Neu-Land
Iwan Sergejewitsch Turgenew




lvan S. Turgenev

Neu-Land



		»Es soll das Neu-Land nicht mit leicht die
		Oberfläche streifender Hacke, sondern mit tief
		einschneidenden Pfluge geackert werden.«
		Aus den Aufzeichnungen eines Landwirths.







Erstes Capitel


Im Frühling des Jahres 1868, ungefähr um ein Uhr Mittags, stieg ein nachlässig und ärmlich gekleideter Mann im Alter von gegen siebenundzwanzig Jahren mühsam die Hintertreppe eines fünfstöckigen Hauses in der Offiziers-Straße in St. Petersburg hinauf. Schwerfälligen Schrittes die schlürfenden, abgetretenen Galoschen nach sich ziehend, den wuchtigen, plumpen Körper langsam auf und nieder bewegend, schritt er endlich über die letzten Stufen, der Treppe hinweg, blieb vor einer morschen, halbgeöffneten Thür stehen, – und stürzte, ohne die Glocke zu ziehen, jedoch geräuschvoll Athem holend, in das kleine dunkle Vorzimmer hinein.

– Ist Neshdanow zu Hauses – fragte er fast schreiend mit tiefer, lauter Stimme.

– Er ist fort – ich bin hier, treten Sie ein, – ertönte aus dem Nebenzimmer eine weibliche, gleichfalls ziemlich rauhe Stimme.

– Maschurina? – entgegnete fragenden Tones der Ankömmling.

– Sie selbst. – Und Sie sind – Ostrodumow?

– Pimen Ostrodumow, – antwortete Dieser, worauf er die Galoschen vorsichtig abzog, den alten fadenscheinigen Mantel an den Nagel hängte, und dann in das Zimmer trat, aus welchem die weibliche Stimme erklungen war.

Es war ein niedriges, unsauberes Zimmer, dessen Wände mit mattgrüner Farbe gestrichen waren und in welches das Licht durch zwei verstaubte Fenster kaum hineinzudringen vermochte. Das ganze Ameublement bestand aus einem kleinen eisernen Bette in der Ecke, einem Tisch in der Mitte, einigen Stühlen und einer mit Büchern überladenen Etagère – Am Tisch saß eine weibliche Gestalt von schlichtem Aussehen, mit entblößten Kopfe, im Alter von ungefähr dreißig Jahren, in einem schwarzen wollenen Kleide und rauchte eine Cigarette. Als sie den eintretenden Ostrodumow erblickte, streckte sie ihm schweigend ihre breite, rothe Hand entgegen. Gleichfalls schweigend drückte sie Dieser – und holte, indem er sich auf einen Stuhl niederließ, aus der Seitentasche seines Rockes eine halb zerbrochene Cigarre hervor. Maschurina gab ihm Feuer – er tauchte die Cigarre an, und Beide begannen nun, ohne ein Wort zu sprechen und sogar ohne einander anzublicken, bläuliche Rauchwolken in die ohnedies schon dumpfe, tabakdurchtränkte Luft des Zimmers aufsteigen zu lassen.

Den beiden Rauchern schien ein unbestimmtes Etwas gemeinsam zu sein, obgleich die Gesichtszüge derselben einander durchaus unähnlich waren. Es sprach aus diesen zwei unordentlichen Menschen mit den groben Lippen, Zähnen und Nasen – Ostrodumow hatte dazu noch Blatternarben im Gesicht – eine gewisse Ehrlichkeit, Festigkeit und thätige Arbeitslust.

– Haben Sie Neshdanow gesehen? – fragte Ostrodumow endlich.

– Hab’ ihn gesehen; er wird gleich hier sein, Bücher wollte er zur Bibliothek bringen.

Ostrodumow spuckte leichthin zur Seite.

– Was läuft er denn jetzt immer umher? Man trifft ihn ja nie.

Maschurina holte eine andere Cigarrette hervor.

– Er langweilt sich, – sagte sie, die Cigarrette sorgfältig anrauchend.

– Langweilt sich! – wiederholte Ostrodumow vorwurfsvoll.

– Diese Weichlichkeit! Sollte man doch denken, wir hätten mit ihm nichts zu thun. Hier gilt es, will’s Gott, Alles energisch zu Ende zu führen, er aber – langweilt sich!

– Ist kein Brief aus Moskau angekommen?– fragte Maschurina nach einer kurzen Pause.

– Ist angekommen . . . vorgestern.

– Haben Sie ihn gelesen?

Ostrodumow nickte blos mit dem Kopfe.

– Nun . . . und was denn?

– Was? – Werde bald fahren müssen.

Maschurina nahm die Cigarrette aus dem Munde. – Weßhalb denn? Es geht dort doch Alles gut, wie man hört.

– Es geht seinen Gang. Es ist da nur ein nicht ganz zuverlässiges Männlein hineingekommen. Nun und . . . da muß man es absetzen, vielleicht auch ganz beseitigen. Dann giebt’s da noch and’re Dinge zu thun. – Sie ruft man ebenfalls dahin.

– Im Brief?

– Ja; im Brief.

Mit einer raschen Bewegung des Kopfes warf Maschurina das schwere Haar aus dem Gesicht zurück. Hinten unordentlich zu einer kleinen Flechte aufgesteckt, fiel es vorn über Stirn und Brauen herab.

Ei was! – sagte sie: – wenn der Befehl gegeben wird – so ist da nichts mehr zu reden.

– Natürlich, nichts! ohne Geld ist es jedoch gar nicht möglich; woher soll man’s aber nehmen, dieses Geld?

Maschurina sann noch.

– Neshdanow muß es schaffen, – sagte sie leise, gleichsam für sich.

– Deswegen eben bin ich gekommen, – bemerkte Ostrodumow.

– Haben Sie den Brief bei sich? – fragte Maschurina plötzlich.

– Ja. Wollen Sie ihn lesen?

– Geben Sie oder nein, ist nicht nöthig. Wir lesen ihn zusammen . . . später.

– Es ist so, wie ich sage, – brummte Ostrodumow; – zweifeln Sie nicht daran.

– Ich zweifle auch gar nicht.

Und Beide wurden wieder still, und es entstiegen wie früher nur Rauchwolken den verstummten Lippen und zogen in schwach kräuselnder Bewegung über ihren mit üppigem Haarwuchs bedeckten Köpfen hinweg.

– Da ist er! – flüsterte Maschurina.

Die Thür ging ein wenig auf und ein Kopf zeigte sich in der Oeffnung – aber es war nicht Neshdanow’s Kopf.

Es war das ein rundes Köpfchen mit schwarzem, struppigem Haar, breiter, gerunzelter Stirn, braunen überaus lebhaften Augen unter den dichten Brauen, einer entenartigen, aufgeworfenen Nase und einem kleinen rosigen, possirüch gebildeten Munde. Das Köpfchen blickte sich um, nickte, und lächelte – wobei eine Menge kleiner weißer Zähnchen zum Vorschein kamen – und trat dann mitsammt seinem schwächlichen Oberkörper, den kurzen Armen und den ein wenig krummen und lahmen Beinchen in’s Zimmer. Als Maschurina und Ostrodumow dieses Köpfchens gewahr wurden, zeigte sich in ihren Mienen sogleich eine gewisse nachsichtsvolle Verachtung, als ob gleichsam ein Jeder von ihnen innerlich ausgerufen hätte: »Ah! Dieser!« Und sie ließen kein Wörtchen weiter fallen, sie rührten sich nicht einmal. Der dem neu eintretenden Gast erwiesene Empfang setzte denselben übrigens durchaus nicht in Verlegenheit, sondern gewährte ihm sogar, wie es schien, eine gewisse Befriedigung.

– Was hat das zu bedeuten? – brachte er mit seiner, durchdringender Stimme hervor. – Ein Duett? Warum denn kein Trio? und wo ist denn der erste Tenor?

– Ihre Wißbegierde betrifft wohl Neshdanow, Herr Paklin? – fragte ihn Ostrodumow mit ernster Miene.

– Ganz recht, Herr Ostrodumow: Neshdanow.

– Er kommt wohl bald, Herr Paklin.

– Sehr angenehm zu hören, Herr Ostrodumow.

Das schwächliche Männchen wandte sich zur Maschurina. Mit finsterer Miene saß sie da – und fuhr aus ihrer Cigarrette gemächlich zu dampfen fort.

– Wie geht es Ihnen, liebste . . . liebste . . . Ach wie das ärgerlich ist! Immer vergesse ich Ihren Tauf- und auch ihren Vaternamen!

Maschurina zuckte die Achseln.

– Und Sie brauchen ihn auch nicht zu wissen! Mein Familienname ist Ihnen bekannt. Ist das nicht genug! – Und was das für eine Frage ist: wie geht es Ihnen? – Sehen Sie denn nicht, daß ich lebe?

– Vollkommen, vollkommen richtig! – rief Paklin, die Nasenflügel aufblasend und mit den Augenbrauen zuckend; – wenn Sie nicht am Leben wären, würde Ihr ergebener Diener nicht das Vergnügen haben, Sie hier zu sehen und sich mit Ihnen zu unterhalten! – Schreiben Sie meine Frage einer verjährten dummen Gewohnheit zu. Ebenso hinsichtlich des Tauf- und Vaternamens . . . Wissen Sie: es ist gewissermaßen so unbequem, ganz einfach Maschurina zu sagen. – Ich weiß freilich, daß Sie auch Ihre Briefe nicht andere unterzeichnen, als einfach: Bonaparte! – wollte sagen: Maschurina! – Aber ungeachtet dessen, in der Unterhaltung . . .

– Wer hat Sie denn überhaupt gebeten sich mit mir zu unterhalten?

Paklin begann zu lachen: es war ein nervöses, gleichsam stickendes Lachen.

– Nun, lassen Sie es gut sein, Sie Liebe, Herzige, geben Sie mir Ihre Hand, seien Sie nicht böse – ich weiß ja: Sie sind seelengut – und ich bin auch gut . . . Nun?

Paklin streckte ihr die Hand entgegen . . . Maschurina blickte mit finsterer Miene zu ihm auf – gab ihm jedoch ihre Hand.

– Wenn Sie meinen Namen durchaus wissen wollen, – sagte sie mit derselben finsteren Miene, – es sei: ich heiße Thekla.

– Und ich – Pimen, fügte in tiefem Baß Ostrodumow hinzu.

– Ah! das ist gewiß sehr, sehr belehrend! Aber sagen Sie mit in diesem Falle, o Thekla! und Sie, o Pimen! sagt mir, warum Euer Benehmen gegen mich so feindselig, so unveränderlich – feindselig ist, während ich . . .

– Maschurina findet, – unterbrach ihn Ostrodumow – und nicht sie allein findet es – daß auf Sie kein Verlaß ist, weil Sie in allen Dingen nur die lächerliche Seite sehen.

Paklin drehte sich scharf auf den Absätzen um.

– Da ist er, der beständige Fehler der Leute, die mich beurtheilen, verehrtester Pimen! Erstens: ich lache nicht immer; zweitens aber – das kann nicht im Geringsten störend sein und man kann sich auf mich recht wohl verlassen, was auch durch das schmeichelhafte Vertrauen bewiesen wird, das mir grade in Euren Reihen mehr als ein Mal zu Theil geworden ist! Ich bin ein ehrenhafter Mensch, verehrtester Pimen!

Ostrodumow brummte etwas durch die Zähne, Paklin schüttelte den Kopf und wiederholte, bereits ohne jedes Lächeln:

– Nein! ich lache nicht immer! Ich bin kein vergnügter Mensch! Sehen Sie mich einmal an!

Ostrodumow lenkte seine Blicke auf den Sprechenden. – Wenn Paklin schwieg, wenn er nicht lachte, nahm sein Gesicht in der That einen fast wehmüthigen, verzagten Ausdruck an; es wurde wieder heiter und sogar boshaft, sobald er nur den Mund öffnete. Ostrodumow sagte jedoch nichts.

Paklin wandte sich wieder Maschurina zu.

– Nun, wie steht’s um das Studium? Machen Sie Fortschritte in ihrer wahrhaft menschenliebenden Kunst? Ist es doch ein schweres Stück, denke ich – dem unerfahrenen Bürger bei seinem ersten Eintritt in Gottes Welt behilflich zu sein?

– Nein, es ist gar keine Mühe dabei, wenn er nicht viel größer ist als Sie, – antwortete Maschurina, die eben ihr Examen als Geburtshelferin bestanden, mit selbstzufriedenem Lächeln. Sie war vor anderthalb Jahren, nachdem sie ihre dem Adel angehörende, wenig begüterte Familie verlassen, mit sechs Rubeln in der Tasche aus dem südlichen Rußland in Petersburg angekommen; hier war sie in eine Entbindungsanstalt eingetreten und hatte sich durch unermüdlichen Fleiß das erwünschte Attestat erworben. Sie war Mädchen . . . und ein sehr keusches Mädchen. Dabei ist nichts Wunderbares! denkt vielleicht mancher Skeptiker, sich dessen erinnernd, was über ihr Aeußeres gesagt worden ist. Es ist aber dennoch etwas Wunderbares und Seltenes! erlauben wir uns zu bemerken.

Als er ihre schlagfertige Antwort vernommen, fing Paklin wieder zu lachen an.

– Sie sind ein prächtiges Frauenzimmer, meine Liebe! – rief er aus. – Bin ganz gehörig abgeblitzt! Geschieht mir recht! Warum bin ich ein solcher Zwerg geblieben! Aber wo steckt denn eigentlich der Hausherr?

Nicht ohne Absicht war es geschehen, daß Paklin das Gespräch abzulenken versuchte. Es war ihm unmöglich, sich mit seinem zwerghaften Wuchs, seiner ganzen unansehnlichen Gestalt zu versöhnen. Er empfand das um so tiefer, da er die Frauen leidenschaftlich verehrte. Was hätte er Alles hingeben mögen, um ihnen zu gefallen! Das Bewußtsein seines kläglichen Aeußeren zehrte viel mehr an ihm, als seine niedrige Herkunft, seine wenig beneidenswerthe Stellung in der Gesellschaft. Sein Vater war ein einfacher Kleinbürger, ein Winkeladvocat und Assairist gewesen, der sich mittelst allerlei Unredlichkeiten bis zum Range eines Titular-Raths heraufgedient hatte. Als Verwalter verschiedener Güter und Häuser hatte er wohl manchen Kopeken erübrigt, darauf aber am Abend seines Lebens stark zu trinken angefangen und nach seinem Tode nichts hinterlassen. Der junge Paklin (er hieß Ssila Ssamssonytsch – was in seinen Augen gleichsam ein Hohn war[1 - Ssila=Kraft.]), hatte seine Erziehung in der Kommerzschule erhalten, wo er trefflich deutsch sprechen lernte. Später trat er dann nach allerlei schmerzlichen Widerwärtigkeiten in ein Privatcomptoir, wo er ein Jahresgehalt von 1500 R.S. bezog. Mit diesem Gelde ernährte er sich selbst, eine kranke Tante und eine bucklige Schwester. Zur Zeit unserer Erzählung hatte er eben das siebenundzwanzigste Jahr zurückgelegt. Paklin war mit vielen Studenten und jungen Leuten bekannt, die an seiner cynischen Keckheit, an der heiteren Bitterkeit seiner selbstgefälligen Rede, an seiner einseitigen, jedoch durchaus nicht pedantischen, jedenfalls unzweifelhaften Belesenheit Gefallen fanden. Nur selten geschah es, daß über ihn gespöttelt und gewitzelt wurde. Ein Mal verspätete er sich bei einer »politischen« Zusammenkunft . . . Als er in’s Zimmer trat, begann er sich gleich hastig zu entschuldigen. . . »Hasenfüßig war der arme Paklin« – hörte man in der Ecke Jemand singen – und Alle fingen laut zu lachen an. Auch Paklin lachte endlich auf, obgleich es ihm das Herz abdrückte. »Hat die Wahrheit gesagt, der Spitzbube!« – dachte er bei sich. Mit Neshdanow war er im griechischen Speisehaus, wo er zu Mittag zu essen und zuweilen überaus frei und scharf zu reden pflegte, bekannt geworden. Er versicherte, daß die Hauptursache seiner demokratischen Stimmung die abscheuliche griechische Küche sei, welche seine Leber afficire.

– Ja in der That wo bleibt denn unser Hausherr? – wiederholte Paklin. – Ich bemerke; er ist seit einiger Zeit gleichsam nicht recht bei Laune. Er ist doch nicht gar verliebt, um Gottes Willen!

Maschurina verzog das Gesicht.

– Er ist nach Büchern in die Bibliothek gegangen – zum Verlieben hat er jedoch keine Zeit und es ist auch Niemand dazu da.

– Aber Sie? wäre es fast den Lippen Paklin’s entschlüpft – Ich möchte ihn sehen, – sagte er laut, – weil ich über eine sehr wichtige Sache mit ihm zu sprechen habe.

– Was für eine Sache? – mischte sich Ostrodumow in die Unterhaltung – Unsere Sache?

– Vielleicht auch Ihre . . . d.h. unsere, die allgemeine Sache.

Ostrodumow verstummte. Er konnte ihm im Herzen doch nicht recht Glauben schenken, dachte aber: »Weiß der Teufel! Ein rechter Schleicher!«

– Da kommt er endlich, – rief Maschurina plötzlich – und in ihren kleinen, häßlichen, auf die Vorzimmerthür gerichteten Augen blitzte es auf so warm und zärtlich, so hell und tief. . .

Die Thür öffnete sich – und es trat, die Mühe auf dem Kopf und ein Packet Bücher unter dem Arme, dieses Mal ein junger, ungefähr dreiundzwanzigjähriger Mann in’s Zimmer, – es war Neshdanow.




Zweites Capitel


Beim Anblick der Gäste, die sich in seiner Behausung befanden, blieb er auf der Thürschwelle stehen, ließ die Augen im Kreise umherschweifen, schleuderte die Mütze fort, warf die Bücher zu Boden – und ging auf das Bett zu, auf welches er sich dann schweigend niederließ. Sein hübsches, weißes Gesicht, das in Folge der rothbraunen Farbe des welligen Haares noch weißer erschien, drückte Unzufriedenheit und Erbitterung aus.

Maschurina, die sich ein wenig abgewandt hatte, biß sich auf die Lippen, Ostrodumow brummte: Endlich!

Paklin trat zuerst an Neshdanow heran.

– Was ist Dir, Alexei Dmitrijewitsch, Du Hamlet Rußlands? Hat Dich Jemand gekränkt? Oder ist Dir – ohne Grund – plötzlich so weh geworden?

– Hör’ auf, bitte, Rußlands Mephistopheles – antwortete in gereiztem Tone Neshdanow. – Ich bin jetzt nicht ausgelegt, mich in flachen Witzen mit Dir zu ergehen.

Lachend entgegnete Dieser:

– Deine Ausdrucksweise ist nicht ganz genau: was da flach ist, kann nicht witzig – was witzig ist, kann nicht flach sein.

– Nun gut, gut . . . Du bist ja natürlich der Kluge.

– Du aber bist in aufgeregter Stimmung, – sagte Paklin, die Silben nachdrücklich dehnend. – Ist denn wirklich etwas geschehen?

– Nichts Besonderes ist geschehen; – es ist nur das geschehen, daß man in dieser widerwärtigen Stadt, in St. Petersburg, die Nase nicht auf die Straße hinausstecken kann, ohne auf Flachheit, Dummheit, himmelschreiende Ungerechtigkeit, Blödsinn zu stoßen! Es ist geradezu unmöglich hier zu leben.

– Daher hast Du also in den Zeitungen angezeigt, daß Du eine Stelle suchst und auch nach Auswärts zu gehen bereit bist – brummte wieder Ostrodumow.

– Und werde natürlich mit dem größten Vergnügen von hier fortreisen! Wenn sich nur zuerst ein Narr findet – der mir eine Stelle anbietet!

– Erst muß man hier jedoch seine Pflicht thun – bemerkte Maschurina bedeutungsvoll, indem sie zur Seite zu blicken fortfuhr.

– Das heißt? – fragte, sich plötzlich zu ihr wendend, Neshdanow. Maschurina preßte die Lippen aneinander.

– Ostrodumow wird’s Ihnen mittheilen.

Neshdanow wandte sich zu Ostrodumow.

Dieser murmelte etwas zwischen den Zähnen und hüstelte, als wolle er sagen: »kannst warten.«

– Nein, ohne Scherz, – mischte sich Paklin hinein: – hast Du wirklich etwas Unangenehmes erfahren?

Neshdanow schnellte aus dem Bette empor, als hätte ihn etwas in die Höhe geschleudert.

– Was soll denn noch Unangenehmeres geschehen? – schrie er mit plötzlich klangvoll vibrirender Stimme.

– Halb Rußland stirbt vor Hunger, die »Moskauer Zeitung« triumphirt, der Klassicismus wird überall eingeführt, Studenten-Kassen verbietet man, überall Spionage, Verfolgung, Denunciationen, Lüge und Falschheit – nirgends ein Fleckchen, wo man hintreten könnte . . . ihm ist es aber noch immer zu wenig, es soll noch Unangenehmeres geschehen, er denkt, daß ich scherze . . . Bassanow ist arretirt, – fügte er mit gedämpfter Stimme hinzu: – man sagte mir’s in der Bibliothek.

Ostrodumow und Maschurina richteten Beide gleichzeitig die Köpfe in die Höhe.

– Lieber Freund, Alexei Dmitrijewitsch – begann Paklin, – Du bist aufgeregt – ich begreife es . . . Aber hast Du denn vergessen, zu welcher Zeit und in welchem Lande wir leben? – Es muß sich ja bei uns der Ertrinkende selbst den Strohhalm anfertigen, an den er sich anzuklammern gedenkt! – Ist’s denn jetzt an der Zeit, den Difficilen zu spielen?! Man muß, Freund, dem Teufel in’s Auge zu sehen verstehen, nicht aber sich kindisch ereifern . . .

– Ach, bitte, bitte! – fiel ihm Neshdanow, gleichsam ärgerlich klagend in die Rede und verzog das Gesicht, wie von innerem Schmerz durchzuckt. – Du bist natürlich ein energischer Mann – Du fürchtest Nichts und Niemanden . . .

– Ich und Niemanden fürchten?! – wollte Paklin erwidern . . .

– Wir den Bassanow nur verrathen haben mag? – fuhr Neshdanow fort, – ich begreife es nicht!

