Der Mann von Eisen
Fritz Skowronnek




Fritz Skowronnek

Der Mann von Eisen





1. Kapitel


Stürmisch wie ein siegreicher Eroberer war der Frühling ins Land eingebrochen. Lang genug hatte ihm der Winter getrotzt. Auf den Bergen Masurens hatte er sein Reich aufgerichtet und mit einem meterhohen Schneewall umschanzt … und die tiefen Seen hatte er mit einer fußdicken Eisschicht belegt. Unruhig zogen die Fische in der Dämmerung hin und her und warteten voll Sehnsucht auf den Helden, der die Decke über ihren Häuptern wegfegen sollte. Aber die treuen Diener des Eisriesen, der kalte Nordwind und der scharfe Ostwind, hielten gute Wacht. … Da endlich stürmte es von Süden heran … ein warmer, feuchter Südwest bedeckte den Himmel mit schweren, dunklen Wolken … Unter seinem Hauch erwachte das Wasser zu neuem Leben … Der Schnee wurde seinem Meister abtrünnig und schlug sich zu dem neuen Gebieter.

Zuerst rieselten nur handbreite Rinnsale von den Bergen herab bald waren die Gräben gefüllt und wurden zu strömenden Bächen … Gurgelnd und schäumend schoss die trübe Flut talwärts und staute sich in den Mulden des Ackers zu Weihern … Es dauerte nicht lange, da kam auf den Bergkuppen der schwarze Boden zum Vorschein, und am nächsten Morgen schon trippelte dort die Lerche umher, schwang sich in die Luft und sang dein Befreier des Landes ein Loblied…

Was der Südwest übergelassen, verzehrte ein warmer Regen … und das lebendig gewordene Wasser sank hinab zu den Wurzeln der Bäume und Sträucher und stieg in ihnen empor zu den Knospen, dass sie sich dehnten und wuchsen … Dann kam die Sonne hinter den Wolken hervor und freute sich über den Eifer, mit dem ihr Töchterchen sich für den Geliebten schmückte…

An der Grenze zwischen Andreaswalde und Dalkowen hielt ein Reiter auf stattlichem Ross … ein schmucker, junger Mann mit blauen Augen und hellem Haar. Die kaum mittelgroße Gestalt schien nur aus Muskeln und Sehnen zu bestehen; die selbstbewusste Ruhe und Sicherheit, die von dem Reiter ausging, hatte sich auch seinem Ross mitgeteilt. Wie eine Bildsäule stand der prächtige Goldfuchs. Nur ab und zu warf er mit einer kurzen Bewegung den Kopf auf…

Der Reiter bog sich vorn über und strich ihm liebkosend über die glatte Seite des Halses.

»Ein Weilchen wollen wir noch warten, mein alter Potrimpos, vielleicht kommt sie doch noch … Was habe ich gesagt? Da kommt sie auch schon…«

Eben bog aus dem Tor von Andreaswalde eine Reiterin … eine zierliche, elegante Erscheinung. Mit einem glücklichen Lächeln sog Wolf Stutterheim das Bild in sich … die schlanke Gestalt auf dem edlen Ross, das unter ihr tänzelte … Nun ließ er auch seinen Fuchs angehen und ritt ihr entgegen.

»Guten Morgen, Hanna, ich dachte mir, dass der warme Sonnenschein dich herauslocken würde…«

»Guten Morgen, Wolf … wie geht es deinem Mütterchen?«

»Danke, gut … sie hat nur einen großen Zorn auf eine gewisse Hanna Brettschneider, die sich seit vierzehn Tagen bei ihr nicht hat sehen lassen.«

»Hinter dem Vorwurf wird wohl auch ein Wölflein stecken.«

Er lachte sie mit einem Anflug von Verlegenheit aus seinen treuen Augen an wie ein großer Junge, der auf einer heimlichen Zigarette ertappt wird.

»Du bist ja gefährlich klug, Hanna, aber diesmal habe ich ausdrücklichen Befehl von meiner Mutter, mich in Andreaswalde zu erkundigen, ob du noch lebst…«

»Das ist etwas anderes. Na, dann will ich heute Nachmittag meine Unterlassungssünde wieder gutmachen und mich in Dalkowen zum Kaffee einfinden.«

Im Schritt gingen die Pferde nebeneinander…

»Ach, wie habe ich mich diesmal nach dem Frühjahr gesehnt!«, sagte Hanna so recht warm aus tiefster Brust.

»Der Winter war auch zu abscheulich. Übrigens, Wolf, wie gefällt dir meine Odaliske?«

»Gut, ausgezeichnet! Der Kopf ist wie vom Bildhauer gemeißelt; nur das Gangwerk ist doch vielleicht etwas zu feinknochig.«

»Du, die hat Knochen wie Elfenbein.«

Wolf nickte.

»Das wollen wir hoffen. Weißt du aber auch, wieviel sie gekostet hat?«

Hanna lachte laut auf…

»Selbstverständlich! Viertausend Gulden hat der Vater bezahlt … Das ist sie unter Brüdern wert. Aber einem geschenkten Gaul sieht man bekanntlich nicht ins Maul.«

Über das Gesicht des Reiters flog wie eine leichte Wolke ein ernster Schein. Nur das Auge leuchtete daraus so herzlich warm.

»Nein, Hanna. Und ich verstehe es vollkommen, dass du dich über das kostbare Geschenk deines Vaters von Herzen freust … aber du hättest dich gewiss über eine Trakehnerin für tausend Gulden ebenso gefreut…«

»Was soll das heißen, Wolf? Willst du mir die Freude an dem edlen Tier vergällen, oder«, sie stockte ein wenig, »willst du damit sagen, dass mein Vater nicht in der Lage ist, mir solch ein teures Pferd zu kaufen?«

Wolf streckte seine Hand aus und strich ihr leise über den Arm.

»Hanna, darf ich wie ein älterer Bruder zu dir sprechen? Ich liebe und verehre deinen Vater, als wenn er mein eigener wäre. Ich bin mit euch und zwischen euch wie ein Bruder aufgewachsen.«

»Das sind doch bekannte Tatsachen. Wozu die Vorrede, Wolf? Willst du etwa meinen Vater tadeln, dass er mir ein so wertvolles Geschenk gemacht hat?«

Mit einem leichten Druck trieb sie ihr Pferd zum Trab an. Schweigend ritt Wolf an ihrer Seite, bis der nasse Weg die Pferde wieder in Schritt fallen ließ.

Jetzt begann Wolf wieder zu sprechen, und seine Stimme klang ruhig, aber stahlhart.

»Du machst es mir schwer und willst, wie es scheint, nicht hören, was ich dir zu sagen habe. Ich muss dich aber bitten, mich anzuhören, weil mich die Pflicht meines Gewissens treibt, dir die Augen zu öffnen … Ich habe lange gezaudert und bin mit mir zu Rate gegangen, ob ich es tun soll oder nicht. Ich muss es tun, selbst auf die Gefahr hin, dass du mir zürnst.«

»Na, dann schieß’ schon los.«

»Du willst es mir augenscheinlich schwer machen, aber ich kann wirklich keine Rücksicht nehmen. Du bist die Älteste, bist vor wenigen Wochen zwanzig Jahre alt geworden und trägst als die Älteste ein gut Stück Verantwortung für deine jüngeren Geschwister. Ich möchte dir deshalb nahelegen, dich um die Meierei zu bekümmern.«

Hanna lachte laut auf.

»Und dazu hast du die feierliche Einleitung gebraucht?«

»Bitte, Hanna, lass’ mich ausreden. Ich bin drei Jahre als Eleve und Wirtschaftsführer in eurem Hause gewesen. Ich weiß, was die Meierei unter tüchtiger Leitung bringt und bringen muss. Und gestern sagte mir dein Vater, dass die Meierei im Monat fünfhundert Mark weniger bringt als früher. Ich bin mir über die Ursache nicht im Zweifel. Eure Meierin ist ein dickes, faules Frauenzimmer, das aufgehängt zu werden verdient…«

»Sollte die Strafe nicht etwas zu hart sein?«

Die leichte Ironie der Antwort ließ Wolf auflachen.

»Nein, Hanna! Gevierteilt müsste sie werden, weil die berühmte Maiblüte von Andreaswalde durch ihre Schuld so weit heruntergekommen ist, dass der Zentner zehn Mark weniger bringt als gewöhnliche Tischbutter.«

»Das ist allerdings sehr betrübend. Aber weshalb dringst du nicht bei meinem Vater darauf, dass er die unfähige Person entlässt und eine bessere annimmt?«

»Ach was, einen Deuwel lässt man laufen und zehn bekommt man wieder. Nein, du musst dich darum kümmern, dass die Milch richtig ausgeschleudert wird, dass die Gefäße sauber sind, dass die Butter nicht zwei Tage liegt, ehe sie in Fässer geschlagen wird…«

»Ich, Wolf? Ich?«

»Ja, du, die älteste Tochter…«

Mit einer komischen Miene zog Hanna die Schultern bis zum Kopf hinauf.

»Weißt du auch was du von mir verlangst? Dass ich des morgens um vier oder noch früher aufstehen müsste…«

»Ist das zu viel, Hanna, wenn es sich um das Wohl und Wehe deiner Familie handelt?«

»Lieber Wolf, du schießt diesmal, wie ich glaube, mit Kanonen nach Sperlingen.«

»Die Sperlinge sind so groß, dass es sich schon lohnt, nach ihnen zu schießen … und es wäre auch für dich, als zukünftige Frau eines Landwirts, wünschenswert, wenn du in dem Gebiet, das der Frau untersteht, Bescheid wüsstest…«

Jetzt lachte Hanna laut auf.

»Wie kommst du darauf, dass ich einen Landwirt heiraten werde? Nein, Wölflein, das ist eine ganz falsche Voraussetzung von dir. Ich denke nicht daran, mich für mein ganzes Leben auf dem Lande zu vergraben. Du weißt, ich liebe die Musik, ich liebe alle schönen Künste, ich will in der Stadt leben, wo ich alles genießen kann, was mein geistiges Leben befruchtet … an der Seite eines hochgesinnten Mannes, der mich versteht und mich meinen Neigungen folgen lässt…«

Wolfs Gesicht hatte einen eisernen Ausdruck angenommen. Er nickte, während sie sprach, als würde ihm etwas bestätigt, was er schon längst wusste…

Als sie schwieg, nickte er noch einmal.

