Katharine Blum
Alexandre Dumas der Ältere




Dumas (père), Alexandre

Katharine Blum





Erstes Kapitel

Vor der Erzählung


Gestern warfst Du mir vor, daß ich nicht genug Bücher wie »Conscience« schriebe; ich antwortete, daß Du jedes Buch erhalten würdest, das Du fordern wolltest, und fragte, was für eins Du wünschtest.

Da sagtest Du: »Ich möchte eine Geschichte aus Deiner Jugend, ein kleines unbekanntes Drama, das unbemerkt im Schatten der großen Bäume jenes Waldes spielt, dessen geheimnisvolle Tiefen Dich zum Träumer, dessen melancholisches Rauschen Dich zum Dichter machte, eines von den Ereignissen, die Du zuweilen im Familienkreise erzählst, wenn Du von den langen Romanen ausruhen willst, die Du schreibst. Ich liebe Dein Heimathland, obgleich ich es nicht kenne, obgleich ich es nur von fern, durch Deine Erinnerungen, gesehen habe, wie man im Traume eine Landschaft sieht. —«

Auch ich liebe Dich, Vaterland, liebes Dorf! denn es ist doch nichts weiter, als ein Dorf, wenn es sich auch den Titel »Marktflecken« oder »Stadt« anmaßt. Ich liebe es so sehr, daß ich, nicht Euch, meine Freunde, wohl aber die Gleichgültigen mit Erzählungen davon ermüde. Für mich ist Villers-Cotterets das, was Colmar für meinen alten Rusconi; für ihn ist Colmar der Mittelpunkt der Erde, die Achse, um die sich die ganze Welt dreht; in Colmar hat er alle Leute kennen lernen. Mit Carrel hat er hier sich 1821 verschworen, Talma hat er hier 1816 spielen, Napoleon 1808 hier durchreisen sehen. Für mich datiert sich Alles von Villers-Cotterets, wie für Rusconi Alles von Colmar.

Nur hat Rusconi vor mir, ich weiß nicht ob den Vorteil oder Nachtheil, daß er nicht in Colmar geboren ist; er ist in Mantua, der Herzogsstadt, der Vaterstadt Virgils und Sordellas geboren, während ich in Villers-Cotterets zur Welt kam.

Du siehst, liebes Kind, daß ich, ohne sehr gedrängt zu werden, von meiner Vaterstadt spreche, deren weiße Häuser im Hintergrunde der Hufeisenform ihres ungeheuren Waldes das Aussehen von Vogelnestern haben, und von der Kirche mit dem langhälsigen Thurme überragt und überwacht werden. So bald Du von meinen Lippen das Siegel nimmst, welches meine Gedanken und Worte verschließt, quellen sogleich Gedanken und Worte rasch hervor, wie der Schaum aus einer Bierflasche, welcher uns zu einem Schrei zwingt und uns im Exil an der Tafel von einander entfernt oder wie der Schaum des Champagners, der ein Lächeln auf unsere Gesichter bringt und uns wieder vereinigt, indem er uns an die Sonne unseres Vaterlandes erinnert.

Nun, habe ich nicht wirklich dort gelebt, da ich dort das Leben erwartet habe? Man lebt viel mehr durch die Hoffnung, als durch die Wirklichkeit. Was vergoldet den Himmel und macht ihn blau? Ach, liebes Kind, Du wirst es einst erfahren; – die Hoffnung. Dort bin ich geboren, dort habe ich meinen ersten Schmerzensschrei ausgestoßen, dort sah meine Mutter mein erstes Lächeln, dort habe ich, ein Blondkopf mit rothen Wangen, nach jenen kindlichen Täuschungen gejagt, welche uns entweder entgehen oder uns, wenn wir sie erreicht haben, nur ein wenig samtartigen Staub an den Fingern zurücklassen, und die Schmetterlinge heißen. Ach, es ist nur zu wahr und sonderbar, was ich Dir sagen will: nur in der Kindheit sieht man schöne Schmetterlinge, dann kommen stechende Wespen, später Fledermäuse, die Vorboten des Todes.

Man kann die drei Altersstufen so zusammenfassen: Jugend, reifes Alter, Greisenthum; Schmetterlinge, Wespen, Fledermäuse. —

Dort starb mein Vater. Ich stand in dem Alter, wo man nicht weiß, was der Tod ist, kaum weiß, was ein Vater ist.

Dorthin habe ich meine Mutter nach ihrem Tode gebracht; auf dem reizenden Gottesacker – der mehr einem Blumengarten gleicht, worin Kinder spielen sollen, als einem Trauerfeld, wo Leichen schlafen – da schläft sie an der Seite des Soldaten vom Mauldefeld, des Generals von den Pyramiden. Ein Stein, den die Hand einer Freundin auf ihr Grab gesetzt hat, schützt sie Beide.

Zu ihrer Rechten und Linken liegen die Großeltern, der Vater und die Mutter meiner Mutter, Tanten, an deren Namen ich mich erinnere, aber deren Gesicht ich nur durch den gräulichen Schleier langer Jahre sehe.

Dort endlich werde ich selbst schlafen, so spät wie möglich, denn gewiß werde ich Dich nur ganz gegen meinen Willen verlassen, liebes Kind.

Da werde ich an der Seite der Frau, die mich stillte, die finden, die mich wiegte; Mutter Zine, von der ich in meinen »Erinnerungen« spreche und an deren Bett der Schatten meines Vaters mir Lebewohl gesagt hat.

Warum soll ich nicht gern von dem großen grünen Blätterdache sprechen, wo Alles für mich eine Erinnerung ist? Ich kannte dort nicht allein die Leute aus der Stadt, sondern auch die Steine der Häuser und selbst die Bäume des Waldes. In dem Maße, als diese Jugenderinnerungen verschwunden sind, habe ich sie beweint. Ihr Greise der Stadt, teurer Abbé Gregoire, guter Capitain Fontaine, würdiger Vater Niguet, geliebter Vetter Deviolaine, zuweilen habe ich Euch zu erwecken gesucht; aber ihr armen Schatten habt mich fast erschreckt durch eure Bleichheit und Stummheit, die trotz meiner zärtlichen und freundschaftlichen Erweckung an Euch blieb.

Ich habe euch beweint, ihr düsteren Steine vom St. Rémy-Kloster, euch, ihr ungeheuren Fenstergitter, euch, ihr riesenhaften Treppen, euch, enge Zellen, dich, des Cyclopen Küche; Stein nach Stein habe ich euch fallen sehen, bis Steinhaue und Spitzhacke eure Grundsteine fanden, die breit waren, wie die Grundmauern von Wällen, und eure Keller, die Abgründen glichen. Euch vorzugsweise habe ich beweint, ihr schönen Bäume des Parkes, ihr Riesen des Waldes, euch Massen von Eichen mit runzligem Stamme, euch Buchen mit glatter silberartiger Rinde, euch Zitterpappeln und Kastanienbäume mit pyramidenförmigen Blüthen, um die im Mai und Juni Bienenschwärme summten, die Körper voll Honig geschwollen, die Beinchen mit Wachs beladen. Ihr, die ihr noch so viele Jahre zu leben, so viele Geschlechter unter eurem Schatten zu beschützen, so viele Liebesabenteuer geheimnißvoll vorbeigehen zu sehen hattet, seid in einigen Monaten plötzlich und still auf den Moosteppich gefallen, den die Jahrhunderte zu euren Füßen hingebreitet hatten. Ihr hattet Franz I. und die Frau von Erampes, Heinrich II. und Diana von Poitiers, Heinrich IV. und Gabrielen gekannt; auf euren gefurchten Rinden spracht ihr von diesen berühmten Todten; ihr hofftet, daß die dreifach verschlungenen Halbmonde, daß die liebend vereinigten Buchstaben, daß die Lorbeer- und Rosenkrone euch vor dem gemeinen Tode und vor dem Kirchhofe der Bäume, dessen Name Holzhof ist, bewahren würden. Ach, ihr habt Euch getäuscht, ihr schönen Bäume. Eines Tages hörtet ihr den schallenden Lärm der Axt und das dumpfe Knirschen der Säge. Es war euer Untergang; es war der Tod, der euch zuschrie: »Nun ihr, ihr Stolzen!« Und ich habe euch auf der Erde liegen sehen, vom Gipfel bis zu den Wurzeln verstümmelt, eure Zweige um euch herum zerstreut, und es schien mir, als ob ich, um fünftausend Jahre älter, das ungeheure Schlachtfeld durchlief, das zwischen dem Pelion und Ossa liegt, und als ob ich jene dreiköpfigen, hundertarmigen Titanen zu meinen Füßen sähe, die den Olymp zu erstürmen versucht hatten und die Jupiter mit seinen Blitzen erschlagen.

Wenn Du jemals mit nur und an meinem Arme, liebes Herzenskind, durch alle diese großen Waldungen gehst; wenn Du durch jene Dörfer wandelst; wenn Du Dich auf jene bemoosten Steine setzest; wenn Du Deinen Kopf zu diesen Gräbern wendest, wird es Dir. zuerst scheinen, als ob Alles still und stumm wäre, aber wenn ich Dich die Sprache aller dieser meiner Jugendfreunde werde gelehrt haben, dann wirst Du begreifen, wie süß sie, todt oder lebendig, an mein Ohr murmeln. Wir werden im Osten anfangen; für Dich geht die Sonne kaum auf; bei ihren ersten Strahlen blinzeln Deine großen blauen Augen noch, in denen sich der Himmel spiegelt; da werden wir, indem wir uns etwas nach Süden wenden, das niedliche Schlößchen Villers-Helon besuchen, wo ich bei den Spielen meiner frühesten Jugend, mitten in dem dichten Gehölze, durch die Hecken hindurch lebende Blumen suchte, die das Spiel zerstreut hatte, und die Louise, Auguste, Karoline, Henriette und Hermine hießen. Ach! heute sind zwei oder drei von diesen schönen und so schlanken Blumen unter dem Winde des Todes gebrochen, die anderen sind Mütter, einige Großmütter; – vierzig Jahre sind seit der Zeit verflossen, von der ich mit Dir spreche, liebes Kind, und Du wirst erst in zwanzig Jahren wissen, was vierzig Jahre sind.