– Natürlich – ein Freund. – Das verstehen sie prächtig – diese Freunde. Da heißt es: Auf der Hut sein! Ich zum Beispiel, habe einen Freund gehabt – es war ein vortrefflicher Mensch, wie es schien; wie ist er um mich, um meinen Ruf besorgt gewesen! Eines Tages kommt er zu mir . . . – »Denken Sie sich,« ruft er: »was man für dumme Gerüchte verbreitet: man versichert, daß Sie Ihren Onkel vergiftet, daß man Sie als Gast in ein Haus eingeführt und daß Sie der Frau vom Hause den Rücken zugekehrt hätten und auch den ganzen Abend in dieser Stellung geblieben seien! Sie aber hat ob dieser Kränkung bittere, bittere Thränen geweint! – Ein solcher Unsinn! solcher Blödsinn! Nur ein Narr kann das glauben!« – Und was geschah? Ein Jahr daraus überwarf ich mich mit eben diesem Freunde. . . . Und da schreibt er mir in seinem Abschiedsbriefe: »Sie, der Sie Ihren Onkel umgebracht, – Sie, der Sie sich nicht entblödet haben, eine ehrenwerthe Dame zu beleidigen, indem Sie ihr den Rücken zugekehrt!« . . . 2c. 2c. – So sind, die Freunde!

Ostrodumow und Maschurina sahen einander an.

– Alexei Dmitrijewitsch! – platzte Ostrodumow in seinem schwerfälligen Baß heraus – er wollte dem unnützen Wortkram offenbar ein Ende machen – es ist aus Moskau ein Brief von Wassili Nikolajewitsch angekommen.

Neshdanow fuhr ein wenig zusammen und senkte den Blick nachdenklich zu Boden.

– Was schreibt er? – fragte er endlich.

– Was . . . Ich muß mit ihr . . . – Ostrodumow wies mit dem Blick auf Maschurina hin – nach Moskau.

– Wie? auch sie ruft man dahin?

– Auch sie.

– Woran liegt es denn, daß Ihr noch hier seid?

– Woran . . . selbstverständlich . . . am Gelde.

Neshdanow erhob sich und trat an’s Fenster.

– Ist viel nöthig?

– Fünfzig Rubel. . . Das ist das Wenigste.

Es entstand eine kleine Pause.

– Ich habe jetzt kein Geld – flüsterte endlich, mit den Fingern auf der Fensterscheibe trommelnd, Neshdanow, – aber . . . ich kann es schaffen. Ich werde es schaffen. Hast Du den Brief?

– Den Brief? Er . . . das heißt natürlich . . .

– Was versteckt Ihr Euch denn immer vor mir?

– rief Paklin aus. – Bin ich Eures Vertrauens denn wirklich unwerth? – Wenn ich auch nicht voll und ganz beizustimmen vermöchte . . . Dem, was Ihr unternehmt – glaubt Ihr denn wirklich, daß ich im Stande wäre, Euch zu verrathen oder etwas auszuplaudern?

– Ohne Absicht . . . vielleicht! – hörte man Ostrodumow’s tiefe Stimme.

– Weder mit noch ohne Absicht! – Fräulein Maschurina da sieht mich an und lächelt . . . ich sage Euch aber . . .

– Ich denke nicht daran zu lächeln – entgegnete grimmigen Tones Maschurina.

– Ich sage Euch aber, meine Herren, – fuhr Paklin fort, – daß Euch das instinktive Gefühl, welches die echten Freunde von den falschen unterscheiden lehrt, abgeht! Wenn der Mensch lacht, so meint Ihr auch gleich, daß jeder Ernst ihm fern ist . . .

– Ist’s vielleicht nicht der Fall? – fuhr Maschurina; zum zweiten Mal auf ihn los.

– Sie zum Beispiel – nahm Paklin mit erhöhter Kraft, ohne Maschurina einer Antwort zu würdigen, seine Rede auf, – Sie brauchen Geld . . . Neshdanow hat aber setzt kein Geld . . . So kann ich es geben.

Neshdanow trat rasch vom Fenster zurück.

– Nein nein wozu denn? Ich werde es schaffen . . . ich werde einen Theil meiner Pension vorausnehmen . . . Ich erinnere mich, sie sind mir schuldig geblieben. Aber hör’, Ostrodumow: zeig’ mir den Brief.

Ostrodumow blieb zuerst eine kurze Zeit regungslos auf seinem Platze; nachdem er sich darauf nach allen Seiten umgesehen, stand er auf, bückte sich mit dem ganzen Oberkörper zur Erde, streifte das Beinkleid in die Höhe und holte aus dem Stiefelschaft ein sorgfältig zusammengefaltetes Stück blauen Papiers hervor; nachdem er es herausgezogen, blies er darauf – wozu? wissen wir nicht zu sagen – und reichte es Neshdanow hin.

Dieser nahm das Papier, faltete es auseinander, las dessen Inhalt aufmerksam durch und reichte es dann Maschurina . . . Letztere erhob sich zuerst vom Stuhle, las den Brief und gab ihn darauf an Neshdanow zurück, obgleich Paklin die Hand darnach ausstreckte. Neshdanow zuckte die Achseln und händigte den geheimnißvollen Brief Paklin ein. Paklin durchflog das Papier und legte es, die Lippen bedeutsam aneinanderpressend, langsam auf den Tisch. Da ergriff Ostrodumow dasselbe, rieb ein großes Zündhölzchen an, das starken Schwefelgeruch um sich verbreitete, hob dann den Brief, um ihn gleichsam Allen zu zeigen hoch empor, verbrannte ihn darauf, ohne sogar seiner Finger zu schonen, am Feuer des Zündhölzchens zu Asche und warf diese Asche endlich in den Ofen. Alle saßen während dieses Vorgangs stumm und regungslos, mit zu Boden gesenkten Blicken, da. Ostrodumow’s Gesicht hatte den Ausdruck thätigen Ernstes, böse und finster schien das Antlitz Neshdanow’s; gespannte Aufmerksamkeit sprach aus den Mienen Paklin’s, während Maschurina sich verhielt, als verrichtete sie eine heilige Handlung.

So vergingen ungefähr zwei Minuten. Darauf kam über Alle das Gefühl einer gewissen Verlegenheit. Paklin spürte zuerst die Nothwendigkeit, das Schweigen zu brechen.

– Wie bleibt es also? – begann er. – Nimmt man mein Opfer auf den Altar des Vaterlandes an oder nicht? Gestattet man mir, wenn auch nicht das ganze Geld, so doch wenigstens fünfundzwanzig oder dreißig Rubel darzubringen?

Neshdanow wurde plötzlich feuerroth vor Zorn. Die lange niedergehaltene Erbitterung schien ihren Höhepunkt erreicht zu haben . . . Die feierliche Verbrennung des Briefes hatte sie nicht gemindert, – es war, als hätte sein Zorn nur auf einen Vorwand gewartet, um zum Ausbruch zu kommen.

– Ich habe Dir bereits gesagt, daß es nicht nöthig ist, nicht nöthig . . .nicht nöthig! Ich lasse es nicht zu und werde es nicht annehmen. Ich schaffe das Geld, ich schaffe es gleich. Ich brauche keine Hilfe, von Niemand!

– Nun, Freund, – entgegnete Paklin – ich sehe, wenn Du auch ein Revolutionär bist – so bist Du doch kein Demokrat!

– Sage doch lieber gerade heraus, daß ich ein Aristokrat bin!

– Du bist auch wirklich ein Aristokrat bis zu einem gewissen Grade.

Neshdanow lachte gezwungen auf.

– Das heißt, Du spielst darauf an, daß ich ein uneheliches Kind bin. Deine Mühe ist vergebens, mein Lieber . . . Ich vergesse es auch so nicht.

Paklin schlug die Hände zusammen.

– Alex, ich bitte Dich, was ist Dir! Wie kannst Du meinen Worten eine solche Deutung geben! Ich erkenne Dich heute nicht. Neshdanow machte eine ungeduldige Bewegung mit Kopf und Schultern. – Hat Dich Bassanow’s Verhaftung so aufgeregt? – aber er ist doch selbst stets so unvorsichtig gewesen . . .

– Er hat aus seiner Ueberzeugung kein Hehl gemacht, – warf Maschurina mit finsterer Miene ein: – es steht uns nicht an, ihn zu verurtheilen!

– Ganz recht; er hätte nur auch an die Andern denken sollen, die setzt durch ihn kompromittirt werden können.

– Woher glauben Sie in solcher Weise von ihm sprechen zu dürfen? – ertönte jetzt der Baß Ostrodumow’s: – Bassanow ist ein Mensch von festem Charakter; er wird Niemanden verrathen. Was aber die Vorsicht betrifft . . . wissen Sie? es ist nicht Jedem gegeben, vorsichtig zu sein, Herr Paklin!

Paklin fühlte sich gekränkt und wollte ihm etwas entgegnen, aber Neshdanow hielt ihn zurück.

– Meine Herren! – rief er aus, – thut mir den Gefallen und laßt die Politik auf kurze Zeit bei Seite! Es entstand eine Pause.

– Ich habe heute Skoropichin gesehen, – fing Paklin endlich wieder an, – aller Reußen Kritiker und Aesthetiker und Enthusiast. Was für ein unerträgliches Geschöpf! Ewig kocht und zischt es in ihm wie in einer Flasche gemeinen, süßlichen Kwasses . . . beim Laufen hat sie der Kellner statt des Pfropfens mit dem Finger verstopft, im Halse der Flasche ist eine angeschwollene Rosine stecken geblieben – es pfeift und spritzt aus derselben – wenn aber der Schaum heraus ist – so bleiben auf dem Boden nur noch einige Tropfen einer höchst garstigen Flüssigkeit, welche Niemandes Durst zu stillen im Stande sind, sondern nur Bauchgrimmen verursachen können . . . Ein den jungen Leuten höchst schädliches Individuum!

Paklin’s Vergleich, so richtig und treffend er auch war, vermochte trotzdem Niemand von den Anwesenden zum Lachen zu bewegen. Blos Ostrodumow bemerkte, daß um die jungen Leute, welche sich für Aesthetik zu interessiren im Stande seien, zu klagen unnütz wäre, selbst wenn sie durch Skoropichin auch irre geleitet werden sollten.

– Aber ich bitte Sie, hören Sie doch – rief Paklin heftig aus – je weniger er Beifall fand, desto mehr pflegte er in Eifer zu gerathen – das ist freilich keine politische Frage, aber doch jedenfalls eine Frage von großer Bedeutung. Wenn man Skoropichin angehört, so ist jedes ältere künstlerische Werk schon einfach deshalb nichts werth, weil es alt ist . . . Aber in diesem Falle ist die künstlerische Produktion, die Kunst ja nur Sache der Mode – und es verlohnte nicht der Mühe, darüber noch ernstlich zu sprechen! Wenn nichts Hohes, nichts Ewiges in ihr enthalten ist – dann hol’ sie der Teufel! In der Wissenschaft, z. B. in der Mathematik: da werdet Ihr doch nicht behaupten, daß Euler, Laplace, Gauß triviale Größen seien, deren Zeit längst vorüber ist? Ihr seid deren Autorität anzuerkennen bereit – Raphael und Mozart aber sind Narren? und Euer Stolz lehnt sich gegen die Autorität derselben auf? Die Gesetze der Kunst sind schwerer zu ergründen, als die Gesetze der Wissenschaft, – ich gebe es zu; aber nichtsdestoweniger sind sie da – und wer sie nicht sieht, der ist blind; ob freiwillig oder unfreiwillig – das bleibt sich gleich!

Paklin schwieg . . . und Niemand öffnete die Lippen, als ob Alle den Mund voll Wasser genommen hätten – als ob sie sich seiner gewissermaßen schämten. Nur Ostrodumow brummte: – Und doch bedaure ich jene jungen Leute, welche Skoropichin irre leitet, nicht im Geringsten!

»Ah, Gott mit Euch!« dachte Paklin. »Ich gehe lieber fort!«

Er war zu Neshdanow gekommen, um ihm seine Gedanken über die Zustellung des »Polarsterns« (der »Kolokol« existirte damals nicht mehr) mitzutheilen – aber die Unterhaltung hatte eine solche Wendung genommen, daß er es für besser fand, diese Frage gar nicht zu berühren. Paklin hatte bereits seine Mütze in die Hand genommen, als im Vorzimmer plötzlich, ohne daß ein Geräusch irgend welcher Art vorausgegangen wäre, eine merkwürdig angenehme, männliche volle Baritonstimme ertönte, in deren bloßem Klange schon etwas ungewöhnlich Wohlanständiges, Wohlerzogenes, ja sogar ein gewisser Schmelz lag.

– Ist Herr Neshdanow zu Hause?

Alle sahen sich verwundert an.

– Ist Herr Neshdanow zu Hauses – wiederholte der Bariton.

– Ja – antwortete endlich Neshdanow.

Die Thür wurde leicht und bescheiden geöffnet, und es trat, langsam den glatt gebügelten Hut von dem wohlgebildeten, kurzhaarigen Kopfe ziehend, ein hoher, schlanker Mann von würdiger Haltung im Alter von ungefähr vierzig Jahren in’s Zimmer. In einem vortrefflichen Tuch-Paletot mit einem prachtvollen Biberkragen steckend, ungeachtet dessen, daß der April bereits seinem Ende entgegenging, – übte sein Auftreten auf Alle, auf Neshdanow, Paklin, ja sogar auf Maschurina und selbst auf Ostrodumow – durch das ungekünstelte Selbstgefühl seiner Haltung und die freundliche Ruhe seines Grußes große Wirkung aus. Unwillkürlich erhoben sich Alle bei seinem Eintritt.




Drittes Capitel


Der elegant gekleidete Herr trat auf Neshdanow zu und begann mit wohlwollendem Lächeln:

Ich habe bereits ein Mal das Vergnügen gehabt, Sie zu sehen und mich mit Ihnen sogar zu unterhalten, Herr Neshdanow, vorgestern, wenn Sie sich dessen vielleicht erinnern – im Theater. Der Fremde hielt inne, als erwarte er eine Antwort; Neshdanow nickte mit dem Kopf und erröthete. – Ja! . . . und heute komme ich in Folge der Anzeige zu Ihnen, die Sie in die Zeitung haben einrücken lassen. Ich möchte mit Ihnen über Einiges sprechen, wenn ich nur die Herrschaften . . . Der Fremde verbeugte sich gegen Maschurina und machte mit der rechten, von einem graufarbenen schwedischen Handschuh bekleideten Hand eine Bewegung in der Richtung zu Paklin und Ostrodumow hin – nicht störe . . .

– Nein . . . durchaus nicht . . . antwortete Neshdanow, nicht ohne eine gewisse Anstrengung. – Die Herrschaften werden gestatten . . . Wollen Sie sich nicht setzen?

Der Fremde machte eine verbindliche Bewegung, und zog den Stuhl an der Lehne zu sich heran, ohne sich jedoch zu setzen – da im Zimmer Alle standen – und ließ die hellen, wenn auch halb geschlossenen Augen, im Kreise umherschweifen.

– Adieu, Alexei Dmitrijewitsch, – sagte plötzlich Maschurina: – ich komme später wieder vor.

– Ich auch, – fügte Ostrodumow hinzu. – Ich auch . . . später.

Dem Fremden ausweichend – gleichsam demselben zum Trotz, – ergriff Maschurina die Hand Neshdanow’s, drückte sie stark und ging, ohne Jemand zu grüßen, hinaus. Ostrodumow folgte ihr, unnützer Weise mit den Stiefeln polternd und zwei Mal sogar in ein kaum verhaltenes, spöttisches Lachen ausbrechend: »Da hast Du’s, Biberkragen!« Der Fremde verfolgte sie mit höflichen, aber neugierigen Blicken. Dann richtete er das Auge auf – Paklin, als ob er es erwarte, daß auch dieser dem Beispiele der beiden anderen Gäste folgen werde; aber Paklin, um dessen Lippen seit dem Auftreten des Fremden ein eigenthümliches Lächeln verborgen spielte, trat zur Seite und ließ sich in der Ecke nieder. Hierauf setzten sich auch der Fremde und Neshdanow.

– Ich heiße Ssipjagin, vielleicht haben Sie den Namen schon gehört, – begann mit bescheidenem Stolz der Fremde.

Wir müssen jedoch zuerst erzählen, wie sie sich im Theater kennen gelernt.

Man gab das Stück von Ostrowsky: »Setz Dich nicht in fremde Schlitten.« Am Vormittag war Neshdanow zur Kasse gegangen, wo er ziemlich viele Menschen vorfand. Er wollte ein Parterre-Billet lösen; – aber gerade im Begriff dies zu thun, rief ein hinter ihm stehender Offizier, dem Kassirer über Neshdanows Kopf hinüber einen Drei-Rubel-Schein reichend, in die Kasse hinein: »Sie werden dem Herrn vor mir wohl noch Geld ausgeben müssen – ich werde aber nichts zu bekommen haben – geben Sie mir daher, bitte, ein Billet in der zweiten Reihe ich habe Eile!« – »Entschuldigen Sie, Herr Offizier, – entgegnete Neshdanow in gereiztem Tone, – ich mochte selbst ein Billet in der zweiten Reihe lösen,« – und warf im selben Augenblick einen Drei-Rubel-Schein in’s Fenster der Kasse – sein ganzes Vermögen. Der Kassirer gab ihm das gewünschte Billet – und es befand sich Neshdanow am Abend in der aristokratischen Abtheilung des Alexandras Theaters.

Er war schlecht gekleidet, ohne Handschuhe, in ungeputzten Stiefeln – war befangen und ärgerte sich über diese Befangenheit. Neben ihm saßen: rechts – ein mit Sternen besäeter General; links – jener seine Herr, Geheimrath Ssipjagin, dessen Erscheinen zwei Tage darauf Maschurina und Ostrodumow in solche Aufregung versetzen sollte. Der General blickte zuweilen auf Neshdanow als auf etwas Unanständiges, Unerwartetes und sogar Beleidigendes; Ssipjagin dagegen warf zwar auch manchen Seitenblick auf ihn, doch lag darin nichts Feindliches. Alle Personen, die Neshdanow umgaben, schienen erstens mehr Persönlichkeiten von Rang und Ansehen, als einfach Menschen zu sein; zweitens kannten sie sich Alle so gut und tauschten kurze Reden, Worte und sogar einfach Rufe und Grüße mit einander aus. – Einige unter ihnen über den Kopf Neshdanow’s hinweg; er aber saß ungeschickt und unbeweglich in seinem breiten, bequemen Lehnstuhl, – als wäre er irgend ein Paria. Scham, Aerger und Trübsinn beschwerten sein Herz: er konnte sich des Lustspiels von Ostrowsky und des Spiels der Schauspieler nur wenig freuen. Da plötzlich, o Wunders – ließ sich während eines Zwischenakts sein linker Nachbar – nicht der besternte General, sondern der andere, ohne jedes Ehrenzeichen auf der Brust, – höflich und sanft mit einer gewissen einschmeichelnden Nachsicht in ein Gespräch mit ihm ein. Er begann von Ostrowsky’s Stück zu sprechen und sagte, daß es ihn sehr interessiren würde, die Meinung Neshdanow’s, als »eines Repräsentanten der jungen Generation,« über dasselbe zu erfahren. Verwundert, fast erschreckt, vermochte ihm Neshdanow zuerst nur in kurz abgebrochener, einsilbiger Weise zu antworten . . . Das Herz fing ihm sogar heftig zu klopfen an; bald aber gewann in ihm der Aerger über sich selbst wieder die Oberhand: was gerathe ich denn so in Wallung? Bin ich denn ein anderer Mensch, als sie Alle! Und nun begann er seine Ansicht zu entwickeln, ungenirt und ohne Hehl, und zuletzt sogar so laut und mit solchem Feuer, daß der Nachbar-Sternen-träger sich dadurch offenbar beunruhigt fühlte. Neshdanow war ein eifriger Verehrer Ostrowsky’s; – aber ungeachtet aller Anerkennung des im Lustspiel »Setz’ Dich nicht in fremde Schlitten« offenbarten Talents des Dichters, konnte er den klar zu Tage tretenden Wunsch, die Civilisation in der karrikirten Figur des Wichorew zu erniedrigen, doch nicht billigen. – Der höfliche Nachbar hörte ihm mit großer Aufmerksamkeit und Theilnahme zu – und leitet im folgenden Zwischenakt wieder ein Gespräch mit ihm ein, aber schon nicht mehr über das Lustspiel Ostrowsky’s, sondern über allerlei das Leben betreffende, wissenschaftliche und sogar politische Fragen. Der junge und beredte Nachbar schien ihn offenbar zu interessiren. Wie früher, so sprach Neshdanow auch jetzt nicht nur in derselben ungenirten Weise, sondern trug auch die Farben mit Absicht recht stark auf, »Da Du nun einmal so neugierig bist, so nimm, da hast Du es!« Der Nachbar-General fühlte sich jetzt durch das Benehmen Neshdanow’s schon nicht mehr einfach beunruhigt, sondern es erregte in ihm Unwillen und Verdacht. Als die Vorstellung zu Ende war, verabschiedete sich Ssipjagin von Neshdanow in höchst verbindlicher Weise, ohne jedoch nach dessen Namen zu fragen und auch ohne den seinigen zu nennen. Während er auf der Treppe auf seinen Wagen wartete, stieß er dort auf einen seiner Bekannten, den Flügel-Adjutanten Fürsten G. – Ich habe Dich von der Loge aus beobachtet, – sagte der Fürst, durch den parfümirten Schnurrbart lächelnd: – weißt Du denn, mit wem Du Dich unterhalten hast? – Nein, ich weiß es nicht; und Du? – Ist kein dummer Mensch, nicht wahr? – Durchaus nicht dumm; wer ist es denn? – Der Fürst näherte sich seinem Ohr und flüsterte ihm in französischer Sprache zu: – mein Bruder. Ja; es ist mein Bruder. Ein uneheliches Kind meines Vaters . . . er heißt Neshdanow. Ich erzähle es Dir ein andermal. . . Der Vater hatte es gar nicht erwartet, daher hat er ihn auch Neshdanow[2 - Der Unerwartete.] genannt. Seine Zukunft ist jedoch durch den Vater gesichert: il lui a fait un sort. . . . Er erhält eine Pension von uns. Er hat Verstand und hat, Dank dem Vater, eine gute Erziehung erhalten. Doch ist er jetzt völlig auf Abwege gerathen, eine Art Republikaner geworden . . . Wir empfangen ihn nicht . . . II est impossible! Doch Adieu! Mein Wagen wird gemeldet. – Der Fürst entfernte sich, am folgenden Tage aber las Ssipjagin die in die »Polizei-Zeitung« eingerückte Anzeige Neshdanow’s – und fuhr zu ihm hin. . . .

