Königin Margot
Alexandre Dumas der Ältere




Dumas (père), Alexandre

Königin Margot





Erstes bis viertes Bändchen





I.

Das Latein von Herrn von Guise


Am Montag, dem achtzehnten Tage des Augusts 1572 fand ein großes Fest im Louvre statt.

Die gewöhnlich dunkeln Fenster des alten königlichen Wohngebäudes waren hell erleuchtet; die in der Regel so einsamen benachbarten Straßen und Plätze waren, seitdem es in Saint-Germain-l’Auxerrois neun Uhr geschlagen hatte, gedrängt voll von Menschen. Dieser lärmende, drohende Volkszusammenlauf glich in der Dunkelheit einem düsteren, bewegten Meere, dessen Wellen sich geräuschvoll von einer Stelle zur andern drängen. Dieses Meer schlug auf dem Quai ausgebreitet, von wo es durch die Rue des Fossés-Saint-Germain und durch die Rue de Lastruce ausmündete, mit seinem Strome den Fuß der Mauern des Louvre und mit seinem Gegenstrome die des Hotel Bourbon.

Es lag trotz des königlichen Festes und vielleicht sogar gerade wegen des königlichen Festes etwas Bedrohliches in diesem Volke; denn es vermuthete nicht, daß die Feierlichkeit, der es als Zuschauer beiwohnte, nur das Vorspiel zu einem auf acht Tage verschobenen Feste sein sollte, bei welchem es eingeladen werden und sich von ganzem Herzen ergötzen würde.

Der Hof feierte die Hochzeit von Frau Margarethe von Valois, der Tochter Heinrich II. und der Schwester von König Karl IX. mit Heinrich von Bourbon, König von Navarra. Der Cardinal von Bourbon hatte wirklich am Morgen die zwei Verlobten mit dem bei den Hochzeiten der Töchter von Frankreich üblichen Ceremoniell auf einem an der Pforte von Notre-Dame aufgeschlagenen Schaugerüste vermählt.

Jedermann staunte über diese Heirath, welche einigen klarer Sehenden viel Stoff zum Nachdenken gab. Man konnte nicht recht die Annäherung der zwei Parteien begreifen, die sich so gehässig einander gegenüberstanden, wie es in diesem Augenblick bei der protestantischen und der katholischen Partei der Fall war. Man fragte sich, wie der junge Prinz von Condé dem Herzog von Anjou, dem Bruder des Königs, den Tod seines in Jarnac von Montesquiou ermordeten Vaters vergeben könnte. Man fragte sich, wie der junge Herzog von Guise Coligny den Tod seines in Orléans von Potrot de Méré ermordeten Vaters vergeben könnte. Mehr noch: Johanna von Navarra, die muthige Gemahlin des schwachen Anton von Bourbon, welche ihren Sohn Heinrich zu der königlichen Hochzeit, die seiner harrte, geführt hatte, war vor zwei Monaten gestorben und es hatten sich seltsame Gerüchte über diesen plötzlichen Tod verbreitet. Ueberall sagte man ganz leise und an einigen Orten ganz laut, sie hätte ein furchtbares Geheimnis entdeckt und Catharina von Medicis hätte dieselbe, die Enthüllung dieses Geheimnisses befürchtend, mit wohlriechenden Handschuhen vergiftet, welche von einem gewissen René, einem in solchen Dingen sehr geschickten Landsmann von ihr, verfertigt worden wären. Dieses Gerücht hatte sich um so mehr verbreitet und gekräftigt, als nach dem Tode der großen Königin auf die Bitte ihres Sohnes zwei Aerzte, worunter der berühmte Ambroise Paré, bevollmächtigt worden waren, den Leib zu öffnen und zu untersuchen, nicht aber das Gehirn. Da man nun aber Johanna von Navarra durch den Geruch vergiftet hatte, so konnte nur das Gehirn, der einzige von der Section ausgeschlossene Theil des Körpers, die Spuren des Verbrechens bieten. Wir sagen Verbrechen, denn Niemand zweifelte daran, das ein solches begangen worden war.

Das war noch nicht Alles. Der König Karl hatte bei dieser Heirath, welche nicht nur den Frieden seines Reiches wiederherstellte, sondern auch die vonehmsten Hugenotten seines Landes nach Paris zog, eine Beharrlichkeit an den Tag gelegt, die man Halsstarrigkeit nennen konnte. Da die zwei Verlobten eines Theils der katholischen Religion, andern Theils der reformierten angehörten, so war man genöthigt gewesen, sich wegen der Dispensation an Gregor XIII. zu wenden, der damals den päpstlichen Stuhl in Rom inne hatte. Die Dispensation blieb lange aus und diese Zögerung beunruhigte die verstorbene Königin von Navarra ungemein. Sie drückte eines Tags gegen Karl IX. die Befürchtung aus, die Dispensation könnte gar nicht kommen, worauf dieser antwortete:

»Seid unbesorgt, meine gute Tante, ich ehre Euch mehr, als den Papst, und liebe meine Schwester mehr, als ich ihn fürchte. Ich bin kein Hugenott, aber ich bin auch kein Dummkopf, und wenn der Herr Papst eine Albernheit begeht, so nehme ich Margot selbst bei der Hand und führe sie mitten im Gottesdienste an den Traualtar.«

Diese Worte verbreiteten sich vom Louvre aus in die Stadt und gaben, während sie die Hugenotten sehr erfreuten, den Katholiken viel zu denken, denn, diese fragten sich, ob der König sie ganz einfach verriethe oder ob er irgend eine Komödie spielte, welche an einem schönen Morgen oder an einem schönen Abend ihre unerwartete Entwickelung fände.

Besonders dem Admiral Coligny gegenüber, welcher seit fünf bis sechs Jahren einen erbitterten Krieg gegen den König führte, erschien das Benehmen von Karl IX. ganz unerklärlich. Nachdem er einen Preis von hundert und fünfzig tausend Goldthalern auf seinen Kopf gesetzt hatte, schwor der König nur bei ihm, nannte ihn seinen Vater und erklärte ganz laut, er würde ihm allein die Führung des Krieges anvertrauen, so daß selbst Catharina von Medicis, welche bis dahin die Handlungen, den Willen und sogar die Wunsche des jungen Prinzen beherrscht hatte, sich zu beunruhigen schien, und zwar nicht ohne Grund, denn in einem Augenblick des Ergusses sagte Karl IX. zu dem Admiral in Beziehung auf den flandrischen Krieg:

»Mein Vater, es ist hierbei noch Eines, worauf man wohl Acht haben muß: die Königin, meine Mutter, welche ihre Nase in Alles stecken will, wie Ihr wißt, weiß nichts von dieser Unternehmung. Halten wir sie so geheim, daß sie nicht ein Bisschen davon erfährt, denn bei ihrem unruhigen, zänkischen Kopfe würde sie uns Alles verderben.«

So weise und erfahren nun auch Coligny war, so konnte er doch ein solches Vertrauen nicht gänzlich geheim halten, und obgleich er mit großem Argwohn nach Paris kam, obgleich bei seinem Abgange von Chatillon eine Bäuerin sich ihm zu Füßen warf und ausrief: »Oh, Herr und Meister! geht nicht nach Paris, denn wenn Ihr dahin geht, werdet Ihr dort sterben, Ihr und Alle, die mit Euch gehen,« erlosch doch dieser Verdacht allmählich in seinem Innern und in dem von Téligny, seinem Schwiegersohne, welchem der König ebenfalls große Freundschaft bezeigte, denn er nannte ihn seinen Bruder, wie er den Admiral seinen Vater nannte, und duzte ihn, wie er dies gegen seine besten Freunde that.

Abgesehen von einigen mürrischen und mißtrauischen Geistern, waren die Hugenotten also völlig beruhigt. Der Tod der Königin galt als eine Folge von Seitenstechen, und die weiten Säle des Louvre waren voll von allen den braven Protestanten, denen die Heirath ihres jungen Führers Heinrich eine unerwartete Rückkehr zum Glück verhieß. Der Admiral Coligny, Larochefoucault, der Prinz von Condé, Sohn, Téligny, kurz alle die Häupter der Partei triumphierten, als sie im Louvre allmächtig und in Paris so willkommen diejenigen sahen, welche drei Monate vorher der König Karl und die Königin Catharina an Galgen, höher als die der Mörder, hatten hängen lassen wollen. Nur den Marschall von Montmorency suchte man vergebens unter seinen Brüdern, denn kein Versprechen hatte ihn verführen, kein Schein hatte ihn täuschen können, und er blieb zurückgezogen in seinem Schlosse Ile-Adam, wobei er sich mit dem Schmerze entschuldigte, den ihm der Tod seines Vaters, des Groß-Connetable Anne von Montmorency, verursachte, welcher in der Schlacht von Saint-Denis durch einen Pistolenschuß von Robert Stuart getödtet worden war. Da aber diese Begebenheit sich vor mehr als zwei Jahren ereignet hatte und sein gefühlvolles Wesen in jener Zeit eine sehr wenig modische Tugend war, so glaubte man von dieser übermäßig ausgedehnten Trauer nur das, was man glauben wollte.

Uebrigens gab Jedermann dem Marschall von Montmorency Unrecht; der König, die Königin, der Herzog von Anjou und der Herzog von Alençon machten vortrefflich die Honneurs des königlichen Festes.

Der Herzog von Anjou empfing die Hugenotten selbst mit wohlverdienten Complimenten über die zwei Schlachten von Jarnac und Moncontour, die er vor seinem achtzehnten Jahre gewonnen hatte, in dieser Beziehung also frühreifer, als Cäsar und Alexander, mit welchen man ihn verglich, indem man, wohl verstanden, die Sieger von Issus und Pharsalus unter ihn stellte. Der Herzog von Alençon schaute Alles mit seinem schmeichelnden, falschen Auge an. Die Königin Catharina strahlte vor Freude, und beglückwünschte, überströmend von Höflichkeiten, Heinrich von Condé zu seiner Vermählung mit Maria von Kleve. Die Herren von Guise selbst lächelten den furchtbaren Feinden ihres Hauses zu, und der Herzog von Mayenne plauderte mit Herrn von Tavannes und dem Admiral über den nahe bevorstehenden Krieg, den ihn an Philipp II. zu erklären er mehr als je im Sinne hatte.

Mitten unter diesen Gruppen ging, das Haupt leicht gebeugt, das Ohr, für jedes Wort offen, ein junger Mensch von etwa neunzehn Jahren mit seinem Auge, schwarzen, kurz geschnittenen Haaren, dicken Augenbrauen, mit adlerartig gebogener Nase, mit schlauem Lächeln und kaum erst sprießendem Barte hin und her. Dieser junge Mensch, welcher sich nur erst in dem Gefechte von Arnay-le-Duc durch seinen Muth bemerkbar gemacht hatte und Complimente über Complimente erhielt, war der viel geliebte Zögling von Coligny und der Held des Tages. Drei Monate vorher, das heißt, zu der Zeit, wo seine Mutter noch lebte, hatte man ihn den Prinzen von Bearn genannt. Jetzt nannte man ihn den König von Navarra in Erwartung der Epoche, wo man ihn Heinrich IV. nennen würde.

Zuweilen zog eine düstere, rasche Wolke über seine Stirne hin. Ohne Zweifel erinnerte er sich, daß seine Mutter vor kaum zwei Monaten gestorben war, und er zweifelte weniger als irgend Jemand daran, daß sie den Tod durch Gift erlitten hatte. Aber die Wolke war vorübergehend und verschwand wie ein schwebender Schatten; denn diejenigen, welche mit ihm sprachen, die ihn beglückwünschten, die sich an ihn drängten, waren dieselben Menschen, welche die muthige Johanna von Albret ermordet hatten.

Einige Schritte von dem König von Navarra sprach beinahe eben so gedankenvoll, beinahe eben so bekümmert, als der erstere freudig und offen zu sein heuchelte, der junge Herzog von Guise mit Téligny. Glücklicher als der Bearner hatte sein Ruf mit zweiundzwanzig Jahren beinahe den seines Vaters, des großen Franz von Guise, erreicht. Es war ein schmucker Herr von hohem Wachse, mit stolzem Blicke, und begabt mit jener natürlichen Majestät, welche die Leute sagen machte, wenn er vorüberging, neben ihm erschienen die übrigen Prinzen wie Pöbel. So jung er auch war, so sahen doch die Katholiken in ihm das Haupt ihrer Partei, wie die Hugenotten das Haupt der ihrigen in dem jungen Heinrich von Navarra erblickten, dessen Porträt wir so eben entworfen haben. Anfangs führte er den Titel eines Prinzen von Joinville, und er verrichtet seine erste Waffenthat bei der Belagerung von Orléans unter seinem Vater, der in seinen Armen starb und ihm den Admiral Coligny als seinen Mörder bezeichnete. Da leistete der junge Herzog, wie Hannibal, einen feierlichen Eid, die Ermordung seines Vaters an dem Admiral und seiner Familie zu rächen und seine Religionsangehörigen zu verfolgen, wobei er Gott gelobte, ihr Würgengel auf Erden zu sein bis zu dem Tage, wo der letzte Ketzer ausgerottet wäre. Nicht ohne ein tiefes Erstaunen sah man diesen seinem Worte gewöhnlich so treuen Prinzen denjenigen; welche er für seine ewige Feinde zu halten geschworen hatte, die Hand reichen und vertraulich mit dem Schwiegersohne des Mannes sprechen, dessen Tod er seinem sterbenden Vater gelobt hatte.

Aber wie gesagt, dieser Tag war ein Tag der Verwunderung. Mit der Kenntniß der Zukunft, welche leider den Menschen fehlt, mit der Fähigkeit, in den Herzen zu lesen, die zum Glücke nur Gott gehört, hätte der bevorzugte Beobachter, der diesem Feste beizuwohnen im Stande gewesen wäre, gewiß eines der seltsamsten Schauspiele genossen, welche die Jahrbücher der traurigen menschlichen Komödie liefern. Aber dieser Beobachter, welcher aus der innern Gallerie des Louvre nicht zu finden war, fuhr auf der Strafe fort, mit seinen flammenden Augen zu betrachten, mit seiner drohenden Stimme zu murren. Dieser Beobachter war das Volk, das mit seinem wunderbar geschärften Instinkte die Schatten seiner unversöhnlichen Feinde tanzen sah und ihre Eindrücke so genau übersetzte, als es der Neugierige vor den Fenstern eines hermetisch verschlossenen Ballsaales thun kann. Die Musik berauscht und beherrscht den Tänzer, während der Neugierige nur die Bewegung sieht und über die Drahtpuppe lacht, welche sich ohne allen Grund geberdet; denn der Neugierige hört die Musik nicht.

Die Scheine, welche den Augen der Pariser mitten in der Nacht hinzogen, waren die Zukunft beleuchtende Blitze ihres Hasses.

Und dennoch war im Innern fortwährend Alles lachend, und es durchlief sogar ein Gemurmel, süßer und freundlicher als je, in diesem Augenblicke den ganzen Louvre. Die junge Braut, nachdem sie ihre Staatsgewänder, den Schleppmantel und ihren langen Schleier abgelegt hatte, kehrte in den Ballsaal zurück, begleitet von der schönen Herzogin von Nevers, ihrer besten Freundin, und geführt von ihrem Bruder, Karl IX., der sie seinen vornehmsten Gästen vorstellte.

Diese Braut war die Tochter von Heinrich II., es war die Perle der Krone von Frankreich, es war Margarethe von Valois, welche der König Karl IX. In seiner zärtlichen Zuneigung für sie nie anders, als »meine Schwester Margot« nannte.

Gewiß war nie ein Empfang, so schmeichelhaft er auch sein mochte, besser verdient gewesen, als der welchen man in diesem Augenblick der neuen Königin von Navarra bereitete. Margarethe zählte zu dieser Zeit kaum Zwanzig Jahre und war bereits der Gegenstand der Lobeserhebungen aller Dichter, welche sie die Einen mit Aurora, die Andern mit Cythere verglichen. Es war in der That die Schönheit ohne Gleichen dieses Hofes, wo Catharina von Medicis, um ihre Sirenen daraus zu machen, die schönsten Frauen versammelt hatte, welche man finden konnte. Sie hatte schwarze Haare, einen glänzenden Teint, ein wollüstiges, von langen Wimpern verschleiertes Auge, einen frischrothen, feinen Mund, einen zierlichen Hals, eine reiche, geschmeidige Taille und einen in dem Atlasschuh sich verlierenden Kinderfuß. Die Franzosen, welche sie besaßen, waren stolz darauf, auf ihrem Boden eine so herrliche Blume blühen zu sehen, und die Fremden, welche nach Frankreich kamen, kehrten verblendet von ihrer Schönheit, wenn sie dieselbe nur gesehen hatten, im höchste Maße erstaunt über ihr Wissen, wenn sie mit ihr gesprochen hatten, zurück. Margarethe war nicht nur die schönste, sondern auch die gebildetste und gelehrteste Frau ihrer Zeit, und man führt das Wort eines gelehrten Italieners an, der ihr vorgestellt wurde und nachdem er eine Stunde lang in italienischer, spanischer und lateinischer Sprache mit ihr geplaudert hatte, als er sie verließ, in seiner Begeisterung von ihr sagte: den Hof sehen, ohne Margarethe zu sehen, heißt weder Frankreich noch den Hof sehen.

Es fehlte nicht an Reden für Karl IX. und die Königin zu Navarra. Man weiß, in welchem Masse die Hugenotten Redner waren. Viele Anspielungen auf die Vergangenheit, viele Fragen in Beziehung auf die Zukunft wurden mitten unter diesen Reden an den König gerichtet; aber auf alle diese Anspielungen antwortete er mit seinen bleichen Lippen und seinem verschmitzten Lächeln:

»Indem ich meine Schwester Margot Heinrich von Navarra gebe, gebe ich sie allen Protestanten des Königreiches.«

Dieses Wort beruhigte die Einen und machte die Andern lächeln; denn es war wirklich doppelsinnig. Der eine Sinn war väterlich und Karl IX. wollte mit gutem Gewissen seinen Geist nicht damit belästigen; der andere war verletzend für die Neuvermählte, für ihren Gemahl und sogar für denjenigen, welcher ihn aussprach; denn er erinnerte an einige dumpfe scandalöse Gerüchte, mit denen die Chronik des Hofes den Hochzeitrock von Margarete von Valois zu beflecken Mittel gefunden hatte.

Herr von Guise plauderte indessen wie gesagt mit Téligny; aber er schenkte der Unterhaltung keine so beharrliche Aufmerksamkeit, daß er nicht zuweilen umgewendet hatte, um einen Blick auf die Gruppe von Damen zu werfen, in deren Mitte die Königin von Navarra glänzte. Wenn der Blick der Prinzessin dem des jungen Herzogs begegnete, so schien Wolke die reizende Stirne zu verdunkeln, um welche Sterne von Diamanten eine zitternde Glorie bildeten und irgend ein unbestimmter Plan drang aus ihrer ungeduldigen, bewegten Haltung hervor.

Die Prinzessin Claudia, die ältere Schwester von Margarethe, welche einige Jahre vorher den Herzog von Lothringen geheirathet hatte, bemerkte diese Unruhe und näherte sich ihr, um nach der Ursache zu fragen, als Jedermann vor der Königin Mutter, welche auf den Arm des jungen Prinzen von Condé gestützt, herbeikam, zurückwich, und die Prinzessin sich ferne von ihrer Schwester gedrängt sah. Es herrschte nun eine allgemeine Bewegung, welche der Herzog von Guise benutzte, um sich Frau von Nevers, seiner Schwägerin, und folglich auch Margarethe zu nähern. Die Herzogin von Lothringen, welche die Königin nicht aus dem Auge verlor, sah, statt der Wolke, die sie auf ihrer Stirne wahrgenommen hatte, eine glühende Flamme über ihre Wangen hinziehen. Der Herzog kam indessen immer näher, und als er nur noch zwei Schritte von Margarethe entfernt war, wandte sich diese, welche ihn mehr zu fühlen als zu sehen schien, nach ihm um, wobei sie sich unendlich anstrengte, um ihrem Gesichte die Ruhe der Sorglosigkeit zu geben.

Der Herzog verbeugte sich nun ehrfurchtsvoll, und während er sich verbeugte, murmelte er mit halber Stimme:

»Ipse attuli.«

Was bedeutete:

»Ich habe es selbst gebracht.«

Margarethe gab dem jungen Herzog seine Begrüßung zurück und ließ aufstehend die Antwort fallen:

»Noctu pro more.«

»Das heißt:«

»Diese Nacht wie gewöhnlich.«

Durch den ungeheuren gefältelten Kragen der Prinzessin wie in einem Sprachrohre aufgefangen, wurden diese Worte nur von der Person gehört, an welche man sie richtete. So kurz aber auch dieser Zwiesprach gewesen war, so umfaßte er doch ohne Zweifel Alles, was die zwei jungen Leute sich zu sagen hatten; denn nach dem Austausche von zwei Worten gegen drei trennten sie sich, Margarethe die Stirne träumerischer und der Herzog die Stirne strahlender, als ehe sie sich genähert hatten. Diese kleine Scene fand statt, ohne daß der Mann, der am Meisten dabei betheiligt war, im Geringsten darauf aufmerksam zu sein schien; denn der König von Navarra hatte seinerseits nur ein Auge für eine einzige Person, welche um sich her einen eben so zahlreichen Hof versammelte, als Margarethe von Valois. Diese Person war die schöne Frau von Sauves.

Charlotte von Beaune-Semblançay, Enkelin des unglücklichen Semblancap und Frau von Simon von Fizes, Baron von Sauves, war eine von den Hofdamen von Catharina von Medicis und eine der furchtbarsten Gehilfinnen dieser Königin, welche ihren Feinden den Liebestrank eingoß, wenn sie ihnen nicht das florentinische Gift einflößen konnte. Eine kleine Blonde, abwechselnd sprühend von Lebhaftigkeit oder schmachtend von Schwermuth, stets bereit zur Liebe und zur Intrigue, zu diesen zwei großen Beschäftigungen, welche seit fünfzig Jahren den Hof der drei auf einander folgenden Könige einnahmen, eine Frau in der vollen Bedeutung des Wortes und in dem vollen Zauber der Sache, von rein schmachtenden oder in Flammen glänzenden blauen Auge bis zu den zierlichen, in ihren Sammetschuhen wohlgebogenen, kleinen Füßen, hatte sich Frau von Sauves seit einigen Monaten aller Fähigkeiten und Kräfte des Königs von Navarra bemächtigt, der um diese Zeit auf der Liebeslaufbahn wie auf der politischen Laufbahn debutirte, so daß Margarethe von Valois, eine königliche, prachtvolle Schönheit, in dem Herzen ihres Gatten nicht einmal mehr Bewunderung gefunden hatte; und worüber sich Jedermann wunderte, selbst Catharina von Medicis, diese Seele voll finsterer Geheimnisse, hatte, während sie ihren Heiratsplan zwischen ihrer Tochter und dem König von Navarra verfolgte, nicht aufgehört, die Liebe des letzteren zu Frau von Sauves zu begünstigen. Aber trotz dieser mächtigen Hilfe und trotz der leichten Sitten der Zeit, hatte die schöne Charlotte bis jetzt Widerstand geleistet, und aus diesem unbekannten, unglaublichen Widerstande, aus diesem Widerstande, welcher noch viel unerhörter erschien, als die Schönheit und der Geist der Widerstehenden, war in dem Herzen des Bearners eine Leidenschaft entstanden, welche, da sie sich nicht befriedigen konnte, sich auf sich selbst zurückwarf und in dem Herzen des jungen Königs die Schüchternheit, den Stolz und sogar jene halb philosophische, halb der Trägheit entspringende Sorglosigkeit verschlang, welche den Grund seines Charakters bildete.

Frau von Sauves war wohl seit einigen Minuten in den Saal eingetreten. Mag es nun Trotz, mag es Schmerz gewesen sein sie war Anfangs entschlossen, dem Triumphe ihrer Nebenbuhlerin nicht beizuwohnen, und ließ unter dem Vorwande einer Unpäßlichkeit ihren Gatten, der seit fünf Jahren Staatssecretär war, allein nach dem Louvre gehen. Als aber Catharina von Medicis den Baron von Sauves ohne seine Gemahlin erscheinen sah, fragte sie nach den Ursachen, welche ihre viel geliebte Charlotte entfernt hielten, und da sie erfuhr, es wäre nur eine leichte Unpäßlichkeit, schrieb sie ihr ein paar Worte, denen die junge Frau zu gehorchen sich beeilte. Anfangs ganz betrübt über ihre Abwesenheit, athmete Heinrich indessen doch freier, als er Herrn von Sauves allein eintreten sah. In dem Augenblick aber, wo er, keineswegs dieser Erscheinung gewärtig, seufzend sich dem liebenswürdigen Geschöpfe zu nähern im Begriffe war, das er, wenn nicht zu lieben, doch wenigstens als Gemahlin zu behandeln verdammt sein sollte, sah er am Ende der Gallerie Frau von Sauves auftauchen. Nun blieb er an seinen Platz genagelt, die Augen starr nach der Circe gerichtet, die ihn mit einem magischen Bande an sich fesselte, und statt seinen Gang n seiner Gemahlin fortzusetzen, schritt er mit einem zögern, das mehr dem Staunen als der Furcht zuzuschreiben war, auf Frau von Sauves zu.

Die Höflinge, als sie sahen, daß der König von Navarra, dessen entzündbares Herz man bereits kannte, sich der schönen Charlotte näherte, hatten nicht den Muth, sich ihrem Zusammenkommen zu widersetzen, und entfernten sich gefällig, so daß in demselben Augenblicke, wo Margarethe von Valois und Herr von Guise die von uns erwähnten lateinischen Worte wechselten, Heinrich, bei Frau von Sauves angelangt, mit dieser in sehr verständlichem, obwohl mit gascognischem Accente bestreutem, Französisch ein minder geheimnißvolles Gespräch anknüpfte.

»Ah, mein Herz,« sagte er zu ihr, »Ihr kommt in dem Augenblick, wo man mir mittheilte, Ihr wäret krank, wo ich jede Hoffnung verlor, Euch zu sehen.«

»Sollte mich Eure Majestät glauben machen wollen,« antwortete Frau von Sauves, »der Verlust dieser Hoffnung hätte sie viel gekostet?«

»Bei Blut, ich glaube wohl,« versetzte der Bearner. »Wisst Ihr nicht, daß Ihr meine Sonne bei Tag und mein Stern bei Nacht seid? In der That, ich wähnte mich in der tiefsten Finsterniß, als Ihr so eben erschienet und Alles beleuchtetet.«

»Dann spiele ich Euch einen schlimmen Streich, Sire.«

»Was wollt Ihr damit sagen, mein Herz?« fragte Heinrich.

»Ich will damit sagen, daß man, wenn man Herr der schönsten Frau von Frankreich ist, nur Eines wünschen kann: es möge das Licht verschwinden, um der Dunkelheit Platz zu machen, denn in der Dunkelheit erwartet uns das Glück.«

»Dieses Glück, Schlimme, liegt, wie Ihr wohl wißt, in den Händen einer einzigen Person, und diese Person lacht und spottet über den armen Heinrich!«

»Oh,« versetzte die Baronin, »ich hätte im Gegentheil geglaubt, es wäre diese Person, welche dem König von Navarra zum Gelächter und Spotte diente.«

Heinrich erschrak über diese feindselige Haltung und dennoch bedachte er, daß sie Trotz verieth und daß der Trotz nur die Maske der Liebe ist.

»Ja der That, liebe Charlotte,« sagte er, »Ihr macht mir da einen ungerechten Vorwurf, und ich begreife nicht, wie ein so schöner Mund zugleich so grausam sein kann. Glaubt Ihr denn, ich heirathe? O nein, Ventre-saint-gris! nicht ich!«

»Ich, vielleicht,« versetzte die Baronin spitzig, wenn die Stimme der Frau, die uns liebt und uns zum Vorwurfe macht, daß wir sie nicht lieben, spitzig erscheinen kann.

»Habt Ihr mit Euren schönen Augen nicht weiter gesehen, Baronin? Nein, es ist nicht Heinrich von Navarra, welcher Margarethe von Valois heirathet.«

»Und wer ist es denn sonst?«

»Ei, Bei Gott! es ist die reformirte Religion, welche den Papst heirathet und nichts Anderes!«

»Nein, nein, Monseigneur, ich lasse mich nicht durch Eure Wortspiele hintergehen. Eure Majestät liebt Frau Margarethe, und Gott soll mich behüten, daß ich Euch dies zum Vorwurfe mache. Sie ist schön genug, um geliebt zu werden.«

Heinrich dachte einen Augenblick nach, und während er nachdachte zog ein feines Lächeln die Winkel seiner Lippen etwas in die Höhe.

»Baronin,« sagte er, »Ihr sucht Streit mit mir, wie es scheint, und seid doch nicht berechtigt dazu. Laßt hören, was habt Ihr gethan, um mich von der Vermählung mit Frau Margarethe abzuhalten. Nichts. Ihr ließt mich im Gegentheil verzweifeln.«

»Und dafür bestrafte mich Monseigneur.«

»Wie so?«

»Allerdings, da Ihr heute eine Andere heirathet.«

»Ah, ich heirathe, weil Ihr mich nicht liebet.«

»Wenn ich Euch geliebt hätte, Sire, müsste ich also in einer Stunde sterben.«

»In einer Stunde, was wollt Ihr damit sagen? Und welchen Tod würdet Ihr sterben?«

»Den Tod der Eifersucht, denn in einer Stunde wird die Königin von Navarra ihre Frauen und Eure Majestät ihre Herren wegschicken.«

»Ist das wirklich der Gedanke, der Euch beschäftigt, mein Herz?«

»Das sage ich nicht; ich sage nur, wenn ich Euch liebte, würde mich dieser Gedanke furchtbar beunruhigen.«

»Nun wohl,« rief Heinrich voll Freude, als er dieses Geständnis, das erste, welches er empfing, hörte, »wenn nun der König von Navarra die Herren seines Hofes diesen Abend nicht wegschickte? …«

»Sire,« sagte Frau von Sauves und schaute dabei den König mit einem Erstaunen an, welches diesmal nicht geheuchelt war, »Ihr sprecht da unmögliche und besonders unglaubliche Dinge.«

»Was soll ich thun, damit Ihr sie glaubt?«

»Ihr müßtet mir den Beweis geben, und diesen Beweis könnt Ihr nicht geben.«

»Allerdings, Baronin, allerdings. Bei dem heiligen Heinrich! ich werde ihn Euch im Gegentheil geben!« rief der König, die junge Frau mit einem liebeglühenden Blicke verzehrend.

»Oh, Eure Majestät,« murmelte die schöne Charlotte, die Stirne und die Augen senkend … »ich begreife nicht … nein, nein, ihr könnt dem Glücke, das Eurer harrt, unmöglich entgehen …«

»Es gibt vier Heinrich in diesem Saale, meine Angebetete,« versetzte der König, »Heinrich von Frankreich, Heinrich von Condé, Heinrich von Guise; aber es gibt nur einen Heinrich von Navarra.«

»Nun?«

»Nun wenn Ihr diesen Heinrich von Navarra die ganze Nacht bei Euch hättet?«

»Diese ganze Nacht?«

»Ja, werdet Ihr dann überzeugt sein, daß er bei keiner Andern ist?«

»Ah! wenn Ihr das thut, Sire?« rief die Dame von Sauve.

»Bei meinem adeligen Worte, ich thue es!«

Frau von Sauves schlug ihre von wollüstigen Versprechungen feuchten Augen auf und lächelte dem König zu, dessen Herz sich mit berauschender Freude füllte.

»Lasst hören,« versetzte Heinrich, »was werdet Ihr dann sagen?«

»Oh, dann werde ich sagen,« antwortete Charlotte, »ich sei wirklich von Eurer Majestät geliebt.«

»Ventre-saint-gris! Ihr müßt es sagen, denn es ist so, Baronin!«

»Aber was ist zu thun?« murmelte Frau von Sauves.

»Ah, bei Gott, Baronin, Ihr müßt nothwendig in Eurer Umgebung irgend eine Kammerfrau, irgend eine Zofe haben, auf die Ihr Euch verlassen könnt.«

»Oh, ich habe Dariole, die mir sehr ergeben ist, die sich für mich in Stücke zuschneiden ließe, ein wahrer Schatz!«

»Bei Gott, Baronin, sagt dieser Zofe, ich werde ihr Glück machen, wenn ich einmal König von Frankreich bin, wie mir die Astrologen weissagen.«

Charlotte lächelte, denn schon zu dieser Zeit war der gascognische Ruf des Bearners in Beziehung auf Versprechungen gegründet.

»Nun? sagte sie, »was verlangt Ihr von Dariole?«

»Sehr wenig für sie, Alles für mich.«

»Laßt hören.«

»Eure Gemach liegt über dem meinigen?«

»Ja.«

Sie warte an der Thüre. Ich klopfe dreimal an, sie wird öffnen, und Ihr habt den Beweis, den ich Euch anbot.«

Frau von Sauves schwieg ein paar Sekunden; dann, als ob sie um sich her geschaut hätte, um nicht gehört zu werden, heftete sie einen Moment ihre Augen auf die Gruppe, welche bei der Königin Mutter weilte; aber so kurz dieser Moment auch war, so genügte er doch das Catharina und ihre Kammerdame einen Blick austauschten.

»Oh, wenn ich wollte,« sagte Frau von Sauves, mit einem Sirenentone, der das Wachs in den Ohren von Ulysses schmelzen gemacht hatte, »wenn ich Eure Majestät auf einer Lüge ertappen wollte …«

»Versucht es, mein Herz. versucht es …«

»Ah, meiner Treue! ich bekämpfe die Lust dazu.«

»Seht Euch besiegt; die Frauen sind nie stärker, als nach ihrer Niederlage.«

»Sire, ich nehme Euer Versprechen für Dariole an, … am Tage, wo Ihr König von Frankreich werdet …«

Heinrich stieß einen Freudenschrei aus.

Dieser Schrei entschlüpfte dem Munde des Bearners gerade in dem Augenblick, wo die Königin von Navarra dem Herzog von Guise antwortete.

Noctu pro more– diese Nacht wie gewöhnlich.

Heinrich entfernte sich nun von Frau von Sauves, so glücklich als der Herzog von Guise war, da er sich von Margarethe von Valois entfernte.

Eine Stunde nach dieser Doppelscene zogen sich der König Karl und die Königin Mutter in ihre Gemächer zurück. Sogleich fingen die Säle an sich zu leeren, die Gallerien ließen die Base ihrer Marmorsäulen erschauen, der Admiral und der Prinz von Condé wurden von vierhundert hugenottischen Edelleuten mitten durch die bei ihrer Erscheinung murrende Menge geführt. Heinrich von Guise entfernte sich ebenfalls mit den lothringischen Herren und den Katholiken, geleitet von dem Freudengeschrei und dem Beifallklatschen des Volkes.

Was Margarethe von Valois, Heinrich von Navarra und Frau von Sauves betrifft, so weiß man, daß sie im Louvre selbst blieben.




II.

Das Gemach der Königin von Navarra


Der Herzog von Guise führte seine Schwägerin die Herzogin von Nevers, in ihr Hotel zurück, das in der Rue du Chaume, der Rue de Brac gegenüber, lag, und ging, nachdem er sie ihren Frauen übergeben hatte, in seine Wohnung, um die Kleider zu wechseln, einen Nachtmantel anzuziehen und sich mit einem von den kurzen, spitzigen Dolchen zu bewaffnen, die man ein Edelmannswort nannte und die ohne den Degen getragen wurden. Im Augenblicke aber, wo er den Dolch von dem Tische nahm, auf welchem er lag, erblickte er ein kleines Billet, das zwischen der Klinge und der Scheide stack.

Er öffnete es und las, wie folgt:

»Ich hoffe, daß Herr von Guise diese Nacht nicht in den Louvre zurückkehren wird, oder wenn er zurückkehrt, daß er wenigstens so vorsichtig sein wird, sich mit einem guten Panzerhemde und einem guten Schwerte zu bewaffnen.«

»Ah! Ah!« sprach der Herzog, sich gegen seinen Kammerdiener umwendend, »das ist eine seltsame Warnung, Meister Robin. Mache mir doch das Vergnügen, mir zu sagen, welche Personen während meiner Abwesenheit hier eingedrungen sind?«

«Eine einzige, Monseigneur.«

»Welche?«

»Herr du Gast.«

»In der That, ich glaubte seine Handschrift zu erkennen. Weißt Du gewiß, das du Gast hierher gekommen ist? hast Du ihn gesehen?«

»Ich habe mehr gethan, Monseigneur, ich habe mit ihm gesprochen.«

»Gut, ich werde seinen Rath befolgen. Meine Jacke und meinen Degen.«

An ein solches Kleiderwechseln gewöhnt, brachte der Kammerdiener das Eine und das Andere. Der Herzog legte nun seine Jacke an, welche aus so geschmeidigen Kettengliedern bestand, das das Stahlgewebe kaum dicker war, als Sammet; dann streifte er darüber eine Hose und ein grau und silbernes Wamms, was seine Lieblingsfarbe war, zog lange Stiefeln an, welche bis an die Mitte seiner Lenden gingen, setzte ein schwarzes Sammetbaret ohne Federn und Edelsteine auf, hüllte sich in einen Mantel von düsterer Farbe, steckte einen Dolch in den Gürtel, gab seinen Degen in die Hände eines Pagen, der einzigen Escorte, von der er sich wollte begleiten lassen, und schlug den Weg nach dem Louvre ein. Als er aus dem Hotel trat, kündigte der Wächter von Saint-Germain-l’Auxerrois ein Uhr Morgens an.

So weit die Stunde auch vorgerückt war und so wenig Sicherheit man damals auf den Straßen hatte, so begegnete dem abenteuerlichen Prinzen aus dem Wege doch kein Unfall, und er gelangte wohlbehalten vor die colossale Masse des alten Louvre, der sich, nachdem alle seine Lichter allmählich erloschen waren, furchtbar in seinem Schweigen und in seiner Dunkelheit erhob.

Vor dem königlichen Schlosse breitete sich ein tiefer Graben ans, auf den die meisten Zimmer der im Palaste wohnenden Prinzen gingen. Die Gemächer von Margarethe lagen im ersten Stocke.

Dieser, wenn kein Graben da gewesen wäre, zugängliche, erste Stock war in Folge der Verschanzung beinahe dreißig Fuß hoch und folglich außer dem Bereiche der Liebenden und der Diebe, was den Herrn Herzog von Guise nicht abhielt, muthig in den Graben hinabzusteigen.

In demselben Augenblick hörte man das Geräusch eines Fensters, das im Erdgeschosse geöffnet wurde.

Dieses Fenster war vergittert, aber es erschien eine Hand, hob eine zum Voraus losgemachte Stange aus und ließ durch diese Öffnung eine seidene Schlinge herabhängen.

»Seid Ihr es, Gillonne?« sagte der Herzog mit leiser Stimme.

»Ja,« antwortete eine Weiberstimme noch leiser.

»Und Margarethe?« -

»Sie erwartet Euch.«

»Gut.«

Bei diesen Worten machte der Herzog seinem Pagen ein Zeichen; er öffnete seinen Mantel und entrollte eine kleine Strickleiter. Der Prinz knüpfte eines von den Enden der Leiter an die herabhängende Schlinge. Gillonne zog die Leiter an sich, befestigte sie und der Prinz fing an, nachdem er seinen Degen, an den Gürtel geschnallt hatte, hinaufzusteigen, und erreichte die Höhe ohne einen Unfall. Hinter ihm wurde die Stange wieder an ihren Platz gebracht, das Fenster schloß sich und der Page, nachdem er seinen Herrn friedlich hatte in den Louvre schlüpfen sehen, zu dessen Fenstern er ihm wohl mehr als zwanzigmal auf dieselbe Weise gefolgt war, legte sich, in seinen Mantel gehüllt, auf den Boden des Grabens und in den Schatten der Mauer.

Es war eine finstere Nacht und einige Tropfen fielen lau und breit aus der mit Schwefel und electrischem Stoffe beladenen Wolke.

Der Herzog von Guise folgte der Führerin, welche nichts Geringeres war, als die Tochter von Jacob von Matignon Marschall von Frankreich! Sie war die innige Vertraute von Margarethe, welche kein Geheimnis vor ihr hatte, und man behauptete, unter der Zahl der Mysterien, welche ihre unbestechliche Treue verschloß, wären so furchtbare, daß diese sie nöthigten auch die andern zu bewahren.

Es war weder in den unteren Zimmern noch in den Gängen ein Licht geblieben; nur von Zeit zu Zeit beleuchtete ein bleicher Blitz die düsteren Gemächer mit einem bläulichen Reflexe, der sogleich wieder verwand.

Beständig von seiner Führerin geleitet, die ihn an der Land hielt, erreichte der Herzog endlich eine in der tiefe einer Mauer angebrachte Wendeltreppe, die sich durch eine geheime, unsichtbare Thüre in das Vorgemach der Wohnung von Margarethe öffnete.

Das Vorgemach war wie die Säle unten, wie die Corridors, wie die Treppen, in tiefe Finsternis gehüllt.

In diesem Vorgemache angelangt, blieb Gillonne stille stehen.

»Habt Ihr mitgebracht, was die Königin zu haben wünscht? fragte sie mit leiser Stimme.

»Ja,« antwortete der Herzog von Guise, »aber ich werde es nur Ihrer Majestät selbst zustellen.«

»Kommt also, und zwar ohne einen Augenblick zu verlieren,« sprach nun mitten in der Dunkelheit eine Stimme, die den Herzog beben machte, denn er erkannte darin die von Margarethe.

Und zu gleicher Zeit öffnete sich eine Portiére von veilchenblauem, mit goldenen Lilien bestreutem Sammet. Der Herzog erblickte im Schatten die Königin selbst, welche ihm in ihrer Ungeduld entgegengegangen war.

»Hier bin ich, Madame,« sprach der Herzog. Und er schlüpfte rasch auf die andere Seite der Portiére welche hinter ihm herabfiel.

Nun war es an Margarethe von Valois, dem Prinzen in der ihm übrigens wohl bekannten Wohnung als Führerin zu dienen, während Gillonne, welche an der Thüre geblieben war, den Finger an ihren Mund legend, ihre königliche Gebieterin beruhigt hatte.

Margarethe führte den Herzog, als hätte sie seine eifersüchtige Unruhe errathen, bis in ihr Schlafgemach. Hier blieb sie stille stehen.

»Nun!« sagte sie zu ihm, »seid Ihr zufrieden, Herzog?«

»Zufrieden, Madame?« fragte dieser, »ich bitte Euch worüber?«

»Ueber diesen Beweis, den ich Euch gebe,« versetzte Margarethe mit einem leichten Ausdrucke des Ärgers, »daß ich einem Manne angehöre, der an dem Abend seiner Verheirathung, ja sogar in der Hochzeitnacht sich so wenig aus mir macht, daß er nicht einmal gekommen ist, um mir für die Ehre zu danken, die ich ihm erwies, nicht daß ich ihn wählte, sondern das ich ihn zum Gemahl annahm.«

»Oh! Madame,« versetzte der Herzog traurig, »seid unbesorgt, er wird noch kommen, besonders wenn Ihr es wünscht.«

»Und Ihr sagt dies, Heinrich,« rief Margarethe, »Ihr, der Ihr unter Allen gerade das Gegentheil von dem wißt, was Ihr sagt! Hätte ich den Wunsch, den Ihr bei mir voraussetzt, würde ich Euch dann gebeten haben, in den Louvre zu kommen?«

»Ihr habt mich gebeten, in den Louvre zukommen, Margarethe, weil Ihr jede Spur unserer Vergangenheit zu tilgen wünscht, und weil diese Vergangenheit nicht nur in meinem Herzen, sondern auch in diesem silbernen Kistchen lebte, das ich Euch überbringe.«

«Heinrich, soll ich Euch etwas sagen?« versetzte Margarethe, und schaute den Herzog dabei fest an. »Ihr macht nicht mehr die Wirkung eines Prinzen, sondern die eines Schülers auf mich. Ich leugnen, daß ich Euch geliebt habe! Ich eine Flamme ersticken wollen, welche vielleicht sterben wird, deren Reflex aber nie stirbt! Denn die Liebschaften von Personen meines Ranges beleuchten und verzehren oft ihre ganze Epoche; nein, nein, mein Herzog! Ihr könnt die Briefe Eurer Margarethe und das Kistchen, das sie Euch gegeben hat, behalten. Von allen Briefen, welche dieses Kistchen enthält, verlangt sie nur einen einzigen, und zwar nur, weil dieser Brief eben so gefährlich für Euch, als für sie ist.«

»Alles gehört Euch,« sprach der Herzog, »nehmt also den heraus, welchen Ihr vernichten wollt.«

Margarethe durchwühlte rasch das offene Kistchen und nahm, einen nach dem andern, ein Dutzend Briefe heraus, deren Adresse sie zu beschauen sich begnügte, als ob bei der Ansicht dieser Adressen allein ihr Gedächtniß sie an den Inhalt der Briefe erinnerte; aber an das Ende ihrer Forschung gelangt, schaute sie den Herzog an und sagte erbleichend.

»Mein Herr, der Brief, den ich suche, ist nicht hier; solltet Ihr ihn zufällig verloren haben? denn daß er abgeliefert worden ist …«

»Welchen Brief sucht Ihr, Madame?«

»Denjenigen, in welchem ich Euch schrieb, Ihr solltet Euch sogleich verheirathen.«

»Um Eure Untreue zu entschuldigen.«

Margarethe zuckte die Achseln.

»Nein, sondern um Euch das Leben zu retten. Derjenige, in welchem ich Euch sagte, daß der König unsere Liebe und meine Bemühungen, Eure zukünftige Verbindung mit der Infantin von Portugal abzubrechen, wahrnehmend, seinen Bruder, den Bastard von Angoulème habe kommen lassen und, ihm zwei Schwerter zeigend, gesagt habe: »»Mit diesem tödte heute Abend Heinrich von Guise oder ich tödte Dich morgen mit Jenem.«« Dieser Brief, wo ist er?«

»Hier,« antwortete der Herzog und zog ihn aus seiner Brust hervor.

»Margarete riß ihn beinahe seinen Händen, öffnete ihn rasch. versicherte sich, daß es wirklich der geforderte war, stieß ein Freudengeschrei aus und näherte ihn der Kerze. Die Flamme theilte sich sogleich dem Papier mit, das in einem Augenblick von dem Feuer verzehrt war. Dann, als hätte Margarethe gefürchtet, man könnte den unklugen Rath sogar in der Asche suchen, zertrat sie diese unter ihren Füßen. Der Herzog von Guise folgte während dieser ganzen fieberhaften Geschäftigkeit seiner Geliebten mit den Augen.

