Das Schatzhaus des Königs
Wilhelm Walloth




Wilhelm Walloth

Das Schatzhaus des Königs





Erster Teil





Erstes Kapitel


Die Wüste! Wie ein Leichenhemd bleicht sie im Westen. Leer, öde, wie der Tod, liegt sie dort; ihre gelblichweißen Sandkörner dürsten unter der sengenden Sonnenglut bis an den Himmel; bis dahin, wo sich sein schönes Blau in gelbroten Duft verwandelt, stößt die arme, menschenverlassene, löwenbewohnte Wüste. Dort weiter im Westen liegt die Oase Amun, wie ein verlorner Smaragd, grün, blühend, üppig. Aber im Osten blinkt der Nil durch goldene Ähren. Welcher Gegensatz. Hier Tod, da Leben. Hier Trauer, dort Freude; denn haarscharf grenzt an den Sand das Gras, unmittelbar an den Garten Ägyptens stößt die Wüste; nur so weit die Überschwemmung des Nils reicht, gedeiht das Land. Und welches Land! Dort die nackten Arbeiter auf der Pyramide, wenn sie erschöpft die Werkzeuge sinken lassen, erquicken sich oft an dem Anblick dieses Landstrichs, der sich mit seinen Auen, Ährenfeldern, Kanälen, Häfen, Tempeln und rötlichen Steingöttern vor ihnen ausbreitet; dicht an die Wellen des Flusses geschmiegt, wie der goldschimmernde Prachtmantel eines Königs. Es sind jüdische Arbeiter, verachtete Ebräer, die dort unter dem Geißelhieb ägyptischer Bauaufseher, vom Glutwind der Wüste angehaucht, im Schweiße ihres Angesichts dem König Ramses das Grabmal bauen. Der Bau naht seiner Vollendung; Stufe türmt sich auf Stufe; bis zur höchsten Spitze schwindeln die Treppen empor, dort aber soll die Kolossalstatue des Königs ihren Platz finden. Dies schwierige Werk auszuführen, ist man im Augenblick beschäftigt. Eine schiefe Ebene führt über die menschenwimmelnden Treppen empor bis zum Gipfel des Riesengrabes. Auf diesem schiefen Weg steht das Steinbildnis des Königs. Die Arme dicht am Leib, die Hände auf den Knien, starrt es mit feierlicher Ruhe die zahllosen Arbeiter an, die bemüht sind, an Walzen und Stricken das granitene Ungetüm in die Höhe zu rollen. Auf den Knien des Bildes steht ein Oberaufseher, mit den Händen den Rhythmus angebend, unter welchem die Männer zu ziehen haben; ein vor ihm stehender Gehilfe markiert den Takt durch aneinandergeschlagene Stäbe. Zur Seite wandeln Wasserträger, von welchen der vorderste den schiefen Weg übergießt, die Bahn glatt und kühl zu halten. So bewegt sich das Bild des Königs langsam seinem Bestimmungsort entgegen. Unten hält der König in eigner Person und schaut von seinem Streitwagen aus dem Werke zu. Er ist im Begriff sich mit dem kriegslustigen Volk der Chetas in einen Kampf einzulassen, aber bevor er sein Ägypten verläßt, will er sein Bild auf den Gipfel seines Grabes gehoben sehen. Des Königs Züge blicken ernst. Seine Umgebung teilt die ernste Stimmung, denn das Werk, das sie anstaunen, ist ebenso wichtig als dasjenige, das sie im Begriffe sind, zu unternehmen; beide kosten Menschenleben.

»Macht eine Pause,« befiehlt Ramses. »Laßt die Arbeiter einige Sekunden ruhen, reicht ihnen Wasser, laßt die Weiber Erfrischungen herbeitragen.«

Dies geschieht. Der Koloß wird inmitten seines Weges eingehalten, die Stricke werden befestigt, der Koloß liegt vor Anker. Auch die Peitsche der Aufseher ruht. Aller Augen ruhen auf dem König, der wortkarg sein Bild mustert, wie es dort verderbenbringend zwischen Himmel und Erde schwebt. Verderbenbringend! Denn das geringste Versehen, ein falscher Zug, ein falscher Takt kann das Steingewicht der Statue zermalmend herabschleudern, Tausenden den Tod bringend. Und welch unglückliche Vorbedeutung, wenn das Bild des Königs herniedersänke von seinem Sitz? Alle Zuschauer, selbst die arbeitenden Ebräer sind sich der Wichtigkeit des Moments bewußt; sie sprechen wenig, Winke und Andeutungen ersetzen jetzt die Worte. Überall Schweigen der Erwartung, nur auf einer der obersten Stufen hat sich ein lebhafter Wortwechsel entsponnen. Dort liegt ein alter, weißhaariger Jude, schweißtriefend auf den glühenden Steinen der Treppe, neben ihm kniet ein jüngerer Mann von dunkler Gesichtsfarbe und scheublickenden Augen, die verstohlen unter den Wimpern hervorblitzen.

»Vater,« flüstert die Stimme des jungen Mannes, »erhebe dich, der Aufseher bemerkt deine Ermattung. Du weißt, wir dürfen nicht ermüden, selbst das Alter nicht.«

»Mein Sohn Isaak –,« mehr vermag die trockne Zunge des Alten nicht hervorzustottern. Der Sohn reicht ihm einen Wasserkrug und netzt die welken Lippen des Vaters. Lächelnd streicht der Ermattete nun über die Hand des Jüngeren, in seinem Auge glüht Dankbarkeit.

»Nun aber raffe dich auf, Vater,« flüstert Isaak aufs neue, »willst du die Peitsche des elenden Ägypters kosten? Mache nicht, daß der Sohn sehen muß, wie der Rücken des Vaters blutet. Oh! mir kocht der Zorn im Herzen, wenn ich dich mißhandelt sehe.«

»Laß mich hier liegen, bekümmere dich nicht um mich, mein Sohn,« erwidert ihm der Erschöpfte. »Verbeiße deinen Grimm zwischen den Lippen, dein Zorn kann mir nichts helfen, du erschwerst nur dadurch unser Elend. Mich werden sie bald zum Leichnam gepeitscht haben, aber dir, Isaak, wird die Pflicht, dich zu schonen. Was soll deine Schwester Rebekka beginnen ohne dich? Tue, was dir die Vögte sagen, widersprich ihnen nicht – gib mir die Hand darauf, Isaak, daß du geduldig die Beschimpfungen tragen, dich nicht widersetzen willst, bis sich der Herr dein Gott, gelobt sei er, vielleicht später über dich erbarmt.«

Unwillig reichte der Jüngling dem Vater die Hand. Trotz lagerte sich in seinen Zügen, als aber der Vater bittend zu ihm empor sah, versuchte er zu lächeln.

»Nun sind es vierzig Jahre, daß ich den Ägyptern die Steine zu ihren Bauten fahre,« murmelte der alte Jude. »Wann wird Jehova, gelobt sei er, das Leiden seinem Kinder enden und es genug sein lassen der Qual? O armes Volk der Ebräer! Deine Weiber gebären Sklaven, deine Männer erziehen gekrümmte Nacken. Dein Blut dient den stolzen Unterdrückern zum Mörtel, deine Kraft baut ihnen unsterbliche Monumente, Aussatz und Verdummung erniedrigen dich, dein Stamm ist ein Rudel Hunde geworden. Wie waren wir angesehen, als Abraham einzog in dies Land und der Vater Josephs seine Herde weidete im Lande Gosen! Gott unserer Väter, hast du keine Helden mehr, die dein Volk erlösen?«

Bis hierher hatte der Alte vor sich hin gesprochen, als das Signal zum Weiterziehen des Kolosses ertönte. Die Aufseher riefen, ihre Peitsche klatschen lassend. Die Volksmasse erhob sich von den Stufen, um nach dem Seile zu greifen. Da bemerkte einer der Aufseher, ein nackter, wildaussehender Ägypter, wie der alte Jude das Seil, an welchem er zu ziehen hatte, kraftlos sinken ließ, der Sohn jedoch das entfallende hastig verstohlen aufhob, um zu seiner Last noch die des müden Vaters zu fügen. Rasch sprang Set der Aufseher hinzu. Ergrimmt packte er den Alten an der Gurgel und schrie ihm zu, augenblicklich selbst zu ziehen.

»Herr, habt Erbarmen,« wimmerte der Hilflose, »ihr mutet alten Knochen zu, was kaum junge vermögen. Ich kann nicht weiter ziehen, meinen schwachen Händen entsinkt das Seil.«

»Das werden wir sehen,« höhnte der Ägypter, den zu Boden Gesunkenen aufreißend, »und du ziehst, alte Mumie, so lange als dein Odem es aushält, in deinem elenden, aussätzigen Leib. Nimm das Seil zur Hand.«

Nochmals versuchte der Greis das Seil festzuhalten, vergebens, es glitt zu Boden. Zähnefletschend schwang der Aufseher die Peitsche, denn schon begann der Koloß sich unter der Anstrengung von tausend Armen zu bewegen. Aber noch ehe der Riemen der Geißel niedersauste, sprang Isaak zwischen den Vater und den Aufseher, so daß er mit seinem Rücken die dem Hingesunkenen geltenden Hiebe auffing.

»Willst du dich widersetzen, elendes Judengesicht,« rief nun der Wütende, dem bleichen, zitternden Isaak entgegen. Schon hatte er den jungen Ebräer am Arm ergriffen, um in grausamer Lust seine Rache an ihm zu befriedigen, als ihm ein lautes, vom Streitwagen des Königs hertönendes Rufen den Arm sinken machte. Auch Isaak wandte sich um. Dieses Rufen hatte seinen Grund, denn die Statue stand zum Schrecken aller schief auf ihrem Wege. Es war ungleichmäßig gezogen worden, und nun kam es darauf an, den Fehler vorsichtig wieder zu verbessern. Der Oberaufseher auf den Knien des Steinbildes rief und winkte, der König und sein Gefolge kamen in die heftigste Erregung. Die Aufseher gaben den Arbeitern die Schuld an dem Versehen, die Arbeiter den Aufsehern. Ein allgemeines Zanken begann, die Peitsche knallte allerorten, so daß für Augenblicke das Werk unterbrochen wurde. Endlich befahl der König Ruhe, man solle versuchen, das Bild auf den richtigen Weg zurückzuziehen. Mit großer Vorsicht begann nun die eine Hälfte der Männer unter der Anleitung ihrer Beamten den Koloß zu drehen. Kaum bemerkbar wendete er sich auf seinem Platze nach der richtigen Seite hin, mit atemloser Spannung folgten alle dem gefahrvollen Experimente. Plötzlich geschah ein Ruck, die Drehung geriet ins Stocken. Der Oberaufseher war der Ansicht, es müsse sich ein Splitter aus dem Boden der schiefen Ebene durch das Umdrehen der wuchtigen Masse losgerissen haben. Daraufhin wurde das Werk von neuem eingestellt. Dem Beamten auf den Knien der Statue ward eine scharfe Rüge vom Könige überbracht, Ramses sei äußerst ungehalten über die schlechte Ausführung des Planes. Dem armen Oberbeamten schwindelten die Sinne, Schweiß bedeckte seine Glieder, er versuchte ein letztes Aushilfsmittel. Mit dem Mut der Verzweiflung gab er den Befehl, alle Arbeiter sollten zu gleicher Zeit mit der Anstrengung aller Kräfte das Bild von seinem Platze bewegen, auch, wenn dabei der Boden des schiefen Weges Not litte, es käme jetzt nur darauf an, der Statue über diese eine unglückliche Stelle wegzuhelfen. Das Ziehen begann, aber der steinerne Ramses blieb unbeweglich. Die Vögte suchten die Kraft der Ebräer mittels der Geißel zu erhöhen, alle Muskeln schwellten an, dumpfes Ächzen entrang sich dem Busen Tausender, die Stricke spannten sich an bis zum Zerreißen, Fluchen und Beten ertönte in wunderlichem Gemisch – da – bewegte sich das Bild? Ja, es bewegte sich wohl, das heißt, es erbebte von oben bis unten, darauf erscholl ein dumpfer Krach, der Boden des schiefen Weges war zerrissen.

»Weiter, rasch weiter,« schrie der Mann auf den Knien des Bildes. Jedoch, als dieser dumpfe Knall ertönt war, hatten die Juden, bis ins Innerste erschreckt, mit den Stricken nachgegeben. Nun erst bemerkten sie das Gefährliche dieses Nachlassens, denn die ungeheuere Masse begann sich langsam nach rückwärts zu bewegen. Bestürzt riß nun jede Faust, um das drohende Hinabrollen aufzuhalten, heftig nach oben; dadurch entstand in der Verwirrung eine solche Ungleichartigkeit des Ziehens, daß die Steinmasse in Schwankung kam und ihr hölzerner Weg knirschte und bebte. Nun aber verloren die Ebräer völlig den Mut, ein betäubendes Toben und Durcheinanderschreien machte jeden Befehl des Oberbeamten unverständlich. Einige ließen vom Ziehen ab, andere zogen, der Oberbeamte faßte sich verzweiflungsvoll an die Stirn – da – ein sinnlähmender Donner, ein einziger, gewaltiger Aufschrei aus tausend Kehlen, und die hölzerne Ebene sank samt ihrem Steinkoloß in sich selbst zusammen. Bis nach Memphis hin hatten sie den Donner vernommen; der Spaziergänger blieb stehen, seinen Nachbar zu fragen, was dies Rollen bedeutete; dem Sänftenträger stockte der Atem, dem Fischer am Ufer des Nil entsank seine Angel, der Brettspieler hielt im Zug inne, als dies Dröhnen in sein Zimmer drang; die Toten in ihren unterirdischen Wohnungen mußten emporfahren aus ihrem tausendjährigen Schlummer, der alte Nil schlug Wellen, gerüttelt von der erschrockenen Erde. Die mit dem Leben Davongekommenen standen zu Bildsäulen erstarrt ratlos da und sahen auf den Ort der Verwüstung. Einige Augenblicke hindurch war die ganze Szene bedeckt von einen. riesig aufwirbelnden Staubvorhang, erst als dieser gesunken, konnte man die Größe des Unglücks ermessen. Die mit rasender Schnelligkeit hinabgeschnellten Stricke hatten Hunderte von Menschen von den Stufen geschleudert; die Walzen und Rollen, umpackt von Ketten, zertrümmerten bei ihrem Sturze, was ihnen in den Weg kam; die schiefe Brücke zerquetschte alles Lebende, das sich über oder unter ihr befand; die ganze Pyramide glich einem Berg von Trümmern, zerschmetterten Leibern und Blut. Hilferufe, Todesröcheln, Befehle zerrissen die Luft. Die Unbeschädigten versuchten die Verwundeten unter den Trümmern hervorzuwühlen, was ihnen jedoch selten gelang. Der König schickte sofort einen Boten nach Memphis, Ärzte und Sänften zu holen, denn obgleich die Zerstörung hauptsächlich das verachtete Volk der Ebräer getroffen, fühlte Ramses in diesem Augenblick, als Zeuge des ungeheuren Vorfalls, Mitleid mit dem Leben seiner Arbeiter, die von seinem eigenen Bild getroffen sich blutend im Staube oder auf der Treppe wälzten. –

Isaak hatte sogleich, nachdem der Donner des stürzenden Bildes verhallt war, seinen Vater neben sich vermißt. Mit Gewalt schüttelte er sich die Schauer des Entsetzens, die ihn überrieselten, von den Schultern, sprang die Stufen der Pyramiden hinab und wühlte verzweiflungsvoll, den Namen seines Vaters vor sich hinrufend, in dem Trümmersand und den Leichenmassen, die sich am Fuße des Gebäudes aufgetürmt hatten. Endlich nach langem Suchen gab seinem Weheruf eine schwache Stimme, die unter einem zerbrochenen Rollwerk hervorzukommen schien, Antwort. Mit Anstrengung aller seiner Kräfte gelang es ihm, sich durch die Pfähle, die Splitter, der zerstörten Maschine durchzuarbeiten, denn er gewahrte mit Schrecken, wie mitten in den Speichen der zerschlagenen Räder der Körper seines Vaters hing. Rascher, als er es selbst für möglich gehalten, gelangte er in die Nähe des Bejammernswerten, hob ihn sanft aus dem Gewirr der Trümmer und trug ihn sorgsam ins Freie. Hier angekommen, überzeugte ihn eine Untersuchung des bewegungslosen Körpers, daß zwar das Haupt des Vaters, getroffen von Balkenwerk, blutete, daß sich aber immer noch ein wenn auch mattes Fünkchen von Leben in dem verwundeten Leib regte. Behutsam schlich sich Isaak, den Körper des alten Mannes auf den Schultern, durch die Trümmer; unbeobachtet gelangte er auf den Weg, der nach Memphis führte. Die Aufseher waren zu beschäftigt, um sich um den einzelnen zu bekümmern; diesem Umstand hatte es der junge Ebräer zu verdanken, daß er ohne Anruf oder gar Aufenthalt weiterziehen konnte. Er floh von dannen, so rasch es seine arme Last erlaubte, scheue, angstvolle Blicke hinter sich werfend, ob man ihn nicht etwa verfolgte. Er war entschlossen, sich auf Tod und Leben zu verteidigen, sollte man ihn zum Stillstand zwingen. Es war ihm heilige Pflicht, den Vater in Sicherheit zu bringen. Da aber niemand an Verfolgung dachte, verlangsamte er seine Schritte, um dem Verwundeten, dessen leises Stöhnen ihm durch die kindliche Seele schnitt, keine Schmerzen zu bereiten. Er hatte die Hälfte des Weges zurückgelegt, als ihm eine von der Oase Amun nach Memphis ziehende Karawane begegnete. Der Anführer der Karawane, ein stämmiger Ägypter, schien mit dem unglücklichen Alten Mitleid zu fühlen.

»Wohin, wohin?« rief er von seinem Kamel herab den beiden zu.

Isaak erklärte in kurzen Worten, er trüge einen sterbenden Vater; der Weg nach Memphis werde ihm immer länger, kaum könne er sich noch auf den Beinen erhalten. Der Anführer brachte die Karawane zum Stehen.

»Der Weg ist nicht mehr weit, tritt näher, Freund,« rief er, »du magst deinen Vater hier auf eines der ledigen Kamele heben. Wir verweigern keinem Sterbenden die letzte Ruhestätte.«

Isaak schleppte sich heran. Kaum aber ward der Führer des Näherkommenden genauer ansichtig, als er erschrocken Befehl zum Weiterziehen gab.

»Bleibt nur, wo ihr steht,« rief er zurück, »ihr seid Juden. Dein Vater mag sterben, wo es ihm beliebt, bei uns findet er keinen Ort dazu!« – Und sie trabten weiter.

Tränen der Wut und Scham perlten über Isaaks Wangen.

»Armes Volk, armer Vater,« flüsterte er. »Oh! wann kommt die Stunde der Rache, wann werden wir als Menschen behandelt werden?«

Er schleppte sich mühsam noch einige hundert Schritte weiter, schon sah man die Tempeldächer von Memphis gelbrötlich herüberleuchten, dann aber machte er, um sich, wie dem Alten, die nötigste Erholung zu gönnen, am Rande eines palmenumstandenen Brunnens halt. Das Haupt des Vaters hatte er sorgsam im Schatten auf schwellendes Moos gebettet; jetzt suchte er nach einem frischen Trunk für die zuckenden Lippen des Greises, da gewahrte er ein Tongefäß auf der Steineinfassung der Zisterne. Eben wollte er die Stirne des Vaters mit dem Inhalt des Gefäßes kühlen, als aus dem kleinen Palmenhain, der den Brunnen nach der östlichen Seite hin umgab, schreiend eine ägyptische Dienerin trat.

»Ein Jude! Willst du mein Gefäß unberührt lassen, du Aussätziger,« zeterte das Weib und riß es dem Jüngling aus den Händen.

