Die Holländerin
Alexandre Dumas der Ältere




Alexandre Dumas

Die Holländerin





Erster Band



Der Held des gegenwärtigen Romans ist »die Holländerin« ist derselbe, den uns der Verfasser in seinem vorangegangenen Werke, »Die beiden Selbstmörder« oder »Vier Frauenabenteuer«, in so reizenden Situationen vorführt. Die in jenem äußerst spannend vorbereitete Katastrophe entwickelt sich in dem Vorliegenden Werke und dürfte das Erscheinen desselben den Freunden der Dumas’schen Muse willkommen sein.



    Der Übersetzter.




I


Im Hofe der Posthalterei zu Sesto-Calende stand ein Postwagen zur Abfahrt bereit. Mit lauter Stimme, eine Liste, in der Hand haltend, las der Conducteur die Namen der Reisenden, welche er befördern sollte. Als der Name »Herr Van-Dick« gerufen wurde, stieg ein Mann von auffallender Leibestärke in den Coupé, der noch leer war, und nahm, sich gemächlich ausbreitend, Platz darin. Schon fand der Postmann im Begriffe, die Thür des Wagens zu schließen, als ein junger Mann eilig aus dem Bureau trat und ihm eine Karte überreichte . . . Die Thür des Coupés, worin der dicke Herr saß, ward wieder geöffnet und der Zuletztgekommene nahm an der Seite des Wohlbeleibten Platz.

Nachdem alle Reisende in dem Wagen ihre Plätze genommen, trat der Conducteur an den Coupé, in welchem Herr Van-Dick und der junge Mann allein saßen.

– Hier fehlt noch Jemand, sprach er; es sind drei Plätze bezahlt und ich sehe nur zwei Personen.

– Ganz recht, antwortete der dicke Herr, ich habe zwei Plätze gemiethet!

– So erwarten Sie wohl noch Jemanden?

– Nein, ich habe es gethan, um bequemer sitzen zu können.

Der Conducteur lächelte, schloß die Thür des Wagens und bestieg einen Platz.

Der dicke Herr sah den jungen Mann an und sprach:

– Auf diese Weise wird einer dem andern nicht zur Last fallen.

– Es ist wahr, mein Herr! antwortete dieser. Es ist ein Luxus, den ich um so mehr bewundere, als ich davon profitiere. – Um so begreiflicher wird er Ihnen erscheinen. Denken Sie sich einmal, wenn drei solcher Reisende, wie ich bin, in diesem Coupé säßen, würde man nicht den einen erdrücken und den andern auf die Landstraße werfen müssen, um frei athmen zu können?

– Wenn man sich ein wenig einrichtet, entgegnete der junge Mann mit einer treuherzigen Miene, würde man wohl nicht nöthig haben, solche schmerzhaften Expeditionen auszuführen.

Herr Van-Dick lächelte, wie ein reicher Mann lächelt, wenn er sagen will: »ich habe das Recht, so zu handeln, wie ich handele.« Dann fuhr er fort:

– Es ist übrigens auch meine Gewohnheit, wenn ich reise, daß ich mir stets zwei Plätze kaufe. Einmal bin ich jedoch dabei angeführt.

– Wie ist das gekommen?

– Ganz einfach. Ich hatte nämlich zu jener Zeit einen Menschen in meinen Diensten, der über alle Begriffe dumm war. »Peter, spreche ich zu ihm, geh’ und bestelle mir zwei Plätze auf der Diligence, ich habe eine dringende Reise zu machen.«

– Wie, zwei Plätze? antwortet er mir.

– Ja, zwei Plätze!

– Peter kommt zurück und giebt mir ein Billet, wonach mir zwei Plätze reserviert sind. Wie immer, waren auch diese beiden Plätze für mich allein bestimmt. Ich komme also auf der Post an, steige in den Wagen und mache es mir bequem, wie Sie es vorhin von mir gesehen haben: da steigen plötzlich noch zwei wohlgenährte Personen ein und setzen sich neben mich. Ich rufe den Conducteur und spreche zu ihm:

– Hier waltet ein Irrthum ob!

– Wie so? fragt er.

– Weil ich zwei Plätze bezahlt habe. Sind nicht auf den Namen Van-Dick zwei Plätze eingetragen?

– Ganz recht

– Nun, so hat der eine dieser Herrn nicht das Recht, hier zu bleiben.

– Der Conducteur sieht abermals in seine Liste, dann spricht er:

– Sie irren sich, mein Herr, nicht ich; es sind zwei Plätze für sie reserviert, aber einer davon befindet sich im Coupé, der andere im Cabriolet!

– Demnach war ich gezwungen, in einer höchst bedrängten Lage die Reise bis Brüssel zu machen.

– Sind sie ein Oesterreicher?

– Nein, mein Herr, ich bin ein Holländer!

– Wie, rief der junge Mann in einem Tone, dem deutlich anzuhören war, daß er sich über einen dicken Nachbar ein wenig lustig machte, Sie sind ein Holländer? Holland soll ein schönes Land sein!

– Ein schönes und reiches Land!

– Sie scheinen. Ihr Vaterland zu lieben?

– Man liebt stets das Land, in welchem man geboren ist, wo man nach seinen Gewohnheiten lebt, seine Familie hat und sein Vermögen erworben.

Der junge Mann sank in die Ecke des Wagens zurück und flüsterte leise: »der Mann ist sehr glücklich!« Ein tiefer Seufzer folgte dieser Aeußerung und hätte Herr Van-Dick nicht ein Zeitungsblatt aus der Tasche gezogen und sich zum Lesen angeschickt, so würde er wahrgenommen haben, daß sein Nachbar sich in ein tiefes Nachdenken verlor.

Bei dem Anblicke des Glückes drückt die Last des Unglückes doppelt schwer. Dies empfand in diesem Augenblicke unser junge Reisende, der ohne Vaterland, ohne Familie und ohne Vermögen einem ungewissen Ziele entgegenging, oder richtiger gesagt, ohne Ziel reifte. Tristan war zuletzt Tenorist am Theater zu Mailand gewesen, und noch vor kurzer Zeit hätte er den reichen, gemüthlichen Holländer nicht beneidet, da er sich alles dessen zu erfreuen gehabt, was das Leben angenehm macht; doch in diesem Augenblicke, von den Frauen betrogen und durch sie feiner Stellung beraubt, schien ihm das Loos seines Reisegefährten sehr beneidenswerth, der mit großer Zufriedenheit eine Dose öffnete, eine Prise wohlriechenden Tabaks schnupfte und ruhig das Zeitungsblatt entfaltete. Aus dem geöffneten Journale fiel ein Brief zur Erde, ohne daß es Herr Van-Dick merkte.

Tristan hob ihn auf und überreichte ihn seinem Besitzer.

– Sie verlieren dieses Papier, mein Herr.

– Danke, danke! sprach der Holländer und lächelte, indem er die Aufschrift ansah.

– Er ist von meiner Frau. Tristan machte mit dem Kopfe und den Blicken eine Bewegung, die eben so gut sagte: »Ah, Sie sind verheirathet, ich mache Ihnen mein Kompliment;« als auch: »Was Sie mir da sagen, ist mir sehr gleichgültig!«

– Sind Sie verheirathet? fragte der Holländer.

– Nein, mein Herr! Ich kann mit Recht sagen, daß ich nicht verheirathet bin, dachte Tristan, da ich nicht einmal weiß, wo meine Frau ist.

– Das ist schlimm, sehr schlimm! entgegnete Herr Van-Dick,

– Je nachdem!

– Es ist immer schlimm!

– Wenn aber die Frau schlecht ist?

– Die Frau ist immer gut.

– Diese Annahme ist sehr kühn.

– Sie ist nur wahr, mein Herr. Ich gestehe es zu, daß keine Frau gut geboren wird, aber sie wird es später.

– Durch die Sorgfalt, welche man ihr widmet?

– Selten.

– Durch die Liebe, die man zu ihr hegt?

– Mitunter.

– Wohl gar durch Gleichgültigkeit?

– Ganz recht, mein Herr, ganz recht! Widmet man einer Frau viel Sorgfalt, so wird sie sich stets schwach und leidend geben; betet man sie an, so giebt sie sich nach Maßgabe der Liebe als ein Tyrann, und als ein Opfer, wenn man sie nicht mehr wie früher liebt; weiß aber die Frau, weder daß man sie liebt, noch daß man sie nicht liebt, sieht sie, daß man sie ohne Enthusiasmus und ohne Verachtung behandelt, spricht man nur zu ihr: »Ich frühstücke um elf Uhr und esse um 6 Uhr zu Mittag«, redet nie von Geschäften mit ihr, legt ihr nie Rechenschaft von feinen Handlungen ab und sieht sie nur bei Tische: dann können Sie sich versichert halten, mein Herr, daß die Frau eine Sclavin ist, die sich mit einem Lächeln begnügt, an einer Zärtlichkeit hoch erfreut, und sich nicht besser hält, als die Pfeife, die ihr Mann raucht, oder das Bier, das er trinkt.

– Diese Theorie hat vielleicht in Holland ihr Gutes; in allen übrigen Ländern würde sie aber sehr mangelhaft sein.

– Die guten Theorien sind für alle Länder gut. Der Schöpfer hat alle Frauen nach einem Modelle geschaffen und allen dasselbe Herz gegeben.

– Ja, aber nicht dasselbe Gesicht, nicht denselben Character. Es giebt Länder, in denen die Frauen heißeres Blut und heftigere Leidenschaften besitzen, als in manchen andern. Wenn Ihre Theorie auch bei den Frauen des Nordlandes ihre Anwendung fände, so möchte dies wohl bei denen der Südländer nicht der Fall sein.

– Ich zweifle daran, mein Herr.

– Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß Sie unrecht haben. Ich habe in dieser Beziehung lange und gründliche Studien angestellt. Wollte man außerdem Ihre Ansicht als Regel gelten lassen, so kann ich Sie versichern, daß diese Regel sehr viel Ausnahmen erleidet.

– Wohl möglich, antwortete lächelnd Herr Van-Dick, ich kenne nicht alle Frauen. Alles was ich weiß, ist, daß ich mich vor zehn Jahren verheirathete, daß meine Frau sehr schön, aber auch sehr kokett war, und daß sie alle jene Fehler besaß, welche die elegante Welt für Tugenden hält; daß sie aber nach zwei Monaten, kraft meines festen Willens und meiner unerschütterlichen Gleichgültigkeit gegen sie und ihre Launen, ordentlich, ökonomisch und sanft geworden ist, daß ich jeden Tag um elf Uhr frühstückte, um sechs Uhr zu Mittag aß, im Hause nie ein Wort mit ihr sprach, kam und ging wie es mir beliebte, und daß ich, mit einem Worte, stets dasselbe Gesicht und dasselbe Herz vorfand.

– Sie sind ein glücklicher Mann!

– Wahrhaftig, das bin ich. Da sehen Sie die ersten Zeilen dieses Briefes: »Mein Geliebter, mit großer Freude vernahm ich deine Rückkehr, denn ich vermisse schmerzlich deine Anwesenheit. Auch Julius erwartet Dich mit großer Ungeduld.« Julius, unterbrach sich der Holländer, ist nämlich mein Sohn!

– Ah, Sie haben auch einen Sohn?

– Einen schönen, blonden Jungen von neun Jahren.

– Und jetzt kehren Sie in den Schooß Ihrer Familie zurück?

– Ach Gott ja!

– Haben Sie eine Vergnügungsreise gemacht? fuhr der Tenor fort, der in dieser neuen Bekanntschaft Zerstreuung und Erheiterung fand.

– Es war eine Vergnügungs- und Geschäfts-Reise, antwortete der Holländer.

– So, Sie sind also in Geschäften?

– Ich bin der Chef eines sehr großen, und kann mit Recht sagen, eines sehr bekannten Handlungshauses.

– Und während die er Zeit besorgt Madame Van-Dick alles allein, was sonst Sie besorgten?

– O nein, ich habe meiner armen Frau einen Commis zur Hilfe gegeben, einen sanften, einsichtsvollen jungen Mann.

– So, sprach Tristan und unterdrückte mit Mühe ein Lachen, das seine Lippen zu sprengen drohte – es ist ja wahr, Sie müssen einen Commis haben.

– Mein Haus würde ohne ihn nicht bestehen können, da ich sehr oft verreisen muß. Der arme Mensch hat viel Arbeit!

– Ich glaube es.

– Alles, was ich nicht thun will, sprach Herr Van-Dick, muß er thun. Tristan glaubte dieser Phrase eine geistreiche Absicht unterlegen zu können, aber die ungeheure Ruhe und Gutherzigkeit, die sich in dem Gesichte des Kaufmanns aussprach, belehrte ihn eines andern.

– Ist dieser Commis schon lange in Ihren Diensten?

– Zwei Jahre. Sein Vorgänger war ein schlechtes Subject, dem Euphrasia kein Vertrauen schenkte. Euphrasia ist nämlich der Name meiner Frau. Deshalb gab ich ihm seinen Abschied, denn in wichtigen Sachen, das heißt in solchen, von denen meine Ruhe abhängt, richte ich mich stets nach Euphrasia. Er hat sie betrogen.

– Er hat sie betrogen? wiederholte Tristan, der nicht wußte, welchen Sinn er in diesen Satz legen sollte.