»Was du unter dem Ausleben verstehst, weiß ich nicht. Das ist mir zu hoch und zu modern. Du müsstest aber für diesen Zweck mindestens einen höheren Beamten heiraten oder einen Offizier.«

»Das will ich, und das werde ich hoffentlich auch … Ich bin hübsch, das hat man mir oft genug gesagt, und habe viele Verehrer…«

»Ja, Hanna, du bist nicht nur hübsch, sondern bist ein schönes, reizendes Mädchen. Du wirst umschwärmt wie eine blühende Linde von den Bienen, aber hast du mit deinen zwanzig Jahren schon einen ernsthaften Bewerber gehabt? … Soviel ich weiß, noch nicht… Ich werde dir auch den Grund sagen. Was denkst du denn, dass ihr vier Schwestern jede an Mitgift zu erwarten habt?«

»Was soll das heißen, Wolf? Die Mutter hat allein zweihunderttausend mitgebracht, und eben soviel wird doch aus Andreaswalde herauskommen.«

»Es tut mir leid, dass ich dir diesen Glauben zerstören muss. Deshalb habe ich heute auf der Grenzscheide auf dich gewartet. Hanna, ich habe das Zutrauen zu dir, dass du als älteste Tochter, wenn ich dir die Augen öffne, eingreifen und selbst für deine Zukunft und die Zukunft deiner Geschwister sorgen wirst. Die Mitgift deiner Mutter ist nicht auf Andreaswalde eingetragen. Stattdessen sind mehrere kleine Hypotheken aufgenommen und eingetragen worden. Gerade jetzt hat dein Vater wieder fünfzig Mille aufgenommen…

Das Geld wird verläppert … Da wird an der Stelle der alten Mühle eine Turbine gebaut, die für das Gut Kraft, aber in erster Linie elektrische Beleuchtung liefern soll. Auch dein Reitpferd ist von geborgtem Geld gekauft.«

»Weshalb musst du mir das alles sagen, und gerade heute, wo ich mich zum ersten Mal an dem herrlichen Pferd erfreuen will?«

»Es muss sein, Hanna. Wenn Andreaswalde heute günstig verkauft wird, können hundert Mille Überschuss bleiben. Die Zinsen würden gerade hinreichen, um in einer Kleinstadt sehr bescheiden zu leben.«

»Und du meinst … ich nehme an, dass das alles wahr ist, was du mir sagst, dass ich durch die Meierei diese Entwicklung aufhalten könnte…?«

»Nein, Hanna, aber du könntest bremsen … Ihr habt jeden Tag Gäste im Hause, das kostet Geld.

Ihr habt ein halbes Dutzend Reitpferde im Stall, ihr habt ein Auto … Jawohl Hanna, eins kommt zum andern. Dein Vater ist ein guter und fleißiger Wirt, aber wenn die Ausgaben fortdauernd die Einnahmen übersteigen dann kann die Herrlichkeit hier nicht mehr lange dauern.«

Hanna schüttelte den Kopf und warf die Arme nach hinten, als wollte sie alles von sich werfen, was sie eben gehört hatte…

»Ach Wolf, mach’ mir das Herz nicht schwer! Glaubst du, dass sich der Zuschnitt unserer Wirtschaft von heute auf morgen ändern lässt? Sprich mit meinem Vater darüber … oder sprich nicht … mich wirst du nicht umkrempeln … Ich kann nicht und ich will nicht im groben Hauskleid morgens um drei zum Melken gehen … Damit lass’ mich ungeschoren … Ich bin jung und will mein Leben genießen…«

»Und dann?«

»Dann heirate ich einen guten Menschen, der mich auch ohne Mitgift nimmt. Ich glaube, es gibt solche Männer auf der Welt…«

Ein schalkhafter Blick streifte den Reiter neben ihr, der jetzt nicht nur ernst, sondern auch traurig aussah.

»Mach’ nicht solch ein Gesicht wie ein strafender Schulmeister. Mir prickelt heute das Blut in den Adern … heute ist heut’! Los! Greif’ mich, Wölflein…«

Sie gab ihrem Pferd den Sporn und schnalzte mit der Zunge. Wie ein Pfeil schoss die Stute mit ihr davon, dass aus dem grasbewachsenen Weg das Wasser aufspritzte. Wolf hatte seinen Fuchs aus dem nassen Wege hinter ihr auf den Grasstreifen gelenkt. Jetzt griff auch sein Gaul aus … und mit der Bewegung kam ihm die Lust.

Sein Auge haftete mit Wohlgefallen an der schlanken Gestalt, die vor ihm dahinflog … Was er noch eben empfand an trauernder Missbilligung, war im Augenblick geschwunden … Er· sah nur das herrliche Mädchen, getragen von der Lebenslust ihrer jungen Jahre … das Mädchen, das er treu im Herzen trug schon von den Jahren an, wo sie als Backfisch mit langen Hängezöpfen munter vor ihm herumsprang…

Er brauchte seinen Fuchs gar nicht aufzumuntern … von eigenem Ehrgeiz getrieben, stürmte er der Stute nach…

Jetzt machte der Weg eine scharfe Biegung nach links. Geradeaus lag ein breiter Graben, bis zum Rande mit Wasser gefüllt. Dahinter ein Stangenzaun, mannshoch, um das Vieh, das zur Weide getrieben wurde, von dem Acker abzuhalten…

»Vorsicht, Hanna!« rief er, so laut er vermochte.

Aber sie schien das Hindernis nehmen zu wollen. Zur Antwort hob sie die Hand mit der Rute … ein leichter Schlag, ging auf das. Pferd nieder … Mit einem heftigen Ruck parierte Wolf seinen Gaul. Sein Herzschlag setzte für einen Augenblick aus … Hannas Stute verlor, wie er deutlich sah, schon im Ansprung von dem weichen Boden an Kraft … Mit einem Vorderbein kam sie noch über den Zaun, das andere schlug hart gegen die oberste Stange … Die Reiterin flog in weitem Bogen aus dem Sattel in den weichen Acker … Das Pferd überschlug sich und blieb stöhnend liegen.










2. Kapitel


Wolf hatte das Unheil kommen sehen. In demselben Augenblick war er vom Gaul gesprungen, hatte mit kurzem Anlauf den Graben überflogen und sich über den Zaun geschwungen. Mit zwei Sätzen war er bei Hanna, die regungslos und ohne Bewusstsein· auf dem Gesicht lag. Ohne zu zögern, schob er seinen Arm unter ihre Brust und hob sie etwas empor. Unwillkürlich strich seine linke Hand zärtlich liebkosend über ihr reiches, schwarzes Haar, von dem sich das Hütchen gelöst hatte.

»Hanna, du leichtsinniges Mädchen! Hast du dir weh getan?«

Sorgsam, aber schnell betastete er ihre Arme, sie schienen heil zu sein. Dann zog er sein Taschentuch und wischte ihr das Gesicht ab… Voll scheuer Zärtlichkeit sah er auf das liebe Gesicht, das im jähen Schreck erstarrt zu sein schien. Neben ihm bewegte sich das Pferd und stöhnte jammervoll. Er wandte den Kopf.

Das edle Tier hatte den rechten Vorderfuß über dem Knie gebrochen. Ein spitzes Knochenende hatte die Haut durchbohrt… Mit menschlichem Ausdruck in den schönen Augen schien die Stute seine Hilfe anzuflehen.

Er biss die Zähne zusammen, dass sie knirschten.

»Auch das noch … armes Tier! Das ist ein teurer Spaß geworden, Hanna! Ach was! Wenn du dir nur nichts geholt hast.«

Nun schob er auch seinen linken Arm unter ihren Körper und hob sie auf. Schritt für Schritt rang er sich durch den zähen, weichen Boden, in den er fast bis zu den Knien einsank, am Zaun entlang, bis zu einer kleinen Bohlenbrücke, die über den Graben führte. Gehorsam wie ein Hund ging Potrimpos auf dem Wege mit ihm mit und stand still, als Wolf mit seiner Last auf ihn zutrat.

Vorsichtig hob er Hanna auf und schob ihren Oberkörper über seine linke Schulter. Dann suchte er mit dem Fuß den Bügel und hob sich mit seiner Bürde in den Sattel.

»Trab, Potrimpos … wir müssen machen, dass wir nach Hause kommen…«

Jetzt erst fühlte er die Schweißtropfen auf seiner Stirn und gleichzeitig die Nässe und Kälte, die von Hannas Kleidern auf ihn eindrang. Der Fuchs schnob und kochte.

»Hilft nichts, mein Alter, wir müssen uns beeilen.«

Der Gaul warf den Kopf auf, als hätte er seinen Herrn verstanden und schlug eine schärfere Gangart an.

Auf dem Gutshof herrschte geschäftiges Leben.

Ein Dreschsatz war in voller Tätigkeit … dabei stand gerade die jüngste der vier Schwestern, ein kraushaariger Blondkopf von zwölf Jahren. Sie kam über den Hof gelaufen, als Wolf vor der Veranda hielt.

»Wolf, was ist mit Hanna geschehen?«

»Nichts Schlimmes, Gretel, wie ich hoffe. Ein ungefährlicher Sturz in den weichen Acker. Mach’ mir schnell die Tür auf, und nun spring’ in die Küche und hol’ ein paar Margellen, bringt auch eine Schüssel warmes Wasser mit.«

Auf der Diele trat ihm Christel entgegen, die zweite Tochter, größer und stattlicher als ihre ältere Schwester.

»Frag’ nicht, Christel, führ’ mich zu Hannas Zimmer…«

Er hatte seine Bürde auf einen Diwan niedergelegt und strich ihr sanft mit der Hand über das kalte Gesicht…

»Kleide sie aus, wasch’ sie ab und bringe sie zu Bett. Hoffentlich ist nichts gebrochen. Wenn sie aufwacht, gebt ihr heißen Fliedertee. Ich bleibe unten, bis du mir Bescheid bringst, ob alles in Ordnung ist…«

Der Gutsherr saß gemütlich mit Pfeife und Schlafrock in seinem Arbeitszimmer und las die Zeitungen.

»Wolf, mein Junge, wie siehst du aus? Hast du dich im Dreck gewälzt?« rief er dem Eintretenden entgegen.

»Nein, Onkel, ich habe mich von Hanna abgefärbt, die sieht noch etwas dreckiges: aus.«

»Wieso? Weshalb?«

»Weil sie vom Gaul in den knietiefen Sturzacker hinter dem Roggenschlag gefallen ist. Da habe ich sie aufgelesen und nach Hause gebracht…«

»Wolf, doch nichts Schlimmes?«

»Ich hoffe nicht, Onkel, die Christel hat sie schon oben in Behandlung… Aber die schöne Stute ist zum Deuwel. Sie hat den rechten Vorderfuß gebrochen. Der Inspektor muss sofort rausreiten und sie durch einen Schuss erlösen…«

Der Gutsherr schüttelte langsam den Kopf hin und her.

»Wie ist das gekommen?«

»Aus reinem Übermut, Onkel. Hanna wollte den Graben mit dem Zaun dahinter nehmen. Die Stute kam im Sprung schlecht ab und schlug gegen die oberste Stange…«

»Warst du denn dabei?«

»Freilich… Wir ritten gemütlich nebeneinander, da jagte Hanna plötzlich los, und ehe ich es hindern konnte, war das Unglück geschehen.«

Kopfschüttelnd ging der Gutsherr vor die Tür, um den Inspektor zu rufen. Wolf ging unruhig im Zimmer auf und ab. Nach einer Weile tat sich die Tür auf und die Gutsherrin trat herein. Eine stattliche Dame, die ihren Gatten um gut einen halben Kopf überragte.

