Das Halsband der Königin Denkwürdigkeiten eines Arztes 2
Alexandre Dumas der Ältere




Dumas Alexandre (père)

Das Halsband der Königin





Erstes bis viertes Bändchen

Die Weissagungen





Prolog





1.

Ein alter Edelmann und ein alter Haushofmeister


In den ersten Tagen des Monats April 1784, gegen ein Viertel auf vier Uhr Nachmittags, stieß der betagte Marschall von Richelieu, unser alter Bekannter, nachdem er seine Augenbrauen mit einer wohlriechenden Tinctur gefärbt hatte, mit der Hand den Spiegel zurück, den ihm sein Kammerdiener, der Nachfolger, aber kein Ersatzmann des getreuen Rafté, vorhielt, schüttelte den Kopf mit jener Miene, die nur ihm eigenthümlich war, und sagte:

»So, nun bin ich gut.«

Und er erhob sich aus seinem Lehnstuhl und stäubte mit einer ganz jugendlichen Geberde mit dem Finger die Atome weißen Puders ab, die von seiner Perrücke auf sein Beinkleid von himmelblauem Sammet gefallen waren. Dann, nachdem er, die Fußbiege ausstreckend, ein paar Gänge durch sein Ankleidecabinet gemacht hatte, rief er:

»Mein Haushofmeister!«

Nach fünf Minuten erschien der Haushofmeister im Galakleid.

Der Marschall nahm eine ernste Miene an, wie die Lage der Dinge es erheischte, und sprach:

»Mein Herr, ich setze voraus, daß Sie ein gutes Diner gemacht haben.«

»Ja, Monseigneur.«

»Nicht wahr, ich habe Ihnen die Liste der Gäste übergeben lassen?«

»Und ich habe die Zahl wohl behalten; neun Couverts, ist es nicht so, Monseigneur?«

»Es ist ein großer Unterschied unter den Couverts, mein Herr!«

»Ja, Monseigneur… aber…«

Der Marschall unterbrach den Haushofmeister mit einer durch Majestät gemäßigten Bewegung der Ungeduld:

»Aber… ist keine Antwort, mein Herr, und so oft ich das Wort aber höre, und ich habe es seit achtundachtzig Jahren oft gehört, nun wohl! so oft ich dieses Wort gehört – es thut mir sehr leid, Ihnen dieß sagen zu müssen – ist es immer der Vorläufer einer Albernheit gewesen.«

»Monseigneur!…«

»Vor Allem, um wie viel Uhr lassen Sie mich speisen?«

»Monseigneur, die Bürgersleute speisen um zwei Uhr, die Robe[1 - Die Rechtsgelehrten.] um drei Uhr, der Adel um 4 Uhr.«

»Und ich, mein Herr?«

»Monseigneur wird heute um fünf Uhr speisen.«

»Ho! ho! um fünf Uhr!«

»Ja, Monseigneur, wie der König.«

»Und warum wie der König?«

»Weil auf der Liste, die Monseigneur mir zu übergeben die Gnade gehabt hat, ein Königsname steht.«

»Keineswegs, mein Herr, Sie täuschen sich; unter meinen heutigen Gästen sind nur einfache Edelleute.«

»Monseigneur beliebt ohne Zweifel mit seinem unterthänigsten Diener zu scherzen, und ich danke Ihnen für die Ehre, die er mir erweist. Doch der Herr Graf von Haga, der zu den Gästen von Monseigneur gehört…«

»Nun?«

»Der Graf von Haga ist ein König.«

»Ich kenne keinen König, der sich so nennt.«

»Dann verzeihe mir Monseigneur,« sprach der Haushofmeister sich verbeugend, »aber ich glaubte, ich muthmaßte…«

»Es ist nicht Ihr Auftrag, zu glauben, mein Herr! Es ist nicht Ihre Pflicht, zu muthmaßen; Sie haben nichts Anderes zu thun, als die Befehle zu lesen, die ich Ihnen gebe, ohne irgendeinen Commentar beizufügen. Will ich, daß man etwas wisse, so sage ich es; sage ich es nicht, so will ich, daß man es nicht wisse.«

Der Haushofmeister verbeugte sich zum zweiten Mal, und dießmal vielleicht ehrfurchtsvoller, als wenn er mit einem regierenden König gesprochen hätte.

»Sie werden also,« fuhr der alte Marschall fort, »Sie werden, da ich nur Edelleute bei Tisch habe so gut sein, mich zu meiner gewöhnlichen Stunde, das heißt, um vier Uhr speisen zu lassen.«

Bei diesem Befehl verdüsterte sich die Stirn des Haushofmeisters, als hätte er ein Todesurtheil aussprechen hören. Er erbleichte und beugte sich unter dem Schlag. Bald aber erhob er sich wieder mit dem Muth der Verzweiflung und sprach:

»Es mag geschehen, was Gottes Wille ist, doch Monseigneur wird erst um fünf Uhr speisen.«

»Warum und wie dieß« rief der Marschall, rasch sich aufrichtend.

»Weil es materiell unmöglich ist, daß Monseigneur früher speist.«

»Mein Herr,« sagte der alte Marschall, indem er voll Stolz seinen noch lebhaften und jungen Kopf schüttelte, »Sie sind, glaube ich, nun zwanzig Jahre in meinem Dienst?«

»Einundzwanzig Jahre, Monseigneur, einen Monat und zwei Wochen darüber.«

»Wohl, mein Herr, diesen einundzwanzig Jahren einem Monat und zwei Wochen werden Sie nicht einen Tag, nicht eine Stunde mehr beifügen. Hören Sie?« sagte der Greis, seine dünnen Lippen zusammenpressend und seine gemalte Stirne faltend, »schon diesen Abend werden Sie sich einen Herrn suchen. Ich will nicht, daß das Wort unmöglich in meinem Hause ausgesprochen wird. Ich mag in meinem Alter nicht die Lehre dieses Wortes durchmachen. Ich habe keine Zeit zu verlieren.«

Der Haushofmeister verbeugte sich zum dritten Mal und erwiderte:

»Diesen Abend nehme ich von Monseigneur Abschied, doch ich werde wenigstens bis zum letzten Augenblick meinen Dienst gethan haben, wie es anständig ist.«

Und er machte zwei Schritte rückwärts gegen die Thüre.

»Was nennen Sie, wie es anständig ist?« rief der Marschall. »Erfahren Sie, mein Herr, daß die Dinge hier gethan werden müssen, wie es mir anständig ist, das ist der Anstand. Ich will aber um vier Uhr speisen, und wenn ich um vier Uhr speisen will, ist es mir nicht anständig, daß Sie mich um fünf Uhr speisen lassen.«

»Herr Marschall,« sprach trocken der Haushofmeister, »ich habe als Kellermeister beim Herrn Prinzen von Soubise, als Intendant beim Herrn Prinzen Cardinal Louis von Rohan gedient. Beim Ersten speiste Seine Majestät der selige König von Frankreich einmal im Jahr; bei dem Zweiten speiste Seine Majestät der Kaiser von Oesterreich einmal im Monat. Ich weiß also, wie man Souveräne behandelt, Monseigneur. Bei Herrn von Soubise nannte sich der König Ludwig XV. vergebens Baron von Genesse, er blieb immer ein König; bei Herrn von Rohan nannte sich der Kaiser Joseph vergebens Graf von Bartenstein, er blieb immer der Kaiser. Heute empfängt der Herr Marschall einen Gast, der sich vergebens Graf von Haga nennt: der Graf von Haga ist nichtsdestoweniger der König von Schweden. Ich verlasse diesen Abend das Hotel des Herrn Marschalls, oder der Herr Graf von Haga wird hier wie ein König behandelt.«

»Und das ist es gerade, was ich Ihnen durchaus verbiete, halsstarriger Mensch; der Graf von Haga will das strengste, undurchsichtigste Incognito. Daran erkenne ich Eure albernen Eitelkeiten, meine Herren von der Serviette! Es ist nicht die Krone, was Ihr ehrt, Euch selbst verherrlicht Ihr mit unsern Thalern.«

»Ich denke nicht, daß Monseigneur im Ernst mit mir von Geld spricht,« entgegnete bitter der Haushofmeister.

»Nein, mein Herr,« sagte der Marschall beinahe gedemüthigt; mein Gott! wer Teufels spricht von Geld? Ich bitte, gehen Sie nicht von der Frage ab, und ich wiederhole, daß von keinem König hier die Rede sein soll.«

»Aber, Herr Marschall, was glauben Sie von mir? Denken Sie denn, ich werde blindlings zu tappen? Es soll keinen Augenblick von einem König die Rede sein.«

»Seien Sie also nicht hartnäckig und lassen Sie sich um vier Uhr speisen.«

»Nein, Herr Marschall, um vier Uhr wird das, was ich erwarte, nicht angekommen sein.«

»Was erwarten Sie? einen Fisch, wie Herr Vatel?«

»Herr Vatel, Herr Vatel,« murmelte der Haushofmeister.

»Nun, sind Sie ärgerlich über die Vergleichung?«

»Nein, aber wegen eines unglücklichen Degenstichs, den er sich durch den Leib versetzt hat, ist Herr Vatel unsterblich geworden!«

»Ah! ah! und Sie finden, Ihr College habe den Ruhm zu wohlfeil bezahlt?«

»Nein, Monseigneur, aber wie viele Andere leiden mehr als er bei unserem Gewerbe, und verschlucken Schmerzen und Demüthigungen, die hundertmal schlimmer sind als ein Degenstich, werden aber darum doch nicht unsterblich!«

»Ei! mein Herr, wissen Sie nicht, daß man, um unsterblich zu werden, von der Academie oder todt sein muß?«

»Monseigneur, wenn es sich so verhält, so ist es besser, ganz lebendig zu sein und seinen Dienst zu thun. Ich werde nicht sterben, und mein Dienst wird verrichtet werden, wie es der von Vatel geworden wäre, hätte der Prinz von Condé die Geduld gehabt, eine halbe Stunde zu warten.«

»Ah! Sie versprechen ein Wunder, das ist geschickt.«

»Nein, Monseigneur, kein Wunder.«

»Aber was erwarten Sie denn?«

»Soll ich es Monseigneur sagen?«

»Meiner Treue, ja, ich bin neugierig.«

»Wohl, Monseigneur, ich erwarte eine Flasche Wein.«

»Eine Flasche Wein? erklären Sie sich, die Sache fängt an, mich zu interessiren.«

»Hören Sie, um was es sich handelt, Monseigneur. Seine Majestät der König von Schweden, verzeihen Sie, Seine Excellenz der Graf von Haga, wollte ich sagen, trinkt nie andern Wein als Tokayer.«

»Nun! bin ich so entblößt, daß ich nicht einmal Tokayer im Keller habe? Dann müßte man den Kellermeister fortjagen.«

»Nein, Monseigneur, Sie haben im Gegentheil noch ungefähr sechzig Flaschen.«

»Glauben Sie denn, der Graf von Haga trinke einundsechzig Flaschen bei seinem Mittagsmahle?«

»Geduld, Monseigneur; als der Herr Graf von Haga zum ersten Mal nach Frankreich kam, war er nur Kronprinz; er speiste damals beim seligen König, der zwölf Flaschen Tokayer von Seiner Majestät dem Kaiser von Oestreich bekommen hatte. Sie wissen, daß der Tokayer erster Qualität für den Keller der Kaiser vorbehalten wird, und daß selbst die Souveräne von diesem Gewächs nur so viel trinken, als Seine Majestät der Kaiser ihnen zu schenken die Güte hat.«

»Ich weiß es.«

»Wohl, Monseigneur, von diesen zwölf Flaschen, von denen der Kronprinz kostete, und deren Wein er vortrefflich kennt, sind heute nur noch zwei übrig.«

»Ha! ha!«

»Die eine ist noch in den Kellern König Ludwigs XVI.«

»Und die andere?«

»Ah! das ist es, Monseigneur,« erwiderte der Haushofmeister mit einem triumphirenden Lächeln; denn er fühlte, daß nach dem langen Streit, den er ausgehalten, der Augenblick des Sieges herankam, »die andere, die andere wurde entwendet.«

»Durch wen?«

»Durch einen meiner Freunde, den Kellermeister des verstorbenen Königs, der große Verbindlichkeiten gegen mich hatte.«

»Ah! ah! Und er gab sie Ihnen?«

»Sicherlich, ja, Monseigneur,« sprach der Haushofmeister voll Stolz.

»Und was machten Sie damit?«

»Ich legte sie sorgfältig in den Keller meines Herrn.«

»Ihres Herrn? Wer war zu jener Zeit Ihr Herr?«

»Der Herr Cardinal Prinz Louis von Rohan.«

»Ah! mein Gott! in Straßburg?«

»In Saverne.«

»Und Sie haben Jemand abgeschickt, um diese Flasche für mich holen zu lassen?« rief der alte Marschall.

»Für Sie, Monseigneur,« antwortete der Haushofmeister mit dem Tone, den er gewählt hätte, um zu sagen: »Undankbarer.«

Der Herzog von Richelieu ergriff die Hand des alten Dieners und rief:

»Ich bitte Sie um Verzeihung, mein Herr; Sie sind der König der Haushofmeister.«

»Und Sie jagten mich weg!« erwiderte dieser mit einer unübersetzbaren Bewegung des Kopfes und der Schultern.

»Ich bezahle Ihnen diese Flasche mit hundert Pistolen.«

»Und hundert Pistolen, die der Herr Marschall für die Reisekosten zu bezahlen haben wird, das macht zweihundert Pistolen. Doch Monseigneur muß gestehen, daß dieß nichts ist.«

»Ich werde Alles gestehen, was Ihnen beliebt, mein Herr; mittlerweile verdopple ich von heute an Ihren Gehalt.«

»Aber Monseigneur war mir hiefür nichts schuldig; ich habe nur meine Pflicht gethan.«

»Und wann wird Ihr Hundert-Pistolen-Courier ankommen?«

»Monseigneur mag urtheilen, ob ich meine Zeit verloren habe: an welchem Tag hat Monseigneur das Diner befohlen?«

»Ich glaube, vor drei Tagen.«

»Ein Courier, der mit verhängten Zügeln reitet, braucht vierundzwanzig Stunden, um an Ort und Stelle zu kommen, und vierundzwanzig Stunden zur Rückkehr.«

»Es blieben Ihnen vierundzwanzig Stunden übrig. Fürst der Haushofmeister, was haben Sie mit vierundzwanzig Stunden gemacht?«

»Ah! Monseigneur, ich habe sie verloren. Der Gedanke kam mir erst einen Tag, nachdem Sie mir die Liste Ihrer Gäste gegeben. Berechnen wir nun die Zeit, welche das Geschäft erfordert, und Sie werden sehen, Monseigneur, daß ich, wenn ich um Verzug bis fünf Uhr bitte, nur die streng nothwendige Zeit verlange.«

»Wie! die Flasche ist noch nicht hier?«

»Nein, Monseigneur.«

»Guter Gott! und wenn Ihr College in Saverne Herrn von Rohan eben so ergeben wäre, als Sie es mir sind?«

»Nun, Monseigneur?«

»Wenn er die Flasche verweigerte, wie Sie es selbst gethan hätten?«

»Ich, Monseigneur?«

»Ja, ich denke, Sie würden eine solche Flasche nicht hergeben, wenn sie sich in meinem Keller fände.«

»Ich bitte Monseigneur unterthänigst um Verzeihung; wenn ein College, der einen König zu bewirthen hätte, zu mir käme und mich um Ihre beste Flasche Wein bäte, so würde ich sie ihm auf der Stelle geben.«

»Ha! ha!« machte bei Marschall mit einer leichten Grimasse.

»Wenn man unterstützt, wird man unterstützt, Monseigneur.«

»Somit bin ich beinahe beruhigt,« sprach der Marschall mit einem Seufzer; »doch wir haben noch einen schlimmen Fall zu befürchten.«

»Welchen?«

»Wenn die Flasche zerbricht.«

»Ah! Monseigneur. es gibt kein Beispiel, daß je ein Mensch eine Flasche von zweitausend Livres zerbrochen hat.«

»Ich hatte Unrecht, sprechen wir nicht mehr davon; um welche Stunde wird Ihr Courier ankommen?«

»Schlag vier Uhr.«

»Wer hindert uns dann, um vier Uhr zu speisen?« versetzte der Cardinal, halsstarrig wie ein castilianisches Maulthier.

»Monseigneur, mein Wein braucht eine Stunde um auszuruhen; und dazu bedarf es noch eines Verfahrens, dessen Erfinder ich bin, sonst müßte er drei Tage haben.«

Auch dießmal geschlagen, verbeugte sich der Marschall vor seinem Haushofmeister, um seine Niederlage zu bezeichnen.

»Ueberdieß,« fuhr der Haushofmeister fort, »überdieß werden die Gäste von Monseigneur, da sie wissen, daß sie die Ehre haben, mit dem Herrn Grafen von Haga zu speisen, erst um halb fünf Uhr kommen.«

»Ah! noch ein Grund!«

»Allerdings, Monseigneur; nicht wahr, die Gäste von Monseigneur sind Herr von Launay. die Frau Gräfin Dubarry, Herr von Lapérouse, Herr von Favras, Herr von Condorcet, Herr von Cagliostro und Herr von Taverney?«

»Nun?«

»Nun, Monseigneur, gehen wir der Ordnung nach zu Werke: Herr von Launay kommt von der Bastille und braucht von Paris bei dem Eis, das auf den Straßen liegt, drei Stunden.«

»Ja, aber er wird sogleich nach dem Mittagessen der Gefangenen, das heißt um zwölf Uhr, abfahren; ich kenne das.«

»Verzeihen Sie, Monseigneur, seitdem der Herr Marschall in der Bastille gewesen, hat sich die Stunde des Mittagessens verändert; die Bastille speist um ein Uhr.«

»Mein Herr, man lernt alle Tage, und ich danke Ihnen. Fahren Sie fort!

»Madame Dubarry kommt von Luciennes, einer fortwährenden Senkung der Straße beim Glatteis.«

»Ah! das wird sie nicht verhindern, pünktlich zu sein. Seitdem sie nur noch die Favoritin eines Herzogs ist, spielt sie die Königin höchstens gegen Barone. Doch verstehen Sie mich wohl. Ich wollte frühzeitig speisen, wegen Herrn von Lapérouse, der heute Abend abreist und sich nicht gern verspäten wird.«

»Monseigneur, Herr von Lapérouse ist beim König; er plaudert mit Seiner Majestät über Geographie und Kosmographie. Der König wird Herrn von Lapérouse nicht sobald loslassen.«

»Das ist möglich.«

»Das ist sicher, Monseigneur; ebenso wird es bei Herrn von Favras sein, der beim Herrn Grafen von Provence ist, und dort ohne Zweifel über das Stück des Herrn Barons von Beaumarchais spricht.«

»Ueber Figaro's Hochzeit?«

»Ja, Monseigneur.«

»Wissen Sie, daß Sie ganz gelehrt sind?

»In meinen verlorenen Augenblicken lese ich, Monseigneur.«

»Wir haben Herrn von Condorcet, der in seiner Eigenschaft als Geometer wohl seine Ehre in die Pünktlichkeit setzen könnte.«

»Ja, aber er wird sich in eine Rechnung vertiefen, und wenn er weggeht, wird er um eine halbe Stunde im Verzug sein. Was den Grafen von Cagliostro betrifft, so kennt dieser Herr, da er ein Fremder ist und erst seit Kurzem in Paris wohnt, wahrscheinlich das Leben in Versailles noch nicht vollkommen und wird auf sich warten lassen.«

»Ah! Sie haben, abgesehen von Taverney, alle meine Gäste genannt, und zwar in einer Ordnung des Aufzählens, welche seiner und meines armen Rasté würdig wäre.«

Der Haushofmeister verbeugte sich und erwiderte dann:

»Ich habe von Herrn von Taverney nicht gesprochen, weil dieser ein alter Freund ist und sich nach den Gebräuchen richten wird. Monseigneur, ich glaube wohl, dieß sind die acht Couverts von heute Abend.«

»Vollständig. Wo lassen Sie uns speisen?«

»Im großen Speisesaal, Monseigneur.«

»Wir werden dort erfrieren.«

»Es ist seit drei Stunden eingeheizt, und ich habe die Atmosphäre auf achtzehn Grade geregelt.«

»Sehr gut! Doch es schlägt halb.«

Der Marschall warf einen Blick auf seine Pendeluhr.

»Es ist halb fünf Uhr mein Herr.«

»Ja, Monseigneur, und eben tritt ein Pferd in den Hof ein; das ist meine Flasche Tokayer.«

»O! könnte ich noch zwanzig Jahre so bedient werden!« sprach der alte Marschall, zu seinem Spiegel zurückkehrend, während der Haushofmeister nach seiner Tischgeräthkammer eilte.

»Zwanzig Jahre!« sagte eine heitere Stimme, die den Marschall beim ersten Blick, den er in den Spiegel warf, unterbrach, »zwanzig Jahre! ich wünsche sie Ihnen, mein lieber Marschall; dann werde ich aber sechzig zählen, Herzog, und sehr alt sein.«

»Sie, Gräfin!« rief der Marschall, »Sie die Erste! Mein Gott! wie sind Sie doch stets so schön und frisch!«

»Sagen Sie, ich sei erfroren.«

»Ich bitte, gehen Sie in's Boudoir.«

»O! wir Beide allein, Marschall?«

»Zu Drei,« erwiederte eine schmetternde Stimme.

»Taverney!« rief der Marschall. »Die Pest über diesen Freudenstörer,« flüsterte er der Gräfin in's Ohr.

»Geck!« murmelte Madame Dubarry, ein Gelächter aufschlagend.

Und alle Drei gingen in das anstoßende Zimmer.




2

Lapérouse


In demselben Augenblick verkündigte das dumpfe Rollen mehrerer Wagen auf dem schneebedeckten Pflaster dem Marschall die Ankunft der Geladenen, und bald nachher nahmen, unterstützt durch die Pünktlichkeit des Haushofmeisters, um den eirunden Tisch des Speisesaales Platz: neun Lakaien, schweigsam, wie Schatten, behend ohne Hast, zuvorkommend ohne Aufdringlichkeit, auf den Teppichen hinschlüpfend, zwischen den Gästen durchgehend, ohne je an ihren Armen anzustreifen, ohne je an ihre Fauteuils zu stoßen, Fauteuils, begraben in einer Masse von Pelzen, worein die Beine der Gäste bis an die Kniekehlen einsanken; das war es, was die Geladenen des Marschalls mit den milden Feuern der Oefen, dem Geruche der Fleische, dem Dufte der Weine und dem Gesumme der ersten Plaudereien nach der Suppe genossen.

Kein Geräusch außen, die Läden hatten Dämpfer; kein Geräusch im Innern, ausgenommen das, welches die Gäste machten; Teller, die den Platz wechselten, ohne daß man sie tönen hörte, Silberzeug, das ohne einen einzigen Klang von den Buffets auf den Tisch überging; ein Haushofmeister, dessen Geflüster man nicht einmal hören könnte … er gab seine Befehle mit den Augen.

So fühlten sich die Gäste nach Verlauf von zehn Minuten ganz allein in diesem Saale; so unfühlbare Sclaven mußten in der That stumm sein.

Herr von Richelieu war der Erste, der dieses feierliche Stillschweigen, das so lange dauerte als die Suppe, dadurch unterbrach, daß er zu seinem Nachbar zur Rechten sagte:

»Der Herr Graf trinkt nicht?«

Derjenige, an welchen er diese Worte richtete, war ein Mann von achtundreißig Jahren, blond von Haaren, klein von Wuchs, hoch von Schultern; sein hellblaues Auge war zuweilen lebhaft, häufig melancholisch: der Adel war in unverwerflichen Zügen auf seine edle offene Stirne geschrieben.

»Ich trinke nur Wasser,« antwortete er.

»Ausgenommen bei König Ludwig XV.,« entgegnete der Herzog. »Ich habe die Ehre gehabt, mit dem Herrn Grafen dort zu speisen, und damals hat er wohl Wein getrunken.«

»Sie rufen da eine herrliche Erinnerung in mir zurück, Herr Marschall; ja, im Jahre 1771 war es Tokayerwein vom kaiserlichen Gewächs.«

»Es war von demselben Wein, den mein Haushofmeister in diesem Augenblick Ihnen einzuschenken die Ehre hat, Herr Graf,« erwiderte Richelieu, sich verbeugend.

Der Graf von Haga hob das Glas bis zur Höhe seiner Augen empor und betrachtete es bei der Helle der Kerzen.

Der Wein funkelte im Glase wie ein flüssiger Rubin.

»Es ist wahr, Herr Marschall, ich danke,« sagte er.

Der Graf sprach die Worte: ich danke, mit einem so edlen und anmuthigen Tone, daß die Anwesenden electrisiert mit einer einzigen und gleichzeitigen Bewegung aufstanden und riefen: »Es lebe Seine Majestät!«

»Gewiß,« erwiderte der Graf von Haga: »Es lebe Seine Majestät der König von Frankreich! Sind Sie nicht meiner Ansicht, Herr von Lapérouse?«

»Herr Graf,« erwiderte der Capitän mit dem zugleich freundlichen und ehrfurchtsvollen Ausdruck des Mannes, der mit gekrönten Häuptern zu sprechen gewohnt ist, »ich habe den König vor einer Stunde verlassen, und er war so voll Güte gegen mich, daß Niemand lauter: Es lebe der König! rufen wird, als ich es thue. Da ich mich in einer Stunde in eine Postchaise werfen werde, um die See zu erreichen, wo mich die zwei Versorgungsschiffe erwarten, die der König zu meiner Verfügung stellt, so bitte ich um Erlaubniß, so bald ich einmal draußen bin, rufen zu dürfen: Es lebe ein anderer König, dem ich sehr gern dienen würde, hätte ich nicht einen so guten Herrn!«

Nach diesen Worten erhob Lapérouse sein Glas und verbeugte sich ehrfurchtsvoll vor dem Grafen von Haga.

»Bei der Gesundheit, die Sie ausbringen wollen, sind wir Alle bereit einzustimmen, mein Herr,« sagte Madame Dubarry, die zur Linken des Marschalls saß. »Aber unser Altersdechant, wie man im Parlament sagen würde, muß diese Gesundheit ausbringen.«

»Ist dieses Wort an Dich gerichtet, Taverney, oder an mich?« fragte der Marschall lachend und seinen alten Freund anschauend.

»Ich glaube nicht,« erwiderte eine neue Person, die dem Marschall von Richelieu gegenüber saß.

»Was glauben Sie nicht, Herr von Cagliostro?« sagte der Graf von Haga, indem er seinen durchdringenden Blick auf den Redner heftete.

»Ich glaube nicht, Herr Graf, daß Herr von Richelieu unser Altersdechant ist,« antwortete Cagliostro, sich verbeugend.

»Oh! das ist gut, es scheint, Du bist es, Taverney,« rief der Marschall.

»Ah! ich zähle acht Jahre weniger, als Du. Ich bin von 1704,« erwiderte der alte Herr.

»Unartiger Bursche.« sagte der Marschall, »er verräth meine acht und achtzig Jahre.«

»Wahrhaftig, Herr Herzog, Sie sind achtundachtzig Jahre alt?« rief Herr von Condorcet.

»Ah! mein Gott, ja. Die Rechnung ist leicht zu machen, und gerade deßhalb ist sie eines Algebraisten von Ihrer Stärke unwürdig, Herr Marquis. Ich bin aus dem vorigen Jahrhundert, aus dem großen Jahrhundert, wie man es nennt, 1696, das ist ein Datum.«

»Unmöglich!« rief Herr von Launay.

»Oh! wenn Ihr Vater hier wäre, mein Herr Gouverneur der Bastille,« entgegnete Richelieu, »er würde nicht »unmöglich« sagen, er, der mich im Jahr 1714 als Kostgänger hatte.«

»Der Altersdechant,« sprach Herr von Favras, »das erkläre ich, ist der Wein, den sich der Herr Graf von Haga in diesem Augenblick einschenkt.

»Ein Tokayer von hundert und zwanzig Jahren, Sie haben Recht, Herr von Favras,« erwiderte der Graf. »Diesem Tokayer käme die Ehre zu, die Gesundheit des Königs auszubringen.«

»Einen Augenblick Geduld,« rief Cagliostro, indem er seinen großen, von Stärke und Verstand funkelnden Kopf über die Tafel erhob, »ich mache Anspruch darauf.«

»Sie machen diesem Tokayer gegenüber auf das Altersvorrecht Anspruch?« fragten die Gäste im Chor.

»Ganz gewiß,« erwiderte voll Ruhe der Graf, »denn ich selbst habe ihn in seiner Flasche versiegelt.«

»Sie?«

»Ja, ich, und zwar am Tage des Sieges, den im Jahr 1664 Montecuculi über die Türken davon trug.«

Diese Worte, welche Cagliostro mit einem unstörbaren Ernst ausgesprochen hatte, wurden mit einem ungeheuren Gelächter aufgenommen.

»Nach dieser Rechnung sind Sie so etwa hundert und dreißig Jahre alt,« sagte Madame Dubarry, »denn Sie mußten doch wohl zehn Jahre alt sein, als Sie diesen guten Wein in seine dicke Flasche füllten.«

»Ich zählte mehr als zehn Jahre, als ich diese Operation vornahm, Madame, denn zwei Tage nachher erhielt ich von Sr. Majestät, dem Kaiser von Oestreich, den ehrenvollen Auftrag, Montecuculi Glück zu wünschen, der durch den Sieg bei St. Gotthard den Tag von Espek in Slavonien gerächt hatte, wo die Ungläubigen die Kaiserlichen, meine Freunde und meine Waffengefährten von 1536, so gewaltig schlugen.«

»Ei!« sagte der Graf von Haga, ebenso kalt, als es Cagliostro that, »der Herr war damals mindestens zehn Jahre alt, da er dieser merkwürdigen Schlacht persönlich beiwohnte.«

»Eine furchtbare Niederlage, Herr Graf!« erwiderte Cagliostro mit einer Verbeugung.

»Minder grausam jedoch, als die Niederlage bei Crecy,« entgegnete Condorcet lächelnd.

»Es ist wahr, mein Herr,« sprach Cagliostro, ebenfalls lächelnd, »die Niederlage bei Crecy war etwas Schreckliches in der Hinsicht, daß nicht bloß eine Armee geschlagen wurde, sondern Frankreich. Wir müssen indessen zugeben, daß diese Niederlage kein ganz redlicher Sieg von Seiten Englands war. König Eduard hatte Kanonen, ein Philipp von Balois völlig unbekannter Umstand, oder vielmehr ein Umstand, an den Philipp von Balois nicht glauben wollte, obschon ich ihn darauf aufmerksam machte, obschon ich ihm sagte, ich habe mit meinen eigenen Augen die vier Feldstücke gesehen, welche Eduard von den Venetianern gekauft.«

»Ah! ah!« rief Madame Dubarry, »ah! Sie haben Philipp von Balois gekannt?«

»Madame, ich hatte die Ehre, einer der fünf Herren zu sein, die seine Escorte bildeten, als er das Schlachtfeld verließ. Ich kam nach Frankreich mit dem armen, alten König von Böhmen, der blind war und sich in dem Augenblick tödten ließ, wo man ihm sagte, Alles sei verloren.«

»Oh! mein Gott, mein Herr!« sagte Lapérouse, »Sie können nicht glauben, wie sehr ich es bedaure, daß Sie nicht, statt der Schlacht bei Crecy, der von Actium beigewohnt haben.«

»Und warum dieß, mein Herr?«

»Ah! weil Sie mir hätten einzelne nautische Umstände mittheilen können, die mir trotz der schönen Erzählung Plutarchs stets dunkel geblieben sind.«

»Welche Umstände meinen Sie? es würde mich sehr glücklich machen, wenn ich Ihnen von einigem Nutzen sein könnte.«

»Sie waren also dabei?«

»Nein, ich war damals in Aegypten. Die Königin Cleopatra hatte mich beauftragt, die Bibliothek in Alexandria wieder herzustellen, eine Sache, die ich besser als irgend ein Anderer auszuführen vermochte, da ich die besten Schriftsteller des Alterthums persönlich gekannt hatte.«

»Und Sie haben die Königin Cleopatra gesehen, Herr von Cagliostro?« rief Madame Dubarry.

»Wie ich Sie sehe, Madame.«

»War sie so hübsch, als man sagt?«

»Frau Gräfin, Sie wissen, die Schönheit ist etwas Relatives. Eine reizende Königin in Aegypten, hätte Cleopatra in Paris nur eine liebenswürdige Grisette sein können.«

»Sprechen Sie nicht schlimm von den Grisetten, Herr Graf.«

»Gott behüte mich!«

»Cleopatra war also…«

»Klein, mager, lebhaft, geistreich, mit großen, mandelartig geschlitzten Augen, einer griechischen Nase, Perlzähnen, einer Hand wie die Ihrige, aber zu schwach, um das Scepter zu halten. Sehen Sie, hier ist ein Diamant, den sie mir geschenkt; sie hatte denselben von ihrem Bruder Ptolomäus erhalten und trug ihn am Daumen.«

»Am Daumen?« rief Madame Dubarry.

»Ja, das war eine ägyptische Mode, und ich kann ihn, wie Sie sehen, kaum an meinen kleinen Finger stecken.«

Und er zog den Ring ab und reichte ihn Madame Dubarry.

Es war ein herrlicher Diamant, der, so wunderbar war sein Wasser, so geschickt sein Schnitt, dreißig- bis vierzigtausend Franken werth sein mochte.

Der Diamant machte die Runde um die Tafel und kam zu Cagliostro zurück, der ihn ruhig wieder an seinen Finger steckte.

»Ah! ich sehe es wohl,« rief er, »Sie sind ungläubig; unselige Ungläubigkeit, die ich mein ganzes Leben zu bekämpfen hatte! Philipp von Valois wollte mir nicht glauben, als ich ihm sagte, er möge Eduard einen Rückzug öffnen; Cleopatra wollte mir nicht glauben, als ich ihr sagte, Antonius würde geschlagen werden. Die Trojaner wollten mir nicht glauben, als ich ihnen in Beziehung auf das hölzerne Pferd sagte: Cassandra ist inspirirt! höret auf Cassandra.«

»Oh! das ist wunderbar!« rief Madame Dubarry, die sich vor Lachen krümmte, »ich habe in der That noch nie einen zugleich so ernsten und so belustigenden Mann gesehen, wie Sie.«

»Ich versichere Sie,« sagte Cagliostro, sich verbeugend, »Jonathan war noch viel belustigender, als ich. Oh! der herrliche Geselle! Als er von Saul getödtet wurde, wäre ich aber auch beinahe darüber verrückt geworden.«

»Wissen Sie, Graf,« sprach der Herzog von Richelieu, »wissen Sie, daß Sie, wenn Sie fortfahren, den armen Taverney verrückt machen werden, der eine solche Angst vor dem Tod hat, daß er Sie mit ganz bestürzten Augen anschaut, indem er Sie für unsterblich hält. Sprechen Sie aufrichtig: Sind Sie es, oder sind Sie es nicht?«

»Unsterblich?«

»Unsterblich.«

»Ich weiß es nicht, doch was ich weiß, ist, daß ich Eines versichern kann.«

»Was?« fragte Taverney, der gierigste von allen Zuhörern.

»Daß ich alle Dinge gekannt und mit allen Personen Umgang gepflogen habe, die ich Ihnen so eben angeführt.«

»Sie haben Montecuculi gekannt?«

»Wie ich Sie kenne, Herr von Favras, und sogar noch genauer; denn das ist das zweite oder dritte Mal, daß ich die Ehre habe, Sie zu sehen, während ich mit dem großen Strategiker, von dem wir sprechen, beinahe ein Jahr unter demselben Zelte lebte.«

»Sie haben Philipp von Valois gekannt?«

»Wie ich Ihnen zu sagen die Ehre hatte, Herr von Condorcet; als er aber nach Paris zurückgekehrt war, verließ ich Frankreich und begab mich wieder nach Böhmen.«

»Cleopatra?«

»Ja, Frau Gräfin, Cleopatra. Ich sagte Ihnen, sie habe schwarze Augen gehabt, wie Sie, und einen Hals, der beinahe so schön gewesen, als der Ihrige.«

»Aber, Graf, Sie wissen nicht, wie mein Hals ist.«

»Sie haben einen Hals wie Cassandra, und damit der Aehnlichkeit Nichts mangelt, hatte Cassandra wie Sie, oder Sie haben wie Cassandra ein kleines, schwarzes Mal in der Höhe der sechsten linken Rippe.«

»Ah! Graf, Sie sind einmal ein Zauberer.«

»Ei! nein, Madame,« entgegnete lächelnd der Marschall von Richelieu, »ich habe es ihm gesagt.«

»Und woher wissen Sie es?«

Der Marschall spitzte die Lippen und erwiderte:

»Hm! das ist ein Familiengeheimniß.«

»Es ist gut, es ist gut!« rief Madame Dubarry. »Wahrlich, Marschall, man hat sehr Recht, sich einer doppelten Lage Roth zu bedienen, wenn man zu Ihnen kommt.«

Dann wandte sie sich gegen Cagliostro und und sprach:

»In der That, mein Herr, Sie besitzen also das Geheimniß, zu verjüngen, denn mit Ihren drei- bis viertausend Jahren sehen Sie kaum wie ein Vierziger aus.«

»Ja, Madame, ich besitze das Geheimniß, zu verjüngen.«

»Oh! so verjüngen Sie mich.«

»Sie, Madame, das ist unnöthig. Das Wunder ist geschehen. Man hat das Alter, das man zu haben scheint, und Sie sind höchstens dreißig Jahre alt.«

»Das ist eine Galanterie.«

»Nein, Madame, es ist eine Thatsache.«

»Erklären Sie sich.«

»Das ist ganz leicht. Sie haben mein Verfahren für sich selbst benützt.«

»Wie so?»

»Sie haben von meinem Elixir genommen.«

»Ich?«

»Sie selbst, Gräfin. Oh! Sie haben das nicht vergessen.«

»Oh! oh!«

»Gräfin, erinnern Sie sich eines Hauses in der Rue Saint-Claude? erinnern Sie sich, in dieses Haus in gewissen, Herrn von Sartines betreffenden Angelegenheiten gekommen zu sein? erinnern Sie sich, einem meiner Freunde, Namens Joseph Balsamo, einen Dienst geleistet zu haben? erinnern Sie sich, daß Ihnen Joseph Balsamo ein Geschenk mit einem Fläschchen Elixir machte, wobei er Ihnen jeden Morgen drei Tropfen zu nehmen empfahl? erinnern Sie sich, seine Vorschrift bis zum letzten Jahre befolgt zu haben, zu welcher Zeit das Fläschchen leer war? Erinnern Sie sich aller dieser Umstände nicht mehr, Gräfin, so wäre dieß in der That nicht mehr Vergeßlichkeit, sondern Undank.«

»Oh! Herr von Cagliostro, Sie sagen mir da Dinge…«

»Die nur Ihnen allein bekannt sind, ich weiß es wohl. Worin läge aber das Verdienst, ein Zauberer zu sein, wenn man die Geheimnisse seines Nächsten nicht wüßte?«

»Joseph Balsamo hatte also, wie Sie, das Recept dieses wunderbaren Elixirs?«

»Nein, Madame, da er aber einer meiner besten Freunde war, schenkte ich ihm drei bis vier Fläschchen.«

»Und er hat noch davon?«

»Oh! das weiß ich nicht. Seit drei Jahren ist der arme Balsamo verschwunden. Ich sah ihn zum letzten Mal in America, an den Ufern des Ohio; er unternahm eine Expedition nach den Rocky Mountains, und seitdem hörte ich sagen, er sei gestorben.«

»Genug, genug, Graf!« rief der Marschall; »ich bitte, lassen Sie die Galanterien. Das Geheimniß, Graf, das Geheimniß!«

»Sprechen Sie im Ernste, mein Herr?« fragte der Graf von Haga.

»Ganz im Ernste, Sire. Verzeihen Sie, ich will sagen, Herr Graf,« erwiderte Cagliostro, und dabei verbeugte er sich auf eine Weise, durch die er andeutete, der Irrthum, den er begangen, sei ganz freiwillig geschehen.

»Madame ist also nicht alt genug, um verjüngt zu werden?« sagte der Marschall.

»Wahrhaftig, nein.«

»Nun, so will ich Ihnen einen andern Gegenstand bezeichnen. Hier ist mein Freund Taverney. Was sagen Sie zu ihm? Sieht er nicht aus, als wäre er ein Zeitgenosse von Pontius Pilatus? Vielleicht ist es aber bei ihm gerade das Gegentheil, und er ist zu alt?«

Cagliostro schaute den Baron an und erwiderte:

»Nein.«

»Oh! mein lieber Graf,« rief Richelieu, »wenn Sie diesen verjüngen, so erkläre ich Sie für einen Zögling Medea's.«

»Sie wünschen es?« fragte Cagliostro, indem er sich mit dem Wort an den Herrn des Hauses und mit den Augen an das ganze Auditorium wandte.

Jeder machte ein bejahendes Zeichen.

»Und Sie wie die Andern, Herr von Taverney?«

»Ich mehr als die Andern, bei Gott!« rief der Baron.

»Nun! das ist leicht,« sprach Cagliostro.

Und er steckte zwei Finger in die Tasche und zog ein achteckiges Fläschchen heraus.

Dann nahm er ein noch reines Krystallglas und goß ein paar Tropfen von der Flüssigkeit darein, die das Fläschchen enthielt.

Hierauf vermengte er diese paar Tropfen mit einem halben Glas gefrorenen Champagner und reichte den Trank, so bereitet, dem Baron.

Aller Augen waren seinen geringsten Bewegungen gefolgt; alle Anwesenden saßen mit offenem Munde da.

Der Baron nahm das Glas, doch in dem Augenblick, wo er es an seine Lippen führen wollte, zögerte er.

Alles brach beim Anblick diese Zögerns in ein so geräuschvolles Gelächter aus, daß Cagliostro ungeduldig wurde.

»Beeilen Sie sich, Baron,« rief er, »oder Sie lassen einen Trank verloren gehen, von dem jeder Tropfen hundert Louisd'or werth ist.«

»Teufel!« sagte Richelieu, der zu scherzen suchte, »das ist etwas Anderes, als der Tokayer.«

»Ich muß also trinken?« fragte der Baron beinahe zitternd.

»Oder das Glas einem Andern geben, mein Herr, damit das Elixir irgend Einem etwas nützt.«

»Gib!« sagte der Herzog von Richelieu, die Hand ausstreckend.

Der Baron roch an seinem Glas, und ohne Zweifel bestimmt durch den starken balsamischen Duft, durch die schöne Rosenfarbe, welche die paar Tropfen Elixir dem Champagner mitgetheilt hatten, verschluckte er den Zaubertrank.

In demselben Augenblick war es ihm, als schüttelte ein Schauer seinen Körper und machte alles alte und langsame Blut, das von den Füßen bis zum Herzen in seinen Adern schlummerte, gegen die Oberhaut zurückfließen. Seine gerunzelte Haut spannte sich aus; schlaff bedeckt durch den Schleier ihrer Lider, erweiterten sich seine Augen, ohne daß der Wille daran Theil nahm; der Augapfel spielte lebhaft und groß, das Zittern seiner Hände machte einer nervigen Festigkeit Platz, seine Stimme kräftigte sich, und wieder elastisch geworden, wie in den schönsten Tagen seiner Jugend, richteten sich seine Kniee zugleich mit den Lenden auf, und zwar, als ob der Trank im Hinabsinken seinen ganzen Körper von einem Ende zum andern wiedergeboren hätte.

Ein Schrei des Erstaunens, der Bewunderung besonders erscholl im Gemach. Taverney, der mit dem Ende des Zahnfleisches aß, wurde hungrig. Er griff kräftig nach Teller und Messer, legte sich von einem Ragout vor, der zu seiner Rechten stand, zermalmte Rebhühnerknochen, und sagte, er fühle seine zwanzigjährigen Zähne wieder wachsen.

Er aß, lachte, trank und schrie eine halbe Stunde lang vor Freude, und während dieser halben Stunde schauten ihn die andern Gäste nur ganz verwundert an; dann sank er allmälig zusammen, wie eine Lampe, der das Oel ausgeht. Zuerst in seiner Stirne gruben sich die einen Augenblick verschwundenen alten Falten in neuen Ringeln ein, seine Augen verschleierten und verdunkelten sich. Er verlor den Geschmack; dann wölbte sich sein Rücken. Sein Appetit verschwand; seine Kniee fingen wieder an zu zittern.

»Oh!« machte er seufzend.

»Nun?« fragten alle Gäste.

»Nun! fahre hin, Jugend!«

Und er stieß einen tiefen Seufzer aus, in Begleitung von zwei Thränen, die seine Augenlider befeuchteten.

Instinctartig und bei dem Anblick des im Anfang verjüngten und durch diesen Umschlag der Jugend wieder älter gewordenen Greises drang ein Seufzer, dem ähnlich, welchen Taverney ausgestoßen, aus der Brust jedes Gastes hervor.

»Das ist ganz einfach, meine Herren,« sprach Cagliostro, »ich habe dem Baron nur fünfunddreißig Tropfen Lebenselixir eingegossen, und er hat sich nur um fünfunddreißig Minuten verjüngt.«

»Oh! noch einmal! noch einmal, Graf!« rief der Greis voll Gierde.

»Nein, denn eine zweite Probe würde Sie vielleicht tödten,« erwiderte Cagliostro.

Von allen Gästen hatte Madame Dubarry, welche die Eigenschaft des Elixirs kannte, die Einzelnheiten dieser Scene am begierigsten verfolgt.

In gleichem Maße, wie die Jugend und das Leben die Arterien des alten Taverney anschwellten, folgte das Auge der Gräfin in den Arterien dem Fortschritt der Jugend und des Lebens. Sie lachte, sie klatschte Beifall, sie wurde gleichsam wiedergeboren durch den Anblick. Als der Erfolg des Trankes seinen Höhepunkt erreicht hatte, wäre die Gräfin beinahe auf die Hand Cagliostro's losgestürzt, um ihm das Fläschchen zu entreißen.

In diesem Augenblick aber, da Taverney schneller alterte, als er wieder jung geworden war, sprach sie traurig:

»Ach! ich sehe es wohl, Alles ist eitel, Alles ist Chimäre. Das wunderbare Geheimniß hat fünfunddreißig Minuten gedauert.«

»Das heißt,« versetzte der Graf von Haga, »um sich eine Jugend von zwei Jahren zu geben, müßte man einen Fluß austrinken.«

Alle lachten.

»Nein,« entgegnete Condorcet, »die Rechnung ist einfach: fünfunddreißig Tropfen für fünfunddreißig Minuten, das ist eine Erbärmlichkeit von drei Millionen hundert und dreiundfünfzig tausend und sechs Tropfen, wenn man ein Jahr jung bleiben will.«

»Eine Ueberschwemmung,« sagte Lapérouse.

»Und dennoch,« sagte die Gräfin, »ist es, nach Ihrer Ansicht, nicht so bei mir gewesen, da eine kleine Flasche, die mir Ihr Freund Joseph Balsamo geschenkt, eine Flasche, etwa viermal so groß als Ihr Flacon, genügte, um bei mir das Fortschreiten der Zeit zehn Jahre lang aufzuhalten.«

»Ganz richtig, Madame, und Sie allein berühren mit dem Finger die geheimnißvolle Wirklichkeit. Der Mensch, der gealtert und zu sehr gealtert hat, bedarf dieser Quantität, wenn eine unmittelbare und mächtige Wirkung hervorgebracht werden soll. Aber eine Frau von dreißig Jahren, wie Sie waren, Madame, oder ein Mann von vierzig Jahren, wie ich war, Madame, als wir dieses Lebenselixir zu trinken anfingen … diese Frau und dieser Mann, noch voll Frische und Jugend, brauchen nur zehn Tropfen von diesem Wasser bei jeder Periode der Abnahme zu trinken, und mittelst dieser zehn Tropfen wird die Person, welche sie trinkt, die Jugend und das Leben auf ewig in demselben Grade des Reizes fesseln.«

»Was nennen Sie die Periode der Abnahme?« fragte der Graf von Haga.

»Die natürlichen Perioden, Herr Graf. Im Naturzustande nehmen die Kräfte des Menschen bis zum fünfunddreißigsten Jahre zu. Hier angelangt, macht er einen Stillstand bis zum vierzigsten Jahre. Von vierzig fängt er an abzunehmen, aber beinahe unmerkbar bis zu fünfzig. Hernach rücken sich die Perioden näher und beschleunigen sich bis zum Todestag. Im Zustand der Civilisation, das heißt, wenn der Körper durch die Ausschweifungen, die Sorgen und Krankheiten aufgezehrt wird, bleibt das Wachsthum mit dreißig Jahren stillestehen. Die Abnahme fängt mit fünfunddreißig Jahren an. Dann muß man, mag man nun ein Mensch der Natur oder ein Mensch der Studien sein, die Natur in dem Augenblick, wo sie stillsteht, ergreifen, um sich ihrer Bewegung der Abnahme zu widersetzen, im Augenblick, wo diese Bewegung sich zu bewerkstelligen versuchen wird. Derjenige, welcher, im Besitz des Geheimnisses dieses Elixirs, wie ich es bin, den Angriff so zu combiniren weiß, daß er ihn erhascht und ohne Rückkehr zu sich selbst aufhält, der wird leben, wie ich lebe, stets jung, oder wenigstens jung genug, um zu thun, was ihm in diesem Leben zu thun zukommt.«

»Ei! mein Gott! Herr von Cagliostro,« rief die Gräfin, »warum haben Sie denn, als es in Ihrer Gewalt lag, Ihr Alter zu wählen, nicht zwanzig Jahre statt vierzig gewählt?«

»Frau Gräfin,« antwortete Cagliostro lächelnd, »weil es mir immer zusagt, eher ein vierzigjähriger gesunder, vollständiger Mann zu sein, als ein unverständiger junger Mensch von zwanzig Jahren.«

»Ha! ha!« lachte die Gräfin.

»Ei! gewiß! Madame,« fuhr Cagliostro fort, »mit zwanzig Jahren gefällt man den Frauen von dreißig, mit vierzig Jahren beherrscht man die Frauen von zwanzig und die Männer von vierzig.«

»Ich gebe nach, mein Herr,« sagte die Gräfin. »Wie sollte ich auch mit einem lebendigen Beweis streiten?«

»So bin ich also verurtheilt? sprach Taverney mit kläglichem Tone. »Bei mir ist es zu spät gewesen?«

»Herr von Richelieu war geschickter als Sie,« versetzte Lapérouse mit seemännischer Offenherzigkeit, »ich habe immer sagen hören, der Herr Marschall besitze ein gewisses Recept.«

»Das ist ein Gerücht, das die Frauen verbreitet haben, sagte lachend der Graf von Haga.

»Ist das ein Grund, um nicht daran zu glauben?« fragte Madame Dubarry.

Der alte Marschall erröthete, er, der kaum zu erröthen vermochte.

Und alsbald rief er:

»Meine Herren, wollen Sie wissen, worin mein Recept bestanden hat?«

»Ja, gewiß, wir wollen es wissen.«

»Nun wohl, darin, daß ich mich schonte.«

»Ha! ha!« lachte die Gesellschaft.

»Es ist so,« sagte der Marschall.

»Ich würde dieses Recept bestreiten.« erwiderte die Gräfin, »hätte ich nicht so eben die Wirkung des Receptes von Herrn von Cagliostro gesehen. Halten Sie sich nur gut, Herr Zauberer, ich bin mit meinen Fragen noch nicht zu Ende.«

»Immer zu, Madame, immer zu.«

»Sie sagten, als Sie zum ersten Mal von Ihrem Elixir Gebrauch gemacht, seien Sie vierzig Jahre alt gewesen?«

»Ja, Madame…«

»Und Sie haben seit jener Zeit, nämlich seit der Belagerung Troja's…«

»Ein wenig früher, Madame.«

»Gut; Sie haben Ihre vierzig Jahre erhalten?«

»Sie sehen es.«

»Aber, mein Herr,« sagte Condorcet, »Sie beweisen uns dann mehr, als Ihr Theorem zuläßt.«

»Was beweise ich Ihnen, Herr Marquis?«

»Sie beweisen uns nicht nur die Fortdauer der Jugend, sondern auch die Erhaltung des Lebens; denn wenn Sie seit dem trojanischen Kriege vierzig Jahre alt sind, so sind Sie nie gestorben.«

»Das ist wahr, Herr Marquis, ich bin nie gestorben, ich gestehe es in Demuth.«

»Sie sind aber doch nicht unverwundbar wie Achilles, und wenn ich sage unverwundbar wie Achilles – Achilles war nicht unverwundbar, da ihn Paris mit einem Pfeil in die Ferse tödtete.«

»Nein, ich bin nicht unverwundbar, und das zu meinem großen Bedauern,« sagte Cagliostro.

»Dann können Sie getödtet werden, eines gewaltsamen Todes sterben.«

»Leider ja.«

»Wie haben Sie es gemacht, um seit dreitausend fünfhundert Jahren den Unfällen zu entgehen?«

»Das ist ein Glücksfall, Madame; wollen Sie meiner Schlußkette folgen?«

»Ich folge ihr.«

»Wir folgen ihr.«

Und mit unzweideutigen Zeichen der Theilnahme stützte sich Jeder mit dem Ellenbogen auf den Tisch und horchte.

Cagliostro's Stimme brach das Stillschweigen.

»Was ist die erste Bedingung des Lebens?« fragte er, indem er mit einer zierlichen, leichten Geberde zwei schöne, weiße Hände, beladen mit Ringen, enthüllte, worunter der der Königin Cleopatra wie ein Polarstern glänzte. »Die Gesundheit, nicht wahr?«

»Ja, gewiß,« antworteten alle Stimmen.

»Und die Bedingung der Gesundheit ist?«

»Diät,« sagte der Graf von Haga.

»Sie haben Recht, Herr Graf, die Diät ist es, was die Gesundheit erhält. Nun denn! warum sollten diese Tropfen von meinem Elixir nicht die bestmögliche Diät bilden?«

»Wer weiß es?«

»Sie, Graf.«

»Ja, allerdings, aber…«

»Nicht andere?« versetzte Madame Dubarry.

»Madame, das ist eine Frage, die wir sogleich behandeln werden. Ich habe stets die Diät meiner Tropfen befolgt, und da sie die Verwirklichung des ewigen Traums der Menschen aller Zeiten sind, da sie das sind, was die Alten unter dem Namen Jugendwasser, die Neuern unter dem Namen Lebenselixir suchten, so habe ich beständig meine Jugend, folglich meine Gesundheit, folglich mein Leben bewahrt. Das ist klar.«

»Es nützt sich jedoch Alles ab, Graf, der schönste Körper wie die andern.«

»Der eines Paris, wie der eines Vulkan,« sagte die Gräfin.

»Sie haben ohne Zweifel Paris gekannt, Herr von Cagliostro?«

»Genau, Madame; es war ein sehr hübscher Junge; im Ganzen aber verdient er nicht, was Homer von ihm sagt und was die Frauen von ihm denken. Vor Allem war er roth.«

»Roth! oh pfui! wie abscheulich!« rief die Gräfin.

»Leider war Helena nicht Ihrer Ansicht, Madame,« erwiderte Cagliostro. »Doch kommen wir auf unser Elixir zurück.«

»Ja, ja,« riefen alle Stimmen.

»Sie behaupten also, Alles nütze sich ab. Herr von Taverney? Gut. Sie wissen aber auch, daß Alles sich wieder ausgleicht, sich regenerirt oder sich ersetzt, wie Sie wollen. Das bekannte Messer des heiligen Hubert, das so oft die Klinge und den Griff gewechselt hat, ist ein Beispiel hievon, denn trotz dieses doppelten Wechsels ist es das Messer vom heiligen Hubert geblieben. Der Wein, den die Mönche von Heidelberg in ihrem Keller aufbewahren, ist immer derselbe Wein, man gießt aber jedes Jahr ein Quantum neuen in das Riesenfaß. Der Wein der Mönche von Heidelberg ist daher immer rasch, klar und schmackhaft, während der von Opimus und mir in irdenen Amphoren versiegelte Wein, als ich hundert Jahre später davon kosten wollte, nur noch ein dicker Koth war, der vielleicht gegessen, aber nicht getrunken werden konnte.