»Nun, Margarethe,« sprach er, als sie damit zu Ende war, »seid Ihr jetzt zufrieden?«

»Ja, denn da Ihr nun die Prinzessin von Porcian geheirathet habt, so wird mir mein Bruder Eure Liebe verzeihen, während er mir die Enthüllung eines Geheimnisses wie dieses, das ich in meiner Schwäche vor Euch zu verbergen nicht die Kraft hatte, nie verziehen hätte.«

»Das ist wahr,« sprach der Herzog von Guise, »zu jener Zeit liebtet Ihr mich.«

»Ich liebe Euch noch, Heinrich, ich liebe Euch noch eben so sehr, und vielleicht mehr als je.«

»Ihr …«

»Ja, ich, denn mehr als je bedarf ich heute eines aufrichtigen und ergebenen Freundes. Als Königin habe ich keinen Thron, als Frau keinen Gatten.«

Der Prinz schüttelte traurig den Kopf.

»Aber wenn ich Euch sage, wenn ich Euch wiederhole, daß mein Gatte mich nicht nur nicht liebt, sondern daß er mich haßt, daß er mich verachtet … Ueberdies scheint mir Eure Anwesenheit in dem Zimmer, wo er sein sollte, ein vollgültiger Beweis für diesen Haß und diese Verachtung zu sein.«

»Es ist noch nicht spät, Madame, und der König von Navarra brauchte Zeit, um seine Edelleute zu entlassen. Ist er noch nicht gekommen, so wird er doch bald erscheinen.«

»Und ich sage Euch,« rief Margarethe mit wachsendem Ärger, »ich sage Euch, daß er nicht kommen wird.«

»Madame!« rief Gillonne, die Thüre öffnend und die Portiére aufhebend, »Madame, der König von Navarra verläßt sein Gemach.«

»Oh! ich wußte es wohl, daß er kommen würde,« sprach der Herzog von Guise.

»Heinrich,« sagte Margarethe mit kurzem Tone, und den Herzog bei der Hand ergreifend, »Heinrich, Ihr sollt sehen, ob ich eine Frau von Wort bin und ob man auf das, was ich einmal gesprochen habe, bauen kann. Heinrich, tretet in dieses Cabinet.«

»Madame, laßt mich gehen, wenn es noch Zeit ist, denn bedenkt, daß ich bei dem ersten Zeichen von Liebe, das er Euch gibt, dieses Cabinet verlasse … und dann, wehe ihm!«

»Ihr seid ein Narr; geht hinein, geht hinein, sage ich Euch, ich stehe für Alles.«

Und sie stieß den Herzog in das Cabinet.

Es war die höchste Zeit. Kaum war die Thüre hinter dem Prinzen geschlossen, als der König von Navarra, begleitet von zwei Pagen, welche acht rosenfarbige Kerzen auf zwei Candelabern trugen, lächelnd auf der Schwelle des Gemaches erschien.

Margarethe verbarg ihre Unruhe unter einer tiefen Verbeugung.

»Ihr seid noch nicht zu Bette?« fragte der Bearner mit seinem offenen, heiteren Gesichte. »Habt Ihr mich zufällig erwartet?«

»Nein, Herr,« antwortete Margarethe, »denn noch gestern sagtet Ihr mir, Ihr wüßtet wohl, unsere Heirath wäre nur eine politische Verbindung, und Ihr würdet mir nie Zwang anthun.«

»Ganz gut; das ist aber kein Grund, daß wir nicht ein wenig miteinander plaudern sollten. »Gillonne, schließt die Thüre und laßt uns allein.«

Margarethe stand auf und streckte die Hand aus, als wollte sie den Pagen befehlen, zu bleiben.

»Soll ich Euere Frauen rufen?« fragte der König. »Ich werde es thun, wenn Ihr es wünscht, obgleich es mir in Beziehung auf die Dinge, welche ich Euch zu sagen habe, lieber wäre, wenn wir unter vier Augen blieben.«

Und der König von Navarra ging auf das Cabinet zu.

»Nein,« rief Margarethe, ihm ungestüm entgegentretend, »nein, es ist unnöthig, ich bin bereit, Euch zu hören.«

Der Bearner wußte, was er wissen wollte; er warf einen raschen, scharfen Blick nach dem Cabinet, als hätte er, trotz des Vorhanges, der es bedeckte, seine düsterste Tiefe durchdringen wollen; dann aber sprach er, seine Blicke wieder auf seine vor Schrecken bleiche Gemahlin zurücklenkend:

»Wenn Ihr so wollt, plaudern wir einen Augenblick.«

»Wie es Euerer Majestät gefällig ist,« antwortete die junge Frau, auf den Stuhl, den ihr Gemahl ihr bezeichnete, mehr zurückfallend, als sich setzend.

Der Bearner setzte sich neben sie.

»Madame,« fuhr er fort, »was auch viele Leute sagen mochten, unsere Heirath ist eine gute Heirath. Ich bin gut für Euch und Ihr seid gut für mich.«

»Aber, …« sprach Margarethe erschrocken.

»Wir müssen also,« fuhr der König von Navarra fort, ohne daß er das Zögern von Margarethe zu bemerken schien, »wir müssen als gute Verbündete gegen einander handeln, da wir heute vor Gott einen Bund und beschworen haben. Ist das nicht auch Eure Meinung?«

»Allerdings.«

»Ich weiß, Madame, wie groß Euer Scharfsinn ist; ich weiß, wie der Boden des Hofes von gefährlichen Abgründen durchzogen ist; nun aber bin ich jung, und habe, obgleich ich nie einem Menschen Böses zufügte, eine Menge von Feinden. Zu welchem Lager muß ich diejenige rechnen, Madame, welche meinen Namen führt und mir vor dem Altare Ergebenheit geschworen hat?«

»Oh! Herr, könntet Ihr denken …«

»Ich denke nichts, Madame, ich hoffe und will mich versichern, daß meine Hoffnung gegründet ist. Unsere Heirath ist offenbar nur ein Vorwand oder eine Falle.«

Margarethe bebte, dieser Gedanke hatte sich auch vielleicht in ihrem Geiste geregt.

»Sprecht nun, welches von Beiden ist es?« fuhr Heinrich von Navarra fort. »Der König haßt mich, der Herzog von Anjou haßt mich, der Herzog von Alençon hast mich, Catharina von Medicis haßte meine Mutter zu sehr, um mich nicht auch zu hassen.«

»Oh! Herr, was sagt Ihr?« »

»Die Wahrheit, Madame,« versetzte der König, »und damit man nicht glauben möchte, ich wäre blind in Beziehung auf die Ermordung von Herrn von Mouy und die Vergiftung meiner Mutter, wünschte ich wohl, es wäre Jemand hier, der mich hören könnte.«

»Oh! Herr,« rief Margarethe lebhaft und mit der ruhigsten, lächelndsten Miene, die sie anzunehmen vermochte, »Ihr wißt, daß Niemand außer Euch und mir hier ist.«

»Das ist es gerade, warum ich mich gehen lasse, das ist es, warum ich Euch zu sagen wage, daß ich weder der Thor der Schmeicheleien des Hauses Frankreich, noch der des Hauses Lothringen bin.«

»Sire! Sire!« rief Margarethe.

»Nun, was gibt es denn?« fragte Heinrich lächelnd.

»Was es gibt? … Solche Gespräche sind gefährlich.«

»Wenn man allein ist, nicht,« versetzte der König. »Ich sagte Euch also …«

Margarethe war sichtbar auf der Folter; sie hätte gern ein Wort auf den Lippen des Königs zurückgehalten, aber Heinrich fuhr mit seiner scheinbaren Gutmüthigkeit fort.

»Ich sagte Euch also, ich wäre von allen Seiten bedroht, bedroht von dem König, bedroht von dem Herzog von Alençon, bedroht von dem Herzog von Anjou bedroht von der Königin Mutter, bedroht von dem Herzog von Guise, bedroht von dem Cardinal von Lothringen, kurz bedroht von aller Welt. Man fühlt das instinktartig, Ihr wißt es, Madame. Gegen alle diese Drohungen, welche bald Angriffe werden müssen, kann ich mich nur mit Eurer Hilfe vertheidigen; denn Ihr seid geliebt von allen Personen, die mich verwünschen.«

»Ich!« sprach Margarethe.

»Ja, Ihr,« versetzte Heinrich mit dem gutmüthigsten Tone, »ja, Ihr seid geliebt von König Karl; Ihr seid geliebt (er legte einen besondern Nachdruck auf dieses Wort) von dem Herzog von Alençon; Ihr seid geliebt von der Königin Catharina; Ihr seid geliebt von dem Herzog von Guise.«

»Mein Herr!« murmelte Margarethe.

»Nun, darf man sich denn wundern, daß Ihr von aller Welt geliebt seid? Diejenigen, welche ich Euch nannte, sind Eure Brüder oder Eure Verwandten. Seine Brüder und Verwandten lieben heißt nach dem Sinne Gottes leben.«

»Aber worauf zielt Ihr denn am Ende ab?« versetze Margarethe.

»Hört: wenn Ihr Euch, ich sage nicht zu meiner Freundin, sondern zu meiner Verbündeten macht, kann ich Allen Trotz bieten, während ich, wenn Ihr Euch zu meiner Feindin macht, im Gegentheil verloren bin.«

»Oh! Eure Feindin, nie Herr,« rief Margarethe.

»Meine Freundin, ebenfalls nie?…«

»Vielleicht.«

»Und meine Verbündete?«

»Gewiß.«

Und Margarethe wandte sich um und reichte dem König die Hand.

Heinrich nahm sie, küßte sie höflich und sprach, die Hand seiner Gemahlin mehr in einem Verlangen zu forschen, als durch ein Gefühl der Zärtlichkeit in der seinigen behaltend:

»Wohl, ich glaube Euch und nehme Euch als Verbündete an. Man hat uns verheirathet, ohne daß wir uns kannten, ohne daß wir uns liebten; man hat uns verheirathet, ohne uns um unsere Meinung zu fragen. Wir sind uns daher als Mann und Frau nichts schuldig. Ihr seht, Madame, daß ich Euren Wünschen entgegenkomme und daß ich heute bestätige, was ich Euch gestern sagte. Aber wir schließen freiwillig eine Verbindung, zu der uns Niemand zwingt. Wir verbinden uns, wie sich zwei redliche Herzen, die sich gegenseitig Schutz schuldig sind, verbinden; so versteht Ihr doch die Sache?«

»Ja, Herr,« erwiederte Margarethe und suchte ihre Hand zurückzuziehen.

»Nun wohl!« sprach der Bearner, die Augen beständig auf die Thüre des Cabinets geheftet, »da unbeschränkte Offenherzigkeit die erste Probe einer freien, redlichen Verbindung ist, so will ich Euch in allen seinen Einzelheiten den Plan mittheilen, den ich entworfen habe, um alle diese Feindseligkeiten siegreich zu bekämpfen.«

»Herr« … murmelte Margarethe, ihre Augen unwillkürlich ebenfalls nach dem Cabinet wendend, während der Bearner, da er seine List gelungen sah, in den Bart lachte.

»Hört also, was ich thun will,« fuhr er fort, indem er sich den Anschein gab, als bemerkte er die Unruhe der jungen Frau gar nicht, »ich will …«

»Herr,« rief Margarethe aufstehend und den König beim Arme fassend, »erlaubt, daß ich Athem schöpfe die Aufregung, die Hitze, ich ersticke …«

Margarethe war wirklich bleich und zitterte, als ob sie zu Boden sinken wollte.

Heinrich eilte auf ein in gehöriger Entfernung liegendes Fenster zu und öffnete es. Dieses Fenster ging auf den Fluß.

Margarethe folgte ihm.

»Stille! Stille! Sire! aus Schonung für Euch,« murmelte sie.

»Ei! Madame, versetzte der Bearner, »auf seine Weise lächelnd, »habt Ihr mir nicht gesagt, wir wären allein.«

»Ja, Herr, wißt Ihr aber nicht, daß man mittelst eines durch die Decke oder durch eine Wand geschehenen Rohres Alles hören kann?«

»Gut, Madame, gut,« sprach lebhaft und ganz leise der Bearner. »Ihr liebt mich nicht, aber Ihr seid eine redliche Frau.«

»Was wollt Ihr damit sagen?«

»Ich will damit sagen, daß Ihr, wenn Ihr fähig wäret, mich zu verrathen, mich hättet fortfahren lassen, da ich mich allein verrieth. Ihr habt mich zurückgehalten. Ich weiß nun, daß Jemand hier verborgen ist, daß Ihr eine ungetreue Gattin, aber eine getreue Verbündete seid, und für diesen Augenblick,« fügte der Bearner lächelnd bei, »bedarf ich offenherzig gestanden, mehr der Treue in der Politik, als in der Liebe.«

»Sire,« murmelte Margarethe ganz verwirrt.

»Gut, gut, wir sprechen von Allem dem später, wenn wir uns einander besser kennen werden,« sagte Heinrich.

Dann zuckte er die Achseln und fuhr fort:

»Athmet Ihr jetzt freier, Madame?«

»Ja, Sire, ja,« murmelte Margarethe.

»In diesem Fall,« verfehle der Bearner, »will ich Euch nicht länger belästigen. Ich war Euch nur meine Achtungsbezeigung und ein freundschaftliches Zuvorkommen schuldig. Wollt Beides, wie ich es biete, von gutem Herzen annehmen. Legt Euch nieder, und gute Nacht.«

Margarethe schlug zu ihrem Gemahl ein Auge, glänzend von Dankbarkeit auf, reichte ihm ebenfalls die Hand und sprach:

»Es ist abgemacht.«

»Politisches Bündniß frei und redlich?« fragte Heinrich.

»Frei und redlich.«

Dann ging der Bearner nach der Thüre, mit dem Blicke Margarethe wie bezaubert nach sich ziehend. Als der Vorhang zwischen ihnen und dem Schlafgemache niedergefallen war, sprach Heinrich rasch und mit leiser Stimme:

»Ich danke, Margarethe, ich danke! Ihr seid eine wahre Tochter von Frankreich. Ich scheide ruhig. In Ermangelung Euerer Liebe wird mir wenigstens Euere Freundschaft nicht entgehen. Ich zähle auf Euch, wie ihr auf mich zählen könnt. Gott befohlen, Madame!«

Und Heinrich küßte die Hand seiner Frau, während er dieselbe sanft drückte. Dann kehrte er mit schnellem Schritte in seine Wohnung zurück. Im Corridor aber sagte er zu sich selbst:

»Wer Teufel ist bei ihr? ist es der Königs ist es der Herzog von Alençon? ist es der Herzog von Guise? ist es ein Bruder? ist es ein Liebhaber? ist es das Eine und das Andere? In der That, es thut mir jetzt beinahe leid, daß ich mir von der Baronin die Zusammenkunft erbeten habe. Da aber mein Wort verpfändet ist, und Dariole mich erwartet… gleich viel;… ich fürchte, sie wird ein wenig dadurch verlieren, daß ich durch das Schlafgemach meiner Gemahlin gegangen bin, denn Ventre-saint-gris! diese Margot, wie sie mein Schwager, Karl IX. nennt, ist ein bewunderungswürdiges Geschöpf.

Mit einem Schritte, in dem sich ein leichtes Zögern verrieth, stieg Heinrich von Navarra die Treppe hinauf, welche zu den Gemächern von Frau von Sauves führte.

Margarethe war ihm mit den Augen gefolgt, bis er verschwand, und dann in ihr Zimmer zurückgekehrt.

Sie fand den Herzog an der Thüre des Cabinets. Dieser Anblick verursachte ihr beinahe einen Gewissensbiß.

Der Herzog war ernst, und seine gefaltete Stirne deutete bittere Gedanken an.

»Margarethe ist heute neutral,« sprach er, »Margarethe wird in acht Tagen feindselig sein.«

»Ihr, Ihr habt gehört?« versetzte Margarethe.

»Was sollte ich in dem Cabinet thun?«

»Und Ihr findet, »daß ich mich anders benommen habe, als sich die Konigin von Navarra benehmen mußte?«

»Nein, aber anders, als sich die Geliebte des Herzogs von Guise zu benehmen hatte.

»Mein Herr,« antwortete die Königin, »ich kann meinen Gemahl nicht lieben, aber Niemand ist berechtigt, von mir zu verlangen, daß ich ihn verrathe. Sprecht ehrlich, würdet Ihr die Geheimnisse der Prinzessin von Porcian, Euerer Gemahlin, verrathen?«

»Gut, gut, Madame,« versetzte der Herzog, den Kopf schüttelnd. »Ich sehe, daß ihr mich nicht mehr liebt, wie in den Tagen, wo Ihr mir erzähltet, was der König gegen mich und die Meinigen anzettelte.«

»Der König war der Starke, und Ihr waret die Schwachen. Heinrich ist der Schwache und ihr seid die Starken. Ich spiele immer dieselbe Rolle, wie Ihr seht.«

»Nur geht Ihr von einem Lager in das andere über.«

»Das ist ein Recht, welches ich erlangte, indem ich Euch das Leben rettete.«

»Wohl, Madame, und da man, wenn man sich trennt, unter Liebenden Alles das zurückgibt, was man sich zuvor geschenkt hat, so werde ich Euch ebenfalls das Leben retten, und wir sind quitt.«

Und der Herzog verbeugte sich und ging ab, ohne daß Margarethe auch nur eine Geberde machte, um ihn zurückzuhalten.

Im Vorzimmer fand er Gillonne, die ihn bis in das Zimmer des Erdgeschosses führte, und in dem Graben seinen Pagen, mit welchem er in das Hotel Guise zurückkehrte.

Während dieser Zeit stellte sich Margarethe, in Träume versunken, an ihr Fenster.

»Welch eine Hochzeitnacht!« murmelte sie, »der Gemahl flieht mich und der Geliebte verläßt mich!«

In diesem Augenblick ging auf der andern Seite des Grabens ein von der Tour de Bois zurückkehrender Schüler, die Faust auf der Hüfte, vorüber und sang:

		Pourquoi doncques quand je veux
		Ou mordre tes beaux cheveux,
		Ou baiser ta bouche aimée,
		Ou toucher à ton beau sein,
		Contrefais-tu la nonnain
		Dedans un cloitre enfermée?

		Pourquoi gardes-tu tes yeux
		Et ton sein delicieux,
		Ton front, ta lèvre jumelle?
		En veux-tu baiser Plutou,
		Là-bas après que Caron,
		T’aura mise en sa nacelle?

		Après ton dernier trépas,
		Belle, tu n’auras là-bas
		Qu’une bouchette blêmie;
		Et quand, mort, je te verrai,
		Aux ombres je n’avouerai
		Que jadis tu fus ma mie!

		Doncques tandis que tu vis,
		Change, maîtresse, d’avis,
		Et ne m'épargne ta bouche
		Car au jour ou tu mourras
		Lors tu te repentiras
		De m’avoir été farouche.[1 - Darf die Wollust ich nicht fühlen,Dir in Deinem Haar zu wühlen,Küssen nicht der Lippen Gluth,Oder Deinem Busen schmeicheln,Willst Du denn die Nonne heuchelnIn des Klosters strenger Hut?Warum sich das Aug verhülle,Stirn’ und Lipp’, des Busens Fülle,Ist ein Räthsel, Schöne, mir —Willst Du denn erst Plato lachen,Wenn Du fährst in Charons Nachen,Warum küssen nicht schon hier?Schöne, nach der TodesstundePrangt kein Roth auf Deinem Munde,Farblos ist die Lippe Dir;Würd’ ich dort Dich wiedersehen,Würd’ ich still vorübergehen,Schweigen, daß Du lieb einst mir.Darum, Liebste, noch im LebenLaß den Blick zu Dir mich heben,Und den Mund Dir küssen süß,Denn in Deiner TodesstundeBricht Dir auf der Reue Wunde,Daß Dein Herz mich spröd verstieß.]

Margarethe hörte schwermüthig lächelnd auf diesen Gesang. Als aber die Stimme des Schülers sich in der Ferne verloren hatte, schloß sie das Fenster wieder und rief Gillonne, um sich auskleiden zu lassen.




III.

Ein königlicher Dichter


Der andere Tag und die darauf folgenden vergingen in Festen, Schauspielen und Turnieren. Dieselbe Vermischung unter den zwei Parteien dauerte fort. Es fanden Liebkosungen und zärtliche Freundschaftsbetheuerungen statt, daß auch der wüthendste Hugenotte den Kopf verlieren mußte. Man sah den Vater Cotton mit dem Baron von Courtaumer zu Mittag speisen und schweigen, den Herzog von Guise mit dem Prinzen von Condé eine Lustpartie auf der Seine machen. Der König schien sich von seiner gewöhnlichen Schwermuth geschieden zu haben und konnte seinen Schwager Heinrich nicht mehr entbehren. Die Königin Mutter endlich war so lustig und so mit Stickereien, Juwelen und Helmzierden beschäftigt, daß sie darüber den Schlaf verlor.

Etwas verweichlicht durch dieses neue Capua fingen die Hugenotten an, sich wieder in seidene Wämser zu kleiden, Devisen aufzustellen und vor gewissen Balcons zu paradiren, als ob sie Katholiken gewesen wären. Von allen Seiten bemerkte man eine Reaktion zu Gunsten der reformirten Religion, daß man hätte glauben sollen, der ganze Hof wolle protestantisch werden. Der Admiral selbst ließ sich, trotz seiner Erfahrung wie die Andern täuschen, und sein Kopf war so sehr eingenommen, daß er eines Abends zwei Stunden lang seinen Zahnstocher zu gebrauchen vergaß, eine Beschäftigung der er sich gewöhnlich von zwei Uhr Mittags, wo er sein Mittagsbrod endigte, bis acht Uhr Abends, d. h. bis zu dem Augenblick überließ, wo er sich zu Tische setzte, um zu Nacht zu speisen.

An dem Abend, an welchem der Admiral sich dieses unglaubliche Vergessen seiner Gewohnheiten zu Schulden kommen ließ, hatte Karl IX. Heinrich von Navarra und den Herzog von Guise zum Goûter[2 - heute: Nachmittagstee oder -kaffee, damals vielleicht: Vesperbrot] eingeladen; als dieses vorüber war, ging er mit ihnen in sein Zimmer und erklärte ihnen den geistreichen Mechanismus einer Wolfsfalle, die er selbst erfunden hatte, als er plötzlich, sich selbst unterbrechend, fragte:

»Kommt der Herr Admiral diesen Abend nicht? wer hat ihn heute gesehen? wer kann mir Kunde von ihm geben?«

»Ich,« sagte der Herzog von Navarra, »falls Eure Majestät um seine Gesundheit besorgt wäre, könnte ich sie beruhigen, denn ich habe ihn diesen Morgen um sechs Uhr und diesen Abend um sieben Uhr gesehen.«

»Ah, ah!« sprach der König, dessen einen Moment zerstreute Augen mit durchdringender Neugierde auf einem Schwager ruhten, »Ihr steht für einen jungen Mann sehr frühe auf, Heinrich.«

»Ja, Sire,« antwortete der König von Bearn, »ich wollte mich bei dem Cardinal, der Alles weiß, erkundigen, ob einige Edelleute, die ich erwarte; noch nicht auf dem Wege wären.«

»Noch mehr Edelleute? Ihr hattet achthundert an Eurem Hochzeitsfeste, und jeden Tag kommen neue hinzu. Wollt Ihr uns denn überschwemmen?« sprach Karl lächelnd.

Der Herzog von Guise faltete die Stirne.

»Sire,« versetzte der Bearner,« man spricht von einem Unternehmen gegen Flandern, und ich sammle um mich her alle diejenigen meines Landes und der Umgegend, von welchen ich glaube, sie könnten Eurer Majestät nützlich sein.«

Der Herzog erinnerte sich des angeblichen Planes, von dem der Bearner mit Margarethe an ihrem Hochzeitstage gesprochen hatte, und horchte aufmerksam.

»Gut, gut,« antwortete der König, »je mehr Ihr habt, desto zufriedener sind wir. Bringt sie, bringt sie, Heinrich! Aber was für Edelleute sind es, tapfere, wie ich hoffe?«

»Ich weiß nicht, Sire, ob meine Edelleute je so viel werth sein werden, als die Eurer Maßstab die des Herzogs von Anjou oder die des Herrn von Guise. Aber ich kenne sie und weiß, daß sie ihr Möglichstes thun werden.«

»Erwartet Ihr noch viele?«

»Noch zehn bis zwölf.«

»Sie heißen?«

«Sire, ihre Namen entgehen mir, und mit Ausnahme von einem derselben, der mir von Téligny als ein vollkommener Edelmann empfohlen ist und de La Mole heißt, wüßte ich nicht zu sagen …«

»De La Mole? ist es nicht ein Lerac de La Mole?« versetzte der König, welcher in der genealogischen Wissenschaft sehr bewundert war. »Ein Provençal?«

»Ganz richtig, Sire. Ihr seht, ich rekrutiere sogar bis in die Provence.

»Und ich,« sprach der Herzog von Guise mit einem spöttischen Lächeln, »ich gehe noch weiter, als Seine Majestät der König von Navarra, denn ich hole selbst in Piemont alle sichere Katholiken, die ich finden kann.«

»Katholiken oder Hugenotten,« unterbrach ihn der König »mir liegt wenig daran, wenn sie nur tapfer sind.«

Um diese Worte zu sagen, welche in seinem Geiste Hugenotten und Katholiken vermischten, hatte der König eine so gleichgültige Miene angenommen, daß der Herzog von Guise darüber erstaunt war.

»Eure Majestät beschäftigt sich mit uns Flamändern,« sagte der Admiral, dem von dem König seit einigen Tagen die Gunst, unangemeldet einzutreten, bewilligt worden war, und der die letzten Worte Seiner Majestät bei seinem Eintritt gehört hatte.

»Ah, hier ist mein Vater, der Admiral,« rief Karl IX., die Arme öffnend. »Man spricht vom Krieg, von Edelleuten, von Tapferen, und er kommt. Wo der Magnet ist, dahin dreht sich das Eisen. Mein Schwager von Navarra und mein Vetter von Guise erwarten Verstärkungen für Eure Armee. Hiervon ist die Rede.«

»Und diese Verstärkungen kommen,« sagte der Admiral.

»Habt Ihr Nachricht, Herr?« fragte der Bearner.

»Ja, mein Sohn, und besonders von Herrn de La Mole; er war gestern in Orléans und wird morgen oder übermorgen in Paris sein.«

»Teufel, der Herr Admiral ist also ein Nekromant, daß er so weiß, was in einer Entfernung von dreißig bis vierzig Meilen vorgeht? Ich meinerseits möchte wohl mit derselben Sicherheit wissen, was vor Orléans geschehen wird oder geschehen ist.«

Coligny blieb unempfindlich für diesen blutigen Stich des Herzogs von Guise, welcher offenbar auf den Tod von Franz von Guise, seinem Vater, anspielte, der vor Orléans von Poltrot de Mèrè ermordet worden war, nicht ohne daß man den Admiral im Verdacht hatte, er habe zu dem Verbrechen gerathen.

«Mein Herr,« versetzte er kalt und würdevoll, ich bin Nekromant, so oft ich bestimmt wissen will, was von wesentlichem Interesse für meine Angelegenheiten oder für die des Königs ist. Mein Eilbote ist vor einer Stunde von Orléans angekommen und hat mit der Post zweiunddreißig Lieues in einem Tage zurückgelegt. Herr de La Mole, welcher mit seinem Pferde reist, macht nur zehn des Tags, und wird erst am vierundzwanzigsten ankommen. Das ist die ganze Magie.«

»Bravo, mein Vater, gut geantwortet,« sagte Karl IX. »Zeigt diesen jungen Leuten, daß zugleich die Weisheit und das Alter Eure Haupthaare und Euren Bart gebleicht haben. Wir wollen sie auch fortschicken, daß sie von ihren Turnieren und Liebschaften plaudern, und beisammen bleiben, um von unsern Kriegen zu sprechen. Geht, meine Herren, ich habe mit dem Admiral zu reden.«

Die zwei Jungen Männer entfernten sich; der König von Navarra zuerst und der Herzog von Guise hernach; vor der Thüre aber ging jeder nach einer kalten Verbeugung auf einer andern Seite ab.

Coligny Folgte ihnen mit den Augen, nicht ohne eine gewisse Unruhe, denn er sah nie diese zwei eingewurzelten Leidenschaften des Hasses sich nähern, ohne daß irgend ein neuer Blitz daraus hervordrang. Karl IX. begriff, was in seinem Innern vorging, trat auf ihn zu, legte seinen Arm auf den des Admirals und sprach:

»Seid ruhig, mein Vater, ich bin da, um Jeden im Gehorsam und in der Achtung zu erhalten. Ich bin in Wahrheit König, seitdem meine Mutter nicht mehr Königin ist, und sie ist nicht mehr Königin, seitdem Coligny mein Vater ist.«

»Ah, Sire,« sprach der Admiral, »die Königin Catharina …«

»Ist eine Händelstifterin, mit ihr ist kein Friede möglich. Diese italienischen Katholiken sind wüthende Menschen, die von nichts wissen wollen, als von Ausrottung. Ich im Gegentheil will nicht nur Frieden stiften, sondern auch denen von Eurer Religion Macht verleihen. Die Andern sind zu leichtsinnig, mein Vater, sie scandalisiren mich durch ihre Liebschaften und durch ihren ungeordneten Lebenswandel. Soll ich offen mit Dir sprechen?« fuhr Karl IX., seine Treuherzigkeit verdoppelnd, fort. »Ich mißtraue meiner ganzen Umgebung, mit Ausnahme meiner neuen Freunde. Der Ehrgeiz von Tavannes ist mir verdächtig. Vieilleville liebt nur den guten Wein, und wäre im Stande, seinen König um ein Faß Malvasier zu verrathen. Montmorency kümmert sich nur um die Jagd und bringt seine Zeit zwischen seinen Hunden und seinen Falken hin. Der Graf von Retz ist Spanier, die Guisen sind Lothringer. Gott soll mir vergeben, aber ich glaube, es gibt in Frankreich keine wahre Franzosen, außer mir, meinem Schwager von Navarra und Dir. Doch ich bin an den Thron gefesselt und kann die Heere nicht befehligen. Man läßt mich kaum nach meinem Wohlgefallen in Saint Germain und in Rambouillet jagen. Mein Schwager von Navarra ist zu jung und hat zu wenig Erfahrung. Ueberdies scheint er mir in allen Stücken seinem Vater Anton ähnlich, den die Weiber stets verdorben haben. Nur Du, mein Vater, Du bist zugleich tapfer, wie Julius Cäsar, und weise wie Plato. Auch weiß ich in der That nicht, was ich thun soll: Dich als Rath hier behalten oder Dich als General abschicken. Wenn Du mir räthst, wer wird befehligen? Wenn Du befehligst, wer wird mir rathen?«

»Sire,« antwortete Coligny, »man muß zuerst siegen, der Rath wird nach dem Siege kommen.«

»Das ist Deine Ansicht, mein Vater? Wohl, es sei. Es soll nach Deiner Meinung verfahren werden. Du wirst Montag nach Flandern, und ich werde nach Amboise abreisen.«

»Euere Majestät verläßt Paris?«

»Ja. Ich bin alles dieses Geräusches, aller dieser Feste müde. Ich bin kein Mann der Thätigkeit, ich bin ein Träumer. Ich war nicht geboren, um ein König, sondern um ein Dichter zu werden. Du bildest eine Art von Rath, welcher regieren wird, während Du im Felde bist, und wenn sich meine Mutter nicht darein mischt, wird Alles gut gehen. Ich habe bereits Ronsard eingeladen, mich dort zu besuchen, und dann werden wir Beide ferne vom Geräusche der Welt, fern von den Bösen, unter unsern großen Bäumen, am Ufer des Flusses, beim Gemurmel der Bäche von göttlichen Dingen sprechen… es ist dies die einzige Entschädigung, die es da es auf Erden für menschliche Dinge gibt. Doch halt, höre die Verse, durch welche ich ihn einlade, ich habe sie diesen Morgen gemacht.«

Coligny lächelte, Karl IX. fuhr mit seiner Hand über seine gelbe, elfenbeinglatte Stirne, und sprach mit einem gewissen, nach dem Takte abgemessenen, Gesange folgende Verse:

		Ronsard, je connais bien que si tu ne me voies,
		Tu oublies soudain de ton grand roi la voix;
		Mais pour ton souvenir, pense que je n’oublie
		Continuer toujours d’appendre en poésie,
		Et pour ce j’ai voulu t’envoyer cet esprit.

		Donc ne t’amuse plus aux soins de ton ménage,
		Maintenant n’est plus temps de faire jardinage;
		Il faut suivre ton roi, qui t’aime par sus tous,
		Pour les vers, qui de toi coulent braves et doux,
		Et crois, si tu ne viens me voir à Amboise,
		Qu’entre nous adviendra un bien grand noise.[3 - Ich weiß es wohl, wenn mich Dein Aug nicht siehet,Daß das Gedächtniß Dir des großen Herrn entfliehet;Doch daß Du meiner denkst, vergiß es nie,Daß ich ein Treuer bin der schönen Poesie,Und darum send’ ich Dir dieß heitre Gedicht,Das die Begeisterung um Deine Verse flicht.Laß Dich den Haushalt, Ronsard, nimmer quälen,Dir möcht sonst die Mus’ in Anderem, als Gartenwesen fehlen,Dem König mußt Du folgen, der dich so herzlich liebt,Weil Du die Poesie so kühn, so zart geübt.In Amboise hoffe ich, daß mir Dein Antlitz lache,Wo nicht so schwör’ ich Dichter Dir die tiefste Rache.]

»Bravo, Sire, bravo!« rief Coligny, »ich verstehe mich besser auf den Krieg, als auf die Dichtkunst, aber es scheint mir, diese Verse sind soviel werth, als die besten von Ronsard, Dorat, und selbst von Herrn Michel de l’Hospital, dem Kanzler von Frankreich.«

»Ah, mein Vater, wie sprichst Du so wahr, denn siehst Du, der Titel eines Dichters ist derjenige, nach welchem ich vor allen andern trachte.«

»Sire,« versetzte Coligny, »ich wußte wohl, daß Euere Majestät mit den Musen sich unterhielt; aber ich wußte nicht, daß sie ihren ersten Rath daraus machte.«

»Nach Dir, mein Vater, nach Dir, und damit ich nicht in meiner Verbindung mit ihnen gestört werde, will ich Dich an die Spitze aller Angelegenheiten stellen. Höre also: ich muß in diesem Augenblick ein neues Madrigal beantworten, das mir mein großer und lieber Dichter zugeschickt hat. Ich kann Dir also zu dieser Stunde nicht alle Papiere geben, welche erforderlich sind, um Dich über die große Frage, die uns, Philipp II. und mich, trennt, auf das Laufende zu setzen. Ueberdieß liegt eine Art von Feldzugsplan vor, den meine Minister gemacht haben. Ich werde Dir Alles suchen und morgen früh übergeben.«

»Um welche Stunde, Sire?«

»Um zehn Uhr. Und wenn ich zufällig mit Versen beschäftigt und in meinem Abeitscabinet eingeschlossen wäre, so würdest Du dennoch hier eintreten und alle Papiere, die Du auf dem Tische in diesem rothen Portefeuille verwahrt fändest, mitnehmen. Die Farbe des Portefeuille ist so ausfallend, daß Du Dich nicht täuschen kannst. Ich schreibe nun an Ronsard.«

»Gott befohlen, Sire.«

»Gott befohlen, mein Vater.«

»Eure Hand?«

»Was sagst Du, meine Hand? In meine Arme, an mein Herz, das ist Dein Platz. Oh, mein alter Krieger, komm!«

Und Karl IX. zog Coligny, der sich verbeugte, an sich und drückte seine Lippen auf die weißen Haare des Admirals.«

Der Admiral entfernte sich, eine Thräne trocknend.

Karl IX. folgte ihm mit den Augen, so lange er ihn sehen konnte, horchte, so lange er ihn hören konnte.

Dann, als er nichts mehr sah und nichts mehr hörte, ließ er sein bleiches Haupt, wie dies seine Gewohnheit war, auf seine Schulter fallen und ging langsam von dem Zimmer, in welchem er sich befand, in sein Waffencabinet.

Dieses Cabinet war der Lieblingsaufenthalt des Königs. Hier nahm er seine Fechtstunden bei Pompée, seine Lectionen in der Dichtkunst bei Ronsard. Es fanden sich hier die schönsten Vertheidigungs- und Angriffswaffen in großer Auswahl vereinigt. Alle Wände waren mit Streitäxten, Schilden, Piken, Hellebarden, Pistolen und Musketen tapeziert, und an demselben Tage hatte ihm ein berühmter Waffenschmied eine Büchse gebracht, auf welcher in Silber folgende vier Verse incrustirt waren, die der königliche Dichter selbst verfaßt hatte:

		Pour maintenir la foy,
		Je suis belle et fidèle;
		Aux suis Aux ennemis du roy Je suis belle et cruelle.[4 - Um den Glauben aufrecht zu erhalten,bin ich schön und treu;gegen die Feinde des Königsbin ich schön und grausam.]

Karl IX. trat also, wie gesagt, in dieses Cabinet ein, und nachdem er die Hauptthüre verschlossen hatte, hob er eine Tapete empor, welche einen Gang markirte, der nach einem kleinen Gemache führte, wo eine Frau, vor einem Betpulte knieend, ihr Gebet verrichtete.

Da sich diese Bewegung langsam bewerkstelligt hatte und die Tritte des Königs, durch den Teppich gedämpft, nicht stärker schallten, als die eines Gespenstes, so hörte die knieende Frau nichts, wandte sich nicht um und fuhr fort zu beten. Karl blieb einen Augenblick in Gedanken versunken und anschauend stille stehen.

Es war eine Frau von vierunddreißig bis fünfunddreißig Jahren, deren kräftige Schönheit noch mehr durch die Tracht der Bäuerinnen aus der Gegend von Caux hervorgehoben wurde. Sie trug die hohe Haube, welche während der Regierung von Isabeau von Baiern am Hofe von Frankreich so sehr in der Mode gewesen war, und ihr rothes Mieder war ganz mit Gold gestickt, wie es gegenwärtig die Mieder der Landleute von Nettuno und Sora sind. Das Gemach, welches sie seit beinahe zwanzig Jahren bewohnte, stieß an das Schlafzimmer des Königs und bot ein seltsames Gemisch von Eleganz und bäuerlichem Aussehen. Der Palast hatte sich ungefähr in gleichen Theilen an der Hütte abgefärbt, wie die Hütte an dem Palaste, so daß dieses Gemach etwa die Mitte zwischen der Einfachheit der Dorfbewohnerin und dem Luxus der vornehmen Dame hielt. Der Betpult, an welchem sie kniete, war wirklich von vortrefflich geschnitztem Eichenholz und mit Sammet bedeckt, den man mit reichen goldenen Fransen besetzt hatte, während die Bibel, denn diese Frau gehörte der reformirten Religion an, während die Bibel, aus der sie ihre Gebete las, eines von den alten halb zerrissenen Büchern war, wie man sie in den ärmsten Häusern trifft.

Alles Uebrige war nach Maßgabe dieses Betpultes und dieser Bibel.

»He, Madelon!« sagte der König.

Die knieende Frau schaute bei dem Tone dieser vertrauten Stimme lächelnd empor und stand auf.

»Ah, Du bist es, mein Sohn,« sagte sie.

»Ja, Amme, komm hierher.«

Karl IX. ließ den Thürvorhang niederfallen und setzte sich auf den Arm eines Lehnstuhles.

Die Amme trat zu ihm.

»Was willst Du von mir, Charlot?« fragte sie.

Die Amme näherte sich ihm mit einer Vertraulichkeit, die von der mütterlichen Zärtlichkeit herrühren mochte, welche die Frau für das Kind faßt, das sie gestillt hat, der jedoch die Pamphlete jener Zeit eine unendlich weniger reine Quelle geben.

»Hier bin ich,« sagte sie, »sprich!«

»Ist der Mann, den ich habe rufen lassen, hier?«

»Seit einer halben Stunde.«

Karl stand auf, näherte sich dem Fenster, schaute, ob Niemand auf der Lauer wäre, trat an die Thüre, spitzte das Ohr, um sich zu versichern, daß Niemand horchte, schüttelte den Staub von seinen Waffentrophäen, liebkoste einen großen Windhund, der ihm Schritt für Schritt folgte, stehen blieb, wenn sein Herr stille stand, wieder ging, wenn sein Herr sich in Bewegung setzte, und sagte sodann, zu der Amme zurückkehrend:

»Es ist gut, Amme, laß ihn eintreten.«

Die gute Frau entfernte sich durch denselben Gang, durch den sie eingetreten war, während der König sich auf einen Tisch stützte, auf welchem Waffen aller Art lagen.

Kaum hatte er diese Stellung genommen, als der Thürvorhang sich abermals hob und der Erwartete eintrat.

Es war ein Mann von ungefähr vierzig Jahren, mit grauem, schielendem Auge, mit einer nachteulenartig gebogenen Nase, mit hervorspringenden Backenknochen. Sein Gesicht suchte Ehrfurcht auszudrücken, lieferte aber nur ein heuchlerisches Lächeln auf seinen durch die Furcht gebleichten Lippen.

Karl streckte sachte hinter sich eine Hand aus, welche zu dem Kolben einer Pistole von neuer Erfindung gelangte, die mit Hilfe eines mit einem stählernen Rade in Berührung gebrachten Steines losging, statt daß man hier vorher eine Lunte gebraucht hätte, und schaute mit seinem matten Auge die neue Person an, welche wir so eben in die Scene gebracht haben. Während dieser Prüfung pfiff er mit merkwürdiger Richtigkeit und Melodie eines von seinen Lieblingsjagdliedern.

Nach einigen Secunden, in denen sich das Gesicht des Fremden immer mehr entfärbte, sagte der König zu ihm:

»Ihr seid es, den man Franz von Louviers-Maurevel nennt?«

»Ja, Sire.«

»Commandant der Petardirer?«

»Ja, Sire.«

»Ich wollte Euch sehen.«

Maurevel verbeugte sich.

»Ihr wißt,« fuhr Karl, auf jedes Wort einen besonderen Nachdruck legend, fort, »Ihr wißt, das ich alle meine Unterthanen gleichmäßig liebe.«

»Ich weiß,« stammelte Maurevel, »daß Eure Majestät der Vater seines Volkes ist.«

»Und daß Hugenotten und Katholiken gleichmäßig meine Kinder sind.«

Maurevel blieb stumm, nur wurde das Zittern, welches seinen Körper schüttelte, dem durchdringenden Blicke des Königs sichtbar, obgleich derjenige, zu welchem er sprach, beinahe im Schatten verborgen war.

Maurevel fiel auf die Kniee.

»Sire,« stammelte er, »glaubt mir …«

»Ich glaube,« fuhr Karl IX. fort, Maurevel immer fester mit einem Blicke anschauend, der, Anfangs glasig, nach und nach beinahe flammend wurde, »ich glaube, daß ihr in Moncontour große Lust hattet, den Herrn Admiral, der sich so eben von hier entfernt, zu tödten; ich glaube, daß ihr Euren Streich verfehltet und dann zum Heere des Herzogs von Anjou, unseres Bruders, überginget; ich glaube endlich, daß Ihr sodann zum zweiten Male zu dem Prinzen übergegangen seid und Dienste in der Compagnie von Herrn Mouy von Saint-Phale genommen habt.«

»Oh, Sire!«

»Ein braver picardischer Edelmann.«

»Sire, Sire!« rief Maurevel, »beugt mich nicht so sehr nieder.«

»Es war ein würdiger Offizier,« fuhr Karl IX. fort, und allmählich trat ein Ausdruck beinahe wilder Grausamkeit auf seinem Gesichte hervor, »ein braver Offizier, der Euch wie einen Sohn aufnahm, Euch Wohnung, Kleidung, Nahrung gab.«

Maurevel entschlüpfte ein Seufzer der Verzweiflung.

»Ihr nanntet ihn, glaube ich, Euren Vater,« sprach der König unbarmherzig, »und eine zarte Freundschaft verband Euch mit dem jungen Mouy, seinem Sohne.«

Immer noch aus den Knieen beugte sich Maurevel mehr und mehr unter der Macht des Wortes von Karl IX., welcher unempfindlich und einer Statue ähnlich, deren Lippen allein mit Leben begabt sind, aufrecht stand.

»Sprecht,« fuhr der König fort, »solltet Ihr nicht zehntausend Thaler von Herrn von Guise bekommen, wenn Ihr den Admiral tödten würdet?«

Ganz bestürzt schlug der Mörder mit der Stirne auf den Boden.

»Was den Herrn von Mouy, Euern guten Vater, betrifft so begleitetet Ihr ihn eines Tags, als er gegen Chevreux rekognoszierte. Er ließ seine Peitsche fallen und stieg ab, um sie aufzuheben. Ihr waret allein mit ihm, nahmet eine Pistole aus Euren Polstern, und während er sich blickte, drücktet Ihr auf ihn ab. Als Ihr saht, daß er todt war, denn Ihr tödtetet ihn mit dem Schusse, ergriffet Ihr die Flucht auf dem Pferde, das er Euch geschenkt hatte.«

Und als Maurevel bei dieser Anklage, die in allen einzelnen Umständen der Wahrheit entsprach, stumm blieb, fing Karl IX. wieder an, mit derselben Richtigkeit und demselben Wohlklang sein Lieblingsjagdlied zu pfeifen.

»He, Meister Mörder,« sprach er sodann, »wißt Ihr, daß ich große Lust habe, Euch hängen zu lassen?«

»Oh, Majestät!« rief Maurevel.

»Der junge Mouy hat mich noch darum gebeten, und ich wußte nicht, was ich ihm antworten sollte, denn in der That, seine Bitte ist sehr gerecht.«

Maurevel faltete die Hände.

»Um so gerechter, als ich, wie Ihr sagtet, der Vater des Volkes bin, und die Hugenotten nun, da ich mich mit denselben ausgesöhnt habe, eben so gut zu meinen Kindern gehören, als die Katholiken.«

»Sire,« sprach Maurevel völlig entmuthigt, »mein Leben ist in Euren Händen, macht damit, was Ihr wollt.«

»Ihr habt Recht, ich würde keinen Liar dafür geben.«

»Aber, Sire,« sagte der Mörder, »gibt es kein Mittel, mein Verbrechen abzukaufen?«

»Ich kenne keines. Wenn ich jedoch an Eurer Stelle wäre, was Gott sei Dank nicht der Fall ist …«

»Nun, Sire, wenn Ihr an meiner Stelle wäret,« antwortete Maurevel, dessen Blick an den Lippen von Karl hing.

»Ich glaube, ich würde mich aus der ganzen Geschichte zu ziehen wissen,« fuhr der König fort.

Maurevel erhob sich auf ein Knie und auf eine Hand und heftete seine Augen auf Karl, um sich zu versichern, daß er nicht spottete.