»Was ist das für eine dumme Geschichte mit der Hanna? Warst du nicht dabei?«

»Allerdings, Tantchen. Ich habe sie ja nach Hause gebracht.«

»Wie kann denn das in deiner Gegenwart passieren? Konntest du der Stute nicht in die Zügel fallen?«

»Wenn das ein Vorwurf sein soll, liebe Tante Adele, dann muss ich ihn ablehnen. Ich denke, du weißt, dass ich Hanna jederzeit behüten möchte wie meinen Augapfel.«

»Ein tolles Mädel … Zur Strafe werde ich sie acht Tage nicht reiten lassen.«

»Das wird sich von selbst verbieten, die Stute hat das Bein gebrochen und muss erschossen werden.«

»Auch das noch!«

»Möchtest du nicht nachsehen, Tante, ob Hanna unverletzt ist, damit im Notfall sofort nach dem Arzt geschickt werden kann?«

»Nein, Wolf, das besorgt die Christel viel besser als ich.«

»Aber die tiefe Bewusstlosigkeit, Tantchen, ist die nicht bedenklich?«

Frau Brettschneider lächelte und zuckte die Achseln.

»Du musst deine Ungeduld schon etwas zügeln, lieber Wolf. Wie geht es deiner Mutter?«

»Wie immer, Tantchen … Sie fährt mit ihrem Stuhl im ganzen Hause umher und kommandiert das Ganze. Du weißt doch, dass die Lähmung nur die Folge einer starken Erkältung ist, die sie sich um diese Zeit im Frühjahr durch einen Sturz in den Graben zugezogen hat?«

Die Frau sah dem jungen Mann lächelnd in das ehrlich bekümmerte Gesicht.

»Ja, Wolf. Das ist aber ein sehr seltener Ausnahmefall, und du kannst dich darauf verlassen, dass für Hanna alles getan wird, was nötig ist.«

Erwartungsvoll schauten beide nach der Tür, durch die eben Christel eintrat.

»Alles in Ordnung«, rief sie schon von der Tür aus. »Einen gräulichen Schnupfen wird sie sich geholt haben, weiter nichts. Sie niest schon ganz tapfer und trinkt gehorsam heißen Fliedertee … Sie lässt dir vielmals für deine Hilfe danken und fragt nach ihrer Odaliske.«

»Die ist leider bei dem Sprung verunglückt und muss erschossen werden.«

Über Christels Gesicht flog ein Schatten von Zorn, und ihre dunkelblauen Äugen blitzten auf.

»Ach … das ist aber doch entsetzlich. Wie kann Hanna bloß so leichtsinnig sein?«

»Du würdest solch einen tollen Streich nie fertig bekommen«, meinte die Mutter mit leisem Spott im Ton.

»Nein, Mutter, das würde ich wirklich nie fertig bekommen. Dazu bin ich, obwohl ich jünger bin, viel zu bedachtsam – — ich hätte sicherlich daran gedacht, wie teuer das Pferd ist…«

Sie drehte sich kurz um.

»Wolf, mach’, dass du nach Hause und in trockne Kleider kommst … Grüß’ dein Mütterchen herzlich von mir…«

Sie reichte ihm die Hand und ging hinaus.

»Nun wird Hanna eine gründliche Strafpredigt bekommen«, lachte Frau Brettscheider.

»Das schadet nichts, Tantchen, die hat sie reichlich verdient … Grüß’ den Onkel, er wird wohl selbst aufs Feld geritten sein … Ich muss wirklich machen, dass ich nach Hause komme, mir wird auch kalt…«

Geduldig wartend stand Potrimpos vor der Tür.

Wolf klopfte ihm, ehe er aufstieg, den Hals…

»Es ist alles in Ordnung, mein Alterchen, und du hast auch dazu beigetragen. Das war ein tüchtiges Stück Arbeit, was du geleistet hast … Nun wollen wir nach Hause.«

Eine halbe Stunde später trat Wolf, nachdem er sich umgezogen, in das Wohnzimmer, wo seine Mutter in ihrem Rollstuhl am Fenster saß. Zärtlich beugte er sich zu ihr, küsste ihr den eisgrauen Scheitel und die fleißige Hand, die emsig an einem Deckchen stickte. Ein wunderbar durchgeistigtes Gesicht hob sich ihm entgegen. Darauf stand neben scharfer Klugheit die mild abgeklärte Ruhe des Alters und ganz leise angedeutet ein Schein von sanfter Ergebung in das Schicksal, das sie der Bewegungsfreiheit beraubt hatte. Jetzt leuchtete darauf nur die Mutterliebe…

»Na, wie steht es draußen, mein Sohn?«

»Gut, Mutterchen, gut! Sonne und Wind werden in wenigen Tagen mit der Nässe fertig werden, und dann geht’s an die Arbeit … Ich habe eben die Nachricht vorgefunden, dass die russischen Schnitter heute ankommen. Ich muss nachher in das Schnitterhaus gehen.«

»Es ist alles vorbereitet, mein Sohn, aber es ist gut, wenn du noch mal nachsiehst … Weshalb hast du dich aber umgezogen?«

Wolf lachte.

»Du siehst aber auch alles, Mutter. Ich war etwas nass geworden … Brauchst mich nicht so forschend anzusehen, ich bin ja schon dabei, dir alles zu erzählen. Also: Hanna ist mit ihrer Stute gestürzt. Es ist alles gut abgelaufen, sie fiel in den weichen Sturzacker und wurde wohl infolge des Schrecks und der Nässe ohnmächtig. Da habe ich sie aufgehoben und nach Hause gebracht … Jetzt schwitzt sie und trinkt Fliedertee…«

Die Mutter hatte die fleißigen Hände in den Schoß sinken lassen und ihm schweigend zugehört … Mit einem missbilligenden Kopfschütteln nahm sie ihre Arbeit wieder auf…

Wolf ging unruhig vor ihr auf und ab. Er empfand das Schweigen der Mutter schärfer als ein tadelndes Wort. Erst nach einer langen Pause sagte er leise:

»Du hast recht, Mutter, es war bei ihr ein Ausbruch unbesonnenen Übermutes, der ihr den Unfall zuzog.«

»War das der Erfolg deiner Unterredung mit ihr?«

Wolf nickte.

»Leider, ja!«

Auch Frau Stutterheim nickte.

»Ich habe mit Absicht dich davon nicht zurückgehalten, obwohl ich es wusste, wie dein Versuch ausfallen würde. Du solltest selbst die Erfahrung machen.«

Wolf blieb vor ihr stehen.

»Ja, Mutter, und sie hat mir sehr wehgetan Aber was kann ich dafür, dass ich sie so lieb habe, von klein auf schon.«

Aus dem Schweigen der Mutter hörte er alles, was sie ihm damals gesagt hatte, als er ihr seine Absicht mitteilte, sich um Hanna zu bewerben…

»Mein Sohn, du wirst gut tun, diese Neigung zu unterdrücken. Hanna passt nicht für dich. Sie ist wohl klug und liebenswürdig, aber zu oberflächlich. Jeder junge Mann tut gut, wenn er sich um ein Mädchen bewerben will, sich erst die Mutter anzusehen.«

Da hatte er lachend geantwortet:

»Aber liebste Mutter, wenn ich mich nun in die Christel, deinen Liebling, verliebt hätte…«

Mit einem feinen Lächeln hatte sie geantwortet:

»Auch für Christel gilt mein Wort, denn die habe ich erzogen. Von klein auf hat sie sich wie eine Tochter an mich angeschlossen und alles befolgt, was ich gesagt habe…«

Seine Gedanken flogen wieder zurück in die Jugendzeit. Schon als Kinder waren sie unzertrennlich gewesen. Und wie oft hatten die Eltern im Scherz gesagt und im Ernst gemeint, dass aus den beiden ein Paar werden sollte. Wie ein schweigendes Einverständnis war es zwischen ihnen geblieben … Auch später, als er in Andreaswalde seine Lehrjahre durchmachte. Da war Hanna stets und überall seine Begleiterin gewesen.

Selbst, wenn er mit der Flinte aufs Feld ging, ein paar Hühner oder einen Küchenhasen zu schießen, war sie mit ihm gegangen.

Später, als er auf die landwirtschaftliche Hochschule ging und dann bei den Dragonern in Eyck sein Jahr abdiente, war das kindlich-herzliche Einvernehmen plötzlich zu Ende gewesen. Hanna war ein Jahr in einem Pensionat der französischen Schweiz gewesen, und als sie zurückkam, war aus dem lustigen Kind eine erwachsene junge Dame geworden, die ihr ausgesprochenes Talent für Musik eifrig pflegte und mit „Essig und Öl“, wie ihr eigener Vater spöttisch zu behaupten pflegte, schreckliche Bilder malte … Aber schön war sie geworden, bildschön mit ihrer schlanken und doch so vollen Gestalt, den dunklen, großen Augen, dem überreichen, schwarzen Haar und dem rosigen Mund, der so übermütig lachen konnte … Wie die Bienen um den Honig schwärmten die unverheirateten Offiziere der großen Garnison um sie herum, und auf jedem Fest war sie die unbestrittene Königin … Verwöhnt und gefeiert…

Wie oft hatte er sie in Gedanken mit seiner Mutter verglichen, in der er mit Recht das Ideal einer Mutter und klugen Hausfrau verehrte. Und ebenso oft hatte ihm sein Verstand gesagt, dass Hanna nie, auch nur im Geringsten, seiner Mutter gleichen würde. Aber was vermochte der kühl erwägende Verstand gegen das heiße Begehren seines Herzens?

Er war das, was man eine gute Partie nennt… reich, unabhängig, er galt trotz seiner Jugend für einen Musterwirt. Nur die Rücksicht auf seine Mutter hatte ihn noch immer abgehalten, das entscheidende Wort zu sprechen. Sie hatte ihm einmal angedeutet, dass sie das Haus verlassen würde, wenn er Hanna heiratete. Und das war für ihn ein unübersteigbares Hindernis…

Es war ausgeschlossen, dass er durch seine Heirat die über alles geliebte Mutter aus ihrem Heim vertrieb, an dem ihr Herz mit allen Fasern hing.

Jetzt hatte er gehofft, dass Hanna die tiefere Absicht seiner Aufforderung verstehen und die Gelegenheit ergreifen würde, sich die Zufriedenheit seiner Mutter zu erringen … oder war er ihr so völlig gleichgültig, dass sie ihn nicht verstehen wollte? Das war doch heute eine deutliche Abweisung seiner Bewerbung gewesen…

Als seine Gedanken bei diesem Punkt angelangt waren, griff er mit einem Seufzer nach seiner Mütze und ging hinaus auf den Hof … Ihm war, als hätte er ein langes Gespräch mit seiner Mutter gehabt … und doch war es nur ihr mitleidsvoller Blick gewesen, der ihm sagte, dass ein treues Mutterherz um ihn sorgte … es war keine Voreingenommenheit gegen Hanna, das wusste er, sondern ehrlich sorgende Mutterliebe, die den wackeren Sohn vor einer Ehe bewahren wollte, in der nach einem kurzen, heißen Rausch eine Ernüchterung und Entfremdung eintreten musste…










3. Kapitel


Gleich nach Mittag ritt Wolf nach Bialla, um seine aus Russland ankommenden Schnitter in Empfang zu nehmen. Er hatte einen alten, starkknochigen Gaul unter sich, der seines hohen Alters wegen das Gnadenbrot erhielt, es sich aber noch reichlich verdiente; denn im Sommer zog er das kleine Wägelchen, in dem Frau Stutterheim fast täglich ins Feld fuhr. Beim Einfahren des Getreides musste er ins Scheunenfach und unablässig hin und her wandern, um es fest zu trampeln. Und wenn er lange untätig gestanden hatte, wurde er auch zu einem kurzen Ritt in Anspruch genommen. Für große Schnelligkeit war er nicht zu haben, aber die verlangte man ja auch von ihm nicht.