– Mein Name ist – Ssipjagin, – sprach er zu Neshdanow, auf einem Strohstuhl vor ihm sitzend und ihn mit forschendem Blicke anschauend: – ich habe aus der Zeitung erfahren, daß Sie eine Stelle anzunehmen beabsichtigen – und da komme ich mit folgendem Anerbieten zu Ihnen. Ich bin verheirathet und habe einen neunjährigen Sohn, einen, ich darf es sagen, sehr begabten Knaben. Den größten Theil des Sommers und des Herbstes bringen wir im Gouvernement S. auf unserem Gute, etwa fünf Werst von der Gouvernementsstadt entfernt, zu. Es handelt sich nun um die Frage: würden Sie vielleicht für die Zeit der Ferien mit uns kommen, um meinen Sohn in der russischen Sprache und in der Geschichte zu unterrichten – in den beiden Fächern, von denen in Ihrer Anzeige die Rede ist? Ich wage zu hoffen, daß Sie mit mir, mit meiner Familie und mit der Lage des Gutes vollkommen zufrieden sein werden. Ein vortrefflicher Garten, Wasser, schöne Luft, ein geräumiges Haus. . . Sind Sie einverstanden? Dann hätte ich nur noch Ihre Bedingungen kennen zu lernen, obgleich ich nicht glaube, – fügte Ssipjagin verbindlich hinzu, – daß sich uns in dieser Beziehung Schwierigkeiten, in den Weg stellen werden.

Während Ssipjagin sprach, sah ihn Neshdanow unablässig an: seinen kleinen, ein wenig nach hinten zurückgeworfenen Kopf, seine schmale und niedrige, doch kluge Stirn, die feine römische Nase, die angenehmen Augen, die regelmäßigen Lippen, die so anmuthsvoll zu reden wußten, den langen, nach englischer Mode geschnittenen Backenbart – er sah das Alles an und staunte: – »Was ist das? dachte er. Weshalb versucht dieser Mensch sich bei mir einzuschmeicheln? Dieser Aristokrat – und ich?! – Wie sind wir zusammengekommen? Und was hat ihn zu mir geführt?«

Er war so in diese Gedanken versunken, daß er auch dann noch immer schwieg, als Ssipjagin, nachdem er seine Rede beendigt, seine Antwort erwartend, verstummte. Ssipjagin warf einen flüchtigen Seitenblick in die Ecke, in der sich Paklin befand, der den Fremden nicht weniger neugierig betrachtete als Neshdanow. – War es vielleicht die Anwesenheit dieser dritten Person, durch welche Neshdanow sich auszusprechen verhindert wurde? – Ssipjagin hob die Brauen empor, sich den seltsamen Eigenthümlichkeiten der Umgebung, in welche er übrigens aus freiem Antriebe gerathen war, gleichsam fügend, und wiederholte darauf seine Frage mit erhöhter Stimme.

Neshdanow fuhr empor.

– Natürlich, – begann er ein wenig hastig; – l ich . . . ich bin bereit . . . mit Vergnügen . . . wenn ich auch gestehen muß daß ich mich eines gewissen Erstaunens nicht erwehren kann . . . da ich gar keine Empfehlungen besitze . . und es müßten auch die Ansichten, die ich vorgestern im Theater ausgesprochen, Sieg eher abhalten. . . .

– Da sind Sie durchaus im Irrthum, lieber Alexei . . . Alexei Dmitritsch? so heißen Sie, glaube ich? – entgegnete Ssipjagin lächelnd. – Ich bin, wenn ich so sagen darf, als ein höchst liberaler, als ein Mann des Fortschritts – bekannt; im Gegentheil, diese Ansichten, wenn man von dem absieht, was in denselben der, zu einiger – nichts für ungut! – Uebertreibung neigenden Jugend zugeschrieben werden muß, – diese Ihre Ansichten widersprechen den meinigen durchaus nicht – und gefallen mir sogar in ihrem jugendlichen Feuer!

Ssipjagin sprach ohne im geringsten zu stocken: wie Honig auf Oel glitt seine geschmeidige, wohlgesetzte Rede dahin.

– Meine Frau theilt meine Anschauungsweise, – fuhr er fort: – die Ideen derselben sind den Ihrigen vielleicht noch näher, als den meinigen; es ist ja auch begreiflich: sie ist jünger! – Als ich am Tage nach unserer Begegnung Ihren Namen in der Zeitung las, den Sie, beiläufig bemerkt, gegen den üblichen Brauch neben Ihre Adresse gesetzt – Ihr Name war mir schon im Theater genannt worden – so . . . ist . . . so hat mich diese Thatsache mächtig ergriffen. Ich erblickte in diesem Zusammentreffen – gewissermaßen eine Fügung des Schicksals! – Sie sprachen vorhin von Empfehlungen; ich brauche keine Empfehlungen. Ihr Aeußeres, Ihre Persönlichkeit erregen meine Sympathie. Das genügt mir. Ich bin gewohnt, meinen Augen zu trauen. Ich kann also hoffen? Sind wir einverstanden?

– Ich bin bereit . . . natürlich . . . – antwortete Neshdanow – ich werde mich bemühen, Ihr Vertrauen zu rechtfertigen. Doch müssen Sie mir gestatten, Sie gleich jetzt auf einen Umstand aufmerksam zu machen; ich bin bereit der Lehrer Ihres Sohnes zu sein, nicht aber sein Gouverneur. Dazu tauge ich nicht – auch will ich nicht Sklave sein, will meiner Freiheit nicht verlustig gehen.

Ssipjagin machte eine leichte Bewegung mit der Hand, als ob er eine Fliege verscheuche.

– Seien Sie unbesorgt, mein Liebster . . . Aus dem Teig, aus welchem Sie gebildet sind, backt man keine Gouverneure; – ich brauche ja auch keinen Gouverneur. – Ich suche einen Lehrer – und habe ihn gefunden. Nun, wie lauten aber Ihre Bedingungen? Das verächtliche Gold?

Neshdanow wußte nicht, was er sagen sollte . . .

– Hören Sie, – sprach Ssipjagin weiter, den Oberkörper nach vorne beugend und Neshdanow’s Knie mit den Fingerspitzen freundlich berührend: – unter anständigen Leuten werden solche Fragen mit zwei Worten gelöst. Ich! biete Ihnen hundert Rubel monatlich; die Reisekosten hin und zurück werden natürlich von mir getragen. – Sind Sie damit einverstanden?

Neshdanow erröthete von Neuem.

– Das ist vielmehr, als ich verlangen wollte . . . weil . . . ich . . .

– Vortrefflich, vortrefflich – unterbrach ihn Ssipjagin . . . In meinen Augen ist die Sache also abgemacht und Sie sind – mein Hausgenosse. – Er stand auf – und wurde plötzlich so heiter und zufrieden, als ob er ein Geschenk erhalten hätte. In allen seinen Bewegungen that sich jetzt eine gewisse angenehme Familiarität und scherzhafte Laune kund. – Wir reisen in diesen Tagen, – begann er wieder in verbindlich ungezwungenem Tone: – ich liebe es, den Frühling im Dorfe zu begrüßen, obgleich ich in Folge meiner Beschäftigung ein prosaischer, an die Stadt gefesselter Mensch bin . . . Erlauben Sie daher den ersten Monat vom heutigen Tage an zu rechnen . . . Meine Frau ist mit unserm Sohne jetzt schon in Moskau. Sie ist vorausgefahren. Wir finden sie im Dorfe . . . am Busen der Natur. Wir reisen zusammen als Junggesellen He, he! – lächelte Ssipjagin, kokett die Nase bewegend. – Jetzt aber . .

Er holte aus der Paletot-Tasche ein kleines silbernes Taschenbuch hervor, dem er eine Visitenkarte entnahm.

– Meine Adresse hier in der Stadt. Kommen Sie bei mir vor – morgen vielleicht. So gegen zwölf. Wir sprechen noch mit einander. Ich werde Ihnen einige meiner Gedanken über Erziehung mittheilen und – dann bestimmen wir auch den Tag der Abreise. – Ssipjagin ergriff Neshdanow’s Hand. – Und wissen Sie was? – fügte er mit gedämpfter Stimme und auf die Seite geneigtem Kopfe hinzu: – wenn Sie vielleicht Geld brauchen . . . Bitte, ohne viele Umstände! wenn auch einen Monat voraus!

Neshdanow wußte einfach nicht, was er ihm antworten sollte – und sah noch immer in derselben staunenden Weise dies helle, freundliche – und doch auch wieder so fremde Antlitz, welches sich so nah zu ihm herabbeugte und ihm so gönnerhaft zulächelte.

– Sie brauchen es nicht? nein? – flüsterte Ssipjagin.

– Wenn Sie erlauben, werde ich es Ihnen morgen sagen, – brachte Neshdanow endlich hervor.

– Vortrefflich! Also – auf Wiedersehen! Bis morgens – Ssipjagin ließ die Hand Neshdanow’s fahren – und wollte gehen . . .

– Erlauben Sie mir eine Frage – wandte sich Neshdanow plötzlich zu ihm: Sie haben mir eben gesagt, daß Sie meinen Namen schon im Theater erfahren hätten.

– Von wem erfuhren Sie ihn?

– Von wem? – Von einem Ihrer guten Bekannten, und ich glaube sogar Verwandten, vom Fürsten . . . Fürsten G.

– Dem Flügel-Adjutanten?

– Ja; von ihm.

Neshdanow erröthete – stärker als zuvor – und öffnete den Mund . . . Aber er sagte nichts. Ssipjagin drückte ihm von Neuem die Hand – dies Mal jedoch ohne ein Wort zu sprechen, – setzte, nachdem er zuerst Neshdanow, dann Paklin gegrüßt, dicht vor der Thür den Hut auf und verließ mit einem selbstzufriedenen Lächeln das Zimmer: es sprach sich darin das Bewußtsein des tiefen Eindrucks aus, den sein Besuch, wie es auch nicht anders sein konnte, hervorgebracht hatte.




Viertes Capitel


Kaum hatte Ssipjagin die Schwelle der Thür überschritten, so sprang Paklin vom Stuhl, auf dem er gesessen, auf und stürzte auf Neshdanow zu, um ihm zu gratuliren.

– Hast Du aber einen guten Fang gethan! – rief er kichernd und mit den Füßen trampelnd. – Weißt Du denn, wer das ist? – Der bekannte Ssipjagin, Kammerherr, gewissermaßen eine Stütze des Staats, ein zukünftiger Minister!

– Er ist mir gänzlich unbekannt, – entgegnete finster Neshdanow.

– Das ist eben unser Unglück, Alexei Dmitritsch, daß wir Niemand kennen! Wir wollen handeln, wollen eine ganze Welt von oberst zu unterst kehren – leben aber selbst abgeschlossen von dieser Welt, sehen Niemand, als nur die zwei oder drei Freunde, drehen uns auf einem Platze, im engen Kreise herum . . .

– Entschuldige, – unterbrach ihn Neshdanow: – das ist nicht wahr. Es sind nur unsere Feinde, mit denen wir nichts zu thun haben wollen; mit Leuten unseres Schlages aber, mit dem Volke, stehen wir in ununterbrochener Verbindung.

– Halt, halt, halt, halt! – unterbrach ihn seinerseits Paklin wieder. – Erstens: was die Freunde betrifft, – so erlaube, daß ich Dir ein Goethe’sches Wort in Erinnerung bringe:

		Wer den Dichter will verstehen,
		Muß in Dichters Lande gehen.

– ich aber sage:

		Wer die Feinde will verstehen,
		Muß in Feindes Lande gehen.

Seine Feinde meiden, ihre Sitten und Gebräuche nicht kennen zu lernen trachten – das ist unsinnig! – Un . . . sin. . . nig!. . . Ja! Ja! Wenn ich im Walde den Wolf schießen will, so muß ich alle seine Schlupflöcher kennen . . . Zweitens-: Du hast eben gesagt: man muß sich dem Volke nähern. . . Liebes Herz! Im Jahre 1862 gingen die Polen in die Wälder-; auch wir gehen setzt in einen Wald, d. h. unter das Volk, welches für uns nicht weniger dunkel und undurchdringlich ist, als jeder beliebige Wald!

– Was sollen wir also, wenns nach Dir ginge, thun?

– Die Indier weisen sich unter Dschagannath’s Wagen, – fuhr Paklin mit düsterer Miene fort: – der Wagen zerdrückt sie, und sie sterben – voll Glückseligkeit. Auch wir besitzen unseren Dschagannath. Uns zerdrücken – das thut er wohl auch! aber glückselig macht er uns doch nicht.

– Was sollen wir also thun? – wiederholte fast schreiend Neshdanow. Tendenziöse Romane schreiben, oder was?

Paklin breitete die Arme aus und neigte das Köpfchen auf die linke Schulter.

– — Romane – könntest Du jedenfalls schreiben, da eine dichterische Ader wohl in Dir zu spüren ist. . . Nun, ärgere Dich nicht, ich rede nicht mehr! Ich weiß, Du liebst es nicht, daß man darauf anspielt; aber ich bin ganz Deiner Meinung: dergleichen Stückchen mit »Füllniß« zu fabriziren – und noch mit neumodischen Wendungen dazu: – »Ach! ich liebe Sie! sprang sie herzu« . . . »Mir ist es gleich! kratzte er sich« – da ist wahrhaftig nichts Angenehmes dabei! – Daher wiederhole ich auch: sucht allen Ständen, vom höchsten Stand angefangen, näher zu kommen! Es geht doch nicht an, daß man sich immer nur auf Leute wie Ostrodumow verläßt! Es sind ehrliche, gute Menschen – aber dumm! Dumm!! Sieh’ Dir unseren Freund doch nur an. Selbst die Sohlen seiner Stiefel – auch die sind nicht so, wie sie bei vernünftigen Leuten zu sein pflegen! Weswegen ist er jetzt fortgegangen? – Er wollte mit einem Aristokraten nicht in einem Zimmer sein, nicht dieselbe Luft mit ihm, athmen!

– Ich muß Dich bitten, in meiner Gegenwart nicht mehr in solcher Weise von Ostrodumow zu sprechen, – fiel Neshdanow herausfordernd ein. – Stiefeln mit dicken Sohlen trägt er deshalb, weil sie billiger sind.

– Ich habe es ja gar nicht so gemeint, – wollte Paklin einwenden.

– Wenn er nicht mit einem Aristokraten in einem Zimmer bleiben will, – fuhr Neshdanow, die Stimme erhebend, fort, – so kann ich ihn dafür nur loben; – jedenfalls aber ist er sich aufzuopfern im Stande, – er würde sein Leben hingeben, wenn es nöthig wäre, was wir Beide niemals thun werden!

Paklin machte ein klägliches Gesicht und wies auf seine lahmen, dünnen Beinchen.

– Wie soll ich denn kämpfen, mein lieber Freund Alexei Dmitritsch! – Ich bitte Dich! Aber lassen wir das . . . Ich wiederhole: ich bin Deiner Annäherung an Ssipjagin herzlich froh – und sehe sogar voraus, daß diese Annäherung unserer Sache großen Nutzen bringen wird. Du dringst jetzt in die höchsten Kreise; Du wirst diese Löwinnen sehen, diese Frauen mit dem samtenen Körper auf Federn von Stahl, wie es in den »Briefen aus Spanien« heißt; studire sie, Freund, studire sie. Wenn Du ein Epikuräer wärst, würde ich für Dich sogar fürchten . . . wahrhaftig! – Das sind jedoch nicht die Ziele, die Dich bewegen als Lehrer fortzuziehen?

– Ich ziehe fort, – fiel Neshdanow ein, – weil ich nicht an den Hungerpfoten saugen will . . . »und um Euch Alle eine Zeit lang los zu sein« – fügte er in Gedanken hinzu.

– Nun natürlich, natürlich! – Daher sage ich Dir auch: studire sie! Was dieser Herr jedoch für einen Wohlgeruch um sich verbreitet hat!l – Paklin zog die Luft durch die Nase ein. Das ist der echte »ambre« von dem die Frau des Polizeimeisters im »Revidenten« mit so viel Schwärmerei gesprochen!

– Er hat den Fürsten G. wohl über mich ausgeforscht, – begann Neshdanow mit dumpfer Stimme, sich wieder zum Fenster wendend: – jetzt kennt er wahrscheinlich meine ganze Geschichte.

– Nicht wahrscheinlich, sondern ganz gewiß! – Was ist denn auch dabei? – Ich wette, daß er eben dadurch auf den Gedanken gekommen ist, Dich als Lehrer zu engagiren. Was Du da auch reden magst, Du bist doch selbst ein Aristokrat – dem Blute nach. – Nun und das heißt: Einer von den Unsern! Wie ich hier aber lange gesessen habe; es ist für mich Zeit in’s Comptoir zu gehen, mich ausnutzen zu lassen! – Auf Wiedersehen, Freund!

Paklin war schon an der Thür, hielt aber vor derselben an und ging wieder auf Neshdanow zu.

– Hör’, Alex, – sagte er mit einschmeichelndem Tone: – Du hast es mir eben abgeschlagen, ich weiß, Du wirst jetzt selbst bei Gelde sein – aber erlaube mir wenigstens eine Kleinigkeit für die allgemeine Sache zu opfern! – Sonst kann ich nichts thun – laß mich also meine Tasche öffnen. – Da sieh: ich lege zehn Rubel auf den Tisch! Nimmst Du sie an?

Neshdanow blieb stumm und rührte sich nicht.

– Stillschweigen – bedeutet beistimmen! Danke! – rief Paklin heiter aus und verschwand.

Neshdanow blieb allein. – Am Fenster stehend, fuhr er fort, auf den engen düsteren Hof, in welchen selbst die Strahlen der Sommersonne nicht zu dringen vermochten, hinauszublicken – und düster war auch sein Antlitz.

Neshdanow war, wie wir bereits wissen, der Sohn des Fürsten G., des überaus reichen Generals-Adjutanten – und der am Tage der Geburt gestorbenen Gouvernante seiner Töchter, eines hübschen Instituts-Zöglings. Den ersten Unterricht hatte er in der Pension eines Schweizers, eines thätigen und strengen Pädagogen erhalten – worauf er die Universität bezog. Er selbst hätte am liebsten Jura studirt, aber der General, sein Vater, der die Nihilisten auf’s Aeußerste haßte, schrieb ihn in die »Aesthetik,« wie sich Neshdanow mit bitterem Spott auszudrücken pflegte, d. h. in die historisch-philologische Facultät ein. Der Vater Neshdanow’s sah ihn vielleicht nur drei bis vier Mal im Jahr, nahm jedoch an seinem Schicksal lebhaften Antheil und vermachte ihm sterbend – »zum Andenken Nastenka’s« (seiner Mutter) – ein Kapital von 6000 Rubel, dessen Zinsen ihm von seinen Brüdern, den Fürsten G., unter dem Namen einer »Pension« ausbezahlt wurden. – Paklin hatte ihn nicht umsonst einen Aristokraten genannt; Alles an ihm gab von seiner Herkunft Zeugniß: die kleinen Ohren, Hände, Füße, die vielleicht zu wenig markirten, jedoch feinen Züge, die zarte Haut, das buschige Haar, selbst die leicht schnarrende, aber angenehme Stimme. Er war sehr nervös, sehr eigenliebig, empfänglich und sogar eigensinnig; die falsche Situation, in welche er schon als Kind gerathen war, hatte in ihm eine gewisse Empfindlichkeit und Reizbarkeit wachgerufen; aber die angeborene Großmuth ließ kein Mißtrauen und keinen Argwohn in ihm aufkommen. – Diese falsche Situation erklärte auch die Widersprüche, welche sich in seinem Wesen offenbarten. Ordnungsliebend bis in’s Kleinste, wählerisch bis zum Aeußersten, gab er sich doch Mühe, in Worten recht cynisch und derb zu sein; seiner Natur nach Idealist, leidenschaftlich und keusch, kühn und schüchtern zu gleicher Zeit, schämte er sich doch seiner Schüchternheit und seiner Keuschheit als eines schmachvollen Lasters, und hielt es für seine Pflicht, über die Ideale zu spotten. Er besaß ein mildes Herz und zog sich doch vor den Menschen zurück; er gerieth leicht in Zorn – und erinnerte sich nie des Bösen. Er zürnte seinem Vater, weil er ihn in die »Aesthetik« eingeschrieben; vor Aller Augen beschäftigte er sich mit politischen und sozialen Fragen, sprach die schroffsten Ansichten aus – sie waren bei ihm mehr als bloße Phrase! – und ergötzte sich insgeheim an der Kunst, der Poesie, der Schönheit in jeder Erscheinungsform . . . er dichtete sogar kleine Lieder . . . Er pflegte sorgfältig das Heft zu verbergen, in welchem er sie niedergeschrieben hatte – und von allen Petersburger Freunden ahnte nur Paklin, dem ihm eigenen Instinkt zufolge, die Existenz eines solchen Heftes. Nichts tränkte und erregte Neshdanow mehr, als eine selbst ganz unbedeutende Anspielung auf seine Dichterei, auf diese, wie er meinte, unverzeihliche Schwäche. Dank seinem Erzieher, dem Schweizer, kannte er viele Thatsachen und scheute weder Arbeit noch Mühe; er arbeitete sogar gern – freilich ein wenig fieberhaft und unregelmäßig. Seine Kameraden liebten ihn . . . es zog sie seine Wahrhaftigkeit, Güte und Reinheit an; aber es war kein glücklicher Stern, unter dem Neshdanow das Licht der Welt erblickt; sein Leben war nicht leicht. Er empfand das selbst aufs tiefste, und fühlte sich einsam, trotzdem, daß die Freunde so sehr an ihm hingen.

Er stand noch immer am Fenster, und dachte voll Ernst und Traurigkeit an die bevorstehende Fahrt, an den nun eingetretenen Wendepunkt in seinem Schicksal . . . Sich von Petersburg zu trennen, fiel ihm nicht schwer; er hinterließ dort nichts, was ihm theuer gewesen wäre; er wußte ja auch, daß er im Herbst zurückkehren würde. Und doch war er nachdenklich geworden: er empfand eine unwillkürliche Traurigkeit.

« »Was bin ich für ein Lehrer!« ging es ihm durch den Kopf; – »was für ein Pädagog?!« – Er hätte sich Vorwürfe darüber machen mögen, daß er die Pflichten eines Lehrers übernommen. Und doch wäre ein solcher Vorwurf ungerecht gewesen. – Neshdanows Kenntnisse waren durchaus genügend, – und ungeachtet seines ungleichen Wesens gingen die Kinder doch gern zu ihm – und auch er schloß sich leicht an sie an. Die Traurigkeit, deren sich Neshdanow nicht erwehren konnte, wurzelte in jenem Gefühl, welches jede Veränderung des Aufenthalts nach sich zieht, und welches allen Melancholikern, allen zum stillen Brüten geneigten Menschen eigen ist; heiteren Sanguinikern ist dies Gefühl unbekannt: sie freuen sich vielmehr darüber, wenn das alltägliche Leben unterbrochen wird, wenn sie aus der gewohnten Umgebung herauskommen. Neshdanow war so in Gedanken versunken, daß er fast unbewußt sein Denken in laute Worte zu kleiden begann; die in ihm gährenden Empfindungen gestalteten sich bereits zu regelrechten Tongebilden . . .