Auf der Fortsetzung unseres Weges kommen wir durch Lorey. Siehst Du diesen steilen Abhang, der mit Apfelbäumen bedeckt ist und seinen Fuß in jenem Teich badet? Hier fuhren eines Tages drei Jünglinge in einem Wagen, den ein Pferd zog – ob es ein einfältiges oder wütendes gewesen sei, haben sie nie erfahren – wie eine Lawine dahin, indem sie geraden Weges in diese Art von Cocytus eilten. Glücklicherweise blieb ein Rad an einem Apfelbaum hängen, der fast entwurzelt wurde. Zwei von den jungen Leuten wurden über das Pferd hinaus geschleudert; der dritte blieb, wie Absalon, an einem Zweige hängen, nicht an den Haaren – obgleich diese ganz dazu geeignet waren – sondern an der Hand. Von den beiden jungen Leuten, die über das Pferd geschleudert wurden, war der eine mein Vetter Hyppolite Leroy, von dem Du mich zuweilen hast reden hören, der andere mein Freund Adolf de Leuven, von dem Du mich immer reden hörst – der dritte war ich.

Was wäre aus meinem Leben und folglich aus dem Deinigen geworden, armes Kind, wenn der Apfelbaum nicht an dem genannten Orte auf meinem Wege gestanden hätte?

Indem wir immer von Osten nach Süden weiter gehen, müssen wir, ungefähr eine halbe Stunde entfernt, eine große Meierei finden. Sieh, da ist sie, das Hauptgebäude mit Ziegeln, die Wirtschaftsgebäude mit Stroh gedeckt, das ist Bouty.

Da, liebes Kind, wohnt noch, wie ich hoffe, obgleich er jetzt älter als achtzig Jahre sein muß, ein Mann, der, wenn ich mich so ausdrücken darf, meinem moralischen Leben das gewesen ist, was der liebe Apfelbaum, den ich Dir so eben gezeigt habe und der unsern Bankwagen aufhielt, für mein körperliches Leben war. Wenn Du in meinen »Erinnerungen« liest, wirst Du seinen Namen finden. Es ist der alte Freund meines Vaters, der einst auf der Rückkehr von der Jagd bei uns eintrat, nachdem seine Flinte geplatzt und seine halbe Hand weggerissen war. Als die Sucht mich ergriffen hatte, Villers-Cotterets zu verlassen und nach Paris zu gehen, sagte er zu mir:

»Geh! das Schicksal treibt Dich!« und er gab mir den berühmten Brief an den General Foy, der mir das Haus dieses Mannes und die Geschäftszimmer des Herzogs von Orleans öffnete.

Wir werden den alten guten Mann recht zärtlich umarmen, ihn, dem wir so viel verdanken und unseren Weg fortsetzen, der uns auf einer Straße auf den Gipfel eines Berges führen wird.

Betrachte von der Höhe dieses Berges herab das Thal, den Fluß und die Stadt.

Das Thal und der Fluß heißen das Thal und der Fluß Quroy.

Die Stadt ist la Ferté-Milon, die Vaterstadt Nacine's.

Wir brauchen uns nicht die Mühe zu nehmen, den Abhang hinabzusteigen und in die Stadt zu gehen; niemand würde uns das Haus zeigen können, das der Nebenbuhler Corneille's, der undankbare Freund Moliere's, der in Ungnade gefallene Dichter Ludwigs XIV., bewohnte. Alle Bibliotheken besitzen seine Werke; seine Statue, ein Werk des großen Bildhauers David, steht auf dem öffentlichen Platze; aber sein Haus ist nirgends, oder vielmehr die ganze Stadt, die ihm ihren Ruhm verdankt, ist sein Haus.

Man kennt doch wenigstens die Vaterstadt Nacine's, während die Homers unbekannt ist. —

Jetzt gehen wir von Süden nach Westen. Das hübsche Dorf, das nur eben aus dem Walde gekommen zu sein scheint, um sich an der Sonne zu erwärmen, ist Boursonne. Erinnerst Du Dich, liebes Kind, an die »Gräfin von Charny,« ein Werk von mir, das Du sehr liebst? Nun, dann kennst Du den Namen Boursonne ganz gut. Das kleine Schloß, das mein alter Freund Hutin bewohnt, ist das Isidor's von Charny. Aus diesem Schlosse sprengte der junge Edelmann alle Abend heimlich, auf den Hals seines englischen Pferdes nieder gebückt, und war in einigen Minuten auf der andern Seite des Waldes unter den Schatten dieser Pappeln; von da konnte er Katharine ihr Fenster öffnen und schließen sehen. Eines Nachts kam er von Blut ganz bedeckt zurück; eine der Kugeln des Vater Billot war ihm durch den Arm gegangen, eine andere hatte ihn in die Seite getroffen. Endlich verließ er es eines Tages, um nie wiederzukehren; er begleitete den König nach Montmedy und lag auf dem Markte von Varenes, dem Hause des Krämers Sausse gegenüber.

Wir sind von Süden nach Westen durch den Wald gegangen, haben Plessis-au-bois, In Chapelle aux Auvergnats und Coyalles durchschritten; noch einige Schritte und wir sind auf der Spitze des Berges von Vauciennes.

Hundert Schritt hinter uns fand ich eines Tages oder vielmehr in einer Nacht, bei der Zurückkunft von Crépy den Leichnam eines sechzehnjährigen Jünglings. In meinen »Erinnerungen« habe ich dieses düstere und geheimnißvolle Drama erzählt. Nur Gott und die Windmühle, die sich links vom Wege erhebt und langsam und melancholisch ihre großen Flügel dreht, wissen, wie die Sachen sich verhielten. Alle beide sind stumm geblieben; die menschliche Gerechtigkeit hat dem Zufalle nach gestraft; glücklicherweise gestand der Mörder auf dem Todtenbette, daß die Strafe gerecht war.

Der Kamm des Gebirges, dem wir folgen wollen und der die große Ebene zu unsrer Rechten und das schöne Thal zu unsrer Linken beherrscht, ist der Schauplatz meiner Jäger-Heldenthaten. Dort habe ich in das Geschäft der Nimrode und Braillants gepfuscht, die, wie ich mir habe sagen lassen, die beiden größten Jäger des Alterthums und der Neuzeit waren. Rechts war das Gebiet der Hasen, Rebhühner und Wachteln, links das der wilden Enten und Wasserschnepfen. Siehst Du dort den Fleck, der grüner als die andern ist, und der einem reizenden, von Watteau gemalten Rasen ähnlich sieht? Es ist Torfland, wo ich beinahe meine Beine gelassen hätte; ich sank dort ganz allmählich ein; glücklicherweise hatte ich den Gedanken, meine Flinte zwischen meine Beine zu bringen; auf der einen Seite der Kolben, auf der andern das Ende des Laufes trafen auf Erde, die etwas fester war, als die, wo ich einsank, und dies hielt mich auf in meinem geraden Hinabsteigen, welches mich geraden Wegs ins Reich der Schatten führen mußte. Auf mein Geschrei lief der Müller von der Mühle, die Du von hier bemerkst, herbei und warf mir seinen Hundestrick zu; ich faßte ihn an, er zog mich daran herauf und ich war gerettet. Um meine Flinte zu retten, die ich sehr werth hielt, weil sie sehr weit trug und ich nicht reich genug war, um mir eine andere zu kaufen, brauchte ich nur die Beine zu schließen und sie wurde mit mir gerettet.

Gehen wir jetzt weiter von Westen nach Norden. Diese Ruine dort unten, von der ein Stück wie der Turm von Vincennes dasteht, ist der Thurm von Vez, der einzige Überrest einer seit langem niedergerissenen Feudalburg. Dieser Thurm ist das granitene Gespenst der Vergangenheit; er gehört meinem Freunde Paillet. – Du wirst Dich des nachsichtigen Mannes erinnern, der mit mir, auf der Jagt, von Crépy nach Paris kam und dessen Pferd, wenn wir einen Feldhüter sahen, den Reiter, dessen Flinte Hasen, Rebhühner, Wachteln entführte, während der andere Jäger, ein friedlicher Reisender, mit den Händen in den Taschen herumging, die Landschaft bewunderte und Botanik studirte.

Jenes kleine Schloß ist das Schloß des Fosses. Hier erwachten meine ersten Gefühle, von hier datieren sich meine ersten Erinnerungen. Hier sah ich meinen Vater aus dem Wasser steigen, woraus er, mit Hilfe Hyppolite's, jenes verständigen Negers, der, um die Blumen nicht erfrieren zu lassen, dieselben hinaus- und die Töpfe herein that, die drei ertrinkenden jungen Leute gezogen hatte.

Der eine – den mein Vater rettete – hieß Dupuy. Hyppolite, der im Schwimmen ausgezeichnet war, hatte die beiden andern gerettet.

Hier wohnten auch Moquet, der vom Alp gedrückte Feldhüter, der auf seiner Brust eine Falle aufstellte, um die Mutter Durand zu fangen, und der Gärtner Peter, der mit seinem Spaten Nattern in zwei Stücke schlug, aus deren Leibe lebende Frösche herauskamen. Hier endlich alterte majestätisch Truff, ein Tier, das, halb Hund, halb Bär, in keine Klasse Buffons gerechnet werden kann. Auf seinen Rücken setzte man mich rittlings und er erlaubte mir, die Anfänge der hohen Reitkunst auf ihm zu lernen.

Jetzt wenden wir uns nordwestlich und erreichen Haramont, ein niedliches Dorf, das von Apfelbäumen ganz verdeckt in einer Lichtung des Waldes steht und durch die Geburt des ehrlichen Auge Pitou berühmt ist, des Neffen der Tante Angelika, des Zöglings des Abbés Fortier, des Mitschülers des jüngeren Gilbert und des Waffengefährten des Patrioten Billot. Da dies die einzige Berühmtheit ist, auf die Haramont Anspruch machen kann und die überdies noch von Leuten bestritten wird, die, vielleicht nicht mit vollem Unrecht, behaupten, daß Pitou nur in meiner Phantasie existiert habe, so wollen wir unsern Weg bis zu dem doppelten Pfuhle an den Weg von Compiegne und von Vivieres fortsetzen, in dessen Nähe ich von Boudous gastlich aufgenommen wurde, als ich aus dem mütterlichen Hause floh, um nicht in das Seminar von Soissons gehen zu müssen, wo ich zwei oder drei Jahre später wahrscheinlich, wie mehrere meiner jungen Kameraden, durch die Explosion der Pulvermühle getötet worden wäre. In der Mitte des breiten Durchhaues, der von Süden nach Norden geht, haben wir eine halbe Stunde hinter uns das massive Schloß, das Franz I. baute und worauf der Sieger von Marignan und der Besiegte von Pavia sein Salamander Siegel gedrückt hat, und, am Ende des Horizonts, einen hohen Berg, der mit Ginster- und Farrenkraut bedeckt ist. Eine schreckliche Jugenderinnerung hängt an diesem Berge. – In einer Winternacht, als der Schnee seinen weißen Teppich auf diese lange und breite Allee gebreitet hatte, bemerkte ich, daß mir in einer Entfernung von zwanzig Schritten ein Thier folgte, das die Größe eines großen Hundes hatte und dessen Augen wie glühende Kohlen glänzten.