»Hab' Erbarmen mit einem Sterbenden,« wollte der junge Ebräer einwenden, aber das Weib ließ nicht nach zu toben. Sie betrachtete das Gefäß von allen Seiten, wusch es an der Stelle, wo Isaaks Hände es berührt, unter fortwährendem Schmähen. Isaaks Inneres empörte sich.

»Gönne mir einen Tropfen Wasser, du Unbarmherzige, mein Vater ist dem Sterben nahe, ein Tropfen könnte ihn retten, er und ich sind keine Tiere. Auch wir haben ein Recht, zu leben.«

»Es wäre am besten,« keifte sie, »man ließ euch alle verdursten, ihr Fremdlinge, die ihr uns den fruchtbarsten Landstrich wegnahmt. Unser nun zu Osiris eingegangener König hat euch verwöhnt; wir aber wollen euch beweisen, daß ihr kein Recht habt, den Nil mit eurem Schmutz zu trüben.«

»Warum,« entgegnete der Arme mit zitternder Stimme, »behandelst du uns Hilflose so geringschätzig, die wir dir nichts zuleid getan? Gib mir Wasser!«

»Da nimm!« höhnte das Weib und spie dem Flehenden vor die Füße.

Länger vermochte sich Isaak nicht zu beherrschen. Ein Sprung, ein Schlag und das Tongefäß lag zerschmettert am sandigen Boden. Schreiend jagte die Ägypterin davon. Der Brunnen war in dieser Jahreszeit fast ausgetrocknet; der Ebräer versuchte deshalb, das Wasser, das noch in den Scherben des zerbrochenen Gefäßes haftete, seinem Vater auf die Lippen zu träufeln. Kaum hatte er es so weit gebracht, daß der Ohnmächtige matt die Augen aufzuschlagen vermochte, um sie sofort unter leisem Wimmern wieder zu schließen, als allmählich näherkommender Hufschlag sein Herz in Schrecken setzte, Häscher möchten ihn verfolgen. Er sprang auf. Richtig, ein Zug nahte dem Brunnen, einige Sänften voraneilend. Erwartungsvoll beobachtet unser Freund den Zug. Schon dachte er daran, rasch mit seiner Bürde davonzueilen; allmählich bei schärferem Hinblicken jedoch schien es ihm, als wenn die Herankommenden nicht an Verfolgung dachten. Er beschloß, ruhig den Verlauf der Dinge abzuwarten. Bald entdeckte er, daß er umsonst Befürchtungen gehegt; die Männer näherten sich friedlich dem Brunnen, in ihren Sänften lagen einige durch den Sturz des Kolosses getroffene ägyptische Aufseher, die sie nach Memphis zu tragen den Befehl hatten. Der Anführer des Zuges wendete sich an Isaak.

»Noch viele Verwundete warten auf unsere Hilfe,« begann er, »wir dürfen nicht rasten; unter den Trümmermassen liegt noch mancher Brave verborgen, der des Ausgrabens mit Verzweiflung harrt. Wir vertrauen deinem Schutz einstweilen diese drei Männer an, bis wir hierher zurückkehren. Überwache die Unglücklichen, es sind Aufseher, alle drei dem Tode nahe!«

Man setzte die Sänften im Schatten der Palmen zu Boden. Isaak, des Gehorsams gewöhnt, nickte stumm vor sich hin; die Ägypter kehrten zur Pyramide zurück, bald machte sie gelb aufwirbelnder Sand unsichtbar. Gleichgültig schweiften die Augen des Ebräers über die drei Sänften – es waren ja ägyptische Aufseher, die dort mit dem Tode rangen, es waren ja seine Peiniger, seine Feinde – sollte er Mitleid mit ihnen fühlen? Sie waren ja nun kraftlos, die Geißel konnten sie nicht mehr schwingen, keine Befehle mehr geben! Alle lagen sie regungslos, wie Leichen unter dem grünen Baldachin der Palmen, Blutflecken auf den Gewändern, die Mienen ausdruckslos nach den Blättern gerichtet, die Augen glanzlos. Zuweilen huschte ein schmerzhafter Zug über eines der Gesichter. Isaak sah, wie sich eine große Fliege, deren Stich äußerst schmerzhaft, dem einen der Aufseher auf die Stirne setzte, um das Blut seiner Wunde, welches unter der Binde hervorquoll, zu schlürfen; der Hilflose versuchte das Tier zu verscheuchen; sein Stich verursachte ihm, wie es schien, unnennbare Qual. Der Jude aber sah teilnahmlos zu, wie sich der Elende abmühte. Dem anderen war der Verband von dem Arme gesunken, sein tropfendes Blut rötete das Gras; der Ebräer tat, als bemerke er nichts davon. Nun arbeitete sich der dritte Verwundete unter einer Last von Binden und Kissen hervor, schlug die geröteten Augen auf und stammelte ermattet: »Wasser!«

Isaak sah gleichmütig zu ihm hinüber; da verwandelten sich seine bis dahin starren Züge. In seinem Auge leuchtete eine dämonische Lust, er lachte dem keuchend sich Abmühenden höhnisch zu.

»Wasser,« lallte dieser noch einmal.

Isaak sprang auf.

»Du bist's,« rief er hinüber. »Du! Set! der meinen Vater schlug! Gott gab dich in meine Hände! O wie gütig ist Gott! Sieh her, elender Ägypter, hier liegt der, den du schlugst – erkennst du uns?«

»Isaak,« hauchte Set, »reiche mir Wasser, ich werde dir's vergelten. Mein Kopf brennt, mein Eingeweide steht in Flammen, hab' Erbarmen.«

»Erbarmen? Hattest du Erbarmen mit mir und meinem Vater?«

»Ich befehle es dir, reiche mir Wasser!«

»Befiehl so lange du willst und sieh zu, wer dir gehorcht.«

Isaak wandte sich ab. Einige Minuten verstrichen lautlos. Endlich streckte der Aufseher noch einmal seine Arme aus.

»Verzeihe mir, Isaak,« wimmerte er, »es ist wahr, ich bin euch ein strenger Herr gewesen, doch es soll besser werden. Ich verspreche es dir. Ich bin nun machtlos in deine Hände gegeben, wirst du deine Gewalt mißbrauchen? Bedenke, daß man dich zur Rechenschaft ziehen wird, tust du mir Übles.«

»Was kümmert's mich,« murmelte der Ebräer, »kann ich nur meinen Rachedurst für diesen Augenblick befriedigen, später mögen sie mit mir anfangen, was sie wollen. Ich reiche dir kein Wasser. Leide Qual, wie wir sie litten.«

Der Ägypter sank stöhnend zurück. Isaak war im Begriff, den Körper seines Vaters von neuem auf die Schultern zu laden, als ihn der Anblick des verschmachtenden Set zum Mitleid zu bewegen schien. Er schritt zum Brunnen, sammelte mühsam die letzten Wasserreste des zerbrochenen Gefäßes in einer Scherbe und hielt sie dem Ägypter vor die brennenden Lippen. Dieser erhob sich.

»Beim großen Osiris,« sagte er, »ich will dir's lohnen, wenn ich genese! Du handelst schön an mir, Jude.«

Eben beugte er seine lechzenden Lippen nach der feuchten Scherbe, als der Ebräer ein heiseres Gelächter hören ließ und, statt ihn trinken zu lassen, die Scherbe in den Sand schleuderte. Darauf überließ er den Sterbenden seinem Schicksal und wendete sich mit seiner lebendigen Last auf dem Rücken Memphis zu. Bald hatte er das Tor erreicht. Da lag es vor ihm, das gewaltige Memphis! Wie ein riesiges Gebirge von Türmen, Dächern und Hallen wölbte es sich in den Himmel, der sich erschrocken in sich selbst zu flüchten schien, befürchtend, dieser wogende Häuser-Ozean dränge bis in seine sonnigen Geheimnisse hinauf und belästige die ewigen Götter. Das war sie, die Stadt der Pyramiden, die Stadt des Apis mit ihren Göttern und Tempeln, ihrem Hafen, ihren stolzen Straßen! Er aber, der arme Jude, schlich sich furchtsam an den Posten vorbei, dem engen Schmutzviertel seines verachteten Stammes zu.




Zweites Kapitel


Im nördlichen Teil von Memphis war den Ebräern gestattet, zu existieren. Hier hausten sie ängstlich, wie die Mäuse in ihren Löchern, flohen das Licht und dienten ihrem Gott. Ein Jude, der sich in die anderen Stadtteile wagte, war fast immer schlimmen Mißhandlungen ausgesetzt, so daß sich die armen Geknechteten nur in ihren engen, schmutzigen Straßen behaglich fühlten. Manchen von ihnen zwang freilich ihr Gewerbe, auch die übrige Stadt aufzusuchen; dann schwebten die zu Hause zurückgebliebenen Angehörigen so lange in Angst, bis der Weggegangene wieder innerhalb der Grenzen seines Bezirkes gesehen wurde. Draußen im ägyptischen Stadtteil wogte, sobald die Abendkühle es erlaubte, eine dichte, bunte Menschenmenge. Sobald die Sonne sich zum Scheiden rüstete, sobald ihre letzten Strahlen die Gipfel der Pyramiden mit Purpur übergossen, ward es lebendig auf den Straßen von Memphis. Da ließen sie sich aus ihren Portalen tragen in prächtig bemalten Sänften, getragen von glänzend-schwarzen Sklaven, die vornehmen Beamten, die reichen Frauen, vielleicht um ein Bad im Nil zu nehmen. Da bot der Bäcker sein Brett, belegt mit kleinen Kühen oder Krokodilen aus Backwerk, schreiend an; da konnte man die zierlichsten Töpferwaren, die durchsichtigsten Glasschalen bewundern. Die Krieger schritten klirrend auf und nieder, die Priester ließen ihre Instrumente rasseln, wenn sie in den Tempel zogen oder eine von Klageweibern umheulte, grellfarbige Mumie zur ewigen Ruhe trugen. Da kehrten die Gespanne der Ackerbauer, beladen mit riesigen Kornähren, vom Felde nach Hause; die kleinen rotbraunen Kinder wälzten sich im rauschenden Gold des Getreides und der schlanke, nackte Jüngling lenkte, träge an ihren glatten Leib hingelehnt, die breiten Stiere. Da glänzten Fackeln auf den versteckteren Plätzen; ihr unheimlich düsteres Licht rötete den geschmeidigen Leib der Tänzerin, die, von Harfenspielerinnen und entzückten Zuschauern umgeben, Liebe in die Herzen der jungen Männer wirft. Einer solchen Gruppe sah ein kaum zwanzigjähriger Jüngling zu. Träumerisch, selbstvergessen stützte er sich an den Eckpfeiler eines Palastes, sein großer Blick hing teilnahmlos an der nackten Schönen, deren Zehen im Purpurschimmer der Fackeln über einen kostbaren Teppich zitterten. Er erkannte an ihrer helleren Hautfarbe sofort die Jüdin. Sie warf ihm, der ihr ohne Zweifel von allen ihren Zuschauern am meisten wohlgefiel, zuweilen einen brennenden Blick zu, aber der junge Mann beachtete solches nicht. Als das Rauschen der Harfen sich nun lauter erhob, die Bewegungen der Zügellosen heftiger wurden, so daß ihre großen Ohrringe klirrend mitzutanzen begannen, nährte sie sich ihm durch einen kühnen Seitensprung und streifte dabei absichtlich mit ihrem schönen Arm den seinen. Der Jüngling, durch die heiße Berührung aufgeschreckt, sah ihr erstaunt in die lächelnden Züge, in das von Goldflittern überhangene Auge.

»Rebekka heiße ich,« flüsterte sie ihm zu, er aber wandte ihr verachtungsvoll den Rücken. Sie durchbrach den Kreis ihrer Zuschauer und rief ihm nach: »Fliehst du mich, weil ich eine Jüdin bin? Oh! ihr Ägypter haßt zwar die ebräischen Männer, aber ihre Frauen liebt ihr, wenn sie schön sind.«

Der junge Mann gab den lachenden Zuschauern durch eine unwillige Bewegung der Hand zu verstehen, daß er das Weib nicht kenne.

»Ich kenne dich, glaub' mir!« lachte sie, ihre blendenden Zähne blinken lassend, »du heißest Menes und bist der Sohn der reichen Aso, der Witwe des verstorbenen Oberhofmeisters unseres zu den Göttern eingegangenen Königs Seti I. Euer Palast liegt am Nilkanal, am südlichen Ende der Stadt, da, wo der Weg nach dem Mörissee führt. Willst du nicht bei uns bleiben, Menes? Ich liebe dich!«

Menes schritt, ohne die Jüdin noch eines Blickes zu würdigen, davon; ihm nach erscholl das Gelächter der Spottenden. Der unangenehme Eindruck dieser Szene war in der Seele des jungen Mannes, sobald ihn der volksbelebte Teil der Stadt aufgenommen hatte, verwischt. Aber andere Schatten stiegen in seinem weichen, zu träumerischer Schwärmerei neigenden Gemüte auf. Er war der Sohn einer vornehmen Frau, deren Gatte am Hofe des verstorbenen Königs zu Theben eine hohe Stellung bekleidet. Seine Mutter, an Glanz und königliche Pracht gewohnt, hielt auf äußeren Rang. Sie ging mit dem ehrgeizigen Gedanken um, ihrem einzigen Sohne die Stufen zu den höchsten Ämtern zu bahnen, sie wollte ihn in der Stellung des Vaters sehen, dem Herzen des Königs am nächsten; zu diesem Zweck hatte sie beschlossen, daß Menes nach Ablauf seiner Studien, deren er in Memphis bei mehreren Priestern oblag, sich zum König nach Theben verfügen solle, um dort einstweilen als niederer Hofbeamter in die Reihen der fürstlichen Diener einzutreten, bis ihm allmählich der Rang seines verstorbenen Vaters zuteil würde. Daß dieser ihm zuteil würde, daran war kein Zweifel; nur liebte es Ramses II., seine Großen zuvor zu prüfen, ehe sie die höchsten Würden bekleideten. Die vornehme Ägypterin war übrigens mit dem Betragen ihres Sohnes keineswegs zufrieden. Wie oft mußte sie die schmucklose Einfachheit seines Anzugs tadeln, die einem künftigen Höfling nicht zieme; wie oft beklagte sie sich über die Farblosigkeit seines Kopftuchs, das sie gerne buntgestreift gesehen hätte; wie oft ermahnte sie ihn, Ringe mit kostbaren Steinen zu tragen, die sie ihm schenkte; er stieß sie verdrießlich von sich, die Kostbarkeiten und ging am liebsten halbnackt, nicht etwa um die Blicke der Frauenwelt auf seinen tadellosen Wuchs, seinen zartgeschmeidigen Muskelbau zu lenken, sondern weil er, wie er sagte, nicht gerne in seinen Bewegungen gehemmt sei. Allerdings schmückte ihn sein bräunlich angehauchter Körper mehr, als jedes Kleidungsstück; darauf aber achtete er ebensowenig, als seine Mutter; sie wollte Farben sehen. Wie oft erwähnte sie mit einem tadelnden Seitenblick, er ginge mit Musikanten, Malern und Bildhauern (in ihrem Auge Gesindel) lieber um, als mit hochgestellten Männern von vornehmer Erziehung und wohlgesetztem Betragen. Schon als Knabe war es die Lieblingsbeschäftigung ihres Sohnes, seiner Phantasie durch Zeichnen Ausdruck zu geben. Papyrusrollen und Wände mußten seinem Stifte herhalten; oft hatte ihn der Priester dabei ertappt, daß er auf die heiligen Rollen, die er ihm zum Studieren vorgelegt, Osirisköpfe, kleine Nilpferde, Mumien u. dgl. mit flüchtiger Hand gemalt. Zwar von seiner Handschrift waren alle seine Lehrer hingerissen, denn die Hieroglyphen schienen unter seinen Fingern zu leben, jedoch über seinen Glaubenseifer in bezug auf heilige Dinge hatten sie eine weniger günstige Meinung. Der Knabe frug ihnen zu viel. Die priesterliche Weisheit mußte oftmals verstummen vor diesen scharf eindringenden Fragen, welche schonungslos Irrtümer und Unmöglichkeiten der Religion aufdeckten, diese sogar manchmal leisem Spott preisgaben. Allen war es klar, Menes sei dazu bestimmt, die Tempel der Könige mit Wandmalereien zu bedecken, aber wie durfte solches geschehen? War doch der Vater des Kindes Hofbeamter gewesen! Wie konnte der Sohn einen anderen Beruf ergreifen! Dieser Zwang nährte einen verbitternden Groll im Herzen des Kindes und steigerte ihn zur Verzweiflung in der Brust des Jünglings. Verzweiflung im Busen schritt unser Held weiter, immer weiter von Straße zu Straße. Wenn er irgendwo eine schön bemalte Wand, eine hübsche Säule erblickte, konnte er lange betrachtend davor stehen bleiben, dieses tadelnd, jenes lobend in seinem heißen Inneren. Er fühlte, wie er vor manchem Bilde Hochachtung empfinden mußte, wie er aber im ganzen alles, was er bis jetzt gesehen, übertreffen zu können sich wohl bewußt sein durfte. Schon waren die Straßen in nächtliches Dunkel gehüllt, schon sickerte der Goldstrahl des Mondes um die Säulen der Paläste, ihren riesigen Leibern eine unheimliche Majestät verleihend. Der kühle Wind, der vom Nil herüber zu wehen begann, zeigte Menes an, daß er sich dem Hafen von Memphis näherte. Er umschritt den pylonartigen Vorsprung eines großen Handelshauses, ging eine kleine, enge Straße entlang und stand nun sogleich den Schiffen des Hafens gegenüber. Da lag der alte Nil und trug geduldig seine Last. Außer ägyptischen Fahrzeugen waren es hauptsächlich phönizische, die hier vor Anker lagen. Töpferwaren, Getreide und Haustiere an das Land zu schaffen, waren die Sklaven vornehmlich beschäftigt; auch Öl oder Gold aus den Bergwerken Äthiopiens war zu sehen. Doch näherte sich der Betrieb des Handels seinem Ende. Nur hier und da schritt noch gravitätisch ein reicher Kaufherr, nachdem er die Seetüchtigkeit seines Schiffes, den Wert seiner Ladung geprüft, der inneren Stadt zu. Bald trat Ruhe ein auf dem sonst so belebten Platze; kleine Lichter erglänzten auf den Schiffen, kleine Rauchsäulen schlängelten sich aus den Kajüten, wo die Familie des Schiffers sich ihr Abendmahl bereitete. Zuweilen ließ sich vom Maste herab die Stimme eines fremden Vogels, der dem inneren Afrika entstammte, vernehmen; zuweilen streckte eine Antilope, die für den Ziergarten irgendeines hohen Beamten bestimmt war, ihren zierlichen Kopf durch die Luke, oder es landete das letzte Boot eines größeren Schiffes, seine Ladung Papyrusballen oder an Seilen hängende Fische ans Land befördernd. Alles schwieg, nur der alte Nil rollte seine kostbaren Wellen durch die Ufer, die ihr reiches Kleid von Blumen und Ähren heiter in seinen heiligen Fluten wuschen. Menes schritt dicht an den Fluß heran, tauchte seine Hand in das heilige Wasser und kühlte sich seine heiße Stirne mit der Flut, die kostbarer denn Gold ist. Vor ihm erhob sich der Bauch eines phönizischen Kauffahrers. Auf demselben spielten mehrere Matrosen das Fingerspiel, worunter auch ein schwarzer Äthiopier. Anfangs wurde das Spiel schweigend fortgesetzt, allmählich aber, als die Finger heftiger flogen, entspann sich ein lebhafter Zank zwischen den Spielenden. Eben wollte sich Menes, angeekelt von dem kindischen Gezänke der Matrosen, abwenden, als einer derselben ihn aufforderte, als Schiedsrichter aufzutreten. Menes lehnte bescheiden ab, er verstehe das Spiel kaum, er kenne den Zusammenhang der Streitigkeit nicht. Der derbe Phönizier sprang die Schiffstreppe hinab, packte ihn am Arm und setzte ihm mit lauter Stimme auseinander, er habe die Zahl der Finger richtig geraten, die ihm sein Nachbar entgegengestreckt, dieser aber leugne nun, wolle ihn betrügen.