Und da er noch reichlich Zeit hatte, machte Wolf den kleinen Umweg über Andreaswalde, um sich nach Hannas Befinden zu erkundigen. Christel hatte ihn aus der Giebelstube kommen sehen und stand schon vor der Tür, als er auf den Hof ritt.

»Es geht Hanna nicht sehr gut, sie hat hohes Fieber und heftige Kopfschmerzen. Wir haben schon ein Fuhrwerk nach dem Arzt geschickt…«

Sie trat an sein Pferd heran und streichelte ihm den Hals.

»Das wäre so ein Pferd für Hanna, wenn sie noch einmal Lust verspüren zu reiten«, meinte sie mit einem schelmischen Lächeln. »Du würdest nicht springen, alter Groneberg?«

»Nein«, erwiderte Wolf, »dafür ist er nicht mehr zu haben. Für Hanna ist doch keine Gefahr?«

Christel zuckte die Achseln.

»Mit solch einer schweren Erkältung ist nicht zu spaßen. Da kommt jetzt immer gleich die neumodische Krankheit, die Influenza, dazu, und vor der habe ich allen Respekt. Nun mach’ dir bloß keine Gedanken, lieber Wolf, ich werd’ sie schon zum Schwitzen bringen.«

Er reichte ihr Vom Pferd herab die Hand.

»Hab’ Dank, Christel, für deine Samaritertätigkeit…«

»Die ist doch selbstverständlich, Wolf…«

Mit einem langen Blick sah sie ihm nach. Ein Zorn war in ihr aufgestiegen, den sie mehr fühlte als dachte. Ein Zorn auf ihre ältere 5chwester, die eine so treue Liebe nicht zu schätzen wusste… Noch vor kurzem hatte sie ihr, als sie von einem Dragonerrittmeister, der ihr eifrig den Hof machte, schwärmte, vorwurfsvoll gesagt, dass sie ein schweres Unrecht beginge, und Hanna hatte lachend darauf erwidert:

»Der Wolf läuft mir nicht fort. Der wartet so lange, bis ich ihn brauche … Aber hoffentlich werde ich ihn nicht als Notnagel brauchen.«

Und dann hatte sie der jüngeren Schwester mit hässlichem Lachen gesagt:

»Aus dir spricht ja nur die Eifersucht. Du solltest mir doch dankbar sein, dass ich dir das Feld frei lasse…«

Wie eine Flamme war Christel die Röte ins Gesicht gestiegen. Wortlos hatte sie sich abgewandt, um hinauszugehen und eine verschwiegene Ecke aufzusuchen, wo sie sich ausweinen konnte. Und dabei war es ihr zum ersten Mal klar geworden, dass es nicht bloß Freundschaft war, was sie für den Jugendgespielen empfand, sondern ehrliche, tiefe Liebe … Und sie wusste, dass sie hoffnungslos war, dass Wolfs Herz ihrer Schwester Hanna gehörte, dass er um sie warb…

Was half es, dass Hanna ihn zurückwies? Er würde doch für sie, die Christel, nie mehr empfinden als für eine Schwester … Und ihr Gefühl sagte ihr das Richtige. Während der alte, nach seinem letzten Besitzer genannte Gaul langsam und gemächlich dahinschritt, wanderte Wolfs Herz zurück nach dem Gutshause, wo das geliebte Mädchen in wirren Fieberträumen lag … Gewiss, sie war oberflächlich, sie war übermütig und stets dazu aufgelegt, einen Menschen zu necken … oder verbarg sich hinter dem leichtfertigen, lustigen Ton wirklicher Ernst? Er richtete sich straff im Sattel empor und schüttelte den Kopf, als wollte er die Gedanken verscheuchen.

Dicht neben ihm hatte sich vom schwarzen Acker eine Lerche emporgeschwungen und sang oben im blauen Äther ihr kleines Lied. Es klang so tapfer und hoffnungsfreudig … aus der im Sonnenschein leuchtenden, frisch ergrünenden Saat strahlte ihm die Bejahung des Lebens entgegen. Er streckte die Hand aus und winkte der Lerche zu…

An ihm vorbei rasselten die Wagen von Andreaswalde, die auch auf den Bahnhof fuhren, um russische Schnitter abzuholen. Hinter ihnen ritt der Inspektor Brinkmann. Er schloss sich Wolf an und erzählte, dass er das schöne Reitpferd von seiner Qual durch einen Schuss erlöst habe. Dann fragte Wolf, wie viel Schnitter er in diesem Jahr bekomme.

»An hundert Stück sollen es sein, Herr Stutterheim«, erwiderte der Inspektor. »Ja, wir brauchen so viel. Uns fehlen mindestens sechs verheiratete Instleute und auch einige Knechte. Könnten Sie nicht mit dem Herrn darüber sprechen? Die Gnädige kümmert sich nicht darum, die Mamsell tut, was sie will. Und die Leute machen heutzutage Ansprüche, die Knechte sind mit dem Essen nicht zufrieden und gehen weg…«

Wolf zuckte die Achseln.

»Lieber Brinkmann, ich wollte Ihnen eben gerade ins Gewissen reden, dass die Meierei nicht genügend beaufsichtigt wird.«

»Ach Herr Stutterheim, Sie wissen doch, dass ich nicht alles schaffen kann … Die ganze Hofwirtschaft, die Rechnungsführung, die Amtsgeschäfte, die Außenwirtschaft, das kann ein Mensch nicht bewältigen. Und der Herr, je älter er wird, desto weniger kümmert er sich um den Betrieb. Er studiert in den Büchern, hält lange Vorträge im landwirtschaftlichen Verein, und in seiner eigenen Wirtschaft kann es gehen wie es will. Ich labe gestern gekündigt.«

Wolf drehte sich im Sattel zu ihm.

»Aber Brinkmann!«

»Nein, Herr Stutterheim, ich habe auch Ehre im Leibe. Im Winter ist alles verkauft worden, was an Getreide vorhanden war, und jetzt muss nicht nur Saat, sondern auch Futtergetreide gekauft werden. Das fällt auch auf mich zurück … Ich bin in Andreaswalde grau geworden und habe meine beste Kraft hiergelassen, aber nun mach’ ich Schluss, und Sie müssen mir das Zeugnis ausstellen, dass ich ehrlich und treu für meinen Herrn gearbeitet habe.«

»Ja, das kann ich … Aber was soll denn aus Andreaswalde werden, wenn Sie gehen?«

Der Inspektor zuckte die Achseln.

»Herr Stutterheim, da gehört eine junge Kraft hinein, die auch Geld hinter sich hat, und eine junge, tüchtige Frau … Die beiden Mädel könnten ja manches Gute schaffen. Die Hannachen hat leider gar keinen Sinn dafür … die Christel möchte ja, aber die gnädige Frau sieht es nicht gern, dass sie in die Wirtschaft geht. Das wissen die Mamsells, in der Küche wie in der Meierei, und sind frech gegen sie … Nein, nein, Herr Stutterheim, das geht keinen guten Gang.«

Wolf schwieg. Alles, was der Graubart ihm sagte, wusste er ja selbst … Schweigend ritten sie auf dem Bahnhof ein, stiegen ab und banden ihre Pferde an. Der Vorsteher kam ihnen entgegen.

»Der Zug hat eine Viertelstunde Verspätung, meine Herren. Mit dem Einladen der Russen hat er sich so lange aufgehalten.«

Langsam wanderten die beiden Landwirte auf dem Bahnsteig auf und ab. Sie sprachen wieder über Andreaswalde. Dazwischen fragte Wolf:

»Wie werden Sie bloß mit der Bande von hundert Menschen fertig werden?«

»Ach Herr Stutterheim, diesmal kommt noch so eine Art Inspektor mit. Er hat die ganze Gesellschaft angeworben und soll sie auch beaufsichtigen…«

»Ein Russe?«

»Wahrscheinlich doch, aber er schreibt ganz gut Deutsch. Wissen Sie, was ich meine? Das ist wohl so ein Vertrauensmann der russischen Regierung.«

»Glauben Sie wirklich, dass die russische Regierung sich darum kümmert, wie es den Arbeitern bei uns geht?«

»Wer kann das wissen, Herr Stutterheim? Es hat ja schon geheißen, dass die russische Regierung ihren Leuten verbieten will, nach Deutschland zu gehen. Dann sind wir in Ostpreußen mit der Landwirtschaft aufgeschmissen.«

Aus der Ferne wurde ein Pfiff hörbar. Der Zug rollte heran und hielt. Aus dem Wagen vierter Klasse ergoss sich eine Menschenmasse auf den Bahnsteig. Männer, Frauen, halbwüchsige Bengel und Mädchen … Schreiend und fluchend und sich stoßend und drängend schleppten sie Kasten und Säcke aus dem Wagen … Vor dem Bahnhofsgebäude standen einige masurische Bauern und Arbeiter. Mit unverhohlener Geringschätzung sahen sie auf den Schwarm Russen.

Und sie hatten alle Ursache dazu. Denn nicht nur in der Kleidung, sondern auch im Gesichtsausdruck unterschieden sich die Ankömmlinge sehr zu ihren Ungunsten von den Landesbewohnern … Kein Gesicht, das etwas Intelligenz verriet … Der Ausdruck stupid und roh wie ihr Benehmen.

Aus dem Wagen dritter Klasse war ein junger, hochgewachsener Mann gestiegen. Trotz der guten Kleidung war ihm der Russe anzusehen … Er trat auf Wolf zu, lüftete den Hut und fragte in fremd klingendem, hartem Deutsch:

»Bitte, sind Sie aus Andreaswalde?«

Der Gutsbesitzer schüttelte den Kopf und wies auf den Inspektor, der eben eine Unzahl Männer und Frauen vom Bahnsteig zu seinem Wagen führte…

Einige Minuten später hörte Wolf einen scharfen, lauten Wortwechsel. Er ging an die Ecke des Hauses und sah, wie der Russe den Pferden des vordersten Wagens in die Zügel fiel, während er auf Russisch seinen Leuten abzusteigen befahl. Dazwischen rief Brinkmann dem Knecht zu:

»Du fährst los!«

Grinsend richtete sich der Knecht im Sattel auf, knallte mit der langen Peitsche und ließ die vier Pferde antraben … Der Russe sprang fluchend zur Seite, während der Inspektor sich lachend in den Sattel schwang.

