Der Wagehals
Fritz Skowronnek




Fritz Skowronnek

Der Wagehals





1. Kapitel


Der Forstmeister Schrader in Makunischken hatte gut geschlafen, gut gefrühstückt und saß nun, behaglich eine lange Pfeife rauchend, an seinem Schreibtisch. An einem anderen Tische des großen Amtszimmers saß emsig schreibend sein Gehilfe, der Forstaufseher Karl Mooslehner. Ab und zu hob er den Kopf und sah nach seinem Vorgesetzten hinüber, der die eingelaufenen Schriftstücke aufschnitt, durchlas und am Rande mit einer kurzen Bemerkung versah. Fast jeden Brief begleitete er mit einer kurzen, lauten Bemerkung: »Na ja – das können wir machen!« »Gar nicht dumm!« »Eigentlich überflüssig!«

Nach diesen Ausrufen wußte der Forstschreiber aus langer Erfahrung die Stimmung des alten Herrn genau zu beurteilen. Sie schien heute ausgezeichnet zu sein. Jetzt aber begann hinter dem Aufsatz des Schreibtisches eine dunkle Rauchwolke aufzusteigen, und gleich darauf brach's mit Donnergepolter hervor: »Da soll doch gleich das heilige Kreuzmillionenschockdonnerwetter –! Mooslehner, wir bekommen wieder ein neues Pflanzeisen von der Regierung!«

»Schön, Herr Forstmeister!«

»Den Deuwel ist das schön! Ich denke, wir haben schon genug Alteisen auf dem Boden liegen!«

Das Geräusch eines vorfahrenden Wagens unterbrach ihn. In schlankem Trab kamen zwei stolze Trakehner Rappen auf dem Pflaster angebraust. Auf einen leichten Druck der Zügel standen sie wie Bildsäulen.

»Die Frau Weschkalnies aus Weschkallen!« flüsterte der Forstschreiber, der sich aus dem Fenster gebogen hatte. Der Forstmeister erhob sich und stellte die Pfeife weg. Ein noch sehr stattlicher Mann trotz seiner fünfundsechzig Jahre.

»Weschkalene, was verschafft mir die Ehre und das Vergnügen?« Die Frau streckte ihm beim Aussteigen die Hand entgegen. »Ich habe was auf dem Herzen, Herr Forstmeister.«

»Na, dann treten Sie näher.« Galant half er ihr den kostbaren Zobelpelz ablegen und nahm ihr die seidene Kapotte ab. »Das Leben noch frisch, Georginne?«

»Ich kann nicht klagen, Herr Forstmeister, das Alter hat mir noch keine Beschwerden gemacht.«

»Aber, Weschkalene, Sie mit Ihren fünfzig Jahren  .  .  .«

»Sie können doch noch immer das Schmeicheln nicht lassen«, gab die Frau lachend zur Antwort. »Rechnen Sie mal nach, wie lange das her ist, seitdem Sie zum erstenmal mit mir getanzt haben  .  .  . ich glaube, es war auf dem Schützenfest in Wisborinen  .  .  . das sind vierzig Jahre her, und ich war eben sechzehn geworden  .  .  .«

»Und ich war fünfundzwanzig  .  .  . ach ja, das waren damals noch schöne Zeiten  .  .  .«

Seine Erinnerung flog zurück in längst vergangene Zeiten, wie er nach bestandenem Examen als Forstkandidat  .  .  . damals hieß ein Kandidat noch nicht Assessor  .  .  . in das große Waldgebiet gekommen war, das den Nordosten der Provinz bedeckt. Da hatte ihm das frische Mädel sehr gefallen. Es wäre gar keine üble Partie gewesen  .  .  . als einzige Tochter eines schwerreichen litauischen Bauern hatte sie einige Zeit die höhere Töchterschule in der Stadt besucht. Wer weiß, wie sein Schicksal sich gestaltet hätte, wenn er nicht bald darauf in eine entfernte Oberförsterei versetzt worden wäre  .  .  . Als er nach drei Jahren wiederkam, hatte er sich mit der Tochter seines Oberförsters verlobt. Bald darauf heiratete Weschkalene einen ebenso reichen litauischen Bauern. Jetzt war sie schon seit Jahren Witwe. Alle Grünröcke der Umgegend, die Gutsbesitzer, auch die Jägeroffiziere aus Wartenburg verkehrten in ihrem gastfreien Hause, und es ging das Gerücht, daß sie für die kleinen Geldverlegenheiten der jungen Leute viel Verständnis und eine offene Hand hätte  .  .  .

»Na, was bringen Sie mir Gutes, Georginne?«

»Pons Forschtmeisteris,« erwiderte sie mit litauischer Anrede, »ich habe ein Faß Alaus im Keller, das wird übermorgen zehn Jahre alt, das wollen wir anstechen und gemeinsam austrinken. Nicht viele  .  .  . ich habe nur Ihre beiden Nachbarn aus Dietrichswalde und Starrischken gebeten, den Hegemeister, ein paar Wartenburger und Sie. Ist es Ihnen recht?«

»Selbstverständlich, Georginne, aber ich habe schwere Bedenken. Solch ein alter Alaus ist ein heimtückisches Zeug  .  .  . das geht in die Beine.«

Frau Weschkalnies lachte laut auf und nickte lebhaft: »Ich muß immer noch daran denken, wie die beiden Hauptleute zum erstenmal bei mir zur Jagd waren  .  .  . ich schickte ihnen zum Frühstück ein paar Flaschen Alaus in Eis gepackt aufs Feld  .  .  .«

Jetzt lachte auch der Forstmeister. »Ich weiß, Sie haben sie müssen vom Felde holen und nach Hause fahren lassen  .  .  .«

»Na, dann abgemacht. Sie kommen also. Nun habe ich noch etwas auf dem Herzen. Sie werden bei mir eine Verwandte finden, eine Witwe  .  .  . nicht mehr ganz jung, sie ist schon über die Dreißig weg  .  .  . aber ich kann Ihnen sagen, Herr Forstmeister, das sehen Sie ihr nicht an, sie sieht zehn Jahre jünger aus  .  .  . nicht zu groß, aber so schön rund und mollig  .  .  . 'ne drugglige Margell möcht' ich sagen  .  .  .«

»Schön, Georginne, aber was habe ich mit der hübschen Witwe zu tun? Sie fürchten doch nicht etwa, daß ich ihr zu sehr den Hof machen werde?«

»Sie könnten nichts Besseres tun, Herr Forstmeister, ja wirklich  .  .  . im Ernst gesprochen, ich bin bloß hergekommen, um Ihnen auf die Sprünge zu helfen. Sie würden keinen Korb bekommen, im Gegenteil  .  .  .«

Der Forstmeister lachte und schlug sich mit der Hand aufs Knie.

»Sie brauchen gar nicht zu lachen  .  .  . die Madeline hat Sie bloß zweimal in der Stadt gesehen, aber gleich nach dem erstenmal sagte sie zu mir: Tante, den Forstmeister aus Makunischken, den möcht' ich gleich nehmen.«

»Aber, Georginne, Sie sind doch sonst eine sehr verständige Frau  .  .  .«

»Das meine ich auch, Herr Forstmeister, und deshalb komme ich zu Ihnen. Sie sind noch ein sehr forscher Mann, dem man keine fünfzig Jahre zutraut  .  .  . groß und schlank wie ein Jüngling, volles dunkles Haar, in dem man kaum das bißchen Grau sieht; forscher Schnurrbart, klare Augen  .  .  . ein ganz junges Ding könnte sich noch in Sie verlieben.«

»Nun hören Sie aber davon auf, Georginne.«

»Nein, Herr Forstmeister, ich meine das in allem Ernst  .  .  . Sie könnten noch einen hübschen kleinen Jungen haben oder ein Mädchen oder beides  .  .  .«

Der alte Herr stand auf und wehrte mit beiden Händen ab. »Nein, nein, Weschkalene, ich bin alt genug, um die Bequemlichkeit schon etwas hoch zu schätzen; meine Abromeitene hat sich mit mir zwanzig Jahre eingewirtschaftet  .  .  . sie kocht vorzüglich und am besten das, was ich gern esse  .  .  . ich denke, sie wird mich bis an mein seliges Lebensende pflegen.«

»Lieber Herr Forstmeister, ich dachte, Sie wissen schon  .  .  . hat sie Ihnen noch nichts gesagt?«

»Wie meinen Sie? meine Abromeitene?«

»Ja, Herr Forstmeister, sie bleibt ja nicht bei Ihnen, sie wird den Förster Kallweit heiraten.«

»Den Kallweit? mit fünf kleinen Kindern  .  .  . zum Deuwel  .  .  . Georginne, haben Sie das etwa auch eingefädelt?«

Die Frau lachte und nickte: »Ja, das habe ich zustande gebracht.«

Mit einigen Schritten war der alte Herr an der Tür und rief mit scharfer Stimme hinaus: »Abromeitenel«

»Plagt Sie altes Frauenzimmer der Deuwel?« fuhr er die Eintretende an, »haben Sie es bei mir nicht gut genug, daß Sie sich auf einen Witwer mit fünf Kindern verleckern?«

»Ach Gott, Herr Forstmeister, ich wollt' ja auch nicht«, erwiderte weinerlich die Abromeitene, eine ältliche, aber noch ganz stattliche Frauensperson, die schon die Vierzig erreicht haben mochte. »Aber man wird doch alt, und schließlich möchte jeder Mensch doch lieber die Füße unter den eigenen Tisch stecken.«

»Na ja,« erwiderte der Forstmeister schon etwas ruhiger. »das verstehe ich vollkommen, aber Sie haben doch schon, wie ich weiß, mehrere Heiratsanträge, die viel vorteilhafter waren, ausgeschlagen, und nun mit einemmal  .  .  .«

»Ja, Herr Forstmeister, das habe ich  .  .  . aber nehmen Sie nicht übel, wenn ich das sagen darf, der Kallweit gefällt mir ja auch nicht so sehr  .  .  . aber  .  .  . am Sonntag war ich nachmittags bei ihm, um mir die Wirtschaft anzusehen, und da kroch so ein kleiner Junge von anderthalb Jahren im Dreck 'rum .. da gab es mir einen Ruck, Herr Forstmeister. Ich dachte: sollen die kleinen Würmer im Dreck verkommen? Sie sind doch aus 'ner anständigen Familie  .  .  . da konnt' ich nicht anders, da habe ich ja gesagt.«

Die Tränen liefen ihr über die Backen hinunter, sie hob die Schürze und trocknete sie ab. Der alte Herr hatte verdächtig mit den Augen gezwinkert  .  .  . jetzt trat er an seine Wirtin heran und legte ihr die Hand auf die Schulter: »Weshalb heulst du, dummes Frauenzimmer? Ich habe ja nichts dagegen, daß du den Kallweit heiratest, bloß was mach' ich jetzt?«

»Heiraten«, warf Frau Weschkalnies dazwischen.

»Ich habe schon für Sie gesorgt, Herr Forstmeister,« fuhr Abromeitene fort, »ich habe schon meiner Nichte geschrieben. Sie machen keinen schlechten Tausch, gnädiger Herr, die Katinka ist erst fünfundzwanzig, aber sie kocht sehr gut, und wenn ich sie ein paar Wochen unter meine Fuchtel nehme und ordentlich einexerziere  .  .  .«

»Na, dann heirat' deinen Kallweit und laß deine Nichte kommen. Was gibt's übrigens heute zu Mittag?«

»Das sollt' eigentlich 'ne Überraschung werden, Herr Forstmeister  .  .  . ich brat' für den Herrn ein Schnepfchen, der Mooslehner hat es gestern abend geschossen.« »Was, die Schnepfe ist schon da, und ihr sagt es mir nicht? Na, nun geh mal, Abromeitene.« Lachend drehte er sich zur Weschkalene um.