»Zwei Finger hielt ich empor,« beteuerte der andere, »du aber sprachst: drei!«

»Nein,« tobte der erste, »du hieltest drei empor. Nicht wahr, Herr, es waren drei! Ihr saht es?« – Dabei warf er Menes einen Blick schlauen Einverständnisses zu.

»Meinetwegen hieltet ihr tausend Finger und die Fußzehen dazu empor,« lachte Menes ärgerlich, »ich sah und hörte nichts!«

Er entwand sich der Hand des Phöniziers und ging. Kaum aber hatte er den Ort des Zankes verlassen, als er neben sich eine weiche Stimme vernahm. Erschrocken sah er sich um; die Dunkelheit, die bereits eingebrochen war, ließ ihn zwei weiße, weibliche Gestalten undeutlich erkennen, von welchen eine, die andere mit sich fortziehend, auf ihn zu schritt.

»Myrrah,« lachte das Mädchen, »tritt näher, fürchte dich nicht, du darfst nicht so bescheiden tun, Kleine. Biete deine Blumen dem jungen Herrn an, er kauft dir gewiß einen Strauß ab – weil – nun, weil du hübsch bist!«

Menes sah, wie die Angeredete, ein zierliches Judenmädchen, ihm verlegen ein Sträußchen entgegenhielt.

Die andere drängte sich an ihn heran. Kaum hörbar flüsterte sie ihm in die Ohren:

»Sie ist jung, unerfahren, Herr! laßt die Gelegenheit nicht vorübergehen, ich werde Euch unterstützen.«

Dann lachte sie laut, sich zu der Verschämten wendend.

»Ei wie! ei was!« polterte sie grämlich, »stecke es dem Herrn an die Verzierungen seines Halskragens, er nimmt es dann gewiß! Nun! näher! komm! tritt dicht zu ihm!«

Wieder flüsterte sie Menes ein paar Aufforderungen ins Ohr, die diesen entrüsteten.

»Schweige mir,« sagte er ernst, »tückische Verführerin dieser Unschuldigen. Dich aber warne ich, die du dieser Wilden so willig folgst! Hüte dich vor ihren Lockungen.«

»Ei beim Apis und allen heiligen Krokodilen,« lachte die Begleiterin auf, »ich erkenne ihn jetzt erst? Er ist es! Es ist unser frommer Menes! Seht nur den sittenfesten Jüngling! Mit zwanzig Schilden hat er seine Tugend umgürtet!«

Lachend sprang sie an die Seite des Jünglings, nahm, ohne zu fragen, ihrer furchtsamen Freundin den Strauß ab und nestelte ihn an des jungen Mannes Kleidung. Dieser aber fuhr betroffen zurück, denn Rebekka, die Tänzerin, stand vor ihm. Er schleuderte unwillig die Blumen von sich; als jedoch zufällig sein erzürnter Blick auf das andere der beiden Mädchen fiel, stockte ihm das heftige Wort auf der Zunge, das er in Bereitschaft hatte. Er sah, wie das flehende, schwarze Auge Myrrahs ihn um Verzeihung bat, er sah, wie sie vorsichtig die gemißhandelten Blumen vom Erdboden aufhob, und wie sie sich dann bescheiden zum Gehen wendete. Ein gewisses Mitleid überkam ihn, er faßte das Mädchen bei der Hand.

»Dir zürne ich nicht,« sprach er mit weicher Stimme, »du scheinst sittsam und sanft, mein Zorn galt deiner Freundin.«

»Sie ist meine Freundin nicht,« fiel ihm das Mädchen hastig ins Wort.

»Nicht deine Freundin?«

»Nein, o nein.«

»Ich kann dich versichern, Jüdin, du erfreust mein Herz durch dies Bekenntnis. Aber warum gehst du mit ihr?«

»Wir wohnen in demselben Hause zusammen, Herr,« flüsterte sie, ihre ovalen, großen Augenlider niederschlagend. »Ich suche ihren Umgang nicht, sie drängt sich mir auf! Ich verkaufe Blumen an reiche Leute, Herr, da ich arm bin, wie alle Juden, und geschmäht werde, wie alle Juden. Rebekka gefällt mir gar nicht, sie will mich zu Bösem verleiten, denn dadurch, sagt sie, könne ich, wie sie es tut, viel erwerben.«

»Du aber gehst auf ihre Verlockungen nicht ein?«

»Lieber will ich verhungern,« entgegnete sie voll Abscheu, indem ein tiefes Rot ihre weiße Stirne überflutete. »Öffentlich tanzen, wie niedrig. O Herr! Doch es ziemt sich nicht, daß Ihr mit der Jüdin sprecht. Zwar es ist dunkel, man gewahrt uns nicht, doch es gibt so schlimme Menschen. Ihr bringt mich und Euch in Gefahr! Erlaubt Ihr, daß ich gehe?«

»Ich habe dir nichts zu erlauben,« sprach Menes befangen.

»So lebt wohl!«

»Darf ich dich – des Schutzes wegen, begleiten bis an dein Haus?« rief er der Gehenden nach.

»Es ist besser, ich gehe allein,« tönte es ihm aus der Dunkelheit zurück.

Sie verlor sich mit flüchtigen Schritten in den Straßen, Menes in einem eigenen Zustand träumerischen Hinbrütens zurücklassend. Noch klang ihm ihr weicher Flüsterton in der Seele nach, sein Auge suchte der Davoneilenden nachzuspähen; einige Zeit hindurch stand er regungslos auf demselben Ort. Da berührte ein warmer Hauch sein Ohr. »Nun, des frommen Jünglings Tugend fängt an, die Farbe zu verlieren,« kicherte es neben ihm. Ein rasches Umdrehen zeigte ihm Rebekkas listiges Gesicht, wie es hinter einer Mauer verschwand.

»Ich hasse dies Weib,« murmelte er vor sich hin, indem er sich zum Nachhausegehen anschickte. »Sie ist ein freches, widerwärtiges Geschöpf, und immer finde ich sie da, wo ich sie am wenigsten suche, wo sie mich am meisten belästigt. Gewiß sinnt sie mir Schlimmes, ihr Gelächter klang verräterisch.«

Im Weiterschreiten mußte er unwillkürlich wieder an Myrrah denken, wie sie so bescheiden die Augen vor ihm niederschlug und ihn fragte: »Ob sie nun gehen dürfe?« Wunderlich bestrickend klangen ihm diese Worte im Ohr. Ihr Herr zu sein, sie zum lieblichen Spielzeug zu haben, wie süß! Ein Lächeln spielte dabei um seine Lippen, das er aber sogleich mit Strenge unterdrückte. Er wollte sich auf andere Gedanken bringen, er dachte an seine Mutter, an die Stille der Nacht, an den Mond – vergeblich! das Bild der lieblichen Kleinen verfolgte ihn bis in sein geheimstes Empfinden. Wie töricht, ihn zu fragen: ob sie nun gehen dürfe? Aber sie ist eine Jüdin, ich muß sie aus meinen Gedanken verbannen, es ist nicht gut, sich mit Ebräern in Verkehr einzulassen. Wahrlich, hätte mich einer meiner Bekanntschaft mit dem Weibe plaudern sehen, mir würde Spott zuteil oder Strafe von der Mutter. So murmelte er vor sich hin, prüfende Blicke im Weiterschreiten um sich werfend. Die Nacht war nun völlig hereingebrochen, Straßen und Plätze lagen vom blassen Schimmer des Mondes kaum erhellt, die Volksmasse hatte sich ganz in das Innere der Stadt zurückgezogen. Menes hatte, verloren in seine Empfindungen, die bei seiner Naturanlage alle sofort mit einer tiefen, phantasievollen Heftigkeit auftraten, nicht auf den Weg geachtet. Bei der enormen Ausdehnung der Stadt waren ihm manche, besonders die jüdischen Stadtteile, fast völlig unbekannt, und ehe er sich's versah, geriet er in Unsicherheit, welche Straße ihn in den Palast seiner Mutter zurückführe. Wie ihm schien, näherte er sich dem am Nil gelegenen Teil des Judenviertels. Die Häuser waren niedrig, die Straßen enge und leer. Oft hatte es sich ereignet, daß Ägypter, die sich die Nacht hindurch in diesem Stadtteil aufgehalten oder ihn durchwandelt hatten, von keinem sterblichen Auge mehr gesehen wurden; sie waren habsüchtiger, rachsüchtiger Juden Beute geworden, ohne daß man je – selbst die Spur ihres Leichnams aufgefunden. Das Gewinkel der Straßen begünstigte dieses unsaubere Treiben, denn oftmals stießen die baufälligen Häuser so nahe aneinander, daß der Streitwagen eines Kriegers unfehlbar in dem Engpaß zerquetscht worden wäre, hätte er sich den Durchgang erzwingen wollen. Die aus rohen (mit Stroh untermischten) Backsteinen aufgeführten Wände dunsteten die am Tage eingesogenen Sonnenstrahlen glühend wieder aus; die kleinen blinzelnden Fenster berührten sich beinahe; der Mond wagte es kaum, in diese schwarzen, dem Laster, dem Schmutz und der Nacht geweihten Schachte hinabzulugen. Unserem Freund kam es in seiner Unbehaglichkeit vor, als wollten sich die Giebel über seinem Haupte schließen, wie Wellen. Immer weiter verlor er sich in den öden Windungen von Gäßchen; der Mond leuchtete ihm nicht, nur die kleine Lampe, welche die Buhlerin dicht an den Vorhang ihres Fensters gerückt, warf zuweilen einen traurigen Schimmer auf seinen einsamen Pfad.

»Ist es mir doch, als sei ich in das Labyrinth geraten und könne nie mehr den Ausweg finden,« murmelte er vor sich hin. Es schien ihm gefährlich, in einem der Häuser anzufragen, wo er sich befinde; einen Vorübergehenden hatte er bis jetzt noch nicht wahrgenommen, denn die Nacht war allmählich weit vorgerückt; es war ihm, als müsse er die Nacht in diesem Gewinkel statt in seinem Bette zubringen. Bald wandte er sich rechts, bald links, bald ging er die Gasse hinab, dann wieder herauf; schließlich wirbelte ihm der Kopf; dieses Kriechen durch endlose Schneckengänge brachte in seinem Hirn ein schwindelndes Gefühl hervor; alle seine Gedanken begannen sich im Kreise zu bewegen; die Häuser mit ihren Fenstern tanzten vor seinen Augen; er mußte sich erschöpft an den Pfosten einer Türe lehnen, um zu überlegen, ob er hier bis zum Morgengrauen warten solle. Kaum hatte sich sein ermüdeter Geist erholt, seine Verwirrung sich gelegt, als ein leiser Pfiff ganz in seiner Nähe ihm das Herz rascher schlagen machte. Gleich darauf wurden in der nächsten Gasse schlürfende Schritte laut. Sollte man ihn belauscht haben? Sollte man ihn verfolgen? Seine aufgeregte Phantasie begann zu schwärmen; was brachten ihm die nächsten Sekunden? Gespannt lauschte er auf das näherkommende Geschlürfe, das von den behutsam auftretenden Füßen mehrerer Männer herzurühren schien. Nun hielten die Schritte inne; dicht neben ihm, da, wo das Haus in die andere Gasse einbog, wurde geflüstert. Noch konnte er die Flüsternden nicht sehen, aber ihre Worte verstand er.

»Er ist ein Ägypter,« begann es neben ihm, »er ist vornehmer Leute Kind, laßt ihn unbehelligt weiterziehen; man wird uns verfolgen, tun wir ihm ein Leids.«

»Wenn er vornehmer Leute Kind ist,« hörte der Lauschende eine andere Stimme, die ihm sogleich als diejenige des phönizischen Matrosen auffiel, mit welchem er vor ein paar Stunden gestritten, »wenn er vornehmer Leute Kind ist, überlaßt ihn mir. Unser Schiff segelt morgen nach Äthiopien; wenn wir ihn im untersten Kajütenraum unterbringen, wird kein Gott von seinem Vorhandensein Kunde nehmen. Ihr sollt reichlich dafür belohnt werden, ihr Juden, und wir werden, wenn wir ihn in Äthiopien zum Sklaven machen, ebenfalls unseren Vorteil daraus ziehen.«

Menes erhob sich leise von seinem Stein, um der Gefahr, die bereits über ihm schwebte, zu entfliehen, denn an ein Verteidigen des Waffenlosen war bei solcher Übermacht nicht zu denken. Er hörte, wie seine Feinde leise miteinander stritten, augenscheinlich berieten sie die Art ihres Überfalls. Menes fühlte zum erstenmal in seinem Leben, daß der Mensch des Menschen ewiger Feind ist. Das Gefühl von Beklemmung machte in seiner Brust einer tiefen Entrüstung Platz; fast schämte er sich, daß er den Rückzug ergreifen mußte; er ballte die Fäuste, und wer ihm in diesem Augenblick ein Schwert in die Hände gedrückt, er hätte ihm verziehen, und wäre es sein Todfeind gewesen.

»Wenn es den Schurken gelingt, mich zu knebeln,« sagte er sich selbst, »bin ich verloren; sie führen aus, was sie beschlossen. Ich muß mich im Schatten der Häuser davonschleichen.«

Er hatte bereits den ersten Schritt getan, als er hinter sich ein Geräusch vernahm; gleich darauf fühlte er, wie sich ein Netz über sein Haupt senkte, welches man eifrigst bemüht war, ihm um den ganzen Körper zu schlingen. Eine gewandte Armbewegung befreite ihn von dieser Umschlingung.

»Tretet aus dem Dunkel, ihr Schurken,« rief er zurück, den schwarzen Gestalten entgegen, die sich um die Straßenecke drückten, »ich sage euch, es wird euch schlecht zustatten kommen, wenn ihr mit mir verfahrt, wie ihr beschloßt. Morgen bin ich zum Mittagsmahl bei dem Nomarchen von Memphis geladen, dem mächtigen Metro, welchen Ramses an seiner Stelle zurückließ; glaubt mir, sobald man mich bei diesem Mahle vermißt, bietet mein mächtiger Freund alle seine Bewaffneten auf, mich aus euren schmachvollen Schlingen zu erlösen.«

Diese rasch ersonnene Kriegslist verfehlte ihre Wirkung nicht gänzlich, die Gestalten flüsterten angelegentlich; sie schienen zu wanken. Vor Entrüstung und Aufregung zitternd, stand ihnen der verlassene Jüngling gegenüber, wohl fühlend, daß sein Leben unter einer Herde Panther weniger bedroht wäre, als unter diesen Habgierigen.

»Ist es dein Wille, großer Osiris,« hauchte er, »soll meine Laufbahn enden, eh' sie begonnen? Oh! als ich heute morgen erfrischt, glücklich in dein strahlendes Angesicht sah, großer Sonnengott, da lächeltest du mir gnädig zu und verbargst mir, welches Unheil mir der Gott der Nacht jetzt bereitet. Weh mir! wie trügerisch sind die Götter!«

Er tat ein paar Schritte, aber sofort war er von vier Gegnern umringt, die ihm jedes Entnommen unmöglich machten.

»Warum besucht Ihr den Stadtteil der Ebräer?« knirschte ihm die schneidende Stimme eines kleinen, schwarzen, adlernasigen Mannes entgegen, »was suchst du in diesen Gassen?«

»Ich verirrte mich vom rechten Wege,« sagte Menes trotzig.

»Glaubt ihm nicht, Freunde,« lachte der andere. »Er ist ein ägyptischer Spion, er will uns arme Ebräer belauschen, um uns bei Gericht zu verklagen.«

»Er stellt, wie alle, unseren Töchtern und Weibern nach,« beteuerte sein Nachbar, »tötet den Verführer.«

»Was hat er überhaupt in dieser Nachtzeit in unserem Viertel zu tun?«

»Er ist einer unserer Unterdrücker, den Gott – gelobt sei er – in unsere Gewalt gab!«

»Mache dich bereit,« hörte der Bedrängte den phönizischen Matrosen flüstern, »in die Gefilde der Seligen zu wandern. Sein Halskragen ist mit Perlen durchwirkt, goldene Schnallen zieren seine Sandalen, an seiner Hand sehe ich einen Smaragden glänzen. Wenn wir ihn in den Fluß werfen, wer ahnt etwas von seinem Dasein.«

Der Jüngling sah, wie der Matrose einen blitzenden Stahl aus seinem Gürtel löste. Die Genossen des Blutgierigen wechselten bedeutungsvolle Blicke.

»Gib mir das Messer,« keuchte der kleine Jude, »ich stoße es ihm von hinten in den Nacken.«

Das Messer ging in die Hände des Juden über, der sich anschickte, sich wie eine Katze zwischen die Hauswand und Menes zu schieben. Der junge Mann, der diese Bewegung bemerkte, drückte sich nun, um sich wenigstens den Rücken zu decken, fest in die verschlossene Türe des Hauses. So stand er bebend, zu allem bereit, starr in die gierig leuchtenden Augen des sich ihm nähernden Ebräers blickend. In dieser Lage verharren, das sah er ein, hieße, dem sichern Tod entgegengehen. Er faßte deshalb den verzweifelten Entschluß, über den Juden herzufallen, um sodann eiligst das Weite zu suchen. Näher, immer näher drängte sich der Ebräer. Schon fühlte Menes deutlich seine heißen Atemzüge; es war ihm, als müsse er die Türe, an die er sich lehnte, mit dem Rücken eindrücken, oder als könne er mit einem gewaltigen Satz über die Köpfe seiner Angreifer hinwegfliegen. Eben erhob der Jude sein Messer, als ihm Menes, ohne recht zu wissen, was er tat, einen furchtbaren Faustschlag auf den Mund versetzte. Mit blutenden Lippen, stöhnend, taumelte der Getroffene zu Boden. Seine Genossen unterdrückten einen Schrei der Wut und Menes sah ein, daß es jetzt um ihn geschehen sei; denn der Matrose bückte sich fluchend nach dem entfallenen Messer, während die übrigen zurücktraten, um sich durch einen Anlauf für den Überfall vorzubereiten. Schon machte sich der Jüngling, fest den Rücken an das Haustor stemmend, bereit, sein Leben wenigstens bis zum letzten Atemzuge zu verteidigen; schon hatte er die zitternden Fäuste zu wuchtigem Schlage erhoben, um die Zurückgetretenen zu empfangen, da kam es ihm vor, als gäbe die Türe, an welcher sein Rücken Schutz und Stütze fand, leise seinem Drucke nach. Noch hielten seine Angreifer mit ihrem Sturm zurück, noch war Rettung möglich. Ja! es war keine Täuschung – Menes ließ den Arm erstaunt sinken – die Türe erknarrte fast unhörbar in ihren Angeln, ein Riegel rollte leise zurück, eine kleine, weiße Hand schlüpfte aus dem kaum drei Zoll breiten Spalt, faßte unseren hilfsbedürftigen Freund am Kleide und zog ihn zwischen den Pfosten und die geöffnete Türe.

»Rasch herein,« hörte er flüstern. Willenlos folgte er der Hand, denn jede Minute war kostbar. So behutsam, wie sie sich geöffnet, schloß sich die Türe wieder; Menes stand nicht mehr auf der Straße, sondern auf einem dunkeln Hausflur. Das Öffnen, Hereinziehen und Schließen war so lautlos, so rasch vollführt worden, daß die Habgierigen draußen auf der Straße sich nicht zu erklären vermochten, nach welcher Seite ihr Raub entwischt sei. Menes wachte wie aus einem schweren Traume auf, als ihm eine bekannte Mädchenstimme zuflüsterte: »Folge mir, du bist gerettet. Sobald der Morgen anbricht, kannst du nach Hause kehren; bis dahin muß ich dich in meinem Zimmer vor Verfolgung schützen.«

»Myrrah?« hauchte Menes atemlos, »du – meine Retterin? Ich bin in deiner Wohnung? Ihr Götter, was beginnt ihr mit mir,« setzte er leise hinzu, »macht ihr mich elend, um mich im nächsten Augenblick glückselig zu machen?«

»Stille,« beschwichtigte das Mädchen, während sie auf den Zehen in ihr Zimmer schlich, ein mageres Öllämpchen am Kohlenbecken anzündete und ihren Schützling bat, ihr zu folgen, »stille, damit die übrigen Hausbewohner nichts von dem Abenteuer bemerken. Komm, laß mich die Türe verriegeln. Tritt leise auf, setze dich hierher und beruhige dich, du bist noch ganz verstört.«

Ihr Benehmen zeigte nicht die geringste Befangenheit, sie drückte den Zitternden, dessen Auge glühte, auf einen Stuhl.

