Hüter der Freude
Paul Leppin




Paul Leppin

Hüter der Freude





VORWORT


Es könnte der Fall eintreten, daß kluge Leute in meinem Buche ein Schlüsselromänchen wittern. Ihnen erkläre ich gleich, daß die Vermutung nicht zutrifft. In meinem Bekanntenkreise gibt es kein Fräulein Muck, keinen Römerstern, Löwenthran, Bondy. Ich habe mich bei ihnen allen nur um den Typ bemüht, der mir mitunter allerdings heftig verpragerte. Nebenfiguren und Kulissen sind oft der Wirklichkeit entlehnt. Aber der einzige Mensch, der mir in vieler Beziehung ausgiebig Modell gestanden, der außerhalb dieses Buches wahrhaftig lebt, ist mein lieber Kumpan Benjamin, Gerade mit ihm ist es mir seltsam ergangen. Ich vermochte es nicht, ihn rund und plastisch zu porträtieren, nahm während des Schreibens gewissermaßen nur eine Seite seines vielgestaltigen Wesens wahr, ohne der anderen zu gedenken. Sein universelles Gemüt, seine einfache, noble Art sich mit den Menschen abzufinden, sein Talent, die Welt zu begreifen, witzfroh zu sprechen, zartsinnig zu schweigen, brachte ich nicht einmal andeutungsweise in sein Bild. Es ist mir ein Bedürfnis, nachdrücklich darauf hinzuweisen, weil ich der Wahrheit die Steuer nicht verweigern möchte, weil ich Vorwürfe verdiene, die gerechtfertigt sind. Vielleicht ist mein freimütiges Bekenntnis geeignet, sie freundschaftlich zu mildern.

PRAG, MAI 1918 – DER VERFASSER




I. KAPITEL



STURMFENSTERS


NACHMITTAGS


GEDANKEN

Der Regen wollte nicht aufhören. Lautlos, in langen, gestrichelten Ketten fiel er zur Erde und sammelte seichte, plätschernde Pfützen in der Mitte der Fahrbahn. Mitunter machte er eine Pause und indessen trocknete der Wind weiße Flecken auf dem Pflaster der Gehsteige aus. Aber dann begann er von neuem. Der Kandidat der Philosophie Gaudentius Sturmfenster saß hinter einer der großen Glastafeln des Café Portugal und hatte eben sein Fruchteis ausgelöffelt. In seinem schlittern Kinnbart waren ein paar Brocken der Waffeln hängen geblieben, deren letzte Reste er jetzt zwischen den Fingern zerbrach. Seine wasserblauen Augen waren weit aufgerissen und starrten auf die Straße hinaus. Gegenüber war der Nordwestbahnhof. Die Droschkengäule vor dem Portal standen geduldig in der Nässe, und die roten Gesichter der Kutscher blickten vergnügt in das Wetter. Die Frauen, die draußen vorbeihasteten und mit dem Schirm das Gesicht verdeckten, rafften die Röcke und wichen behutsam den Kotlachen aus. Sturmfenster sah wohlgeformte Waden über feinen Knöcheln und sein Gesicht bekam allmählich einen merkwürdig gespannten Ausdruck. Er schüttelte eine Zigarette aus dem Papiersack, der vor ihm zwischen Zeitungen und Kuchenteilern auf dem Tische lag, und zündete sie umständlich an.

Es war seltsam, wie dieser Frühjahrsregen ihn erregte. Schon als Kind war er seinem warmen, einlullenden Zauber unterlegen. Er gedachte noch genau der Spiele, die er an solchen Tagen, wenn die Kinder wegen der Witterung nicht in den kleinen Garten hinter dem Hofe durften, in den Stiegengängen des Elternhauses mit den Nachbarsmädchen spielte. Eine verlegene Scheu hatte ihn überkommen, wenn sich ihnen im Eifer die kurzen Röckchen über die Knie schoben und darunter die kindliche Wäsche zum Vorschein kam. Sturmfenster schloß die Augen und ließ die Erinnerung an sich heran. Während der Schulzeit hatte er viel durch diese Dinge gelitten. Von dem Tage an, wo sein älterer Bruder den sechsjährigen Buben über die Verschiedenheit der Geschlechter belehrte, war es mit der Glückseligkeit vorbei. Die Welt, die ihm früher täglich bunte Bilder bot, nach denen er töricht haschte, war verwandelt. Männlein und Weiblein liefen jetzt darin herum und betrachteten einander mit sonderbaren Augen. Frühzeitig wurde in dem Kinde eine Bangnis lebendig, ein unruhiges Wünschen, das später Form und Richtung erhielt und ihn beinah erstickte. Die Not seiner Knabenzeit, die er in tötlicher Scham vor den anderen versteckte, mit der er ratlos in unendlicher Erschöpfung kämpfte, war grenzenlos. Es blieb ihm Unverstand lieh, wie seine Mitschüler untereinander ihre Gefühle sachlich erörtern konnten und mit welcher Leichtigkeit sie auch sonst damit umsprangen. In den Jahrgängen des Gymnasiums, in denen es in Mode kam, lief er mit den übrigen Kameraden nach Schluß des Unterrichtes den Mädchen nach, die das nahe Lyzeum besuchten. Im Winter war es schon finster, und einmal nahm er allen Mut zusammen und sprach in einer menschenleeren Seitengasse eine an, die ihm besonders gefiel, der das Blondhaar noch in Zöpfen über den Rücken hing und die bei der eiligen Flucht vor ihrem Verfolger ihre schönen, schlanken Beine zeigte. Er begleitete sie dann auch ein Stück Wegs bis in die Nähe ihres Hauses und sie sprachen einige mühsam erklügelte Sätze. Zum Abschied gaben sie einander nicht einmal die Hand. Da waren die anderen fürwahr doch bessere Kerle. Die lachten und schwatzten mit den Mädeln, daß es eine Lust war, und faßten sie auch manchmal recht tüchtig an und küßten sie, wenn gerade niemand dabei war. Die Mädchen hielten still und ließen sich's gefallen. Für Sturmfenster wäre das ein unirdisches Glück gewesen, das ihn schon aus der Ferne betäubte.

Als er Tertianer geworden war, hatte der Schuldiener des Gymnasiums ein siebzehnjähriges Ding als Dienstmädchen bei sich aufgenommen. Es war ein dunkelhäutiges, brünettes Geschöpf, das immer barfuß und zerzaust im Hause umherlief und nach der Schule auch die Klassenzimmer in Ordnung bringen mußte. Sie trug meist nur eine dünne, lose Bluse auf dem Leib und ihre Brüste hüpften unter dem Hemde. Die Schüler sahen sie alle mit heißen Blicken an und sie erwiderte mit einem Lächeln. Eines Nachmittags, während die Junisonne draußen in der Gasse lag und eine wollüstige Luft zu dem geöffneten Fenster hereinkam, erzählte während der Schulpause ein schöner, starker Bursch den nebensitzenden Buben, daß er das Mädchen besessen habe. Er sei nach dem Unterrichtsschluß noch eine Zeitlang im Klassenzimmer zurückgeblieben, um ein paar Anmerkungen niederzuschreiben. Da sei sie eingetreten, habe sich scherzend neben ihn auf die Bank gesetzt und ihren Körper an den seinen gelehnt. Und da habe er sie einfach genommen.

Sturmfenster war bei der Erzählung des Knaben das Blut in den Kopf gestiegen. In seinen Ohren brauste ein Wasserfall und er fühlte, wie sein Gesicht über und über flammte. Das also gab's! Unerhörte, ungeahnte Ereignisse, Küsse bis zum Grunde der Sehnsucht, Katastrophen des Glücks. Das gab es nicht bloß für die Erwachsenen, für Väter und Brüder. – Ein Schuljunge, der zu Hause genau so wie er die griechischen Vokabeln memorieren mußte, hatte das braune Mädchen besessen. Hundert Augen schielten in vergeblicher Begierde nach ihr, und ihm war sie zugefallen. Und jener, statt hingerissen, verzückt, angstvoll zu schweigen, sprach laut davon wie von einer Sache, die täglich und jedermann geschah. Der zitternde Knabe konnte es nicht begreifen.