»Sie haben diesmal verspielt, Georginne! Wenn die Nichte so gut einschlägt wie die Tante –«

»Das wollen wir ruhig abwarten.«

»Einverstanden, verehrte Freundin, aber nun hat Ihre Einladung ein anderes Gesicht bekommen  .  .  . ich muß jetzt ablehnen  .  .  . ich will und kann mich nicht dem Verdacht aussetzen, daß ich bei einer jungen, forschen Witwe auf die Freit' gehn will.« Mit einem spitzbübischen Lächeln fügte er hinzu: »Ja, hätte man mir von dritter Seite zugetragen, daß die Georginne Weschkalene auf mich Absichten hat, dann müßte ich die Sache doch in reifliche Erwägung ziehen.«

»Ach, scherzen Sie doch nicht mit einer alten Frau  .  .  . aber Sie können ruhig zu mir kommen; ich gebe Ihnen mein Wort, daß die Madeline keine Ahnung hat, weswegen ich zu Ihnen gefahren bin, und ansehen kostet doch nichts.«

»Gut, ich werde kommen  .  .  . aber nun noch eine Frage. Ich habe schon vor einigen Wochen so was verlauten hören, daß Sie überall herumfahren, Georginne, um Heiraten zu stiften. Weshalb tun Sie das?«

»Das will ich Ihnen offen sagen, Herr Forstmeister. Sehen Sie, ich habe als junges Mädchen einen Mann sehr lieb gehabt, sehr lieb  .  .  . und ich habe auch gemerkt, daß ich ihm gefallen habe. Aber er war zu zach, er hat sich nicht an die reiche Bauerntochter herangetraut. Wenn damals so eine Person gewesen wäre wie ich, daß ich hätte zu ihr gehn können und ihr sagen: stechen Sie mal dem jungen Mann den Star: Sie bekommen keinen Korb bei der Georginne, und ihre Eltern werden nichts dagegen haben  .  .  . Sehen Sie, Herr Forstmeister, dann wären zwei Menschen sehr glücklich geworden. Es kann ja nicht Mode werden, daß die jungen Mädchen zu den Männern auf die Freit' gehn, das wäre wider die Natur. Da muß eine alte verständige Frau helfen  .  .  . und glauben Sie, mein lieber Freund, bei jedem Mann entzündet sich das Herz, wenn er hört, daß das junge Mädchen ihm gut ist. Das muß Ihnen doch auch einen Ruck geben, wenn Sie hören, daß ein junges forsches Weib sich in Sie verliebt hat. Jawohl, ganz richtig verliebt.«

»Na, noch habe ich den Ruck nicht verspürt, Weschkalene  .  .  . aber ich möchte gern wissen, wer damals  .  .  . Donnerwetter, waren Sie mit neunzehn Jahren ein forsches Mädel  .  .  . ich habe mir gar nicht erklären können, wie Sie sich solchen Doschack zum Mann nehmen konnten.«

»Na, der andere war auch nichts anderes als ein Doschack. Wissen Sie, wer das war? Der Krummhaar  .  .  . Der Adam  .  .  . ja  .  .  . neun Jahre hat er um die Tochter seines Oberförsters gefreit.«

»Georginne, die Geschichte kenne ich. Das hab' ich selbst erlebt, wie das Mädel für seine Liebe gekämpft hat, bis der Alte zuletzt nachgab  .  .  . und eine sehr glückliche Ehe ist es gewesen  .  .  . und vier stattliche Söhne, die alle in der Welt etwas bedeuten.«

»Ich sage ja nichts dagegen, Herr Forstmeister, aber wenn ich so denke, daß das meine Jungens hätten sein können, dann wird mir noch immer das Augenwasser lebendig. Was habe ich jetzt als alte Frau vom Leben  .  .  . kein Kind, kein Kegel  .  .  . bloß Arbeit habe ich von dem Gut und dem vielen Geld. Die Madeline ist meine einzige Verwandte  .  .  . ein Jungchen hat sie gehabt, das ist früh verstorben  .  .  . da habe ich mir so gedacht, sie muß noch einmal heiraten. Wie ich's ihr zum erstenmal sag', wehrt sie mit Händen und Füßen ab, und gestern, wie sie aus der Stadt kommt, sagt sie von selbst zu mir  .  .  . so wahr ich lebe, Herr Forstmeister  .  .  . Tante, sagt sie, ich habe heute wieder den Forstmeister aus Makunischken gesehen, nein, ist das ein Mann, den nehme ich von der Stelle weg. Kind, habe ich gesagt, der Herr ist fünfundsechzig Jahre alt  .  .  . Und wenn er fünfundachtzig wäre, ich würde nicht danach fragen! gibt sie mir zur Antwort.«

Der alte Herr stand auf. »Sie verstehen Ihr Geschäft, Georginne, das muß ich Ihnen sagen. Sie haben mich wirklich neugierig gemacht auf die drugglige Margell  .  .  . aber«, er drohte ihr mit dem Finger.

»Selbstverständlich, Herr Forstmeister, da wäre jedes Wort vom Übel  .  .  . und nicht zu viel von dem Alaus trinken!«

»Davor werde ich mich hüten!«

»Na, dann auf Wiedersehen übermorgen!«




2. Kapitel


Der Forstmeister hatte die Weschkalene zum Wagen begleitet und sich dann wieder in seine Amtsstube an den Schreibtisch begeben. Mächtige Rauchwolken stiegen aus seiner Pfeife auf, aber dazu wollte das behagliche Lachen, das der Forstschreiber von Zeit zu Zeit hörte, gar nicht passen. Mit einem Male brach er los: »Sie Racker, Sie, Mooslehner, Sie haben gestern die erste Schnepfe geschossen und mir nichts gesagt!«

»Jawohl, Herr Forstmeister, aber die Abromeitene wollte Sie heute mittag mit der Schnepfe überraschen, dann wollte ich es Ihnen erst sagen.«

»Sie sehen doch, daß es vor mir keine Heimlichkeiten gibt . . . Hier sind ein paar Briefe, die uns was Neues bringen. Wir bekommen einen Forstassessor, der den Wald neu vermessen soll, und für den Hegemeister ist ein Forstaufseher zur Unterstützung bewilligt worden . . . na, lassen Sie nur, ich gehe selbst zu ihm 'rüber!«

Er hielt inne und drehte sich zur Tür, durch die eben ein paar junge Mädchen hereinstürmten.

»Was wollt ihr denn hier im Allerheiligsten der Königlichen Oberförsterei Makunischken?«

»Ach, nicht viel, Onkel Ottomar!« erwiderte die Kleinere, eine reizende Blondine mit merkwürdig dunklen Augen. »Zwischen Dietrichswalde und Starrischken ist heute früh wieder Krieg ausgebrochen. Unsere Herren Väter können sich nicht einigen, wo heute abend Skat gespielt werden soll, das sollst du entscheiden. Bei uns gibt's einen Hammelrücken als Wild frisiert und eine frischmilchende Kuh, direkt aus der Schönbuscher Brauerei bezogen . . . sie liegt schon seit gestern auf Eis.«

»Bei uns gibt's das Schwanzstück eines großen Hechtes, als Hase in der Pfanne gebraten, und pro Kopf eine Flasche Rüdesheimer Hinterhaus!« fuhr die andere fort, indem sie sich zärtlich an den alten Herrn anschmiegte. Sofort sprang die Kleinere um den Stuhl herum und schmiegte sich von der anderen Seite an ihn.

»Kinder, die Entscheidung ist sehr schwer, wenn man so zwischen zwei Heubündeln sitzt . . .«

»Pfui, Onkel, wie kannst du uns mit Heubündeln vergleichen?« rief die Kleinere, Erna von Degenfeld.

»Ich meine ja nicht euch beide, sondern die beiden Gerichte . . . das eine esse ich ebenso gern wie das andere, aber ich entscheide mich für das Hinterhaus . . . es wird also in Starrischken heute Skat gespielt.«

»Dann kommt mein wilder Hammel morgen an die Reihe. Aber nun sag' mal, Onkel, was hast du der Abromeitene angetan? Sie sitzt in der Küche und heult wie ein Kettenhund, vor sich auf dem Küchentisch hat sie einen Verlobungsring liegen und schluchzt immerzu: ›Nu soll ich hier fort!‹«

Der alte Herr lachte laut auf. »Eigentlich ist es rührend! Das ist der Trennungsschmerz, sie wird den Kallweit heiraten.«

»Die Abromeitene den Kallweit? Und was tust du dann, Onkel Ottomar?«

»Ich muß auch heiraten, mir bleibt nichts anderes übrig. Na, wie wäre es mit einer von euch beiden? Hat eine von euch Lust?«

»Ich nehme dich sofort, Onkel Ottomar!« erwiderte Erna keck. »Du bist, abgesehen von deinem gutmütigen Poltern mit dem Donnerwetter, ein tadelloser Kavalier, hast eine angesehene Stellung in der Welt, und als Mann bist du noch so stattlich, daß ich mir danach mein Ideal gebildet habe!«

»Du kleiner Racker, du bist ein Schmeichler . . . Na, wir wollen uns mal die Sache beschlafen. In meinem Alter ist man nicht mehr so stürmisch in Liebesangelegenheiten. Ich möchte mich erst entscheiden, wenn Ihr den Heiratskandidaten gesehen habt, der in der nächsten Zeit hier eintrifft!«

»Sehr richtig, Onkel!« fiel ihm jetzt die Liesbeth von Grumkow ins Wort. »Wir sind noch nicht in dem Stadium, daß wir sofort ausrufen: ›Wo ist er?‹ Wir fragen auch noch nicht: ›Was ist er?‹ Wir wollen wissen: ›Wie ist er?‹ Na, und wie heißt er?«

»Forstassessor von Sperling heißt er. Mein Freund, der Forstrat, schreibt mir persönlich, daß der Herr Assessor ein sehr reicher Mann ist, sehr verwöhnt, denn er ist mehrere Jahre als Feldjäger zwischen den Höfen Europas und Berlin hin und her gereist . . . er bringt Koch und Diener mit . . . das leerstehende Steueraufseherhaus soll für ihn ausgebessert werden, er wird sich dort häuslich einrichten, und da aus dem Assessor ein Oberförster und schließlich ein Forstmeister wird, so wollen wir uns drei die Sache reiflich überlegen und erst die Ankunft dieses jungen Herrn abwarten . . . Wollt ihr mitkommen? Ich will mir mal gleich die alte Baracke ansehen, ich fürchte, daß mit einigen Quadratfuß Brettern und einem Eimer Kalk die Sache für den Forstfiskus nicht abgemacht sein wird . . . Mooslehner, hier sind noch ein paar Briefe, die Sie beantworten müssen . . . Na, dann kommt, Kinder! Ich will bloß dem Krummhaar noch eine kurze Mitteilung machen.«

Gleich auf der anderen Seite des schmalen Weges lag die Försterei. Die beiden Grünröcke, die miteinander schon ein Menschenalter gelebt hatten, verkehrten sehr vertraut und zwanglos miteinander. Manchmal standen sie stundenlang, jeder hinter seinem Hoftor mit einer langen Pfeife, sich gegenüber und plauderten. Zum Schluß pflegte sich stets ein Wettstreit zu erheben, wer dem anderen zum Abendbrot folgen sollte . . .

Der Hegemeister hatte als Feldwebel beim Jägerbataillon den jungen Forstreferendar Schrader als Einjährig-Freiwilligen ausgebildet und ihn dabei als Freund gewonnen. Dann hatte das Schicksal sie hier vor dreißig Jahren wieder zusammengebracht, da war es kein Wunder, daß das Verhältnis vom Vorgesetzten zum Untergebenen nur vor Fremden zum Ausdruck kam . . .

Der Forstmeister war ans Hoftor der Försterei getreten. Mit lauter Stimme rief er: »Hegemeister!« Keine Antwort. »Krummhaar!« Keine Antwort. »Adam!« Keine Antwort.

»Ah, heute hat er seinen militärischen Tag!« meinte er lachend zu den beiden Mädchen. »Na, dann: Herr Feldwebel!«

»Herr Hauptmann!« ertönte es im selben Augenblick in scharfem Ton aus der offenen Tür des Holzschauers. Ein mittelgroßer Mann mit eisgrauem Schnurr- und Knebelbart kam eilfertig angeschritten. Auf dem Kopfe trug er eine alte Soldatenmütze . . . »Was befehlen der Herr Hauptmann?«

Mit ernsthafter Miene kommandierte der Forstmeister: »Rühren, Herr Feldwebel . . . Was haben Sie denn heute Militärisches vor?«

»Mobilmachung gegen die Krebse!« erwiderte der Graubart. »Ich bessere die Krebsteller aus, und am Nachmittag will ich Frösche jagen . . . Ich bin der Meinung, und Herr Hauptmann werden mir beipflichten, daß die alte Küchenregel von den Monaten ohne ›r‹ ein großer Unsinn ist. Die Krebse schmecken nie besser als jetzt im April, und vom Oktober ab bis zum Zufrieren . . .«

»Ganz meine Meinung, lieber Herr Feldwebel!«

»Danke gehorsamst, Herr Hauptmann! – Na, Kinder,« wandte er sich lachend an die beiden Mädchen, »wofür hat sich der Herr Forstmeister entschieden? Für Hammel oder Hecht?«

»Für Hecht, Onkel Adam!« erwiderte Liesbeth.

