Herzog von Orleans, der bald auf seinem Landgute Bagnolet, bald in seinem Schlosse Villers-Cotterets zurückgezogen lebte, seinem Sohne nicht nur den Genuß, sondern sogar das Eigenthum des Palais-Royal überlassen; da bekam dieser die Idee, das Schloß des Cardinal-Herzogs in einen großen Bazar zu verwandeln.

Es bedurfte hierzu der Ermächtigung des Königs: der König gab sie durch Patent vom 12. August 1784.

So gleichgültig er im Uebrigen war, der Herzog von Orleans erwachte bei der Kunde, sein Sohn wolle Speculant werden. Vielleicht kam ihm eine Caricatur zu Gesichte, welche zu jener Zeit erschien und den Herzog von Chartres als Lumpensammler verkleidet und Miethsleute[4 - Ein unübersetzbarer Calembour: cherchant des loataires, Miethsleute suchend, und cherchant des loques à terre, Fetzen auf der Erde suchend.] suchend darstellte.

»Nehmen Sie sich in Acht,« sagte der alte Herzog, »die öffentliche Meinung wird gegen Sie sein, mein Sohn.«

»Bah!« versetzte dieser, »die öffentliche Meinung, ich würde sie für einen Thaler geben!«

Dann sich verbessernd:

»Für einen großen, wohlverstanden!«

Es gab zweierlei Arten von Thalern, die kleinen und die großen; die kleinen waren drei Livres, die großen sechs werth.

Dem zu Folge wurde zwischen dem Prinzen und seinem Baumeister Louis beschlossen, das Palais-Royal sollte nicht nur ein anderes Ansehen, sondern auch eine andere Bestimmung erhalten.

Der alte Herzog starb ein Jahr, nachdem dieser Beschluß gefaßt worden war, und als man eben die Arbeiten auszuführen begann. Man hätte glauben sollen, um nicht zu sehen, was vorgehe, verhülle der Enkel von Heinrich IV. seine Augen mit dem Steine eines Grabes.

Von da an stand den Plänen des neuen Herzogs von Orleans kein Hinderniß mehr entgegen, wenn nicht etwa jene öffentliche Meinung, mit der ihn sein Vater bedroht hatte.

Die ersten Gegner waren die Eigenthümer der Häuser, welche ans Palais-Royal gränzten, und deren Fenster auf den prächtigen Garten gingen: sie machten dem Herzog von Orleans einen Proceß, den sie verloren, und in ihre Hotels durch die neuen Erbauungen eingemauert, waren sie genöthigt, zu niedrigen Preisen zu verkaufen, oder in dunklen, ungesunden Winkeln zu wohnen.

Die anderen Gegner waren die Spaziergänger; jeder Mensch, der zehnmal in einem öffentlichen Garten spazieren gegangen ist, betrachtet diesen Garten als ihm gehörig und glaubt ein Recht der Opposition gegen jede Veränderung zu haben, die man, daran vornehmen will; die Veränderung war aber groß: die Art fällte einen nach dem andern die vom Cardinal gepflanzten herrlichen Kastanienbäume! Keine Siesta mehr unter ihren Blättern, keine Plaudereien mehr in ihrem Schatten; Alles, was blieb, war die Kreuzpflanzung von Linden, und mitten unter diesen Linden der berühmte Baum von Krakau.

Sagen wir, was dieser berühmte Baum von Krakau war, dessen Fall im Jahre 1783 beinahe einen Aufruhr, nicht minder ernst als der Fall der Freiheitsbäume im Jahre 1850, hervorgerufen hätte.




II

Der Baum von Krakau


Der Baum von Krakau war, die Einen sagen eine Linde, die Andern ein Kastanienbaum; die Archäologen sind getheilt über diese wichtige Frage.

In jedem Falle war es ein Baum viel höher, viel buschiger, viel reicher an Schatten und Kühle, als die anderen Bäume, die ihn umgaben. Zur Zeit der ersten Zerstückelung von Polen, im Jahre 1772, hielten sich die Neuigkeitskrämer und die Politiker unter diesem Baume in der freien Luft zu ihren Besprechungen auf. Der Mittelpunkt der Gruppe, welche über das Leben und den Tod dieser von Friedrich und Katharina ans Kreuz geschlagenen und von Ludwig XV. verleugneten edlen Missethäterin discutirte, war ein Abbé, der, da er Verbindungen in Krakau hatte, sich zum Verbreiter aller nach Frankreich aus dem Norden kommenden Gerüchte machte, und dieser Abbé, welcher, wie es scheint, überdies ein großer Tactiker war, ließ jeden Augenblick und bei jedem Anlaß eine Armee von dreißigtausend Mann manoeuvriren, deren Märsche und Gegenmärsche die Bewunderung der Zuhörer verursachten.

Eine Folge hiervon war, daß der Strategiker-Abbé den Beinamen der Abbé dreißigtausend Mann erhielt und der Baum, unter dem er seine geschickten Manoeuvres ausführte, der Baum von Krakau genannt wurde.

Vielleicht hatten auch, die Nachrichten, die er mit derselben Leichtigkeit verkündigte, mit welcher er seine Armee manoeuvriren ließ, dazu beigetragen, daß dieser Baum unter seiner fast ebenso gasconischen, als polnischen Benennung bekannt wurde.

Wie dem sein mag, der Baum von Krakau, der unter den im Palais-Royal vom Herzog von Orleans vorgenommenen Veränderungen stehen geblieben war, bildete fortwährend den Mittelpunkt der Zusammenkünfte, welche 1788 nicht minder zahlreich im Palais-Royal, als 1772; nur bekümmerte man sich nicht mehr um Polen unter dem Baume von Krakau, sondern um Frankreich.

Der Anblick der Menschen hatte sich auch beinahe eben so sehr verändert, als der der Oertlichkeiten.

Was besonders diese Veränderung im Anblicke der Oertlichkeiten bewerkstelligt hatte, das waren der Circus und das Lager der Tartaren, was Beides der Herzog von Orleans, begierig, Nutzen aus seinem Terrain zu ziehen, hatte bauen lassen: den Circus mitten im Garten, und das Lager der Tartaren auf der Seite, welche den Hof schloß, und die heute die Gallerie d'Orleans einnimmt.

Sagen wir zuerst, was der Circus war, in den wir in einem gegebenen Augenblicke den Leser einzuführen veranlaßt sein werden.

Das war ein ein verlängertes Parallelogramm bildendes Gebäude, das sich verlängernd die zwei reizenden Grasplätze von Louis dem Frommen verschlungen hatte und, ehe es nur vollendet, schon besetzt war, einmal von einem Lesecabinet, einem damals ganz neuen Etablissement, dessen Eigenthümer, ein Herr Girardin, durch diese Erfindung die jedem Neuerer gebührende Berühmtheit erlangt hatte; sodann von einem Clubb, den man den Club Social nannte, und der der Sammelplatz aller Philanthropen, aller Reformatoren und aller Negrophilen war; und endlich von einem Truppe Gaukler, welche zweimal im Tage, wie zur Zeit von Thespis, Vorstellungen auf improvisirten Gerüsten gaben.

Dieser Circus glich einer ungeheuren Laube, ganz bekleidet, wie er war, mit Gittern und grünem Blätterwerk. Zweiundsiebzig Säulen von dorischer Ordnung, die ihn umgaben, stachen allerdings ein wenig gegen diesen ländlichen Anblick ab, doch zu jener Zeit gab es so viel entgegengesetzte Dinge, die sich einander zu nähern und sogar mit einander zu vermengen anfingen, daß man nicht mehr auf dieses, als auf die andern, Acht gab.

Was das Lager der Tartaren betrifft, Mercier, der Verfasser des Tableau de Paris, wird uns sagen, was es war.

Man höre die Diatribe dieses zweiten Diogenes, der beinahe so cynisch und so witzig als der, welcher mit einer Laterne in der Hand am hellen Tage unter den Säulenhallen des Gartens von Akademos einen Menschen suchte:

»Die Athenienser,« sagt er, »errichteten ihren Phrynen Tempel; die unsern finden den ihren in diesem Bezirke. Dahin gehen gierige Agioteurs, welche das Seitenstück zu den hübschen Freudenmädchen bilden, dreimal täglich im Palais-Royal, und der Mund aller dieser Menschen spricht nur von Geld und von politischer Prostitution. Die Banque wird in den Kaffeehäusern gehalten, und da muß man die plötzlich durch den Verlust oder den Gewinn entstellten Gesichter sehen und studieren: Dieser geräth in Verzweiflung, Jener triumphiert. Dieser Ort ist also eine hübsche Büchse Pandoras; sie ist ciselirt, sie ist ausgearbeitet; Jedermann aber weiß, was die Büchse der durch Vulcan belebten Statue enthielt. Alle Sardanapale, alle die kleinen Lucullus wohnen im Palais-Royal in Gemächern, um welche sie der König von Assyrien und der römische Consul beneidet hätten.«

Das Lager der Tartaren, das war die Höhle der Diebe und der Winkel der Lustdirnen; – es war endlich das, was wir bis zum Jahre 1828 unter dem Namen Galerie de Bois[5 - Diese hölzerne Galerie wurde durch eine steinerne ersetzt.] gesehen haben.

Sich verändernd, hatte der Anblick der Oertlichkeiten dazu beigetragen, den Anblick der Menschen zu verändern.

Was aber hauptsächlich zu dieser Metamorphose beigetragen, das war die politische Bewegung, welche um diese Zeit in Frankreich vor sich ging und von unten nach oben kommend die Gesellschaft von ihren Tiefen bis zu ihrer Oberfläche erschütterte.

In der That, man begreift, welcher Unterschied es für wahre Patrioten ist, ob sie sich mit dem Loose einer fremden Nation, oder mit den Interessen ihres Landes beschäftigen, und man wird nicht leugnen, daß die Nachrichten, welche zu dieser Stunde von Versailles kamen, viel erregender für die Pariser sein mußten, als es sechzehn Jahre früher die waren, welche von Krakau kamen.

Gleichwohl sah man noch mitten unter der politischen Aufregung, wie Schatten aus einer andern Zeit, einige von jenen heiteren Gemüthern oder einige von jenen beobachtenden Geistern umherirren, welche ihren Weg durch die reizenden Träume der Poesie oder die herben Tumulte der Kritik verfolgen.

So kann, abgesehen von der im Schatten des Baumes von Krakau gruppirten großen Menge, welche das Journal de Paris oder die I,unette philosophique et litteraire lesend die Nuvelles à la main erwartete, der Leser, der uns begleitet, in einer nach den Linden mündenden Seitenallee zwei Männer von fünfunddreißig bis sechsunddreißig Jahren bemerken, welche Beide die Uniform, der Eine der Dragoner von Noailles mit rosa Revers und rosa Kragen, der Andere der Dragoner der Königin mit weißen Revers und weißem Kragen tragen. Sind diese zwei Männer Officiere, die von Schlachten sprechen? Nein, es sind zwei Dichter, welche von Poesie sprechen, zwei Verliebte, welche von Liebe sprechen.

Sie sind übrigens reizend, was die Eleganz, und vollkommen, was den guten Ton betrifft. Das ist die Aristokratie in ihrem bezauberndsten und vollständigsten Ausdrucke; in dieser Zeit, wo der Puder von den Anglomanen, von den Americanern, kurz von den Vorgerückten ein wenig vernachlässigt zu werden anfängt, ist ihr Kopfputz äußerst sorgfältig behandelt, und um seine Harmonie nicht zu derangiren, trägt der Eine seinen Hut unter dem Arme, während ihn der Andere in der Hand hält.

»Also, mein lieber Bertin,« sagte derjenige von den Spaziergängern, welcher die Uniform der Dragoner der Königin trug, »es ist bei Ihnen fester Entschluß, Sie verlassen Frankreich und verbannen sich nach St. Domingo?«

»Sie irren sich, mein lieber Evariste: ich ziehe mich nur nach Cythera zurück.«

»Wie so?«

»Sie begreifen nicht?«

»Bei meinem Ehrenworte, nein.«

»Haben Sie mein drittes Buch der Amours gelesen?«

»Ich lese Alles, was Sie schreiben, mein lieber Kapitän?«

»Nun, dann erinnern Sie sich wohl gewisser Verse?«

»An Eucharis oder an Catilie?«

»Ach! Eucharis ist todt und ich habe meinen Tribut der Thränen und der Poesie ihrem Andenken bezahlt; ich spreche also von meinen Versen an Catilie.«

»Welche meinen Sie?«

»Diese:

		Va, ne crains pas que je l'oublie,
		Ce jour, ce fortune moment,
		Où, peins d'amour et de folie,
		Tous les deux, saus savoir comment,
		Dans un rapide emportement,
		Nousi fimes le teudre serment,
		De nous aimer toute 1a, vie![6 - Oh! fürchte nicht, ich vergesse ihn,den Tag, den seligen Augenblick,wo wir, von Liebe trunken,Beide, ohne zu wissen, wie,uns in einer raschen Aufwallungvoll Zärtlichkeit uns unser ganzesLeben lang zu lieben schworen.]

»Nun?«

»Nun, ich halte meinen Schwur: ich erinnere mich . . .«

»Wie! Ihre schöne Catilie . . .?«

»Ist eine reizende Creolin von St. Domingo, , mein lieber Parny, welche vor einem Jahre nach dem Meerbusen von Mexico abgereist ist.«

»Und Sie folgen ihr nach?«

»Ich folge ihr nach und heirathe . . . Sie wissen übrigens, mein lieber Parny, ich bin, wie Sie, ein Kind des Aequators, und wenn ich nach St. Domingo gehe, werde ich glauben, ich kehre nach unserem Heimathlande, nach unserer schönen Insel Bourbon mit ihrem Azurhimmel, mit ihrer üppigen Vegetation zurück; habe ich nicht das Vaterland, so werde ich doch sein Aequivalent haben, wie man noch das Portrait hat, wenn man das Original nicht mehr besitzen kann.«

Und der junge Mann sprach mit einer Begeisterung, welche heute sehr lächerlich scheinen würde, zu jener Zeit aber sehr schicklich war, die folgenden Verse:

		Toi dont 1'image en mon coeur est tracée,
		Toi qui recus ma premiere pensée,
		Les Premiers sons que ma bouche a formes,
		Mes premiers pas sur la terre imprimes
		Sous d'autres cieux cherchant un autre monde
		J'ai vu tes bords s'enfuir au loin dans l'onde. . .
		Que de regrets ont suivi mes adieux!
		Combien de pleurs ont coulé de mes yeux!
		Que J'aime encore, aprés quinze ans d'absence,
		Ce Col, temoin des jeux de mon enfance![7 - Du, deren Bild in meinem Herzen eingegraben ist,Du, die Du meinen ersten Gedanken,die ersten Laute, die mein Mund gebildet,die ersten Tritte, die ich der Erde eingedrückt,empfingst, unter einem anderen Himmeleine andere Welt suchend, sah ich DeinSchiff in die Ferne auf der Woge fliehen.Welche Klagen folgten meinem Abschied!Wie viel Thränen entflossen meinen Augen!Wie liebe ich noch nach einer Abwesenheitvon fünfzehn Jahren dieses Col (Name eines Schlosses, das Herrn Desforges, einem reichen Pflanzer der Insel Bourbon, gehörte.),den Zeugen der Spiele meiner Kindheit!]

»Vortrefflich, mein lieber Bertin! Doch ich sage Ihnen vorher, Sie werden mit Ihrer schönen Catilie kaum dort sein, so haben Sie die Freunde, die Sie in Frankreich zurücklassen, vergessen.«

»Oho! Mein lieber Evariste, wie täuschen Sie sich!

En amitié fidéle, encor plus qu'en amour.

Tout ce qu'aima mon coeur, il l'aima plus d'un jour.[8 - In der treuen Freundschaft mehr noch als in der Liebe liebte mein Herz Alles, was es liebte, mehr als einen Tag.]

»Wird nicht überdies, mein großer Dichter, Ihr Ruf da sein, um zu machen, daß ich an Sie denke? Wäre ich so unglücklich, Sie zu vergessen, haben nicht Ihre Elegien Flügel, wie die Schwalben und die Amoretten, und der Name einer anderen Eleonore wird mich dort schauern machen wie ein Echo von diesem schönen Paris, welches mich so gut aufgenommen, und das ich dennoch mit so großer Freude verlasse!«

»Es ist also beschlossen, mein Freund, Sie reisen ab?«

»Oh! so fest beschlossen, als nur etwas beschlossen sein kann . . . Hören Sie, mein Abschied ist schon vollendet:

		Oui, c'en est fait, j'abandonne Paris;
		Qu'un peuple aimable, y couronnant sa téte,
		Change l'année en un long jour de féte:
		Pour moi, je pars! Où sont mes matelots?
		Venez, montez et sillonez les flots;
		Au doux Zéphyr abandonnez la voile,
		Et de Vénus interrogez l'etoile.[9 - Ja, es ist entschieden, ich verlasse Paris; hier sein Haupt bekränzend, verwandle ein liebenswürdig .Volk das Jahr in einen langen Festtag; ich reise ab! Wo sind meine Matrosen? Kommt, besteigt das Schiff und durchfurcht die Wogen; dem sanften Zephyr überlaßt das Segel und befragt den Stern von Venus!]

»Ah! Sie wissen wohl, an wen Sie Ihr Gebet richten, mein lieber Bertin!« sagte eine dritte Stimme, sich ins Gespräch mischend; »Venus ist Ihre Jungfrau Maria!«

»Ah! Sie da, mein lieber Florian!« riefen gleichzeitig die zwei Freunde, indem sie auch zugleich ihre Hände ausstreckten, welche Florian in den seinigen drückte.

Dann fügte Parny rasch bei:

»Empfangen Sie meinen Glückwunsch zu Ihrem Eintritte in die Academie, mein Lieber.«

»Und mein Compliment zu Ihrem reizenden Hirtengedichte Estelle,« sagte Bertin.

»Bei meiner Treue!« fuhr Parny fort, »Sie haben Recht, daß Sie auf Ihre Hammel zurückkommen: wir brauchen Ihre Hirtenwelt, damit sie uns die Welt von Wölfen, in der wir leben, vergessen macht; sehen Sie, Bertin verläßt sie auch.«

»Ah! es war also kein poetischer Abschied, der Abschied, den Sie so eben von uns nahmen, mein lieber Kapitän?«

»Nein, in der That, es war ein wirklicher Abschied.«

»Und errathen Sie, nach welchem Antipoden er abreist? Nach St. Domingo, nach der Königin der Antillen. Er wird Kaffeepflanzer, Zuckerraffinirer, während wir . . . Gott weiß, ob man uns nur wird Kohl pflanzen lassen. Aber was schauen Sie denn so?«

»Ei! bei Gott! wenn ich mich nicht täusche, ist er es!« rief Florian.

»Wer, er?«

»Oh! meine Herren,« sprach der neue Academiker, »kommen Sie doch mit mir, ich habe ihm ein paar Worte zu sagen.«

»Wem?«

»Rivarol.«

»Gut! ein Streit!«

»Warum nicht?«

»Ah! Sie sind also immer noch Raufer?«

»Oh! ich habe seit drei Jahren keinen Degen angerührt.«

»Und Sie wollen sich die Hand wieder gelenk machen?«

»Dürfte ich eintretenden Falles auf Sie zählen?«

»Bei Gott!«

Die drei jungen Leute gingen in der That zum Verfasser des Petit Almanach de nos Grands hommes, wovon eben eine zweite Ausgabe erschienen war, welche noch mehr Lärm gemacht hatte, als die erste.

Rivarol saß oder lag vielmehr auf zwei Stühlen, den Rücken an einen Kastanienbaum angelehnt und dem Anscheine nach nicht sehend, was um ihn her vorging; nur von Zeit zu Zeit warf er nach rechts und nach links einen von jenen Blicken, worin die Flamme des ausgezeichneten französischen Witzes knisterte, der je existirt hat.

Sodann, nach diesem Blicke, der ein Factum einregistrirte oder eine Idee angab, näherte er seine zwei Hände einander und schrieb auf die Tabletten, die er in der einen hielt, ein paar Worte mit dem Bleistifte, das er in der andern hatte.

Er sah die drei Spaziergänger heranschreiten, doch, obgleich er sich denken konnte, sie kommen zu ihm, gab er sich den Anschein, als schenkte er ihnen keine Aufmerksamkeit, und fing wieder an zu schreiben.

Plötzlich warf sich indessen ein Schatten auf sein Papier: es war der der drei Freunde. Rivarol sah sich genöthigt, den Kopf zu erheben.

Florian grüßte ihn mit der größten Höflichkeit; Parny und Bertin verbeugten sich leicht.

Rivarol richtete sich auf seinem Stuhle auf, ohne seine Lage zu verändern.

»Verzeihen Sie, mein Herr, wenn ich Sie in Ihren Betrachtungen störe!« sagte Florian zu ihm; »doch ich habe eine kleine Reclamation an Sie zu machen.«

»An mich, Herr Edelmann?« versetzte Rivarol mit seiner spöttischen Miene. »Wäre es wegen des Herrn von Panthiévre, Ihres Meisters?«

»Nein, mein Herr, es betrifft mich selbst.«

»Sprechen Sie.«

»Sie hatten mir die Ehre erwiesen, meinen Namen in der ersten Ausgabe von Ihrem Kleinen Almanach unserer großen Männer aufzuführen.«

»Das ist wahr, mein Herr.«

»Wäre es unbescheiden, Sie zu fragen, mein Herr, warum Sie meinen Namen in der zweiten Ausgabe, welche so eben erschienen ist, herausgenommen haben?«

»Weil Sie zwischen der ersten und der zweiten Ausgabe das Unglück gehabt haben, zum Mitgliede der Academie ernannt zu werden, und weil, so dunkel auch ein Academiker sein mag, er doch nicht das Privilegium der Unbekannten ansprechen kann; Sie wissen aber, Herr von Florian, unser Werk ist ein philanthropisches Werk, und Ihr Platz ist reclamirt worden.«

»Von wem?«

»Von drei Personen, welche, ich muß es in Demuth gestehen, auf dieses Glück noch mehr Rechte hatten, als Sie.«

»Und wer sind diese drei Personen?«

»Drei reizende Dichter, welche der Erste ein Akrostichon, der Zweite ein Distichon und der Dritte einen Refrain gemacht haben. . . Was das Lied betrifft, – es wird uns unaufhörlich versprochen, doch da der Refrain gemacht ist, so können wir warten.«

»Und wer sind diese drei ausgezeichneten Männer?«

»Die Herren Grouber von Groubental, Fenouillot de Falbaire von Quingey und Thomas Minau von Lamistringue.«

»Wenn ich Ihnen aber Jemand empfehlen würde, Herr von Rivarol?«

»Ich müßte Sie zu meinem Bedauern zurückweisen, Herr von Florian: ich habe meine Armen.«

»Derjenige, welchen ich Ihnen empfehle, hat nur einen Viervers gemacht.«

»Das ist viel!«

»Soll ich Ihnen denselben recitiren, Herr von Rivarol?«

»Gewiß, Herr von Florian, recitiren Sie! . . . Sie sprechen so gut!«

»Nicht wahr, ich habe nicht nöthig, Ihnen zu sagen, an wen er gerichtet ist?«

»Ich werde mein Möglichstes thun, um es zu errathen . . .«

»Also! . . .«

»Ich höre.«

Ci-gît Azor, chéri de ma Syvie;

Il eut même penchant que vous, monsieur Damon:

A mordre il a passê sa vie;

Il est mort d'un coup de bâton.[10 - Hier liegt Azor, geliebt von meiner Sylvie;er hatte denselben Hang wie Sie, Herr Damon:er hat sein Leben mit dem Beißen zugebracht;an einem Stockstreiche ist er gestorben!]

»Ah! Herr von Florian,« rief Rivarol, »sollte dieses kleine Meisterwerk von Ihnen sein?«

»Nehmen Sie an, es sei von mir, Herr von Rivarol: was hätten Sie von mir zu verlangen?«

»Oh! mein Herr, ich hätte von Ihnen zu verlangen, daß Sie es mir dictiren, nachdem Sie es mir recitirt haben?«

»Ihnen?«

»Ja, mir.«

»Wozu?«

»Ei! um es zu den Noten meiner dritten Ausgabe zu setzen . . . Jeder an seinem Platze, mein Herr; das Ganze ist, daß man sich Gerechtigkeit widerfahren läßt. Ich habe keine andere Prätension, als die, in der Literatur das zu sein, was der Schleifstein in der Messerschmiede ist: ich schneide nicht, ich mache schneiden.«

Florian kniff sich in die Lippen: er hatte es mit einem mächtigen Gegner zu thun; er sprach indessen:

»Und nun, mein Herr, um ein Ende zu machen: wenn ich Ihnen sagte, in dem Artikel, den Sie mir zu widmen die Güte gehabt, sei Etwas gewesen, was mir mißfallen?«

»In meinem Artikel Etwas, was Ihnen mißfallen? Unmöglich! er hat nur drei Zeilen.«

»Es ist dennoch so, Herr von Rivarol.«

»Oh! wahrhaftig? . . . Wäre es im Geiste?«

»Nein.«

»Wäre es in der Form?«

»Nein.«

»In was denn?«

»Es ist im Grunde.«

»Oh! wenn es der Grund ist, das geht mich nichts an, Herr von Florian, das geht Champcenetz, meinen Mitarbeiter, an, der auf- und abgehend dort mit der Nase von Métra plaudert. Ihr Diener, Herr von Florian!«

Wonach Herr von Rivarol wieder ruhig zu schreiben anfing.

Florian schaute seine zwei Freunde an, und diese bedeuteten ihm mit den Augen, er müsse sich als geschlagen betrachten und es folglich hierbei bewenden lassen.

»Ah! mein Herr,« sagte Florian, »Sie sind entschieden ein Mann von Geist, und ich nehme meinen Viervers zurück.«

»Ach! mein Herr,« rief Rivarol mit einer komisch verzweifelten Miene, »es ist zu spät!«

»Wie so?«

»Ich habe ihn in meinen Tabletten aufgezeichnet, und es ist schon, als ob er gedruckt wäre; doch wollen Sie einen andern, so werde ich mir ein Vergnügen daraus machen, Ihnen denselben an der Stelle des Ihrigen anzubieten.«

»Einen andern? und immer über denselben Gegenstand?«

»Ja, ganz frisch diesen Morgen mit der Post angekommen; er ist an mich, so wie an Champcenetz adressirt: ich kann also in seinem Namen und in meinem darüber verfügen. Es ist ein junger picardischer Advocat, Namens Camille Desmoulins, der bis jetzt nur dies gemacht hat, aber verspricht, wie Sie sehen werden.«

»Ah! ich höre, mein Herr.«

»Zum Verständniß der Sache müssen Sie wissen, mein Herr, daß gewisse Neidische mir und Champcenetz den Adel streitig machen, wie sie Ihnen das Genie streitig machen. Sie begreifen wohl, daß dies dieselben sind. Sie sagen, mein Vater sei Wirth in Bagnols gewesen, und die Mutter von Champcenetz Haushälterin, ich weiß nicht wo. Nachdem dies vorausgestellt ist, hören Sie meinen Viervers, der durch die Erklärung, die ich Ihnen gegeben, nur gewinnen kann:

		Au noble hôtel de la Vermine
		On est, logé très proprement:
		Rivarol y fait la cuisine,
		Et Champcenetz, l'appartement.[11 - Im edlen Gasthause zum Ungezieferwohnt man sehr reinlich!Rivarol besorgt dort die Kücheund Champcenetz die Wohnung.]

»Sie sehen, mein Herr, der erste bildet ein bewunderungswürdiges Seitenstück zum zweiten, und verkaufte ich den einen ohne den andern, so wäre der, den ich behielte, unvollständig.«

Man konnte einem solchen Manne nicht länger grollen. Florian reichte ihm folglich eine Hand und Rivarol nahm sie mit dem seinen Lächeln und dem leichten Blinzeln der Augen, was nur ihm eigenthümlich.

In demselben Momente entstand um Métra und in der Gegend des Baumes von Krakau eine Bewegung, welche die Ankunft einer wichtigen Nachricht bezeichnete.

Die drei Freunde folgten dem von der Menge, die sich unter den Linden zusammenschaarte, gegebenen Impulse und ließen Rivarol sich wieder an seine Notizen machen, die er mit derselben Gleichgültigkeit, als ob er allein gewesen wäre, fortsetzte.

Er that dies jedoch nicht, ohne auf einen Blick von Champcenetz, der besagen wollte; »Was gibt es?« durch einen Blick geantwortet zu haben, welcher bedeutete: »Noch nichts für diesmal.«




III

Die Neuigkeitsliebhaber


Métra, den Rivarol genannt hatte, und der, wie gesagt, mit Champcenetz plauderte, hatte sich zu einem der wichtigsten Menschen dieser Zeit gemacht.

Geschah dies durch seinen Geist? Nein; sein Geist war mittelmäßig. Durch seine Geburt? Nein; er gehörte dem Bürgerthum an. Durch die übermäßige Länge seiner Nase? Nein, auch nicht.

Es geschah durch seine Neuigkeiten.

Métra war der vorzugsweise Mann der Neuigkeiten: unter dem Titel Corresponcdance secréte ließ er – errathen Sie, wo? . . . in Neustadt am Ufer des Rheins, – ein Journal alle Pariser Neuigkeiten enthaltend erscheinen.

Wer wußte das wahre Geschlecht des Chevalier oder der Chevaliére d'Eon, dieses Menschen, dem die Regierung den Befehl gegeben, sich an Weiberkleider zu halten, und der das Kreuz des St. Ludwigs-Ordens an seinem Halstuche trug?

Métra.

Wer erzählte in ihren kleinsten Einzelheiten, und als ob er denselben beigewohnt hätte, die fantastischen Soupers des berühmten Grimod de la Reyniére, welcher einen Augenblick die Casserole mit der Feder vertauschend so eben die Parodie des Songe d'Athalie geschrieben hatte?

Métra.

Wer durchschaute das Räthsel der Excentricitäten des Marquis von Brunoy, des excentrischsten Menschen jener Zeit?

Métra.

Die Römer, wenn sie sich auf dem Forum begegneten, fragten einander drei Jahrhunderte hindurch: Quid novi fert Africa? (Was bringt Africa Neues?) Die Franzosen fragten sich drei Jahre lang: »Was sagt Métra?«

Es gibt gewisse Perioden im Leben der Nationen, während welcher eine seltsame Unruhe sich eines ganzen Volkes bemächtigt: das ist so, wenn dieses Volk allmälig unter seinen Füßen den Boden weichen fühlt, auf dem in den abgelaufenen Jahrhunderten ruhig seine Voreltern gegangen sind; es glaubt an eine Zukunft, denn wer lebt, hofft; doch außer dem, daß es nichts in dieser Zukunft unterscheidet, so düster ist sie, fühlt es noch, daß ein dunkler, tiefer, unbekannter Abgrund zwischen der Zukunft und ihm ist.

Dann wirft es sich in die unmöglichen Theorien; dann liegt es der Aufsuchung unfindbarer Dinge ob; dann sucht es, wie jene Kranken, die sich so verzweifelt fühlen, daß sie die Aerzte fortjagen und die Quacksalber rufen, die Heilung nicht in der Wissenschaft, sondern im Empirismus, nicht in der Wirklichkeit, sondern im Traume. Denn um dieses ungeheure Chaos zu bevölkern, wo der Schwindel herrscht, wo das Licht fehlt, – nicht, weil es nicht geboren worden, sondern weil es stirbt, – erscheinen die Männer der Mysterien, wie Swedenborg, der Graf von Saint-Germain, Cagliostro; Jeder bringt seine Entdeckung, eine unerhörte, unerwartete, fast übernatürliche Entdeckung: Franklin die Elektricität; Montgolfier die Luftschifffahrt; Mesmer den Magnetismus. Dann begreift die Welt, so blind und so schwankend sie ist, daß sie einen Schritt gegen die himmlischen Mysterien gemacht hat, und das hochmüthige Menschengeschlecht hofft eine Stufe der Leiter, welche zu Gott führt, erstiegen zu haben!

Wehe dem Volke, das diese Zerrungen fühlt, denn diese Zerrungen sind die ersten Schauer des Revolutionsfiebers! es naht für dasselbe die Stunde der Umgestaltung; ohne Zweifel wird es aus dem Kampfe glorreich und auferstanden hervorgehen, doch es wird während einer Todesnoth, wo es Blut geschwitzt, sein Leiden, seine Schädelstätte und sein Kreuz gehabt haben.

Dies war der Zustand der Geister in Frankreich in der Zeit, zu der wir gekommen sind.

Jenen Vögeln ähnlich, welche in großen Flügen fortbrausen, welche in den Lüften wirbeln und bis in die Wolken aufsteigen, von wo sie sich ganz schauernd niedersenken, – denn sie haben den Wetterstrahl um Kunde gefragt, und der Blitz hat ihnen geantwortet, – jenen Vögeln ähnlich, sagen wir, liefen große Volkssturmwinde verwirrt hin, ließen sich auf die Plätze nieder; dann, nachdem sie gefragt: »Was gibt es?« nahmen sie wieder ihren wahnsinnigen Flug durch die Straßen und über die Kreuzwege.

Man begreift also, welchen Einfluß auf die Menge die Leute gewannen, die auf ihre ungeheure Frage dadurch antworteten, daß sie ihr Neuigkeiten gaben.

Darum war Métra der Mann der Neuigkeiten am 24. August 1788 noch mehr umgeben, als an den andern Tagen.

Man fühlte in der That seit einiger Zeit, wie die Regierungsmaschine dergestalt gespannt war, daß etwas darin brechen mußte.

Was? Das Ministerium wahrscheinlich.

Das zu dieser Stunde functionirende Ministerium war äußerst unpopulär.

Es war das von Herrn von Loménie von Brienne, welches auf das von Herrn von Calonne gefolgt war; dieses, das die Versammlung der Notabeln getödtet hatte, war selbst auf das Ministerium von Herrn Necker gefolgt.

Aber, mochte nun Métra an diesem Tage keine Neuigkeiten haben, oder mochte Métra haben und sie nicht sagen wollen, – statt daß Métra zu seiner Umgebung sprach, sprach seine Umgebung zu ihm.

»Herr Métra,« fragte eine junge Frau, die ein Kleid à 1a lévite anhatte, auf dem Kopfe einen mit vielen Blumen verzierten Hut trug, und in der Hand einen langen Stocksonnenschirm hielt, »ist es wahr, daß die Königin bei ihrer letzten Arbeit mit Leonard, ihrem Friseur, und Mademoiselle Bertin, ihrer Putzmacherin, nicht nur die Zurückberufung von Herrn Necker angekündigt, sondern es auch übernommen hat, ihm diese Zurückberufung kund zu thun.«

»Eh!« machte Métra mit einem Tone, der besagen wollte: »Das ist möglich!«

»Herr Métra,« fragte ein äußerst zierlich frisirter Elegant, der einen olivenfarbigen Rock und eine mit Kattunstreifen eingefaßte Weste trug, »glauben Sie, daß sich Monseigneur der Graf von Artois, wie man sagt, gegen Herrn von Brienne ausgesprochen und dem König gestern entschieden erklärt hat, wenn der Erzbischof nicht in drei Tagen seine Entlassung als Minister nehme, so sei er so sehr auf das Heil Seiner Herrlichkeit bedacht, daß er sie selbst von ihm verlangen werde?«

»Eh! eh!« machte Métra mit einem Tone, der besagen wollte: »Ich habe dergleichen erzählen hören!«

»Herr Métra,« fragte ein Mann aus dem Volke mit bleichem Gesichte und abgemagertem Leibe, der eine abgeschabte Hose und ein schmutziges Wamms trug, »ist es wahr, daß man Herrn Sieyés gefragt hat, was der dritte Stand sei, und daß Herr Sieyés geantwortet: »»Nichts für die Gegenwart und Alles für die Zukunft!««

»Eh! eh! eh!« machte Métra mit einem Tone, der besagen wollte: »Ich weiß nicht, ob Herr Sieyés dies gesagt hat, wenn er es aber gesagt hat, so könnte er wohl die Wahrheit gesagt haben!«

Und Alle riefen im Chore:

»Herr Métra, Neuigkeiten! Neuigkeiten, Herr Métra!«

»Neuigkeiten, Bürger,« sprach unter der Menge eine kreischende Stimme, »wollt Ihr? ich bringe Euch.«

Diese Stimme hatte einen so sonderbaren Ausdruck, einen so seltsamen Ton, daß Jeder sich umwandte und mit den Augen denjenigen, welcher gesprochen, suchte.

Es war ein Mann von sechsundvierzig bis achtundvierzig Jahren, nicht fünf Fuß hoch, mit krummen Beinen, in grauen, schräge blau gestreiften Strümpfen und klaffenden Schuhen, an denen eine zerzauste Schnur die Bänder ersetzte; auf dem Kopfe einen Hut à la Andromane, das heißt mit niedrigem Obertheile und aufgestülpter Krämpe; sein Leib war eingeschlossen in einen kastanienbraunen, überall abgeschabten, am Ellenbogen durchlöcherten Rock, der sich auf der Brust öffnete, um hinter einem schmutzigen, auseinanderstehenden Hemde ohne Cravate das hervorspringende Schlüsselbein und die Muskeln eines Halses zu zeigen, der von Gift angeschwollen zu sein schien.

Was sein Gesicht betrifft, – verweilen wir einen Augenblick bei demselben, denn es verdient eine besondere Erwähnung.

Sein mageres, knochiges, breites und ein wenig von der verticalen Linie in Beziehung auf den Mund abweichendes Gesicht war gefleckt wie das Fell des Leoparden; nur was es fleckte, war hier das Blut, dort die Galle; seine hervorstehenden Augen, voll Frechheit und Herausforderung, blinzelten wie die des Nachtvogels, der plötzlich ins Tageslicht versetzt wird; sein, wie der des Wolfes und der Schlange, breit geschlitzter Mund hatte die gewöhnliche Falte der Aufregung und der Verachtung.