– Ja, er hat die Frau betrogen, die ihn recht sehr liebte.

– Das ist ein wenig stark! dachte Tristan. Dieser Mensch ist entweder verrückt, oder er ist ein gemästeter Richelieu. Und der, den Sie jetzt haben, sprach er laut, betrügt ihre Frau nicht?

– O, dieser ist ein Muster von Aufmerksamkeit und Sorgfalt für sie und mich. Wenn er fortfährt, sich so zu betragen, werde ich ein Glück machen und ihn verheirathen, vorausgesetzt, daß Euphrasia nichts dagegen hat.

– Warum sollte sie etwas dagegen haben?

– Weil sie ihn mehr liebt, als seinen Vorgänger.

– Ist er vielleicht ein Verwandter von Ihnen?

– Nein!

– Wenn Sie ihm aber so gewogen sind, müßte Sie doch nichts abhalten, ihn zu verheirathen, und seiner Frau eine Anstellung in Ihrem Hause zu geben.

– Das wird Euphrasia nicht wollen.

– Warum?

– Sie ist eifersüchtig.

– Auf Ihren Commis?

– Ja.

– Wäre Tristan nicht von den Wänden und der Decke des Wagens eingeschlossen gewesen, er hätte einen Satz von sechs Fuß Höhe gemacht. Der Holländer erzählte alle diese Sachen mit einer so enormen Kaltblütigkeit, daß man hätte glauben mögen, er erheuchele sie ausdrücklich, um, wie man zu sagen pflegt, Tristan blau anlaufen zu lassen.

– Verzeihung, fuhr der Tenor fort, wenn ich diese Frage an Sie richte: wenn Ihre Frau nun eifersüchtig auf die Frau Ihres Commis sein kann, müssen Sie dann nicht eifersüchtig auf den Commis sein?

– Ich?

– Ja!

– Warum?

– Potz Element! sprach Tristan und dehnte die Frage bis zu den äußersten Grenzen aus, um zu wissen, was er von seinem Nachbar zu halten habe. – Potz Element! Wenn Ihre Frau ihn liebt, so entwendet er Ihnen natürlich einen Theil der Liebe, welche Ihre Gattin Ihnen ganz zu geben schuldig ist.

– Irrthum!

– Wie so?

– Er liebt mich mehr, als meine Frau.

– Glauben Sie?

– Ich bin davon überzeugt. Wenn er mich mehr liebt, als Euphrasia, giebt er mir mehr, als er mir nimmt. Nach der regula de tri ganz richtig gerechnet.

– Zugestanden, sprach Tristan, nachdem er einen Augenblick überlegt; was thut er aber für Sie?

– Wie ich bereits gesagt, alles, was ich nicht thun will, zum Beispiel – —

– Zum Beispiel? fragte Tristan rasch, der nun die vollständige Erklärung erwartete.

– Zum Beispiel, fuhr der Holländer mit leutseliger Miene in einem gutherzigen Tone fort, führt er meine Bücher, und ich muß gestehen, daß er sich nie um einen Pfennig verrechnet; bin ich abwesend, so führt er meine Frau spazieren und auf den Ball, mit einem Worte, er thut. Alles, was man von einem wahren Freunde verlangt.

– Dieser Mann ist ein Geheimniß, dachte Tristan, er ist entweder ein großer Narr, oder ein großer Philosoph. Sie sind sehr glücklich, sprach er laut, um Herrn Van-Dick auf die Antwort wieder zurückzuführen, die er zu erwarten schien, Sie sind in der That sehr glücklich, da Sie einen wahrhaften Freund besitzen.

– Haben Sie nie einen solchen gehabt?

– O ja!

– Nun?

– Ich habe ihm das Leben gerettet, und dafür gab er mir einen Degenstich.

– In die Brust?

– In die Schulter.

– Ein Glück, daß er Sie nicht getödtet hat. Verursacht ein Degenstich große Schmerzen?

– Je nachdem man ihn empfängt.

– Ich meine im Arm oder in der Schulter?

– An diesen Orten ist er mehr lästig, als schmerzhaft.

– Das dachte ich mir.

– Warum diese Frage?

– Weil ich mich einmal schlagen sollte.

– Wegen einer ernsten Sache?

– Nein, nur wegen eines Menschen, der mir gesagt, daß Euphrasia mich hinterginge. Ich stand zufällig und gab ihm eine Ohrfeige; hätte ich gesessen, würde ich ihm nicht geantwortet haben.

– Und was that der andere?

– Er forderte mich.

– Nahmen Sie die Forderung an?

– Ja, aber ich habe mich nicht geschlagen.

– Hat er Sie um Entschuldigung gebeten?

– Nein, wir bestimmten für den folgenden Tag ein Rendez-Vous. Als ich nach Hause kam, fand ich den Commis vor, von dem ich Ihnen vorhin erzählte, daß er meine Bücher führt. Es war gerade am Ende des Monats, er hatte viel Zahlungen zu machen, und beschäftigt mit diesen Zahlungen, vergaß auch ich, daß ich mich den nächsten Morgen schlagen sollte. Den größten Theil der Nacht brachte ich mit dem Ordnen der Rechnungen zu und ging spät zu Bett. Es war sehr kalt und um elf Uhr des Morgens schlief ich noch so sanft, wie man nur sanft schlafen kann. Da ward ich geweckt. Als ich die Augen öffnete, sah ich den Mann vor mir, dem ich Tages zuvor eine Ohrfeige gegeben hatte – er schien vor Kälte ganz erstarrt zu sein.

– Mein Herr, sprach er mit zornbebender Stimme, seit drei Stunden erwarte ich Sie!

– Nun, fragte ich.

– Nun, mein Herr, Sie sind nicht zum Rendez-Vous gekommen?

– Ich weiß es, mein Herr, da ich noch im Bette liege.

– Aber mich friert!

– Das kann mir sehr gleichgültig sein, denn mir ist warm.

– Sind Sie bereit, mir zu folgen?

– Fällt mir nicht ein. Ich habe nicht Lust, wie Sie, mit den Zähnen zu klappern, weiße Backen und eine rothe Nase zu bekommen. Wann waren Sie an dem bestimmten Orte?

– Um acht Uhr, mein Herr.

– Und Sie haben mich erwartet?

– Bis elf Uhr – macht drei Stunden.

– Da hat Sie wohl sehr gefroren?

– Ich bin ganz erstarrt, antwortete mein Gegner, und werde wohl eine Krankheit davon tragen.

– Nun, mein wackerer Freund, sprach ich, ich finde, daß Sie für die mir zugefügte Beleidigung genug gestraft sind, ich verzeihe Ihnen, gehen Sie nach Hause. Legen Sie sich in ein gut gewärmtes Bett, trinken Sie eine Taffe heißen Syrup und es wird Ihnen nichts schaden. Leben Sie wohl, mein Bester, und hüten Sie sich in Zukunft vor Unbesonnenheiten.

»Mit diesen Worten wandte ich mich in meinem Bette um, um wieder einzuschlafen; der Herr aber fuhr fort zu schreien und zu toben. Da zog ich die Glocke und ließ ihn zur Thür hinauswerfen. Ich glaube, mein Commis hat die Sache in Ordnung gebracht, da er es war, den jener Herr mir als den Liebhaber meiner Frau bezeichnete. Ich habe nie wieder etwas von meinem Gegner gehört.«

Tristan sah Herrn Van-Dick bewundernd an.

– Der ist in der That ein glücklicher Mensch, dachte er. Während dieser Zeit hatte der Holländer, als ob er ganz gleichgültige Sachen erzählte, ruhig und sorgfältig seine Zeitung entfaltet und sie von dem Tabak gesäubert, der darauf gefallen war. In dem Augenblicke, als er zu lesen beginnen wollte, senkte er noch einmal das Blatt und richtete eine mit der Brille bewaffneten Augen auf Tristan.

– Nicht wahr, junger Mann – fragte er – Sie haben sich einer Frau wegen geschlagen?

– Ja!

Herr Van-Dick lächelte und schien den Abschnitt in der Zeitung zu suchen, den er lesen wollte. Als er ihn gefunden, lehnte er sich in die Ecke des Wagens und begann aufmerksam zu lesen.

Tristan betrachtete noch eine Zeitlang dieses Original unter der so ganz gewöhnlichen Hülle, dann weidete er sich an der Landschaft, die sich vor seinen Augen ausbreitete. Da er nichts zu lesen hatte und des Denkens müde war, schob er seine Reisemütze unter den Kopf und schloß die Augen, um zu schlafen.




2

Die Vorsehung nimmt die Gestalt eines holländischen Kaufmanns an


Der Wagen, in welchem sich die Herrn Van-Dick und Tristan befanden, fuhr, wie alle Wagen, welche täglich einen bestimmten Weg zurücklegen müssen. Die Pferde, mit horizontal gerichtetem Halse, trabten mit einer ruhigen und einförmigen Langsamkeit, welche zu beobachten Vergnügen gewährt. Der Kutscher, halb im Schlafe auf seinem hohen Sitze, läßt, wie Hippolyt, die Zügel über seine Renner herabhängen, und weckt ihn dann und wann ein Stoß des Wagens, so versetzt er den Rossen einen wohlthätigen Peitschenhieb, den diese mehr für eine freundschaftliche Erinnerung, als für einen Beweis des Zornes halten, denn sie bewegen sich auch nicht um ein Haar rascher, sondern thun, als ob nichts vorgefallen wäre. Der Wagenlenker schließt seine Augen wieder und bleibt unempflindlich gegen die Reize, mit welchen ihn die Natur umgiebt.

Niemand beklagt sich übrigens darüber, denn es ist eine stillschweigend angenommene Sache, daß dieser, von zwei magern Pferden gezogene alte Holzkasten sich mit den Flügeln der Jugend nicht versuchen kann, da er sonst denen, die er befördert, gefährlich werden möchte. In einer solchen Lage bleiben dem Reisenden nur drei Dinge zu thun: er plaudert, wenn er einen Nachbar zum Plaudern hat, er liest, wenn er ein unterhaltendes Buch hat, oder er schläft, wenn er Schlaf hat. Tristan hatte geplaudert, ein Buch hatte er nicht, folglich schlief er.

Herr Van-Dick hatte seine Lektüre beendet und war, wie es schien, nicht sonderlich davon erbaut. Nachdem er das Zeitungsblatt wieder zusammengelegt, eine Prise duftenden Tabaks geschnupft und die Brille sorgfältig in ihr Etui gesteckt, blies er die Tabakskörner von seinem Hemde und räusperte sich, wie ein Mensch, der nicht mehr weiß, was er thun soll.

Tristan, der nur in einem leisen Schlafe lag und auf einen Vorwand zum Erwachen wartete, bewegte sich und schlug die Augen auf.

– Nun, mein Herr, sprach er, haben Sie Ihre Lectüre beendet?

– So eben, und Sie, haben Sie Ihren Schlaf beendet?

– Ja!

– Was zum Teufel, wo können wir sein?

– Ich weiß es nicht.

– Der Conducteur wird doch anhalten, damit wir zu Mittag essen können?

– Hoffentlich, zumal, da es nicht viel Mühe kostet, die Rosse in ihrem Laufe zu hemmen. Ich habe mir schon oft die Frage vorgelegt, was ein Conducteur, der so viel Zeit auf der Reise zubringt, wohl eigentlich denkt.

– Er denkt nicht. Wenn er dächte, wäre er zu entschuldigen.

– Was thut er?

– Er schläft.

– Es würde vortheilhafter und bequemer für ihn sein, wenn er uns schneller führe und sich zu Hause in das Bett legte. Das Phlegma eines solchen Menschen ist zum verzweifeln.

– Mir ist es sehr gleichgültig, antwortete Herr Van-Dick mit großer Ruhe; warum, will ich Ihnen erklären: Ich reise, nicht wahr? Mit einem Platze würde ich schlecht fahren, also nehme ich mir zwei. Ich steige in den Wagen. Befinde ich mich in dem Coupé allein, so habe ich drei Plätze, obgleich ich nur für zwei bezahlt habe; dies ist ein Glück, das ich nicht erwartete und nütze es. Habe ich einen Nachbar, so plaudere ich mit ihm. Finde ich seine Unterhaltung amüsant, so höre ich, und finde ich Vergnügen zu reden, so rede ich. Sehe ich, daß wir nicht zusammen sympathisiren, so vergesse ich, daß er da ist, mache mir es auf meinen beiden Plätzen bequem, ziehe mein Journal aus der Tasche und lese. Langweilt mich mein Journal, so schlafe ich, und habe ich keine Lust mehr zum schlafen, so esse ich, denn ich führe stets einen kleinen Vorrath bei mir. Habe ich keinen Hunger, so betrachte ich die Gegend, und gefällt mir die Gegend nicht, so denke ich. Bei dem Denken komme ich indeß immer zuletzt an, denn es ist sehr ermüdend. Der Conducteur kann mich also nicht ärgern. Fährt er schnell, so freue ich mich über die Schnelligkeit, fährt er langsam, so habe ich das Vergnügen, mich wiegen zu lassen. Indem ich mich so zum Sclaven der Umstände mache, werde ich der Herr derselben.

– Sie sind ein glücklicher Mann!

– Haben Sie Unglück gehabt?

– Sehr viel!

– Auch jetzt noch?