»Ich liebe allerdings den jungen Mouy ungemein,« fuhr der König fort, »aber ich liebe auch meinen Vetter von Guise gar sehr, und wenn er von mir das Leben eines Menschen forderte, dessen Tod ein Anderer verlangen würde, so wäre ich in großer Verlegenheit. In Betreff guter Politik wie guter Religion müßte ich thun, was mein Vetter von Guise von mir verlangen wurde, denn von Mouy erscheint, ein so muthiger Kapitän er auch ist, doch nur als ein kleiner Kamerad im Vergleich mit dem Prinzen von Lothringen.«

Während dieser Worte erhob sich Maurevel langsam und wie ein Mensch, der zum Leben zurückkehrt.

»Das Wichtige für Euch wäre also in der verzweiflungsvollen Lage, in welcher Ihr Euch befindet, daß Ihr die Gunst meines Vetters von Guise zu gewinnen suchen würdet, und in dieser Hinsicht erinnere ich mich einer Sache, die er mir gestern erzählte.«

Maurevel näherte sich einen Schritt.

»»Denkt Euch, Sire,«« sagte er zu mir, »»das jeden Morgen um zehn Uhr mein Todfeind, von dem Louvre zurückkehrend, durch die Straße Saint-Germain-l’Auxerrois kommt. Ich sehe ihn von einem Fenster des Erdgeschosses aus. Es ist das Fenster der Wohnung, meines ehemaligen Lehrers, des Canonicus Peter Pille. Ich sehe also jeden Morgen meinen Feind und bitte den Teufel, ihn in die Eingeweide der Erde hinabzuziehen.«« Sagt, Meister Maurevel, wenn Ihr der Teufel wäret, das würde meinem Vetter von Guise vielleicht Freude machen?«

Maurevel nahm sein höhnisches Lächeln wieder an und seinen von Schrecken bleichen Lippen entfielen die Worte:

»Sire, ich habe aber nicht die Gewalt, die Erde öffnen.«

»Ihr habt sie, wenn ich mich recht erinnere, dem Mouy geöffnet. Ihr werdet mir hernach sagen, daß es mit der Pistole geschah. Habt Ihr sie nicht mehr, diese Pistole?«

»Verzeiht, Sire,« versetzte der Räuber, »aber ich schieße beinahe noch besser mit der Büchse, als mit der Pistole.«

»Oh!« rief Karl IX., gleichviel, Pistole oder Büchse. Ich bin überzeugt, mein Vetter von Guise wird nicht sehr häkelig bei der Wahl des Mittels sein.«

»Aber ich müßte ein Gewehr haben,« versetzte Maurevel, »auf dessen Genauigkeit ich mich verlassen könnte, denn ich hätte vielleicht von ferne zu schießen.«

»Ich habe habe zehn Büchsen in diesem Gemache,« versetzte Karl IX., »mit denen ich einen Goldthaler auf hundertfünfzig Schritte treffe. Wollt Ihr eine versuchen?«

»Oh! Sire, mit dem größten Vergnügen,« rief Maurevel, auf die Büchse zuschreitend, welche in einer Ecke stand und an demselben Morgen Karl IX. gebracht worden war.

»Nicht diese,« sagte der König, »nicht diese, denn ich habe sie mir selbst vorbehalten. Ich werde in den nächsten Tagen eine große Jagd haben, wo sie mir hoffentlich von Nutzen ist. Aber Ihr könnt jede andere wählen.«

»Und der Feind, Sire, wer ist es?« fragte der Mörder.

»Weiß ich es?« antwortete der König, den Elenden mit seinem verächtlichen Blicke niederschmetternd.

»Ich werde also Herrn von Guise fragen,« stammelte Maurevel.

Der König zuckte die Achseln und erwiederte:

»Fragt nicht, Herr von Guise würde nicht antworten. Verantwortet man dergleichen Dinge? Es ist die Sache derjenigen, welche nicht gehängt werden wollen, sie zu errathen.«

»Aber woran soll ich ihn erkennen?«

»Ich habe Euch bereits gesagt, er käme jeden Morgen um zehn Uhr an dem Fenster des Canonicus vorüber.«

»Es gehen viele Leute vor diesem Fenster vorüber. Wollte Eure Majestät nur die Gnade haben, mir irgend ein Zeichen anzugeben.«

»Oh, das ist sehr leicht. Morgen zum Beispiel wird er ein Portefeuille von rothem Maroquin unter dem Arme haben.«

»Sire, es genügt.«

»Ihr habt immer noch das Pferd, das Euch Herr von Mouy geschenkt hat, und das so gut läuft?«

»Sire, ich habe ein vortreffliches Barberroß.«

»Oh! ich bin nicht bange um Euch; nur ist es gut, wenn Ihr wißt, daß das Kloster eine Hinterpforte hat.«

»Ich danke, Sire; betet zu Gott für mich.«

»Er, tausend Teufel, betet lieber zu dem Höllischen, denn ohne seinen Schutz könnt Ihr dem Strange nicht entgehen.«

»Gott befohlen, Sire.«

»Gott befohlen. Doch halt, Herr von Maurevel, Ihr wißt, daß es, wenn man aus irgend eine Art vor übermorgen um zehn Uhr von Euch sprechen hört, oder wenn man nachher nicht von Euch hört, im Louvre eine Oubliette[5 - Ein mit einer Fallthüre versehenes unterirdisches Gefängniß für Leute, welche man in der Stille aus dem Wege räumen will, ähnlich dem, was man in Deutschland Jungfernkuß nannte.] gibt.«

Und Karl IX. fing wieder an, ruhig und richtiger als je seine Lieblingsmelodie zu pfeifen.




IV.

Der Abend des 24. August 1572


Unser Leser hat wohl nicht vergessen, daß in dem vorhergehenden Kapitel von einem Edelmann Namens de La Mole die Rede war, welcher mit einer gewissen Ungeduld von Heinrich von Navarra erwartet wurde. Dieser Edelmann ritt, wie es der Admiral vorhergesagt hatte, durch die Porte Saint-Marcel gegen Abend am 24. August 1572 in Paris ein und ließ, einen verächtlichen Blick auf die zahlreichen Wirthshäuser werfend, welche zu seiner Rechten und zu seiner Linken ihre malerischen Schilder ausstreckten, sein völlig dampfendes Pferd bis in das Herz der Stadt dringen, wo er, nachdem er über die Place Maubert, über den Petit-Pont, über den Pont Notre-Dame und die Quais hingezogen war, am Ende der Rue de Bresec anhielt, aus der man seitdem die Rue de l’Arbre-Sec gemacht hat, ein Name, den wir zur Erleichterung der Leser beibehalten wollen.

Der Name gefiel ihm ohne Zweifel, denn er ritt hinein, und da zu seiner Linken ein prachtvolles, an seiner Stange knarrendes Schild von Eisenblech seine Aufmerksamkeit erregte, so machte er einen zweiten Halt und las die Worte: »Zum schönen Gestirne,« welche unter ein Gemälde geschrieben waren, welches das anlockendste Bildniß für einen ausgehungerten Reisenden darstellte. Es war ein gebratenes Huhn, das mitten an einem schwarzen Himmel schwebte, während ein Mensch in einem rothen Mantel nach diesem Gestirne einer neuen Art seine Arme und seine Börse ausstreckte.

»Das ist ein Wirthshaus, das sich gut ankündigt,« sprach der Edelmann zu sich selbst, »und der Wirth muß, bei meiner Seele, ein kluger Bursche sein. Ich habe immer sagen hören, die Rue de l’Arbre-Sec wäre ein Quartier des Louvre, und wenn diese Anstalt nur einigermaßen dem Schilde entspricht, so werde ich mich hier vortrefflich befinden.«

Während der Ankömmling sich diesen Monolog zum Besten gab, hielt ein Anderer, der durch das entgegengesetzte Ende der Straße, das heißt durch die Rue Saint-Honoré eingeritten war, ebenfalls an und beschaute mit einer gewissen Begeisterung das Schild des schönen Gestirnes. Derjenige, welchen wir kennen, oder wenigstens dem Namen nach kennen, ritt einen Schimmel von spanischer Race und trug ein schwarzes, mit Schmelz verziertes Wamms. Sein Mantel war von dunkelveilchenblauem Sammet, er hatte schwarze lederne Stiefel, ein Schwert mit cisilirtem eisernem Griffe und einen Dolch ähnlicher Art. Gehen wir von seiner Tracht zu seinem Gesichte über, so bemerken wir: es war ein Mann von vierundzwanzig bis fünfundzwanzig Jahren, von dunkler Gesichtsfarbe, mit blauen Augen, zartem Schnurrbarte, und glänzenden Zähnen, welche, wenn er seinen Mund zu einem seinen, schwermüthigen Lächeln öffnete, sein Antlitz zu erleuchten schienen.

Der zweite Reisende bildete einen völligen Contrast mit dem ersten. Unter seinem Hute mit der aufgeschlagenen Krämpe erschienen reiche, krause, mehr rothe als blonde Haare. Unter diesem Hute glänzte auch ein graues Auge, das bei dem geringsten Anlasse in so heftige Flammen gerieth, daß man es dann hätte für schwarz halten sollen. Das Uebrige des Gesichtes bestand aus einem rosenfarbigen Teint, aus einer dünnen Lippe, über der ein falber Schnurrbart hervorstand, und aus bewunderungswürdigen Zähnen. Er war im Ganzen mit seiner weißen Haut, mit seinem hohen Wuchse und seinen breiten Schultern ein sehr schöner Reiter in der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes, und seit einer Stunde, da er die Nase nach allen Fenstern emporhob, unter dem Vorwande, Wirthsschilder zu suchen, hatten ihn die Frauen viel angeschaut. Was die Männer betrifft, welche vielleicht Anfangs sich geneigt fühlten, zu lachen, als sie seinen Mantel, seine knappen Hosen und seine Stiefeln von alterthümlicher Form erblickten, so verwandelten sie dieses angefangene Lachen in einen artigen Gruß bei der Prüfung dieser Physiognomie, welche in einer Minute zehnerlei verschiedene Ausdrücke annahm, abgesehen von dem wohlwollenden Ausdrucke, welcher stets das Gesicht des verlegenen Provinzbewohners charakterisiert.

Er war es, der sich zuerst an den andern Edelmann wandte, welcher, wie gesagt, ebenfalls das Schild des Gasthofes zum schönen Gestirne betrachtete.

»Mordi, Herr!« sprach er, mit einem furchtbaren Gebirgsaccente, in welchem man den Piemontesen unter hundert Fremden erkennen würde, »ist man hier nicht in der Nähe des Louvre? Jedenfalls glaube ich, daß Ihr denselben Geschmack habt, wie ich, und das ist schmeichelhaft für meine Herrlichkeit.«

»Mein Herr,« antwortete der Andere mit einem Provençalen Accente, der dem piemontesischen Accente des Ersten in keiner Beziehung nachgab, »ich glaube in der That, dieser Gasthof liegt in der Nähe des Louvre. Uebrigens frage ich mich noch, ob ich die Ehre haben werde, Eurer Meinung zu sein. Ich gehe mit mir zu Rathe.«

»Ihr seid nicht entschlossen, mein Herr? das Haus ist doch gewiß einladend. Dann habe ich mich durch Eure Gegenwart anlocken lassen. Gesteht wenigstens, daß das Gemälde sehr hübsch ist.«

»Oh! allerdings, aber das ist es gerade, was mich an der Wirklichkeit zweifeln läßt. Paris ist voll von Betrügern, wie man mir sagt, und man betrügt mit einem Schilde eben so gut, wie mit irgend etwas Anderem.«

»Bei Gott, mein Herr,« versetzte der Piemontese, »ich bekümmere mich nicht viel um Betrügereien, und wenn der Wirth mir einen Vogel liefert, der minder gut geröstet ist, als der seines Schildes, so stecke ich ihn selbst an den Spieß und verlasse ihn nicht eher, als bis ihn das Feuer gehörig abgebräunt hat.«

»Ihr bestimmt mich vollends,« sprach der Provençal lachend, »Ich bitte Euch, zeigt mir den Weg, mein Herr.«

»Oh! mein Herr, bei meiner Seele, das werde ich nicht thun, denn ich bin nur Euer unterthäniger Diener, der Graf Annibal von Coconnas.«

»Und ich, mein Herr, ich bin nur der Graf Joseph Boniface Lerac de La Mole und ganz zu Euren Diensten.«

»Dann nehmen wir uns beim Arme, mein Herr, und treten mit einander ein.«

Das Resultat dieses ausgleichenden Vorschlages war, daß die zwei jungen Leute, welche nun von ihren Pferden stiegen und die Zügel in die Hände eines Hausknechtes warfen, sich beim Arme nahmen und sich nach der Thüre des Gasthofes wandten, auf dessen Schwelle der Wirth stand. Aber gegen die Gewohnheit solcher Leute schien der würdige Eigenthümer dieses Hauses den Ankömmlingen keine Aufmerksamkeit zu schenken; er war ganz vertieft in ein Gespräch mit einem großen trockenen, gelben Burschen, der in einem zunderfarbigen Mantel stack, wie die Eule in ihren Federn.

Die zwei Edelleute waren so nahe zu dem Wirthe und zu dem Menschen in dem zunderfarbigen Mantel gekommen, mit dem er sprach, daß Coconnas, ärgerlich über das geringe Gewicht, welches man auf ihn und seinen Gefährten legte, den Wirth beim Aermel faßte. Dieser schien plötzlich zu erwachen und beurlaubte den Andern mit einem: »Auf Wiedersehen! Kommt bald und haltet mich besonders beständig auf dem Laufenden.«

»He, Mensch!« sprach Coconnas, »seht Ihr nicht, daß man mit Euch zu thun hat?«

»Ah, ich bitte um Vergebung, meine Herren,« versetzte der Wirth, »ich sah Euch nicht.«

»Ei, Mordi! Ihr mußtet uns sehen, und nun, da Ihr uns gesehen habt, so sagt Herr Graf, statt ganz kurz mein Herr zu sagen, wenn es Euch gefällig ist.«

La Mole hielt sich zurück und ließ Coconnas sprechen, der die ganze Sache auf sich genommen zu haben schien. An seiner gerunzelten Stirne konnte man jedoch leicht sehen, daß er bereit war, ihm im geeigneten Augenblicke zu Hilfe zu kommen.

»Nun, was wünscht Ihr, Herr Graf?« fragte der Wirth mit dem ruhigsten Tone.

»Das ist schon besser, nicht wahr?« sagte Coconnas, sich gegen La Mole umwendend, der mit dem Kopfe ein bestätigendes Zeichen machte. »Der Herr Graf und ich wünschen, angelockt durch Euer Schild, Abendbrod und Nachtlager in Eurem Gasthofe zu finden.«.

»Meine Herren, ich bin in Verzweiflung, aber ich habe nur noch ein Zimmer, und ich befürchte, es wird Euch nicht zusagen.«

»Meiner Treue, desto besser,« sprach La Mole, »dann wohnen wir anderswo.«

»Nein, nein, ich wohne hier,« sagte Coconnas, »mein Pferd ist abgerieben, ich nehme also das Zimmer, da Ihr es nicht wollt.«

»Ah, das ist etwas Anderes,« sprach der Wirth, stets mit demselben unverschämten Phlegma, »wenn Ihr nur Einer seid, so kann ich Euch gar nicht aufnehmen«

»Mord und Todt« rief Coconnas, »bei meiner Treue, das ist ein lustiges Thier. So eben waren wir zu Zwei zu viel, nun sind wir als Einer zu wenig. Du willst uns also nicht beherbergen, Bursche?«

»Meine Herren, da Ihr die Sache in diesem Tone aufnehmt, so will ich Euch offenherzig antworten.«

»Antworte, aber geschwinde!«

»Nun, ich wünsche nicht die Ehre zu haben, Euch zu beherbergen.«

»Warum?« fragte Coconnas vor Zorn erbleichend.

»Weil Ihr keine Lackeien habt und mir dieß für ein volles Herrenzimmer zwei leere Lackeienzimmer machen würde. Wenn ich Euch nun das Herrenzimmer gebe, so laufe ich Gefahr, die andern nicht zu vermiethen.«

»Herr de La Mole, »sprach Coconnas, sich umwendend, »kommt es Euch nicht auch vor, wir sollten diesen Burschen zusammenhauen.«

»Das ist thunlich,« sprach La Mole und schickte sich, wie sein Gefährte an, den Wirth mit Peitschenhieben zu bearbeiten.

Aber trotz dieser doppelten Demonstration, welche von Seiten der zwei, wie es schien, entschlossenen Edelleute nichts sehr Beruhigendes hatte, gerieth der Wirth nicht aus der Fassung und begnügte sich, einen Schritt zurückzuweichen, um in seinem Hause zu sein.

»Man sieht,« sagte er spöttisch lachend, »daß diese Herren aus der Provinz kommen. In Paris ist die Mode, die Wirthe zu mißhandeln, welche ihre Zimmer nicht vermiethen wollen, abgekommen. Man haut die vornehmen Herren zusammen, und nicht die Bürger, und wenn Ihr zu sehr schreit, so rufe ich meine Nachbarn, und Ihr werdet mit Hieben bearbeitet, was eine zweier Edelleute ganz unwürdige Behandlung ist.«

»Mord und Teufel! er verspottet uns!« rief Coconnas ganz außer sich.

»Gregor, meine Büchse!« sprach der Wirth zu seinem Knechte, mit demselben Tone, als wenn er gesagt hätte: Einen Stuhl für diese Herren!

»Tod und Teufel!« brüllte Coconnas, sein Schwert ziehend, »macht Euch doch ein wenig warm, Herr de La Mole!«

»Nein, wenn es Euch gefällig ist, nein, denn während wir uns warm machen, wird das Abendbrod kalt.«

»Wie Ihr findet …« rief Coconnas.

»Ich finde, daß der Herr vom Schönen Gestirne Recht hat. Nur weiß er seine Reisenden nicht gut zu fassen, besonders wenn es Edelleute sind. Statt auf eine grobe Weise zu uns zu sagen: »»Meine Herren, ich will nichts von Euch,«« hätte er höflich zu uns sagen sollen: »Meine Herren, tretet ein!«« mit dem Vorbehalte, auf seine Rechnung zu sehen:Herrenzimmer so viel, Lackeienzimmer so viel, in Betracht, daß wir, wenn wir keine Lackeien haben, doch solche zu nehmen gedenken.«

»Hiernach schob La Mole den Wirth, welcher schon seine Hand nach der Büchse ausstreckte, sachte auf die Seite, ließ Coconnas vorbeigehen und trat hinter ihm in das Haus.

»Gleichviel,« sprach Coconnas, »es fällt mir sehr schwer, meinen Degen wieder in die Scheide zu stecken, ehe ich mich versichert habe, daß er so gut sticht, als die Spicknadel dieses Burschen.«

»Geduld, mein lieber Gefährte,« sagte La Mole, »alle Gasthöfe sind voll von Edelleuten, welche durch die Hochzeitfeste oder durch den nahe bevorstehenden flandrischen Feldzug nach Paris gezogen werden. Wir würden kein anderes Quartier mehr finden, und vielleicht ist es in Paris Gewohnheit, die ankommenden Fremden so zu empfangen.«

»Wie geduldig seid Ihr doch, Herr de La Mole,« murmelte Coconnas, vor Wuth seinen rothen Schnurrbart drehend und den Wirth mit den Augen anblitzend, »aber der Schurke soll sich in Acht nehmen. Wenn seine Küche schlecht, wenn sein Bett hart, wenn sein Wein nicht drei Jahre auf Flaschen gezogen, wenn sein Aufwärter nicht geschmeidig ist, wie ein Rohr …«

»Bah, bah, mein Herr,« sagte der Wirth, das Messer von seinem Gürtel an einem Stahle wetzend, »beruhigt Euch, Ihr seid im Schlaraffenland.«

Dann murmelte er ganz leise und den Kopf schüttelnd:

»Das ist ein Hugenott. Die Schufte sind so unverschämt seit der Verheirathung ihres Bearners mit Mademoiselle Margot.«

Mit einem Lächeln, das seine Gäste beben gemacht haben würde, wenn sie es gesehen hatten, fügte er bei:

»Ah! das müßte doch lustig sein, wenn mir Hugenotten in die Hände gefallen wären, und wenn …«

»Werden wir zu Nacht speisen?« fragte Coconnas mit zornigem Tone, die Beiseitereden des Wirthes unterbrechend.

»Wie es Euch gefällt, mein Herr,« antwortete dieser, ohne Zweifel durch seinen letzten Gedanken besänftigt.

»Es ist uns gefällig, und zwar bald,« antwortete Coconnas.

Dann sich gegen La Mole umwendend, fragte er:

»Ei, sagt mir doch, mein Herr Graf, ist Euch Paris zufällig als eine heitere Stadt vorgekommen?«

»Meiner Treue, nein,« sprach La Mole, »es scheint mir, ich habe nur verwilderte oder zurückstoßende Gesichter gesehen. Vielleicht haben die Pariser Furcht vor dem Sturme. Seht, wie schwarz der Himmel und wie schwer die Luft ist!«

»Sagt mir, Graf, Ihr sucht den Louvre, nicht wahr?«

»Und Ihr ebenfalls, glaube ich, Herr von Coconnas.«

»Gut, wenn Ihr wollt, so suchen wir ihn mit einander.

»Ei, ist es nicht ein wenig zu spät, um auszugehen?« sprach La Mole.

»Spät oder nicht, ich muß ausgehen. Meine Befehle sind genau. So schnell als möglich nach Paris kommen und sogleich nach der Ankunft den Herzog von Guise aufsuchen.«

Bei dem Namen des Herzogs von Guise näherte sich der Wirth sehr aufmerksam.

»Es scheint mir, dieser Schuft behorcht uns,« sagte Coconnas, der als Piemontese sehr streitsüchtig war und dem Herrn des schönen Gestirnes die unhöfliche Weise, wie er seine Reisenden empfing, nicht verzeihen konnte.

»Ja, meine Herren, ich horche,« sagte dieser, die Hand an seiner Mütze legend, »aber um Euch zu dienen. Ich höre von dem großen Herzog von Guise sprechen und eile. Womit kann ich Euch dienen, meine gnädigen Herren?«

»Ah, ah, dieser Name ist magisch, wie es scheint; denn aus dem Unverschämten ist ein Unterthäniger geworden. Mordi! Meister, Meister … wie heißt Du?«

«Meister La Hurière,« antwortete der Wirth, sich verbeugend.

»Nun wohl, Meister La Hurière, glaubst Du vielleicht, mein Arm sei minder schwer, als der des Herrn Herzogs von Guise, der das Vorrecht hat, Dich so höflich zu machen.«

»Nein, mein Herr Graf, aber er ist minder lang,« versetzte La Hurière. »Ueberdieß muß ich Euch sagen, daß dieser große Heinrich der Abgott von uns Parisern ist.«

»Welcher Heinrich?« fragte La Mole.

»Es scheint mir, es gibt nur einen,« versetzte der Wirth.

»Und das ist?«

»Heinrich von Guise.«

»Um Vergebung, mein Freund, es gibt noch einen Andern, von dem ich Euch nichts Böses zu sagen bitte; dieß ist Heinrich von Navarra, abgesehen von Heinrich von Condé, der auch sein Verdienst hat.«

»Diese kenne ich nicht,« erwiederte der Wirth.

»Ja, aber ich kenne sie,« sprach La Mole, »und da ich an den König von Navarra adressiert bin, »so bitte ich Euch, in meiner Gegenwart nicht über ihn zu schmähen.«

Der Wirth beschränkte sich darauf, ohne Herrn de La Mole zu antworten, leicht seine Mütze zu berühren, und sagte sodann fortwährend mit freundlichen Augen gegen Coconnas:

»Der gnädige Herr wird also mit dem großen Herzog von Guise sprechen? Der gnädige Herr ist ein sehr glücklicher Mann und kommt ohne Zweifel wegen …«

«Warum?« fragte Coconnas.

»Wegen des Festes,« antwortete der Wirth mit einem sonderbaren Lächeln.

»Wegen der Feste solltet Ihr sagen, denn Paris überströmt von Festen, wie ich gehört habe. Man spricht wenigstens nur von Bällen, von Gelagen, von Ringelrennen. Belustigt man sich nicht ungemein in Paris?«

»Mäßig, gnädiger Herr, wenigstens bis jetzt,« antwortete der Wirth, »aber man wird sich belustigen, wie ich hoffe.«

»Die Hochzeit Seiner Majestät des Königs von Navarra zieht doch viele Menschen in diese Stadt,« sprach La Mole.

»Viele Hugenotten, ja Herr,« erwiederte La Hurière mit rauhem Tone. Dann sich fassend sprach er:

»Ah, um Vergebung, die Herren sind vielleicht von dieser Religion?«

»Ich von dieser Religion!« rief Coconnas, »ich bin ein Katholik wie unser heiliger Vater, der Papst.«

La Hurière wandte sich gegen La Mole um, als wollte er ihn fragen; aber entweder begriff dieser seinen Blick nicht oder er hielt es nicht für geeignet zu antworten.

»Wenn Ihr Seine Majestät den König von Navarra nicht kennt, Meister La Hurière, so kennt Ihr doch vielleicht den Herrn Admiral. Ich hörte, der Herr Admiral genösse einige Gunst bei Hofe, und da ich ihm empfohlen bin, so wünsche ich, wenn seine Adresse Euch nicht den Mund schindet, zu wissen, wo er wohnt.«

»Er wohnte in der Rue de Béthisy, mein Herr, hier rechts,« antwortete der Wirth mit einer innern Freude, die zu einer äußern zu werden sich nicht erwehren konnte.

»Wie? er wohnte?« fragte La Mole, »ist er denn ausgezogen?«

»Ja, wenigstens aus dieser Welt.«,

»Was soll das heißen?« riefen gleichzeitig die zwei Edelleute. »Der Admiral ist aus dieser Welt gezogen?«

»Wie, Herr von Coconnas,« fuhr der Wirth mit einem boshaften Lächeln fort, »Ihr gehört zu den Anhängern von Guise, und wißt dies nicht?«

»Was denn?«

»Daß der Admiral, als er vorgestern auf der Place Saint-Germain-l’Auxerrois vor dem Hause des Canonicus Peter Pille vorüberging, einen Büchsenschuß bekommen hat?«

»Und er ist todt!« rief La Mole.

»Nein, der Schuß hat ihm nur den Arm zerschmettert und zwei Finger abgeschlagen, aber man hofft, die Kugeln werden vergiftet gewesen sein.«

»Wie, Schurke! man hofft!« rief La Mole.

»Man glaubt, will ich sagen,« versetzte der Wirth. »Streiten wir uns nicht über ein Wort, ich habe mich nur versprochen.«

Und Meister La Hurière wandte La Mole den Rücken zu und streckte gegen Coconnas auf die hämischste Weise die Zunge heraus, diese Geberde mit einem Blicke des Einverständnisses begleitend.

»In der That!« sagte Coconnas strahlend.

»In der That!« murmelte La Mole mit schmerzlichem Erstaunen.

»Es ist, wie ich Euch zu sagen die Ehre habe,« antwortete der Wirth.

»Dann gehe ich, ohne einen Augenblick zu verlieren, in den Louvre. Werde ich wohl den König Heinrich dort finden?«

»Es ist wahrscheinlich, da er daselbst wohnt.«

»Und ich gehe auch in den Louvre,« sagte Coconnas, »ei, werde ich den Herzog von Guise wohl dort finden.«

»Es ist wahrscheinlich, ich habe ihn vorhin mit seinen zweihundert Edelleuten vorüber reiten sehen.«

»Dann kommt, Herr von Coconnas,« sprach La Mole.

»Ich folge Euch, mein Herr,« sagte Coconnas.

»Aber Euer Abendbrod, meine gnädigen Herrn?« sagte Meister La Hurière.

»Ah,« erwiederte La Mole, »ich speise vielleicht bei dem König von Navarra zu Nacht.«

»Und ich bei dem Herzog von Guise.«

»Und ich,« sprach der Wirth, nachdem er den zwei Edelleuten, welche den Weg nach den Louvre einschlugen, mit den Augen gefolgt war, »ich will meine Pickelhaube putzen, meine Büchse mit Zündkraut versehen und meine Partisane schleifen.«




V.

Vom Louvre insbesondere und von der Tugend im Allgemeinen


Von der ersten Person, die ihnen begegnete, unterrichtet, gingen die zwei Edelleute durch die Rue d’Averon, durch die Rue des Fossés-Saint-Germain-l'Auxerrois und befanden sich bald vor dem Louvre, dessen Thürme sich mit den ersten Schatten des Abends zu vermischen anfingen.

»Was habt Ihr denn?« fragte Coconnas La Mole, der bei dem Anblicke des alten Schlosses stehen blieb und mit einer gewissen Achtung diese Zugbrücken, diese schmalen Fenster und diese spitzigen Thürme, welche plötzlich vor seine Augen traten, betrachtete.

»Meiner Treu, ich weiß es nicht, das Herz schlägt mir. Ich bin doch nicht übermäßig furchtsam, aber ich weiß nicht, warum mir dieser Palast so düster, ich möchte sagen, so furchtbar erscheint.«

»Und ich,« sagte Coconnas, »ich weiß nicht, wie mir geschieht, aber ich bin von einer besondern Heiterkeit. Mein Aussehen ist ein wenig vernachlässigt,« fuhr er, mit den Augen seine Reisekleider überlaufend, fort. »Bah! Man erscheint in Reitertracht. Dann schärften mir auch meine Befehle Eile ein. Ich werde also willkommen sein, da ich pünktlich gehorcht habe.«

Und die zwei jungen Edelleute setzten ihren Weg fort, jeder bewegt von den Gefühlen, die er ausgedrückt hatte.

Es war starke Wache im Louvre; alle Posten schienen verdoppelt. Unsere jungen Leute waren also Anfangs sehr in Verlegenheit. Aber Coconnas, welcher bemerkt hatte, daß der Name des Herzogs von Guise eine Art von Talisman bei den Parisern war, näherte sich einer Wache, berief sich auf diesen allmächtigen Namen und fragte, ob er nicht in den Louvre gelangen könnte.

Dieser Name schien seine gewöhnliche Wirkung auf den Soldaten hervorzubringen. Er fragte jedoch Coconnas, ob er die Parole hatte.

Coconnas war genöthigt, zu gestehen, er wüßte sie nicht.

»Dann geht zurück, Herr,« sagte der Soldat.

Ein Mensch, der mit dem Offizier des Postens plauderte und während seines Plauderns gehört hatte, wie Coconnas in den Louvre eingelassen zu werden verlangte, unterbrach in diesem Augenblick sein Gespräch, kam zu ihm und sagte in dem sonderbarsten Jargon der Welt:

»Was wollt Ihr von Herrn von Guise?«

»Ich will mit ihm sprechen,« antwortete Coconnas lächelnd.

»Unmöglich, der Herzog ist bei dem König.«

»Ich habe aber einen Avisbrief, worin ich beauftragt bin, nach Paris zu kommen.«

»Ah, Ihr habt einen Avisbrief?«

»Ja, und ich komme von sehr ferne her.«

»Ah, Ihr kommt von sehr ferne her?«

»Ich komme von Piemont.«

»Gut, gut, das ist etwas Anderes. Und Ihr heimßt?«

»Graf Annibal von Coconnas.«

»Gut, gut, gebt den Brief, Herr Annibal, gebt ihn.«

»Das ist auf mein Wort ein sehr artiger Mann,« sagte La Mole, mit sich selbst sprechend. »Könnte ich nicht einen ähnlichen finden, der mich zu dem König von Navarra führen würde?«

»Gebt doch den Brief,« fuhr der deutsche Edelmann, die Hand nach dem zögernden Coconnas ausstreckend, fort.

»Mordi!« versetzte der Piemontese mißtrauisch wie ein halber Italiener, »ich weiß nicht, ob ich soll. Ich habe nicht die Ehre, Euch zu kennen, mein Herr.«

Ich bin Pesme und gehöre dem Herzog von Guise.«

»Pesme,« murmelte Coconnas, »ich kenne diesen Namen nicht.«

»Es ist Herr von Besme, gnädiger Herr,« sagte die Wache. »Die Aussprache täuscht Euch. Gebt den Brief dem Herrn; ich stehe gut dafür.«

»Ah, Herr von Besme!« rief Coconnas, »ich glaube wohl, daß ich diesen Namen kenne. Hier ist der Brief mit dem größten Vergnügen. Entschuldigt mein Zögern, aber man muß sich so benehmen, wenn man treu sein will.«

»Gut, gut,« sprach Besme, »es bedarf keiner Entschuldigung.«

»Meiner Treue, Herr,« sagte La Mole, sich ebenfalls nähernd. »wolltet Ihr wohl, da Ihr so höflich seid, meinen Brief übernehmen, wie Ihr es mit dem meines Gefährten gethan habt?«

»Wie heißt Ihr?«

»Graf Lerac de La Mole.«

»Graf Lerac de La Mole?«

»Ja.«

»Ich kenne diesen Namen nicht.«

»Es ist ganz einfach, daß ich Euch nicht bekannt bin, mein Herr, denn ich bin ein Fremder und komme, wie der Graf von Coconnas, von sehr ferne her.«

»Und woher kommt Ihr?«

»Aus der Provence.«

Ebenfalls mit einem Briefe?«

»Ja.«

»Für Herrn von Guise?«

»Nein, für Seine Majestät den König von Navarra.

»Ich gehöre nicht dem König von Navarra,« – sprach von Besme mit plötzlich eintretender Kälte, »ich kann also Euren Brief nicht übernehmen.«

Und La Mole den Rücken zuwendend, ging er in den Louvre und machte Coconnas ein Zeichen, ihm zu folgen.

La Mole blieb allein.

In diesem Augenblicke ritt durch das mit dem Thore, durch welches Coconnas und Besme gegangen waren, parallel liegende Thor eine Truppe von ungefähr hundert Mann heraus.

»Ah! Ah!« sagte die Schildwache zu ihrem Cameraden, »das ist von Mouy mit seinen Hugenotten. Sie strahlen in der That. Der König wird ihnen den Tod des Mörders des Admirals versprochen haben, und da es der Mensch ist, der den Vater von Mouy getödtet hat, so wird der Sohn mit einem Steine zwei Schläge thun.«

»Um Vergebung,« versetzte La Mole, sich an den Soldaten wendend, »habt Ihr nicht gesagt, mein Braver, dieser Officier wäre Herr von Mouy?«

»Ja, mein Herr.«

»Und diejenigen, welche ihn begleiteten, wären …«

»Parpaillots[6 - Ein Spottname für die Hugenotten.]. Das habe ich gesagt.

»Ich danke,« sagte La Mole, ohne daß es schien, als bemerkte er den verächtlichen Ausdruck, dessen sich die Schildwache bediente, »mehr wollte ich nicht wissen.«

Und sich gegen den Führer der Reitertruppe wendend, sagte er zu diesem:

»Mein Herr, ich erfahre, Ihr seid Herr von Mouy.«

»Ja, mein Herr,« antwortete der Offizier mit höflichem Tone.

»Euer unter den Anhängern der Religion so wohl bekannter Name macht mich so kühn, mich an Euch zu wenden und Euch um einen Dienst zu bitten.«

»Um welchen, mein Herr? Doch vor Allem, mit wem habe ich zu sprechen die Ehre?«

»Mit dem Grafen Lerac de La Mole.«

Die zwei jungen Leute begrüßten sich.

»Ich höre, mein Herr,« sagte Mouy.

»Mein Herr, ich komme von Aix und bin der Ueberbringer eines Briefes von Herrn d’Aunac, dem Gouverneur der Provence. Dieser Brief ist an den König von Navarra gerichtet und enthält wichtige, dringende Nachrichten. Wie kann ich denselben dem König zustellen Wie kann ich in den Louvre gelangen?«

»Nichts leichter, als in den Louvre zu gelangen,« versetzte von Mouy, »nur glaube ich, der König von Navarra wird zu dieser Stunde zu sehr beschäftigt sein, um Euch zu empfangen. Doch gleichviel, wenn Ihr mir folgen wollt, so führe ich Euch bis zu seinem Gemach. Das Uebrige ist Eure Sache.«

»Tausend Dank!«

»Kommt, Herr,« sprach von Mouy.

Von Mouy stieg vom Pferde, warf den Zügel seinem Lakaien zu, ging nach der Pforte, gab sich der Schildwache zu erkennen, führte La Mole in das Schloß und sagte, die Thüre der Wohnung des Königs öffnend:

»Tretet ein, mein Herr, und erkundigt Euch.«

Und sich vor La Mole verbeugend, entfernte er sich.

»Als La Mole allein war, schaute er um sich her. Das Vorzimmer war leer, aber eine von den inneren Thüren offen. Er machte einige Schritte und befand sich in einem Gange. Er klopfte und rief, ohne daß Jemand antwortete. Es herrschte die tiefste Stille in diesem Theile des Louvre.«

»Wer sprach mir denn von einer so strengen Etiquette?« dachte er. »Man kommt und geht in diesem Palast, wie auf einem öffentlichen Platze.«

Und er rief abermals, aber ohne bessern Erfolg, als das erste Mal.

»Gehen wir vorwärts,« dachte er.

Und er schritt durch den Gang, welcher immer finsterer wurde.

Plötzlich öffnete sich eine Thüre, und es erschienen zwei Pagen, welche Fackeln trugen und damit eine Frau von imposanter Gestalt, von majestätischer Haltung und besonders von einer bewunderungswürdigen Schönheit beleuchteten.

Es fiel das volle Licht auf La Mole, welcher unbeweglich stehen blieb.

Die Frau blieb ebenfalls stehen und fragte den jungen Mann mit einer Stimme, welche wie eine kostbare Musik in seinen Ohren klang:

»Was wollt Ihr, mein Herr?«

»Ah! Madame,« erwiederte La Mole, die Augen niederschlagend, »ich bitte Euch, entschuldigt mich, ich verlasse so eben Herrn von Mouy, der die Güte gehabt hat, mich hierher zu führen, und ich suchte den König von Navarra.«

»Seine Majestät ist nicht hier, mein Herr; der König ist, glaube ich, bei seinem Schwager. Aber könntet Ihr in seiner Abwesenheit nicht der Königin sagen …?«

»Allerdings, Madame,« versetzte La Mole, »wenn irgend Jemand sich herablassen wollte, mich zu ihr zu führen.«

»Ihr steht vor ihr.«

»Wie?« rief La Mole.

»Ich bin die Königin von Navarra,« sagte Margarethe.

La Mole machte eine so ungestüme Bewegung des Erstaunens und Schreckens, daß die Königin lächelte.

»Sprecht geschwinde, mein Herr,« sagte sie, »denn man erwartet mich bei der Königin Mutter.«

»Oh! Madame, wenn Ihr sogleich erwartet werdet, so erlaubt mir, mich zu entfernen, denn es wäre mir in diesem Augenblick unmöglich, mit Euch zu sprechen. Ich bin nicht im Stande, zwei Gedanken zusammenzufassen; Euer Anblick hat mich geblendet. Ich denke nicht mehr, ich bewundere.«

Margarethe ging voll Anmuth und Güte auf den schönen jungen Mann zu, der, ohne es zu wissen, als vollendeter Höfling gehandelt hatte, und sagte:

»Beruhigt Euch, mein Herr, ich werde warten, und man wird auf mich warten.«

»Oh! vergebt, Madame, wenn ich Euere Majestät von Anfang nicht mit aller Achtung begrüßt habe, welche sie von einem ihrer unterthänigsten Diener anzusprechen befugt ist.«

»Ihr hieltet mich wohl für eine von meinen Frauen?« fuhr Margarethe fort.

»Nein, Madame, sondern für den Schatten der schonen Diana von Poitiers. Man sagt mir, sie erscheine zuweilen im Louvre.«

»Mein Herr,« versetzte Margarethe, »ich habe nicht bange, daß Ihr Euer Glück bei Hofe machen werdet. Ihr hattet einen Brief für den König, wie Ihr sagtet? das war unnöthig. Doch gleich viel, wo ist er? Ich werde ihm denselben zustellen. Doch eilt, ich bitte Euch.«

In einem Augenblick schob La Mole die Nesteln seines Wammses auf die Seite und zog aus seiner Brust den in einem seidenen Umschlage verwahrten Brief hervor.

Die Königin nahm den Brief und betrachtete die Schrift.

»Seid Ihr nicht Herr de La Mole?« sagte sie.

»Ja, Madame. Oh, mein Gott, sollte ich das Glück haben, Euerer Majestät dem Namen nach bekannt zu sein?«

»Ich habe Euren Namen von dem König, meinem Gemahl, und von meinem Bruder, dem Herzog von Alençon, aussprechen hören. Ich weiß, daß man Euch erwartet.«

Und sie steckte in ihren von Stickereien und Diamanten starrenden Leib den Brief, der aus dem Busen des jungen Mannes kam und von der Wärme seiner Brust noch lau war.

La Mole folgte gierig mit den Augen jeder Bewegung von Margarethe.

»Mein Herr,« sprach die Königin, »geht nun in die untere Gallerie hinab und wartet, bis Jemand von dem König von Navarra oder dem Herzog von Alençon, kommt. Einer von meinen Pagen wird Euch führen.

Nach diesen Worten setzte die Königin ihren Weg fort. La Mole drückte sich an die Wand, aber der Gang war so eng und der Wulst der Königin von Navarra so breit, das ihr seidenes Gewand das Kleid des jungen Mannes streifte, während ein starker Wohlgeruch sich auf der Stelle verbreitete, wo sie vorübergekommen war.

La Mole bebte am ganzen Leibe und suchte einen Ruhepunkt an der Mauer, da er fühlte, daß er dem Niederfallen nahe war.

»Kommt, Herr,« sagte der Page, welcher den Auftrag hatte, La Mole in die untere Gallerie zu führen.

»Oh, ja, ja!« rief La Mole ganz berauscht, denn da ihm der junge Mann den Weg andeutete, auf welchem sich Margarethe entfernt hatte, so hoffte er, rasch gehend, sie noch einmal zu sehen.

Als er oben an die Treppe gelangte, erblickte er sie wirklich im unteren Stockwerke, und da Margarethe, sei es aus Zufall, sei es, weil das Geräusch seiner Schritte bis zu ihr drang, den Kopf emporhob, so konnte er sie noch einmal sehen.

»Oh!« sprach er, dem Pagen folgend, »das ist keine Sterbliche, das ist eine Göttin, und, wie Virgilius Maro sagt:

		Et vera incessu patuit dea.

»Nun?« fragte der junge Page.

»Hier bin ich,« erwiederte La Mole, »verzeiht, hier bin ich.«

Der Page schritt voran, ging einen Stock hinunter, öffnete eine erste Thüre, dann eine zweite, und sagte auf der Schwelle stille stehend:

»Hier ist der Ort, wo Ihr warten sollt.«

La Mole trat in die Gallerie, deren Thüre sich hinter ihm schloß.

Es war Niemand in der Gallerie, außer einem Herrn, der auf und ab ging und ebenfalls zu warten schien.

Schon fing der Abend an, breite Schatten von den Gewölben herabfallen zu lassen, und obgleich die zwei Männer kaum zwanzig Schritte von einander entfernt waren, so konnten sie doch ihre Gesichter nicht erkennen. La Mole näherte sich.

»Gott vergebe mir!« murmelte er, als er nur noch ein paar Schritte von den Andern entfernt war, »ich finde den Herrn Grafen von Coconnas wieder hier.«

Bei dem Geräusch seiner Schritte hatte sich der Piemontese bereits umgekehrt, und er schaute ihn mit demselben Erstaunen an, mit welchem er selbst angeschaut wurde.

»Mordi!« rief er, »es ist Herr de La Mole, oder der Teufel soll mich holen. Was mache ich denn da? ich schwöre wie der König; bah! es scheint, der König schwört noch ganz anders, als ich, und zwar sogar in den Kirchen. Wir sind also hier im Louvre?«

»Wie Ihr seht; Herr von Besme hat Euch eingeführt?«

»Ja, es ist ein vortrefflicher Deutscher, dieser Herr von Besme… Und wer hat Euch zum Führer gedient?«

»Herr von Mouy. Ich sagte Euch, die Hugenotten ständen nicht mehr so schlecht bei Hofe. Habt Ihr Herrn von Guise getroffen?«

»Nein noch nicht … Und Ihr, habt Ihr Audienz bei dem König von Navarra erhalten?«

»Nein, aber es kann nicht mehr lange dauern. Man hat mich hierher geführt und hier warten heißen.«

»Ihr werdet sehen, es handelt sich um ein großes Abendbrod, und wir sitzen, beim Schmause neben einander. Welch ein sonderbarer Zufall! Seit zwei Stunden vereinigt uns das Schicksal. Aber was habt Ihr? Ihr scheint in Gedanken vertieft?«

»Ich?« versetzte la Mole bebend, denn er blieb immer noch wie geblendet von der Erscheinung, die er gesehen hatte, »nein, der Ort, an dem wir uns treffen, gibt in meinem Innern zu einer Menge von Betrachtungen Anlaß.

»Zu philosophischen, nicht wahr? das ist gerade wie bei mir. Als Ihr eintratet, kamen mir alle Ermahnungen meines Lehrers in den Kopf. Kennt Ihr den Plutarch, Herr Graf?«

»Wie?« erwiederte La Mole lächelnd, »das ist einer von meinen Lieblingsschriftstellern.«

»Gut,« fuhr Coconnas mit ernstem Tone fort, »dieser große Mann hat sich, wie es mir scheint, nicht getäuscht, wenn er die Gaben der Natur mit balsamischen Pflanzen von unvergänglichem Wohlgeruche und von mächtiger Wirksamkeit für die Heilung von Wunden vergleicht.«

»Versteht Ihr Griechisch, Herr von Coconnas?« sprach La Mole, seinen Gefährten fest anschauend.

»Nein, aber mein Lehrer verstand es, und er empfahl mir sehr, wenn ich am Hofe wäre, über die Tugend zu reden. »»Das hat ein gutes Aussehen,«« sagte er. Ich bin auch in dieser Hinsicht gepanzert, darauf mache ich Euch aufmerksam. Doch, sprecht, habt Ihr Hunger?«

»Nein.«

»Es kam mir aber vor, als ob es Euch sehr nach dem gebratenen Vogel im Schönen Gestirne gelüstete; ich sterbe vor Hunger.«

»Wohl, Herr von Coconnas, da habt Ihr eine Gelegenheit, Euere Argumente über die Tugend zu benützen und Euere Bewunderung für Plutarch zu beweisen, denn dieser große Schriftsteller sagt irgendwo: Es ist gut, die Seele an den Schmerz und den Magen an den Hunger zu gewöhnen.«

»Ah! Ihr versteht also Griechisch?« rief Coconnas erstaunt.

