Max Havelaar oder Die Kaffee-Versteigerungen der NiederländischenHandels-Gesellschaft
 Multatuli




Multatuli

Max Havelaar oder Die Kaffee-Versteigerungen der Niederländischen Handels-Gesellschaft





Erstes Kapitel


Wir lernen Herrn Batavus Droogstoppel kennen, sowie seine Ansichten über Poesie im allgemeinen und Romanschreiben im besonderen.

Ich bin Makler in Kaffee, und wohne auf der Lauriergracht Nummer 37. Es ist eigentlich nicht mein Fall, Romane zu schreiben oder dergleichen, und es hat auch ziemlich lange gedauert, bis ich mich entschloß, ein paar Ries Papier extra zu bestellen und das Werk anzufangen, das ihr, liebe Leser, soeben zur Hand genommen habt, und das ihr lesen müßt, ob ihr Makler in Kaffee seid, oder ob ihr irgend etwas anderes seid. Nicht allein, daß ich niemals etwas geschrieben habe, was nach einem Roman aussah  nein, ich bin sogar nicht einmal ein Freund davon, solches Zeug zu lesen, denn ich bin ein Geschäftsmann. Seit Jahren frage ich mich, wozu so etwas gut sein kann, und ich stehe verwundert über die Unverschämtheit, mit der die Dichter und Romanerzähler euch allerlei weißmachen dürfen, was niemals geschehen ist, und was überhaupt niemals vorkommen kann. Wenn ich in meinem Fach  ich bin Makler in Kaffee und wohne auf der Lauriergracht Nummer 37  einem Prinzipal  ein Prinzipal ist jemand, der Kaffee verkauft  eine Deklaration machte, in der nur ein kleiner Teil der Unwahrheiten vorkäme, die in Gedichten und Romanen die Hauptsache sind, er würde zur Stunde sicher Busselinck & Waterman nehmen. Das sind auch Makler in Kaffee, doch ihre Adresse braucht ihr nicht zu wissen. Ich passe deshalb wohl auf, daß ich keine Romane schreibe oder andere falsche Angaben mache.

Ich habe auch die Erfahrung gemacht, daß Menschen, die sich mit so etwas einlassen, meistenteils schlecht wegkommen. Ich bin dreiundvierzig Jahre alt, seit zwanzig Jahren besuche ich die Börse, und ich kann daher wohl vortreten, wenn man jemand ruft, der Erfahrung hat. Ich habe schon etwas von Häusern fallen sehen Und meistens, wenn ich der Sache nachging, kam es mir vor, daß der Grund in der verkehrten Richtung lag, die die meisten in ihrer Jugend empfingen.

Ich sage: Wahrheit und gesunder Menschenverstand, und dabei bleib ich. Für die heilige Schrift mache ich natürlich eine Ausnahme. Der Unsinn beginnt schon mit van Alphen, und gleich bei der ersten Zeile über die »lieben Kleinen«. Was Teufel kann den alten Herrn veranlassen, sich für einen Anbeter meiner Schwester Trude auszugeben, die schlimme Augen hatte? Oder meines Bruders Gerrit, der immer die Finger in der Nase hatte?  und doch sagte er: »daß er die Verschen sang, durch Lieb' dazu gedrungen.« Ich dachte mir oft als Kind: »Mann, ich möchte dich gern einmal treffen, und wenn du mir dann die Marmeln abschlägst, um die ich dich bitten will, oder meinen Namen in Zuckergebäck  ich heiße Batavus  dann halte ich dich für einen Lügner.« Aber ich habe van Alphen niemals gesehen. Er war, glaube ich, schon tot, als er uns erzählte, daß mein Vater mein bester Freund wäre,  ich hielt Paulchen Winser mehr dafür, der in unserer Nähe wohnte, in der Batavierstraat;  und daß mein kleiner Hund so dankbar wäre,  wir hielten keine Hunde, weil sie so unreinlich sind.

Alles Schwindel. So geht nun die Erziehung weiter. Das neue Schwesterchen ist von der Gemüsefrau gekommen in einem großen Kohlkopf. Alle Holländer sind tapfer und edelmütig. Die Römer konnten froh sein, daß die Bataver sie leben ließen. Der Bey von Tunis bekam Bauchkneifen, als er das Flattern der niederländischen Flagge hörte. Der Herzog von Alba war ein Untier. Die Ebbe, ich glaube 1672, dauerte etwas länger als sonst, bloß um Nederlanden zu beschirmen. Lügen. Nederlanden ist Nederlanden geblieben, weil unsere Vorfahren sich um ihre Geschäfte kümmerten, und weil sie den rechten Glauben hatten; das ist die Sache.

Und dann kommen wieder andere Lügen. Ein Mädchen ist ein Engel. Nun, wer das zuerst entdeckte, hat niemals Schwestern gehabt. Liebe ist eine Seligkeit; man flüchtet mit dem einen oder anderen Gegenstand bis ans Ende der Welt. Die Welt hat keine Enden, und die Liebe ist auch Dummheit. Kein Mensch kann sagen, daß ich mit meiner Frau nicht gut lebe  sie ist eine Tochter von Last & Co., Makler in Kaffee  kein Mensch kann etwas über unsere Ehe sagen; ich bin Mitglied von Artis, und sie hat ein Umschlagetuch für zweiundneunzig Gulden, aber von so einer verdrehten Liebe, die durchaus am Ende der Welt wohnen will, ist zwischen uns nie die Rede gewesen. Nach unserer Hochzeit haben wir einen Ausflug nach Den Haag gemacht  sie hat da Flanell gekauft  ich trage noch Unterjacken davon  und weiter hat uns die Liebe nicht in der Welt herumgejagt. Also alles Unsinn und Schwindel.

Und sollte meine Ehe nun weniger glücklich sein als die der Menschen, die sich vor Liebe die Schwindsucht an den Hals holten oder die Haare aus dem Kopfe? Oder denkt ihr, daß mein Haus weniger gut geregelt ist, als es wäre, wenn ich vor siebzehn Jahren meinem Mädchen in Versen gesagt hätte, daß ich sie heiraten wollte? Unsinn. Ich hätte es ebenso gut gekonnt wie jeder andere, denn Versemachen ist ein Handwerk, das sicher leichter ist als Elfenbeindrechseln. Wie wären sonst die Pfefferkuchen mit Versen so billig? Und frage einer nach dem Preise eines Satzes Billardbälle

Gegen Verse an sich habe ich nichts. Will einer die Worte in Reihe und Glied setzen, meinetwegen; aber er soll nichts sagen, was nicht die Wahrheit ist. »Die Luft geht rauh, vier Uhr ist's genau« – das laß ich gelten, wenn es wirklich rauh und vier Uhr genau ist. Aber wenn es nun dreiviertel drei ist, dann kann ich, der seine Worte nicht in Reih und Glied setzt, sagen: »Die Luft geht rauh, und es ist dreiviertel drei.« Der Versemacher dagegen ist durch die Rauheit der ersten Zeile an eine volle Stunde gebunden; es muß genau vier, fünf, zwei, ein Uhr sein, oder die Luft darf nicht rauh sein. Da macht er sich nun ans Pfuschen: entweder muß das Wetter geändert werden oder die Zeit. Eins von beiden ist dann gelogen.

Und nicht bloß die Verse verführen die Jugend zur Unwahrheit. Gehe einmal ins Theater und höre zu, was da für Lügen an den Mann gebracht werden. Der Held des Stücks wird aus dem Wasser geholt von einem, der gerade im Begriff steht, bankerott zu machen. Darauf giebt er ihm sein halbes Vermögen; das kann nicht wahr sein. Wie unlängst auf der Prinzengracht mein Hut ins Wasser flog, hab ich dem Mann, der ihn mir wiederbrachte, ein Dübbeltje gegeben, und er war zufrieden. Ich weiß wohl, daß ich ihm etwas mehr hätte geben müssen, wenn er mich selber herausgeholt hätte, aber mein halbes Vermögen ganz gewiß nicht;  denn das ist klar, daß man auf die Weise bloß zweimal ins Wasser fallen dürfte, um bettelarm zu sein. Was aber das Schlimmste bei solchen Theaterstücken ist: das Publikum gewöhnt sich so an die Unwahrheiten, daß es sie schön findet und Beifall klatscht. Ich hätte wohl Lust, einmal so ein ganzes Parterre ins Wasser zu werfen, um zu sehen, ob der Beifall ernst gemeint war. Ich, der ich die Wahrheit liebe, warne hiermit jedermann, daß ich für das Auffischen meiner Person keinen so hohen Finderlohn bezahlen will. Wer nicht mit weniger zufrieden ist, lasse mich liegen. Höchstens sonntags würde ich etwas mehr bewilligen, weil ich dann meine goldene Uhrkette trage und einen besseren Rock.

Ja, das Theater verdirbt viele, mehr noch als die Romane. Es ist so anschaulich. Mit ein bißchen Flittergold und einer Umrahmung von ausgeschlagenem Papier macht sich das alles so verführerisch. Für Kinder und Leute, die nicht im Geschäft sind, meine ich. Selbst wenn sie Armut darstellen will, ist die Vorstellung immer lügenhaft. Ein Mädchen, deren Vater bankerott machte, arbeitet, um die Familie zu ernähren; gut. Da sitzt sie nun, zu nähen, zu stricken oder zu sticken. Aber nun zähle einmal einer die Stiche, die sie während der ganzen Handlung macht. Sie schwatzt, sie seufzt, sie läuft ans Fenster, aber arbeiten thut sie nicht. Die Familie, die von der Arbeit leben kann, braucht wenig. So ein Mädchen ist natürlich die Heldin. Sie hat einige Verführer die Treppe hinuntergeworfen; sie ruft fortwährend: »O meine Mutter o meine Mutter« und stellt also die Tugend vor. Was ist das für eine Tugend, die zu einem Paar wollener Strümpfe ein Jahr braucht? Giebt das nicht falsche Ideen von Tugend und »Arbeit um das liebe Leben«? Alles Unsinn und Schwindel.

Dann kommt ihr erster Verehrer, der früher Schreiber war am Kopierbuch  jetzt aber steinreich  mit einem Male zurück, und der heiratet sie. Auch wieder Schwindel. Wer Geld hat, heiratet kein Mädchen aus einem bankerotten Hause. Und wenn ihr meint, daß das auf dem Theater hingehen könnte, als Ausnahme, so bleibt doch mein Tadel bestehen, daß man den Sinn für die Wahrheit beim Volke verdirbt, welches die Ausnahme für die Regel nimmt, und daß man die öffentliche Sittlichkeit untergräbt, wenn man das Volk gewöhnt, auf der Bühne etwas zu applaudieren, was im Leben durch jeden verständigen Makler oder Kaufmann für eine lächerliche Verrücktheit gehalten wird. Als ich mich verheiratete, waren wir auf dem Kontor von meinem Schwiegervater  Last & Co.  dreizehn, und es ging etwas vor.

Und noch mehr Lügen auf dem Theater Wenn der Held mit seinem steifen Kömödienschritt abgeht, um das Vaterland zu retten, wie kommt es, daß dann die doppelte Hinterthür sich immer von selber öffnet?

Und dann  woher weiß eine Person, die in Versen redet, was die andere zu antworten hat, um ihr den Reim bequem zu machen? Wenn der Feldherr zu der Prinzessin sagt: »Prinzeß, es ist zu spät, verschlossen sind die Thüren« wie kann er da vorher wissen, daß sie sagen will: »Wohlan denn, unverzagt laßt uns die Schwerter rühren« Wenn sie nun einmal, da die Thür zu ist, antwortet, sie werde dann warten, bis wieder aufgemacht wird, oder sie würde ein ander Mal wiederkommen, wo bleibt da Maß und Reim? Ist es also nicht purer Unsinn, wenn der Feldherr die Prinzessin fragend ansieht, um zu wissen, was sie nach Thoresschluß thun will? Noch eins: wenn sie nun gerade Lust hätte, zu Bette zu gehen, anstatt irgend etwas zu rühren? Alles Unsinn

Und dann die belohnte Tugend? O, o  ich bin seit siebzehn Jahren Makler in Kaffee  Lauriergracht Nummer 37,  und ich habe also etwas erlebt  das aber kränkt mich immer fürchterlich, wenn ich die gute liebe Wahrheit so verdrehen sehe. Belohnte Tugend  ist das nicht, um aus der Tugend einen Handelsartikel zu machen? Es ist nicht so in der Welt,  und es ist gut, daß es nicht so ist, denn wo bliebe das Verdienst, wenn die Tugend belohnt würde Wozu also immer die infamen Lügen vorgeschoben?

Da ist zum Beispiel Lukas, der Packknecht, der schon bei dem Vater von Last & Co. gearbeitet hat,  die Firma war damals Last & Meyer, aber die Meyers sind heraus  das war doch wohl ein tugendhafter Mann. Keine Kaffeebohne ging da verloren, er ging gewissenhaft zur Kirche, und trinken that er auch nicht; als mein Schwiegervater zu Driebergen war, bewahrte er das Haus und die Kasse und alles. Einmal hatte er an der Bank siebzehn Gulden zu viel erhalten, und er brachte sie zurück. Er ist nun alt und gichtig und kann nicht mehr dienen. Nun hat er nichts; denn es ist viel Umsatz bei uns, und wir brauchen junge Leute. Nun also, ich halte diesen Lukas für sehr tugendhaft, und wird er nun belohnt? Kommt da ein Prinz, der ihm Diamanten schenkt, oder eine Fee, die ihm Butterbrote schmiert? Wahrhaftig nicht, er ist arm, er bleibt arm, und das muß auch so sein. Ich kann ihm nicht helfen  denn wir brauchen junge Leute, weil viel Umsatz bei uns ist  aber könnte ich auch, wo bleibt da sein Verdienst, wenn er nun auf seine alten Tage ein sorgenloses Leben führen könnte? Dann sollten wohl alle Packknechte tugendhaft werden, und jeder einzelne,  was doch der Zweck nicht sein kann, weil dann für die Braven nachher keine besondere Belohnung übrig bliebe. Aber auf der Bühne verdrehen sie das;  alles Schwindel.

Ich bin auch tugendhaft, aber verlange ich dafür eine Belohnung? Wenn meine Geschäfte gut gehen  und das thun sie  wenn meine Frau und die Kinder gesund sind, sodaß ich keine Schererei habe mit Doktor und Apotheker,  wenn ich jahraus, jahrein ein Sümmchen zurücklegen kann für die alten Tage;  wenn Frits frisch aufwächst, um später an meine Stelle zu treten, wenn ich nach Driebergen gehe,  dann bin ich zufrieden. Aber das ist alles die natürliche Folge der Umstände, und weil ich auf das Geschäft acht gebe;  für meine Tugend verlange ich nichts.

Und daß ich doch tugendhaft bin, sieht man klar aus meiner Liebe zur Wahrheit;  das ist, nach meiner Festigkeit im Glauben, meine Hauptneigung; und ich wünsche, daß ihr davon überzeugt wäret, Leser, denn es ist die Entschuldigung für das Schreiben dieses Buches.

Eine zweite Neigung, die bei mir ebenso hoch wie die Wahrheitsliebe angeschrieben steht, ist der Herzenszug für mein Fach  ich bin Makler in Kaffee, Lauriergracht Nr. 37. Nun also, Leser, meiner unantastbaren Liebe zur Wahrheit und meinem geschäftlichen Eifer habt ihr es zu danken, daß diese Blätter geschrieben sind. Ich will euch erzählen, wie das gekommen ist. Da ich nun für den Augenblick von euch Abschied nehmen muß- ich muß nach der Börse  so lade ich euch nachher auf ein zweites Kapitel. Auf Wiedersehen also.

Und, na, hier, steckt es ein  es ist eine kleine Mühe  es kann zu paß kommen  sieh da, da ist es  meine Geschäftskarte  die Compagnie bin ich, seit die Meyers heraus sind  der alte Last ist mein Schwiegervater.









Zweites Kapitel


Herr Batavus Droogstoppel thut einen großen Schachzug gegen die Konkurrenz. Er trifft einen alten Bekannten, der sich gern in Sachen mischte, die ihn nichts angingen z.B. das Abenteuer mit dem Griechen.

Es war flau auf der Börse, die Frühjahrsversteigerung muß es wieder gutmachen. Denkt nicht, daß bei uns kein Umsatz ist  bei Busselinck & Waterman ist es noch flauer. Es ist eine sonderbare Welt; man erlebt schon was, wenn man so an zwanzig Jahre die Börse besucht. Denkt euch, daß sie danach getrachtet haben  Busselinck & Waterman, meine ich  mir Ludwig Stern abzunehmen. Da ich nicht weiß, ob ihr an der Börse Bescheid wißt, will ich euch sagen, daß Stern ein erstes Haus in Kaffee ist, in Hamburg, welches stets durch Last & Co. bedient worden ist. Ganz zufällig kam ich dahinter  ich meine hinter die Pfuscherei von Busselinck & Waterman. Sie würden ein Viertel Prozent von der Courtage fallen lassen  Schleicher sind sie, weiter nichts  und nun seht, was ich gethan habe, um diesen Schlag abzuwehren. Ein anderer an meiner Stelle hätte vielleicht an Ludwig Stern geschrieben, daß er auch etwas ablassen wolle, und daß er auf Berücksichtigung hoffe wegen der langjährigen Dienste von Last & Co. (ich habe ausgerechnet, daß die Firma, seit rund fünfzig Jahren, vier Tonnen an Stern verdient hat: die Beziehung datiert von der Kontinentalsperre her, als wir die Kolonialwaren von Helgoland einschmuggelten) und solche Dinge mehr. Nein, schleichen thue ich nicht. Ich bin nach »Polen« gegangen, ließ mir Feder und Papier geben, und schrieb:



»Daß die große Ausbreitung, die unsere Geschäfte in der letzten Zeit genommen haben, besonders durch die vielen geehrten Aufträge aus Norddeutschland« (es ist die reine Wahrheit), »eine Vermehrung des Personals nötig machte;« (es ist die Wahrheit,  gestern noch war der Buchhalter nach elf auf dem Kontor, um seine Brille zu suchen); »daß vor allem sich das Bedürfnis geltend mache nach anständigen, wohlerzogenen jungen Leuten für die Korrespondenz im Deutschen. Daß zwar viele deutsche junge Männer in Amsterdam vorhanden wären, die auch die gewünschten Fähigkeiten besäßen, daß aber ein Haus, das auf sich hält« (es ist die reine Wahrheit), »bei dem zunehmenden Leichtsinn und der Leichtlebigkeit der Jugend, bei dem täglichen Anwachsen der Zahl der Glücksjäger, und mit Rücksicht auf die Notwendigkeit eines soliden Lebenswandels, um Hand in Hand zu gehen mit der Solidität in der Ausführung erteilter Aufträge« (es ist wahrhaftig alles die lautere Wahrheit), »daß solch ein Haus  ich meine Last & Co., Makler in Kaffee, Lauriergracht Nr. 37  nicht umsichtig genug sein könne beim Engagieren von Personen …«


Das ist alles die reine Wahrheit, Leser. Weißt du wohl, daß der junge Deutsche, der auf der Börse bei Pfeiler 17 stand, mit der Tochter von Busselinck & Waterman davongelaufen ist? Unsere Marie wird im September auch bereits dreizehn.



»Daß ich die Ehre gehabt hätte, von Herrn Saffeler«– Saffeler reist für Stern  »zu vernehmen, daß der geschätzte Chef der Firma Stern einen Sohn habe, den Herrn Ernst Stern, der zur Vervollständigung seiner kaufmännischen Kenntnisse einige Zeit in einem holländischen Hause arbeiten möchte.«

»Daß ich mit Rücksicht auf«– (hier wiederholte ich die Sittenlosigkeit und erzählte die Geschichte von Busselinck & Watermans Tochter; es kann nicht schaden, wenn man das weiß;) »daß ich mit Rücksicht darauf nichts lieber sehen würde, als Herrn Ernst Stern mit der deutschen Korrespondenz unseres Hauses betraut zu sehen.«


Aus Zartgefühl vermied ich alle Anspielung auf Gehalt oder Salair, ich fügte aber bei:



»Daß, falls Herr Ernst Stern mit dem Aufenthalt in unserem Hause  Lauriergracht Nr. 37  vorlieb nehmen wollte, meine Frau sich bereit erklärte, wie eine Mutter für ihn zu sorgen, und daß seine Wäsche im Hause besorgt werden würde.« (Das ist die reine Wahrheit, denn Marie stopft und strickt ganz nett. Und zum Schlusse:) »Daß bei uns dem Herrn gedient wird.«


Das kann er in seine Tasche stecken, denn die Sterns sind lutherisch.

Und den Brief schickte ich ab. Ihr begreift, daß der alte Stern nicht gut zu Busselinck & Waterman übergehen kann, wenn der junge bei uns auf dem Kontor ist. Ich bin sehr neugierig auf die Antwort.