»Na, dann halt' mal einen Kessel mit kochendem Wasser bereit, ich bringe ein Schock große Krebse mit.«

Er nickte den beiden Mädchen, die mit ihm ebenso vertraut waren wie mit dem Forstmeister, freundlich zu, machte stramm linksum kehrt und marschierte im Stechschritt über den Hof ab.

»Halt, kehrt!« rief ihm der Forstmeister nach. »Jetzt habe ich noch ein Wort mit dem Herrn Hegemeister zu sprechen. Krummhaar, die Regierung hat Ihnen den Forstaufseher bewilligt, er soll bei Ihnen sein Forstexamen machen.«

»Ei, was Sie sagen, Herr Forstmeister! Wie heißt denn der Jüngling?«

»Ferdinand Schnabel.«

»Schnabel – Schnabel? Doch nicht der Sohn von Nante Schnabel aus Wersmeninken?«

»Ich glaube, ja . . .«

»Das ist ein Unglück, Herr Forstmeister. Ich nehme den Menschen nicht auf, obwohl er mein Patenkind ist. Der frißt mir ja die letzten Haare vom Kopfe.« Er nahm die Mütze vom Kopf und strich mit der linken Hand vom Genick her die »Sardellen« über den blanken Schädel.

»Was haben Sie denn gegen den jungen Menschen, Adam?«

»Gar nichts, Herr Forstmeister, er soll ein guter, lieber Kerl sein, aber er frißt uns alle arm. Wissen Sie denn nicht? Das muß eine Krankheit sein, die sich schon vom Großvater her in der Familie vererbt . . . Das muß ich Ihnen erzählen. Also, der Nante, sein Vater, wird nach Wersmeninken versetzt. Am Quartalsersten – es war gerade Markttag – kommt er nach Lasdehnen; er trifft mich auf der Straße, hält an und fragt: Mensch, sagt er, Adam, wo kehrt Ihr hier ein? Wir kehren alle beim Fleischer Eindrigkeit ein . . . paar Häuser bloß von hier. Du wirst keinen zu Hause finden, aber das schadet nichts. Auf dem Tische und in der Ofenröhre findest du was zu essen . . . Er fährt dann auch weiter . . . So um die Mittagszeit 'rum gehe ich mit dem Kollegen Schwarzkopf zu Eindrigkeit, um etwas zu verbeißen. Ja, prost Mahlzeit . . . denken Sie sich, einen abgekochten Schinken von zehn Pfund, ein halbes Schock Eier und ein Fünf-Groschen-Brot hat der Kerl verpulvert und eine Flasche Korn dazu getrunken!«

»Adam, das Latein ist etwas sehr stark!«

»So wahr ich lebe und gesund bin, Herr Forstmeister, das sind doch keine Jagdgeschichten, das kann Ihnen hier jeder Mensch bestätigen . . . und die drei Jungen haben von ihm denselben Appetit geerbt. Wenn Wersmeninken nicht so 'ne gute Stelle gewesen wäre, dann wären die vier Mann verhungert.«

»Na, einen werden wir doch hier satt kriegen; wenn Sie nicht wollen, werde ich ihn in Kost nehmen. Wie soll der Mensch sonst mit seinem Gehalt von sechzig Mark monatlich auskommen?«

»Da tun Sie ein gutes Werk, Herr Forstmeister. Dafür sollen Sie auch heute mittag schon ein halbes Schock Krebse haben. Ich habe gestern die Dorfjungens belapst . . . die Kröten kriechen doch jetzt bei dem Wetter bis an die Brust in das eiskalte Wasser und holen die Krebse mit den Händen aus den Löchern . . . Na, dann auf Wiedersehen, Herr Forstmeister, auf Wiedersehen, Kinder. Liesbeth, ich werde so um acht bei euch sein, zu warten braucht ihr nicht, der Hecht schmeckt auch kalt gut, wenn bloß heiße Kartoffeln dazu sind!«

»Dafür wird gesorgt, Onkel Adam!«

»Ein merkwürdiger Kauz, dieser alte Adam, aber ein Herz wie Gold!« meinte der Forstmeister, als er mit den Mädchen weiterging.

»Na, weißt du, Onkel,« erwiderte Liesbeth, »das hat mir heute gar nicht von ihm gefallen, daß er den Forstaufseher nicht bei sich aufnehmen will.«

»Ach, Kinder, das ist doch ein so schlauer Trick von dem Adam, er weiß doch, daß ich dem jungen Menschen kein Geld abnehmen werde, und ebensooft wird er sich bei ihm sattessen wie bei mir. Sagt mal, Kinder, ich wollte euch was fragen: kennt ihr vielleicht zufällig die Nichte der Weschkalene, die jetzt bei ihr zu Besuch ist?«

Erna faßte ihn unter dem Arm und zwang ihn, stillzustehen. »Onkel Ottomar, das ist eine sehr verdächtige Frage. Die Abromeitene geht von dir weg. Du erklärst uns, daß du heiraten mußt, und jetzt fragst du nach der Madeline Mazat . . . Kurz, ehe wir zu dir kamen, war die Weschkalene bei dir . . .«

»Du bist ja gefährlich klug, Erna.«

»Bitte, mich in das Kompliment einzuschließen,« rief Liesbeth von der anderen Seite, »dann will ich dir bereitwillig Auskunft geben. Also, zuerst das Signalement: Alter achtunddreißig Jahre, Haare blond, Augen blau, Nase, Mund gewöhnlich; besondere Kennzeichen: keine.«

Der Forstmeister lachte laut auf. Er hatte bei der Beschreibung an einen sehr schlechten Witz denken müssen. Erna, die ihn links untergefaßt hatte, stieß ihn mit dem Ellbogen in die Seite: »Was ist dabei zu lachen? Ich werde die Beschreibung ergänzen: sie ist eine bildhübsche, forsche Person, sanftmütig und von Herzen demütig, wie es in der Bibel heißt.«

»Na, und weiter?«

»Ist dir das noch nicht genug? Ach so, ihre übrigen Personalien willst du wissen? Ihr Mann war Katasterkontrolleur und Hauptmann der Reserve, wie du . . .«

»Ja, Kinder, woher wißt ihr denn das alles?«

»Das ist unser Geheimnis!« erwiderte Liesbeth.

»Ach, Unsinn, Liesbeth, wozu die Geheimniskrämerei. Die Weschkalene war gestern nachmittag bei uns.«

»Bei uns auch!« rief Liesbeth. »Sie hat uns das alles und noch viel mehr erzählt.«

»Du siehst also, Onkel Ottomar,« fuhr Erna fort, »die intimsten Fäden dieser Heiratsgeschichte sind bereits bloßgelegt, aber wir schweigen wie das Grab . . . wir schwören es dir!«

»Ihr Rackerzeug, ihr braucht nicht zu schwören, ihr seid ganz auf dem Holzwege!«

»So – dann nimm dich bloß in acht, Onkel, daß du übermorgen bei der Weschkalene nicht zu viel Alaus trinkst!«

»Ich werde mich hüten. Aber, nun bitte ich euch in allem Ernst: nehmt eure Zunge etwas in acht, aus einer harmlosen Neckerei kann ein dummes Gerede werden.«

»Aber selbstverständlich, Onkel Ottomar!« erwiderte Liesbeth ernst, »du hast uns ja dazu angestiftet . . . aber nun sieh mal die alte Baracke, was soll denn aus der gemacht werden, da fehlt ja nicht mehr als alles.«

Sie wies auf das alte, strohgedeckte Häuschen, vor dessen zerfallenem Zaun sie standen. Die Sträucher verwahrlost, das Strohdach vom Winde zerzaust, die Fenster zertrümmert. Im Innern sah es nicht besser aus. In den Dielen Löcher, der Kalkverputz von den Wänden in großen Stücken abgefallen . . . Kopfschüttelnd ging der alte Herr herum.

»Das wird ein schönes Stück Geld kosten. Aber wenn der Herr Assessor es bezahlen will, der Fiskus wird wohl dafür danken. Na, meinetwegen.«

Die Mädchen hatten sich verabschiedet, um nach Hause zu gehen. Langsam wanderte der Herr Forstmeister den Weg zurück . . . Die Frühjahrssonne hatte über die Nebel gesiegt, heller, warmer Sonnenschein lag auf den Feldern und den weißen Birken, deren Zweige bereits grün zu schimmern begannen. Von dem Saatfeld stieg die Lerche auf und sang jubilierend ihr einfaches Lied, und dazwischen schmetterte der Buchfink frohlockend seine kurze Strophe . . . Dem alten Herrn wurde so merkwürdig zumute; die Uniform hatte er weit geöffnet, den Krückstock wirbelte er um die Hand. »Ach, Unsinn«, sagte er ein paarmal vor sich hin, und dann begann er zu pfeifen: »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten.«




3. Kapitel


Als der Forstmeister gegen Mittag nach Hause kam, war Nante Schnabel eingetroffen, ein Mann von mächtigen Gliedern und breiten Schultern, sechs Fuß groß, so daß er seinen stattlichen Vorgesetzten noch um Haupteslänge überragte . . . Der alte Herr begrüßte ihn in seiner leutseligen Weise, reichte ihm die Hand und hieß ihn willkommen. Inzwischen war Mooslehner aufgestanden und neben Schnabel getreten: »Ich habe eine große Bitte, Herr Forstmeister.«

»Na, schießen Sie mal los.«

»Ich wollte bitten, ob nicht Schnabel an meine Stelle als Forstschreiber treten könnte.«

»Weshalb denn? Was treibt Sie denn weg? Haben Sie es nicht gut bei mir?«

»Herr Forstmeister, ich könnte mir kein besseres Leben wünschen; aber nehmen Sie es mir nicht übel, ich ertrage das Sitzen auf die Dauer nicht. Ich habe in dem einen Jahr bei Ihnen zwanzig Pfund zugenommen, und ich möchte mal wieder eine Zeitlang ganz ungebunden durch den Wald laufen.«

»Na ja, das kann ich verstehen, aber . . .«

»Herr Forstmeister, der Kollege Schnabel ist sehr gewandt mit der Feder, er wird sich schnell einarbeiten.«

»Na, wie ist's denn, Schnabel, haben Sie Lust? Sie bekommen bei mir freie Station und fünf Taler Zulage monatlich. Sind Sie damit zufrieden?«

»Aber sehr, Herr Forstmeister. Ich muß Ihnen allerdings gestehen, daß ich . . .«

»Weiß schon alles, Sie schlagen eine gute Klinge vor der Schüssel. Na, wir werden Sie schon satt kriegen, so viel wird schon vorhanden sein.«

Nante lächelte verlegen. »Herr Forstmeister haben mich noch nicht essen sehen . . . aber ich nehme mit allem vorlieb, und wenn ich bitten dürfte, der Mamsell zu sagen, daß die Hauptsache für mich eine Schüssel mit dicken Erbsen oder Bohnen oder Reis ist . . . und Brot halte ich mir noch nebenbei.«

»Aber, Schnabel, das kann doch nur eine krankhafte Veranlagung sein. Haben Sie denn noch keinen Arzt gefragt?«

»Jawohl, Herr Forstmeister, aber jeder hat mir gesagt, dagegen gibt es kein Mittel.«

»Na, dann müssen wir Sie schon durchfüttern. Nun noch eins. Binnen kurzem wird hier eine neue junge Wirtschafterin einrücken . . . meine Abromeitene heiratet den Kallweit. Das möchte ich nicht wieder erleben . . . also möchte ich bitten: stubenrein . . . so ein freundschaftliches Speisekammerverhältnis, dagegen habe ich nichts, aber Verlobung und Heirat, das möchte ich mir verbitten.«