»Gewiß!« antwortete La Mole, »mein Lehrer hat mir darin Unterricht gegeben.«

»Mordi, Graf, dann ist Euer Glück gesichert; Ihr macht Verse mit König Karl IX., und sprecht Griechisch mit der Königin Margarethe.«

»Abgesehen davon,« fügte La Mole lächelnd bei, »daß ich mit dem König von Navarra Gascognisch sprechen kann.«

In diesem Augenblick wurde die Thüre der Gallerie, welche nach der Wohnung des Königs führte, geöffnet; es ertönte ein Tritt, man sah in der Dunkelheit einen Schatten sich nahen. Dieser Schatten wurde ein Körper. Dieser Körper war der von Herrn von Besme.

Er schaute den zwei jungen Männern in das Gesicht, um den seinigen zu erkennen, und bedeutete Coconnas durch ein Zeichen, er möge ihm folgen.

Coconnas grüßte La Mole mit der Hand.

Von Besme führte Coconnas an das Ende der Gallerie, öffnete eine Thüre und befand sich mit ihm auf der ersten Stufe einer Treppe.

Hier angelangt, blieb er stille stehen, schaute rings um sich her, dann aufwärts, dann abwärts und sagte endlich:

»Herr von Coconnas, wo wohnt Ihr?«

»Im Gasthofe zum Schönen Gestirne.«

»Gut, gut, in der Rue de l’Arbre-Sec, zwei Schritte von hier. Begebt Euch schnell in Euern Gasthof und diese Nacht…«

Er schaute abermals um sich her.

»Nun, diese Nacht?« fragte Coconnas.

»Diese Nacht kommt mit einem weißen Kreuze an Euerem Hute wieder hierher. Das Losungswort istGuise. Stille, reinen Mund gehalten.«

»Um welche Stunde soll ich kommen?«

»Sobald Ihr die Sturmglocke hört.«

»Gut, ich werde hier sein.«

Und sich vor Herrn von Besme verbeugend, entfernte er sich, ganz leise sich fragend:

»Was Teufels will er damit sagen, und warum soll die Sturmglocke ertönen? Gleichviel, ich bleibe bei meiner Meinung, es ist ein vortrefflicher Deutscher, dieser Herr von Besme. Soll ich auf den Grafen de La Mole warten? Meiner Treue, nein; er wird wahrscheinlich mit dem König von Navarra zu Nacht speisen.«

Und Coconnas wandte sich nach der Rue de l’Arbre-Sec, wohin ihn das Schild zum Schönen Gestirne wie eine Geliebte zog.

Während dieser Zeit öffnete sich eine Thüre der Gallerie, welche mit den Gemächern des Königs von Navarra in Verbindung stand, und ein Page trat auf Herrn de La Mole zu.

»Ihr seid wohl der Graf de La Mole’?« sagte er.

»Ich bin es.«

»Wo wohnt Ihr?«

»Im Schönen Gestirne«

»Gut, das ist vor dem Thor des Louvre. Hört: … Seine Majestät läßt Euch sagen, sie könne Euch in diesem Augenblicke nicht empfangen, werde Euch aber vielleicht in dieser Nacht holen lassen. Habt Ihr morgen früh keine Nachricht von dem König, so kommt jedenfalls in den Louvre.«

»Wenn mir aber die Schildwache den Eintritt verweigert?«

»Ah! Ihr habt Recht… Das Losungswort istNavarra; sagt dieses Wort und alle Thüren werden sich vor Euch öffnen.«

»Ich danke.«

»Wartet, Herr, ich habe Befehl, Euch bis an die Pforte zurückzuführen, man befürchtet, Ihr könntet Euch im Louvre verirren.«

»Wie steht es mit Coconnas?« sagte La Mole zu sich selbst, als er sich außerhalb des Palastes befand. »Oh! er wird ohne Zweifel bei dem Herzog von Guise zum Abendbrod geblieben sein.«

Als er aber wieder bei Meister La Hurière eintrat, war das erste Gesicht, welches unser Mann erblickte, das von Coconnas, der vor einem riesigen Speckpfannekuchen saß.

»Oh! Oh!« rief Coconnas laut lachend, »Ihr habt eben so wenig bei dem König von Navarra zu Mittag, als ich bei dem Herzog von Guise zu Nacht gespeist.«

»Meiner Treu, nein.«

»Und der Hunger ist Euch gekommen?«

»Ich glaube ja.«

»Trotz Plutarch?«

»Herr Graf,« erwiederte La Mole lachend, »Plutarch sagt an einer andern Stelle: derjenige, welcher hat, muß mit dem, welcher nicht hat, theilen. Wollt Ihr Plutarch zu Liebe Euern Pfannekuchen mit mir theilen? Wir sprechen, während wir essen, von der Tugend.«

»Oh! meiner Treue, nein,« versetzte Coconnas, »das ist gut im Louvre, wenn man behorcht zu werden befürchtet und der Magen leer ist. Setzt Euch hierher und eßt mit mir.«

»Hört Graf, ich sehe, daß uns das Schicksal offenbar unzertrennlich macht. Schlaft Ihr hier?«

»Ich weiß es nicht.«

»Ich auch nicht.«

»In jedem Falle weiß ich wohl, wo ich die Nacht zubringen werde.«

»Wo?«

»Wo Ihr sie selbst zubringt; das ist unfehlbar.«

Und Beide fingen an zu lachen und machten sodann dem Pfannekuchen des Meister La Hurière alle Ehre.




VI.

Die bezahlte Schuld


Will der Leser nun wissen, warum Herr de La Mole nicht vom König, warum Herr von Coconnas nicht von Herrn von Guise empfangen wurde, und warum endlich Beide statt im Louvre Fasanen, Feldhühner und Rehbraten zu speisen, im Gasthause zum Schönen Gestirne einen Speckpfannekuchen verzehrten, so muß er mit uns in den alten Palast der Könige zurückkehren und der Königin Margarethe von Navarra folgen, welche La Mole am Eingange der Gallerie aus dem Auge verloren hatte.

Als sie die Treppe hinabstieg, war der Herzog Heinrich von Guise, den sie seit ihrer Hochzeitnacht nicht gesehen hatte, in dem Cabinet des Königs. An dieser Treppe, welche Margarethe hinabstieg, war ein Ausgang. An dem Cabinet, in welchem sich Herr von Guise befand, war eine Thüre; diese Thüre und dieser Ausgang führten nun beide in einen Corridor, und dieser Corridor führte in die Gemächer der Königin Mutter, Catharina von Medicis.

Catharina von Medicis war allein. Sie saß an einem Tische, den Ellenbogen auf ein halb geöffnetes Gebetbuch gelehnt, den Kopf auf ihre Hand gestützt, welche immer noch merkwürdig schön war, was sie den cosmetischen Mitteln des Florentiners René zu danken hatte, welcher die doppelte Stelle eines Parfumeurs und eines Giftmischers der Königin Mutter inne hatte.

Die Wittwe von Heinrich II. trug die Trauerkleider, welche sie seit dem Tode ihres Gemahls nicht abgelegt hatte. Es war zu dieser Zeit eine Frau von zweiundfünfzig bis dreiundfünfzig Jahren, welche durch eine Rundung voll Frische noch Züge ihrer ersten Schönheit bewahrte. Ihr Gemach war wie ihr Gewand das einer Wittwe. Alles hatte einen düstern Charakter: Stoffe, Wände, Meubles. Nur sah man über einem Prachthimmel, welcher einen königlichen Stuhl bedeckte, auf dem in diesem Augenblick das Lieblingswindspiel der Königin lag, das ihr Schwiegersohn, Heinrich von Navarra, ihr geschenkt, und dem man den mythologischen Namen Phöbe gegeben, einen gemalten Regenbogen, umgeben von der Devise:Er bringt das Licht und die Heiterkeit, welche von Franz l. herrührte.

Plötzlich und in dem Augenblick, wo die Königin Mutter tief in einen Gedanken versunken war, welcher auf ihre mit Karmin gemalten Lippen ein langsames, zögerndes Lächeln brachte, öffnete ein Mann die Thüre, hob den Vorhang, zeigte sein bleiches Gesicht und sprach:

»Alles geht schlecht.«

Catharina schaute empor und erkannte den Herzog von Guise.

»Wie, Alles geht schlecht?« erwiederte die Königin. »Was wollt Ihr damit sagen, Heinrich?«

»Ich will damit sagen, daß der König mehr als je von seinen verdammten Hugenotten umgarnt ist, und daß wir, wenn wir seine Erlaubniß abwarten, um das große Unternehmen auszuführen, lange Zeit oder sogar ewig warten werden.«

»Was ist denn geschehen?« fragte Catharina mit dem ruhigen Gesichte, das bei ihr Gewohnheit war, dem sie jedoch bei Gelegenheit die entgegengesetzten Ausdrücke zu geben vermochte.

»Zum zwanzigsten Mal habe ich an Seine Majestät die Frage gestellt, ob man fortwährend die trotzigen Reden und Drohungen ertragen würde, die sich seit der Verwundung ihres Admirals die Herren jener Religion erlauben.«

»Und was antwortete mein Sohn?« fragte Catharina.

»Er antwortete mir: »»Herr Herzog, Ihr müßt bei dem Volke in Verdacht stehen, der Urheber des an meinem zweiten Vater, dem Herrn Admiral, begangenen Mordversuches zu sein. Vertheidigt Euch, wie es Euch beliebt. Ich, was mich betrifft, werde mich wohl selbst vertheidigen, wenn man mich beleidigt.« Und hiernach wandte er mir den Rücken zu, um seinen Hunden Abendbrod zu geben.«

»Und Ihr suchtet ihn nicht zurückzuhalten?«

Allerdings; aber er antwortete mir mit dem Euch bekannten Tone, und mich mit einem Blicke anschauend, der nur ihm eigenthümlich ist: »»Herr Herzog, meine Hunde haben Hunger, und sie sind keine Menschen, daß ich sie warten lassen könnte,« wonach ich hierher eilte, um Euch hiervon in Kenntniß zu setzen.«

»Und Ihr habt wohl daran gethan,« sprach die Königin Mutter.

»Aber was ist zu beschließen?«

»Man muß einen letzten Versuch machen.«

»Und wer wird dies thun?«

»Ich! Ist der König allein?«

»Nein, Herr von Tavannes ist bei ihm.«

»Erwartet mich hier, oder vielmehr folgt mir von ferne.«

Catharina stand sogleich auf und ging nach dem Zimmer, in welchem sich die Lieblingshunde des Königs auf türkischen Teppichen und Sammetkissen befanden. Auf Stangen, welche in der Wand befestigt waren, saßen einige Falken und ein kleiner Buntspecht, mit welchem Karl IX. zuweilen kleine Vögel in dem Garten des alten Louvre und in dem der Tuilerien, die man zu bauen anfing, beizte.

Auf dem Wege hatte sich die Königin Mutter ein bleiches, angstvolles Gesicht geordnet, über welches eine letzte oder vielmehr eine erste Thräne rollte.

Sie nähert sich geräuschlos Karl IX., der seinen Hunden in gleiche Theile geschnittene Stücke Kuchen gab.

»Mein Sohn,« sprach Catharina mit einem so gut gespielten Zittern der Stimme, daß der König bebte.

»Was habt Ihr, Madame?« fragte Karl, sich rasch umwendend.

»Mein Sohn,« antwortete Catharina, »ich bitte Euch um Erlaubniß, mich in eines Eurer Schlösser, gleichviel in welches, zurückzuziehen, wenn es nur weit von Paris entfernt ist.«

»Und warum dies, Madame?« fragte Karl IX. auf seine Mutter sein glasiges Auge heftend, das bei gewissen Gelegenheiten so durchdringend wurde.

»Weil mir jeden Tag neue Beleidigungen von den Leuten der Religion[7 - Ceux de la Religion, war in jener Zeit der gewöhnliche Ausdruck für die Hugenotten.] widerfahren, weil ich noch heute Euch von den Protestanten sogar im Louvre habe bedrohen hören und weil ich solchen Schauspielen nicht beiwohnen will.«

»Aber, meine Mutter,« erwiederte Karl IX. mit einem Ausdrucke voll Ueberzeugung, »man wollte ihnen ihren Admiral tödten. Ein heilloser Meuchler hatte diesen armen Leuten bereits ihren braven Herrn von Mouy ermordet. Bei Gott, meine Mutter, es muß doch eine Gerechtigkeit in einem Königreiche geben.«

»Oh! seid unbesorgt, mein Sohn, die Gerechtigkeit wird ihnen nicht entgehen, denn wenn Ihr sie verweigert, so nehmen sie sich dieselbe auf ihre Weise: an Herrn von Guise heute, an mir morgen, an Euch später.«

»Oh! Madame,« sprach Karl IX., indem er zum ersten Male in seinem Tone einen Ausdruck des Zweifels durchdringen ließ, »Ihr glaubt?«

»Ei, mein Sohn,« versetzte Catharina, sich ganz der Heftigkeit ihrer Sinnesart überlassend, »seht Ihr nicht, daß es sich nicht mehr um den Tod von Herrn Franz von Guise oder um den des Admirals, um die protestantische Religion oder um die katholische handelt, sondern ganz einfach darum, an die Stelle des Sohnes von Heinrich II. jenen Anton von Bourbon zu setzen.«

»Ruhig, ruhig, meine Mutter, Ihr verfallt wieder in Eure gewöhnlichen Uebertreibungen.«

»Was ist Eure Willensmeinung, mein Sohn?«

»Zu warten, meine Mutter, zu warten. Die ganze menschliche Weisheit liegt in diesem einzigen Worte. Der Größte, der Stärkste und der Geschickteste besonders ist derjenige, welcher zu warten versteht.«

»Wartet also, ich werde nicht warten.«

Hiernach machte Catharina eine Verbeugung, ging auf die Thüre zu und schickte sich an, nach Ihrer Wohnung zurückzukehren.

Karl IX. hielt sie zurück und fragte:

»Was soll ich denn thun, meine Mutter, denn ich bin vor Allem gerecht und wünschte, daß Jedermann mit mir zufrieden wäre.«

»Catharina näherte sich und sprach zu Tavanness, der den Buntspecht des Königs streichelte:

«Kommt. Herr Graf, und sagt dem König, was er Eurer Ansicht nach zu thun hat.«

»Eure Majestät erlaubt mir?« sagte der Graf.

»Sprich, Tavanness, sprich.«

»Was thut Eure Majestät, wenn auf der Jagd der verwundete Eber auf sie zukommt?«

»Gottes Tod, Herr, ich erwarte ihn festen Fußes und durchbohre ihm die Kehle mit meiner Schweinsfeder.«

»Einzig und allein um ihn zu verhindern, Euch zu schaden,« fügte Catharina bei.

»Und um mich zu belustigen,« sagte der König mit einem Lächeln, das den bis zur Wildheit getriebenen Muth andeutete. »Aber es würde mich nicht belustigen, meine Unterthanen zu tödten, und die Hugenotten sind im Ganzen meine Unterthanen, so gut wie die Katholiken.«

»Sire,« versetzte Catharina, »dann werden es die Hugenotten, Eure Unterthanen, machen wie der Eber, dem man nicht die Schweinsfeder in die Kehle stößt; sie werden den Thron aufreißen.«

»Bah! Ihr meint, Madame?« sagte Karl IX. mit einer Miene, als schenkte er den Weissagungen seiner Mutter keinen großen Glauben.

»Habt Ihr heute Herrn von Mouy und die Seinigen nicht gesehen?«

»Ja, ich habe sie gesehen, denn sie verlassen mich so eben. Aber Herr von Mouy verlangte nichts von mir, was nicht gerecht wäre. Er forderte den Tod des Mörders seines Vaters und den des Mörders des Admirals. Haben wir Herrn von Montgommery nicht für den Tod meines Vaters und Eures Gemahls bestraft, obgleich dieser Tod nur ein Zufall war?«

»Es ist gut, Sire,« versetzte Catharina gereizt, »sprechen wir nicht mehr davon. Eure Majestät steht unter dem Schutze Gottes, der ihr Kraft, Weisheit und Vertrauen gibt. Ich aber, eine arme Frau, welche Gott ohne Zweifel ihrer Sünden wegen verläßt, ich fürchte und weiche.«

Und hiernach grüßte Catharina zum zweiten Male und entfernte sich, indem sie dem Herzog von Guise, welcher mittlerweile eingetreten war, durch ein Zeichen bedeutete, er möge an ihrer Stelle bleiben, um einen letzten Versuch zu machen.

Karl IX. folgte seiner Mutter mit den Augen, diesmal aber ohne sie zurückzurufen; dann schmeichelte er seinen Hunden und pfiff dabei eine Jagdmelodie.

Plötzlich unterbrach er sich und sagte:

»Meine Mutter ist ein königlicher Geist. Wir sollen mit Vorbedacht ein paar Dutzende Hugenotten tödten, weil sie Gerechtigkeit von uns verlangt haben! Sind Sie denn im Ganzen nicht in ihrem Rechte?«

»Ein paar Dutzende?« murmelte der Herzog von Guise.

»Ah, Ihr seid da, mein Herr?« sagte der König, welcher sich stellte, als bemerkte er ihn jetzt erst. »Ja, ein paar Dutzende; ein schöner Abgang. Aber wenn Jemand käme und zu mir sagte: »Ihr sollt von allen Euren Feinden auf einmal befreit werden und morgen wird nicht ein Einziger mehr übrig sein, um Euch den Tod der Andern vorzuwerfen, dann sage ich nicht nein …«

»Nun, Sire?«

»Tavannes,« sprach der König abbrechend, »Ihr ermüdet Margot; setzt sie wieder auf die Stange. Es ist kein Grund für alle Welt, sie zu liebkosen, weil sie den Namen meiner Schwester, der Königin Margot, führt.«

Tavannes setzte den Specht auf die Stange und belustigte sich damit, einem Windhunde die Ohren hin und her zu rollen.

»Aber, Sire, wenn man Eurer Majestät sagte: »»Sire, Eure Majestät wird morgen von allen ihren Feinden befreit sein?««

»Und durch welches Heiligen Vermittlung würde man dieses große Wunder verrichten?«

»Wir haben heute den 24. August; es wäre also durch die Vermittelung des heiligen Bartholomäus.«

»Ein schöner Heiliger, der sich bei lebendigem Leibe schinden ließ,« sagte der König.

»Desto besser! je mehr er gelitten hat, desto mehr muß er Grimm gegen seine Henker bewahrt haben.«

»Und Ihr, mein Vetter,« sprach der König, »Ihr mit Eurem hübschen, kleinen Degen mit dem goldenen Griffe werdet von jetzt bis morgen zehntausend Hugenotten tödten? Oh, oh, meiner Treue, Ihr seid sehr lustig, Herr von Guise.«

Und der König brach in ein Gelächter aus, aber in ein so falsches, daß es das Echo des Zimmers in einem düstern Tone wiederholte.

»Sire, ein Wort, ein einziges Wort,« fuhr der Herzog, unwillkührlich bebend bei dem Geräusche dieses Gelächters, das nichts Menschliches hatte, fort, »ein Zeichen, und Alles ist bereit. Ich habe die Schweizer, ich habe elfhundert Edelleute, ich habe die Chevauxlegers, ich habe die Bürger. Eure Majestät hat ihre Garden, ihre Freunde, ihren katholischen Adel. Wir sind Zwanzig gegen Einen.«

»Nun, wenn Ihr so stark seid, mein Vetter, warum des Teufels kommt Ihr und schreit mir mit Allem dem die Ohren voll. Handelt ohne mich …« Und der König wandte sich nach seinen Hunden um.

Da hob sich der Thürvorhang, Catharina erschien wieder und sagte zu dem Herzog:

»Alles geht gut. Seid beharrlich, er wird nachgeben.«

Und der Thürvorhang fiel wieder vor Catharina herab, ohne daß Karl IX. sie sah, oder er stellte sich wenigstens, als sähe er sie nicht.

»Aber ich muß doch wissen,« sprach der Herzog von Guise, »ob ich, wenn ich thue, wie ich wünsche, Euerer Majestät zu Gefallen bin?«

»In der That, mein Vetter Heinrich, Ihr setzt mir das Messer an die Kehle, aber ich werde widerstehen. Gottes Tod! bin ich denn nicht der König?«

»Nein, noch nicht, Sire; doch, wenn Ihr wollt, seid Ihr es morgen.«

»Ah, man würde also den König von Navarra, den Prinzen von Condé … in meinem Louvre tödten, ah! …«

Dann fügte er mit kaum verständlichem Tone bei:

»Außen sage ich nichts.«

»Sire!« rief der Herzog, »Sie gehen diesen Abend aus, um mit dem Herzog von Alençon, Eurem Bruder, einen Schmaus zu halten.«

»Tavannes,« sprach der König mit bewunderungswürdig gespielter Ungeduld, »siehst Du nicht, daß Du meinen Hund plagst. Komm, Actéon, komm!«

Und Karl IX. entfernte sich, ohne mehr hören zu wollen, und ließ Tavannes und den Herzog von Guise in beinahe eben so großer Ungewißheit als zuvor zurück.

Es spielte indes eine Scene anderer Art bei Catharina, welche, nachdem sie dem Herzog den Rath Stand zu halten, gegeben hatte, in ihr Gemach zurückkehrte, wo sie die Personen versammelt fand, welche gewöhnlich ihrem Schlafengehen beiwohnten.

Bei ihrer Rückkehr hatte Catharina ein eben so lachendes Gesicht, als es bei ihrem Abgange entstellt gewesen war. Sie entließ nach und nach mit ihrer freundlichsten Miene ihre Frauen und ihre Höflinge. Es blieb bald Niemand mehr bei ihr, als Madame Margarethe, welche auf einem Tabouret an dem geöffneten Fenster sitzend in ihre Gedanken versunken den Himmel anschaute.

Zwei- oder dreimal öffnete die Königin Mutter, als sie mit ihrer Tochter allein war, den Mund, um zu sprechen; aber jedes Mal drängte ein finsterer Gedanke die Worte, welche aus ihrem Munde kommen sollten, in die Tiefe der Brust zurück.

Mittlerweile öffnete sich der Thürvorhang und Heinrich von Navarra erschien.

Das Windspiel, welches auf dem Thronstuhle schlief, sprang auf und lief auf ihn zu.

»Ihr hier, mein Sohn,« sagte Catharina bebend, speist ihr im Louvre zu Nacht?«

»Nein, Madame,« antwortete Heinrich, »wir schwärmen diese Nacht mit den Herren Alençon und Condé in der Stadt umher. Ich glaubte sie hier, Euch den Hof machend, zu finden.«

Catharina lächelte und erwiederte:

»Geht, meine Herren, geht. Die Männer sind doch sehr glücklich, so umherlaufen zu können. Nicht wahr, meine Tochter?«

»Das ist wahr,« antwortete Margarethe, »die Freiheit ist eine so schöne, so süße Sache!«

»Wollt Ihr damit sagen, ich halte die Eurige gefesselt?« sprach Heinrich, sich vor seiner Gemahlin verbeugend.

»Nein, mein Herr, ich beklage auch nicht mich, sondern die Lage der Frauen im Allgemeinen.«

»Ihr werdet vielleicht den Herrn Admiral sehen, mein Sohn,« sagte Catharina.

»Ja, vielleicht.«

»Geht dahin; das ist ein gutes Beispiel und Ihr gebt mir morgen Nachricht von ihm.«

»Ich gehe dahin, Madame, da Ihr diesen Schritt billigt.«

»Ich,« sagte Catharina, »ich billige nichts … Aber wer ist da? Seht nach.«

Heinrich machte einen Schritt nach der Thüre, um die Befehle von Catharina zu vollziehen; aber in demselben Augenblick hob sich der Vorhang, und Frau von Sauves zeigte ihren blonden Kopf.

»Madame,« sagte sie, »es ist René, der Parfumeur, den Eure Majestät hat rufen lassen.«

Catharina warf einen Blick, rasch wie der Blitz, auf Heinrich von Navarra. Der junge Prinz erröthete leicht und erbleichte dann auf eine furchtbare Weise. Man hatte wirklich den Namen des Mörders seiner Mutter genannt. Er fühlte, daß sein Gesicht die Bewegung in seinem Innern verrieth und stützte sich auf das Fenstergesimse.

Das Windspiel stieß einen Seufzer aus.

In demselben Augenblick traten zwei Personen ein, die eine gemeldet, die andere hatte nicht nöthig, gemeldet zu werden. Die erste war René, der Parfumeur, der sich Catharina mit der ganzen kriechenden Höflichkeit florentinischer Diener näherte. Er hielt ein Kistchen in der Hand, das er öffnete, und man sah alle Fächer mit Pulvern und Fläschchen gefüllt.

Die zweite war die Herzogin von Lothringen, die ältere Schwester von Margarethe; sie trat durch eine kleine verborgene Thüre, welche nach dem Cabinet des Königs ging, ganz bleich und zitternd ein. In der Hoffnung, von Catharina, welche mit Frau von Sauves den Inhalt des von René überbrachten Kistchens untersuchte, nicht bemerkt zu werden, wollte sie sich neben Margarethe niedersetzen, bei der der König von Navarra stand, die Hand an der Stirne, wie ein Mensch, der sich an einem Blendwerk zu erholen sucht.

In diesem Augenblick kehrte sich Catharina um und sagte zu Margarethe:

»Meine Tochter, Ihr könnt Euch in Eure Gemächer zurückziehen. Mein Sohn,« fügte sie bei, »Ihr könnt Euch in der Stadt belustigen.«

Margarethe stand auf und Heinrich wandte sich halb um.

Die Herzogin von Lothringen ergriff Margarethe bei der Hand und sprach leise und rasch zu ihr:

»Meine Schwester, im Namen des Herrn von Guise, der Euch rettet, wie Ihr ihn gerettet habt, entfernt Euch nicht von hier, geht nicht in Eure Wohnung.«

»He, was sagt Ihr da, Claude?« fragte Catharina, sich umwendend.

»Nichts, meine Mutter.«

»Ihr habt leise mit Margarethe gesprochen.«

»Um ihr gute Nacht und tausend schöne Dinge von der Herzogin von Nevers zu sagen.«

»Wo ist diese schöne Herzogin?«

»Bei ihrem Schwager, dem Herrn von Guise.«

Catharina schaute die zwei Frauen mit ihrem argwöhnischen Auge an, runzelte die Stirne und sagte:

»Komm hierher, Claude.«

Claude gehorchte. Catharina nahm sie bei der Hand.

»Was habt Ihr mit ihr gesprochen, Indiscrete,« murmelte sie und drückte ihre Tochter am Handgelenk, daß sie hätte schreien mögen.

»Madame,« sprach Heinrich zu seiner Gemahlin, (ohne zu hören, hatte er doch nicht das Geringste von der Pantomime der Königin und der beiden Schwestern verloren), »Madame, werdet Ihr mir die Ehre erzeigen, mir Eure Hand zum Kusse zu reichen?«

Margarethe reichte ihm eine zitternde Hand.

»Was hat sie Euch gesagt,« murmelte Heinrich, sich bückend, um seine Lippen dieser Hand zu nähern.

»Ich solle nicht von hinnen gehen; im Namen des Himmels, geht auch nicht aus.«

Es war nur ein Blitz, aber beim Schimmer dieses Blitzes, so rasch er auch war, errieth Heinrich ein ganzes Complott.

»Das ist noch nicht Alles,« sagte Margarethe, »hier ist ein Brief, den ein Provençalischer Edelmann überbracht hat.«

»Herr de La Mole?«

»Ja.«

»Ich danke,« sprach Heinrich, nahm den Brief und steckte ihn in sein Wamms, und an seiner Gemahlin vorüber gehend, legte er seine Hand auf die Schulter des Florentiners und sagte:

»Nun, Meister René, wie gehen Eure Handelsgeschäfte?«

»Ziemlich gut, Monseigneur, ziemlich gut,« antwortete der Giftmischer mit seinem treulosen Lächeln.

»Ich glaube es wohl,« versetzte Heinrich, »wenn man, wie Ihr, Lieferant aller gekrönter Häupter Frankreichs und des Auslandes ist.«

»Mit Ausnahme des Königs von Navarra,« antwortete der Florentiner in frechem Tone.

»Ventre-saint-gris!« sprach Heinrich, »Meister René, Ihr habt Recht. Und doch hat mir meine Mutter, welche auch bei Euch kaufte, sterbend Meister René empfohlen. Besucht mich morgen oder übermorgen in meiner Wohnung und bringt Eure besten Parfumerien mit.«

»Dies wird nicht übel sein, sprach Catharina lächelnd, »denn man sagt …«

»Ich habe einen feinen Geruch?« versetzte Heinrich lachend, »wer hat Euch das gesagt, meine Mutter? Margot etwa?«

»Nein, mein Sohn,« erwiederte Catharina, »Frau von Sauves.«

In diesem Augenblick brach die Frau Herzogin von Lothringen, welche sich trotz aller Anstrengung nicht mehr halten konnte, in ein Schluchzen aus.

Heinrich wandte sich nicht einmal um.

»Meine Schwester!« rief Margarethe, auf Claude zueilend, »was habt Ihr?«

»Nichts,« sagte Catharina, sich zwischen die zwei jungen Frauen stellend, »nichts, sie hat das nervöse Fieber, das ihr Mazille mit Aromen zu behandeln empfiehlt.«

Und sie drückte abermals und noch kräftiger als das erste Mal ihre ältere Tochter am Arme und sagte dann, sich gegen die jüngere umwendend:

»Margot, habt Ihr nicht gehört, daß ich Euch bereits aufforderte, Euch zurückzuziehen? Wenn das nicht genügt, so befehle ich es Euch.«

»Verzeiht, Madame,« erwiederte Margarethe bleich und zitternd. »Ich wünsche Eurer Majestät eine gute Nacht.«

»Und ich hoffe, Euer Wunsch wird erfüllt werden. Gute Nacht, gute Nacht!«

Margarethe entfernte sich wankend und vergebens bemüht, einem Blicke ihres Gemahls zu begegnen, der sich nicht einmal nach ihr umdrehte.

Es herrschte ein kurzes Stillschweigen, während dessen Catharina die Augen auf die Herzogin von Lothringen geheftet hielt, welche ihrerseits, ohne zu sprechen, die Hände gefaltet, ihre Mutter anschaute.

Heinrich wandte der Scene den Rücken zu, aber er sah sie dennoch in einem Spiegel, indeß er sich den Anschein gab, als kräuselte er einen Schnurrbart mit einer Pommade, die ihm René überreicht hatte.

»Und Ihr, Heinrich?« sagte Catharina, »geht Ihr noch aus?«

»Ah, ja, das ist wahr!« rief der König von Navarra, »ah bei meiner Treue, ich vergaß, daß der Herzog von Alençon und der Prinz von Condé mich erwarten. Diese bewunderungswürdigen Wohlgerüche berauschen mich und berauben mich, wie es scheint, des Gedächtnisses. Auf Wiedersehen, Madame.«

»Auf Wiedersehen! Morgen gebt Ihr mir Nachricht von dem Admiral, nicht wahr?«

»Ich werde nicht ermangeln. Nun, Phöbe, was gibt es?«

»Phöbe!« sagte die Königin Mutter ungeduldig.

»Ruft sie zu Euch, Madame,« sprach der Bearner, »denn sie will mich nicht gehen lassen.«

Die Königin Mutter stand auf, nahm die kleine Hündin beim Halsbande und hielt sie zurück, während Heinrich sich entfernte, das Gesicht so ruhig und lachend, als hätte er keine Ahnung gehabt, daß er Gefahr lief, ermordet zu werden.

Von Catharina von Medicis wieder losgelassen, lief ihm die kleine Hündin nach, um ihn einzuholen, aber sie konnte nur ihre längliche Schnauze, ein trauriges, langes Geheul ausstoßend, unter der Tapete durchstrecken.

»Nun, Charlotte,« sagte Catharina zu Frau von Sauves, »nun hole mir die Herren von Guise und Tavannes, welche in meinem Betzimmer sind, und komme dann mit ihnen zurück, um der Herzogin von Lothringen welche an ihren Vapeurs leidet, Gesellschaft zu leisten.«




VII.

Die Nacht des 25. August 1572


Als La Mole und Coconnas ihr mageres Abendbrod verzehrt hatten, denn das Geflügel des Wirthshauses zum schönen Gestirne war nur auf dem Schilde sichtbar, setzte sich Coconnas in seinem Stuhle fest, streckte die Beine aus, stützte den Ellenbogen auf den Tisch und fragte, ein letztes Glas Wein schlürfend:

»Geht Ihr sogleich schlafen, Herr de La Mole?«

»Meiner Treu ich habe große Lust, denn es ist möglich, daß man mich in der Nacht weckt.«

»Mich auch,« sagte Coconnas, »aber statt uns niederzulegen und diejenigen, welche uns holen werden, warten zu lassen, würden wir, wie es mir scheint, besser daran thun, Karten zu verlangen und zu spielen. Man würde uns dann ganz vorbereitet finden.«

»Gerne wollte ich Euren Vorschlag annehmen, mein Herr, aber um zu spielen habe ich wenig Geld. Ich besitze kaum hundert Goldthaler in meinem Felleisen, das ist mein ganzer Schatz, und damit soll ich mein Glück machen?«

»Hundert Goldthaler!« rief Coconnas, »und Ihr beklagt Euch. Mordi, mein Herr, ich habe nur sechs.«

»Geht doch,« versetzte La Mole, »ich habe Euch Eure Börse ziehen sehen, die mir nicht nur sehr rund, sondern man dürfte wohl sagen, aufgeschwollen vorkam.«

»Oh, ja,« sagte Coconnas, »das ist, um eine alte Schuld zu tilgen, welche ich an einen Freund meines Vaters zu bezahlen habe, der mir, wie Ihr, ein wenig Hugenotte zu sein scheint. Es sind hundert Rosenobles,« fuhr Coconnas, an seine Tasche klopfend, fort. »Diese hundert Rosenobles aber gehören Meister Mercandon. Was mein Erbgut betrifft, so beschränkt es sich, wie ich Euch sagte, auf sechs Thaler.«

»Wie sollen wir dann spielen?«

»Gerade deshalb wollte ich spielen. Ueberdies ist mir ein Gedanke gekommen.«

»Laßt hören.«

»Wir kommen Beide in derselben Absicht nach Paris?«

»Ja.«

Wir haben Beide einen mächtigen Beschützer?«

»Ja.«

»Nun, es ist mir der Gedanke gekommen, wir wollen zuerst um unser Geld und dann um die erste Gunstbezeugung spielen, die uns entweder vom Hofe oder von unserer Geliebten zufließt.«

»In der That, das ist sehr geistreich,« sagte La Mole lächelnd, »aber ich gestehe, ich bin nicht genug Spieler, um mein ganzes Leben auf eine Karte oder auf einen Wurf zu setzen; denn die erste Gunst, die Euch und mir zukommt, wird ohne Zweifel einen mächtigen Einfluß auf unser ganzes Leben haben.«

»Lassen wir also die erste Gunstbezeugung des Hofes und spielen wir um die erste Gunst unserer Geliebten.«

»Dagegen sehe ich nur einen Einwurf,« sagte La Mole.

»Welchen?«

»Ich habe keine Geliebte.«

»Ich auch nicht, aber ich gedenke ungesäumt eine zu haben. Man ist Gott sei Dank nicht so beschaffen, daß es einem an Frauen fehlen sollte.«

»Es wird Euch auch, wie Ihr sagt, nicht daran fehlen, Herr von Coconnas. Da ich aber nicht dasselbe Zutrauen zu meinem Liebesgestirne habe, so hieße es Euch bestehlen, wollte ich meinen Einsatz dem Eurigen entgegenstellen. Spielen wir also bis zu Euren sechs Thalern. Verliert Ihr sie unglücklicher Weise und wollt das Spiel fortsetzen, wohl, Ihr seid Edelmann und Euer Wort ist Goldes werth.«

»Gut,« rief Coconnas, »das heiße ich sprechen. Ihr habt Recht, mein Herr, das Wort eines Edelmannes ist Goldes werth, besonders wenn dieser Edelmann Credit bei Hofe hat. Glaubt mir, ich hätte nicht recht den Muth, gegen Euch um die erste Gunst zu spielen, die ich bekommen sollte.«

»Ihr habt Recht, Ihr könntet sie verlieren, aber ich könnte sie nicht gewinnen; denn da ich dem König von Navarra gehöre, so kann ich nichts von dem Herrn Herzog von Guise empfangen.«

»Ah, Parpaillot,« murmelte der Wirth, seine alte Pickelhaube putzend, »ich hatte es Dir doch angerochen.«

Und er unterbrach sich, um das Zeichen des Kreuzes zu machen.

»Ah, entschieden,« versetzte Coconnas, die Karten mischend, die ihm der Kellner gebracht hatte. »Ihr seid also …«

»Was?«

»Von der Religion.«.

»Ich?«

»Ja, Ihr!«

»Wohl, setzt, ich sei es,« sprach La Mole lächelnd. »Habt Ihr etwas gegen uns?«

»Oh Gott sei Dank! nein, das ist mir ganz gleichgültig Ich hasse das Hugenottenthum im höchsten Maße, aber ich verabscheue die Hugenotten nicht, und dann ist dies auch Mode.«

»Ja,« versetzte La Mole lachend, »ein Beweis hierfür ist der Büchsenschuß nach dem Admiral. Wollen wir um Büchsenschüsse spielen?«

»Wie es Euch beliebt,« sagte Coconnas. »Wenn ich einmal spiele, ist es mir gleichgültig um was.«

»Spielen wir also,« sagte La Mole, seine Karten zusammenfassend und in seiner Hand ordnend.

»Ja, spielt, und spielt mit Vertrauen; denn sollte ich auch hundert Goldthaler wie die Eurigen verlieren, so hätte ich doch morgen Mittel, sie zu bezahlen.«

»Das Glück wird Euch also im Schlafe kommen?«

»Nein, ich werde es aufsuchen.«

»Wo dies? Sagt es mir, ich gehe mit Euch.«

»Im Louvre.«

»Ihr kehrt diese Nacht dahin zurück?«

»Ja, ich habe diese Nacht eine Privataudienz bei dem Herzog von Guise.«

Seitdem Coconnas davon sprach, daß er sein Glück im Louvre suchen wolle, hatte La Hurière das Putzen seiner Pickelhaube unterbrochen und sich hinter den Stuhl von La Mole gestellt, so daß ihn nur Coconnas sehen konnte, und von da aus machte er ihm Zeichen, die der Piemontese, ganz in sein Gespräch und in das Spiel vertieft, nicht bemerkte.

»Das ist doch wunderbar,« sprach La Mole, »und Ihr hattet Recht, wenn Ihr sagtet, wir wären unter einem Gestirne geboren. Ich habe diese Nacht auch ein Rendezvous im Louvre, aber nicht mit dem Herzog von Guise, sondern mit dem König von Navarra.«

»Habt Ihr ein Losungswort?«

»Ja.«

»Ein Versammlungszeichen?«

»Nein.«

»Nun, ich habe eines. Mein Losungswort ist …«

Bei diesen Worten des Piemontesen machte La Hurière eine so ausdrucksvolle Geberde, gerade in dem Augenblick, wo der schwatzhafte Edelmann den Kopf emporhob daß Coconnas mehr versteinert durch diese Geberde, als durch den Coup, durch den er gerade drei Thaler verlor, inne hielt. Als La Mole das Erstaunen wahrnahm, das auf dem Gesichte seines Partners ausgeprägt war, wandte er sich um, aber er sah nichts Anderes, als seinen Wirth, die Arme gekreuzt und die Pickelhaube auf dem Kopfe, die er ihn einen Augenblick vorher hatte putzen sehen.

Coconnas schaute den Wirth und seinen Gefährten an, denn er konnte die Geberden von Meister La Hurière nicht begreifen.

La Hurière sah, daß er ihm zu Hilfe kommen mußte und sagte rasch:

»Ich liebe das Spiel auch ungemein, und da ich mich näherte, um den Coup zu sehen, auf den Ihr verloren habt, so nahm der gnädige Herr ohne Zweifel meine kriegerische Kopfbedeckung wahr, und das setzte ihn wohl bei einem armen Bürgersmann in Erstaunen.«

»Ein guter Kerl!« rief La Mole, in ein Lachen ausbrechend.

»Ei, mein Herr,« versetzte La Hurière mit bewundernswürdig gespielter Gutmüthigkeit und mit einer Schulterbewegung voll des Gefühls- einer untergeordneten Stellung, »wir sind keine Tapfere und haben nicht das feine Wesen. Es taugt für brave Edelleute, wie Ihr seid, goldene Helme und schöne Schwerter glänzen zu lassen, und wenn wir nur unsere Wache pünktlich beziehen …«

»Ah! Ah!« sprach La Mole, die Karten mischend, »Ihr bezieht Eure Wache?«

»Ei, mein Gott, ja, Herr Graf, ich bin Sergent einer Compagnie der Bürgermiliz.«

Nach diesen Worten zog sich La Hurière, während La Mole mit dem Ausgeben der Karten beschäftigt war, einen Finger auf seine Lippen legend, um dem mehr als je verblüfften Coconnas Stillschweigen zu empfehlen, zurück.

Diese Vorsichtsmaßregel war ohne Zweifel die Ursache, daß er den zweiten Coup eben so rasch verlor, als er den ersten verloren hatte.

»Nun,« sagte La Mole, »das macht gerade Eure sechs Thaler. Wollt Ihr Revanche auf Euer zukünftiges Glücks.«

»Gerne,« erwiederte Coconnas, »gerne.«

»Aber ehe Ihr Euch weiter einlaßt, … sagtet Ihr mir nicht, Ihr hattet Rendezvous mit Herrn von Guise?«

Coconnas wandte seine Blicke nach der Küche und sah die großen Augen von La Hurière, welche dasselbe Zeichen wiederholten.

»Ja,« antwortete er, »aber es ist noch nicht die Stunde. Sprechen wir übrigens ein wenig von Euch, Herr de La Mole.«

»Ich glaube, wir würden besser daran thun, vom Spiel zu sprechen, Herr von Coconnas, denn wenn ich mich nicht sehr täusche, bin ich im Zuge, abermals sechs Thaler zu gewinnen.«

»Mordi, das ist wahr! Man sagte mir immer, die Hugenotten hätten Glück im Spiele. Der Teufel soll mich holen, ich habe Lust, ein Hugenott zu werden.«

Die Augen von La Hurière funkelten wie zwei Kohlen; aber ganz in sein Spiel vertieft, gewahrte sie Coconnas nicht.

«Thut das, Graf, thut das,« versetzte La Mole, »und obgleich die Art und Weise, wie Euch der Beruf hierzu gekommen ist, sonderbar erscheint, so werdet Ihr doch unter uns willkommen sein.«

Coconnas kratzte sich hinter dem Ohre und erwiederte:

»Wenn ich gewiß wüßte, daß Euer Glück davon herrührt, so wollte ich wohl, … denn am Ende halte ich keine zu große Stücke auf die Messe, und seit der König selbst nicht viel darauf hält …«

»Und dann ist es eine so schöne, eine so einfache Religion,« sprach La Mole.

»Auch ist sie in der Mode,« sagte Coconnas, »und sie bringt offenbar Glück im Spiele; denn der Teufel soll mich holen, es gibt nur Asse für Euch, und ich beobachte Euch doch, seitdem wir die Karten in den Händen haben. Ihr spielt offenes Spiel, Ihr betrügt nicht … das muß von der Religion herkommen.«

»Ihr seid mir weitere sechs Thaler schuldig,« sprach ruhig La Mole.

»Ah, wie Ihr mich in Versuchung führt,« versetzte Coconnas, »und wenn ich diese Nacht mit Herrn von Guise nicht zufrieden bin …«

»Nun?«

»So bitte ich Euch, morgen mich dem König von Navarra vorzustellen, und seid unbesorgt, werde ich einmal Hugenott, so bin ich es mehr als Luther, Calvin, Melanchthon und alle Reformatoren der Erde.«

»Stille,« sagte La Mole, »Ihr gerathet in Zerwürfniß mit unserem Wirthe.«

»Oh! das ist wahr,« sprach Coconnas, seine Augen wieder nach der Küche wendend. »Doch nein, er hört uns nicht, er ist in diesem Augenblick zu sehr beschäftigt.«

»Was macht er denn?« fragte La Mole, der ihn von seinem Platze aus nicht sehen konnte.

»Er plaudert mit … der Teufel soll mich holen, er ist es!«

»Wer?«

»Der Nachtvogel, mit dem er schon bei unserer Ankunft sprach, der Mann mit dem gelben Wamms und dem zunderfarbigen Mantel. Alle Teufel, mit welchem Feuer spricht er. Ei! sagt mir doch, Meister La Hurière, treibt Ihr zufällig Politik?«

Diesmal aber war die Antwort von Meister La Hurière eine so kräftige, so gebieterische Geberde, das Coconnas, trotz seiner Liebe für das gemalte Kartenpapier aufstand und auf ihn zuging.

»Was habt Ihr denn?« fragte La Mole.

»Ihr verlangt Wein, gnädiger Herr,« sprach La Hurière, Coconnas rasch bei, der Hand ergreifend, »man wird Euch geben. Gregor, Wein für diese Herren!«

Dann flüsterte er ihm in das Ohr:

»Stille, stille, wenn Euch Euer Leben lieb ist, und entlaßt Euern Gefährten.«

La Hurière war so bleich, der gelbe Mann sah so finster aus, daß Coconnas schauerte, er wandte sich gegen La Mole um und sagte zu diesem:

»Mein lieber Herr de La Mole, ich bitte Euch mich zu entschuldigen, ich verliere hinter einander fünfzig Thaler. Ich bin im Unglück und muß befürchten, mich in Verlegenheit zu setzen.«

»Sehr gut, mein Herr, sehr gut,« sagte La Mole, »ganz nach Eurem Belieben. Ueberdies bedaure ich es nicht, mich einen Augenblick auf mein Bett werfen zu können. Meister La Hurière …«

»Herr Graf?«

»Wenn man kommt, um mich auf Befehl des Königs von Navarra zu holen, so weckt mich; ich bleibe angekleidet, und bin folglich sogleich bereit.«

»Gerade wie ich,« sprach Coconnas, »um Seine Hoheit nicht einen Augenblick warten zu lassen, will ich das Zeichen bereiten. Meister La Hurière, gebt mir eine Scheere und weißes Papier.«

»Gregor!« rief La Hurière, »weißes Papier, um einen Brief zu schreiben, und eine Scheere, um den Umschlag zu schneiden.

»Ah, ganz entschieden geht hier etwas Außerordentliches vor,« sagte der Piemontese zu sich selbst.

»Gute Nacht, Herr von Coconnas,« sprach La Mole, »und Ihr, mein Wirth, erweist mir die Freundschaft, mir den Weg zu zeigen.«

Und La Mole verschwand, von La Hurière gefolgt auf der Wendeltreppe.