Der Kandidat der Philosophie Gaudentius Sturmfenster erhob sich plötzlich. Was so ein Frühlingsregen doch für dumme Gedanken aufweckte! Was hatte er sich heute um diese Eseleien zu scheren, wo er dreißig Jahre alt und wo es höchste Zeit war, daß er mit dem Studieren zu Rande kam. Er legte die fünfzig Heller für die Zeche auf das Marmortischchen, nahm Hut und Mantel vom Haken und ging auf die Gasse.

Draußen sprühten ihm die lauen Tropfen wohlig ins Gesicht. Im Grunde genommen war er ja immer noch derselbe dumme Junge wie damals, der sich vor den Weibern ängstigte und sie nicht zu nehmen wußte. Die Jahre hatten ihn nicht verändert, nur der Bart war ihm gewachsen. Aber er hatte erkennen gelernt, daß seine Scheu aus der Tiefe der Empfindung kam. Die andern waren sorglose Gesellen, ihre Triebe im Seichten verankert. Aber die seinen gruben Wurzeln ins Innerste. Ein süßes Entsetzen erschütterte ihn, wenn er sich seine ersten Erlebnisse mit der Frau ins Gedächtnis rief. Da war er schon Student im ersten Universitätsjahre gewesen. Er erinnerte sich noch deutlich der bohrenden Qual und Verzweiflung, die vorhergegangen war. Grauenvoller Nächte, die er ohne Schlaf verbrachte, stumpfer Gewissenskümmernis, wenn die heimliche Sünde kam und ihn niederzwang. Lange hatte er sich gewehrt, es den übrigen gleichzutun. Von Sehnsucht zermürbt, wurde er hoffnungslos. Bis er dann endlich ein Ende machte wie die andern.

In seiner Seele stand der Tag wieder auf, grausträhnig, düster, erkältend. An den Häusern streift ein Schatten entlang, blickt rückwärts, steht, zögert. Bist du es, Sturmfenster, Sturmfenster? Die Straße ist eng, winkelig, und die Buben, die im Kehricht mit farbigen Fisolen spielen, lachen so häßlich hinter ihm drein. Irgendwo ist ein Fenster offen und ein Phonograph schreit ihm das Lied vom lieben Augustin, der alles verloren hat, in die Ohren. Das Stiegengewölbe ist schlecht beleuchtet und so niedrig, daß er nicht aufrecht darin gehen kann. Dann tut sich die Türe auf und er steht in dem Zimmer.

Dieses Zimmer, wirst du es jemals vergessen können? Es ist kein gewöhnliches Zimmer, wo Menschen wohnen, wo man ißt, trinkt, schläft. Es ist symbolistisch verdunkelt, ein Inventarstück der Ewigkeit, ein Traumzimmer aus des Lebens tieferer Bedeutung. Ein Bett steht an der Wand, neben dem Bilde des Kaisers Josef hängt ein Spiegel in verblichenem Goldrahmen. In einem verstaubten Papierfächer stecken Ansichtskarten und eine verwelkte Blume. Neben dem Fenster ist die Tapete aus der Mauer gerissen und auf dem Sessel darunter steht eine Schüssel mit dem Wasserkrug.

Das Weib ist groß, trägt den Kopf lachend im Nacken, hat gesunde Zähne und harte Brüste. Sie knöpft ihr Kleid auf, gleißt nackt in dem Traumzimmer.

Der Kandidat der Philosophie Gaudentius Sturmfenster blieb stehen, um Atem zu holen. Diese Erinnerungen erhitzten ihn. Da war bei Gott nur der verfluchte Regen schuld, bei dem man den Weibern auf die Strümpfe sehen mußte, ob man wollte oder nicht. Da, gerade vor ihm ging wieder so eine. Hoch, üppig, das Kleid mit einer lässigen Bewegung geschürzt, mit wundervollen Beinen. Sturmfenster holte sie ein und spähte in ihr Gesicht. Nun, ganz so schüchtern war er ja doch nicht mehr, wie damals, als er das Lyzeummädel aus der Schule begleitete. Er hatte sozusagen die Technik der Frechheit den jungen Leuten abgeguckt, mit denen er verkehrte, die darin die Meisterschaft besaßen. Dem Römerstern zum Beispiel, diesem Laffen, der ihm nicht das Wasser reichte. Woran lag es nur, daß dem alle nachliefen? Der war geschniegelt, leer, hundsschnautzig kalt. Und in ihm war Glut, Reichtum, Seligkeit. Nun hatte die Dame endlich bemerkt, daß er ihr nachging. Sie drehte ihm langsam ihre umrandeten Augen zu und maß ihn erstaunt mit den Blicken. Nun ja, schäbig genug sah er ja aus in seinem Wettermantel und dem großen, zerdrückten Hut. Aber sie hatte ihn ja fast zornig angeschaut! Ein breites, grobknochiges Gesicht mit enger Stirne und einem gemeinen Munde. Das war der Typ, den er eigentlich nicht mochte, der ihn aber sinnlich aufs äußerste reizte. Seiner gläubigen Inbrunst, die sich weich und verlangend dem Weiblichen entgegendrängte, stand er im Wege, aber er machte gefährliche Instinkte in ihm los, die er nicht bändigen konnte. Die Frau vor ihm machte jetzt eine Wendung und schritt quer über die Straße einem kleinen, pavillonähnlichen Häuschen zu.

Sturmfenster sperrte den Mund auf und starrte verblüfft auf die schmale, mit Reklamebildern verklebte Tür, die sie hinter sich zuzog. Da hörte doch Verschiedenes auf! Da lief man wie ein Verliebter hinter der Holden durch die Straßen und am Ende stand man da und konnte warten, bis sie ihre Notdurft verrichtet hatte. Deutlicher hätte sie ihm ihre Mißachtung gar nicht zu verstehen geben können. Er strich grimmig mit den Fingern den Kinnbart und wußte nicht recht, ob er verstimmt oder erheitert sein sollte.

Eine feigherzige Traurigkeit pochte bei ihm an und begehrte Einlaß. Sturmfenster war unschlüssig und unzufrieden. Er verstand nicht recht den geheimen Sinn der Zusammenhänge, die Großes mit Erbärmlichem, Starkes mit Dumpfem verknüpften. Ihm war auf einmal unendlich einsam zu Mute wie einem, der mutterseelenallein auf der Welt ist. Seine Kindheit, sein Leben war eine Fahrt zwischen Wünschen und winzigen Erfüllungen gewesen. Aber nein, er war nicht einer, der sich enttäuschen ließ! Das war gut für die andern, für die Halben und Kalten vom Schlage dieses Römerstern, die ja doch nur nach einem billigen Vorwand für ihre Blasiertheit suchten. Er glaubte. Nein, alle seine Not war nicht umsonst gewesen. Es gab mehr, als was die jungen Leute alle vom Baume der Liebe pflückten, mehr als er bisher erleben konnte. Ja, er war an das Irdische gefesselt. Sein Fleisch war ungebärdig und er mußte den Frauen nachgehen, wie der Hund hinter der Hündin. Aber er wußte, daß einmal das goldene Feuer kommen mußte, das heilige Feuer, aus dem die Schöpfung geschweißt war. Irgendwann würde er jählings davon geblendet werden, irgendwo, und begnadet sein. – – –

Gaudentius Sturmfenster stand und hatte die Hände ausgebreitet. Der Wind fuhr in seinen nassen Bart und schüttelte ihn. Von seinem Hute troff der Regen auf den Mantel. In dem kleinen Häuschen tat sich die Türe auf und die große Frau trat wieder auf die Straße. Eine ärgerliche Röte flog über ihr Gesicht, als sie den Kandidaten gegenüber erblickte. Aber dann lächelte sie entwaffnet und nickte ihm unmerklich zu. Sie faßte die Röcke, hob sie hoch, und Sturmfenster folgte ihren schönen Beinen willig im Zickzack bis in die Straße, wo Frau Bomba wohnte.




