Otto der Schütz
Alexandre Dumas der Ältere




Dumas (père), Alexandre

Otto der Schütz, Rheinische Sage Chronik von König Pipin





I


Gegen das Ende des Jahres 1340, in einer kalten, aber noch schönen Herbstnacht, folgte ein Reiter dem schmalen Wege, welcher längs dem linken Ufer des Rheines hinführt. Wegen der späten Stunde und dem raschen Schritte, den er sein Pferd einschlagen ließ, so ermüdet es auch von dem bereits zurückgelegten langen Tagesmarsche sein mogte, hätte man glauben können, daß er zum Mindesten während einiger Stunden in der kleinen Stadt Oberwinter einkehren würde, in die er so eben eingeritten war; aber er schlug im Gegentheile in demselben Schritte und wie ein Mann, dem sie bekannt sind, die schmalen und krummen Straßen ein, welche seinen Weg um einige Minuten abkürzen konnten, und erschien bald darauf an der andern Seite der Stadt; indem er sie durch das entgegengesetzte Thor wieder verließ. Da in dem Augenblicke, wo man das Fallgatter hinter ihm herabließ, der bis dahin in Mitte des Wolkenmeeres, das seine phantastischen Wellen an den Himmel dahin rollte, verschleierte Mond gerade in einen, wie ein ruhiger See reinen und glänzenden Raum trat, so wollen wir diesen flüchtigen Strahl benutzen, um einen raschen Blick auf den nächtlichen Reisenden zu werfen.

Er war ein Mann von vierzig bis fünfzig Jahren, von mittlerer Größe, aber von athletischem und breitschultrigem Baue, der, so sehr stimmten seine Bewegungen mit denen seines Pferdes überein, mit ihm aus demselben Felsenblocke gehauen zu sein schien. Da man sich in Freundes Land, und dem zu Folge fern von aller Gefahr befand, so hatte er seinen Helm an den Sattelknopf gehängt, und trug nur eine kleine, mir Tuch gefütterte Kapuze von Panzerringen, die, wenn der Helm an seinem gewöhnlichen Orte war, spitz zwischen den beiden Schultern herabfiel, um seinen Kopf gegen die feuchte Nachtluft zu schützen. Wahr ist es, daß ein langes und dichtes Haar, das grau zu werden begann, seinem Herrn denselben Dienst erwies, welche ihm die bequemste Kopfbedeckung hätte erweisen können, indem es außerdem, wie in einen natürlichen Rahmen, sein zugleich ernstes und friedliches Gesicht, wie das eines Löwen einfaßte. Was seinen Stand anbelangt, so wäre er nur für die wenigen Personen ein Geheimniß gewesen, welche zu jener Zeit die heraldische Sprache nicht kannten, denn wenn man die Augen auf seinen Helm warf, so sah man aus seiner Grafenkrone, welche dessen Schmuck bildete, einen nackten Arm hervortreten, der ein bloßes Schwert erhob, während auf der andern Seite des Sattels auf dem rothen Grunde des als Gegenstück aufgehängten Schildes die drei goldenen, zu zwei und eins aufgestellten Sterne des Hauses Homburg glänzten, eines der ältesten und der angesehensten von ganz Deutschland. Wenn man jetzt mehr über die Person wissen will, die wir haben auftreten lassen, so fügen wir hinzu, daß der Graf Karl aus Flandern zurückkehrte, wohin er auf Befehl Kaiser Ludwig V. von Baiern gegangen war, um Eduard III. von England, welcher achtzehn Monate zuvor zum Generalvikar des Reiches ernannt worden, den Beistand seines tapferen Schwertes zu leihen, und dieser hatte ihm, mittelst des einjährigen Waffenstillstandes, den er mit Phlipp von Valois durch die Vermittlung der Frau Johanna, Schwester des Königs von Frankreich und Mutter des Grafen von Hennegau, abgeschlossen hatte, für den Augenblick seine Freiheit gegeben.