Nun ergriff der geheimnisvolle Mann Coconnas ebenfalls beim Arme, zog ihn zurück und sagte rasch zu ihm:

»Mein Herr, es fehlte nicht viel, so offenbartet Ihr hundertmal ein Geheimnis, von welchem das Schicksal des Königreiches abhängt. Gott fügte es, daß Euer Mund zu rechter Zeit geschlossen wurde. Ein Wort mehr und ich hätte Euch mit einem Büchsenschusse niedergestreckt. Nun sind wir allein.«

»Aber wer seid Ihr denn, daß Ihr in diesem gebieterischen Tone mit mir sprecht?«

»Habt Ihr zufällig von Herrn von Maurevel reden hören?«

«Dem Mörder des Admirals?«

»Und des Kapitän von Mouy.«

»Allerdings.«

»Ich bin der Herr von Maurevel.«

»Oh, oh!« rief Coconnas.

»Hört mich.«

»Mordi! Ich glaube wohl, daß ich Euch höre.«

»Stille,« flüsterte Herr von Maurevel, den Finger an den Mund legend.

Coconnas horchte aufmerksam.

Man hörte in diesem Augenblick den Wirth die Thüre eines Zimmers, dann die Thüre der Hausflur schließen und Riegel vorschieben, und sah ihn dann eiligst zurückkehren.

Er bot Maurevel einen Stuhl, nahm einen dritten für sich und sagte:

»Alles ist wohl verschlossen, Herr von Maurevel, Ihr könnt nun sprechen.«

Es schlug elf Uhr auf Saint-Germain-l’Auxerrois. Maurevel zählte einen Schlag nach dem andern, wie er vibrirend und düster in der Nacht ertönte, und als der letzte im Raume verklungen war, sagte er zu Coconnas, der im höchsten Maße erstaunt die Vorsichtsmaßregeln betrachtete, welche die zwei Männer nahmen:

»Mein Herr, seid Ihr ein guter Katholik?«

»Ich glaube wohl,« antwortete Coconnas.

»Mein Herr, seid Ihr dem König ergeben?« fuhr Maurevel fort.

»Mit Leib und Seele. Ich glaube sogar, daß Ihr mich beleidigt, indem Ihr eine solche Frage an mich richtet.«

»Wir werden darüber keinen Streit bekommen, Ihr folgt uns nur.«

»Wohin?«

»Gleichviel. Laßt Euch führen, es handelt sich um Euer Glück und vielleicht um Euer Leben.«

»Ich sage Euch, mein Herr, daß ich um Mitternacht im Louvre zu thun habe.«

»Gerade dahin gehen wir.«

»Herr von Guise erwartet mich daselbst.«

»Uns auch.«

»Aber ich habe ein besonderes Losungswort,« fuhr Coconnas fort, etwas gedemüthigt dadurch, daß er die Ehre seiner Audienz mit dem Herrn von Maurevel und mit Meister La Hurière theilen sollte.

»Wir auch.«

»Aber ich habe ein Erkennungszeichen.«

Maurevel lächelte, zog unter seinem Wamms eine Handvoll Kreuze von weißem Stoffe hervor, gab eines La Hurière, eines Coconnas und nahm eines für sich selbst. La Hurière befestigte das seinige an seine Pickelhaube, Maurevel band sein Kreuz an seinen Hut.

»Oho!« sprach Coconnas ganz verwundert, »das Losungswort, das Rendezvous, das Erkennungszeichen, das war also für die ganze Welt.«

»Ja, mein Herr, das heißt, für alle gute Katholiken.«

»Es ist ein Fest im Louvre, ein königliches Bankett, nicht wahr?« rief Coconnas, »und man will diese Hunde von Hugenotten ausschließen. Gut, gut, vortrefflich! Sie brüsten sich schon lange genug dort!«

»Ja, ja, es gibt ein Fest im Louvre,« sagte Maurevel, »ein königliches Bankett, und die Hugenotten sind dazu eingeladen … Noch mehr, sie werden die Helden des Festes sein, sie werden das Bankett bezahlen, und wenn Ihr von den Unsern sein wollt, so fangen wir damit an, daß wir ihren Hauptkämpen, ihren Gideon, dazu einluden.«

»Den Herrn Admiral!« rief Coconnas.

»Ja, den alten Gaspard, den ich wie ein Dummkopf gefehlt habe, obgleich ich mit der Büchse des Königs auf ihn schoß.«

»Darum, gnädiger Herr, putzte ich meine Pickelhaube, schliff ich mein Schwert und wetzte ich mein Messer,« sprach mit einem scharfen Tone der in einen Krieger verwandelte Meister La Hurière.

Bei diesen Worten bebte Coconnas und wurde sehr bleich, denn er fing an zu begreifen.

»Wie! in der That?« rief er. »Dieses Fest, dieses Bankett… ist…man will…«

»Ihr habt sehr lange gebraucht, um zu errathen,« versetzte Maurevel, »und man sieht wohl, daß Ihr der Unverschämtheit dieser Ketzer nicht müde seid, wie wir.«

»Und Ihr nehmt es auf Euch, zu dem Admiral zu gehen, und zu …«

Maurevel lächelte, zog Coconnas an ein Fenster sprach:

»Schaut, seht Ihr auf dem kleinen Platz am Ende der Straße, hinter der Kirche die Truppe, welche sich schweigend, in der Dunkelheit aufstellt?«

»Ja.«

»Die Leute, welche diese Truppe bilden, haben, wie Meister La Hurière, Ihr und ich, ein Kreuz am Hute.«

»Nun?«

»Nun, diese Menschen sind eine Compagnie Schweizer von den kleinen Cantonen, befehligt von Toquenaut. Ihr wißt, daß die Herren von den kleinen Cantonen treue Anhänger des Königs sind.«

»Oh, oh!« rief Coconnas.

»Seht Ihr die Reitertruppe über den Quai kommen? erkennt Ihr den Führer?«

»Wie soll ich ihn erkennen?« sagte Coconnas schauernd, »ich bin erst seit diesem Abend in Paris.«

»Er ist es, mit dem Ihr diese Nacht Rendezvous im Louvre habt. Er erwartet Euch.«

»Der Herzog von Guise?«

»Er selbst. Diejenigen, welche ihn begleiten, sind Marcel, der Exprevot der Kaufleute, und Charon, der gegenwärtige Prevot. Diese zwei bringen ihre Bürgercompagnieen auf die Beine, und dort kommt eben der Capitän des Quartiers in die Straße. Schaut wohl, was er macht!«

»Er klopft an jede Thüre. Aber was ist denn an den Thüren, an die er klopft?«

»Ein weißes Kreuz, junger Mann, ein Kreuz, dem ähnlich, welches wir an unsern Hüten haben. Früher überließ man Gott die Sorge, die Seinigen zu unterscheiden; heut’ zu Tage sind wir höflicher und ersparen ihm diese Mühe.«

»Aber jedes Haus, an das er klopft, öffnet sich, und aus jeder Thüre kommen bewaffnete Bürger hervor.«

»Er wird an das unsere klopfen, wie an die andern, und wir werden ebenfalls kommen.«

»Alle diese Leute sind auf den Beinen, um einen alten Hugenotten zu tödten!« sagte Coconnas. »Bei Gott das ist schmachvoll, das ist ein Geschäft für Erdroßler und nicht für Soldaten.«

»Junger Mann,« sprach Maurevel, »wenn Euch die Alten widerstreben, so könnt ihr Junge nehmen. Es werden sich welche für jeden Geschmack finden. Verachtet Ihr den Dolch, so könnt Ihr Euch des Degens bedienen, denn die Hugenotten sind nicht die Leute, welche sich erwürgen lassen, ohne sich zu vertheidigen. Und Ihr wißt, die Hugenotten haben, Alt oder Jung, ein zähes Leben.«

»Man wird sie also insgesamt umbringen?« rief Coconnas.

»Insgesamt.«

»Auf Befehl des Königs?«

»Des Königs und des Herrn von Guise.«

»Und wann dies?«

»Sobald Ihr die Glocke in Saint-Germain-l’Auxerrois läuten hört.«

»Ah! deßhalb sagte mir also der liebenswürdige Deutsche, der bei Herrn von Guise ist … wie heißt er doch?«

»Herr von Besme.«

»Richtig. Deshalb sagte mir also Herr von Besme, ich solle beim ersten Tone der Sturmglocke herbeieilen.«

»Ihr habt Herrn von Besme gesehen?«

»Ich habe ihn gesehen und mit ihm gesprochen.«

»Wo dies?«

»Im Louvre. Er führte mich ein, er gab mir das Losungswort, er …«

»Seht doch!«

»Mordi! er ist es selbst.«

»Wollt Ihr ihn sprechen?«

»Bei meiner Seele! es wäre mir nicht unangenehm.«

Maurevel öffnete rasch das Fenster. Besme kam wirklich mit etwa zwanzig Mann vorüber.

»Guise und Lothringen,« sagte Maurevel.

Besme wandte sich um; er begriff, daß es ihm galt und näherte sich.

»Ah! Ihr seid es, Herr von Maurevel?«

»Ja, ich bin es; was sucht Ihr?«

»Ich suche das Gasthaus zum Schönen Gestirne, um einen gewissen Herrn von Coconnas in Kenntniß zu setzen.«

»Hier bin ich, Herr von Besme,« sprach der junge Mann.

»Ah! gut, gut, seid Ihr bereit?«

»Ja, was soll ich thun?«

»Was Euch Herr von Maurevel sagt; das ist ein guter Katholik.«

»Hört Ihr?« versetzte Maurevel.

»Ja,« antwortete Coconnas, »aber Ihr, Herr von Besme, wohin geht Ihr?«

»Ich?« rief Besme lachend.

»Ja, Ihr.«

»Ich will dem Admiral ein Wörtchen sagen.«

»Sagt ihm zwei, wenn es sein muß,« sprach Maurevel, »und wenn er sich vom ersten erhebt, so macht, daß er wenigstens nicht vom zweiten aufsteht.«

»Seid unbesorgt, Herr von Maurevel, seid unbesorgt, und dressiert mir den jungen Menschen da gut.«

»Ja, ja, habt nicht bange. Die Coconnas sind gute Leithunde, und Art läßt nicht von Art.«

»Adieu!«

»Geht!«

»Und Ihr.«

»Beginnt immerhin die Jagd, wir kommen schon zum Jägerrechte.«

Von Besme entfernte sich, und Maurevel schloß das Fenster.

»Ihr hört es, junger Mann,« sprach Maurevel, »wenn Ihr irgend einen Privatfeind habt, sollte er auch nicht ganz Hugenott sein, setzt ihn immerhin auf die Liste, er wird mit den andern durchgehen.«

Immer mehr erstaunt über Alles, was er hörte und sah, betrachtete Coconnas abwechselnd den Wirth, welcher furchtbare Stellungen annahm, und Maurevel, der ganz ruhig ein Papier aus seiner Tasche zog.

»Hier ist meine Liste,« sagte er. »Dreihundert. Möchte diese Nacht jeder Katholik den zehnten Theil von dem Geschäfte verrichten, das ich verrichte, und morgen wäre kein einziger Ketzer mehr im Königreich.«

»Stille,« sprach La Hurière.

»Was gibt es?« sagten gleichzeitig Coconnas und Maurevel.

Man hörte den ersten Schlag der Sturmglocke in Saint-Germain-l’Auxerrois.

»Das Signal!« rief Maurevel. »Die Stunde ist also vorgerückt. Es sollte erst um Mitternacht sein, wie man mir sagte … Desto besser! Wenn es sich um die Ehre Gottes und des Königs handelt, sind die Uhren mehr werth, welche vorgehen, als die, welche nachgehen.«

Man hörte wirklich das düstere Läuten der Kirchenglocke. Bald ertönte ein erster Schuß und beinahe in demselben Augenblicke erleuchtete der Glanz mehrerer Fackeln wie ein Blitz die Rue de l’Arbre-Sec.

Coconnas fuhr mit seiner schweißfeuchten Hand über die Stirne.

»Man hat angefangen,« rief Maurevel, »vorwärts!«

»Einen Augenblick,« sprach der Wirth, »ehe wir in das Feld ziehen, versichern wir uns des Quartiers, wie man im Kriege sagt. Man soll nicht meine Frau und meine Kinder erwürgen, während ich außen bin. Es ist ein Hugenott hier.«

»Herr de La Mole!« rief Coconnas aufspringend.

»Ja, der Parpaillot hat sich in den Rachen des Wolfes gestürzt.«

»Wie,« sagte Coconnas, »Ihr wollt Euren Gast angreifen?«

»Für ihn besonders habe ich meinen Degen geschliffen.«

»Oho!« rief der Piemontese, die Stirne faltend.

»Ich habe nie etwas Anderes getödtet, als meine Kaninchen, meine Enten und meine Hühner; ich weiß also nicht recht, wie ich mich zu benehmen habe, um einen Menschen zu tödten. An diesem will ich mich nun einüben. Mache ich die Sache etwas linkisch, so ist doch wenigstens Niemand da, der über mich spotten kann.«

»Mordi! das ist hart,« entgegnete Coconnas. »Herr de La Mole ist mein Gefährte, Herr de La Mole hat mit mir zu Nacht gespeist, Herr de La Mole hat mit mir gespielt.«

»Ja, aber Herr de La Mole ist ein Ketzer!« sprach Maurevel, »Herr de La Mole ist verurtheilt, und wenn wir ihn nicht tödten, werden ihn Andere tödten.«

»Abgesehen davon,« sagte der Wirth, »daß er Euch fünfzig Thaler abgewonnen hat.«

»Das ist wahr,« erwiederte Coconnas, »aber auf eine redliche Weise.«

»Redlich oder nicht, Ihr müßt ihn doch immerhin bezahlen, während Ihr, wenn ich ihn tödte, quitt seid.«

»Vorwärts, meine Herren, vorwärts!« rief Maurevel, »einen Büchsenschuß, einen Degenstoß, einen Schlag mit dem Hammer, einen Schlag mit dem Feuerbock, einen Schlag, mit was Ihr wollt; aber endigen wir damit, wenn wir, wie wir es versprochen gaben, zu rechter Zeit kommen wollen, um dem Herrn von Guise bei dem Admiral zu helfen.«

Coconnas seufzte.

»Ich eile,« rief La Hurière, »wartet auf mich.«

»Mordi!« rief Coconnas, »er wird den armen Jungen leiden lassen und ihn vielleicht bestehlen.

»Ich will dabei sein, um ihm im Falle der Noth den Garaus zu machen und es zu verhindern, daß man sein Geld nimmt.«

Durch diesen glücklichen Gedanken bewogen, stieg Coconnas hinter La Hurière die Treppe hinauf. Bald hatte er ihn eingeholt, denn La Hurière verzögerte seine Schritte immer mehr, ohne Zweifel in Folge einer Betrachtung.

In dem Augenblick, wo er, beständig von Coconnas gefolgt, zur Thür gelangte, erschollen mehrere Schüsse auf der Straße. Sogleich hörte man La Mole von seinem Bette herabspringen und den Boden unter seinen Tritten krachen.

»Teufel!« murmelte La Hurière etwas beunruhigt, »er ist, glaube ich, aufgewacht!«

»Es kommt mir so vor,« sagte Coconnas.«

»Und er wird sich vertheidigen?«

»Er ist fähig dazu. Sagt doch, Meister La Hurière, es wäre drollig, wenn er Euch tödten würde.«

»Hm, hm,« murmelte der Wirth.

Aber da er sich mit einer guten Büchse bewaffnet fühlte, beruhigte er sich wieder und schlug die Thüre mit einem guten Fußstoße ein.

Man sah nun La Mole ohne Hut, aber ganz angekleidet, hinter seinem Bette verschanzt, seinen Degen zwischen den Zähnen und seine Pistolen in der Hand.

»Oho!« rief Coconnas, die Nasenlöcher wie ein wildes Thier ausreißend, das Blut riecht. »Die Sache wird interessant, Meister La Hurière, vorwärts! auf ihn.«

»Ah! man will mich ermorden, wie es scheint,« rief La Mole mit flammenden Augen, »und Du bist es, Elender!«

Meister La Hurière beantwortete diese Anrede nur, indem er seine Büchse senkte und auf den jungen Mann anschlug; aber La Mole, der diese drohende Bewegung gesehen, fiel in dem Augenblick, wo der Schuß losging, auf die Kniee und die Kugel flog über seinem Kopfe hin.

»Herbei,« rief La Mole, »mir zu Hilfe, Herr von Coconnas.«

»Herbei, Herr von Maurevel, mir zu Hilfe!« rief La Hurière.

»Meiner Treue. Herr de La Mole,« sagte Coconnas, »ich kann in dieser Geschichte nicht mehr thun, als mich nicht gegen Euch stellen. Es scheint, man bringt diese Nacht die Hugenotten im Namen des Königs um.«

»Ah, Verräther, ah, Mörder! so geht es! wartet nur!«

Und La Mole zielte ebenfalls und drückte eine von seinen Pistolen ab. La Hurière, der ihn nicht aus dem Gesichte verlor, hatte Zeit, sich auf die Seite zu werfen. Aber Coconnas, welcher hierauf nicht gefaßt war, blieb aus seiner Stelle, und die Kugel streifte seine Schulter.

«Mordi!« rief er, mit den Zähnen knirschend, »das hat mich getroffen; nun ist es an uns Beiden, da Du es willst.«

Und er zog seinen Degen und stürzte auf La Mole los.

Wäre er allein gewesen, so hätte ihn La Mole ohne Zweifel erwartet; aber Coconnas hatte hinter sich den Meister La Hurière welcher seine Büchse wieder lud, abgesehen von Maurevel, der, um der Aufforderung des Wirthes zu folgen, mit großen Sprüngen die Treppe heraufeilte. La Mole warf sich deßhalb in ein Cabinet und verriegelte die Thüre hinter sich.

»Ah, Schelm!« rief Coconnas wüthend und stieß mit dem Knopfe seines Raufdegens an die Thüre. »Warte, warte! ich will Deinen Leib mit so vielen Degenstößen durchbohren, als Du mir diesen Abend Thaler abgewonnen hast. Ah! ich komme, um es zu verhindern daß Du leidest, und Du belohnst mich dadurch, dass Du mir eine Kugel in die Schulter sendest. Warte Schurke, warte!«

Während dieser Zeit näherte sich La Hurière und zerschmetterte mit dem Kolben seiner Büchse die Thüre.

Coconnas sprang in das Cabinet, aber er stieß mit der Nase an die Wand. Das Cabinet war leer und das Fenster offen.

»Er wird sich hinausgestürzt haben,« sagte der Wirth, »und da wir uns im vierten Stocke befinden, so ist er todt.«

»Oder er hat sich über das Dach des Nachbarhauses geflüchtet,« rief Coconnas, schwang sich auf das Fenstergesimse und schickte sich an, ihm auf diesem abschüssigen Terrain zu folgen.

Aber Maurevel und La Hurière eilten auf ihn zu und zogen ihn wieder in das Zimmer.

»Seid Ihr ein Narr!« riefen Beide gleichzeitig. »Wollt Ihr Euch tödten?«

»Bah!« sagte Coconnas, »ich bin im Gebirge zu Hause und gewohnt, auf den Gletschern umherzulaufen. Ueberdieß würde ich, wenn mich ein Mensch einmal beleidigt hat, mit ihm in den Himmel hinauf oder in die Hölle hinabsteigen. Laßt mich also gewähren.«

»Seid vernünftig,« sprach Maurevel, »entweder ist er todt, oder bereits ferne. Kommt mit uns, und wenn dieser Euch entgeht, so findet Ihr tausend Andere statt seiner.«

»Ihr habt Recht,« brüllte Coconnas. »Tod den Hugenotten! Ich muß mich rächen, und zwar je eher desto besser.«

Und alle Drei stürzten wie eine Lawine die Treppe hinab.

»Zu dem Admiral!« rief Maurevel.

«Zu dem Admiral!« wiederholte La Hurière.

»Zu dem Admiral also, da Ihr es wollt,« sagte Coconnas.

Und alle Drei eilten aus dem Gasthause zum Schönen Gestirn, das der Bewachung von Gregor und den andern Aufwärtern überlassen wurde, und wandten sich nach dem Hotel des Admirals, das in der Rue de Béthisy lag. Eine glänzende Flamme und der Lärmen von Büchsenschüssen leiteten sie in dieser Richtung.

»Wer kommt da!« rief Coconnas, »ein Mensch ohne Wamms und ohne Schärpe.«

»Es ist Einer, der sich flüchtet,« sagte Maurevel.

»Das ist Eure Sache, da Ihr Büchsen habt,« rief Coconnas.

»Meiner Treue, nein,« sprach Maurevel, »ich behalte mein Pulver für besseres Wildpret.

»An Euch also, La Hurière.«

»Wartet, wartet!« sprach der Wirth anschlagend.

»O ja, wartet!« rief Coconnas, »und mittlerweile wird er entfliehen.«

Und er eilte, den Unglücklichen zu verfolgen, den er bald eingeholt hatte, denn er war bereits verwundet; aber in dem Augenblick, wo er, um ihn nicht von hinten niederzustoßen, ihm zurief: »Drehe dich, drehe dich doch!« erscholl ein Schuß, eine Kugel zischte an dem Ohr von Coconnas vorüber, und der Flüchtling rollte zusammen, wie ein im raschen Laufe vom Blei des Jägers getroffener Hase.

Ein Triumphgeschrei ließ sich hinter Coconnas hören. Der Piemontese wandte sich um und sah La Hurière seine Waffe schwingen.

»Ah, diesmal habe ich wenigstens das Handgeld bekommen!« rief La Hurière.

»Ja, aber Ihr habt mich beinahe erschossen.«

»Nehmt Euch in Acht, gnädiger Herr,« schrie La Hurière.

Coconnas machte einen Sprung rückwärts. Der Verwundete hatte sich auf ein Knie erhoben und war, ganz vom Durst nach Rache hingerissen, in dem Augenblick wo die Warnung seines Wirthes den Piemontesen aufmerksam machte, im Begriff, Coconnas mit seinem Dolche zu durchbohren.

»Ah, Schlange!« rief Coconnas.

Und sich auf den Verwundeten werfend, stieß er gut dreimal seinen Degen bis an das Heft in die Brust.

»Und nun,« rief Coconnas, den Hugenotten dem Todeskampfe überlassend, »zu dem Admiral! zu dem Admiral!«

»Ah! ah! gnädiger Herr,« sprach Maurevel, »es scheint, Ihr beißt an.«

»Ei, meiner Treue, ja,« sagte Coconnas, »ich weiß nicht, ob es der Pulverdampf ist, was mich berauscht, oder ob es der Anblick des Blutes ist, was mich so sehr aufregt, aber, Mordi! ich finde Geschmack am Tödten. Das ist nur ein Treibjagen auf Menschen. Bis jetzt habe ich Bären und Wölfe gejagt, aber bei meiner Ehre ein Treibjagen auf Menschen kommt mir lustiger vor.«

Und alle Drei setzten ihren Lauf wieder fort.




VIII.

Die Geschlachteten


Das Hotel, welches der Admiral bewohnte, lag, wie gesagt, in der Rue de Béthisy. Es war ein großes Haus, das sich im Hintergrunde eines Hofes mit zwei rückwärts nach der Straße laufenden Flügeln erhob. Eine durch ein großes Thor und zwei kleine Gitter geöffnete Mauer bildete den Eingang zu diesem Hofe.

Als die drei Parteigänger von Guise das Ende der Rue Béthisy erreichten, welche die Fortsetzung der Rue des Fossès-Saint-Germain-l’Auxerrois bildet, sahen sie das Hotel von Schweizern, von Soldaten und bewaffneten Bürgern umgeben. Alle hielten in der rechten Hand entweder Schwerter, oder Pieken, oder Büchsen, und Einige in der Linken Fackeln, welche über diese Scene ein düsteres, schwankendes Licht verbreiteten, das, den Bewegungen der Träger folgend, sich über das Pflaster ausdehnte, an den Mauern hinstieg oder über diesem lebendigen Meere flammte, wo jede Waffe ihren Glanz von sich gab. Rings um das Hotel und in den Rues Tirechappe, Etienne und Bertin-Poirée erfüllte sich das furchtbare Werk. Man vernahm ein langes Geschrei, das Musketenfeuer rasselte und von Zeit zu Zeit sprang ein Unglücklicher, halbnackt, bleich, blutig, wie ein verfolgter Hirsch, in einem Lichtkreise, umher, worin sich eine Welt von Teufeln zu bewegen schien.

In einem Augenblick befanden sich Coconnas, Maurevel und La Hurière, durch ihre weißen Kreuze bezeichnet und von dem Willkommensgeschrei empfangen, im dicksten Haufen. Ohne Zweifel hätten sie nicht durchkommen können; aber Einige erkannten Maurevel und ließen ihm Platz machen, Coconnas und La Hurière schlüpften ihm nach und allen Dreien gelang es, in den Hof zu dringen.

Mitten in diesem Hofe, dessen drei Thore man eingestoßen hatte, stand ein Mann, um welchen die Mörder achtungsvoll freien Raum ließen, gestützt auf einen entblößten Raufdegen und die Augen auf einen etwa fünfzehn Fuß hohen Balcon geheftet, der sich vor dem Hauptfenster des Hotel ausdehnte. Dieser Mann stampfte ungeduldig mit dem Fuße und wandte sich von Zeit zu Zeit, um diejenigen, welche sich zunächst bei ihm befanden, zu befragen.

»Noch nichts?« murmelte er, »Niemand… Er ist wohl gewarnt worden und entflohen. Was denkt Ihr davon, Du Gast?«

»Unmöglich, Monseigneur.«

»Warum? Habt Ihr nicht gesagt, einen Augenblick vor unserer Ankunft sei ein Mensch, den bloßen Degen in der Hand und laufend, als ob er verfolgt würde, erschienen, habe an die Thüre geklopft und es sei ihm geöffnet worden?«

»Ja, Monseigneur, aber beinahe in demselben Augenblick kam Herr von Besme; die Thüren wurden eingestoßen, das Hotel umzingelt. Der Mensch ist wohl hineingegangen, aber sicherlich nicht wieder herausgekommen.«

»Seht,« sagte Coconnas zu La Hurière, »wenn mich nicht Alles täuscht, ist dies Herr von Guise.«

»Er selbst, gnädiger Herr; ja, es ist der große Heinrich von Guise in Person. Er wartet ohne Zweifel, bis der Admiral herauskommt, um ihm dasselbe zu thun, was der Admiral seinem Vater gethan hat.

Jeder kommt an die Reihe, und, Gott sei Dank! heute ist sie an uns!«

»Holla, Besme! Holla!« rief der Herzog mit seiner mächtigen Stimme, »ist es denn noch nicht aus?«

Und mit der Spitze seines Schwertes ließ er in seiner Ungeduld Funken aus dem Pflaster springen.

In diesem Augenblick hörte man Geschrei in dem Hotel, dann Schüsse, dann eine große Bewegung von Füßen und ein Geräusch an einander gestoßener Waffen, worauf ein abermaliges Schweigen folgte.

Der Herzog machte eine Bewegung, um in das Haus zu stürzen.

»Monseigneur, Monseigneur!« sagte Du Gast, sich ihm nähernd und ihn zurückhaltend, »Euere Würde befiehlt Euch, zu bleiben und zu warten.«

»Du hast Recht, ich danke, Du Gast, ich werde warten. Aber in der That, ich sterbe vor Ungeduld und Unruhe. Ah! wenn er mir entginge!«

Plötzlich näherte sich der Lärm von Tritten … Die Scheiben des ersten Stockes wurden von Reflexen, denen einer Feuersbrunst ähnlich, beleuchtet. Das Fenster, nach welchem der Herzog so oft die Augen aufgeschlagen hatte, öffnete sich oder zersprang vielmehr in Stücke, und ein Mensch mit bleichem Gesichte und blutbeflecktem Kragen erschien auf dem Balcon.

»Besme!« rief der Herzog, »bist Du es endlich! Nun?«

»Hier, hier!« antwortete kalt der Deutsche, der sich bückte und sogleich wieder aufstehend, eine, wie es schien, beträchtliche Last emporhob.

»Aber die Andern,« sagte ungeduldig der Herzog, »wo sind die Andern?«

»Die Andern machen die Andern fertig.«

»Und Du, was hast Du gethan?«

»Ich? Ihr sollt es sehen! Weicht ein wenig zurück …«

Der Herzog machte einen Schritt zurück.

In diesem Augenblick konnte man den Gegenstand unterscheiden, den Besme mit so großer Anstrengung an sich zog. Es war der Leichnam eines Greises. Er hob ihn über den Balcon, wiegte ihn einen Augenblick im leeren Raume und warf ihn zu den Füßen seines Herrn.

Das dumpfe Geräusch des Falles, die Blutwellen, welche aus dem Körper hervorsprangen und das Pflaster bespritzten, setzten sogar den Herzog in Schrecken. Aber dieses Gefühl dauerte nicht lange. Die Neugierde machte, daß jeder einige Schritte vorwärts ging, und eine Fackel zitterte über dem Opfer.

»Der Admiral!« riefen gleichzeitig zwanzig Stimmen, welche gleichzeitig auch wieder schwiegen.

»Ja, der Admiral,« sagte der Herzog, sich dem Leichname nähernd, um ihn mit stiller Freude zu betrachten.

»Der Admiral! der Admiral!« wiederholten mit halber Stimme alle Zeugen dieser furchtbaren Scene, drängten sich an einander und näherten sich schüchtern dem großen, niedergeschmetterten Greise.

»Ah, Du bist endlich hier, Gaspard,« sprach der Herzog von Guise triumphirend.« »Du hast meinen Vater ermorden lassen, ich räche ihn.«

Und er wagte es, den Fuß aus den Leib des protestantischen Helden zu setzen; aber alsbald öffneten sich die Augen des Sterbenden mit großer Anstrengung, seine blutige, verstümmelte Hand zog sich zum letzten Male krampfhaft zusammen und der Admiral sprach, fortwährend unbeweglich, zu dem ruchlosen mit einer Gräberstimme:

»Heinrich von Guise, Du wirst auch eines Tages den Fuß eines Mörders auf Deiner Brust fühlen. Ich habe Deinen Vater nicht getödtet … Sei verflucht!«

Bleich und unwillkürlich zitternd, fühlte der Herzog, wie ein eisiger Schauer seinen ganzen Körper durchlief. Er fuhr mit der Hand über seine Stirne, als wollte er die unheilschwangere Vision verjagen. Als er die Hand aber wieder fallen ließ, als er es wagte, den Blick wieder auf den Admiral zu richten, waren seine Augen geschlossen, seine Hand wieder träg geworden, und es hatte sich ein schwarzer Blutstrom aus seinem Munde auf den weißen Bart ergossen, ein Strom, der unmittelbar auf die Worte gefolgt war, welche dieser Mund ausgesprochen hatte.

Der Herzog hob sein Schwert mit einer Geberde verzweifelter Entschlossenheit in die Höhe.

»Nun, Monseigneur,« sagte Besme zu ihm, »seid Ihr zufrieden?«

»Ja, mein Braver, ja,« versetzte Heinrich, »denn Du hast gerächt …«

»Den Herzog Franz, nicht wahr?«

»Die Religion,« versetzte Heinrich mit dumpfer Stimme. »Und nun,« fuhr er fort, sich gegen die Schweizer, die Soldaten und die Bürger, welche den Hof und die Straße füllten, umwendend, »zum Werke, meine Freunde, zum Werke!«

»Ei, guten Morgen, Herr von Besme,« sagte Coconnas, sich mit einer Art von Bewunderung dem Deutschen nähernd, der, immer noch auf dem Balcon, ruhig seinen Degen trocknete.

»Ihr habt ihn also abgefertigt!« rief La Hurière begeistert. »Wie habt Ihr das gemacht, mein würdiger Herr?«

»Oh, ganz einfach, ganz einfach! Er hörte Lärmen, öffnete seine Thüre und ich stieß ihm meinen Degen in den Leib. Aber das ist noch nicht Alles. Ich glaube, Téligny ist daran, ich höre schreien.«

Man vernahm wirklich in diesem Augenblick Angstgeschrei, welches von einer weiblichen Stimme ausgestoßen zu werden schien. Röthliche Reflexe beleuchteten einen von den zwei Flügeln. Man sah zwei Menschen, welche, verfolgt von einer ganzen Reihe von Mördern, flohen. Ein Büchsenschuß streckte den Einen nieder, der Andere fand auf seinem Wege ein offenes Fenster und sprang, ohne die Höhe zu messen, ohne sich um die Feinde zu bekümmern, welche ihn unten erwarteten, unerschrocken in den Hof.

»Tödtet ihn, tödtet ihn!« riefen die Mörder, als sie sahen, daß ihr Opfer entkommen sollte.

Der Mensch erhob sich nach seinem Degen greifend, der beim Falle seinen Händen entschlüpft war, nahm seinen Lauf mit gesenktem Haupte durch die Umstehenden, warf drei oder vier nieder und schoß, mitten unter dem Pistolenfeuer, mitten unter den Verwünschungen der Soldaten, welche wüthend darüber waren, daß sie ihn verfehlt hatten, wie der Blitz an Coconnas vorüber, der ihn mit dem Dolche am Thore erwartete.

»Getroffen!« rief der Piemontese, ihm den Arm mit der seinen, spitzigen Klinge durchstoßend.

»Feiger!« antwortete der Flüchtling, seinem Feinde mit der Klinge seines Schwertes das Gesicht peitschend, da er nicht Raum genug hatte, ihm einen Stoß mit der Spitze beizubringen.

»Oh, tausend Teufel!« rief Coconnas, »es ist Herr de La Mole.

»Herr de La Mole!« wiederholten La Hurière und Maurevel.

»Er hat dem Admiral Nachricht gegeben,« riefen mehrere Soldaten.

»Tödtet ihn, tödtet ihn!« brüllte man von allen Seiten.

»Coconnas, La Hurière und zehn Soldaten stürzten La Mole nach, der mit Blut bedeckt und zu jener Stufe von Exaltation gelangt, welche der letzte Vorbehalt menschlicher Kraft ist, ohne einen andern, Führer als den Instinkt, durch die Straßen sprang. Die Tritte und das Geschrei seiner Feinde hinter ihm, spornten ihn an und schienen ihm Flügel zu leihen. Zuweilen pfiff eine Kugel an seinem Ohre hin und verlieh seinem Lauf, statt ihn zu schwächen, eine neue, Geschwindigkeit. Es war kein Athmen mehr, was aus seiner Brust hervorkam, sondern ein dumpfes Röcheln; der Schweiß und das Blut tropften von seinen Haaren und flossen vermischt über sein Gesicht herab. Bald wurde sein Wamms zu eng für die Schläge seines Herzens, und er riß es auf; bald wurde sein Degen zu schwer für seine Hand, und er warf ihn von sich. Zuweilen kam es ihm vor, als entfernten sich die Tritte und als wäre er nahe daran, seinen Henkern zu entfliehen. Aber auf das Geschrei der letzteren verließen andere Mörder, die sich an seinem, Wege befanden und ihm näher waren, ihr blutiges Geschäft und liefen herbei. Plötzlich sah er den Fluß schweigsam an seiner Linien hinrollen. Es kam ihm vor, als fühlte er, wie der Hirsch, der vor Mattigkeit beinahe umsinkt, ein unbeschreibliches Vergnügen, sich hineinzustürzen, und nur die äußerste Kraft des Geistes vermochte ihn zurückzuhalten. Zu seiner Rechten war der Louvre, düster, unbeweglich, aber voll dumpfen, unseligen Geräusches. Auf der Zugbrücke eilten Helme, Panzer hin und her, welche in kalten Blitzen die Strahlen des Mondes wiedergaben. La Mole dachte an den König von Navarra, wie er an Coligny gedacht hatte. Es waren seine zwei einzigen Beschützer. Er raffte alle seine Kräfte zusammen, schaute den Himmel an und that ganz leise das Gelübde, abzuschwören, wenn er der Metzelei entkommen würde, ließ durch einen Umweg die Meute, welche ihn verfolgte, etwa dreißig Schritte verlieren, lief gerade auf den Louvre zu, stürzte durch einander mit den Soldaten auf die Zugbrücke, erhielt einen Dolchstich, welcher an seinen Rippen hinglitt, und trotz des Geschreis: »Tödtet ihn, tödtet ihn!« das hinter ihm und um ihn her erscholl, trotz der angreifenden Stellung, welche die Schildwachen nahmen, schoß er wie ein Pfeil in den Hof, sprang in das Vorhaus, erreichte die Treppe, stieg zwei Stockwerke hinauf, erblickte eine Thüre lehnte sich daran und klopfte mit Händen und, Füßen.

»Wer ist da?« flüsterte eine weibliche Stimme.

»Oh, mein Gott! mein Gott!« murmelte La Mole, »sie kommen … ich höre sie… sie sind da! … ich sehe sie … Ich bin es … ich! …«

»Wer seid Ihr?« versetzte die Stimme.

La Mole erinnerte sich des Losungswortes.

»Navarra! Navarra!« rief er.

Sogleich öffnete sich die Thür: ohne Gillonne zu sehen, ohne zu danken, drang La Mole in einen Vorplatz, eilte durch einen Corridor, durch ein paar Gemächer und gelangte endlich in ein Zimmer, das durch eine am Plafond hängende Lampe beleuchtet war.

Unter Vorhängen von Sammet mit goldenen Lilien, in einem Bette von geschnitztem Eichenholze, öffnete eine in ein Nachtgewand gehüllte Frau, auf ihren Arm gestützt, die vor Schrecken starren Augen.

La Mole stürzte auf sie zu und rief:

»Madame, man tödtet mich, man erdrosselt meine Brüder, man will mich auch tödten, auch erdrosseln! – Ah, Ihr seid die Königin… rettet mich!«

Und er sank, eine breite Blutspur auf dem Teppich zurücklassend, zu ihren Füßen.

Als die Königin von Navarra, welche sich, von der Herzogin von Lothringen gewarnt, völlig angekleidet in das Bett gelegt hatte, diesen bleichen, entstellten, vor ihr knieenden Menschen sah, richtete sie sich erschrocken auf und rief, ihr Gesicht in den Händen verbergend, um Hilfe.

»Madame,« sprach La Mole und strengte sich an, um aufzustehen, »in des Himmels Namen, ruft nicht, wenn man Euch hört, bin ich verloren! Mörder verfolgen mich … sie stürzen hinter mir die Stufen herauf; … ich höre sie … hier sind sie! hier sind sie!«

»Zu Hilfe!« wiederholte die Königin von Navarra außer sich, »zu Hilfe!«

»Ah! Ihr habt mich getödtet,« rief La Mole in Verzweiflung, »durch eine so süße Stimme, durch eine so schöne Hand sterben! Oh! das hätte ich für unmöglich gehalten!«

In demselben Augenblick öffnete sich die Thüre, und eine Meute keuchender, wüthender Menschen, das Gesicht von Blut und Pulver befleckt, Büchsen, Hellebarden und Schwerter in den Fäusten, stürzte in das Zimmer.

An ihrer Spitze war Coconnas. Seine rothen Haare sträubten sich auf seinem Haupte, sein Auge war übermäßig erweitert, die Wange völlig gequetscht von dem Schwerte von La Mole, das eine blutige Furche auf dem Fleische gezogen hatte. So entstellt, war der Piemontese furchtbar anzuschauen.

»Mordi!« rief er, »hier ist er! hier ist er! Diesmal soll er uns nicht entkommen!«

De La Mole suchte eine Waffe um sich her und fand keine. Er warf seine Augen auf die Königin und sah das tiefste Mitleid auf ihrem Antlitz ausgeprägt. Da begriff er, daß sie allein ihn retten konnte, stürzte auf sie zu und umschlang sie mit seinen Armen.

Coconnas machte drei Schritte vorwärts, stieß die Spitze seines langen Degens abermals in die Schulter seines Feindes, und einige Tropfen warmen, frischrothen Blutes besprengten wie Thau die weißen, duftenden Tücher von Margarethe.

Margarethe sah das Blut fließen, sie fühlte das Beben des mit dem ihrigen verschlungenen Körpers und warf sich mit ihm in den Raum hinter dem Bette. Es war die höchste Zeit. Der völligen Erschöpfung seiner Kräfte nahe, fühlte sich de La Mole unfähig, irgend eine Bewegung zu machen. Er legte sein leichenblasses Haupt auf die Schulter der jungen Frau und seine krampfhaft zusammengezogenen Finger klammerten sich ihn zerreißend, an dem feinen gestickten Batist an, der mit einer Gazewelle den Körper von Margarethe bedeckte.

»Oh! Madame,« murmelte er mit sterbender Stimme, »rettet mich!«

Das war Alles, was er sagen konnte. Sein von einer Wolke, der Nacht des Todes ähnlich, verschleiertes Auge verdunkelte sich, der schwere Kopf fiel zurück, seine Arme erschlafften, seine Hüften beugten sich, und er glitt, die Königin mit sich ziehend, auf den Boden in sein eigenes Blut.

In diesem Augenblick streckte Coconnas, durch das Geschrei begeistert, durch den Geruch des Blutes berauscht, außer sich durch den wüthenden Lauf, den er gemacht hatte, den Arm nach dem königlichen Alkoven aus. Noch einen Augenblick und sein Degen durchdrang das Herz von La Mole und vielleicht zugleich das von Margarethe.

Bei dem Anblick dieses entblößten Eisens und vielleicht mehr noch bei dem dieser rohen Frechheit erhob sich die Tochter der Könige in ihrer ganzen Höhe und stieß einen Schrei so von Schrecken, Entrüstung und Wuth aus, daß der Piemontese, durch ein unbekanntes Gefühl versteinert, innehielt. Hätte diese Scene nur unter denselben handelnden Personen fortgedauert, so würde allerdings dieses Gefühl wie ein Morgenschnee unter der Frühlingssonne hingeschmolzen sein.

Aber plötzlich stürzte durch eine in der Wand verborgene Thüre ein junger Mensch von sechszehn bis siebzehn Jahren, schwarz gekleidet, bleich, die Haare in Unordnung, herein.

»Warte, meine Schwester, warte, hier bin ich!«

»Franz! Franz! zu Hilfe!« sprach Margarethe.

»Der Herzog von Alençon,« murmelte La Hurière, seine Büchse senkend.

»Mordi! ein Sohn von Frankreich!« brummte Coconnas, einen Schritt zurückweichend.

Der Herzog von Alençon warf einen Blick um sich her. Er sah Margarethe, die Haare aufgelöst, schöner als je, an die Mauer gelehnt, von Männern umgeben, Wuth in den Augen, Schweiß auf der Stirne, Schaum an dem Munde.

»Elende!« rief er.

»Rettet mich, mein Bruder!« sprach Margarethe erschöpft, »sie wollen mich ermorden!««

Eine Flamme zog über das bleiche Antlitz des Herzogs hin.

Obgleich er ohne Waffen war, ging er doch, ohne Zweifel unterstützt durch das Bewußtsein seines Ranges, mit geballten Fäusten auf Coconnas und seine Gefährten los, welche erschrocken vor den Blitzen, die aus seinen Augen hervorsprangen, zurückwichen.

»Werdet Ihr auch einen Sohn von Frankreich tödten?« sprach er.

Dann, da sie immer mehr zurückwichen:

»Oho! mein Kapitän der Garden, kommt hierher, und man hänge mir alle diese Schurken!«

Mehr erschrocken bei dem Anblicke dieses unbewaffneten jungen Menschen, als er es wohl bei einer Compagnie von Lanzknechten gewesen wäre, hatte Coconnas bereits die Thüre erreicht. La Hurière eilte mit Hirschläufen die Treppe hinab. Die Soldaten drängten sich und warfen sich in den Flur nieder, um so schnell als möglich zu entfliehen. Sie fanden die Thüre zu eng im Vergleiche mit ihrem großen Verlangen, außen zu sein.

Mittlerweile hatte Margarethe instinktartig ihre Damastdecke auf den jungen Mann geworfen und sich von ihm entfernt.

Als der letzte Mörder verschwunden war, wandte sich der Herzog von Alençon um.

»Meine Schwester!« rief er, als er Margarethe ganz mit Blut besprengt sah, »solltest Du verwundet sein?«

Und er stürzte auf seine Schwester mit einer Unruhe zu, die seiner Zärtlichkeit Ehre gemacht hätte, hätte man seine Zärtlichkeit nicht beschuldigt, sie wäre größer, als sie sich für einen Bruder geziemte.

»Nein,« sagte sie, »ich glaube nicht, oder wenn ich es bin, so bin ich es nur leicht.«

»Aber dieses Blut,« versetzte der Herzog, mit seinen zitternden Händen über den ganzen Körper von Margarethe hinstreifend, »dieses Blut, woher kommt es?«

»Ich weiß es nicht, »antwortete die junge Frau, »einer von den Elenden hat Hand an mich gelegt; vielleicht war er verwundet.«

»Hand an meine Schwester gelegt!« rief der Herzog. »Oh! wenn Du mir ihn nur mit dem Finger gezeigt hättest, wenn Du mir gesagt hättest, welcher es war, wenn ich wüßte, wo ich ihn finden sollte!…«

»Stille!« sprach Margarethe.

»Und warum dies?« sagte Franz.

»Weil, wenn man Euch zu dieser Stunde in meinem Zimmer sehen würde …«

»Kann ein Bruder nicht seine Schwester besuchen, Margarethe?«

Die Königin heftete auf den Herzog von Alençon einen so starren und dabei so drohenden Blick, daß der junge Mensch zurückwich.

»Ja, ja, Margarethe, Du hast Recht,« sagte er, »ich begebe mich in meine Wohnung. Aber Du kannst nicht diese ganze furchtbare Nacht allein bleiben. Soll ich Gillonne rufen?«

»Nein, nein, Niemand, gehe Franz, gehe auf dem Wege zurück, auf dem Du gekommen bist.«

Der junge Prinz gehorchte, und kaum war er verschwunden, als Margarethe, einen Seufzer vernehmend, der hinter ihrem Bette hervorkam, nach der Thüre des geheimen Ganges lief und dann nach der andern Thüre eilte, die sie ebenfalls und zwar in dem Augenblick verschloß, wo ein Haufen von Bogenschützen und Soldaten, welche andere im Louvre wohnende Hugenotten verfolgten, wie ein Orkan am äußersten Ende des Corridors vorüberbrauste.

Nachdem sie aufmerksam um sich hergeschaut hatte um zu sehen, ob sie auch gewiß allein wäre, kehrte sie nach dem Platze hinter ihrem Bette zurück, hob die Damastdecke auf, welche den Körper von La Mole den Blicken des Herzogs von Alençon entzogen hatte, schleppte mit aller Anstrengung die träge Masse in das Zimmer, setzte sich, als sie sah, das der Unglückliche noch athmete, nieder, legte sein Haupt auf ihren Schooß und sprengte ihm Wasser in das Gesicht, um ihn wiederzubeleben.