»Nun denn! statt das Beispiel von Opimus zu befolgen, habe ich dasjenige errathen, welches die Mönche von Heidelberg geben mußten. Ich habe meinen Körper dadurch erhalten, daß ich jedes Jahr neue Principien darein goß, welche den Auftrag hatten, die alten Elemente zu regeneriren. Jeden Morgen hat ein junges und frisches Atom in meinem Blut, in meinem Fleisch, in meinen Knochen ein abgenutztes, träges Theilchen ersetzt. Ich habe die Trümmer wieder belebt, durch welche der gewöhnliche Mensch allmälig die ganze Masse seines Seins überwältigen läßt: ich habe alle die Soldaten in meinen Zügeln gehalten, die Gott der menschlichen Natur gegeben, um sich gegen die Zerstörung zu vertheidigen. Soldaten, welche der große Haufen verabschiedet oder im Müssiggang erlahmen läßt, habe ich zu einer beständigen Arbeit gezwungen, welche die Eingießung eines stets neuen Reizmittels erleichterte, sogar heischte; eine Folge von diesem unablässigen Studium des Lebens ist, daß mein Geist, meine Geberden, meine Nerven, mein Herz, meine Seele nie ihre Functionen verlernt haben; und da sich Alles in der Welt verkettet, da denjenigen eine Sache am besten gelingt, welche diese Sache immer treiben, so bin ich natürlich geschickter, als jeder Andere gewesen, um die Gefahren eines Daseins von dreitausend Jahren zu vermeiden, und zwar weil es mir gelungen ist, aus Allem eine solche Erfahrung zu ziehen, daß ich die Nachtheile jeder Lage vorhersehe und ihre Gefahren fühle. So werden Sie mich nie vermögen, in ein Haus einzutreten, das vom Einsturz bedroht ist. Oh! nein, ich habe schon zu viele Häuser gesehen, um nicht mit dem ersten Blick die guten von den schlechten zu unterscheiden. Sie werden mich nicht bewegen, mit einem ungeschickten Tölpel zu jagen, der seine Flinte schlecht handhabt. Seit Kephales, der seine Frau Prokris tödtete, bis auf den Regenten, der dem Herrn Prinzen das Auge ausstach, habe ich zu viele Ungeschickte gesehen; Sie werden mich im Kriege nicht veranlassen, diesen oder jenen Posten einzunehmen, den der erste Beste einnehmen würde, insofern ich im Augenblick alle geraden Linien und alle parabolischen Linien, die auf eine tödtliche Weise nach diesem Posten zulaufen, berechnet haben werde. Sie sagen mir, man sehe eine verlorene Kugel nicht vorher? Ich antworte Ihnen, ein Mann, der eine Million Flintenschüsse vermieden, sei nicht entschuldbar, wenn er sich durch eine verlorene Kugel tödten lasse. Ah! machen Sie keine Geberde der Ungläubigkeit, denn ich bin hier als ein lebendiger Beweis. Ich sage Ihnen nicht, ich sei unsterblich; ich sage Ihnen nur, ich wisse das, was Niemand weiß, nämlich den Tod zu vermeiden, wenn er durch einen Zufall kommt. So würde ich, zum Beispiel, um keinen Preis der Welt hier allein mit Herrn von Launay bleiben, denn er denkt, wenn er mich in einer seiner Zellen in der Bastille hätte, so würde er meine Unsterblichkeit mit Hilfe des Hungers versuchen. Ich würde eben so wenig mit Herrn von Condorcet zusammenbleiben, denn er hat in diesem Augenblick den Gedanken, den Inhalt des Ringes, den er am Zeigefinger der linken Hand trägt, in mein Glas zu werfen, und dieser Inhalt ist Gift. Alles ohne irgend eine boshafte Absicht, sondern nur aus wissenschaftlicher Neugierde, um ganz einfach zu erfahren, ob ich daran sterben würde.«

Die zwei Personen, welche Cagliostro genannt hatte, machten eine Bewegung.

»Sie können es frei gestehen, Herr von Launay; wir sind kein Gerichtshof, und überdieß bestraft man die Absicht nicht. Lassen Sie hören, haben Sie gedacht, was ich gesagt habe? Und Sie, Herr Condorcet, tragen Sie wirklich in Ihrem Ring ein Gift, das Sie mir gern im Namen Ihrer vielgeliebten Gebieterin, der Wissenschaft, einflößen möchten?«

»Meiner Treue,« antwortete Herr von Launay, lachend und zugleich erröthend, »ich gestehe, daß Sie Recht hatten, Herr Graf, es war eine Tollheit. Doch diese Tollheit ging mir gerade in dem Augenblick, wo Sie mich anschuldigten, durch den Kopf.«

»Und ich,« sagte Condorcet, »ich will nicht minder offenherzig sein. Ich dachte wirklich, wenn Sie von dem kosteten, was in meinem Ring enthalten ist, gäbe ich nicht einen Obol mehr für Ihre Unsterblichkeit.«

Ein Schrei der Bewunderung war um den ganzen Tisch hörbar.

Dieses Geständniß bestätigte nicht die Unsterblichkeit, wohl aber den Scharfsinn des Grafen von Cagliostro.

»Sie sehen wohl,« sagte Cagliostro ruhig, »Sie sehen, daß ich errathen habe. Nun denn! ebenso ist es mit Allem, was geschehen soll. Die Gewohnheit zu leben hat mir mit dem ersten Blick die Vergangenheit und die Zukunft der Leute, die ich sehe, enthüllt.

»Meine Unfehlbarkeit in dieser Hinsicht ist so groß, daß sie sich auf die Thiere, auf die träge Materie erstreckt. Steige ich in meinen Wagen, so sehe ich an der Miene der Pferde, daß sie durchgehen werden, an der Miene des Kutschers, daß er mich umwerfen oder mit mir hängen bleiben wird; schiffe ich mich auf einem Fahrzeuge ein, so errathe ich, der Capitän werde ein unwissender Tropf oder ein Starrkopf sein, und folglich nicht das erforderliche Manöver machen können oder wollen. Ich vermeide dann den Kutscher wie den Capitän; ich lasse die Pferde wie das Schiff. Ich leugne den Zufall nicht, ich verringere ihn. Statt ihm hundert Chancen zu lassen, wie es alle Welt thut, benehme ich ihm neunundneunzig. Hiebei kommt es mir sehr zu Statten, daß ich dreitausend Jahre gelebt habe.«

»Ah,« sagte Lapérouse lachend unter dem durch die Worte Cagliostro's veranlaßten Enthusiasmus oder Aerger, »dann müßten Sie mich bis zu den Schiffen begleiten, auf denen ich die Reise um die Welt machen soll. Sie würden mir dadurch einen ausgezeichneten Dienst leisten.«

Cagliostro antwortete nicht.

»Herr Marschall,« fuhr lachend der Seemann fort, »da der Herr Graf von Cagliostro, und ich begreife das, eine so gute Gesellschaft nicht verlassen will, so müssen Sie mir erlauben, dieß zu thun. Verzeihen Sie, Herr Graf von Haga, verzeihen Sie, Madame, aber es hat sieben Uhr geschlagen, und ich habe dem König versprochen, um ein Viertel auf acht Uhr in den Wagen zu steigen. Da nun der Herr Graf von Cagliostro nicht Lust hat, meine zwei Versorgungsschiffe zu sehen, so sage er mir wenigstens, was mir zwischen Versailles und Brest begegnen wird. Von Brest bis zum Pol erlasse ich es ihm, das ist meine Sache. Aber bei Gott! von Versailles bis Brest ist er mir ein Gutachten schuldig.«

Cagliostro schaute Lapérouse noch einmal an, und zwar mit einem so melancholischen Auge, mit einer zugleich so sanften und schwermüthigen Miene, daß die Mehrzahl der Gäste seltsam davon berührt wurde. Der Seefahrer aber bemerkte nichts; er nahm von den Gästen Abschied, seine Diener hüllten ihn in einen schweren, weiten Pelzüberrock, und Madame Dubarry steckte ihm in seine Tasche einige jener dem Reisenden so angenehmen, herzstärkenden Mittel, an die dieser beinahe nie selbst denkt, indeß sie ihn während der langen Nächte einer Reise in einer eisigen Atmosphäre an die abwesenden Freunde erinnern.

Immer lachend verbeugte sich Lapérouse ehrfurchtsvoll vor dem Grafen von Haga und reichte dem Marschall die Hand.

»Gott befohlen, mein lieber Lapérouse,« sagte der Herzog von Richelieu.

»Nein, Herr Herzog, auf Wiedersehen,« entgegnete Lapérouse. »Es ist in der That, als ob ich für die Ewigkeit abreiste: ganz einfach eine Reise um die Welt, vier bis fünf Jahre Abwesenheit, nicht mehr; darum braucht man nicht von einander Abschied zu nehmen.«

»Vier bis fünf Jahre!« rief der Marschall. »Ei! mein Herr, warum sagen Sie nicht vier bis fünf Jahrhunderte? Die Tage sind in meinem Alter Jahre, und so wiederhole ich: Gott befohlen!««

»Bah! fragen Sie den Wahrsager,« erwiderte Lapérouse lachend; »er verspricht Ihnen noch zwanzig Jahre. Nicht wahr, Herr von Cagliostro? Ah! Graf, warum haben Sie mir nicht früher von Ihren göttlichen Tropfen gesagt? Ich hätte um jeden Preis eine Tonne auf der Astrolabium eingeschifft. Dieß ist der Name meines Schiffes, meine Herren. Madame, noch einen Kuß auf Ihre schöne Hand, sicherlich die schönste, die ich von hier bis zu meiner Rückkehr zu sehen bestimmt bin. Auf Wiedersehen!«

Und er entfernte sich.

Cagliostro beobachtete stets dasselbe Stillschweigen von schlimmer Vorbedeutung.

Man hörte die Tritte des Capitäns auf den hallenden Stufen der Freitreppe, seine beständig heitere Stimme im Hofe und seine letzten Grüße an die zu einem letzten Lebewohl versammelten Personen.

Dann schüttelten die Pferde ihre mit Schellen beladenen Köpfe, der Kutschenschlag schloß sich mit dumpfem Geräusch und die Räder ächzten auf dem Straßenpflaster.

Lapérouse hatte den ersten Schritt der geheimnißvollen Reise gemacht, von der er nicht mehr zurückkehren sollte.......

Jedermann horchte.

Als man nichts mehr hörte, fanden sich alle Blicke wie durch eine höhere Macht auf Cagliostro zurückgelenkt.

Es war in diesem Augenblicke in den Zügen dieses Menschen eine pythische Erleuchtung sichtbar, welche die Gäste beben machte.

Ein seltsames Stillschweigen dauerte einige Minuten fort.

Der Graf von Haga unterbrach es zuerst.

»Warum haben Sie ihm nicht geantwortet, mein Herr?«

Diese Frage war der Ausdruck der allgemeinen Bangigkeit.

Cagliostro bebte, als ob ihn die Worte des Grafen seiner inneren Betrachtung entzogen hätten.

»Weil,« antwortete er, »weil ich ihm eine Lüge oder etwas Hartes hätte sagen müssen.«

»Warum?«

»Weil ich hätte zu ihm sprechen müssen: Herr von Lapérouse, der Herr Herzog von Richelieu hat Recht, Ihnen »Lebewohl« und nicht »Auf Wiedersehen« zu sagen.

»Ei! ei!« versetzte Richelieu erbleichend, »Herr von Cagliostro, was des Teufels sagen Sie da von Lapérouse?«

»Oh! beruhigen Sie sich, Herr Marschall,« erwiderte Cagliostro lebhaft, »nicht für Sie ist die Weissagung traurig.«

»Wie!« rief Madame Dubarry, »der arme Lapérouse, der mir so eben die Hand geküßt…«

»Wird sie Ihnen nicht nur nicht mehr küssen, sondern er wird auch diejenigen nicht mehr sehen, welche er diesen Abend verlassen,« antwortete Cagliostro, während er aufmerksam sein Glas Wasser anschaute, in dem durch die Art, wie es gestellt war, leuchtende Schichten von einer Opalfarbe, schräge durchschnitten von den umstehenden Gegenständen, spielten.

Ein Schrei der Verwunderung kam aus Aller Mund hervor.

Jeden Augenblick steigerte sich das Interesse des Gesprächs; aus der ernsten, feierlichen, beinahe ängstlichen Miene, womit die Anwesenden, theils mit dem Blick, theils mit der Stimme, Cagliostro befragten, hätte man annehmen sollen, es handle sich um unfehlbare Weissagungen eines antiken Orakels.

Unter dieser Befangenheit der Gäste des Herzogs erhob sich Herr von Favras, das allgemeine Gefühl zusammenfassend, machte ein Zeichen und ging auf den Zehen in die Vorzimmer, um zu horchen, ob nicht einer der Bedienten laure.

Aber das Haus des Herrn Marschalls von Richelieu war, wie gesagt, ein wohlbestelltes Haus, und Herr von Favras fand im Vorzimmer nur einen alten Intendanten, der streng wie eine Schildwache auf einem verlorenen Posten die Zugänge des Speisesaales zur feierlichen Stunde des Nachtisches vertheidigte.

Er kam zurück, setzte sich nieder und bedeutete den Gästen, sie seien allein.

»Wenn es so ist,« sprach Madame Dubarry, die Versicherung des Herrn von Favras erwidernd, als wäre sie laut gegeben worden, »wenn es so ist, erzählen Sie uns, was des armen Lapérouse harrt.«

»Immer zu, Herr von Cagliostro,« sagten die Männer.

»Ja, wir bitten Sie wenigstens darum.«

»Wohl, Herr von Lapérouse geht ab, wie er Ihnen gesagt hat, in der Absicht, die Welt zu umsegeln und die Reisen Cooks, des armen Cook, fortzusetzen, der, wie Sie wissen, auf den Sandwichsinseln ermordet worden ist.«

»Ja! ja! wir wissen es,« machten nicht sowohl alle Stimmen als vielmehr alle Köpfe.

»Alles weissagt der Unternehmung einen glücklichen Erfolg. Herr von Lapérouse ist ein guter Seemann; überdieß hat ihm König Ludwig XVI. seine Reise geschickt vorgezeichnet.«

»Ja,« unterbrach ihn der Graf von Haga, »der König von Frankreich ist ein geschickter Geograph; nicht wahr, Herr von Condorcet?«

»Ein geschickterer Geograph, als es für einen König nöthig ist,« erwiderte der Marquis. »Die Könige sollten Alles nur nach der Oberfläche kennen, dann ließen sie sich vielleicht durch die Menschen leiten, die den Grund kennen.«

»Das ist eine Lection, Herr Marquis,« sagte lächelnd der Graf von Haga.

Erröthend entgegnete Condorcet:

»Oh! nein, es ist eine einfache Betrachtung, ein einfacher philosophischer Satz.«

»Er reist also ab,« sagte Madame Dubarry, die sich beeiferte, jedes Privatgespräch abzubrechen, das von dem Wege, den das allgemeine Gespräch genommen, hätte ablenken können.

»Er reist also ab,« wiederholte Cagliostro. »Glauben Sie aber nicht, daß er, so eilfertig er Ihnen geschienen hat, sogleich in See geht; nein, ich sehe ihn viel Zeit in Brest verlieren.«

»Das ist Schade,« fügte Condorcet, »es ist die Zeit der Abfahrten. Es ist sogar schon ein wenig spät, Februar oder März wäre besser gewesen.«

»Oh! werfen Sie ihm diese paar Monate nicht vor, Herr von Condorcet, er lebt wenigstens während dieser Zeit, er lebt und hofft.«

»Ich denke, man hat ihm doch wohl gute Gesellschaft gegeben?« fragte Richelieu.

»Ja,« erwiderte Cagliostro, »derjenige, welcher das zweite Schiff befehligt, ist ein ausgezeichneter Officier. Ich sehe ihn noch jung, abenteuerlich, leider muthig.«

»Wie, leider?«

»Nun wohl! ein Jahr nachher suche ich diesen Freund und sehe ihn nicht mehr,« sprach Cagliostro, ängstlich sein Glas befragend. »Niemand von Ihnen ist mit Herrn von Langlé verwandt?«

»Nein.«

»Niemand kennt ihn?«

»Nein.«

»Nun denn! der Tod wird mit ihm anfangen. Ich sehe ihn nicht mehr.«

Ein Gemurmel des Schreckens drang aus der Brust aller Anwesenden hervor.

»Aber er … er … Lapérouse?« fragten mehrere keuchende Stimmen.

»Er schwimmt auf der See, er landet, er schifft sich wieder ein. Ein Jahr, zwei Jahre glücklicher Schifffahrt. Man erhält Nachrichten von ihm.[2 - Der Officier, der die letzten Nachrichten, die man von Lapérouse erhielt, überbrachte, war Herr von Lesseps, der einzige Mensch der Expedition, der Frankreich wiedersah.] Und dann…«

»Und dann?«

»Die Jahre vergehen.«

»Nun?«

»Der Ocean ist groß. Der Himmel ist düster, da und dort tauchen immer frische Länder empor, da und dort werden Gestalten, so häßlich wie die Ungeheuer des griechischen Archipels sichtbar. Sie belauern das Schiff, das, von der Strömung fortgerissen, im Nebel zwischen den Riffen hinflieht, dann der Sturm, der Sturm, gastlicher als das Gestade, dann unheilvolle Feuer. Oh! Lapérouse, Lapérouse! Wenn Du mich hören könntest, würde ich zu Dir sagen: Du segelst ab wie Christoph Columbus, um eine Welt zu entdecken; mißtraue unbekannten Inseln!«

Er schwieg.

Ein eisiger Schauer durchlief die Versammlung, während über den Tisch noch seine letzten Worte vibrirten.

»Warum hatten Sie ihn aber nicht gewarnt?« rief der Graf von Haga, der wie die Anderen dem Einfluß dieses außerordentlichen Menschen erlag, welcher nach seiner Laune alle Herzen bewegte.

»Ja, ja,« sprach Madame Dubarry. »Warum ihm nicht nacheilen, warum ihn nicht einholen? Das Leben eines Mannes wie Lapérouse ist wohl die Reise eines Couriers werth, mein lieber Marschall.«

Der Marschall begriff und stand halb auf, um zu läuten.

Cagliostro streckte den Arm aus.

Der Marschall sank in seinen Lehnstuhl zurück.

»Ach! jeder Rath wäre unnütz,« fuhr Cagliostro fort, »der Mensch, der das Verhängniß vorhersieht, ändert das Verhängniß nicht. Herr von Lapérouse würde lachen, wenn er meine Worte gehört hätte, wie die Söhne des Priamus bei der Weissagung Cassandra's lachten; aber sehen Sie, Sie lachen selbst, Herr Graf von Haga, und das Lachen wird auch Ihre Gefährten anstecken. Oh! thun Sie sich keinen Zwang an, Herr von Condorcet, thun Sie sich keinen Zwang an, Herr von Favras; ich habe nie einen gläubigen Zuhörer gefunden.«

»Oh! wir glauben,« riefen Madame Dubarry und der alte Herzog von Richelieu.

»Ich glaube,« murmelte Taverney.

»Ich auch,« sagte der Graf von Haga verbindlich.

»Ja,« sprach Cagliostro, »Sie glauben, Sie glauben, weil es sich um Herrn von Lapérouse handelt; handelte es sich aber um Sie, so würden Sie nicht glauben.«

»Oh!«

»Davon bin ich fest überzeugt.«

»Ich muß gestehen,« sprach der Graf von Haga, »was mich glauben machen könnte, wäre, wenn Herr von Cagliostro zu Herrn von Lapérouse gesagt hätte: »»Hüten Sie sich vor unbekannten Inseln.«« Er hätte sich davor gehütet. Das war immer eine Chance.«

»Ich versichere Sie, mein Herr Graf, und würde er mir auch geglaubt haben – sehen Sie, wie furchtbar diese Offenbarung gewesen wäre – so hätte in Gegenwart der Gefahr, beim Anblick der unbekannten Inseln, der Unglückliche, an meine Prophezeiung glaubend, den geheimnißvollen Tod, der ihn bedroht, herannahen gefühlt, ohne ihm entfliehen zu können. Nicht Einen Tod, tausend Tode würde er erlitten haben, denn es heißt tausend Tode erleiden, wenn man mit der Verzweiflung an seiner Seite in der Finsterniß umhergeht. Bedenken Sie wohl, die Hoffnung, die ich ihm benommen hätte, ist der letzte Trost, den der Unglückliche unter dem Messer bewahrt, wenn ihn schon das Messer berührt, wenn ihn die Schärfe des Stahls berührt, wenn sein Blut fließt. Erlischt das Leben, so hofft der Mensch doch noch.«

»Es ist wahr,« sagten mit leiser Stimme einige Anwesende.

»Ja,« sprach Condorcet, »der Schleier, der das Ende unseres Lebens bedeckt, ist das einzige wahre Gute, das Gott dem Menschen auf der Erde gewährt hat.«

»Nun, wie dem auch sein mag,« sagte der Graf von Haga, »wenn ich zufällig von einem Mann wie Sie hörte: Mißtrauen Sie diesem oder jenem Menschen, dieser oder jener Sache – so würde ich die Warnung für gut annehmen und dem Rathgeber danken.«

Cagliostro schüttelte sanft den Kopf und begleitete diese Geberde mit einem Lächeln.

»In der That, Herr von Cagliostro,« fuhr der Graf von Haga fort, »geben Sie mir einen Wink, und ich werde Ihnen dankbar sein.«

»Sie möchten gern, daß ich Ihnen sagte, was ich Herrn von Lapérouse nicht sagen wollte?«

»Ja, das möchte ich.«

Cagliostro machte eine Bewegung, als ob er sprechen wollte; doch er hielt wieder an sich und sagte nur:

»Oh! nein, Herr Graf, nein.«

»Ich bitte Sie inständig.«

Cagliostro wandte den Kopf ab und erwiderte:

»Nie! nie!«

»Nehmen Sie sich in Acht,« sagte lächelnd der Graf, »Sie werden mich abermals ungläubig machen.«

»Die Ungläubigkeit ist der Angst vorzuziehen.«

»Herr von Cagliostro,« sprach der Graf mit ernstem Ton, »Sie vergessen Eines.«

»Was?« fragte der Prophet voll Ehrfurcht.

»Daß, wenn es Menschen gibt, welche ohne Nachtheil über ihr Geschick im Ungewissen sein können, andere dagegen vorhanden sind, welche die Zukunft wissen mochten, weil ihr Geschick nicht nur für sie selbst, sondern für Millionen von Menschen von Gewicht und Bedeutung ist.«

»Einen Befehl also,« versetzte Cagliostro. »Nein, ich werde Nichts ohne einen Befehl thun.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Eure Majestät befehle, und ich werde gehorchen,« erwiderte Cagliostro mit leiser Stimme.

»Ich befehle Ihnen, mir mein Schicksal zu offenbaren, Herr von Cagliostro,« sprach der König mit einer Majestät voll Höflichkeit.

Zu gleicher Zeit, wo der Graf von Haga sich als König behandeln ließ und durch Ertheilung eines Befehls sein Incognito brach, stand der Herzog von Richelieu auf, verbeugte sich ehrerbietig vor dem Fürsten und sagte:

»Ich danke für die Ehre, die der König von Schweden meinem Hause angethan hat: Eure Majestät wollen den Ehrenplatz einnehmen. Von diesem Augenblick kann er nur Ihnen gehören, Sire.«

»Bleiben wir, bleiben wir, wie wir sind, Herr Marschall, und verlieren wir nicht ein Wort von dem, was mir der Herr Graf von Cagliostro sagen wird.«

»Den Königen sagt man die Wahrheit nicht, Sire.«

»Bah! ich bin nicht in meinem Königreich. Nehmen Sie Ihren Platz wieder ein, Herr Herzog; sprechen Sie, Herr von Cagliostro, ich beschwöre Sie darum.«

Cagliostro schaute sein Glas an; Kügelchen, denen ähnlich, welche den Champagner durchziehen, stiegen vom Boden zur Oberfläche auf, das Wasser schien sich, durch seinen mächtigen Blick angezogen, unter seinem Willen zu rühren.

»Sire, sagen Sie mir nur, was Sie wissen wollen, ich bin bereit zu antworten,« sprach Cagliostro.

»Sagen Sie mir, welchen Todes ich sterben werde.«

»Durch einen Schuß.«

Die Stirne Gustavs strahlte.

»Ah! in einer Schlacht,« sagte er, »den Tod eines Soldaten. Ich danke Ihnen, Herr von Cagliostro, ich danke tausendmal. Oh! ich sehe Schlachten vorher, und Gustav Adolph und Karl XII. haben mir gezeigt, wie Schwedenkönige sterben.«

Cagliostro neigte das Haupt, ohne zu antworten.

Der Graf von Haga faltete die Stirne.

»Ho! ho!« sagte er, »wird der Schuß nicht in einer Schlacht geschehen?«

»Nein, Sire.«

»Bei einem Aufruhr, ja das ist auch möglich.«

»Nicht bei einem Aufruhr.«

»Wo denn?«

»Auf einem Ball, Sire.«

Der König wurde träumerisch.

Cagliostro, der aufgestanden war, setzte sich wieder und ließ seinen Kopf in seine beiden Hände fallen, in denen er sich begrub.

Alle erbleichten um den Urheber der Prophezeiung und um den Gegenstand derselben.

Herr von Condorcet trat näher zu dem Glase Wasser, worin der Wahrsager die schlimme Vorbedeutung gelesen hatte, nahm es beim Fuß, hob es bis zu der Höhe seines Auges empor und prüfte sorgfältig die glänzenden Rauten und den geheimnißvollen Inhalt.

Man sah dieses verständige, aber kalt forschende Auge von dem doppelten, festen und flüssigen Krystall die Lösung eines Problems fordern, dem seine Vernunft nur den Werth einer rein physischen Speculation einräumte.

Der Gelehrte berechnete in der That die Tiefe, die leuchtenden Zusammenziehungen und microscopischen Augen des Wassers. Er, der für Alles eine Ursache haben wollte, fragte sich nach der Ursache und dem Vorwand dieser Charlatanerie, auf Menschen vom Range derjenigen, welche die Tafel umgaben, von einem Menschen ausgeübt, dem man ein außerordentliches Gewicht nicht absprechen konnte.

Ohne Zweifel fand er die Lösung seines Problems nicht, denn er hörte auf, das Glas prüfend zu betrachten, stellte es wieder auf den Tisch und sprach mitten unter dem durch die Wahrsagung Cagliostro's hervorgebrachten Erstaunen:

»Nun, ich werde unseren erhabenen Propheten auch bitten, seinen magischen Spiegel zu befragen. Leider,« fügte er bei, »leider bin ich kein mächtiger Herr, ich befehle nicht, und mein dunkles Leben gehört nicht Millionen von Menschen.«

»Mein Herr,« versetzte der Graf von Haga, »Sie befehlen im Namen der Wissenschaft und Ihr Leben ist nicht nur für ein Volk, sondern für die ganze Menschheit von Bedeutung.«

»Ich danke, Herr Graf; doch Ihre Ansicht über diesen Punkt ist vielleicht nicht die des Herrn von Cagliostro.«

Cagliostro erhob das Haupt wie ein gespornter Renner.

»Doch, Marquis,« sprach er mit einem Anfang nervöser Reizbarkeit, die man in alten Zeiten dem Einfluß des Gottes, von dem er gleichsam besessen war, zugeschrieben hätte, »doch, Sie sind ein mächtiger Herr im Reiche der Intelligenz. Schauen Sie mir in's Gesicht; auch Sie wünschen im Ernst, daß ich Ihnen weissage?«

»Im Ernst, Herr Graf,« erwiderte Condorcet, »bei meiner Ehre, man kann es nicht ernstlicher wünschen.«

»Nun wohl! Marquis,« sprach Cagliostro mit dumpfem Tone, indem er das Augenlid über seinen starren Blick senkte, »Sie werden an dem Gift sterben, das Sie in dem Ring an Ihrem Finger tragen. Sie werden sterben…«

»Aber wenn ich ihn wegwürfe?« unterbrach ihn Condorcet.

»Werfen Sie ihn weg.«

»Sie gestehen also, daß dieß sehr leicht ist.«

»Werfen Sie ihn weg, sage ich Ihnen.«

»Oh! ja, Marquis!« rief Madame Dubarry, »ich bitte, werfen Sie das abscheuliche Gift weg, werfen Sie es weg, und wäre es nur, um diesen unseligen Propheten, der uns Alle mit seinen Wahrsagungen betrübt, ein wenig Lügen zu strafen. Denn wenn Sie es wegwerfen, so ist es gewiß, daß Sie nicht durch dieses vergiftet werden, und da Herr von Cagliostro behauptet, es werde durch dieses geschehen, so wird Herr von Cagliostro wohl oder übel gelogen haben.«

»Die Frau Gräfin hat Recht,« sagte der Graf von Haga.

»Bravo! Gräfin!« rief Richelieu. »Auf, Marquis, werfen Sie das Gift weg; das wird um so besser sein, als ich nun, da ich weiß, daß Sie den Tod eines Menschen in der Hand tragen, zittern werde, so oft wir mit einander trinken. Der Ring kann sich von selbst öffnen. He! he!«

»Und zwei Gläser, die zusammenstoßen, sind sehr nahe bei einander,« sagte Taverney. »Werfen Sie es weg, Marquis, werfen Sie es weg.«

»Dieß ist vergeblich,« erwiderte Cagliostro, »Herr von Condorcet wird es nicht wegwerfen.«

»Nein,« sprach der Marquis, »ich werde es nicht von mir lassen, doch nicht, weil ich das Geschick unterstützen will, sondern weil Cabanis mir dieses Gift componirt hat, das ganz einzig, nemlich eine Substanz ist, die durch den Zufall ihre Tüchtigkeit erlangt hat, und weil er diesen Zufall vielleicht nie wieder finden wird, darum werde ich das Gift nicht wegwerfen. Triumphiren Sie, wenn Sie wollen, Herr von Cagliostro.«

»Das Geschick findet immer seine getreuen Agenten, um es im Vollzug seiner Sprüche zu unterstützen,« sprach Cagliostro.

»So werde ich durch Gift sterben,« sagte der Marquis. »Wohl! es sei. Es stirbt nicht Jeder, der will, durch Gift. Es ist ein bewunderungswürdiger Tod, den Sie mir prophezeien, ein wenig Gift auf die Spitze meiner Zunge, und ich bin vernichtet. Das ist nicht der Tod plus, sondern das Leben minus, wie wir in der Algebra sagen.«

»Es ist nicht mein Wille, daß Sie leiden, mein Herr,« erwiderte Cagliostro mit kaltem Tone.

Und er machte ein Zeichen, durch das er bedeutete, er wünsche hiebei stehen zu bleiben, wenigstens mit Herrn von Condorcet.

»Mein Herr,« sprach nun der Marquis von Favras, indem er sich über die Tafel ausstreckte, als wollte er Cagliostro entgegenkommen, »wir haben nun einen Schiffbruch, einen Schuß und eine Vergiftung, die mir das Wasser im Mund zusammenlaufen machen. Werden Sie nicht die Güte haben, mir auch einen Tod ähnlicher Art zu weissagen?«

»Oh! Herr Marquis,« erwiderte Cagliostro, der sich unter der Ironie zu beleben anfing, »Sie hätten in der That Unrecht, wenn Sie auf diese Herren eifersüchtig wären; denn so wahr ich ein Edelmann bin, Sie werden etwas Besseres haben.«

»Etwas Besseres?« rief Herr von Favras lachend, »nehmen Sie sich in Acht, Sie versprechen allzu viel; etwas Besseres als das Meer, das Feuer und das Gift? Das ist schwierig!«

»Es bleibt der Strang, Herr Marquis,« erwiderte Cagliostro mit freundlichem Tone.

»Der Strang … ho! ho! was sagen Sie mir da!«

»Ich sage Ihnen, daß Sie gehenkt werden« antwortete Cagliostro mit einer Art von prophetischer Wuth, über die er nicht mehr Meister war.

»Teufel! gehenkt!« rief die Versammlung.

»Sie vergessen, daß ich Edelmann bin,« entgegnete Favras, etwas abgekühlt; »und wollen Sie zufällig von einem Selbstmord sprechen, so sage ich Ihnen zum Voraus, daß ich mich bis zum letzten Augenblick genugsam zu achten gedenke, um mich keines Strickes zu bedienen, so lange ich noch einen Degen habe.«

»Ich spreche nicht von einem Selbstmord, mein Herr.«

»Sie sprechen von einer Hinrichtung?«

»Ja.»

»Sie sind ein Fremder, und in dieser Eigenschaft verzeihe ich Ihnen.«

»Was?«

»Ihre Unwissenheit. In Frankreich köpft man die Edelleute.«

»Sie werden diese Angelegenheit mit Ihrem Henker abmachen,« erwiderte Cagliostro, Herrn von Favras unter dieser brutalen Antwort niederschmetternd.

Es trat ein Augenblick banger Unruhe in der Versammlung ein.

»Wissen Sie, daß ich jetzt zittere!« sagte Herr von Launay, »meine Vorgänger haben so traurig gewählt, daß ich Schlimmes für mich vorhersehe, wenn ich denselben Sack durchwühle, wie sie.«

»Dann seien Sie vernünftiger, als sie, und wollen Sie die Zukunft nicht kennen; gut oder übel, ehren wir das Geheimniß Gottes.«

»Oh! oh! Herr von Launay,« sagte Madame Dubarry, »ich hoffe, Sie werden so viel Muth haben, als diese Herren.«

»Ich hoffe es auch, Madame,« erwiderte der Gouverneur, sich verbeugend.

Dann wandte er sich an Cagliostro und sprach:

»Mein Herr, ich beschwöre Sie, beschenken Sie mich nun auch mit einem Horoskop.«

»Das ist leicht,« antwortete Cagliostro, »ein Streich mit dem Beil auf den Kopf, und Alles ist abgethan.«

Hier erscholl ein Schrei des Schreckens im Saal. Die Herren von Richelieu und Taverney baten Cagliostro, nicht weiter zu gehen; doch die weibliche Neugierde gewann die Oberhand.

»Wenn man Sie hört, Graf, würde das ganze Weltall eines gewaltsamen Todes sterben,« sagte Madame Dubarry. »Wir sind zu acht, und von acht haben Sie bereits fünf zum Tode verurtheilt.«

»Ja, Sie begreifen wohl, daß dieß zum Voraus beschlossen worden ist, und daß wir darüber lachen, Madame,« sprach Herr von Favras, der wirklich zu lachen suchte.

»Gewiß lachen wir darüber, ob es nun wahr oder falsch ist,« versetzte der Graf von Haga.

»Ohl ich würde wohl auch lachen, denn ich möchte der Gesellschaft nicht gern durch meine Feigheit Schande machen,« sprach Madame Dubarry. »Doch leider bin ich nur ein Weib und werde nicht einmal die Ehre haben, in Beziehung auf einen unseligen Ausgang in Ihren Rang gestellt zu werden. Ein Weib, das stirbt in seinem Bett. Ach! mein Tod, der Tod einer traurigen und vergessenen alten Frau, wird die schlimmste von allen Todesarten sein, nicht wahr, Herr von Cagliostro?«

Indem sie diese Worte sprach, zögerte sie; sie gab nicht nur durch ihre Worte, sondern auch durch ihre Miene dem Wahrsager einen Vorwand, sie zu beruhigen; Cagliostro beruhigte sie aber nicht.

Die Neugierde war größer, als die Angst, und trug den Sieg über diese davon.

»Auf, Herr von Cagliostro, antworten Sie mir doch!« rief Madame Dubarry.

»Was soll ich Ihnen antworten? Sie befragen mich nicht.«

Die Gräfin zögerte.

»Aber…« sagte sie.

»Nun, Madame,« sprach Cagliostro, »wollen Sie mich befragen? Ja oder Nein!«

Die Gräfin strengte sich an, um ihre Furcht zu überwinden, und rief, nachdem sie in einem Lächeln der Gesellschaft Muth geschöpft hatte:

»Nun wohl! ja, ich wage es, sagen Sie, wie Jeanne von Vaubernier, Gräfin Dubarry endigen wird.«

»Auf dem Blutgerüst, Madame,« antwortete der finstere Prophet.

»Sie scherzen, nicht wahr, mein Herr?« stammelte die Gräfin, mit einem flehenden Blick.

Aber man hatte Cagliostro auf's Aeußerste getrieben und er sah diesen Blick nicht.

»Und warum scherzen?« fragte er.

»Weil man, um das Blutgerüste zu besteigen, getödtet, gemordet, ein Verbrechen begangen haben muß, während ich aller Wahrscheinlichkeit nach nie ein Verbrechen begehen werde. Nicht wahr, Sie scherzen?«

»Ei! mein Gott, ja,« erwiderte Cagliostro, »es ist ein Scherz, wie Alles, was ich prophezeit habe.«

Die Gräfin brach in ein Gelächter aus, das ein geschickter Beobachter ein wenig zu scharf gefunden hätte, um es für natürlich halten zu können.

»Auf! Herr von Favras,« sagte sie, »bestellen wir unsern Trauerwagen.«

»Oh! das wäre für Sie vergeblich, Gräfin,« sprach Cagliostro.

»Und warum dieß, mein Herr?«

»Weil Sie auf einem Karren nach dem Schaffot fahren werden.«

»Pfui! wie abscheulich!« rief Madame Dubarry. »Oh! der abscheuliche Mensch! Marschall, wählen Sie ein andermal Gäste von besserer Laune, oder ich komme nicht mehr zu Ihnen.«

»Entschuldigen Sie mich, Madame. Sie, wie die Andern, haben es gewollt,« versetzte Cagliostro.

»Ich, wie die Andern; nicht wahr, Sie werden mir wenigstens Zeit bewilligen, meinen Beichtvater zu wählen?«

»Das wäre ganz überflüssig, Gräfin,« erwiderte Cagliostro.

»Wie so?«

»Der Letzte, der mit einem Beichtvater das Schaffot besteigt, wird…«

»Wird?« fragte die ganze Versammlung.

»Wird der König von Frankreich sein.«

Cagliostro sprach diese letzteren Worte mit einem so dumpfen, so traurigen Ton, daß es die Anwesenden wie ein Todeshauch umwehte und all ihr Mut in Eis verwandelte.

Es trat ein Stillschweigen von einigen Minuten ein.

Während dieses Stillschweigens näherte Cagliostro seine Lippen dem Glase Wasser, in dem er seine unheilvollen Prophezeiungen gelesen. Doch kaum hatte er es mit dem Munde berührt, als er es mit einem unüberwindlichen Widerwillen zurückschob, wie er etwa einen bittern Kelch zurückgeschoben hätte.

Wählend er diese Bewegung vollbrachte, richtete er seine Augen auf Taverney.

»Oh!« rief der Baron, im Glauben, er wolle sprechen, »sagen Sie mir nicht, was aus mir werden wird; ich frage Sie nicht darnach.«

»Wohl! ich frage Sie an seiner Stelle,« sprach Richelieu.

»Sie, Herr Marschall,« antwortete Cagliostro, »beruhigen Sie sich, Sie sind der Einzige von uns, der in seinem Bette sterben wird.«

»Der Caffee, meine Herren,« rief der alte Marschall, entzückt über diese Wahrsagung. »Der Caffee.«

Alle standen auf.

Doch ehe man in den Salon ging, näherte sich der Graf von Haga Cagliostro und sprach zu ihm:

»Mein Herr, ich gedenke nicht meinem Schicksal zu entfliehen, doch sagen Sie mir, was ich mißtrauen soll.«

»Einem Muff, Sire,« antwortete Cagliostro.

Herr von Haga entfernte sich.

»Und ich?« fragte Condorcet.

»Einem Pfannenkuchen.«

»Gut, ich verzichte auf die Eier.«

Und er folgte dem Grafen.

»Und ich,« sprach Herr von Favras, »wovor habe ich mich zu fürchten?«

»Vor einem Brief.«

»Gut, ich danke.«

»Und ich?« fragte Herr von Launay.

»Vor der Einnahme der Bastille.«

»Oh! nun bin ich ruhig.«

Und er entfernte sich lachend.

»Nun ist die Reihe an mir,« sagte die Gräfin ganz ängstlich.

»Sie, schöne Gräfin, mißtrauen Sie der Place Louis XV.«

»Ach!« erwiderte Madame Dubarry, »ich habe mich schon eines Tags dort verirrt und sehr darunter gelitten. An diesem Tag hatte ich den Kopf verloren.«

»Nun, Sie werden ihn abermals verlieren, aber nicht mehr finden.«

Madame Dubarry stieß einen Schrei aus und entfloh zu den andern Gästen in den Salon.

Cagliostro wollte der Gesellschaft folgen.

»Einen Augenblick Geduld,« sprach Richelieu, »nur mir und Taverney haben Sie Nichts gesagt, mein lieber Zauberer.«

»Herr von Taverney hat mich gebeten, ihm Nichts zu sagen, und Sie, Herr Marschall, haben Nichts von mir verlangt.«

»Oh! ich bitte Sie abermals,« rief Taverney mit gefalteten Händen.

»Doch könnten Sie uns nicht, um die Macht Ihres Genies zu beweisen, etwas sagen, was wir zwei allein wissen?«

»Was?« fragte Cagliostro lächelnd.

»Nun denn! was dieser brave Taverney in Versailles macht, statt ruhig auf seinem schönen Gute Maison-Rouge zu leben, das der König für ihn vor drei Jahren wiedererkauft hat?«

»Das ist ganz einfach,« antwortete Cagliostro; »vor zehn Jahren wollte der Herr Baron seine Tochter, Fräulein Andrée, König Ludwig XV. geben; doch es ist dem Herrn nicht gelungen.«

»Ho! ho!« murrte Taverney.

»Heute will der Herr seinen Sohn, Philipp von Taverney, Marie Antoinette geben. Fragen Sie ihn, ob ich lüge.«

»Bei meiner Treue,« rief Taverney, »der Teufel soll mich holen, wenn dieser Mensch kein Zauberer ist.«

»Ho! ho!« versetzte der Marschall, »sprich nicht so leichthin vom Teufel.«

»Schrecklich! schrecklich!« murmelte Taverney.

Und er wandte sich, um Cagliostro zum letzten Mal um Discretion anzuflehen. Doch dieser war verschwunden.

»Gehen wir in den Salon, Taverney,« sagte der Marschall; »man würde den Caffee ohne uns nehmen, oder wir würden den Caffee kalt bekommen, was noch schlimmer wäre.«

Und er lief in den Salon.

Doch der Salon war verschlossen; nicht Einer von den Gästen hatte den Muth gehabt, dem Urheber so düsterer Weissagungen noch einmal in's Gesicht zu schauen.

Die Kerzen brannten auf den Candelabern; der Caffee rauchte in der Kanne; das Feuer knisterte im Kamin.

Alles vergeblich.

»Meiner Treue, mein alter Freund, es scheint, wir werden den Caffee unter vier Augen nehmen. Was Teufels, wohin bist Du denn gekommen?« sagte Richelieu.

Und er schaute nach allen Seiten, aber der kleine Greis hatte sich, wie die Andern, aus dem Staube gemacht.

»Gleichviel,« sagte der Marschall, spöttisch lächelnd wie Voltaire, indem er seine trockenen, weißen, ganz mit Ringen beladenen Hände an einander rieb, »ich werde der einzige von allen meinen Tischgenossen sein, der in seinem Bette stirbt. He! he! in meinem Bett. Graf von Cagliostro, ich bin kein Ungläubiger. Nicht wahr, in meinem Bett werbe ich sterben, in meinem Bett, und zwar so spät als möglich? Holla! mein Kammerdiener und meine Tropfen!«

Der Kammerdiener trat mit einem Fläschchen in der Hand ein, und der Marschall und er gingen in's Schlafzimmer.




I.

Zwei unbekannte Frauen


Den Winter von 1784, dieses Ungeheuer, das ein Sechstel von Frankreich verschlang, konnten wir, obgleich er vor den Fenstern stürmte, beim Herrn Herzog von Richelieu in dem so warmen und mit Wohlgerüchen geschwängerten Speisesaal, wo wir waren, nicht sehen.

Etwas Rauhreif an den Scheiben ist der Luxus der Natur dem Luxus der Menschen beigefügt. Der Winter hat seine Diamanten, seinen Puder und seine Silberstickereien für den Reichen, der unter seinem Pelzwerk vergraben oder in seinem Wagen verwahrt, oder in den Watten und Sammten einer geheizten Wohnung eingemummt ist. Jeder Frost ist ein Gepränge, jedes Unwetter eine Decorationsveränderung, die der Reiche durch seine Fensterscheiben von dem großen und ewigen Maschinisten, den man Gott nennt, ausführen sieht.

In der That, wer warm hat, kann die schwarzen Bäume bewundern und einen Reiz in den düstern Perspectiven der vom Winter einbalsamirten Ebenen finden.

Derjenige, welcher die süßen Wohlgerüche des Mittagsmahles, das seiner harrt, zu seinem Gehirn emporsteigen fühlt, kann von Zeit zu Zeit durch ein halbgeöffnetes Fenster den scharfen Duft des Nordostwinds und den eisigen Dunst des Schnees einschlürfen.

Derjenige endlich, welcher nach einem Tag ohne Leiden, wenn Millionen von seinen Mitbürgern gelitten haben, unter Eiderdunen, in seinen Leintüchern, in einem warmen Bett sich ausstreckt, der kann, wie jener Egoist des Lucretius, den Voltaire verherrlicht, finden, Alles sei gut in dieser besten der möglichen Welten.

Derjenige aber, welcher friert, sieht Nichts mehr von all' diesen Herrlichkeiten der Natur, die ebenso reich sind in ihrem Weißen, als in ihrem grünen Mantel.

Derjenige, welcher Hunger hat, sucht die Erde und flieht den Himmel: den Himmel ohne Sonne und folglich ohne Lächeln für den Unglücklichen.

In der Epoche nun, zu der wir gelangt sind, nämlich gegen die Mitte des Monats April, seufzten dreimalhunderttausend Unglückliche, vor Kälte und Hunger sterbend, in Paris allein, wo man unter dem Vorwand, keine Stadt enthalte mehr Reiche, nicht die geringsten Vorsichtsmaßregeln getroffen hatte, um es zu verhindern, daß die Armen durch die Kälte und die Noth umkamen.

Seit vier Monaten trieb ein eherner Himmel die Unglücklichen der Dörfer in die Städte, wie gewöhnlich der Winter die Wölfe aus den Wäldern in die Dörfer treibt.

Kein Brod, kein Holz mehr.

Kein Brod mehr für die Menschen, welche die Kälte auszustehen hatten, kein Holz mehr, um Brod zu backen.

Alle Vorräthe, die eingebracht worden waren, hatte Paris in einem Monat aufgezehrt; der Prevot der Handelsleute, ein unvorsichtiger und unfähiger Mann, verstand es nicht einmal, nach Paris, das seiner Fürsorge anvertraut war, zweimalhunderttausend in einem Umkreise von zehn Meilen um die Hauptstadt verfügbare Klafter Holz hereinzuschaffen.

Als Entschuldigung nannte er, wenn es gefror, das Eis, das die Pferde am Gehen verhindere; wenn es aufthaute, die Unzulänglichkeit der Wagen und Pferde. Ludwig XVI., stets gut, stets menschenfreundlich, stets zuerst berührt von den physischen Bedürfnissen des Volkes, dessen sociale Bedürfnisse ihm eher entgingen, fing damit an, daß er zweimalhunderttausend Livres zum Miethen von Wagen und Pferden anwies; dann nahm er die einen und die andern zwangsweise in Requisition.

Der Verbrauch fuhr indessen fort, das Ankommende wegzuraffen. Man mußte die Käufer taxiren. Niemand war berechtigt, vom allgemeinen Holzhof Anfangs mehr als eine Fuhre, dann mehr als eine halbe Fuhre wegzunehmen. Man sah nun den Schweif der Käufer vor dem Thor der Holzhöfe sich verlängern, wie er sich später vor den Thüren der Bäcker verlängern sollte.

Der König verausgabte all sein Geld in Almosen. Er erhob drei Millionen von den Einnahmen des Octroi, und verwendete diese drei Millionen auf die Erleichterung der Unglücklichen, wobei er erklärte, jeder Drang müsse weichen und schweigen vor dem Drang der Kälte und des Hungers.

Die Königin gab ihrerseits fünfhundert Louisd'or von ihren Ersparnissen. Man verwandelte die Klöster, die Hospitäler, die öffentlichen Gebäude in Zufluchtsorte, und jeder Thorweg öffnete sich auf den Befehl seiner Gebieter, nach dem Beispiel der königlichen Schlösser, um in die Höfe der Hotels den Armen, die sich um ein großes Feuer kauerten, Zugang zu gewähren.

Man hoffte so das gute Thauwetter zu erreichen.

Doch der Himmel war unbeugsam! Jeden Abend breitete sich ein kupferrother Schleier über dem Firmament aus; die Sterne glänzten trocken und kalt, wie das Feuer einer Pechpfanne bei einer Beerdigung, und das nächtliche Gefrieren verdichtete abermals den bleichen Schnee, den die Mittagssonne ein wenig flüssig gemacht hatte, in einen Diamantsee.

Am Tag häuften Tausende von Arbeitern mit Hacke und Schaufel den Schnee und das Eis längs den Häusern auf, so daß ein doppelter, dichter, feuchter Wall die Hälfte der größtentheils schon zu engen Straßen versperrte. Gewichtige Wagen mit glitschenden Rädern, wankende, jeden Augenblick niederstürzende Pferde, zogen diese eisigen Mauern für den Vorübergehenden weg, welcher der dreifachen Gefahr des Fallens, des Zusammenstoßens und des Einstürzens ausgesetzt war.

Bald wurden die Schnee- und Eishaufen so groß, daß die Buden dadurch maskirt, die Durchgänge verstopft waren, und daß man darauf verzichten mußte, das Eis wegzunehmen, da die Kräfte und Mittel der Fuhren nicht mehr genügten.

Das ohnmächtige Paris erklärte sich für besiegt und ließ den Winter gewähren. So vergingen December, Januar, Februar und März; zuweilen verwandelte ein Thauwetter von zwei bis drei Tagen ganz Paris, dem es an Gossen und Abhängen gebrach, in einen Ocean.

In solchen Augenblicken konnte man sich nur schwimmend durch gewisse Straßen durcharbeiten. Pferde kamen vom Wege ab und ertranken. Die Carrossen wagten sich nicht mehr hinein; sie hätten sich in Schiffe verwandelt.

Seinem Character getreu, machte Paris Lieder auf den Tod durch das Thauwetter, wie es Lieder über den Hungertod gemacht hatte. Man ging in Procession nach den Hallen, um die Fischweiber ihre Waaren verkaufen und ihren Kunden mit ungeheuren ledernen Stiefeln nachlaufen zu sehen, wobei sie Hosen in den Stiefeln und die Röcke bis zum Gürtel aufgeschlagen hatten; Alles lachend, gesticulirend und einander in dem Sumpf, den sie bewohnten, mit Koth bespritzend; da aber das Thauwetter ephemer war, da das Eis undurchsichtiger und hartnäckiger folgte, da die Seen vom vorhergehenden Tag am andern Tag schlüpfriger Crystall wurden, so ersetzten Schlitten die Wagen und fuhren, angetrieben von Schlittschuhläufern oder gezogen von scharf beschlagenen Pferden, auf den Chausseen der in glatte Spiegel verwandelten Straßen. Die Seine war, mehrere Fuß tief gefroren, der Sammelplatz der Müßiggänger geworden, die sich im Rennen, im Niederfallen durch Ausglitschen, im Schlittschuhlaufen, kurz in Spielen aller Art übten und, durch diese Gymnastik erwärmt, so bald die Müdigkeit sie zur Ruhe zwang, zum nächsten Feuer liefen, damit der Schweiß nicht auf ihren Gliedern gefror.

Man sah den Augenblick vorher, wo, da der Verkehr zu Wasser unterbrochen, zu Lande unmöglich geworden, die Lebensmittel nicht mehr ankommen würden und Paris, dieser riesige Körper, in Ermangelung von Nahrung unterliegen müßte, wie jene Cetaceen, die, nachdem sie ihre Bezirke entvölkert, in den Polareisen eingeschlossen bleiben und an Entkräftung sterben, weil es ihnen nicht möglich gewesen ist, wie die kleinen Fische, ihre Beute, durch die Spalten zu entkommen und gemäßigtere Zonen, fruchtbarere Wasser zu erreichen.

Der König versammelte in dieser verzweiflungsvollen Lage seinen Rath. Er beschloß, die Bischöfe, die Aebte. die Mönche, die sich gar zu wenig um ihre Residenz bekümmerten, die Gouverneure, die Intendanten der Provinzen, die Paris zu ihrem Gouvernementssitz gemacht hatten, die Magistrate endlich, welche die Oper und die Gesellschaft ihren mit Lilien verzierten Amtsstühlen vorzogen, aus Paris zu verbannen, d. h. zur Rückkehr nach ihren Provinzen aufzufordern.

Man sollte auch noch alle adeligen Gutsbesitzer der Provinzen auffordern, sich in ihre Schlösser einzusperren. Aber Herr Lenoir, der Polizeilieutenant, bemerkte dem König, da alle diese Leute nicht dazu verpflichtet seien, so könne man sie nicht zwingen, Paris von einem Tag auf den andern zu verlassen; sie würden daher, um sich zu entfernen, mit einer Langsamkeit zu Werke gehen, welche theils dem bösen Willen, theils der Schwierigkeit der Wege zuzuschreiben wäre, und so müßte das Thauwetter eintreten, ehe man den Vortheil der Maßregel erlangt hätte, indeß alle möglichen Unannehmlichkeiten daraus hervorgegangen wären.

Das Mitleid des Königs, das die Cassen trocken legte, die Barmherzigkeit der Königin, die ihre Sparbüchse erschöpfte, hatten die sinnreiche Dankbarkeit des Volkes erregt, das durch ephemere Monumente das Andenken an die Wohlthaten heiligte, die Ludwig XVI. und die Königin den Dürftigen hatten zufließen lassen. Wie einst die Soldaten dem siegreichen Feldherrn Trophäen mit den Waffen des Feindes errichteten, von dem der Feldherr sie befreit hatte, so errichteten die Pariser auf dem Schlachtfeld selbst, auf dem sie gegen den Feind kämpften, dem König und der Königin Obeliske von Schnee und Eis. Jeder trug dazu bei, der Tagelöhner gab seine Arme, der Handwerker seine Industrie, der Künstler sein Talent, und die Obelisken erstanden zierlich, kühn und solid an jeder Ecke der Hauptstraßen, und der arme Schriftsteller, den die Wohlthat des Königs in seiner Mansarde aufgesucht hatte, brachte die Opfergabe einer mehr noch mit dem Herzen als mit dem Geist abgefaßten Inschrift herbei.

Am Ende des März trat das Thauwetter ein, aber ungleichmäßig, unvollständig, mit Wiederholungen des Gefrierens, welche die Noth, den Schmerz und den Hunger bei der Pariser Bevölkerung vermehrten, während sie zugleich die Schneemonumente aufrecht und fest erhielten.

Nie war das Elend so groß gewesen als in dieser letzten Periode; Zwischenblicke einer schon lauen Sonne ließen die Nächte des Frostes und des Nordostwindes noch kälter erscheinen; die großen Eislagen waren geschmolzen und in die Seine abgelaufen, welche an allen Theilen austrat. Doch in den ersten Tagen des April zeigte sich eine jener Erneuerungen der Kälte, von denen wir gesprochen; die Obeliske, an denen schon jener Schweiß herabgelaufen war, der ihren Tod weissagt, die Obeliske befestigten sich, halb geschmolzen, abermals ungestalt und vermindert; eine schöne Schneelage bedeckte die Boulevards und die Quais, und man sah wieder die Schlitten mit ihren muntern Rossen erscheinen. Das war herrlich auf den Boulevards und den Quais. Doch in den Straßen wurden die Kutschen und Cabriolets der Schrecken der Fußgänger, die sie nicht kommen hörten, die Ihnen häufig, durch die Eismauern verhindert, nicht ausweichen konnten, die endlich am häufigsten unter die Räder fielen, wenn sie fliehen wollten.

In wenigen Tagen bedeckte sich Paris mit Verwundeten und Sterbenden. Hier ein auf dem Glatteis gebrochenes Bein, dort eine durch die Gabeldeichsel eines Cabriolets, das in seinem raschen Lauf auf dem Eise nicht hatte anhalten können, eingedrückte Brust. Da fing die Polizei an, sich damit zu beschäftigen, daß sie Diejenigen, welche der Kälte, dem Hunger oder den Überschwemmungen entgangen waren, vor den Rädern bewahrte. Man ließ die Reichen, welche die Armen zermalmten, Bußen bezahlen. In jener Zeit, wo die Aristocratie herrschte, gab es sogar Aristocratie in der Art, die Pferde zu führen; ein Prinz von Geblüt fuhr mit verhängten Zügeln, und ohne: Aufgepaßt! zu rufen; ein Herzog und Pair, ein Edelmann und eine Operntänzerin in gestrecktem Trab; ein Präsident und ein Banquier im Trab; ein Petitmaitre in seinem Cabriolet fuhr selbst wie auf der Jagd, und der Jockey, der hinten obenstand, rief: »Aufgepaßt!« wenn der Herr einen Unglücklichen angehakt oder niedergeworfen hatte.

Und dann raffte sich auf, wer konnte, wie Mercier sagt; insofern aber der Pariser die schönen Schlitten mit Schwanenhälsen auf dem Boulevard hineilen sah, insofern er in ihren Marder- oder Zobelpelzen die Damen des Hofes bewunderte, welche wie Meteore auf des Eises glänzenden Furchen fortgezogen wurden, insofern die goldenen Schellen, die Purpurgarne, und die Federbüsche der Pferde die neben all diesen schönen Dingen staffelförmig aufgestellten Kinder belustigten, vergaß der Pariser Bürger die Sorglosigkeit der Polizeileute und die Brutalitäten der Kutscher, während der Arme seinerseits, wenigstens für einen Augenblick, sein Elend vergaß, denn in jener Zeit war er noch gewohnt, von den reichen Leuten oder von denen, die sich den Anschein davon gaben, in Schutz genommen zu werden.

Unter den von uns mitgetheilten Umständen sah man acht Tage nach dem Mittagsmahle des Herrn von Richelieu zu Versailles, in Paris bei einer schönen, aber kalten Sonne vier elegante Schlitten hereinfahren, welche über den verhärteten Schnee hinglitten, der den Cours-la-Reine und das Ende der Boulevards von den Champs-Elysées an bedeckte. Außerhalb Paris kann der Schnee lange seine jungfräuliche Weise bewahren, da die Füße des Wanderers selten sind. In Paris dagegen berauben hunderttausend Füße täglich den glänzenden Mantel des Winters rasch seiner Jungfräulichkeit und schwärzen ihn.

Die Schlitten, welche dumpf über die Straße hinglitten, hielten zuerst auf dem Boulevard an, das heißt, sobald der Koth auf den Schnee folgte. Die Sonne des Tages hatte in der That die Atmosphäre erweicht, und das augenblickliche Aufthauen begann; wir sagen augenblicklich, denn die Reinheit der Luft verhieß für die Nacht jenen eisigen Nordostwind, der im April die ersten Blätter und die ersten Blüthen versengt.

In dem Schlitten, der voran fuhr, befanden sich zwei Männer, in den weiten braunen doppelkragigen Reiserock von Tuch gekleidet; der einzige Unterschied, den man unter ihren Kleidern bemerkte, war der, daß der eine Knöpfe und Galonen von Gold, der andere Galonen und Knöpfe von Seide hatte.

Diese zwei Männer, gezogen von einem Rappen, dessen Nüstern einen dichten Rauch ausströmten, fuhren vor einem andern Schlitten, auf den sie von Zeit zu Zeit ihre Blicke warfen, als überwachten sie ihn.