Ich brauchte das Thier nicht zwei Mal anzusehen, um es zu erkennen.

Es war ein ungeheurer Wolf!

Ach! wenn ich meine Flinte, oder meinen Karabiner, oder auch nur meinen Feuerstahl und Feuerstein gehabt hätte! Aber ich hatte kein Pistole, kein Messer, nicht einmal ein Federmesser.

Glücklicherweise kannte ich, da ich schon im fünfzehnten Jahre seit fünf Jahren Jäger war, die Art des nächtlichen Herumschweifers, mit dem ich zu tun hatte; ich wußte, daß ich, so lange ich mich aufrecht halten und nicht fliehen würde. Nichts zu fürchten hatte. Aber siehe, liebes Kind, der Berg war mit Löchern ganz bedeckt, ich konnte in ein solches Loch fallen, dann wäre der Wolf mit einem Sprung auf mir gewesen und wir hätten sehen müssen, wer von uns beiden bessere Nägel und Zähne gehabt hätte.

Mein Herz klopfte stark; ich fing an zu singen, ich habe aber immer gräulich falsch gesungen; ein nur etwas musikalischer Wolf hätte Reißaus genommen; der Meinige war es durchaus nicht; die Musik schien ihm vielmehr zu gefallen; er machte die zweite Stimme mit klagendem und hungrigem Heulen. Ich schwieg und ging still weiter, den Verdammten ähnlich, denen Satan den Hals umgedreht hat und denen Dante in der dritten Höllenregion begegnet, wie sie vorwärts gingen und rückwärts sahen.

Aber ich bemerkte bald, daß ich eine große Dummheit beging; weil ich nach den Wolf hin sah, sah ich nicht auf meine Füße und stolperte; der Wolf nahm einen Anlauf.

Glücklicherweise fiel ich nicht ganz, aber der Wolf war mir zehn Schritte näher gekommen. Einige Sekunden lang konnte ich mich fast nicht mehr auf den Beinen halten, trotz einer Kälte von achtzehn Grad rann der Schweiß von meiner Stirn. Ich blieb stehen; der Wolf gleichfalls.

Ich brauchte fünf Minuten, um mich wieder etwas zu erholen; diese fünf Minuten schienen meinem Reisegefährten lang zu werden; er setzte sich auf seinen Hintern und stieß ein noch hungrigeres und kläglicheres Heulen aus als das erste war.

Bei diesem Heulen schauderte ich bis in das Mark.

Ich ging weiter, indem ich von nun an auf meine Füße sah und jedes mal stehen blieb, wenn ich sehen wollte, ob der Wolf mir noch immer folge, näher käme, oder zurück bliebe.

Als ich wieder anfing zu gehen, fing auch der Wolf wieder an; er blieb stehen, wenn ich stehen blieb, ging weiter, weim ich weiter ging, aber immer in derselben Entfernung; ja er näherte sich sogar mehr, als er sich entfernte.

Nach einer Viertelstunde war er nur noch fünf Schritte von nur entfernt.

Ich näherte mich dem Parke, d. h. ich war jetzt kaum eine halbe Stunde von Villers-Cotterets entfernt; aber hier war der Weg von einem breiten Graben unterbrochen, – dem berühmten Graben, bei dem ich, als ich ihn übersprang, um der schönen Laurentia eine Idee von meiner Beweglichkeit zu geben, unglücklicherweise die Nankinbeinkleider zerplatzte, in denen ich zum ersten Male zur Kommunion gegangen war; erinnerst Du Dich? – Diesen Graben hätte ich ganz gut übersprungen und gewiß mit mehr Behändigkeit noch, als an dem fraglichen Tage, aber zu dem Sprunge mußte ich einen Anlauf nehmen und ich wußte, daß der Wolf auf meiner Schulter sein würde, bevor ich den vierten Theil gelaufen hätte.

Ich mußte also einen Umweg machen und durch ein Drehkreuz gehen. Das wäre Alles ganz leicht gewesen, wenn das Drehkreuz nicht in dem Schatten der großen Bäume des Parks gelegen hätte. Was konnte in diesem Schatten geschehen?! Konnte die Dunkelheit nicht ganz anders auf den Wolf einwirken, als auf mich? Sie er« schreckte mich; konnte sie ihn nicht kühn machen? Je dichter die Finsternis ist, desto heller sieht da der Wolf.

Aber ich durfte nicht zögern; ich wagte mich in die Dunkelheit; ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß jedes von meinen Haaren einen Tropfen Schweiß trug, daß jeder Faden meines Hemdes naß war. Als ich durch das Drehkreuz ging, warf ich einen Blick hinter mich. Die Dunkelheit war so groß, daß die Gestalt des Wolfes nicht mehr zu erkennen war; man sah nur in der Finsternis zwei glühende Kohlen.

Nachdem ich hindurch war, drehte ich schnell das bewegliche Querholz um; das Geräusch dabei erschreckte den Wolf, und er blieb eine Sekunde stehen, aber fast in demselben Augenblicke sprang er so behend über das Kreuz, daß ich den Schnee unter seinen Tatzen nicht knirschen hörte. Er befand sich wieder in derselben Entfernung von mir.

Ich ging schnell wieder in die Mitte des Weges, befand mich wieder im Hellen, und sah, nicht mehr blos die beiden schrecklichen Augen, welche feurig im Dunkel glühten, sondern auch den ganzen Wolf.

Je mehr ich mich der Stadt näherte und sein Instinkt ihm sagte, daß ich ihm bald entgangen sein würde, desto mehr näherte er sich mir. Obgleich er aber höchstens nur noch drei Schritte von mir entfernt war, hörte ich doch weder seinen Gang, noch seinen Atem. Man hätte ihn für ein Geschöpf meiner Phantasie, für das Gespenst eines Wolfes halten können.

Nichts desto weniger ging ich immer weiter; ich durchschritt den Ballspielplatz; und kam zu jenem Teil, der Parterre heißt, einem weiten, offenen und ebenen Grasplatz, wo ich keine Löcher mehr zu fürchten hatte.

Der Wolf war mir so nahe, daß er, wenn ich plötzlich stehen geblieben wäre, mit seiner Nase auf meine Kniekehle hätte stoßen müssen. Ich hatte Lust, mit dem Fuße auszuschlagen, oder die Hände in einander zu schlagen und dabei irgend einen derben Fluch auszustoßen; aber ich wagte es nicht; wenn ich es gewagt hätte, wäre er zweifelsohne entflohen oder hätte sich wenigstens für einen Augenblick entfernt.

Ich brauchte zehn Minuten, um über den Grasplatz zu gehen, und kam an das Ende der Schloßmauer.

Da blieb der Wolf stehen; wir waren kaum hundertfünfzig Schritt von der Stadt entfernt.

Ich ging durchaus nicht schneller weiter; er setzte sich, wie früher, und sah zu. wie ich mich entfernte.

Als ich etwa hundert Schritte von ihm entfernt war, heulte er hungriger und kläglicher, als die beiden früheren Male. Die fünfzig Jagdhunde des Herzogs von Bourbon antworteten mit einstimmigem Bellen.

Dieses Heulen.war der Ausdruck seines Bedauerns, nicht etwas von meinem Fleisch fressen zu können, diese Hoffnung mußte er durchaus aufgeben.

Ich weiß nicht, ob er dort, wo er stehen geblieben war, die Nacht zubrachte, denn kaum fühlte ich mich sicher, als ich im schnellsten Laufe weiter eilte und bleich und fast todt in den Laden meiner Mutter kam.

Du hast meine arme Mutter nicht gekannt, sonst brauchte ich Dir nicht zu sagen, daß sie bei der Erzählung eine ganz andere Furcht empfand, als ich bei der Sache selbst.

Sie kleidete mich aus, ließ mich ein andres Hemd anziehen, wärmte mir mein Bett und brachte mich hinein, wie sie es zehn Jahre vorher getan hatte, dann brachte sie mir ein Glas Glühwein an das Bett, der nur in den Kopf stieg, und mein Bedauern verdoppelte, eine Tat, wie ich sie auf dem ganzen Wege im Kopfe gehabt hatte, nicht versucht zu haben, um mich meines Feindes zu entledigen.

Jetzt, liebes Kind, erlaube, daß ich als kluger Erzähler bei diesem Ereignisse abbreche; ich könnte Dir doch nichts Rührenderes erzählen. Außerdem ist diese Vorrede lang, und sogar länger geworden, als sie es sein sollte. Wähle aus allen den Geschichten, die ich Dir zehn Mal erzählt habe, diejenige aus, die ich dem Publikum erzählen soll. Aber wähle gut; denn, wenn Du schlicht gewählt hast, wird man nicht allein mich, sondern auch Dich, wegen der Langweiligkeit tadeln.

»Nun wohl, Vater, erzähle uns die Geschichte von Katharine Blum.«

»Diese wünschest Du vorzüglich?«

»Ja, sie gehört zu denen, die mir vorzugsweise gefallen.«

»Nun, weil Du sie so sehr liebst, mag es sein.«

Hören Sie also, meine lieben Leser, die Geschichte von Katharine Blum. Das Kind, dem ich Nichts abschlagen kann, das Kind mit den blauen Augen, will es, daß ich sie Euch erzähle!

Brüssel, den 2. September 1853.

Alexander Dumas.