Um nun wieder auf mein Buch zurückzukommen. Vor einiger Zeit komme ich des Abends durch die Kalverstraat, und ich blieb vor dem Laden eines Krämers stehen, der sich gerade beschäftigte mit dem Sortieren einer Partie »Java, ordinär, schön, gelb, Sorte Cheribon, etwas gebrochen und Kehricht dabei«, was mich sehr interessierte, denn ich merke auf alles. Da fiel mir auf einmal ein Herr ins Auge, der in der Nähe vor einem Buchladen stand und mir bekannt vorkam. Er schien mich auch zu erkennen, denn unsere Blicke begegneten sich fortwährend. Ich muß bekennen, daß ich zu sehr vertieft war in die Betrachtung des Kehrichts, um sofort zu merken, was ich später sah, daß er nämlich ziemlich ärmlich in den Kleidern stak, sonst hätte ich die Sache laufen gelassen; aber mit einem Male schoß mir der Gedanke durch den Kopf, es könnte ein Reisender eines deutschen Hauses sein, das einen soliden Makler sucht. Er hatte wohl auch etwas von einem Deutschen an sich, und von einem Reisenden auch; er war sehr blond, hatte blaue Augen, und in Haltung und Kleidung etwas, was den Fremden verriet. Anstatt eines gehörigen Winterüberziehers hing ihm eine Art von Shawl über die Schulter, als ob er so von der Reise käme. Ich meinte einen Kunden zu sehen und gab ihm eine Geschäftskarte, Last & Co., Makler in Kaffee, Lauriergracht Nr. 37. Er hielt sie an die Gasflamme und sagte:

»Ich danke Ihnen, aber ich habe mich geirrt; ich dachte das Vergnügen zu haben, einen alten Schulkameraden vor mir zu sehen, indessen … Last, das ist der Name nicht …«

»Pardon«, sagte ich, denn ich bin stets höflich, »ich bin Mijnheer Droogstoppel, Batavus Droogstoppel … Last & Co. ist die Firma, Makler in Kaffee, Lauriergr…«

»Gut, Droogstoppel, kennst du mich nicht mehr? Sieh mich einmal gut an.«

Je mehr ich ihn ansah, je mehr erinnerte ich mich, ihn öfter gesehen zu haben; aber merkwürdig, sein Gesicht hatte auf mich die Wirkung, als ob ich fremde Parfümerien röche. Lach nicht darüber, Leser, du sollst später sehen, wie das kam. Ich bin sicher, daß er keinen Tropfen Räucherwerk bei sich trug, und doch roch ich etwas Angenehmes, etwas Starkes, etwas, das mich erinnerte an … da hatte ich's

»Sind Sie es«, rief ich, »der mich von dem Griechen befreit hat?«

»Natürlich«, sagte er, »und wie geht es Ihnen?«

Ich erzählte ihm, daß wir insgesamt dreizehn auf dem Kontor wären, und daß viel zu thun wäre. Und dann fragte ich ihn, wie es ihm ginge, was mich später reute, denn er schien nicht in guten Verhältnissen zu sein, und ich liebe arme Menschen nicht, weil da gewöhnlich eigene Schuld mit unterläuft, denn der Herr würde nicht jemand verlassen, der ihm treu gedient hätte. Hätte ich einfach gesagt, »wir sind insgesamt dreizehn« und »guten Abend weiterhin«, dann wäre ich ihn los gewesen, aber durch das Fragen und Antworten wurde es je länger je schwerer (Frits sagt: je länger, desto schwerer, aber das thu ich nicht), je schwerer also, von ihm los zu kommen. Anderseits muß ich auch wieder bekennen, daß ihr dann dieses Buch nicht hättet zu lesen bekommen, denn es ist eine Folge von dieser Begegnung … Man muß immer das Gute hervorheben, und wer das nicht thut, das sind unzufriedene Menschen, die ich nicht leiden kann.

Ja, ja, er war es, der mich aus den Händen des Griechen gerettet hatte Denkt nun nicht, daß ich jemals durch Seeräuber bin gefangen genommen worden, oder daß ich in der Levante Krieg geführt habe. Ich habe euch bereits gesagt, daß ich nach der Hochzeit mit meiner Frau nach Den Haag gefahren bin; da haben wir das Moritz-Haus gesehen und in der Veenestraat Flanell gekauft. Das ist der einzige Ausflug, den meine Geschäfte mir überhaupt gestattet haben, weil bei uns so viel zu thun ist. Nein, in Amsterdam selbst hatte er um meinetwillen einem Griechen die Nase blutig geschlagen, denn er gab sich immer mit Dingen ab, die ihn nichts angingen.

Es war im Jahre drei- oder vierundvierzig, glaube ich, und im September, es war Kirmeß in Amsterdam. Da meine alten Leute vor hatten, aus mir einen Geistlichen zu machen, lernte ich Latein. Später habe ich mich öfter gefragt, warum man eigentlich Lateinisch verstehen muß, um auf Holländisch »Gott ist gut« zu sagen. Genug ich war auf der Lateinschule  jetzt sagen sie Gymnasium  und da war Kirmeß,  in Amsterdam, meine ich. Auf dem Westermarkt standen Buden, und wenn du ein Amsterdamer bist, Leser, und ungefähr von meinem Alter, so wirst du dich erinnern, daß eine darunter war, die sich auszeichnete durch die schwarzen Augen und die langen Flechten eines Mädchens, die als Griechin angezogen war; auch ihr Vater war ein Grieche, oder wenigstens sah er wie ein Grieche aus. Sie verkauften allerlei Räucherkram.

Ich war gerade alt genug, um das Mädchen hübsch zu finden, ohne indessen den Mut zu haben, sie anzusprechen. Das würde mir auch wenig genützt haben, denn Mädchen von achtzehn Jahren betrachten einen sechzehnjährigen Jungen noch als ein Kind, und darin haben sie ganz recht. Trotzdem kamen wir Quartaner jeden Abend auf den Westermarkt, um das Mädchen zu sehen.

Nun war er, der da jetzt vor mir stand mit seinem Shawl, eines Tages dabei, obschon er ein paar Jahre jünger war als wir anderen und darum noch ein bißchen zu kindisch, um nach der Griechin zu gucken. Aber er war der Erste in unserer Klasse  denn gescheit war er, das muß ich zugeben  und spielen, balgen und boxen mochte er gern; daher war er bei uns. Wie wir nun, wir waren im ganzen zehn Mann, hübsch weit von der Bude ab zusammenstanden und nach der Griechin schielten und beratschlagten, wie wir es anlegen sollten, um ihre Bekanntschaft zu machen, wurde also beschlossen, Geld zusammenzuthun, um irgend etwas zu kaufen. Aber nun war guter Rat teuer, wer die große Ehre haben sollte, das Mädchen anzureden. Jeder wollte, aber keiner getraute sich. Es wurde gelost, und das Los fiel auf mich. Nun bekenne ich, daß ich nicht gern Gefahren trotze; ich bin Familienvater, und halte jeden, der Gefahren sucht, für einen Narren, wie es auch in der Schrift steht. Es ist mir wirklich angenehm zu erklären, daß ich in meinen Ideen über Gefahr und dergleichen mir gleich geblieben bin, da ich jetzt noch darüber dieselbe Meinung hege, wie jenen Abend, als ich da vor der Bude des Griechen stand, mit den zwölf Stübern, die wir zusammengelegt hatten, in der Hand. Aber aus falscher Scham getraute ich mich nicht zu sagen, daß ich mich nicht getraute, und außerdem, ich mußte wohl vorwärts, denn meine Kameraden drängten mich, und da stand ich nun vor der Bude.

Das Mädchen sah ich nicht, ich sah überhaupt nichts, Alles war mir grün und gelb vor den Augen … ich stammelte einen Aoristus Primus von ich weiß nicht welchem Zeitwort …

»Plaît-il?« sagte sie. Ich faßte etwas Mut, und machte weiter:

»Meenin aeide thea«, und »Ägypten wär' ein Geschenk des Nils« …

Ich bin überzeugt, daß ich mit dem Bekanntschaftmachen schon noch vorwärts gekommen wäre, wenn nicht in diesem Augenblick einer meiner Kameraden aus kindischer Bosheit mir einen solchen Stoß in den Rücken gegeben hätte, daß ich recht unsanft gegen den Kasten flog, der in halber Manneshöhe die Vorderseite der Bude abschloß. Ich fühlte einen Griff in meinem Nacken … einen zweiten Griff etwas tiefer … ich schwebte einen Augenblick in der Luft … und ehe ich noch recht begriff, wie die Sachen standen, befand ich mich in der Bude des Griechen, der in verständlichem Französisch sagte, »ich wäre ein Gamin, ein Straßenlümmel, und er würde die Polizei rufen.« Nun war ich zwar in der Nähe des Mädchens, aber gefallen konnte mir das nicht. Ich heulte und bat um Gnade, denn ich hatte schreckliche Angst. Aber es nutzte nichts; der Grieche hielt mich am Arm und schüttelte mich; ich sah mich nach meinen Kameraden um … wir hatten den Morgen gerade mit Scavola zu thun gehabt, der seine Hand ins Feuer steckte … und in ihren lateinischen Sätzen hatten sie das so schön gefunden  jawohl Keiner war stehen geblieben, um für mich eine Hand ins Feuer zu stecken …

So dachte ich. Aber da flog mit einem Male mein Sjaalman durch die Hinterthür in die Bude; er war nicht groß oder stark, und kaum so etwa dreizehn Jahre alt, aber er war ein flinker und tapferer Bursche. Noch sehe ich seine Augen blitzen  sonst blickten sie matt  er gab dem Griechen einen Faustschlag, und ich war gerettet. Später habe ich gehört, daß der Grieche ihn tüchtig verhauen hat;  aber weil ich den festen Grundsatz habe, mich nicht um Dinge zu kümmern, die mich nichts angehen, bin ich schleunigst davongelaufen und habe es also nicht gesehen.

So kam es, daß seine Züge mich so an Räucherwerk erinnerten, und so kann man in Amsterdam mit einem Griechen Streit bekommen.

Wenn bei späteren Jahrmärkten der Mann mit seiner Bude wieder auf dem Westermarkt stand, suchte ich mein Vergnügen immer wo anders.

Da ich ein Freund von philosophischen Betrachtungen bin, so muß ich dir, Leser, doch eben noch sagen, wie wunderbar die Dinge auf dieser Welt doch miteinander verknüpft sind. Wären die Augen des Mädchens weniger schwarz und ihre Zöpfe kürzer gewesen, oder wenn mich keiner gegen den Ladentisch gestoßen hätte, würdest du dieses Buch nicht lesen. Sei also dankbar, daß das so gekommen ist. Glaube mir, alles in der Welt ist gut, wie es ist, und die unzufriedenen Menschen, die fortwährend klagen, sind meine Freunde nicht. Da ist z.B. Busselinck & Waterman …; aber ich muß fortfahren, denn mein Buch soll noch vor der Frühjahrsversteigerung fertig sein.

Gerade heraus gesagt  denn ich halte auf Wahrheit  war mir das Wiedersehen mit diesem Menschen nicht angenehm. Ich merkte sofort, daß es keine solide Beziehung war. Er sah sehr blaß aus, und als ich ihn fragte, wie spät es wäre, wußte er es nicht. Das sind Dinge, auf die ein Mensch achtet, der so an zwanzig Jahre die Börse besucht hat, der so viel erlebt hat … ich habe schon etwas an Häusern sehen fallen.

Ich dachte, er würde rechts gehen, und mußte daher nach links; aber sieh da, er ging auch links, und ich konnte es also nicht vermeiden, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Aber ich dachte stets daran, daß er nicht wußte, wie spät es war, und bemerkte obendrein, daß seine Jacke bis ans Kinn fest zugeknöpft war, was ein sehr schlechtes Zeichen ist, sodaß ich den Ton unserer Unterhaltung kühl bleiben ließ. Er erzählte mir, daß er in Indien gewesen war, daß er verheiratet war, daß er Kinder hatte. Ich hatte nichts dagegen, fand aber auch nichts Merkwürdiges dabei. Beim Kapelsteeg  ich gehe sonst nie durch den Steg, weil es sich für einen anständigen Mann nicht paßt, wie ich finde  aber diesmal wollte ich beim Kapelsteeg rechts abbiegen. Ich wartete, bis wir an dem Gäßchen beinahe vorbei waren, um ihm recht deutlich zu machen, daß sein Weg geradeaus führte, und dann sagte ich sehr höflich  denn höflich bin ich immer, man kann ja gar nicht wissen, wie man später jemand nötig haben kann :

»Es war mir sehr angenehm, Sie wiederzusehen, Mijnheer … und  und, ich empfehle mich, ich muß hier hinein.«

Da sah er mich ganz sonderbar an und seufzte, und faßte mit einem Male einen Knopf meiner Jacke …

»Lieber Droogstoppel«, sagte er, »ich muß Sie um etwas bitten.«

Mir ging ein Schauder durch die Glieder. Er wußte nicht, wie spät es war, und wollte mich um etwas bitten Natürlich antwortete ich, daß ich keine Zeit hätte und nach der Börse müßte, obwohl es Abend war:  aber wenn man so zwanzig Jahre die Börse besucht hat … und jemand will einen um etwas bitten, ohne zu wissen, wie spät es ist …

Ich machte meinen Knopf los, grüßte sehr höflich  denn höflich bin ich immer  und ging in den Kapelsteeg hinein, was ich sonst nie thue, weil es nicht anständig ist; und Anstand geht mir über alles. Ich hoffe, daß es keiner gesehen hat …




Drittes Kapitel


Der verrückte Brief des Sjaalmans und der Theeabend bei Rosemeyers, die in Zucker machen.

Als ich tags darauf von der Börse nach Hause kam, sagte Frits, es wäre jemand dagewesen, der mich sprechen wollte. Nach der Beschreibung war es der Sjaalman. Wie er mich nur gefunden hatte? Ach ja, die Geschäftskarte Ich dachte schon daran, meine Kinder von der Schule zu nehmen; denn es ist unangenehm, wenn einem noch zwanzig, dreißig Jahre später ein Schulkamerad nachläuft, der einen Shawl trägt statt eines Überziehers, und der nicht weiß, wie spät es ist. Auch habe ich Frits verboten, nach dem Westermarkt zu gehen, wenn Jahrmarkt ist.

Tags darauf kam ein Brief mit einem großen Paket. Ich will euch den Brief lesen lassen:



»Lieber Droogstoppel«


Ich finde, er hätte wohl »Hochgeehrter Herr Droogstoppel« sagen können, denn ich bin Makler.



»Ich bin gestern bei Ihnen gewesen mit der Absicht, ein Anliegen vorzutragen. Ich glaube, daß Sie in guten Verhältnissen leben …«


Das ist wahr, wir sind im ganzen dreizehn auf dem Kontor



»und ich wünschte, mich Ihres Kredits zu bedienen, um eine Angelegenheit zustande zu bringen, die für mich von großer Wichtigkeit ist.«


Hört sich das nicht an, als handelte es sich um einen Auftrag für die Frühjahrsversteigerung?



»Infolge von allerlei Umständen bin ich augenblicklich einigermaßen in Geldverlegenheit …«


Einigermaßen Er hatte kein Hemde auf dem Leibe. Das nennt er: einigermaßen



»ich kann meiner lieben Frau nicht alles geben, was zur Annehmlichkeit des Lebens nötig ist, und auch die Erziehung meiner Kinder ist, aus pekuniären Gesichtspunkten, nicht so wie ich wünschte.«


Annehmlichkeit des Lebens? Erziehung der Kinder? Meint er, daß er für seine Frau eine Loge in der Oper mieten will, und seine Kinder in eine Anstalt nach Genf schicken? Es war Herbst und ziemlich kalt,  er wohnte auf einem Bodengelaß ohne Feuer. Als ich diesen Brief empfing, wußte ich das nicht, aber später bin ich bei ihm gewesen, und noch jetzt bin ich ärgerlich über den tollen Ton seines Geschreibsels. Zum Kuckuck wer arm ist, kann sagen, daß er arm ist; Arme muß es geben, das ist notwendig in der menschlichen Gesellschaft; wenn er nur kein Almosen verlangt und niemand zur Last fällt, habe ich durchaus nichts dagegen, daß er arm ist; aber die Ziererei dabei paßt mir nicht. Hört weiter:



»Da nun auf mir die Pflicht ruht, für die Bedürfnisse der Meinen zu sorgen, habe ich beschlossen, ein Talent auszunutzen, das, wie ich glaube, mir gegeben ist. Ich bin Dichter …«


Puh Du weißt, Leser, wie ich und alle vernünftigen Menschen darüber denken.



»und Schriftsteller. Seit meiner Kindheit drückte ich meine Gefühle in Versen aus, und auch später schrieb ich täglich nieder, was in meiner Seele vorging. Ich glaube, daß darunter einige Arbeiten sind, die Wert haben, und ich suche dafür einen Verleger. Aber das ist nun gerade die Schwierigkeit. Das Publikum kennt mich nicht, und die Verleger beurteilen die Werke mehr nach dem Namen und Ruf des Verfassers als nach dem Inhalt.«


Gerade wie wir den Kaffee nach dem Renommee der Sorten und Marken.



»Wenn ich nun auch annehme, daß mein Werk nicht ohne Wert sein würde, so würde das doch erst nach dem Erscheinen zu Tage treten, und die Buchhändler verlangen die Druckkosten u.s.w. im voraus …«


Finde ich sehr vernünftig.



»was mir augenblicklich nicht gelegen kommt. Da ich indes überzeugt bin, daß meine Arbeit die Kosten decken würde, und ruhig mein Wort darauf verpfänden kann, bin ich, ermutigt durch unsere Begegnung von vorgestern …«


Das nennt der ermutigen



»zu dem Beschluß gekommen, an Sie die Bitte zu richten, ob Sie sich bei einem Buchhändler für die Kosten einer ersten Ausgabe verbürgen würden, und wäre es auch bloß ein kleines Bändchen. Ich überlasse die Auswahl für diesen ersten Versuch ganz Ihnen. In dem beifolgenden Paket finden Sie viele Manuskripte; Sie werden daraus ersehen, daß ich viel gedacht, gearbeitet und erlebt habe …«


Ich habe nie gehört, daß er ein Geschäft hatte.



»und wenn die Gabe der Darstellung mir nicht ganz und gar versagt ist, soll es gewiß nicht an dem Mangel an Eindrücken liegen, wenn ich nicht Erfolg hätte.


In Erwartung einer freundlichen Antwort bin ich

Ihr alter Schulfreund …«

Sein Name stand darunter, doch ich will ihn verschweigen, weil ich nicht gern jemand ins Gerede bringe.

Lieber Leser, du begreifst, was für ein Gesicht ich gemacht habe, als man mich so plötzlich zum Makler in Versen erheben wollte. Ich glaubte fest, wenn Sjaalman,  ich will ihn nur weiter so nennen  mich bei Tage gesehen hätte, so wäre er mir mit so etwas nicht gekommen; denn Ehrbarkeit und Würde lassen sich nicht verbergen; aber es war Abend, und ich nehme es ihm deshalb nicht so übel.

Selbstverständlich wollte ich von dem Unsinn nichts wissen. Ich hätte das Paket durch Frits zurückgeschickt, aber ich wußte seine Wohnung nicht, und er ließ nichts von sich hören. Ich dachte schon, er wäre krank oder gestorben.

Vorige Woche war Gesellschaft bei Rosemeyers  die in Zucker machen. Frits war das erste Mal mitgegangen. Er ist sechzehn Jahre, und ich bin dafür, daß ein junger Mensch in die Welt kommt, sonst läuft er auf den Westenmarkt oder dergleichen. Die Mädchen hatten Klavier gespielt und gesungen, und beim Nachtisch neckten sie sich mit etwas, das wohl im Vorderzimmer vorgekommen war  während wir hinten beim Whist saßen  etwas, an dem auch Frits beteiligt war.

»Ja, ja, Louise«, rief Betsy Rosemeyer, »geweint hast du Papa, Frits hat Louise zum Weinen gebracht.«

Meine Frau sagte, daß Frits dann nicht mehr mitgenommen werden sollte; sie dachte, er hätte Louise gekniffen, oder sonst etwas, was sich nicht schickt, und ich wollte gerade auch schon ein Wort dazu geben, als Louise rief:

»Nein, nein Frits ist ganz nett gewesen, ich wollte, er thäte es noch einmal.«

»Was denn?«

Er hatte sie nicht gekniffen, er hatte deklamiert, da habt ihr's.

Natürlich hat die Hausfrau es gern, wenn beim Nachtisch eine »Unterhaltung« stattfindet;  das macht sich nett. Mevrouw Rosemeyer  die Rosemeyers lassen sich »Mevrouw« nennen, weil sie in Zucker machen und einen Anteil an einem Schiff haben  Mevrouw Rosemeyer meinte, was Louise zum Weinen gebracht hätte, würde auch uns unterhalten, und verlangte von Frits, der so rot aussah wie ein Puter, ein Dacapo. Ich hatte keine Ahnung, was er da aufgetragen haben konnte, ich kannte seine Liste aufs Haar. Das war: die »goldene Hochzeit«, die »Bücher des alten Testaments« in Reimen, und ein Stück aus der »Hochzeit des Kamacho«, das die Jungen immer so nett finden, weil da etwas von einer Beschummelei vorkommt. Was darunter eigentlich Thränen entlocken konnte, war mir ein Rätsel; zwar, so ein Mädchen weint ja bald einmal.