In diesem zweiten Schlitten saßen zwei Damen, so gut in Pelz eingehüllt, daß Niemand ihre Gesichter hätte sehen können. Man dürfte sogar beifügen, es wäre schwierig gewesen, zu sagen, welchem Geschlechte diese zwei Personen angehörten, hätte man sie nicht an der Höhe ihres Kopfputzes erkannt, auf dessen Gipfel ein kleiner Hut seine Federn schüttelte.

Von dem kolossalen Gebäude dieses mit geflochtenen Bändern durchwirkten Kopfputzes fiel eine Wolke von weißem Puder hinab, wie im Winter eine Reifwolke von den Zweigen herabfällt, die der Nordost schüttelt.

Diese zwei Damen, welche dicht beisammen saßen, unterhielten sich miteinander, ohne auf die zahlreichen Zuschauer zu achten, die sie auf dem Boulevard vorüberfahren sahen.

Wir haben vergessen, zu bemerken, daß sie nach kurzem Zögern weiter gefahren waren.

Die Eine von ihnen, die größere und majestätischere, drückte an ihre Lippen ein Sacktuch von feinem, gesticktem Batist und hielt den Kopf gerade und fest trotz des Nordosts, der den Schlitten in seinem raschen Laufe durchschnitt. Es hatte fünf Uhr auf der Kirche Saint-Croix-d'Antin geschlagen, und die Nacht fing an, sich auf Paris herabzusenken, und mit der Nacht die Kälte.

In diesem Augenblick hatten die Equipagen ungefähr die Porte Saint-Denis erreicht.

Die Dame vom Schlitten, dieselbe, welche ein Sacktuch vor den Mund hielt, machte den zwei Männern der Vorhut, die sich, den Gang des Rappen beschleunigend, weiter vom Schlitten der zwei Damen entfernten, ein Zeichen. Dann wandte sich dieselbe Dame gegen die Nachhut um, welche aus zwei andern Schlitten, jeder geführt von einem Kutscher ohne Livree, bestand, und ihrerseits dem Zeichen gehorchend, das sie verstanden hatten, verschwanden die zwei Kutscher in der Rue Saint-Denis, in deren Tiefen sie sich verloren.

Der Schlitten der zwei Männer gewann, wie gesagt, einen bedeutenden Vorsprung vor den zwei Damen und verschwand am Ende in den ersten Nebeln des Abends.

Als der zweite Schlitten auf das Boulevard de Menilmontant kam, hielt er an; hier waren die Spaziergänger selten, die Nacht hatte sie zerstreut; überdieß wagten sich in dieses abgelegene Quartier wenige Bürger ohne Stocklaternen und ohne Geleite, seitdem der Winter die Zähne von drei- bis viertausend Bettlern geschärft hatte, welche ganz sachte in Diebe verwandelt worden waren.

Die Dame, die wir schon als Befehle ertheilend bezeichnet haben, berührte mit der Fingerspitze die Schulter des Kutschers, der den Schlitten führte.

Der Schlitten hielt an.

»Weber,« sagte sie, »wie viel braucht Ihr Zeit, um das Euch bekannte Cabriolet zu bringen?«

»Madame nimmt das Cabriolet?« fragte der Kutscher mit einem scharfen deutschen Accent.

»Ja, ich werde durch die Straßen zurückkommen, um die Feuer zu sehen. Die Straßen sind aber noch kothiger, als die Boulevards, und man würde schlecht im Schlitten fahren. Und dann habe ich ein wenig kalt bekommen; Sie auch, nicht wahr Kleine?« sagte die Dame, sich an ihre Begleiterin wendend.

»Ja, Madame,« antwortete diese.

»Ihr hört also, Weber, oder Ihr wißt, mit dem Cabriolet?«

»Gut, Madame.«

»Wie viel Zeit braucht Ihr?«

»Eine halbe Stunde.«

»Es ist gut. Schauen Sie auf Ihre Uhr, Kleine.«

Die jüngere von den zwei Damen suchte in ihrem Pelz und schaute dann auf ihrer Uhr mit großer Schwierigkeit nach der Stunde, denn die Nacht verfinsterte sich, wie gesagt, immer mehr.

»Drei Viertel auf sechs Uhr,« antwortete sie.

»Um drei Viertel auf sieben Uhr also, Weber.«

Und, nachdem sie diese Worte gesagt, sprang die Dame leicht aus dem Schlitten, gab ihrer Freundin die Hand und fing an, sich zu entfernen, während der Kutscher mit Geberden ehrfurchtsvoller Verzweiflung laut genug, um von seiner Gebieterin gehört zu werden, murmelte:

»Unklugheit, oh! mein Gott, welche Unklugheit!«

Die zwei Frauen lachten, hüllten sich in ihre Pelze, deren Kragen bis zur Höhe ihrer Ohren gingen, und durchschritten die Gegenallee des Boulevard, wobei sie sich damit belustigten, daß sie den Schnee unter ihren kleinen, mit Pelzstiefelchen bekleideten Füßen krachen ließen.

»Sie, die Sie gute Augen haben, Andrée,« sagte diejenige von den Damen, welche die ältere zu sein schien, und dennoch nicht über dreißig bis zweiunddreißig Jahre zählen mochte, »suchen Sie doch an dieser Ecke den Namen der Straße zu lesen.«

»Rue du Pont-aux-Choux, Madame,« antwortete die junge Dame lachend.

»Welche Straße ist das? Rue du Pont-aux-Choux? Oh! mein Gott! wir sind verloren. Rue du Pont-aux-Choux! Man sagte mir, die zweite Straße rechts. Aber Andrée, wie es hier so gut nach heißem Brod riecht!«

»Das ist kein Wunder, wir sind hier vor der Thüre eines Bäckers,« erwiderte ihre Begleiterin,

»Nun wohl, fragen wir, wo die Rue Saint-Claude ist.«

Und diejenige, welche gesprochen, machte eine Bewegung nach der Thüre.

»Oh! gehen Sie nicht hinein,« sagte rasch die andere Frau, »lassen Sie mich.«

»Die Rue Saint-Claude, meine niedlichen Damen,« sprach eine muntere Stimme, »Sie wollen wissen, wo die Rue Saint-Claude ist?«

Die zwei Damen wandten sich zu gleicher Zeit und mit einer einzigen Bewegung in der Richtung der Stimme um und erblickten in der Thür des Bäckers lehnend einen Gesellen, der nur in seine Jacke gehüllt war und, trotz der eisigen Kalte, welche eben herrschte, eine entblößte Brust und entblößte Beine hatte.

»Oh! ein nackter Mensch!« rief die jüngere von den beiden Frauen. »Sind wir denn in Oceanien?«

Und sie machte einen Schritt rückwärts und verbarg sich hinter ihrer Gefährtin.

»Sie suchen die Rue Saint-Claude?« fuhr der Bäckergeselle fort, der die Bewegung nicht begriff, welche die jüngere der zwei Damen gemacht hatte, und an seine Tracht gewöhnt, dieser entfernt nicht die Centrifugalkraft, deren Resultat wir gesehen, zuschrieb.

»Ja, mein Freund, die Rue Saint-Claude,« antwortete die ältere von den zwei Frauen, welche selbst eine starke Lachlust bewältigte.

»Oh! die ist nicht schwer zu finden, und überdieß will ich Sie führen,« sagte der heitere, bemehlte Junge, und die That mit dem Worte verbindend, fing er an, seine mageren Beine zu öffnen, an deren Ende zwei Schlappen, so weit wie Schiffe, hingen.

»Nein, nein!« versetzte die ältere von den beiden Frauen, welche ohne Zweifel nicht gern mit einem solchen Führer getroffen werden wollte; »bezeichnen Sie uns nur die Straße, ohne sich zu bemühen, und wir werden Ihrer Andeutung folgen.«

»Die erste Straße rechts, Madame,« erwiderte der Führer, indem er sich bescheiden zurückzog.

»Ich danke,« sagten gleichzeitig die zwei Frauen.

Und sie enteilten, ihr Gelächter unter ihren Aermeln erstickend, in der bezeichneten Richtung.




II.

Das Innere eines Hauses


Ohne das Gedächtniß unseres Lesers in allzu große Unkosten zu versetzen, dürfen wir hoffen, daß er diese Rue Saint-Claude, welche östlich an das Boulevard, westlich an die Rue de St.-Louis stößt, bereits kennt; er hat in der That mehr als eine von den Personen, welche in dieser Geschichte eine Rolle gespielt oder spielen werden, sie zu einer andern Zeit durchlaufen sehen, nämlich zur Zeit, da der große Physiker Joseph Balsamo mit seiner Sibylle Lorenza und seinem Lehrer Althotas hier wohnte.

Im Jahre 1784, wie im Jahre 1770, in welcher Epoche wir zum ersten Mal unsere Leser dahin führten, war die Rue Saint-Claude eine gute, ehrliche Straße, nicht sehr hell, das ist wahr, nicht sehr reinlich, das ist auch wahr, wenig besucht, wenig mit Bauten geschmückt, wenig bekannt. Doch sie hatte ihren heiligen Namen und ihren Rang als Straße des Marais, und als solche beherbergte sie in den drei bis vier Häusern, die ihren Effectivstand bildeten, mehrere arme Rentiers, mehrere arme Handelsleute und mehrere auf den Etats des Kirchspiels vergessene neue Arme.

Außer diesen drei bis vier Häusern gab es wohl noch an der Ecke des Boulevards ein Hotel von großartigem Aussehen, mit dem sich die Rue Saint-Claude als mit einem aristocratischen Gebäude hätte brüsten können. Aber dieses Gebäude, dessen hohe Fenster, über der Mauer des Hofes, sich an einem Festtage allein mit dem Widerschein seiner Candelaber und seiner Kronleuchter erhellt hätten, dieses Gebäude, sagen wir. war das schwärzeste, stummste und verschlossenste von allen Häusern des Quartiers.

Die Thüre öffnete sich nie; die mit ledernen Polstern verstopften Fenster hatten auf jedem Blatte der Jalousien, auf jeder Leiste der Laden eine Staublage, von der Physiologen und Geologen behauptet hätten, sie gehe auf zehn Jahre zurück.

Zuweilen näherte sich ein Pflastertreter, der gerade vorüberging, ein Neugieriger oder ein Nachbar dem Thorweg und betrachtete durch das weite Schloß das Innere des Gebäudes.

Da erblickte er nichts als Grasbüschel zwischen den Pflastersteinen, Schimmel und Moos auf den Platten. Zuweilen durchschritt eine ungeheure Ratte, die souveräne Gebieterin dieser verlassenen Domäne, ruhig den Hof und versenkte sich in den Keller, eine sehr überflüssige Bescheidenheit, da sie zu ihrer unumschränkten Verfügung so bequeme Salons und Cabinets hatte, wo die Katzen sie nicht beunruhigen konnten.

War es ein Vorübergehender oder ein Neugieriger, so setzte er, nachdem er sich von der Einsamkeit des vor ihm stehenden Gebäudes überzeugt, seine Wanderung fort; war es aber ein Nachbar, so blieb er, da er ein viel größeres Interesse an dem Hotel hatte, beinahe immer lange genug auf seinem Beobachtungsposten, daß ein anderer Nachbar, durch eine ähnliche Neugierde angelockt, sich neben ihn stellte, und dann knüpfte sich ein Gespräch an, dessen Hauptinhalt, wenn auch nicht die Details, wir mit ziemlicher Sicherheit angeben können.

»Nachbar,« sagte derjenige, welcher nicht hineinschaute, zu dem Hineinschauenden, »was sehen Sie denn im Hause des Herrn Grafen von Balsamo?«

»Nachbar,« antwortete der Hineinschauende, »ich sehe die Ratte.«

»Ah! wollen Sie erlauben,« sagte der zweite Neugierige.

Und er stellte sich ebenfalls an das Schlüsselloch.

»Sehen Sie sie?« fragte der aus dem Besitz Verdrängte den im Besitz Befindlichen.

»Ja,« antwortete dieser, »ich sehe sie. Ah! mein Herr, sie ist fett geworden.«

»Sie glauben?«

»Ja, ich bin dessen sicher.«

»Ich glaube wohl, nichts stört sie.«

»Und es müssen, was man auch sagen mag, sicherlich noch gute Brocken in dem Hause übrig sein.«

»Gute Brocken, sagen Sie?«

»Ah! gewiß. Herr von Balsamo ist zu schnell verschwunden, um nicht etwas vergessen zu haben.«

»Ei! Nachbar, was soll man vergessen, wenn ein Haus halb verbrannt ist?«

»Sie können im Ganzen Recht haben, Nachbar.«

Und nachdem man die Ratte noch einmal angeschaut, trennte man sich, erschrocken darüber, daß man so viel über einen so geheimnißvollen und heikeln Gegenstand gesagt hatte.

Seit dem Brand dieses Hauses oder eines Theils vom Hause war Balsamo wirklich verschwunden, keine Wiedererscheinung hatte stattgefunden und das Hotel war verlassen geblieben.

Lassen wir es ganz düster und ganz feucht mit seinen schneebedeckten Terrassen und seinem von den Flammen ausgezackten Dach wiedererstehen, dieses alte Hotel, an dem wir nicht vorübergehen wollen, ohne uns dabei wie bei einem alten Bekannten aufzuhalten; dann betrachten wir, während wir die Straßen durchschreiten, um von links nach rechts zu gehen, dicht neben einem durch eine Mauer geschlossenen Gärtchen, ein schmales, hohes Haus, das sich, einem langen weißen Thurm ähnlich, von dem blaugrauen Grund des Himmels abhebt.

Auf dem First dieses Hauses ragt ein Kamin wie ein Blitzableiter empor, und gerade im Zenith dieses Kamins wirbelt und funkelt ein glänzender Stern.

Der letzte Stock des Hauses würde sich unbemerkt im Raume verlieren, ohne einen Lichtstrahl, der zwei Fenster von dreien röthet, welche die Façade bilden.

Die anderen Stockwerke sind düster und traurig. Schlafen die Miethleute schon? sparen sie unter ihren Decken sowohl die theuren Lichter, als das in diesem Jahre so seltene Holz? So viel ist gewiß, daß die vier Stockwerke kein Lebenszeichen von sich geben, während der fünfte nicht nur lebt, sondern sogar mit einer gewissen Affectation strahlt.

Klopfen wir an die Thüre; steigen wir die finstere Treppe hinauf; sie endigt bei diesem fünften Stock, wo wir zu thun haben. Eine einfache an die Mauer angelehnte Leiter führt zum obersten Stockwerk.

Ein Rehfuß hängt an der Thüre; eine Strohmatte und eine hölzerne Schale zieren die Treppe.

Sobald die erste Thüre geöffnet ist, treten wir in eine dunkle, kahle Stube ein; es ist diejenige, deren Fenster nicht erleuchtet ist. Diese Stube dient als Vorzimmer und führt in eine andere, deren Ausstattung und nähere Umstände unsere ganze Aufmerksamkeit verdienen.

Platten statt eines getäfelten Fußbodens, plump angemalte Thüren, drei Lehnstühle von weißem Holz mit gelbem Sammet überzogen, ein armseliger Sopha, dessen Kissen unter den Falten die Spuren einer von Alter erzeugten Abmagerung tragen.

Zwei an der Wand hängende Portraits ziehen sogleich die Blicke auf sich. Ein Licht und eine Lampe, das eine auf einem dreifüßigen Tischchen, die andere auf dem Kamin stehend, verbinden ihre Feuer so, daß sie aus diesen zwei Portraits zwei Lichtbrennpunkte machen.

Mit der Faltenmütze auf dem Kopf, mit dem langen, bleichen Gesicht, dem matten Auge, der Krause am Hals empfiehlt sich das erstere von den Portraits durch die Kennbarkeit; es ist das ähnliche Bildniß Heinrichs III., Königs von Frankreich und Polen.

Unten liest man eine Inschrift mit schwarzen Buchstaben auf eine schlecht vergoldete Rahme gezeichnet:


Henry de Valois

Das zweite Portrait, das in neuerer Zeit vergoldet worden und ebenso frisch in seinen Malereien erscheint, als das andere veraltet ist, stellt eine junge Frau mit schwarzem Auge, feiner, gerader Nase, hervorspringenden Backenknochen und behutsamen Mund vor. Ihr Kopf ist geschmückt oder vielmehr schwer gedrückt von einem Gebäude von Haaren und seidenen Bändern, neben dem die Faltenmütze Heinrichs III. sich wie ein Maulwurfshaufen gegen eine Pyramide ausnimmt.

Unter diesem Portrait liest man ebenfalls in schwarzen Buchstaben:


Jeanne de Valois

Und wenn man, nachdem man den erloschenen Herd, die armseligen baumwollenen Vorhänge des mit vergilbtem grünen Damast bedeckten Bettes betrachtet hat, wissen will, welche Beziehung diese Portraits zu den Bewohnern des fünften Stockes haben, so braucht man sich nur zu einem kleinen eichenen Tisch umzuwenden, auf welchem eine einfach gekleidete Frau, die sich mit dem linken Ellenbogen auflehnt, mehrere versiegelte Briefe übersieht und die Adressen derselben controlirt.

Diese junge Frau ist das Original des Portraits.

Drei Schritte von ihr, in einer halb neugierigen, halb ehrerbietigen Haltung, gekleidet wie eine Duenna von Greuze, wartet und schaut eine kleine alte Kammerfrau von sechzig Jahren.

»Jeanne von Valois,« sagte die Inschrift.

Doch wenn diese Dame eine Valois war, wie ertrug Heinrich III., der sybaritische König, der Wollüstling, selbst nur im Gemälde das Schauspiel eines solchen Elends, bei dem es sich nicht nur um eine Person seines Geschlechts, sondern auch um seinen Namen handelte?

Die Dame vom fünften Stock strafte übrigens den Ursprung, den sie sich gab, persönlich durchaus nicht Lügen. Sie hatte weiße, zarte Hände, die sie von Zeit zu Zeit unter ihren gekreuzten Armen erwärmte. Sie hatte einen kleinen, feinen, schmalen Fuß, bekleidet mit einem Pantoffel von noch zierlichem Sammet, den sie auch dadurch zu erwärmen suchte, daß sie damit auf den Boden schlug, der so glänzend und kalt war wie das Eis, das Paris bedeckte.

Wenn dann der Nordost unter den Thüren und durch die Spalten der Fenster pfiff, schüttelte die Zofe traurig die Schultern und schaute den feuerlosen Kamin an.

Was die Dame, die Herrin der Wohnung, betrifft, so zählte sie fortwährend die Briefe und las die Adressen.

Jedesmal nachdem sie eine Adresse gelesen, machte sie eine Bewegung.

»Frau von Misery,« murmelte sie, »erste Staatsdame Ihrer Majestät. Hier darf ich nur sechs Louisd'or rechnen, denn man hat mir schon gegeben.«

Und sie stieß einen Seufzer aus.

»Madame Patrix, erste Kammerfrau Ihrer Majestät, zwei Louisd'or.

»Herr von Ormesson, eine Audienz.

»Herr von Calonne, einen Rath.

»Herr von Rohan, einen Besuch, und wir werden darauf bedacht sein, daß er ihn uns erwidert,« sagte lächelnd die junge Frau.

»Wir haben also für die nächsten acht Tage nur acht Louisd'or sicher,« fuhr sie mit demselben singenden Tone fort.

Und sie richtete den Kopf auf und sagte:

»Frau Clotilde, putzen Sie doch das Licht.«

Die Alte gehorchte und setzte sich ernst und aufmerksam wieder an ihren Platz.

Diese Art von Inquisition, deren Gegenstand sie war, schien die junge Frau zu ermüden.

»Meine Liebe,« sagte sie, »suchen Sie doch, ob nicht ein Stümpchen von einer Wachskerze übrig ist. Ich hasse es, Talglichter zu brennen.«

»Es ist keines mehr vorhanden,« erwiderte die Alte.

»Sehen Sie immerhin nach.«

»Wo denn?«

»Im Vorzimmer.«

»Es ist dort sehr kalt.«

»Ah! hören Sie, man läutet eben,« sagte die junge Frau.

»Madame täuscht sich,« erwiderte die hartnäckige Alte.

»Ich glaube es. Frau Clotilde.«,

Und da sie sah, daß die Alte widerstand, gab sie nach, leicht murrend jedoch, wie Personen, welche aus irgend einer Ursache geringere Rechte über sich eingeräumt haben, die ihnen nicht mehr gehören sollten.

Dann setzte sie ihre Berechnung fort.

»Acht Louisd'or, von denen ich drei für Quartier schuldig bin.«

Sie nahm die Feder und schrieb.

»Drei Louisd'or. Fünf Herrn von La Mothe versprochen, um ihm den Aufenthalt in Bar-sur-Aube erträglich zu machen… Armer Teufel! unsere Heirath hat ihn nicht bereichert; doch Geduld!«

Und sie lächelte abermals, doch indem sie sich dießmal in einem Spiegel betrachtete, der zwischen den zwei Portraits angebracht war.

»Nun,« sprach sie weiter, »Fahrten von Versailles nach Paris und von Paris nach Versailles. Fahrten einen Louisd'or.«

Und sie schrieb diese neue Zahl zu der Colonne der Ausgaben.

»Nun Lebensunterhalt für acht Tage, einen Louisd'or.«

Sie schrieb abermals.

»Toilette, Fiaker, Geschenke an die Portiers der Häuser, wo ich sollicitire: vier Louisd'or. Ist das wohl Alles? addiren wir.«

Doch mitten unter dem Addiren unterbrach sie sich und rief:

»Man läutet, sage ich Ihnen!«

»Nein, Madame, erwiderte die Alte wie erstarrt an ihrem Platze. »Es ist nicht hier, es ist unten im vierten.«

»Vier, sechs, elf, vierzehn Louisd'or: sechs weniger als ich brauche, um meine Garderobe zu erneuern und dieses alte Thier zu bezahlen, damit ich es endlich einmal entlassen kann!«

Dann rief sie plötzlich voll Zorn:

»Ich sage Ihnen, man läutet, Unglückliche.«

Dießmal, man muß es gestehen, hätte sich das ungelehrigste Ohr nicht weigern können, den Ruf von Außen zu verstehen: kräftig gezogen, bebte die Klingel in der Ecke und vibrirte so lange, daß der Schläger wenigstens ein dutzendmal an die Wände der Glocke anschlug.

Bei dem Geräusch und während die Alte, endlich erweckt, nach dem Vorzimmer lief, raffte ihre Gebieterin, behend wie ein Eichhörnchen, die auf dem Tische zerstreuten Briefe und Papiere zusammen, warf das Ganze in eine Schublade und setzte sich, nach einem raschen Blick im Zimmer umher, um sich zu versichern, daß hier Alles in Ordnung sei, auf den Sopha, wo sie die demüthige und traurige Haltung einer leidenden, aber in ihr Schicksal ergebenen Person annahm.

Nur, bemerken wir dieß sogleich, ruhten die Glieder allein. Thätig, unruhig, wachsam befragte das Auge den Spiegel, in dem die Eingangsthüre sichtbar war, während das lauschende Ohr den geringsten Ton aufzufassen sich bereit hielt.

Die Duenna öffnete die Thüre und man hörte ein paar Worte im Vorzimmer flüstern.

Dann fragte eine frische und liebliche, dabei aber sehr feste Stimme:

»Wohnt hier die Frau Gräfin La Mothe?«

»Die Frau Gräfin La Mothe Valois?« wiederholte näselnd Clotilde.

»Sie ist es, meine gute Frau. Ist Frau von La Mothe zu Hause?«

»Ja, Madame, sie ist zu leidend, um auszugehen.«

Während dieses Gesprächs, von dem sie kein Wort verlor, schaute die angebliche Kranke in den Spiegel und sah, daß eine Frau Clotilde befragte, und daß diese Frau aller Wahrscheinlichkeit nach einer hohen Classe der Gesellschaft angehörte.

Sie verließ sogleich den Sopha und ging zum Lehnstuhl, um den Ehrenplatz der Fremden zu überlassen.

Während sie diese Bewegung ausführte, konnte sie nicht bemerken, daß sich der weibliche Besuch auf dem Ruheplatz umgedreht hatte, und zu einer andern Person, welche im Schatten geblieben sagte:

»Sie können eintreten, Madame, es ist hier.«

Die Thüre schloß sich wieder, und die zwei Frauen, die wir nach der Rue Saint-Claude fragen sahen, treten in die erste Stube der Gräfin La Mothe Valois ein.

»Wen soll ich der Frau Gräfin melden?« fragte Clotilde, indem sie neugierig, obgleich mit Respect, das Licht vor den Gesichtern der zwei Frauen hin- und herspazieren ließ.

»Melden Sie eine Dame vom guten Werk,« erwiderte die Aeltere.

»Von Paris?«

»Nein, von Versailles.«

Clotilde ging zu ihrer Gebieterin hinein, und die Fremden, die ihr folgten, befanden sich in dem Zimmer, das in dem Augenblick erleuchtet wurde, wo Jeanne von Valois sich mühsam von ihrem Stuhl erhob, um ihre zwei Gäste sehr höflich zu begrüßen.

Clotilde rückte die zwei anderen Stühle vor und zog sich dann in das Vorzimmer mit einer weisen Langsamkeit zurück, welche errathen ließ, daß sie das bevorstehende Gespräch an der Thüre belauschen würde.




III.

Jeanne von La Mothe Valois


Die erste Sorge von Jeanne von La Mothe, als sie schicklicher Weise die Augen aufschlagen konnte, war, zu sehen, mit welchen Gesichtern man es zu thun hatte.

Die ältere der beiden Frauen mochte, wie gesagt, dreißig bis zweiunddreißig Jahre alt sein; sie war von merkwürdiger Schönheit, obgleich ein über ihr ganzes Gesicht verbreiteter Anstrich von Hochmuth natürlich ihrer Physignomie einen Theil des Zaubers, den sie haben konnte, nehmen mußte. So urtheilte wenigstens Jeanne nach dem Wenigen, was sie von den Zügen des Besuches erblickte.

Einen der Lehnstühle dem Sopha vorziehend, hatte sie den Lichtstrahl, der aus der Lampe hervorsprang, dadurch von sich fern gehalten, daß sie in eine Ecke des Zimmers zurückwich, und über ihre Stirne die Tafftkaputze ihres Mantels vorzog, wodurch ein Schatten auf ihr Gesicht geworfen wurde.

Doch die Haltung des Kopfes war so stolz, das Auge so lebhaft und so natürlich erweitert, daß man, wäre jede Einzelheit verschwunden, nach ihrem Gesammtmaß hätte erkennen müssen, die Dame sei von schönem und besonders von edlem Stamme.

Ihre Gefährtin, minder schüchtern, scheinbar wenigstens, obgleich vier bis fünf Jahre jünger, verbarg ihre wirkliche Schönheit nicht.

Ein in Beziehung auf Haut und Farbe bewunderungswürdiges Gesicht, ein Kopfputz, der die Schläfe entblößt ließ und das vollkommene Eirund der Maske hervorhob; zwei große blaue Augen, ruhig bis zur Heiterkeit, hellsehend bis zur Tiefe, ein Mund von lieblicher Zeichnung, dem die Natur die Offenherzigkeit, dann die Erziehung und die Etikette die Discretion gegeben hatten; eine Nase, welche, was die Form betrifft, die der Venus von Medicis um nichts zu beneiden gehabt hätte; das ist es, was der rasche Blick von Jeanne auffaßte. Sodann konnte die Gräfin, noch zu andern Einzelnheiten überschweifend, bei der jüngeren von den zwei Frauen endlich eine Hand wahrnehmen: eine Taille zarter und biegsamer als die ihrer Gefährtin, eine Brust breiter und von reicherer Rundung als die der älteren, die ebenso fleischig als die der andern Dame nervig und fein war.








Jeanne von Valois machte alle diese Bemerkungen in einigen Secunden, das heißt, in weniger Zeit, als wir gebraucht haben, um sie hier zu bezeichnen.

Als sodann diese Wahrnehmungen gemacht waren, fragte sie sanft, welchem glücklichen Umstand sie den Besuch der Damen zu verdanken habe.

Die zwei Frauen schauten sich an und auf ein Zeichen der älteren sagte die jüngere:

»Madame, denn Sie sind, glaube ich, verheirathet?«

»Ich habe die Ehre, Madame, die Frau des Herrn Grafen von La Mothe, eines vortrefflichen Edelmanns, zu sein.«

»Nun, wohl, wir, Frau Gräfin, sind die Superiorinnen einer Stiftung zu guten Werken. Man hat uns hinsichtlich Ihrer Lage Dinge gesagt, die unsere Theilnahme erregen, und wir wollen dem zu Folge genauere Erkundigungen über Sie und Ihre Verhältnisse einziehen.«

Jeanne wartete einen Augenblick und sprach dann, als sie die Zurückhaltung der älteren Frau bemerkte:

»Meine Damen, Sie sehen hier das Portrait Heinrichs III., das heißt, des Bruders meines Ahnherrn; denn ich bin wirklich aus dem Blut der Valois, wie man Ihnen vielleicht gesagt hat.«

Und sie wartete auf eine neue Frage, indem sie ihre Gäste mit einer Art von stolzer Demuth anschaute.

»Madame,« sprach nun die ernste und zugleich sanfte Stimme der älteren von den zwei Frauen: Madame, ist es wahr, daß Ihre Frau Mutter Verwalterin eines Hauses, genannt Fontette bei Bar-sur-Seine, gewesen ist?«

Jeanne erröthete bei dieser Erinnerung, erwiderte aber sogleich, ohne sich stören zu lassen:

»Das ist Wahrheit, Madame, meine Mutter war Verwalterin eines Hauses, genannt Fontette.«

»Ah!« machte die Andere.

»Und da Marie Jossel, meine Mutter, von seltener Schönheit war,« fuhr Jeanne fort, »so verliebte sich mein Vater in sie und heirathete sie. Durch meinen Vater bin ich von edlem Geschlecht; Madame, mein Vater war ein Saint-Rémy von Valois, ein directer Abkömmling der Valois, welche regiert haben.«

»Wie sind Sie aber zu diesem Grad von Armuth herabgesunken, Madame?« fragte die ältere der zwei Frauen.

»Ach! das ist leicht zu begreifen.«

»Ich höre.«

»Es ist Ihnen nicht unbekannt, daß nach der Thronbesteigung Heinrichs IV., durch den die Krone Frankreichs vom Hause Valois auf das Haus Bourbon überging, erstere Familie noch einige Sprößlinge hatte, welche allerdings im Dunkel blieben, doch unbestreitbar von dem gemeinschaftlichen Geschlecht der vier Brüder abstammten, die sämmtlich ein so unseliges Ende nahmen.«

Die Damen machten ein Zeichen, das wie eine Beipflichtung gelten konnte.

Jeanne fuhr fort:

»Befürchtend, sie könnten, trotz ihrer Dunkelheit, die neue königliche Familie in Schatten stellen, vertauschten die Sprößlinge der Valois diesen ihren Namen mit dem Namen Rémy, den sie von einem Gut entlehnten, und man findet sie von Ludwig XIII. an unter diesem Namen in der Genealogie bis zum vorletzten Valois, meinem Großvater, der, da er die Monarchie befestigt und die ältere Linie vergessen sah, sich nicht länger eines ruhmwürdigen Namens, seiner einzigen Apanage, berauben zu dürfen glaubte. Er nahm also wieder den Namen Valois an und schleppte ihn im Schatten der Armuth in seiner Provinz fort, ohne daß es Jemand vom Hofe Frankreichs einfiel, daß außerhalb des Strahlenkreises des Throns ein Abkömmling der älteren, wenn nicht glorreichsten, doch wenigstens unglücklichsten Könige der Monarchie vegetirte.«

Jeanne unterbrach sich bei diesen Worten.

Sie hatte einfach und mit einer Mäßigung, die man bemerkt, gesprochen.

»Sie haben ohne Zweifel Ihre Beweise in guter Ordnung?« fragte die ältere der zwei Damen mit sanftem Tone, indem sie einen tiefen Blick auf diejenige heftete, welche sich die Abkömmlingin der Valois nannte.

»Ja. Madame,« erwiderte diese mit einem bittern Lächeln, »die Beweise fehlen mir nicht. Mein Vater hatte sie machen lassen und hinterließ sie mir sterbend in Ermangelung einer andern Erbschaft. Doch wozu sollen die Beweise einer unnützen Wahrheit, oder einer Wahrheit, die Niemand anerkennen will, dienen?«

»Ihr Vater ist gestorben?« fragte die jüngere der zwei Damen.

»Ach, ja.«

»In der Provinz?'

»Nein.«

»In Paris also?«

»Ja.«

»In dieser Wohnung?«

»Nein, Madame; mein Vater, Baron von Valois, ein Abkömmling des Bruders von Heinrich III., ist vor Armuth und Hunger gestorben.«

»Unmöglich!« riefen die zwei Frauen gleichzeitig.

»Und nicht hier, nicht in diesem dürftigen Winkel, nicht auf seinem armseligen Bett! Nein, mein Vater ist an der Seite der Elendesten und Leidendsten gestorben. Mein Vater ist im Hotel Dieu in Paris gestorben.«

Die zwei Frauen stießen einen Schrei des Erstaunens aus, der einem Schreckensschrei glich. Zufrieden mit der Wirkung, die sie durch die Kunst hervorgebracht, womit sie ihre Sätze gebildet und die Entwicklung herbeigeführt hatte, saß Jeanne unbeweglich, mit niedergeschlagenen Augen und herabhängenden Händen da.

Die ältere der zwei Damen schaute sie aufmerksam und mit Verstand an, und da sie in diesem zugleich so einfachen und so natürlichen Schmerz durchaus keine Symptome von Charlatanerei und Gemeinheit fand, so nahm sie wieder das Wort und sprach:

»Nach dem, was Sie mir sagen, haben Sie großes Unglück erlitten, und der Tod Ihres Herrn Vaters besonders…«

»Oh! wenn ich Ihnen mein Leben erzählte, Madame, so würden Sie sehen, daß der Tod meines Vaters nicht zu dem größten Unglück, das über mich ergangen, zu rechnen ist.«

»Wie, Madame, Sie betrachten den Tod Ihres Vaters als ein geringeres Unglück?« versetzte die Dame mit strengem Stirnrunzeln.

»Ja, Madame, und wenn ich dieß sage, spreche ich als fromme Tochter; denn mein Vater ist durch den Tod von allen Uebeln befreit worden, die ihn auf dieser Erde heimsuchten und die seine unglückliche Familie fortwährend bedrücken. Mitten unter dem Schmerz, den mir sein Tod verursacht, gewährt es mir eine gewisse Freude, denken zu können, mein Vater sei todt, und der Abkömmling der Könige sei nicht mehr darauf angewiesen, sein Brod zu betteln.«

»Sein Brod zu betteln?«

»Oh! ich sage es, ohne mich zu schämen, denn an unserem Unglück ist weder mein Vater Schuld, noch habe ich es verschuldet.«

»Doch Ihre Frau Mutter…«

»Mit derselben Offenherzigkeit, mit der ich Ihnen so eben sagte, ich danke Gott, daß er meinen Vater zu sich gerufen, beklage ich mich über Gott, daß er meine Mutter hat leben lassen.«

Die zwei Frauen schauten sich beinahe bebend bei diesen seltsamen Worten an.

»Wäre es eine Unbescheidenheit, Madame, Sie um eine ausführlichere Erzählung Ihres Unglücks zu bitten?« sagte die Aeltere.

»Die Unbescheidenheit, Madame, käme von mir, da ich Ihre Ohren mit der Erzählung von Schmerzen ermüden würde, die Ihnen nur gleichgültig sein können.«

»Ich höre, Madame,« erwiderte die ältere der zwei Damen, an welche ihre Gefährtin sogleich einen Blick in Form einer Ermahnung zur Vorsicht richtete.

Frau von La Mothe war wirklich der gebieterische Ausdruck dieser Stimme aufgefallen und sie schaute die Dame voll Erstaunen an.

»Ich höre also,« wiederholte diese mit einer minder starken Betonung, »ich höre, wenn Sie so gefällig sein wollen, zu sprechen.«

Und einer Bewegung des Mißbehagens, das ohne Zweifel von der Kälte herrührte, nachgebend, schüttelte diejenige, welche gesprochen, mit einem Beben der Schultern den Fuß, der bei der Berührung des feuchten Bodens erstarrte.

Die Jüngere schob ihr dann eine Art von Fußteppich zu, der sich unter ihrem Stuhl befand, eine Aufmerksamkeit, welche ihrerseits ihre Gefährtin durch einen Blick tadelte.

»Behalten Sie diesen Teppich für sich, meine Schwester, Sie sind zarter, als ich.«

»Verzeihen Sie, Madame, ich bedaure es auf das Schmerzlichste, daß ich Sie frieren sehen muß; doch das Holz ist noch um sechs Livres theurer geworden, so daß die Fuhre siebenzig Livres kostet, und mein Vorrath ist vor acht Tagen zu Ende gegangen.«

»Sie sagten, Sie seien unglücklich, daß Sie eine Mutter haben?« sprach die ältere der zwei Damen.

»Ja, ich begreife, eine solche Blasphemie fordert eine Erläuterung, nicht war, Madame?« sagte Jeanne. »Ich werde mich erklären, da Sie es Ihrer Aeußerung nach wünschen.«

Die ältere Dame machte ein Zeichen mit dem Kopf.

»Ich sagte Ihnen schon, Madame, mein Vater habe eine Mißheirath gemacht.«

»Ja, indem er seine Hausverwalterin heirathete.«

»Nun wohl! statt beständig stolz und dankbar für die Ehre zu sein, die man ihr erwies, fing Marie Jossel, meine Mutter, damit an, daß sie meinen Vater zu Grunde richtete, was übrigens keine Schwierigkeit war, indem sie auf Kosten des Wenigen, was ihr Mann besaß, ihre Begierden und Bedürfnisse befriedigte. Dann, nachdem sie ihn dahin gebracht hatte, daß er sein letztes Stück Land verkaufen mußte, überredete sie ihn, nach Paris zu gehen, um die Rechte in Anspruch zu nehmen, die seinem Namen gebührten. Mein Vater war leicht zu verführen, er rechnete wohl auch auf die Gerechtigkeit des Königs.

»Außer mir hatte mein Vater noch einen Sohn und eine Tochter. Unglücklich wie ich, vegetirt der Sohn auf den letzten Rangstufen der Armee; die Tochter, meine arme Schwester, wurde am Vorabend der Abreise meines Vaters nach Paris vor dem Hause eines Pächters, ihres Pathen, abgesetzt.

»Diese Reise erschöpfte das wenige Geld, das uns blieb. Mein Vater müdete sich in unnützen, fruchtlosen Gesuchen ab. Kaum sah man ihn zu Hause erscheinen, wo er, das Elend zurückbringend, ebenfalls nichts als Elend fand. Meine Mutter, die ein Opfer brauchte, erbitterte sich gegen mich. Sie fing damit an, daß sie mir meinen Antheil am Mahle zum Vorwurf machte. Ich aß allmälig lieber Brod oder gar Nichts, als daß ich mich an unsern dürftigen Tisch setzte; aber es gebrach meiner Mutter nicht an Vorwänden zum Strafen; beim geringsten Fehler, bei einem Fehler, über den eine andere Mutter gelächelt hätte, schlug mich die meinige; Nachbarn, die mir einen Dienst zu leisten glaubten, machten meinen Vater auf die schlimme Behandlung, deren Gegenstand ich war, aufmerksam. Mein Vater suchte mich gegen meine Mutter in Schutz zu nehmen, aber er bemerkte nicht, daß er durch seine Protection meine Feindin seit jenem Augenblick in eine ewige Stiefmutter verwandelte. Ach! ich konnte ihm keinen Rath in meinem eigenen Interesse geben, ich war zu jung, zu sehr Kind. Ich vermochte mir Nichts zu erklären. Ich empfand die Wirkungen, ohne daß ich die Ursachen zu errathen suchte. Ich kannte den Schmerz und nicht mehr.

»Mein Vater wurde krank und war Anfangs genöthigt, das Zimmer zu hüten. Da hieß man mich die Stube verlassen, unter dem Vorwand, meine Gegenwart ermüde ihn, und ich wisse das der Jugend inwohnende gebieterische Bedürfniß der Bewegung auch nicht zu unterdrücken. Sobald ich aus der Stube war, gehörte ich wie zuvor meiner Mutter. Sie lehrte mich eine Phrase, wobei ich stets Schläge und Püffe bekam; wenn ich dann diese demüthigende Phrase, die ich instinctartig durchaus nicht behalten wollte, auswendig wußte, wenn meine Augen von meinen Thränen geröthet waren, ließ sie mich vor die Hausthüre treten, und von der Thüre sandte sie mich auf den ersten Vorübergehenden, der gut aussah, ab mit dem Befehl, ihm die erwähnte Phrase vorzusagen, wenn ich nicht auf den Tod geschlagen werden wollte.«

»Oh! gräßlich! gräßlich!« murmelte die jüngere der zwei Damen.

»Und wie lautet diese Phrase?«

»Diese Phrase lautete,« fuhr Jeanne fort: »»Mein Herr, haben Sie Mitleid mit einer kleinen Waise, welche in gerader Linie von Heinrich von Valois abstammt.««

»Oh! pfui!« rief die ältere mit einer Geberde des Ekels.

»Und welche Wirkung brachte diese Phrase bei denjenigen hervor, an die sie gerichtet war?« fragte die ältere.

»Die Einen hörten mich an und hatten Mitleid; die Andern erzürnten sich und drohten mir; wieder Andere noch mildherziger als die Ersten, machten mich darauf aufmerksam, daß ich große Gefahr laufe, wenn ich solche Worte spreche, die in ungünstig gestimmte Ohren fallen können. Doch ich, ich kannte nur Eine Gefahr, die, meiner Mutter ungehorsam zu sein. Ich hatte nur Eine Furcht, die, geschlagen zu werden.«

»Und was geschah?«

»Oh! mein Gott, Madame, was meine Mutter hoffte; ich brachte ein wenig Geld nach Hause und mein Vater konnte die schreckliche Aussicht, die seiner harrte, um einige Tage hinausschieben.«

Das Gesicht der jüngeren Dame zog sich zusammen, der älteren traten Thränen in die Augen.

»Endlich, welche Erleichterung es auch meinem Vater brachte, empörte mich dieses häßliche Gewerbe. Eines Tages setzte ich mich, statt den Vorübergehenden nachzulaufen und sie mit meiner gewöhnlichen Phrase zu verfolgen, an den Fuß eines Meilensteins, wo ich einen Theil des Tags wie vernichtet blieb. Am Abend kehrte ich mit leeren Händen zurück. Meine Mutter schlug mich dergestalt, daß ich Tags darauf krank wurde.«

»Da war mein Vater, jedes Mittels beraubt, genöthigt, in's Hotel Dieu abzugehen, wo er starb.«

»Oh! welch eine furchtbare Geschichte!« murmelten die beiden Damen.

»Aber was machten Sie dann, als Ihr Vater todt war?« fragte die jüngere.

»Gott hatte Mitleid mit mir. Einen Monat nach dem Tode meines armen Vaters entfernte sich unsere Mutter mit einem Soldaten, ihrem Liebhaber, aus Paris, und ließ uns, meinen Bruder und mich, im Stich.«

»Sie blieben Waisen!«

»Oh! Madame, wir waren, im Gegensatz zu Anderen, nur Waisen, so lange wir eine Mutter hatten. Die öffentliche Wohlthätigkeit adoptirte uns. Da uns aber das Betteln widerstrebte, so bettelten wir nur nach Maßgabe unserer Bedürfnisse. Gott befiehlt seinen Geschöpfen, daß sie zu leben suchen.«

»Ach!«

»Was soll ich Ihnen sagen, Madame? Eines Tags hatte ich das Glück, einem Wagen zu begegnen, der langsam das Faubourg Saint Marcel hinauf fuhr; vier Lakaien standen hintenauf, eine noch junge Frau saß darin; ich streckte die Hand nach ihr aus; sie befragte mich; meine Antwort und mein Name setzten sie in Erstaunen, sie war aber ungläubig. Ich gab Adresse und Auskunft. Schon am andern Tag wußte sie, daß ich nicht gelogen hatte; sie nahm sich meines Bruders und meiner an, brachte meinen Bruder zu einem Regiment und mich in ein Nähhaus. Wir waren beide vor dem Hunger geschützt.«

»Ist diese Dame nicht Frau von Boulainvilliers?«

»Sie selbst.«

»Sie ist, glaube ich, gestorben?«

»Ja, und ihr Tod hat mich wieder in den Abgrund gestürzt.«

»Doch ihr Gatte lebt noch, er ist reich.«

»Ihrem Gatten habe ich alles Unglück als Mädchen zu verdanken, wie ich meiner Mutter alles Unglück als Kind zu verdanken habe. Ich war groß, vielleicht schön geworden; er bemerkte es und wollte einen Preis auf seine Wohlthaten setzen; ich weigerte mich. Mittlerweile starb Frau von Boulainvilliers, und ich, die sie an einen braven und redlichen Militär, Herrn von La Mothe, verheirathet hatte, fand mich, da ich von meinem Mann getrennt lebte, nach ihrem Tod noch verlassener, als ich nach dem Tod meines Vaters gewesen war.

»Dieß ist meine Geschichte, Madame; ich habe abgekürzt: die Leiden haben immer ihre Längen, mit denen man glückliche Menschen verschonen muß, und wären Sie auch so wohlthätigen Sinnes, wie Sie zu sein scheinen, meine Damen.«

Ein langes Stillschweigen folgte auf diese letzte Periode der Geschichte der Frau von La Mothe.

Die ältere der beiden Frauen brach es zuerst und fragte:

»Und Ihr Mann, was macht er?«

»Mein Mann ist in Garnison in Bar-sur-Aube, Madame; er dient bei der Gendarmerie und wartet auch auf bessere Zeiten.«

»Aber Sie haben bei Hofe sollicitirt?«

»Gewiß.«

»Durch Titel nachgewiesen, mußte der Name Valois Sympathie erwecken!«

»Ich weiß nicht, Madame, welche Gefühle mein Name erwecken konnte, denn ich habe auf keines meiner Gesuche eine Antwort erhalten.«

»Sie haben jedoch die Minister, den König und die Königin gesehen?«

»Niemand. Ueberall vergebliche Versuche,« erwiderte Frau von La Mothe.

»Sie können doch nicht betteln?«

»Nein, Madame, ich habe die Gewohnheit verlernt. Aber…«

»Aber was?«

»Ich kann verhungern, wie mein Vater.«

»Sie haben kein Kind?«

»Nein, Madame, und mein Mann, wenn er sich für den Dienst des Königs tödten läßt, wird wenigstens seinerseits ein glorreiches Ende für sein Elend finden.«

»Können Sie, Madame, ich bedaure auf diesem Gegenstand beharren zu müssen, können Sie die rechtskräftigen Beweise Ihrer Genealogie liefern?«

Jeanne stand auf, suchte in einem Schrank und zog einige Papiere heraus, die sie der Dame reichte.

Da sie aber den Augenblick benützen wollte, wo diese Damen, um die Papiere zu untersuchen, sich dem Lichte nähern und ihr Gesicht ganz enthüllen würden, ließ Jeanne ihr Manöver durch die Sorgfalt errathen, mit der sie den Docht der Lampe abschnitt, um die Helle zu verdoppeln.

Da drehte die Dame vom Guten Werke, als ob das Licht ihre Augen verletzte, der Lampe und folglich Frau von La Mothe den Rücken zu.

In dieser Stellung durchging sie alle Stücke, eines nach dem andern.

»Das sind aber nur Abschriften von Urkunden und ich sehe kein authentisches Stück dabei,« sagte sie.

»Die Originale sind an sicherem Orte aufbewahrt, und ich werde sie beibringen.«

»Wenn sich eine ansehnliche Gelegenheit bieten würde, nicht wahr?« sagte lächelnd die Dame.

»Allerdings, Madame, eine ansehnliche Gelegenheit, wie die, welche mir die Ehre Ihres Besuches verschafft; doch die Documente, von denen Sie sprechen, sind so kostbar für mich, daß…«

»Ich verstehe, Sie können sie nicht dem Ersten Besten übergeben.«

»Oh! Madame!« rief die Gräfin, welche endlich das würdevolle Antlitz der Beschützerin erschaut hatte; »oh! Madame, mir scheint, für mich sind Sie nicht die Erste Beste.«

Und sie öffnete sogleich einen andern Schrank, in dem eine Geheimschublade spielte, und zog die Originale der Beweisstücke heraus, welche sorgfältig in einem alten Portefeuille mit dem Wappen der Valois eingeschlossen waren.

Die Dame nahm sie und sprach nach einer Prüfung voll Verstand und Aufmerksamkeit:

»Sie haben Recht, diese Titel sind vollkommen in Ordnung; verfehlen Sie nicht, sie geeigneten Ortes zu überreichen.«

»Und was werde ich Ihrer Meinung nach dadurch erlangen, Madame?«

»Ohne Zweifel eine Pension für Sie und ein Avancement für Herrn von La Mothe, wenn dieser sich einigermaßen selbst empfiehlt.«

»Mein Mann ist ein Muster von Ehrenhaftigkeit, und nie hat er sich gegen die Pflichten des Militärdienstes verfehlt.«

»Dieß genügt, Madame,« sprach die Dame, während sie die Kaputze ganz über ihr Gesicht vorschlug.

Frau von La Mothe folgte ängstlich jeder dieser Bewegungen.

Sie sah sie in ihrer Tasche stöbern, aus der sie zuerst ein gesticktes Sacktuch zog, das ihr zum Verbergen ihres Gesichtes gedient hatte, als sie im Schlitten die Boulevards entlang fuhr.

Auf das Sacktuch folgte ein Röllchen von einem Zoll im Durchmesser und drei bis vier Zoll lang.

Die Dame legte das Röllchen auf den Nähtisch und sprach:

»Das Bureau vom guten Werk bevollmächtigt mich, Madame, Ihnen in Erwartung von Besserem diese geringe Unterstützung anzubieten.«

»Drei-Livres-Thaler,« dachte sie; »das müssen wenigstens fünfzig oder sogar hundert sein. Das sind hundertundfünfzig oder dreihundert Livres, die uns vom Himmel herab zufallen. Für hundert ist es sehr kurz, für fünfzig aber ist es sehr lang.«

Während sie diese Beobachtungen anstellte, waren die zwei Damen in die erste Stube gegangen, wo Frau Clotilde auf einem Stuhl bei einem Licht schlief, dessen rother, rauchiger Docht sich in einer Lache von flüssigem Unschlitt erhob.

Der scharfe, stinkende Geruch versetzte derjenigen von den zwei Damen, welche das Röllchen auf den Nähtisch gelegt hatte, den Athem. Sie fuhr rasch in ihre Tasche und zog einen Flacon heraus.

Doch auf den Ruf von Jeanne erwachte Frau Clotilde und ergriff mit ihren Händen den Rest des Lichtes. Sie hielt es wie ein Leuchtfeuer über die dunklen Stufen, trotz der Einwendungen der beiden Damen, die man durch diese Dienstfertigkeit zugleich vergiftete.

»Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen, Frau Gräfin!« riefen sie und eilten die Treppe hinab.

»Wo könnte ich die Ehre haben, Ihnen zu danken, meine Damen?« fragte Jeanne von Valois.

»Wir werden es Ihnen zu wissen thun,« erwiderte die ältere der beiden Damen, so rasch als möglich hinabsteigend.

Und das Geräusch ihrer Tritte verlor sich in der Tiefe der unteren Stockwerke.

Frau von Valois kehrte voll Ungeduld zu erfahren, ob ihre Beobachtungen sich als wahr erweisen werden, in ihre Wohnung zurück. Während sie aber durch die erste Stube schritt, stieß ihr Fuß an einen Gegenstand, der von der Strohmatte, die dazu diente, die Thür unten zu verstopfen, auf den Boden rollte.

Sich bücken, den Gegenstand aufheben, an die Lampe laufen, dieß war die erste Eingebung der Gräfin von La Mothe.

Es war eine runde, glatte und ziemlich einfach guillochirte goldene Büchse.

Diese Büchse enthielt einige Kügelchen von duftender Chocolade: aber so glatt sie auch war, so hatte diese Büchse doch sichtbar einen doppelten Boden, dessen Feder die Gräfin einige Zeit nicht finden konnte.

Endlich fand sie die Feder und ließ sie spielen.

Sogleich erschien ein ernstes, von kräftiger Schönheit und gebieterischer Majestät glänzendes Frauenportrait vor ihren Augen.

Ein deutscher Kopfputz, ein herrliches, dem eines Ordens ähnliches Halsband verliehen dem Portrait dieser Physiognomie eine Erstaunen erregende Seltsamkeit.

Eine Chiffre, bestehend aus den zwei in einem Lorbeerkränz verschlungenen Buchstaben M und T, nahm den unteren Theil der Büchse ein.

Nach der Aehnlichkeit dieses Portraits mit dem Gesichte der jungen Dame, ihrer Wohlthäterin, vermuthete Frau von La Mothe, es sei das Portrait einer Mutter oder einer Großmutter, und es muß hier bemerkt werden, ihre erste Regung war an die Treppe zu laufen, um die Damen zurückzurufen.

Die Thüre vom Gang schloß sich.

Sie lief an's Fenster, um die Damen zurückzurufen, da es zu spät war, sie einzuholen.

Doch am Ende der in die Rue Saint-Louis einmündenden Rue Saint-Claude war ein rasches Cabriolet der einzige Gegenstand, den sie erblickte.

Als die Gräfin keine Hoffnung mehr hatte, ihre zwei Beschützerinnen zurückzurufen, betrachtete sie abermals die Büchse und gelobte sich, dieselbe nach Versailles zu schicken; dann nahm sie die auf dem Nähtischchen liegen gebliebene Rolle und sagte:

»Ich täuschte mich nicht, es sind nur fünfzig Thaler.«

Und das ausgeleerte Papier fiel auf den Boden.

»Louisd'or! Doppellouisdor!« rief die Gräfin. »Fünfzig Doppellouisdor! zweitausend vierhundert Livres!«

Und die gierigste Freude malte sich in ihren Augen, während Frau Clotilde, ganz verblüfft beim Anblick einer größern Summe als sie je gesehen, mit aufgesperrtem Mund und gefalteten Händen dastand.

»Hundert Louisd'or!« wiederholte Frau von La Mothe… »Diese Damen sind also sehr reich? Oh! ich werde sie wiederfinden!«




IV.

Bélus


Frau von La Mothe täuschte sich nicht, wenn sie glaubte, das Cabriolet, das sie hatte verschwinden sehen, habe die wohlthätigen Damen entführt.

Die zwei Damen hatten wirklich unten vor dem Hause ein Cabriolet gefunden, wie man es damals baute, nämlich mit hohen Rädern, leichtem Kasten, erhabenem Spritzleder und einem bequemen Sitzchen für den Jokey, der sich hinten hielt.

Dieses Cabriolet, bespannt mit einem herrlichen irischen Pferd mit kurzem Schweif, fleischigem Kreuz, und von braunrother Farbe, war nach der Rue Saint-Claude von demselben Bedienten, dem Führer des Schlittens, gebracht worden, den die ältere Dame, wie wir oben bemerkt, Weber genannt hatte.

Weber hielt das Pferd am Gebiß, als die Damen kamen: er suchte die Ungeduld des hitzigen Thiers zu mäßigen, das mit einem nervigen Fuß den Schnee stampfte, der sich seit der Wiederkehr der Nacht allmälig verhärtete.

Sobald die beiden Damen erschienen, sagte Weber:

»Madame, ich hatte Scipio bestellen lassen, der sehr sanft und leicht zu führen ist; doch Scipio hat sich gestern Abend verrenkt; es blieb nur noch Bélus und Bélus ist schwierig.«

»Oh! für mich, Ihr wißt das, Weber,« erwiderte die ältere der zwei Damen, »für mich ist das ohne Belang; ich habe eine kräftige Hand und bin an das Fahren gewöhnt.«

»Ich weiß, daß Madame sehr gut fährt, aber die Wege sind äußerst schlecht. Wohin fährt Madame?«

»Nach Versailles.«

»Ueber die Boulevards also?«

»Nein, Weber, es gefriert und die Boulevards werden voll Glatteis sein. Die Straßen müssen, da Tausende von Fußgängern den Schnee erwärmen, weniger Widerstand bieten. Geschwind, Weber, geschwind!«

Weber hielt das Pferd, während die Damen behend in das Cabriolet stiegen; dann schwang er sich hinten auf und meldete, daß er seinen Sitz eingenommen.

Die ältere der beiden Damen wandte sich nun an ihre Gefährtin und sagte:

»Was denken Sie von dieser Gräfin, Andrée?«

Und während sie so sprach, ließ sie dem Pferd die Zügel schießen, und dieses jagte wie ein Blitz um die Ecke der Rue Saint-Louis.

Es war dieß der Augenblick, wo Frau von La Mothe das Fenster öffnete, um die beiden Damen zurückzurufen.

»Madame,« erwiderte diejenige von den zwei Frauen, welche man Andrée nannte, »ich denke, Frau von La Mothe ist arm und unglücklich.«

»Gut erzogen, nicht wahr?«

»Ja, ohne Zweifel.«

»Sie sind kalt in Bezug auf diese Frau, Andrée.«

»Sie hat, wenn ich es Ihnen gestehen soll, etwas Verschmitztes in ihrer Physiognomie, was mir mißfällt.«

»Oh! ich weiß, Sie sind mißtrauisch, Andrée, und um Ihnen zu gefallen, muß man Alles vereinigen. Ich, ich finde diese kleine Gräfin interessant und einfach in ihrem Stolz, wie in ihrer Demuth.«

»Es ist sehr erfreulich für sie, Madame, daß sie das Glück gehabt hat, Ihnen zu gefallen.«

»Aufgepaßt!« rief die Dame lebhaft, indem sie ihr Pferd, das einen Lastträger umzuwerfen im Begriff war, auf die Seite zog.

»Aufgepaßt!« schrie Weber mit einer Stentorsstimme.

Und das Cabriolet fuhr weiter.

