Die Mohicaner von Paris
Alexandre Dumas der Ältere




Alexandre Dumas

Die Mohicaner von Paris





Erstes bis viertes Bändchen





I

In welchem der Verfasser den Vorhang von dem Theater aufhebt, wo sein Drama spielen soll


Will der Leser mit mir eine Pilgerfahrt nach den Tagen meiner Jugend machen und die Hälfte vom Laufe meines Lebens, das heißt ein Vierteljahrhundert zurückgehen, so werden wir miteinander am Anfange des Jahres der Gnade 1827 Halt machen, und wir werden den Generationen, die aus dieser Zeit datieren, sagen, was das physische und moralische Paris der letzten Jahre der Restauration war.

Beginnen wir mit dem physischen Anblick des neuen Babylon

Von Osten nach Westen war Paris im Jahre 1827 Ungefähr, was es 1854 ist. Paris am linken Ufer der Seine ist natürlich stationär und zielt eher darauf ab, sich zu entvölkern, als zu bevölkern; im Gegensatze zur Civilisation, welche vom Osten nach dem Westen fortschreitet, schreitet Paris, diese Hauptstadt der civilisirten Welt, vom Süden nach dem Norden fort; Montrouge reißt Montmartre an sich.

Die einzigen wirklichen Arbeiten, welche auf dem linken Ufer von 1827 bis 1854 gemacht wurden, sind der Platz und die Fontaine Cuvier, die Rue de l’Ecole-Polytechnique, die Rue de l’Quest, die Rue de Bonaparte, der Orleans-Bahnhof, der der Barrière du Maine; endlich die Sainte-Clotilde-Kirche, die sich auf der Place Belle-Chasse erhebt, der Palast des Staatsrathes auf dem Quai d’Orsay und das Hotel des Ministers der auswärtigen Angelegenheiten auf dem Quai des Invalides.

Ganz anders war es auf dem rechten Ufer, das heißt in dem zwischen dem Pont d’Austerliz und dem Pont d’Jena begriffenen Raume, längs dem Fuße des Montmartre. Im Jahre 1827 erstreckte sich Paris in Wirklichkeit im Osten nur bis zur Bastille, – und es war noch das ganze Boulevard Beaumarchais zu bauen; im Norden nur bis zur Rue de la Tour d’ Auvergne und der Rue de la Tour-des-Dames, und im Westen nur bis zum Schlachthause du Roule, und der Allee des Veuves.

Dach vom Quartier des Faubourg Saint-Antoine, das von der Place de la Bastille bis zur Barrière du Trone geht; dem Quartier Popincourt, das dem Faubourg Saint-Antoine bis zur Rue Ménilmontant geht; vom Quartier des Faubourg du Temple, das von der Rue Ménilmontant zum Faubourg Saint-Martin geht, vom Quartier Lafayette, das dem Faubourg Saint-Martin bis zum Faubourg Peissonnière geht; dem Quartier Turgot endlich, vorn Quartier Trudaine, vom Quartier Berda, vom Quartier Tivoli, vom Quartier der Place de l’Europe, vom Quartier Beaujon; von den Rues de Milan. de Madrid, Chaptal, Boursauld, de Laval, de Lendres, d’Amsterdam, de Constantinopel, de Berlin, u.s.w.  u.s.w. war nach nicht die Rede. Quartiere, Plätze, Squares, Straßen, der Zauberstab der Fee, die man die Industrie nennt, hat sie alle aus der Erde hervorspringen gemacht, um als Gefolge für die Fürsten des Handels zu dienen, welche man die Eisenbahnen von Lyon, von Straßburg, von Brüssel, und vom Havre nennt.

In fünfzig Jahren wird Paris den ganzen Raum ausgefüllt haben, der heute zwischen seinen Vorstädten und seinen Festungswerken leer bleibt; dann wird Alles, was Vorstadt ist, Paris sein, und neue Vorstädte werden sich an allen Oeffnungen dieser ungeheuren Ringmauer ausdehnen.

Wir haben gesehen, was das physische Paris 1827 war; sehen wir nun, was das moralische war.

Karl X. regierte seit zwei Jahren; seit fünf Jahren war Herr von Villèle Präsident des Conceil; seit drei Jahren war Herr Delavau auf Herrn Anglès, der so schwer im Prozesse Manbreuil compromittirt, gefolgt.

König Karl X.war gut; er hatte ein zugleich schwaches und redliches Herz und ließ um sich die zwei Parteien wachsen. welche ihn, während sie ihn zu befestigen glaubten. stürzen sollten: die Ultra-Partei und die Priester-Partei.

Herr von Villèle war weniger ein Staatsmann, als ein Börsenmann; er wußte die öffentlichen Fonds in Bewegung zu setzen, zu verrücken, umzurühren, unter einander zu mengen; das war aber Alles. Uebrigens persönlich ein ehrlicher Mann, der sich von den Finanzen nach fünf Jahren, so arm. als er eingetreten war, und nachdem ihm Milliarden durch die Hände gegangen, zurückziehen sollte.

Herr Delavau war ohne persönlichen Werth, ganz und gar, nicht dem König, sondern der doppelten Partei, weiche in seinem Namen regierte,. Ergeben. Sein Personalchef forderte Beichtzettel von den Angestellten und selbst von den Agenten; man konnte nicht als Polizeispion angenommen werden, wenn man nicht wenigstens in einer der dem Tage der Zulassung vorhergehenden zwei Wochen gebeichtet hatte.

Der Hof war traurig und wurde nur erheitert durch die Jugend. das Bedürfniß nach Zerstreuung und die künstlerische Seite des Charakters der Frau Herzogin von Berry.

Die Aristokratie war ängstlich und gespalten: ein Theil klebte an den halb liberalen Traditionen von Ludwig XVIII. und behauptete, die Ruhe der Zukunft hänge von einer weisen Vertheilung der Gewalt unter die drei großen Staatskörper, den König, die Kammer der Pairs und die Deputirten-Kammern ab; der andere Theil warf sich mit aller Heftigkeit rückwärts, wollte 1827 wieder mit 1788 verknüpfen, leugnete die Revolution, leugnete Bonaparte, leugnete Napoleon, und glaubte keine andere Stütze nötig zu haben, als die an welcher sich Ludwig IX., ihr Ahnherr, und Ludwig XIV., ihr Vorfahre, festgehalten hatten, nämlich das göttliche Recht.

Das Bürgerthum war, was es zu allen Zeiten gewesen ist: ein Freund der Ordnung, ein Begünstigter des Friedens; es wünschte eine Aenderung und zitterte, diese Aenderung könnte stattfinden; es schrie gegen die Nationalgarde, gegen den Verdruß, Wachdienste thun zu müssen, und wurde wüthend. als man im Jahre 1828 die Nationalgarde auflöste. Im Ganzen folgte es dem Leichenbegängnisse des Generals Foy, nahm Partei für Grégoire und für Manuel, unterschrieb bei den Touquet-Ausgaben und kaufte zu Millionen die Tabaksdosen mit der Charte.

Das Volk war offen von der Opposition,. ohne genau zu wissen, ob es bonapartistisch oder republikanisch; es wußte nur, daß die Bourbonen nach Frankreich im Gefolge der Engländer, der Oesterreicher und der Kosaken zurückgekehrt waren. Da es aber die Engländer, die Oesterreicher und die Kosaken haßte. So haßte es natürlich auch die Bourbonen und wartete nur auf den Augenblick, sich Ihrer zu entledigen . . . Jede neue Verschwörung wurde mit freudigem Zuruf begrüßt: für das Volk waren Didier, Berton, Carré Märtyrer; die vier Sergenten von la Rochelle Götter!

Nachdem wir nun auf drei successiven Stufen vom König zur Aristokratie, von der Aristokratie zum Bürgerthum und vom Bürgerthum zum Volke herabgestiegen sind, steigen wir noch eine Stufe tiefer herab, und wir werden uns an den nur von den bleichen Laternen der Rue de Jerusalem beleuchteten Rändern der Gesellschaft befinden.

Nehmen Sie an, wir seien an den Abend der Fastnacht von 1827 versetzt.

Seit zwei Jahren gibt es keine Polizei-Maskeraden mehr; die Wagen, deren doppelte Reihe die Boulevards durchfurcht ganz beladen mit Poissarden und Malins, welche, so oft sie sich kreuzen, anhalten, sind Privatwagen.

Einige von diesen Wagen geübten im Grunde einem vortrefflichen jungen Manne Namens Labattue, der drei oder vier Jahre später an einer Brustkrankheit in Pisa sterben wird,. und obgleich er Alles in der Welt thut, daß man erfahre, daß diese ungeheuren Maskeraden, diese Hornbläser, diese Reiter ihm gehören, wollen die Zuschauer doch beharrlich nichts von seinem Namen wissen und thun Lord Seymour die Ehre an.

Unter den Cabarets sind am meisten in der Mode: bei der Courtille Desnoyers, der Salon de Flore, die Courtille; bei der Barrière du Maine Tonnelier.

Die besuchten Bälle sind: die Chaumière, gehalten von Lahire; – zwei Racen, welche heute zu verschwinden im Begriffe sind, tanzen dort auf dem Vulcan der sie verschlingen soll: die Studenten, die Grisetten; die Lorette und die Arthurs, welche ihre Stelle eingenommen haben, sind noch unbekannt: Gavarni wird für sie sein reizendes Auslader-Costume[1 - Les débardeurs, Auslader der Schiffe, haben in Paris eine besonders reizende Tracht.] schaffen; der Prade der dem Justizpalaste gegenüber blinkt; das Colyssée. Das hinter dem Chateau d’Eau steht; die Porte Saint-Martin und Frankoni, welche allein mit der großen Oper das Privilegium der Maskenbälle haben.

Wohl verstanden, wir sprechen hier von der Oper nur der Erinnerung wegen: in der Oper tanzt man nicht, man geht spazieren, die Frauen im Domino, die Männer im schwarzen Frack.

Auf den andern Bällen, bei Desnoyers, im Salon de Flore. bei Tonnelier. in der Caumière, im Prado, im Colyssée. bei der Porte Saint-Martin, bei Frankoni tanzt man auch nicht: man chahuttirt.

Die Chahut war ein gemeiner Tanz, gegen den der Cancan das, was der Stummel und der Galgenknaster gegen die Havannah-Cigarre sind.

Tief unter allen diesen Orten, die wir genannt haben, sind die abscheulichen Löcher. die man Freischenken nennt.

Es gibt sieben in Paris:

,Zur Schwarzen Katze Rue de la Vieille Draperie, in der Cité;

Zum Weißen Kaninchen, dem Gymnase gegenüber;

Zu den Sieben Billards, in der Rue de Bondy; Hotel d’Angleterre, Rue Saint-Honoré, der Cirette gegenüber;

Bei Paul Niquet, Rue aux Fers;

Bei Baratte, in derselben Straße.

Endlich bei Bordier, an der Ecke der Rue Aubry-le-Boucher und der Rue Saint-Denis.

Zwei von diesen Freischenken haben Specialitäten.

Die Schwarze Katze vereinigt besonders die Diebe à la carouble und à la fourline; das Weiße Kaninchen die charrieurs, die scionneurs und die vantarniers.

Oh! Man beruhige sich. wir werden uns nicht in einen Rothwälsch-Dialog einlassen und ein Buch machen, das man nur mit Hälfe des schändlichen Wörterbuchs von Bicêtre und der Conciergerie verstehen kann.

Wir entledigen uns im Gegentheil, um nicht mehr darauf zurückzukommen, aller dieser ekelhaften Ausdrücke, die uns eben so sehr als unsern Lesern widerstreben würden.

Sagen wir also rasch, was die Diebe àla carouble und àla fourline, die charrieurs, die scionneurs und die vantarniers sind.

Die Diebe àla carouble sind Diebe mit falschen Schlüsseln.

Die Diebe àla fourline sind Leute, welche Börsen, Uhren, Schnupftücher aus den Taschen stehlen.

Die charrieurs sind diejenigen. welche bei den Wechslern unter dem Vorwande eintreten, sie wollen Stücke mit dem Bildniß dieses oder jenes Königs, mit dieser oder jener Jahreszahl wählen. und während die die verlangten Stücke wühlen, für fünfzig Franken davon in jeden Aermel schieben.

Die scionneurs sind diejenigen, welche mit einem Schnupftuche oder einem Stricke den Hals einer Person umwickeln, die sie bestehlen wollen, und sie auf ihre Schultern laden, während ihre Genossen sie durchstören.

Die vantarniers endlich sind diejenigen, welche nur zu stehlen, bei Nacht, mit Hilfe von Strickleitern durch die Fenster einsteigen.

Die fünf anderen Freischenken sind ganz einfach Sammelplätze von Dieben aller Kategorien.

Um diese ganze Bevölkerung von freigelassenen Galeerensklaven, von Betrügern, von Freudenmädchen, von Dieben aller Art, von Banditen jeder Gattung zu überwachen, hat ein Arrondissement nur sechs Inspectoren und einen Friedensbeamten; die Stadtsergenten sind noch nicht geschaffen und werden es erst 1828 durch Herrn von Belleyme.

Diese Inspectoren thun den Dienst in bürgerlicher Tracht.

Jede von ihnen verhaftete Person wird zuerst nach dem Saint-Martin-Saale, das heißt nach dem Depot geführt; hier hat man gegen sechzehn Sous für die erste Nacht und gegen zehn Sous für die anderen Nächte ein Recht auf ein besonderes Zimmer. Von da werden die Männer nach der Force oder nach Bicêtre, die Mädchen nach den Madelonettes in der Rue des Fontaines. Beim Temple, die Diebinnen nach Saint-Lazare in der Rue de Faubourg Saint-Denis geschickt.

Die Hinrichtungen finden auf der Grève statt.

Herr von Paris[2 - Das ist der Titel dies Henkers.] wohnt in der Rue des Marais Nr. 43.

Die erste Frage. die der Leser an sich selbst macht, oder die er an uns machen würde, wenn wir ihm nicht entgegen kämen, ist: »Da die Polizei weiß, wo die Diebe zu nehmen sind, warum nimmt sie dieselben nicht?«

Die Polizei kann nur auf frischer That verhaften, das Gesetz ist in diesem Punkte positiv, und die Diebe aller Klassen wissen das wohl.

Könnte die Polizei anders verhaften, als mit der Hand in der Tasche, so brauchte sie, da sie fast Alle kennt, nur ihr Garn in allen Winkeln und Höhlen von Paris auszuwerfen, und es gäbe keine Diebe mehr, oder in jedem.Falle so wenig, daß es nicht der Mühe werth wäre, sich darüber zu beklagen.

Heute besteht keine von diesen Freischenken mehr: die einen sind bei den Abbrüchen Verschwunden, welche die Verschönerung von Paris nothwendig machte die sondern sind geschlossen, erloschen, todt.

Bordier allein ist am Leben geblieben; doch die Freischenke von 1827 ist ein eleganter Laden von Spezereiwaaren geworden, wo man getrocknete Früchte, Confituren und seine Liqueurs verkauft, und hat nichts mehr von der unsauberen Höhle, in welche wir unsere Leser zu führen genötigt sind.




II

Die Cavaliere der Halle


Wir haben unsere Leser schon darauf aufmerksam gemacht, das erste Blatt unseres Buches trage das Datum der Fastnacht vom Jahre der Gnade 1827 an sich.

Nur berührte dieser Tag der äußersten Tollheit seine letzte Stunde: es sollte Mitternacht schlagen.

Drei junge Leute gingen Arm in Arm die Rue Saint-Denis hinab; zwei von ihnen trällerten die Hauptmotive der Quadrillen, die sie im Colyssée gehört, wo sie die ersten Stunden der Nacht zugebracht hatten; der Dritte beschränkte sich darauf, daß er spielend in den goldenen Knopf eines Stöckchens biß.

Die zwei Trällernden trugen die Livree des Tages und die Verkleidung jener Zeit.

Der Dritte, derjenige, welcher nicht sang, der in der Mitte zwischen den zwei Andern ging. der der Aelteste von den Dreien zu sein schien, oder wenigstens der Ernsthafteste. der seine zwei Freunde um einen Kopf überragte und, wie gesagt. in den Knopf seines Stockes biß, – war in einen von den braunen Tuchmänteln mit Sammetkragen gehüllt, wie man sie zu jener Zeit trug, heute aber nur noch an den Giebeln der Werte von Chateaubriand und Byron sieht.

Dieser kaut aus einer Künstler-Soirèe, welche in der Rue Sainte-Appoline stattgefunden hatte.

Unter seinem Mantel war er bekleidet mit schwarzen langen Hosen, die ein nerviges Bein mit feinen Gelenken hervorheben, und an seinem zierlichen Fuße trug er einen durchbrochenen seidenen Strumpf und einen lackierten Escarpin; militärisch zugeknöpft, – obschon es sichtbar war, daß der Mann durchaus in keiner Beziehung zur Armee stand. – ließ sein schwarzer Frack oben und unten nur die äußersten Enden einer weißen Piquéweste vorschauen; sein Hals spielte bequem in einer Binde von schwarzem Atlaß. und sein Kopf, dessen Haare sich von Natur kräuselten, war bedeckt mit einem von jenen abgeplatteten Hüten, die man auf dem Ball unter dem Arme trug und, wenn man wegging, bis auf die Ohren eindrückte, eine Kopfbedeckung, die man Claque-Hut nannte.

Hätten die spärlichen Wanderer. welche zu dieser Stunde der Rue Saint-Denis folgten, den Mantel aufheben können, in den sich der Unbekannte drapiere, dessen Anzug wir in diesem Augenblicke beschreiben, sie würden sich versichert haben. daß dieses unter dem Knöchel zugeknöpfte und wie Tricot anliegende Beinkleid. dieser Frack mit dem eleganten Schnitt und den anmuthig fallenden Schößen. diese Weste von englischem Piqué mit ciselirten goldenen Knöpfen offenbar aus dem Magazin von einem der ausgezeichnetsten Schneider des Boulevard de Gand kamen und für einen von den jungen Modeherren verfertigt werden waren. die man zu jener Zeit noch Dandys nannte, während man sie heute mit dem schon ein wenig abgenutzten Namen Löwen bezeichnet.

Und dennoch schien derjenige, welcher diese Kleidung trug, entfernt nicht die Prätension zu haben, für einen Elegant gelten zu wollen; es genügte in der That, ihn einen Moment anzuschauen. um die Gewißheit zu erlangen, daß man vor den Augen nicht das hatte, was man einen Mann nach der Mode nennt: er hatte in seinem ganzen Wesen etwas, was eine zu große Unabhängigkeit der Bewegungen offenbarte, um auf eine von den Gliederpuppen, welche Sklaven der Falten ihrer Halsbinde oder der Steife ihres Kragens sind, anwendbar zu sein. Sodann hatten sich seine Hände, als widerstrebte ihnen diese fashionable Fessel, bei seinem Abgange aus der Soirèe eiligst der Handschuhe entledigt, was am Zeigefinger der Rechten einen von den dicken Ringen zu sehen erlaubte, welche, genannt Ringe à la chevalièr als Siegel dienten, mochten sie nun mit einer persönlichen Devise oder einem Familienwappen versehen sein.

Uebrigens bildeten die zwei anderen jungen Leute einen seltsamen Contrast mit dieser Art von Byron’schen Erscheinung. Costümirt, wie wir schon bemerkt haben, als Starke der Halle oder vielmehr als Malins, wie man damals sagte. bekleidet mit Westen von weißem Plüsch mit kirschrothem Kragen und weiß und blau gestreiften Atlaßhosen; den Leib umschloßen der Eine mit einem rothen Kaschemir. der Andere mit einem gelben; an den Füßen seidene Strümpfe mit goldenen Zwickeln und Schuhe mit Diamantschnallen; von oben bis unten mit Bändern von allen Farben aufgeputzt; den langhaarigen Hut umgeben mit einer Guirlande von weißen und rosenfarbigen Camelien, von denen die bescheidenste in dieser Jahreszeit nicht weniger als einen Thaler bei Madame Bayen oder bei Madame Prevost, den damals berühmtesten Blumenhändlerrinnen, kostete; die Wangen hoch gefärbt vom Purpur der Jugend, das Feuer in den Augen, die Freude auf den Lippen, die Fröhlichkeit tut Herzen, die Sorglosigkeit in goldenen Buchstaben auf ihre ganze Person geschrieben, waren diese zwei jungen Leute wohl die doppelte Verkörperung der französischen Heiterkeit, das Bild der lustigen Vergangenheit, deren Leichenbegängniß ihr Freund, schwarz gekleidet, düster wie die Zukunft, frommer Waise anzuführen schien.

Wie fanden sich nun diese der Tracht nach und wie es schien, den Charakteren nach so verschiedenen Männer beisammen, und warum gingen sie zu Fuß zu einer solchen Stunde in einer der fünfzig kothigen Straßen, welche Paris vom Boulevard Saint-Denis zum Quai de Gèvres durchziehen?

Das ist ganz einfach: die zwei Starken hatten keinen Wagen vor der Thüre des Colyssée gefunden; der junge Mann mit dem braunen Mantel hatte vergebens einen in der Rue Sainte-Appoline gesucht.

Schon ziemlich erhitzt durch den Punsch und den Bischof hatten die zwei Starken beschlossen, Austern in der Halle zu essen.

Bei voller Vernunft erhalten durch ein paar Gläser Orgeat und Johannisbeersaft. kehrte der junge Mann mit dem braunen Mantel, um sich schlafen zu legen, nach seiner Wohnung, in der Rue de l’Université, zurück.

Alle Drei begegneten sich zufällig an der Ecke der Rue Saint-Appoline und der Rue Saint-Denis; die zwei Malins erkannten einen Freund in dem jungen Manne mit dem braunen Mantel, der sie sicherlich nicht erkannt hätte.

Beide riefen einstimmig:

»Sieh da! Jean Robert!«

»Ludovic! Petrus! erwiderte der junge Mann mit dem braunen Mantel.

Im Jahre 1827 nannte man sich nicht mehr Pierre, sondern Petrus, nicht mehr Louis, sondern Ludovic.

Alle Drei drückten sich die Hände auf das Innigste, und man fragte einander, was man zu einer so ungewöhnlichen Stunde auf dem Pflaster des Königs mache.

Die Erklärung wurde von beiden Seiten gegeben.

Wonach die zwei Malins. von denen der Eine, Petrus, ein Maler, und der Andere, Ludovic, ein Arzt, ihrem Freunde, der ein Dichter war, so dringlich zuredeten, er möge mit ihnen bei Bordier in der Halle zu Nacht speisen, daß Jean Robert einwilligte.

Das war also unter ihnen festgesetzt worden, und nach der Geschwindigkeit ihres Marsches dem Ziele zu hätte man glauben können, es sei dies ein Entschluß, von dem Keiner von den Dreien wieder abgehen Würde, als plötzlich, zwanzig Schritte von der Cour Batave, Jean Robert stehen blieb.

»Ah!« fragte er, »nicht wahr, es ist fest beschlossen, daß wir zu Nacht speisen? . . . Bei wem sagt Ihr?«

»Bei Bordier.«

»Gut! bei Bordier?«

»Gewiß ist es fest beschlossen,« erwiderte einstimmig Petrus und Ludovic; warum nicht?«

»Weil es immer noch Zeit ist, zurückzuweichen, wenn man eben eine Dummheit machen will.«

»Eine Dummheit! Und worin?«

»Ei! darin, daß Ihr, statt ruhig bei bei Very, bei Philippe oder bei den Frères-Provencaux zu soupieren, die Nacht in einer gemeinen Schenke zubringen wollt, wo wir einen Aufguß von Campecheholz unter dem Vorwande von Bordeaux trinken und Katzenfleisch statt Gehägekaninchen essen werden.«

»Was Teufels hast Du denn heute Abend gegen Katzenfleisch und Campecheholz, o Dichter? fragte Ludovic.«

»Mein Lieber,« fragte Petrus, »Jean Robert hat einen großen Succeß im Theâtre-Francais gehabte er gewinnt hundert und fünfzig Franken alle zwei Tage; seine Taschen sind voll Gold, und er ist Aristokrat geworden.«

»Werdet Ihr nicht etwa sagen, Ihr geht aus Sparsamkeit dorthin?«

»Nein,« erwiderte Ludovic: »um ein wenig von Allem zu befühlen.«

»Puh! eine schöne Notwendigkeit!« rief Jean Robert.

Ich erkläre,« sprach Ludovic, »daß ich mich nur mit diesem einfältigen Costume, in Dem ich ansehe wie ein Müller der bei der Conscription gezogen, aufgeputzt habe, um heute Abend in der Halle zu soupieren: ich soupiere dort, oder ich soupiere gar nicht.«

»Ah! ja,« versetzte Petrus, »Du sprichst als Mediciner; das Hospital und das Amphitheater der Anatomie haben Dich auf alle Schauspiele, so häßlich sie sein mögen vorbereitet; als Philosoph und Materialist bist Du gepanzert gegen alle Ueberraschungen. Ich, der ich in meiner Eigenschaft als Maler nicht immer Campechwein zu trinken und Katzenfleisch zu essen gehabt habe; ich, der ich in den Vorschlag der Löwen eingetreten und in den Graben der Bären hinabgestiegen bin, wenn ich nicht drei Franken hatte, um den Vater Saturnin oder Mademoiselle Rosine die Blonde zu mir herauskommen zu lassen; ich bin nicht ekel . . . Gott sei Dank! Aber,« fügte er bei, indem er auf seinen Gefährten mit der hohen Gestalt deutete. »dieser eindrucksfähige junge Mann, dieser empfindsame Dichter, dieser Erbe von Byron, dieser Fortsetzer von Göthe, kurz dieser Jean Robert, welches Gesicht wird er in dem schlechten Hause machen? Hat er mit seinen kleinen Händen, mit seinem kleinen Fuß, mit seinem reizenden creolischen Accent die geringste Idee von der Art, wie man sich in der Welt, in der wir ihn vorstellen wollen benehmen muß? Hat er sich je nur gefragt. er, der bei der Nationalgarde nie mit dem linken Fuß abgehen konnte, mit weichem Fuße man in eine Freischenke eintrete, und seine keuschen, an den Jungen Kranken von Millevohe und an die Junge Gefangene vom Andrè Chenier gewöhnten Ohren, sind sie auch beschaffen, um die kleinen Scherze anzuhören, welche unter sich die Nachtcavaliere austauschen, welche diesen Ort emailliren? . . . Nein! . . . Was will er denn bei und machen? Wir kennen ihn nicht! Wer ist dieser Fremde, der sich in unsere Feste zu mischen wagt? Vade retro, Jean Robert!«

»Mein lieber Petrus,« antwortete der junge Mann, welcher der Gegenstand einer Diatribe gewesen, bei der wir, so weit es in unserer Macht lag, den Geist beibehielten, der zu jener Zeit in den Ateliers gang und gäbe war, »mein lieber Petrus, Du bist nur halb trunken, doch Du bist ganz Gasconier.«

»Ah! gut! ich bin von Saint-Lo! Wenn es Gasconier in Saint-Lo gibt, so wollen wir auch behaupten, es gebe Normannen in Tabres.«

»Nun denn! ich sage Dir, Gasconier von Saint-Lo! Du stellst Fehler zur Schau, die Du nicht hast, um gute Eigenschaften, die Du besitzt, zu verkleiden. Du spielst den Sittenlosen, weit Du naiv zu scheinen befürchtest; Du spielst das schlimme Subjekt, weil Du gut zu scheinen eröthest! Du bist nie in den Verschlag der Löwen eingetreten; Du bist nie in den Graben der Bären hinabgestiegen, und Du hast nie den Fuß in eine Schenke der Halle gesetzt, ebenso wenig als Ludovic, ebenso wenig als ich, ebenso wenig als die jungen Leute, die sich achten, oder die Handwerker, welche arbeiten.«

»Amen!« sprach Petrus gähnend.«

»Gähne und spotte« so lange Du willst, prunke mit Deinen eingebildeten Lastern, um die Galerien zu blenden, weil Du hast sagen hören, alle große Männer haben Laster gehabt, Andrea del Sarto sei Dieb gewesen, Rembrandt Völler; doch vor uns, die wir Dich als gut kennen, doch vor mir, der Dich wie einen jüngeren Bruder liebt, bleibe, was Du bist, Petrus: offenherzig und naiv, gefühlvoll und enthusiastisch. Ei! mein Lieber, wenn es erlaubt ist, blasiert, abgestumpft zu sein, – meiner Ansicht nach ist dies nie erlaubt, – so sei es gestattet, wenn man geächtet war wie Dante, verkannt wie Marchiavelli, oder verrathen wie Byron. Bist Du verrathen, verkannt oder geächtet gewesen? Betrachtest Du das Leben von der traurigen und unfruchtbaren Seite des Horizonts? sind Millionen in Deinen Händen zerschmolzen, ohne etwas Anderes darin zurückzulassen, als den Schmutz des Undanks oder die Narbe der Enttäuschung? Nein, Du bist jung, Du verkaufst Deine Bilder, Deine Geliebte ist Dir aufs Innigste ergeben, die Regierung hat bei Dir einen Tod des Sokrates bestellt: Ludovic wird Dir, wie des verabredet ist, als Phädon stehen, ich stehe Dir als Alcibades; was Teufels willst Du mehr? . . . In einer Freischenke zu Nacht speisen? Speisen wir mein Lieber! Das wird wenigstens ein Resultat haben: das Dich dergestalt anzuekeln, daß Du in Deinem Leben nicht mehr wirst dahin zurückkehren wollen.«

»Bist Du zu Ende, Mann mit dem schwarzen Frack?« sagte Petrus.

»Ja, ungefähr.«

»So laß uns weiter gehen.«

Petrus setzte sich in Marsch, indem er ein halb bacchisches, halb obszönes Lied anstimmte, als hätte er sich selbst beweisen wollen, die ernste und liebevolle Lection,die er von Jean Robert empfangen, habe keinen Eindruck auf ihn hervorgebracht.

Bei der letzten Strophe war man mitten in der Halle; es schlug halb ein Uhr in der Saint-Eustache-Kirche.

»Ah!« sagte Ludovic, der, wie man gesehen, wenig Theil an dem Gespräche genommen hatte und, ein nachdenkender und beobachtender Geist« sich leicht führen ließ, wohin man ihn führen wollte, überzeugt, überall, wohin der Mensch gehe, möge man ihn dem Menschen oder der Natur gegenüber führen, werde er Stoff zur Beobachtung oder zur Träumerei finden, »ah! es handelt sich nun darum, eine Wahl zu treffen . . . Treten wir bei Paul Niquet, bei Barutte oder bei Bordier ein?«

»Bordier ist mir empfohlen: treten wir bei Barbier ein,« erwiderte Petrus.

»Treten wir bei Bordier ein!« wiederholte Jean Robert«

»Wenn Du nicht etwa Deine Gewohnheiten oder Deine Zuneigungen in einem an dem Tempel hast, keuscher Säugling der Musen!«

»Oh! Du weißt wohl, daß ich nie in dieses Quartier gekommen bin . . . Wir gleichviel also! . . . Wir werden überall schlecht soupieren, und ich gebe keiner von diesen Schenken den Vorzug.«

‹Wir sind an Ort und Stelle. Scheint Dir die Schenke hinreichend einäugig?«

»Ich finde sie sogar blind!«

»Dann laß uns eindringen.«

Und seinen Hut auf sein Ohr drückend, lief Petrus in die Schenke mit der Ungezwungenheit, mit dem Sans facon und der Dreistigkeit eines alten Stammgastes der Anstalt.

Seine zwei Freunde folgten ihm.




III

Die Freischenke


Die Schenke war voll, übervoll.

Das Erdgeschoß, das Man nur mit Mühe erkennen würde sieht man das reizende, zierliche Magazin,.welches heute seine Stelle einnimmt. – das Erdgeschoß bestand aus einem niedrigen, räucherigen, feuchten,. übelriechenden Saale, wo in einem unglaublichen Durcheinander angehäuft eine ganze Welt auf die verschiedenste Art costumirter Männer und Frauen sich bewegte, unter denen übrigens die Verkleidungen der Malins und der Poissarden vorherrschend waren. Einige von diesen Frauen, – und wir müssen sagen, das waren die zierlichsten und hübschesten, – einige von diesen Frauen verriethen, als Poissarden verkleidet, am Halse und an den Schultern tief hinab entblößt, die Aermel bis an die Achsel zurückgeschlagen, mit Zinnober geschminkt, mit Schönfleckchen besäet, sie verriethen,. sagen wir, durch eine männlichere Stimme, durch einen Fluch, den sie kräftiger aussprachen, als es sich für ihren seidenen Rock und ihre Spitzenhaube geziemte, eine doppelte Verkleidung: Verkleidung im Costume und Verkleidung des Geschlechts; doch durch einen seltsamen Mißbrauch der Carneval-Fantasieen, ohne Zweifel, waren es nicht diese, welchen am Wenigsten die Männerschaar huldigte aus der ungefähr zwei Drittel der edlen Versammlung bestanden.

Stehend, sitzend, liegend, lachte, schwatzte, sang Alles das in den unzusammenhängendsten Tonarten und mit einer solchen Verwirrung, daß die Masse jeder Beschreibung entging und sich nur einige Einzelheiten aus dem ungestalten Ganzen hervorheben und in die Augen fielen.

Es war ein undurchdringliches Gewimmel, in dem sich Alles vermischte und verlor: die muskeligen Arme der Männer schienen den Frauen zu gehören; die zarten Beine der Frauen schienen den Männern zu gehören; ein bärtiger Kopf schien aus einem üppigen Busen hervorzukommen; von einer haarigen Brust glaubte man sie trage den schwermüthigen Kopf einer fünfzehnjährigen Jüdin! Es wäre selbst Petrus, nachdem er mit großer Mühe die Rümpfe wieder aufgebaut und jedem seinen Kopf zurückgegeben, unmöglich gewesen, zu unterscheiden, wem er die Füße, die Beine. die Arme gehörten, dergestalt waren alle diese Glieder vermengt, verknüpft, verdreht, unentwirrbar in einander verhalftert!

Die Gruppen, die man besonders unterschied, waren ein Pierrot. der sich den Anschein gab, als schliefe er an der Wand, mit einer Pierrette rittlings auf den Schultern: so daß der Pierrot, dessen Kopf das kattunene Wamms der Pierrette verbarg, das Aussehen eines Riesen mit zu kleinem Kopfe und zu kleinen Armen hatte; ein Polichinelle, der die Runde im Saale, ein Kind auf jedem von seinen zwei Höckern tragend. Zu machen versuchte; ein Türke. der auf einem Beine umherhüpfte. um zu beweisen. daß er nicht betrunken war; ein junger Bursche als Affe verkleidet, – eine von Mazurier in die Mode gebrachte Verkleidung. – der von Stuhl zu Stuhl, von Gruppe zu Gruppe sprang und die Priester der Göttin Thorheit und des Gottes Carneval – die Traurigste der Göttinnen und der Lustigste der Götter. – die unerwartetsten Ausrufungen mit ihren kreischenden Stimmen von sich zu geben veranlaßte.

Ein furchtbares Hurrah empfing die drei Freunde bei ihrem Eintritt in den Saal.

Der Pierrot offenbarte seine Androgencität dadurch, daß er das Wamms der Pierrette aufhob und seinen zweiten Kopf zeigte.«

»Die Polichinelle hielt in seiner umdrehenden Bewegung an, wie ein Gestirn, das mit einem Kometen zusammen stoßen würde

»Der Türke versuchte es, beide Beine zugleich aufzuheben, was seinen augenblicklichen Sturz und den völligen Bruch eines Tisches, auf den er fiel, herbeiführte.

»Der Affe endlich befand sich mit einem Sprunge auf der Schulter von Petrus und fing an unter dem Gelächter der Gesellschaft die aristokratischen Camelien seines Hutes zu entblättern.

»Wenn Du mir glauben willst. so gehen wir von hier weg,« sagte Jean Robert zu Petrus: »es wird mir übel.«

»Weggehen, ehe wir eingetreten sind?« erwiderte Petrus; »was fällt Dir ein? Man würde glauben, wir haben Angst, und Jagd auf uns in den Straßen von Paris machen. rote Seine Majestät Karl X. auf die Wildschweine des Waldes von Compiègne Jagd macht.«

»Was ist Deine Ansicht?« fragte Jean Robert Ludovic.«

»Meine Ansicht ist, daß wir, da wir einmal hier sind, bis zum Ende gehen müssen.«

»Ah!«

»Gebt Acht!« sprach Petrus. »man schaut nach uns: Du, der Du ein Theatermensch bist, weißt, daß Alles von den Debuts abhängt.«

Und er ging gerade auf den Krater zu, der sich unter dem Türken geöffnet hatte, und wo der Unglückliche so tief niedergesunken war, daß nur noch die Spitze seiner Stiefel und das äußerste Ende seines Reiherbusches sichtbar blieben, und sagte, immer mit seinem Affen auf den Schultern:

»Herr Muselmann, Ihr keimt das Wort Eures Patrones Mahomet Ben Abdallah, des Neffen vom großen Abu Thaleb, Fürsten von Mekka?«

»Nein,« antwortete eine Stimme aus den Tiefen des eingebrochenen Tisches.

»Da der Berg nicht zu mir kommt, so komme ich zum Berge.«

Er nahm sodann unversehens den Affen an der Haut seines Halses hob ihn auf, wie er es mit seinem Hute gethan hätte, grüßte den,Türken mit dem Jungen, der am Ende seines ausgestreckten Armes zappelte. und sprach:

Empfangt den Ausdruck meiner Ehrfurcht. Guter Muselmann.«

Und er setzte den Jungen wieder aus seine Schulter; dieser glitt aber eiligst an seinem ganzen Körper hinab, wie er es an einem Klettermaste gethan haben würde. und verschwand, um Grimassen in einer Ecke zu schneiden, wohin nicht das Licht der drei oder vier Lampen gelang, welche die Schenke erhellten.

Dieser Beweis von Höflichkeit und zugleich von Stärke trug Petrus allgemeinen Beifall ein.

Der Türke erwiderte den Gruß nun sehr maschinenmäßig; doch er klammerte sich wie ein Ertrinkender an die Hand an, die ihm Petrus reichte. welcher ihn mit einem Ruck wieder auf seine Füße stellte, eine sichtbar unzulängliche Basis, für den Augenblick wenigstens, für ein so tief erschüttertes Monument.

»Es sind offenbar zu viel Leute hier,« sprach Petrus,als er die von uns erzählte That vollbracht hatte. »Gehen wir in den ersten Stock hierauf.«

»Wie Du willst,« erwiderte Ludovic, »obschon es diesem Schauspiele nicht an Interesse gebricht.«

Ein Kellner. der ihnen bei ihrem Eintritt in die Anstalt folgte, ohne Zweifel um sich zu versichern. Daß er es mit Consumenten zu thun habe, mischte sich unverzüglich ins Gespräch.«

»Diese Herren wünschen in den ersten Stock hinaufzugehen?« fragte er.

»Es, wäre uns in der That nicht unangenehm.« antwortete Petrus.

»Hier ist die Treppe.« sprach der Kellner. indem er auf eine Art von schneckenförmiger Stiege deutete.«

Die drei Freunde begannen die schwierige Aufsteigung unter dem Gezische und dem Gelächter der Masken, welche zischten und lachten, ohne zu wissen, warum – um den Lärmen zu machen, mit dem sich die Leute, die nur bespitzt sind, zu berauschen, und diejenigen, welche nun trunken sind. zu besaufen.

Im ersten Stocke war der Saal voll wie im Erdgeschoße, es war dieselbe Anhäufung von Leuten in einer und derselben räucherigen Stube, mit neugierigen Wänden, welche durch die Risse einer schmutzigen, grauen Tapete schauten, mit grün und gelb gestreiften rothen Vorhängen und einem schwarzen Plafond.

Von der Thürschwelle aus gesehen, war diese Welt die noch einen Grad unter der, welche man verlassen, zu stehen schien. – diese Welt beleuchtet, wenn nicht verdunkelt, durch die röthlichen und fahlen Scheine von drei bis vier Lampen, war das lebendige Bild, die fühlbare Verkörperung, der verworrenen, buntscheckigem unvereinbaren Ideen, die sich im Gehirne eines Betrunkenen durchkreuzen.

»Ho! Ho!« sagte Jean Robert, der vorangegangen war und die Thüre aufgemacht hatte. »es scheint, die Hölle von Bordier ist gerade das Gegentheil von der Hölle von Dante: je höher man hinaufsteigt desto tiefer kommt man hinab.«

»Nun. was sagst Du dazu?« fragte Petrus

»Ich sage, daß es nur abscheulich war, daß es nun aber interessant wird.«

»Gehen wir immer weiter hinauf!« sprach Petrus.

»Thun wir das!« billigte Ludovic.

Und die drei Freunde setzten ihre Aufsteigung auf der immer schlechteren und schmäleren Treppe fort.

Im zweiten Stocke dasselbe Gedränge, dasselbe Schauspiel in einer ungefähr ähnlichen Decoration, wenn nicht etwa. daß der Plafond niedriger war, die Atmosphäre dicker und die athembare Luft folglich mit mehr ungesunden Dünsten beladen.

»Nun?« sprach Ludovic . . .

»Was sagst Du. Jean Robert?« fragte Petrus.

»Gehen wir immer weiter hinauf!« antwortete der Dichter.

Im dritten Stocke war es noch schlimmer.

Es fanden sich hier auf den Tischen und unter den Tischen. auf den Bänken und unter den Bänken etwa fünfzig menschliche Geschöpfe, – wenn der unter das Niveau des Viehes gesunkene Mensch diesen Namen zu behalten verdient.«

Diese fünfzig Geschöpfe. Männer. Weiber und Kinder, waren gelagert. ausgestreckt. eingeschlafen neben zertrümmerten Tellern und zerbrochenen Flaschen, befleckt von Brühen. geröthet von den Weinen.

Eine einzige Lampe erleuchtete düster die Stube.

Man würde geglaubt haben, es sei die Lampe eines Grabes, hätte nicht rauhes heiseres Schnarchen, aus der Brust mehrerer Schläfer hervorkommen. laut die materielle Existenz dieser, intellektuell todten Trunkenbolde geoffenbart.

Es wurde Jean Robert schwach ums Herz; doch Jean Robert war Meister über sich: sein Herz hätte brechen können. sein Wille würde sich nicht gebeugt haben.

Petrus und Ludovic schauten einander an, ganz bereit, der Eine trotz seiner Begeisterung. der Andere trotz seiner Kälte. umzukehren,

Jean Robert aber, da er sah. daß die Treppe gleichsam an die Mauer angeklebt, zu dem höheren Stocke an die Art einer Müllerleiter aufstieg, Jean Robert betrat die Treppe und sagte, behaglicher dem Anscheine nach, je weniger er es in Wirklichkeit war:

»Vorwärts meine Herren, Sie haben es gewollt; höher hinauf, immer höher!«

Jean öffnete halb die Thüre des vierten Stockes.

Die Dekoration blieb hier dieselbe, doch die Scene änderte sich.

Fünf Männer saßen um einen Tisch. auf welchem man die Ueberreste von Würsten und Schlitten mitten unter acht bis zehn Flaschen erblickte, die sich wie Kegel, nur weniger symmetrisch geordnet, erhoben.

Diese Männer waren im Stadtkleide.

Wenn wir sagen im Stadtkleide, so wollen wir damit einfach sagen, sie seien nicht Costümirt gewesen, und haben nur Blousen, Kittel oder Wämmser getragen

Die drei Freunde traten ein; der Kellner, der ihnen von Stock zu Stock gefolgt war, trat hinter ihnen ein

Die Ankömmlinge blieben auf der Thürschwelle stehen, ließen einen Blick in der Stube umherlaufen, und Jean Robert machte ein Zeichen. welches besagen wollte: »Das ist es, was uns ansteht.«

Die Pantomime war so ausdrucksvoll, daß Petrus erwiderte:

»Wahrlich! wir werden hier sein wie Prinzen!«

»In der That,« sprach Ludovic, »es wird uns nichts mehr fehlen, als athembare Luft.«

»Gut!« versetzte Petrus. »man wird dadurch machen, daß man ein Fenster öffnet.«

»Wo soll man den Herren den Tisch decken?« fragte der Kellner.

»Hier!« antwortete Robert. Und er bezeichnete mit dem Finger die Seite der Stube der entgegengesetzt wo sich die fünf ersten Gäste befanden.

Die Stube war so niedrig, daß man nothwendig beim Eintritt seinen Hut abnehmen mußte, und selbst wenn man den Hut abnahm, stieß Jean Robert, der Größte von den drei jungen Leuten, mit dem Kopfe an der Decke an.

»Was wünschen die Herren?« fragte der Kellner.

»Sechs Dutzend Austern, sechs Hammelcotelettes und einen Pfannkuchen,« antwortete Petrus.

»Wie viel Flaschen?«

»Drei Flaschen Chablis erster Qualität, mit Selerser Wasser, wenn es in diesem Hause gibt.«

Bei dieser Frage, welche auf eine Meile nach der Aristokratie roch, wandte sich einer von den fünf ursprünglichen Gästen gegen die Ankömmlinge um und sagte:

»Ho! Ho! wir haben es, wie es scheint, mit Muscadins zu thun.«

»Mit Haussöhnen.«

»Oder mit Bürgern von der hohen Pègre![3 - La haute pègre ist eine Association von ausgezeichneten Dieben. Vidocq hat dieser Association in seinem Werke: »Die wahren Geheimnisse von Paris« (in der Uebersetzung durch den Frank’schen erlag veröffentlichte ein besonderes Kapitel gewidmet. D. Uebers.]« rief ein Dritter.

Und die fünf Trinker lachten laut auf. Da die modernen Romane und die Denkwürdigkeiten von Vidocq die Leute der guten Gesellschaft noch nicht mit den Rothwälsche-Ausdrücken vertraut gemacht hatten, so wußten die drei Abenteurer nicht, daß sie ganz einfach als Diebe behandelt worden waren; sie schenkten auch dem Gelächter, das auf die Beleidigung folgte, nur eine geringe Aufmerksamkeit.

Jean Robert hatte schon seinen Mantel auf einen Stuhl gelegt und sein Stöckchen in die Ecke des Feunters gestellt.

Der Kellner schickte sich an, wegzugehen, um das Abendbrod zu bestellen als derjenige von den Männern, welcher zuerst gesprochen und die jungen Leute als Muscadins behandelt hatte, den Kellner an seiner Schürze zurückhielt und ihn fragte:

»Nun?«

»Nun, was?« versetzte der Kellner

»Hat man nicht schon Karten verlangt?«

»Doch.«

»Warum hat man sie dann nicht gebracht?«

»Weil Sie wissen, daß man keine in diesen Stunden gibt.«

»Wie welchen Gründen?«.

»Fragen Sie Herrn Delavau!«

»Wer ist das, Herr Delavau?«

»Der Polizeipräfect.«

»Was macht das mir, der Polizeipräfect?«

»Das mag Ihnen nichts machen, doch das würde uns etwas machen.«

»Was würde es Ihnen machen?«

»Wir müßten das Etablissement schließen und hätten dadurch den Kummer, Sie nicht mehr empfangen zu können.«

»Ei! wenn man nicht spielt, was sollen wir denn hier thun?«

»Man zwingt Sie nicht, zu bleiben«

»Höre, Du kommst mir vor wie ein unhöfliches Bürschchen, weißt Du? und man wird den Herrn davon unterrichten.«

»Oh! Unterrichten Sie den Papst, wenn Sie wollen!«

»Und Du glaubst wir werden hiermit zufrieden sein?«

»Sie müssen wohl«

»Und wenn wir nicht zufrieden sind?«

»Nun,« erwiderte der Kellner mit dem spöttischen Gelächter, das gewöhnlich die Scherze der Leute aus dem Volke begleitet, »wenn Sie nicht zufrieden sind, wissen Sie, was Sie thun werden?«

»Nein.«

»Sie werden Karten nehmen.«

»Tausend Donner! ich glaube, Du machst Dich lustig über mich?« schrie der Trinker, indem er aufstand und auf den Tisch einen Faustschlag that, der die Flaschen, die Gläser und die Teller sechs Zoll hoch aufspringen machte.«Karten! das ist es gerade, was wir verlangen.«

Doch der Kellner war schon auf der halben Treppe; der Trinker sah sich genötigt, wieder niederzusitzen, und wartete aller Wahrscheinlichkeit nach, nur auf eine Gelegenheit, seine schlimme Laune ausbrechen zu lassen.

»Ah!« murmelte er, es scheint, der Bursche hat vergessen, daß ich Jean Taureau heiße und einen Ochsen mit einem Faustschlage töte. Ich werde ihn daran erinnern müssen.

Und er nahm vom Tische eine halbvolle Flasche, setzte den Hals an seinen Mund und leerte sie auf einen Zug.

»Jean Taureau hat Verdruß,« flüsterte einer von den fünf Tischgenossen seinem Nachbar ins Ohr, »und ich kenne ihn, das muß auf irgend Einen zurückfallen!«

»Dann mögen sich die Muscadins[4 - Muscadin, ein aus der Zeit der Revolution von 89 vererbter Ausdruck; man nannte so die Elegants, Stutzer, als nach musc, Bisam, riechend. D. Uebers.] in Acht nehmen,« erwiderte derjenige, welchem diese vertrauliche Mittheilung gemacht werden war.




IV

Jean Taureau


Wir haben gesagt, derjenige den den fünf Trinkern, welcher Karten verlangt und sich selbst mit dem Namen Taureau[5 - Taureau, Stier.] getauft, – welcher Name übrigens äußerst passend für seinen Körperbau zu sein schien, habe nur auf eine günstige Gelegenheit. um seinen Zorn anbrechen zu lassen, gewartet.

Die Gelegenheit bot sich bald.

Wir hoffen, der Leser folgt uns aufmerksam genug, um die Bemerkung, welche Ludovic in Betreff der Atmosphäre der Stube gemacht, nicht vergessen zu haben.

Der Speisendampf, der Weingeruch, der Tabaksrauch, die Ausdünstungen der Gäste hatten in der That die Luft in dieser Art den Speicher völlig unathembar für die Brust an eine reinere Luft gewöhnter Menschen gemacht. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte man das Fenster seit dem letzten Sonnenstrahle des letzten Herbstes nicht geöffnet; eine Folge hiervon war, daß derselbe Erhaltungsinstinct die drei Freunde zu dem einzigen Fenster trieb, das diesem unsaubern Winkel Licht und in den äußersten Fällen. wie der, in welchem man sich nun befand, Luft gab.

Petrus kam zuerst dahin; er hob den unteren Theil auf und hing den Ring an den Nagel, der zum Festhalten dieses unteren Theiles bestimmt war.

Jean Taureau hatte die Gelegenheit, die er suchte, gefunden.

Er stand den seinem Schenkel auf stemmte seine beiden Fäuste auf den Tisch und sagte indem er sich collectiv an die drei jungen Leute, besonders aber an Petrus wandte:

»Diese Herren öffnen das Fenster, wie es scheint?«

»Wie Sie sehen, mein Freund,« erwiderte Petrus.

»Ich bin nicht Ihr Freund,« entgegnete Jean Taureau; »schließen Sie das Fenster.

»Herr Jean Taureau,« versetzte Petrus mit einer ironischen Höflichkeit »hier ist mein Freund Ludovic ein, ausgezeichneter Physiker, der Ihnen in zwei Secunden erklären wird, aus welchen Elementen die Luft bestehen muß, um athembar zu sein.«

»Was singt denn der da mit seinen Elementen?«

»Herr Jean Taureau . . . « antwortete Ludovic in einem Tone der Höflichkeit der in keiner Hinsicht dem von Petrus nachgab. Nicht einmal in der Nuance des Spottes, die dieser angenommen, »er sagt, die Atmosphäre, um nicht schädlich für die Lunge eines ehrlichen Mannes zu sein, müsse bestehen aus fünfundsechzig bis sechsundsechzig Theilen Stickstoff, aus zweiundzwanzig bis dreiundzwanzig Theilen Sauerstoff und zwei Theilen Wasser, – etwas mehr, etwas weniger . . . ‹

»Sage doch,« unterbrach einer den den vier Männern in Blouse, »ich glaube, er spricht Lateinisch mit Dir?«

»Gut! dann will ich Französisch mit ihm reden.«

»Und wenn er es nicht versteht?«

»Dann wird er durchgebläut!« rief Jean Taureau.

Und er zeigte ein Paar Fäuste, welche an Größe dem Kopfe eines Kindes gleich kamen

Hernach sprach er mit einer Stimme, die, hätte er es mit Leuten von seiner Klasse zu thun gehabt, würde keine Opposition zugelassen haben:

»Vorwärts . . . schließen wir das Fenster, und zwar auf der Stelle!«

»Das ist vielleicht Ihre Meinung, Meister Jean Taureau,« erwiderte ruhig Petrus, indem er die Arme vor dem offenen Fenster kreuzte, »doch es ist nicht die meine.«

»Wie, es ist nicht die Deine? Du hast also eine Meinung, Du?«

»Warum solle ein Mensch nicht seine Meinung haben, wenn ein Thier eine zu haben sich anmaßt.«

»Sage doch Croc-en-Jambe,« sprach Jean Taureau. die Stirne faltend, indem er sich an einen seiner Tischgenossen wandte, der leicht als ein Lumpensammler zu erkennen gewesen wäre, wäre er auch nicht durch den bezeichnenden Namen, den ihm sein Kamerad gab, verrathen worden, »ich glaube, dieser Unglücksmuscadin nennt mich Thier?«

»Das scheint mir auch.« entwertete Croc-en-Jambe.

»Nun. was ist da zu thun?«

»Man muß ihn zuerst das Fenster schließen lassen, da dies Deine Idee ist, und ihn sodann niederschlagen.«

»Gut! das heiße ich sprechen!«

Hierauf rief er, als ob er eine dritte Aufforderung an Empörer richtete:

»Vorwärts, Donner! schließt das Fenster!«

»Oh!« erwiderte ruhig Petrus, »es gibt weder Donner, noch Blitze; das Fenster wird offen bleiben.«

Jean Taureau füllte so ungestüm seine Brust mit der Luft, welche den jungen Leuten völlig unathembar zu sein schien. daß diese Aspiration dem Brüllen des Thieres glich, dessen Namen er angenommen.«

Robert roch den Streit und wollte ihn verhindern, obgleich er einsah, daß es scheu beinahe unmöglich war. Konnte übrigens Einer zu diesem Resultate gelangen, so war er es sicherlich, das heißt, der Einzige, der kalten Blutes.

Er ging mit ruhiger Miene auf Jean Taureau zu und sagte, um zu beschwichtigen:

»Mein Herr, wir kommen von Außen, und als wir in diese Stube eintreten, erstickten wir beinahe.«

»Ich glaube wohl,« bemerkte Ludovic »man athmet hier nur Kohlensäure ein.«

»Erlauben Sie also, das Fenster nur einen Augenblick zu öffnen um eine andere Luft einzulassen; wir werden es sodann wieder schließen.«

»Sie haben das Fenster ohne meine Erlaubniß geöffnet,« sagte Jean Taureau.

»Was weiter?« versetzte Petrus.

»Sie mußten darum bitten, und man hätte Ihnen vielleicht die Erlaubniß gegeben.«

»Gutes genug!« erwiderte Petrus; »ich habe das Fenster geöffnet. weil es mir so gefiel, und es wird offen bleiben, so lange es mir gefällt.«

»Schweig doch. Petrus!« unterbrach Jean Robert.

»Nein, ich werde nicht schweigen . . . Glaubst Du denn, ich sei gewohnt, mir von Burschen dieser Art vorschreiben zu lassen?«

Bei dem Worte Bursche standen die vier Kameraden von Jena Taureau ebenfalls vom Tische auf und näherten sich augenscheinlich in der Absicht, die schlimmen Intentionen des Herausforderers zu unterstützen.

Nach der Härte ihrer Züge und nach der in ihrer Physiognomie ausgeprägten Wildheit oder wenigstens Rohheit waren das vier ungeschlachte, rauhe Gesellen welche verstärkt durch die fünfte Person, deren Wesen wir schon kennen, wie diese nur eine günstige Gelegenheit suchten, um durch einen guten, schönen Streit die Monotonie ihrer Faschingsnacht zu brechen

Es war übrigens für Jeden von diesen Leuten leicht. ein Handwerk zu bezeichnen.«

Derjenige, welchen Jean Taureau Croc-en-Jambe genannt hatte, war offenbar. nicht ein eigentlicher Lumpensammeln wie die auf dem Tische stehende Laterane und das Instrument, das ihm den charakteristischen Namen Croc-en-Jambe eingetragen, konnten glauben machen, sondern ein einer Varietät hiervon angehörender Mensch, einer Varietät, die man Aufwühler nannte, nach dem Namen ihrer Industrie, die darin bestand, daß sie nicht Unrathaufen störten. sondern mit der Spitze ihres Hakens in den Zwischenräumen des Pflasters der Gossen wühlten.

Durch diese Klasse von Industriellen welche seit acht bis zehn Jahren durch Polizeiverordnung und besonders dadurch, daß Trottoirs die Stelle der Chausseen eingenommen haben, aufgehoben werden ist, wurde die Gasse oft in einen Parctolus verwandelt. und mehr als Einer fand darin Ringe, Juwelen, Edelsteine, mochten sie nun verloren oder beim Ausschütteln eines Teppichs oder einer Matte aus dem Fenster geworfen worden sein, wie ich in meinen D e n k w ü r d i g k e i t e n erzählt habe, daß zu der Zeit, wo die Ereignisse vorfallen, die den Gegenstand dieses Buches bilden, die Ohrringe der Georges hinausgeworfen wurden, welche indessen glücklicher Weise den Herren Aufwühlern entgingen.

Der zweite Trinker, den Jean Taureau nicht genannt, und den wir die wir dieses Vergessen gut zu machen berufen sind, nur seinem Spottnamen bezeichnen werden, hieß Sac-à-Plâtre[6 - Gipssack.],was sein Gewerbe hinlänglich geoffenbart hätte, selbst wenn die Kalkflecken und der weißliche Staub, womit sein Gesicht und seine Hände bedeckt waren, ihn nicht als einen Maurer seinen Freunden und seinen Feinden präsentiert haben würden.

Unter den Ersten war Jean Taureau, der Art, wie sie Bekanntschaft gemacht hatten. gebricht es nicht an Charakter, und sie wird die herculische Kraft des Mannes schildern, den wir soeben in Scene gebracht haben, und der bestimmt ist, in dieser Geschichte, nicht eine der ersten Rollen zu spielen. sondern eine Rolle, – die Folge wird es uns beweisen. – welche nicht ganz ohne Wichtigkeit.

Ein Haue der Cité brannte; von den Flammen erfaßt, war die Treppe eingestürzt; ein Mann, eine Frau und ein Kind schrien aus einem Fenster des zweiten Stockes: »Zu Hilfe!«

Der Mann, der ein Maurer war, verlangte nur eine Leiter oder sogar nur einen Strick; mit dieser Leiter oder diesem Stricke rettete er seine Frau und sein Kind.

Doch die Anwesenden verloren den Kopf; man brachte Leitern, die um die Hälfte zu kurz, Stricke welche die Last von drei Personen nicht zu tragen vermochten.

Das Feuer griff um sich, der Rauch drang in Strömen aus den Fenstern, den Flammen vorangehend, deren Schein man schon sah.

Jean Taureau ging vorüber.

Er blieb stehen.

»Nun!« rief er, »habt Ihr denn weder Stricke, noch Leitern? Ihr seht wohl, daß diese Leute da oben verbrennen werden!«

Die Gefahr war in der That sehr drohend

Jean Taureau schaute umher, und als er sah, daß keiner der verlangten Gegenstände kam, rief er die Arme ausstreckend:

»Auf, wirf das Kind herab Sac-à-Plâtre.«

Mit diesem Namen angerufen, hütete der Maurer sich wohl. hierüber ärgerlich zu werden, er nahm das Kind, küßte es auf beide Backen und warf es Jean Taureau zu.

Ein Angstschrei erscholl aus der ganzen Menge.

Jean Taureau empfing das Kind in seinen Armen und reichte es sogleich denjenigen. welche hinter ihm standen

»Nun wirf Deine Frau herab!« sagte er.

Der Maurer nahm die Frau in seine Arme und ließ sie, trotz ihres Geschreis, denselben Weg machen, den das Kind gemacht hatte.

Jean Taureau empfing die Frau in seinen Armen; nur that er einen Schritt rückwärts

»Das ist da!‹ sagte er, indem er die halb ohnmächtige Frau auf ihre Füße stellte, während die Zuschauer in Bravos und Beifallsrufe ausbrachen.

»Nun ist es an Dir!« rief er dem Manne zu. Und er stützte sich auf seine Beine mit der ganzen Macht seiner kräftigen Lenden.

Von den zweitausend Personen, die dem Schauspiele beiwohnten, war nicht eine, deren Athem man in den fünf folgenden Secunden hörte.

Der Maurer stieg auf den Rand des Fensters, machte das Zeichen des Kreuzes, murmelte: »Herr erbarme Dich!« schloß die Augen und sprang hinab.

Diesmal war der Schlag furchtbare Jean Taureau bog sich auf seinen Knieen und machte drei Schritte rückwärts, wurde aber nicht umgeworfen.

Ein ungeheurer Schrei erhob sich aus der Menge.

Alle Welt stürzte auf den Mann zu, der dieses erschreckliche Kraftstück vollbracht hatte; ehe man aber zu ihm kam, that Jean Taureau die Arme aus einander und fiel rückwärts, ohnmächtig und Blut speiend, nieder.

Weder das Kind. noch die Frau, noch der Mann hatten eine einzige Schramme.

Jean Taureau war eine Ader der Lunge gesprungen.

Man brachte ihn nach dem Hotel Dieu, das er nach zwei Tagen wieder verließ.

Der dritte Gefährte, dessen Gesicht so schwarz war als das von Sac-à-Plâtre weiß, gehörte sichtbar zur schätzend werthen Klasse der Köhler und hieß Toussaint. Jean Taureau, der bei seinem Verkehr mit den Architekten diese von einem Neger von Gente sprechen hörte, welcher beinahe eine Revolution in St. Domingo gemacht hätte, Jean Taureau, dem es nicht an einem gewissen natürlichen Verstande fehlte, hatte ihm den Beinamen Toussaint Louverture gegeben.

Der Vierte war ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren mit lebhaften Augen und raschen Geberden dessen ganze Person einen starken Geruch von Baldrian ausdünstete; er trug eine Jacke von Sammet, eine Weste und eine Mütze von Katzenfell; er antwortete in seinem vertrauten Umgang aus den Namen Vater la Gibelotte.

Er war es der alle Schenken der Halle mit den Dachkaninchen versah, von denen Jean Robert befürchtete, man werde sie ihm statt der Gehägekaninchen vorsetzen. und der Baldriangeruch, den er ausdünstete, war das, wodurch er die unglücklichen Thiere anzog, deren Fleisch er um zehn Sou an Garköche, deren Felle er um fünfzehn Sous an Gerber verkaufte.

Die Industrie war einträglich, aber gefährlich, und wir erinnern und. 1834 oder 1835 den Bericht über einen Prozeß gelesen zu haben, wobei ein College den Vaters la Gibelotte zu einem Jahr Gefängniß und fünfhundert Franken Geldbuße verurtheilt wurde, trotz der trefflichen Vertheidigungsrede, in der er, die gastronomische Frage nach Art von Carême und Brillat-Savarin behandelnd, den Richtern den unbestreitbaren Vorzug des Katzenfleisches vor dem Kaninchenfleisch nachzuweisen versucht hatte.

Der fünfte Tischgenoß – den wir am Ende bringen, kraft des evangelischen Axioms: Die Ersten werden die Letzten sein – der fünfte war Jean Taureau selbst, der nach dem, was wir von seiner Muskelkraft erzählt haben, eine weitere Beschreibung entbehren könnte, wäre es nicht für und von Werth, durch ein möglichst genauen physischen Portrait die moralische Entwicklung von einem der seltsamsten Charaktere. die wir gekannt haben. vorzubereiten

Jean Taureau war ein Mann von ungefähr fünf Fuß sechs Zoll. gerade und stark wie die eichenen Balken, die er abvierte, denn er war Zimmermann seines Handwerks, – eine Art von Farnesischem Hercules, aus einem Granitblock gehauen, selbst Block, und ein Mensch der beim ersten Anblick. statt der vier Verbündeten zu bedürfen, die ihm zu Hilfe vorrückten, gebaut zu sein schien, um Einen nach dem Andern seine drei Feinde nur indem er sie mit dem Finger berührte, niederzuschmettern.

Gehen wir nun von der Beschreibung des Körpers zu der der Physiognomie und der Kleider über, so sagen wir, daß das Gesicht des Zimmergesellen. umrahmt von einen schwarzen. dichten Backenbart, der unter dem Kinn zusammenlief, das eines Mannes von dreißig hie vierzig Jahren war; kurze, krause Haare, aus denen die Alten beim Sohne von Jupiter und Semele das Symbol der Stärke gemacht hatten, ein Hals, dessen Dicke den ehrgeizigen Namen rechtfertigte, den unser Mann sich selbst gegeben oder von seinen Kameraden angenommen hatte, vervollständigten diesen Thypus der unvernünftigen, rohen Kraft.

Fügen wir ein vergessenes Detail bei: Jean Taureau war bekleidet mit einem Wamms, einer Hose, einer Weste und einer Mütze von grünlichem Sammet.

Aus der Tasche seines Wammses stand der Gipfel eines Winkelholzes hervor und aus seinem Hosensacke der Kopf einen langen eisernen Zirkels, der rittlings auf die Naht gesetzt war so daß ein Schenkel sich im Sacke verlor und der andere nach außen hing

Dies waren die fünf Gegner, mit denen es – wenn sie nicht zurückwichen, und vielleicht war dies nicht einmal ein unfehlbares Mittel. den Streit zu vermeiden, – wie denen es, sagen wir, Ludovic der Arzt, Petrus der Maler und Jean Robert der Dichter zu thun haben sollten.«




V

Die Schlacht


Wir haben am Anfang des vorhergehenden Kapitels gesagt, in welcher strategischen Lage sich, hinsichtlich ihrer Feinde, die drei Helden unserer Geschichte befanden, die wir von der Rue Sainte-Appoline zum Eingang der Hallen geführt haben, und denen wir. Durch ihre unvorsichtige Odyssee, bis zum vierten Stocke der Freischenke gefolgt sind.

Petrus stand, an das offene Fenster angelehnt, mit gekreuzten Armen da und schaute die fünf Männer, aus dem Volke mit einer Miene der Herausforderung an.

Ludovic betrachtete Jean Taureau mit einer Neugierde, welche für ihn den Ernst der Lage verminderte, und, ein Mann der Wissenschaft, sagte er sich, er würde hundert Franken geben. wenn er ein solches Subjekt zu seciren hätte.

Bei weiterer Ueberlegung würde er vielleicht zwei hundert gegeben haben, wenn dieses Subject Jean Taureau selbst gewesen wäre; denn er hätte sichtbar Alles dabei zu gewinnen gehabt, wäre ein solcher Athlet todt und ausgestreckt vor ihm auf einem Tische gelegen, statt daß er voll Leben und drohend aufrecht vor ihm stand.

Jean Robert war, wie gesagt. Vorgeschritten, halb um es zu versuchen, die Sache beizulegen, halb um eintretenden Falles die ersten Streiche zu empfangen oder zu geben.

Jean Robert, der, so jung er war, viele Bücher und besonderes die Theorie des Marschalls von Sachsen über die moralischen Einflüsse gelesen hatte. – Jean Robert wußte wohl. welchen großen Vortheil es unter Allen Umständen, wo die Stärke angewendet werden muß, gewährt, den ersten Schlag zu thun.

Eine geschickte Praxis des Boxens und der Savate, kombiniert von einem damals noch unbekannten Professor dessen Name aber später eine große Berühmtheit erlangen sollte, beruhigte überdies Jean Robert, der persönlich mit einer Physischen Stärke begabt war, welche den Kampf zweifelhaft gemacht hätte, wäre er einem minder furchtbaren Manne, als Jean Taureau gegenüber gestellte gewesen.

Er war also, wie gesagt, entschlossen« die Versöhnungsmittel bis zu dem Augenblick anzuwenden, wo es Feigheit gewesen wäre, den Kampf nicht anzunehmen.

Er war auch der Erste, der wieder das Wort nahm, das gelähmt auf den Lippen Aller während der durch die vier Männer welche Jean Taureau zu Hilfe kamen, operierten angreifenden Bewegung.

»Hören Sie,« sagte er, »ehe wir eins schlagen, wollen wir uns erklären . . . Was wünschen diese Herren?«

»Rennen Sie uns diese Herren, um uns zu beleidigen?« versetzte der Aufwühler; »wir sind keine Heeren verstehen Sie?«

»Ihr habt Recht,« rief Petrus, »Ihr seid keine Herren; Ihr seid Lümmel!«

»Man hat uns Lümmel genannt!« brüllte der Katzentödter.«

»Ah! wir werden Euch die Lümmel geben!« schrie der Maurer.

»Laßt mich doch passieren!« sagte der Köhler.«

»Schweigt, Ihr Alle, und haltet Euch ruhig, das ist meine Sache!«

»Warum ist das mehr Deine Sache, als die unsere.«

»Einmal, weil man sich nicht zu fünf gegen drei stellt, besonders, wenn ein Einziger genügt . . . An Deinen Platz, Gibelotte! an Deinen Platz, Aufwühler!«

Die zwei Männer gehorchten der Aufforderung, und der Katzentödter und Croc-en-Jambe setzten sich brummend nieder.«

»Es ist gut!« sagte Jean Taureau. »Und nun meine kleinen Liebesgötter, werden wir das Lied mit derselben Melodie und bei der ersten Strophe wieder aufnehmen . . . Wollen Sie das Fenster schließen, wenn’s beliebt?«

»Nein,« antworteten gleichzeitig die drei jungen Leute, weiche, in Betracht der Betonung die artige Formel, von der die Aufforderung begleitet war, nicht im Ernste hatten nehmen können.

»Aber, versetzte Jean Taureau, indem er über seinem Kopfe und so weit der Plafond sie auszustrecken erlaubte, seine Arme erhob, »so wollen Sie sich also in, Pulver verwandelte lassen?«

»Versuchen Sie es,« erwiderte kalt Jean Robert, indem er einen Schritt mehr gegen den Zimmermann verrückte.«

Petrus machte nur einen Sprung und stellte sich mit diesem Sprunge vor den Hercules, als wollte er Robert einen Schild mit seinem Leibe bilden.

»Halte die zwei Anderen mit Ludovic in Respect,« sagte Jean Robert, indem er Petrus mit der umgekehrten Hand zurückschob; »ich übernehme diesen.«

Und er berührte mit der Fingerspitze die Brust des Zimmermanns.

»Ich glaube, Sie reden von mir mein Prinz?« versetzte spottend der Coloß

»Von Dir selbst.«

»Und was verschafft mir die Ehre, von Ihnen gewählt zu werden?«

»Ich könnte Dir antworten, weil Du als der Unverschämteste die schönste Lection verdienest; doch das ist nicht per Grund.«

»Ich erwarte den Grund.«

»Nun denn da wir denselben Vornamen haben, so gehören wir natürlich zusammen. Du heißest Jean Taureau, und ich heiße Jean Robert.«

»Ich heiße allerdings Jean Taureau, erwiderte der Zimmermann; »doch Du, Du lügst, wenn Du sagst, Du heißest Jean Robert!; Du heißest Jean F. . . . !«

Der junge Mann im schwarzen Frack ließ nicht vollenden; eine von seinen zwei kreuzweise auf seiner Brust liegenden Fäusten sprang wie eine Stahlfeder auf und schlug den Coloßen an den Schlaf.

Jean Tannen der sich nicht gerührt hatte, als er in seinen Armen eine ihm vom zweiten Stocke zugeworfene Frau empfing, Jean Taureau machte drei bis vier Schritte rückwärts und fiel auf einen Tisch. Dessen zwei Füße unter seiner Last brachen.

Eine ungefähr ähnliche Evolution ging in demselben Augenblick unter den vier anderen Kämpfenden vor Petrus, ein Meister mit dem Stocke, unterschlug, in Ermangelung eines Stockes, dem Maurer ein Bein und schleuderte ihn zu Jean Taureau nieder, während Ludovic in seiner Eigenschaft als Anatomiker, dem Köhler in der Gegend der Leber, zwischen der siebenten Rippe und dem Schenkelknochen einen Faustschlag versetzte, daß man sein Gesicht unter der Kohlenlage, die es bedeckte, erbleichen sehen konnte.

Jean Taureau und der Maurer standen wieder auf.

Toussaint, der stehen geblieben war, setzte sich ohne Athem und seine beiden Hände an seine Seite pressend, auf einen an die Wand angelehnten Schemel.

Doch es war dies, wie man wohl begreift, nur ein erster Angriff; ein dem eigentlichen Kampfe vorhergehendes Scharmützel, und die jungen Leute bezweifelten dies nicht, denn Jeder von ihnen hielt sich zu einem neuen Sturme bereit.

Die Ueberraschung war indessen eben so groß für die Zuschauer, als für die handelnden Personen gewesen.

Beim Anblick ihrer zwei Kameraden, Jean Taureau und Sac-à-Plâtre, welche rückwärts niederfielen, beim Anblick von Toussaint-Lonvertnre, welcher sich setzte wie ein Mensch der genug hat, standen Beide auf und rückten, der Eine seinen Haken, der Andere eine Flasche in der Hand vor, um ihren Theil am Feste zu nehmen.

Der Maurer war nur das Opfer eines Ueberfalls gewesen und hatte sich mit mehr Scham als Schmerz wieder erhoben.

Dem Zimmermann hatte es geschienen. als wäre er vom Ende eines Balkens durch ein Catapult geschleudert an den Kopf getroffen worden

Die Erschütterung seines Gehirns theilte sich einen Augenblick seinem ganzen Körper mit; er blieb ein paar Secunden betäubt, mit einer Blutwolke vor den Augen, einem Brausen in den Ohren.

Die Blutwolke ist übrigens kein Bild: der Faustschlag von Jena Robert hatte, vom Schlafe abgleitend, über die Stirne hingestreift. und der Siegelring, den der junge Mann am Zeigefinger trug, hatte ein wenig über den Augenbrauen des Zimmergesellen eine blutige Furche geöffnet.

»Ah! tausend Donner! rief er,« während er mit einem noch unsicheren Schritte auf seinen Gegner losging, »so ist es, wenn man unversehens überfallen wird: ein Kind würde einen schlagen!«

Nun. so nimm Dir diesmal Deine Zeit, Jean Taureau, und halte Dich gut; denn es ist meine Absicht, Dich die zwei anderen Füße des Tisches zerbrechen zu machen.

Jean Taureau rückte mit aufgehobener Faust vor und gab sich so aufs Neue seinem Gegner preis, wie dies fast immer der Geschicklichkeit gegenüber die unerfahrene und selbstvertrauende Stärke thut; die ganze Theorie des Boxens beruht hierauf; die Faust braucht weniger Zeit, um eine gerade Linie zu durchlaufen, als um eine Parabel zu beschreiben.

Diesmal war es aber nicht der Angriff, sondern nur die Vertheidigung, was Jean Robert seinen Händen anvertraut hatte: sein rechter Arm diente ihm nur noch, um den furchtbaren Schlag zu dämpfen, mit dem ihn Jean Taureau bedrohte, und in dem Augenblick wo die Faust des Zimmermanns auf ihn niederfiel, machte Jean Robert behende eine Drehung und gab, unterstützt durch seine hohe Gestalt, seinem Gegner gerade mitten auf die Brust einen von jenen erschrecklichen Fußtritten hinter sich, deren Privilegium und Geheimnis damals nur Lecour allein besaß.

Jean Robert hatte nicht gelogen in der Prophezeiung. die er gegen den Zimmermann ausgesprochen; dieser nahm rückwärts den Weg, den er schon gemacht und legte sich, wenn er nicht gerade fiel, abermals auf den Tisch.

Er sprach nicht und schrie nicht: der Schlag, den er.erhalten, hatte seine Stimme völlig ausgelöscht.

Was die drei Anderen betrifft, so hatte sich Folgendes mit ihnen ereignet.

Petrus stellte sich mit seiner gewöhnlichen Behendigkeit zwei Feinden entgegen: dem Aufwühler, der mit seinem Haken in der Hand auf ihn losrückte, schleuderte er ein Stühlchen ins Gesicht, und während der Mensch und das Geräth sich mit einander entschmutzten, warf er durch einen Stoß mit dem Kopfe auf den Bauch als ein wahrer Bretagner, was er war, den Maurer auf seinen Hintern.

Ludovic hatte es also nur mit dem Katzentödter, einem wenig furchtbaren Gegner zu thun. doch in seiner Unwissenheit in der Kunst, in der seine beiden Gefährten vollendete Meister waren, packte er ihn um den Leib und rollte mit ihm auf den Boden.

Nur hatte Gibelotte den ganzen Nachtheil, des Kampfes; er war unter Ludovic gefallen. Statt aber seinen Vorteil zu benützen, fragte sich dieser, während er seinen Gegner unter seinem Knie festhielt, woher der Baldriangeruch komme, der sich so im Uebermaße verbreitete.

Er dachte über dieses ziemlich unlösbare Problem nach, als der Aufwühler und der Maurer, da sie sahen, daß der Zimmermann zum zweiten Male niedergeworfen war, Toussaint sich nur mit Mühe von seinem Faustschlage an die Seite erholte, und der Katzentödter unter den Knieen von Ludovic lag, ausriefen:

»Zu den Messern, zu den Messern!«

In diesem Momente kam der Kellner zurück und brachte die Austern

Mit einem Blicke berurtheilte er die Lage, setzte sein Muschelwerk auf den Tisch und eilte die Treppe hinab, ohne Zweifel um den hierbei interessierten Personen zu melden, was vorging

Doch seine Erscheinung war für die Schauspieler der Scene nur ein Detail.

Sie hatten zu viel zu thun, um sich mit seinem Erscheinen und Verschwinden zu beschäftigen, was so rasch erfolgt war, daß man, wären die Austern nicht gewesen, welche von der Gegenwart eines Kellners zeugten, an einen Traum hätte glauben kennen.

Kein Traum war aber das, was im vierten Stocke und im Stocke darunter geschah.

Bei dem durch den doppelten Fall des Zimmermanns verursachten Lärmen, beim Krachen des zerbrochenen Tisches, bei dem Rufe: »Zu den Messern! Zu den Messen!« erwachten die im Saale des dritten Stockes eingeschlafenen Trunkenbolde plötzliche die am wenigsten Berauschten horchten; Einer von ihnen schwankte nach der Thüre. öffnete sie. und diejenigen welche noch zu sehen vermochten, sahen den Kellner ganz erschrocken im Halbdunkel der Treppe vorüber rennen.

Als Leute von Erfahrung vermutheten nun diese Menschen, was vorging, und plötzlich hörten die drei jungen Freunde auf den Stufen ein Geräusch von hastigen Tritten und Geschrei, das dem Brüllen des Meeres im Sturme glich.

Es war der Schaum der Halle, der stieg, und bald sah man durch die gähnende Thüre die Stube sich mit seltsamen. Weinschweren, verblödeten und besonders darüber, daß sie mitten in»ihrem Schlafe gestört worden, wüthenden Personen füllen.

»Ah! man ermordet sich also hier!« riefen zwanzig heisere, abscheulich klingende Stimmen.

Beim Anblicke dieser Menge oder vielmehr dieser Meute, fühlte Jean Robert, der am meisten für Eindrücke Empfängliche von den drei jungen Leuten, unwillkürlich seine Adern jene Empfindung eisiger Kälte durchlaufen, welche jedes Wesen. so stark es auch sein mag, bei der Berührung eines Reptils erfaßt, und sich an seinen Kameraden den Maler wendend, murmelte er:

»Ah! Petrus. wohin hast Du uns geführt!«

Petrus improvisierte aber ein ganz neues Verteidigungssystem.

Auf die Schreie:.,Zu den Messern! zu den Messern!« welche die vier Wüthenden wiederholten, denn der Zimmermann und Toussaint, da sie die Stimme wiedergefunden hatten. nahmen ihren Antheil an dem Concerte von Drohungen antwortete Petrus durch den Ruf: »Zu den Barrikaden!« der nicht ein einziges Mal in den Straßen von Paris hörbar geworden war, seit dem Tage, dem dieses Vertheidigungssystem einen historisch zu Namen gegeben hat.

Bekanntlich haben sich die Pariser später für diese Stummheit von zweihundert und fünfzig Jahren entschädigt.

Und indem er den Schrei: »Zu den Barricaden!« ausstieß, zog Petrus Jean Robert nach sich, zwang er Ludovic wieder aufzustehen, und flüchtete sich mit seinen zwei Gefährten in eine Ecke, die sie auf der Stelle von der übrigen Stube durch einen Wall von Tischen und Bänken trennten.

Petrus hatte überdies den Augenblick des Waffenstillstandes, so kurz er war, den ihm sein Sieg gegeben, benützt, um vom Fenster den einst vergoldeten Stab, der die Vorhänge trug. Und der seit dem Anfange des Kampfes der Gegenstand seines Erachtens war, abzureißen. Jean Robert hatte seinen Stock mitgenommen, Ludovic begnügte sich mit den Waffen. die ihm die Natur gegeben.

In einem Augenblick waren die drei Freunde geschirmt hinter einer improvisierten Feste.

Freunde,« sprach Petrus zu den zwei Andern, indem er ihnen in einer Ecke der Bastei einen Haufen von leeren Flaschen von zerbrochenen Tellern, von Austerschalen, von eisernen Gabeln, von Messern ohne Hefte, von Heften ohne Klingen zeigte. »Ihr seht, es wird uns nicht an Munition fehlen.«

»Nein,« erwiderte Jean Robert; »doch wie verhält es sich hinsichtlich der Schläge und der Wunden? Ich was mich betrifft, habe gegeben, aber keine bekommen.«

»Völlig unversehrt!« sagte Petrus.

»Und Du, Ludovic?«

»Ich glaube, ich habe einen Faustschlag zwischen dem Kinnbacken und dem Schlüsselbein bekommen; doch das ist es nicht, was mich beschäftigt.«

»Und was beschäftigt Dich denn?« fragte Jean Robert.

»Ich möchte gern wissen, warum derjenige, mit welchem ich es zuletzt zu thun hatte, so stark nach Baldrian riecht?««

In diesem Augenblick fügte das Gebrülle der Menge eine neue Besorgniß den schon ziemlich, ernsten Besorgnissen der jungen Leute bei.




VI

Herr Salvator


Der Anblick der Menge brachte auf die Männer aus dem Volke einen Eindruck ganz dem entgegengesetzt hervor, den er auf die drei Freunde hervorbrachte.

Der Zimmermann und seine Gefährten fühlten, daß ihnen eine Hilfe zukam.

Jean Robert und seine Freunde begriffen, daß es neue Gegner waren, die zu ihnen kamen.

Die Menschen werden durch die Sympathie zu ihres Gleichen hingezogen.

Während sie grimmige Blicke aus die drei jungen Leute warfen, die sich in ihre Feste zurückgezogen, umgab auch diese Menge Jean Taureau und seine Gefährten und verlangte von ihnen Erklärung über all diesen Lärmen.

Die Erklärung war schwer zu geben; der Zimmermann hatte ein erstes Unrecht gehabt, daß er von den jungen Leuten gefordert sie sollten das Fenster schließen.

Dann hatte er ein zweites Unrecht gehabt, das noch schwerer, als das erste daß er von Jean Robert einen Faustschlag und einen Fußtritt erhalten, die ihm der eine das Gesicht zerrissen und der andere die Brust eingedrückt.

Er erzählte seine Fälle der Menge; doch wie er auch die Sache drehte er konnte nicht herauskommen aus dem doppelten Kreise: »Ich wollte das Fenster schließen lassen, und das Fenster ist offen geblieben! – Ich wollte schlagen, und ich bin geschlagen worden.«

Die Menge, als eine wackere Menge, was sie war im Grunde voll gesunden Menschenverstandes, trotz ihrer Vorurtheile gegen die schwarzen Fräcke, die Menge, welche einsah, daß Jean Taureau um mich eines Volksausdruckes zu bedienen, der Narr im Spiele war, fing auch an ihm eins Gesicht zu lachen

Der Zimmermann bedurfte nicht dieser neuen Aufregung.

Er war nur wüthend: dieses Lachen machte ihn wahnsinnig.

Er suchte mit den Augen die drei jungen Leute sah sie in ihrer Ecke verbarricadirt und schon angegriffen von seinen vier Gefährten, welche nicht minder erbittert als er.








»Haltet ein!« rief er »haltet ein! Laßt mich diesen Schwarzfrack in Staub zermalmen.«

Doch die vier Gefährten waren taub.

Dagegen blieben sie allerdings nicht stumm.

Der Aufwühler war unter dem Auge von einem von Ludovic geschleuderten Flaschenscherben getroffen worden, welcher Scherbe ihm die Backe aufgerissen.

Jean Robert hatte durch einen Schlag mit einem kleinen Stuhle Toussaint den Kopf schwer verletzt.

Petrus endlich hatte mit zwei Hieben seines Stockes, durch die Zwischenräume der Barricade, den Katzentödter auf die Brust und den Maurer an die Seite getroffen.

Die vier Verwundeten brüllten aus vollem Halse:

»Schlagt sie todt! schlagt sie todt!«

Es wage in der That, ein Kampf auf Leben und Tod geworden.

Außer sich durch das Gelächter der Menge und durch den Anblick des Blutes, das auf die Kleider seiner Gefährten und auf die seinigen rieselte, zog Jean Taureau aus seiner Tasche seinen eisernen Zirkel und rückte, die furchtbare Waffe in der Hand. allein gegen die Barricade vor.

Petrus und Ludovic stürzten ihm mit einer und derselben Bewegung, Jeder mit einer Flasche bewaffnet und bereit, dem Zimmermann den Kopf zu zerschmettern, entgegen; Jean Robert aber, der sah, daß es der einzige Gegner war welcher noch übrig blieb, und daß man mit ihm einmal ein Ende machen müsse ließ seine zwei Freunde. indem er sie an ihren Jacken zurückzog wieder von der Barricade herabsteigen, gab dieser einen Fußtritt, der eine Bresche öffnete, ging mit seinem Stöckchen in der Hand aus dieser Bresche hinaus und sagte zu Jean Taureau:

»Sie haben also noch nicht genug?«

Die Menge brach in ein Gelächter aus und klatschte in die Hände.«

»Nein ist erwiderte der Zimmermann. »und ich werde erst genug haben. wenn ich Dir sechs Zoll von meinem Zirkel in den Bauch gestoßen.«

»Das heißt, da Sie nicht der Stärkere sind, Jean Taureau. so wollen Sie der Schlechtere sein? das heißt weil Sie mich nicht besiegen können, so wollen Sie mich ermorden?«

»Tausend Donner. ich will mich rächen!« schrie der Zimmermann. der sich durch den Lärmen seiner eigenen Worte aufstachelte.