»Deute mein Benehmen nicht übel, guter Jüngling,« fuhr sie darauf mit holder Bescheidenheit fort, »ich hörte, als ich mich eben zu Bette legen wollte, unter meinem Fenster flüstern; als ich den Vorhang hob, übersah ich sofort deine unglückliche Lage und dankte Jehova, daß er mir vergönnt, dir behilflich zu sein. O, unser Volk ist verbittert, zürne ihm nicht, wenn es zuweilen in die Ketten beißt, die ihnen das Blut aus den Adern pressen; Verzeihe uns, wir sind nicht alle so. Nein, gewiß nicht.«

Ihre Äugen füllten sich mit Tränen.

»Daß nicht alle so sind, fühle ich es nicht an dir?« lispelte der erschöpfte Jüngling, dem Mädchen die Hand reichend, indem er ihr dabei einen Blick zärtlichster Dankbarkeit zuwarf.

»Du sprachst sanft mit mir,« erwiderte sie, in sich versunken, »du verachtest mich doch nicht wie die anderen?«

»Du tust mir weh, Myrrah, wenn du also fragst? Warum soll ich dich verachten?«

»Ich wußte es,« rief sie, ihren Schützling mit freudigleuchtenden Blicken betrachtend, »deshalb rettete ich dir das Leben.«

»Einem dir völlig Fremden würdest du es nicht gerettet haben?« frug er, um ihren Charakter zu ergründen.

»Ich weiß es nicht,« sagte das Mädchen nachsinnend, »wenn er mich geschmäht, mich mißhandelt, wie die anderen Ägypter – oh! warum hätte ich ihm das Leben retten sollen?« setzte sie dann fast wild hinzu. Gleich darauf fuhr sie weicher fort:

»Aber dir, der du sanft und gut bist, hätte ich es bewahrt dein Leben, selbst wenn du mich nicht geachtet, denn dein Leben« – sie zögerte, ein Lächeln erblühte dann auf ihren Lippen, als sie fortfuhr, »dein Leben ist mir kostbar, ich wollte, es wäre eine seltene Blume, die ich unter Glas hüten und pflegen dürfte! Aber ich weiß nicht, warum ich das alles sage.« Sie ward ernst. Sie zürnte sich selbst. Hierauf nahm sie die Lampe und leuchtete ihrem Freund hastig in die erblaßten Züge.

»Dein Auge ist tief und edel, es blickt wie euer Sonnengott,« sprach sie träumerisch mehr zu sich selbst, als zu ihm, »dir würde ich in allen Stücken trauen, du kannst nicht betrügen. Sprichst du zu mir: lege dich vor den Rachen des hungernden Krokodils, ich würde es tun; würdest du mir zürnen, würdest du diese meine Brust schlagen oder bespeien, ich würde stolz darauf sein, von dir mißhandelt zu werden! Aber auch nur von dir – deine Grausamkeit wäre nur Wollust – jeden anderen aber, der dasselbe wagte, würde ich« – – in ihrem Auge brannte edler Zorn, sie hatte unwillkürlich die schöne, kleine Hand geballt. Da fiel ihr Auge auf seine Hand.

»Aber du blutest,« rief sie erbleichend aus, nach dieser Hand fassend. Ihr vorher so stolz blickendes Auge verdunkelte sich, als das feuchte Rot an ihren Fingern haften blieb; ein schmerzvoller Ton entrang sich ihrer Brust.

»Es ist nichts, Mädchen,« flüsterte Menes mit Anstrengung, denn das Benehmen Myrrahs hatte ihn, wie in einen süßen Halbschlaf gewiegt, »ich schlug meinem Angreifer auf den Mund; seine Zähne ritzten mir das Fleisch.«

»Das ist gut,« lächelte sie unter Tränen zu ihm empor, »du bist mutig.«

Diese Freudigkeit verwandelte sich sogleich wieder in die besorgteste Unruhe. Wasser war bald zur Hand, ein Tuch ebenfalls. Nun kniete sie nieder und streifte den Ärmel vom Gewand des Jünglings zurück, um sein Blut, das bis an den Ellbogen hinabgeflossen, aufzuwaschen. Als ihr dabei die schön gerundeten Muskeln seines Armes entgegenblühten, überzog ein ängstliches Rot ihre weißen Züge; nun erst schien ihr das Bedenkliche der ganzen Lage klar zu werden. Rasch strich sie das Gewand wieder über den Arm, stand auf, eilte an die Türe und sagte abgewendet:

»Bleibe du hier, ich will heute nacht auf der Matte des Hausflurs zubringen.«

»Eben erst sagten mir deine Lippen, Myrrah,« erwiderte ihr der errötende junge Mann, »daß du mir in allen Stücken trautest – es scheint, du traust mir dennoch nicht?«

»Das ist wahr,« lächelte sie nun, »ich war recht töricht.«

Menes, durch den Blutverlust geschwächt, stützte sich müde auf den Tisch, indem seine Glieder schlaff herabhingen.

»Armer Mann, leidest du Schmerzen?« frug sie besorgt. Er lächelte ermattet. Darauf schritt sie vertraulich zu Menes heran, setzte die Lampe auf den Tisch, holte aus einer Holztruhe ein altes kleines Brot hervor und stellte daneben ein Gefäß mit Milch nebst einigen Datteln.

»Dies ist meine Feiertagsmahlzeit,« sagte sie, »nimm, was dir die Armut bieten kann, du wirst hungern.«

Obgleich anfangs Menes, gerührt von der Einfachheit des Mahles und der Gutmütigkeit des Mädchens, dankend die Berührung der Speisen ablehnte, mußte er schließlich, um seine nötigende Wirtin nicht zu beleidigen, von der Milch etwas zu sich nehmen.

»Es ist keine Schweinemilch, die aussätzig macht,« hatte sie in traurigem Tone gelispelt, als Menes sich geweigert zuzugreifen. Daraufhin natürlich trank er. Kaum hatte Menes das Gefäß niedergesetzt und den Trank gelobt, so ließen sich auf der Treppe, die in das zweite Stockwerk führte, Tritte vernehmen. Erschrocken fuhr Myrrah empor.

»Man kommt von oben,« hauchte sie, »ich muß dich verbergen.«

Sie sah sich verlegen in dem Gemache um, das außer einem niedrigen, streuartigen Ruhelager, nebst einer Truhe, Stuhl und Tisch, nichts bot, hinter welchem sich Menes hätte verstecken sollen. Jedoch die Tritte kamen näher, die Not wuchs.

»Das ganze Haus ist von Juden bewohnt,« klagte die Jungfrau, »wenn sie dich erblicken – weh dir! weh mir! wir sind beide verloren.«

Nun hielten die Schritte an, dreimal pochte es an die Türe des Gemachs.

»Lösche die Lampe,« riet Menes leise, »ich kaure mich hinter die Truhe, stelle du dich, oder besser setze du dich auf dieselbe.«

Er sprang rasch hinter die Holzkiste, Myrrah zauderte, die Lampe zu löschen, jedoch schließlich blieb ihr, da es zum zweiten Male anpochte, nichts anderes übrig. Darauf eilte sie an die Tür, machte sie zwei Finger breit auf und frug: wer draußen sei, sie in ihrem Schlaf zu stören?

»Ich bin es –«

»Wer?«

»Ich! Isaak.«

»Du?« frug das Mädchen. »Und wie steht es um deinen kranken Vater?«

»Rebekka, meine Schwester, ist bereits seit vier Tagen nicht nach Hause gekommen,« jammerte Isaak, dessen Bekanntschaft wir bereits gemacht. »Sie schwärmt draußen umher, während ihr Vater im Sterben liegt, die gottlose Tänzerin.«

»Heute erst,« fiel ihm Myrrah ins Wort, »verkehrte ich mit ihr, sie hat sich manches erworben, sogar Gold. Ein reicher Bewunderer ihres Tanzes gab ihr drei goldene Ringe, sie könnte euch beide ernähren, wenn sie wollte.«

»Sie tut es nicht,« klagte Isaak, »ich muß meinen armen Vater hungern lassen. Da wir nicht mehr an den Pyramiden arbeiten können, wird uns auch die Nahrungslieferung entzogen, die uns sonst zuteil ward. Ich bin gekommen, gute Myrrah, – dein mildes Herz – nicht wahr, es ist unrecht, daß ich mitten in der Nacht –«

»Laß es nur gut sein,« sagte das Mädchen mit fast rauher Stimme, »du weißt zwar, daß ich dich nicht leiden mag, Isaak, aber deinen würdigen Vater kann ich nicht hungern lassen. Nimm hier den letzten Rest Milch nebst diesem Brot.«

Sie reichte dem demütig vor ihr stehenden Isaak die Speisen.

»Jehova mög' es dir danken,« stammelte er, »wenn ich dir einst ebenso aus der Not helfen könnte, es wäre der schönste Augenblick meines Lebens, gutes Kind.«

Angeekelt von seinem kriechenden Wesen wandte sich Myrrah ab und frug nur: »Liegt dein Vater noch immer stumm?«

»Du bist sehr gütig, daß du nach meinem Vater fragst,« sagte Isaak unterwürfig, das Brot mit gierigen Blicken betrachtend, »der alte Mann hat ein paar Worte gesprochen, jedoch er ist sehr matt, Rebekkas Lebenswandel stürzt ihn in die Grube.«

Myrrah schloß entrüstet die Türe, denn sie wußte, daß Isaak von jeher den Lebenswandel Rebekkas begünstigt und zu seinen habsüchtigen Absichten ausgebeutet hatte. Als die Lampe wieder das kleine Gemach beleuchtete und Menes aus seinem Versteck hervorgekommen war, drückte der Jüngling ergriffen die Hände des Mädchens.

»Du hast ein schönes Werk vollbracht,« sagte er.

»Oh, wenn sie nur nicht so schlecht wären,« murmelte sie betrübt vor sich nieder.

Hierauf erzählte sie, da Menes es von ihr zu hören wünschte, ihren ganzen Lebenslauf. Ihre Eltern hatte sie nie gekannt. Sie erinnerte sich noch dunkel, daß sie in frühester Jugend zwischen den Säulen eines Tempelhofs gespielt und daß sie dort zuweilen von einer vornehmen Dame besucht wurde, deren kostbare Sänfte noch jetzt ihr lebhaft vorschwebte. Alle Priester und Priesterinnen wichen dieser schönen, stattlichen Dame ehrfurchtsvoll aus, verbeugten sich vor ihr und frugen mit großem Respekt nach dem Befinden des Königs. Die mächtige Frau lächelte immer, scherzte fein mit ihrer Umgebung, reichte zum Abschied dem Oberpriester jedesmal einen goldenen Ring und frug, welche Fortschritte Myrrah gemacht, worauf ihr ein ältlicher Priester jedesmal die gewünschte Auskunft erteilte. Dieser Priester bewies ihr die größte Zärtlichkeit, sie lernte ihn wie einen Vater lieben. Eines Tages ließ sich die vornehme Dame in großer Erregung in den Tempel tragen. Einer langen stürmischen Unterredung, welche sie mit dem Oberpriester hatte, folgte allgemeine Bestürzung des ganzen Priesterkollegiums; die vornehme Dame sank zu Boden und weinte, der Oberpriester zerriß sein Gewand. Rasch eilten Tempeldiener herzu, um einen Stoß von Papyrusrollen zu verbrennen, welche irgendein Geheimnis bergen mußten; Myrrah freute sich bereits auf das lustige Feuer, aber der Eintritt von dreißig königlichen Schergen tat dem Werk Einhalt. Die Schergen durchstöberten die Rollen, die Worte: Verschwörung, Unterschlag usw. schlugen an Myrrahs kindliches Ohr; der Oberpriester wurde samt der vornehmen Dame auf Befehl des Königs zu lebenslänglicher Zwangsarbeit in den äthiopischen Goldbergwerken verurteilt. Hier folgte in Myrrahs Erinnerung eine Lücke, sie findet sich in einem wilden, schwarzen Gebirge wieder, das von weißen Adern durchzogen, vielen Schachten den Weg in sein metallreiches Innere eröffnet. Tausende von Arbeitern sind dort beschäftigt, glänzendgelbes Metall aus Sand zu waschen, der zuvor in Mörsern zerstampft wurde. Die Sonne brennt, die Geißel der Aufseher treibt erbarmungslos zur Arbeit an. Sie selbst, das zarte Kind, muß Steine in Empfang nehmen, die aus den Schachten herausgewühlt werden. Ihre Hände bluten dabei, neben ihr kauert dieselbe vornehme Dame, die sich sonst in den Tempel tragen ließ, in zerrissenem Anzug, hohl, krank am Boden und gießt mit denselben Händen, die früher mit Perlen und Fächern spielten, Wasser über schmutziges Geröll. Manchmal empfängt sie einen schmerzlichen Blick von dieser Frau, manchmal einen brennenden Kuß, der ihr viel heiße Tränen an die Wangen drückt. Worte hört sie selten aus diesem blauen, welken Mund, nur von Seufzern quillt er über. Eines Tages sieht sie, wie diese Frau ein Schreiben empfängt, welches ihr ein königlicher Beamter vorliest.

»Gnade!« stammelt sie freudebebend, preßt leidenschaftlich die kleine Myrrah an ihre Brust und sinkt zu Boden.

Der Beamte beugt sich zu der Hingesunkenen nieder.

»Zu spät,« hört sie ihn gleichgültig sprechen, »die Freude hat sie getötet.«

Von diesem Zeitpunkte an bekümmerte sich keine Seele mehr um Myrrahs Dasein. Sie bettelte sich mühsam nach Memphis zurück. Dort war sie eifrigst bemüht, ihren Pflegevater aufzusuchen, jedoch vergebens. Gewerbsüchtige Ebräer bemächtigten sich des kleinen Mädchens, sie zum Tanzen oder allerlei Künsten abzurichten; dies scheiterte jedoch an der Sittsamkeit des Kindes. So lebte sie ein trauriges, gequältes Dasein dahin in den Jahren, die eigentlich der Freude geweiht sein sollten, ernährte sich mühsam durch kleine Handleistungen, Verkaufen von Blumen oder hungerte auch wohl, wenn ihre Schüchternheit zu groß war, sich auf der Straße zu zeigen. Menes hatte dies alleinstehende, verlassene Kind während ihrer Erzählung mit feuchten Augen, versunken in ihre lieblichen Züge, betrachtet. Als sie geendet, war es ihm, als spräche sie noch weiter, er wiegte sein Haupt träumerisch zu ihr hin und schien noch immer ihr Wort zu trinken.

»Der Morgen erhellt meinen Fenstervorhang bereits,« sagte sie nach einiger Zeit erstaunt, »wir haben die letzten Stunden der Nacht rasch hinweggeplaudert und es wird Zeit, daß du gehest, Menes.«

Menes fuhr aus seinem Sinnen empor. Ein Frösteln überschauerte ihn, als er darauf den Vorhang hob und die Straße in rötliches Grau getaucht vor ihm lag.

»Der kühle Morgenwind haucht vom Nil her,« sagte er ermattet, »du hast recht, Myrrah, ich muß gehen. Man wird zu Hause angstvoll meiner geharrt haben, ich werde nicht freundlichen Empfang von meiner Mutter zu erwarten haben. Aber mir gilt es gleich, durchlebte ich doch in dieser Nacht die schönsten Stunden meines eintönigen Lebens – Errettung aus Gefahr, das süße Gespräch mit dir, den Einblick in deine gute, schlichte Seele.«

Myrrah löschte die Lampe und öffnete die Fenster. Sie ward still, sie setzte sich bekümmert auf die hölzerne Truhe und schien an nichts mehr teilnehmen zu wollen, was um sie her vorging.

»Du hast mir bei meinem Abschied nichts zu sagen?« frug sie Menes zärtlich.

Das Mädchen schüttelte betrübt den Kopf.

»Wirklich nicht? Nicht, daß ich dich wiedersehen darf?«

Es erfolgte eine lange Pause. Beide standen sich, süße Qual im erregten Busen, gegenüber. Er wagte kaum verstohlen zu ihr aufzuschauen. Plötzlich schritt sie auf den Wandschrank zu, nahm ein Messer, das dort verborgen lag, legte es vor Menes nieder und hauchte abgewendet:

»Töte mich.«

Der überraschte Jüngling trat schaudernd einen Schritt zurück. Dann aber stürzte er vor, sie zu umarmen. Sie, als sie dies bemerkte, wich ihm aus.

»Wie kannst du doch solch sündhaftes Wort über deine Lippen bringen,« stammelte er vorwurfsvoll.

»Ich dich töten, der ich diesen Leib anbete, als sei er der einer Gottheit, der ich dich schützen möchte vor allem Unheil, vor Hunger, vor Schmähungen, der ich selbst der kleinsten Fliege nicht gönne, wenn sie über deine Hand laufen darf. Ich soll dich töten? Und weshalb wünschst du dir den Tod? Warum tust du mir dies Leid an, dich leiden zu sehen?«

»Bedenke, wer du bist,« fiel ihm die Jüdin ins Wort. »Willst du,« lachte sie bitter auf, »willst du deiner vornehmen Mutter sagen, du habest mit der Jüdin gesprochen, daß sie vor dir entflieht? Willst du ihr die Jüdin als Braut über ihres Hauses Schwelle tragen: O glaube mir, du achtest mich nicht, wenn du dir auch fest vornimmst, mich zu achten.«

»Lache nicht so wild, Myrrah,« rief Menes zitternd, »du tust mir weh! Wisse, daß ich dich achte, und hätte ich dich auf dem Felde die unsauberen Schweine hüten oder dich als Tänzerin den ekeln Reigen schwingen sehen. Nichts kann dich mir in Unehre bringen, nichts mich von dir vertreiben, dein Bild mir trüben, und wenn meine stolze Mutter mir darum zürnt, so mag sie es tun, ich bedarf ihrer nicht, deiner aber bedarf ich, um zu leben.«

Myrrah war in lautes Schluchzen ausgebrochen.

»Gehe! verlasse mich,« seufzte sie, »wenn du Spiel mit mir triebst, würdest du mich töten. Du stürzest mich, ich fühle es, ins Verderben. Mir wäre besser, ich hätte dich nie gesehen, oder ich stürbe gleich auf der Stelle, denn ich weiß nicht, was ich ohne dich beginnen soll, und mit dir leben darf ich nimmermehr.«

Der junge Mann versuchte die Weinende zu beruhigen, er gab ihr die zärtlichsten Namen, versicherte sie, daß er jeden Abend in ihr Haus schleichen wolle, daß er ihr einen ergebenen Diener täglich senden wolle, ihr Nahrung zu bringen, sie aber wehrte heftig alle seine Liebkosungen ab, suchte ihr tränenüberströmtes Gesicht zu verbergen und rief ein über das andere Mal: »Gehe! Oh, hätte ich dir nicht dein Leben gerettet, hätten sie dich und mich getötet.«

Nach vielen vergeblichen Versuchen, sich ihr verständlich zu machen, stand Menes auf.

»Du willst, daß ich gehe! Gut denn, ich gehorche dir,« sprach er mit schmerzlichem Trotz. »So will ich dich denn nie mehr wiedersehen. Lebe wohl und vergiß mich, wie ich dich zu vergessen suche.«

Schon hatte er die Türe erreicht, da sprang Myrrah auf, als ob sie ihn zurückhalten, sich an seine Brust werfen wollte, aber sie faßte sich gewaltsam, indem sie auf ihren Sitz zurücksank, die Arme und den Kopf erschlafft herabhängen lassend.