Zweites Kapitel

Das neue Haus am Wege nach Seiffons


Gerade in der Mitte des Raumes, zwischen dem nördlichen und östlichen Theile des Waldes von Villers-Cotterets, den wir bei unsrer Übersicht vermessen haben, da wir im Schlosse Villers-Helon angefangen und auf dem Berge Villieres geendet haben, erstreckt sich in den Windungen einer ungeheuren Schlange die Straße von Paris nach Soissons.

Nachdem die Straße schon einmal auf den Wald getroffen ist, den sie bei Gondreville eine halbe Stunde lang durchschneidet und, nachdem sie den Weg nach Crépy links gelassen, vor den Steinbrüchen von Fontaine-Eau-Claire etwas gewendet hat, in das Tal von Vauciennes hinabgegangen und dann wieder heraufgekommen ist, nachdem sie in ziemlich gerader Linie Villers-Cotterets erreicht hat, das sie in einem stumpfen Winkel durchschneidet, kommt sie am entgegengesetzten Ende der Stadt wieder heraus und zieht sich längs des Waldes und der Ebene hin, wo ehemals die schöne Abtei St. Denis stand, in deren Ruinen ich in meiner Jugend so fröhlich herumgelaufen bin und die heutigen Tages nur noch ein niedliches Landhäuschen ist, weiß angestrichen, mit Schiefer bedeckt, mit grünen Fensterläden geschmückt, in der Menge von Blumen und Apfelbäumen ganz versteckt.

Dann geht sie kühn mitten in den Wald, den sie in seiner ganzen Breite einnimmt, um erst in einer Entfernung von zwei und ein halb Stunden bei der Poststation Verte-Feuille wieder herauszukommen. Auf diesem langen Wege steht ein einziges Haus auf der rechten Seite des Weges; es wurde zur Zeit Philipp Egalité's erbaut, um einem Oberaufseher als Wohnung zu dienen. Damals erhielt es den Namen »das neue Haus«, und obgleich fast siebzig Jahre vergangen sind, seit es wie ein Pilz am Fuße der Buchen und Eichen aufgeschossen, so hat es doch, wie eine alte Koquette, die sich bei ihrem Taufnamen nennen läßt, den Jugendnamen bewahrt, unter dem es zuerst bekannt wurde.

Warum auch nicht? Der Pont-neuf (die neue Brücke in Paris), der unter Heinrich III. 1577 erbaut wurde, heißt doch noch immer Pont-neuf!

Das neue Haus steht auf dem Wege von Villers-Cotterets nach Soissons etwas über dem »Hirschsprung«, wo der Weg auf beiden Seiten von Abhängen begrenzt wird, und wo bei einer Jagt des Herzogs von Orleans – man weiß, daß Louis Philipp durchaus kein Jäger war – ein Hirsch von einem Abhang zum andern sprang, das heißt über dreißig Fuß weit.

Beim Heraustreten aus dieser Art Engpaß bemerkt man ungefähr fünfhundert Schritt weiter hin das neue Haus, das zwei Stockwerke, ein Ziegeldach, zwei Fenster im Erdgeschoß und zwei im ersten Stock hat.

Diese Fenster, die auf einer Seite des Hauses angebracht sind, sehen nach Westen, das heißt nach Villers-Cotterets, während der Vorderteil des Hauses, der nach Norden hin steht, auf die Straße selbst durch die Türe führt, durch welche man in die Unterstube tritt, sowie durch ein Fenster, welches einer Kammer in dem zweiten Stocke Licht giebt.

Das Fenster ist gerade über der Türe.

Hier ist die Straße, wie die bei den Thermopylen, wo nur für zwei Wagen Platz war, nur so breit, wie ihr Fahrgeleise und wird auf der einen Seite von dem Hause, auf der andern von dem Garten begrenzt, der, statt, wie gewöhnlich, hinter, oder an der Seite des Gebäudes zu liegen, ihm gegenüber sich befindet.

Je nach den Jahreszeiten gewährt das Haus einen verschiedenen Anblick.

Im Frühling wärmt es sich, bekleidet von grünem Weinlaube, wie einem Frühlingskleid, in der Sonne; dann könnte man sagen, es sei aus dem Walde gekommen, um an der Straße zu schlafen. Die Fenster, und vorzüglich eines in der ersten Etage, sind mit allerlei Blumen beseht, welche grünen mit Blumen ganz befielen Vorhängen gleichen. Der Rauch, der dem Schornstein entsteigt, ist nur ein bläulicher durchsichtiger Dunst, der kaum eine Spur in der Luft zurück läßt. Die beiden Hunde, welche die beiden Abteilungen der rechts von der Türe gebauten Hütte bewohnen, sind aus ihrem bretternen Zufluchtsort herausgekommen; der eine schläft friedlich, die Schnauze zwischen beiden Pfoten, der andere, der wahrscheinlich in der Nacht genug geschlafen hat, sitzt ernsthaft da und blinzelt mit gerunzeltem Gesicht vor der Sonne mit den Augen. Diese beiden Hunde, welche unabänderlich dem ehrwürdigen, krummbeinigen Dachsgeschlecht angehören, welches die Ehre hat, meinen berühmten Freund Decamps zum gewöhnlichen Maler zu haben, sind eben so unabänderlich ein Männchen und ein Weibchen; das Weibchen heißt Navaude, das Männchen Barbaro.

Anders ist es im Sommer; da schläft das Haus; es hat seine hölzernen Augenlider geschlossen; kein Licht kann eindringen, der Schornstein bleibt ohne Hauch, nur die Türe, die nach Norden zu liegt, bleibt offen, um den Weg zu überwachen; die beiden Dachshunde sind entweder in ihre Hütte zurückgekehrt, in deren Tiefe der Wanderer nur eine ungestaltete Masse erblickt, oder längs der Mauer ausgestreckt, an der sie zugleich die Frische des Schattens und die Feuchtigkeit des Bodens suchen.

Im Herbste ist das Weinlaub roth geworden; das grüne Kleid des Frühlings hat warme und schillernde Farben angenommen, gleich denen des getragenen Sammet und Atlas. Die Fenster öffnen sich ein wenig, aber den Blumen des Frühjahrs folgten Tausendschön und die Wucherblume. Der Schornstein fängt wieder an, weiße Rauchflocken herumzustreuen, und wenn man vorübergeht, so zieht das Feuer, das auf dem Heerde brennt, obgleich es durch Töpfe halb verdeckt ist, den Blick des Wanderers auf sich.

Navaude und Barbaro haben die Schlafsucht des April und den Schlaf des Juli abgeschüttelt und sind lebhaft und selbst ungeduldig; sie ziehen an ihrer Kette, bellen und heulen; sie fühlen, daß die Stunde der Thätigkeit für sie gekommen, daß die Jagt eröffnet ist und daß sie mit ihren ewigen Feinden, Kaninchen, Füchsen und selbst Ebern, kämpfen und ernsthaft kämpfen müssen.

Im Winter wird der Anblick düster; das Haus friert und bebt. Kein grünes Kleid ist mehr da; der Weinstock hat nach einander seine Blätter unter traurigem Murmeln der fallenden Blätter fallen lassen; er streckt nur seine kahlen Glieder an der Mauer hin. Die Fenster sind luftdicht verschlossen; jede Blume ist daraus verschwunden, und man bemerkt da, wo sie früher gestanden, nur noch den Bindfäden, der wie die Saiten einer ruhenden Harfe ausgespannt ist. An dem ungeheuren Zuge dichten Rauches, der aus dem Schornstein schneckenförmig heraufsteigt, sieht man, daß da das Holz wohlfeil ist und nicht geschont wird.

Navaude und Barbaro würde man jetzt vergeblich in dem leeren Stalle suchen; aber wenn die Haustüre sich zufällig in dem Augenblicke öffnet, da der Wanderer vorübergeht und einen neugierigen Blick in das Innere des Hauses tun kann, könnte er sie am Heerde sitzen sehen. Zwar entfernt sie jeden Augenblick ein Fußtritt des Hausherrn oder der Hausfrau vom Feuer, aber hartnäckig suchen sie wieder eine Hitze von fünfzig Grad, welche ihnen die Pfoten und die Schnauze verbrennt, und die sie nur dadurch zu mildern suchen, daß sie nach rechts oder links den Kopf wegwenden und mit kläglichem Heulen abwechselnd eine Pfote aufheben.

So war und ist noch – vielleicht bis auf die Blumen, welche mir die Gegenwart eines Mädchens mit zärtlichem und unruhigem Herzen verraten – das »neue Haus,« auf dem Wege nach Soissons von außen gesehen.

Von innen bot es zuerst im Erdgeschoß die große Stube, welche wir schon ein wenig betrachtet haben, und deren Möbel ein Tisch, ein Schrank und sechs Stühle bildeten. Die Wände waren mit fünf oder sechs Kupferstichen »geschmückt,« welche, je nach den verschiedenen Regierungen, entweder Napoleon, Josephine, Marie Louise, den König von Rom, den Prinzen Eugen und den Tod Poniatowskys, oder den Herzog und die Herzogin von Angouléme, Ludwig XVIII, dessen Bruder »Monsieur« und den Herzog von Berry, oder endlich den König Ludwig Philipp, die Königin Marie Amalie, den Herzog von Orleans, und eine Gruppe blonde und braune Kinder darstellten, die aus dem Herzoge von Nemours, dem Prinzen Joinville, dem Herzoge von Aumale und den Prinzessinnen Louise, Clementine und Marie bestanden.

Was jetzt da hängt, weiß ich nicht.

Aber dem Kamin hingen drei doppelläufige Flinten, in geschmierter Leinwand zum Trocknen vom letzten Regen oder Nebel.

Hinter dem Kamine steht ein Backhaus, das durch ein kleines Fenster auf den Wald sieht.

Auf der Ostseite befindet sich eine Küche, die einst an das Haus angebaut worden, als es für die Bewohner zu klein geworden war und man die Küche in eine Kammer umwandeln mußte.

Diese Kammer, die vorher Küche war, ist gewöhnlich die des Sohnes vom Hause.

Im ersten Stock sind zwei andere Kammern, die des Herrn und der Frau, das heißt des Oberaufsehers und seiner Frau und eine für ihre Tochter oder Nichte, wenn sie eine Tochter oder Nichte haben.

Wir müssen noch hinzufügen, daß fünf oder sechs Geschlechter von Aufsehern in diesem Hause gelebt haben, und daß an der Türe und in der Unterstube 1829 das blutige Drama vorging, wie wir in den »Erinnerungen« erzählt haben, das den Tod des Oberaufsehers Choron herbeiführte.