»Ach, Herr Forstmeister können ganz beruhigt sein. Ich werde nie heiraten. Ich weiß, was meine Eltern mit drei Jungen, die alle denselben Appetit hatten wie ich, durchgemacht haben. Das möchte ich nicht durchmachen . . . ich heirate nicht.«

»Na, dann sind wir beide ja einig. Aber Sie, Mooslehner, kommen vom Regen in die Traufe. Sie werden mit dem Assessor kluppen, tagaus, tagein . . .«

Der junge Grünrock lachte: »Das schreckt mich nicht, Herr Forstmeister, da bin ich doch den ganzen Tag im Walde.«

»Na, dann ist ja alles zu gemeinsamer Zufriedenheit erledigt. Mooslehner, Sie weihen in den nächsten Tagen Schnabel in die Amtsgeschäfte ein . . . heute müssen Sie noch an den Zimmermeister Krause schreiben, der möchte morgen 'rauskommen, wenn er die alte Chalupp, das Steuerhaus, reparieren will. Sie müssen sich natürlich in der Nähe einquartieren.«

»Ich denke, Herr Hegemeister wird mich aufnehmen.«

»Na, ob die Wera damit einverstanden sein wird . . .«

»Ich glaube ja, Herr Forstmeister.«

»Ach so? na, ich hätte beinahe etwas gesagt . . .«

Der junge Grünrock war rot geworden . . . sein Vorgesetzter drohte ihm noch schelmisch lächelnd mit dem Finger und ging hinaus.– –

Gegen Abend ließ der alte Herr sich seinen Jagdwagen anspannen, um zum Schnepfenstrich zu fahren. Als er mit dem umgehängten Gewehr in die Haustür trat, flog ihm ein Pantoffel nach, und Abromeitene rief aus der Küchentür laut und energisch: »Hals- und Beinbruch, Herr Forstmeister«, und als der Wagen durch das Hoftor fuhr, stand da das blitzsaubere, blutjunge Stubenmädel, knickste artig und sagte verschämt: »Weidmannsheil.« Schrader schmunzelte vergnügt. Er war nicht abergläubisch, gar nicht . . . aber es gab doch so ein angenehmes Gefühl, wenn diese Formalitäten erfüllt wurden.

»Wir haben noch viel Zeit, Ions, wir können noch an dem Saatkamp und an der neuen Kultur vorbeifahren . . . und dann nach Jagen Siebzehn!« rief er dem Kutscher zu.

In behaglichem Trab fuhr der Wagen dahin. Mit scharfem Auge musterte Schrader rechts und links den Wald . . . ein herrliches Revier . . . einzelne Partien reiner Nadelwald, Kiefern und Fichten, aber von hellem Laubunterholz durchsetzt . . . dann wieder reine Laubbestände, alte gewaltige Eichen und Buchen . . . dazwischen überall Wiesenschlenken. Vertraut äsend stand Rehwild in überreicher Zahl auf den Lichtungen. Ab und zu hielt Jons den Wagen an und deutete mit der Peitsche auf einen Sprung Rehe oder auf einen einzelnen Bock. Dann stand der Forstmeister auf und nahm seinen Pernox an die Augen und besah sich das Wild. Die Böcke standen noch im Bast, aber man konnte doch schon erkennen, daß ganz kapitale Burschen darunter waren, die handbreit über die Lauscher hinaus aufgesetzt hatten.

Dem alten Grünrock wurde das Herz weit. Das war es, was ihm vor langen Jahren, als man ihn als Hilfsarbeiter in das Ministerium in Berlin hatte berufen wollen, die ablehnende Antwort in die Feder diktiert hatte. Bei seinen Grünröcken, seinen Bäumen und seinem Wild wollte er bleiben. Und der Lohn war nicht ausgeblieben. Seine Beamten liebten ihn wie einen Vater, der Wald war unter seiner Fürsorge gediehen; so manche Gruppe alter Eichen, die der Axt verfallen waren, hatte er eigenmächtig stehen lassen, und aus der dürftigen Wildbahn war ein reicher Wildbestand herangewachsen.

Langsam rollte der Wagen einen schmalen holprigen Waldweg dahin . . . ab und zu bot sich ein Ausblick nach dem Wiesental der Aschwöne. Das kleine Flüßchen, das bei der Schneeschmelze die Wiesen weit und breit überschwemmte, war bereits in seine Ufer zurückgetreten. Ein leichter, hellgrüner Schimmer lag schon auf der weiten Fläche. Der Wagen hielt, der Grünrock stieg aus, um zu Fuß sich auf seinen Stand zu begeben. Er hatte kaum einige Schritt getan, als nach dem Tal zu ein Schuß fiel. Er drehte sich um. »Jons, wo fiel der Schuß?«

»Nach Astrawischken 'rüber . . .«

»Na, das kann der Schwarzkopf gewesen sein.«

»Ja, aber es war ein Büchsenschuß, Herr Forschtmeister.«

»Na, vielleicht hat er auf Schwein oder Fuchs geschossen . . . werden ja morgen hören.«

Er ging langsam weiter. An einem frei in der Wiese stehenden Weidengebüsch machte er halt, stieß seinen Sitzstock in die Erde und lehnte das Gewehr an den Strauch. Die Sonne war eben untergegangen, ein klares Rot stand am Abendhimmel, auf den tiefliegenden Wiesenstellen lag bereits eine dünne Nebelschicht, die der leise Lufthauch zu langen Schleiern auszog. Auf der Spitze einer Fichte saß eine Singdrossel, die größte Künstlerin des deutschen Waldes. Unermüdlich ließ sie ihre abwechslungsreiche Strophe ertönen; in den Pausen antwortete ihr eine Amsel. Dicht vor dem alten Herren flitzten zwei Meisen neckend durch die Zweige des Strauches, dann schreckte auf der anderen Seite der Wiese ein Reh . . . wahrscheinlich hatte ein Rotrock, der sich zur nächtlichen Mäusejagd begab, es vergrämt. Langsam verblich die Abendröte . . . bis der erste Stern aufblitzte. Der Forstmeister stand auf und nahm das Gewehr zur Hand. Jetzt war es Zeit, jetzt konnte die Langschnäblige kommen . . .

Da ertönte deutlich hinter ihm ein lautes: »Quorr, Quorr . . .« Blitzschnell fuhr der Grünrock herum. Da, noch einmal, dicht vor seinen Füßen, im Graben wieder »Quorr, Quorr . . .« Ein vorlauter Frosch war es, der seine Stimme erhoben hatte, wahrscheinlich der Vorsänger des Chores, der aber noch vergeblich das Abendlied angestimmt hatte. »Willst du wohl das Maul halten und nicht alte Leute zum Narren machen!« rief der Forstmeister wohlgelaunt dem Sumpfsänger zu.

Doch jetzt wieder »Quorr, Quorr . . .«, aber oben in der Luft, und gleich nachher ein scharfes »Pix«. Ja, das war sie . . . langsam kam sie in der stillen Abendluft angeschwebt . . . und zehn Meter hinter ihr die zweite. Langsam, vorsichtig hatte der alte Weidmann das Gewehr angebackt, zweimal schnell hintereinander krachten die Schüsse, in mehrfacher Wiederholung kam das Echo zurück. Der brave Hektor war schon unterwegs, um die Beute zu holen. Behaglich schmunzelnd hing der Grünrock die beiden Schnepfen an seine Jagdtasche. Bald darauf kamen die dritte und vierte gezogen, aber zu weit für einen sicheren Schuß. Der Nebel auf der Wiese war zu Mannshöhe angewachsen. Wenn ein frischer Luftzug das Tal entlang strich, wogte er wie ein milchweißer See. Einzelne Streifen lösten sich ab und zerflatterten gegen den Wald, der dunkel und schweigend dastand . . .

Langsam schritt der Grünrock zum Wagen. »Nach Starrischken, Jons! Aber langsam, wir haben keine Eile.« – –

Die beiden Forstaufseher hatten bis Vesper fleißig im Bureau gearbeitet, dann machten sie Schluß und gingen hinüber zum Hegemeister. Der alte Herr war eben dabei, eine Anzahl Frösche, denen er die Haut abgezogen hatte, als Köder auf die Krebsteller zu binden. Schon von weitem rief er ihnen entgegen: »Na, du langer Labommel, wie bist du hierhergekommen?«

»Zu Fuß, Ohm Adam,« erwiderte Nante gleichmütig, »ich bin unterwegs bei der Mutter angesprochen, sie läßt dich vielmals grüßen.«

»Schönen Dank, wie geht es ihr denn?«

»Ganz gut ..«

»Das glaube ich, daß ihr wohl ist, seitdem sie euch Fresser nicht mehr auf dem Halse hat. Hast dir schon Quartier besorgt?«

Nante schüttelte bedächtig den Kopf. »Ich dachte, Ohm Adam, da ich doch in dein Revier versetzt bin, daß du mich aufnehmen wirst.«

Der Alte wischte seine rechte Hand an einem roten Taschentuch ab, schob sich die Mütze von der Stirn zurück und kratzte sich in den Haaren über dem Ohr. Die ganze Prozedur war so komisch, daß die jungen Leute sich kaum das Lachen verbeißen konnten.

»Na, wenn's nicht anders geht, ich werde doch mein Patenkind nicht verhungern lassen!«

»Die Gefahr ist ausgeschlossen. Herr Hegemeister!« warf jetzt Mooslehner ein. »Der Herr Forstmeister hat ihm schon angeboten, ihn als Forstschreiber und in Kost zu nehmen.«

»Weshalb sagst du das nicht gleich, du Lorbaß? Wolltest mich wohl auf die Probe stellen? Das ist dir aber vorbeigelungen. Na, nun kommt 'rein, 'nen Happen verbeißen, dann könnt ihr mitkommen, Krebse fangen. Wenn ich ein Schock zusammen habe, muß ich nach Starrischken. Ihr könnt weiterfangen.«

»Ich habe noch eine Bitte, Herr Hegemeister. Wollen Sie mir Ihre zweite Oberstube und Essen geben? Ich habe doch mit Schnabel getauscht.«

»Na, wenn ich schon zu Nante A gesagt habe, dann muß ich doch zu Ihnen B sagen. Aber wir tun beide klug daran, wenn Sie jetzt noch Wera hübsch bitten« . . .

In Starrischken war eben das Abendbrot aufgetragen, als der Hegemeister mit dem Schock Krebse eintraf . . . lauter Pariser, so nennt der Handel die größten Krebse, die von Ostpreußen nach Paris gehen. Eine halbe Stunde später erschienen sie bereits auf der Tafel, in leuchtendem Rot prangend, dampfend und duftend . . . Bedächtig widmeten sich die vier Herren den schmackhaften Krustern. Man hörte nur das Krachen der Schalen und ab und zu ein wohlgefälliges Grunzen.

Endlich schob der Gutsherr seinen Teller zurück: »Herrschaften, ich kann nicht mehr . . . Das wird einen bildschönen Durst geben. Na, ich habe vorgesorgt. Ich habe deine frischmilchende Kuh 'rüberholen lassen, Degenfeld.«

»Da hört doch die Weltgeschichte auf! Was sollen wir denn morgen zum Hammel trinken?«

»Kunststück! Schickst morgen nach der Stadt und läßt ein frisches Faß holen. Aber nun an die Arbeit, meine Herren.«

Im Nebenzimmer stand schon der Spieltisch wohl vorbereitet. Es wurde ein richtiger Feld-, Wald- und Wiesenskat, ein Hindernisrennen, wie der alte Adam zu sagen pflegte, ein Notbehelf, um die Pausen der sehr lebhaften Unterhaltung auszufüllen . . . Die beiden Cousinen, Erna und Liesbeth, musizierten, die beiden Mütter unterhielten sich . . . Um Mitternacht wurde aufgebrochen. Die Familie Degenfeld brach zuerst auf, sie hatte nicht weit zu gehen, denn der Park von Dietrichswalde stieß unmittelbar an den von Starrischken. Schrader und Krummhaar standen noch einige Minuten mit dem Gutsherrn auf der Freitreppe in eifriger Unterhaltung. Die Nacht war still und sternenklar, aber kalt. Am Himmel funkelten die Sterne wie im Winter . . . tief im Westen schwamm die untergehende Mondsichel über einem dünnen Gewölk.