II. KAPITEL



FRAU BOMBA UND


IHRE TÖCHTER

Das Haus Nr. 17 in der Quergasse sah aus wie alle andern Häuser in dieser Gegend. Es war nichts Besonderes an ihm zu bemerken. Der Ruß und der Staub hatten eine schwärzliche Patina darüber gezogen und die Straßenkinder hatten neben dem Eingang Schimpfnamen und unzüchtige Figuren in den Mörtel gekratzt. Ein hölzerner Schaukasten machte die Passanten darauf aufmerksam, daß in dem Ladengewölbe, zu dem die drei Stufen hinaufführten, ein Zwirnhändler sein Geschäft betrieb. In den Vormittagsstunden brannte die Sonne auf der erblindeten Glasscheibe und gab dem Silbergarn und den Perlmutterknöpfen auf dem schwammigen Pappendeckel für kurze Zeit einen hellen Schimmer.

Die Witwe nach dem k. u. k. Militärkapellmeister Augustin Bomba hatte im zweiten Stockwerk des Hauses eine vierzimmrige Wohnung gemietet, die sie mit ihren beiden Töchtern und dem Kanarienvogel bewohnte. Als ihr Seliger noch lebte, war sie eine stattliche Frau gewesen, die in den Kreisen, in denen sie verkehrte, als Schöngeist verschrien war. Diesen Ruf erwarb sie wohl hauptsächlich dadurch, daß sie in einer Leihbibliothek abonnierte, aus der sie wöchentlich dickleibige Romane nach Hause trug. Frau Bomba war eine sentimentale Natur. Sie besaß noch immer das Poesiealbum aus ihrer Mädchenzeit und holte es auch noch mitunter aus der Lade hervor, um darin zu blättern. Ihre Erinnerung schwärmte dann gerne auf verbotenen Wegen aus und sie gedachte mit schmerzlichem Bedauern des blonden Provisors, von dem die gefühlvollen Aphorismen stammten, oder des langen Kadetten, der nun bestimmt schon Oberleutnant war. Ihre Phantasie malte ihr reizvolle Bilder vor, die ihr das Dasein an der Seite eines Mannes zeigten, der fähig gewesen wäre, ihre Gedanken zu würdigen. Trotzdem waren diese Träume, denen Frau Bomba nachhing, die einzige Form von Untreue, die sie sich gestattete. Ein gewisses Unbehagen, die Furcht vor unangenehmen Weiterungen hielt sie davon ab, den Fonds ihrer unbefriedigten Wünsche in einem sündhaften Abenteuer anzulegen. Sie entschädigte sich durch die Hingabe, mit der sie sich in die Welt rabiater, von Leidenschaft überhitzter Romane versenkte, in welchen der Liebe, dem Gift und dem Gold eine atemversetzende Rolle bestimmt war.

Als Herr Bomba eines Tages an einem Schlagflusse plötzlich verschied, war sie schon eine alte Frau. Die Männer hatten seit langem aufgehört, sich auf der Straße nach ihr umzusehen, und ihre Figur, auf die sie einmal so stolz gewesen, war in die Breite gequollen, ohne daß das französische Mieder es hätte verhindern können. Aber ihre beiden Töchter, Siddy und Mimi, waren inzwischen herangewachsen, und aus den magern, sommersprossigen Dingern, für welche die Mutter bisher nur ein unklares Gefühl mitleidiger Geringschätzung übrig gehabt hatte, waren zwei auffallend fesche Bälger geworden, Siddy, die ältere, sechzehnjährige, war schon jetzt ein molliges Mädel mit Vergißmeinnichtaugen und dem drolligen Stumpfnäschen der Blondinen. Die fünfzehnjährige Mimi ging noch im Backfischkleid, das braune Kraushaar wirr und ungekämmt. Ihre Augen hatten nichts von der hellen Unschuld der Schwester und sie besaß im übrigen eine Manier, den knabenhaften Körper zu verführerischen Posen zu biegen, die vielversprechend und entschieden talentvoll war. Frau Bomba gab die Verwandlung, die mit ihren Kindern vorgegangen war, mancherlei zu denken. Sie nahm jetzt gerne die Gelegenheit wahr, sich mit den Mädchen den Leuten zu zeigen und die Blicke der Männer, die sie verstohlen musterten, lösten in ihr ein ungekanntes Gefühl des Wohlbehagens aus. Sie genoß die Begehrlichkeit, die ihre Töchter entfachten, wie eine ihren alternden Sinnen dargebrachte Huldigung. Die Lust an Dingen, von denen man nur im Flüstertone spricht, die im Halbdunkel und hinter verriegelten Türen geschehen, kroch aus den Verstecken abgestandener Gedanken ans Licht. Was sie in ihrer ereignislosen Ehe in sich verschlossen hatte, gewann jetzt Gewalt über sie. Ein trüber, am Unsauberen sich ergötzender Hang gab ihrem Empfinden die Richtung, Mit einer süßlichen Neugier versuchte sie es, von ihren Kindern die heiklen Geheimnisse zu erfahren, die man selten einer Freundin, niemals der Mutter anvertraut. Sie belauerte ihr Erröten und horchte mit einem erregten Lächeln ins Dunkle, wenn die Schwestern abends zu Bette gegangen waren und miteinander vor dem Einschlafen noch eine Weile von ihren Erlebnissen schwatzten.

Als die sanfte Siddy mit den zärtlichen Augen eines schönen Tages mit einer Frühgeburt niederkam, hielt sie den Zeitpunkt für gekommen, das fernere Geschick ihrer Sprossen selbst zu bestimmen. Über den kleinen Unfall, von dem ihre Älteste betroffen worden war, ging sie ohne Scheltworte mit einer verbindlichen Diskretion hinweg. Aber sie wußte es in der Folge so einzurichten, daß die Herren, die vordem die Mädchen auf der Straße angesprochen hatten, um nachher auf verschwiegenen Ausflügen näher mit ihnen bekannt zu werden, nunmehr zu ihnen in das Haus kamen. Es machte sich ganz von selbst, daß sie für die gefällige Art, mit der sie die Unterhaltung der Gäste ausschließlich ihren Töchtern überließ, beim Abschied ein Entgelt bekam. Die Besucher, von denen besonders die älteren Herren mit dem gelichteten Scheitel und der korrekten Kleidung gerne gesehen wurden, fanden das selbstverständlich, und wenn einige von ihnen im Anfang gezögert hatten, half ihnen Frau Bomba durch kluge Reden über die teuren Zeiten und ihre karge Witwenpension über die Unschlüssigkeit hinweg. In den breiten Schichten der bürgerlichen Lebewelt, der bemittelten Studenten- und Beamtenschaft, in den Schreibstuben der großen Bankhäuser sprach sich die Adresse der freundlichen Witwe bald herum, und an manchen Tagen entwickelte sich in ihrer Wohnung eine Geselligkeit, die ihr eine gute Bürgschaft für die Zukunft der Töchter zu bedeuten schien.