Dieser ganze Kopf, bekränzt mit fetten, langen, hinter dem Genicke mit einem ledernen Riemen umbundenen Haaren, durch welche alle Augenblicke, als wollte sie das Gehirn, das sie bedeckten, zusammendrücken, eine plumpe, schmutzige Hand mit geschwärzten Nägeln strich, schien ein auf die Oeffnung eines Vulcans gesetzte Maske zu sein.

Von oben und wohlbeleuchtet gesehen, fehlte es diesem, wie der von Alexander, auf die linke Schulter geneigten Kopfe nicht an Ausdruck; dieser Ausdruck enthüllte zugleich die Halsstarrigkeit, den Zorn und die Stärke; was besonders daran in Erstaunen setzte, das war die Unordnung, die Divergenz, ich möchte fast sagen, der Umsturz seiner Züge; jeder schien nach seiner Seite durch einen besonderen Gedanken gezerrt zu werden, – durch einen fieberhaften Gedanken, der ihn schauern machte, ohne daß dieser, gleichsam individuelle, Schauer sich dem übrigen Gesichte mittheilte; das war endlich das lebendige Schild, der belebte Prospectus aller der unseligen Leidenschaften, welche, gewöhnlich von der Rechten des Herrn auf die Menge ausgestreut, die Gott blendet, damit sie zerstöre, sich diesmal außerordentlicher Weise in einem einzigen Menschen, in einem einzigen Herzen, auf einem einzigen Gesichte concentrirt hatten.

Beim Anblicke dieses seltsamen Menschen fühlte Alles, was von Männern von guten Manieren und von eleganten Frauen in der Menge war, unter seiner Haut etwas wie einen Schauer hinlaufen; das Gefühl, das Jeden ergriff, war doppelt: es bestand zugleich aus dem Widerwillen, der entfernt, und aus der Neugierde, welche anzieht.

Dieser Mensch versprach Neuigkeiten; hätte er etwas ganz Anderes angeboten, so würden drei Viertel von denjenigen, welche da waren, entflohen sein, doch die Neuigkeiten waren eine so kostbare Waare zu jener Zeit, daß Jedermann blieb.

Nur wartete man; Niemand wagte es, zu fragen.

»Ihr verlangt Neuigkeiten?« sagte der außerordentliche Mann; »Ihr sollt haben, und zwar die allerfrischesten! Herr von Loménie hat seine Entlassung verkauft.«

»Wie, verkauft?« riefen fünf bis sechs Stimmen.

»Gewiß, er hat sie verkauft, da man sie ihm bezahlt hat, und sogar sehr theuer! doch so ist es in diesem schönen Königreiche Frankreich: man bezahlt die Minister, um einzutreten, man bezahlt sie, um zu bleiben, man bezahlt sie, um zu gehen; und wer bezahlt sie? der König! wer bezahlt aber den König? Ihr! ich! wir! .. Herr von Loménie von Brienne hat also seine Rechnung gemacht und die seiner Familie: er wird Cardinal sein, das ist abgethan; er hat auf das rothe Käppchen dieselben Rechte wie sein Vorgänger Dubois. Sein Neffe hat noch nicht das Alter, um Coadjutor zu sein; gleichviel! er wird die Coadjutorie vom Bisthum Sens haben! Seine Nichte, – Ihr begreift, man muß doch etwas für die Nichte thun, da man für den Neffen etwas thut, – wird eine Stelle als Palastdame erhalten; was ihn selbst betrifft, er hat sich während eines einjährigen Ministeriums ein Vermögen von fünf- bis sechsmal hunderttausend Livres Einkünfte auf die Güter der Kirche gemacht; überdies läßt er seinen Bruder als Kriegsminister zurück, nachdem er es dahin gebracht, daß er zum Ritter der Orden des Königs und zum Gouverneur der Provence ernannt worden ist. . . Ihr seht also, daß ich Recht hatte, wenn ich sagte, er nehme nicht seine Entlassung, sondern er verkaufe sie.«

»Und von wem haben Sie diese Details?« sagte Métra, der sich so weit vergaß, daß er fragte, er, den man immer fragte.

»Von wem ich sie habe? Bei Gott! vom Hofe. . . Ich bin vom Hofe!«

Und der seltsame Mensch steckte seine beiden Hände in seine Hosentaschen, spreizte seine krummen Beine, schaukelte sich von hinten nach vorne und von vorne nach hinten und neigte zum Zeichen der Herausforderung seinen Kopf noch mehr auf die linke Schulter.

»Sie sind vom Hofe?« murmelten mehrere Stimmen.

»Das setzt Euch in Erstaunen?« sagte der Unbekannte. »Ei! muß sich nicht, im Widerspiele mit der physischen Ordnung, in unserer moralischen Ordnung die Stärke auf die Schwäche, das Wissen auf die Dummheit stützen? Waren nicht Beaumarchais bei Mesdames; Mably beim Cardinal von Tencin; Champfort beim Prinzen von Condé; Thuliers bei Monsieur; Laclos, Frau von Genlis und Brissot beim Herzog von Orleans? Was fände sich also dabei Erstaunliches, daß ich auch bei Einem von allen diesen großen Herren wäre? obschon ich ein wenig mehr, als alle diejenigen, welche ich so eben genannt habe, werth zu sein behaupte.«

»Die Entlassung des Ministers ist also nach Ihrer Meinung gewiß?«

»Officiell»sage ich Ihnen.«

»Und wer kommt an seine Stelle?« fragten mehrere Stimmen.

»Wer? Bei Gott! der Genfer, wie der König sagt; der Charlatan, wie die Königin sagt; der Banquier, wie die Prinzen sagen, und der Vater des Volks, wie dieses arme Volk sagt, das Jedermann seinen Vater nennt, gerade weil es keinen Vater hat.«

Und das Lächeln eines Verdammten verzerrte den Mund des Redners.

»Sie sind also nicht für Herrn von Necker?« fragte schüchtern eine Stimme.

»Ich? doch, im Gegentheil . . . Pest! ein Land wie Frankreich braucht Männer wie Herrn Necker! Welchen Triumph bereitet man ihm auch! welche Allegorien verspricht man ihm! Ich habe gestern eine gesehen, wo er den Ueberfluß zurückbringt, und wo die bösen Geister bei seinem Anblicke fliehen; man hat mir heute eine andere gezeigt, wo er unter der Form eines aus einer Scheune hervorkommenden Flusses dargestellt ist. Ist sein Portrait nicht überall, an den Straßenecken, auf den Tabaksdosen, auf den Rockknöpfen? spricht man nicht davon, man wolle eine Straße durchbrechen, welche an die Banque gehen und die Rue Necker heißen wird? hat man nicht schon zwölf Münzen ihm zu Ehren geschlagen, fast so viel als für den Großpensionär de Witt, der gehenkt worden ist! – Ob ich für Herrn Necker bin? ich glaube wohl! Es lebe der König! es lebe das Parlament! es lebe Herr Necker!«

»Sie behaupten also, Herr Necker sei zum Minister an der Stelle von Herrn von Brienne ernannt worden?« sagte mitten unter der Menge eine Stimme, deren Frage wie eine Drohung klang, und die Aller Augen auf denjenigen, welcher gesprochen, zog.

Bemerken wir sogleich, daß der zweite Mann, der seinen Theil an der öffentlichen Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen zu wollen schien, derselben nicht minder würdig war, als der, welchem er sich gegenüber stellte.

Ganz das Gegentheil vom Ersten, der sein Widersacher werden sollte, wenn er nicht sein Freund wurde, war der Zweite, mit einer Art von Sorgfalt gekleidet und besonders merkwürdig durch die Feinheit und die Weiße seiner Wäsche, ein fünf Fuß acht Zoll hoher Coloß, jedoch mit vollkommenem Ebenmaße in allen Theilen seiner herculischen Gestalt. Man hätte glauben können, es sei eine Statue der Stärke, welche vollkommen gelungen, mit Ausnahme der Stelle des Gesichtes, wo die Form dem Erze entgangen zu sein schien: in der That sein ganzes Gesicht, – ein ungestaltetes Gesicht, – war nicht gezeichnet, nicht ausgehöhlt, sondern durchwühlt von den Pocken. Es schien, als wäre ihm ein mit geschmolzenem Blei gefülltes Instrument vor dem Gesichte zersprungen, als hätte ihm eine Chimäre mit dem Feuerathem ins Antlitz geblasen; es war für diejenigen, welche ihn anschauten und es versuchten, das Facies eines Menschen mit seinen gleichsam angelegten Zügen wiederaufzubauen, eine peinliche Entwickelung, eine mühsame Classificirung: die Nase war eingedrückt, das Auge kaum sichtbar, der Mund groß; dieser Mund ließ lächelnd eine doppelte Reihe von elfenbeinweißen Zähnen sehen und war, wenn er sich schloß, bedeckt mit zwei Wülsten voll Dreistigkeit und Sinnlichkeit; es war eine in den Händen Gottes beim Uebergange vom Löwen zum Menschen unterbrochene Anlage; es war eine unvollkommene, aber energische, unvollständige, aber furchtbare Schöpfung.

Das Ganze bildete eine erstaunliche Concentrirung von Leben, Fleisch, Knochen, Kraft, Blindheit, Dunkelheit und Schwindel.

Sieben bis acht Personen befanden sich zwischen diesen zwei Männern; sie zogen sich sogleich zurück, als hätten sie bei ihrer Berührung zermalmt zu werden befürchtet; so daß sie einander gegenüberstanden, ohne irgend ein Hinderniß zwischen ihnen, der Riese gegen den Zwerg die Stirne faltend, und der Zwerg gegen den Riesen lachend.

In einer Secunde waren Bertin, Parny, Florian, Rivarol, Champcenetz aus den Augen der Menge verschwunden, deren Aufmerksamkeit sich bei diesen zwei Männern concentrirte, die ihr doch völlig unbekannt.

Das war die Epoche der Wetten, denn die englischen Moden waren in Frankreich im Gefolge des Herzogs von Orleans und der Elegants des Hofes eingefallen; augenscheinlich konnte der Eine von diesen zwei Männern den Andern zerbrechen, wenn er nur seine Hand auf ihn fallen ließ: nun wohl! hätte ein Kampf zwischen ihnen stattfinden sollen, so wären eben so viel Wetten für den Einen als für den Andern gemacht worden; die Einen hätten für den Löwen gewettet, die Anderen für die Schlange, die Einen für die Stärke, die Anderen für das Gift.

Der Riese wiederholte seine Frage unter dem fast feierlichen Stillschweigen, das eingetreten war.

»Sie behaupten also, Herr Necker sei zum Minister an der Stelle von Herrn von Brienne ernannt worden?« sagte er.

»Das versichere ich.«

»Und Sie freuen sich über diese Veränderung?«

»Bei Gott!«

»Nicht weil sie den Einen erhebt, sondern weil sie den Andern vernichtet, und weil in gewissen Augenblicken vernichten gründen heißt, nicht wahr?«

»Es ist erstaunlich, wie Sie mich verstehen, Bürger!«

»Sie sind also der Freund des Volkes?«

»Und Sie?«

»Ich bin der Feind der Großen!«

»Das kommt auf Eins heraus.«

»Um das Werk anzufangen, ja . . . doch nicht, um es zu beendigen.«

»Sind wir einmal hierbei, so werden wir sehen.«

»Wo speisen Sie heute zu Mittag?«

»Mit Dir, wenn Du willst.«

»Komm, Bürger.«

Nach diesen Worten näherte sich der Riese dem Zwerge und reichte ihm einen eisernen Arm, an welchen sich der Zwerg hing.

Sodann, ohne sich weiter um die Menge zu bekümmern, als ob die Menge gar nicht existirt hätte, entfernten sich Beide mit großen Schritten und liefen die Neuigkeitsliebhaber unter dem Baume von Krakau die Nachricht commentiren, die man ihren politischen Appetiten als Futter preisgegeben hatte.

Am Ende des Palais-Royal und unter den Arcaden angelangt, welche zum Schauspiel-Saale der Variétes führten, – der da lag, wo heute das Théatre-Francais ist, —begegneten die neuen Freunde, die sich ihre Namen noch nicht genannt hatten, einem ganz zerlumpten Manne, der mit Billets am Tage und mit Contremarquen am Abend handelte.

Man spielte in diesem Augenblicke im Theater der Varietes ein sehr besuchtes Stück, betitelt: Arlequin, Kaiser im Monde.

»Herr Danton,« sagte der Billethändler zu dem Größeren von den beiden Männern »Bordier spielt heute Abend; wollen Sie eine gute, wohl verborgene kleine Loge, in die man eine hübsche Frau führen, und man sehen kann, ohne gesehen zu werden?«

Danton stieß ihn aber mit der Hand zurück, ohne zu antworten.

Da machte der Billethändler die Runde um Beide, wandte sich an den Kleineren und sagte:

»Bürger Marat, wollen Sie einen Platz auf dem Parterre? Sie werden dort mitten unter trefflichen Patrioten sein! Bordier gehört zu den Guten.«

Marat stieß ihn aber, ohne zu antworten, mit dem Fuße zurück.

Der Billethändler entfernte sich brummend.

»Ah! Herr Hébert,« sagte ein Straßenjunge, der mit den Augen das Billetpäckchen, das der Händler in seiner Hand hielt, verschlang; »ah! Herr Hébert, schenken Sie mir ein Amphitheater-Billetchen.«

So wurde am 24. August 1788 der Advocat Danton dem Arzte vom Marstalle des Grafen von Artois, Marat, durch den Contremarquenhändler Hébert vorgestellt.




IV

Bei Danton


Während Rivarol Champcenetz, ohne daß dieser ihm antworten konnte, fragte, wer die zwei Unbekannten seien, die sich entfernten, während Bertin, Parny und Florian sich sorglos verließen, – Singvögel, die den Sturm nicht vorhersahen, – Bertin, um seine Anstalten zur Abreise zu treffen, Parny, um seine letzten Verse der Galanteries de la Bible zu reimen, und Florian, um seine Rede zur Aufnahme in die Academie vorzubereiten; während Métra, für den Augenblick seines Rufes verlustig unter diesen Neuigkeitskrämern, deren König er war, sich in den Tiefen des Circus verlor und das Journalde Paris im Lesecabinet von Girardin verlangte; während unter den gegen die Kreuzpflanzung mündenden Lindenalleen die eleganten Frauen und die Muscadins lustwandelten, ohne sich darum zu bekümmern, wer noch Minister war oder nicht war, – Jene mit schwarzen Gazehüten à la caisse d'escompte, welche Hüte ohne Fonds waren, diese mit Westen, worauf die großen Männer des Tages zu sehen, das heißt verziert mit den Portraits der zwei Helden, welche in der Mode: Lafayette und d'Estaing, – schritten unsere zwei Patrioten über den Platz des Palais-Royal, schlugen den Weg durch die Rue Saint-Thomas du Louvre ein, erreichten den Pont-Neuf und mündeten durch die Rue des Fosses-Saint-Germain in die Rue du Paon, wo Danton wohnte.

Unter Weges erfuhr Jeder, mit wem er es zu thun hatte. Hébert hatte, wie wir gesehen, hinter einander die Namen Danton und Marat ausgesprochen; diese ausgesprochenen Namen gaben aber keinen ganz klaren Aufschluß, in so fern der eine, der von Marat, kaum bekannt, und der andere, der von Danton, völlig unbekannt war; doch seinem Namen fügte sodann Jeder seine Titel und seine Eigenschaften bei, so daß Danton wußte, er gehe an der Seite des Verfassers der Schriften: die Fesseln der Sklaverei, der Mensch oder Principien und Gesetze des Einflusses der Seele auf den Körper und des Körpers auf die Seele, Vermischte literarische Aufsätze, Forschungen über das Feuer, die Elektricität und das Licht, die Optik von Newton, und endlich, Academische Memoiren oder Neue Entdeckungen über das Licht; und Marat seinerseits wußte, daß er den Arm gab Georges Jacques Danton, Advocaten am Cassationshofe, letztem Erben einer guten bürgerlichen Familie in Arcis-sur-Aube, seit drei Jahren verheirathet mit einer reizenden Frau Namens Gabriele Charpentier und seit zwei Jahren Vater von einem Taugenichts, auf den er, wie alle Väter, die schönsten Hoffnungen gründete.

Das Haus, das Danton bewohnte, wurde zugleich von seinem Schwiegervater, Herrn Ricordin, bewohnt; der Vater von Danton war jung gestorben und seine Mutter hatte sich wieder verheirathet; doch sein Schwiegervater war so vortrefflich gegen ihn gewesen, daß er den Verlust, den er erlitten, kaum bemerkt hatte. Herr Ricordin hatte im zweiten Stocke die auf die Straße gehende große Wohnung inne, während Danton seinerseits eine kleinere Wohnung einnahm, deren Fenster sich auf die Passage du Commerce öffneten. Die zwei Wohnungen, die des Schwiegervaters und die des Schwiegersohnes, standen durch eine Thüre mit einander in Verbindung, und seit einiger Zeit hatte, in der Hoffnung auf die zukünftige Clientel des jungen Advocaten, Herr Ricordin von seiner Wohnung einen großen Salon abgetrennt, aus dem Danton sein Cabinet gemacht. Durch diese Beifügung fand sich die kleine Wirthschaft behaglicher; Danton schloß sich mit seiner ganzen mächtigen Vitalität in dieses große Cabinet ein, und überließ seiner Frau, seinem Kinde und seiner Köchin, die den einzigen Dienstboten des Hauses bildete, die ganze übrige Wohnung, bestehend aus einer großen gemeinschaftlichen Küche, welche zugleich vom Schwiegervater und vom Schwiegersohne benützt wurde, einem Vorzimmer, einem Schlafzimmer und einem Salon.

In dieses letzte, mit den Portraits von Madame Ricordin und Herrn Charpentier Vater geschmückte, Zimmer wurde Marat eingeführt. Die zwei Portraits waren vollkommene Typen des Bürgerthums von damals und hoben nur um so mehr ein Bild von Danton in Lebensgröße, stehend und mit ausgestreckter Hand dargestellt, hervor; dieses Bild war, wenn man es von zu nahe betrachtete, nur eine Skizze, an der man nichts unterscheiden konnte; wich man aber ein paar Schritte zurück, studirte man es aus der Entfernung, so entwirrte sich diese ganze Impastirung, und man sah eine Anlage erscheinen, – allerdings eine Anlage, doch eine lebendige, voll Feuer und Genie. Diese Anlage war in ein paar Stunden unter dem Pinsel eines jungen Freundes von Danton, den man Jacques Louis David nannte, entstanden.

Die übrige Wohnung war äußerst einfach; nur aus einigen Einzelheiten, wie Vasen, Leuchter, Pendeluhren, errieth man ein dumpfes Verlangen nach Luxus, ein sinnliches Bedürfniß, Gold zu sehen.

In dem Augenblicke, wo Danton klingelte, erkannte man seine Art zu klingeln, und Alles lief nach der Thüre, die junge Frau, das Kind, der Hund; als aber die Thüre sich öffnete, als man hinter dem Herrn des Hauses den fremden Gast sah, den er brachte, da wich die Frau einen Schritt zurück, weinte das Kind, bellte der Hund.

Das Gesicht von Marat zog sich leicht zusammen.

»Verzeihen Sie, mein lieber Gast,« sagte Danton, »Sie sind noch fremd hier, und . . .«

»Und ich bringe meine Wirkung hervor,« versetzte Marat. »Es ist unnöthig, daß Sie sich entschuldigen, ich kenne das!«

»Meine gute Gabriele,« sprach Danton, indem er seine Frau küßte wie ein Mensch, der sich Verzeihung für etwas zu verschaffen hat, »ich habe diesen Herrn im Palais-Royal getroffen: es ist ein ausgezeichneter Arzt; er ist mehr als dies, er ist Philosoph, und er hatte die Güte, meine Einladung, bei uns zu Mittag zu speisen, anzunehmen.«

»Von Dir gebracht, mein lieber Georges, ist der Herr sicher des Empfanges, den man ihm bereiten wird, nur war das Kind nicht in Kenntniß gesetzt, und der Hund . . .«

»Ist ein guter Wächter, wie ich sehe,« sprach Marat; »überdies habe ich Eines bemerkt,« fügte er mit einer bewunderungswürdigen Rücksichtslosigkeit bei, »die Hunde sind sehr aristokratisch ihrer Natur nach.«

»Ist einer von unseren Tischgenossen angekommen?« fragte Danton.

»Nein . . . nur der Koch.«

Madame Danton sprach diese Worte lächelnd aus.

»Hast Du ihm Deine Unterstützung angeboten? – denn, meine gute Gabriele, Du bist auch eine vortreffliche Köchin!«

»Ja, doch zu meiner Schande habe ich mich zurückgewiesen gesehen.«

»Bah! . . . Du hast Dich also darauf beschränkt, daß Du den Tisch zugerichtet?«

»Nicht einmal dies.«

»Wie, nicht einmal dies?«

»Nein; zwei Diener haben Alles gebracht! Tischzeug, Silbergeschirr, Candelaber.«

»Glaubt er denn, wir haben das nicht?« versetzte Danton, indem er sich aufrichtete und die Stirne faltete.

»Er hat gesagt, das sei eine unter Euch verabredete Sache, und er sei nur unter diesen Bedingungen gekommen, um zu kochen.«

»Gut! lassen wir ihn in Ruhe: das ist ein Original . . . Höre, mein Kind, man klingelt: sieh, wer kommt.«

Dann sich gegen Marat umwendend:

»Vernehmen Sie die Liste unserer Tischgenossen, mein Gast: vor Allem ein College von Ihnen, der Herr Doctor Guillotin; Talma und Maria Joseph von Chénier, zwei Unzertrennliche; Camille Desmoulins, ein Kind, ein Straßenjunge, doch ein Straßenjunge von Genie; – und wer noch? . . . Sie, meine Frau und ich, das sind Alle . . . Ah! ich vergaß David. Ich hatte meinen Schwiegervater eingeladen, doch er findet, wir seien zu hohe Gesellschaft für ihn; das ist ein guter, vortrefflicher Mann der Provinz, der sich in Paris ganz fremd fühlt und mit gewaltigem Geschrei nach seinem Arcis-sur-Aube zurückverlangt . . . Nun, tritt doch ein, Camille, komm herein!«

Diese letzten Worte waren an einen Mann von mittlerem Wuchse gerichtet, der, obwohl sechsundzwanzig bis achtundzwanzig Jahre alt, kaum zwanzig zu zählen schien. Es war offenbar ein Vertrauter des Hauses; denn eben so gut von Jedermann aufgenommen, als man Marat schlecht aufgenommen hatte, war er im Vorzimmer stehen geblieben, um Madame Danton die Hand zu drücken, das Kind zu küssen und den Hund zu streicheln.

Auf die Einladung von Danton trat er ein.

»Woher kommst Du denn?« fragte Danton; »Du siehst ganz zerzaust aus.«

»Ich? nicht im Geringsten!« erwiederte Camille, während er seinen Hut auf einen Stuhl warf; »doch stelle Dir vor . . . Ah! verzeihen Sie, mein Herr. . .«

Er hatte nun erst Marat wahrgenommen, und er grüßte ihn; Marat erwiederte seinen Gruß.

»Stelle Dir vor,« fuhr Camille fort, »ich komme vom Palais-Royal.«

»Wir auch,« versetzte Danton, »wir kommen auch von dort.«

»Ich weiß es wohl; ich habe Dich gesucht und war sehr erstaunt, Dich nicht unter den Linden zu finden, da ich Dir dort Rendez-vous gegeben.«

»Du hast die Neuigkeit erfahren?«

»Ja, die Entlassung von dieser Canaille Brienne, die Rückkehr von Herrn Necker! Es ist vortrefflich, Alles dies . . . Doch ich kam aus einem anderen Grunde ins Palais-Royal.«

»Und warum kamst Du?«

»Ich glaubte dort Jemand zu finden, der geneigt wäre, Streit mit mir zu suchen, und da ich geneigt war, ihn anzunehmen . . .«

»Bah! auf wen hattest Du es denn abgesehen?«

»Auf diese Viper Rivarol und auf die Natter Champcenetz . . .«

»Aus welchem Anlaß?«

»Weil diese Schufte mich in ihren Kleinen Almanach unserer großen Männer gesetzt hatten.«

»Und was macht das Dir?« sagte Danton, die Achseln zuckend.

»Das macht mir, das macht mir . . . Man soll mich nicht zwischen Herrn Desenarts und Herrn Derome genannt Eugene classificiren, zwischen einen Menschen, der den Befreienden Amor, ein abscheuliches Theaterstück, gemacht, und einen Menschen, der gar nichts gemacht hat.«

»Und was hast Du gemacht, daß Du so häkelig bist?« fragte lachend Danton.

»Ich?«

»Ja, Du.«

»Ich habe nichts gemacht, aber ich werde machen, dafür stehe ich Dir. Uebrigens irre ich mich: doch, bei Gott! ich habe einen Viervers gemacht, den ich ihnen zugeschickt . . . Ah! ich habe sie gut zugerichtet; das ist Martial, Altrömisch . . .

Au grand hôtel de la Vermine

On est, logé très-proprement:

Rivarol y fait la cuisine,

Et Champcenetz, l'appartement.

»Du hast unterzeichnet?« fragte Danton.

»Bei Gott! darum ging ich ins Palais-Royal, aus dem sich weder der Eine, noch der Andere rührt. . . . Ich glaubte Antwort auf meinen Viervers zu finden: nun, ich bin nicht auf meine Kosten gekommen, wie Talma sagt.«

»Sie haben nicht mit Dir gesprochen?«

»Sie haben sich den Anschein gegeben, als sähen sie mich nicht, mein Lieber.«

»Wie, mein Herr,« rief Marat, »Sie sind noch dabei, daß Sie sich um das bekümmern, was man sagt, oder was man über Sie schreibt?«

»Ja, mein Herr, ja,« antwortete Camille; »ich muß gestehen, ich habe eine sehr empfindliche Haut; ich werde auch, wenn ich je etwas thue, sei es nun in der Literatur, oder in der Politik, ein Journal haben, und dann . . .«

»Was werden Sie denn in Ihrem Journal sagen?« fragte eine Stimme, welche aus dem Vorzimmer kam.

»Mein lieber Talma,« erwiederte Camille, die Stimme des großen Künstlers erkennend, der damals seine dramatische Laufbahn begann, »ich werde sagen, daß Sie an dem Tage, wo Sie eine schöne Rolle bekommen, der erste Tragiker der Welt sein werden.«

»Nun wohl, ich habe die Rolle,« versetzte Talma, »und hier ist der Mann, der sie mir gegeben.«

»Ah! guten Tag, Chénier! . . . Du hast also ein neues Trauerspiel gemacht?« fragte Camille sich an den Letzteren wendend.

»Ja, mein Freund,« antwortete Talma, »ein herrliches Werk, das er gestern gelesen hat, und das einstimmig angenommen worden ist: einen Karl IX. Ich werde Karl IX. spielen, vorausgesetzt, daß das Gouvernement die Ausführung des Stückes erlaubt . . . Denke Dir, dieser Dummkopf Saint-Phal hat die Rolle zurückgewiesen: er hat gefunden, Karl IX. sei keine sympathetische Person! . . . Sympathetisch, was sagst Du dazu, Danton? Ich hoffe ihn wohl verabscheuenswerth zu machen!«

»Sie haben Recht aus dem Gesichtspunkte der Politik,« bemerkte Marat: »es ist gut, die Könige verabscheuenswerth zumachen; aus dem Gesichtspunkte der Geschichte werden Sie aber vielleicht Unrecht haben,«

Talma war äußerst kurzsichtig; er näherte sich dem, welcher mit ihm sprach, und dessen Stimme er nicht erkannte, obschon er mit allen Stimmen, die man bei Danton hörte, vertraut war, und durch den Schleier seiner Kurzsichtigkeit, die sich erhellte, gewahrte er endlich.

Ohne Zweifel war die Entdeckung nicht günstig, denn er blieb rasch wieder stehen.

»Nun?« machte Marat, der, wie bei Madame Danton, wie bei dem Kinde, wie beim Hunde, die von ihm hervorgebrachte Wirkung bemerkte.

»Nun, mein Herr,« erwiederte Talma ein wenig aus der Fassung gebracht, »ich bitte Sie um die Erklärung Ihrer Theorie.«

»Meine Theorie, mein Herr, ist folgende: hätte Karl IX. die Hugenotten ihre Werke vollbringen lassen, – und hierin bin ich nicht der Parteilichkeit zu beschuldigen, – so wurde der Protestantismus die Religion des Staates, und die Condé wurden Könige von Frankreich; dann geschah mit unserem Lande, was mit England geschehen ist: wir hielten in unserem Marsche an, der methodische Geist von Calvin trat an die Stelle der unruhigen Thätigkeit, welche das Eigenthümliche der katholischen Völker ist, und die sie zur Eroberung der Verheißungen Christi antreibt. Christus hat uns die Freiheit, die Gleichheit, die Brüderschaft verheißen; die Engländer haben die Freiheit vor uns gehabt; erinnern Sie sich aber wohl dessen, was ich Ihnen sage, mein Herr: wir werden die Gleichheit und die Brüderschaft vor ihnen haben, und diese Wohlthat werden wir verdanken . . .«

»Den Priestern?« versetzte Chénier mit einer spöttischen Miene.

»Nein, nicht den Priestern, Herr von Chénier,« entgegnete Marat, indem er einen besonderen Nachdruck aus die Partikel legte, welche zu jener Zeit der Verfasser von Azemire und Karl IX. noch nicht abgelehnt hatte, »es ist die Religion, die das Gute gemacht hat, es sind die Priester, die das Böse gemacht. Sollten Sie eine andere Idee in Ihren Karl IX. eingeführt haben? Dann hätten Sie sich getäuscht.«

. »Nun wohl! wenn ich mich getäuscht habe, so wird das Publikum gegen meinen Irrthum Gerechtigkeit üben.«

»Es ist abermals ein sehr schlechter Grund, den Sie mir da angeben, mein bester Herr von Chénier, und ich bezweifle, daß Sie ihn für Ihre Tragödie Azemire adoptirt haben, wie Sie ihn für Ihr Trauerspiel Karl IX. zu adoptiren bereit zu sein scheinen.«'

»Mein Trauerspiel Azemire ist nicht vor dem Publikum gespielt worden, mein Herr; es ist bei Hofe gespielt worden, und Sie kennen die Meinung von Voltaire über dieses Tribunal:

		»La cour a sifflé tes talentś;
		Paris applaudit tes merveilles.
		Grétry, les oreilles des grands
		Sont souvent de grandes oreilles.[12 - Der Hof hat Deine Talente ausgepfiffen;Paris klatscht Deinen Wunderwerken Beifall.Grétry, die Ohren der Großensind oft große Ohren!]«

»Oh! ja, mein Herr, ich bin es gewiß nicht, der Ihnen über diesen Punkt widersprechen wird. Aber hören Sie mich wohl an, denn ich will nicht der Inconsequenz beschuldigt werden: es ist möglich, daß Sie eines Tages sagen hören, Marat verfolge die Religion, Marat glaube nicht an Gott, Marat fordere den Kopf der Priester. Ich werde den Kopf der Priester fordern, mein Herr; aber gerade weil ich die Religion verehren, weil ich an Gott glauben werde.«

»Und wenn man Ihnen die Köpfe gibt, die Sie fordern, Herr Marat,« sagte ein kleiner Mann von vierzig bis fünfundvierzig Jahren, der eben eingetreten war, »dann rathe ich Ihnen, das Instrument zu nehmen, in dessen Verfertigung ich begriffen bin.«

»Ah! Sie da, Doctor?« rief Danton, indem er sich gegen den neuen Gast umwandte, den er, ganz beschäftigt mit dem Gespräche von Chénier und Marat, bei seinem Eintritte nicht begrüßt hatte.

»Ah! Herr Guillotin!« sprach Marat mit einer gewissen Ehrfurcht grüßend.

»Ja, Herr Guillotin?« erwiederte Danton, »ein vortrefflicher Arzt, doch ein noch viel vortrefflicherer Mensch . . . Und was für ein Instrument ist es, das Sie verfertigen, und wie heißt es, mein lieber Doctor?«

»Wie es heißt, lieber Freund? ich vermöchte es Ihnen nicht zu sagen, denn ich habe ihm noch keinen Namen gegeben; doch der Name thut nichts zur Sache.«

Dann fuhr er, zu Marat zurückkehrend, fort:

»Sie kennen mich wahrscheinlich nicht, mein Herr; doch wenn Sie mich kennen lernen, so werden Sie erfahren, daß ich ein wahrer Philanthrop bin.«

»Ich weiß über Sie Alles, was man wissen kann, mein Herr,« erwiederte Marat mit einer gewissen Höflichkeit, die er erst bei dieser Gelegenheit hatte zum Vorscheine kommen lassen, – »nämlich, daß Sie nicht nur einer der gelehrtesten Männer sind, die es gibt, sondern auch einer der besten Patrioten, welche existiren. Ihre These auf der Universität von Bordeaux, der Preis, den Sie bei der medicinischen Facultät davon getragen, Ihr Urtheil über Mesmer, die wunderbaren Curen, die Sie alle Tage bewerkstelligen, so viel, was das Wissen betrifft; Ihre Petition der in Paris domicilirten Bürger, dies, was den Patriotismus betrifft. Ich sage mehr: ich weih sogar etwas von dem Instrumente, von dem Sie reden. Ist es nicht eine Maschine, um den Kopf abzuschneiden?«

»Wie, Doctor, Sie nennen sich Philanthrop, und Sie erfinden eine Maschine, um die Menschheit zu tödten?« rief Camille.

»Ja, Herr Desmoulins,« antwortete ernst der Doctor, »und gerade weil ich Philanthrop bin, erfinde ich sie. Die Todesstrafe anwendend, hat bis heute die Gesellschaft nicht nur gestraft, sondern sich gerächt. Was sind alle diese Strafen des Verbrennens, des Rades, der Viertheilung? was ist das siedende Oel? was ist das geschmolzene Blei? ist es nicht die Fortsetzung der Tortur, die Ihr vortrefflicher König modificirt, wenn nicht aufgehoben hat? Meine Herren, was will das Gesetz, wenn es schlägt? Es will den Schuldigen zu nichte machen; nun wohl! die ganze Strafe muß im Verluste des Lebens und nicht in etwas Anderem bestehen; die Beifügung irgend eines Schmerzes zur Strafe ist ein Verbrechen dem gleich, welches es auch sein mag, das der Verbrecher begangen haben kann.«

»Ah! ah!« rief Danton; »und Sie glauben, Sie werden den Menschen, diese so wunderbar organisirte Maschine, die sich an das Leben durch alle ihre Begierden, durch alle ihre Sinne, durch alle ihre Fähigkeiten anklammert, – Sie glauben, Sie werden den Menschen zerstören, wie ein Quacksalber einen Zahn auszieht, – ohne Schmerz?«

»Ja, Herr Danton! ja, ja, ja!« rief der Doctor sich begeisternd, »ohne Schmerz! . . .Ich zerstöre den Menschen durch die Vernichtung; ich zerstöre, wie die Elektrizität zerstört, wie der Blitz zerstört; ich schlage, wie Gott, diese höchste Gerechtigkeit, schlägt!«

»Und wie schlagen Sie?« fragte Marat; »ich bitte, sagen Sie mir das, wenn es nicht ein Geheimniß ist. Sie können sich keinen Begriff machen, wie sehr mich Ihr Gespräch interessirt.«

»Ah!« machte Guillotin athmend, als gewährte es ihm die größte Freude, endlich einen seiner würdigen Zuhörer gefunden zu haben. »Nun wohl, mein Herr, vernehmen Sie: meine Maschine ist eine ganz neue Maschine, und zwar von einer Einfachheit . . . wenn Sie das sehen, werden Sie erstaunt sein über diese Einfachheit; und Sie werden sich wundern, daß eine so wenig complicirte Sache sechstausend Jahre gebraucht hat, um sich zu produciren! Stellen Sie sich eine Plattform vor, mein Herr, eine Art von Theater . . . Herr Talma, nicht wahr, Sie hören auch?«

»Bei Gott!« erwiederte Talma, »ich glaube wohl, daß ich höre; ich schwöre Ihnen, das interessirt mich fast eben so sehr als Herrn Marat.«

»Nun wohl, ich sagte Ihnen also: stellen Sie sich eine Plattform, eine Art von kleinem Theater vor, zu welchem man auf fünf bis sechs Stufen hinaussteigt; die Zahl thut hierbei nichts. Auf diesem Theater errichte ich zwei Pfosten, ich bringe unten an diesen zwei Pfosten eine Art von kleinem Charnier an, dessen oberer Theil beweglich ist und sich auf den Kopf des Verurtheilten senkt; oben an diese zwei Pfosten oder Säulen setze ich ein durch einen Block von dreißig bis vierzig Pfund beschwertes Messer, das durch ein Seil festgehalten wird: ich mache dieses Seil los, ohne es nur anzurühren, – mit einer Feder; das Eisen schlüpft zwischen den zwei wohl eingeschmierten Falzen nieder; der Verurtheilte fühlt eine leichte Kühle auf dem Halse, und pautz! der Kopf ist herab!«

»Pest!« rief Camille, »wie sinnreich ist das!«

»Ja, mein Herr,« erwiederte Guillotin, der sich immer mehr belebte, »und diese Operation, welche das Leben von der Materie trennt, welche tödtet, zerstört, zerschmettert, diese Operation dauert . . . errathen Sie, wie lang: – eine Secunde.«

»Ja, nicht eine Secunde, das ist wahr,« sagte Marat; »doch sind Sie sicher, mein Herr, daß der Schmerz nicht länger währt, als die Execution?«

»Wie soll der Schmerz das Leben überleben?«

»Bei Gott! wie die Seele den Leib überlebt.«

»Ah! ja, ich weiß es wohl,« versetzte Guillotin mit einer von der Vorhersehung des Kampfes herrührenden leichten Bitterkeit, – »Sie glauben an die Seele! Sie weisen ihr sogar, gegen die Ansicht der Spiritualisten, die sie durch den ganzen Körper verbreiten, einen besondern Sitz an; Sie geben ihr ihre Wohnung in den Hirnhäuten; weshalb Sie Descartes verachten und Locke folgen, den Sie wenigstens hätten citiren müssen, da Sie einen Theil von seiner Lehre angenommen haben. Oh! haben Sie meine Brochure über den dritten Stand gelesen, so habe ich Ihr Buch über den Menschen gelesen; ich habe Alles gelesen, was Sie gemacht, Ihre Arbeiten über das Feuer, über das Licht, über die Elektricität . . . Ja, ja, da es Ihnen nicht gegen Voltaire und die Philosophen geglückt ist, so hat Ihr kriegerischer Geist mit Newton angebunden! Sie haben seine Optik zu zerstören geglaubt und sich in eine Menge von übereilten, leichten, leidenschaftlichen Experimenten geworfen, die Sie von Franklin und Volta ratificiren zu machen versuchten; doch weder der Eine, noch der Andere war Ihrer Ansicht über das Licht, Herr Marat; erlauben Sie mir also, anders als Sie über die Seele zu denken.«

Marat hatte diesen ganzen Ausfall des Doctors Guillotin mit einer Ruhe angehört, über welche derjenige gewaltig erstaunt gewesen sein müßte, der den reizbaren Charakter des Arztes vom Marstalle des Grafen von Artois gekannt hätte; doch in den Augen eines tiefen Beobachters würde sogar diese Ruhe das Maß vom Grade des Interesses geboten haben, das Marat an der großen Erfindung des Doctors Guillotin nahm.