Zu der Zeit in der die Geschichte beginnt, die wir erzählen wollen, das heißt in den ersten Tagen des Mai 1829, waren die Bewohner des neuen Hauses Wilhelm Watrin, Oberaufseher des Bezirks Chavigny, Marianne Charlotte Choron, seine Frau, welche man nur die Mutter nannte und Bernhard Watrin, ihr Sohn, den man nur unter dem Namen Bernhard kannte.

Ein Mädchen, – die Heldin dieser Geschichte, – Namens Katharine Blum, hatte dieses Haus bewohnt, aber sie bewohnte es seit achtzehn Monaten nicht mehr.

Übrigens werden wir die Ursachen der Abwesenheit und Anwesenheit, das Alter, das Aussehen und den Charakter der Personen bei ihrem Austreten angeben, wie wir es gewöhnlich tun.

Versetzen wir uns zunächst in die genannte Zeit, nämlich den 12. Mai 1829.

Es ist halb vier Uhr früh; der erste Schein des Tages schimmert durch die Baumblätter, welche noch jene jungfräuliche grüne Farbe haben, die nur einige Wochen dauert; beim kleinsten Wind regnet kalter Thau herab, der auf der äußersten Spitze der Zweige zittert und auf das grüne Gras wie ein Diamantregen fällt.

Ein blonder junger Mann, drei- bis vierundzwanzig Jahre alt, mit lebhaften und verständigen Augen, kam in dem taktmäßigen Schritte, der geübten Fußgängern eigen ist, in der kleinen Uniform der Aufseher, das heißt mit der blauen Jacke mit dem silbernen Eichenblatt am Kragen, einer ähnlichen Mütze, Rippsammet-Beinkleidern, und großen ledernen Gamaschen mit kupfernen Schnallen, mit der einen Hand die Flinte auf der Achsel und mit der andern einen Hund an der Koppel haltend, durch eine Bresche der Parkmauer und schritt, indem er, mehr aus Gewohnheit, als um den Tau zu vermeiden, der ihn bereits ganz durchnässt hatte, in der Mitte des Weges auf das neue Haus zu, dessen westliche Seite er schon lange bemerkte.

Als er am Ende des Weges angekommen, sah er, daß die Türe und die Fenster geschlossen waren. Alles schlief bei Watrin's noch.

»Hm!« murmelte der junge Mann, »man macht es sich wahrhaftig gar recht bequem beim Vater Wilhelm! Vom Vater und von der Mutter begreife ich es; aber Bernhard, ein Verliebter! Kann ein Verliebter schlafen?«

Und er ging über den Weg, und näherte sich dem Hause in der augenscheinlichen Absicht, die Ruhe der Schlafenden gewissenlos zu stören.

Als die beiden Hunde Schritte hörten, kamen sie ans ihrer Hütte heraus, um gegen den Mann, als auch gegen den Hund zu bellen; aber sie erkannten ohne Zweifel zwei Freunde, denn ihre Schnauzen öffneten sich übermäßig, nicht zu einem drohenden Bellen, sondern zu einem freundschaftlichen Gähnen, während ihre Schwänze wedelnd den Boden fegten, je mehr die Beiden näher kamen, welche übrigens, ohne eigentlich zum Hause zu gehören, da nicht ganz fremd zu sein schienen.

An der Türe machte sich der Hund mit den beiden Dachshunden vertraut, während der Aufseher den Flintenkolben auf die Erde stützte und mit der Hand an die Türe pochte.

Auf dieses erste Klopfen erfolgte keine Antwort.

»Heda, Vater Watrin!« sagte der junge Mann, der zum zweiten Male und derber, als das erste Mal, anklopfte; »sollten Sie vielleicht zufällig taub geworden sein?«

Und er legte sein Ohr an die Türe.

»Endlich,« sagte er, nachdem er einen Augenblick aufmerksam gehorcht hatte; »'s ist auch ein Glück.«

Diesen Ausruf der Zufriedenheit veranlaßte ein leichtes Geräusch, welches er im Innern hörte.

Dieses Geräusch, das durch die Entfernung und vorzüglich durch die Dicke der Türe geschwächt wurde, kam von der Treppe, die unter den Tritten des alten Obereraufsehers knarrte.

Der junge Mann hatte ein viel zu geübtes Ohr, um sich zu täuschen und den Tritt eines Fünfzigjährigen für den eines Fünfundzwanzigjährigen zu halten. Darum dachte er denn auch sogleich bei sich:

»'s ist Vater Watrin,« und laut setzte er hinzu: »Guten Morgen! . . . Machen Sie nur auf; ich bin's.«

»Ah,« antwortete eine Stimme drinnen, »Du, Franz? Ich komme schon, ich komme.«

»Nehmen Sie sich immer die Zeit, erst die Hosen anzuziehen; 's hat keine so große Eile, wenn's auch gar nicht sehr warm ist. Brrr!« Und der junge Mann stampfte abwechselnd mit dem einen und dem andern Fuße auf, während der Hund, vom Tau naß, zitternd neben ihm saß.

In diesem Augenblicke ging die Türe auf und man sah den grauen Kopf des alten Holzaufsehers, der, so früh es auch noch war, schon die Tabakspfeife im Munde hatte, wenn sie auch nicht brannte.

Diese Pfeife, welche in Folge von allerlei Unfällen sehr kurz geworden war, verließ die Lippen Watrins eigentlich nur in der Zeit, welche er bedurfte, um die Asche aus dem Kopfe zu klopfen und frisch zu stopfen: war dies geschehen, so nahm sie unfehlbar an der linken Seite des Mundes zwischen zwei Zähnen, die eine Art Zange bildeten, ihren Platz wieder ein.

Allerdings gab es auch noch einen Fall, in welchem die Pfeife Watrins in dessen Hand, statt zwischen den Lippen rauchte, nämlich wenn sein Inspektor ihm die außerordentliche Ehre erzeigte, mit ihm zu sprechen. Da nahm Vater Watrin ehrerbietig die Pfeife aus dem Munde, wischte sich die Lippen mit dem Ärmelaufschlage ab, legte die Hand mit der Pfeife auf den Rücken und antwortete.

Vater Watrin schien ein Schüler des Pythagoras zu sein; wenn er den Mund zu einer Frage auftat, hatte diese stets die kürzeste Form; that er ihn auf zu einer Antwort, so lautete diese jedes Mal kurz und bündig. Eigentlich hätten wir nicht sagen sollen: wenn er den Mund auftat, denn der Mund Vater Watrins that sich nur zum Gähnen auf, wenn er jemals gegähnt hat, was freilich weder bewiesen, noch auch wahrscheinlich ist.

In aller übrigen Zeit trennten sich die Kinnladen Watrins nicht, da sie fortwährend eine Tabakspfeife halten mußten, die freilich meist nur der Stummel einer Pfeife war; die Folge dieses Nichtauseinandermachens war eine Art Zischen, das dem einer Schlange nicht unähnlich klang, weil die Worte zwischen dem schmalen Räume hindurch mußten, den die Dicke der Pfeifenspitze zwischen den Zähnen bildete.

Wenn die Pfeife den Mund Watrins verlassen hatte, entweder um von der Asche befreit oder neu gestopft zu werden, oder, um ihm zu gestatten, einem angesehenen Manne zu antworten, wurden die Worte keineswegs deutlicher oder fanden einen leichteren Ausgang; das Zischen minderte sich nicht, sondern nahm zu und zwar aus einem sehr einfachen Grunde: da die Pfeifenspitze die Zähne nicht mehr auseinander hielt, drückten die oberen mit aller Wucht auf die unteren.

Es gehörte dann auch viel Geschick dazu, das zu verstehen, was Vater Watrin sagte.

Er war, wie gesagt, ein Fünfziger, etwas über mittelgroß, dürr und gerade, mit nur noch wenigem grauen Haar, dicken Augenbrauen, einem Backenbart, der das Gesicht wie ein Rahmen umgab, kleinen scharfen Augen, einer langen Nase, einem etwas höhnischen Munde und einem spitzen Kinn. Obgleich er meist that, als sähe und höre er nach nichts, war Auge und Ohr bei ihm doch stets auf der Lauer und so sah und hörte er vortrefflich Alles, was im Hause zwischen Frau, Sohn und Nichte vorging, und was draußen im Walde die Rebhühner, die Kaninchen, die Hasen, die Füchse, die Marder vornahmen.

Watrin verehrte namentlich meinen Vater und mich selbst hatte er auch sehr lieb. Unter einer Glasglocke bewahrte er das Glas, aus welchem der General Dumail zu trinken pflegte, wenn er mit ihm auf die Jagt ging und aus dem er später mich trinken ließ, wenn wir zehn, fünfzehn, zwanzig Jahre nachher jagten.

Das war der Mann, der mit dem Pfeifenstummel im Munde das spöttische Gesicht an der halbgeöffneten Türe des neuen Hauses zeigte, um früh vier Uhr den jungen Mann einzulassen, den er Franz genannt hatte und der sich über die Kälte beklagte, obgleich man seit einem Monat und siebenundzwanzig Tagen, der Aussage des Kalendermannes zu Folge, in die schöne Zeit des Jahres eingetreten war, die man Frühling nennt.

Vater Watrin machte die Türe ganz auf, als er sich überzeugt hatte, wen er vor sich habe, und der junge Mann trat ein.




Drittes Kapitel

Mathias Goguelue


Franz ging geraden Weges nach dem Kamine und stellte seine Flinte in die Ecke, während sein Hund, welcher den charakteristischen Namen Schielax hatte, ohne weiteres sich in die vom vorigen Abende her noch warme Asche setzte.

Den Namen hatte der Hund von einem Buschelchen rother Haare, einer Art Schönheitsfleckchen, erhalten, das am Augenlidwinkel gewachsen war und ihn bisweilen, nicht immer, schielen ließ.

Schielax galt übrigens für die feinste Spürnase drei Stunden in der Runde, während Franz, obgleich noch zu jung, als daß er sich bereits durch große Jagdtaten hätte ausgezeichnet haben können, in ziemlich gleichem Rufe stand, das heißt für einen derjenigen galt, welche der Fährte eines Wildes mit der größten Sicherheit zu folgen vermögen. Wenn irgend ein angeschossenes Wild aufzusuchen, ein Wildschwein abzutreiben war und dergleichen, so erhielt stets Franz den Auftrag dazu.