Diesen selbst gefiel die neue Ordnung der Dinge ganz wohl. Sie blähten sich in kokett geputzten Kostümen auf den Promenaden der Stadt und die Reiherpinsel nickten von ihren Hüten. Neben ihnen, in einem schwarzen, mit Schmelzperlen geschmückten Seidenkleide ging gravitätisch die Mutter. Ihrem praktischen Sinn schwante mit Recht eine Gefahr für die rentable Ordnung ihres Familienlebens, wenn sie die beiden Mädchen ohne Aufsicht ließe. Diese Spaziergänge reizten sie zudem zu einer rührseligen Resignation, der sie sich mit selbstgefälliger Wehmut ergab. Sie verkörperten ihr den Drang und die gewaltsam verbogenen Triebe ihrer eigenen Jugend. Sie beobachtete die Gesichter der Männer, die vorübergingen, und sah mit Stolz und genießerischer Freude die Schönheit der Töchter reifer werden. Aus den Falten ihrer Kleider, dem trockenen Parfüm, das ihnen entströmte, und dem als pikanteste Zutat ein feiner Schweißgeruch beigemengt war, stieg eine Atmosphäre auf, in der sich eine schwüle Geschlechtlichkeit mit dem Nimbus angenehmer Laster vermählte, die aufstachelnd und betäubend wirkte. Frau Bomba sog sie mit Entzücken ein; ein Glücksgefühl bemächtigte sich ihrer und ihre Lippen zitterten.

Wenn sie von solchen Promenaden heimgekehrt waren, ging die Klingel der Wohnungstüre öfter als gewöhnlich. Mimi, deren ewig bewegliches Naturell neuen Abwechslungen nachsann, war es zuerst, die den Gedanken anregte, angesichts des wachsenden Betriebes befreundete Damen zu sich zu laden. Frau Bomba, die sich anfangs sträubte, ging bald auf den Vorschlag ein und bemühte sich auch mit bewundernswertem Eifer um dessen Ausführung. Die natürliche Gewandtheit, die sie in solchen Angelegenheiten besaß, wandelte sich bei ihr nachgerade zur Genialität. Sie hatte eine unwiderstehliche Art, den hübschen Nachbarsfrauen, deren Männer tagsüber in irgend einer Branche tätig waren, ins Gewissen zu reden. Sie fand bei einer jeden bald den Punkt heraus, wo der Angriff sich lohnte, war süß bei der einen, gutmütig bei der andern, impetuos bei der dritten, sie log, scherzte, fabulierte und vergaß als bestes und einleuchtendstes Argument auch niemals den geschäftlichen Vorteil der Sache in das rechte Licht zu rücken. Es gab unter den jungen Frauen, an die sie sich heranmachte, viele, die gerne ein Nadelgeld verdienen wollten und die nachher aus dem Staunen gar nicht herauskamen, daß es auf eine so einfache und amüsante Weise möglich war. Einige kamen allerdings nur des Interesses wegen, weit sie das Abenteuer liebten, und wenn auch die Witwe den übrigen nur den kleineren Teil der empfangenen Beträge überließ, so gab sie dennoch diesen den Vorzug.

Die nächste Folge der gesteigerten Frequenz, die sich nun einstellte, war die, daß Frau Bomba ihre kleine Wohnung aufgab, die sie bisher draußen in Žižkov inne hatte, und in der Quergasse Nr. 17 vier geräumige Zimmer bezog. Sie kaufte schöne, freundliche Möbel, die sie vorläufig auf Raten schuldig blieb, Teppiche und geblümte Vorhänge für die Fenster und gab der Behausung ein wohnliches Gepräge, das etwa die Mitte zwischen kleinbürgerlicher Tradition und jener Talminoblesse innehielt, die ihr von der Lektüre der Leihbibliotheksromane als geistiger Bodensatz im Gedächtnis geblieben war. Auf der Schwelle nagelte sie dem Brauche gemäß einen blanken Kupferkreuzer fest und über der Türe prangte mit Goldbuchstaben auf schwarzem Glasgrunde ein biederes: »Grüß Gott!«

Die neue Wohnung brachte einen ungeahnten Aufschwung. Frau Bomba hatte es nicht mehr nötig, die Frauen der kleinen Handwerker und Gewerbetreibenden der Nachbarschaft für ihr Geschäft zu gewinnen, sie kamen von selbst, Schöne und Häßliche, Elegante und Schüchterne, und boten ihre Dienste an. Da waren Damen in distinguierter Toilette, die ängstlich verschleiert eintraten und beim Fortgehen der Witwe ein Goldstück in die Hände drückten, Kontoristinnen, die von der Arbeit den Weg hierher fanden, Ehefrauen, die darauf brannten, sich abseits ihres täglichen Lebens für eine kurze Stunde unbekannten Männern hinzugeben. Telephonfräuleins und Modelle, die hier das Geld für einen neuen Hut oder eine Bluse erwerben wollten, Prostituierte, die auf diese Weise einen vorteilhaften Anschluß erhofften. Frau Bomba hatte Verwendung für alle. Mit einer Witterung, die mehr dem Animalischen in ihr als dem Intellekte entsprang, war sie den Gästen eine Beraterin ihrer Wünsche. Die Lebemänner, die in dem Medianismus der sexuellen Betriebsamkeit nach Sensatiönchen verlangten, brachte sie mit den Ärmlichen, von der Tagesarbeit Erschlafften zusammen. Den jugendlich Blasierten führte sie die Frauen zu, die ihre mangelnden Reize durch die Ungeduld ersetzten, mit der sie das Erlebnis erwarteten. Den Unerfahrenen verschönte sie den Genuß in den Armen der Professionellen durch eine hastig erfundene Illusion, eine unwahrscheinliche Geschichte, die sie ihnen beim Eintritt vielsagend in die Ohren zischelte und die gerade lebenskräftig genug war, um für die Dauer des Besuches vorzuhalten. Ihre Phantasie arbeitete unaufhörlich. Sie erfand Schicksale, die die Stirnen der Weiber, die bei ihr verkehrten, ahnungsvoll verdunkelten, die ihren Küssen Würze und Glut verliehen. Aus den Gattinnen braver Postbeamten machte sie Offiziersfrauen im Generalsrang, aus Bäckermeisterstöchtern, die tagsüber mit der Schürze hinter dem Ladentische standen, Ballerinen der russischen Oper, die auf der Durchreise eine Bekanntschaft suchten. Sie hatte Nihilistinnen und Kindesmörderinnen in Bereitschaft. Sie kannte die intimsten Qualitäten einer jeden und pries sie den Männern überzeugend an. Siddy und Mimi machten mit ihr die Honneurs, empfingen mit gespieltem Erschrecken die Gäste in Seidenhöschen und Mieder, liefen beständig im Negligé durch die Zimmer, fütterten den Kanarienvogel und verbreiteten jenen undefinierbaren, aus Schweiß und Parfüm gemischten Duft, der aufreizend und einschläfernd zugleich war. Das Geld, das früher, als Frau Bomba noch die Wohnung in der Vorstadt inne halte, dünn und spärlich geflossen war, ergoß sich jetzt in einem breiten Bach in die Quergasse Nr. 17. Es war gutes, schönes Geld. Es war heiß von den Leibern der Frauen, die es ins Haus brachten, und klingelte und schrie in der Tasche, als ob es lebendig wäre.




III. KAPITEL



KAMILLA, DIE


NUBIERIN

In dem einfenstrigen Raum, der durch das trübe Licht des Nachmittags spärlich erhellt wurde, standen die zwei einander gegenüber. Er warf den nassen Hut auf den mit Wachstuch bespannten Tisch und sah sich zögernd um. Auf dem niedrigen Sparherd in der Ecke hielt ein Speisenträger aus weißem Zinn zwischen Tellern Siesta, auf denen die Überreste einer Mahlzeit in geronnener Tunke schwammen. Frau Bomba, die das Essen aus dem Restaurant bezog, gab manchmal auch die Küche an minderbemittelte Gäste zur jeweiligen Benützung ab.