»Nimm Dich in Acht!« versetzte der junge Mann; »denn bei meinem Ehrenwort, Du bist nie eine Gefahr gelaufen der ähnlich, welche Du in diesem Augenblicke läufst!«

Er wandte sich sodann an die Menge und sprach.

»Ihr seid Männer; bringt diesen Menschen zur Vernunft. Ihr seht, daß ich ruhig bin, und daß er wahnsinnig ist.«

Vier oder fünf Männer trennten sich vom Kreise, und traten zwischen Jean Robert und den Zimmermann.

Doch statt ihn zu besänftigen, schien diese Intervention den Grimm von Jean Taureau nur zu verdoppeln.

Er stieß die fünf Männer einfach dadurch zurück, daß er die Arme ausstreckte

»Ah!« sagte er, »ich bin nie eine Gefahr gelaufen der ähnlich, welche ich jetzt laufe! Gedenkst Du Dich mit diesem Stöckchen gegen meinen Zirkel zu vertheidigen? Sprich!«

Und er schwang über seinem Kopfe das spitzige Instrument. das, sich ausdehnend, wenigstens achtzehn Zoll Länge angenommen hatte

»Das ist es gerade. worin Du Dich täuschst, Jean Taureau, erwiderte der junge Mann: »mein Stöckchen ist kein Stöckchen, es ist eine Schlange, und wenn Du daran zweifelst,sieh,« fügte er bei, indem er aus dem dünnen Stocke den Degen zog, dem er als Scheide diente, »sieh ihre Zunge.«

Und eine viereckige, feine spitzige, zwölf bis fünfzehn Zoll lange Klinge glänzte in der Faust des jungen Mannes, der sich auslegte wie für ein Duell.

Die Menge brüllte vor Freude und bebte zugleich vor Schrecken.

Der Wein war getrunken. das Blut sollte fließen; die Dinge nahmen den gewöhnlichen Stufengang; die Peripetien folgten sich nach den Gesetzen der dramatischen Kunst immer interessanter.

»Ah! sagte der Zimmermann, sichtbar um den Gewissensbiß erleichtert, gegen den er kämpfte. »Du hast also auch eine Waffe? Ich wartete nur hierauf.«

Und den Kopf gesenkt, mit aufgehobenem Arme, seine Brust mit der Unerfahrenheit der Stärke entblößend, stürzte Jean Taureau auf den jungen Mann mit dem schwarzen Fracke und dem seinen Degen zu.

Plötzlich aber packte ihn eine mächtige Hand am Armgelenke, schüttelte ihn kräftig und zwang ihn, den Zirkel loszulassen, der, niederfallend. im Boden stecken blieb.

Der Zimmermann stieß einen gräßlichen Fluch aus und wandte sich um.

Kaum aber hatte er denjenigen gesehen, welcher sich seinem Vorhaben widersetzt.,als seine Stimme vom Ausdrucke der Drohung zum Tone der Ehrfurcht überging, und er sagte:

»Ah! Herr Salvator, verzeihen Sie, das ist etwas Anderes.«

»Herr Salvator!« wiederholte die Menge; »ah! seien Sie willkommen: das sollte eine schlimme Wendung nehmen!«

»Herr Salvator!« murmelten gleichzeitig Jean Robert. Petrus und Ludovic. »Was ist das?«

»Das ist ein Bursche, dessen Name als gute Vorbedeutung dienen kann.« fügte Petrus bei; »wir wollen sehen, ob er seinem Namen Ehre macht.«

Der Mann. der, dem Gotte des Alterthums ähnlich, so wunderbar dazwischen gekommen war um aller Wahrscheinlichkeit nach, eine friedliche Entwicklung an die Stelle eines blutigen Ausgangs zu setzen; und der auch aus einer Maschine hervorgegangen zu ein schien, so plötzlich und unvorhergesehen war seine Erscheinung, mochte ungefähr dreißig Jahre alt sein.

Es war in der That in dem Augenblick, wo er erschien und seinen beherrschenden Blick aus der Menge umherlaufen ließ, das männliche und sanfte Gesicht des Mannes in diesem dreißigsten Lebensjahre, wo die Schönheit in ihrer ganzen Kraft ist und die Kraft in ihrer ganzen Schönheit.

Einen Augenblick später wäre es sehr schwierig, um nicht zu sagen unmöglich gewesen, ihm ein bestimmtes Alter auf etwa zehrt Jahre anzuweisen.

Seine Stirne hatte wohl die Reinheit und Klarheit der Jugend, wenn sein Blick neugierig und wohlwollend umherschweifte, sobald aber das Schauspiel, das seinen Augen begegnete, ihm Ekel einflößte, da zogen sich seine schwarzen Brauen zusammen, und seine mit Falten bedeckte Stirne entlehnte das Aussehen von der Männlichkeit.

So, als er, nachdem er den Arm des Zimmermanns aufgehalten und ihn einzig und allein durch den Druck seiner Hand die Waffe, mit der er seinen Gegner bedrohte, loszulassen gezwungen hatte, als er, nachdem er einen raschen Blick auf die drei jungen Leute geworfen und in ihnen Menschen aus der Gesellschaft, die sich an diesen schlimmen Ort verirrt, erkannt hatte, den Kreis vollends umfaßte, den er nur zur Hälfte durchlaufen, und den Aufwühler mit klaffendem Gesicht auf einem Tische ausgestreckt sah, die Kleider den Maurers mit großen Blutflecken besprenkelt, den Köhler bleich unter seiner schwarzen Larve, und den Katzentödter beide Hände auf seiner, Seite, schreiend, er sei todt, da verlieh dieser Anblick, auf den er doch gefaßt sein mußte, seiner ganzen Physiognomie einen Ausdruck von Härte und Strenge. bei dem die Unbändigsten den Kopf senkten und die Trunkensten erbleichten.

Da der Mann. den wir in Scene gebracht haben, der Hauptheld unserer Geschichte ist, so müssen unsere Leser uns erlauben, für ihn zu thun, was wir für viel minder wichtige Personen gethan haben, nämlich ihnen die möglichst genaue Beschreibung seiner Person zu geben.

Er war vor Allem, wie gesagt, ein Mann von dreißig Jahren oder so ungefähr.

Seine schwarzen Haare waren geschmeidig und gelockt; was sie minder lang scheinen ließ, als sie in Wirklichkeit waren, und wenn sie in ihrer ganzen Länge auf seine Schultern niedergefallen wären; seine Augen waren blau, sanft, durchsichtig, klar wie das Wasser eines Sees, und wie das Wasser des Sees, mit dem wir sie verglichen, den Himmel wiederscheint. so schienen die Augen des jungen Mannes mit dein wohlklingenden Namen der Spiegel zu sein, wo sich die heitersten Gedanken der Seele reflektierten.

Das Qual seines Gesichtes war von einer Raphaelischen Reinheit, nichts störte den anmuthigen Umriß desselben, und man folgte den harmonischen Linien mit der unaussprechlichen Freude, die man beim Anblick der sanften krummen Linie empfindet, die in den ersten Tagen des Monats Mai die aufgehende Sonne am Horizont im Profit zeichnet.

Die Nase war gerade und stark, ohne zu bedeutend vorzutreten, der Mund war klein, gut meublirt und dem Anschein nach fein, denn unter dein schwarzen Schnurrbarte, der ihn beschattete, konnte man die Zeichnung unmöglich genau erschauen.

Sein eher mattes, als bleiches Gesicht war umgeben von einem schwarzen und dichten, aber nicht dicken Bart; die Scheere oder das Rasirmesser hatten gewiß nie ihren Weg hier durch gemachte es war das Milchhaar in seiner ganzen Dünne, der jungfräuliche Bart in seiner ganzen Zartheit, seiden, die Züge mildernd, statt sie hart zu machen.

Besonders ausfallend aber an diesem jungen Manne war der weiße Ton, das Matte seiner Haut; dieser Ton war in der That weder die gelbliche Blässe des Gelehrten, noch die weiße Blässe des Wüstlings, noch die bleifarbige Blässe des Verbrechers: um einen Begriff von der makellosen Blässe dieses Gesichtes zu geben, werden wir Bild und Vergleichung nur in der melancholischen und leuchtenden Blässe des Mondes. In den durchsichtigen Blumenblättern des weißen Lotus, im unbefleckten Schnee, der die Stirne des Himalaya bekränzt, finden.

Was seine Kleidung betrifft, so bestand sie aus einer Art von schwarzem Sammetualetot, den man nur an die Taille anzuschließen gebraucht hätte, um ihm das Aussehen eines Wammses aus dem fünfzehnten Jahrhundert zu geben, einer Weste und Beinkleidern von schwarzem Sammet.

Eine Mütze von demselben Stoffe saß aus seinem Kopfe. und man war ganz erstaunt, so wenig man Künstler sein mochte, daß man vergebens die Feder von einem Adler, einem Reiher oder einem Strauße suchte, welche aus dieser Mühe eine Toque gemacht hätte

Was mitten unter der Menge einen seltsam aristokratischen Charakter dieser Kleidung gab, welche ein nachlässig um den Hals geschlungenes, purpurrothes seidenes Foulard vervollständigte, war der Umstand, daß sie statt von Baumwollsammet zu sein, wie die Kleider der Leute aus dem Volke, aus Seidesammet bestand, wie die Robe einer Schauspielerin oder einer Herzogin.

Diese malerische Tracht fiel nicht nur Jean Robert und Ludovic, sondern auch Petrus auf; die Wirkung die sie auf den Letzteren hervorbrachte, war sogar so groß, daß er, nachdem er, wie gesagt, als er den Namen von Salvator nennen hörte, ausgerufen: »Das ist ein Bursche, dessen Name als gute Vorbedeutung dienen kann; wir wollen sehen, ob er seinem Namen Ehre macht,« beifügte:

»Teufel! welch ein schönes Modell für meinen Raphael bei seiner Fomarina, und wie würde ich ihm sechs Franken für die Sitzung geben, statt vier, wenn er mir stehen wollte!«

Jean Robert aber, der in seiner Eigenschaft als dramatischer Dichter überall und in Allem Theatereffecte suchte, war am meisten der ehrfurchtsvolle Empfang aufgefallen, dessen Gegenstand von Seiten der Menge dieser junge Mann gewesen, ein Empfang, der ihn an das quos ego von Neptun erinnerte. wie er unter seinem göttlichen Dreizack die erzürnten Wellen des sicilianischen Archipels ebnete.




VII

Wo Jean Taureau definitiv seinen Rückzug nimmt und die Menge ihm folgt


Seit dem Eintritte des Geheimnisvollen Fremden, den man mit dem Namen Salvator begrüßte, herrschte die tiefste Stille im Saale, und man hörte kaum das Athmen von dreißig bis vierzig Personen, die ihn füllten.

Diese Stille wurde vom Zimmermann für einen Tadel genommen; einen Augenblick verblüfft und betäubt durch die Gegenwart des Ankömmlings und durch die Art, wie dieser ihn entwaffnet hatte, erholte er sich allmählich wieder, und er sagte, so sehr als es ihm möglich die heiseren Töne seiner Stimme mildernd:

»Herr Salvator, lassen Sie mich Ihnen erklären . . . «

»Du hast Unrecht,i« unterbrach der junge Mann mit dem Tone eines Richters, der ein Urtheil ausspricht«

»Wenn ich Ihnen aber sage . . . ‹

»Du hast Unrecht!« wiederholte der junge Mann.

»Aber . . . «

»Du hast Unrecht. sage ich Dir.«

»Bisher wissen Sie das im Ganzen, da Sie nicht da gewesen sind, Herr Salvator?«

»Brauche ich da gewesen zu sein. um zu wissen, wie sich die Dinge zugetragen haben?«

»Ei! mir scheint . . . ‹

Salvator streckte die Hand gegen Jean Robert und seine zwei Freunde aus, die sich in einer Gruppe vereinigt hatten und sich aus einander stützten.

»Schau,« sprach er.

»Nun, ich schaue,« erwiderte Jean Taureau.

»Was dann?«

»Was siehst Du?«

»Ich sehe drei Muscadins, denen ich eine Tracht Prügel versprochen habe, und die sie früher oder später bekommen werden.«

»Du siehst drei wohl gekleidete, elegante, anständige junge Leute, welche das Unrecht hatten, in eine solche Schenke zu gehen. doch das war kein Grund, um Streit mit ihnen zu suchen«

»Ich, Streit mit ihnen suchen?«

»Ah! wirst Du nicht am Ende sagen, sie haben Dich herausgefordert, Dich und Deine vier Gefährten?«

»Sie sehen aber, daß sie im Stande waren, sich zu vertheidigen.«

»Weil sie die Geschicklichkeit und besonders das Recht auf ihrer Seite hatten . . . Du glaubst, die Stärke sei Alles, Du, der Du frecher Weise Deinen Namen Barthélemy Lelong in Jean Taureau verwandelt hast? Du hast den Beweis vom Gegentheil bekommen. Gott gebe, daß Dir die Lection von Nutzen sein möge.«

»Wenn ich Ihnen aber sage. daß sie es sind, die uns Bursche, Thiere, Lümmel genannt haben!«

»Und warum haben sie Euch so genannt?«

»Daß sie uns gesagt haben. wir seien betrunken . . . «

»Ich frage Dich. warum sie Euch das gesagt haben?«.

»Weil wir wollten, daß sie das Fenster schließen.«

»Und warum wolltest Du nicht, daß das Fenster offen sein sollte?«

»Weil . . . weil . . . «

»Weil . . . was? Laß hören.«

»Weil ich den Luftzug nicht liebe,« antwortete Jean Taureau.«

»Weil Du trunken warst, wie es Dir diese Herren gesagt haben; weil Du Streit mit Jemand suchen wolltest und die Gelegenheit bei den Haaren ergriffen hast; weil Du abermals Händel zu Hause gehabt hast und dann sollten Dir Unschuldige die Launen oder die Untreuen bezahlen von Mademoiselle . . . ‹

»Schweigen Sie, Herr Salvator! sprechen Sie ihren Namen nicht aus,« unterbrach rasch der Zimmermann; »die Unglückliche, sie wird mir noch den Tod bringen!«

»Ah! Du siehst, daß ich den rechten Fleck berührt habe,« sprach der Fremde.

Und die Stirne faltend, fügte er bei:

»Diese Herren haben wohl daran gethan, daß sie das Fenster öffneten; die Luft, die man hier athmet, ist verpestete; und da es nicht zu viel ist an zwei offenen Fenstern für vierzig Personen, so wirst Du auf der Stelle ein zweites öffnen.«

»Ich?« versetzte der Zimmermann, der sich, so zusagen. mit den Füßen am Boden anklammerte; »ich ein Fenster öffnen. während ich verlange, daß man das andere schließe? Ich. Barthélemy Lelong, der Sohn meines Vaters?«

»Du. Barthélemy Lelong, ein Trunkenbold und Zänker, der Du den Namen Deines Vaters entehrst und darum wohl daran gethan hast, einen Uebernamen anzunehmen, – ich sage Dir, daß Du sogleich dieses Fenster öffnen wirst, um Dich dafür zu bestrafen. daß Du die drei Herren herausgefordert hast.«

»Und sollte der Donner über meinem Haupte rollen, ich würde nicht gehorchen, erwiderte Barthélemy Lelong, indem er seine Faust gegen die Stubendecke erhob.

»Dann kenne ich Dich unter keinem Namen mehr; Du bist für mich nur ein grober, händelsüchtiger Arbeiter und ich jage Dich von da, wo ich bin, fort.«

Und die Hand mit der Geberde eines Kaisers ausstreckend:

»Gehe!«

»Ich werde nicht gehen!« brüllte der Zimmermann schäumend vor Wuth.

»Im Namen Deines Vaters, den Du so eben angerufen, befehle ich Dir, zu gehen.«

»Nein. Donnerwetter! nein. ich werde nicht gehen!« rief Barthélemy Lelong, indem er sich rittlings auf eine Bank setzte und die Bank mit seinen beiden Händen ergriff, als wollte er sich eine Waffe für den Fall der Noth daraus machen.

»Du willst mich also aufs Aeußerste treiben?« sagte Salvator mit einer so ruhigen Stimme, daß man nie hätte denken können, sie enthalte eine schwere Drohung.

Und er ging zu gleicher Zeit auf den Zimmermann zu.

»Nähern Sie sich nicht, Herr Salvator, nähern Sie sich nicht! rief der Zimmermann«

Und er wich die ganze Länge der Bank zurück, so wie der junge Mann verrückte.

Willst Du hinausgehen?« fragte Salvator.

Der Zimmermann nahm die Bank und hob sie auf, als wollte er den jungen Mann damit schlagen. Dann warf er sie aber fern von sich und sagte:

»Sie wissen wohl. daß Sie Alles mit mir machen können, was Sie wollen, und daß ich mir eher die Hand abhauen, als Sie schlagen würde . . . Doch freiwillig werde ich nicht gehen, nein! nein! nein!«

»Elender Starrkopf!« rief Salvator. indem er Jean Taureau zugleich bei der Halsbinde und beim Hosengurt packte.«

Jean Taureau stieß ein Gebrülle der Wuth aus und rief:

»Sie können mich wegtragen; ich werde mit mir machen lassen, doch ich gehe nicht freiwillig.«

»Es soll nach Deinem Wunsche geschehen,« erwiderte Salvator.

Und er gab dem trägen Colossen einen heftigen Stoß, entwurzelte ihn. so zu sagen, vom Boden, wie er eine Eiche von der Erde entwurzelt hätte, trug ihn bis auf die Treppe, schaukelte ihn darüber und fragte:

»Willst Du die Treppe Stufe um Stufe hinabgehen oder auf einmal hinabkommen?«

»Ich bin in Ihren Händen, machen Sie mit mir, was Sie wollen; doch freiwillig gehen . . . nein, das werde ich nicht thun!«

»Also wirst Du mit Gewalt gehen. Elender!«

Und er schleuderte ihn wie einen Ballen vom vierten Stock in den dritten hinab.

Man hörte den Körper von Jean Taureau oder von Barthélemy Lelong, mag nun der Leser den Zimmermann lieber nach seinem Familiennamen oder nach dem Uebernamen, den er sich selbst gegeben, nennen, hinabrollen und von Stufe zu Stufe aufprallen.

Die Menge gab keinen Schrei von sich, that den Mund nicht auf: sie war befriedigt; – sie bewunderte.

Die drei jungen Leute allein waren tief bewegt. Petrus, der Lacher. war düster geworden; Ludovic, der Phlegmatiker, fühlte sein Herz heftig schlagen; Jean Robert, der empfindsame Dichten war scheinbar der Einzige, der seine Kaltblütigkeit behalten.

Nur als er Salvator ohne den Zimmermann zurückkommen sah, steckte er seinen Degen in die Scheide und fuhr mit seinem Taschentuch über seine schweißbedeckte Stirne.

Dann ging er gerade auf Salvator zu, reichte ihm die Hand und sprach:

»Mein Herr, ich danke Ihnen, daß Sie meine Freunde und mich von diesem verteufelten Trunkenbold befreit haben; ich befürchte aber sehr für ihn die Folgen dieses Sturzes.«

»Befürchten Sie nichts für ihn, mein Herr!« erwiderte Salvator, indem er seine weiße, aristokratische Hand. diese Hand, welche ein so wunderbares Kraftstück vollbracht hatte, in die Hand legte, die man ihm bot; »er wird höchstens vierzehn Tage bis drei Wochen das Bett hüten, und während dieser vierzehn Tage oder drei Wochen wird er bitterlich die vorgefallene Scene beweinen.«

»Wie! dieser unbändige Mensch wird weinen?« fragte Jean Robert mit Verwunderung.

»Er wird bittere Thränen, blutige Thränen weinen, sage ich Ihnen . . . Er ist das beste Herz und der redlichste Mensch, den ich kenne. . . . Bekümmern Sie sich nicht um ihn, sondern um Sie.«

»Wie, um mich?«

»Ja . . . Wollen Sie mir erlauben. daß ich Ihnen einen Freundesrath gebe?«

»Sprechen Sie, mein Herr.«

»Nun wohl,« sagte Salvator die Stimme dämpfend, so daß ihn kein Anderer, als der, an welchen er sich wandte, hören konnte, »nun wohl, wenn Sie mir glauben wollen, betreten Sie nie mehr dieses Haus, Herr Jean Robert.«

»Sie kennen mich?« rief Jean Robert erstaunt.

»Ei! ich kenne Sie wie Jedermann,« antwortete Salvator mit ausgezeichneter Höflichkeit; »sind Sie nicht einer unserer berühmten Dichter?«

Robert erröthete bis unter die Augen.

»Und nun,« sprach Salvator, indem er sich an die Menge wandte und Ton und Manieren völlig veränderte, »Ihr müßt zufrieden sein, Ihr Leute! ich denke, Ihr habt für Euer Geld genug gehabt! Erweist mir also die Freundschaft und macht Euch so schnell als möglich aus dem Staube; es ist hier nur Luft für vier: damit sage ich Euch; meine lieben Freunde, daß ich mit diesen drei Herren allein zu bleiben wünsche.«

Die Menge gehorchte. wie es ein Schwarm Schüler auf die Stimme des Lehrers thut; sie ging in Ordnung hinab, nachdem sie mit der Stimme, dem Kopfe und der Hand den jungen Mann gegrüßt. der zu befehlen schien, und dessen Gesicht nach der stürmischen Scene, welche vorgefallen, nicht mehr bewegt war, als das Angesicht des Firmaments nach dem Sturme.

Die vier Kameraden den Jean Taureau, den Aufwühler einbegriffen,. dem seine Wunde den Rausch vertrieben hatte, defilierten mit gesenktem Kopfe vor Salvator, und Jeder, als er an ihm vorbeikam, verbeugte sich so ehrerbietig, wie es ein Militär var seinem Obern gethan hätte.

Als sieh der Letzte entfernt hatte, erschien der Kellner auf der Thürschwelle.

»Soll ich immer noch die Herren bedienen?« fragte er.

»Mehr als je,«antwortete Jean Robert.

Er wandte sich sodann an Salvator und fragte:

»Werden Sie uns das Vergnügen machen mit uns zu Nacht zu speisen, Herr Salvator?«

»Seht gern.« erwiderte Salvator; »verlangen Sie aber nichts für mich; ich bestellte eben mein Abendbrod unten, da hörte ich Geräusch und ging herauf.«

»Sie hören, Kellner?« rief Jean Robert; »das Abendbrod den Herrn Salvator mit dem unsern.«

»Verstanden!« antwortete der Kellner

Und er eilte hinab.

Fünf Minuten nachher saßen die vier jungen Leute bei Tische.

Man trank zuerst auf die Sieger, dann auf die Besiegten, dann auf den, welcher so glücklich erschienen war, um ein größeres Blutvergießen zu verhüten.

»Sie scheinen mir übrigens mit dem Boxen, mit der Savate und der Fechtkunst ziemlich vertraut zu sein!« sagte Salvator lachend zu Jean Robert. »Sie haben dem armen Jean Taureau einen majestätischen Faustschlag an den Schlaf, einen siegreichen Fußtritt an den Oberbauch gegeben, und waren im Begriffe, ihm einen anmuthigen Degenstich beizubringen, als ich zum Glück ins Mittel trat . . . Doch gleichviel! Sie waren bewunderungswürdig aufgepflanzt, und an der Stelle von Herrn Petrus würde ich eine Skizze von Ihnen in dieser Position machen.«

»Ab! Ah! rief Petrus, »Sie kennen mich also auch?«

»Oh! Ja,« erwiderte Salvator mit einem Seufzer, als riefe diese Bejahung eine schwermüthige Erinnerung in ihm zurück; »ehe Sie ein Atelier in der Rue de l’Quest hatten, wohnten Sie in der Rue du Regard; damals hatte ich das Vergnügen, Sie einige Male zu sehen.«

Sodann sich an den dritten Gefährten wendend, der ein beharrliches Stillschweigen beobachtete und, wie es schien, die Lösung eines Problems verfolgte, das er nicht lüften konnte, fragte Salvator:

»Was haben Sie denn. Herr Ludovic? Sie sehen ganz sorgenvoll ans! Ich würde das begreifen, wenn Sie noch Ihr Examen zu machen und Ihre These zu behaupten hätten; das ist aber . . . Gott sei Dankt eine seit drei Monaten abgethane Sache, und zwar mit Ehren abgethan!«

Jean Robert schaute Salvator mit Erstaunen an; Petrus brach in ein Gelächter aus.«

»Ah! bei Gott i Herr Salvator,« sagte Ludovic, »da Sie so viele Dinge wissen . . . «

»Sie sind sehr gut!« unterbrach lächelnd Salvator.

»Da Sie wissen, daß mein Freund Jean Robert Dichter ist; da, Sie wissen, daß mein Freund Petrus Maler ist, da Sie wissen, daß ich Arzt bin, wissen Sie . . . wissen Sie, warum der Katzentödter nach Baldrian stank?«

»Sind Sie Fischer, Herr Ludovic?«

»In meinen verlorenen Augenblicken,« erwiderte Ludovic, »doch ich suche immer beschäftigt zu sein.«

»Nun denn, so wenig Sie Fischer sein mögen, so wissen Sie doch»daß man mit Bisam oder mit Anis das Korn parfümiert, mit dem man die Karpfen ködert.«

»Man braucht nicht Fischer zu sein, um das zu wissen, man braucht nur ein wenig Naturkundiger zu sein.«

»Nun wohl, der Baldrian ist für die Katzen, was der Bisam und der Anis für die Karpfen sind:.er zieht sie an; und da Meister Gibelotte ein Katzenfischer ist . . . «

»Oh!« sagte Ludovic mit sich selbst sprechend, mit dem halbkomischen Phlegma, das eine der originellen Nuancen seines Charakters bildete. »o Wissenschaft! Geheimnisvolle Göttin! wird es denn immer durch Zufall geschehen, daß man eine Ecke deines Schleiers aufhebt? Und wenn man bedenkt, daß, wenn ich mich heute Abend nicht als Maler verkleidet hätte, wenn Petrus nicht den Gedanken gehabt hätte, in einer Freischenke zu soupieren, wenn wir nicht in Streit gerathen wären, – ich mich nicht mit einem Katzentödter geschlagen haben würde, und Sie nicht gekommen wären, um den Frieden wiederherzustellen, und die Wissenschaft brauchte vielleicht noch zehn Jahre, fünfzig Jahre, ein Jahrhundert um zu entdecken, daß der Baldrian die Katzen anzieht, wie der Bisam die Karpfen!«

Das Abendbrod war heiter.

Petrus erzählte, im Atelierstyle, die Geschichte von zwanzig Portraits, welche er in einer Fuhrmannsherberge gewacht hatte, um seine Zeche zu bezahlen, die sich auf zehn Franken und zwanzig Centimes belaufen; was für jedes Porträt den ungeheuren Preis von ein und fünfzig Centimes gab.

Ludovic bewies mathematisch, eine hübsche Frau sei nie schwer traut, und er behauptete dieses Paradoxon mit einer Lebhaftigkeit und einer Begeisterung, wie man sie von seiner phlegmatischen Person entfernt nicht erwartete.

Jean Robert erzählte den Plan von einem neuen Drama, das er für Bocage und Madame Dorval schrieb, über welches Drama ihm der junge Mann mit dem Sammetgewande die richtigsten Bemerkungen machte.

Dann folgten sich die Flaschen, und da Petrus und Ludovic im Complott abgekartet hatten, Herrn Salvator ein Räuschchen aufzuhängen, um ihn sprechen zu machen, so geschah, was alt immer in solchen Fällen geschieht.

Herr Salvator behielt seine Kaltblütigkeit, und die zwei jungen Leute benebelten sich.

Was Jean Robert betrifft. – er trank selbst in der Freischenke nur Wasser.

allmählich überschritten Petrus und Ludovic, sich gegenseitig aufregend für sich selbst die Grenze der Trunkenheit, zu der sie Salvator gern hätten führen mögen: sie erzählten gehaltlose oder moralische Geschichten; sie wiederholten Witze, über die man schon am Anfang des Abendbrods gelacht hattet kurz, sie versanken plötzlich und Beide sympathetisch in die vollständigste Erschlaffung, eine Lage, aus der sie ohne Erschütterung in den tiefsten Schlaf übergingen.




VIII

Während Petrus und Ludovic schlafen


Kaum hatten die zwei Schläfer durch ihr Schnarchen angezeigt, sie nehmen ihren Abschied als vernünftige Menschen und überlassen die Conversation Jedem, der sie zu behauptete vermöge, da stützte Salvator seine Ellenbogen auf den Tischs ließ seinen Kopf in seine Hände fallen, schaute Jean Robert starr an und fragte:

»Sagen Sie, Herr Dichter, warum wollten Sie die Nacht in der Halle zubringen?«

»Ei! um meinen Freunden, Petrus und Ludovic, ein Vergnügen zu machen.«

»Einzig und allein?«

»Einzig und allein.«

»Und nichts hat Sie zu dieser Gefälligkeit für sie angetrieben?«

»Nichts, daß ich wüßte.«

»Sie sind dessen sicher?«

»So viel als man seiner selbst sicher sein kann.«

»Dann täuschen Sie mich nicht, doch Sie täuschen sich selbst. Nein. diese Herren. die hier einen so guten Schlaf schlafen, sind nicht die Ursache. sondern nur der Vorwand. Wissen Sie, warum Sie hierher gekommen sind? Sie sind gekommen. um Ihr Handwerk als Philosoph, Beobachter, Sittenmaler, Dichter, Romantiker zu treiben; Sie sind gekommen. um das menschliche Herz in anima villi zu studieren, wie man in der Schule sagt, nicht so?«

»Es ist Wahres in Ihrer Bemerkung,« erwiderte lachend Jean Robert. »Ich habe bis jetzt nur Theaterstücke geschrieben, doch ich will mich nicht hierauf beschränken: ich will Sittenromane machen, auf die Weise, wie es Shakespeare bei seinen Dramen that, indem er eine ganze geschichtliche Periode umfaßte und die ganze Gesellschaft vom Todtengräber bis zu Hamlet, Prinz von Dänemark, in Contribution setzte. Und was soll ich Ihnen sagend im Drama Hamlet ist es nicht die Scene des Todtengräbers, die ich am wenigsten liebe, und unter den Personen sind es nicht diese Gräberschaufler, diese Leichenentheiliger, die ich am wenigsten philosophisch finde.«

»Ja, Sie haben Recht, und ich bin vielleicht Ihrer Ansicht; doch Sie benehmen sich schlecht hierbei, oder Sie wählen vielmehr den Ort der Scene schlecht. Wo zeigt Shakespeare die Todtengräber? Bei ihrem Geschäfte die Füße im Grabe einen Schädel in der Hand und nicht in der Taverne von Yanghan, dem Weinhändler, bei dem sich der erste Todtengräber durch den zweiten ein Glas Branntwein holen läßt . . . Wollen Sie Poesie machen? Lieben Sie ein Weib und laufen Sie in den Wäldern umher . . . Wollen Sie Theater machen? Gehen Sie in die Gesellschaft bis um Mitternacht; studieren Sie Molière und Shakespeare bis um zwei Uhr Morgens, schlafen Sie hierauf sechs Stunden, verschmelzen Ihre Erinnerungen mit Ihren Lecturen und schreiben Sie von neun Uhr bis Mittag . . . Wollen Sie Romane machen? Nehmen Sie Lesage, Walter Scott und Cooper, das heißt den Sittenmaler, den Charaktermaler, den Naturmaler; studieren Sie den Menschen zu Hause; in seinem Atelier, wenn er Maler ist; in seinem Bureau, wenn er Kaufmann ist; in seinem Cabinet, wenn er Minister ist; auf seinem Throne. wenn er König ist; in seiner Krambude wenn er Schuhmacher ist; doch nicht in der Schenke, in der er ermüdet ankommt, aus der er betrunken weggeht. Auf das Schild der Schenken müßte man das Wort von Dante: Lasciate ogni sperenza, setzen. Und dann welch eine erbärmliche Nacht wählen Sie für Ihre Studien! eine Faschingenacht, eine Nacht wo Jeder von diesen Menschen nicht an seinem Platze ist, wo Alle Alles, von ihrer Hofe bis auf den Ueberzug ihres Strohsackes, verpfändet haben, um sich mit prunkenden Costumen aufzuputzen; eine Nacht, wo sie den Reichen nachäffen, eine Nacht, wo sie Alles sind, nur nicht sie selbst. Wahrhaftig, Herr Beobachter.« fügte Salvator, die Achseln zuckend, bei, »Sie beobachten auf eine seltsame Art.«

»Fahren Sie fort, fahren Sie fort.‹ sagte Jean Robert; »ich höre.«

»Nun! was würden Sie zu einem Menschen sagen. der das menschliche Herz in einem Narrenhause studierte?« Nicht wahr, Sie würden ihn selbst als Narren behandeln? Was machen Sie aber Anderes hier zu dieser Stunde? Hören Sie mich an, Herr Jean Robert; der Zufall hat und zusammengeführt, die gewöhnliche Bewegung wird und bald trennen; wir werden und vielleicht nie wiedersehen. Lassen Sie mich Ihnen einen Rath geben . . . Ich scheine Ihnen sehr vermessen, nicht wahr?«

»Oh! durchaus nicht, das schwöre ich Ihnen.«

»Was wollen Sie? ich habe auch einen Roman gemacht.«

»Sie.«

»Ja; doch einen von den Romanen, die man nicht druckt, seien Sie unbesorgt. ich werde Ihnen nicht Concurrenz machen; damit wollte ich Ihnen nur sagen, ich habe die Prätension, Beobachter zu sein. Die Romane, Dichter, macht die Gesellschaft; suchen Sie in Ihrem Kopfe, durchwühlen Sie Ihre Einbildungskraft, graben Sie in Ihrem Gehirne, Sie werden darin in drei Monaten, in sechs Monaten, in einem Jahre nichts dem Aehnliches finden, was der Zufall, das Verhängniß, die Vorsehung, welchen Namen Sie dem Worte, das ich suche, geben wollen, Sie werden,sage ich. daran nichts dem Aehnliches finden, was der Zufall, das Verhängnis oder die Vorsehung in einer Nacht in einer Stadt wie Paris knüpft und löst, aufwickelt und entwickelt! – Haben Sie ein Sujet für Ihren Roman?«

»Nein. noch nicht. Das Theater nehme ich gern in Angriff: es ängstigt mich nicht so sehr; doch der Roman mit seinen Verzweigungen, seinen Episoden, seinen unerwarteten Entwicklungen, seinen Treppen. welche zur höchsten Stufe der Gesellschaft hinaufsteigen,. seinen Leitern, die in die tiefsten Abgründe hinabgehen, ein Roman mit dem Boudoir der Prinzessin und der Mansarde des Arbeiters; ein Roman mit den Tuilerien und der Freischenke, wo wir sind. mit Notre-Dame und dem Grève-Platze, – ich gestehe Ihnen, daß ich vor dem Werte zurückweiche, daß ich vor der Arbeit erschrecke, und daß es mir scheint, es sei hierbei nicht eine gewöhnliche Last, sondern eine Welt aufzuheben.«

»Nun wohl, ich,« versetzte Salvator, »ich glaube daß Sie sich täuschen.«

»Ich täuscht Mich?«

»Ja.«

»Worin?«

»In dem, daß Sie machen wollen«

»Allerdings.«

»Hierin haben Sie Unrecht! machen Sie nicht: lassen Sie machen.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Wie ist Asmodi verfahren?«

»Er hob die Dächer der Häuser auf und sagte zu Don Cleophas: ›Schau!‹

»Haben Sie die Macht von Asmodi? Nein. Ich sage Ihnen auch: machen Sie es noch einfacher; verlassen Sie diese Schenke, folgen Sie dem ersten Manne oder der ersten Frau, die Sie in der Straße, auf dem Kreuzwege, auf dem Quai treffen; dieser erste Mann, oder diese erste Frau wird wahrscheinlich nicht der Held oder die Heldin einer Geschichte sein, aber er oder sie wird einer von den Fäden den großen menschlichen Romans sein, den Gott componirt, – in welcher Absicht? – Gott allein weiß es! – machen Sie sich ganz einfach zu seinem Mitarbeiter, und vom ersten Schritte an seien Sie sicher, daß Sie auf der Spur eines entsetzlichen oder possierlichen Abenteuers sein werden.«

»So ist aber Nach!«

»Ein ein Grund mehr! die Nacht ist für die Dichter, die Verliebten, die Patrouillen, die Diebe und die Romanschreiber gemacht.«

»Ich soll also meinen Roman sogleich anfangen?«

»Er ist schon angefangen«

»Wahrhaftig?«

»Gewiß.«

»Seit welcher Stunde?«

»Seit der Stunde, wo Ihre Freunde zu Ihnen gesagt haben: ›Speisen wir in der Halle zu Nacht.‹

»Sie scherzen!«

»Nein. bei meiner Ehre! Sie brauchen nur zu wollen. Jean Taureau wird eine Person von Ihrem Roman sein, Gibelotte wird eine Person von Ihrem Roman sein, Toussaint Louverture wird eine Person von Ihrem Roman sein, Sac-à-Plâtre wird eine Person von Ihrem Roman sein Croc-en-Jambe wird eine Person von Ihrem Roman sein; Ihre zwei Freunde, welche schlafen, ohne zu ahnen, daß wir ihnen Rollen zutheilen, werden Personen von Ihrem Roman sein; ich selbst wenn Sie mich für würdig erachten, werde eine Person von Ihrem Roman sein . . . Nur verlassen Sie ihn nicht bei der Exposition.«

»Ah! bei meiner Treue, Sie haben Recht, und ich verlange nichts Anderes, als ihn zu verfolgen.«

»Dann sagen Sie sich wohl Folgendes: daß Sie nicht mehr ein Autor sind, der Situationen schafft, Ereignisse abwägt, Entwickelungen vorbereitet, sondern daß Sie ein Schauspieler des großen menschlichen Dramas sind, dessen Theater die Welt ist, das zu Decorationen die Städte, die Wälder, die.Flüsse, die Meere hat, wo Jeder nach seinem Interesse, seiner Laune, seiner Phantasie dem Anscheine nach handelt, in Wirklichkeit aber durch die unsichtbare, und mächtige Hand des Geschicks angetrieben wird. Die Thränen, welche dabei fließen werden, werden ächte Thränen sein, das Blut weiches dabei vergossen werden wird, wird echtes Blut sein, und Sie selbst werden Ihre Thränen und Ihr Blut mit dem Blute der Andern vermengen.«

»Ei! was liegt dem Dichter daran, daß er leidet wenn die Kunst etwas bei seinem Leiden zu gewinnen hat.«

»Ah! Sie sind so, wie ich Sie beurtheilte. Hören Sie, die Witterung hat sich in eine strengere Kälte verwandelt, die Nacht ist schön, der Mond scheint herrlich, lassen Sie uns gehen und die Fortsetzung der Geschichte suchen, deren erste Kapitel wir nicht geschrieben aber gespielt haben.«

»Ich kann meine zwei Freunde nicht hier lassen.«

»Warum nicht?«

»Wenn ihnen Unglück widerführe?«

»Es ist keine Gefahr: ich werde ein Wort zum Kellner sagen, und wenn man erfährt, daß sie unter meinem Schutze stehen, so wird der kühnste Gauner dieser Schenke nicht ein Haar von ihrem Haupte berühren.«

»Wohl, es sei!« sprach Jean Robert; »nur werden Sie die Güte haben, die Ermahnung in meiner Gegenwart zu geben.«

»Gern!«

Salvator näherte sich der Treppe und ließ ein auf eine gewisse Weise moduliertes Pfeifen hören, das zugleich mit der Pfeife des Maschinisten und mit der des Hochbootsmanns Aehnlichkeit hatte.

Man pflegte Herrn Salvator nicht warten zu lassen, wie es scheint, denn kaum waren die letzten Noten der seltsamen Modulation erloschen, als der Kellner erschien.

»Herr Salvator ruft?« sagte er.

»Ja.«

Erstreckte den Arm gegen die zwei Schläfer aus.

»Diese zwei Herren gehören zu meinen Freunden, Meister Babylas; Du verstehst?«

»Ja, Herr Salvator‹ antwortete einfach der Kellner.

»Kommen Sie!« sagte der junge Mann zum Dichter.

Und er ging zuerst hinaus.

Jean Robert, der zurückgeblieben war, verlangte die Rechnung. Er fügte der Bezahlung fünf Franken für den Kellner bei und fragte:«

»Mein Freund, machen Sie mir das Vergnügen mir zu sagen, wer der Herr ist, der Ihnen meine zwei Freunde empfohlen hat.«

»Das ist kein Herr, das ist Herr Salvator.«

»Wer ist aber Herr Salvator?«

»Sie kennen ihn nicht?«

»Nein, da ich Sie frage, wer er sei.«

»Es isst der Commissionär der Rue aux Fers.«

»Wie?«

»Ich sage Ihnen. es sei der Commissionär der Rue aux Fers.«

Der Kellner antwortete mit solchem Ernste, daß man nicht bezweifeln konnte, er spreche die Wahrheit.

»Herr Salvator hat offenbar die Wahrheit gesagt, und wir fangen einen Roman an, wie noch keiner gemacht worden ist,« murmelte Jean Robert.




IX

Die zwei Freunde von Salvator


Der Mond schien in der That herrlich, wie es der Commissionär der Rue aux Fers gesagt hatte.

Die Uhr der Tuchhalle deutete die zweite Stunde nach Mitternacht an.

Die Fontaine des Innocents, – dieses Meisterwerk von Jean Goujon, dem einzigen Bildhauer-Architekten, den wir gehabt haben, – erschien zur Rechten der jungen Leute, als sie die Schenke verließen, bewunderungswürdig beleuchtet von der glänzenden Lampe, welche die Hand Gottes selbst am Gewölbe des Firmamentes aufgehängt hat; ihre zierlichen verstäbten Pilaster, ein Wunder korinthischer Architektur, zeichneten sich in ihrer ganzen Gracie und in ihrer ganzen Reinheit; die Najaden, diese zu Frauen gemachten Wassertropfen, die der Chavalier Bernin so sehr angestaunt, die schönen Najaden mit den milden, lieblichen Umrissen schienen ihre Draperien von sich zu schieben und in das Bassin des Brunnens hinabzusteigen, um ihre kleinen Füße darin zu baden.

Die zwei jungen Leute nahmen sich trotz der socialen Entfernung, welche die Verschiedenheit der Rangstufen zwischen ihnen festzustellen schien, beim Arm und traten in die Rue Saint-Denis auf der Seite des Justizpalastes ein. Als sie auf dem Platze des Chatelei anlangten, blieben sie stehen; der Strom floß zu ihren Füßen; Notre-Dame erhob sich vor ihnen mit der Majestät der unbeweglichen Dinge; die Sainte-Chapelle ragte mit ihrem gezackten Kamme über den Häusern empor, wie Leviathan über den Wogen. Sie hätten sich mitten im Paris des fünfzehnten Jahrhunderts glauben können.

Um die Illusion zu vermehren, kam überdies ein Schwarm junger Leute in Costumen aus der Zeit von Karl VI. auf dem Quai de Gèvres herbei: sie schrien aus vollem Halse:

»Es ist zwei Uhr vierzehn Minuten; wir sind ruhig; Pariser, schlaft!«

Und in der That, nichts verhinderte, zu glauben, es sei eine von den Truppen Unzufriedener, welche die Bürgergemeinde, die oberlehensherrliche Eigenthümerin des Schlachthauses von Paris, von Zeit zu Zeit an König Karl VI. Absandte, um ihm neue Concessionen zu entreißen. Es waren die Gois, die Tibers, die Lhuillier, die Meulott, mit Cabache, dem furchtbaren Schinder, an ihrer Spitze.

Sie schienen spazieren zu gehen und, um die Unordnungen anzufangen, nur auf den Untergang des Mondes oder das Aufstehen des Königs zu warten.

Unsere zwei jungen Leute ließen die Maskerade an sich defilieren, gingen rasch über den Pont au Change und kamen auf den kleinen Platz. der zwischen dem Pont Saint-Michel und der Rue de la Harve liegt.

Etwa dreißig Studenten und Grisetten tanzten in fantastische Costumes, gekleidet, mit großem Freudengeschrei um fünf bis sechs brennende Strohbunde.

Jean Robert, welcher in seinen Arbeiten mitten im Studium der Geschichte von Frankreich begriffen, war suchte unwillkürlich mit den Augen den Weichstein, auf dem ein Kopf ausgehauen, der einen Beutel am Halse hängen hatte, und der, wie unsere alten Chronikschreiber sagen, auf diesem Platze bis zum siebzehnten Jahrhundert blieb.

Es schien, diese jungen Leute, welche fast alle das Costume des Mittelalters trugen, das sich großer Gunst zu erfreuen anfing, seien nur hierher gekommen, um vierhundert Jahre nach dem Ereigniß gegen den grässlichen Verrath zu protestieren, dessen Andenken dieser Platz zurückruft.

Es geschah in der That in einer friedlichen Nacht, in einer Nacht erleuchtet von einem Munde so glänzend als der, welcher in diesem Augenblick schimmerte, Morgens um zwei Uhr, das heißt zu derselben Stunde, daß am 12. Juni des Jahres 1487, Périnet Leclerc seinem Vater unter dem Kopfkissen seines Bettes hervor die Schlüssel des Saint-Germain-Thores stahl und die Stadt achthundert Leuten des Herzogs von Burgund öffnete, welche außerhalb der Mauern unter der Anführung von Villiers, Herrn der Isle-Adam, warteten.

Alles, was in die Hände der burgundischen Ritter fiel, Weiber, Kinder, Greise, wurde ohne Gnade und Barmherzigkeit umgebracht. Die Bischöfe von Coutances, von Saintes, von Bayeux, von Senlis, von Evreux wurden in ihrem Bette ermordet der Connetable und der Kanzler aus ihren Häusern gerissen und zusammengehauen, sodann ihre Glieder umhergestreut und ihre Köpfe durch die Straßen geschleppt.

Die Schlächterei dauerte acht Tage; nach acht Tagen vertrieben die Pariser die Burgunder und blieben Herren der Stadt. Man suchte dann den Verräther, die Ursache zugleich dieser Schande und dieses Unglücks; man durchwühlte ganz Paris von unten bis oben, um Périnet Leclerc zu finden.

Périnet Leclerc war verschwenden, und man hörte nie mehr etwas von ihm.

Ein Bildhauer-Meister verfertigte in der Eile ein plumpes Bild vom Verräther, und nachdem die Menge die Büste von Haus zu Haus, von Thüre zu Thüre getragen hatte, nachdem man sie an die Backen geschlagen und ihr ins Gesicht gespieen, haute derselbe Meister den Judas des fünfzehnten Jahrhunderts mit seinem Beutel am Halse auf diesem Weichsteine aus, wo ihn die alten Historiker gesehen.

Diese Erinnerung war es, was Jean Robert beschäftigte, dessen Augen die buntscheckige, muntere durch den vorübergehenden Reflex der Flammen beleuchtete Gruppe verlassen hatten, um im Halbschatten der Ecken und im Schatten der Straßen zu forschen; er fragte sich halblaut:

»Ich möchte wohl wissen wo dieser Weichstein war?«

»An der Ecke des Platzes und der Straße Sahn

»An des Ecke des Platzes und der Straße Saint-André-des Arcs,»erwiderte Salvator, als wäre er vom ersten bis zum letzten Worte im Geiste von Jean Robert dem Monolog gefolgt, dem seine Frage als Schluß diente.

»Woher wissen Sie eine Sache. die ich nicht weiß?« fragte Jean Robert.

»Vor Allem ist dieses Erstaunen ein wenig anmaßend!« versetzte Salvator lachend. »Glauben Sie, mein Herr Dichter, es seien immer die Leute, deren Handwert es ist, zu wissen, welche wirklich wissen? Mir schien die Unwissenheit Ihres Freundes Ludovic über den Baldrian hätte Ihnen als Lection dienen müssen.«

»Entschuldigen Sie mich,« erwiderte Jean Robert, »das Wort ist mir entschlüpft; es wird mir nicht mehr geschehen. Ich fange an wahrzunehmen, daß Sie alle Dinge wissen.«

»Ich weiß nicht alle Dinge,« entgegnete Salvator; »doch ich lebe mit dem Volke, das du ganze Welt ist, das die alte Fabel von Argus mit den hundert Augen, von Briareus mit den hundert Armen verwirklicht; das stärker ist als die Könige, und mehr Geist hat als Herr von Voltaire!« Nun denn, eine von den guten Eigenschaften oder von den Fehlern dieses Volkes ist das Gedächtniß, und besonders das Verräthereien rächende Gedächtniß. Ein Verräther, den die Könige wieder in Ehren eingesetzt und mit Ordensbändern bedeckt haben, dem die Aristokratie wieder ihre Thüre geöffnet hat. den die Bourgeoisie im Vorübergehen grüßt, ist immer ein Verräther für das Volk; für die übrige Gesellschaft wieder der Name eines ehrlichen Menschen geworden, ist sein Name für das Volk immer ein ehrloser Name, ein verfluchter Name, kurz ein Verräthername. Und die Zeit ist viel leicht nicht fern,« fügte Salvator mit einer düsteren Miene bei, weiche einen Augenblick seiner Physiognomie einen Ausdruck verlieh, dessen man sie nicht fähig gehalten hätte, »die Zeit ist vielleicht nicht fern, wo Sie ein Beispiel von dem, was ich Ihnen hier sage, haben werden. Nun wohl dieser Name von Périnet Leclerc, dessen sich nur die Gelehrten in den hohen Klassen der Gesellschaft erinnern, ohne daß das Volk viel, als Detail, von dem Verrathe weiß, den er ins Gedächtniß zurückruft, – ist eine der verfluchten Erinnerungen des Volks, um so mehr verflucht, als die Rache nicht befriedigt werden konnte, als die Strafe das Verbrechen nicht gesühnt hat, und als die Vorsehung, diesmal, wie ein eingeschlafener oder verkaufter Richter, die Augen geschlossen zu haben scheint, um den Schuldigen durchschlüpfen zu lassen . . . Kommen Sie!«

Salvator schlug den Weg durch die Rue Saint-André-des-Arcs ein.

Robert folgte dem seltsamen Manne, den der Zufall zu seinem Führer gemacht hatte, und ging mit ihm durch die öde, düstere Straße.«

Zwischen der Rue Macon und der Place Saint-André-des Arcs blieb der Gefährte des Dichters vor einem kleinen, weißen, reinlichen, aber schmalen Hause, das nur drei Fenster in der Fronte hatte, stehen.

Eines eichenholzfarbig angemalte kleine Thüre gewährte den Eingang in dieses Haus.

Salvator zog einen Schlüssel aus der Tasche und schickte sich an, einzutreten.

»Es ist also ausgemacht, daß wir den Rest der Nacht miteinander zubringen?« sagte er zu Jean Robert.

»Sie haben es mir angeboten, ich habe es angenommen; wollen Sie Ihr Anerbieten zurücknehmen?«

»Nein. Gott sei Dankt Doch was wollen Sie? so wenig ich auch bin, ich habe zwei Wesen welche über meine Abwesenheit besorgt würden, wenn sich meine Abwesenheit über eine gewisse Grenze hinaus verlängerte: diese zwei Wesen sind eine Frau und ein Hund.«

»Beruhigen Sie dieselben; ich werde Sie hier erwarten.«

»Geschieht es aus Discretion, daß Sie es ausschlagen, hinaufzugehen? Dann hätten Sie Unrecht: ich bin einer von den Geheimnisvollen, welche nichts verbergen, und die der Sonne trotzend unbekannt bleiben. Ist es nicht ein Wort von Talleyrand, daß an dem Tage, wo ein Diplomat die Wahrheit sage, er alle Welt täuschen werde? Ich bin dieser Diplomat; nur habe ich nicht die Mühe, eine Welt zu täuschen die sich nicht um mich bekümmert.«

»Dann,« erwiderte Jean Robert, welcher vor Begierde, hinaufzugehen, um das Hauswesen des Commissärs zu sehen, brannte, »dann, wie die Italiener sagen Permesso?«

»Si,« antwortete Salvator in vortrefflichem Toskanisch:«sottante vederete il cane, ma nonla signora!«

Die Thüre öffnete sich, und die zwei jungen Leute traten in den Gang ein.

»Warum Sie, daß ich Ihnen Licht mache.« sagte Salvator.

Und er zog aus seiner Tasche ein Phosphor-Feuerzeug und schickte sich an, ein Zündhölzchen einzutauchen; plötzlich aber erschien oben auf der Treppe ein Licht und ließ seine Strahlen längs der Wand herabfallen.

Dann vernahm man eine sanfte Stimme, welche fragte:

»Bist Du es, Salvator?«

»Ja, ich bin es,« erwiderte der junge Mann. »Bei meiner Treue,« fügte er bei, indem er sich umwandte, »nicht Sie waren es, der sich täuschte, sondern ich: Sie werden die Frau und den Hund sehen.«

Der Hund war derjenige, welchen man zuerst erblickte; auf die Stimme seines Herrn war er nach der Treppe gesprungen, deren Stufen er wie ein Wetterwirbel herabkam.

Vor seinem Herrn angelangt, legte diesem das colossale Thier seine Vorderpfoten auf die Schultern, drückte schmeichelnd seinen Kopf an die Wangen des jungen Mannes, und fing an kleine Schreie der Zärtlichkeit auszustoßen, wie es ein King-Charles hätte thun können.

»Es ist gut. Roland, es ist gut!« sagte Salvator: »laß mich passieren; Du siehst wohl, daß mir Deine Herrin Fragola etwas zu sagen hat!«

Doch der Hund. der Jean Robert erblickte, streckte den Kopf über die Schulter seines Gebieters und ließ ein Knurren vernehmen, das übrigens mehr eine Frage als eine Drohung war.

»Es ist ein Freund, Roland; sei also vernünftig,« sagte Salvator.

Und nachdem er den Hund auf sein schwarzes Maul geküßt, wiederholte er:

»Vorwärts! laß mich passieren, Roland!«

Roland trat auf die Seite, ließ seinen Herrn passieren, beroch Jean Robert im Vorübergehen, leckte dem Dichter die Hand und nahm hinter ihm, als wollte er den Zug schließen, seinen Rang auf der Treppe.

Jean Robert hatte auf Roland einen raschen Liebhaberblick geworfen.

Es war ein herrliches Thier von der Race der St. Bernhardshunde, halb Dogge, halb Neufundländer, das wenn es sich auf den Hinterpfoten erhob, fünf und einen halben Fuß hoch sein mochte; seine Haare hatten die Farbe des Löwen.

Diese Bemerkungen wurden zwischen dem Erdgeschoße und dem ersten Stocke gemacht; hier verließen alle Beobachtungen von Jean Robert den Hund und wandten sich gegen Fragola.

Es war eine junge Frau von ungefähr zwanzig Jahren, deren lange blonde Haare das bleiche und sanfte Gesicht umrahmten, unter dessen Haut man rosige Tinten von einer reizenden Feinheit erblickte; die Kerze die sie in einem Kristallleuchter in der Hand hielt»beleuchtete ihre großen, azurblauen Augen, und ihr lächeln der, halb geöffneter Mund ließ zwei Reihen Perlen unter Lippen so roth wie frische Kirschen sehen.

Ein kleinen Muttermahl unter dem rechten Auge, von den Frauen des Volkes ein Wunsch genannt, nahm in gewissen Jahreszeiten die Farbe einer kleinen Erdbeere an und hatte ihr wohl den poetischen Namen Fragola eingetragen, der ganz gemacht war, um Jean Robert zu ergreifen.

Die Gegenwart des Letzteren hatte ihr Anfangs, wie Roland, einige Besorgniß eingeflößt; doch sie war wie Roland, beruhigt worden durch die Antwort: »Es ist ein Freund.«

Sie fing also damit an, daß sie Salvator eine lächelnde Stirne darbot, auf die der junge Mann zärtlich, wir möchten beinahe sagen, ehrfurchtsvoll seine Lippen drückte.

Sie wandte sich sodann an Jean Robert und sagte mit einem reisenden Lächeln:

»Freund meines Freundes, seien Sie willkommen!«

Und während sie dem Dichter mit einer Hand leuchtete, kehrte sie. mit der anderen den Hals von Salvator umschlingend, ins Zimmer zurück.«

Jean Robert folgte ihnen.

Nur blieb er discret in einer ersten kleinen Stube stehen, die als Speisezimmer zu dienen schien.

»Ich hoffe, Du bist nicht aus Besorgniß nicht schlafen gegangen?« fragte Salvator; »ich würde mir das nie verzeihen, mein Kind.«

Der junge Mann sprach diese Worte mit einem Ausdruck, der etwas Väterliches hatte.

»Nein.‹ erwiderte das Mädchen mit einer sanften Stimme; »doch ich habe einen Brief von jener Freundin bekommen, von der ich zuweilen mit Dir sprach.«

»Von welcher?« versetzte Salvator; »Du hast drei Freundinnen, von denen Du oft sprichst.«

»Du könntest sagen, ich habe vier.«

»Ja, das ist wahr . . . Nun, von welcher ist im Augenblick die Rede?«

»Von Carmelite.«

»Sollte ihr ein Unglück zugestoßen sein?

»Das ahnet mir. Wir sollten uns, sie, Lydie, Regina und ich, morgen in der Messe von Notre-Dame zusammenfinden, wie wir dies alle Jahre zu thun pflegen, und statt dessen gibt sie uns aus sieben Uhr Morgens Rendez-vous.«

»Wo dies?«

Fragola lächelte

»Sie verlangt von uns Geheimhaltung, mein Freund.«

»Oh! bewahre das Geheimnis!« sagte Salvator. »Ein Geheimnis! Du kennst meine Ansicht hierüber: das ist die heilige Arche!«

Er wandte sich sodann gegen Jean Robert um und sprach:

»Ja einem Augenblick gehöre ich Ihnen . . . Kennen Sie Neapel?«

Nein; doch ich hoffe in den nächsten paar Jahren dahin zu gehen.«

»Nun. so unterhalten Sie sich damit, daß Sie dieses kleine Speisezimmer anschauen: es ist eine sehr genaue Erinnerung an das des Hauses vom Dichter in Pompeji, und wenn Sie zu Ende sind, plaudern Sie mit Roland.«

Nachdem er so gesprochen. trat Salvator mit Fragola in das zweite Zimmer ein, dessen Thüre er hinter sich schloß.«




X

Plauderei eines Dichters mit einem Hunde


Als Jean Robert allein war, nahm er die Kerze und näherte sie den Wänden des Speisezimmers, indeß Roland sich mit einem Seufzer der Zufriedenheit auf einen Teppich legte. der quer vor der Thüre ausgebreitet war, durch die der Junge Mann und das Mädchen sich entfernt hatten, was sein gewöhnliches Lager zu sein schien.

Eine Zeit lang mochte Jean Robert das Licht immerhin an die Wand halten, er sah nichts; seine Augen schauten gewisser Maßen im Innern, seine Erinnerungen zogen zwischen ihm und dem, was er vor sich hatte, durch.

Was seine Augen sahen, das war in diesem verlorenen Quartier oben auf der düsteren Treppe das schöne Mädchen, das sich mit seiner Kerze in der Hand herabneigte; es waren diese langen Haare mit den goldenen Reflexen, es waren diese herrlichen blauen Augen, die ein Wiederschein des Himmels, selbst wenn der Himmel nicht mehr da; das war diese durchsichtige Haut so fein wie ein Rosenblatt; das war diese unendliche Grazie, welche zuweilen beim Menschen oder beim Thiere ein übermäßig langer Hals verleiht: beim Thiere im Schwanen, im Menschen bei Raphael; es war dieser ganze geschmeidige Körper, auf dem. man fühlte dies, die fiebernde Hand der Krankheit oder die eisige Hand des Unglücks gelastet haben mußte; es war endlich diese Erscheinung dort Fragola, nicht minder wunderbar, als die von Salvator, wobei die eine die andere zu vervollständigen schien, um in den Augen des Dichters einen lebendigen und belebten Traum zu machen.

Alles dünkte ihm seltsam bis aus das carminrothe Fleckchen unter dem Auges das Salvator wahrscheinlich veranlaßt hatte, dem Mädchen den Namen Fragola zu geben, was wieder das reizende Diminutiv Fragoletta gab.

Sodann hatte der Name Regina, den das Mädchen ausgesprochen, im Dichter eine aristokratische Erinnerung zurückgerufen, weiche in keiner Beziehung zu den Geschöpfen von niedriger Lage stehen konnte, mit denen er für den Augenblick sein Leben verbunden, die aber nichtsdestoweniger in seinem Herzen die sonorsten Fasern der Jugend vibrieren gemacht.

allmählich aber wurde der Schleier, den er vor den Augen hatte, immer durchsichtiger, und er fing an durch einen Nebel die Bilder zu sehen, welche die Wand bedeckten.«

Die artistische Seite gewann die Oberhand über die mysteriöse, die Wirklichkeit über den Traum; der Dichter war vor einer der genausten Copien der dekorativen Malerei des Alterthums.

Die vier großen Theile der Wand enthielten Rahmen mit Gehäusen umgeben: jeder Rahmen stellte eine Landschaft die Säulen eines Peristyls oder die Fenster eines Zimmers gesehen vor.

Die Gehäuse stellten alle jene Phantasien vor, welche die archäologische Wissenschaft seitdem populär gemacht hat, so die Stunden des Tages und der Nacht, die Tänzer, die Grille zwei Schnecken, die an ihren Wagen gespannt, führend, die Tauben aus derselben Schaale trinkend u. s. w.

Das Ganze war mit vollkommenem Geschmack und einer Treue des Tons, die den Coloristen bezeichnete, copirt.

Das wäre ein neues Erstaunen für Jean Robert gewesen, hätte ihn etwas von Seiten seines neuen und seltsamen Freundes in Erstaunen setzen können.

Er stellte also nicht erstaunt, sondern nachdenkend, zuerst seinen Leuchter auf den Tisch, der einen Umfang von nur fünf bis sechs Fuß mitten im Zimmer bildete, und setzte sich sodann auf einen Stuhl.

Dann richteten sich seine Augen unbestimmt auf die verschiedenen Gegenstände des Speisezimmers, und sie verweilten am Ende auf dem Hunde.

Er erinnerte sich der Worte von Salvator: »Wenn Sie zu Ende sind, plaudern Sie mit Roland.«

Und er lächelte bei dieser Erinnerung.

Diese Worte, die einem Andern vielleicht ein schlechter Spaß geschienen hätten, erschienen ihm als eine ganz natürliche Empfehlung; sie hatten ihm eine Sympathie mehr zwischen ihm und seinem neuen Freunde geoffenbart.

Jean Robert, ein naives Herz. zart und gut, glaubte in seinem Stolze nicht, Gott habe für die Menschen allein die Ausgabe einer Seele gemacht: wie die Dichter des Orients, wie die Brahminen Indiens, war er nahe daran, zu glauben, das Thier sei eingeschlafene oder bezauberte Seele, welche an den Ufern des Ganges den Zauber der Natur, bei den Occidentalen die Magie der großen Circe erdulde. Oft hätte er sich den Menschen in der Kindheit der Welt vorgestellt, den Menschen, dem in der Schöpfung die Thiere, seine untergeordnete Brüder, vorangegangen, und es hatte ihm dann geschienen, seien die Thiere, und sogar die Pflanzen, die untergeordneten Schwestern der Thiere, gewesen, welche der Menschheit als Führer und Lehrer gedient. Nach dem dankbaren Traume seinen Geistes waren es die Wesen die wir heute leiten, welche uns damals führten, welche unsere schwankende Vernunft mit ihrem schon befestigten Instincte lenkten, die uns riethen, sie diese Kleinen und diese Einfachen, die wir heute verachten! Und in der That, sagte der Dichter, wenn er um sich selbst sprach, der Boabab, der damit angefangen, daß er ein Baum gewesen, der ein Wald geworden, der Jahrhunderte wie eine Kette von großen Greisen, die sich an der Hand halten, hat vorüberziehen sehen; der Wandervogel der mit jedem Flügelschlage eine Meile macht, und der alle Länder gesehen; der Adler, der der Sonne ins Antlitz schaut, vor welcher wir die Blicke niederschlagen; der Nachtvogel mit den Gluthaugen, der in der Finsternis fliegt, wo wir straucheln; die großen Ochsen, welche unter den grünen Eichen oder den dunklen Fichten wiederkäuen und mit den Füßen auf eine zerstörte Civilisation in den weiten Campagnen von Rom mit ihren breiten, fahlen Horizonten treten; alle diese Thiere sollten nicht etwas Unbekanntes dem Menschen zu sagen haben, wenn es dem Menschen gelänge, ihre Sprache zu verstehen, und wenn er sie zu befragen sich herabließe?

Jean glaubte sich zu entsinnen, er habe in seiner Kindheit mit seiner seiner Hand die allgemeine Verbrüderung berührt, er war überzeugt, er habe eine Zeit lang das Bellen junger Hunde, den Gesang kleiner Vögel verstanden, und sogar den Wohlgeruch der Rosenknospen, die er zuweilen. in dem Augenblick wo sie sich erschlossen, die Zuckerstücke, die ihm seine Mutter gegeben, wollte essen lassen.

Sodann, wie er groß geworden, hatte es ihm geschienen, dieser fast menschliche Verstand, den er als Kind bei den Thieren und bei den Pflanzen gefunden, sei verschwunden und habe sich verwirrt, wie der Hanf, den die Poltergeister am Rocken des bretonischen Mädchens verwirren, das ihn, der vergeblichen Arbeit müde, in seiner Ungeduld ins Feuer wirft.

Was hat diese rührende Einigkeit gebrochen. die den Menschen mit dem Thiere und der Pflanze. d. h. mit dem Demüthigen und dem Einfachen verband?

Die Hoffart!

Das war der Unterschied zwischen der orientalen Welt und der occidentalen.

Indien, auf das der Europäer immer zurückkommen muß, so oft er seines streitsüchtigen Occidents müde, seine Seele wieder in den Urquelten zu stärken nötig hat; Indien, diese gemeinschaftliche Mutter den Menschengeschlechts; Indien, unsere majestätische Ahnfrau, wurde für sein zartes Mitleid dadurch belohnt. daß es fruchtbar blieb; sein Symbol ist die nährende Kuh. Kriege, Mißgeschicke, Knechtschaften gehen über dasselbe seit dreitausend Jahren hin, und seine unversiegbare Brust ist immer bereit, dreihundert Millionen Menschen, Eingeborene und Fremde, zu stillen.«

So ist es nicht mit unserer armen occidentalen Welt, mit unserer kargen griechischen und italienischen Civilisation gewesen. Die griechische Stadt. die römischen Stadt haben die Kunst vergöttlicht und die Natur ihrer Würde entsetzt; sie machten aus den Menschen Sklaven; sie nannten die Thiere Bestien; sie zwangen die Erde, auszugeben, ohne daß sie darauf bedacht waren, der Erde neue Kräfte zu verleihen. Einen Tage fand sich Athen eine Ruine, Rom eine Wüste; es waren herrliche Wege da, auf denen Niemand mehr reiste, Triumphbögen, welche bei Nacht die Schatten der Heere, geführt von den Schatten der Triumphatoren vorüberziehen sahen, und Meilen lange Aquäducte, die fortwährend das Wasser der Flüsse nach den stummen Städten führten, welche keine Einwohner mehr zu tränken hatten.

Und alle diese Ideen. weiche drei Civilisationen aufrührten und durch die elektrische Kette des Gedankens, die sie der modernen Welt offenbart, in ihrem Grabe die alte Welt beben machen, erwachten im Geiste des Dichters beim Anblick den Hundes und bei der Erinnerung an die Worte von Salvator: »Wenn Sie zu Ende sind, plaudern Sie mit Roland.«

Jean Robert war mit dem Anschauen und sogar mit dem Denken zu Ende; er rief also Roland, um mit ihm zu plaudern.

Als sein Name mit dem kurzen. entschiedenen Tone des Jägern ausgesprochen wurde, richtete Roland, der, die Schnauze zwischen seinen Pfoten ausgestreckt, schlief, oder vielmehr sich den Anschein gab, als schliefe er rasch den Kopf auf und schaute Jean Robert an.

Jean Robert sprach zum zweiten Male den Namen des Hundes und und schlug dabei mit seiner Hand auf seinen Schenkel.

Der Hund erhob sich auf seine Vorderpfoten und blieb auf die Weise der Sphinxe hocken

Jean Robert wiederholte zum dritten Male seinen Ruf.

Der Hund kam auf ihn zu, legte seinen Kopf auf die Kniee des Dichters und schaute ihn freundlich an.

»Armer Hund!« sagte Jean Robert mit liebkosendem Tone.

Roland ließ ein halb zärtlichen. halb klagendes Geknurre hören.«

»Ah! Ah!« sprach Jean Robert, »dein Herr Salvator hatte Recht: es scheint, wir werden und verstehen.«

Beim Namen Salvator ließ der Hund ein kleines Gebelle der Freundschaft vernehmen und schaute nach der Thüre.

»Ja,« sagte Jean Robert, »er ist dort im Zimmer neben an, mit Deiner Gebieterin Fragola, nicht wahr Roland?«

Roland ging an die Thüre. hielt seine Schnauze an den Zwischenraum, der zwischen dem Untertheil der Thüre und dem Boden bestand, athmete geräuschvoll, kam wieder zurück und legte, seine lebhaften, verständigen. fast menschlichen Augen schließend, seinen Kopf auf den Schooß des Dichters.«

»Sehen wir ein wenig, wer unser Vater und unsere Mutter sind, sagte Jean Robert . . . »Gib deine Pfote. wenns beliebt.«

Der Hund hob feine dicke Pfote auf und legte sie mit einer Leichtigkeit, welche unmöglich schien, in die aristokratische Hand von Jean Robert.

Jean Robert untersuchte die Zwischenräume der Zehen.«

»Ah!« sagte er, »ich vermuthete es . . . Sehen wir unser Alter.«

Und er that die mächtigen Lippen den Thieren auseinander und entblößte hierdurch eine doppelte Reihe furchtbarer, elfenbeinweißer Zähne, welche jedoch in den Tiefen des Rachens schon ein wenig angegriffen waren.

»Ah! Ah!« sagte Jean Robert. »wir sind nicht mehr von der ersten Jugend: wären wir eine Frau, so würden wir unser Alter seit zehn Jahren verbergen; wären wir ein Mann, so würden wir anfangen es zu verbergen.«

Der Hund blieb unempfindlich; es schien ihm völlig gleichgültig zu sein, daß Jean Robert sein Alter wußte. Als der Dichter dies sah, setzte er seine Untersuchung fort, in der Hoffnung, zu einem Detail zu gelangen, das auf eine wirksamere Art die Empfindlichkeit der Nerven von Roland reizen würde.

Diesen Detail bot sich bald dem Blicke von Jean Robert.

Roland hatte, wie gesagt, – abgesehen von etwas mehr Länge in seinem unter dem Bauche besondere leicht gekräuselten Haare, – die falbe Haut den Löwen; nur bemerkte Jean Robert an der Flanke der rechten Seite zwischen der ersten und fünften Rippe einen weißen Punkt von sieben bis acht Linien im Durchmesser.

»Ah! Ah!« fragte er, »was ist das, mein armer Roland?«

Und er drückte mit der Fingerspitze auf den weißen Punkt.«

Roland stieß einen Seufzer aus.

»Ei! eine Narbe!« sagte Robert.

Eh war Robert nicht unbekannt. daß die Wunden oder die Brandmahle das färbende Oel zerstören, das im Haargewebe kreist; er hatte in den Gestüten Rappen gesehen, denen man einen Stern dadurch auf die Stirne machte, daß man ein glühend heißes Instrument darauf drückte; er begriff, daß hier eine Wunde oder ein Brandmahl war.

Eher eine Wunde,als ein Brandmahl, da der Finger eine Narbe erkannte.

Er schaute nach der linken Flanke.

An der linken Flanke trug Roland, nur ein wenig tiefer, eine ähnliche Narbe.

Robert drückte mit dem Finger darauf, wie er es das erste Mal gethan hatte; der Hund stieß bei diesem zweiten Drucke einen schmerzlichen Seufzer aus, der dem jungen Beobachter durch die Narbe der Rippe erklärt wurde,

Auf der linken Seite war die Rippe gebrochen worden.

Ah! ah! mein schöner Roland,« sagte der Dichter, »es scheint wir haben, wie unser Homonyme, Krieg geführt.«

Roland hob den Kopf empor, öffnete halb das Maul und gab ein Gebelle von sich, das Jean Robert bin in die Tiefe der Adern schauern machte.

Diese Klage hatte einen so traurigen Charakter, daß Salvator aus dem Zimmer herauskam und Jean Robert fragte.

»Was ist denn Roland geschehen?«

»Nichts . . . Sie haben mich mit Roland plaudern heißen,« erwiderte lachend Jean Robert; »ich habe ihn nach seiner Geschichte gefragt. und er war eben im Zuge, sie mir zu erzählen.«

»Und was hat er Ihnen erzählt? Lassen Sie hören! Ich wäre begierig, die Wahrheit zu erfahren.«

»Warum soll er lügen?« versetzte Jean Robert; »es ist kein Mensch.«

»Ein Grund mehr, daß Sie mir Ihr Gespräch wiederholen,« erwiderte Salvator mit einer Dringlichkeit, die mit einer gewissen Unruhe gemischt zu sein schien.

»Nun, so vernehmen Sie Wort für Wort unsern Dialog. Ich fragte ihn, wessen Sohn er sei: er antwortete mir, er sei gekreuzt von einem St. Bernhardshunde und einem Neufundländer; ich fragte ihn nach seinem Alter. er antwortete mir, er sei zwischen neun und zehn Jahre alt; ich fragte ihn, woher der weiße Fleck rühre, den er an jeder seiner Flanken habe, und er antwortete mir, eh sei die Spur einer Kugel, welche in seine rechte Seite eingedrungen und an seiner linken Seite, ihm eine Rippe brechend, herausgekommen.«

»Ah! Ah!« versetzte Salvator. »Alles das ist völlig genau.«

»Desto besser! Das beweist, daß ich kein Ihrer Lectionen ganz unwürdiger Beobachter bin.«

»Das will ganz einfach besagen, daß Sie Jäger sind, daß Sie folglich an der Haut. welche Roland zwischen den Zehen der Pfoten hat und der Farbe seines Felles seine Verwandtschaft mit dem Schwimmhunde und dem Gebirgshunde erkannten; daß Sie seine Zähne anschauten und am Hundszahne, von dem die Marke verschwunden, und an dem etwas beschädigten Mahlzahne sahen, daß er nicht mehr markiert; daß Sie die zwei Flecken betasteten und hierbei an der Höhlung der Haut und der Erhabenheit des Knochens fühlten daß er eine Kugel bekommen, welche auf der rechten Seite eingedrungen aus der linken Seite herausgekommen war und eine Rippe gebrochen hatte. Ist das so?«

»Ich fühle mich gedemüthigt.«

»Und er hat Ihnen nichts Anderes gesagt?«

»Sie traten gerade in dein Augenblicke ein, als er mir erzählte, er habe seine Wunde nicht vergessen und bei Gelegenheit werde er sich wahrscheinlich desjenigen, welcher sie ihm gemacht, erinnern. Ich rechne nun auf Sie, daß Sie mir das Uebrige sagen.«

»Es ist nur ein Unglück, – und ich gestehe in diesem Punkte meine tiefe Unkenntniß: daß ich nicht mehr weiß, als Sie.«

»Wahrhaftig?«

»Als ich eines Tags, vor vier bis fünf Jahren, in der Umgegend von Paris jagte . . . «

»Sie jagten?«

»Wilderte wollte ich sagen: ein Commissionär jagt nicht . . . Ich fand dieses arme Thier in einem Graben; es war ganz blutig, von einer Kugel durchbohrt verscheidend. Seine Schönheit erregte mein Mitleid; ich trug es an eine Quelle und wusch seine Wunde mit kaltem Wasser, in das ich ein paar Tropfen Branntwein gegossen; bei der Pflege, die ich ihm gab, schien es wiedergeboren zu werden. Es erfaßte mich die Lust,.mir dieses herrliche Thier anzueignen, an welchem, nach dem Zugstande, in dem ich es fand, seinem Herrn wenig zu liegen schien; ich brachte es auf den Wagen eines Gemüsegärtners und kehrte diesen Wagen folgend zurück. An dem selben Abend und sogleich nach meiner Ankunft, behandelte ich es wie ich, im Val-de-Grace, von Flintenschüssen getroffenen Menschen hatte behandeln sehen, und ich hatte das Glück, den Hund zu heilen; das ist Alles, was ich von Roland weiß . . . Ah! verzeihen Sie, ich irre mich: ich vergaß, daß Roland eine Dankbarkeit für mich hegt, welche Menschen beschämen würde, und daß er bereit ist, sich für mich und für die Leute, die ich liebe, tödten zu lassen: – nicht wahr, Roland?«

Bei diesem Aufrufe gab Roland einen Schrei freudiger Beistimmung von sich und legte seine zwei Vorderpfoten auf die Schulter seines Herrn, wie er es bei dessen Ankunft gethan hatte.

»Gut, gut,« sagte Salvator; »Du bist ein schöner, braver Hund, Roland, das weiß man . . . Nieder mit den Pfoten!«

Roland setzte seine Pfoten auf die Erde und legte sich wieder quer vor die Thüre. auf denselben Teppich, wo er lag als ihn Jean Robert zu sich rief.

»Und nun.‹ fragte Salvator, »wollen Sie kommen?«

»Gern; doch ich befürchte unbescheiden zu sein.«

»Warum?«

»Weil Ihre Gefährtin diesen Morgen einen Gang zu machen hat und vielleicht auf Ihre Begleitung rechnete.«

»Nein . . . Sie haben gehört, daß Sie mir antwortete, sie könne mir nicht sagen, wohin sie gehe.«

»Und Sie lassen so Ihre Geliebte an Orte gehen, die sie Ihnen nicht nennen kann?« fragte lachend der Dichter

»Wackerer Dichter, erfahren Sie, daß es keine Liebe da gibt, wo kein Vertrauen ist. Ich liebe Fragola von ganzem Herzen. und ich würde eher meine Mutter beargwöhnen, als daß ich einen Argwohn gegen sie hätte.«

»Gut; doch es ist vielleicht unvorsichtig, allein Morgens um sechs Uhr wegzugehen und mit einem Kutscher aus Paris hinauszufahren.«

»Ja. wenn sie nicht Roland bei sich hätte, doch mit Roland lasse ich sie die Reise um die Weit machen. Ohne zu befürchten, es könnte ihr ein Unglück widerfahren.«

»Dann ist es etwas Anderes.«

Während er sich sodann mit einer gewissen Coquetterie in seinen Mantel hüllte, sprach Jean Robert:

Sagen Sie . . . ich hörte Ihre Gefährtin, von einer ihrer Freundinnen redend, den Namen Regina nennen.«

»Das ist ein ungewöhnlicher Name . . . Ich habe die Tochter eines Marschalls von Frankreich dieses Namens gekannt.«

»Die Tochter des Marschalls von Lamothe-Houdan?« fragte Salvator.

»Ganz richtig.«

»Das ist die Freundin von Fragola . . . Kommen Sie!«

Jean Robert folgte, ohne ein Wort beizufügen, seinem Geheimnisvollen Gefährten.

Er ging von einem Erstaunen zum andern über.




XI

Die Seele und der Leib


Während seines zehn Minuten langen Aufenthaltes im Schlafzimmer hatte Salvator völlig die Kleider gewechselt.

Er war, wie man sich erinnert, in einem Sammetanzug eingetreten und kam heraus mit einem lang haarigen weißen Ueberrock einer bis an den Hals zugeknöpften, übereinander gehenden Weste und einer dunkelfarbigen Hose. Bei dieser Kleidung war es nicht möglich, genau zu sagen, welcher Klasse der Gesellschaft er angehörte: die Art, wie er diese Kleider trüge, die Sprache, die er spräche, würden ihm einen Rang in der Gesellschaft anweisen.

Den Hut auf dem Ohr, war Salvator ein Arbeiter im Sonntagsstaat; den Hut gerade auf dem Kopf, war Salvator ein Mann der Welt im Negligé.

Jean Robert bemerkte Alles: er bemerkte diese fast ungreifbare Nuance.

»Wohin wollen wir gehen?« fragte Salvator, als er sich wieder mir dem Dichter auf der Straße fand, nachdem er die Thüre seines Ganges zugezogen.

»Wohin Sie wollen! Haben Sie mich nicht für diese Nacht übernommen?«

»Thun wir, was die Alten thaten,« versetzte Salvator: »werfen wir eine Feder in die Luft und folgen wir derselben.«

Sie gingen bis mitten auf die Place Saint-André-des-Arcs. Salvator riß ein Stückchen Papier aus einem kleinen Portefeullie. überließ es dem Winde, und dieser trug es in der Richtung der Rue Poupée fort.

Die zwei Freunde folgten dem Papier, das vor ihnen flatterte wie einer von den schönen Nachtschmetterlingen mit den weißen Flügeln; sie kamen in die Rue de la Harpe.

Ein zweites in die Luft geworfenes Papier deutete ihnen den Weg nach der Rue Saint-Jacques an.

Sie gingen vor sich hin, ohne zu wissen, wohin sie gingen; wohin die Plauderei geht, wohin der Traum geht: auf den Zufall, aufs Gerathewohl; sie gingen ohne ein Ziel, ohne eine bestimmte Richtung: wohl Wind und die Wolke in einer schönen Nacht gehen; sie gingen um die Schätze ihres Geistes auszutauschen. um die frischen Blüthen ihrer Seele einzuathmen.

Zwei oder dreimal hatte es Jean Robert versucht das Geheimnis des mysteriösen jungen Mannes zu ergattern, jedes Mal war aber Salvator seinen Fragen entwischt, wie der Fuchs durch eine geschickte Finte dem Windhunde entkommt, der ihn verfolgt. Zu unmittelbar angegriffen, sagte er endlich:

»Was wir suchen, ist ein zu machender Roman, nicht wahr? was ich Ihnen erzählen soll, ist ein beendigter Roman? Ihrem Wunsche nachgeben, hieße rückwärts gehen. Gehen wir vorwärts!«

Jean Robert sah, daß sein Gefährte unbekannt zu bleiben wünschte, und drang nicht weiter in ihn.

Ueberdies wurde der Ideengang der jungen Leute durch einen Zwischenfall gestört.

Mehrere Männer und einige Frauen waren um einen auf dem Pflaster ausgestreckten Menschen versammelt.

»Er ist betrunken,« sagten die Einen.

»Er stirbt,« sagten die Andern.

Der Mensch röchelte.

Salvator durchschnitt die Menge, kniete nieder hob den Kopf des Menschen auf, wandte sich sodann gegen Jean Robert um und sagte:

»Es ist Barthélemy Lelong, der von einer Gehirncongestion getroffen stirbt, wenn ich ihm nicht auf der Stelle zur Ader lasse . . . Es muß in der Gegend ein Apotheker sein: klopfen Sie an die Thüre: die Apotheker sind verpflichtet zu jeder Stunde der Nacht auszustehen.«

»Jeder Robert schaute umher; die zwei jungen Leute waren, ohne daran zu denken, in die Mitte des Faubourg Saint-Jacques, ungefähr auf die Hohe des Cochin-Hospitals gekommen.

Dem Hospital gegenüber las Jean Robert an einer Art von Laden:


Apotheke von Louis Rentaud

Es war ihm wenig am Namen des Apothekers gelegen, wenn nur der Apotheker öffnete. Er klopfte wie ein Mensch, der die Nothwendigkeit der Eile begreiflich machen will.

Nach fünf Minuten ächzte die Thüre auf ihren Angeln. Herr Louis Renaud erschien auf der Schwelle seines Magazins mit einer Barchenthose bekleidet eine baumwollene Mühe auf dem Kopfe, und fragte, was man wolle.

»Halten Sie Binden und ein Waschbecken bereit; es muß einem Menschen der von einer Gehirncongestion bedroht ist. zur Ader gelassen werden.«

Man brachte den armen Zimmermann: er war völlig ohne Bewußtsein.

»Ist ein Arzt da, um den Kranken zu behandeln?« fragte Herr Louis Renaud. »Ich kann nicht zur Ader lassen und bin mehr Kräuterhändler als Apotheter.«

»Bekümmern Sie sich um nichts,« erwiderte Salvator; »ich habe Chirurgie studiert und werde die Operation übernehmen.«

»Ich besitze keine Lancette,« sagte der Apotheker.

»Ich habe mein Besteck bei mir,« versetzte Salvator.

Die Menge füllte das Magazin.

»Meine Herren« rief Salvator, »wollen Sie diesem Menschen nützlich sein?«

»Gewiß, Herr Salvator,« antwortete einer der Anwesenden, indem er dem jungen Manne die Hand reichte.

Salvator nahm die Hand, die sich gegen ihn ausstreckte, und Jean Robert glaubte den Commissionär ein Maurerzeichen mit dem ihm Unbekannten wechseln zu sehen.

Einige Stimmen wiederholten leise:

»Herr Salvator!«

»Nun,« sagte der junge Mann, der mehr als je Jean Robert seinen prädestinierten Namen zu verdienen schien, »während ich diesem Unglücklichen zur Ader lasse, klopft am Hospital an und meldet die Ankunft eines Kranken.«

Drei oder vier Personen entfernten sich, geführt von dem Manne, der mit Salvator gesprochen, und klopften an die Thüre des Hospitals.

Unterstützt von den Zurückgebliebenen nahm mittlerweile der Apotheker dem armen Jean Taureau die Halsbinde ab, entkleidete ihn seines Wammses und zog ihm den Arm aus seinem Hemde.

Die Halsadern waren zum Bersten angeschwollen.

»Muß man den Arm umbinden?« fragte Jean Robert.

»Haben Sie Binden bereit?« fragte Salvator den Apotheker.

»Ich will holen,« erwiderte Louis Renaud.

»Pressen Sie den Arm kräftig über der Ader, Herr Robert; ich hoffe, das wird genügen,« sagte Salvator.

Robert gehorchte; Einer der Anwesenden nahm das Ende des Armes, ein Anderer nahm das Becken, ein Dritter die Lampe.

»Geben Sie wohl auf die Arterie Acht!« sagte Jean Robert ein wenig beunruhigt.

»Ah! seien Sie unbesorgt,« erwiderte Salvator »mehr als elfmal habe ich bei Nacht zur Ader gelassen, ohne ein« anderes Licht, als den Mondschein oder das der Laterne. Solche Unfälle sind gewöhnlich bei diesen armen Teufeln und begegnen ihnen immer, wenn sie aus der Schenke weggehen.«

Er hatte nicht geendigt, als, ehe man seine mit der Lancette bewaffnete Hand sich dein Arme von Barthélemy hatte nähern sehen, das Blut schwarz und schaumig hervorsprang.