»Nun wohl, mein Herr,« sagte er, »auf einen Augenblick, und da Sie dieselbe so sehr erschreckt, verlasse ich die Seele und kehre zur Materie zurück, denn die Materie ist es und nicht die Seele, was leidet.«

»Dann, da ich die Materie tödte, leidet die Materie nicht.«

»Sie sind ganz sicher, daß Sie sie tödten?«

»Ob ich die Materie tödte, wenn ich den Kopf abschneide?«

»Sind Sie ganz sicher, sie auf der Stelle zu tödten?«

»Erklären Sie sich!« versetzte Guillotin.

»Oh! meine Erklärung ist sehr einfach; Sie legen den Sitz des Urtheils in das Gehirn, nicht wahr? Mit dem Gehirne denken wir, und zum Beweise dient, daß wir, wenn wir viel gedacht haben, Kopfweh bekommen.«

»Ja, doch ins Herz legen Sie den Sitz des Lebens,« rief Guillotin, der die Argumente seines Gegners vorhersah.

»Es sei; legen wir den Sitz des Lebens ins Herz; doch das Gefühl des Lebens, wohin werden wir es legen? Ins Gehirn . . . Nun wohl! Trennen Sie den Kopf vom Leibe: der Leib wird todt sein, das ist möglich; der Leib wird nicht mehr leiden, das ist abermals möglich; doch der Kopf, mein Herr! der Kopf!«

»Nun! der Kopf?«

»Der Kopf, mein Herr, wird fortfahren, zu leben und folglich zu denken, so lange ein Blutstropfen sein Gehirn beleben wird , und daß er sein Blut verliert, braucht er wenigstens acht bis zehn Secunden!«

»Oh! acht bis zehn Secunden,« sagte Camille, »das ist bald vorüber.«

»Das ist bald vorüber?« rief Marat aufstehend; »sind Sie so wenig Philosoph, junger Mann, daß Sie den Schmerz nach der Zeit messen, die er dauert, und nicht nach dem Schlage, den er schlägt, nach dem Factum, und nicht nach den Folgen? Aber, – bedenken Sie das wohl, ,– dauert ein unerträglicher Schmerz eine Secunde, so dauert er eine Ewigkeit, und wenn dieser, schon unerträgliche, Schmerz Gefühl genug läßt, daß derjenige, welcher ihn empfindet, begreift, während er ihn empfindet, das Ende des Schmerzes sei das Ende des Lebens, und wenn er, trotz dieses unerträglichen Schmerzes, um sein Leben zu verlängern, seinen Schmerz verlängern wollte, glauben Sie nicht, das sei eine unduldbare Strafe?«

»Ah! darin stimmen wir gerade nicht überein,« sagte Guillotin; »ich leugne, daß man leidet.«

»Und ich, ich behaupte es,« entgegnete Marat. »Uebrigens ist die Strafe der Enthauptung nicht neu; ich habe sie in Polen und in Rußland vollziehen sehen; man setzt dort den armen Sünder auf einen Stuhl; vier bis fünf Schritte von ihm ist ein Häufen Sand bestimmt, wie in der Arenen Spaniens, das Blut zu verbergen; der Henker löst den Kopf mit einem Säbelhiebe ab. Nun wohl, ich, ich habe, – ich sage Ihnen, mit meinen eigenen Augen, – gesehen, wie einer von diesen Körpern ohne Kopf aufstand, ein paar Schritte stolpernd machte und erst wieder niederfiel, als er an den Sandhaufen stieß, der vor ihm war. Ah! sagen Sie, mein Herr, Ihre Maschine sei rascher, abkürzender, in Revolutionszeiten biete sie den Vortheil, daß sie thätiger vernichte, als eine andere, und ich werde Ihrer Ansicht beitreten, – und das wird schon ein der Gesellschaft geleisteter großer Dienst sein; – doch daß sie milder sei? nein, nein, nein, mein Herr, das leugne ich!«

»Nun wohl! meine Herren,« sprach Guillotin, »die Erfahrung wird Sie das lehren,«

»Ei! Doctor,« fragte Danton, »wollen Sie damit sagen, wir werden den Versuch mit Ihrer Maschine machen?«

»Mein lieber Freund, meine Maschine ist nur für die Verbrecher bestimmt . . . Ich will damit sagen, man werde sie an den Köpfen der Verbrecher versuchen.«

»Wohl, Herr Guillotin, stellen Sie sich zum ersten Verurteilten, dessen Kopf durch die Anwendung Ihres Mittels fallen wird; heben Sie diesen Kopf im Augenblicke auf; schreien Sie ihm den Namen ins Ohr, den er im Leben hatte, und Sie werden diesen Kopf die Augen wieder öffnen und dieselben gegen Sie drehen sehen; das werden Sie sehen, mein Herr.«

»Unmöglich!«

»Das werden Sie sehen, mein Herr, wiederhole ich Ihnen; und Sie werden es sehen, weil ich, nachdem ich gethan, was ich Ihnen sage, daß Sie thun sollen, dies gesehen habe!«

Marat hatte diese Worte mit einer solchen Ueberzeugung ausgesprochen, daß Niemand es versuchte, nicht einmal der Doctor Guillotjn, die Fortdauer, wenn nicht des Lebens, doch wenigstens des Gefühls in den abgeschnittenen Köpfen zu leugnen.

»Aber bei alle dem, Doctor,« sagte Danton, »und trotz Ihrer Beschreibung habe ich keinen sehr genauen Begriff von Ihrer Maschine.«

»Sieh,« sagte aufstehend und Danton eine Skizze darbietend ein junger Mann, der eingetreten war, ohne gesehen zu werden, so belebt war das Gesprächs sich gesetzt und auf ein Papier eine Skizze von der von Herrn Guillotin beschriebenen entsetzlichen Maschine gezeichnet hatte; »sieh, Danton, hier ist die Sache . . . Begreifst Du nun?«

»Ich danke, David,« erwiederte Danton. »Ah! sehr gut . . . Doch mir scheint. . . Deine Maschine functionirt.«

»Ja,« antwortete David, »sie ist im Zuge, an drei Mördern Gerechtigkeit zu üben; einer ist da, den man, wie Du siehst, gerade executirt, und zwei, welche warten.«

»Und diese drei Mörder sind Cartouche, Mandrin und Poulailler?« fragte Danton.

»Nein, diese drei Mörder sind Vanloo, Boucher und Watteau.«

»Und wen haben sie denn ermordet?«

»Bei Gott! die Malerei.«

»Mein Herr, es ist aufgetragen,« meldete ein Diener in großer Livree, indem er die zwei Thüren des Arbeitscabinets von Danton öffnete, das, nur für einen Tag, Speisezimmer geworden war.

»Zu Tische! zu Tische!« rief Danton.

»Herr Danton,« sprach Marat, »zum Andenken an das Glück, das ich heute gehabt, mit Ihnen zusammenzutreffen, schenken Sie mir die Zeichnung von Herrn David.«

»Oh! sehr gern,« erwiederte Danton. »Du siehst, David, man beraubt mich!«

Und er reichte die Zeichnung Marat.

»Sei ruhig,« versetzte David, »ich werde Dir eine andere machen, und Du wirst vielleicht nichts beim Tausche verlieren!«

Nach diesen Worten ging man ins Cabinet oder vielmehr, wie gesagt, ins Speisezimmer.




V

Das Mittagsmahl


Die Doppelthüre öffnend, hatte der Diener vom Speisezimmer in den Salon eine wahre Lichtwoge einströmen lassen; denn man hatte, obgleich es erst vier Uhr Nachmittags war, zu welcher Stunde man damals zu Mittag speiste, Läden und Vorhänge schließend die Nacht improvisirt und diese Nacht erleuchtet mittelst einer großen Verstärkung von Lustres, Candelabres und sogar Lämpchen, von denen eine doppelte Reihe am Karnieß hinlaufend das Zimmer mit einem Feuerdiadem bekränzte.

Ueberdies war es augenscheinlich, daß man Alles im Cabinet des Advocaten beim Cassationshofe dem großen Acte, der darin in Erfüllung gehen sollte, geopfert hatte. – Der Schreibtisch war zwischen zwei Fenster gerückt worden; der große Mahagonifauteuil mit ledernem Polster hatte sich unter ein improvisirtes Buffet gefügt; Vorhänge waren vor den Fachkasten ausgespannt worden, um die Cartons zu verbergen und um begreiflich zu machen, jedes Geschäft, welches es auch sein mochte, sei auf den andern Tag verschoben worden; in der Mitte des Zimmers hatte man endlich die Tafel zugerichtet.

Diese Tafel von runder Form, bedeckt mit dem feinsten Leinenzeug, war geschmückt mit einem Aufsatze, der von Blumen, Silbergeschirr und Kristallen glänzte, und in der Mitte von diesen erblickte man in den manierirtesten Stellungen kleine Statuen von Flora, Pamona, Ceres, Diana, Amphitrite, Nymphen, Najaden, Hamadryaden, natürlichen Repräsentantinnen der verschiedenen culinarischen Combinationen, die ein wohl geordnetes Mahl bilden, bei welchem die ausgesuchtesten Producte der Gärten, der Felder, der Wälder, des Meeres, der Flüsse, der Bäche und der Quellen erscheinen müssen.

Jeder Gast hatte auf seiner Serviette eine Karte, worauf mit vollkommen leserlicher Schrift der Küchenzettel des Mahles geschrieben war, damit Jeder, nachdem er zum Voraus seine Wahl getroffen, mit Berechnung und Unterscheidung essen konnte.

Diese Karte war also abgefaßt:

1. Austern von Ostende nach Belieben, in Betracht der Jahreszeit, in der man sich befindet, durch außerordentlichen Courier gebracht, welche man auch nur aus dem Seewasser zieht, um auf der Tafel geöffnet und servirt zu werden.

2. Osmazomsuppe,

3. Eine sieben bis acht Pfund schwere Truthenne mit Perigord-Trüffeln vollgestopft bis zu ihrer Verwandlung in ein Sphäroid.

4. Ein großer Rheinkarpfen, reich garnirt, lebendig von Straßburg nach Paris gekommen, in stark eingekochtem Jus und rothem Weine fertig gemacht.

5. Wachteln mit Trüffeln gefüllt und mit Ochsenmark fertig gemacht, auf gerösteten Brodschnitten mit Basilienkraut zugerichtet.

S. Ein Flußhecht, gespickt, gefüllt und mit einer Krebsrahmsauce begossen.

7. Ein Fasan, abgelagert, gespickt, auf einer à la Soubise gearbeiteten gerösteten Brodschnitte liegend.

8. Spinat mit Wachtelnfett.

9. Zwei Dutzend Ortolane à la Provencale.

10. Eine Pyramide Meringuen à la vanille und à la rose.


Tafelweine

Madeira, Bordeaux, Champagner, Burgunder, Alles von den besten Gewächsen und den besten Jahrgängen,


Dessertweine

Alicante, Malaga, Xeres, Syrakuser, Cyperwein und Constantiawein.

Anmerk. Es steht den Gästen frei, die Weine nach ihrer Laune zu fordern und zu vermengen; ein Freund gibt ihnen jedoch den Rath, bei den ersten von den substantielleren zu den leichteren, und bei den andern von den flackerern zu den mit starker Blume überzugehen.

Die Gäste nahmen jeder seinen Platz und lasen die Karte des Mahles mit verschiedenen Eindrücken: Marat mit Geringschätzung; Guillotin mit Interesse; Talma mit Neugierde; Chénier mit Gleichgültigkeit; Camille Desmoulins mit Sinnlichkeit; David mit Erstaunen, und Danton mit Wollust.

Dann umherschauend, bemerkten sie, daß ein Gast fehlte: sie waren nur zu sieben bei Tische und die Tafel hatte acht Gedecke.

Der achte, zwischen Danton und Guillotin vorbehaltene, Platz war leer.

»Meine Herren,« sagte Camille, »es fehlt uns Einer, wie es scheint; doch auf einen verspäteten Gast warten ist ein Mangel an Rücksicht gegen alle Anwesende; ich verlange als«, daß zur Eröffnung der Sitzung geschritten werde, und zwar ohne Verzug.«

»Und ich, mein lieber Camille, ich bitte die Gesellschaft tausendmal um Entschuldigung; doch ich hoffe, sie fühlt sich nur bei Einsicht dieser Karte zu sehr dankbar gegen denjenigen, welcher diesen Platz einnehmen soll, um ohne ihn ein Mahl anzufangen, das sie nicht ohne ihn machen würde.«

»Wie! der Gast, der uns fehlt,« versetzte Camille, »es ist . . .«

»Unser Koch!« sprach Danton.

»Unser Koch?« wiederholten im Chor die Gäste.

»Ja, unser Koch . . . Damit Sie nicht glauben, ich sei im Zuge, mich zu Grunde zu richten, meine Herren, muß ich Ihnen die Geschichte unseres Gastmahles geben. Ein wackerer Abbé, den man den Abbé Roy nennt, und der, wie es scheint, mit den Angelegenheiten der Prinzen beauftragt ist, kam zu mir und verlangte eine Konsultation für Ihre Hoheiten . . . Wem verdanke ich dieses Glück? der Teufel soll mich holen, wenn ich eine Vermuthung hierüber habe. Doch die Consultation wurde gegeben, und vor acht Tagen brachte mir der Biedermann von einem Abbé tausend Franken. Da ich nun meine Hände nicht mit dem Gelde der Tyrannen beschmutzen wollte, so beschloß ich, den Erfolg meiner Consultation einem Mahle von Freunden zu weihen, und da Grimod de la Reyniére der Nächste ist, so fing ich meine Runde mit Grimod de la Reyniére an; der erhabene Feinschmecker erklärte mir aber, er speise nie außer seinem Hause, wenn er nicht das Diner selbst mache; ich erwiederte ihm daher, ich stelle ihm nicht nur die tausend Franken, welche zu verspeisen, sondern auch meine Küche, meine Köchin, meinen Keller u. s. w. zur Verfügung. Bei diesem Anerbieten schüttelte er den Kopf. »»Ich nehme die Küche, und das Uebrige sei meine Sache,«« sagte er. Alles Uebrige, meine Herren, ist also von unserem Koche: Tischzeug, Silbergeschirr, Blumen, Aussatz, Candelabres, Lustres, und wenn Sie einen Dank abzustatten haben, so ist es nicht mir, sondern ihm.«

Danton hatte kaum diese Erklärung vollendet, da öffnete sich die Thüre im Fond, und ein zweiter Lackei meldete:

»Herr Grimod de la Reyniére.«

Bei dieser Kunde stand Jeder auf, und man sah einen Mann von fünfunddreißig bis sechsunddreißig Jahren, mit sanftem, vollem, blühendem, angenehmem, geistreichem Gesichte eintreten; er war bekleidet mit einem weiten schwarzen Sammetrocke, mit einer Hose von brochirtem Atlaß, auf der zwei mit Berlocken beladene Uhrketten bummelten; seine Fußbekleidung, bestand aus seidenen Strümpfen mit gestickten Zwickeln und Schuhen mit Diamantschnallen, und er trug auf dem Kopfe einen runden Hut von fast spitziger Form, den er nie ablegte, nicht einmal bei Tische, und dessen einziger Zierrath ein zwei Finger breites, durch eine stählerne Schnalle fest gehaltenes Sammetband war.

Bei seinem Anblicke drang ein schmeichelhaftes Gemurmel aus dem Munde Aller hervor, – Marat ausgenommen, der den illustern Generalpächter mit einer Miene anschaute, welche dem Zorne näher war, als dem Wohlwollen.

»Meine Herren,« sprach Grimod, indem er die Hand an die Krämpe seines Hutes legte, ohne jedoch diesen Hut von seinem Kopfe aufzuheben, »gern hätte ich mir mögen bei dieser feierlichen Veranlassung durch meinen Meister la Guepiere helfen lassen, doch er hatte gegen den Herrn Grafen von Provence eine Verbindlichkeit übernommen, von der er sich nicht frei machen konnte; ich bin also auf meine eigenen Mittel beschränkt gewesen. Jeden Falls habe ich mein Möglichstes gethan, und ich empfehle mich Ihrer Nachsicht.

Das Gemurmel verwandelte sich in ein Beifallklatschen; la Reyniére verbeugte sich wie ein durch die Bravos des Publikums aufgemunterter Künstler. Die Karte des Mahles hatte alle Gäste, mit Ausnahme von Marat, vortrefflich gestimmt.

»Meine Herren,« sagte Grimod, »Niemand ist mehr verpflichtet, zu sprechen, außer für seine Bedürfnisse: die Tafel ist der einzige Ort, wo man sich in der ersten Stunde nie langweilt.«

Dem zu Folge und nach diesem Rathe fing Jeder an seine Austern zu verschlingen, ohne eine andere Begleitung von Worten, die von la Reiniére ausgenommen, welche von Zeit zu Zeit mit derselben Regelmäßigkeit und, ich möchte fast sagen, mit demselben Ernste wiederkehrten wie das: Schließet die Glieder, unter dem Feuer.

»Nicht zu viel Brod, meine Herren! nicht zu viel Brod!«

Als die Austern gegessen waren, fragte Camille Desmoulins:

»Warum nicht zu viel Brod?«

»Aus zwei Gründen, mein Herr; einmal ist das Brod das Nahrungsmittel, das am schnellsten den Appetit befriedigt, und es ist unnütz, sich am Anfange eines Mahles zu Tische zu setzen, wenn man sich nicht bis zum Ende essend dabei zu halten weiß. Die Thiere füttern sich, alle Menschen essen, nur der geistreiche Mensch allein versteht zu essen. Dann treibt das Brod, wie alle Mehlspeisen, zur Feistigkeit an, die Feistigkeit aber, meine Herren, – fragen Sie den Doctor Guillotin, der nie fett sein wird, – die Feistigkeit ist die grausamste Feindin des Menschengeschlechts: der feiste Mensch ist ein verlorener Mensch! Die Feistigkeit schadet der Stärke, indem sie das Gewicht der zu bewegenden Masse vermehrt, ohne die bewegende Kraft zu vermehren; die Feistigkeit schadet der Schönheit, indem sie die ursprünglich von der Natur festgestellte Harmonie der Verhältnisse zerstört, weil nicht alle Theile auf eine gleiche Weise zunehmen; die Feistigkeit schadet endlich der Gesundheit, weil sie den Ekel gegen das Tanzen, den Spaziergang, das Reisen nach sich zieht, und zu allen Beschäftigungen oder allen Belustigungen, welche ein wenig Behendigkeit und Gewandtheit erfordern, unfähig macht; sie prädisponirt folglich zu verschiedenen Krankheiten, wie zum Schlagflusse, zur Wassersucht, zur Erstickung u. s. w. Ich hatte also Recht, wenn ich sagte: »»Nicht zu viel Brod, meine Herren! nicht zu viel Brod!«« Hören Sie, zwei Menschen aßen zu viel Brod, wie dies die Geschichte constatirt: Marius und Johann Sobieski; nun wohl, sie hätten beinahe mit ihrem Leben ihre Vorliebe für die Mehlspeisen bezahlt. In der Schlacht bei Lowicz von den Türken hart bedrängt, sah sich Johann Sobieski genöthigt, zu fliehen; der arme Mann war ungeheuer: der Athem fehlte ihm bald; man hielt ihn fast ohnmächtig auf seinem Pferde, während seine Adjutanten, seine Freunde und seine Soldaten sich für ihn tödten ließen; es kostete vielleicht zweihundert Menschen das Leben, weil Johann Sobieski zu viel Brod gegessen! Was Marius betrifft, der auch diesen Fehler hatte, er war, da er ein Mann von kleinem Wuchse, eben so breit als groß geworden; bei seiner Proscription magerte er allerdings ein wenig ab, doch er blieb immer noch so dick, daß der Cimber, der ihn zu tödten beauftragt war, darüber erschrak. Plutarch sagt, der barbarische Soldat sei vor der Größe von Marius zurückgewichen; Täuschung, meine Herren, vor seiner Dicke. Erinnern Sie sich dessen wohl, Herr David, Sie, der Sie ein Freund der Wahrheit sein sollen, wenn Sie je den Gegenstand von Marius bei Minturnä behandeln.«

»Aber, mein Herr,« versetzte David, »diesmal hat ihm wenigstens seine Feistigkeit etwas genützt.«

»Nicht viel; denn Marius überlebte dieses ärgerliche Abenteuer nicht lange. Als er nach Hause kam, wollte er seine Rückkehr durch ein Familienmahl feiern; er machte dabei einen armseligen kleinen Exceß in Wein und starb.[13 - Marius wurde am Ende seines Lebens Trinker, um die Gewissensangst zu betäuben, und das brachte ihm den Tod, D. Uebers.] Ich vermöchte Ihnen also nicht zu oft zu wiederholen: »»Nicht zu viel Brod, meine Herren! nicht zu viel Brod!««

Die gelehrte historisch-culinarische Abhandlung des Redners wurde durch das Oeffnen der Thüre unterbrochen.

Man brachte die Suppe und den ersten Gang.

Vor diesem ersten Gange erschien ein Wappenherold die Lanze tragend, und als Krieger gekleidet; es folgte ihm ein Haushofmeister, ganz schwarz angethan; dann kam ein weiß gekleideter junger Mensch, den Puer der Alten vorstellend; dann die Köche, die baumwollene Mütze auf dem Kopfe, die Schürze um den Leib gebunden, die Messer im Gürtel steckend, bekleidet mit einer weißen Jacke, weißen Strümpfen und Schnallenschuhen, und die Schüsseln hoch in ihren Händen trugen.

Diese Procession, gefolgt von sechs Bedienten, welche mit den zwei anwesenden Dienern ihre Zahl der der Gäste gleich machten, ging dreimal rings um den Tisch und setzte beim dritten Male die Gerichte ein wenig außer dem Aufsatze nieder, damit die Gäste ihren Anblick genießen konnten, während sie die Suppe aßen.

Wonach die Procession wieder abzog, mit Ausnahme der acht Diener, von denen sich jeder einem Gaste anschloß, den er nicht, mehr verließ.

Die Suppe allein war auf einen besondern Tisch gestellt worden, und sie wurde in einer Secunde servirt.

Das war eine einfache Kraftbrühe, doch so markig,'so fein von Geschmack, daß Jeder, zu der Karte greifend, welche neben ihm lag, wissen wollte, mit welcher nahrhaften Substanz er es in diesem Augenblicke zu thun habe.

»Bei meiner Treue, lieber Grimod,« sagte Danton, »obschon Sie uns die Erlaubniß gegeben, während der ersten Stunde nichts zu reden, werde ich doch das Stillschweigen brechen, um Sie zu fragen, was das Osmazom ist.«

»Lieber Freund, das ist, – fragen Sie den Doctor Guillotin, – ganz einfach der größte Dienst, den die Chemie der Nahrungswissenschaft geleistet hat.«

»Aber was ist das Osmazom?« fragte Talma: »Ich bin wie der Bürger als Edelmann von Moliére, der entzückt war, zu erfahren, was er machte, indem er Prosa machte: ich wäre entzückt, zu erfahren, was ich esse, indem ich Osmazom esse.«

»Ja, ja! . . . was ist das Osmazom? . . . was ist das Osmazom? . . .« fragten alle Stimmen mit Ausnahme von der von Guillotin, welcher lächelte, und von der von Marat, der die Stirne faltete.

»Was das Osmazom ist?« antwortete Grimod de la Reyniére, während er seine langen Aermel auf seine, von Natur verstümmelten, Hände vorschlug, die er wegen dieser Verstümmelung nicht gern sehen ließ; »hören Sie. Das Osmazom, meine Herren, ist der außerordentlich schmackhafte Theil des Fleisches, der im kalten Wasser auflösbar ist und sich von dem extractiven Theile dadurch unterscheidet, daß dieser nur im siedenden Wasser auflösbar ist: Im Osmazom besteht das Verdienst der guten Suppen; es bildet, sich caramelisirend, das Rothgelbe des Fleisches; durch das Osmazom consolidirt sich die Bräunung des Bratens; von ihm kommen der Wildgeruch und der Geschmack des Wildprets her. Das Osmazom ist eine Entdeckung der neueren Zeit, meine Herren, das Osmazom bestand aber lange, ehe es entdeckt wurde; das Vorherwissen des Osmazoms inspirirte den Canonicus Chevrier, als er die Töpfe erfand, welche mit dem Schlüssel verschlossen werden; um haushälterisch mit dieser Substanz, welche so leicht verdunstet, zu Werke zu gehen, werden Sie alle wahre Gourmands, selbst diejenigen, welche nicht wissen, was das Osmazom ist, sagen hören, um gute Fleischbrühen zu machen, müsse man darüber wachen, daß der Topf immer lächle und nie lache. Das ist das Osmazom, meine Herren.«

»Bravo! bravo!« riefen alle Gäste.

»Ich, meine Herren,« sagte Camille Desmoulins, »ich bin der Meinung, daß während des ganzen Mahles nur von der Küche die Rede sein soll, damit unser gelehrter Professor einen vollständigen Cursus geben kann, und es soll eine Buße von zehn Louis d'or zum Vortheil der armen Leute, welche durch das Gewitter am 15. Juli zu Grunde gerichtet worden sind, Jedem, der von etwas Anderem spricht, aufgelegt werden.«

»Chénier reclamirt,« rief Danton.

»Ich?« versetzte Chénier.

»Ich wünsche, daß eine Ausnahme zu Gunsten von Karl IX. gemacht werde,« sagte lachend Talma.

»Und David zu Gunsten des Todes von Sokrates,« fügte Chénier bei, dem es nicht unangenehm war, auf einen Andern den Scherz zurückzuwerfen, den man gegen ihn gerichtet.

»Karl IX. wird ohne Zweifel ein bewunderungswürdiges Trauerspiel sein,« sagte Grimod, »und der Tod von Sokrates ist ganz gewiß ein herrliches Gemälde, doch ohne Lobeserhebungen für meine Beredtsamkeit zu machen, müssen Sie zugestehen, meine Herren, daß es für Leute, welche zu Mittag speisen, eine ziemlich traurige Unterhaltung ist, die Unterhaltung über einen jungen König, welcher auf Hugenotten jagt, und über einen alten Weisen, der Schierling trinkt! . . . Keine traurige Eindrücke bei Tische, meine Herren! die Mission des Hausherrn ist ein Priesterthum: Einen zum Essen einladen heißt das moralische und physische Glück von diesem Einen für die ganze Zeit, die er unter unserem Dache weilt, übernehmen.«

»Wohlan, mein Lieber,« sagte Danton, »geben Sie uns das Historische von dieser köstlichen Truthenne, in der Sie so eben das Messer mit so großer Geschicklichkeit entwickelt haben.«

Grimod de la Reyniére war in der That, obgleich er nur zwei Finger an jeder Hand hatte, einer der geschicktesten Zerleger, die es in der Welt gab.

»Ja, ja, die Geschichte der Truthenne,« rief Guillotin.

»Meine Herren,« erwiederte Grimod, »die Geschichte dieser Truthenne, eines einfachen Individuums, steht nicht minder im Zusammenhange mit der Geschichte der Gattung, und die Geschichte der Gattung, als Thier, gehört zum Ressort von Herrn von Buffon; als Product, zum Ressort von Herrn Necker, dem neuen Finanzminister.«

»Gut!« versetzte Chénier, der den Gastronomen, welcher die Schicklichkeit eines Gespräches bei Tische über Karl IX. geleugnet hatte, in Verlegenheit zu bringen suchte, »welche Beziehung kann die Truthenne zum Minister der Finanzen haben, wenn nicht etwa als Contrebande?«

»Welche Beziehung die Truthenne zum Finanzminister haben könne?« rief Grimod; »ei! wenn ich Finanzminister wäre, so, würde ich hauptsächlich auf die Truthenne operiren.«

»Sie werden hoffentlich den Truthahn nicht vergessen!« versetzte Camille Desmoulins mit der undeutlichen Aussprache, welche dem, was er sagte, eine so komische Seite gab.

»Weder die Eine noch den Andern, mein Herr; nur habe ich gesagt, die Truthenne, statt des Truthahns, weil es anerkannt, daß bei dieser Gattung das Fleisch des Weibchens viel feiner ist, als das des Männchens.«

»Zur Sache! zur Sache!« riefen zwei andere Stimmen.

»Ich bin bei der Sache, meine Herren . . . Nun wohl, nach meiner Ansicht haben die Controleurs der Finanzen bis jetzt das Truthuhn noch nicht unter einem mit seinem Verdienste harmonirenden Gesichtspunkte ins Auge gefaßt. Das Truthuhn, meine Herren, und besonders das mit Trüffeln gefüllte Truthuhn ist die Quelle eines bedeutenden Zusatzes zum öffentlichen Vermögen geworden: durch das Aufziehen von Truthühnern erlangen die Pächter leichter den Preis ihrer Pachtzinse; die Mädchen häufen eine für ihre Verheiratung hinreichende Mitgift an; so viel, was die nicht mit Trüffeln gefüllten Truthühner betrifft . . . Folgen Sie nun diesem: es ist eine einfache Berechnung, welche sich auf die mit Trüffeln gefüllten Truthühner bezieht. Vom Anfange des Novembers bis in den Februar, das heißt in vier Monaten, werden nach meiner Berechnung täglich in Paris dreihundert mit Trüffeln gefüllte Truthennen gegessen; im Ganzen sechsunddreißig tausend Truthennen! Der gewöhnliche Preis einer Truthenne ist aber zwanzig Franken; im Ganzen: für Paris siebenmal hundert zwanzigtausend Livres. Nehmen wir an, die ganze Provinz, das heißt dreißig Millionen Menschen verglichen mit achtmal hundert tausend verzehren an Truthähnen und Truthennen nur dreimal so viel als Paris; die Provinz gibt eine Gesammtsumme von zwei Millionen hundert und sechzigtausend Livres, welche mit den siebenmal hundert tausend von Paris zwei Millionen achtmal hundert achtzig tausend Livres geben, was, wie Sie sehen, eine ziemlich hübsche Bewegung der Fonds macht. Meine Herren, fügen Sie nun dieser Summe eine ungefähr gleiche Summe für Geflügel, wie Fasane, junge Hühner, Feldhühner, ebenfalls mit Trüffeln gewürzt, bei, und Sie werden fast die Summe von sechs Millionen erreichen, – das ist der vierte Theil der Civilliste des Königs. Ich hatte also Recht, wenn ich Ihnen sagte, meine Herren, die Truthühner gehören eben so wohl zum Ressort von Herrn Necker, als zu dem von Herrn von Buffon.«

»Und die Karpfen?« fragte Camille, welcher als ein ächter Epicuräer, was er war, ein unendliches Vergnügen an diesem Gespräche fand, »zu wessen Gerichtsbarkeit gehören sie?«

»Oh! die Karpfen, das ist etwas Anderes; es ist Gott, der sie geschaffen hat, es ist die Natur, die sie aufzieht, fett, schmackhaft macht; der Mensch beschränkt sich darauf, daß er sie fängt oder vervollkommnet, doch nach ihrem Tode, – während das Truthuhn, ein wesentlich geselliges Hausthier, sich zu seinen Lebzeiten vervollkommnet.«

»Verzeihen Sie, mein Herr,« sagte Chénier, der keine Gelegenheit versäumte, um den gelehrten Demonstranten anzugreifen, »ich sehe hinsichtlich dieses Karpfens, daß er lebendig von Straßburg nach Paris gekommen ist. Ist er hierher mit Relais von Sklaven gebracht worden, wie es die Römer machten, wenn sie die Meerbarbe vom Hafen von Ostia nach der Küche von Lucullus oder Varro expedirten, – oder auf einem eigens gebauten Fourgon, wie es die Russen machen, wenn sie den Sterlet von der Wolga nach St. Petersburg transportiren?«

»Nein, mein Herr, dieser Karpfen, den Sie hier sehen, ist ganz einfach von Straßburg nach Paris mit der Diligence gekommen, welche die Briefe bringt, daß heißt ungefähr in vierzig Stunden. Er ist vorgestern Morgen im Rhein gefangen und sodann in einer nach seiner Größe gemachten Schachtel unter frisches Gras gelegt worden; man hat ihm in den Mund eine Art von Saughörnchen gesteckt, das mit einem, damit sie nicht sauer werde, gesottene Sahne enthaltenden Gefäße correspondirte, und er hat auf dem ganzen Wege gesaugt, wie Sie es gemacht haben, Herr Chénier, wie wir es Alle gemacht haben, als wir Kinder waren, wie wir es abermals machen werden, wenn das System der Seelenwanderung wahr ist, und wenn wir zu Karpfen werden.«

»Ich neige mich,« erwiederte Chénier zum zweiten Male geschlagen, »und ich muß den Vorzug der culinarischen Kunst vor der poetischen Kunst anerkennen.«

»Und Sie haben Unrecht, Herr Chénier! die Poesie hat ihre Muse, die man Melpomene nennt; die Küche hat die ihrige, die man Gasterea nennt; das sind zwei mächtige Jungfrauen: beten wir sie Beide an, statt die Eine oder die Andere zu verleumden.«

In diesem Augenblicke wurde die Thüre wieder geöffnet und mit demselben Ceremoniell wie beim ersten Gange brachten die Köche den zweiten.

Der zweite Gang bestand, wie man sich erinnert, aus Wachteln mit Trüffeln gefüllt und mit Ochsenmark fertig gemacht, aus einem Flußhechte, gespickt, gefüllt, und mit Rahmkrebssauce Übergossen; aus einem Fasan, abgelagert, auf einer à la Soubise zubereiteten gerösteten Brodschnitte liegend; aus einer Platte Spinat mit Wachtelnfett; aus einem Dutzend Ortolane à la Provencale und einer Pyramide Meringuen à Ia vanille und à la rose.

Alles war würdig des ausgezeichneten Gastronomen; doch der Fasan und der Spinat besonders hatten einen außerordentlichen Succeß.

Der Glossenmacher Camille fand es auch unbegreiflich und warf die Frage auf, wie ein so schlechter General wie Herr von Soubise seinen Namen der trefflichen gerösteten Brodschnitte, auf welcher der Fasan liege, habe geben können.

»Meine Herren,« antwortete Grimod, als er sah, mit welcher Aufmerksamkeit Jeder die Antwort erwartete, die er geben sollte, »meine Herren, glauben Sie mir, ich gehöre nicht zu den gemeinen Essern, welche die Dinge verschlingen, ohne sich um ihren Ursprung zu bekümmern. Ich habe tiefe Forschungen über den Namen Soubise angestellt, den der unglückliche General sterbend einem Gerichte, das ihn unsterblich machte, zu hinterlassen das Glück gehabt hat. Herr von Soubise war einer von den am öftesten und am besten geschlagenen Generalen, welche je existirt haben; bei einem seiner Rückzüge flüchtete sich Herr von Soubise zu einem deutschen Wildmeister, der ihm kein anderes Gericht anzubieten hatte, als einen Fasan, doch einen Fasan acht bis zehn Monate alt, sieben Tage aufbewahrt, folglich gehörig abgelagert. Der Fasan wurde mit den Füßen an einem Bindfaden hängend gebraten, – eine Art des Bratens, welche dem auf diese Weise zubereiteten Vogel einen großen Vorzug vor dem am Spieße gebratenen gibt, – sodann auf eine einfache mit einer Zwiebel bestrichene und in der Bratpfanne fertig gemachte Brodschnitte gelegt. Der unglückliche General, dem die Verzweiflung über seine Niederlage den Appetit benommen hatte, – er glaubte es wenigstens, – fing an ihn wiederzufinden im ersten Mundvoll, den er von dem Fasane zu sich nahm, und er fand ihn so gut, daß er Fasan und Brodschnitte verschlang, und sich, die Beine aussaugend, erkundigte, aufweiche Art dieses vortreffliche Gericht zubereitet worden sei; der Wildmeister ließ sodann seine Frau kommen, und Herr von Soubise schrieb unter ihrem Dictate die Anweisung, welche seine Adjutanten, die mittlerweile bei ihm eingetroffen waren, für Notizen über die Stellung des Feindes hielten. Die jungen Officiere bewunderten deshalb die Sorgsamkeit ihres Generals, der sich nicht Zeit nahm, zu Mittag zu speisen, und Alles bis auf seinen Appetit dem Wohle seiner Soldaten opferte. Ein Bericht wurde hierüber an den König durch die Augenzeugen gemacht, der nicht wenig dazu beitrug, Herrn von Soubise in der Gunst bei Ludwig XV. und Frau von Pompadour zu behaupten. Nach Versailles zurückgekehrt, gab Herr von Soubise, als wäre es von ihm, das Recept seinem Koche, welcher, gewissenhafter als der Prinz, mit dem Namen von Soubise diese unvergleichliche Brodschnitte taufte.«

»Wahrhaftig, mein lieber Grimod, Sie sind ein Mann von einer Gelehrsamkeit, um d'Alembert, Didonad, Helvetius, Condorcet und die ganze Enzyklopädie aus dem Sattel zu heben.«

»Nur möchte ich wissen . . .« fügte Chénier bei.