Frau Nowotny zerrte nervös an ihrer Jacke. Sie war wütend darüber, daß sie den Einfall gehabt hatte, den Menschen, der ihr auf der Straße nachgelaufen war, hierher zu locken, Wie ungemütlich sich der benahm –! Und was er für lächerlich blaue Fischaugen hatte!

Sturmfenster legte die Hände auf dem Rücken zusammen und fing an, langsam um den Tisch herumzugehen.

Es glättet die Gedanken, wenn man sich in der Richtung des Uhrzeigers bewegt! – dachte er und lachte vergnügt, weil er in dieser Situation imstande war, einen Unsinn, der ihm angeflogen kam, so präzis zu formulieren.

Der ist wohl verrückt? – Frau Nowotny räusperte sich vernehmlich.

Sturmfenster blieb vor ihr stehen, Sie war noch ein Stückchen größer wie er und er mußte zu ihr hinaufschauen.

Wohnen Sie hier? – fragte er kurz. Es waren die ersten Worte, die er zu ihr sprach und seine Stimme rasselte wider seinen Willen barsch und befehlshaberisch.

Sie schüttelte nur unwillig den Kopf. Nein.

Ein wenig verschüchtert nahm er seine Wanderung wieder auf. Mit vorgebeugtem Kopfe pendelte er im Kreise um den Tisch, über den das Wasser von seinem Hute in einem zackigen Bächlein rann. Auch er war ärgerlich, daß er der Fremden gefolgt war. Was mochte das für ein Weibsstück sein? In was für ein Lokal hatte sie ihn da geführt? Widerlicher Dunst, Bratengerüche mit Parfüm, beleidigten seine Nase.

Frau Nowotny wartete. Die Sache begann sie zu belustigen. Im Grunde genommen war sie ja auf eine ungewöhnliche Bekanntschaft gefaßt gewesen. Und schließlich war es ein Spaß, Sie hob den Kopf mit einer halb koketten, halb hochmütigen Bewegung und lächelte.

Sturmfenster hatte sie mißtrauisch gemustert. Sie war hochgewachsen und hatte die üppige Schlankheit sinnlicher Weiber. Der herausfordernde Mund gab ihrem sonst dummen Gesichte den Ausdruck starker Lebendigkeit. Sie trug kein Mieder unter dem knappen Kleide und die Schatten unter den Augen waren künstlich gedunkelt. Er trat auf sie zu.

Was kostet die Geschichte? – fragte er brutal. Sie zuckte zusammen und eine zornige Falte zeigte sich, für einen Augenblick nur, auf ihrer Stirne. Dann hob sie die Achseln und meinte leichthin: Weiß Gott, was sich die Bomba für dieses Loch bezahlen läßt. Viel kann's nicht sein. Drei oder vier Kronen. – –

Mit einer niederträchtigen Freundlichkeit, die ihn zurechtwies und beschämte, reichte sie ihm ihr Täschchen hin:

Wenn Sie vielleicht nicht bei Kasse sind? –

Da hatte er's. Aus lauter Verlegenheit machte er eine Lümmelei nach der andern.

Ich habe Geld – knurrte er mit rotem Kopfe und wälzte die Augäpfel in den Höhlen. Sein dünner Bart sträubte sich giftig und er sah wie ein borstiger Kater drein.

Frau Nowotny hatte ihre Laune wiedergefunden. Sie nahm den Hut ab und nestelte an ihren strähnigen, ein bischen wüsten Haaren.

Wie heißen Sie denn? – fragte sie mit jenem gutmütigen Interesse, das im Munde einer Frau immer etwas Mütterliches bekommt.

Gaudentius?

Sie buchstabierte ungeschickt an dem Namen herum und lachte dann albern los. Ihre Brust straffte sich unter der Jacke, während sie mit gekreuzten Beinen auf der Tischkante saß. Der eine Fuß hing in der Luft und wippte.

Ich heiße Kamilla! – sagte sie dann mit einem Beiklang von Selbstgefälligkeit in der Stimme. Man sah ihr förmlich die Freude darüber an, daß sie so einen ordentlichen, gut gebräuchlichen Namen besaß. Sturmfenster starrte auf den Knopfschuh, der ihr graziöses Fußgelenk umschloß. Die Ernüchterung, die ihn vorhin befallen hatte, und der Unmut verließen ihn. Er besann sich, daß er nun allein mit der Frau war, die ihm gefiel, und daß sie vor ihm auf dem Küchentische saß und ihm gehörte. Er erinnerte sich des ordinären Seitenblicks, mit dem sie ihn willenlos über die Stiegen des unbekannten Hauses in die fremde Wohnung geschleppt hatte. Die Nächte während seiner Gymnasialzeit fielen ihm ein, wo seine Phantasie die Stube, die er mit seinen Eltern teilte, mit solchen Frauen bevölkerte. Noch heute, wenn er zurückdachte, konnte er ihre Gesichter unterscheiden. Sie alle hatten diese heißen Augen mit den begehrlichen Schattenringen und alle sahen Kamilla ähnlich. Es war kein Zufall, daß er ihr heute begegnet war. Hundertmal hatte er diese feisten Lippen geküßt, diesen weißen, fleischigen Hals betastet. Er kannte Kamilla. Immer schon, seit vielen Jahren, waren unsichtbare Fäden zwischen ihr und ihm gewesen. Schon damals, als er an langen Nachmittagen über den punischen Kriegen büffelte, hatte ihn ihr Bild bedrängt. Oder waren es die Heere der Amazonen, die so in seine Träume stürmten? Weiber, unübersehbar und zahllos, Schenkel an Schenkel auf ihren wilden Pferden, mit dem Antlitz Kamillas zwischen flatternden Haaren. Gaudentius begriff es, daß sie siegreich waren, daß den Feinden die Waffen entfielen und sie zu kämpfen vergaßen.

Das Bild schob sich in sein Gedächtnis, das er auf dem Wege zur Schule täglich betrachtet hatte. Es war ein grellfarbiges Plakat, das für eine bekennte Zahnseife Propaganda machte. Ein braunes Nubiermädchen mit malerisch zerzaustem Gelock besah im Spiegel ihre derben Zähne. Ein buntkarriertes Tuch bedeckte ihre Schultern und ein kurzes Gewand ließ ihre muskulösen Beine frei, die nur über den Knöcheln mit Sandalenbändern verschnürt waren. Minutenlang war er oft vor diesem Bilde gestanden. Die unbekümmerte Weiblichkeit in dem Gesichte des Mädchens hatte ihn gefangen genommen. Erst heute wußte er, daß dieses Antlitz allen Frauen gemeinsam war, die seine Sinne verführten. Es war ein Kamillagesicht, knochig und rabiat, mit einem asiatischen Einschlag. Damals geschah es oft, daß es ihn in die Nächte verfolgte. Oder daß es wahrend der Unterrichtsstunde plötzlich aus der Landkarte sprang, wollüstig, mit dem unwiderstehlichen Munde. Dann kam manchmal das wunderbare Chaos über ihn, das ihn auch jetzt noch zuweilen heimsuchte. Wo die Welt, der Himmel, die Leute in einem rasenden Wirbel versanken und nur hie und da wie die Trümmer entschwindender Dinge die Erinnerung an ein Erlebnis wiederkam, an eine Straße, die er einmal gegangen war, an ein Spielzeug, an die punischen Kriege. Darüber hinweg kam es gigantisch gebraust. Auf schnaubenden Pferden, nach Männerart im Sattel sitzend, kamen die Weiber geritten, die steifen Brüste von der Mähne gepeitscht, die Schwerter in den erhobenen Händen. Es begann die Schlacht. Die süße Schlacht, in der man unterging, in der man sich verlieren konnte. Rosse stürzten zuhauf, Glieder schimmerten zwischen Blut und Schweiß. Aber Schenkel an Schenkel kamen immer neue. In dem Getümmel, das ihn in die Knie zwang, sah Gaudentius die Gesichter, von wüsten Haaren umrahmt, mit knochigem Kinn und gemeinem Munde. Er sah die Arme, die sich zum Schlage reckten, hörte Schreie, die ihn erzittern ließen. Hundertmal, von stählernen Muskeln gespannt, vom rieselnden Blut wie mit roten Sandalen bebändert, sah er die braunen Beine der Nubierin. Sturmfenster wachte auf. Langsam, noch mit einem Leuchten, hob er den Blick zu Kamilla auf. Die saß noch immer geduldig und wippte mit dem Fuße.