»Teufel!« sagte er, den Kopf schüttelnd, »es war Zeit.«

Die Operation war mit der Leichtigkeit und Handfertigkeit eines vollendeten Praktikers gemacht worden.

Barthélemy athmete.

»Wenn er genug Blut verloren hat. werden Sie es sagen,« sprach der Apotheker, der mit einer Binde herbeikam.

»Ah!« erwiderte Salvator, »wir können ihm ohne Nachtheil entziehen: es fehlt ihm nicht daran . . . Lassen Sie fließen!«

Als der Kranke zwei Schälchen Blut verloren hatte, schlug er die Augen auf.

Der erste Blick war trübe, glasig, unverständig; allmählich aber hellte sich sein Auge auf, der göttliche Strahl erschien darin. Der Blick von Barthélemy heftete sich aus den Liebhaber-Wundarzt.

»Oh! gut Herr Salvator,« sagte er, »denn wahrhaftigen Gott! es freut mich, daß ich Sie sehe.«

»Desto besser, mein lieber Barthélemy!« versetzte der junge Mann. »und ich bin auch erfreut, Sie zu sehen. Es fehlte wenig, daß ich dieses Vergnügen nicht mehr gehabt hätte.«

»Ah! ah,« sagte Barthélemy, der allmählich wieder zum Bewußtsein kam; »Sie haben mich also zur Ader gelassen?«

»Ja, ich,« erwiderte Salvator, während sorgfältig seine Lancette abtrocknete, und in sein Besteck schob.

»Sie wollten also nicht meinen Tod?«

»Ich? Aus welchem Grunde sollte ich Ihren Tod wollen?«

»Ah! da Sie mich die Treppe hinabwarfen, glaubte ich, man thue das nur, wenn man einen Menschen tödten wolle.«

»Sie sind ein Narr!«

»Nein, ich begreife, daß man die Leute tödtet, die einen in Zorn bringen, und ich habe Sie dadurch in Zorn gebracht. daß ich mich weigerte, das Fenster zu öffnen. Doch nachdem ich es hatte schließen wollen . . . ei! Sie begreifen, da konnte ich es selbst aus Ihren Befehl nicht mehr öffnen, ohne in meinen eigenen Augen entehrt zu sein . . . und dabei halte dieser Muscadin eine so hoffärtige Miene!«

»Dieser Muscadin hat mir so eben Ihnen das Leben retten helfen, Barthélemy; Sie sehen also, daß er Ihnen ebenso wenig als ich gehässig war.«

Barthélemy wandte sich um und sah Jean Robert der ihn lächelnd anschaute.

»Ah! es ist bei meiner Treue wahr!« sagte er.

Jean Robert reichte ihm die Hand und sprach:

»Ohne Groll, mein Freund!«

»Oh!« erwiderte Barthélemy, »ich bin kein Trotzkopf, und sobald Sie mir die Hand bieten . . . «

»Ich hätte gern hiermit angefangen,« sagte der Dichter; »Sie werden mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß Sie das nicht wollten.«

»Das ist wahr,« versetzte Barthélemy, die Stirne faltend . . . »Ein Mann muß sehr dumm sein, daß er sich so viel Beschwerde macht, weil ein Weib . . . Aber begreifen Sie. Herr Salvator . . . Sie ist abermals mit diesem kleinen Schmächtling von Bobino zurückgekommen. Ich kann doch das Lumpenkerlchen nicht zerbrechen, und darauf zählte sie . . . Ah! sie weiß wohl, was sie thut, die Unglückliche, daß sie keinen Mann annimmt!«

»Stille, beruhigen wir uns Barthélemy.«

»Das ist für Sie leicht zu sagen, für Sie, der Sie ein Engel das gut im Hotels leben, Herr Salvator. Doch Sie verdienen das, in Betracht, daß Sie nur leben, um Guten zu thun; und man müßte von Gott verlassen sein, um Ihnen Böses anzuthun! . . . Gleich viel! so alt ich bin, ich bin ein guter Vater, und ich verdiene nicht, daß man mir meine Tochter entführt! Seit drei Tagen suche ich sie wie ein Narr; sie wird sich irgendwo bei ihrer schuftigen alten Mutter verborgen haben; doch bei ihr kann ich sie unmöglich holen: sie schreite ›Mörder!‹ sobald sie mich erblickt, so daß ich ihr schon zwei Nächte in der Salle Saint-Martin verdanke . . . Oh! ich würde wohl vier, und dann sechs, und dann acht Nächte dort zubringen. um meine Tochter meine kleine Fisine, wiederzusehen . . . Armee Cherub! . . . sie wird an Sommer Johanni zwei Jahre alt sein.«

Und der Coloß fing an, zu weinen wie ein Weib.

»Nun, was sagte ich Ihnen? fragte Salvator Jean Robert, der dieses seltsame Schauspiel neugierig betrachtete.

»Es ist wahr,« erwiderte der Dichter.

»Ah! man wird Dir Deine Tochter zurückgeben,« sprach Salvator.

»Sie werden das thun, Herr Salvator?«

»Wenn ich es Dir verspreche!«

»Ja, Sie haben Recht, und ich habe Unrecht: so bald Sie versprechen, ist es klar, daß Sie halten werden . . . Ah! thun Sie das, Herr Salvator; und wenn es sein muß . . . nun. sehen Sie . . . ich werde Ihnen nicht mehr die Mühe machen, mich die Treppe hinabzuwerfen. Sie sagen mir: ›Jean Taureau, wirf Dich!‹ und ich werde mich von selbst hinabwerfen.«

»Herr Salvator,« sprach zurückkehrend der Mann, der es übernommen hatte, am Hospital anzuklopfen, »es ist gegenüber offen.«

»Nicht für mich, hoffentlich?« versetzte Barthélemy.

»Und für wen denn? fragte Salvator.

»Ah! Ich gehe nicht dahin.«

»Wie Du gehst nicht?«

»Ich liebe das Spital nicht, das Spital, das ist gut für die Bettler, und man ist, Gott sei Dankt noch reich genug, um sich zu Hause verpflegen zu lassen.«

»Ja, nur wird man zu Hause schlecht gepflegt; zu Hause ißt man vor der Zeit, man trinkt vor der Stunde, und wenn man sich zwei oder dreimal zu Hause gepflegt hat, wie Du Dich pflegst so geht man an einem schönen Morgen ins Hospital, um nur bei Nacht wieder herauszukommen . . . Auf, Barthélemy, vorwärts.«

»Ich will nichts vom Spital, sage ich Ihnen.«

»Wohl, es sei! Kehre nach Hause zurück und suche selbst Deine Tochter; Du fängst an mich verdrießlich zu machen.«

»Herr Salvator, ich werde gehen, wohin Sie wollen . . . Herr Salvator, wo ist das Spital? . . . ich verehre das Spital.«

»So ist es gut«

»Doch nicht wahr, Sie werden ihr meine kleine Fisine wieder nehmen?««

»Ich verspreche Dir, ehe drei Tage vergehen, hast Du Nachricht von ihr.«

»Was werde ich aber während dieser drei Tage machen.«

»Du wirst Dich ruhig verhalten.«

»So bald als möglich, nicht wahr, Herr Salvator?«

»Man wird thun, was matt kann. Gehe!«

»Ja, ja, ich gehe, Herr Salvator . . . Ah! das ist drollig! wo sind denn meine Beine? ich kann nicht mehr gehen.«

Salvator winkte; zwei Männer näherten sich Barthélemy; er stützte sich auf sie und sagte, während er wegging:,

»Sie haben mir versprochen, mir spätestens in drei Tagen Nachricht von meiner Tochter zu geben, Herr Salvator; vergessen Sie das nicht.«

Und von der andern Seite der Straße, an der Thüre des Hospitals, die sich hinter ihm schließen sollte, rief der Zimmermann noch einmal:.

»Vergessen Sie nicht meine arme kleine Fisine, Herr Salvator.«

»Sie haben Recht,« sprach Jean Robert, »nicht in der Schenke muß man die Leute sehen.«




XII

Was man im Faubourg Saint-Jacques in der Nacht vom Faschings-Dienstag auf den Aschermittwoch im Hofe einen Apothekers hörte


Die Operation war beendigt, der Kranke im Hospital; die jungen Leute hatten sich nur aus den Weg zu begeben mit dem tröstlichen Gedankens, daß, würde sie nicht die Laune erfaßt haben, Morgens um drei Uhr in den Straßen von Paris umherzulaufen., ein Mensch gestorben wäre, der vielleicht noch dreißig bis vierzig Jahre zu leben hatte.

Ehe sie sich aber wieder auf den Weg begaben, verlangte Salvator von seinem Wirthe Wasser und ein Becken. um seine von Blut befleckten Hände zu waschen.

Das Wasser fand sich im Vorrath, die Waschbecken waren aber selten bei dem würdigen Apotheker; das einzige, das er besaß, enthielt das aus den Adern des Zimmermanns gezogene Blut. und Salvator hatte ihn ermahnt, dieses Blut sorgfältig aufzubewahren, um es dem Doktor zu zeigen, der am andern Morgen seinen Besuch im Hospital machen würde.

Das Verlangen des jungen Mannes erschien also Anfangs als eine Indiscretion.

Der Apotheker schaute rings umher und sagte endlich zu Salvator:

»Ei wenn Sie sich die Hände mit frischem Wasser waschen wollen, gehen Sie in den Hof und waschen Sie sich dieselben am Pumpbrunnen.«

Salvator nahm dies an; es waren auch einige Tropfen Blut auf die Hände von Jean Robert gespritzt: dieser folgte seinem Freunde.

Doch ein äußerst angenehmer Eindruck hielt sie auf der Schwelle der Thüre des Hofes zurück.

Sie schauten sich an

In der That, ihr Erstaunen war groß: sie hörten plötzlich, in dem Augenblick, wo sich die Küchenthüre den Apothekers geöffnet, unter dem Schweigen und der Ruhe dieser heiteren Nacht wie, durch einen Zauber die melodischsten Akkorde erklingen.

Woher kamen diese lieblichen Töne? von welchem Orte? von weichem himmlischen Instrument? Ganz nahe dabei war die hohe Mauer des Klosters. Entführte der Ostwind der Orgel der Kirche diese bezaubernden Accorde, um sie den spärlichen Wanderern der Rue Saint-Jacques zu bringen?

War die heilige Cäcilie selbst vom Himmel in dieses fromme Haus herabgestiegen, um den Aschermittwoch zu feiern?

Erhob sich die Seele einer im Alter der Engel gestorbenen Novize bei den Tönen dieser göttlichen Harfen zum Himmel?

Die Melodie, welche unsere zwei jungen Leute hörten, war weder eine Opernarie, noch das heitere Solo eines vom Maskenballe heimkehrenden Musikers.

Eh war vielleicht ein Psalm. ein Kirchenlied, ein Blatt aus einer alten biblischen Musik gerissen.

Das von Rachel, welche ihre Sühne in Roma beweint und nicht getröstet sein will, weil sie nicht mehr waren.

Das war es; denn wenn man diese Melodie hörte, glaubte man, wie klagende Schatten als heilige Hymnen der Kindheit, als religiöse Melancholien von Sebastian Bach und Palestrina vorüberziehen zu sehen.

Hätte man dieser richtenden Fantasie einen Namen geben müssen, so würde man sie: Resignation, genannt haben.

Kein mehr oder minder ausdrucksvoller Name hätte sich besser geschickt.

Die Melodie nahm zu Gunsten des Musikers ein.

Der Musiker mußte melancholisch und ergeben sein, wie seine Musik; die zwei jungen Leute hatten gleichzeitig diese Idee.

Sie fingen also damit an, daß sie thaten, was sie hier zu thun beabsichtigten. Nämlich, daß sie die Hände waschen, wonach sie den Musiker aufzusuchen fest entschlossen waren

Nachdem die Operation beendigt, brachte ihnen der Apotheker eine Serviette, wogegen ihm Jean Robert, um ihn für die Mühe, die man ihm gemacht, zu entschädigen, ein Fünf-Franken-Stück bot.

Um diesen Preis hätte sich der Apotheker gern dreimal in der Nacht stören lassen

Er verwickelte sich auch in Danksagungen.

Als Jean Robert dies sah, bat er ihn um Erlaubniß, noch einige Augenblicke im Hofe bleiben zu dürfen, um die klagende Melodie zu hören, die sich fortwährend mit der Überfülle der Improvisation verbreitete.

»Bleiben Sie, so lange Sie wollen,« antwortete der Apotheker.

»Doch Sie?« fragte Jean Robert.

»Ah! das belästigt mich in keiner Hinsicht, da ich meine Thüre wieder schließen und mich zu Bette legen werde.«

»Wie werden wir aber hinaus kommen?«

»Die Hausthüre wird bloß mit der Klinke und dem Riegel geschlossen: Sie brauchen nur den Riegel zu ziehen und die Klinke aufzuheben, und Sie sind auf der Straße.«

»Wer wird die Thüre wieder schließen?«

»Ah! bah! die Thüre! ich möchte so viel tausend Livres Einkommen haben, als sie im Jahre offen bleibt.«

»So geht Alles gut« sagte Jean Robert.

»Ja, Alles geht gut,« erwiderte entzückt der Apotheker.

Dann schloß er wieder seine Thüre und ließ die zwei jungen Leute als Herren des Hofes zurück.

Mittlerweile hatte sich Salvator einem Fenster des Erdgeschosses genähert, durch dessen Läden man Licht erblickte.

Offenbar kam aus dem Zimmer, auf das dieses Fenster ging, die Melodie.

Salvator zog die Läden an sich sie waren innen nicht angehakt und gaben nach.

Da erblickten sie durch eine Oeffnung des Vorhangs einen jungen Mann von ungefähr dreißig Jahren, der auf einem ziemlich hohen Tabouret saß und Violoncell spielte.

Obschon ein Musikheft auf einem Pulte, der vor ihm stand, geöffnet war, schien doch der junge Mann seine zum Himmel aufgeschlagenen Augen nie auf die Blätter zu senken; er schien sogar nicht einmal das Bewußtsein des Stückes, das er spielte, zu haben, seine Haltung war die eines Menschen, der der tiefsten Seelenpein preisgegeben ist; seine Hand führte maschinenmäßig den Bogen, doch seine Gedanken waren anderswo.

Es fand offenbar in ihm ein entsetzlicher Kampf statt, ohne Zweifel der Kampf des Willens gegen den Schmerz, denn von Zeit zu Zeit verdüsterte sich seine Stirne, und während er die traurigsten Accorde aus seinem Instrumente hervorgehen ließ, schloß er die Augen, als ob er, die äußeren Dinge nicht mehr sehend, mit ihnen das Gefühl seines inneren Schmerzes verloren hätte. Endlich schien das Instrument wie ein Mensch im Todeskampfe, einen herzzerreißenden Schrei auszustoßen, und der Bogen entfiel den Händen des Musikers.

War die Seele besiegt, der Mensch weinte!i

Zwei große stille Thränen flossen über seine Wangen.

Der Musiker nahm sein Taschentuch. wischte sich langsam die Augen ab, steckte das Taschentuch wieder ein, neigte sich, hob den Bogen auf, setzte ihn aus die Saiten seines Violoncells und nahm seinen Gesang gerade da wieder auf, wo er ihn unterbrochen hatte.

Das Herz war besiegt; die Seele schwebte über dem Schmerze mit den Flügeln der Stärke.

Die zwei jungen Leute hatten eine tiefe Aufmerksamkeit und ein mächtiges Interesse dem einsamen Drama gewidmet, das vor ihren Augen in Erfüllung gegangen.

»Nun?« sagte Salvator mit fragendem Tone.

»Es ist unglaublich!« erwiderte Jean Robert, eine Thräne trocknend, die am Winkel seines Auges perlte.

»Das ist der Roman, den Sie suchten. mein lieber Dichter; er ist hier in diesem armseligen Hause, in diesem Menschen, der leidet. in diesem Violoncell, das weint.«

»Kennen Sie diesen Menschen?« fragte Jean Robert.

»Ich? Ganz und gar nicht,« antwortete Salvator; »ich weiß seinen Namen nicht; ich habe ihn nie gesehen; doch ich brauche ihn nicht zu kennen, um ihnen zu sagen. daß in ihm eines der düstersten Blätter vom Buche des menschlichen Herzens ist. Der Mann, der seine Thränen abwischt und mit dieser Einfachheit wieder zum Werke schreitet, ist ein starker Mann, das schwöre ich Ihnen, und daß dieser Mann geweint hat muß sein Schmerz ungeheuer sein. Treten wir ein und bitten wir ihn, uns seine Geschichte zu erzählen.«

»Was denken Sie?« versetzte Jean Robert. Indem er stehen blieb.

»Ich denke sogar nur hieran.« antwortete Salvator.während er auf die Thüre zuschritt und den Klopfer oder die Glocke suchte.

»Und Sie glauben, fragte Jean Robert, der seinen Gefährten zum zweiten Male zurückhielt. »Sie glauben, dieser Mann werde sein Unglück dem Ersten dem Besten, der ihn darum ersucht, erzählen?«

»Einmal sind wir, nicht die Ersten die Besten, Herr Jean Robert: wir sind . . . ‹

Salvator unterbrach sich. Jean Robert hoffte einen Blitz entschlüpfen zu sehen, mit dessen Hilfe er im vergangenen Leben seines Gefährten lesen oder wenigstens buchstabieren würde.

»Wir sind Philosophen,« fuhr Salvator fort.

»Ah! ja, Philosophe.« versetzte Jean Robert ein wenig verdrießlich.

»Überdies sehen wir weder wie betrunkene Magister, noch wie muthwillige Studenten, noch wie neugierige Spießbürger aus; unser Diplom als ehrliche Leute ist auf unsere Stirne geschrieben. Ich weiß nicht welche Meinung Sie beim ersten Anblick von mir gehabt haben, doch ich bin im Stande, zu behaupten, daß Jeder, der Sie sieht, und wäre es auch nur einmal, bereit sein wird, Ihnen sein Geheimnis zu geben, wie ich Ihnen meine Hand gebe.

Hierbei reichte Salvator dem jungen Manne die Hand, als ein Patent der Redlichkeit einem redlichen Menschen gegeben

»Treten wir also mit hoher Stirne ein; alle Menschen sind Brüder und sich Beistand schuldig, alle Leiden sind Schwestern und sich Hilfe schuldig.«

Diese Worte wurden mit einem Gefühle unbeschreiblicher Schwermuth ausgesprochen.

»Vorwärts also, da Sie es wollen!« sagte Jean Robert.

»Habe ich nicht alle Ihre Bedenklichkeiten gehoben, und haben Sie mir noch eine Einwendung zu machen?«

»Nein, Gleichwohl bin ich nicht so sicher als Sie, daß uns der Musiker günstig aufnehmen wird.«

»Er leidet, also ist es für ihn Bedürfniß. zu klagen, sprach Salvator; »wir werden für ihn providentielle Wesen, Abgesandte Gottes werden. Der verzweifelte Mensch hat nichts zu verlieren, er kann nur gewinnen, daß man seinen Kummer theilt. Treten wir also muthig ein, und bleibt Ihnen ein Schatten von Zaudern, so sage ich Ihnen, daß es nun nicht mehr die Neugierde ist, was mich antreibt, sondern die Pflicht.«

Und ohne die Antwort von Jean Robert abzuwarten, that Salvator, der weder Klopfer noch Glocke gefunden, drei kleine Schläge auf die Weise der Freimaurer an die Thüre.

Während dieser Zeit studierte Jean Robert durch die Scheibe die Wirkung welche diese Unterbrechung auf den Violoncellisten hervorbringen würde.

Dieser stand auf, legte seinen Bogen auf das Tabouret, lehnte sein Instrument an die Wand an und öffnete die Thüre, ohne das geringste Zeichen des Erstaunens von sich gegeben zu haben.

Diese Ruhe war vollkommen im Einklang mit der von Salvator ausgesprochenen Meinung.

Entweder erwartete dieser Mann Jemand. – und wen konnte er erwarten, wenn nicht einen Tröster?

Oder er war genug abgelöst von den Dingen, dieser Welt, daß ihn fortan nicht,. was von der Welt kam, in Erstaunen setzte, und dann mußte er ohne Vergnügen, aber auch ohne Aerger die zwei jungen Leute empfangen.

»Mit wem habe ich die Ehre, zu sprechen?« fragte er, als er Salvator und Jean Robert erblickte.

»Mit unbekannten Freunden,« antwortete Salvator.

Dieses Wort genügte dem Violoncellisten.

»Treten Sie ein,« sagte er, ohne sich mehr um den seltsamen Besuch und die Stunde der Nacht, in der er gemacht wurde, zu bekümmern.

Die beiden jungen Leute folgten ihm; Jean Robert, der zuletzt eintrat, schloß die Thüre hinter sich.

Sie befanden sich nun in eben dem Zimmer, wo sie den Musiker durch die Fensterscheiben gesehen hatten.

Es war ein Zimmer. das durch seine Einfachheit in Erstaunen setzte und entzückte; nicht einmal ein Zimmer, ein Stübchen, jedoch köstlich, reinlich und weiß von oben bis unten; eine wahre Nonnenzelle, was die Spärlichkeit der Meubles betrifft; ein wahrer Mädchenpalast hinsichtlich des zarten, bescheidenen Geschmacks, der ihre Wahl dictirt hatte. Man war, wenn man eintrat ganz erstaunt, einen jungen Mann in diesem Zimmer zu sehen; die Röthe würde Euch zu gleicher Zeit zu Gesichte gestiegen sein, da Euch der Gedanke gekommen wäre, der junge Mann hätte diesem keuschen Neste Gewalt anthun können. War es nicht das Lager eines Kindes, was man hinter diesem Vorhang von weißer Mousseline erschaute? Diese Zwergrosenstöcke, welche in kleinen Kristallgläsern blühten, war das nicht Spielzeug eines Kindes? Welche Hände pflegten diese lieblichen Vögel, die in ihren Kästchen flatterten, wenn nicht die eines zwölfjährigen Mädchens? Entweder war es nicht das Zimmer des Jungen Mannes, oder es wohnte ein Mädchen bei ihm: seine Schwester ohne Zweifel; und dennoch schien nach dem ersten Anblick der Musiker allein zu wohnen.

War es erlaubt, zu denken, eine andere Frau als eine Schwester habe das Recht, in dieses Zimmer einzutreten? Nein.

Das Zimmer war keusch; die Stirne des jungen Mannes klar.

Nie war eine unreine Frau in diesem Zimmer gewesen.

Nie hatte der Schatten eines schlimmen Gedankens die Oberfläche dieser Stirne gerunzelt.

Es fand sich eine Erklärung.

Ja, dieser junge Mann wohnte hier; doch seine Schwester trug Sorge für sein Zimmer, wusch es blänkte es, schmückte es mit seinen Blumen.

Wie konnte man also traurig sein in diesem heitern Winkel?

Von dem Violoncellisten eingeladen, sich zu setzen, wollten die jungen Leute dies nicht thun, bevor sie ihm den Zweck ihres Besuches erklärt hätten.

»Mein Herr,« sprach Salvator. »erlauben Sie mir, eine Frage an Sie zu richten, ehe ich mich bei Ihnen niederlasse. Liegt es in der Macht eines Menschen. das Unglück zu erleichtern, das Sie zu erdulden scheinen?«

Der Violoncellist schaute den, welcher diese philosophische Frage an ihn richtete, mit derselben Ruhe an, von der er einen Beweis gegeben, als er Morgens um drei Uhr, ohne nur zu fragen: »Wer ist da?« seine Thüre geöffnet hatte.

»Nein, mein Herr« erwiderte er einfach.

»Dann entfernen wir uns,« versetzte Salvator. »Lassen Sie uns Ihnen indessen immerhin in Form einer Entschuldigung sagen, warum wir uns Sie zu stören erlaubt haben. Dieser Herr (Salvator deutete mit dem Finger auf Jean Robert), dieser Herr ist im Begriff, ein Buch über die Leiden des Menschen zu machen; er studiert, wann er kann, wo er kann. Als wir in den Hof eintraten, hörten wir Sie; wir näherten uns, und durch die Scheiben dieses Fensters sahen wir Sie weinen.«

Der junge Mann gab einen Seufzer von sich.

Salvator fuhr fort:

»Was auch die Ursache Ihres Schmerzes sein mag, Ihre Thränen haben uns tief bewegt, und wir sind gekommen, um Ihnen unsere Börse anzubieten, wenn Sie dürftig sind, unsern Arm. wenn Sie schwach sind, unser Herz wenn Sie betrübt sind.«

Die Augen des Violoncellisten befeuchteten sich mit Thränen; diesmal waren es aber Thränen der Dankbarkeit.

Es war in den Worten von Salvator, in dem Tone mit dem sie gesagt worden, in der Physiognomie, die sie begleitete, in der ganzen Person des edlen jungen Mannes eine solche Redlichkeit, eine solche Größe, eine so tiefe Zärtlichkeit für seines Gleichen, daß man sich sympathetisch zu ihm hingezogen fühlte.

Hingetrieben durch diese unwiderstehliche Anziehungskraft, reichte ihm der Violoncellist beide Hände, und er sprach:

»Ich beklage diejenigen, welche ihre Wunde vor den Menschen verbergen, besonders, wenn sie blutet! Brüdern seine Wunden zeigen heißt sie dieselben vermeiden lehren. – Setzet Euch, Brüder, und hört mich an.«

Die zwei jungen Leute machten es sich jeder nach seinem Gefallen bequem, das heißt. Jean Robert streckte sich in einem Fauteuil aus, und Salvator lehnte sich stehend an die Wand an.

Der Mann mit dem Violoncell begann.




XIII

Der Zögling und sein Professor


Und nun erlaube uns der Leser, unsere Erzählung an die Stelle von der den Violoncellisten zu setzen; die Erzählung wird vollständiger werden, da wir die Fähigkeit haben, von diesen vortrefflichen Manne, den wir in Scene gebracht, zu sagen, was seine Bescheidenheit ihm selbst zu sagen nie erlauben würde.

Sieben Jahre vor dem Tage, wo sich der Perstyl der riesigen Geschichte geöffnet hat, in welche einzugehen wir uns durchaus nicht gefürchtet, glich das Zimmer, das der Violoncellist bewohnte, und über das die zwei jungen Leute so sehr erstaunt gewesen waren, entfernt nicht dem, welchen wir in seiner reizenden Einfachheit beschrieben haben.

Statt den weißen Mousselinvorhanges, der das Bett umgab und dem Alcoven das Ansehen einer kleinen Kapelle verlieh; statt der auf dem Kantine stehenden Jungfrau von Stuck, die ihre beiden Arme über die Bewohner diesen Zimmern wie einen ewigen Segen ausstreckte; statt der zwei Leuchter mit ihren rosenfarbigen Kerzen, welche wie der Mousseline des Bettes und der Statuette der Jungfrau diesem Aufenthaltsorte einen Duft von Ruhe und Sammlung gaben, war es eine Art von niedriger, geplatteter, enger, kalter, feuchter Stube, ohne wohlriechende Blumen, ohne singende Vögel, Ihm Tapeten.

Die einzigen Zierathen der Wände bestanden in alten Stiche in geätzter Manier die Melancholie von Albrecht Dürer vorstellend, und dem Stiche gegenüber in einem kleinen Spiegel mit gelbem Holzrahmen, über dem zwei Buchszweige im Kreuze angebracht waren; der Hintergrund der Stube war verborgen durch einen großen Vorhang von grüner Sarsche, der mit Nägeln an den Balken der Decke befestigt, bis auf die Platten herabfiel, welche als Fußboden dienten: das war ohne Zweifel ein Schleier von befreundeten Händen vorgezogen, um vor dem Besuche das schmerzliche Schauspiel eines dürftigen Lagers zu verdecken.

Diese Stube war, mit einem Worte, die elendste traurigste Wohnung, die man sich möglicher Weise vorstellen kann; man fühlte sein Herz tief bewegt, wenn man umherschaute, denn man würde vergebens einen einzigen Punkt gesucht haben, wo das Auge angenehm hätte ausruhen können: die Wände schwitzten Nothdurft; die Balken der Stubendecke, die sich unter der Last bogen, welche sie vielleicht seit dreihundert Jahren trugen, drohten Untergang; die Atmosphäre war schwer, verdorben.

Erblickte man die Klappe, die man an der Thüre angebracht hatte, so schauerte man, wie wenn man einen Kerker besucht.«

Es war weniger die Zelle eines strengen Venobiten, als die Kammer eines armen Narren.«

Mit Ausnahme eines alten eichenen Tisches einer schwarz ungemalten hölzernen Tafel, um Demonstrationen mit der Kreide darauf zu machen, eines Pultes, auf dem ein dicker Band, ohne Zweifel die Werke von Händel oder die Psalmen von Marcello enthaltend. lag; mit Ausnahme einer ziemlich langen Bank, auf der acht bis zehn Personen Platz hatten, eines hohen Schemels und eines Strohstuhls, wer das Innere der Stube so kahl als die Wände.

Derjenige, welcher diese Stube bewohnte, war ein armer Schulmeister des Quartier Saint-Jacques.

Zu jener Zeit, nämlich im Jahre 1820, war es ihm durch große Geduld gelungen, eine kleine Kinderschule zu gründen.

Gegen die mäßige Summe von fünf Franken monatlich, die man ihm nicht immer pünktlich bezahlte lehrte er, nach seinem Programm, das Lesen. das Schreiben, die heilige Geschichte und die vier Species des Rechnens, in Wirklichkeit lehrte er aber viel mehr, als sein Programm versprach.

Der Sohn eines armen Pächters der Provinz, war er in einem Alter von zehn Jahren in das Collége Louis-le-Grund geschickt worden; kaum hatte man die Bücher vor ihm geöffnet, da erkannte der verständige Professor, dessen Sorge er anvertraut worden; in dem Knaben ungewöhnliches Geschick und seltene Anlagen.

Dieser Professor, ein bescheidener, wackerer Mann, alt an Jahren, jung an Herz, ein Baum, der in der Sonne der Welt steige getrieben und Früchte getragen hätte, der aber, der warmen Luft und der belebenden Säfte beraubt, hinter den feuchten, bemoosten Mauern seines Collége verkrüppelt war. faßte nach Verlauf eines Jahres Freundschaft für ihn und schloß sich ihm so zärtlich an, als sich nur ein Vater seinem letzten Kinde anschließen könnte.

Er war auch vor dreißig Jahren aus seiner Provinz nach Paris gekommen; gleichsam in fremder Sphäre inmitten dieser Gesellschaft in verjüngtem Maßstabe, die man das Collége nennt, umgeben von Familiensöhnen, reichen jungen Leuten, hatte er, ein armer Knabe, wie sein junger Schüler, in dem er sich wiederaufleben sah, sich mehr als einmal nach dem grünen Fußpfade zurückgesehnt, der nach dem väterlichen Pachthofe führte; mehr als einmal hatte er bittere Thränen bei der Erinnerung an die Freiheit geweint die man in der Luft seiner Heimath athmete, wie sein Zögling endlich, hätte er die Augen geschlossen, um die Vergangenheit zu vergessen, und er hatte sich blindlings auf den rauhen, holprigen Weg der Wissenschaft geworfen, wo der Hellsehendste sich immer an irgend einem unauflösbaren Problem, an einer unbekannten Theorie stößt.

Diese sympathetische Aehnlichkeit der Armuth, des Verstandes und der Vereinzelung gab von Anfang an, wir glauben dies schon gesagt zu haben. dem alten Professor die tiefste Zuneigung für den kleinen Justin. So hieß der Knabe.

Indem er ihm die erstere Tropfen der Wissenschaft einflößte, bemühte er sich. für ihn ihre Bitterkeit zu mildern;; er reichte ihm die Hand in den dichten Gestrüppen, welche die ersten Zugänge des Studiums versperren; er hielt von ihm die scharfen Dornen, die brennenden Nesseln ab; seine Sorgsamkeit scheute keine Mühe. um ihm unter seinen Schritten einen leichten Pfad durch das Dickicht dieses unbekannten Landes zu bahnen.

Justin seinerseits faßte für seinen alten Lehrer eine Zärtlichkeit so reich wie die eines Sohnes. so dankbar und ehrfurchtsvoll wie die eines Schülers.

Sobald die Erholungsstunde geschlagen hatte, durchschritt er, nachdem er Bücher und Hefte in seine Baracke eingeschlossen, wie man im Collége sagt, mit ein paar Sprüngen den Hof, und mochte er nun kein Vergnügen an den Spielen finden, hatte er keinen Freund von seinem Alter, oder war sein einziger Kamerad, sein einziger Freund sein alter Professor, sobald die Erholungsstunde geschlagen hatte, sagen wir, suchte er ihn in seinem Zimmer auf, und nun begann die süßeste Plauderei unter ihnen.

Bald war es die Geschichte, bald waren es die Mythologien oder die Reisen, die den Gegenstand dieses Gespräches bildeten; bald waren es die Werke der alten Dichter oder der großen Künstler, die man die Revue passieren ließ.

Drang plötzlich ein heiterer Sonnenstrahl, etwas wie eine Erinnerung an die Fluren, wie einen Wohlgeruch der Wälder mit sich bringend, ins Zimmer ein, da trieben die Verse von Virgil und Homer, diesen großen Priestern der Natur,, auf ihren Lippen, wie die Blumen im Monat April aus der Erde hervorkommen; der Greis bewunderte die Dichter durch die Natur und ließ den Knaben die Natur durch die Dichter anschauen.

Der Sonntag war es besonders, der im Flügel seines weißen Kleides die süßesten Stunden der Woche brachte.

An der Ecke des Kamins im Winter, in den Wäldern von Versailles, von Meudon und von Montmorency im Sommer war man einen ganzen Tag mit einander zuzubringen berechtigt.

Oh! diesen sechs Tage lang so sehr ersehnten Tag, wie benützte man ihn, indem man eine lange Diskussion über irgend einen streitigen Punkt in Angriff nahm.

An einem Tag war es ein alter Kamerad des Professors, der ihm einen Besuch gemacht, an einem andern Tag war es der Brief von der Familie, den man zehnmal las; kurz es war immer eine lehrreiche oder interessante Plauderei.

Wenn zufällig, – ein Zufall, der sich nicht nur einmal im Jahre wiederholte, – der Lehrer zu einer Feierlichkeit, zu einem offiziellen Mallet zum Obervorsteher oder zu einem hohen Funktionär der Universität gerufen wurde, wohin er Justin nicht mitnehmen konnte. so brachte dieser die Recreationen des Sonntags damit zu, daß er spazieren ging mit einem Knaben seines Alters, der arm und vereinzelt wie er, aber von einer Intelligenz, welche so widerspenstig war, als die seine leicht erfassend.

Es war dies fast der einzige Kamerad, den er im Collége hatte, nicht als wären ihm die an dem Zöglinge widerwärtig gewesen: im Gegentheil, er hätte Jedermann geliebt; doch ery war von Allen verlassen.

Die Ungleichheit des Vermögens trennt schon die Kinder in der Lehranstalt, wie sie die Männer später in der Gesellschaft trennen wird, und die zwei Schüler, deren Schatten man vereinigt sich auf die großen Wände der Pallisade im Recreactionshofe werfen sieht, sind immer zwei Arme oder zwei Reiche.

Eines Tage offenbarte sich der alte Lehrer von Justin diesem unter einer ganz neuen Form.

Längst hatte er ihm eine ebenso angenehme, als unerwartete Ueberraschung vorbehalten. Das Zimmer, das der gute Herr Müller, – dies war der Name des alten Professors, – bewohnte, lag über der Krankenstube; man war also zur äußersten Behutsamkeit genötigt, und der Boden war so dünn, daß man die leichtesten Tritte schallen hörte. Bei seiner Seelengüte hatte der alte Professor bange, die geringste Störung in der Ruhe der Kranken zu verursachen; aus diesem Grunde hatte er darauf Verzichtet, die einzige Leidenschaft, weiche je sein Herz schlagen gemacht, zu befriedigen: er betete die Musik an und spielte Violoncell mit der Wissenschaft und der Liebe eines deutschen Vinloncellisten.

Seit den drei Jahren, die er dieses unglückliche Zimmer bewohnte, – ein Datum, das ungefähr mit dem Eintritt von Justin ins Collége zusammenfiel, – hatte er weder seinen Bogen, noch sein Violoncell berührt, und dennoch wartete er, ohne sich zu beklagen, auf den Augenblick, wo er in dem neuen Zimmer. das man für ihn bestimmte und ihm seit achtzehn Monaten versprach, seine Lieblingsbeschäftigung wieder aufnehmen könnte.

Dieser sehnsüchtig erwartete Tag kam endlich.

Es war eine süße Ueberraschung für Justin, als er den in seine neue Wohnung eingesetzten, geliebten Meister die ersten Arcorde dem Violoncell, diesem Instrumente so ernst und schwermüthtig wie eine Klage der Wälder, entlocken hörte.

Justin gerieth in eine tiefe Extase, und so lange Herr Müller spielte, hörte er mit gefalteten Händen zu.

Von diesem Augenblick an ließ Justin nicht eine Minute seinem alten Professor Ruhe, bin er ihm von diesen so lange eingeschlafenen Harmonieschätzen mitgetheilt, welche erwachend alle Fibern seiner Seele in Bewegung gesetzt hatten.

Jeden Tag kam Justin, um seine Lection zu nehmen, das heißt, jeden Tag widmete der junge Mensch der Musik die Zeit, die er vorher der Recreation gewidmet, welche übrigens nie etwas Anderes, als eine unter dem Anscheine des Vergnügens verkleidete Arbeit gewesen war.

Dann entzifferte man die Werke der Meister, man verglich die Alten mit den Neuen, Porpora mit Weber, Bach mit Mozart, Haydn mit Cimarosa; man brandmarkte die Plagiatoren, man machte die Geschichte der Musik seit ihrem Anfange beim Gregorianischen Gesang bis auf Gui von Arezzo und von Gui von Arezzo bis auf unsere Tage; – sodann kam man von der Musik, – jedoch nur in der Art der Episode, – aus die Malerei und die Poesie, diese zwei Schwestern. zurück; kurz, wie der Lehrer einst seinen Zögling auf die grünen Ebenen der Wissenschaft geführt hatte, führte er ihn nun auf die azurblauen Ebenen der Kunst.

Aber diese durch eine sanfte und zugleich geschickte Hand in das Herz des Knaben geworfenen Samen keimten, blühten und trugen Früchte in der Vereinzelung Beider.

Die Vereinzelung hat das Gute, daß sie den Menschen zwingt, die unaussprechliche Zartheit zu begreifen, welche in ihm ist, eine Zartheit, von der er, verloren in dieser egoistischen Gesellschaft. die uns die Hälfte unseres Lebens, raubt, nie etwas müßte; die Vereinzelung gewöhnt den Menschen daran, eine beständige Rückkehr zu sich selbst zu machen: das ist die tägliche Sammlung.

Es ist eine ganze Religion in der Einsamkeit! die Vereinzelung macht die Schlechten gut, die Guten besser. Ja der Stille spricht Gott zum Herzen der Menschen; in der Einsamkeit spricht der Mensch zum Herzen Gottes.

Die Vereinzelung zu zwei ist noch besser, als die alleinige Vereinzelung! die Vereinzelung zu zwei ist ein Traum, ein Feenmährchen.

Das war der Traum des alten Lehrers und seines Zöglings, ein Traum von sieben Jahren, dem sie der Kummer plötzlich entzog.

Eines Morgens, an einem Sonntag im Februar 1814, kam der wöchentliche Brief, der Familienbrief.

Er war schwarz gesiegelt.

Das war nicht die Handschrift des Vaters, das war nicht die Handschrift der Mutter.

War der Vater gestorben? war die Mutter gestorben?

Wenn der Vater oder die Mutter lebte, warum verkündigte nicht der überlebende Theil die erschreckliche Nachricht?

Justin entsiegelte zitternd den Brief.

Das Unglück ging weiter, als die traurige Ahnung hatte vorhersehen können

Die Kosaken hatten die Ernte verwüstet, die Speicher geplündert, den Pachthof in Brand gesteckt; der Mutter, die sich auf das Bett ihrer Tochter geworfen, um sie den Flammen zu entreißen waren, die Augen verbrannt worden.

Die Mutter war blind!

Doch der Vaters warum hatte der Vater nicht geschrieben?

Der Vater, ein alter Soldat der Republik hatte, als er den Umfang seines Unglücks gesehen, den Kopf verloren; er hatte seine Flinte genommen und eine Jagd auf Kosaken angefangen.

Er tödtete neun derselben.

In dem Augenblick aber, wo er auf den zehnten anlegte, ohne zu bemerken, daß er selbst in einen Hinterhalt gefallen war, gingen ein Dutzend Schüsse zugleich los: zwei Kugeln durchbohrten seine Brust; eine dritte zerschmetterte ihm den Schädel!

Er stürzte todt zu Boden.

Der Lehrer theilte den Gram des Schülers; die Thränen des Greises und die des Kindes vermengten sich; aber Thränen und Klagen Vermochten nichts: man mußte sich verlassen.

Justin umarmte seinen zweiten Vater; – der Professor verdiente wohl diesen Namen, denn hatte der junge Mensch vom Ersten das Leben des Körpers empfangen, so hatte er vom Zweiten das Leben der Seele erhalten; und die zwei Freunde trennten sich.




XIV

Der Kampf des Lebens


Der Vater todt, die Mutter blind, die Schwester noch zu jung, um zu arbeiten, das Haus verbrannt, die Ernte vernichtet, – was konnte der arme Justin thun? – Ein Knabe von sechzehn Jahren!

Er schrieb Alles dies seinem alten Professor, und bat ihn um Rath.

Die Antwort ließ nicht auf sich warten.

Herr Müller rieth Justin lebhaft, nach Paris zurückzukommen. War Paris nicht das Land der Mittel und Quellen?

Ueberdies würde er da seien um ihn mit allen seinen Kräften zu unterstützen.

Der wackere Mann war arm; doch er hatte Niemand auf der Erde, und so war er reich.

Er stellte seinen kleinen Schatz, die Ersparnisse von zehn Jahren, zur Verfügung von Justin, und er lud ihn ein in einem Hause in der Nähe des seinigen abzusteigen.

Es wäre Hochmuth gewesen, dies auszuschlagen; Justin kam nicht einmal ein solcher Gedanke: er nahm an.

Da geschah es, daß er sich in Paris in dem Hause des Faubourg Saint-Jacques, wo Jean Robert und Salvator eingetreten waren, niederließ.

Er nahm sein Quartier in der elenden Stube, von der wir unsern Lesern einen Begriff zu geben versucht haben.

Ein Jahr lang bewarb er sich vergebens auf allen Seiten um Lectionen.

Jeder lachte diesem Professor von fünfzehn und einem halben Jahre ins Gesicht.

Erst im zweiten Jahre erhielt er einige Repetitionen; doch das wenige Geld, das sie eintrugen, genügte entfernt nicht für die Nahrung von drei Personen.

Diese Repetitionen nahmen ihm nur drei Stunden im Tage weg; er suchte, welchen andern Erwerbszweig er betreiben könnte.

Da erfuhr er, die Stelle eines Musiklehrers an einem Pensionat von jungen Mädchen sei erledigt: er präsentierte sich, versehen mit einem Empfehlungsbriefe von Herrn Müller an die Vorsteherin der Anstalt.

Justin wurde mit offenen Armen empfangen.

Der gute alte Meister hatte in seinem Briefe gesagt, man würde ihm einen wahren Dienst erweisen, wenn man seinen Schößling annähme und ihm die erledigte Stelle gäbe. Der junge Mann habe es nötig, fügte er bei.

Die Vorsteherin der Anstalt, welche wußte, daß Herr Müller arm war, dachte, sie werde wohlfeilen Kaufes ihren Zweck erreichen.

Sie bot ihm zwanzig Franken monatlich an.

Der alte Professor, der auf seinen Zögling stolz war, rieth ihm, dies auszuschlagen.

Justin nahm das Gebot an.

Mit diesen zwanzig Franken monatlich und dem Gelde der Repititionen konnte man leben. – allerdings bescheiden, sehr bescheiden leben; doch das materielle Leben war gesichert.

Von dieser Seite hatte man also keine ernste Ursache der Besorgniß: die Vergangenheit war schwarz, die Gegenwart war nur düster.

Wo die Unruhe anfing, das war, wenn man den Namen des theuren Meisters im Hause ausgesprochen hatte.

Und die Stunde schlug nicht ein einziges Mal in der Kirche Saint-Jacques-du-Haut-Pas, ohne daß dieser Namen ausgesprochen wurde.

Man war ihm den von ihm geborgten Schatz schuldig: eine Summe von tausend Franken, eine ungeheure Summe, welche Justin nicht einmal in einem Jahre verdiente; wie sie zurückbezahlen? wie Arbeit finden?

Man bewarb sich überall darum.

Wir wiederholen:die Mutter war blind; die Tochter war fleißig, aber von schwächlicher Gesundheit und fast immer krank.

Ein Holzhändler des Boulevard Mont Parnasse brauchte zweimal wöchentlich einen Buchführer.

Justin begab sich zu ihm.

Sein Anzug, ohne sehr dürftig zu sein, war doch höchst bescheiden; der Holzhändler gab fünfzig Franken seinem Vorgänger, einem Vorstadt-Dandy, der nur kam, wenn er keinen Sou mehr in der Tasche hatte, oder wenn ihm seine Liebesabenteuer Zeit ließen.

Der Holzhändler bot Justin fünf und zwanzig Franken: Justin nahm es an.

Mit der strengsten Sparsamkeit brauchte Justin vier Jahre, um die tausend Franken, die er nötig hatte vollständig zu machen.

Seine Repititionen im Griechischen und Lateinischen, seine Lectionen in der Musik seine Buchführung nahmen ihm nicht mehr als acht Stunden im Tage weg.

Es blieben ihm noch vier Stunden Tag und zwölf Stunden Nacht.

Er suchte neue Schüler und einen neuen Gewerbszweig. Justin fühlte sich zu Allem fähig, gestützt auf die doppelte Pflicht seine Mutter und seine Schwester zu erhalten und dem guten Müller sein Darlehen zurückzubezahlen.

Ein neuer Erwerbszweig war leichter zu finden, als neue Schüler.

Es fand ihn.

»Ein paar Schritte vom Hause, ein wenig weiter oben in der Vorstadt, war eine Typographie, wo eine täglich erscheinende Zeitung gedruckt wurde; der Factor, – ein braver Bursche, der wahrscheinlich zwölf Jahre voraus die Revolution von 1830 kommen fühlte, – brach, ohne Zweifel müde, die Bogen royalistischer Elemente seines Patrons, einen hohen Angestellten im Ministerium, zu corrigieren, – der Factor, sagen wir, brach eines Morgens seine Kette, öffnete seine Flügel und entflog.

Der Eigenthümer den Journale und der Drucker, welche am Abend in Verlegenheit waren, wie sie die Correkturen ihres Blattes sollten besorgen lassen, erfuhren, es wohne in der Nachbarschaft ein junger Mann, der mit den für diese mühsame Arbeit erforderlichen Eigenschaften begabt sei.

Man fragte ihn, ob er diese Stelle annehmen wolle.

Diese Stelle war das gelobte Land für Justin.

Justin war so glücklich, nichts von der Politik zu wissen, mit der sich zu beschäftigen er keine Zeit gehabt; so sehr sein Herz hassen konnte, haßte er die Fremden welche in Frankreich eingefallen waren, die Kosaken, die seinen Pachthof angezündet, die Augen seiner Mutter verbrannt seine Schwester zur Waise gemacht hatten.

Meinung hatte er aber keine, oder vielmehr, das arme, ehrliche Wesen! er hatte nur eine, seine Mutter und seine Schwester ernähren; dies tausend Franken Herrn Müller zurückbezahlen.

Man bemerkte ihm, er müsse zwei Drittel der Nacht arbeiten: er nahm dennoch an.

Als man ihn fragte, wie viel er als Verdienst verlangte, antwortete er: »Was Sie wollen.«

Er trat also um die Mitte des Jahres 1818 als Faktor in diese Druckerei ein.

Ein Jahr nachher, auf den Tag, hatte er seinem alten Lehrer die tausend Franken, die dieser ihm geliehen, zurückbezahlt.

Wieder ein Jahr später hatte er sechshundert Franken erspart.

Welche schöne Träume machte der arme Justin! er sah sich nach Verlauf von vier Jahren mit einer Mitgift von dreitausend Franken für seine Schwester und vierhundert Franken Tür die Hochzeitkosten ausgerüstet.

Aber er! er, was war er? Ein Arbeiter, ein Tagelöhner, eine Mühle, deren Ticktack nur von zwei Uhr bis sechs Uhr Morgens still stand.

Von diesen Menschen sprechend, hat ein frommer Mund gesagt: »Arbeiten ist beten.«

Der Traum von Justin hatte das Schicksal von jedem Traume: er entschwand.

»Justin wurde krank, schwer krank eine Hirnhautentzündung führte ihn in acht Tagen an die Pforte des Grabes.

Ein hitziges Fieber, das sie in ihrem Gefolge hatte fesselte ihn zwei Monate an sein Bett.

Ein russisches Sprichwort sagt: die Mißgeschicke kommen in Truppen.

Dieses russische Sprichwort hat Recht, wie wenn es ein französisches oder ein spanischen wäre.

Sobald der arme Justin krank war, entging ihm Alles.

Die Musiklectionen wurden einem von der Mode begünstigten Pianisten übertragen. der keine nötig hatte; doch er war in der Mode; er kam auch nur, wenn er zu kommen Zeit fand.

Die Buchführung wurde dem Dandy zurückgegeben, der sich gebessert zu haben behauptete.

Das royalistische Blatt hatte Bankerott gemacht; es war getödtet worden durch die Heftigkeit, mit der es die unfindbare Kammer zu unterstützen gesucht.

Da aber ein Factor ohne Zeitung ein Luxus war, den sich der verstorbene Eigenthümer nicht erlauben konnte, so Dunkle das gefallene Journal den Faktor ab.

Es blieben die Repetitionen.

Zum Unglück hatte man die Ferienzeit erreicht, und alle Zöglinge waren abgereist.

Glücklicher Weise aber war der gute Müller da; Müller, die Providenz der armen Familie, der Mann, durch den Gott ersetzt worden war, als Gott, mit dem Sturze eines Reiches beschäftigt, seine Blicke von dem demüthigen, in Brand gesteckten Pachthofe abgewandt hatte.

Man hatte ihm seine tausend Franken zurückgegeben: man konnte ihn wieder darum bitten.

Justin machte ihn zum Gegenstand seines ersten Ausgangs, zum Ziele seines ersten Besuches.

Er schleppte sich, noch schwach, indem et sich an den Wänden hielt, zum Professor.

Er fand ihn in seinem Zimmer auf einem kleinen Koffer sitzend, den er so eben geschlossen hatte.

»Ah! bist Du da, Junge!« sagte er, »es freut mich sehr, zu sehen, daß es besser geht.«

»Ja, Herr Müller« erwiderte Justin, »und Sie sehen. mein erster Besuch war Ihnen bestimmt.«

»Ich danke . . . Bei meiner Treue, ich war im Begriff, von Dir Abschied zu nehmen, Dir Lebewohl zu sagen.«

»Wie! Sie reisen also?« fragte Justin mit Besorgniß.

»Ja. mein Freund, ich mache meine große Reise.«

»Welche große Reise?«

»Ich sprach nie mit Dir davon, weil Du, wenn ich davon gesprochen hätte, nicht die tausend Franken, die Du mir zurückgegeben, von mir entlehnt haben würdest.«

»Mein Gott!« murmelte Justin.

»Ich habe Dir gesagt, ich sei von derselben Stadt, wie der berühmte, der große Weber; als Kinder kannten wir uns; als junge Leute liebten wir uns; als Mann habe.ich ihn bewundert! . . . Immer gelobte ich mir, nicht zu sterben, ohne den Autor vom Freischütz und von Oberon wiedergesehen zu haben; durch angestrengte Arbeit, – Du weißt. was das ist! – hatte ich mir tausend Franken erspart, um diese Krone der Freude und des Stolzes meinem Alter aufsetzen zu können; ich war im Begriffe abzureisen, als Du meine armen tausend Franken brauchtest. Ich sagte: ›Bah! wir sind noch jung: Gott wird Weber und mich lange genug leben lassen, daß Justin Zeit hat, mir die tauend Franken, die ich ihm anbieten will, zurückzugeben.‹

»Theurer Herr Müller!««

»Ich habe sie Dir angeboten, mein Kind; Du hast sie genommen; ich sah, wie Du Dich anstrengtes, armer Galerensclave der Ehre, um es dahin zu bringen, daß Du mir das Geld zurückgeben könntest, und ich alter Egoist, der ich Dir hatte sagen müssen: ›Arbeite weniger, Du hast Zeit die Jugend hat Mittel. doch man muß sie schonen!‹ ich sagte Dir nichts von Allem dem mein liebes armes Kind, und ich bitte Dich deshalb um Verzeihung . . . Ich ließ Dich machen; . . . allerdings hörte ich immer wiederholen: ›Der arme Weber ist krank; er hat es auf der Brust und wird es nicht lange treiben!‹ Abgesehen davon, daß in seiner Musik die letzten Seufzer einer entfliehenden Seele waren. In Folge von Entbehrungen hast Du mir die tausend Franken zurückgegeben; Du wirst aber wenigstens zugestehen, daß ich nie hierüber mit Dir sprach.«

»Ach! Herr Müller! . . . «

»Nein. ich schwöre Dir, mein armes Kind, das ist ein Bedürfniß für mich! Kaum hatte ich das Geld in den Händen. als ich mir sagte: ›Gut, das wird für die Ferien sein!‹ Du begreifst? wenn Weber, den ich seit fünfundzwanzig Jahren nicht mehr gesehen habe, sterben würde! . . . Aber, Gott sei Dank! ich werde ihn zuvor umarmen! . . . Oh! der liebe große Mann! ich habe gestern einen Brief von ihm erhalten; er ist in Dresden beschäftigt, eine deutsche Oper für den König von Sachsen zu componieren. Diesen Morgen habe ich gepackt, meinen Platz nach Straßburg bestellte hier ist mein Schein; heute Abend reise ich ab! Ich wollte zu Dir gehen, um Dich zum Abschied zu umarmt»mein Kind; Du kommst: wir frühstücken mit einander.«

»Ah! Herr Müller,« murmelte Justin mit erstickter Stimme, »ich esse noch nicht.«

»Welch ein Unglück. daß Du nicht mit mir reisen kannst! Nicht wahr, das ist unmöglich?«

»Ganz unmöglich.«

»Ich sehe es ein . . . Deine‹Musikstunden, Deine Repetitionen, Deine doppelte Buchhaltung, Deine Correkturen, Du wirst alles wieder aufnehmen?«

»Ja,« seufzte Justin.

Müller war so freudig gestimmt, daß er diesen Seufzer nicht hörte.

Dieser Seufzer. – so traurig als der letzte Gedanke von Weber, – war doch das Fahre wohl einer äußersten Hoffnung.

Justin hätte nur sagen dürfen: »Ich brauche Ihre tausend Franken, lieber Herr Müller, um nicht mit unvorsichtig raschem Schritte zur Gesundheit zurückzukehren; ich brauche Ihre tausend Franken, um meine Mutter und meine Schwester zu ernähren; Sie werden Weber später sehen, oder Sie werden ihn sogar nicht sehen, aber bleiben Sie guter Herr Müller, bleiben Sie!« Müller hätte vielleicht einen Seufzer so traurig als der, welcher Justin entschlüpfte, ausgestoßen, doch er wäre sicherlich geblieben.

Justin sagte nichts; er umarmte Herrn Müller, nahm von ihm Abschied, ging weinend nach Hause und fiel ganz niedergeschlagen auf sein Bett.

An demselben Tage, um fünf Uhr reiste Müller nach Dresden ab.

Als Müller abgereist war, erschöpfte mau die letzten Mittel.

Wiedergenesend, machte Justin eine neue, Anstrengung, und er ging dahin und dorthin, um sich seine alten Lectionen und neue Lectionen zu erbitten; doch zwei Drittel der Eltern antworteten ihm mit dem philanthropischen Dank: »Sie haben eine zu schlechte Gesundheit!«

Da kam dem jungen Manne, der Alles, fast seinen Muth, seine Hoffnung. seinen Glauben erschöpft hatte, der Gedanke. eine Prirnärschule in dieser armen Vorstadt, welche zu voll an Kindern, zu leer an Mitteln, zu gründen.

Eine wackere Arbeiterin wagte es zuerst, ihm ihren Sohn zu geben; eine Andere, welche im Tagelohn beschäftigt war und den ihrigen nicht behalten konnte, vertraute ihm denselben, mehr um sich seiner zu entledigen, als um ihn die vier Species lernen zu lassen; eine Dritte brachte ihm zwei Schüler zugleich, Zwillinge von sieben Jahren.

Nach Verlauf von sechs Monaten hatte er acht kleine Schüler, von denen die Einen immer blonder, immer frischer, immer rosiger als die Andern. Doch er mußte sie den ganzen Tag behalten, und seine acht Pensionäre trugen ihm monatlich vierzig Franken ein, denn er beschenkte sie, wie wir am Anfange des vorigen Kapitels gesagt haben, für fünf Franken monatlich mit allen Reichthümern den Schreibens, des Lesens und der vier Species.

Das bezahlt man übrigens auch heute noch den armen Schulmeistern dieser verlorenen Quartiere.

Nach zwei Jahren, im Monat Juni 1820, hatte er es zu achtzehn Schülern gebracht, was ihm tausend und achtzig Franken für den Unterhalt seiner Mutter seiner Schwester und von ihm gab, und mit dieser Summe lebten sie alle Drei, da sich das Wort leben streng genommen durch die Paraphrase: Nichts Hungers sterben! übersetzen läßt.

Was Herrn Müller betrifft, – er war nach Dresden gegangen und von dort wieder zurückgekehrt; er hatte Weber gesehen und umarmt; er war seinen ganzen Ferienmonat bei ihm geblieben, und bei seiner Rückkehr hatte er zu Justin gesagt:

»Ich habe bis auf den letzten Sou meine tausend Franken ausgegeben; doch. bei meiner Geige! ich bereue es nicht!«




XV

Das Hauswesen des Schulmeisters


Das Haus, dessen Erdgeschoß Justin bewohnte, hatte über dem Erdgeschoße nur einen Stock.

Dieser Stock bestand aus zwei Stuben und einem Cabinet, und dem man eine Küche gemacht hatte.

In diesem ersten Stocke wohnten die Mutter und die Schwester des jungen Mannes.

Das einzeln im Hofe stehende Hündchen, das mit den benachbarten Häusern nur durch eine seiner Seiten zusammenhing, war aller Wahrscheinlichkeit nach gebaut worden, um als Wohnung für den Werkführer der Spinnerei zu dienen, deren Trümmer man einige Schritte von da erblickte.

In diesem finsteren, ungesundeste Winkel, dem sein Licht nur von einem mit hoben Gebäuden umgebenen Hofe zukam, schmachteten eine Mutter. ihre Tochter und ihr Sohn.

Die Mutter, eine von Blindheit geschlagene arme Frau hielt sich im ersten Zimmer auf, wo ihre Kinder sich alle Abende versammelten; sie überschritt vielleicht nicht dreimal im Jahre die Schwelle diesen Zimmers.

Fromm, vereinzelt, des Gesichtes beraubt, war sie geduldig.

Man hatte sie nie klagen hören: sie besaß die erhabene Resignation einer Matrone des Alterthums und übte die strengen Tugenden einer solchen; Sparta hätte sie göttlich verehrt, ein Decret den römischen Senats hätte befohlen, sich vor ihr zu entblößen, wie vor einer Priesterin der großen Göttin.

Die französische Gesellschaft marterte sie.

Ah! die französische Gesellschaft, sie ist es, der wir diesmal zu Leibe gehen.

Wir wissen wohl, daß wir unterliegen werden, wie Jakob in seinem Kampfe mit dem Engel; doch wenn wir einst Gott Rechenschaft ablegen. und Gott spricht zu uns: »Was habt Ihr gethan?« so werden wir ihm antworten: »Es war uns unmöglich, zu siegen; wir haben gekämpft.«

Die Tochter, ein kränkliches, schwächliches Geschöpf, ohne Athem; eine Blume der Felder, eine Maßliebe der Wiesen, ein Maiblümchen des Waldes in einen Keller verpflanzt, die Tochter besaß einige von den soliden Tugenden der Mutter, doch sie hatte entfernt nicht ihre Selbstverleugnungsstärke.

Mit einem Aneurysma behaftet, das sie bei der ersten heftigen Erschütterung zu tödten drohte, instinktartig ihre junge Existenz durch die Mauer eines Kirchhofes geschlossen fühlend, wurde ihre Resignation manchmal zur Verrätherin an ihr; nicht, als ob ihr je ein Wort der Bitterkeit entschlüpft wäre, – sie war zu christlich hierzu – doch sie ließ sich wenn man so sagen darf innerlich brechen; ihre Verzweiflung war in ihr: von Zeit zu Zeit trug ihre elfenbeinfarbige Stirne das Gepräge davon an sich, und ihre Mutter erblickte mit den Augen des Herzens diese düsteren Spuren . . .

Vom Morgen bis zum Abend in seiner Classe beschäftigt, konnte der Sohn selten am Tage zu den zwei Frauen hinaufgehen; diese Freude war ihm nur dann vergönnt, wenn ihn sein alter Professor besuchte und sich herbei ließ, auf eine Stunde seine Stelle in Beaufsichtigung der Kinder einzunehmen.

Die Schule wurde im Sommer um acht Uhr Morgens geöffnet und um sechs Uhr Abends geschlossen, im Winter um neun Uhr geöffnet und um fünf Uhr geschlossen.

Fast alle diese Kinder waren Söhne von Arbeitern der Vorstadt. bestimmt. früher oder später das Handwerk ihres Vaters zu ergreifen; sie halten also nicht nötig, Studien im Lateinischen und Griechischen zu machen.

Es waren aber zwei unter der Zahl, von denen der Vater, der, früher Arbeiter bei einem Mechanikus, ein wohlhabender Meister geworden war, den Einen für die Ecol Polytechnique, den Andern für die Ecol des Arts-et-Métiers bestimmt hatte.

Man sollte sie ins Collége bringen, sobald sie ihr zwölften Jahr erreicht hätten. Sie hatten noch, der Aeltere zwei Jahre, sein Bruder drei Jahre vor sich. Justin, der sie mit wunderbaren Fähigkeiten begabt sah, befruchtete diese guten Keime und theilte ihnen, der arme Prometheus, ein. wenig von dem heiligen Feuer mit, das der alte Professor in ihm entzündet hatte.

Diese zwei Knaben ausgenommen, welche die hohen Studien ein wenig in ihm zurückriefen, wollten die anderen Kinder nur die im Programme ausgesprochenen, einfachen Elemente lernen, und ihre Eltern wollten nicht, daß man sie etwas Anderes lehre.

Durch diese geringe Anforderung. hinsichtlich des Unterrichtes, erfolgte, daß die Mutter und die Schwester den jungen Mann unterstützen und im Nothfall ersetzen konnten.

Befand sich die Schwester wohl, so ging sie in die Stube von Justin hinab, welche, wie gesagt, als Schule diente, und während der Sohn einige Augenblicke, der Mutter Gesellschaft leistete, ließ sie die Kinder lesen und lehrte sie dieselben bis hundert zählen. indem sie die Ziffern mit einem Stück Kreide auf die Tafel zeichnete.

Jeden Tag empfing die Mutter in ihrer Stube das Drittel der Classe, sechs kleine Kinder, das war die Verthältlichung des sinite parvulos ad me venire. Die sechs Kinder knieten um den Strohstuhl, wo sie saß, lehrte sie ihr Gebet sprechen und erzählte ihnen eine rührende Episode aus dem Alten Testament.

Das war ein anbetungswürdiges Schauspiel, diese sechs blonden Köpfe und diese zwölf rosigen Lippen, gleichförmig geöffnet, um Gebete zu murmeln.

Man hätte glauben sollen, so knieend verbinden sie ihre Herzen, um Gott zu bitten, daß er der armen Bresthaften das Gesicht wiedergebe.

So war bis zum Monat Juni des Jahres 1821 das einsiedlerische, traurige Leben, das diese kleine Familie führte.

Den alten Professor ausgenommen. der oft einige Stunden bei ihnen zubrachte, störte nichts den Lauf dieses friedlichen Daseins, das so flach wie eine Ebene, so monoton wie sie.

Zuweilen im Sommer erlaubte man sich einen Spaziergang: in diesem Falle wandte man sich gewöhnlich gegen Montrouge.

Ach! man hatte von den Wäldern von Meudon, Versailles und Montmorency. von den grünen Teppichen Abschied genommen, um dem Rande ausgetrockneter, kreidiger Gräben zu folgen; die Mutter und die Tochter konnten nicht, die Eine blind, die Andere schwach und kränklich, die langen Spaziergänger unternehmen, welche ein Mann von fünfundvierzig Jahren und ein Knabe von zwölf machten.

Bei den großen Gängen erreichte man Montrouge, in der Regel hielt man aber bei zwei Dritteln oder auf der Hälfte des Weges an; man setzte sich an den Rand der Straße, und ein paar Stunden lang entlehnte man von der Sonne Licht und Wärme für den Rest des Tages.

Im Winter setzte man sich an einen kleinen Porzellanofen und in diesen legte man gewissenhaft zwei kleine Scheiter für den ganzen Abend, der bis neun Uhr dauerte.

Es war wohl ein Kamin da, doch ein ungeheurer, in welchem man alle acht Tage eine Fahre Holz verbrannt hätte.

Man hatte ihn verstopft: wenn die Kamine nicht warm halten, so halten sie kalt.

Kam Herr Müller um neun Uhr, so machte man unabänderlich den Vorschlag, ein Scheit in das Feuer zu legen; aber ebenfalls unabänderlich schlug es der gute Professor aus, unter dem Vorwande, er sei in vollem Schweiße, und von diesem Augenblick rückte man ein wenig näher um den unnützen Ofen zusammen.

Um den Mangel des Feuers vergessen zu machen, erzählte der wackere Mann sodann eine lustige Geschichte, – wie sie die Witwe von Scarron erzählte, um die Abwesenheit des Bratens vergessen zu machen, – und seine Heiterkeit erwärmte seine Zuhörer wie ein wohlthätiger Strahl.

Die Heiterkeit ist die Sonne, welche von Zeit zu Zeit auf den Winter der Armuth scheint!

Während dieser zwei letzten Jahre besonders schätzte Justin die Wohlthaten der Musik.

Sobald es neun Uhr geschlagen und man sich durch das letzte Vibriren der Glocke von Saint-Jacques-du-Haut-Pas versichert hatte, der Abend werde ohne den Besuch von Herrn Müller vorübergehen. küßte Justin seine Mutter und seine Schwester und. ging in sein Zimmer hinab.

Hier zündete er eine Kerze an, welche von einem an einem Pulte befestigten Leuchter getragen wurde, öffnete auf diesem Pulte ein altes Musikbuch, schaute es einen Augenblick an, nahm das Violoncell aus seinem Kasten, stäubte es sorgfältig mit seinem Taschentuche ab und schloß es wie einen Freund in seine Arme.

E! mein Gott! war es nicht in der That ein Freund? war es nicht die göttliche Stimme, welche, sie harmonisch formend, alle innerste Klagen des jungen Mannes aushauchte, diese Klagen, die, die ganze übrige Zeit stumm, nur zwei Stunden Zeit hatten, um sich zu ergießen? war es, nicht die wohlthätige Quelle, woran sich das durstige Herz tränkte? war es nicht ein anderes Er selbst, ein sprechender Spiegel, dieses sonore Instrument, dem er seine Leiden erzählte, und das sie wie ein getreues Echo wiederholte?

Da seine ganze Familie nur aus einer blinden Mutter und einer kranken Schwester bestand, da er zum einzigen Gefährten nur seinen alten Professor, zu Zeugen nur die kahlen Wände seiner Stube hatte, so hatte er sie aus seinem Violoncell einen jungen Freund, eine Familie, ein Vaterland gemacht.

Er athmete auch am Abend zwei Stunden lang die belebende Luft ein, die ihm den ganzen Tag gefehlt hatte.

allmählich aber wurde seine Atmosphäre, trotz der harmonischen Schwingungen des wohlthätigen Instruments, schwerfälliger; es fing an ihm an Luft zu fehlen; er versank ohne sein Wissen, in eine tiefe Melancholie, der ihn Herr Müller, welcher dies bald gewahr wurde, hartnäckig zu entziehen suchte.

»Du wirst vor der Zeit alt werden,«. sagte er zu ihm; »Du wirst in Deinen besten Jahren verwelken; Du mußt ausgehen, ein wenig Menschen sehen, das Leben wenigstens mit dem Ellenbogen berühren, wenn Du Dich nicht darein mischen kannst. Die Ferienzeit rückt heran, wir müssen einen Ausflug mit einander machen. Triff Deine Anstalten: am 15. August werde ich Dich abholen.

Er verwelkte in der That in seinen schönsten Jahren, der arme Schullehrer! sein Auge wurde trübe, seine Wangen höhlten sich aus, seine Stirne bedeckte sich mit Falten, seine Haut vergelbte, wie das Pergament an seinen alten Büchern; man hätte glauben sollen, er habe dreißig Jahre zurückgelegt, und er trat doch kaum in sein dreiundzwanzigstes Jahr ein; es trug aber auch Alles dazu bei, ihn alt zu machen: die Leute, mit denen er lebte, die Stube, wo er wohnte; sein Gesicht, seine Haltung, sein Gang, seine Stimme, kurz seine ganze Person entlehnte von denjenigen, welche ihn umgaben, und von allen Gegenständen, die er vor Augen hatte, ihr Alter und ihre Armuth.

Er wäre sicherlich unterlegen, hätte ihn nicht ein neuer Kummer erschüttert und ihn homöopathisch. – das Wort war noch nicht erfunden, doch Alles was erfunden werden soll, existiert zum Voraus, – hätte ihn nicht ein neuer Kummer, sagen wir, homöopathisch dem Leben zurückgegeben.

Ach! es ist mit dem Schmerze wie mit gewissen Krankheiten: man heilt die einen durch die andern . . .

Justin verdiente, wie man weiß, tausend und achtzig Franken jährlich, und mit dieser geringfügigen Summe vermochte er die dringendsten Bedürfnisse zu bestreiten; konnte er aber etwas von einem so dürftigen Einkommen ersparen? Trieb er die Sparsamkeit nicht schon bis zur Entbehrung?

»Du mußt die Welt, wenn nicht sehen, doch wenigstens mit dem Ellenbogen berühren,« sagte der alte Meister.

Das ließ sich leicht sagen! – War es aber möglich, dies zu thun mit der fadenscheinigen Kleidung, die man seit vier Jahren im Sommer wie im Winter trug? —

Ueberdies war die ganze Ausstattung des Hauses zu erneuern wie die von Justin.

Die Schwester hatte Wunder der Flickerei an altem Weißzeug vollbracht; die Strümpfe des Bruders waren vom Saume bis zur Fußspitze eine herrliche Mosaikarbeit. Wohl hatte man sich gelobt. nur in der äußersten Noth etwas zu kaufen, doch so weit war man gekommene alle diese ausgebesserte, gestickte Wäsche, welche die armen Leute nie verlassen hätten, sie verließ sie; denn es ist mit der Wäsche wie mit den Freunden. hatte der alte Professor den so bekannten Vers:

Donec eris felix, multos numerabis amicos! citirend bemerkt.

»So lange Ihr keine Strümpfe nötig habt, habt Ihr!« hatte er gesagt, »und habt Ihr nötig, so fehlt es Euch daran!«

Man hatte bei dieser Bemerkung des alten Müller gelächelt«, jedoch traurig.

Man mußte also einen neuen Erwerbszweig aufsuchen, und besonders mußte man sich beeilen, denn der Augenblick sollte kommen, wo er zu schlecht gekleidet wäre, um ihm nachzugehen.

Und warten bis er käme, hieß Gefahr laufen, zu lange zu warten.

Justin klopfte aufs Neue an alle Thüren.

Die Mehrzahl der Thüren blieb verschlossen, einige öffneten sich. um eine Abweisung passieren zu lassen.

Man ging am Abend spazieren, da man nicht mehr bei Tage spazieren zu gehen wagte.

Als sich Justin eines Abends bei der Barrière du Maine befand und auf seinen alten Professor wartete, mit dem er zu einer Dame gehen sollte, deren Sohn eine Repitition verlangte, hörte er über seinem Kopfe einen Streit zwischen dem Contrabassisten und dem zweiten Violinisten.

Woher kam dieser Streits aus welcher Quelle entsprang er? die Sache blieb Justin unbekannt, und dieser schenkte ihr auch nicht mehr Aufmerksamkeit als irgend einer Sache, die für ihn ohne Interesse, – als folgende Worte an sein Ohr trafen:

»Herr Duruflé,« sagte der Contrabassist, »nach dem, was vorgefallen, schwöre ich, daß ich nie mehr einen Fuß in dasselbe Haus mit Ihnen setze, und zum Beweise gehe ich auf der Stelle von hier weg!«

Der Contrabassist kam in der That mit raschen Schritten. seinen Contrabaß unter dem Arm und mit seinem Bogen wie mit einem Flamberg fechtend, heraus.

Es mußte etwas sehr Ernstes zwischen dem zweiten Violinisten und ihm vorgefallen sein.

»Oh!« machte plötzlich Justin, »oh! . . . «

Und er schlug sich vor die Stirne.

Es war ihm ein Gedanke gekommen«

Zu gleicher Zeit, da dieser Gedanke zu Justin durch das Fenster der Schenke kam, kam Herr Müller seinerseits vom Ende der Straße herbei.




XVI

Vom Musiker Spielmann


Justin erwartete seinen Professor, ohne einen Schritt zu thun. um ihm entgegen zu gehen; man hätte glauben sollen, seinen Platz verlassend, befürchte er seinen Gedanken zu verlieren.

Er erzählte dem Greise, was vorgefallen war.

»Ah! Ah!« sagte dieser, »eine erledigte Stelle!«

Und plötzlich kam ihm auch ein Gedanke: dieser Platz des Contrabassisten in einer Schenke, so widrig er wäre, hätte den Vortheil, daß er die Eintönigkeit des Lebens des jungen Mannes bräche.

Ueberdies wäre der Ertrag eine große Erleichterung für die arme Familie.

»Aber,« fügte er bei, »wird man ihn Dir geben wollen?«

»Ich hoffe es,« erwiderte bescheiden Justin.

»Ich glaube es,« sprach Müller, »aber sie müßten teufelsmäßig schwierig sein.«

»Nun, ich will hineingeben und mich erkundigen.«

»Ich gehe mit Dir hinein und erkundige mich mit Dir,« versetzte der gute Professor.

Justin hütete sich wohl, das Anerbieten auszuschlagen.«

Es läßt sich leicht begreifen, welche Wirkung in einer solchen Kneipe der Eintritt dieses ernsten jungen Mannes und dieses ruhigen Greises, – Beide schwarz gekleidet, – hervorbrachte.

Die Tänzer zeigten sie mit dem Finger ihren Tänzerinnen und schlugen ein Gelächter auf.

Die zwei Freunde bemerkten diese Heiterkeit nicht, so allgemein sie war, oder thaten nicht, als bemerkten sie dieselbe.

Sie fragten bei einem der Kellner nach dem Herrn der Anstalt.

Ein dicker Bursche von einem Schenkwirth, rund wie Silen, röther als der Wein, den er seinen Kunden vorsetzte, kam mit einer geschäftigen Miene herbei, ohne Zweifel im Glauben. es handle sich um eine bedeutende Bestellung.

Die zwei Freunde richteten schüchtern ihr Gesuch an ihn.

Und wenn man bedenkt, daß das Herz eines intelligenten Mannes, eines Künstlers, eines Sohnes, der seine Mutter ernährte, eines Bruders, der seine Schwester ernährte, eines nützlichen und kostbaren Bürgers heftig schlug aus Furcht, er könnte sich mit seiner Bitte,Spielmann in einer Schenke zu werden, abgewiesen sehen.

Ach! Alles ist relativ auf dieser Welt!

Die Bewilligung dieses Platzes übersetzte sich durch einen schwarzen Rock und Hosen für ihn, durch einen wattierten Rock für seine Mutter, durch ein Kleid für seine Schwester.

Oh! lacht, lacht, Ihr, die Ihr nie den Hunger und die Kälte für theure Wesen zu befürchten gehabt habt! doch für mich, der ich auch eine Mutter und eine Schwester mit hundert Franken monatlich zu ernähren hatte, ist das Lachen eine Ruchlosigkeit!«

Die zwei Freunde setzten also schüchtern ihr Gesuch auseinander.

Der Wirth erwiderte, das sei nicht seine Sache, das gebe den Orchesterchef an.

Er erbot sich übrigens, ihm die Bitte des jungen Mannes vorzulegen. was angenommen wurde, und nach fünf Minuten brachte er die befriedigende Antwort, Justin, wenn er die für das wichtige Geschäft eines Contrabassisten an den Barrière unerläßlichen wissenschaftlichen Bedingungen erfülle, könne sogleich gegen drei Franken für die Marke eintreten.

Es war dreimal in der Woche Ball, und er würde folglich sechsunddreißig Franken monatlich verdienen.

So viel hatten ihm ungefähr seine acht ersten Schüler eingetragen; es war also Peru, – im Jahre 1821 sagte man Peru, heute sagt man Californien, – es war also Peru für ihn, dieser Platz: er willigte auch ein und verlangte nur Zeit, um sein Violoncell im Faubourg Saint-Jacques zu holen.

Doch man antwortete ihn, das sei unnötig; man hatte die Desertion des Contrabassisten vorhergesehen und war für einen Contrabaß besorgt gewesen, der, am Ende der zweite Violinist gespielt hätte. Ein Contrabassist bot sich an der Stelle des Abgegangenen an; Alles stand also aufs Beste wie in der Welt von Pangloß.

Justin war entzückt in der Tiefe des Herzens, daß sein Violoncell, ein jungfräuliches Instrument, fromm und einsiedlerisch, der Profanation entging, mit der es bedroht gewesen.

Der junge Mann dankte Herrn Müller und wollte ihn wegschicken, doch der gute Professor erklärte, er werde den Debuts seines Zöglings beiwohnen und um ihn durch seine Gegenwart zu ermuthigen, die Anstalt erst nach Beendigung des Balles verlassen.

Justin dankte seinem Professor die Hand, ließ sich den Contrabaß bringen und nahen seinen Platz im Orchesters zum großen Erstaunen der Zuschauer, welche ganz bereit ihn bei seinem Eintritt auszupfeifen, nun fast versucht waren, ihm Beifall zu klatschen.

Es war ein eines Genremalers würdiges Gemälde, dieses Orchester, – wenn es erlaubt ist, den anspruchsvollen Namen dem Vereine der acht Tauben zu geben, welche die höllischen Quadrillen spielten, bei deren Tönen die drei bis vierhundert, die Stammgäste genannter Schenke bildendem Personen tanzten; – es war, sagen wir, ein eines Genremalers würdiges Gemälde, dieses Orchester, in dessen Mitte, mit ihm vermengt, ein junger Mann, still und ernst wie der arme Justin saß.

Er hatte das Aussehen eines Märtyrer-Musikers, der mit dem Stricke um den Hals zur Belustigung eines Volkes von Heiden spielen würde.

Beleuchtet durch die über seinem Kopfe hängenden Lampen, erschien sein Gesicht in seinem vollen Ausdruck.

Justin war durchaus nicht schön. der arme Junge! doch man fühlte. daß die dürftige Luft. die dieser ganzen Physiognomie den Ton gab, die wahre oder vielmehr die einzige Ursache war, die sein Gesicht häßlich machte: zöge die Erleuchtung der einfachsten Freuden über diese Stirnes glänzte ein reines Gefühl des Glückes oder des Vergnügens in diesen Augen, öffnete ein Lächeln diese Lippen, so würde dieses Gesicht gewiß, in Ermangelung der Schönheit, alsbald das Gepräge einer engelischen Sanftmuth und einer seltenen Distinction annehmen.

Mit beiden Händen einen Contrabaß von der doppelten Höhe seines Violoncells bearbeitend, mit seinen langen blonden Haaren, welche auf seine Stirne fielen, wenn das Tempo eilig war, mit seinen großen. Blauen, schwimmenden Augen, mit dem über seine ganze Person, verbreiteten Aussehen von Traurigkeit mußte er nothwendig Jedem, der ihn in diesem Moment gesehen hätte, ein tiefes Interesse, eine mächtige Sympathie einflößten.

Stellt Euch Lißt vor, jung von Alter, schön von Begeisterung.

Nun! das war unser Schulmeister Justin.

Nach dem Contretanz machte ihm der Orchesterchef die aufrichtigsten Complimente und seine Collégen, die Instrumentisten, spendeten ihm lauten Beifall.

Tänzer und Tänzerinnen klatschten in die Hände.

Der gute alte Professor war außer sich vor Freude; er klatschte auch in die Hände und weinte vor Rührung.

So wahr ist es, daß der Triumph immer der Triumph bleibt, wer auch diejenigen sein mögen, welche ihn zuerkennen.

Um elf Uhr erkundigte sich Justin, wie lange der Ball dauern werde.

Man antwortete ihm: »Manchmal bis Morgens um zwei Uhr.«

Da winkte er dem guten Müller.

Dieser eilte herbei.

Die Mutter und die Schwester, welche in einer tödtlichen Angst sein mußten, sollten benachrichtigt werden: nie, gar nie war Justin über zehn Uhr auswärts geblieben.

Der gute Professor begriff die Lager er lief über Hals und Kopf weg und fand Madame Corby, – dies war der Name der Mutter von Justin den wir zum ersten Male auszusprechen die Ehre haben. – und fand Madame Corby und ihre Tochter im Gebete.

»Nun,« sprach er eintretend. »Ihre Gebete sind erhört, tugendhafte Frau und fromme Mutter; Justin hat eine Stelle von sechsunddreißig Franken monatlich gefunden!«

Die zwei Frauen gaben einen Freudenschrei von sich.

Der Professor erzählte ihnen das Abenteuer.

Mit dem vollkommenen Zartgefühl, dass gewöhnlich die Frauen besitzen, begriffen Madame Corby und ihre Tochter den Umfang des Opfers, das ihr Sohn und ihr Bruder den Bedürfnissen der Lage brachte.

»Guter theurer Justin!« sprachen sie.

Und es lag in ihrem Tone ein so zärtlicher Ausdruck, daß er beinahe klagend war.

»Oh! bemitleiden Sie ihn nicht,« sprach der Professor. »Das ist ein Triumph! Er ist schön, er ist herrlich! er gleicht Weber, als er jung war.«

Und nachdem er so gesprochen, da er nicht mehr zu sagen gewußt hätte, nahm er Abschied von den zwei Frauen, um nach der Schenke zurückzukehren.

Er verließ die Barrière erst mit seinen Zögling Morgens um zwei Uhr.

Sie fanden die Riegel der Hausthüre durch die Sorge der Schwester von Justin zurückgezogen.

Am Ende des Monats hatte Justin zwölfmal gespielt, und er erhielt seine sechs und dreißig Franken.

Man konnte mit diesen sechs und dreißig Franken die nothwendigsten Gegenstände kaufen.

Und nun glauben wir unsern Lesern hinreichend gezeigt zu haben, was Alles gründlich Gutes und Redliches im Herzen unseres Helden war, wir werden daher nur noch ein. paar Worte beifügen, um das Gemälde seines Charakters zu vervollständigen.

Dieser Charakter war übrigens in seinem Gesammtwesen leicht durch ein einziges Wort zu definieren.

Es war das Wort, durch das Salvator Jean Robert die Melodie, welche Justin ausführte, bezeichnet hatte:

Resignation.

Setzen wir hinzu, daß, wenn diese Tugend, eine etwas negative Tugend, je eine menschliche Gestalt annähme, um auf die Erde herabzusteigen, sie gewiß keine andere als die des ergebenen Justin wählen würde.

Man erlaube uns, ein wenig Analyse zu machen: wir haben zehn Bände vor uns, – zwanzig, wenn uns zehn nicht genügen, – und überdies ist es nicht ein Abenteuer, was wir erzählen, sondern die Geschichte eines leidenden Herzens. Durchforschen wir dieses Herz bis in seine verborgensten Falten; sehen wir, was aus diesem durch das Unglück so wohl gestählten Charakter werden wird; sehen wir, was daraus werden wird vor einem ungeheuren Glück oder vor einem unermeßlichen Schmerz!

Wird es widerstehen oder brechen?

Die Leser mögen uns glauben. es ist hierbei ein Studium von ergreifendem Interesse.

Hier ist ein in der vollen Bedeutung des Wortes jungfräulicher Mann; er hat bis jetzt gelebt wie die Vögel des Himmels, von Luft zu Luft, von Ebene zu Ebene das Korn suchend, das er nach seinem Neste zurückbrachte; bis heute war es sein einziger Gedanke, seine einzige Sorge die materiellen Bedürfnisse des Lebens zu befriedigen; um den Preis seiner Nachtwachen, um den Preis seines Schweißes um den Preis seines Blutes ist es ihm gelungen, seiner armen Familie immer die Existenz, manchmal sogar eine Art von Wohlstand zu geben.

Was hat er für sich selbst getan?

Nichts!!

Würde er nicht allein in der Welt, wenn er weder Schwester, noch Mutter gehabt hätte, Mittel gefunden haben, seine Studien fortzusetzen, Baccalaureus, Licentiat zu werden, wer weiß? vielleicht Doktors und nun, statt des Lehrstuhles einer Fakultät auf den ihn seine Arbeit gebracht hätte, statt des ehrenvollen Ranges, zu dem er durch die Beharrlichkeit gelangt wäre, welche einer der unterscheidenden Charaktere seiner ergebenen Natur ist, liegt er begraben in einer Art von Casematte, wo ihn die Pflicht fest genagelt hat, wo ihn die kindliche Frömmigkeit gefesselt hält.

Oh! wir, die mir unsere Mutter so sehr geliebt haben und so zärtlich von ihr geliebt worden sind, werden uns gewiß nie über die Familie beklagen.

Absorbiert aber die Familie, – welche in Folge eines großen Unglücks Unterstützung von der Gesellschaft erhalten sollte, – von ihr dem Elend überlassen, einer Luftpumpe ähnlich, die Luft von einem ihrer Mitglieder, wenn wir uns dann nicht laut beklagen, so vermöchte uns doch Niemand zu verhindern, daß wir leise seufzen.

Von seiner Familie kam also das ganze Unglück von Justin;«und dennoch würde ihm, dem Goldherzen, nichts eine so tiefe Verzweiflung verursacht haben, als nur der Gedanke, seine Familie hätte nicht mehr existieren können.

Wie konnte er also da herauskommen?

Justin wollte nicht herauskommen: er wollte fortfahren; morgen zu leben, wie er gestern gelebt; wie er seine Jünglingszeit geopfert hatte, so würde er sein reiferes Alter, sein Leben opfern.