– Pfui Teufel! – schrie er plötzlich laut auf, – wie es scheint, bin ich nahe daran Verse zu machen! – Er fuhr auf und trat vom Fenster zurück, erblickte den auf dem Tisch liegenden Zehn-Rubelschein Paklin’s, steckte ihn in die Tasche und begann auf und ab zu gehen.

– Ich muß das Handgeld nehmen, – dachte er bei sich selbst . . . da dieser Herr es mir anbietet. – Hundert Rubel . . . und noch bei den Brüdern – den durchlauchtigsten – hundert Rubel . . . Fünfzig Rubel um Schulden zu bezahlen, fünfzig oder siebzig zur Reise das Uebrige an Ostrodumow. Und auch das, was Paklin gegeben – auch an Ostrodumow . . . Von Markelow muß man sich auch noch Einiges holen . . .

Während er diese Berechnungen im Kopfe anstellte – regten sich in ihm wieder die früheren Tongebilde. Nachdenklich hielt er plötzlich inne . . . und blieb wie erstarrt, die Augen zur Seite gerichtet, auf dem Platze stehen . . . Dann suchten seine Hände, gleichsam tastend die Schieblade des Tisches, zogen dieselbe heraus, holten aus der Tiefe ein stark beschriebenes Heft . . .

Er ließ sich auf einen Stuhl nieder, noch immer ohne die Richtung des Blickes zu ändern, ergriff die Feder und begann, still vor sich hinbrummend, das Haar zuweilen zurückwerfend, Zeile auf Zeile streichend und ändernd, niederzuschreiben . . .

Die Thür nach dem Vorzimmer that sich zur Hälfte auf – und es zeigte sich der Kopf Maschurinas. Neshdanow bemerkte es nicht und fuhr zu arbeiten fort., Maschurina schaute ihn lange mit scharfen Blicken an – dann trat sie kopfschüttelnd zurück . . . Aber Neshdanow richtete sich plötzlich empor, wandte sich um und schleuderte mit dem Ausruf: – Ah! Sie sind es! – das Heft in die Schieblade des Tisches zurück.

Da trat Maschurina festen Schrittes in’s Zimmer.

– Ostrodumow hat mich zu Ihnen geschickt, – sagte sie gedehnt, – um zu erfahren, wann man das Geld bekommen könne? – Wenn Sie es noch heute erhielten, würden wir schon heute Abend reisen.

– Heute geht es nicht, – entgegnete Neshdanow und runzelte die Brauen; – kommen Sie morgen.

– Um welche Zeit?!

– Gegen zwei Uhr Mittags.

– Gut.

Maschurina stand einen Augenblick still – und reichte dann Neshdanow plötzlich die Hand.

– Ich habe Sie wohl gestört; verzeihen Sie. Und dann . . . ich reise fort. Wer weiß, ob wir uns je wiedersehen werden? Ich wollte von Ihnen Abschied nehmen.

Neshdanow drückte ihre rothen, kalten Finger.

– Sie haben diesen Herrn bei mir gesehen? – begann er. – Wir haben uns geeinigt. Ich nehme bei ihm eine Stelle an. Sein Gut liegt im Gouvernement S., dicht neben der Stadt selbst.

– Ein freudiges Lächeln zeigte sich auf dem Antlitz Maschurinas.

– Neben S.! Dann werden wir uns ja doch vielleicht noch sehen. Vielleicht schickt man uns dahin. – Maschurina seufzte: Ach, Alexei Dmitritsch . . .

– Was? – fragte Neshdanow.

Maschurina war tiefernst geworden.

– Nichts! – Leben Sie wohl! Nichts.

Sie drückte Neshdanow noch ein Mal die Hand und verließ das Zimmer.

»In ganz Petersburg ist doch Niemand mir so zugethan wie dieser Sonderling!« dachte Neshdanow. »Aber wozu hat sie mich denn stören müssen . . . Uebrigens, Alles zum Besten!«

Am Morgen des folgenden Tages begab sich Neshdanow in die Stadtwohnung Ssipjagin’s, und dort, in dem prachtvollen Kabinet mit den streng stilvollen Möbeln, die der Würde des liberalen Staatsmannes und Gentlemans vollkommen entsprachen, vor einem riesigen Bureau sitzend, auf welchem in regelrechter Ordnung Papiere lagen, die Niemand brauchte und die auch zu nichts zu gebrauchen waren, und neben ihnen großmächtige elfenbeinerne Papiermesser, die niemals etwas aufgeschnitten – hörte er im Verlauf einer ganzen Stunde dem freiheitsliebenden Hausherrn zu, sog den Weihrauch seiner weisen, wohlgeneigten und herablassenden Reden ein und erhielt endlich hundert Rubel. Zehn Tage später aber brauste derselbe Neshdanow an der Seite desselben weisen, liberalen Staatsmannes und Gentlemans, halb ausgestreckt auf dem sammtenen Divan eines besonderen Coupes erster Klasse, auf den ausgefahrenen Geleisen der Nikolai-Bahn Moskau zu.




Fünftes Capitel


In dem Gastzimmer eines steinernen Hauses mit Colonnaden und griechischem Giebel, in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts von dem Vater Ssipjagin’s, einem bekannten Agronomen erbaut, saß eines Tages Valentine Michailowna, die Frau Ssipjagin’s, eine blendende Erscheinung, und wartete von Stunde zu Stunde auf die durch ein Telegramm angekündigte Ankunft ihres Mannes. – Die Ausstattung des Zimmers war durchweg von moderner Eleganz: Alles war in demselben so anmuthig und anziehend – Alles, von den bunten, doch geschmackvollen Cretonne-Tapeten und Draperien bis zu den mannigfaltigen aus Etagèren und Tischen zerstreuten Kleinigkeiten aus Porzellan, Bronze und Krystall. Von den heiteren, durch die hohen, weit geöffneten Fenster frei hereinströmenden Strahlen eines Maitages beleuchtet, trat Alles weich und harmonisch hervor und schien doch ineinanderzufließen. Vom Duft des Maiblümchens durchtränkt, – überall erblickte man Sträuße dieser herrlichen Frühlingsblume, – schien die Luft des Zimmers von Zeit zu Zeit kaum merklich zu erzittern, wenn aus dem sich üppig ausbreitenden Garten, in welchem ein milder Wind sein sanftes Wesen trieb, ein frischer Luststrom in’s Zimmer hineindrang.

Ein herrliches Bild! Und was dieses Bild vollendete, was demselben Inhalt und Leben gab, war die Frau vorn Hause selbst, Valentine Michailowna Ssipjagin! Sie war eine hoch gewachsene Gestalt im Alter von ungefähr dreißig Jahren, mit dunkel-blonden Haar, frischem, an die Linien der Sixtinischen Madonna erinnerndem Antlitz, und merkwürdigen, tiefen, sammetweichen Augen. – Die Lippen waren vielleicht ein wenig zu breit und blaß, die Schultern ein wenig zu hoch, die Hände ein wenig zu groß. . . Dennoch aber hätte Jeder, der gesehen, wie sie sich frei und leicht im Zimmer bewegte, wenn sich die feine, wenn auch vielleicht allzu eng geschnürte Gestalt bald zu den Blumen herabneigte und den Duft derselben mit lächelnder Miene einzog, – bald irgend eine kleine chinesische Vase von einer Stelle zur andern rückte – dann wieder sich vor den Spiegel stellend, die wunderbaren Augen kaum merkbar zusammenkneifend, das Haar zurechtzustreichen begann – ein Jeder, sagen wir, hätte gewiß ausgerufen – still vor sich hin oder sogar laut – daß ihm niemals ein so bezauberndes Wesen begegnet sei!

Ein hübscher, krausköpfiger, etwa neunjähriger Knabe in schottischer Kleidung, mit nackten Knieen und glänzend frisirtem Haar, kam eilig in’s Zimmer gelaufen, blieb jedoch, als er Valentine Michailowna erblickte, plötzlich stehen.

– Was willst Du, Kolja? – fragte sie. – Die Stimme war ebenso weich und sammetartig wie die Augen.

– Sieh’ Mamma, – begann der Knabe verlegen, – die Tante hat mich hergeschickt . . . ich soll ihr Maiblümchen bringen . . . für ihr Zimmer . . . sie hat keine. . . .

Valentine Michailowna berührte mit der Hand das Kinn ihres Söhnchens und hob das Lockenköpfchen empor.

– Sage der Tante, daß sie nach den Maiblümchen zum Gärtner schicken soll; – das hier – sind meine Maiblümchen. . . Ich will nicht, daß sie fortgenommen werden. Sage ihr, daß ich es nicht liebe, wenn die Ordnung, die ich eingeführt, gestört wird. Wirst Du meine Worte zu wiederholen verstehen?

– Ich werde verstehen . . . – flüsterte der Knabe.

– Nun – sag’ mal! «

– Ich werde ihr sagen . . . werde sagen . . . daß Du es nicht haben willst.

Valentine Michailowna begann zu lachen – auch ihr Lachen war weich.

– Ich sehe, daß man Dir noch keine Aufträge ertheilen kann. Nun gut, sage ihr, was Du willst.

Der Knabe küßte rasch die mit Ringen geschmückte Hand der Mutter und lief eilig davon.

Valentine Michailowna begleitete ihn mit den Augen, trat dann mit einem Seufzer an eine vergoldete Volière heran, in welcher ein kleiner grüner Papagei, sich an dem Drahtgeflecht mit Schnabel und Krallen vorsichtig anklammernd, auf- und niederkletterte, und steckte die Spitze des Fingers neckend durch den Käfig; darauf ließ sie sich auf den niedrigen Divan nieder und begann, die letzte Nummer der »Revue des Deux Mondes« von dem runden geschnitzten Tische nehmend, in derselben zu blättern.

Ein ehrerbietiges Hüsteln veranlaßte sie aufzublicken. Auf der Schwelle der Thür stand ein wohlgestalteter Diener in Livrée und weißer Halsbinde.

– Was willst Du, Agathon? – fragte Valentine Michailowna mit derselben weichen Stimme.

– Ssemen Petrowitsch Kallomeyzew läßt fragen —

– Sag’, ich lasse bitten, natürlich! – und schicke zu Marianne Wikentjewna: sie möge in’s Gastzimmer kommen.

Valentine Michailowna warf die »Revue des Deux Mondes« auf den Tisch, und hob die Augen, sich in den Divan zurückwerfend, nachdenklich empor, was ihr sehr gut stand.

Schon aus der Art und Weise, wie Ssemen Petrowitsch Kallomeyzew, ein junger Mann von ungefähr zweiunddreißig Jahren, in’s Zimmer trat – ungezwungen und nachlässigen, schleppenden Schrittes: – wie sein Antlitz plötzlich aufleuchtete, als er sich, zur Seite geneigt, verbeugte – wie er sich dann so elastisch aufrichtete; – wie er mit süßlicher Stimme durch die Nase zu sprechen begann; – wie er die Hand Valentine Michailownas so ehrerbietig ergriff; – wie er dieselbe so eindringlich küßte – daraus allein schon hätte man schließen können, daß der neuangekommene Gast kein, wenn auch reicher Dorfbewohner aus der Provinz sei, sondern dem echten Petersburger »grand genre« der höchsten Kreise entstamme. – Auch war er nach englischer Mode aufs Eleganteste gekleidet: aus der flachen Seitentasche der bunten Jaquette guckte in Form eines kleinen Dreiecke das buntfarbige Zipfelchen eines neuen weißen Battist-Taschentuches hervor; an einem ziemlich breiten schwarzen Bande hing ein Monocle; die blasse, in’s Gräuliche spielende Farbe der schwedischen Handschuhe entsprach den blaßgrauen Tönen der gestreiften Beinkleider. Das Haar trug Herr Kallomeyzew kurz, das Kinn glatt rasirt, aus seinem Etwas frauenhaften Antlitz mit den kleinen dicht nebeneinander liegenden Augen, der seinen, gebogenen Nase, den kleinen dicken und rothen Lippen, sprach das Bewußtsein der, dem hochgebildeten Aristokraten eigenen, Ungenirtheit und Freiheit. Es athmete Freude und Wohlwollen . . . und konnte doch wieder sehr leicht böse, ja bis zur Rohheit zornig werden: es brauchte nur Jemand Ssemen Petrowitsch’ empfindliche Seite, seine konservativen politischen und religiösen Prinzipien zu berühren, – dann kannte er kein Erbarmen; – die zarten kleinen Augen entbrannten von unheilverkündendem Feuer; – dem hübschen kleinen Munde entströmten häßliche Worte – und es rief dann dieser Mund – rief mit seiner, durchdringender Stimme – die Obrigkeit an!

Die Vorfahren von Ssemen Petrowitsch Kallomeyzew waren einfache Gemüsegärtner gewesen. – Sein Vorahn war nach dem Ort seiner Herkunft Kallomeyzew genannt worden . . . Aber schon sein Großvater hatte Kallomeyzew daraus gemacht; der Vater schrieb: Kallomeyzew, Ssemen Petrowitsch endlich setzte statt des i ein y – und hielt sich ohne Scherz für einen vollblütigen Aristokraten; er pflegte sogar zu äußern, daß seine Familie eigentlich von den Baronen von Gallenmeyer abstamme, von denen Einer im dreißigjährigen Kriege österreichischer Feldmarschall gewesen. Ssemen Petrowitsch war Kammerjunker und Beamter im Ministerium des Kaiserlichen Hauses; daß er nicht die diplomatische Laufbahn ergriffen, wohin ihn Alles zu drängen schien: die Erziehung, die Gewohnheit, sich in der großen Welt zu bewegen, die Erfolge bei den Frauen und selbst sein Aeußeres – daran war sein Patriotismus schuld; – quitter la Russie? – jamais! Kallomeyzew hatte Vermögen, hatte Connexionen; er stand im Ruf eines zuverlässigen und ergebenen Menschen —»un peu trop . . . féodal dans ses opinions,« wie sich Fürst B., einer von den Sternen des Petersburger Beamtenthums, über ihn geäußert hatte. Jetzt war Kallomeyzew auf die Dauer zweier Monate – seiner Urlaubszeit – in’s Gouvernement S. gekommen, um sich mit der Verwaltung seines Gutes zu beschäftigen, d. h. »Diesen ins Bockshorn zu jagen, Jenem Daumschrauben anzulegen.« – Ohne dieses geht es ja nicht!

– Ich hatte Boris Andreitsch hier vorzufinden erwartet, – begann er, sich auf den Füßen schaukelnd, und blickte, eine hochgestellte Persönlichkeit nachahmend, plötzlich zur Seite. Valentine Michailowna blinzelte mit den ein wenig zusammengekniffenen Augen.

– Sonst wären Sie also nicht gekommen?

Kallomeyzew prallte zurück, so unverdient und durch nichts gerechtfertigt erschien ihm diese Frage Frau Ssipjagin’s.

– Valentine Michailowna! – rief er, – ich bitte Sie, wie können Sie das voraussehen? —

– Nun gut, gut, setzen Sie sich, Boris Andreitsch wird gleich hier sein. Ich habe ihm die Kalesche zur Station entgegengeschickt. Warten Sie ein wenig . . . Sie werden ihn sehen. Wie viel ist es jetzt an der Zeit?

– Es ist halb drei – antwortete Kallomeyzews indem er aus der Westentasche eine große emaillierte, goldene Uhr hervorzog. Er zeigte sie Frau Ssipjagin. – Haben Sie meine Uhr gesehen? Mir hat sie Michael, wissen Sie . . . der serbische Fürst Obrenowitsch, geschenkt. Da ist sein Namenszug. Wir sind große Freunde. Wir sind zusammen auf der Jagd gewesen. Ein vortrefflicher Mensch! Und eine eiserne Hand hat er, wie sich’s für ein Staatsoberhaupt gebührt. O, er liebt nicht zu scherzen!

Kallomeyzew ließ sich in einen Lehnstuhl nieder, kreuzte die Beine übereinander und begann den linken Handschuh abzustreifen.

– Wenn wir doch hier in unserem Gouvernement einen solchen Michael hätten!

– Wozu denn? Sind Sie mit irgend etwas unzufrieden?

Kallomeyzew kämpfte die Nase.

– Aber ich bitte Sie, diese Semstwo? Wozu ist sie denn da? Es ist eine Institution, durch welche die administrative Kraft nur geschwächt wird und allerlei unnütze Gedanken . . . Kallomeyzew strich mit der von der Hülle des Handschuhes befreiten unbekleideten Hand durch die Luft . . . und trügerische Hoffnungen wachgerufen werden. Kallomeyzew blies sich auf die Hand. Ich habe in St. Petersburg darüber gesprochen . . . mais bah! Nicht daher treibt der Wind. Sogar Ihr Herr Gemahl – stellen Sie sich vor! Uebrigens – sein Liberalismus ist ja bekannt!

Valentine Michailowna richtete sich in die Höhe.

– Wie? Und Sie, Herr Kallomeyzew, Sie opponiren der Regierung?

– Ich? Opponiren? Niemals! Für nichts in der Welt! Mais j’ai mon franc parier. Ich kritisire zu weilen, unterwerfe mich aber immer.

– Und ich im Gegentheil, ich kritisire nicht und unterwerfe mich nicht.

– Ah! mais c’est un ’mot! Wenn Sie erlauben, theile ich Ihre Bemerkung meinem Freunde mit – Ladislas, vous savez, er schreibt jetzt einen Roman aus dem Leben der großen Welt und hat mir einige Kapitel bereits daraus vorgelesen. Das wird etwas Herrliches werden! Nous aurons enfin le grand monde russe, peint par lui-même.

– Wo wird der Roman erscheinen?

– Im »Russischen Boten« natürlich. Das ist ja unsere »Revue des Deux Mondes« Sie lesen diese Zeitschrift, wie ich sehe.

– Ja; aber, wissen Sie, sie fängt an langweilig zu werden.

– Kann sein . . . kann sein . . . Der »Russische Bote« schlägt übrigens seit einiger Zeit auch, um mich modern auszudrücken – ein Bißchen aus.

Kallomeyzew fing laut zu lachen an, ihm schien es, daß es sehr komisch gesagt war: »schlägt aus« und noch dazu ein »Bißchen.« – Mais c’est un journal, qui se respecte, – fuhr er fort. – Und das ist die Hauptsache Ich – muß Ihnen gestehen – ich . . . interessire mich für die russische Literatur sehr wenig; es figurirt setzt in derselben allerlei plebejisches Volk. Man ist endlich so weit gekommen, daß gar eine Köchin zur Heldin eines Romans gemacht wird, eine einfache Köchin, parole d’honneur! Aber den Roman von Ladislas lese ich durchaus. Il y aura le petit mot pour rire . . . und die Richtung! die Richtung! Die Nihilisten werden mit Schimpf und Schande gebrandmarkt – dafür ist mir die ganze Anschauungsweise Ladislas’ Bürge – qui est très correcte.

– Aber nicht seine Vergangenheit – bemerkte Valentine Michailowna.

– Ah! jetous an voile sur les erreurs de sa jeunesse! – rief Kallomeyzew und erledigte sich auch des rechten Handschuhs.

Frau Ssipjagin kniff die Augen wieder zusammen. Sie liebte es, mit diesen wunderbaren Augen zuweilen zu kokettiren.

– Ssemen Petrowitsch – sagte sie, – erlauben Sie mir die Frage: warum gebrauchen Sie, wenn Sie russisch sprechen, beständig so viele französische Worte? Mir scheint, . . daß . . . verzeihen Sie, . . . daß es eine veraltete Gewohnheit ist.

– Warum? warum? Es können doch nicht Alle ihre Muttersprache so beherrschen, wie z. B. Sie. Was mich betrifft, so erkenne ich wohl die Sprache des offiziellen Rußlands, die Sprache der Verordnungen und Erlasse der Regierung an; auf deren Reinheit lege ich großen Werth! Ich beuge mich vor Karamsin! . . . Aber die russische, so zu sagen, alltägliche Sprache . . . existirt sie denn überhaupt? Wie würden Sie zum Beispiel meinen Ausruf – de tout à l’heure – übersetzen: »C’est un mot!?« Das ist – ein Wort!? . . . Ich bitte Sie!

– Ich würde sagen: das ist – ein treffendes Wort.

Kallomeyzew lachte laut auf.

– »Ein treffendes Wort!« Valentine Michailowna! Fühlen Sie es denn nicht, daß dies . . . nach dem Seminar schmeckt . . . Es schwindet ja alles Salz . . .

– Nun, Sie werden mich nicht umstimmen. – Aber wo bleibt denn Marianne?

Sie ergriff die Tischglocke und schellte; es erschien ein zur Dienerschaft gehörender Knabe.

– Ich hatte Marianne Wikentjewna in’s Gastzimmer bitten lassen. Ist es ihr denn nicht gemeldet worden?

Der Knabe hatte noch nicht Zeit gehabt zu antworten, als hinter seinem Rücken auf der Schwelle der Thür ein junges Mädchen mit kurz geschorenem Haar, in einem weiten, dunklen Morgenkleid, Marianne Wikentjewna Ssinetzky, von mütterlicher Seite eine Nichte Ssipjagin’s, erschien.




Sechstes Capitel


– Entschuldigen Sie, Valentine Michailowna, sagte sie näher tretend, – ich war beschäftigt.

– Kallomeyzew begrüßend, setzte sie sich auf einen kleinen Sessel neben dem Papagei, welcher bei ihrem Anblick mit den Flügeln zu schlagen begann und ihr entgegen strebte.

– Warum hast Du Dich denn so weit von uns weggesetzt, Marianne, bemerkte Valentine Michailowna, die ihr mit den Augen gefolgt war. – Du willst wohl in der Nähe Deines kleinen Freundes sein? Stellen Sie sich vor, Ssemen Petrowitsch, – wandte sie sich zu Kallomeyzew, – dieser kleine Papagei ist in unsere Marianne förmlich verliebt. . . .

– Das wundert mich nicht!

– Mich aber kann er nicht leiden.

– Das wundert mich viel mehr!i Sie necken ihn wahrscheinlich.

– Niemals, im Gegentheil, ich füttere ihn mit Zucker. Er nimmt aber nichts aus meiner Hand. Nein . . . das ist Sympathie . . . und Antipathie. . .

Marianne warf einen Blick hinüber auf Valentine Michailowna . . . Diese desgleichen auf Marianne.

Beide Frauen liebten einander nicht.