– Immer, so lange ich lebe.

– Der Unterschied zwischen uns beiden ist mir klar. Sie lieben Niemanden, nicht einmal sich selbst. Ich liebe zwar auch Niemanden, aber ich liebe mich selbst. Sie sind Misanthrop und ich bin Egoist, bin daher glücklicher als Sie; aber da Sie noch jung sind, können Sie einst eben so glücklich werden, als ich. Warum ärgern Sie sich über den Conducteur? müssen Sie vielleicht irgend wo eilig eintreffen?

– Nein; ich würde nirgends etwas besseres vorfinden, auch weiß ich nicht einmal, wohin ich reise.

– Haben Sie Familie?

– Nein.

– Heirathen Sie.

– Um Geschöpfe zu erzeugen, die einst leiden werden, wie Hamlet sagt. Das ist unnütz, außerdem habe ich auch kein Vermögen und keine Stellung in der Welt.

– Was gedenken Sie zu beginnen?

– Bei Gott, das weiß ich nicht! Vielleicht wird das Schicksal müde, mich zu verfolgen, wenn ich ihm eine Gleichgültigkeit entgegenstelle, wie Sie sie besitzen.

In diesem Augenblicke hielt der Wagen an. Der Conducteur öffnete die Thür des Wagens und kündigte den Reisenden an, daß sie aussteigen und zu Mittag essen könnten.

Tristan und Van-Dick lenkten ihre Schritte der table d’hôte zu und setzten sich hinter die leeren Teller. Der Conducteur nahm am Ende des Tisches Platz, wo ihm die Schüsseln zur Seite standen. Kaum hatte er so rasch seine Suppe, ein Gemüse und seinen Braten gegessen, als nur ein Mensch im Stande ist, zu essen, als er auch schon ausrief:

– Beeilen Sie sich, meine Herrn, beeilen Sie sich!

– Haben Sie dergleichen schon erlebt? fragte Van-Dick unsern Tristan.

– Nein, noch nie.

– Dieser Mensch ist noch stärker, als ich.

– Beneiden Sie ihn?

– Nein, das wäre zu anstrengend; ich bewundere ihn.

– Wie finden Sie das Essen?

– Schlecht.

– Und doch essen Sie?

– Ich habe meinen Grund.

– Welchen?

– Das Bedürfniß, mich zu gewöhnen. Morgen wird mir das Frühstück weniger schlecht erscheinen, das Mittagsessen vielleicht gut und komme ich nach Hause, finde ich dort meine Lebensmittel excellent.

– Sie sind ein großer Philosoph.

– Ich weiß es. Als der Conducteur seine Mahlzeit völlig beendet, ließ er die Reisenden in den Wagen steigen. Herr Van-Dick nahm seine beiden Plätze wieder ein, zog langsam eine Pfeife hervor, lud sie mit Tabak, schlug Feuer, blies es an, legte es auf die Pfeife und begann zu rauchen.

– Geniert Sie der Tabakrauch? fragte er Tristan, als das Feuer sich dem Tabak mittheilte.

Hierauf legte er sich mit einer unbeschreiblichen Behaglichkeit in die Ecke des Wagens und athmete wollüstig den Rauch, den er aus seiner Pfeife blies. Mit wahrer Bewunderung betrachtete Tristan diesen Mann. Der Tag näherte sich dem Abend, die Sonne begann sich zu röthen, ein durchsichtiger Nebel lagerte sich wie ein Bote der Nacht auf die Felder und die Luft war so ruhig, daß der Rauch, den Herr Van-Dick ausblies, einige Augenblicke unschlüssig stehen blieb und sich dann nach und nach verzog.

Bei dem Anblicke dieses Glückes und dieses Wohlbehagens stiegen in dem Geiste unseres Helden unendlich viel Gedanken auf. Herr Van-Dick dachte nichts, er rauchte, betrachtete die verschiedenen Gestalten, welche der Rauch bildete und freute sich über die Kinder, welche in den Dörfern schreiend dem Wagen nachliefen.

Endlich verschmolz die ganze Landschaft in eine Farbe, der Mond flieg herauf, die Nacht kam und die Pfeife des Holländers ging aus, da ihr der Tabak fehlte. Dann schloß er die Augen und ein etwas starkes Athemholen kündigte seinem Nachbar an, daß er eingeschlafen sei.

Nachdem Tristan noch eine Zeitlang über den Wechsel der menschlichen Schicksale nachgedacht, schlief auch er ein.

Als er bei dem ersten Wehen der frischen Morgenluft erwachte, hatte er das Vergnügen, den vollen Schlaf eines Holländers zu erblicken. Tristan vergnügte sich an dieser Menschennatur, und als ob eine gegenseitige Anziehungskraft in Beiden wirkte, vergnügte sich Herr Van-Dick an ihm. Beide kannten sich erst seit zu kurzer Zeit, um sich diese Sympathie zu gestehen, aber unser Tenor genoß das Vergnügen, die Theorien dieses Kaufmanns anzuhören, welche mit seinen Prinzipien ganz übereinstimmten. »Ich hätte besser gethan, sprach er zu sich selbst, wenn ich meine Frau nicht geliebt und nicht geheirathet hätte; ein Mädchen, was ich nicht geliebt, das mir aber einen Fond von Käsen oder Materialwaaren zugebracht, als Lebensgefährtin zu ehelichen, wäre ersprießlicher für mich gewesen, als auf dem Lande zu seufzen, Medicin zu studieren und Verse und Gemälde zu fabriciren. Eine andere Frau hätte mich ebenso geliebt, als die meinige.«

Nachdem er diese Betrachtung vollendet und vielleicht eine Thräne im Auge zerdrückt hatte, erwachte der Holländer.

– Nun, mein Bester, haben Sie gut geschlafen?

– Sehr wenig.

– Ich glaube, wir sind Crevola bereits passiert?

– Ja.

– Aber was fehlt Ihnen, mein junger Freund, Sie scheinen mir traurig zu sein?

– Ich bin es in der That.

– Was ist Ihnen?

– Die Einsamkeit hat traurige Betrachtungen in mir erweckt!

– Haben Sie vielleicht Jemanden verlassen, den Sie lieben?

– Nein.

– Vielleicht eine Geliebte?

– O durchaus nicht. Ich bin traurig, weil man mich da, wohin ich gehe, nicht mehr lieben wird, als dort, woher ich komme.

– In Ihrem Alter bleibt man nicht lange allein. Gott hat den jungen Leuten die Liebe in das Herz gepflanzt, damit sie sich eine Familie anschaffen können.

– Wenn aber die Liebe entflieht?

– Dann bleibt die Freundschaft! wie die Weisen sagen.

– Und wenn man der Freundschaft keinen Glauben schenkt?

– Dann bleiben die Geschäfte, und dabei können Sie versichert sein, keine Freunde zu haben.

– Ganz recht. Um aber Geschäfte zu machen, muß man Vermögen besitzen, das mir fehlt.

– Verstand ist alles, was dazu nöthig ist. Als ich anfing, besaß ich nichts, und jetzt kommandiere ich zwölftausend Thaler jährlicher Renten und bin Chef einer ausgebreiteten Leinewand- und Tuch-Handlung en gros.

– Sie, mein Herr, scheint eine Fee aus der Taufe gehoben zu haben.

– Wer verhindert. Sie, dieselbe Gevatterin zu haben?

– Der Platz ist besetzt.

– Man wird Ihnen helfen.

– Wer?

– Jeder. Ich!

– Sie?

– Ja.

– Und wie würden Sie mir helfen?

– Indem ich mich Ihrer bediene. Sie geben mir Ihre Intelligenz, und ich gebe Ihnen eine Stellung. Was haben Sie gelernt?

– Alles, und nichts!

– Schreiben Sie eine gute Hand?

– Eine sehr gute.

– Verstehen Sie Mathematik?

– Vollkommen.

– Sprechen Sie fremde Sprachen.

– Ich spreche deren vier.

– Welche?

– Französisch, Deutsch, Englisch und Italienisch.

– Und mit diesen Kenntnissen verzweifeln Sie?

– Ich habe bereits alles versucht, bin aber immer noch auf demselben Flecke.

– Haben Sie die Handlung betrieben?

– Nie.

– Ah, Sie fürchten wohl, sich die Hände an den Stoffen und Registern zu beschmutzen? Sie wollen lieber ein unverstandener Künstler sein, als ein positiver Kaufmann! Glauben Sie mir, junger Mann, es geht nichts über den Handel. Millionen in Bewegung setzen, Schiffe beladen, und gegen Elemente und Zufall spielen, hat einen besonderen Reiz, eine besondere Poesie.

– Sie haben recht.

– Das will ich meinen!

– Und Sie glauben, mein Herr, daß ich Ihnen in etwas nützlich sein könnte?

– Ich glaube es. Mir fehlen Ihre Kenntnisse, und Ihnen fehlt mein Geld. Verschmelzen wir uns, wir werden eine profitable Masse bilden. Tristan rückte Herrn Van-Dick näher.

– Ach, mein Herr, sprach er, Sie verbinden mich unendlich!

Sie nehmen mir einen Platz, sprach lächelnd der Holländer. Tristan zog sich zurück.

– Reden Sie nicht von Verbindlichkeit, wir machen ein Geschäft, und nichts anderes. Ich ärgere mich nicht, Ihnen einen Dienst zu leisten, aber ich freue mich, meinen Vortheil dabei zu finden. Also Sie sprechen Englisch?

– Vollkommen.

– Und Deutsch?

– Ebenso.

– Und Italienisch.

– Wie Manzoni.

– Warum haben Sie mir das nicht gleich gesagt?

– Es ist glücklicherweise noch Zeit.

– Wie viel wollen Sie für das alles haben?

– Was Sie mir geben.

– Wissen Sie, wozu ich Sie anwenden werde?

– Nein.

– Ich habe Ihnen gesagt, daß ich einen Sohn habe.

– Nun?

– Dieses Kind wird von seiner Mutter angebetet, sie will sich nicht von ihm trennen. Darum bleibt es zu Hause und Sie leiten seine Erziehung Verstanden?

– Vollkommen.

– Dafür biete ich Ihnen tausend Thaler.

– Das ist ein Vermögen.

– Sie leben in meinem Hause, wie ich selbst.

– Sie überschütten mich.

– Kommen Sie von Mailand?

– Ja.

– Sind Sie lange dort gewesen?

– Nein; doch warum fragen Sie mich danach?

– Weil ich bei meiner Durchreise in Mailand einen meiner guten Freunde antraf, einen Arzt, der sich erst kürzlich verheirathet hat. Diesen fragte ich, ob er nicht einen jungen Mann wüßte, der zwei oder drei Sprachen verstände, und da Sie mir sagen, daß Sie Medicin studirt haben, wundere ich mich, daß er Sie nicht kennt, denn er hält sich schon einige Zeit in Mailand auf

– Wie nennt er sich?

– Herr Mametin.

– Der Mann ist mir unbekannt.

– Thut auch nichts zur Sache, da ich Sie kenne. Die Sache ist also abgemacht?

– Ich glaube es wohl.

– Sie wissen nun, wohin Sie gehen.

– Ach, mein Herr, Sie retten mir das Leben!

– Wie kann man in Ihrem Alter verzweifeln wollen! Sie werden Ihre Arbeit haben, das Kind ist verzogen.

– Um so besser!

– A propos!

– Reden Sie.

– Sie gefallen mir außerordentlich, und ich bin erfreut, Ihnen einen Dienst zu leisten, aber —

– Aber?

– Ich bin nicht allein in meinem Hause.

– Haben Sie einen Associé?

– Nein, aber ich habe eine Frau.

– Ich werde alles aufbieten, um Madame Van-Dick zu gefallen.

– Vor allen Dingen richten Sie sich so ein, daß die Ruhe nicht gestört wird.

– Soll geschehen.

– Und wenn meine Frau Sie nicht liebt, so müßten wir uns doch trennen, obgleich es mir viel Vergnügen macht, Sie zu sehen.

– Ich werde alles thun, was sie will.

– Dies ist das Mittel, sich bei ihr beliebt zu machen.

– Halt! dachte Tristan, ich merke, daß Madame Van-Dick für ihren Gatten thut, was dieser für die Umstände: sie unterwirft sich ihm, um ihn zu beherrschen.

Nach dieser kurzen Betrachtung reichte er Herrn Van-Dick beide Hände, welche dieser herzlich drückte.




3


Man denke sich die Freude unseres Freundes! Der Glückswechsel trat nach einem jeden Unglücke mit einer solchen Pünktlichkeit ein, daß er keinen Grund hatte, sich der Verzweiflung preiszugeben, ohne eine Gotteslästerung zu begehen. Die wenigen Worte des Holländers, durch welche seine Lage geändert worden, hatten auch die Natur vor seinen Augen verändert. Tristan fand die Bäume schöner und den Tag strahlender, der Gesang der Vögel, die in dem klaren Aether schwebten, schien ihm melodischer und die Thautropfen, die auf den Grashalmen und Gesträuchen am Wege blitzten, däuchten ihm Diamanten des reinsten Wassers zu sein.