Für ihn hatte der Wald, so düster und dunkel er auch war, kein Geheimniß; ein zertretener Grashalm, ein umgewendetes Blatt, ein an einem Dornbusch hängen gebliebenes Haarbüschelchen enthüllte ihm ein ganzes nächtliches Drama, von der ersten bis zur letzten Szene, welches keine andern Zeugen gehabt zu haben glaubte, als die Bäume und keine andere Leuchte, als die Sterne am Himmel.

Da am nächsten Sonntag das Kirchweihfest in Corcy war, so hatten die Aufseher in der Nähe dieses Dorfes von dem Inspektor Deviolaine die Erlaubniß erhalten, ein Wildschwein zu schießen, und damit man nicht viele Mühe dabei habe, hatte Franz den Auftrag erhalten, das Tier an einen Ort zu treiben, wo man es leicht finden und schießen könne.

Er hatte diesen Auftrag mit seiner gewöhnlichen Geschicklichkeit ausgeführt, als wir ihm durch den Wald nach dem neuen Hause zukommen und dann an der Türe anpochen sahen.

»Was?« fragte Watrin. als Franz seine Flinte hingestellt und Schielax sich in die Asche gesetzt hatte. »Kalt wäre es? Im Mai? Was würdest Du da bei dem russischen Feldzuge gesagt haben?«

»Nun, warten Sie nur. Wenn ich sage kalt, so ist das eine Redensart, wie Sie sich wohl denken können, Vater Watrin. Ich meine, in der Nacht ist's kalt. Sie wissen recht gut, daß die Nächte nicht so geschwind vorrücken, wie die Tage, wahrscheinlich weil's in der Nacht finster ist. Am Tage haben wir richtig Mai, aber in der Nacht ist's noch Februar. Ich bleibe also dabei: 's ist kalt. Brrr!«

Watrin schlug Feuer an, blickte dabei von der Seite, wie Schielax, nach Franz hin und fragte:

»Soll ich Dir was sagen?«

»Immer zu, Vater Watrin,« antwortete Franz, der seinerseits einen schelmischen, pfiffigen Blick von der Seite auf den Alten richtete; »immer zu! Sie wissen ja so gut zu reden, wenn Sie einmal zu reden anfangen.«

»Du machst Dich zum Esel, um Kleie zu bekommen.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Nicht?«

»Auf Ehre!«

»Du sagst, es sei kalt, damit ich Dir einen Schnapps anbieten soll.«

»So wahr Gott lebt, daran habe ich nicht gedacht, aber damit will ich nicht etwa sagen, ich würde ihn ausschlagen, wenn Sie mir einen anböten; o nein, nein, Vater Watrin, ich weiß zu gut, daß ich Ihnen nicht widersprechen darf.«

Und er sah fortwährend den Alten pfiffig von der Seite an.

Vater Watrin sagte weiter nichts, als »hm,« wodurch er wohl seine Zweifel über Franzens Uneigennützigkeit und dessen Nichtwidersprechendürfen ausdrücken wollte, fing von Neuem an, den Stahl an den Stein zu schlagen, und bei dem dritten Schlage fing der Schwamm sprühend Feuer. Dann legte er mit einem Finger, der gegen Feuer völlig unempfindlich zu sein schien, den Schwamm auf den frisch eingestopften Tabak und begann den Rauch einzuziehen, den er anfangs in kaum bemerklichem Dunste, dann in immer stärker werdenden Wolken ausstieß, bis er die Überzeugung erlangt zu haben schien, daß die Pfeife hinreichend brenne, worauf er in den gewöhnlichen ruhigen und regelmäßigen Zügen weiter rauchte.´

In der Zeit, welche er zu diesem wichtigen Geschäfte verwendete, drückte sein Gesicht nur die demselben gewidmete Aufmerksamkeit aus, als aber die Sache genügend im Gange war, stellte sich das Lächeln auf seinem Gesichte wieder ein, er trat an den Schrank, holte aus demselben eine Flasche und zwei Gläser und sagte:

»Nun meinetwegen, so wollen wir erst ein Wörtchen mit der Cognacflasche und dann von unsern Geschäften reden.«

»Ein Wörtchen nur? Ach wie wortkarg Vater Watrin ist!«

Als wolle Vater Watrin Franz auf der Stelle Lügen strafen, schenkte er die beiden Gläser voll bis an den Rand, dann stieß er das seinige an das des jungen Mannes und sagte:

»Auf Deine Gesundheit!«

»Auf die Ihrige auch und auf das Wohl Ihrer Frau und daß der liebe Gott sie nicht mehr so eigensinnig sein lasse!«

»Gut!« antwortete Watrin und verzog das Gesicht, womit er wohl ein Lächeln vorstellen wollte. Dann nahm er seinen Pfeifenstummel in die linke Hand, legte dieselbe nach seiner Gewohnheit auf den Rücken, führte mit der Rechten das Glas an die Lippen und leerte es in einem Zuge.

»Ei da warten Sie doch'« fiel Franz lachend ein; »ich war noch nicht fertig und wir werden nun noch einmal von vorn anfangen müssen. – Auf die Gesundheit Bernhards!«

Darauf trank er selbst sein Glas aus, mit mehr Behagen, nicht so hastig, wie der Alte. Als der letzte Tropfen verschwunden war, stampfte er aber, wie in Verzweiflung, mit dem Fuße auf und sagte:

»Nun habe ich das Beste doch vergessen!«

»Was hast Du vergessen?« fragte Watrin, indem er eifrig an der Pfeife zog, die während ihres Aufenthaltes in der linken Hand auf dem Rücken beinahe ausgegangen war.

»Was ich vergessen habe?« antwortete Franz. »Katharine, Ihre Nichte, 's ist doch recht schlecht, die Abwesenden zu vergessen, aber das Glas ist leer – sehen Sie, Vater Watrin.«

Er machte die Nagelprobe.

Watrin verzog das Gesiebt nochmals, um zu sagen:

»Spaßvogel, ich kenne Dich, aber der guten Absicht wegen soll es verziehen sein.«

Watrin sprach, wie gesagt, wenig, aber groß war er in der Pantomime.

Er nahm die Flasche noch einmal und schenkte so reichlich ein, daß die Gläser überliefen.

»Da!« sagte er.

»Das lasse ich mir gefallen,« antwortete Franz; »heute knickert Vater Watrin nicht. Man sieht's, daß er seine hübsche Nichte lieb hat.«

Er führte das Glas an die Lippen mit einem Enthusiasmus, von dem das Mädchen und der Cognac einen Teil für sich in Anspruch nehmen konnten und sagte:

»Wer sollte auch die liebe Mamsell Katharine nicht lieb haben! 's ist mit ihr, wie mit dem Cognac.«

Nach dem Beispiele, mit dem ihm der Alte vorangegangen war, stürzte er dies Mal den Inhalt des Glases auf einmal hinunter.

Watrin machte dieselbe Bewegung mit ganz militärischer Regelmäßigkeit, aber Jeder der beiden Trinker drückte seine Befriedigung über den Genuß in verschiedener Weise aus.

»Hm!« sagte der Eine.

»H. . .m!« sagte der Andere.

»Kommt Dir's noch immer kalt vor?« fragte Vater Watrin.

»Nein,« antwortete Franz, »im Gegenteil, es wird mir warm.«

»So geht's besser?«

»Sapperlot, ja; es steht bei mir auf beständig schön wie bei Ihrem Wetterglas.«

»In diesem Falle können wir auch von der Hauptsache, von dem Wildschwein, reden,« sagte Watrin.

»O, das Wildschwein?« entgegnete Franz; »ich glaube, das haben wir.«

»Wie das letzte Mal wohl?« sagte eine kreischende, höhnische Stimme plötzlich hinter den beiden Männern.

Sie drehten sich gleichzeitig um, obgleich sie beide recht wohl Denjenigen erkannt hatten, welchem die Stimme angehörte. Dieser ging, als gehöre er in das Haus, weiter, und setzte nur hinzu:

»Guten Morgen mit einander!«

Dann setzte er sich an den Kamin, störte die hier und da noch glühende Asche auf, und warf ein Stück Holz darauf, das bald Feuer fing. Aus der Tasche seiner Jacke nahm er einige Kartoffeln, legte sie neben einander in die Asche und deckte sie vorsichtig zu.

Der, welcher die Erzählung unterbrach, welche Franz eben beginnen wollte, verdient wegen der Rolle, die er in dieser Geschichte spielen wird, eine ausführlichere Beschreibung.

Es war ein Bursch von zwanzig bis zweiundzwanzig Jahren mit schlichtem, rothen Haar, niedriger Stirn, schielenden Augen, aufgestülpter Nase, vorstehendem Munde, zurückweichendem Kinn und dünnem schmutzigen Barte. An seinem, durch den zerrissenen Hemdkragen so gut als nicht verhülltem Halse bemerkte man einen Kropf. Seine ungeschickt angefügten Arme schienen verhältnismäßig zu lang zu sein und gaben seinem schleppenden, gewissermaßen schläfrigen Gang, die Bewegung der großen Affen, welche die Naturforscher Schimpanse nennen. Kauerte er auf den Fersen, oder saß er auf einem Bänkchen, so wurde die Ähnlichkeit zwischen dem verfehlten Menschen und dem vollkommenen Affen noch auffallender, denn dann konnte er, gleich jenen Menschen-Carricaturen, die verschiedenen Gegenstände, die er haben wollte, mit den Händen oder Füßen fassen, und zwar fast ohne den Rumpf zu bewegen, der so schlecht geformt war als das Übrige. Die ganze unangenehme Person ruhte auf Füßen, die der Größe und Breite nach mit denen Karls des Großen hätten sich messen können.