Im Vergleich zu ihrer Tante erschien Marianne fast häßlich. Ihr Gesicht war rund, die Nase groß und adlerartig gebogen, die grauen Augen waren ebenfalls groß und sehr hell, die Brauen und Lippen fein geschnitten. Sie pflegte sich das braune, dichte Haar scheeren zu lassen, und etwas Scheues lag in ihrem Blick. Aber etwas Starkes und Kühnes, Leidenschaftliches und Ungestümes sprach aus ihrem ganzen Wesen. Ihre Hände und Füße waren überaus klein; der feste und geschmeidige kleine Körper erinnerte an die Florentiner Figuren aus dem XVI. Jahrhundert; ihre Bewegungen waren rasch und anmuthig.

Die Stellung Mariannen’s im Hause Ssipjagins war nicht leicht. Ihr Vater, ein kluger und gewandter Mann halb-polnischer Herkunft, hatte sich bis zum Range eines Generals heraufgedient, stürzte dann aber plötzlich, einer kolossalen Veruntreuung am Eigenthum des Staats überwiesen, von seiner Höhe herab; er kam unter Gericht . . . wurde verurtheilt, seines Ranges, seines Adels entkleidet, und nach Sibirien geschickt. Später wurde er begnadigt . . . er kehrte zurück, konnte aber nicht mehr emporkommen und starb in Armuth und Elend. Seine Frau, eine Schwester Ssipjagin’s, die Mutter Mariannen’s, ihres einzigen Kindes, hatte diesen Schlag, der ihren ganzen Wohlstand zertrümmerte, nicht ertragen können und war ihrem Manne bald nachgefolgt. Onkel Ssipjagin hatte Marianne darauf in sein Haus genommen. – Aber in dieser Abhängigkeit zu leben war ihr schrecklich; mit der ganzen Kraft einer unbeugsamen Seele rang sie nach Freiheit, und es entspann sich zwischen der Tante und ihr, ein nie ruhender, wenn auch verborgener Kampf. In den Augen Valentinen’s war sie eine die Existenz Gottes leugnende Nihilistin; Marianne ihrerseits aber haßte Valentine als ihre unvermeidliche, wenn auch unwillkürliche Feindin. Vor dem Onkel, wie überhaupt vor allen Menschen empfand sie eine gewisse Scheu. – Sie scheute sich eben vor ihnen, aber sie fürchtete sie nicht; eine solche Furcht lag nicht in ihrem Charakter.

– Antipathie!f – wiederholte Kallomeyzew, – ja, das ist ein seltsames Ding. Es ist zum Beispiel Allen bekannt, daß ich ein tief-religiöser Mensch bin, orthodox im wahren Sinne des Worts; aber den Pfaffenzopf – kann ich nie gleichgültig anblicken: da beginnt es in mir zu kochen, so zu kochen!

Die zusammengeballte Hand emporhebend, versuchte Kallomeyzew sogar zu veranschaulichen, wie es in ihm reiche.

– Es scheinen Sie überhaupt die Haare zu beunruhigen, Ssemen Petrowitsch, – bemerkte Marianne: – ich bin überzeugt, daß Sie es auch nicht gleichgültig ansehen können, wenn Jemand das Haar kurz geschoren hat, wie ich.

Valentine Michailowna hob die Brauen langsam empor und neigte den Kopf – voll Staunen gleichsam über die Ungenirtheit, mit welcher sich die modernen jungen Damen am Gespräch betheiligen, – Kallomeyzew aber lächelte nachsichtsvoll.

– Es ist mir natürlich unmöglich, Marianne Wikentjewna, – sagte er, – um die schönen Locken nicht zu sagen, die da gleich den Ihrigen unter der erbamungslosen Scheere fallen; aber ich habe keine Antipathie gegen kurze Haare; und jedenfalls könnte Ihr Beispiel mich . . . mich . . . konvertiren!

Kallomeyzew konnte das russische Wort nicht finden; französisch wollte er jedoch nach der Bemerkung der Hausfrau nicht mehr sprechen.

– Mariane trägt, Gott sei Danks noch keine Brille, – fiel Valentine Michailowna ein, – von Kragen und Manschetten hat sie sich auch noch nicht getrennt: – dafür beschäftigt sie sich freilich zu meinem Bedauern mit naturwissenschaftlichen Studien und interessirt sich auch für die Frauenfrage . . . Nicht wahr, Marianne?

Es war dies Alles in der Absicht gesagt, Marianne verlegen zu machen, aber diese ließ sich nicht einschüchtern.

– Ja, Taute, – antwortete sie, – ich lese Alles, was darüber geschrieben wird; ich gebe mir Mühe, in das Wesen dieser Frage einzudringen.

– Was doch die Jugend ausmacht! – wandte sich Frau Ssipjagin zu Kallomeyzew – wir Beide, wir beschäftigen uns schon nicht mehr damit – wie?

Kallomeyzew lächelte beifällig; man mußte die liebenswürdige Frau in ihrem heiteren Scherzspiel doch unterstützen.

– Marianne Wikentjewna, – begann er, – ist noch von jenem Idealismus erfüllt . . . von jener Romantik der Jugend . . . welche . . . mit der Zeit . . .

– Uebrigens verleumde ich mich selbst, – unterbrach ihn Valentine Michailowna: – diese Fragen interessiren mich auch. Ich bin noch nicht ganz alt geworden!

– Auch ich interessire mich dafür, – rief Kallomeyzew hastig aus; – ich würde nur verbieten, darüber zu sprechen!l

– Sie würden verbieten, darüber zu sprechen? – fragte Marianne.

– Ja! – Ich würde dem Publikum sagen: sich dafür zu interessiren gestatte ich . . . aber sprechen . . . ssst – t! – Er legte den Finger an die Lippen. – Jedenfalls würde ich verbieten – gedruckt darüber zu sprechen? – Unbedingt!

Valentine Michailowna begann zu lachen.

– Ei was? Wenn’s nach Ihnen ginge, müßte man wohl gar, um diese Frage zu lösen, eine Commission beim Ministerium niedersetzen?

– Nun, und selbst eine Commission, was ist denn dabei? – Sie denken, daß wir diese Frage schlechter lösen würden, als jene hungrigen Schnattergänse, die nicht weiter sehen, als die Nase reicht, und sich einbilden, daß sie . . . die genialsten Menschen der Welt sind? Wir würden Boris Andreitsch zum Präsidenten wählen . . .

Valentine Michailowna begann noch lauter zu lachen.

– Nehmen Sie sich in Acht; Boris Andreitsch ist zuweilen ein solcher Jakobiner . . .

– Jaco, Jaca, Jaco – schrie plötzlich der Papagei.

Frau Ssipjagin schwenkte das Taschentuch nach ihm.

– Störe doch nicht die klugen Leute in ihrer Unterhaltung! . . . Marianne, beruhige ihn.

Marianne kehrte sich nach dem Vogel um und begann seinen Hals, den er ihr willig entgegenstreckte, zu streicheln.

– Ja, – fuhr Frau Ssipjagin fort, – ich bin zuweilen selbst voll Staunen über Boris Andreitsch. Er hat etwas etwas . . . von einem Volkstribun an sich.

– C’est parce qu’il est orateur! – fiel Kallomeyzew mit Wärme auf französisch ein. – Ihr Mann besitzt die Gabe der Rede in einem Grade, wie Niemand, und dann ist er auch zu glänzen gewohnt . . . ses propres paroles le grisent . . . dazu kommt noch der Wunsch, populär zu werden . . . Er ist jetzt übrigens ein wenig erbittert, nicht wahr? Il boude? Eh?

Frau Ssipjagin richtete ihre Augen auf Marianne.

– Ich habe nichts bemerkt, – antwortete sie nach einer kleinen Pause.

– Ja, – fuhr Kallomeyzew nachdenklich fort, – er ist zu Ostern übergangen worden . . .

Valentine Michailowna wies mit ihrem Blick wieder auf Marianne.

Lächelnd blinzelte Kallomeyzew mit den Augen: – »ich verstehe.«

– Marianne Wikentjewna! – rief er plötzlich ohne äußere Nothwendigkeit recht laut uns: – werden Sie in diesem Jahre wieder in der Volksschule Unterricht ertheilen?

Marianne wandte sich vom Vogel ab.

– Und auch Dieses interessirt Sie, Ssemen Petrowitsch?

– Natürlich; es interessirt mich sogar sehr.

– Dieses würden Sie wohl nicht verbieten?

– Den Nihilisten würde ich sogar verbieten, an die Schulen zu denken; aber unter Leitung und Beaufsichtigung der Geistlichkeit würde ich selbst Schulen in’s Leben rufen.

– So! Ich weiß noch gar nicht, was ich in diesem Jahr thun werde. – Im vorigen Jahr ging Alles so schlecht. – Und was ist denn das im Sommer auch für ein Unterricht!

Wenn Marianne sprach, pflegte sie allmählich zu erröthen, als falle ihr das Sprechen schwer, und als müsse sie sich zwingen, ihre Rede fortzusetzen. Es steckte noch viel Eigenliebe in ihr.

– Du bist noch ungenügend vorbereitet? – fragte mit ironisch vibrirender Stimme Frau Ssipjagin.

– Vielleicht.

– Wie! – rief Kallomeyzew von Neuem aus. – Was höre ich!! O Götter! Um Bauernmädchen das Abc zu lehren, bedarf es der Vorbereitung!

In diesem Augenblick kam Kolja mit dem Ausruf:– »Mama! Mama! Papa kommt!« gelaufen —, hinter ihm trat, auf ihren kleinen, dicken Füßen schwerfällig einherhumpelnd, eine greise Dame in einer Haube und mit einem gelben Shawl in’s Zimmer – und meldete gleichfalls, daß Borinka ankomme.

Diese Dame war Anna Sacharowna, eine Tante Ssipjagins. – Alle Anwesenden sprangen von ihren Plätzen auf, begaben sich eiligst in’s Vorzimmer und stiegen dann die Treppe auf den Flur vor dem Hause hinab. Eine lange Allee beschnittener Tannenbäume führte vom großen Wege gerade zu diesem Flur; in der Allee rollte die von vier Pferden gezogene Kalesche bereits daher. – Valentine Michailowna schwenkte in erster Reihe stehend ihr Taschentuch, Kolja schrie laut jauchzend auf; mit geschickter Hand brachte der Kutscher die erhitzten Pferde plötzlich zum Stehen, der Diener flog pfeilschnell vom Bock herab und hätte beinahe die Thür der Kalesche sammt Hängen und Verschluß herausgerissen – und nun stieg Boris Andreitsch mit herablassendem Lächeln auf den Lippen, in den Augen, auf dem ganzen Gesicht, mit einer gewandten Bewegung der Schultern den Mantel abwerfend, aus der Kalesche. Rasch und anmuthsvoll umarmte Valentine Michailowna ihren Mann, worauf sich Beide drei Mal küßten. Kolja trampelte mit den Füßen und zupfte den Vater hinten am Rock . . . Dieser küßte jedoch zuerst, nachdem er die höchst unbequeme und formlose schottische Reisemütze vom Kopfe genommen, die Tante Anna Sacharowna, begrüßte darauf Marianne und Kallomeyzew, die gleichfalls auf den Flur hinausgetreten waren – Kallomeyzew in englischer Weise – shakehands – mit einem »Schwung« der Hand, als ob er die Glocke läute – und wandte sich dann erst zu seinem Sohn, den er emporhob und an seine Lippen zog.

Während dies Alles vor sich ging, war Neshdanow ganz still, als wäre er sich einer Schuld bewußt, aus der Kalesche herausgekrochen und, ohne die Mütze abzunehmen, neben den Vorderrädern der Kalesche mit halb zu Boden gesenktem finsterem Blick stehen geblieben. . . Während Valentine Michailowna ihren Mann umarmte, hatte sie auf diese neue Gestalt über die Schulter des Mannes hinweg einen scharfen Blick geworfen; – Ssipjagin hatte es angekündigt, daß er einen Lehrer mitbringen werde.

Nach der ersten Begrüßung des neu angekommenen Hausherrn begab sich die ganze Gesellschaft über die Treppe, auf welcher sich die Haupt-Diener und Dienerinnen zu beiden Seiten postirt hatten, nach oben. Diese unterließen es, sich ihrem Herrn zu nähern, um seine Hand zu küssen – diese »asiatische« Sitte war längst abgeschafft – sie verneigten sich blos mit Ehrerbietung; und auch Ssipjagin beantwortete ihren Gruß – mehr durch ein Zucken der Brauen und der Nase, als durch eine Bewegung des Kopfes.

Neshdanow schritt gleichfalls die breite Treppe langsam hinan. Er war kaum in’s Vorzimmer getreten, als ihn Ssipjagin, der sich bereits nach ihm umgesehen hatte, auch sogleich seiner Frau, Anna Sacharowna und Mariannen vorstellte, zu Kolja aber sagte er: »Das ist Dein Lehrer, dem Du gehorchen mußt! Reich ihm die Hand!«

– Kolja reichte Neshdanow schüchtern die Hand und hob dann das Auge zu ihm empor, da er aber, wie es schien, nichts Besonderes oder Anziehendes an ihm entdeckte, klammerte er sich wieder an seinen Vater. – Neshdanow fühlte sich höchst ungemüthlich, ganz so, wie damals im Theater. Er steckte in einem alten, ziemlich unansehnlichen Paletot, Gesicht und Hände waren mit Staub überzogen. – Valentine Michailowna hatte ihm irgend eine Liebenswürdigkeit gesagt; er hatte ihre Worte jedoch nicht recht gehört und hatte ihr auch nicht geantwortet, sondern nur bemerkt, daß sie auf ihren Mann mit besonders klaren und freundlichen Augen sah und sich an ihn schmiegte – Bei Kolja mißfiel ihm das frisirte glänzende Haar, als er Kallomeyzew erblickte, dachte er: »Diese abgeleckte Physiognomie!« – Die andern Personen aber ließ er ganz unbeachtet. Ssipjagin blickte zwei Mal, gleichsam seine Penaten musternd, würdevoll im Zimmer umher, wobei sein lang zugespitzter Backenbart und der kleine, etwas flache Hinterkopf besonders scharf hervortraten. – Darauf rief er einem von den Dienern mit starker, voller, von der Reise durchaus nicht ermüdeter Stimme zu: »Iwan! geleite den Herrn Lehrer in’s grüne Zimmer und trage auch den Koffer des Herrn dahin« – sagte darauf zu Neshdanow, daß er sich jetzt ausruhen, einrichten und des Reisestaubes entledigen könne – gespeist werde in seinem Hause genau um fünf Uhr. Neshdanow verneigte sich und folgte Iwan in das »grüne,« im zweiten Stock befindliche Zimmer.

Die ganze Gesellschaft ging in’s Gastzimmer hinüber. Dort wurde die Begrüßung noch einmal wiederholt; es erschien auch eine greise, halbblinde Kinderwärterin, um ihren Herrn zu begrüßen. Dieser reichte Ssipjagin, aus Achtung vor ihrem Alter, die Hand zum Kusse und ging dann, nachdem er sich bei Kallomeyzew entschuldigt, von seiner Frau begleitet, in’s Schlafzimmer.




Siebentes Capitel


Die Fenster des geräumigen und niedrigen Zimmers, in welches der Diener Neshdanow geführt, gingen in den Garten hinaus. Sie waren geöffnet: ein linder Wind bewegte die weißen Vorhänge, die sich bald wie Segel rundeten und hoben, bald wieder ruhig niederfielen. An der Decke glitten goldglänzende Lichter still dahin; das ganze Zimmer war von der frischen, feuchten Frühlingslust durchdrungen. Neshdanow begann damit, daß er den Diener fortschickte, seine Sachen auspackte, sich dann wusch und umkleidete. Die Reise hatte ihn erschöpft; das zweitägige beständige Zusammensein mit diesem unbekannten Menschen, mit dem er viel und so Verschiedenartiges gesprochen – und nutzlos gesprochen, – hatte ihn tief erregt: ein bitter-herbes Etwas, halb Wehmuth und Langweile, halb Aerger, hatte sich insgeheim tief in seiner Seele eingenistet; er war voll Unwillen über seine Kleinmüthigkeit – das Herz aber stöhnte und blutete.

Er trat an’s Fenster und blickte in den Garten hinaus. Es war ein Urväter-Garten mit schöner schwarzer Erde, wie man diesseits Moskaus nirgends mehr einen solchen finden wird. Aus dem langgestreckten Plateau eines abschüssigen Hügels angelegt, bestand er aus vier deutlich abgegrenzten Theilen. Vor dem Hause breitete sich, etwa zweihundert Schritte weit, der Blumengarten aus; mit sandbestreuten gradlinigen Wegen, mit Gruppen von Akazien und Syringen, und mit Blumenbeeten; links am Stallhof vorüber zog sich bis zur Tenne der Fruchtgarten hin, mit Aepfel-, Birnen- und Pflaumenbäumen und mit Himbeer- und Johannisbeersträuchern dicht bestanden; dem Hause gerade gegenüber erhoben sich mit ihren ragenden Wipfeln, in Form eines prächtigen, durch sich kreuzende Alleen getheilten Vierecks ganze Reihen von Lindenbäumem Rechts wurde die Aussicht durch den großen, von einer doppelten Reihe von Silberpappeln eingefaßten Fahrweg begrenzt; durch eine Gruppe von Trauerbirken sah man das steile Dach des Treibhauses hindurchschimmern. Der ganze Garten strahlte im schönsten Grün der ersten Frühlingspracht; von dem sommerlichen Summen und Schwirren der Insektenwelt war noch nichts zu hören; es flüsterten nur die jungen Blättchen – und hier und da schlug der Fink, und es girrten zwei Turteltäubchen auf einem und demselben Baum, es ließ auch ein Kuckuck, von einer Stelle zur anderen fliegend, seinen Ruf erschallen – aus der Ferne aber, von da her, wo am Teich die Mühle steht, drang das Geschrei der krächzenden Krähen, dem Geknarre einer Unzahl von Wagenrädern gleich, durch die Luft. Und über diesem jungen, einsamen, stillen Weben der erwachenden Natur glitten die Wolken, ihre Formen rundend, wie große, träge Vögel dahin. – Neshdanow schaute hinaus und horchte und sog die Luft mit den offenen, kalten Lippen ein . . .

Auch ihm wurde es leichter um’s Herz, auch in ihm wurde es still.

Unterdessen erzählte unten im Schlafzimmer Ssipjagin seiner Frau, wie er mit Neshdanow bekannt geworden und was ihm der Fürst G. erzählt und worüber sie auf der Reise gesprochen.

– Ein kluger Kopf! – wiederholte er, – und hat Kenntnisse; freilich gehört er zu den Rothen, aber Du weißt, das hat ja in meinen Augen nichts zu bedeuten; sie haben doch wenigstens Ehrgeiz, diese Leute. Und Kolja ist ja auch noch zu jung; es ist nicht zu befürchten, daß er sich von diesen Thorheiten etwas aneignen könnte.

Valentine Michailowna hörte ihrem Mann mit freundlichem und doch zugleich spöttischem Lächeln zu, als ob er sich vor ihr gleichsam wegen eines seltsamen, aber doch lustigen Einfalls entschuldige; es schien ihr sogar angenehm zu sein, daß ihr »seigneur et maitre,« ein so solider Mann und hochstehender Beamter, im Stande war, wie ein zwölfjähriger Knabe plötzlich irgend einen tollen Streich loszulassen, vom Zaune zu brechen. Im schneeweißen Hemd, mit blauseidenen Tragbändern vor dem Spiegel stehend, kämmte er sich nach englischer Art mit zwei Bürsten das Haar; – Valentine Michailowna aber, die ihre Füßchen auf die niedrige türkische Couchette heraufgezogen, fing an, ihm über die Wirthschaft Mittheilungen zu machen, über die Papierfabrik, mit der es nicht so gut ging, als es eigentlich sollte, über den Koch, den man wechseln müsse, über die Kirche, in welcher die Stukkatur herabgefallen sei, über Kallomeyzew. . .

Zwischen den Eheleuten herrschte aufrichtiges Vertrauen und volles Einvernehmen; sie lebten mit einander wirklich, wie man zu sagen pflegt, in Liebe und Eintracht; und als Ssipjagin, nachdem er mit seiner Toilette zu Ende, sich in ritterlicher Weise die Hand von Valentine Michailowna zum Kuß erbat, reichte sie ihm beide Hände, und schaute mit zärtlichem Stolz auf ihn, als er sie abwechselnd küßte. Es war das Gefühl, welches beiderseitig zum Ausdruck kam, ein gutes und wahres Gefühl, wenn es bei ihr auch aus eines Raphael’s würdigen Augensternen leuchtete, bei ihm nur aus einfachen, geheimräthlichen Augen.

Genau um fünf Uhr begab sich Neshdanow nach unten zum Diner, das nicht durch Glockenton angekündigt wurde, sondern durch den gedehnten Schall des chinesischen Gong. Im Eßzimmer waren bereits Alle beisammen. Ssipjagin bewillkommnete ihn von Neuem, von der Höhe seiner Halsbinde herab, und wies ihm am Tisch einen Platz zwischen Anna Sacharowna und Kolja an. Anna Sacharowna war ein bejahrtes Fräulein, eine Schwester von Ssipjagins verstorbenen Vater; es ging von ihr ein kampherartiger Duft aus, wie von einem Kleide, das lange gelegen; auch hatte sie ein unruhiges und gedrücktes Aussehen. Sie erfüllte im Hause die Pflichten einer Aufseherin oder Gouvernante Kolja’s, und es war die Unzufriedenheit, daß man Neshdanow zwischen sie und ihren Schützling gesetzt, deutlich auf ihrem Gesicht zu lesen. Kolja schaute zum neuen Nachbar zuweilen von der Seite aus; der kluge Knabe errieth, daß sich der Lehrer unbehaglich fühle, daß er verlegen sei; er hob die Augen ja gar nicht empor und aß fast gar nichts. Das gefiel Kolja: er hatte bis dahin gefürchtet, daß er vielleicht ein strenger und böser Lehrer sein werde. Auch Valentine Michailowna blickte von Zeit zu Zeit auf Neshdanow.