Im Abgehen fragte der Forstmeister: »Nachbar, sind dir die Kartoffeln knapp geworden, daß du schon die Mieten aufbrechen läßt?«

»Ich, kein Gedanke daran!«

»Nanu? Ich habe doch heute, als ich vorgefahren kam, deine Leute mit 'ner Laterne an der langen Miete hinter der Scheune gesehen.«

»Da soll doch gleich dieser und jener! Das hättest du mir auch früher sagen können; das sind doch gewiß die Astrawischker Tagelöhner gewesen.«

»Gute Nacht.«

Langsam gingen die beiden Grünröcke davon.

»Jetzt werden wir bald einen schimpfen hören,« meinte Schrader lachend, als sie aus dem Hoftor waren, »der Kerl hat mich aber heute sehr geärgert. Woll'n mal einen Augenblick steh'nbleiben.« Es dauerte nicht lange, da kamen aus dem Hoftor drei Mann mit Laternen; eilig gingen sie die Mieten entlang. Sie waren noch nicht ganz am Ende angelangt, da hörte man den Gutsherrn rufen: »So ein verrückter Kerl! Da ist kein Mensch an den Mieten gewesen!«

»Das geht auf mich!« flüsterte der Forstmeister lachend, und laut rief er: »Gute Nacht, Grumkow!«

Nach einer Weile fragte er: »Sagen Sie mal, Krummhaar, haben Sie heute, kurz vor Sonnenuntergang, den Schuß an der Aschwöne gehört?«

»Jawohl, Herr Forstmeister, ich dachte, Sie hätten geschossen.«

»Und ich dachte, das wäre der Schwarzkopf gewesen.«

»Der Schwarzkopf wollte heute nach Lasdehnen fahren, soviel ich weiß . . . aber warten Sie mal, kann nicht schon der Naujoks wieder frei sein? Jawohl . . . heute haben wir den Zwanzigsten . . . gestern ist er freigekommen.«

»Donnerwetter, Hegemeister, daran habe ich gar nicht gedacht. Also morgen früh schnell auf den Anschuß, und dann zu dem Herrn Naujoks. Dem müssen wir so schnell wie möglich wieder das Handwerk legen.«




4. Kapitel


Am andern Morgen in aller Frühe fuhr der Forstmeister mit Krummhaar und Mooslehner zur Nachsuche . . . Im Wiesental stand noch der Nebel über mannshoch. Die Sonne war eben aufgegangen . . . Einen Augenblick erglühten die Wipfel der Bäume in einem hellroten Schein, der mit zauberhafter Schnelligkeit an den Stämmen abwärts lief. Die Vögel schwiegen noch, denn es war bitter kalt, nur der Specht hatte bereits sein Tagewerk begonnen. Ein paar hundert Schritte oberhalb der Brücke, die über das Flüßchen führte, spektakelten einige Krähen, andere kamen eilig dazugeflogen. »Da werden wir wohl die Bescherung finden,« meinte der Forstmeister und deutete auf die Galgenvögel, »und ich stehe mit dem Hund keine fünfhundert Schritt davon entfernt, ich alter Esel.«

»Bitte, keine Injurien gegen unseren Herrn Forstmeister,« erwiderte Krummhaar trocken, »den alten Esel will ich mir lieber zu Gemüte ziehen, denn ich hätte daran denken können, daß der Naujoks wieder los war.« Die Hunde hatten, während der Wagen langsam fuhr, den Waldrand abgesucht. Jetzt gab Schraders Hund Laut, als wenn er ein Stück Wild tot verbellte. Die Grünröcke stiegen aus dem Wagen und gingen der Stimme des Hundes nach. Er stand vor einer verkrüppelten Fichte, deren Zweige den Boden bedeckten. Mooslehner bückte sich und zog unter den Ästen ein Bündel hervor, die Decke eines Rehbocks mit Kopf und Gehörn, die um das Gescheide gewickelt war . . .

»Da haben wir die Bescherung!« brummte der Forstmeister grimmig.

»Ein anständiger Kerl ist er doch,« meinte der Hegemeister, »er schießt nie eine Ricke.«

»Das ist ein schlechter Trost«, erwiderte der Forstmeister. »Aber nun los nach Wersmeninken. Trab, Jons . . .« Eine halbe Stunde später hielt der Wagen an einem ausgebauten Gehöft, das still und friedlich dicht am Walde lag. Eine Margell mit gefülltem Milcheimer kam eben vom Stall her. Als der Wagen auf den Hof fuhr, trat in die Tür des Hauses ein Mann, der sich vor seiner eigenen Haustür bücken mußte, vielleicht noch einen Zoll größer als Nante Schnabel, das Gesicht rund und voll . . . Jedenfalls sah man ihm das Jahr, das er im Gefängnis abgesessen hatte, nicht an.

»Ei, sieh da, die ganze Makunischker Oberförsterei! Na, was führt Sie denn her, meine Herren?«

»Das wissen Sie doch schon, Naujoks,« erwiderte der Forstmeister, »wir müssen wieder bei Ihnen Haussuchung halten.«

»Das lohnt nicht, Herr Forstmeister, ich bin gestern früh erst aus dem roten Hause zurückgekommen.«

»Sie sind aber gestern abend schon wieder in der Forst gesehen worden, und wir haben bereits die Decke des Bockes gefunden.«

»Ich bin gestern nicht mit dem Fuß aus meinem Hause gewesen. Halten Sie mich wirklich noch für so dammlig, daß ich mir werde was ins Haus tragen, was Sie finden könnten?«

»Das werden wir ja sehen, Naujoks. Nun geben Sie die Tür frei . . .«

»Ich denke ja nicht daran, Herr Forstmeister! Erst müssen Sie den Gemeindevorsteher holen lassen. Ordnung regiert die Welt!«

»Und der Knüppel die Menschen!« sagte Krummhaar ruhig. In demselben Augenblick hatte er mit einem blitzschnellen Griff dem Kerl in den Kragen seiner festgeschlossenen Joppe gefaßt . . . dann ein jäher Ruck, der mächtige Kerl stürzte nach vorn . . . In der nächsten Sekunde hatte ihn Mooslehner von hinten mit beiden Armen um die Brust gefaßt. Wie im Schraubstock saß der Riese. Man sah es dem schlanken Mann gar nicht an, daß er in seinen Armen solch eine Kraft besaß. Aus der Tür der Wohnstube sprang ein hochgewachsenes Weib, ein wuchtiges Holzscheit in der Hand. Jetzt begann das Weib auf litauisch zu schimpfen . . . Der Mann, der noch immer gegen die eisernen Arme des Forstaufsehers gerungen hatte, gab jetzt den Widerstand auf und schrie: »Halt' doch das Maul, du dummes Weib! Du schimpfst dir ein Jahr Gefängnis auf den Hals . . . Lassen Sie mich los, Mooslehner, ich werde ganz vernünftig sein.«

»Das ist das beste, was Sie tun können, Naujoks«, erwiderte der Forstmeister, der seinen Drilling von der Schulter genommen und auf den Wagen gelegt hatte. »Lassen Sie ihn los, Mooslehner . . . Wir werden leider euch beide mitnehmen müssen, Sie und Ihre Frau. Ihr müßt lernen, euch der Staatsgewalt zu unterwerfen . . . das müssen wir alle.«

Seine Stimme klang ruhig, aber so eisern hart, daß es auch der wütenden Frau zum Bewußtsein kam, was sie sich eingebrockt hatte. Sie fiel neben dem alten Herrn auf die Knie und haschte nach seinem Rockzipfel, um ihn zu küssen . . . er schritt ihnen voran in die Stube. »So, nun setzt euch hier auf die Bank nebeneinander, ich bleibe bei euch.«

Eine Stunde lang suchten die beiden anderen Grünröcke, die beide Erfahrung darin besaßen, wo die Wilddiebe Fleisch und Waffen zu verstecken pflegten. Naujoks lachte nur ab und zu höhnisch, wenn sie unverrichteter Sache in die Stube zurückkehrten . . . Der Forstmeister hatte sich eine Zigarre angesteckt und schritt langsam vor den beiden in der Stube auf und ab. Das Weib war jetzt klüger als der Mann; es begann zu bitten: ihr Mann hätte wirklich noch nichts verbrochen, und sie hätte sich so sehr aufgeregt. Was sollte jetzt aus der Wirtschaft werden? Jetzt müßte doch der Acker gepflügt und bestellt werden. Wenn sie schon bestraft werden müßte, dann vielleicht im Winter. Der liebe, gute Herr Forstmeister müßte doch ein Einsehen haben. Sie wären doch anständige Leute und würden nicht verschwinden.

»Und gestern abend um sieben Uhr«, fuhr sie mit schnellem Zungenschlag fort, »ist der Gendarm bei uns gewesen von wegen der Polizeiaufsicht, wo doch mein Mann jetzt drunter steht. Da haben wir beide schon zu Bett gelegen, möchte ich gnädigst bitten, zu bemerken, trautster Herr Forstmeister . . . goldener, bester Herr Forstmeister. Ich habe meinem Mann, wie er nach Haus kam, angesagt, ich schlag' ihm alle Knochen im Leibe entzwei, wenn er noch 'n mal mit der Flinte in den Wald geht. Ich bin ja schlimmer daran als 'ne Witwe, die kann sich 'n anderen Kerl nehmen, der ihr Gutes tut. Aber ich muß auf meinen warten, wenn er im Kutzchen sitzt.«

Nach einer Weile fing sie von neuem an: »Sie werden mir vielleicht eher glauben, trautster Herr Forstmeister, wenn ich was Neues erzähle . . . Da ist beim Gastwirt in Serbenten jetzt 'n neuer Knecht. Ich weiß nicht, wie er heißt, aber ich habe schon gehört, daß er fleißig in die Forst geht. Vor acht Tagen war er bei mir und hat gefragt, wann mein Mann 'rauskommt. Auf den sollten Sie lieber aufpassen, da geht das Fleisch gleich über die Grenze.«

Die Grünröcke hatten das vergebliche Suchen aufgegeben . . . Der Forstmeister entschied zu ihrer Verwunderung, daß die beiden Übeltäter nicht verhaftet werden sollten. Die Strafe würde ja nicht ausbleiben, man müsse Rücksicht darauf nehmen, daß die Menschen jetzt ihr Feld bestellen müßten. Der Hegemeister brummte etwas in seinen Bart, was sein Chef glücklicherweise nicht verstand . . .

Als die Grünröcke eine Stunde später vor der Oberförsterei aus dem Wagen stiegen, trat ihnen der Zimmermeister Krause entgegen. Er hatte sich bereits die alte Kabache angesehen und machte den Vorschlag, sie niederzureißen und ein neues Holzhaus aufzustellen, das würde ebensoviel kosten . . . Während er noch sprach, ertönte ein merkwürdig dumpfer und doch lauter Ton, gleich darauf das zweite Mal. Nante Schnabel sprang kerzengerade hinter seinem Tisch in die Höhe und hob die linke Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger.

»Herr Forstmeister, haben Sie gehorcht? Was ist das?«

Der Zimmermeister drehte sich lachend um. »Aber, Schnabel, haben Sie noch kein Auto gesehen?«

»Wo soll ich denn solch ein Ding gesehen haben? Einmal in Nikolaiken ist eins durchgefahren . . . aber ich kam zu spät.«

»Gehen Sie mal 'raus, Schnabel, das wird der neue Forstassessor sein.«

Eine lachende und johlende Menschenmenge umstand den ratternden Wagen. Schreiend wich sie zurück, wenn der Chauffeur aus dem Drachenmaul seiner Hupe tutete. Ein kleiner Herr in einem dunkelgrauen Bärenpelz, die Brille vor dem Gesicht, lag zurückgelehnt im Fond des Wagens. Als Schnabel in die Tür trat, richtete er sich auf und warf rücksichtslos seine halb aufgerauchte Zigarette in die Menge. Ein halbwüchsiger Junge fing sie geschickt in der Luft auf und steckte sie sofort in den Mund . . .