»Wenn Sie nicht wollen, können Sie zu Fuß marschieren.«

»Was ist denn da los, Brinkmann?« rief Wolf und ging näher.

»Ach, Herr Stutterheim, der Herr Inspektor ist zu fein, mit seinen Leuten zu fahren. Er verlangt einen eigenen Wagen.«

»Jawohl, das verlange ich«, rief der Russe, »und ich glaube, dass man in Deutschland Leute, die man braucht, anständiger behandeln könnte.«

»Noch viel zu anständig«, rief Brinkmann, gab seinem Gaul die Sporen und sprengte den Wagen nach.

Der Russe wandte sich zu Stutterheim.

»Ich führe sofort meine Leute weg.«

Wolf maß ihn mit einem kühlen Blick.

»Mit wem habe ich denn das Vergnügen?«

»Mein Name ist Nadrenko, ich habe die Leute angeworben und habe für sie zu sorgen. Ich bleibe nicht bei dem Herrn Brettschneider.«

»Darüber werden Sie wohl verdammt wenig zu bestimmen haben, Herr Nadrenko, wenn Sie einen Vertrag mit meinem Nachbar Brettschneider abgeschlossen haben. Wir brauchen wohl die russischen Arbeiter, aber wir betrachten sie als ein notwendiges Übel. Und unsere Behörden machen nicht viel Federlesens mit Ihren Landsleuten, zumal hier an der Grenze, wo das Ausrücken so leicht ist. Und in Ihrem eigenen Interesse rate ich Ihnen, dass Sie sich jetzt zu Fuß nach Andreaswalde auf den Weg machen.«

»Wer sind Sie denn, dass Sie mir das so sagen?«

»Ich bin der Nachbar von Andreaswalde und komme täglich dorthin … Es kann sich nur um ein Versehen handeln, dass für Sie kein Wagen mitgeschickt worden ist.«

»Das werde ich sofort feststellen, wenn ich nach Andreaswalde komme.«

Wolf lächelte.

»Ich darf wohl annehmen, dass das in sehr höflicher Form geschehen wird. Eine andere Tonart vertragen wir hier in Ostpreußen nicht mehr von den Herren Russen…«

Er machte eine kurze Handbewegung nach der Mütze, wandte sich ab und stieg auf seinen Groneberg.

Seine Schnitter, von denen die meisten schon seit Jahren wiederkehrten, hatten ihn respektvoll gegrüßt und ihre Wagen bestiegen. Eben waren die Wagen abgefahren … Einige hundert Schritt hinter dem Bahnhof holte der Russe Wolf ein und ging auf dem Fußsteig neben ihm. Sein Zorn schien verraucht…

»Herr … Herr … wie war doch Ihr Name?«

»Stutterheim«, erwiderte Wolf, sich leicht im Sattel verbeugend.

»Herr Stutterheim, darf ich fragen, wie groß das Gut ist, wo ich hinkomme?«

»Über viertausend Morgen mit reinem Körnerbau.«

»Körnerbau? Ach so, Sie meinen, es wird nur Getreide gebaut.«

»Na, etwas Milchwirtschaft ist auch dabei … die verträgt sich damit. Interessieren Sie sich so dafür?«

Der Russe nickte.

»Oh, sehr. Ich bin seit zwei Jahren Landwirt … Vorher war ich allerdings etwas anderes, aber die Verhältnisse werfen manchmal den Menschen aus einem Beruf in den anderen.«

Wolf nickte zustimmend.

»Sie wollen wohl unsere Landwirtschaft kennen lernen?«

»Jawohl, sehr richtig, Herr Stutterheim. Wir wissen, dass Preußen in der Landwirtschaft eine führende Rolle einnimmt, das heißt so lange wir ihnen das nötige Übel, die Arbeiter, liefern.«

»Ich glaube, Sie verkennen das gegenseitige Verhältnis. Wir nehmen Ihnen die überschüssigen Arbeiter ab, die Russland nicht ernähren kann, und das Geld, das Ihre Landsleute aus Deutschland nach Hause bringen, trägt viel dazu bei, Ihre Landwirtschaft zu kräftigen.«

»Das will ich nicht bestreiten, Herr Gutsbesitzer, aber es ist doch ein Freundschaftsdienst meines Landes, dass es Ihnen die Arbeiter gibt. Also nur möglich, wenn Deutschland mit uns gute Freundschaft hält…«

Der Gutsbesitzer hatte das Gefühl, als wenn der Russe ihn durch seinen hochfahrenden Ton reizen wollte, und er hatte keine Lust, mit dem Menschen, der ihm vom ersten Augenblick zuwider war, sich über Politik zu streiten. Er kitzelte seinen Gaul etwas mit den Sporen, und Groneberg war so liebenswürdig, sich für einige hundert Meter in einen sanften Trab zu setzen.

So kam er zehn Minuten früher in Andreaswalde an als Herr Nadrenko. Er stieg ab und ging zum Onkel Brettschneider hinein, der in einer Wolke von Tabaksdunst über einem Buch gebeugt saß. Der alte Herr schob seine Brille auf die Stirn und streckte ihm die Hand entgegen.

»Du willst dich wieder nach Hanna erkundigen. Es geht besser, Wölflein. Sie hat tüchtig geschwitzt.«

»Danke dir für die gute Nachricht, Onkel. Ich will dich nur bitten, dass du deinen russischen Inspektor heute nicht empfängst … Ich komme morgen früh her, dann lässt du ihn rufen … Ich erzähle dir nachher, weshalb ich das für sehr wünschenswert halte.«

»Selbstverständlich, mein Jungchen. Ich bin dir sehr dankbar, wenn du mir einen guten Rat gibst.«

Als sich Herr Nadrenko eine Viertelstunde später melden ließ, erhielt er den Bescheid, der Herr sei nicht zu sprechen, er werde morgen früh, wenn der Herr Zeit habe, gerufen werden…










4. Kapitel


Der Frühling war mit seinem ganzen Gefolge ins Land gezogen. Die Berge im Walde waren mit blauen Leberblümchen und weißen Anemonen übersät, auf dem Scheunendach stand klappernd der Storch, und aus allen Bäumen und Hecken erklang das Jubellied der kleinen Sänger, die fleißig an ihren Nestern arbeiteten … Ein lauer Wind strich über die Erde, der die Sinne aufreizte und die Körper zu wohliger Müdigkeit erschlaffte…

Singend zogen die russischen Schnitter ins Feld.

Aus den hässlichen Raupen waren bunte Schmetterlinge geworden, die sich mit hellfarbigen Miedern und Kopftüchern schmückten. Wie Kohlen glühten die schwarzen Augen in dem bräunlichen Gesicht … Nur unten, von den kurzen Röcken abwärts, war noch keine Verschönerung eingetreten, denn die Füße steckten noch in plumpen Männerstiefeln…

Vierzehn Tage hatte Hanna fest zu Bett gelegen, und ebenso lange dauerte es, bis sie wieder etwas zu Kräften kam, bis sie aus dem Liegestuhl aufstehen und einen kurzen Spaziergang durch den Garten unternehmen konnte. Ihr Gesicht hatte einen anderen Ausdruck bekommen. Es wurde vollständig beherrscht von den dunklen Augen, die das übermütige Lachen verlernt zu haben schienen. Ihre Schönheit hatte dadurch einen neuen, eigenartigen Reiz gewonnen.

Das traurige Ende der schönen Stute, das sie verschuldet hatte, war ihr nahe gegangen. Auch an Wolf musste sie oft denken. Die Schwestern hatten ihr erzählt, wie er sie reitend nach Hause gebracht und sich täglich nach ihrem Befinden erkundigt hätte. Aber seitdem sie aufgestanden war, hatte sie ihn noch nicht gesehen.

Nur telefonisch hatte er sich einige Male nach ihrem Befinden erkundigt.

Hanna war von aller Welt so verwöhnt, dass sie es als eine Vernachlässigung empfand. Sie hatte die vielen Beweise von Wolfs Zuneigung wie etwas Selbstverständliches hingenommen. Nun sträubte sich ihre Eitelkeit gegen den Gedanken, dass er sich von ihr zurückziehen könnte … Vielleicht hatte sie ihn durch ihre übermütigen Worte gekränkt? Sie war nicht weit von der Wahrheit entfernt.

Wolf hatte in der Zeit, wo er Hanna nicht täglich sah, sich in Gedanken viel mit ihr beschäftigt. Schon mehrere Male, wenn er ihr die Möglichkeit einer Verbindung angedeutet hatte, war sie ihm ausgewichen oder sie hatte auch schon mal gesagt, dass sie nicht auf dem Lande verheiratet sein möchte … Dann hatte er dazu gelacht und es als eine Neckerei aufgenommen. Diesmal waren ihre Worte bei ihm tiefer gegangen. Und damit kam ihm die Empfindung, dass er gar kein Recht hatte, sich so sehr um Hannas Befinden besorgt zu zeigen … Vielleicht, dass seine Zurückhaltung auch sie dazu veranlasste, ihre Stellung zueinander zu prüfen…

In gewissem Sinne hatte er recht … Denn eines Vormittags, als die Sonne so recht warm schien, machte sich Hanna auf den Weg, um Tante Mathilde in Dalkowen zu besuchen. Eine freudige Kraft war in ihr…

Den Ausreißer, den Wolf, wollte sie zur Rede stellen und so lieb und nett zu ihm sein … Frau Stutterheim saß in ihrem Wagen am Fenster ihres Zimmers, von dem aus sie den Hof und alles, was darauf geschah, übersehen konnte. Da sah sie dann auch öfter ihren Sohn, wenn er vom Felde heimkam und nach kurzem Verweilen wieder hinausritt…

Freundlich, wie immer, empfing sie den Besuch und beglückwünschte Hanna zu ihrer Genesung. Mütterlich besorgt strich sie ihr über die Wange, die von ihrer Rundung und frischen Farbe viel eingebüßt hatte. Und ihr Auge empfand, dass von dem Mädel ein neuer Zauber ausging, seitdem sie ernster und still geworden war. Aber schon blitzte es in den dunklen Augen schelmisch auf.

»Weißt du, Tantchen, dass Wolf sich schon seit vierzehn Tagen, solange, wie ich auf bin, nicht bei uns hat sehen lassen?«

»Mein Kind, er hat zu viel zu tun. Morgens vor Tagesgrauen steht er auf zum Melken und Buttern. Dann reitet er aufs Feld und steht bei den Leuten. Ich sehe ihn nur zu Mittag und Abendbrot auf eine Viertelstunde. Und bis tief in die Nacht sitzt er über seinen Büchern und schreibt Briefe…«

»Aber Tantchen, das kann doch kein Mensch auf die Dauer aushalten. Was hat er denn von seinem Leben?«

»Arbeit, Hanna, die unseren Lebenszweck ausmacht.«

Mit einem Blick, aus dem der alte Übermut sprühte, sah Hanna zu ihr auf…

»Ich habe immer sagen hören, Tantchen, eine Beschäftigung muss der Mensch haben, aber die darf nicht in Arbeit ausarten.«

Frau Stutterheim machte eine abweisende Miene.