»Nimm Dich in Acht, Chénier,« sagte Talma, »Du hast heute kein Glück.«

»Gleichviel, ich wage es zum letzten Male. . . es ist eine letzte Charge, was bei Fontenoy den Feind in die Flucht geschlagen hat.«

»Was möchten Sie gern wissen, Herr von Chénier?« fragte Grimod de la Reyniére, sich höflich verbeugend; »reden Sie, ich bin bereit, zu antworten.«

»Ich möchte gern wissen,« erwiederte Chénier mit einem leicht ironischen Ausdrucke, »ich möchte wissen, wie es möglich, daß ein am Ende eines Bindfadens gebratener Vogel besser sein soll, als ein an einen Spieß gesteckter.«

»Oh! mein Herr, nichts ist leichter zu erklären und folglich zu beweisen: jedes lebende Geschöpf hat zwei Mündungen, eine obere Mündung und eine untere Mündung; es ergibt sich augenscheinlich, daß, wenn Sie dieses Geschöpf, ist es einmal todt und zum Braten bestimmt, an den Pfoten aufhängen und entweder mit Butter oder mit Sahne begießen, das Innere und das Aeußere zugleich dieses Begießen empfinden werden, während, wenn Sie ihm den Leib durchlöchern, der dem Thiere persönliche Saft durch die zwei Wunden entfliehen muß, ohne daß er durch die benetzende Materie, welche am Körper abgleiten und nicht eindringen wird, ersetzt werden kann. ist also evident, daß ein an den Füßen aufgehängter und auf diese Art gebratener Vogel viel saftiger und schmackhafter sein wird, als ein von einem Spieße durchlöcherter. Das ist klar wie der Tag, nicht wahr, Herr von Chénier?«

Chénier verbeugte sich.

In demselben Augenblicke gab der Doctor Guillotin einen Ausruf von sich.

»Oh! welch ein Spinat, mein lieber Grimod!«

Grimod verbeugte sich ebenfalls.

»Sie sind Kenner, Doctor: das ist mein Meisterwerk!«

»Wie Teufels machen Sie diese Ambrosia?«

»Ein weniger philanthropischer Mann als ich würde sagen: »»Ich behalte mein Recept für mich!«« Ich aber, der ich behaupte, daß der Mensch, der ein Gericht erfunden oder vervollkommnet hat, der Menschheit mehr Dienste geleistet, als derjenige, welcher einen Stern entdeckt, ich sage, daß man, um guten Spinat zu machen, ihn, zum Beispiel, am Sonntag kochen, alle Tage der Woche auf dem Feuer mit einer Zuthat von frischer Butter aufkochen, am letzten Tage mit dem Fette oder dem Safte von Wachteln begießen, und am folgenden Sonntag heiß serviren muß. Uebrigens habe ich eine Vorliebe für die Aerzte,«

»Bah! und warum dies? Die Aerzte schreiben doch die Diät vor.«

»Ja, doch sie hüten sich wohl, sie zu befolgen; die Aerzte sind Gourmands vermöge ihres Standes, obschon sie nicht immer zu essen verstehen . . . Ah! Doctor, so habe ich vorgestern eine gastronomische Consultation Ihrem Collége, dem Doctor Corvisart, gegeben.«

»Wo dies?«

»Bei einem Diner bei Sartine . . . Ich bemerkte, daß er, sobald die Suppe abgetragen war, Champagner in Eis abgekühlt zu trinken anfing; er war auch heiter, witzig, schwatzhaft schon beim ersten Gange, während im Gegentheil, als die anderen Gäste den moussirenden Wein in Angriff nahmen, Corvisart verdrießlich, schweigsam, fast schläfrig wurde. »»Ah! Doctor,«« sagte ich zu ihm, »»nehmen Sie sich in Acht, Sie werden nie gute Desserts haben.«« »»Und warum nicht?«« fragte er. »»Weil der Champagner wegen der Kohlensäure, die er enthält, zwei Wirkungen hat: die erste ist erregend, die zweite ist betäubend.«« Corvisart gab die Wahrheit dieser Behauptung zu und versprach, sich zu corrigiren.«

»Und die Gelehrten,« fragte Chénier, »sind sie auch Gourmands vermöge ihres Standes?«

»Mein Herr, die Gelehrten bessern sich; unter Ludwig XIV. waren sie nur Trunkenbolde: heute sind sie noch keine Gourmets, doch sie sind schon Gourmands. Voltaire hat die Sache dadurch in den Gang gebracht, daß er den Kaffee popularisirte; er würde noch etwas Anderes popularisirt haben, hätte er nicht einen schlechten Magen gehabt . . . Ah! ein schlechter Magen, meine Herren! Gott behüte Sie vor einem schlechten Magen! Der Geier von Prometheus ist nur eine Allegorie: was dem Sohne von Jupiter die Leber zerfraß, waren die schlechten Verdauungen! Der Besieger von Mithridates hatte einen schlechten Magen; sehen Sie auch, wie traurig, verdrießlich, unentschlossen er ist, während im Gegentheil Antonius, der gut verdaute, bis zum letzten Augenblicke nur an die Liebe dachte, sich verwundet in die Gruft tragen ließ, wo sich Cleopatra eingeschlossen hatte, und der schönen Königin von Aegypten die Hände und vielleicht noch etwas Anderes küssend starb. Meine Herren, meine Herren, behalten Sie wohl das Axiom: »»Man lebt nicht von dem, was man ißt, sondern von dem, was man verdaut.««

»Ah!« sagte Camille, »da Sie von der Königin von Aegypten reden . . . mir scheint, wir haben da eine Pyramide von Meringuen, welche anzugreifen sehr ersprießlich wäre.«

»Greifen Sie an, meine Herren, greifen Sie an,« versetzte mit gleichgültigem Tone Grimod; »ich verachte sehr alle diese Leckereien, welche nur für die Frauen und für die Männer mit Abbéswaden gut sind; nicht wahr, Doctor?«

Doch der Doctor war damit beschäftigt, daß er das Dessert kommen sah, welches mit dem obligaten Ceremoniell heranrückte.

Das Dessert war würdig des übrigen Mahles; doch beim Kaffee erwarteten die Kritiker den trefflichen Professor. Chénier, David, Talma, Danton, selbst Marat waren Liebhaber des Kaffees; Jeder bot also seine Tasse dar und fing an das Aroma des Trankes einzuathmen, ehe er ihn zu sich nahm.

Ein Gemurmel der Zufriedenheit durchlief die Versammlung.

»Meine Herren,« sagte Grimod, indem er sich in seinem Stuhle mit dem sanften Stöhnen ausstreckte, das der Mensch entschlüpfen läßt, dessen Sinne alle befriedigt sind; »meine Herren, haben Sie je einigen Einfluß auf die Gesellschaft, so helfen Sie mir sie entwurzeln, die unselige Gewohnheit, vom Tische aufzustehen und den Kaffee in einem andern Zimmer zu nehmen. Diejenigen, welche diese Ketzerei begehen, meine Herren, vermengen das Vergnügen, zu essen, mit dem Vergnügen der Tafel, was zwei ganz verschiedene Vergnügen sind: man kann nicht immer essen, doch man kann immer bei Tische bleiben, und besonders, um den Kaffee zu trinken, muß man daran bleiben. Vergleichen Sie in der Thai eine Tasse Kaffee stehend genommen, in einem Salon, unter dem Auge eines dummen Bedienten, der nicht vermuthet, er lasse Sie die Ruchlosigkeit begehen, schnell zu trinken, was langsam geschlürft werden muß, und von Ihnen erwartet, daß Sie ihm Ihre Tasse und Ihre Unterschale zurückgeben; vergleichen Sie das mit der Extase des wahren Liebhabers, der bequem sitzt, seine beiden Ellenbogen auf dem Tische, – ich bin der Ansicht, daß man sie beim Dessert aufstützen kann, – seine Backen in seinen zwei Händen und eine Beräucherung von dem Kaffee, den er zu trinken im Begriffe ist, empfangend; denn beim Kaffee, meine Herren, ist nichts verloren: der Dunst ist für den Geruch, der Trank ist für den Geschmack! Dugazon, derjenige Mensch, welcher am meisten auf der Welt Herr über seine Nase, da er zweiundvierzig Manieren, sie bewegen zu machen, gefunden hat, verliert alle Herrschaft über dieses Organ, wenn er eine Tasse Kaffee in der Hand hält: seine Nase zittert, geräth in Unordnung, verlängert sich wie ein Horn; es ist ein wahrer Kampf zwischen dem Munde und der Nase, wer zuerst zur Tasse kommen werde; bis jetzt ist es dem Munde geglückt; doch er sagte mir gestern, man könne nicht vorhersehen, wie die Sache endigen werde.«

»Bei meiner Treue, lieber Professor,« rief Guillotin begeistert, »wie wäre es erst, wenn er von dem Ihrigen kosten würde? Der Ihrige, sehen Sie, der Ihrige ist nicht Kaffee, das ist Nectar! Dieser Kaffee kann unmöglich gemahlen sein: er ist gestoßen.«

»Oh! wie würdig sind Sie Ihres Rufes, lieber Doctor!« sagte zärtlich Grimod de la Reyniére; »ich verspreche Ihnen auch ein Geschenk.«

»Welches?«

»Ich werde Ihnen einen von meinen alten Mörsern geben.«

Camille schlug ein Gelächter auf.

Grimod schaute ihn schief an.

»Profaner!« sagte er. »Wissen Sie, daß ich von Tunis einen Mörser habe kommen lassen, der über zweihundert Jahre alt war und mich dreihundert und fünfzig Piaster gekostet hat!«

»Der Mörser war also von Silber und der Stößel von Gold?«

»Der Mörser war von Marmor und der Stößel von Holz; doch das Holz . . . das Holz war Kaffee durch seine fortwährende Berührung mit dem Kaffee geworden . . . Ah! mein Herr, die Türken sind unsere Meister im Kapitel des Kaffees . . . Oh! was machen Sie, Herr von Chénier? ich glaube, Sie zuckern Ihren Kaffee mit gepulvertem Zucker, – ein Dichter!«

»Ei! mir scheint, daß der Zucker in Pulver oder der Zucker in Stücken . . .« »ersetzte Chénier.

»Irrthum, mein Herr! Irrthum! haben Sie nie den Unterschied studirt, der zwischen einem Glase Wasser mit Zucker in Pulver und einem Glase Wasser in Stücken stattfindet? er ist ungeheuer, mein Herr!«

»Ei! ich, was mich betrifft . . .« fing Chénier wieder an.

»Doctor!« rief Grimod, »Doctor! sagen Sie doch diesem unglücklichen Dichter, daß der Zucker drei Substanzen enthält, deren Urstoffe sind: der Zucker, das Gummi und das Amidon, und daß bei der Collision, die sich durch das Zerdrücken übt, ein Theil von den gezuckerten Portionen in den Zustand von Amidon oder Gummi, das ist das Geheimniß der Natur, übergeht, wodurch dem Zucker die Hälfte seines Geschmackes benommen wird . . . Lackei, mein Freund, schenken Sie Herrn von Chénier eine andere Tasse Kaffee ein! . . Und nun, Herr Dichter, ein Gläschen Liqueur, um die Gaumenexaltation auf ihre höchste Stufe zu bringen, – dann lassen Sie uns in den Salon gehen.«

Man stand auf und folgte Grimod de la Reyniére, der der wahre Amphitryon geworden war.

Danton und Marat, gingen zuletzt.

»Sie haben nicht ein Wort während des ganzen Essens gesprochen,« sagte Danton; »haben Sie es schlecht gefunden?«

»Ich habe es im Gegentheil zu gut gefunden.«

»Und das hat Sie trübe gestimmt?«

»Das hat mich nachdenken gemacht.«

»Worüber?«

»Ueber Eines: daß dieser Grimod de la Reyniére, dieser Generalpächter, für sich allein, seitdem er auf der Welt ist, die Substanz verschlungen hat, von der zehntausend Familien hätten leben können.«

»Sie sehen, daß er darum nicht trauriger ist.«

»Ja, gewiß, Gott hat sie mit Blindheit geschlagen; doch es wird ein Tag kommen, wo alle diese Vampire mit dem Volke rechnen müssen; und an diesem Tage . . .«

»Nun, an diesem Tage?«

»An diesem Tage wird man, glaube ich, die Erfindung unseres Freundes Guillotin zu ihrem wahren Werthe schätzen . . . Guten Abend, Herr Doctor.«

»Wie, Sie verlassen uns?«

»Was soll ich machen, ungeschickt, wie ich bin, die Aphorismen Ihres Generalpächters zu würdigen?«

»Sie sollen bleiben, um mit mir in den Clubb zu kommen.«

»Wann dies?«

»Heute Abend.«

»Und in welchen Clubb?«

»In den Socialclubb, bei Gott! ich kenne keinen andern.«

»Wenn ich da gewesen bin, wohin Sie mich führen wollen, werden Sie mit mir dahin gehen, wohin ich Sie führe?«

»Mit großem Vergnügen.«

»Bei Ihrem Ehrenworte?«

»Bei meinem Ehrenworte.«

»Gut, ich bleibe.«

Hiernach traten Danton und Marat in den Salon ein, wo Grimod de la Reyniére mit einem wachsenden Successe seine Theorien vom Speisezimmer zu entwickeln fortfuhr.




VI

Der Socialclubb


In der That, eine Stunde, nachdem diese Uebereinkunft geschlossen worden, – David war nach Hause gegangen; Camille Desmoulins hatte sich, um seinen Hof zu machen, zu einem jungen Mädchen begeben, welches er liebte, von dem er geliebt wurde, und das er zwei Jahre später Heirathen sollte; Talma und Chénier waren in die Comedie-Francaise gegangen, um dort ein wenig von dem erwähnten Karl IX. zu reden, von dem ihnen beim Mahle so wenig zu reden erlaubt gewesen; Grimod de la Reyniére war 'nach seiner Gewohnheit, um zu verdauen, in die Oper gegangen; Guillotin hatte eine Zusammenkunft mit den Herren Wählern, – eine Stunde nachher, sagen wir, verließen Danton und Marat ebenfalls die Rue du Paon und schlugen, um sich nach dem Palais-Royal zu begeben, den Weg ein, den sie schon am Morgen, um in das Haus von Danton zu kommen, gemacht hatten.

Doch so belebt das Palais-Royal bei Tage war, das Palais-Royal bei Lichte war noch etwas ganz Anderes: alle Bijouterie-, Silberzeug-, Kristallwaarenhändler, alle Putzmacherinnen, alle Schneider, alle Friseurs, mit dem Degen an der Seite, hatten sich dieser neuen Läden bemächtigt, für welche der scandalöse Proceß ihres Eigenthümers als Prospect gedient. In einer seiner Ecken rauschte das Theater der Varietes, wo der Schauspieler Bordier ganz Paris zu seinen Arlequinaden anlockte; in einer andern toste das 113, das entsetzliche Spielhaus, auf das Herr Andrieux kurz zuvor den philosophischen Viervers gemacht hatte:

		Il est trois partes à, cel antre:
		L'espoir, l'infamie et la mort;
		C'est par la premiere qu'on entre,
		C'est par les deux autres qu'on sort![14 - Es sind drei Thüren an dieser Höhle:die Hoffnung, die Schande, der Tod;durch die erste tritt man ein,durch die zwei andern geht man hinaus.]

113 gegenüber war das Cafe Foy, der gewöhnliche Zusammenkunftsort aller Motionäre; im Mittelpunkte dieses Dreiecks endlich erhob sich der Circus, von dem wir schon gesprochen, der Circus, der das Lesecabinet von Herrn Girardin, das Theater Gaukler und den Socialclubb enthielt, welcher für diesen Abend in den Americanischen Clubb verwandelt worden war.

Schon bei ihrem Ausgange aus der Rue du Paon, – einer zu jener Zeit wie heute ziemlich abgelegenen Straße, – gewahrten Danton und Marat Merkmale der Aufregung, welche das Herannahen einer Krise verkündigten. Das Gerücht von der Entlassung von Herrn von Brienne und der Zurückberufung von Herrn Necker fing in der That an sich zu verbreiten, und die Bevölkerung kam allmälig ganz bewegt aus den Häusern heraus, um Gruppen in den Straßen, auf den Plätzen und auf den Kreuzwegen zu bilden; überall hörte man die Namen der zwei Antagonisten aussprechen: den von Brienne mit der Befriedigung des triumphirenden Hasses, den von Necker mit dem Ausdrucke der Dankbarkeit und der Freude. Mitten unter Allem dem wurden dem König große Lobeserhebungen gespendet; denn im Jahre 1783 war mit der Feder in der Hand oder mit dem Worte im Munde noch Jedermann Monarchist.

Marat und Danton durchschritten diese Gruppen, ohne sich darunter zu mischen; auf dem Pont-Neuf waren sie so zahlreich, daß die Wagen im Schritte fahren mußten; was übrigens allen diesen Gruppen einen fast bedrohlichen Charakter gab, war der Umstand, daß die Nachricht, die sich am Tage verbreitet, noch zweifelhaft schien, und daß die Hoffnung, die man einen Augenblick gefaßt hatte, wenn man sich getäuscht, eine Flamme wurde, welche, wenn auch ephemer, doch lange genug gedauert hatte, um die Leidenschaften kochen zu machen.

Näherte man sich dem Palais-Royal, so war es noch schlimmer; man glaubte sich einem Bienenstocke zu nähern. Vor Allem waren die Gemächer des Herzogs von Orleans glänzend erleuchtet, und die vielen Schatten, die man durch die Gazevorhänge im Rahmen der Fenster sich bewegen sah, deuteten an, daß an diesem Abend großer Empfang bei Seiner Hoheit stattfand; überdies stationierte das Volk auf dem Platze wie in den andern Straßen, und das ewige Hin- und Hergehen der Schaaren, die in das Palais-Royal vordrangen und aus diesem Palaste herauskamen, gab der Menge jene Bewegung von Ebbe und Fluth, welche die Wellen am Gestade des Meeres haben.

Marat und Danton waren zwei kräftige Schwimmer in diesem Ocean; sie hatten sich auch bald durch die Cour des Fontaines gearbeitet und das Palais-Royal auf der Seite der entgegengesetzt erreicht, welche ihnen am Morgen Durchgang gewährt.

Als sie am Ende der doppelten Gallerie angelangt waren, die man damals, wie gesagt, das Lager der Tartaren nannte, blieb Danton, trotz des sichtbaren Widerwillens seines Gefährten, einen Augenblick stehen. Sie boten in der That ein seltsames Schauspiel, von dem wir Männer aus dem Anfange dieses Jahrhunderts das Ende gesehen haben, diese angemalten Frauen mit Juwelen und Federn beladen, bis an den Gürtel entblößt, bis an die Kniee aufgeschürzt, Jeden, der vorüberging, durch eine lascive Geberde rufend, oder ihn mit spöttischen Scherzen verfolgend, Einige neben einander gehend, Freundinnen ähnlich, Andere sich begegnend und, wie der Funke, der aus dem Zusammenstoße des Kieselsteins hervorspringt, eine Schmähung in der Weise der Hallen wechselnd, welche immer die Zuschauer beben machte, da sie sich nicht daran gewöhnen konnten, eine solche Sündfluth von obscönen Worten aus dem Munde dieser schönen Geschöpfe kommen zu hören, die sich in der Tournure und im Anzuge durch Nichts von den vornehmen Damen jener Zeit unterschieden, als daß sie falsche Juwelen trugen und nicht für sich das Sprichwort: »Stiehlt wie eine Herzogin,« annehmen wollten.

Danton schaute also. Dieser Mann mit der mächtigen Organisation war, wo er auch sein mochte und in welcher Lage er sich befand, immer entweder zum Vergnügen oder zu dem Metalle, welches dasselbe gibt, hingezogen: bei der Thüre eines Wechslers blieb er vor dem Goldschüsselchen stehen, wie er beim Eingange des Palais-Royal vor den Freudenmädchen stehen blieb.

Marat zog ihn zu sich, und er folgte Marat, jedoch unwillkürlich den Kopf nach dem unreinen Winkel umdrehend.

Kaum aber befanden sie sich unter der steinernen Gallerie, da war es etwas Anderes: auf die physische Versuchung folgte die moralische. Die obscönen Bücher waren damals äußerst beliebt. Menschen, die man an ihren Mänteln erkannte, – denn diese Menschen trugen Mäntel, obgleich man mitten im August war, – boten solche Bücher den Vorübergehenden an. Sie zogen um die Wette Marat und Danton am Rockflügel: »Mein Herr, wollen Sie den Libertin de qualité vom Herrn Grafen von Mirabeau? Ein reizender Roman!« »Mein Herr, wollen Sie Félicia ou Mes fredaines, von Herrn von Nerciat, mit Kupferstichen?« »Mein Herr, wollen Sie den Compére Mathieu vom Abbé Dulaurens?« Das nannte man zu jener Zeit Bücher unter dem Mantel verkaufen.

Um sich von diesen Infamiemäklern zu befreien, – gegen welche, wir müssen es gestehen, Danton nicht denselben Widerwillen hegte, wie Marat, ein strenger Bewunderer von Jean Jacques, – eilten Beide in den Garten, wo sich die Duenen kreuzten, deren Geschäft es war, für das Domicil zu rekrutiren; doch an diesem Abend waren die ehrwürdigen Matronen ein wenig verscheucht durch den Lärmen, der im Garten herrschte, wo sich vielleicht über zweitausend Neuigkeiten suchende Personen zusammengeschaart fanden, mit denen sich nichts machen ließ, da die Neugierde alle andere Gefühle erstickt hatte.

Nicht ohne Mühe kamen Marat und Danton zu dem Abhange, auf welchem man zum Circus hinabstieg; hier angelangt brauchte man sich nur noch gehen zu lassen, und war man Besitzer einer Karte, so hinderte nichts, daß man zur Zahl der Auserwählten zugelassen wurde.

Danton hatte zwei Karten; es wurde also bei der Thüre keine Schwierigkeit gemacht; Danton und Marat wurden im Gegentheile von den Commissären, Leuten von Lebensart, auf das Freundlichste begrüßt, und Beide traten in den Saal ein.

Der Anblick war in der That blendend. Wohl zweitausend Kerzen beleuchteten die aristokratische Versammlung. Die Fahnen von America, verschlungen mit denen von Frankreich, beschatteten mit ihren Falten Kartuschen, worauf die von beiden Heeren errungenen Siege geschrieben standen; drei mit Lorbeeren bekränzte Büsten zogen die Augen nach der Tiefe des Saales; diese Büsten waren in den beiden Ecken die von Lafayette und von Franklin, in der Mitte die von Washington.

Theodor Lameth, der Aeltere von den zwei Brüdern dieses Namens, hatte den Präsidentenstuhl inne; Laclos, der Verfasser der Liaisons dangereuses, versah den Dienst des Schriftführers.

Die Gallerien und die Tribunen waren voll von Frauen, Gönnerinnen der americanischen Unabhängigkeit. Man bemerkte darunter Frau von Genlis, bekleidet mit einer Polonaise von gestreiftem Tastet und frisirt à l'insurgente; die Marquise von Villette, die schöne und gute Protegee von Voltaire in einer Circassicnne mit Blonden und einem getigerten Bande garnirt, und eine mit einer Barriére verzierte Haube auf dem Kopfe; Theresa Cabarrus, welche später Madame Tallien wurde und damals nur die Marquise von Fontenay war: immer schön, doch an diesem Tage noch schöner unter einer Therese in schwarzem Gazeschleier, durch welche, wie zwei Sterne in der Nacht, ihre spanischen Augen funkelten; die Marquise von Beauharnais, Josephine Tascher de la Pagerie, eine anbetungswürdige Creolin, voll Indolenz, belebt in diesem Augenblicke durch eine Prophezeiung von Mademoiselle Lenormand, der Zauberin des Faubourg Saint-Germain, die ihr verkündigt hatte, sie werde eines Tags Königin oder Kaiserin von Frankreich werden: welche von Beiden? die Zauberin wußte es nicht; doch nach dem Orakel der Karten mußte sie unfehlbar die Eine oder die Andere werden; – die bekannte Olympia von Gouges, geboren in Montpellier von einer Mutter, welche Putztrödlerin war, aber von einem Vater, dessen Haupt, wie Leonard Bourdon sagt, eine königliche Binde umschloß, wie Olympia von Gouges sagt, ein einfacher Lorbeerzweig bekränzte: eine seltsame Schriftstellerin mit einem Vermögen, das ihr zweimal hunderttausend Livres Einkünfte gab, eine Frau, welche weder lesen, noch schreiben konnte und ihren Secretärcn Romane und Stücke dictirte, die sie nicht wiederzulesen vermochte. Ihr Eintritt, der mit dem von Marat und Danton zusammentraf, war mit einer dreifachen Salve von Beifallklatschen begrüßt worden; sie hatte gerade im Théatre-Francais, nach fünf Jahren der Erwartung, der Bemühungen und der Geschenke, ihr Stück: die Sklaverei der Schwarzen, aufführen lassen, das fast durchgefallen war; doch daß das Stück durchgefallen, verhinderte nicht, daß die Verfasserin beklatscht wurde, wenn nicht wegen des Talentes, doch wenigstens wegen der Absicht.

Man müßte Alles anführen, was sich in Paris an schönen Frauen, an reichen Frauen oder an berühmten Frauen fand, wollte man die Tribunen und die Gallerien des Socialclubbs, der, wie gesagt, für diesen Abend in den Americanischen Clubb verwandelt worden war, die Revue passiren lassen.

Mitten unter ihnen, angezogen von der Einen, zurückgerissen von der Andern, angefleht von einer Dritten, welche von fern ihre hübsche Hand gegen ihn ausstreckte, flatterte der Held des Tages, der Marquis von Lafayette. Das war damals ein schöner und eleganter junger Mann von einunddreißig Jahren. Edelmann von Geburt, Besitzer eines ungeheuren Vermögens, durch seine Frau, – die Tochter des Herzogs d'Ayen, die er schon vor fünfzehn Jahren geheirathet hatte, – mit den größten Häusern Frankreichs verwandt; mit zwanzig Jahren aus Frankreich getrieben durch jenen Freiheitshauch, der über die Welt hinging, ohne noch zu wissen, wo er sich festsetzen sollte, hatte er insgeheim zwei Schiffe ausgerüstet, sie mit Waffen und Munition beladen, und war in Boston angekommen, wie fünfzig Jahre später Byron in Missolunghi ankommen sollte; aber, glücklicher als der große Dichter, sollte er die Befreiung des Volkes sehen, dem er zu Hilfe geeilt, und wenn Washington sich den Titel Vater der americanischen Freiheit vorbehalten hatte, so hatte er wenigstens erlaubt, daß Lafayette den seines Pathen annahm. Die Begeisterung, welche Lafayette nach Frankreich zurückgekehrt eingeflößt hatte, war vielleicht größer, als die, welche er in America zurückgelassen; die Mode hatte ihn adoptirt, die Königin hatte ihm zugelächelt, Franklin hatte ihn zum Bürger gemacht, Ludwig XVI. machte ihn zum General.

Diese Popularität war süß, und die Generalsuniform stand einem einunddreißigjährigen jungen Manne sehr gut; seine Eitelkeit hatte es ihm gesagt, und annehmend, die Eitelkeit, welche einmal gesprochen, könne schweigen, wiederholten es ihm die Frauen so oft, daß er genöthigt war, sich dessen zu erinnern.

Derjenige, welcher mit Lafayette die Ehrenbezeigungen des Abends theilte, war der Graf d'Estaing. Besiegt in Indien, wo er zweimal zum Gefangenen gemacht worden war, hatte er seine Genugthuung in America genommen; hier, nachdem er Howe eine unentschiedene Schlacht geliefert, nachdem er bei einem Angriffe auf St. Lucie gescheitert war, hatte er den Commodore Byron völlig geschlagen. Ganz das Gegentheil von Lafayette, war der Graf Hector d'Estaing ein Greis; der Enthusiasmus theilte sich auch zwischen ihm und seinem jungen Rivalen, und wie die Frauen einstimmig Lafayette in Anspruch genommen hatten, so hatten die Männer d'Estaing empfangen.

Die anderen Anwesenden sollten, zu dieser Zeit vielleicht weniger bekannt, doch Jeder einen gewissen Grad von Berühmtheit erlangen. Es waren: der Abbé Gregoire, der damals die Philosophie lehrend reiste; er hatte noch nichts über die Sklaverei geschrieben, aber er beschäftigte sich schon mit dieser Frage, die ihn übrigens sein ganzes Leben hindurch beschäftigte; – der Abbé Raynal, der aus der Verbannung kam, wohin ihn seine Philosophische Geschichte der beiden Indien geschickt hatte; – Condorcet, der ein neues Leben anzufangen im Begriffe war, das dritte! der, nachdem er Mathematiker mit d'Alembert, Kritiker mit Voltaire gewesen, Politiker mit Vergniaud und Barbarour werden sollte. Condorcet, der ewige Denker, im Cabinet wie im Salon, in der Einsamkeit wie unter der Menge, specieller in allen Dingen, als die speciellsten Menschen, unzugänglich für die Zerstreuung, wo er sich auch befinden mochte; wenig sprechend, Alles hörend, Alles benützend, ohne je etwas von dem, was er gelernt oder gehört, zu vergessen! – Brissot, der von America ankam, ein Fanatiker für die Freiheit, ein Enthusiast für Lafayette; Brissot, der zukünftige Verfasser der Adresse an die fremden Mächte; Brissot, dessen die unselige Ehre, seinen Namen einer Partei zu geben, harrte; – Roucher, der sein Gedicht: Die Monate, veröffentlicht hatte und mit der Übersetzung des Werkes: Die Reichthümer der Nation, von Smith, beschäftigt war; Malouet endlich, der seine bekannte Denkschrift über die Sklaverei der Neger herausgegeben hatte; er bestieg im Augenblicke des Eintritts von Marat und Danton die Tribune und wartete, um seine Rede zu beginnen, bis sich die durch die Ankunft von Olympia von Gouges hervorgebrachte Wirkung besänftigt hatte.

Er folgte auf Clavieres, der über die Sklaverei, jedoch die Frage generalisirend, gesprochen und von der Tribune herabsteigend angekündigt hatte, sein Freund Malouet werde auch sprechen, aber, besser als er über diese Materie unterrichtet, Thatsachen anführen, welche die ganze Versammlung werden schauern machen.

Die Versammlung fühlte dieses Bedürfniß der Gemüthsbewegungen, das sich bei den Völkern in gewissen Epochen ihrer Existenz verbreitet, und verlangte folglich nichts Anderes, als zu schauern.

Ueberdies waren, wie gesagt, viele hübsche Frauen im Saale, und die Frauen machen eine so reizende Bewegung mit den Schultern, wenn sie schauern, daß es sehr ungeschickt von einer hübschen Frau wäre, wenn sie nicht schauern würde, so oft sich eine Gelegenheit dazu findet.

Die Stille stellte sich also rascher wieder her, als man hätte hoffen dürfen; allmälig wandten sich die Blicke von Olympia von Gouges ab, und nachdem sie noch einen Moment, die der Männer von Frau von Beauharnais zu Therese Cabarrus, die der Frauen von Brissot zu Lafayette, hin und hergeschwebt hatten, hefteten sie sich auf die Tribune, wo der Redner, die Hand zur Geberde bereit, den Mund zum Worte gerüstet, wartete.

Als sodann tiefe Stille herrschte und die Aufmerksamkeit vollkommen war, sprach Malouet:

»Meine Herren, ich unternehme eine schwierige Aufgabe: die, Ihnen die Mißgeschicke einer Race zu schildern, welche verflucht scheint, während sie doch nichts gethan hat, um diesen Fluch zu verdienen. Zum Glücke ist die Sache, die ich zu Gunsten der Menschheit vertheidige, die der fühlenden Seelen, und die Sympathie wird mir zu Hilfe kommen, wo mir das Talent mangelt.

»Ist es Ihnen je begegnet, meine Herren, wenn Sie am Ende eines köstlichen Mahles, als völlig unerläßlich bei diesem Mahle, die zwei Substanzen, die sich gegenseitig ergänzen: den Zucker und den Kaffee, mit einander verbanden, wenn Sie lange, ehe sie den Kaffee tranken, wollüstig in Fauteuils mit weichen Polstern ausgestreckt sein köstliches Aroma einathmeten, wenn Sie ihn langsam schlürften und Ihre Lippen, so zu sagen, Tropfen um Tropfen von dem belebenden Tranke einsogen, ist es Ihnen je begegnet, daß Sie daran dachten, dieser Zucker und dieser Kaffee, woraus Sie Ihre Wonne gemacht, habe mehreren Millionen von Menschen das Leben gekostet?

»Sie errathen, wen ich meine, nicht wahr? Ich meine die unglücklichen Kinder Africas, die wanden wollüstigen Launen der Europäer zu opfern übereingekommen ist, die man behandelt wie Lastthiere, und die doch unsere Brüder vor der Natur und vor Gott sind.«

Ein Gemurmel der Billigung ermuthigte den Redner. Alle diese eleganten, gepuderten, bisamduftenden Männer, alle diese reizenden mit Spitzen, Federn und Diamanten bedeckten Frauen stimmten durch eine anmuthige Kopfbewegung der Ansicht des Redners bei und anerkannten, sie seien die Brüder und die Schwestern der Neger des Congo und der Negerinnen vom Senegal.

»Und nun, mitleidige Herzen,« fuhr Malouet mit jener sentimentalen, der damaligen Zeit eigenthümlichen Phraseologie fort, welche hauptsächlich durch die Anrufung zu Werke ging, »erinnern Sie sich wohl, daß das, was ich Ihnen sagen werde, kein Roman ist, entworfen in der Hoffnung, Sie in Ihrer Muße zu unterhalten; es ist eine wahre Geschichte der Behandlung, durch welche seit Jahrhunderten Ihres Gleichen zu Boden gedrückt werden; es ist der Schrei der seufzenden und verfolgten Menschheit, die es wagt, sich bis zu Ihnen zu erheben und allen Nationen der Welt die Grausamkeit zu denunzieren, deren Opfer diese Unglücklichen sind; es sind endlich die Neger von Africa und America, welche den Beistand ihrer Vertheidiger anrufen, damit diese Vertheidiger für sie an das Urtheil der Fürsten Europas appellieren und Gerechtigkeit für die grausamen Leiden, mit denen man sie in ihrem Namen erdrückt, verlangen mögen. Werden Sie taub für ihre Bitte sein? Nein! die Stimme der Männer wird sich stark und streng erheben, die Stimme der Frauen wird sanft und flehend hörbar werden, und die Könige, welche Gott zu seinen Stellvertretern auf Erden gemacht hat, werden erkennen, es heiße Gott selbst beleidigen so der niederträchtigsten Behandlung Geschöpfe geschaffen wie wir nach seinem Bilde preisgeben.«

Hier machte das Gemurmel der Billigung dem lauten Beifalle Platz. Nichtsdestoweniger war es augenscheinlich, daß man den Eingang genügend fand, und daß eine allgemeine, obgleich noch stumme Aspiration den Redner zu seinem Gegenstande hinzog,

Malouet fühlte das Bedürfniß, in die Materie einzugehen, und fing an:

»Ohne Zweifel wissen Sie, was der Negerhandel ist; wissen Sie aber auch, wie der Negerhandel getrieben wird? Nein, Sie wissen es nicht, oder Sie haben wenigstens nur einen oberflächlichen Blick auf diese seltsame Operation geworfen, bei der eine Race mit der andern gehandelt hat, wo die Menschen sich zu Verkäufern von Menschen gemacht haben.

»Will der Kapitän eines Negerschiffes Sklaven kaufen, so nähert er sich den Gestaden Africas und läßt einen der kleinen Fürsten, deren Gebiet an der Küste liegt, benachrichten, er sei da, er bringe Waaren aus Europa, und er möchte gern diese Waaren gegen eine Ladung von zwei bis dreihundert Negern vertauschen; dann schickt er ein Muster von seinen Waaren dem Fürsten, mit dem er handeln will, läßt seine Muster von einem Geschenke mit Branntwein begleiten und wartet.

»Branntwein, Feuerwasser, wie die unglücklichen Neger sagen; unselige Entdeckung, die uns von den Arabern zugekommen ist, – mit jener Kunst des Destillirens, die wir von ihnen erhalten haben, und die sie erfunden hatten, um den Wohlgeruch der Blumen und besonders der, in den Schriften ihrer Dichter so sehr gefeierten, Rose auszuziehen! – warum bist du eine so furchtbare Waffe in den Händen von grausamen Menschen geworden, daß man dich verfluchen muß, dich, die du mehr Nationen gebändigt und besonders vernichtet hast, als die Feuergewehre, welche den Menschen der neuen Welt unbekannt waren, und die sie für einen Donner in den Händen von neuen Göttern hielten?«

Malouet hatte sich, wie man sieht, in den höchsten Lyrismus geworfen: er wurde für seine Kühnheit durch eine Salve von Beifallklatschen belohnt.

»Wir sagen,« fuhr er fort, »der Kapitän des Negerschiffes warte. Ach! er wartet nicht lange; ist die Dunkelheit eingetreten, so kann er den Brand von Dorf zu Dorf laufen sehen; in der nächtlichen Stille kann er die Klagen der Mütter hören, denen man ihre Söhne raubt, der Kinder, denen man ihren Vater entreißt, und mitten unter Allem dem das Todesgeschrei von denjenigen, welche lieber sogleich sterben wollen, als ein Leben des Verschmachtens fern vom Dache der Familie, fern vom Himmel der Heimath hinschleppen.

»Am andern Tage erzählt man an Bord, der Negerkönig sei zurückgeschlagen worden; die Unglücklichen, die man habe wegführen wollen, haben mit der Heftigkeit der Verzweiflung gekämpft; ein neuer Angriff sei für die nächste Nacht organisiert, und die Auslieferung der Waaren könne erst am kommenden Tage stattfinden. Sobald es Nacht geworden, fangen der Kampf, der Brand, die Klagen wieder an. Das Blutbad dauert die ganze Nacht fort, und am Morgen erfährt man, man müsse wieder bis zum andern Tage warten, wenn man die verlangte Ladung haben wolle.