Jetzt erst, als das Wasser den Schleier von Staub, Pulver und Blut entfernt hatte, der das Antlitz des Verwundeten bedeckte, erkannte Margarethe in ihm den schönen Edelmann, der voll Leben und Hoffnung drei oder vier Stunden vorher sie um ihren Schutz bei dem König von Navarra gebeten und den, sie selbst in Träume versenkend, geblendet von ihrer Schönheit verlassen hatte.

Margarethe stieß einen Schrei des Schreckens aus, denn was sie jetzt für den Verwundeten fühlte, war nicht mehr Mitleid allein, es war Theilnahme. Der Verwundete war für sie in der That nicht mehr ein einfacher Fremder, es war ein Bekannter. Unter ihrer Hand erschien das schöne Antlitz von La Mole bald völlig wieder, aber bleich und vom Schmerze verzogen. Mit einem tödtlichen Schauer und beinahe eben so bleich als er selbst, legte sie die Hand auf sein Herz; sein Herz schlug noch. Dann streckte sie die Hand nach einem Riechfläschchen aus, das auf einem nahen Tische lag, und, ließ ihn davon einathmen.

La Mole öffnete die Augen.

»Oh, mein Gott!« murmelte er, »wo bin ich?«

»Gerettet! beruhigt Euch, gerettet!« sprach Margarethe.

La Mole wandte mühsam seinen Blick nach der Königin, verschlang sie einen Moment mit den Augen und stammelte:

»Oh! wie schön seid Ihr!«

Und wie geblendet schloß er alsbald die Augen abermals und seufzte.

Margarethe stieß einen leichten Schrei aus, der junge Mann erbleichte, wenn es möglich war, noch mehr, und sie glaubte einen Augenblick, dieser Seufzer wäre der letzte gewesen.

»Oh mein Gott! mein Gott!« sprach sie, »habe Mitleid mit ihm.«

Zur selben Zeit klopfte man heftig an die Flurthüre.

Margarethe stand, La Mole unter den Schultern haltend, halb auf.

»Wer ist da?« rief sie.

»Madame, Madame, ich bin es!« rief eine Frauenstimme, »ich, die Herzogin von Nevers.«

»Henriette!« rief Margarethe, »oh, dabei ist keine Gefahr! Es ist eine Freundin, hört Ihr, mein Herr?«

La Mole strengte alle seine Kräfte an und erhob sich auf ein Knie.

»Versucht es, Euch zu halten, während ich öffne,« sagte die Königin.

La Mole stützte seine Hand auf den Boden, und es gelang ihm, im Gleichgewicht zu bleiben. Margarethe machte einen Schritt nach der Thüre, aber sie blieb plötzlich, bebend vor Schrecken, stille stehen.

»Ach, Du bist nicht allein?« rief sie, das Geräusch von Waffen vernehmend.

»Nein, ich werde von zwölf Wachen geleitet, die mir mein Schwager Herr von Guise, gelassen hat.«

»Herr von Guise!« murmelte La Mole, »oh! der Mörder! der Mörder!«

»Stille!« sagte Margarethe, »nicht ein Wort!«

Und sie schaute rings um sich her, um zu sehen, wo sie ihn verbergen könnte.

»Einen Degen, einen Dolch!« murmelte La Mole.

»Um Euch zu vertheidigen? Vergeblich! Habt ihr nicht gehört? sie sind zu zwölf, und Ihr seid allein.«

»Nicht um mich zu vertheidigen, sondern um nicht, lebendig in ihre Hände zu fallen.«

»Nein, nein,« sprach Margarethe, »nein, ich werde Euch retten. Ah! Dieses Cabinet, kommt, kommt!«

La Mole strengte sich noch einmal an und schleppte sich, unterstützt von Margarethe, bis in das Cabinet. Margarethe schloß die Thüre hinter ihm, steckte den Schlüssel in ihre Tasche und flüsterte ihm durch das Täfelwerk zu: »Keinen Schrei, keine Klage, keinen Seufzer, und Ihr seid gerettet!«

Dann einen Nachtmantel über die Schultern werfend öffnete sie ihrer Freundin, die sich in ihre Arme stürzte.

»Ah,« sagte sie, »es ist Euch nichts begegnet, nicht wahr, Madame?«

»Nein,« sprach Margarethe und zog den Mantel fest zusammen, daß man die Blutflecken, mit denen ihr Gewand besprengt war, nicht sehen konnte.

»Desto besser; aber da mir der Herr Herzog von Guise zwölf Wachen, um mich nach seinem Hotel zurückzuführen, gegeben hat, und da ich keines so großen Geleites bedarf, so überlasse ich sechs davon Euerer Majestät. Sechs Wachen des Herzogs von Guise sind in dieser Nacht mehr werth, als ein ganzes Regiment Garden des Königs.«

Margarethe wagte es nicht, dieses Anerbieten auszuschlagen. Sie ließ die sechs Mann in dem Flur sich aufstellen, und umarmte dankend die Herzogin von Nevers, welche mit den andern sechs Wachen nach dem Hotel des Herzogs von Guise zurückkehrte, das sie in Abwesenheit ihres Gemahls bewohnte.




IX.

Die Schlächter


Coconnas war nicht entflohen, er hatte seinen Rückzug genommen. La Hurière war nicht entflohen, er war weggelaufen. Der Eine war auf die Weise des Tigers, der Andere auf die des Wolfes verschwunden. So kam es, daß La Hurière sich bereits auf der Place Saint-Germain-l’Auxerrois befand, als Coconnas erst den Louvre verließ.

Als La Hurière sich mit seiner Büchse allein sah, mitten unter den Menschen, welche vorüberliefen, unter den Kugeln, welche pfiffen, und den Leichnamen, die theils ganz, theils in Stücken zu den Fenstern herausfielen, fing er an Furcht zu bekommen, und suchte kluger Weise nach seinem Gasthofe zurückzukehren. Als er aber durch die Rue d’Averon in die Rue de l’Arbre-Sec ausmündete, fiel er in eine Truppe von Schweizern und Chevauxlegers, welche unter dem Befehle von Maurevel standen.

»Nun!« rief dieser, der sich selbst den Namen Todtschläger des Königs gegeben hatte, »Ihr seid schon fertig, Ihr kehrt zurück, Herr Wirth? Was Teufels habt Ihr mit unserem piemontesischen Edelmann gemacht? Es wird ihm doch kein Unglück widerfahren sein? Das wäre Schade, denn er ging gut an das Werk.«

»Ich denke nicht,« versetzte La Hurière, »ich hoffe, er wird uns wieder einholen!«

»Woher kommt Ihr?«

»Aus dem Louvre, wo man uns, wie ich bekennen muß, ziemlich hart empfangen hat.«

»Wer dies?«

»Der Herr Herzog von Alençon. Ist er nicht bei der Sache?«

»Monseigneur, der Herr Herzog von Alençon ist bei nichts, was ihn nicht persönlich berührt; schlagt ihm vor, seine zwei älteren Brüder als Hugenotten zu behandeln, und er wird dabei sein, vorausgesetzt, daß sich die Sache abmachen läßt, ohne daß er dadurch gefährdet wird. Aber geht Ihr nicht mit diesen braven Leuten, Meister La Hurière?«

»Wohin gehen sie?«

»Oh, mein Gott! in die Rue Montorgueil; es wohnt dort einer meiner Bekannten, ein hugenottischer Geistlicher; er hat eine Frau und sechs Kinder. Diese Ketzer zeugen ungeheuer. Das wird interessant sein.«

»Und Ihr, wohin geht Ihr?«

»Oh! ich, ich gehe einer Privat-Angelegenheit nach.«

»Geht nicht ohne mich,« sprach eine Stimme, welche Maurevel beben machte. »Ihr kennt die guten Orte und ich will dabei sein.«

»Ah! das ist unser Piemontese,« sagte Maurevel.

»Es ist Herr von Coconnas,« versetzte La Hurière. »Ich glaubte, Ihr würdet mir folgen.«

»Pest! dazu reißt Ihr zu schnell aus; und dann habe ich mich ein wenig von der geraden Linie abgewendet, um ein abscheuliches Kind, das: »Nieder die Papisten! Es lebe der Admiral!« rief, in den Fluß zu werfen. Leider muß ich glauben, daß der Bursche zu schwimmen verstand. Wenn man diese elenden Parpaillots ersäufen will, so muß man sie wohl in das Wasser werfen, wie die Katzen, ehe sie hell sehen.«

»Ah! Ihr sagt, Ihr kommt vom Louvre. Euer Hugenott hatte sich dahin geflüchtet?« fragte Maurevel.

»Mein Gott, ja.«

»Ich habe ihm eine Pistolenkugel im Augenblick, wo er seinen Degen im Hofe des Admirals aufhob, zugesandt, aber ich weiß nicht, wie es kam, ich fehlte ihn.«

»Ich habe ihn nicht gefehlt,« sagte Coconnas, »ich stieß ihm meinen Degen in die Rippen, daß die Klinge fünf Zoll lang von der Spitze an feucht war. Auch sah ich ihn in die Arme von Frau von Margarethe fallen, eine schöne Frau, bei Gott! Doch ich gestehe, es würde mir nicht leid thun, wenn ich wüßte, er wäre todt. Dieser Bursche sieht aus, als hätte er einen sehr zanksüchtigen Charakter, und als wäre er fähig, mir sein ganzes Leben hindurch zu grollen. Aber sagtet Ihr nicht, Ihr würdet irgendwohin gehen?«

»Es liegt Euch also daran, mit mir zu kommen?«

»Es liegt mir daran, nicht auf dieser Stelle zu bleiben. Ich habe erst drei oder vier getödtet, und wenn ich mich erkälte, thut mir meine Schulter weh. Vorwärts, vorwärts!«

»Kapitän,« sagte Maurevel zu dem Anführer der Truppe, »gebt mir drei Mann, und fertigt Euren Geistlichen mit dem Reste ab.«

Drei Schweizer trennten sich von den Uebrigen und stießen zu Maurevel. Die zwei Truppen marschirten jedoch neben einander bis zu der Höhe der Rue Tirechappe. Hier schlugen die Chevauxlegers und die Schweizer den Weg nach der Rue de la Tonnellerie ein, während Maurevel, Coconnas, La Hurière und die drei Mann der Rue de la Ferronnerie folgten und durch die Rue Trousse-Vache in die Rue Saint-Avoye zogen.

»Aber wohin des Teufels führt Ihr uns?« sprach Coconnas, den dieser weite Marsch ohne ein Ziel zu langweilen anfing

»Ich führe Euch zu einem zugleich glänzenden und nützlichen Unternehmen; nach dem Admiral, nach Téligny, nach den hugenottischen Prinzen konnte ich Euch nichts Besseres anbieten. Habt also Geduld! Unser Geschäft ist in der Rue du Chaume, und wir sind in einem Augenblick dort.«

»Sagt mir,« fragte Coconnas, »ist die Rue du Chaume nicht in der Nähe des Temple?«

»Ja; warum?«

»Es wohnt dort ein alter Gläubiger unserer Familie, ein gewisser Lambert Mercandon, an den ich von meinem Vater hundert Rosenobles zu bezahlen beauftragt bin, welche ich zu diesem Behufe in meiner Tasche habe.«

»Wohl,« sagte Maurevel, »es ist eine schöne Gelegenheit, Euch Eurer Schuld zu entledigen.«

»Wie dies«

»Heute ist der Tag, an dem man seine alten Rechnungen ordnet. Ist Euer Mercandon ein Hugenott?«

»Oh, oh!« rief Coconnas, »ich verstehe, er muß es sein.«

»Stille, wir sind an Ort und Stelle.«

»Wem gehört dieses große Hotel mit dem Pavillon auf die Straße?«

»Es ist das Hotel Guise.«

»In der That,« sprach Coconnas, »ich mußte nothwendig hierher kommen, da ich unter der Patronschaft des großen Heinrich in Paris erscheine. Aber Mordi! in diesem Quartier ist Alles sehr ruhig, mein Lieber. Wenn man nicht zuweilen das Geräusch eines Büchsenschusses hören würde, müßte man glauben, man wäre in der Provinz. Der Teufel solle mich holen, alle Welt schläft.«

Das Hotel Guise schien in der That so ruhig, als in gewöhnlichen Zeiten. Alle Fenster waren geschlossen, und ein einziges Licht glänzte hinter dem Laden an dem Hauptfenster des Pavillon, der die Aufmerksamkeit von Coconnas bei seinem Eintritt in die Straße auf sich gezogen hatte.

Etwas jenseits des Hotel Guise, das heißt an der Ecke der Rue du Petit-Chantier und der des Quatre-Fils, hielt Maurevel stille.

»Hier ist die Wohnung desjenigen, welchen wir suchen.«

»Das heißt die Wohnung desjenigen, welche Ihr sucht,« sprach La Hurière.

»Insofern Ihr mich begleitet, suchen wir ihn.«

»Wie! dieses Haus, das einen so guten Schlaf zu schlafen scheint?«

«Allerdings. Ihr, La Hurière, benützt das ehrliche Gesicht, das Euch die Natur irrthümlicher Weise verliehen habt, und klopft an dieses Haus. Gebt Eure Büchse Herrn von Coconnas; er schielt schon eine Stunde darnach. Werdet Ihr eingelassen, so fragt Ihr nach dem Herrn von Mouy.«

»Ah! Ah!« sprach Coconnas, »ich begreife, Ihr habt auch einen Gläubiger im Quartiere des Temple, wie es scheint:

»So ist es,« fuhr Maurevel fort. »Ihr geht also, den Hugenotten spielend, hinauf, Ihr unterrichtet Herrn von Mouy von dem, was vorfällt. Er ist brav, er wird herunterkommen.«

»Und ist er einmal herunter?« fragte La Hurière.

»Ist er herunter, so bitte ich ihn, seinen Degen mit dem meinigen zu messen.«

»Bei meiner Seele, das ist ein braver Edelmann,« sprach Coconnas, »und ich denke genau dasselbe mit Lambert Mercandon zu thun. Ist er zu alt, um es anzunehmen, so geschieht es mit einem von seinen Söhnen oder seinen Neffen.«

La Hurière klopfte ohne Widerrede an die Thüre. Bei seinen in der Stille der Nacht wiederhallenden Schlägen öffneten sich die Thüren des Hotel Guise, und es kamen einige Köpfe durch die Oeffnungen hervor. Man sah nun, daß das Hotel nach Art der Citadellen ruhig war, das heißt, weil man es mit Soldaten gefüllt hatte.

Diese Köpfe zogen sich beinahe in demselben Augenblick zurück, denn sie erriethen ohne Zweifel, um was es sich handelte.

»Er wohnt also hier, Euer Herr von Mouy?« sprach Coconnas auf das Haus deutend, an welches La Hurière zu klopfen fortfuhr.

»Nein, es ist die Wohnung seiner Geliebten.«

»Mordi! welche Höflichkeit erzeigt Ihr ihm da! Ihr bietet ihm Gelegenheit, den Degen unter den Augen seiner Schönen zu ziehen. Wir werden Kampfrichter sein. Es wäre mir indessen lieber, wenn ich mich selbst schlagen könnte; meine Schulter brennt mich.»

»Und Euer Gesicht,« fragte Maurevel, »es ist ebenfalls stark beschädigt?«

Coconnas stieß eine Art von dumpfem Knurren aus und erwiederte:

»Beim Teufel! ich hoffe, er ist todt, sonst würde ich wohl in den Louvre zurückkehren, um ihm den Garaus zu machen.«

La Hurière klopfte immer fort.

Bald öffnete sich ein Fenster des ersten Stockwerkes, und es erschien auf dem Balcon ein Mensch mit einer Nachtmütze, in Unterhosen und ohne Waffen.

»Wer ist da?« rief dieser Mensch.

Maurevel machte seinen Schweizern ein Zeichen. Sie zogen sich in einen Winkel zurück, während sich Coconnas an die Mauer druckte.

»Ah, Herr von Mouy,« sprach der Wirth mit seinem einfältigen Tone, »seid Ihr es?«

»Ja, ich bin es, was wollt Ihr?«

»Er ist es,« murmelte Maurevel, vor Freude zitternd.

»Ei, Herr,« fuhr La Hurière fort, »wißt Ihr nicht, was vorgeht? Man erwürgt den Herrn Admiral, man ermordet Eure Religionsgenossen. Eilt ihnen zu Hilfe!«

»Ah!« rief von Mouy, »ich vermuthete, daß für diese Nacht etwas angezettelt würde und hätte meine braven Kameraden nicht verlassen sollen. Ich komme, mein Freund, ich komme, wartet auf mich.«

Und ohne das Fenster wieder zu schließen, durch welches das Geschrei einer erschrockenen Frau und zarte Bitten drangen, suchte Herr von Mouy sein Wamms, seinen Mantel und seine Waffen.

»Er kommt herab! er kommt herab!« murmelte Maurevel, bleich vor Freude. »Aufgepasst, Ihr Anderen!« flüsterte er den Schweizern zu. Dann nahm er die Büchse aus den Händen von Coconnas, blies auf die Lunte, um sich zu versichern, daß sie gut brannte, und sagte zu dem Wirthe, der sich zu der Truppe zurückgezogen hatte: »Nimm Deine Büchse wieder!«

»Mordi!« rief Coconnas, »der Mond tritt aus einer Wolke hervor, um Zeuge dieses schönen Zweikampfes zu sein. Ich gäbe viel, wenn Herr Lambert Mercandon hier wäre und Herrn von Mouy als Secundant diente.«

»Wartet, wartet,« sprach Maurevel, »Herr von Mouy ist für sich allein so viel werth, als zehn Männer, und wir sechs werden vielleicht genug zu thun haben, um uns seiner zu entledigen. Rückt vor,« fuhr Maurevel fort, und machte den Schweizern ein Zeichen, an die Thüre zu schleichen, um ihn niederzuschlagen, wenn er herauskommen würde.

»Oho!« sagte Coconnas, diese Vorbereitungen betrachtend, »es scheint, die Sache wird nicht ganz so vor sich gehen, wie ich erwartete.«

Bereits hörte man das Geräusch des Balkens den Mouy zurückzog. Die Schweizer hatten ihr Versteck verlassen, um ihren Platz an der Thüre einzunehmen. Maurevel und La Hurière rückten auf der Fußspitze vor, während Coconnas in einem Ueberreste adeligen Gefühls an seiner Stelle blieb, als die junge Frau, an die man nicht mehr dachte, ebenfalls auf dem Balcon erschien und, die Schweizer, Maurevel und La Hurière erblickend, ein furchtbares Geschrei ausstieß.

Von Mouy, der die Thüre halb geöffnet hatte, hielt inne.

»Komm’ wieder herauf, komm’ herauf!« rief die junge Frau, »ich sehe Schwerter glänzen, ich sehe die Lunte einer Büchse schimmern: es ist ein Hinterhalt!«

»Oho!« versetzte die Stimme des jungen Mannes brummend, »wir wollen ein wenig nachsehen, was dies zu bedeuten hat.«

Und er schloß die Thüre wieder, schob den Balken ein, stieß den Riegel vor und stieg hinauf.

Die Schlachtordnung von Maurevel wurde verändert, als er sah, daß Mouy nicht herauskommen wurde. Die Schweizer stellten sich auf der andern Seite der Straße auf und La Hurière wartete, seine Büchse in der Faust, bis der Feind wieder am Fenster erschien. Er wartete nicht lange. Von Mouy rückte, vor, zwei Pistolen von so achtungswerther Länge in den Händen, daß La Hurière, der bereits auf ihn anschlug, plötzlich bedachte, die Kugeln des Hugenotten hätten nicht mehr Weg zu machen, um die Straße zu erreichen, als seine Kugel, um auf den Balcon zu gelangen.

»Allerdings,« sagte er zu sich selbst, »kann ich diesen Herrn tödten; dieser Herr kann zugleich aber auch mich tödten.«

Da nun Meister La Hurière, ein Wirth seines Standes, nur unter gewissen Umständen Soldat war, so bestimmte ihn diese Betrachtung, sich zurückzuziehen und Schutz in der Ecke der Rue de Brac zu suchen, die so weit entfernt war, daß er einige Mühe gehabt hätte, von hier aus, besonders bei Nacht, die Linie zu finden, welche seine Kugel verfolgen mußte, um zu Herrn von Mouy zu gelangen.

Von Mouy warf einen Blick um sich her und ging, sich deckend wie ein Mensch, der sich zu einem Duell anschickt, vor. Als er aber sah, daß nichts kam, rief er:

»He! Herr Rathgeber! es scheint, Ihr habt Eure Büchse an meiner Thüre vergessen. Hier bin ich, was wollt Ihr von mir?«

»Ah, ah!« sprach Coconnas zu sich selbst, »das ist ein Braver!«

»Nun!« fuhr Mouy fort, »Freunde oder Feinde, wer Ihr auch sein möget, seht Ihr nicht, daß ich warte?«

La Hurière beobachtete ein Stillschweigen, Maurevel antwortete nicht, und die drei Schweizer verhielten sich ruhig.

Coconnas wartete einen Augenblick; als er aber sah, daß Niemand das von La Hurière angefangene und von Mouy fortgesetzte Gespräch unterhielt, verließ er seinen Posten, ging bis mitten in die Straße, nahm seinen Hut in die Hand und sagte:

»Mein Herr, wir sind nicht eines Mordes wegen hier, wie Ihr glauben dürftet, sondern eines Zweikampfes wegen. Ich begleite einen von Euren Feinden, der mit Euch zu thun haben möchte, um auf muthige Weise einen alten Streit zu endigen. Ei, Mordi! kommt doch hervor, Herr von Maurevel, statt den Rücken zu wenden. Der Herr nimmt es an.«

»Maurevel!« rief von Mouy, »Maurevel, der Mörder meines Vaters! Maurevel, der Todtschläger des Königs! Ha, bei Gott, ja, ich nehme es an!«

Und auf Maurevel anschlagend, der an das Hotel Guise klopfen wollte, um Verstärkung zu holen, durchbohrte er seinen Hut mit einer Kugel.

Bei dem Lärmen des Schusses, bei dem Geschrei von Maurevel kamen die Wachen, welche die Herzogin von Nevers zurückgeführt hatten, begleitet von einigen Edelleuten, denen ihre Pagen folgten, heraus und rückten nach dem Hause der Geliebten des jungen von Mouy vor.

Ein zweiter Pistolenschuß, mitten unter die Truppe abgefeuert, streckte den Soldaten, der sich zunächst bei Maurevel befand, todt nieder, wonach sich von Mouy, da er keine Waffen oder wenigstens nur unnütze Waffen hatte, insofern seine Pistolen abgefeuert und seine Gegner außerhalb des Bereiches seines Degens waren, hinter der Gallerie des Balcon verbarg.

Indessen öffneten sich da und dort die Fenster in der Umgegend, und schlossen sich wieder oder wurden, je nach dem friedlichen oder kriegerischen Geiste der Bewohner, mit Musketen und Büchsen besetzt.

»Mir zu Hilfe, mein braver Mercandon!« rief von Mouy mit einem Zeichen gegen einen bereits alten Mann, der aus einem Fenster, das sich dem Hotel Guise gegenüber geöffnet hatte, in dieser Verwirrung etwas zu sehen suchte.

»Ihr fordert Hilfe, Herr von Mouy?« rief der Greis. »Will man an Euch?«

»An mich, an Euch, an alle Protestanten; seht hier den Beweis.«

In der That sah von Mouy in diesem Augenblick, wie die Büchse von La Hurière sich gegen ihn richtete. Der Schuß ging los, aber der junge Mann hatte Zeit sich zu bücken, und die Kugel durchbrach eine Scheibe über seinem Haupte.

»Mercandon!« rief Coconnas, der beim Anblicke dieses Kampfes vor Vergnügen bebte und seinen Gläubiger vergessen hatte, aber durch die Anrede von Mouy wieder an ihn erinnert wurde, »Mercandon, Rue du Chaume, ja, so ist es! Ah, hier wohnt er! das ist gut. Wir werden es jeder mit unserem Manne zu thun haben.«

Und während die Leute des Hotel Guise die Thüren des Hauses einstießen, worin von Mouy sich befand, während Maurevel, eine Fackel in der Hand, das Haus in Brand zu stecken trachtete, während, sobald die Thüren eingestoßen waren, sich ein furchtbarer Kampf mit einem einzelnen Menschen entspann, der mit jedem Pistolenschusse, mit jedem Degenstiche seinen Feind niederstreckte, suchte Coconnas mit Hilfe eines Pflastersteines die Thüre von Mercandon einzustoßen, der, ohne sich um diese vereinzelte Anstrengung zu bekümmern, aus Kräften mit der Büchse aus seinem Fenster schoß.

Da war plötzlich dieses ganze verlassene, dunkle Quartier taghell beleuchtet und wie das Innere eines Ameisenhaufens bevölkert; denn aus dem Hotel Montmorency machten sechs bis acht hugenottische Edelleute mit Ihren Dienern und Freunden einen wüthenden Angriff und begannen, unterstützt durch das Feuern aus den Fenstern die Leute von Maurevel und die des Hotel Guise zurückzudrängen, welche sich endlich mit dem Rücken an das Hotel lehnten, aus dem sie hervorgekommen waren.

Coconnas, dem es noch nicht gelungen war, die Thüre von Mercandon einzustoßen, obgleich er aus Leibeskräften daran arbeitete, wurde mitten in seinem ungestümen Treiben überfallen. Er lehnte sich nun an die Mauer, nahm den Degen in die Hand und begann nicht nur sich zu vertheidigen, sondern auch mit so furchtbarem Geschrei anzugreifen, daß er das ganze Gemenge beherrschte. Er fuchtelte rechts und links, schlug Freund und Feind, bis sich ein weiter leerer Raum um ihn her gebildet hatte. Je öfter sein Degen eine Brust durchbohrte, je mehr das warme Blut seine Hände und sein Gesicht bespritzte, desto mehr gewann er, die Augen erweitert, die Nasenlöcher geöffnet, die Zähne zusammengepreßt, verlorenes Terrain, desto näher kam er dem belagerten Hause.

Nach einem furchtbaren Kampfe auf der Treppe und in der Flur verließ von Mouy sein Haus als wahrer Held. Mitten unter dem Gefechte schrie er unabläßig: »Herbei, Maurevel! Maurevel, wo bist Du?« wobei er ihn mit den beleidigendsten Beinamen überhäufte. Er erschien endlich auf der Straße, mit einem Arme seine halb nackte und beinahe ohnmächtige Geliebte unterstützend und einen Dolch zwischen den Zähnen haltend. Flammend durch die umdrehende Bewegung, die er ihm gab, zog sein Degen weiße oder rothe Kreise, je nachdem der Mond die Klinge versilberte oder eine Fackel die blutige Nässe glänzen machte. Maurevel war entflohen. La Hurière von Mouy bis zu Coconnas zurückgedrängt, der ihn nicht erkannte und mit der Degenspitze empfing, bat auf zwei Seiten um Gnade. In diesem Augenblick gewahrte ihn Mercandon und erkannte in ihm an seiner weißen Schärpe einen Schlächter. Der Schuß ging los. La Hurière stieß einen Schrei aus, streckte die Arme von sich, ließ seine Büchse fallen und stürzte, nachdem er es versucht hatte, die Mauer zu erreichen, um sich an irgend Etwas zu halten, mit dem Gesichte auf die Erde.

Von Mouy benützte diesen Umstand, warf sich in die Rue du Paradis und verschwand.

Die Hugenotten hatten so kräftigen Widerstand geleistet, daß die Leute aus dem Hotel Guise in dieses zurückgedrängt worden waren und die Thore des Hotel wieder verschlossen hatten, aus Furcht, belagert und im eigenen Hause gefaßt zu werden.

Berauscht von Blut und Lärmen, zu dem Zustande der Exaltation gelangt, wo sich, besonders bei den Südländern, der Muth in Wahnsinn verwandelt, hatte Coconnas nichts gesehen, nichts gehört. Er bemerkte nur, daß seine Ohren minder stark klangen, daß seine Hände und sein Gesicht ein wenig trockneten, und seine Degenspitze senkend sah er nichts mehr in seiner Nähe, als einen ausgestreckten Menschen, dessen Gesicht in eine rothe Lache getaucht war, und rings umher brennende Häuser.

Es war ein kurzer Waffenstillstand, denn in dem Augenblick, wo er sich dem Menschen nähern wollte, in welchem er La Hurière zu erkennen glaubte, öffnete sich die Thüre des Hauses, die er vergebens mit Pflastersteinen aufzubrechen gesucht hatte, und der alte Mercandon stürzte, gefolgt von seinem Sohne und zwei Neffen, auf den Piemontesen los, der damit beschäftigt war, wieder etwas Athem zu schöpfen.

»Hier ist er, hier ist er!« riefen Alle einstimmig.

Coconnas befand sich mitten in der Straße und machte, befürchtend, er könnte von diesen vier Menschen, die ihn zu gleicher Zeit angriffen, umzingelt werden, mit der Kraft von einer der Gemsen, die er so oft in den Gebirgen verfolgt hatte, einen Sprung rückwärts, und lehnte sich an die Mauer des Hotel Guise. Sobald er einmal hinsichtlich eines Ueberfalls beruhigt war, nahm er seine Fechterstellung und wurde wieder Spötter.

»Ah, ah! Vater Mercandon,« sagte er, »Ihr erkennt mich nicht?«

»Ah, Elender!« rief der alte Hugenott, »ich erkenne Dich im Gegentheil ganz wohl. Du trachtest mir nach dem Leben, mir, dem Freunde, dem Gefährten Deines Vaters!«

»Und seinem Gläubiger, nicht wahr?«

»Ja, seinem Gläubiger, da Du es sagst.«

»Wohl, gerade deshalb,« antwortete Coconnas. »Ich will seine Rechnungen in Ordnung bringen.«

»Packt ihn, bindet ihn!« rief der Greis den jungen Leuten zu, welche ihn begleiteten und bei seinem rufe gegen die Mauer losstürzten.

»Einen Augenblick,« sagte Coconnas lachend, »um die Leute zu verhaften, braucht Ihr einen Verhaftsbefehl, und Ihr habt es versäumt, einen solchen vom Prevot zu fordern.«

Bei diesen Worten kreuzte er sein Schwert mit demjenigen von den jungen Leuten, welcher ihm am nächsten war, und hieb ihm bei dem ersten Losmachen der Klinge die Handwurzel ab.

Der Unglückliche wich brüllend zurück.

»Einer,« sprach Coconnas.

In diesem Augenblicke öffnete sich ächzend das Fenster, unter welchem Coconnas Zuflucht gesucht hatte; Coconnas machte einen Sprung, denn er befürchtete einen Angriff von dieser Seite, aber statt eines Feindes erblickte er eine Frau; statt der mörderischen Waffe, die er zu bekämpfen sich anschickte, war es ein Strauß, der zu seinen Füßen fiel.

»Halt! eine Frau,« sagte er.

Er grüßte die Dame mit seinem Degen und bückte sich, um den Strauß aufzuheben.

»Nehmt Euch in Acht braver Katholik nehmt Euch in Acht!« rief die Dame.

Coconnas erhob sich, aber nicht so schnell, daß nicht der Dolch des zweiten Neffen seinen Mantel geschlitzt und die andere Schulter gestreift hätte.

Die Dame stieß einen durchdringenden Schrei aus.

Coconnas dankte ihr, beruhigte sie mit einer Geberde und warf sich auf den ersten Neffen, der gegen ihn auslegte; aber bei dem zweiten Stoße glitt sein Hinterfuß im Blute aus. Coconnas stürzte mit der Geschwindigkeit einer Tigerkatze auf ihn los und durchbohrte ihm die Brust mit seinem Degen.

»Gut, gut, braver Cavalier!« rief die Dame des, Hotel Guise, »gut, ich schicke Euch Hilfe.«

»Es ist nicht der Mühe werth, Euch deshalb zu belästigen, Madame,« rief Coconnas. »Schaut viel mehr bis zum Ende zu, wenn Euch die Sache interessirt, und Ihr werdet sehen, wie der Graf Annibal von Coconnas die Hugenotten in Ordnung bringt.«

In diesem Augenblick schoß der Sohn des alten Mercandon eine Pistole auf Coconnas ab, und dieser fiel auf ein Knie. Die Dame am Fenster stieß einen Schrei aus; aber Coconnas erhob sich wieder, er war nur niedergekniet, um die Kugel zu vermeiden, welche zwei Fuß von der schönen Zuschauerin in die Mauer drang.

Beinahe zu derselben Zeit vernahm man aus der Wohnung von Mercandon ein Geschrei der Wuth, und eine alte Frau, welche in Coconnas an seinem Kreuze und an seiner weißen Schärpe einen Katholiken erkannte, schleuderte einen Blumentopf nach ihm, der ihn über dem Knie traf.

»Gut!« rief Coconnas, »die Eine wirft mir die Blumen, die Andere die Töpfe zu! Wenn das so fortgeht, wird man die Häuser zerstören.«

»Ich danke, meine Mutter, ich danke!« rief der junge Mann.

»Geh, Frau, geh,« sprach der alte Mercandon, »aber gib wohl auf uns Acht.«

»Wartet, Herr von Coconnas, wartet,« sagte die. junge Dame vom Hotel Guise, »ich will nach den Fenstern schießen lassen.«

»Oh! das ist eine Hölle von Frauen, von denen die Einen für mich, die Andern gegen mich sind,« sagte Coconnas, »machen wir der Sache ein Ende.«

Die Scene hatte sich in der That sehr verändert und nahte sich offenbar ihrer Entwickelung Coconnas gegenüber, der allerdings verwundet, aber in der ganzen Kraft seiner vierundzwanzig Jahre stand, an die Waffen gewöhnt und durch die drei bis vier Schrammen, die er erhalten hatte, mehr gereizt, als geschwächt war, blieben nur noch Mercandon und sein Sohn, Mercandon, ein Greis von sechzig bis siebzig Jahren, sein Sohn, ein Kind von sechzehn bis achtzehn Jahren. Bleich, blond, schwächlich, hatte der Letztere seine entladene und folglich unnütz gewordene Pistole weggeworfen und handhabte zitternd einen Degen, welcher halb so lang war, als der des Piemontesen. Nur mit einem Dolche und einer leeren Büchse bewaffnet, rief der Vater um Hilfe. Eine alte Frau, an einem Fenster, der Mutter des jungen Mannes gegenüber, hielt ein Stück Marmor in der Hand. Einerseits durch die Drohungen, andererseits durch die Ermuthigungen aufgereizt, stolz durch seinen doppelten Sieg, berauscht durch Pulver und Blut, beleuchtet von dem Wiederscheine eines in Flammen stehenden Hauses, begeistert durch den Gedanken, daß er unter den Augen einer Frau kämpfte, deren Schönheit ihm so erhaben gedünkt hatte, als ihm ihr Rang unbestreitbar vorkam, fühlte Coconnas seine Kräfte sich verdoppeln, und als er sah, daß der junge Mensch zögerte, kreuzte er auf dessen kleinem Degen sein furchtbares, blutiges Schwert. Zwei Stöße genügten, um es ihm aus der Hand zu schlagen. Mercandon suchte nun Coconnas zurückzustoßen, damit das aus dem Fenster geschleuderte Wurfgeschoß ihn sicherer erreichen würde. Aber um den doppelten Angriff des alten Mercandon, der ihn mit seinem Dolche zu durchbohren versuchte, und der Mutter des jungen Menschen, welche ihm mit dem Stein, den sie in der Hand hielt, den Kopf zu zerschmettern trachtete, zu vereiteln, ergriff Coconnas seinen Gegner mit dem Arme um den Leib, hielt ihn gegen alle Stöße und Würfe wie einen Schild vor und erstickte ihn beinahe in seinem herculischen Drucke.

»Zu Hilfe! zu Hilfe!« rief der junge Mensch, »er drückt mir die Brust ein. Zu Hilfe! zu Hilfe!«

Und seine Stimme fing an sich in einem gepreßten, dumpfen Röcheln zu verlieren.

Jetzt hörte Mercandon auf zu drohen, und er flehte.

»Gnade, Gnade!« sagte er, »Herr von Coconnas, Gnade, es ist mein einziges Kind!l«

»Es ist mein Sohn! es ist mein Sohn!« rief die Mutter, »die Hoffnung unseres Alters. Tödtet ihn nicht, Herr, tödtet ihn nicht!«

»Ah, wahrlich,« rief Coconnas, in ein Gelächter ausbrechend, »ich soll ihn nicht tödten! Und was wollte er mir denn thun mit seinem Degen und seiner Pistole?«

»Mein Herr,« fuhr Mercandon die Hände faltend, fort, »ich habe in meinem Hause den von Eurem Vater unterschriebenen Schuldschein ich stelle ihn Euch zurück; ich habe zehntausend Goldthaler, ich gebe sie Euch; ich habe die Juwelen unserer Familie, sie sollen Euch gehören; aber tödtet ihn nicht, tödtet ihn nicht.«

»Und ich, ich habe meine Liebe,« sprach mit halber Stimme die Frau im Hotel Guise, »ich verspreche sie Euch.«

Coconnas überlegte eine Secunde und fragte dann rasch den jungen Menschen:

»Seid Ihr Hugenott?«

»Ich bin es,« murmelte das Kind.

»Dann müßt Ihr sterben,« antwortete Coconnas, die Stirne faltend, und näherte der Brust seines Gegners das scharfe, spitzige Schwert.

»Sterben!« rief der Greis, »mein armes Kind sterben.«

Und ein Mutterschrei erscholl so voll tiefen Schmerzes, daß er für einen Augenblick den wilden Entschluß des Piemontesen erschütterte.

»Oh, Frau Herzogin!« rief der Vater, sich nach dem Fenster des Hotel Guise wendend, »sprecht für uns, und jeden Morgen und jeden Abend soll Euer Name in unsern Gebeten genannt werden.«

»Dann bekehre er sich,« versetzte die Dame im Hotel Guise.

»Ich bin Protestant,« sagte das Kind.

»Stirb also,« sprach Coconnas, seinen Degen erhebend, »stirb also, da Du das Leben nicht willst, das Dir dieser schöne Mund anbot.«

Mercandon und seine Frau sahen die furchtbare Klinge wie einen Blitz über dem Haupte ihres Sohnes schimmern.

»Mein Sohn, mein Olivier,« heulte die Mutter, »schwöre ab, schwöre ab!«

»Schwöre ab, schwöre ab, liebes Kind,« sagte der Vater, sich zu den Füßen von Coconnas wälzend. »Laß uns nicht allein auf Erden!«

»Schwört all mit einander ab,« rief Coconnas, »für ein Credo drei Seelen und ein Leben!«

»Ich will es wohl thun,« erwiederte der Junge Mensch.

»Wir wollen es thun,« riefen Mercandon und seine Frau.

»Dann auf die Kniee!« sprach Coconnas, »und Dein Sohn wiederhole Wort für Wort das Gebet, das ich ihm vorsprechen werde.«

Der Vater gehorchte zuerst.

»Ich bin bereit,« sagte das Kind und kniete ebenfalls nieder.

Coconnas fing nun an, ihm lateinisch die Worte des credo vorzusprechen. Aber mag es Zufall, mag es Berechnung gewesen sein, der junge Olivier hatte sich in der Nähe der Stelle niedergekniet, wohin sein Degen geflogen war. Kaum sah er diese Waffe im Bereiche seiner Hand, als er, ohne daß er die Worte von Coconnas zu wiederholen aufhörte, den Arm ausstreckte, um sie zu ergreifen. Coconnas bemerkte die Bewegung, er gab sich jedoch den Anschein, als gewahrte er nichts. In dem Augenblicke aber, wo der junge Mensch mit den Fingerspitzen den Griff der Waffe berührte, stürzte er auf ihn zu, warf ihn nieder, rief: »He, Verräther!« und bohrte ihm seinen Degen in die Kehle.

Der junge Mensch stieß einen Schrei aus, erhob sich krampfhaft auf ein Knie und fiel dann todt nieder.

»Ah, Henker!« brüllte Mercandon, »Du ermordest uns, um uns die hundert Rosenobles zu stehlen, die Du uns schuldig bist …«

»Meiner Treue, nein,« sagte Coconnas, »Zum Beweise …«

Und bei diesen Worten warf Coconnas dem Greise die Börse zu Füßen, die ihm sein Vater bei seiner Abreise gegeben hatte, um seine Schuld bei seinem Gläubiger zu bezahlen.

»Und zum Beweise,« fuhr er fort, »Ist hier Dein Geld!«

»Und Du Deinen Todt« schrie die Mutter aus dem Fenster.«

»Nehmt Euch in Acht, Herr von Coconnas, nehmt Euch in Ach!« rief die Dame im Hotel Guise.

Aber ehe Coconnas den Kopf drehen konnte, um diesen Rath zu befolgen oder um der Drohung zu entgehen, durchschnitt pfeifend eine gewichtige Waffe die Luft, fiel platt auf den Hut des Piemontesen, zerbrach ihm seinen Degen in der Hand und streckte ihn betäubt auf den Boden nieder, ohne daß er den doppelten Schrei der Freude und des Jammers, der sich von der Rechten zur Linken antwortete, nicht vernehmen konnte.

Mercandon stürzte sogleich, den Dolch in der Hand, über den ohnmächtigen Coconnas, aber in diesem Augenblick öffnete sich die Thüre des Hotel Guise, und der Greis entfloh, als er die Partisanen und Schwerter glänzen sah, während diejenige, welche er Frau Herzogin genannt hatte, schön in einer furchtbaren Schönheit bei dem Schimmer des Brandes, glänzend von Diamanten und Edelsteinen, sich halb aus dem Fenster legte, um den Neuankommenden, den Arm gegen Coconnas ausgestreckt, zuzurufen:

»Dort, dort! mir gegenüber! Ein Edelmann in einem rothen Wamms. Dieser … ja, ja, dieser …«




X.

Tod, Messe oder Bastille


Margarethe hatte, wie gesagt, ihre Thüre wieder verschlossen und war in ihr Zimmer zurückgekehrt. Als sie aber ganz zitternd eintrat, erblickte sie Gillonne, welche voll Schrecken nach der Thüre des Cabinets geneigt, die auf dem Bette, auf den Meubles und auf dem Teppich verbreiteten Blutspuren betrachtete.

»Oh, Madame,« rief sie, die Königin gewahrend, »oh, Madame! er ist also todt!«

»Stille, Gillonne,« sprach Margarethe mit dem Tone, der die höchste Wichtigkeit des Befehles andeutet.

Gillonne schwieg.

Margarethe zog nun aus ihrer Tasche einen kleinen vergoldeten Schlüssel hervor, öffnete die Thüre des Cabinets und zeigte mit dem Finger Gillonne den jungen Mann.

La Mole war es gelungen, sich zu erheben und dem Fenster zu nähern. Ein kleiner Dolch, wie ihn zu jener Zeit die Frauen trugen, fand sich unter seiner Hand; der junge Edelmann ergriff ihn, als er die Thüre öffnen hörte.

»Fürchtet nichts, mein Herr,« sprach Margarethe, »denn bei meiner Seele, Ihr seid in Sicherheit.«

La Mole sank auf seine Kniee nieder und rief:

»Oh1 Madame, Ihr seid für mich mehr als eine Königin, Ihr seid eine Gottheit.«

»Bewegt Euch nicht so sehr, mein Herr!« rief Margarethe, »Euer Blut fließt noch. Oh! schau, Gillonne, wie bleich er ist! Sprecht, wo seid Ihr verwundet?«

»Madame,« sprach La Mole, indem er auf Hauptpunkten den durch seinen ganzen Körper irrenden Schmerz festzustellen suchte, »ich glaube, ich habe einen Dolchstich in die Schulter und einen andern in die Brust bekommen. Bei den übrigen Wunden ist es nicht der Mühe werth, daß man sich damit beschäftigt.«

»Wir werden es sehen,« sprach Margarethe. »Gillonne, bringe mein Kistchen mit den Balsamen.«

Gillonne gehorchte und kehrte, in einer Hand das Kistchen, in der andern ein Wassergeschirr von Vermeil und feine holländische Leinwand haltend, zurück.

»Hilf mir ihn aufheben, Gillonne,« sagte die Königin Margarethe, »denn sich selbst erhebend, hat der Unglückliche seine Kräfte vollends verloren.«

»Aber, Madame,« sprach La Mole, »ich bin ganz verwirrt, ich kann in der That nicht dulden …«

»Mein Herr, Ihr werdet wohl zugeben, daß ich Euch verbinde,« sagte Margarethe: »wenn wir Euch retten können, wäre es ein Verbrechen, Euch sterben zu lassen.«

»Oh!« rief La Mole, »ich will lieber sterben, als sehen, wie Ihr, die Königin, Euch mit einem unwürdigen Blute, wie das meinige, die Hände befleckt … Oh, nie! Nie!« …

Und er wich ehrfurchtsvoll zurück.

»Euer Blut, Herr,« versetzte lächelnd Gillonne, »ei! Ihr habt nach Belieben bereits das Bett und das Zimmer Ihrer Majestät damit befleckt.«

Margarethe schlug ihren Mantel über ihrem ganz mit rothen Flecken besprengten Battistgewande zusammen. Diese Geberde voll weiblicher Schamhaftigkeit erinnerte La Mole daran, daß er die so beneidete, so schöne, so geliebte Königin, in seinen Armen gehalten, an seine Brust gedrückt hatte, und bei dieser Erinnerung färbte eine flüchtige Röthe seine bleichen Wangen.

»Madame,« stammelte er, »könnt Ihr mich nicht der Sorge eines Wundarztes überlassen?«

»Eines katholischen Wundarztes, nicht wahr?« fragte die Königin mit einem Ausdrucke, den er verstand und der ihn beben machte.

»Wißt Ihr denn nicht,« fuhr die Königin mit einer Stimme und einem Lächeln voll unsäglicher Weichheit fort, »daß wir Töchter von Frankreich bei unserer Erziehung den Werth der Pflanzen kennen und die Balsame bereiten lernen? denn es ist in jeder Zeit unsere Pflicht als Frauen und als Königinnen gewesen, die Schmerzen zu lindern. Wir kommen auch den besten Wundärzten der Welt gleich, wenigstens wie uns unsere Schmeichler sagen. Ist Euch mein Ruf in dieser Hinsicht nicht zu Ohren gekommen? Auf, Gillonne, an das Werk!«

La Mole wollte es noch einmal versuchen, zu widerstehen, er wiederholte, er würde lieber sterben, als der Königin diese Arbeit verursachen, welche mit dem Mitleid anfangen und mit dem Ekel endigen könnte. Dieser Kampf diente nur dazu, seine Kräfte vollends zu erschöpfen. Er wankte, schloß die Augen und ließ seinen Kopf zum zweiten Male ohnmächtig zurückfallen.

Da nahm Margarethe den Dolch, den er aus den Händen hatte fallen lassen, und durchschnitt rasch das Schnürband, das sein Wamms schloss, während Gillonne mit einer andern Klinge die Aermel von La Mole auftrennte oder vielmehr aufschnitt.