Zieh dich aus! – befahl er rauh, merkte gar nicht, daß er nun unvermittelt du zu ihr sagte.

Kamilla gehorchte. Sie öffnete ihr Kleid über der Brust und begann sich zu entkleiden.

Wo werden wir uns lieben? – fragte sie beinahe demütig und sah sich in dem Raume um, wo der Tisch und drei Stühle die einzigen Möbelstücke waren. Es stand weder Bett noch Sofa in Frau Bombas Küche.

Sturmfenster antwortete nicht. Er verzog nur den Mund wie in einem großen Schmerze. Seine blauen Augen wurden dunkelgrün, und als das Weib zu ihm herankam, nur mit dem Hemd und den Hosen bekleidet, als sie den Kopf zurückwarf und ihm die Lippen bot, erstickte er den Schrei, der ihm aufstieg, in einem Kusse.

Sie legte die nackten Arme um seinen Hals und während sie ihn wieder küßte, hing ihr großer Leib wie ein Gewicht an ihm und zog ihn im Fallen auf die schmutzigen Dielen nieder. In dem Kehricht, der um sie wie eine Wolke aufflog, liebten sie einander. Er nahm das Weib, das sich ihm willig entgegendrängte, mit dem ungestümen Haß des Geschlechts. Er pflückte die schweren, irdischen Küsse von ihrem Mund und sie deckten seine Augen mit einem Schleier zu, hinter dem er nichts mehr erkennen konnte. Nur eine kleine, goldene Sehnsucht flatterte noch vor ihm her und schlug mit den Flügeln.

Ein Heimweh, das ihn immer befiel, wenn er in einem unzulänglichen Glück sich der Erde verschwisterte. Gaudentius Sturmfenster sehnte sich nach der himmlischen Liebe. Das war eine, die nicht aus Qualen und Dünsten geboren wurde, das war eine süße, köstliche Liebe. Eine, die ewigen Glanz besaß und Herzen erlösen konnte.

Unwillkürlich suchte er mit den Augen das Licht, das zum Fenster hereinkam. Draußen hatte der Regen nachgelassen und eine blasse Sonne flammte in den Scheiben.

Ach sieh doch, sieh! – sagte Sturmfenster und löste sanft die Hände Kamillas von seinem Nacken. Sie betrachtete ihn verwundert, wie er verzückt durch das verstaubte Küchenfenster starrte. Ein paar Sonnenstrahlen flirrten über ihre nackte Brust und sie blinzelte suchend in der Richtung seines Blicks.

Wo schaust du hin? – meinte sie dann und schmiegte sich wieder an ihn.

Er schwieg. Nachdenklich strich er mit den Fingern seine struppigen Barthaare zurecht und erhob sich langsam. Er konnte doch dem Weib, das da vor ihm auf dem Fußboden kniete, nicht sagen, daß er eben zwischen dem Fensterrahmen in Frau Bombas Küche ein Stückchen Himmel gesehen hatte.




IV. KAPITEL



HERR RÖMERSTERN LÄSST


SICH DEN KOPF


WASCHEN

In der Rasierstube des Herrn Scheibenhonig war heute eine fidele Stimmung. Meermann mit dem martialisch emporgewichsten Schnurrbarte und dem gutmütig vorgeschobenen Kinn war wieder einmal der Gegenstand unbändiger Heiterkeit. Äußerlich war eigentlich nichts an ihm zu bemerken, was die Ausbrüche des Humors, die er immer wieder bei der anwesenden Kundschaft entfesselte, gerechtfertigt hätte. Mittelgroß und von angemessenem Leibesumfang bot er in dem sauberen Leinenkittel, von dem sich sein gebräunter Teint stattlich abhob, das Bild einer wohlgereiften Männlichkeit, wie es wohl den Dienstmädchen und Ladenmamsellen der Nachbarschaft als vollendetes Heiratsideal vorschwebte. Wenn er mit den Augen rollte, bekam sein Gesicht für Augenblicke eine entfernte Ähnlichkeit mit einem Bullen.

Die kleine Rasierstube mit dem blanken Messingbecken vor der Türe und den bunten Diplomen an den winkligen Wänden war immer überfüllt. Sie war seit Jahren in der deutschen Gesellschaft Prags in Mode gekommen und ihr Eigentümer verstand es, die Gunst der Verhältnisse zu nützen. Sein volles Diplomatengesicht war stetig von einem verbindlichen Lächeln erlustigt, das den Eintretenden empfing und wieder hinausgeleitete und in der spielerisch betonten Höflichkeit seines Wesens stak ein gutes Stück Ironie und Welterkenntnis. In seinem Geschäftslokale wurde nicht bloß barbiert, Bart und Kopfhaare geschnitten, Kölnisch-Wasser und Puder zerstäubt, es herrschte hier eine traditionelle Geselligkeit, eine geistige Separatkultur, die durch die rein prägen sehe Form des Kalauers am wirkungsvollsten gekennzeichnet erschien. Herr Scheibenhonig leitete mit klugem Takt und bedachtsamem Verständnis den intellektuellen Mist seiner Kunden in die richtigen Bahnen. Er erwies sich immer in jeder Situation als der Mann von Welt, über dessen beiläufige Schlagfertigkeit ein artiger Schwank kursierte.

Ein älterer Hofrat der vornehmsten Behörde begegnete ihm einmal auf dem neutralen Boden einer Wohltätigkeitsgesellschaft. Obwohl er zu seiner tagtäglichen Kundschaft gehörte, vermochten seine durch den beständigen Staatsdienst zerrütteten Sinne den eleganten Herrn im Frack nicht gleich richtig zu registrieren. In der Meinung, einen seiner Beamten vor sich zu haben, erwiderte er mit kollegialer Herablassung seinen Gruß und fühlte sich bewogen, den ohne Zweifel sehr repräsentablen Untergebenen mit einer Ansprache zu beglücken.

In welchem Departement arbeiten Sie jetzt? – fragte er freundlich den sich respektvoll Verneigenden.

In meinem eigenen, Herr Hofrat, – ich bin der Friseur Scheibenhonig.

In dem drehbaren Armstuhl neben der offenen Türe, der wegen der frischen Luft, die von draußen hereinkam, allgemein den Beinamen »Riviera« führte, hatte eben ein junger Mann mit auffallend hohem Stehkragen Platz genommen. Die aufdringliche Beflissenheit, die sich um ihn entfaltete, gab zu erkennen, daß er gewohnt sein mochte, Ansprüche zu stellen und daß er nicht zu den Knickern gehörte.

Meermann legte dem Ankömmling den blütenweißen Umhang um die Schultern und zwang seine Miene zu einem grimmigen Grinsen.

Eine Waschung gefällig – Herr Römerstern?

Meinetwegen. – Schampoon oder Pix?

Pix und ein Tropfen Birkenwasser. Geschäftig trug der Lehrjunge einen Haufen Servietten herbei. Während Meermann sich anschickte, den Kopf des Sitzenden in eine riesige Seifenkugel zu verwandeln, näherte sich der Chef mit listigem Schmunzeln.

Wissen Sie schon, was für ein Handwerk Meermann eigentlich gelernt hat? Nein. –

Er ist ein Schneider. Ein Schneider – wieso?