– Ah, Lea, dachte er, Sie glauben, daß ich zu Ihnen zurückkehre! Und Du, meine liebe Frau, Du verheirathest Dich wieder und glaubst vielleicht, ich sterbe vor Gram, wenn ich Deine neue Verbindung erfahre! – O durchaus nicht, es giebt außer Euch noch andere Frauen auf der Erde. Es lebe Gott und die Menschen! Die Welt ist doch schön!

Unser Held empfand eine Freude, sonder Gleichen. Nach einem so abenteuerlichen und bewegten Leben, als er in jüngster Zeit verbracht, mußte ihm die Ruhe, welche ihm in Aussicht stand, wohl enthusiasmieren. Wenn er bedachte, daß er ohne Sorgen, ohne Furcht und ohne Bedauern selbst (denn über seine Frau glaubte er sich getröstet, die seiner Meinung nach des Grämens nicht werth sei, obgleich ihm der Gedanke an die stets das Herz durchschnitt) einem glücklichen Leben entgegenging, daß er künftig in einem bequemen Zimmer, von großen Registern umgeben, ruhig wohnen könne und einer Familie angehöre, welche unter dem Scepter eines ihrer Glieder stets einig sein mußte, so fiel ihm auch nicht im Entferntesten ein, daß das Schicksal die Verwirklichung dieses schönen Traumes hintertreiben könne. Tristan machte schon seine Pläne für die Zukunft: Holland, das er bis zu diesem Augenblicke stets verachtet hatte, schien ihm nun ein reizendes Land zu sein. Alles, was man zum Nachtheile desselben geschrieben und gesprochen, hielt er in diesem Augenblicke für Verläumdung.

Der Holländer, als ob er die einfachste Sache von der Welt abgemacht hätte, stopfte sich ruhig seine Pfeife und zündete sie an, um gänzlich den Schlaf zu vertreiben, der ihm die Augenlider noch schwer machte. Der junge Mann war dergestalt von Neigung und Dankbarkeit zu dem Leinwandhändler durchdrungen, daß er wünschte, es möge irgend Jemand den Herrn Van-Dick in seinem Tabaksvergnügen stören, um ihm bei dieser Gelegenheit seine Dankbarkeit an den Tag legen und diesen Jemand morden zu können.

– Mein bester Herr Van-Dick, sprach er, erlauben Sie mir, daß ich Sie so nennen darf, denn ich fühle mich so zu Ihnen hingezogen, als ob ich Sie schon seit zehn Jahren kenne, seien Sie meines Eifers und meiner vollen Dankbarkeit gewiß.

– Ich glaube Ihnen, mein bester Herr.

– Sehen Sie, ich bin nicht, wie andere Männer; ich schließe selten Freundschaftsbündnisse, aber wenn ich sie schließe, sind sie aufrichtig und fest.

– Um so besser, junger Mann, um so besser! antwortete Herr Van-Dick und blies eine dicke Rauchwolke in die Luft.

– Mit welcher Lust will ich mich der Erziehung Ihres Sohnes unterziehen! Ich liebe ihn jetzt schon, als ob er mein eigenes Kind wäre.

– Um so besser, um so besser!

– Was gedenken Sie aus dem lieben Kleinen zu machen?

– Der Handel, den ich Ihnen so rühmte, ist nur dann angenehm, wenn man ihn betreiben muß, um sich Vermögen zu erwerben. Wenn man aber bereits ein Vermögen besitzt, so verlieren eine Reize unendlich. Da mein Sohn nun bei seiner Großjährigkeit ein Vermögen vorfindet, so möchte ich nicht, daß er wird, was ich bin. Ich will, daß er eine Erziehung genießt, vermöge welcher er im Stande ist, in einem Salon Figur zu machen, ich will, daß er zu einem Zeitvertreib Künstler sein kann, daß er mit einem Worte, wenn auch nicht ein außerordentlicher, doch ein bemerkenswerther Mann werde.

– Das ist wohl gedacht.

– Singen Sie auch?

– Sie werden darüber urtheilen.

– Ich will, daß er zeichne.

– Er wird zeichnen.

– Sie sind ein Universalgenie!

– Wie schon gesagt, besitze ich alle Kenntnisse, die mein Glück gemacht haben würden, wenn ich Vermögen gehabt hätte; das ihres Sohnes werden sie machen, da er einst reich sein wird.

– Erlauben Sie mir, mein Herr, Ihrem Gehalte noch etwas hinzuzufügen.

– Nichts, Herr Van-Dick!

– So schicke ich meinen Sohn in eine Pension.

– Ah, Herr Van-Dick!

– Ich kann Sie nicht aller Ihrer Zeit berauben.

– Sie machen mich aber glücklich, wenn —

– Kurz und bündig – was kann ich thun, um Ihnen einen Gegendienst zu leisten?

– Bewahren Sie mir Ihre Freundschaft, das ist mir der höchste Preis.

– Die haben Sie bereits.

– Dann wünsche ich nichts mehr.

– Nach Belieben, sprach der Holländer und reichte Tristan eine Hand, während die andere aus dem Wagen fuhr und durch Klopfen die Asche aus der Pfeife räumte – nach Belieben, mein Haus ist das Ihrige.

Tristan weinte fast Thränen der Dankbarkeit.

Von diesem Augenblicke an hätte man glauben mögen, daß der Tenor und der Kaufmann sich bereits seit zwanzig Jahren gekannt hätten. Tristan machte jeden Tag merkliche Fortschritte in der Achtung und Freundschaft des Herrn Van-Dick, Während der langen Reise fertigte er Zeichnungen, die der Holländer mit größerem Vergnügen betrachtete, als die kostbaren Bilder, welche seine Zimmer schmückten.

– Reizend, reizend rief Herr Van-Dick, indem er Tristan’s Bleifeder neugierig mit den Augen folgte. Wenn dieser eine Zeichnung begann, so konnte er sich bei den ersten Strichen nicht erklären, wie hieraus ein Bild entstehen könne; trat nun die Landschaft oder die Figur aus dem Chaos der Striche und Schattierungen heraus, dann rief er: Meisterhaft! Bewunderungswürdig!

So passierten sie den Simplon und das Waliserland. Von Villeneuve brachte sie das Dampfboot nach Lausanne, von dort gingen sie nach Neuchatel und Basel und in Straßburg bestiegen sie ein Rheinschiff, das sie nach Rotterdam bringen sollte.

– Holland ist ein schönes Land, sprach Herr Van-Dick; dort werden Sie viel Zeichnungen zu machen haben.

– Soll geschehen.

– Es giebt dort Straßen und Häuser, wie Sie deren nirgend so schön erblicken werden.

– So sind sie gut für das Album der Madame Van-Dick.

– Meine Frau wird Sie anbeten.

– Glauben Sie?

– Ich bin davon überzeugt.

– Dann fürchte ich nichts mehr.

– Nichts auf der Welt.

– Ich muß Ihnen offen bekennen, daß ich nach dem, was Sie mir gesagt haben, zittere, ihr zu mißfallen.

– Ich bürge Ihnen für ihre Freundschaft, denn sie vergöttert die Künstler.

– Singt sie?

– Ich glaube, ja!

– So werde ich Abends mit Madame Van-Dick musiciren.

– Nach Belieben. O mein Haus wird ein wahres Paradies werden!

– Ein Paradies, dessen Gott. Sie sind!

– Mein bester Freund!

– Mein bester Herr Van-Dick!

– Beide gingen Arm in Arm auf der Brücke spazieren. Tristan war der Vertraute, der Unentbehrliche des Herrn Van-Dick geworden, der ihm sein ganzes Leben, von seiner Kindheit bis zu einer Verheirathung erzählt hatte. Ueber diese letzte Epoche war er aber rasch hinweggegangen, er hatte sie nur einfach mit den Worten bezeichnet: »Ich verheirathete mich und seit dieser Zeit bin ich glücklich.«

Die Reise näherte sich indes ihrem Ende.

Eines Morgens um acht Uhr kamen die beiden Freunde zu Thiel an, wo sie frühstückten.

– Diesen Abend sind wir in Amsterdam, sprach Herr Van-Dick, wenn wir uns mit dem Frühstücke beeilen, was ich jedoch für einen Fehler erachte; nehmen wir uns aber Zeit, kommen wir morgen früh dort an. Was meinen Sie?

– Nur Sie haben zu entscheiden, mein bester Herr Van-Dick, denn Sie haben eine Frau, die Sie erwartet.

– Um so mehr Grund, noch ein wenig länger den Junggesellen zu spielen.

– Wie Sie befehlen! Die beiden Männer vollendeten ruhig ihr Frühstück, dann bestellten sie sich drei Plätze in der Diligence und reisten gegen Mittag nach Utrecht ab, wo sie um sieben Uhr ankamen. So gewissenhaft wie sie gefrühstückt, nahmen sie hier das Diner ein.

– Wie werden wir nach Amsterdam kommen? fragte Tristan.

– Per Barke.

– Was nennen Sie eine Barke?

– Eine Art Schiff, das von einem Pferde gezogen wird und ungefähr hundert Personen faßt.

– Und morgen sind wir in Amsterdam?

– Um fünf Uhr Morgens.

Sie reisten ab und waren am andern Tage um besagte Stunde im Hafen von Utrecht.

– Da liegt Amsterdam! sprach Herr Van-Dick mit einer triumphierenden Miene.

– Ich muß gestehen, daß es mir nicht unangenehm ist, diese Stadt näher kennen zu lernen, was ich schon seit langer Zeit gewünscht habe.

– In zwei Stunden werden Sie sie sehen, sprach der Holländer, indem er an das Land stieg.

– Warum nicht sogleich?

– Weil die Thore erst gegen sieben Uhr geöffnet werden.

– Nicht übel! Was beginnen wir bis dahin?

– Ah, es giebt Häuser, die für uns offen sind.

– Wirthshäuser?

– Ja.

– Was machen jene zerlumpten Leute dort?

– Sie warten.

– Auf was?

– Daß die Barke ankomme, um die Koffer der Reisenden zu tragen.

– Die Menschen sehen entsetzlich aus.

– Es sind Juden.

– Man möchte sie für Banditen halten.

– Sie sind es auch.

– Sie bellen wie die Hunde; was verlangen sie?

– Ihre Pakete.

– Wie in Livorno.

– Es ist besser; hier verlangen sie, in Livorno nehmen sie.

– Ganz richtig. Kann man ihnen die Sachen anvertrauen?

– Noch nicht, sie würden dann zwei Stunden Zeit haben, um Sie zu bestehlen; wenn man öffnet, übergiebt man sie ihnen, bis dahin behalten Sie sie bei sich.

– Und wo ist die Höhle, in der sie das Gestohlene verbergen?

– In der Stadt. Ich werde sie Ihnen zeigen, man nennt sie den Judenwinkel.

Unter diesem Gespräche begleitete Herr Van-Dick seine Koffer und überwachte sie mit einem Blick, der durchaus der Ehrlichkeit dessen nicht schmeichelte, der sie auf einem Karren fuhr.

Gegen sieben Uhr wurden die Thore geöffnet und die Menge stürzte heulend in die Straßen der Stadt.

Die Luft war grau und an dem ganzen Himmel von Amsterdam war auch nicht so viel Blaues zu finden, als man nöthig hat, um eine Weste daraus zu fertigen.

– Es ist heute schön, sprach Herr Van-Dick, indem er mit Wollust die Luft des Vaterlandes ein sog.

– Was meinen Sie? fragte Tristan, der glaubte, er habe sich geirrt.

– Ich sage, daß es heute schön ist, antwortete ernsthaft der Kaufmann.

– Teufel, dachte unser Tenor, wie müssen die Tage aussehen, die Herr Van-Dick schlecht findet!

– Jetzt, fuhr der Holländer fort, folgen Sie mir.

Nach diesen Worten bog er in die Utrechter Straße und verfolgte sie bis zur ersten Brücke. Hier wandte er sich rechts. Ohne den Juden, welcher die Sachen fuhr, aus den Augen zu verlieren, klopfte er seinem Begleiter auf die Achsel und sprach:

– Was meinen Sie zu dem Hause, das dort vor uns steht?

– Jenes schöne Haus mit der großen Steintreppe?

– Ja.

– Ein prachtvolles Haus.

– Es ist das unsrige.

– Ich mache Ihnen mein Compliment

– Auch die andere Seite gehört mir, dort liegen die Magazine.

– Ich werde Sie nicht anders mehr als Krösus nennen.

In diesem Augenblicke stieg Herr Van-Dick die Treppe hinauf, die zu der Thür führte und durch einen Balcon, ungefähr vier Fuß von der Erde, mit einer andern Treppe von derselben Form und zu demselben Gebrauche verbunden ward.

Herr Van-Dick klopfte mit starken Schlägen an die Thür.

Eine Frau öffnete.

– Ach, der Herr! rief sie; Madame wird überrascht sein – ich werde es ihr melden.

– Schläft sie noch?

– Ja, Herr.

– So wecke man sie nicht, aber man sorge dafür, daß Punkt elf Uhr das Frühstück bereit sei und gebe diesem Herrn ein Zimmer im zweiten Stockwerk. Wenn Sie schlafen wollen, mein Bester, fuhr Herr Van-Dick fort, geniren Sie sich nicht.

– Was werden Sie thun, mein freundlicher Wirth?

– Ich werde einen Spaziergang durch den Garten machen, mein Journal lesen, meine Pfeife rauchen und das schöne Wetter genießen.