Gillonne stillte mit einem in frisches Wasser getauchten Stücke Leinwand das aus der Schulter und der Brust des jungen Mannes hervordringende Blut, während Margarethe mit einer goldenen Nadel mit abgerundeter Spitze die Wunden mit aller Zartheit und Geschicklichkeit sondierte, welche Meister Ambroise Paré bei einer solchen Veranlassung hätte entwickeln können.

Die der Schulter war tief; die der Brust war an den Rippen abgeglitten und durchzog nur das Fleisch, keine von beiden drang in die Höhlen der natürlichen Feste, welche das Herz und die Lungen beschützt.

»Schmerzliche, aber nicht tödtliche Wunde,accerimum humeri vulnus, non autem lethale,« murmelte die schöne und gelehrte Chirurgin, »gib mir den Balsam und bereite Charpie, Gillonne.«

Gillonne, der die Königin diesen neuen Befehl ertheilte, hatte bereits die Brust des jungen Mannes getrocknet und gesalbt. Dasselbe that sie auch mit seinen nach einer antiken Zeichnung geformten Arme, mit seinen anmuthig zurückgeworfenen Schultern, mit seinem von dicken Locken beschattetem Halse, der mehr einer Statue von parischem Marmor, als dem verstümmelten Körper eines verscheidenden Menschen anzugehören schien.

»Armer junger Mann!«, murmelte Gillonne, nicht sowohl ihr Werk, als denjenigen betrachtend, welcher Gegenstand desselben gewesen war.

»Nicht wahr, er ist schön?« sagte Margarethe mit einer ganz königlichen Offenherzigkeit.

»Ja, Madame. Aber es scheint mir, daß wir ihm statt ihn so auf dem Boden liegen zu lassen, aufheben und auf das Ruhebett legen sollten, an das er nur angelehnt ist.«

»Ja, Du hast Recht,« sprach Margarethe.

Und die zwei Frauen beugten sich, hoben mit vereinigten Kräften La Mole auf und legten ihn auf einen großen Sopha mit geschnitzter Rücklehne, welcher vor dem Fenster stand, das sie halb öffneten, um ihm Luft zu geben.

Die Bewegung weckte La Mole, er stieß einen Seufzer aus und begann, die Augen wieder öffnend, das unsägliche Wohlbehagen zu fühlen, das alle Empfindungen des Verwundeten begleitet, wenn er bei seiner Rückkehr zum Leben die Frische statt der verzehrenden Flamme und die Balsamdüfte statt des lauen, häßlichen Blutgeruches wiederfindet.

Er murmelte einige Worte ohne Folge, welche Margarethe mit einem Lächeln und den Finger auf den Mund legend beantwortete.

In diesem Augenblicke erscholl das Geräusch mehrerer Schläge an eine Thüre.

»Man klopft an den geheimen Gang,« sagte Margarethe.

»Wer kann denn kommen, Madame?« fragte Gillonne erschrocken.

»Ich will nachsehen,« sagte Margarethe. »Bleibe Du bei ihm und verlaß ihn nicht einen Augenblick.«

Margarethe kehrte in ihr Zimmer zurück, schloß die Thüre des Cabinets und öffnete die des Ganges, der zu dem König und zu der Königin Mutter führte.

»Frau von Sauves!« rief sie, lebhaft zurückweichend und mit einem Ausdrucke, der, wenn nicht dem Schrecken, doch wenigstens dem Hasse glich, so wahr ist es, daß eine Frau nie einer andern Frau vergibt, wenn sie ihr selbst einen Mann, den sie nicht liebt, entführt. »Frau von Sauves!«

»Ja, Eure Majestät,« sprach diese, die Hände faltend.

»Ihr hier!« fuhr Margarethe immer mehr erstaunt, aber auch immer mehr gebieterisch fort.

Charlotte fiel auf die Kniee.

»Madame,« sagte sie, »verzeiht mir; ich erkenne, Madame, in welchem Grade ich schuldig gegen Euch bin, aber wenn Ihr wüßtet, … der Fehler ist nicht ganz allein mir zuzuschreiben… und ein ausdrücklicher Befehl der Königin Mutter …«

»Steht auf,« sprach Margarethe, »Und da ich nicht denken kann, Ihr seid in der Hoffnung gekommen, Euch mir gegenüber zu rechtfertigen, so sagt mir, warum Ihr gekommen seid.«

»Ich bin, gekommen, Madame,« erwiederte Charlotte, immer noch auf den Knieen und mit einem beinahe irren Blicke, »ich bin gekommen, um Euch zu fragen, ob er nicht hier wäre?«

»Hier? wer? Von wem sprecht Ihr, Madame… denn in der That, ich begreife Euch nicht.«

»Von dem König!«

»Von dem König? Ihr verfolgt ihn bis zu mir! Ihr wißt doch wohl, daß er nicht hierher kommt!«

»Ah! Madame,« fuhr Frau von Sauves fort, ohne auf alle diese Angriffe zu antworten, und ohne daß es schien, als fühlte sie dieselben, »oh! wollte Gott, er wäre hier!«

»Und warum dies?«

»Ei! mein Gott, weil man die Hugenotten erwürgt und der König von Navarra das Haupt der Hugenotten ist!«

»Oh,« rief Margarethe, Frau von Sauves bei der Hand ergreifend und sie zum Aufstehen nöthigend, »oh, ich hatte es vergessen. Ueberdies glaubte ich nicht, es könnte ein König dieselbe Gefahr laufen, wie andere Menschen.«

»Noch mehr, Madame, noch tausendmal mehr!« rief Charlotte.

»In der That, die Herzogin von Lothringen warnte mich. Ich bat ihn, nicht auszugehen. Sollte er doch ausgegangen sein?«

»Nein, nein, er ist im Louvre; aber man findet Ihn nicht. Und ist er nicht hier…«

»Er ist nicht hier.«

»Oh!« rief Frau von Sauves mit einem Ausbruche des Schmerzen, »dann ist es um ihn geschehen, denn die Königin Mutter hat seinen Tod geschworen.«

»Seinen Tod! Oh, Ihr erschreckt mich,« sprach Margarethe, »unmöglich!«

»Madame,« versetzte Frau von Sauves mit der Energie, welche nur die Leidenschaft allein verleiht, »ich sage Euch, man weiß nicht, wo der König von Navarra ist.«

»Und die Königin Mutter, wo ist sie?«

»Die Königin Mutter schickte mich ab, um Herrn von Guise und Herrn von Tavannes zu holen, welche beide in ihrem Betzimmer waren; dann entließ sie mich. Ich ging hierauf, verzeiht mir, Madame, in meine Wohnung zurück, und erwartete wie gewöhnlich …«

»Meinen Gemahl, nicht wahr?« sagte Margarethe.

»Er ist nicht gekommen, Madame. Da suchte ich überall, da fragte ich Jedermann nach ihm. Ein einziger Soldat antwortete mir, er glaube ihn mitten unter Wachen gesehen zu haben, die ihn mit bloßem Degen einige Zeit, ehe die Metzelei begann, begleiteten, und die Metzelei hat bereits vor einer Stunde begonnen.«

»Ich danke Euch, Madame,« sprach Margarethe, »ich danke Euch, obgleich das Gefühl, das Euch bei Eurer Handlung antreibt, vielleicht eine neue Beleidigung für mich ist.«

»Oh! dann vergebt mir, Madame,« erwiederte sie, »und ich kehre stärker durch Eure Verzeihung zurück, denn ich wage es nicht, Euch auch nur von ferne zu zu folgen.«

Margarethe reichte ihr die Hand und sprach:

»Ich will die Königin Catharina aufsuchen, kehrt in Eure Wohnung zurück. Der König von Navarra steht unter meinem Schutze. Ich habe ihm ein Bündniß versprochen und werde meinem Versprechen treu sein.«

»Aber wenn Ihr nicht bis zur Königin Mutter dringen könnten Madame?«

»Dann wende ich mich an meinen Bruder Karl, und ihn werde ich wohl sprechen.«

»Geht, geht, Madame,« sagte Charlotte, Margarethen den Weg frei lassend, »und Gott geleite Eure Majestät.«

Margarethe eilte durch den Gang, aber am Ende desselben angelangt, wandte sie sich um, um sich in versichern, daß Frau von Sauves nicht zurückblieb. Frau von Sauves folgte ihr.

Die Königin von Navarra sah sie gegen die Treppe gehen, welche nach ihrer Wohnung führte, und setzte ihren Weg nach den Gemächern der Königin fort.

Alles war verändert. Statt der Menge eifriger Höflinge, welche gewöhnlich vor der Königin, sich ehrfurchtsvoll verbeugend, ihre Reihen öffnete, traf Margarethe nur Garden mit gerötheten Partisanen und blutbefleckten Kleidern oder Edelleute mit von Pulver geschwärzten Gesichtern und zerrissenen Mänteln, Träger von Befehlen und Depeschen. Die Einen kamen, die Andern gingen, und dieses Hin- und Herlaufen bildete ein furchtbares, ungeheures Gewimmel in den Gallerien.

Margarethe ging nichtsdestoweniger vorwärts und gelangte bis an das Vorgemach der Königin Mutter; aber dieses Vorgemach war von zwei Reihen von Soldaten bewacht, welche nur diejenigen durchließen, die ein gewisses Losungswort hatten. Margarethe versuchte es vergebens, die lebendige Schranke zu durchdringen; sie sah wiederholt die Thüre sich öffnen und schließen, und bei jeder Oeffnung erblickte sie Catharina, verjüngt durch die Thätigkeit, als ob sie erst zwanzig Jahre alt wäre, schreibend, Briefe empfangend, diese entsiegelnd, Befehle ertheilend, an Diesen ein Wort, an Jenen ein Lächeln richtend, und die Menschen, denen sie am Freundlichsten zulächelte, waren die am meisten mit Staub und Blut Befleckten.

Mitten unter dem den Louvre durchbrausenden Tumult hörte man von der Straße aus immer rascher sich wiederholende Flintenschüsse.

»Nie werde ich bis zu ihr gelangen,« sagte Margarethe zu sich selbst, nachdem sie drei vergebliche Versuche bei den Hellebardirern gemacht hatte.

In diesem Augenblick kam Herr von Guise vorüber; er hatte der Königin den Tod des Admirals gemeldet und kehrte zu der Schlächterei zurück.

»Oh, Heinrich!« rief Margarethe, »wo ist der König von Navarra?«

Der Herzog schaute sie mit erstauntem Lächeln an, verbeugte sich und ging, ohne zu antworten, mit seinen Wachen ab.

Margarethe lief auf einen Kapitän zu, der gerade den Louvre verlassen wollte und ehe er abging seine Soldaten die Büchsen laden ließ.

»Der König von Navarra,« fragte sie, »mein Herr, wo ist der König von Navarra?«

»Ich weiß es nicht, Madame,« antwortete dieser, »ich gehöre nicht zu den Wachen Seiner Majestät.«

»Ah, mein lieber René,« rief Margarethe, den Parfumeur von Catharina erkennend, »Ihr seid es? Ihr kommt von meiner Mutter. Wißt Ihr, was aus meinem Gemahl geworden ist?«

»Seine Majestät der König von Navarra ist nicht mein Freund, Madame, Ihr müßt Euch dessen wohl erinnern. Man sagt sogar,« fügte er mit einer Mine bei, die mehr einem Grinsen, als einem Lächeln glich, »man sagt sogar, er wage es, mich zu beschuldigen, ich habe in Gemeinschaft mit Frau Catharina seine Mutter ermordet.«

»Nein! Nein!« rief Margarethe, »glaubt das nicht, mein guter René.«

»Oh, mir liegt nicht viel daran,« sagte der Parfumeur, »weder der König von Navarra noch die Seinigen sind in diesem Augenblick mehr zu befürchten.«

Und er drehte Margarethe den Rücken zu.

»Oh, Herr von Tavannes, Herr von Tavannes!« rief Margarethe, »ein Wort, ich bitte ein einziges Wort.«

Tavannes blieb stille stehen.

»Wo ist Heinrich von Navarra?« fragte Margarethe.

»Meiner Treue!« sagte er ganz laut, »ich glaube, er läuft mit den Herren von Alençon und Condé in der Stadt umher.«

Dann fügte er so leise, daß Margarethe kaum es hören konnte, bei:

»Schöne Majestät, wenn Ihr denjenigen sehen wollt, für dessen Platz ich mein Leben geben würde, so klopft an das Waffencabinet des Königs.«

»Oh! ich danke, Tavannes,« sprach Margarethe, welche von Allein dem, was Tavannes sagte, nur die Hauptandeutung gehört hatte, »ich danke und gehe dahin!«

Und sie lief weg und murmelte:

»Oh! nach dem, was ich ihm versprochen habe, nach der Art, wie er sich gegen mich benommen hat, als dieser undankbare Heinrich im Cabinet war, kann ich ihn nicht sterben lassen.«

Und sie klopfte an die Thüre der Gemächer des Königs; aber sie waren innen von zwei Compagnien Garden besetzt.

»Man darf nicht zu dem König herein,« sagte der Offizier, rasch vorschreitend.

»Aber ich!« sprach Margarethe.

»Der Befehl ist allgemein.«

»Ich, die Königin von Navarra! ich, seine Schwester!«

»Der Befehl läßt keine Ausnahme zu, Madame. Empfangt also meine Entschuldigung.«

Und der Offizier schloß die Thüre wieder.

»Oh, er ist verloren!« rief Margarethe, in höchstem Maße beunruhigt durch den Anblick aller dieser finsteren Gesichter, die, wenn sie auch nicht Rache schnaubten, doch wenigstens Unbeugsamkeit ausdrückten. »Ja, ja, ich begreife Alles… man hat sich meiner als einer Lockspeise bedient; ich bin die Falle, in der man die Hugenotten fängt und erwürgt … Oh! ich werde hineinkommen, und sollte ich mich tödten lassen!«

Und Margarethe lief wie eine Tolle durch die Gänge und Gallerien, als sie plötzlich an, einer kleinen Thüre vorüberkommend, ein sanftes, düsteres, eintöniges Lied hörte. Es war ein calvinistischer Psalm, den, eine zitternde Stimme in einem anstoßenden Zimmer sang.

»Die Amme des Königs, meines Bruders, die gute Madelon, ist da!« rief Margarethe und schlug sich plötzlich von einem Gedanken erleuchtet, an die Stirne, »sie ist da … Gott der Christen, hilf mir!«

Und Margarethe klopfte voll Hoffnung sachte an die kleine Thüre.

Nach dem Rathe, den ihm Margarethe gegeben, nach seinem Gespräche mit René, nach seinem Abgange von der Königin Mutter, dem sich wie ein guter Genius die arme kleine Phöbe hatte widersetzen wollen, begegnete Heinrich von Navarra einigen katholischen Edelleuten, die unter dem Vorwande, ihm das Ehrengeleite zu geben, denselben in seine Wohnung zurückführten, wo etwa zwanzig Hugenotten seiner warteten, welche sich bei dem jungen Prinzen versammelt hatten, und einmal versammelt, ihn nicht mehr verlassen wollten, so gewaltig lastete das Vorgefühl dieser unseligen Nacht seit ein paar Stunden über dem Louvre. Sie blieben also, ohne daß man sie zu stören versuchte. Bei dem ersten Schlage der Glocke von Saint-Germain-l’Auxerrois, welche in allen Herzen wie ein Todtengeläute klang, trat Tavannes ein und meldete Heinrich mitten unter dem tiefen Stillschweigen, der König Karl IX. wolle ihn sprechen.

Es war kein Widerstand zu versuchen; auch dachte Niemand hieran. Man hörte die Plafonds und die Gallerien des Louvre unter den Füßen der Soldaten krachen, welche, beinahe zweitausend an der Zahl, sowohl in den Höfen, als in den Gemächern versammelt waren. Nachdem Heinrich von seinen Freunden, die er nicht wiedersehen sollte, Abschied genommen hatte, folgte er Tavannes, der ihn in eine an die Wohnung des Königs stoßende kleine Gallerte führte, wo er ihn allein, ohne Waffen und das Herz voll jeglichen Mißtrauens zurück ließ.

Der König zählte so, Minute für Minute, zwei tödliche Stunden, horchte mit wachsendem Schrecken auf den Klang der Sturmglocke und auf das Gerassel der Büchsenschüsse, sah durch eine Glasthüre beim Schimmer des Brandes, beim Flammen der Fackeln die Flüchtlinge und die Schlächter vorüberziehen, ohne daß er das Mordgeschrei und Schmerzgeheul begriff, ohne daß er, wie genau er auch Karl IX., die Königin Mutter und den Herzog von Guise kannte, das furchtbare Drama ahnen konnte, das in diesem Augenblick in Erfüllung ging.

Heinrich besaß nicht den physischen Muth; er besaß etwas Besseres, die moralische Kraft. Die Gefahr fürchtend, bot er ihr lächelnd Trotz; aber der Gefahr der Schlacht, der Gefahr in freier Luft, am hellen Tage, der Gefahr vor Aller Augen, begleitet von der Harmonie der Trompeten und der dumpfen, vibrirenden Stimme der Trommel … Hier aber war er ohne Waffen, allein, eingeschlossen, verloren in einer Halbdunkelheit, welche kaum genügte, den Feind, der sich bis zu ihm schleichen konnte, und das Eisen zu sehen, das ihn zu durchbohren vermochte. Diese zwei Stunden waren also für ihn vielleicht die grausamsten seines Lebens. Während des stärksten Lärmens, und als Heinrich zu begreifen anfing, daß es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um eine organisierte Niedermetzelung handelte, holte ein Kapitän den Prinzen und führte ihn durch einen Corridor nach den Zimmern des Königs. Bei ihrer Annäherung öffnete sich die Thüre, hinter ihnen schloß sich die Thüre wieder, Alles, als ob es durch einen Zauber geschähe. Dann führte der Kapitän Heinrich bei Karl IX. ein, der sich in seinem Waffencabinet befand.

Als sie eintraten, saß der König in einem großen Lehnstuhle. Seine beiden Hände lagen auf den zwei Armen des Stuhles, sein Kopf fiel auf die Brust herab. Bei dem Geräusch, das die Eintretenden machten, hob Karl seine Stirne empor, über welche Heinrich den Schweiß in großen Tropfen fließen sah.

»Guten Abend, Henriot,« sagte der junge König mit hartem Tone. »Ihr, La Chastre, laßt uns allein!«

Der Kapitän gehorchte.

Es herrschte einen Augenblick düsteres Stillschweigen.

Während dieses Augenblicks schaute Heinrich unruhig um sich her und sah, daß er allein war.

Karl IX. stand plötzlich auf.

»Bei Gott!« sagte er, mit einer raschen Geberde, seine blonden Haare zurückstreichend und zugleich seine Stirne trocknend, »Ihr seid froh, Euch bei mir zu sehen, nicht wahr Henriot?«

»Allerdings, Sire,« antwortete der König von Navarra. »Ich fühle mich immer glücklich, wenn ich mich bei Eurer Majestät befinde.«

Ihr seid zufriedener, als wenn Ihr da unten wäret, wie?« versetzte Karl IX., mehr seine eigenen Gedanken verfolgend, als das Compliment von Heinrich erwiedernd.«

»Sire, ich begreife nicht,« sagte Heinrich.

»Schaut und Ihr werdet begreifen.«

Mit einer raschen Bewegung ging oder vielmehr sprang Karl IX. nach dem Fenster. Und seinen immer mehr erschrockenen Schwager nach sich ziehend, zeigte er diesem die furchtbare Silhouette der Mörder, welche auf einem Schiffe die Opfer, die man ihnen jeden Augenblick brachte, erdrosselten oder ersäuften.

»Aber, in des Himmels Namens!« rief Heinrich ganz bleich, »was geht denn in dieser Nacht vor?«

»In dieser Nacht, mein Herr,« sprach Karl IX., »befreit man mich von allen Hugenotten. Seht Ihr dort unten, über dem Hotel Bourbon, jenen Rauch und jene Flamme? Jener Rauch und jene Flamme rühren von dem brennenden Hause des Admirals her. Seht Ihr jenen Körper, den gute Katholiken auf einem zerrissenen Strohsacke umherschleppen? Es ist der Leichnam des Schwiegersohnes Eures Admirals, der Leichnam Eures Freundes Téligny.«

»Oh, was soll das bedeuten!« rief der König von Navarra, vergeblich an seiner Seite den Griff seines Dolches suchend und zugleich vor Scham und Zorn zitternd, denn er fühlte, daß man ihn verspottete und bedrohte.

»Das soll bedeuten,« rief Karl IX. wüthend, ohne Uebergang und auf eine furchtbare Weise erbleichend, »das bedeutet, daß ich keine Hugenotten mehr um mich haben will, versteht Ihr, Heinrich? Bin ich der König? bin ich der Herr?«

»Aber Eure Majestät …«

»Meine Majestät tödtet und schlachtet zu dieser Stunde Alles, was nicht katholisch ist; das ist mein Vergnügen. Seid Ihr Katholik?« rief Karl, dessen wachsender Zorn unablässig stieg, wie eine furchtbare Flut.

»Sire,« sagte Heinrich, »erinnert Euch Eurer Worte: was liegt mir an der Religion irgend eines Menschen, wenn er mir nur gut dient.«

»Ah, ah, ah!« rief Karl, in ein finsteres Lachen ausbrechend. »Ich soll mich meiner Worte erinnern, meinst Du, Heinrich?Verba volant, wie meine Schwester Margot sagt. Und schau’,« fügte er mit dem Finger nach der Stadt deutend bei, »hatten mir alle diese nicht auch gut gedient? Waren sie nicht brav im Kampfe, weise im Rathe, stets ergeben? Alle waren nützliche Unterthanen, aber Hugenotten, und ich will nur Katholiken.«

Heinrich blieb stumm.

»Begreift Ihr mich jetzt, Henriot?« rief Karl IX.

»Ich habe begriffen, Sire.«

»Nun?«

»Nun, Sire, ich sehe nicht ein, warum der König von Navarra das thun sollte, was so viele Edelleute oder arme Menschen nicht gethan haben; denn wenn diese Unglücklichen am Ende alle sterben, so geschieht es auch, weil man ihnen das vorgeschlagen haben wird, was Euere Majestät mir vorschlägt, und weil sie sich geweigert haben, wie ich mich weigere.«

Karl faßte den jungen Prinzen beim Arme und sprach, einen Blick auf ihn heftend, dessen Mattheit sich allmählich in einen wilden Glanz verwandelte:

»Ah! – Du glaubst, ich habe mir die Mühe genommen, denjenigen, welche man da unten erwürgt, die Messe anzubieten?«

»Sire,« versetzte Heinrich, seinen Arm losmachend, »werdet Ihr nicht in der Religion Eurer Väter sterben?«

»Ja, bei Gott, und Du?«

»Nun, ich auch, Sire.«

Karl stieß ein Gebrülle der Wuth aus und ergriff mit zitternder Hand seine auf einem Tische liegende Büchse. An die Wand gelehnt, den Angstschweiß auf der Stirne, aber in Folge der Selbstbeherrschung, die ihn nie verließ, scheinbar ruhig folgte Heinrich allen Bewegungen des furchtbaren Monarchen mit der gierigen Starrheit des durch die Schlange bezauberten Vogels.

Karl spannte seine Büchse, stampfte mit blinder Wuth auf den Boden und rief, Heinrich durch das Spiegeln seiner unseligen Waffe blendend: »Willst Du die Messe?«

Heinrich blieb stumm.

Karl erschütterte die Gewölbe des Louvre mit dem furchtbarsten Schwur, der je über die Lippen eines Menschen gekommen ist, und wurde bleich wie eine Leiche.

»Tod, Messe oder Bastille!« rief er, auf den König von Navarra anschlagend.

»Oh, Sire!« rief Heinrich, »werdet Ihr mich tödten, mich, Euern Schwager?«

Heinrich hatte mit dem unvergleichlichen Geiste, der eine der mächtigsten Fähigkeiten seiner Organisation war, die Antwort umgangen, welche Karl IX. von ihm verlangte; denn fiel diese Antwort verneinend aus, so war Heinrich ohne allen Zweifel todt.

Wie nach den letzten Paroxismen der Wuth sich unmittelbar der Anfang der Gegenwirkung einfindet, so wiederholte Karl IX. die Frage nicht, die er an den Prinzen von Navarra gerichtet hatte, und nach einem Augenblick des Zögerns, während dessen er ein dumpfes Schnauben hören ließ, wandte er sich nach dem offenen Fenster um und legte auf einen Menschen an, der auf dem entgegengesetzten Quai lief.

»Ich muß irgend Jemand tödten,« rief Karl IX. todtenbleich, und abdrückend schmetterte er den laufenden Menschen nieder.

Heinrich stieß einen Seufzer aus.

Und von einem gräßlichen Eifer belebt, lud Karl ohne Unterlaß seine Büchse, feuerte sie ab und stieß einen Freudenschrei aus, so oft der Schuß getroffen hatte.

»Es ist um mich geschehen,« sagte der König von Navarra zu sich selbst. »Findet er Niemand mehr zu tödten, so tödtet er mich.«

»Nun,« sprach plötzlich eine Stimme hinter dem Fürsten, »ist es geschehen?«

Es war Catharina von Medicis, welche während des letzten Abfeuerns des Gewehres, ohne gehört zu werden, eintrat.

»Nein, tausend Donner der Hölle!« brüllte Karl, seine Büchse in das Zimmer werfend, »nein, der Hartnäckige will nicht.«

Catharina antwortete nicht. Sie wandte langsam ihren Blick nach der Seite des Zimmers, wo Heinrich so unbeweglich stand, wie eine von den Figuren der Tapete, an die er sich lehnte. Dann richtete sie auf Karl ein Auge, das sagen wollte:

»Nun, warum lebt er?«

»Er lebt… er lebt …« murmelte Karl IX., der diesen Blick vollkommen begriff und, wie man sieht, ohne Zögern beantwortete, »er lebt … weil er … mein Verwandter ist.«

Catharina lächelte.

Heinrich sah dieses Lächeln und erkannte, daß es hauptsächlich Catharina war, die er zu bekämpfen hatte.

»Madame,« sagte er zu ihr, »ich sehe wohl, Alles kommt von Euch her, und nichts von meinem Schwager Karl. Ihr hattet den Gedanken, mich in diese Falle zu locken, Ihr gedachtet aus Eurer Tochter die Lockspeise zu machen, die uns Alle verderben sollte, Ihr trenntet mich von meiner Gattin, damit sie nicht die Unannehmlichkeit hätte, mich unter ihren Augen tödten zu sehen.«

»Ja, aber das wird nicht geschehen!« rief eine andere keuchende, leidenschaftliche Stimme, welche, von Heinrich sogleich erkannt, Karl IX. vor Erstaunen und Catharina vor Wuth beben machte.

»Margarethe!« rief Heinrich.

»Margot!« sagte Karl IX.

»Meine Tochter!« murmelte Catharina.

»Mein Herr,« sprach Margarethe zu Heinrich, »Eure letzten Worte klagten mich an, und Ihr hattet zugleich Recht und Unrecht; Recht, denn in der That, ich bin das Werkzeug, dessen man sich bediente, um Euch Alle in das Verderben zu stürzen; Unrecht, denn ich wußte nicht, daß Ihr Eurem Untergange entgegengingt. Ich selbst, mein Herr, so wie Ihr mich seht, verdanke das Leben dem Zufall, vielleicht der Vergessenheit meiner Mutter; aber sobald ich Euree Gefahr inne wurde, erinnerte ich mich meiner Pflicht. Die Pflicht einer Frau aber ist: das Schicksal ihres Gatten zu theilen. Verbannt man Euch, mein Herr, so folge ich Euch in die Verbannung; kerkert man Euch ein, so mache ich mich zur Gefangenen; tödtet man Euch, so sterbe ich.«

Und sie reichte ihrem Gemahl eine Hand, welche Heinrich, wenn nicht mit Liebe, doch wenigstens mit Dankbarkeit ergriff.

»Oh! meine arme Margot,« sprach Karl IX., »Du würdest viel besser daran thun, ihm zu sagen er sollte Katholik werden.«

»Sire,« antwortete Margarethe mit der ihr so eigenen natürlichen Würde, »Sire, glaubt mir, verlangt Euch selbst zu Liebe keine Feigheit von einem Prinzen Eures Hauses.«

Catharina schleuderte einen bezeichnenden Blick auf Karl.

»Mein Bruder,« rief Margarethe, welche eben so gut als Karl IX. die furchtbare Pantomime von Catharina begriff, »mein Bruder, bedenkt, Ihr habt meinen Gatten aus ihm gemacht.«

Zwischen den gebieterischen Blick von Catharina und den flehenden von Margarethe, wie zwischen zwei entgegengesetzte Principe, gestellt, blieb Karl IX. einen Augenblick unentschieden; endlich aber trug Oromas[8 - Das gute Grundwesen oder der Gott des Guten in der Religion Zoroasters, dem bösen Grundwesen, Ariman, gegenübergesetzt.] den Sieg davon.

»In der That, Madame,« sagte er, sich an das Ohr von Catharina neigend, »Margot hat Recht, und Henriot ist mein Schwager.«

»Ja,« antwortete Catharina, sich ebenfalls dem Ohre ihres Sohnes nähernd, »aber wenn er es nicht wäre!«




XI.

Der Weißdorn des Cimetière des Innocens


In ihre Wohnung zurückgekehrt, suchte Margarethe vergebens das Wort zu errathen, das Catharina von Medicis ganz leise zu Karl IX. gesagt und das den furchtbaren Rath über Leben und Tod, der in diesem Augenblick gehalten wurde, kurz abgebrochen hatte.

Ein Theil des Morgens wurde von ihr dazu angewendet, La Mole zu pflegen, ein anderer, um die Lösung des Räthsels zu suchen, das ihr Geist zu begreifen sich weigerte.

Der König von Navarra wurde im Louvre gefangen gehalten. Man verfolgte die Hugenotten mehr als je; auf die furchtbare Nacht erschien ein Tag noch abscheulicheren Gemetzels. Es war nicht mehr die Sturmglocke, welche von den Thürmen ertönte, es warenTe Deum, und die freudigen Metallklänge, welche mitten unter Mord und Brand ertönten, erschienen vielleicht noch trauriger, als es das Todtengeläute in der Dunkelheit der vorhergehenden Nacht gewesen war. Und das war noch nicht Alles; es hatte sich etwas Seltsames ereignet: ein Weißdorn der im Frühjahre geblüht und wie gewöhnlich im Monat Juni seinen wohlriechenden Schmuck verloren hatte, trieb während der Nacht wieder Blüthen, und die Katholiken. die in diesem Ereigniß ein Wunder sahen und durch die Verbreitung dieses Wunders Gott zu ihrem Schuldgenossen machten, zogen in Procession, Kreuz und Banner voraus, nach dem Cimetière des Innocens[9 - Kirchhof der unschuldigen Kinder.] wo dieser Weißdorn blühte.

Diese scheinbare Beipflichtung des Himmels zu der Schlächterei verdoppelte den Eifer der Mörder. Und während die Stadt in jeder Straße, in jedem Gäßchen, auf jedem Platze eine Scene der Verwüstung zu bieten fortfuhr, hatte der Louvre bereits als gemeinschaftliches Grab für alle Protestanten gedient, welche sich im Augenblicke des Signals darin eingeschlossen fanden. Der König von Navarra, der Prinz von Condé und La Mole allein waren am Leben geblieben.

Ueber La Mole beruhigt, dessen Wunden, wie sie am Tage vorher gesagt, gefährlich, aber nicht tödtlich waren, beschäftigte sich Margarethe nur noch mit Einem, damit, ihrem Gemahl, welcher fortwährend bedroht war, das Leben zu retten. Ohne Zweifel war das erste Gefühl, das sich der Gattin bemächtigt hatte, ein Gefühl redlichen Mitleids, für einen Mann, dem sie, wie der Bearner selbst sagte, wenn sie ihn nicht liebte, doch wenigstens einen Bund versprochen hatte; aber in Folge dieses Gefühles ergriff ein anderes, minder reines, das Herz der Königin.

Margarethe war ehrgeizig; Margarethe hatte beinahe die Gewißheit eines Königreiches in ihrer Vermählung mit Heinrich von Bourbon gesehen. Navarra, auf der einen Seite von Frankreich, aus der andern von Spanien gezerrt, welche Fetzen für Fetzen endlich die Hälfte seines Gebietes weggerissen hatten, konnte, wenn Heinrich von Bourbon die Hoffnungen verwirklichte, die sein Muth bei den seltenen Gelegenheiten erregt hatte, wo es ihm sein Schwert zu ziehen vergönnt gewesen war, ein wahres Königreich mit den Hugenotten als Unterthanen werden. Mit ihrem so scharfen und erhabenem Geiste hatte Margarethe Alles dies in der Ferne gesehen und berechnet. Verlor sie Heinrich, so verlor sie nicht nur einen Gemahl, sondern auch einen Thron.

Sie war gerade in diese Betrachtungen versunken, als sie an der Thüre des geheimen Ganges klopfen hörte; sie bebte, denn es kamen nur drei Personen durch diese Thüre: der König, die Königin Mutter und der Herzog von Alençon. Sie öffnete halb die Thüre des Cabinets, empfahl mit dem Finger Gillonne und La Mole Stillschweigen und schloß dem Besuche auf.

Dieser Besuch war der Herzog von Alençon.

Der junge Mann war am Tage vorher verschwunden. Einen Augenblick war Margarethe Willens gewesen, ihn um seine Vermittelung zu Gunsten des Königs von Navarra zu bitten; aber ein furchtbarer Gedanke hatte sie zurückgehalten Die Heirath war gegen sein Gutheißen geschlossen worden. Franz haßte Heinrich, und hatte die Neutralität für den Bearner nur in der Ueberzeugung beobachtet, Heinrich und seine Gemahlin wären einander fremd geblieben. Ein Zeichen der Theilnahme von Margarethe, ihrem Gatten gegeben, konnte folglich, statt ihn zu beseitigen, einen von den drei Dolchen, von denen er bedroht war, seiner Brust näher bringen.

Margarethe bebte deßhalb, als sie den jungen Prinzen gewahr wurde, mehr als sie bei dem Anblick von Karl IX. oder der Königin Mutter gebebt hätte. Wenn man ihn sah, hätte man nicht glauben sollen, es ginge etwas Ungewöhnliches in der Stadt oder im Louvre vor: er war mit seiner gewöhnlichen Eleganz gekleidet. Seine Kleider und seine Wäsche strömten die Wohlgerüche aus, welche Karl IX. verachtete, von denen aber der Herzog von Anjou und er beständig Gebrauch machten. Nur ein geübtes Auge, wie das von Margarethe, konnte bemerken, daß er trotz seiner ungewöhnlichen Blässe und trotz des leichten Zitterns, welches das Ende seiner so schönen und frauenartigen gepflegten Hände bewegte, in seinem Innersten ein freudiges Gefühl verschloß.

Sein Eintritt war wie sonst. Er näherte sich seiner Schwester, um sie zu küssen. Aber statt ihm die Wangen zu reichen, wie sie es Karl IX. oder dem Herzog von Anjou gethan haben würde, verbeugte sie sich und bot ihm die Stirne.

Der Herzog stieß einen Seufzer aus und drückte seine erbleichenden Lippen auf die Stirne, welche ihm Margarethe darbot.

Dann setzte er sich und fing an seiner Schwester blutige Geschichten von der Nacht zu erzählen: den langsamen und furchtbaren Tod des Admirals, den raschen Tod von Téligny, der von einer Kugel durchbohrt in demselben Augenblick seinen Geist ausgehaucht hatte. Er hielt inne, sprach sachte, gefiel sich in den gräuelhaften Einzelheiten dieser Nacht mit der ihm und seinen Brüdern eigenthümlichen Blutgier.

Als er endlich Alles gesagt hatte, schwieg er.

»Nicht wahr, mein Bruder, nicht allein, um mir dies zu erzählen, besucht Ihr mich?« fragte Margarethe.

Der Herzog von Alençon lächelte.

»Ihr habt mir noch etwas Anderes mitzutheilen?«

»Nein,« antwortete der Herzog, »ich warte.«

»Worauf wartet Ihr?«

»Habt Ihr mir nicht gesagt, theuere, vielgeliebte Margarethe,« sprach der Herzog seinen Stuhl dem seiner Schwester nähernd, »diese Heirath mit dem König von Navarra werde wider Euern Willen vollzogen?»

»Ja, allerdings. Ich kannte den Prinzen von Bearn nicht, als man mir ihn zum Gemahl vorschlug.«

»Und habt Ihr mir nicht, seitdem Ihr ihn kennt, bestätigt, daß Ihr keine Liebe für ihn fühltet?«

»Ich sagte es Euch allerdings.«

»War es nicht Eure Meinung, diese Heirath würde Euer Unglück machen?«

»Mein lieber Franz,« sprach Margarethe, »wenn eine Heirath nicht die höchste Glückseligkeit ist, so ist sie beinahe immer der tiefste Schmerz.«

»Nun, meine liebe Margarethe, wie ich Euch sagte, ich erwarte …«

»Was erwartet Ihr? sprecht.«

»Daß Ihr mir Eure Freude kundgebt.«

»Worüber soll ich mich freuen?«

»Ueber die unerwartete Gelegenheit, die sich Euch bietet, Euere Freiheit wieder zu erlangen.«

»Meine Freiheit!« versetzte Margarethe, welche den Prinzen nöthigen wollte, seinen Gedanken bis zum Schlusse auszusprechen.

»Allerdings, Euere Freiheit; Ihr sollt von dem König von Navarra geschieden werden.«

»Geschieden?« sagte Margarethe, die Augen auf den jungen Prinzen heftend.

Der Herzog von Alençon suchte den Blick seiner Schwester auszuhalten, aber bald wandten sich seine Augen verlegen von ihr ab.

»Geschieden?« wiederholte Margarethe, »wie so, mein Bruder? Es wäre mir sehr lieb, wenn Ihr mich in den Stand setzen, die Frage gründlich in Betracht ziehen zu können. Wie gedenkt man uns zu scheiden?«

»Heinrich ist ein Hugenott,« murmelte der Herzog.

»Allerdings, aber er hatte kein Geheimnis aus seiner Religion gemacht, und man wußte dies, als man uns verheirathete.«

»Ja, aber seit Eurer Verheirathung, meine Schwester,« sagte der Herzog, dessen Antlitz unwillkührlich einen Strahl der Freude beleuchtete, »was hat Heinrich gethan.«

»Das wißt Ihr besser, als irgend Jemand, Franz, da er seine Tage beinahe immer in Eurer Gesellschaft bald auf der Jagd, bald beim Maillespiele, bald beim Ballschlagen zugebracht hat.«

»Ja, seine Tage allerdings,« versetzte der Herzog, »seine Tage, aber eine Nächte?«

Margarethe schwieg und es war an ihr, die Augen niederzuschlagen.

»Seine Nächte?« fuhr der Herzog von Alençon fort, »seine Nächte?»

»Nun?« fragte Margarethe, welche wohl fühlte, daß sie etwas antworten mußte.

»Nun, er brachte sie bei Frau von Sauves zu.«

»Woher wißt Ihr dies?« rief Margarethe.

»Ich weiß es, weil ich ein Interesse dabei hatte, es zu erfahren,« antwortete der junge Prinz erbleichend, und die Stickerei an seinem Aermel zerknitternd.

Margarethe fing an, das zu begreifen, was Catharina ganz leise zu Karl IX. gesagt hatte; aber sie stellte sich, als bliebe sie in ihrer Unwissenheit.

»Warum sagt Ihr mir das, mein Bruder?« erwiederte sie mit einer vortrefflich gespielten schwermüthigen Miene. »Etwa um mich daran zu erinnern, daß Niemand mich liebt und an mir hängt eben so wenig die Menschen, welche die Natur mir als Beschützer verliehen hat, als derjenige, welchen die Kirche mir zum Gemahl gab?«

»Ihr seid ungerecht,« sprach lebhaft der Herzog von Alençon, und rückte seinen Stuhl noch näher zu Feind seiner Schwester, »ich liebe Euch und beschütze Euch.«

»Mein Bruder,« sagte Margarethe ihn fest anschauend, »Ihr habt mir etwas im Auftrage der Königin Mutter zu sagen?«

»Ich! Ihr täuscht Euch, meine Schwester, das ich schwöre ich. Was bringt Euch zu diesem Glauben?«

»Zu diesem Glauben bringt mich der Umstand, daß Ihr die Freundschaft, die Euch mit meinem Gemahle verband, abbrecht, daß Ihr die Sache des Königs von Navarra verlaßt.«

»Die Sache des Königs von Navarra?« versetzte der Herzog von Alençon ganz verblüfft.

»Ja, allerdings. Hört, Franz, sprechen wir offenherzig. Ihr habt zwanzigmal zugestanden, Ihr könntet Euch nicht Einer ohne den Andern erheben, ja nicht einmal aufrecht erhalten. Dieses Bündnis …«

»Ist unmöglich geworden, meine Schwester,« unterbrach sie der Herzog von Alençon.

»Und warum dies?«

»Weil der König Absichten mit Eurem Gatten hat. Ich bitte um Vergebung: wenn ich sage, Euer Gemahl, täusche ich mich; mit Heinrich von Navarra, sollte ich sagen. Unsere Mutter hat Alles errathen. Ich verband mich mit den Hugenotten, weil ich sie in Gunst glaubte; nun aber tödtet man die Hugenotten, und in acht Tagen werden keine fünfzig mehr, im ganzen Königreich übrig bleiben. Ich reichte die Hand dem König von Navarra, weil er … Euer Gatte war. Nun aber ist er nicht mehr Euer Gatte. Was habt Ihr hierzu zu sagen? Ihr, die Ihr nicht nur die schönste Frau von Frankreich, sondern auch der stärkste Kopf des Landes seid.«

»Ich habe zu sagen,« versetzte Margarethe, »daß ich unsern Bruder Karl kenne. Gestern sah ich ihn, in einem von den Wuthanfällen, von denen jeder sein Leben um zehn Jahre abkürzt. Ich habe zu sagen, daß sich diese Zufälle leider jetzt sehr häufig wiederholen, weshalb unser Bruder Karl aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr lange leben wird. Ich habe zu sagen, daß der König von Polen so eben gestorben ist und daß man viel davon spricht, an seiner Stelle einen Prinzen des Hauses Frankreich zu wählen. Ich habe endlich zu sagen, daß es, wenn die Umstände sich so darstellen, nicht der geeignete Augenblick ist, Verbündete zu verlassen, welche zur Stunde des Kampfes uns mit der Mitwirkung eines Volkes und mit der Hilfe eines Königreiches unterstützen können.«

»Und Ihr,« rief der Herzog, »habt Ihr nicht einen noch viel größeren Verrath an mir geübt, indem Ihr einen Fremden Eurem Bruder vorzoget!«

»Erklärt Euch, Franz, worin und wie habe ich Euch verrathen?«

»Ihr habt gestern von dem König das Leben von Heinrich von Navarra erbeten.«

»Nun?« fragte Margarethe mit geheuchelter Naivität.

Der Herzog stand rasch auf, ging zweimal mit verwirrter Miene im Zimmer umher und nahm dann wieder die Hand von Margarethe.

Diese Hand war starr und eisig.

»Gott befohlen, meine Schwester,« sagte der Prinz, »Ihr wolltet mich nicht verstehen. Schreibt nur Euch selbst die Schuld wegen alles Unglücks zu, das geschehen dürfte.«

Margarethe erbleichte, blieb aber unbeweglich auf ihrer Stelle. Sie sah den Herzog von Alençon weggehen, ohne daß sie ein Zeichen machte, um ihn zurückzuhalten. Kaum hatte sie ihn aber im Corridor aus dem Gesichte verloren, als er wieder zurückkam.

»Hört, Margarethe,« sagte er, »ich habe vergessen, Euch Eines zu sagen. Morgen zu dieser Stunde ist der König von Navarra todt.«

Margarethe stieß einen Schrei aus; denn der Gedanke, daß sie das Werkzeug eines Mordes war, verursachte ihr einen Schrecken, den sie nicht überwinden konnte.

»Und Ihr werdet diesen Tod nicht verhindern?« sagte sie, »Ihr werdet Euren besten, Euren treusten Verbündeten nicht retten?«

»Seit gestern ist mein Verbündeter nicht mehr der König von Navarra.«

»Und wer ist es denn?«

»Der Herzog von Guise. Die Hugenotten zerstörend, hat man Herrn von Guise zum König der Katholiken gemacht.«

»Und der Sohn von Heinrich II. erkennt einen Herzog von Lothringen als seinen König an?«

»Ihr habt heute Euern schlimmen Tag, Margarethe, und begreift nichts.«

»Ich gestehe, daß ich vergebens in Euern Gedanken zu lesen suche.«

»Meine Schwester, Ihr seid von eben so gutem Hause, als die Frau Prinzessin von Porcian. Von Guise ist nicht unsterblicher, als der König von Navarra. Nun wohl, Margarethe, setzt drei Dinge, drei durchaus mögliche Dinge: erstens, daß Monsieur zum König von Polen gewählt wird; zweitens, daß Ihr mich liebet, wie ich Euch liebe; nun, ich bin König von Frankreich, und Ihr … und Ihr … seid Königin der Katholiken.«

Margarethe verbarg ihr Haupt in ihren Händen, geblendet von der Tiefe der Pläne dieses Jünglings, dem Niemand am Hofe einen Geist zuzuschreiben wagte.

»Aber,« fragte sie nach einem Augenblick des Stillschweigens, »Ihr seid also nicht eifersüchtig auf den Herzog von Guise, wie auf den König von Navarra?«

»Was geschehen ist, ist geschehen,« sprach der Herzog von Alençon mit dumpfer Stimme, »und wenn ich Grund gehabt habe, auf den Herzog von Guise eifersüchtig zu sein, nun wohl, so bin ich es gewesen.«

»Nur ein Umstand könnte das Gelingen dieses Planes scheitern machen, mein Bruder,« sprach Margarethe aufstehend.

»Welcher?«

»Der, daß ich Herrn von Guise nicht mehr liebe.«

»Und wen liebt Ihr denn?«

»Niemand.«

Der Herzog von Alençon schaute Margarethe mit dem Erstaunen eines Menschen an, der seinerseits nicht mehr begreift, und verließ das Gemach, einen Seufzer ausstoßend und mit seiner eisigen Hand seine Stirne pressend, die zu zerspringen drohte.