»Herr Forstmeister Schrader zu Hause?« Nante mußte wohl die beiden letzten Worte nicht gehört haben, was bei dem Gejohle kein Wunder war, denn er machte ein ganz verblüfftes Gesicht. Dann brach er in ein dröhnendes Gelächter aus: »E nei, unser Herr Forstmeister sieht ein bißchen anders aus. Ich bin bloß der Forstaufseher Schnabel. Aber steigen Sie man ab, der Herr Forstmeister sind zu Hause.«

Der Assessor ließ Pelz und Brille im Wagen und setzte sich zu der Uniform, die er trug, die Mütze auf. Ganz formell erstattete er dem Forstmeister die dienstliche Meldung, daß er zur kommissarischen Beschäftigung in die Oberförsterei Makunischken versetzt sei. Der alte Herr reichte ihm freundlich die Hand. »Willkommen in der Heide, Herr Assessor . . .«

Eine halbe Stunde später ging Herr von Sperling mit dem Zimmermeister, sich seine zukünftige Wohnstätte anzusehen. Er machte zuerst ein ganz verdutztes Gesicht, als er das verwahrloste Häuschen erblickte; dann faßte er sich und ordnete an, was nach seiner Meinung nötig war, die Chaluppe in einen menschenwürdigen Zustand zu versetzen. Eine Bretterverschalung von außen, neue Fenster, eine Vergrößerung der Haustür. Die Zimmer sollten zuerst mit Pappe ausgeschlagen und dann tapeziert werden, auch die verräucherten Deckbalken. Ein neues Strohdach unter allen Umständen. »Den Kostenpunkt erledige ich, lieber Meister,« fügte er hinzu, als Krause bei jedem neuen Wunsch ein längeres Gesicht machte und zuletzt meinte, der Fiskus würde wohl nicht soviel anlegen wollen. »Aber in vierzehn Tagen muß alles fix und fertig sein.«

Zu Mittag ging der Assessor in die Oberförsterei. Sein Vorgesetzter hatte ihn zu einem Löffel Suppe eingeladen. Es gab zuerst einen Teller Beetenbartsch. Mit Vergnügen sah der Forstmeister, wie sein Gast vorsichtig das ihm unbekannte Gericht kostete. Doch die pikante, mit saurer Sahne angerichtete Suppe fand seinen Beifall. Dann kamen gebratene junge Hühnchen auf den Tisch, ganz delikat zubereitet, dazu Gurkensalat. Das Gesicht des Assessors klärte sich immer mehr auf. »Das ist doch erstaunlich, Herr Forstmeister, jetzt um diese Zeit auf dem Lande junge Hühnchen . . .«

»Haben Sie denn geglaubt, wir leben hier bloß von saurem Kumst und Pökelfleisch? O nein, Herr Assessor! Meine Abromeitene hätte Ihnen ebenso gut und schön ein Rebhuhn oder einen Fasan vorsetzen können. Sie braucht bloß in den Keller zu gehen, da stehen in langen Reihen die Gläser. Wenn Sie abends ein paar Krebse bei mir essen wollen . . .«

»Oh, Herr Forstmeister, Krebse? Da nehme ich mit heißem Dank an.«

»Zum Kaffee habe ich uns beim Hegemeister Krummhaar ansagen lassen, in dessen Revier Sie zu kluppen anfangen. Wir hausen hier schon dreißig Jahre nebeneinander und sind gute Freunde. Mit den geistigen Genüssen ist es hier in der Wildnis schlecht bestellt, da halten wir uns durch eine reiche Geselligkeit schadlos. Ich lade mir öfter alle meine Grünröcke ein, und wir schießen fleißig nach Tontauben und Scheiben. Dann haben wir zwei Gutshöfe in nächster Nähe. Da müssen Sie in den nächsten Tagen Besuch machen. Aber ich warne Sie, denn da sind zwei allerliebste Mädel, beide meine Patchen, zum Anbeißen . . . Dann verkehren wir alle bei einer reichen litauischen Bauernfrau. Machen Sie nicht solch ein erstauntes Gesicht, Herr Assessor. Das ist in Wirklichkeit eine gebildete, alte Dame . . . Morgen abend nehme ich Sie dorthin mit. Sie finden dort die Herren Chasseure aus Wartenburg, mit denen Sie auf diese Weise bekannt werden.«

»Und mein Dienst, Herr Forstmeister?«

»Der wird Sie auch nicht zu sehr anstrengen. Sie bekommen als Gehilfen meinen bisherigen Forstschreiber Mooslehner, einen sehr gewandten Menschen, der Ihnen die Sache sehr erleichtern wird. Wenn Sie sich beide daran halten, können Sie ihr tägliches Pensum immer bis Mittag erledigt haben.«

Als sich der Forstassessor nachmittags in dem einfach möblierten, aber sehr sauberen Zimmer des Gasthofes von Makunischken aufs Sofa legte, um etwas über den Dienst nachzudenken, überkam ihn ein behagliches Gefühl . . . Als er die Versetzung in die litauische Heide erhielt, war ihm zumute, als sei er zur Verbannung nach Sibirien verurteilt worden. Jetzt schien es ihm, als wenn sich hier auch leben ließe, nur mußte er sich in die eigenartigen Verhältnisse erst eingewöhnen . . . Auf die litauische Bauernfrau, bei der Jägeroffiziere verkehrten, war er neugierig, auch auf den alten Hegemeister, von dem ihm der Forstmeister einige Schnurren erzählt hatte . . .

Etwas erstaunt war er doch, als ihn der alte Grünrock bei seinem Besuch sehr höflich, aber sehr kühl empfing, und ebenso seine Enkelin Wera, eine brünette, stolze Schönheit, die ihm als Frau Nekrassow vorgestellt wurde. Er hatte das bestimmte Gefühl, daß er der schönen Frau schon irgendwo begegnet war. Er zog es aber vor, nicht zu fragen . . . Ein kleiner Junge von drei Jahren, ein prächtiger Bube mit langen, dunklen Locken, kam hereingesprungen und kletterte ohne weiteres dem Forstmeister auf den Schoß . . .

Dann kam Mooslehner, zum Gang in den Wald gerüstet. Er wollte mit Nante Schnabel ins Revier gehen, um auf den Wilddieb zu fahnden. Dann wollten sie sich auf die Schnepfe anstellen . . . Wenn mit Sonnenuntergang der Nebel stieg, waren die Rehe vor jeder Nachstellung sicher, denn in den dichten Schwaden war es auch dem geschicktesten Wilddieb unmöglich, einen Schuß anzubringen.




5. Kapitel


Gegen Abend hatte sich ein starker Südwind aufgemacht und den Himmel rasch mit dunklen Wolken bedeckt, die mit Regen drohten. Schweigend schritten die beiden jungen Grünröcke durch den Wald, der unter dem Druck des Windes brauste und stöhnte . . . Ihre beiden Hunde trotteten als wohlerzogene Gehilfen neben ihnen. Es war ein Wetter, wie es sich ein Wilddieb nicht besser wünschen konnte, denn der heftige Wind und das Brausen des Waldes verschlang jeden Knall auf kurze Entfernungen . . .

An der kleinen Brücke, die über die Aschwöne führt, trennten sie sich. Sie wollten langsam, jeder an einer Seite der Wiese, bis zu ihrem Ende aufwärts pirschen und sich dann bis Dunkelwerden auf die Schnepfe anstellen . . . Die Hunde hundert Schritt voraus . . . Schon nach wenigen Minuten gab Mooslehners »Rino« Laut; es war ein richtiges Totverbellen. Schnell lief der Grünrock der Stelle zu. Da lag wieder die Decke eines Rehbocks, wie zum Hohn sauber ausgebreitet, das Gescheide mitten darauf . . . Sofort fiel der Hund die frische Fährte des Wilddiebes an, während Mooslehner durch einen gellenden Pfiff seinen Kollegen herbeirief.

Nun folgten sie beide der Spur, die von den Hunden ohne Mühe ausgearbeitet wurde. Sie führte einen schmalen Waldweg entlang bis zur Chaussee. Dort begannen die Hunde unruhig zu werden. Sie liefen ratlos hin und her und standen schließlich an einer Stelle still. Kein Zweifel, der Wilddieb hatte hier einen Wagen bestiegen, der auf ihn wartete, und war davongefahren.

Nun war guter Rat teuer. Nante schlug vor, sofort bei Naujoks Haussuchung zu halten. Mooslehner hielt es für zwecklos, denn allem Anschein nach hatte der Wilddieb einen Helfershelfer und Hehler, der ihm das gewilderte Fleisch abnahm. Aber schaden konnte es nicht, wenn sie wenigstens feststellten, ob Naujoks zu Hause wäre. Sie wählten den kürzesten Weg quer durch den Wald. Nicht weit von ihnen pflügte Naujoks seinen Acker. Die große Fläche, die er umgeworfen hatte, zeigte deutlich, daß er den ganzen Tag fleißig geschafft haben mußte. Er konnte also nicht stundenlang im Walde gewesen sein.

Ohne sich ihm zu zeigen, kehrten die Grünröcke um. Sie wollten jetzt zum Förster Schwarzkopf gehen und mit ihm besprechen, was zur Ermittlung des Wilddiebes geschehen konnte. Dort harrte ihrer eine große Überraschung. Auf der Veranda des Forsthauses lag ein Schmalreh mit der Schlinge um den Hals. Der Wagen des Försters stand angespannt vor der Tür. Er wollte das Reh nach der Oberförsterei bringen und Anzeige erstatten. Er hatte bald nach Mittag das Reh gefunden und sofort mit seinem Hunde die ganze Schonung abgesucht. Mindestens ein halbes Schock Schlingen hatte er gefunden. Er hatte sie fängisch stehen lassen, denn wenn auch noch ein Reh oder zwei daran glauben mußten, so war es doch das einzige Mittel, den Wilddieb zu greifen, wenn er die Schlingen revidierte.

Der alte Grünrock wetterte nicht schlecht . . . Ein Wilddieb mit der Büchse wäre ein hochanständiger Kerl im Vergleich mit dem Schlingensteller, der sein abscheuliches Gewerbe lautlos betreibt . . . Inzwischen war die Nacht hereingebrochen und so stockfinster geworden, daß man buchstäblich nicht die Hand vor Augen sehen konnte. Es war also ausgeschlossen, daß die Schlingen in der Nacht revidiert werden konnten. Die Grünröcke beschlossen daher, das Reh mit der Meldung nach der Oberförsterei zu schicken, daß sie am anderen Morgen sich an der Schonung anstellen wollten. Eine halbe Stunde vor dem ersten Morgengrauen standen sie auf ihrem Posten. Es war kein leichtes Stück, stundenlang mit gespannter Aufmerksamkeit zu lauern . . . Der Wind hatte nachgelassen, es fiel aber ein feiner Regen, der sich langsam, doch stetig in die Kleider einsog. Endlich gegen Mittag pfiff der Förster ab. Nun durchsuchten sie gemeinsam die Schonung. Eine Ricke hatte sich in der Schlinge gefangen. Für einen Jäger, der sein Wild liebt, war es ein gräßlicher Anblick . . .

Nun hielten sie lange Rat, was mit Aussicht auf Erfolg dagegen geschehen könnte. Am liebsten hätten sie alle Schlingen aufgenommen. Das wäre aber nur ein Notbehelf gewesen . . . Schließlich einigten sie sich darüber, daß der Förster zu Mittag nach Hause gehen und erst gegen vier wiederkommen sollte. Es war sehr wahrscheinlich, daß der Wilddieb das Forsthaus beobachtete und sich erst in den Wald wagte, wenn er sah, daß der Förster zu Hause war. Nante hatte einen Bärenhunger, obwohl er sich morgens reichlich verproviantiert hatte. Mit einer schmerzlich grimmigen Miene zog er sich den Leibgurt enger und schnitt eine junge, daumdicke Hainbuche ab. Der Kerl, der ihm in die Hände fiel, konnte sich auf eine gründliche Tracht Prügel gefaßt machen.