»Das ist nichts weiter als ein schlechter Scherz, mein Kind. Jeder Mensch muss die Stelle ausfüllen, auf die ihn das Schicksal gestellt hat. Mein Sohn hat eine große und schwere, aber eine schöne Pflicht zu erfüllen. Er tut es mit Freuden, und es bekommt ihm sehr gut. Der Junge ist wie von Eisen.«

»Er könnte sich doch wenigstens einen Inspektor halten.«

»Jawohl, das könnte er. Aber die tüchtigen Menschen sind dünn gesät und noch dünner aufgegangen. Ehe er sich mit einem schlechten Beamten herumärgert, tut er selbst die Arbeit.«

»Ich würde an deiner Stelle doch darauf dringen, dass er sich nicht zu viel zumutet … Sein Herz ist doch nicht ganz taktfest.«

»Ach du spielst auf den Unfall an, der ihn bei der letzten Übung vom Pferde warf und seiner militärischen Laufbahn ein jähes Ende bereitete…? Ja, Kind, das hat mir damals auch Kopfschmerzen bereitet, dass sein Herz nicht ganz in Ordnung sein sollte. Wer weiß, was das gewesen ist, ich meine, auch ein Stabsarzt kann sich irren. Ich habe auch unter der Hand Erkundigungen eingezogen und in Erfahrung gebracht, dass die jungen Offiziere die Nachricht von einem bevorstehenden Kriege mit Russland sehr energisch gefeiert hatten … Und du weißt doch, dass Wolf nie mit Alkohol über die Schnur gehauen hat. Nein, Kindchen«, fuhr sie nach einer kurzen Pause fort, »darüber mache dir keine Sorgen mehr. Wenn er man sonst mit seinem Herzen in Ordnung wäre.«

Hanna errötete. Noch nie hatte Tante Mathilde eine solche Anspielung gemacht. Sie hätte sie gern durch eine lustige und schelmische Antwort zurückgewiesen, aber ihr fiel in diesem Augenblick nichts ein. Ganz beklommen fragte sie:

»Was fehlt ihm denn?«

Frau Stutterheim seufzte tief auf.

»Ach viel, mein Kind. Du bist auch mit ihm so befreundet, dass du nicht darüber sprechen wirst.«

»Nein, Tantchen, gewiss nicht…«

»Na dann will ich es dir erzählen. Du bist ja sehr klug und kannst mir vielleicht einen guten Rat geben … Höre zu: Wolf hat sich in ein Mädchen verliebt, das ich nicht gern zur Schwiegertochter haben will.«

»Ach, wieso nicht, Tantchen?« entfuhr es Hanna.

In demselben Augenblick kam es ihr zum Bewusstsein, dass sie sich durch die Heftigkeit, mit der sie die Worte hervorgestoßen hatte, verraten hätte…

»Das wirst du gleich hören. Das Mädchen ist ganz großstädtisch erzogen, hat gar keinen Sinn für Landwirtschaft und, was noch schlimmer ist, keine Neigung für den Beruf eines Landwirts. Er liebt sie mit allen Fasern seines treuen Herzens und ist tief unglücklich, weil ihn diese Liebe in einen schweren Konflikt schwerer Pflichten bringt. Stelle dir mal vor, Hanna: ein Mann, der bei seiner Frau nicht das geringste Verständnis für die Pflichten seines Berufes findet … Er muss doch schwere Bedenken tragen, solch ein Mädel trotz der größten Liebe an sich zu fesseln. Ich empfinde es in solcher Zeit als seine Mutter schon so schwer, dass ich ihn nur zu den Mahlzeiten sehe, und stelle mir das für eine Frau, die ihren Mann liebt, noch viel schwerer vor.«

»Liebt sie ihn denn?« fragte Hanna leise.

»Mein Kind, das weiß ich nicht. Sie muss es doch merken, dass er sich um ihre Zuneigung bewirbt. Trotzdem bringt sie es fertig, ihm zu sagen, dass sie nur für Musik und Theater schwärmt und nur in der Stadt leben will. Wenn sie ihn richtig lieben würde, dann würde sie ihm das nicht sagen … Ob sie nicht doch ‘Ja’ sagen würde, wenn er sie vor die entscheidende Frage stellt, weiß ich nicht. Aber das geht mir wider den Strich. Mein Junge verdient eine Frau, die ihn aus tiefer, herzlicher Liebe nimmt … Dann mag sie meinetwegen für die Landwirtschaft gar keinen Sinn haben, er ist Mannes genug, um die Hilfe einer Frau entbehren zu können, aber die Liebe muss vorhanden sein, die große, ehrliche Liebe, ohne die es keine rechte, heilige Liebe gibt…«

Sie schwieg einen Augenblick still und sah auf das Mädchen zu ihren Füßen, das den Kopf gesenkt hatte und mit den Fransen der Stuhldecke spielte…

»Sag’ mal, mein Kind, habe ich nicht recht?«

Hanna nickte ein paarmal mit langsamer Kopfbewegung.

»Ja, Tantchen…«

Ihre Stimme klang traurig und bebte leise.

»Aber das Mädchen kann doch nichts dafür, dass Wolf sich in sie verliebt hat. Und sie kann doch nicht eine Liebe heucheln. Und sie kann doch nicht aus ihrer Haut fahren, wenn sie so erzogen ist, dass sie nur für andere Dinge Sinn und Verständnis hat.«

Sie hob den Kopf und sah der alten Dame frei ins Gesicht.

»Sag’ mal, Tante, du bist doch eine erfahrene Frau, woran erkennt man eigentlich die richtige Liebe? Ist es wahr, dass man keine Ruhe hat, dass man immerfort an den Mann denken muss und gar keinen anderen Gedanken hat, als den, dass man alles andere über ihn vergisst? Ist das wahr?«

Ihre Augen flammten, Und der schön geschnittene Mund zitterte wie in banger Erwartung … Langsam hob die alte Dame die Hand und strich ihr über das Haar…

»Ja, mein Kind, das sind die richtigen Zeichen, ich habe es selbst erfahren. Ich war einundzwanzig Jahre alt, als mein Mann zum ersten Mal in mein Elternhaus kam. Er beachtete mich gar nicht. Ich glaube, wir haben nicht drei Sätze miteinander gesprochen. Aber von der Stunde an verließ mich sein Bild nicht, weder im Wachen noch im Träumen. Als er das nächste Mal zu uns kam und ich ihn empfangen musste, da hatte ich ein Gefühl wie ein armer Sünder. Ich hatte das Gefühl, dass er es mir am Gesicht ablesen müsste, was ich dachte und fühlte … Wie mit Blut übergossen stand ich vor ihm und war verlegen wie ein kleines Gör…«

Ihre Augen schienen ins Weite zu gehen, als wenn sie noch sahen, was der Mund erzählte. Mit bewegter Stimme fuhr sie fort:

»Er hat mir später erzählt, dass er mich in diesem Augenblick schön fand … Mein Kind, ich habe nie auf besondere Schönheit Anspruch machen können … und dass er mir die Neigung auf dem Gesicht ablas … Und da wurde er auch verlegen, und wir standen uns wie zwei kleine Kinder gegenüber, die sich fremd sind und sich nicht anzureden getrauen. Ja, Kind, das ist die Liebe auf den ersten Blick. Es gibt auch eine andere, ruhigere. Aber die soll auch voll heißer Sehnsucht sein.«

Hanna hatte ihren Kopf wieder sinken lassen. Ein paar Tränen tropften ihr aus den Augen. Die alte Frau sah mild auf sie nieder, nahm ihre Hand und zog sie auf ihren Schoß.

»Was ist dir, mein Kind? Sprich dich offen aus. Du weißt, ich habe dich von klein auf lieb wie eine Tochter. Sei offen zu mir, Hanna, es handelt sich um das Glück zweier Menschen, die ich lieb habe … Und der eine davon ist mein Ältester…«

Hanna hatte das Gesicht an ihrer Brust geborgen.

Ganz leise begann sie zu sprechen:

»Ich weiß, dass du mir sehr böse sein wirst, Tantchen, aber ich kann beim besten Willen Wolf nicht heiraten … Er tut mir ja so furchtbar leid, aber ich habe doch keine Schuld daran, dass er mich so lieb hat … Ich glaube, wir haben zu früh als Kinder Brautpaar gespielt … Ich habe es immer als Spaß genommen und er im Ernst …

Glaube mir, Tantchen, jetzt während der Krankheit, als ich nicht einmal lesen durfte, habe ich mich viel mit Gedanken geplagt, was doch sonst nicht meine Art ist. Und da habe ich mir gesagt: Wenn du den Wolf nimmst, bist du geborgen. Ich weiß, dass es bei uns zu Hause nicht gut steht. Und ich weiß, dass Wolf mich auf den Händen tragen würde, aber ich kann nicht…«

»Sag’ mal offen, dass du einen andern liebst.«

Hanna richtete sich empor und drückte beide Hände gegen ihre Brust.

»Bei Gott nicht, Tantchen. Mir macht es Spaß, wenn die Offiziere sich um mich drängen, um mir Schmeicheleien zu sagen, aber sie sind mir alle gleichgültig.«

Sie sprang auf und stellte sich vor die Frau. Der Schelm erwachte in ihr.

»Tante, ich muss eine geistige Missgeburt sein. Andere Mädchen in meinem Alter haben sich schon mindestens ein halbes dutzendmal verliebt oder wenigstens für einen Mann geschwärmt … Ich noch nicht ein einziges Mal. Ich glaube, ich kann gar nicht lieben.«

Die alte Dame lächelte nachsichtig.

»Das ist ein gutes Zeugnis, was du dir ausstellst … Ich sehe daraus, dass der Rechte noch nicht gekommen ist. Aber er wird auch kommen, verlass’ dich darauf. Ich hatte auch noch keinen Mann angeschwärmt, als mein Einziger kam … Aber nun noch eine ernste Frage: Darf ich Wolf unser Gespräch mitteilen? Die nackte Gewissheit, mag sie auch noch so traurig sein, ist für ihn besser als solch Hangen und Bangen.«

»Ja, Tantchen, er wird es überwinden und mich vergessen und eine bessere Frau bekommen, als ich es jemals werden könnte.«

»Wollen’s hoffen, mein Kind. Es wäre gut, wenn du nun einige Wochen verreisen könntest … Deine Eltern brauchen den richtigen Grund ja gar nicht zu erfahren. Und nun zieh’ mal die Glocke. Du kannst mit dem Groneberg zurückfahren; er steht angespannt, weil ich ins Feld fahren wollte … Grüß’ mir deine Eltern und schilt Christel und die beiden Jüngeren aus, dass sie mich so sehr vernachlässigen…«

»Christel ist entschuldigt. Die steht jetzt früh zum Melken und Buttern auf, dann betreut sie auch den Geflügelhof und hilft der Mamsell in der Küche…«

Über das Gesicht der alten Dame flog ein heller Schein.