Nun, das merkt man doch. Weil er die Leute schneidet. Ein Blick unsäglicher Verachtung aus den runden Augen des Verspotteten spießte sich in das Gesicht des Erzählers.

Blöder Kerl! – knurrte er und seifte gewaltig, daß die Flocken stoben. Das Auditorium wieherte vor Vergnügen. Dieses gemütliche Verhältnis zwischen Geschäftsherrn und Angestelltem war unbezahlbar.

Je, aber haben Sie es denn schon bemerkt, wie täuschend er dem Tell ähnlich sieht? – fragte jetzt Römerstern und duckte sich tiefer in den Sessel.

Dem Tell? – Der Meermann dem Tell? – Sie meinen den Wilhelm Tell? –

Nein. Ich meine den Trot-tel.

Eine Lachsalve erschütterte eine Zeitlang das Gewölbe. Ausgezeichnet! – Wirklich ausgezeichnet! – rief begeistert Herr Scheibenhonig. Selbst der Lehrjunge lachte in der Ecke.

An Meermann reichte heute der Spektakel nicht heran. Er hatte sich in einen hartnäckigen Gleichmut zurückgezogen, der ihn gegen allen Unflat schützte. Sein breiter Daumen fuhr über den eingeseiften Schädel des Witzlings und massierte die Kopfhaut. Was tat ihm das, was da die jungen Herren schwatzten? Es war nun einmal so auf dieser Welt. Ein jeder trug die Nase hoch und höhnte den andern. Nur er war der Niemand, der arme Hund, der den Leuten den Bart putzte. – – –

Auch Römerstern verstummte. Der würzige Geruch des Pixavons hüllte sein Gehirn in Schläfrigkeit. Die gleichförmigen Geräusche der Rasierstube, das Klappern der Scheren, das Knittern der Zeitungsblätter, das Gelächter, das zwischen den Gesprächen hin- und herkollerte, lullten ihn in Betäubung. Er war müde. Es war allerdings heute wieder fünf Uhr morgens gewesen, als ihn die Droschke nach Hause brachte. In der Bank mußte er dann um dreiviertel neun schon wieder zum Dienst antreten. Das hielt ja kein Pferd aus. Dazu kamen noch die immerwährenden, schauerlichen Sorgen!

Sein hübsches, arrogantes Gesicht gaffte übernächtig aus dem Spiegel. Die heutige Bummelei hatte er ja ohnehin nur aus dem Grunde veranstaltet, um für ein paar Stunden die quälenden Gedanken los zu werden. Dabei war ihm trotzdem die ganze Nacht der verfluchte Wechsel nicht aus dem Kopfe gegangen, den ihm dieser Herr Bambula morgen präsentieren würde. Achthundert Kronen waren immerhin ein hübsches Geld, besonders wenn man bedachte, daß sie in längstens drei Tagen beschafft sein sollten. Prolongieren würde Bambula diesmal bestimmt nicht mehr.

Eine Gänsehaut lief kalt und zapplig über seinen Rücken. Fröstelnd zog er den Frisiermantel dichter an sich und gähnte ungeniert. Alles in allem saß er also glücklich in der famosesten Klemme. Eine aus Resignation und Mitleid gemischte Stimmung kam über ihn und wandelte sich langsam in eine weinerliche Verbitterung. Die andern, seine Kollegen und die Jünglinge, mit denen er in der Gesellschaft zusammentraf, konnten leicht großtun. Ihnen blieb im schlimmsten Falle, wenn alle Mittel versagten, die Beichte zu Hause und der Geldsack des Vaters. Ihm aber, was blieb ihm? Ein gehässiger Ärger verzog seine Lippen, wenn er an die dreizimmrige Wohnung daheim und an seine Eltern dachte. Das waren ja Proletarier. Ohne Schwung und ohne Verständnis für eine bessere Lebensführung. Die würde er um das Geld nicht angehen, selbst wenn sie es besäßen. Aber sie hatten es nicht einmal. –

Römerstern ließ das Kinn auf die Brust sinken. Ein leiser Kopfschmerz kitzelte ihn hinter den Schläfen und seine Gedankengänge verwirrten sich. Zusammenhanglos sprangen zerstückelte Begebenheiten aus vergangenen Jahren darin auf. Das wohlige Gefühl umfing sein Bewußtsein, für eine Viertelstunde in den bequemen Armstuhl gebannt zu sein, ohne sich rühren zu müssen. Er blies eine Fliege von der Nasenspitze fort, streckte die Beine aus und entschlummerte.

Aus der verkaterten Kläglichkeit seines Daseins hob ihn der Schlaf in eine kreisrunde Helle hinein. Aus einer glühenden Blume ergoß sich ein Lichtkegel in den Raum. Ein alter Steindruck hing an der Wand, der die Flucht der Muttergottes nach Ägypten darstellte. Den Kopf über ein zerlesenes Gebetbuch gebeugt saß eine Frau neben der leuchtenden Blume. Römerstern erkannte das Zimmer. Es war die Stube, in der er seine Knabenzeit verbracht hatte, bevor er aus dem Hause schied, um möbliert zu wohnen. Die rote Blume auf dem Tische war die Lampe, die seine Kinderjahre mit ihrem Lichte wärmte. Die alte Frau dort mit dem Gesangbuch zwischen den Fingern war seine Mutter. Eine schämige Freude erschütterte ihn plötzlich. Er dachte daran, wie die Tränen schmeckten, die er als Kind an ihrem Halse weinen durfte. Aber seine Lider blieben trocken und er konnte den Mund nicht öffnen, um sie zu rufen.

Da löschte der Schlaf das Lampenlicht aus und entführte ihn in ein sekundenlanges Dunkel. Als dann die Dämmerung wiederkehrte, durchflutete sie den Saal mit den Gasthaustischen und dem Kleiderständer neben dem Eingang. Eine Gesellschaft von Damen und Herren saß um die hufeisenförmige Tafel und an der Präsidentenecke stand Römerstern und hielt eine Ansprache an das Komitee. Sein Oberkörper wiegte sich in den Hüften und sein Bleistift klopfte das Protokollbuch. Es mußte der eleganteste Ball der Saison werden. Die Jünglinge mit den sorgfältig gezogenen Scheiteln klatschten Beifall, Mädchenaugen begrüßten ihn funkelnd. – –

Ein Geigenton zerriß die Szene. Das Licht verschwamm, flackerte weiter an Torbogen und gelben Laternen vorbei bis zu dem Hause mit den großen Fenstern. Das Kaffeehaus war erleuchtet, die Zigeunermusik vibrierte darin. Die Kellnerin mit der blonden Frisur und den granatroten Lippen flüsterte mit Römerstern. Er lauschte nervös und zerstreut. Dann neigte sich der kahle Kellner mit der zerknitterten Hemdbrust zu ihm und nickte lächelnd. Seine feuchte Hand fuhr in das Innenfutter des Fracks und holte eine abgegriffene Ledertasche hervor. Drin saßen die Hundertkronennoten wie die Mäuse im Speck. Eine von ihnen, mit dem umgebogenen Ohr und dem Fettfleck in der Mitte, machte sich los und rutschte zu Römerstern hinüber. Der sah dem Kellner in die faltige Visage.

Danke schön derweilen! – sagte er leise und nahm das Papier. Da entschwand ihm das Licht und das Kaffeehaus mit der Blondine versank im Finstern.