– Erlauben Sie, daß ich Sie begleite?

– Wird mir sehr angenehm sein.

– Nun, dachte Tristan, indem er der rothbackigen, kräftigen Magd folgte, bis auf den weißen Himmel und die schwarzen Straßen scheint Holland ein schönes Land zu sein.




4


Herr Van-Dick zeigte nun unserm Tristan sein ganzes Haus, das, beiläufig gesagt, sehr schön eingerichtet war. Er führte ihn auch in die Magazine, zu denen man über drei Stufen gelangte. Auf der einen Seite grenzten sie an den Prinzen-Kanal, auf der andern an den Garten. Längs dem Garten lief eine Art Corridor hin, der zu dem Bureau führte, das mit Blumen und Vögeln umgeben war.

Waren die Magazine geöffnet, so hielt sich hier der erste Commis auf, von dem der Holländer erzählt hatte.

Der Garten war nicht sehr groß, aber es fanden einige große Bäume darin, deren Laubdach die Strahlen der Sonne jedenfalls verhüllen würden, wenn in Holland die Sonne schiene.

Eine andere Thür, gleichlaufend mit der der Magazine, die sich ebenfalls nach dem Garten zu öffnete, führte in das Haus, das Madame Van-Dick, ihr Sohn und Herr Van-Dick bewohnte und nun auch Tristan bewohnen sollte. Sowohl von der Seite des Kanals als von der des Gartens führte eine Treppe in das erste Stockwerk, das der Herr und die Herrin des Hauses bewohnten. Ein jeder von Beiden hatte ein Zimmer für sich, so daß sie sich nach Belieben trennen oder vereinigen konnten. Neben dem Zimmer der Madame Van-Dick befand sich das des jungen Herrn Van-Dick. Das zweite Stockwerk war für Tristan bestimmt und das dritte bewohnten die Domestiken. Auf demselben Gange, der zu unsers Tenors Zimmer führte, befanden sich zwei andere für besuchende Freunde.

Herr Van-Dick führte Tristan in ein Appartement, zeigte ihm die Einrichtung desselben, öffnete die Fenster und machte ihn auf die Aussicht aufmerksam, die auf der einen Seite nach dem Garten hinausging und auf der andern nach dem Prinzen-Kanal, d. h. nach einer Straße, die an einem ziemlich breiten Kanale hinläuft.

– Hier bietet sich Ihnen stets Zerstreuung, sprach der Kaufmann; Menschen, Barken und Kaufmannsgüter wogen hier in buntem Gedränge.

– Wohin gehen die Kaufmannsgüter?

– Nach allen Weltgegenden. Ein anderes Haus von derselben Wichtigkeit besitze ich auch in Harlem.

– Ein Handlungshaus?

– Allerdings. Da es drei Stunden von hier entfernt ist, dient es mir Sonntags zum Ziele einer Promenade und zum Landhause.

Herr Van-Dick schloß das Fenster. In dem Augenblicke, als er die Treppe wieder hinabsteigen wollte, ließ sich eine Stimme vernehmen, die ihn rief.

– Ah, da kommt mein Sohn! Das Kind warf sich in die Arme des Vaters und grüßte Tristan mit der Verwunderung, mit welcher Kinder unbekannte Personen grüßen, die sie zu grüßen in dem Hause ihres Vaters gezwungen sind.

– Siehst du diesen Herrn? sprach darauf der Holländer zu ihm.

– Ja, Papa.

– Von heute an bleibt er bei uns und von morgen an wirst Du Alles thun, was er Dir sagen wird. Das Kind sah den Vater an, als ob es fragen wollte: warum?

– Weil, antwortete der Papa, dieser Herr mit Deiner Erziehung beauftragt ist.

Die Verwunderung des Knaben verwandelte sich in Schrecken. Tristan bemerkte es und sprach zu ihm:

– Fürchten Sie nichts, mein kleiner Freund, ich bin kein gewöhnlicher Schulmeister, Sie werden mir bald gut sein.

Bei diesen Worten strich er dem Kinde freundschaftlich die blonden Locken. Als es sich von dem ersten Schrecken erholt hatte, sprach es lebhaft zu Herrn Van-Dick:

– Mama ist aufgestanden, ich werde zu ihr gehen und ihr sagen, daß Du angekommen bist!

– Geh, mein Kind!

Der Knabe lief die Treppe zum ersten Stockwerke hinab, wo man ihn mit kindlicher Unbefangenheit die Thür öffnen hörte.

Eine halbe Stunde später lehnten die beiden Männer in der Brüstung eines Fensters, das vom Erdgeschosse nach dem Garten hinausging, plauderten mit einander und betrachteten die Blumen und Bäume. Madame Van-Dick war herabgestiegen und nachdem sie ihren Mann gesucht hatte, trat sie endlich in den Speisesaal, wo sie ihn erblickte.

Die beiden Männer am Fenster hörten sie nicht kommen, so daß sie sich ihrem Manne näherte und ihn auf die Achsel schlug.

– Fast eine Stunde schon suche ich Sie, sprach sie in einem halb spröden, halb süßen Tone, und wäre Tristan nicht zugegen gewesen, den Madame nachlässig grüßte, hätte man das Süße desselben nicht bemerkt.

– Wir sind da, beste Freundin, wir sind da. Ich sprach so eben mit diesem Herrn über unsern Eduard. Herr Tristan, fuhr er fort, indem er auf unsern Freund deutete, ein junger Mann von großem Verdienst, der sich der Erziehung unsers Sohnes unterziehen will.

Madame Van-Dick grüßte noch einmal den neuen Gast, der sich bei der Schmeichelei des Gatten mit großer Bescheidenheit verbeugte und respectvoll den Gruß der Gattin erwiderte.

– Seit vier Tagen erwarten wir Sie schon, fuhr die Dame zu dem Holländer gewendet fort, wir hatten schon Angst um Sie.

– Ach mein Gott, Madame! sprach Tristan, daran trage ich allein die Schuld, denn ich glaube, daß ich Herrn Van-Dick’s Ankunft verzögert habe. Ich allein bin anzuklagen und, einmal angeklagt, reklamiere ich Ihre Huld und Nachsicht, damit ich nicht mit einer traurigen Empfehlung in dieses Haus trete.

– Sie sind begnadigt, mein Herr, sprach Madame Van-Dick mit einem Lächeln, welches Tristan dafür zu danken schien, daß er die Autorität der Frau errathen.

– Um so mehr, meine Liebe, als der Herr sich mit Dir beschäftigte, fuhr der Kaufmann fort.

– Mit mir?

– Ganz gewiß, denn er bringt Dir ein Album voll Zeichnungen mit, die er auf unserer Reise angefertigt hat.

– Mein Herr, ich bin Ihnen unendlich verbunden! Sie werden mir nach dem Frühstück alle die schönen Sachen zeigen, denn für ermüdete Reisende, wie Sie sind, darf das Frühstück nicht zu spät kommen und ich glaube, es ist bereits serviert.

Madame Van-Dick forderte ihren Gemahl und Tristan auf, Platz zu nehmen, die, nach dem Garten hinausblickend, das Auftragen der Speisen nicht bemerkt hatten.

Euphrasia – wir wollen sie so nennen, da wir ihren Namen wissen – Euphrasia zog die Glocke.

Die dicke Magd erschien.

– Man sage Herrn Wilhelm, sprach die Dame, daß wir bei Tische sitzen!

– A propos, wie geht es dem guten Wilhelm?

– Vollkommen wohl.

Herr Wilhelm erschien.

Tristan erhob sich halb von seinem Platze.

– Mein bester Tristan, sprach Herr Van-Dick, ich stelle Ihnen hier Herrn Wilhelm vor, mein zweites Ich im Hause, Herrn Wilhelm, von dem ich Ihnen bereits erzählt habe.

Tristan grüßte Herrn Wilhelm und setzte sich wieder.

Dann stellte Herr Van-Dick Tristan Herrn Wilhelm vor.

Die beiden Männer grüßten sich abermals.

– Und jetzt, da alle sich kennen, frühstücken wir. Euphrasia, die während dieser Zeit ein gebratenes Huhn zerlegt, ließ nun die Assiette, worin sich die Stücke befanden, circulieren. Während alle aßen, prüfte unser Tenor Euphrasia.

Diese war eine Frau, der, man wußte nicht was fehlte, um sie schön nennen zu können. Ihr Gesicht war ein wenig roth und ein wenig gewöhnlich, aber von einer gewissen bürgerlichen Regelmäßigkeit. Der Blick, für Augenblicke sanft, veränderte sich plötzlich bei der geringsten Aufregung und ward gebieterisch; man sah, daß das Sanfte erkünstelt war. Die Stirn Euphrasia’s war zwar hoch, aber schmal und glänzend, und aus dem ganzen Gesichte derselben leuchtete eine eben nicht anständige Freiheit, Unter ihrer gesunden Haut glaubte man den Lauf und das Leben des Blutes wahrnehmen zu können; ihre Arme waren voll, sogenannte schöne Arme, aber nicht zu verwechseln mit wohlgeformten. Die Hände waren dick und geschickt. Hals und Busen trug Madame Van-Dick fast immer über die Gebühr entblößt, ihre Kleidung war geschmacklos und doch schien sie überzeugt zu sein, daß nichts schöner sei, als sie. Eine angeborene, fast brutale Ueppigkeit, ohne Geist und Anstrich, sprach aus ihrer ganzen Person. Sie mochte ungefähr fünfunddreißig Jahre zählen und mußte für einen gewöhnlichen Mann, der sich täuscht und die Hitze des Blutes für Wärme des Herzens nimmt, immer noch eine wünschenswerthe Frau sein. Euphrasia schien sich selbst am meisten zu gefallen, denn sie sah beständig in den Spiegel, der ihr gegenüber an der Wand hing.

Madame Van-Dick gab sich gern ein wichtiges Ansehen und machte alle Welt glauben, sie sei die Seele des Hauses. Wer sie nicht schön fand, wurde von ihr gehaßt und ihr Haß mußte um so gefährlicher werden, als sie darin ohne Verstand handelte. Bei dem kleinsten Complimente, das man ihr machte, bildete sie sich ein, man mache ihr den Hof, und sagte man ihr über ihre Schönheit, ihre Grazie und ihren Geist die größten Schmeicheleien, Schmeicheleien, die fast an Unverschämtheit grenzten, so erreichte man immer noch nicht die Meinung, die sie von sich selbst hegte. Fügt man diesen Eigenschaften noch eine schauerliche Unwissenheit hinzu, so hat man ein ziemlich treues Bild von Madame Van-Dick.

Wie man sieht, war Euphrasia Van-Dick eine Person, an die ein Mann von etwas mehr als gewöhnlicher Bildung nicht denken konnte.

Schon nach Verlauf von zwei Stunden hatte Tristan von allem, was wir hier angedeutet haben, den Beweis und ein leise ausgestoßenes »Hm!« zeigte an, daß seine Wahrnehmungen nicht zu Euphrasia’s Vortheil bei ihm ausgefallen waren.

An der Seite dieser Dame saß Herr Wilhelm. Dieser junge Mann war eben so kräftig als seine Nachbarin, aber eine enge Halsbinde und ein enger Rock mit engen Aermeln hatten ihn dergestalt eingeschnürt, daß man einen steifern Menschen, wie er repräsentierte, nicht leicht sehen konnte. Herr Wilhelm hatte hellblondes Haar, kaum sichtbare Augenbrauen, hellblaue Augen, rothe Backen und rothe Hände. Eine bemerkenswerthe Dosis Geist schien er nicht zu besitzen, er war aber dabei, wie es in der Regel nicht der Fall zu sein pflegt, nicht anmaßend, und sprach kein Wort. Oft hatte er schon den Mund zum Reden geöffnet und Tristan schien, aus Artigkeit, mit großer Aufmerksamkeit auf das zu warten, was der Commis sagen wollte; aber stets ward Herr Wilhelm durch diese Aufmerksamkeit so verwirrt, daß er, um sich zu beschäftigen, ungeheuere Bissen in den halbgeöffneten Mund schob womöglich noch röther im Gesicht wurde und aussah, als ob er weinen wollte. Um ihn zu beruhigen, warf ihm Euphrasia durch den Spiegel einen Blick zu, der sagen sollte: »Sie sind schön und benehmen sich vortrefflich;« aber vergebens, Wilhelm blieb traurig und consterniert wie ein mageres Frauenzimmer, das mit entblößtem Halse dasitzt und um sich herum runde, volle Achseln gewahrt. Uebrigens schien Wilhelm eine gute Natur zu sein und ein zärtliches Herz voll Illusionen zu haben. Man merkte, daß diese Melancholie, die über eine ganze Person ausgegossen lag, von der großen Masse Blut herrührte, die er in den Wangen und in den Händen hatte, denn das Bestreben, diese gemeinen Körperreize durch einen eleganten Umschlag zu verdecken, war nicht zu verkennen. Um die Röthe seines Gesichtes matter zu machen, trug er eine weiße Halsbinde, die aber so fest angelegt war, daß ihm das Blut in die Wangen stieg, und um weniger plump und sanguinisch zu erscheinen, trug er schwarze Kleider, die aber so eng waren, daß er fast die Hände und Beine nicht bewegen konnte.