Nun hörte man die Verwünschungen des Menschen, der den Rädern entgangen war, und mehrere echoartig brummende Stimmen erhoben sogleich ein gegen das Cabriolet äußerst feindseliges Geschrei.

Doch in wenigen Secunden brachte Bélus zwischen seine Gebieterin und den Lästerer den ganzen Raum, der sich von der Rue Sainte-Catherine bis zur Place Baudoyer erstreckt.

Hier bildet der Weg bekanntlich eine Gabel, aber die geschickte Führerin warf sich entschlossen in die Rue de la Tixeranderie, eine volkreiche, schmale und sehr wenig aristocratische Straße.

Trotz der sehr wiederholten »Aufgepaßt!« die sie von sich gab, trotz des Brüllens von Weber, hörte man daher nichts als wüthende Ausrufungen der Fußgänger.

»Oh! das Cabriolet! … Nieder mit dem Cabriolet!«

Bélus blieb unaufhaltsam, und seine Führerin ließ ihn trotz ihrer kindlich zarten Hand rasch und ausnehmend geschickt in den Lachen flüssigen Schnees oder auf den noch gefährlicheren Eisanhäufungen laufen, welche Gossen und Schlaglöcher bildeten.

Es geschah indessen wider alles Erwarten kein Unglück; eine glänzende Laterne sandte ihre Strahlen voraus, und dieß war ein Luxus der Vorsicht, den die Polizei den Cabriolets jener Zeit nicht vorgeschrieben hatte.

Es geschah also kein Unglück, sagen wir. Kein Wagen wurde angehakt, kein Meilenstein gestreift, kein Vorübergehender berührt; es war dieß ein Wunder, und dennoch folgten sich die Schreie und Drohungen unablässig.

Das Cabriolet fuhr mit derselben Geschwindigkeit und demselben Glück durch die Rue Médéric, die Rue Saint-Martin und die Rue Aubry-le-Boucher.

Unsere Leser denken vielleicht, als sich das aristocratische Gefährt den civilisirten Quartieren genähert, werde der Haß gegen dasselbe minder heftig geworden sein. Aber im Gegentheil; kaum kam Bélus in die Rue de la Feronnerie, als Weber, beständig durch das Geschrei des Pöbels verfolgt, Gruppen auf dem Wege des Cabriolets erblickte. Mehrere Personen machten sogar Miene, ihm nachzulaufen, um es einzuholen.

Weber wollte indessen seine Gebieterin nicht beunruhigen. Er bemerkte, wie viel Kaltblütigkeit und Gewandtheit sie entwickelte, wie geschickt sie durch alle diese träge oder lebendige Hindernisse durchschlüpfte, die dem Pariser Kutscher zugleich zur Verzweiflung und zum Triumph gereichen.

Fest auf seinen stählernen Haxen war Bélus nicht einmal ausgeglitscht, so sehr wußte die Hand, die ihn führte, die Abhänge und Gefährlichkeiten des Terrains für ihn vorherzusehen.

Man murrte nicht mehr um das Cabriolet her, man schrie: die Dame, welche die Zügel hielt, bemerkte es, und da sie diese Feindseligkeit einer alltäglichen Ursache, wie der Strenge der Zeiten oder auch der Mißstimmung zuschrieb, so beschloß sie, die Prüfung abzukürzen.

Sie schnalzte mit der Zunge, und bei dieser Aufmunterung allein bebte Bélus und ging vom kurzen Trab in den gestreckten über.

Die Buben flohen, die Fußgänger warfen sich auf die Seite.

Das: »Aufgepaßt! aufgepaßt! hörte nicht auf.

Das Cabriolet berührte beinahe das Palais-Royal und war an der Rue du Coq-Saint-Honoré vorübergefahren, vor welcher der schönste Schneeobelisk noch ziemlich stolz seinen durch das Aufthauen verminderten Gipfel, einer Stange Gerstenzucker ähnlich, welche die Kinder durch Saugen in Spitzen verwandeln, emporstreckte.

Ueber diesem Obelisk prangte ein Büschel von allerdings etwas verwitterten Bändern, welche eine Tafel hielten, auf die der öffentliche Schreiber des Quartiers mit großen Buchstaben folgende Strophe gezeichnet hatte, die zwischen zwei Laternen gaukelte:

		Reine dont la beauté surpasse les appas,
		Près d'un roi bienfaisant occupe ici ta place:
		Si ce frêle édifice est de neige et de glace,
		Nos coeurs pour toi ne le sont pas.[3 - Königin, deren Schönheit ihre Reize noch übersteigt,nimm Deinen Platz hier bei einem wohlthätigen König ein.Ist dieses zerbrechliche Gebäude auch von Eis und von Schnee,so sind es doch unsere Herzen nicht für Dich.]

Hier stieß Bélus zum ersten Mal auf ernstliche Schwierigkeiten. Das Monument, das man eben beleuchtete, hatte eine Menge von Neugierigen herbeigelockt; die Neugierigen bildeten eine Masse und man konnte im Trab nicht durch diese Masse kommen.

Bélus war also genöthigt, im Schritt zu gehen.

Aber man hatte Bélus wie der Blitz herbeischießen sehen, man hörte das Geschrei, das ihn verfolgte, und das Cabriolet schien, obgleich es beim Anblick des Hindernisses angehalten hatte, die schlimmste Wirkung hervorzubringen.

Die Menge öffnete sich indessen abermals.

Aber hinter dem Obelisk kam eine andere Ursache der Zusammenschaarung.

Die Gitter des Palais-Royal waren offen, und im Hofe erwärmten ungeheure Gluthpfannen ein ganzes Heer von Bettlern, unter welche die Bedienten des Herrn Herzogs von Orléans Suppen in irdenen Näpfen austheilten.

Doch die Leute, welche aßen und sich wärmten, waren immer noch weniger zahlreich, als diejenigen, welche ihnen beim Essen und Trinken zuschauten. In Paris ist es eine Gewohnheit: für einen Schauspieler, was er auch thun mag, gibt es immer einen Zuschauer.

Das Cabriolet, nachdem es das erste Hinderniß überwunden, war daher genöthigt, beim zweiten anzuhalten, wie ein Schiff mitten in der Brandung.

Sogleich gelangten die Schreie, welche die beiden Frauen bisher nur wie ein unbestimmtes, verworrenes Geschrei gehört hatten, deutlich aus der Menge zu ihren Ohren.

Man rief:

»Nieder mit dem Cabriolet! nieder mit den Zerquetschern!«

»Ist dieses Geschrei auf uns gemünzt?« fragte die ältere Dame ihre Gefährtin.

»Ich fürchte es in der That, Madame,« erwiderte diese.

»Haben wir denn Jemand niedergefahren?«

»Niemand.«

»Nieder mit dem Cabriolet! nieder mit den Zerquetschern!«

Der Sturm bildete sich, das Pferd wurde am Zügel gefaßt, und Bélus, der wenig Geschmack an der Berührung dieser rohen Hände fand, stampfte und schäumte furchtbar.

»Zum Commissär! zum Commissär!« rief eine Stimme.

Die beiden Frauen schauten sich mit dem höchsten Erstaunen um.

Alsbald widerholten tausend Stimmen:

»Zum Commissär. Zum Commissär.«

Indessen kamen die neugierigen Köpfe unter dem Verdeck des Cabriolets hervor.

Die Commentare liefen in der Menge umher.

»Ah! es sind Frauen,« sagte eine Stimme.

»Ja, Puppen von Soubise, Frauenzimmerchen von Hennin.«

»Tänzerinnen von der Oper, die sich berechtigt glauben, die armen Leute niederzufahren, weil sie zehntausend Livres monatlich haben, um die Spitalkosten zu bezahlen.«

Diese letzte Geißelung wurde mit einem wüthenden Hurrah aufgenommen.

Dieses brachte eine verschiedenartige Wirkung auf die zwei Frauen hervor. Die Eine zog sich zitternd und bleich in den Hintergrund des Cabriolets zurück. Die Andere streckte entschlossen, mit gefalteter Stirne und zusammengepreßten Lippen den Kopf vor.

»Oh! Madame, was machen Sie?« rief ihre Gefährtin sie zurückziehend.

»Zum Commissär! zum Commissär!« riefen die Erbitterten, »man muß sie kennen lernen!«

»Oh! Madame, wir sind verloren,« sagte die jüngere der beiden Frauen ihrer Gefährtin in's Ohr.

»Muth, Andrée, Muth!« erwiderte die Andere.

»Man wird Sie sehen, vielleicht erkennen!«

»Schauen Sie durch das Fensterchen, ob Weber immer noch hinten auf dem Cabriolet ist.«

»Er sucht hinabzusteigen, doch man belagert ihn; er vertheidigt sich. Ach! nun kommt er.«

»Weber! Weber!« sagte die Dame deutsch, »macht, daß wir aussteigen können.«

Weber gehorchte und öffnete mit Hilfe zweier Schulternstöße, wodurch er die Angreifenden zurücktrieb, das Spritzleder des Cabriolets.

Die zwei Frauen sprangen leicht zu Boden.

Mittlerweile fiel die Menge das Pferd und das Cabriolet an, dessen Kasten sie zu zerbrechen anfing.

»Aber was gibt es denn um Gottes willen?« fragte die ältere Dame deutsch; »versteht Ihr, was das bedeuten soll, Weber?«

»Meiner Treue, nein, Madame,« erwiderte der Diener, dem es in dieser Sprache viel behaglicher war, als in der französischen, während er nach allen Seiten mächtige Fußtritte austheilte, um seine Herrin frei zu machen.

»Das sind keine Menschen, das sind wilde Thiere,« fuhr die Dame immer deutsch fort; »was werfen sie mir denn vor?«

Alsbald antwortete eine artige Stimme, welche seltsam mit den Drohungen und Schmähworten contrastirte, deren Gegenstand die Damen waren, im reinsten Deutsch:

»Sie werfen Ihnen vor, Madame, daß Sie der Polizeiverordnung trotzen, die diesen Morgen in Paris erschienen ist und bis zum Frühjahr das Fahren der Cabriolets verbietet, die schon bei gutem Pflaster gefährlich sind, aber tödtlich werden, wenn es gefriert und man den Rädern nicht ausweichen kann.«

Die Dame wandte sich um, um zu sehen, woher diese artige Stimme mitten unter all diesen drohenden Stimmen käme.

Sie erblickte einen jungen Officier, der, um sich ihr zu nähern, sicherlich ebenso muthig hatte kämpfen müssen, als Weber, um sich auf seinem Platze zu behaupten.

Das liebreizende, ausgezeichnete Gesicht, die martialische Stimme des jungen Mannes gefielen der Dame und diese erwiderte sogleich deutsch:

»Oh! mein Gott! mein Herr, ich wußte nichts von dieser Verordnung, durchaus nichts.«

»Sie sind fremd, Madame?« fragte der junge Officier.

»Ja, mein Herr; doch sagen Sie mir, was soll ich thun? man zertrümmert mein Cabriolet.«

»Sie müssen es zertrümmern lassen, Madame, und mittlerweile verschwinden. Das Volk von Paris ist wüthend gegen die Reichen, welche den Luxus im Angesicht des Elends zur Schau tragen, und kraft der diesen Morgen erlassenen Verordnung wird man Sie zum Commissär führen.«

»Oh! wie,« rief die jüngere der beiden Damen, »wie!«

»Dann benützen Sie die Oeffnung, die ich in der Menge machen werde, und verschwinden Sie,« versetzte der junge Officier.

Diese Worte wurden mit einem leichten Ton gesprochen, der den Fremden begreiflich machte, der Offizier habe die Commentare des Volks über die von den Herren von Soubise und Hennin unterhaltenen Mädchen gehört.

Doch es war dieß nicht der Augenblick, um empfindlich zu sein.

»Geben Sie mir Ihren Arm bis zu einem Fiaker, mein Herr,« sprach die ältere der beiden Damen mit einem Ton voll Autorität.

»Ich wollte Ihr Pferd sich bäumen lassen, und in dem nothwendig durch diese Bewegung hervorgebrachten Getümmel wären Sie entflohen, denn,« fügte der junge Mann bei, der gern die Verantwortlichkeit eines gewagten Patronats von sich ablehnen wollte, »denn das Volk wird müde, uns eine Sprache sprechen zu hören, die es nicht versteht.«

»Weber,« rief die Dame mit starker Stimme, »laß Bélus sich bäumen, daß die ganze Menge erschrickt und beiseit geht.«

»Und dann, Madame…«

»Und dann bleibe, während wir uns entfernen.«

»Und wenn sie den Kasten zertrümmern?«

»Sie mögen ihn zertrümmern, was ist daran gelegen? rette Bélus, wenn Du kannst, und Dich besonders, das ist das Einzige, was ich Dir empfehle.«

»Gut, Madame,« erwiderte Weber.

Und in demselben Augenblick kitzelte er den reizbaren Irländer, der mitten im Hofe aufsprang und die Leidenschaftlichsten, die sich am Zügel und an der Gabeldeichsel angeklammert hatten, niederwarf.

Groß waren in diesem Augenblick der Schrecken und die Verwirrung.

»Ihren Arm, mein Herr,« sagte nun die Dame zu dem Officier; »kommen Sie, Kleine,« fügte sie bei, indem sie sich an Andrée wandte.

»Vorwärts, muthige Frau,« flüsterte der Officier. Und er bot auf der Stelle und mit einer wirklichen Bewunderung derjenigen, welche ihn darum ersuchte, seinen Arm.

In einigen Minuten hatte er die zwei Frauen auf den nächsten Platz geführt, wo Fiakerkutscher, auf ihren Sitzen schlafend, der Kundschaft entgegenharrten, während ihre Pferde mit halbgeschlossenen Augen und gesenkten Köpfen auf die magern Abendrationen warteten.




V.

Straße nach Versailles


Die beiden Damen befanden sich außerhalb der Angriffe der Menge. Doch es war zu befürchten, daß einige Neugierige, die ihnen gefolgt, sie erkennen und eine Scene erneuern möchten, der ähnlich, welche so eben stattgefunden und der sie dießmal vielleicht mit mehr Schwierigkeit entkommen würden.

Der junge Officier begriff diese Alternative: man sah es an der Thätigkeit, womit er den auf seinem Sitz mehr angefrorenen als eingeschlafenen Kutscher aufzuwecken bemüht war.

Es herrschte eine so furchtbare Kälte, daß gegen die Gewohnheit der Kutscher, die darin wetteifern, daß sie einander durch alle möglichen Mittel die Kunden zu stehlen suchen, keiner von den Kutschern zu vierundzwanzig Sous die Stunde sich rührte, nicht einmal derjenige, an welchen man sich wandte.

Der Officier nahm den Kutscher am Kragen seines armseligen Oberrocks und schüttelte ihn so gewaltig, daß er ihn seiner Erstarrung entriß.

»Hollah! he!« rief ihm der junge Mann in's Ohr, als er sah, daß er ein Lebenszeichen von sich gab.

»Hier, Herr, hier,« sagte der Kutscher, noch träumend und wie ein Trunkener auf seinem Sitze wankend.

»Wohin wollen Sie, meine Damen?« fragte der Officier immer deutsch.

»Nach Versailles,« antwortete die ältere der zwei Frauen in derselben Sprache.

»Nach Versailles!« rief der Kutscher, »Sie haben gesagt, nach Versailles?«

»Allerdings.«

»Oh! ja wohl, nach Versailles. Vier und eine halbe Meile, bei einem solchen Eis! Nein, nein, nein.«

»Man wird gut bezahlen.« versetzte die ältere Dame.

»Man wird bezahlen,« wiederholte der Officier französisch dem Kutscher.

»Und wie viel wird man bezahlen?« fragte dieser von seinem Bock herab, denn er schien kein ungeheures Vertrauen zu haben. »Damit ist es nicht abgemacht, mein Officier, daß man nach Versailles fährt; ist man einmal dort, so muß man auch zurückkehren.«

»Einen Louisd'or, ist das genug?« sagte die jüngere der Damen, fortwährend deutsch sprechend, zu dem Officier.

»Man bietet Dir einen Louisd'or,« wiederholte der junge Mann.

»Ein Louisd'or, das ist nicht mehr als billig,« brummte der Kutscher, »denn ich laufe Gefahr, daß meine Pferde die Beine brechen.«

»Bursche! Du hast nur ein Recht auf drei Livres für die Fahrt von hier bis zum Schlosse der Muetten, was die Hälfte des Weges ist. Du siehst also, daß Du bei dieser Berechnung, wenn man Dir die Hin- und Herfahrt bezahlt, nur zwölf Livres ansprechen kannst, und statt zwölf sollst Du vierundzwanzig bekommen.«

»Oh! handeln Sie nicht,« sagte die ältere von den zwei Damen; »zwei Louisd'or, drei, zwanzig, wenn er nur auf der Stelle abgeht und, ohne anzuhalten, fortfährt.«

»Ein Louisd'or genügt,« entgegnete der junge Officier.

Dann kehrte er zu dem Kutscher zurück und rief ihm zu:

»Vorwärts, Bursche, von Deinem Bocke herab und öffne den Schlag.«

»Ich will zuerst bezahlt sein,« versetzte der Kutscher.

»Du willst!«

»Das ist mein Recht.«

Der Officier machte eine Bewegung vorwärts.

»Bezahlen wir voraus, bezahlen wir,« sagte die ältere der Damen.

Und sie stöberte rasch in ihrer Tasche. »Oh! mein Gott,« sprach sie leise zu ihrer Gefährtin, »ich habe meine Börse nicht.«

»Wahrhaftig?«

»Und Sie, Andrée, haben Sie die Ihrige?«

Die jüngere Dame stöberte ebenfalls mit derselben Angst.

»Ich… ich auch nicht.«

»Suchen Sie in allen Ihren Taschen.«

»Vergebens,« rief die junge Frau voll Aerger, denn sie sah den Officier ihnen während dieser Erörterung mit dem Auge folgen, und der pöbelhafte Kutscher öffnete schon den Mund, um zu lächeln, denn er wünschte sich Glück zu dem, was er vielleicht leise eine glückliche Vorsicht nannte.

Die Damen suchten umsonst, weder die eine, noch die andere fand einen Sou.

Der Officier sah sie ungeduldig werden, erröthen, erbleichen; die Lage der Dinge verwickelte sich.

Die Damen waren eben im Begriff, eine Kette oder irgend ein Juwel als Pfand zu geben, als der Officier, um ihnen jeden Verdruß zu ersparen, der ihr Zartgefühl verletzt hätte, einen Louisd'or aus der Tasche zog und ihn dem Kutscher reichte.

Dieser nahm den Louisd'or, beschaute ihn, wog ihn auf der Hand, während eine der beiden Damen dem Officier dankte: dann öffnete er seinen Kutschenschlag und die Dame stieg, gefolgt von ihrer Gefährtin ein.

»Und nun, Bursche,« sagte der junge Mann zu dem Kutscher, »führe diese Damen und zwar tüchtig und redlich besonders, hörst Du?«

»Oh! Sie brauchen mir das nicht zu empfehlen, das versteht sich von selbst.«

Während dieses kurzen Gesprächs beriethen sich die Damen.

Sie sahen in der That ihren Führer, ihren Beschützer bereit, sie zu verlassen.

»Madame,« sagte leise die jüngere zu ihren Gefährtin, »er darf sich nicht entfernen.«

»Warum das? fragen wir ihn nach seinem Namen und seiner Adresse: morgen schicken wir ihm seinen Louisd'or mit einem Wörtchen des Dankes, das Sie ihm schreiben werden.

»Nein, Madame, nein, ich flehe Sie an, behalten wir ihn; wenn der Kutscher unredlich ist, wenn er unter Weges Schwierigkeiten macht … Bei einer solchen Witterung sind die Wege schlecht; an wen könnten wir uns wenden, um Beistand zu verlangen?«

»Oh! wir haben seine Nummer und den Buchstaben der Regie.«

»Sehr gut, Madame, und ich leugne nicht, daß Sie ihn später kennen und lahm schlagen lassen würden; mittlerweile aber kommen Sie heute Nacht nicht nach Versailles, und was wird man dann sagen, großer Gott!«

Die ältere von den zwei Damen dachte nach.

»Es ist wahr,« sagte sie.

Doch schon verbeugte sich der Officier, um Abschied zu nehmen.

»Mein Herr, mein Herr,« sagte Andrée in deutscher Sprache, »erlauben Sie nur noch ein Wort.«

»Zu Ihren Befehlen, Madame, erwiderte der Officier, sichtbar mißstimmt, wahrend er indessen in seiner Miene und im Ton seiner Stimme die äußerste Höflichkeit beobachtete.

»Mein Herr,« fuhr Andrée fort, »nach den vielen Diensten, die Sie uns schon geleistet, können Sie uns eine Gefälligkeit nicht abschlagen.«

»Sprechen Sie!«

»Nun denn! wir müssen Ihnen gestehen, wir haben bange vor dem Kutscher, der die Unterhandlung auf eine so ärgerliche Weise angefangen hat.«

»Sie haben Unrecht, wenn Sie Besorgnisse hegen,« erwiderte der Officier. »Ich weiß seine Nummer 107, den Buchstaben der Regie Z. Sollte er Ihnen eine Unannehmlichkeit bereiten, so wenden Sie sich an mich.«

»An Sie?« entgegnete Andrée, die sich vergaß, französisch; »wie sollen wir uns an Sie wenden, da wir nicht einmal Ihren Namen kennen?«

Der junge Mann machte einen Schritt rückwärts.

»Sie sprechen französisch!« rief er ganz erstaunt, »Sie sprechen französisch und verdammen mich seit einer halben Stunde, deutsch zu radebrechen! Oh! wahrhaftig, Madame, das ist boshaft!«

»Entschuldigen Sie, mein Herr,« erwiderte französisch die andere Dame, die ihrer verblüfften Gefährtin muthig zu Hilfe kam. »Sie sehen wohl, daß wir, ohne vielleicht Fremde zu sein, in Paris in einem Fiaker besonders nicht heimisch sind. Sie sind Weltmann genug, um zu begreifen, daß wir uns nicht in einer natürlichen Stellung befinden. Uns nur zur Hälfte verbinden, hieße uns unverbindlich begegnen. Minder discret sein, als Sie es bis jetzt gewesen sind, hieße indiscret sein. Wir urtheilen gut von Ihnen, mein Herr; wollen Sie nicht schlecht von uns urtheilen, und wenn Sie uns einen Dienst erweisen können, nun! so thun Sie es ohne Rückhalt, oder erlauben Sie uns, Ihnen zu danken und einen andern Beistand zu suchen.«

»Madame,« antwortete der Officier, betroffen von dem zugleich edlen und reizenden Ton der Unbekannten, »verfügen Sie über mich.«

»Dann haben Sie die Gefälligkeit, zu uns einzusteigen.«

»In den Fiaker?«

»Und uns zu begleiten.«

»Bis Versailles?«

»Ja, mein Herr.«

Ohne etwas zu erwidern, stieg der Officier ein, nahm Platz auf dem Vordersitz und rief dem Kutscher: »Vorwärts!« zu.

Sobald die Kutschenschläge geschlossen, die Mäntelchen und Pelze zu gemeinschaftlicher Benützung gelegt waren, schlug der Fiaker den Weg durch die Rue Saint-Thomas du Louvre ein, und fuhr dann über die Place du Carroussel und die Glacis entlang.

Der Officier kauerte sich, seinen Ueberrock sorgfältig über seinen Schooß ausgebreitet, in eine Ecke, der älteren von den zwei Damen gegenüber.

Es herrschte das tiefste Stillschweigen im Innern.

Der Kutscher, wollte er nun getreulich dem Vertrag nachkommen, oder hielt ihn die Gegenwart des Officiers durch eine ehrerbietige Furcht im Kreise der Redlichkeit, der Kutscher ließ seine mageren Rosse mit Beharrlichkeit auf dem schlüpfrigen Pflaster der Quais und des Conférence-Weges laufen.

Der Hauch der drei Reisenden erwärmte indessen unmerklich den Fiaker. Ein zarter Geruch verdichtete die Luft und führte nach dem Gehirn des jungen Mannes Eindrücke, welche sich mit jedem Augenblick günstiger für seine Gefährtinnen gestalteten.

»Es sind,« dachte er, »es sind Frauen, die sich bei einem Rendezvous verspätet haben und nun, ein wenig erschrocken, ein wenig beschämt, nach Versailles zurückkehren.

»Warum,« sprach der Officier in seinem Innern weiter, »warum fahren diese Frauen, wenn es Damen von einiger Distinction sind, in einem Cabriolet, und warum fahren sie besonders selbst?«

»Oh! darauf gibt es eine Antwort.«

»Das Cabriolet war zu eng für drei Personen, und zwei Frauen werden sich keinen Zwang anthun, um einen Lakai zu sich sitzen zu lassen.

»Doch weder bei der Einen noch bei der Andern Geld! ein ärgerlicher Einwurf, der Ueberlegung verdient.

»Ohne Zweifel hatte der Lakai die Börse. Das Cabriolet, das nun in Stücke gegangen sein muß, war von einer vollkommenen Eleganz. Und das Pferd! … wie ich mich auf Pferde verstehe, hatte es einen Werth von hundertundfünfzig Louisd'or.

»Nur reiche Frauen können ein solches Cabriolet und ein solches Pferd ohne Bedauern preisgeben. Der Mangel an Geld bedeutet also durchaus Nichts.

»Ja, doch die Manie, eine fremde Sprache zu sprechen, wenn man Französin ist!

»Gut; doch dieß beweist gerade eine ausgezeichnete Erziehung. Es ist nicht natürlich für Abenteurerinnen, daß sie Deutsch mit einer ganz germanischen Reinheit und Französisch wie Pariserinnen sprechen.«

»Ueberdieß ist eine angeborne Distinction bei diesen Frauen bemerkbar.

»Die Bitte der jüngeren war rührend.

»Das Ersuchen der älteren war edel, gebieterisch.

»Dann, wahrhaftig,« fuhr der junge Mann fort, wahrend er seinem Degen im Fiaker eine solche Richtung gab, daß er seine Nachbarinnen nicht belästigte, »sollte man nicht glauben, es sei gefährlich für einen Militär, zwei Stunden in einem Fiaker mit zwei hübschen Frauen zuzubringen?

»Hübsch und discret,« fügte er bei; denn sie reden nicht und warten, daß ich ein Gespräch anknüpfe.«

Die zwei Frauen dachten ohne Zweifel an den jungen Officier, wie der junge Officier an sie dachte; denn in dem Augenblick, wo er seine Gedanken vollends abgeschlossen hatte, wandte sich die eine der beiden Damen an ihre Gefährtin und sagte englisch:

»Meine liebe Freundin, dieser Kutscher führt uns wahrhaftig wie Todte; wir werden nie nach Versailles kommen. Ich wette, unser armer Gefährte langweilt sich zum Sterben.«

»Unsere Unterhaltung ist auch nicht sehr belustigend,« erwiderte lächelnd die jüngere.

»Finden Sie nicht auch, daß er das Aussehen eines durchaus anständigen Menschen hat?«

»Gewiß, Madame.«

»Ueberdieß haben Sie bemerkt, daß er Marine-Uniform trägt?«

»Ich verstehe mich nicht viel auf Uniformen.«

»Wohl! er trägt, wie ich Ihnen sage, die Uniform eines Marine-Officiers, und alle Officiere der Marine sind von gutem Haus; die Uniform steht ihm schön, und er ist ein hübscher Cavalier, nicht wahr?«

Die junge Frau wollte antworten und wahrscheinlich ihrer Gefährtin beipflichten, als der Officier eine Geberde machte, die ihr den Mund schloß.

»Verzeihen Sie, meine Damen,« sagte er in vortrefflichem Englisch, »ich glaube, Ihnen bemerken zu müssen, daß ich das Englische ziemlich leicht spreche und verstehe; doch Spanisch verstehe ich nicht, und wenn Sie dieser Sprache mächtig sind und sich darin unterhalten wollen, so sind Sie wenigstens sicher, daß ich den Sinn Ihrer Worte nicht zu erfassen vermag.«

»Mein Herr,« erwiderte die Dame lachend, »wir wollten nicht schlimm von Ihnen sprechen, wie Sie bemerken konnten; wir thun uns auch keinen Zwang mehr an und sprechen nun Französisch, wenn wir uns etwas zu sagen haben.«

»Ich danke für diese Gunst, Madame; sollte übrigens meine Gegenwart Sie belästigen…«

»Sie können das nicht voraussetzen, mein Herr, da wir Sie gebeten haben.«

»Aufgefordert sogar,« sagte die jüngere von den zwei Frauen.

»Beschämen Sie mich nicht, Madame, und verzeihen Sie mir einen Augenblick der Unentschiedenheit; nicht wahr, Sie kennen Paris? Paris ist voll vor Schlingen, Täuschungen und Widerwärtigkeiten.«

»Sie hielten uns also für? – Sagen Sie es offenherzig.«

»Der Herr hat uns ganz einfach für Schlingen gehalten.«

»Oh! meine Damen,« erwiderte der junge Mann, sich demüthigend, »ich schwöre Ihnen, daß mir nichts dergleichen eingefallen ist.«

»Verzeihen Sie, was gibt es denn? der Fiaker hält an.«

»Was ist geschehen?«

»Ich will nachsehen, meine Damen.«

»Ich glaube, wir werden umgeworfen, nehmen Sie sich in Acht, mein Herr,« sagte die jüngere Dame.

Und ihre Hand streckte sich mit ungestümer Bewegung aus und verweilte auf der Schulter des jungen Mannes.

Der Druck dieser Hand machte ihn beben.

Durch einen ganz natürlichen Antrieb suchte er sie zu fassen, schon aber hatte sich Andrée, die einer ersten Bewegung der Angst nachgegeben, wieder in den Hintergrund des Fiakers zurückgeworfen.

Der Officier, den nun nichts mehr zurückhielt, sprang aus dem Wagen und fand den Kutscher beschäftigt, eines von seinen Pferden aufzuheben, das sich in der Deichsel und den Strängen verwickelte.

Man war in der Nähe der Brücke von Sèvres.

Durch die Hilfe, die der Officier dem Kutscher leistete, war das arme Thier bald wieder auf seinen Beinen.

Der Kutscher, der sich zu einem liebenswürdigen Kunden Glück wünschte, ließ seine Peitsche, ohne Zweifel in der doppelten Absicht, seine Rosse und sich selbst wieder zu beleben, lustig knallen.

Doch man hätte glauben sollen, die durch den offenen Schlag eindringende Kälte habe das Gespräch vereist und die zunehmende Vertraulichkeit gefrieren gemacht, worin der junge Mann einen Reiz zu finden anfing, von dem er sich keine Rechenschaft zu geben vermochte.

Man erkundigte sich einfach bei ihm nach dem Vorfall; er erzählte, was sich ereignet hatte.

Dieß war Alles und das Stillschweigen lastete abermals auf dem reisenden Trio.

Der Officier, den diese warme, zitternde Hand ungemein in Anspruch genommen hatte, wollte wenigstens einen Fuß dafür haben.

Er streckte daher das Bein aus, doch so geschickt er auch war, er traf nichts, oder vielmehr, wenn er etwas traf, so hatte er den Schmerz, das, was er vor sich getroffen, fliehen zu sehen.

Einmal sogar, als er am Fuß der älteren von diesen beiden Frauen anstreifte, sagte diese mit der größten Kaltblütigkeit:

»Nicht wahr, ich beenge Sie furchtbar, mein Herr? verzeihen Sie.«

Der junge Mann erröthete bis über die Ohren und wünschte sich Glück, daß die Nacht finster genug war, um seine Röthe zu verbergen.

Dann war Alles gesagt, und hier endigten die Unternehmungen.

Wieder stumm, unbeweglich und ehrerbietig geworden, als befände er sich in einem Tempel, fürchtete er sich zu athmen, und machte sich klein wie ein Kind.

Allmälig aber und unwillkürlich bemächtigte sich ein seltsamer Eindruck seines ganzen Geistes, seines ganzen Wesens.

Er fühlte die zwei reizenden Frauen, ohne sie zu berühren, er sah sie, ohne sie zu sehen; nach und nach gewöhnte er sich daran, in ihrer Nähe zu leben, und es kam ihm vor, als verschmelze sich ein Theilchen von ihrem Dasein mit dem seinigen. Um Alles in der Welt hätte er das erloschene Gespräch wieder anknüpfen mögen, allein er wagte es nicht, denn er fürchtete die Alltäglichkeiten, er, der es beim Abgang verachtete, nur eines von den einfachsten Worten der Weltsprache anzubringen. Er besorgte, albern oder frech vor diesen Frauen zu erscheinen, denen er eine Stunde zuvor viel Ehre zu erweisen glaubte, wenn er ihnen das Almosen eines Louisd'or und eine Artigkeit spende.

Mit einem Wort – alle Sympathien in diesem Leben erklären sich durch die Verwandtschaft der zu geeigneter Zeit in Berührung gesetzten Fluida, und so war es auch hier: ein mächtiger Magnetismus, den Düften und der jugendlichen Wärme dieser drei durch den Zufall zusammengebrachten Körper entströmt, beherrschte den jungen Mann, erschloß ihm den Geist und erweiterte zugleich sein Herz.

So entstehen, leben und sterben zuweilen binnen einigen Augenblicken die ächtesten, wonnigsten und glühendsten Leidenschaften.

Sie haben den Zauber, weil sie ephemer sind, sie haben die Stärke, weil sie im Raume gehalten werden.

Der Officier sagte nicht ein einziges Wort mehr. Die Damen sprachen leise unter sich.

Da indessen sein Ohr beständig offen war, so faßte er unzusammenhängende Worte auf, welche jedoch seiner Einbildungskraft einen Sinn boten.

Er hörte:

»Die vorgerückte Stunde … die Thore … der Vorwand für die Fahrt…«

Der Fiaker hielt abermals an.

Dießmal war es weder ein gefallenes Pferd, noch ein zerbrochenes Rad. Nach drei Stunden muthiger Anstrengung hatte sich der brave Kutscher die Arme erwärmt, das heißt, er hatte seine Rosse vor Schweiß triefen gemacht und Versailles erreicht, dessen lange, düstere, öde Alleen unter dem röthlichen Schimmer einiger durch den Reif weiß gewordenen Laternen wie eine doppelte Procession schwarzer, fleischloser Schatten erschienen.

Der junge Mann begriff, daß man angelangt war. Durch welchen Zauber war ihm die Zeit so kurz vorgekommen?

Der Kutscher neigte sich gegen das Vorderfenster und sagte:

»Herr, wir sind in Versailles.«

»Wo soll er anhalten, meine Damen?« fragte der Officier.

»Auf der Place d'Armes.«

»Nach der Place d'Armes,« rief der junge Mann dem Kutscher zu.

»Ich soll nach der Place d'Armes fahren?« fragte dieser.

»Ja, da man es Dir sagt.«

»Es wird ein kleines Trinkgeld geben?« versetzte grinsend der Auvergnat.

»Immer zu.«

Die Peitschenhiebe fingen wieder an.

»Ich muß doch sprechen,« dachte der Officier. »Ich werde für einen Dummkopf gelten, nachdem ich für einen frechen Menschen gegolten habe.«

»Meine Damen,« sagte er, nicht ohne abermals zu zögern, »Sie sind nun zu Hause.«

»Durch Ihren edelmüthigen Beistand.«

»Welche Mühe haben wir Ihnen gemacht!« sprach die jüngere der beiden Damen.

»O! ich habe das mehr als vergessen. Madame.«

»Aber wir, mein Herr, wir werden es nicht vergessen. Ihr Name, wenn es gefällig wäre, mein Herr?«

»Mein Name? Oh!«

»Es ist dieß das zweite Mal, daß man Sie darum bittet. Nehmen Sie sich in Acht!«

»Und nicht wahr, Sie wollen uns kein Geschenk mit einem Louisd'or machen?«

»Oh! wenn dem so ist,« versetzte der Officier etwas gereizt, »so gebe ich nach: ich bin der Graf von Charny, dabei, wie Madame bemerkt hat, Officier in der königlichen Marine.«

»Charny!« wiederholte die ältere der beiden Damen in einem Ton, mit dem sie etwa gesagt hätte: »Es ist gut, ich werde es nicht vergessen.«

»Georges, Georges von Charny,« fügte der Officier bei.

»Georges,« murmelte die jüngere Dame.

»Und Sie wohnen?«

»Hotel des Princes, Rue de Richelieu.«

Der Fiaker hielt an.

Die ältere von den Damen öffnete selbst den Schlag zu ihrer Linken, sprang behend zur Erde und reichte ihrer Gefährtin die Hand.

Der junge Mann aber, der ihnen zu folgen sich anschickte, rief:

»Meine Damen, nehmen Sie wenigstens meinen Arm an, Sie sind noch nicht zu Hause, und die Place d'Armes ist keine Wohnung,«

»Rühren Sie sich nicht von der Stelle,« sagten gleichzeitig die zwei Frauen.

»Wie, ich soll mich nicht rühren?«

»Nein, bleiben Sie im Fiaker.«

»Aber allein gehen, bei Nacht, bei diesem Wetter? unmöglich!«

»Gut, nachdem Sie sich beinahe geweigert haben, uns zu verbinden, wollen Sie uns durchaus zu sehr verbinden,« versetzte mit heiterem Tone die ältere der beiden Damen.

»Aber…«

»Es gibt kein Aber. Seien Sie bis an's Ende ein artiger und biederer Cavalier. Ich danke Ihnen, Herr von Charny. ich danke Ihnen aus dem Grund meines Herzens, und da Sie ein artiger und biederer Cavalier sind, wie ich Ihnen so eben sagte, so verlangen wir nicht einmal Ihr Wort von Ihnen.«

»Mein Wort? wofür?«

»Daß Sie den Schlag schließen und den Kutscher nach Paris zurückkehren heißen; was Sie thun werden, nicht wahr, ohne nach uns umzuschauen.«

»Sie haben Recht, meine Damen, und mein Wort wäre unnütz. Kutscher, mein Freund, kehren wir zurück.«

Und der junge Mann drückte dem Kutscher noch einen Louisd'or in seine plumpe Hand.

Der würdige Auvergnat bebte vor Freude.

»Alle Teufel,« sagte er, »die Pferde mögen darüber krepiren, wenn sie wollen.«

»Ich glaube das wohl, sie sind bezahlt,« murmelte der Officier.

Der Fiaker rollte, und er rollte rasch. Er erstickte durch das Geräusch der Räder einen Seufzer des jungen Mannes, einen wollüstigen Seufzer, denn der Sybarite hatte sich auf die noch von den zwei unbekannten Schönen warmen Kissen gelegt.

Sie aber waren auf derselben Stelle geblieben, und erst als der Fiaker verschwunden, wandten sie sich nach dem Schloß.




VI.

Der Befehl


In dem Augenblick, wo sie weiter gingen, trugen heftige Windstöße an das Ohr der Reisenden die drei Viertel, die es in der St. Ludwigs-Kirche schlug.

»Oh! mein Gott, drei Viertel auf zwölf Uhr,« riefen gleichzeitig die zwei Frauen.

»Alle Gitter sind geschlossen,« fügte die jüngere bei.

»Oh! das bekümmert mich wenig, liebe Andrée, denn wäre das Gitter auch offen geblieben, so würden wir doch sicher nicht durch den Ehrenhof eingetreten sein. Geschwind, geschwind, gehen wir durch die Réservoirs.«

Beide wandten sich nach der Rechten des Schlosses.

Bekanntlich ist hier ein besonderer Gang, der nach den Gärten fühlt.

Man kam zu diesem Gang.

»Das kleine Thor ist geschlossen, Andrée,« sagte unruhig die ältere.

»Klopfen wir an, Madame.«

»Nein, rufen wir. Laurent muß mich erwarten, ich habe ihn benachrichtigt, ich würde vielleicht spät zurückkommen.«

»Nun, so will ich rufen.«

Andrée näherte sich der Thüre.

»Wer ist da?« fragte eine Stimme im Innern, die nicht einmal wartete, bis man rief.

»Oh! das ist nicht die Stimme von Laurent,« sprach erschrocken die junge Frau.«

»In der That, nein.«

Die andere Frau näherte sich ebenfalls.

»Laurent,« flüsterte sie durch das Thor.

Keine Antwort.

»Laurent,« wiederholte die Dame und klopfte zugleich an.

»Es ist kein Laurent hier,« erwiderte barsch die Stimme.

»Oeffnen Sie immerhin, mag es nun Laurent oder nicht Laurent sein,« rief Andrée mit dringlichem Tone.

»Ich öffne nicht.«

»Aber, mein Freund, Sie wissen nicht, daß uns Laurent zu öffnen pflegt.«

»Ich kümmere mich den Teufel um Laurent, ich habe meinen Befehl.«

»Wer sind Sie denn?«

»Wer ich bin?«

»Ja.«

»Und Sie?« fragte die Stimme.

Die Frage war ein wenig brutal, doch es ließ sich nicht feilschen, man mußte antworten.

»Wir sind Damen vom Gefolge Ihrer Majestät. Wir wohnen im Schloß und möchten gern in unsere Wohnung zurückkehren.«

»Wohl! ich, meine Damen, ich bin ein Schweizer von der ersten Compagnie Salischamade, und ich werde ganz das Gegentheil von Laurent thun, ich werde Sie vor der Thüre lassen.«

»Oh!« murmelten die zwei Frauen, von denen die eine der andern voll Zorn die Hände drückte.

Dann, sich bewältigend, sagte sie:

»Ich begreife, daß Sie Ihre Vorschrift beobachten, das ist die Pflicht eines guten Soldaten und Sie sollen sich nicht dagegen verfehlen. Aber ich bitte Sie, erweisen Sie mir nur den Gefallen, Laurent, der nicht fern sein kann, zu benachrichtigen.«

»Ich kann meinen Posten nicht verlassen.«

»Schicken Sie Jemand.«

»Ich habe Niemand.«

»Ich bitte inständig.«

»Ei! alle Wetter, Madame, schlafen Sie in der Stadt. Ist das nicht eine schöne Geschichte! Oh! wenn man mir das Thor der Kaserne vor der Nase schlösse, ich würde wohl ein Lager finden.«

»Grenadier, hören Sie, sprach entschlossen die ältere der beiden Frauen. »Zwanzig Louisd'or für Sie, wenn Sie öffnen.«

»Und zehn Jahre Kettenstrafe; ich danke. Achtundvierzig Livres jährlich, das ist nicht genug.«

»Ich lasse Sie zum Sergenten ernennen.«

»Ja, und der, welcher mir den Befehl gegeben hat, läßt mich erschießen; ich danke.«

»Wer hat Ihnen denn diesen Befehl gegeben?«

»Der König.«

»Der König!« wiederholten die beiden Frauen erschrocken; »oh! wir sind verloren.«

Die Jüngere schien ganz außer sich zu sein.

»Sagen Sie,« fragte die Aeltere, »gibt es keine andern Thore?«

»Oh! Madame, wenn man dieses geschlossen hat, hat man die andern auch geschlossen.«

»Und wenn wir Laurent an diesem Thor nicht finden, welches das seinige ist, wo glauben Sie, daß wir ihn finden?«

»Nirgends, das ist eine abgekartete Sache.«

»Es ist wahr, und Sie haben Recht. Andrée, Andrée, das ist ein furchtbarer Streich vom König.«

Die Dame betonte die letzten Worte mit einer beinahe drohenden Verachtung.

Das Thor der Reservoirs war in der Dicke einer Mauer angebracht, welche tief genug war, um aus dieser Nische eine Art von Vorhaus zu bilden.

Eine steinerne Bank lief an beiden Seiten hin.

Die Damen sanken darauf in einen Zustand der Aufregung, der an Verzweiflung grenzte.

Man sah unter dem Thor einen leuchtenden Strahl; man hörte hinter dem Thor die Tritte des Schweizers, der sein Gewehr bald aufnahm, bald niedersetzte.

Jenseits dieses dünnen Hindernisses von Eichenholz die Rettung; diesseits die Schande, ein Aergerniß, beinahe der Tod.

»Oh! morgen! morgen! wenn man es erfährt!« murmelte die ältere der beiden Frauen.

»Aber Sie werden die Wahrheit sagen?«

»Wird man es glauben?«

»Sie haben Beweise. Madame, der Soldat wird nicht die ganze Nacht wachen,« sagte die junge Frau, die in demselben Maße Muth zu fassen schien, wie ihre Gefährtin ihn verlor; »in einer oder der andern Stunde wird man ihn ablösen, und sein Nachfolger ist vielleicht gefälliger. Warten wir.«

»Ja, aber die Patrouillen werden nach Mitternacht vorüberkommen; man wird mich da außen wartend und mich verbergend finden. Das ist schändlich! Hören Sie, Andrée, das Blut steigt mir zu Kopfe und erstickt mich.«

»Oh! Muth gefaßt, Madame; Sie sind gewöhnlich so stark, ich war vorhin noch so schwach, und nun muß ich Sie unterstützen!«

»Darunter steckt ein Komplott, Andrée, wir sind die Opfer desselben. Das ist noch nie geschehen, nie ist dies Thor geschlossen worden. Ich werde darüber sterben, Andrée, ich sterbe!«

Und sie warf sich rückwärts, als ob sie wirklich erstickte.

In demselben Augenblick erschollen auf dem zu dieser Stunde so wenig betretenen dumpfen weiten Pflaster von Versailles Schritte.

Gleichzeitig vernahm man eine Stimme, eine leichte, heitere Stimme, die Stimme eines singenden jungen Mannes.

Er sang eines von den manierirten Liedern, welche der Epoche angehören, die wir zu schildern versuchen.

Die Damen lauschten.

»Diese Stimme!« riefen sie.

»Ich kenne sie,« sagte die ältere.

»Es ist die von…«

»Er ist es!« sagte Andrée der Dame in's Ohr, deren Unruhe sich so stark geoffenbart hatte, »er ist es, er wird uns retten.«

In diesem Augenblick trat ein junger Mann, in einen weiten Pelzüberrock gehüllt, in die Nische ein, klopfte, ohne die Frauen zu sehen, an die Thüre und lief:

»Laurent!«

»Mein Bruder!« sagte die ältere der beiden Frauen, den jungen Mann an der Schulter berührend.

»Die Königin!« rief dieser, indem er einen Schritt zurückwich und seinen Hut in die Hand nahm.

»So! Guten Abend, mein Bruder[4 - Es ist hier zur Verdeutlichung zu bemerken, daß man in Frankreich in der freundlichen Umgangssprache Bruder und Schwester für Schwager und Schwägerin sagt. D. Uebers.].«

»Guten Abend, Madame; guten Abend, meine Schwester, Sie sind nicht allein?«

»Nein, Fräulein Andrée von Taverney ist bei mir.«

»Ah! schön! guten Abend, mein Fräulein.«

»Hoheit,« murmelte Andrée sich verbeugend.

»Sie gehen aus, meine Damen?« fragte der junge Mann. – »Nein.« – »Sie kommen also nach Hause?« – »Wir möchten gern nach Hause kommen.« – »Haben Sie Laurent nicht gerufen?« – »Doch.« – »Nun?« – »Rufen Sie Laurent ebenfalls ein wenig; und Sie werden sehen.« – »Ja, ja, rufen Sie, Hoheit, und Sie werden sehen.«

Der junge Mann, in dem man ohne Zweifel den Grafen von Artois erkannt hat, näherte sich ebenfalls der Thür, klopfte an und rief:

»Laurent!«

»Gut! nun fängt der Spaß wieder an,« sprach die Stimme des Schweizers; »ich sage Ihnen, daß ich, wenn Sie mich länger quälen, den Officier rufen werde.«

»Was ist das?« fragte der junge Mann verblüfft, indem er sich gegen die Königin umwandte.

»Ein Schweizer, den man an die Stelle von Laurent gesetzt hat.«

»Wer hat dieß gethan?« – »Der König.« – »Der König!« – »Der Schweizer hat es uns selbst so eben gesagt.« – »Und mit einem Befehl?« – »Mit einem sehr strengen wie es scheint.« – »Teufel! capituliren wir!« – »Wie dieß?« – »Geben wir dem Burschen Geld.« – »Ich habe ihm geboten und er hat es ausgeschlagen.« – »Bieten wir ihm die Gallonen an.« – »Ich habe sie ihm angeboten.« – »Und?« – »Er wollte nichts hören.« – »Dann gibt es nur ein Mittel.« – »Welches?« – »Ich werde Lärmen machen.« – »Sie werben uns compromittiren; mein lieber Carl, ich flehe Sie an.« – »Ich werde Sie nicht im geringsten compromittiren.« – »Ah!« – »Sie treten beiseit, ich klopfe wie ein Tauber, ich schreie wie ein Blinder, man wird mir am Ende öffnen und Sie gehen hinter mir hinein.« – »Versuchen Sie es.«

Der junge Prinz rief abermals Laurent, dann klopfte er, dann machte er mit seinem Degengriff einen solchen Lärm, daß der Schweizer wüthend schrie:

»Ah! es ist so. Nun wohl! ich rufe meinen Officier.«

»Ei! bei Gott! rufe ihn, Bursche! Das ist es, was ich schon seit einer Viertelstunde verlange.«

Nach einem Augenblicke hörte man Schritte jenseits der Thüre. Die Königin und Andrée stellten sich hinter den Grafen von Artois, bereit, den Durchgang zu benützen, der ohne Zweifel geöffnet werden würde.

Man hörte den Schweizer die ganze Ursache dieses Lärmens erklären.

»Nein Lieutenant, es sind Damen mit einem Manne, der mich Bursche genannt hat. Sie wollen mit Gewalt herein.«

»Nun, was ist darüber zu wundern, daß wir hinein zu kommen wünschen, da wir aus dem Schlosse sind?«

»Das kann ein natürlicher Wunsch sein, mein Herr, doch es ist verboten,« erwiderte der Officier.

»Verboten! Durch wen?«

»Durch den König.«

»Verzeihen Sie, der König kann nicht wollen, daß ein Officier des Schlosses auswärts schläft.«

»Mein Herr, es ist nicht meine Sache, die Absichten des Königs zu untersuchen; ich bin nur verpflichtet, zu thun, was mir der König befiehlt.«

»Hören Sie, Lieutenant, öffnen Sie ein wenig die Thüre, daß wir anders als durch ein Brett sprechen können.«

»Mein Herr, ich wiederhole, daß ich den Befehl habe, das Thor geschlossen zu halten. Wenn Sie aber Officier sind, wie Sie sagen, müssen Sie wissen, was ein Befehl bedeutet.«

»Lieutenant, Sie sprechen mit dem Obersten eines Regiments.«

»Mein Oberst, entschuldigen Sie, doch mein Befehl ist sehr bestimmt.«

»Der Befehl gilt nicht für Prinzen. Mein Herr, ein Prinz schläft nicht auswärts, ich bin Prinz.«

»Mein Prinz, Sie bringen mich in Verzweiflung, aber der König hat befohlen.«

»Hat Ihnen der König befohlen, seinen Bruder wie einen Bettler oder einen Dieb wegzujagen? Ich bin der Graf von Artois, mein Herr. Alle Teufel! Sie wagen viel, daß Sie mich so vor der Thüre frieren lassen.«

»Monseigneur Graf von Artois,« erwiderte der Lieutenant, »Gott ist mein Zeuge, daß ich all' mein Blut für Eure Königliche Hoheit hingeben würde, doch der König hat mir die Ehre erwiesen, mir, indem er mir die Bewachung dieser Thüre anvertraute, zu sagen, ich dürfe Niemand einlassen, selbst nicht ihn, den König, sollte er sich nach elf Uhr einfinden. Ich bitte Sie also um Verzeihung, Monseigneur, ich bin Soldat, und wenn ich an Ihrer Stelle vor diesem Thor Ihre Majestät die Königin vor Kälte erstarrt sähe, ich würde Ihrer Majestät antworten, was ich zu meinem Schmerz Ihnen antworten mußte.«

Hierauf murmelte der Officier ein äußerst ehrfurchtsvolles Gute Nacht und kehrte langsam nach seinem Posten zurück.

Der Soldat, der mit geschultertem Gewehr dicht am Verschlag stand, wagte nicht mehr zu athmen, und sein Herz schlug so stark, daß der Graf von Artois, der sich ebenfalls am Thor anlehnte, das Pulsiren fühlte.

»Wir sind verloren,« sagte die Königin zu ihrem Schwager, indem sie ihn an der Hand nahm.

Dieser erwiderte nichts.

»Es ist bekannt, daß Sie ausgegangen sind?« fragte er.

»Ach! ich weiß es nicht.«

»Vielleicht hat der König auch nur gegen mich diesen Befehl gegeben. Der König weiß, daß ich bei Nacht ausgehe und zuweilen spät zurückkomme. Die Frau Gräfin von Artois wird etwas erfahren und sich bei Seiner Majestät beklagt haben; daher dieser tyrannische Befehl!«

»Oh! nein, nein, mein Bruder; ich danke Ihnen von ganzem Herzen für die Zartheit, mit der Sie mich zu beruhigen suchen, aber die Maßregel ist meinetwegen oder vielmehr gegen mich getroffen worden.«

»Unmöglich, meine Schwester, der König hat zu viel Achtung…«

»Mittlerweile bin ich vor der Thüre, und ein abscheulicher Scandal wird aus einer ganz unschuldigen Sache entstehen. Ah! ich weiß wohl, ich habe einen Feind beim König.«

»Es ist möglich, daß Sie einen Feind beim König haben, Schwesterchen. Ich aber habe eine Idee.«

»Eine Idee? lassen Sie geschwind hören.«

»Eine Idee, worüber Ihr Feind sich ärgern wird, wie ein Esel, der an seinem Halfter aufgeheult ist.«

»Oh! wenn Sie uns nur von der Lächerlichkeit dieser Lage erretten, mehr verlange ich nicht.«

»Ob ich Sie erretten werde! ich hoffe es wohl. Oh! ich bin nicht alberner als er, obgleich er gelehrter ist als ich.«

»Wer, er?«

»Ei! bei Gott! der Herr Graf von Provence!«

»Uh! Sie erkennen also wie ich, daß er mein Feind ist?«

»Ei! ist er nicht der Feind von Allem, was jung, von Allem, was schön, von allem dem, was kann, was er nicht kann?«

»Mein Bruder, Sie wissen etwas über diesen Befehl?«

»Vielleicht; doch vor Allem bleiben wir nicht unter diesem Thor, es ist eine Hundekälte hier. Kommen Sie mit mir, Schwester.«

»Wohin?«

»Sie werden es sehen, an einen Ort, wo es wenigstens minder kalt ist. Kommen Sie; und unter Wegs sage ich Ihnen, was ich von dem Thorschluß denke. Ah! Herr von Provence, mein theurer und unwürdiger Bruder! Geben Sie mir Ihren Arm, meine Schwester; nehmen Sie meinen andern Arm, Fräulein von Taverney, und wenden wir uns rechts.«

Man brach auf.

»Und Sie sagten also, Herr von Provence?« fragte die Königin.

»Ah! ja wohl. Diesen Abend, nach dem Mahle des Königs, kam er in das große Cabinet; der König hatte im Verlaufe des Tages viel mit dem Grafen von Haga gesprochen, und man hatte Sie nicht gesehen.«

»Um zwei Uhr bin ich nach Paris abgefahren.«

»Ich wußte es wohl, erlauben Sie mir, Ihnen das zu sagen, liebe Schwester. Der König dachte eben so wenig an Sie, als an Harun al Raschid und seinen Großvezier Giaffar, und unterhielt sich über Geographie. Ich hörte ziemlich ungeduldig zu, denn ich hatte auch auszugehen. Ah! verzeihen Sie, wir gingen ohne Zweifel nicht aus derselben Ursache aus, somit hatte ich Unrecht…«

»Immerzu, immerzu.«

»Wenden wir uns links.«

»Wohin führen Sie uns denn?«

»Nur noch zwanzig Schritte. Nehmen Sie sich in Acht, es liegt hier ein Schneehaufen. Ah! Fräulein von Taverney, wenn Sie meinen Arm loslassen, werden Sie fallen, das sage ich Ihnen zum Voraus. Kurz, um auf den König zurückzukommen, er dachte nur an die Längen und Breiten, als Herr von Provence zu ihm sagte: »Ich möchte doch gern der Königin meine Ehrfurcht bezeigen.«

»Oh! oh!« machte Marie Antoinette.

»Die Königin speist in ihren Zimmern zu Nacht,« erwiderte der König.

»Ah! ich glaubte, sie wäre in Paris,« fügte mein Bruder bei.

»Nein, sie ist zu Hause,« antwortete ruhig der König.

»Ich komme von ihrer Wohnung her, und man hat mich dort nicht empfangen,« entgegnete der Graf von Provence.

»Da sah ich, wie der König die Stirne faltete. Er entließ uns, meinen Bruder und mich, und erkundigte sich wohl, als wir weggegangen waren. Ludwig ist eifersüchtig, wie Sie wissen, wenn ihn gerade der Schuß ankommt; er wird Sie haben sehen wollen, man hat ihm wohl den Eintritt verweigert, und er hat dann etwas gemuthmaßt.«

»Ganz richtig, Frau von Misery hatte den Befehl.«

»So ist es; und um sich Ihrer Abwesenheit zu versichern, wird er die strenge Verordnung erlassen haben, die uns hinausschließt.«

»Oh! Sie müssen gestehen, Graf, das ist ein abscheulicher Streich.«

»Ich gestehe es, doch wir sind an Ort und Stelle.«

»Dieses Haus?«

»Mißfällt Ihnen, meine Schwester?«

»Oh! ich sage das nicht, es entzückt mich im Gegentheil. Doch Ihre Leute?«

»Nun?«

»Wenn sie mich sehen.«

»Meine Schwester, treten Sie immerhin ein, und ich bürge Ihnen dafür, daß Niemand Sie sieht.«

»Nicht einmal der, welcher mir die Thüren öffnet?« fragte die Königin.

»Nicht einmal der.«

»Unmöglich.«

»Wir wollen es versuchen,« erwiderte lachend der Graf von Artois.

Und er näherte seine Hand der Thüre.

Die Königin hielt seinen Arm zurück.