In geistiger Hinsicht war die Gabe, welche die Natur dem armen Teufel zugeteilt hatte, vielleicht noch geringer. Während schlechte und schmutzige Scheiden bisweilen eine gute und schöne Klinge bergen, enthielt der Körper des Mathias Goguelue – so hieß der Bursch – eine schwache Seele. So viel ist gewiß, daß jedes Wesen, das schwächer war als Mathias, einen Schmerzenslaut von sich gab, sobald er es berührte: Der Vogel, weil er ihm die Federn auszupfte; der Hund, weil er ihn auf die Pfote trat; das Kind, weil er es am Haar zupfte. Dagegen war Mathias neben den Stärkeren demütig, wenn er auch Spott und Hohn nicht ließ; empfing er eine Beleidigung, einen Schimpf, einen Schlag, wie heftig und empfindlich sie auch waren, so behielt sein Gesicht das stumpfsinnige Lächeln, aber die Beleidigung, der Schimpf, der Schlag blieb unvertilgbar in dem Herzen eingeprägt; irgend einmal wurde das Leid, ohne daß man ahnte, woher es kam, hundertfach vergolten und Mathias hatte in der tiefsten Tiefe seines Innern einen Augenblick unheimlicher Freude, die ihn oftmals zu dem Gedanken brachte, das Böse, das er erlitten, sei ein Glück für ihn, da er Böses habe dafür tun können.

Uebrigens muß man zu seiner Entschuldigung hinzufügen, daß sein Leben immer ein schmerzensreiches und unsicheres gewesen. Eines Tages hatte man ihn aus einer Schlucht hervorkommen sehen, wo ihn ohne Zweifel herumziehende Zigeuner zurückgelassen. Er war damals drei Jahre alt gewesen, halb nackt und konnte kaum sprechen. Der Bauer, der ihn zuerst gesehen, hieß Mathias, die Schlucht aus der er gekommen, Goguelue, deshalb wurde das Kind Mathias Goguelue genannt. Von einer Taufe war niemals die Rede gewesen und Mathias vermochte nicht zu sagen, ob er überhaupt getauft worden sei, oder nicht. Wer sollte sich auch mit seiner Seele beschäftigen, da der Körper in einem Zustande sich befand, daß er doch immer von Almosen und Diebstahl leben mußte.

So war er herangewachsen. Obgleich schlecht geformt und hässlich, besaß er doch Kräfte, und obgleich scheinbar stumpfsinnig, war er schlau und pfiffig. Wäre er in Ozeanien, an den Ufern des Senegal, oder im japanischen Meere geboren worden, hätten die Wilden von ihm sagen können, was sie von den Affen sagen: »sie reden nicht, weil sie fürchten, man würde sie für Menschen halten und sie zum Arbeiten nötigen.«

Mathias stellte sich schwach und stellte sich blödsinnig; zeigte sich aber eine Gelegenheit, daß er seine Körperkraft oder seinen Verstand gebrauchen mußte, so gab er Beweise von der rohen Kraft des Bären und der Schlauheit des Fuchses. War dann die Gefahr vorüber, oder der Wunsch befriedigt, so wurde Mathias wieder Mathias, der bekannte, verspottete, kraftlose, blödsinnige Mathias.

Der Abbé Gregoire, – der vortreffliche Mann, von dem ich in meinen »Memoiren« spreche, und der auch in dieser Geschichte eine Rolle zu spielen hat – hatte Mitleid mit dem armen, geistesschwachen Wesen gehabt, sich als den geborenen Vormund des Verwaisten angesehen und ihn um eine Stufe in der Reihenfolge der Geschöpfe höher stellen wollen, deshalb ein Jahr lang sich unsägliche Mühe gegeben ihm lesen und schreiben zu lehren. Nach einem Jahre hatte er den Versuch als unausführbar aufgeben müssen. Der allgemeinen Meinung nach, welcher auch der würdige Abbé folgte, kannte Matthias keinen Buchstaben und vermochte keinen zu schreiben, aber Alle täuschten sich; Mathias las zwar nicht vortrefflich, aber er las und sogar ziemlich geläufig; er schrieb nicht wie in Kupfer gestochen, aber er schrieb und recht leserlich. Nur hatte Niemand ihn jemals lesen hören und schreiben sehen.

Auch Vater Watrin hatte das Seinige getan, Mathias aus seiner Vertierung zu reißen, und zwar aus der körperlichen, wie der Abbé aus der geistigen. Er hatte bemerkt, daß Mathias die Gabe oder das Geschick besaß, das Geschrei der Thiere, den Gesang der Vögel nachzuahmen und einer Fährte zu folgen; er hatte erkannt, daß Mathias mit seinen Schielaugen einen Hasen oder ein Kaninchen im Lager recht gut sehe; es war ihm mehrmals aufgefallen, daß ihm Pulver und Blei fehlte, und geschlossen, daß er die Anlagen des Mathias vielleicht nützlich verwenden, und ihn zu einem brauchbaren Gehilfen im Walde machen könne. Er hatte deshalb mit dem Inspector Deviolaine gesprochen und von diesem die Ermächtigung erhalten, seinem Schützlinge eine Flinte in die Hand zu geben.

Das war denn geschehen, aber nach einer halbjährigen Probezeit hatte Mathias zwei Hunde erschossen, einen Treiber verwundet, aber nie ein Stück Wild getroffen. Da hatte Vater Watrin erkannt, Mathias habe alle Anlage zu einem Wilddiebe, aber keine zu einem Aufseher, und ihm die Flinte wieder abgenommen, von der er einen so schlechten Gebrauch gemacht, worauf der Bursch ohne Scham sein früheres Bettelleben von Neuem angefangen.

Auf seinen Wanderungen blieb das neue Haus und der Heerd des Vaters Watrin ein Lieblingsruhepunkt, trotz dem Hasse, oder vielmehr dem Abscheu, welche Mutter Watrin gegen ihn empfand, die eine zu gute Hausfrau war, als daß sie nicht hätte bemerken sollen, wie sehr die Anwesenheit des Mathias ihren Garten und ihren Speiseschrank benachteiligte, und trotz der Abneigung, mit welcher Bernhard, der Sohn vom Hause, ihn stets angesehen.

Wie übrigens Niemand die Fortschritte kannte, welche Mathias bei dem Unterrichte des Abbé Gregoire im Lesen und Schreiben gemacht hatte, war es auch Allen unbekannt, daß die Ungeschicklichkeit im Schießen von Mathias ebenfalls nur erheuchelt wurde, und daß er, wenn er wollte, ein Rebhuhn und ein Wildschwein so gut traf wie, der beste Schütze im Walde.

Warum entzog Mathias seine Talente den Blicken? Weil er glaubte, es könne ihm nicht blos nützlich sein, lesen, schreiben und schießen zu können, sondern vielleicht in höherem Grade nützlich, wenn man ihm das Geschick dazu nicht zutraue.

Derjenige also, welcher eintrat und Franz gleich im Anfange seiner Erzählung unterbrach, war also ein böswilliger Bursch.

»Wo ist das Wildschwein?« fragte Vater Watrin, der eben die Zunge frei hatte, da er die Pfeife wieder stopfen mußte.

»Im Pökelfaß, da es Franz ja schon hat,« sagte Mathias.

»Noch nicht,« erwiderte dieser, aber ehe die Uhr da die siebente Stunde vermeldet, wird es da sein. Nicht wahr, Schielax?«

Der Hund, den das neu auflebende Feuer in eine wahre Glückseligkeit versetzte, drehte sich auf den Ruf seines Herrn um, kehrte mit dem langen Schweife die Asche hin und her und ließ ein freundliches Knurren hören, welches bejahend auf die gestellte Frage zu antworten schien.

Franz wendete, zufrieden mit der Antwort seines Schielax, die Augen von Mathias mit einem Unwillen ab, den er gar nicht zu verheimlichen suchte, und setzte sein Gespräch mit Vater Watrin fort, der, mit der frisch gestopften Pfeife im Munde, den jungen Mann behäbig anzuhören sich anschickte.

»Das Wildschwein ist etwa eine Viertelstunde von hier,« begann Franz, »in dem Dickicht der Tétes des Salmon. Halb drei Uhr früh ist es von dem Gebüsch am Wege von Dampleur aufgebrochen . . .«

»Woher weißt Du das,« fragte Mathias, »da Du erst um drei hinausgegangen bist?

»Hören Sie nur, Vater Watrin! Fragt der, woher ich das weiß! – Ich will es Dir erzählen, Schielax, und merke es Dir.«

Franz hatte eine üble Gewohnheit, welche Mathias sehr verletzte, die nämlich, den Burschen und den Hund gleichmäßig Schielax zu nennen, obgleich, seiner Meinung nach, der Hund um Vieles zierlicher schielte.

Auf den ersten Blick schienen Beiden – dem Hunde und dem Burschen – die Benennung gleichgültig zu sein, aber die Äußerung dieser Gleichgültigkeit war doch nur bei dem Hunde unverstellt.

Franz selbst achtete nicht darauf und fuhr fort:

»Um welche Zeit fällt der Thau? Um drei Uhr früh, nicht wahr? Nun, wenn das Wildschwein nach dem Thaufalle sich aufgemacht hätte, würde es über die nasse Erde gegangen sein und kein Wasser in seinen Fährten stehen, während es über die trockene Erde gegangen, der Thau erst später gefallen ist, und längs des Weges Tränkstellen für die Rotkehlchen gemacht hat.«

»Wie alt ist es?« fragte Watrin, welcher entweder der Bemerkung des Mathias gar keine Bedeutung beilegte, oder die gegebene Erklärung für vollkommen genügend hielt.

»Sechs bis sieben Jahre,« antwortete Franz ohne Zögern.

»Oho! Nun hat das Schwein dem gar seinen Geburtsschein vorgewiesen!«

»Allerdings, und so deutlich unterzeichnet, wie es nicht Jeder kann . . . Wenn das Tier nicht besondere Gründe hat, sein Alter zu verheimlichen, stehe ich dafür, daß ich mich nicht um drei Monate irre. Nicht wahr, Schielax? Sehn Sie's, Vater Watrin, Schielax bestätigt, daß ich mich nicht irre.«

»Ist es allein?« fragte Vater Watrin.

»Nein, mit seiner trächtigen Sau . . .«

»Oho!«

»Die bald werfen wird.«

»Ohoho!« fiel Mathias ein.

»Vater Watrin, der Mensch da ist im Walde gefunden worden, und weiß nicht einmal, wenn eine Sau trächtig ist, oder nicht . . . Was hast Du denn gelernt?«

»Ein neues Tier?« fragte Vater Watrin, der zu wissen wünschte, ob die Zahl der Wildschweine in seinem Revier zu- oder abnähme oder sich gleich bliebe.