»Er hat das Aussehen eines Studenten – dachte sie – und ist wohl nicht viel unter Menschen gewesen, aber das Gesicht ist interessant und auch die Farbe der Haare so originell, wie bei jenem Apostel, den die alten italienischen Meister stets mit rothem Haar abgebildet, – auch die Hände sind rein.« Es sahen übrigens alle Tischgenossen aus Neshdanow, und es schien, als ob sie ihn in der ersten Zeit in Ruhe lassen, ihn gleichsam schonen wollten; er fühlte das und war zufrieden damit, obgleich es ihn zugleich auch erbitterte. Die Unterhaltung führten Kallomeyzew und Ssipjagin. Man sprach über die Semstwo, über den Gouverneur, über die Wegesteuer, die Loskaufs-Operationen, die gemeinschaftlichen Bekannten in Petersburg und Moskau, über das sich eben erst kräftig aufschwingende Lyceum des Herrn Katkow, über die Arbeiternoth, über die Strafen, aber auch über Bismarck, über den Krieg von 1866 und über Napoleon, den Kallomeyzew besonders herausstrich. Die Ansichten, die der junge Kammerjunker entwickelte, waren höchst retrograder Art; er war in seinen Reden endlich so weit gekommen, daß er – freilich nur in Form eines Scherzes – den Toast eines ihm bekannten Herrn auf einem Banket bei Gelegenheit einer Namenstagsfeier anführte: »ich bringe ein Hoch auf auf die einzigen Prinzipien, die ich anerkenne,« – hatte der erhitzte Gutsbesitzer ausgerufen – »die Peitsche und Roederer!«

Valentine Michailowna runzelte die Brauen und bemerkte, daß dieses ein Citat sei – de très mauvais gout – Ssipjagin sprach im Gegentheil höchst freisinnige Ansichten aus; in höflicher und ein wenig herablassender Weise widerlegte er Kallomeyzew und machte sich sogar über ihn lustig.

– Ihre Befürchtungen in Hinsicht der Bauern-Emanzipation, lieber Ssemen Petrowitsch – sagte er ihm unter Anderem – erinnern mich an ein Memorandum, das unser verehrter und vortrefflicher Alexei Iwanytsch Tweritinow im Jahre 1860 eingereicht und in allen Petersburger Salons vorgelesen hat. Wundervoll war namentlich die eine Phrase: wie der befreite russische Bauer nothwendiger Weise mit der Fackel in der Hand über den Boden des Vaterlandes hinschreiten würde! Man mußte es sehen, wie unser lieber Alexei Iwanowitsch, die Wänglein aufblasend und die Aeuglein aufreißend, mit dem kleinen Kindermunde die Worte hervorstieß: »Fackel! F-ackel! wird mit der F-ackel hinschreiten!« Nun, die Bauern-Emanzipation ist da . . . Wo ist denn der Bauer mit der Fackel geblieben?

– Tweritinow, entgegnete finsteren Tones Kallomeyzew, – hat sich nur darin geirrt, daß nicht die Bauern mit der Fackel in der Hand einherschreiten werden, sondern andere Leute!

Bei diesen Worten blickten Marianne und Neshdanow, der das Mädchen bis zu diesem Moment fast gar nicht beachtet hatte – sie saß ihm schräg gegenüber – plötzlich einander an, und sie fühlten sogleich, daß sie Beide, – dieses in sich gekehrte Mädchen und er – von demselben Schlage seien und denselben Ansichten huldigten. Sie hatte auf ihn nicht den geringsten Eindruck gemacht, als sie ihm von Ssipjagin vorgestellt worden war; weshalb hatte er sie denn gerade jetzt angeblickt? Er stellte sich gleich die Frage: ob es nicht schimpflich, nicht eine Schande sei, da zu sitzen und dergleichen Reden anzuhören, ohne zu protestiren und durch sein Schweigen Anlaß zu der Voraussetzung zu geben, daß er diese Ansichten theile? Neshdanow blickte von Neuem zu Marianne auf und es schien ihm, daß er in ihren Augen die Antwort auf seine Frage zu lesen habe: »wart’ noch ein wenig, jetzt ist nicht die Zeit dazu . . . es lohnt nicht der Mühe . . . später; wirst es ja jederzeit thun können . . . «

Es war ihm angenehm zu denken, daß sie ihn verstehe. Er wandte sich wieder der Unterhaltung zu. . . Valentine Michailowna war jetzt statt ihres Mannes in dieselbe eingetreten und äußerte sich noch freisinniger, noch radikaler als dieser. Sie konnte es nicht begreifen, »positiv nicht be . . . grei . . . fen,« wie ein gebildeter und junger Mann an dieser veralteten Anschauung festhalten könne!

– Ich bin übrigens überzeugt, – fügte sie hinzu, – daß es bei Ihnen nur Schönrednerei ist! Was Sie jedoch betrifft, Alexei Dmitritsch, – wandte sie sich mit verbindlichem Lächeln auf den Lippen zu Neshdanow – er war ganz erstaunt darüber, daß sein Tauf- und Vatername ihr bekannt waren – so weiß ich, daß Sie die Befürchtungen von Ssemen Petrowitsch nicht theilen: Boris hat mir Ihre Unterhaltung mit ihm während der Reise mitgetheilt.

Neshdanow erröthete, beugte sich über den Teller und murmelte ein paar unverständliche Worte: es war weniger Befangenheit, als vielmehr das Ungewohnte, mit so glänzenden Personen Worte zu wechseln. Frau Ssipjagin lächelte ihm noch immer zu; ihr Gemahl hielt gönnerhaft ihre Partie. . . Dagegen klemmte Kallomeyzew gemächlich sein rundes Monocle zwischen Augenbraue und Nase, und heftete den Blick auf das Studentlein, das seine Befürchtungen nicht zu theilen gewagt. Doch dadurch Neshdanow in Verwirrung zu bringen, war schwer; es geschah im Gegentheil, daß dieser sich aufrichtend den Kopf emporhob und auch seinerseits den Blick scharf auf den Beamten der großen Welt richtete: – und eben so plötzlich, wie er in Marianne eine Gesinnungsgenossin erkannt, sah er jetzt in Kallomeyzew seinen Feind! Das fühlte auch Kallomeyzew; er ließ das Monocle fallen, wandte sich ab und versuchte zu lächeln . . .; nur Anna Sacharowna, welche ihn insgeheim tief verehrte, hatte sich in Gedanken auf seine Seite gestellt, so daß sie den ungebetenen Nachbar, der sie von Kolja getrennt, noch mehr zu hassen begann.

Das Diner ging bald zu Ende. Die ganze Gesellschaft begab sich auf die Terrasse, um dort den Kaffee einzunehmen; Ssipjagin und Kallomeyzew zündeten Cigarren an; Ssipjagin offerirte auch Neshdanow eine echte Regalia, dieser schlug sie jedoch aus.

– Ach ja! – rief Ssipjagin; – ich hatte es vergessen: – Sie tauchen nur die eigenen Cigaretten!

– Ein merkwürdiger Geschmack, – bemerkte Kallomeyzew durch die Zähne.

Neshdanow wurde feuerroth – »den Unterschied zwischen einer Regalia und einer Cigarette kenne ich sehr gut, aber ich will Niemandem verpflichtet sein« – wäre ihm fast entfahren . . . Er hielt jedoch an sich, aber zugleich schrieb er auch diese zweite Grobheit in das »Debet« des Feindes.

– Marianne! – rief Valentine Michailowna plötzlich mit lauter Stimme aus; – mach’ doch keine Umstände vor unserm neuen Hausgenossen gegenüber . . . rauche mit Gott Deine Pachitos. Dazu ist um so weniger Grund vorhanden – fügte sie, sich zu Neshdanow wendend, hinzu – da ja in Ihren Kreisen alle Damen, wie ich gehört habe, rauchen.

– Ganz recht, – antwortete Neshdanow trocken: – Das war das erste Wort, das er an Frau Ssipjagin richtete.

– Ich rauche aber gar nicht, – fuhr sie, die sammetnen Augen freundlich zusammendrückend, fort . . . – Ich bin hinter dem Jahrhundert zurückgeblieben.

Marianne nahm langsam und bedächtig, der Tante gleichsam zum Trotz, zuerst eine Pachitos, daraus das Kästchen mit den Zündhölzchen und begann dann zu rauchen. Neshdanow tauchte ebenfalls eine Papiros, indem er sich bei Marianne Feuer holte.

Es war ein prachtvoller Abend. Kolja und Anna Sacharowna begaben sich in den Garten; die Uebrigen blieben, die schöne Luft genießend, noch fast eine Stunde auf der Terrasse. Man unterhielt sich überaus lebhaft. . . Kallomeyzew griff die Literatur an; Ssipjagin bewahrte auch hier seinen Freisinn, vertheidigte ihre Unabhängigkeit, suchte ihre Nützlichkeit zu beweisen, erwähnte sogar Chateaubriand’s, indem er darauf hinwies, daß der Kaiser Alexander Pawlowitsch ihm den St. Andreas-Orden verliehen! Neshdanow blieb dem Streite fern und Valentine Michailowna sah ihn mit einem Ausdruck an, als ob sie seine bescheidene Zurückhaltung einerseits billige, andererseits aber – sich darüber ein wenig wundere.

Zum Thee gingen Alle wieder in’s Gastzimmer hinüber.

– Wir haben die schlechte Gewohnheit, Alexei Dmitritsch, – sagte Ssipjagin zu Neshdanow, – des Abends Karten zu spielen, und noch dazu ein verbotenes Spiel. . . stellen Sie sich vor, das Pharao. Ich fordere Sie nicht auf. . . Marianne wird übrigens so gut sein und uns etwas vorspielen. Ich hoffe, Sie lieben die Musik. Ja? Und ohne die Antwort abzuwarten, ergriff Ssipjagin die Karten. Marianne setzte sich an’s Klavier und spielte, weder gut, noch schlecht, einige »Lieder ohne Worte« von Mendelssohn – Charmant! Charmant! quel toaché! – schrie Kallomeyzew von weitem, wie mit heißem Wasser übergossen, auf; doch geschah dies nur aus Höflichkeit. Neshdanow besaß, ungeachtet der von Ssipjagin geäußerten Hoffnung, gar keine Liebe für Musik.

Unterdessen hatten sich Ssipjagin, seine Frau, Kallomeyzew und Anna Sacharowna an den Kartentisch gesetzt. . . . Kolja kam den Eltern gute Nacht zu wünschen und entfernte sich, nachdem er den Segen der Eltern und ein großes Glas Milch statt des Thees erhalten; der Vater rief ihm noch nach, daß der Unterricht bei Alexei Dmitritsch schon morgen beginnen werde. Als Ssipjagin nach Verlauf einiger Zeit bemerkte, daß Neshdanow allein in der Mitte des Zimmers saß und mit gespannten Mienen in einem photographischen Album blätterte, rief er ihm zu, daß er durchaus keine Umstände machen und in sein Zimmer gehen möge, da er doch wahrscheinlich von der Reise müde sein werde und daß in seinem Hause die Devise Freiheit herrsche.

Neshdanow machte von der Erlaubniß Gebrauch und verließ, nachdem er sich von Allen verabschiedet, das Zimmer; in der Thür stieß er auf Marianne und empfand von Neuem, indem er ihr in die Augen blickte, daß er mit ihr wie mit einem guten Freunde leben werde, obgleich sie bei dieser Begegnung ganz ernst geblieben war und sogar die Brauen gerunzelt hatte.

Er fand sein Zimmer von duftiger Frische erfüllt: die Fenster waren den ganzen Tag offen geblieben. Im Garten schlug, seinem Fenster gerade gegenüber, kurz und klangvoll die Nachtigall, der nächtliche Himmel leuchtete warm über den abgerundeten Wipfeln der Linden in dem Schein des eben aufsteigenden Mondes. Neshdanow zündete ein Licht an; ein Schwarm von kleinen grauen Nachtfaltern drang aus dem dunklen Garten in’s Zimmer und kreiste und schwirrte um das Licht, der Wind aber trieb sie immer von Neuem von der blau-gelben, flackernden Flamme fort.

»Es ist doch merkwürdig!« dachte Neshdanow, bereits im Bette . . . »Es sind doch, wie es scheint, gute, freisinnige, sogar humane Menschen . . . und doch ist das Herz so schwer. Kammerherr Kammerjunker . . . Nun, über Nacht kommt Rath . . . Fort mit der Sentimentalität.«

In diesem Augenblick schlug der Wächter im Garten laut und hartnäckig an das Brett – es ertönte sein gedehnter Ruf: »Acht—u—ung!«

– Paß a—auf! – antwortete eine andere allmählich verhallende Stimme.

– Herr, mein Gott! – als ob man in der Festung wäre!




Achtes Capitel


Neshdanow erwachte sehr früh, kleidete sich rasch an, ohne den Diener abzuwarten, und stieg in den Garten hinab. Der Garten war groß und schön und wurde vortrefflich unterhalten. Gemiethete Arbeiter reinigten mit Schaufeln die Wege, von dem hellen Grün der Gewächse hoben sich die rothen Kopftücher der harkenden Bauernmädchen ab. Neshdanow war bis an den Teich gekommen: der Morgennebel hatte sich bereits verzogen, nur hie und da erhoben sich in den schattigen Uferbuchten noch dunstige Flocken. Die noch niedrig am Himmel stehende Sonne warf rosige Streiflichter auf die breite, seidige, bleifarbene Wasserfläche. Mehrere Zimmerleute machten sich an einem Floß zu schaffen; hier schaukelte auch ein neues, bunt gestrichenes Boot und theilte seine Bewegung dem sich kräuselnden Wasser mit. Nur selten vernahm man gleichsam verhaltene menschliche Stimmen: überall fühlte man sich von der Morgenstille und von dem rüstigen, steten Gange der Morgenarbeit, von der Ruhe und der Regelmäßigkeit geordneten Lebens angeweht. Und da stand nun Neshdanow plötzlich am Kreuzungsweg der Alleen der personifizirten Ordnung und Regelmäßigkeit selbst gegenüber – da stand Ssipjagin vor ihm.

Er war in einem erbsfarbenen Rock in Form eines Schlafrockes, in einer bunten Mütze und stützte sich auf ein englisches Bambusrohr; sein eben rasirtes Gesicht athmete zufriedene Selbstgenügsamkeit; er hatte sich aufgemacht, sein Gut zu besichtigen Ssipjagin begrüßte Neshdanow in freundlich höflicher Weise.

– Ah! – rief er aus; – ich sehe, Sie gehören zu den Jungen und Frühzeitigen! Er wollte mit dieser nicht ganz passenden sprichwörtlichen Redensart wahrscheinlich seine Billigung ausdrücken, daß Neshdanow, wie er selbst, sich früh aus dem Bette gemacht. – Wir trinken um acht Uhr Alle zusammen im Eßzimmer den Morgenthee und frühstücken dann um zwölf Uhr; um zehn Uhr werden Sie Kolja die erste Stunde in der russischen Sprache geben, um zwei Uhr aber – in der Geschichte. Morgen am 9. Mai ist sein Namenstag und die Stunden werden ausfallen; heute aber bitte ich den Unterricht zu beginnen!

Neshdanow neigte den Kopf – Ssipjagin aber verabschiedete sich von ihm nach französischer Art, indem er die Hand erhob und dieselbe mehrere Mal rasch an Lippen und Nase führte – und ging dann pfeifend und das Rohr keck schwingend weiter – nicht wie ein hochangesehener Beamter oder Staatsmann – sondern wie ein gutmüthiger russischer country-gentleman.

Bis acht Uhr blieb Neshdanow im Garten, sich im Schatten der alten Bäume an der Frische der Luft und am Gesang der Vögel erfreuend; dann rief ihn der kläglich gedehnte Laut des Gong in’s Haus zurück, wo im Eßzimmer bereits Alle versammelt waren. Valentine Michailowna war gegen ihn sehr freundlich; in ihrem Morgenkleide erschien sie ihm geradezu als ein bildschönes Weib. Das Antlitz Mariannen’s drückte die gewöhnliche in sich gekehrte Strenge aus. – Genau um zehn Uhr gab Neshdanow seine erste Stunde im Beisein von Valentine Michailowna: sie erkundigte sich zuerst, ob sie nicht vielleicht störe und verhielt sich die ganze Zeit über sehr bescheiden und zurückhaltend. Es erwies sich, daß Kolja ein sehr aufgeweckter Knabe war; nach dem ersten unvermeidlichen und unbehaglichen Umhertasten nahm die Stunde einen glücklichen Verlauf. Valentine Michailowna schien mit Neshdanow überaus zufrieden und begann sogar mehrmals mit ihm zu sprechen. – Er blieb steif . . . doch nicht allzusehr. Valentine Michailowna war auch bei der zweiten, der russischen Geschichts-Stunde zugegen. Lächelnd erklärte sie, daß sie in dieser Beziehung nicht weniger eines Lehrers bedürfe, als ihr Kolja – und verhielt sich ebenso zurückhaltend und bescheiden wie während der ersten Stunde. Von drei bis fünf Uhr saß Neshdanow in seinem Zimmer, schrieb an die Freunde in St. Petersburg, und fühlte sich ziemlich behaglich: die Langeweile war verschwunden, auch das Unbehagen; die erregten Nerven kamen allmählich zur Ruhe. Sie wurden während des Mittags von Neuem in Spannung versetzt, obgleich Kallomeyzew abwesend war und auch die freundlich entgegenkommende Haltung des Hausherrn unveränderlich dieselbe blieb; aber dies Entgegenkommen eben ärgerte Neshdanow. – Dazu kam noch, daß seine Nachbarin, das alte Fräulein Anna Sacharowna, ihm offenbar feindselig gesinnt war und ein böses Gesicht machte; Marianne aber von ihrem Ernst nicht lassen wollte, und daß selbst Kolja ihn schon etwas ungenirt mit den Füßen stieß. Ssipjagin schien auch nicht recht bei Laune zu sein. Er war mit dem Leiter seiner Papierfabrik unzufrieden, einem Deutschen, den er für schweres Geld engagirt hatte. Er begann auf alle Deutschen überhaupt zu schmähen, erklärte, daß er bis zu einem gewissen Grade Slavophile sei, wenn auch kein Fanatiker, wies auf einen jungen Russen, einen gewissen Ssolomin hin, der, wie es hieß, der Fabrik eines benachbarten Kaufmanns in ausgezeichneter Weise vorstehen solle und äußerte den Wunsch, die Bekanntschaft dieses Ssolomin zu machen. Am Abend erschien Kallomeyzew, dessen Gut nur zehn Werst von »Arshanoje« – so hieß Ssipjagins Dorf – entfernt war. Dann erschien noch ein Friedens-Vermittler, einer von jenen Gutsbesitzern, die Lermontow in zwei bekannten Versen treffend charakterisirt hat:

		Im Halstuch verborgen, im Frack ellenlang . .
		Mit Schnauzbart, Diskantstimm’ und unsicherem Blick . . .

Es kam noch ein anderer Nachbar mit gedrücktem Ausdruck in dem zahnlosen Gesicht, der jedoch sehr gut gekleidet war; endlich auch der Kreisarzt, ein sehr schlechter Arzt, der aber mit gelehrten Ausdrücken um sich zu werfen liebte: er versicherte zum Beispiel, daß er Kukolnik – Puschkin vorziehe, weil in Kukolnik viel »Protoplasma« anhalten sei. Man setzte sich an den Kartentisch – Neshdanow begab sich auf sein Zimmer – und las und schrieb bis lange nach Mitternacht.

Am folgenden Tages, am 9. Mai, wurde Kolja’s Namenstag gefeiert. Die »Herrschaft« begab sich mit dem ganzen Hausstand in drei offenen Kaleschen mit Dienern hinten auf dem Tritt zur Messe in die Kirche, obgleich es nur ein viertel Werst bis dahin war. Alles ging höchst prächtig und feierlich zu. Ssipjagin hatte sich ein Ordensband umgelegt, Valentine Michailowna ein wunderschönes, in Paris verfertigtes Kleid von der Farbe blaß-blauer Syringen angezogen. Während der Messe las sie aus einem in karmoisin-rothen Sammet gebundenen Gebetbüchlein; durch dieses Büchlein lenkte sie den Unwillen der älteren Besucher der Kirche auf sich, so daß Einer unter denselben sich nicht enthalten konnte, seinen Nachbar zu fragen: »Was thut sie denn da, verzeih’ mir Gott die Sünde, hext sie, oder was?« – Der die Kirche erfüllende Blumenduft vermischte sich mit dem scharfen Geruch der neuen, geschwefelten Kittel, der getheerten Stiefel und Schuhe, und über allen diesen Dünsten schwebte noch der beklemmende Duft des Weihrauchs. Küster und Meßner sangen beide mit besonderem Eifer. Unter Beihilfe der Fabrikarbeiter, die sich zu ihnen gesellt, ließen sie es sich sogar entfallen, ein förmliches Concert zu geben! Es kam ein Augenblick, wo es allen Anwesenden . . . ganz bang zu Muthe wurde. Der Tenor, ein Fabrikarbeiter Namens Klim, der sich bereits im höchsten Stadium der Schwindsucht befand, begann plötzlich ganz allein, ohne jede Unterstützung, allerlei musikalische Figuren in Dur und Moll und auch in chromatischer Folge auszuführen – sie waren schrecklich, diese Töne – wenn ihm die Stimme versagt hätte, wäre es gleich mit dem ganzen Concert zu Ende gewesen. . . Aber die Sache lief doch noch . . . so ziemlich ab. Vater Cyprian, ein Priester von höchst würdevollem Aussehen, mit Nabédrennik[3 - Ein länglich-viereckiges, an der Hüfte herabhängendes Stück Goldstoff mit einem Kreuz in der Mitte.] und Kamiláwka,[4 - Eine emporstehende Kopfbebeckung von violettem Sammet für Weltgeistliche, von schwarzem – für Klostergeistliche.] aus einem Heft eine sehr erbauliche Predigt ab; leider hatte der eifrige Geistliche es jedoch für nöthig gehalten, einige ganz wunderliche Namen assyrischer Könige anzuführen, deren Aussprache ihm große Schwierigkeiten bereitete und ihn – obgleich er dabei eine gewisse Gelehrsamkeit allerdings entwickelte – weidlich schwitzen machte! Neshdanow, der schon lange in keiner Kirche gewesen, hatte sich in eine Ecke zu den Weibern zurückgezogen. Diese schienen ihn, sich eifrig bekreuzend, tief verneigend und den Kleinen ehrbar die Nase abwischend, kaum zu beachten, dafür aber schauten die Bauermädchen in ihren neuen Kleidern, mit den Perlenschnüren um die Stirn und die Bauernknaben in ihren Hemden mit den verzierten Schulterstücken und rothen Achselzwickeln den neuen Kirchengänger um so neugieriger an – . . . Auch Neshdanow sah sie an – und allerlei Gedanken gingen ihm durch den Kopf-

Nach dem Gottesdienste, der sehr lange dauerte – der Gottesdienst am Tage des heiligen Nikolaus des Wunderthäters ist bekanntlich einer der längsten der orthodoxen Kirche – begab sich die ganze Geistlichkeit, von Ssipjagin aufgefordert, in das herrschaftliche Haus, worauf ihr nach einigen, dem Tage angemessenen Ceremonien und nach Besprengung der Zimmer mit heiligem Weihwasser, ein mit Allem im Ueberfluß versehenes Frühstück vorgesetzt wurde. Während desselben wurden die üblichen, wohlmeinenden und ehrbaren, aber ein wenig ermüdenden Reden gewechselt. Obgleich Ssipjagin und Frau niemals um diese Zeit zu frühstücken pflegten, so nahmen sie doch von Diesem und Jenem der Speisen und nippten auch ein wenig vom Wein, Ssipjagin gab sogar eine komische Anekdote zum Besten, die in Anbetracht seines rothen Bandes und seiner Würde einen höchst effectvollen Eindruck machte und in Vater Cyprian sogar ein aus Dankbarkeit und Staunen gemischtes Gefühl hervorrief. Um nicht zurückzubleiben – um zu zeigen, daß auch er bei Gelegenheit etwas Wissenswürdiges mittheilen könne – erzählte Vater Coprian seine Unterhaltung mit dem Erzbischof, als derselbe, seine Eparchie bereisend, alle Geistlichen in die Stadt in’s Kloster berief. – Er ist ein gestrenger, sehr gestrenger Herr, – versicherte Vater Cyprian; – zuerst erkundigte er sich nach der Gemeinde, nach den Zuständen . . . dann ging er zum Examen über. . . So wandte er sich auch an mich: Wann feierst Du dein Kirchweihfest? – Am Tage der Verklärung Christi, antwortete ich. – Kennst Du auch den Lobgesang dieses Tages? – Wie sollte ich ihn nicht kennen! – Laß hören! – Nun, ich fange also zu singen an; »Sintemal Du Christe, unser Heiland auf dem Berge verkläret bist. . . « Halt! Was bedeutet das Wort: Verklärung, und was versteht man darunter? – Ich sage also ganz einfach: Christus wollte seinen Jüngern von seiner Herrlichkeit Zeugniß geben! – Gut, sagte er; da hast Du ein kleines Heiligenbild zum Andenken. – Ich falle ihm zu Füßen: ich danke Dir, Oberhirt! . . . Und so ging ich, nicht mit leeren Magen, von dannen!