Wilhelm hatte zwar eine traurigen Augenblicke, er genoß aber auch seine Stunden des Trostes. Madame Van-Dick liebte ihn und liebte ihn schon seit zwei Jahren. Sie waren eins für das andere geschaffen. Sie, als eine wohlgenährte Dame, war voll Bewunderung für diese kräftige, derbe Natur, und Wilhelm, als ein rother Koloß, liebte diese wohlgemästete Taube, die sich seiner Liebe anvertraute.

Der Tag, an dem Tristan in dem Hause erschien, war übrigens einer der traurigsten in dem Leben Wilhelm’s, denn in dem Neuangekommenen erblickte er das Muster des Mannes, den er vorstellen wollte, aber nicht erreichen konnte. So oft Tristan mit der feinen weißen Hand seinen schwarzen Schnurrbart strich oder in seinem vollen schönen Haar wühlte, welches das bleiche, regelmäßige Gesicht umfloß, so oft fühlte sich der arme Wilhelm von Schmerz und Bewunderung durchdrungen. Die schön gefertigte Kleidung Tristans, die er förmlich studierte, erpreßte dem armen jungen Manne tiefe Seufzer. Da er von Herzen gut war, so zählte er darauf, sich in dem neuen Hausgenossen einen Freund zu erwerben und von ihm die Geheimnisse dieser gefälligen Toilette und dieses einschmeichelnden Benehmens zu erlernen. Deshalb auch konnte Tristan sicher sein, so oft er ein Wort sprach, Wilhelms Gesicht lächelnd und bewundernd zu finden.

Die dritte Person war das Kind, das sich durch etwas Besonderes nicht auszeichnete

Nach dem Frühstücke wurden die Zeichnungen in Augenschein genommen. Als Herr Van-Dick zwei oder drei derselben mit angesehen, – er kannte sie nämlich schon alle – begab er sich in sein Bureau, um nachzusehen, was sich in seiner Abwesenheit ereignet hatte.

Madame Van – Dick saß neben Wilhelm, der kleine Eduard legte seinen Kopf vor seine Mutter und Tristan zeigte diesen drei Personen eine Zeichnung nach der andern, ein Frohndienst, der ihm wenig Vergnügen gewährte, aber dazu dienen sollte, ihn in ein gutes Einverständniß mit allen zu setzen.

Euphrasia war entzückt, Wilhelm wie Euphrasia und Eduard wie Wilhelm.

Nachdem alle Bilder angesehen, ward das Album geschlossen. Wilhelm ging in sein Bureau, Euphrasia schickte sich an, nach ihrem Zimmer zu gehen und Eduard lief hinaus, um zu spielen.

Herr Van-Dick erschien wieder und schlug Tristan vor, die Merkwürdigkeiten der Stadt mit ihm in Augenschein zu nehmen. Die Annahme dieses Vorschlages schien unsern Tenor am meisten in die Gunst Euphrasia’s zu setzen, da er sie von ihrem Manne befreite, denn sie empfahl sich mit einer graziösen Verbeugung und einem äußerst freundlichen Lächeln.

Als Tristan an die Thür kam, traf er Herrn Van-Dick, der mit der Magd in einem Gespräche begriffen war. Wie wir bereits gesagt, war diese ein wohlgenährtes, starkes Mädchen, fast Wilhelms Figur, mit schönen schwarzen Augen, schwarzen Haaren und nervigen Armen, mit einem Worte eine Person, welche man als Statue der Freiheit hätte verwenden können.

Herr Van-Dick verließ die Köchin, als er Tristan bemerkte.

– Ich erwartete Sie! sprach er.

– Hier bin ich. Verzeihung, daß ich Sie warten ließ.

Die beiden Männer verließen das Haus.

Gegen fünf Uhr kamen die Spaziergänger zurück.

Das Mittagessen ging vorüber wie das Frühstück, nur wollte es unserm Tristan scheinen, als ob Wilhelm etwas röther und Euphrasia etwas ruhiger sei.

Nach Tische ward ein Spaziergang durch den Garten gemacht, dann nahm Herr Van-Dick Tristan mit sich.

Euphrasia blieb mit Wilhelm allein.

Tristan plauderte lange, denn er wollte die Unterhaltung der beiden Liebenden nicht stören. Nach einer halben Stunde kehrte er in den Saal zurück. Das Kind ward zu Bette geschickt.

Tristan schützte die Anstrengung der Reise vor und bat um die Erlaubniß, sich zurückziehen zu dürfen, eine Erlaubniß, die man ihm gern bewilligte. Euphrasia fuhr fort, gegen ihren Gast liebenswürdig zu sein und fragte nach, ob ein Zimmer, wie sie befohlen, in Ordnung gebracht sei.

Der Tenor stieg die Treppen hinauf und begab sich in sein Zimmer. Nach den gemachten Erfahrungen fand er das Haus schön und angenehm, er versprach sich ein zufriedenes, gemüthliches Leben mit seinen Bewohnern.

– Madame Van-Dick, dachte er, hält sich für sentimental, schön und geistreich; ich werde ihr sagen, daß ich den Werther verehre, werde über den Schwank lachen und ihr den Beinamen Ninon geben. Herr Wilhelm will stets gut gekleidet erscheinen, ich werde ihm seine Kleider auswählen, ihm Sonntags die Halsbinde anlegen und er wird mich vergöttern. Der kleine Eduard ist wild, ich werde ihm das Ballspiel zeigen und ihn »Guter Mond, du gehst so stille« auf dem Piano spielen lehren. Herrn Van-Dick, der mir der beste Mensch von der Welt zu sein scheint, werde ich in einen ausländischen Correspondenzen helfen und werde, wenn es sein muß, für ihn in das Feuer gehen.

Unter diesen Gedanken legte sich Tristan zu Bette, als es acht Uhr schlug.

Er mochte ungefähr vier Stunden geschlafen haben, als er wieder erwachte. Da bemerkte er, daß er vergessen hatte, das Fenster zu schließen, das in den Garten hinausging, denn der frische Nachtwind zog herein. Er stand auf und näherte sich diesem Fenster. Da war es, als ob er in dem Fenster des ersten Stockwerks, das sich unter dem einigen befand, sprechen hörte. Leise steckte er den Kopf hinaus, und da es sehr finster war und er nicht gesehen werden konnte, lauschte er.

In demselben Augenblicke bemerkte er einen Schatten, der eine Leiter an die Mauer des Hauses legte. Gleich darauf sah er eine Hand aus dem Fenster kommen, welche diese Leiter befestigte.

– Kann ich hinaufsteigen? fragte eine Stimme, in der er die Wilhelms erkannte.

– Ja! antwortete eine andere Stimme, in der er die Euphrasia’s erkannte.

– Und Herr Van-Dick?

– Schläft.

– Gewiß?

– Ganz gewiß!

– Da bin ich, mein Engel!

Und der dicke Wilhelm setzte den Fuß auf die erste Sprosse der Leiter, welche unter dem Gewichte laut aufseufzte. Dann gelangte er an das Fenster, stieg hinein, und Tristan hörte nichts mehr.

– Nicht übel! dachte Tristan. Die Balcon-Scene aus Shakespeare’s Romeo und Julia.

Nachdem er das Fenster geschlossen, wollte er sich wieder zu Bette legen, da glaubte er aber auf dem Corridor ein Geräusch zu vernehmen. Er öffnete die Thür seines Zimmers, ging leise bis zur Eingangsthür und legte sein Ohr an das Schlüsselloch.

– Lotte, sprach eine Stimme, in der Tristan die des Herrn Van-Dick erkannte, wo zum Teufel steckst Du denn?

– Hier bin ich!

– Warum entläufst Du mir denn immer?

– Ich fürchte, daß Madame mich hört.

– Meine Frau schläft.

– Gewiß?

– Ganz gewiß!

Die Stimmen entfernten sich und Tristan glaubte wahrzunehmen, daß sie die Treppe hinaufgingen, die zu dem Stockwerke über seinem Zimmer führte.

– Lotte, sprach er leise zu sich selbst, ist das große, dicke Mädchen, das ich heute einige Male gesehen. Nicht übel! Ich befinde mich zwischen zwei Liebschaften. Unter mir Shakespeare, über mir Molière. Im ersten Stockwerke geht der Commis als Romeo zu seiner Herrin, und im dritten schleicht sich Gros-René zur Marinette. Ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich hier wahrnehme, denn von morgen an werde ich das Essen stets ausgezeichnet gut finden, um der Köchin zu schmeicheln, die mir eine der mächtigsten Personen im Hause zu sein scheint. In dem Augenblicke, als es ein Uhr Morgens schlug, kehrte Tristan, vor Kälte zitternd, in sein Zimmer zurück.




5


So oft Tristan am folgenden Tage den dicken Wilhelm oder Herrn Van-Dick sah, regte sich in ihm eine Lachlust, die er kaum zu unterdrücken vermochte. Weder der eine noch der andere dieser beiden Herren verrieth übrigens die geringste Verlegenheit oder auch nur die leiseste Furcht. Als die Stunde des Frühstücks erschien, näherte sich der Commis dem Negocianten und reichte ihm die Hand, welche der Letztere sehr freundlich drückte; dann trat er Euphrasia entgegen und machte eine tiefe respektvolle Verbeugung. Herr Van-Dick wendete in diesem Augenblicke den Kopf nach einer andern Seite und bemerkte es nicht. Zuletzt näherte sich Herr Wilhelm unterm Tristan, der, ihm die Hälfte des Weges ersparend, einige Schritte ihm entgegen machte und seine feine weiße Hand vertraulich in die breite, rothe Hand des jungen Kaufmanns legte.

– Wie befinden Sie sich? fragte dieser und wurde über und über roth wie ein Mensch, der die ersten Worte einer Phrase zu Tage fördert, auf die er sich lange Zeit vorbereitet.

– Gut; und Sie, Herr Wilhelm?

– Danke, vortrefflich! Das Getümmel in dem Kanale hat Sie wohl früh geweckt?

– Ich konnte es nicht hören, da mein Zimmer nach dem Garten hinaus liegt.

Herr Wilhelm wurde roth wie eine Kirche und es bedurfte eines Blickes Euphrasia’s, um ihm die Ruhe wiederzugeben.

Haben Sie Bücher, begann Wilhelm wieder, im Falle Sie gewohnt sind, spät einzuschlafen?

– O, im Gegentheil, antwortete Tristan, der den armen jungen Mann wieder beruhigen wollte, um für die Folge mit ihm auf einem guten Fuße zu bleiben, im Gegentheil, ich schlafe schon früh ein und erfreue mich eines bleiernen Schlafes, aus dem ich erst bei hellem Tage erwache.

Tristan hatte sich nicht getäuscht. Wilhelms Gesichtszüge wurden ruhig und nahmen einen durchaus freundlichen Ausdruck an.

Man setzte sich zu Tische: Wilhelm nahm zwischen Euphrasia und dem Kinde Platz, Tristan zwischen Herrn Van-Dick und Euphrasia.

– Vortreffliche Cotelettes, Madame, sprach Tristan, ich mache Ihnen, Ihrer Köchin wegen, mein Compliment. Es ist zwar erst das zweite Mal, daß ich die Ehre habe, an Ihrem Tische zu sitzen, aber ich muß gestehen, daß ich nie besser gegessen habe.

Indem Tristan dies sagte, warf er verstohlen einen Blick auf Herrn Van-Dick; dieser aber, wahrscheinlich besser an solche Sachen gewöhnt, als sein Commis, fuhr ruhig fort, sein Fleisch zu zerschneiden und mit großem Appetite zu essen.

– In der That, antwortete Euphrasia, unsere Lotte ist eine vortreffliche Köchin, außerdem ist sie treu und ehrlich und dafür steht sie bei meinem Gemahl und mir in großer Gunst.

Wie es Tristan schien, sahen sich Wilhelm und Euphrasia bei diesen Worten lächelnd an, während der Herr des Hauses das Gelbe eines Eies mit der Miene eines raffinierten Gutschmeckers einschlürfte.

– Mein Freund, sprach der Kaufmann zu Tristan nach einer Pause, ich habe Sie um einen Dienst zu bitten.

– Jemehr ich Ihnen nützen kann, antwortete dieser, je mehr werde ich mich glücklich fühlen.

– Hätten Sie wohl die Güte, fuhr der Negociant fort, zwei oder drei Briefe zu schreiben? Madame Van-Dick wird Ihnen Anweisung dazu ertheilen, denn ich muß in Geschäften ausgehen.

– Gern.

– Du weißt, daß an das Haus Schmidt zu Leipzig, Antonini zu Florenz, und William zu London geschrieben werden muß. Sie, lieber Wilhelm, werden die Vallen expedieren. Ich zähle auf Sie.

– Sie können sich auf mich verlassen, Herr Van-Dick.

– Wohin gehst Du heute, mein Freund? fragte Euphrasia und warf einen flüchtigen Blick auf Wilhelm, der zu sagen schien: »Vielleicht sind wir allein.«

Wilhelm blickte auf Tristan, als wollte er sagen: »Und er bleibt.«

Euphrasia beruhigte ihren Geliebten aber durch einen Blick, der Tristan überzeugte, daß sie ihn nicht für fein genug hielt, um ihre Freundschaft mit Wilhelm zu ahnen.

Für dieses Lächeln werde ich mich rächen, dachte unser Freund.