»Die Sau, ja,« antwortete Franz mit seiner gewöhnlichen Sicherheit; er nicht. . . Sie kenne ich nicht, ihn sehr gut. Er ist derselbe, dem ich vor vierzehn Tagen eine Kugel in die linke Schulter geschickt habe.«

»Warum glaubst Du das?«

»Das muß ich Ihnen sagen, der dem Schielax da anzuraten geben kann? Daß ich ihn getroffen hatte, wußte ich; aber die Kugel war nicht neben dem Schulterblatte hineingegangen, sondern in die Schulter selbst.

»Hm!« entgegnete Watrin; »er hat nicht geschweißet . . .«

»Nein, weil die Kugel zwischen Haut und Fleisch, im Speck sitzen geblieben ist. Jetzt fängt die Wunde an zu heilen; das juckt und das Thier reibt sich an den Bäumen; er hat an einem sogar ein Büschelchen Haar hängen lassen. Sehen Sie einmal.«

Bei diesen Worten nahm Franz aus seiner Westentasche ein Büschelchen Haar, das feucht von geronnenem Blut war, und seine Angabe bestätigte.

Watrin nahm es, sah es mit Kennerblick an, und gab es zurück als sei es etwas höchst Kostbares.

»'s ist so,« sagte er dabei, »und 's ist so gut als sähe ich das Tier. Ich habe nicht übel Lust, einen Gang ihm zu Gefallen zu tun.«

»Thun Sie das; Sie werden Alles finden, wie ich es gesagt habe. Sie brauchen mit ihm auch gar nicht besonders vorsichtig zu sein, sondern kennen sich ihm nähern so weit Sie wollen, er wird sich nicht rühren; die Frau Gemahlin befindet sich nicht recht wohl, und der Herr ist galant.«

»So werde ich auf der Stelle gehen,« sagte Vater Watrin mit einer Gebärde der Entschlossenheit, bei der er die Zähne so fest auf einander drückte, daß er noch ein Stück von dem schon so kurzen Pfeifenstummel abbiß.

»Wollen Sie Schielax mitnehmen?«

»Wozu?«

»Nun ja, Sie haben selbst gute Augen; Sie werden suchen und finden . . . den Namensvetter des Mathias will ich lieber in seine Hütte bringen, nachdem ich ihm ein Stück Brod gegeben habe, das er diesen Morgen redlich verdient hat.«

»Hast Du Alles gehört, Mathias?« sagte Watrin, welcher ruhig seine Kartoffeln verzehrte. »So gute Augen wirst Du nie bekommen.«

»Ist mir auch ganz und gar einerlei,« antwortete der Angeredete.

Watrin zuckte die Achseln über diese Gleichgültigkeit des Mathias, die ihm unerklärlich war; dann zog er seinen Uniformrock an, legte die Halbgamaschen an, nahm sein Gewehr, blos weil er ohne dasselbe nicht gewusst haben würde, was er mit dem rechten Arme anfange, reichte Franz die Hand und ging fort.

Dieser trat an den Schrank, schnitt etwa ein halbes Pfund Schwarzbrot ab, und murmelte:

»Dem Alten juckten die Beine als ich erzählte. . . Na, komm, Schielax, da ist ein tüchtiges Stück Brod. Jetzt vorwärts in die Hütte!«

Er ging mit dem Hunde hinaus, dem die Aussicht auf das Stück Brot die Verweisung in die Hütte in etwas versüßte, und ließ Mathias mit den Kartoffeln in der Asche allein.




Viertes Kapitel

Der Unglücksvogel


Kaum war Franz verschwunden, als Mathias den Kopf empor richtete und ein Ausdruck von Schlauheit, den man ihm schwerlich zugetraut hätte, blitzschnell über sein Gesicht zog.

Dann forschte er auf die sich entfernenden Schritte des jungen Mannes, und als er nichts mehr von denselben vernahm, schlich er zu der Cognacflasche, schielte nach der Türe, griff nach der Flasche und hielt sie ins Licht, um zu sehen wie viel darin sei und wie viel er also daraus trinken könne.

»Der alte Geizhals! mir bietet er nichts an!«

Um diese Vernachlässigung auszugleichen, führte er den Flaschenhals an seine Lippen und nahm daraus rasch drei oder vier Züge von dem Feuerwasser, als wäre es unschuldiges Wasser.

In diesem Augenblicke hörte er die Schritte Franzens wieder näher kommen und er kehrte geräuschlos auf seinen Schemel an dem Kamine zurück, wo er mit einer Miene der Unschuld, die selbst den Franz täuschen mußte, ein Lied zu summen begann, das durch die Dragoner in Villers-Cotterets bekannt geworden war. Ohne sich durch die Anwesenheit Franzens stören zu lassen, summte er weiter, dieser aber blieb vor ihm stehen und fragte:

»Du singst gar?«

»Ist es denn verboten? Dann muß es der Maire bekannt machen lassen und man wird nicht mehr singen.«

»Verboten ist es nicht,« sagte Franz, »aber Unglück wird es mir bringen.«

»Warum?«

»Wenn ich früh im Walde zuerst eine Eule schreien höre, denke ich bei mir: das fängt schlimm an.«

»So bin ich eine Eule? Meinetwegen. Ich bin Alles was ich sein soll.«

Er hielt beide Hände aneinander, nachdem er die unumgängliche Vorsicht gebraucht hatte, in dieselben zu spuken und ahmte täuschend den traurigen und eintönigen Eulenruf nach.

Franz selbst erbebte.

»Willst Du still sein, Unglücksvogel!« sagte er.

»Wenn ich Dir aber etwas vorzusingen hätte, was würdest Du sagen?«

»Ich würde sagen: ich habe keine Zeit, Dich anzuhören. Thue mir lieber einen Gefallen.«

»Dir?«

»Ja, mir. Meinst Du, Du könntest keinem Menschen einen Gefallen tun?«

»Was verlangst Du?«

»Du sollst mein Gewehr vor das Feuer halten, damit es trocken werde, während ich andere Gamaschen anziehe.«

»Andere Gamaschen! Der Franz fürchtet, sich einen Schnupfen zu holen!«

»Das gar nicht; ich will die Dienstgamaschen anziehen, weil der Inspektor zur Jagt kommen kann und ich nicht unvollständig dienstmäßig bekleidet vor ihm erscheinen mag. Willst Du mein Gewehr halten?«

»Weder das Deinige noch ein anderes. Man soll mir lieber den Kopf mit Steinen zerpochen, ehe ich von heute an bis ich sterbe ein Gewehr anrühre.«

»Da Du immer ungeschickt damit umgehst, wird es kein Verlust sein,« sagte Franz, der einen kleinen Schrank öffnete, in dem mehrere Gamaschen lagen, unter denen er die seinigen hervorsuchte.

Mathias sah ihm mit dem linken Auge zu, während das rechte sich ausschließlich mit der letzten Kartoffel zu beschäftigen schien, die er langsam und ungeschickt schälte; dann murmelte er:

»Warum sollte ich besser mit einem Gewehre umgehen für Andre? Wenn ich eins einmal für mich brauche, wirst Du schon sehen, daß ich nicht ungeschickter bin als Du. Ein Jahr, zwei, drei Jahre dem Herzoge umsonst dienen? Schönen Dank. Da werde ich lieber Bedienter bei dem Herrn Maire.«

»

»Wie so Bedienter bei dem Maire? bei Raisin, dem Holzhändler?«

»Bei Raisin, dem Holzhändler oder bei dem Maire, das bleibt sich gleich.«

»Meinetwegen,« sagte Franz. indem er die Gamaschen anknöpfte und verächtlich die Achseln zuckte.

»Es ist Dir nicht recht?«

»Mir?« antwortete Franz; »mir ist es sehr gleichgültig. Ich frage mich nur, was dann aus dem alten Peter werden soll.«

»Nun,« entgegnete Mathias; »der geht.«

»Der geht?« wiederholte Franz mit sichtbarer Theilnahme für den alten Diener, von dem die Rede war.

»Gewiß. Wenn ich an seine Stelle komme, muß er wohl gehen,« fuhr Mathias fort.

»Das ist nicht möglich,« fiel Franz ein. »Er ist ja seit zwanzig Jahren in dem Hause Raisins.«

»Ein Grund mehr, daß endlich einmal die Reihe auch an einen Andern kommt,« entgegnete Mathias mit seinem boshaften Lachen.

»Du bist ein schlechter Kerl, Schielax!« sagte Franz.

»Erstens,« antwortete Mathias mit dem dummen Gesichte, das er anzunehmen verstand, »heiße ich nicht Schielax; der Hund, den Du in die Hütte geführt hast, heißt so, nicht ich.«

»Du hast Recht,« entgegnete Franz; »und als er erfuhr, daß man Dir zufällig seinen Namen gab, machte der arme Hund Einspruch, und seitdem nennt man Dich nicht mehr Schielax, obgleich Du noch immer schielst.«

»Ich bin also Deiner Meinung nach, Franz, ein schlechter Kerl?«

»Ja, meiner Meinung und Aller Meinung nach.«

»Warum denn?«

»Schämst Du Dich nicht, einem armen alten Manne, wie Peter, das Brod wegzunehmen? Was soll aus ihm werden, wenn er keinen Dienst mehr bat? Er wird das Brod für sich, seine Frau und seine beiden Kinder an den Türen suchen müssen.«

»Du kannst ihm ja eine Pension von Deinen fünfhundert Francs Gehalt geben.«

»Das kann ich nicht,« antwortete Franz; »weil ich von den fünfhundert Francs meine Mutter mit erhalte, die Allen vorgeht, aber so oft er zu uns kommen will, soll er einen Teller voll Zwiebelsuppe und ein Stück Kaninchen finden, das tägliche Gericht von unser Einem. Bedienter bei dem Maire!« fuhr Franz fort, der nun auch die zweite Gamasche angeknöpft halte. »Es sieht Dir ähnlich, Bedienter zu werden.«

»Ein Bedientenrock ist so gut wie der andere,« sagte Mathias; »und der ist mir der liebste, in dem Geld steckt.«

»Halt einmal, Freund! – Nein, das war versprochen, mein Freund bist Du nicht. Unser Rock ist kein Bedientenrock, sondern eine Uniform.«




Конец ознакомительного фрагмента.


Текст предоставлен ООО «ЛитРес».

Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=48632700) на ЛитРес.

Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.