– Ich habe die Ehre Se. Eminenz persönlich zu kennen, – bemerkte Ssipjagin mit einer gewissen Wichtigkeit. – Ein höchst würdiger Seelenhirt!

– Höchst würdig! – bestätigte Vater Cyprian. – Er sollte nur den Pröbsten weniger trauen. . .

Valentine Michailowna that der Volksschule Erwähnung und wies dabei auf Marianne, als auf die zukünftige Lehrerin, hin; der Diakon – ihm war die Oberaufsicht über die Schule anvertraut – ein Mann von athletischer Körperbildung mit bang herabwallendem Haar, das entfernt an den schön gestrichenen Schweif eines Orlow’schen Renners erinnerte, wollte seine Billigung aussprechen, platzte aber, der Macht seiner Kehle uneingedenk, so laut heraus, daß er selbst zusammenfuhr und auch die Anderen erschreckte. – Bald darauf entfernten sich die Geistlichen.

Kolja war in seinem neuen Jäckchen mit den goldenen Knöpfen der Held des Tages; man machte ihm Geschenke, gratulirte ihm, küßte ihm die Hände sowohl an der vorderen als an der hinteren Hausthür: Fabrikarbeiter, Knechte, alte Frauen, Mädchen und Bauern; die Letzten drängten sich meist vor dem Hause in alter, noch von den Zeiten der Leibeigenschaft her gewohnter Weise, mit dumpfen Getöse um die mit warmem Gebäck und Branntweinflaschen besetzten Tische. – Und Kolja selbst, er schien so froh, so stolz zu sein, und dann wieder so schüchtern, so beschämt und er schmiegte sich bald an die Eltern, bald lief er hin und her. . . Beim Mittagessen ließ Ssipjagin Champagner bringen und hielt, bevor er auf die Gesundheit des Sohnes trank, eine Rede. Er sprach darüber, was es heiße: »dem Lande dienen,« – welches der Weg sei, von dem er wünsche, daß ihn Nikolai – so nannte er jetzt feierlich seinen Sohn – einschlagen möge, und was von ihm erstens: – die Familie, zweitens: – der Stand, die Gesellschaft, drittens: – das Volk, ja, meine Herren, das Volk! und viertens: – die Regierung zu erwarten berechtigt seien. Sich allmählich immer mehr steigernd, schwang sich Ssipjagin zur Höhe der Beredtsamkeit empor, wobei er die Hand, nach dem Vorgange Robert Peel’s, beständig nach hinten in die Rocktasche steckte; er gerieth endlich in Entzücken bei dem Worte »Wissenschaft« und schloß seine Rede mit dem lateinischen Ausruf: »Laboremus!« den er auch gleich in’s Russische übersetzte. Kolja machte mit dem Pokal in der Hand die Runde um den Tisch, dem Vater zu danken und sich mit Allen zu küssen.

Neshdanow’s und Mariannen’s Blicke begegneten sich während des Mittagessens zu wiederholten Malen. Sie schienen dasselbe zu empfinden. . . Sie sprachen jedoch nicht mit einander.

Neshdanow empfand, daß Alles, was er da zu sehen und zu hören bekam, eher komisch und unterhaltend, als zornerregend und widerwärtig war. Valentine Michailowna aber, die liebenswürdige Hausfrau, war in seinen Augen eine kluge Dame, die da wußte, daß sie Komödie spielte, sich zugleich darüber freute, daß noch ein anderer Mensch vorhanden war, – ebenso klug und verständig, – der ihr Benehmen begreifen konnte. Neshdanow merkte es selbst nicht, wie sehr es seiner Eitelkeit schmeichelte, daß sie so zuvorkommend freundlich gegen ihn war.

Am folgenden Tage fing der Unterricht wieder von Neuem an und nun rollte das Leben in geregeltem Gleise dahin.

Unmerklich verging eine Woche. . . . Das Bruchstück eines Briefes an einen gewissen Ssilin, einen früheren Schulkameraden und seinen besten Freund, kann einen Begriff davon geben, was Neshdanow in dieser Zeit empfand und dachte. Dieser Ssilin lebte nicht in Petersburg, sondern in einer entfernten Gouvernementsstadt bei einem wohlhabenden Verwandten, von dem er in jeder Beziehung abhängig war. Die Verhältnisse hatten sich so gestaltet, daß er nicht einmal daran denken konnte, sich denselben jemals entwinden zu können; er war ein schüchternen schwächlicher Mensch, und gerade nicht besonders begabt, aber offenbar eine reine Seele. Um Politik kümmerte er sich nicht, las dies und jenes Buch, spielte in seinen Mußestunden auf der Flöte und fürchtete sich vor den jungen Fräuleins. Ssilin war Neshdanow leidenschaftlich zugethan – er schloß sich überhaupt leicht an Menschen an. Vor Niemandem pflegte Neshdanow sein Herz so rückhaltlos auszuschütten, wie vor Wladimir Ssilin; wenn er ihm schrieb, schien es ihm immer, daß er zu einem ihm sehr nahe stehenden, sehr bekannten Wesen spräche – aber zu einem in einer andern Welt lebenden Wesen oder zu seinem eigenen Gewissen. Neshdanow hatte sich keine Vorstellung davon machen können, wie er mit Ssilin von Neuem in derselben Stadt auf kameradschaftlichem Fuße würde leben können. Er hätte ihn vielleicht mit Kälte behandelt: sie hatten nur wenig mit einander gemein; aber er schrieb ihm gern und viel – und rückhaltlos. Andern gegenüber pflegte er, – auf dem Papier wenigstens – sich gewissermaßen herauszustreichen; wenn er aber an Ssilin schrieb – niemals! Die Feder schlecht führend, vermochte Ssilin ihm nur in kurzen, ungeschickten Worten zu antworten; aber Neshdanow bedurfte auch nicht der ausführlichen Antwort: er wußte, daß sein Freund jedes seiner Worte in sich aufsauge wie der Staub am Wege die Regentropfen, daß er seine Herzensergießungen wie ein Helligthum geheim halte – in tiefer unabwendbarer Einsamkeit verkümmernd, nur lebend in der Nachempfindung seines, des Freundes Lebens. Gegen Niemand in der Welt hatte sich Neshdanow jemals über dieses Verhältniß zu Ssilin ausgesprochen, das er überaus hoch hielt. »Nun Freund,« schrieb er ihm. – »Du reiner Wladimir!« – so pflegte er ihn stets zu nennen, und zwar mit Recht – »gratulire mir: jetzt habe ich Futter bekommen und kann ein wenig ausruhen und meine Kräfte sammeln. Ich habe bei einem reichen Würdenträger, Namens Ssipjagin, eine Stelle angenommen, unterrichte seinen Sohn, esse prächtig – so habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gegessen – schlafe herrlich, tummle mich nach Herzenslust in der schönen Umgegend – vor Allem aber: ich habe mich auf kurze Zeit von der Vormundschaft der Petersburger Freunde befreit; und wenn am Anfang auch die Langeweile gründlich an mir genagt hat, so ist es mir jetzt doch leichter um’s Herz geworden. Bald werde ich in das Dir bekannte Joch kriechen müssen, das heißt: ich muß ziehen, da ich mich habe einspannen lassen, fürs Erste aber kann ich das Leben physisch vollauf genießen, an Umfang zunehmen – und meinetwegen dichten, wenn die Lust dazu kommt. Die sogenannten Beobachtungen werden bis auf eine gelegenere Zeit aufgespart: das Gut scheint mir vortrefflich bewirthschaftet, vielleicht, daß es um die Fabrik ein wenig faul steht; die nach dem Loskauf abgefundenen Bauern sehen unzugänglich aus; die auf dem Gute dienenden Leute dagegen haben Physiognomien von einemComme il faut!Aber wir werden die Sachen später untersuchen. Die Herrschaft – das sind höfliche, liberale Leute; der gnädige Herr ist so herablassend, so herablassend – dann aber schwingt er sich plötzlich empor: ein höchst gebildeter Mann! Die gnädige Frau – ist schön wie ein Bild und scheint ihre fünf Sinne beisammen zu haben: sie lauert nur darauf, daß sie Dich packt, – ist aber so weich – als ob sie keine Knochen hätte! Ich fürchte mich vor ihr: Du weißt, was ich für ein Damencavalier bin! – Es sindnoch Nachbarn da – garstige Leute; eine alte Frau, die mir feindlich gesinnt ist . . . Am meisten interessirt mich aber ein junges Mädchen, eine Verwandte, Gesellschafterin – Gott weiß! – mit der ich kaum zwei Worte gesprochen habe, die aber, ich fühle es, aus meinem Holz gezimmert ist . . .«

Hierauf folgte eine Schilderung des Aeußeren von Marianne – ihres ganzen Wesens; dann fuhr er fort:

»Daß sie unglücklich, stolz, eigenliebig, verschlossen, namentlich aber unglücklich ist – unterliegt keinem Zweifel. Weshalb sie unglücklich ist – weiß ich noch nicht. Daß sie eine ehrenhafte Natur ist – ist mir klar; ob sie gut ist – das ist noch die Frage. Giebt es denn auch vollkommen gute Frauen – wenn sie nicht dumm sind? Und sind solche denn überhaupt nöthig? Ich kenne übrigens die Frauen nur wenig. Von Frau Ssipjagin wird sie nicht geliebt . . . Und auch sie zahlt ihr mit derselben Münze . . . Wer von den Beiden Recht hat, – ist mir unbekannt. Ich denke, daß eher Frau Ssipjagin im Unrecht ist . . . da sie schon fast zu höflich gegen sie ist; bei Dieser zucken hingegen sogar die Brauen, wenn sie mit ihrer Patronin spricht. Ja; ein sehr nervöses Wesen, das paßt auch zu mir. Aus der Art geschlagen ist sie ebenso wie ich, – wenn auch wahrscheinlich in anderer Weise.

Wenn sich Alles ein wenig entwirrt haben wird – schreibe ich Dir . . .

Wir sprechen fast nie miteinander, wie ich Dir schon gesagt habe; aber aus den wenigen Worten, die sie an mich gerichtet – immer plötzlich und unerwartet – tönt eine gewisse herbe Aufrichtigkeit . . . Das ist mir angenehm.

Was mir dabei einfällt: hast Du bei Deinem Anverwandten noch immer dieselbe schmale Kost? – und denkt er nicht daran, in’s Jenseits hinüberzugehen?

Hast Du im »Europäischen Boten« den Aufsatz über die letzten Prätendenten im Gouvernement Ostenburg gelesen? Das war im Jahre 1834, Freund! Ich liebe diese Zeitschrift nicht – auch gehört der Verfasser zu den Konservativen; es ist aber ein interessanter Artikel und kann verschiedene Ideen anregen . . .




Neuntes Capitel


So war die erste Hälfte des Monats Mai vorübergegangen, es kamen die ersten heißen Sommertage – Nachdem Neshdanow seine Geschichtsstunde gegeben, begab er sich in den Garten und ging dann in das Birkenwäldchen hinüber, welches an der einen Seite an den Garten stieß. Einen Theil dieses Wäldchens hatten die Kaufleute vor ungefähr fünfzehn Jahren ausgeholzt; jetzt schossen überall junge Birkenstämme an den lichten Stellen empor. Wie kleine, von mattem Silberglanz zart angehauchte, mit grauen Ringen geschmückte Säulen erhoben sich die dicht aneinandergedrängten Bäumchen; in freudiger Gemeinschaft grünten und glänzten die feinen Blätter, als hätte sie Jemand gewaschen und mit Lack überzogen; durch die gleichförmig dicke Schicht der am Boden liegenden gelbrothen Herbstblätter brachen die Halme der Frühlingsgräser wie spitze Zünglein hindurch. Der ganze Hain war von schmalen Fußwegen durchschnitten. Einen scharfen durchdringenden Ton hervorstoßend, flogen ununterbrochen schwarze Misteldrosseln dicht an der Erde über diese Wege hin, als wenn sie Jemand aufgescheucht hätte, – und stürzten kopfüber in’s Dickicht. Nachdem er vielleicht eine halbe Stunde im Walde sich ergangen, setzte sich Neshdanow auf einen Baumstumpf, um den noch graue Holzspähne herumlagen: wie sie einst unter dem Schlag der Axt gefallen waren, so umgaben sie noch jetzt in Haufen zerstreut den Baumstumpf. Oft war der Winterschnee über sie gefallen – und war im Frühling wieder hinweggeschmolzen, und Niemand hatte an ihnen gerührt. Neshdanow saß im tiefen, aber kurzen Schatten einer Wand von jungen Birken; er dachte an Nichts, gab sich aber voll und ganz jener eigenthümlichen Frühlingsempfindung hin, welche bei Jung und Alt mit einer gewissen Wehmuth verbunden ist mit der Wehmuth gespannter Ermattung – bei der Jugend, mit der stillen Wehmuth der Trauer – beim Alter . . .

Neshdanow vernahm plötzlich ein Geräusch wie von herannahenden Schritten.

Es waren nicht eines Menschen Schritte – es war auch kein Bauer in Bastschuhen oder ein barfüßiges Weib. Es schienen zwei Menschen langsamen, gleichmäßigen Schrittes nebeneinander herzugehen . . . Er glaubte ein Frauenkleid rauschen zu hören. . .

Da drang plötzlich der Ton einer dumpfen Männerstimme an sein Ohr.

– Es ist Ihr letztes Wort? Niemals?

– Niemals! – wiederholte eine Neshdanow bekannt klingende Frauenstimme – und gleich darauf bog um die Ecke des Weges, der hier einen Winkel bildete – Marianne in Begleitung eines Menschen mit schwarzen Augen und brauner Gesichtsfarbe, den er noch nie gesehen hatte.

Wie erstarrt blieben sie stehen, als sie Neshdanow gewahr wurden; – dieser aber war so bestürzt, daß er sich nicht einmal von dem Baumstumpf, auf welchem er saß, zu erheben vermochte . . . Marianne erröthete über das ganze Gesicht – verzog jedoch sogleich die Lippen zu einem verachtungsvollen Lächeln . . . Auf wen bezog sich dieses Lächeln – auf sie selbst, weil sie erröthet – oder auf Neshdanow? . . . Ihr Begleiter aber runzelte die dichten Brauen – und warf Neshdanow aus dem gelblichen Weiß der unstäten Augen einen ergrimmten Blick zu. Dann schaute er zu Marianne auf – worauf sich Beide, Neshdanow den Rücken kehrend, ohne ihre Schritte zu beschleunigen, schweigend entfernten, während ihnen Dieser noch immer mit denselben verwunderten Augen nachblickte.

Als Neshdanow eine halbe Stunde darauf nach Hause zurückkehrte, begab er sich auf sein Zimmer, – und als er nun, durch das Gong gerufen, in’s Wohnzimmer trat, erblickte er daselbst den schwarzäugigen Unbekannten, auf den er im Birkenhain gestoßen war. Ssipjagin führte Neshdanow zu ihm und stellte den Fremden – Ssergei Michailowitsch Markelow – als seinen beau-frère, einen Bruder von Valentine Michailowna vor.

– Bitte einander in Freundschaft und Liebe gewogen zu sein, meine Herren! – sagte Ssipjagin mit dem ihm eigenen majestätisch-freundlichen und doch zugleich zerstreuten Lächeln.

Markelow verneigte sich schweigend, Neshdanow gleichfalls . . . Ssipjagin aber trat, den kleinen Kopf zurückwerfend und mit den Schultern zuckend, bei Seite, als wollte er sagen: – »ich habe Euch zusammengebracht, ob Ihr einander aber wirklich in Liebe und Freundschaft zugethan sein werdet, das ist mir ziemlich gleich!«

Darauf näherte sich Valentine Michailowna dem noch immer regunglos dastehenden Paare, stellte sie von Neuem einander vor – und begann nun mit einem besonders freundlichen und hellen Blick in den wunderbaren Augen, die gleichsam auf Befehl zu leuchten verstanden, mit dem Bruder zu sprechen.

– Du scheinst uns ja ganz vergessen zu haben, eher cher Serge! Sogar Kolja’s Namenstag hast Du vorübergehen lassen, ohne zu uns zu kommen. Oder bist Du so beschäftigt? – Er führt da irgend ein neues System ein, – wandte sie sich zu Neshdanow, – ein höchst originelles System: seine Bauern erhalten von Allein drei Viertel, er selbst – nur ein Viertel; er findet aber, daß er auch so noch zu viel bekommt.

– Die Schwester liebt zu scherzen – wandte sich seinerseits Markelow zu Neshdanow: – aber ich könnte ihr beistimmen; es ist in der That viel, wenn ein Mensch ein Viertel von dem erhält, was hundert Menschen angehört.

– Sie aber, Alexei Dmitrijewitsch, haben Sie auch bemerkt, daß ich zu scherzen liebe? – fragte Valentine Michailowna mit derselben freundlichen Milde in Blick und Stimme.

Neshdanow wußte nicht, was er ihr antworten solle – da meldete man die Ankunft Kallomeyzew’s. Frau Ssipjagin ging ihm entgegen; – bald darauf erschien der Kammerdiener und kündigte mit singender Stimme an, daß das Essen bereit sei.

Während desselben mußte Neshdanow unwillkürlich immer wieder Marianne und Markelow anblicken. – Sie saßen nebeneinander, Beide mit zu Boden gesenkten Augen, mit zusammengepreßten Lippen, mit finsterem und ernstem, fast bösem Ausdruck im Antlitz. Neshdanow nahm namentlich das Eine Wunder: wie konnte Markelow der Bruder Frau Ssipjagin’s sein? – so wenig waren sie einander ähnlich. – Beide hatten vielleicht dieselbe dunkle Gesichtsfarbe; aber der zartbräunliche matte Ton der Arme, der Schultern, des Antlitzes von Valentine Michailowna bildete eben das Bezaubernde an ihrer Erscheinung . . . bei dem Bruder hingegen ging Alles in jenes Schwarz über, das höfliche Leute bronzefarben zu nennen lieben, welches aber das russische Auge an – einen Stiefelschaft erinnert. Markelow hatte krauses Haar, eine etwas gebogene Nase, dicke Lippen, eingefallene Wangen, einen eingedrückten Leib und sehnige Hände. Er war überhaupt sehnig und hager – und sprach mit metallischer, scharfer, durchdringender Stimme. Sein Blick war trübe, beinahe schläfrig – sein Aussehen finster, ein echter Griesgram!

Er aß nur wenig, und spielte statt dessen mit Brodkügelchen, die er auf dem Tische hin- und herrollte, indem er von Zeit zu Zeit einen flüchtigen Blick auf Kallomeyzew warf. Dieser war eben aus der Stadt gekommen, wo er bei dem Gouverneur gewesen – in einer für ihn, Kallomeyzew, nicht angenehmen Sache, was er jedoch sorgsam verschwieg.

Ssipjagin stieß ihn wie gewöhnlich vor den Kopf, wenn er zu weit ging, lachte jedoch von ganzem Herzen über seine Anekdoten und seine bon-mots, obgleich er fand – »pu’il est un affreux réaetionnairae.« Kallomeyzew behauptete unter Anderem, daß er in Entzücken gerathen sei über den Namen, den die russischen Bauern – oui, oui! les simples mougiks – den Advokaten gegeben. »Kläffer! Kläffer!« – wiederholte er mit Wonne: – ce people russe est délicieux! – Darauf erzählte er, wie er einst den Schülern einer Volksschule die Frage vorgelegt, was ein Struthiocamelus sei. – Und als Niemand diese Frage – zu beantworten verstand, nicht einmal der Lehrer, habe er eine zweite Frage an sie gerichtet: was ist ein Pithocium? – und zugleich auch einen Vers aus Chemnitzer citirt: »Pithecium, schwach an Geist, der Thiere Sein nachahmend!« – Aber auch jetzt vermochte ihm Niemand zu antworten. – Da haben Sie die Volksschule!

– Aber erlauben Sie, – bemerkte Valentine Michailowna, – ich weiß eben so wenig, was das für Thiere sind.

– Gnädige Frau! – rief Kallomeyzew aus, – Sie brauchen es auch nicht zu wissen.

– Weshalb braucht es denn das Volk zu wissen?

– Deshalb, weil es besser ist zu wissen, was ein Struthiocamelus und ein Pithecium ist, als mit irgend einem Proudhon oder gar Adam Smith bekannt zu sein!

Hier mischte sich Ssipjagin ein und bedeutete Kallomeyzew, daß Adam Smith einer von den Bannerträgern des menschlichen Denkens sei und daß es nur nützen könne, wenn man seine Prinzipien . . . – er goß sich Château d’Yquem in’s Glas – . . . mit der Muttermilch . . . – er führte das Glas an die Nase und zog die Blume des Weines ein – . . . einsaugen würde! – Er leerte sein Glas. Kallomeyzew folgte seinem Beispiel und lobte den Wein.