Sie hatten sich etwa hundert Schritt voneinander im Dickicht aufgestellt . . . Langsam verging die Zeit . . . Eintönig rieselte der Regen hernieder. Von den Bäumen tropfte es. Da erschien plötzlich vor Schnabel, der dicht am Reh stand, ein weißer Foxterrier. Als er den Jäger eräugte, tat er einen langen Blaff, dann war er wie der Blitz verschwunden, ehe Nante das Gewehr von der Schulter reißen konnte. Auch der alte brave Hektor konnte den fixen kleinen Köter nicht einholen. Nun zog Nante mit seinem Hund auf der Spur nach, Mooslehner schloß sich ihm mit seinem Hunde an. Aber auf dem Waldwege, der an der Schonung entlang führte, war die Verfolgung wieder zu Ende . . . Daß der Hund sich allein im Walde herumtrieb, war nicht ganz ausgeschlossen, doch nicht wahrscheinlich. Aber wo war er geblieben? Und noch wunderbarer, daß die Hunde auch keine Spur eines Menschen fanden.

Endlich, nach langem Suchen, fanden die Grünröcke die Lösung des Rätsels. Der Wilddieb war zu Rad gekommen, hatte den Hund, der ihn gewarnt hatte, aufgenommen und war davongefahren. Bis zur Chaussee ließ sich die Spur noch verfolgen, dann ging sie verloren . . . Ärgerlich und hungrig gingen die beiden Forstaufseher zur Försterei. Jetzt war es das Richtigste, die Schlingen aufzunehmen, denn der Wilddieb würde wohl sobald nicht wiederkommen.

Der Forstmeister tobte nicht schlecht, als sie mit dem zweiten Reh nach Hause kamen. Das war ja eine nette Bescherung! Gleich zwei Wilddiebe auf einmal im Revier. Einer, der sie am hellen lichten Tage schoß, und einer, der sie nachts in Schlingen fing! Und nicht etwa weit hinten an der Grenze, sondern mitten im Walde, in einem Revierteil, der von fünf Grünröcken behütet wurde.

Der alte Herr war schon den ganzen Tag in schlechter Laune. Er kämpfte mit sich, ob er nach Weschkallen fahren sollte oder nicht . . . Wenn er hinfuhr, zeigte er dadurch, daß er zum mindesten den Vorschlag der Weschkalene nicht ganz von der Hand wies. Er hatte schon ein kurzes Billett geschrieben, das er durch einen Boten hinüberschicken wollte mit der Entschuldigung, daß er sich nicht ganz wohlfühle. Dann hatte er es wieder zerrissen. Ohne daß es ihm zum Bewußtsein kam, prickelte ihn die Neugier, die drugglige Witwe kennenzulernen, die nicht nur bereit war, sondern sogar den Wunsch hatte, ihn zu heiraten. Wenn er daran dachte, dann überkam ihn ein wunderbares Gefühl . . . Mächtige Rauchwolken ausstoßend, schritt er in der Amtsstube auf und ab. Einmal sagte er ganz laut: »Alter Esel . . .«

Nante, der fleißig schreibend an seinem Pult saß, blickte erschreckt auf. Sollte das etwa ihm gelten? »Lassen Sie sich nicht stören,« brummte der alte Herr, »ich habe die Angewohnheit, manchmal laut zu denken. Es galt nicht Ihnen, sondern einem, der die Bezeichnung reichlich verdient.«

Nach einer Weile steckte Abromeitene den Kopf in die Tür: »Welchen Rock werden der Herr Forstmeister zum Abend anziehen?«

»Gar keinen . . . ich bleibe zu Hause.«

»Das wird doch nicht gehen, der Herr Forstmeister haben doch der Weschkalene zugesagt, und der Herr Assessor hat schon anfragen lassen, wann er den Herrn Forstmeister mit dem Auto abholen sollte.«

»Donnerwetter, daran habe ich gar nicht gedacht.«

»Na ja, und dann wird es allgemach Zeit, daß der Herr Forstmeister sich fein machen.«

Brummend stellte er die Pfeife beiseite und ging über den Flur in sein Wohnzimmer. Da stand schon Abromeitene, Kamm und Schere in der Hand. »Ach, laß mich ungeschoren«, fuhr er sie an.

»Nei, Herr Forstmeister, das geht nicht . . . was werden die Leute sagen? Sie werden sagen, die Abromeitene nimmt ihren Herrn aber auch nicht ein bißchen in acht, daß sie ihn mit verwildertem Haar in der Welt herumfahren läßt.«

»Du bist heute mal wieder unleidlich, altes Frauenzimmer.« Wenn er sehr guter oder schlechter Laune war, pflegte er seine Wirtin zu duzen . . . Abromeitene verzog keine Miene. Ihr durch lange Erfahrung geübtes Ohr hörte bereits, daß der Zorn des alten Herrn im Erlöschen war. Er ließ sich geduldig auf einen Stuhl nieder und ließ sich den Frisiermantel umlegen. Während die Schere an seinem Genick herumknipste, brummte er vor sich hin: »Wozu mußt du mich gerade heute scheren?«

»Damit der Herr Forstmeister forsch aussehen. Mein Gott, ich weiß doch alles . . . man hat doch Augen und Ohren, und ich meine, es wäre wirklich nicht das dümmste, was der Herr Forstmeister tun könnten. Ein altes Weib, das allein bleibt, behilft sich schon, aber ein alter Mann muß wie ein kleines Kind aufgewartet werden.«

»Dann nimmt man sich eben 'ne gute, treue Person ins Haus.«

»Ja gewiß, aber eine, die nicht weglaufen kann . . . Sehen Sie, Herr Forstmeister, mit meiner Nichte, der Katinka . . . das ist auch nichts Gewisses. Das ist eine forsche, lustige Margell . . . ein bißchen Vermögen hat sie auch . . . mit einem Male sind Sie sie los. Die greift mit beiden Händen zu, wenn einer sie haben will.«

»Abromeitene, du bist doch ein sehr verständiges, braves Frauenzimmer . . . Hältst du für möglich, daß ein forsches Weib in der Blüte der Jahre an mir altem Kerl Gefallen finden könnte?«

»Ach, Herr Forstmeister müssen sich selbst nicht schlechter machen. Manche Männer sind mit fünfzig Jahren schon klapprig. Aber der Herr Forstmeister sind ein ganz anderer Schlag. Sie brauchen doch bloß an Ihren seligen Herrn Vater zu denken, der über neunzig alt geworden ist. Und bis in sein hohes Alter hat er noch für hübsche Mädchen ein Auge gehabt. Der Herr Forstmeister werden sicherlich ebenso alt und können noch Enkelkinder erleben . . .«

»Nun hör' aber auf, Abromeitene. Soll ich mich auf meine alten Tage noch blamieren und wie ein verliebter Birkhahn um die junge Henne balzen?«

»Na, so jung ist die Henne auch nicht mehr . . . achtunddreißig sind für eine Frau ebensoviel wie für einen forschen Mann Ihre fünfundsechzig . . . Und auf der Weschkalene ihr Wort kann man Häuser bauen, die stiftet nichts an, wo sie ihrer Sache nicht ganz sicher ist.«

Abromeitene war mit dem Haarschneiden fertig. Jetzt seifte sie ihn ein und rasierte ihn. Die Kunst hatte sie von ihrem Vater gelernt, der Barbier war. Jetzt kamen alle Grünröcke und Holzschläger der Oberförsterei zu ihr. Am Sonnabend nachmittag und Sonntag früh war ihre »Dienststunde«, wie sie der Forstmeister scherzend nannte. Sie verstand auch alle die anderen Künste, die ein Dorfbarbier beherrschen muß. Sie zog Zähne, sie verband Wunden, nahm mit der Zunge Fremdkörper aus dem Auge und kurierte Tiere und Menschen mit uralten wirksamen Hausmitteln . . .

Während sie den alten Herrn zum zweiten Male einseifte, um nachzurasieren, fing er wieder an: »Weißt du, Abromeitene, mir ist heute der Gedanke gekommen, ob ich nicht etwa Vorspann leisten soll für einen der Herren Hauptleute, die so fleißig in Weschkallen verkehren . . . Die Madeline Mazat erbt doch mal alles von der Georginne. Das Gut ist bis auf etwas Landschaftsgeld schuldenfrei und unter Brüdern eine halbe Million wert. Wieviel bares Geld vorhanden ist, weiß ich nicht, aber es wird auch ein Dreischeffelsack voll sein. Da müßten doch die beiden unverheirateten Hauptleute Esel sein, wenn sie nicht zugreifen wollten. Daß die Frau ebenso alt ist wie sie, kommt doch in solchem Fall nicht in Betracht.«

»Herr Forstmeister, dann kann ich Ihnen nur eins sagen: passen Sie gut auf, wie ein alter Jäger . . . Eine Frau, die schon mal verheiratet gewesen ist, verrät sich leichter als ein junges Mädchen, wenn sie einem Mann gut ist. Das kommt von der Gewohnheit. Sie brauchen gar nicht so freundlich zu ihr sein.«

»Aber, Abromeitene, ich muß doch erst sehen, ob sie mir gefällt . . . ich kenne sie noch gar nicht.«

»Na, wozu haben wir denn die ganze Zeit hin und her geredet? Erst müssen Sie sehen, ob sie Ihnen gefällt. Man kauft doch keine Katze im Sack. Gefällt sie Ihnen, dann laden Sie sie mal mit der Weschkalene zum Kaffee und Abendbrot ein, und dann wird alles in Ruhe besprochen. Und nun machen Sie ein liebes, freundliches Gesicht, wie ein junger Mann, der auf die Brautschau fährt, machen muß.«

Jetzt lachte der Forstmeister laut auf, während er den Frisiermantel abwarf: »Du bist doch ein ganz verdrehtes Frauenzimmer. Du denkst wohl, weil du die Dummheit mit dem Kallweit machst, soll ich auch eine machen. Na, wollen mal sehen. Jetzt fängt die Geschichte an, mir Spaß zu machen . . . Und laß anspannen, bei der Stockfinsternis will ich doch lieber mit meinem alten Jons fahren als mit dem Auto . . . und schick' zu Krummhaar 'rüber; er kann mit mir fahren.«




6. Kapitel


Auf dem Flugplatz in Johannisthal war es in den Vormittagsstunden stets sehr still. Der Lehrbetrieb pflegte, wenn nicht starker Nebel oder heftiger Wind es hinderte, in den frühesten Morgenstunden einzusetzen. Heute war ein schöner, klarer Morgen gewesen. Die Flugschüler, teils allein, teils unter Begleitung ihrer Lehrer, hatten fleißig geübt und erfreuten sich nun, nachdem sie noch eine Stunde theoretischen Unterricht genossen hatten, der wohlverdienten Ruhe. Einige saßen in der »Schwemme« des Flugplatzes, der kleinen Kneipe am alten Startplatz, in fröhlicher Unterhaltung bei einer Flasche Limonade und besprachen die kleinen Vorkommnisse des Tages . . . Es war heute ein Glückstag, denn es hatte gar kein »Kleinholz« gegeben.

Nur ein Schaf war umgebracht worden. Die dummen Wollsäcke, die ein findiger Großschlächter ohne Aufsicht auf dem Flugplatz weiden ließ, hatten sich schon so sehr an den Lärm der Maschinen gewöhnt, daß sie gar nicht an Flucht dachten, als ein Flugzeug halb unfreiwillig zwischen ihnen landete und einen Hammel abmurkste . . . Jetzt erörterte man die Frage, ob der Fleischer für den Hammel Ersatz fordern könnte.

In den Werkstätten wurde fleißig gearbeitet. Bald hier, bald dort hörte man einen Motor knattern und den Propeller sausen. Da wurden die Maschinen geprüft, die am Morgen benutzt worden waren, ob sie nicht irgendeinen Schaden erlitten hätten.