»Los, Frits ach ja, Frits komm, Frits«– und Frits begann.

Ich bin kein Freund davon, des Lesers Neugier in Spannung zu versetzen, und will deshalb gleich sagen, daß sie zu Hause das Paket von Sjaalman aufgemacht hatten, und daraus hatten nun Frits und Marie eine Naseweisheit und Sentimentalität geschöpft, die mir später viel Wirtschaft ins Haus gebracht haben. Ich will aber auch gleich beifügen, Leser, daß dies Buch auch aus jenem Pakete stammt, und ich werde mich nachher deshalb gebührend verantworten; denn ich halte darauf, daß man mich als einen Mann betrachte, der die Wahrheit liebt und der in seinem Geschäft tüchtig ist. (Last & Co., Makler in Kaffee, Lauriergracht Nr. 37.)

Nun trug Frits ein Ding vor, das aus lauter Unsinn zusammenhing; nein, es hing überhaupt nicht zusammen. Ein junger Mensch schrieb an seine Mutter, daß er verliebt gewesen war, daß sein Mädchen einen anderen genommen hatte  woran sie meines Erachtens ganz recht that,  daß er aber bei alledem stets seine Mutter liebte. Sind diese drei Sätze deutlich oder nicht? Findet ihr da viele Umstände nötig, um das zu sagen? Nun also, ich habe ein Brötchen mit Käse gegessen, darauf zwei Birnen geschält, und ich war kaum zur Hälfte mit der Bewältigung der zweiten fertig, bevor Frits seine Geschichte beendet hatte. Aber Louise heulte wieder, und die Damen sagten, es wäre sehr schön. Nun erzählte Frits, der vermutlich meinte, er hätte ein großes Stück vollführt, daß er es in dem Paket des Mannes, der einen Shawl trug, gefunden hätte; und ich erklärte den Herren, wie das in mein Haus gekommen war; bloß von der Griechin sagte ich nichts, weil Frits dabei war, und ich sagte auch nichts von dem Kapelsteeg. Jeder fand, daß ich ganz recht gethan hatte, mich von dem Menschen zurückzuhalten. Ihr werdet nachher sehen, daß auch andere Dinge soliderer Natur in dem Paket waren, und davon kommt eins und das andere in dies Buch, weil die Kaffeeversteigerungen der Handelsgesellschaft damit in Beziehung stehen; denn ich lebe für mein Fach.

Später fragte mich der Verleger, ob ich nicht das, was Frits deklamiert hatte, hier beifügen wollte. Ich will es thun, damit man wisse, daß ich mich mit diesen Dingen nicht aufhalte. Alles Lügen und Unsinn. Ich will nur noch bemerken, daß die Geschichte »18. 3. Padang« geschrieben ist, und daß das eine geringere Sorte ist  der Kaffee, meine ich.

		Mutter, ferne von dem Land
		Steh ich, dem ich einst entsprossen,
		Wo meine ersten Thränen flossen,
		Wo mich führte deine Hand,
		Wo der Mutter Treu' des Knaben
		Seele ihre Sorgen weihte
		Und mir liebreich stand zur Seite
		Stets mit Hand und Herz und Gaben;
		Ach das Schicksal riß die Bande
		Grausam ab … so ist der Schein …
		Ich steh' hier am fremden Strande
		Mit mir selbst, und Gott … allein …
		Aber, Mutter ob mir trübe
		Sei im Herzen oder licht,
		Mutter, zweifle an der Liebe,
		An des Lieblings Herzen nicht

		Wenig Jahre sind entflogen,
		Seit ich von der Heimat Küste
		In die fremde Welt gezogen
		Und mein Blick die Zukunft grüßte;
		Alles Schöne mir zur Beute
		Heischte ich mit keckem Ruf,
		Stolz verschmäht' mein Sinn das Heute,
		Der mir Paradiese schuf
		Durch der Hindernisse Mitten,
		Die sich boten meinen Schritten,
		Bahnt' mein Herz mit kühner That
		Selig träumend sich den Pfad …

		Doch die Zeit, die so geschwind
		Seit der Trennung hingezogen,
		Wie der Schatten, den der Wind
		Vorwärts treibt, im Nu verflogen:
		Ach, sie ließ im Vorwärtsgehen
		Tiefe, tiefe Spuren stehen
		Freud' und Schmerz hab ich erlitten,
		Viel gedacht und viel gestritten,
		Hab' gejauchzt und hab' gebebt,
		Hab' nach Lebensheil gestrebt,
		Hab' verloren und gefunden,
		Und der ich vor kurzer Frist
		War ein Kind noch, hab' in Stunden
		Oftmals Jahre durchgelebt …

		Aber, Mutter glaube immer,
		Bei dem Himmel, der mich sieht,
		Glaub' es, Mutter, deinem Kinde:
		Nein, dein Kind vergaß dich nimmer

		Ich liebt' ein Mädchen. Durch die Liebe
		Schien die Welt mir schön allein,
		Sie sollt' mir die Krone sein
		Meines Kampfs im Weltgetriebe.
		Thränen netzten mir die Wangen,
		Wenn ich für den Schatz ihm dankte,
		Den von des Allmächtigen Huld
		Ich als Gnade hatt' empfangen.
		Liebe, Liebe war mein Beten,
		Wenn im stillen Kämmerlein
		Meine Seel' zu Gott getreten,
		Dankt' ich ihm für sie allein

		Liebe bracht' mir Kümmernis,
		Unrast quälte mir das Herz,
		Nicht zu tragen war der Schmerz,
		Der mein weich Gemüt zerriß
		Angst und Leid hat mich getroffen,
		Wo aufs Höchste ging mein Hoffen,
		Nach dem Glücke war mein Streben,
		Gift und Weh ward mir gegeben.

		Mein Genuß war leidend Schweigen.
		Standhaft Hoffen war mein Stern,
		Unglück ließ den Preis mir steigen.
		Trug das Leid, für sie, so gern
		Aus des Schicksals harten Schlägen
		Schuf ich eine Freude mir:
		Alles trug ich ihretwegen,
		Trennt' das Los mich nicht von ihr.

		Und das Bild, das meinem Lieben
		Als ein unschätzbares Gut
		Treu bewahrt im Herzen ruht'
		Ach, es ist nicht mein geblieben.
		Und harrt auch die Liebe aus,
		Bis der letzte Hauch im Leben
		Wir im bessern Vaterland
		Endlich sie wird wiedergeben
		Ich hatt' begonnen sie zu lieben

		Was ist Lieb', die einst begann,
		Gegen jene ew'ge Liebe,
		Die dem Kinde mit dem Leben
		Wird zugleich ins Herz gegeben,
		Wenn es noch nicht stammeln kann?
		Da es an der Mutter Brust,
		Kaum dem Mutterschoß entsprossen,
		Lernt die erste Nahrung saugen,
		Schauend in der Mutter Augen

		Nein, kein Band, das fester binde,
		Fester Herzen hält umschlossen,
		Als das Band, das Gott geschlossen
		Zwischen Mutterherz und Kinde

		Und ein Herz, das hingegeben
		So sich hat dem schönen Ziel,
		Fand es auch in seinem Streben
		Blumen keine, Dornen viel:
		Könnt' ein solches Herz indessen
		Eines Mutterherzens Treue,
		Könnte es die Frau vergessen,
		Die die ersten Kinderschreie
		Sorgenvoll hat angehört,
		Die mich liebend hat umfangen,
		Thränen küsste von den Wangen,
		Mich mit ihrem Blut genährt?

		Mutter, Mutter, glaub' es nimmer,
		Bei dem Himmel, der mich sieht,
		Glaub' es Mutter deinem Kinde:
		Nein, dein Kind vergaß dich nimmer

		Was uns Schönes mag das Leben
		In der süßen Heimat geben,
		Alles, alles liegt mir weit
		Und der Jugend helle Freuden,
		Meine Pfade sie vermeiden,
		Einsam Herz kennt keine Freud'.
		Steil und dornig sind die Wege,
		Die ich schreite still einher,
		Und das Unglück drückt mich schwer.
		An den Busen der Natur
		Sucht mein Haupt die milde Pflege:
		Ob mein Herz wohl mag gefunden,
		Mögen meine Thränen zeigen,
		Wie so manche trüben Stunden
		Mir das Haupt darnieder beugen …

		Sank der Mut mir, oftmals habe
		In Gedanken ich geklagt:
		Vater, schenke mir im Grabe,
		Was das Leben mir versagt
		Vater, woll' mir dort bescheren,
		Drückt der Tod die Augen zu,
		Wolle dorten mir bescheren,
		Was ich hier nicht kannte: Ruh'

		Aber wenn ich beten wollte,
		Stieg die Bitte nicht zum Herrn,
		Beugt' ich meine Knie nieder,
		Und ich sprach: Noch nicht, o Herr
		Erst gieb mir die Mutter wieder




Viertes Kapitel


Herr Batavus Droogstoppel findet in dem Paket des Sjaalmans allerlei, was für den Kaffeehandel von Belang ist. Er entschließt sich, »sein Buch« zu schreiben, und schließt zu diesem Zwecke mit Stern einen Vertrag. Sein Besuch bei einer unzufriedenen Familie.

Bevor ich fortfahre, muß ich euch mitteilen, daß der junge Stern angekommen ist, ein ganz netter Bursche. Er scheint flott und geschickt; aber ich glaube, er »schwärmt«. Marie ist dreizehn Jahre. Was er mitbringt, ist ganz hübsch. Jetzt ist er am Kopierbuch, um sich im holländischen Stil zu üben. Ich bin begierig, ob nun bald Aufträge von Ludwig Stern kommen werden. Marie soll für ihn ein Paar Pantoffeln sticken  für den jungen Stern, natürlich. Busselinck & Waterman haben vorbei geangelt  ein anständiger Makler geht nicht auf Schleichwegen, das sage ich.

Den Tag nach der Gesellschaft bei Rosemeyers, die in Zucker machen, rief ich Frits und ließ mir das Paket von Sjaalman bringen. Du mußt wissen, Leser, daß ich sehr streng auf Religion und Sitte halte. Nun also, den vorigen Abend, wie ich gerade meine erste Birne geschält hatte, las ich im Gesicht von einem der Mädchen, daß da irgend etwas in dem Vers vorkam, was nicht solide war. Ich hatte nicht so genau hingehört; aber ich sah, wie Betsy ihr Brötchen verkrümelte, und das war mir genug. Du wirst sehen, Leser, daß du es mit jemand zu thun hast, der in die Welt paßt. Ich ließ mir also von Frits das »hübsche Stück« von gestern abend vorlegen und fand auch schnell die Zeile, die Betsys Brot verkrümelt hatte. Es wird da gesprochen von einem Kinde, das an der Mutterbrust liegt  das kann noch durchgehen  aber: »Kaum dem Mutterschoß entsprossen«– sieh, das fand ich nicht gut  darüber zu sprechen, meine ich, und meine Frau auch nicht. Marie ist dreizehn Jahre. Von »Kohlköpfen« und dergleichen wird in unseren Hause nicht gesprochen, aber so das Ding beim Namen nennen, ist auch nicht nötig, weil ich auf Sittlichkeit halte. Ich nahm Frits, der das Stück nun einmal »auswendig weiß«, wie Stern das nennt, das Versprechen ab, daß er es nicht wieder aufsagen sollte  wenigstens nicht, ehe er Mitglied der »Doktrina« sein würde, weil nämlich da keine jungen Mädchen hinkommen  und dann steckte ich ihn in mein Pult, den Vers meine ich. Aber ich mußte wissen, ob da nicht noch mehr Anstößiges in dem Paket war, und machte mich deshalb ans Lesen und Blättern. Alles konnte ich nicht lesen, denn ich fand Sprachen darin, die ich nicht verstand, und da fiel mein Auge auf ein Heft: »Bericht über die Kaffeekultur in der Residentschaft Menado.«

Mein Herz schlug lauter, denn ich bin Makler in Kaffee (Lauriergracht Nr. 37), und Menado ist eine gute Sorte. Also dieser Sjaalman, der unsittliche Verse machte, hatte in Kaffee gearbeitet Ich sah nun das Paket mit ganz anderen Augen an. Ich fand Stücke darin, die ich zwar nicht alle verstand, aber die wirklich Kenntnis von Geschäften verrieten. Da waren Tabellen, Deklarationen, Berechnungen und Ziffern, in denen gar kein Reim vorkam, und alles war mit solcher Sorgfalt und Genauigkeit bearbeitet, daß ich, offen gestanden  denn ich liebe die Wahrheit  auf den Gedanken kam, daß Sjaalman, wenn der dritte Buchhalter einmal abginge  was vorkommen kann, denn er wird alt und wackelig  recht gut dessen Platz würde einnehmen können. Es versteht sich, daß ich dann erst noch über seine Ehrlichkeit, seine Religion und seine Anständigkeit Erkundigungen einziehen müßte, denn ich nehme keinen auf mein Kontor, ehe ich darin sicher bin, das ist mein festes Prinzip. Ihr habt das aus meinem Briefe an Ludwig Stern gesehen.

Ich wollte mir vor Frits nichts merken lassen, daß ich anfing, dem Inhalt des Pakets Beachtung zu schenken, und schickte ihn deshalb weg. Mir wurde in der That schwindelig, wie ich so ein Heft nach dem anderen in die Hand nahm und die Titel las. Es ist wahr, es waren viel Verse darunter, aber auch viel Nützliches, und ich erstaunte über die Verschiedenartigkeit der behandelten Materien. Ich gebe zu  denn ich liebe die Wahrheit  daß ich, der allzeit Kaffee gehandelt hat, nicht in der Lage bin, den Wert von allem zu beurteilen; aber auch ohne Kritik war die Liste der Aufschriften schon kurios genug. Da ich euch die Geschichte von dem Griechen erzählt habe, wißt ihr, daß ich in meiner Jugend ein bißchen latinisiert worden bin, und wie sehr ich mich auch in der Korrespondenz aller Citate enthalte  was auf einem Maklerkontor auch nicht passen würde  so dachte ich doch, wie ich das alles sah: »De omnibus aliquid, de toto nihil«, oder »Multa non multum.«

Aber das war eigentlich mehr eine kleine Bosheit oder der Trieb, die Gelahrtheit, die da vor mir lag, auf lateinisch anzusprechen, als daß ich es so meinte. Denn, wo ich das eine oder andere Stück etwas länger ansah, mußte ich zugeben, daß der Schreiber mir auf der Höhe seiner Sache zu stehen schien und in seiner Beweisführung sogar sehr solide zu Werke ging.

Ich fand da folgende Abhandlungen und Aufsätze:

Über das Sanskrit, als Mutter der germanischen Sprachzweige.

Über die Strafen auf Kindesmord.

Über den Ursprung des Adels.

Über den Unterschied zwischen den Begriffen »Unendliche Zeit« und »Ewigkeit.«

Über die Wahrscheinlichkeits-Rechnung.

Über das Buch Hiob. (Es war noch etwas über Hiob da, aber das waren Verse.)

Über die Proteine in der atmosphärischen Luft.

Über die russische Politik.

Über die Vokale.

Über Zellengefängnisse.

Über alte Vorstellungen vom »horror vacui«.

Über die wünschenswerte Abschaffung von Strafen für Laster.

Über die Ursachen des Aufstands der Nederlanden gegen Spanien, welche nicht in dem Streben nach religiöser oder politischer Freiheit lagen.

Über das »Perpetuum mobile«, die Quadratur des Kreises und die Wurzel wurzelloser Zahlen.

Über die Schwere des Lichts.

Über den Rückgang der Civilisation seit der Entstehung des Christentums.

Über isländische Mythologie.

Über Rousseus »Emil.«

Über die Zivilklage in Handelssachen.

Über den Sirius als Mittelpunkt eines Sonnensystems.

Über eingeführte Rechte als unzweckmäßig, unpassend, ungerechtfertigt und unsittlich. (Davon habe ich nie etwas gehört.)

Über Verse als älteste Sprache. (Glaube ich nicht.)

Über weiße Ameisen.

Über das Widernatürliche von Schuleinrichtungen.

Über die Prostitution in der Ehe. (Ein schandbares Stück.)

Über das scheinbare Übergewicht der westlichen Bildung.

Über Kataster, Registratur und Stempel.

Über Kinderbücher, Fabeln und Sprüche. (Will ich einmal lesen, denn er dringt darin auf Wahrheit.)

Über den Zwischenhandel. (Gefällt mir weniger; ich glaube, er will die Makler abschaffen, aber ich habe es mir doch beiseite gelegt, weil eins oder das andere drin vorkommt, das ich in meinem Buche benutzen kann.)

Über Erbfolgerecht.

Über Keuschheit als Erfindung. (Das begreife ich nicht.)

Über Vervielfältigung. (Der Titel ist sehr einfach, es steht aber viel drin, woran ich früher nie gedacht habe.)

Über eine gewisse Art von Witz bei den Franzosen, als Folge der Armut ihrer Sprache. (Das lasse ich gelten. Witz und Armut … er kann es wissen.)

Über den Zusammenhang der Romane von August Lafontaine mit der Schwindsucht. (Das will ich einmal lesen, weil von diesem Lafontaine Bücher auf dem Boden liegen; aber er sagt, daß der Einfluß sich erst im zweiten Gliede zeigt  mein Großvater las nicht.)

Über die Macht der Engländer außerhalb Europas.

Über das Gottesgericht im Mittelalter und heute.

Über das Rechnen bei den Römern.

Über Poesiearmut bei Komponisten.

Über Pietisterei, Biologie und Tischrücken.

Über ansteckende Krankheiten.

Über den maurischen Baustil.

Über die Kraft der Vorurteile, sichtbar an Krankheiten, die durch Zug verursacht sind. (Habe ich nicht gesagt, es ist eine kuriose Liste?)

Über die deutsche Einheit.

Über die Länge auf See. (Ich denke, auf See wird alles ebenso lang sein wie zu Lande.)

Über die Pflichten einer Regierung in betreff öffentlicher Lustbarkeiten.

Über die Übereinstimmung des Schottischen und des Friesischen.

Über Prosodie.

Über die Schönheit der Frauen von Nimes und Arles, mit einem Hinblick auf das Kolonisationsprinzip der Phönizier.

Über Landbaukontrakte auf Java.

Über das Saugvermögen einer neuen Art von Pumpe.

Über die Legitimität von Dynastien.

Über Volkslitteratur und javanische Rhapsoden.

Über die neue Art, die Segel einzubinden.

Über die Durchschlagskraft der Handgranaten. (Der Aufsatz stammt von 1847, also vor Orsini.)

Über den Begriff der Ehre.

Über die Apokryphen.

Über die Gesetze Solons, Lykurgs, Zoroasters und Confucius'.

Über die elterliche Gewalt.

Über Shakespeare als Geschichtsschreiber.

Über die Sklaverei in Europa. (Was er damit meint, verstehe ich nicht.)

Über Schrauben-Wassermühlen.

Über das fürstliche Recht der Gnade.

Über die chemischen Bestandteile des Ceylonschen Zimts.

Über die Disciplin auf Kauffahrerschiffen.

Über die Opiumpacht auf Java.

Über die Bestimmungen betreffend den Handel mit Giften.

Über den Durchstich der Landenge von Suez und seine Folgen.

Über die Bezahlung von Landrenten in Naturalien.

Über die Kaffeekultur zu Menado. (Das habe ich schon genannt.)

Über den Zerfall des römischen Reiches.

Über die »Gemütlichkeit« der Deutschen.

Über die skandinavische Edda.

Über die Pflicht Frankreichs, sich im indischen Archipel ein Gegengewicht gegen England zu schaffen. (Dies war französisch, ich weiß nicht warum.)

Über Essigfabrikation.

Über die Verehrung Schillers und Goethes im deutschen Mittelstand.

Über das Recht auf Glück.

Über das Recht der Empörung gegen Unterdrückung. (Dies war javanisch, ich habe diesen Titel erst später erfahren.)

Über Verantwortlichkeit der Minister.

Über einige Punkte im Kriminalprozeß.

Über das Recht eines Volkes zu verlangen, daß die Steuern zu seinem Nutzen verwendet werden. (Wieder javanisch.)

Über das doppelte A und das griechische Eta.

Über den unpersönlichen Gott im Menschenherzen.

Über den Stil.

Über eine Konstitution für das Reich »Insulinde.« (Habe von diesem Reiche nie gehört.)

Über den Mangel von Ephelkystik in unseren Sprachregeln.

Über Pedanterei. (Scheint mit viel Sachkenntnis geschrieben.)

Über die Verpflichtung Europas gegen die Portugiesen.

Über Holzgeläute.

Über Brennbarkeit des Wassers. (Wahrscheinlich meint er gebranntes Wasser.)

Über den Milchsee. (Ich habe nie davon gehört; scheint irgend etwas in der Nähe von Banda zu sein.)