»Doch in dieser Nacht wird man sie sicherlich bekommen, denn der zurückgeschlagene König hat seinen Soldaten befohlen, die Sklaven in seinen eigenen Staaten zu nehmen; er wird einige von seinen Dörfern umzingeln lassen, und, getreu dem gegebenen Worte, seine Unterthanen ausliefern, da er seine Feinde nicht ausliefern kann.

»Endlich, am dritten Tage sieht man vierhundert gefesselte Neger ankommen, gefolgt von Müttern, Frauen, Töchtern und Schwestern, – wenn man nur Männer nöthig hat, denn hat man Weiber nöthig, so werden die Frauen, die Töchter, die Schwestern mit den Brüdern, den Vätern und Gatten gefesselt.

»Da erkundigt man sich und erfährt, es seien in diesen zwei Nächten viertausend Menschen umgekommen, damit der König-Speculant vierhundert habe liefern können.

»Und glauben Sie nicht, ich übertreibe: ich erzähle; ich erzähle, was geschehen ist: der Kapitän des Schiffes ist der Kapitän des New-York, der König, der seine eigenen Unterthanen verkauft hat, ist der König von Barsilly.

»O Männer der Regierung! o Fürsten Europas! Ihr schlaft ruhig in Euren Palästen, während man Eures Gleichen erwürgt; nicht wahr, Ihr wißt nichts von allen diesen Gräueln? Sie werden doch in Eurem Namen begangen. Nun wohl! das Geschrei dieser Unglücklichen mag über die Meere ziehen und Euch aufwecken!

»Werfen wir nun,« fuhr der Redner fort, »werfen wir die Augen auf diese dürre, unfruchtbare Küste, welche gleichwohl die des Vaterlandes ist; sehen wir diese unglücklichen Neger auf dem Boden liegend und nackt den Blicken und der Untersuchung der europäischen Rheder ausgesetzt.

»Haben die Wundärzte diejenigen von den Negern, welche sie für gesund, behende, kräftig und gut constituirt halten, aufmerksam geprüft, so sprechen sie ihre Billigung für sie aus und nehmen sie im Namen des Kapitäns in Empfang, wie Pferde und Ochsen, und lassen sie, auch wie Pferde und Ochsen, mit einem glühenden Eisen an der Schulter zeichnen: dieses Zeichen sind die Anfangsbuchstaben vom Namen des Schiffes und des Commandanten, der sie gekauft hat.

»Alsdann, so wie man sie zeichnet, fesselt man sie zu zwei und zwei an einander, und man führt sie in den Fond des Schiffes, der ihnen für zwei Monate als Gefängniß und häufig als Grab dienen soll.

»Oft, während einer Ueberfahrt, – so gewaltig ist ihr Grauen vor der Sklaverei! – kommen zwei, vier, sechs von diesen Unglücklichen überein, sich ins Meer zu stürzen, führen ihr Vorhaben aus und finden, da sie gefesselt sind, den Tod in den Tiefen des Oceans.

»Bei dem letzten Ankaufe, den der Kapitän Philips in Guinea, beim König von Juida gemacht hat, hat er so zwölf Neger verloren, die sich freiwillig ertränkten.

»Da man sie indessen sehr scharf bewacht, so gelangen gewöhnlich die allermeisten Sklaven ins Schiff. Sogleich bringt man sie in den Raum; hier bleiben dann fünf bis sechshundert Unglückliche unter einander in einer nach der Länge ihres Leibes abgemessenen Reiche aufgehäuft, das Licht nur durch die Oeffnung der Luken erschauend, bei Tag und Nacht nur eine Luft einathmend, welche ungesund und verpestet wird durch den beständigen Aufenthalt der menschlichen Ausdünstungen und der Excremente, welche nicht entfernt werden; dann entspringt aus dem Gemische aller dieser faulen Ausdünstungen eine schmerzliche Infection, welche das Blut verdirbt und eine Menge von Entzündungskrankheiten erzeugt, die dem Viertel und manchmal dem Drittel von allen diesen Sklaven in der kurzen Zeit von zwei bis drittehalb Monaten, welche gewöhnlich die Ueberfahrt dauert, den Tod bringen.

»O Ihr, an die ich mich wende,« rief der Redner, indem er die Hand ausstreckte, als wollte er das ganze Weltall beschwören, »Engländer, Franzosen, Russen, Deutsche, Americaner, Spanier! mag Euch das Schicksal eine Krone auf das Haupt gesetzt oder einen Spaten in die Hand gegeben haben, werft einen Blick auf die Lage, in welche Euch die europäischen Rheder seit so langer Zeit versenken; bedenkt, daß in dem Momente, wo ich spreche, die Kapitäne der Negerschiffe alle die von mir geschilderten Gräuel üben, und daß im Namen Europas und unter dem Regime seiner Gesetze solche Verbuchen ohne Gewissensbisse begangen werden.

»Erleuchtete Europäer, glaubet auch nicht an die Fabeln, welche diese entarteten Menschen Euch kalt in Europa vorschwatzen, um ihre Missethaten zu verbergen; hütet Euch, ihren Verleumdungen Glauben zu schenken, wenn sie behaupten, die unglücklichen Neger seien des Gefühls und der Vernunft beraubte Thiere; erfahret im Gegentheil: es ist nicht Einer unter denjenigen, welche Ihr ihrer Heimath entreißt, der nicht eine zarte Neigung seines Innersten, die Ihr gebrochen, beklagt, – nicht ein Kind, das nicht schmerzlich den Verlust seiner Eltern oder seines Vaters fühlt, – nicht eine Frau, die nicht um einen Gatten, um eine Mutter, um eine Schwester, um eine Freundin weint, – nicht ein Mann, den nicht in der Tiefe seines geschworenen Herzens die Verzweiflung über die zarten Bande verzehrt, die Ihr durch eine gewaltthätige, grausame Trennung vernichtet habt. Ja, ich sage es Euch freimüthig, es ist nicht Einer von Euren Sklaven, der Euch nicht in der Wahrheit seines Herzens als die mörderischen Henker betrachtet, welche die süßesten Gefühle der Natur mit Füßen treten, erwürgen.

»Grausame, unversöhnliche Menschen! wüßtet Ihr im Grunde der Herzen zu lesen, würden ihre gerechten Klagen nicht auf das Strengste zum Stillschweigen gebracht oder mit den entsetzlichsten Strafen geahndet, so könntet Ihr hier einen verscheidenden Vater zu Euch sagen hören: »»Du hast mich von einer Schaar Kinder getrennt, welche meine Arbeit ernährte, und die nun vor Hunger und Elend sterben!«« Dort müßtet Ihr eine Mutter in der Verzweiflung finden, die Ihr aus den Armen eines Gatten oder einer geliebten Tochter gerissen, welche dem Augenblicke ihrer Verheirathung ganz nahe war; anderswo ihren Familien geraubte junge Kinder, welche weinend und schluchzend ausrufen: Pau, pau, bulla! (Vater, Vater, die Hand!) – neben ihnen ein bestürztes Mädchen, das um die Zärtlichkeit einer Mutter oder eines jungen Mannes weint, von dem es aufrichtig geliebt wurde; überall Geschöpfe, welche im tiefsten Jammer darüber, daß sie nicht den traurigen Trost gehabt, ihre Thränen mit denen ihres Vaters oder ihrer Verwandten, dieselben auf immer verlassend, zu vermischen; in allen Herzen würdet Ihr endlich die Schaam und die Entrüstung concentrirt finden, und darum diese Menschen auch fähig zu den Extremitäten, zu denen die Verzweiflung führen kann.«

Das Mitleid der Versammlung zu Gunsten der unglücklichen Neger hatte den höchsten Grad erreicht; nachdem sie den Redner durch ihr Beifallklatschen unterbrochen, brauchte sie auch eine Zeitlang, um sich wieder zu fassen: der Redner benützte diesen Waffenstillstand, um sich die Stirne mit einem Batistsacktuche abzuwischen und ein Glas Zuckerwasser zu trinken.

Während dieses ganzen Plaidoyer, dem wir geflissentlich die oratorische Form der Zeit gelassen haben, betrachtete Danton aufmerksam Marat, dessen Gesicht allmälig den Ausdruck einer mächtigen Ironie annahm.

Malouet fuhr fort:

»Sie haben gebebt, Sie haben geweint. Hören Sie, was mir noch zu sagen bleibt, empfindsame Herzen, liebende Seelen. Als der Kapitän Philips, dessen Namen ich schon ausgesprochen, seine Ladung beendigt hatte, da geschah es, abgesehen von den zwölf Negern, die sich ins Meer gestürzt, daß Viele sich weigerten, zu essen, in der Hoffnung, durch einen rascheren Tod ihren Qualen zu entgehen; nun machten einige Officiere des Schiffes den Vorschlag, den Halsstarrigsten die Füße und die Arme abzuschneiden, um die Andern zu erschrecken; doch menschlicher, als man hoffen durfte, weigerte sich der Commandant und sagte: »»Sie sind schon unglücklich genug, ohne daß man sie noch so grausame Strafen braucht erdulden zu lassen!«« Mit Freuden, meine Herren, lasse ich diesem Manne seinen Edelmuth veröffentlichend Gerechtigkeit widerfahren; doch gegen Einen, welcher so handelt, wie Viele verhalten sich anders! wie Viele brechen auf diese Weigerung, zu essen, mit eisernen Stangen, und zwar an mehreren Stellen, die Arme und die Beine der unglücklichen Widerspänstigen, die durch das entsetzliche Geschrei, das sie ausstoßen, den Schrecken unter ihren Gefährten verbreiten und sie nöthigen, aus Furcht vor derselben Behandlung zu thun, was sie mit eben so viel Stärke als Vernunft zu thun sich weigerten!

»Diese Strafe, meine Herren, kommt dem Rade in Europa gleich, nur mit dem Unterschiede, daß diejenigen, welche man in Europa rädert, Verbrecher sind, während diejenigen, welche man auf den Negerschiffen rädert, Unschuldige sind.

»Warten Sie noch, ich bin nicht zu Ende: ich habe hier einen geschriebenen, veröffentlichten, gedruckten Bericht von John Atkins, Wundarzt an Bord des Admiralschiffes der Ogles-Squadron, mit Negern von Guinea befrachtet; hören Sie, was er Ihnen sagt . . . John Harding, der dieses Schiff befehligte, bemerkte, daß mehrere Sklaven sich ins Ohr sprachen, daß mehrere Weiber das Ansehen hatten, als verbreiteten sie ein Geheimniß; er bildete sich ein, es conspiriren einige Schwarze, um ihre Freiheit wiederzuerlangen; wissen Sie, was sodann, ohne sich zu versichern, ob der Verdacht gegründet war, der Kapitän Harding that? Er verurtheilte auf der Stelle zwei von diesen Unglücklichen, einen Mann und eine Frau, zum Tode, und sprach dieses Urtheil, indem er die Hand gegen den Mann ausstreckte, der zuerst sterben solle: sogleich wurde der Unglückliche vor allen seinen Brüdern umgebracht, dann riß man ihm das Herz, die Leber und die Eingeweide aus, und streute Alles dies auf dem Boden umher, und da dreihundert Sklaven auf dem Schiffe waren, so schnitt man das Herz, die Leber und die Eingeweide in dreihundert Stücke und zwang die Gefährten des Todten, sie roh und blutig zu essen, wobei der Kapitän mit derselben Strafe Jeden bedrohte, der diese gräuliche Nahrung zu verzehren sich weigern würde!«

Ein Gemurmel des Entsetzens durchlief die Versammlung.

Doch die Stimme des Redners beherrschte dieses Gemurmel; er begriff, daß er, nach den Formen der Redekunst, einen zweiten Schlag nach dem ersten thun mußte.

»Hören Sie, hören Sie!« rief er. »Nicht befriedigt durch diese Execution, bezeichnete der grausame Kapitän seinen Henkern auch noch die Frau; die Befehle, wie man bei ihr zu Werke gehen sollte, waren zum Voraus gegeben worden. Die Arme wurde mit Stricken an beiden Daumen gebunden und an einem Maste aufgehängt, bis ihre Füße die Erde verloren hatten. Man zog ihr die Lumpen aus, die sie bedeckten, und peitschte sie zuerst, bis das Blut an ihrem ganzen Leibe herabrieselte; dann löste man ihr mit Rasirmessern die Haut ab, und man schnitt ihr, um auch von den Sklaven gegessen zu werden, dreihundert Stücke Fleisch vom Leibe, so daß alle ihre Knochen bloß gelegt waren, und sie unter den grausamsten Qualen verschied!«

Schreie der Entrüstung wurden hörbar; der Redner wischte sich aufs Neue die Stirne ab und trank vollends sein Glas Zuckerwasser.

»Das haben die unglücklichen Neger auf der Ueberfahrt zu erdulden,« fuhr Malouet fort; »sagen wir nun, was sie leiden müssen, wenn sie angekommen sind.

»Ein Drittel ungefähr ist auf der Ueberfahrt gestorben, wir haben es gesagt; beschränken wir uns aus das Viertel und Sie sollen sehen, wohin uns die Todtenrechnung führen wird.

»Der Scorbut, die Schwindsucht, die Faulfieber, und ein anderes acutes Fieber, das keinen wissenschaftlichen Namen hat, und das man das Fieber der Neger nennt, brechen auf sie ein in dem Augenblicke, wo ihre Füße die Erde berühren, und raffen abermals ein Viertel weg; das ist ein Tribut, den das Klima denjenigen auflegt, welche von Africa auf die americanischen Inseln übergehen. England führt aber allein hunderttausend Schwarze aus und Frankreich die Hälfte; hundert und fünfzigtausend Beide; es sind also fünfundsiebzig tausend Neger, welche zwei an der Spitze der Civilisation stehende Nationen alle Jahre sterben lassen, um fünfundsiebzig tausend andere den Colonien zu geben. Berechnen Sie, Sie, die Sie mich hören, berechnen Sie, welche ungeheure Anzahl von Opfern, ohne einen Nutzen daraus zu ziehen, diese zwei Nationen seit zweihundert Jahren, daß dieser Sklavenhandel dauert, haben sterben lassen; fünfundsiebzig tausend Neger jährlich, zweihundert Jahre hindurch, geben eine Zahl von fünfzehn Millionen von uns vernichteter Menschen; und fügen Sie dieser schmerzlichen Rechnung eine gleiche Zahl für alle Sklaven bei, deren Tod die anderen Königreiche Europas verursacht haben, so werden Sie dreißig Millionen Geschöpfe der Oberfläche der Erde durch die unersättliche Habgier der Weißen entrissen finden!«

Die Anwesenden schauten sich an. Es schien ihnen unmöglich, daß sie, und wäre es auch nur aus Gleichgültigkeit, ihren Theil an einer solchen Schlächterei genommen haben sollten.

Der Redner bedeutete durch einen Wink, er wolle fortfahren; die Stille trat wieder ein, und er sprach in folgenden Worten weiter:

»Wenn, nachdem das Meer seinen Zehenten genommen, wenn, nachdem das Fieber seinen Tribut genommen, einige Hoffnung auf Glück wenigstens den Ueberlebenden bliebe, wenn der Aufenthalt in der Verbannung leidlich wäre, wenn sie nur Herren fänden, die sie behandeln würden, wie man Thiere behandelt, so ließe sich das noch ertragen. Sind sie aber einmal angekommen, sind sie verkauft, so übersteigt die Arbeit, die man von ihnen fordert, die menschlichen Kräfte. Bei Tagesanbruch werden sie zu den Arbeiten gerufen, und bis zum Mittag müssen sie dieselben ohne Unterbrechung fortsetzen; um Mittag ist es ihnen endlich erlaubt, zu essen; doch um zwei Uhr müssen sie wieder unter der glühenden Sonne des Aequators zu ihrer Aufgabe schreiten, und sie haben diese bis zum Ende des Tages zu verfolgen; diese ganze Zeit werden sie auf das Strengste überwacht und bestraft von den Aufsehern, die mit mächtigen Peitschenhieben diejenigen schlagen, welche mit einiger Nachläßigkeit arbeiten. Ehe man sie in ihre traurigen Hütten zurückkehren läßt, nöthigt man sie noch die Geschäfte des Hauses zu verrichten, das heißt, Futter für das Vieh zu sammeln, Holz für die Herrschaft, Kohlen für die Küche, Hafer für die Pferde zu führen; so daß es oft Mitternacht oder ein Uhr ist, ehe sie in ihre Hütten kommen. Dann bleibt ihnen kaum Zeit, ein wenig Mais für ihre Nahrung zu zerstoßen und kochen zu lassen; während nun dieser Mais kocht, legen sie sich auf eine Matte nieder, wo sie sehr oft, gelähmt vor Müdigkeit, einschlafen, und wo sie die Arbeit des nächsten Tages wieder holt, ehe sie Zeit gehabt haben, den Hunger zu stillen, der sie verzehrt, oder den Schlaf zu befriedigen, der sie verfolgt.

»Und dennoch hat ein Schriftsteller unserer Tage, bekannt durch eine große Anzahl von Werken, welche vom Umfange und den Kenntnissen seines Geistes zeugen, behaupten wollen, die Sklaverei der Neger biete eine Existenz, welche viel glücklicher, als das Loos, dessen der Mehrzahl nach unsere Bauern und Tagelöhner in Europa theilhaftig seien.,

»In der That, beim ersten Anblicke scheint sein System verführerisch. »»Ein Arbeiter verdient in Frankreich,«« sagt er, »»zwanzig bis fünfundzwanzig Sous täglich. Wie kann man mit diesem mäßigen Lohne sich nähren, sein Weib und fünf bis sechs Kinder nähren und unterhalten, seine Hausmiethe bezahlen, Holz kaufen und alle Kosten für eine ganze Familie bestreiten? Sie leben dann in der Dürftigkeit, und es fehlt ihnen immer am Nothwendigen. Ein Leibeigener dagegen oder ein Sklave ist wie das Pferd seines Herrn: sein Herr ist dabei interessiert, daß er ihn gut nährt, gut unterhält, um seine Gesundheit zu bewahren und nützliche, anhaltende Dienste aus ihm zu ziehen; da er also Alles hat, was er nothwendig braucht, so ist er glücklicher, als die freien Tagelöhner, welche manchmal kein Brod haben!««

»Ach! die Vergleichung ist nicht richtig, und ich liefere den Beweis; er ist mir vor nicht langer Zeit auf folgende Art gegeben worden. Vor acht Tagen trat ich in ein Kaffeehaus ein; drei oder vier Americaner saßen um einen Tisch: der Eine von ihnen las die öffentlichen Blätter, die Andern sprachen vom Negerhandel; die Neugierde beweg mich in ihre Nähe zu sitzen, und ich horchte. Vernehmen Sie Wort für Wort die Berechnung, die ich Einen von ihnen machen hörte:

»»Meine Neger,«« sagte er, »»kommen mich Einer in den Andern gerechnet auf vierzig Guineen. Jeder von ihnen trägt mir ungefähr, nach Abzug aller Kosten, sieben Guineen Nutzen, wenn ich sie nähre, wie das sein soll; breche ich aber von ihrer Nahrung nur den Werth von zwei Pence täglich ab, so gibt mir diese Erparniß an jedem Neger drei Pfund Sterling Profit, also neunhundert Pfund Sterling an meinen dreihundert Negern, außer den sieben Pfund Sterling, die mir schon Jeder trug. Durch dieses Mittel gelingt es mir, jährlich auf Jedem von meinen Sklaven zehn Guineen Nutzen zu machen; was den Reinertrag meines Gutes auf dreitausend Pfund Sterling erhöht. Es ist wahr,«« fügte er bei, »»befolge ich den Plan dieser ökonomischen Verwaltung, so dauern meine Neger höchstens acht bis neun Jahre, doch was liegt daran, da am Ende von vier Jahren jeder Neger mir wiedergegeben hat, was er mich gekostet? Sollte er also nur noch vier bis fünf Jahre leben, so ist das seine Sache, da der Ueberschuß der vier Jahre ein reiner Nutzen ist. Der Mann stirbt, glückliche Reise! mit dem Profit allein, den ich in sieben bis acht Jahren an seiner Nahrung gemacht habe, besitze ich Mittel, um einen andern jungen, kräftigen Neger zu kaufen, statt eines erschöpften Menschen, der zu nichts mehr taugt, und Sie begreifen, bei dreihundert Sklaven ist die Ersparniß ungeheuer!««

»Das ist es, was dieser Mensch oder vielmehr dieser Tiger mit einem menschlichen Gesichte sagte! das ist es, was ich gehört habe, und ich schämte mich, daß derjenige, welcher dies sagte, ein Weißer war wie ich!

»O Europäer!« rief der Redner, indem er mit dem Willen, ihn zu unterbrechen, den Schauer unterbrach, den seine letzten Worte in der Versammlung erregt hatten, »werdet Ihr immer grausame Tyrannen sein, während Ihr wohlthätige Beschützer sein könnt? Die Wesen, die Ihr verfolgt, sind doch empfangen und geboren, wie Ihr, im Leibe einer Frau; sie hat sie neun Monate in ihrem Schooße getragen, wie Eure Mütter Euch getragen haben; sie hat sie zur Welt gebracht mit denselben Schmerzen und denselben Gefahren, mit denen Eure Frauen ihre Kinder zur Welt bringen! Sind sie nicht mit Milch gesäugt worden wie Ihr? mit derselben Zärtlichkeit wie Ihr aufgezogen worden? sind sie nicht Menschen wie Ihr? ist es nicht derselbe Schöpfer, der sie gebildet hat? ist es nicht dieselbe Erde, die uns getragen hat, und die uns nährt? ist es nicht dieselbe Sonne, die uns leuchtet? ist es nicht derselbe Vater des Weltalls, den wir Alle anbeten? haben sie nicht ein Herz, eine Seele, dieselben Neigungen der Zärtlichkeit und der Menschenliebe? Weil die Farbe ihrer Haut nicht der unsern gleicht, ist das ein gesetzlicher Titel, um sie umzubringen, um ihre Frauen zu entführen, ihre Kinder zu stehlen, ihre Väter in Fesseln zu schlagen, um sie auf dem Lande und auf dem Meere die abscheulichsten Grausamkeiten erdulden zu lassen?

»Leset die Geschichte aller Völker und aller Nationen der Erde, in keinem Reiche, in keinem Jahrhundert, selbst in den barbarischsten, werdet Ihr das Beispiel von einer so überlegten und so beharrlichen Grausamkeit finden. Warum müßt Ihr in einer Zeit, wo die gesunde Philosophie und die umfassendsten Kenntnisse Europa durch die erhabensten Entdeckungen erleuchten, noch der Schrecken der Africaner, der Abscheu von Eures Gleichen, die Verfolger des Menschengeschlechts sein? Laßt, es ist noch Zeit hierzu, so viele Grausamkeiten dadurch vergessen, daß Ihr der ganzen Erde das Beispiel der Humanität und der Wohlthätigkeit gebt: macht die Neger frei, zerbrecht ihre Ketten, schafft ihnen eine erträgliche Lage, und seid sicher, daß Ihr besser bedient werdet durch Freigelassene, welche Euch wie ihre Väter lieben werden, als durch Sklaven, die Euch hassen wie Henker!«

Dieser in einer Antithese endigende Redeschluß riß das Auditorium fort: Beifallklatschen, Bravos, stürmische Rufe erschollen von allen Seiten; die Männer stürzten nach der Tribune; die Frauen schwenkten ihre Taschentücher, und der Redner stieg unter dem enthusiastischen Geschrei: »Freiheit! Freiheit!« herab.

Danton wandte sich gegen Marat um; zwei- oder dreimal war er auf dem Punkte gewesen, sich der allgemeinen Hinreißung zu überlassen; doch er fühlte in seiner Nähe, in seinem Gefährten, etwas wie einen schlecht verhaltenen Spott, etwas wie eine Verachtung, welche loszubrechen im Begriffe, und das drängte ihn wieder zurück.

Als indessen der Redner geendigt hatte, wandte sich Danton, wie gesagt, gegen Marat um.

»Nun,« fragte er ihn, »was denken Sie hiervon?«

»Ich denke,« erwiederte Marat, »man müßte viele Sitzungen wie diese und viele Redner wie diesen brauchen, um zu machen, daß die Menschheit einen Schritt thun würde.«

»Die Sache, die er vertheidigt, ist jedoch schön!« versetzte Danton, der, an diese philosophische Phraseologie gewöhnt, wenigstens kämpfen wollte, ehe er sich ergab.

»Allerdings, aber es gibt eine Sache, deren Vertheidigung noch dringlicher ist, als die der Sklaven

Americas.«

»Welche?«

»Die der Leibeigenen Frankreichs.«

»Ich verstehe.«

»Sie haben versprochen, mir zu folgen?«

»Ja.«

»Kommen Sie.«

»Wohin gehen wir?«

»Nicht wahr, Sie haben mich unter die Aristokraten geführt, welche die Befreiung der Schwarzen verhandeln?«

»Allerdings.«

»Nun wohl, ich werde Sie unter die Demokraten führen, die sich mit der Befreiung der Weißen beschäftigen.«

Nach diesen Worten gingen Marat und Danton weg, ohne daß es Jemand bemerkte, – so merkwürdig sie waren, – dergestalt hatte sich die allgemeine Aufmerksamkeit beim Redner concentrirt, welcher unter den Glückwünschen der Versammlung von der Tribune herabstieg.




VII

Der Clubb der Menschenrechte


Nachdem sie ein paar Schritte gemacht, befanden sich Marat und Danton wieder im Palais-Royal, das schon etwas weniger zu dieser Stunde bevölkert war, als in der, wo sie angekommen, denn es fing an spät zu werden, und wenn die Beredtsamkeit von Malouet auch die Macht gehabt hatte, die Zeit vergessen zu machen, so hatte sie doch nicht die gehabt, dieselbe zu hemmen. Ueberdies, statt daß es Danton war, der Marat als Führer diente, war es Marat, der Danton führte, und den düstern Mann schien es zu drängen, das Ziel des Weges zu erreichen, als wäre er zu einem Rendez-vous gegangen.

Die zwei Gefährten gelangten in die Gallerie, welche längs der Rue de Valois hinläuft, und machten einige Schritte in dieser Gallerie; dann trat Marat rechts in eine kleine Passage, Danton folgte ihm, und Beide befanden sich bald außer dem Palais-Royal.

Die Rue de Valois war noch viel öder zu jener Zeit, als sie es heute ist; in der That, die Eigenthümer der Hotels, deren Aussicht durch die neuen Gebäude von Monseigneur dem Herzog von Orleans beschränkt worden war, hatten noch nicht Lust gehabt, Nutzen aus ihren Höfen und ihren Gärten dadurch zu ziehen, daß sie selbst bauen ließen; überdies war die ganze Facade des Palais-Royal, welche auf diese Seite ging, noch nicht vollendet und stellenweise der Durchgang, der den Wagen verboten, da Steine darin aufgehäuft lagen, kaum für die Fußgänger benutzbar.

Marat fand sich unter allen diesen Gerüsten, unter allen diesen zur Bearbeitung und Benützung bereit liegenden Steinen aus, als hätte er in seiner Hand den Faden dieses andern Labyrinths gehalten, und von Zeit zu Zeit sich umwendend, um zu sehen, ob sein Gefährte ihm folgte, führte er Danton an den Eingang von einer Art von Keller, in welchen man gelangte, nachdem man ein Dutzend Stufen hinabgestiegen war.

Alles schlief oder schien in der Straße zu schlafen, dieses Kellerloch ausgenommen, aus welchem bis zur äußeren Atmosphäre ein warmer Dampf und von Zeit zu Zeit Geräusche aufstiegen, welche die eines unterirdischen Vulcans zu sein schienen.

So gut ihn das Aeußere aus das Innere vorbereitet hatte, Danton blieb bei der Mündung dieses Schlundes stehen, in den Marat ohne Zögern getaucht war; endlich entschloß er sich, stieg die Treppe Stufe um Stufe hinab und machte auf der letzten Halt.

Man vernehme, was er von dieser letzten Stufe erblickte.

Einen ungeheuren gewölbten Saal, der ohne Zweifel einst, – das heißt vor der Erhöhung des Terrain, – als Orangerie für eines der großen Hotels gedient hatte, von denen ein Theil schon zu dieser Zeit verschwunden war, während der Rest alle Tage verschwand; diese Orangerie hatte seit fünfundzwanzig bis dreißig Jahren einer Taverne Platz gemacht, die sich ebenfalls, ohne ihre Bestimmung zu verändern, nichtsdestoweniger modificirte und ein Clubb werden sollte oder vielmehr geworden war.

Dieser, mit Ausnahme seiner Affiliirten, noch unbekannte Clubb, in welchen man, wie in den Freimaurerlogen, nur mit Hilfe gewisser Zeichen oder mittelst gewisser Worte aufgenommen wurde, dieser Clubb war der der Menschenrechte.

Die Tische, mochte das eine Klugheit sein, oder hatte man geglaubt, es finde keine zu stark ausgesprochene Disharmonie zwischen der alten und der neuen Bestimmung des Locals statt, die Tische waren an ihren Plätzen geblieben und fanden sich, in diesem Augenblicke beladen mit zinnernen, an Ketten festgehaltenen Bechern, umgeben von Trinkern, welche auf wurmstichigen Bänken und hinkenden Stühlen saßen.

Im Hintergrunde, in einer durch den Tabakrauch, durch den Dampf der Lampen, durch die verdichteten Aushauchungen der Consumenten unentschieden gewordenen Atmosphäre, sah man wie Schatten diejenigen sich bewegen, welchen ihre pecuniären Mittel nicht erlaubten, sich den Wein der Anstalt schmecken zu lassen, und die, bei leerem Magen, mit einer finstern, neidischen Miene diese Günstlinge des Glückes betrachteten, denen das Elend, minder grausam, noch ein paar Sous, um sie in dieser Kneipe auszugeben, ließ.

Hinter dieser compacten Masse, in einer fast verlorenen Ferne, erhob sich auf leeren Fässern eine Art von Theater, bekränzt mit einem alten Zähltische, der das Bureau des Präsidenten geworden war. Dieses Bureau trug ein angezündetes Licht, ohne welches es völlig im Schatten verborgen gewesen wäre, , und ein ausgelöschtes Licht; der Geist der Sparsamkeit, der über die Anstalt wachte, hatte als einen tadelnswerthen Luxus diese zwei zu gleicher Zeit angezündeten Lichter betrachtet und eines unterdrückt.

Es war ein großer Abstand von der eleganten, bisamduftenden Gesellschaft, von dem vergoldeten und mit Sammet tapezirten Saale, woher Danton und Marat kamen, zu dieser düstern, zerlumpten Versammlung, zu diesem schwarzen, rauchigen Gewölbe, unter das sie eindrangen; doch wir müssen hier sagen, sie waren durch die Ränder eines unsichtbaren Bürgerthums aus dem Paradiese der Aristokratie in die Hölle des Volkes getaucht.

Für den Augenblick schien die wichtige Person dieser unterirdischen Versammlung der Herr der Anstalt zu sein; es war wenigstens sein Name, der am öftesten, wenn nicht am harmonischsten, in der Versammlung ertönte, welche sicherlich zu dieser Stunde nicht ihres Gleichen aus der Welt hatte.

»Jourdan, Wein!« rief mit einer Stentorstimme ein colossaler Trinker mit zurückgeschlagenen Hemdärmeln, nervigen Armen und frischem Gesichte, – von jener Frische, welche den Fleischern und den Wurstmachern, das heißt den Menschen eigenthümlich, die den Dunst des Blutes einathmen.

»Man kommt schon, Herr Legendre,« sagte Jourdan, der die verlangte Flüssigkeit brachte; »doch ich muß Ihnen bemerken, daß dies die vierte Flasche ist.«

»Hast Du Angst, man bezahle Dich nicht, Thier?« versetzte der Fleischer, indem er aus seiner von Blut befleckten Schürze eine Handvoll Sous zog, unter welchen, wie jene Sterne, die uns viel größer scheinen, je näher sie der Erde sind, Thaler von drei und sechs Livres glänzten.

»Oh! das ist es nicht, Herr Legendre: man kennt Sie, und man weiß, daß Sie gut sind, um vier Flaschen zu bezahlen. Wenn Sie wollten, ich würde sogar mein Etablissement in der Rue de Valois gegen Ihre Fleischbank in der Rue des Boucheries-Saint-Germain tauschen; doch Sie sind ein Mann, der leicht aufbraust, und ich habe bemerkt, daß Ihnen von der fünften zur sechsten Flasche immer Unglück widerfuhr.«

»Mir?« sagte Legendre.

»Nein, ich irre mich,« erwiederte Jourdan, »Ihren Nachbarn.«

»So lasse ich es gelten!« rief Legendre mit seinem plumpen Gelächter, »doch da wir erst bei der vierten Flasche sind, so bediene kecklich, mein würdiger College! – denn Du hast alle Handwerke getrieben! Du bist Fleischer, Hufschmied, Schmuggler, Soldat im Regimente Auvergne, Stallknecht beim Marschall von Vaux gewesen . . . Nun bist Du in Deiner wahren Sphäre: Weinhändler! Du hast Alles vollauf . . . Zu trinken also, Meister Petit, wie man Dich jetzt nennt, oder Meister Jourdan, wie man Dich nannte, – zu trinken!«

»He! Jourdan!« rief man von einer andern Seite.

Jourdan stellte die Flasche vor Legendre und lief dem neuen Rufe zu, der an ihn von einem Menschen gerichtet wurde, welchen wir schon in dieser Geschichte erschaut haben.

»Was willst Du, mein alter Hébert?« fragte Jourdan vertraulich; »bleibt Dir noch eine kleine Contremarque, die man morgen benützen könnte?«

»Es bleibt mir nichts, nicht einmal mein Platz, weil man mich heute bei den Varietes vor die Thüre gesetzt hat, unter dem Vorwande . . . Doch es lohnt sich nicht der Mühe, den Vorwand zu nennen.«

»Und dann,« versetzte Jourdan lächelnd auf eine Weise, die nur ihm eigenthümlich, »und dann bin ich nicht neugierig.«

»Nein, Du bist aber gastfreundlich, besonders wenn man Dich bezahlt . . . Ich mache Dich also darauf aufmerksam, daß Du von morgen an uns auf Kosten der Masse zu speisen hast, – mich und diesen Herrn!«

Hierbei deutete Hébert auf einen Mann von sechsunddreißig bis achtunddreißig Jahren, mager, gelb, mit lebhaftem Auge, dessen Tracht eine seltsame Mischung von falschem Luxus und wirklichem Elend bot.

»Wer ist dieser Herr?« fragte Jourdan.

»Der Herr ist der Bürger Collot d'Herbois, der die ersten Trauerspielrollen in der Provinz spielt und in seinen verlorenen Stunden Komödien macht; da er aber in diesem Augenblicke weder die Rollen der Andern spielen, – weil er ohne Anstellung ist, – noch die seinigen spielen machen kann, – weil die Comedie-Francaise seine Stücke zurückweist, – so wendet er sich an den Clubb der Menschenrechte, und da jeder Mensch ein Recht auf Nahrung hat, so sagt er zu der Gesellschaft, zu der wir gehören: »Nähre mich!«

»Hierzu brauche ich ein Wort des Präsidenten.«

»Hier hast Du es, Dein Wort . . . Du siehst, es ist für zwei: von morgen an mußt Du uns speisen. Mittlerweile tränke uns: man ist noch nicht ganz entblößt, und man kann die Zeche von heute Abend bezahlen.«

Und lachend zog Hébert mit einem freundschaftlichen Lieblingsschwure aus seiner Hosentasche ein Dutzend Thaler, welche bewiesen, daß er, wenn man ihn von dem Platze, den er bei der Controle der Varistés einnahm, weggeschickt hatte, nicht ganz mit leeren Händen abgegangen war.

Jourdan holte den Wein, doch unter Weges wurde er aufgehalten von einer Person, die an einem von den das Gewölbe tragenden Pfeilern stand.

Es war dies ein wohl sechs Fuß hoher Mann, der einen fadenscheinigen, aber reinlichen, anständigen schwarzen Rock trug; er hatte ein durch sein feierliches Wesen fast trauriges Gesicht. »Einen Augenblick, Jourdan,« sagte er.

»Was wünschen Sie, Herr Maillard?« fragte der Wirth mit einer Art von Ehrfurcht; »nicht Wein, das weiß ich.«

»Nein, mein Freund; ich wünschte nur zu wissen, wer jener Mensch ist, der sich auf zwei Krücken stützt und mit unserem Vicepräsidenten, Fournier dem Americaner, spricht.«

Auf der andern Seite des Saales sprach in der That ein Mann von zweiunddreißig bis vierunddreißig Jahren, mit langen Haaren, mit leidendem, schwermüthigem Gesichte, mit zusammengebogenem Körper und gestützt durch zwei Krücken, mit einer Art von Bullenbeißer.

Es war der Letztere, der seitdem so berühmt geworden, – wie übrigens die Mehrzahl von denjenigen, welche wir in Scene bringen, – den der Huissier Maillard Jourdan unter dem Namen Fournier der Americaner bezeichnet hatte.