– Ich gehe nach Harlem, antwortete Herr Van-Dick, um dort meine Magazine in Augenschein zu nehmen.

– Es hat sich dort während Ihrer Abwesenheit nichts ereignet, sprach Wilhelm.

– Thut nichts, der Weg dorthin wird eine heilsame Promenade für mich ein. Bis an den Hafen von Harlem gehe ich zu Fuß, dort nehme ich mir einen Wagen und bin gegen Abend zum Diner wieder zurück. Sollte ich um sechs Uhr nicht eingetroffen sein, so setzt Euch immerhin zu Tische. Wir haben die Gewohnheit, auf Niemand zu warten, fügte Herr Van-Dick hinzu, indem er sich zu seinem neuen Gaste wandte, weder auf den Herrn noch auf die Frau vom Hause, noch auf die übrigen Genossen.

– Ich werde es mir merken, antwortete Tristan.

– Und jetzt, geliebte Freundin, verlasse ich Dich.

Der Holländer stand auf, ergriff die Hand seiner Frau und küßte sie auf die Stirn. Wilhelm stieß einen Seufzer, von der Eifersucht erpreßt, aus, während die resignierte Gattin ihm als Belohnung zulächelte.

Herr Van-Dick verließ das Zimmer.

Tristan, der wegen der Briefe, die er schreiben sollte, nähere Auskunft wünschte, begleitete ihn bis zur Thür. Hier angelangt, blieb Herr Van-Dick stehen, stieß die Thür der Küche auf und sprach zu der Köchin:

– Um sechs Uhr, mein Kind, vergiß es nicht.

– Nein, Herr, sprach das dicke Mädchen mit den großen schwarzen Augen, Sie können außer Sorgen sein.

Herr Van-Dick wechselte ein vertrauliches Lächeln mit ihr, das heißt, er lächelte nicht wie ein Herr vom Hause, welcher bei seiner Köchin das Mittagessen bestellt. Dann drückte er Tristan noch einmal die Hand und verließ das Haus, nachdem er sich eine Cigarre angezündet hatte.

– Mein Herr, rief Lotte, als Tristan sich entfernen wollte, mein Herr!

Tristan blieb stehen.

– Was wünschen Sie, mein Kind, sprach er und gab der Köchin denselben Titel, welchen ihr Herr Van-Dick gegeben hatte.

– Mein Herr, fuhr Lotte fort, indem sie sich dem Gerufenen näherte, wenn Sie in Frankreich vielleicht anders gewohnt sind zu speisen, als hier, so genieren Sie sich nicht.

– Danke!

– Wenn Sie Morgens vor elf Uhr eine Tasse Milch, Kaffee, Chocolade oder eine gebratene Taube und eine Flasche Bordeaux genießen wollen, so sagen Sie es mir, ich bringe es Ihnen auf Ihr Zimmer.

– Danke, danke!

– Sollten Sie einmal Appetit bekommen, so sagen Sie es mir, ich werde für Sie sorgen. Sie brauchen sich an keinen andern im Hause zu wenden, der Herr hat es mir anbefohlen.

Die Köchin zog sich in ihre Küche zurück, wo sie wie eine unbeschränkte Königin waltete, eine Freiheit, die ihr die Freundschaft des Hausherrn zugesichert.

Tristan trat in dem Augenblicke wieder in das Zimmer, als Wilhelm sich anschickte, von Euphrasia Abschied zu nehmen, die sich mit Sticken beschäftigte.

– Ich erwartete Sie, sprach Madame Van-Dick.

Tristan verbeugte sich.

– Und ich verlasse. Sie, sprach Wilhelm, um in mein Bureau zurückzukehren. Wilhelm empfahl sich und ging.

– Ein charmanter junger Mann, sprach Tristan.

– Es ist wahr! antwortete Euphrasia, leise erröthend.

– Während der Reise hat Herr Van-Dick mir viel Gutes von dem jungen Manne gesagt, und ich muß bekennen, daß sich Alles bestätigt.

– Es ist ein zuverlässiger, biederer Mensch, dem mein Mann sein ganzes Vertrauen schenkt.

– Man sieht es ihm an, er hat ein freies, offenes und dabei interessantes Gesicht.

Um den Schein zu meiden, als ob er mit Fleiß die Eigenschaften des jungen Handlungsbeflissenen rühmte, gab er dem Gespräche eine andere Wendung.

– Hätten Sie wohl die Güte, Madame, und sagten mir, in welchem Sinne ich die Briefe an die Herren Schmidt, Antonini und William zu schreiben habe?

Euphrasia erwachte aus einer leichten Träumerei, in welche sie die Complimente Tristans über Wilhelm versenkt hatten, und indem sie einen dankenden Blick auf unsern Helden warf, sprach sie:

– Ach, Verzeihung, ich bin so zerstreut, daß ich diese Briefe vergessen hatte.

Sie fand auf und ging in das Zimmer ihres Mannes, um einige Papiere zu holen.

– Es ist unbezweifelt, sprach Tristan bei sich selbst, sie liebt ihren Wilhelm leidenschaftlich.

Da es ihm sehr gleichgültig sein konnte, ob sie den wohlgenährten Kaufmannsdiener liebte oder nicht, betrachtete er, um die Pause bis zu Euphrasia’s Rückkehr auszufüllen, die Stickerei, mit der sie beschäftigt war.

– Hier sind die Briefe, sprach Madame eintretend, die zu beantworten sind. Mein Mann ist bereit, die verlangten Lieferungen zu machen, er erwartet nur einen Avis-Brief, um sie zu expedieren.

– Ist außerdem noch etwas zu bemerken?

– Nichts. Tristan ergriff Papier, Feder und Dinte, setzte sich an den Tisch und schickte sich an, zu schreiben.

In diesem Augenblicke warf Madame Van-Dick Wilhelm, der in seinem Bureau neben dem Fenster saß, einen langen, zärtlichen Blick zu. Beide konnten miteinander correspondieren, wenn auch nicht durch Worte, doch durch Winke.

Tristan that, als ob er nichts merkte, und vollendete ruhig seine Arbeit. Nach kurzer Zeit war er damit fertig, dann las er den Inhalt der Briefe Madame Van-Dick französisch vor.

– Vortrefflich, sprach sie, Sie befreien meinen Mann von einer großen Last, wenn Sie ihm öfter den Dienst leisten, den Sie ihm heute geleistet haben.

Und diese Frau, anmaßend bis zur Lächerlichkeit, begleitete diese so einfache Phrase mit einem Blicke, den die Augen in der Regel für die Ergießungen des Herzens auf bewahren.

Tristan, der sich nach und nach den Gewohnheiten dieser Dame fügte, fiel dieser Redeton weiter nicht auf, er dankte ganz einfach, ohne ihm eine Bedeutung unterzulegen.

– Kann ich Ihnen noch in etwas nützlich sein? fragte er.

– Nein; alles, was Sie für heute thun konnten, haben Sie gethan. Wollen Sie mich schon verlassen?

Diesen Satz sprach Euphrasia in einem Tone, in welchem eine andere gesagt haben würde: »Ich fühle, daß ich sterben muß!«

– O nein, Madame; ich würde mich sogar sehr glücklich preisen, wenn ich Ihnen ferner noch Gesellschaft leisten darf.

– Sehr verbunden!

Ein Lächeln der Dankbarkeit umschwebte die Lippen der Madame Van-Dick.

– Erzählen Sie mir doch, Herr Tristan, fuhr sie fort, wie Sie die Bekanntschaft meines Mannes gemacht haben.

Tristan erzählte.

– Es giebt doch sonderbare Zufälle, sprach sie dann nach der Erzählung.

– In der That, entgegnete Tristan, einen Seufzer ausstoßend, wie hätte ich denken können, daß ich nach Holland kommen und der Gast eines so freundlichen, wohlwollenden Hauses werden würde!

Um Euphrasia zu schmeicheln, stieß Tristan einen zweiten Seufzer aus.

– Herr Van-Dick hat mir gesagt, daß Sie ihm gleich gefallen hätten.

– Und ich, Madame, muß gestehen, daß mich eine unerklärliche Sympathie an ihn fesselt.

– Er ist auch ein vortrefflicher Mann, nicht wahr?

– Ja, Madame, eine auserlesene Natur!

– Herr Tristan, ich fühle mich so zu Ihnen hingezogen, als ob Sie bereits einer meiner ältesten Freunde wären; darum kann ich Ihnen gestehen, daß, obgleich Herr Van-Dick ein höchst achtbarer Mann ist, ich doch nicht immer glücklich mit ihm gewesen bin.

– Ist es möglich, Madame! rief unser Tenor mit einer Miene, die Ueberraschung, Erstaunen und Mitleiden zugleich ausdrückte.

– Was ich sagte, Herr Tristan, ist die reine, traurige Wahrheit. Herr Van-Dick ist ein Mann des Handels, ein Mann, der wohl eine Frau von vierzig Jahren glücklich machen konnte, aber nicht ein junges Mädchen von sechzehn Jahren, wie ich war, als ich ihn heirathete.

– Wie, Madame, rief Tristan, Sie sind schon sechsundzwanzig Jahre alt? Sie scheinen kaum zweiundzwanzig zu zählen! Als ich den großen Knaben sah, der dort im Garten spielt, wollte ich nicht glauben, daß er Ihr Sohn sei; ich hätte wetten mögen, daß er Ihr Bruder wäre.

– O Sie Schmeichler, sprach sie erröthend, der Franzose ist in Ihnen nicht zu verkennen!

– Ich ein Schmeichler, Madame? O Sie scheinen mich nicht zu kennen!

– Ich weiß genau, wie alt ich bin, weiß auch, daß ich nicht nur sechsundzwanzig Jahre alt scheine, sondern dreißig Jahre.

– Sie scherzen, Madame!

– O nein! Ich habe sehr viel gelitten! Alle die Seufzer, die Madame Van-Dick bis jetzt ausgestoßen hatte, waren nichts gegen den, den sie bei diesen Worten ausstieß.

»Wenn das so fort geht, dachte Tristan, wird mein Aufenthalt in diesem Hause nicht immer der angenehmste sein.«

– Sie haben gelitten? Welcher Dämon, eifersüchtig auf Ihre Schönheit,ist im Stande gewesen, den Blumen Ihrer Bahn und den Tagen Ihres Lebens Duft und Glanz zu rauben?

Tristan biß die Lippen zusammen, ein gewöhnliches Mittel, sich des Lachens zu erwehren.

– Sie zweifeln, weil Sie meiner äußern Ruhe glauben, ohne in das Innere zu blicken.

– Verzeihen Sie mir diese Reflexion, Madame; aber worin hätten Sie unglücklich gewesen sein können? Ihr Gemahl liebt Sie, Ihr Sohn betet Sie an; Sie sind jung, reich, schön, die Männer müssen Sie bewundern, oder sie haben keine Augen, und die Frauen müssen Sie beneiden, oder sie haben keine Eigenliebe mehr. Was wünschen Sie noch mehr?

– Rechnen Sie für nichts, mein Herr, wenn man die Träume seines Lebens nach und nach hat verschwinden gesehen? Ach, ihr Mädchenträume, wo seid ihr hin?

Nachdem Euphrasia wehmüthig gen Himmel geblickt, ließ sie das Haupt melancholisch auf den vollen Busen herabsinken, was in der ganzen Welt ein Zeichen tiefer Trauer ist.

– Welch’ ein lächerliches, unangenehmes Weib! dachte Tristan. Hätte mir ihr Mann dies Alles vorhergesagt, ich weiß nicht, ob ich ihm gefolgt wäre. Armer Wilhelm!

– Haben Sie je geliebt, Herr Tristan? fragte Euphrasia nach einer Pause.

– O ja, Madame.

– Oft?

– Nur einmal.

Madame Van-Dick schien den jungen Mann mit Bewunderung zu betrachten.

– Ach, es muß doch schön sein, nur einmal geliebt zu haben! Und sind Sie von ihr wiedergeliebt, Herr Tristan?

– Ich glaube, ja.

– Und jetzt?

– Jetzt ist sie todt.

– Armer junger Mann!

Eine gehorsame Thräne glänzte in den Augen Euphrasia’s.

– War es vielleicht ein junges Mädchen, das Sie entführt haben? fragte Madame Van-Dick weiter, die hoffte etwas von dem Roman aus Tristans Leben kennen zu lernen.

– Nein, Madame, es war meine Frau.

– Ihre Frau?

– Ja.

– Sie liebten Ihre Frau! So giebt es in der Welt doch verheirathete Männer, welche ihre Frauen lieben.

– Sie sollten doch weniger als irgend Jemand daran zweifeln, denn Ihr Mann betet sie an.

Madame Van-Dick senkte den Kopf.

– Bevor Sie Ihre Frau heiratheten, Herr Tristan machten Sie ihr den Hof, nicht wahr?

– Gewiß.

– Abends gingen Sie in dunkeln, einsamen Alleen mit ihr spazieren?

– Ja.

– Sie drückte Ihnen die Hand und Nachts träumte einer von dem andern?

– Ganz recht.

– Leider!

Ein Seufzer ertönte.

– Haben Sie dieses Glück, Madame, das Sie mir so genau beschreiben, nicht auch empfunden?

– Nein, dieses Glück ist ein Traum, der bis jetzt noch nicht in Erfüllung gegangen.