Über Seher und Propheten.

Über Elektrizität als Bewegungskraft, ohne weiches Eisen.

Über Ebbe und Flut der Civilisation.

Über epidemische Verderbnis in Staatshaushaltungen.

Über bevorrechtete Handelsgesellschaften. (Hierin kommt einiges vor, was ich für mein Buch brauche.)

Über Etymologie als Hilfsquelle bei ethnologischen Arbeiten.

Über die Vogelnestklippen an der Südküste Javas.

Über die Stelle, wo der Tag beginnt. (Verstehe ich nicht.)

Über persönliche Begriffe als Maßstab der Verantwortlichkeit in der sittlichen Welt.

Über Galanterie.

Über den Versbau der Hebräer.

Über das »Jahrhundert der Erfindungen« des Marquis von Worcester.

Über die nicht-essende Bevölkerung der Insel Rotti bei Timor. (Es muß da ein billig Leben sein.)

Über Menschenfresserei der Batta und Kopfabschneider der Alfoeru.

Über das Mißtrauen gegen die öffentliche Sittlichkeit. (Er will, glaube ich, die Schlosser abschaffen; ich bin dagegen.)

Über »das Recht« und »die Rechte.«

Über Béranger als Philosophen. (Das verstehe ich wieder nicht.)

Über die Abneigung der Malayen gegen die Javanen.

Über den Unwert des Unterrichts auf den sogenannten Hochschulen.

Über den lieblosen Geist unserer Vorfahren, sichtbar aus ihren Begriffen von Gott.

Über den Zusammenhang der Sinne. (Stimmt; als ich ihn sah, roch ich Rosenöl.)

Über die Wurzel des Kaffeebaums. (Habe ich mir für mein Buch beiseite gelegt.)

Über Empfindung und Empfindelei.

Über die Verwechselung von Mythologie und Religion.

Über die Palmensäfte in den Molukken.

Über die Zukunft des niederländischen Handels. (Das ist eigentlich das Stück, das mich bewogen hat, mein Buch zu schreiben: er sagt, daß nicht immer solche große Kaffeeauktionen würden abgehalten werden, und ich lebe für mein Fach.)

Über Genesis. (Ein infames Stück.)

Über die Geheimbünde der Chinesen.

Über das Zeichnen als natürliche Schrift.

Über Wahrheit in der Poesie. (Sehr richtig)

Über die Unbeliebtheit der Reisschälmühlen auf Java.

Über den Zusammenhang zwischen Poesie und Mathematik.

Über die Wayangs der Chinesen.

Über den Preis des Javakaffees. (Hab' ich zur Seite gelegt.)

Über ein europäisches Münzsystem.

Über Bewässerung von gemeinsamen Feldern.

Über den Einfluß der Rassenvermischung auf den Geist.

Über Gleichgewicht im Handel. (Er spricht darin von Wechsel-Agio; ich habe es für mein Buch zurückgelegt.)

Über die Beständigkeit asiatischer Sitten. (Er sagt, daß Jesus einen Turban trug.)

Über die Malthussche Theorie von der Bevölkerungziffer und den Mitteln zur Ernährung.

Über die Urbevölkerung von Amerika.

Über die Hafenbehörden zu Batavia, Samarang und Surabaja.

Über die Architektur als Ausdruck von Ideen.

Über das Verhältnis der europäischen Beamten zu den javanischen Fürsten. (Hiervon kommt einiges in mein Buch.)

Über die Kellerwohnungen in Amsterdam.

Über die Macht des Irrtums.

Über die Thatlosigkeit eines höheren Wesens bei vollkommenen Naturgesetzen.

Über das Salzmonopol auf Java.

Über die Würmer in der Sagopalme.

Über Sprüche, Prediger, Hohes Lied und die Pantuns der Javanen.

Über das »Jus primi occupantis«.

Über die Armut der Malerei.

Über die Unsittlichkeit des Angelns. (Hat man so etwas schon gehört?)

Über die Missethaten der Europäer außerhalb Europas.

Über die Waffen der schwächeren Tiere.

Über das »Jus talionis«.


* * *

Und das war noch nicht alles. Ich fand, von den Versen abgesehen  Verse waren in allen Sprachen da  eine Anzahl Hefte, bei denen die Aufschrift fehlte;  Romanzen auf malayisch, Kriegsgesänge auf javanisch, und was nicht alles Auch fand ich Briefe, viele davon in Sprachen, die ich nicht verstand. Einige waren an ihn gerichtet, einige von ihm geschrieben, oder besser gesagt: es waren nur Abschriften; doch schien er damit eine Absicht zu haben, denn alles war durch andere Personen als »gleichlautend mit der Urschrift« beglaubigt. Dann fand ich noch Auszüge aus Tagebüchern, Bemerkungen und lose Gedanken, einige wirklich sehr lose

Ich hatte, wie ich schon sagte, einige Stücke zur Seite gelegt, weil sie mir schienen in mein Fach zu schlagen, und für mein Fach lebe ich;  aber ich muß gestehen, daß ich um den Rest verlegen war. Ihm das Paket zurücksenden konnte ich nicht, denn ich wußte nicht, wo er wohnte. Es war nun einmal geöffnet; ich konnte es nicht leugnen, daß ich es eingesehen hatte, und das würde ich auch nicht gethan haben, weil ich die Wahrheit liebe und erfolglos versucht hatte, es wieder so zuzumachen, wie es gewesen war. Dazu konnte ich mir nicht verhehlen, daß einige Stücke, die über Kaffee handelten, mir Interesse abnötigten, und daß ich gern davon Gebrauch gemacht hätte. Ich las täglich hier und da einige Seiten und kam, je länger, je mehr, zu der Überzeugung, daß man Makler in Kaffee sein muß, um zu solcher Kenntnis zu kommen, was in der Welt vorgeht. Ich bin überzeugt, daß die Rosemeyers, die in Zucker machen, so etwas noch nie zu Gesicht bekommen haben.

Nun fürchtete ich, daß der Sjaalman eines Tages wieder vor mir stehen würde, und daß er mir wieder etwas zu sagen hätte. Ich ärgerte mich jetzt, daß ich jenen Abend den Kapelsteeg gegangen war, und ich sah ein, man soll nie den anständigen Weg verlassen. Natürlich hätte er mich um Geld gebeten und von seinem Paket gesprochen. Ich hätte ihm dann vielleicht etwas gegeben, und wenn er mir dann tags darauf den Packen Schreiberei zugeschickt hätte, wäre es mein gesetzliches Eigentum gewesen. Ich hätte dann die Spreu vom Weizen sondern können; ich hätte die Nummern, die ich für mein Buch gebrauchen konnte, herausgesucht, und den Rest verbrannt oder in den Papierkorb geworfen, was ich nun jetzt nicht thun konnte. Denn wenn er wiederkam, hatte ich es ihm zu liefern, und wenn er nun sah, daß ich für ein paar Schriften von ihm Interesse hatte, konnte er nun leicht zu viel dafür fordern. Denn nichts giebt dem Verkäufer mehr Übergewicht als die Entdeckung, daß der Käufer die Ware wünscht oder braucht. So eine Situation wird denn auch durch einen Kaufmann, der sein Fach versteht, nach Möglichkeit vermieden.

Eine andere Idee, ich sprach schon davon, die beweisen möge, wie empfänglich das Besuchen der Börse jemand lassen kann für Eindrücke der Menschenliebe, war diese: Bastiaans, das ist der dritte Buchhalter, der so alt und klapperig wurde, war in der letzten Zeit von den dreißig Tagen sicher keine fünfundzwanzig dagewesen, und wenn er aufs Kontor kommt, macht er seine Arbeit oft genug recht schlecht. Als ehrlicher Mann bin ich der Firma gegenüber  Last & Co., seit die Meyers heraus sind  verpflichtet, dafür zu sorgen, daß jeder seine Arbeit thut. Denn ich mag nicht aus falschverstandenem Mitleid oder Überempfindsamkeit das Geld der Firma wegwerfen. Das ist mein Prinzip. Ich gebe lieber diesem Bastiaans aus meiner eigenen Tasche einen Dreigulden, als daß ich fortfahre, ihm die siebenhundert Gulden jährlich zu bezahlen, die er nicht mehr verdient. Ich habe ausgerechnet, daß dieser Mann, seit vierunddreißig Jahren  sowohl von Last & Co. als früher von Last & Meyer, aber die Meyers sind heraus  ein Einkommen von beinahe fünfzehntausend Gulden gezogen hat, und das ist für einen Bürgersmann ein nettes Sümmchen; es giebt wenig in diesem Stande, die das besitzen. Er hat also kein Recht zu klagen. Ich bin auf die Berechnung gekommen durch das Stück von Sjaalman über die Multiplikation.

Dieser Sjaalman schreibt eine gute Hand, dachte ich, er sah armselig aus, er wußte nicht, wie spät es ist  wie wäre es, dachte ich, wenn ich ihm Bastiaans' Stelle gäbe? Ich würde ihm in dem Falle sagen, daß er zu mir »Mijnheer« sagen müßte: das würde er wohl einsehen; ein Buchhalter kann doch seinen Chef nicht mit Namen anreden, und ihm wäre vielleicht fürs Leben geholfen. Er könnte mit vier- oder fünfhundert Gulden anfangen; Bastiaans hat auch lange gearbeitet, bis er zu siebenhundert aufstieg  und ich hätte eine gute That gethan. Ja, mit dreihundert Gulden hätte er wohl anfangen können; denn da er nie im Geschäft gewesen ist, könnte er die ersten Jahre als Lehrzeit ansehen, was ja auch billig ist, denn er kann sich nicht mit Leuten vergleichen, die schon viel gearbeitet haben. Ich bin sicher, er würde mit zweihundert Gulden zufrieden sein …

Aber ich war nicht beruhigt über seine Lebensführung … er hatte einen Shawl um; und schließlich wußte ich auch nicht, wo er wohnte.

Ein paar Tage darauf waren der junge Stern und Frits zusammen auf einer Bücherauktion im »Wappen von Bern« gewesen. Ich hatte Frits verboten, etwas zu kaufen; aber Stern, der reichlich Taschengeld hat, kam mit einigen Fetzen nach Haus, das ist seine Sache. Aber sieh da, Frits erzählte, daß er Sjaalman gesehen hätte, der bei dem Bücherverkauf angestellt schien. Er hatte die Bücher aus den Kisten genommen und sie auf der langen Tafel zu dem Auktionator hingeschoben. Frits sagte, er sah sehr bleich aus, und ein Herr, der die Aufsicht zu führen schien, hatte ihn gescholten, weil er ein paar Jahrgänge der »Aglaja« hatte fallen lassen. Ich finde das auch sehr ungeschickt, denn es ist eine allerliebste Sammlung von Damen-Handarbeiten; Marie hält es zusammen mit den Rosemeyers, die in Zucker machen; sie häkelt daraus, aus der »Aglaja« meine ich. Aber bei dem Schelten hatte Frits gehört, daß er fünfzehn Stüber täglich verdiente. »Denken Sie, daß ich Lust habe, fünfzehn Stüber täglich an Sie wegzuwerfen?« hatte der Herr gesagt. Ich rechnete aus, daß fünfzehn Stüber täglich  Sonn- und Festtage werden wohl nicht zählen, sonst hätte er ein Monats- oder Jahresgehalt genannt  zweihundertfünfundzwanzig Gulden aufs Jahr machen. Ich bin schnell in meinen Beschlüssen  wer so lange im Geschäft ist, weiß sofort, was er zu thun hat  und am folgenden Morgen fragte ich bei Gaafzuiger an  das ist der Buchhändler, der den Verkauf abgehalten hatte; ich fragte nach dem Mann, der die »Aglaja« hatte fallen lassen.

»Der hat seine Entlassung«, sagte Gaafzuiger, »er war träge, schwerfällig und kränklich.«

Ich kaufte eine Schachtel Mundoblaten und beschloß sofort, es mit Bastiaans noch etwas anzusehen; ich konnte mich nicht dazu entschließen, einen alten Mann so auf die Straße zu setzen. Streng, aber, wo es sein kann, sanft  ist immer mein Prinzip gewesen.

Ich versäume indessen nie, mich nach etwas zu erkundigen, was in den Geschäften zu paß kommen kann, und fragte deshalb Gaafzuiger, wo der Sjaalman wohnte. Er gab mir die Adresse, und ich schrieb sie auf.

Ich dachte fortwährend an mein Buch, aber da ich die Wahrheit liebe, muß ich geradeweg sagen, daß ich nicht wußte, wie ich damit zustande kommen sollte. Ein Ding stand fest: die Baustoffe, die ich in Sjaalmans Paket gefunden hatte, waren für Makler in Kaffee von Interesse. Die Frage war indessen, wie ich handeln mußte, um die Baustoffe ordentlich zu schichten und zusammenzubringen. Jeder Makler weiß, wie wesentlich eine gute Sortierung der Haufen ist.

Aber schreiben, abgesehen von der Korrespondenz mit den Prinzipalen, liegt nicht in meiner Thätigkeit, und doch fühlte ich, daß ich schreiben mußte, weil vielleicht die Zukunft der Branche davon abhängt.

Die Aufklärungen, die ich in Sjaalmans Bündel fand, sind nicht von der Art, daß sie Last & Co. für sich allein behalten könnten; wenn das so wäre, begreift jeder, sollte ich wohl nicht ein Buch drucken lassen, das Busselinck & Waterman auch zu lesen bekommen; denn wer einem Konkurrenten vorwärts hilft, ist ein Narr, das ist ein festes Prinzip von mir. Nein, ich sah ein, daß da eine Gefahr droht, die den ganzen Kaffeemarkt verderben kann; eine Gefahr, die nur durch die vereinten Kräfte aller Makler abgewehrt werden kann. Und es ist sogar möglich, daß diese Kräfte dazu noch gar nicht ausreichen, und daß auch die Zuckerraffinadeure (Frits sagt Raffineure, aber ich schreibe »nadeure«, das thun die Rosemeyers auch, und die machen in Zucker,  ich weiß wohl, daß man sagt: »ein raffinierter Schurke«, und nicht »ein raffinadierter«, aber das kommt davon, daß man sich bei Schurken, wenn man schon mit ihnen zu thun hat, so wenig wie möglich aufhält)  daß also auch die Raffinadeure und die Indigohändler dabei nötig sein werden.

Wie ich so beim Schreiben nachdenke, kommt es mir so an, daß sogar die Schiffsreedereien einigermaßen davon betroffen werden, und die Kauffahrteiflotte … gewiß, das ist wahr. Und die Segelmacher auch, und der Finanzminister, und die Armenverwaltung, und die anderen Minister, und die Pastetenbäcker, und die Kurzwarenhändler, und die Frauen, und die Schiffsbaumeister, und die Großhändler, und die im Kleinen verkaufen, und die Hausbewahrer, und die Gärtner.

Und  sonderbar, wie einem so beim Schreiben die Gedanken kommen  mein Buch geht auch die Müller an, und die Geistlichen, und die, die Hollowaypillen verkaufen, und die Schnapsbrenner, und die Ziegelbrenner, und die von der Staatsschuld leben, und die Pumpenmacher, und die Seiler, und die Weber, und die Schlächter, und die Schreiber auf einem Maklerkontor, und die Teilhaber der Niederländischen Handelsgesellschaft, und eigentlich, genau genommen, alle anderen auch …

Und den König auch … ja, den König erst recht

Mein Buch muß in die Welt. Daran ist nichts zu ändern  mögen dann Busselinck & Waterman es auch zu lesen bekommen … Mißgunst ist meine Sache nicht; aber Pfuscher und Schleicher sind sie, das sage ich. Ich habe es noch heute dem jungen Stern gesagt, als ich ihn in »Artis« einführte; er kann's seinem Vater schreiben.

So saß ich vor ein paar Tagen wieder da und brütete über meinem Buche, und sieh, Frits hat mich auf den Weg gebracht. Ich habe es ihm selbst nicht gesagt, denn man muß keinen merken lassen, daß man Verpflichtungen gegen ihn hat, das ist ein Prinzip von mir, aber wahr ist es. Er sagte, daß Stern so ein heller Bursche wäre, daß er so schnelle Fortschritte im Holländischen mache, und daß er deutsche Verse von Sjaalman ins Holländische übersetzt habe. Ihr seht, es war verkehrte Welt in meinem Hause: der Holländer hatte deutsch geschrieben, und der Deutsche übersetzt es ins Holländische; hätte sich jeder bei seiner Sprache gehalten, wäre Arbeit gespart worden. Aber, dachte ich, wenn ich nun mein Buch durch diesen Stern schreiben ließe  wenn ich etwas hinzuzufügen habe, schreibe ich selber von Zeit zu Zeit ein Kapitel. Frits kann auch helfen; er hat eine Liste von Wörtern, die mit zwei e geschrieben werden, und Marie kann es ins Reine schreiben. Da hat der Leser gleich eine Gewähr gegen alle Unsittlichkeit, denn das versteht sich doch, daß ein anständiger Makler seiner Tochter nichts in die Hände geben wird, was nicht mit Sitte und Anstand zusammenstimmt.

Ich habe dann mit den beiden Jungen über meinen Plan gesprochen, und sie fanden ihn gut. Nur schien Stern, der, wie alle Deutschen, einen Stich ins Litterarische an sich hat, in der Art und Weise der Ausführung eine Stimme zu verlangen. Das gefiel mir nun nicht, aber weil die Frühjahrsversteigerung noch bevorsteht und ich von Ludwig Stern noch keine Aufträge habe, wollte ich im nicht zu stark widersprechen. Er sagte: »wenn die Brust ihm glühe für das Wahre und Schöne, solle keine Macht der Welt ihn hindern, die Töne anzuschlagen, die mit solch einem Gefühl übereinstimmten, und er wolle lieber schweigen, als seine Worte umklammert zu sehen von den entehrenden Fesseln der Alltäglichkeit.« Ich fand das ganz verrückt von Stern, aber mein Fach geht mir über alles, und der Alte ist ein gutes Haus.

Wir setzten also fest:



1. daß er alle Woche ein paar Kapitel für mein Buch liefern sollte;

2. daß ich in seinem Geschreibe nichts ändern sollte;

3. daß Frits die Sprachfehler verbessern sollte;

4. daß ich das Recht haben sollte, von Zeit zu Zeit ein Kapitel zu schreiben, um dem Buche einen soliden Charakter zu geben;

5. daß der Titel sein sollte: Die Kaffeeversteigerungen der Niederländischen Handelsgesellschaft;

6. daß Marie eine saubere Abschrift machen sollte vor der Drucklegung; daß man aber mit ihr Geduld haben sollte, wenn die Wäsche käme;

7. daß die fertiggearbeiteten Kapitel alle Woche in der Gesellschaft vorgelesen werden sollten;

8. daß alle Unsittlichkeit vermieden werden sollte;

9. daß mein Name nicht auf dem Titel stehen sollte, weil ich Makler bin;

10. daß Stern eine deutsche, eine französische und eine englische Übersetzung sollte herausgeben dürfen, weil man, wie er behauptet, sich im Auslande auf solche Werke besser verstände als bei uns;

11. daß ich (darauf drang Stern sehr stark) Sjaalman ein Ries Papier, ein Groß Federn und eine Kruke Tinte schicken sollte.


Ich ließ mir alles gefallen, denn es war Eile nötig Stern hatte den folgenden Tag sein erstes Kapitel fertig,  und so kommt es, lieber Leser, daß ein Makler in Kaffee (Lauriergracht Nr. 37) ein Buch schreibt, das wie ein Roman aussieht.

Kaum aber hatte Stern seine Arbeiten angefangen, da stieß er auch schon auf Schwierigkeiten. Außer der Schwierigkeit, aus so vielen Baustoffen das Nötige auszusuchen und zu ordnen, kamen fortgesetzt in den Manuskripten Wörter und Ausdrücke vor, die er nicht verstand, und die auch mir fremd waren. Meist war es javanisch oder malayisch; auch waren hie und da Abkürzungen angebracht, die schwer zu entziffern waren. Ich sah ein, daß wir Sjaalman brauchten, und da ich es nicht gut finde, wenn ein junger Mensch verkehrte Beziehungen anknüpft, wollte ich weder Stern noch Frits hinschicken. Ich nahm etwas Zuckerzeug mit, was vom letzten Gesellschaftsabend übrig geblieben war, denn ich denke immer an alles, und suchte ihn auf. Blendend war seine Behausung nicht; aber die Gleichheit aller Menschen, was auch ihre Wohnung angeht, ist ein Hirngespinst. Er hat das selbst gesagt in seiner Abhandlung über das Recht auf Glück. Übrigens, ich liebe Menschen nicht, die immer unzufrieden sind.

Es war in einem Hinterzimmer in der Lange-Leidschen Querstraße. Im unteren Stock wohnte ein Trödler, der allerlei Dinge verkaufte, Tassen, Schüsseln, Möbel, alte Bücher, Glassachen, Bilder von van Speyk und dergleichen. Ich hatte Furcht, etwas zu zerbrechen, denn in solchem Falle fordern die Menschen immer mehr Geld für das Zeug, als es wert ist. Ein kleines Mädchen saß auf der Schwelle und kleidete ihre Puppe an. Ich fragte, ob Herr Sjaalman da wohne; sie lief davon, und die Mutter kam hervor.