»Der, welcher mit unserem Vicepräsidenten spricht?« versetzte Jourdan; »warten Sie doch!«

»Oh! ich bin der Mann der Gesetzmäßigkeit: es ist beschlossen, daß man nur unter gewissen Bedingungen zugelassen werden soll, und ich will wissen, ob diese Bedingungen erfüllt sind.«

»Ah! ich erinnere mich! er ist vollkommen in Ordnung . . . Und sehen Sie, er zeigt eben sein Creditiv Herrn Fournier. Es ist ein Advocat oder ein Richter, – ein Richter vom Tribunal von Vermont, glaube ich; er ist mit einer Lähmung in den Beinen bedroht und kommt nach Paris, um sich Raths zu erholen. Er heißt Georges Couthon und ist von Patrioten von Auvergne empfohlen.«

»Gut, sprechen wir nicht mehr davon . . . Und jener Andere, der so schöne Kleider hat und so häßlich ist?«

»Welcher?«

»Der, welcher auf der letzten Stufe der Treppe steht, als wäre er ein zu vornehmer Herr, um auf demselben Boden zu gehen, wie wir.«

»Der dort? ich kenne ihn nicht; doch er ist mit einem unserer Bekannten gekommen.«

»Mit wem?«

»Oh! mit Einem, der nicht verdächtig ist.«

»Mit wem ist er denn gekommen?«

»Mit Herrn Marat.«

»He! he! . . . und der Wein?« rief Hébert, indem er sich an Jourdan mit einer halb freundschaftlichen, halb drohenden Geberde wandte, welche dieser durch eine analoge Bewegung des Kopfes und der Schultern erwiederte; »unser Wein?«

Dann die Hand einer neuen Person reichend, welche in diesem Augenblicke eingetreten war und mitten durch die ehrenwerthe Versammlung mit dem anmuthigen, geschmeidigen Wesen einer Katze schlüpfte:

»Ah! komm doch, Bordier, daß ich Dich Herrn Collot d'Herbois, einem Collegen, vorstelle.«

Der Ankömmling verbeugte sich, indem er seine Hände kreuzte und eine reizende Kopfbewegung machte.

»Herr Collot d'Herbois, mein Freund Bordier, der berühmte Arlequin, der gerade im Zuge ist, das Glück der Varietes zu machen, wo er im Augenblicke: Arlequin, Kaiser im Monde spielt, ein Werk, welches sicherlich nicht den Werth der Ihrigen hat, das aber ganz Paris anzieht.«

»Ich habe den Herrn gestern gesehen,« ermiederte Collot, »und ich habe ihm mit dem größten Vergnügen Beifall zugeklascht.«

»Mein Herr. . .« sprach der Arlequin sich aufs Neue verbeugend.

»Sie sagen besonders auf eine bewunderungswürdige Weise: »»Ihr werdet sehen, daß ich bei Alle dem am Ende eines Tages gehenkt werde!««

»Sie finden, mein Herr?« versetzte Bordier.

»Oh! bei meinem Worte, es ist unmöglich, eine mehr durch die Angst komische Betonung zu finden, als es die Ihrige ist.«

»Stellen Sie sich vor, daß ich in das Stück diese Phrase habe setzen lassen, welche nicht darin war.«

»Und aus welchem Grunde?«

»Ah! hören Sie. Als Kind sah ich einen Menschen henken; das war sehr häßlich. In der folgenden Nacht träumte ich, ich werde gehenkt; das war sehr traurig. Der Traum und die Wirklichkeit sind mir so lebendig im Geiste geblieben, daß ich schaudere, so oft ich an einen Galgen denke! Sie wissen aber, man ist Künstler, oder man ist es nicht: Dugazon hat zweiundvierzig Manieren, die Nase zu bewegen, erfunden, und mit jeder macht er lachen; ich habe nur eine Manier erfunden, zu sagen: »»Ihr werdet sehen, daß ich bei Alle dem am Ende eines Tages gehenkt werde!«« und ich mache beinahe weinen . . . Doch verzeihen Sie, ich glaube, die Sitzung beginnt.«

Es war wirklich das zweite Licht, welches das Bureau zu beleuchten bestimmt, angezündet worden, und der Vicepräsident Fournier schien den Präsidenten Marat einzuladen, er möge den Stuhl einnehmen. Marat weigerte sich aber.

»Was hat denn Marat heute?« fragte Bordier; »man sollte glauben, er lehne die Ehre des Präsidiums ab.«

»Er will ohne Zweifel sprechen,« erwiederte Hébert.

»Spricht er gut?« fragte Collot d'Herbois.

»Ich glaube wohl!« antwortete Hébert.

»Wie wer spricht er?«

»Wie wer? Er spricht wie Marat.«

In diesem Augenblicke ließ sich die Glocke des Vizepräsidenten hören; ein Schauer durchlief die Versammlung. Auf ein Zeichen von Jourdan verrammelte ein Aufwärter der Schenke die Kelleröffnung. Marat nahm Danton beim Arme und führte ihn in die erste Reihe des Kreises, der sich um die Tribune bildete; auf die Töne der Glocke folgten die vom Vicepräsidenten ausgesprochenen Worte:

»Bürger, die Sitzung ist eröffnet.«

Alsbald erlosch das Gemurmel, das über dieser Menge schwebte, und es trat eine Art von Stille ein, in der man indessen alle die Volkstumulte leben fühlte, welche die Sitzung unterbrechen sollten, von der wir Rechenschaft zu geben versuchen wollen.




VIII

Der Weißenhandel


Für Danton besonders war der Anblick dieser Versammlung charakteristisch. Im Bürgerstande geboren, hatte Danton, wie jeder in einer Mitte geborene Mensch, einen Instinct, der ihn aus dieser Mitte herauszog: – die Instincte des Einen ziehen ihn nach oben, die Instincte des Andern ziehen ihn nach unten; die Instincte von Danton zogen diesen zur Aristokratie hin. Ein sinnlicher Mensch, ein politischer Epicuräer, ein zukünftiger Staatsmann, sanguinisch, aber nicht sanguinär, liebte Danton die schöne Wäsche, die berauschenden Wohlgerüche; Danton liebte die Seide und den Sammet; Danton, er mit der noch harten, rauhen Haut, liebte die feine, weiße Haut, welche am 2. und am 3. September, an diesen Tagen entsetzlichen Andenkens, im Munde seiner Agenten ein Todesurtheil wurde.

Danton kam nun aus einer Reunion, wo er Alles dies gefunden hatte: Glanz der Kerzen, Rauschen der Seide, Zartheit des Sammets, Schaukeln der Federn, Licht der Diamanten; er hatte die balsamische Atmosphäre eingeathmet, welche nicht nur aus einer Mischung von destillirten Wohlgerüchen, sondern auch aus jener noch viel sinnlicheren, noch viel berauschenderen Ausströmung besteht, die aus jungen, gepflegten, aristokratischen, mit einander in Berührung gesetzten Organisationen hervorgeht; und plötzlich, ohne Uebergang, fiel er in die Untiefen der Gesellschaft, mitten unter rauchige Lichter, schmutzige Hände, übel riechende Lumpen; er begriff die unbekannte Existenz dieser andern lebenden Katakomben unter diesem andern Rom, dessen Anblick sie an einem gegebenen Tage verändern sollten; er begriff! – und ganz schauernd nach dem Contraste des Gesichtes, des Gehöres, des Geruches, wartete er auf den Contrast der Rede.

Der Contrast ließ nicht auf sich warten.

Bordier, der Schriftführer des Clubbs, stand auf und gab der Versammlung Kenntniß von den Correspondenzen aus der Provinz.

Das erste Factum, das dem Clubbe der Menschenrechte angezeigt wurde, war folgendes:

»Gilles Leborgne, Ackermann in Machecoul bei Nantes, der ein Kaninchen, welches seinen Kohl fraß, getödtet hatte, war auf Befehl des Herrn von Machecoul an einen Pfosten gebunden und gepeitscht worden.«

Die Thatsachen folgten sich, und alle zeugten von dieser Grausamkeit, welche mit wenigen Ausnahmen die Privilegirten der Zeit an den niedrigen Klassen übten.

Pierr, genannt der Glöckner, Tagelöhner in Pont-Saint-Mesmin, der sich geweigert hatte, in der Frohne das Wasser in den Gräben des Schlosses zu schlagen,[15 - Um dadurch die Frösche zum Schweigen zu bringen. D. Uebers.] während die gnädige Frau in den Wochen lag, war in einen noch heißen Ofen eingesperrt worden. Er war durch Erstickung gestorben.

Barnabé Lampon von Pithiviers, der eine Frau und sechs Kinder hatte, lebte seit drei Monaten nur von Gras und Baumblattern; er war so schwach, daß er kaum seinen Namen unten an diese Angabe seines Elends hatte schreiben können.

Und bei jedem Factum, das der Schriftführer mittheilte, drückte Marat heftig das Handgelenke von Danton und fragte ihn leise:

»Was sagst Du hierzu, Danton? was sagst Du?«

Und Danton der Sinnliche, Danton der Wollüstige, Danton der Epicuräer fühlte etwas wie einen Gewissensbiß in seine Secle hinabsteigen, indem er an alle die Perlen, an alle die Diamanten, an alle die Vergoldungen dachte, die er gesehen, an diese Männer, welche Seufzer ausstießen, an diese Frauen, welche Thränen vergossen über das Elend der Africaner, die zweitausend fünfhundert Meilen von Frankreich litten, während in Frankreich selbst, unter den Füßen von Paris, Menschen nicht minder gräßliche Schmerzen litten, mit nicht minder entsetzlichem Elend rangen.

Die Liste entrollte sich, und jede neue Thatsache entzündete einen neuen Blitz in allen diesen flammenden Blicken; man fühlte, daß es nicht eine fremde, entfernte Sache, die Sache einer andern Race war, die diese Menschen verteidigten, sondern eine Sache, für die sie gelitten hatten, eine Sache, für die sie zu kämpfen im Begriffe standen. Die Brust Aller war keuchend, angeschwollen, nahe daran, durch die Lippen zu überströmen! Jeder wartete auf den Augenblick, wo der Schriftführer seine lange, schmerzliche Aufzählung werde gelesen haben, um nach der Tribune zu eilen, um sein Wort auf diesen Brand zu gießen, nicht als ein Wasser, das auslöscht, sondern als ein Oel, das in Flammen setzt.

Alle stürzten nach der unförmlichen Tribune.

Marat streckte, ohne sich von seinem Platze zu rühren, die Hand aus.

»Der Bürger Marat verlangt das Wort,« sagte der Präsident: »der Bürger Marat hat das Wort.«

»Ja! ja!« riefen zweihundert Stimmen; »Marat auf die Tribune! . . . Marat! Marat! Marat!««

Und Marat schritt mitten auf dem Wege hin, den ihm diese menschlichen Wogen machten, wie Moses mitten durch die Wellen des rothen Meeres schritt, das vor ihm zurückwich.

Er stieg langsam die Leiter mit ihren vier Sprossen hinauf, welche zu der Schaubühne führte, griff mit seiner schwarzen, fettigen Hand in seine langen Haare, warf sie zurück, als hätte er befürchtet, ein einziger von seinen häßlichen Zügen könnte in seinem Ausdrucke verschleiert werden, und sprach:

»Ihr Alle, die Ihr hier seid, Ihr habt das Röcheln eines ganzen Volkes gehört, das mit dem Tode ringt und wehklagt! eines Volkes, das sich an Euch wendet, denn es setzt seine Hoffnung nur auf Euch! . . . Nun wohl! sagt, auf wen setzt Ihr Eure Hoffnung, an wen werdet Ihr Euch wenden? Wir kennen diejenigen, welche wir fürchten müssen: sagt uns diejenigen, auf welche wir hoffen dürfen?«

»Lafayette! Necker!« riefen mehrere Stimmen.

»Lafayette! Necker!« wiederholte Marat, »auf diese zwei Männer setzt Ihr Eure Hoffnung?«

»Ja! ja! ja!«

»Auf den Einen als General, auf den Andern als Minister?«

»Ja! ja! ja!«

»Also ein Aristokrat und ein Zöllner, ein Schönredner und ein Geldmäkler, das sind Eure Männer, Eure Helden, Eure Götter! Wißt Ihr, was Lafayette ist? Ich will es Euch zuerst sagen. Wißt Ihr, was Necker ist? Ich will es Euch nachher sagen.«

»Sprich, Marat, sprich!« riefen hundert Stimmen.

Ein Lächeln tiefen Hasses zog über die Lippen des Redners, ein Lächeln des Tigers, der seine Beute zu zerfleischen im Begriffe ist.

»Fangen wir mit Lafayette an,« fuhr Marat fort: »das wird nicht lange dauern, denn er ist, zum Glücke für uns, am Anfange seiner Laufbahn, und ich habe nicht viel über ihn zu sagen: doch das, was ich sagen werde, wird hoffentlich genügen, um das Mißtrauen in Eure Herzen zu bringen, denn was ich sage, wird ihn Euch unter seinem wahren Lichte sehen lassen.

»Unser Held ist geboren in Chavagnac in der Auvergne. Wenn die cabbalistischen Zeichen, welche die Geburt des schändlichen Octavius begleiteten, den seine Schmeichler Augustus nannten, wenn diese charakteristischen Zeichen nicht bei der Geburt des Marquis von Lafayette vorwalteten, so bin ich doch wenigstens befugt, zu behaupten, der Ehrgeiz, die alberne Eitelkeit und die Lächerlichkeit haben über seine Wiege ihre bösartigen Einflüsse verbreitet.

»Seine Mutter nannte ihn ihren Rousseau; warum dies? etwa weil er im Ruhme mit dem unsterblichen Verfasser von Emile und vom Contrat social rivalisiren sollte, oder einfach, weil ihn die Natur, verschwenderisch für diesen jungen Kopf, mit einem feuerfarbigen Haare begabt hatte?

»Das wird uns die Zukunft enthüllen; ich, was mich betrifft, ich neige mich sehr zu der zweiten Erklärung, weil mein Held noch nichts gethan hat, daß sich die erste auf ihn anwenden ließe.

»Mittlerweile war es der viel geliebte Sohn, der theure Erbe; er kam auch aus den Händen der Frauen so verzogen, so halsstarrig, so unwissend, so eigenwillig, als der gegenwärtige Dauphin vom Hofe von Frankreich. Wen betraute man nun mit der Sorge, diesen reizenden Charakter zu entwickeln? wer war der verständige, der weise, der tugendhafte Lehrer, den man an seine Seite stellte, um die Natur durch die Erziehung zu verbessern? Ihr kennt ihn Alle: es ist ein Schulfuchs, ein ehemaliger Schiffskaplan, ein Jesuit, den die Barmherzigkeit in das Hotel aufgenommen, um das Spielzeug und der Possenreißer der Herrschaft und der Verfolger der Dienstboten zu sein, – trinkend wie ein Tempelherr oder wie der Vicomte von Mirabeau, fluchend wie ein Matrose, ausschweifend wie ein Prinz von königlichem Geblüte; dies war der Mentor vom jungen Marquis, vom zukünftigen Rousseau, von Blondinet, kurz von Lafayette . . .

»In den Händen dieses Menschen, der selbst eine ehrlichere Natur verdorben hätte, blieb der zukünftige Befreier Americas bis zu dem Augenblicke, wo er in das Collége du Plessis eintrat.

»Wer war hier sein Lehrer? wer war der Nachfolger des von uns genannten Menschen? Ein anderer Schulfuchs, ein anderer Jesuit: der Sprößling der Urmarmungen eines Pastetenbäckers der Rue Feydau und der Beschließerin des Herzogs von Fitz-James, der es durch Intriguen und Gemeinheiten dahin gebracht hatte, daß er den König mein Vetter[16 - Die Rectoren der Universität hatten den Titel Vetter des Königs.] nennen und sein Haupt mit der Rectorsmütze aufputzen durfte. Mit Hilfe dieses würdigen Lehrers durchlief er alle Classen; mit Hilfe dieses würdigen Lehrers concurrirte er um den von der Universität ausgesetzten Beredtsamkeitspreis; mit Hilfe dieses würdigen Lehrers, der ihm seine Ausarbeitung unter dem Titel Rede eines Generals an seine Soldaten machte, wurde Blondinet von Lafayette gekrönt. Dieser erste Lorbeer erregte bei ihm den Geschmack hierfür.

»Ueberdies rühmte Jeder diesen jungen Laureaten, der mit achtzehn Jahren eine Hannibals und Scipios würdige Rede geschrieben hatte, welche hinreichend von dem zeugte, was eines Tages auf der Laufbahn der Waffen ein Krieger thun müßte, der mit der Theorie die Praxis verbinden würde.

»Die Frauen, diese frivolen, leichtsinnigen Geschöpfe, fingen auch an die übertriebensten, widerlichsten Lobeserhebungen an ihn zu verschwenden; sie vergifteten so seine Eigenliebe, sie leiteten durch diese schmählichen Zuvorkommenheiten, welche ihre gewöhnliche Schwäche nur zu sehr der Eitelkeit zu bieten weiß, seine Vernunft irre, gefielen sich darin, diese junge Pflanze zu verderben und auszutrocknen, und Jede von ihnen wünschte, – nach dem Beispiele der Königin von Saba, welche einen so weiten Weg machte, um eine Nacht mit Salomo zuzubringen, – Jede wünschte, der schöne Blondinet von Lafavette möchte ihr das Schnupftuch zuwerfen.

»Unter diesen Conjuncturen erschien Blondinet von Lafavette am Hofe von Frankreich, in diesem Klima, dessen Atmosphäre vergiftet ist, von dem die Schaam, die Zucht, die Ehrbarkeit, die Offenherzigkeit und die Aufrichtigkeit ohne Rückkehr verbannt sind; hier geschah es, daß er, da er jeden Tag eine Gelegenheit fand, in sich den Geist der Frivolität zu befestigen, der den Grund seines Charakters bildet, nach und nach geckenhaft, schamlos und falsch wurde; hier nahm er die Gewohnheit an, die er immer behalten, die Gewohnheit, das Lächeln auf den Lippen, die Freundlichkeit im Blicke und die Falschheit im Herzen zu haben. Zum Glücke läßt sich heute außer den Dummköpfen und den Blödsinnigen Niemand mehr durch dieses Lächeln und durch diese Freundlichkeit bethören: die Gleißnerei ist entdeckt, die Maske zerreißt in Fetzen! Oh! warum kann ich sie nicht ganz vor Euren Augen enthüllen, die verschmitzte, arglistige Physiognomie des angeblichen Helden, den die französische Nation, eine blinde Nation, an die Spitze der Patrioten stellt, und dem sie die wichtigsten und ihrem Glücke schädlichsten Gewalten anzuvertrauen bereit ist.

»»Aber,«« werdet Ihr mir sagen, »»Du zeigst uns da den Helden der Bettgänge, der Etiquette, des Hofes, und nicht den Waffengefährten von Washington, den Freund von Franklin, den Befreier von America.««

»Warum habt Ihr ihn nicht vorhin gesehen, wie ich, diesen Helden einer neuen Welt, der in die alte zurückgekommen ist, mit dem Geleite von jenen Erinnerungen, welche, gegen die Gesetze der Perspective, wachsen, indem sie sich entfernen? warum habt Ihr Ihr ihn nicht gesehen, wie er das Taschentuch der Frau Gräfin von Montesson aufhob, wie er sein Riechfläschchen der Frau Marquise von Beauharnais bot, wie er seine Degenschleife an den Hals des Hundes der Frau Gräfin von Genlis band, wie er bei der Rede von Herrn von Malouet in die Hände klatschte, und bei der Erzählung von den Mißgeschicken der armen Neger eine Thräne abwischte? Ihr hättet ihn zu seinem Werthe geschätzt, diesen Vorzimmergeneral! Ihr hättet erfahren, was Ihr von diesem aristokratischen Messias erwarten dürft!

»Ist Lafayette wirklich das, was man sagt, daß er sei, warum ist er dort, und nicht hier? warum ist. er unter ihnen, und nicht unter uns? Hat er Thränen zu vergießen, Franzosen, so vergieße er seine Thränen über die Schmerzen Frankreichs; liebt er wirklich das Volk, so komme er zu uns, die wir das wahre Volk, das einzige Volk sind; und dann werde ich, der ich ihn in diesem Augenblicke angreife, ich, der ich ihn Euch zeige, nicht wie Ihr ihn seht, sondern so, wie er ist, ich werde ihm entgegengehen, ich werde ihm die Thüre öffnen, ich werde mich auf der Schwelle verbeugen und zu ihm sprechen: »»Sei willkommen, Du, der Du von Seiten der Freiheit kommst!««

Einiges Beifallklatschen unterbrach Marat, doch es war erkünstelt und wie verschämt. Man sah, daß er eine von den am tiefsten befestigten Volksüberzeugungen vor den Kopf gestoßen, und daß die Waffe der Lächerlichkeit, der er sich bedient, denjenigen, welchem er damit eine tödtliche Wunde beizubringen gehofft, nur gestreift hatte.

Er beharrte auch für diesen Tag nicht weiter bei Lafayette, den er zwei Jahre hinter einander mit allen seinen Zähnen beißen und zerreißen sollte.

»Was Necker betrifft,« fuhr er fort, »o armes Volk, wie man Dich verblendet! – was Necker betrifft, willst Du ebenfalls wissen, wer er ist? ich will es Dir sagen.

»Vor Allem, – ich habe Necker in meinem Leben nicht gesehen: ich kenne ihn nur dem Rufe nach, durch einige von seinen Schriften, durch einige von seinen Operationen; obgleich mein Zeitgenosse, ist er mir so fremd, als es mir ein Bewohner der andern Welt, Sejanus oder Crassus, wäre.

»Vor zwölf Jahren kannte man Herrn Necker nur als Banquier; aber sein Reichthum, der ihm die Achtung in der Welt erwarb, war in meinen Augen ein Titel der Verachtung; denn von diesem Reichthume kannte ich die Quelle. – Soll ich sie Euch nennen? Höret.

»Necker ist geboren in Genf, der Heimath des großen Rousseau. Ach! wie Rousseau verließ er Genf, nicht um sich dem Glücke seiner Zeitgenossen, den Fortschritten der Menschheit zu opfern, sondern um sein Glück zu machen. In dieser Hoffnung trat er als Commis beim Banquier Thélusson ein.

»Durch Beharrlichkeit und heuchlerisches Wesen wurde er Kassier; sobald er diese Stelle hatte, fing er an für seine eigene Rechnung mit dem Gelde der Kasse zu agiotiren.

»Es befand sich im Hause ein Buchhalter Namens Dadret, der durch seine langen Dienste auf dem Punkte war, mit der Banque associrt zu werden; Necker erhielt den Vorzug vor ihm, mittelst der Einzahlung einer Summe von achtmal hunderttausend Livres, die er in die Kasse machte. Wie verschaffte er sich diese Summe, er, der nichts auf der Welt besaß? Ich will es Euch sagen.

»Ein Engländer hatte diese Summe bei Thélusson angelegt, und Herr Necker hatte es auf den andern Tag verschoben, sie einzutragen; der Engländer starb in der Nacht; keine Urkunde bewies dieses Depositum, die Summe wurde nicht reclamirt, der Genfer eignete sich dieselbe an. Dies war der Anfang seines Vermögens.

»Das Verlangen, neue Reichthümer zu erwerben, ließ ihn ein Mittel finden, das Geheimniß des Cabinets von Saint-James zu entdecken; er machte Herrn Thélusson den Vorschlag, Canada-Actien zu kaufen. Wer nichts von den Taschenspielerstücken gehört hat, die er anwandte, um diese Papiere zu discreditiren und sie mit siebzig bis fünfundsiebzig Procent Verlust zusammenzukaufen, der mag die Lobrede auf Colbert von Herrn Pelinery befragen. Wer nichts von den Taschenspielerstückchen gehört hat, die er anwandte, um sich, den Ruin der Indischen Compagnie herbeiführend, zu bereichern, mag zwei in einem Werke betitelt: Theorie und Praxis von Herr Necker bei der Verwaltung der Finanzen, enthaltene Aufsätze befragen.

»Seine Bewunderer machen als einen Zug von Gewandtheit geltend, er sei fünf Jahre, und zwar in Kriegszeiten, an seinem Posten gewesen, ohne einen Sou Steuer aufzulegen; das heißt mit den Worten spielen, denn die Interessen seiner zahlreichen Anlehen sind wahre vom Volke erhobene Steuern. Er hat aber die Nation um mehr als sechzig Millionen jährlich benachtheiligt!

»Mitten unter den Lustbarkeiten von Trianon wurde die Königin guter Hoffnung.

»Ihr wißt Alle, was für Lustbarkeiten dies waren, nicht wahr? Man erleuchtete einen Theil der Bosquets von Trianon, und in einem derselben errichtete man einen Thron von Farnkraut; hier spielte man König, wie die kleinen Mädchen Gouvernante spielen. Dieser erwählte König hielt seinen Hof, gab seine Audienzen, sprach Recht in den Klagsachen, die bei ihm von seinem durch die Leute des Hofes repräsentirten Volke angebracht wurden. Und was für Kläger waren dies? Die Parodie der Deinen, wahres Volk, das Du leidest, das Du wehklagst, das Du mit dem Tode ringest, während die Großen Deinen Todeskampf, Dein Wehklagen, Deine Leiden spielen! Herr von Vaudreuil war aber beinahe immer der König, der gewählte König. Er wählte die Königin; die Königin war gefunden, es war die Tochter von Maria Theresia, es war Marie Antoinette, es war die Oesterreicherin; dann verheirathete er die andern Herren an andere Damen des Hofes; dann sprach er das sacramentale Wort, das berufene Decampativos; sogleich entfloh jedes Paar, mit dem vom Farnkrautkönig erlassenen Verbote, vor Ablauf von zwei Stunden wieder im Thronsaale zu erscheinen, und besonders mit dem Verbote, mehr als ein Paar zusammen in dasselbe Bosquet zu gehen! Das war ein reizendes Spiel, wie Ihr seht! Wie wäre es möglich, die Seufzer des Volkes bei Hofe zu hören, wenn man dort so reizende Spiele spielt!

»Unter diesen Spielen wurde die Königin schwanger; unglücklicher Weise gebar sie aber eine Tochter: es handelte sich darum, eine neue Schwangerschaft hervorzurufen; die Aerzte schlugen die Bäder vor; doch Herr Necker behauptete, die Bäder seien um nöthig, die Fortsetzung der sinnreichen Belustigung genannt Decampativos könne mit dem Einflusse der befruchtendsten Bäder den Wettkampf eingehen, und obgleich es erwiesen war, daß der jeden Abend erwählte König beinahe eben so viel kostete, als der mit göttlichem Rechte regierende König, beharrte er doch bei diesem Recepte.

»Gott segnete Herrn Necker, und zum zweiten Male schwanger geworden, gebar die Königin Monseigneur den Dauphin.

»Die Königin war nicht die Einzige, bei der das Recept seine Wirkung hervorgebracht habe; Madame Jules von Polignac war auch schwanger geworden; die Königin gab ihr im Augenblicke ihrer Niederkunft ein Wickelzeug im Werthe von achtzigtausend Livres, und der König ein Geschenk von hunderttausend Livres. Man wollte das Herzogthum Mayenne beifügen, das einen Werth von vierzehnmal hunderttausend Livres hatte, denn es war ein sehr armseliges Geschenk ein Geschenk von hundert und achtzig tausend Livres für ein königliches Geschenk; doch der rechtschaffene, doch der strenge Herr Necker widersetzte sich. Nach einiger Zeit überlegte er freilich . . . er überlegte, daß Herr Turgot durch eine ähnliche Weigerung gefallen war, und da ihm sehr viel an seinem Platze lag, von welchem ihn die Günstlingin zu vertreiben drohte, so bestimmte er die Königin, Madame Jules ein Geschenk von drei Millionen in Geld zu machen, statt des Herzogthums, das nur vierzehnmal hunderttausend Livres werth war. Herr Necker war ein guter Höfling, wie Ihr seht und Frau von Polignac hat nichts beim Warten verloren.

»Du begreifst nun wohl, armes Volk, daß Herr Necker das, was er für die Fremden thut, um so viel mehr für die Seinigen thut. Herr Necker besitzt eine Tochter, die er an einen Deutschen verheirathet hat; denn, obgleich er ihre Mitgift in Frankreich gewonnen, hat er sie doch nicht für einen Franzosen vorbehalten: diese Tochter heißt Frau von Stael; sie ist jung, sie ist geistreich; sie ist die würdige Tochter des Genfer Banquiers . . . sie spart nichts, gar nichts, um ihrem Vater Parteigänger zu machen, und ihr Vater verweigert nichts den Parteigängern, die sie ihm gemacht hat.

»Ich sagte Euch, wer Lafayette ist, ich sage Euch nun, wer Necker ist, und ich füge bei: Zählt weder auf den Einen, noch auf den Andern, denn das hieße die Zukunft der Nation wie eine Feder in den Wind, wie ein Brett ins Meer werfen; das hieße das Glück des Landes auf die Frivolität, den Verrath und die Habgier bauen.«

Marat hielt inne, um zu athmen. Dieses zweite Mal war er besser inspirirt gewesen, als das erste Mal, nicht als wäre der protestantische Banquier in der Popularität dem aristokratischen General nicht gleichgekommen; doch wir sind so in unseren ganz instinctartigen Sympathien: ein Geldmann ist leichter bei uns anzugreifen, als ein Schwertmann; man zählt nicht den ganzen Tag Geld, ohne daß einem am Abend ein wenig Schmutz an den Händen bleibt.

Das, am Ende der Periode von Marat über Lafayette noch verhaltene, Beifallklatschen brach auch am Ende der Periode von Marat über Necker los.

Jeder hatte diese doppelte Rede mit seinem Temperamente, seinem Instincte, seinem Hasse angehört. Jourdan, ein fanatischer Verehrer des Redners, machte das Zeichen eines Menschen, der einen Kopf abschneidet; Legendre streckte seinen nackten Arm gegen die Tribune aus; Collot d'Herbois wiegte, um seine Beistimmung anzudeuten, den Kopf in einer theatralischen Haltung; Bordier stampfte mit den Füßen; Fournier der Americaner zeigte, die Lippen aufgebogen durch das Lächeln der Verachtung, seine Zähne so weiß wie die eines Tigers; Maillard war ruhig und kalt; mit voller Brust athmend, warf Couthon mit einer edlen Bewegung seines schönen Kopfes seine langen Haare zurück.

Was, Danton betrifft, – er schaute mit einer Art von Schrecken diesen Mann an, der, dunkel und unbekannt, so in die Gesellschaft bei ihren geheimen Theilen biß, der die zwei Idole des Tages, die man Lafayette und Necker nannte, und das Idol aller Zeiten, das man die Monarchie nennt, angriff.

Und wie griff er Alles dies an? Mit der Wahrheit und mit der Lüge, mit der Lästerung und mit der Verleumdung, von vorne und von hinten, ihm gleichviel!

Es war zugleich in diesem Menschen vom Zahne der Dogge und vom Gifte der Schlange!

Aber wie gut wußte dieser Mensch, zu wem er sprach! wie ließ er seine Worte eines um das andere auf diese gierige, mit Schmerzen behaftete leidende Menge fallen! wie war seine Rede ein warmer Thau für diesen Haß, der, in die Tiefe des Herzens von Jedem gesäet, nichts Anderes verlangte, als seine giftigen Blüthen sich erschließen zu machen, als seine vergifteten Früchte zu tragen; wir entdeckten endlich bei den Scheinen, welche die Fackel des Pamphletärs auf diese Welt der Großen schüttelte, welche bis dahin den Kleinen unbekannt, wir entdeckten, sagen wir, diese Kleinen düstere Horizonte in der Vergangenheit und noch düsterere in der Zukunft!

Marat begriff, daß die Geister geneigt waren, ihn zu hören, daß er nach diesen zwei Angriffen eine Hauptcharge, und nach diesen zwei bestrittenen Siegen einen unbestreitbaren Triumph brauchte.

Er winkte, daß er noch etwas zu sagen habe! die Stille trat wie durch einen Zauber wieder ein.

Beide Hände über das schauernde Auditorium ausstreckend, fuhr Marat fort:

»Und nun höret wohl, was ich Euch noch zu sagen habe. Alle, so viel ihr Eurer seid. Hätten zwei Menschen Eure Mutter am längsten, am schmerzlichsten, am grausamsten der Tode, am Hunger sterben lassen, würdet Ihr ihnen vergeben? Nicht wahr, nein? Um so viel weniger würdet Ihr Eure Vertheidiger, Eure Wächter, Eure Netter, Eure Idole aus ihnen machen. Nun wohl, diese Menschen, der Eine Geldmäkler, der Andere Aristokrat, sind die Repräsentanten der zwei Racen, welche Eure Mutter, unsere Mutter, die gemeinschaftliche Mutter getödtet haben, – die Erde! die Erde, auf der wir geboren sind, die uns zur Welt bringt, die uns nährt mit ihrer Substanz, die uns empfängt nach unserem Tode, und die wir, entartete Kinder, vergessen, wenn sie uns zuruft: »»Zu Hilfe! ich ringe mit dem Tode! zu Hilfe! ich sterbe!« «.

»Oh! ich öffne schon lange das Ohr für dieses Klagelied, das die Erschöpfung Frankreichs erzählt. »»Man kann nicht mehr gehen!«« sagt Colbert im Jahre 1631; und er stirbt selbst, nachdem er diese Worte gesagt hat, die sein letzter Seufzer zu sein scheinen. Fünfzehn Jahre später enthüllen die Intendanten, die das Böse thun, dieses Böse und beklagen es; man verlangt von ihnen Denkschriften für den jungen Herzog von Burgund, und sie erzählen naiv, diese Landschaft habe den vierten Theil ihrer Einwohner verloren, jene den dritten, eine andere die Hälfte! Das ist die Statistik des Todes durch die Henker gemacht: sie muß genau sein!

»Im Jahre 1698 macht man diese traurige Zählung. Nun wohl, neun Jahre später, 1707, sehnt man sich nach diesem Jahre 1693 zurück. »»Damals,«« sagt ein ehrwürdiger Beamter Namens Bois-Guilbert, »»damals war noch Oel in der Lampe . . . Heute,«« fügt er bei, »»heute hat Alles in Ermangelung von Stoff ein Ende genommen! Nun wird sich der Proceß zwischen denjenigen bewegen, welche bezahlen, und denjenigen, welche keine andere Function haben, als bezahlen zu machen!««

»In der That, armes Volk, da ist der Proceß! ein Proceß auf Leben und Tod für Dich!«

»Höret Fénelon nach Bois-Guilbert; der Erzbischof von Cambray ist nicht beruhigender als der normannische Beamte.

»»Die Völker leben nicht mehr als Menschen,«« sagt er; »»es ist nicht mehr erlaubt, auf ihre Geduld zu rechnen: die alte Maschine wird vollends beim ersten Anstoße brechen.««

»Achtzig Jahre sind verlaufen, armes Volk, seitdem der Verfasser von Télémaque das sagte, und die alte Maschine währt immer noch, denn Du schmierst ihre Federn mit Deinem Schweiße ein.

»Seht auch, welche Freude in Frankreich losbricht, da Ludwig XIV. stirbt! . . . Sollte man nicht glauben, ein einziger Mensch habe das Land ausgehungert? . . . Wer folgt auf ihn? Hosianna! es ist der gute Herzog von Orleans! Dieser liebt das Volk: das Volk glaubt es wenigstens; ja, doch er ist vor Allem der Freund von England, und er gibt England unsere Ehre, unsern Handel und sogar unsere Staatsgeheimnisse preis; dann stirbt er und hinterläßt die Schuld um siebenhundert und fünfzig Millionen vermehrt.

»»Wäre ich Volk,«« sagte der Regent, »»so würde ich mich sicherlich empören!««

»Als man ihm sodann antwortete, das Volk habe sich wirklich empört, da rief er:

»»Es hat sehr Recht, und das Volk ist sehr gut, daß es so viel leidet!««

»Es kommt Fleury, ein eben so sparsamer Minister, als der Regent ein verschwenderischer Fürst war; unter Fleury soll sich Frankreich wieder erholen: 1739 wirft auch Louis von Orleans, – der Sohn von demjenigen, welcher sagte, das Volk habe sehr Recht, daß es sich empöre, – Louis von Orleans wirft auf den Tisch des Rathes ein Brod von Farnkraut: es ist das Brod, welches das Volk ißt. Allerdings wird zwanzig Jahre später Foulon, – Foulon, der seine Tochter an Berthier verheirathet und ihr zwei Millionen Heirathsgut gegeben hat, – Foulon wird sagen:

»»Brod von Farnkraut! das ist noch zu gut für das Volk: ich werde es Gras fressen machen: meine Pferde fressen wohl Heu!««

»Alles verschlimmert sich, und auf welche Art! selbst die Frauen sehen klar hierin; selbst die Maitressen des Königs erschrecken; Frau von Chateauroux sagt 1742:

»»Ich sehe, es wird eine große Umwälzung stattfinden, wenn man nicht Mittel dagegen ergreift.««

»Ja, Madame, und alle Welt wundert sich, daß diese Umwälzung so lange säumt, daß das Volk, das man verdursten läßt, das man aushungert, dessen Blut man trinkt, dessen Knochen man vertrocknet, daß das Volk, welches immer mehr abmagert, Euch und Eures Gleichen noch widerstehen kann!

»O entsetzliche Geschichte des Hungers, zu sehr vergessen von den Historikern! welche eherne Feder wird deine düsteren Annalen für Frankreich schreiben, das dich erduldet und sein Mitleid bis heute für die Urheber der Hungersnoth bewahrt hat!

»Armes Volk, ergründe doch das Wort: Die Erde bringt immer weniger hervor!

»Warum bringt sie immer weniger hervor, diese bewunderungswürdige, seit sechstausend Jahren fruchtbare Mutter? Ich will es Dir sagen.

»Weil, da der Bauer kein Hausgeräth mehr hat, das man in Beschlag nehmen kann, der Fiscus das Vieh in Beschlag nimmt und nach und nach ausrottet; ist das Vieh in Beschlag genommen, dann kein Dünger mehr: die Cultur beschränkt sich von Tag zu Tag mehr; die Erde kann ihre Kräfte nicht mehr wiederherstellen, die Mutter der Welt, Ceres bringt nichts mehr hervor; Isis mit den acht Brüsten hat keine Milch mehr: die Amme stirbt Hungers, sie fastet, sie erschöpft sich, und wie das Vieh geendigt hat, so wird sie selbst endigen.