Margarethe blieb allein und in Gedanken versunken. Die Lage der Dinge fing an klar und scharf sich vor ihre Augen zu stellen. Der König hatte die Bartholomäusnacht machen lassen. Die Königin Catharina und der Herzog von Guise hatten sie gemacht. Der Herzog von Guise und der Herzog von Alençon verbanden sich, um so viel als möglich Nutzen aus den Verhältnissen zu ziehen. Der Tod des Königs von Navarra war eine natürliche Folge dieser großen Katastrophe. War der König von Navarra todt, so bemächtigte man sich seines Reiches. Margarethe blieb dann Wittwe, ohne Thron, ohne Macht und ohne andere Aussicht, als ein Kloster, wo ihr nicht einmal der traurige Schmerz zu Theil geworden wäre, einen Gemahl zu beweinen, der nie ihr Gatte gewesen war.

So weit kam sie in ihren Gedanken, als die Königin Catharina sie fragen ließ, ob sie nicht mit dem ganzen Hofe eine Pilgerfahrt nach dem Weißdorn des Cimetière des Innocens machen wollte.

Der erste Gedanke von Margarethe war, eine Theilnahme an dieser Cavalcade auszuschlagen; aber sie bedachte, daß sie dabei vielleicht Gelegenheit finden würde, etwas Neues über das Schicksal des Königs von Navarra zu erfahren, und dies entschied. Sie ließ also antworten: wenn man ein Pferd für sie bereit halten wollte, so würde sie sehr gerne Ihre Majestäten nach dem Cimetière des Innocens begleiten.

Fünf Minuten nachher meldete ihr ein Page, wenn sie herabkommen wollte, würde sich der Zug in Marsch setzen. Margarethe machte mit der Hand Gillonne ein Zeichen, um ihr den Verwundeten zu empfehlen, und stieg hinab.

Der König, die Königin Mutter, Tavannes und die vornehmsten Katholiken waren bereits zu Pferde. Margarethe warf einen raschen Blick auf die Gruppe, welche aus ungefähr zwanzig Personen bestand. Der König von Navarra war nicht dabei, wohl aber Frau von Sauves. Sie wechselte einen Blick mit ihr, und Margarethe begriff, daß die Geliebte ihres Gemahls ihr etwas zu sagen hatte.

Man begab sich auf den Weg und erreichte die Rue Saint-Honoré durch die Rue de Lastruce. Bei dem Anblick des Königs, der Königin Catharina und der katholischen Häupter scharte sich das Volk zusammen, folgte dem Zuge wie eine steigende Woge und rief: »Es lebe der König! Es lebe die Messe! Tod den Hugenotten!«

Dieses Geschrei wurde begleitet von dem Schwingen gerötheter Schwerter und rauchender Büchsen, welche andeuteten, wie viel jeder Theil an dem finsteren Ereignisse genommen hatte, das in Erfüllung gegangen war.

Als man zu der Höhe der Rue des Prouvelles gelangte, begegnete man Menschen, welche einen Leichnam ohne Kopf schleppten; es war der des Admirals. Diese Menschen waren im Begriff, ihn in Montfaucon an den Füßen aufzuhängen.

Man ritt in den Cimetière des Innocens durch das Thor hinein, das sich der Rue des Chapes gegenüber öffnete. Von dem Besuche des Königs und der Königin Mutter in Kenntniß gesetzt, erwarteten die Geistlichen Ihre Majestäten, um sie anzureden.

Frau von Sauves benützte den Augenblick, wo Catharina auf die Rede hörte, die man an sie hielt, um sich der Königin von Navarra zu nähern und sie um Erlaubniß zu bitten, ihr die Hand küssen zu dürfen. Margarethe streckte den Arm nach ihr aus. Frau von Sauves näherte ihre Lippen der Hand der Königin und schob ihr, während sie dieselbe küßte, ein kleines zusammengerolltes Papier in den Aermel.

So rasch und so heimlich auch Frau von Sauves sich zurückgezogen hatte, so war es doch Catharina nicht entgangen. Sie wandte sich in dem Augenblicke um, wo ihre Ehrendame die Hand der Königin küßte.

Die zwei Frauen sahen diesen Blick, der wie ein Blitz zu ihnen drang, aber sie verriethen keine Bewegung. Frau von Sauves entfernte sich nun von Margarethe und nahm ihren Platz wieder bei Catharina ein.

Als diese die Rede, die man an sie hielt, beantwortet hatte, machte sie mit dem Finger und lächelnd der Königin von Navarra ein Zeichen, sich ihr zu nähern.

Margarethe gehorchte.

»Ei! meine Tochter,« sagte die Königin Mutter, in ihrem italienischen Patois, »Ihr habt also große Freundschaft mit Frau von Sauve?«

Margarethe lächelte und antwortete, ihrem schönen Gesichte den bittersten Ausdruck verleihend, den sie finden konnte.

»Ja, meine Mutter, die Schlange ist gekommen, um mich in die Hand zu beißen.«

»Oh, oh,« sprach Catharina lächelnd, »Ihr seid, glaube ich, eifersüchtig.«

»Ihr täuscht Euch, Madame,« versetzte Margarethe, »ich bin nicht mehr eifersüchtig auf den König von Navarra, als der König von Navarra in mich verliebt ist. Nur weiß ich meine Freunde von meinen Feinden zu unterscheiden. Ich liebe den, welcher mich liebt, und hasse den, welcher mich haßt. Wäre ich ohne dieses Eure Tochter, Madame?«

Catharina lächelte auf eine Weise, aus der Margarethe verstehen konnte, daß, wenn sie irgend einen Verdacht gehabt hatte, dieser Verdacht verschwunden war.

In diesem Augenblick zogen überdies neue Pilger die Aufmerksamkeit der erhabenen Versammlung an.

»Der Herzog von Guise erschien, begleitet von einer Truppe von einem neuen Blutbade noch völlig erhitzter Edelleute. Sie escortirten eine reich ausgeschmückte Sänfte, welche vor dem Könige anhielt.

»Die Herzogin von Nevers!« rief Karl IX…. »Sie komme herbei, um die Komplimente in Empfang zu nehmen … diese schöne, feste, Katholikin. Was hat man mir doch gesagt, meine Base? Ihr habet von Eurem Fenster auf Hugenotten gebürscht, und sogar einen mit einem Steinwurfe getödtet?«

Die Herzogin von Nevers erröthete im höchsten Maße und sagte mit leiser Stimme, vor dem König niederknieend:

»Sire, es ist im Gegentheil ein verwundeter Katholik, den ich aufzunehmen das Glück gehabt habe.«

»Gut, gut, meine Base. Es gibt zwei Arten mir zu dienen, die eine besteht darin, daß man meine Feinde ausrottet, die andere, daß man meinen Freunden Hilfe gewährt. Man thut, was man thun kann, und ich bin überzeugt, daß Ihr, wenn Ihr mehr vermocht hättet, es gethan haben würdet.«

Während dieser Zeit schrie das Volk, als es das zwischen dem Hause Lothringen und Karl IX. herrschende gute Einverständnis sah, aus vollem Halse: »Es lebe der König! Es lebe der Herzog von Guise! Es lebe die Messe!«

»Kommt Ihr mit uns in den Louvre zurück, Henriette?« sagte die Königin Mutter zu der schönen Herzogin.

Margarethe berührte ihre Freundin mit dem Ellenbogen. Diese verstand das Zeichen und antwortete: »Nein, Madame, wenn es Eure Majestät mir nicht befiehlt, denn ich habe in der Stadt mit Ihrer Majestät der Königin von Navarra zu thun.«

»Und was wollt Ihr mit einander machen?« fragte Catharina.

»Sehr seltene griechische Bücher sehen, welche man bei einem alten protestantischen Pfarrer gefunden, nach dem Thurme Saint-Jarques-La-Boucherie gebracht hat,« antwortete Margarethe.

»Ihr würdet besser daran thun, die lebenden Hugenotten von dem Pont aux Moulins in die Seine werfen zu sehen,« sagte Karl IX. »Das ist der Plan guter Franzosen.«

»Wir werden dahin gehen, wenn es Euerer Majestät gefällt,« antwortete die Herzogin von Nevers.

Catharina warf einen Blick des Mistrauens auf die zwei jungen Frauen; stets lauernd, deutete Margarethe denselben und schaute mit sehr ängstlicher Miene sich hin- und herdrehend, in großer Unruhe im Kreise umher.

Diese geheuchelte oder wahre Unruhe entging Catharina nicht.

»Was sucht Ihr?« sprach sie.

»Ich suche … ich sehe nicht mehr …«

»Wen sucht Ihr, wen seht Ihr nicht mehr?«

»Die Sauves,« antwortete Margarethe. »Sollte sie nach dem Louvre zurückgekehrt sein?«

»Sagte ich Dir nicht, Du wärest eifersüchtig,« flüsterte Catharina ihrer Tochter in das Ohr. »O bestia! … Vorwärts, Henriette,« fuhr sie, die Achseln zuckend fort, »bringt die Königin von Navarra weg.«

Margarethe stellte sich, als ob sie immer noch umherschaute, neigte sich dann an das Ohr ihrer Freundin und sagte zu ihr:

»Führe mich rasch von hinnen; ich habe Dir Dinge von der höchsten Wichtigkeit mitzutheilen.«

Die Herzogin verbeugte sich vor Karl IX. und vor Catharina und sprach dann zu der Königin von Navarra:.

»Wird Eure Majestät die Gnade haben, in meine Sänfte zu steigen?«

»Gern; nur werdet Ihr genöthigt sein, mich nach dem Louvre zurückzuführen.«

»Meine Sänfte, wie meine Leute, wie ich selbst,« antwortete die Herzogin, »stehen Euerer Majestät zu Befehl.«

Die Königin Margarethe stieg in die Sänfte, und auf ein Zeichen, das sie machte, folgte ihr die Herzogin von Nevers und nahm ehrfurchtsvoll auf dem Vordersitze Platz.

Catharina und ihre Edelleute kehrten auf demselben Wege, auf dem sie gekommen waren, nach dem Louvre zurück; nur sah man die Königin Mutter auf dem ganzen Zuge ohne Unterlaß dem König, diesem wiederholt Frau von Sauves bezeichnend, in das Ohr sprechen.

Und so oft sie Frau von Sauves bezeichnete, lachte der König, wie Karl IX. lachte, das heißt mit einem Lachen unheilschwangerer, als eine Drohung.

Sobald Margarethe fühlte, daß die Sänfte sich in Bewegung setzte, und das durchdringende Forschen von Catharina nicht mehr zu befürchten hatte, zog sie rasch aus ihrem Aermel das Billet von Frau von Sauves hervor und las folgende Worte:

»Ich habe Befehl erhalten, dem König von Navarra diesen Abend zwei Schlüssel zuzustellen: der eine ist der des Zimmers, in welchem er eingeschlossen ist, der andere ist der des meinigen. Es ist mir eingeschärft, ihn von seinem Eintritte bei mir bis morgen früh um sechs Uhr zu behalten.«

»Eure Majestät überlege, Eure Majestät entscheide, Eure Majestät zähle mein Leben für nichts.«

»Es unterliegt keinem Zweifel mehr,« murmelte Margarethe, »die arme Frau ist das Werkzeug, dessen man sich bedienen will, um uns Alle zu Grunde zu richten. Aber wir wollen sehen, ob die Königin Margot, wie mich mein Bruder Karl nennt, sich so leicht zu einer Nonne machen läßt.«

»Von wem ist dieser Brief?« fragte die Herzogin von Nevers auf das Papier deutend, das Margarethe mit einer so großen Aufmerksamkeit gelesen und wieder gelesen hatte.

»Oh! Herzogin, ich habe Dir viele Dinge zu sagen,« antwortete Margarethe, das Papier in tausend und aber tausend Stücke zerreißend.




XII.

Vertrauliche Mitteilung


»Vor Allem, wohin gehen wir?« fragte Margarethe, »nicht auf den Pont aux Moulins, denke ich; ich habe seit gestern genug solcher Schlächtereien gesehen, meine arme Henriette.«

»Ich nahm mir die Freiheit, Euere Majestät zu führen …«

»Zuerst und vor Allem bittet Dich meine Majestät, Ihre Majestät zu vergessen … Du führtest mich also …«

»Nach dem Hotel Guise, wenn Ihr nichts Anderes bestimmt.«

»Nein, nein, Henriette, gehen wir zu Dir. Der Herzog von Guise ist nicht dort? Dein Gatte ebenfalls nicht?«

»Oh, nein!« rief die Herzogin mit einer Freude, welche ihre schönen Augen funkeln machte, »nein! weder mein Schwager, noch mein Gemahl, noch irgend Jemand! Ich bin frei, frei wie die Luft, frei wie der Vogel, frei wie die Wolken … frei, meine Königin, hört Ihr? Begreift Ihr, welches Glück in dem Worte frei liegt? … Ich komme, ich gehe, ich befehle! Oh, arme Königin! Ihr seid nicht frei, Ihr; Ihr seufzt auch.«

»Du kommst, Du gehst, Du befiehlst! Dient Dir Deine Freiheit nur hierzu? Sprich, Du bist sehr heiter, nur wegen Deiner Freiheit allein?«

»Eure Majestät hat mir versprochen, die vertraulichen Mittheilungen zu eröffnen.«

»Abermals meine Majestät; höre, wir werden uns ärgern, Henriette. Hast Du unsere Uebereinkunft vergessen?«

»Nein, Eure achtungsvolle Dienerin vor der Welt, Deine tolle Vertraute unter vier Augen. Ist es nicht so, Madame, ist es nicht so, Margarethe?«

»Ja, ja,« sagte Margarethe lächelnd.

»Weder Rivalitäten des Hauses, noch Treulosigkeiten der Liebe, Alles gut, Alles offenherzig; ein Offensiv- und Defensivbund, einzig und allein in der Absicht, das ephemere Wesen, Glück genannt, zu suchen und wenn wir es finden, im Fluge zu haschen.«

»Gut, meine Herzogin, so ist es, und um diesen Vertrag zu erneuern, küsse mich.«

Und die zwei reizenden Köpfe, der eine bleich und von Schwermuth verschleiert, der andere rosig, blond und lachend, näherten sich anmuthreich und vereinigten ihre Lippen, wie sie ihre Gedanken vereinigt hatten.

»Was giebt es also Neues?« fragte die Herzogin, einen gierigen Blick auf Margarethe heftend.

»Ist denn seit zwei Tagen nicht Alles neu?«

»Oh! ich spreche von der Liebe und nicht von der Politik. Wenn wir das Alter von Dame Catharina, einer Mutter, haben werden, so wollen wir Politik treiben. Aber wir zählen erst zwanzig Jahre, meine schöne Königin. Sprechen wir von etwas Anderem. Solltest Du wirklich ganz und gar verheirathet sein?«

»Mit wem?« sagte Margarethe lachend.

»Ah! Du beruhigst mich in der That.«

»Henriette, was Dich beruhigt, erschreckt mich. Herzogin ich muß verheiratet sein.«

»Wann?«

»Morgen.«

»Ah, bah! wirklich? Arme Freundin! Ist es nothwendig?«

»Durchaus.«

»Mordi! wie einer von meinen Bekannten sagt, das ist sehr traurig.«

»Du kennst also Einen, der Mordi! Sagt?« fragte lachend Margarethe.

»Ja.«

»Und wer ist der Eine?«

»Du fragst mich immer, während es an Dir ist, zu sprechen. Vollende, und ich werde anfangen.«

»Zwei Worte, höre: Der König von Navarra ist verliebt und will nichts von mir. Ich bin nicht verliebt, aber ich will auch nichts von ihm. Indessen müssen wir, das Eine und das Andere, unsere Ansichten verändern oder wenigstens zwischen heute und morgen das Ansehen haben, als veränderten wir dieselben.«

»Nun wohl, so ändere Dich, und Du kannst überzeugt sein, daß er sich auch ändern wird.«

»Gerade darin liegt die Unmöglichkeit, denn ich bin weniger als je geneigt, meine Gesinnung zu verändern.«

»Hoffentlich nur in Beziehung auf Deinen Gemahl.«

»Henriette, ich habe ein Bedenken.«

»Ein Bedenken, worüber?«

»Ueber die Religion. Machst Du einen Unterschied zwischen den Hugenotten und Katholiken?«

»In der Politik?«

»Ja.«

«Allerdings.«

»Aber in der Liebe?«

»Meine theure Freundin, wir Frauen sind solche Heidinnen, daß wir alle Sekten zulassen und mehrere Götter anerkennen.«

»In einem Einzigem nicht wahr?«

»Ja,« sprach die Herzogin mit einem von Heidenthum funkelnden Blicke, »ja, denjenigen, welcher sich Eros, Cupido, Amor nennt, denjenigen, welcher einen Köcher, eine Binde und Flügel hat. Mordi! Es lebe die Frömmigkeit!«

»Du hast übrigens eine ausschließliche Manier, zu beten; Du wirfst den Hugenotten Steine auf den Kopf.«

»Ah, laß Dir sagen, Margarethe, wie die besten Gedanken, wie die schönsten Handlungen sich durch den Mund des Pöbels völlig travestiren.«

»Des Pöbels? Es scheint mir, mein Bruder Karl beglückwünschte Dich.«

»Dein Bruder, Karl, Margarethe, ist ein großer Jäger, der den ganzen Tag hindurch Waldhorn bläst, was ihn sehr mager macht … Ich verwerfe ihn also bis auf seine Komplimente. Uebrigens habe ich Deinem Bruder Karl geantwortet … Hast Du meine Erwiederung nicht gehört?«

»Nein, Du sprachst so leise!«

»Desto besser, sonst hätte ich Dir nichts mehr Neues mitzutheilen. Nun das Ende Deiner Mittheilung, Margarethe? …«

»Ist, daß … daß …«

»Sprich doch!«

»Ist,« versetzte die Königin lachend, »daß ich mich einer Vertraulichkeit enthalten würde, wenn der Stein, von dem mein Bruder Karl sprach, geschichtlich wäre.«

»Gut,« rief Henriette, »Du hast einen Hugenotten gewählt. Sei unbesorgt: um Dein Gewissen zu beruhigen, verspreche ich Dir, bei der ersten Gelegenheit auch einen zu wählen.«

»Ah, es scheint, Du hast diesmal einen Katholiken genommen.«

»Mordi!« versetzte die Herzogin.

»Gut, gut, ich begreife.«

»Und wie ist unser Hugenott?«

»Ich habe ihn nicht gewählt; dieser junge Mensch ist mir nichts, und wird mir wahrscheinlich nie etwas sein.«

»Aber wie ist er denn? Das hindert Dich nicht, es mir zu sagen, denn Du weißt, wie neugierig ich bin.«

»Ein armer, junger Mann, schön, wie der Nisus von Benvenuto Cellini, … der sich in meine Gemächer geflüchtet hat.«

»Oho! Du hattest ihn nicht ein wenig berufen?«

»Armer Junge! Lache nicht zu sehr, Henriette; denn in diesem Augenblicke schwebt er vielleicht noch zwischen Leben und Tod.«

»Er ist also krank?«

»Er ist schwer verwundet.«

»Ein verwundeter Hugenott ist besonders in den Tagen, in denen wir uns befinden, sehr lästig; und was wirst Du mit dem Verwundeten machen?«

»Er ist in meinem Cabinet; ich verberge ihn und will ihn retten.«

»Er ist schön, er ist jung, er ist verwundet. Du verbirgst ihn in Deinem Cabinet? Du willst ihn retten? Dieser Hugenott wird sehr undankbar sein, wenn er nicht zu dankbar ist.«

»Ich fürchte, er ist das bereits mehr, als ich wünschte.«

»Und er interessirt Dich, dieser arme, junge Mann?«

»Nur aus Menschenfreundlichkeit.«

»Oh, die Menschenfreundlichkeit, meine arme Königin, ist stets gerade die Tugend, die uns Frauen zu Grunde richtet.«

»Ja, und Du begreifst, wie jeden Augenblick der König, der Herzog von Alençon, meine Mutter und sogar mein Gemahl, in meine Wohnung kommen können.«

»Du willst mich also bitten, Deinen kleinen Hugenotten zu behalten, so lange er krank ist, unter der Bedingung, Dir denselben zurückzugeben, wenn er genesen ein wird?«

»Lacherin!« sagte Margarethe, »nein, ich schwöre Dir, daß ich die Dinge nicht auf so ferne vorbereite. Nur wäre ich Dir in der That dankbar, wenn Du ein Mittel finden könntest, den armen Jungen zu verbergen, wenn Du das Leben erhalten könntest, das ich gerettet habe. Du bist frei im Hotel Guise, Du hast weder einen Schwager, noch einen Gemahl, der Dich bespäht oder Dir Zwang anlegt, und überdies hast Du hinter Deinem Zimmer, wo zu Deinem Glücke, meine liebe Henriette, Niemand einzutreten berechtigt ist, ein dem meinigen ähnliches großes Cabinet. Leihe mir dieses Cabinet für meinen Hugenotten, und wenn er geheilt ist, öffnest Du ihm den Käfig, und er fliegt aus.«

»Dagegen erhebt sich nur eine Schwierigkeit, liebe Königin, der Käfig ist besetzt.«

»Wie, Du hast also auch Einen gerettet?«

»Gerade das ist es, was ich Deinem Bruder antwortete.«

»Ah, ich begreife. Deshalb sprachst Du so leise, das ich Dich nicht hören konnte.«

»Höre, Margarethe, es ist eine bewunderungswürdige Geschichte, nicht minder schön, nicht minder poetisch, als die Deinige. Nachdem ich Dir sechs von meinen Wachen gelassen hatte, kehrte ich mit den sechs andern in das Hotel Guise zurück und sah dem Plündern und Brennen eines Hauses zu, das von dem Hotel meines Bruders nur durch die Rue des Quatre-Fils getrennt ist, als ich plötzlich Frauen schreien und Männer fluchen hörte. Ich gehe auf den Balcon vor und sehe zuerst ein Schwert, dessen Feuer ganz allein die Scene zu erleuchten schien. Ich bewundere dieses furchtbare Schwert: ich liebe die schönen Dinge! … Dann suche ich natürlich den Arm zu unterscheiden, der es in Bewegung setzt, und der Körper, dem dieser Arm gehört. Mitten unter dem Geschrei, unter den Streichen unterscheide ich endlich den Mann, und sehe … einen Helden, meine Königin, einen Telamonios Ajax; ich höre eine Stimme, eine Stentorstimme; ich begeistere mich und zittere am ganzen Leibe, bebe bei jedem Schlag, von dem er bedroht ist, bei jedem Streich, den er führt. Das war eine Gemüthsbewegung von einer Viertelstunde, meine Königin, wie ich sie nie gefühlt, wie ich sie nie nur möglich gehalten habe. Ich stand keuchend, starr, stumm, als plötzlich mein Held verschwand.«

»Wie dies?«

»Unter einem Steine, den ihm eine alte Frau zuschleuderte. Dann fand ich, wie Cyrus, meine Stimme wieder, und rief: Zu Hilfe! Herbei! zu Hilfe! Unsere Wachen erschienen, ergriffen ihn, hoben ihn auf und trugen ihn in das Zimmer, das Du für Deinen Schützling von mir verlangst.«

»Ach! ich begreife diese Geschichte um so mehr, theure Henriette, als sie beinahe die meinige ist.«

»Nur mit dem Unterschied, meine Königin, daß ich, meinem König und meiner Religion dienend, Herrn Annibal von Coconnas nicht wegzuschicken brauche.«

»Er nennt sich Annibal von Coconnas?« versetzte Margarethe, in ein Lachen ausbrechend.

»Nicht wahr, das ist ein furchtbarer Name?« sprach Henriette. »Nun wohl, derjenige, welcher ihn führt, ist desselben würdig. Mordi! welch ein Kämpe! und wie viel Blut hat er vergossen! Nimm Deine Maske vor, Königin, wir sind am Hotel.«

»Warum soll ich meine Maske vornehmen.«

»Weil ich Dir meinen Helden zeigen will.«

»Ist er schön?«

»Er kam mir während des Kampfes herrlich vor. Allerdings ereignete sich dies bei Nacht und beim Schimmer der Flammen. Ich gestehe, diesen Morgen beim Tageslichte schien er mir ein wenig zu verlieren. Doch glaube ich, Du wirst mit ihm zufrieden sein.«

»Mein Schützling ist also vom Hotel Guise zurückgewiesen? Das thut mir leid, denn es ist der letzte Ort, wo man einen Hugenotten suchen würde.«

»Keineswegs, ich lasse ihn diesen Abend hierher bringen. Man legt den Einen in den Winkel rechts, den andern in den Winkel links.«

»Aber wenn sie sich, der Eine als einen Protestanten, der Andere als einen Katholiken erkennen, werden sie sich verschlingen.«

»Oh! es ist keine Gefahr, Herr von Coconnas hat einen Hieb in das Gesicht bekommen, daß er beinahe nichts sehen kann. Dein Hugenott hat einen Stich in die Brust erhalten, daß er sich beinahe nicht zu rühren vermag. Und dann schärfst Du ihm ein, er solle völliges Stillschweigen in Beziehung auf die Religion beobachten, und Alles wird auf das Beste gehen.«

»Gut, es sei.«

»Treten wir ein. Das ist abgemacht!« »

»Ich danke,« sagte Margarethe, ihrer Freundin die Hand drückend.

»Hier, Madame, werdet Ihr wieder Majestät,« sprach die Herzogin von Nevers, »erlaubt mir, Euch die Honneurs des Hotel Guise zu machen, wie sie der Königin von Navarra gemacht werden müssen.«

Und die Herzogin setzte, aus dem Wagen steigend, beinahe ein Knie auf die Erde, um Margarethe herauszuhelfen. Dann deutete sie mit der Hand auf die Thüre des von zwei Schildwachen, welche die Büchse in der Faust hielten, bewachten Hotels, und folgte auf einige Schritte der Königin, welche majestätisch vor der Herzogin voranschritt, während diese ihre demüthige Haltung beobachtete, so lange sie gesehen werden könnte. In Zimmer gelangt, schloß die Herzogin ihre Thüre, rief rasch ihre sicilianische Kammerfrau und fragte in italienischer Sprache:

«Mica, wie geht es dem Herrn Grafen?«

»Immer besser,« antwortete diese.

»Und was macht er?«

»Er nimmt, glaube ich, in diesem Augenblicke etwas zu sich, Madame.«

»Schön,« sagte Margarethe, »die Wiederkehr des Appetits ist ein gutes Zeichen.«

»Oh! es ist wahr, ich vergaß, das Du eine Schülerin von Ambroise Paré bist. Gehe, Mica.«

»Du schickst sie weg?«

»Ja, damit sie Wache hält.«

Mica entfernte sich.

»Willst Du nun bei ihm eintreten.« sprach die Herzogin »oder soll ich ihn kommen lassen?«

»Weder das Eine, noch das Andere; ich wünschte ihn zu sehen, ohne gesehen zu werden.«

»Was ist Dir daran gelegen, da Du Deine Maske hast?«

»Er kann mich an meinen Haaren, an meinen Händen an meinen Juwelen erkennen.«

»Oh! wie klug ist doch meine schöne Königin seit ihrer Verheirathung.«

Margarethe lächelte.

»Ich sehe nur ein Mittel,« fuhr die Herzogin fort.

»Welches?«

»Du müßtest durch das Schlüsselloch schauen.«

»Es sei, führe mich.«

Die Herzogin nahm Margarethe bei der Hand, führte sie an eine Thüre, über welche ein Vorhang herabfiel, beugte sich auf ein Knie und näherte ihr Auge der Oeffnung, welche der fehlende Schlüssel ließ.

»Vortrefflich,« sagte sie, »er ist bei Tische und hat das Gesicht unserer Seite zugewendet. Komm.«

Die Königin Margarethe nahm den Platz ihrer Freundin ein und näherte ihr Auge ebenfalls dem Schlüsselloch. Coconnas saß, wie die Herzogin gesagt hatte, an einem ausgezeichnet bestellten Tische, welchem alle Ehre zu machen seine Wunden ihn nicht verhinderten.

»Ah, mein Gott!« rief Margarethe zurückweichend. »Was giebt es denn?« fragte die Herzogin erstaunt.

»Unmöglich! Nein! Ja! Oh, bei meiner Seele, er ist es!«

»Wer denn?«

»Stille,« sprach Margarethe sich erhebend und die Herzogin bei der Hand ergreifend. »Derjenige, welcher meinen Hugenotten tödten wollte, der ihn bis in mein Zimmer, in meine Arme verfolgte. Oh! welches Glück, Henriette, daß er mich nicht erblickt hat.«

»Nun, da Du ihn bei der Arbeit gesehen, war er nicht schön?«

»Ich weiß nicht,« sagte Margarethe, »denn ich betrachtete den, welchen er verfolgte.«

»Und der, welchen er verfolgte, hieß?«

»Du wirst seinen Namen nicht vor ihm aussprechen?«

»Nein, ich gelobe es Dir.«

»Herr de La Mole.«

»Und wie findest Du ihn jetzt?«

»Herrn de la Mole?«

»Nein, Herrn von Coconnas.«

»Meiner Treue, ich gestehe, ich finde ihn …«

Sie hielt inne.

»Aha!« sprach die Herzogin, »ich sehe, Du grollst ihm noch wegen der Wunde, die er Deinem Hugenotten beigebracht hat.«

»Mir scheint es,« versetzte Margarethe lachend, »daß mein Hugenott ihm nichts schuldig ist, und daß der Hieb, den er ihm in’s Gesicht versetzt hat …«

»Sie sind also quitt!, und wir können sie versöhnen. Schicke mir Deinen Verwundeten.«

»Nein, noch nicht, später.«

»Wann?«

»Sobald Du dem Deinigen ein anderes Zimmer geliehen haben wirst.«

»Welches denn?«

Margarethe schaute ihre Freundin lachend an, die sie nach kurzem Stillschweigen ebenfalls anschaute und laut lachte.

»Wohl, es sei,« sprach die Herzogin. »Freundschaft mehr als je.«

»Stets aufrichtige Freundschaft,« antwortete die Königin.

»Und das Losungswort, das Erkennnngszeichen, sollten wir des einen oder des andern bedürfen?«

»Der dreifache Name Deines dreifachen Gottes:Eros, Cupido, Amor.«

Und die zwei Frauen verließen sich, nachdem sie sich zum zweiten Male geküßt und zum zwanzigsten Male die Hand gedrückt hatten.




XIII.

Wie es Schlüssel gibt, welche Thüren öffnen, für die sie nicht bestimmt sind


Die Königin von Navarra fand, in den Louvre zurückkehrend, Gillonne in großer Aufregung. Frau von Sauves war in ihrer Abwesenheit erschienen und hatte den ihr von der Königin Mutter eingehändigten Schlüssel gebracht. Dieser Schlüssel war der des Zimmers, in welchem sich Heinrich eingeschlossen befand. Es unterlag keinem Zweifel, es war für die Königin zur Ausführung irgend eines Planes eine Nothwendigkeit, daß der Bearner die Nacht bei Frau von Sauves zubrachte.

Margarethe nahm den Schlüssel und drehte ihn in den Händen hin und her. Sie ließ sich von den geringsten Worten von Frau von Sauves Bericht erstatten, wog sie Buchstabe für Buchstabe in ihrem Geiste ab und glaubte endlich den Plan von Catharina durchschaut zu haben.

Sie nahm eine Feder, Tinte und schrieb auf ein Papier:

»Statt diesen Abend zu Frau von Sauves zu geben, kommt zu der Königin von Navarra

Margarethe.«

Dann rollte sie das Papier zusammen, steckte es in die Höhlung des Schlüssels und befahl Gillonne, diesen Schlüssel, sobald die Nacht gekommen wäre, unter der Thüre des Gefangenen durchzustecken.

Als dieses Geschäft abgemacht war, dachte Margarethe an den armen Verwundeten, schloß alle Thüren, trat in sein Cabinet, und fand zu ihrem großen Erstaunen La Mole wieder in seinem noch ganz zerrissenen und von Blut befleckten Kleide.

Als er sie erblickte, versuchte er es, aufzustehen; aber noch ganz wankend, vermochte er sich nicht aufrecht zu erhalten und fiel wieder auf das Canape zurück, aus welchem man ein Bett gemacht hatte.

»Aber was geht denn vor, mein Herr,« fragte Margarethe, »und warum befolgt Ihr so schlecht die Vorschriften Eures Arztes? Ich hatte Euch Ruhe empfohlen, und statt mir zu gehorchen, thut Ihr gerade das Gegentheil von dem, was ich gesagt habe.«

»Oh! Madame,« sprach Gillonne, »es ist durchaus nicht mein Fehler, ich habe den Herrn Grafen gebeten, ich habe ihn angefleht, diese Thorheit nicht zu begehen; aber er erklärte mir, nichts würde ihn länger im Louvre zurückhalten.«

»Den Louvre verlassen!« sprach Margarethe und schaute erstaunt den jungen Mann an, der die Augen niederschlug, »das ist unmöglich. Ihr könnt nicht gehen; Ihr seid bleich und kraftlos; man sieht Eure Kniee zittern. Diesen Morgen hat Eure Wunde an der Schulter noch geblutet.«

»Madame, »antwortete der junge Mann, »so sehr ich Euerer Majestät dankbar dafür bin, daß sie mir gestern Abend ein Asyl gegeben hat, eben so sehr flehe ich sie an, mir die Erlaubniß zu geben, heute von hinnen zu gehen.«

»Aber ich weiß nicht, wie ich einen so tollen Entschluß deuten soll?« sprach Margarethe verwundert. »Das ist schlimmer, als Undankbarkeit.«

»Oh, Madame!« rief La Mole, die Hände faltend, »glaubt mir, weit entfernt, undankbar zu sein, hegt mein Herz ein Gefühl der Dankbarkeit, das mein ganzes Leben hindurch dauern wird.«

»Dann wird es nicht lange dauern,« sprach Margarethe, bewegt durch diesen Ton, der keinen Zweifel an der Aufrichtigkeit seiner Worte übrig ließ, »denn entweder werden sich Eure Wunden wieder öffnen, und Ihr sterbt am Blutverluste, oder man erkennt Euch als einen Hugenotten, und Ihr geht nicht hundert Schritt ohne daß man Euch den Garaus macht.«

»Dennoch muß ich den Louvre verlassen,« murmelte La Mole.

»Ihr müßt!« sagte Margarethe, ihn mit ihrem klaren, tiefen Blicke anschauend; dann leicht erbleichend, fügte sie bei: »Oh! ja, ich begreife. Um Vergebung, mein Herr: ohne Zweifel ist außerhalb des Louvre eine Person, welche Eure Abwesenheit in grausame Unruhe versetzt. Das ist ganz richtig, Herr de La Mole, es ist ganz natürlich, und ich sehe es wohl ein. Warum habt Ihr es mir nicht sogleich gesagt? oder vielmehr, warum habe ich nicht selbst daran gedacht? Wenn man Gastfreundschaft übt, ist es eine Pflicht, die Neigungen seines Gastes zu beschützen, wie man seine Wunden verbindet, das Gemüth zu pflegen, wie man den Leib pflegt.«

»Oh! Madame, Ihr täuscht Euch sehr, ich bin beinahe allein in der Welt und ganz allein in Paris, wo mich Niemand kennt. Mein Mörder ist der erste Mann, den ich in dieser Stadt gesprochen habe, und Eure Majestät ist die erste Frau, die das Wort an mich gerichtet hat.«

»Warum wollt Ihr aber gehen?« sprach Margarethe erstaunt.

»Weil sich Euere Majestät in der vergangenen Nacht keine Ruhe gegönnt hat,« sprach La Mole, »und weil diese Nacht …«

Margarethe erröthete.

»Gillonne,« sagte sie, »nun ist es Nacht, ich denke, es ist Zeit, daß Du den Schlüssel fortträgst.«

Gillonne lächelte und ging ab.

»Aber wenn Ihr allein, ohne Freunde in Paris seid, was werdet Ihr machen?« fragte Margarethe.

»Madame, ich werde bald Freunde haben; denn während ich verfolgt wurde, dachte ich an meine Mutter, welche eine Katholikin war. Es kam mir vor, als sähe ich sie vor mir her, ein Kreuz in der Hand, auf dem Wege nach dem Louvre laufen, und ich that ein Gelübde, die Religion meiner Mutter wieder anzunehmen, wenn mir Gott das Leben erhalten würde. Gott hat mehr gethan, als mir das Leben erhalten, Madame, er hat mir einen seiner Engeln geschickt, um es mich lieben zu lassen.«

»Aber Ihr könnt nicht gehen; ehe Ihr hundert Schritte gemacht nahe, werdet Ihr ohnmächtig niedersinken.«

»Madame, ich habe mich heute in diesem Cabinet versucht, ich gehe allerdings langsam und unter Schmerzen; aber komme ich nur bis auf den Platz vor dem Louvre, so mag geschehen was da will.«

Margarethe stützte ihren Kopf auf die Hand und dachte nach.

»Und der König von Navarra?« sagte sie mit Absicht, »Ihr sprecht mir nicht mehr von ihm? Verändert Ihr die Religion, so habt Ihr die Hoffnung verloren, in seinen Dienst zu treten.«

»Madame,« antwortete La Mole erbleichend, »Ihr berührt die wahre Ursache meines Abganges … Ich weiß, daß der König von Navarra die größte Gefahr läuft und daß der ganze Credit Eurer Majestät als Tochter von Frankreich kaum hinreichend sein wird, um sein Haupt zu retten.«

»Wie, mein Herr?« fragte Margarethe, »was wollt Ihr damit sagen und von welcher Gefahr sprecht Ihr?«

»Madame,« antwortete La Mole zögernd, »von dem Cabinet aus, in welchem ich mich befinde, hört man Alles.«

»Das ist wahr,« murmelte Margarethe für sich allein, »Herr von Guise hat es mir bereits gesagt.«

Dann fügte sie laut bei:

»Nun, was habt Ihr denn gehört?«

»Zuerst das Gespräch, das Euere Majestät diesen Morgen mit ihrem Bruder hatte.«

»Mit Franz?« rief Margarethe erröthend.

»Mit dem Herzog von Alençon, ja, Madame. Dann nach Eurem Abgange das von Mademoiselle Gillonne mit Frau von Sauves.«

»Und es sind diese zwei Gespräche …«

»Ja, Madame. Seit kaum acht Tagen verheirathet, liebt Ihr Euern Gemahl. Euer Gemahl wird kommen, wie der Herzog von Alençon und Frau von Sauves gekommen sind. Er wird Euch seine Geheimnisse mittheilen. Nun, ich soll sie nicht hören; ich wäre indiscret, und ich kann nicht, ich soll nicht, und vor Allem ich will es nicht sein.«

Durch den Ton, mit welchem La Mole die letzten Worte aussprach, durch die Unruhe seiner Stimme, durch sein verlegenes Wesen wurde Margarethe wie durch eine plötzliche Offenbarung erleuchtet.

»Ah,« sagte sie, »Ihr habt von dem Cabinet aus Alles gehört, was bis jetzt in diesem Zimmer gesprochen worden ist?«

»Ja, Madame.«

Diese Worte wurden kaum geseufzt.

»Und Ihr wollt diese Nacht, diesen Abend von hier fort, um nicht mehr zu hören?«

»Sogleich, Madame, wenn Euere Majestät es mir zu erlauben die Gnade haben will.«

»Armes Kind!« sprach Margarethe mit einem seltsamen Tone zarten Mitleids.

Erstaunt über eine so weiche Antwort, während er eine ungestüme Erwiederung erwartete, hob La Mole das Haupt. Sein Blick begegnete dem von Margarethe und blieb wie durch eine magnetische Macht an dem durchsichtigen, tiefen Blicke der Königin geheftet.

»Ihr fühlt Euch also unfähig, ein Geheimnis zu bewahren, Herr de La Mole?« sprach mit sanftem Tone Margarethe, welche, über die Lehne ihres Stuhles geneigt, halb unter dem Schatten eines schweren Vorganges verborgen, sich des Glückes erfreute, rasch in dieser Seele zu lesen; während sie selbst undurchdringlich blieb.

»Madame,« sprach La Mole, »ich besitze eine elende Natur; ich mißtraue mir selbst, und das Glück eines Andern macht mir Schmerz.«

»Wessen Glück?« fragte Margarethe lächelnd, »ah ja, das Glück des Königs von Navarra. Armer Heinrich!«

»Ihr seht wohl, daß er glücklich ist Madame,« rief la Mole lebhaft.

»Glücklich? …«

»Ja, da Eure Majestät ihn beklagt.«

Die Königin zerknitterte die Seide ihrer Aumonière und riß die goldenen Fäden aus.

»Ihr weigert Euch also, den König von Navarra zu sehen?« sagte sie, »das ist abgemacht, das ist in Euch beschlossen?«

»Ich befürchte, Seine Majestät in diesem Augenblick zu belästigen.«

»Aber den Herzog von Alençon, meinen Bruder?«

»Oh, Madame!« rief La Mole, »den Herzog von Alençon, nein, nein! den Herrn Herzog von Alençon noch viel weniger, als den König von Navarra.«

»Warum?« fragte Margarete so bewegt, das sie beim Sprechen zitterte.

»Weil ich, obgleich bereits ein schlechter Hugenott, um ergebener Diener Seiner Majestät des Königs von Navarra zu sein, doch noch kein hinreichend guter Katholik bin, um zu den Freunden von Herrn von Alençon und Herrn von Guise zu gehören.«

Diesmal schlug Margarethe die Augen nieder, und sie fühlte, wie der Schlag in der tiefsten Tiefe ihres Herzens arbeitete. Sie wußte nicht zu sagen, ob das Wort von La Mole für sie schmeichelhaft oder schmerzlich war.

In dieser Minute kehrte Gillonne zurück. Margarethe befragte sie mit einem Blicke. Die Antwort von Gillonne war, ebenfalls in einem Blicke enthalten, bejahend. Es war ihr gelungen, den Schlüssel dem König von Navarra zukommen zu lassen.

Margarethe richtete ihre Augen wieder auf La Mole, welcher unentschlossen, das Haupt auf die Brust geneigt und bleich wie ein Mensch, der zugleich am Körper und an der Seele leidet, vor ihr verharrte.

»Herr de La Mole ist stolz,« sagte sie, »und ich zögere, ihm einen Vorschlag zu machen, den er vielleicht von sich weisen wird.«

La Mole erhob sich, machte einen Schritt gegen die Königin und wollte sich vor ihr verbeugen, zum Zeichen, daß er zu ihren Befehlen stünde; aber ein tiefer, scharfer, brennender Schmerz preßte seinen Augen Thränen aus; er fühlte, daß er dem Fallen nahe war, und ergriff einen Vorhang, an welchem er sich hielt.

»Seht Ihr!« rief Margarethe, auf ihn zulaufend und ihn am Arme haltend, »seht Ihr, mein Herr, daß Ihr meiner noch bedürft!«

Ein kaum bemerkbares Zucken bewegte die Lippen von La Mole.

»Oh! ja,« murmelte er, »wie der Luft, die ich athme, wie des Tages, den ich sehe.«

In diesem Augenblicke erscholl ein dreimaliges Klopfen an der Thüre von Margarethe.

»Hört Ihr, Madame?« sprach Gillonne erschrocken.

»Schon!« murmelte Margarethe.

»Sol! ich öffnen?«

»Warte; … es ist vielleicht der König von Navarra.«

»Oh! Madame,« rief La Mole, stark gemacht durch diese paar Worte, welche die Königin jedoch mit so leiser Stimme ausgesprochen hatte, daß sie hoffte, nur Gillonne würde sie hören, »Madame, ich flehe Euch auf den Knieen an, laßt mich fort; ja, todt oder lebendig! Habt Mitleid mit mir! Oh, Ihr antwortet nicht! Nun wohl, ich will sprechen, und wenn ich gesprochen habe, werdet Ihr mich hoffentlich forttragen.«

»Schweigt, Unglücklicher!« sagte Margarethe, der es einen unendlichen Zauber gewährte, die Vorwürfe des wägen Mannes zu hören, »schweigt doch!«

»Madame,« versetzte La Mole, welcher ohne Zweifel in dem Tone von Margarethe nicht die Strenge fand, die er erwartete, »Madame, ich wiederhole Euch, man hört Alles von diesem Cabinet aus. Oh! Laßt mich nicht eines Todes sterben, den die grausamsten Henker nicht erfinden dürften!«




Конец ознакомительного фрагмента.


Текст предоставлен ООО «ЛитРес».

Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=48632716) на ЛитРес.

Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.



notes



1


		Darf die Wollust ich nicht fühlen,
		Dir in Deinem Haar zu wühlen,
		Küssen nicht der Lippen Gluth,
		Oder Deinem Busen schmeicheln,
		Willst Du denn die Nonne heucheln
		In des Klosters strenger Hut?

		Warum sich das Aug verhülle,
		Stirn’ und Lipp’, des Busens Fülle,
		Ist ein Räthsel, Schöne, mir —
		Willst Du denn erst Plato lachen,
		Wenn Du fährst in Charons Nachen,
		Warum küssen nicht schon hier?

		Schöne, nach der Todesstunde
		Prangt kein Roth auf Deinem Munde,
		Farblos ist die Lippe Dir;
		Würd’ ich dort Dich wiedersehen,
		Würd’ ich still vorübergehen,
		Schweigen, daß Du lieb einst mir.

		Darum, Liebste, noch im Leben
		Laß den Blick zu Dir mich heben,
		Und den Mund Dir küssen süß,
		Denn in Deiner Todesstunde
		Bricht Dir auf der Reue Wunde,
		Daß Dein Herz mich spröd verstieß.




2


heute: Nachmittagstee oder -kaffee, damals vielleicht: Vesperbrot




3


		Ich weiß es wohl, wenn mich Dein Aug nicht siehet,
		Daß das Gedächtniß Dir des großen Herrn entfliehet;
		Doch daß Du meiner denkst, vergiß es nie,
		Daß ich ein Treuer bin der schönen Poesie,
		Und darum send’ ich Dir dieß heitre Gedicht,
		Das die Begeisterung um Deine Verse flicht.

		Laß Dich den Haushalt, Ronsard, nimmer quälen,
		Dir möcht sonst die Mus’ in Anderem, als Gartenwesen fehlen,
		Dem König mußt Du folgen, der dich so herzlich liebt,
		Weil Du die Poesie so kühn, so zart geübt.
		In Amboise hoffe ich, daß mir Dein Antlitz lache,
		Wo nicht so schwör’ ich Dichter Dir die tiefste Rache.




4


		Um den Glauben aufrecht zu erhalten,
		bin ich schön und treu;
		gegen die Feinde des Königs
		bin ich schön und grausam.




5


Ein mit einer Fallthüre versehenes unterirdisches Gefängniß für Leute, welche man in der Stille aus dem Wege räumen will, ähnlich dem, was man in Deutschland Jungfernkuß nannte.




6


Ein Spottname für die Hugenotten.




7


Ceux de la Religion, war in jener Zeit der gewöhnliche Ausdruck für die Hugenotten.




8


Das gute Grundwesen oder der Gott des Guten in der Religion Zoroasters, dem bösen Grundwesen, Ariman, gegenübergesetzt.




9


Kirchhof der unschuldigen Kinder.