Menes ging.

Nach einigen Minuten flog durch das kleine Fenster ein Siegelring, den ein smaragdener Käfer zierte, zu Myrrahs Füßen nieder. Über eine halbe Stunde lang saß das Mädchen regungslos da. Draußen waren längst die Schritte ihres Freundes verhallt, die Straße füllte sich mit Menschen, die ihrem Gewerbe nachgingen; Aufseher traten in die Wohnungen, um Steuern zu erheben oder die jungen Männer der Ebräer zum Ziegelbrennen abzuholen. Wagen rollten, Sänften wurden getragen, das Brausen und Tosen einer Großstadt drang bis in das kleine Zimmer des Mädchens. Diese schüttelte endlich die schwermütige Erschlaffung von ihren Gliedern, hob vorsichtig den Smaragden vom Boden auf, küßte ihn, wickelte ihn in ein feines Tuch und barg ihn errötend an ihrer Brust. Hierauf nahm sie ihr Kopftuch, um an den Ufern des Nils Blumen zu suchen, damit sie Kränze und Sträuße daraus winden möchte, da heute abend ein vornehmer Ägypter solcher bedurfte, seinem Feste Pracht und Glanz zu verleihen. Als sie nach Ablauf von zwei Stunden ermattet in ihr niedriges Zimmer zurückkehrte – wer beschreibt ihr Erstaunen – da trug ihr Tisch eine kostbare Mahlzeit, wie sie solche noch nie gesehen, geschweige denn genossen. Gänsebraten, feines Gebäck, Datteln, Wein, breitete sich duftend vor ihren erstaunten Augen aus; sie jedoch ließ die Speisen unberührt.




Drittes Kapitel


Über dem Zimmer Myrrahs befand sich dasjenige des kranken, alten Juden. Die Lehmwand des Gemachs zeigte mehrere Löcher, durch die der Wind nach Belieben pfeifen konnte. Der ausgetretene Fußboden war nicht der reinlichste; an Tischen und Stühlen waren nur sehr zerbrechliche Exemplare vorhanden, deren Farbe in widriges Grau übergegangen war. Durch einen zerrissenen, grünen Vorhang schielte die Sonne über zerbrochenes Tongeschirr, welches am Boden stand. Auf einem sehr niedrigen, hölzernen Gestell, das mit etlichen Lumpen belegt war, lag der alte Mann; sein Atem kam zögernd über seine Lippen, schwer, mühsam hob sich seine Brust. Neben ihm kniete sein Sohn Isaak, mit ängstlicher Aufmerksamkeit in das matte, blasse Gesicht, die irren, glanzlosen Augen des Vaters blickend, zuweilen ihm den blutigen Stirnverband zurechtrückend oder mit Wasser seine Lippen befeuchtend.

»Stirb mir nicht, Vater,« kam es aus Isaaks Busen hervor, »du weißt, ich liebe dich, verlasse deinen Sohn noch nicht, halte noch mit ihm in dieser elenden Welt aus.«

»Wo bleibt Rebekka, deine Schwester?« frug mit einiger Anstrengung der Sterbende. »Ich sah sie nicht, so lange ich an dieser Wunde daniederliege, warum tritt sie nicht an das Sterbelager ihres Vaters?«

»Verzeihung, mein Vater,« sprach der junge Mann, indem er hastig nach den zuckenden Händen des Alten griff, »Verzeihung deiner Tochter und mir! Wie konnte ich ahnen, daß sie so herzlos, so gottlos wird, als ich sie dazu verleitete, unserer Not durch Harfenspiel und Tanz ein Ende zu machen.«

Über das Angesicht des Alten flog ein Schatten.

»Ja, du warst es, der meine Rebekka,« keuchte er, »dem reichen Setineht in die Hände spielte, damit er sie verderbe, um uns –«

»Um dich –« fiel Isaak bebend ein.

»Um uns vom Hungertode zu retten,« fuhr der Greis fort. »Von diesem Tag an sank sie tiefer, immer tiefer; sie lernte sündhafte Tänze, bestrickende Gesänge und, was sie erwarb, das kam nicht mehr uns zugute, das brachte sie mit Kriegsknechten durch, oder kaufte sich elenden Goldflitter dafür, ihren unreinen Leib zu behängen. Sie war nicht schlecht, mein Kind, sie war munter, lebenslustig, heftig von Gemütsart – sind das Fehler? nein! doch es wurden Fehler daraus; das Gift schmeckte ihr süß, sie trank es in vollen Zügen aus den Händen der Ägypter, und jetzt ist sie völlig davon durchfressen. O Isaak, was tatest du mir an! Was hast du aus deiner Schwester gemacht!«

Isaak beugte sich über seinen Vater und küßte ihm den welken Mund.

»Denke nicht an die Mißratene,« bat er sanft. »Daß sie so geworden, wie sie ist, zeigt mir, daß ein schlechter Kern in ihr lag, und daß sie auch ohne meine Beihilfe geworden, was sie nun ist. Sieh! ich pflege dich, ich sitze Tag und Nacht an deinem Lager, ich hungere, ich bettle für dich – kannst du sagen, ich sei ein schlechter Sohn? Aber sie! was tut sie! sie lacht, sie tanzt, sie liebt, während ihr Vater –«

»Rede nicht von ihr,« wehrte der Ermattete ab, »mir wird weh, Isaak, gib mir Wasser.«

Isaak tat, wie ihm geheißen wurde. Dann kauerte er sich dicht neben das Haupt des Kranken, lauschte auf seine unregelmäßigen Atemzüge und sah dabei zuweilen mit verlangenden Blicken auf einen Napf voll Milch, den er für den Vater erbettelt hatte. Ja, manchmal streckte er unwillkürlich die zitternde Hand nach dem Getränke aus, ließ sie aber jedesmal sinken, sobald sein Auge das Gesicht des Verwundeten streifte. Er litt augenscheinlich grimmigen Hunger, der Arme, denn etlichemal fielen ihm vor Schwäche die Augenlider zu, jedoch die Pflicht, seinen Vater zu ernähren, gebot ihm dem heftigen Naturtrieb zu widerstehen, denn diese kleine Schale Milch sollte für diesen Tag die einzige Nahrung der beiden sein. Nach langem Stillschweigen bemerkte Isaak, wie sich plötzlich die Züge des Bejammernswerten seltsam veränderten. Er faßte nach der Hand seines Kindes und sah ihm mit einem feierlichen, geheimnisvollen Ausdruck in die Augen.

»Isaak!«

»Vater!«

»Richte mich auf, ich muß mit dir sprechen.«

»Ja, Vater.«

»Aber rasch, denn ich fühle den Tod mir nahen.«

Dann setzte er sich stöhnend mit Isaaks Hilfe empor, hieß diesen die Türe sorgfältig schließen, nachdem er sich umgesehen, ob niemand lausche, hieß ihn die Fenster verdunkeln und bat ihn, sein Ohr dicht an seine Lippen zu legen. Nachdem dies geschehen, atmete er noch einmal tief auf, ließ sich von der Milch reichen und begann:

»Ich muß dir, ehe sich mein Auge auf ewig schließt, ein wichtiges Geheimnis anvertrauen, mein Sohn, das bis jetzt nur das meine war. Laß dir verkünden, daß ich als junger Mensch, unter der Regierung des vorigen Königs Seti des Ersten, half, eines der größten Werke zu vollenden, welches die Erde je sah oder noch sehen wird.«

Hier brach er erschöpft ab, um Luft zu sammeln. Der Sohn hing gespannt an den Lippen des Vaters.

»Ich war unter der Schar,« fuhr er flüsternd fort, nachdem er sich erholt, »die des Königs Schatzhaus bauen mußte.«

»Wie? Du, Vater? Und du lebst noch?«

»Alle die diesen Bau ausgeführt, sogar der Baumeister, mußten sterben, damit keiner verriete, wo sich das Haus befinde, oder auf welchen Pfaden man in sein Inneres gelangen könne. Sterben mußten sie, Isaak! Alle sterben.«

Schmerzen zwangen ihn, sich zu unterbrechen; er drohte umzusinken; Isaak hielt ihn jedoch aufrecht.

»Und du entkamst dem Mordschwert der Ägypter?« frug Isaak klopfenden Herzens, »doch erhole dich erst noch ein wenig, ehe du weitersprichst.«

»Ich entkam,« begann der Alte aufs neue, seine Schwäche beherrschend. »Ich dachte, es ist einerlei, ob dich das Schwert eines Kriegers tötet, oder ob du im Innern des Gewölbes, das du bauen halfst, verhungerst, und so versteckte ich mich, nachdem alle übrigen Arbeiter bereits aus dem vollendeten Bau gebracht werden waren, in einer Kiste. Drei Tage lang hielt ich es dort aus, von Dunkelheit umgeben. Endlich tappte ich mich durch die mir wohlbekannten Gänge bis an das noch nicht vermauerte Tor. Von hier aus floh ich in den Schilf des Nil, wo ich mich wieder längere Zeit verborgen hielt, um meinen Verfolgern zu entgehen. Das waren fürchterliche Tage, mein Sohn, denn ich lebte von da an einem Tiere ähnlicher, als einem Menschen. Erst nach vielen Jahren, bis man mich vergessen oder mich tot geglaubt, ließ ich mich wieder sehen.«

Diese Worte hatte der alte Mann röchelnd hervorgestoßen, man sah ihm deutlich an, wie er mit Angst ans Ende zu kommen suchte, um seinem Kinde, noch bevor der Tod ihm den Mund verschließen konnte, die ganze Tragweite des Geheimnisses zu entdecken.

Isaak wollte einige Worte einwerfen, ihn bitten, sich zu schonen, jedoch er winkte ihm Schweigen zu und fuhr immer hastiger, immer angstbeklommener weiter fort:

»Lausche nun meinen Worten, Kind, denn ich will dich durch das, was ich dir nun verkündige, glücklich, reich und mächtig machen. Ich hatte keinen Mut dazu, mein Vorhaben auszuführen, aber dir fehlt es nicht an Scharfsinn, Entschlossenheit und Erfindungsgeist, die Früchte zu genießen, die ich unberührt liegen ließ. Du wirst nachholen, was ich alter, furchtsamer Tor versäumt.«

Isaaks Atem flog aufgeregt durch seine Lippen, er beugte sein Ohr dicht an den Mund des Vaters und trank dessen flüsternde Worte.

»Ich will dir,« fuhr dieser fort, »den Weg beschreiben, den du gehen mußt, um in das Innere des Schatzhauses zu gelangen, wo die Goldgefäße stehen, angefüllt bis zum Rand mit Goldringen, mit Edelsteinen, wo du dir nehmen kannst, so viel dir Jehova erlaubt, denn die Feinde zu berauben ist keine Sünde. Wenn ich die Augen geschlossen, dann wird Pracht und Reichtum einziehen in meines Sohnes niedere Hütte; du wirst dir einen Palast bauen an den Ufern des Nil, du wirst wie die mächtigen Pharaonen auf Purpurpolstern ruhen, bedient von schönen Sklavinnen, du wirst deine vergoldete Gondel auf den Wellen des Nil rudern und dich tragen lassen in reich bemalter Sänfte. Isaak, du erhebst dich aus dem Staube der Knechtschaft, du setzest deinen Fuß auf die stolzen Nacken der Unterdrücker, du rächst deine Schmach, rächst deines Vaters Schande, deines Vaters Tod, denn, wer Reichtum besitzt, besitzt Macht.

Verführe sie, verderbe unsere Feinde, und aus dem Grabe heraus will ich dich segnen; mein Geist wird dich schützen.«

Der Alte hatte ermattet die Stimme sinken lassen, während Isaak mit erglühten Wangen, leuchtenden Augen seiner Rede gefolgt war.

»Vater,« preßte der überraschte Sohn hervor, »mein der Schatz des Königs? mein? es ist keine Ausgeburt deines fieberkranken Hirnes? Ich, der verachtete, bespiene Jude, reich, mächtig, der Rächer meines Volkes? Vater, mir schwindelt, meine Sinne halten es nicht aus; mir ist, als sähe ich die Pracht des königlichen Schatzes vor mir glänzen, wie ein Meer im Abendstrahl, und die Edelsteine würden zu Flammen, mich zu versengen, das Gold dünstet giftiggelbe Gluthitze aus, mich zu ersticken – ich sehe mich in prächtigen Gewändern dahinschreiten, hohnlachend meinen Unterdrückern – Vater, mache mich nicht wahnsinnig vor schauderndem Entzücken.«

Mit Anstrengung gelang es ihm endlich, seine schweratmende Brust zu bändigen, er richtete den zurückgesunkenen Sterbenden auf, sprach einige herzliche Worte zu ihm und küßte ihm im Rausche der Freude dankbar die Stirn. Der alte Mann begann nun in abgebrochenen Worten zu beschreiben, wohinaus Isaak sich zu wenden habe, um das Schatzhaus zu finden.

»Du siehst, ich mache dir ein reiches Vermächtnis, teurer Sohn, so reich, wie es der reichste Königsbeamte seinem Sohn nicht hinterläßt,« stotterte er immer mühsamer, »nun sterbe ich gern, denn ich habe dich glücklich gemacht.«

»Vater, du vergaßest, mir genau anzugeben, wo sich das Schatzhaus befindet,« rief Isaak angstvoll, »sammle deine Sinne, damit ich der Beschreibung genau folgen kann, denn, wenn ich keine Ahnung habe, in welchem Gebäude der Schatz liegt, wie soll ich ihn finden? Also, da wo der alte Königspalast von Memphis liegt, am Südostende der Stadt steht, umgeben von mehreren anderen Gebäuden, das Schatzhaus?«

Der Greis beschrieb dem Sohn mit dem Finger aus dem Fußboden den Weg, den er zu gehen habe. Wenn er von der Stadt käme, sei es das dritte und größte der Gebäude; mächtige Pylonen ragten vor ihm in die Luft, aber die Türe, die in sein Inneres führe, sei so verborgen, daß kein Mensch ahne, wo sie sich befände, denn sie führe in der Rückseite des Palasts auf den Nil hinaus und sie erhübe sich gerade da, wo das Wasser des Flusses aufhöre, also, daß sie bei einer Überschwemmung gänzlich unter Wasser gesetzt sei. Eben wollte der erregte Isaak fragen, wie er denn diese Eingangspforte zu finden habe und durch welchen Kunstgriff sich der schwere Stein hinwegbewegen lasse, als sich draußen vor der Türe munteres Lachen vernehmen ließ. Isaak sprang an die Türe; kaum hatte er sie geöffnet, so tanzte mit heiterem Singen seine Schwester Rebekka in das Gemach, blieb aber, mitten in ihrem Gesang abbrechend, stehen, als sie ihren abgezehrten Vater sich langsam erheben sah.

»Nicht in meine Nähe,« keuchte tonlos der bereits unter den Fittichen des Todes Weilende. »Hebe dich weg von dem Lager deines Vaters, du Verworfene, schütte nicht deine trübe Gier, deine niedrige Weltlust über sein dem Grabe geweihtes Haupt aus. Was kommst du meine letzten Lebensträume zu stören? Was trägst du diesen Mißklang in dies ernste Zimmer? Hättest du nicht warten können, bis dies Auge dich nicht mehr sieht, dies Ohr deine eiteln Gesänge nicht mehr vernimmt? Isaak, verbirg sie meinem Blick, ich will nicht in ihrer Nähe sterben.«

»Vater, sie ist dein Kind,« bat der Bruder, seinen Vater sanft zurück auf das Lager zwingend. »Verzeihe ihr, nimm nicht deinen Unwillen, deinen Groll ins Grab hinab.«

»Sie hat den Gott unserer Väter verlassen; wie, sollte ich sie nicht verlassen?« rief der Sterbende, zornige Blicke auf die Eingetretene richtend. »Sie hat unser Volk verlassen, hat sich mit den Fremden abgegeben; verkehre nicht mit ihr, Isaak, sage dich los von ihr, sie mag verhungern, sie bringt Schande auf unser Haupt, denn sieh nur, wie heiter sie aufgeschmückt ist, wie sie lachen, wie sie singen kann und –«

Schwäche verhinderte ihn weiter zu reden; seine zum Fluche erhobene Hand sank schlaff auf das Lager; er fiel mit dem Haupt, einem Toten ähnlich, zurück. Isaak beugte sich verzweiflungsvoll über den kaum Atmenden; Rebekka stand wie betäubt, die Türe in der Hand haltend. Als der Vater verstummte, schritt sie erbleichend auf den still Daliegenden zu, aber Isaak wehrte ihr näher zu treten. Beschämt den Blick an den Boden geheftet, stand sie dort, bis dieser Blick zufällig auf ihre goldenen Armbänder fiel. Hastig streifte sie dieselben ab, in einem Moment flog der Goldflitterbesatz ihres Kleides unter ihren Fingern zu Boden und die Handtrommel entsank ihren Armen. Sie empfand mit Schauder, wie seltsam ihr leichtfertiger Schmuck stimmte zu dem erhabenen Augenblick, in welchem die Seele ihres Vaters Abschied nahm von dieser Welt. Tränen traten über ihre Augen und behutsam schlich sie sich an den Sterbenden heran, seine kalten Hände mit ihren heißen Zähren zu benetzen. So kniete sie lange um den Sterbenden beschäftigt, der nur noch einmal die Kraft hatte: »Zu spät!« zu hauchen. Wer sie in dieser Stunde gesehen hätte, würde sie für die besorgteste, zartfühlendste Tochter gehalten haben, und selbst der, der sie auf der Straße tanzen sah, er hätte ihr nun verziehen, so sehr war ihr ganzes Wesen umgewandelt, so sehr schien sie ihren Lebenswandel zu bereuen. Die beiden Geschwister gaben sich flüsternde Winke, deuteten sich an, daß es mit ihrem Vater merklich zu Ende ging. Schon schien es den beiden, die jeden Atemzug des Sterbenden zählten, als stocke plötzlich die regelmäßige Hebung der väterlichen Brust, schon schlug Isaak die Hände vor die Augen, den Todeskampf des Teuren nicht mit anzusehen, da erhob sich dieser noch einmal und verlangte, durch entschiedene, nicht mißzuverstehende Winke, Stift und Papyrusrolle. Als der Sohn ihm dies gereicht, sah er, wie die krampfhaft zuckenden Finger seines Vaters bemüht waren, mit der letzten Kraft etwas auf die Rolle niederzuschreiben, da ihm bereits die Zunge den Dienst versagte. Isaak erriet, daß es sich um die geheime Türe des Schatzhauses handelte, er verfolgte den zuckenden Stift des Schreibenden mit glühenden Augen, ja er vergaß fast, daß er sich in der Nähe des Todes befand; die Aussicht, den Schatz zu erlangen, überwand in diesem Moment den Schmerz um das brechende Herz des Vaters. Mit Bestürzung jedoch bemerkte er nach einiger Zeit, daß unter den Fingern des Sterbenden fast völlig unleserliche Zeichen hervorquollen. Er deutete dies dem Vater an, frug, was dieses oder jenes Zeichen bedeuten solle. Dieser sah flehentlich zu ihm auf, als wolle er sagen: entwirre meine Schriftzüge, die Finger gehorchen mir nicht mehr. Darauf ließ er den Stift fallen, legte mühsam die kraftlose Hand auf Isaaks Haupt, sank zurück, zuckte noch einmal vom Munde an bis in die Zehen hinunter und tat keinen Atemzug mehr. Rebekka brach in heftiges, verzweiflungsvolles Schluchzen aus, während ihr Bruder in dumpfem, tränenlosen Schmerz die Züge des Verblichenen anstarrte. Das Mädchen konnte sich nicht fassen, sie zerriß ihr Kleid, schlug sich die Brust, warf sich zu Boden, kurz, gab sich dem leidenschaftlichsten Jammer hin.