»Dann gib ihr in meinem Auftrag einen Kuss, und in den nächsten Tagen komme ich selbst zu euch … Das Ein- und Ausladen meiner Person ist ja nicht so angenehm für die Beteiligten, aber ich will nicht in meinem Stuhl versauern … Auf Wiedersehen, mein Kind … Ich werde mich freuen, wenn du mich bald wieder auf ein Plauderstündchen besuchst. Du bist mir stets ein lieber Gast … Auf Wiedersehen…«










5. Kapitel


Eines Tages wurde die Familie Brettschneider durch ein Telegramm aus Hamburg überrascht. Dort wohnte ein einsames, altes Fräulein, eine entfernte Verwandte, eine Kusine von der Mutter der Gutsherrin.

Vor langen Jahren, als die Kinder in Andreaswalde noch klein waren, war sie einmal auf einige Zeit zu Besuch gewesen. Seitdem beschenkte sie die Kinder regelmäßig zum Geburtstag und zu Weihnachten mit Kleinigkeiten und erhielt jedes Mal einen gemeinsamen Dankbrief.

Ob die Tante Borkchen reich war oder nur ihr kümmerliches Auskommen hatte, wusste man nicht.

Man war deshalb in Andreaswalde einigermaßen überrascht, als die Pflegerin der alten Dame in der Depesche um schleunigen Besuch der Frau Brettschneider bat, da ihre Herrin sich recht schwach fühlte und ihre einzige Anverwandte noch gern vor ihrem Tode sehen und sprechen möchte.

Frau Brettschneider hatte nicht große Lust, dieser Bitte zu entsprechen, aber als Hanna einen Ausflug nach Helgoland, Sylt usw. in Vorschlag brachte, wurde die Reise beschlossen und mit möglichster Beschleunigung vorbereitet. Am nächsten Morgen bereits traf ein Telegramm ein, das den Tod der alten Dame meldete und noch dringlicher um den Besuch eines der Mitglieder der Familie Brettschneider bat. Zur Regelung des Nachlasses würde die Anwesenheit eines männlichen Familienmitgliedes erwünscht sein.

Jetzt kam Hanna auf den Gedanken, dass es sich vielleicht doch um eine bedeutende Erbschaft handeln könnte. Nun machte Brettschneider den Vorschlag, dass die Mutter mit Hanna hinfahren und Wolf als männlichen Beistand mitnehmen sollte.

»Er steht uns doch so nahe wie ein Sohn, und wird es ja wahrscheinlich auch noch werden«, meinte der Hausherr mit glücklichem Lächeln.

Seine Gattin maß ihn mit einem langen, verwunderten Blick.

»Du scheinst es gar nicht zu wissen, dass diese Kindereien zwischen Wolf und Hanna längst abgetan sind. Hanna denkt gar nicht daran, Wolf zu heiraten.«

Wohl oder übel musste Herr Brettschneider sich selbst entschließen, seine Gattin zu begleiten. Aber mit einer Entschiedenheit, die sonst selten bei ihm zum Ausdruck kam, bestimmte er, dass Hanna zu Hause bleiben solle.

Am zweiten Tage nach der Abreise der Eltern wurde Brinkmann im Stall von einem Pferde geschlagen und erheblich verletzt. Grete, die Jüngste, die sich immer auf dem Hof befand, brachte die Nachricht ins Gutshaus und warf in ihrer praktischen Art sofort die Frage auf, wer nun die Wirtschaft leiten sollte. Wie aus einem Munde riefen Christel und Hedwig: „Wolf“.

Es sei selbstverständlich, dass er gleich benachrichtigt werden müsste. Hanna widersprach. Die Beziehungen zwischen Andreaswalde und Dalkowen hätten sich so geändert, dass es nicht mehr möglich sei, die Dienste des Nachbars in Anspruch zu nehmen. Christel schwieg dazu. Hedwig jedoch erklärte rund heraus, sie ginge es gar nichts an, was Hanna mit Wolf vorgehabt hätte, für sie blieben Tante Mathilde und Wolf, was sie immer gewesen wären, die liebsten Menschen und die besten Freunde.

»Das ist deine Sache«, erwiderte Hanna. »Ich als Älteste werde tun, was ich für richtig halte. Grete geht jetzt sofort zu Brinkmann und stellt fest, ob er imstande ist, durch den Kämmerer die Wirtschaft zu leiten.«

Nach wenigen Minuten brachte Grete den Bescheid zurück, dass Brinkmann schon selbst die Sache so geordnet habe. Damit glaubten die Mädchen den Zwischenfall erledigt.

Als sie sich eben an den Kaffeetisch gesetzt hatten, erschien Herr Nadrenko im Gutshause und ließ sich bei Hanna melden. Die Mädchen waren noch nie mit dem Russen, obwohl sie ihn täglich sahen, in persönliche Berührung gekommen. Er erschien zwar jeden Tag nach Feierabend im Gutshause und blieb manchmal auch länger bei dem Gutsherrn, als die Besprechung der Arbeitsaufträge erforderte. Dann erzählte der Hausherr jedes Mal, dass er sich mit dem russischen Inspektor in anregender Weise über alles Mögliche unterhalten habe. Es sei ein interessanter, gebildeter Mann.

Ohne Bedenken ließ Hanna Herrn Nadrenko eintreten, bot ihm eine Tasse Kaffee an und fragte ihn nach der Ursache seines Besuches.

Nadrenko verbeugte sich lächelnd und erwiderte, er wolle nur um die Adresse des Gutsherrn in Hamburg bitten, um sich mit ihm in Verbindung zu setzen.

»Aha«, rief Grete, die nicht gewohnt war, ihren Gedanken und ihrem Munde Zügel anzulegen, »Sie wollen Herrn Brinkmann nicht gehorchen.«

»Nein, mein kleines, gnädiges Fräulein«, erwiderte Nadrenko, »ich habe bis jetzt nur mit Ihrem Herrn Vater zu tun gehabt und lasse mir nicht durch den Kämmerer ansagen, was ich zu tun habe. Das müssen Sie doch selbst einsehen, dass ich mir das nicht gefallen lassen kann.«

»Kann diese Sache nicht in der Schwebe bleiben, bis mein Vater zurückkommt?«

Der Russe zuckte die Achseln.

»Es muss doch entschieden werden, ob Herr Brinkmann mir Anweisungen erteilen darf.«

»Haben Sie sich denn nicht mit meinem Vater besprochen, was während seiner Abwesenheit hier geschehen soll?« fragte jetzt Christel, und es lag eine deutlich erkennbare Verwunderung in ihrem Ton.

»Nein, gnädiges Fräulein, Ihr Herr Vater ließ mir darin freie Hand, ich machte ihm nur ab und zu Vorschläge.«

»Verstehen Sie denn so viel von der Wirtschaft?« rief Grete vorlaut dazwischen.

Christel und Hedwig lachten, denn die Kleine hatte ausgesprochen, was sie selbst eben dachten. Hanna sandte der jüngeren Schwester einen strafenden Blick zu, aber ehe sie die dazugehörigen Worte gefunden hatte, erwiderte Nadrenko mit feinem Lächeln:

»Das kleine Fräulein hat nur ausgesprochen, was Sie alle in diesem Augenblick gedacht haben, und ich fühle mich verpflichtet, darauf Antwort zu geben, um die Damen der Sorge zu entheben, dass Andreaswalde unter meiner Leitung nicht gut aufgehoben sein könnte. Ich habe die Landwirtschaft nicht nur gelernt, sondern auf einem viel größeren Gute geleitet. Es war allerdings nicht mein ursprünglicher Beruf…«

Er machte eine Pause und sah Hanna an. Sie schien in seinem Blick die Aufforderung gelesen zu haben, ihm Gelegenheit zu geben, weiterzusprechen, denn sie tat die Frage, was er denn vorher gewesen sei.

»Wenn es die Damen interessiert, will ich Ihnen gern meinen ziemlich bewegten Lebenslauf schildern.

Ich habe schon mehrere Berufe gehabt, bin aber in keinem sehr weit gekommen. Ich stamme aus einem sehr guten, begüterten Hause und wurde schon ganz jung zum Offizier bestimmt. Als der Krieg mit Japan ausbrach, war ich gerade Leutnant geworden.«

»Ach, Sie haben wirklich den Krieg mit Japan mitgemacht?« rief Grete dazwischen.

»Jawohl, mein kleines Fräulein.«

Er hob seine Tasse und reichte sie Christel hin.

»Darf ich noch um eine Tasse des köstlichen Getränkes bitten, für dessen Bereitung ich wohl Ihnen mein Kompliment machen darf?«

»Keine Ursache«, erwiderte Christel trocken, »wir trinken immer guten Kaffee.«

Nadrenko verbeugte sich lächelnd und fuhr fort:

»Ich habe bei diesem Anlass erst den richtigen Begriff von der Größe meines Vaterlandes bekommen. Es ist unermesslich. Vier Wochen waren wir mit der Bahn unterwegs, Tag und Nacht.«

»In dem Krieg mit Japan haben Sie sich aber nicht mit Ruhm bekleckert«, rief Grete dazwischen.

Die Schwestern lachten, Herr Nadrenko machte ein sehr verwundertes Gesicht.

»Nicht mit Ruhm bedeckt«, erklärte Hanna.

»Ah, nicht bedeckt mit Ruhm, meint das kleine Fräulein. Ja, der Ausgang des Krieges war unglücklich. Wir haben den kleinen Gegner unterschätzt, unsere Führung war schlecht, und am meisten hinderte uns die gewaltige Entfernung, genügende Truppenmassen auf dem Kriegsschauplatz zu entfalten. Einen Feind, der uns so nahe liegt, wie z. B. Deutschland, würden wir ohne Zweifel allein durch unsere Massen zerdrücken.«

»Na, na«, meinte Christel ruhig, »wir würden uns nicht erdrücken lassen.«

Nadrenko beugte wie zustimmend den Kopf.

»Gnädiges Fräulein, das ist ein schlechtes Thema zwischen uns. Ich wollte nur die gewaltigen Truppenmassen meines Vaterlandes betonen.«

»Und wir wollen nicht die Chancen eines Krieges zweier befreundeter Reiche erörtern«, warf Hanna ein.

»Ich danke Ihnen, gnädiges Fräulein, für diesen Ordnungsruf«, erwiderte Nadrenko, indem er seine stahlgrauen Augen mit einem aufleuchtenden Blick auf Hanna richtete. »Ich habe gar keine Veranlassung, für mein Vaterland so warm einzutreten, weil ich hier bei Ihnen in Deutschland Schutz gesucht habe.«

»Ach, weshalb denn?« fragte Hanna.

»Weil mich mein Vaterland sehr schlecht behandelt hat. Ich hatte durch den Krieg die Lust an meinem Beruf verloren und benutzte eine ziemlich leichte Verwundung, um meinen Abschied zu erbitten. Ich wollte dann studieren und ging nach Kiew an die Universität, um mir als Jurist die nötigen Vorkenntnisse für die höhere Verwaltungskarriere anzueignen, der auch mein Vater angehört.«

Der kleinen Grete schienen die Lebensschicksale des Herrn Nadrenko so wenig interessant zu sein, dass sie aufstand und ans Fenster ging. In demselben Augenblick rief sie auch schon aus:

»Die Fohlen kommen von der Koppel rein.«

Sie sprang zum Tisch zurück und griff in die Zuckerdose.