»Ich flehe Sie an, mein Bruder, nehmen Sie sich in Acht.‹

Der Prinz drückte mit seiner andern Hand in eine zierlich geschnitzte Füllung.

Die Thüre öffnete sich.

Die Königin konnte eine Bewegung der Angst nicht unterdrücken.

»Treten Sie doch ein, meine Schwester, ich beschwöre Sie,« sagte der Prinz; »Sie sehen wohl, daß bis jetzt Niemand da ist.«

Die Königin schaute Fräulein von Taverney wie eine Person an, die sich der Gefahr aussetzen will; dann trat sie über die Schwelle mit einer jener Geberden, welche den Damen so reizend zu Gesicht stehen und besagen wollen:

»Unter der Obhut Gottes.«

Die Thüre schloß sich geräuschlos hinter ihr.

Sie befand sich dann in einem Vorhaus von Stuck mit marmornen Unterlagen: die Platten bildeten ein Mosaik, Blumensträucher vorstellend, während auf marmornen Wandtischchen hundert niedrige, buschige Rosenstöcke ihre, um diese Jahreszeit so seltenen, wohlriechenden Blumenblätter aus ihren japanesischen Gefäßen regnen ließen.

Eine sanfte Wärme, ein süßer Duft fesselten die Sinne dermaßen, daß die zwei Damen, als sie in das Vorhaus kamen, nicht nur einen Theil ihrer Befürchtungen, sondern auch einen Theil ihrer Bedenklichkeiten vergaßen.

»Nun ist es gut; nun sind wir unter Obdach, und das Obdach ist sogar ziemlich bequem, wenn ich es Ihnen gestehen soll,« sagte die Königin. »Doch wäre es nicht ersprießlich, wenn Sie sich mit Einem beschäftigten, mein Bruder?«

»Womit?«

»Damit, daß Sie Ihre Diener entfernen.«

»Oh! das läßt sich leicht machen.«

Und der Prinz ergriff ein Glöckchen, das in der Auskehlung einer Säule stand, und ließ es nur einmal ertönen, dieser einzige Anschlag vibrirte aber geheimnißvoll in den Tiefen der Treppe.

Die zwei Frauen gaben einen schwachen Angstschrei von sich.

»Auf diese Art entfernen Sie Ihre Leute, mein Bruder?« fragte die Königin; »ich hätte im Gegentheil geglaubt, Sie würden dieselben so herbeirufen.«

»Läutete ich zum zweiten Mal, so würde allerdings Jemand kommen; da ich aber nur einmal geläutet habe, so können Sie unbesorgt sein, meine Schwester, Niemand wird kommen.«

Die Königin lachte.

»Sie sind ein Mann der Vorsicht,« sagte sie.

»Sie können nun nicht in einem Vorhaus wohnen, meine Schwester,« fuhr der Prinz fort, »wollen Sie sich die Mühe nehmen, hinaufzugehen?«

»Gehorchen wir,« sprach die Königin; »der Hausgeist scheint mir nicht zu böswillig zu sein.«

Und sie stieg hinauf.

Der Prinz ging ihr voran.

Man hörte nicht einen einzigen Tritt auf den Ambusson-Teppichen, mit denen die Treppe geschmückt war.

Im ersten Stock angelangt, ließ der Prinz ein zweites Glöckchen ertönen, bei dessen Geräusch die Königin und Fräulein von Taverney, da sie nicht darauf aufmerksam gemacht worden waren, abermals bebten.

Doch ihr Erstaunen verdoppelte sich, als sie die Thüren dieses Stockes sich allein öffnen sahen.

»In der That, Andrée,« sagte die Königin, »ich fange an zu zittern; und Sie?«

»Ich, Madame, werde, so lange Eure Majestät vorangeht, voll Vertrauen folgen.«

»Meine Schwester, nichts kann einfacher sein, als das, was hier vorgeht,« sagte der junge Prinz: »Die Thüre Ihnen gegenüber ist die Ihrer Wohnung. Sehen Sie?«

Und er bezeichnete der Königin ein reizendes Plätzchen, dessen Beschreibung wir nicht unterlassen dürfen.

Ein kleines Vorzimmer von Rosenholz mit zwei Etagèren von Boule, Plafond von Boucher, Fußboden von Rosenholz ging in ein Boudoir von weißem Caschemir, gestickt mit Blumen, aus der Hand gearbeitet von den geschicktesten Stickerinnen.

Die Ausstattung dieses Zimmers war eine Tapisserie mit kleinem Seidenstich, mit jener Kunst nüancirt, welche aus einer Gobelins-Tapete in jener Zeit ein Meisterstück machte.

Nach dem Boudoir ein schönes, blaues Schlafzimmer mit Spitzen und Seide von Tours geschmückt, ein kostbares Bett in einem dunklen Alkoven, ein blendendes Feuer in einem Kamin von weißem Marmor, zwölf wohlriechende Kerzen, die auf Candelabern von Clodion brannten, ein Windschirm von lasurblauem Lack mit feinen goldenen Verzierungen in chinesischem Styl – dieß waren die Wunder, welche vor den Augen der Damen erschienen, als sie schüchtern in diesen eleganten Winkel eintraten.

Kein lebendes Wesen zeigte sich; überall Wärme, Licht, ohne daß man in irgend einer Hinsicht die Ursachen so vieler glücklichen Wirkungen errathen konnte.

Die Königin, welche schon mit einer gewissen Zurückhaltung in das Boudoir eingetreten war, blieb einen Augenblick auf der Schwelle des Schlafzimmers.

Der Prinz entschuldigte sich sehr verbindlich wegen der Nothwendigkeit, die ihn antreibe, seine Schwester in ein ihrer unwürdiges Vertrauen zu ziehen.

Die Königin antwortete durch ein Halblächeln, das viel mehr ausdrückte, als alle Worte, die sie hätte aussprechen können.

»Meine Schwester,« fügte der Graf von Artois bei, »Sie sehen hier meine Junggesellenwohnung; ich komme allein herein, und zwar immer allein.«

»Beinahe immer,« sagte Marie Antoinette.

»Nein, immer.«

»Ah!« sagte die Königin.

»Ueberdieß,« fuhr er fort, »überdieß finden sich in diesem Boudoir ein Sopha und eine Bergère, worauf ich sehr oft, wenn mich die Nacht auf der Jagd überraschte, so gut als in meinem Bett geschlafen habe.«

»Ich begreife, daß die Frau Gräfin von Artois zuweilen unruhig ist,« sagte die Königin.

»Allerdings, doch gestehen Sie, meine Schwester, daß die Frau Gräfin, wenn sie über mich unruhig ist, heute Nacht sehr Unrecht haben wird.«

»Heute Nacht, ich leugne es nicht, doch die anderen Nächte…«

»Meine Schwester, wer einmal Unrecht hat, hat immer Unrecht.«

»Fassen wir uns kurz,« sagte die Königin, während sie sich auf ein Fauteuil setzte. »Ich bin furchtbar müde, und Sie, meine arme Andrée?

»Oh! ich, ich breche vor Müdigkeit zusammen, und wenn Eure Majestät mir erlaubt…«

»Sie erbleichen in der That, mein Fräulein,« rief der Graf von Artois.

»Immerzu, meine Liebe,« sprach die Königin, »setzen Sie sich, legen Sie sich sogar nieder, der Herr Graf von Artois tritt uns diese Wohnung ab, nicht wahr, Carl?«

»Als volles Eigenthum, Madame.«

»Einen Augenblick, Graf, ein letztes Wort.«

»Nun?«

»Wenn Sie weggehen, wie sollen wir Sie zurückrufen?«

»Sie bedürfen meiner nicht; einmal hier einquartiert, verfügen Sie über das ganze Haus.«

»Es hat also noch andere Zimmer als dieses?«

»Allerdings; es hat vor Allem ein Speisezimmer, zu dessen Besuch ich Sie einlade.«

»Ohne Zweifel mit einer vollkommen besetzten Tafel?«

»Ei! gewiß, worauf Fräulein von Taverney, die mir dessen sehr zu bedürfen scheint, eine Kraftbrühe, ein Hühnerflügelchen und etwas Xeres finden wird, und wo Sie, meine Schwester, verschiedene Sorten von gekochten Früchten finden, die Sie so sehr lieben.«

»Und dieß Alles ohne Bedienten?«

»Ohne den geringsten.«

»Wir werden sehen. Doch hernach.«

»Hernach?«

»Ja, um in das Schloß zurückzukehren.«

»Sie dürfen gar nicht daran denken, in der Nacht zurückzukehren, da der Befehl gegeben ist. Doch der für die Nacht gegebene Befehl fällt mit dem Eintritt des Tages; um sechs Uhr öffnen sich die Thore. Gehen Sie um drei Viertel auf sechs Uhr von hier weg. Sie finden in den Schränken Mäntel von allen Farben und Formen, wenn Sie sich verkleiden wollen; gehen Sie in's Schloß hinein, wie ich Ihnen sage, begeben Sie sich in Ihr Gemach, legen Sie sich zu Bette und bekümmern Sie sich nicht um das Uebrige.«

»Aber Sie?«

»Wie, ich?«

»Ja, was werden Sie thun?«

»Ich verlasse das Haus.«

»Wie, wir vertreiben Sie, mein armer Bruder?«

»Es wäre nicht schicklich, daß ich die Nacht unter einem Dache mit Ihnen zugebracht hätte, meine Schwester.«

»Aber Sie müssen doch ein Lager haben, und wir berauben Sie des Ihrigen.«

»Oh! es bleiben mir noch drei ähnliche.«

Die Königin lachte.

»Und er sagt, die Frau Gräfin von Artois habe Unrecht, wenn sie sich beunruhige; ich werde sie in Kenntniß setzen,« sprach sie mit einer reizenden Geberde der Drohung.

»Dann werde ich dem König Alles sagen,« versetzte der Prinz in demselben Tone.

»Er hat Recht, wir sind von ihm abhängig.«

»Ganz und gar: das ist demüthigend: doch was kann man machen?«

»Sich unterwerfen. Sie sagen also, um morgen früh wegzugehen, um Niemand zu begegnen?« – »Einmal läuten an der Säule unten.« – »An welcher? an der rechts oder an der links?« _ »Gleichviel.« – »Die Thüre wird sich öffnen?« – »Und wieder schließen.« – »Ganz allein?« – »Ganz allein.«

– »Ich danke. Gute Nacht, mein Bruder.« – »Gute Nacht, meine Schwester.«

Der Prinz verbeugte sich. Andrée schloß die Thüre hinter ihm und er verschwand.




VII.

Der Alkoven der Königin


Am andern Tag, oder vielmehr an demselben Morgen, denn unser letztes Capitel endigte Nachts um zwei Uhr, an demselben Morgen, sagen wir, klopfte Ludwig XVI. in veilchenblauem Hauskleid, ohne Orden und ohne Puder, kurz so, wie er aus dem Bette gekommen, an die Thüre des Vorzimmers der Königin.

Eine Frau vom Dienst öffnete diese Thüre ein wenig und sagte, als sie den König erkannte:

»Sire…«

»Die Königin?« fragte der König mit barschem Ton.

»Ihre Majestät schläft, Sire.«

Der König machte eine Geberde, als wollte er die Frau entfernen. Doch diese wich nicht von der Stelle.

»Nun!« sagte der König, »wollen Sie sich wohl rühren? Sie sehen, daß ich hinein will.«

Der König hatte in gewissen Augenblicken eine Raschheit der Bewegung, die seine Feinde Brutalität nannten.

»Die Königin schläft,« entgegnete schüchtern die Frau vom Dienst.

»Ich habe Ihnen gesagt, daß Sie mir Platz machen sollen,« erwiderte der König.

Und bei diesen Worten schob er wirklich die Frau auf die Seite und ging vorbei.

Als er vor die Thüre des Schlafzimmers kam, sah er Frau von Misery, die erste Kammerfrau der Königin, welche die Messe in ihrem Gebetbuche las.

Diese Dame stand auf, sobald sie den König erblickte.

»Sire,« sprach sie mit leiser Stimme und unter tiefer Verneigung, »Ihre Majestät hat noch nicht gerufen.«

»Ah! wahrhaftig!« versetzte der König mit einer spöttischen Miene.

»Sire, es ist, glaube ich, kaum halb sieben Uhr, und Ihre Majestät läutet nie vor sieben Uhr.«

»Und Sie wissen bestimmt, daß die Königin in ihrem Bette ist? Sie wissen bestimmt, daß sie schläft?«

»Ich möchte nicht behaupten, daß Ihre Majestät schläft; aber ich weiß bestimmt, daß sie in ihrem Bette ist.«

»Sie ist dort?«

»Ja, Sire.«

Der König konnte sich nicht mehr bewältigen. Er ging gerade auf die Thüre zu und drehte den vergoldeten Knopf mit einer geräuschvollen Hast.

Das Zimmer der Königin war dunkel, wie mitten in der Nacht; Läden und Vorhänge erhielten darin, hermetisch geschlossen, die dichteste Finsterniß.

Eine in der entferntesten Ecke des Zimmers auf einem Tischchen brennende Nachtlampe ließ den Alkoven der Königin völlig in Schatten getaucht und die ungeheuren weißen Seidenvorhänge mit goldenen Lilien hingen in wogenden Falten auf das ungeordnete Bett herab.

Der König ging mit raschen Schritten auf das Bett zu.

»Oh! Frau von Misery,« rief die Königin, »welchen Lärmen machen Sie… Sie haben mich nun aufgeweckt.«

Der König blieb erstaunt stehen und murmelte:

»Es ist nicht Frau von Misery.«

»Ah! Sie sind es, Sire,« versetzte die Königin, indem sie sich erhob.

»Guten Morgen, Madame,« sprach der König mit sauersüßem Tone.

»Was für ein guter Wind führt Sie hieher, Sire?« fragte die Königin. »Frau von Misery! Frau von Misery, öffnen Sie doch die Fenster.«

Die Frauen traten ein und öffneten nach der Gewohnheit, die ihnen Marie Antoinette beigebracht hatte, sogleich Thüren und Fenster, um die frische Luft einzulassen, welche die Königin beim Erwachen voll Wonne einschlürfte.

»Sie schlafen mit gutem Appetit,« sagte der König, nachdem er seinen forschenden Blick überall hatte umherlaufen lassen.

»Ja, Sire, ich habe lange gelesen, und würde folglich, wenn mich Eure Majestät nicht geweckt hätte, noch schlafen.«

»Woher kommt es, daß Sie gestern nicht empfangen haben, Madame?«

»Wen empfangen? Ihren Bruder, Herrn von Provence?« versetzte die Königin mit einer Geistesgegenwart, die dem Argwohn des Königs entgegentrat.

»Ganz richtig, meinen Bruder; er wollte Sie begrüßen, und man hat ihn nicht eingelassen.«

»Nun?«

»Man sagte ihm, Sie seien abwesend.«

»Hat man ihm das gesagt?« fragte nachlässig die Königin, »Frau von Misery! Frau von Misery!«

Frau von Misery erschien an der Thüre; sie hielt auf einer goldenen Platte eine Anzahl von Briefen an die Königin.

»Ihre Majestät ruft mich?« fragte Frau von Misery.

»Ja. Hat man gestern Herrn von Provence gesagt, ich sei vom Schlosse abwesend?«

Um nicht vor dem König vorüberzugehen, drehte sich Frau von Misery um diesen und reichte der Königin die Platte mit den Briefen. Sie hielt unter ihrem Finger einen dieser Briefe, dessen Handschrift die Königin erkannte.

»Antworten Sie dem König, Frau von Misery,« fuhr Marie Antoinette mit derselben Nachlässigkeit fort, »sagen Sie Seiner Majestät, was man gestern Herrn von Provence erwidert hat, als er vor meiner Thüre erschien; ich meinerseits erinnere mich dessen nicht mehr.«

»Sire,« sagte Frau von Misery, während die Königin den Brief entsiegelte, »Monseigneur der Graf von Provence kam gestern, um Ihrer Majestät seinen Respect zu bezeigen, und ich antwortete ihm, Ihre Majestät empfange nicht.«

»Auf wessen Befehl?«

»Auf Befehl der Königin.«

»Ah!« machte der König.

Während dieser Zeit hatte die Königin den Brief entsiegelt und folgende Zeilen gelesen:

»Sie sind gestern von Paris zurückgekommen und um acht Uhr Abends in das Schloß eingetreten, Laurent hat Sie gesehen.«

Mit derselben gleichgültigen Miene entsiegelte die Königin sodann ein halbes Dutzend Billet-Briefe und Bittschriften, welche unter ihren Eiderdunen lagen.

»Nun?« fragte sie zum König aufschauend.

»Ich danke, Madame,« sagte dieser zu der ersten Kammerfrau.

Frau von Misery entfernte sich.

»Verzeihen Sie, Sire,« sprach die Königin, »geben Sie mir über einen Punkt Aufklärung.«

»Ueber welchen?«

»Steht es mir frei oder nicht frei, Herrn von Provence zu sehen?«

»Oh! vollkommen frei, Madame, aber…«

»Was wollen Sie? sein Geist ermüdet mich; überdieß liebt er mich nicht; es ist wahr, ich gebe es ihm zurück. Ich erwartete seinen verdrießlichen Besuch und legte mich um acht Uhr in's Bett, um diesen Besuch nicht zu empfangen. Was haben Sie denn, Sire?«

»Nichts, nichts.« – »Man sollte glauben, Sie zweifeln.« – »Aber…« – »Was, aber?« – »Aber ich glaubte Sie gestern in Paris.« – »Um wie viel Uhr?« – »In den Stunden, wo Sie zu Bette gegangen zu sein behaupten.« – »Allerdings, ich bin nach Paris gefahren. Kommt man etwa nicht von Paris zurück?« – »Doch. Es hängt Alles von der Stunde ab, zu der man zurückkommt.« – »Ah, ah! Sie wollen genau die Stunde wissen, zu der ich von Paris zurückgekommen bin?« – »Ja.« – »Das ist ganz leicht, Sire!«

Die Königin rief:

»Frau von Misery!«

Die Kammerfrau erschien wieder.

»Wie viel Uhr war es, als ich gestern von Paris zurückkam, Frau von Misery?« fragte die Königin.

»Ungefähr acht Uhr, Eure Majestät.«

»Ich glaube nicht,« versetzte der König, »Sie müssen sich täuschen, Frau von Misery, erkundigen Sie sich.«

Die Kammerfrau drehte sich steif und unempfindlich nach der Thüre um und sagte:

»Madame Duval!«

»Madame!« erwiderte eine Stimme.

»Um wie viel Uhr ist Ihre Majestät gestern Abend von Paris zurückgekehrt?«

»Es mochte acht Uhr sein,« antwortete die zweite Kammerfrau.

»Sie müssen sich täuschen, Madame Duval,« sagte Frau von Misery.

Madame Duval neigte sich aus dem Fenster des Vorzimmers und rief:

»Laurent?«

»Wer ist das, Laurent?« fragte der König.

»Der Concierge des Thores, durch das Ihre Majestät gestern zurückgekommen ist,« antwortete Frau von Misery.

»Laurent,« rief Madame Duval, »um welche Stunde ist Ihre Majestät gestern Abend nach Hause gekommen?«

»Gegen acht Uhr,« erwiderte der Concierge unten von der Terrasse.

Der König ließ den Kopf sinken.

Frau von Misery entließ Madame Duval, die sodann Laurent entließ.

Die beiden Gatten blieben allein.

Ludwig XVI. schämte sich und strengte sich gewaltig an, diese Scham zu verbergen.

Aber statt über den Sieg zu frohlocken, den sie davon getragen, sagte die Königin mit kaltem Ton zu Ludwig:

»Nun, Sire, was wünschen Sie noch zu wissen?«

»Oh! nichts,« rief der König, seiner Frau die Hände drückend, »nichts.«

»Aber…«

»Verzeihen Sie, Madame, ich weiß nicht recht, was mir durch den Kopf gegangen ist. Sehen Sie, meine Freude, sie ist so groß als meine Reue. Nicht wahr, Sie sind mir nicht böse? Schmollen Sie nicht, bei meinem Wort, ich wäre in Verzweiflung.«

Die Königin zog ihre Hand aus der des Königs zurück.

»Nun! was machen Sie, Madame?« fragte der König.

»Sire,« erwiderte Marie Antoinette, »eine Königin von Frankreich lügt nicht.«

»Nun?« fragte der König erstaunt.

»Damit will ich sagen, daß ich nicht gestern Abend um acht Uhr zurückgekommen bin.«

Der König wich erstaunt zurück.

»Damit will ich sagen, daß ich erst diesen Morgen um sechs Uhr nach Hause gekommen bin,« fuhr die Königin mit derselben Kaltblütigkeit fort.

»Madame!«

»Und daß ich ohne den Herrn Grafen von Artois, der mir ein Asyl angeboten und mich in ein ihm gehöriges Haus einquartirt hat, wie eine Bettlerin vor der Thüre geblieben wäre.«

»Ah! Sie waren nicht nach Hause gekommen,« sagte der König mit düsterer Miene, »ich hatte also Recht?«

»Sire, ich bitte um Verzeihung, Sie ziehen aus dem, was ich gesagt habe, den Schluß eines Arithmetikers, aber nicht den Schluß eines galanten Mannes.«

»Inwiefern, Madame?«

»Insofern Sie, um sich zu versichern, ob ich früh oder spät nach Hause gekommen, nicht nöthig hatten, Befehle zu geben, sondern nur mich aufsuchen und fragen durften: »Um welche Stunde sind Sie zurückgekommen, Madame?«

»Ah!« machte der König.

»Es ist Ihnen nicht mehr erlaubt, zu zweifeln; Ihre Spione waren getäuscht, oder bestochen, Ihre Thore forcirt oder geöffnet, Ihre Besorgnisse waren bekämpft worden, Ihren Verdacht hatte man zerstreut; ich sah, daß Sie sich schämten, gegen eine in ihrem Recht befindliche Frau Gewalt gebraucht zu haben. Ich konnte fortfahren, mich an meinem Siege zu weiden. Aber ich finde Ihr Benehmen schmählich für einen König, unanständig für einen Edelmann, und will mir die Befriedigung, Ihnen das zu bemerken, nicht versagen.«

Der König stäubte seinen Jabot ab, wie ein Mensch, der auf eine Erwiderung sinnt.

»Oh! Sie mögen machen, was Sie wollen, mein Herr, es wird Ihnen nicht gelingen, Ihr Benehmen gegen mich zu entschuldigen.«

»Im Gegentheil, es wird mir leicht gelingen,« versetzte der König. »Vermuthete zufällig irgend Jemand im Schloß, Sie wären nicht nach Haus gekommen? Nun wohl, wenn Jedermann wußte, Sie seien zurückgekehrt, so konnte Niemand glauben, mein Befehl, die Thore zu schließen, sei gegen Sie gerichtet. Ob man ihn den Ausschweifungen des Herrn Grafen von Artois oder irgend eines Andern zugeschrieben, darum bekümmere ich mich, wie Sie begreifen, nicht.«

»Weiter, Sire!«

»Ich fasse mich kurz und sage, wenn ich den Schein gegen Sie gerettet, Madame, habe ich Recht, und Sie haben Unrecht, indem Sie nicht so viel für mich thaten, und wenn ich Ihnen ganz einfach eine geheime Lection geben wollte, wenn Ihnen die Lection frommt, was ich nach der Gereiztheit, die Sie gegen mich kundgeben, glaube, nun, so habe ich abermals Recht, und ich nehme nichts von dem zurück, was ich gethan.«

Die Königin hatte die Antwort ihres erhabenen Gemahls angehört, indem sie sich allmälig beruhigte; aber sie wollte alle ihre Kräfte für den Kampf bewahren, der ihrer Meinung nach, statt beendigt zu sein, kaum anfing.

»Sehr gut!« sagte sie. »Sie entschuldigen sich also nicht, daß Sie die Tochter Maria Theresia's, Ihre Frau, die Mutter Ihrer Kinder wie die nächste beste Person vor der Thüre Ihres Hauses schmachten ließen. Nein, das ist Ihrer Ansicht nach ein ganz königlicher Scherz voll attischen Salzes, dessen Moral seinen Werth verdoppelt. In Ihren Augen ist es also nur eine ganz natürliche Sache, daß Sie die Königin von Frankreich gezwungen haben, die Nacht in dem kleinen Hause zuzubringen, wo der Graf von Artois die Operndämchen und die galanten Frauen Ihres Hofes empfängt? Oh! das ist nichts, nein, ein König schwebt über all diesen Erbärmlichkeiten, besonders ein philosophischer König. Und Sie sind Philosoph, Sire! Bemerken Sie wohl, daß Herr von Artois hiebei die schöne Rolle gespielt hat. Bemerken Sie, daß er mir einen ausgezeichneten Dienst geleistet. Bemerken Sie wohl, daß ich dießmal dem Himmel zu danken gehabt habe, daß mein Schwager ein ausschweifender Mensch ist, da seine Ausschweifung meiner Schmach zum Deckmantel gedient hat, da seine Laster meine Ehre geschützt haben.«

Der König erröthete und bewegte sich geräuschvoll auf seinem Stuhle hin und her.

»Oh!« fuhr die Königin mit einem bitteren Lächeln fort, »ich weiß wohl, daß Sie ein moralischer König sind, Sire. Aber haben Sie bedacht, auf welches Resultat Ihre Moral hinausläuft? Niemand hat erfahren, daß ich nicht zurückgekehrt, sagen Sie? Und Sie selbst haben mich hier geglaubt! Werden Sie sagen, Herr von Provence, Ihr Aufhetzer, habe es geglaubt? Werden Sie sagen, meine Frauen, die Sie diesen Morgen auf meinen Befehl belogen, haben es geglaubt? Werden Sie sagen, Laurent, vom Grafen von Artois und mir erkauft, habe es geglaubt? Ah! der König hat immer Recht, doch die Königin kann auch Recht haben. Nehmen wir diese Gewohnheit an, wollen Sie? Sie, daß Sie mir Spione und Schweizer Wachen zuschicken, und ich, daß ich Ihre Schweizer und Ihre Spione besteche, und ich sage Ihnen, ehe ein Monat vergeht, denn Sie kennen mich und wissen, daß ich nicht an mich halten werde, nun wohl! die Majestät des Thrones und die Würde der Ehe, wir addiren das Alles eines Morgens, wie zum Beispiel heute, zusammen, und werden sehen, was uns Beide dieß kostet.«

Diese Worte hatten offenbar eine große Wirkung auf denjenigen hervorgebracht, an den sie gerichtet waren.

»Sie wissen,« sprach der König mit bebender Stimme, »Sie wissen, daß ich aufrichtig bin, und daß ich mein Unrecht stets gestehe. Wollen Sie mir beweisen, daß Sie Recht haben, wenn Sie von Versailles im Schlitten mit Ihren Cavalieren wegfahren? Eine tolle Truppe, die Sie unter den meisten Umständen, unter denen wir leben, compromittirt? Wollen Sie mir beweisen, daß Sie Recht haben, wenn Sie mit ihnen in Paris verschwinden, wie Masken auf einem Ball, und erst in der Nacht, scandalös spät, wieder erscheinen, während sich meine Lampe bei der Arbeit verzehrt und alle Welt schläft? Sie sprechen von der Würde der Ehe, von der Majestät des Thrones und Ihren Eigenschaften als Mutter? Ist das, was Sie gethan haben, einer Gattin, einer Königin, einer Mutter angemessen?«

»Ich erwidere Ihnen hierauf zwei Worte, und ich sage zum Voraus, ich werde Ihnen noch verächtlicher antworten, als ich bis jetzt gethan habe, denn mir scheint in der That, daß gewisse Theile Ihrer Anklage nur meine Verachtung verdienen.

»Ich habe Versailles im Schlitten verlassen, um schneller nach Paris zu kommen; ich bin mit Fräulein von Taverney weggefahren, deren Ruf, Gott sei Dank! einer der reinsten des Hofes ist, und habe mich nach Paris begeben, um mich mit eigenen Augen zu überzeugen, daß der König von Frankreich, dieser Vater der großen Familie, dieser philosophische König, diese moralische Stütze aller Gewissen, er, der die fremden Armen ernährt, die Bettler erwärmt und die Liebe des Volkes durch seine Wohlthätigkeit verdient hat, ich wollte mich überzeugen, sage ich, daß der König eine Person aus seiner eigenen Familie, eine Abkömmlingin eines der Könige, welche Frankreich regiert, Hungers sterben, in der Vergessenheit verfaulen, allen Angriffen des Lasters und der Dürftigkeit ausgesetzt ließ.«

»Ich!« versetzte der König erstaunt.

»Ich stieg in eine Art von Speicher hinauf,« fuhr die Königin fort, »und sah die Enkelin eines großen Fürsten ohne Feuer, ohne Licht, ohne Geld; ich gab diesem Opfer der Vergessenheit, der königlichen Gleichgültigkeit hundert Louisd'or. Und da ich mich, über die Nichtigkeit unserer Größen nachdenkend, verspätete, denn auch ich bin zuweilen Philosophin, da es hart gefroren war und die Pferde auf dem Eise schlecht gehen, besonders die Fiaker-Pferde…«

»Die Fiaker-Pferde!« rief der König. »Sie sind im Fiaker zurückgekommen?«

»Ja, Sire, in Nro. 167.«

»Ho! ho!« murmelte der König, indem er sein rechtes, über das linke gekreuztes Bein schaukelte, was bei ihm das Symptom einer lebhaften Ungeduld war; »im Fiaker!«

»Ja, und ich durfte noch von Glück sagen, daß ich diesen Fiaker fand,« erwiderte die Königin.

»Madame,« unterbrach sie der König, »Sie haben wohl gethan; Sie haben stets edle Eingebungen, die sich vielleicht nur zu leicht erschließen; daran aber ist die Wärme des Edelmuths Schuld, wodurch Sie sich auszeichnen.«

»Ich danke, Sire,« erwiderte die Königin mit spöttischem Ton.

»Bedenken Sie wohl,« fuhr der König fort, »daß ich Sie nicht im Verdacht von etwas gehabt habe, was nicht vollkommen loyal und ehrlich gewesen wäre; der Schritt allein und das abenteuerliche Aussehen der Königin haben mir nicht gefallen; Sie haben das Gute gethan wie immer, doch indem Sie Andern Gutes erwiesen, haben Sie Mittel gefunden, Ihnen selbst Schlimmes zuzufügen. Das ist es, was ich Ihnen zum Vorwurf mache. Nun habe ich eine Vergeßlichkeit wieder gut zu machen, ich habe über dem Geschick einer Familie von Königen zu wachen. Ich bin bereit: nennen Sie mir diese Mißgeschicke, und meine Wohlthaten werden nicht auf sich warten lassen.«

»Der Name Valois, Sire, ist, denke ich, berühmt genug, daß er Ihrem Gedächtniß gegenwärtig sein muß.«

»Ah!« rief Ludwig mit einem schallenden Gelächter, »ich weiß nun, was Sie beschäftigt. Die kleine Valois, nicht wahr, eine Gräfin von … Warten Sie doch…«

»Von La Mothe.«

»Von La Mothe, ganz richtig, ihr Mann ist Gendarm?«

»Ja, Sire.«

»Und die Frau ist eine Intrigantin. Oh! ärgern Sie sich nicht; sie setzt Himmel und Erde in Bewegung, sie überläuft die Minister, sie quält meine Tanten, sie erdrückt mich selbst mit Eingaben, mit Bittschriften, mit genealogischen Beweisführungen.«

»Ei! Sire, daraus geht nur hervor, daß sie bis jetzt vergebens reclamirt hat.«

»Ich läugne es nicht.«

»Ist sie ein Valois oder ist sie keine?«

»Ich glaube wohl, daß sie eine ist.«

»Nun denn! eine Pension, eine anständige Pension für sie, ein Regiment für ihren Mann, kurz einen entsprechenden Hausstand, für Sprößlinge von königlichem Stamm.«

»Oh! sachte, Madame, sachte! Teufel! wie rasch Sie zu Werke gehen! Die kleine Valois wird mir immerhin genug Federn ausrupfen, ohne daß Sie bemüht sind, ihr beizustehen. Sie hat ihren Schnabel, die kleine Valois.«

»Oh! ich befürchte nichts für Sie, Ihre Federn halten fest.«

»Eine anständige Pension, da danke ich! Wissen Sie, wie furchtbar sie diesen Winter meiner Cassette zur Ader gelassen hat? Ein Regiment diesem Gendarmen, der die Speculation gemacht, eine Valois zu heirathen? Ich habe kein Regiment mehr zu vergeben, Madame, nicht einmal an diejenigen, welche es bezahlen oder verdienen. Einen Hausstand würdig der Könige, von denen sie abstammen, diesen Bettlern! Gehen Sie doch! während wir Könige selbst nicht einmal mehr einen reicher Privatleute würdigen Hausstand haben! Der Herr Herzog von Orléans hat seine Pferde und seine Maulthiere nach England geschickt, um sie verkaufen zu lassen, und zwei Drittel seines Haushalts aufgehoben. Ich habe mein Wolfszeug aufgegeben. Herr von Saint-Germain hat auch meine Haustruppen verabschieden lassen. Wir Alle, groß und klein, leben von Entbehrungen, meine Liebe.«

»Aber, Sire, Valois können nicht Hungers sterben.«

»Sagten Sie mir nicht, Sie haben hundert Louisd'or gegeben?«

»Ein schönes Almosen!«

»Es ist königlich.«

»Geben Sie eben so viel.«

»Ich werde mich wohl hüten. Was Sie gegeben, ist genug für uns Beide.«

»Eine kleine Pension also!«

»Keineswegs, nichts Fixes; diese Leute werden Ihnen genug für sich selbst auspressen; sie gehören zu der Familie der Nagethiere. Habe ich Lust zu geben, nun, so werde ich geben ohne Vorgänge, ohne Verpflichtungen für die Zukunft. Mit einem Wort, ich werde geben, wenn ich zu viel Geld habe. Die kleine Valois, doch wahrlich, ich kann Ihnen nicht Alles erzählen, was ich von ihr weiß. Ihr gutes Herz hat sich in der Falle fangen lassen, meine liebe Antoinette. Ich bitte Ihr gutes Herz um Vergebung.«

Indem er so sprach, reichte Ludwig seine Hand der Königin, die sie, einer innern Bewegung nachgebend, ihren Lippen näherte.

Doch plötzlich stieß sie seine Hand wieder zurück und rief:

»Sie sind nicht gut gegen mich. Ich grolle Ihnen.«

»Sie grollen mir, Sie! Nun wohl! ich… ich…«

»Oh! ja, sagen Sie mir, Sie seien mir nicht böse, Sie, der Sie mir die Thore von Versailles verschließen lassen; Sie, der Sie um halb sieben Uhr Morgens in mein Vorzimmer kommen; der Sie meine Thüre mit Gewalt öffnen und mit wüthenden Augen bei mir eintreten.«

Der König lachte.

»Nein,« sagte er, »ich grolle Ihnen nicht.«

»Sie grollen mir nicht? gut.«

»Was geben Sie mir, wenn ich Ihnen beweise, daß ich Ihnen nicht einmal grollte, als ich hierher kam!«

»Zuerst will ich den Beweis von dem haben, was Sie sagen.«

»Oh! das ist leicht,« erwiderte der König, »ich habe den Beweis in der Tasche.«

»Bah!« rief die Königin neugierig, indem sie sich aufsetzte, »Sie haben mir etwas zu geben? Oh! dann sind Sie wirklich sehr liebenswürdig; doch verstehen Sie wohl, ich glaube Ihnen nicht, wenn Sie den Beweis nicht sogleich vorlegen. Oh! keine Ausflüchte. Ich wette, daß Sie abermals versprechen wollen.«

Mit einem Lächeln voll Güte steckte der König nun seine Hand in seine Tasche, wobei er mit der Langsamkeit zu Werke ging, die das Kind für sein Spielzeug, das Thier für seine Leckerbissen, die Frau für ihr Geschenk vor Ungeduld zittern macht. Dann zog er aus seiner Tasche ein rothes, künstlich gemodeltes und vergoldetes Safianetui.

»Ein Etui!« rief die Königin, »oh! lassen Sie sehen.«

Der König legte das Etui auf das Bett.

Die Königin ergriff es rasch und zog es an sich.

Kaum hatte sie das Etui geöffnet, als sie, berauscht, geblendet, ausrief:

»Oh! wie schön ist das! mein Gott! wie schön ist das!«

Der König fühlte etwas wie einen Schauer der Freude sein Herz kitzeln.

»Sie finden?« sagte er.

Die Königin war nicht im Stande, zu antworten, sie keuchte nur.

Dann zog sie aus dem Etui ein Halsband von so großen, so reinen, so leuchtenden, so geschickt zusammengestellten Diamanten, daß es ihr vorkam, als sehe sie über ihre schönen Hände einen Fluß von Phosphor und Flammen laufen.

Das Halsband wogte wie die Ringe einer Schlange, von der jede Schuppe ein Blitz gewesen wäre.

»Oh! das ist herrlich,« sagte die Königin, als sie die Sprache endlich wieder fand. »Herrlich,« wiederholte sie mit Augen, die sich, sei es nun bei der Berührung dieser glänzenden Diamanten, sei es, weil sie dachte, keine Frau der Erde könne ein solches Halsband haben, immer mehr belebten.

»Sie sind also zufrieden?« fragte der König.

»Begeistert, Sire. Sie machen mich zu glücklich.«

»Wahrhaftig?«

»Sehen Sie doch diese erste Reihe, die Diamanten haben die Größe von Haselnüssen.«

»In der That.«

»Und zusammengestellt! Man vermöchte sie nicht von einander zu unterscheiden. Wie die Stufenfolge der Größen geschickt geordnet ist! Wie geistreich sind die Proportionen der Verschiedenheiten zwischen der ersten und zweiten und der zweiten und dritten Reihe! Der Juwelier, der diese Diamanten verbunden und dieses Halsband gemacht hat, ist ein Künstler.«

»Es sind zwei.«

»Dann wette ich, es sind die Herren Böhmer und Bossange.«

»Sie haben es errathen.«

»Wahrlich, nur Sie können es wagen, solche Unternehmungen zu machen. Wie schön ist das, oh! Sire, wie schön!«

»Madame,« versetzte der König, »nehmen Sie sich in Acht, Sie bezahlen dieß Halsband viel zu theuer.«

»Oh!« rief die Königin, »oh! Sire!«

Und plötzlich verdüsterte und neigte sich ihre schöne Stirne.

Diese Veränderung in ihrem Gesicht ging so rasch vor sich und verschwand dann so rasch wieder, daß der König nicht einmal Zeit hatte, sie zu bemerken.

»Gönnen Sie mir ein Vergnügen,« sagte er.

»Welches?«

»Dieses Collier an Ihren Hals zu legen.«

Die Königin hielt ihn zurück.

»Nicht wahr,« sagte sie, »es ist sehr theuer?«

»Meiner Treue, ja,« erwiderte der König lachend, »doch, wie gesagt, Sie haben mehr dafür bezahlt, als es werth ist, und es wird erst an seinem Platze, nämlich an Ihrem Hals, seinen wahren Werth erlangen.«

So sprechend näherte sich Ludwig der Königin, in seinen Händen die beiden Enden des prachtvollen Halsbandes haltend, um es mittelst der Agraffe, die selbst aus einem großen Diamant gemacht war, zu befestigen.

»Nein, nein,« sagte die Königin, »keine Kinderei. Legen Sie dieses Halsband wieder in sein Etui, Sire.«

Und sie schüttelte den Kopf.

»Sie weigern sich, mich es zuerst an Ihnen sehen zu lassen?«

»Oh! Gott verhüte, daß ich Ihnen diese Freude versagte, wenn ich es annähme; aber…«

»Aber…« sagte der König erstaunt.

»Aber weder Sie, Sire, noch irgend Jemand wird ein Collier von diesem Preis an meinem Halse sehen.«

»Sie werden es nicht tragen, Madame?«

»Nie.«

»Sie schlagen es mir ab?«

»Ich weigere mich, mir eine Million, vielleicht anderthalb Millionen an den Hals zu hängen, denn ich schätze dieses Halsband zu fünfzehnmal hunderttausend Livres, ist es nicht so?«

»Ich läugne es nicht,« erwiderte der König.

»Ich weigere mich, an meinen Hals anderthalb Millionen zu hängen, während die Cassen des Königs leer sind, während der König genöthigt ist, Unterstützungen abzulehnen und zu den Armen zu sagen: Ich habe kein Geld mehr, Gott stehe Euch bei!«

»Wie, Sie sagen das im Ernste?«

»Sire, Herr von Sartines sagte mir eines Tages, um fünfzehnmal hunderttausend Livres könne man ein Linienschiff haben, und in der That, Sire, der König von Frankreich bedarf mehr eines Linienschiffs, als die Königin von Frankreich eines Halsbandes.«

»Oh!« rief der König entzückt und die Augen von Thränen befeuchtet, »oh, was Sie hier gethan haben, ist erhaben … Ich danke, ich danke, Antoinette … Sie sind eine gute Frau.«

Und um auf eine würdige Weise seiner herzlichen, bürgerlichen Kundgebung die Krone aufzusetzen, umschlang er ihren Hals und küßte sie.

»Oh! wie wird man Sie in Frankreich segnen, Madame, wenn man das Wort erfährt, das Sie gesprochen haben!« rief Ludwig.

Die Königin seufzte.

»Es ist noch Zeit,« sagte der König lebhaft. »Ein Seufzer des Bedauerns?«

»Nein, Sire, ein Seufzer der Erleichterung; schließen Sie dieses Etui und geben Sie es dem Juwelier zurück.«

»Ich habe schon meinen Zahlungstermin bestimmt, das Geld liegt bereit; sprechen Sie, was soll ich thun? Seien Sie nicht so uneigennützig, Madame.«

»Nein, ich habe es mir wohl überlegt. Sire, ich will dieses Halsband entschieden nicht haben; doch ich will etwas Anderes.«

»Teufel! meine sechszehnmal hunderttausend Livres werden geschmälert.«

»Sechszehnmal hunderttausend Livres! Ah! ah! so theuer war das?

»Meiner Treue, Madame, es ist mir das Wort entfahren, und ich nehme es nicht zurück.«

»Beruhigen Sie sich, was ich nun von Ihnen erbitte, wird nicht so viel kosten.«

»Was wünschen Sie?«

»Daß Sie mich noch einmal nach Paris gehen lassen.«

»Oh! das ist leicht, und besonders nicht theuer.«

»Warten Sie, warten Sie.«

»Teufel!«

»Nach Paris, auf die Place Vendôme.«

»Teufel! Teufel!«

»Zu Herrn Mesmer.«

Der König kratzte sich am Ohr.

»Nun,« sagte er, Sie haben eine Phantasie von sechszehnmal hunderttausend Livres ausgeschlagen; ich kann diese wohl durchgehen lassen. Gehen Sie also zu Herrn Mesmer; doch ich stelle ebenfalls eine Bedingung.«

»Welche?«








»Sie werden sich von einer Prinzessin von Geblüt begleiten lassen.«

Die Königin dachte nach.

»Ist Ihnen Frau von Lamballe genehm?« sagte sie.

»Frau von Lamballe, gut.«

»Abgemacht.«

»Ich unterzeichne.«

»Meinen Dank.«

»Und auf der Stelle,« sprach der König, »auf der Stelle werde ich mein Linienschiff bestellen, und ich taufe es: Das Halsband der Königin. Sie sind die Pathin, Madame, dann schicke ich es Lapérouse.«

Der König küßte seiner Frau die Hand, und verließ ganz freudig das Gemach.




VIII.

Das kleine Lever der Königin


Kaum war der König weggegangen, als die Königin aufstand und an's Fenster trat, um die scharfe, eiskalte Morgenluft einzuathmen.

Der Tag kündigte sich glänzend und voll von jenem Reize an, den der Eintritt des Frühlings gewissen Apriltagen verleiht. Auf den Frost der Nacht folgte die sanfte Wärme einer schon fühlbaren Sonne. Der Wind hatte sich seit dem vorhergehenden Tag von Nord zu Ost gedreht.

Blieb er in dieser Richtung, so war es mit dem Winter, mit diesem furchtbaren Winter von 1784 vorbei.

Schon sah man in der That am rosenfarbigen Horizont den gräulichen Dunst hervortreten, der nichts Anderes ist, als die vor der Sonne fliehende Feuchtigkeit.

In den Garten fiel der Rauhreif allmälig von den Aesten und die kleinen Vögel fingen an, frei auf die schon gebildeten Knospen ihre zarten Klauen zu setzen.

Unter dem Frost gebeugt, wie jene armen Blüthen, von denen Dante spricht, erhob die Aprilblume, der Goldlack, ihr schwärzliches Haupt aus dem Schooße des kaum geschmolzenen Schnees, und unter den Blättern des Veilchens, dichten, harten, breiten Blättern, schoß die längliche Knospe der geheimnißvollen Blüthe ihre elliptischen Kelchblätter, die bei ihr dem Erschließen und dem Wohlgeruch vorangehen.

In den Baumgängen auf den Statuen, an den Gittern glitt das Eis in raschen Diamanten herab; es war noch nicht Wasser, es war aber auch nicht mehr Eis.

Alles verkündigte den geheimen Kampf des Frühlings gegen die aufgehäuften Wirkungen der Kälte; Alles weissagte die nahe bevorstehende Niederlage des Winters.

»Wenn wir das Eis benützen wollen, müssen wir uns, glaube ich, beeilen,« rief die Königin, die Atmosphäre befragend. »Nicht wahr, Frau von Misery,« fügte sie bei, indem sie sich umwandte, »denn der Frühling tritt hervor?«

»Eure Majestät hatte schon lange Lust, eine Partie auf dem Schweizer-Teich zu machen,« erwiderte die erste Kammerfrau.

»Nun denn, wir werden diese Partie noch heute machen! denn morgen wäre es vielleicht zu spät,« sagte die Königin.

»Um welche Stunde soll die Toilette Eurer Majestät statthaben?«

»Sogleich; ich werde leicht frühstücken und dann ausfahren.«

»Sind dieß die einzigen Befehle Eurer Majestät?«

»Man erkundige sich, ob Fräulein von Taverney aufgestanden ist, und sage ihr, ich wünsche sie zu sprechen.«

»Fräulein von Taverney ist schon im Boudoir Eurer Majestät,« erwiderte die Kammerfrau.

»Schon?« fragte die Königin, die besser als irgend Jemand wußte, um welche Zeit sich Andrée niedergelegt hatte.

»O! Madame, sie wartet schon über zwanzig Minuten.«

»Führen Sie sie ein.«

Andrée trat wirklich ein, als der Schlag von neun Uhr im Marmorhof ertönte.

Bereits sorgfältig angekleidet wie jede Frau des Hofes, die nicht das Recht hatte, sich bei der Gebieterin im Negligé zu zeigen, erschien Fräulein von Taverney lächelnd und beinahe unruhig.

Die Königin lächelte auch, was Andrée beruhigte.

»Genug, meine gute Misery,« sprach die Königin, »schicken Sie mir Leonard und meinen Schneider.«

Sie folgte Frau von Misery mit den Augen und sagte, als die Thür hinter ihr geschlossen war:

»Nichts, der König war allerliebst, er hat gelacht und ist entwaffnet worden.«

»Hat er erfahren?«

»Sie begreifen, daß man nicht lügt, wenn man nicht Unrecht hat und Königin von Frankreich ist.«

»Es ist wahr, Madame,« erwiderte Andrée erröthend.

»Und dennoch scheint es, meine liebe Andrée, daß wir ein Unrecht gehabt haben.«

»Ein Unrecht, Madame? ohne Zweifel mehr als eines.«

»Wohl möglich; doch das erste besteht darin, daß wir Frau von La Mothe beklagten; der König kann sie nicht leiden; ich gestehe indessen, daß sie mir gefallen hat.«

»Oh! Eure Majestät ist eine zu gute Richterin, als daß man sich nicht vor Ihren Sprüchen beugen sollte.«

»Hier ist Leonard,« sagte Madame Misery, die nun wieder eintrat.

Die Königin setzte sich vor ihre Toilette von Vermeil, und der berühmte Friseur begann seinen Dienst.

Die Königin hatte die schönsten Haare der Welt, und ihre Eitelkeit bestand darin, daß sie diese Haare bewundern ließ.

Leonard wußte das, und statt rasch zu Werke zu gehen, wie er es bei jeder Frau gethan hätte, ließ er der Königin die Zeit und das Vergnügen, sich selbst zu bewundern.

An diesem Tag war Marie Antoinette zufrieden, freudig sogar; sie strahlte von Schönheit. Von ihrem Spiegel ging sie zu Andrée über, der sie die zärtlichsten Blicke zusandte.

»Sie sind nicht ausgezahlt worden,« sagte die Königin, »Sie, die Freie, Stolze, Sie, vor der sich alle Welt ein wenig fürchtet, weil Sie, wie die göttliche Minerva, zu weise sind.«

»Ich, Madame?« stammelte Andrée.

»Ja, ja, Sie, die unerbittliche Strenge gegen alle leichtfertigen Herrlein des Hofes. Oh! mein Gott! wie glücklich preise ich Sie, daß Sie noch ein Mädchen sind, und besonders, daß Sie sich glücklich fühlen, dieß zu sein.«

Andrée erröthete, suchte zu lächeln und erwiderte:

»Es ist ein Gelübde, das ich gethan habe.«

»Und das Sie halten werden, meine schöne Vestalin?« fragte die Königin.

»Ich hoffe es.«

»Ah!« rief die Königin, »was fällt mir ein…«

»Was, Eure Majestät?«

»Daß Sie, ohne verheirathet zu sein, doch seit gestern einen Herrn haben.«

»Einen Herrn, Madame?«

»Ja, Ihren theuren Bruder. Wie heißt er … Philipp, glaube ich.«

»Ja, Madame, Philipp.«

»Er ist angekommen?«

»Seit gestern, wie Eure Majestät mir zu sagen die Gnade hatte.«

»Und Sie haben ihn noch nicht gesehen? Wie selbstsüchtig bin ich doch! ich entzog Sie ihm gestern, um Sie nach Paris mitzunehmen. Das ist in der That unverzeihlich.«

»Oh! Madame,« erwiderte Andrée lächelnd, »ich verzeihe Ihnen von ganzem Herzen und Philipp auch.«

»Ist das sicher?« – »Ich stehe dafür.« – »Für Sie?« – »Für mich und für ihn.« – »Wie ist er?« – »Immer schön und gut, Madame.« – »Wie alt ist er nun?« – »Zweiunddreißig Jahre.«

»Armer Philipp! wissen Sie, daß ich ihn nun bald vierzehn Jahre kenne, und daß ich ihn von diesen vierzehn Jahren neun bis zehn nicht gesehen habe?«

»Will Eure Majestät die Gnade haben, ihn zu empfangen, so wird er glücklich sein, Eure Majestät zu versichern, daß die Abwesenheit den Gefühlen ehrfurchtsvoller Ergebenheit, die er für die Königin hegt, keinen Eintrag gethan hat.«

»Kann ich ihn sogleich sehen?«

»In einer Viertelstunde wird er zu den Füßen Eurer Majestät sein, wenn Eure Majestät es erlaubt.«

»Gut! gut! ich erlaube es, ich will es sogar.«

Die Königin vollendete kaum, als ein lebhaftes, rasches, geräuschvolles Wesen auf den Teppich des Ankleidezimmers sprang und ein lachendes, spöttisches Gesicht in demselben Spiegel zeigte, worin Marie Antoinette dem ihrigen zulächelte.

»Mein Bruder Artois,« sagte die Königin, »Sie haben mir in der That bange gemacht.«

»Einen guten Morgen Eurer Majestät,« erwiderte der junge Prinz, »wie hat Eure Majestät die Nacht zugebracht?«

»Sehr schlecht; ich danke, mein Bruder.«

»Und den Morgen?«

»Sehr gut.«

»Das ist die Hauptsache. Ich vermuthete soeben, die Prüfung sei glücklich überstanden worden, denn ich begegnete dem König, der mir köstlich zulächelte. Das ist das Vertrauen.«

Die Königin lachte; der Graf von Artois, der nicht mehr wußte, lachte auch, doch aus einem ganz andern Grund.

»Aber was fällt mir ein!« sagte er, »ich gedankenloser Mensch! Ich habe Fräulein von Taverney nicht einmal befragt, wie sie ihre Zeit angewendet.«

Die Königin schaute in ihren Spiegel, durch dessen Reflexe ihr nichts von dem, was im Zimmer geschah, entging.

Leonard hatte sein Werk beendigt, und von ihrem Frisirmantel von indischem Mousseline befreit, zog die Königin ihr Morgenkleid an.

Die Thüre öffnete sich.

»Ah!« sagte Marie Antoinette zum Grafen von Artois, »wenn Sie sich bei Andrée nach Etwas erkundigen wollen, hier ist sie.«

Andrée trat wirklich in demselben Augenblick ein; sie hielt an ihrer Hand einen schönen Cavalier, braun von Antlitz, mit schwarzen Augen, in denen ein tiefes Gepräge von Adel und Schwermuth unverkennbar, einen kräftigen Soldaten mit verständiger Stirne, einen Mann von ernster Haltung, einem von jenen schönen Portraits ähnlich, wie Coypel und Gainsborough sie gemalt haben.

Philipp von Taverney trug einen dunkelgrauen Rock, fein mit Silber gestickt, doch dieses Grau schien schwarz, dieses Silber schien Eisen zu sein; die weiße Halsbinde, der mattweiße Jabot stachen von der dunkelfarbigen Weste ab und der Puder der Frisur hob die männliche Energie der Gesichtshaut und der Züge hervor.

Philipp trat, eine Hand in der seiner Schwester, die andere um seinen Hut gerundet, vor.

»Eure Majestät,« sprach Andrée, indem sie sich ehrerbietig verneigte, »hier ist mein Bruder.«

Philipp verbeugte sich ernst und langsam.

Als er den Kopf wieder erhob, hatte die Königin noch nicht aufgehört, in ihren Spiegel zu schauen. Sie sah allerdings in ihrem Spiegel Alles eben so gut, als wenn sie Philipp in's Gesicht geschaut hätte.

»Guten Morgen, Herr von Taverney,« sagte die Königin.

Und sie wandte sich um.

Sie war schön in jenem königlichen Glanz, der um ihren Thron her die Freunde des Königthums und die Anbeter des Weibes blendete. Sie hatte die Macht der Schönheit, und, man verzeihe uns diese Umkehrung des Gedankens, sie besaß die Schönheit der Macht.

Als Philipp sie lächeln sah, als er dieses durchsichtige, zugleich stolze und sanfte Auge auf sich geheftet fühlte, da erbleichte er und ließ an seiner ganzen Person die lebhafteste Aufregung gewahr werden.

»Herr von Taverney,« fuhr die Königin fort, »es scheint, Ihren ersten Besuch haben Sie uns gemacht? Meinen Dank hiefür!«

»Eure Majestät hat die Gnade, zu vergessen, daß es an mir ist, zu danken,« erwiderte Philipp.

»Wie viele Jahre sind vergangen, seitdem wir uns nicht mehr gesehen? ach! die schönste Zeit des Lebens.«

»Für mich, ja, Madame; doch nicht für Eure Majestät, für die alle Tage schöne Tage sind.«

»Sie haben also viel Geschmack an America gefunden, Herr von Taverney, daß Sie dort geblieben sind, während alle Welt zurückkehrte?«

»Madame,« erwiderte Philipp, »Herr von Lafayette bedurfte, als er die neue Welt verließ, eines vertrauten Officiers, dem er einen Theil vom Commando der Hilfstruppen übergeben konnte, Herr von Lafayette hat dem zu Folge mich dem General Washington vorgeschlagen, der auch die Güte hatte, mich anzunehmen.«

»Es scheint, es kommen aus der neuen Welt, von der Sie sprechen, viele Helden zu uns zurück,« sprach die Königin.

»Eure Majestät sagt dieß nicht in Beziehung auf mich,« entgegnete Philipp lächelnd.

»Warum nicht?« versetzte die Königin.

Dann sich an den Grafen von Artois wendend:

»Betrachten Sie doch die schöne Miene und das martialische Aussehen des Herrn von Taverney, mein Bruder.«

Als Philipp sich so mit dem Grafen von Artois, den er nicht kannte, in Berührung gebracht sah, machte er einen Schritt gegen ihn und bat den jungen Prinzen durch eine Geberde um Erlaubniß, ihn begrüßen zu dürfen.

Der Graf machte ein Zeichen mit der Hand. Philipp verbeugte sich.

»Ein schöner Officier,« rief der junge Prinz, »ein edler Cavalier, dessen Bekanntschaft zu machen ich mich glücklich schätze. Was sind Ihre Absichten bei Ihrer Rückkehr nach Frankreich?«

Philipp schaute seine Schwester an.

»Sire,« sagte er, »das Interesse meiner Schwester beherrscht das meinige. Was sie will, daß ich thun soll, werde ich thun.«

»Es ist aber auch noch, wie ich glaube, Herr von Taverney Vater da?« versetzte der Graf von Artois.

»Gleichviel,« unterbrach ihn rasch die Königin, »es ist mir lieber, wenn Andrée unter dem Schutze ihres Bruders und ihr Bruder unter Ihrer Protection steht. Herr Graf, Sie werden sich des Herrn von Taverney annehmen. Nicht wahr, das ist abgemacht?«

Der Graf von Artois machte ein Zeichen der Einwilligung.

»Wissen Sie, daß uns sehr enge Bande vereinigen?« fuhr die Königin fort.

»Sehr enge Bande! Sie … meine Schwester! Oh! ich bitte, erzählen Sie mir das.«

»Ja, Herr Philipp von Taverney war der erste Franzose, der sich meinen Augen bot, als ich in Frankreich ankam, und ich gelobte mir aufrichtig, das Glück des ersten Franzosen zu machen, den ich treffen würde.«

Philipp fühlte, wie ihm die Röthe zur Stirne stieg; er biß sich auf die Lippen, um unempfindlich zu bleiben.

Andrée schaute ihn an und senkte dann ihren Kopf.

Marie Antoinette erhaschte einen der Blicke, welche Bruder und Schwester mit einander wechselten. Wie hätte sie errathen sollen, was Alles ein solcher Blick an schmerzlich angehäuften Geheimnissen verbarg!