»Ja, der wohnt hier, M'neer. Gehn Se man die Treppe ruf nach's erste Portal, un denn die Treppe nach's zweete Portal, un denn noch 'ne Treppe, denn sin Se da. Mijntje, geh, sag', es ist 'n Herr da. Wer soll se sagen, daß da is?«

Ich sagte, daß ich Mijnheer Droogstoppel wäre, Makler in Kaffee, von der Lauriergracht, aber ich wollte mich schon selbst anmelden. Ich kletterte so hoch, als sie gesagt hatte, und hörte auf dem dritten Flur eine Kinderstimme singen: »Bald kommt der Vater, der süße Papa.« Ich klopfte, und die Thür wurde geöffnet durch eine Frau oder Dame  ich wußte selbst nicht recht, was ich aus ihr machen sollte. Sie sah sehr bleich aus, und ihre Züge trugen Spuren von Übermüdung: ich mußte an meine Frau denken, wenn sie die Wäsche hinter sich hat. Sie hatte ein weißes langes Hemd oder Jacke ohne Schoß an, die ihr bis an die Knie reichte und vorn mit einer schwarzen Nadel festgemacht war. Anstatt eines anständigen Rocks oder Kleides trug sie darunter ein Stück dunkler geblümter Leinwand, das einigemal um den Leib gewickelt schien und ihre Hüften und Knie ziemlich eng umschloß. Da war keine Spur von Falten, Weite oder Umfang, wie sich das bei einer Frau doch gehört. Ich war froh, daß ich Frits nicht geschickt hatte; denn ihre Kleidung kam mir sehr ungeziemend vor, und ihre Fremdartigkeit wurde noch erhöht durch die Ungezwungenheit, mit der sie sich bewegte, als fühlte sie sich so ganz in Ordnung. Sie schien durchaus nicht zu wissen, daß sie anders aussah als andere Frauen;  auch hatte ich das Gefühl, als wäre sie durch mein Kommen gar nicht in Verlegenheit gesetzt; sie versteckte nichts unter dem Tisch, schob nicht mit den Stühlen, kurz, sie that nichts, was doch die Sitte ist, wenn ein Fremder von einem würdigen Aussehen kommt.

Sie hatte das Haar wie eine Chinesin nach hinten gekämmt und dort in einer Art von Schleife oder Knoten zusammengebunden. Später habe ich erfahren, daß ihre Kleidung eine Art von »indischer Tracht« war, die sie da zu Lande Sarong und Kabai nennen, aber ich fand es sehr häßlich.

»Sind Sie Juffrouw Sjaalman?« fragte ich.

»Wen habe ich die Ehre zu sprechen?« sagte sie, und zwar mit einem Ton, als ob ich wohl auch etwas von »Ehre« in meine Frage hätte bringen können.

Nun, ich bin kein Freund von Komplimenten. Mit einem Prinzipal ist das etwas anderes, und ich bin schon zu lange beim Geschäft, um meine Welt nicht zu kennen, aber da viel Umstände zu machen im dritten Stockwerk, fand ich nicht nötig. Ich sagte also kurzweg, »daß ich Mijnheer Droogstoppel wäre, Makler in Kaffee, Lauriergracht Nr. 37, und daß ich ihren Mann sprechen wollte.«

Sie wies auf einen Mattenstuhl und nahm ein kleines Mädchen, das auf dem Fußboden spielte, zu sich auf den Schoß. Der kleine Junge, den ich hatte singen hören, sah mich an und beguckte mich von Kopf zu Fuß. Der schien auch nicht verlegen. Es war ein Knäbchen von etwa sechs Jahren, auch ziemlich auffallend gekleidet; sein weites Höschen reichte mit knapper Not bis zur Hälfte des Schenkels, und von da waren die Beinchen nackt bis an die Knöchel. Sehr indecent, finde ich.

»Kommst du, um Papa zu sprechen?« fragte er mich plötzlich, und ich merkte sofort, daß die Erziehung des Bürschchens zu wünschen übrig ließ, sonst hätte er »Kommen Sie« gesagt. Aber weil ich mit meiner Haltung etwas verlegen war, und gern etwas sagen wollte, antwortete ich:

»Ja, Kerlchen, ich komme, um deinen Papa zu sprechen; was meinst du? wird er bald kommen?«

»Das weiß ich nicht. Er ist ausgegangen, um Geld zu suchen und mir einen Tuschkasten zu kaufen.«

»Still, mein Junge«, sagte die Frau, »spiel mit deinen Bildern oder mit der chinesischen Spieldose.«

»Du weißt doch, daß der Herr gestern alles mitgenommen hat.«

Auch seine Mutter nannte er »du«, und es war ein Herr dagewesen, der alles mitgenommen hatte, ein fröhlicher Besuch Die Frau schien auch nicht aufgeräumt, sie wischte sich verstohlen über die Augen, als sie das kleine Mädchen zu ihrem Brüderchen brachte.

»Da«, sagte sie, »spiel ein bißchen mit Nonnie.«

Ein komischer Name. Und das that er denn.

»Nun, Juffrouw«, fragte ich, »erwarten Sie Ihren Mann bald?«

»Ich kann nichts Bestimmtes sagen«, antwortete sie.

Da ließ mit einem Male der kleine Junge, der mit seinem Schwesterchen »Kahnfahren« gespielt hatte, diese im Stich und fragte mich:

»Mijnheer, warum sagst du zu Mama Juffrouw?«

»Wie soll ich denn sagen, Kerlchen?« fragte ich.

»Nun  so wie andere Menschen sagen  Juffrouw ist die Frau unten, die Schüsseln verkauft.«

Nun bin ich Makler in Kaffee, Last & Co., Lauriergracht Nr. 37. Wir sind im ganzen dreizehn auf dem Kontor, und wenn ihr Stern, der kein Gehalt bezieht, mitrechnet, sind es gar vierzehn. Nun also, meine Frau ist »Juffrouw«, und sollte ich nun zu diesem Weibe »Mevrouw« sagen? Das ging doch nicht. Jeder muß in seinem Stand bleiben … und was noch mehr ist, gestern hatten ihr die Gerichtsvollzieher den ganzen Kram abgeholt … ich fand »Juffrouw« daher ganz am Platze, und ich blieb dabei.

Ich fragte, warum Sjaalman sich bei mir nicht gemeldet hätte, um sein Paket zu holen? Sie schien davon zu wissen, und sagte, »sie wären auf der Reise gewesen, in Brüssel, und dort habe er für die ›Indépendance‹ gearbeitet, aber er habe nicht da bleiben gekonnt, weil seine Artikel die Ursache waren, daß das Blatt so oft an der französischen Grenze zurückgewiesen wurde; seit einigen Tagen wären sie wieder in Amsterdam, weil Sjaalman hier eine Beschäftigung bekommen sollte …«

»Das war gewiß bei Gaafzuiger?« fragte ich.

»Ja, das war es; aber das ist mißglückt«, sagte sie.

Ich wußte davon mehr als sie. Er hatte die Aglaja fallen lassen, und er war außerdem träge, schwerfällig und kränklich … deshalb war er weggejagt.

»Und«, fuhr sie fort, »er würde sicher dieser Tage zu mir kommen, vielleicht wäre er schon zu mir unterwegs, um sich die Antwort auf sein Anliegen zu holen.«

Ich sagte, Sjaalman möge nur kommen; aber er solle nicht klingeln, weil das für das Mädchen lästig ist; wenn er wartete, sagte ich, würde sich die Thür wohl einmal öffnen, wenn jemand heraus müßte.

Und dann ging ich hin und nahm mein Zuckerbrot wieder mit; denn kurz gesprochen, es gefiel mir da nicht. Ich fühlte mich nicht gemütlich. Ein Makler ist doch kein Arbeitsmann, und ich denke, daß ich anständig aussehe; ich hatte meine Jacke mit Pelzwerk an, und doch saß sie so gleichgültig da und schwatzte so ruhig mit ihren Kindern, als ob sie allein wäre. Auch schien sie geweint zu haben, und unzufriedene Menschen kann ich nicht vertragen. Dann war es kalt und unfreundlich, natürlich, weil die ganze Wirtschaft weggeholt war, und ich bin für freundliches Aussehen in der Wohnung.

Unterwegs beschloß ich, es mit Bastiaans noch etwas anzusehen, denn ich mag nicht gern jemand auf die Straße setzen.

Jetzt folgt die erste Woche von Stern. Es versteht sich von selber, daß viel drin vorkommt, was mir nicht gefällt; aber ich muß mich an Artikel zwei halten, und die Rosemeyers haben es gut gefunden,  aber ich glaube, daß sie nach Stern angeln, weil er in Hamburg einen Onkel hat, der in Zucker macht.

Sjaalman war in der That dagewesen; er hatte Stern gesprochen und diesem einige Worte und Dinge ausgelegt, die er nicht verstand  die Stern nicht verstand, meine ich. Ich lade nun die Leser ein, sich durch die folgenden Kapitel durchzubeißen; dann verspreche ich später wieder etwas soliderer Natur von mir, Batavus Droogstoppel, Makler in Kaffee (Firma Last & Co., Lauriergracht Nr. 37).




Fünftes Kapitel


Stern beginnt seine Erzählung. Von Türmen, vom Adel, von Residenten, Adsistent-Residenten, Regenten und Regierten auf Java.

Eines Morgens um zehn Uhr herrschte auf dem großen Weg, der den Bezirk Pandeglang mit Lebak verbindet, eine ungewöhnliche Bewegung.

»Großer Weg« ist ein bißchen viel gesagt für den breiten Fußpfad, den man aus Höflichkeit und in Ermangelung eines besseren den »Weg« nannte; aber wenn man mit einem vierspännigen Wagen von Serang, dem Hauptorte von Bantam, wegfuhr, mit der Absicht, sich nach Rangkas-Betoeng, dem neuen Hauptort des Lebakschen, zu begeben, konnte man einigermaßen darauf rechnen, nach einiger Zeit dort anzukommen. Es war also ein Weg. Man blieb zwar fortwährend in dem Sumpfboden stecken, der in den Bantamschen Tiefländereien schwer, lehmig und kleberig ist, man sah sich zwar öfters genötigt, die Bewohner der in der Nähe gelegenen Dörfer zu Hilfe zu rufen  auch waren sie oftmals nicht in der Nähe, denn die Dörfer sind in der Gegend nicht sehr zahlreich  aber wenn man es dann geschafft hatte, so zwanzig Landbewohner aus der Umgegend zusammen zu bringen, dauerte es gewöhnlich nicht mehr lange, bis man Pferde und Wagen wieder auf festen Grund gebracht hatte. Der Kutscher klatschte mit der Peitsche, die Läufer  in Europa würde man sie, glaube ich, Palefreniers nennen, oder besser gesagt, in Europa giebt es nichts, was sich mit diesen Läufern vergleichen ließe  diese unvergleichlichen Läufer also, mit ihren kurzen dicken Peitschen, sprangen wieder an der Seite des Viergespanns einher, kreischten wieder unbeschreibliche Töne und schlugen den Pferden zur Ermutigung unter den Bauch. So ratterte man denn einige Zeit weiter, bis der ärgerliche Augenblick wieder da war, daß man bis über die Achsen in den Modder versank. Dann begann das Hilferufen aufs neue  man wartete, bis die Hilfe kam, man jockelte weiter.

Oftmals, wenn ich diesen Weg entlang ging, war mir, als müßte ich da einen Wagen mit Reisenden aus dem vorigen Jahrhundert finden, der in den Sumpf gesunken und vergessen worden war. Aber das ist mir doch niemals passiert. Ich nehme daher an, daß alle, die diesen Weg jemals gefahren sind, endlich dahin gelangt sein müssen, wohin sie wollten.

Man würde sich sehr täuschen, wenn man sich von dem ganzen großen Weg auf Java nach dem Maßstabe dieses Weges ins Lebaksche eine Vorstellung machen würde. Die eigentliche Heerstraße mit ihren vielen Seitenzweigen, die der Marschall Daendels mit großer Aufopferung von Menschen herstellen ließ, ist in der That ein prächtiges Stück Arbeit, und man staunt über die Geisteskraft dieses Mannes, der, ungeachtet aller Schwierigkeiten, die seine Neider und Widersacher im Mutterlande ihm in den Weg legten, dem Unwillen der Bevölkerung und dem Mißvergnügen der Stammeshäupter zu trotzen wagte, um etwas zustande zu bringen, was heute noch die Bewunderung jedes Besuchers hervorruft und verdient.

Keine Pferdepost in Europa, auch nicht in England, Rußland oder Ungarn, kann mit der auf Java in Vergleich gestellt werden. Über hohe Bergrücken, an Abgründen, die dich grausen machen, fliegt der schwerbepackte Reisewagen in einem Galopp dahin. Der Kutscher sitzt auf dem Bock wie angenagelt, Stunden, ja ganze Tage hintereinander, und schwingt die schwere Peitsche mit eisernem Arm. Er weiß genau zu berechnen, wie stark er die scheuenden Pferde halten muß, um nach fliegender Thalfahrt, von einem Bergesabhang herab, dort an jener Ecke …

»Mein Gott, der Weg ist … wir stürzen in den Abgrund«, schreit der unerfahrene Reisende, »da ist kein Weg … da ist die Tiefe«

Ja, so scheint es. Der Weg biegt sich, und gerade, wie ein Galoppsprung mehr das Vorspann den festen Grund und Boten soll verlieren lassen, wenden sich die Pferde und schleudern den Wagen um die Kante herum. Sie fliegen die Höhe hinauf, die du einen Augenblick zuvor nicht gesehen hast, … und der Abgrund liegt hinter dir.

Es kommt vor, daß der Wagen allein auf den Rädern der Innenseite des Bogens ruht, den du beschreibst: die Centrifugalkraft hat die äußeren Räder vom Grunde emporgehoben. Es gehört Kaltblütigkeit dazu, die Augen nicht zu schließen,  und wer zum erstenmal auf Java reist, schreibt gewöhnlich an seine Familie, daß er in Lebensgefahr geschwebt hat: aber wer daheim davon hört, lacht darüber.

Leser, ich beabsichtige nicht, vor allem nicht zu Anfang meiner Erzählung, dich lange mit Beschreibungen von Orten, Landschaften und Gebäuden aufzuhalten. Ich würde fürchten müssen, dich durch etwas abzuschrecken, was nach Langeweile schmeckt: und erst später, wenn ich merke, daß du für mich gewonnen bist, wenn ich in Blick und Haltung sehe, das Los der Heldin, die irgendwo aus dem vierten Stockwerk springt, hat deine Teilnahme,  dann lasse ich sie, mit stolzer Verachtung aller Gesetze der Schwerkraft, zwischen Himmel und Erde schweben, bis ich meinem Herzen Luft gemacht habe durch genaue Schilderung der Schönheiten der Landschaft oder des Gebäudes, das da eigens hingestellt zu sein scheint, um zu einer vielseitenlangen Abschweifung über mittelalterliche Baukunst Anlaß zu geben. Alle diese Burgen gleichen einander. Unabänderlich sind sie von verschiedenartiger Bauordnung; das Hauptgebäude datiert stets um einige Generationen früher als die Seitenflügel, die unter diesem oder jenem späteren König angeklebt sind. Die Türme sind in verfallenem Zustand …

Leser, es giebt keine Türme. Ein Turm ist eine Phantasie, ein Traum, ein Ideal. Es giebt »halbe Türme«, und »Türmchen.«

Die Schwärmerei, die da meinte, Türme auf die Gebäude setzen zu müssen, die zur Ehre dieses oder jenes Heiligen errichtet wurden, dauerte nicht lange genug, um sie zu vollenden, und die Spitze, die die Gläubigen gen Himmel weisen soll, ruht gewöhnlich, ein paar Stockwerk zu tief, auf der massiven Basis, was an den »Mann ohne Schenkel« auf der Kirmeß erinnert. Nur Türmchen, kleine Nadelchen auf den Dorfkirchen, sind fertig geworden.

Es ist für die westliche Kultur nicht schmeichelhaft, daß die Phantasie, ein großes Werk zustande zu bringen, selten standhalten konnte, um das Werk vollendet zu sehen. Ich spreche nicht von Unternehmungen, deren Fertigstellung nötig war, um die Kosten zu decken. Wer genau wissen will, was ich meine, sehe sich den Dom zu Köln an. Er gebe sich Rechenschaft von der großartigsten Idee in der Seele des Baumeisters,  von dem Glauben im Herzen des Volkes, das ihn instandsetzte, das Werk anzufangen und fortzusetzen,  von der Gewalt der Gedanken, die solch einen Koloß nötig hatten, um als sichtbarer Ausdruck des unsichtbaren religiösen Gefühls zu dienen,  und er vergleiche diese Schwärmerei mit der Richtung, die einige Jahrhunderte später den Augenblick gebar, da man das Werk unterbrach.

Eine tiefe Kluft liegt zwischen Erwin von Steinbach und unseren Baumeistern. Ich weiß, daß man seit Jahren bemüht ist, den Spalt auszufüllen;  auch zu Köln baut man wieder an dem Dom. Aber wird man den abgerissenen Draht weiter führen können? Wird man in unseren Tagen wieder finden, was damals die Stärke von Kirchenvogt und Bauherrn ausmachte? Ich glaube nicht. Geld kann man geben; dafür ist Stein und Kalk feil; man kann den Künstler bezahlen, der einen Plan entwirft, den Steinmetzen, der den Stein legt … aber nicht für Geld feil ist das wunderliche und doch ehrwürdige Gefühl, das in einem Bauentwurf ein Gedicht sah: ein Gedicht von Granit, das laut zum Volke sprach, ein Gedicht von Marmor, das dastand als ein unbeweglich, dauernd, ewig Gebet.


* * *

Auf der Grenze also zwischen Lebak und Pandeglang war an jenem Morgen eine ungewöhnliche Bewegung. Hunderte von gesattelten Pferden bedeckten den Weg, und mindestens tausend Menschen, was für diesen Fleck viel war, liefen in betriebsamer Erwartung hin und her. Da sah man die Dorfhäupter und die Distriktsoberhäupter aus dem Lebakschen alle mit ihrem Gefolge, und nach dem schönen Araber-Bastard zu urteilen, der in seinem reichen Geschirr auf der silbernen Trense nagte, war auch ein Haupt von höherem Range anwesend. So war es wirklich. Der Regent von Lebak, Raden Adipati Karta Natta Negara, hatte mit großem Gefolge Rangkas-Betoeng verlassen, um trotz seines hohen Alters die zwölf oder vierzehn Palen zurückzulegen, die seinen Wohnort von dem Nachbargebiet Pandeglang trennten.

Es wurde ein neuer Adsistent-Resident erwartet; und das Herkommen, das in Indien mehr denn irgendwo Gesetzeskraft hat, verlangt, daß der Beamte, der mit der Verwaltung eines Bezirkes beauftragt ist, bei seiner Ankunft festlich eingeholt wird. Auch der Kontroleur, ein Mann von mittleren Jahren, der seit einigen Monaten, seit dem Tode des vorigen Adsistent-Residenten, die Verwaltung als Stellvertreter wahrgenommen hatte, war anwesend.

Sobald die Ankunft des neuen Adsistent-Residenten bekannt wurde, hatte man in aller Eile eine »Pendoppo« aufgerichtet, ein Tisch und einige Stühle waren da hingebracht, einige Erfrischungen bereitgestellt, und in der Pendoppo erwartete der Regent mit dem Kontroleur die Ankunft des neuen Vorgesetzten.

Nächst einem Hut mit breitem Rand, einem Regenschirm oder einem hohlen Baum, ist eine »Pendoppo« sicher der einfachste Ausdruck des Gedankens »Dach.« Denkt euch vier oder sechs Bambusstangen in den Erdboden geschlagen, die an ihrem oberen Ende durch andere Bambusstangen miteinander verbunden sind, worauf eine Decke aus den langen Blättern der Wasserpalme, dort »Atap« genannt, befestigt ist, und ihr werdet euch sothane, »Pendoppo« vorstellen können Es ist, wie ihr seht, so einfach wie möglich, und es soll auch lediglich als kurzer Aufenthalt für die europäischen und inländischen Beamten dienen, die da ihr neues Oberhaupt an der Grenze bewillkommnen wollen.

Ich habe nicht ganz richtig den Adsistent-Residenten das Oberhaupt auch des Regenten genannt. Eine Abschweifung über den Mechanismus der Verwaltung in diesen Landstrichen ist unentbehrlich.