Markelow schien aus die Auslassungen des Petersburger Kammerjunkers nur wenig zu achten, warf jedoch zwei Mal einen fragenden Blick auf Neshdanow, wobei er das Brodkügelchen spielend von sich fortschleuderte, so daß es dem beredten Gaste fast an die Nase geflogen wäre . . .

Ssipjagin ließ seinen Schwager gewähren; Valentine Michailowna unterließ es gleichfalls, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen; – man sah es ihnen an, daß Beide gewohnt waren, Markelow für einen Sonderling zu halten, den man unbehelligt lassen müsse.

Nach dem Mittagessen begab sich Markelow in’s Billardzimmer, um dort seine Pfeife zu rauchen, Neshdanow aber zog sich in sein Zimmer zurück. – Im Korridor stieß er aus Marianne. Er wollte vorüber-gehen . . . durch eine rasche Handbewegung Mariannen’s aufgehalten, blieb er stehen.

– Herr Neshdanow, – begann sie mit nicht ganz fester Stimme. – es müßte mir eigentlich vollkommen gleichgültig sein, wie Sie von mir denken; ich meine jedoch . . . ich meine – sie konnte das Wort nicht finden – ich halte es für nothwendig, Ihnen zu sagen, daß, als Sie mich heute im Birkenhain mit Herrn Markelow erblickten . . . Sagen Sie, – Sie haben gewiß gedacht: weshalb waren sie so verwirrt und warum sind sie hierhergekommen – wie zu einem Stelldichein?

– Es kam mir in der That etwas wunderbar vor. . . wollte Neshdanow erwidern.

– Herr Markelow, – unterbrach ihn Marianne – hat mir einen Antrag gemacht; – und ich habe ihn ausgeschlagen. Das ist Alles, was ich Ihnen zu sagen hatte, und nun – leben Sie wohl und denken Sie von mir, wie Sie wollen.

Sie wandte ihm schroff den Rücken und eilte hastigen Schrittes von dannen.

Als er sein Zimmer betreten, setzte sich Neshdanow nachdenklich an das Fenster.

– Ein wunderliches Mädchen! – Und was soll dieser bizarre Einfall, diese unerbetene Aufrichtigkeit bedeuten? Was ist das? – Originalitätssucht – oder einfach Schönthuerei – oder Stolz? . . . Stolz – das wird wohl am richtigsten sein. Sie kann nicht die Spur eines Verdachts ertragen. . . Der Gedanke, daß man sie falsch beurtheilen könnte, läßt ihr keine Ruhe.

– Wunderliches Mädchen!

Während ihn diese Gedanken beschäftigten, hörte er, wie unten auf der Terrasse von ihm gesprochen wurde.

– Es spürt meine Nase – suchte Kallomeyzew Frau Ssipjagin zu überzeugen, – es spürt meine Nase, daß er zu – zu den Rothen gehört. In der Zeit, da ich noch – avec Ladislas – Beamter für besondere Aufträge beim General-Gouverneur von Moskau war, habe ich diese Herren – die Rothen – und auch die Raskolniks aufzuspüren gelernt. Es leitete mich mein Instinkt! – Und nun erzählte Kallomeyzew, wie er einst in der Umgegend von Moskau einen greisen Raskolnik, in dessen Hütte er mit der Polizei eingedrungen war, am Stiefelabsatz gepackt und festgehalten habe: »er wäre mir fast durch’s Fenster entsprungen . . . Und so ruhig hatte er, der Taugenichts, bis zu jenem Moment auf der Bank gesessen!«

Kallomeyzew vergaß aber hinzuzufügen, daß derselbe greise Raskolnik im Gefängniß jede Nahrung von sich gewiesen hatte – und Hungers gestorben war.

– Ihr neuer Lehrer, – fuhr der eifrige Kammerjunker fort – ist unbedingt ein Rother! Ist es Ihnen nicht aufgefallen, daß er niemals zuerst grüßt?

– Weshalb soll er denn auch zuerst grüßen? – bemerkte Frau Ssipjagin, – das gefällt mir gerade an ihm.

– Ich bin der Gast des Hauses, in welchem er dient – rief Kallomeyzew aus, – ja, ja, in welchem er dient, für Geld, comme un salarié . . . Ich stehe folglich über ihm. – Und daher muß er mich zuerst begrüßen.

– Sie fordern zu viel, mein liebenswürdiger Freund, – fiel Ssipjagin ein; – das riecht, – entschuldigen Sie – nach dem vorigen Jahrhundert. Ich habe nur seine Arbeit gekauft, er selbst ist ein freier Mensch geblieben.

– Die Zügel fühlt er nicht, – fuhr Kallomeyzew fort – die Zügel: le frein! So sind sie Alle – diese Rothen. Ich sage Ihnen – ich habe eine feine Nase! – Es könnte sich nur Ladislas in dieser Beziehung mit mir messen! – Wenn er nur mir in die Hände gerathen wäre, dieser Lehrer – ich würde ihn schon zappeln lassen! So würde ich ihn zappeln lassen! Einen anderen Ton würde er bei mir anschlagen; – und den Hut abnehmen würde er vor mir . . . eine wahre Pracht!

– Du Lump, Prahlhans! – wäre es Neshdanow beinahe entfahren . . . da that sich aber die Thür seines Zimmers auf und es trat – zu seiner nicht geringen Verwunderung – Markelow herein.




Zehntes Capitel


Neshdanow erhob sich und ging ihm entgegen. – Markelow richtete, ohne zu grüßen, sogleich die Frage an ihn, ob er in der That Alexei Dmitrijew Neshdanow, Student der St. Petersburger Universität sei.

– Ja . . . der bin ich, – antwortete Neshdanow.

Markelow zog darauf aus der Seitentasche seines Rockes einen entsiegelten Brief hervor.

– Dann lesen Sie. – Von Wassilij Nikolajewitsch, – fügte er mit gedämpfter Stimme hinzu.

Neshdanow nahm den Brief und begann zu lesen. Der Brief war etwa in der Art eines halboffiziellen Rundschreibens, in welchem Derjenige, der ihn vorzeige, Ssergei Markelow, als »Einer von den Unsrigen,« als eine des Vertrauens vollkommen würdige Person empfohlen wurde; dann folgte ein Hinweis auf die unaufschiebbare Nothwendigkeit gemeinsamen Handelns und eine Instruktion über die Verbreitung der bekannten Prinzipien.

Neshdanow reichte Markelow die Hand, bot ihm einen Stuhl und setzte sich gleichfalls. Markelow rauchte, ohne ein Wart zu sprechen, eine Cigarette an. Neshdanow folgte seinem Beispiel.

– Ist es Ihnen bereits möglich gewesen, mit den hiesigen Bauern Verbindungen anzuknüpfen? – fragte endlich Markelow

– Nein, noch nicht.

– Sind Sie schon lange hier?

– Bald werden es zwei Wochen.

– Und haben Sie viel zu thun?

– Nein, nicht besonders viel.

Markelow hüstelte trocken.

– Hm! Die Bauern sind hier ziemlich einfältig, – fuhr er mürrisch fort; – das Volk liegt noch arg im Finstern – muß des Besseren belehrt werden. Die Armuth ist groß – und doch ist Niemand da, der es ihnen auseinandersetzen könnte, warum sie so arm sind.

– Die früheren Leibeigenen Ihres Schwagers scheinen, so weit ich es beurtheilen kann, gerade nicht zu darben, – bemerkte Neshdanow.

– Mein Schwager ist ein Schlaukopf; Sand in die Augen zu streuen versteht er meisterhaft. Den hiesigen Bauern geht es in der That nicht schlecht; aber er hat eine Fabrik. Das ist die Stelle, wo die Sache in Angriff genommen werden muß. Das ist wie ein Ameisenhaufen, ein zur rechten Zeit gegebener Stoß – und sie rühren sich gleich. – Haben Sie auch Bücher bei sich?

– Ja . . . aber nicht viele.

– Ich werde Ihnen welche schicken.

Wie haben Sie nur so wenige mitnehmen können!

Neshdanow blieb die Antwort schuldig. – Auch Markelow verstummte und rauchte weiter, indem er bläuliche Wolken durch die Nase aufsteigen ließ.

– Ist das aber ein Schurke, dieser Kallomeyzew! – rief Markelow endlich aus. – Während des Mittags fuhr es mir durch den Kopf, ob ich nicht aufstehen, zu diesem Herrn herantreten, und ihm die ganze unverschämte Physiognomie braun und blau schlagen solle, damit nicht Andere in Versuchung gerathen, dies zu thun? Doch nein! Haben wir jetzt doch Wichtigeres zu vollbringen, als Kammerjunker zu prügeln. – Jetzt ist nicht die Zeit, in Zorn darüber zu gerathen, daß Narren thörichte Reden im Munde führen; jetzt ist es vielmehr Zeit sie zu hindern, thörichte Thaten zu vollführen.

Neshdanow nickte bejahend mit dem Kopf, – Markelow griff wieder zu seiner Cigarette.

– Es befindet hier sich unter der Dienerschaft ein höchst brauchbarer Mensch, – begann er von neuem; – nicht Iwan, der bei Ihnen ist das ist eine Fischnatur; nein, ein Anderer . . . er heißt Cyrill und hat das Buffet unter sich (dieser Cyrill war als ein Erztrunkenbold bekannt). – Sehen Sie ihn sich näher an. Ein desperater Kerl . . . nun, schüchtern thun, ist jetzt nicht unsere Sache. Was sagen Sie aber zu meiner Schwester? – fügte er, den Kopf mit den gelben Augen plötzlich zu Neshdanow emporhebend, hinzu. – Die ist doch noch schlauer als mein Schwager. Wie denken Sie über meine Schwester!

– Ich denke, daß es eine sehr angenehme und liebenswürdige Dame ist. . . Und auch eine sehr schöne Dame. . .

– Hm! Wie Ihr Euch, meine Herren, in Petersburg fein auszudrücken versteht. . . Ich staune-! – Nun . . . in Hinsicht, aber . . . – fing er an, hielt jedoch plötzlich mit finsterer Miene in seiner Rede inne. – Ich sehe, wir müssen uns aussprechen, – begann er von neuem. – Hier geht’s aber nicht. Weiß der Teufel! Sie horchen am Ende hinter der Thür. Wissen Sie, was ich Ihnen vorschlagen will? Heute ist Sonnabend, morgen werden Sie wohl keine Stunden geben? Nicht wahr?

– Morgen um drei Uhr ist eine Repetition angesagt.

– Eine Repetitioni Ganz wie im Theater! Es ist wohl meine liebe Schwester, die solche Worte erfindet? Nun gut. Wenn Sie wollen, könnten wir vielleicht gleich zu mir fahren. Es sind nur zehn Werst bis zu meiner Besitzung. Meine Pferde sind tüchtig: im Nu sind wir da. – Sie schlafen bei mir, wir bleiben den Morgen zusammen – um drei Uhr sind Sie mit meinen Pferden dann wieder hier. Sind Sie damit einverstanden?

– Gut, – willigte Neshdanow ein. – Er war seit dem Erscheinen Markelow’s in höchst aufgeregter, gedrückter Stimmung. Der plötzliche Anschluß an diesen Menschen beunruhigte ihn und doch zog es ihn andererseits wieder zu ihm hin. Er fühlte, er sah es, daß Markelow, obgleich geistig wahrscheinlich wenig entwickelt, ein unbedingt ehrlicher und charakterfester Mensch war. Dazu kam noch die seltsame Scene im Birkenhain, die unerwartete Erklärung Mariannen’s. . . .

– Das ist herrlich! – rief Markelow aus. – Rüsten Sie sich jetzt zur Fahrt – ich lasse unterdessen anspannen. Sie brauchen doch keine besondere Erlaubniß?

– Ich werde es anzeigen. Ohne diese Anzeige darf ich mich nicht entfernen, wie mir scheint.

– Ich werde es sagen, – fiel Markelow ein. – Seien Sie unbesorgt. – Sie sind jetzt mit ihren Karten – beschäftigt und werden Ihre Abwesenheit gar nicht bemerken. Mein Schwager möchte gern ein großer Staatsmann sein, – und doch besitzt er nur die eine Tugend, daß er ausgezeichnet Karten spielt. Nun freilich: auch dadurch ist schon Mancher zu Ehren und Würden gelangt!l . . . – Seien Sie also bereit. Ich treffe gleich die nöthigen Anordnungen.

Markelow entfernte sich. Eine Stunde darauf saß Neshdanow wieder neben ihm, auf einem großen ledernen Kissen, in einem breit ausgebogenen, sehr alten und sehr bequemen Tarantaß; vom Bock her erschallte des kleinen, untersetzten, unermüdlichen Kutschers merkwürdig angenehmes, an eine Vogelstimme erinnerndes Pfeifen; die drei Schecken mit den geflochtenen Mähnen und Schweifen griffen auf dem ebenen Wege feurig aus; von den Schatten der anbrechenden Nacht überdeckt – die Uhr schlug gerade zehn, als sie fortfahren – glitten die einzelnen Bäume, Sträucher, Felder, Wiesen und Schluchten – die je nach der Entfernung entweder langsam rückwärts entschwanden, oder sich mit den Fahrenden fortzubewegen schienen – gleichmäßig an ihnen vorüber.

Die kleine Besitzung Markelow’s – sie hieß »Borsenkowo,« umfaßte zweihundert Dessiatinen und brachte ihm jährlich 700 Rubel ein – war drei Werst von der Gouvernementsstadt gelegen, während Ssipjagin’s Gut sieben Werst von derselben entfernt war. Um von des Letzteren Besitzung nach «Borsenkowo« zu gelangen, mußte man durch die Stadt hindurchfahren. – Die neuen Bekannten hatten kaum fünfzig Worte miteinander gewechselt, als bereits die kläglichen vorstädtischen Häuser mit den eingefallenen Dächern und den schiefen, zur Seite geneigten, trübe erleuchteten Fenstern an ihnen vorüberflogen; in den Hauptstraßen auf dem Steinpflaster hin- und hergeworfen, schwankte der rasselnde Tarantaß von einer Seite zur andern. . . Bei jedem Stoß emporschnellend, tanzten die dummen, steinernen, zweistöckigen Kaufmannshäuser, die säulengeschmückten Kirchen, die Schenken und Gasthäuser neben ihnen her. . . Es war ein Sonntag. – Während auf den Straßen Niemand mehr zu sehen war, schienen die Schenken noch überfüllt. Ueberall konnte man heisere Stimmen, trunkenen Liedersang, weinerliche Harmonika-Töne vernehmen, aus den zuweilen plötzlich geöffneten Thüren drang im röthlichen Schimmer spärlicher Abendbeleuchtung ein Strom erhitzter, verpesteter, mit scharfem Spiritusdunst versetzter Luft in’s Freie. Vor fast allen Schenken erblickte man ärmliche Bauernkarren, bespannt mit zottigen, dickbäuchigen Gäulen, die ihre Köpfe geduldig hängen ließen und sich so ruhig verhielten, als ob sie schliefen. Hier trat ein abgerissener Bauer aus der Schenke, mit weit geöffnetem Kittel und einer großen Winterkappe auf dem Kopfe, die ihm sackartig am Nacken herabhing: er beugte sich über die Deichselstange, hob tastend, als ob er etwas suche, die Hände empor und blieb dann regungslos stehen; dort – ein schmächtiger Fabrikarbeiter mit schief auf den Kopf gedrückter Mütze, in einem Nanking-Hemde und barfuß – die Stiefel waren in der Schenke geblieben; schon nach den ersten unsicheren Schritten stockte er, kratzte sich darauf im Rücken – und fiel mit einem plötzlichen Seufzer wieder in die Schenke hinein.

– Es überwältigt den Russen die Macht des Branntweins! – bemerkte Markelow.

– Um die Sorgen zu vergessen, Ssergei Michailowitsch, lieber Herr! – rief, ohne sich umzublicken der Kutscher, welcher mit dem Pfeifen jedes Mal inne hielt, sobald er an einer Schenke vorbeikam, und sich gleichsam in sich selbst vertiefte.

– Vorwärts! vorwärts! – schrie ihm Markelow zu, ihn herzhaft am Kragen seines Mantels schüttelnd.

Der Tarantaß rasselte über den ungemein stark nach Kohl und Matten riechenden Marktplatz hinweg, kam vorbei am Hause des Gouverneurs, mit den bunten Schilderhäuschen vor dem Thore, an dem mit einem Thurm geschmückten Polizeihause, am Boulevard mit den eben gepflanzten und schon absterbenden Bäumen, an dem von Hundegebell und Kettengerassel erzitternden Bazar – war endlich, nachdem er eine unendlich lange Reihe von Lastwagen, die noch in der Abendkühle ausgerückt waren, hinter sich gelassen – wieder in der freien Luft der weidenbesetzten Landstraße – und rollte nun von Neuem rasch und gleichmäßig dahin.

Markelow war um sechs Jahre älter, als seine Schwester Valentine Michailowna. Er war in der Artillerie-Schule erzogen worden, die er mit dem Range eines Offiziers verlassen hatte: schon als Lieutenant jedoch reichte er in Folge eines unangenehmen Auftrittes mit dem Regiments-Kommandeur – einem Deutschen – seinen Abschied ein. Seitdem haßte er alle Deutschen, namentlich die russischen Deutschen. In Folge seines Abschiedes überwarf er sich mit seinem Vater, den er dann bis zu seinem Tode nicht weiter gesehen; als der Vater starb, zog sich Markelow auf sein kleines, von ihm ererbtes Gut zurück. In Petersburg war er mit vielen Koryphäen der neuen Bewegung, die er innig und hoch verehrte, zusammengekommen; hier in diesem Kreise entwickelte und festigte sich auch seine ganze Anschauungsweise. Er las nur wenig – und meist nur solche Bücher, welche auf die ihn einzig und allein interessirende Sache Bezug hatten: – namentlich Herzen. Er hatte die militärische Haltung beibehalten und lebte als Spartaner, als Mönch. Vor einigen Jahren verliebte er sich leidenschaftlich in ein junges Mädchen, das ihn jedoch in rücksichtslosester Weise verrieth und einen Adjutanten – einen Deutschen – heirathete. Seitdem haßte er auch die Adjutanten. Er versuchte es, Spezial-Artikel über die Mängel der russischen Artillerie zu schreiben – er besaß jedoch nicht die Gabe, seine Gedanken richtig auszudrücken: – er konnte keinen einzigen Artikel zu Ende bringen und fuhr doch noch immer fort, große Bogen grauen Papiers mit unsicheren, unförmlichen, wahrhaft kindlichen Zügen zu bekritzeln Markelow war ein eigensinniger, bis zur Tollkühnheit unerschrockener Mensch, der weder zu verzeihen, noch zu vergessen verstand, der die Beleidigung Aller, welche bedrückt und verfolgt wurden, als eigene Beleidigung auf’s Tiefste zu empfinden schien – und der zu Allem bereit war. Sein beschränktes Denken war stets nur auf einen Punkt gerichtet: was er nicht fassen konnte – existirte für ihn nicht; doch haßte und verachtete er Lüge und Falschheit. Personen der höheren Stände, »Reaktionären« gegenüber, wie er sie nannte, war sein Benehmen schroff und sogar grob; einfach und wie ein Bruder umgänglich war er hingegen – mit dem schlichten Bauer. Sein Gut war mittelmäßig bewirthschaftet: allerlei sozialistische Pläne spukten in seinem Kopf, die er ebenso wenig zu verwirklichen verstand, wie er einst die Aufsätze über die Mängel des russischen Artilleriewesens zu beendigen vermochte. Er hatte überhaupt kein Glück – niemals und nirgends schon in der Schule nannte man ihn den »Pechvogel.« Eine offenes gerade Natur, ein leidenschaftlicher und tiefunglücklicher Mensch, konnte er in gewissen Fällen herzlos, blutgierig, ja, ein Wütherich genannt werden, in anderen Fällen aber war er im Stande, sich selbstlos und ohne Besinnen zu opfern.

Drei Werst hinter der Stadt bog der Tarantaß plötzlich in das angenehm-weiche Dunkel eines Espenhains ein, mit dem Rauschen und Zittern der unsichtbaren Blätter, mit der duftig herben Frische des Waldes, mit dem unklaren Lichtschimmer oben – den ineinanderfließenden Schatten unten. Roth und groß stand der Mond am Himmel wie eine kupferne Scheibe. Aus dem Walde hervortauchend, befand sich der Tarantaß plötzlich vor einem kleinen gutsherrschaftlichen Gebäude. An der Vorderseite des niedrigen, einen Theil des Mondes verdeckenden Hauses traten die hellen Vierecke dreier erleuchteter Fenster ganz besonders grell hervor; das weit geöffnete Thor schien niemals geschlossen zu werden. Auf dem Hofe sah man im Halbdunkel eine Kibitka stehen, mit zwei weißen, hinten an der Equipage angebundenen Postpferden; zwei junge, ebenfalls weiße Hunde sprangen ihnen entgegen und fingen laut an zu bellen. Im Hause gerieth man in Bewegung – der Tarantaß hielt vor dem Flur – und mit Mühe aus demselben herauskriechend und mit dem Fuß nach dem eisernen Tritt umhertastend, der von irgend einem Dorfschmied wie gewöhnlich gerade an der unbequemsten Stelle angebracht war, sagte Markelow zu Neshdanow:

– Nun, jetzt sind wir zu Hause – und Sie werden hier Gäste finden, die Sie sehr gut kennen – aber durchaus nicht zu treffen erwarten. – Bitte! treten Sie ein!




Elftes Capitel


Diese Gäste waren unsere alten Bekannten, Maschurina und Ostrodumow. Sie saßen in dem nichts weniger als geräumigen, sehr schlecht möblirten Zimmer beim Schein einer Kerosin-Lampe, tranken Bier und rauchten Cigaretten. Sie waren nicht im Geringsten verwundert über die Ankunft Neshdanow’s; sie wußten, daß Markelow die Absicht hatte, ihn mitzubringen – desto größer war das Erstaunen Neshdanow’s. Als er eintrat, rief ihm Ostrodumow zu: »Guten Abend, Freund!« – das war Alles. Maschurina wurde feuerroth – dann reichte sie ihm die Hand. Markelow erklärte Neshdanow, daß Ostrodumow und Maschurina wegen des »gemeinsamen Werkes,« welches der That entgegenreife, hierher entsandt worden seien, daß sie Petersburg vor einer Woche verlassen, daß Ostrodumow hier in S. bleibe, um Propaganda zu machen, Maschurina aber sich nach K. begebe, um dort Jemanden zu sehen und zu sprechen.




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notes



1


Ssila=Kraft.




2


Der Unerwartete.




3


Ein länglich-viereckiges, an der Hüfte herabhängendes Stück Goldstoff mit einem Kreuz in der Mitte.




4


Eine emporstehende Kopfbebeckung von violettem Sammet für Weltgeistliche, von schwarzem – für Klostergeistliche.