Marie Antoinette wußte Nichts von den Ereignissen, die wir in der ersten Abtheilung dieser Geschichte erzählt haben.

Die Königin schrieb die sichtbare Traurigkeit, die sie wahrnahm, einer andern Ursache zu. Warum sollte Herr von Taverney, während sich so viele Leute im Jahre 1774 in die Dauphine verliebten, nicht auch ein wenig an dieser epidemischen Liebe für die Tochter Maria Theresia's gelitten haben?

Nichts ließ diese Vermuthung als unwahrscheinlich betrachten: nicht einmal die im Spiegel vorgenommene Inspection der Schönheit des Mädchens, das nun Frau und Königin geworden.

Marie Antoinette schrieb daher den Seufzer Philipps einer vertraulichen Mittheilung dieser Art zu, die der Bruder der Schwester gemacht; sie lächelte dem Bruder und liebkoste die Schwester mit ihren freundlichsten Blicken. Sie hatte nicht ganz errathen, sie hatte sich nicht ganz getäuscht; und bei dieser unschuldigen Coketterie, in der Niemand ein Verbrechen sieht, war die Königin stets Weib; sie setzte ihren Ruhm darein, geliebt zu sein. Gewisse Seelen haben dieses Anstreben zur Sympathie von Allem, was sie umgibt. Das sind nicht die am wenigsten edeln Seelen dieser Welt.

Ach! Du arme Königin, es wird ein Augenblick kommen, wo Du dieses Lächeln gegen die Leute, die Dich lieben, das man Dir zum Vorwurf macht, vergebens an die Leute, die Dich nicht mehr lieben, richten wirst!

Der Graf von Artois näherte sich Philipp, während sich die Königin mit Andrée über den Besatz eines Jagdkleides berieth.

»Sagen Sie mir im Ernste,« sprach der Graf von Artois, »ist Herr von Washington wirklich ein großer General?«

»Ein großer Mann, ja, Monseigneur.«

»Und welchen Effect machten die Franzosen dort?«

»Denselben im Guten, den die Engländer im Bösen machten.«

»Einverstanden; Sie sind ein Anhänger der neuen Ideen, mein lieber Herr Philipp von Taverney. Haben Sie aber Eines wohl bedacht?«

»Was, Monseigneur? Ich gestehe, daß ich dort auf dem Rasen der Lager, in den Savannen am Ufer der großen Seen oft Zeit gehabt habe, über viele Dinge nachzudenken.«

»Nun denn! darüber zum Beispiel, daß Sie, indem Sie dort Krieg führten, dieß weder gegen die Indianer, noch gegen die Engländer thaten.«

»Gegen wen denn, Monseigneur?«

»Gegen uns.«

»Oh! Monseigneur, ich werde Sie nicht Lügen strafen; das ist wohl möglich.«

»Sie gestehen…«

»Ich gebe den unglücklichen Gegenschlag eines Ereignisses zu, das die Monarchie gerettet hat.«

»Ja, doch ein Gegenschlag kann tödtlich für diejenigen sein, die vom ursprünglichen Unfall genesen waren.«

»Leider, Monseigneur.«

»Darum halte ich die Siege der Herren Washington und von Lafayette für kein so großes Glück, wie man das behauptet. Das ist Selbstsucht, ich will es nicht in Abrede ziehen, doch glauben Sie mir, es ist nicht Egoismus für mich allein.«

»Oh! Monseigneur.«

»Und wissen Sie, warum ich Sie mit allen meinen Kräften unterstützen werde?«

»Monseigneur, was auch die Ursache sein mag, ich werde Eurer Königlichen Hoheit den innigsten Dank wissen.«

»Mein lieber Herr von Taverney, Sie gehören nicht zu denjenigen, welche die Trompete auf unseren Gassen heroisirt hat. Sie haben Ihren Dienst muthig durchgemacht, Sie haben sich aber nicht unablässig in das Mundstück der Trompete gesteckt, man kennt Sie in Paris nicht, darum liebe ich Sie. Im andern Fall … Oh! meiner Treue … Herr von Taverney, im andern Fall … sehen Sie, ich bin Egoist.«

Hierauf küßte der Prinz der Königin lachend die Hand, grüßte Andrée mit einer freundlichen, viel liebreicheren Miene, als das bei Frauen seine Gewohnheit war, die Thüre öffnete sich und er verschwand.

Die Königin brach nun mit einem gewissen Ungestüm ihr Gespräch mit Andrée ab, wandte sich gegen Philipp um und fragte ihn:

»Haben Sie Ihren Vater gesehen, mein Herr?«

»Ich fand ihn, ehe ich hierher kam, in den Vorzimmern; meine Schwester hatte mich benachrichtigen lassen.«

»Warum haben Sie Ihren Vater nicht zuerst besucht?«

»Ich schickte meinen Kammerdiener und mein geringfügiges Gepäcke zu ihm, Madame; Herr von Taverney schickte mir aber den Burschen mit dem Befehl zurück, mich zuerst zum König oder zu Eurer Majestät zu begeben.«

»Und Sie haben gehorcht?«

»Ich fühlte mich glücklich, zu gehorchen, Madame; ich konnte auf diese Art meine Schwester umarmen.«

»Das Wetter ist herrlich,« rief die Königin mit einer freudigen Bewegung. »Frau von Misery, morgen wird der Schnee geschmolzen sein, ich brauche sogleich einen Schlitten.«

Die erste Kammerfrau ging weg, um den Befehl zu vollziehen.

»Und meine Chocolade hierher,« fügte die Königin bei.

»Eure Majestät wird nicht frühstücken,« rief Frau von Misery; »oh! Eure Majestät hat gestern schon nicht zu Nacht gespeist.«

»Sie täuschen sich, meine liebe Misery, wir haben zu Nacht gespeist. Fragen Sie Fräulein von Taverney.«

»Und zwar sehr gut,« erwiderte Andrée.

»Dessen ungeachtet werde ich meine Chocolade zu mir nehmen,« sagte die Königin. »Geschwind, geschwind, meine gute Misery: diese schöne Sonne lockt mich an. Es werden viele Leute auf dem Schweizer-Teich sein.«

»Gedenkt Eure Majestät Schlittschuh zu laufen?« fragte Philipp.

»Oh! Sie werden über uns spotten, Herr Americaner,« rief die Königin, »Sie, der Sie die ungeheuren Seen durchlaufen haben, auf denen man mehr Meilen macht, als wir hier Schritte machen.«

»Madame,« erwiderte Philipp, »hier hat Eure Majestät ihre Lust an der Kälte und am Weg, dort stirbt man daran.«

»Oh! da kommt meine Chocolade. Andrée, Sie werden eine Tasse nehmen!«

Andrée erröthete vor Vergnügen und verbeugte sich.

»Sie sehen, Herr von Taverney, ich bin immer dieselbe, die Etikette ekelt mich an, wie früher. Erinnern Sie sich der früheren Zeit, Herr Philipp, haben Sie sich verändert?«

»Nein, Madame,« erwiderte er mit kurzem Ton, »nein, ich habe mich nicht verändert, wenigstens nicht, was das Herz betrifft.«

»Wenn Sie dasselbe Herz bewahrt haben, so danken wir Ihnen, da das Herz gut war, auf unsere Weise,« sprach heiter die Königin. »Eine Tasse für Herrn von Taverney, Frau von Misery.«

»Oh! Madame,« rief Philipp ganz verwirrt, »es kann Eurer Majestät nicht Ernst sein; eine solche Ehre einem armen, dunkeln Soldaten, wie ich!«

»Einem alten Freund!« rief die Königin, »so ist es. Dieser Tag macht mir alle Wohlgerüche der Jugend zu Gehirn steigen; dieser Tag findet mich glücklich, frei, stolz und toll … Dieser Tag erinnert mich an meine ersten Tage in meinem geliebten Trianon, an die muthwilligen Streiche, die wir, Andrée und ich, machten; dieser Tag erinnert mich an meine Rosen, an meine Erdbeeren, an mein Eisenkraut, an die Vögel, die ich in meinen Blumenbeeten zu bespähen suchte. An Alles, bis auf meine lieben Gärtner, deren gute Gesichter immer eine neue Blume, eine schmackhafte Frucht bedeuteten, an Herrn von Jussieu, an das Original Rousseau, der todt ist. Dieser Tag, sage ich Ihnen, dieser Tag macht mich toll. Aber was haben Sie, Andrée? Sie sind roth. Was haben Sie, Herr Philipp? Sie sind bleich?«

Das Gesicht der zwei jungen Leute hatte wirklich diese grausame Erinnerung, in der die unbestimmte Gestalt von Gilbert schwebte, schlecht ausgehalten.

Aber beide riefen bei den letzten Worten der Königin ihren Muth zu Hilfe.

»Entschuldigen Sie mich, Madame, ich habe mir den Gaumen verbrannt,« sagte Andrée,

»Und ich, Madame,« sprach Philipp, »ich kann mich nicht an den Gedanken gewöhnen, daß mich Eure Majestät beehrt, wie einen vornehmen Mann.«

»Gut, gut,« unterbrach ihn Marie Antoinette, indem sie selbst Chocolade in die Tasse Philipps goß, »Sie sind ein Soldat, wie Sie gesagt haben, und als solcher an das Feuer gewöhnt; verbrennen Sie sich muthig mit der Chocolade, ich habe nicht Zeit, zu warten.«

Hiebei lachte die Königin. Philipp nahm aber die Sache im Ernst, wie es ein Landmann hätte thun können; nur daß er aus Heldenmuth vollbrachte, was dieser aus Verlegenheit gethan haben würde.

Die Königin verlor ihn nicht aus dem Blick: ihr Gelächter verdoppelte sich.

»Sie haben einen vollkommenen Character,« sagte sie.

Und sie stand auf.

Schon hatten ihr ihre Frauen einen reizenden Hut, einen Hermelinmantel und Handschuhe gegeben.

Die Toilette Andrée's war eben so schnell gemacht.

Philipp nahm seinen Hut unter den Arm und folgte den Damen.

»Herr von Taverney,« sagte die Königin, »Sie dürfen mich nicht verlassen. Ich will heute, aus Politik, einen Americaner confisciren. Gehen Sie zu meiner Rechten, Herr von Taverney.«

Taverney gehorchte; Andrée trat an die Linke der Königin.

Als die Königin die große Treppe hinabging, als die Trommeln den Feldmarsch rasselten, als die Töne der Trompeten der Gardes-du-Corps und das Klirren der Gewehre, die man bereit hielt, vom Winde der Vorhallen getragen, in den Palast hinaufstiegen, da machten dieses königliche Gepränge, diese Ehrfurcht Aller, diese Anbetungen, die dem Herzen der Königin gezollt wurden und unter Wegs Taverney begegneten, da machten, sagen wir; diese Triumphe den zuvor schon verwirrten Kopf Taverney's schwindeln; ein Fieberschweiß perlte auf seiner Stirne; seine Schritte waren unsicher. Ohne den Wirbel der Kälte, der seine Augen und seine Lippen traf, wäre er sicherlich ohnmächtig geworden.

Es war dieß für den jungen Mann nach so vielen traurig im Kummer und in der Verbannung aufgezehrten Tagen eine zu plötzliche Rückkehr zu den Freuden des Stolzes und des Herzens.

Während sich auf dem Wege der von Schönheit strahlenden Königin die Stirnen beugten und die Gewehre präsentirt wurden, blieb ein kleiner Greis, den die Befangenheit die Etikette vergessen ließ, den Kopf vorgestreckt, das Auge auf Taverney und auf die Königin geheftet, unbeweglich, statt seinen Kopf und seine Blicke zu senken.

Sobald die Königin sich entfernte, brach der kleine Greis aus seiner Reihe, mit dem Spalier, das sich um ihn her auflöste, und man sah ihn so hastig laufen, als es ihm seine kleinen, siebenzigjährigen Beine erlaubten.




IX.

Der Schweizer-Teich


Jedermann kennt das in der schönen Jahreszeit bläuliche, schillernde, im Winter weiße, runzelige Viereck, das man noch heute den Schweizer-Teich nennt.

Eine Allee von Linden, die ihre röthlichen Arme freudig in der Sonne ausstrecken, begränzt jedes Ufer des Teiches; diese Allee ist von Spaziergängern jedes Alters und jedes Rangs bevölkert, die sich an dem Schauspiel der Schlitten und der Schlittschuhläufer ergötzen.

Die Toiletten der Frauen bieten das glänzende Gemische des ein wenig beengenden Luxus vom alten Hof und der etwas launenhaften Ungezwungenheit der neuen Mode.

Die hohen Frisuren, die dunkeln Schleier, jugendliche Stirnen beschattend, die Stoffhüte in großer Mehrheit, die Pelzmäntel und die weiten Falten der seidenen Kleider bilden ein wunderliches Gemenge mit den orangefarbigen Röcken, den himmelblauen Ueberröcken, den gelben Livreen und den großen weißen Leviten.

Die blau und rothen Bedienten durchschneiden diese ganze Menge wie Klatschrosen und Kornblumen, die der Wind zwischen den Aehren oder auf dem Klee wogen läßt.

Zuweilen ward ein Schrei in der Versammlung hörbar; Saint-Georges, der kühne Schlittschuhläufer, hat einen so vollkommenen Kreis ausgeführt, daß ein Geometer, der denselben messen würde, keinen merklichen Fehler fände.

Während die Ufer des Teiches mit einer solchen Anzahl von Zuschauern bedeckt sind, daß sie durch die Berührung erwärmen und von fern aussehen, wie ein buntscheckiger Teppich, über dem ein Dunst schwebt, der des Hauches, dessen sich die Kälte bemächtigt, bietet der Teich selbst, zu einem dichten Eisspiegel geworden, den geschmücktesten und besonders beweglichsten Anblick.

Hier ist es ein Schlitten, den drei ungeheure Molosser, nach russischer Manier angespannt, über das Eis hinfliegen machen.

In eine Sammetdecke gekleidet, darauf Wappen gestickt, auf dem Kopf flatternde Federn, gleichen die Hunde jenen chimärischen Thieren in den Teufelsscenen von Callot ober den Hexenbildern von Goya.

Nachlässig in seinem Schlitten sitzend, der mit Tigerfellen ausgestopft ist, neigt sich ihr Gebieter, Herr von Lauzun, auf die Seite, um frei zu athmen, was er wahrscheinlich nicht vermöchte, wenn er dem Strome des Windes folgen würde.

Einzelne Schlitten von bescheidenem Aussehen suchen da und dort sich abzusondern. Eine ohne Zweifel der Kälte wegen verlarvte Dame fährt in einem dieser Schlitten, während ein schöner Schlittschuhläufer in weitem Sammtüberrock mit goldenen Schnüren und Litzen sich auf die Lehnen neigt, um dem Schlitten, den er zugleich antreibt und lenkt, einen rascheren Impuls zu geben.

Die Worte werden zwischen der verlarvten Dame und dem Schlittschuhläufer im Sammetüberrock im Bereiche des Hauches ausgetauscht, und Niemand könnte diese Rendezvous unter dem Himmelsgewölbe im Angesicht von ganz Versailles tadeln.

Was ist den Andern daran gelegen, was sie sagen, da man sie sieht? was ist ihnen daran gelegen, daß man sie sieht, da man sie nicht hört? Sie führen offenbar inmitten dieser ganzen Welt ein abgesondertes Leben; sie ziehen durch die Menge wie Wandervögel. Wohin gehen sie? Nach der unbekannten Welt, welche jede Seele sucht und die man das Glück nennt. Plötzlich entsteht unter diesen Sylphen, die mehr gleiten als gehen, eine große Bewegung, erhebt sich ein gewaltiger Tumult.

Es ist nämlich die Königin beim Schweizer-Teich erschienen, man hat sie erkannt und schickt sich an, ihr den Platz zu überlassen; doch durch ein Zeichen mit der Hand bedeutet sie Jedem, er möge bleiben. Der Ruf: es lebe die Königin! ertönt; die ertheilte Erlaubniß benützend bilden die fliegenden Schlittschuhläufer und die Schlitten, die man treibt, wie durch eine electrische Bewegung einen Kreis um die Stelle, wo die erhabene Fürstin angehalten hat.

Die allgemeine Aufmerksamkeit ist auf sie gerichtet.

Die Männer nähern sich durch geschickte Manöver; die Frauen machen sich mit einer ehrfurchtsvollen Wohlanständigkeit zurecht; Jeder findet ein Mittel, sich mit der Gruppe der Cavaliere und der hohen Officiere zu vermischen, welche der Königin ihre Huldigung darbringen.

Unter den Hauptpersonen, die das Publikum wahrgenommen hat, ist eine sehr bemerkenswerthe, die, statt dem allgemeinen Impuls zu folgen und der Königin entgegen zu kommen, sobald sie ihre Toilette und ihre Umgebung erkennt, ihren Schlitten verläßt und sich in eine Gegenallee wirft, wo sie mit den Leuten ihres Gefolges verschwindet.

Der Graf von Artois, den man unter der Zahl der leichtesten und zierlichsten Schlittschuhläufer gewahrte, durcheilte nicht zuletzt den Raum, der ihn von seiner Schwägerin trennte.

Er küßte ihr die Hand und flüsterte ihr zugleich zu:

»Sehen Sie, wie unser Bruder, Herr von Provence, uns aus dem Wege geht.«

So sprechend, deutete er mit dem Finger auf die Königliche Hoheit, die mit großen Schlitten in das mit Reif bedeckte Gehölz ging, um auf einem Umweg ihren Wagen aufzusuchen.

»Er will nicht, daß ich ihm Vorwürfe mache,« sagte die Königin.

»Oh! was die Vorwürfe betrifft, die er erwartet, so ist das meine Sache, und nicht darum fürchtet er Sie.«

»Seines Gewissens wegen also?« fragte die Königin mit ernstem Tone.

»Aus einem andern Grund, meine Schwester.«

»Warum denn?«

»Ich will es Ihnen sagen. Er hat erfahren, daß Herr von Suffren, der glorreiche Sieger, diesen Abend ankommen soll, und da die Nachricht wichtig ist, so will er Sie dieselbe nicht wissen lassen.«

Die Königin sah um sich her einige Neugierige, deren Ohren der Respect nicht so sehr entfernte, daß sie nicht die Worte ihres Schwagers hören konnten. »Herr von Taverney,« sagte sie, »haben Sie die Güte, für meinen Schlitten besorgt zu sein, und wenn Ihr Vater da ist, umarmen Sie ihn; ich gebe Ihnen für eine Viertelstunde Urlaub.«

Der junge Mann verbeugte sich und durchschritt die Menge, um den Befehl der Königin zu vollziehen.

Auch die Menge hatte begriffen, sie hat zuweilen wunderbare Instincte; sie erweiterte den Kreis, und die Königin und der Graf von Artois waren bequemer gestellt.

»Mein Bruder,« sagte nun die Königin, »ich bitte, erklären Sie mir, was mein Schwager dabei gewinnt, daß er mir die Ankunft des Herrn von Suffren nicht mittheilt?«

»Oh! meine Schwester, ist es denn möglich, daß Sie, Weib, Königin und Feindin, die Absicht dieser schlauen Politik nicht sogleich auffassen? Herr von Suffren kommt an, Niemand weiß es bei Hofe. Herr von Suffren ist der Held der indischen Meere und hat folglich auf einen prachtvollen Empfang in Versailles Anspruch zu machen. Herr von Suffren kommt also an. Dem König ist seine Ankunft unbekannt; der König vernachlässigt ihn, ohne es zu wissen, und folglich, ohne es zu wollen; Sie ebenso, meine Schwester. Während dieser Zeit empfängt Herr von Provence, der die Ankunft des Herrn von Suffren weiß, ganz im Gegentheil den siegreichen Seemann, lächelt ihm zu, schmeichelt ihm, macht Verse auf ihn und wird, indem er sich an den Helden Indiens anhängt, der Held Frankreichs.«

»Das ist klar,« sagte die Königin.

»Ich glaube wohl, bei Gott!«

»Sie vergessen nur einen Punkt, mein lieber Zeitungsmann.«

»Welchen?«

»Woher wissen Sie dieses ganze schöne Project unseres lieben Bruders und Schwagers?«

»Woher ich es weiß! Das ist ganz einfach! wie ich Alles weiß, was er thut. Da ich bemerkte, daß Herr von Provence es sich zur Aufgabe machte, Alles in Erfahrung zu bringen, was ich thue, so bezahle ich Leute, die mir Alles sagen, was er thut. Oh! das kann mir dereinst nützlich sein, meine Schwester, – und Ihnen auch.«

»Ich danke für Ihr Bündniß, mein Bruder; doch der König?«

»Oh! der König ist benachrichtigt.«

»Durch Sie?«

»Nein, durch seinen Marineminister, den ich zu ihm geschickt habe. Sie begreifen; dieß Alles geht mich Nichts an; ich bin zu leichtfertig, zu sehr Verschwender, zu tollköpfig, um mich um Dinge von dieser Wichtigkeit zu bekümmern.«

»Und der Marineminister wußte auch nichts von der Ankunft des Herrn von Suffren in Frankreich?«

»Ei! mein Gott, meine liebe Schwester, nicht wahr, Sie haben in den vierzehn Jahren, seit Sie Dauphine oder Königin von Frankreich sind, genug Minister kennen gelernt, um zu wissen, daß eine wichtige Sache diesen Herrn stets unbekannt ist? Nun denn! ich habe den unsern in Kenntniß gesetzt, und er ist enthusiasmirt.«

»Ich glaube es wohl.«

»Sie begreifen, meine Schwester, das ist ein Mensch, der mir sein Leben lang dankbar sein wird, und ich bedarf gerade seiner Dankbarkeit.«

»Wozu?«

»Um ein Anlehen zu negociren.«

»Oh!« rief die Königin lachend, »nun verderben Sie mir Ihre schöne Handlung.«

»Meine Schwester,« erwiderte der Graf von Artois mit ernster Miene, »Sie müssen Geld nöthig haben, und ich stelle, so wahr ich ein Sohn Frankreichs bin, die Hälfte der Summe, die ich erhalten werde, zu Ihrer Verfügung.«

»Oh! mein Bruder,« rief Marie Antoinette, »behalten Sie das Ganze; ich brauche, Gott sei Dank, in diesem Augenblicke nichts.«

»Teufel! warten Sie nicht so lange, um meine Zusage in Anspruch zu nehmen.«

»Warum dieß?«

»Weil ich, wenn Sie länger warten würden, nicht mehr im Stande sein dürfte, mein Versprechen zu halten.«

»Nun, in diesem Fall werde ich es auch so einrichten, daß ich irgend ein Staatsgeheimniß entdecke.«

»Meine Schwester, Sie bekommen kalt,« versetzte der Graf von Artois. »Ihre Wangen werden blau, das muß ich Ihnen sagen.«

»Hier kehrt Herr von Taverney mit meinem Schlitten zurück.« – »Dann bedürfen Sie meiner nicht mehr?« – »Nein.« – »So jagen Sie mich fort, ich bitte Sie.« – »Warum? Bilden Sie sich etwa ein, Sie beengen mich in irgend einer Hinsicht?« – »Nein; aber ich bedarf meiner Freiheit.« – »Gott befohlen also!« – »Auf Wiedersehen, theure Schwester.« – »Wann?« – »Diesen Abend.« – »Was ist denn diesen Abend?« – »Es ist noch Nichts, aber es wird Etwas sein.« – »Was denn?« – »Große Gesellschaft beim Spiel des Königs.« – »Warum dieß?« – »Weil der Herr Minister heute Abend Herrn von Suffren bringen wird.« – »Sehr gut. Heute Abend also.«

Bei diesen Worten grüßte der junge Prinz seine Schwägerin mit der ihm angeborenen anmuthsvollen Artigkeit und verschwand in der Menge.

Taverney Vater hatte seinem Sohne nachgeschaut, während er sich von der Königin entfernte, um sich mit dem Schlitten zu beschäftigen.

Bald aber war sein wachsamer Blick zu der Königin zurückgekehrt.

Das belebte Gespräch zwischen Marie Antoinette und ihrem Schwager bereitete ihm einige Unruhe, denn dieses Gespräch schnitt die seinem Sohn kurz zuvor von der Königin erwiesene Vertraulichkeit entzwei.

Er beschränkte sich auch darauf, daß er Philipp eine freundliche Geberde machte, als dieser vollends die zur Abfahrt des Schlittens unerläßlichen Vorbereitungen traf; und als der junge Mann nach der Vorschrift der Königin seinen Vater umarmen wollte, den er zehn Jahre nicht umarmt hatte, wies ihn dieser zurück und sagte:

»Später, später; komm nach Deinem Dienst heim, dann wollen wir plaudern.«

Philipp entfernte sich, und der Baron sah zu seiner Freude, daß der Graf von Artois von der Königin Abschied genommen hatte.

Diese stieg in den Schlitten und ließ Andrée mit sich einsteigen; als aber zwei große Heiducken erschienen, um den Schlitten anzutreiben, sagte sie:

»Nein, nein, ich will nicht auf diese Art fahren; laufen Sie nicht Schlittschuh, Herr von Taverney?«

»Verzeihen Sie, Madame,« erwiderte Philipp.

»Geben Sie dem Herrn Chevalier Schlittschuhe,« befahl die Königin,

Dann wandte sie sich zu ihm um und fügte bei:

»Ich weiß nicht, was mir sagt, Sie laufen so gut Schlittschuh als Saint-Georges.«

»Früher schon lief Philipp sehr zierlich,« sagte Andrée.

»Und nun kennen Sie keinen Nebenbuhler mehr, nicht wahr, Herr von Taverney?«

»Madame,« antwortete Philipp, »da Eure Majestät dieses Zutrauen zu mir hat, so werde ich thun, was ich nur immer vermag.«

So sprechend, hatte sich Philipp schon mit Schlittschuhen, so scharf und einschneidend, wie Klingen, versehen.

Er stellte sich hierauf hinter den Schlitten, gab ihm mit einer Hand den Impuls und die Fahrt begann.

Man sah nun ein seltsames Schauspiel.

Saint-Georges, der König der Gymnasten, Saint-Georges, der zierliche Mulatte, der Mann der Mode, der in allen Leibesübungen Ausgezeichnete, Samt-Georges erhielt einen Nebenbuhler in dem jungen Mann, der es wagte, sich neben ihm auf die Laufbahn zu werfen.

Augenblicklich umschwebte er auch den Schlitten der Königin mit so ehrerbietigen, so reizenden Verbeugungen, daß nie ein auf dem Boden von Versailles sehr fester Höfling sich so verführerisch angestellt hatte. Er beschrieb um den Schlitten die raschesten und richtigsten Kreise; er umschlang ihn mit einer Reihe von wunderbar verschlungenen Ringen, so daß die neue krumme Linie immer der Ankunft des Schlittens zuvorkam, der ihn hinter sich ließ, worauf er mit einem kräftigen Schlittschuhstoß Alles wieder gewann, was er durch den Umkreis verloren hatte.

Keiner konnte, auch nur mit dem Blick, ohne betäubt und geblendet zu werden, diesem Manöver folgen.

Hierdurch angespornt, faßte Philipp einen verwegenen Entschluß; er trieb den Schlitten mit einer so furchtbaren Geschwindigkeit an, daß Saint-Georges, statt sich vor ihm zu befinden, seinen Kreis hinter ihm vollendete, und als die Schnelligkeit des Schlittens vielen Leuten Angstschreie auspreßte, welche die Königin hätten erschrecken können, sagte er:

»Wenn Eure Majestät es wünscht, werde ich anhalten oder wenigstens langsamer fahren.«

»Oh! nein, nein,« rief die Königin mit dem Ungestüm, mit dem sie bei der Arbeit, wie bei dem Vergnügen zu Werke ging, »nein, ich habe keine Angst. Schneller, wenn Sie können, Chevalier, schneller!«

»Oh! desto besser! Ich danke für die Erlaubniß, Madame. Ich halte Sie gut, verlassen Sie sich auf mich.«

Und als seine kräftige Hand sich abermals am Triangel der Lehne befestigte, war die Bewegung so gewaltig, daß der ganze Schlitten zitterte.

Es war als hätte er ihn mit ausgestrecktem Arm aufgehoben.

Dann legte er seine zweite Hand an den Schlitten, was er bis jetzt zu thun verachtet hatte, und riß die Maschine fort, die ein Spielzeug unter seinen stählernen Armen geworden war.

Von diesem Augenblick an kreuzte er jeden der Kreise von Saint-Georges durch noch größere Kreise, so daß sich der Schlitten wie der geschmeidigste Mensch bewegte und sich seiner ganzen Länge nach hin und her drehte, als handelte es sich um die einfachen Sohlen, auf denen Saint-Georges das Eis bearbeitete. Trotz des Gewichts, trotz der Ausdehnung, hatte sich der Schlitten der Königin zum Schlittschuh gemacht. Er drehte sich, er flog, er wirbelte wie ein Tänzer.

Anmuthiger, feiner, pünktlicher in seinen Wendungen, fing Saint-Georges an, unruhig zu werden; er lief schon seit einer Stunde Schlittschuh. Als ihn Philipp ganz in Schweiß gebadet sah, als er die Anstrengungen seiner bebenden Kniebeugungen wahrnahm, beschloß er, ihn durch die Ermattung niederzukämpfen.

Er veränderte den Lauf, verzichtete auf die Kreise, die ihm die Mühe machten, den Schlitten jedesmal aufzuheben, und trieb die Equipage gerade aus.

Der Schlitten schoß rascher als ein Pfeil fort.

Saint-Georges hätte ihn mit einem einzigen Stoße bald eingeholt, aber Philipp ergriff den Augenblick, wo der zweite Impuls den Schwung des ersten vervielfältigt; er trieb auf eine noch unberührte Eislage und zwar von solcher Starrheit, daß er selbst zurückblieb.

Samt-Georges rannte fort, um den Schlitten einzuholen. Aber alle seine Kräfte zusammenraffend, glitt Philipp so fein auf der äußersten Krümmung des Schlittschuhs, daß er Saint-Georges voranfuhr und seine beiden Hände auf den Schlitten legte. Mit einer herculischen Bewegung drehte er hierauf den Schlitten völlig um und trieb ihn abermals in entgegengesetzter Richtung an, wahrend Saint-Georges, durch eine äußerste Anstrengung fortgerissen, im Laufe nicht anhalten konnte und, einen unwiederbringlichen Raum verlierend, ganz in der Entfernung blieb.

Die Luft erscholl von einem solchen Beifallsgeschrei, daß Philipp vor Scham erröthete.

Er war jedoch sehr erstaunt, als die Königin, nachdem sie selbst in die Hände geklatscht hatte, sich gegen ihn umwandte und mit dem Ausdruck einer wollüstigen Beklemmung zu ihm sagte:

»Oh! Herr von Taverney, nun, da der Sieg Ihnen geblieben ist, Gnade! Gnade! Sie würden mich tödten!«




X.

Der Versucher


Auf diesen Befehl oder vielmehr auf diese Bitte der Königin zog Philipp seine stählernen Muskeln zusammen, klammerte sich auf seinen Kniebeugen fest, und der Schlitten hielt kurz an, wie das arabische Pferd, das im Sande der Ebene auf seinen Häcksen bebt.

»Und nun ruhen Sie aus,« sagte die Königin, während sie ganz schwankend aus dem Schlitten stieg. »Ich hätte in der That nie geglaubt, daß die Geschwindigkeit so berauschend ist. Sie hätten mich beinahe toll gemacht.«

Und sie stützte sich wirklich ganz wankend auf Philipps Arm.

Ein Beben des Erstaunens, das diese ganze goldbetreßte, buntscheckige Menge durchlief, verkündigte ihr, daß sie abermals einen jener Fehler gegen die Etikette begangen hatte, die in den Augen der Eifersucht und des Knechtsinnes so unverzeihlich sind.

Ganz betäubt durch dieses Uebermaß von Ehre zitterte Philipp stärker und war beschämter, als wenn seine Fürstin ihn öffentlich beleidigt hätte.

Er schlug die Augen nieder; sein Herz pochte, daß die Brust beinahe zersprungen wäre.

Eine seltsame Aufregung, ohne Zweifel von ihrer Fahrt herrührend, erfaßte auch die Königin, denn sie zog ihren Arm sogleich wieder zurück, nahm den des Fräuleins von Taverney und forderte einen Stuhl.

Man brachte ihr einen kleinen Feldstuhl.

»Verzeihen Sie, Herr von Taverney,« sagte sie zu Philipp.

Dann fügte sie plötzlich leise bei:

»Mein Gott! es ist doch ein großes Unglück, unablässig von Neugierigen und Einfaltspinseln umgeben zu sein.«

Die gewöhnlichen Kavaliere und die Ehrendamen hatten ihre Nähe wieder erreicht, und verschlangen mit ihren Augen Philipp, der, um seine Röthe zu verbergen, seine Schlittschuhe aufschnürte.

Nachdem dieß geschehen war, wich Philipp zurück, um den Höflingen den Platz zu überlassen.

Die Königin blieb einige Augenblicke nachdenklich. Dann erhob sie das Haupt und sprach:

»Oh! ich fühle, daß ich mich erkälten würde, wenn ich so unbeweglich bliebe; noch eine Fahrt.«

Und sie stieg wieder in den Schlitten.

Philipp wartete auf einen Befehl, aber vergebens.

Da traten zwanzig Edelleute heran.

»Nein, meine Herren, ich danke Ihnen; meine Heiducken,« sagte sie.

Dann, als die Bedienten an ihren Posten waren, sprach sie zu diesen:

»Sachte, nur sachte.«

Und sie schloß die Augen und überließ sich einer inneren Träumerei.

Der Schlitten entfernte sich, wie es die Königin befohlen hatte, sachte, gefolgt von einer Menge von Gierigen, Neugierigen und Eifersüchtigen.

Philipp blieb allein und wischte die Schweißtropfen von seiner Stirne.

Er suchte mit den Augen Saint-Georges, um ihn über seine Niederlage durch irgend ein redliches Compliment zu trösten.

Doch dieser hatte eine Botschaft vom Herzog von Orléans, seinem Protector, erhalten und war schon vom Schlachtfeld abgegangen.

Ein wenig traurig, ein wenig müde und beinahe selbst erschrocken über das Vorgefallene, blieb Philipp unbeweglich an seinem Platz und schaute dem Schlitten der Königin nach, als er etwas seine Seite streifen fühlte.

Er wandte sich um und erkannte seinen Vater.

Ganz zusammengeschrumpft wie eine Hoffmann'sche Figur, ganz in Pelze gehüllt wie ein Samojede, hatte der kleine Greis seinen Sohn mit dem Ellenbogen gestoßen, um die Hände nicht aus seinem Muff thun zu müssen, den er an seinem Kragen trug.

Seine Augen blitzten vor Freude.

»Du umarmst mich nicht, mein Sohn?« sagte er.

Er sprach diese Worte mit dem Ton, den der Vater des griechischen Athleten annehmen mußte, wenn er dem Sohn für den Sieg dankte, den er im Circus davongetragen.

»Mein lieber Vater, von ganzem Herzen,« erwiderte Philipp.

Aber es ließ sich begreifen, daß keine Harmonie zwischen dem Ton der Worte und ihrer Bedeutung herrschte.

»Gut, gut, und nun, da Du mich umarmt hast, geh geschwind!« sagte der Baron.

Und er schob seinen Sohn vorwärts.

»Wohin soll ich denn gehen, mein Herr?« fragte Philipp.

»Dorthin, bei Gott.«

»Dorthin?«

»Ja, zur Königin.«

»Oh! nein! mein Vater, ich danke.«

»Wie, nein! Wie, ich danke! Bist Du verrückt? Du willst nicht die Königin wieder einholen?«

»Nein, das ist unmöglich; es kann nicht Ihr Ernst sein, mein Vater.«

»Wie! unmöglich, die Königin einzuholen, die Dich erwartet?«

»Die mich erwartet?«

»Ja, ja, die Königin, die nach Dir begehrt?«

»Die nach mir begehrt?« sprach Taverney, den Baron starr anschauend.

Und er fügte kalt bei:

»In der That, mein Vater, ich glaube, Sie vergessen sich.«

»Bei meinem Ehrenwort, das ist zum Erstaunen!« rief der Greis, indem er sich aufrichtete und mit dem Fuß stampfte. »Ah! Philipp, mache mir das Vergnügen, und sage mir ein wenig, ob Du verrückt bist?«

»Mein Herr,« erwiderte der Chevalier traurig, »wahrlich, ich fürchte eine Gewißheit zu erlangen.«

»Welche?«

»Daß Sie meiner spotten, oder daß…«

»Oder daß?«

»Verzeihen Sie, mein Vater, – daß Sie närrisch werden.«

Der Greis packte seinen Sohn mit einer so energischen, nervösen Bewegung beim Arme, daß der junge Mann vor Schmerz die Stirne faltete.

»Hören Sie, Herr Philipp,« sagte der Greis, »ich weiß wohl, America ist ein von Frankreich sehr weit entferntes Land.«

»Ja, mein Vater, weit entfernt,« wiederholte Philipp; »aber ich begreife nicht, was Sie damit sagen wollen. Ich bitte, erklären Sie sich doch.«

»Ein Land, wo es weder einen König noch eine Königin gibt.«

»Noch Unterthanen.«

»Sehr gut! Auch keine Unterthanen, Herr Philosoph; ich leugne das nicht. Dieser Punkt interessirt mich keineswegs und ist mir sehr gleichgültig; was mir aber nicht gleichgültig ist, was mich peinigt, was mich demüthigt, ist, daß ich auch eine Gewißheit zu erlange fürchte.«

»Welche, mein Vater? Ich denke, daß in jedem Fall unsere Gewißheiten sehr von einander verschieden sind.«

»Die meinige ist die, daß Du ein Einfaltspinsel bist, mein Sohn. Und das ist einem großen Burschen von Deinem Körperbau nicht erlaubt. Aber sieh, sieh doch dorthin!«

»Ich sehe, mein Herr.«

»Nun! die Königin wendet sich um, und zwar zum dritten Mal. Ja, mein Herr, die Königin hat sich dreimal umgedreht. Und schau doch! sie dreht sich abermals um; sie sucht wen? den Herrn Einfaltspinsel, den Herrn Puritaner, den Herrn von America. Oh!…«

Und der kleine Greis biß, nicht mehr mit den Zähnen, sondern mit dem Zahnfleisch, auf den grauen hirschledernen Handschuh, der zwei Hände, wie die seinige, aufgenommen hätte.

»Wohl, mein Herr,« sprach der junge Mann, »wenn es wahr wäre, was aber nicht wahrscheinlich ist, daß die Königin mich suchte?«

»Oh!« rief der Greis, mit dem Fuß stampfend, »er hat gesagt, wenn es wahr wäre! Oh! dieser Mensch ist nicht von meinem Blut, dieser Mensch ist kein Taverney.«

»Ich bin nicht von Ihrem Blut!« murmelte Philipp.

Dann sprach er ganz leise und die Augen zum Himmel erhoben:

»Soll ich Gott dafür danken?«

»Mein Herr,« rief der Greis, »ich sage Ihnen, daß die Königin nach Ihnen verlangt; ich sage Ihnen, daß die Königin Sie sucht.«

»Sie haben ein gutes Gesicht, mein Vater,« erwiderte Philipp trocken.

»Höre,« fuhr der Greis sanfter fort, indem er seine Ungeduld zu mäßigen suchte, »laß mich Dir etwas erklären. Es ist wahr, Du hast Deine Gründe, aber ich, ich habe die Erfahrung. Sprich, Philipp, bist Du ein Mann, oder bist Du keiner?«

Philipp zuckte leicht die Achseln und erwiderte nichts.

Als der Greis sah, daß er vergebens auf eine Antwort wartete, heftete er seine Augen, mehr aus Verachtung als aus Bedürfnis, auf seinen Sohn, und gewahrte nun die ganze Würde, die ganze undurchdringliche Zurückhaltung, den ganzen unerklärlichen Willen, womit dieses Gesicht, leider! für das Gute bewaffnet war.

Er unterdrückte seinen Schmerz, strich sich mit dem Aermel über seine rothe Nasenspitze und sagte mit einer Stimme, so süß wie die von Orpheus, als er zu den thessalischen Felsen sprach:

»Philipp, mein Freund, höre mich.«

»Ei!« erwiderte der junge Mann, »mir scheint, ich thue seit einer Viertelstunde nichts Anderes, mein Vater.«

»Oh!« dachte der Greis, »ich will Dich von Deiner Höhe herabfallen machen, Herr Americaner, Du hast wohl Deine schwache Seite, Koloß. Laß mich diese Seite mit meinen alten Klauen packen, und Du sollst sehen.«

Dann sprach er laut:

»Du hast Eines nicht bemerkt.«

»Was?«

»Etwas, was Deiner Naivetät Ehre macht.«

»Sagen Sie es, mein Herr.«

»Es ist ganz einfach: Du kommst von America. Du bist in einem Augenblick abgereist, wo es nur noch einen König gab, und keine Königin mehr, außer etwa die Dubarry, eine nicht sehr achtbare Majestät; Du kommst zurück. Du siehst eine Königin, und sagst zu Dir: Achten wir sie.«

»Allerdings.«

»Armes Kind!« rief der Greis.

Und er erstickte in seinem Aermel zugleich einen Husten und ein Gelächter.

»Wie!« fragte Philipp, »Sie beklagen mich, weil ich das Königthum achte, Sie, ein Taverney Maison-Rouge, Sie, einer der guten Edelleute Frankreichs?«

»Warte doch, ich spreche nicht vom Königthum, ich spreche von der Königin.«

»Und Sie machen einen Unterschied?«

»Bei Gott! Was ist das Königthum, mein Lieber? eine Krone. Teufel! das rührt man nicht an! Was ist die Königin? eine Frau. Oh! eine Frau, das ist etwas Anderes, das rührt man an.«

»Das rührt man an!« rief Philipp erröthend vor Zorn und dieses Wort mit einer so stolzen Geberde begleitend, daß ihn keine Frau hätte sehen können ohne ihn zu lieben, keine Königin ohne ihn anzubeten.

»Du glaubst das nicht? Nun!« fuhr der kleine Greis mit einem beinahe grimmigen Ausdruck fort, so viel Cynismus legte er in das Lächeln, das zugleich auf seinem Gesichte hervortrat, »nun! so frage Herrn von Coigny, frage Herrn von Lauzun, frage Herrn von Vaudreuil.«

»Stille, stille, mein Vater,« rief Philipp mit dumpfem Tone, »oder ich werde für diese drei Blasphemien, da ich Sie nicht dreimal mit meinem Schwerte dafür schlagen kann, mich selbst schlagen, das schwöre ich Ihnen, und zwar ohne Mitleid, auf der Stelle!«

Taverney machte einen Schritt rückwärts, und drehte sich auf dem Absatz um, wie es Richelieu seinen Aermel schüttelnd mit dreißig Jahren gethan hätte.

»Oh! wahrhaftig,« sagte er, »das Thier ist dumm, das Pferd ist ein Esel, der Adler eine Gans, der Hahn ein Kapaun. Guten Abend, Du hast mich ergötzt. Ich hielt mich für den Ahnherrn, für den Kassander, und nun bin ich der Adonis, der Apollo. Guten Abend.«

Und er pirouettirte noch einmal auf seinen Absätzen.

Philipp war düster geworden; er hielt den Greis bei der halben Wendung an und sagte:

»Nicht wahr, mein Vater, Sie haben nicht im Ernste gesprochen? denn ein Edelmann von so gutem Geschlecht wie Sie kann unmöglich solchen Verläumdungen, die von den Feinden, nicht nur der Königin, sondern auch des Königthums, ausgestreut worden sind, länger Glauben beimessen.«

»Er zweifelt noch, der doppelte Dummkopf,« rief Taverney.

»Sie haben nicht mit mir gesprochen, wie Sie vor Gott sprechen?«

»Wahrhaftig!«

»Vor Gott, dem Sie sich jeden Tag nähern?«

Der junge Mann hatte das von ihm so verächtlich abgebrochene Gespräch wieder aufgenommen.

Das war ein Sieg für den Baron. Er trat näher zu ihm und sagte:

»Mir scheint, ich bin ein ziemlich guter Edelmann, mein Herr Sohn, und ich lüge nicht immer!«

Dieses immer war ein wenig lächerlich, Philipp lachte jedoch nicht.

»Mein Herr,« sprach er, »es ist also Ihre Meinung, die Königin habe Liebhaber gehabt?«

»Eine schöne Neuigkeit.«

»Diejenigen, welche Sie angeführt?«

»Und Andere, was weiß ich? Befrage die Stadt und den Hof; man muß von America zurückkommen, um nicht zu wissen, was man sagt.«

»Und wer sagt das? gemeine Pamphletisten!«

»Ho! ho! hältst Du mich etwa für einen Zeitungsschreiber?«

»Nein! und das ist gerade das Unglück, daß Menschen wie Sie dergleichen Schändlichkeiten wiederholen, die sich sonst wie die schädlichen Dünste auflösen würden, welche zuweilen die schönste Sonne verdunkeln. Sie und die Leute von Stand geben solchen Schmähungen, indem Sie dieselben wiederholen, eine erschreckliche Haltbarkeit! Oh! mein Herr, aus Religion wiederholen Sie dergleichen Dinge nicht.«

»Ich wiederhole sie dennoch.«

»Und warum thun Sie das?«

»Ei!« erwiderte der Greis, indem er sich am Arm seines Sohnes anklammerte und ihn mit seinem dämonischen Gelächter anschaute, »um Dir zu beweisen, daß ich nicht Unrecht hatte, wenn ich zu Dir sagte: Philipp, die Königin wendet sich um; Philipp, die Königin sucht Dich; Philipp, die Königin begehrt nach Dir; Philipp, lauf, lauf, die Königin wartet auf Dich.«

»Oh!« rief der junge Mann, sein Gesicht in seinen Händen verbergend, »um Gottes willen, mein Vater, schweigen Sie, Sie würden mich wahnsinnig machen.«

»In der That, Philipp, ich begreife Dich nicht,« sagte der Greis. »Ist es ein Verbrechen zu lieben? Das beweist, daß man Herz hat; und fühlt man nicht in den Augen dieser Frau, in ihrer Stimme, ihrem Benehmen ihr Herz? Sie liebt; liebt sie Dich? ich weiß es nicht; einen Andern, es ist möglich; glaube aber in diesem Augenblick meiner alten Erfahrung, sie liebt oder fängt an, Einen zu lieben, sage ich Dir, doch Du bist ein Philosoph, ein Puritaner, ein Quäker, ein Americaner; Du liebst nicht, laß sie also schauen, laß sie sich umwenden, laß sie warten, beleidige sie, verachte sie, stoße sie zurück, Philipp, das heißt Joseph von Taverney.«

Nach diesen Worten, die er mit einer derben Ironie betonte, entfloh der Greis, da er sah, welche Wirkung er hervorgebracht, wie der Versucher, nachdem er den ersten Rath zum Verbrechen gegeben.

Philipp blieb mit betäubtem Herzen und pochendem Hirne allein; er dachte nicht mehr daran, daß er seit einer halben Stunde an dieselbe Stelle gefesselt gewesen war, daß die Königin ihre Spazierfahrt beendigt hatte, daß sie zurückkam, daß sie ihn anschaute und ihm, aus ihrem Gefolge heraus, im Vorüberfahren zurief:

»Sie müssen nun ausgeruht haben, Herr von Taverney! Kommen Sie doch, nur Sie allein vermögen eine Königin königlich spazieren zu führen. Treten sie auf die Seite, meine Herren.«

Philipp lief geblendet, betäubt, trunken auf sie zu.

Indem er die Hand auf die Lehne des Schlittens legte, war es ihm als brenne er; die Königin war nachlässig auf ihrem Sitze zurückgeworfen; die Finger des jungen Mannes hatten Marie Antoinette's schöne Hände gestreift.




XI.

Der Suffren


Gegen alle Gewohnheiten des Hofes war das Geheimniß von Ludwig XVI. und dem Grafen von Artois getreulich bewahrt worden.

Niemand wußte, zu welcher Stunde und wie Herr von Suffren kommen sollte.

Der König hatte sein Spiel für den Abend angekündigt.

Um sieben Uhr trat er mit den Prinzen und Prinzessinnen seiner Familie ein.

Die Königin führte Madame Noyale, die erst sieben Jahre alt war, bei der Hand.

Die Gesellschaft war zahlreich und glänzend.

Während der Präliminarien der Versammlung, in dem Augenblick, wo Jedermann Platz nahm, näherte sich der Graf von Artois sachte der Königin und sprach zu ihr:

»Meine Schwester, schauen Sie umher.«

»Nun wohl, ich schaue.«

»Was sehen Sie?«

Die Königin ließ ihre Blicke im Kreise umherlaufen, durchsuchte die Massen, sondirte die leeren Räume und erwiderte, als sie überall Freunde, überall Diener erblickte, worunter Andrée und ihr Bruder:

»Ich sehe angenehme und besonders sehr befreundete Gesichter.«

»Schauen Sie nicht, wen wir haben, meine Schwester, schauen Sie, wer uns fehlt.«

»Ah! es ist meiner Treue wahr!« rief Marie Antoinette.

Der Graf von Artois lachte.

»Abermals abwesend,« sagte die Königin. «Oh! wird er mich immer so fliehen?«

»Nein, der Scherz währt nur länger. Monsieur ist an die Barrière von Fontainebleau abgegangen, um den Bailli von Suffren zu erwarten.«

»Dann sehe ich nicht ein, warum Sie lachen, mein Bruder.«

»Sie sehen nicht ein, warum ich lache?«

»Allerdings, wenn Monsieur den Bailli von Suffren bei der Barrière erwartet, so ist er feiner als Sie gewesen, denn er wird ihn zuerst sehen und vor Jedermann beglückwünschen.«

»Ah! liebe Schwester,« entgegnete der Prinz lachend, »Sie haben einen sehr kleinen Begriff von unserer Diplomatie. Es ist wahr, Monsieur hat sich an die Barrière von Fontainebleau begeben, um den Bailli zu erwarten, aber wir haben Jemand, der ihn auf der Station von Villejuif erwartet.«

»Wahrhaftig?«

»So daß sich Monsieur allein an der Barrière erkälten wird, indeß auf einen Befehl des Königs Herr von Suffren Paris umfährt und unmittelbar nach Versailles kommt, wo wir ihn erwarten.«

»Das ist vortrefflich ausgedacht.«

»Nicht schlecht, und ich bin ziemlich zufrieden mit mir. Machen Sie Ihr Spiel, meine Schwester.«

Es waren in diesem Augenblick im Spielsaal wenigstens hundert Personen vom höchsten Rang, Herr von Condé, Herr von Penthièvre, Herr de la Trémouille, die Prinzessinnen.

Der König allein bemerkte, daß der Graf von Artois die Königin lachen machte, und um ein wenig an ihrem Komplott Theil zu nehmen, sandte er ihnen einen äußerst bezeichnenden Blick zu.

Die Nachricht von der Ankunft des Kommandeur von Suffren hatte sich, wie wir gesagt, nicht verbreitet, und dennoch hatte man eine Art von Ahnung, die über den Geistern schwebte, nicht unterdrücken können.

Man fühlte etwas Verborgenes, was erscheinen, etwas Neues, was sich erschließen sollte; es war ein unbekanntes Interesse, das sich durch diese ganze Welt verbreitete, wo das geringste Ereigniß Wichtigkeit gewinnt, sobald der Herr die Stirne gefaltet hat, um zu mißbilligen, oder den Mund bewegt, um zu lächeln.

Der König, der um einen Sechs-Livres-Thaler zu spielen pflegte, um das Spiel der Prinzen und der Herren des Hofes zu mäßigen, der König bemerkte nicht, daß er Alles, was er an Geld in der Tasche hatte, auf den Tisch legte.

Ganz ihrer Rolle sich hingebend, ging die Königin mit List zu Werke und lockte die Aufmerksamkeit des Kreises durch den Eifer ab, mit dem sie ihr Spiel betrieb.

Philipp, der zu der Parthie zugelassen war und seinen Platz seiner Schwester gegenüber hatte, verschlang mit allen seinen Sinnen zugleich den unerhörten, Staunen erregenden Eindruck dieser Gunst, die ihn unversehens wieder erhitzte.

Die Worte seines Vaters kamen ihm wieder in's Gedächtniß. Er fragte sich, ob der Greis, der drei bis vier Regierungen von Favoritinnen gesehen, nicht wirklich ganz genau die Geschichte der Zeiten und der Sitten kenne.

Er fragte sich, ob der Puritanismus, der eine Aehnlichkeit mit der religiösen Anbetung hat, nicht eine Lächerlichkeit mehr sei, die er aus entfernten Ländern mitgebracht.

War die so poetische, so schöne, gegen ihn so schwesterliche Königin nicht im Ganzen nur eine furchtbare Cokette, die eine Leidenschaft mehr ihren Erinnerungen einzureihen wünschte, wie ein Entomolog ein Insect oder einen Schmetterling mehr in seinem Kästchen anheftet, ohne sich darum zu bekümmern, was das arme Thier leidet, dessen Herz eine Nadel durchsticht?

Und dennoch war die Königin keine gewöhnliche Frau, kein alltäglicher Character: ein Blick von ihr bedeutete etwas, zumal da sie nie einen Blick fallen ließ, ohne das Gewicht desselben zu berechnen.

»Coigny, Vaudreuil,« wiederholte Philipp, »haben die Königin geliebt, und sind von ihr geliebt worden. Oh! warum ist diese Verläumdung so finster, warum dringt nicht ein Lichtstrahl in diesen tiefen Abgrund, den man ein Frauenherz nennt, und der noch tiefer ist, wenn er das Herz einer Königin ist?«

Und als Philipp diese zwei Namen genugsam in seinem Geiste hin- und hergeworfen hatte, erblickte er am Ende des Tisches die Herren von Coigny und Vaudreuil, die durch eine seltsame Laune des Zufalls, die Augen auf einen andern Punkt gerichtet, als den, wo sich die Königin befand, sorglos, um nicht zu sagen vergeßlich, neben einander saßen.

Philipp sagte sich, diese zwei Menschen können unmöglich geliebt haben und so ruhig sein, geliebt worden sein und so vergessen haben. Oh! wenn die Königin ihn liebte, er würde vor Glück wahnsinnig werden; wenn sie ihn vergäße, nachdem sie ihn geliebt, er würde sich vor Verzweiflung tödten.

Von den Herren von Coigny und Vaudreuil ging er zur Königin Marie Antoinette über.

Und beständig träumend befragte er diese so reine Stirne, diesen so gebieterischen Mund, diesen so majestätischen Blick; er verlangte von allen Schönheiten dieses Weibes die Enthüllung des Geheimnisses der Königin.

»Oh! nein! Verläumdungen, nichts als Verläumdungen können alle diese schwankenden Gerüchte sein, die beim Volk in Umlauf zu kommen anfangen, und denen die Interessen, die Gehässigkeiten oder die Intriguen des Hofes allein ihre Haltbarkeit verleihen.«

Philipp war so weit in seinen Betrachtungen gekommen, als es drei Viertel auf acht Uhr im Saale der Garden schlug.

In diesem Saale erschollen hastige Schritte. Die Gewehrkolben stießen auf die Platten. Ein Geräusch von Stimmen erregte, durch die ein wenig geöffnete Thüre eindringend, die Aufmerksamkeit des Königs, der, um besser zu hören, den Kopf zurückwarf und dann der Königin ein Zeichen machte.

Diese begriff die Andeutung und hob die Sitzung sogleich auf.

Jeder Spieler raffte, was er vor sich hatte, zusammen, und wartete, um einen Entschluß zu fassen, bis die Königin den ihrigen errathen ließ.

Die Königin ging in den großen Empfangsaal.

Der König war vor ihr dahin gekommen.

Ein Adjutant des Marineministers, Herr von Castries, näherte sich dem König und sagte ihm ein paar Worte in's Ohr.

»Gut,« erwiderte der König, »gehen Sie.«

Dann fügte er gegen die Königin gewendet bei:

»Alles geht gut.«

Jeder befragte seinen Nachbar mit dem Blick, denn das »Alles geht gut« gab den sämmtlichen Anwesenden viel zu denken.

Plötzlich trat der Marschall von Castries in den Saal und sprach laut:

»Geruht Seine Majestät den Herrn Bailli von Suffren, der von Toulon ankommt, zu empfangen?«

Bei diesem mit lauter, triumphirender, freudiger Stimme ausgesprochenen Namen entstand ein unaussprechlicher Tumult in der Versammlung.

»Ja, mein Herr, mit großem Vergnügen,« antwortete der König.

Herr von Castries ging hinaus.

Es fand beinahe eine Massenbewegung gegen die Thüre statt, durch welche Herr von Castries verschwunden war.

Um die Sympathie Frankreichs für Herrn von Suffren zu erklären, um das Interesse begreiflich zu machen, das ein König, eine Königin, Prinzen von königlichem Geblüt in den Genuß der Erstlinge eines Blickes von Herrn von Suffren setzten, werden wenige Worte genügen. Suffren ist ein eigentlich französischer Name, wie Turenne, wie Catinat, wie Jean Bart.

Seit dem Kriege mit England, ober vielmehr seit der letzten Periode der Kämpfe, die dem Frieden vorhergegangen waren, hatte der Herr Commandant von Suffren sieben große Seeschlachten geliefert, ohne eine Niederlage zu erleiden; er hatte Trinquemale und Gondelour genommen, die französischen Besitzungen gesichert, das Meer gesäubert und den Nabob Hander Ali gelehrt, daß Frankreich die erste Macht Europa's sei. Er hatte mit der Ausübung des Seemannsgewerbes die ganze Diplomatie eines feinen und redlichen Unterhändlers, die ganze Tapferkeit und die ganze Tactik eines Soldaten, die ganze Routine eines Administrators zu vermählen gewußt. Kühn, unermüdlich, stolz, wenn es sich um die Ehre der französischen Flagge handelte, hatte er zu Wasser und zu Land die Engländer dergestalt ermüdet, daß diese hoffärtigen Seeleute es nie wagten, einen begonnenen Sieg zu vollenden, oder einen Angriff auf Suffren zu versuchen, wenn der Löwe seine Zähne zeigte.