Erst nach vielen Stunden vermochte sich Isaak so weit zu fassen, daß er die Papyrusrolle, auf die der Tote die wirren Buchstaben geworfen, zu sich steckte, um sie vor dem Auge Uneingeweihter zu bewahren. Während seine Schwester das Gesicht des Toten mit ihren Tränen badete, ihn laut um Verzeihung bat, ihn beschwor, ihre Reue anzuerkennen und noch ein liebes Wort an sie zu richten, zog er behutsam das Schriftstück hervor, um die Zeichen zu enträtseln. Kaum jedoch hatte er sich einigermaßen in die Rolle vertieft, um seinen Kummer zu vergessen, so fühlte er, wie ihm dies fast allzu gut gelang, denn von nun an fand kein anderer Gedanke mehr in seinem Haupte Platz, als der, Besitzer der geheimnisvollen Reichtümer zu werden. Den ganzen Tag bis spät in die Nacht hinein saß er über der Rolle. Er vergaß Schlaf und Speise, überhörte die Mahnung seiner Schwester und bemerkte nicht, daß man die Leiche seines Vaters aus dem Zimmer getragen. Eine wahrhaft dämonische Goldgier hatte ihm das wichtige Blatt eingeflößt. Als ihm Rebekka Vorwürfe machte über seine Teilnahmlosigkeit, gewahrte er erst, daß die Leiche aus dem Zimmer verschwunden war. Da übermannte ihn denn freilich eine Art Rührung, doch diese war bald wieder verwischt, als sein Auge das verheißungsvolle Blatt streifte. Endlich nach langem Brüten sah er ein, wie unmöglich es ihm sei, diese Zeichen zu entziffern, die da auf dem Blatte tanzten; er mochte die Rolle drehen und wenden wie er wollte, sie mit dem spärlichen Lämpchen beleuchten, wie er wollte, sie gab ihm keinen Aufschluß. Die Aussicht, die Schrift nicht lesen und somit den Schatz nicht heben zu können, stürzte ihn schließlich in eine solche Verzweiflung, daß ihm Tränen aus den Augen quollen und er nach vielem ratlosem Überlegen seine Schwester weckte, die bereits Müdigkeit und Schmerz in einen fieberartigen Halbschlaf versenkt hatte. Er teilte der verstört Dreinschauenden das Geheimnis mit, so gut er dies in seinem Erregungszustand vermochte. Rebekka, durch diese Mitteilung völlig wieder in ihre frühere stürmische Lebenslust zurückversetzt, machte sich sofort über die Rolle her.

»Du bist gescheit,« meinte ihr Bruder schmeichelnd, » ein Weib hat mehr Scharfsinn als zehn Männer; dir gelingt gewiß, was mir nicht gelingen wollte: in dies närrische Gekritzel Sinn zu bringen, die abgebrochenen Worte klug zu verbinden, auf daß ich genau die Stelle kennen lerne, durch welche ich in das Innere des Gebäudes dringe. Diese Stelle muß ich genau kennen, denn Zeit, zu suchen, läßt mir die Gefahr des ganzen Unternehmens nicht.«

»Hier steht,« begann Rebekka, nachdem sie die Schrift überflogen, »gleich im Anfang folgendes: die Türe liegt über dem Wasserspiegel des Nil.« – »So weit kam ich ebenfalls,« bestätigte Isaak, »dies hatte mir bereits der Vater mündlich mitgeteilt. Weiter, lies weiter.«

»Halt,« rief das Mädchen, »höre, ob ich recht erraten, dies Zeichen, welches aussieht wie eine betrunkene Mumie, soll heißen: suche –!«

»Möglich, Schwesterlein! Entziffere das Folgende.«

Sie sann über dem Blatt, ihre Lippen bewegten sich, ohne zu sprechen. Nach einiger Zeit flüsterte sie:

»Suche in der Wandmalerei –«

»Wandmalerei! könnte dieser Schnörkel, der einem vor Lachen geplatzten Nilpferd ähnlich sieht, heißen?« warf Isaak heiter dazwischen, »wahrlich, ich beneide dich um dein scharfes Auge, schlaues Weib.«

»Es sind Hieroglyphen,« belehrte Rebekka, »die du nicht völlig verstehst; der Vater bediente sich von nun an der ägyptischen Schrift. Also: Suche in der Wandmalerei das Bildnis des Gottes Sebek, welcher sitzt auf einem Thron und dessen Haupt dasjenige des Krokodils ist.«

»Wir kommen zum Ziel,« jubelte Isaak, »weiter, teure Schwester; ich möchte dich küssen, Mädchen. Warum gab ich dir diese Rolle nicht schon früher, wir wüßten bereits die Stelle.«

»Es ist klar am Tag,« fuhr Rebekka lesend fort. »Da, wo der Gott seine Hand auf das Knie drückt, genau da, wo er die Lotosblume hält, befindet sich – o Bruder, höre nur! befindet sich die Stelle, auf welche du schlagen mußt. Alsdann wird sich der Stein, wenn du dich wider ihn stemmst, in seinen Angeln drehen, eine Öffnung freilassend, durch welche du bequem in den Mittelpunkt des Gebäudes gelangen kannst.«

»Wir sind am Ziel,« murmelte Isaak, indem er die Faust auf sein pochendes Herz drückte, »wir sind reich, wir sind mächtig. O Schwester, dies Glück ist allzu groß, ich glaube noch nicht an seine Wirklichkeit. Gib acht! das ist alles nur ein schöner Traum, bald werden wir erwachen und so arm und elend sein wie zuvor.«

»Möglich,« sprach Rebekka, mit mühsam errungener Gleichgültigkeit, »daß der Königsschatz längst nicht mehr in dem Hause ruht, oder daß diese Schrift uns belügt, da sie der Fieberphantasie eines Sterbenden ihr Dasein verdankt; jedenfalls solltest du dir Mühe geben, deine Aufregung zu dämpfen, Isaak. Wir sind noch lange nicht am Ziel; Fassung, kalte Überlegung müssen uns nun die Mittel und Wege zu diesem gefahrvollen Werke zeigen; nur wenn wir mit ungetrübten Sinnen an die Arbeit gehen, kann es uns gelingen, den Schatz zu heben. Hitze und List sind Feinde! Der Listige muß hart und kühl bleiben.«

»Aber auch deine Wangen sind gerötet, auch dein Herz schlägt rascher, liebe Schwester,« sagte Isaak, sich mit Gewalt stille auf einen Stuhl niederlassend. »Doch hast du recht, Leidenschaft taugt nichts. Es kommt nun vor allem darauf an, wann wir den schwierigen Gang wagen wollen.«

»Halt,« rief die Tänzerin plötzlich, »hier steht noch eine Bemerkung auf der Rolle, die ich übersah; rücke die Lampe näher.«

»Nun, kannst du sie enträtseln?«

»Es steht hier,« begann das Mädchen nach einigen Augenblicken, »du solltest ein Licht mitnehmen, denn die Gänge des Gewölbes seien natürlich völlig in Finsternis gehüllt; auch sollst du nicht vergessen, die Steintüre bei deinem Eintritt wieder hinter dir zuzudrücken.«

»Versteht sich von selbst,« lächelte Isaak, wie berauscht, »oh! der gute, besorgte Vater.«

Nun überlegten die beiden Geschwister, in welcher Nacht und zu welcher Stunde das gefährliche Unternehmen gewagt werden solle. Wenn sie den Weg nur einmal gemacht, war es wohl leichter, ihn auch öfter zu machen; nur das erstmalige Eindrangen in das Schatzhaus erforderte gründliche Beratschlagung, große Vorsicht, denn möglicherweise konnte der ganze Plan vernichtet werden, wenn etwa Wachen die Gebäulichkeiten umlagerten. Daß ihr Leben dabei auf dem Spiele stand, verhehlten sie sich nicht, doch schien ihnen der Gedanke, mit diesen königlichen Reichtümern ihr Elend in glänzendes, unermeßliches Glück verwandeln zu können, wohl wert, auch das Leben an die Ausführung zu setzen. Endlich kamen sie dahin überein, Isaak solle sich, wenn ihm seine Arbeit es vergönne, vor allem einmal die Gebäulichkeiten beim Lichte des Tages ansehen, damit der Weg bei Nacht desto leichter zu finden sei. Der junge Mann schlich sich denn auch heimlich um Mittag von der Ziegelbrennerei weg, gelangte auch glücklich bis vor die Pylonen des Gebäudes, kehrte aber mit der betrübenden Nachricht zu seiner Schwester zurück, die Paläste würden von Kriegern Tag und Nacht bewacht. Rebekka ließ deshalb den Mut nicht sinken; sie wolle, sprach sie, am Tage der Ausführung des Werkes, die bewachenden Krieger dergestalt mit ihren Tänzen bestricken, daß sie vergessen sollten, zu welchem Zweck sie eigentlich vor der Pforte der Paläste stünden. Isaak war damit einverstanden. Tagsüber wurde ihm bei seiner Arbeit von den Aufsehern mehr wie sonst Zerstreutheit, Langsamkeit vorgeworfen. Das Kneten und Herausstechen der Lehmerde wollte ihm gar nicht recht gelingen; zuweilen sogar, wenn er einen Geißelhieb empfing, zuckte es wie Trotz um seine Züge, als wolle er sagen: »Wartet nur ab, bald werdet ihr vor mir zittern, wie ich jetzt vor euch, denn diesen nackten Leib umrauscht bald assyrisches Purpurgewebe, dieser schwielige Fuß ruht bald auf vergoldeter Sandale, dieser Mund, der jetzt schmutziges Wasser schlürft, hängt bald an äthiopischem Goldbecher und schlürft köstlichen Wein.« Mit ironischem Lächeln nahm er die Scheltworte in Empfang, musterte gleichmütig die stolzen Beamten, erlaubte sich zuweilen spitzige Reden und fügte sich mit verdrossenem Lachen den Befehlen. Einmal, als er sich ein wenig von der Arbeit erholte, zog er die Rolle hervor, um, wie er öfter tat, die Ratschläge des Vaters zu durchfliegen. Diese Unvorsichtigkeit wäre ihm beinahe schlecht bekommen; der Oberaufseher nämlich, der ihn beobachtet hatte, riß ihm das Blatt aus den Händen.

»Was liest der elende Ebräer?« schrie er, »Lesen ist Gift für euch; das macht euch klug, und wir können euch nur brauchen, wenn ihr wie die Tiere seid. Lesen die Hunde auch? Für jeden Buchstaben einen Geißelhieb; entblöße den Nacken.«

Isaak erbleichte; wenn des Wütenden Blick auf das Geschriebene fiel – er war verloren.

»Was ist das für ein erbärmliches Geschreibe,« höhnte der Beamte weiter, »laß mich es lesen –«

»Herr,« stammelte der verwirrte Jude endlich, »es sind – es sind Gebete!«

»Wie?«

»Ebräische Gebete, die Euch gewiß nur langweilen oder gar empören, gebt sie mir zurück.«

»Gebete?« lachte der Ägypter, »wirklich? O du frommer und getreuer Isaak.«

Schon entrollte der Aufseher das Blatt, schon begann er nach dem Anfang zu suchen; Isaak sah das Henkerbeil dicht an seinem Halse, er streckte die Hand krampfhaft nach dem Blatt aus; seiner wie zugeschnürten Kehle entrangen sich ächzende Laute.

»Es ist nicht zu entziffern,« sagte der Aufseher, und aus seinen Händen flog der Papyrus in das Feuer, welches sich in der Nähe befand, um allzu nasse Ziegel rascher zum Trocknen zu bringen.

Mit welch erleichtertem Herzen Isaaks Auge der Vernichtung des verhängnisvollen Schriftstücks folgte, läßt sich denken.

Als er gegen Abend zu Hause ankam, trat ihm Rebekka, ihre Erregung dämpfend, entgegen.

»Sieh, Isaak,« flüsterte sie, »mein Tanzen brachte nur an diesem Tag genug ein, um eine Laterne mit allseitigem Glasverschluß und diesen Dolch zu kaufen. Beides werden wir brauchen können, denn ich wünsche, daß du, sobald die Nacht über den Dächern von Memphis hängt, den gefahrvollen Gang nach dem Schatzhause wagst.«

Isaak erbleichte bei dieser Auseinandersetzung. Rebekka, als sie gewahrte, wie er die Ausführung gerne hinausgeschoben, versuchte zu lachen. Sie warf sich darauf an seinen Hals, liebkoste ihn, streichelte ihm die blassen Wangen und bat ihn, Mut zu fassen; sie wolle, sobald der Mond aufgegangen sei, sich an die Paläste heranschleichen, um dort die Wächter mit ihren Künsten zu umstricken; er solle sich, solange dies geschehe, im Schilf des Nil versteckt halten, bis sie ihn rufe.

»Mut, Brüderchen,« lächelte die Schlaue, »du zitterst, wie eine kranke Tänzerin, wie kannst du den Anblick der königlichen Kostbarkeiten ertragen? Ihr Anblick wird dir den Erstickungstod bringen. Sei feierlich und stille, wie ein ägyptischer Priester, wenn er sich vor seinem Steingott verbeugt. Schreite dumm und gleichmütig durch die Straßen, wie der Stier Apis, wenn er in Prozession umhergeführt wird, und lasse keine Seele ahnen, was du in deinem Busen für glühende Plane nährest. Übrigens werde ich den Dolch zu mir stecken, denn deinen zitternden Händen entfällt er, ich aber, die Biene, brauche den Stachel.«

»Glaubst du, ich sei so mutlos?« sagte Isaak, »wenn ich zittere, ist es vor Entzücken, vor Erwartung; alle meine Adern sind gespannt zu dem Werk, wie Bogensehnen.«

Darauf führte ihn Rebekka heiteren Sinnes vor einen reich mit Speisen besetzten Tisch, indem sie ihm erklärte, ein befriedigter Magen sei die Triebfeder jeder großen Tat, ein leerer Magen bedinge einen leeren Kopf, und Gott habe nur deshalb die Welt so schön schaffen können, weil er nie Hunger zu leiden brauchte. Sie habe mühsam genug Wein und Braten ersungen, aber er solle unbesorgt essen, sie würde vom Zusehen satt. Isaak fiel mit staunenswerter Geschicklichkeit über die Speisen her, indessen sie sich an seiner Gier ergötzte. Endlich machte sie ihn darauf aufmerksam, daß die Schüsseln geleert seien, und daß der Mond am Himmel stünde; es sei Zeit, zum geheimen Wagnis zu schreiten. Eben wollte Isaak die Laterne ergreifen, da pochte es heftig an die Türe. Ohne den Willkomm abzuwarten, schritt ein königlicher Beamter, angetan mit dem gestreiften Kopftuch, ins Zimmer, indem er eine Papyrusrolle entfaltete und dieselbe den beiden Erschrockenen, die schon an Gefangennahme dachten, vorhielt.

»Lest,« sagte er kurz, »habt ihr verstanden? Was steht das Judengesindel und starrt mich an, als sei ich eine dem Grabmal entstiegene Mumie?«

Rebekka gewann zuerst wieder die Sicherheit ihrer Sinne. Sie überflog das Blatt und sprach darauf zu Isaak, während der Beamte die Rolle einsteckte: »Es ist allen Juden verboten, so kündet dieses Blatt, heute und morgen ihre Wohnungen zu verlassen, weil Ramses, der Sohn der Sonne, siegreich zurückkehrt aus der Feldschlacht gegen die Chetas.«

»Ja,« sagte der Beamte, »eure Gegenwart soll den festlichen Aufzug nicht entweihen, ihr Schakale. Aber einen Kuß könntest du mir doch reichen, Jüdin, du bist verflucht hübsch; so malen sie die Göttin Isis holdlächelnd auf die Wände des Tempels. Komm, kleine, weiße Schilfschlange, laß dich fangen.«

Rebekka wehrte lachend ab, während sich der derbe, braunrote Ägypter, von Begierde entzündet, wild an sie schmiegte, reiche Belohnung bietend. Bald kamen noch einige Ägypter, brachten Wein und stritten sich um den Besitz der Jüdin. Isaak suchte ärgerlich sein Lager; dies Hindernis kam ihm sehr ungelegen; er sann darüber nach, ob er es vielleicht umgehen könnte, während die lebenslustigen Zechgenossen Rebekka in ein Nebengemach zogen, aus welchem bald Gesang und Gelächter das stille Haus durchtobten.


* * *

Menes hatte indes keinen Tag vorübergehen lassen, ohne eifrig danach zu trachten, mit dem Mädchen auf irgendeine Art, an irgendeinem Ort wieder zusammenzutreffen; leider lange erfolglos. Eine glühende, verzehrende Sehnsucht bemächtigte sich seines träumerischen Gemüts; die Abwesenheit ihrer Gestalt hielt seine Phantasie in beständiger Spannung; im wachen Traume sah er sie vor sich; auf den Straßen ließ er kein Gesicht an sich vorüber, ohne es beobachtet zu haben. Es wurde ihm klar, daß sie ihn absichtlich mied. Eines Morgens war er, eine halbe Stunde oberhalb Memphis, am Nil auf und ab gewandelt, um ein astrologisches Werk zu studieren. Der Ort war still; rings vom hohen Schilfe eingerahmt, war er wie gemacht zum heimlichen Studierzimmer. Das Geflügel im Schilf plauderte in der Ferne, die Frösche sangen ihr eintöniges Lied herüber, das stille Leben der Wassertiere bot Anlaß zu manchen sinnigen Betrachtungen. Sollte man, sagte er zu sich selbst, nicht glauben, wenn man das behagliche Treiben dieser kleinen Geschöpfe im goldglänzenden Wasser beobachtet, es fehle ihnen nichts, sie seien völlig glücklich! Und doch lauert auf jedes dieser Wesen schon ein anderes, welches seiner zur Nahrung bedarf. Keines dieser Geschöpfe ist seines Daseins sicher, ihr Leben ist nur eine Galgenfrist, viele dieser Tiere entstehen nur, um größeren zur Speise zu dienen. Ein solches Stückchen Uferschilf ist ein verkleinertes Bild des Menschenlebens. Menes hatte sich eben niedergelassen, eine Schnecke vor den Bissen eines wurmartigen Weichtiers zu retten, als ein nicht sehr entfernter Schrei an sein Ohr schlug. Rasch sprang er auf. Das war ein menschlicher Schrei! Wer konnte hier in der Nähe sein? Vielleicht ein wasserschöpfendes Weib, das von einem Krokodil überrascht wurde? Doch Krokodile ließen sich in solcher Nähe der Stadt kaum mehr sehen. Er lauschte gespannt; der Schrei wiederholte sich nicht; brütende Sonnenhitze lag auf dem entfernteren, blitzenden Nil, leise säuselte das Rohr. Hatte er sich getäuscht? War es eine Vogelstimme gewesen? Er bog um ein dichtes Schilfgestrüpp, hielt die Hand vor das sonngeblendete Auge und gewahrte im Rohr, wie in einem Gitterwerk, zu seiner größten Überraschung eine Gestalt. Diese Gestalt stand aufrecht mitten im Wasser; ihr Haupt hing, von einem Tuche bedeckt, auf die Brust herab wie geknickt; ihre Füße verschwanden unter den Wellen; so stand sie, wie eine steinerne Göttin. Ja, es war ein Weib, das dort stand und rätselhafterweise nicht untersank. Er bog das Schilf völlig zurück – bei allen Göttern! war sie es? sie! die er suchte und nicht fand? Myrrah! Und in welcher Lage befand sie sich! Was wollte sie hier? Seine Brust hob sich gewaltsam, er trat bis dicht an das Wasser heran und rief hinüber: »Myrrah! was beginnst du? Wie kommst du hierher.« Sobald diese Worte verklungen waren, zuckte es sichtlich über die Züge des Mädchens, es duckte das Köpfchen noch tiefer herab und machte eine abwehrende Bewegung. Nun erst, als diese Bewegung den Körper des Mädchens und das sie umgebende Wasser erzittern machte, gewahrte Menes, daß sie auf einem schwimmenden Baumstamm stand, der sich langsam über die Flut erhob und einige grünliche Äste zeigte. Hatte sie freiwillig diese gefahrvolle Stütze gesucht? Oder hatte ihr der Stamm als Rettungsmittel gedient? Aber warum bemüht sie sich nicht, den Baum ans Ufer zu ziehen? Das hätte sie leicht vermocht, Gebüsche boten sich allenthalben.