Doch es würde für ihn das Alter, sich zu verheirathen, eintretend eine Frau würde ihm mitten in dieser Einöde, statt dieser Dürre, alle Heiterkeiten, alle Freuden, alle Berauschungen der Jugend bringen . . .

Acht wo sie finden, diese gesegnete Frau, diese angebetete Rachel?

Hatte man Laban zehn Jahre Zeit und Arbeit zu geben?

Welche Gesellschaft sah man?

Genügte es, sich ans Fenster zu stellen, um in der Ferne das gelobte Land der jungen Leute zu sehen, das man ein Mädchen nennt?

Und dann, im Grunde, würde er es wagen, zu heirathen, der ehrliche und ängstliche Justin?

Sagte ihm sein Gewissen nicht, die Heirath sei ein Vertrag, der die Seelen ebenso binde, wie die Hände?

Und gehörte seine Seele ihm?

Gehörten seine Hände ihm?

Stand es ihm frei, eine Fremde an den mütterlichen Herd zu führen? würde er nicht das, was er an Zärtlichkeit einer Gattin gegeben hätte seiner Mutter, seiner Schwester genommen haben?

Dies, was die Seele betrifft.

»Würde die Frau, die Gattin nicht in den Ansprüchen ihrer Jugend, der Coquetterie ihres Putzes einen Theil von dem geringen Einkommen verzehren?

Dies, was die Hände betrifft.

Nein, die Heirath war kein Mittel, diesem tiefen Unglück abzuhelfen.

Man mußte also die Selbstverleugnung ewig fortsetzen.

Das war es was Justin that.

Vielleicht in den Drangsalen sterben!

Das war er zu thun bereit.

Oder Alles von der Güte Gottes erwarten.

Ach! Gott hatte bis jetzt die arme Familie nicht verwöhnt und ohne eine Ruchlosigkeit war es ihm wohl erlaubt, zu zweifeln.

Dennoch war es die Hand Gottes, welche Justin aus diesem Abgrunde zog.

Eines Abends im Monat Juni, als nach einem der Sonnentage, da in der Natur ein Fest ist, Justin mit seinem alten Lehrer von einem Spaziergange nach der Ebene von Montrouge zurückkam, erblickte der junge Mann unter dem Getreide, den Klapperrosen und den Kornblumen ein Mädchen von neun bis zehn Jahren, das in tiefem Schlafe zu liegen schien.

Gott sandte ihm unter der Gestalt dieses Mädchens einen seiner Engel zur Belohnung seiner hohen Tugend.




XVII

Die Kette des guten Gottes


Die Kleine, die sie so zu ihrem Erstaunen erblickten, und vor der sie stehen blieben, vergebens umherchauend, um den Vater oder die Mutter zu suchen. trug ein weißes Kleid, das um ihren Leib von einem blauen Bande umschlossen war.

Sie war blond und rosig, und so mitten unter den schon gelben Aehreth den Kornblumen und den Klapperrosen liegend, welche um sie her stehend, wie eine Wiege über ihrem Kopfe bildeten, hatte sie das, Ansehen einer kleinen Heiligen in ihrer Nische oder einer Taube in ihrem Neste.

Ihre mit blauen Stiefelchen bekleideten Füße hingen am Rande des Grabens der Straße mit einen Nachläßigkeit herab, die eine tiefe Ermattung bei dem armen Kinde bezeichnete.

Man hätte glauben sollen, es sei die Fee der Ernte, welche ausruhe von den Anstrengungen des Tages während, der milden Wache des Mondes, der er seine himmlische Bahn durchlaufend mit Liebe anschaue.

Ihr Athem, obgleich ein wenig gepreßt, war sanft wie der sanfteste Ostwind, und unter diesem reinen Hauche schaukelte sich mit Coquetterie der bewegliche Halmschmuck des Korns.

Die zwei Freunde würden die Nacht mit dem Anschauen diesen anbetungswürdigen schlafenden Kindes zugebracht haben, ein solches Entzücken bereitete ihnen diesen frische blonde Köpfchen; als bald aber wurden sie ihrer Beschauung durch die Besorgniß entzogen die ihnen der Gedanke an die Gefahren einflößte, denen in seiner Vereinzelung dieses reizende kleine Wesen preisgegeben War.

Welche Frau war denn seine Mutter, die man der vergebens mit den Augen suchte, und warum ließ sie mitten im Felde, in der Nacht, dem Winde und der Feuchtigkeit ausgesetzt, diesen so schwächlichen und so zarten Körper liegen.

Die arme Kleine mußte schon lange da sein; ihr Schlaf bezeugte es. Die zwei Freunde, welche mitten in ihrem Marsche stehen zu bleiben pflegten, so oft ein streitiger Punkt ihnen schwer festzustellen schien, die zwei Freunde waren ein paar Schritte von da stille gestanden; hier hatten sie ungefähr eine Viertelstunde über folgenden Punkt discutirt, der in der That wohl aufgeklärt zu werden verdiente aber dennoch in der Dunkelheit geblieben war:

»Entlehnt die Schönheit des Gesichts etwas von der Schönheit der Seele oder entlehnt sie nichts?

Und die zwei Freunde hatten während dieser Viertelstunde weder Jemand gesehen, noch gehört.

Wo war denn nur die Mutter dieser Kleinen?

Müde von einem langen Spaziergang, – die Stiefelchen der Kleinen waren mit Staub bedeckt – ruhten übrigens die Eltern der Kleinen vielleicht irgendwo in der Nachbarschaft im Korne.

Justin und Herr Müller hatten schon umhergeschaut, jedoch vergebens; Sie waren so sehr überzeugt, die Mutter der Kleinen könne nicht weiter von ihr entfernt sein, als es eine Grasmücke von ihrem Neste sein kann, daß sie abermals schauten.

Nichts!

Endlich entschlossen sie sich die Kleine zu wecken.

Sie öffnete ein Paar große, azurblaue Augen.

Es war, als sähe man zwei lebendige Kornblumen.

Sie schaute die zwei Männer ohne Schrecken, fast ohne Erstaunen an.

»Was machst Du denn da mein Kind?« fragte Herr Müller.

»Ich ruhe aus« erwiderte die Kleine.

»Wie Du ruhst aus?« riefen gleichzeitig die zwei Männer.

»Ja, ich war sehr müde, konnte nicht mehr gehen, legte mich nieder und bin eingeschlafen.«

Der erste Schrei dieses durch zwei Fremde aufgeweckten Kindes war also nicht, daß es seine Mutter rief!

»Da sagst Du seist müde gewesen, meine Kleine?« wiederholte Herr Müller

»Oh! ja, mein Herr!« erwiderte das Kind, während es seinen Kopf schüttelte, um die blonden Locken seiner Haare wieder an ihren Platz zu bringen.

»Du Hast Also einen weiten Weg gemacht?« fragte der Schulmeister.

»Ja; sehr weit.«

»Wo sind denn Deine Eltern?« sagte der alte Professor.

»Meine Eltern?« erwiderte die Kleine, indem sie sich aufsetzte und die zwei Fremden mit einer Verwunderung anschaute, als hätten sie von Dingen einer unbekannten Welt mit ihr gesprochen.

»Ja, Deine Eltern,« wiederholte Justin mit sanftem Tone.

»Ich habe keine Eltern,« sprach einfach das Mädchen mit demselben Tone, als ab es gesagt hätte: »Ich weiß nicht, wovon Sie reden.«

Die zwei Freunde schauten sich gegenseitig mit Erstaunen an, und schauten dann die Kleine mitleidig an.

»Wie, Du hast keine Eltern?« fragte der Professor.

»Nein, mein Herr«

»Wo ist denn Dein Vater?«

»Ich habe keinen.«

»Deine Mutter?«

»Ich habe keine.«

»Wer hat Dich denn aufgezogen?«

»Meine Amme.«

»Wo ist sie?«

»In der Erde.«

Und die Kleine, indem sie diese Worte sprach, zerfloß in Thränen, jedoch ohne einen Schrei von sich zu geben.

Die zwei Freunde wandten sich gerührt jeder auf eine Seite um, um vor einander zu verbergen, daß sie weinten.

Die Kleine blieb unbeweglich und schien neue Fragen zu erwartet.

»Wie kommt es, daß Du ganz allein hier bist?« fragte Herr Müller nach einer Pause von einem Augenblick.

Sie wischte nun ihre Augen mit dem Rücken ihres Händchens ab; ihre, um wie der Kelch einer Blume den Thau ihrer Thränen zu empfangen, vorwärts gerundete Unterlippe schloß sich wieder und nahm wieder ihren Platz ein.

Dann antwortete sie mit zitternder Stimme:

»Ich komme vom Lande.«

»Von welchem Lande?«

»Von der Bouille.«

»Bei Rouen?« fragte Justin mit Freude, als wäre er, der selbst aus der Gegend von Rouen, entzückt gewesen, der Landsmann dieses schönen Kindes zu sein.

»Ja, mein Herr,« antwortete das Mädchen.

In der That, das war ein frisches Kind der Normandie mit prallen. fleischigen Backen, ein Mädchen weiß und rosenfarbig, ein wahres blühendes Apfelbäumchen.

»Wer hat Dich denn aber hierher gebracht?« fragte der alte Meister.

»Ich bin allein gekommen.«

»Zu Fuße?«

»Nein, im Wagen bis Paris.«

»Wie, bis Paris?«

»Ja, und zu Fuße von Paris bis hierher.«

»Und wohin gingst Du?«

»Ich ging in eine Vorstadt von Paris. in den Faubourg Saint-Jacques wie sie es nennen.«

»Und was wolltest Du dort machen?«

»Ich wollte dem Bruder meiner Amme einen Brief von unserem Pfarrer bringen.«

»Damit der Bruder Deiner Amme Dich bei sich aufnehme, ohne Zweifel?«

»Ja, mein Herr.«

»Wie kommt es nun, mein Kind, daß Du Dich hier befindest?«

»Weil die Diligence zu spät angekommen ist, wie man gesagt hat. – so daß Jedermann in der Vorstadt über Nacht blieb. Da sah ich die Barrière, ich dachte es müssen Felder in der Nähe sein, suchte und fand dieses.«

»Somit warst Du hier in Erwartung des Morgens, um Dich zu der Person zu begeben, der Du empfohlen bist?«

»Ist Will Herr, so ist es: ich wollte den Tag erwartend wachen, doch ich bin zwei Nächte in kein Bett gekommen: ich war müde, streckte mich unwillkürlich auf der Erde aus, und sobald ich lag, entschlief ich.«

»Du hast keine Angst, daß Du so in freier Luft liegst?«

»Wovor soll ich Angst haben? fragte das Mädchen mit dem stolzen Vertrauen der Blinden und der Kinder, die, da sie nichts sehen, nichts zu fürchten vermöchten.

»Aber,« versetzte Herr Müller, erstaunt über den offenen Verstand, mit dem alle diese Antworten gegeben wurden, »fürchtest Du nicht wenigstens die Feuchtigkeit, die Kälte?«

»Oh!« erwiderte sie, »schlafen die Bügel und die Blumen nicht in den Feldern?«

So viel naive Vernunft in einem Kinde von diesem Alter, so viel Anmuth, so viel Elend bewegten tief das Herz der zwei Freunde.

Es war die Vorsehung selbst, welche dieses Kind hierher gebracht, um Justin dadurch zu trösten, daß sie ihm zeigte, es gebe unter dem gestirnten Himmelsgewölbe Geschöpfe, welche noch mehr enterbt als er.

Sie brauchten nicht mit einander zu berathen, um über den Entschluß, der zu fassen wäre, überein zu kommen; Beide boten gleichzeitig der Kleinen an, sie mitzunehmen.

Doch sie schlug es aus.

»Ich danke! meine guten Herren,« sagte sie, »nicht für Sie habe ich einen Brief.«

»Gleichviel,« versetzte Justin,»komm immerhin bis morgen, und morgen wirst Du, wenn Du willst, zum Bruder Deiner Amme gehen.«

Und der junge Mann bot zu gleicher Zelt die Hand der Waise, um ihr über den Graben springen zu helfen.

Doch sie weigerte sich aufs Neue und sagte. indem sie nach dem Monde, dieser Uhr der Armen schaute:

»Es ist ungefähr Mitternacht, der Tag wird in drei Stunden kommen; es ist nicht der Mühe werth, daß ich Sie belästige.«

»Ich versichere Dich, daß Du uns nicht belästigst.« versetzte Justin, der immer die Hand gegen sie ausgestreckt hielt.

»Und dann, fügte der Professor bei, »wenn eine Abtheilung Gendarmen vorbeikäme, würdest Du verhaftet.«

»Warum sollte man mich verhaften?« entgegnete das Mädchen mit der Logik der Kindheit, welche oft die geschicktesten Advokaten in Verlegenheit setzt. »Ich habe Niemand etwas Böses gethan.«

»Man würde Dich verhaften, mein Kind,« sagte Justin, »weil man Dich für eines von den schlimmen Kindern halten könnte, die man Vagabunden nennt und bei Nacht verhaftet . . . Komm also!«

Justin hatte aber nicht nötig: »Komm also!« zu sagen. Sobald sie das Wort Vagabund hörte, sprang die Kleine über den Graben, Faltete die Hände und sprach mit flehender Stimme:

»Oh! nehmen Sie mich mit, meine guten Herren! nehmen Sie mich mit!«

»Gewiß, mein schönes Kind, nehmen wir Dich mit,« erwiderte der Professor; »gewiß nehmen wir Dich mit.«

»Wohl! wohl!« rief Justin. »So komm geschwinde; ich will Dich zu meiner Mutter und zu meiner Schwester führen; sie sind Beide sehr gut; sie werden Dir Abendbrod geben und Dich dann in ein warmes Bett legen. Du hast vielleicht lange nicht gegessen??

»Ich habe seit heute Morgen nicht gegessen.«

»Ach! die arme Kleine!« rief mit eben so viel Entsetzen als Liebfreundlichkeit der Professor, dessen vier Mahle täglich mathematisch geregelt waren.

Die Kleine täuschte sich im Sinne des zugleich egoistischen und mitleidigen Ausrufs des guten Müller; sie glaubte, man klage den Pfarrer; der sie in die Diligence gebracht, an, daß er es ihr an Proviant habe fehlen lassen; sie beeilte sich daher, ihn zu rechtfertigen, und sagte:

»Oh! das ist meine Schuld; ich hatte Brod und Kirschen, doch das Herz war mir so schwer, daß ich nicht essen konnte. Und sehen Sie,« fügte sie bei, indem sie ein in ihrer Nähe im Getreide verborgenes Körbchen, in welchem sich wirklich ein wenig verwelkte Kirschen und ein wenig ausgetrocknetes Brod fanden, an sich zog, »hier ist der Beweis.«

»Du mußt zu müde sein, um gehen zu können,« sprach Justin zu dem Kinde. »ich will Dich tragen.«

»Oh! nein,« erwiderte muthig die Kleine, »ich würde noch eine Meile zu Fuße machen«

Die zwei Freunde wollten es nicht glauben, und trotz der wiederholten Weigerungen des Kindes streckten sie ihre Arme kreuzweise gelegt aus, verketteten sich durch die Hände, und nachdem die Kleine jeden ihrer Arme um den Hals von einem der Freunde geschlungen hatte, hoben sie sie bis zur Höhe ihres Gürtels auf und schickten sich an, sie auf diesem Palankin von Menschenfleisch wegzutragen, den die Kinder mit dem ausdrucksvollen Namen Kette des guten Gottes bezeichnen.

Doch in dem Augenblick, wo sie sich auf den Weg begeben wollten, hielt sie die Kleine zurück.

»Mein Gott,« sagte sie. »ich habe also den Kopf verloren?«

»Was gibt es, mein Kind?« fragte mit Theilnahme Justin.

»Ich habe den Brief unseres Pfarrers vergessen.«

»Wo ist er?«

»In meinem Päckchen.«

»Und wo ist Dein Päckchen?«

»Dort, im Getreide, beidem Platze, wo ich mit meinem Kornblumenkranze lag.«

Und sie entschlüpfte ihren Armen, sprang über den Graben, ergriff ihr in eine Serviette gewickeltes Päckchen und ihren Blumenkranz, setzte mit einer außerordentlichen Behendigkeit abermals über den Graben, und nahm wieder ihren Platz auf den Händen der zwei Freunde, die sich alsbald nach der Barrière wandten, welche man auf zwei bis dreihundert Schritte erblickte.




XVIII

Ο άγγελος


Die Art, wie die kleine Waise ihr Päckchen hielt beengte im Athmen den alten Professor, an dessen Brust sie es drückte.«

Er hieß sie das Päckchen an das Knopfloch seines Ueberrocks hängen.

Es blieben noch das Kirschenkörbchen und der Kornblumenkranz, den die Arme geflochten hatte in Erwartung des Tags, welchen zu erwarten der Schlaf ihr jedoch nicht die Zeit gegeben.

Sie behielt ihn ohne Zweifel instinktartig als das blühende Andenken an ihre erste Stunde der Einsamkeit in dieser Welt.

Justin verstand es wenigstens so; denn in dem Augenblick, wo die Kleine, wahrnehmend, daß die Blumen ihres Kranzes die Wange des jungen Mannes streiften, eine Bewegung machte, um ihn wegzuwerfen, wobei sie immer ihre Gefährten anschaute, als wollte sie dieselben um Rath fragen, – nahm Justin, dessen Hände beschäftigt waren, den Kranz zwischen seine Zähne, setzte ihn dem hübschen Mädchen auf den Kopf und ging weiter.

Sie war reizend so, die arme Kleine! die schwarzen Kleider der zwei Freunde hoben bewunderungswürdig die Weiße ihres Röckchens und die himmlische Reinheit ihres Gesichtes hervor; ihre Stirne besondere schien, vom Monde beleuchtet, zu strahlen wie die eines himmlischen Geschöpfes.

Man hätte glauben sollen, es sei die junge Schwester einer Druidin, welche im Triumphe nach dem heiligen Walde getragen werde.

Einen Augenblick unterbrochen. nahm das Gespräch wieder seinen Gang. Justin konnte nicht müde werden, den harmonischen Stimmton des Kindes zu hören.

Er fing also wieder an zu fragen.

»Und was ist das Gewerbe des Bruders Deiner Amme?« fragte er.

»Er ist Wagner«.

»Wagner?« wiederholte Justin mit der Miene eines Menschen, der ein Unglück vorhersieht.

»Ja, mein Herr««

»Im Faubourg Saint-Jacques?«

»Ja, mein Herr.«

»Ich kannte aber nur einen Wagner in No. 111.«

»Ich glaube dieser ist es.«

Justin vollendete nicht; ungefähr ein Jahr vorher war die Wagnerwerkstätte plötzlich geschlossen und sodann, von einem Schlosser bewohnt, wieder geöffnet worden. Justin wollte nichts sagen, was das Mädchen beunruhigen konnte, ehe er selbst sicher wäre, daß seine Besorgnis begründet.

»Ah! ja, ja,« sprach das Mädchen, »ich sage sogar nicht einmal mehr, ich glaube, daß dieser es ist: ich weiß es gewiß.«

»Wie, Du weißt es gewiß mein Kind?«

»Ja . . . ich habe mehrere Male die Adresse gelesen, man hatte mich ermahnt, sie auswendig zu lernen für den Fall, daß ich den Brief verlieren würde.«

Und Du erinnerst Dich des Namens, der auf der Adresse stand?«

»Gewiß . . . Es war: ›An Herrn Durier . . . ‹

Die zwei Freunde schauten sich an, doch ohne zu antworten.

Da es sich einbildete, ihr Stillschweigen rühre von dem geringen Vertrauen her, das e seinen Worten schenkten, so fügte das Kind mit einer Bewegung des Stolzes bei:

»Oh! ich kann schon lange lesen.«

»Ich bezweifle es nicht,« erwiderte ernst der alte Professor.

»Und was gedachtest Du bei dem Bruder Deiner Amme zu thun?«

»Ich gedachte zu arbeiten.«

»Was?«

»Was man will . . . ich kann vielerlei.«

»Unter Anderem?«

»Ich kann nähen, bügeln, Hauben ausputzen, sticken Spitzen machen.«

Je mehr die zwei Freunde die Kleine zum Sprechen veranlaßten, desto mehr neue Eigenschaften entdeckten sie an ihr, und desto mehr Zuneigung faßten sie für sie.

Sie wußten bald ihre ganze kleine Geschichte; sie war in ein gewisses Geheimnis gehüllt.

In einer Nacht hielt ein Wagen beider Bouille an; das war im Jahre 1812; es stieg ein Mann aus der in seinen Armen eine Last trug, deren Form sich unmöglich unterscheiden ließ.

Vor der Thüre eines einsamen, am Ende des Dorfes liegenden Häuschens angelangt, zog er einen Schlüssel aus seiner Tasche, öffnete die Thüre, ging in der Finsternis hinein, und legte die Last auf das Bett, eine Börse und einen Brief auf den Tisch.

Dann schloß er die Thüre wieder, stieg in seinen Wagen und fuhr weiter.

Eine Stunde nachher blieb eine gute Frau, welche vom Markte von Rouen kam, vor demselben Hause stehen, zog ebenfalls einen Schlüssel aus der Tasche, öffnete die Thüre und hörte zu ihrem großen Erstaunen. als sie die Thüre kaum geöffnet, das Schreien eines Kindes.

Sie zündete eiligst die Lampe an und sah etwas Weißes, das sich beständig schreiend auf ihrem Bette zerarbeitete.

Dieses weiße Etwas, das auf ihrem Bette schrie und sich zerarbeitete, war ein einjähriges kleines, Mädchen.

Da schaute die gute Frau, immer mehr erstaunt umher und erblickte auf dem Tische den Brief und die Börse.

Sie öffnete den Brief und las mit großer Mühe – denn sie las nicht sehr geläufig, – folgende Zeilen.

»Frau Boivin, man weiß, daß Ihr ein gutes und redliches Weib seid. und dies bestimmt einen Vater, der Frankreich zu verlassen im Begriffe ist, Euch sein Kind anzuvertrauen.

»Ihr findet zwölfhundert Franken in der auf Eurem Tische liegenden Böse; das ist das Kostgeld für das erste Jahr, welches Euch vorausbezahlt wird.

»Vom 28. October des nächsten Jahres, dem Jahrestage von heute, erhaltet Ihr durch die Vermittlung des Pfarrers der Bouille hundert Franken monatlich.

»Gebt dem Kinde die beste Erziehung, die Ihr ihm geben könnt, und besonders die einer guten Hausfrau. Gott weiß, welche Prüfungen er ihr vorbehält.

»Ihr Taufname ist Mina; sie soll keinen andern führen, bis ich ihr den gegeben hab, welcher ihr gehört.



    »28. October 1812.«

Frau Boivin las den Brief dreimal, um ihn recht zu verstehen; als sie ihn ganz begriffen hatte, schob sie ihn in die Tasche, nahm das Kind in ihre Arme, die Börse in ihre Hand, und lief zum Pfarrer, um ihn über das, was sie thun sollte, um Rath zu fragen.

Die Antwort des Pfarrers war nicht zweifelhaft: er gab der Mutter Boivin den Rath, das Kind, das ihr Gott vertraute, anzunehmen und mit der größtmöglichen Sorgfalt aufzuziehen.

Die Mutter Boivin ging also wieder mit der Börse, dem Kinde und dem Briefe nach Hause.

Das Kind wurde in die Wiege des zwei Jahre vorher gestorbenen Sohnes der Mutter Boivin gelegt; der Brief wurde in ein Portefeuille eingeschlossen, in welchem die brave Frau die Dienstetats ihres Mannes aufbewahrte, der, Sergent bei der alten Garbe, in diesem Augenblick den Rückzug aus Rußland zu machen beschäftigt war; die zwölfhundert Franken aber wurden in ein Versteck gelegt, dem die Mutter Boivin ihre Ersparnisse anvertraute.

Man hatte nichts mehr vom Sergenten Boivin gehört.

War er todt? war er Gefangener? Nie hatte die wackere Frau Nachricht von ihrem Manne erhalten.

Sieben Jahre lang war das Kostgeld des Kindes pünktlich bezahlt worden; seit drittehalb Jahren aber waren die Anweisungen zu ihrer Verfallzeit ganz ausgeblieben, was die gute Frau nicht abhielt, dieselbe Sorge für Mina zu tragen, die sie als ihre eigene Tochter betrachtete.

Vor acht Tagen war sie gestorben, sie hatte dem Pfarrer die Sorge für das Kind hinterlassen, es sollte zu einem Bruder, einem Wagner in Paris, geschickt werden, den sie lange nicht mehr gesehen, dessen Redlichkeit sie aber versicherte.

Dieser Bruder hieß Durier und wohnte im Erdgeschoße des Hauses Nr. 111. Faubourg Saint-Jacques in Paris.

Das war es, was das Mädchen erzählt hatte, und was die Freunde wußten, als sie in die Stube von Justin kamen.

Kehrte Justin spät nach Hause zurück, so fand er seine Schwester immer wachend und ihn erwartend.

Diesmal, wie immer, erwartete Céleste so hieß sie, ihren Bruder.

Sie öffnete die Thüre beim Geräusche der Tritte und hörte sich rufen.«

Sogleich ging sie hinab, und das Erste was sie sah, war die kleine Mina, die ihr Bruder ihr vorstellte.

Erstaunt über die Schönheit der Kleinen, küßte sie diese, ohne nur zu fragen. woher sie komme.

Dann hob sie das Mädchen von der Erde auf, nahm es in ihre Arme und trug es in aller Eile in das Zimmer ihrer Mutter.

»Die Mutter konnte das Kind nicht sehen; doch sie hatte, wie alle Blinde, Augen an den Fingerspitzen; sie berührte die Waise und überzeugte sich, daß sie schön war.

Man erzählte der Mutter die ganze Geschichte; Céleste hatte große Lust, diese Geschichte zu hören, doch man zeigte ihr das Kind, das vor Schlaf umfiel; Céleste mußte ihm also so rasch als möglich ein Bett in ihrem Zimmer aufschlagen.

Das war etwas Leichtes.

Man ging ins Erdgeschoß hinab, nahm dort die große Tafel, welche zu arithmetischen Erläuterungen diente, setzte sie auf vier Schemel, breitete eine Matratze aus, und Madame Corby nahm die Stirne des Kindes und legte ihre Hände darauf als einen dreifachen Segen der Mutter, der Blinden und der Hauswirthin, ein Segen, der der Kleinen Glück bringen sollte.

Diese legte sich zu Bette und versank, als sie sich kaum ausgestreckt hatte, in einen tiefen Schlaf.

Am andem Morgen, ehe seine Kinder in ihre Classe kamen, begab sich Justin zu einem der Nachbarn des ehemaligen Wagners, einem ihm bekannten wackern Köhler Namens Toussaint und fragte ihn, ob er ihm Auskunft über den Wagner geben könnte, der im Erdgeschoße des Hauses 111 vor dem Schlosser gewohnt habe, der jetzt dort wohne.

Justin traf es sehr gut.

Toussaint und Durier waren Freunde.

Durier hatte an der bekannten Verschwörung Nantès und Bérard Theil genommen, weiche die Einnahme des Fort von Vincennes bezweckte und so ein in ganz Frankreich durch das oberste Comité angezetteltes Complott zum Ausbruch bringen sollte, eine Verschwörung, welche durch die Entdeckungen von Bérard gescheitert war.

Er war in diese Sache durch einen Corsen Namens Sarranti hineingezogen worden, der ein großes Gewicht darauf legte, Durier zum Genossen zu haben, wegen der, zahlreichen Arbeiter, über die er verfügte.

Mitten in der Nacht nun, vor dem Tage, wo das Complott zum Ausbruche kommen sollte, hatte Toussaint heftig an die Thüre von Durier klopfen hören; er war an sein Fenster getreten und hatte den Fremden erkannt, der seit einiger Zeit die Werkstätten des Wagners besuchte.

Einen Augenblick nachher hatte er Beide weggehen und sich in aller Hast nach der Barrière wenden sehen.

Von diesem Tage an waren Durier und Sarranti nicht wieder erschienen.

Das war nicht die einzige Anklage, welche, nicht auf Durier, sondern auf dem Corsen gelastet hatte: Toussaint hatte durch Polizeiagenten, welche die Haussuchung bei Durier vorgenommen, erfahren, Sarranti sei überdies bezichtigt gewesen, er habe bei einem seiner Freunde eine beträchtliche Summe, etwa fünfzig bis siebzigtausend Franken, gestohlen.

Ohne Zweifel mittelst des Geldes, über das sie verfügen konnten, hatten sie rasch genug Havre erreicht, um sich Beide auf einem im Abgange begriffenen Indienfahrer einzuschiffen.

Seit jener Zeit hatte man weder den dem Einen, noch von dem Andern mehr etwas gehört.

Vielleicht, fügte Toussaint bei, könnte man Nachrichten über sie durch einen Sohn nun Sarranti erhalten, der Zögling in Saint-Sulpice-Seminar war. Doch begreiflicher Weise werde der Sohn mit aller Zurückhaltung auf Fragen antworten, die von einem Fremden an ihn gemacht werden, da ihn die schwere Anklage, welche auf seinem Vater laste, in Angst erhalten müsse.

Justin versuchte es, seine Nachforschungen weiter zu treiben, Toussaint wußte aber nicht mehr.

Der junge Mann kehrte nach Hause zurück, ohne es für geeignet zu erachten, einen Schritt bei Herrn Sarranti Sohn zu thun.

Auch war es ihm eben so lieb, daß der Wagner verschwunden und, da er verschwunden, nicht wieder erschien.

Er kehrte also, wie gesagt. nach Hause zurück und theilte, zum ersten Male Heuchler, seiner Mutter die schlimme Kunde mit.

»Deine schlimme Kunde ist im Gegentheil eine gute Kunde,« erwiderte Madame Corby, der ihr Sohn, das Evangelium lesend.« den Sinn des Wortes ό άγγελος – eine gute Kunde, weil es ein Engel Gottes ist, der sie uns schickt, – gelehrt hatte.

Und es war für alle Drei eine ungeheure Freude, die Hoffnung, das reizende Wesen im Hause zu behalten.

Sie schienen in der That zu der Periode des gemeinschaftlichen Lebens gekommen zu sein, wo man fühlt, groß, beständig sich von ihrer eigenen Substanz nährend, die innige Vertraulichkeit in Ermangelung von neuen Nahrungsmitteln abnimmt.

Sie fühlten, ihnen unbewußt, die gebieterische Nothwendigkeit sich alle Drei selbst zu erneuern.

Sie waren lange genug unter der Sindfluth in die heilige Arche eingeschlossen geblieben; die Taube kam und brachte den Oelzweig.

Man erfaßte also mit Entzücken den Gedanken das Kind bei sich zu behalten.

Und so willigte diese arme Familie, welche kaum das Nothwendige hatte, ein, sich für das Glück, dieses Kind zu besitzen, noch ärmer zu machen.

Ihrer Ansicht nach hieß mit diesem kleinen Wesen das Personal der Familie vermehren sich, indem man sich selbst ärmer machen würde, bereichern.




XIX

Vogel im Käfig


Nachdem dieser Entschluß gefaßt war, schrieb Justin an den Pfarrer der für das Kind seit dem Tode der Amme Sorge getragen, einen ausführlichen Bericht über sein Zusammentreffen mit demselben und über die Schritte, welche gethan worden.

Er sagte ihm, es müssen fortan alle Nachrichten über die kleine Mina von ihm und seiner Mutter verlangt werden, da sie bei ihm wohnen werde.

Sodann, da der Pfarrer das einzige Wesen auf Erden war, das sich, nachdem Frau Boivin gestorben, für das Kind interessierte oder zu interessieren schien, bat man ihn, er möge seine Einwilligung zur Adoption der Waise geben.

Die Antwort ließ nicht auf sich warten; der Priester dankte im Namen Gottes, des großen und leider! fast einzigen Belohners der menschlichen Tugenden der guten Familie für ihre fromme Handlung.

Sollte ihm eine Nachricht von dem unbekannten Protector der kleinen Mina zukommen, so werde er diese Nachricht auf der Stelle dem Schulmeister mittheilten.

Nachdem dieser Punkt geordnet und das Gewissen derjenigen; welche das Kind bei sich aufgenommen, beruhigt war, befragte man sich über die Lebensweise, die man für die Kleine wählen sollte.

»Ich übernehme ihre Erziehung.« sagte Justin.

»Ich, ihre Religion, sagte die Mutter.

»Ich, ihre Aussteuer,« sagte die Schwester.

Dann regelte man die Zeit ihres Aufstehens, ihrer Mahle, ihrer Arbeiten, nach einer Unterredung von einer Stunde zwischen dem Bruder, der Schwester und der Mutter war sie unauflöslich an das Innere der Familie gebunden.

Dergestalt, daß wenn man sie in diesem Augenblick zurückgefordert hätte, dies ein tiefer Kummer für alle diese vortreffliche Herzen gewesen wäre.

Mittlerweile schlief die Kleine ohne zu wissen, daß über die Zukunft ihres Lebend entschieden worden war, und daß sie unabänderlich in diesem demüthigen, aber sympathetischen Hause fixiert sein sollte.

Plötzlich machte ein Schluchzen, das aus dem Zimmer kam, wo sie lag, die drei wie im Familienrath versammelten Personen beben.

Die Mutter, die in ihrem Lehnstuhle saß, stand auf; Justin lief bis an die Thüre des Schlafzimmers; Céleste trat aber allein ein.

Das Kind war so vernünftig, daß man es beinahe als eine junge Person betrachten mußte, und ein Gefühl der Schamhaftigkeit hatte Justin auf der Schwelle zurückgehalten.

Was die Kleine schluchzen machte, mein Gott! es war nichts als ein Traum; Mina hatte einen entsetzlichen Traum gemacht; sie hatte sich von Gendarmen als Landstreicherin verhaftet geglaubt, und in ihrem Traume weinte sie bis zum Schluchzen: dieses Schluchzen machte ihrem Schlafe ein Ende.

Unglücklicher Weise konnte sie, als sie die Augen öffnete, glauben der Traum wäre fort; die düstere Tapete dieser Stube beklemmte ihr das Herz: wo war sie, wenn nicht im Gefängniß?

Welch ein Unterschied zwischen diesem Zimmer und dem Stübchen, das sie bei der Mutter Boivin bewohnte! Die Wände des Stübchens hatten allerdings keine Tapeten; doch sie waren glänzend weiße das Fenster hatte nicht den gelben Vorhang, der das von Mademoiselle Céleste schmückte; doch es ging auf einen schönen Garten voller Blumen im Frühling, voller Früchte im Herbste und voll Sonne im Sommer.

War das Wetter ein wenig warm, so schlief die kleine Mina bei offenem Fenster. und da sie jeden Abend besorgt war, Korn auf dem Boden ihres Zimmers auszustreuen, so wurde sie beim Frühroth durch den Gesang der Vögel aufgeweckt, welche in dem Baume zwitscherten, dessen Aeste neugierig in ihr Zimmer schauten, welche auf dem Rande ihres Fensters flatterten und endlich an den zwei Füßen ihres Bettes marodierten.

Oh! dieses Leben, diese Lust, diese Blumen, diese Sonne, diese Vögel hatten sie weiß und rosenfarbig gemacht wie eine Pfirsich, die liebe Kleine!

Und dann diese Stube so weiß als die Wände der Pfarrkirche, das war, in Ermangelung eines andern Vergleichungspunktes, die schönste Stube, die sich die Kleine vorstellen konnte: sie erinnerte sie an die Orgel,an den Weihrauch, an die Jungfrau und alle die Feereien der Kirche, welche mächtig auf die junge Einbildungskraft wirken.

So wach sie war, blieb Mina doch einen Augenblick im tiefsten Zweifel.

Dieser ernste junge Mann, dieser freundliche Greis mit denen sie zusammengetroffen; die Promenade, die sie im Mondscheine, zwischen den Armen der zwei Männer getragen, gemacht hatte, Alles dünkte ihr ein Traum; sie hatte den Gedanken, aus dem Bette zu springen und sich der Wahrheit zu versichern; doch sie wagte es nicht, und während sie ihr Schluchzen unterdrückte, setzte sie sich auf ihr Bett und suchte ihre Ideen zu sammeln.

In dieser Stellung, die ein Bildhauer für eine Stafette des Zweifels gewählt hätte, fand sie die gute Céleste.

Zwei schwere Thränen floßen noch über ihre Wangen.

»Was hast Du, mein liebes Kind?« fragte Céleste, indem sie das Mädchen in ihre Arme schloß. »Du weinst!«

Mina erkannte das bleiche, krankhafte Gesicht vom vorhergehenden Tage; sie erwiderte ihrer neuen Freundin den Kuß, den sie empfangen. und erzählte ihr sodann ihren Traum.

Wonach Celeste selbst das Wort nahm, und nach einigen Minuten war die Kleine vertraut mit den Schritten von Justin: sie wußte, daß der Wagner verschwunden, und daß der Brief des Pfarrers unnütz war.

»Und was nun?« fragte das Kind mit kläglichem Tone, indem es so ängstliche Blicke auf Céleste heftete, daß diese ihrerseits Thränen in ihren Augen fühlte; »und was nun? . . . «

»Du bist nun bei uns und gehörst uns, mein Kind,« sprach Céleste; »Du wirst die Tochter unserer Mutter sein, die Schwester von Justin und mir, und obgleich wir nicht reich sind, werden wir doch Alles thun, um Dich glücklich zu machen.«

»Oh! Schwester Céleste! sagte das Kind, diese ebenfalls küssend; »oh! Bruder Justin!« fügte es bei, indem es seine Händchen gegen den jungen Mann ausstreckte, dessen Kopf im Thürrahmen sichtbar wurde.

Justin konnte nicht länger an sich halten; er stürzte ins Zimmer und küßte die Hände, die das Kind gegen ihn ausstreckte.

In einem Augenblick war Mina von dem Leben, das sie führen sollte, unterrichtet.

Ach! das war nicht das Leben der Luft und der Freiheit, an das sie sich auf dem Lande gewöhnt hatte; ihre kleinen Füße sollten ihren Gang am Morgen durch den Thau und die Blumen vergessen; sie sollte nicht mehr vor ihren Augen den schönen Strom haben, der majestätisch und langsam, nach dem Meere den Handel und die Industrie führend, hinfloß; doch die Arme, sie fühlte es, sie würde statt dessen gute Herzen haben, die sie liebten, sie würde die Zärtlichkeit haben, diese milde Sonne der Seele, welche nicht die Sonne des Leibes, aber doch die einzige ist, deren Wärme die mächtige, fruchtbare Gluth der andem vergessen lassen kann.

Die Stunde, die Classe zu beginnen, war gekommen. Justin ging hinab, um seine Thüre den achtzehn Kindern zu öffnen.

Die Schwester blieb allein bei Mina.

Sie wollte die Kleine ankleiden; doch diese sprang, leicht wie ein Vogel, vom Bette herab und kleidete sich in einem Augenblick an; Mina wollte ihrer Schwester beweisen, sie sei kein so kleines Mädchen, als sie zu sein das Ansehen habe, und sie werde sich so benehmen, daß sie denjenigen, welche sie aufgenommen, so wenig als möglich zur Last werde.

Nachdem ihre Toilette beendigt war, ging die Kleine in das Zimmer der Mutter, um ihr Gebet zu verrichten und zu frühstücken.

So lange es sich um das Gebet handelte, war Alles gute das Kind kannte alle die süßen Gebete des Kindes, Ausflüsse des Glaubens, des Dankes. der Liebe.

Als aber das Frühstück kam, da gab es für Mina eine traurige Enttäuschung.

Fühlte bei der Mutter Boivin Mina den Hunger sich regen, so ging sie hinab; war es Sommer, so pflückte sie Früchte, brach die Hälfte von einem Laibchen ab und aß ihr Brod mit Aprikosen, Pflaumen, Erdbeeren, Kirschen oder Pfirsichen; war es Winter, so ging sie in den Stall und ins Hühnerhaus; im Stalle fand sie laue Milch, die sie selbst vom Euter von Marienne molk; im Hühnerhause fand sie noch warme Eier, welche sie unter dem Bauche der Hühner nahm.«

Mina hatte also keine Idee. daß man etwas Anderes beim Frühstück essen könne, als Früchte, Milch oder Eier.

In Paris war nicht hiervon die Rede.

Die ganze Familie frühstückte am Morgen die abscheuliche Flüssigkeit, die man Kaffee mit Milch zu nennen übereingekommen ist; warum? wir wissen es nicht, da in das gräßliche Getränk, welches wir der Analyse der Gelehrten unterworfen, viel mehr Wasser kommt, als Milch, viel weniger Kaffee, als Cichorie.

Nicht, als wüßte man das nicht; nein, Jedermann weiß es; bietet ächten Kaffee den achtmal hunderttausend Consumenten von Paris an: sie werden ihn ausschlagen, sie werden Euch sagen, der Kaffee sei erhitzend und die Cichorie erfrischend.

Gut; doch sagt ganz einfach: »Ich frühstücke Cichorie mit Milch;« man muß den Muth seiner Nahrungsmittel besitzen.

Nein, nein. man will durchaus das Ansehe haben, als tränke man Kaffee, weil der Kaffee nicht in Montmartire wächst, während man Cichorie an jedem Orte, außer Martinique, Bourbon und Mekka, haben kann.

Die Linde blühe nur in Pekin, der Thee wachse nur in Paris, die Chinesen werden Thee von Paris, und die Engländer, die Franzosen, die Russen Lindenblüthe von Pekin kommen lassen.

Das ist wenigstens unsere Meinung; man sieht, daß wir den Muth von dieser wie von andern haben.

Die ganze Familie hatte also die melancholische Gewohnheit, einen Napf den diesem erfrischenden Getränke zu sich zu nehmen; und wenn einer unserer Leser, den es drängt, zur Entwickelung zu kommen, kraft des Grundsatzes von Horaz: Ad eventum festina, die Zeilen, die wir geschrieben, für einen wunderlichen Einfall oder für eine Abschweifung hält, so wallen wir ihn schleunigst beruhigen, indem wir ihm sagen, daß es eine zu den Arten der Kleinen gehörige Rechtfertigungsurkunde ist, damit man ihr nicht als Verbrechen den tiefen Ekel an anrechne, den sie gegen den Kaffee mit Milch von Mama Corby, Bruder Justin und Schwester Céleste an den Tag legen wird.

Kaum hatte sie einen Löffel voll von dieser Flüssigkeit in den Mund genommen da wurde es der armen Kleinen übel und sie warf das Ganze wieder auf den Boden.

Die drei Tischgenossen glaubten, sie habe sich gebrannt.

Das war es nicht.

Sie fand das Ding gräulich, untrinkbar.

Man mochte ihr immerhin sagen, und wieder sagen und schwören, es sei Milch, sie glaubte es nicht.

Nicht, als hätte sie einen schlimmen Charakter gehabt, nicht, als wäre sie im Geringsten halsstarrig gewesen: gewohnt, selbst die gute schwarz und weiße Kuh zu melken, glaubte die arme Kleine ganz einfach aus guter Quelle den wahren Geschmack der Milch zu kennen.

»Dann,« sprach das anmuthige Kind mit viel Ehrfurcht gegen die dreifache Behauptung seiner Wirthe, »dann gibt es Pariser Milch und Milch von der Bouille.«

Das war eine so unbestreitbare Wahrheit, daß keiner von den Opponenten sie zu bestreiten versuchte.

Bemerken wir sogleich: als Mina am andern Tage sah, daß man eine besondere Suppe für sie gemacht hatte, überwand sie den Abscheu, den ihr das unbekannte Getränk, das man ihr am Tage vorher geboten, eingeflößt hatte, und verschluckte es mit einem Heldenmuth, durch den sie unsere ganze Bewunderung verdient.

Das Frühstück war nicht das Ewige, was sie in dem traurigen Hause in Erstaunen setzte. Wie man ihr am Abend ihrer Ankunft ein Nachttuch um den Kopf gebunden hatte, bis eine Haube für sie gemacht wäre, für sie, welche gewohnt, mit bloßem Kopfe und bei offenem Fenster zu schlafen, ebenso breitete sich in vielen andern Dingen die Traurigkeit dieses Hauswesens wie ein dichter Schleier um sie aus.

Alles setzte sie in Verwunderung: die graue Tapete des Zimmers der Schwester, die braunen Vorhänge des Zimmers der Mutter, das ernste Gesicht des jungen Schulmeisters, seine Stimme, seine schwarze Kleidung, seine alten gelben Bücher; Alles erschien ihr düster, bis auf das Violoncell, das sie in Thränen zerfließen machte, als sie es zum ersten Male am Abend um zehn Uhr, in einem Halbschlafe spielen hörte.

Bei ihrer trefflichen Organisation betrübte sie sich indessen nicht sehr tief über Alles das, weil sie sich mit einem Anscheine von gesundem Verstande einbildete, da sie nur das Landleben kenne, so sei es möglich. daß in der Stadt Jedermann auf diese strenge Weise lebe.

Sie machte sich also selbst Vernunft und beschloß in ihrem inneren Forum, sich dem halbklösterlichen Leben zu unterwerfen.

Doch, ein armes Kind der Wiesen und der Felder, zwischen vier feuchten Wänden eingeschlossen, nahm sie sich mehr vor, als sie halten konnte; sie hatte weder das Temperament, noch das Alter, um sich in diese traurige Regel zu fügen; ihre Augen waren zu lebhaft, ihr Blut war zu jung und zu warm, ihre frische Stimme zu klar als daß sie plötzlich ihrer, wie die einer Lerche morgendlichen, munteren Stimme zu schweigen, ihrem Blute, dem glühenden Safte der Jugend, sich zu besänftigen, ihren Augen, sanften Sternen des Herzens, zu erlöschen oder nur halb zu glänzen gebieten konnte. Es entschlüpfte ihr unwillkürlich treuherziges Gelächter schallend wie Liedersang, und sie strengte sich vergebens an, diese Schätze kindlicher Heiterkeit, die sie in sich trug, zurückzudrängen.

Als sie eines Tags, während sie das Gras, das in dem feuchten, düsteren Hofe wuchs, ausraufte, das Ritornell eines Liedes ihrer Heimath sang, erschien Schwester Céleste am Fenster; da entfiel das Messer. mit dem die arme Mina das Gras ausraufte, ihren Händen; sie wurde bleich und fing an an allen Gliedern zu zittern.

Sich in diesem Grade vergessen zu haben schien ihr eine ungeheure Profanation, wie laut in einer Kirche gesprochen haben.

Ein andermal, als sie allein in der Stube des Schulmeisters, welche zugleich wie man sich erinnert, die Classe war, seine alten Bücher aufräumte, die eine unbekannte Sprache, für welche sie viel Ehrfurcht hegte, sprachen, erblickte sie in einer Ecke das Violoncell, das Justin wieder in seinen Kasten zu legen nicht Zeit gehabt hatte.

Seit langer Zeit wartete sie auf die Gelegenheit, mit diesem Instrumente allein zu sein.

Dies fand sich nun so, und sie war getheilt zwischen zwei sehr entgegengesetzten Gefühlen.

Einerseits hatte der Eindruck, den sie das erste Mal empfunden, als sie seine schwermüthigen Töne gehört, eine Art von Groll in ihr erregt, den entschlossen kundzugeben ihr nicht unangenehm gewesen wäre.

Andererseits, lebhaft gestachelt durch eine Neugierde der ähnlich, durch welche angetrieben die Kinder das in einer Uhr eingeschlossene Thier zu sehen verlangen, hatte sie ein heftiges Gelüste, zu erfahren, was in dem Instrumente vorging, wenn man den Bogen auf den Saiten umherspazieren ließ.

Sie wäre sehr verlegen gewesen, hätte sie sagen sollen, welches von diesen beiden Gefühlen, die Neugierde oder die Rache, das überwiegende war.

Wir, die wir fünfmal ihr Alter haben tragen kein Bedenken, zu glauben, daß es die Neugierde war, und wir zweifeln um so weniger hieran,, als das Resultat da ist. um uns Recht zu geben.

Sie nahm mit den Fingerspitzen den auf einem Stuhle liegenden Bogen, näherte sich mit leisen Tritten dem Violoncell, fing an auf der silbernen Saite zu sägen, und machte, daß sie eine Art von sonorem Schnarren von sich gab, als der Schulmeister, der ein Papier auf dem Tische vergessen hatte, die Thüre wieder öffnete und plötzlich auf der Schwelle des Zimmers erschien.

Nie, freundliche Leserin! nie, lieber Leser! seitdem die erste Sünderin vom Schutzengel des Paradieses auf frischer That des Diebstahls ertappt worden ist, nie bedeckten sich unter blonden Haaren so rosige Wangen mit einem schärferen Roth!

Das Herz der armen Kleinen klopfte wie das eines verwundeten Vogels.

Um sie zu beruhigen, mußte Justin lächelnd ihre Hand nehmen und sie beinahe mit Gewalt mit dem Bogen über die Saiten streichen lassen.

Doch die Gemüthsbewegung, die sie ergriff, war so stark daß sich bei ihr in tiefen Haß die einfache Antipathie verwandelte, die sie gegen das arme Instrument hegte.

Wir nannten Sie so eben freundliche Leserin, o schöne Augen, die uns die Ehre erweisen, uns zu lesen! Wissen Sie, warum wir Sie so mit unsern süßesten Beiwörtern liebkosen? Weil Sie in der Fraueneigenschaft zu den zartesten Gemüthsbewegungen fähig sind, und wir es dahin bringen wollen daß Sie Ihren Einfluß bei unsern Lesern gebrauchen, welche, zu ungeduldig, finden dürften, wir verfallen in die Idylle.

Lassen Sie uns, dem erschrecklichen Drama, das wir schreiben. diese duftende. blühende Pforte der Jugend öffnen; wir werden frühe genug zu den Leidenschaften des Mannesalters und zu den Verbrechen der reiferen Jahre kommen.

Nicht wahr, freundliche Leserin, Sie erlauben uns Sie noch eine Zeit lang durch die vom Maßlieben und Goldknöpfen gesprenkelten Wiesen beim Geräusche der singenden Vögel und der murmelnden Bäche zu führend?




XX

Der Zauberstab


Weit entfernt, gegen Mina ihre Adoptivfamilie zu mißstimmen, bestärkten diese Züge und ähnliche Justin und seine Schwester nur in der guten Meinung, die, sie vom Herzen der kleinen Waise hatten; statt sie zu tadeln munterten sie Mina auf, dem Impulse ihrer reizenden Natur zu folgen, welche einige Strahlen der Heiterkeit in das Haus warf;. sie hätten ihr gern aus allen ihren Arbeiten ein Vergnügen, aus allen ihren Tagen ein Fest machen mögen: sie wußten wohl, diese reinen Herzen daß die Kindheit ein ewiger Sonntag ist.

Doch die Mutter war blind; die Schwester oft krank; alle Drei in dürftigen Umständen.

Die Verwandten konnten nur ihre Traurigkeit der Kleinen geben: sie war es also, welche durch die Gnade Gottes ihnen ihre Heiterkeit gab.

Sie gewann am Ende im Hause eine so große Herrschaft, daß es mit dem Hause war, wie es mit der Natur beim Ausgange aus dem Winter ist: zuerst kahl und trostlos, schien es zum Leben wiedergeboren zu werden, und allmählich nahm es unter einem unsichtbaren Safte Knospen, Blätter und Blüthen an.

Der Schulmeister war trotz der Bemühungen des alten Professors, – und obgleich er nach dem Ausdrucke von diesem die Welt mit dem Ellenbogen berührt hatte, – der Schulmeister war in diesem Kampfe zwischen seinem Gewissen und seinen Neigungen, zwischen seiner Pflicht und seinen Begierden unterlegen; er war, wie es Herr Müller vorhergesagt, verwelkt mitten im schönen Frühling seiner Jugend; in drei Jahren war er um zehn Jahre älter geworden.

Das war das Gegentheil bei der kleinen Mina: bei ihrer Berührung verjüngte sich die Familie. Es ist in der That das Eigenthümliche der sorglosen Kindheit, daß sie Alles, was in ihre Nähe kommt, wiederbelebt und verjüngt.

Überall, wo ihr weißes Kleid hinstreift, wächst das Gras, blühen die Knospen.

Die kleine Mina war kaum zwei Jahre in der Familie des Schulmeisters, und schon hatte das Haus eine völlige Umwandlung erlitten.

Einmal ging sie auf der Ebene von Mobtrouge spazieren, und auf dieser dürren Ebene war sie im Stande, ein Dutzend Büschel Maßlieben und wilde Veilchen zu entdecken.

Sie entwurzelte sie mit einem Messer, legte sie in ihr Taschentuch, brachte sie nach Hause, und Madame Corby war sehr gerührt, als sie unter ihrer Hand zwei Blumentöpfe fühlte, die sie an die Sonne erinnerten, welche sie nicht mehr sehen konnte.

Ein andermal waren es zwei Zwergrosenstöcke, die ihr ein Gärtner aus der Nachbarschaft geschenkt; sie setzte sie in zwei Gläser und stellte sie auf den Kamin von Justin, während er ausgegangen war. Am Abend fand sie der Schulmeister bei seiner Rückkehr, und es ergriff ihn eine süße Gemüthsbewegung, als er diese Rosen anschaute, die ihn daran erinnerten. daß es um Paris einen Frühling mit blühendem Kleide gab, den er nicht genoß.

Die Schwester Céleste hatte auch ihre Ueberraschung; mehrere Male äußerte sie vor der Waise ihren Wunsch, eine kleine Katze zu besitzen, und wäre es nur, um sie durch das Verwirren ihres Fadens zu zerstreuen, der immer so gut entwirrt war: eines Abends war sie sehr erstaunt, als sie, ihr Kopfkissen aufhebend, ein weißes Kätzchen mit einem blauen Bande um den Hals hervorkommen sah. Es war abermals Mina, welche diese Katze entdeckt und derselben ein Halsband aus ihrem Gürtel gemacht hatte.

Jeden Tag hatte sie einen andern Einfall; das ganze Erfindungsgenie der Kindheit war in diesem blonden Kopfe concentrirt; man hätte glauben sollen, dem Zephyr ähnlich athme sie nur, um den Frühling zu beleben und die Rosen und den Jasmin blühen zu machen.

Man sah auch nur noch durch sie, man unterhielt sich auch nur noch von ihr: Mina hier, Mina da! Wie eine angenehme Note, welche Jedermann gefällt, hörte man ihren Namen von oben bis unten im Hause ertönen.

Hatte man einen Einkauf zu machen so überließ man es ihrem Geschmack; einen Entschluß zu fassen, ihrer Entscheidung; einen Plan auszuführen, ihrem Willen.

Sie war souveraine Gebieterin einen kleinen Staates; sie regierte ihre drei Unterthanen mit ihrem gesunden Verstande, ihrem guten Herzen und ihrer Heiterkeit.

Alle Drei fühlten und anerkannten auch den wohlthätigen Einfluß, den dieses Kind auf sie übte; der Tod von einem der drei Mitglieder der Familie hätte nicht mehr Schmerz den zwei Ueberlebenden bereitet, als der Abgang des Mädchens ihnen allen Dreien verursacht haben würde.

Sie nannten sie den Engel der Heiterkeit.

Und in der That. es war eine Bezauberung aller Stunden.

Eines Tage war sie nach dem Walde von Meudon mit Herrn Müller und Justin gegangen; – es war ein Sonntag. wohlverstanden; – sie erblickte auf ein Dutzend Fuß auf einem Aste ein Finkennest. Ihre Lüsternheit erwachte alsbald, und sie unternahm es, dem alten Professur und Justin zu beweisen, es sei etwas äußerst Leichtes, ihr dieses Nest zu holen, wobei sie bemerkte, sie verstehe es, auf Bäume zu klettern, und wenn keiner von den Männern hinaufsteige, so werde sie selbst steigen. Justin hatte in seiner Jugend diese Kunst geübt, und er hatte sie sicherlich nicht so sehr vergessen, daß er vor einem so geringen Aufsteigen zurückweichen mußte. Eines aber erregte Besorgniß bei ihn: um auf Bäume zu steigen, mußte man den Stamm mit den Armen und den Knieen umfangen, und diese Operation konnte nur zum wahrscheinlichen Schaden des Rockes und der Hose des jungen Mannes geschehen.

Justin kratzte sieh »ein Ohr und schaute nach dem Neste.

Der gute Professor begriff, was Justin beschäftigte; er warf seinen breitkrämpigen Hut auf den Boden, lehnte sich an den Baum an, verband seine Hände und erbot sich seinen Zögling als kurze Leiter zu dienen.

Dieser bat um Verzeihung wegen der großen Freiheit, die er sich nehme, stieg auf seine Schultern, hob den Arm empor, erreichte das Nest, und legte fünf Finken in die Hände von Mina, die sie springend vor Freude empfing.

Es ist in der Kindheit eine so unwiderstehliche Kraft, ein so gebieterischer Wille, eine solche Macht des Befehlens, daß man durchaus gehorchen muß.

Fügen wir bei: es ist das Eigenthümliche der Greise, daß sie duldsamer gegen die Kindheit sind. als die jungen Leute, ohne Zweifel, weil die jungen Leute näher bei diesem Alter sind und die Greise weiter davon entfernt.

Sie wußte übrigens wohl. was sie that, die kleine Halsstarrige, wenn sie die Finken verlangte, und das war nicht das erste Nest nach dem es sie gelüstete; sie hatte, irgendwo, im Keller oder aus dem Speicher, – einen schmutzigen, schwarzen, alten Käfig gefunden, den sie abkratzte, abwischte, glättete; und diesen von ihr wiederhergestellten Käfig wollte sie benützen.

Sie nahm also die Finken mit, ohne Justin zu antworten, der ihr sagte, sie werde nicht wissen, wohin sie dieselben bringen sollte; und fünf Minuten nach ihrer Rückkehr kam sie ganz triumphierend in die Stube des Schulmeisters mit ihrem glänzenden Käfig und ihrer häuslich eingerichteten Finkenfamilie.

Hierbei tauchte in ihr aber eine Idee auf, welche lange ihr kleines Gehirn beschäftigte, ehe sie zu Tage ausging, das war die Idee, für den Käfig von Bruder Justin zu thun, was sie für den Käfig ihrer Finken gethan hatte.

Nur handelte es sich hier nicht darum, zu scheuern zu waschen und zu poliren, man mußte die Tapete, die Fenstervorhänge, die Bettvorhänge wechseln.

Die arme Kleine brauchte hierzu ein Jahr; sie hatte alle Arten von Launen, und da ihr Justin nichts abzuschlagen wußte so waren es bald zehn Sous für ein Band, das sie nicht kaufte, bald zwanzig Sous für ein Spitzenende, das bei der Händlerin blieb; kurz von zehn zu zehn Sous, von zwanzig zu zwanzig Sous häufte sie eine Summe von siebzig Franken an, von denen fünfzehn verwendet wurden, um durch eine perlgraue Tapete mit blauen Rosen die abscheuliche, erdfarbige, fettige, feuchte Tapete, die das Auge betrübte, zu ersetzen, und fünfundfünfzig um Mousselinevorhänge zu kaufen, welche, von ihr und von Schwester Céleste gemacht, die am Ende ihre Mitschuldige geworden, die Stelle der Verhänge von grüner Sarsche einnehmen.

Die Metamorphose des Zimmere bewerkstelligte sich an einem Abend, durch die Gefälligkeit eines Tapetenhändlers, der seinen Sohn in der Classe von Justin hatte und zu diesem Taschenspielerstückchen dadurch beitrug, daß er vier Arbeiter das Papier an die Wand kleben ließ, während Justin die Dandys und die Coquetten der Barrière du Maine springen machte.

Als Justin nach Hause kam, glaubte er, man habe einen Ruhealtar in seinem Zimmer gemacht; er wollte schmähen, zanken, sich beklagen: Mina reichte ihm ihre beiden rosigen Wangen, und Justin konnte nur das Kind an sein Herz drücken.

Und Stufe um Stufe verjüngte und erheiterte sich dieses traurige Haus, wie seine Bewohner sich verjüngt und,aufgeheitert hatten.

Alb Mina zu diesem Grade des Einflusses gelangt war, erklärte sie den alten religiösen Musikbüchern den Krieg, und sie brachte es dahin, daß Sebastian Bach, Palestrina, Haydn in den Schrank zurückkehrten, und daß, um diese erhabenen Ahnherren zu ersetzen, welche die Freunde der Jugend, des Schulmeisters gewesen waren, Justin eines Tages mit Fragmenten der Partitur einer komischen Oper, die er, auf den Quais Scharteken durchstöbernd, gefunden hatte, nach Hause kam

Wer ganz verblüfft war, wer rückwärts zu fallen dachte, das war Herr Müller, als er eines Abends eintrat und Justin die Hauptmotive von Don Gulistan, diesem lustigen Stücke in drei Akten, entziffernd fand.

Mina erklärte aber,– wahrscheinlich um ihren alten Groll gegen das Violoncell zu befriedigen. – Mina erklärte, die heitersten Melodien scheinen ihr traurig auf diesem Instrumente.

Man beurtheile, in welchem Grade sie dem armen Schulmeister den Kopf verdreht hatte, und wie er den Launen dieses Kindes zu gehorchen bereit war: sie machte Justin so viel Neckereien wegen seines Violoncells. – und Sie wissen, ob der arme Mann sein Instrument den schwermüthigen Gefährten seines melancholischen Lebens, liebte! – die tyrannisches Gewalt der kleinen Mina über ihn war so groß, daß sie ihn bestimmte, auf das Violoncell zu verzichten.

Ach! es war ein sehr trauriger Augenblick, der Augenblick, wo der arme Justin sein Violoncell in das hölzerne Gefängniß einschloß, zu dem es aus Lebenszeit verurtheilt war.

Sie werden mir sagen, es seien ihm drei Tage geblieben, um Contrabaß an den Barrièren zu spielen; doch diese Musik, welche für den frommen Schulmeister im höchsten Grade profane Musik war, dünkte ihm entfernt nicht eine hinreichende Entschädigung für das, was er an Haydn, Palestrina und Sebastian Bach verlor.

Uebrigens hatte Mina, ohne ihm etwas zu sagen den besten Grund für ihr Recht, ihm dieses Opfer aufzuerlegen.

Was war für ihn die Musik?

Der Trost bei seinem Gerame.

Was brauchte er, sich zu zerstreuen, da er sich nicht mehr grämte? getröstet zu werden, da er nicht mehr traurig war?

War sie nicht das lebendige Lied?

Ist es endlich richtig, zu sagen, wie wir es gethan, die Mißgeschicke kommen in Schaaren, so ist es auch wahr wenn man sagt, ein Glück komme selten allein.

An einem Herbstabend, beim Wiederbeginnen der Classen, öffnete auch Justin ganz einfach beide Flügel seiner Thüre Fortuna, welche anklopfte.

Die launenhafte Göttin hatte das freundliche Gesicht eines Notars der Rue de la Harpe angenommen.

Sie fragen mich naiv, dessen bin ich sicher: »Es gab also Notare in der Rue de la Harpe?«

Es ab nicht Notare es gab einen Notar.

Diese Notar hieß Meister Jardy.

Er hatte zwei Söhne. deren heißester Wunsch es war, zwei Classen einem Jahre zu machen, oder mit andern Worten, im folgenden Jahre die Classe, welche man die dritte nannte, zu überspringen und von der vierten in die zweite überzugehen.

Justin war den ganzen Tag beschäftigt, und da es die zwei jungen Leute auch waren, so durfte man nicht an Lectionen bei Tag denken.

Auch konnte Justin nicht auf seine Classe verzichten.

Was den jungen Leuten anstand, das waren Lectionen am Abend, drei in der Woche und jede von zwei Stunden.

Unter diesen Bedingungen ging die Sache vortrefflich bei Justin.

Dreimal in der Woche machte er an der Barrière tanzen, und da er wegen des Verbots seiner kleinen Despotin nicht mehr in seinem Zimmer Violoncell spielen konnte, so hatte er eine große Liebe für diese Beschäftigung gefaßt, die ihm noch von Zeit zu Zeit seinen Contrabaß ans Herz zu drücken erlaubte.

Ein Contrabaß ist rein Violoncell; die Musik der Schenke war nicht die Musik von Beethoven; doch wir sind bekanntlich nicht auf dieser Welt, um die duftende Blume aller unserer Wünsche sich erschließen zu sehen.

Justin bot dem Notar seine drei freien Abende an.

Der Notar gab weder den geraden, noch den ungeraden Tagen einen Vorzug; ein Notar der Rue de la Harpe hat weder in der großen Oper, noch bei den Italienern eine Loge.

Die drei Abende von Justin waren die drei Abende von Meister Jardy.

Der würdige Notar bot fünfzig Franken monatlich, und am Ende des Jahres einen Zusatz von fünfzig weiteren Franken, wenn seine zwei Söhne in der zweiten Classe aufgenommen würden.

Justin willigte ein; er machte sich in Bausch und Bogen anheischig, gegen hundert Franken monatlich ein Wunder zu vollbringen.

Es wurde verabredet, daß schon an dem Tage Meister Jardy seine zwei Sühne schicken sollte.

Die Reinlichkeit des Stübchens von Justin hatte den Notar besonders verführt.

Er hatte zweimal wiederholt:

»Was für ein reizendes Stäbchen haben Sie da Herr Pierre Justin Corby!«

In seiner Eigenschaft als Notar erließ Meister Jardy denjenigen, mit welchen er sprach, nicht einen einzigen von ihren Namen.«

»Welch ein reizendes Stäbchen haben Sie da! Ich muß Madame Jardy ein ähnliches einrichten lassen!«

Und wer hatte dieses so freundliche Stäbchen, das sogar den Notar verführte, eingerichtet? Mina, der Engel der Heiterkeit!

Als sich der Notar entfernt hatte, nahm Justin auch, ohne zu bemerken, daß Mina ihrem fünfzehnten Jahre zu ging, diese in seine Arme, küßte sie mit alter Gewalt seiner Lippen und sagte:

»Du bist mein guter Genius, Kind! seit Deinem Eintritte hier hat das Glück sein Nest im Hause gemacht.«

Und er hatte Recht, wenn er das sagte, der wackere junge Mann; es war eine wahre Fee, ein wahrer Genius, dieses Mädchen mit seinem Zauberstabe.

»Mit seinem Zauberstabe?« wird man sagen; »Sie haben noch nicht hiervon gesprochen!«

Im Gegentheil, liebe Lesers im Gegentheil, freundliche Leserinnen! wir haben nur hiervon gesprochen.

Dieser Zauberstab, das war die Jugend.




XXI

Ein Sommernachtstraum


Es war eine Nacht so frisch, als der Tag glühend gewesen. Die Vögel, welche. ohne Zweifel erstickt durch die Hitze des Tages, das Zimmer in ihren grünen Palästen gehütet hatten, fingen an die Stimmen ihrer Herolde hören zu lassen: die Nachtigall, die Grasmücke, das Rothkehlchen, sie befangen die schöne Sommernacht mit den kühlen Lüften, Nachtschmetterlinge so groß, daß sie Vögel zu sein schienen, der Todtenkopf, der Pfauenschwanz, der Sphinx der Papel flatterten geräuschlos um die Bäume mit zahllosen Schwärmen von jenen Käfern welche entartete Söhne der wahren Maikäfer zu sein scheinen und durch den frischen Ostwind in Schwung gebracht, schienen die Blumen der Ebene, auf ihren Stängeln gewiegt, zu Ehren des Gottes zu tanzen, der den Mond und die Sterne, diese sanften, bleichen Sonnen der Finsternis, schuf. Die Klapperrosen verschlangen sich mit den Kornblumen; die Maßlieben reichten den Veilchen die Hand; das Mausöhrchen mit den Goldaugen schaute verliebt den vorbeifließenden Bach an. Vögel, Schmetterlinge Blumen feierten das Fest der Natur.

Ein junger Mann, der im Kornfelde saß oder vielmehr lag. schien, den Kopf auf seine hinter ihm gekreuzten Arme stützend die Augen zum Himmel ausgeschlagen, mit Wonne die unaussprechliche Heiterkeit dieser Sommernacht zu genießen.

Auf der Stirne dieses jungen Mannen waren in Flammenbuchstaben die reinen Entzückungen einer neuen Glückseligkeit geschrieben; man konnte auf seinem Antlitz den noch sichtbaren Spuren der Freuden des vorhergehenden Tages, schon geschwächt, verwischt durch den siegreichen Einfall des gegenwärtigen Tages, folgen. Ein gleichgültiger Vorübergehender hätte allein glauben können, die Runzeln seiner Stirne seien seit Kurzem erst gegraben, wie die Furchen durch den Pflug in einer neu geackerten Erde; ein Beobachter hätte im Gegentheil sehr rasch erkannt, daß in diesen, beim ersten Anblick dürren, Furchen die grünsten, frischesten Gedanken keimten.

Dieser junge Mann war unser Schulmeister.

Oder verbesserte wir und vielmehr sogleich und geben wir ihm nicht mehr diesen Namen, der ein ganzen Gefolge von schmerzlichen Illusionen mit sich führt; nein es war nicht mehr der Schulmeister; nein, es war nicht mehr der Violoncellist, der die Scala seinen ernsten Instruments erweckte und sie zwang, über seine Schmerzen zu seufzen; nein, es war nicht mehr dieser vor den Jahren alte junge Mann, den wir so sorgenvoll in der Mitte seiner traurigen Familie gesehen haben; es war der Vogel der Fluren, dem das Glück im Vorübergehen seinen Käfig geöffnet hatte, und der in der balsamischen Abendluft die kaum erschlossenen Früchte seiner Freiheit genoß.

Es war mit einem Worte derjenige, welchen wir noch im vorletzten Kapitel den unglücklichen Justin nannten.

Begrüßen Sie ihn, liebe Leser und befreundete Leserinnen, denn er hatte große Fortschritte auf der Straße des Glückes gemacht.

Wie ein verspäteter Reisender, hatte er rasch den verlorenen Weg und die verlorene Zeit wieder eingeholt; er hatte laufend die langen Jahre seiner Vereinzelung hinter sich gelassen. – Der Weg ist so kurz vom Unglück zum Glück, daß er in sechs Monaten die Sorgen seines ganzen Lebens hatte vergessen können.

Hatte er plötzlich Glück gemacht? war ein unbekannter Verwandter von fernen Inseln bei ihm angekommen, ausdrücklich, um ihn meinNeffe zu nennen und zu seinem Erben einzusetzen? oder hatte vielmehr die Arbeit, dieser wahre Oheim aus America, der immer mehr gibt, als man erwartet, seine süße Muße geschaffen?

Sollte er nicht an diesem Tage, zu dieser Stunde, – es war ein Donnerstag, Balltag, – sollte er nicht, die Haare herababhängend wie die Zweige einer Weide, sein singendes Instrument zwischen den Knieen, im Orchester der Schenke sitzen, wo wir ihn demüthig um die Stelle des Contrabassisten haben bitten sehen?

Was machte er denn da, im Kornfelde liegend, wie ein Hirte von Virgil, ein Tityrus oder ein Damätas, während ihn seine Pflicht anderswohin rief?

Nein, seine Pflicht rief ihn nicht ins Orchester: seine zwei Zöglinge hatten mit triumphierenden Schritten den Abgrund der Dritten übersprungen; er hatte Lectionen die Hülle und die Fülle, Ersparnisse, um ein Hans zu kaufen, und schon seit drei bis vier Monaten hatte er darauf verzichtet an der übel klingenden Symphonie Theil zu nehmen, zu der ihn die Nothdurft hingetrieben.

Er war da, wo er sein sollte; nirgends wäre er besser gewesen, der Platz, den er am Rande des Feldes einnahm, den Kopf im Getreide, die Füße gegen die Straße hin abhängend, beim Mondscheine in einer schönen Sommernacht; dieser Platz war der welchen fünf Jahre vorher die Kleine einnahm, die auf eine zauberhafte Art das dürftige Haus des Faubourg Saint-Jacques verwandelt und, eine unschuldige Medea, unsern Helden verjüngt hatte; es war der Jahrestag ihres Zusammentreffens mit Justin, und er dankte in diesem Augenblick Gott für den wunderbaren Schatz, den er ihm geschickt.

Man war im Monat Juni des Jahres 1826; das Mädchen war eine große, schlanke Jungfrau geworden.

Das Kind hatte sein fünfzehntes Jahr erreicht.

Es war eine schöne Undine, denen ähnlich, welche sich in den Bächen spiegeln, deren leichte Cascaden vom Taunus herabfallen und sich in den Rhein werfen. Sie hatte lange Haare, blond wie das Gold der Aehren, Augen azurblau wie die Kornblumen, unter denen man sie liegend gefunden, Wangen roth wie die beim jungfräulichen Athem, der ihrem Munde entströmte, über ihrem Kopfe zitternden Klapperrosen.

Man hätte glauben sollen, sie sei aus allen Blumen der Felder gemacht, wo sie fünf Jahre vorher die Nacht zugebracht; es war ein lebendiger Blumenstrauß, rosig und frisch.

Justin seinerseits war fast schön geworden; wir sagten schön,er habe wenig hierfür zu thun gehabt; er brauchte nur denselben Weg zu gehen wie das Glück.

Das Bewußtsein seiner Glückseligkeit benahm seinem traurigen Gesichte die finstere Miene, die man sonst gewöhnlich an ihm fand, und sein Antlitz hatte nichts mehr von seiner Physiognomie der Unglückstage behalten, als seine Sanftheit und seine Würde.

Er hatte sich eines Tags im Spiegel betrachtet und nicht wiedererkannt; er war roth geworden, da er sich schön gefunden, und seit dieser Zeit, denn er begriff, daß er schön wurde, weil Man schön war, hatte er eine Sorgfalt auf seine Person verwendet, die ihm bis dahin fremd gewesen.

Und man mußte sich auch verschönern nur bei der Berührung dieses anbetungswürdigen Geschöpfes.

Gingen sie mit einander auf der Ebene von Montrouge, spazieren, so war es ein herrliches Paar: er blond, sie blond; sie rosenfarbig, er weiß; der Arm des Mädchens wie eine Liane um den Arm des jungen Mannes geschlungen, ihr Kopf beinahe seine Schulter berührend, als hätte sie sich eine Stütze daraus machen wollen, das war eine köstliche Harmonie, ein reizendes Duo!

Man sah sie vorübergehen, – die guten Herzen, wohl verstanden, – mit dem innigen Vergnügen, das man empfindet, wenn man mit dem Blicke berühmten oder glücklichen Leuten folgt; diejenigen. welche sie für den Bruder und die Schwester hielten, bewunderten sie; diejenigen, welche sie für Brautleute hielten, beneideten sie.

Sie sahen Beide so gut, so freudig, so jung aus! Justin, seitdem er glücklich war, schien kaum fünfundzwanzig Jahre alt zu sein; seine Jugend, die er so wenig benützt, so schlecht genossen, kehrte in dem Alter, wo er sie verlassen, das heißt, beinahe im Kindesalter, zu ihm zurück. Alle kleine Knaben liefen auf Mina zu, alle kleine Mädchen liefen auf Justin zu, alle arme Leute streckten ohne Unterschied gegen den Einen oder die Andere die Hand aus.

Wir habest in allen Einzelheiten erzählt, wie Mina vom Kinde Mädchen gewordene wie Justin von unglücklich wieder glücklich geworden; folgen wir Beiden in ihrem neuen Leben.

Die Erziehung des Kindes ist gemacht: Musik, Zeichnen, Geschichte, alte Literatur, neue Literatur, man hat sie Alles gelehrt; sie hat Alles behalten. Es ist eine junge Person voll Distinction, deren moralischer Sinn herangewachsen ist in der fruchtbaren Erde, die man die Familie nennt; ihre Neigungen sind einfach wie ihre Kleider; ihr Sonntagskleid ist das Symbol ihrer Seele: sie hat die unbefleckte Weiße davon, und bis jetzt verschlossen für die Begierden, wie der Kelch einer Blume, wartet sie um sich zu öffnen, auf die Sonne der Mädchen, die man die Liebe nennt.

Es war eine keusche Seele in einem jungfräulichen Körper.

Im Herzen von Justin hat sich, wie in einer guten Erde, die man noch nie besser, eine junge und kräftige Liebe, welche ihre Aeste schon bis zum Himmel erhebt, erschlossen.

Wie bemerkte Justin, daß er verliebt war?

Durch ein Leiden, – ein Leiden, das um so schärfer, als er des Leidens entwöhnt.

Der Donnerstag des Fronleichnamsfestes war verlaufen. Zu jener Zeit. wo die Menschen Gott noch ein Fest zu haben erlaubten, waren mehrere Straßen von Paris, besonders aber die der großen Vorstädte, mit Blumen bestreut und glichen unter den Füßen des Priesters, der das heilige Sacrament trug, ausgebreiteten Teppichen; dabei waren die Wände mit Tüchern oder Tapetenwerk behängt, der Weihrauch verbreitete seine Wohlgerüche. die Rosenblätter flogen mit vollen Händen ausgeworfen in der Luft, man läutete mit allen Glocken in den verschiedenen Kirchen. Es war ein entzückendes Schauspiel unter dem strahlenden Himmel, den Theorien der Griechen ähnlich, die Mädchen mit weißem Schleier, die der Procession der Geistlichkeit folgten, vorüberziehen zu sehen. Damals. wo die Regierung die Studenten nicht in die Provinzschulen gepfercht hatte, fanden sich noch aus den Dächern der Vorstädte, wie Schwalbennester, Schwärme von jungen Leuten, die sich aus den Fenstern ihrer Mansarden neigten, um die keusche weiße Herde defilieren zu sehen.

Mina gehörte zum Zuge; bei den Gittern des Val-de-Grace angelehnt, erwartete sie Justin im Vorübergehen.

Der Zug kam an

Justin entdeckte bald die Jungfrau, welche, wie die höchste und schönste Blume eines Straußes, mit dem Kopfe alle ihre Gefährtinnen beherrschte.

Er hatte keine andere Absicht, kein anderes Verlangen, als sie vorüberkommen zu sehen; doch er schlug, als wäre er verhängnisvoller Weise nach dieser Seite gezogen worden, die Augen auf und sah an einem Fenster einen jungen Mann, dessen glühende Augen über diesem ganzen Schwarme von Schwänen strahlten.

Schaute dieser junge Mann die Eine oder die Andere an? Justin schien es, er sei nur wegen Mina hierher gekommen und schaue nur Mina an. Eine Röthe . . . nein, eine Flamme stieg Justin zu Gesichte. Und von diesem Augenblick an sah der arme Schulmeister klar in seinem Innern.

Eine Schlange hatte ihm ins Herz gebissen; – besser noch: in das Herz seines Herzens, wie Hamlet sagt.

Er war eifersüchtig.

Justin verbarg sein Gesicht in seinen Händen, als hätte das Mädchen, an ihm vorbeiziehend und die Röthe seines Gesichtes wahrnehmend, die Ursache hiervon begreifen müssen.

Nach Hause zurückgekehrt, schloß er sich in sein Zimmer ein, und er blieb zwei ganze Stunden allein, um sich zu befragen.

Wenn nach diesen zwei Stunden die Liebe, die er für das Mädchen hegte, ihm noch nicht völlig geoffenbart war, wenn er noch zögerte, das Gefühl seines Herzens zu nennen, so sollte bald eine Revolution in ihm vorgehen, die ihm jeden Zweifel, benehmen mußte.

Am Abend, gegen zehn Uhr nachdem sie die letzten Geschäfte des Hauses besorgt, ging Mina, wie gewöhnlich, hinab, um Justin gute Nacht zu sagen, und ihm die Stirne zum brüderlichen Kusse zu reichen.

An diesem Abend, als Mina in das Zimmer eintrat, durchlief ein Schauer den jungen Mann vom Scheitel bis zu den Zehen, und eine Flamme zog über sein Gesicht, der ähnlich. welche über die Stirne von Mina an dem Tage lief, wo Justin sie mit dem Bogen in der Hand überraschte.

Er küßte sie auf die Stirne; doch indem er sie küßte. wurde er bleich, bleich wie Mina an dem Tage, wo sie ihr Lied in dem dunklen Hofe sang und, von Céleste überrascht, eine Profanation der ähnlich, welche man begeht, wenn man laut in einer Kirche spricht, begangen zu haben glaubte.

Der Kuß, den er ihr gab, dünkte ihm gottlos, unerlaubt, voll Begehrlichkeit; er wich mit Schrecken zurück, warf den Stuhl um und wäre beinahe zu Boden gefallen, als das Mädchen, das ihn mit ängstlichen Augen anschaute, zu ihm sagte:

»Ach! wie bleich bist Du heute Abend. Bruder Justin! Was hast Du denn? solltest Du krank sein?«

Oh! ja. er war sehr krank, der arme Justin!

Er war von einer tödtlichen Liebe im Herzen getroffen.

Von diesem Tage des Fronleichnamsfestes an, von dieser Stunde wo er wahrnehmend, daß sich ein kühner Blick auf Mina geheftet, sich eifersüchtig gefühlt hatte, erschien er Jedermann höchst seltsam: er hatte unvorhergesehene Anwandlungen, welche die Familie in Erstaunen setzten, Freuden ohne eine scheinbare Ursache, die sie erschreckten; dann versank er plötzlich wieder in ein finsteres, hartnäckiges Stillschweigen.

Ihm den man nie hatte singen hören, fiel es eines Tags, als er von seinem Zimmer in das seiner Mutter hinaufging, ein. die ganze Tonleiter zu durchlaufen, alle Noten des menschlichen Klaviers in den Wind zu schleudern.

An einem andern Tag sah man ihn, wie ein Schüler in den Ferien, durch die Straßen von Paris Luftsprünge machen.

Endlich schloß er sich ganze Abende in sein Zimmer ein, ohne daß das geringste Geräusch seine Gegenwart verrieth, und schaute man indiskreter Weise durch das Schlüsselloch, so sah man ihn bald unbeweglich sitzen, als ob er versteinert wäre, bald gehen und gestikulieren, als ob er ein Narr wäre.

Diese Symptome und noch viel erschrecklichere wurden von Schwester Céleste und von der Mutter Corby, so blind sie war bemerkt.

Die zwei Frauen gedachten, sich dem alten Professor zu eröffnen, der der Kalchas der zwei einfachen Geschöpfe geblieben, wie er zugleich der Mentor von Justin war.

Herr Müller hatte längst das Geheimnis des jungen Mannes ergattert, und er faßte den Entschluß, mit ihm darüber zu reden.

Sie schloßen sich eines Abends Beide ein, und wie ein alter Arzt, der nicht einmal seinem Kranken den Puls zu fühlen braucht, um die Bedeutung des Uebels zu schätzen, ging der gute Müller gerade auf die Sache los, und er hätte seinen Zögling beinahe zu Boden geworfen, als er, nachdem die Thüre kaum geschlossen war, mit den Worten begann:

»Justin, mein Junge, Du bist wahnsinnig in Mina verliebt!«




XXII

Flagrante Liebe


Justin blieb niedergeschmettert.

Also dieses Geheimnis, das er so tief in sein Innerstes versenkt. das er selbst vor seinem alten Freunde verborgen geglaubt hatte, wußte sein alter Freund! Und wenn er, der nicht im Hause wohnte, den Zustand seines Herzens kannte, so waren die Mutter, die Schwester und wer weißt vielleicht auch das Mädchen davon unterrichtet.

Die Gewißheit, daß sein Geheimnis entschleiert war, beunruhigte und lähmte ihn, und mit dem Anscheine eines Verbrechers, die Stirne gebeugt, die Zunge stammelnd, antwortete er:

»Das ist die Wahrheit.«

Der gute Professor schaute ihn an, zuckte die Achseln und sprach dann:

»Auf, erhebe das Haupt!«

Justin erhob das Haupt, unterwürfig und erröthend wie ein Kind.

»Schau mich an,« fuhr Müller fort.

Justin schaute ihn an und stammelte:

»Mein lieber Meister . . . «

»Ei mein lieber Zögling,« versetzte dieser. »warum solltest Du nicht verliebt sein?«

»Es ist . . . «

»Wer sollte denn,verliebt sein, wenn nicht Du? Ich denke ich nicht . . . Spiele nicht länger den Einfältigen! . . . Was verdrießt Dich bei dieser Liebe, und warum machst Du ein Geheimnis daraus? Bist Du nicht im Alter, zu lieben. und konntest Du in der ganzen Welt einen würdigeren Gegenstand Deiner Liebe finden? Liebe also, mein Junge, liebe, wie Du gearbeitet hast: liebe mit Ehre, mit Leidenschaft, mit Wahnsinn, wenn Du kannst! Es soll so gut sein, zu lieben.!«

»Sie haben also nicht geliebt?«

»Ich habe nie Zeit dazu gehabt . . . Es gibt tausend Dinge, die Du nicht weißt, und die Dir die Liebe erklären wird, wie man versichert. Mit der Arbeit und der Liebe klärt sich Alles um uns und in uns auf; man arbeitet:. man war stark: man liebt: man wird gut.«

Justin schüttelte aber trotz der väterlichen Worte seines Freundes den Kopf und antwortete nicht.

»Nun.« sagte der Professor mit dem Tone der tiefsten Zärtlichkeit, indem er seine Hände nahm, »was hindert Dich. zu sprechen, was hält Dich zurück? Wem, wenn nicht mir, wirst Du die ersten Freuden Deines Herzens anvertrauen? haben wir nicht mit einander gelitten und geweint? wo wirst Du ein Herz, das mitfühlender nie den meine wäre, ein Ohr, das aufmerksamer als das meine, finden? Vielleicht siehst Du nicht ganz klar in Deinem Herzen; dann entwirren wir Beide die Sache, werden wir wieder zehn Jahre jünger . . . Erinnerst Du Dich unserer Promenaden im Walde von Versailles? Wir gingen in der Nacht und schauten den Himmel an,– siehst Du, man schaut immer den Himmel an, wenn man etwas wünscht oder fürchtet; wir gingen also den Himmel anschauend und hielten und bei der Hand. Einst fragtest Du mich: ›Wenn ich mich in diesem Walde verirren würde, wie sollte ich meinen Weg wiederfinden?‹ und ich antwortete Dir: ›Sei ruhig nie wirst Du Dich mit mir verirren!‹ Nun denn, es ist ebenso heute . . . Gib mir die Hand und laß uns mit einander, den Weg machen; gleicht das Herz nicht ein wenig dem unentwirrbaren Walde, wo wir in der Finsternis gingen? Du, bist verirrt, gib mir die Hand, und wir Beide werden den Pfad wiederfinden!«

Justin fiel seinem alten Lehrer um den Hals und küßte ihn, während Thränen seinen Augen entrieselten.