Das Licht flog weiter. Aber es war ängstlich geworden und zappelte. Mit einem Male rannte ein Schrecken auf Römerstern zu, kam näher und näher. Er sah die halbdunkle Straße hinunter, die sich ihm öffnete, und eine nichtswürdige Furcht lähmte seine Glieder. In der Tiefe, wohin eine Faust ihn abwärts schob, waren die Schatten. Läppische Gestalten mit mißlungenen Gebärden, die frech und knechtisch nach ihm äugten. Schmutzfinken aus dem Inseratenteil der Tagespresse, die Meute, die nach Prozenten hungerte. Da standen die Geldgeber aus der inneren Altstadt, Kaufleute mit Speiseflecken auf der gewölbten Weste und Raubtierfratzen unter dem Hute. Agenten, die eine abgerissene Eleganz zur Schau trugen, Kneipenwirte mit dem Rotwälsch des Kriminals. Fromme Witwen, die mit ihrem Pfunde wucherten und der verschwitzte Oberkellner aus dem Kaffeehaus »Zur Gemse«.

Römerstern ging mit zusammengebundenen Füßen. In seinem Gehirn regte sich das versteckte Wissen, daß es ein böser Traum war, der ihn narrte. Die Gefühle eines Gefesselten marterten ihn, den man mit Unrat besudelt. Mit Grauen und Widerstreben rückte er vor die Phalanx. In der vordersten Reihe, dicht vor ihm, stand Bambula. Das faule Gebiß wuchs schräg aus seinen Kiefern und er klapperte mit den Augendeckeln. Schmatzend, mit Üblem Atem, spie er dem Ohnmächtigen eine Ziffer entgegen. – – –

Römerstern fuhr auf. Ein taumelndes Entsetzen wirbelte ihn blitzschnell in die Wirklichkeit. Er öffnete die Augen und sah in das behäbige Gesicht Meermanns hinein, der treuherzig mit der Serviette knallte. –




V. KAPITEL



DIE WELTFREUNDE


BIETEN EINANDER


OHRFEIGEN AN

Das Café Portugal hatte seine Spezialitäten. Mit dem Komfort seiner Einrichtung, den Klubsesseln, der Holztäfelung, den Beleuchtungskörpern aus dem letzten Jahrzehnt des Kunstgewerbes schien es ein Kaffeehaus für bemittelte Bürgersleute zu sein, die hier am Sonntag nachmittag oder wochentags nach dem Abendessen mit ihren Frauen und Töchtern die »Neue Freie Presse« oder die »Národni Listy« lasen. Der Spaziergänger, der draußen vorüberschlenderte und einen Blick durch die hohen Spiegelscheiben tat, nahm die gewohnten Eindrücke mit auf den Weg; erhitzte Damen, die ihre Korpulenz hinter schlecht sitzenden Miedern verbargen, Kinder, denen die braune Fülle der Schokoladekuchen aus den Mundwinkeln tropfte, ältere Heeren mit rosafarbigen Glatzen und großen Ametystanhängseln an der goldenen Uhrkette. Der Wirt, der manchmal im schwarzen Gehrock zwischen den Tischen erschien und seinen Gästen händereibend freundliche Verbeugungen machte, war ein dicker Mann mit Pockennarben, der das Haar wie eine Bürste aufgekämmt trug und den wohlanständigen Typ des Lokals in keiner Weise beeinträchtigte. Das Geschäft war gut und die Einnahme reichlich. Er kniff die Augen zufrieden zusammen und zog einen Strich unter unfruchtbare Träume.

Im Grunde seines Herzens war Herr Bumberlik ein Phantast. Sein wohlgenährtes Exterieur umschloß eine unbotmäßige Seele, die heimlich auf unwegsamen Gebieten wildern ging. In der Spießerhaftigkeit seines Daseins hatte er sich eine Vorliebe für alles Zügellose und Ungeordnete bewahrt, für alles, was über die Stränge schlug und Revolutiönchen machte. Vor Jahren trat er einmal mit der Absicht hervor, ein vages, aus der Art geschlagenes Unternehmen zu begründen. Im Keller des Hauses, durch eine steile Wendeltreppe auf romantische Weise zugänglich, hatte er einige wundervolle Räume entdeckt, runde und eckige Katakomben, Stiegengänge, die Unaussprechliches umwitterte. Der Gedanke, hier einen Sammelpunkt für ungebundene Elemente zu schaffen, ein nächtliches Kabarett mit orgiastischem Programme, ließ ihn nicht mehr los, Arbeiter kamen und setzten den Keller in Stand, leiteten Licht und Luft in die Tiefe. Junge Maler bekritzelten die Wände mit Karikaturen, verklexten Farbentöpfe, schmierten Totentänze und Gerippe an die Decke. Stellenlose Artisten fanden sich ein, der Malerklüngel der Stadt, Dichter und Halbweltdamen. Aber vor dem Eröffnungsabend verbot die Polizei die ganze Geschichte und Herr Bumberlik mußte den Keller schließen.

Ein Trost allerdings entschädigte ihn für die Enttäuschung. Das fahrende Volk, mit dem er seiner Pläne wegen in Fühlung getreten war, blieb ihm treu und verbrachte einen guten Teil des Tages und auch der Nacht in seinem Kaffeehause. In einem den bürgerlichen Gästen abgekehrten Hinterzimmer versammelten sich von nun an die jungen Künstler der Stadt, deutsche und tschechische Literaten mit dem gemischten Gefolge, das dazugehörte. Herr Bumberlik brachte allen eine an Liebe grenzende Sympathie entgegen. Er sorgte dafür, daß sein Geschäftsführer alle die Literaturblättchen abonnierte, wo die Essays und Gedichte seiner Gäste gedruckt wurden, er subskribierte alle Zeitschriften, die auf Büttenpapier mit gerissenen Rändern erschienen. Für die Genießlinge und Ästheten hatte er eine umfangreiche erotische Bibliothek in Gewahrsam, niedliche Obszönitäten, die er außer den Stammgästen nur jenen in diskreter Weise präsentierte, die mit Betonung »Kunstsachen« verlangten. Aber auch materielle Bedürfnisse fanden an ihm einen Helfer und Freund. Er gewährte Kredit, war nachsichtig gegen Schuldner. Oft machte er sich einzig und allein mit der Freude darüber bezahlt, daß man in Prag das Café Portugal ein Künstlerkaffeehaus nannte.


* * *

Fräulein Muck aus Bischofteinitz war heute die erste in der Ecke, in der sich von sechs Uhr abends an die jungen Genies zu treffen pflegten. Sie hielt die Stielbrille vor die kurzsichtigen Augen und las im »Brenner«. Die Lektüre strengte sie an und ihr beständig fieberisch gerötetes Gesicht wurde noch um einen Schatten dunkler. Sie las mit einem gewissermaßen devoten Pflichtgefühl. Hatte nicht Karl Kraus den »Brenner« die einzige unabhängige Zeitschrift in Deutschland und Österreich genannt?

Der borstige Bart Sturmfensters tauchte im Türrahmen auf und seine schlotternde Gestalt kam unentschlossen näher. Er saß viel lieber draußen in dem großen Salon und sah sich durch die Glasscheiben die Leute auf der Straße an. Aber es war wieder einmal kein Plätzchen mehr zu haben.

Guten Tag! – grüßte er und zog einen Sessel zum Tisch.

Fräulein Muck nickte zerstreut. Dieser Prolet mit den ungepflegten Nägeln war ihr zuwider. Es war ihr unbegreiflich, wieso die anderen seinen Verkehr suchen konnten. Ein plumpes, kulturloses Tier, ohne geistige Prägung.

Ein hysterischer Frosch, – räsonierte Sturmfenster – der die Literatur für seine Gebärmutterkrisen verantwortlich macht. – –

Klirrend stieß er das winzige Geschirr beiseite, aus dem Fräulein Muck den auf türkische Art bereiteten Mokka getrunken hatte und warf einen haßgrünen Blick auf die vor ihr aufgetürmten schöngeistigen Journale.

Ein Krügel Pilsner und die »Fliegenden Blätter« – bestellte er schallend und schneuzte geräuschvoll.




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