»Ich will dir helfen, das Ufer zu gewinnen,« rief er hinüber. Rasch knüpfte er mehrere lange Binsen aneinander und warf dies künstliche Seil auf den Stamm, der bis jetzt noch kaum zehn Schritte vom Lande entfernt war.

»Fasse das Ende, so kann ich dich herüberziehen,« rief er erfreut, ihr diesen kleinen Dienst leisten zu können. Aber wie lähmte ihn das Erstaunen, da sie sich keineswegs nach den Binsen bückte, sie zu fassen! Sie fielen neben ihr nieder, sie blieb bewegungslos.

»Tue mir die Freundschaft,« sagte er, »und fasse das Seil, ehe der Baum weiter in den Fluß hineinschwimmt.« Sie blieb teilnahmlos mit gesenktem Haupte stehen.

»Was ist mit ihr geschehen,« murmelte der Erschrockene. Sie schien völlig bei Bewußtsein und dennoch glich sie eher einer Toten als einer Lebenden. Er wiederholte seine Bitte, sie möge das Tau fassen, dringender; schließlich, als er bemerkte, daß der Stamm leise dem Binsenseil entfloh, schrie er sie in heller Verzweiflung an; ja, er gebrauchte sogar zornige Worte, tadelte ihren Leichtsinn, beschwor sie, es sei ihre Pflicht, sich ihm zu retten. Alles umsonst, nichts machte einen Eindruck auf die Unglückliche. Plötzlich ließ sich rechts im Schilf ein eigenes Rauschen vernehmen; unheimlich knisterten die Halme, zuweilen knirschten die Steine oder Äste, als schleppe sich ein schwerfälliger Gegenstand über sie hin. Menes zuckte zusammen, seine Lippen wurden blau, er rang unwillkürlich die Hände – denn durch das Gestrüpp glänzte und bewegte es sich grün. Der grüne Koloß kam näher, seine Schuppen regten sich geschmeidig; Menes' Auge hing verzweiflungsvoll bald an der zarten Gestalt Myrrah's, bald an diesem furchtbaren Wasserbewohner, der Menschenfleisch witternd herankroch, seinen warzigen Eidechsenschwanz gemächlich durch die sich beugenden Halme nachschleifend.

»Du bist verloren – ein Krokodil,« mehr vermochte er nicht hervorzustammeln. Sie sank immer mehr in sich zusammen und verhüllte ihr Haupt im Schoße, wie es schien, gefaßt dem Entsetzlichen entgegensehend, auf welches sie wohl gewartet hatte. Da erhob sie sich noch einmal zur Hälfte, reckte ihre Hand wie dankend gegen Menes aus und sank darauf in die vorige Stellung zurück. Menes stand anfangs wie gelähmt. Was sollte er von Myrrah denken? War das nicht das Benehmen einer Wahnsinnigen? Wenn es nicht Wahnsinn war, was ihm da gegenüberstand, so war es nichts anderes, als der feste Entschluß, zu sterben; dieser leuchtete aus ihren schmerzlichen Augen, dieser drückte sich durch ihr Betragen aus. »Aber sie soll nicht sterben,« tönte es in seinem Inneren. Noch war das Untier ziemlich entfernt, noch war Rettung möglich. Wie von Sinnen riß er das Binsenseil aus der Flut zurück, knüpfte eine Schlinge aus dessen Ende und schleuderte es noch einmal in das Geäst des schwimmenden Stammes. O, ihr Götter! laßt es dort haften! laßt die Schlinge fassen! betete er, das Leben zweier Menschen hängt an diesem Seil, denn ihr Tod ist auch der meine. Er zog. Wahrlich! die Götter waren gnädig! der Stamm bewegte sich, die Schlinge hatte gefaßt. Aber das Seil war schwach; er bemerkte, wie sich die einzelnen Binsen voneinander lösten, er wollte es übersehen; nur ziehen, ziehen, ehe sich der zähnestarrende Rachen des Ungetüms näherte; es muß gelingen, die Götter werden den dünnen Binsen Eisenfestigkeit verleihen. Langsam schwamm der Baum näher; das Krokodil im Röhricht wurde immer deutlicher sichtbar, es schien nicht geneigt, sich seine Beute entgehen zu lassen. Menes schleuderte Blicke auf dasselbe, als seien diese imstande, es zu vernichten. Jetzt endlich stieß der Stamm ans Land, zitternd hob er die Hingesunkene empor und trug sie auf seinen Armen im rascheste Lauf eine Strecke weit vom Ufer hinweg. Dort, außer dem Bereich des Tieres, ließ er sie am Fuß eines Hügels nieder, beugte sich über die völlig Erschöpfte und rief sie zärtlich beim Namen. Als sie hierauf keine Antwort gab, sondern ihr Haupt krampfhaft auf die Brust preßte, wagte er es, dasselbe langsam in die Höhe zu heben. Kaum hatte er sie berührt, so schnellte sie empor; ein bitterer Ausdruck spielte schmerzlich über ihre bleichen Züge.

»Du hast mich gerettet,« sprach sie rauh, »warum tatest du dies? Hab' ich dich gerufen? Hab' ich deine Hilfe in Anspruch nehmen wollen? Nein.«

»Myrrah, sprich nicht so verstört,« sagte er mit zitternder Stimme, indes sein Auge sich mit Tränen füllte.

»Wie bist du verwandelt – hassest du mich denn?«

»Ich dich hassen?« frug sie tonlos, wie im Traum.

»Ja, es scheint, du hassest mich.«

»Und wenn es so wäre –«

»Myrrah – du – o ihr Götter –«

»Sei ruhig,« lispelte sie, »du verstehst mich falsch – ich hasse dich nicht, sondern ich müßte dich hassen.«

»Warum suchst du den Tod, Unglückselige?«

»Eben weil ich dich hassen muß,« klang es kaum hörbar aus ihrem Munde.

Dann lächelte sie seltsam.

»Was kümmert es dich,« lächelte sie, »sei fröhlich mit deinen Zechgenossen, erzähle ihnen, wie du ein armes Mädchen zum Narren gehabt; das wird sie erheitern, besonders wenn du sagst, es sei eine Jüdin gewesen. Sei wie die übrigen; beschimpfe mich doch, das ist bei weitem klüger. Hörst du?«

Darauf eilte sie mit fliegenden Schritten von dannen, Menes in einem Zustand völliger Trostlosigkeit, tiefster Bestürzung zurücklassend. Sein Geist war ihm wie gelähmt; schwankend, einem Trunkenen ähnlich, folgte er der Fliehenden.

Als er einige Tage später das Haus Myrrahs aufsuchte, um sich Aufklärung über ihr seltsames Benehmen zu holen, sagten ihm die Bewohner desselben, Myrrah habe das Haus verlassen, kein Mensch wisse, wohin sie sich gewendet.




Viertes Kapitel


Am Südende der Stadt liegt an den blühenden Ufern eines Nilkanals das palastartige Haus der reichen Witwe, der Mutter unseres Freundes Menes. Aus dichtem Blättermeere hebt sich strahlend, farbenschimmernd, Säule, Halle und Dach der Wohnung. In demjenigen Gemach, von welchem aus man den Blick auf den weithin ausgedehnten, blumenduftenden Garten der Villa genießt, sitzt die alternde Dame auf vergoldetem, mit rotem Polster belegten Stuhl, vor dem reich eingelegten Tisch, auf welchem in zierlichen Körben Früchte glühen, während ägyptische, äthiopische und ebräische, meist nackte Sklavinnen beschäftigt sind, die welkenden Reize der Matrone mit dem Duft der Jugend zu umheucheln. Eine schwarze Sklavin befeuchtet die runzlig werdende Haut der Dame eifrig mit ölartiger, duftender Salbe; eine andere tupft rötlichen Farbstoff auf ihre Wangen, während eine am Boden Kniende ihr den, mit einem Katzengesicht verzierten, Spiegel vorhält und eine hinter ihr Stehende den Halskragen ordnet, welcher die allzu breite Brust kunstvoll verdecken soll. Das Gemach ist reich bemalt; schöne Vasen, kostbare Glasgefäße, Statuen, Leuchter zieren seine Wände, Polster laden zum Ruhen ein; vor dem geöffneten Fenster hängt ein durchsichtiges Netz, das den Durchblick auf den sonnenschimmernden Garten, das Einströmen seines Duftes erlaubt, aber den Insekten verbietet, sich der empfindlichen Haut der Herrin zu nähern. Auf einem vergoldeten Stabe wiegt sich ein schillernder Papagei, unaufhörlich schreiend: »Iß und sei fröhlich.« Rotgelb eingefaßte Decken wehen von mehreren mit Schmuckgegenständen belegten Zederholztischen, indes viele Gestelle an den Wänden mit den Kleidern der Herrin behangen stehen.

»Hassura, trage stark auf,« lispelt die vornehme Dame, »ich glaube, auf der Stirne will sich eine Falte bilden.«

»O nein,« versichert eifrigst Hassura, obgleich sie selbst die Falte erschrocken wahrgenommen, »o nein! was Ihr für eine Falte haltet, ist nur ein vorübergehendes Weichwerden der Haut. Meine schöne Herrin ist so glatt wie die Blätter der Lotosblume, ihre Stirne ist eben wie die Wasserfläche des Teiches und die Scheibe des Metallspiegels, in welchem sie sich beschaut.«

»O  Gebieterin!« schreit plötzlich Assa, die Äthiopierin auf, »bei allen Göttern! – ich wage es kaum auszusprechen!« –

»Was hast du? – Rede!« sagt die Dame, ängstlich nach ihrem Haupte greifend, auf welchem Assa die Haare ordnet. Assa läßt den Kamm zu Boden sinken, dann stammelte sie: »Ich bin unschuldig daran,« und sinkt ihrer Herrin zu Füßen.

»Wirst du endlich sprechen?« sagt diese.

»Wieder ein graues Haar,« tönt es von Assas erschrockenen Lippen.

»Wie sprichst du? Du lügst!« entgegnet ihr entrüstet Asso, die Herrin, »wenn du lügst, ich lasse dir die Brüste mit glühenden Nadeln durchstechen.«

»Hier, hier! o seht, Gebieterin, ob ich lüge,« beteuert angstvoll die Zofe, indem sie den Gegenstand des Entsetzens, ein unschuldiges, weißes Härchen, wie ein giftiges Insekt, zwischen Daumen und Zeigefinger feierlichst der Herrin vor die Augen hält. Diese schüttelte ärgerlich den Kopf.

»Verbrenne es, Assa,« sagt sie endlich resigniert, nachdem sie nach genauer Untersuchung sich von der Wahrheit überzeugt.

»Verbrenne es, und daß Metophis, der höchste Kanalbeamte, und Metro, der Nomarch, nichts davon erfährt, ihr Lieben. Wehe derjenigen, die plaudert – sie stirbt! Bei Isis! sie stirbt, denn der Nomarch gab mir gestern leise zu verstehen, daß er nicht abgeneigt sei, um meine Hand anzuhalten. Diese bekommt er nun freilich nicht, jedoch will ich mir keinen Liebhaber und Schmeichler verscheuchen, was graue Haare unfehlbar imstande sind. Netkro, die Perücke! Ich will von nun an eine Lockenperücke tragen.«

Während man nun beschäftigt ist, Ketten und Skarabäen an den Gewanden der Gebieterin zu befestigen, berichtet ein mittlerweile eingetretener Sklave, daß bereits ganz Memphis auf den Beinen ist, den Festzug des siegreichen Ramses zu bewundern. Ramses habe den rückständigen Tribut von den Chetas durch eine einzige Schlacht erzwungen; der feindliche König sei selbst in die Hände des Siegers gefallen und werde den Festzug mit seiner Gegenwart zieren. Die vornehme Dame ist nämlich im Begriff, diesen Zug mit anzusehen; draußen vor dem Tor, das auf den Nilkanal hinausführt, harrt bereits die rot-, gold- und blaubemalte Barke, geführt von zwölf starken Ruderern.

Sobald Asso vernommen, Memphis dränge sich bereits in buntem Gewühl durch die Straßen, kann sie ihre Ungeduld kaum mehr beherrschen. Die Nadeln werden zu langsam gesteckt, oder ritzen gar ihre Haut, die Sandalen wollen nicht sitzen, das Kopftuch hängt schief, kurz, keine der vorsichtigen Dienerinnen bedient sie zur Zufriedenheit.

»Beeilt euch, ich komme zu spät,« mahnt sie unaufhörlich, mit den Füßen aufstampfend, ja zuweilen mit der flachen Hand Schläge austeilend, wenn sie glaubt, die Zofe sei allzu ungeschickt. Eine schlanke Assyrerin läßt die Armspange fallen.

»Fort mit ihr!« befiehlt die Gebieterin wütend, »geißelt sie, bis sie blutet!«

Man führt die Halbohnmächtige weg; die anderen Frauen wagen kaum zu atmen, wie ein Bann liegt es über dem Zimmer, alle schauen zitternd auf die Mächtige. Endlich ist das schwierige Werk des Ankleidens vollendet; die Dienerinnen atmen auf; sie erhebt sich.

»Als ich noch bei Hofe weilte,« sagt sie, sich betrachtend, »sprach der König öfter zu mir, ich verstünde wie keine andere mich vorteilhaft zu schmücken.«

Bei dem Worte »Hof« geht ein Ehrfurchtsschauer durch die ganze Dienerversammlung. Da dringen von fernher seltsame Töne in das Gemach, Töne, welche den Dienerinnen kalten Schweiß erpressen. Furchtsam schauen sie sich an; sie wissen, woher die Töne kommen, sie wissen, wer sie ausstößt.

»Ei! ei! ich glaube, da stöhnt ein Weib,« sagt Asso vergnügt, »kann mir eine von euch sagen, wer so erbärmlich schreit?«

»Herrin, du selbst gabst den Befehl: man solle die kleine Assyrerin –« erwiderte eine der Frauen.

»Ah!« unterbricht sie die Witwe, »weil sie das Armband beschädigt? – geißeln? richtig. Nun, es ist gut!«

Nach einiger Zeit werden die Schmerzensschreie der Gegeißelten dringender. Asso tut, als höre sie dieselben nicht.

»Reiche mir eine der Früchte,« sagt sie und beginnt zu essen.

»Ei, singt mein Vogel lieblich!« lacht sie, als die Gemarterte erbarmungswürdige Laute ausstößt.

»Mein verstorbener Gatte,« fügt sie dann hinzu, »lobte meist die Art, wie ich das Kopftuch so geschickt zu tragen wisse. Hassura, rücke mir das Tuch noch ein wenig nach links – so, jetzt sitzt es recht. Ja! als ich noch bei Hofe weilte,« (das »Hof« wird besonders betont) »das war eine Zeit. Ihr albernen Geschöpfe würdet vergehen in Demut, wenn ihr diese Pracht jemals zu sehen bekämt.«

Im Vorgefühl ihres Triumphes und des Eindrucks, den sie auf die Zuschauer des erwarteten Festzugs zu machen hoffte, beginnt sie leutselig zu werden, verschenkt kleine, abgenutzte Schmuckgegenstände und liebkost ihren Papagei. Plötzlich wendet sie sich an den eben eintretenden Verwalter ihres Landsitzes, einen ältlichen Assyrer:

»Belises, ich bekam meinen Sohn Menes seit fast vierzehn Tagen nicht zu Gesicht. Hast du eine Ahnung davon, wo er sich, der Schwärmer, umhertreiben mag.«

»Nein, gnädige Herrin,« erwidert sich tief verbeugend der Verwalter, »mir ist ebenso unbekannt wie dir, wo Menes verweilt. Zum letzten Male sah ich ihn im Tempel des Apis seinen Morgengottesdienst verrichten, dann entschwand er meinen Augen.«

»Rätselhaft,« sagte die Witwe, »er scheint mich zu fliehen. Nun ja! es ist Wahrheit, unsere Art hat nichts Ähnliches, unsere Gedanken und Empfindungen gehen völlig verschiedene Wege; auch muß ich offen gestehen, ich fühle mich nicht zu ihm hingezogen. Jedoch zeigen sollte er sich mir zuweilen; das erfordert Austand und Sitte.«

»Herrin,« begann der Verwalter nach einigem Schweigen, »du sprachst gestern davon, Menes solle sich vermählen. Du warfst diese Äußerung in gleichgültigem Tone hin. Oder sollte deine Absicht, ihn zu verheiraten, ernstlicher sein als es schien?«

»Du erinnerst mich an das Wichtigste, Belises,« sagte die vornehme Dame, »es ist Zeit, daß Menes die Ämter seines Vaters übernimmt und sich ein ihm an Rang gleichstehendes Weib sucht. Er hat seine Studien im Priesterkolleg des Ptah-Tempels zu Memphis vollendet, er hat alle Schätze der Weisheit gehoben, er hat sich umgesehen in der Astronomie, der Mathematik, der Medizin, er hat gelernt einen Krieg zu führen und einen Staat zu lenken; es ist Zeit, daß er seine Kenntnisse praktisch verwertet; er darf nicht länger den Müßiggänger spielen.«

In diesem Augenblick trat ein Sklave ein und meldete: Metro, den Nomarchen von Memphis, der im Vorzimmer warte, die Gebieterin zu dem bevorstehenden Festzug abzuholen. Kaum hatte der Sklave den Namen des Nomarchen genannt, so überflog ein aufgeregtes, süßliches Lächeln die herben Züge der Matrone. Sofort ward der Befehl erteilt, die Züchtigung jener Sklavin, die das Armband zu Boden fallen ließ, einzustellen; Belises ward entlassen mit der Vertröstung, heute abend würde sie sich noch einmal mit ihm über die Angelegenheit ihres Sohnes besprechen.

»Wie? Er?« stieß sie hervor. »Rasch noch etwas Schminke auf meine Wangen, Assa. Aber so zerknittere mir den Kragen nicht, Assura. O ihr plumpen Geschöpfe, es könnte schon geschehen sein.«

Sie fächelte sich Kühlung zu, ließ noch einmal mit einer mädchenhaft eiteln Hast ihren Anzug im Spiegel ordnen und besann sich, indem sie auf die Türe zuschritt, auf eine liebenswürdige Empfangsphrase. Schon hatte sie die Türe in der Hand, da stieß sie zurückschreckend einen Schrei aus, denn vor ihr stand, dicht in einen Mantel gehüllt, eine schlanke Gestalt. Die Gestalt schlüpfte behutsam in das Gemach, ehe man ihr den Eintritt zu wehren vermochte. Sprachlos vor Entrüstung sah Assa mit an, wie die Eingedrungene ihren Mantel ablegte, eine tiefe Verbeugung vor ihr machte, ihren zierlichen Fuß, ohne zu fragen, auf einen rotgestickten Schemel setzte und sich endlich als: Rebekka, die jüdische Tänzerin, vorstellte.

»Und mit welchem Rechte trittst du unaufgefordert, unangemeldet in mein Zimmer, Jüdin?« herrschte sie die vornehme Frau an. »Weißt du, daß ich dich von meinen Dienern dürfte hinauspeitschen lassen, du unsäglich unverschämte, ehrlose Tänzerin? Rasch, verlasse dies Gemach, das du entwürdigst durch dein Hiersein!«

»Um Verzeihung, hohe Frau,« sagte Rebekka listig lächelnd. »Ihr werdet ganz anders sprechen, sobald ich Euch den Grund meines Hierseins melde.«

»Nun? Ich bin begierig zu hören, was mir eine Jüdin zu melden hat.«

»Was ich zu sagen habe, betrifft Euren Sohn.«

»Menes?«

»So ist es.«

»Rede.«

»Nicht vor Zeugen, nur Euch allein darf ich anvertrauen, was ich über ihn weiß.«

»Unnötige Vorsicht, Jüdin, rede.«

»Es betrifft ein Geheimnis, kaum für die Ohren der Mutter bestimmt, geschweige für die der Sklavinnen,« sagte Rebekka mit auffallendem Ernst.