»Ein Satz, dachte Tristan, der für Herrn Wilhelm nicht sehr schmeichelhaft ist.«

– Aber für dieses Glück, das Sie bedauern nicht genossen zu haben, fügte er laut hinzu, genossen Sie das häusliche Glück, Familienfreuden und die Annehmlichkeiten des Reichthums. Und wenn Ihre Vergangenheit – in Ihrem Alter, Madame, hat man übrigens noch keine Vergangenheit – wenn Ihre Vergangenheit ohne Leidenschaft war, das heißt, ohne Sturm, ist ihre Zukunft ohne Unruhe. In Ihrem Leben, dessen Tage ruhig dahinflossen, bildet sich am Morgen stets derselbe reine, klare Horizont, der am Abend verschwand. Da Sie nur von Liebe geträumt, haben Sie nie Enttäuschung, Sehnsucht und Verlangen kennen gelernt. Hätte ich, Madame, der ich in demselben Alter stehe, wie Sie, zwischen Ihrem Glücke und dem meinigen zu wählen, ich gäbe dem Ihrigen den Vorzug, denn Sie glauben noch, ich aber glaube nicht mehr.

– Und doch wäre ich glücklich gewesen, rief Euphrasia in erkünstelter Exaltation, hätte ich anstatt eines so materiellen Ehemannes einen liebenden Gatten gefunden, wie Sie sind! Sie scheinen mir einer von den Männern zu sein, die aus tiefem Herzen lieben.

– Holla! dachte Tristan, als er die Blicke bemerkte, mit welchen Euphrasia diese Worte begleitete. Madame Van-Dick hat Lust, den Herrn Wilhelm zu hintergehen.

– Es ist wahr, Madame, fuhr er laut fort, ich liebte aus tiefem Herzen; aber eine solche Liebe, wie ich sie empfand, verbrennt das Herz und läßt nur einen Haufen Asche zurück, unter dem auch nicht ein Fünkchen Feuer mehr glimmt.

Tristan hielt diesen albernen Satz, den er mit einer wahren Zerknirschung gesprochen hatte, für geeignet, Euphrasia in Bezug auf sich vollkommen aufzuklären, im Fall sie sich geneigt fühlen sollte, ihn mit jener Leidenschaft zu beehren, welche sie bedauerte, nicht empfunden zu haben.

Euphrasia fuhr fort, sich mit ihrer Stickerei zu beschäftigen, ihre Blicke aber, anstatt wie früher nach Wilhelms Bureau hinüberzuschweifen, richteten sich verstohlen auf Tristan, der mit einer Feder auf einem Stück Papier zeichnete, das vor ihm liegen geblieben war.

– Was machen Sie da, Herr Tristan? fragte Euphrasia.

– Ich zeichne die Parthie des Gartens, in welcher sich jenes alte Haus erhebt, das viel Charakter hat.

– Ich muß Sie um etwas bitten, Herr Tristan.

– Reden Sie, Madame.

– Ich möchte, daß Sie mir mein Portrait machten.

– Mit Vergnügen, Madame, und selbst mit großer Dankbarkeit, denn ein Maler ist stolz und glücklich, ein schönes Gesicht geschaffen zu haben.

– Sie sind sehr gütig. So willigen Sie also ein?

– Jetzt fordere ich es sogar.

– Sie sind sehr liebenswürdig. Bei diesen Worten reichte Euphrasia dem Tenor ihre große Hand, welche dieser an seine Lippen drückte.

– Die Sache ist also abgemacht. Von heute an bin ich zu Ihrem Dienste bereit.

– Morgen also?

– Wie es Ihnen beliebt.

– Ich bitte jedoch, die Sache geheim zu halten.

– Vor Herrn Van-Dick?

– Vor aller Welt.

– Es soll niemand etwas davon erfahren.

– Es wird ein Miniaturgemälde, nicht wahr?

– Ja, Madame, eines von jenen Gemälden, antwortete Tristan betonend, welche aus einer Hand in die andere gehen, ohne daß man es bemerkt, und das ganze Leben hindurch auf dem Herzen ruhen können, ohne daß man sie dort vermuthet.

– Ach ja, ein solches Portrait wünsche ich mir.

Euphrasia warf einen Blick durch das Fenster nach Wilhelm hinüber, der sagen sollte: »Ich beschäftige mich mit Ihnen.«

Tristan erhob sich.

– Wie, Sie stehen auf? rief Madame Van-Dick in einem Tone, mit dem sie eben so gut hätte sagen können: »Wie, Ihre Mutter ist gestorben?«

– Ja, Madame.

– Wollen Sie ausgehen?

– Nein; ich will zu Ihrem Herrn Sohne gehen, um ihm heute den ersten Unterricht zu ertheilen.

– Um zu dem Sohne zu gehen, verlassen Sie die Mutter?

– Ich muß, Madame.

– So gehen Sie denn; sobald aber der Unterricht beendet ist, kehren Sie zurück, um ein wenig mit mir zu plaudern.

– Wenn Sie erlauben —

– Ich befehle es!

Madame Van-Dick reichte Tristan abermals ihre Hand. Der junge Mann schritt der Thür zu, und als er sie im Rücken hatte, stieß er einen Seufzer aus, der über seine Freude, endlich frei zu sein, keinen Zweifel übrig ließ.

Euphrasia nahm ihren Platz am Fenster wieder ein und fuhr zu arbeiten fort. Wilhelms Gesicht strahlte vor Freude, als er bemerkte, daß sie sich mit ihm allein beschäftigte, denn ein Blick und ein Lächeln folgte dem andern.

Tristan führte den Knaben auf sein Zimmer und ließ ihn sich mit dem Rücken dem Fenster zu setzen, so daß er den Blickwechsel Wilhelms und Euphrasia’s beobachten konnte, der, seit sich Madame Van-Dick unbeobachtet glaubte, immer sentimentaler wurde. Der Extenor prüfte nun einen Schüler und nahm mit Schrecken wahr, daß er noch nicht einmal die Anfangsgründe des Lesens und Schreibens wußte. Der Lehrer seufzte tief auf, als er des Horizontes gedachte, der sich vor ihm entrollte. Er tröstete sich jedoch damit, daß aller Anfang schwer sei, und daß das Haus am Prinzen-Kanal ihm vielleicht weniger unangenehm sein würde, wenn er sich an die Koketterien der Mutter und an die Unwissenheit des Sohnes gewöhnt hatte.

Es schien indeß, als zöge Tristan das zweite Uebel dem ersten vor, denn anstatt zu Madame Van-Dick zurückzukehren und ihrem Geschwätze zu lauschen, blieb er bis zum Diner in seinem Zimmer und hörte die Dummheiten des Herrn Eduard an.

Herr Van-Dick kam zurück, wie er versprochen. So lange man bei Tische saß, hatte Tristan das Vergnügen, zu sehen, daß Wilhelm Euphrasia betrachtete, wie Paul seine Virginie.

Wie schon gesagt, schien Wilhelm für Tristan eine besondere Zuneigung zu hegen. Anstatt, wie es bei gemeinen Seelen in der Regel der Fall ist, von der Bewunderung zum Neide überzugehen, entstand in ihm der Wunsch, mit seinem neuen Genossen, ein aufrichtiges Freundschaftsverhältniß zu schließen, denn er hoffte von ihm die Sitten und Manieren zu erlernen, welche Tristan in seinen Augen vor so vielen Männern auszeichneten. Dieser hatte Wilhelms Wunsch auch bald erkannt und war nicht abgeneigt, ihn nach Kräften zu erfüllen. Unglücklicherweise war der Handlungsbeflissene aber so schüchtern, daß er es nicht wagte, sich dem jungen Manne ganz zu entdecken. Tristan mußte demnach seine Gefühle aus den Blicken und dem Lächeln lesen, die, beiläufig gesagt, über sein Wohlwollen keinen Zweifel, obwalten ließen.

Auf diese Weise war Tristan Euphrasia’s wirklicher Rival geworden. Wilhelm betrachtete seine Herrin mit Liebe, unsern Tristan aber mit Bewunderung. Der Schönheit der Geliebten widmete er sein Herz, die Augen aber der Toilette seines Freundes. Jeden Morgen, wenn Tristan erschien, eilte Wilhelm ihm entgegen, und trug Tristan eine andere Cravatte oder eine andere Weste als Abends zuvor, so sah ihn Wilhelm an, wie ein geheilter Blinder den Tag ansieht.

– Ach, Herr Tristan, rief er dann aus, was für eine reizende Cravatte tragen Sie heute!

– Herr Wilhelm, antwortete Tristan, ich besitze zwei Stück von dieser Sorte, darf ich mir erlauben, Ihnen eine davon anzubieten?

– Ich weiß nicht, ob ich darf – —

– Nehmen Sie, sprach Tristan, es sind Sachen, die aus Frankreich kommen und die Sie hier nicht vorfinden würden.

Wilhelm erschöpfte sich in Danksagungen und Tristan wollte nicht nur, daß der Commis die Cravatte annahm, sondern er band sie ihm auch um, und solche Tage waren für Wilhelm die glücklichsten. Unser Holländer war dabei aber ein sehr delicater Jüngling, er wollte durchaus nicht nehmen, ohne dafür zu geben; stets machte er Tristan in derselben Art Gegengeschenke.

Auf diese Weise bildete sich zwischen den beiden jungen Leuten bald ein Verhältniß, wie Wilhelm es gewünscht Tristan, der anfangs kaum das Lachen unterdrücken konnte, wenn der Commis den Mund öffnete, um zu reden, aber kein Wort hervorzubringen wagte, hörte ihm jetzt mit Vergnügen zu, denn Wilhelms Schüchternheit war einer freundlichen Offenheit gewichen und er entwickelte nicht nur Geist in seiner Unterhaltung, sondern auch einen nicht unbedeutenden Schatz von Kenntnissen.

Durch diese neue Entdeckung ward das freundschaftliche Band, das die beiden jungen Männer umschlang noch fester geknüpft und mit jedem Tage verstanden sei sich einander mehr. Hatte einer den andern um etwas zu bitten, so konnte er sich der Gewährung stets versichert halten.

Man muß aber hieraus nicht schließen, daß Wilhelm und Tristan unzertrennlich waren. O durchaus nicht! sahen sich täglich kaum zwei Stunden, aber ihr Umgang war ein herzlicher, und so oft sie sich sahen, waren sie glücklich.

Wie kommt es aber, wird der Leser fragen, da Wilhelm ein wackerer junger Mann ist, daß er den Mann, von dem er abhängt, betrügt, indem er der Liebhaber seiner Frau ist?

Antwort:

Ein Ehemann wird nur dann betrogen, wenn er an die Liebe seiner Frau glaubt, wenn er diese Frau liebt und nicht weiß, daß sie einen andern liebt. Und wer hat Ihnen gesagt, daß Herr Van-Dick zu dieser Gattung Ehemänner gehört?




6


In der Liebe des jungen Handlungsdieners zu der Frau des Leinwandhändlers lag so viel jugendliche Unbefangenheit, ja selbst so viel offenes Vertrauen, daß diese Liaison, die unserm Tristan anfangs lächerlich erschien, ihm endlich eine gewisse Achtung einflößte, und anstatt sich darüber lustig zu machen, schloß er sich seinem Freunde um so inniger an. Außerdem schien auch der Frieden des Hauses auf dieser Liebe zu beruhen, denn herrschte eine völlige Harmonie. Herr Van-Dick, der vielleicht ärgerliche Auftritte fürchtete, fand alles gut, was die Köchin that, und diese that, was sie wollte; Euphrasia, welche ihre Gründe hatte, ihren Mann mit Schonung zu behandeln, billigte alles, was Herr Van-Dick that; Wilhelm, der nur Augen und Sinn für seine Geliebte hatte, fand alles vortrefflich, was diese that, und Tristan, der aller bedurfte, lobte die Küche der Köchin, bewunderte die Speculationen des Gatten, lächelte über die witzigen Einfälle der Gattin und verehrte die Gutherzigkeit des Liebhabers.

Er war indeß nicht selten gezwungen, Zerstreuung außer dem Hause zu suchen, denn in dem Hause hatte er weder eine Bekanntschaft, noch eine Liebe, und wenn Herr Van-Dick in der Küche und Wilhelm im Saale war, blieb ihm nichts weiter übrig, als mit Monsieur Eduard eine Gruppe für sich zu bilden, und Monsieur Eduard war eine ungezogene Range.

Tristan hatte weder das Alter, noch den Charakter und die Erziehung, um lange Zeit dieses einförmige Leben zu ertragen, es mußte ihm ein Ersatz, in Gestalt einer Frau, von außen her kommen, aber in einer wahrhaften Frau, die ihn an Louise, an Henriette und Lea zugleich erinnerte. Dieser Gedanke stieg in ihm auf, während er an dem Portrait der Madame Van-Dick arbeitete, und als die Augen, welche jenen unfühlbaren Punkt suchten, auf den sein Sinnen gerichtet war, zufällig auf Wilhelm und Euphrasia fielen, die, wenn sie sich mit den Händen nicht erreichen konnten, sich durch Blicke näherten, da beneidete er die glückliche Natur dieses Handlungsdieners, der sich glücklich pries, ein so lächerliches Geschöpf als Madame Van-Dick zur Geliebten zu haben.




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