»Was ich Dir nun sagen muß, was ich Dir zeigen kann, armes Volk, ist, daß, wie die Adeligen und die Zöllner, das heißt diejenigen, welche von Steuern frei sind, und diejenigen, welche die Steuer erheben, sich alle Tage vermehren, die Steuer alle Tage schwerer auf Dir lastet, das Du sie bezahlst; dann höre wohl und schau wohl: so wie das Nahrungsmittel seltener wird, so wie das Brod durch seine Theure Deinen abgemagerten Fingern entschlüpft, wird es der Gegenstand eines immer mehr productiven Handels; die Profite sind klar, so klar, daß Ludwig XVI. seinen Theil daran haben will und Mehlhändler wird. Das ist seltsam, nicht wahr? ein König, der auf das Leben seiner Unterthanen speculirt, ein König, der mit der Hungersnoth handelt, ein König, der den Tod den Obol bezahlen läßt, welchen er die ganze Welt, selbst die Könige, hat bezahlen lassen! Auf diese Art gibt man sich am Ende, so sicher ist das Gesetz des Fortschrittes, über Alles Rechenschaft: armes Volk! Du stirbst vor Hunger, das ist wahr, Du weißt aber doch wenigstens, wie und warum Du stirbst; die Hungersnoth ist nicht mehr das Resultat der Störung der Jahreszeiten, der atmosphärischen Veränderungen, der Kataklysmen der Natur: die Hungersnoth ist ein natürliches, gesetzliches, beim Parlament einregistrirtes Phänomen; man hat Hunger auf Befehl von Ludwig, und weiter unten gezeichnet Pbilippeaux.

»Man hat unter Ludwig XIV. Hunger gehabt, man hat unter Ludwig XV. Hunger gehabt, man hat unter Ludwig XVI. Hunger; vier Generationen sind sich gefolgt, von denen nicht eine gesättigt worden ist: die Hungersnoth ist in Frankreich naturalisirt; sie hat hier ihren Vater und ihre Mutter: ihren Vater, die Steuer, ihre Mutter, die Speculation; eine monstruose Verbindung, die indessen ihre Früchte trägt, Kinder hervorbringt, eine eigenthümliche Race erzeugt, eine grausame, hungrige, unersättliche Race, eine Race von Lieferanten, Banquiers, Gefällpächtern, Financiers, Generalpächtern, Intendanten und Ministern; Du kennst sie, armes Volk! diese Race: Dein König hat sie geadelt, verherrlicht, in seine Carrossen steigen lassen, an dem Tage, wo sie nach Versailles kam, um ihn den Hungersnothvertrag unterzeichnen zu machen.

»Und, armes Volk! in Ermangelung von Brod hast Du Philosophen und Oeconomisten, die Turgot und die Necker, Dichter, welche die Georgica übersetzen, Dichter, welche die Jahreszeiten machen, Dichter, welche die Monate machen; Jeder spricht über Landwirtschaft, schreibt über die Landwirthschaft, macht Versuche über die Landwirtschaft. Und Du, während dieser Zeit, Du, armes Volk! da der Fiscus Deine Ochsen, Deine Pferde, Deine Esel verschlungen hat, Du spannst Dich mit Deinem Weibe und Deinen Kindern an den Pflug an. Zum Glücke verbietet das Gesetz, das Pflugeisen in Beschlag zu nehmen; doch sei ruhig, das wird kommen! Das wird kommen, und dann wirst Du mit demselben Instrumente, mit dem Du Dir die Brust seit fünfzig Jahren öffnest, die Erde öffnen! Sterbend wirst Du die todte Erde mit Deinen Nägeln aufkratzen!

»Oh! armes Volk!

»Nun wohl! wenn dieser Tag gekommen ist, – und er wird kommen! – wenn die Frau einen letzten Bissen Brod von ihrem Manne verlangen und dieser sie mit einer grimmigen Miene anschauen wird, ohne ihr zu antworten; wenn die Mutter nur noch Thränen dem Geschrei ihres Kindes, dessen Eingeweide der Hunger verzehrt, wird zu geben haben; wenn die Entkräftung die Milch der Amme vertrocknet, und ihr ausgehungerter Säugling nur noch ein wenig Blut aus ihren Brüsten ziehen wird; wenn die Buden Deiner Bäcker, offen oder geschlossen, leer sein werden; wenn Du in Deiner Verzweiflung genöthigt sein wirst, um Dich zu nähren, Deine Zuflucht zu den ekelhaftesten Dingen, zu den abscheulichsten Thieren zu nehmen, – noch glücklich, wenn sie Dir Dein Bruder nicht entreißt, um sich selbst damit zu nähren! dann, armes Volk, wirst Du einmal für allemal über den Lafayette und den Necker enttäuscht sein, und Du wirst zu mir kommen, zu mir, Deinem wahren, Deinem einzigen Freunde, da ich allein Dich zum Voraus von den Calamitäten, die man für Dich bestimmt, von den Gräueln, denen Du vorbehalten bist, werde in Kenntniß gesetzt haben! . .«

Diesmal hielt Marat im vollen Ernste an; hätte er aber auch nicht angehalten, es wäre ihm unmöglich gewesen, weiter zu gehen, so sehr war es für den wachsenden Enthusiasmus Bedürfniß, loszubrechen.

Er stieg nicht von der Tribune herab: er wurde herabgetragen.

Doch in dem Augenblicke, wo alle Arme sich gegen ihn ausstreckten, wo alle Hände, die ihn nicht berühren konnten, ihm zu Ehren klatschten, wo alle Stimmen jene unartikulirten Schreie von sich gaben, welche manchmal die Freude eben so furchtbar machen, als den Zorn, hörte man gewaltig an die Thüre von der Straße aus klopfen.

»Stille!« rief der Herr des Etablissements.

Und es trat sogleich völlige Stille ein.

Unter dem allgemeinen Schweigen hörte man auf dem Straßenpflaster den Kolben der Gewehre der Wache schallen.

Dann klopfte man zum zweiten Male noch heftiger als das erste Mal.

»Oeffnet!« sprach eine Stimme, »ich bin es . . . ich, Dubois! der Ritter von der Wache in Person, der wissen will, was hier vorgeht . . . Im Namen des Königs, öffnet!«

In demselben Augenblicke, und wie durch einen Hauch ausgeblasen, erloschen alle Lichter, und man befand sich in der tiefsten Finsterniß.

Einen Moment verblüfft und unsicher, fühlte Danton, daß ihn eine kräftige Hand beim Faustgelenke faßte.

Diese Hand war die von Marat.

»Komm! sagte er; »es ist von Wichtigkeit, daß man weder den Einen, noch den Andern von uns hier festnimmt, denn die Zukunft bedarf unserer.«

»Komm . . .« erwiederte Danton, »das ist leicht zu sagen . . . Ich sehe nichts . . .«

»Ich sehe,« versetzte Marat; »ich habe so lange in der Nacht gelebt, daß die Finsterniß mein Licht geworden ist.«

Und er zog in der That Danton mit derselben Geschwindigkeit und derselben Sicherheit fort, als ob Beide bei Hellem Tage, im Angesichte der Sonne gegangen wären.

Danton überschritt die Schwelle einer kleinen Thüre und stieß an die erste Stufe einer Wendeltreppe, deren Mitte er nicht erreicht hatte, als er die Angeln knirschen und die Füllungen der Haupteingangsthüre unter dem Kolben der Gewehre der Nachtwache brechen hörte.

Dann folgte ein erschrecklicher Tumult auf dieses erste Geräusch. Die Wache machte offenbar einen Einfall in den Clubb.

In diesem Momente öffnete Marat eine Thüre, welche auf die Rue des Bons-Enfants ging.

Die Straße war verlassen und ruhig.

Marat schloß die Thüre hinter sich und hinter Danton und steckte den Schlüssel in die Tasche.

»Nun haben Sie zwei Clubbs gesehen,« sagte er: »den Socialclubb und den Clubb der Menschenrechte; im einen spricht man über den Negerhandel, im andern über den Weißenhandel; welcher beschäftigt sich nach Ihrer Ansicht mit den wahren Interessen der Nation? Sagen Sie.«

»Herr Marat,« erwiederte Danton, »ich habe Sie, diese Gerechtigkeit werden Sie mir widerfahren lassen, beim ersten Worte, beim ersten Anblicke begriffen; nur glaube ich, daß wir uns, nachdem wir uns begriffen, müssen kennen lernen.«

»Ah! ja,« sagte Marat, »und ich kenne Sie, während Sie mich nicht kennen . . . Wohl! es sei!.. frühstücken Sie morgen mit mir.«

»Wo dies?«

»Im Marstalle von Artois . . . Sie mögen nach dem Doctor Marat fragen; doch ich sage Ihnen zum Voraus, wir werden bei mir nicht frühstücken, wie wir bei Ihnen zu Mittag gegessen haben.«

»Gleichviel! ich werde Ihnen zu Liebe und nicht Ihrem Frühstücke zu Liebe kommen.«

»Oh! wenn Sie mir zu Liebe kommen, dann bin ich ruhig; da Sie eine gute Aufnahme finden werden, so werden Sie auch zufrieden sein.«

»Morgen also!« sagte Danton, indem er eine Bewegung machte, um sich zu entfernen.

Dann näherte er sich aber wieder Marat, dessen Hände er noch nicht ganz losgelassen hatte, und sprach:

»Sie müssen sehr gelitten haben.«

Marat lachte bitter.

»Sie glauben?« sagte er.

»Ich bin dessen sicher.«

»Ei! Sie sind ein größerer Philosoph, als ich dachte.«

»Ich täuschte mich also nicht?«

»Das ist es gerade, was ich Ihnen morgen zu erzählen gedenke,« erwiederte Marat. »Kommen Sie.«

Und während Marat wieder nach dem Platze des Palais-Royal ging, entfernte sich Danton in der Richtung des Pont-Neuf durch die Rue du Pélican.

In dieser Nacht schlief Danton schlecht: wie der Taucher von Schiller, war er in einen Abgrund getaucht und hatte darin unbekannte Ungeheuer entdeckt!




IX

Der Marstall von Monseigneur dem Grafen von Artois


Wir werden nicht geiziger mit unserer Prosa gegen einen von unsern Helden sein, als wir es gegen den andern gewesen sind; wir haben gesagt, wo und wie Danton wohnte: sagen wir, wo und wie Marat wohnte.

Am Ende der Rue Neuve-de-Berry und du Faubourg-du-Roule, auf dem Boden der ehemaligen königlichen Baumschule, erhob sich der Marstall des Grafen von Artois, ein großes Gebäude, von dem wir unsern Lesern mit ihrer Erlaubniß eine Beschreibung bieten wollen, welche, wie wir hoffen, mächtig zum Verständniß dieser Geschichte beitragen wird.

Der Prinz, damals einunddreißig Jahre alt, das heißt in der Vollkraft des Alters, in der ganzen Gluth seiner Jugend, den Luxus liebend, Alles liebend, was den Luxus schmückt, und besonders das liebend, was diesen Luxus vor den Augen der Pariser verbergen konnte, – welche ziemlich schlecht gegen ihn gestimmt waren, in Folge des verschmitzten Benehmens seines Bruders, des Grafen von Provence, der keine Gelegenheit vorübergehen ließ, ohne sich für sich allein der Popularität der ganzen Familie zu bemächtigen, – der Prinz, sagen wir, hatte seinen Baumeister Bellanger beauftragt, ihm einen Plan geeignet, Geld auszugeben und zu gewinnen, einen Ruin und eine Speculation zu finden.

Der Architekt, sobald er diesen Auftrag erhalten hatte, war sogleich zur Aufsuchung eines zugleich glänzenden und unfruchtbaren Bauplatzes geschritten: glänzend, weil seiner Ansicht nach die Fantasten des Prinzen in die Augen fallen sollten, um ihm Ehre zu machen, ihm, der sie verwirklichte; unfruchtbar, weil der Graf von Artois, der, minder reich durch eigene Mittel, schon zweimal, um seine Schulden zu bezahlen, seine Zuflucht zu Ludwig XVI., – einem König, welcher ganz und gar nicht freigebig, – genommen hatte, um sich eine Anzahl von Launen zu erlauben, diese so wenig theuer, als nur immer möglich, bezahlen mußte.

Das war der Augenblick, wo Paris, indem es sich auf dem Procrustesbette zu schütteln versuchte, auf welchem Karl V. es ausgestreckt, und das Heinrich II. und Karl IX. vergebens hatten vergrößern wollen, endlich den alten Gürtel seiner früheren Könige krachen machte. Paris hatte sich sehr erweitert unter Heinrich IV. und unter Ludwig XIV., doch es hatte gleichsam heimlich und unschuldig, ohne es selbst zu wissen, in den Faubourg du Roule und den Faubourg Montmartre eingegriffen.

Der Riese hat also seine Arme um den Raum von mehr als einer halben Meile verlängert, und man sieht in den Schriftstellern der damaligen Zeit die düstere Unzufriedenheit jener Vollblutpariser, welche eine Laune des Königs, der Prinzen, der Minister oder der Financiers in ihren Gewohnheiten gestört hatte.

Unter Ludwig XVI. sogar, wo die Sitten so ausschweifend und so frei waren, murren die leichtesten Geister ganz laut, daß sie die Stadt, wie sie es thut, – und zwar heimlicher Weise, – vom Süden nach dem Westen und vom Süden nach dem Norden ausziehen sehen; demüthige Diener des unumschränkten, mürrischen Herrn, welchen man das Publicum nennt, und dem die Widerspenstigsten gehorchen, bauen diesem Herrn vergebens, um sich für ihre anderen Gebäude Verzeihung zu erwerben, ein römisches Amphitheater unter dem Namen Colysée; vergebens ruiniren sie sich dadurch, daß sie in diesem Gebäude alle gesammelten Reichthümer an Marmor, Bronze und Gold aufhäufen; vergebens versprechen sie hydraulische Feste Cäsars würdig, hängende Gärten, welche die von Semiramis beschämen werden, Concerte, wie Nero, der entsetzliche Tenor, sie nie organisiert hatte, Lotterien, wo jedes herauskommende Billet einen Preis bringen wird, Salons von Licht funkelnd, selbst für die Mondstrahlen verschlossene Säle von Grünem: nichts konnte den Pariser Routinier bewegen, der seinen alten Gärten ergeben, seinen alten Plätzen, seinen alten Straßen, den alten Aussichten an feinem alten Flusse, auf dessen Quais die Werber, die Vögel, die Possenreißer und die Freudenmädchen, rund und roth von ihren häufigen Besuchen in den Schenken, tanzen, fingen und sich schlagen.

Das Colysée! doch ein schönes Wort, gemacht, – man hätte schwören sollen, – um lutecischen Maulaffen zu gefallen! das Colysée mit seinen sechzehn Morgen Umfang, seinen Wasserstrahlen und seinen Orchestern! Die Unternehmer, die dieses schöne Project geträumt, hatten versprochen, siebenmal hunderttausend Livres darin zu begraben; sie hatten versprochen, es zu eröffnen bei der Hochzeit von Ludwig XVI. und der armen Prinzessin, die man als Königin eben so sehr zu hassen anfing, als man sie als Dauphine angebetet hatte; sie hatten versprochen . . . Was versprachen sie nicht? . . . Doch als ob Alles, was man im Namen von Ludwig XVI. versprach, nothwendig hätte fehlschlagen müssen, war das Gebäude nicht vollendet zur Zeit der Hochzeit, und, – ein prophetischer Prospect vom Deficit des Staates, – der Uederschlag von siebenmal hunderttausend Livres führte geradezu auf dem geschlagenen Wege, auf dem die Ueberschläge im Galopp gehen, zu einer Ausgabe von zwei Millionen sechsmal hundert fünfundsiebzigtausend fünfhundert Franken! was ein leichtes Deficit von einer Million neunmal hundert fünfundsiebzigtausend fünfhundert Franken hervorbrachte, und trotz dieser Vermehrung der Ausgabe war das Colysée doch nicht vollendet.

Es wurde indessen eröffnet, auf den Zufall rechnend, wie Alles, was man in Frankreich eröffnet; es wurde eröffnet mit Erlaubniß der Stadt, und man höre, was die Gemeinderäthe jener Zeit am Tage nach der Eröffnung, das heißt am 23. Mai 1771, zu den Unternehmern sagten:

»Das Colysée ist ein Katafalk; die Gerüchte, die sich im Publicum über den entschiedenen Willen des Ministeriums, Paris zu zwangen, sich nach diesem Orte zu wenden, verbreitet haben, konnten nur sehr gegen dieses Bauwesen einnehmen.«

Es war, wie man sieht, nicht der Mühe werth, gegen drei Millionen auszugeben, um zu diesem Resultate zu gelangen.

Vom Publicum schlecht aufgenommen, unterlag das Colysée, und im Jahre 1784 kaufte der Architekt des Herrn Grafen von Artois den Bauplatz, ließ das Gebäude einreißen und bestimmte, den Platz mit den Terrains der königlichen Baumschule verbindend, einen Theil zur Erbauung eines neuen Quartiers und den andern zur Gründung des Marstalls vom Prinzen, welcher uns, wie man bemerkt, einen Umweg hat machen lassen, zu dem wir aber, nachdem dieser Umweg völlig gemacht ist, zurückkommen. ,

Dieses neue Quartier, das von den Luxusideen des Herrn Grafen von Artois ausging, mußte notwendig den Einfluß des Prinzen erleiden; der Prinz war aber Anglomane; die Häuser sollten mithin im englischen Genre gebaut werden, das heißt ohne irgend eine Art von Verzierung, sehr luftig, sehr gut eingetheilt, und so, daß die Miethen oder die Ankäufe wohlfeiler wären, als in der übrigen Stadt.

Man sieht, daß, wenn die Staatsraison aristokratisch blieb, die Speculation sich populär zu machen einwilligte. So also, wie wir am Anfange dieses Kapitels gesagt haben, arbeitete der Herr Graf von Artois darauf hin, das Volk zu befriedigen, während er sein Geld gewann, seinen Luxus auszudehnen, während er seine eigenen Einkünfte vermehrte.

Unterstützt durch diesen ökonomischen Grundsatz, erhob sich der Marstall rasch; er bildete ein von Pavillons und geräumigen Höfen durchschnittenes Gebäude: der erste, der am Eingange, enthielt rechts und links flach gewölbte Ställe, äußerlich mit Säulen ohne Basis decorirt, welche als Widerlagen der Gewölbe dienten.

Zu jener Zeit, einer Zeit, wo sich die Kritik an Jedermann zu üben anfing, selbst an den königlichen Personen, geheiligten Häuptern, welche bis dahin der Kritik, – wenigstens der öffentlichen, – entgangen waren, – zu jener Zeit, sagen wir, machten vielleicht strenge Oeconomisten dem Prinzen die Größe und die Pracht der für seine Pferde bestimmten Wohnungen zum Vorwurfe; es haben sich immer eifersüchtige Statistiker gefunden, welche die Wuth hatten, die Thiere mit den Leuten, die Pferde mit den Menschen zu vergleichen und jene aus Liebe für diese um ihre Streu und um ihre Krippen zu beneiden.

Zum Glücke hatte aber der Herr Graf von Artois die Einwendung vorhergesehen, als er diese Häuser im englischen Genre bauen ließ, das heißt diese philanthropischen Wohnungen, in welchen menschliche Geschöpfe leben und athmen könnten, ob im ganzen die Respiration, dieses erste Bedürfnis des Lebens zu theuer zu bezahlen, und zwar mit mehr in ihrer Arbeit geschont zu werden, Pferde des Prinzen waren, – vierfüßige Thiere, welche nach unserer Ansicht zu sehr von den Herren Oeconomisten beneidet wurden, denn gab der Herr Graf von Artois seinen Pferden eine glänzende Wohnung, so schonte er sie dagegen ganz und gar nicht.

In der Zeit, wo die Ereignisse vorfallen, die wir erzählen, war also das Quartier du Roule auf englische Weise gebaut; heute noch, nachdem über sechzig Jahre verlaufen sind, hat es von seinem Princip den Raum und die Regelmäßigkeit bewahrt.

Der Marstall war vollendet: Pferde, Stallknechte und Pariser von diesem Umkreise hatten sich nicht zu beklagen. Das Colysée allein hätte Einspruch thun können, doch die Gräber schweigen.

Wir haben gesagt, das Gebäude sei großartig und bequem gewesen: es konnte dreihundert Pferde beherbergen; es gab wohl vierhundert Personen Wohnung, und Herr Bellanger hatte diese nicht,– ohne Zweifel in Gemäßheit des Glückes, das sie genossen, dem elegantesten Prinzen der Zeit attachirt zu sein, – Herr Bellanger hatte diese nicht, nach der englischen Mode, der Sculpturen und der Ornamente beraubt. Es fanden sich dabei mehr oder minder merkwürdige, – von den zwei Schilderhäusern überragt von Trophäen, welche den Haupteingang bezeichneten, bis zu den Giebeln aller Gänge, Gewölbe oder Vestibules des Innern.

In diesem ungeheuren Gebäude, einer Art von fürstlichem Phalansterium, lebten also ruhig, mit Weibern, Kindern, Hühnern und Hunden, alle Leute vom Hause des Prinzen, die Leute von seinem Marstalle wenigstens; und es war keine kleine Erholung für dieses Dorf, der freie Eintritt in die im zweiten Hofe liegende schöne Reitschule, wo die herrlichen englischen und normannischen Pferde von Monseigneur dressirt wurden.

Eben dieselben Oeconomisten, Gehalteklauber und Sinecurenjäger wären auf eine boshafte Weise Einem der Angestellten, dem Glücklichsten des Hauses, zuwider gewesen, hätten ihre philanthropischen Angriffe den Herrn Grafen von Artois bestimmt, Philanthrop zu werden wie sie und folglich seine Pferde zu verkaufen und Menschen in seine Ställe einzuquartieren.

Wir meinen nicht den Arzt des Marstalls, wie man ihn genannt hat, wir Meinen nicht den Veterinär, wie man ihn auch genannt hat, sondern den Wundarzt der Veterinäre, der seine kleine Wohnung zwischen dem ersten und dem zweiten Hofe, in der Sonne und gegen Norden, mit zwölfhundert Livres Gehalt, hatte.

Das war der Mann, den Danton am vorhergehenden Tage, um Mitternacht, mit dem Versprechen verlassen, ihn am Morgen um zehn Uhr wiederzusehen, ein Versprechen, welches er zu erfüllen sich anschickte, indem er durch das massive Thor des Marstalls, am 26. August 1788, zur bezeichneten Stunde eintrat.

»Wo wohnt der Herr Doctor Marat?« fragte er den breiten Schweizer, der vergebens auf seinem ungeheuren Bauche zwei am Ende von zwei kurzen Armen hängende kleine Hände zu kreuzen suchte.

»1es Vestibule, Treppe B, Corridor D, Thüre 12,« erwiederte der Schweizer, ohne sich zu irren, und dennoch ohne dem, was er sagte, die geringste Aufmerksamkeit zu schenken.

Danton durchschritt in den Strahlen einer lauen Morgensonne den großen Hof, wo schon einige Piqueurs, angethan mit ihren langen Stiefeln, mit den Sporen klirrend auf und abgingen.

Durch die offenen Fenster der Kämpfer drang das kräftige Athmen der Pferde hervor, welche die Esparsette und den Hafer, der sie sticht, durchwühlen. Man hörte rechts das Gewieher der Hengste, denen links die ungeduldigen Stuten antworteten.

Mit diesem Geräusche vermischten sich unter den Arcaden das Geklirr der silbernen Kettchen und das Aneinanderreihen der eisernen Schnallen; die Polirer arbeiteten behende auf den glänzenden Geschirren; das reine Wasser plätscherte in breiten Rinnen am Ende der marmornen Tränken, aus denen die Dienstpferde so eben getrunken hatten.

Danton hatte während des Ganges, den er durch diesen Hof machte, Zeit, Alles zu sehen und Alles zu hören. Vergebens suchte er unter den philanthropischen Erinnerungen vom vorhergehenden Tage seine Bewunderung für alle diese Herrlichkeiten zu ersticken. Wir haben gesagt, das innere Verlangen von Danton sei auf den Luxus gerichtet gewesen, und wir vermöchten nicht zu behaupten, dieser Mann, der zu Marat als ein Vertheidiger und als ein Freund des Volkes kam, habe in diesem Augenblicke nicht ebenso viel Neid auf den reichen Prinzen, als Sympathie für die armen Proletarier gehabt.

Er durchschritt nichtsdestoweniger mit geringschätzendem Auge und die Stirne gefaltet den Hof; nur brauchte er fünf Minuten, um ihn zu durchschreiten, dergestalt hatten diese verschiedenen Gegenstände Herrschaft auf die Sinne geübt, die sie bei ihm afficirten.

Endlich, nachdem er in goldenen, in den Stein eingegrabenen Buchstaben die Nummer 1 gelesen hatte, trat er ein.

Eine weite Arcade führte durch die Masse des Gebäudes fortlaufend nach der Reitschule, deren zwei, wegen der Milde der Luft, geöffneten Thüren, in einer durch die optische Täuschung verdoppelten Entfernung, die auf dem rothen Sande caracolirenden Pferde, von oben beleuchtet, das Auge in Flammen, glänzend, gepreßt von den silbergalonirten Stallmeistern, sehen ließen; sie zogen im Hintergrunde dieser Perspective wie fantasmagorische Schatten hin und her.

Danton blieb unwillkürlich unter dieser ersten Arcade stehen und schaute. Er schaute als ein Mensch, der den Werth dieser schönen Dinge kennt, und entriß sich zu rasch dieser Betrachtung für einen Menschen, der nicht begehrt hätte.

Der griechische Philosoph hatte wenigstens harte Stürme auszuhalten und ging nicht immer siegreich daraus hervor.

Bei dem ungestümen Sprunge, den ihn seine Philosophie machen ließ, befand sich Danton vor der Treppe B; er stieg die Stufen zu zwei und zwei hinauf, warf sich in den Corridor D und klopfte sachte an die Thüre Nr. 12.

Er klopfte sachte, haben wir gesagt; nicht als wäre Danton seiner Natur nach schüchtern oder sehr ängstlich bei den Etiquettefragen gewesen; doch es gibt gewisse Häuser, welche Ehrfurcht gebieten, gewisse Wohnungen, welche Altären gleichen.

Danton wäre vielleicht mit dem Hute auf dem Kopfe beim Gouverneur einer Provinz eingetreten; bei Marat wagte er das aber nicht.

Da er indessen einen Augenblick, nachdem er geklopft, – in welchem Augenblicke er aufmerksamer horchte, als er es in seinem Leben gethan, – sah, daß man ihm nicht antwortete, und kein Geräusch vernahm, so drehte er den Schlüssel und befand sich in einem geplatteten Corridor, welcher das Licht von dem Gange empfing, den er gerade verlassen hatte. Ein starker Bratengeruch führte ihn nach der Küche links, wo vor einem schmutzigen Ofen eine Frau mit indolentem Wesen saß und Radießchen von ihrem Kraute befreite, während sie das Braten von zwei Cotelettes überwachte, welche eine weiße Rauchwolke umhüllte, die sich begleitet vom Prasseln des auf der Gluth siedenden Fettes erhob.

Auf einer der Abtheilungen des Ofens sott Milch in einem durch den Gebrauch gesprungenen Pfännchen, indeß auf derselben Abtheilung, ohne Zweifel, um die Kohle zu sparen, in einem irdenen Kaffeetopfe ein schwarzes Kaffeegebräu brodelte und gleichgültig das bisschen Aroma verdunsten ließ, das sein Kochen an zwei vorhergehenden Tagen überlebt hatte.

Quer über der Feuerzange endlich, welche unmittelbar neben dem Roste lag, auf dem die Cotelettes brieten, verkohlten sich drei Brodschnitten auf der Gluth, welche über den Rost hinausging.

Danton brauchte also keine lange Beobachtungen anzustellen, um mit einem Blicke den Küchenzettel des Frühstücks, das ihm sein neuer Freund vorbehielt, zu umfassen.

Der Epicuräer lächelte und fand, an den Küchenzettel von Grimod de la Reuniere denkend, der stoische Philosoph Marat zeige bei dieser Gelegenheit eben so viel Stolz, als Knauserei; er hatte einen Augenblick Lust, ihm ganz einfach zu sagen, etwas weniger Eitelkeit und ein wenig mehr Cotelettes hätte besser die Sache eines durch den Gang, den er gemacht, vollkommen zum Appetit disponirten Magens gethan.

Doch nicht gerade um zu frühstücken war Danton von der Rue du Paon nach dem Ende des Faubourg du Roule gekommen; er erkundigte sich also bei der Köchin, deren prätensiöse Tracht er einen Augenblick bewundert hatte, und diese schaute empor und antwortete hoffärtig, der Herr arbeite.

Zu gleicher Zeit aber, es ist nicht zu leugnen, deutete die Köchin mit dem Finger auf das Zimmer von Marat.

Danton öffnete die Thüre, ohne anzuklopfen, da ihm diese Vorsichtsmaßregel das erste Mal mißglückt war, und befand sich beim Herrn.




X

Marat zu Hause


Ein gelbes Sacktuch mit weißen Tüpfeln auf dem Kopfe, den Leib auf einen Tisch von schwarzem Holze geneigt, die Arme entblößt bis an den Ellenbogen, – Arme haarig und dürr wie der verhexte Arm von Glocester – hackte Marat mit einer kurzen, stumpfen Feder auf einem robusten Papiere, auf einem von jenen Papieren, die man damals in Holland fabricirte, und die zwei bis drei Lagen Durchstriche aushalten konnten.

Viele Bücher waren vor ihm geöffnet; mehrere auf antike Weise aufgerollte Manuscripte lagen auf der Erde.

Dieser spartanische Schriftsteller ließ überall die dürftige Industrie des kleinen Bureaukraten sehen: Federmesser mit Bindfaden zusammengeflickt, Schreibzeug abgestoßen wie die Vasen von Fabricius, verkrümmte und zernagte Federn einen Monat Dienst bezeichnend, Alles war in Harmonie um Marat; dabei eine Oblatenschachtel von geschwärztem Papier; als Streubüchse eine offene und zu drei Vierteln leere hornene Tabaksdose; als Schrenzblatt das Tabakstuch von grobem Rouener Zeug mit großen blauen Vierecken.

Marat hatte seinen Tisch weit vom Fenster in eine Ecke des Zimmers gestellt. Er wollte nicht zerstreut, nicht einmal durch die Sonne erfreut sein; er wollte nicht, daß die zwischen den Spalten der Steine wachsenden Grashalme mit ihm von der Welt sprächen; er wollte nicht, daß die auf seiner Fensterlehne flatternden Vögel mit ihm von Gott sprächen.

Die Nase auf seinem gelben Papiere, wenn er schrieb, das Auge auf einer alten Tapete, wenn er dachte, genoß er keine andere Zerstreuung bei der Arbeit, als die Arbeit selbst; die ganze Freude des Schriftstellers, der ganze Luxus seines Schaffens waren ihm nicht nur unbekannte, sondern auch gleichgültige Dinge.

Bei ihm schien das Wasser jedem andern Bedürfnisse als dem des Durstes fremd.

Marat war einer von jenen cynischen Dichtern, welche die Muse mit schmutzigen Händen um ihre Gunst bitten.

Bei dem Geräusche, das der sonore Husten von Danton hervorbrachte, als er in das Zimmer von Marat eintrat, wandte sich dieser um, und den erwarteten Gast erkennend, machte er mit der linken Hand ein Zeichen, das für seine rechte Hand um Erlaubniß bat, den angefangenen Satz vollenden zu dürfen.

Doch dieser Satz war nicht rasch vollendet, wie Danton bemerkte.

»Wie langsam schreiben Sie!« sagte er; »das ist seltsam bei einem lebhaften, mageren Manne wie Sie. Ich hätte geglaubt, Sie seien ganz Ungeduld, ganz nervös, und ich sehe Sie Ihre Gedanken Buchstaben um Buchstaben an einander reihen, als ob Sie beauftragt wären, für irgend eine Schule ein kalligraphisches Musterblatt zu machen.«

Doch ohne aus der Fassung zu kommen, führte Marat seine Zeile vollends aus, wobei er sich indessen die Mühe nahm, mit der linken Hand Danton ein zweites Zeichen zu machen; dann, nachdem er geendigt hatte, drehte er sich um und reichte beide Hände seinem neuen Freunde mit einem Lächeln, das den finsteren Rictus seiner schiefen Lippen öffnete.

»Ja, es ist wahr,« sagte er, »heute schreibe ich langsam.«

»Wie, heute?«

»Setzen Sie sich doch!«

Danton, statt einen Stuhl zu nehmen, wozu man ihn eingeladen, näherte sich dem von Marat, stützte sich auf die Lehne, so daß sein Blick den Schreibtisch und denjenigen, welcher davor saß, umfaßte, und fragte noch einmal:

»Warum heute? haben Sie Tage der Geschwindigkeit und Tage der Indolenz wie die Boas?«

Marat ärgerte sich nicht über die Vergleichung; sie hatte nur Schmeichelhaftes: Viper wäre unhöflich gewesen: die Vergleichung verkleinerte Marat; aber Boa! diese Vergleichung vergrößerte.

»Ja, ich begreife,« erwiederte Marat, »und meine Worte bedürfen der Erklärung. Ich habe verschiedene Manieren, zu schreiben,« fügte er mit einer leichten Geckerei bei; »schreibe ich, was ich heute schreibe, so ist meine Feder langsam; sie gefällt sich darin, die feinen Züge und die fette Schrift zu studieren, die Punkte und die Beistriche liebkosend zu behandeln; sie gefällt sich darin, zugleich das Wort und den Gedanken zu sagen, den Augen die Gefühle des Herzens zu malen.«

»Was Teufels sagen Sie mir da?« rief Danton ganz erstaunt über diese Sprache; »ist es wirklich Herr Marat in Fleisch und Knochen, der mit mir spricht, oder sollte es nicht der Schatten von Herrn von Voiture oder von Fräulein von Scudéry sein?«

»Ei! ei!« versetzte Marat, »Collegen!«

»Ja, aber keine Muster . . .«

»Was die Muster betrifft, – ich kenne nur eines: das ist der Zögling der Natur, es ist der Schweizer Philosoph, es ist der treffliche, der erhabene, der unsterbliche Verfasser von Julie.«

»Jean Jacques?«

»Ja, Jean Jacques . . . Dieser schrieb auch langsam, dieser gab auch seinem Gedanken Zeit, vom Gehirne niederzusteigen, sich in seinem Herzen aufzuhalten und sich sodann auf dem Papiere mit der Tinte seiner Feder zu verbreiten.«

»Es ist also ein Roman, was Sie schreiben?«

»Ganz richtig,« sagte Marat, indem er sich in seinem Strohfauteuil zurückwarf und sein tiefes Auge unter seinem matten, gelben, tausendfältig gerunzelten Lide erweiterte, »ein Roman!«

Und seine Stirne faltete sich wie bei einer schmerzlichen Erinnerung.

»Vielleicht sogar eine Geschichte,« fügte er bei.

»Ein Sittenroman? ein historischer Roman?« fragte Danton; »ein . . .«

»Ein Liebesroman.«

»Ein Liebesroman?«

»Ja wohl; warum nicht?«

Bei diesem warum nicht konnte der Riese seinen Ernst nicht behaupten: er schmetterte gleichsam mit einem unverschämten Blicke den schmierigen, ungestalteten Pygmäen nieder, klatschte in seine breiten Hände und ließ seiner Heiterkeit freien Lauf.

Doch wider alles Erwarten ärgerte sich Marat nicht; er schien sogar nicht einmal das unschickliche Gelächter von Danton zu bemerken; sein Auge senkte sich im Gegentheile auf das Manuscript und tauchte sich gerührt und träumerisch darein. Dann, nachdem er mit leiser Stimme ein paar lange Sätze gelesen, stieg sein Blick wieder zu Danton empor, der nicht mehr lachte.

»Verzeihen Sie, wenn ich lache,« sagte dieser; »doch Sie begreifen, ich finde einen Romanendichter, und zwar einen sentimentalen Romanendichter, wie es scheint, da, wo ich einen Gelehrten suchte; ich glaubte, ich habe es mit einem Physiker, mit einem Chemiker, mit einem Experimentenmacher zu thun, und ich finde einen Seladon, einen Amadis, einen Percerose.«

Marat lächelte, antwortete aber nicht.

»Man hat mir von einigen Büchern von Ihnen gesagt,« fuhr Danton fort; »ja, Guillotin sprach davon; obgleich er behauptet, Sie täuschen sich, schätzt er sie sehr, selbst mit ihren Irrthümern; doch das sind wissenschaftliche Werke, philosophische Werke und nicht Werke der Einbildungskraft.«

»Ach!« erwiederte Marat, »oft ist beim Schriftsteller die Einbildungskraft nur Gedächtniß, und derjenige scheint zu componiren, welcher nur erzählt.«

Danton, obwohl scheinbar ziemlich oberflächlich, war nicht der Mann, um einen tiefen Gedanken fallen zu lassen. Es dünkte ihm gut, das, was Marat gesagt hatte, zu ergründen, und er schickte sich an, den ganzen geheimnißvollen Sinn daraus zu ziehen, der darin verborgen sein konnte, als Marat rasch von seinem Stuhle aufstand, seinen ungeordneten Anzug ein wenig zurecht richtete, und zu ihm sagte:

»Lassen Sie uns frühstücken; wollen Sie?«

Und er ging in den Corridor, um die Köchin zu benachrichten, es sei Zeit, aufzutragen.

Danton, als er allein war, senkte rasch die Augen auf das Manuscript; es war betitelt: Abenteuer des jungen Grafen Potocky; der Held hieß Gustav und die Heldin Lucilie.

Sodann, da er diese Indiscretion begehend überrascht zu werden befürchtete, kehrte sein Blick vom Manuscripte zum Uebrigen des Cabinets zurück.

Eine abscheuliche grau und rothe Tapete, Karten an der Wand, Zitzvorhänge an den Fenstern, zwei Vasen von blauem Glase auf dem Kamine, eine wurmstichige Truhe von altem Eichenholz, dies war das Ameublement des Cabinets von Marat.

Die schöne Sonne des Frühlings, die heiße Sonne des Sommers brachten diesem Zimmer nichts Lebendiges oder Heiteres. Man hätte glauben sollen, sie möge nicht hier eintreten, sicher, sie werde weder eine Pflanze finden, um sie aufgehen zu machen, noch eine geglättete Oberfläche, um sie glänzen zu machen.

Als Danton sein Inventar vollendete, trat Marat wieder ein.

Er trug ein Ende des völlig servirten Tisches, die Köchin trug das andere Ende.