»Du scherzest, Dirne.«

»Ihr werdet bald erleben, daß mein Scherz sehr bitter schmeckt.«

»Willst du drohen?«

»Fast könnte ich es.«

Asso besann sich; schon hatte sie durch einen Wink den Befehl gegeben, die Jüdin aus dem Zimmer zu weisen, als ihr der gewichtige Ausdruck im Gesichte der Tänzerin doch einige Neugierde erweckte. Sie gab ärgerlichen Befehl, sie mit der Jüdin allein zu lassen und warf sich dann in imponierender Lage auf einen Diwan, das Gesicht von der Tänzerin abgekehrt.

»Sprich,« flüsterte sie, wie ermattet, indem sie einen Strauß zerpflückte, der ihr zufällig in die Finger geraten war. »Aber fasse dich kurz, ich habe nicht Zeit, dein Gerede mit anzuhören, das schließlich doch nur auf eine Bettelei hinauslaufen wird.«

»Vorerst muß ich darum bitten,« sagte Rebekka, sich bescheiden auf einen Stuhl niederlassend, »daß Ihr mich nicht verratet, hohe Frau. Uns ist verboten, am heutigen Tage auszugehen; mich könnte nur die Wichtigkeit meiner Nachrichten, die ich Euch zu bringen habe, dazu verleiten, diesem Befehl zu trotzen.«

Asso winkte bejahend mit dem Fächer.

»Also von meinem Sohne, wenn du die Gefälligkeit hast,« setzte sie mit ironischer Höflichkeit hinzu.

»Gewiß, von Menes,« lächelte die Jüdin. »Gute Frau, Ihr tätet besser, Euch auf das, was ich zu sagen habe, vorzubereiten, denn ich glaube, die unerwartete Offenbarung, die ich geben muß, möchte Euch ein wenig unsanft aus Eurer verachtungsvollen Gelassenheit aufrütteln.«

Die Witwe warf den Kopf zurück, als wolle sie andeuten: sie in Erstaunen zu setzen, sei ein Ding der Unmöglichkeit. Ebensogut könne man eine Pyramide erschüttern. Ein höhnisches Lächeln glitt über das Gesicht der Dame. »Euer Sohn Menes liebt!« warf nun Rebekka mit möglichster Gleichgültigkeit hin.

Da war es bereits um die Gelassenheit der vornehmen Dame geschehen, sie ließ den Strauß fallen, mit dem sie gespielt, und sah ihrem Besuch groß ins Antlitz.

»Was wagst du zu behaupten,« sagte sie nach einiger Zeit dumpf. »Menes liebte, ohne meine Erlaubnis? Du weißt nicht, was du redest, ich fürchte, ich sitze einer Wahnsinnigen gegenüber. Ich kenne meinen Sohn.«

»Ihr kennt ihn? Es tut mir leid, Euch sagen zu müssen, daß ich ihn besser kenne wie Ihr, hohe Frau. Er liebt. Ja! das tut er,« lachte Rebekka mit Behagen, »und zwar liebt er – erschreckt nicht zu sehr – eine meiner Abstammung. Nun? Ihr schweigt? Ihr erblaßt? Das hattet Ihr wohl nicht erwartet? Ja, ja! Die Liebe ist eine seltsame, schlaue Erfindung der Götter. Sie brennt wie Schlangengift und kühlt wie Honig. Sie macht uns zu Narren und Weisen zugleich. Freilich, Menes hätte so vernünftig sein sollen, von Euch zu erfahren, auf wen er die Glut seines Innern lenken solle, doch die Göttin der Liebe, die katzenköpfige Sechet, läßt sich nicht gebieten, sie brütete in der Glut des Mittags schwüle Dünste aus, die sie Eurem Menes ins Herz träufelte, sie leckte mit ihrem niedlichen Katzenköpfchen und, ehe sich's der arme Junge versah, verwandelte sie ihren Katzenkopf in den des Löwen – da liegt er nun, zerrissen von den Klauen der Unbarmherzigen.«

»Du lügst! Du lügst! Du lügst!« unterbrach Asso schreiend die Sprechende, indem sie sich tigerartig emporschnellte und mit ihren zu Krallen gekrümmten Fingern die Polster zerkratzte. »Wiederhole mir noch einmal diese abscheuliche, echt ebräische Lüge, du weiße, glatte Schlange, und ich will dir die Augen ausreißen, ich will dich in den Morast des Nil werfen, daß dir das Getier dein verfluchtes Fleisch benagt. Mein Sohn verachtet so sehr, wie ich, euch schmutzige Insekten, die ihr am Ufer des Nil nur geduldet seid, die ihr jeden Augenblick fürchten müßt, ausgerottet zu werden, wie faules Unkraut. Ich sage dir, du lügst! Menes ließ sich nicht so tief herab, und wenn er vielleicht einmal eine eures Stammes für schön gefunden, so mag dies sein; seiner Jugend verzeiht man Schwärmereien, die Göttin Sechet will auch bedeutungslose Opfer haben. Doch merke dir, daß zwischen Liebe und Liebe ein Unterschied ist. Nie begehrt er eine Jüdin zum Weibe, mein Sohn, nie! Und wenn ich wüßte, daß er diesen Plan gehegt, wenn ich wüßte, daß er – eine Jüdin – – ha!«

Sie warf sich ermattet auf die Polster zurück, ihren Halsschmuck zerreißend und ihn mit wütender Faust in das Zimmer schleudernd, daß die Perlen von den Steinfliesen in die Höhe tanzten wie betrunkene Sklaven. Kaltblütig, aber mit versteckter Lust im rachsüchtig leuchtenden Auge, reichte nun Rebekka der Witwe einen Siegelring, den ein smaragdener Käfer zierte.

»Erkennt Ihr diesen Ring?« frug sie.

»Diesen Ring –? Es ist – es ist der seine,« keuchte Asso. »Woher hast du ihn? Du hast ihn gestohlen! Gestehe es ein.«

»Vor allen Dingen laßt meinen Arm los, Herrin,« sagte Rebekka, »ich gehe Euch nicht eher davon, bis Ihr die ganze Begebenheit kennt. Es bereitet mir viel zuviel Freude, Euch in den geheimnisvollen Lebenswandel Eures wohlgeratenen Sohnes einzuführen.«

»So weißt du mehr über sein Leben wie ich?« frug Asso, den Arm ihrer Quälerin loslassend.

»Hört mich an,« sagte diese.

»Ich will dir zuhören,« sprach die Witwe resigniert. »Erzähle mir alles, was du weißt! Du scheinst mir aufrichtiger zu sein, als mir anfangs schien. Gib mir deine Hand und nimm die Versicherung, Jüdin, daß ich dir, wenn du mir wahrheitsgetreu berichtest, was mein Sohn ohne mein Wissen getrieben, ebenfalls Dienste leisten werde, auf welche Art es auch sei. – Verzeihe, daß ich mich hinreißen ließ.«

»Gut,« entgegnete ihr das Mädchen, »darauf gehe ich ein, denn Ihr könnt Euch denken, daß ich nicht ohne selbstische Absicht hierhergekommen. Meine Mühe, die geheimen Pfade Eures Menes auskundschaftet zu haben, fordert Belohnung.«

»Und woraus soll diese bestehen?«

»Macht es möglich, daß ich in die Nähe des Königs komme,« erwiderte ihr die Jüdin, »ich brenne vor Verlangen, dem Sohn der Sonne meine Tanzkunst vorzuführen. Wenn Ihr dies bewerkstelligt – und ich weiß, Ihr könnt es, denn Ihr seid mächtig – dann bin ich Euch die ergebenste Freundin, dann sollt Ihr erfahren, was in und außer Memphis vorgeht, – denn, wie Ihr wißt, erfahren wir Mädchen gar manches Geheimnis, um das uns des Königs Statthalter beneiden könnte, – dann bin ich erbötig, Euch Eueres Sohnes Abenteuer bis auf den letzten Grund zu enthüllen.«

Asso fühlte sich ein wenig geschmeichelt, als nun Rebekka begann, den Reichtum, die Schönheit und den Einfluß ihrer, wie sie sich ausdrückte, Beschützerin zu preisen; Rebekka, welche dies nicht ohne Genugtuung bemerkte, fuhr fort, ihre Schmeicheleien stärker aufzutragen. Sie lobte die glänzende Hautfarbe, den prächtigen Schmuck der Dame, ja ihr Lob erstreckte sich schließlich bis auf den Papageien und die Hauskatze herab. Asso versprach daraufhin, ihre Freundin dem Könige, durch Vermittlung des Oberpriesters Psenophis von Theben, vorführen zu lassen; Psenophis komme in einigen Tagen nach Memphis, um die Tempel zu inspizieren; sie werde ihn alsdann besuchen. Hierauf warf sich die Jüdin dankbar vor der Dame nieder, verschämt lächelnd um die Hände ihrer huldreichen Beschützerin bittend; dieselben wurden ihr gnädigst überlassen und sie drückte einen dankbaren Kuß auf diese. Rebekka begann nun auseinanderzusetzen, wie sie mit Menes schon öfter zusammengetroffen und wie sie belauscht habe, daß er Myrrah, eine ihrer Freundinnen, zuweilen besuche. Myrrah habe sich anfangs entschieden der Liebkosung ihres Freundes entzogen; Menes sei von da an stets die Straßen und Plätze auf und ab gewandelt, auf welchen sich Myrrah am meisten aufgehalten. Endlich nach langer Zeit sei es dem armen Liebeskranken geglückt, den Gegenstand seiner Sehnsucht aus dem Rachen eines Krokodils zu retten; hierbei erst habe er sie wieder einmal gesprochen.

»Und das Endergebnis dieser Zusammenkunft?« frug die Witwe gespannt.

»Beide trennten sich voll Feindschaft,« fuhr Rebekka fort, »Menes verlor die Spur des Mädchens gänzlich.«

»Den Göttern sei Dank!« rief Asso, »vielleicht ist sie tot; er wird seine unsinnigen Absichten aufgeben, wenn er sie nicht mehr sieht.«

»Ihr irrt, hohe Frau,« entgegnete Rebekka lächelnd, »er verfolgt seinen unsinnigen Plan nur mit glühenderem Eifer.«

»Wie? Und sie –? die Verführerin – Myrrah lebt noch?«

»Sie lebt; höret, auf welche Weise sie sich wiederfanden.«

Bis dahin hatte Asso ziemlich ruhig der Erzählung zu gehört, sie schien kaum beunruhigt, denn sie nahm den Liebesdurst ihres Sohnes hin wie eine leichte Kinderkrankheit, von der jeder einmal befallen wird; sie lächelte sogar darüber, indem sie vor sich hin murmelte: »Ei! ei! das habe ich nie hinter seiner strengen Außenseite gesucht! Tut nichts. Wird bei Hof sein Glück machen.«

Als nun aber Rebekka das Folgende vortrug, veränderten sich die bisher sanften Züge Assos bis zur Entstellung; Wut sprach aus ihrem Auge und sie durcheilte mit fliegenden Schritten das Gemach, Vasen und Glasgefäße, die ihr im Wege standen, zertrümmernd. Rebekka nämlich erklärte der Wütenden rund heraus, Myrrah befinde sich seit gestern fast unter einem Dach mit ihrer zukünftigen Schwiegermutter; Menes halte das Kind im äußersten Gartenpavillon, der dicht an den Nilkanal stößt, verborgen. Dies fand Asso natürlich unbegreiflich.

»Wie kann er die Frechheit haben,« schrie sie.

»Wie ist solches möglich! Wie kann die Dirne dort hingelangt sein. Rede, denn ich muß der Sache auf die Spur kommen.«

Rebekka erzählte folgendes:

Myrrahs Blumen hatten eines Abends spärlicher denn je Absatz gefunden. Nur ein Sträußchen hatte sie an einen dreisten, jungen Krieger, einen Bogenschützen, verkauft. Unter allerlei anzüglichen Scherzen wählte er den Strauß, und nachdem er, um recht lange in ihrer Nähe verweilen zu können, die Blumen wüst untereinander geworfen, ging er endlich, sich entschuldigend, er könne nicht zur Wahl kommen, die Blumen seien welk. Myrrah empfand Scheu vor seinen häßlichen Scherzen, vor seinen eigentümlich wilden Blicken; sie atmete auf, als er gegangen. Mit trübem Lächeln raffte sie ihre duftende Ware zusammen, den Heimweg zu suchen. Doch kaum hatte sie das Judenviertel betreten, so hörte sie Tritte hinter sich. Erschrocken blieb sie stehen. In der Dunkelheit gewahrte sie eine Gestalt, die auf sie zuschritt. Sie nahm allen ihren Mut zusammen und entfloh so hastig, als es ihre Müdigkeit und ihr Blumenkorb erlauben wollten. Sie hatte noch nicht ihr Haus erreicht, da fühlte sie sich von hinten um die Hüfte gefaßt; daß Menes nicht so keck sei, wußte sie; ein ihr fremder Mensch, den sie bis jetzt noch nicht erkennen konnte, schmiegte sich unter glühenden, wilden Liebkosungen und Gebärden, die ihr Ekel erregten, an sie. Der Schrecken schnürte ihr die Stimme im Halse fest, sie wagte nicht, sich umzusehen; als sie dies dennoch tat, erkannte sie ihren Blumenkäufer, den jungen Bogenschützen.

»Ich habe dich belauscht,« sagte er keuchend, »vergib mir, schöne Jüdin. Mein Gebein zerschmilzt in Liebe zu dir, erlaube, daß ich dich nach Hause geleite.«

»Laß mich meiner Wege gehen,« jammerte die Hilflose, »ich mag nicht mit dir verkehren; du weißt, wie strenge die Gesetze den bestrafen, der das tut, was du im Begriffe bist, zu tun. Hinweg!«

Der junge Ägypter hörte nicht auf ihre Drohung. Myrrah, ihrer nicht mehr mächtig, sank in die Knie, die Hände flehentlich zu dem vor Begierde Rasenden emporhebend. Dieser packte sie am Arm und schleifte sie nach sich, um sie in eine völlig finstere Querstraße zu zerren. Des Mädchens Sinne umwölkten sich, sie fühlte, wie der Wütende hastig versuchte, ihr den Mantel von den Gliedern zu reißen; in diesem Augenblick aber sah sie dicht neben sich den Blitz eines Stahles aufflammen. Ein ihr wohlbekannter Arm drängte sich zwischen sie und ihren Verfolger; ein Schrei schlug an ihr Ohr; Blutstropfen spritzten feuchtwarm über ihr Gesicht, und der unverschämte Lüstling lag stöhnend am Boden.

»Soweit,« schloß Rebekka ihren Bericht, »sah ich aus meinem Versteck die Szene sich abspielen; erratet Ihr, hohe Frau, wer der Retter des Mädchens war?«

»Glaubst du in der Tat, Menes habe dem jungen Ägypter seinen Raub entrissen?« frug die Witwe.

»Ich möchte darauf schwören,« entgegnete die Jüdin.

»Wie kann sich,« sagte Asso, »der Junge so sehr hinreißen lassen! Als wäre es die Tugend einer Jüdin wert, einen Ägypter darum zu töten. O ihr Götter! warum kam Menes nicht eine Viertelstunde später, er hätte ja alsdann noch immer Zeit gehabt, den Krieger zu töten, und Myrrah – meinetwegen – im Nil zu ertränken.«

»Die Liebesgöttin hat es anders beschlossen,« erwiderte Rebekka, nicht ohne einen Zornblitz im Auge, als sie in das kühle, lieblose Gesicht der Witwe schaute.

»Ich fand,« fuhr sie fort, »als ich später den Schauplatz des Vorfalls betrat, jenen Ring, den, wie Ihr selbst sagtet, Menes getragen. Ich konnte meine Neugier nicht zähmen; den beiden nachschleichend, sah ich, wie der junge Mann die wieder zu sich gekommene Myrrah unterstützte, bis sie fähig war, mit seiner Hilfe langsam weiter zu schreiten. Ich folgte dem Wege der beiden durch die Stadt, die Richtung desselben verlor ich jedoch bald. Er verschwand mit seiner süßen Begleiterin hinter einem Gebüsch und ich sah ihn nur noch einmal in der Nähe deines Gartens, Herrin, als er die sich sträubende Myrrah auf seinen Armen weitertrug. Ihr weißer Mantel schimmerte hell durch die Nacht; rasch floh er dahin und nur zu schnell war er meinen Blicken entschwunden.«

»Und du glaubst,« sagte Asso, »er hätte seine lebende Last hier in meinem Garten verborgen? Hältst du eine solche, an Tollheit grenzende Kühnheit für möglich?«

»Was ist dem Liebenden unmöglich?« lachte Rebekka. »Ein Liebender ist ein Wahnsinniger, weiß das meine schöne Herrin nicht aus Erfahrung? Bei Hofe, sollte ich denken –«

»Stille,« gebot Asso mit Würde, »bleibe ernst bei der ernsten Sache. Jedenfalls,« setzte sie dann dumpf hinzu, »ist deine Beobachtung eine Untersuchung wert – und wenn es sich herausstellt, daß – wenn Menes wirklich – wenn diese Jüdin unter meinem Dach! O! beim ewigen Sonnenglanz, ich will« – ihre Stimme verlor sich in unverständliches Wutgestammel. Sie ballte die Fäuste und stampfte mit dem Fuß auf. Rebekka sah mit stillem Triumph, wie der Stolz der Vornehmen litt, sie gönnte ihr diesen Ärger recht von Herzen. Als ein Sklave eintrat, um an den wartenden Nomarchen und das Fest zu mahnen, ließ Asso dem Vornehmen sagen, sie sei verhindert ihm zu folgen, heftiges Kopfweh mache es ihr unmöglich, er möge sich heute ohne sie behelfen.

»Ich liebe meinen Sohn,« hörte dann Rebekka die Mutter vor sich hinmurmeln, »ich liebe ihn, ich möchte ihn erhoben sehen über die Häupter der Menschen; nicht an Kleinliches soll er sein Herz hängen, seine Kräfte verschwenden; beim Sonnenlicht! es ist Zeit, daß er sich von hier weg nach Theben verfügt, damit er aus diesem tatlosen Hinbrüten herausgerissen wird, damit er nicht Zeit behält, an unwürdige Zerstreuungen oder Jugendtorheiten zu denken, sondern, daß er seine Talente bewährt, vor den Augen seines Monarchen. Doch dieser Judenliebesgeschichte will ich sofort ein Ende machen.«

Eben wollte sich die Witwe anschicken, einen Plan mit der Tänzerin zu entwerfen, um die geheimnisvollen Liebesabenteuer ihres Sohnes ans Licht zu ziehen, als sie durch die offengebliebene Türe denselben bemerkte, wie er langsam, selbstvergessen, die Säulenhalle herunterwandelte. Sobald sie dies gewahr wurde, gab sie der Tänzerin einen Wink, sich zu verbergen, denn, wie es ihr schien, näherte sich Menes diesem Zimmer. Rebekka schlüpfte hinter den grünen Vorhang, der das Ruhelager verbarg, Asso zog denselben glatt, rückte Tisch nebst Stuhl davor und setzte sich dann nachlässig nieder, eine Papyrusrolle zur Hand nehmend, damit es den Anschein haben solle, als sei sie ganz in das Studium derselben vertieft; dabei warf sie jedoch ungeduldige Blicke durch die Türspalte.

»Jetzt muß es sich offenbaren,« rief sie leise hinter den Vorhang, »ich werde scharf beobachten, was in seiner Seele vorgeht. Hat er ein Geheimnis auf dem Herzen, so bleibt dasselbe meinem mütterlichen Scharfblick keine zwei Minuten lang verborgen, denn seinem Gemüt ist alle Verstellung unmöglich; zu lügen fällt ihm schwerer, als einem Höfling die Wahrheit zu sagen. Wahrhaftigkeit besitzt er leider oft in zu hohem Grade.«




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