Das sogenannte »Niederländisch Indien«– ich finde die Bezeichnung sprachlich nicht richtig, aber sie ist offiziell angenommen  ist, was die Beziehungen des Mutterlandes zu der Bevölkerung betrifft, zu trennen in zwei sehr verschiedene Hauptteile. Ein Teil besteht aus Stämmen, deren Fürsten oder Häuptlinge die Oberherrschaft der Nederlanden als Souverän anerkannt haben; doch ist noch immer die eigentliche Regierung in größerem oder geringerem Maße in den Händen der eingeborenen Häupter selbst geblieben. Ein anderer Teil, zu dem Java gehört, mit einer sehr kleinen vielleicht bloß scheinbaren Ausnahme, ist ganz und geradezu Nederlanden unterworfen. Von Tribut oder Schatzung oder Bundesgenossenschaft ist hier keine Rede. Der Javane ist niederländischer Unterthan. Der König von Nederlanden ist sein König. Die Nachkommen seiner einstmaligen Fürsten und Herren sind niederländische Beamte; sie werden angestellt, versetzt und befördert, abgesetzt durch den General-Gouverneur, der im Namen des Königs regiert. Der Missethäter wird verurteilt und bestraft nach einem Gesetz, das von 's Gravenhage ausgegangen ist. Die Steuer, die der Javane aufbringt, fließt in die Schatzkammer Nederlandens.

Von diesem Teil der niederländischen Besitzungen, das demnach einen wirklichen Teil des Königreichs ausmacht, soll in diesen Blättern hauptsächlich die Rede sein.

Dem General-Gouverneur steht ein »Rat« zur Seite, welcher indessen keine beschließende Stimme hat. Zu Batavia sind die verschiedenen Regierungszweige in Departements verteilt, an deren Spitze Direktoren stehen, welche das Bindeglied zwischen der Oberleitung des General-Gouverneurs und den Residenten in den Provinzen bilden. Bei Behandlung von Dingen politischer Natur indessen wenden sich diese Beamten direkt an den General-Gouverneur.

Die Bezeichnung »Resident« kommt noch von der Zeit her, da die Nederlanden bloß mittelbar Herr der Bevölkerung war, als Lehnsherr, und sich an den Höfen der noch regierenden Fürsten durch Residenten vertreten ließ. Die Fürsten sind nicht mehr; die Residenten sind die Verwalter der Landschaften geworden; sie sind distriktweise Gouverneure, Präfekten. Ihr Wirkungskreis ist verändert, aber der Name ist geblieben.

Es sind die Residenten, die eigentlich die niederländische Macht gegenüber der javanischen Bevölkerung vertreten. Das Volk kennt weder den General-Gouverneur noch den Rat von Indien, noch die Direktoren zu Batavia; das Volk kennt bloß den Residenten und die Beamten, die es unter ihm regieren.

Eine derartige Residentschaft,  es giebt ihrer, die beinahe eine Million Seelen umfassen,  zerfällt in drei, vier oder fünf Bezirke (»Afdeelingen«) oder Regentschaften, an deren Spitze Adsistent-Residenten stehen. Unter diesen wieder wird die Regierung durch Kontroleure, Aufseher und eine Zahl von anderen Beamten ausgeübt, die für das Eintreiben der Steuern, die Aufsicht über den Ackerbau, das Errichten von Gebäuden, für die Regelung der Wasserverhältnisse, die Polizei und das Rechtswesen erforderlich sind.

In jedem Bezirke steht ein inländisches Haupt von hohem Range, mit dem Titel eines Regenten, dem Adsistent-Residenten zur Seite. Ein solcher Regent, obwohl seine Stellung zur Regierung und sein Wirkungskreis durchaus die eines besoldeten Beamten sind, gehört stets zu dem hohen Adel des Landes, und oft zu der Fürstenfamilie, die früher in dieser Landschaft oder in der Nachbarschaft unabhängig regiert hat. Sehr politisch benutzt man also ihren uralten feudalen Einfluß, der in Asien überall von großem Gewicht ist und bei den meisten Stämmen als religiöse Einrichtung betrachtet wird; insofern durch das Berufen dieser Häupter zu Beamten eine Art von Hierarchie geschaffen wird, an deren Spitze die niederländische Macht steht, die durch den General-Gouverneur ausgeübt wird.

Es ist nichts Neues unter der Sonne. Wurden nicht die Reichs- , Mark-, Gau-, Grenz- und Burggrafen des Deutschen Reiches gleichfalls durch den Kaiser angestellt und meistens aus den Baronen, den Edelingen gewählt? Ohne auf den Ursprung des Adels, der ganz in der Natur liegt, abzuschweifen, möchte ich doch der Betrachtung Raum geben, wie hier und auch dort im fernen Indien dieselben Ursachen dieselben Folgen hatten. Ein Land muß auf weite Entfernung regiert werden, und dazu sind Beamte notwendig, die die Centralregierung vertreten. Unter dem System militärischer Willkür wählten die Römer dazu die Präfekten, gewöhnlich die Befehlshaber der Legionen, die das betreffende Land unterworfen hatten. Solche Landstriche blieben denn auch »Provinzen«, d. h. erobertes Land. Als aber später die Centralmacht des Deutschen Reiches das Bedürfnis hatte, hie und da ferngesessenes Volk auf andere Weise an sich zu binden als durch materielles Übergewicht allein, sobald ein entfernter Landstrich als zum Reich gehörig betrachtet wurde, infolge Gleichheit der Abstammung, Sprache und Sitte, stellte sich die Notwendigkeit heraus, mit der Leitung der Geschäfte jemand zu betrauen, der in diesem Lande nicht allein zu Hause war, sondern auch durch seinen Stand über seine Mitbürger in diesen Strecken herausragte, auf daß der Gehorsam den kaiserlichen Befehlen gegenüber leicht werde durch die damit Hand in Hand gehende Neigung der Unterwerfung unter den, der mit der Ausführung der Befehle beauftragt war. Gleichzeitig wurden so die Ausgaben für ein stehendes Heer zu Lasten der Staatskasse oder, wie es meist geschah, den Gegenden, die durch ein solches Heer bewacht werden mußten, ganz oder teilweise entbehrlich.

So wurden die ersten Grafen aus den Edlen des Landes genommen, und, genau genommen, ist daher »Graf« kein adeliger Titel, sondern einfach die Bezeichnung einer mit einem gewissen Amt betrauten Persönlichkeit. Ich glaube denn auch, daß im Mittelalter die Ansicht galt, der deutsch Kaiser habe das Recht, »Grafen« (Landschaftsverwalter) und »Herzöge« (Heerführer) zu ernennen; andererseits behaupteten die Barone, was ihre Geburt betraf, dem Kaiser gleichgestellt zu sein und allein von Gott abzuhängen, unbeschadet ihrer Pflicht, dem Kaiser zu dienen, sofern dieser mit ihrer Zustimmung und aus ihrer Mitte gewählt war. Ein Graf bekleidete das Amt, zu dem ihn der Kaiser berufen hatte; ein Baron betrachtete sich als Baron »von Gottes Gnaden«. Die Grafen vertraten den Kaiser und führten dementsprechend sein Banner; ein Baron brachte Kriegsvolk auf unter seiner Fahne als Bannerherr.

Der Umstand nun, daß Grafen und Herzöge gewöhnlich aus den Baronen gewählt werden, hatte zur Folge, daß sie das Gewicht ihres Amtes in die Wagschale legten neben dem Einfluß, den sie von Geburtswegen beanspruchten, und daraus scheint später, besonders als man sich an die Erblichkeit dieser Ämter gewöhnt hatte, der Vorrang entstanden zu sein, den diese Titel vor dem Baronstitel erhielten. Noch heutzutage könnte es vorkommen, daß eine freiherrliche Familie  ohne kaiserliches oder königliches Patent, d. h. eine Familie, die ihren Adel ableitet vom Ursprung des Landes, die stets von Adel war, weil sie von Adel war  autochthon  eine Erhebung in den Grafenstand ablehnte. Man hat Beispiel davon.

Die Personen, die mit der Verwaltung einer solchen Grafschaft betraut waren, suchten es natürlich beim Kaiser zu erreichen, daß ihre Söhne oder, falls sie keine hatten, andere Blutsverwandte ihnen im Amte folgten. Das geschah denn auch gewöhnlich, obwohl ich nicht glaube, daß jemals das Recht auf die Erbfolge organisch anerkannt worden ist, wenigstens was die Beamten in den Nederlanden angeht, z. B. die Grafen von Holland, Seeland, Flandern, Hennegau  die Herzöge von Brabant, Gelderland u.s.w. Es war anfangs eine Gunst, später eine Gewohnheit, zum Schluß eine Notwendigkeit; aber niemals wurde die Erblichkeit Gesetz.

Ziemlich ebenso, was die Wahl von Personen anlangt, da hier von Gleichheit des Wirkungskreises keine Rede sein kann, steht an der Spitze eines Bezirks in Java ein inländischer Beamter, der seinen vom Gouvernement erteilten Rang mit seinem »autochthonen« Einfluß verbindet, um dem europäischen Beamten, der die niederländische Macht vergegenwärtigt, die Regierung leichter zu machen. Auch hier ist die Erblichkeit, ohne durch Gesetz festgestellt zu sein, zu einer Gewohnheit geworden. Schon bei Lebzeiten des Regenten ist diese Sache meistens geregelt, und es gilt als eine Belohnung für Diensteifer und Treue, wenn man ihm die Zusicherung giebt, daß sein Sohn sein Nachfolger sein wird. Es müssen schon sehr gewichtige Gründe bestehen, wenn man einmal von dieser Regel abweicht, und wo dies etwa vorkommen sollte, wählt man dann doch gewöhnlich den Nachfolger aus den Gliedern derselben Familie.

Das Verhältnis zwischen europäischen Beamten und solchen hochgestellten javanischen Großen ist von sehr delikater Art. Der Adsistent-Resident eines Bezirks ist die verantwortliche Person; er hat seine Instruktion und wird als das Haupt des Bezirkes betrachtet. Das hindert indes nicht, daß der Regent, durch lokales Ansehen, durch Geburt, durch Einfluß auf die Bevölkerung, durch Vermögen und Einkünfte und dementsprechende Lebensweise, sich weit über jenen erhebt. Ferner ist der Regent, der das »javanische Element« eines Landstrichs vertritt und im Namen der hunderttausend oder mehr Seelen spricht, die seine Regentschaft bevölkern, auch in den Augen des Gouverneurs eine viel wichtigere Person als der einfache europäische Beamte, um dessen Unzufriedenheit man sich nicht zu kümmern braucht, da man an seine Stelle tausend andere bekommen kann; während die Mißtimmung des Regenten den Keim zu Unruhen oder Aufständen in sich tragen kann.

Aus alledem ergibt sich der auffallende Umstand, daß eigentlich der Geringere der Vorgesetzte des Größeren ist. Der Adsistent-Resident befiehlt dem Regenten, ihm Bericht zu erstatten; er befiehlt ihm, Volk zur Arbeit an Brücken und Wegen zu senden; er befielt ihm, Steuern einzutreiben; er beruft ihn, im Rate Platz zu nehmen, wo der Adsistent-Resident den Vorsitz führt; er rügt ihn, wenn er sich einer Pflichtversäumnis schuldig gemacht hat. Dieses sehr eigenartige Verhältnis wird nur durch äußerst höfliche Formen ermöglicht, die weder Herzlichkeit noch, wenn es sein muß, Strenge auszuschließen brauchen; und ich glaube, der Ton, der in dieser Beziehung herrschen soll, wird ziemlich richtig in der offiziellen Vorschrift angegeben: »Der europäische Funktionär habe den inländischen Beamten, der ihm zur Seite steht als seinen jüngeren Bruder zu behandeln.«

Aber er vergesse nicht, daß der jüngere Bruder bei den Eltern sehr beliebt  oder auch gefürchtet  ist, und daß bei etwaigen Zwistigkeiten sein höheres Alter sofort in Anschlag gebracht wird, um es ihm übel zu nehmen, daß er seinen jüngeren Bruder nicht mit mehr Nachgiebigkeit behandelt hat.

Die angeborene Höflichkeit der javanischen Großen  selbst der niedere Javane ist unendlich höflicher als sein europäischer Standesgenosse  macht übrigens diese scheinbar schwierige Beziehung erträglicher, als sie es sonst wäre.

Der Europäer sei wohlerzogen, rücksichtsvoll, und zeige sich mit freundlicher Würde, und er kann gewiß sein, daß der Regent seinerseits ihm das Amt leicht machen wird. Die unvermeidlichen Befehle, in ersuchender Form geäußert, werden prompt befolgt. Der Unterschied in Stand, Geburt, Reichtum wird durch den Regenten selbst verwischt, der den Europäer, als Vertreter des Königs der Nederlanden, zu sich emporhebt, und schließlich ist ein Verhältnis, das bei oberflächlicher Betrachtung lediglich zu Zwistigkeiten führen sollte, sehr oft die Quelle eines angenehmen Verkehrs.

Ich sagte, daß solche Regenten auch durch ihren Reichtum einen Vorrang vor den europäischen Beamten haben; und das ist natürlich. Der Europäer, der berufen wird, um eine Provinz zu verwalten, die an Größe vielen deutschen Herzogtümern gleichkommt, ist gewöhnlich jemand von mehr als mittlerem Lebensalter, verheiratet und Vater: er bekleidet ein Amt um das Brot. Sein Einkommen ist gerade genügend, und manchmal nicht einmal genügend, um den Seinen das Nötige zu schaffen. Der Regent ist »Trommongong«, »Adipati«, ja sogar »Pangerang«, javanischer Prinz. Die Frage für ihn ist nicht, daß er lebe  er muß so leben, wie es das Volk von seiner Aristokratie gewohnt ist. Wo der Europäer ein Haus bewohnt, ist sein Sitz oftmals ein »Kratoon« mit vielen Häusern und Dörfern darin. Wo der Europäer eine Frau hat mit drei, vier Kindern, unterhält er eine ganze Zahl von Frauen mit allem, was dazu gehört. Wenn der Europäer ausfährt, begleitet von einigen Beamten, so viel gerade nötig sind, um ihn bei seiner Inspektionsreise Erklärungen zu geben,  wird der Regent umschwärmt von den Hunderten, die zu dem Gefolge gehören, das in den Augen des Volkes einmal zu seinem hohen Range gehört. Der Europäer lebt bürgerlich; der Regent lebt  und man setzt das von ihm voraus  als ein Fürst.

Aber das muß alles bezahlt werden. Die niederländische Regierung, die sich auf dem Einfluß der Regenten aufgebaut hat, weiß das; und nichts ist natürlicher, als daß dies ihre Einkünfte zu einer Höhe emporgeführt hat, die dem »Nicht-Indier« übertrieben vorkommen würde, die aber in der That zu der Bestreitung der Ausgaben, die mit der Lebensweise eines solchen inländischen Hauptes verbunden sind, selten ausreicht. Es ist nichts Auffallendes, wenn Regenten mit einem jährlichen Einkommen von zwei-, auch dreimalhunderttausend Gulden  in Geldverlegenheit sind. Viel trägt dazu die wahrhaft fürstliche Gleichgültigkeit bei, mit der sie ihr Einkommen verschleudern, ihre Nachlässigkeit bei der Aufsicht auf ihre Untergebenen, ihre beinahe krankhafte Kauflust, und vor allem der Mißbrauch, der oft durch Europäer mit diesen Eigenschaften getrieben wird.

Die Einkünfte der javanischen Häupter würde man vier Teilen zusammenfassen können. Zuerst das bestimmte Monatsgeld, dann eine feste Summe als Schadloshaltung für abgekaufte Rechte, die in die niederländische Verwaltung übergegangen sind; drittens eine Belohnung im Verhältnis zur Menge der in ihrer Regentschaft erzeugten Waren, als Kaffee, Zucker, Indigo, Zimmet u.s.w.; und endlich die willkürliche Bestimmung über die Arbeit und das Eigentum ihrer Unterthanen.

Die beiden letzten Einnahmequellen erfordern einige Erklärungen. Der Javane ist von Natur Landbauer; der Grund und Boden, auf dem er geboren ist, der viel verspricht für wenig Arbeit, lockt ihn dazu, und vor allem widmet er sich mit Herz und Seele der Bebauung seiner Reisfelder, worin er denn auch sehr geschickt ist. Er wächst auf inmitten seiner Sawahs und Gagahs und Tipars; er begleitet seinen Vater bereits in sehr jungen Jahren aufs Feld, wo er ihm mit Pflug und Spaten behilflich ist, und an Dämmen und Wasserleitungen zur Bewässerung der Äcker. Er zählt seine Jahre nach Ernten, er rechnet die Jahreszeit nach der Farbe seiner im Felde stehenden Halme; er fühlt sich zu Hause bei den Gesellen, die mit ihm Padi schneiden; er sucht seine Frau unter den Mädchen der Dessah, die abends unter frohem Gesang den Reis stampfen, um ihn zu enthülsen; der Besitz von ein Paar Büffeln, die seinen Pflug ziehen sollen, ist das Ideal, das ihn anlacht;  der Reisbau ist für den Javanen, was in den Rheingegenden und in Südfrankreich die Weinlese ist.

Doch da kamen Fremde aus dem Westen, die sich zu Herren des Landes machten. Sie wünschten von der Güte des Bodens Vorteil zu ziehen und verlangten von dem Eingeborenen, er solle einen Teil seiner Arbeit und seiner Zeit der Erzeugung anderer Dinge widmen, die auf den Märkten Europas mehr Gewinn abwerfen würden. Um den kleinen Mann dazu zu bewegen, brauchte man nicht mehr als eine sehr einfache Politik. Er gehorcht seinen Häuptern; man hatte also lediglich die Häupter zu gewinnen, indem man ihnen einen Teil des Gewinnes zusagte  und es glückte vollkommen.

Wenn man die erstaunliche Menge javanischer Erzeugnisse sieht, die in den Nederlanden auf den Markt kommen, kann man sich von der Zweckmäßigkeit dieser Politik überzeugen, findet man sie schon nicht edel. Denn wenn jemand fragt, ob der Landbauer selbst eine verhältnismäßige Entlohnung davon hat, so muß ich das verneinen. Die Regierung zwingt ihn, auf seinem Grund und Boden zu pflanzen, was ihr behagt; sie bestraft ihn, wenn er das so Gewonnene verkauft, an wen es auch sei, außer an sie selbst; und sie selbst bestimmt den Preis, den sie ihm dafür zahlt. Die Transportkosten nach Europa, durch Vermittlung einer bevorrechteten Handelskörperschaft, sind hoch, die Ermunterungsgelder an die Häupter beschweren obendrein den Einkaufspreis  und da doch schließlich der ganze Handel Gewinn abwerfen muß, kann dieser Gewinn nicht anders erzielt werden als dadurch, daß man dem Javanen gerade so viel auszahlt, daß er nicht geradezu verhungert, was ja die produzierende Kraft der Bevölkerung vermindern würde.

Auch an die europäischen Beamten wird eine Belohnung im Verhältnis zur Produktion gezahlt.

Wohl wird also der arme Javane durch doppelte Gewalt vorwärts gepeitscht; wohl wird er von seinen Reisfeldern fortgezogen; wohl ist Hungersnot die Folge dieser Maßregeln; aber fröhlich flattern zu Batavia, zu Samarang, zu Surabaja, zu Passaruan, zu Besuki, zu Probolingo, zu Patjitan, zu Tijlatjap die Flaggen an Bord der Schiffe, die beladen werden mit den Ernten, die Nederlanden reich machen.

Hungersnot …? Auf dem reichen, fruchtbaren Java Hungersnot? Ja, Leser, vor wenigen Jahren sind ganze Distrikte ausgestorben vor Hunger: Mütter boten ihre Kinder zur Speise feil, Mütter haben ihre Kinder verzehrt …

Aber dann hat sich das Mutterland mit der Sache befaßt. In den Sälen der Volksvertretung ist man damit unzufrieden gewesen, und der damalige Landvogt hat befehlen müssen, daß man die Ausbreitung der sogenannten »Europäischen Markt-Produkte« nicht wieder bis zu einer Hungersnot fortsetzen solle …

Ich bin bitter geworden. Was würdet ihr von jemand denken, der solche Dinge ohne Bitterkeit niederschreiben könnte?

Ich habe noch von der letzten und vornehmsten Art der Einkünfte inländischer Häupter zu sprechen: von ihrer willkürlichen Bestimmung über Person und Eigentum ihrer Unterthanen.

Nach den in ganz Asien herrschenden Begriffen gehört der Unterthan mit allem, was er besitzt, dem Fürsten. Die Nachkommen oder Verwandten der früheren Fürsten machen gern Gebrauch von der Unkenntnis der Bevölkerung, die nicht recht begreift, daß ihr Tomonggong, Adipati oder Pangerang jetzt ein besoldeter Beamter ist, der seine eigenen und ihre Rechte für eine feste Rente verkauft hat, und daß daher die filzig bezahlte Arbeit in der Kaffee- oder Zucker-Plantage an die Stelle der Lasten getreten ist, die sie früher für ihre Herren aufbrachten. Nichts ist daher gebräuchlicher, als daß Hunderte von Familien aus weiter Entfernung herbeigerufen werden, um ohne Bezahlung Felder zu bearbeiten, die dem Regenten gehören: nichts ist gebräuchlicher als die unbezahlte Lieferung von Lebensmitteln für die Hofhaltung des Regenten, und wenn der Regent ein gnädiges Auge wirft auf das Pferd, den Büffel, die Tochter, die Frau des kleinen Mannes, würde man es ungehörig finden, wenn dieser sich weigerte, den begehrten Gegenstand bedingungslos abzutreten.