»Meine, mein Sohn, weine.« sprach der wackere Mann; »vor Freude oder vor Schmerz, es thut immer wohl. zu weinen; die Thränen erfrischen das Herz, wie die Sommerregen die gewitterschwülen Tage den Monats, August; doch nachdem Du geweint hast, erheitere Dich und laß und von Deinen Hoffnungen reden.«

»Oh! mein guter Meister. mein geliebter Meister!«

»Was denn?«

»Wenn sie mich nicht lieben würde?«

»Bist Du verrückt?« fragte der Greis; »und warum soll sie Dich denn nicht lieben? In ihrem Alter singt das Herz sein erstes Lied; warum sollte das ihrige es nicht für Dich singen. mein guter, würdiger Sohn?«

»Also, mein lieber Herr Müller,« fragte der junge Mann, .»Sie glauben, daß sie mich liebt?«

»Ich hin dessen sicher . . . so wahr Du ein redlicher Mensch bist und einfältig genug, um daran zu zweifeln.«

»Ich habe sie aber nie gefragt.«

»Und Du hast äußerst Recht gehabt, ist das eine Frage, die man thut? hatten wir, die wir Freunde sind, nötig, uns einander zu sagen, daß wir uns lieben? sieht sich das nicht?«

»Ja, Sie sprechen die Wahrheit, mein Freund, sie liebt mich.«

»Ich glaube es wohl! daran zweifeln heißt ihr eine Beleidigung anthun.«

»Oh! mein guter und verehrter.Meister, wenn Sie wüßten, wie glücklich mich diese Versicherung von Ihrer Seite macht, wenn Sie wüßten. wie sehr ich mich ganz ein Anderer finde, als ich vor einem Augenblicke war! ich bin aufgeheitert, verwandelt! ich werde, so zu sagen, mir selbst theurer; ich habe von meiner Person, das spreche ich nur gegen Sie aus, eine Meinung, die ganz verschieden von der, welche ich bis daher gehabt habe; ich liebe mich gewisser Maßen, daß ich mich geliebt fühle.«

Und in der That, erinnern Sie sich Ihrer ersten Liebe, Sie, der Sie mich lesen? hat es Ihnen nicht geschienen, Sie empfinden etwas Zärtlicheres für Sie selbst; nach dem ersten Geständniß einer Frau? hat es Ihnen nicht geschienen, Sie seien ein Anderer als Sie selbst, oder, besser, Sie werden mehr Sie selbst, als Sie es je gewesen!

Das Bewußtsein des Glückes macht stolz! Aber welchen Drang zum Ergusse hat der Stolz, den man fühlt! wie möchte man gern Arme voll Blumen haben, um sie mit vollen Händen allen Menschen auf den Kopf zu werfen!

Sie sprachen so lange mit einander, der junge Mann und der Greis, der junge Mann glühend und der Greis sich am Feuer der Liebe wieder erwärmend.

Und dennoch waren zuweilen die Blitze der Freude welche die Augen des jungen Mannes schleuderten, verschleiert durch die Wolken, die über seine Stirne zogen.

Während einer solchen Finsternis sagte er:

»Ach! ich bin bald dreißig Jahre alt; sie ist kaum sechzehn, ich könnte beinahe ihr Vater sein. Befürchten Sie nicht, mein Freund, daß wir die kindliche Pietät, die brüderliche Zärtlichkeit für wahre Liebe nehmen?«

»Vor Allem,« erwiderte der Greis, »Du zählst noch nicht dreißig Jahre, wenn ich ein gutes Gedächtniß habe, und hättest Du auch dreißig zurückgelegt, so siehst Du doch nicht aus, als wärest Du über fünf und zwanzig alt: Deine blonden Haare verjüngen Dich um zehn Jahre. Aengstige Dich also nicht wegen Deines Alters; laß sogar Mina ihr sechzehntes Jahr erreichen, und freue Dich ohne Furcht und ohne Scham Deiner Liebe, Du hast sie durch Deine exemplarische Tugend wohl verdient, mein Sohn.«

Nach diesen Worten umarmte der Greis Justin, wie er es wirklich mit seinem Sohne gethan hätte.

Und es wurde zwischen den zwei Freunden verabredet, daß man, da Mina erst fünfzehn Jahre alt sei, vor der Mutter,« der Schwester und dem Mädchen die Sache geheim halten sollte.«

Die Mutter und die Schwester würden nicht stark genug sein, um das Geheimnis zu bewahren, und es widerstrebte den zwei Freunden, in der unschuldigen Seele des Mädchens die Wünsche zu erwecken, welche im Herzen von Justin sprangen wie neugeborene Pferde.

Man nahm sich nur vor, so oft als möglich allein unter sich davon zu reden.

Mit welcher Vorsicht schießen auch die zwei Freunde die Thüre, aus Furcht, das Geheimnis könnte wie ein Wohlgeruch aus dem Zimmer entschlüpfen und bis zur Wohnung der Frauen hinaufsteigen.

Ast den Abenden. wo der alte Meister wiederkam, ging Alles gut; um zehn Uhr, zu welcher Stunde man sich unabänderlich im ersten Stocke zu Bette legte, trennte man sich von den Frauen, um hinabzugehen, und mehr als einmal bemerkte Herr Müller, daß er sich zum hundertsten Male die Erzählung der Liebeseindrücke des jungen Mannes anhörend, bis zur ungewohnten Stunde der Mitternacht verspätet hatte.

Wenn er aber nicht da war, der theure Professor mit wem konnte Justin von ihr reden? über wen konnte er die Schätze seiner inneren Freude ergießen?

Oh! wenn er es gewagt hätte, mit seinem Violoncell zu plaudern!

Zuweilen zog er diesen seit langer Zeit stummen Freund nicht nur aus seinem Schranke, sondern sogar aus seinem Kasten; er drückte ihn an sein Herz, preßte ihn zwischen seinen Knieen, ließ seine Finger in der ganzen Länge seines Griffbrettes hingleiten und strich in der Stille mit dem schwebenden Bogen über die Saiten.«

Dann lächelte er, denn mit dem Ohre der Einbildungskraft hörte er Alles, was ihm das Violoncell gesagt hätte, wenn diesem zu sprechen erlaubt gewesen wäre.

Andere Male genügte ihm dieser stumme Dialog nicht; dann« in den schönen Sommernächten, ging er sachte hinaus, zog den Riegel der Hausthüre, erreichte die Barrière, und gierig zugleich nach Geräusch, Einsamkeit, und Bewegung wandelte er durch die Ebene und recitirte dem Monde, dem nächtlichen Freunde der Liebe und des Unglücks, die schönsten Strophen der griechischen und lateinischen Dichter, welche die Liebe besungen haben.

In einer dieser Nächte, am Jahrestage seines Zusammentreffens mit dem Mädchen, hatte er sich unter den Aehren, den Klapperrosen und den Kornblumen ausgestreckt, unter denen wir ihn am Anfange des vorigen Kapitels entdeckten.

Dieser Abend war eine Feierlichkeit, ein Festabend; er war, wie gesagt, nur da, um dem Herrn für den Engel, den er ihm gesandt, zu danken.

Nachdem er ein paar Stunden im Getreide zugebracht, fiel es ihm, da es halb zehn Uhr in der Kirche Saint-Jacques-du-Haut-Pas schlug, auch ein, er habe noch Zeit, nach Hause zurückzukehren und Mina, ehe sie, schlafen gegangen wäre, gute Nacht zu sagen.

Er öffnete sogleich den Cirkel seiner großen Beine und lief in aller Eile zurück, um nach Hause zu kommen.

Vor der Thüre fand er einen etwa zwölfjährigen Straßenjungen, welcher auf ihn wartete, einen von den Pariser Knaben, deren Portrait Barbier, der große Dichter von 1830 drei Jahre später machen sollte.

Der Knabe hielt ihn an.

»Mein Herr,« sagte er, »hier ist Ihr Taschentuch, das Sie verloren haben.«

»Wie! mein Taschentuch?«

»Ja, es ist aus Ihrer Tasche gefallen, als Sie vor zwei Stunden weggingen.«

»Und Du hast es gefunden?«

»Ja.«

»Warum hast Du es nicht sogleich zurückgegeben?«

»Ich war nicht ganz sicher, daß es Ihnen gehörte; es gingen mehrere Herren zu gleicher Zeit vorüber. Ich rief: ›Oho! wer verliert sein Taschentuch?‹ man sagte mir: ›Es gehört dem Herrn, der dort geht, dort, dort!‹ Sie waren schon eine Viertelmeile entfernt. ›Gut!‹ erwiderte ich, ›ich will lieber warten, als ihm nachlaufen . . . Wird dieser Herr zurückkommen?‹ ›Gewiß.‹ ›Wo wohnt er?‹ ›Er wohnt hier.‹ ›Wer ist er?‹ »Er ist der Liebhaber der Kleinen.‹ ›Und die Kleine, wo wohnt sie?‹ ›Sie wohnt bei ihm.‹ ›Ah! gut!‹ sagte ich, ›wenn er der Liebhaber der Kleinen ist, und die Kleine bei ihm wohnt, so wird er bald zurückkommen!‹ Und ich habe auf Sie gewartet . . . Daran habe ich wohl gethan, da Sie da sind . . . Nun Sie nehmen Ihr Taschentuch nicht?‹

»Doch, mein kleiner Freund,« versetzte Justin, »Und hier ist etwas für Dritte Mühe.‹

Und er gab dem Knaben zehn Sous.«

»Gut! ein weißes Stück,« sagte dieser; »ich will es wechseln lassen: die Alte würde mir es ganz nehmen, statt daß ich ihr von zehn Sous fünf gebe und die andern fünf behalte.«

Der Knabe machte ein paar Schritte, indeß Justin nachdenkend mit einer zitternden Hand den Schlüssel ins Schloß steckte; doch der Straßenjunge kehrte wieder um, zog ihn an seinem Rock und fragte:

»Sagen Sie doch, mein Herr?«

»Wenn Sie wissen wollen, ob sie Sie liebt . . . «

»Wer?«

»Die Kleine, Ihre Geliebte.«

»Nun?«

»Sie müssen die Alte in der Rue Triperet No. 11. besuchen. Sollten Sie übrigens die Nummer vergessen die Alte ist in der ganzen Straße bekannte fragen Sie nach der Brocante, und Jedermann zeigt Ihnen ihre Wohnung. Sie wird Ihnen für zwanzig Sous das große Spiel machen.«

Justin hörte aber nicht mehr; er öffnete die Thüre und schloß sie wieder vor der Nase des Knaben, der bei einem Spezereihändler das Zehn-Sous-Stück gegen zehn Sous wechseln ließ oder vielmehr gegen neun und einen halben, denn unter dem Titel von Mäklergebühr ohne Zweifel kaufte er sich für zwei Liards Zuckersyrup.

Dann schlug er im Galopp den Weg nach der Rue Triperet ein.

Justin aber, statt zu den Frauen hinaufzugehen und seinen Abend vollends in Familie zuzubringen, ging in sein Zimmer, schloß sich ein, warf sich in einen Lehnstuhl und blieb hier unbeweglich und das Herz voll der finstersten Ahnungen.

Seine Liebe gehörte nicht ihm; sein Geheimnis war in Jedermanns Händen.

Er war für den ganzen Faubourg Saint-Jacques der Liebhaber der Kleinen!




XXIII

Die Moschiten


Es gibt in Indien, besonders in Korrah, ein häßliches Insekt, eine Art von Mücke genannt Moschit, dessen Stich höchst gefährlich ist; es begnügt sich nicht damit, daß es das Blut aussaugt wie der Zinzaro, oder mit einem Stachel sticht wie die Wespe; es legt in das Loch, welches es seinem Opfer ins Fleisch gemacht hat, ein kleines Ei, das in drei Tagen auskriecht, und einen Wurm gebiert, der wiederum eine Anzahl anderer Würmer erzeugt, die Euch bei lebendigem Leibe verzehren.

Meistens stirbt man hieran in zwölf bis dreizehn Tagen.

Um diesem Unfall zuvorzukommen, muß man, sobald man sich gestochen fühlt auf der mit einem Bistouri losgestrammten Wunde ein Blatt Kautabak ausbreiten.

Es gibt rings um uns her, in Europa, in Frankreich, in Paris, allerdings unter einer andern Form, aber noch gefährlichere Insekten in der Art der Maschiten von Korrah: das sind die Nachbarn.

Gefährlicher haben wir gesagt, denn man weiß, welchen Balsam man auf die von der Mücke gemachte Wunde anzuwenden hat, während die von den Nachbarn gemachten Wunden tödtlich sind.

Der Nachbar ist ohne Mitleid. ohne Gemüth, ohne Herz; er tritt bei Euch durch die Thüre ein, wenn Ihr die Thüre offen laßt; durch das Fenster, wenn Ihr das Fenster offen laßt; durch das Schlusseilloch, wenn Ihr das Fenster schließt. Er stiehlt Euch Euer Geheimnis mit derselben Frechheit, mit der Euch der abgefeimteste Dieb in der Nacht Euer Geld stiehlt; dabei findet in dessen ein Unterschied zwischen den Nachbarn und den Dieben zum Vortheil des Diebes statt: der Dieb setzt wenigstens sein Leben aufs Spiel, während der Nachbar das Leben der Andern aufs Spiel setzt.

Man würde sich mit einem Seufzer begnügen und sich in diese Geißel fügen, wie sich Indien in die Cholera fügt, wie sich Aegypten in die Pest fügt, wie die Engländer sich in den Nebel fügen, wenn in der Naturgeschichte nachgewiesen wäre, das Gebrechen, das man die Nachbarschaft nennt, klebe der ganzen Gattung an; aber keines Weges; es ist dem privilegierten Lande, das man Frankreich nennt, eigenthümlich; überall, in Deutschland, in England, in Spanien, hat man die Achtung von den Andern, weil man die Selbstachtung hat.

In unserem Frankreich allein, in sein Zimmer zurückgezogen, bei verschlossener Thüre und verschlossenen Läden fühlt man um sich her das Auge und das Ohr des Nachbars.

Nicht als wäre er Euch gerade gehässig, nein – dann würde der Strafcodex eine Rechtfertigung für ihn zulassen; oft sogar, wenn er Euch Böses anthut, geschieht es unwillkürlich, obschon er es immer thut; nein: er will ganz einfach sehen, was bei Euch vorgeht; Ihr seid ihm Rechenschaft schuldig über das, was in Eurem Hause gesagt wird, geschieht; Ihr seid sein natürlicher Schuldner; er ist Gläubiger Eures Glückes.

Außerdem sind alle diese Leute redlich, wenn Ihr wollt; sie beobachten die im Bulletin aufgeführten Gesetze; sie unterwerfen sich streng allen Polizeiverordnungen; sie bezahlen pünktlich ihre Steuern, fegen die Schwelle ihrer Bude im Winter, besprengen das Vordertheil ihres Magazins im Sommer, halten ein neues Brunnenfell für den Brandfall bereit, gehen am Sonntag in die Kirche, am Montag ins Theater, beziehen einmal wöchentlich die Wache, kurz, sie führen sich auf wie Jedermann, vergessen jedoch, daß die Discretion eine erhabene Tugend ist, und die Neugierde natürlich ein abscheuliches Laster.

Wir verzweifeln auch gar nicht, binnen einigen Jahren, – das fängt schon an, – die intelligente Bevölkerung von Paris diese Kasernen, welche man die Häuser von vier Stockwerken nennt, verlassen und mit Hilfe der Eisenbahnen sich aus einen Rayon von zehn Stunden um Paris in abgesonderte Wohnungen verbannen zu sehen, wo die Schwächen der Einen verborgen und die Tugenden der Andern vor dem Verdachte geschützt sein werden.

Das Wort, das der Straßenjunge ausgesprochen: der Liebhaber der Kleinen, war übrigens nicht das erste dieser Art, von dem die Ohren von Justin betroffen worden.

Mehr als einmal, wenn er mit dem Mädchen am Arme durch die Vorstadt ging, hatte er in den Augen der Nachbarn spöttische Blicke und auf ihren Lippen zweideutiges Lächeln wahrgenommen.

Dieses schöne Mädchen, am Arme des jungen Mannes, das mit ihm ausging, während er weder der Gatte, noch der Bruder, war das nicht etwas, um darein zu beißen und hieß das nicht die am wenigsten scharfen Zähne der Vorstadt versuchen?

Es ist wahr, man hatte Mina als Kind gekannt; doch plötzlich vergessend, daß man sie nach und nach hatte heranwachsen sehen, wollte man sie nicht für das nehmen, was sie war, nämlich für ein großes, heirathsfähiges Frauenzimmer, das aber nicht heirathete.

Man suchte auf jede Weise die Ursache dieses doppelten Cölibats zu finden; man vergaß, daß keine Zeit verloren war, da Mina kaum fünfzehn und ein halbes Jahr zählte; man dachte, es stecke ein Geheimnis dahinter; die Neugierigsten ließen sich wie diebische Vögel auf die Familie nieder, um ihr ihr Geheimnis zu stehlen; sie wurden sanft zurückgetrieben; man war auf Muthmaßungen reduziert; von Muthmaßungen ging man zu den Geschwätzen über und von den Geschwätzen zum Geschrei. Endlich mischte sich die Verleumdung darein, klopfte an die Schwelle des friedlichen Hauses, stieg von Stufe zu Stufe hinauf, und erstürmte es völlig.

Das Leben war so nicht mehr möglich. Justin hatte den Gedanken, auszuziehen; doch das Quartier verlassen hieß Gefahr laufen, ein schlimmeres zu finden, hieß der Bosheit der Nachbarn Recht geben; und dann, im Grunde war es leicht, von diesem Hause zu scheiden, wo man zugleich so glücklich und so elend gelebt hatte? war es nicht ein Theil von sich selbst, den man so fern von sich werfen sollte? war nicht das ganze Leben dieser vier Personen in unvertilgbaren Charakteren an die Wände dieser zwei Stockwerke geschrieben?

Nein. das war mehr als schwierig, das war unmöglich!

Man verzichtete also darauf, das Haus zu verlassen; da man jedoch einen Entschluß fassen mußte, da man nicht mit einem Rasirmesserschnitte alle schlimme Zungen des Quartiers abschneiden konnte, so beschloß man, den alten Professor um Rath zu fragen.

Dazu griff man übrigens immer in verzweifelten Lagen

Herr Müller kam zur gewöhnlichen Stunde; man ließ das Mädchen in der Wohnung oben: die Mutter ging für dies Mal in das Zimmer ihres Sohnes hinab, und als alle Vier, Herr Müller die Mutter, die Schwester und der junge Mann, versammelt waren, hielt man einen Familienrath.

Der Rath des alten Professors war ganz einfach.

»Laßt Morgen die Kinder als Verlobte aufbieten, und verheirathet sie in vierzehn Tagen.«

Justin gab einen Freudenschrei von sich.

Dieser Rath von Müller entsprach dem Verlangen seines Herzens.

Eine Heirath brachte in der That sogleich jeden Verdacht zum Schweigen. Man hatte also nicht zu schwanken, es war unnütz, ein anderes Mittel zu suchen; dieses war das wahre, das gute, das einzige.

Man würde diesen Beschluß gefaßt haben, hätte die Mutter nicht die Hand ausgestreckt und gesagt.

»Einen Augenblick Geduld! ich habe nur eine Einwendung zu machen, doch sie ist ernst.«

»Welche?« fragte Justin erbleichend.

»Es gibt keine Einwendung,« sprach der alte Professor.

»Doch. Herr Müller,« erwiderte Madame Corby, »es gibt eine.«

»Welches Lassen Sie hören.«

»Sprechen Sie, meine Mutter, murmelte Justin mit zitternder Stimme.

»Man kennt die Eltern von Mina nicht.«

»Ein Grund mehr, daß sie über sich selbst verfügt, da sie nur von sich allein abhängt, versetzte der alte Professor.

»Und dann,« wagte schüchtern Céleste zu bemerken, die Eltern von Mina haben auf sie von dem Tage an verzichtet, wo sie aufhörten, die Rente zu bezahlen, die sie der Mutter Boivin zukommen zu lassen sich verpflichtet hatten.«

Diese fast mit leiser Stimme, durch einen schüchternen Mund, gemachte Bemerkung schien indessen Justin vortrefflich.

»Ah! Ja!« rief er, »Céleste hat Recht.«

»Ich glaube wohl, daß sie Recht hat,« sagte der Professor.«

»Sie könnte in der That nicht Unrecht haben, erwiderte Madame Corby, und ich will einen Mittelweg vorschlagen, der hoffentlich Jedermann befriedigen wird.«

»Sprechen Sie, meine Mutter,« rief Justin; »wir wissen Alle, daß Sie die auf hie Erde herabgestiegene Weisheit sind.«

»Die Gesetze erlauben erst mit fünfzehn Jahren und fünf Monaten zu heirathen; heirathet Ihr sogleich, so werdet Ihr das Ansehen haben, als hättet Ihr nur auf den Augenblick wo das Gesetz die Heirath erlaubte, gewartet und von seiner Wohlthat mit einer Geschwindigkeit Gebrauch gemacht, deren Intention schlecht ausgelegt werden kann.«

»Das ist wahr, Justin.« sagte der Professor.

Justin seufzte.

Es ließ sich in der That nichts hierauf erwidern.

»In sieben Monaten, am nächsten 5. Februar wird Mina sechzehn Jahre alt; warten wir so lange. Sechzehn Jahre, das ist beinahe das Alter der Vernunft für eine Frau; es ist wichtig. mein Sohn. daß man erfahre, Mina habe sich gegeben: heirathest Da sie heute, so hättest Du das Ansehen, Du habest sie genommen.«

»Und dann?« fragte Justin ganz zitternd vor Freude.

»Dann, da der Pfarrer der Bouville zur Stunde den Vormund von Mina vertritt, wirst Du Dir zum Voraus die Einwilligung des würdigen Priesters verschaffen, und am nächsten 6. Februar wird Mina Deine Frau sein«.

»Oh! meine Mutter! meine gute Mutter!« rief Justin. Und er fiel vor seiner Mutter auf die Kniee, drückte sie an sein Herz und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen.

»Aber mittlerweile?« fragte Céleste.

»Ja,« sagte der Professor, »mittlerweile werden die Schwätzereien, die Verleumdungen ihren Fortgang nehmen.«

»Man müßte auch daran bedacht sein, Mina während der sieben Monate irgendwohin zu bringen.«

»Irgendwohin, meine Mutter? Wohin sollen wir sie denn bringen, die Arme?«

»In ein Pensionat . . . gleichviel, wohin, wenn sie nur nicht hier bleibt.«

»Ich kenne Niemand, dem ich Mina anzuvertrauen mich entschließen würde!« rief Justin.

»Warten Sie doch, warten Sie doch.« versetzte der gute Professor, »ich habe, was Sie brauchen.«

»Wahrhaftig, mein lieber Herr Müller?« fragte Madame Corby, indem sie mehr der Stimme des alten Professors, als dem alten Professor selbst, den sie nicht sah, die Hand reichte.

»Was haben Sie im Blicke und man wollen Sie uns vorschlagen?« fragte Justin mit dem Tone entschiedener Ungeduld.

»Was ich vorschlagen will, mein lieber Justin? Das Einzige, bei Gott! was unter den schwierigen Umständen, in denen wir uns befinden, vorzuschlagen ist. Ich habe in Versailles eine alte Freundin von dreißig Jahren her, die einzige Frau, dies ich vielleicht geliebt haben würde,« fügte der gute Professor mit einem Seufzer bei, »wenn ich Zeit gehabt hätte; sie hält gerade ein Pensionat von Mädchen: Mina wird diese sieben Monate bei ihr bleiben, und einmal in der Woche . . . nun, einmal in der Woche wirst Du ihr Deinen Besuch im Sprachzimmer machen . . . Steht Dir das an, mein Junge?«

»Ei! das muß mir wohl anstehen,« erwiderte Justin.

»Potz Tausend! wie schwierig Du wirst! vor sechs Monaten hättest Du das mit schönen Kußhänden angenommen.«

»Und ich nehme es noch mit Dank an, mein guter, theurer Freund,« sprach Justin, indem er Müller beide Hände reichte.

»Und Sie. was sagen Sie, liebe Madame Corby?« fragte der Professor.

»Ich sage, daß Sie schon morgen mit Justin nach Versailles gehen müssen, lieber Herr Müller.«

Hiernach trennte man sich, indem man sich Rendezvous in der Rue de Rivoli bei der Station gab, wo man zu jener Zeit die Gondoles[7 - Gondeln] nahm; das waren die einzigen Wagen, welche mit den Coucous[8 - Kukuke] der Place Louis XV. den Transport der Reisenden von Paris nach Versailles besorgten.

Nach einer Unterredung von einer Viertelstunde mit der Vorsteherin des Pensionats bemerkte der junge Mann daß Müller die soliden Tugenden seiner alten Freundin durchaus nicht übertrieben habe.

Als sie erfuhr, welches Interesse Müller für ihre zukünftige Pensionaire hegte, erbot sie sich Mina für den Preis ihrer Kost zu nehmen, und man kam überein, sie am nächsten Sonntag zu bringen.

Die zwei Freunde verließen das Pensionat entzückt über die Vorsteherin und kehrten zu Fuß durch den Wald von Versailles zurück, der für sie von unaussprechlichen Erinnerungen erfüllt war.

Wir sagten, man habe von diesem Familiencomplott nichts gegen Mina merken lassen, die Arme wußte also nicht das erste Wort davon. Sie hatte wohl einiges Geflüster gehört; sie hatte wohl die Einen und die Andern sich gewisse Blicke zuwerfen sehen, deren Ausdruck sie nicht ganz verstand, sie fühlte unbestimmt, daß ein Geheimnis sie umschwebte; sie witterte es, so zu sagen, jedoch ohne die Spuren davon finden zu können.

Diese Kunde traf sie also eines Morgens wie ein Donnerstreich. Sie hatte nie gedacht, ihr Leben könnte, sich ändern,. so sehr hatte sie sich aus diesem Leben eine süße Gewohnheit gemacht; wie die Mauer des Hofes ihr ganzer Horizont war, so war ihr Leben in der Familie von Justin ihre ganze Zukunft; es war ihr nie in den Sinn gekommen, sie könnte eine andere Zukunft oder einen andern Horizont haben; sie verschloß freiwillig ihre Augen ihrem Geschicke, ohne etwas Anderes zu denken, wenn die Blätter fielen, als der Winter sei nahe, ohne etwas Anderes zu sehen, wenn die Blätter wiederkamen, als die Rückkehr des Frühlings.

Eines Tags hatte sie die Mutter gefragt:

»Was wird nach meinem Tode aus Dir werden mein Kind?«

»Ich werde Ihnen folgen,. hatte Mina lächelnd geantwortet; »müssen Sie nicht Jemand haben, der Sie im Himmel bedient wie auf der Erde?«

»Im Himmel werde ich alle Engel des Paradieses um mich haben.«

»Das ist wahr; doch sie haben nicht, rote ich fünf Jahre mit Ihnen gelebt.«

Und wie es ihr unmöglich geschienen, die arme Blinde zu verlassen, so schien es ihr unmöglich, je das Haus zu verlassen. Mit tiefem Kummer nahm sie also die Kunde dieser plötzlichen Abreise auf; man erklärte ihr Anfangs die Gründe davon nur sehr unvollkommen; sie war so rein, daß sie nicht zu begreifen vermochte, man könne von ihren Ausgängen übel reden, sie war so keusch, daß sie nicht wußte, welche Folgerungen man aus ihrem Zusammenwohnen mit einem jungen Manne ziehen konnte.

Sie würde unschuldig in seinem Zimmer geschlafen haben, ohne daß es ihr eingefallen wäre, es konnte Jemand etwas daran zu mißbilligen finden.

Man mochte ihr immerhin zu verstehen geben, es sei ein Gebrauch, der Gesetzeskraft habe, daß ein sechzehnjähriges Mädchen nicht in demselben Hause mit einem jungen Manne wohnen dürfe; trotz der Ansicht der Mutter und der Schwester, trotz der Meinung selbst des Professors, wollte sie es nicht glauben, und sie nahm nie das seltsame Princip an, man könnte sich darüber aufhalten, daß man Justin mit ihr wohnen sah, während man sich nicht darüber aufhielt, daß er mit Céleste wohnte.

Mit beklommenem Herzen und die Augen voller Thränen sollte sie also dieses traurige Haus verlassen, das für sie das Paradies ihres Glückes geworden war.




XXIV

Das Pensionat


Am ersten Donnerstag des Monats Juli im Jahre 1826 führte sie Justin in Begleitung seines alten Lehrers nach Versailles.

Den ganzen Wegs entlang that Mina den Mund nicht auf; sie war bleich und düster und schaute kaum umher.

Einen Augenblick, da er sie so traurig sah, fühlte Justin sein Herz schwach werden. und er gedachte sie, allem Weibergeklatsche des Quartiers trotzend, nach Hause zurückzuführen.

Er theilte seine Absicht Herrn Müller mit.

Aber mochte nun der alte Professor einsehen, welches egoistische Interesse unwillkürlich die Worte von Justin dictirte, oder mochte er minder interessiert bei der Frage und mit seinem freieren Gewissen, um zu handeln, begabt, bis zum Ende zu gehen entschlossen sein, Herr Müller hielt fest und warf Justin seine gefährliche Schwäche vor.

Man kam nach dem Pensionat.

Der Unschuldige, den man zum Schaffot führt, hat kein so bestürztes Gesicht, wenn er auf den Richtplatz kommt und das Werkzeug der Todesstrafe sieht, wie es das der armen Mina war, als sie die großen steinernen Mauern, welche die Pension umgaben, und das eiserne Gitter sah, durch das man eintrat.

Diese Martern waren doch mit Epheu bedeckt und von Waldreben überragt; die Spieße dieses Gitters waren doch vergoldet.

Frau von Staël sehnte sich, vor dem Genfer See, nach ihrer Gasse in in der Rue Saint-Honoré zurück.

Die arme Mina hätte sich von einem Palaste nach dem traurigen Hause des Faubourg Saint-Jacques zurückgesehnt.

Sie schaute ihre beiden Reisegefährten mit ihren in Thränen schwimmenden Augen an.

Mein Gott! welch ein schmerzlicher Blick! Die zwei Männer mußten wahrhaftig Herzen von Stein gemacht wie die Mauern dieses Pensionats haben, daß sie nicht vor diesen schönen flehenden Augen schmolzen.

Sie schaute sie so Beide lange, von Einem zum Andern übergehend, an, ohne in diesem äußersten Augenblick zu wissen, an wen sie sich wenden sollte, an den, welchen sie als ihren Vater betrachtete, oder an den, welchen sie ihren Freund nannte.

Justin wäre bald schwach geworden; er hatte die Augen abgewandt, nur die Wunde zu vermeiden, die ihm dieser Blick ins Herz bohrte,.

Müller nahen seine Hand und drückte sie kräftig; dieser Druck der Hand bedeutete:

»Muth, Junge! ich habe auch große Lust, zu weinen, und zum Beweise dient, daß ich ersticke, doch Du siehst, ich bewältige mich. Muth! wenn wir in ihrer Gegenwart weich werden, sind wir verloren! Suchen wir also stark zu bleiben; wir werden mit einander bei der Heimkehr weinen!«

Das sind die tausend Dinge, welche der einfache Händedruck des alten Professors bezeichnete.

Man führte Mina zur Vorsteherin der Pension; diese empfing sie in ihren Armen und küßte sie mehr wie eine Tochter, als wie eine Kostschülerin.

Ach! dieser mütterliche Kuß verdüsterte Mina, statt sie aufzuheitern.

So war also die Welt! eine Fremde hatte also das Recht, Euch zu küssen mir eine Mutter? Sie erinnerte sich ihres ersten Erwachens im Zimmer der Schwester: die Tapete bei der Vorsteherin der Pension war ungefähr der im Zimmer von Céleste ähnlich.

Alle Erinnerungen ihrer ersten Stunden der Einsamkeit kehrten in ihren Geist zurück; sie fühlte sich mehr verlassen und allein als je.

Justin küßte sie auf die Stirne, der alte Professor küßte sie auf beide Wangen, und fünf Minuten nachher hörte die arme Mina die Thüre des Pensionats mir der Herzbeklemmung des Gefangenen schließen, der die Riegel seines Kerkers hinter sich verschieben hört.

Die Vorsteherin der Pension ließ sie zu sich sitzen, nahm ihre Hände und suchte sie, auf dem Gesichte des Mädchens die Spuren eines riefen Kummers mehr errathend als lesend, zu trösten.

Doch statt sie zu beruhigen, reizten sie diese Alltagströstungen nur: sie verlangte in das Zimmer geführt zu werden, das man für sie bestimmte: denn es war zwischen der Vorsteherin der Pension und den zwei Freunden verabredet worden, daß ihr ein besonderes Zimmer gegeben werden sollte, um ihr das Verdrießliche des gemeinschaftlichen Schlafsaales zu ersparen.

Man entsprach ihrem Wunsche und führte sie in ihr Zimmer. Es war ein wahres Boudoir einer Pensionaire, zu zierlich für eine Nonne nicht genug für ein Mädchen der Weit; die Kattuntapete mit blauen Blumen erinnerte an die, welche Mina für das Zimmer von Justin gewählt hatte; eine zwischen zwei Alabastervasen, welche künstliche Blumen enthielten, stehende Pendeluhr stellte Paul vor, wie er Virginie über den Fluß bringt; ein Kupferstich das Martyrium der heiligen Julie, der Patronin der Vorsteherin, vorstellend zierte die Wand, oder befleckte sie vielmehr, unserer Ansicht nach, mit ihrem schwarzen Rahmen: sechs leichte Stühle von Bambus und verschiedenfarbigem Stroh, ein Lager mit blauen, von einem Baldachin herabfallenden Zitzvorhängen, ein Klavier zwischen dem Fenster und dem Kamin, ein paar Meubles von einfachem Geschmack vervollständigten das Geräth des Zimmers, mit dem sich streng genommen auch ein Mädchen, das mehr als Mina an Luxus und Comfort gewöhnt gewesen wäre, hätte begnügen können.

Das Kind war selbst betroffen von der Heiterkeit, die man in diesem Zimmer athmete; wenn es einmal eine Einsamkeit sein sollte, so war sie blühend und duftend immerhin mehr werth.

Blühend und duftend war das richtige Worte durch das geöffnete Fenster erstreckte sich der Blick über ungeheure Gärten voller Bäume und Blumen.

Plötzlich hörte Mina ein gewaltiges Freudengeschrei fast unter ihr.

Sie trat aus Fenster.

Es war die Erholungsstunde, und ungefähr dreißig Mädchen stürzten in den Hof, um diese Stunde, einen Sonnenstrahl zwischen der doppelten Nacht der Classen, so fröhlich als möglich anzuwenden.

Der Hof war mit Sand bestreut, mit Linden und Maulbeerfeigenbäumen bepflanzt.

Durch das Blätterwerk der Bäume sah Mina wie durch einen beweglichen Schleier die geräuschvolle Schaar auf alle Arten laufen, spielen, springen, tanzen.

Die Großen gingen zu Zwei und Zwei in den abgelegensten Winkeln spazieren. Wovon sprachen diese vierzehnjährigen Herzen und Lippen?

Oh! wie verlangte sie auch nach einer Gefährtin, um ihr das Geheimnis ihres Herzens zu sagen, dem Justin nichts hatte wissen wollen.

Und das schallende Gelächter, das freudige Geschrei der Mädchen wirkten doch ganz anders auf sie, als die Beileidsbezeigungen der alten Freundin des Professors; sie durchging alle Erinnerungen ihrer ersten Jahre; sie sah das Häuschen der Boivin wieder, die Mutter Boivin, die weiß und schwarze Kuh, welche so gute Milch gab, daß sie nie ähnliche getrunken, ihren guten Pfarrer, der ein und sechzig Jahre alt gewesen war, als sie ihn verlassen, und nun siebzig sein mußte. Sie dachte von diesem Fenster aus, wo sie war, viele von den reichen Mädchen, die sie in den Winkeln spazieren gehen und plaudern sah, wären zu glücklich gewesen, wie sie ein abgelegenes Zimmer in diesem aristokratischen Hause bewohnen zu dürfen; sie gedachte endlich der wackeren Leute, die sie, arm, umherirrend, eine Waise, bei sich aufgenommen, die sie zu dieser Erziehung geführt, zu diesem Range erhoben; sie dachte an die fromme Mutter Corby, an die gute Schwester Céleste, an den trefflichen Professor und besonders an Justin! an Justin, dessen Thränen sie gesehen, dessen Hand sie zittern gefühlt, und der ihr mit einem so zarten Tone, während er seine Lippen auf ihre Stirne drückte, zugeflüstert hatte: »Muth, meine geliebte Mina! sechs Monate sind bald vorüber!«

Da . . . da fand sie ihre Klagen egoistisch, ihre Traurigkeit undankbar; da schaute sie umher, sah Tinte, Feder und Papier, nahm Alles dies mit beiden Händen, setzte sich an den Tisch und schrieb an die Familie des Faubourg Saint-Jacques einen anbetungswürdigen Brief des Dankes und der Segnungen.

Es war Zeit, daß dieser Brief ankamt der arme Justin war beim Ende seiner Kräfte, und es bedurfte nicht weniger als dieser Erinnerung des Mädchens, um Ihn der Niedergeschlagenheit zu entreißen, in die ihn diese traurige Abreise versenkt hatte.

Ach! welch eine düstere Wanderung hatten sie bei der Heimkehr gemacht, – sein alter Freund und er!

Sie waren zu Fuß zurückgekehrt, im Glauben, eine Zerstreuung auf diesem lachenden Wege zu finden, – wenigstens sicher, hier die Einsamkeit zu finden.

Sie hatten nicht ein Wort gewechselt; man hätte denken sollen, es seien zwei Geächtete, welche aufs Gerathewohl fliehen, ohne das Ziel ihres Laufes zu kennen.

Herr Müller, der stärker dem Mädchen gegenüber gewesen, war Justin gegenüber schwach geworden.

Aus der Hälfte des Weges von Versailles nach Paris hatte er von seinem Zögling den Muth verlangt, den er selbst ihm zu geben versprochen.

Als man nach Hause kam, war es eine trostlose Scene; der Abend, der folgte, war ein Trauerabend.

Wäre Mina für immer abgereist, in Lebensgefahr, todt gewesen, man hätte sie nicht mehr beklagt und beweint, als man sie lebend und fünf Meilen von Paris beklagte und beweinte.

Der Greis glaubte vor den Frauen den Muth wiedergefunden zu haben, den er vor Justin verloren, und er versuchte es, sie zu trösten. Doch das stand ihm übel an: er fühlte, daß er falsch griff und wider sein Gewissen, wider sein Herz sprach, und so gestattete er seinen Empfindungen ihren Ausbruch und vermengte seine Thränen mit denen der Familie.

Ja, der Familie, denn Mina gehörte ganz und gar zur Familie.

Man klagte ihn sodann an, er habe seinen Plan, das Mädchen so zu entfernen, nicht genug reifen lassen, er habe die Ausführung zu leichtsinnig beschleunigt, die Abreise zu sehr übereilt, während noch nichts drohte, und man die Waise überdies in ein Pensionat von Paris hätte bringen können, wo man sie alle Tage besucht haben würde; man machte ihn verantwortlich für die Folgen des Ereignisses; Jedes glaubte seinen Theil des allgemeinen Unglücks zu erleichtern, wenn es dem guten Herrn Müller die Schuld beimesse.

Der gute Mann hörte alle diese zu späten Beschuldigungen an, nahm alle diese Vorwürfe mit einem übermenschlichen Heldenmuth auf den Rücken und ging, wie der Sündenbock, mit den Missethaten des Stammes beladen ab.

Sobald Herr Müller weggegangen, sobald diese drei armen Wesen allein waren, senkte sich die monotone Schwermuth der ersten Jahre auf ihr Haupt, breitete, wie die nächtliche Fledermaus, ihre Trauerflügel aus und umschwebte sie stillschweigend.

Und. in der That, nach dem Abgange des heiteren Kindes nahmen die Wände ihre düsteren Tinten wieder an; nachdem der Singvogel entflogen, war der Käfig traurig.

Alles in der Wohnung sprach von Mina, um zu sagen: »Sie war hier; sie ist nicht mehr da!«

Die Mutter!

Der Mutter, die sie Tag und Nacht unter der Hand hatte, der Mutter, die seit sechs Jahren. um ihre kranke Tochter zu erleichtern, die kleine Mina mit der Führung des Hauses beauftragt hatte, wobei sie sich mehr auf sie, als aus ihre eigene Tochter verließ, der Mutter zernagte das Herz der Gedanke, das zerbrechliche Rohr, auf das sie ihr Alter gestützt, werde ihrer Hand fehlen.

Die Schwester!

Die Schwester, dieses schwächliche Geschöpf, sie, die am Abend nicht einschlafen konnte, ohne die Stimme der reizenden Kleinen zu hören, deren Ankunft sie etwas in der Weit außer ihrem Bruder und ihrer Mutter lieben und wieder einigen Geschmack am Leben finden gemacht hatte; die Schwester, die die Güter vergaß, die Gott ihr verweigerte, in der Erinnerung an die Freuden, welche er Andern gab, die Schwester war auch gewohnt, ihn um sie her, welche fast immer unbeweglich saß, gehen, laufen, sich bewegen drehen zu sehen, diesen brennenden Salperter, den man ein Kind nennt.

Und der Bruder!

Der arme Justin, wieder der traurige Schulmeister geworden, war er es nicht, der am meisten durch diese Abwesenheit litt?

Als er in sein Zimmer zurückgekehrt war, – in dieses Zimmer, das Jean Robert und Salvator so jungfräulich und so sauber gefunden, – hatte er nur die alten kahlen Wände, den leeren Kamin, das große schwarze Gemacht, ein klägliches Symbol seiner erloschenen Freuden, seiner entflogenen Illusionen, gesehen.

Er hatte sich ganz angekleidet auf sein Bett geworfen und alle seine, durch die Gegenwart der Familie zurückgedrängtem Thränen geschluchzt.

Wie! dieses kleine Mädchen. einen Vogel des Morgens, – halb Nachtigall, halb Lerche, – dessen Gesang ihn alle Tage zur selben Stunde erweckte; diesen Engel, der alle Abende, ehe er seine Flügel schloß ihm seine weiße Stirne geboten hatte, er sollte ihn nicht mehr sehen, er sollte ihn nicht mehr hören! Mein Gott! Mein Gott!

Welche Nacht brachte er zu und welch ein düsterer Tag folgte aus diese düstere Nacht!

Zum Glücke kam, wie wir oben gesagt haben, der Brief des Mädchens an; das war eine Danksagung von drei Seiten, ein entzückender Lobgesang.

Sie bat die Familie um Verzeihung wegen ihrer Abwesenheit als wäre sie, die man mit Gewalt nach Versailles geschleppt hatte, die einzige Ursache ihres Abgangs gewesen.

Sie dankte für alles Gute was sie den ihnen empfangen, als ob nicht sie das Gute ihnen gegeben hätte!

Es waren die Gedanken eines Engels geschrieben durch die Hand eines Kindes.

Alles dies tröstete ein wenig den armen Justin.

Und dann, wie er dem Mädchen gesagt hatte, so sagte ihm die Hoffnung: »Geduld! sechs Monate sind bald vorüber!«

Wer weiß jedoch, welche Ereignisse im Zeitraume von sechs Monaten aus der halb geöffneten Hand des Geschickes fallen können?




XXV

Wo von den Wilder des Faubourg Saint-Jacques die Rede ist


Jeder nahm allmählich seinen gewohnten Lebensgang wieder an.

Justin, seine Mutter und seine Schwester umschlangen sich alle Drei mit derselben Kette, die sie einst an einander nietete, und fingen wieder an, die Kugel ihres schweren Daseins zu schleppen

Nur war es ein Leben, das, wo möglich. noch trauriger als ihr erstes Leben; denn die Monotonie ihres gegenwärtigen Lebens vermehrte sich durch die verlorene Freude ihres vergangenen Lebens.

Das Ende des Sommers verlief also sehr langsam damit, daß sie die Tage zählten, welche sie noch von der Rückkehr des Mädchens trennten.

Diese Rückkehr war, wie gesagt, auf den 5. Februar 1827 festgesetzt.

Die Hochzeit sollte am Tage nachher stattfinden.

Man hatte an den guten Pfarrer der Bouille geschrieben, um ihn zugleich um seine Erlaubniß und um seinen Segen zu bitten.

Er hatte die Erlaubniß geschickt und geantwortet er werde Alles in der Welt thun, wenn der Augenblick gekommen sei, um den Segen selbst zu bringen.

Am 6. Februar sollte Justin also der Glücklichste der Menschen sein.

Justin faßte auch Zuerst wieder Muth.

Als er eines Tages von Versailles zurückkam, wo er Mina mit Herrn Müller besucht, hatte er sie so hübsch so heiter, so liebevoll gefunden, daß er gewisser Maßen der Familie die Heiterkeit wiedergegeben.

Man war dem Monat Januar nahe.

Noch fünf Wochen Warten noch sieben und dreißig Tage Geduld, und Justin sollte den grünen Gipfel menschlicher Glückseligkeit erreichen.

Auch würde Eines bald die gute Familie zerstreuen.

Das waren die Vorbereitungen zur Heirath

Justin und die Mutter waren wohl der Ansicht gewesen, man müßte Mina von der Veränderung, welche in ihrem Leben vorgehen sollte, unterrichten; doch Schwester Céleste und der alte Professor hatten jedes seinerseits erwidert: »unnötig! ich stehe für sie!«

Sodann, wir müssen es sagen, machte sich Jedermann eine kindische Freude aus dem Erstaunen der theuren Kleinen, wenn man am 6. Februar Morgens, nachdem man sie am Tage vorher unter irgend einem Vorwande zur Beichte hätte geben lassen, aus dem Schranke ein weißes Kleid, einen Strauß von weißen Rosen. einen Kranz von Orangenblüthen ziehen würde.

Jedermann würde sie umgebend da sein; Jedermann würde ihre Freude sehen, die gute blinde Mutter ausgenommen; doch sie würde die Hand ihres Sohnes in der ihrigen halten, und an dem Scheuern dieser Hand würde sie Alles errathen.

Vom Anfange des Januars war man nur noch darauf bedacht, ein anständiges Zimmer zum Emfange der Neuvermählten in Bereitschaft zu setzen. Es war in demselben Bau, auf demselben Boden eine kleine Wohnung der der Mutter und der Schwester ähnlich, bestehend aus zwei Zimmern welche ganz nach Wünschen gemacht zu sein schienen um zur Aufnahme der beiden jungen Leute zu dienen.

Diese Wohnung hatte eine arme kleine Familie inne, welche einen großen Vortheil im Ausziehen fand, denn Justin erbot sich, auf seine Rechnung vier Termine zu übernehmen, die sie schuldig war.

Die Wohnung wurde am 9. Januar frei, und man gedachte sie so rasch als möglich zu meubliren: man hatte nicht ganz einen Monat vor sich.

Man lehrte das ganze Haus um, um etwas daraus zu ziehen, was man der Wohnung der jungen Wirthschaft anpassen könnte; doch nichts schien jung genug frisch genug, schön genug, um zu dieser Ehre erhoben zu werden.

Alle Drei stimmten darin überein, man müsse ein neues Mobiliar kaufen, allerdings einfach, aber frisch und nach dem Geschmacke des Tags.

Man schweifte also bei allen Ebenisten der Gegend umher; denn Tapezierer gab es in diesem Lande nicht, und wir glauben sogar versichern zu können, daß es noch heutigen Tages nicht einen einzigen dort gibt.

Endlich entdeckte man in der Rue Saint Jacques, ein paar Schritte von Val de Grace, einen Ebenisten, dessen Magazin von Meubles strotzte.

Meubles von Nußbaumholz, wohlverstanden, im Jahre 1827 war von Mahagonimeubles weder im Faubourg, noch sogar in der Rue Saint-Jacques die Rede; man ließ die Einwohner, welche die andern Quartiere durchlaufend solche bemerkt hatten, darauf hoffen; man erwartete von Tag zu Tage das Schiff, das mit diesem kostbaren Holze beladen war, konnte jeden Augenblick ankommen . . . wenn es nicht untergegangen.

Dies war aber Alles, was man den Ebenisten der Rue du Faubourg Saint-Jacques entnehmen konnte.

Mittlerweile, wenn man Eile hatte, eine Commode, einen Secrétaire, ein Bett zu bekommen, mußte man dies von Nußbaumholz, diesem Mahagoni der Unglücklichen, kaufen.

Trotz des tollen Ehrgeizes der guten Familie, ein Mobiliar von Mahagoni zu besitzen, war man also genötigt, sich mit den Meubles zu begnügen, die der Ebenist anbot.

Man war übrigens so sehr gewohnt, sich mit Wenigem zu begnügen, daß die neuen Meubles selbst von Nußbaumholz diesen braven Leuten als ein Schatz erschienen.

Was die Vorhänge und das Weißzeug betrifft, das übernahm Schwester Céleste.

Die Arme war seit sechs Monaten nicht ausgegangen; das gab eine ganze Reise für sie; es handelte sich darum, bis zu einem, zu jener Zeit schon im Quartier Saint-Jacques berühmten, Leinwandhändler zu gehen, den man Qudot nannte.

Das war weit für die arme Céleste; Gott allein kennt die erhabene Selbstverleugnung, die die Seele der Armen erfüllte; Gott allein weiß, ob während des langen Ganges der Schatten eines neidischen Gedankens ihr redliches Herz streifte.

Und doch . . . für wen machte sie diese Einkäufe?

Konnte sich das arme Mädchen nicht fragen: »Wie kommt es, wenn Gott das Leben zwei menschlichen Creaturen von demselben Geschlechte gibt, welche Beide keiner Sünde schuldig, da sie so eben erst geboren worden sind; wie kommt es, daß die Eine dahin gelangt, daß sie schön, glücklich und im Begriffe ist, den Mann zu heirathen den sie liebt, und den sie anbetet, während die Andere häßlich, krank, betrübt, und als alte Jungfer zu sterben bestimmt ist?«

Nein, sie fragte sich das nicht, und wenn sie es sich gefragt hätte,so würde sie diese Ungleichheit bei zwei ähnlichen Wesen nicht einmal murren gemacht haben.

Weit entfernt hiervon, ging sie freudig hin, als hätte sie ihre eigene Aussteuer zu kaufen gehabt.

Diese alte Jungfer war in der That eine Heilige, und trotz ihres geringen Respectes für die Andern, warteten die Nachbarn unleugbar nur aus ihre Heiligsprechung, um sie anzubeten.

Alle Vorübergehenden grüßten sie ehrfurchtsvoll; dergestalt strahlte ihre bleiche, kränkliche Stirne von glänzender Tugend.

Die Mutter, welche nichts zur Verschönerung des Hochzeitgemachs thun konnte, aber dennoch zum neuen Luxus der zwei jungen Leute beitragen wollte, nahm aus ihrer Commode die alten, reichen Spitzen, welche ihr Brautkleid geschmückt hatten, und die sie vom Tage ihrer Verheirathung weder mehr gesehen noch angezogen.

Sie gab sie Justin, daß er sie waschen und an das Kleid des Mädchens nähen ließe.

Herr Müller wollte auch sein Geschenk bringen.

Eines Morgens, das war am 28. oder 29. Januar, sah man, – zum großen Erstaunen der Nachbarn welche alle Tage ein neues Meuble vorüber tragen sahen, ohne sich die wirkliche Ursache dieser täglichen Anschaffungen erklären zu können, – man sah, sagen wir, eines Morgens, zu ihrer Verwunderung, einen großen, mit einem dicken Tuche bedeckten Wagen ankommen, der ein starkes Geräusch auf dem Pflaster machte.

Kaum hatte das unbekannte Vehikel vor der großen Thüre des Hauses, das Justin bewohnte, angehalten, da war es umgeben von allen Basen, allen Straßenjungen, allen Hunden, allen Hühnern der Vorstadt.

Man hätte glauben sollen, man sei bei einer Poststation in einem Provinzdörfchen.

Die Vorstadt Saint-Jacques ist eine von den primitivsten Vorstädten von Paris. Woher rührt dies? Etwa davon, daß von diesem Quartier, da es von vier Hospitälern umgeben ist, wie eine Citadelle von vier Basteien, diese vier Hospitäler den Touristen entfernen? oder daß, weil es zu keiner großen Landstraße führt, gegen keinen Mittelpunkt mündet, der Durchzug der Wagen hier sehr spärlich ist?

Sobald ein Wagen in der Ferne erscheint, macht auch der privilegierte Straßenjunge ein Sprachrohr aus seinen beiden Händen und signalisiert ihn allen Einwohnern der Vorstadt, gerade wie man an den Meeresküsten ein Segel signalisiert, das man am Horizont erblickt.

Auf diesen Ruf verläßt Jedermann seine Arbeit, geht auf seine Thürschwelle herab, oder pflanzt sich vor seinem Laden auf und erwartet kalt die Ankunft des verheißenen Wagens.

In einem gegebenen Augenblick erscheint er.

Hurrah! da ist der Wagen!

Sogleich nähert man sich ihm, man schaut ihn mit der naiven Freude, mit der kindischen Verwunderung an, welche die Wilden kundgeben mußten, als sie zum ersten Male die schwimmenden Häuser, genannt Schiffe, und die Centaurien, genannt Spanier erblickten.

Da offenbaren sich die verschiedenen Charaktere: Einige von den Eingeborenen des Faubourg Saint-Jacques umgeben ihn; Andere benützen die Anwesenheit des Kutschers, der sich er.frischen gegangen ist, und des Reisenden, der sich auf diese südlichen Ländereien verirrt hat, und eingetreten ist, wo er zu thun hatte: Jene, – wie die Mexicaner die Kleider ihrer Eroberer aufhoben, um sich zu versichern, ob sie einen Theil ihrer Haut bildeten oder nicht bildeten, – Jene, sagen wir, berühren das Leder des Wagens, oder streichen mit ihren Händen wie mit einem Kamme über die Mähne den Pferdes wehrend Andere auf den Bock klettern, zur innigen Freude der Mütter, welche großmüthig die Erlaubniß hierzu ertheilen.«

Hat sich der Kutscher erfrischt, ist der Reisende zurückgekehrt, so versucht es das Pferds sich wieder in Marsch zu setzen; doch nur mit einer unendlichen Mühe kann es die Vorstadt verlassen, ohne ein halb Dutzend Kinder die ihm das Geleite geben, zu zerquetschen.

Endlich gelingt es ihm sich frei zu machen, und es geht ab.

Ein neues Hurrah der Bevölkerung, ein Hurrah des Abschieds! man folgt ihm eine Zeitlang; mehrere spannen sich an die Federn den Wagens an; endlich verschwinden Roß und Wagen zum großen Bedauern der Menge und zur Freude des Reisenden, der entzückt ist, civilisirte Länder zu erreichen.

Wollen Sie nun einen Begriff von der Wichtigkeit haben die ein solchen Ereigniß annimmt?

Lieber Leser, treten Sie an demselben Abend in das Haus von einer der Personen ein, die diesen Wagen haben vorüberfahren sehen; zur Stunde, wo der Familienvater von der Arbeit zurückkehrt, hören Sie ihn fragen:

»Frau, was hat es heute Neues gegeben?«

Und die Frau und die Kinder antworten:

»Es ist ein Wagen durchgekommen! . . . «

Nachdem dies in Form einer Parenthese gegeben ist, mag man sich das Erstaunen und den Jubel des Quartiers vorstellen, als man den ungeheuren Wagen von völlig unbekannter Form erblickte.

Man begreift, wie er umgeben, angeschaut, berührt; in allen Richtungen untersucht wurde.

Nicht wahr, wir haben gesagt, welches Vergnügen nur durch seinen Durchzug dieser fantastische, mit seinem geheimnisvollen Rückenschild bedeckte Wagen bereitet habe.

Nun wohl, – das war nichts gegen das Freudengeschrei, das sich von allen Seiten, von den Buden. den Thüren, von den Fenstern, von den Dächern, erhob, als man, nachdem die Decke abgenommen war, – unglaublicher Luxus! feenhafter Traum!– ein ungeheures Stück von Mahagoniholz sah.

Die ganze Vorstadt bebte, die Ausrufungen den Erstaunens liefen von Haus zu Haus, und das Pflaster war buchstäblich bedeckt mit einer aufmerksamen, entzückten Menge.

Man begriff nicht recht, was die Bestimmung dieses großen Holzstückes, das ein langes, ungefähr einen Fuß dicken Gevierte repräsentierte.

Da es aber wunderbar lackiertes Mahagoniholz war, so begnügte man sich damit, daß man es naiv bewunderte.

Man nahm den ungeheuren Block vom Wagen herab und trug ihn in das Haus, dessen Thüre man den Neugierigen vor der Nase schloß.

Das war aber nicht die Rechnung der Menge: da sie den Tribut der Bewunderung hinreichend diesem Stücke bezahlt hatte, so wollte sie mit aller Gewalt seinen Nutzen kennen lernen.

Man fragte sich gegenseitige die Einen neigten sich zu einer Commode hin, die Andern zu einem Secrétaire..

Doch jede von diesen Conjecturen schien unwahrscheinlich.

Die Parteigänger der Unwahrscheinlichkeit, – was wir die Skeptiker nennen, – stützten sich darauf, daß dieser seltsame Gegenstand keine Schubladen habe, und eine Commode ohne Schubladen, wäre sie auch von Mahagoni, könne nicht die kleinste von den Commoditäten bieten, die sie zu versprechen scheine.

Einer von den Alten bot eine Wette an, es sei eine Armoire; doch er hätte sicherlich seine Wette verloren. denn Niemand hatte eine Spur von einer Thüre gesehen; eine Armoire ohne Thüre aber obgleich es immer ein Luxusgegenstand blieb, war ein überflüssiges Meuble. Es wurde dargethan, der Alte habe Unrecht.

Dem zu Folge gruppierte man sich um den Wagen und hielt Rath.

Das Resultat den Rathes war, man müsse die Lastträger bei ihrem Abgange aus dem Hause erwarten und sie befragen.

Die Lastträger erschienen, und es handelte sich darum, wer das Wort führen sollte; diese Sendung fiel einer dicken Gevatterin zu, welche ihre beiden Fäuste auf die Hüften stützte und stolz vorschritt.

Zum Unglück für die keuchende Menge war der Eine von den Lastträgern taub, der Zweite ein Auvergnat; der Eine konnte folglich nicht hören, und der Andere sich nicht verständlich machen.

Eine längere Conferenz unnötig erachtend, ließ der erste Lastträger seine Peitsche als ein echter Tauber, was er war, knallen und trieb triumphierend seinen Wagen an, was die Menge zwang, auf die Seite zu treten, um ihm die Passage frei zu lassen.

Man mag uns glauben, wenn man will – nie aber ward einem Bewohner der Vorstadt die Offenbarung diesen Geheimnisses zu Theil, das heute noch ein Nahrungsstoff für die langen Winterabende ist. Wir bitten sogar dringend diejenigen von unseren Lesern, welche errathen haben dürften, es handle sich um ein Klavier, dies Niemand zu enthüllen, damit dieser Zweifel fortbestehen und die Strafe für die entsetzlichen Nachbarn sein möge.




XXVI

Eine Freundin aus der Pension


In der That, diesen seltsame Ding, dieser ungeheure Block, diesen scheinbar massive Mahagonistück, das die fanatische Aufmerksamkeit der Müssigen den Faubourg Saint-Jacques aus sich gezogen hatte, war ein herrliches Klavier, welche der alte Professor als Hochzeitsgeschenk seiner theuren Mina sandte.

Man stelle sich die Verwirrung und die Freude der armen, Familie vor, als sie diesen reiche Geschenk empfing.

Sobald man das Klavier in das zukünftige Zimmer des jungen Ehepaars gestellt hatte, fand sich das Zimmer vollständig, und es war, als hätte es nur noch auf das wundervolle Meuble gewartet, das so natürlich an seinem Platze stand.

Es war ein reizendes, einfachen Zimmer so geschmückt, ein wahren Waldtaubennest, ganz rosig und weiß.

Man hatte am Kopfe des Bettes in einen eirunden Rahmen von Eichenholz mit Gold incrustirt den Kranz von Kornblumen und Klapperrosen eingefügt, den sich das Mädchen, in Erwartung des Tags, an dem Abend geflochten, wo man es im Getreide liegend gefunden hatte.

Nach dem Platze, den es einnahm, und der Wichtigkeit, die man ihm im Zimmer gegeben, hätte man glauben sollen, es sei einen von den Ex voto, wie sie die Seeleute über dem Haupte der Jungfrau bei der Rückkehr von gefahrvollen Reisen aufhängen.

Hatten sich nicht in der That von dem Tage an, wo das Mädchen diesen Kranz geflochten, die um die Familie her aufgethürmten Sturmwolken ausgehellt, sodann zerstreut, und man hatte endlich in ihrem goldenen Wagen die Schutzfee des Hauses herabkommen sehen?

Das Innere war also so geschmückt vollständig und bereit, das junge Ehepaar zu empfangen.

Noch sechs Tage, und die Sonne des Glückes sollte aufs Neue und glänzender als je für diese redlichen Leute strahlen.

Justin unterhielt eine lange und häufige Correspondenz mit der Vorsteherin der Pension: diese war entzückt über ihre Schülerin und sah mit Schmerz dem Augenblick entgegen, wo sie sich von ihr trennen müßte. Mit der Familie, welche sie in alle ihre Pläne eingeweiht hatte, einverstanden, war sie auch der Meinung, man sollte Mina in einer völligen Unwissenheit über das Glück lassen, das ihrer harrte, aus Furcht, es könnte das glühende Herz den Mädchens übermäßig aufregen.

Und in der That, wozu sollte es nützen, sie auch nur eine Stunde vorher in Kenntniß zu setzen? waren sie nicht Alle ihrer Einwilligung sicher? hatten sich nicht Céleste und der alte Müller für sie verbürgt? Bekam man nicht jeden Augenblick Beweise ihrer dankbaren Zuneigung für die Familie und ihrer tiefen Zärtlichkeit für den jungen Mann? Zwanzigmal hatte sie die Vorsteherin der Pension ohne sein Wissen befragt, und zwanzigmal hatte sie die Gewißheit erlangt, die in ihrem Herzen keimende Liebe erwarte nur einen Strahl, um sich zu erschließen und zu blühen, eine Gewißheit, welche die Vorsteherin immer wieder gegen Justin ausgesprochen.

Man hatte also zu dieser glückseligen Stunde nur Ursachen der Freude und der Zufriedenheit.

Unter dem Vorwand, ihr das Maß zu einem Halbsaisonkleid zu nehmen, hatte man ihr die Näherin geschickt, die ihr das machte, was man die großen Kleider nannte, das heißt die Festtagskleider; die kleinen Kleider, das heißt die Kleider für gewöhnliche Tage, machten Mina und Schwester Céleste selbst.

Am 5. Februar, an ihrem Geburtstage, sollte man die kleine Mina in Versailles holen.

Mehrere Male hatte Justin die Frage gethan:

»Wie werden wir Mina holen?«

Und jeden Mal hatte der alte Professor geantwortet:

»Kümmere Dich nicht um dies, Junge: das ist meine Sache.«

Am letzten Tage wiederholte Justin seine Frage.

»Ich habe einen herrlichen Wagen bestellt!« sagte Herr Müller.

Justin umarmte seinen alten Professor.

Und es brachten Alle mit einander, – Mina ausgenommen, – einen herrlichen Abend zu; man sagte kein Wort, das nicht hundertmal wiederholt worden wäre; man fragte sich, ob man nicht vergessen, ob das Aufgebot angeschlagen und bekannt gemacht worden sei, ob der Pfarrer von Saint-Jacques-du-Haut-Pas die Stunde sicher bestimmt habe, ob die weißen Atlaßschuhe, das Mousselinekleid und der Orangenblüthenkranz nicht zu spät kommen werden.

Am Ende den Abends bereitete die Mutter den Kindern und Müller ein sehr angenehmen Erstaunen.

Sie kündigte ihnen an, sie werde am andern Tage mit ihnen nach Versailles gehen.

Man mochte ihr immerhin einwenden, es seien bei nahe fünf Meilen von Paris und sechs Meilen vom Faubourg Saint-Jacques nach Versailles; das würde hin und zurück zwölf Meilen machen; sie werde gerädert sein; da sie seit sechs Jahren nicht mehr ausgegangen, so setze sie ihrer Gesundheit einer Gefahr aus: sie wollte nichts hören und, behauptete ihr Vorhaben gegen Alle, schoß die solidesten Vernunftgründe Bresche und faßte sich in dem unerschütterlichen Entschluß zusammen:

»Ich bin die Erste gewesen, die sie bei der Abreise umarmt hat; ich will die Erste sein, die sie bei der Rückkehr umarmt.«

Man trat am Ende ihrem Verlangen bei.

Während man ihr alle Arten von Einwendungen machte, wünschte übrigens Jedes, daß sie beharrlich bleibe.

Es wurde verabredet, daß man sich am andern Morgen um sieben Uhr bereit halten sollte und am an dem Morgen um drei Viertel auf sieben Uhr sah man in der That zur unausprechlichen Verwunderung der Nachbarn den von Herrn Müller am Tage vorher angekündigten herrlichen Wagen erscheinen.

Es war ein riesiger Fiacre mit Wappen verziert an beiden Füllungen und schreiend gelb angemalt; es bestehen heute kaum noch zwei bin drei solche autediluvianische Fiacres; das sind die Mammuths und Mastodons der Gattung; seit etwa zehn Jahren sind sie in den Zustand der Curiositäten übergegangen; wir würden das Museum, wo man sie aufbewahrt, angeben, wenn wir es kenneten.

Es war eine Arche, wo sich an regnerischen Sonntagen eine ganze Bürgerfamilie einschloß, und es fanden darin vier Paar Thiere, das heißt sieben bin acht Personen Raum, ohne daß man gerade einem Nachbar zu beschwerlich war; heute braucht man für acht Personen vier Coupés: das ist allerdings viermal weniger lästig, doch es ist achtmal theurer!

Ist das ein Fortschritt? Wir wissen es nicht; wir lassen die Schande oder den Ruhm davon bei der Nachwelt den Wagenvermiethern.

Herr Müller stieg zuletzt ein, nachdem er dem Apotheker, – der wie die Andern vor der Thüre stand mit seinem Gehilfen und seiner Haushälterin, welche man gewöhnlich die Apothekerin nannte. – den Schlüssel der Wohnung übergehen und ihn ersucht hatte, falls ein Priester vom Lande käme und nach Herrn Justin oder Mademoiselle Mina fragen würde, ihm diesen Schlüssel zuzustellen und ihm zu sagen, die ganze Familie sei in Versailles, werde aber am Abend mit seiner Mündel zurückkommen.

Der Priester werde daher gebeten, zu warten.

Hiernach nahm der Professor Platz bei seinen drei ungeduldigen Freunden, und der Wagen ging in starkem Trabe mit der glücklichen Familie ab, um sie nach dem Pensionat von Versailles zu führen, wo das Mädchen nicht an die Ueberraschung dachte, die man ihm bereiten wollte.

Der Fiacre hatte sich nicht zwanzig Schritte entfernt, als alle Nachbarn an die Thüre den Apothekers stürzten und ihn fragten, was für einen Gegenstand und welchen Auftrag man ihm gegeben.

Herr Louis Renaud wollte den Diskreten spielen und mit einer hoffärtigen, wichtigen Miene ein Stillschweigen beobachten; doch das schien der Apothekerin durchaus nicht nötig.

»Ta ta ta!« sagte sie, »dahinter ist kein Geheimnis! und dann verbergen sich nur die Leute, welche Böses thun wollen: der Gegenstand das ist der Schlüssel der Wohnung, und der Auftrag ist, diesen Schlüssel einem Pfarrer vom Lande zu geben der nach seiner Mündel fragen wird.«

»Mademoiselle Francoise,« sprach Herr Louis Renaud, während er majestätisch in sein Haus eintrat, »ich habe Ihnen immer gesagt, sie seien eine Schwätzerin!«

»Gut, Schwätzerin oder nicht, die Sache ist heraus,« erwiderte Mademoiselle Francoise; »sie hätte mich erstickt, und ich kann doch nicht an einer Blutschlage sterben.«

Rasch verbreitete sich im Faubourg Saint-Jacques die Neuigkeit, die ganze Familie sei nach Versailles abgefahren, Mina sei die Mündel einen Priesters, und man erwarte ihren Vormund im Verlaufe des Tages.

Da der Tag, der sich eröffnet, ein heiliger Sonntag war und folglich Niemand etwas zu thun hatte, so stationierten einen Theil des Tages aus der Straße Gruppen, plaudernd und Hypothesen machend.

Als die Stunde des Frühstücks für die Einen oder die Andern kam, stellten diejenigen, für welche die Stunde gekommen war, Schildwachen aus, die den Auftrag hatten, ihnen Meldung zu machen, wenn der Priester am Horizont erscheine.

Es schlug acht Uhr, neun Uhr, zehn Uhr, elf Uhr in der Kirche Saint-Jacques-du-Haut-Pas, ohne daß man eine Soutane erscheinen sah, und ohne daß die verschiedenen Muthmaßungen einen Schritt gegen die Wahrheit machten; nur liefen um halb zwölf Uhr einige Frauen, welche aus dem Hochamte kamen und dem Kerne der Gläubigen vorangingen, wie eine leichte Vorhut einem Armeecorbes vorangeht, es liefen, sagen wir, einige Frauen mit ausgestreckten Armen und ganz athemlos herbei und riefen nach rechts und nach links, durch die Straße eilend:

»Sie heirathen sich! sie heirathen sich! der Pfarrer von Saint-Jacques hat das Aufgebot verkündigt! sie heirathen sich! sie heirathen sich!«

Diese Neuigkeit durchflog in seiner ganzen Länge das Quartier Saint-Jacques mit der Geschwindigkeit eines elektrischen Schlages.

Von da an trat wieder ein wenig Ruhe in der Vorstadt ein: man wußte also das große Geheimnis des Schulmeisters!

Nur gab es hier wie überall, einige starke Geister, welche sagten:

»Ich vermuthete es!«

»Ah! ein großer Witz!« rief vorübergehend ein Straßenjunge: »sie haben vermuthet, ein schöner Bursche werde ein schönen Mädchen heirathen, um solche Prophezeiungen zu machen, braucht man nicht die Karten der Brocante.«

Mittlerweile rollte der Fiacre, kam nach Versailles, fuhr durch drei hie vier Straßen, welche widerhallten wie die Gassen einer Nekropolis, und hielt vor der Thüre des Pensionats gerade in dem Augenblicke an, wo ein Fiacre von derselben Nuance im Galopp in entgegengesetzter Richtung umkehrte.

Man hätte glauben sollen, es seien zwei siamesische Fiacres, die ihre Anfügung zerrissen.

Es war übrigens Zeit, daß man ankam; die Mutter und die Schwester waren müde und starben vor Ungeduld; der alte Professor fluchte über die Länge des Weges. Er fluchte, er, der ihn gewöhnlich so kurz fand, wenn er kam oder zu Fuße zurückkehrte.

Das Herz von Justin schlug immer heftiger, je mehr man sich Versailles näherte, eine Viertelmeile mehr, und er lief Gefahr wie seine Nachbarin Francoise, von einem Blutschlage getroffen zu werden.

Kurz, wir wiederholen, es war Zeit.

Man trat in die Pension ein; die Mutter kannte die Vorsteherin nicht; man führte sie zu ihr; sie dankte ihr vor Allem für die innige Fürsorge, mit der sie seit sieben Monaten ihre Adoptivtochter umgeben.

Man schickte zu dem Mädchen.

Die Kammerfrau kam zurück und meldete, Mademoiselle Mina sei nicht in ihrem Zimmer.

Sehen Sie bei Fräulein Susanne von Valgeneuse,« sagte die Vorsteherin.

Sie wandte sich sodann wieder an ihre Gäste und sprach:

»Ohne Zweifel ist sie im Zimmer von einer ihrer Freundinnen, Fräulein Susanne von Valgeneuse, einer reizenden, sehr sanften, wohlerzogenen Person ungefähr von ihrem Alter und aus derselben Gegend des Landes, wo ihr Vater bei Rouen große Güter hat; sie haben sich seit dem Eintritt von Mina an einander angeschlossen, und ich kann mir zu dieser Verbindung nur Glück wünschen. Sollten Sie glauben, daß sie Zwei mir eine Unterlehrerin ersparen? Mina lehrt Musik, das Französische und Geschichte, während Susanne Lectionen im Zeichnen, im Rechnen und im Englischen gibt . . . Ah! hier kommt sie!«

Mina erschien in der That, ganz rosig vor Freude, ganz athemlos vor Glück, und gab einen Schrei von sich, als sie die ganze Familie versammelt sah.

Es war, als kennete sie weder den alten Professor, noch Schwester Céleste, noch sogar Justin, denn sie lief gerade auf Madame Corby zu, warf sich in ihre Arme und rief:

»Meine Mutter!«

Der Anblick von Madame Corby hatte sie auf den Gedanken gebracht, es gehe etwas Außerordentliches vor, oder es sollte etwas Außerordentliches vorgehen.

Sie war auch sehr bewegt, als man ihr sagte, da sie an demselben Tage sechzehn Jahre alt sei, so werde sie das Pensionat verlassen, um nicht mehr dahin zurückzukehren.

Justin eröffnete ihr diese Freude, während er sie nach seiner Gewohnheit auf die Stirne küßte und an sein Herz drückte.

Man war sehr freundlich und dennoch fand ich eine Nuance von Leid in ihrer Freude; Mina, ein zartes Herz, war an drei Dinge anhänglich geworden: an Madame, das heißt an die Vorsteherin; an Susanne, ihre Freundin, und an ihr Stübchen, das auf den Recreationshof ging, wo es so geräuschvoll war in den Spielstunden, so ruhig die ganze übrige Zeit.

Sie bat also um Erlaubniß, von ihrem Stäbchen und von Susanne Abschied nehmen zu dürfen, eine doppelte Erlaubniß, die sie ohne Mühe erlangte.

Man kam überein, daß sie von ihrem Stübchen Abschied nehmen und bei ihrer Rückkehr Susanne im Solon finden sollte.

Mina ging mit der Hand, mit dem Kopfe und mit dem Lächeln grüßend weg.

Ihr Zimmer lag im Erdgeschoße auf der andern Seite des Hauses, und sie hatte nur den Corridor zu durchschreiten.

Sie trat ein, grüßte religiöser Weise jeden Gegenstand, jedes Geräth, wie man Freunde grüßt, denen man Lebewohl sagen will, kniete vor dem Betpulte nieder und sprach dieselben Dankgebete, die sie in dem kleinen Hause des Faubourg Saint-Jacques am Tage nach ihrer Ankunft gesprochen hatte.

Mittlerweile hatte man Susanne in den Salon herabkommen lassen.

Es war eine schöne Person von ungefähr neunzehn Jahren, mit großen schwarzen Augen, denen man nichts vorwerfen konnte, als ein wenig natürliche Härte, die sich aber nach dem Willen des Mädchens wunderbar milderten; sie hatte schwarze Haare und Brauen, welche vollkommen mit ihren Augen harmonierten; sie war groß und schlank, hatte einen kurzen, gebieterischen Ton, und roch auf eine Meile nach Aristokratie.

Der erste Anblick des Mädchens wirkte nicht sympathetisch auf Justin.

Bei der Nachricht aber, daß sie auf immer von Mina getrennt werden sollte, schien Susanne ein solches Leid zu fühlen, daß der in ihrem Gesichte zu lesende Eindruck tiefer Betrübniß genügte, um Justin zu ihr zurückzuführen.

Ueberdies hatte Susanne Madame Corby so freundlich gegrüßt, Schwester Céleste so herzlich die Hand gereicht, so anständig dem alten Professor zugelächelt, – der, wie Justin, einer ihrer Bekannten war, obgleich Beide sie nicht kannten, – daß Justin alsbald seine Meinung über sie änderte.

Sodann, wie die guten Herzen, welche im guten Eindruck weiter gehen, als im schlechten, neigte er sich an das Ohr von Madame Corby und sagte leise:

»Meine Mutter, Mina scheint die Trennung von ihrer Freundin lebhaft zu bedauern, ich möchte nicht, daß Mina morgen das geringste Leid hätte: wenn wir Fräulein Susanne einlüden, den morgigen Tag bei uns zuzubringen?«

»Sie würde es ausschlagen,« erwiderte die Mutter.

Mit dem Takte einer Blinden hatte Madame Corby in der Stimme von Fräulein von Valgeneuse gewisse Saiten erkannt, welche, hart klingend, ihr eine schlimme Vermuthung über die freundschaftlichen Empfindungen des Mädchens eingaben.

»Aber wenn sie annimmt?« versetzte Justin.

»Unser Haus ist ein sehr armes Haus für ein so reiches Fräulein!«

»Sie wird morgen nach der Feier zurückkehren, und heute Nacht wird sie in meinem Zimmer schlafen.«

»Doch wo wirst Du schlafen?«

»Ah! ich werde wohl einen Ort finden, um ein Gastbett unterzubringen.«

»Wer wird aber das Fräulein zurückführen?«

»Sie haben Recht. meine Mutter.«

Man zog die Vorsteherin über diese große Frage zu Rath, und das Resultat der Berathung war: am anderen Tage würden die Vorsteherin der Pension und Fräulein Susanne von Valgeneuse in Paris gegen zehn Uhr Morgens ankommen, der Trauung beiwohnen und nach der Ceremonie nach Versailles zurückkehren.

Man theilte diesen Plan Fräulein Susanne mit, sie nahm ihn mit Freuden an, obgleich man sie in Unwissenheit hinsichtlich des Zweckes ließ, in welchem sie nach Paris gehen würde.

Man befürchtete ihre Indiscretion gegen ihre Freundin.

Fräulein Susanne bat nur um Erlaubniß. Ihren Bruder, Herrn Loredan von Valgeneuse, von dem Vorhaben für den anderen Tag unterrichten zu dürfen.

Einen Augenblick früher in Kenntniß gesetzt, hätte sie ihn mündlich unterrichten können, denn er habe sie soeben im Sprachzimmer verlassen.

Da Herr Loredan von Valgeneuse in Versailles wohnte, oder vielmehr hier ein Absteigequartier hatte, so bedachte indessen Susanne, daß es Zeit genug, ihm nach dem Abgange von Mina zu schreiben.

Uebrigens kam in diesem Augenblick das Mädchen zurück und warf sich mit aller Kraft in die Arme seiner Freundin.

Inder Furcht. auch nur einen Anschein von einer Thräne im Augenwinkel von Mina glänzen zu sehen, verkündigte ihr Justin. sie könne, statt Abschied zu nehmen, ihrer Freundin auf Wiedersehen sagen: Fräulein Susanne und Madame Desmarets, das war der Name der Vorsteherin der Pension. – werden ihnen die Ehre erweisen, den andern Tag mit ihnen zuzubringen.

Von da an hatten die Augen von Mina nicht einmal mehr nötig, abgewischt zu werden: sie trockneten sich von selbst; sie sprang vor Freude, umarmte Susanne, umarmte Madame Desmarets.

Dann wandte sie sich gegen die geliebte Familie um und rief:

»Hier bin ich . . . ich bin bereit.«

Man sagte sich zum letzten Male aus Wiedersehen; Madame Desmarets und Susanne versprachen, pünktlich zu sein; die fünf Reisenden stiegen in den Wagen und schlugen wieder den Weg nach Paris ein, während Susanne in ihr Zimmer zurückkehrte und an ihren Bruder schrieb:

»Hinter Dir ist die Familie angekommen; sie nimmt Mina mit. Ich glaube, daß morgen etwas Außerordentliches in der Rue Saint-Jacques vorgehen wird. Wir sind eingeladen, Madame Desmarets und ich, den Tag bei ihnen zuzubringen; willst Du Dich über die Ereignisse auf dem Laufenden erhalten, so richte es so ein, daß Du Madame und mich in Deiner Caleche fährst.



    »Deine Schwester die Dich liebt.
    »S. von V.«




XXVII

Der Heirathsantrag


Wie es Justin gehofft, verließ seine theure kleine Mina die Pension und sollte nach Hause zurückkehren, ohne daß der Schatten eines Bedauerns über ihre Stirne zu ziehen das Recht hatte.

Sie war weht ein wenig besorgt, wie ihre aristokratische Freundin den Steig des Faubourg Saint-Jacques, den Hof des Apothekers, den finsteren Eingang der Wohnung und alle diese Mahle, wenn nicht des Elends. doch wenigstens der Armuth, ansehen würde, die sie nur bemerkte, indem sie dachte, eine Andere könnte sie bemerken.

Mina war indessen besorgt, aber sie schämte sich nicht: sie hätte diese armselige Wohnung mit Freunden nicht gegen einen Palast mit Fremden vertauscht; über dies glaubte sie ihrer Susanne so sicher zu sein, wie ihrer selbst und sie sagte sich, in welchem Stande sie eine Freundin hätte, und so gering auch dieser Stand sein möchte, sie würde sich immer erfreut und geehrt fühlen, von ihr empfangen zu werden.

Die Reise schien Jedermann kurz, besonders aber Mina, welche nicht einmal bemerkte, daß es eine Reise war; ihre Hand in der von Justin, den Kopf bald in die Ecke des Wagens zurückgelehnt, bald auf die Schulter des jungen Mannes gestützt, machte sie einen von den goldenen Träumen, wie man sie nur von fünfzehn bis achtzehn Jahren macht.

Wie groß auch die Neugierde der Einwohner der Vorstadt war, sie hatte nicht gegen eine so weit vorgerückte Stunde Stand halten können: von sieben Uhr an war Jeder, je nach seiner mehr oder minder großen Beharrlichkeit, in sein Hans zurückgekehrt, und die letzte Thüre hatte sich hinter dem letzten Nachbar geschlossen. – dessen Rückzug die Straße völlig verödet ließ, wie sie das Schließen seiner Thüre finster lassen sollte, – als man das ungewohnte Geräusch des Rollens von einem Wagen hörte, der vor der Thüre des Apothekers anhielt.

Der Apotheker, welcher noch nicht zu Bette gegangen war, – weniger, um gewissenhaft den Auftrag von Herrn Müller zu erfüllen, als um den Pflichten seines Gewerbes zu gehorchen. – der Apotheker, sagen wir, hatte kaum gehört, daß der Wagen anhielt, als er die Thüre wieder öffnete und, seine Nachbarn erkennend, den Schlüssel Herrn Müller mit der Bemerkung übergab, der Priester, den er erwarte, habe sich nicht gezeigt.

»Welcher Priester?« fragte das Mädchen.

»Ein mir befreundeter Priester,« antwortete Herr Müller, der vielleicht zum ersten Male, jedoch entschuldigt durch die Absicht, log.

Der brave Mann log aus einem guten Beweggründe.

Man schickte den Fiacre weg, und während ihn Herr Müller bezahlte, flüsterte er ihm ein paar Worte zu, welche keine andere waren, als die:

»Seien Sie morgen Vormittag auf den Schlag zehn Uhr hier.«

»Man wird da sein, Herr,« antwortete der Fiacre.

»Sie bestellen den Fiacre, lieber Papa Müller?« fragte Mina.

»Ja, mein Kind; ich habe Euch morgen eine kleine Spazierfahrt machen zu lassen.«

»Du bist dabei, Bruder Justin?« fragte Mina.

»Ich glaube wohl!« erwiderte Justin.

»Oh! dann, welch ein Glück!« rief Mina.

Und sie hüpfte in das Haus hinein, und sagte guten Morgen jedem Geräthe der Wohnung der Rue Sainte-Jacques, wie sie Lebewohl jedem Geräthe des Pensionats von Versailles gesagt hatte.

Man legte sich erst um Mitternacht zu Bette und, ganz außerordentlicher Weise! blieb Madame Corby bis zu dieser Stunde auf, was, so lange Mina und sogar Müller sich erinnern konnten, nie geschehen war.

Um Mitternacht trennte man sich.

Justin, gab dem Mädchen seinen letzten väterlichen Kuß auf die Stirne; der Kuß am anderen Tage sollte ein Gattenkuß sein.

Müller wünschte Jedermann gute Nacht; er hatte nicht die geringste Lust, sich zu entfernen, und er behauptete, wenn Geiger da wären, würde er mit Schwester Céleste tanzen.

Die arme Schwester Céleste! sie lächelte traurig: sie hatte nie getanzt.

Die zwei Männer gingen in das Zimmer von Justin hinab und plauderten hier noch eine Stunde.

Dann entfernte sich Müller.

Justin nahm sein Violoncell aus seinem Kasten, schloß es zwischen seine Knien und spielte, mit seinem Bogen zwei Zoll über den Saiten streichend, in Gedanken eines der heitersten Motive von Il Matrimonio segreto, das er mit den übertriebensten Phantasien schmückte.

Um drei Uhr entschloß er sich endlich, zu Bette zu gehen, doch er war zu glücklich und folglich zu sehr aufgeregt, um ernstlich zu schlafen; überdies hätte er, ernstlich schlafend, das Gefühl seines Glückes verloren.

Man hätte glauben sollen, er entschlafe nur in der Hand haltend, was ihn zum Erwachen zurückführen wie der Taucher das Seil hält, das ihn, wenn er in der Tiefe des Wassers erstickt, an die Oberfläche des Meeres zurückbringen soll.

Um sechs Uhr war er aus den Beinen.

Er begriff die Langsamkeit der Zeit nicht; die Pendeluhr ging zu spät, die große Feder der Sonne war zerbrochen, der Tag würde nie kommen!

Der Tag kam um halb acht Uhr, wie er im Hofe kam; es war hier in Wahrheit nie er, sondern nur ein Namensleiher.

Justin ging zur Hausthüre, um hinauszuschauen.

Was wollte er dort sehen?

Er wußte es selbst nicht; es gibt.Augenblicke, wo man die Thüre öffnet, als ob man Jemand erwartete.

Er erwartete das Glück.

Das Glück, das so selten kommt, wenn man ihm die Thüre zum Voraus öffnet!

Es waren schon Buden offen; es waren schon Nachbarn auf der Schwelle ihrer Hausthüre.

Mehrere Personen machten Justin Zeichen.

Der Bäcker gegenüber, ein dicker Handwerksmann mit mehligem Gesichte und prallem Bauche, rief ihm zu:

»He! es ist also heute, Nachbar?«

Justin ging wieder hinein und schritt zu seiner Toilette. Sie sollte ihm eine Stunde nehmen.

Er hatte lackierte Schuhe, durchbrochene seidene Strümpfe, einen schwarzen Frack und schwarze Beinkleider, eine weiße Weste und eine weiße Halsbinde.

Er glättete seine schönen blonden Haare, welche auf seinen Hals herabfielen und ihm nach der Behauptung von Müller, das deutsche Aussehen gaben, das so sehr dem alten Professor gefiel, weil es seinen Zögling Weber ähnlich machte.

Gegen acht Uhr hörte er Geräusch über seinem Kopfe.

Es waren die zwei Mädchen, welche aufstanden.

Wenn wir sagen die zwei Mädchen, so nehmen wir die Mitte des Alters von Mina und von Céleste.

Mina zählte sechzehn Jahre, Céleste sechsundzwanzig.

Das war eine Mitte von einundzwanzig Jahren.