Dann, nach dem Treffen, in dem er sein Leben mit der Sorglosigkeit des letzten Matrosen preisgegeben, hatte man ihn menschlich, großmüthig, mitleidig gesehen; das seit Jean Bart und Duguay-Trouin ein wenig in Vergessenheit gerathene Urbild eines ächten Seemanns war es, was Frankreich im Bailli von Suffren wieder fand.

Wir wollen es nicht versuchen, die geräuschvolle Begeisterung zu schildern, welche seine Ankunft unter den zu dieser Gesellschaft in Versailles zusammenberufenen Edelleuten hervorrief.

Suffren war ein Mann von sechsundfünfzig Jahren, stark, kurz, mit feurigem Auge und leichter, edler Geberde. Behend trotz seiner Beleibtheit, majestätisch trotz seiner Geschwindigkeit, trug er stolz seine Frisur oder vielmehr seine Mähne; wie ein Mensch, der gewohnt ist, aller Schwierigkeiten zu spotten, hatte er das Mittel gefunden, sich in seiner Postchaise ankleiden und frisiren zu lassen.

Er trug einen blauen, goldgestickten Rock, eine rothe Weste, blaue Beinkleider, und hatte den militärischen Kragen beibehalten, auf dem sich sein mächtiges Kinn wie die notwendige Ergänzung seines kolossalen Kopfes rundete.

Als er in den Saal der Garden eintrat, sagte Jemand ein Wort zu Herrn von Castries, der ungeduldig auf- und abging, und alsbald rief dieser:

»Herr von Suffren, meine Herren!«

Sogleich sprangen die Garden nach ihren Mousquetons und stellten sich von selbst in Linie auf, als hätte es sich um den König von Frankreich gehandelt, und sobald der Bailli vorüber war, formirten sie sich in guter Ordnung zu vier und vier, gleichsam um ihm als Geleite zu dienen.

Er drückte Herrn von Castries die Hand und suchte ihn zu umarmen; doch der Marineminister schob ihn sanft zurück und sprach:

»Nein, mein Herr, nein, ich will des Glücks, Sie zuerst zu umarmen, den Mann, der dessen würdiger ist, als ich, nicht berauben.«

Und auf diese Art fühlte er Herrn von Suffren bis zu Ludwig XVI.

»Herr Bailli,« rief der König ganz strahlend, sobald er ihn erblickte, »seien Sie in Versailles willkommen. Sie bringen dahin den Ruhm, Sie bringen Alles, was die Helden ihren Zeitgenossen auf Erden geben. Ich spreche nicht von der Zukunft, das ist Ihr Eigenthum. Umarmen Sie mich, Herr Bailli.«

Herr von Suffren hatte das Knie gebeugt, der König hob ihn auf und umarmte ihn so herzlich, daß ein langes Beben der Freude und des Triumphes die ganze Versammlung durchlief.

Ohne die dem König schuldige Achtung würden alle Anwesenden in Bravos und Beifallsrufe ausgebrochen sein.

Der König wandte sich gegen die Königin und sprach:

»Madame, das ist Herr von Suffren, der Sieger von Trinquemale und Gondelour, der Schrecken unserer Nachbarn, der Engländer, mein Jean Bart.«

»Mein Herr,« sagte die Königin, »ich habe Ihnen kein Lob zu spenden. Erfahren Sie nur, daß Sie keinen Kanonenschuß für den Ruhm Frankreichs gethan haben, ohne daß mein Herz vor Bewunderung und Dankbarkeit für Sie geschlagen.«

Die Königin hatte kaum geendigt, als der Graf von Artois mit seinem Sohne, dem Herzog von Angoulême, sich näherte und zu diesem sagte:

»Mein Sohn, Du siehst einen Helden. Schau ihn wohl an, das ist etwas Seltenes.«

»Monseigneur,« antwortete der junge Prinz seinem Vater, »kürzlich las ich die großen Männer von Plutarch, aber ich sah sie nicht. Ich danke Ihnen, daß Sie mir Herrn von Suffren gezeigt haben.«

Es erhob sich ein Gemurmel um den Prinzen. Der Knabe konnte wahrnehmen, daß er ein Wort gesagt hatte, das bleiben würde.

Der König nahm Herrn von Suffren nun beim Arm und schickte sich an, ihn in sein Cabinet zu nehmen, um mit ihm über seine Reise und seine Expedition zu sprechen.

Herr von Suffren leistete aber einen ehrfurchtsvollen Widerstand und sprach:

»Sire, wollen Sie mir erlauben, da Eure Majestät so viel Güte für mich hat…«

»Oh!« rief der König, »Sie wünschen, Herr von Suffren?«

»Sire, einer meiner Officiere hat einen so schweren Fehler gegen die Disciplin begangen, daß ich dachte, Eure Majestät allein könne Richter in dieser Sache sein.«

»Oh! Herr von Suffren, ich hoffte, Ihre erste Bitte werde eine Gunst und nicht eine Bestrafung betreffen.«

»Sire, Eure Majestät wird, wie ich zu sagen die Ehre hatte, selbst beurtheilen, was zu thun ist.«

»Ich höre.«

»Bei dem letzten Gefecht commandirte der Officier, von dem ich spreche, den Sévère.«

»Oh! das Schiff, das die Flagge strich,« sagte der König, die Stirne faltend.

»Sire, der Capitän des Sévère hatte in der That seine Flagge gestrichen,« antwortete Herr von Suffren, »und schon schickte Sir Hugues, der englische Admiral, ein Boot ab, um die Prise mit seinen Leuten zu bemannen; als aber der Lieutenant des Schiffes, der die Kanonen des Zwischendecks überwachte, wahrnahm, daß das Feuer aufhörte, und den Befehl erhielt, die Kanonen schweigen zu lassen, stieg er auf das Verdeck; er sah, daß die Flagge gestrichen und der Capitän bereit war, sich zu ergeben. Ich bitte Eure Majestät um Verzeihung, Sire, aber bei diesem Anblick empörte sich Alles, was er von französischem Blut in sich hatte. Er nahm die Flagge, die sich im Bereich seiner Hand befand, griff nach einem Hammer, befahl das Feuer wieder zu beginnen und nagelte die Flagge über den Wimpel. Durch dieses Ereigniß, Sire, wurde der Sévère Eurer Majestät erhalten.«

»Ein schöner Zug, sagte der König.

»Eine wackere Handlung,« sprach die Königin.

»Ja, Sire, ja, Madame; aber eine schwere Rebellion gegen die Disciplin. Der Capitän hatte befohlen, der Lieutenant mußte gehorchen. Ich bitte Sie um Begnadigung dieses Officiers, Sire, ich bitte Sie um so dringender darum, als er mein Neffe ist.«

»Ihr Neffe!« rief der König, »und Sie haben mir nichts davon gesagt?«

»Dem König, nein; doch ich hatte die Ehre, dem Herrn Marine-Minister meinen Bericht abzustatten, und ersuchte ihn dabei, Eurer Majestät nichts zu sagen, bevor ich die Begnadigung des Schuldigen erlangt hätte.«

»Bewilligt! bewilligt!« rief der König, »und ich verspreche zum Voraus jedem Sünder gegen die Disciplin, der so die Ehre der Flagge und des Königs von Frankreich zu rächen weiß, meinen Schutz. Sie hätten mir diesen Offner vorstellen sollen, Herr Bailli.«

»Er ist hier,« erwiderte Herr von Suffren, »und da Eure Majestät erlaubt…«

Dann sich umwendend:

»Nähern Sie sich, Herr von Charny.«

Die Königin bebte, dieser Name erweckte in ihrem Geiste eine Erinnerung, welche zu frisch war, um schon verwischt zu sein.

Da trennte sich ein junger Officier von der um Herrn von Suffren gebildeten Gruppe und erschien plötzlich vor den Augen des Königs.

Ganz begeistert von der Erzählung seiner schönen That, hatte die Königin ihrerseits eine Bewegung gemacht, um dem jungen Mann entgegen zu gehen.

Aber beim Namen und beim Anblick des Seemanns, den Herr von Suffren dem König vorstellte, blieb sie stehen, erbleichte und gab ein kleines Gemurmel von sich.

Fräulein von Taverney erbleichte auch und schaute voll Angst die Königin an.

Ohne etwas zu sehen, ohne etwas anzuschauen, ohne daß sein Gesicht irgend eine andere Bewegung als Ehrfurcht ausdrückte, verbeugte sich Herr von Charny vor dem König, der ihm die Hand zum Kusse reichte, dann kehrte er bescheiden und zitternd unter den gierigen Blicken der Versammlung in den Kreis der Officiere zurück, die ihn geräuschvoll beglückwünschten und mit Schmeicheleien erdrückten.

Da trat ein Augenblick des Stillschweigens und der Aufregung ein, in dem man den König strahlend, die Königin lächelnd und unentschlossen, und Philipp, dem die Bewegtheit der Königin nicht entgangen war, unruhig und fragend sehen konnte.

»Auf! auf!« sagte endlich der König, »kommen Sie Herr von Suffren, kommen Sie, daß wir plaudern; ich sterbe vor Verlangen, Sie zu hören und Ihnen zu beweisen, wie viel ich an Sie gedacht habe.«

»Sire, so viel Güte…«

»Oh! Sie werden meine Karten sehen, Herr Bailli, Sie werden jede Phase Ihrer Expedition zum Voraus durch meine Sorgfalt errathen sehen. Kommen Sie, kommen Sie.«

Nachdem er hierauf, Herrn von Suffren mit sich fortziehend, einige Schritte gemacht hatte, wandte er sich plötzlich gegen die Königin um und sagte:

»Oh! Madame, ich lasse, wie Sie wissen, ein Schiff von hundert Kanonen bauen, ich habe meine Ansicht über den Namen, den es bekommen soll, geändert; statt es zu nennen, wie wir gesagt habe, nicht wahr, Madame…«

Marie Antoinette, die sich wieder ein wenig gefaßt hatte, griff den Gedanken des Königs im Fluge auf und antwortete:

»Ja, ja, wir nennen es den Suffren, und ich werde mit dem Herrn Bailli die Pathin sein.«

Bis dahin zurückgehaltene Rufe: Es lebe der König! es lebe die Königin! brachen mit Gewalt hervor.

»Es lebe der Suffren!« fügte der König mit großer Zartheit bei, denn Niemand konnte in Gegenwart des Königs rufen: Es lebe Herr von Suffren! während die ängstlichsten Beobachter der Etikette rufen konnten: »Es lebe das Schiff Seiner Majestät!«

»Es lebe der Suffren!« wiederholte die Versammlung voll Begeisterung.

Der König machte ein Zeichen des Dankes dafür, daß man seine Gedanken so gut begriffen, und führte den Bailli mit sich fort.




XII.

Herr von Charny


Sobald der König verschwunden war, gruppirte sich Alles, was sich von Prinzen und Prinzessinnen im Saale befand, um die Königin.

Der Bailli hatte seinem Neffen durch ein Zeichen zu warten befohlen, und nach einer Verbeugung, welche Gehorsam andeutete, war dieser in der Gruppe, wo wir ihn gesehen, geblieben.

Die Königin, welche mit Andrée mehrere bezeichnende Blicke gewechselt hatte, verlor den jungen Mann beinahe nicht mehr aus dem Auge, und so oft sie ihn anschaute, sagte sie zu sich selbst:

»Er ist es, es läßt sich nicht bezweifeln.«

Fräulein von Taverney antwortete dann mit einer Pantomime, die der Königin keinen Zweifel übrig lassen sollte, denn sie bedeutete:

»Oh! mein Gott, ja, Madame; er ist es, er ist es ganz gewiß.«

Philipp bemerkte, wie gesagt, die Bewegtheit der Königin; er sah sie und fühlte, wenn nicht die Ursache doch wenigstens den unbestimmten Sinn davon.

Nie täuscht sich derjenige, welcher liebt, über den Eindruck derjenigen, die er liebt.

Er errieth also, die Königin sei von einem seltsamen, geheimnißvollen, Jedermann, sie und Andrée ausgenommen, unbekannten Ereigniß betroffen worden.

Die Königin hatte wirklich die Haltung verloren und eine Zuflucht hinter ihrem Fächer gesucht, während sie gewöhnlich alle Welt zwang, die Augen niederzuschlagen.

Während sich der junge Mann fragte, worauf diese Bewegtheit der Königin hinauslaufen dürfte, während er die Gesichter der Herren von Coigny und Vaudreuil zu sondiren suchte, um sich zu versichern, ob sie keinen Antheil an diesem Geheimniß hätten, und er sah, daß sie sich ganz gleichgültig mit Herrn von Haga unterhielten, der nach Versailles gekommen war, um seine Aufwartung zu machen, trat ein Mann im majestätischen Cardinalsgewand, gefolgt von Officianten und Prälaten, in den Salon.

Die Königin erkannte Herrn Ludwig von Rohan, sie sah ihn von einem Ende des Saals am andern, und wandte sogleich den Kopf ab, ohne daß sie sich auch nur die Mühe nahm, das Falten ihrer Stirne zu verbergen.

Der Prälat durchschritt die ganze Versammlung, ohne Jemand zu grüßen, und ging gerade auf die Königin zu, vor der er sich mehr als ein Weltmann, der eine Frau, denn als ein Unterthan, der eine Königin grüßt, verbeugte.

Dann richtete er ein äußerst galantes Compliment an Ihre Majestät, doch sie wandte kaum den Kopf um, murmelte ein paar eiskalt ceremoniöse Worte und setzte ihr Gespräch mit Frau von Lamballe und Frau von Polignac fort.

Der Prinz Ludwig schien den schlechten Empfang der Königin nicht bemerkt zu haben. Er beendigte seine Verbeugungen, drehte sich ohne Hast um und wandte sich mit aller Anmuth eines vollkommenen Hofmanns an Mesdames, die Tanten des Königs, mit denen er sich lange unterhielt, in Betracht daß ihm kraft des bei Hofe üblichen Schaukelspieles hier ein ebenso wohlwollender Empfang zu Theil wurde, als der der Königin eisig gewesen war.

Der Cardinal Ludwig von Rohan war ein Mann in der Kraft des Alters, von imposanter Gestalt und edler Haltung; seine Züge drückten Verstand und Sanftmuth aus; er hatte einen feinen, bedachtsamen Mund und eine bewunderungswürdige Hand; seine etwas entblößte Stirne deutete den Mann der Studien an, und bei dem Prinzen von Rohan fand sich wirklich das Eine und das Andere.

Er war ein Mann, dem die Frauen huldigten, welche die Galanterie ohne Geckenhaftigkeit und ohne Geräusch liebten; seine Freigebigkeit war sprichwörtlich und er hatte wirklich das Mittel gefunden, sich mit einem Einkommen von sechzehnmal hunderttausend Livres für arm zu halten.

Der König liebte ihn, weil er gelehrt war, die Königin dagegen haßte ihn.

Die Gründe dieses Hasses sind nie genau bekannt geworben, aber sie unterliegen zwei Arten von Commentaren.

Einmal sollte der Prinz Ludwig als Botschafter in Wien, wie man sagte, dem König Ludwig XV. über Maria Theresia Briefe voll Ironie geschrieben haben, die Marie Antoinette diesem Diplomaten nie hätte verzeihen können.

Sodann, und dieß ist menschlicher und besonders wahrscheinlicher, sollte der Botschafter in Beziehung auf die Heirath der jungen Erzherzogin mit dem Dauphin an den König Ludwig XV., der den Brief laut bei einem Abendbrod bei Madame Dubarry vorgelesen, gewisse, für die Eitelkeit der damals sehr magern jungen Frau ungünstige Details geschrieben haben.

Diese Angriffe hätten Marie Antoinette tief verletzt, die sich nicht öffentlich als Opfer derselben anerkennen konnte, und sie hatte geschworen, den Urheber früher oder später dafür zu bestrafen.

Darunter fand sich natürlich eine ganz politische Intrigue.

Die Botschafterstelle in Wien war Herrn von Breteuil zu Gunsten des Herrn von Rohan entzogen worden.

Zu schwach, um offen gegen den Prinzen zu kämpfen, hatte Herr von Breteuil dann das angewandt, was man in der Diplomatie Geschicklichkeit nennt. Er hatte sich die Abschriften oder sogar die Originale des Prälaten, der damals Botschafter in Wien war, verschafft und, indem er wirklich von dem Prälaten geleistete Dienste durch die Feindseligkeiten gegen die österreichische Kaiserfamilie aufwog, in der Dauphine einen Bundesgenossen gefunden, entschlossen, eines Tags den Herrn Prinzen von Rohan zu Grunde zu richten.

Dieser Haß brütete dumpf bei Hofe fort und machte die Stellung des Cardinals sehr schwierig.

So oft er die Königin sah, hatte er den eisigen Empfang zu ertragen, von dem wir einen Begriff gegeben haben.

Doch über die Verachtung erhaben, war er nun wirklich stark oder riß ihn ein unwiderstehliches Gefühl hin, seiner Feindin Alles zu verzeihen, versäumte Ludwig von Rohan keine Gelegenheit, sich Marie Antoinette zu nähern, und hiezu fehlt es ihm nicht an Mitteln: Ludwig von Rohan war Großalmosenier des Hofes.

Nie hatte er sich beklagt, nie hatte er sich gegen Jemand ausgesprochen. Ein kleiner Kreis von Freunden, unter denen man den Baron von Planta, einen deutschen Officier, seinen innigen Vertrauten, auszeichnete, diente dazu, ihn über die königlichen Zurückstoßungen zu trösten, wenn die Damen des Hofes, die sich im Punkt der Strenge gegen den Cardinal nicht alle nach dem Muster der Königin richteten, dieses glückliche Resultat nicht bewerkstelligt hatten.

Der Kardinal war wie ein Schatten über das lachende Gemälde hingezogen, das in der Einbildungskraft der Königin spielte. Kaum hatte er sich entfernt, als sich Marie Antoinette wieder erheiterte und zur Frau Prinzessin von Lamballe sagte:

»Wissen Sie, daß die That dieses jungen Officiers, des Neffen des Herrn Bailli, eine der merkwürdigsten dieses Krieges ist? Wie heißt er doch?«

»Herr von Charny, glaube ich,« antwortete die Prinzessin.

Dann sich gegen Andrée umwendend, fragte sie:

»Ist es nicht so, Fräulein von Taverney?«

»Charny, ja, Eure Hoheit,« erwiderte Andrée.

»Herr von Charny,« fuhr die Königin fort, »muß uns diese Episode selbst erzählen, ohne daß er einen einzigen Umstand übergehen darf. Man suche ihn. Ist er noch hier?«

Ein Officier ging eiligst weg, um den Befehl der Königin zu vollziehen.

In demselben Augenblick, wo sie umherschaute, gewahrte sie Philipp, und ungeduldig, wie immer, rief sie ihm zu:

»Herr von Taverney, sehen Sie doch nach.«

Philipp erröthete; vielleicht dachte er, er hätte dem Wunsche seiner Fürstin zuvorkommen müssen. Er schickte sich also an, den glücklichen Officier aufzusuchen, den er seit seiner Vorstellung nicht mit dem Auge verlassen hatte.

Das Suchen war ihm daher sehr leicht.

Herr von Charny kam nach einem Augenblick zwischen den Boten der Königin.

Der Kreis erweiterte sich vor ihm; die Königin konnte ihn nun mit größerer Aufmerksamkeit prüfen, als ihr dieß am Abend zuvor möglich gewesen war.

Es war ein junger Mann von sieben- bis achtundzwanzig Jahren, von schlankem, geradem Wuchs, mit breiten Schultern und vollkommenem Bein. Sein feines und zugleich sanftes Gesicht nahm einen seltsamen Character von Energie an, so oft er sein großes, blaues Auge mit dem tiefen Blick erweiterte; er war, merkwürdigerweise für einen Mann, der kurz zuvor die Kriege in Indien mitgemacht, ebenso weiß von Teint, als Philipp braun. Von einer bewunderungswürdigen Zeichnung, spielte sein nerviger Hals in einer Binde von weniger glänzender Weise, als seine schöne Haut.

Als er sich der Gruppe näherte, in deren Mittelpunkt die Königin sich befand, hatte er noch auf keine Weise kundgegeben, daß er Fräulein von Taverney oder die Königin selbst kenne.

Umgeben von Officieren, die ihn befragten und denen er höflich antwortete, schien er vergessen zu haben, daß er mit einem König gesprochen, daß eine Königin ihn angeschaut.

Diese Höflichkeit, diese Zurückhaltung waren ganz geeignet, ihn noch viel bemerkbarer für die Königin zu machen, welche so zartfühlend war in Allem, was das Benehmen betraf.

Herr von Charny hatte vollkommen Recht, vor Andern sein Erstaunen bei dem so unerwarteten Anblick der Damen vom Fiaker zu verbergen. Es war das höchste Maß von Klugheit und zarter Biederkeit, wo möglich sie selbst nicht wissen zu lassen, daß sie erkannt worden waren.

Natürlich und mit einer angemessenen Schüchternheit gleichsam belastet geblieben, erhob sich der Blick des Herrn von Charny nicht eher, als bis ihn die Königin angeredet hatte.

»Herr von Charny,« sagte sie, »diese Damen wünschen, und es ist dieß ein sehr natürlicher Wunsch, da ich ihn auch hege, diese Damen wünschen die Affaire des Schiffes in allen ihren Einzelnheiten zu kennen: ich bitte, erzählen Sie uns das.«

»Madame,« erwiderte der Seemann unter einem tiefen Stillschweigen, »ich bitte Eure Majestät flehentlich, nicht aus Bescheidenheit, sondern aus Menschlichkeit, mich von dieser Erzählung freizusprechen; was ich als Lieutenant des Sévère gethan habe, gedachten zu gleicher Zeit wie ich zehn Officiere, meine Cameraden, zu thun; ich schritt zuerst zur Ausführung, das ist mein ganzes Verdienst. Dem Geschehenen die Wichtigkeit einer an Ihre Majestät gerichteten Erzählung zu geben, nein, Madame, das ist unmöglich, und Ihr großes Herz, Ihr Königliches Herz besonders, wird es begreifen. Der Commandant des Sévère ist ein braver Officier, der an diesem Tag den Kopf verloren hatte. Ach! Madame, Sie können es die Muthigsten sagen hören, man ist nicht alle Tage tapfer; er brauchte zehn Minuten, um sich zu erholen; unser Entschluß uns nicht zu ergeben, hat ihm die Frist verliehen und der Muth ist bei ihm wiedergekehrt; von diesem Augenblick an war er der Tapferste von uns Allen; darum beschwöre ich Eure Majestät, das Verdienst meiner Handlung nicht zu übertreiben, das wäre eine Gelegenheit, den armen Officier niederzuschmettern, der tagtäglich seine Vergeßlichkeit einer Minute beweint.«

»Gut, gut,« sagte die Königin, gerührt und strahlend vor Freude, da sie das günstige Gemurmel hörte, das die edelmüthigen Worte des jungen Officiers um sie her hervorgerufen hatten, »gut, Herr von Charny, Sie sind ein redlicher Mann, als einen solchen kannte ich Sie.«

Bei diesen Worten erhob der Officier das Haupt; eine ächt jugendliche Röthe bepurpurte sein Antlitz; seine Augen gingen mit einer Art Angst von der Königin zu Andrée über. Er fürchtete den Anblick dieser so edelmüthigen und in ihrem Edelmuth so schüchternen Natur.

Herr von Charny war in der That noch nicht beim Ende.

»Denn,« fuhr die unerschrockene Königin fort, »denn mögen Sie allesammt erfahren, daß Herr von Charny, dieser junge Officier, der sich gestern erst ausgeschifft, dieser Unbekannte uns sehr bekannt war, ehe er uns heute Abend vorgestellt wurde, und daß er allen Frauen bekannt zu sein und von allen bewundert zu werden verdient.«

Man sah, daß die Königin sprechen, daß sie eine Geschichte erzählen wollte, aus der Jeder einen kleinen Scandal, ein kleines Geheimniß auflesen konnte. Man bildete einen Kreis, man horchte, man drängte sich zusammen.

»Meine Damen,« sprach die Königin, »stellen Sie sich vor, daß Herr von Charny ebenso nachsichtig gegen die Damen ist, als unbarmherzig gegen die Engländer. Man hat mir von ihm eine Geschichte erzählt, die ihm, ich erkläre es Ihnen zum Voraus, in meinen Augen die größte Ehre macht.«

»Oh! Madame,« stammelte der junge Officier.

Man erräth, daß die Worte der Königin und die Gegenwart des Mannes, an welchen sie gerichtet waren, die Neugierde nur verdoppelten.

Ein Schauer durchlief das ganze Auditorium.

Die Stirne mit Schweiß bedeckt, hätte Charny ein Jahr seines Lebens dafür gegeben, wäre er noch in Indien gewesen.

»Man höre, wie sich die Sache verhält,« fuhr die Königin fort. «Zwei Damen von meiner Bekanntschaft hatten sich verspätet und waren in ein Gedränge gerathen. Sie liefen eine große Gefahr, Herr von Charny kam in diesem Augenblick zufällig oder vielmehr glücklicher Weise vorüber. Er trieb die Menge auf die Seite, nahm die zwei Damen, ohne sie zu kennen, und obgleich es schwer war, ihren Rang zu unterscheiden, unter seinen Schutz und begleitete sie sehr weit, ich glaube zwei Meilen von Paris.«

»Ach! Eure Majestät übertreibt,« versetzte Herr von Charny lachend und beruhigt durch die Wendung, die die Erzählung genommen.

»Nun, so sagen wir fünf Meilen und sprechen wir nicht mehr davon,« unterbrach der Graf von Artois, der sich plötzlich in das Gespräch mischte.

»Gut, mein Bruder,« fuhr die Königin fort; »das Schönste dabei aber war, daß Herr von Charny nicht einmal den Namen der zwei Damen zu erfahren suchte, denen er diesen Dienst geleistet hatte, daß er sie an der Stelle, die sie ihm bezeichneten, absetzte, daß er sich entfernte, ohne nur den Kopf umzuwenden, so daß sie seinen schützenden Händen entkamen, ohne auch nur einen Augenblick beunruhigt worden zu sein.«

Man schrie, man bewunderte. Charny wurde von zwanzig Damen zugleich mit Complimenten überschüttet.

»Nicht wahr, das ist schön?« endigte die Königin; »ein Ritter von der Tafelrunde hätte es nicht besser gemacht.«

»Das ist herrlich!« rief der Chor.

»Herr von Charny,« sprach die Königin, »der König ist ohne Zweifel damit beschäftigt, Herrn von Suffren, Ihren Oheim, zu belohnen; ich, meinerseits, möchte gern etwas für den Neffen dieses großen Mannes thun.«

Sie reichte ihm die Hand.

Und während Charny bleich vor Freude seine Lippen darauf drückte, begrub sich Philipp, bleich vor Schmerz, in die weiten Vorhänge des Salons.

Andrée war ebenfalls erbleicht, und dennoch konnte sie nicht errathen, was Alles ihr Bruder litt.

Die Stimme des Grafen von Artois brach diese Scene ab, welche so interessant für einen Beobachter gewesen wäre.

»Ah! mein Bruder Provence,« rief er; »kommen Sie doch, mein Herr, kommen Sie; Sie haben ein schönes Schauspiel versäumt, den Empfang des Herrn von Suffren; es war in der That ein Augenblick, den die französischen Herzen nie vergessen werden. Wie, Teufels, haben Sie was versäumt, mein Bruder, ein Mann von so außerordentlicher Pünktlichkeit!«

Monsieur preßte die Lippen zusammen, grüßte die Königin zerstreut und antwortete mit einer Alltagsphrase.

Dann sagte er leise zu Herrn von Favras, seinem Capitän der Garden:

»Wie kommt es, daß er in Versailles ist?«

»Ei! Monseigneur,« antworte dieser, »ich frage mich das seit einer Stunde und habe es noch nicht begriffen.«




XIII.

Die hundert Louisd'or der Königin


Nun, da wir unsere Leser die Bekanntschaft mit den Hauptpersonen dieser Geschichte haben machen oder erneuern lassen, nachdem wir sie sowohl in das kleine Haus des Grafen von Artois, als in den Palast König Ludwigs XVI. eingeführt, wollen wir sie wieder in das Haus der Rue Saint-Claude führen, wo die Königin von Frankreich incognito erschienen und mit Andrée von Taverney in den vierten Stock hinauf gestiegen war.

Sobald die Königin verschwunden war, zählte Frau von La Mothe, wie wir wissen, voll Freude die hundert Louisd'or, die ihr auf eine so wunderbare Weise vom Himmel zugefallen, einmal um's andere.

Fünfzig schöne Doppellouis von acht und vierzig Livres, die auf dem armseligen Tisch ausgebreitet und in den Reflexen der Lampe strahlend, durch ihre aristociatische Gegenwart all' die dürftigen Dinge in der elenden Dachstube zu demüthigen schienen.

Nach dem Vergnügen, zu haben, kannte Frau von La Mothe kein größeres, als das, sehen zu lassen. Der Besitz war nichts für sie, wenn er nicht Neid erregte.

Es war ihr schon seit ewiger Zeit widrig, ihre Kammerfrau zur Vertrauten ihres Elends zu haben; sie beeilte sich daher, sie zur Vertrauten ihres Glückes zu machen.

Sie rief Frau Clotilde, die im Vorzimmer geblieben war, gab dem Licht der Lampe geschickt eine solche Richtung, daß das Gold auf dem Tische glänzte, und sprach:

»Clotilde!«

Die Haushälterin machte einen Schritt in's Zimmer.

»Kommen Sie hierher und schauen Sie,« fügte Frau von La Mothe bei.

»Oh! Madame!« rief die Alte, die Hände faltend und den Hals vorstreckend.

»Sie waren besorgt wegen Ihres Lohnes?« sagte die Gräfin.

»Ohl Madame, nie habe ich ein Wort hierüber gesagt. Ich fragte die Frau Gräfin nur, wann sie mich bezahlen könnte, und das war natürlich, da ich seit drei Monaten nichts erhalten hatte.«

»Glauben Sie, daß das hinreicht, um Sie zu bezahlen?«

»Herr Jesus! Madame, wenn ich hätte, was da liegt, so wäre ich reich für mein ganzes Leben.«

Frau von La Mothe schaute die Alte an, zuckte mit einer Geberde unaussprechlicher Verachtung die Achseln und sagte:

»Es ist ein Glück, daß sich gewisse Leute des Namens erinnern, den ich führe, während ihn diejenigen, welche sich desselben erinnern müßten, vergessen.«

»Und wozu werden Sie all' dieß Geld verwenden?« fragte Frau Clotilde.

»Zu Allem!«

»Was ich am wesentlichsten fände, Madame, wäre meiner Ansicht nach, daß Sie meine Küche einrichten würden, denn, nicht wahr, nun, da Sie Geld haben, werden Sie Gäste bewirthen?«

»St!« machte Frau von La Mothe, »man klopft.«

»Madame täuscht sich,« entgegnete die Alte, die mit ihren Schritten stets sehr sparsam war.

»Ich sage Ihnen aber, daß man klopft.»

»Oh! ich versichere Madame…«

»Sehen Sie nach.«

»Ich habe nichts gehört.«

»Ja, wie vorhin; vorhin hatten Sie auch nichts gehört: nun! wenn die zwei Damen hinweggegangen wären, ohne hereinzukommen!«

Dieser Grund schien überzeugend für Frau Clotilde, denn sie wandte sich der Thüre zu.

»Hören Sie?« rief Frau von La Mothe.

»Oh! es ist wahr,« sagte die Alte, »ich gehe, ich gehe.«

Frau von La Mothe strich eilig die fünfzig Doppellouis vom Tisch auf ihre Hand, warf sie in eine Schublade, stieß diese wieder zu und murmelte:

»O Vorsehung! noch hundert Louisd'or.«

Diese Worte wurden mit einem Ausdruck skeptischer Gierde gesprochen, der Voltaire lächeln gemacht hätte.

Mittlerweile öffnete man die Thüre des Ruheplatzes und der Tritt eines Mannes wurde im ersten Zimmer hörbar.

Der Unbekannte und Frau Clotilde wechselten ein Paar Worte, ohne daß die Gräfin den Sinn davon auffassen konnte.

Dann schloß man die Thüre wieder, die Tritte verloren sich auf der Treppe und die Alte kehrte mit einem Brief in der Hand zurück.

»Hier!« sagte sie, der Gebieterin den Brief reichend.

Die Gräfin betrachtete aufmerksam die Schrift, den Umschlag und das Siegel; dann schaute sie empor und sagte:

»Ein Bedienter?« – »Ja, Madame.« – »Was für eine Livree?« – »Er hatte keine.« – »Ein Vertrauter also?« – »Ja.«

»Ich kenne dieses Wappen,« sprach Frau von La Mothe, wahrend sie das Siegel noch einmal anschaute.

Dann näherte sie dieses Siegel der Lampe und sagte:

»Roth mit neun durchbrochenen goldenen Rauten: wer hat Roth mit neun durchbrochenen goldenen Rauten?«

Sie suchte einen Augenblick in ihren Erinnerungen, doch vergebens.

»Sehen wir immerhin den Brief an,« murmelte sie.

Und nachdem sie ihn sorgfältig geöffnet, um das Siegel nicht zu zerbrechen, las sie:

»Madame, die Person, an die Sie ein Gesuch gerichtet haben, wird Sie morgen Abend besuchen, wenn es Ihnen beliebt, Ihre Thüre für sie zu öffnen.«

»Und das ist Alles?«

Die Gräfin strengte abermals ihr Gedächtniß an.

»Ich habe an so viele Personen geschrieben,« sagte sie.

»An alle Welt.

»Ist die Person, die mir antwortet, ein Mann oder eine Frau?«

»Die Handschrift besagt nichts … unbedeutend … eine wahre Secretärshandschrift.

»Dieser Styl? ein gönnerhafter Styl … flach und alt.«

Dann wiederholte sie:

»»Die Person, an die Sie ein Gesuch gerichtet haben…««

»In dieser Phrase liegt die Absicht, zu demüthigen. Es kommt gewiß von einer Frau.«

Sie fuhr fort:

»»Wird Sie morgen Abend besuchen, wenn es Ihnen beliebt, Ihre Thüre für sie zu öffnen.««

»Eine Frau hätte gesagt: Wird Sie morgen Abend erwarten.

»Doch die Damen von gestern, sie sind wohl gekommen, und es waren vornehme Damen.

»Keine Unterschrift.

»Wer hat denn Roth mit neun durchbrochenen goldenen Rauten?

»Oh!« rief die Gräfin plötzlich, »habe ich denn den Kopf verloren? die Rohan, bei Gott!«

»Ja, ich habe an Herrn von Guéménée und an Herrn von Rohan geschrieben: der Eine von ihnen antwortet mir, das ist ganz einfach.

»Doch der Wappenschild ist nicht in vier Felder getheilt, der Brief ist vom Cardinal.

»Oh! der Cardinal, dieser Galan, dieser Weiberknecht, dieser Ehrgeizige; er wird Frau von La Mothe besuchen, wenn Frau von La Mothe ihm ihre Thüre öffnet.

»Gut! er mag ruhig sein, die Thüre wird ihm geöffnet werden.

»Und wann ist das? Morgen Abend.«

Sie versank in eine Träumerei.

»Eine Dame vom Guten Werke, die hundert Louisd'or gibt, kann in einer Dachstube empfangen werden; sie kann auf meinem kalten Boden frieren, sie kann leiden auf meinen Stühlen, die so hart sind, wie der Rost des heiligen Lorenz, abgesehen vom Feuer. Aber ein Kirchenfürst, ein Boudoirmann, ein Herzenüberwinder? Nein, nein, die Armuth, die ein solcher Almosenier besucht, braucht mehr Luxus, als gewisse Reiche haben.«

Die Gräfin wandte sich nun gegen die Haushälterin um, die ihr Bett vollends zurecht machte, und sagte:

»Frau Clotilde, vergessen Sie nicht, mich morgen frühzeitig zu wecken.«

Um behaglicher denken zu können, bedeutete die Gräfin hierauf der Alten durch ein Zeichen, sie möge sie allein lassen.

Frau Clotilde fachte wieder das Feuer an, das man in der Asche begraben hatte, um der Stube ein elenderes Aussehen zu geben, schloß die Thüre und zog sich in den Dachwinkel zurück, wo sie ihre Lagerstätte hatte.

Jeanne von Valois wachte, statt zu schlafen, die ganze Nacht hindurch. Sie schrieb mit dem Bleistifte beim Schein der Nachtlampe Bemerkungen und versank erst, nachdem sie des kommenden Tages sicher war, gegen drei Uhr Morgens in die Ruhe des Schlummers, aus dem Frau Clotilde, welche kaum mehr als sie geschlafen hatte, sie mit dem ersten Dämmerlichte erweckte.

Gegen acht Uhr hatte sie ihre Toilette beendigt, die aus einem zierlichen seidenen Kleid und einem geschmackvollen Kopfputz bestand.

Zugleich als vornehme Dame und als hübsche Frau beschuht, das Schönpflästerchen auf dem linken Backenbein, die gestickte Militaire am Faustgelenke, ließ sie eine Art von Karren von dem Platze holen, wo man dergleichen Locomotiven fand, nämlich von der Rue du Pont-aux-Choux.

Sie würde eine Sänfte vorgezogen haben, aber diese hätte man zu fern herholen müssen.

Der Karren, ein vollendeter Stuhl, bespannt mit einem kräftigen Auvergnaten, erhielt Befehl, die Frau Gräfin nach der Place Royale zu führen, wo unter den südlichen Arcaden in dem alten Erdgeschoß eines verlassenen Hotels Meister Fingret, Tapezierer und Decorateur, wohnte, bei dem ältere und neuere Möbel zum Verkauf und zur Vermiethung wohlfeil zu finden waren.

Der Auvergnat karrte seine Kundin rasch von der Rue Saint-Claude nach der Place Royale.

Zehn Minuten nach ihrem Abgang gelangte die Gräfin in die Magazine von Meister Fingret, wo wir sie sogleich in Bewunderung und Auswahl begriffen in einer Art von Pandämonium finden, das wir zu skizziren suchen wollen.

Man stelle sich fünfzig Fuß lange und ungefähr dreißig Fuß breite Remisen mit einer Höhe von siebenzehn Fuß vor; an den Wänden allerlei Tapeten aus den Zeiten Heinrichs IV. und Ludwigs XIII., an den durch die Menge der aufgehängten Gegenstände verborgenen Decken Kronleuchter mit Girandolen, die an ausgestopfte Eidechsen, Kirchenlampen und fliegende Fische anstoßen.

Auf dem Boden aufgehäufte Teppiche und Matten, Möbel mit gedrehten Säulen, mit vierkantigen Füßen, geschnitzte Schenktische von Eichenholz, Wandtische nach der Mode Ludwigs XV. mit vergoldeten Pfoten, Sophas mit rosa Damast oder Utrechter Sammet überzogen, Ruhebetten, große lederne Lehnstühle, wie Sully sie liebte, Schränke von Ebenholz mit Füllungen in Relief und messingenen Stäbchen, Tische von Boule mit Blättern von Schmelz oder Porzellan, Triktrake, Putztische mit vollständiger Ausrüstung, Commoden mit eingelegter Arbeit von Instrumenten oder Blumen.

Lagerstätten von Rosen- oder Eichenholz mit Eckenden oder Baldachin-Vorhängen von allen Formen, von allen Dessins, von allen Stoffen sich verhalfternd, sich vermengend, sich verwählend oder sich zerstoßend in den Halbschatten der Remise.

Claviere, Spinette, Harfen, ägyptische Klappern auf einem Tischchen; der Hund Marlborough ausgestopft und mit Augen von Schmelz.

Sodann Weißzeug von allen Qualitäten: Damenkleider neben Sammetröcken hängend, Degengriffe von Stahl, von Silber, von Perlmutter.

Hohe Leuchter, Portraits von Ahnherren und Ahnfrauen, Bilder Grau in Grau, eingerahmte Stiche, und alle die Nachahmungen von Vernet, wie sie damals in der Mode, von jenem Vernet, zu dem die Königin so anmuthreich und so fein sagte:

»Entschieden, Herr Vernet, sind Sie der einzige Mann in Frankreich, der den Regen und das Wetter machen kann.«




XIV.

Meister Fingret


Das Alles ist es, was die Augen und folglich die Einbildungskraft der wenig Begüterten in den Magazinen des Meisters Fingret auf der Place Royale verführte.

Lauter Waaren, die nicht ganz neu waren, wie es der Schild redlich sagte, die aber vereinigt einander Werth gaben und am Ende eine viel beträchtlichere Gesammtsumme darstellten, als die hochmüthigsten Schacherer verlangt haben würden.

Frau von La Mothe bemerkte erst, als sie zur Betrachtung aller dieser Reichthümer zugelassen war, was ihr in der Rue Saint-Claude fehlte.

Es fehlte ihr ein Salon, um Sophas, Fauteuils und Bergères zu enthalten.

Ein Speisezimmer, um Schränke, Etagèren und Anrichtetisch aufzunehmen.

Ein Boudoir für die Zitzvorhänge, die Nipptische und die Feuerschirme.

Was ihr, wenn sie Salon, Speisezimmer und Boudoir hatte, noch fehlte, das war das Geld, um die Möbel zu bekommen, die sie in diese neue Wohnung stellen sollte.

Doch mit den Tapezierern von Paris ist jederzeit leicht eine Uebereinkunft zu treffen gewesen, und wir haben nie sagen hören, eine hübsche junge Frau sei auf der Schwelle einer Thüre gestorben, die sie sich nicht habe öffnen lassen können.

In Paris miethet man, was man nicht kauft, und die Möbelvermiether sind es, die das Sprüchwort: »Sehen ist haben,« in Umlauf brachten.

In der Hoffnung auf eine mögliche Miethe warf Frau von La Mothe, nachdem sie Maße genommen, ihr Auge auf ein Möbel von goldgelber Seide, das ihr beim ersten Anblick gefiel.

Um Alles zu ordnen, müßte man den dritten Stock, bestehend aus einem Vorzimmer, einem Speisezimmer, einem kleinen Salon und einem Schlafzimmer miethen.

So daß man im dritten Stock die Almosen der Cardinäle und im vierten die der Unterstützungsanstalten in Empfang nehmen würde, das heißt im Luxus die der Leute, welche Wohlthätigkeit aus Prahlerei üben, in der Armuth die Geschenke der mit Vorurtheilen Behafteten, die nicht gerne denjenigen geben, für welche der Empfang kein Bedürfniß ist.

Nachdem die Gräfin so ihren Entschluß gefaßt, wandte sie ihre Augen nach der dunklen Seite der Remise, nämlich nach derjenigen, wo sich die Reichthümer am glänzendsten boten, nach der Seite der Krystalle, der Goldrahmen, der Spiegel.

Sie sah hier, mit ungeduldiger Miene und etwas unverschämtem Lächeln, mit der Mütze in der Hand, einen Pariser Bürgersmann, der auf den an einander gedrückten Nägeln seiner beiden Zeigefinger einen Schlüssel herumschnellen ließ.

Dieser würdige Aufseher der Gelegenheitswaaren war kein Anderer, als Herr Fingret, dem seine Commis den Besuch einer schönen Dame gemeldet hatten.

Man konnte im Hofe dieselben Commis sehen, kurz und eng in Bure und Camelot gekleidet, ihre kleinen Waden in etwas grellen Strümpfen. Sie waren beschäftigt, mit den älteren Möbeln die minder alten zu restauriren, oder besser gesagt, Sophas, Lehnstühle und antike Polster zu plündern und das Roßhaar und die Federn herauszuziehen, die zum Ausstopfen ihrer Nachfolger dienen sollten.

Der Eine krämpelte das Roßhaar, vermengte es großmüthig mit Werg und stopfte ein neues Geräthe damit voll.

Der Andere bauchte gute Fauteuils.

Der Dritte bügelte mit aromatischen Wassern gereinigte Stoffe aus.

Und mit diesen alten Ingredienzien richtete man die so schönen Möbel zurecht, welche Frau von La Mothe in diesem Augenblick bewunderte.

Da Herr Fingret bemerkte, daß seine Kundin die Operationen seiner Commis sehen und die Gelegenheit in einem minder günstigen Lichte anschauen konnte, als es für seine Interessen ersprießlich war, so schloß er eine Glasthüre, die nach dem Hofe ging, aus Furcht, wie er sagte, der Staub könnte blendend sein für Madame…

Bei diesem »Madame« hielt er inne.

Es war dieß eine Frage.

»Die Frau Gräfin von La Mothe Valois,« erwiderte Jeanne nachläßig.

Bei diesem wohlklingenden Titel sah man nun Herrn Fingret seine Finger lösen, den Schlüssel in die Tasche stecken und sich der Gräfin nähern.

»Oh!« sprach er, »es ist nichts hier, was für Madame taugt. Ich habe Neues, Schönes, Prächtiges! Die Frau Gräfin darf nicht denken, weil es auf der Place Royale ist, habe das Haus von Meister Fingret nicht eben so schöne Möbel als der Tapezierer des Königs. Wollen Sie gefälligst dieß Alles lassen, Madame, und sehen wir im andern Magazin nach.«

Jeanne erröthete.

Alles, was sie hier gesehen, kam ihr sehr schön vor, so schön, daß sie nicht einmal hoffen durfte, es kaufen zu können.

Ohne Zweifel geschmeichelt, daß sie von Herrn Fingret so gut beurtheilt wurde, konnte sie sich der Furcht nicht erwehren, er beurtheile sie zu gut.

Sie verwünschte ihren Stolz und bereute, daß sie sich nicht als einfache Bürgersfrau angekündigt hatte.

Doch aus jeder schlimmen Lage zieht sich ein gewandter Geist mit Vortheil heraus.

»Nichts Neues, mein Herr,« sagte sie, »ich will nichts Neues haben.«

»Madame will ohne Zweifel eine Wohnung für Freunde möbliren?«

»Ganz richtig, eine Wohnung für Freunde, und Sie begreifen, daß für eine solche Wohnung…«

»Vortrefflich, Madame wähle,« erwiderte Fingret, schlau wie ein Handelsmann von Paris, welcher seine Eitelkeit nicht darein setzt, daß er eher Altes als Neues verkauft, wenn er aus dem Einen so viel gewinnen kann, als aus dem Andern.

»Dieses kleine goldfarbige Möbel zum Beispiel?« fragte die Gräfin.

»Oh! das ist unbedeutend, es hat nur zehn Stücke.«

»Das Zimmer ist mittelmäßig,« entgegnete die Gräfin.

»Das Möbel ist ganz neu, wie Madame sehen kann.«

»Nun, und eine Gelegenheitswaare?«

»Allerdings,« versetzte Herr Fingret lachend; »doch so wie es ist, ist es achthundert Livres werth.«

Dieser Preis machte die Gräfin beben; wie, sollte sie gestehen, die Erben der Valois begnüge sich mit einem Gelegenheitsmöbel, könne aber die achthundert Livres nicht bezahlen?

Sie entschloß sich zu einer schlechten Laune und rief:

»Es ist nicht vom Kaufen die Rede, mein Herr. Woraus entnehmen Sie, ich wolle dergleichen alten Kram kaufen? Es handelt sich nur um ein Miethen und dabei…«

Fingret machte ein saures Gesicht, denn unmerklich verlor seine Kundin an ihrem Werthe. Es handelte sich nicht mehr um den Verkauf eines neuen Möbels, oder nur eines Gelegenheitsmöbels, sondern bloß um eine Miethe.

»Sie wünschen dieses ganze goldgelbe Möbel zu miethen,« sagte er, »für ein Jahr etwa?«

»Nein, für einen Monat. Ich habe Jemand aus der Provinz zu möbliren.«

»Das macht hundert Livres im Monat,« sagte Meister Fingret.

»Sie scherzen, mein Herr, denn bei dieser Rechnung würde mein Möbel nach Ablauf von acht Monaten mir gehören.«

»Einverstanden, Frau Gräfin.«

»Nun und dann?«

»Wenn es Ihnen gehörte, würde es nicht mehr mir gehören, und folglich hätte ich mich nicht um die Auffrischung und Wiederherstellung zu bekümmern, lauter Dinge, welche Geld kosten.«

Frau von La Mothe dachte nach.

»Hundert Livres,« sagte sie zu sich selbst, »das ist viel; doch man muß die Sache mit Vernunft betrachten: entweder wird das in einem Monat zu theuer sein und dann gebe ich dem Tapezierer die Möbel zurück und lasse ihm eine große Meinung, oder ich kann in einem Monat ein neues Möbel bestellen. Ich gedachte fünf- bis sechshundert Livres aufzuwenden, machen wir die Sache großartig; geben wir hundert Thaler aus.«

»Ich behalte dieses goldfarbige Möbel für einen Salon mit allen ähnlichen Vorhängen,« sprach sie laut.

»Gut, Madame.«

»Und die Teppiche?«

»Hier sind sie.«

»Was werden Sie für ein anderes Zimmer geben?«

»Diese grünen Stühle ohne Lehne, diesen Schrank von Eichenholz, diesen Tisch mit gedrehten Füßen, diese grünen Damastvorhänge.«

»Gut; und für ein Schlafzimmer?«

»Ein breites, schönes Bett, vortreffliches Bettzeug, eine Bettdecke von Sammet, rosa und mit Silber gestickt, blaue Vorhänge, eine etwas gothische, aber reich vergoldete Kamingarnitur.«

»Toilette?«

»Mit Spitzen von Mecheln. Schauen Sie selbst, Madame. Commode von äußerst zarter, eingelegter Arbeit, ein ähnliches Nähtischchen, Sopha mit Stickerei, ebenso die Stühle, eleganter Kamin, kommt aus dem Schlafzimmer der Frau von Pompadour in Choisy.«

»Dieß Alles um welchen Preis?«

»Für einen Monat?«

»Ja.«

»Vierhundert Livres.«

»Ah! Herr Fingret, ich bitte, halten Sie mich nicht für eine Grisette. Man blendet Leute meines Standes nicht mit Lappen. Wollen Sie gefälligst bedenken, daß vierhundert Livres monatlich viertausend achthundert Livres im Jahr ausmachen, und daß ich um diesen Preis ein ganz möblirtes Hotel bekäme.«

Meister Fingret kratzte sich hinter dem Ohr.

»Sie verleiden mir die Place Royale,« fuhr die Gräfin fort.

»Das brächte mich in Verzweiflung.«

»Beweisen Sie es mir. Ich will für dieses ganze Mobiliar nur hundert Thaler geben.«

Jeanne sprach diese letzten Worte mit so viel würdevoller Hoheit, daß der Handelsmann abermals an die Zukunft dachte.

»Es sei, Madame,« sagte er.

»Und zwar unter einer Bedingung.«

»Und welcher, Madame?«

»Daß dieß Alles heute Nachmittag um drei Uhr nach der Wohnung, die ich Ihnen bezeichnen werde, gebracht und in dieser geordnet ist.«

»Es ist zehn Uhr, Madame, bedenken Sie wohl, es schlägt eben zehn Uhr.«

»Ja oder nein.«

»Wohin soll es kommen?«

»Nach der Rue Saint-Claude, im Marais.«

»Gut, gut.«

Der Tapezierer öffnete die Hofthüre und rief: »Sylvain! Lanbry! Rémy!«

Drei von seinen Gehilfen eilten herbei, entzückt, einen Vorwand zu haben, um ihre Arbeit zu unterbrechen, einen Vorwand, um die schöne Dame zu sehen.

»Die Tragbahren, meine Herren, die Handwagen.«

»Rémy, Sie packen das goldgelbe Möbel auf; Sylvain, das Vorzimmer in den Wagen, während Sie, der Sie sehr pünktlich sind, das Schlafzimmer zu besorgen haben.«

»Setzen wir die Rechnung auf und ich unterzeichne den Empfang, Madame, wenn es Ihnen genehm ist.«

»Hier sind sechs Doppellouis und ein einfacher Louisd'or! geben Sie mir heraus.«

»Hier sind zwei Sechs-Livres-Thaler, Madame.«

»Von denen ich einen diesen Herren schenke, wenn das Geschäft beendigt ist.«

Nach diesen Worten reichte sie dem Tapezierer ihre Adresse und kehrte zu dem Schubkarren zurück, auf dem sie gekommen war.

Eine Stunde später hatte sie die Wohnung im dritten Stock gemiethet, und es waren noch nicht zwei Stunden vergangen, als schon der Salon, das Vorzimmer und das Schlafzimmer gleichzeitig möblirt wurden.

Der Sechs-Livres-Thaler war von den Herren Laudry, Rémy und Sylvain in zehn Minuten verdient.

Nachdem die Wohnung so verwandelt war, nachdem man die Fensterscheiben gereinigt und die Kamine mit Feuer versehen hatte, begab sich Jeanne an ihre Toilette; sie weidete sich an dem Glück, auf einem guten Teppich zu wandeln, an der warmen Atmosphäre, die von den wattirten Wänden zurückströmte, sie athmete mit Entzücken den Duft einiger Lackviolen ein, welche freudig ihren Stengel in japanesischen Vasen, ihren Kopf in dem lauen Dunst des Zimmers badeten.

Meister Fingret hatte die goldenen Arme nicht vergessen, welche die Kerzen tragen, und auf den beiden Seiten der Spiegel waren die Lichter mit Glasgirandolen angebracht, die unter dem Feuer der Wachslichter in allen Farben des Regenbogens spielen.

Feuer, Blumen, Kerzen, duftende Rosen, Alles wandte Jeanne zur Verschönerung des Paradieses an, das sie für Seine Exzellenz bestimmte.

Sie war sogar dafür besorgt, daß die Thüre des Schlafzimmers, mit absichtlicher Koketterie halb geöffnet, ein schönes, sanftes, rothes Feuer blicken ließ, in dessen Reflexen die Füße des Fauteuils, das Bettgestell und die Feuerböcke der Frau von Pompadour, Köpfe von Chimären, worauf der reizende Fuß der Marquise geruht, glänzten.

Darauf beschränkte sich die Coketterie von Jeanne nicht.

Wenn das Feuer das Innere dieses Zimmers hervorhob, wenn die Wohlgerüche die Frau verriethen, so verrieth die Frau eine Abstammung, eine Schönheit, einen Geist, einen Geschmack, würdig einer Eminenz.

Jeanne behandelte ihre Toilette mit einer Sorgfalt, über die Herr von La Mothe, ihr abwesender Gatte, Rechenschaft von ihr verlangt hätte. Die Frau war würdig der Wohnung und des von Meister Fingret gemietheten Mobiliars.

Nachdem sie ein nur leichtes Mahl eingenommen, um ihre ganze Geistesgegenwart zu besitzen und ihre elegante Blässe zu bewahren, begrub sich Jeanne in einen großen Fauteuil beim Feuer in ihrem Schlafzimmer.

Ein Buch in der Hand, einen Pantoffel auf einem Tabouret, wartete sie, zugleich auf das Picken der Unruhe ihrer Pendeluhr und das entfernte Geräusch der Wagen horchend, welche selten die Ruhe der Einöde des Marais störten.

Sie wartete, die Glocke schlug neun Uhr, zehn Uhr, elf Uhr; Niemand kam, Niemand im Wagen, Niemand zu Fuß.

Elf Uhr! das ist doch die Stunde der galanten Prälaten, die ihren Wohlthätigkeitssinn bei einem Souper im Faubourg geschärft haben und, da sie nur zwanzigmal ihre Räder drehen zu lassen brauchen, sich Beifall spenden, daß sie um einen so wohlfeilen Preis menschenfreundlich und religiös sind.

Es schlug mit düsteren Tönen Mitternacht bei den Filles du Calvaire.

Weder Prälat noch Wagen, die Kerzen fingen an zu erbleichen, einige überströmten in durchsichtigen Lachen ihre Schalen von vergoldetem Kupfer.

Unter Seufzern wieder angefacht, hatte sich das Feuer in Kohlenglut und dann in Asche verwandelt. Es herrschte eine africanische Hitze in den zwei Zimmern.

Die alte Dienerin, die sich aufgeputzt hatte, brummte und beklagte ihre Haube mit den anspruchsvollen Bändern, deren Knoten, die sich mit ihrem Kopfe beugten, wenn sie vor ihrer Kerze im Vorzimmer entschlief, nicht unberührt, sei es von den Beleckungen der Flamme, sei es von den Angriffen des flüssigen Wachses, wieder in die Höhe kamen.

Um halb ein Uhr stand Jeanne ganz wüthend von ihrem Lehnstuhle auf, den sie mehr als hundertmal am Abend verlassen hatte, um das Fenster zu öffnen und ihre Blicke in die Tiefen der Straßen zu tauchen.

Das Quartier war ruhig, wie vor der Erschaffung der Welt.

Sie ließ sich entkleiden, schlug das Abendbrod aus und entließ die Alte, deren Fragen ihr lästig zu werden anfingen.

Und allein, inmitten ihrer seidenen Tapeten, unter ihren schönen Vorhängen, in ihrem vortrefflichen Bett, schlief sie nicht besser, als am Tage vorher, denn am vorhergehenden Tage war ihre Sorglosigkeit glücklicher, sie entsprang aus der Hoffnung.

Doch indem sie sich dem schlimmen Geschick entgegen wandte, indem sie sich gegen dasselbe anstemmte, fand Jeanne eine Entschuldigung für den Cardinal.

Einmal die, daß der Kardinal Großalmosenier sei, daß er tausend Geschäfte habe, welche beunruhigend und folglich viel wichtiger seien als irgend ein Besuch in der Rue Saint-Claude.

Dann eine andere Entschuldigung:

Er kennt die kleine Gräfin von Valois nicht, eine sehr tröstliche Entschuldigung für Jeanne. Oh! gewiß, sie würde sich nicht getröstet haben, hätte Herr von Rohan sein Wort nach einem ersten Besuche gebrochen.

Dieser Grund, den Jeanne sich selbst angab, bedurfte eines Beweises, um ganz gut zu erscheinen.