Es giebt Regenten, die von solcher willkürlichen Bestimmung einen mäßigen Gebrauch machen und nicht mehr von dem kleinen Mann sondern als durchaus nötig ist, um ihren Rang aufrechtzuerhalten Andere gehen etwas weiter, und gänzlich fehlt die Gesetzlosigkeit nirgends. Es ist auch schwer, ja unmöglich, solchen Mißbrauch gänzlich auszuroden, denn er liegt in der Natur des Volkes begründet, das darunter leidet. Der Javane ist sanft, vor allem, wo es ihm darum zu thun ist, seinem Regenten, dem Abkömmling derer, dem seine Väter unterthan waren, einen Beweis von Ergebenheit zu geben: ja er würde glauben, der Ehrerbietung, die er seinem angestammten Herrn schuldig ist, zu wenig zu thun, wenn er dessen »Kratoon« ohne Geschenke beträte. Diese Geschenke sind oft von so geringem Werte, daß das Abweisen etwas Erniedrigendes in sich schließen würde, und diese Gewohnheit ist eher mit der Hingebung eines Kindes zu vergleichen, das seine Liebe zum Vater im Anbieten einer kleinen Gabe äußern möchte, denn als Tribut an tyrannische Willkür aufzufassen.

Aber so macht das Bestehen einer liebenswürdigen Sitte das Abschaffen eines Mißbrauchs sehr schwierig.

Wenn der »Aloon-aloon« vor dem Wohnsitz des Regenten verwildert daläge, so würde sich die Nachbarschaft darüber schämen, und es wäre viel Gewalt nötig, um sie zu verhindern, den Platz von Unkraut zu säubern und in einen Stand zu bringen, der dem Range des Regenten angemessen ist. Bezahlung dafür zu geben, würde man als eine allgemeine Beleidigung empfinden. Aber in der Nähe dieses Aloon-aloon oder sonstwo liegen Sawahs, die warten auf den Pflug oder auf eine Wasserleitung, die oftmals meilenweit das befruchtende Naß herbeischaffen soll:  die Sawahs gehören dem Regenten. Er ruft, um seine Sawahs zu bewirtschaften, die Insassen ganzer Dörfer auf, deren eigene Sawahs die Arbeit ebenso sehr brauchen … Sieh da den Mißbrauch.

Der Regierung ist das bekannt, und wer die Staatsblätter liest, die die Gesetze, Weisungen und Instruktionen für die Beamten enthalten, dem geht das Herz auf bei all der Menschenliebe und Rechtschaffenheit, die bei der Ausarbeitung dieser Vorschriften den Vorsitz geführt haben. Überall wird dem Europäer, der mit der Gewalt im Binnenlande bekleidet ist, als eine seiner treuesten Pflichten ans Herz gebunden, die Eingeborenen gegen ihre eigene Unterwürfigkeit und die Habsucht ihrer Häupter zu schützen, und als wäre es noch nicht genug, diese Pflicht allgemein vorzuschreiben, wird noch den Adsistent-Residenten, beim Antritt der Verwaltung eines Bezirks, ein besonderer Eid abgenommen, daß sie die väterliche Sorge für die Bevölkerung als eine erste Pflicht betrachten werden.

Eine schöne Aufgabe. Gerechtigkeit üben; den Geringen beschirmen gegen den Mächtigen, den Schwachen schützen gegen die Übermacht des Starken, das Lamm des Armen aus den Ställen des königlichen Räubers zurückfordern  ja, es ist, um das Herz glühen zu machen vor Freude, bei dem Gedanken, daß man zu etwas Schönem berufen ist  Und wer im javanischen Binnenlande mit seiner Stellung oder Belohnung unzufrieden ist, der erhebe seine Augen zu der erhabenen Pflicht, die auf ihm ruht, auf das herrliche Bewußtsein, das die Erfüllung solcher Pflicht mit sich bringt, und er wird keine andere Belohnung begehren.

Aber leicht ist die Pflicht nicht. Zuerst hätte man genau zu unterscheiden: wo hat die Sitte aufgehört, um dem Mißbrauch Platz zu machen?  und, wo der Mißbrauch besteht, wo in der That Raub oder Willkür herrscht, da sind oftmals die Schlachtopfer selbst mitschuldig, sei es aus zu weit getriebener Unterwürfigkeit, sei es aus Furcht, sei es aus Mißtrauen gegen den Willen oder die Kraft desjenigen, der sie beschirmen soll. Jeder weiß, daß der europäische Beamte jeden Augenblick in ein anderes Amt berufen werden kann, und daß der Regent, der mächtige Regent, dableibt. Ferner giebt es so viele Arten, um sich das Eigentum eines armen einfältigen Menschen anzueignen. Wenn ein Mantri ihm sagt, daß der Regent sein Pferd begehrt, mit der Folge, daß das begehrte Tier bereits einen Platz in den Stallungen des Regenten erhalten hat, so beweist das noch nicht, daß dieser nicht die Absicht hatte, dafür einen hohen Preis zu zahlen  in einiger Zeit. Wenn Hunderte auf den Feldern eines solchen Großen arbeiten, ohne dafür bezahlt zu werden, folgt daraus keineswegs, daß er das zu seinem Vorteil geschehen ließ. Konnte nicht seine Meinung sein, ihnen die Ernte zu überlassen, aus der gutherzigen Berechnung, daß sein Grund und Boden besser gelegen wäre, fruchtbarer als der ihrige, und deshalb ihre Arbeit besser lohnen würde?

Außerdem, woher bekommt der europäische Beamte die Zeugen, die den Mut haben, eine Aussage gegen ihren Herrn, den Regenten, abzugeben? Und, wagte er eine Anklage, ohne sie beweisen zu können, wo bleibt da das Verhältnis des älteren Bruders, der ja in einem solchen Falle seinen jüngeren Bruder grundlos in seiner Ehre gekränkt hätte? Wo bleibt die Gunst der Regierung, die ihm Brot giebt für seinen Dienst, die ihm aber das Brot aufkündigt, die ihn als ungeschickt entläßt, wenn er eine so hochgestellte Persönlichkeit wie einen Adipati oder Pangerang leichtfertig verdächtigt oder angeklagt hat?

Nein, nein, leicht ist diese Pflicht nicht Das ergiebt sich schon daraus, daß jeder überzeugt ist, daß jedes inländische Haupt die Grenze der erlaubten Verfügung über Arbeit und Eigentum überschreitet, daß alle Adsistent-Residenten den Eid leisten, Wandel zu schaffen, und daß doch sehr selten ein Regent des Mißbrauchs der Gewalt oder der Willkür angeklagt wird.

Es scheint also eine unüberwindliche Schwierigkeit zu bestehen, um dem Eid Folge zu geben: »die Eingeborenen zu beschirmen gegen Aussaugung und Erpressung.«




Sechstes Kapitel


Stern fährt fort. Wen man an der Lebakschen Grenze erwartete. Die Ankunft des Reisewagens. Der Herr Resident. Max Havelaar.

Der Kontroleur Verbrugge war ein guter Mensch. Wenn man ihn so dasitzen sah in seinem blauen Tuchfrack, gestickten Eichen- und Orangezweigen auf Kragen und Ärmelaufschlägen, war es schwer, in ihm den Typus, der unter den Holländern in Indien vorherrscht, zu verkennen  die, nebenbei gesagt, sich von den Holländern in Holland sehr unterscheiden. Träg, so lange nichts zu thun war; ohne die Aufräumwut, die in Europa für Fleiß gilt, aber fleißig, wo Geschäftigkeit am Platze war;  einfach, aber herzlich zu denen, die zu seiner Umgebung gehörten;  mitteilsam, hilfreich und gastfrei;  von guten Umgangsformen, ohne Steifheit;  für große Eindrücke zugänglich,  ehrlich und bieder, ohne jedoch Lust zu fühlen, ein Märtyrer dieser Eigenschaften zu werden,  kurz, ein Mann, der, wie man sagt, überall am rechten Platze gewesen wäre, ohne daß man indessen gerade auf den Gedanken gekommen wäre, das Jahrhundert nach ihm zu benennen, was er auch gar nicht verlangte.

Er saß inmitten der Pendoppo an dem Tisch, der mit einem weißen Tuch bedeckt und mit Speisen beladen war. Etwas ungeduldig fragte er von Zeit zu Zeit mit den Worten der Schwester von Frau Blaubart, den »Mandoor«-Aufseher, d. h. das Oberhaupt der Polizei- und Bureaudiener der Adsistent-Residentschaft, ob noch nichts im Anzuge wäre? Dann stand er auf einmal auf, versuchte vergebens seine Sporen auf dem gestampften Lehmboden der Pendoppo klirren zu lassen, zündete zum zwanzigstenmal seine Cigarre an und setzte sich wieder hin. Er sprach wenig.

Und doch hätte er sprechen können; denn er war nicht allein. Ich meine hiermit nicht, daß er von zwanzig oder dreißig Javanen begleitet war, Bedienten, Mantris und Aufsehern, die am Boden hingekauert in der Pendoppo und draußen saßen, auch nicht von den vielen, die fortwährend aus und ein liefen, auch nicht von der großen Zahl von verschiedenen Rangstufen, die draußen die Pferde hielten oder auf ihnen herumritten;  der Regent von Lebak, Raden Adipati Karta Natta Negara, saß ihm gegenüber.

Warten ist immer langweilig. Eine Viertelstunde dauert eine Stunde, eine Stunde einen halben Tag, und so geht es weiter. Verbrugge hätte wohl etwas gesprächiger sein können. Der Regent von Lebak war ein gebildeter alter Mann, der über vieles mit Verstand und Urteil zu sprechen wußte. Man brauchte ihn nur anzusehen, um überzeugt zu sein, daß die Mehrzahl der Europäer, die mit ihm in Berührung kamen, mehr von ihm lernen konnten als er von ihnen. Seine lebendigen dunklen Augen widersprachen durch ihr Feuer der Müdigkeit seiner Züge und der weißen Farbe seiner Haare. Was er sagte, war gewöhnlich lange überlegt, was übrigens bei dem gebildeten Orientalen die Regel ist. Wenn man mit ihm sprach, fühlte man, daß man seine Worte wie Briefe anzuhören hatte, deren Original er in seinem Archiv hatte, um nötigenfalls darauf zurückzukommen. Das mag für den, der den Umgang mit javanischen Großen nicht kennt, unangenehm scheinen; es ist indessen sehr leicht, in Gesprächen alle Gegenstände, die Anstoß geben könnten, zu vermeiden, denn sie würden ihrerseits dem Lauf der Unterhaltung niemals auf brüske Weise eine andere Richtung geben. Nach orientalischen Begriffen würde sich das mit dem guten Ton nicht vertragen. Wer also Ursache hat, einen bestimmten Punkt zu vermeiden, braucht bloß über gleichgültige Dinge zu sprechen, und er kann sicher sein, daß ein javanischer Großer ihn nie durch eine unerwünschte Wendung im Gespräch auf ein Gebiet führen wird, das er lieber nicht beträte.

Über die Art des Umganges mit diesen Großen bestehen übrigens verschiedene Ansichten. Mir scheint, als ob einfache Aufrichtigkeit, ohne Streben nach diplomatischer Vorsicht, den Vorzug verdient.

Wie das auch sei  Verbrugge begann jetzt mit einer Bemerkung über das Wetter und den Regen.

»Ja, Herr Kontroleur, es ist der Westmonsun.«

Das wußte Verbrugge selber auch; es war im Januar. Aber was er über den Regen gesagt hatte, wußte der Regent auch. Darauf folgte wieder einiges Schweigen. Der Regent winkte mit einer kaum sichtbaren Kopfbewegung einem der Bedienten, die an dem Eingang der Pendoppo niedergehockt saßen. Ein kleiner Bursche, allerliebst gekleidet, in blausamtenem Wams und weißen Hosen, mit einem goldenen Gürtel, der seinen kostbaren Sarong um die Lenden festhielt, und auf dem Kopfe den gefälligen »Kain kapala«, unter dem seine schwarzen Augen so träge heraussahen, kroch bis an die Füße des Regenten heran, setzte die goldene Dose nieder, die den Siri, den Kalk, den Pinang, den Gambir und den Tabak enthielt, machte den »Slamat«, indem er die aneinander gedrückten Hände zu der niedergebeugten Stirn erhob, und reichte darauf die kostbare Dose seinem Herrn hin.

»Der Weg wird schwierig sein, nach so viel Regen«, sagte der Regent, als ob er das lange Warten erklärlich machen wollte, während er ein Betelblatt mit Kalk bestrich.

»Im Pandeglangschen sind die Wege nicht so schlecht«, antwortete Verbrugge, der, vorausgesetzt, daß er nichts Unangenehmes berühren wollte, die Antwort wohl etwas zu schnell gab; denn sonst hätte er bedenken müssen, daß ein Regent von Lebak nicht gern die Wege von Pandeglang loben hört, und wären sie wirklich besser als im Lebakschen.

Der Adipati beging den Fehler einer zu schnellen Antwort nicht. Der kleine »Maas« war schon wieder hockend zurückgekrochen, nach dem Eingang der Pendoppo, wo er unter seinen Kameraden Platz nahm, der Regent hatte schon seine Lippen und seine wenigen Zähne mit dem Siri-Speichel rot gefärbt, ehe er sagte:

»Ja, es ist viel Volk in Pandeglang.«

Wer den Regenten und den Kontroleur kannte, und wem die Zustände in Lebak kein Geheimnis waren, hätte deutlich gemerkt, daß das Gespräch bereits ein Streit geworden war. Die Anspielung auf den besseren Zustand der Wege in dem Nachbardistrikt schien die Folge zu sein von vergeblichen Anstrengungen, auch im Lebakschen solche besseren Wege anzulegen. Aber darin hatte der Regent recht, daß Pandeglang besser bevölkert war, besonders im Verhältnis zu der ungleich kleineren Oberfläche, und daß daher dort die Arbeit an den großen Wegen durch vereinte Kraft leichter zustande kam als im Lebakschen, einem Distrikt, der auf Hunderte von »Palen« Grundfläche bloß siebzigtausend Einwohner zählte.

»Das ist wahr«, sagte Verbrugge, »wir haben wenig Volk hier, jedoch …«

Der Adipati sah ihn an, als erwartete er einen Angriff. Er wußte, daß nach dem »jedoch« etwas folgen konnte, was für ihn, der seit dreißig Jahren Regent von Lebak war, unliebsam zu hören war. Verbrugge wollte abbrechen und fragte wieder den Aufpasser, ob er nichts kommen sähe?

»Von der Pandeglangschen Seite noch nichts, Herr Kontroleur; aber da drüben auf der anderen Seite reitet jemand … es ist der Kommandant.«

»Gewiß Dongso« sagte Verbrugge, hinausblickend, »er ist in der Gegend auf Jagd, er ist heute früh ausgegangen … He Duclari, … Duclari …«

»Er hört Sie, Mijnheer, er kommt her. Sein Bursche reitet hinter ihm mit einem ›Kidang‹ hinter sich auf dem Pferde.«

»Halte das Pferd des Herrn Kommandanten« gebot Verbrugge einem der Verdienten draußen. »Guten Morgen, Duclari, sind Sie naß geworden? Was haben Sie geschossen? Treten Sie ein«

Ein kräftiger Mann von dreißig Jahren in militärischer Haltung, wenn auch von Uniform keine Spur war, trat in die Pendoppo. Es war der Leutnant Duclari, Kommandant der kleinen Garnison von Rangkas-Betoeng. Verbrugge und er waren befreundet, und ihre Intimität war noch größer, da Duclari seit einiger Zeit zu Verbrugge gezogen war, bis das neue Fort fertig sein würde. Er drückte diesem die Hand, grüßte den Regenten höflich, und setzte sich mit der Frage: »Was giebt's denn hier?«

»Wollen Sie Thee, Duclari?«

»Nein, mir ist warm genug. Habt ihr Sodawasser? Das ist frisch «

»Das lasse ich Ihnen nicht geben. Wenn man warm ist, halte ich Sodawasser für sehr gefährlich … man wird steif und gichtig davon. Seht die Kulis, die schwere Lasten über die Berge tragen, die halten sich frisch und geschmeidig durch das Trinken von heißem Wasser oder ›Koppi dahun‹ … aber Ingwerthee ist noch besser …«

»Was …? Koppi dahun? Thee von Kaffeeblättern? Das habe ich noch nie gesehen.«

»Weil Sie nicht auf Sumatra gedient haben; da ist das gebräuchlich.«

»Dann lassen Sie mir Thee geben … aber nicht von Kaffeeblättern, auch nicht von Ingwer … ja, Sie sind ja auf Sumatra gewesen  und der neue Adsistent-Resident auch, nicht wahr?«

Dies Gespräch wurde auf holländisch geführt, was der Regent nicht verstand. Mochte nun Duclari fühlen, daß etwas Unhöfliches darin lag, ihn dadurch von der Unterhaltung auszuschließen, oder mochte er eine andere Absicht damit haben, plötzlich fuhr er, sich an den Regenten wendend, auf malayisch fort:

»Weiß Mijnheer der Adipati, daß der Herr Kontroleur den neuen Adsistent-Residenten kennt?«

»Nein, das habe ich nicht gesagt, ich kenne ihn nicht«, rief Verbrugge, auch malayisch; »ich habe ihn nie gesehen, er hat einige Jahre vor mir auf Sumatra gedient. Ich habe nur gesagt, daß ich da viel über ihn habe sprechen hören.«

»Nun, das kommt auf dasselbe hinaus. Man muß nicht gerade jemand sehen, um ihn zu kennen … wie denken der Herr Adipati darüber?«

Der Adipati hatte gerade nötig, einen Diener zu rufen. Es verstrich daher einige Zeit, bis er sagen konnte, »er wäre mit dem Kommandanten einer Meinung, aber oftmals wäre es doch nötig jemand zu sehen, ehe man ihn beurteilen könne.«

»Im allgemeinen ist das vielleicht wahr«, fuhr nun Duclari auf holländisch fort, sei es, daß die Sprache ihm geläufiger war und er für die Höflichkeit genug gethan zu haben glaubte, sei es, daß er von Verbrugge allein verstanden werden wollte  »das könnte im allgemeinen wahr sein; aber was Havelaar betrifft, braucht man die persönliche Bekanntschaft nicht … er ist ein Narr.«

»Das habe ich nicht gesagt, Duclari.«

»Nein, Sie haben das nicht gesagt, aber ich sage es, nach allem was Sie mir von ihm erzählt haben. Ich nenne einen Menschen, der ins Wasser springt, um einen Hund vor den Haifischen zu retten, einen Narren.«

»Ja, verständig ist es nicht … aber …«

»Und, wissen Sie, das Verschen gegen den General Vandamme  das paßte sich nicht.«

»Es war witzig …«

»Ja, aber ein junger Mensch soll nicht witzig sein gegen einen General.«

»Sie müssen bedenken, daß er noch sehr jung war … es ist vierzehn Jahre her … er war nur zweiundzwanzig Jahre alt.«

»Und dann der Puter, den er stahl …?«

»Das that er, um den General zu ärgern.«

»Richtig. Ein junger Mensch soll keinen General ärgern, der überdies, als Civilgouverneur, sein Chef war … Das andere Verschen finde ich nett … aber das ewige Duellieren …«

»Er that es gewöhnlich für einen anderen; er nahm stets Partei für den Schwächeren.«

»Schön, laßt jeden für sich selbst duellieren, wenn man es durchaus thun will. Was mich betrifft, so glaube ich, ein Duell ist selten nötig; wo es nötig ist, würde ich es annehmen, aber daraus ein tägliches Geschäft zu machen … dafür danke ich. Hoffentlich hat er sich darin geändert.«

»Sicher, daran ist kein Zweifel. Er ist ja so viel älter und verheiratet, und Adsistent-Resident. Überdies, ich habe immer gehört, daß sein Herz gut wäre, und daß er ein warmes Gefühl für Recht und Billigkeit hat.«

»Das wird ihm in Lebak zu paß kommen. Da ist mir gerade etwas aufgestoßen … Ob der Regent uns versteht?«

»Ich glaube nicht, indes … zeigen Sie mir etwas aus Ihrer Jagdtasche, dann denkt er, wir sprechen darüber.«

Duclari nahm seine Jagdtasche, holte ein paar Buschtauben heraus, und indem er diese betastete, als spräche er über die Jagd, teilte er Verbrugge mit, daß ihm soeben im Felde ein Javane nachgelaufen wäre, der ihn gefragt habe, ob er nicht etwas zur Erleichterung des Druckes thun könne, unter dem die Bevölkerung seufze?