Nachdem Mina erwacht, sollten die ihr für diesen feierlichen Tag vorbehaltenen Ueberraschungen beginnen.

Während das Mädchen seine erste Toilette machte, ging Schwester Céleste hinaus und holte aus dem Zimmer des zukünftigen Ehepaars den ganzen weißen Putz mit Ausnahme des Kranzes von Orangentblüthen.

Plötzlich, als sie sich umwandte sah Mina auf ihrem Bette ausgebreitet den Unterrock von weißem Taffet, das Mousselinkleid mit Spitzen und die seidenen Strümpfe.

Am Fuße des Bettes standen weiße Atlaßschuhe.

Mina schaute alle diese Gegenstände mit Erstaunen an.«

»Für wen das?« fragte sie.

»Ei, für Dich, Schwesterchen.«

»Sammle ich zufällig heute Almosen?« sagte Mina lächelnd.

»Nein, Du bist bei der Hochzeit.«

Mina schaute Schwester Céleste ganz verwundert an.

»Wer heirathet denn?« fragte sie.

»Das ist ein Geheimnis!«

»Ein Geheimnis?«

»Ja.«

»Ah! sage es mir!« verfehle das Kind. mit seinen hübschen Händen die Wangen der alten Jungfer streichelnd.

»Du wirst das Justin fragen,« erwiderte diese.

»Oh! Justin!« rief Mina, »wie lange habe ich ihn nicht gesehen! Wo ist er denn?«

»Er wartet, bis Du angekleidet bist.«

»Ah! dann will ich mich rasch ankleiden.«

Und von Céleste unterstützt, kleidete sich Mina in einem Nu an.

Was in der Regel am meisten Zeit bei der Toilette der Frauen braucht, ist der Kopfputz.

Doch ihre Haare kräuselten sich von Natur.

Ein Kammstrich genügte, um sie in dicken Locken um ihre Finger zu rollen.

Fünf bis sechs Locken fielen so auf jeder Seite ihrer Wangen herab, rollten auf ihre Schultern, verloren sich in ihrer Brust und Alles war geschehen.

»Nun bin ich angekleidet, Schwester Céleste,« sagte Mina. »Wo ist Justin?«

»Komm!« erwiderte Céleste.

Um aus der kleinen Wohnung wegzugehen, mußte man das Zimmer von Madame Corby durchschreiten.

Die Blinde erkannte den Tritt von Mina.

Madame Corby, während sie Mina küßte, griff mit der Hand nach ihrem Kopfe; es war, als suchte sie Etwas

Dieses Etwas fehlte.

»Sie hat Justin noch nicht gesehen?« fragte die Mutter.

»Nein, Justin erwartet sie.«

»So gehe,« sprach Madame Corby; »es gibt Augenblicke, wo einem das Warten so lange dünkt.«

Schwester Céleste öffnete die Thüre; Mina wollte hinabgehen.

»Nein,« sagte Schwester Céleste, »hier!«

»Sie öffnete die Thüre gegenüber.«

Es war die des von uns geschilderten hübschen Brautgemachs.

Justin stand mitten im Zimmer und hielt in der Hand, was dem Putze von Mina fehlte, was Madame Corby auf der Stirne der Waise gesucht hatte: den Orangenblüthenkranz.

Mina begriff Alles.

Sie gab einen Freudenschrei von sich, erbleichte und streckte die Hände aus als wollte sie eine Stütze suchen.

Die Stütze war da.

Justin machte nur einen Sprung und empfing, sie in seinen Armen.

Sodann, während er seine Lippen auf die von Mina drückte, setzte er ihr den Orangenblüthenkranz auf die Stirne.

So, in einem kleinen erstickten Schrei, warb Justin um die Hand von Mina, und antwortete Mina, sie willige ein, Justin zu heirathen.

Fünf Minuten nachher war Mina zu den Füßen von Madame Corby, welche, nachdem sie den Kopf des Kindes betastet und das, was sie zehn Minuten vorher vergebens gesucht, darauf gefunden hatte, ihre zitternde Hand emporhob und sprach:

»Im Namen alles Glückes, das ich Dir verdanke, segne ich Dich, mein Kind!«

In diesem Augenblick erschienen drei Personen an der Thüre.

Das waren einmal Madame Desmarets und Susanne von Valgeneuse; sodann, hinter diesen Damen, erblickte man den Kopf des Professors, der sich auf den Fußspitzen erhob, um zu sehen, wie die Sache stand.

Plötzlich fühlte sich der gute Professor um den Leib gefaßt, beinahe erstickt.

Es war Justin, der ihn umarmte.

»Nun?« fragte der brave Mann.

»Sie liebt mich!« rief Justin

»Als Schwester!« sagte Müller lachend.

»Als Schwester, als Braut, als Frau, als Gattin!

Sie liebt mich, theurer Herr Müller! oh! ich bin der Glücklichste der Menschen!«

Justin hatte Recht. in diesem Augenblick berührte er jenen Culminationspunkt, welchen zu erreichen so wenig Menschen gestattet ist.

Er berührte den Gipfel des Glücks.

Es bahnte sich indessen ein kleiner Groom, bekleidet mit einem schwarzen Rock und einer weißen Hose, Umschlagstiefel an den Beinen und einen Hut mit Borte und schwarzer Cocarde auf dem Kopfe, einen Weg zwischen den Personen dieser Scene durch und kam bis zu Susanne von Valgeneuse, der er ein zusammengerolltes Papierchen und einen Bleistift überreichte.

»Von Herrn Loredan,« sagte englisch der Groom; »er bittet um Antwort.«

Susanne entrollte das Papierchen und sah nichts als ein ungeheures Fragezeichen.

Sie begriff und schrieb unter dieses Fragezeichen folgende paar Zeilen:

»Mina heirathet! Sie nimmt ihren großen Einfaltspinsel von einem Schulmeister zum Manne.

»Bezahle Deiner Liebe den Lohn und gib ihr den Abschied . . . mit dem Vorbehalte, sie später wieder in Deinen Dienst zu nehmen.



    »S. von V.«

»Hier Dick. Bring dies Deinem Herrn,« sagte sie;«es ist die Antwort.«

Justin hatte Alles gesehen, doch ohne Etwas zu errathen.

Es durchzog indessen eine Art von Ahnung einen unbekannten Unglücks wie ein Schauer seine Adern.

Er ging ans Fenster um zu schauen, wem dieses Billet übergeben würde.

Ein schöner, eleganter junger Mann wartete vor der Thüre in einer Caleche.

Das war ohne Zweifel Herr Loredan von Valgeneuse.

Als er den Tritt des Groom hörte, wandte er sich um; Justin konnte sein Gefecht sehen.

Es war derselbe junge Mann, der am Fronleichnamsfeste Mina auf eine so seltsame Weise angeschaut hatte, daß der Schulmeister die erste Schlange der Eifersucht in sein Herz beißen gefühlt.

Der kleine Groom übergab das Billet dem jungen Manne; er las es und winkte ihm, wieder seinen Platz neben dem Kutscher einzunehmen.

Der Knabe saß noch nicht auf dem Bock, als der Wagen im Galopp abging.




XXVIII

Der Pfarrer der Bouille


Während diese Dinge im kleinen Hause der Rue du Faubourg Saint-Jacques vorgingen, stieg ein wackerer Mann von einem Priester, siebzig bis zweiundsiebzig Jahre alt, unter Demonstrationen der Neugierde und der Freude, nach deren Ursache er sich vergebens fragte, die Straße hinauf

Die Bewohner des Faubourg Saint-Jacques. Welche, auf die Aussage der Apothekerin, seit dem Morgen des vorhergehenden Tages einen Priester erwarteten, hatten nicht sobald die Soutane und den Dreispitz des Abbé Ducornet, – so hieß der Pfarrer der Bouille. – erscheinen sehen, als sie einander, die Näheren mit dem Worte, die Entfernteren mit der Geberde, sagten: »Da ist der Priester!«

Und da man nach einem so langen Warten nicht mehr auf ihn rechnete, so brachte, wie gesagt. Seine Erscheinung den lebhaftesten Eindruck hervor.

Jeder näherte sich ihm; neun umgab ihn, und er ging mit einem Gefolge.

Und da es schien. als schaute er nach rechts und nach links, um sich in der Straße zu orientieren, so sagte eine Frau Base, indem sie sich verneigte, zu ihm:

»Guten Morgen, Herr Pfarrer!«

»Guten Morgen., meine liebe Frau!« erwiderte der würdige Abbé.

Und da er sah, daß er bei No. 300 der Rue Saint-Jacques war, statt bei No. 20 des Faubourg zu sein, so ging er weiter.

»Der Herr Pfarrer kommt vielleicht wegen einer Hochzeit?« fragte die Base.

»Bei meiner Treue, ja!« versetzte der Pfarrer, indem er stehen blieb.

»Wegen der Hochzeit von Nr. 20?« sagte eine Andere.

»Ganz richtig!« antwortete der Pfarrer, ganz verwundert.

Und als er die Glocke von Saint-Jacques halb zehn schlagen hörte, ging er abermals weiter.

»Wegen der Hochzeit von Herrn Justin?« sagte eine dritte Base.

»Mit der kleinen Mina, deren. Vormund Sie sind?« sagte eine Vierte.

Der Pfarrer schaute die Basen mit einer immer mehr erstaunten Miene an.

»Laßt doch den brauen Mann in Ruhe, Weibervolk!« rief ein Küfer, der ein Faß bereifte; »Ihr seht wohl, daß er Eile hat.«

»Ja, in der That. ich habe Eile!« sprach der gute Priester. »Es ist sehr weit, der Faubourg Saint-Jacques. Hätte ich gewußt, daß es so weit ist, so würde ich einen Wagen genommen haben.«

»Ah! Bah! Sie sind an Ort und Stelle, Herr Abbé, es ist nur noch ein Schritt.«

»Ei! es ist dort wo Sie einen gelben Fiacre stehen sehen,« sagte eine von den Frauen.

»Vorhin,« sprach eine Andere. »vorhin war auch ein unbedeckter Wagen da, mit einem schönen jungen Manne darin, einem gepuderten Kutscher auf dem Bocke und einem kleinen Diener, der nicht größer war, als eine Amsel; doch es scheint, dieser Wagen gehörte nicht zur Hochzeit: er ist wieder weggefahren.«

»Ich sehe keinen Fiacre,« sagte der Pfarrer, der abermals stehen blieb und sich einen Lichtschirm aus einer Hand machte.

Oh! seien Sie unbesorgt, Sie werden sich nicht verirren; überdies begleiten wir Sie bis zur Thüre, Herr Pfarrer.«

»He! Babolin!lauf doch voraus und sage Herrn Justin, er möge nicht ungeduldig werden, der Pfarrer, den er erwarte, komme so eben.«

Der Junge; welchen man mit dem Namen Babolin bezeichnete, und der derselbe war, den wir schon zweimal haben erscheinen sehen, nahm seinen Lauf durch die Straße hinauf und sang dabei aus eine Melodie von seiner Erfindung:

Eh! oui, je vas lui dire, lui dire, lui dire . . .

Eh! oui, je vas lui dire, lui dire, tout de même![9 - Ja, ich will es ihm sagen u.s.w.]

Der Dialogs und sogar der Trialog nahm seinen Fortgang.

Sie sind nie bei den Justin gewesen, Herr Pfarrer?«

»Nein, meine guten Freunde. ich bin nie in Paris gewesen.«

»Ei! woher sind Sie denn?«

»Von der Bouille.«

»Von der Bouille? Wo ist das?« fragte eine Stimme.

»Nieder-Seine!« antwortete eine andere Stimme, von der später Herr Prudhomme seinen Baßton entlehnen sollte.

»In der That, Nieder-Seine.« versetzte der Abbé Ducornet. »Es.ist eine reizende Gegend, die man das Versailles von Rouen nennt.«

»Oh! Sie werden sie gut logiert finden!«

»Und besonders gut meublirt! Seit drei Wochen hat man nichts Anderes gethan. als Meubles vorüber getragen.«

»Und Meubles, daß König Karl X. keine schönere in den Tuilerien hat!«

»Er ist also reich, dieser gute Herr Justin?«

»Reich?. . . . Reich wie eine Kirchenmaus.«

»Nun, wie macht er es denn?«

»Es gibt Leute, welche verbrauchen, was sie haben, und Andere, welche sogar verbrauchen, was sie nicht haben,« sagte ein Perrückenmacher.

»Gut. Wirst Du nicht etwa Schlimmes vom armen Schulmeister reden, weil er sich selbst rasiert?«

»Ja, der rasiert sich gut! Vor drei Wochen hatte er am Kinn einen Einschnitt von einem halben Zoll!«

»Ei!« versetzte ein Straßenjunge, ein vertrauter Freund von Babolin, »sein Kinn gehört ihm, er kann damit machen, was er will; Niemand hat etwas zu sagen; würde er Pflückerbsen darein pflanzen, so wäre das sein Recht!«

»Ah!« sagte der Abbé, »ich sehe den gelben Fiacre.«

»Ich glaube wohl, daß Sie ihn sehen!« versetzte der Straßenjunge; »er ist so groß wie das Wallfischgerippe im Jardin des Plantes, nur ist er reicher an gemalt.«

»Kommen, Sie geschwinde, Herr Pfarrer!« rief Babolin, der seine Sendung vollzogen hatte; »man wartet nur auf Sie.

»Ah! versetzte der Pfarrer, »wenn man nur noch auf mich wartet: ich komme.«

Und der wackere Priester strengte sich an und befand sich wirklich nach fünf Minuten neben dem gelben Fiacre und der Hausthüre gegenüber.

»Gleichviel,« murmelte er,«es ist noch größer als die Bouille, und sogar als Rouen, dieses Paris.«

Justin und Mina erwarteten ihn bei der Thüre.

Als er diese zwei schönen jungen Leute sah, blieb der Priester stehen und lächelte

»Ah!« sprach er. »mein Gott, Du hast sie in Wahrheit für einander geschaffen!«

Mina lief auf ihn zu und fiel ihm um den Hals, wie zur Zeit, wo der gute Pfarrer die Mutter Boivin besuchte, und sie acht Jahre alt war.

Er umarmte sie und schob sie dann zurück, um sie anzuschauen.

In diesem schönen Mädchen, das nahe daran eine Frau zu werden, würde er nie das Kind erkannt haben, welches er sechs Jahre vorher nach Paris mit seinem weißen Kleide, seinen azurnen Halbstiefelchen und seinem blauen Gürtel expediert hatte.

Doch er erkannte sie an ihrer freundlichen Liebkosung.

Man hatte noch fünf Minuten zu warten, ehe man zur Kirche ging.

»Kommen Sie herauf, Herr Pfarrer!« sagten gleichzeitig Justin und Mina.

Der Pfarrer stieg die Treppe hinauf. Mina ließ ihn in das Brautgemach eintreten, wo Mutter Corby, Schwester Céleste, Madame Desmarets, Fräulein Susanne von Valgeneuse und der alte Professor waren.

»Unser lieber Pfarrer von der Bouille, Mama Corby.« sagte Mina; »der Abbé Ducornet. Madame.«

»Ja, ja,« sprach der Abbé ganz freudig, »und er bringt die Mitgift seiner Mündel.«

»Wie! die Mitgift seiner Mündel?«

»Ja wohl! Denken Sie sich, vor drei Tagen erhalte ich eilten recommandirten Brief mit dem Stempel von Deutschland. und in diesem Briefe eine Anweisung von zehntausend achthundert Franken auf die Herren Leclerc und Louis, Banquiers in Rouen.«

»Und dann?« fragte Justin mit bebender Stimme.

»Warten Sie! ich verfahre nach der Ordnung, es ist die Anweisung, was ich zuerst eröffnet von der Anweisung spreche ich zuerst.«

»Ja, wir hören.«

Madame Corby erbleichte sichtbar.

Die anderen Personen schienen an der kaum angefangenen Erzählung des guten Priesters ein relatives Interesse zu nehmen, aber, selbst Mina, noch nichts von dem zu sehen, was vielleicht schon an Justin und seiner Mutter zu erscheinen anfing.

»Bei der Anweisung war ein Brief,« fuhr der Pfarrer der Bauille fort.

»Ein Brief?« murmelte Justin.

»Ein Brief?« wiederholte Madame Corby.

»Ah! Ah! ein Brief!« sagte der Professor nicht minder bewegt, als Justin und Madame Corby.

»Hier ist dieser Brief,« sprach der Abbé.

Und er entfaltete einen Brief, der wirklich einen fremden Stempel an sich trug und las:



»Mein lieber Abbé,


»Eure Reise, die ich so tief in Indien gemacht habe, daß meine Verbindungen mit Frankreich unterbrochen wurden, ist die Ursache, warum Sie seit Jahren keine Nachricht mehr von mir erhielten; doch ich kenne Sie, ich kenne Sie würdige Frau Boivin. der ich, mein Kind anvertraut: Mina wird darum nicht gelitten haben.

»Heute nach Europa zurückgekehrt und in Wien durch unerläßliche Geschäfte aufgehalten. welche noch einige Zeit dauern können. beeile ich mich. Ihnen durch einen Wechsel des Hauses Arnstein und Eskeles auf das Hans Leclerc und Louis in Rouen die Summe von zehntausend achthundert Franken zu schicken, mit denen ich gegen Sie im Rückstand bin.

»Sie werden fortan regelmäßig, bis zu meiner Rückkehr deren Datum ich Ihnen nicht genau bestimmen kann, die als Kostgeld für meine Tochter versprochenen zwölfhundert Franken erhalten.

»Wien. am 21. Januar 1827.



    »Der Vater von Mina.«

Bei diesen letzten Worten, während Mina freudig in die Hände klatschend ausrief: »Oh! Welch ein Glück, Justin! Papa lebt noch!« schaute Justin seine Mutter an, und als er sah, daß sie bleich war wie eine Todte, stieß er einen Schrei aus.

»Meine Mutter! meine Mutter!« sagte Justin

Die Blinde stand auf und ging mit ausgestreckten Armen auf ihren Sohn zu: die Stimme hatte sie geleitet.

»Du begreifst, nicht wahr, mein Sohn,« sprach sie »Du begreifst?«

Justin antwortete nicht, er schluchzte.

Mina schaute diese seltsame Scene an, ohne etwas davon zu verstehen.«

»Aber was haben Sie denn, Mama Corby?« fragte sie, »aber was hast Du denn, Bruder Justin?«

»Du begreifst, nicht wahr, mein liebes armes Kind,« fuhr die Mutter fort, »Du begreifst. daß Du Mina arm und eine Waise heirathen konntest?«

»Mein Gott!« rief Mina. die zu errathen anfing.

»Du begreifst aber auch, daß Du Mina nicht heirathen kannst, da sie reich und von einem Vater abhängig ist?«

»Meine Mutter. meine Mutter!« rief Justin, »haben Sie Mitleid mit mir!«

»Das wäre ein Diebstahl, mein Sohn!« sprach die Blinde, die Hand zum Himmel erhebend, als wollte sie Gott beschwören, »und wenn Du zweifelst, so appelliere ich an Allem was von redlichen Leuten hier ist, und es sind hoffentlich nur redliche Leute hier.«

Justin sank vor seiner Mutter aus die Kniee:

»Ah! Du begreifst mich, da Da nun auf den Knieen liegst,« sagte die Blinde.«

Dann streckte sie die Hände über ihm aus, warf den Kopf zurück, als hätte sie den Himmel sehen können und sprach:

»Mein Sohn. ich segne Dich für den Schmerz wie ich Dich für die Freude gesegnet, und ich werde wie ich hoffe. Deine geliebte Mutter im Unglück sein wie ich es in der Glückseligkeit gewesen wäre.«

»Oh! meine Mutter! meine Mutter!« rief Justin »mit Ihnen, mit Ihrer Unterstützung, mit Ihrem Muthe werde ich das thun; doch ohne Sie, oh! ohne Sie wäre ich, glaube ich, ein unredlicher Mensch gewesen!«

»Es ist gut, mein Kind! – Umarme mich, Céleste.«

Céleste näherte sich

»Führe mich zu meinem Stuhle zurück.« sagte sie leiser; ich fühle. Daß mich die Kraft verläßt.«

»Mein Gott! was gibt es denn?« fragte Mina.«

»Es gibt, es ist. . . . Mina,« erwiderte Justin in ein Schluchzen ausbrechend, » . . . bis zu dem Tage, wo Dein Vater seine Einwilligung geben wird, – und wahrscheinlich wird er sie nie geben, – können wir nur Bruder und Schwester für einander sein.«

Mina stieß einen Schrei aus.

»Oh!« rief sie, »mit welchem Rechte macht mein Vater, der mich seit sechzehn Jahren verlassen hat, heute Ansprüche auf mich? Er behalte sein Gelde er lasse mir mein Glück! er lasse mir meinen armen Justin! nicht als Bruder, sondern, mein Gott! verzeihe mir, als Gatten! . . . Justin . . . oh! . . . Justin! Justin. mein Geliebter! Herbei! Herbei! verlasse mich nicht!«

Und mit einem legten Schmerzensschrei fiel das Mädchen ohnmächtig in die Arme von Justin.

Eine Stunde nachher reiste Mina, in Thränen zerfließend, eine Hand in der Hand ihrer Freundin Susanne und den Kopf auf die Schulter von Madame Desmarets gestützt, nach Versailles ab.

Ehe sie in den Wagen,stieg, hatte Susanne Zeit gefunden, mit Bleistift ein also abgefaßtes Billet zu schreiben, das sie einem Commissionär übergab:

»Die Heirath ist fehlgeschlagen! Es scheint, Mina ist reich und die Tochter von irgend Jemand.

»Wir kehren mit der schönen Trostlosen nach Versailles zurück.

»Morgens um elf Uhr.



    »S. von VB.«




Fünftes bis achtes Bändchen





XXIX

Resignation


Die Trostlose, wie die schöne Susanne von Valgeneuse ihre Freundin nannte, ließ ein Herz zurück, welches nicht minder trostlos, als das ihre.

Diesen Herz war das von Justin. Wir täuschen und wir müßten sagen Herzen.

Diese Herzen waren die von Justin, von seiner Mutter, von Schwester Céleste, vom guten Professor und vom Pfarrer der Bouille, der nicht wußte, was er Schlimmes that und sich in der Einfalt seiner Seele für einen Boten der Freude hielt, während er im Gegenteil ein Bote der Schmerzen war.

Doch diejenige, welche von Allen am meisten gelitten, denn sie hatte für sich und ihren Sohn gelitten, war die Mutter.

Sie, die am Anfang so stark, war am Ende gelähmt gewesen.

Vor dem Abschied war sie, ohne ein Wort zu sagen, ohne einen Schrei von sich zu geben, ohne eine Thräne zu vergießen, unmerklich ohnmächtig geworden.

Keiner von diesen egoistischen Unglücklichen hatte ihre Ohnmacht bemerkt.

Derjenige, welcher es bemerkte, weil es ihm schien, als ränge ein Theil seines Herzens mit dem Tode, war Justin.

»Meine Mutter! meine Mutter!« rief er, »ei! seht doch meine Mutter!«

Man stürzte sich auf die Blinde; Justin fiel vor ihr auf die Kniee und umschlang sie mit seinen Armen.

Ihr Gesicht war wachsfarbig geworden; ihre Hände waren kalt wie Marmor; ihre Lippen bläulich.

Die Letztgeborenen der Hoffnungen ihres Alters waren gestorben.

Das Erschreckliche bei Allem dem war, daß man die Schuld nicht auf irgend Jemand werfen, nicht gegen irgend Jemand Anklage erheben konnte.

Jedermann hatte eine gute Absicht gehabte selbst der arme Pfarrer der Bouille.

Das war Verhängniß, nichts Anderes.

Man lief zum Apotheker, der Satze gab.

Mittelst der Salze und des Essigs kam Madame Corby wieder zu sich.

Das Erste, nicht was sie sah, die arme Blinde sondern was sie fühlte, war ihr Sohn, der sie tröstete er, der des Tröstens selbst so sehr bedurfte.

Doch der gute Justin bemerkte seinen Schmerz nicht, wenn Jemand in seiner Nähe litt, und besonders, wenn dieser Jemand seine Mutter war.

Er blieb also bei Madame Corby, nicht nur bis sie wieder zu sich gekommen war, sondern sogar bis sie sich zu Bette gelegt hatte.

Dann aber, da sie begriff, daß es für ihren Sohn Bedürfnis war, selbst zu weinen, und wohl fühlte, er wage es nicht in ihrer Gegenwart zu weinen, aus Furcht, sie in Verzweiflung zu bringen, verlangte sie von ihm, daß er sich in sein Zimmer zurückziehe.

Justin ging in sein Stübchen hinab; Alles, was er vom ersten Stocke mitnahm, war der Orangenblüthenkranz, den Mina, als sie ihn verlassen, von ihrem Kopf gerissen und ihm zugeworfen hatte.

Der gute Professor ging mit Justin hinab.

Was den Pfarrer der Bouille betrifft, – er hatte nichts mehr in Paris zu thun; er setzte sich um sechs Uhr Abends wieder in den Wagen nach Rouen und nahm das verfluchte Geld mit, das ein so großes Unglück verursacht hatte.

Während er sich von dem Babylon entfernte, wo sich bald unser Drama entrollen wird, waren Justin und sein Professor wieder in die Stube der Schüler hinabgegangen, denen man auf Anlaß der großen Feierlichkeit, welche statthaben sollte, und zugleich wegen des Fasching-Monntags, der ausnahmsweise in diesem Jahre auf den Anfang des Februars fiel, Vacanz gegeben hatte.

Das düstere Gesicht seines Zöglings flößte dem guten Müller eine tiefe Angst ein; er fing an, in der Hoffnung, ihn zu zerstreuen, Justin an alle mögliche gemeinschaftlich erlebte Geschichten zu erinnern, und ging dabei bis zu dem Augenblicks wo das Zusammentreffen mit dem kleinen Mädchen vorgefallen war.

Hier wollte er anhalten; nun war es aber Justin, der seinerseits umständlich das anbetungswürdige Leben erzählte, das er seit sechs Jahren geführt hatte.

»Wir sind zu glücklich gewesen,« sagte er; »viele Ahnungen haben mir verkündigt, ich müsse mich darauf vorbereiten, früher oder später den Sieg, den ich über mein schlimmes Geschick davongetragen, teuer zu bezahlen. Ich habe sechs Jahre lang eine unaussprechliche Glückseligkeit genossen; das ist beinahe das Sechstel des Lebens: wenige Menschen können dasselbe sagen. Ich habe die Freuden dieser sechs Jahre vergessen; ich werde das Unglück vergessen, wie ich die Freude vergessen habe: Freuden und Schmerzen werden sich eines Tages in der grauen Tinte der Vergangenheit verschmelzen. Seien Sie also nicht besorgt nur mich, mein lieber Meister; halten Sie mich nie für fähig, einen finstren Vorsatz zu fassen . . . Gehöre ich übrigens mir? bin ich mich nicht meiner guten Mutter, meiner armen Schwester schuldig? Nein, nein, mein lieber Meister, mein Entschluß steht fest: ich habe gegen die Armuth gekämpft, ich werde gegen den Schmerz kämpfen . . . Lassen Sie ein paar Tage meine Wunden sich vernarben; erlauben Sie besonders, daß ich allein bleibe; in der Einsamkeit ist für die ergebenen Herzen eine unbekannte Religion: die Resignation, lieber Meister, ist die Stärke der Schwachen, und Sie werden mich stärker und geprüfter in den Kampf des Lebens zurückkehren sehen.«

Der alle Meister entfernte sich erstaunt, beinahe erschrocken über die Macht der Resignation dieses Menschen, aber völlig beruhigt über die Folgen seiner Verzweiflung.

Justin, nachdem er Müller bis zur Hausthüre begleitet hatte, lehrte in sein Zimmer zurück und ging langsam und lang mit gekreuzten Armen und gesenktem Kopfe auf und ab, wobei er von Zeit zu Zeit die Augen zur Decke empor richtete, als hätte er vom Himmel eine Erklärung des Räthsels verlangen wollen, das man das Verhängnis nennt.

Zwei- oder dreimal ging er bis zur Thüre des Schrankes, wo das Violoncell in seinem Kasten schlummerte.

Doch er öffnete die Thüre nicht einmal.

An diesem Abend war er noch zu schwach.

Bis Morgens um drei Uhr ging er so auf und ab;er hatte vom vorhergehenden Morgen an nicht weinen können.

Sein Schmerz versteinerte sich, so zu sagen, in seinem Busen und erstickte ihn. Er warf sich auf sein Bett: die Müdigkeit gewann die Oberhand, und er entschlief.

In der Nacht vorher hatte er dieselbe Schlaflosigkeit und denselben Schlaf gehabt: nur hatte die Freude seine Augen offen gehalten, und die Müdigkeit des Glückes hatte sie geschlossen!

Glücklicher Weise war an diesem Tage Faschingsdienstag und folglich Vacanz: es stand ihm also frei, sich mit seinem Schmerz zu isolieren, ihm zu Leibe zugehen, mit ihm zu ringen, es zu versuchen, ihn zu Boden zu werfen.

Der Kampf dauerte den ganzen Tag. Nachdem er seine Mutter und seine Schwester umarmt hatte, ging er bei Tagesanbruch aus; er wollte aufs Reue den Ort besuchen, wo er in einer schönen Juninacht das Kind im Getreide und in den Blumen liegend gefunden hatte.

Es gab weder Kornblumen, noch Klapperrosen, noch blonde Aehren mehr; die Erde war, wie sein Herz, kahl, entblößt, gesprungen durch den Winter.

Er erging sich im Walde von Meudon, der so heiter, so lachend, so voll Sonne und Grün, wenn er mit seinem Professor darin lustwandelte; er gelangte bis zu den Thoren von Versailles.

Doch er hatte die Stärke, nicht bis zum Pensionat-zu gehen.

Wozu sollte es nützen, die Arme wiederzusehen?

War er nicht sicher, daß sie fern von seinem Anblick weinte? war er nicht sicher, daß sie bei seinem Anblick noch mehr weinen würde?

Hoffnung blieb ihm keine mehr! Es war für ihn klar, daß Mina einer reichen aristokratischen Familie angehörte; und welche Aussicht war vorhanden, daß man sie ihm, dem Demüthigen, dem Armen, geben würde?

Er konnte sie allerdings sehen; das wollte er aber gerade nicht thun.

Justin kam Abends um zehn Uhr nach Hause; er hatte fünfzehn Meilen am Tage gemacht und fühlte nicht die geringste Müdigkeit.

Seine Mutter und seine Schwester erwarteten ihn-Beide unruhig.

Er kam mit lächelndem Gesichte zurück, küßte sie und stieg in sein Zimmer hinab. Es ereignete sich dasselbe, was sich am Tage vorher ereignet hatte: er ging langsam und traurig auf und ab; er zählte die Stunden bis Mitternacht; sodann nachdem er wie am vorhergehenden Tage, mehrere Male vor dem Schranke, wo sein Violoncell war, stehen geblieben, entschloß er sich, die Thüre zu öffnen, zog das Instrument aus seinem Kasten und schaute es mit tiefer Melancholie an.

Das Mädchen hatte ihn, wie man sich erinnert, in einer kindischen Laune veranlaßt, auf dieses düstere Instrument zu verzichten; wir haben mehrere Male gesehen, wie er es aus seinem Kasten zog, zwischen seine Kniee schloß, sich in der fehlenden Melodie berauschte, aber wir haben ihn keine einzige Note entlocken hören.

Heute kam er zu ihm zurück.

»Ich bin undankbar gewesen, o mein alter Freund! o mein zärtlicher Tröster!« sagte er. »Ich habe dich während meiner Tage der Freude verlassen: ich finde dich in den Tagen meines Unglücks wieder!«

Und er küßte das Violoncell voll Innigkeit.

»O unerschöpfliche Quelle der Tröstungen,« fuhr er fort; »Musik! Zuflucht der weinenden Seelen; ich habe es gemacht wie der verlorene Sohn: ich habe dich eines Tags verlassen, theure Familie meiner Seele! die Schmerzen haben mich in Schaaren überfallen, und ich komme zu dir zurück mit gequetschten Füßen und gebrochenem Herzen, und du streckst mir die Arme entgegen, harmonische Göttin! und du nimmst mich auf, das Herz voll Mitleid und Liebe!«

Und er zog, wie er es mit dem Instrumente gemacht, aus dem Schranke sein altes Musikbuch, legte es auf sein Pult, öffnete es, setzte sich auf das hohe Tabouret, nahm das Violoncell und hielt den Bogen auf die Saiten..

In dem Momente, wo er spielen wollte, entfielen zwei Thränen seinen Augen.

Er schob den Bogen unter seinen Arm, trocknete .langsam seine feuchten Augenlider und fing an denselben ernsten, schwermüthigen Gesang zu spielen, den Salvator und Jean Robert zwei Stunden vor dem Anfange dieser Erzählung gehört hatten.

Man weiß, wie Salvator an die Thüre klopfte, wie die zwei Freunde von Justin eingeführt wurden, wie sie ihn nach der Ursache seiner Thränen fragten, wie der Schulmeister ihnen seine Geschichte zu erzählen einwilligte.

Diese Geschichte ist dies welche wir unsern Lesern so eben vor Augen gelegt haben.

Die zwei jungen Leute hörten sie mit sehr verschiedenartigen Eindrücken an.

Der Dichter war lebhaft bewegt bei gewissen Stellen: bei der Scene der Mutter, die ihren Sohn eher zum Unglück verdammt, als daß sie ihn eine zweifelhafte Handlung begehen läßt, traten ihm die Thränen in die Augen.

Der Philosoph hörte sie von Anfang hie zum Ende mit einer scheinbaren Unempfindlichkeit an; nur bebte er beim Namen von Fräulein Susanne und Herrn Loredan von Valgeneuse; es war, als hörte er diese Namen nicht zum ersten Male aussprechen, und jeder von ihnen schien in moralischer Hinsicht auf ihn denselben Eindruck zu machen, den in physischer die Berührung eines harten Körpers bei einer schlecht geschlossenen Wunde macht.

»Mein Herr,« sagte Jean Robert, »wir wären unwürdig, gehört zu haben, was Sie uns erzählt, versuchten wir es, einem Manne wie Ihnen Alltagströstungen zu geben . . . Hier sind unsere Adressen; bedürfen Sie je zweier Freunde, so bitten wir Sie, uns den Vorzug zu geben.«

Und zugleich riß Jean Robert ein Blatt aus seinem Portefeuille, schrieb die zwei Namen und die zwei Adressen darauf und gab sie Justin.

Dieser nahm sie und legte sie zwischen die Blätter seines Musikbuches.

Hier war er sicher, sie alle Tage wiederzufinden.

Dann reichte er seine beiden Hände den zwei jungen Leuten.

In dem Augenblick, wo diese vier Hände sich drückten, klopfte man heftig an die Thüre.

Wer konnte zu dieser Stunde klopfen? Justin war so losgetrennt von jedem niederen Interesse, als dem, welches sein Innersten erfüllte, daß es ihm nicht einmal einfiel, dieses so kräftige Klopfen könnte ihn betreffen.

Er ließ die zwei jungen Leute hinnausgehen und indem sie hinausgingen, die Thüre dem nächtlichen oder vielmehr morgendlichen Besuche öffnen, denn die ersten Strahlen des Tages fingen an zu erscheinen.

Derjenige, welcher an die Thüre klopfte, war ein Knabe von dreizehn bin vierzehn Jahren, mit blonden, rings um seinen Kopf gekräuselten Haaren, mit rosigen Wangen, mit leicht zerlumpten Kleidern.

Ein echter Pariser Straßenjunge mit einer blauen Blouse, einer Mütze ohne Schild, mit niedergetretenen Schuhen.

Er schaute empor, um zu sehen, wer die Thüre geöffnet.

.

»Ah! Sie sind es, Herr Salvator!« sagte er.

»Was willst Du zu dieser Stande hier, Herr Babolin?· fragte der Commissionär, indem er den Straßenjungen freundschaftlich beim Kragen seiner Blouse nahm.

»Ei! ich bringe Herrn Justin, dem Schulmeister einen Brief, den die Brocante heute Nacht, als sie ihre Runde machte, gefunden hat.«

»Ah! was den Schulmeister betrifft,« sagte Salvator: »Du weist, daß Du mir bis zum 15. März lesen zu können versprochen hast?«

»Nun! Nun! Nun! wir sind erst beim 7. Februar; es ist noch keine Zeit verloren.«

»Du weißt, daß ich Dir, wenn Du am 15. nicht geläufig ließt, am 16. die Bücher wieder nehme, die ich Dir gegeben habe?«

»Selbst die, wo Bilder darin sind? . . . Oh! Herr Salvator!«

»Alle ohne Ausnahme.«

»Nun, so sehen Sie, daß man lesen kann,« sagte der Knabe.

Und er warf einen Blick auf die Adresse des Briefes und las:

»An Herrn Justin, Faubourg Saint-Jacques, Nr. 20. »Einen Louis d’or Belohnung demjenigen, welcher ihm diesen Brief übergibt.



    »Mina.«

Die Adresse und der Beisatz waren mit Bleistift geschrieben.

»Ueberbring es geschwinde, geschwinde, mein Kind!« sagte Salvator, während er Babolin gegen die Wohnung des Schulmeisters hinschob.

Babolin eilte mit zwei Sprüngen über den Hof, trat ein und rief:

»Herr Justin! Herr Justin! ein Brief von Medemoiselle Mina!«

»Was machen wir?« fragte Jean Robert.

»Bleiben wir,« antwortete Salvator; »es ist wahrscheinlich, daß dieser Brief ein neues Ereigniß mittheilt, bei welchem unser Beistand diesem wackern jungen Manne nützlich sein kann.

Salvator hatte nicht vollendet, als Justin bleich wie ein Gespenst auf der Schwelle seiner Thüre erschien.

»Sie sind noch da!« rief er, »Gott sei gelobt! . . . Lesen Sie, lesen Sie!«

Und er reichte den zwei jungen Leuten den Brief:

Salvator nahm ihn und las:

»Man entführt mich mit Gewalt, man schleppt mich fort . . . ich weiß nicht wohin! Zu Hilfe, Justin rette mich, mein Bruder! oder räche mich, mein Gatte!



    »Mina.«

»Oh! meine Freunde!« rief Justin, indem er die Arme gegen die zwei jungen Leute ausstreckte, »die Vorsehung hat Sie hierher geführt!«

»Nun,« sprach Salvator zu Jean Robert, »Sie verlangten Roman: ich hoffe, hier ist, mein Theurer!«




XXX

Zuerst das Dringendste


Die drei jungen Leute schauten sich einen Augenblick an.

Die erste Minute gehörte der Bestürzung; die zweite war bei Salvator besonders, eine Rückkehr zur Kaltblütigkeit.

»Ruhe!« sagte er, »die Sache ist ernst, wir dürfen nicht als Kinder handeln.«

»Aber man entführt sie!« rief Justin; »man entführt sie! sie ruft mich zu Hilfe! sie verlangt von mir daß ich sie räche!«

»Ja, ganz richtig, und darum muß man wissen, wer sie entführt, und wohin man sie entführt.«

»Oh! wie das wissen? mein Gott! mein Gott!«

»Man erfährt Alles mit der Zeit und mit Geduld! Nicht wahr! Sie sind Ihrer Mina sicher?«

»Wie meiner selbst.«

»Nun, so seien Sie ruhig, Sie wird sich wehren. Suchen wir das Dringendste auf dem kürzesten Wege zu erreichen.«

»Oh! Ja, erbarmen Sie sieh meiner . . . Ich werde wahnsinnig!«

Die Resignation von Justin verschwand vor dem Gedanken, Mina sei in den Händen von irgend einem Räuber und könne einer physischen oder moralischen Gewalttat unterworfen werden.

»Babolin ist da?« fragte Salvator.

»Ja!«

»Befragen wir ihn.«

»Befragen wir ihn!« wiederholte Justin.

»In der That,« sprach Jean Robert, »hiermit müssen wir anfangen.«

»Man ging wieder in das Zimmer des Schulmeisters hinein.

»Vor Allem,« sagte Salvator, »geben Sie diesem Kunden einen Louis d’or für seine Mutter, und ein Stück Münze für ihn.«

Justin zog zwei Louis d’or und zwei Fünf-Franken-Stücke aus seiner Tasche und gab sie Babolin.

Salvator bemächtigte sich aber der Hand des Knaben in dem Augenblick, wo sie sieh schloß, öffnete sie wieder mit Gewalt, nahm, zur großen Verzweiflung von Babolin, einen Louis d’or und ein Fünf-Franken-Stück und gab Beides Justin zurück.

»Stecken Sie diese fünf und zwanzig Franken wieder in die Tasche,« sagte er; »binnen einer Stunde werden Sie eine Verwendung hierfür finden.«

Hiernach wandte er sich gegen den Knaben um sagte:

»Wo hat Deine Mutter diesen Brief gefunden?«

»Wie beliebt?« versetzte der Knabe mit der Miene eines Schmollenden.

»Ich frage Dich: wo hat Deine Mutter diesen Brief gefunden . . . welche Straßen hat sie gemacht?«

»Weiß ich das? fragen Sie sie selbst.«

»Er hat Recht,« sagte Salvator; sie muß man fragen, und es ist sogar wahrscheinlich, daß sie auf, Ihren Besuch rechnet . . . Warten Sie! . . . organisieren wir unsere Batterien!«

»Leiten Sie uns: ich werde gehorchen. Ich ich habe den Kauf verloren.«

»Sie wissen, daß Sie über mich verfügen können, mein lieber Salvator,« sagte Jena Robert.

»Ja, und ich gedenke Ihnen auch eine Rolle in diesem Drama zu geben.

»Gut! und sie sei so thätig, als Sie wollen! Ich habe meine Gemütsbewegungen als Autor gehabt; es ist mir nicht unangenehm, sie auch als Schauspieler zu haben.

»Oh! ich bitte Sie, meine Herren, ich bitte Sie!« sagte Justin, der jede Minute, welche verlief, als kostbar betrachtete.

»Sie haben Recht . . . Hören Sie, was wir thun müssen.«

»Sprechen Sie!«

»Herr Justin, Sie werden diesem Knaben zu seiner Mutter folgen.«

»Ich bin bereit.«

»Warten Sie! . . . Herr Jean Robert, Sie werden sich ein gesatteltes Pferd verschaffen und mit ihm nach der Rue Triperet Nr. 11. zurückkehren.«

»Nichts kann leichter sein.«

»Ich ich will die Anzeige bei der Polizei machen.«

»Kennen Sie dort Jemand?«

»Ich kenne den Mann, den wir brauchen.«

»Gut! . . . Und dann?«

»Und dann komme ich zu Ihnen in die Rue Triperet Nr. 11 zur Mutter dieses Knaben, und dort werden wir auf das Weitere bedacht sein.«

»Komm, Kleiner, vorwärts!« sagte Justin.

»Hinterlassen Sie zuvor ein Wort, um Ihre Mutter zu beruhigen,« sagte Salvator; »es ist möglich, daß Sie erst spät zurückkommen, oder daß Sie gar nicht zurückkommen.«

»Sie haben Recht,« erwiderte Justin; »arme Mutter! ich vergaß sie!«

Und er schrieb hastig ein paar Zeilen auf ein Papier, das er offen auf dem Tische seines Zimmers liegen ließ.

Er theilte seiner Mutter mit, ohne ihr etwas Anderes zu sagen, er habe so eben einen Brief erhalten, der seinen Tag in anspruch nehme.

»Und nun lassen Sie uns gehen!« rief er.

Die drei jungen Leute eilten aus dem Hause; es mochte halb sieben Uhr Morgens sein.

»Hier ist Ihr Weg,« sprach Salvator, indem er von fern Justin die Rue des Ursulines bezeichnete; »hier der Ihre,« fügte er, Jean Robert die Rue de la Bourbe zeigend, bei; und hier der meine,« vollendete er, während er den Weg durch die Rue Saint-Jacques einschlug.

Als er dreißig Schritte gemacht hatte, wandte er sich noch einmal um und rief:

»Das Rendez-vous ist in der Rue Triperet No. 11!«

Folgen wir dem Haupthelden der Ereignisse, welche in diesem Augenblicke vor sich gehen, und – während Jean Robert nach der Rue de l’Université läuft, um sich sein Pferd satteln zu lassen, und Salvator sich in Eile auf die Polizei begibt – begleiten wir Justin Corby, der auf den Fersen von Babolin gehend, nach der Rue Triperet zuschreitet.

Die Rue Triperet ist, wie Jeder weiß, oder viel- mehr wie Jeder nicht weiß, eine mit der Rue Copeau parallele und auf die Tue Gracieuse senkrecht zulaufende Gasse.

Dieses ganze Quartier erinnerte noch im Jahre 1827 an das Paris von Philipp August. Die um die Mauern von Sainte-Pélagie kreisenden kothigen Fußpfade gaben diesem Gefängniß das Ansehen einer mitten auf einer Insel erbauten alten Festung; die kaum acht bis zehn Fuß breiten Gassen waren noch versperrt durch Haufen von Mist und Schutt, und die Kloaken, wo die unglücklichen Bewohner dieser Quartiere vegetierten, glichen viel mehr Hätten, als Häusern.

Vor einem dieser Löcher blieb Babolin stehen.«

»Es ist hier,« sagte er.

Das war ein stinkender Ort, der aus allen Poren Elend und Unreinigkeit schwitzte.

Justin merkte nicht einmal darauf.

»Gehe voran,« sagte er. »ich werde Dir folgen.«

Babolin trat als ein Mensch ein, der, wie man sagt, an des Hauses Gelegenheiten gewöhnt ist.

Nach zehn Schritten blieb Justin stehen.

»Wo bist Du?»sagte er; »ich sehe nicht.«

»Ich bin hier, Herr Justin,« erwiderte der Knabe, indem er sich dem Schulmeister näherte; »nehmen Sie mich unten an der Blouse.«

Justin nahm Babolin unten an der Blouse und kletterte die hohe Leiter hinauf, welche unter dem anspruchsvollen Namen Treppe zur Mutter Brocante führte.

Sie kamen vor die Thüre ihres Hundestalls, – und die Wohnung der Brocantes schien in jeder Beziehung diesen Namen zu rechtfertigen, denn kaum war man auf dem Ruheplatze, als man das Geschrei von einem Dutzend Hunde hörte, welche in allen Tonarten bellten, kläfften und heulten.

»Ich bin es, Mutter,« sagte Babolin, der sich ein Sprachrohr aus seinen beiden Händen machte, die er ans Schlüsselloch hielt; »öffnet, ich bin mit Gesellschaft da.«

»Wollt ihr wohl schweigen, wüthendes Gesindel!« rief im Innern der Stube, sich an die Mente wendend, die Stimme der Brocante; man hört sich selbst nicht hier . . . Wirst du schweigen, Cäsar! wirst du schweigen, Pluto! Stille, Alle!«

Und auf den mit einer drohenden Stimme ausgesprochenen Befehl trat eine solche Stille ein, daß man hätte eine Maus in diesem Hause gehen hören, dem es übrigens nicht an Mäusen fehlen mußte.

»Du kennst nun eintreten, Du und Deine Gesellschaft,« sagte die Stimme.

»Und wie dies?«

»Du brauchst nur die Thüre aufzumachen; der Riegel ist nicht vorgeschoben.«

»Oh! das ist etwas Anderes,« versetzte Babolin.

Und er hob die Klinke auf, öffnete die Thüre, welche dem ungeduldigen Justin Einlaß gewährte, und stellte ihn vor ein Schauspiel, das, ohne gerade äußerst poetisch zu sein, doch eine besondere Beschreibung verdient.

Man denke sich, in der That, eine Art von Halle in ihrer Länge und ihrer Breite getheilt durch zwei kreuzweise Balken, deren Bestimmung es war, das Dachwerk dieses Speichers zu tragen, aus dem man eine Stube gemacht hatte; eine Decke, bestehend aus Latten die als Unterlage den Ziegeln des Dachstuhles dienten, und durch deren Zwischenräume man den ersten Schimmer des Tages erschauen konnte; an gewissen Stellen so bedrohliche Ausbauchungen des Daches, daß es außer Zweifel war, die Bedeckung werde beim ersten Sturmwinde einstürzen! Man stelle sich graue, feuchte Gypswände vor, an denen einsame Spinnen, mit Verachtung Völkerschaften von Insecten aller Art anschauend, hinliefen, – und man wird den Eindruck des Ekels begreifen, der jeden Menschen ergriffen hätte, welcher an einen solchen Orts unter der Macht eines Gefühles, das minder gebieterisch als das, welches Justin dahin zog, gerufen morden wäre.

Ein Dutzend Hunde, Doggen, Dachshunde, Pudel, falsche Dänen, regten sich in einer der Ecken der Stube, alle aufgehäuft in einem alten, aus Weiden geflochtenen Korbe, wo bequem höchstens vier bis fünf Platz gehabt hätten.

Auf dem Winkel, den die zwei Balken bildeten, hockte eine Krähe, welche mit den Flügeln schlug, ohne Zweifel als eine Kundgebung ihrer Freude während des Hundeconcerts.

Auf einem Schemel sitzend, an den Fuß des Balkens angelehnt, der einem Pfeiler ähnlich, dieses ganze wankende Gebäude stützte, umgehen von einer Art von Böschung von Lumpen von allen Stoffen und allen Farben, welche drei hie vier Fuß hoch an der Mauer aufstieg, hielt eine Frau von fünfzig Jahren dem Anscheine nach, groß, mager, knochig, abgemergelt wie ein Cabrioletpferd, zwischen ihren Beinen knieend ein junges Mädchen, dessen lange Haare sie mit einer Sorgfalt kämmte, welche bei der alten Zigeunerin entweder eine große Liebe für das Mädchen, oder einen großen Respekt für die Schönheit seiner Haare bezeichnete.

Diese Scene, der es nicht auf Pittoreskem gebrach, besondere wegen des typischen Gegensatzes der Personen, aus denen sie bestand, war beleuchtet durch eine auf einem umgekehrten Korbe stehende Lampe von Steingut, die ihrer Form nach viel Aehnlichkeit mit jenen bei den Ausgrabungen in Herculanum oder Pompeji aufgefundenen Lampen hatte.

–Die alte Frau, – ohne Zweifel diejenige., welche Babolin unter dem Namen Brocante bezeichnet hatte, – war bekleidet mit braunen Fetzen, rechte und links aufgelesenen Stoffen, welche an einander genäht, wie die Karte eines Schneiders, ein Muster von allen Nuancen vom Braun zu bieten bestimmt schienen.

Die zwischen ihren Beinen knieende Kleine hatte als ganzes Costume nur ein langen Hemd von roher Leinwand, dem ähnlich, mit welchem Scheffer Mignon bekleidet; dieses Hemd nahm die Form einer Blouse an, umschlossen, wie es war, an den Hüften von einer Art von grau und kirschroten baumwollenen Schnur, an deren Enden zwei große Eicheln ähnlich denen hingen, welche an den Vorhanghaltern dienen; der Hals und die Brust des Kindes waren verborgen unter einer ganz zerrissenen, kirschroten wollenen Echarpe, welche mit der dunklere Nuance der Schnur harmonierte, so weit die Wolle mir der Baumwolle harmonieren kann.

Ihre gekreuzten Füße, auf denen sie gekauert ruhte, waren nackt.

Es waren reizende Füße, ein Paar Füße einer Prinzessin, einer Andalusierin, oder einer Zigeunerin.

Was ihr Gesicht betrifft, das sie der Thüre in dem Augenblick zuwandte, wo sich dieselbe öffnete, um Babolin und dem Schulmeister Eingang zu gewähren, – ihr Gesicht hatte jene krankhafte Blässe der armen verschmachtenden Blumen unserer Vorstädte; ihre Züge waren von einer bewunderungswürdigen Regelmäßigkeit und Reinheit; doch die abgemagerten Umrisse dieses leidenden Gesichtes trübten die Bewunderung. Die mit einem blauen Kreise umgebenen Augen, die Tiefe der Augenhöhlen, die unruhigen Blicke, die Halbflächen der eingefallenen Backen, der wie eine Erinnerung des Hungers oder der Angst halb geöffnete Mund, die ernste Stirne, die sanfte harmonische Stimme, die spärlichen Worte, die sie hören ließ, Alles trug dazu bei, ihrem Anblick etwas Seltsames, Fantastisches zu verleihen, was unsern Freund Petrus, hätte er sich diesem reizenden Modell gegenüber befunden, an die Idee, die er sich von Medea als Kind oder von Circe als Jungfrau gemacht, gemahnt hätte.

Es fehlte ihr nichts als ein goldener Stab und der Rahmen der Berge Thessaliens oder der Abruzzen, um eine Magierin zu sein; es fehlte ihr nichts als eine Tunica mit purpurrothen Blumen, als Perlen um die Arme und in den Haaren, um eine Zauberin zu sein; fehlte ihr nichts als ein Kranz von Seerosen und ein Wagen von Perlmuttter, von Tauben gezogen, um eine Fee zu sein.

Im Uebrigen, und um zu der unseligen Wirklichkeit zurückzukehren, war es – abgesehen von der Poesie und einer seltsamen Reinlichkeit unter all diesem Elend – die Verkörperung der Pariserin dieser traurigen Vorstädte; der Mangel von Luft, der Mangel an Sonne, der Mangel an Nahrung, die Abwesenheit dieser drei Lebenselemente war in unauslöschbaren Charakteren auf dem ganzen gebrechlichen Leibe der armen Creatur sichtbar.

Sagen wir sogleich, auf die Gefahr, die Handlung unseres Dramas, von dem übrigens die Geschichte von Justin und Mina nur eine Episode ist, zu hemmen, sagen wir sogleich, was man von diesem Geheimnisvollen, poetischen Kinde wußte.

Wir werden Babolin und den Schulmeister auf der Thürschwelle, wo wir sie lassen, wiederfinden.




XXXI

Rose-de-Noël


Eines Abends, – das war am 20. August ungefähr um neun Uhr, – kam die Brocante mit einem Karren, den Justin im Hofe hätte sehen können, und mit einem Esel, den er hätte können in einem Stalle schreien hören, – die Brocante kam, sagen wir, von einem Verkaufe einer Last Lumpen in der Papierfabrik in Essonne zurück, da sah sie am Rande der Straße, als käme sie aus dem Graben hervor, die Silhouette eines Kindes sich erheben, das mit offenen Armen, mit bleicher Stirne, die Brust keuchend, den ganzen Leid schauernd, und mit allen Zeichen des tiefsten Schreckens auf sie zustürzte und schrie:

»Zu Hilfe! zu Hilfe! zu Hilfe!«

Die Brocante gehörte zu jener Rare von Zigeunerinnen, die den seltsamen Instinkt hat, die Kinder zu entführen, wie die Raubvögel die Lerchen und die Tauben entführen; sie hielt ihren Esel an, sprang von ihrem Karten herab, nahm die Kleine in ihre Arme, stieg wieder mit ihr auf und peitschte ihren Esel.

Und wir müssen sagen, indem sie diese Handlung vollbrachte, hatte sie viel mehr das Ansehen einer Wölfin, die ein Lamm fortschleppt, als einer Frau, die ein Kind rettet.

Schnell wie der Gedanke, war dieses Ereigniß fünf Meilen von Paris zwischen Juvisy und Fromenteau vorgefallen.

Die Kleine kam von der linken Seite der Straße.

Ganz nur beschäftigt, sich rasch zu entfernen, dachte die Brocante erst nachdem sie ungefähr eine Viertelmeile im Trabe ihres Esels gemacht, daran, das Kind zu untersuchen.

Die Kleine war baarköpfig, ihre langen Haare, deren Flechten sich entweder bei dem Laufe, den sie gemacht, oder in dem Kampfe, den sie ausgehalten, aufgelöst hatten, hingen hinten ihr herab; ihre Stirne rieselte von Schweiß; ihre Füße zeugten von einem langen Laufe querfeldein, und ihr weißes Kleid war ganz durchfurcht von einer Blutrinne, die aus einer zum Glücke nicht sehr tiefen Wunde kam, welche mit einem spitzigen oder schneidenden Instrumente gemacht oder vielmehr versucht worden zu sein schien.

Einmal im Karren, war die Kleine, welche höchstens fünf bis sechs Jahre alt zu sein schien, – den Umstand benützend, daß die Brocante beide Hände brauchte, um ihren Esel zu führen und zu peitschen, – wie eine Natter vom Schooße der alten Frau auf den Boden des Karrens geschlüpft und hatte sich in die entfernteste Ecke geflüchtet, von wo sie alle Fragen nur mit den Worten erwiderte:

»Sie läuft mir nicht nach? nicht wahr, sie läuft mir nicht nach?«

Wonach die Brocante, welche, wie es schien, ebenso sehr als das kleine Mädchen verfolgt zu werden befürchtete, den Kopf verstohlen aus ihrem Karten hervorstreckte, auf die Straße schaute, und da sie dieselbe öde und verlassen sah, das Kind beruhigte, bei dem der Schrecken so groß zu sein schien, daß die materielle Thatsache seiner Wunde und der Schmerzen, die es hierdurch empfinden mußte, nur eine fast vergessene Einzelheit war.

Gegen Mitternacht, – dergestalt hatte die Brocante, den Eifer des Mädchens unterstützend, den Esel zu raschem Trabe angetrieben, – gegen Mitternacht kaut man an der Barrière von Fontainebleau an.

Beim Gitter durch die Octroi-Beamten angehalten, brauchte die Brocante nur ihren Kopf zu zeigen und zu sagen: »Ich bin es, die Brocante,« und da die Octroi-Beamten sie einmal im Monat mit ihrer Ladung Lumpen heran fahren und am andern Tage mit dem leeren Karten zurückkommen zu sehen gewohnt waren, so entfernten sie sich sogleich, und der Esel, der Karren, die alte Frau und das kleine Mädchen zogen in die Stadt ein.

Durch die Rue Monffetard und die Rue de la Clef reichten sie sodann die Rue Triperet.

Das in der entferntesten Ecke des Karrene gekauerte oder vielmehr auf sich selbst zusammengerollte Mädchen hatte, wie gesagt, kein anderes Lebenszeichen von sich gegeben, als daß es von Zeit zu Zeit die Brocante mit einer Stimme voll unaussprechlicher Angst gefragt:

»Sie läuft mir nicht nach? nicht wahr, sie läuft mir nicht nach?«

Kaum war sie vom Wagen herabgestiegen, da stürzte sie in den Gang, sie erreichte, als hätte sie die Fähigkeit, bei Nacht zu sehen, die Treppe und kletterte so rasch die Stufen hinauf, als es nur die behendeste Katze hätte thun können.

Die Brocante stieg hinter ihr hinauf, öffnete die Thüre ihres elenden Winkels und sagte zu dem Mädchen:

»Tritt ein, Kleine! Niemand weiß, daß Du hier bist; sei also ruhig.«

»Sie wird mich nicht hier suchen?« fragte das Kind.

»Es ist keine Gefahr.«

Und die Kleine schlüpfte wie ein Wiesel durch die geöffnete Thüre.

Die Brocante machte die Thüre zu und verschloß sie mit dem Schlüssel; dann ging sie hinab, um ihren Karren unter den Schuppen und ihren Esel in den Stall zu bringen.

Wieder hinaufsteigend, nahm sie dieselben Vorsichtsmaßregeln, schloß die Thüre hinter sich, und schob den Riegel vor.

Sie zündete ein auf dem Scherben einer zerbrochenen Flasche aufgespießtes Lichtstümpchen an und suchte, mit diesem bleichen Scheine leuchtend, die arme kleine Flüchtige.

Diese war tappend in den entferntesten Winkel des Speichers gelangte hier war sie niedergekniet und sprach nun Alles, was sie von Gebeten wußte.

Die Brocante rief ihr.

Aber die Kleine machte ihr mit dem Kopfe ein Zeichen der Weigerung.

Die Brocante nahm sie bei der Hand und zog sie nach sich.

Die Kleine kam, jedoch mit einem offenbaren Widerwillen.

Die Alte zog sie an sich, um sie zu befragen.

Doch auf alle ihre Fragen erwiderte das Kind nur die Worte:

»Nein, sie würde mich tödten!«

So konnte die Brocante weder erfahren, aus welcher Gegend das Kind war, noch wer seine Eltern, noch wie es hieß, noch warum man es tödten wollte, noch warum man ihm die Wunde gemacht, die es an der Brust hatte.

Die Kleine beobachtete fast ein Jahr lang eine völlige Stummheit; nur einmal rief sie in ihrem von einem erschrecklichen Traume bewegtest Schlafe, einem gräßlichen Alp preisgegeben:

»Ah! Gnade! Gnade, Madame Gerard! ich habe Ihnen nichts zu Leide gethan; tödten Sie mich nicht!«

Alles, was man also wußte, war, daß die Frau, die sie hatte tödten wollen Madame Gèrard hieß.

Was das Kind betrifft, da man es mit irgend einem Namen rufen mußte, und da es so bleich war, als die Rosen. welche mitten im Winter blühen, so nannte es die Brocante, ohne zu vermuthen, welche poetische Taufe sie ihm gab, Rose-de-Noël.[10 - Weihnachtsrose.]

An demselben Abend, als sie sah, daß die Kleine nichts sagen wollte, zeigte ihr die Brocante in der Hoffnung, sie werde am andern Tage ein wenig geschwätziger sein, eine Art von Bett, auf dem ein Kind lag, das ein paar Jahre älter als sie, und hieß sie bei dem Kinde Platz nehmen.

Doch sie weigerte sich hartnäckig: die Farbe der Matratze, der Schmutz der Decke widerstrebten der Klenen, welche ihre feine Wäsche und der elegante Schnitt ihren Kleides als einer reichen Familie angehörend bezeichneten.

Sie nahm einen Stuhl, lehnte ihn an die Wand an, setzte sich darauf und sagte, sie werde so sehr gut sein.

Sie brachte die Nacht wirklich auf diesem Stuhle zu.

Bei Tagesanbruch entschlief sie aber.

Gegen sechs Uhr Morgens, während das Kind schlief, stand die Brocante auf und verließ das Haus.

Sie ging nach der Rue Neuve-Saint-Médard, um einen vollständigen Anzug für das kleine Mädchen zu kaufen.

Die Rue Neuve-Saint-Médard ist der Temple des Quartier Saint-Jacques..

Dieser vollständige Anzug bestand aus einem Kleide von blauem Baumwollzeug mit weißen Tüpfeln, einem gelben Halstuche mit rothen Blumen, einer Kinderhaube, zwei Paar wollenen Strümpfen und einem Paar Schuhe.

Das Ganze hatte sieben Franken gekostet. Die Brocante hoffte wohl die Verlassenschaft des kleinen Mädchens um die vierfache Summe zu verkaufen.

Eine Stunde nachher kam sie mit ihrem Einkaufe zurück; sie fand die Kleine immer noch auf ihrem Strohstuhle gekauert und allen Lockungen widerstehend, die ihr Babolin machte, um sie zu bestimmen, mit ihm zu spielen.

Als sich der Schlüssel im Schlosse drehte, zitterte das kleine Mädchen an allen Gliedern, als die Thüre sich öffnete, wurde es bleich wie der Tod.

Da sie die Kleine einer Ohnmacht nahe sah, fragte sie die Brocante, was sie habe.

»Ich glaubte, sie sei es!« antwortete das Mädchen.

»Sie! . . . « Also war es entschieden eine Frau, die es floh.

Die Brocante breitete auf einem Schemel das blaue Kleid, das gelbe Halstuch, die Haube, die Strümpfe und die Schuhe aus.

Das Kind schaute ihr mit einer gewissen Unruhe zu.

»Komm hierher!« sagte die Brocante zu der Kleinen.

Ohne sich vom Stuhle zu rühren, deutete die Kleine mit dem Finger auf die Kleider.

»Diese Kleider sind nicht für mich?« fragte sie mit«einer verächtlichen Miene.

»Und für wen denn?« sagte die Brocante.

»Ich werde sie nicht anziehen,« erwiderte das Kind.

»Du willst also, daß Sie Dich wieder erkennt?«

»Nein, nein, nein, das will ich nicht.«

»Dann mußt Du diese Kleider anziehen.«

»Und mit diesem Anzug wird sie mich nicht erkennen?«

»Nein.«

»Dann kleiden Sie mich sogleich an.«

Und ohne eine Schwierigkeit zu machen, ließ sie sich ihr hübsches weißes Kleid, ihren Batistunterrock, ihre feinen Strümpfe und ihre zierlichen Schuhe ausziehen.

Alles dies war übrigens mit Blut befleckt: man mußte es sogleich waschen, um nicht Verdacht bei den Nachbarn zu erregen.

Das Mädchen zog die Kleider an, die ihm die Brocante gekauft hatte: eine demüthige Livree des Elends, ein offenbares Symbol des Lebens, das ihrer harrte.«

Die Brocante wusch die Kleider des Kindes, ließ sie trocknen und verkaufte sie um dreißig Franken.

Das war schon ein gutes Geschäft.

Doch die alte Hexe hoffte eines Tags ein besseres dadurch zu machen, daß sie die Eltern des Kindes entdecken und es seiner Familie zurückgeben, oder vielmehr an seine Familie verkaufen würde.

Denselben Widerwillen, den es dem Kinde bereitet Kleider geringerer Art zu tragen, offenbarte es, als es sich darum handelte, die Mahle der Familie zu theilen.

Ein Ueberrest von Fleisch in einer Pfanne gewärmt, ein Stück schwarzes Brod beim Ausschuß gekauft oder in der Stadt erbettelt, das war die gewöhnliche Kost der, Brocante und ihres Sohnes.

Babolin, der nie an einer andern Tafel, als an der seiner Mutter gespeist, hatte keine gastronomische Wünsche über seiner Lage.

Nicht dasselbe war bei Rose-de-Noël der Fall.

Ohne Zweifel war die Arme gewohnt, ausgesuchte Gerichte mit Silbergeschirr, von Tellern und Schüsseln von Porzellan zu essen, denn sie warf nur einen Blick auf das Frühstück von Babolin und Brocante und sagte:

»Ich habe keinen Hunger.«

Beim Mittagessen war es dasselbe.

Die Brocante begriff, das elegante Kind würde eher vor Entkräftung sterben, als etwas von ihrer Küche anrühren.

»Was brauchst Du denn? Fasanen mit Orangensauce oder getrüffelte Poularden?«

»Ich verlange weder getrüffelte Ponlarden, noch Fasanen mit Orangensauce; aber ich möchte gern ein Stück Weißbrod haben, wie man es bei uns am Sonntag den Armen gab.«

Die Brocante, so hart sie war, wurde gerührt von dieser so einfachen und zugleich so kläglichen Antwort; sie gab Babolin einen Sou und sagte:

»Hole ein Brödchen beim Bäcker in der Rue Copeau.

Babolin nahm den Sou, machte nur einen Satz die Treppe hinab, nur einen Sprung von der Rue Triperet zur Rue Copeau, kam nach fünf Minuten zurück und brachte ein Brödchen mit weißer Krume und goldener Kruste.

Die arme Rose-de-Noël hatte großen Hungers sie verzehrte es bis auf das letzte Krümchen.

»Nun, behagt Dir das besser?« fragte die Brocante.

»Ja, Madame, und ich danke Ihnen,« erwiderte das Kind.

Nie war es einem Menschen eingefallen, die Brocante Madame zu nennen.

»Schöne Madame!« sagte sie. »Und nun, Fräulein Zierling, was wollen Sie zu Ihrem Nachtische?«

»Ich möchte gern ein Glas Wasser haben,« erwiderte das Mädchen.

»Gib den Krug,« sagte die Brocante zu ihrem Sohne.

Babolin brachte einen ganz abgestoßenen Krug ohne Henkel und reichte ihn der Kleinen.

»Sie trinken hieraus?« sagte sie mit sanfter Stimme zu Babolin.

»Das heißt, die Mutter trinkt hieraus; ich stütze mir das Wasser in den Hals.«

Und er hob den Krug einen halben Fuß über seinen Kopf, ließ einen Wasserstrahl herauslaufen, und empfing ihn in seinem Munde mit einer Geschicklichkeit, welche die Gewohnheit, die er in dieser Uebung hatte, beurkundete.

»Ich werde nicht trinken, sagte das Kind.

»Warum nicht?« fragte Babolin.

»Weil ich nicht wie Sie zu trinken verstehe.«

»Gut! Du siehst, daß das Fräulein ein Glas braucht,« sprach die Brocante, die Achseln zuckend.

»Wenn das nicht zum Erbarmen ist!«

»Ein Glas?« versetzte Babolin, es muß irgendwo eines sein.«

Und nachdem er einen Augenblick gesucht, entdeckte er eines in einer Ecke.

»Hier,« sagte er, indem er das Glas mit Wasser füllte und es dem Mädchen reichte, »trink!«

»Nein,« erwiderte die Kleine, »ich werde nicht trinken.«

»Und warum wirst Du nicht trinken?«

»Weil ich keinen Durst habe.«

»Doch, Du hast Durst, da Du so eben zu trinken verlangtest.«

Das Mädchen schüttelte den Kopf.

»Du siehst wohl, daß wir Lumpenpack sind,« sagte die Mutter, »und daß das Fräulein weder aus unsern Krügen, noch aus unsern Gläsern zu trinken vermöchte.«

»Nein, wenn sie schmutzig sind,« sprach sanft und traurig das Mädchen; »und ich habe doch . . . ich habe sehr Durst,« fügte das Kind in Thränen zerfließend bei.

Babolin eilte hinab, wie er es das erste Mal gethan, lief zum nächsten Brunnen, wusch das Glas drei oder viermal, und brachte es durchsichtig wie ein böhmischer Kristall und voll von einem frischen, klaren Wasser zurück.

»Ich danke, Herr Babolin,« sagte die Kleine.

Und sie leerte das Glas aus einen Zug.

»Oh! Herr Babolin!« rief der Straßenjunge, indem er ein Rad schlug. »Sage doch, Mutter, wenn wir zu Croc-en-Jambe gehen, wird man ›Herr Babolin und Madame Brocante!»melden.«

»Verzeihen Sie,« erwiderte die Kleine, »man hat mich Herr und Madame sagen gelehrt; »ich werde es nicht mehr sagen, wenn es nicht gut ist.«

»Doch, mein Kind, doch, es ist gut»«, versetzte die Brocante, »unwillkürlich unterjocht durch diese Überlegenheit der Erziehung, über welche die Leute aus dem Volke zuweilen spotten, die aber immer ihre Wirkung auf sie hervorbringt.

Am Abend, beim Schlafengehen, wiederholte sich die Scene vom vorhergehenden Tage.

Die Mutter und der Sohn schliefen auf einer einzigen, mitten unter Lumpen, in eine Ecke der Stube geworfenen Matratze.

Rose-de-Noël weigerte sich beharrlich, neben ihnen Platz zu nehmen.

Auch in dieser Nacht schlief sie auf ihrem Stuhle.

Am andern Tage machte die Brocante eine Anstrengung.

Sie steckte in ihre Tasche die dreißig Franken, den Preis der Kleider des Kindes, kaufte eine Schlafbank für vierzig Sous, eine Matraze für zehn Sous, – ein wenig dünn, aber reinlich, – ein Kopfkissen für drei Franken fünfzig Centimes, zwei Paar Tücher von Madapolam[11 - eine Art von Percal.] und eine baumwollene Decke; Alles von einer tadellosen Weiße.

Sie ließ dies in ihren Speicher tragen.

Sie hatte gerade für drei und zwanzig Franken gekauft und war also quitt mit dem Mädchen.

»Oh! das hübsche weiße Bettchen!« rief die Kleine als sie ihr Lager aufgestellt und geordnet sah.

»Das ist für Sie, Fräulein Zierling,« sagte die Brocante; »da es scheint, daß Sie eine Prinzessin sind, so behandelt man sie auch als Prinzessin.

»Ich bin keine Prinzessin,« erwiderte das Mädchen; »ich hatte aber dort ein weißes Bett.«

»Nun, Sie werden hier eines haben wie dort . . . Sind Sie zufrieden?«

»Oh! Sie sind sehr gut!« rief das Mädchen.

»Wo werden Sie nun wohnen? muß man Ihnen nicht in der Rue de Rivoli einen ersten Stock über dem Entresol miethen?«

»Wollen Sie mir diesen Winkel hier geben?« fragte das Mädchen.

Und sie bezeichnete eine Vertiefung des Speichers, die eine Art von Cabinet bildete.

»Das wird Ihnen genügen?« sagte die Brocante.

»Ja Madame,« erwiderte das Kind mit seinem gewöhnlichen sanften Tone.

Man schob das Lager in den Winkel.

Allmählich meublierte sich der Winkel und wurde eine Art von Zimmer.

Die Brocante war durchaus nicht so arm, als sie zu sein den Anschein hatte; sie war nur entsetzlich geizig und es kostete sie eine ungeheure Ueberwindung, das Geld aus dem Verstecke zu nehmen, wo sie es aufbewahrte.

Doch die Brocante hatte eine Industrie: sie schlug Karten.

Statt sich in Geld von ihren Kunden bezahlen zulassen, – was oft nicht ohne Schwierigkeit in einem so armen Quartier, wie das, welches sie bewohnte, war, hatte sie die Idee, sich in Naturalien bezahlen zu lassen.

Von der Trödlerin forderte sie einen Zitzvorhang vom Ebenisten einen kleinen Tisch; vom Ausschußwaarenhändler einen Teppich; so daß der Winkel von Rose-de-Noël nach Verlauf eines Monats meublirt war. und die Ecke, die sie auf dem Speicher bewohnte, Ruhealtar genannt wurde.

Rose-de-Noël war glücklich oder beinahe glücklich.

Wir sagen beinahe glücklich, weil ihr Kleid von blauem Baumwollzeug, ihr gelbes Halstuch mit rothen Blumen, ihre wollenen Strümpfe und ihre Kinderthaube ihr ungemein mißfielen.

So wie sich diese Gegenstände abnutzten machte sich auch Rose-de-Noël eine Art von eigener Toilette.

Dies betraf vor Allem ihre Haare, welche sie mit außerordentlicher Sorgfalt kämmte, und die so lang waren, daß sie, wenn sie dieselben zurückwarf, auf ihren Enden mit den Fersen ging.

Sodann bald ein Hemd von rohem Stoffe mit einer improvisierten Knotenschnur um den Leib geknüpft; bald ein Turban auf einer Schürze von lebhafter Farbe gemacht, bald ein alter Shawl, in den sie sich drapierte wie in einen Mantel, bald ein Weißdornzweig, aus welchem sie sich einen duftenden Kranz machte; doch so wie sie sich kleidete, näherte sich ihr pittoreskes Gewand immer einem Typus, wobei der Maler seine Rechnung gefunden hätte, wäre es nun seine Aufgabe gewesen, die Creolin der Antillen, die Gitana Spaniens oder die Druidin Galliens darzustellen.

Da aber Rose-de-Noël nie ausging, da die Sonne in den Speicher nur durch schmale Oeffnungen gelangte, da sie nur Brod aß und Wasser trank, da die Kälte von allen Seiten in die Stube von Brocante eindrang, da sie keinen Unterschied zwischen dem Sommer und dem Winter machte und immer auf dieselbe Art, bei zehn Grad Kälte oder sechs und zwanzig Grad Wärme, gekleidet war, so bot sie den kränklichen. leidenden Anblick, den wir zu schildern versucht haben; abgesehen davon, daß von Zeit zu Zeit ein trockener Husten der auf die Wangen von Rose-de-Noël eine lebhaftere Farbe brachte, so oft er eintrat, andeutete, die elende Wohnung, die sie bedeckte, ohne sie zu schützen, habe schon auf ihre Gesundheit einen unglücklichen Einfluß gehabt und könne in der Zukunft einen noch unglücklicheren Einfluß auf sie haben.

Von ihrer Familie und von dem erschrecklichen Erlebnis, das ihr Zusammentreffen mit der Brocante herbeigeführt, die das arme Kind allmählich so sehr nehm liebte, als sie zu lieben fähig war, hatte man nie mehr gesprochen, als das, was wir gesagt.

Dies war Rose-de-Noël, das heißt das Kind, das zwischen den Beinen der Brocante in dem Augenblick kniete, wo Babolin und der Schulmeister auf der Thürschwelle erschienen.









XXXII

Sinistra Cornix


Das Schauspiel, das die Augen von Justin traf, war also im Stande, die Aufmerksamkeit eines Menschen zu erregen, der weniger als er in einen einzigen Gedanken versunken: in den der entführten und um Hilfe rufenden Mina.

Er trat in den Speicher ein, unempfindlich für jede andere Idee, als die, weiche ihm das Herz zusammenschnürte.

»Mutter,« sprach Babolin, der dem jungen Manne voranging, wie ein Dolmetscher demjenigen, für welchen er das Wort zu führen beauftragt ist, vorangeht; »hier ist Herr Justin, der Schulmeister: er wollte in Person kommen, um Sie über Dinge zu fragen, die ich ihm nicht sagen konnte.«

Die Alte lächelte wie eine Frau, die diesen Besuch erwartete.

»Und der Louis d’or sit frage sie halblaut.

»Hier ist er,« antwortete Babolin, indem er ihr das Goldstück in die Hand gleiten ließ. »Doch Ihr müßtet dafür Rose-de-Noël einen guten wattirten Rock kaufen.«

»Ich danke, Babolin,« sagte das Mädchen, seine Stirne dem Straßenjungen darbietend, der sie brüderlich küßte; »doch- ich friere nicht.«

Und während sie dies erwiderte, hustete sie zwei- bis dreimal auf eine Art, welche die Worte die sie gesprochen, Lügen strafte.

Dach, wie gesagt, alle diese Einzelheiten, welche einem Andern als Justin aufgefallen wären, existierten nicht für ihn oder existierten nur im Zustande der Morgendünste, welche zwischen dem Reisenden und dem Ziele, das er erreichen will, aufsteigend dieses Ziel verschleiern, ohne es ihm zu verbergen.

»Madame,« sagte er.

Bei dem Wort Madame schaute die Brocante empor, um zu sehen, ob wirklich sie es war, an die man sich wandte.

Justin war die zweite Person, die sie Madame genannt hatte; die erste war Rose-de-Noël.

»Madame,« sagte Justin, »Sie haben diesen Brief gefunden?«

»Ei! das scheint wohl so, da ich es bin, die Ihnen denselben geschickt hat,« erwiderte die Brocante.

»Ja, und ich bin Ihnen sehr dankbar hierfür; nur wollte ich Sie fragen, wo Sie ihn gefunden haben.«

»Im Quartier Saint-Jacques sicherlich.«

»Ich möchte gern wissen, in welcher Straße.«

»Ich habe nicht nach dem Anschlage geschaut; doch das mußte so etwa in der Gegend der Rue Dauphine zur Rue Manffetard sein.«

»Ich bitte Sie inständig,« sprach Justin, »suchen Sie sich genau der Einzelheiten zu erinnern.«

»Ah!« rief die Brocante, »ich glaube entschieden, daß es in der Rue Saint-André-des-Arcs war..«

Für einen mehr als Justin mit dieser Art von Zigeunerin, mit der er es zu thun hatte, vertrauten Beobachter wäre es klar gewesen, daß die Brocante in einer bestimmten Absicht in ihren Reden umherschweifte.

Justin glaubte zu begreifen.

»Hier,« sagte er, »das ist, um Ihre Erinnerungen zu unterstützen.«

Und er gab ihr einen zweiten Louis d’or.

»Mutter,« sagte Babolin, »gewähre doch Herrn Justin, was er den Dir verlangt; Herr Justin ist nicht Jedermann, und er ist gar wohl gelitten und geachtet im Quartier Saint-Jacques!«

»In was mischst Du Dich, Bube?« versetzte die Alte; »geh doch zum Brunnen, der spricht, und sieh, ob ich dort bin.

»Ah! wie Du willst,« versetzte Babolin, »im Ganzen hat Herr Justin mich ersucht, ihn hierher zu führen; er ist hier, er mag die Sache angreifen, wie er kann; er ist groß genug, um seine Angelegenheiten selbst abzumachen.«

Und er spielte mit den Hunden.

»Brocante,« sprach Rose-de-Noël mit ihrer sanften-harmonischen Stimme, »Sie sehen, daß dieser junge Mann sehr unruhig und sehr gequält ist; ich bitte, sagen Sie ihm, was er zu wissen wünscht.«

»Oh! ich beschwöre Sie, wein schönes Kind,« sprach der Schulmeister, die Hände faltend, »bitten Sie für mich!«

»Sie wird es sagen,« erwiderte Rose-de-Noël.

»Sie wird es sagen! sie wird es sagen! . . . Gewiß werde ich es sagen,« murmelte die Alte, wie einer höhern Macht gehorchend. »Du kennst weine Schwäche; Du weißt, daß ich Dir nichts verweigern kann.«

»Nun, Madame,« sprach Justin, der nur mit Mühe seine Ungeduld bemeisterte, »strengen Sie Ihr Gedächtniß an! erinnern Sie sich . . . . erinnern Sie sich, um des Himmels willen!«

»Ich glaube, es war . . . Ja, dort war es . . . nun bin ich meiner Sache sicher. Uebrigens könnte man sich an die Karten wenden.«

»Dann,« sagte Justin, wie mit sich selbst sprechend, und ohne auf die letzten Worte der Brocante zu merken, »dann sind sie wohl über den Pont-Neuf gefahren und haben sich wahrscheinlich zur Barrière Fontainebleau oder zur Barrière Saint-Jacques begeben.«

»Richtig,« versetzte die Brocante.

»Woher wissen Sie das?« fragte der junge Mann.

»Ich sage richtig, wie ich wahrscheinlich gesagt hätte.«

»Hören Sie, wenn Sie etwas wissen, in des Himmels Namen, sagen-Sie es mir.«

»Ich weiß nichts, als daß ich auf der Place Maubert einen Brief mit Ihrer Adresse gefunden, und daß ich Ihnen diesen Brief geschickt habe.«

»Brocante,« sprach Rose-de-Noël, »Sie sind ein böses Weib! Sie wissen noch Anderes und sagen es nicht.«

»Nein,« entgegnete die Brocante, »ich weiß nichts mehr.«

»Sie haben Unrecht, den Herrn wegzuschicken, wie Sie es thun, Mutter, es ist ein Freund von Herrn Salvator.«

»Ich schicke den Herrn nicht weg; ich sage ihm, ich wisse nicht, was er von mir verlangt; nur muß man, wenn man etwas nicht weiß, diejenigen fragen, weiche es wissen.«

»Wen muß ich über diese Sache fragen? Sagen Sie es geschwinde.«

»Diejenigen, welche Alles wissen: die Karten.«

»Es ist gut,« sprach der Schulmeister, »ich danke: was Sie mir gesagt haben, ist immer gut, wenn man es weiß; ich will zu Herrn Salvator auf die Polizei gehen.«

Nach diesen Worten machte der junge Mann ein paar Schritte gegen die Thüre.

Doch die Brocante besann sich ohne Zweifel eines Andern und rief:

»Herr Justin!«

Der junge Mann wandte sich um.

Die Alte deutete mit dem Finger auf die Krähe die über ihrem Kopfe mit den Flügeln schlug.

»Sehen Sie den Vogel,« sagte sie, »sehen Sie den Vogel?«

»Ich sehe ihn,« erwiderte Justin.

»Nicht wahr, er schlägt mit den Flügeln?«

»Ja.«

»Es ist gut; sobald der Vogel mit den Flügeln geschlagen, hat er keine große Hoffnung.«

»Hat denn dieses Schlagen mit den Flügeln eine Bedeutung?«

»Jesus Gott! Sie fragen das? ein Mann der unterrichtet ist, wie Sie, ein Schulmeister, der weiß, daß eine Krähe ein Prophetenvogel ist?«

»Nun, so lassen Sie hören: was bedeutet das Schlagen mit den Flügeln Ihres Vogels?«

»Es bedeutet, es bedeutet, daß Sie nicht so bald die Person finden werden, die Sie suchen, denn Sie suchen Jemand.«

»Ja, und ich würde Alles geben, was ich besitze, um die Person, die ich suche, wiederzufinden.«

»Nun, Sie sehen, der Vogel weiß das so gut als Sie und ich.

»Was will aber dieses Schlagen mit den Flügeln besagen?«

»Dieses Schlagen mit den Flügeln . . . sehen Sie, das ist das Bild Ihrer Drangsale: wie dieser Vogel mit den Flügeln in die Lust schlägt, so zerarbeiten Sie sich im leeren Raume; er hat dreimal mit den Flügeln geschlagen, ein Jahr für das Mal; drei Jahre werden Sie auf diese Nachforschung verwenden. Ich rathe Ihnen also im Namen des Vogels nicht, unsichere Schritte anzufangen, bevor die Karten gesprochen haben.«

»So mögen sie sprechen!«

Und wie ein Mensch der dem Ertrinken nahe, sich an jeden Ast anklammert, kehrte Justin um, ganz geneigt, den Karten zu glauben, sollte das, was die Karten sagen würden, auch nur den geringsten Anschein von Wahrheit haben.«

»Wollen Sie das kleine Spiel oder das große Spiel?« fragte die Brocante.

»Machen Sie, was Sie wollen . . . Hier ist ein Louis d’or.«

»Ah! dann sollen Sie das große Spiel haben und den Erfolg von Cagliostro! . . . Gib mir mein großes Spiel, Rose,« sagte die Brocante.

Rose-de-Noël stand auf; sie war schlank, biegsam wie eine Palme; sie nahm das Kartenspiel aus der Schublade einer in einer Ecke stehenden Truhe und reichte es der Alten mit ihren kleinen, magern, spitzig zulaufenden, aber weißen Händen, woran Nägel so sorgfältig gepflegt als die einer Modedame, sichtbar waren.

Troß der Gewohnheit, solche cabbalistische Experimente zu sehen, die er ohne Zweifel schon oft beobachtet hatte, näherte sich Babolin der Alten, kauerte sich mit gekreuzten Beinen auf den Boden und schickte sich an, mit einer naiven Bewunderung bei der Zauberscene, welche vor sich gehen sollte, zuzuschauen.

Die Brocante zog ein großes tannenes Brett, in Form eines Hufeisens, vor und legte es auf ihren Schooß.

»Rufe Phares,« sagte sie zu dem Mädchen, indem sie mit einer Bewegung des Kopfes den auf dem Balken sitzenden Vogel bezeichnete, welcher auf diesen einem der drei cabbalistischen Worte vom Balthasarsmahl entlehnten Namen antwortete.

Die Krähe hatte mit den Flügeln zu schlagen aufgehört und wartete, wie es schien, aus den Augenblick, ihre Rolle in der Scene, die sich vorbereitete, zu spielen.

»Phares!« sang das Mädchen, das diesem Rufe die ganze Sanftheit seiner Stimme gab.

Die Kräbe sprang vom Balken auf die rechte Schulter von Rose-de-Noël, diese hockte sich vor der Alten nieder und neigte ein wenig auf ihre Seite die Schulter, auf der der Vogel saß.