Im Hangar der Rumpler-Werke lagen zwei junge Offiziere in bequemen Faulenzerstühlen und rauchten schweigend ihre Zigaretten . . . Endlich meinte der eine gähnend: »Wollen wir nicht ins Dorf gehen und uns einen dritten Mann zum Skat suchen? Das ist ja zum Auswachsen stumpfsinnig.«

Der andere warf seinen Stummel weg und reckte stöhnend die Arme weit nach hinten. »Sie haben vollkommen recht, Griesheim . . . wenn ich das vorher gewußt hätte! Wissen Sie, wie ich mir das Leben hier vorgestellt habe? Wie einen frischen, fröhlichen Kampf, der alle Nerven anspannt.«

»Lieber Wundt,« erwiderte der andere, »die Illusion habe ich mir schon vorher abgemacht. Ich war vorher hier auf dem Flugplatz und habe mir den Betrieb angesehen . . . Es war aber die einzige Möglichkeit, aus dem masurischen Nest weg und nach Berlin zu kommen. Wo bloß der Daumlehner bleibt? Der könnte ja den dritten Mann machen.«

»Ganz ausgeschlossen, lieber Griesheim! Der sitzt irgendwo in einer Werkstatt und klaubt an einem Motor herum. Er ist ein Streber . . .«

»Das dürfen Sie nicht sagen, Wundt! Das ist er nicht . . . aber er ist mit Leib und Seele dabei und hat ein merkwürdiges Verständnis für die Konstruktion der Motoren. Ich glaube, er kennt schon alle bis in die kleinsten Einzelheiten.«

»Wenn ich das als den Zweck der Übung betrachten müßte,« erwiderte Wundt aufstehend, »dann hätte ich schon lange auf das Vergnügen verzichtet. Das ist Sache der Monteure. Meine Aufgabe ist das Fliegen . . . Ich weiß, was Sie mir erwidern wollen, aber das muß ich bestreiten. Wenn so eine Kanaille von Motor streikt, wenn ich tausend Meter hoch über der Erde schwebe, dann ist es ganz ausgeschlossen, daß ich trotz der schönsten Kenntnisse das Ding in Ordnung bringe. Dann heißt es kalt Blut bewahren und durch einen kühnen Gleitflug die Knochen heil auf die Mutter Erde hinabzubringen.«

»Das ist ein Gesichtspunkt, den ich gelten lassen muß. Aber wenn Sie bei einem Überlandflug eine Panne haben . . .«

»Dann telegraphiere ich zum nächsten Flugplatz und lasse mir die Monteure kommen. Nein, lieber Griesheim, ich halte es sogar für sehr nötig, zwischen Handwerk und Kunst eine scharfe Scheidelinie zu ziehen. Sonst hätte ich ja nicht brauchen Offizier zu werden, da hätte ich ja gleich die Schlosserlaufbahn einschlagen können.«

»Hallo, Daumlehner,« rief er einem in den Hangar eintretenden Oberleutnant entgegen, »wie wäre es mit einem Dauerskat?«

»Bedaure sehr . . . Ich bin eben beim Major gewesen und habe mir die Erlaubnis geholt, einen längeren Flug machen zu dürfen.«

»Plagt Sie der Teufel? Jetzt gegen Mittag ist doch die gefährlichste Zeit . . . da gibt es böse Vertikalböen, sobald die Erde sich unter den Sonnenstrahlen erwärmt hat.«

»Die will ich eben kennenlernen, um zu wissen, wie ich mich bei einem Überlandflug zu verhalten habe.«

»Na, damit hat's doch noch lange Zeit.«

»Im Gegenteil, ich beabsichtige sehr schnell mein Pilotenexamen zu machen, vielleicht schon heute gegen Abend.«

Der Leutnant von Griesheim war auf ihn zugeschritten und hatte seine Hand gefaßt, um sie derb zu schütteln. »Meine besten Wünsche begleiten Sie, lieber Kamerad. Ich beneide Sie. Die Natur hat Ihnen große Gaben in die Wiege gelegt . . . Bärenkraft und kalte Besonnenheit. Schon beim dritten Aufstieg konnte man Ihnen die Maschine allein anvertrauen, vierzehn Tage später haben Sie sich das Flugzeugführerzeugnis erworben, und noch keinen Span Kleinholz haben Sie gemacht . . .«

Wundt, der dabei stand, spuckte dreimal schnell aus, lief zur Wand des Schuppens und stieß mit dem Daumen dreimal dagegen. Die anderen beiden lächelten. Der Kamerad, der die kühnsten Gleitflüge ausführte, war abergläubisch wie ein altes Weib. Er stieg nie auf, wenn das Publikum ihm beim Start mit den Händen winkte oder Glückwünsche zurief. Und nirgends ist die abergläubische Furcht größer als bei den Fliegern. Die meisten tragen einen Talisman, einen Ring, ein Geldstück oder irgendeinen anderen Gegenstand, an dessen Wirkung sie felsenfest glauben, bis . . . ja, bis ein trauriges Ereignis diesen Glauben zerstört.

Inzwischen hatten Monteure und Arbeiter nicht das der Militärverwaltung zur Verfügung gestellte Flugzeug aus dem Hangar gezogen, sondern eine neue, erst wenige Male geprüfte Maschine.

»Was soll das bedeuten?« fragte Wundt erstaunt. »Haben wir noch ein zweites Flugzeug bekommen?«

»Nein, meine Herren. Ich will es Ihnen unter strengster Diskretion verraten. Ich habe die Maschine gekauft. Wenn ich heute abend meinen Piloten mache, fliege ich morgen früh nach Königsberg. Ich bin bereits um Urlaub eingekommen und unternehme morgen die Fahrt auf mein eigenes Risiko.«

Schweigend trat Griesheim zu ihm heran und drückte ihm die Hand. Draußen knatterte bereits der Motor . . . Daumlehner verschwand in seiner Kabine, um sich für die Fahrt umzukleiden . . . Dann kletterte er auf die Maschine. Der Monteur warf den Propeller an . . . Staub und Sand flog unter der Maschine weg nach hinten. Jetzt hatte der Motor seine volle Tourenzahl erreicht. Die Arbeiter ließen das Gefährt los . . . wie ein Auto fuhr es auf der glatten Bahn dahin, jetzt hob es sich vom Boden . . .

»Der wird noch einmal grobes Geld verdienen, meine Herren«, wandte sich der graubärtige Monteur an die beiden Offiziere. »Sehen Sie mal, wie ihn über dem Wald die Böen schütteln, aber das rührt ihn nicht.«

Daumlehner war nicht, wie es üblich war, nach der ersten Runde niedergegangen, um dann, nachdem sich die Maschine als zuverlässig erwiesen hatte und nochmals untersucht worden war, zum zweiten Male aufzusteigen. Er blieb in der Luft und begann schnell emporzusteigen . . .

Einige Minuten später war er nach Osten zu verschwunden. Erst nach einer Stunde kehrte er zurück, fuhr noch eine Runde um den Platz und landete fünfzig Schritt vor dem Hangar. Sein Gesicht strahlte, als er aus dem Flugzeug stieg. Ein Gefühl stolzen Selbstbewußtseins war über ihn gekommen. Seiner mittelgroßen, aber breitschultrigen Gestalt war nichts von Anstrengung anzumerken . . .

Gegen Abend hatte das schöne Wetter eine große Menschenmenge auf den Flugplatz hinausgelockt. Zehn, zwölf Flugzeuge waren in der Luft. Ganz hoch oben im Äther schwamm eine Rumplertaube. Sie erschien kaum so groß wie ein Schmetterling . . . Es dunkelte bereits, als sie in steilem Gleitflug niederkam. Ein Rauchstreifen, den sie zurückließ, bezeichnete ihre Bahn. Einige Neulinge im Publikum wurden ängstlich, und einer rief sogar: »Die Taube brennt.«

Lautes Gelächter antwortete ihm . . . Mitten auf dem Flugplatz war die Taube niedergegangen, jetzt kam sie wie ein auf der Erde laufender großer Vogel angebraust. Von allen Seiten liefen Offiziere, Flieger, Monteure und Arbeiter hinzu. Der kühne Flieger wurde auf die Schultern gehoben und im Triumph vors Restaurant getragen. Es war Daumlehner, der sein Pilotenexamen mit Glanz bestanden hatte. Seinen vergnügt lachenden Augen sah man es nicht an, daß er ebensoviel geleistet hatte wie alte, erprobte Flieger.

Nach einer Stunde stahl er sich unbemerkt aus dem Kreise der wacker zechenden Freunde und ging zu den Monteuren, die noch mit der Prüfung seiner Maschine beschäftigt waren. Sorgfältig untersuchte er selbst noch jede Schraube, jeden Draht. Dann ging er in seine bescheidene Junggesellenbude und setzte sich an den Schreibtisch. Er war durchaus nicht ängstlich, aber für jeden Fall wollte er doch seinen Eltern und nächsten Freunden einige Zeilen schreiben.

Er hatte länger geschrieben, als er beabsichtigt hatte, und dabei stark geraucht. Jetzt stand er auf, öffnete das Fenster und schaute hinaus in die sternklare Nacht . . . Ob er nicht doch erst morgen einen kleinen Überlandflug von drei, vier Stunden unternehmen sollte . . . und einen Begleiter mitnehmen? Griesheim hatte sich abends angeboten, mit ihm zu fliegen. Im Selbstgespräch schüttelte er den Kopf. Wenn die Maschine nicht versagte, konnte er ebensogut sechs wie drei Stunden fliegen. Eine Viertelstunde später war er ruhig eingeschlafen.

Um drei Uhr weckte ihn rasselnd die Uhr, die er auf seinem Schreibtisch stehen hatte. Während er sich anzog, stellte er seine Kaffeemaschine auf. Dann setzte er sich an den Tisch und futterte langsam, aber gründlich . . . Gegen vier Uhr war er auf dem Flugplatz. Er steckte sich eine Azetylenlaterne an und untersuchte noch einmal seine Maschine bis in die kleinsten Einzelheiten . . . Es begann zu dämmern, als die Monteure erschienen und die Maschine aus dem Schuppen zogen. Hier und dort hörte man schon das dumpfe Donnern, mit dem die Vorderwände der Hangars beim Niederklappen auf den Boden aufschlugen . . .

Langsam schritt Daumlehner zu der Marineluftschiffstation, um sich die Wetteraussichten und Windmeldungen zu holen. Sie lauteten ziemlich günstig.

Es war ein klarer Tag zu erwarten bei mittelstarkem Westwind . . . Inzwischen hatte sich in den Hangars die Nachricht verbreitet, daß der neugebackene Pilot bereits zu einem weiten Überlandflug aufsteigen wollte. Alles, was schon auf war, hatte sich auf dem Startplatz versammelt. Der graubärtige Monteur saß in der Maschine und ließ den Motor gehen. Als Daumlehner zu ihm hinaufstieg, hielt er den Motor an, um sich ihm verständlich machen zu können.

»Herr Daumlehner,« sagte er ernst . . . Rangunterschiede pflegen in solchen Momenten spurlos zu verschwinden . . . »es ist alles in Ordnung. Ich rate aber, erst einige Runden um den Platz zu machen, ehe Sie abfliegen. Sie müssen erst vollkommen überzeugt sein, daß der Motor tadellos funktioniert.«

Fünf Minuten später schwebte die Taube in der Luft. Bei der dritten Runde hörte Daumlehner deutlich, daß die Tourenzahl des Motors nachließ. Sofort ging er im Gleitflug nieder. Er vermutete sofort, daß die Benzinpumpe nicht genug Benzin in den Motor schaffte, und er hatte richtig vermutet. Die Freunde, die ihn umstanden, rieten ihm, für heute die Fahrt aufzugeben und sich erst zu überzeugen, daß der Fehler auch richtig behoben sei.

Nach einer halben Stunde kam der alte Monteur heruntergestiegen. »Herr Daumlehner, wenn bei der dritten Runde der Motor nicht nachgelassen hat, können Sie ruhig abfliegen.« Noch ein Händeschütteln, dann stieg die Taube auf. Langsam schraubte sie sich über dem Flugplatz in die Höhe bis zu etwa tausend Meter, dann schlug sie den Weg nach Osten ein, geradenwegs der Sonne entgegen, die schon ein Stück am Horizont emporgestiegen war. Griesheim, der mit seinem Pernox sie verfolgte, sah deutlich, daß sie von starken Böen geschüttelt wurde; dann verschwand sie in einer lichten Wolke.

Kaum eine Viertelstunde lang hatte der kühne Flieger den ungehinderten Ausblick auf die Erde unter ihm, dann begann die Dunstschicht sich zu verdichten. Die Richtung, die ihm durch die Sonne gegeben war, konnte er nicht verfehlen, aber trotzdem stieg der Wunsch in ihm auf, die Erde zu sehen. Ganz allmählich ging er hinunter, bis die Wolkenwand über ihm lag. Mit ruhigem Blick maß er die Entfernung von der Erde. Sie betrug höchstens zweihundert Meter. Das war zu wenig, wenn er bei seiner rasend schnellen Fahrt durch ein Versagen der Maschine im Gleitflug niederzugehen gezwungen war.




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