Jeanne vermochte sich nicht zu bezwingen; sie sprang ganz weiß in ihrem Nachtgewande aus dem Bett, zündete die Kerzen an der Nachtlampe an und betrachtete sich lange im Spiegel.

Nach der Prüfung lächelte sie, blies die Lichter aus und legte sich wieder zu Bette.

Die Entschuldigung war gut.




XV.

Der Cardinal von Rohan


Ohne sich entmuthigen zu lassen, begann Jeanne am andern Tage wieder die Wohnungstoilette und die Frauentoilette.

Der Spiegel hatte sie belehrt, Herr von Rohan würde kommen, hätte er nur ein wenig von ihr sprechen hören.

Es schlug sieben Uhr und das Feuer des Salons brannte in seiner ganzen Pracht, als ein Wagen den Abhang der Rue Saint-Claude herabrollte.

Jeanne hatte noch nicht Zeit gehabt, sich an das Fenster zu stellen und ungeduldig zu werden.

Aus dem Wagen stieg ein Mann in weitem Ueberrock; sobald die Hausthüre wieder hinter diesem Mann geschlossen war, fuhr der Wagen in eine benachbarte Gasse, um die Rückkehr des Gebieters zu erwarten.

Bald ertönte die Klingel, und das Herz der Frau von La Mothe schlug so gewaltig, daß man es hätte hören können.

Aber Jeanne schämte sich, daß sie einer unvernünftigen Gemüthsbewegung nachgab, befahl ihrem Herzen Stillschweigen und legte so gut als möglich eine Stickerei auf dem Tisch, eine neue Composition auf dem Clavier, eine Zeitung auf der Ecke des Kamins zurecht.

Nach einigen Secunden meldete Clotilde der Frau Gräfin:

»Die Person, welche vorgestern geschrieben.«

»Laßt sie eintreten,« erwiderte Jeanne.

Ein leichter Tritt, krachende Schuhe, ein schöner Mann in Sammet und Seide gekleidet, den Kopf hochtragend und in diesem kleinen Gemach dem Anschein nach mehr als zehn Fuß hoch, dieß war es, was Jeanne wahrnahm, als sie sich zum Empfang erhob.

Das von der Person beobachtete Incognito hatte sie unangenehm berührt.

Sie beschloß auch den ganzen Vortheil einer Frau, welche überlegt hat, zu benützen, und fragte mit einer Verbeugung nicht eines Schützlings, sondern einer Beschützerin:

»Mit wem habe ich die Ehre zu sprechen?«

Der Prinz schaute die Thüre des Salons an, vor welcher die Alte verschwunden war, und antwortete:

»Ich bin der Cardinal von Rohan.«

Was Frau von La Mothe, die sich den Anschein gab, als erröthete sie und als würde sie ganz verwirrt vor lauter Demuth, mit einer Verneigung erwiderte, wie man sie nur vor den Königen macht.

Dann rückte sie ein Fauteuil vor, und statt sich auf einen Sessel zu setzen, wie die Etikette es verlangt hätte, nahm sie in dem großen Lehnstuhl Platz.

Als der Cardinal sah, daß man sich's bequem machen konnte, legte er seinen Hut auf den Tisch, schaute Jeanne, die ihn ebenfalls anschaute, in's Gesicht und sagte:

»Es ist also wahr, Mademoiselle…«

»Madame,« unterbrach ihn Jeanne.

»Verzeihen Sie … Ich vergaß … Es ist also wahr, Madame.«

»Mein Mann nennt sich Graf von La Mothe, Monseigneur.«

»Richtig, richtig, Gendarme des Königs oder der Königin.«

»Ja, Monseigneur.«

»Und Sie, Madame, Sie sind eine geborene Valois?«

»Valois, ja, Monseigneur.«

»Ein großer Name,« sprach der Cardinal, die Beine kreuzend, »ein seltener, erloschener Name.«

Jeanne errieth den Zweifel des Kardinals.

»Erloschen,« sagte sie, »nein, Monseigneur, da ich ihn führe und einen Bruder habe, der Baron Valois ist.«

»Anerkannt?«

»Es bedarf keiner Anerkennung, Monseigneur; mag mein Bruder reich oder arm sein, er wird darum nicht minder das sein, als was er geboren ist, Baron von Valois.«

»Madame, ich bitte, erzählen Sie mir ein wenig diese Erbschaft. Sie interessiren mich, ich liebe die Wappenkunst.«

Jeanne erzählte einfach, nachlässig, was der Leser schon weiß.

Der Cardinal horchte und schaute.

Er gab sich nicht die Mühe, seine Eindrücke zu verbergen. Wozu? er glaubte weder an das Verdienst noch an den Stand von Jeanne; er sah sie hübsch, arm; er schaute, das war genug.

Jeanne, welche Alles bemerkte, errieth den schlimmen Gedanken des zukünftigen Protectors.

»Somit sind Sie wirklich unglücklich gewesen?« sagte Herr von Rohan mit gleichgültigem Wesen.

»Ich beklage mich nicht, Monseigneur.«

»Man hat mir in der That die Schwierigkeiten Ihrer Lage bedeutend übertrieben.«

Er schaute umher.

»Diese Wohnung ist bequem, angenehm möblirt.«

»Für eine Grisette allerdings,« entgegnete Jeanne hart und ungeduldig, das Treffen zu beginnen; »ja, Monseigneur.«

Der Cardinal machte eine Bewegung.

»Wie?« sagte er, »Sie nennen diese Einrichtung eine Grisetteneinrichtung?«

»Monseigneur,« erwiderte sie, »ich glaube nicht, daß Sie dieses Mobiliar eine Prinzessinneneinrichtung nennen können.«

»Und Sie sind Prinzessin,« sagte er mit einer von jenen unmerklichen Ironien, welche nur die ausgezeichneten Geister oder die Leute von sehr hohem Geschlecht ohne entschiedene Unverschämtheit mit ihrer Sprache zu vermischen das Geheimniß besitzen.

»Ich bin als eine Valois geboren, wie Sie als ein Rohan, das ist Alles, was ich weiß,« sagte sie.

Diese Worte sprach sie mit so sanfter Majestät des Unglücks, das sich empört, mit so viel Majestät des Weibes, das sich verkannt fühlt, sie waren zugleich so harmonisch und so würdig, daß der Fürst nicht dadurch verletzt, der Mensch aber bewegt wurde.

»Madame,« sagte er, »ich vergaß, daß mein erstes Wort eine Entschuldigung hätte sein sollen. Ich schrieb Ihnen gestern, ich würde hieher kommen, doch ich hatte in Versailles beim Empfang von Herrn Suffren zu thun und mußte auf das Vergnügen, Sie zu sehen, verzichten.«

»Monseigneur erweist mir noch zu viel Ehre, daß er heute an mich gedacht hat, und der Herr Graf von La Mothe, mein Gatte, wird noch lebhafter die Verbannung beklagen, in der ihn die Noth hält, da ihn diese Verbannung hindert, sich eines so erhabenen Besuches zu erfreuen.«

Das Wort Gatte erregte die Aufmerksamkeit des Cardinals.

»Sie leben allein, Madame?« sagte er.

»Ganz allein, Monseigneur.«

»Das ist schön von Seiten einer jungen und hübschen Frau.«

»Das ist einfach, Monseigneur, von Seiten einer Frau, die in jeder andern Gesellschaft, als in der, von welcher ihre Armuth sie entfernt, nicht an ihrem Platze wäre.«

Der Cardinal schwieg.

»Es scheint,« sagte er nach einer Pause, »es scheint, die Genealogen ziehen Ihre Abstammung nicht in Zweifel?«

»Wozu dient mir das?« erwiderte Jeanne mit verächtlichem Tone, während sie mit einer reizenden Geberde die kleinen, rund gekräuselten, gepuderten Haarlocken von ihren Schläfen aufhob.

Der Cardinal rückte sein Fauteuil näher hinzu, als wollte er mit seinen Füßen das Feuer erreichen.

»Madame,« sagte er, »ich möchte gern wissen, wozu ich Ihnen nützlich sein könnte.«

»Zu nichts, Monseigneur.«

»Wie, zu nichts?«

»Eure Eminenz überhäuft mich mit Ehre.«

»Sprechen wir offenherziger.«

»Ich vermöchte nicht offenherziger zu sein, als ich es bin, Monseigneur.«

»Sie beklagten sich so eben,« sagte der Cardinal umherschauend, als wollte er Jeanne daran erinnern, daß sie ihr Mobiliar eine Grisetteneinrichtung genannt habe.

»Ja, es ist wahr, ich beklagte mich.«

»Nun, also. Madame…«

»Nun, Monseigneur, ich sehe, daß mir Eure Eminenz ein Almosen spenden will, nicht wahr?«

»Oh! Madame…«

»Nichts Anderes. Almosen habe ich empfangen, werde aber nicht ferner empfangen.«

»Was soll dieß bedeuten?«

»Monseigneur, ich bin seit einiger Zeit genug gedemüthigt; es ist mir nicht mehr möglich zu widerstehen.«

»Madame, Sie irren sich. Im Unglück ist man nicht entehrt…«

»Selbst mit dem Namen, den ich führe? sagen Sie, würden Sie betteln, Herr von Rohan?«

»Ich spreche nicht von mir,« erwiderte der Cardinal in einer gewissen, mit Stolz gemischten Verlegenheit.

»Monseigneur, ich kenne nur zwei Arten, Almosen zu verlangen: im Wagen oder an einer Kirchenthüre; mit Gold und Sammet oder in Lumpen. Wohl denn! vor Kurzem erwartete ich nicht die Ehre Ihres Besuches; ich glaubte mich vergessen.«

»Ah! Sie wußten also, daß ich es war, der geschrieben?«

»Habe ich nicht Ihr Wappen auf dem Siegel des Briefes gesehen, womit Sie mich beehrten?«

»Sie stellten sich jedoch, als erkennten Sie mich nicht.«

»Weil Sie mir nicht die Ehre erwiesen, sich melden zu lassen.«

»Wohl! dieser Stolz gefällt mir,« sprach lebhaft der Cardinal, indem er mit wohlgefälliger Aufmerksamkeit die feurigen Augen und die hoffärtige Physiognomie von Jeanne anschaute.

»Ich sagte also,« fuhr diese fort, »ich sagte, ich habe, ehe ich Sie gesehen, den Entschluß gefaßt, den elenden Mantel, der meine Armuth verschleiert, der die Nacktheit meines Namens bedeckt, liegen zu lassen und in Lumpen, wie jede christliche Bettlerin, um mein Brod nicht den Stolz, sondern die Menschenliebe der Vorübergehenden anzuflehen.«

»Ihre Mittel sind hoffentlich noch nicht erschöpft?«

Jeanne antwortete nicht.

»Sie haben irgend ein Gut, und wäre es auch mit Hypotheken belastet; Familienschmuck? Dieses zum Beispiel.«

Er deutete auf eine Büchse, mit der die weißen und zarten Finger der jungen Frau spielten.

»Dieses?« sagte sie.

»Eine originelle Büchse, bei meinem Wort. Erlauben Sie?«

»Ah! ein Porträt.«

Er nahm sie.

Alsbald machte er eine Bewegung des Erstaunens.

»Sie kennen das Original dieses Porträts?« fragte Jeanne.

»Es ist Maria Theresia.«

»Maria Theresia?«

»Ja, die Kaiserin von Oestreich.«

»Wahrhaftig!« rief Jeanne. »Sie glauben, Monseigneur?«

Der Cardinal schaute noch einmal die Büchse an und fragte dann:

»Woher haben Sie das?«

»Von einer Dame, die vorgestern hier war.«

»Bei Ihnen?«

»Bei mir.«

»Von einer Dame…«

Der Cardinal betrachtete die Büchse mit neuer Aufmerksamkeit.

»Ich irre mich, Monseigneur,« sagte die Gräfin, »es waren zwei Damen.«

»Und eine von den zwei Damen hat Ihnen diese Büchse gegeben?« fragte der Cardinal mißtrauisch.

»Nein, sie hat sie mir nicht gegeben.«

»Wie kommt sie dann in Ihre Hände?«

»Sie hat sie bei mir vergessen.«

Der Cardinal versank dermaßen in Gedanken, daß die Gräfin von Valois darüber besorgt wurde und dachte, sie thue wohl daran, auf ihrer Hut zu sein.

Dann erhob der Cardinal das Haupt, schaute die Gräfin aufmerksam an und sagte:

»Und wie heißt diese Dame? Nicht wahr, Sie verzeihen mir, daß ich diese Frage an Sie richte? ich schäme mich dessen und komme mir vor wie ein Richter.«

»Monseigneur, die Frage ist in der That seltsam.«

»Indiscret vielleicht; aber seltsam…«

»Seltsam, ich wiederhole es. Wenn ich die Dame kennte, welche die Bonbonniere hier hat liegen lassen…«

»Nun!«

»So hätte ich sie ihr schon zurückgeschickt. Ohne Zweifel ist ihr daran gelegen, und ich möchte nicht gern ihren freundlichen Besuch durch eine Unruhe von achtundvierzig Stunden belohnen.«

»Ah! Sie kennen sie nicht…«

»Nein, ich weiß nur, daß es die Superiorin einer Stiftung zu guten Werken ist.«

»Von hier?«

»Von Versailles.«

»Von Versailles … die Superiorin einer Wohlthätigkeitsanstalt…«

»Monseigneur, ich empfange Frauen, die Frauen demüthigen eine arme Frau nicht, indem sie ihr Unterstützung bringen, und diese Dame, die durch menschenfreundliche Mittheilungen über meine Lage in Kenntniß gesetzt war, legte hundert Louisd'or auf mein Kamin, als sie mich besuchte.«

»Hundert Louisd'or!« sagte der Cardinal mit Erstaunen; dann, als er sah, er könnte die Empfindlichkeit von Jeanne verletzen, denn diese machte wirklich eine Bewegung, fügte er bei:

»Verzeihen Sie, Madame, ich wundere mich nicht, daß man Ihnen diese Summe gegeben hat. Sie verdienen im Gegentheil alle Fürsorge wohlthätiger Leute, und Ihre Geburt macht es für sie zum Gesetz, Ihnen nützlich zu sein. Nur der Titel: Dame vom guten Werke, setzte mich in Erstaunen; die Damen vom guten Werke pflegen kleinere Almosen zu spenden. Könnten Sie mir nicht das Porträt dieser Dame geben, Gräfin?«

»Das ist schwierig, Monseigneur,« erwiderte Jeanne, um die Neugierde des Kardinals zu stacheln.

»Wie, schwierig, da sie hier gewesen ist?«

»Allerdings. Die Dame, welche ohne Zweifel nicht erkannt sein wollte, verbarg ihr Gesicht in einer ziemlich weiten Kaputze; überdieß war sie in Pelze gehüllt. Doch…«

Die Gräfin gab sich das Ansehen, als besinne sie sich.

»Doch…« wiederholte der Cardinal. – »Doch glaubte ich zu sehen … Ich behaupte nicht, Monseigneur.« – »Was glaubten Sie zu sehen?« – »Blaue Augen.« – »Der Mund?« – »Klein, obgleich die Lippen ein wenig dick, besonders die Unterlippe.« – »Von hohem oder mittlerem Wuchs?« – »Von mittlerem Wuchs.« – »Die Hände?« – »Vollkommen.« – »Der Hals?« – »Lang und dünn.« – »Die Physiognomie?« – »Streng und edel.« – »Der Accent?« – »Etwas gehemmt. Doch, Sie kennen vielleicht diese Dame, Monseigneur?«

»Wie sollte ich sie kennen, Frau Gräfin?« fragte lebhaft der Prälat.

»Nach der Art, wie Sie mich befragen, Monseigneur, oder sogar durch die Sympathie, welche alle Arbeiter guter Werke für einander hegen.«

»Nein, Madame, nein, ich kenne sie nicht.«

»Wenn Sie jedoch irgend eine Vermuthung hätten?«

»In welcher Hinsicht?«

»Etwa eine Vermuthung, die Ihnen dieses Porträt einflößte?«

»Ah!« erwiderte rasch der Cardinal, der befürchtete, er habe zu viel errathen lassen, »ja, allerdings, dieses Porträt…«

»Nun, dieses Porträt, Monseigneur?«

»Nun! es kommt mir immer vor, als wäre dieses Porträt…?«

»Nicht wahr, das der Kaiserin Maria Theresia?«

»Ich glaube, ja.«

»Somit denken Sie…«

»Ich denke, daß Sie den Besuch von irgend einer deutschen Dame empfangen haben, einer von denjenigen etwa, welche eine Unterstützungsanstalt gegründet…«

»In Versailles?«

»In Versailles, ja, Madame.«

Der Cardinal schwieg hierauf.

Doch man sah klar, daß er noch zweifelte, und daß die Gegenwart der Büchse im Hause der Gräfin sein ganzes Mißtrauen wieder erweckt hatte.

Nur war das, was Jeanne nicht völlig unterschied, was sie vergebens zu erklären suchte, der Grund des Gedankens des Kardinals, ein sichtbar für sie unvortheilhafter Gedanke, der in nichts Geringerem bestand, als darin, daß er sie im Verdacht hatte, sie wolle ihm durch äußern Schein eine Falle stellen.

Man konnte wirklich erfahren haben, welches Interesse der Cardinal an den Angelegenheiten der Königin nahm; es war dieß ein Hofgerücht, das entfernt nicht im Zustand eines Halbgeheimnisses geblieben, und wir haben sogar angeführt, wie sehr gewisse Feinde sich Mühe gaben, die Erbitterung zwischen der Königin und ihrem Großalmosenier zu unterhalten.

Dieses Porträt von Maria Theresia, diese Büchse, deren sie sich gewöhnlich bediente – der Cardinal hatte sie hundertmal in ihren Händen gesehen – wie fand sich das in den Händen der Bettlerin Jeanne?

War die Königin wirklich selbst in diese armselige Wohnung gekommen?

Und wenn sie gekommen, war sie Jeanne unbekannt geblieben? aus welchem Grunde verheimlichte sie die Ehre, die ihr zu Theil geworden?

Der Prälat zweifelte.

Er zweifelte schon am Tage vorher. Der Name Valois hatte ihn auf seiner Hut zu sein gelehrt, und nun handelte es sich nicht mehr um eine arme Frau, sondern um eine von einer Königin, die ihre Wohlthaten persönlich brachte, unterstützte Prinzessin.

War Marie Antoinette auf diese Weise mildthätig?

Während der Cardinal so zweifelte, fühlte sich Jeanne die ihn nicht aus dem Blicke verlor, und der keines von den Gefühlen des Prinzen entging, auf der Folter. Für die mit einem Hintergedanken belasteten Gewissen ist der Zweifel derjenigen, die man gern mit der reinen Wahrheit überzeugen möchte, ein wirkliches Märtyrthum.

Das Stillschweigen war für Beide peinlich. Der Cardinal brach es durch eine neue Frage.

»Und die Dame, die Ihre Wohlthäterin begleitete, haben Sie dieselbe bemerkt? Können Sie mir sagen, wie sie aussah?«

»Oh! diese habe ich genau gesehen,« antwortete die Gräfin; »sie ist groß und schön, hat ein entschlossenes Gesicht, einen herrlichen Teint, reiche Formen.«

»Und die andere Dame hat sie nicht genannt?«

»Doch, einmal, bei ihrem Taufnamen.«

»Und ihr Taufname heißt?«

»Andrée.«

»Andrée!« rief der Cardinal. Und er bebte.

Diese Bewegung entging der Gräfin La Mothe so wenig, als die andern.

Der Cardinal wußte nun, woran er sich zu halten hatte, der Name Andrée benahm ihm alle Zweifel.

Man wußte in der That, daß die Königin zwei Tage vorher mit Fräulein von Taverney in Paris gewesen. Eine gewisse Geschichte von einer Verzögerung, von einem geschlossenen Thor, von einem ehelichen Streit zwischen dem König und der Königin war in Versailles in Umlauf gekommen.

Der Cardinal athmete.

Es fand sich weder eine Falle noch ein Complott in der Rue Saint-Claude. Frau von La Mothe kam ihm schön und rein vor, wie der Engel der Unschuld.

Man mußte jedoch eine letzte Probe machen. Der Prinz war Diplomat.

»Gräfin,« sagte er, »ich muß gestehen, Eines wundert mich ganz besonders.«

»Was, Monseigneur?«

»Daß Sie sich mit Ihrem Namen und Ihren Titeln nicht an den König gewendet haben.«

»An den König?«

»Ja.«

»Monseigneur, ich habe zwanzig Eingaben, zwanzig Bittschriften an den König abgeschickt.«

»Ohne Erfolg?«

»Ohne Erfolg.«

»In Ermangelung des Königs würden alle Prinzen des Königlichen Hauses Ihre Reclamationen angenommen haben. Der Herr Herzog von Orléans zum Beispiel ist mildthätig, und dann liebt er es oft, das zu thun, was der König nicht thut.«

»Ich habe bei Seiner Hoheit dem Herzog von Orléans ansuchen lassen, doch vergebens.«

»Vergebens! Das setzt mich in Erstaunen.«

»Warum? Ist man nicht reich oder wird man nicht empfohlen, so geht jedes Gesuch im Vorzimmer der Fürsten verloren.«

»Da ist noch Monseigneur, bei Graf von Artois. Die verschwenderischen Leute verrichten zuweilen bessere Handlungen, als die wohlthätigen Leute.«

»Es war bei Monseigneur dem Grafen von Artois wie bei Seiner Hoheit dem Herzog von Orléans, wie bei Seiner Majestät dem König von Frankreich.«

»Doch Mesdames, die Tanten des Königs? Oh! Gräfin, diese mußten Ihnen, wenn mich nicht Alles täuscht, günstig antworten.«

»Nein, Monseigneur.«

»Oh! ich kann nicht glauben, daß Madame Elisabeth, die Schwester des Königs, ein unempfindliches Herz gehabt hat.«

»Es ist wahr, auf meine Bitte hat Ihre Königlich Hoheit mir versprochen, mich zu empfangen, doch ich weiß nicht, wie es gekommen ist, nachdem sie meinen Mann empfangen hatte, wollte sie, wie dringend ich auch bat, Nichts mehr von sich hören lassen.«

»Das ist in der That seltsam,« sagte der Cardinal.

Dann rief er plötzlich und als tauchte dieser Gedanke erst in diesem Augenblick in seinem Geiste auf:

»Aber, mein Gott! wir vergessen…«

»Was?«

»Die Person, an die Sie sich vor Allem hätten wenden müssen.«

»An wen hätte ich mich wenden müssen?«

»An die Gnadenspenderin, an diejenige, welche nie eine verdiente Unterstützung versagt hat, an die Königin.«

»An die Königin?«

»Ja, an die Königin. Haben Sie sie gesehen?«

»Nie,« antwortete Jeanne mit vollkommener Einfachheit.

»Wie, Sie haben der Königin kein Gesuch überreicht?«

»Nie.«

»Sie haben nicht von Ihrer Majestät eine Audienz zu erlangen gesucht?«

»Ich habe mich bemüht, doch ist es mir nicht gelungen.«

»Sie haben es wenigstens versucht, sich ihr auf den Weg zu stellen, um bemerkt und an den Hof berufen zu werden. Das war ein Mittel.«

»Nein, wahrhaftig, ich bin in meinem Leben nur zweimal in Versailles gewesen, und habe nur zwei Personen dort gesehen, den Herrn Doctor Louis, der meinen unglücklichen Vater im Hotel Dieu behandelt hatte, und den Herrn Baron von Taverney, dem ich empfohlen war.«

»Und was hat Ihnen Herr von Taverney gesagt? Er war vollkommen im Stande, Ihnen Zugang zu der Königin zu verschaffen.«

»Er hat mir gesagt, ich sei sehr ungeschickt.«

»Warum?«

»Daß ich als einen Anspruch auf das Wohlwollen des Königs eine Verwandtschaft geltend mache, welche natürlich Seiner Majestät widrig sein müsse, da ein armer Verwandter nie gefalle.«

»Das ist der selbstsüchtige, brutale Baron,« sagte der Prinz.

Dann überlegt er sich wieder den Besuch Andrée's bei der Gräfin und dachte:

»Es ist seltsam, der Vater weist die Bittstellerin zurück, und die Königin führt die Tochter zu ihr. In der That, aus diesem Widerspruch muß etwas hervorgehen.«

»So wahr ich ein Edelmann bin,« sprach er dann, »ich bin ganz erstaunt, daß ich sagen höre, eine Bittstellerin, eine Frau vom ersten Adel, habe weder den König noch die Königin gesehen.«

»Höchstens gemalt,« sagte Jeanne lächelnd.

»Wohl denn,« rief der Cardinal, dießmal überzeugt von der Unwissenheit und Aufrichtigkeit der Gräfin, »ich werde Sie, wenn es sein muß, selbst nach Versailles führen und die Thüren für Sie öffnen lassen.«

»Oh! Monseigneur, welche Güte!« rief die Gräfin im höchsten Grad erfreut.

Der Cardinal näherte sich ihr und sprach:

»Gräfin, binnen Kurzem muß sich nothwendig alle Welt für Sie interessiren.«

»Ach! Monseigneur,« sagte Jeanne mit einem anbetungswürdigen Seufzer, »glauben Sie das aufrichtig?«

»Oh! ich bin davon überzeugt.«

»Ich glaube, Sie schmeicheln mir,« sagte Jeanne.

Und dabei schaute sie ihn fest an.

Diese plötzliche Veränderung mußte mit Recht die Gräfin in Erstaunen setzen, die der Cardinal zehn Minuten vorher mit einer ächt prinzlichen Vornehmheit behandelt hatte.

Wie der Pfeil eines Bogenschützen abgeschossen, traf Jeanne's Blick den Cardinal in sein Herz oder in seine Sinnlichkeit. Er enthielt das Feuer des Ehrgeizes oder des Verlangens; aber es war Feuer.

Herr von Rohan, der sich auf die Frauen verstand, mußte sich zugestehen, er habe wenige so verführerische gesehen.

»Ah! Bei meiner Treue,« sagte er zu sich selbst mit dem ewigen Hintergedanken der durch die Diplomatie erzogenen Hofleute, »ah! bei meiner Treue, es wäre ein zu außerordentlicher oder zu glücklicher Fall, wenn ich zugleich eine ehrliche Frau, die das Aussehen einer Verschmitzten hat, und im Elend eine allmächtige Beschützerin fände.«

»Monseigneur,« unterbrach ihn die Sirene, »Sie beobachten bisweilen ein Stillschweigen, das mich beunruhigt; verzeihen Sie mir, daß ich es Ihnen sage.«

»Wie soll ich das verstehen, Gräfin?« fragte der Cardinal.

»Monseigneur, ein Mann, wie Sie, verfehlt sich gegen die Höflichkeit nur bei zwei Arten von Frauen.«

»Oh! mein Gott, was wollen Sie mir sagen, Gräfin? Bei meinem Wort, Sie erschrecken mich.«

Er nahm sie bei der Hand.

»Ja,« sprach die Gräfin, »bei zwei Arten von Frauen, ich habe es gesagt und wiederhole es.«

»Lassen Sie hören, bei welchen?«

»Bei Frauen, die man zu sehr liebt, und bei Frauen, die man nicht genug schätzt.«

»Gräfin, Gräfin, Sie machen mich erröthen. Ich hätte der Höflichkeit gegen Sie ermangelt?«

»Gewiß.«

»Sagen Sie das nicht, es wäre entsetzlich.«

»Wahrhaftig, Monseigneur, denn Sie können mich nicht zu sehr lieben, und ich habe Ihnen, bis jetzt wenigstens, nicht das Recht gegeben, mich zu wenig zu schätzen.«

Der Cardinal nahm Jeanne's Hand und erwiederte:

»Oh! Gräfin. Sie sprechen in der That, als wären Sie gegen mich aufgebracht.«

»Nein, Monseigneur, denn Sie haben meinen Zorn noch nicht verdient.«

»Und ich werde ihn nie verdienen, Madame, von diesem Tage an, wo ich das Vergnügen gehabt habe, Sie zu sehen und Sie kennen zu lernen.«

»Oh! mein Spiegel, mein Spiegel!« dachte Jeanne.

»Und von diesem Tage an wird meine teilnehmende Sorge Sie nicht mehr verlassen.«

»Oh! Monseigneur, genug, genug,« sagte die Gräfin, die ihre Hand nicht aus den Händen des Cardinals zurückgezogen hatte.

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Sprechen Sie mir nicht von Ihrer Protection.«

»Gott verhüte, daß ich je das Wort Protection ausspreche. Oh! Madame, nicht Sie würde es demüthigen, sondern mich.«

»Dann nehmen wir Eines an, Herr Cardinal, was mir unendlich schmeicheln würde.«

»Wenn dem so ist, so nehmen wir das Eine an.«

»Nehmen wir an, Sie haben Frau von La Mothe Valois einen Höflichkeitsbesuch gemacht. Nicht wahr?«

»Natürlich nichts Geringeres als das,« erwiderte der galante Cardinal.

Und er hob Jeanne's Finger an seine Lippen und drückte einen ziemlich langen Kuß darauf.

Die Gräfin zog ihre Hand zurück.

»Oh! Höflichkeit,« sagte der Cardinal mit dem feinsten Geschmack und dem größten Ernst.

Jeanne gab ihre Hand zurück, die der Cardinal dießmal ganz ehrfurchtsvoll küßte.

»O! so ist es sehr gut, Monseigneur.«

Der Cardinal verbeugte sich; die Gräfin aber fuhr fort:

»Wenn ich wüßte, daß ich einen ob auch noch so geringen Theil an dem so erhabenen und so sehr in Anspruch genommenen Geiste eines Mannes, wie Sie sind, besäße, oh! ich schwöre Ihnen, das könnte mich ein Jahr trösten.«

»Ein Jahr! Das ist sehr kurz … hoffen wir mehr, Gräfin.«

»Nun! ich sage nicht nein, Herr Cardinal,« erwiderte sie lächelnd.

Herr Cardinal ganz kurz war eine Vertraulichkeit, deren sich Frau von La Mothe zum zweiten Male schuldig machte. Reizbar in seinem Stolz, hätte sich der Cardinal darüber wundern können, aber die Dinge hatten einen Grad erreicht, daß er sich nicht nur nicht darüber wunderte, sondern sogar damit, wie mit einer Gunst, zufrieden war.

»Oh! Vertrauen,« rief er, während er noch näher auf sie zurückte. »Das ist gut, das ist gut.«

»Ja, ich habe Vertrauen. Monseigneur, denn ich fühle in Eurer Eminenz…«

»Sie sagten vorhin Herr, Gräfin.«

»Sie müssen mir verzeihen, Monseigneur, ich kenne den Hof nicht. Ich sage also, ich habe Vertrauen, weil Sie im Stande sind, einen abenteuerlichen, muthigen Geist, wie der meinige, und ein ganz reines Herz zu begreifen. Trotz der Prüfungen der Armuth, trotz der Kämpfe, welche niedrige Feinde gegen mich gekämpft haben, wird Eure Eminenz in mir, das heißt in meinem Gespräche, zu nehmen wissen, was Ihrer würdig ist. Im Uebrigen wird mir Eure Eminenz Nachsicht gewähren.«

»Somit sind wir Freunde, Madame. Das ist unterzeichnet, beschworen.«

»Mir ist es ganz lieb.«

Der Cardinal stand auf und ging auf Frau von La Mothe zu; da er aber die Arme für einen einfachen Schwur ein wenig zu weit offen hatte, so wich ihm die Gräfin leicht und geschmeidig aus.

»Freundschaft zu Drei,« sagte sie mit einem unnachahmlichen Ausdruck von Spott und Unschuld.

»Wie, Freundschaft zu Drei?« fragte der Cardinal.

»Allerdings, gibt es nicht in der Welt einen armen Gendarmen, einen Verbannten, den man den Grafen von La Mothe nennt?«

»Oh! Gräfin, welch ein beklagenswerthes Gedächtniß besitzen Sie!«

»Ich muß wohl von ihm sprechen, da Sie nicht von ihm sprechen.«

»Wissen Sie, warum ich nicht von ihm spreche?«

»Sagen Sie es mir.«

»Weil er immerhin selbst genug sprechen wird; glauben Sie mir, die Ehemänner vergessen sich nie.«

»Und wenn er von sich spricht?«

»Dann wird man von Ihnen, man wird von uns sprechen.«

»Wie so?«

»Man wird Zum Beispiel sagen, der Herr Graf von La Mothe habe es gut oder habe es schlecht gefunden, daß der Herr Cardinal von Rohan drei-, vier- oder fünfmal in der Woche Frau von La Mothe in der Rue Saint-Claude besuche.«

»Aber werden Sie mir so viel sagen, Herr Cardinal, drei-, vier- oder fünfmal in der Woche?«

»Wo wäre dann die Freundschaft, Gräfin? Ich sagte fünfmal und irrte mich. Sechs- oder siebenmal mußte ich sagen, die Schalttage nicht gerechnet.«

Jeanne lachte.

Der Cardinal bemerkte, daß sie zum ersten Mal seinen Scherzen die Ehre erwies, und fühlte sich auch dadurch geschmeichelt.

»Werden Sie es verhindern, daß man spricht?« sagte sie. »Sie wissen wohl, daß dieß unmöglich ist.« – »Ja,« erwiderte er. – »Und wie?« – »Ah! das ist eine ganz einfache Sache; mit Recht oder mit Unrecht kennt mich das Volk von Paris.« – »Oh! gewiß, und zwar mit Recht, Monseigneur.« – »Aber Sie ist es so unglücklich nicht zu kennen.« – »Nun!« – »Stellen wir die Frage anders.« – »Stellen Sie sie, das heißt…« – »Wie Sie wollen. Wenn Sie zum Beispiel…« – »Vollenden Sie.« – »Wenn Sie ausgingen, statt daß Sie mich ausgehen machten.« – »Ich soll in Ihr Hotel gehen, Monseigneur?« – »Sie gingen wohl zu einem Minister.« – »Ein Minister ist kein Mann, Monseigneur.« – »Sie sind anbetungswürdig. Nun wohl! es handelt sich nicht um mein Hotel, ich habe ein Haus.« – »Ein kleines Haus[5 - Mit petit maison, kleines Haus, bezeichnete man in Paris ein Haus, wie es die vornehmen Herren in abgelegenen Quartieren für ihre geheimen Liebschaften besaßen.], drücken wir uns deutlich aus.« – »Nein, ein Haus, das Ihnen gehört.« – »Oh!« rief die Gräfin, »ein Haus, das mir gehört. Und wie dieß? Ich wußte nichts von diesem Haus.«

Der Cardinal, der sich wieder gesetzt hatte, stand auf.

»Morgen früh um zehn Uhr werden Sie die Adresse davon erhalten.«

Die Gräfin erröthete, der Cardinal nahm artig ihre Hand.

Und dießmal war der Kuß zugleich ehrerbietig, zärtlich und kühn.

Beide grüßten sich sodann mit dem Reste von lächelnder Ceremonie, welche eine nahe bevorstehende Vertraulichkeit bezeichnet.

»Leuchten Sie Monseigneur,« rief die Gräfin.

Die Alte kam und leuchtete.

Der Prälat ging hinaus.

»Mir scheint, ich habe da einen großen Schritt in der Welt vorwärts gemacht,« dachte Jeanne.

»Ah! ah!« dachte der Cardinal, während er in seinen Wagen stieg, »ich habe ein doppeltes Geschäft gemacht. Diese Frau besitzt zu viel Geist, um nicht die Königin einzunehmen, wie sie mich eingenommen hat.«




XVI.

Mesmer und Saint-Martin


Es gab eine Zeit, wo Paris ganz geschäftslos und voll Muße in Leidenschaft für Fragen glühte, welche in unsern Tagen das Monopol der Reichen sind, die man die Unnützen, und der Gelehrten, die man die Faullenzer nennt.

Im Jahre 1782, das heißt in der Zeit, zu der wir gelangt sind, war die Modefrage, die Frage, die obenauf schwamm, die in der Luft schwebte, die in allen ein wenig erhabenen Köpfen festhielt, wie die Dünste an den Bergen, der Mesmerismus, eine mystische Wissenschaft, schlecht definirt durch ihre Erfinder, die, da sie das Bedürfniß nicht fühlten, eine Entdeckung schon bei ihrer Geburt volksthümlich zu machen, diese den Namen eines Mannes, das heißt, einen aristokratischen Titel annehmen ließen, statt eines von den aus dem Griechischen geschöpften wissenschaftlichen Namen, mit deren Hilfe die schamhafte Bescheidenheit der modernen Gelehrten heut zu Tage jedes scientivische Element verallgemeinert.

Wozu sollte es in der That im Jahre 1784 nützen, eine Wissenschaft zu democratisiren? Das Volk, das seit mehr als anderthalb Jahrhunderten von denen, die es regierten, nicht zu Rathe gezogen worden war, zählte es für Etwas im Staat? nein: das Volk war die fruchtbare Erde, die da einbrachte, es war die reiche Ernte, die man schnitt, der Herr der Erde aber war der König, und die Schnitter waren der Adel.

Heute hat sich Alles geändert: Frankreich gleicht einer uralten Sanduhr; neunhundert Jahre hat sie die Stunde des Königthums angegeben; die mächtige Hand des Herrn hat sie umgedreht; Jahrhunderte hindurch wird sie die Aera des Volks bezeichnen.

Im Jahre 1784 war also der Name eines Mannes eine Empfehlung. Heute würde im Gegentheil der höhere Werth einem von Dingen herrührenden Manne zuerkannt werden.

Doch lassen wir heute, um den Blick auf gestern zu werfen. Was ist bei der Rechnung der Ewigkeit diese Entfernung von einem halben Jahrhundert? nicht einmal so groß wie die zwischen dem gestrigen Tage und dem morgigen bestehende.

Der Doctor Mesmer war in Paris, wie Marie Antoinette selbst, da sie den König um Erlaubniß bat, ihm einen Besuch zu machen, uns mitgetheilt hat. Man erlaube uns also, ein paar Worte über Doctor Mesmer zu sagen, dessen Name, heute nur noch im Gedächtniß einer kleinen Anzahl von Adepten, in der Zeit, die wir zu schildern versuchen, in Aller Mund war.

Der Doctor Mesmer hatte im Jahre 1777 aus Deutschland, diesem Land der nebeligen Träume, eine ganz von Wolken und Blitzen angeschwollene Wissenschaft gebracht. Beim Schimmer dieser Blitze sah der Gelehrte nichts, als die Wolken, die über seinem Kopfe ein düsteres Gewölbe bildeten; der große Haufen sah nur die Blitze.

Mesmer war in Deutschland zuerst mit einer These über den Einfluß der Planeten aufgetreten. Er hatte zu begründen gesucht, die Himmelskörper üben mittelst der Kraft, die ihre gegenseitige Anziehung hervorbringt, einen Einfluß auf die belebten Körper und besonders auf das Nervensystem durch die Vermittelung eines zarten Fluidums aus, welches das ganze Weltall erfülle. Diese erste Theorie war aber sehr abstract. Um sie zu begreifen, mußte man in die Wissenschaft eines Galilei und Newton eingeweiht sein. Es war eine Mischung von großen astronomischen Wahrheiten mit den astrologischen Träumereien, die, wie gesagt, nicht volksthümlich, sondern nur aristocratisch werden konnte. Denn hiezu hätte sich die Adelskörperschaft in eine gelehrte Gesellschaft verwandeln müssen. Mesmer gab daher dieses System auf, um sich in das der Magnete zu werfen.

Die Magnete wurden in jener Zeit stark studirt; ihre sympathetischen oder antipathetischen Eigenschaften verliehen den Mineralien ein Leben beinahe dem menschlichen ähnlich, indem sie ihnen die zwei großen Leidenschaften des menschlichen Lebens, die Liebe und den Haß, gaben. Demzufolge schrieb man den Magneten erstaunliche Kräfte, Heilung der Krankheiten zu. Mesmer verband die Wirksamkeit der Magnete mit seinem ersten System und versuchte zu sehen, was er aus dieser Zufügung ziehen könnte.

Zu seinem Unglück fand Mesmer, als er nach Wien kam, einen Nebenbuhler, der sich schon festgestellt hatte. Dieser Nebenbuhler hieß Hall und behauptete, Mesmer habe ihm sein Verfahren gestohlen. Sobald dieß Mesmer sah, erklärte er, als ein Mann von Phantasie, er gebe die Magnete als unnütz auf und werde nicht mehr mit dem mineralischen Magnetismus, sondern mit dem animalischen heilen.

Dieses Wort, als ein neues ausgesprochen, bezeichnete indessen keine neue Entdeckung; den Alten bekannt, bei den ägyptischen Einweihungen und dem griechischen Pythismus angewendet, hatte sich der Magnetismus im Mittelalter im Zustand der Überlieferung erhalten; einige gesammelte Fetzen von dieser Wissenschaft hatten die Hexenmeister des dreizehnten, vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts gebildet; Viele, die man verbrannte, bekannten sich mitten in den Flammen zu der seltsamen Religion, deren Märtyrer sie waren.

Urbain Grandier war nichts Anderes als ein Magnetiseur.

Mesmer hörte von den Wundern dieser Wissenschaft sprechen.

Joseph Balsamo, der Held eines unserer Bücher, hatte eine Spur von seinem Durchzug in Deutschland und besonders in Straßburg zurückgelassen. Mesmer forschte nach dieser Wissenschaft, welche so zerstreut und flatternd war, wie jene Irrlichter, die des Nachts über die Teiche hinlaufen; er machte eine vollständige Theorie, ein gleichförmiges System daraus, dem er den Namen Mesmerismus gab.

Zu diesem Punkte gelangt, theilte Mesmer sein System der Academie der Wissenschaften von Paris, der königlichen Gesellschaft von London und der Academie von Berlin mit; die zwei ersten antworteten nicht einmal, die dritte sagte, er sei ein Narr.

Mesmer erinnerte sich des griechischen Philosophen, der die Bewegung leugnete und den sein Gegner dadurch, daß er ging, in Verwirrung brachte. Er kam nach Frankreich, nahm aus den Händen des Doctors Storck und des berühmten Augenarztes Wenzel ein Mädchen von siebenzehn Jahren, das mit einer Leberkrankheit und mit dem schwarzen Staar behaftet war, und nach einer Behandlung von drei Monaten war die Kranke geheilt, sah die Blinde hell.

Diese Kur hatte viele Leute überzeugt, und unter andern einen Arzt Namens Deslon: aus einem Feinde wurde nun ein Apostel.

Von diesem Augenblick an nahm Mesmers Ruf immer mehr zu; die Academie hatte sich gegen den Neuerer erklärt, der Hof erklärte sich für ihn: es wurden Unterhandlungen vom Ministerium angeknüpft, um Mesmer zu veranlassen, die Menschheit durch Veröffentlichung seiner Lehre zu bereichern. Der Doctor machte seinen Preis; Herr von Breteuil bot ihm im Namen des Königs eine Leibrente von zwanzigtausend Livres und eine Besoldung von zehntausend, um drei von der Regierung bezeichnete Personen zur Ausübung seines Verfahrens heranzubilden. Aber entrüstet über die königliche Sparsamkeit schlug Mesmer das aus und reiste mit einigen seiner Kranken nach den Heilquellen von Spaa ab.

Eine unerwartete Katastrophe bedrohte Mesmer, Deslon, sein Schüler, Deslon, der Besitzer des großen Geheimnisses, das Mesmer um dreißigtausend Livres jährlich zu verkaufen sich geweigert hatte, Deslon eröffnete in seinem Hause eine öffentliche Behandlung durch die Mesmer'sche Methode.

Mesmer erfuhr diese schmerzliche Kunde; er schrie über Diebstahl, Verrath, Betrug; er glaubte ein Narr zu werden. Da hatte einer seiner Kranken, Herr von Bergasse, den glücklichen Einfall, mit der Wissenschaft des ausgezeichneten Professors eine Commandite zu errichten; es wurde ein Ausschuß von hundert Personen mit einem Capital von dreimalhundert und vierzigtausend Livres unter der Bedingung gebildet, daß er seine Lehren den Actionären enthülle. Mesmer machte sich zu dieser Enthüllung anheischig, nahm das Capital in Empfang und kehrte nach Paris zurück.

Die Stunde war günstig. Es gibt Augenblicke im Alter der Völker, diejenigen, welche die Epoche der Verwandlung berühren, wo die ganze Nation wie vor einem unbekannten Hindernisse stehen bleibt, zögert und den Abgrund fühlt, an dessen Rand sie gelangt ist, den sie erräth, ohne ihn zu sehen.

Frankreich befand sich in einem dieser Augenblicke; es bot den Anblick einer Gesellschaft, deren Geist bewegt ist; man war gleichsam in einem scheinbaren Glück erstarrt, dessen Ende man nur dunkel erschaut, wie man, am Saume eines Waldes anlangend, die Ebene durch die Zwischenräume der Bäume erräth. Diese Ruhe, welche nichts Beständiges, nichts Rechtes hatte, ermüdete; man suchte überall Aufregungen, und die Neuigkeiten, wie sie auch beschaffen sein mochten, wurden gut aufgenommen. Man war zu frivol, um sich, wie früher, mit ernsten Fragen der Regierung und des Molinismus zu beschäftigen. Aber man stritt sich über die Musik, man nahm Partei für Gluck oder für Piccini, man passionirte sich für die Musik, man entflammte für die Denkwürdigkeiten von Beaumarchais.

Die Erscheinung einer neuen Oper nahm mehr Phantasien in Anspruch, als der Friedensvertrag mit England und die Anerkennung der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten. Kurz, es war eine jener Perioden, wo die Geister durch die Philosophen zum Wahren, das heißt zur Entzauberung hingeführt, der Durchsichtigkeit des Möglichen müde werden, die den Grund jeder Sache erscheinen läßt und durch einen Schritt vorwärts die Grenzen der wirklichen Welt zu überschreiten sucht, um in die Welt der Träume und Fictionen einzutreten.

In der That, wenn es bewiesen ist, daß die sehr klaren, sehr durchsichtigen Wahrheiten die einzigen sind, die sich schnell volkstümlich machen, so ist es nicht minder bewiesen, daß die Mysterien eine allmächtige Anziehungskraft auf das Volk ausüben.

Das französische Volk wurde daher auf eine unwiderstehliche Weise durch das seltsame Geheimniß des Mesmerischen Fluidums hingerissen, das nach der Behauptung der Aerzte den Kranken Gesundheit, den Narren Geist und den Weisen Narrheit verlieh.

Ueberall bekümmerte man sich um Mesmer. Was hatte er gethan? an wem hatte er seine göttlichen Wunder verrichtet? welchem vornehmen Mann hatte er das Gesicht und die Kraft wieder gegeben? welcher von einer durchwachten Nacht oder vom Spiel ermatteten Dame hatte er die Nerven wieder geschmeidig gemacht? welches Mädchen hatte er die Zukunft in einer magnetischen Crise vorhersehen lassen?

Die Zukunft! dieses große Wort aller Zeiten, dieses große Interesse aller Geister, die Lösung aller Probleme. Was war denn die Gegenwart?

Ein Königthum ohne Strahlen, ein Adel ohne Gewicht, ein Land ohne Handel, ein Volk ohne Rechte, eine Gesellschaft ohne Vertrauen.

Von der auf ihrem Throne besorgten und vereinzelten königlichen Familie an bis zu der in ihrer Dachkammer ausgehungerten Plebejerfamilie Armuth, Schmach, Angst.

Andere zu vergessen; um nur an sich zu denken; aus neuen, fremden, unbekannten Quellen die Sicherheit eines längeren Lebens und einer während dieser Daseinsverlängerung unstörbaren Gesundheit zu schöpfen; dem geizigen Himmel etwas zu entreißen, war das nicht der Gegenstand eines leicht begreiflichen Anstrebens zu dem Unbekannten, von dem Mesmer eine Falte enthüllte?

Voltaire war todt, und es fand sich in Frankreich kein einziges lautes Gelächter mehr, das Lachen von Beaumarchais ausgenommen, das noch bitterer war als das des Meisters. Rousseau war todt; es gab in Frankreich keine religiöse Philosophie mehr. Rousseau wollte Gott aufrecht halten; seitdem aber Rousseau nicht mehr lebte, mochte es Niemand wagen, um nicht unter der Last erdrückt zu werden.

Der Krieg war früher eine ernste Beschäftigung für die Franzosen gewesen. Die Könige unterhielten auf ihre Rechnung den nationalen Heldenmuth; nun war der einzige französische Krieg ein amerikanischer Krieg, um den sich überdieß der König persönlich nicht bekümmerte. Schlug man sich denn nicht wirklich für die unbekannte Sache, welche die Americaner Unabhängigkeit nennen, ein Wort, das die Franzosen durch eine Abstraktion mit Freiheit übersetzen?

Dabei hatte dieser entfernte Krieg, dieser Krieg nicht nur eines andern Volks, sondern einer andern Welt, sein Ende erreicht.

War es, Alles wohl erwogen, nicht besser, sich mit Mesmer, diesem deutschen Arzt, zu beschäftigen, der zum zweiten Mal seit sechs Jahren Frankreich in Leidenschaft versetzte, als mit Lord Cornwallis oder mit Herrn Washington, die so weit entfernt waren, daß man wahrscheinlich niemals den Einen oder den Andern zu sehen bekam?

Indeß man Mesmer, der anwesend war, sehen, berühren und, was der höchste Ehrgeiz von drei Vierteln von Paris war, von ihm berührt werden konnte.

Dieser Mann also, der bei seiner Ankunft von Niemand, nicht einmal von der Königin, seiner Landsmännin, unterstützt worden war, während er sogar die Leute seiner Heimath unterstützte, dieser Mann, der ohne den Doctor Deslon, welcher ihn seitdem verrathen, in der Dunkelheit geblieben wäre, beherrschte wahrhaft die öffentliche Meinung und ließ den König, von dem man nie gesprochen, Herrn von Lafayette, von dem man noch nicht sprach, und Herrn von Necker, von dem man nicht mehr sprach, weit hinter sich.

Und als hätte dieses Jahrhundert sich's zur Aufgabe gemacht, jedem Geist nach seiner Fähigkeit, jedem Herzen nach seiner Sympathie, jedem Körper nach seinen Bedürfnissen zu geben, erhob sich Mesmer, dem Mann des Materialismus, gegenüber Saint-Martin, der Mann des Spiritualismus, dessen Lehre alle Seelen getröstet hatte, welche die Positivität des deutschen Doctors verwundete.

Man denke sich den Atheisten mit einer Religion, milder als die Religion selbst; man denke sich einen Republicaner voll von Artigkeiten und Rücksichten gegen die Könige, einen Edelmann liberal und zärtlich gegen das Volk; man denke sich den dreifachen Angriff dieses mit der logischsten, verführerischsten Beredtsamkeit begabten Mannes gegen die Culte der Erde, die er wahnsinnig nennt, einzig und allein aus dem Grunde, weil sie göttlich sind.

Man denke sich endlich Epikur weiß gepudert, in gesticktem Frack, in einer Weste mit Flittern, in Atlasbeinkleidern, mit seidenen Strümpfen und rothen Absätzen; Epikur nicht mit dem Sturze der Götter zufrieden, an die er nicht glaubt, sondern die Regierungen erschütternd, die er wie die Culte behandelt, weil sie nie übereinstimmen und beinahe immer nur auf das Unglück der Menschen auslaufen; gegen das Gesellschaftliche Gesetz wirkend, das er mit dem einzigen Worte: »es bestraft auf gleiche Weise ungleiche Vergehen, es bestraft die Wirkung, ohne die Ursache zu würdigen,« entkräftet.

Man denke sich nun, dieser Versucher, der sich den Titel: »der unbekannte Philosoph« gibt, vereinige, um die Menschen in einen Kreis von verschiedenartigen Ideen zu bannen, alle Reize, welche die Einbildungskraft den Versprechungen eines moralischen Paradieses beizufügen vermag, und statt zu sagen, die Menschen seien sich gleich, was eine Albernheit ist, erfinde er folgende Formel, welche eben dem Munde, der sie läugnet, entsprungen zu sein scheint:



Alle verständige Menschen sind Könige.


Und dann gebe man sich Rechenschaft von einer solchen Moral, welche plötzlich mitten in eine Gesellschaft ohne Hoffnungen, ohne Führer fiel, in eine Gesellschaft, die ein mit Ideen, das heißt mit Klippen besäter Archipel war. Man erinnere sich, daß in jener Zeit die Frauen zärtlich und toll, die Männer gierig nach Macht, Ehrenstellen und Vergnügungen waren, daß die Könige die Krone hängen ließen, auf die sich zum ersten Mal, im Schatten verloren, ein zugleich neugieriger und drohender Blick heftete – wird man es dann noch wunderbar finden, daß sie Proselyten fand, diese Lehre, die zu den Seelen sprach:

»Wählt unter euch die erhabene Seele, aber die Seele, die erhaben ist durch die Liebe, durch die Leutseligkeit, durch den mächtigen Willen, sehr zu lieben, sehr glücklich zu machen. Hat sich dann diese Seele zum Menschen gemacht, geoffenbart, so beugt euch, vernichtet euch, alle ihr untergeordneten, niedrigen Seelen, um der Dictatur dieser Seele Raum zu lassen, deren Aufgabe es ist, euch wieder einzusetzen in euer wesentliches Princip, das heißt in die Gleichheit der Leiden im Schooße der gezwungenen Ungleichheit der Fähigkeiten und Verrichtungen.«

Dem füge man bei, daß sich der unbekannte Philosoph mit Mysterien umgab, daß er den Schatten wählte, um im Frieden fern von Spähern und Schmarotzern die große sociale Theorie zu erörtern, welche die Politik der Welt werden konnte.

»Höret mich,« sagte er, »getreue Seelen, gläubige Herzen, höret mich und suchet mich zu verstehen, oder vielmehr, höret mich nur, wenn ihr Interesse und Begierde habt, mich zu verstehen, denn es wird euch Anstrengung kosten, und ich gebe meine Geheimnisse denen nicht preis, die den Schleier nicht davon abreißen werden.

»Ich sage Dinge, die ich nicht zu sagen scheinen will, darum werde ich oft Anderes zu sagen scheinen, als ich sage.«

Und Saint-Martin hatte Recht, und er hatte wirklich um sein Werk die schweigsamen, düsteren, auf keine Ideen eifersüchtigen Vertheidiger, ein geheimnißvolles Coenaculum, dessen dunkle und religiöse Mysticität Niemand durchdrang.

So arbeiteten an der Verherrlichung sowohl der Seele als der Materie, während sie von der Vernichtung Gottes und der Vernichtung der Religion Christi träumten, diese zwei Männer, welche alle intelligenten, alle auserwählten Naturen Frankreichs in zwei Lager vertheilt hatten.

So gruppirten sich um den Bottich Mesmers, aus dem das Wohlergehen hervorsprang, das ganze Leben der Sinnlichkeit, der ganze elegante Materialismus dieser entarteten Nation, während sich um das Buch der Irrthümer und der Wahrheit die frommen, wohlthätigen, liebenden Seelen vereinigten, die, nachdem sie Chimären genossen, jetzt nach Wirklichkeit dürsteten.

Ob nun unter diesen privilegirten Sphären die Ideen divergirten oder in Verwirrung geriethen, ob die daraus entschlüpfenden Geräusche sich in Donner verwandelten, wie sich die Schimmer in Blitze verwandelt hatten, immerhin wird man den Zustand des Anflugs begreifen, in dem die subalterne Gesellschaft, das heißt, das Bürgerthum und das Volk, was man später den dritten Stand nannte, verblieb, dieser Stand, der nur errieth, daß man sich mit ihm beschäftigte, und der in seiner Ungeduld und in seiner Resignation vor Verlangen brannte, wie Prometheus das heilige Feuer zu stehlen und damit eine Welt zu beleben, welche die seinige wäre und worin er seine Angelegenheiten selbst handhaben würde.

Die Conspirationen im Zustand von Unterredungen, die Associationen im Zustand von gesellschaftlichen Kreisen, die socialen Parteien im Zustand von Quadrillen, nämlich der Bürgerkrieg und die Anarchie, das ist es, was unter dem Allem dem Denker erschien, der das zweite Leben dieser Gesellschaft noch nicht sah.

Ach! heute, da die Schleier zerrissen, heute, da die Völkerprometheuse zehnmal durch das Feuer, das sie selbst gestohlen, niedergeworfen worden sind, sagt uns, was der Denker in dem Ende dieses seltsamen achtzehnten Jahrhunderts sehen konnte, außer etwas dem Aehnliches, was nach Cäsars Tod und vor Augusts Throngelangung vorfiel.

Augustus war der Mann, der die heidnische Welt von der christlichen Welt trennte, wie Napoleon der Mann war, der die feudale Welt von der democratischen Welt trennte.

Vielleicht haben wir unsere Leser in eine Abschweifung geworfen und nachgezogen, die ihnen ein wenig lang vorkommen mußte, aber es wäre in der That schwierig gewesen, diese Epoche zu schildern, ohne mit der Feder die ernsten Fragen zu berühren, die das Fleisch und das Leben derselben sind.

Nun ist der Versuch gemacht, der Versuch eines Kindes, das mit seinem Nagel den Rost von einer antiken Statue abkratzen würde, um unter diesem Roste eine zu drei Vierteln verwischte Inschrift zu lesen.




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notes



1


Die Rechtsgelehrten.




2


Der Officier, der die letzten Nachrichten, die man von Lapérouse erhielt, überbrachte, war Herr von Lesseps, der einzige Mensch der Expedition, der Frankreich wiedersah.




3


		Königin, deren Schönheit ihre Reize noch übersteigt,
		nimm Deinen Platz hier bei einem wohlthätigen König ein.
		Ist dieses zerbrechliche Gebäude auch von Eis und von Schnee,
		so sind es doch unsere Herzen nicht für Dich.




4


Es ist hier zur Verdeutlichung zu bemerken, daß man in Frankreich in der freundlichen Umgangssprache Bruder und Schwester für Schwager und Schwägerin sagt. D. Uebers.




5


Mit petit maison, kleines Haus, bezeichnete man in Paris ein Haus, wie es die vornehmen Herren in abgelegenen Quartieren für ihre geheimen Liebschaften besaßen.