Da gab die Brocante eine seltsame Note von sich, welche halb auf der Kehle, halb von den Lippen kam, und zugleich etwas vom Rufe und vom Pfiffe hatte.

Bei diesem durchdringenden Tone sprangen die zwölf Hunde mit einem einzigen Satze und sich an einander stoßend aus ihrem Korbe und nahmen, als ächte gelehrte Hunde, was sie waren, ihren Platz rechts und links von der Zauberin, setzten sich auf ihr Hintertheil mit dem Ernste von Doktoren, welche bereit sind, eine theologische Diskussion in Angriff zu nehmen, und bildeten um den Tisch einen vollkommenen Kreis, in dessen Mitte sich die Brocante befand.

Als die, scheinbar notwendigen, Vorbereitungen von Seiten der Hunde, welche während dieses ganzen Manoeuvre klägliche Schreie ausstießen, vollendet waren,-trat wieder die Stille ein.

Die Brocante schaute nach und nach den Vogel und die Hunde an, und als diese Revue passiert war, sprach sie mit feierlichem Tone Sylben entlehnt einer fremden, Ihr selbst vielleicht unbekannten Sprache, welche Araber für Französisch hätten halten können, Franzosen aber sicherlich nicht würden für Arabisch gehalten haben.

Wir wissen nicht, ob Babolin, Rose-de-Noël und Justin den Sinn dieser Worte verstanden; versichern können wir jedoch, daß er von den zwölf Hundert und von der Krähe begriffen wurde, urtheilen wir nach dem gleichen rhythmischen Kläffen der Hunde und dem durchdringenden Geschrei des Vogels, das selbst der heiseren Note nachgeahmt war, welche die Alte ausgestoßen, um ihre Meute zu rufen.

Als sodann das Gekläffe beendigt war und das Geschrei des Vogels erloschen, legten sich die Hunde nieder, welche bis dahin ehrerbietig und einander melancholisch aufschauend auf ihrem Hintertheile gesessen hatten.

Die Krähe aber sprang von der Schulter von Rose-de-Noël auf den Kopf der Alten und klammerte sich daran an, indem sie ihre Klauen in die Haare der Brocante eindrückte.

Das Gemälde würde sich nun einem Genremaler also dargestellt haben:

Der Speicher düster, nur durchfurcht von einigen Lichtstreifen, welche mit großer Mühe durch die spärlichen Oeffnungen eindrangen.

Die Alte sitzend, mit den im Kreise ausgestreckten Hunden um sich her; Babolin zu ihren Füßen liegend; Rose-de-Noël am Pfeiler stehend.

Diese Gruppe beleuchtet durch den röthlichen Schein der irdenen Lampe.

Justin stehend, bleich, ungeduldig, halb verloren im Helldunkel.

Die Krähe nun Zeit zu Zelt mit den Flügeln schlagend, unheimliche Schreie ausstoßend, und an die Fabel dem Raben, der dem Adler nachahmen will, erinnernd, nur mit dem Unterschiede, daß die Klauen des Raben in der weißen Wolle des Schafes festgehalten wurden, während die Klauen der Krähe in den grauen Haaren der Alten festhielten.

Das Gemälde war ein fantastisches, seltsames, und würde seine Macht selbst über eine minder erhitzte Einbildungskraft, als die den Justin, geübt haben.

Beleuchtet, wie gesagt, durch den unruhigen, röthlichen Schein der Lampe, streckte die Zauberin den Arm in die Luft aus und beschrieb mit diesem nackten, fleischlosen Gliede riesige Kreise.

»Stille, Alle!Brocante sagte sie; »die Karten werden sprechen.«

Hunde und Krähe schwiegen.

Da begannen durch die heisere Stimme der Brocante die Karten ihre mysteriösen Offenbarungen.

Vor Allem mischte die alte Sibylle die Karten und ließ den Justin mit der linken Hand abheben.

»Wohl! Verstanden,« sagte sie, »Sie verlangen hier Auskunft über eine Person, die Sie lieben?«

»Die ich anbetet!« erwiderte Justin.

»Gut! . . . Sie sind der Kreuzbube, das heißt, ein unternehmender und gewandter junger Mann.«

Justin lächelte traurig: die Initiative und die Gewandtheit waren im Gegentheil gerade die zwei Eigenschaften, die ihm wesentlich fehlten.

»Sie, sie ist die Herzdame, das heißt, eine sanfte und liebende Frau.«

Bei Mina war das wenigstens so.

Nachdem die Karten gemischt und abgehoben waren, nachdem man übereingekommen, daß Justin durch den Kreuzbuben und Mina durch die Herzdame vertreten werden sollten, schlug Brocante zuerst drei Karten um.

Sie begann sechsmal dasselbe Manoeuvre.

So oft zwei Karten von derselben Farbe kamen mochten es nun zwei Kreuze, zwei Ecksteine oder zwei Schüppen sein, nahm sie die höchste Karte und legte sie vor sich, indem sie die Karten, die sich ihr so boten, von links nach rechts anreihte.

Nach sechs Versuchen hatte sie sechs Karten.

Nachdem diese Operartion beendigt war, mischte sie aufs Neue, ließ abermals mit der linken Hand abheben und begann wieder das Experiment, wobei sie dasselbe System befolgte.

Eines von den Paquets gab drei Asse; die Zauberin nahm sie alle Drei und legte sie neben einander.

Dieses Brelan[12 - Drei gleiche Karten.] kürzte ihre Operation ab, indem es ihr drei Karten gab, statt einer.

Dann fuhr sie fort, bis sie siebzehn Karten hatte.

Die zwei Mina und Justin vertretenden Kartenwaren herausgekommen.

Vom Kreuzbuben an zählte die Alte sieben Karten von rechts nach links, den Kreuzbuben mit einbegriffen.

»Gut!« sagte sie;,,diejenige, welche Sie lieben ist ein blondes Mädchen von sechzehn bis siebzehn Jahren.«

»So ist es,« erwiderte Justin.

Sie zählte noch siebenmal und hielt beim umgekehrten Herzsieben an.

»Zerstörte Pläne! . . . Sie haben einen Plan mit ihr gemacht, der nicht ausgeführt werden konnte.«

»Leider!« murmelte Justin.

Die Alte zählte noch siebenmal und hielt beim Kreuz-Neun an.

»Diese Pläne sind vernichtet worden durch Geld, das man nicht erwartete, – etwas wie eine Pension oder Erbschaft.«

Sie zählte aufs Neue siebenmal und hielt beim Schüppenzehn an.

»Und, seltsam!« fuhr sie fort; dieses Geld, das gewöhnlich lachen macht, hat Sie weinen gemacht.«

Sie nahm ihre Berechnung wieder auf, hielt beim umgekehrten Schüppenaß an und sagte:

»Der Brief den ich Ihnen geschickt habe, kommt von der jungen Person, welche mit dem Gefängniß bedroht ist.«

»Mit dem Gefängnis?« rief Justin; »unmöglich!«

»Ei! die Karten sind da! . . . Mit dem Gefängniß . . . mit dem Einsperren!«

»Im Ganzen,« murmelte Justin, »wenn man sie entführt, so geschieht es, um sie zu verbergen . . . Fahren Sie fort, fahren Sie fort, Sie haben bis daher Recht!«

»Der Brief ist während eines Besuches von Freunden angekommen.«

»Ja, so ist es, von Freunden . . . von guten Freunden.«

Die Brocante zählte noch siebenmal, hielt bei der umgekehrten Schüppendame an und sprach:

»Das Uebel widerfährt Ihnen von einer brünetten Frau, die diejenige, welche Sie lieben, für ihre Freundin hält.«

»Vielleicht Fräulein Susanne von Valgeneuse?«

»Die Karten sagen: Eine brünette Frau! Sie kennen ihren Namen nicht.«

Sie setzte ihre Berechnung fort und hielt beim Schüppenacht an.

»Das verfehlte Project war eine Heirath.«

Justin war ganz keuchend: bis dahin, mochte es nun Zufall oder Magie sein, hatten die Karten die, Wahrheit gesagt.

»Oh! fahren Sie fort!« rief er, »um des Himmels willen fahren Sie fort.«

Sie fuhr fort und deutete auf eines der drei nebeneinander gelegten Asse.

»Ho! Ho!« sagte sie, »Complott!«

Nach sieben anderen Karten kam sie zum umgekehrten Kreuzkönig, und sie sprach:

»Sie werden in diesem Augenblick unterstützt durch einen redlichen Mann, der gern Dienste leistet.«

»Salvator!« murmelte Justin, »das ist der Name den er mir angegeben.«

Doch man ist ihm in seinen Projecten zuwider;etwas er zu dieser Stunde für Sie unternimmt, erleidet Verzug.«

»Das blonde Mädchen? das blonde Mädchen?« fragte Justin.

Die Alte zählte siebenmal und hielt beim Schüppenbuben an.

»Oh!« sprach sie, »das Mädchen ist von einem brünetten jungen Manne von schlimmen Sitten entführt worden.«

»Weib!« rief Justin, »wo ist sie? sage, wo sie ist und ich gebe Dir Alles, was ich habe.«

Und er störte in seiner Tasche und zog eine Hand voll Geld heraus, das er eben auf den Tisch, wo die Bocante ihre Karten mischte, werfen wollte, als er sich beim Arme festgehalten fühlte.

Er wandte sich um, es war Salvator, der, nachdem er ohne gesehen und gehört zu werden eingetreten, sich dieser übertriebenen Freigebigkeit widersetze.

»Stecken Sie Ihr Geld wieder in die Tasche,« sagte er zu Justin; »gehen Sie hinab, springen Sie auf das Pferd von Herrn Jean Robert, reiten Sie im Galopp nach Versailles, verhindern Sie es, daß man in das Zimmer den Mina eintritt, und wachen Sie darüber, daß Niemand einen Fuß in den Recreatioshof setzt. Es ist halb acht Uhr: um halb neun Uhr können Sie bei Madame Desmarets sein.«

»Aber . . . « versetzte Justin.

»Gehen Sie, ohne eine Minute zu verlieren, es muß sein.«

»Aber . . . «

»Gehen Sie, oder ich stehe für nichts!« wiederholte Salvator.

»Ich gehe,« sagte Justin.

»Und während er die Stube verließ, rief er der Brocante zu:

»Seien Sie ruhig, ich werde Sie wiedersehn.«

Er ging rasch hinab, nahm den Zaum aus den Händen von Jean Robert, schwang sich in den Sattel als ein Pächterssohn der gewohnt ist, alle Pferde zu reiten, und verschwand im Galopp durch die Rue Copeau, das heißt auf dem kürzesten Wege, um die Straße nach Versailles zu erreichen.




XXXIII

Wie die Karten immer Recht haben


Der Bewachung des Pferdes überhoben, suchte Jean Robert umher tappend die Leiter, deren Lage ihm durch Salvator bezeichnet worden war, welcher ihn von der Polizei zurückkehrend zuerst beim Rendez-vous gefunden.

Wir könnten eine gute Anzahl Scherze über die Leitern, die Speicher und die Dichter machen; Jean Robert hatte aber, wie gesagt, ein Pferd, ein treffliches Halbblutpferd, das seine fünf Meilen in der Stunde zurücklegte. Jean Robert trat also aus der Kategorie der Dichter mit den Leitern und den Speichern heraus.

Beim Anblicke von Salvator hatte die Alte ihr Kartenspiel fallen lassen und einen tiefen Seufzer ausgestoßen; die Hunde waren in ihren Korb zurückgekehrt; die Krähe hatte wieder ihren Platz auf dem Balken eingenommen.

Als Jean Robert eintrat, sah er also nur eine Gruppe, welche als pittoresk das Malerauge seines Freundes Petrus ergötzt hätte und eben durch dieses Pittoreske sich unmittelbar seinen Dichterherzens bemächtigte.

Das war die Gruppe, welche aus der auf einem Schämel sitzenden alten Kartenschlägerin, aus Babolin, der zu ihren Füßen lag, und und Rose-de-Noël bestand, welche an ihrer Seite an den Pfeiler angelehnt war.

Die Brocante erwartete offenbar mit Bangigkeit, was Salvator sagen würde.

Die zwei Kinder lächelten diesem wie einem Freunde zu, jedes aber mit einem andern Ausdrucke.

Bei Babolin war dieses Lächeln das der Heiterkeit, bei Rose-de-Noël war es das Lächeln der Schwermuth.

Doch zum großen Erstaunen der Brocante schien Salvator dem, was vorgefallen, keine Aufmerksamkeit zu schenken.

»Ihr seid es, Brocante?« sagte er. »Wie geht es Rose-de-Noël?«

»Gut, Herr Salvator, sehr gut!« antwortete das Mädchen.

»Nicht Dich frage ich das, armes Kind, sondern diese Frau.«

»Sie hustet ein wenig,« erwiderte die Alte.

»Ist der Arzt da gewesen?«

»Ja, Herr Salvator.«

»Was bat er gesagt?«

»Wir müssen vor Allem diese Wohnung verlassen.«

»Er hat wohl daran gethan, Euch dies zu sagen; ich sage es Euch schon lange, Brocante.«

Sodann strenger und die Stirne faltend:

»Warum hat dieses Kind noch nackte Beine und und Füße?«

»Es will weder Strümpfe, noch Scheibe anziehen, Herr Salvator.«

»Ist das wahr, Rose-de-Noël?« fragte der junge Mann mit Sanftmuth, jedoch mit einem Tone, in dem ein gewisser Vorwurf lag.

»Ich will keine Strümpfe anziehen, weil ich nur grobe wollene Strümpfe habe; ich will keine Schuhe anziehen, weit ich nur plumpe lederne Schuhe habe.«

»Warum kauft Dir die Brocante nicht baumwollene Strümpfe und Schuhe von Ziegenfell?«

»Weil das zu teuer ist, Herr Salvator, und weil ich zu arm bin.«

»Du irrst Dich, das ist nicht theuer,« entgegnete Salvator, »Du lügst, Du bist nicht arm.«

»Herr Salvator!«

»Schweige! Und höre wohl, was ich Dir sage.«

»Ich höre, Herr Salvator.«

»Und Du wirst gehorchen?«

»Ich werde mich bemühen.«

»Und Du wirft gehorchen?« wiederholte der junge Mann mit gebietendem Tone.

»Ich werde gehorchen.«

»Wenn Du in acht Tagen, – Du hörst mich wohl? wenn Du in acht Tagen nicht ein Zimmer für Dich und Babolin, ein Cabinet mit Luft und Sonne für dieses Kind, und einen besonderen Stall für die Hunde gefunden hast, so nehme ich Rose-de-Noël von Dir.«

Die Alte umschlang mit ihrem Arme den Leib des Mädchens und drückte es an sich, als hätte Salvator seine Drohung auf der Stelle verwirklichen wollen.

»Sie würden mir das Kind entziehen? mein Kind, das seit sieben Jahren bei mir ist?«

»Bei Allem ist es nicht Dein Kind,« erwiderte Salvator, »es ist ein von Dir gestohlenes Kind.«

»Gerettet, Herr Salvator, gerettet!«

»Gestohlen oder gerettet, Du wirst die Sache mit Herrn Jackal erörtern.«

Die Brocante schwieg, drückte aber das Kind nur um so stärker an sich.

»Uebrigens bin ich nicht deshalb gekommen,« fuhr Salvator fort; »ich bin wegen des armen jungen Mannes gekommen, den Du, als ich eintrat, zu plündern im Zuge warst.«

»Ich plünderte ihn nicht, Herr Salvator: ich nahm, was er mir freiwillig gab.«

»Den Du also täuschest?«

»Ich täuschte ihn nicht: ich sagte ihm die Wahrheit.«

»Woher mußtest Du die Wahrheit?«

»Durch die Karten.«

›Du lügst!«

»Die Karten haben aber . . . «

»Die Karten sind ein Mittel der Prellerei.«

»Herr Salvator, beim Haupte von Rose-de-Noël: Alles was ich ihm gesagt habe, ist wahr.«

»Was hast Du ihm gesagt?«

»Er liebe ein blondes Mädchen von sechzehn bis siebzehn Jahren.«

»Wer hat Dir das gesagt?«

»Das stand in den Karten.«

»Wer hat Dir das gesagt?« wiederholte gebietend Salvator.

»Babolin, der es im Quartier erfahren hat!«

»Das ist also das Handwerk, das Du treibst?« sprach Salvator zu Babolin.

»Verzeihen Sie, Herr Salvator, ich glaubte nicht, ich thue etwas Schlimmes, wenn ich dies Brocante mittheile; es ist im Faubourg Saint-Jacques bekannt, daß Herr Justin in Mademoiselle Mina verliebt war.«

»Fahre fort, Brocante. Was hast Du ihm noch gesagt?«

»Ich habe ihm gesagt, das Mädchen liebe ihn; es habe ein Heirathsproject stattgefunden, dieses Project sei aber durch eine unerwartete Geldsumme zerstört worden.«

»Wer hat Dir das gesagt?«

»Ei! Herr Salvator, der Kreuzzehn bedeutet Geld und der Schüppenacht gescheiterten Plan.«

»Wer hat Dir das gesagt?« wiederholte Salvator, der immer ungeduldiger wurde.

»Ein guter Pfarrer, Herr Salvator, ein guter alter Pfarrer, der gewiß Nicht log. Er sagte unter einer Gruppe von Leuten, die ihn befragten: ›Und wenn man bedenkt, daß eine Summe von zwölftausend Franken . . . »Ich weiß nicht, ob es zehn oder zwölf waren.«

»Gleichviel.«

›Und wenn man bedenkt,»sagte der gute alte Pfarrer, ›daß eine Summe von zwölftausend Franken, die ich gebracht habe, an diesem ganzen Unglück Schuld ist!«

»Gut, Brocante! Und was hast Du ihm dann noch gesagt?«

»Ich habe ihm gesagt, Mademoiselle Mina sei durch einen brünetten jungen Mann entführt worden.«

»Woher weißt Du das?«

»Herr Salvator der Schüppenbube[13 - Schüppen-bube – die Spielkarte Pikbube’] war da, sehen Sie, und der Schüppenbube . . . «

»Woher weißt Du, daß das Mädchen entführt worden ist?« wiederholte Salvator mit dem Fuße stampfend.

»Ich habe es gesehen, mein Herr.«

»Wie, Du hast Es gesehen?«

»Wie ich Sie seh.«

»Wo dies?«

»Auf der Place Maubert.«

»Du hast Mina auf der Place Maubert gesehen?«

»Heute Nacht-.

Herr Salvator, heute Nacht . . . Ich hatte so eben die Rue Galande gemacht, ich machte die Place Maubert; plötzlich fährt ein Wagen so rasch vorüber, daß man hätte glauben sollen, er werde vom Winde getragen; das Fenster senkt sich; ich höre rufen: »Zu Hilfe! Herbei! zu Hilfe! man entführt mich!« und ein hübsches blondes Köpfchen, ein wahres Cherubsköpfchen kommt aus dem Schlage hervor. Zugleich erscheint ein zweiter Kopf . . . der eines brünetten jungen Mannes mit Schnurrbart. Er zieht die Schreiende zurück und schließt das Fenster wieder; doch diejenige, welche man entführte, hatte Zeit gehabt, einen Brief hinauszuwerfen.«

»Und dieser Brief? . . . «

»Ist der, welcher mit der Adresse von Herrn Justin bezeichnet war.«

»Um wie viel Uhr war das, Brocante?«

»Es mochte Morgens um sechs Uhr sein, Herr Salvator.«

»Gut! Ist das Alles?«

»Ja, es ist Alles.«

»Beim Haupte von Rose-de-Noël?«

»Beim Haupte von Rose-de-Noël!«

»Warum hast Du nicht ganz einfach Herrn Justin die Sache erzählt, wie sie sich zugetragen?«

»Ich habe mich in Versuchung führen lassen: er wird sagen, was ihm begegnet ist, und das wird mir Kunden bringen!«

»Höre, Brocante, hier ist ein Louis d’or dafür, daß Du die Wahrheit gesprochen,« sagte Salvator; doch von diesem Louis d’or wirst Du dem Kinde drei Paar baumwollene Strümpfe und ein Paar Schuhe von Ziegenfell kaufen.«

»Ich will rothe Schuhe, Herr Salvator,« sagte Rose-de-Noël.

»Du wirst sie von der Farbe nehmen, die Dir beliebt, mein Kind,« erwiderte Salvator.

Und sich an die Brocante wendend:

»Du hast gehört, finde ich Dich in acht Tagen, auf den Tag, auf die Stunde, noch hier; so nehme ich Rose-de-Noël fort!«

»Oh! Oh!« murmelte die Alte.

»Und Du, Rose, wenn ich Dich noch mit nackten Füßen treffe, so lasse ich Dich kleiden, wie Du warst, als ich Dich vor fünf Jahren zum ersten Male sah.«

»Oh! Herr Salvator!« rief die Kleine.

Er näherte sich sodann zum letzten Male der Alten und sprach halblaut zu ihr:

»Brocante, vergiß nicht, daß Du mir für dieses Kind mit Deinem Kopfe haftest! Lässest Du es vor Kälte in Deinem Speicher sterben, so lasse ich Dich vor Kälte, Hunger und Elend in einem Kerker sterben.«

Nach dieser Drohung neigte er sich zu der Kleinen, welche ihrerseits ihre Stirne seinem Kusse entgegenbot.

Und die Stube verlassend, winkte er Jean Robert ihm zu folgen.

Jean Robert warf einen letzten Blick auf die Alte und die zwei Kinder und ging hinter Salvator hinaus.

»Was für ein seltsames Mädchen ist das?« fragte er Salvator, als sie auf die Straße kamen.

»Gott allein weiß es!« antwortete dieser.

Und während sie die Rue Copeau und die Rue Monffetard hinabgingen, erzählte er dem Dichter das Ereigniß der Nacht vom 20. August, und wie die Kleine, deren Schönheit eine so mächtige Wirkung auf ihn hervorgebracht, in die Hände der Brocante gefallen war und sich nun, eine Perle, mitten in diesem Misthaufen befand.

Die Geschichte war nicht lang, wie man weiß: als die zwei jungen Leute auf den Pont-Neuf kamen, war sie beendigt.

»Hier!« sagte Salvator, während er sich an das Gitter der Statue von Heinrich IV. anlehnte.

»Sie halten hier an?« fragte Jean Robert.

»Ja.«

»Warum halten wir hier an?«

»Um zu warten.«

»Worauf wollen Sie warten?«

»Auf einen Wagen!«

»Wohin soll er uns führen?«

»Oh! Mein Lieber, Sie sind sehr neugierig.«

»Aber . . . «

»Als dramatischer Dichter wissen Sie, daß es ein Talent ist, mit dem Interesse haushälterisch umzugehen.«

»Wie Sie wollen . . . Warten wir.«

Sie warteten übrigens nicht lange.

Nach zehn Minuten drehte sich ein mit zwei kräftigen Pferden bespannter Wagen um den Quai des Orfèvres und hielt vor der Statue von Heinrich IV. an.

Ein Mann von ungefähr vierzig Jahren öffnete den Schlag vom Innern aus, wo er saß, und sagte:

»Geschwinde, geschwinde!«

Die beiden jungen Leute stiegen ein.

»An den bewußten Ort,« sagte der Mann im Wagen zum Kutscher. Und der Wagen ging im Galopp ab, drehte sich am Ende des Pont-Neuf und eilte auf dem Quai de l’Ecole fort.




XXXIV

Herr Jackal


Erzählen wir unsern Lesern, was Salvator Jean Robert zu erzählen nicht für geeignet erachtet hatte. Als er Justin und Jean Robert in der Rue du Faubourg Saint-Jacques verließ, ging Salvator, wie gesagt, nach der Polizei.

Er gelangte in die abscheuliche Gasse, genannt Rue de Jerusalem, – ein schmaler, kothiger, düsterer Weg, über den die Sonne nur sich verschleiernd hinzieht.

Salvator trat durch die Thüre der Präfectur mit der leichten, ungezwungenen Manier eines Vertrauten von diesem finsteren Hotel ein.

Es war sieben Uhr Morgens, das heißt kaum Dämmerung.

Der Concierge hielt ihn an.

»He! mein Herr!« rief er ihm zu: »wohin gehen Sie? . . . He! mein Herr!«

»Nun? Versetzte Salvator, indem er sich umwandte.

»Ah! verzeihen Sie, Herr Salvator, ich erkannte Sie nicht,« sagte der Concierge.

Und er fügte lachend bei:

»Das ist Ihre Schuld: Sie sind gekleidet wie ein Herr!«

»Ist Herr Jackal schon in seinem Bureau? Fragte Salvator.

»Das heißt, er ist noch dort, er ist dort über Nacht gewesen.«

Salvator durchschritt den Hof, ging unter das der Thüre gegenüberliegende Gewölbe, betrat eine kleine Treppe links, stieg zwei Stockwerte hinauf, kam in einen Corridor und fragte den Huissier nach Herrn Jackal.

»Er ist in diesem Augenblicke sehr beschäftigt.« erwiderte der Hussier.

»Sagen Sie ihm, Salvator, der Commissionär der Rue aux Fers, sei da.«

Der Huissier verschwand durch eine Thüre und kam sogleich wieder zurück.

»Ja zehn Minuten gehört Herr Jackal Ihnen.«

Einen Moment nachher öffnete sich wirklich die Thüre wieder, und ehe man Jemand sah, hörte man eine Stimme rufen:

»Suchet die Frau! bei Gott! suchet die Frau!«

Dann erschien der Mann, dessen Stimme man gehört.

Unternehmen wir es, das Portrait von Herrn Jackal zu zeichnen.

Es war ein Mann von ungefähr vierzig Jahren, mit übermäßig langem, magerem, dünnem, nach dem Ausdrucke der Naturforscher, wurmförmigen Halse und dabei mit kurzen, nervigen Beinen.

Sein Körper offenbarte Geschmeidigkeit; seine Beine bezeichneten Behendigkeit.

Der Kopf schien zugleich allen Klassen der Ordnung der fleischfressenden, auf den Zehen gehenden Thiere anzugehören: das Haar, oder die Mähne, oder das Fell, wie man will, war gräulich fahl; die langen, am Kopfe emporgespitzten und mit Haaren versehenen Ohren glichen denen des Jaguars; am Abend in Gelb, am Tage in Grün spielend, hielten die Augen die Mitte zwischen denen des Luchses und denen des Wolfes; senkrecht verlängert und der der Katze ähnlich, zog sich die Pupille zusammen oder erweiterte sich, je nach dem Grade von Dunkelheit oder Licht, in dem sie operierte; die Nase und das Kinn, die Schnauze, wollen wir sagen, war zugespitzt wie die eines Windhundes.

Der Kopf eines Fuchses und der Leib eines Iltisses.

Die Beine, von denen wir ein Wort gesagt haben, deuteten übrigens an, dieser Mensch könne, den Mardern ähnlich, überallhin schlüpfen und durch die kleinsten Oeffnungen passieren, vorausgesetzt, daß der Kopf einzudringen vermöge.

Die ganze Physiognomie offenbarte, wie die des Luchses, List, Schlauheit, Feinheit; man fühlte, daß Herr Jackal, der nächtliche Jäger der Kaninchen und der Hühner, sein Dickicht in der Rue de Jerusalem, um auf die Jagd zu geben, nur bei Einbruch der Nacht verlassen konnte.

Er blinzelte mit den Augen und erblickte im Halbschatten des Corridors denjenigen, welchen man ihm gemeldet hatte.

»Ah! Sie sind es, Herr Salvator?« sagte er, indem er mit großem Eifer auf ihn zuging. »Was verschafft mir das Vergnügen, Sie so frühe am Morgen zu sehen?«

»Man hat mir gesagt, mein Herr, Sie seien sehr beschäftigt,« antwortete Salvator, der mit großer Mühe den Widerwillen, den ihm der Polizeimann einflößte, zu überwinden schien.

»Das ist wahr, mein lieber Herr Salvator; doch Sie wissen wohl, daß es keine Beschäftigung gibt, die ich nicht auf der Stelle verlasse, um das Vergnügen zuhaben, mit Ihnen zu plaudern.«

»So treten wir in Ihr Cabinet ein,« sagte Salvator, ohne auf die complimentöse Phrase von Herrn Jackal zu antworten.

»Das ist unmöglich; ich habe zwanzig Personen, die auf mich warten.«

»Haben Sie mit diesen zwanzig Personen lange zuthun?«

»Ungefähr zwanzig Minuten: eine Minute für die Person. Ich muß um neun Uhr im Bas-Meudon sein.«

»Im Bas-Meudon?«

»Ja.«

»Was Teufels wollen Sie dort machen?«

»Eine Erstickung constatiren.«

»Eine Erstickung?«

»Zwei junge Leute, die sich das Leben genommen haben, ja . . . Der Aeltere von beiden ist vierundzwanzig Jahre alt, wie es scheint.«

»Arme junge Leute!« sagte Salvator mit einem Seufzer.

Dann-zur Sache von Justin zurückkehrend:

»Teufel! es ist mir höchst ärgerlich, daß ich Sie nicht bequem sprechen kann; ich hatte Ihnen etwas sehr Ernstes mitzutheilen.«

»Eine Idee . . . «

»Nun?«

»Ich fahre und bin allein in meinem Wagen; kommen Sie mit mir: Sie werden mir Ihren Fall unter Weges erzählen. Mit zwei Worten, um was handelt es sich?«

»Um eine Entführung.«

»Suchet die Frau!«

»Beim Teufel! das ist es, was wir suchen.«

»Oh! Nein, nicht die entführte Frau.«

»Welche denn?«

»Die welche die Andere entführen läßt.«

»Sie glauben, es stecke eine Frau dahinter?«

»Es ist eine Frau bei Allem, Herr Salvator: das ist es, was unser Handwerk so schwierig macht . . . Gestern meldet man mir, ein Decker habe vom Dache fallend das Leben eingebüßt.«

»Sie haben gesagt: ›Suchet die Frau!«

»Das war das Erste, was ich sagte.«

»Nun?«

»Sie spotteten über mich; sie behaupteten, ich habe die verrückte Gewohnheit, so zu antworten! Man sucht die Frau, und man findet sie.«

»Gut! wie dies?«

»Der Bursche hatte sich umgedreht, um eine Frau zu sehen, die sich in einer Mansarde gegenüber ankleidete, und, bei meiner Treue! er fand so viel Vergnügen an der Anschauung, daß er nicht mehr darauf Acht gab, wo er war; der Fuß glitscht ihm aus, und plumps, daliegt er!«

»Er ist todt?«

»Er war mausetodt, der Dummkopf! . . . Nun! Ist das beschlossen, kommen Sie mit mir nach dem Bas-Meudon?«

»Ja, doch ich habe einen Freund.«

»Es sind vier Plätze im Wangen. – Fargeau,« sagte Herr Jackal zum Huissier, »lassen Sie anspannen.«

»Ich muß zuvor nach der Rue Triperet gehen und werde von dort zurückkommen.«

»Ich gebe Ihnen eine halbe Stunde.«

»Wo werden wir uns wiederfinden?«

»Rendez-vous bei der Statue Heinrich IV. Ich werde den Wagen halten lassen, Sie steigen ein, und im Galopp, Kutscher!«

Wonach Herr Jackal in sein Bureau zurückgekehrt war und Salvator Jean Robert in der Rue Triperet abgeholt hatte.

Die Dinge waren nach dem festgestellten Programm vor sich gegangen: die zwei jungen Leute hatten im Wagen von Herrn Jackal Platz genommen, und alle Drei fuhren nach dem Bas-Meudon.

Wir haben es versucht, Herrn Jackal in physischer Hinsicht zu schildern: nun einen Pinselstrich in Betreff des Moralischen.

Herr Jackal war ein vormaliger Polizeikommissär, den seine wunderbaren Fähigkeiten von Stock zu Stock bis zu diesem höchsten Giebel des Chefs der Sicherheitspolizei hatten steigen lassen.

Herr Jackal kannte alle Diebe, alle Gauner, alle Zigeuner in Paris; freigelassene Galeerensklaven, bannbrüchige Galeerensklaven, geübte Diebe, Diebslehrlinge, ausgelernte Diebe, Diebe, die sich aus den Geschäften zurückgezogen, Alles dies wimmelte unter seinem weit umfassenden Blicke im kothigen Pandämonium der alten Lutetia, ohne sich, wie groß auch die Dunkelheit der Nacht, die Tiefe der Steinbrüche, die Zahl der Freischenken sein mochten, seinem Auge entziehen zu können; er war beschlagen in seinen Garnise,[14 - Häuser, wo Schlafstellen für einzelne Nächte vermiethet werden.] seinen Spielhäusern, seinen Bordellen, wie Philidor in den Feldern seines Schachbrettes; wenn er einen ausgenommenen Laden, ein zerbrochenes Fenster, einen gegebenen Messerstich nur anschaute, sagte er: »Ah! ich kenne das! Das ist die Manier zu arbeiten von Dem und Dem.«

Und selten irrte er sich.

Herr Jackal schien keinem der Bedürfnisse der Natur unterworfen zu sein. Hatte er nicht Zeit, zu frühstücken, so frühstückte er nicht; hatte er nicht Zeit, zu Mittag zu speisen, so speiste er nicht zu Mittag; hatte er nicht Zeit, zu Nacht zu essen, so aß er nicht zu Nacht; hatte er nicht Zeit, zu schlafen, so schlief er nicht.

Herr Jackal trug mit gleichem Glücke und mit gleicher Bequemlichkeit alle Verkleidungen: Rentier des Marais, General des Kaiserreichs, Mitglied des Caveau, Concierge von vornehmem Hause, Portier von kleinem Gewürzkrämer, Wundmittelhändler, Seiltänzer, Pair von Frankreich, Voltigeur von Gent, er war Alles, was man wollte, und hätte den geschicktesten und vielseitigsten Schauspieler beschämt.

Proteus wäre gegen ihn nur ein Grimassenmacher von Tivoli oder vom Boulevard du Temple gewesen.

Herr Jackal hatte weder Vater, noch Mutter, noch Schwester, noch Bruder, noch Sohn, noch Tochter; er war allein in der Welt und schien der Familie durch eine aufmerksame Vorsehung beraubt worden zu sein, welche ihm indem sie ihm die Zeugen seines Geheimnisvollen Lebens nahm, allein auf seinem Wege zu gehen erlaubte.

Herr Jackal hatte in den vier Fächern seiner Bibliothek vier Ausgaben von Voltaire!

Zu einer Zeit, wo Jedermann, bei der Polizei besonders, Jesuit von der langen Robe oder von der kurzen Robe war, hatte er allein seine freie Sprache, citirte das Dictionnaire philosophique bei jeder Veranlassung und wußte die Pucelle auswendig« Diese vier Exemplare des Verfassers von Candide waren in Chagrin gebunden und am Schnitt versichert, ein Traueremblem des begrabenen Glaubens ihres Eigenthümers.

Jackal glaubte nicht an das Gute; das Böse beherrschte für ihn die ganze Schöpfung. Das Böse unterdrücken schien ihm der einzige Zweck des Lebens zu sein; er begriff eine Welt mit anderen Endzwecken nicht.

Es war eine Art von Erzengel Michael der niederen Regionen; das jüngste Gericht hatte schon für ihn angefangen, und er machte Gebrauch von der Gewalt, die ihm die Gesellschaft anvertraut, wie der Würgengel sich seines Schwertes bedient.

Die Menschen schienen ihm eine große Sammlung von Marionetten und von Gliedermännchen zu sein, welche alte Arten von Gewerben treiben; die Fäden dieser Marionetten und dieser Gliedermännchen setzten, nach seiner Ansicht, die Frauen in Bewegung; er hatte auch eine Monomanie, von der wir ein Muster bei den ersten Worten, die er, sein Cabinet öffnend, sprach, gesehen haben, eine Monomanie, die ihn beinahe unfehlbar zur Entdeckung des Verbrechens führte, dessen Urheber er wollte kennen lernen.

So oft man ihm eine Verschwörung, einen Mord, einen Diebstahl, eine Entführung, einen Einbruch, eine Heiligthumsentweihung, einen Selbstmord anzeigte, gab er nur zur Antwort: »Suchet die Frau!«

Man suchte die Frau, und wenn die Frau gefunden war, brauchte man sich um nichts mehr zu bekümmern: das ürbrige fand sich ganz allein.

Er hatte selbst den Beweis hiervon gegeben, indem er das Beispiel des Deckers citirte, der von einem Dache auf das Pflaster herabgestürzt war.

Herr Jackal hatte eine Frau im Grunde dieses Unfalls gesehen, wo ein Anderer einen falschen Tritt, eine Blendung, einen Schwindel gesehen haben würde.

Und die Erfahrung hatte bewiesen, daß Herr Jackal recht gesehen.«

Herr Jackal war also seinem Grundsatze treu, als er zu Salvator in Betreff der Entführung von Mina sagte: »Suchet die Frau!«

Dies war, – und wir bleiben sehr hinter dem Portrait, das wir geraden ihm hätten zeichnen mögen, – dies war Herr Jackal, das heißt, der Mann, mit welchem und in dessen Wagen Salvator und Jean Robert längs dem Quai der Tuilerien hinfuhren.

Ah! wir vergessen einen charakteristischen Zug der Physiognomie von Herrn Jackal: er trug eine grüne Brille, nicht um besser zu sehen, sondern damit man ihn weniger sehe.

Wollte er den freien Gebrauch seiner Augen haben, so hob er mit einer raschen Bewegung seine Brille an seine Stirne empor; der Strahl seines in allen Farben spielenden Blickes warf eine Flamme zwischen seinen Augenlidern aus, dann senkte er seine Brille wieder, doch ohne die Hände daran zu legen, durch ein leichtes Schauern der Schlafmuskeln: beim Schauern dieser Muskeln fiel die Brille von selbst nieder und nahm wieder ihren Platz in der Fuge ein, die ihr stählerner Bogen nach und nach auf der Nase von Herrn Jackal ausgegraben hatte.

Selten brauchte er diese Inspectiont zu erneuern, so rasch, tief und sicher war sein Blick.

Dieser Blick glich jenen stillen Sommerblumen, welche zwischen zwei Wolken in den heißen Abenden im Monat August durchzucken.




XXXV

Suchet die Frau


Herr Jackal, als er die zwei jungen Leute in seinem Wagen aufnahm, fing damit an, daß er seine Brille emporhob und auf Jean Robert einen von den Blicken warf, die ihm den moralischen und den physischen Menschen offenbarten.

Nach einer Secunde fiel seine Brille wieder nieder, mochte er nun Jean Robert als einen Dichter, der, wie gesagt, schon den erstern Kreis der Popularität überschritten, erkannt haben, oder hatten die redlichen Linien im Gesichte des jungen Mannes genügt, um ihm anzuzeigen, es werde nie etwas für ihn auf dieser Seite zuthun sein.

»Ah!« sprach er, als er es sich in einer der aufgepolsterten Ecken seines Wagens bequem gemacht, welche Ecke er Salvator hatte abtreten wollen, was aber dieser beharrlich ausgeschlagen, »wir sagen also, es handle sich um eine Entführung?«

Herr Jackal nahm seine Tabaksdose, – eine reizende, zarte, feine Bonbonnière, welche einst Pastillen für die Pompadour oder die Dubarry enthalten mußte, – und schlürfte mit Wollust eine starke Prise Tabak.

»Nun, so erzählen Sie mir das.«

Jeder Mensch hat seine schwache Seite, seine schlecht in den Stix getauchte Ferse, seinen verwundbaren Punkt.

Herr Jackal hatte den seinigen, und wir haben es – ein ungetreuer Geschichtschreiber, – unterlassen, desselben zu erwähnen.

Herr Jackal konnte das Essen, das Trinken, das Schlafen entbehren, doch er konnte das Schnupfen nicht entbehren.

Seine Tabatière und sein Tabak waren für ihn unerläßliche Dinge.

Man hätte glauben sollen, aus seiner Tabaksdose schöpfe er die zahllose Serie geistreicher Gedanken, durch deren augenblickliche und unablässige Produktion er seine Zeitgenossen in Erstaunen setzte.

Er schlürfte also seine Prise und sagte: »Nun, so erzählen Sie das.«

Was er zum zweiten Male hören sollte, hatte Herr Jackal schon ein erstes Mal gehört, doch schlecht, zwischen zwei Thüren, mit andern Ideen beschäftigt.

Es war für ihn Bedürfniß, die Sache noch einmal zu hören.

Diese zweite Anhörung änderte nichts in seinen Ansichten, obgleich die Erzählung mit den Einzelheiten vermehrt war, welche Salvator aus dem Munde der Brocante vernommen hatte.

»Und man hat die Frau nicht gesucht?« sagte er.

»Man hat nicht Zeit gehabt,« wir wissen die Sache erst seit sieben Uhr Morgens.«

»Teufel! sie werden das Zimmer umgekehrt und den Garten mit den Füßen zertreten haben.«

»Wer?«

»Ei! diese Dummköpfe!«

Unter diesen Dummköpfen verstand Herr Jackal die Vorsteherin der Pension, die Unterlehrerinnen, die Zöglinge.«

»Nein,« erwiderte Salvator, »es ist keine Gefahr.«

»Wie so?«

»Justin ist mit verhängten Zügeln auf dem Pferde dieses Herrn (Salvator deutete aus Jean Robert) nach Versailles geritten und wird sich als Schildwache vor die Thüre stellen.«

»Wenn er ankommt!«

»Wie, wenn er ankommt?«

»Kann ein Schulmeister reiten? Sie mußten mir das sagen, ich hätte Ihnen den Husaren gegeben.«

Der Husar war einer von den Leuten von Herrn Jackal, der sich durch seine Geschicklichkeit in der Reitkunst den eleganten und ausdrucksvollen Beinamen Husar erworben hatte.

»Ich habe ihm dieselbe Bemerkung gemacht,« versetzte Salvator, »doch er antwortete mir, als ein Pächterssohn sei er seit seiner Kindheit geritten.«

»Gut! Und wenn man nun die Frau findet, so wird Alles vortrefflich gehen.«

»Aber ich sehe keine Frau bei ihr, der man mißtrauen könnte,« entgegnete Salvator.

»Man muß der Frau immer mißtrauen.«

»Sind Sie nicht ein wenig absolut, Herr Jackal?«

»Sie sagen, ein junger Mann habe Ihre Mina entführt?«

»Meine Mina?« versetzte Salvator lächelnd.

»Die Mina des Schulmeisters, kurz die fragliche Mina.

»Ja; die Brocante, die sie Morgens um vier Uhr, wie ich Ihnen sagte, vorüberfahren sah, hat einen jungen Mann erkannt; sie behauptet sogar, er sei brünet gewesen.«

»Bei Nacht sind alle Katzen grau,« erwiderte Herr Jackal.

Und er schüttelte bei diesem Sprichworte den Kopf.

»Sie zweifeln?« fragte Salvator.

»Hören Sie . . . Mir scheint es nicht natürlich, daß ein junger Mann ein junges Mädchen entführt: das ist nicht mehr in unseren Sitten, wenn nicht etwas der junge Mann von einer großen, bei Hofe sehr mächtigen Familie ist, und im neunzehnten Jahrhundert gegen Lauzun und Richelieu abzustechen befürchtet; der Sohn eines Pair von Frankreich, der Neffe eines Cardinals oder-eines Erzbischofs . . . Die Greise verführen . . . – ich sage das für Sie, Herr Salvator, und besonders für diesen Herrn, der Stücke macht,« fügte der Polizeimann bei, indem er durch eine unmerkliche Bewegung mit dem Kopfe Jean Robert bezeichnete, »weil das Alter unmäßig und übersättigt ist; doch eine Entführung von Seiten eines jungen Mannes der die Schönheit und die Kraft hat, das ist ein monstruöses Verbrechen.«

»Es ist doch so.«

»Dann suchen wir die Frau! Offenbar ist eine Frau bei diesem Verbrechen betheiligt; in weichem Grade? das weiß ich nicht; doch eine Frau muß irgendeine Rolle bei dem Geheimnisvollen Drama spielen. Sie sagen, Sie sehen keine Frau bei ihr; ich, ich sehe dort nur Frauen Lehrerinnen, Unterlehrerinnen, Freundinnen aus der Pension, Kammerjungfern. Acht Sie wissen nicht, was das ist Pensionate, Sie naives Herz.«

Hier schlürfte Jackal eine zweite Prise.

»Sehen Sie, Herr Sltvator,« fuhr er fort, »alle diese Pensionate sind eben so viele Feuerherde, wo die fünfzehnjährigen Mädchen leben und sich zerarbeiten, den Salamandern ähnlich, von denen die alten Naturforscher sprechen. Ich, was mich betrifft, weiß Eines ganz wohl: hätte ich die Ehre, eine heirathsfähige Tochter zu besitzen, so würde ich sie eher in meinen Keller einsperren, als in eine Pension geben. Und Sie beiden keine Idee von den Klagen, die man im Bureau der Sitten über die Pensionate erhält, nicht als wären die Vorsteherinnen strafbar, doch die kleinen Mädchen sind immer verliebt: das ist die alte Fabel von Eva; Lehrerinnen, Unterlehrerinnen, Aufseherinnen sind beständig wach, wie Hunde um einen Pachthof oder die Leibwachen um den König. Doch wie soll man den Wolf verhindern, in den Schafstall einzudringen, wenn das Lamm selbst dem Wolfe die Thüre öffnet?«

»Das ist hier nicht der Fall: Mina betete Justin an.«

»Dann ist es eine Freundin, die das Geschäft gemacht hat; darum habe ich gesagt und ich wiederhole: ›Suhen wir die Frau!«

»Ich fange an mich Ihrer Meinung zu unterwerfen, Herr Jackal,« erwiderte Salvator, indem er die Stirne faltete, um seinen Geist zu zwingen, bei einem dunklen und verdächtigen Punkte stehen zu bleiben.

»Ei! gewiß,« fuhr der Polizeimann fort, »ich zweifle nicht an der Keuschheit Ihrer Mina . . . Wenn ich sage, Ihre Mina, so will ich sagen, die Mina Ihres Schulmeisters. Sie hat, dessen bin ich sicher, in die Pension eintretend keinen schlimmen Keim, um damit die Pflanzen zu verderben, die sie umgaben, mitgebracht; sorgfältig erzogen, konnte sie in sich nur die Schläge der Güte und der Unschuld tragen, die sie unter den Blicken ihrer Adovtivverwandten angehäuft hatte; doch wie viel schlechte Pflanzen verbreiten für eine reine Blume, die ihre Wohlgerüche gibt, ihre unheilvollen Dünste, mit denen, ihnen unbewußt, die Familie sie seit ihrer Kindheit vergiftet hat! Dsa Kind, das man für sorglos und leichtsinnig hält, vergißt nie etwas, Herr Salvator, erinnern Sie sich dessen wohl; derjenige, welcher mit zehn Jahren die unschuldigen Zauberstücke auf dem Theater den Ambingu-Comique oder der Gaieté hat geben sehen, wird, wenn es ein Knabe ist, mit fünfzehn Jahren die Lanze des Rittern verlangen, um die Riesen, die Verfolger und Hüter der Prinzessin seiner Wahl zu durchbohren; ist es eine weibliche Person, so wird sie sich vorstellen, sie sei diese von ihren Verwandten verfolgte Prinzessin, und sie wird, um sich mit dem Liebhaber, von dem man sie getrennt, wieder zu vereinigen, alle Mittel anwenden, die ihr der Zauberer Maugis oder die Fee Colibri enthüllt haben. Unsere Theather, unsere Museen, unsere Mauern, unsere Promenaden, Alles trägt dazu bei, in Herzen der Kinder tausend Neugierden zu erregen, die der erste der beste Vorübergehende auf eine Frage, in Ermangelung des Vaters und der Mutter, befriedigen wird; Alles trägt dazu bei, in ihm diesen Hunger, Alles kennen zu lernen, diesen Durst, Alles zu begreifen, der das Uebel des Kindes ist, entstehen zu machen und zu unterhalten; und die Mutter, welche ihrer Tochter nicht erklären kann, warum in die Kirche eintretend, ein schöner junger Mann Weihwasser einem Mädchen bot; warum an einem Sommertag ein Liebespaar sich auf dem Felde umarmte; warum man sich heirathet; warum der Eine in die Messe geht, während der Andere nicht dahin geht; die Mutter, die ihrer Tochter keines von den Mysterien enthüllen kann, die diese unbestimmt erschaut, schickt sie, erschrocken über ihre nach Maßgabe ihrer Jahre wachsende Neugierde. in ein Pensionat, wo sie von ihren älteren Schwestern diese die Gesundheit und die Tugend zerstörenden Geheimnisse lernt, welches sie sodann jüngeren Schwestern anvertraut. So mein lieber Herr Salvator, – ich sage Ihnen dies zu Ihrer Instruktion, wenn Sie je eine Frau nehmen, – so tritt, selbst wenn es aus der anständigsten, ehrbarsten Familie kommt, das Mädchen in das Pensionat den giftigen Samen, der später ein ganzes Feld vergiften soll, in sich tragend ein!«

.

»Aber,« fragte Salvator, während Jean Robert mit Erstaunen zuhörte, »aber es gibt ohne Zweifel ein Mittel hiergegen?«

»Ei! freilich gibt es ein Mittel hiergegen, wie gegen etwas Anderes; es gibt, bei Gott! für Alles ein Mittel! doch was wollen Sie? es ist eine Mauer stärker, höher, ausgebreiteter, als die von China umzureißen! Das ist die Gewohnheit, diese Geißel der Gesellschaften. So haben zum Beispiel seit einiger Zeit die jungen Leute eine traurige Gewohnheit angenommen, eine Gewohnheit, die um so trauriger, als es keine Mittel dagegen gibt.«

»Welche?«

»Das ist die, sich zu tödten. Ein junger Mann liebt ein Mädchen, das ihn nicht liebt; er nimmt sich nicht die Zeit, zu warten, daß es ihn liebe, und thötet sich! Ein Mädchen liebt einen jungen Manne der es nicht mehr liebte, und auf den es rechnete, daß er als Gatte die Uebelthaten des Liebhabers bedecke: es tödtet sich! Zwei junge Leute lieben sich und die Eltern erlauben nicht, das sie sich heirathen: sie tödten sich! Und wissen Sie, warum sie sich meistens tödten?«

»Ei! weil sie des Lebens müde sind,« erwiderte Jean Robert.

»Oh! Nein, mein Herr Dichter,« entgegnete der Polizeimann; »man ist nie des Lebens müde, und zum Beweise dient, daß man, je älter man wird, desto mehr daran hängt. Es gibt hundert Selbstmorde von jungen Leuten unter fünfundzwanzig Jahren gegen einen Selbstmord einen Greises über sechzig. Man tötet sich – es ist erbärmlich, dies sagen zu müssen! – der junge Mann, um seiner Geliebten einen Possen zu spielen, die Geliebte, um dem Liebhaber einen Possen zu spielen, der Liebhaber und die Geliebte, um den Eltern einen Possen zu spielen; ein erschrecklicher Possen, der, um ein Jahr, um sechs Monate, und acht Tages um eine Stunde verschoben, durch dies Liebe der Frau, durch die Rückkehr des jungen Mannes, durch die Einwilligung der Eltern unnötig geworden wäre. Früher war es nicht so: man kannte den Selbstmord nicht, oder man kannte ihn kannte das Mittelalter, das heißt ein Zeitraum von drei bis vier Jahrhunderten, zählt nicht zehn erwiesene Selbstmorde.

»Im Mittelalter,« bemerkte Jean Robert, »hatte man Klöster.«

»Vortrefflich! Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen, junger Mann. Man hatte eine große Trübsal, man fühlte einen großen Schmerz, man faßte einen Ekel gegen das Leben: der Mann wurde Mönch, die Frau Nonne: das war die Art, sich zu erschießen, sich zu ersticken, sich zu ertränken. Hören Sie, heute soll ich im Bas-Meudon den Selbstmord von Mademoiselle Carmelite und Herrn Colombau constatiren. Nun woh . . . «

Die zwei jungen Leute bebten.

»Verzeihen Sie,« sagten sie gleichzeitig, Herrn Jackal unterbrechend.

»Was?«

»War Mademoiselle Carmelite nicht eine Schülerin von Saint-Denis?« fragte Salvator.

»Ganz richtig.«

»War Herr Colombau nicht ein junger bretonischer Edelmann?« fragte Jean Robert.

»Gewiß.«

»Dann begreife ich den Brief, den diesen Morgen Fragola erhalten hat,« murmelte Salvator.

»Oh! armer Junge,« sagte Jean Robert, »ich habe seinen Namen von Ludovic nennen hören.«

»Das Mädchen war aber ein Engel!« sprach Salvator.

»Der junge Mann war aber ein Heiliger!« rief Jean Robert.

»Ei! Freilich,« erwiderte der alte Voltairianer, »darum sind sie zum Himmel aufgestiegen; die armen Kinder fanden sich auf der Erde nicht an ihrem Platze.«

Und er sprach diese Worte mit einer seltsamen Mischung von Spott und Rührung.

»Oh! mein Gott!« sagte Jean Robert, »der arme Ludovic wird in Verzweiflung sein.«

»Oh! mein Gott!« murmelte Salvator, »die arme Fragola wird sehr traurig sein.«

Doch sind Ursachen dieses Todes ein Geheimnis oder können Sie uns dieselben mitteilen?« fragte Jean Robert.

»Die Katastrophe in allen ihren Einzelheiten? Oh! mein Gott, ja; Sie werden nur die Namen zu ändern haben, um ein Gedicht oder einen Roman daraus zu machen; ich stehe Ihnen dafür, daß Stoff dazu vorhanden ist.«

Und während man vom Quai de la Conférence nach dem Pont de Sèvres fuhr, gab Herr Jackal den aufmerksamen jungen Leuten folgende Erzählung, welche indeß sie beim ersten Anblick ganz außerhalb der Ereignisse, die wir mitteilen, zu sein scheint, sich doch am Ende, ein wenig früher oder ein wenig später, mit ihnen verbinden wird.

Unsere Leser mögen sich also gedulden; wir sind erst beim Prologe des Buches, das wir schreiben, und wir müssen nothwendig unsern Personen ihre Stellung geben.




XXXVI

Wo bewiesen ist, daß man zufällig und einmal unter hundert gute Nachbarn treffen kann


Das 12. Arrondissement war im Jahre 1827 und ist noch heute das ärmste Arrondissement der Hauptstadt, wie man dies aus dem von der Administration der öffentlichen Unterstützung nach der letzten Zählung veröffentlichten numerischen Etat ersehen kann.

So ist im 1. Arrondissement die Zahl der dürftigen Bevölkerung 3.707 Individuen auf 112.740 Einwohner,während im 12. Arrondissement aus eine Bevölkerung von 95.243 die Zahl der Dürftigen 12.204 beträgt.

Bedenkt man, daß in diesem Arrondissement die größte Anzahl von Schuhflickern, Kutschern, Lumpensammlern, Trödlern, Wasserträgern, Lastträgern und Tagelöhnern aller Art wohnt, so wird man sehen, daß wir nicht übertreiben, wenn wir sagen, dieses Quartier sei heute noch das elendste.

Dieses Quartier bietet in der Vogelperspective eine beinahe viereckige Form; es ist abgetheilt in vier Quartiere, welche den Namen Quartier de l’Observatoire, Quartier Saint-Jacques, Quartier du Jardin des Planetes und Quartier Saint-Marcel führen.

Sowie wir in unserer Erzählung vorrücken, werden wir, da ein großer Theil der Ereignisse dieser Geschichte im 12. Arrondissement vorgehen soll, nach und nach unseren Lesern die Physiognomie dieser Quartiere zeigen.

Bemerken wir vor Allem: einer der pittoreskestien Theile ist der zwischen der Rue du Val-de-Grace und der Rue de la Bourbe begriffene des Quartier Saint-Jacques.

Steigt man die Rue Saint-Jacques von der Rue du Val-de-Grace zum Faubourg hinauf, so führen in der That alle Häuser der rechten Seite, alt, häßlich und schlecht gebaut, zu bezaubernden Gärten, wie sich kaum noch einige um gewisse aristokratische Hotels in Paris finden.

In ein zwischen den Nummern 330 und 350 der Rue Saint-Jacques liegendes Haus wollen wir unsern Leser geleiten, und Jeder, der an das Quartier Saint-Jacques denkend aus Gewohnheit sich die üblen Gerüche des Elends zu Gehirn steigen fühlt, wird, wie wir hoffen, entzückt sein, wenn er mit und den Duft der Rosen und Jasmine athmet, der durch die Fenster dieser bevorrechteten Wohnungen, welche auf einen wahren Lichtwinkel des irdischen Paradieses gehen, eindringt.

Die Facade des Hauses, das die Helden der von Herrn Jackal erzählten unglücklichen Geschichte, bewohnen, hatte jenen traurigen Ton, mit dem die Zeit und der Regen die alten Mauern von Paris überziehen.

Man trat in das Haus durch eine kleine, schmale Thüre ein, und man gelangte in einen selbst mitten am Tage finsteren Gang.

Derjenige, welcher zum ersten Male in diesen Gang gekommen wäre, würde ihn für den gefährlichen Weg zu der Werkstätte eines Falschmünzers gehalten haben; doch die letzte Schwelle überschreitend, hätte sich der Forscher sogleich in einer Art von Eden gesehen.

Aus dem Gange ausmündend, trat man in der That in einen Hof ein, der zu einen großen Garten führte; hier war man wahrhaft geblendet, da man ein kleines weißes Haus mit grünen Läden, die Seiten geschmückt mit emporrankenden Rosen, mit Gaisblatt und Waldreben, sah.«

Das Haus bestand aus einem Erdgeschoße und zwei Stockwerken, deren Fenster, vermöge der entzückenden, Lage des kleinen Gebäudes, alle auf den Garten gingen; diese drei Stockwerke, das Erdgeschoß einbegriffen, bildeten sechs Wohnungen, jede gleichmäßig auf drei Zimmern und einer Küche bestehend.

Vier von diesen Wohnungen, die zwei des Erdgeschosses und die des ersten Stockes, hatten Arbeiterfamilien inne, welche, nüchtern und geordnet, statt sich vor der Barrière zu betrinken wie ihre Werkstattkameraden, ihren Sonntag dem Anbau eines Gartenstückchens weihten, das die Zubehör ihrer bescheidenen Wohnung bildete.

Im zweiten Stocke wohnten auf demselben Boden, der eine rechts, die andere links, die zwei Hauptpersonen dieser Geschichte.

Derjenige, welcher die Zimmer links bewohnte, war ein junger Mann von zwanzig bis dreiundzwanzig Jahren, – ein hübscher Mensch mit treuherzigem Gesichte, mit hellblauen Augen und blonden Haaren, welche gerade auf seine viereckigen Schultern fielen. Er war eher klein, als groß von Wuchs; doch die Breite seiner Schultern bezeichnete bei ihm eine ungewöhnliche Stärke. Er war geboren in Quimper; es wäre aber eine unnütze Mühe gewesen, die Augen auf seinen Geburtsschein zuwerfen, um zu sehen, daß er Bretagner, so sehr trug sein Gesicht das Gepräge der Energie und der Redlichkeit der schönen gälischen Race an sich.

Sein Vater, ein armer alter Edelmann, der zurückgezogen in einem Thurme, dem letzten Ueberreste eines während der Kriege in der Vendee niedergerissenen Schlosses aus dem dreizehnten Jahrhundert, lebte, hatte ihn in Paris gelassen, wo er seine Erziehung gemacht, um die Rechte zu studieren. Bei seinem Austritte aus dem Collége hatte der junge Colombau von Penhoël seinen Aufenthalt in diesem Zimmer des erwähnten Hauses der Rue Saint-Jacques genommen, das er seit drei Jahren, das heißt seit 1823, um welche Zeit unsere Erzählung beginnt, bewohnte.

Sein Vater gab ihm jedes Jahr zwölfhundert Franken: der wackere Mann theilte so mit seinem Sohne Alles, was ihm von seinem Erbe blieb.

Die Wohnung von Colombau kostete diesen nur zweihundert Franken Miethzins jährliche; es blieben also dem jungen Manne tausend Franken, das heißt ein ganzes Vermögen für einen nüchternen, sparsamen, geordneten jungen Mann, wie er es war.

Wir täuschen uns, wenn wir sagen, es seien ihm tausend Franken jährlich geblieben; von den tausend Franken müssen wir die Miethe eines Klaviers, zehn Franken monatlich abziehen, der einzige Luxus, den sich Colombau erlaubte, ohne Zweifel, um nicht eines der politischen Axiome der alten Bretagner lügen zu machen, ein bis auf unsere Tage übergegangenes Axiom, das wie Augustin Thierry sagt, den Musiker neben den Ackerbauer und den Handwerksmann, als einen der drei Pfeiler der gesellschaftlichen Existenz, stellt.

Man war im Monat Januar des Jahren 1823. Colombau hatte sein drittes Jahr der Rechtsstudien begonnen; es schlug zehn Uhr in der Kirche Saint-Jacques-du-Haut-Pas.

Der junge Mann saß an der Ecke seines Kamins und war beschäftigt, den Codex Justinians zu studieren, als er plötzlich erschreckliches Weheklagen und Gestöhne hörte.

Er öffnete die Thüre des Ruheplatzes und sah an der mit der seinen parallelen Thüre ein bleiches Mädchen mit aufgelösten Haaren, das in Thränen zerfließend und die Hände ringend um Hilfe rief.

Die Wohnung der von Colombau gegenüber hatten ein junges Mädchen und seine Mutter inne; die Mutter war Witwe eines Kapitäns, der bei Champ Aubert im Feldzuge von 1814 getödtet worden, und lebte von einer Pension von zwölfhundert Franken und einigen Nadelarbeiten, die ihr die Weißzeughändlerinnen des Quartiers verschaffen.

Sie wohnte seit sechs Monaten allein hier, als eines Morgens Colombau, von der Rechtsschule zurückkehrend, auf Einem Ruheplatze ein schönes, großes Mädchen erblickte, das ihm völlig unbekannt war.

Colombau war von Natur wenig gesprächig, und erst ein Paar Tage nach dieser Erscheinung, die sich übrigens zwei oder dreimal wiederholt hatte, erfuhr er von einem seiner Nachbarn im Erdgeschosse, Mademoiselle Carmelite sei die Tochter von Madame Gerats, seiner Nachbarin; sie sei, als Tochter eines Ritters der Ehrenlegion, in der königlichen Anstalt von Saint-Denis erzogen worden, und da ihre Erziehung beendigt, so sei sie zurückgekommen, um bei ihrer Mutter zu leben.

Dieses Begegnen des jungen Mannes und des Mädchens hatte im Monat September 1822, zur Ferienzeit stattgefunden. Colombau hatte vierzehn Tage nachher Paris verlassen, um zwei Monate im Thurme von Penhoël zuzubringen, und von seiner Rückkehr im Monat November hatte er bis zum Januar 1823 nur selten Gelegenheit gehabt, das Mädchen zu sehen; man traf sich zuweilen auf der Treppe, die Milchbüchse in der Hand haltend; man grüßte sich artig, doch ohne ein Wort zu wechseln.

Das Mädchen war zu schüchtern; Colombau zu ehrfurchtsvoll.

Eines Tags aber, als der junge Mann frühzeitiger als gewöhnlich, sein tägliches Frühstück tragend, die Treppe hinaufstieg, begegnete er dem Mädchen, das, um ein paar Minuten im Verzug, hinabging, um das ihrige zu holen.

Sie hielt eröthend den jungen Mann an, der, nachdem er sie, nicht als Student, sondern als Edelmanm, – die erste Erziehung verliert sich nie, – gegrüßt hatte, weiter gehen wollte, und sagte zu ihm:

»Ich habe eine Bitte an Sie zu richten, mein Herr; meine Mutter und ich, wir lieben ungemein die Musik, und wir bringen gewöhnlich alle Abende sehr angenehm damit zu, daß wir Sie eine Stunde zum Klavier singen hören; seit drei Tagen aber ist meine Mutter sehr unpäßlich, und obgleich sie sich nicht beklagt hat, hat uns doch der Arzt, als er uns gestern Abend-besuchte, während Sie sangen, gesagt, das Getöse des Klaviers müsse sie ermüden.«

»Verzeihen Sie, mein Fräulein,« erwiderte der junge Mann, ebenfalls bis an die Augen erröthend, »ich wußte durchaus nichts von der Krankheit Ihrer Frau Mutter; glauben Sie mir, ich würde mir nie verzeihen, gespielt zu haben, hätte ich gewußt . . . «

»Oh! mein Gott! mein Herr,« versetzte das Mädchen, »ich bitte Sie um Verzeihung, daß ich Sie eines Vergnügens beraube, und ich danke Ihnen von ganzem Herzen, daß Sie sich diese Entbehrung um unseretwillen auflegen wollen.«

Die zwei jungen Leute grüßten sich, und sobald Colombau in seine Wohnung zurückkam, schloß er sein Klavier, um es nicht eher wieder zu öffnen, als bis Madame Gervais gesund wäre.

Nur begegnete er seit dieser Stunde dem Mädchen häufiger. Die Krankheit der Mutter verschlimmerte sich; jede Minute lief Carmelite vom Arzte zur Apetheke; mehrere Male hörte sie Colombau zu einer ziemlich weit vorgerückten Stunde der Nacht hinabgehen: wohl hätte er ihr seine Dienste anzubieten gewünscht, – und nie hätte ein beklagenswertheres Mädchen die Dienste eines redlicheren und uneigennützigeren Herzens empfangen; – doch Colombau war von einer Schüchternheit, welche seiner Redlichkeit gleichkam; die Form seines Anerbietens setzte ihn übrigens noch mehr in Verlegenheit, als das Anerbieten selbst, und erst als er das Mädchen so verezweiflungsvoll um Hilfe rufen hörte, wagte er es sich ihr zur Verfügung zu stellen.

»Leider war es zu späte nicht das Bedürfnis der Hilfe hatte das Mädchen veranlaßt, zu rufen, sondern die Angst, der Schrecken.

Madame Gervais, die das Bett seit vier Tagen nicht verließ, auf die ernste Drohung einer bis zu ihrem höchsten Grade gelangten Pulsadergeschwulst, – was Carmelite mitzutheilen der Arzt sich wohl gehütet hatte, – Madame Gervais, um eine Beklemmung zu bekämpfen, welche sie fast des Athems beraubte, verlangte ein Glas Wassers Carmelite, die es ihr nicht nur geben wollte, ging ins Nebenzimmer, um den Trank zu bereiten; eine Art von Seufzer, der einem Rufe glich, machte, daß sie sich beeilte. Sie ging wieder hinein und fand ihre Mutter den Kopf zurückgeworfen; sie schob den Arm unter ihrem Halse durch und hob ihr den Kopf auf: die arme Frau schaute, ihr Kind auf eine seltsame Weise an; sie konnte Nicht sprechen, wie es schien, doch Ihre ganze Seele war in ihre Augen übergegangen. Bestürzt, zitternd, und dennoch stark, gerade durch ihren Schrecken, hob Carmelite fortwährend den Kopf ihrer Mutter empor, und hielt das Glas an ihre Lippen. Doch in dem Augenblicke, wo die Lippen und das Glas sich berühren sollten, gab Madame Gervais einen tiefen, gedehnten schmerzlichen Seufzer von sich; dann drückte ihr Kopf mit seiner ganzen Last auf den Arm ihrer Tochter und fiel mit ihm auf das Kissen.

Das Mädchen machte eine Anstrengung, hob den Kopf zum zweiten Male auf, schob das Glas zwischen die Lippen von Madame Gervais und sagte:

»Trink doch, Mutter.«

Doch die Zähne waren an einander gepreßt, und die Kranke antwortete nicht. Carmelite lüpfte den Fuß des Glases. Das Wasser floß auf beiden Seiten der Lippen herab, drang aber nicht in den Mund ein.

Die Augen der Kranken blieben übermäßig geöffnet und schienen sich nicht von ihrer Tochter abwenden zu können.

Carmelite fühlte den Schweiß aus ihrer Stirne perlen.

Diese großen, weit geöffneten Augen gaben ihr indessen Muth.

»Aber trink doch, Mütterchen!« wiederholte sie.

Die Kranke antwortete dies Mal ebenso wenig als das erste Mal. Da schien es Carmelite, der Hals, den sie mit ihrem Arme unterstützte;. vereise sich rasch, und diese Todeskälte ergriff auch sie. Erschrocken, ließ sie den Kopf ihrer Mutter auf das Kissen fallen, stellte das Glas auf den Tisch, warf sich auf den Leib ihrer Mutter, umschlang sie mit ihren Armen, bedeckte ihr Gesicht mit Küssen und richtete sich wieder aufs um, sie mit Augen fast so starr als die der Kranken anzuschauen. Da erst hatte die Unglückliche, der es nie eingefallen, das einzige Wesen, das sie auf der Welt besaß und liebte, könnte sterben, eine entsetzliche Ahnung! und dennoch konnte sie, die ihre Mutter erst einen Augenblick vorher hatte sprechen hören, nicht glauben, der Uebergang vom Leben zum Tode ohne eine heftige Erschütterung. ohne Geräusch, ohne Geschrei sei etwas Mögliches; sie drückte ihre Lippen auf die Stirne ihrer Mutter; doch ihre fieberglühenden Lippen wurden von einer entsetzlichen Empfindung durchschauert, als sie diese Marmorstirne berührten.

Sie wich drei Schritte zurück, erschrocken, aber nicht überzeugt.

Der Kopf war leicht auf die Seite des Zimmers gewendet niedergefallen; so daß die starren großen Auen fortwährend Carmelite mit einem Ueberreste mütterlichen Ausdrucks anschauten; aber diese Augen, statt ihr die Ruhe zu geben, singen an sie zu ängstigen.

Verwirrt, nach rechts und nach links schauend, doch immer wieder die Augen auf diese erschrecklichen Augen heftend, rief sie mit aller Gewalt ihrer Lunge:

»Mutter! Mutter! so sprich doch! antworte mir doch, Mutter! oder ich glaube, daß Du todt bist . . . daß Du todt bist!« wiederholte sie, indem sie voll Bangigkeit näher hinzutrat.

Doch vor der leichenartigen Unbeweglichkeit dieses Körpers blieb sie selbst unbeweglich, nachdem sie einen Schritt versucht. Sie rief fortwährend ihrer Mutter mit herzzerreißenden Schreien, aber ohne daß sie sie anzurühren wagte; und müde, keine Antwort erhalten zu können, verlassen vom Muthe, länger in diesem Zimmer unter dem Blicke dieser gespenstischen Augen zu bleiben, Alles befürchtend, doch über Nichts sicher, öffnete sie die Thüre der Wohnung und fing an um Hilfe zu rufen.

Colombau trat auf diesen Ruf aus seinem Zimmer und erblickte wie gesagt, das Mädchen mit aufgelösten Haaren, in Thränen gebadet und die Hände ringend.

»Mein Herr! mein Herr!« sagte sie, »meine Mutter schaut mich an, doch sie antwortet mir nicht!«

»Sie ist wahrscheinlich vor Schwäche ohnmächtig,« erwiderte der junge Mann, da er auch entfernt nicht an den Tod glaubte.

Und er trat in das Schlafzimmer ein.

Er bebte, als er diesen Körper erblickte, der gewisser Maßen das ansehen einer Leiche angenommen hatte: das Gesicht war hypokratisch; die Glieder waren starrt die Hand, an deren Gelenk er die Schläge des Pulses suchte, war kalt wie Marmor!

Er erinnerte sich, als ein fünfzehnjähriger Knabe seine Mutter, die edle Gräfin den Penhoël, auf ihrem Paradebette ausgestreckt gesehen zu haben, und er erkannte auf der Stirne des Leichnams, den er zu dieser Stunde vor Augen hatte, die bläulichen Tinten des Todes.

»Nun, mein Herr? . . . nun?« fragte schluchzend Carmelite.

Der junge Mann gab sich den Anschein, als glaubte er beständig an eine Ohnmacht, um allmählich das Mädchen auf den Schlag, der es treffen sollte, vorzubereiten.

»Oh!« erwiderte er, »Ihre Mutter ist sehr schlimm, armes Kind.«

»Warum antwortet sie mir aber nicht, mein Herr? warum antwortet sie mir nicht?«

»Nähern Sie sich, mein Fräulein,« sagte Colombau.

»Ich wage es nicht . . . ich wage es nicht . . . Warum schaut sie mich so an? was verlangt sie denn von mir? . . . was will sie denn, daß sie mich so anschaut?«

»Sie verlangt, daß Sie ihr die Augen schließen, mein Fräulein, sie verlangt, daß wir für die Ruhe ihrer Seele beten!«

»Sie ist aber nicht todt, nicht war?« rief das Mädchen.

»Knieen Sie nieder, mein Fräulein!« sprach Colombau, indem er ihr das Beispiel gab.

»Was sagen Sie, mein Herr?«

»Ich sage, mein Fräulein: Gott, der uns das Leben gegeben, hat das Recht, es uns wieder zu nehmen, wenn es ihm beliebt.«

»Oh!« rief Carmelite, wie vom Blitze getroffen; »oh! ich sehe, ich sehe . . . meine Mutter ist todt!«

Und sie fiel rückwärts, als ob sie selbst sterben sollte.

Der junge Mann empfing sie in seinen Armen und trug sie ohnmächtig auf ihr Bett, das im anstoßenden Zimmer war.

Auf die von dem Mädchen ausgestoßenen Schreie, auf den Lärmen, den die so eben von uns erzählte Scene gemacht, kam die Frau von einem der Arbeiter des ersten Stockes mit einer ihrer Freundinnen, welche in diesem Augenblicke bei ihr war, herauf.

Die zwei Frauen, als sie die Thüren der Wohnung offen fanden, traten ein und erblickten Colombau, der es versuchte, Carmelite dadurch zum Bewußtsein zurückzurufen, daß er ihr in die Hände schlug.

Als dieses Mittel nicht rasch genug wirkte, nahm eine von den Frauen eine Flasche, welche auf der Toilette stand, und übergoß das Gesicht der armen Waise mit Wasser.

Carmelite kam zitternd und mit den Zähnen klappernd zu sich, die zwei Frauen wollten sie auskleiden und zu Bette bringen.

Dach sie raffte ihre Kräfte zusammen, stemmte sich auf ihren Füßen an, wandte sich gegen Colombau und sprach zu ihm:

»Mein Herr, Sie haben gesagt, meine Mutter verlange, daß ich ihr die Augen schließe . . . Führen Sie sie mich zu ihr . . . führen Sie mich, ich bitte Sie! . . . Sonst,« fügte sie bei, indem sie voll Bangigkeit ihren Mund an das Ohr von Colombau hielt, »sonst würde sie mich die Ewigkeit hindurch so anschauen!«

»Kommen Sie!« erwiderte der junge Mann, welcher einen Anfang den Delirium in den Augen der Waise zu sehen glaubte.

Und sie durchschritt, gestützt auf den jungen Mann, ihr Zimmer, trat in das Zimmer ihrer Mutter ein, deren Blick, obgleich schon glasig, seine erschreckliche Starrheit behalten hatte, näherte sich mit langsamen. feierlichen Schritten dem Bette, neigte sich über den Leichnam, und drückte ihm in frommer Weise und eines nach dem andern die Augen zu.

Wonach Carmelite, der die Kräfte vollends entschwanden, auf den Leichnam ihrer Mutter fiel und zum zweiten Mal ohnmächtig wurde.




XXXVII

Fra Dominico Sarranti


Der junge Mann nahm Carmelite in seine Arme und trug sie, wie er es mit einem Kinde gethan hatte, in das anstoßende Zimmer, wo die zwei Frauen warteten.

Der Augenblick, sie auszukleiden und zu Bette zu legen, war gekommen.

Colombau kehrte in seine Wohnung zurück, nachdem er eine von den Nachbarinnen gebeten hatte, sich zu ihm zu begeben, sobald das Mädchen im Bette wäre.

Die Nachbarin trat zehn Minuten nachher bei ihm ein.

»Nun?« fragte er.

»Sie ist wieder zu sich gekommen,« antwortete die Nachbarin; »doch sie hält ihren Kopf mit beiden Händen und spricht Worte ohne Zusammenhang, als ob sie das Delirium hätte.«

»Hat sie Verwandte?« fragte der junge Mann.

»Wir kennen keine von ihr.«

»Freundinnen im Quartier?«

»Keine Freundin! es waren ruhige Leute, welche äußerst zurückgezogen lebten: das kannte Niemand in der Welt.«

»Was gedenken Sie mit ihr zu thun? Sie kann nicht in dieser Todtenwohnung bleiben. Man müßte sie das Zimmer wechseln lassen.«

»Ich würde Ihnen wohl das meinige anbieten,« sagte die Nachbarin; »doch wir haben nur ein Bett . . . Im Ganzen,« fügte die wackere Frau, wie mit sich selbstsprechend, bei: »ich werde meinen Mann zum Schlafen auf den Speicher schicken und die Nacht auf einem Stuhle zubringen.«

Diese Hingebungen für Unbekannte gehören ausschließlich gewissen Frauen aus der Arbeiterclasse: die Frau aus dem Volke bietet ihren Tisch, ihre Stube, ihr Bett mit mehr Uneigennützigkeit an, als der Handelsmann ein, Glas Wässer anbietet. Mag sie der moralische oder der physische Schmerz zu Hilfe rufen, mag es ein Mensch im Todeskampfe oder ein Mensch in der Verzweiflung sein, die Frau aus dem Volke bietet ihre Fürsorge, ihre Tröstungen, ihre Hilfeleistungen aller Art mit einer Großmuth und einer Selbstverleugnung, die eines ihrer schönsten Anrechte auf die Bewunderung des Philosophen und des Beobachters bilden.

»Nein,« sagte Colombau, »thun sie etwas Besseres: schleppen Sie das Bett der Waise in mein Zimmer, bringen Sie das meinige in ihren Alcoven; dann holen Sie einen Priester, um beim Todtenbette zu wachen: ich werde einen Arzt für sie holen.«

Die Nachbarin schien zu zögern.

»Was gibt es?« fragte Colombau.

»Es wäre mir lieber, ich würde den Arzt holen, und Sie würden den Priester holen.«

»Warum?«

»Weil die gute Frau plötzlich gestorben ist.«

»Ach! ja, sehr unvermuthet.«

»Und folglich gestorben . . . Sie begreifen?i«

»Nein, ich begreife nicht.«

»Gestorben ohne Beichte.«

»Wohl; doch Sie gestehen selbst, daß es eine Heilige war.«

»Ja, aber ein Priester . . . ein Priester hört nicht auf diesem Ohr!«

»Wie! ein Priester würde sich weigern, bei einer Todten zu wachen?«

»Eine Todte, die nicht gebeichtet hat . . . darauf kann man eine Wette eingehen.«

»Gut . . . So holen Sie den Arzt, ich übernehme den Priester.«

»Ah! der Arzt, der ist nicht sehr weit: er wohnt beinahe gegenüber.«

»Ich brauche nur Jemand, der mir einen Brief in die Rue du Poz-de-Fer trägt.«

»Geben Sie mir den Brief; ich werde wohl Jemand finden.

Colombau setzte sich au einen Tisch und schrieb:

»Kommen Sie, mein Freund! ein Lebender und ein Todter bedürfen Ihrer.«

Und er legte den Brief zusammen und schrieb darauf die Adresse:

»An den Bruder Dominique Sarranti, Dominicanermönch, Rue du Pot-de-Fer, No. 11.«

Dann übergab er den Brief der Nachbarin.

Die Nachbarin ging hinab.

Mittlerweile bewerkstelligte Colombau den beabsichtigten Auszug, indem er sein Bett in das Zimmer des Mädchens und das Bett des Mädchens in sein Zimmer brachte.

Die Frau, welche auf Besuch bei der Nachbarin war, übernahm es, bis zur Ankunft des Arztes bei Carmelite zu bleiben und, wenn es sein wüßte, die Nacht an ihrem Bette zuzubringen.

Das Delirium vermehrte sich jeden Augenblick.

Die Frau nahm ihren Platz bei Carmelite; Colombau ging zum Specereihändler hinab, kaufte eine Kerze, stellte sie oben an das Bett der Todten und zündete sie an.

Während der Abwesenheit von Colombau war die Nachbarin mit dem Arzte zurückgekommen, und den Mann der Wissenschaft bei der Kranken lassend, hatte sie der Todten den frommen Dienst geleistet, ihr die Hände auf der Brust zu kreuzen und in die Hände ein Crucifix zu geben-.

Colombau zündete die Kerze an, kniete nieder und sprach die Todtengebete..

Es war nicht zu viel an zwei Frauen, um Carmelite zu pflegen; der Arzt hatte die ersten Symtome einer Gehirnentzündung erkannt; er hatte eine Verordnung zurückgelassen und sie strenge zu befolgen ermahnt: die Gehirnentzündung konnte von einfach, wie sie war, hitzig werden.

Was die Mutter betrifft, sie war am Bruche von einem der großen Gefäße des Herzens gestorben.

Viele starke Geister würden gelacht haben, hätten sie diesen schönen zweiundzwanzigjährigen jungen Mann auf den Knieen beim Bette einer unbekannten Frau und Todtengebete aus dem Gebetbuche mit dem Wappen seiner Familie lesend gesehen.

Colombau war aber ein religiöser Bretagner der alten Tage, der, wie seine Ahnen, Güter und Schlösser verkauft hätte, um Walten Habenichts nach Jerusalem mit den Worten: Diex le volt![15 - Gott will es!] zu folgen.

Er betete also mit einer wahren Inbrunst, indem er aus seinem Gebete jeden irdischen Gedanken zu verbannen suchte, als er hinter sich das Geräusch einer auf ihren Angeln knirschenden Thüre hörte.

Er wandte sich um.

Derjenige, welchen er hatte holen lassen, kam auf seinen Ruf: Bruder Dominique, mit seiner schönen weiß und schwarzen Tracht, stand auf der Schwelle.

Dieser junge Mönch, von kaum siebenundzwanzig bis achtundzwanzig Jahren, war fast der einzige Freund, – die Collége-Kameraden ausgenommen, die man Freunde zu nennen übereingekommen ist, und die eine besondere Race bilden, – dieser junge Mönch, sagen wir, war fast der einzige Freund, den Colombau in Paris hatte.

Als Colombau eines Tags an der Kirche Saint-Jacques-du-Haut-Pas vorbeiging, sah er die Bevölkerung der Straße und der Vorstadt sich an der Thüre drängen; er fragte, was es sei, und man antwortete ihm, ein junger Mann, bekleidet mit einer langen weißen Robe, halte eine Predigt.

Er trat ein.

Es stand in der That ein Mönch, jung an Jahren, doch gealtert durch die strengen Uebungen oder durch den Schmerz, auf der Kanzel und predigte.

Seine Rede hatte zum Gegenstand die Resignation.

Der Mönch hatte sie in zwei sehr von einander abgesonderte Theile geteilt.

Bei den Mißgeschicken, weiche von Gott kommen, das heißt bei Todesfällen, bei erschrecklichen Unfällen, bei unheilbaren Gebrechen sagte er:

»Ja, ergebt Euch, meine Brüder, beuget Euch unter den Arm, der züchtigt; betet und betet an! Die Resignation ist eine Tugend!«

Bei allen Mißgeschicken aber, die von Menschen kommen, wie getäuschte Ambitionen, ruinierte Vermögensverhältnisse, gescheiterte Pläne, sagte er:

»Wirkt gegen das Unglück, meine Freunde, erhebet Euch stark durch Euer Vertrauen zum Herrn, zu Eurem Rechte und zu Euch selbst; beginnt den Streit und haltet den Kampf aus. Die Resignation ist eine Feigheit!«

»Colombau wartete, bis die Predigt beendigt war, und beim Ausgange aus der Kirche drückte er dem Mönche die Hand, wie er es, nicht einer mit einem geheiligten Charakter bekleidete Person, sondern jedem Menschen gethan hatte, in welchem er die drei Tugenden ehrte, die zu schätzen ihn sein eigener Charakter in den Stand setzte.

Die Einfalt des Herzens, die Redlichkeit, die Stärke.

Von diesem Tage an hatten sich die zwei jungen Leute, – der Mönch war vier bis fünf Jahre älter als Colombau, – von diesem Tage an hatten sieh die zwei jungen Leute eine seltsame Gemeinschaft der Grundsätze und der Gefühle geoffenbart.

Dem zu Folge hatten sie eine enge Verbindung geschlossen, und es kam selten vor, daß sie nicht ein oder zweimal in der Woche ein paar Stunden mit einander zubrachten.

Werfen wir einen Blick rückwärts und sehen wir diesen jungen Mönch ernst und nachdenkend auf dem rauhen Wege der Vergangenheit auf uns zukommen.

Er nannte sich Dominique Sarranti und hatte mehr als eine Analogie mit dem finsteren Heiligen, den der Zufall zu seinem Patron gemacht.

Er war geboren in Vic-Denos, einem am Saume eines Waldes, sechs Meilen von Foix, einen Sprug von der spanischen Grenze liegenden Dörfchen im Departement der Arriège.

Sein Vater war Corse und seine Mutter Catalonierin; er hatte von Beiden in seinem Charakter, denn er besaß das düstere Gedächtniß des Corsen und die erschreckliche Zähigkeit des Cataloniers. Wer ihn auf der Kanzel mit seiner mächtigen Geberde gesehen hatte, wer ihn mit seinem ernsten und strengen Worte gehört hätte, würde ihn sogleich für einen in Mission in Frankreich begriffenen spanischen Mönch gehalten haben.

In Ajaccio in demselben Jahre wie Napoleon geboren an das Glück seines Landsmannes gebunden, hatte sein Vater alle Wechselfälle dieses Glückes erduldet; er hatte den besiegten Kaiser nach der Insel Elba begleitet; er war dem verrathenen Napoleon nach St. Helena gefolgt.

Im Jahre 1816 war er nach Frankreich zurückgekehrt. Warum hatte er so bald den erhabenen Gefangenen verlassen? Gaetano Sarranti hatte das ungesunde Klima, die verzehrende Sonnenhitze vorgeschützt.

Diejenigen, welche ihn kannten, glaubten nicht an diesen Beweggrund, und sie betrachteten Sarranti als einen von den geheimnisvollen Agenten, welche der Kaiser der Sage nach in Frankreich verbreitete, um eine Rückkehr von St. Helena zu versuchen, wie er eine Rückkehr von der Insel Elba versucht hatte, oder wenigstens, sollte diese Rückkehr unmöglich sein, über die Interessen seines Sohnes zu wachen.

Er war als Lehrer von zwei Kindern bei einem sehr reichen Manne, Herrn Gèrard eingetreten.

Diese Kinder waren nicht der Sohn und die Tochter von Herrn Gèrard, sondern sein Neffe und seine Nichte.

Dach plötzlich, im Jahre 1820, zur Zeit der Verschwörung Nantès und Bérard, war Gaetano Sarranti verschwunden, und man sagte, er habe sich nach Indien zu einem ehemaligen General von Napeleon begeben, der 1813 in den Dienst eines Fürsten von Lahore getreten.