Man stellte diesen Tisch mitten ins Cabinet; die Köchin rückte den Strohstuhl von Marat daran und ging wieder hinaus, ohne sich um den Fremden zu bekümmern.

Danton hoffte, sein Freund werde die Frage der Entschuldigungen nicht in Angriff nehmen: er täuschte sich.

»Ah!« sagte Marat, »ich gebe nicht zweitausend vierhundert Livres für mein Frühstück aus.«

»Bah!« entgegnete heiter Danton, »gäben Ihnen Ihre Verleger hundert Louis d'or für einen Band Roman, und Sie machten einen Band in der Zeit, in der ich eine Consultation ertheile, so würden Sie wohl eine Cotelette Ihrem gewöhnlichen Essen beifügen.«

Marat reichte ihm den Teller.

»Sie sagen mir das, weil Sie sehen, daß wir nur,zwei Cotelettes haben, und weil Sie finden, das sei wenig; essen Sie zufällig mehr als zwei Cotelettes?«

»Und Sie?« fragte Danton.

»Oh! ich,« erwiederte Marat, »ich esse nie Fleisch des Morgens; ich könnte nicht mehr arbeiten.«

»An Romanen?« versetzte Danton, dieses Genre von Literatur, das Marat so schwer dünkte, leicht behandelnd; »was sagen Sie!«

»Allerdings, an Romanen . . . Oh! handelte es sich darum, einen politischen Artikel zu schreiben, so möchte ich lieber Blut genug in den Augen haben, um roth zu sehen, und in diesem Falle würde ich gern Fleisch essen, um mich aufzuregen; doch der Roman, oh! der Roman, das ist etwas Anderes: das schreibt sich weder mit dem Magen, noch mit dem Kopfe; das schreibt sich mit dem Herzen! Man muß nüchtern sein, mein bester Herr, um Roman zu schreiben.«

»Ah! Sie sind ein Liebesritter mit der Feder, mein Bester!« sprach Danton.

Und er reichte den Teller Marat.

»Behalten Sie die zwei Cotelettes, sage ich Ihnen,« versetzte dieser.

»Ich danke!« erwiederte Danton, »bekümmern Sie sich nicht um mich; ich glaube immer, wie Gargantua, nichts kann meinen Hunger stillen, und esse ich eine von Ihren Cotelettes, so wird es Alles sein.«

Danton fühlte sich in Wahrheit nicht mehr durch den Anblick des Tisches angezogen, als er es durch die Gerichte oder die Gesellschaft war.

Ausgebrochene Fayenceteller; abgenutzte silberne Bestecke; Löffel, welche schnitten, Gabeln, die nicht stachen; grobe Servietten von ungebleichter Leinwand, rauh an der Haut; graues Salz mit dem Cylinder einer Flasche zerrieben und in einer Untertasse von Pfeifenerde liegend; ein dicker Wein in der benachbarten Schenke aus dem Fasse gezapft; Alles dies war, man wird es zugestehen, kein sehr Appetit erregendes Mahl für den prunkliebenden Freund von Herrn de la Reyniére.

Danton knaupelte auch Alles mit stolzem Zahne, wie die Ratte von Horaz, und das Gespräch fortsetzend, indeß Marat langsam seinen Milchkaffee zu sich nahm, den er fast ganz mit den Brodschnitten auftunkte, sagte er:

»Man gibt Ihnen also die Wohnung hier?«

»Ja, ich bin vom Hause des Prinzen,« erwiederte Marat.

Und er sprach das Wort Prinz aus, als ob es ihm die Lippen geschunden hätte.

»Aurea medioeritäs!« versetzte Danton brutal.

Marat lächelte mit seinem seltsamen Lächeln.

»Das ist ein Hafen nach dem Sturme,« sprach er, »und jeder Hafen scheint dem Matrosen gut, der mit dem Schiffbruche gekämpft hat.«

»Wahrhaftig, mein lieber Herr Marat, Sie sind heute wie ein Trappist. . . Man sollte glauben, Sie haben Kummer oder Gewissensbisse . . . In der That, ich sehe Sie Romane schreibend, ich sehe Sie satt, ich sehe Sie die Sonne fliehend . . .«

»Gewissensbisse!« rief Marat, Danton unterbrechend. »Gewissensbisse, ich? ich, der ich die Seele eines Lammes habe? . . . Nein, mein Gast, nein . . . glücklicher Weise habe ich keine Gewissensbisse! . . .«

»Kummer also?«

»Ah! Kummer, ja, das ist möglich . . . Kummer, das leugne ich nicht! . . . Jeder empfindsame Mensch kann Kummer haben; jeder starke Mensch kann sich erlauben, ihn zu offenbaren.«

Danton setzte auf eine derbe Weise seine Ellenbogen auf den Tisch, stützte sein breites Kinn in die Höhlung feiner beiden Hände, und sprach mit einer Stimme, deren Härte er ironisch milderte:

»Ich komme auf das zurück, was ich vorhin sagte: der Gelehrte ist kein Gelehrter, der Philosoph ist kein Philosoph, der Publicist ist kein Politiker, oder, besser gesagt, alle diese Fähigkeiten sind in die Haut eines Verliebten genäht!«

Und als er diesen Satz vollendet hatte, punktirte ihn Danton, den der Gedanke des verliebten Marat maßlos zu ergötzen schien, mit einem hochmütigen Gelächter; nichts konnte natürlicher sein, wenn man bedenkt, daß es aus dieser Riesenbrust kam, daß die furchtbaren Ellenbogen des Riesen den Stützpunkt dieses Pygmäen erschütterten, den mit seinen dicken Lippen und seinen großen Zähnen der Lacher auf einen Bissen zu verschlingen schien; wenn man endlich bedenkt, daß der Eine, der freche Hercules war, der die Deianira fesselt, während der Andere kroch einem Käfer ähnlich, welcher sich schämt, daß er seine Flügel verloren.




XI

Was Marat im Jahre 1788 war


Marat wollte sich indessen nicht lange im Verdachte der Schwäche gehalten oder der Unmacht beschuldigt sehen ; er hatte die Eitelkeit, die sich gewöhnlich bei jedem Menschen findet, der nicht fünf Fuß überschreitet, das heißt, eine unbändige Eitelkeit.

»Verliebt!« antwortete er Danton, »und warum nicht?«

Und indem er diese Worte sprach, schlug er auch mit der Faust auf den magern Tisch, und der Stoß scholl fast so laut, als er es unter der Faust des Riesen gethan hatte. Der Zorn steht zuweilen auf einer Stufe mit der Stärke.

»Verliebt!« fuhr er fort, »ja, ich bin es gewesen, und wer weiß? ich bin es vielleicht noch! . . . Ah! lagen Sie! Wahrhaftig, mein lieber Coloß, sollte man nicht glauben, Gott habe den Riesen allein das Monopol der menschlichen Regeneration gegeben, und man müsse Ihre Gestalt haben, um sein Geschlecht fortzupflanzen? Haben wir nicht den Walisisch und die Blicke, den Elephanten und die Milbe, den Adler und den Königsvogel? haben wir nicht die Eiche und den Isop? befruchtet in allen Reichen der Monstruose mehr, als der Mittelmäßige oder der Kleine? Was will Liebe in natürlicher und philosophischer Sprache besagen? Nützliches Vergnügen! Geben wir der Seele davon Alles, was der Seele zukommt, lassen wir aber dem Leibe, was er immer davon zu nehmen weiß. Ich habe anderswo als in den Fabeln von Aesop oder la Fontaine die Liebschaften der Ameisen und der Blattläuse gesehen; es gibt Liebschaften von Atomen, und erfände man ein gutes Mikroskop, so gäbe es sicherlich Liebschaften von Unsichtbaren . . . Entschuldigen Sie also, mein lieber Mikromegas, entschuldigen Sie das Atom Marat, entschuldigen Sie den unsichtbaren Marat, daß er verliebt gewesen ist.«

Und diese Worte sprechend, war Marat leichenbleich geworden, seine hervorspringenden Backenkochen ausgenommen, zu denen das Blut emporgestiegen; zu gleicher Zeit hatte das Fieber zwei Kohlen in seinen Augen entzündet, und seine Nerven bebten, wie Lyrasaiten durch den Sturm ins Spiel gebracht. Man sagt, jede Schlange werde schön in der Liebe: das Axiom muß wohl wahr sein, da Marat in der Erinnerung an seine Liebe beinahe schön geworden war; – schön freilich, wie Marat schön werden konnte, nämlich schön von Häßlichkeit!

»Oh! sachte! sachte, mein Verliebter!« rief Danton, als er diese plötzliche Exaltation wahrnahm; »wenn Sie sich so vertheidigen, ehe ich Sie angegriffen, so werden Sie mir das Recht geben, Sie anzugreifen, nachdem Sie sich vertheidigt. Ich mache Ihnen nicht die Fähigkeit, verliebt zu sein, streitig!«

»Nein, doch Sie machen mir das Recht hierzu streitig,« erwiederte Marat mit schwermüthigem Tone. »Ah! ich verstehe Sie wohl, Danton! Sie schauen mich an, und Sie sagen sich: »»Marat ist klein; Marat ist ganz zusammengeschrumpft, wie ein Thier, welches man das Feuer hat sehen lassen; er hat rothe Augen mit einem schwarzen Punkte, dem jedes Licht einen fahlen Reflex zuwirft; er ist knochig, und feine verkrümmten Knochen sind schlecht bekleidet durch das bisschen Fleisch, das daran hängt; diese Knochen durchbohren da und dort die Hülle in einer Richtung, welche Gott nicht für die Entwickelung der Säugethiere bezeichnet hat; Marat hat kahle Schläfe und flache Haare; seine Haare sehen aus, als wären sie abgenutzt wie die Mähne eines alten Rosses, das die Mühle gedreht hat; seine Stirne ist zurücklaufend; seine Nase biegt sich rechts um, eine gemeine, schmähliche Abweichung von der adeligen Linie; er hat spärliche, wackelige Zähne; er hat dürre, haarige Glieder; es ist eine häßliche Varietät von der Gattung homo, die Plinius und Buffon beschreiben.«« Das ist es, was Sie sich sagen, indem Sie mich sehen, und Sie fügen bei: »»Wie, in dieser zurücklaufenden, gedrückten Stirne sollte der Gedanke bequem bleiben? wie, aus diesem krankhaften, schmählichen Leibe sollte die sympathetische Ausströmung hervorgehen, welche die Träumerei im Herzen der Frauen sich erschließen macht, dieser thierische Magnetismus, der ihnen das Verlangen in den Körper gibt? wie sollte dieser unglückliche Ungestaltete das repräsentieren, was das höchste Wesen in das große Ganze gelegt hat, um es zu schmücken, zu erwärmen, zu beleben? wie sollte er, und wäre es nur für ein Hundertmilliontheilchen, die physische Liebe oder die moralische Liebe repräsentieren?«« Gestehen Sie, daß Sie sich das gesagt haben, oder daß, wenn Sie es auch nicht auf eine so absolute Weise ausdrücken, Ihre Colosseninstincte, Ihr Riesenbewußtsein Sie zu der Vergleichung antreiben und Ihre Lachmuskeln – die risorii – erregen, wenn ich Ihnen sage, ich sei verliebt gewesen.«

»Aber, mein Lieber,« erwiederte Danton, betäubt durch diese Woge gedrängter und wie eine steigende Flut sich folgender Argumente.

»Lachen Sie nicht, es lohnt sich nicht der Mühe: ich bin mehr Ihrer Ansicht, als Sie selbst. Mir scheint, ich habe Ihnen so eben ein Portrait von mir ohne alle Eitelkeit gemalt.«

»Oh! sehr wenig geschmeichelt!«

»Nein, ähnlich! Mein Spiegel ist nicht groß; nichtsdestoweniger genügt er, um mein Gesicht wiederzugeben, und dieses Gesicht, ich weiß es, ist das eines wenig für die Liebe gemachten Geschöpfes . . . »»Aber,«« werden Sie mir sagen, nun, da Sie in der Reaction sind, »»daß man häßlich ist, ist kein Grund, nicht zu lieben: das Herz ist immer schön!«« und tausend andere Aphorismen, welche die Dummköpfe befriedigen würden; doch wir sind nicht dabei, und ich meinerseits werde weiter gehen als Sie; ich werde Ihnen sagen: »»Derjenige hat das Recht, Liebe einzuflößen, welcher schön, stark, gesund und verständig auf die Welt gekommen ist; die wahre Leidenschaft, die befruchtende Leidenschaft, diejenige, der die Natur bedarf, gedeiht schlecht in einem schiefen Körper; eine gerade Klinge hält nicht in einer verkrümmten Scheide!«« Ich sage das, und dennoch füge ich bei: »»Ich bin verliebt gewesen, und ich hatte das Recht, verliebt zu sein.««

Da neigte sich Danton, jeden Spott beiseit lassend, gegen Marat, als wollte er ihn besser sehen, als wollte er ihn sorgfältiger betrachten; einige Momente studierte er ihn stillschweigend mit dem tiefen Blicke eines aufmerksam gemachten Mannes und eines verständigen Mannes.

»Ja, suchen Sie wohl,« sagte Marat traurig, »suchen Sie wohl unter dem Skelett, da man es so deutlich sieht; suchen Sie unter der Zusammenziehung der Muskeln und der Nerven, unter der Abweichung der Knochen die ursprüngliche Construction, suchen Sie unter der reducirten Form des Batrachiers . . . der Kröte, – ich verbessere mich, weil Sie genug schöner Mann sind, um das Griechische nicht zu verstehen,– suchen Sie den Apoll vom Belvedere, den jeder Anatom in der zwanzigsten Generation mit ein wenig Geduld, Zeichnung und Elasticität daraus zu ziehen weiß. Finden Sie ihn? Nein, nicht wahr? Nun wohl, Sie haben Unrecht, mein Lieber: der Apoll fand sich darin, allerdings nicht lange, doch er fand sich darin: das matte, leere Auge von Marat war ein lebhaftes und reines Auge mit glatten, frischen Lidern; die unter den schmutzigen Haaren eingedrückte Stirne war eine poetische Stirne, offen für die duftenden, frühlingsartigen Liebkosungen; der schwindsüchtige, verkrümmte, haarige Körper war ein Endymionstorso, weiß, fest, feucht und frisch. Ja, – nicht wahr, das ist unglaublich? Und dennoch ist es so! ich hatte ein elegantes Bein, einen feinen Fuß und eine schmale Hand; meine Zähne haben den Kuß sinnlicher Lippen herbeigerufen, »das scharfe Gebiß,« wie Jean Jacques sagt; ich bin schön gewesen, ich habe Geist gehabt, ich habe Herz gehabt! Ist das genug, antworten Sie, um mich zu berechtigen, daß ich sage, ich sei verliebt gewesen?«

Danton richtete den Kopf auf, streckte eine Hand gegen Marat aus, ließ die andere an seinem Schenkel herabfallen, und murmelte wie verblüfft mit einer Geberde, welche das aufrichtigste Erstaunen ausdrückte:

»Wahrhaftig!«

»Es ist, wie ich Ihnen zu sagen die Ehre habe,« antwortete ironisch Marat, dessen Philosophie, so groß sie sein mochte, unwillkürlich für die Impertinenz dieses Erstaunens empfindlich war.

»Es ist Ihnen also etwas dem, was Scarron geschah, Aehnliches widerfahren?«

»Mit Federn bedeckt in einen eiskalten Fluß gefallen und gelähmt durch Rheumatismen herausgekommen zu sein? Ja; nur bin ich glücklicher gewesen, als Scarron; ich habe mich mit meinen Beinen herausgezogen; sie sind allerdings verkrümmt, doch so, wie sie sind, bediene ich mich derselben fortwährend. Ich wollte sagen, ich sei nicht ganz und gar kreuzlahm, wie es der arme Couthon in einem Jahre sein wird. Freilich ist Couthon schön, und ich bin häßlich; das gibt eine Ausgleichung.«

»Ich bitte, Marat, spotten Sie nicht, und erklären Sie mir Ihre Metamorphose.«

»Ah! in diesem Falle werde ich Ihnen viel erklären müssen, mein lieber schöner Mann,« sprach Marat mit seiner einschneidenden Stimme, »ich werde Ihnen sagen müssen, wie sanft, unschuldig, gut ich war . . .«

»Wahrhaftig!«

»Wie sehr ich Alles liebte, was glänzt, Alles, was tönt, Alles, was duftet . . . das heißt, wie sehr ich die Kriegsleute liebte, glänzende Helden . . . wie sehr ich die Dichter und die Schönredner liebte, tönende Mühlen . . . wie sehr ich die Frauen und die Aristokraten liebte, duftende Puppen . . .«

»Und besonders, nicht wahr? Sie werden mir sagen, wie Sie dazu gekommen sind, Alles zu hassen, was Sie liebten . . .«

»Ja, Alles, was ich nicht mehr habe . . . Doch wenn ich Ihnen das gesagt haben werde, sprechen Sie, wozu wird Ihnen meine Erzählung dienen?«

»Mir zu beweisen, daß Ihr Wort von vorhin kein leeres Zurückwerfen der Luft follicitirt durch die Bewegung Ihrer Zunge ist.«

»Welches Wort?«

»Das, welches mir am meisten unter denen, die Sie sagten, aufgefallen ist, seitdem ich das Vergnügen habe, mit Ihnen zu sprechen: »»Die Einbildungskraft des Schriftstellers ist oft nur Gedächtnis««

»Ah! dieses Wort ist Ihnen aufgefallen?« versetzte Marat mit einem Lächeln der Befriedigung; »das Wort ist in der That gut construirt, nicht wahr? ja, gut gekommen, in einem Athem und aus einem Geiste, so wie ich selbst war, ehe ich war, was ich bin.«

Und er stand auf, holte seine gewalkten Pantoffeln schleppend seine Feder, schrieb den Satz quer auf ein Stück Papier, nahm von seinem Schreibtische das Manuscript der Abenteuer des jungen Grafen Potocky, und kam dann zu Danton zurück, der sich in einen Lehnstuhl setzte und sich darin ausbreitete auf die Gefahr, das wurmstichige Holzwerk zerspringen zu machen.

»Wissen Sie, was ich zuerst thun müßte?« sagte Marat.

»Ich wette,« erwiederte Danton fast erschrocken, »Sie haben Lust, mir dieses ungeheure Manuscript vorzulesen?«

»Wetten Sie! Sie werden gewinnen . . .«

»Teufel! ein polnischer Roman!«

»Wer hat Ihnen das gesagt?«

»Ich habe den Titel gelesen.«

»Doch . . .«

»Der junge Potocky . . . wären Sie das vielleicht?«

»Wer weiß?«

»Und diejenige, in welche Sie verliebt waren, hatte sie Lucilie geheißen?«

»Vielleicht.«

»Das sind Briefe wie in der Neuen Heloise?« fragte Danton immer mehr erschrocken.

Marat erröthete; diese Anspielung auf den Roman von Rousseau schien ihm die Beschuldigung eines Plagiats zu sein.

»Es gibt mehr als einen Originalschriftsteller in derselben Sprachform.«

»Ich klage Sie nicht an, mein lieber Romanendichter! erzürnen Sie sich also nicht zur Unzeit; nur wäge ich mit den Augen diesen Band; ich finde ihn schwer hinsichtlich der Zeit, die wir mit einander zuzubringen haben, und ich sage mir, was die Abenteuer des jungen Potocky betreffe, so werde ich Geduld haben, um zu warten; während ich, um die Abenteuer von Marat zu erfahren, in einem Striche nach Warschau oder Krakau gehen werde . . . Ah! Sie haben Reisen gemacht?«

»Ja wohl!«

»Sie sind in London, in Edinburgh gewesen, Sie haben, glaube ich, sogar in England Ihr erstes Buch herausgegeben?«

»In England, und zwar in englischer Sprache . . . ja, die Ketten der Sklaverei.«

»Das ist nicht Alles; Sie haben auch im Norden gelebt?«

»In Polen, ja.«

»Nun wohl, ich bitte Sie inständig, lassen Sie mich nicht schmachten! . . . Ich sagte Ihnen gestern nach Ihrer Rede: »»Sie haben viel leiden müssen! Sie drückten mir die Hand und antworteten: »»Frühstücken Sie morgen mit mir.«« Ich bin nicht gekommen, um zu frühstücken: ich bin gekommen, um zu hören, was Sie stillschweigend mir zu sagen versprochen haben. Nun wohl! hier bin ich; ich will den alten Menschen kennen lernen: lüften Sie den Schleier, der ihn vor mir verbirgt! Was den gegenwärtigen Menschen betrifft, – ich bin unbesorgt, Frankreich wird ihn kennen!«

Marat dankte Danton durch eine mehr beredte, als edle Geberde; diese Conversationsschmeichelei, er allein konnte ihre Bedeutung ermessen und finden, sie sei nach der Rechnung seines Stolzes nicht übertrieben.

Danton seinerseits hätte sich dieselbe vielleicht nicht entschlüpfen lassen, hätte er im Jahre 88 das Jahr 93 errathen.

Die Schmeichelei eines großen, starken Mannes war für Marat Befehl; er schickte sich also an, wie die Helden von Homer zu erzählen, und Km seinem Gedächtnisse Zeit zu lassen, ihm die ersten Kapitel zu liefern, und seine heisere Stimme geschmeidig zu machen, trank er aus der abgestoßenen Tasse den Rest der kalt gewordenen Milch, welche Danton zu nehmen verachtet hatte. Er trank wie die Katzen oder wie die Füchse, indem er schief schaute, während er trank, und man sah die Arterie seiner Schläfe beben bei jedem Einsaugen des Trankes.

Als die Tasse leer war, wischte er seine weiß gewordenen Lippen mit der verkehrten Hand ab, strich mit dieser schwarzen, fettigen Hand über feine rebellischen Haare und fing an.

Danton wählte einen Platz zwischen den zwei Fenstern, um keine Bewegung von der Physiognomie des Erzählers zu verlieren. Marat aber, ergründete er nun diese Absicht oder wurden seine Augen durch das Licht verletzt, zog die Vorhänge zu und begann die Erzählung in einem Halbschatten, der Danton durchaus nicht so günstig war, als es das helle Tageslicht gewesen wäre.

Da man sich aber ergeben mußte, so schloß Danton die Augen und öffnete die Ohren: er suchte durch das Gehör zu gewinnen, was er durch das Gesicht verloren hatte.




XII

Der Fürst Obinsky


Marat schloß, wie Danton, einen Moment die Augen, als ob er in sich selbst schaute und seine eigene Stimme hörte, die ihm sachte die Erinnerungen seiner Jugend erzählte.

Dann erhob er plötzlich das Haupt und sprach:

»Ich bin von Neuchatel, Sie wissen das ohne Zweifel; ich bin geboren 1744. Ich zählte zehn Jahre in dem Augenblicke, wo mein ruhmwürdiger Landsmann in die literarische oder vielmehr in die politische Welt die Rede über die Ungleichheit schleuderte; ich war zwanzig Jahre alt, als Rousseau verbannt, um ein Asyl zu suchen, in seine Heimath zurückkehrte. Empfindsam, glühend, leidenschaftlich für den Philosophen begeistert, hatte mich meine Mutter in der ausschließlichen Bewunderung des Meisters erzogen und ihren ganzen Eifer darauf verwendet, aus mir einen großen Mann in der Art des Verfassers vom Contrat social zu machen; sie war hierbei vortrefflich unterstützt worden von meinem Vater, einem würdigen Geistlichen, einem gelehrten und thätigen Manne, der frühzeitig in meinem Kopfe Alles das, was er an Wissen besaß, anhäufte; mit fünf Jahren wollte ich auch Schulmeister werden; mit fünfzehn Jahren Professor; mit achtzehn Schriftsteller, mit zwanzig schaffendes Genie!

»Wie Rousseau, wie meine meisten Landsleute, verließ ich jung meine Heimath, in meinem Kopfe ein ziemlich beträchtliches, aber schlecht geordnetes Magazin von verschiedenen Kenntnissen, eine große Kunde der Kräuter, die ich mir in unseren Gebirgen erworben, mitnehmend, dabei Mäßigkeit, Uneigennützigkeit, viel Eifer und eine Arbeitsmächtigkeit, die ich vor mir bei keinem Menschen gekannt habe.

»Ich fing mit Deutschland und mit Polen an.«

»Und warum gingen Sie nach Deutschland?«

»Ei! wie jeder Abenteuersucher, um zu leben.«

»Und Sie lebten?«

»Sehr schlecht, ich muß es gestehen.«

»Ja, nicht wahr, die Literatur nährte wenig?«

»Hätte ich mich nur an die Literatur gewendet, so würde sie mich gar nicht genährt haben; doch außer der Literatur hatte ich in meinem Dienste das Französische und das Englische, was ich wie meine Muttersprache spreche.«

»Ja, ich erinnere mich, Sie sagten mir in der That, Sie haben Sprachunterricht den Schotten gegeben und in Edinburgh die Ketten der Sklaverei veröffentlicht, ohne Zweifel selbst ein Sklave von denjenigen, welche Sie zum Lehrer[17 - Das Wortspiel mit maitre, Lehrer oder Herr, läßt sich nicht übersetzen.] genommen hatten.«

Marat schaute Danton mit einer Art von Erstaunen an, das diesen fast erröthen machte. Nichts ist betrüblicher für den, welcher es preisgegeben hat, als ein Wortspiel, das schlecht begriffen wird.«

»Wahrhaftig,« sagte Marat mit barschem Tone, »mir scheint, ich höre Herr von Florian oder Herrn Berlin sprechen; es ist Madrigal, was Sie da machen, mein Lieber, und Madrigal, das muß ich Ihnen bemerken, das Madrigal steht Herrn Danton schlecht an.«

»Dann will ich schweigen und mich darauf beschränken, daß ich Sie anhöre, da ich mit meinen Unterbrechungen so wenig Glück habe.«

»Ja, um so mehr als, wenn ich Romane mache, die Geschichten, die ich erzähle, nicht madrigalisch sind. Das werden Sie sogleich sehen.

»Ich komme also auf meine Lectionen zurück, die mich wenig nährten, und auf ein anderes hungriges Geschäft, das mich noch weniger nährte, ich meine die Medicin.

»Ich beschloß, Deutschland zu verlassen und mich nach Polen zu begeben. Das war 1770: ich zählte sechsundzwanzig Jahre, hatte ein paar Thaler im Grunde meiner Börse, viel Hoffnungen im Grunde meines Herzens, und vortreffliche Empfehlungsbriefe obendrein. Der König Stanislaus regierte damals, – Stanislaus August, wohl verstanden, – das war ein Gelehrter, ein unterrichteter Mann, er ist dies Alles, müßte ich sagen, denn er lebt immer noch, der würdige Fürst, und die Philosophie, die Wissenschaft und die Musen helfen ihm ohne Zweifel die Demüthigungen ertragen, welche Rußland, Preußen und Oesterreich in diesem Augenblicke über ihn verhängen.«

»Ich glaube,« sagte Danton, »wenn Sie mir eine philosophisch-politische Unterbrechung erlauben wollen, nachdem Sie mir die madrigalischen Unterbrechungen verboten haben, – ich glaube, daß der ehrliche Monarch wohl daran thut, wenn er die tröstenden Göttinnen zu cultiviren fortfährt; denn es scheint mir nicht sicher, daß er auf dem Throne stirbt, den ihm Katharina, seine strenge Gebieterin, ganz gegeben hat und ihm Stück für Stück wieder nimmt.«

»Diesmal sehen Sie richtig; ich werde auch der Unterbrechung Beifall spenden, statt sie zu tadeln, , und ich bezweifle nicht, König Stanislaus wird glücklich sein, eines Tages, gleichviel wo, die Nelken wiederzufinden, welche der große Condé cultivirte. Doch in der Zeit, um die es sich handelt, regierte, obgleich dumpf bedroht mit der Theilung seines Reiches, dieser Fürst im Frieden. Er liebte, wie gesagt, die Wissenschaften, die Künste, die Literatur, und machte einen edlen Aufwand. Ich, ein dunkler Mensch, – Schweizer durch meinen Landsmann Rousseau, Gelehrter durch meinen Collegen d'Alembert, Philosoph durch die Holbachianer, eine fatale Race, die sich über die ganze Erde verbreitete, – ich wanderte gegen Norden, ganz stolz auf meine siebenundzwanzig Jahre, auf mein wissenschaftliches Gepäck, auf meine schönen, frischen Backen und auf meine kräftige Gesundheit. . . Sie schauen mich an, Danton, und Sie suchen, was aus Allem dem geworden sei . . . Seien Sie unbesorgt, Sie werden erfahren, wie und wo mich dies verlassen hat: das ist meine Geschichte. In meinem jugendlichen Vertrauen sagte ich mir, da Stanislaus Poniatowski einen Thron durch sein gutes Aussehen bei der Großfürstin, nachmaligen Kaiserin, gewonnen habe, so könnte ich wohl mit allen meinen körperlichen und moralischen Vorzügen zwölftausend Livres Einkommen oder Pension bei Stanislaus verdienen. Das war mein Ziel, mein Ehrgeiz. Besitzer dieses Vermögens, würde ich allen Coterien, allen schlimmen Chancen Trotz bieten, ich würde nach Frankreich zurückkehren, um Staatswissenschaft zu studieren, ich würde sie inne haben in dem Alter, wo der Ehrgeiz im Herzen her Menschen treibt; ich könnte ein großer Arzt werden, sollten die Routine und das Vorurtheil fortbestehen; ich könnte ein großer Administrator werden, gelänge es der Philosophie, die Menschheit zu emanzipieren.«

»Das war gut geurtheilt,« sprach Danton mit kaltem Tone; »doch jedes Ding braucht nothwendig seinen Anfang; Alles hängt von diesem Anfange ab; zeigen Sie mir den Ihrigen, und zeigen Sie mir ihn so, wie er war, wenn das möglich ist.«

»Oh! seien Sie unbesorgt, ich werde mich nicht schminken, die Einbildungskraft ist nicht meine Sache; überdies wird hoffentlich die Wirklichkeit genügen, um Sie zu interessieren.«

»Es ist seltsam, daß Sie so die Einbildungskraft verleugnen, Sie, der Sie einen langen Kopf und breite Schläfe haben!«

»Ich verleugne die Einbildungskraft nicht,« erwiederte Marat, »doch ich glaube nur in der Politik Einbildungskraft zu haben: für alles Uebrige gleiche ich ein wenig der Katze in der Fabel, die nur einen Kunstgriff in ihrem Sacke hatte und genöthigt war, ihre Inferiorität gegen den Fuchs, das Thier mit den hundert Mitteln, anzuerkennen. Das Resultat hiervon ist, daß ich, wenn ich Hunger hatte, – was mir zuweilen begegnete, – Lectionen gab und weder viel, noch wenig aß.«

»Und was für Lectionen gaben Sie?«

»Lectionen in Allem, bei meiner Treue! ich bin ungefähr universell, so wie Sie mich sehen: heute, zum Beispiel, verfaßte, schrieb und druckte ich zwanzig Bände physische Entdeckungen, und ich glaube alle Combinationen des menschlichen Geistes über die Moral, die Philosophie und die Politik erschöpft zu haben.«

»Teufel!« rief Danton.

»So ist es!« sprach Marat mit einem Tone, der keine Widerrede zuließ. »Ich gab also Lectionen in Allem, im Lateinischen, im Französischen, im Englischen, in der Chemie, der Physik, der Medicin, der Botanik, ohne Alles das zu rechnen, was an unbekannten Fähigkeiten der Appetit, diese große Anspornung zur allgemeinen Industrie, eingibt.«

»Gut! Sie sind nun also, um Lectionen zu geben, nach Polen abgereist,« sagte Danton, der die Weitschweifigkeit von Marat abzukürzen suchte.

»Ich bin nun nach Polen abgereist. Die Sprache beunruhigte mich nicht: in Polen spricht Jedermann Lateinisch, und ich konnte Lateinisch wie Cicero.«

»Fanden Sie wenigstens Schüler im kriegerischen Lande der Jagellonen?«

»Ich war empfohlen an Würdenträger von Stanislaus. Einer derselben, ein Gebieter von sechs Dörfern, ein Starost Namens Obinsky, an den ich einen sehr dringenden Brief hatte, befand sich zufällig in Warschau, als ich ankam; ich beeilte mich, demselben das Schreiben zu übergeben, das mich ihm empfahl! Die Polen sind umgänglich und gastfreundlich; ihr Nationalstolz läßt sie die Franzosen als Brüder betrachten. Der Fürst las den Brief, heftete aufmerksam die Augen auf mich, als wollte er mich nach meinem physischen Werthe schätzen; dann, nach einem Momente der Prüfung und des Stillschweigens, nickte er leicht mit dem Kopfe. Dieses Nicken schien mir wohlwollend.

»Es war ein Mann von hoher Statur, grau von Haaren, weiß von Gesichte, mit durchdringenden Augen, mit schallender Stimme; er kam dem Wuchse nach einem Riesen gleich; ich, ich maß fünf Fuß, – denn ich bin auf einen Zoll kaum je größer gewesen , als ich jetzt bin; – er imponirte mir von Anfang an.

»Ich war, wie ich Ihnen gesagt habe, naiv, Freund der Großen, geneigt, contemplativ durch die Bewunderung oder thätig durch die Dankbarkeit zu werden; kurz, ein streckbarer Teig den Geschmack erwartend, den die erste Beleidigung oder die erste Wohlthat, edelmüthig oder bitter, in die Seele legen würde, welche diese Materie belebte.

»Der Fürst trat endlich aus seiner Träumerei hervor und sagte:

»»Wir haben viele Franzosen hier, doch Alle sind Militäre, und der König, sobald sie ankommen, beeilt sich, sie entweder zu seiner Freundin Ihrer Majestät der Kaiserin, oder zu seinen Feinden den Opponenten zu schicken, welche auf Bürgerkriege in Podolien sinnen . . . Kennen Sie die Geschichte dieser Spaltungen?««

»»Bei meiner Treue, nein! und ich gestehe offenherzig meine Unwissenheit,«« antwortete ich ein wenig gedemüthigt.

»Der Fürst schien sehr entzückt, einen Gelehrten zu finden, der offenherzig gestand, er wisse etwas nicht.

»»Also,«« sagte er mit einer sichtbaren Befriedigung, »»Sie gestehen also, daß Sie die Schismen von Soltyk, Massalsky und den anderen wüthenden Katholiken nicht kennen?««

»»Mein Gott, nein, Fürst!«« antwortete ich.

»»Nun wohl! desto besser. Sie werden einen vortrefflichen Hofmeister geben, und besonders einen um so vollkommeneren Moralisten, als Sie keinen politischen oder religiösen Sauerteig in Ihre Lotionen mischen werden. Ich habe Ihnen einen Zögling anzuvertrauen.««




Конец ознакомительного фрагмента.


Текст предоставлен ООО «ЛитРес».

Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=48631908) на ЛитРес.

Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.



notes



1


Cornel.




2


Nein, das ganze Weltall kann nichts sehen,

was der äußern Herrlichkeit des Palais-Cardinal gliche;

eine ganze Stadt, mit Pracht gebaut,

scheint ans einem alten Graben durch Wunder hervorgegangen zu sein

und läßt uns nach ihren kostbaren Dächern denken,

alle ihre Einwohner seien Götter oder Könige.




3


Gemahlin von Ludwig XV.




4


Ein unübersetzbarer Calembour: cherchant des loataires, Miethsleute suchend, und cherchant des loques à terre, Fetzen auf der Erde suchend.




5


Diese hölzerne Galerie wurde durch eine steinerne ersetzt.




6


Oh! fürchte nicht, ich vergesse ihn,

den Tag, den seligen Augenblick,

wo wir, von Liebe trunken,

Beide, ohne zu wissen, wie,

uns in einer raschen Aufwallung

voll Zärtlichkeit uns unser ganzes

Leben lang zu lieben schworen.




7


Du, deren Bild in meinem Herzen eingegraben ist,

Du, die Du meinen ersten Gedanken,

die ersten Laute, die mein Mund gebildet,

die ersten Tritte, die ich der Erde eingedrückt,

empfingst, unter einem anderen Himmel

eine andere Welt suchend, sah ich Dein

Schiff in die Ferne auf der Woge fliehen.

Welche Klagen folgten meinem Abschied!

Wie viel Thränen entflossen meinen Augen!

Wie liebe ich noch nach einer Abwesenheit

von fünfzehn Jahren dieses Col (Name eines Schlosses, das Herrn Desforges, einem reichen Pflanzer der Insel Bourbon, gehörte.),

den Zeugen der Spiele meiner Kindheit!




8


In der treuen Freundschaft mehr noch als in der Liebe liebte mein Herz Alles, was es liebte, mehr als einen Tag.




9


Ja, es ist entschieden, ich verlasse Paris; hier sein Haupt bekränzend, verwandle ein liebenswürdig .Volk das Jahr in einen langen Festtag; ich reise ab! Wo sind meine Matrosen? Kommt, besteigt das Schiff und durchfurcht die Wogen; dem sanften Zephyr überlaßt das Segel und befragt den Stern von Venus!




10


Hier liegt Azor, geliebt von meiner Sylvie;

er hatte denselben Hang wie Sie, Herr Damon:

er hat sein Leben mit dem Beißen zugebracht;

an einem Stockstreiche ist er gestorben!




11


Im edlen Gasthause zum Ungeziefer

wohnt man sehr reinlich!

Rivarol besorgt dort die Küche

und Champcenetz die Wohnung.




12


Der Hof hat Deine Talente ausgepfiffen;

Paris klatscht Deinen Wunderwerken Beifall.

Grétry, die Ohren der Großen

sind oft große Ohren!




13


Marius wurde am Ende seines Lebens Trinker, um die Gewissensangst zu betäuben, und das brachte ihm den Tod, D. Uebers.




14


Es sind drei Thüren an dieser Höhle:

die Hoffnung, die Schande, der Tod;

durch die erste tritt man ein,

durch die zwei andern geht man hinaus.




15


Um dadurch die Frösche zum Schweigen zu bringen. D. Uebers.




16


Die Rectoren der Universität hatten den Titel Vetter des Königs.




17


Das Wortspiel mit maitre, Lehrer oder Herr, läßt sich nicht übersetzen.