»Christel, darf ich? Komm’ mit, Heta! Willst ’mal sehen, wie der Peter mir gehorcht? Er kommt in der Koppel auf mich zu und küsst mich, wenn ich an den Zaun komme.«

Mit einer kurzen Verbeugung gegen Herrn Nadrenko stand Hedwig auf und ging mit der Schwester hinaus.

»Ich darf den beiden Damen jetzt wohl mit der Bitte um Diskretion verraten, dass Nadrenko nur ein angenommener Name ist, ich heiße in Wirklichkeit Wladimir Georgewitsch Graf Tolpiga.«

»Ah, Herr Graf«, rief Hanna überrascht aus.

Christel schien für die Bedeutung dieser Enthüllung kein rechtes Verständnis zu besitzen, sie lächelte nur.

»Ich bitte, diese Mitteilung, die ich bereits Ihrem Herrn Vater gemacht habe, durchaus diskret zu behandeln, meine Damen«, fuhr Nadrenko ruhig fort, »ich bin nicht sicher, dass sich nicht unter meinen Leuten ein Verräter, ein Spion der russischen Regierung befindet.«

»Sie sind ein Graf und kommen als Anführer russischer Erntearbeiter hier nach Deutschland?« fragte Christel mit einem leisen Zweifel in der Stimme.

»Jawohl, mein gnädiges Fräulein«, erwiderte Nadrenko, »das ist eine bittere Notwendigkeit. Ich war zwei Jahre bei einem deutschen Herrn, der an der Mündung des Don große Güter besitzt, als Inspektor tätig. Da fügte es der Zufall, dass unter den neuen Arbeitern, die wir im Frühjahr erhielten, sich ein Mann befindet, der bei meiner Schwadron gestanden hat. Er stürzt auf mich zu, küsst mir die Hände und ruft meinen richtigen Namen. Die Leute, die herumstehen, sehen mich erstaunt an … ‘Der Herr Mischka’, so nannte ich mich damals, ‘ist ein Graf?’ Noch an demselben Abend fuhr ich ab, um mich in Sicherheit zu bringen, denn ich konnte mit Gewissheit annehmen, dass sich in der Nacht mehrere zu der glücklicherweise ziemlich entfernt liegenden Polizeistation aufmachen würden, um dort zu berichten, dass in Tworki ein Inspektor lebe, der sich nur Mischka nenne, in Wirklichkeit aber ein Graf Tolpiga sei. Für solche Nachrichten bekommt man in Russland eine Belohnung…«

»Was haben Sie denn eigentlich verbrochen, dass Sie von der Polizei verfolgt werden?« fragte Christel.

»Verbrochen? In Russland genügt ein Verdacht, um verhaftet und nach Sibirien gebracht zu werden.

Ich war in Kiew in die Kreise der jungrussischen Bewegung geraten, die ich nicht mit den sogenannten Nihilisten zu verwechseln bitte. Sie erstreben nichts weiter als eine Wiedergeburt des Vaterlandes unter Mitwirkung einer Volksvertretung. Die jugendliche Begeisterung dieser Kreise zog mich an, obwohl ich durchaus nicht auf dem Boden dieser Bewegung stand. Aber Sie müssen sich vorstellen, dass es auf den russischen Universitäten, wenn man eine geistige Anregung von gleichaltrigen Kommilitonen haben will, keine andere Wahl gibt, als sich einer der beiden großen Bewegungen anzuschließen. Die eine, weitaus größere, ist durchweg von anarchistischen Ideen beherrscht, und ich kann verstehen, dass sie von der Regierung mit der größten Rücksichtslosigkeit verfolgt wird, denn die jugendlichen Schwärmer wollen alles, was staatliche Ordnung heißt, von Grund auf zerstören.«

»Ah, wie interessant!« warf Hanna dazwischen.

»Ja, sehr interessant, mein gnädiges Fräulein, aber auch sehr gefährlich. Von diesen Kreisen habe ich mich aus vollster Überzeugung ferngehalten. Die anderen, mit denen ich durch Zufall in Berührung kam, scheinen aber der Regierung noch gefährlicher zu sein, denn eines Nachts wurde der ganze Zirkel, in dem ich verkehrte, von der Polizei aufgehoben. Mein Vater, dem ein guter Freund einen Wink gegeben hatte, hielt mich unter einem Vorwand zu Hause zurück, und um Mitternacht war ich bereits auf einer Troika unterwegs, um weit im fernen Osten als einfacher Mischka unterzutauchen.«

»Sie sagten doch, Russland wäre so ungeheuer groß«, meinte Christel trocken.

»Jawohl, aber nicht für die Polizei. Vom Don fuhr ich nach Kiew, suchte nachts heimlich mein Vaterhaus auf, versah mich mit Geld und fuhr an die Westgrenze, wo ich mir mit falschem Pass als Anführer eines Trupps Erntearbeiter die Flucht nach Deutschland sicherte. Hätte mein Vater nicht so gute Verbindungen, dann wäre mir die Flucht nicht gelungen, denn der Direktor der Kammer an der Grenze hatte mich erkannt und sagte es mir, als ich ihm meinen falschen Pass vorlegte. Nun lebe ich hier wie der Vogel in der Luft…«

Seine Stimme bekam einen harten Ton…

»Wenn meine Leute nach Hause zurückkehren, muss ich hierbleiben, ich hoffe auf die gütige Fürsprache Ihres Herrn Vaters. Vielleicht wird mir gestattet, im nächsten Winter eine deutsche Universität zu besuchen. Ich möchte mir einen neuen Beruf erobern. Jura weiter zu studieren, hat doch für mich keinen Zweck. Ich würde anfangen, Medizin zu studieren, um mich als Arzt in irgendeinem Kulturstaat betätigen zu können.«

Nach einer Pause fuhr er mit weicher Stimme fort:

»Ich habe in den Kreisen, in denen ich aufgewachsen bin, Ihr Vaterland nicht lieben gelernt … Es ist viel Hass gegen Sie in Russland, und am meisten in den Kreisen der Intellektuellen. Wahrscheinlich aus dem Gefühl heraus, dass Sie uns überlegen sind … Ich achte Ihr Vaterland … Dass ich es schon liebe, können Sie von mir nicht verlangen, aber ich fühle bereits, dass ich es einmal lieben werde…«

Mit einer plötzlichen Aufwallung streckte Hanna ihm über den Tisch die Hand entgegen. Er sprang auf und küsste ihr die Hand.

»Herr Graf, es ist wohl nicht mehr nötig«, sagte Hanna mit einem leichten Beben in der Stimme, »dass wir meinen Vater mit dieser Ungelegenheit behelligen. Ich werde Herrn Brinkmann benachrichtigen, dass er keine Befugnis hat, Ihre Tätigkeit zu überwachen und Ihnen Befehle zu geben.«

Nadrenko klappte die Hacken zusammen und verbeugte sich. Mit der theatralischen Gebärde, die allen Slawen eigentümlich ist, legte er dabei die rechte Hand aufs Herz.

»Tausend Dank, meine Damen … Ihr Herr Vater wird mit mir zufrieden sein. Empfehle mich gehorsamst…«










6. Kapitel


Kaum hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen, als Christel mit einem zornigen Blick sich vor ihre Schwester stellte.

»Aber Hanna, wie kannst du bloß den alten Mann so kranken, der ein Menschenalter in unseren Diensten gestanden hat?«

»Du meinst Herrn Brinkmann«, erwiderte Hanna kühl. »Weißt du denn nicht, dass er gekündigt hat und wie eine Ratte das Schiff verlassen will, das ihm nicht mehr sicher genug erscheint?«

»Gekündigt, Brinkmann hat gekündigt?«

Kopfschüttelnd drehte Christel sich um und ging zum nächsten Stuhl, um sich zu setzen.

»Hältst du das für ein so großes Unglück, Schwesterchen? Ich finde, dass der Mann stumpf geworden ist, genauso wie unser Vater, der nur noch Interesse für seine theoretischen Untersuchungen hat. Ich betrachte es als ein Glück, wenn wir eine jüngere, tüchtige Kraft bekommen!«

»Mehr als Brinkmann kann keiner leisten. Auch der Herr Nadrenko nicht, der sich uns heute geradezu aufgedrängt hat. Glaubst du wirklich alles, was er uns erzählt hat?«

»Aber Christel, ich begreife nicht, weshalb du so misstrauisch gegen den Menschen bist. Selbst wenn etwas Dichtung ihm zwischen die Wahrheit gelaufen ist, bleibt er doch ein sehr interessanter Mann, und wir können ihm nur dankbar sein, dass er sich ins dieser Weise des Gutes annimmt.«

Christel schwieg und zuckte die Achseln. Hanna fuhr hartnäckig fort:

»Ich finde, dass man ihn nicht wie bisher behandeln kann. Brinkmann isst an unserem Tisch. Jetzt, wo wir wissen, dass Nadrenko in Wirklichkeit ein Graf und ein gebildeter Mensch ist, wäre es unpassend, ihm das Essen in seine Wohnung zu schicken!«

»Er scheint es doch nicht anders gewünscht zu haben«, erwiderte Christel ruhig, »sonst würde ihn der Vater doch schon mal zu Tisch geladen haben. Außerdem finde ich es unpassend, dass wir ihn jetzt zu Tisch bitten, wo wir Mädchen allein sind.«

»Ach Christel, sei doch nicht so spießbürgerlich. Brinkmann liegt krank. Herr Nadrenko kommt, mir Bericht über die Wirtschaft zu erstatten, da ist es doch nur natürlich, dass ich ihn zu Abendbrot bitte.«

Christel zuckte die Achseln und stand auf.

»Du bist die Ä1teste, du hast es vor den Eltern zu verantworten. Aber ich sage dir, dass ich dagegen bin.«

»Die Verantwortung will ich auf mich nehmen«, erwiderte Hanna lachend.

Wirklich stellte sich Herr Nadrenko nach dem Feierabendläuten im Gutshause ein. Am Nachmittage hatte er ein Sportkostüm, wie es bei den Inspektoren auf dem Lande üblich ist, getragen. Jetzt hatte er sich wie zu einer Gesellschaft mit langem, schwarzem Rock angezogen, als erwarte er, den Abend im Gutshause zu verleben. Hanna erwartete ihn im Arbeitszimmer ihres Vaters. Nadrenko begrüßte sie wie ein Kavalier, trat nach der zweiten Verbeugung auf sie zu und führte ihre Hand an die Lippen.

»Gnädigstes Fräulein gestatten, dass ich gehorsamst Meldung abstatte. In Andreaswalde ist nichts Neues. Nur eine Kleinigkeit möchte ich erwähnen. Die Meierei hat heute Abend statt der abgerahmten Milch meinen Leuten Vollmilch gegeben. Ich habe durch Befragen meiner Leute festgestellt, dass das bisher schon immer geschehen ist, und habe mir gestattet, die Meierin ganz energisch zur Rede zu stellen. Es sind doch immerhin mehr als zweihundert Liter Vollmilch, die der Butterbereitung dadurch entzogen werden.«




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