Wir haben schon dieser Flucht von Gaetano Sarranti bei Gelegenheit des Verschwindens des Wagners der Rue Saint-Jacques, eines Bruders der Mutter Boivin, erwähnt, ein Verschwinden, in Folge dessen die kleine Mina die Thüre, an die sie geklopft, verschlossen gefunden hatte und vom Schulmeister und von seiner Familie aufgenommen worden war.

Wir sprachen bei dieser Gelegenheit auch von einem Sohne, den im Seminar Saint-Sulpice der flüchtige Corse hatte.

Dieser Sohn war der Mann, dessen Portrait wir zu zeichnen versucht haben; es war der Bruder Dominique Sarranti, den man wegen seines spanischen Ansehens allgemein den Fra Dominico nannte.

Der junge Mann hatte sich jeder Zeit für den geistlichen Stand bestimmt; als seine Mutter todt und sein Vater nach St. Helena abgegangen war, wurde er einem Seminar übergeben.

Bei seiner Rückkehr von St. Helena im Jahre 1816 machte sein Vater, – welcher sehr ungern diesen seltsamen Beruf bei einem jungen Manne sah, der etwas ganz Anderes als Priester werden konnte, – sein Vater, sagen wir, machte einen letzten Versuch, ihn zu bewegen, ins bürgerliche Leben zurückzukehren; er brachte eine ziemlich bedeutende Summe mit, um die Unabhängigkeit des jungen Mannes zu sichern; doch dieser weigerte sich beharrlich.

Als Gaetano Sarranti verschwunden war, wurde sein Sohn, der damals, wie gesagt, Pensionär bei Saint-Sulpice, mehrere Male auf die Polizei gerufen.

Einmal sahen ihn seine Kameraden düsterer und bleicher als gewöhnlich zurückkommen.

Eine Anklage viel schwerer als die eines Complottes gegen den Staat lastete auf seinem Vater.

Nicht nur war er angeklagt, er habe mit Hilfe gewaltsamer Mittel die bestehende Regierung umstürzen wollen, sondern man verfolgte auch eine Untersuchung – gegen ihn als bezichtigt der Entwendung einer Summe von dreimal hunderttausend Franken eben diesem Herrn Gèrard gehörig, bei dem er Lehrer seines Neffen und seiner Nichte war, und man legte ihm sogar das Verschwinden, wie man Anfange sagte, und sodann die Ermordung dieses Neffen und dieser Nichte zur Last.

Allerdings wurde bald nachher die angefangene Untersuchung wieder aufgegeben; doch der Verbannte blieb nichtsdestoweniger unter dem Gewichte dieser entsetzlichen Anklage.

Alle diese Ereignisse machten Dominique immer düsterer als Menschen, immer strenger als Priester.

In dein Augenblicke, wo er sein Gelübde ablegen sollte, erklärte er auch, er wolle in einen der strengsten Orden eintreten, und er wählte den Orden des heiligen Dominique, der in Frankreich den Namen Jacobiner-Orden angenommen hat, weil das erste Kloster dieses Ordens in der Rue Saint-Jacques erbaut wurde.

Er legte sein Gelübde ab und wurde zum Priester am Tage nach seiner Volljährigkeit, das heißt am 7. März 1821, geweiht.

In der Zeit, zu der wir gelangt sind, war Bruder Dominique schon etwas über zwei Jahre im Orden.

Er war zu dieser Stunde ein Mann von siebenundzwanzig bis achtundzwanzig Jahren, mit großen, lebhaften, klaren, durchdringenden schwarzen Augen, mit tiefem Blicke, sorgenvoller Stirne, bleichem, strengem Gesichte und stolzer, energischer, entschlossener Haltung; er war groß von Gestalt, mächtig in Geberden, kurz in Worten; sein Gang war edel, langsam, ernst, gewisser Maßen rhythmisch; sah man ihn auf der Straße gehen, den Schatten der Häuser suchend, um seine träumerische-Stirne, welche unablässig die Spur eines finsteren Kummers an sich trug, darein zu versenken, so hätte man ihn für einen von jenen schönen Mönchen von Zurbaran gehalten, der, von der Leinwand herabgestiegen, ein Flüchtling des Grabes, mit dem gleichmäßigen, sonoren Schritte des der Einladung von Don Juan folgenden steinernen Gastes auf die Erde zurückgekehrt wäre.

Der unbeugsame Wille und die tiefe Energie, die sich in diesem Gesichte ausgeprägt fand, offenbarten indessen mehr die Strenge eherner Grundsätze, als den Kampf ehrgeiziger Leidenschaften.

Es war überdies das redlichste Urtheil, die gesundeste Vernunft, das reichste Herz der Welt.

Das einzige unverzeihliche Verbrechen, dessen sich ein Mensch in seinen Augen schuldig machen konnte, war die Gleichgültigkeit in Betreff der Menschheit; denn die Liebe für die Menschheit schien ihm das Hauptelement des Lebens der Völker; er gerieth zuweilen in eine bewunderungswürdige Begeisterung, wenn er in der Zukunft, so fern sie war, jene allgemeine Harmonie gegründet auf die Verbrüderung der Nationen erschaute, welche das Seitenstück der Harmonie der Welten bilden soll.

Sprach er von der zukünftigen Unabhängigkeit der Nationen, so geschah es mit einer ergreifenden Beredtsamkeit; man fühlte sieh dann zu ihm und mit ihm hingerissen durch einen Aufschwung unwiderstehlicher Sympathie; sein Wort hinterließ in Euch Etwas wie einen Reflex seines Herzens; seine Rede theilte Euch seine Stärke mit; man war im Begriffe, einen Flügel seines Rockes zu nehmen und zu sagen: »Voran, Prophet; ich folge Dir.«

Nur nagte ein furchtbarer Wurm an dieser köstlichen Frucht: das war die Bezichtigung des Diebstahls und des Mordes, die auf seinem Vater lastete.




XXXVIII

Symphonie des Frühlings und der Rosen


Das war der junge Mönch, der aus der Schwelle erschien.

Er blieb stehen, betroffen von dem Schauspiele, das er vor Augen hatte.

.

»Freund, sprach er mit seiner traurigen Stimme, der er bei Gelegenheit einen tröstlichen Ausdruck zu geben wußte, »die Frau, welche hier liegt, ist hoffentlich weder Ihre Mutter, noch Ihre Schwester.«

»Nein,« antwortete Colombau; »ich war fünfzehn Jahre alt, als ich meine Mutter verlor, und ich hatte nie eine Schwester.«

»Gott erhalte Sie zum Troste der alten Tage Ihres Vaters, Colombau,« sprach der Priester.

Und er schickte sich an, vor dem Leichnam niederzuknien.

»Warten Sie, Dominique,« sagte Colombau; »ich habe Sie holen lassen . . . «

Dominique unterbrach ihn:

»Sie haben mich holen lassen, weil Sie meiner bedurften Ich bin gekommen, und hier bin ich.«

»Ich habe Sie holen lassen, mein Freund, weil die Frau, die Sie hier liegen sehen, wie vom Blitze getroffen durch den Bruch von einem der großen Gefäße des Herzens, eine so gute Christin, eine so fromme Frau sie auch war, ohne Beichte gestorben ist.«

»Es geziemt Gott allein, und nicht den Menschen, zu beurtheilen, in welcher Verfassung sie gestorben ist,« antwortete der Mönch. »Beten wir!«

Und er kniete oben am Bette nieder.

Colombau, da er wußte, daß eine Wärterin bei der Tochter war und ein Priester bei der Mutter, konnte nun für die Beerdigung Sorge tragen.

Im Vorübergehen erkundigte er sich nach Carmelite.

Ganz erschöpft, war das Mädchen unter dem Einflusse eines vom Arzte verschriebenen Schlaftrunkes entschlummert.

Colombau nahm alles Geld, was er hatte, und ordnete mit der Kirche, mit dem Leichengepränge, mit dem Conservator des Friedhofes alle Einzelheiten von diesem fünften Acte des Lebens.

Am Abend um sieben Uhr kam er nach Hause zurück. Er fand Dominique, wenn nicht im Gebete, doch wenigstens in der Meditation beim Bette der Verstorbenen.

Der Mann Gottes hatte nicht einen Augenblick das Leichenzimmer verlassen.

Colombau verlangte von ihm-, daß er etwas Nahrung zu sich nehme. Der Mönch schien den gewöhnlichen Bedürfnissen des Lebens nicht unterworfen; er gehorchte jedoch der Aufforderung seines Freundes; nach zehn Minuten war er aber zurück und nahm wieder seinen Platz am Bette der Todten ein.

Carmelite war mit einem verdoppelten Delirium erwacht.

Der Armen, da sie nicht das Bewußtsein ihres Zustandes hatte, blieb wenigstens Alles, was um sie hervorging, unbekannt.

Im Ganzen genommen waren die brennenden Schmerzen des Leibes besser, als die tiefen Bangigkeiten der Seele.

Die Nachbarinnen übernahmen die frommen Sorgen der Beerdigung; ein Schreiner brachte den Sarg; Nägel wurden durch Schrauben ersetzt, damit in der tiefe ihres Deliriurns die arme Carmelite nicht die Schläge auf den Sarg ihrer Mutter höre.

Der Tod war plötzlich gewesen; erst am zweiten Tage wurde der Leichnam nach Saint-Jacques-du-Haut-Pas getragen.

Bruder Dominique las die Todtenmesse in einer besonderen Kapelle.

Dann wurde der Leib nach dem West-Friedhofe gebracht.

Colombau begleitete den Leichnam mit zwei Arbeitern, die sich entschloßen, ihren Tagelohn zu verlieren, um diese fromme Pflicht zu erfüllen.

Die Gehirnentzündung von Carmelite verfolgte ihren Laufs bewunderungswürdig durch den Arzt behandelt, war sie genötigt, Schritt für Schritt vor der Wissenschaft zurückzuweichen.

Nach Verlauf von acht Tagen kam Carmelite wieder zum Bewußtsein, nach zehn Tagen verbürgte sich der Arzt für ihre Erhaltung; am vierzehnten Tage stand sie auf.

.

Ihre Thränen floßen; – sie war gerettet!

Die Schwäche der Armen war aber Anfangs so groß, daß sie kaum einen Ton articuliren konnte.

Als sie die Augen wieder öffnete, erblickte sie an ihrem Bette das redliche Gesicht von Colombau; das letzte Gesicht, das sie die Augen schließend gesehen, das erste, das sie dieselben wieder öffnend sah.

Sie winkte mit dem Kopfes um Erkennung und Dank zu bezeichnen; dann that sie ihre durch das Fieber abgemagerte Hand aus den Betttüchern und reichte sie dem jungen Manne, der sie, statt sie zu drücken, achtungsvoll küßte, als ob das auf die Stirne des Mädchens gepreßte Siegel des Schmerzen in den Augen des edlen Bretagners ein Titel der Ehrfurcht wäre, der für den Moment so groß als die Krone auf der Stirne einer Königin.

Die Wiedergenesung von Carmelite erforderte einen Monat; am Anfange des März nahm sie wieder ihr Zimmer, und Colombau kehrte in das seinige zurück. Von diesem Tage an wurde die Vertraulichkeit, welche unter den zwei jungen Leuten begonnen hatte, unterbrochen.

Colombau bewahrte in einer Falte seines Gedächtnisses die Erinnerung an die Schönheit und die Güte des Mädchens.

Carmelite bewahrte in einem Winkel ihres Herzens eine grenzenlose Dankbarkeit und eine ergebene Zuneigung für Colombau.

Doch sie hätten auf sich anders zu sehen, als wie zwei auf demselben Boden wohnende Nachbarn, das, heißt in seltenen Zwischenräumen.

Begegnete matt sich, so entspann sich eitle kleine Plauderei vor der Thüre, doch das war Alles: nie überschritt das Eine die Schwelle des Andern.

Es kam der Monat Mai; der Garten von Colombau stieß an den von Carmelite an: eine einfache Syringenhecke erhob sich zwischen diesen beiden Gärten, welche so weniger getrennt waren, als die von Pyramos und Thisbe, die eine Mauer trennte.

Die jungen Leute waren also gewisser Maßen in demselben Garten, weil, wenn der Wind die Syringen bewegte, die Hacke sich aufthat, als wollte sie den Plaudereien Durchgang gewähren, und die Blumen sich bald zum Einen, bald zum Andern zerstreuten.

Eines Abends, auf die Bitte von Carmelite, öffnete der junge Mann das Klavier wieder und entlockte, diesem lange geschlossenen, lange wie sein Herz stummen Instrumente tausend harmonische Noten, weiche, durch die Fenster seines Zimmers entschlüpfend, in der ruhigen Luft der Abenddämmerung vibrierten und dann, durch die benachbarten Fenster eindringend, das Mädchen in seinem Bette liebkosten wie die erfrischenden Strömungen des Frühlings.

Es war also zugleich Wohlgeruch und Melodie.

Dann, im Grunde von Allem dem, Traurigkeit, tiefe Traurigkeit!

Die arme Carmelite! sie war in der besten oder in der schlechtesten Stimmung, um zu lieben, je nachdem Sie, guter Leser, aus der Liebe einen Schmerz oder eine Freude, ein Unglück oder ein Glück machen wollen.

Was wird nun aus dieser kränklichen Gemüthsverfassung werden?

In einem der vorhergehenden Kapitel sagten wir, alle auf der rechten Seite dieses Theils der Rue du Val-de-Grace und der Rue Saint-Jacques liegenden Häuser haben zu reizenden Gärten geführt.

Von diesen Fenstern der jungen Leute, aus denen so viel Harmonie hervorkam, und wo so viele Wohlgerüche eindrangen, entrollte sich in der That folgendes Panorama vor den Augen.

Rechts, nördlich, ein ungeheures Gehege mit Pappeln und großen Bäumen bepflanzt.

Links, südlich, eine Reihenfolge von Gärten, bepflanzt mit Acacien, Syringen, Jasminsträuchen und Bohnenbäumen mit den gelben traubenförmigen Blüthen.

Am Horizont, westlich, wie eine Hängematte von Grün, worin die Sonne unterging, der Gipfel der Bäume des Luxembourg.

Im Centrum dieser drei Hauptpunkte eines der schönsten Schauspiele, die sich den Augen eines Dichters oder eines Verliebten bieten können.

Man denke sich ein zwanzig bis fünfundzwanzig Morgen großes Feld von blühenden Rosen um ein kleines Grabmahl, erbaut im siebzehnten Jahrhundert und seiner Form nach ziemlich ähnlich den Kapellen, welche die Erben auf dem Père- Lachaise über der Gruft ihres Erblassers errichten lassen.

Und wenn wir sagen ein Rosenfeld, – eine Ebene in der Gegend von Persepolis, wo die Königin der Blumen geboren sein soll, – so glaube man nicht, es sei dies die geringste Übertreibung von uns: in einer Stadt wie Paris ist es schon so süß, fünf bis sechs Rosenköpfe um sich zu sehen, daß es vielleicht fabelhaft scheint, man könne ein ganzes Feld vor den Augen haben. Nichts ist indessen wahrer, und man kann heute noch, nach einem Zeitraums von dreißig Jahren, die vier bis fünf Morgen sehen, welche von diesem lieblichen Felde übrig geblieben sind.

Es war also, wie gesagt, nicht ein mit Klee oder Luzerne bepflanztes Feld, sondern ein wahres Rosenfeld, das die Luft auf zwei Stunden in der Runde mit seinen Wohlgerüchen erfüllte.

Alle Gegenden der Welt schienen in diesen Garten, um dieses Grab, als hätte dieses Grab die Reliquien eines Heiligen enthalten, die schönsten Rosen ihres Landes gebracht zu haben.

Man hätte glauben sollen, es seien die kolorierten Blätter der Monographie der Rose, zu jener Zeit durch den Engländer Lindley veröffentlicht.

Nichts fehlte hierbei, keine Gattung, keine Varietät; die fünf Welttheile figurierten hier in ihren schönsten Blumen verkörpert. Es war die Kaukasische Rose, die Kamtschatalische Rose, die gesprenkelte Rose von China, die Caroliner Rose, die glänzende Rose der Vereinigten Staaten, die Mai-Rose, die Schwedische Rose, die Alpen-Rose, die Sibirische Rose, die gelbe Rose der Levante, die Rose von Rankin, die Damascener Rose, die Bengalische Rose, die Provencer Rose, die Champagner Rose, die Rose von St. Cloud, die Provinser-Rose, – von der die Legende behauptet, sie sei von Syrien nach Provins durch einen Grafen von Brie bei der Rückkehr von den Kreuzzügen gebracht worden; – kurz, es war die, weil sie vollständig, vielleicht einzige Sammlung der zu jener Zeit bekannten zwei- bis dreitausend Varietäten von Rosen, eine Zahl, die sich noch alle Tage vermehrt, eine Progression, worüber wir den Kunstgärtnern nicht genug Lob zu spenden vermöchten.

»Der Titel Königin der Blumen, den die Rose verdient, ist durch zu häufige Wiederholung abgedroschen geworden.« sagt der Gute Gärtner; »die Rose vereinigt alle Arten von Vollkommenheiten, die matt bei einer Blume wünschen kann: die verführerische Coquetterie ihrer Knospen, die zierliche Disposition ihrer leicht geöffneten Blätter, die anmuthigen Umrisse ihrer ganz aufgegangenen Blüthen geben ihr die Vollkommenheit der Formen; es gibt keinen süßeren und lieblicheren Wohlgeruch, als den ihrigen; ihr Incarnat ist das der vollkommensten Schönheit; mit lebhafteren Nuancen ahmt sie dem feurigen Teint der Bacchantin nach und ihre Weiße wird ein Emblem der Unschuld und der Reinheit.«

Diese Definition der Rose, eine Definition gefärbt wie ein altes Pastellgemälde aus der Zeit von Ludwig XV., wird uns als natürlicher Übergang dienen, um zur frischen Schönheit unserer Heldin zu gelangen; in der That, einige Werte dem Portrait beigefügt, das der Gute Gärtner von der souveränen Blume entworfen hat, werden genügen, um Carmelite zu malen.

Sie war groß und biegsam von Gestalt, mit sehr dunkel kastanienbraunen Haaren, welche so reichlich und kräftig wuchsen, daß sie dem Auge rauh zu sein schienen, aber beim Berühren weich wie Seide waren.

Saphirblaue Augen, korallenrothe Lippen, perlenweiße Zähne vollendeten das Ganze dieses schönen, köstlichen Geschöpfs.

Eines Tags, gegen das Ende des Monats Mai, waren Colombau und Carmelite, schauend und athmend, jedes an seinem Fenster; das Mädchen war wie geblendet von dem Schauspiel, wie berauscht von dem Wohlgeruche.

Den ganzen Tag war die Hitze erstickend gewesen; es hatte drei bis vier Stunden geregnet, und gegen sieben Uhr Abends, als sie ihr Fenster öffnete, war Carmelite erstaunt, da sie ganz in Blumen dieses Rosenfeld sah, welches sie am Morgen in Knospen gesehen hatte. Sie begriff ebenso wenig dieses plötzliche Aufblühen der Pflanzen, als sie an einem Schmerzenstage, dessen Andenken ihrem Geiste immer gegenwärtig war, den plötzlichen Übergang vorn Leben zum Tod begriffen hatte.

Als am Abend Beide in den Garten hinabgegangen und nur durch die Hecke der schon verblühten Syringen von einander getrennt waren, befragte auch Carmelite Colombau über diese rasche Verwandlung der Knospen in Blumen.

Carmelite war sehr unwissend in der Botanik; denn in der Zeit, wo die Ereignisse vorgehen, die wir erzählen, wurde diese Wissenschaft als ziemlich überflüssig beider Erziehung eines Mädchens betrachtet. Colombau der mehr als einmal Gelegenheit gehabt hatte, diese Unwissenheit wahrzunehmen, fing nun, immer durch die bewegliche grüne Mauer, einen Cursus der Pflanzenphysiologie an, wobei er dieses reizende Studium von den genauen, aber, für die Frauen besonders, unverständlichen Worten befreite, mit denen es die Gelehrten überhäuft haben.

Er beschrieb ihr die Organisation der Pflanzen auf eine höchst einfache Art, indem er sie auf die drei Elementarorgane zurückführte, welche durch ihre Vereinigung alle Pflanzengewebe konstituieren, Gewebe vergleichbar im Princip einer Gummiauflösung, die sich verdichtend ihre feinen Fasern mit einander verwickelt, in welchen Fasern sich allmählich zahllose Zellen bilden; er machte ihr begreiflich, diese drei Elementarorgane enthalten den inkrustirenden Stoff des Holzes, die kristallisierten Säfte, das Salzmehl, den Klebestoff, die flüchtigen Oele und die verschiedenen Färbestoffe, unter denen der bedeutendste der grüne Stoff.

Von den Elementarorganen kam er zu den zusammengesetzten Organen, indem er von der Haut sprach, die ihnen als Uebergang diente er nahm eine Pflanze im embryonären Zustand, in der Periode, wo sie, kaum geboren, noch am mütterlichen Stängel hängt, und ließ sie alle Phasen des Wachsthums bis zu dem Augenblicke verfolgen, wo diese Pflanze, fähig, sich von ihrem Stamme loszumachen, sich selbst reproduziert.

Nachdem er so seiner jungen Nachbarin eine rasche und klare Definition von allen Organen der Pflanzen, – Wurzeln, Stängel, Blätter, Knospen, – gegeben hatte, erklärte er ihr die Verwandlungen, bei mehreren von diesen Vegetabilien, gewisser Organe von ihnen in Dorne, – wie bei den Disteln, den Sauerdornen, den falschen Acacien, – oder in Ranken, wie bei der Rebe, den Erbsen und den Passionsblumen.

Er machte sie mit der zwischen allen Reichen der Natur bestehenden Solidarität bekannt; wie der Mensch ebenso wenig der Pflanze entbehren kann, als die Pflanze des Menschen; wie Alles in dieser Welt auf eine so harmonische Weise eingerichtet ist, daß das Eine unter der Abwesenheit des Andern leiden würde; er entdeckte ihr die Geheimnisse der Nahrung bei den Pflanzen; er sagte ihr, wie sie zugleich durch die Wurzel und die Blätter im Boden und in der Luft die für ihre Entwickelung nothwendigen Elemente schöpfen; er setzte ihr auseinander, wie der Saft, – der nichts Anderes ist als die Circulation des Blutes bei den Pflanzen, – sich von unten nach oben erhebt, und ließ sie durch einen frisch abgeschnittenen Zweig eines Weinstocks den Ausfluß des Saftes genannt die Thränen der Rebe sehen; er lehrte sie endlich, daß die Pflanzen schlafen, athmen, sich wieder erzeugen wie die Thiere, und er erfüllte ihren jungen Verstand mit Erstaunen, da er ihr enthüllte, gewisse Pflanzen haben natürliche Bewegungen, welche mit der gewöhnlichen Unbeweglichkeit der Vegetabilien contrastiren.

Zehnmal wollte er sich unterbrechen, aus Furcht, sie zu ermüden oder wenigstens zu langweilen; doch hätten nicht die Nacht und das Blätterwerk das Gesicht von Carmelite verschleiert, so würde er im Gegentheil darin das tiefste Entzücken gelesen haben.

Plötzlich, als man einen Stern vorüberziehen sah, kam man von der Pflanzenphysiologie auf die Astronomie; man ließ die von den Menschen allen diesen unbekannten Welten, Gegenständen ihrer ewigen Neugierde, gegebenen mythologischen Namen die Revue passieren; der Himmel, die Erde, das Meer, die modernen Zeiten, das Altertum, Griechenland, Aegypten, Indien wurden in Contribution gesetzt, um diese ersten Stunden der Vertraulichkeit zwischen zwei jungen Leuten in einer Frühlingsnacht zu feiern.

Sie dachten nicht an die Menschen; sie dachten nicht einmal an sich selbst; sie ahnten nicht einen Augenblick, daß die Blumen, die Welten, die Wolken, die Sterne, die Lüfte, auf denen sie seit der Abenddämmerung reisten, sie unfehlbar allmählich in die ätherischen Regionen der platonischen Liebe führen mußten.

Und was war denn dieser leidenschaftliche, glühende Eifers mit dem Colombau die Harmonien der Natur beschrieb, wenn nicht eine leuchtende Kundgebung der frischesten und mächtigsten Liebe, welche je, eine Pflanze des Lebens oder des Todes, im Herzen eines jungen,Mannes gekeimt?

Diese Kraft der Aufmerksamkeit, das Entzücken des Mädchens während dieser Revue der Wunder der Schöpfung, welche so rasch und fast ohne mehr Spuren zu hinterlassen, als der Stern, den sie hatten hinschweben sehen, vorübergezogen, was war es denn, wenn nicht die Offenbarung der ersten Liebe?

Und fügt dieser Gemüthsverfassung von siebzehn Jahren bei der Einen, von zweiundzwanzig Jahren beim Andern bei, daß der Tag stürmisch gewesen, daß die Luft lau und von Wohlgerüchen erfüllt war, und daß bei dem Strahlen der Sonne, bei der Liebkosung dieser Lüfte ein ganzes Rosenfeld am Morgen in Knospen, am Abend in Blumen stand!




XXXIX

Das Grab der la Vallière


An diesem Abend also, berauscht durch den Wohlgeruch der Rosen, der sie umhüllte, wie jene duftende Wolle, worin Virgil seine Göttinnen verbirgt, unter diesem leuchtenden Himmel, dessen Sterne sich verliebt wie eben so viele Apollos und Daphnes zu verfolgen schienen, in dieser durch den Regen des Tages abgekühlten Atmosphäre, mit einem Worte, in dieser ersten ruhigen, heiteren, balsamischen Frühlingsnacht erschlossen sich die Herzen der zwei jungen Leute der Liebe, wie sich dem befeuchtenden Thau am Abend der Kelch der Blumen erst schloß.








Nachdem sie Mitternacht schlagen hörten, als sie die hellen Glockenklänge bis zwölf zählten, bebten sie, gaben einen Schrei von sich, wechselten einen raschen guten Abend und gingen zitternd wie Schuldige hinauf.

Nachdem sie zum zweiten Stocke gelangt waren, blieben sie stehen. Das Fenster des Bodens war offen; der Mond beleuchtete schweigsam und melancholisch das von Rosen umgebene Grab.

»Was für ein Grab ist das?« fragte Carmelite,während sie sich mit dem Ellenbogen auf das Fenstergesims stützte.

»Es ist das Grab von Mademoiselle de la Vallière,« antwortete der junge Mann, der sich neben ihr in dem engen durch die Oeffnung des Fenster gegebenen Raume auflehnte.

»Wie, das Grab von Mademoiselle de la Vallière findet sich hier?« fragte Carmelite.

»Alle diese Terrains, die Sie hier sehen,« antwortete Colombau, bildeten einst den Garten eines dem Orden, dessen poetischen Namen Sie führen, gehörenden Klosters; mitten in diesem Garten war eine Kirche, nach den alten lutecischen Sagen auf den Ruinen eines Tempels der Ceres erbaut; man kennt nicht genau die Epoche der Stiftung dieser Kapelle; nur glaubt man, sie datiere aus der Zeit der Regierung von Robert dem Frommen; gewiß ist, daß sie schon am Ende des zehnten Jahrhunderts Benedictiner-Mönche der Abtei von Marmoutier inne hatten, welche sie als Priorei bis zum Jahre 1604 besaßen, wo sie den Carmeliterinnen von der Reform der heiligen Therese abgetreten wurde. – Catharina von Orleans, Herzogin von Longueville, erhielt, angetrieben von einigen Devoten, die ihr den Titel Stifterin anboten, vom König, durch die Unterstützung von Maria von Medici, alle für die Gründung dieser Anstalt nötigen Vollmachten. Mit der Erlaubniß von König Heinrich IV. und dem Gutheißen von Papst Clemens VIII. ließ man von Avila nach Paris sechs Cameliterinnen kommen, welche durch die seraphische Heilige Therese de Cepedes formiert worden waren. Diese sechs Nonnen waren die ersten ihres Ordens in Frankreich; sie bewohnten das Kloster, welches hier war und nicht mehr existiert; beteten, sangen, starben in dieser Kirche, von der nur noch das Grab übrig ist, nach dessen Namen Sie fragen.«

»Oh! wie interessant ist das!« rief Carmelite in ihrem Erstaunen über die Offenbarung dieser Geheimnisse der ewigen Natur und der ephemeren Vergangenheit. »Und weiß man, wie die sechs Nonnen hießen?«

»Ich weiß es,« erwiderte lächelnd der junge Bretagner; »denn ich bin der Mann der Legenden. Sie hießen Anna von Jesus, Anna von St. Bartholomäus, Isabella von den Engeln, Beatrix von der Empfängniß, Isabella von St. Paul und Eleonora von St. Bernhard. Die Herzogin non Longueville ging ihnen entgegen und wollte, daß ihr Einzug in die Priorei durch ein Fest gefeiert werde.—

Alles dies war nicht so interessant, als Carmelite sagte und Colombau es zugab; doch die armen Kinder belogen einander, denn sie wollten nur einen Vorwand finden, um sich nicht zu verlassen. Alles war gut in diesem Falle; das mystische Gespräch nahm auch seinen Fortgang.

»Oh! wie gern hätte ich ein Fest von jener Zeit sehen mögen!« sagte Carmelite.

»Wohl, mein Fräulein, hören Sie,« erwiderte Colombau: »bleiben, Sie wo Sie sind; schließen Sie,die Augen, setzen Sie die Einbildungskraft an die Stelle des Gesichtes, stellen Sie sich vor, Sie haben zu Ihrer Linken ein düsteres Kloster mit hohen Mauern; dort, Ihnen gegenüber, die Kirche, – und warten Sie . . . «

Der junge Mann ging rasch in sein Zimmer.

»Wohin gehen Sie?« fragte Carmelite.

»Ich will ein Buch holen,« rief der junge Mann aus dem Innern seiner Wohnung.

»Und er kam nach fünf Minuten, ein Buch in der Hand haltend zurück.

»Schließen Sie nun die Augen,« sagte er.

»Sie sind geschlossen.«

»Sehen Sie das Kloster links?«

»Ja.«

»Sehen Sie die Kirche Ihnen gegenüber?«

»Ja.«

Colombau öffnete das Buch.

Der Mond glänzte strahlend in seinem Zenith und warf auf diese ganze ruhige, stille Natur ein so reines Licht, daß Colombau wie am hellen Tage lesen konnte.

Er las.

›Am Mittwoch dem 24. August, am Tage des heiligen Bartholomäus, wurde in Paris eine neue und feierliche Procession den Schwestern-Cameliterinnen gemacht, welche an diesem Tage von ihrem Hause Besitz ergriffen; das Volk strömte in großer Menge herbei als wollte es Ablaß gewinnen; die Nonnen gingen in schöner Ordnung, angeführt vom Doctor Duval, der ihnen, einen Stab in der Hand haltend, als Pedell diente und eine gewaltige Aehnlichkeit mit einem Wehrwolf hatte.

›Doch das Unglück wollte, daß dieses große und heilige Mysterium durch zwei Geigen, welche eine Bergamasque zu spielen anfingen, gestört und unterbrochen wurde; was diese armen Leute vertrieb und sie veranlaßte, sich ganz erschrocken mit ihrem Anführer, dem Wehrwolf, in ihre Kirche zurückzuziehen; sobald sie hier, als an einem Orte der Freiheit und Sicherheit, angelangt waren, begannen sie das Te Deum laudamus zu singen.«

»Haben Sie gesehen?« fragte Colombau.

»Ja, doch etwas Anderes als das, was ich zusehen hoffte,« erwiderte lächelnd Carmelite.

»Man sieht nicht immer, was man zu sehen glaubt, wenn man die Augen offen hat, geschweige denn, wenn man sie geschlossen hat.«

»Und in dieses Kloster zog sich Mademoiselle de la Vallière zurück?«

»In dieses Kloster, wo sie sechsunddreißig Jahre unter fortwährenden Uebungen einer immer mehr erbaulichen Frömmigkeit zubrachte und am 6. Juni des Jahres 1710 starb.«

»Und hier, in diesem Grabe,« fragte das Mädchen, »ruht der Leib der armen Herzogin?«

»Dieses behaupten hieße viel sagen.«

»Sie ist also ausgegraben worden?«

»Im Jahre 1790 hob ein Dekret der Nationalversammlung das Kloster auf; man brach die Kirche ab . . . Wer weiß, was aus dem Leibe der armen Sünderin geworden ist, welche Le Brun unter den Zügen der heiligen Magdalena dargestellt hatte. Und dennoch, wie ich Ihnen, die Sie sich mehr als hundert Jahre nach ihrem Tode um sie bekümmern, gesagt habe, dennoch behauptet die Tradition, er sei verschont worden, und ruhe immer noch in der Gruft unter dieser kleinen Kapelle.«

»Und,« fragte Carmelite mit dem Zögern der Neugierde, welche getäuscht zu werden befürchtet, »man kann ohne Zweifel nicht hineinkommen?«

»Ich bitte um Verzeihung, mein Fräulein»erwiderte Colombau, »man kommt nicht nur hinein: man wohnt darin.«

»Und welcher Profane kann in diesem geheiligten Ruheorte wohnen?«

»Der Gärtner, mein Fräulein; derjenige, welcher alle die schönen Rosen kultiviert, deren Wohlgerüche wir in diesem Augenblicke einathmen.«

»Oh! wie gern möchte ich diese Kapelle besuchen!« rief Carmelite.

»Nichts kann leichter sein.«

»Wie ist es zu machen?«

»Man braucht nur den Gärtner um die Erlaubniß zu bitten.«

»Wenn er sie mir aber verweigert?«

»Weigert er sich, Sie das Grab sehen zu lassen, so bitten Sie ihn, seine Rosen sehen zu dürfen, und aus Liebe für seine Rosen wird er Ihnen erlauben, das Grab zu sehen.«

»Diese Rosen gehören also ihm?«

»Er ist der privilegierte Besitzer derselben.«

»Und was kann er mit so vielen Rosen machen?«

»Ei! er verkauft sie,« erwiderte der junge Bretagner.

»Oh! der abscheuliche Mensch!« versetzte Carmelite mit einem ganz kindischen Vorwurf; »diese schönen Rosen verkaufen! Ich glaubte, er kultiviere sie aus Religion oder wenigstens zu seinem Vergnügen!«

»Er verkauft sie . . . Und schauen Sie! von hieraus sehen Sie unter meinem Fenster drei Rosenstöcke, die er kürzlich an mich verkauft hat.«

Carmelite neigte sich auf die Seite, und ihre schönen« flatternden Haare streichen das Gesicht des jungen Mannes, der einen Schauer seinen ganzen Leib durchlaufen fühlte.

Sie fühlte zu gleicher Zeit den-Hauch von Colombau durch ihre Haare ziehen, denn sie wich rasch und ganz erröthend zurück.

»Oh!« sagte sie unklug, »wie gern möchte ich einen von den Rosenstöcken haben, die diese Kapelle umgeben!«

»Werden Sie mir erlauben, Ihnen einen von den meinigen anzubieten?« versetzte hastig Colombau.

»Oh! ich danke, mein Herr,« erwiderte Carmelite, welche nun ihre Unbesonnenheit wahrnahm; »ich möchte einen haben, doch von meinen Händen auf dieser Erde gezogen, wo Schwester Louise von der Barmherzigkeit gelebt und wo ihr Körper geruht hat, vielleicht jetzt noch ruht.«

»Warum gehen Sie nicht morgen schon dahin?«

»Ich hätte nie den Muth, allein zu gehen.«

»Ich biete Ihnen weinen Arm an, wenn Sie ihn annehmen wollen.«

Carmelite blieb einen Augenblick verlegen; endlich aber machte sie eine Anstrengung und antwortete:

»Hören Sie, Herr Colombau, ich hege eine tiefe Achtung und eine große Dankbarkeit für Sie. doch ginge ich an Ihrem Arme am hellen Tage aus, so würden alle Basen des Quartiers an einer solchen Unschicklichkeit ein Aergerniß nehmen.«

»So gehen wir am Abend dahin.«

»Kann man am Abend gehen?«

»Warum nicht?«

»Mir scheint, der Gärtner müsse sich zu gleicher Zeit mit seinen Blumen schlafen legen, nur zu derselben Zeit wie sie aufzustehen.«

»Ich weiß nicht, um welche Stunde er sich schlafen legt, doch ich weiß, daß er lange vor ihnen aufsteht.«

»Woher wissen Sie das?«

»Zuweilen, bei Nacht, wenn ich nicht schlafe . . . (die Stimme von Colombau zitterte leicht, als er diese Worte sprach), stelle ich mich ans Fenster und erblicke ihn mit einer Laterne in der Hand im Garten umhertrabend . . . Sehen Sie, mein Fräulein, das Irrlicht, das durch den Garten läuft, ist er es nicht?«

»Wohin läuft er so?« fragte das Mädchen.

»Wahrscheinlich einer Katze nach.«

»Doch wenn er aufsteht,« sagte Carmelite lächelnd, »so muß es, obgleich sehr frühzeitig für ihn, für uns sehr spät sein.«

»Spät?« versetzte Colombau.

»Ja . . . Wie viel Uhr mag es sein?«

»Ungefähr zwei Uhr,« antwortete Colombau mit einem gewissen Zögern.

»Oh! nie bin ich so spät zu Bette gegangen!« rief das Mädchen die Hände zum Himmel erhebend. »Morgens um zwei Uhr, mein Gott! Oh! Geschwinde, gute Nacht, Herr Colombau! . . . Ich danke Ihnen für die lehrreichen Stunden, die Sie mich haben zubringen lassen, und an einem Abend,« fügte sie leise bei, an einem Abend, wenn alle Nachbarn zu Bette gegangen sind, werde ich Sie um Ihren Arm bitten, um einen Rosenstock auszugraben.«

»Wir-werden nie eine schönere Nacht finden, als diese, mein Fräulein, sagte der junge Mann, der sich anstrengte, um nicht beim Sprechen zu zittern.

»Oh! wenn ich glaubte, ich werde nicht gesehen,« erwiderte offen und treuherzig das Mädchen, »ich würde sogleich gehen.«

»Von wem sollen Sie zu dieser Stunde gesehen werden?«

»Ei! einmal von der Portière.«

»Nein, ich habe ein Mittel, um die Thüre zu öffnen, ohne sie aufzuwecken.«

»Wie! Sie wollen mit einem Dieterich öffnen?«

»Oh nein! mit einem Schlüssel, den ich habe machen lassen. Ich komme zuweilen vom Lesecabinet nach Mitternacht nach Hause, und da die Portière kränklich ist, so war es mir ein Bedenken, sie aufzuwecken.«

»Nun, wenn es sich so verhält, so gehen wir sogleich; ich glaube auch, ich möchte mich immerhin zu Bette legen, ich würde an meinen Rosenstock denkend, nicht einschlafen.«

War es wirklich Dein Rosenstock, was Dich einzuschlafen verhindert hätte, Carmelite?

Nein.

Doch Du glaubtest es, armes Kind, unschuldige Jungfrau, und gerade Deine Unschuld war es, was Dich zu diesem nächtlichen Ausfluge am Arme den jungen Mannes, der so unschuldig als Du, antrieb.

Carmelite setzte ein Häubchen auf und warf ein Halstuch auf ihre Schultern; der junge Mann nahm seinen Hut, und Beide stiegen mit kleinen Schritten die Treppe hinab: sie gingen sehr sachte, und dennoch machten sie noch genug Geräusch, um die Vögel aufzuwecken, die in den Syringen schliefen, und als diese Vögel sie vorübergehen hörten und den schönen Mond sahen fingen sie an zu singen, glaubten sie nun, es erscheine die Morgenröthe, oder wollten sie Theil nehmen an dem nächtlichen Feste, das der Frühling und die Natur den zwei jungen Leuten gaben.

Nachdem sie die Rue Saint-Jacques und die Rue du Val-de-Grace durchschritten hatten, gelangten sie in die Rue du d’Enser und zu der großen hölzernen Gitterthüre, welche als Eingang für den ehemaligen Garten der Cameliterinnen diente.

Sie klingelten.

Es war sehr früh oder sehr spät, um zu klingeln; der Gärtner zögerte auch einen Augenblick.

Doch auf den zweiten Ruf der Klingel sah man den Mann und die Laterne sich bewegen; Beide näherten sich; die Laterne erhob sich zur Höhe der Gesichter der zwei Besuche, und der Gärtner erkannte den jungen. Mann, den er alle Tage an seinem Fenster sah, und dessen wohlklingende Stimme er zuweilen, unter seinen Rosensträuchern ausgestreckt, begleitet von den Tönen des Klaviers, hörte.

Der Gärtner öffnete die Thüre und führte diesen zweiten Adam und diese neue Eva in sein Paradies ein.

Das war wie gesagt, eine ungeheure Pflanzschule, wo man nur Rosen kultivierte.

Nichte vermag diesen unendlich süße Gefühl, dieses Gefühl frischer Berauschung auszudrücken, das die zwei jungen Leute erfaßte, als sie in den Rosenharem eindrangen, dessen Sultan, eine Laterne in der Hand, die harmonischen Namen nannte, welche in ihren Ohren klangen wie den Gesängen der Vögel entschlüpfte Noten.

So Arm in Arm und auf die Benennung der Rosen horchend, gelangten sie vor das Grab oder die Kapelle der Schwester Louise von der Barmherzigkeit.

Carmelite zögerte, einzutreten, an die Einladung von Colombau entschloß sie sich.

Doch fast in demselben Augenblicke ging sie mit einer Art von Schrecken wieder heraus, als sie an den Wänden angelehnt oder aufgehängt, – statt religiöser Embleme, die sie zu finden erwartete, – Schaufeln, Spaten, Gießkannen, Schiebkarren und all das Geräthe sah, dessen sich der Gärtner bediente.

Das Mädchen machte nun neugierig die Runde um das Grab.

Sechs bis acht Fuß hohe Rosenstöcke umgaben es einförmig.

»Was für herrliche Rosenstöcke sind das?« fragte Carmelite.

»Das sind Alexandrien Rosen mit weißen Blüthen,« antwortete der Gärtner; »sie kommen vom Süden Europas oder von den Küsten der Barbarei; aus ihren Blumen macht man die Rosenessenz.

»Wollen Sie einen solchen Stock an mich verkaufen?«

»Welchen?« fragte der Gärtner.

»Diesen,« erwiderte Carmelite.

Und sie deutete auf den, welcher am nächsten beim Grabe erschloß.

Der Gärtner trat in die Kapelle ein und nahm einen Spaten.

Eine Nachtigall sang zwanzig Schritte von da ihr verliebtestes Lied.

Der Mond war nicht mehr der Mond: es war die Phöbe der Griechen, welche verliebt auf die Erde schaute, ob sie den Schatten von Endymion nicht wiedersehe.

Die Nachtluft so sanft, daß sie ein vom Munde der Natur gegebene Kuß zu sein schien, zog durch die Haare der jungen Leute.

Es war in der That eine Scene voll Farbe und Poesie, dieses große Mädchen in Trauerkleidern, dieser schwarz gekleidete, blonde junge Mann, und dieser Gärtner, der die Erde zu dieser Stunde der Nacht, bei dieser kühlen Luft, beim Mondscheine, beim Gesange der Nachtigall ausgrub. Jeder Athem von ihnen schien auch zu sagen: »Oh! welch ein guten Ding ist das Leben! Dank Dir, o Herr, daß Du es uns zu gleicher Zeit gegeben!«

»Ach!«

Der erste Spatenstoß den Gärtners wiederhallte schmerzlich im Herzen der beiden jungen Leute; es schien ihnen, diese Erde aufwühlen, in der der Leib der frommen Geliebten jenes königlichen Egoisten ruhte, den man Ludwig XIV. Nannte, heiße etwas wie eine Ruchlosigkeit begehen.

Sie verließen die Pflanzschule, ihren Rosenstock mitnehmend, doch mit einer Angst, der der Kinder ähnlich, welche eine Rose auf einem Kirchhofe gepflückt haben.

Sobald sie aus dem Garten waren, vergaßen sie diese traurigen Gedanken, und einen letzten Blick auf die Pflanzschule werfend, die ihnen nur noch eine Art Wolke von Wohlgerüchen zusandte, die Sterne anschauend und alle Auströmungen des Lebens, die sich um sie her erhoben, so zu sagen, einsaugend, dankten sie der Vorsehung für alle Wohlthaten, mit denen sie dieselbe in dieser unbeschreiblichen Frühlingsnacht überhäuft hatte!




XL

Colombau


Das Herz des jungen Bretagners, den wir Colombau genannt haben, war ein reiner Diamant mit vier Kanten: die Güte, die Sanftmuth, die Unschuld und die Redlichkeit.

Einige starke Geister des Collége hatten ihm den Beinamen Colombau der Einfaltspinsel zum Andenken an gewisse gute Thaten gegeben, wobei er der Bethörte gewesen.

Seine herculische Stärke hätte ihm wohl erlaubt, die bösen Zungen zum Schweigen zu bringen, doch er hatte für alle diese Kläffer dieselbe Verachtung, welche die Neufundländer und die Molosseu auf dem St. Bernhard für einen türkischen Hund oder einen King-Charles haben.

Eines Tags jedoch fiel es einem armseligen, streitsüchtigen Bürschchen, einem jungen Creolen von Louisiana, der kürzlich erst ins Collége gekommen, als er sah, mit welcher unstörbaren Geduld Colombau, ohne das Gesicht zu verändern, die Schmähungen anhörte, mit denen er ihn seit einigen Augenblicken überhäufte; es fiel diesem Creolen ein, sagen wir, ihn, auf dem Rücken eines Großen reitend, von hinten an seinen blonden Haarlocken zu ziehen.

Wäre es eine Schäkerei gewesen, so würde Colombau nichts gesagt haben.

Doch es war ein Schmerz.

Es geschah dies während der Abendrecreation; Müde ging im Hofe der Tumanstalt umher.

Als er sich unter dem Gelächter der ganzen Recreation, so grausam an den Haaren gezogen fühlte und einen heftigen Schmerz empfand, wandte sich Colombau um und packte, ohne das geringste Zeichen von Anstrencarmegung oder Zorn von sich zu geben, den Creolen am Kragen seines Rockes, riß ihn von den Schultern des Großen und trug ihn unter das Klettergerüst, wo ein Seil von Knoten hing.

Hier befestigte er ihm das Seil um den Leib, und nachdem er sehr kalt diese Operation vollführt hatte, schleuderte er ihn, der Kopf und die Arme baumelnd, in den Raum, wo er sich nett einer wunderbaren Geschwindigkeit schaukelte.

Die anderen Schüler, welche nicht lachten, protestierten, doch sie protestierten vergebens.

Der Große, von dessen Schultern Camille Rozan – so hieß der Creole, – gerissen worden war, trat hinzu und forderte Colombau auf, seinen Kameraden zu befreien.

Colombau zog aber ganz einfach seine Uhr, schaute darauf und sagte, während er sie wieder in die Tasche steckte:

»Noch fünf Minuten!—«

Die Strafe währte schon fünf Minuten.

Der Große, der Colombau um einen Kopf überragte, sprang auf den Bretagner los, doch dieser faßte seinen Gegner um den Leibs hob ihn von der Erde auf, preßte ihn zusammen, um ihn zu ersticken, wie dies Hercules, nach dem, was man ihm in seinem Cursus der Mythologie gesagt, bei Antäus gethan, und legte ihn endlich auf den Boden, unter dem Beifallklatschen aller Schüler, welche schon im Collége sich immer auf die Seite des Stärkeren stellen lernten.

Colombau stützte sein Knie auf die Brußt des Großen; dieser der nicht athmen konnte, bat um Gnade; doch der hartnäckige Bretagne: zog abermals seine Uhr, und sagte einfach:

»Noch zwei Minuten!«

Da erscholl ein Hurrah des Triumphes durch den ganzen Hof.

Während dieses Jubels nahm die dem Körper von Camille Rozan verliehene Bewegung ab, dauerte jedoch nichtsdestoweniger immer fort.

Nach Ablauf der fünf Minuten gab Colombau, der sein Wort so gewissenhaft hielt, als sein Landsmann Duguesclin, wieder den Athem dem Großen, welcher sich wohl hütete, seine Genugtuung zu nehmen, und band den streitsüchtigen Americaner los; dieser ging aus Wuth ins Krankenzimmer und blieb hier einen Monat mit Verrückung des Gehirns im Bette.

Das Gelächter begleitete, wie man leicht begreift, den Rückzug des Creolen; Jeder beeiferte sich, Colombau Glück zu wünschen; Colombau gab sich aber den Anschein, als hörte er diese Lobeserhebungen nicht, nahm ruhig seinen Spaziergang wieder auf und wandte seinen Mitschülern den Rücken zu, nachdem er ihnen die brüderliche Warnung gegeben:

»Ihr seht, was ich zu thun vermag! Dass erste Mal, daß Einer von Euch mich foppt, wird ihm dasselbe geschehen.«

Einen Monat lang hegte man ernste Besorgnisse für den kleinen Camille Rozan.

Derjenige aber, dessen Angst bis zur Verzweiflung ging, war der gute Colombau; er vergaß, daß ihn die Herausforderung in den Fall gerechter Selbstvertheidigung gesetzt hatte, und betrachtete sich als einzige Ursache diesen Fieber.

Seine Verzweiflung verwandelte sich ganz natürlich in tiefe Freundschaft während der Genesung des jungen Menschen; er fühlte bald für den kleinen Camille die lebhafte Zärtlichkeit, welche die Starken für die Schwachen, die Sieger für die Besiegten haben, – diese Zärtlichkeit, welche aus den göttlichsten Fibern des Herzens, auf der mildesten von allen Tugenden, dem Mitleid entspringt.

allmählich wurde diese zufällige Zärtlichkeit eine wahre Zuneigung, eine beschirmende Freundschaft, wie die eines älteren Bruders für einen jüngeren.

Camille Rozan schien sich seinerseits aufrichtig Colombau anzuschließen, nur waren bei seiner Zuneigung zugleich die Furcht, und die Sympathie beteiligt: seiner Schwäche war es angenehm, sich beschützt zu fühlen; zu gleicher Zeit setzte aber sein empörter Stolz eine unübersteigbare, obgleich unsichtbare Schranke zwischen ihn und seinen Beschützer.

Schwach und trotzig, war er jeden Tag der Gefahr ausgesetzt von seinen Kameraden Lectionen der ähnlich, weiche ihm Colombau gegeben, zu erhalten; doch dieser brauchte nur einen Schritt zu machen und mit einem ruhigen Tone zu fragen: »Nun! was gibt es? und die Drohung kehrte plötzlich wieder um.

Wie bei der Eiche, genügte es bei ihm, seine kräftigen Aeste auszustrecken, um das Rohr gegen den Sturm zu beschirmen.

Heranwachsend, schien Camille seinen Stolz zurückgedrängt und für Colombau nur noch eine aufrichtige Freundschaft bewahrt zu haben; er gab sie ihm unter tausend angenehmen Formen kund: Beide in abgesonderte Schlafsäle und getrennte Studienquartiere verwiesen, konnten sie sich nur in den Erholungsstunden sehen und sprechen; doch das Bedürfniß des Ergusses war so lebhaft bei dem Creolen, daß er, wenn er von seinem Freunde entfernt, sich nicht enthalten konnte, an ihn zu schreiben; sobald der, briefliche Verkehr eröffnet war, bildete sich zwischen ihnen eine thätige ununterbrochene Correspondes, welche beinahe so zärtlich als die zwischen zwei Liebenden.

Die jungen Freundschaften, die sich zum ersten Male offenbaren, haben in der That die ganze Hitze einer ersten Liebe; wie eine Person, welche bis dahin, einsam gelebt hat, wartet das Herz nur auf die Stunde der Freiheit, um in der Sonne den Schatz seiner innersten Gedanken erblühen zu lassen; es kommt dann aus zwei Herzen, welche in derselben Lage, ein Concert von Plaudereien hervor, das ziemlich ähnlich dem Geschwätze der Vögel in den ersten Frühlingstagen. Derjenige,welcher gleichsam ebenen Fußes in das Leben eingetreten ist und die Zaubereien der jungen, keuschen Göttin, die man die Freundschaft nennt, nicht kennen gelernt hat, ist zu beklagen! denn weder die leidenschaftliche Liebe der Frau, noch die selbstsüchtige Zuneigung des Mannes werden ihm die reinen Freuden enthüllen, welche die zwischen zwei sechzehnjährigen Herzen ausgetauschten Geheimnisvollen Geständnisse geben.

Von diesem Augenblicke an waren also die zwei jungen Leute enge verbunden; und da Camille im nächsten Jahre in ein Quartier mit Colombau überging, so wurden sie Copains, nach dem technischen Ausdrucke des Collége, das heißt, sie bildeten eine Gemeinschaft von Allem, was sie besaßen, von den Federn und dem Papier bis zur Wäsche und das Geld.

Schickte die Familie des Americaners Confituren und Gojaven und Conserven von Ananas, so schob Camille die Hälfte davon in die Truhe von Colombau; schickte der Graf von Penhoël einige gesalzene Eßwaaren von der Küste der Bretagne, so legte Colombau die Hälfte in das Pult von Camille Rozan.

Diese täglich an Zärtlichkeit zunehmende Freundschaft wurde plötzlich gebrochen durch die Abreise von Camille, den seine Eltern nach Louisiana in dem Augenblick zurückriefen, wo er seine Philosophie beendigen sollte. Maus trennte sich unter zärtlichen Umarmungen, und versprach sich einander wenigstens einmal alle vierzehn Tage zu schreiben.

Die drei ersten Monate hielt Camille das gegebene Worte dann kamen seine Briefe nur noch von Monat zu Monat, dann von drei zu drei Monaten.

Was den treuen Bretagner betrifft, – er hielt gewissenhaft sein Versprechen, und nie gingen vierzehn Tage darüber, ohne daß er seinem Freunde schrieb.

Am Tage nach der Nacht, die wir im vorhergehenden Kapitel zu schildern versucht haben, Morgens um zehn Uhr, brachte die alte Portière dem jungen Manne einen Brief, dessen geliebten Stempel er sogleich erkannte.

Der Brief war von Camille.

Er kam nach Frankreich zurück.

Sein Schreiben ging ihm um einige Tage voran, Camille verlangte von Colombau, mit ihm in der Welt dasselbe gemeinschaftliche Leben wieder anzufangen, das sie im Collage geführt hatten.

Du hast drei Zimmer und eine Küche,« schrieb er: »mir die Hälfte Deiner Küche, mit die Hälfte Deiner drei Zimmer!«

»Bei Gott! ich glaube wohl!« antwortete laut der Bretagner, tief bewegt durch die unerwartete und unverhoffte Rückkunft des jungen Mannes.

Dann dachte er plötzlich, wenn sein teurer Camille komme, so brauche er ein Bett, eine Toilette, einen Tisch, und besonders ein Canapé, auf dem sich der träge Creole ausstrecken könne, um die schönen Cigarren zu rauchen, die er ohne Zweifel vom mexicanischen Meerbusen mitbringe, – und er stürzte aus dem Zimmer mit den zwei- bis dreihundert Franken Ersparnisse, die er besaß, um sich alle diese Dinge erster Notwendigkeit zu verschaffen.

Auf der Treppe begegnete er Carmelite.

»Oh! mein Gott! Wie glücklich sehen Sie diesen Morgen aus, Herr Colombau!« sagte Carmelite, als sie die Freude auf dem Antlitz ihres Nachbars strahlen sah.

»Oh! mein Fräulein, ich bin glücklich, sehr glücklich!« erwiderte Colombau; »es kommt ein Freund von mir von America, von Mexico, von Louisiana an! ein Freund aus dem Collége, der teuerste von allen meinen Freunden!« .

»Vortrefflich! sagte das Mädchen. »Und wann kommt er an?«

»Ich kann Ihnen den Tag nicht genau sagen; doch ich wollte, er wäre schon hier.«

Carmelite lächelte.

»Ah! ich wollte, er wäre schon da, wiederhole ich Ihnen, denn ich bin überzeugt, es würde Ihnen Vergnügen gewähren, ihn zu sehen und zu hören; es ist die lebendige Schönheit und Heiterkeit; nie, selbst in den Träumen der Maler, habe ich ein schöneres Gesicht gesehen . . . ein wenig weibisch vielleicht,« fügte er bei, nicht um die Schönheit des Freunden zu vermindern, dessen Portrait er so offenherzig gemacht hatte, sondern einzig und allein, um in den Grenzen der Wahrheit zu bleiben; – »ein wenig weibisch; doch gerade diese Miene steht seiner ganzen Person bewunderungswürdig. Die Prinzen der Feenmährchen haben keinen anmutigeren Kopf, die Studenten von Salamanca keinen so cavalièren Gang, und unsere Studenten in Paris keine so sorglose Leichtigkeit! Überdies . . . ah! das ist für Sie, die Sie die Musik lieben: überdies hat er eine bezaubernde Tenorstimme, und er bedient sich derselben wundervoll! Oh! Sie werden die alten Duette hören, die wir im Collége sangen . . . Und was die Musik betrifft, es kam mir heute Nacht, als ich Sie verließ, der Gedanke, Ihnen einen Vorschlag zu machen: Sie sagten mir, Sie haben in Saint-Denis die Musik studiert?«

»Ja, ich solfeggirte leidlich, und ich hatte, wie man mir sagte, eine schöne Altstimme. Als ich Saint-Denis verließ, bedauerte ich es auch, einmal, weil ich Mich von drei guten Freundinnen trennen mußte, woran mich Ihre Freundschaft für Herrn Camille Rozan erinnert, und sodann wegen meiner musikalischen Studien, die ich nicht fortsetzen konnte; mir scheint, durch Arbeit wäre ich eine gewisse Stärke zu erlangen im Stande gewesen.«

»Nun, wenn Sie wollen,« versetzte Colombau, »ich sage nicht, ich werde Ihnen Lectionen geben, ich bin nicht eitel genug hierzu, aber ich werde Sie studieren lassen: ohne selbst sehr stark zu sein, habe ich noch im Collége vortreffliche Grundsätze den einem alten deutschen Meister, Herrn Müller, erhalten; ich habe seitdem viel studiert, und ich stelle das Resultat meiner Kenntnisse zu ihrer Verfügung.«

Colombau hielt erschrocken inne: er hatte nie so viel gesagt; doch der, in seinem friedlichen Leben außerordentliche, Umstand der Ankunft seines Freundes Camille hatte ihn gewisser Maßen außer sich gebracht; er war entzückt, strahlend, berauscht, und das hatte ihm diese Kühnheit und Redseligkeit verliehen.

Carmelite nahm mit großer Dankbarkeit an; das Anbieten eines Vermögens wäre ihr nicht so angenehm gewesen, als dieser Vorschlag ihren jungen Nachbars, und sie war im Begriffe, ihm zu danken, als sie, die ersten Stufen der Treppe hinaufsteigend, den Dominicaner erblickte, der die Todtenwache bei ihrer Mutter vollzogen, und den sie seit jenem unglücklichen Tage schon mehrere Male zu seinem Freunde hatte kommen sehen.

Sie kehrte errötend in ihr Zimmer zurück.

Colombau. seinerseits, schien ganz verlegen.

Der Mönch schaute Colombau erstaunt und mit einem Auge voller Vorwürfe an. Dieser Blick wollte besagen: »Ich glaubte alle Ihre Geheimnisse zu wissen, da ich Ihnen meine ganze Freundschaft gegeben habe; hier ist, aber ein ziemlich wichtigen Geheimnil, von dem Sie nur nichts gestanden!«

Colombau errötete wie das Mädchen; und den Ankauf des Zimmergeräthes auf später verschiebend, hieß er den jungen Mönch in seine Wohnung eintreten.

Nach fünf Minuten sah Dominique tiefer im Herzen seines Freundes, als dieser selbst darin sah.

Colombau hatte ihm übrigens Alles erzählt, – Alles, bis auf die letzte Nacht mit den reizenden Einzelheiten, wovon sein Herz noch ganz berauscht war.

Colombau wegen dieser redlichen und keuschen Liebe tadelnd, wäre der Mönch im Widerspruche mit seinen Theorien über die allgemeine Liebe gewesen: denn emannte die Liebe den Sinn für die Anderen, unter welcher Form sie sich auch offenbarte, den Knoten des Lebens, in dem er so das Leben mit einem Baume, die Liebe mit dem Knoten, aus dem das Blatt entsteht, und die Menschheit mit den Früchten, welche die Krone bilden, verglich.

Bruder Dominique sah also in dieser entstehenden-bis dahin dem jungen Manne unbekannten, Leidenschaft nur ein belebendes Fieber; dessen Symptome mehr beruhigend, als erschreckend waren.

Andererseits verzieh er Colombau, daß er nicht mit ihm von seiner Liebe gesprochen, da Colombau selbst den Zustand seines Herzens nicht kannte.

In dem Augenblicke, wo er erfuhr, er liebe, war der junge Bretagner darüber fast erschrocken.

Der Mönch lächelte,nahm ihn bei der Hand und sprach:

»Sie bedürfen dieser Liebe, mein Freund: sonst würde sich Ihre Jugend in einer apathischen Indolenz verzehren. Eine edle Leidenschaft, wie die, welche Ihr redliches Herz fassen muß, kann Ihnen nur Kräfte geben und Sie wiedergebären. Sehen Sie diese Gärten,« fügte der Mönch auf die Pflanzschule deutend bei: »gestern um diese Stunde war die Erde vertrocknet, die Pflanzenschienen gelähmt, die Vegetation gehemmt; da ist der Sturm losgebrochen und die Ambrosien sind aus der Erde hervorgekommen, die Wurzeln sind zu Stängeln, die Knospen sind zu Blumen und Blättern geworden. Liede also, junger Mann! blühe und trage Früchte, junger Baum! nie werden glänzende Blumen, reife Früchte auf einem so grünen und kräftigen Baume gekeimt haben.«

»Also, weit entfernt, mich zu tadeln, fordern Sie mich vielmehr auf, den Ratschlägen meinen Herzens Gehör zu gehen?i«

»Ich lobe Sie, daß Sie lieben, Colombau! Ich tadelte Sie, daß Sie Ihre Liede vor mir verbargen, weil gewöhnlich die Liebe, die man verbirgt, eine strafbare Liebe ist. Ich kenne nichts Schöneres bei einem freien Menschen, als von seinem Herzen abzuhängen; denn eben so sehr als die Leidenschaft in einer gemeinen Seele den Menschen erniedrigen und entwürdigen kann, erhebt und heiligt sie die Menschheit. Wenden Sie die Augen gegen alle Punkte der Erde, mein Freund, und Sie werden sehen, daß es vielmehr die lebendigen Kräfte der Leidenschaft, als die Combinationen des Geistes sind, welche die Federn der Reiche in Bewegung gesetzt und die Welt erschüttert oder wieder befestigt haben. So groß, so weit umfassend auch die Vernunft sein mag, sie ist immer ängstlich, besorgt, schläfrig und bereit, vor den ersten Hindernissen des Weges ihren Marsch einzustellen: unablässig bewegt, ist das Herz im Gegenteil rasch in seinen Plänen, fest in seinen Entschließungen, und kein Damm vermöchte sich dem Ungestüm seines Laufes zu widersetzen. Die Vernunft ist die Ruhe, das Herz ist das Leben. Die Ruhe in Ihrem Alter, Colombau, ist eher eine gefährliche Untätigkeit, und eher als ich meine Kräfte in der Untätigkeit, im Müßiggang verzehren und die kostbare Tätigkeit, die in mir kocht, nicht beschäftigen würde, würde ich wie Simson die Säulen des Tempels erschüttern, und sollte ich unter seinen Trümmern zermalmt werden.«

»Und Sie können doch nicht lieben, mein Bruder,« sagte Colombau.

Der junge Mönch lächelte traurig und erwiderte:

»Nein, ich kann nicht mit Ihrer irdischen fleischlichen Liebe lieben, denn Gott hat mich für sich genommen, doch indem er mich der individuellen Liebe entzogen, hat er mir eine viel mächtigere Liebe gegebene die Liebe für Alle! Sie lieben eine Frau glühend mein Freund, ich, ich liebe die Menschheit leidenschaftlich! Damit Sie lieben, muß der Gegenstand Ihrer Liebe jung, reich sein und Sie durch Gegenliebe belohnen; ich, ich liebe im Gegentheil über Alles die Armen, die Schwachen, die Leidenden, und habe ich nicht die Stärke, diejenigen zu lieben, welche mich hassen, so beklage ich sie wenigstens! . . . Oh! Sie täuschen sich, Colombau,wenn Sie mir sagen, es sei mir verboten, zu lieben; der Gott, dem ich mich gegeben habe, ist die Quelle aller Liebe, und es gibt Augenblicke, wo ich, wie die heilige Therese, nahe daran bin, über Satan zu weinen, weil er das einzige Geschöpf, dem es nicht zu lieben erlaubt ist.«

Das Gespräch ging lange auf diesem fruchtbaren Boden fort, auf den es den Bruder Dominique geführt hattet man ließ alle Eroberungen, die der Mensch den edlen Leidenschaften des Herzens verdankte, die Revue passieren, und nachdenkend ahnte Colombau allmählich, der Mönch habe zu dieser Stunde erst eine Ecke vom Schleier des Lebens vor seinen Augen aufgehoben: unter diesem Worte, das so befruchtend rote die großen Tropfen eines Sommerregens, fühlte er sich besser und würdiger, geliebt zu sein. Der Gedanke, das Mädchen theilteit vielleicht nicht seine Liebes bot sich nicht einmal seinem Geister unter diesem Hauche der Wahrheit fühlte er seine Lunge behaglichen und den ernsten, träumerischen Bretagner abstreifend, erschien er dem Mönche als ein enthusiastischer, leidenschaftlicher junger Mann; man hätte ihn für einen Dichter oder für einen-Maler gehalten; für einen Dichter, so sehr entlehnten seine Ausdrücke Bilder von der großen allgemeinen Poesie; für einen Maler, so sehr malte er eher, als daß er sie erzählte, seine Liebe mit den warmen Farben, die er aus seinem entflammten Herzen schöpfte.

Und ohne Zweifel würden sie den Tag mit dem Auspressen der Brüste dieser fruchtbaren Isis, die man die Liebe nennt, zugebracht haben, wäre nicht der Name Colombau, zweimal von einer frischen Stimme wiederholt, auf der Treppe ertönt.

»Oh!« rief Colombau, das ist die Stimme von Camille!«

Der fromme Bretagner hatte diese Stimme seit drei Jahren nicht gehört, und dennoch hatte erste wiedererkannt.

Colombau! Colombau!« wiederholte die freudige Stimme.«

»Colombau öffnete die Thüre und empfing Camille seinen Armen.

Nie schloß ein Blinder, es für seinen Freund haltend, das Unglück in einer so brüderlichen Umarmung an seine Brust.




XLI

Camille


Beim Anblicke von Camille, den er nicht kannte, zog sich der Bruder Dominique, trotz der dringenden Bitten von Colombau, um ihn zum bleiben zu bewegen, discreter Weise zurück.

Camille folgte ihm mit den Augen, bis sich die Thüre hinter ihm geschlossen hatte.

»Ho! Ho!« sagte er mit einem komischen Ernst, »ein Römer hätte sich für gewarnt gehalten.«

»Wie so?«

»Hast Du das Sprichwort der Alten vergessen: »Solltest Du aus Deinem Hause tretend an einen Stein, stoßen oder einen Raben links sehen, so kehre in Deine Wohnung zurück!«

Eine Wolke der Traurigkeit zog rasch und fast schmerzlich über das so offene, so freie so heitere Gesicht von Colombau.

»Du bist also immer derselbe, mein armer Camille,« sagte er, »und Dein erstes Wort ist eine Entzauberung für den Freunde der Dich seit drei Jahren erwartet?«

»Und warum dies?«

»Weil dieser Rabe, wie Du ihn nennst . . . «

»Du hast Recht, ich mußte ihn eine Elster nennen. er ist halb weiß, halb schwarz.«

Ein zweiter Schlag schien Colombau ins Herz zu treffen.

»Weil dieser Rabe oder diese Elster, wie Du sagst, einer der besten Menschen, eine der erhabensten Intelligenzen, eines der redlichsten Herzen ist, die ich kenne. Wirst Du ihn selbst kennen, so ist es Dir gewiß ärgerlich, daß Du ihn einen Augenblick mit jenen Priestern vermengt hast, welche gegen Gott kämpfen, statt für ihn zu kämpfen, und Du wirst die kindische Benennung, mit der Du ihn begrüßt, bereuen.«

»Ho!ho! immer ernst und sententiös wie ein Missionär, mein lieber Colombau!« sagte lachend Camille. »Nun, es mag sein! ich habe Unrecht; Du weißt, daß dies meine Gewohnheit ist; ich bitte Dich um Verzeihung, wenn ich Deinen Freund verleumdet habe, —denn, nicht wahr, dieser schöne Mönch ist Dein Freund?« fügte der Americaner mit minder spöttischem Tone bei.

»Und ein aufrichtiger Freund, ja, Camille, sprach ernst der Bretagner.

»Ich bereue meinen Spottnamen oder mein Beiwort, wie Du willst: doch Du begreifst, da ich Dich im Collége als einen ziemlich lustig frommen Menschen verlassen hatte, so konnte ich ein wenig erstaunt scheinen,als ich Dich in Conferenz mit einem Mönche fand.«

»Dein Erstaunen wird aufhören, wenn Du Bruder Dominique kennen lernst. Aber,« sprach Colombau, indem er Ton und Gesicht veränderte und seiner Stimme ihre liebkosende Milde, seiner Physiognomie ihr freundschaftliches Ansehen gab, »aber es handelt sich nicht um Bruder Dominique, sondern um Bruder Camille, der Eine ist mein Bruder Kraft Gottes, der Andere mein Bruder Kraft der Menschen. Du bist also hier! Du bist es! Umarme mich noch einmal! Ich kann Dir nicht sagen, welche Freude mir Dein Brief bereitet hat, und welche Freude mir Deine Gegenwart gewährt und besonders gewähren wird, denn, nicht Wahr, wir werden in Gemeinschaft leben, wie im Collége?«

»Mehr noch als im Collége,« versetzte Carmelite fast so freudig als sein Freund.

»Im Collége waren unserem gemeinschaftlichen Leben auf allen Seiten Fesseln angelegte hier haben wir im Gegentheil weder tobenden noch verdrießliche Kameraden zu befürchten, und wir können unsere Tage damit zubringen, daß wir umherlaufen, Musik machen, ins Theater gehen, und unsere Nächte, daß wir plaudern, was uns im Collége sehr strenge verboten war.

»Ja.« erwiderte Colombau, »ich erinnere mich der Plaudereien des Schlafsaales, – gute, theure Plaudeereien.«

»Besonders die der Nächte vom Sonntag auf den Montag, nicht wahr?«

»Ja,« sprach Colombau, mit einem halb traurigen halb heiteren Lächeln der Erinnerung, »ja, die der Nächte vom Sonntag auf den Montag besonders. Ich ging wenig aus, ich hatte keine Verwandte in Paris, ich blieb den ganzen Tag im Hofe des Collége mir meinen Gedanken und, – ich rühme mich dessen, – mit meinen Träumen eingesperrt. Und Du, als ein Herumschwärmer, erwachtest an diesem Tage am frühen Morgen wie eine Lerche, entflogst munter singend wie sie, und Gott weiß, auf welche reizenden Nester Du niederfielst! Ich sah Dich immer ohne Neid, aber mit Bedauern weggehen und Du kamst doch zu mir beladen mit der Beute des Tages zurück, Du theiltest sie mit mir, und wir hatten für die ganze Nacht genug, Du, um die Erzählung Deiner leichtfertigen Freuden zu geben, ich, um sie anzuhören.«

»Wir werden diesen Leben wieder anfangen, Colombau, und sei ruhig, weise, wie Du bist! Thöricht, wie ich bin, werde ich noch mehr als eine Nacht damit zubringen, daß ich Dir die Abenteuer des Tages erzähle, denn ich habe dort gelebt wie ein wahrer Robinson, und ich hoffe wohl mein Pariser Leben wieder aufzunehmen, wo ich es verlassen habe.«

»Die Jahre haben Dich nicht verändert, sagte freundlich, aber besorgt der ernste Bretagner.

»Nein! und sie haben mir besondere meinen guten Appetit gelassen. Sage mir, wo ißt man hier, wenn man Hunger hat?«

»Man hätte im Speisezimmer gegessen, wenn ich benachrichtigt gewesen wäre.«

»Du hast also meinen Brief nicht erhalten?«

»Doch, aber erst vor einer Stunde.«

»Oh! es ist wahr, in der That, er ist mit demselben Packetboot wie ich abgegangen, er ist im Havre mit demselben Packetboot wie ich angekommen, und er hat vor mir nur den Vorsprung der Post vor der Diligence. Ein-Grund mehr, Dich zu fragen. ›Wo ißt man hier?«

.

»Mein lieber Camille, es ist mir nicht unangenehm, daß Du Dich mit Robinson verglichen hast; das beweist mir, daß Du an Entbehrungen gewöhnt bist.«

»Du machst mich schauern, Colombau, keine Scherze dieser Art; ich bin kein Romanheld: ich esse! Ich frage Dich noch einmal: wo ißt man hier?«

»Hier, mein Freund, trifft man seine Anordnungen mit der Portière oder mit einer guten Frau aus der Nachbarschaft, die und Kost in Bausch und Bogen gibt.«

»Ja, doch in außerordentlichen Fällen?«

»Man hat Flicoteaux.«

Oh! der wackere Flicoteaux, Place de la Sorbonne! Flicoteaux besteht also immer noch? er hat noch nicht alle Beefsteaks gegessen?«

Und der Amerikaner rief:

»Flicoteaux! ein Beefsteak mit ungeheuer viel Kartoffeln!«

Dann nahm er seinen Hut.

»Wohin gehst Du?« fragte Colombau.

»Ich gehe nicht, ich laufe! ich laufe zu Flicoteaux.

Läufst Du mit mir?«

»Nein.«

»Wie,nein?«

»Muß ich Dir nicht ein Bett zum Schlafen, einen Tisch zum Arbeiten, ein Canapé zum Rauchen kaufen?«

»Ah! was das Rauchen betrifft, – ich habe treffliche Cigarren von der Havanna! Das heißt, ich habe, wenn die Douane so gut sein will, sie mir zurückzugeben. Diese Herren Douaniers müssen hübsche Puros rauchen.«

»Ich beklage Dein Unglück, doch als Christ und nicht als Egoist: ich rauche nicht.«

»Du bist voller Laster, mein lieber Freund, und ich weiß nicht, wo Du eine Frau finden wirst, die Dich liebt.«

Colombau erröthete.

»Ist sie gefunden?« sagte Camille. »Gut!«

Und Colombau die Hand reichend:

»Theurer Freund, meinen aufrichtigen Glückwunsch! – Das ist also nicht wie bei der Kost? man findet Solches im Quartier! Colombau, Du kannst sicher sein, daß ich mich, sobald ich gefrühstückt, aufs Suchen lege. Ah! es thut mir leid, daß ich Dir nicht eine Negerin mitgebracht habe . . . Oh! verachte sie nicht, es gibt herrliche! doch die Donauiers hätten sie mir genommen; ausländisches Fabrikat, konfisziert! . . . Kommst Du mit?«

»Nein, sage ich Dir.«

»Ah! es ist wahr. Du hattest nein gesagt. Warum hattest Du nein gesagt?«

»Leeres Hirn!«

»Leer? Du bist nicht der Ansicht meines Vaters, mein Vater behauptete ich habe eine Krabbe im Hirn . . . Warum hattest Du nein gesagt?«

»Weil ich Deine Wohnung meubliren muß.«

»Das ist richtig. Meublire eiligst meine Wohnung, ich laufe, um meinen Magen zu meubliren. In einer Stunde Beide hier?«

»Ja.«

»Willst Du Geld?«

»Ich danke, ich habe.«

»Gut, wenn Du keines mehr hast, wirst Du nehmen.«

»Wo dies?« fragte Colombau lachend.

»In meiner Börse, wenn sich darin findet, mein Lieber. Ich bin sehr reich: Rothschild ist nicht mein Oheim, Laffitte ist nicht mein Pathe! Ich habe sechstausend Livres jährlich, fünfhundert Livres monatlich, sechzehn Franken dreizehn Saus und anderthalb Centimes täglich. Willst Du die Tuilerien, Saint-Cloud oder Rambouillet kaufen? In meiner Börse sind drei Monate Vorschuß.

Hier zog Camille aus seiner Tasche eine Börse, durch deren Maschen man das Gold konnte funkeln sehen.

»Wir werden später hiervon sprechen,« sagte Colombau.

»In einer Stunde komm hierher zurück.«

»Ja einer Stunde, abgemacht.«

»Dann:

»Va mourir pour ton prince, et moi pour mon pays![16 - Stirb für Deinen Fürsten, ich sterbe für mein Vaterland!]« rief Camille.

Und er eilte die Stufen hinab, nicht in der Absicht, für seinen Fürsten zu sterben, wie so poetisch der Vers von Casimir Delavigne sagte, sondern um bei Flicoteaux zu frühstücken.

Colombau ging mit einem ruhigerem mehr mit seinem Charakter harmonierenden Schritte hinab.

Sie sehen lieber Leser, der spöttische Leichtsinn, mit dem Camille die wichtigsten Gegenstände behandelte, hatte sich sogleich bei seinem Eintritt bei Colombau durch das erste Wort, das er in Beziehung auf den Bruder Dominique gesprochen, geoffenbart.

Man beschuldigt die Franzosen, sie seien herzlos, leichtfertig, spöttisch.

Hier war es der Franzose, der den ganzen britischen Ernst zeigte, und der Americaner, der den ganzen französischen Leichtsinn hatte.

Wären nicht sein Alter, sein Gesicht, seine elegante Kleidung, seine ausgezeichnete Haltung gewesen, man hätte Camille für einen Pariser Gamin gehalten; er hatte den Witz, die Lebhaftigteit, das treuherzige Gelächter und die Redeweise eines Solchen.

Man mochte ihn immerhin in die Ecke eines Zimmers schieben, in eine Fenstervertiefung einsperren, zwischen zwei Thüren mauern und es hier versuchen, vernünftig mit ihm zu reden, eine ernste Idee in seinen Kopf zu bringen, – die erste Fliege riß ihn mit sich fort, und er war so wenig mehr beim Gespräche, als der auf der Straße Vorübergehende.

Er bot indessen den Vortheil, daß man nicht lange mit ihm zu sprechen brauchte, um seinen Charakter zu kennen; nach einer Conversation von fünf Minuten, wenn man nicht etwa ein Sieb im Geiste hatte, kannte man ihn durch und durch.

Sein Gesicht, seine Sprache, sein Gang, seine ganze Person enthüllten ihn.

Es war übrigens ein reizender Cavalier, wie ihn Colombau Carmelite angekündigt hatte.

Er hatte vor Allem einen herrlichen Kopf auf einem, ohne mager oder groß zu sein, schlanken Leibe von scheinbar zarter Complexion, weil er geschmeidig und anmuthig.

Seine Augen waren lang, lebhaft, von einem in das Kastanienbraune fallenden Schwarz, wahre Creolenaugen, sammelartig mit sechs Linien langen Wimpern.

Sein wundervoll schwarzes Haar umgab, wie ein Rahmen von Ebenholz mit bläulichen Reflexen, sein feines, leicht bräunlich gefärbtes Gesicht.

Die Nase war gerade, gut proportioniert, an die Stirne wie die Nase einer griechischen Statue angeschlossen.

Der Mund war klein, schön, frisch, mit ein wenig gegen außen gebogenen Lippen. Lippen, denen ein Kuß immer zu entschlüpfen bereit ist.

In seinem ganzen Aeußeren, in seiner Haltung, in seinen Manieren, sogar in seinem Anzuge, obgleich dieser reizende Vogel der Tropengegenden, dieser herrliche Schmetterling des Aequators vielleicht zu schreiende Halsbinden, zu bunte Westen trug, Alles, bis auf seine Kleidung, sagen wir, hatte ein solches Ansehen von Distinction. daß ihn die ältesten Marquisen für einen Edelmann von altem Geschlechte gehalten hätten.

Seine launenhafte, coquette, glühende Schönheit bildete einen seltsamen Contrast mit der ernsten, strengen, ich möchte beinahe sagen, granitartigen Schönheit von Colombau.

Der Eine hatte die Stärke und die Schönheit des antiken Hercules, der Andere die Weichheit, die jugendliche Gracie, die Morbidezza von Castor, von Antinons und sogar von Hermaphroditos.

Wer immer Beide sich umschlungen haltend gesehen hätte, würde nicht begriffen haben, durch welche geheime Sympathien, durch welche mysteriöse Verwandtschaften dieser starke Mann und dieser schwache Jüngling sich gegenseitig in die Arme gezogen fanden; es waren nicht zwei Brüder, denn die Natur hat ein Grauen vor Unähnlichkeiten; – es waren also zwei Freunde.

Doch durch weiche unbekannte Bande schlossen sich ihre zwei Herzen an einander an?

Wir haben es im vorhergehenden Kapitel gesagte; der Schutz, mit dem Colombau den jungen Menschen bedeckt hatte, war unmerklich eine tiefe Freundschaft geworden; statt sie auf die Einen und die Anderen zu zerstreuen, hatte Colombau in seinem Meer die Reichthümer der Zuneigung vergraben, die er im Collége für Camille Rozan angehäuft.

Er nahm ihn also auf, man hat dies gesehen, wie ein Bruder seinen vielgeliebien Bruder aufnimmt, und was die Macht seiner Freundschaft beweist, ist der Umstand, daß er den ganzen Tag hindurch die neue Zuneigung vergaß, die ihm Bruder Dominique enthüllt hatte.

Er machte aus dem kleinen Salon wo er die wenigen Kameraden aus dem Collége empfing, die ihn besuchten, das Schlafzimmer von Camille.

Da Colombau im Alcoven des anstoßenden Zimmers schlief, so waren sie nur durch eine Scheidewand getrennt, welche so dünn, daß man aus einer Stube Alles hörte, was in der anderen geschah oder gesagt wurde.

Colombau hatte zuerst die Tapezierer des Quartier Saint-Jacques besucht, hier aber hatte er, wie man weiß, nur nußbaumene Meubles gefunden, und Colombau, der auf einer angemalten Lagerstätte schlief, hatte begriffen, sein aristokratischer Freund werde nur Mahagonimeubles annehmen.

Er war allmählich die Rue Saint-Jacques hinabgegangen, hatte die zwei Arme der Seine überschritten und so die Rue de Cléry erreicht.

Dort hatte er gefunden, was er brauchte; ein Bett von Mahagoni, einen Schreibtisch von Mahagoni, ein Canapé und sechs Stuhle ebenso.

Das kostete fünfhundert Franken.

Da dies gerade das Doppelte der Summe, die er besaß, so war er genötigt, die Differenz zu entlehnen.

Was das Bettgeräth betrifft, so nahm er die zwei Matraßen, den Hauptfühl und die Decke von seinem Bette, und behielt für sich den Strohsack ein Kissen, das Leintuch und seinen Wintermantel.

Colombau kehrte ganz in Verzweiflung darüber zurück, daß er zwei Stunden später, als er gesagt nach Hause komme. Seit zwei Stunden mußte Camille auf ihn warten.

Camille war zum Glücke nicht nach Hause gekommen.

»Ah! desto besser!« sagte Colombau zu sich selbst. »Der liebe Camille er wird sein Zimmer bereit finden!«

Colombau wartete den ganzen Tag auf Camille.

Camille kam erst Abends um elf Uhr.

Colombau führte ihn ganz strahlend in sein Zimmer ein: er lächelte zum Voraus über das, was sein theurer Camille sagen würde.

»Ah!« sagte dieser, indem er in ein Gelächter ausbrach, »Mahagonimeubles? Mein Lieber, nur die Neger haben bei uns solche Meubles.«

Colombau fühlte sich zum dritten Male im Herzen getroffen.

.

»Doch gleichviel, lieber Colombau,« fügte Camille bei, »Da hast Dein Bestes gethan. Umarme mich und empfange Meinen Dank.«

Und er umarmte Colombau, ohne zu ahnen, wie wehe ihm die Anrede gethan, noch wie wohl ihm der Kuß thun sollte.




XLII

Geschichte der Prinzessin von Vanvres


Die ersten Tage verliefen mit Erinnerungen an die Vergangenheit und mit der Erzählung der verschiedenen Abenteuer, deren Opfer oder Held Camille gewesen war.

Alle Freuden dieser reichen, aber mitten in ihrem Reichthum egoistischen Natur kamen von der Befriedigung, wie alle ihre Traurigkeiten vom Mangel eines Vergnügens kamen.

Er war viel gereist; er hatte Griechenland, Italien, den Orient, Amerika gesehen; seine Conversation mußte also voll Interesse für den Geist von Colombau sein, der begierig war, Allee zu erfahren, Alles kennen zu lernen.

Camille war aber weder als Gelehrter, noch als Künstler, noch in Handelsgeschäften gereist.

Er war als Vogel gereist, und jeder neue Wind hatte von seinen Flügeln Alles bis aus den Staub des Landes, das er verließ, gestreift.

Eines war ihm jedoch auf seinen Reisen aufgefallen.

Dieses Eine, was ihm aufgefallen, waren aber weder die Monumente, noch die Landschaften, weder die Sitten, noch die Menschen, weder die Schönheiten der Kunst, noch die der Natur; nein! was ihn ergriffen, geblendet hatte, das waren die vielfachen Schönheiten der Frau in den verschiedenen Klimaten. Camille war mehr ein Mensch der Empfindungen, als der Eindrücke; seine Glückseligkeiten verbreiteten sich durch seinen ganzen Körper, doch sie überschritten nicht die Oberhaut: er nahm die Freude, das Glück, die Wollust, die Liebe, wie man ein Bad nimmt; er blieb mehr oder minder lang darein getaucht, je nachdem ihm das Bad mehr oder minder angenehm war.




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notes



1


Les débardeurs, Auslader der Schiffe, haben in Paris eine besonders reizende Tracht.




2


Das ist der Titel dies Henkers.




3


La haute pègre ist eine Association von ausgezeichneten Dieben. Vidocq hat dieser Association in seinem Werke: »Die wahren Geheimnisse von Paris« (in der Uebersetzung durch den Frank’schen erlag veröffentlichte ein besonderes Kapitel gewidmet. D. Uebers.




4


Muscadin, ein aus der Zeit der Revolution von 89 vererbter Ausdruck; man nannte so die Elegants, Stutzer, als nach musc, Bisam, riechend. D. Uebers.




5


Taureau, Stier.




6


Gipssack.




7


Gondeln




8


Kukuke




9


Ja, ich will es ihm sagen u.s.w.




10


Weihnachtsrose.




11


eine Art von Percal.




12


Drei gleiche Karten.




13


Schüppen-bube – die Spielkarte Pikbube’




14


Häuser, wo Schlafstellen für einzelne Nächte vermiethet werden.




15


Gott will es!




16


Stirb für Deinen Fürsten, ich sterbe für mein Vaterland!