»Und«, fuhr er fort, »das ist sehr stark, Verbrugge Nicht daß ich mich über die Sache selbst wundere; ich bin lange genug im Lebakschen, um zu wissen, wie es hier steht, aber daß der geringe Javane, gewöhnlich so vorsichtig und zurückhaltend, wo es sich um seine Großen handelt, eine solche Frage an jemand stellt, der damit gar nichts zu thun hat,  das befremdet mich«

»Und was haben Sie geantwortet, Duclari?«

»Nun, daß es mich nichts anginge. Er solle zu Ihnen gehen oder zu dem neuen Adsistent-Residenten, wenn dieser in Rangkas-Betoeng angekommen wäre, und da seine Klage vorbringen.«

»Da kommen sie« rief mit einem Male der Aufpasser Dongso, »ich sehe einen Mantri, der seinen Tudung schwenkt.«

Alle standen auf. Duclari wollte nicht durch seine Anwesenheit in der Pendoppo den Schein erwecken, als wäre er auch zur Bewillkommnung des Adsistent- Residenten an der Grenze, der zwar ein Höhergestellter, aber doch nicht sein Chef und dazu ein Narr war; er stieg zu Pferde und ritt seinen Burschen hinter sich, davon.

Der Adipati und Verbrugge stellten sich an den Eingang der Pedappo und sahen dem von vier Pferden gezogenen Reisewagen entgegen, der endlich, reichlich mit Schmutz bedeckt, vor dem Bambusgebäude stillhielt.

Es sollte wohl schwer sein zu raten, was da so alles in dem Wagen steckte, ehe Dongso, mit Hilfe der Läufer und einer Zahl von Dienern aus dem Gefolge des Regenten, alle die Riemen und Knoten gelöst hatte, die das Gefährt mit einem ledernen Futteral eingeschlossen hielten, was etwa an die Sorgfalt erinnerte, mit der man in früheren Jahren, als die zoologischen Gärten noch reisende Menagerien waren, Löwen und Tiger in die Stadt brachte. Löwen und Tiger waren ja in dem Wagen nicht; man hatte das alles bloß so dicht geschlossen, weil der Westmonsun wehte und man sich vor dem Regen schützen wollte. Nun ist das Aussteigen aus einem Reisewagen, in dem man lange über den Weg gerasselt ist, nicht so einfach, wie jemand, der gar nicht oder wenig gereist ist, sich denken könnte. Etwa wie die armen Saurier aus der Vorwelt, die durch langes Warten schließlich ein integrierender Bestandteil des Thons wurden, in den sie anfänglich nicht mit der Absicht gekommen waren, um darin zu bleiben, so findet auch bei Reisenden, die eng zusammengequetscht, in gezwungener Haltung, zu lange in einem Reisewagen gesessen haben, etwas statt, was ich vorschlage »Assimilation« zu nennen. Man weiß schließlich nicht mehr recht, wo das Lederkissen des Wagens aufhört und das liebe Ich anfängt; ja, ich kann mir sogar vorstellen, daß man in so einem Wagen Zahnschmerzen oder Krämpfe haben kann, die man für Staub in der Decke ansieht, und umgekehrt.

Es giebt wenig Situationen in der materiellen Welt, die dem denkenden Menschen keinen Anlaß geben sollten, um Betrachtungen auf geistigem Gebiete anzustellen. Und so habe ich mich oft gefragt, ob nicht viele Irrungen, die bei uns Gesetzeskraft haben, viele »Schiefheiten«, die wir für »Recht« halten, sich davon herleiten, daß man zu lange mit einer und derselben Gesellschaft in einem und demselben Reisewagen gesessen hat? Das Bein, das du nach links strecken musst, zwischen die Hutschachtel und das Körbchen mit Kirschen,  das Knie, das du gegen die Wagenthür gedrückt hältst, damit die Dame gegenüber nicht denken soll, daß du etwa eine Absicht auf ihre Krinoline oder ihre Tugend hast,  der mit Hühneraugen gesegnete Fuß, der sich so in acht nahm vor den Hacken des Geschäftsreisenden nebenan,  der Hals, den du so lange links drehen mußtest, weil es auf der rechten Seite träufelt,  sieh, das werden zuletzt alles Hälse und Knie und Füße, die etwas Verdrehtes an sich haben. Ich halte es für gut, von Zeit zu Zeit mit Wagen, Sitzplatz und Reisegesellschaft ein bißchen zu wechseln. Man kann dann seinen Hals einmal anders strecken, man bewegt manchmal sein Knie, und vielleicht sitzt auch einmal ein Mädchen mit Tanzschuhen neben dir, oder ein Knäblein, dessen Beinchen nicht bis herunter reichen. Man hat dann auch mehr Aussicht, wieder geradeaus zu sehen und gerade zu laufen, wenn man wieder festen Grund unter die Füße bekommt.

Ob auch in dem Wagen, der vor der Pendoppo stillhielt, sich etwas gegen die »Auflösung des Zusammenhangs« sträubte, weiß ich nicht; aber sicher ist, daß es lange dauerte, ehe etwas zum Vorschein kam. Es schien ein Wetteifer in Höflichkeit stattzufinden; man hörte sagen: »Bitte sehr, Mevrouw« und »Resident« Wie das auch sei, schließlich stieg ein Herr aus, der in Haltung und Aussehen etwas hatte, was an die Saurier erinnerte, von denen ich gesprochen habe.

Da wir ihn noch öfter sehen werden, will ich nur sogleich sagen, daß seine Unbeweglichkeit nicht ausschließlich der Assimilation mit dem Reisewagen zugeschrieben werden darf, sondern daß er, auch wenn kein Gefährt auf viele Meilen in der Runde vorhanden war, eine Ruhe, eine Langsamkeit und eine Vorsicht zur Schau trug, die manchen Saurier neidisch machen könnte, und die in den Augen vieler ein Kennzeichen von Würde, Genügsamkeit und Weisheit ist. Er war, wie viele Europäer in Indien, sehr bleich, was indessen in jenen Gegenden durchaus nicht als Zeichen von geschwächter Gesundheit gilt, und hatte feine Züge, die wohl von geistiger Entwicklung zeugten. Aber es war etwas Kaltes in seinem Blick, etwas, was an eine Logarithmentafel erinnerte, und obwohl sein Aussehen gewiß nicht unbehaglich oder abstoßend war, konnte man sich doch nicht enthalten zu denken, daß seine recht große magere Nase sich auf diesem Gesicht langweilen mußte, weil da so wenig vorfiel.

Höflich bot er einer Dame die Hand, um ihr beim Aussteigen behilflich zu sein, und nachdem diese von einem Herrn, der noch im Wagen saß, ein Kind entgegengenommen hatte, ein kleines blondes Knäblein von drei Jahren etwa, traten sie in die Pendoppo ein. Darauf folgte der Herr selbst, und wer auf Java heimisch war, dem mußte es aufgefallen sein, daß er am Wagenschlag wartete, um einer alten javanischen »Babu« das Aussteigen zu erleichtern. Drei Bediente hatten sich selbst aus dem wachsledernen Kasten losgelöst, der hinter dem Wagen festgemacht war, wie etwa eine junge Auster auf der alten.

Der Herr, der zuerst ausgestiegen war, hatte dem Regenten und dem Kontroleur Verbrugge die Hand geboten, die sie sehr ehrerbietig annahmen; und man merkte an ihrer Haltung, daß sie sich bewußt waren, in der Nähe einer wichtigen Person zu weilen. Es war der Resident von Bantam, dem großen Landstrich, von dem Lebak bloß ein Teil, eine Regentschaft oder offiziell gesagt: eine Adsistent-Residentschaft ist.

Ich habe beim Lesen erdichteter Geschichten mich öfters über den geringen Respekt geärgert, den viele Schriftsteller vor dem Geschmack des Publikums haben, und besonders war das der Fall, wenn es ihnen darum zu thun war, etwas zustande zu bringen, was komisch oder burlesk sein sollte. Man führt eine Person ein, die die Sprache nicht versteht, oder sie wenigstens falsch ausspricht; man läßt einen Franzosen sagen: »Ka kauw na de krote krak« oder »Krietje kooit keen kare kroente wek.« In Ermangelung eines Franzmanns nimmt man einen Stotterer, oder man »schafft« eine Person, die das Steckenpferd reitet, ein paar Worte fortwährend zu wiederholen. Ich habe ein dummes Stück Erfolg haben sehen, weil darin jemand vorkam, der fortwährend sagte: »Mein Name ist Meyer.« Ich finde diese Manier, witzig zu sein, etwas billig, und um die Wahrheit zu sagen, bin ich böse, wenn man so etwas drollig findet.

Aber nun habe ich euch selber so etwas zu bieten. Ich muß von Zeit zu Zeit jemand auf die Bildfläche bringen  ich werde es so wenig als möglich thun  der in der That eine Art zu sprechen hatte, die mir, fürchte ich, verdacht werden könnte als ein verunglückter Versuch, euch zum Lachen zu bringen. Und darum muß ich euch versichern, daß es nicht meine Schuld ist, wenn der höchst würdige Resident von Bantam, von dem hier die Rede ist, etwas so Eigenartiges in seiner Sprechweise hatte, daß es mir schwer fällt es wiederzugeben, ohne den Schein auf mich zu laden, als suche ich den Effekt des Witzes in einem »Kunstgriff.« Er sprach nämlich in einem Tone, als ob hinter jedem Wort ein Punkt stände, oder gar ein langer Gedankenstrich. Ich kann den Zwischenraum zwischen seinen Worten nicht besser schildern als mit der Stille, die in der Kirche auf das »Amen« nach einem langen Gebet folgt, welche, wie jeder weiß, ein Signal ist, daß man nun Zeit hat zu husten oder die Nase zu schnauben. Was er sagte, war gewöhnlich sehr überlegt, und wenn er sich hätte zwingen können, die unzeitigen Ruhepunkte wegzulassen, so würden seine Interpunktionen, vom rhetorischen Standpunkte wenigstens, meistens ein gesundes Ansehen gehabt haben; aber all das Abbröckeln, das Stolpern und Stottern machte das Anhören ungemütlich. Man stolperte denn auch selbst oft darüber; denn gewöhnlich, wenn man begonnen hatte zu antworten, in der Meinung, daß sein Satz aus war und daß er die Ergänzung des Fehlenden dem Scharfsinn des Zuhörers überließ, kamen die noch fehlenden Worte wie die Nachzügler einer geschlagenen Truppe hinterher, und man fühlte, daß man ihm in die Rede gefallen war, was immer unangenehm ist. Das Publikum zu Serang, sofern es sich nicht in den Dienst der Regierung stellte, weil das etwas Würdevolles giebt, nannte sein Gespräch »schleimig«; ich finde das Wort nicht sehr schön, aber ich muß zugeben, daß es die Haupteigenschaft an der Beredsamkeit des Residenten recht gut bezeichnete.

Ich habe von Max Havelaar und seiner Frau  denn das waren die beiden Personen, die mit ihrem Kinde und der Babu aus dem Wagen gekommen waren  noch nichts gesagt, und es wäre auch vielleicht genügend, die Beschreibung ihres Äußeren und ihres Charakters dem Gang der Ereignisse und eurer Phantasie zu überlassen; doch da ich nun einmal beim Beschreiben bin, will ich sagen, daß Mevrouw Havelaar nicht schön war, daß sie aber in Blick und Sprache etwas sehr Anmutiges hatte, und daß sie durch die leichte Ungezwungenheit ihres Benehmens das unverkennbare Zeichen gab, daß sie in der Welt gelebt hatte und in den höheren Klassen der Gesellschaft zu Hause war. Sie hatte nicht das Steife und Unbehagliche der bürgerlichen Mode, sich und anderen das Leben mit allerlei »Gêne« schwer zu machen, um für »distinguiert« zu gelten, und machte sich auch nichts aus Äußerlichkeiten, die für viele andere Frauen Wert haben. Auch in ihrer Kleidung war sie ein Vorbild von Einfachheit. Ein weißes »Badju« von Musselin mit blauer »Cordelière«– ich glaube, in Europa würde man solch ein Kleidungsstück Frisiermantel nennen  war ihr Reisekleid. Um den Hals trug sie ein dünnes seidenes Bändchen, an dem zwei kleine Medaillons hingen, die ihr indessen nicht zu sehen bekamt, denn sie verschwanden in den Falten vor ihrer Brust: das Haar

»à la chinoise« mit einem Kränzchen »Melatti« in dem »Kondek«– siehe da, das war ihre Toilette.

Ich sagte, daß sie nicht schön war, und doch möchte ich nicht gern, daß ihr sie für das Gegenteil hieltet. Ich hoffe, ihr werdet sie schön finden, sobald ich Gelegenheit haben werde, sie euch vorzuführen, glühend vor Entrüstung über das, was sie »Mißachtung des Genies« nannte, wenn ihr Max im Spiel war, oder wenn sie ein Gedanke beseelte, der mit dem Wohlergehen ihres Kindes zusammenhing. Es ist schon zu oft ausgesprochen, daß das Antlitz der Spiegel der Seele ist, um noch der Porträtähnlichkeit eines unbewegten Gesichtes Wert beizulegen, das nichts zu spiegeln hat, weil keine Seele darin widerscheint. Nun also, sie hatte eine schöne Seele, und der mußte blind sein, der nicht auch ihr Gesicht für schön hielt, wenn die Seele darin zu lesen war.

Havelaar war ein Mann von fünfunddreißig Jahren. Er war schlank und lebhaft in seinen Bewegungen; außer seiner besonders kurzen und beweglichen Oberlippe und seinen großen hellblauen Augen, die, wenn er in ruhiger Stimmung war, etwas Träumerisches hatten, aber Feuer sprühten, wenn eine große Idee ihn beherrschte, war in seinem Aussehen nichts Besonderes. Seine blonden Haare hingen glatt an den Schläfen, und ich begreife wohl, daß man beim ersten Ansehen nicht auf den Gedanken kam, jemand vor sich zu haben, der, was Haupt und Herz anging, zu den Seltenheiten gehörte. Er war ein Gefäß voller Widersprüche: scharf wie ein Messer und sanft wie ein Mädchen, fühlte er immer die Wunde, die seine bitteren Worte geschlagen hatten, zuerst, und er litt mehr darunter als der Verwundete. Er war schnell von Begriffen, faßte sofort das Höchste, das Verwickelteste, hatte dafür alle Mühe, alles Studium, alle Anspannung übrig  und manchmal begriff er die einfachste Sache nicht, die ihm ein Kind hätte erklären können. Voller Liebe zur Wahrheit und zum Recht, vernachlässigte er manchmal seine nächstliegenden Pflichten, um das Unrecht wieder gut zu machen, das höher oder ferner oder tiefer lag, und das durch die wahrscheinlich größere Anspannung ihn mehr lockte. Er war ritterlich und mutig, aber er verschwendete, ein zweiter Don Quixote, seine Tapferkeit oft eine Windmühle. Er glühte vor unersättlicher Ehrsucht, die ihm alle gewöhnlichen Unterscheidungen im gesellschaftlichen Leben als nichtig erscheinen ließ, und sah doch sein größtes Glück in einem stillen, häuslichen, vergessenen Leben. Er war ein Dichter im höchsten Sinne des Wortes, bei einem Funken träumte er sich Sonnensysteme, bevölkerte sie mit Geschöpfen seiner Hand, fühlte sich als Herr einer Welt, die er ins Leben gerufen hatte, und konnte doch augenblicklich, ohne die geringste Träumerei, eine Unterhaltung führen über den Preis von Reis, über die Regeln der Sprache und die ökonomischen Vorteile einer ägyptischen Hühnerbrüterei. Keine Wissenschaft war ihm ganz fremd: er »ahnte«, was er nicht wußte, und besaß in hohem Maße die Gabe, das wenige, was er wußte  jeder weiß wenig, und er, obwohl er mehr wußte als mancher andere, machte davon keine Ausnahme  das wenige auf eine Weise anzuwenden, die das Maß seiner Kenntnisse vervielfältigte. Er war präcis, ordnungsliebend und über die Maßen geduldig, aber gerade, weil Genauigkeit, Ordnung und Geduld ihm schwer fielen, da sein Geist etwas Unruhiges hatte,  langsam und umsichtig im Beurteilen von Geschäften, wenn es auch denen, die ihn so schnell seine Resultate äußern hörten, nicht so vorkam. Seine Eindrücke waren so lebendig, daß man sie kaum für nachhaltig ansehen sollte, und doch bewies er oft, daß sie nachhaltig waren. Alles, was groß und erhaben war, lockte ihn, und zu gleicher Zeit war er einfältig und naiv wie ein Kind. Er war ehrlich, vor allem, wo die Ehrlichkeit ins Gutmütige überging, und konnte Hunderte, die er schuldig war, unbezahlt lassen, weil er Tausende verschenkt hatte. Er war witzig und unterhaltend, wo er fühlte, daß sein Witz Verständnis fand; aber sonst starr und zurückgezogen; herzlich für seine Freunde, und er machte alles, was litt, zu seinen Freunden; für Liebe und Anhänglichkeit empfänglich; seinem gegebenen Worte treu; schwach in Kleinigkeiten, aber standhaft bis zur Störrigkeit, wo es ihm der Mühe wert schien, Charakter zu zeigen; herablassend und wohlwollend für die, die sein geistiges Übergewicht anerkannten; aber unangenehm, wenn man sich dem widersetzen wollte; offenherzig aus Trotz, und bei Stürmen hinterhältig, wo er fürchtete, daß man seine Aufrichtigkeit als Unverstand ansehen könnte; ebenso zugänglich für sinnlichen wie für geistigen Genuß; blöde und schlecht beredt, wo er meinte nicht verstanden zu werden, aber von großer Beredsamkeit, wenn er fühlte, daß seine Worte auf willigen Boden fielen; träge, wenn er nicht durch einen Reiz angespornt wurde, der aus seiner eigenen Seele kam, aber eifrig, feurig, wo dies der Fall war; ferner freundlich, vornehm in seinen Manieren und untadelhaft in seinem Auftreten  so etwa war Havelaar.

Ich sage: etwa; denn wenn alle Begriffsbestimmungen schwierig sind, so gilt dies erst recht von der Beschreibung einer Person, die von der alltäglichen Grundform sehr abweicht. Deswegen wird es wohl auch kommen, daß Romandichter ihre Helden gewöhnlich zu Teufeln oder Engeln machen. Schwarz und weiß lassen sich bequem schildern, aber schwerer ist das richtige Wiedergeben einer bunten Mischung, die dazwischen liegt, wenn man an die Wahrheit gebunden ist und deshalb weder zu dunkel noch zu licht färben will.

Ich fühle, daß die Skizze, die ich von Havelaar zu geben versucht habe, höchst unvollkommen ist. Die Materialien, die mir vorliegen, sind von so verschiedener Art, daß sie mich durch das Übermaß an Reichtum in meinem Urteil behindern, und ich werde deshalb zur Ergänzung wieder darauf zurückkommen, wenn es die Ereignisse, die ich euch mitzuteilen wünsche, so mit sich bringen. Das eine ist sicher, es war ein ungewöhnlicher Mensch, und es lohnte der Mühe, ihn zu studieren. Ich bemerke schon jetzt, daß ich versäumt habe, als einen seiner hauptsächlichsten Züge anzuführen, daß er die heitere und ernste Seite der Dinge mit derselben Schnelligkeit und zu gleicher Zeit erfaßte; seine Sprechweise bekam daher, ohne daß er es selbst wußte, eine Art von Humor, die seine Zuhörer oft in Zweifel brachte, ob sie von dem tiefen Gefühl, das in seinen Worten herrschte, getroffen sein sollten, oder ob sie lachen sollten über den Scherz, der mit einmal den Ernst davon abbrach.

Bemerkenswert war, daß sein Auftreten und selbst seine Empfindungen so wenig Spuren seines vergangenen Lebens trugen. Das Rühmen mit Erfahrung ist ein lächerlicher Gemeinplatz geworden. Es giebt Leute, die fünfzig oder sechzig Jahre lang mit dem Strömchen, in dem sie zu schwimmen meinten, mitgetrieben sind, und die von all der Zeit weiter nichts erzählen könnten, als daß sie von der A-Gracht nach der B-Straße verzogen sind, und nichts ist gewöhnlicher als das Pochen auf »Erfahrung« gerade bei denen, die ihre grauen Haare so idyllisch bekommen. Andere wieder begründen ihren Anspruch auf »Erfahrung« mit wirklich erlebten Schicksalen, ohne daß sich indes aus irgend etwas ergiebt, daß sie durch diese Schicksale in ihrem Seelenleben ergriffen worden sind. Ich kann mir denken, daß das Erleben oder selbst die Beteiligung an wichtigen Ereignissen wenig oder gar keinen Einfluß auf die Seele mancher Leute ausübt. Wer daran zweifelt, der frage sich, ob man allen Bewohnern Frankreichs »Erfahrung« zuerkennen soll, die im Jahre 1815 etwa vierzig oder fünfzig Jahre alt waren? Und das waren doch alles Leute, die das große Drama, die Umwälzung von 1789, nicht nur hatten aufführen sehen, sondern die selbst eine mehr oder minder wichtige Rolle darin gespielt hatten.




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