Auf der Höhe des kleinen Dorfes Mühlheim angelangt, verließ der Reisende die Heerstraße, der er von Coblenz aus gefolgt war, um einen Fußpfad einzuschlagen, der unmittelbar in das Land führte. Einen Augenblick lang verloren sich Pferd und Reiter in einem Hohlwege, bald darauf erschienen sie wieder auf der andern Seite, indem sie einen Weg über die Ebene einschlugen, den beide gut zu kennen schienen. In der That, nach dem es fünf Minuten vorwärts geschritten, erhob das Pferd den Kopf und wieherte, wie um seine Ankunft zu melden, und dieses Mal, ohne daß sein Herr nöthig hatte, es weder durch Worte noch mit dem Sporn anzutreiben, steigerte es seinen Eifer, so daß sie nach Verlauf eines Augenblickes das kleine, in einem Baumdickicht versteckte Dorf Godesberg in der Dunkelheit zu ihrer Linken ließen, und indem sie den Weg verließen, welcher von Rolandseck nach Bonn führt und sich ein zweites Mal links wandten, schritten sie geraden Weges auf das auf der Höhe eines Hügels liegende Schloß zu, welches denselben Namen als das Dorf führt, sei es nun, daß es ihm denselben gegeben, oder denselben von ihm erhalten hat.

Es war jetzt augenscheinlich, daß das Schloß Godesberg das Ziel der Reise des Grafen Karl war, aber was noch weit sicherer war, daß er an den Ort seiner Bestimmung mitten in einem Feste anlangen würde. In dem Maße, als er den schneckenförmigen Weg hinaufritt, welcher von dem Fuße des Berges ausging und an dem großen Thore endigte, sah er jede Seite des Schlosses nach der Reihe Licht aus allen ihren Fenstern verbreiten; dann sah er hinter den hell erleuchteten Vorhängen sich zahlreiche Schatten bewegen, welche mannigfaltige Gruppen bildeten. Er setzte nichts desto weniger seinen Weg fort, so daß er einige Minuten nachher durch das Schloßthor ritt, obgleich es nach dem leichten Runzeln seiner Stirn nicht schwer gewesen wäre, zu sehen, daß er vorgezogen hätte, in den vertrauten Familienkreis zu treten, als in das Getümmel eines Festes.

Der Hof war voll von Knappen, Dienern, Pferden und Sänften, denn wie wir gesagt, fand ein Fest auf Godesberg statt. Kaum war demnach der Graf Karl abgestiegen, als ein Haufen von Dienern und Knechten erschien, um sich seines Pferdes zu bemächtigen und es in die Ställe zu führen. Aber der Ritter trennte sich nicht so leicht von seinem treuen Gefährten; er wollte es daher auch der Obhut Niemandes anvertrauen, und indem er es selbst bei dem Zügel nahm, führte er es in einen abgesonderten Stall, in welchen man die eigenen Pferde des Landgrafen von Godesberg stellte. Obgleich über diese Kühnheit erstaunt, ließen ihn die Diener doch gewähren, denn der Ritter hatte mit solcher Zuversicht gehandelt, daß er ihnen dadurch das Vertrauen eingeflößt hatte, er habe das Recht, so zu handeln.

Als Hans, das war der Name, welchen der Graf seinem Pferde gab, an einem der leeren Plätze angebunden, sein Stand gehörig mit Stroh, seine Krippe mit Hafer und seine Raufe mit Heu versehen worden war, dachte der Ritter an sich selbst, und nachdem er das edle Thier, das sein bereits begonnenes Mahl unterbrach, um durch ein Wiehern zu antworten, noch einige Male gestreichelt, schritt er auf die große Treppe zu und gelangte trotz der auf allen Wegen von den Pagen und von den Knappen gebildeten Versperrungen bis nach den Gemächern, in denen sich für den Augenblick der ganze Adel der Umgegend versammelt befand.

Der Graf Karl verweilte einen Augenblick lang an einer der Thüren des Hauptsaales, um einen Blick auf das am meisten glänzende Ganze des Festes zu werfen. Es war belebt und geräuschvoll, ganz buntscheckig von jungen in Sammet gekleideten Leuten und edeln Damen in mit Wappen gestickten Kleidern, und unter diesen jungen Leuten und diesen edlen Damen war der schönste junge Mann Otto und die schönste Burgfrau Emma, der eine der Sohn, die andere die Frau des Landgrafen Ludwig von Godesberg, des Herrn des Schlosses und Waffenbruders des guten Ritters, der so eben angekommen war.

Uebrigens hatte die Erscheinung dieses seine Wirkung hervorgebracht; allein in Mitte aller Eingeladenen erschien er, wie Wilhelm Leonoren, noch ganz mit seiner Schlachtrüstung bedeckt, deren dunkler Stahl seltsam gegen die heitern und lebhaften Farben des Sammets und der Seide abstach. Aller Augen wandten sich daher auch so gleich nach seiner Seite, mit alleiniger Ausnahme derer des Grafen Ludwig, welcher an der entgegengesetzten Thür stehend, in so tiefe Gedanken versunken schien, daß seine Blicke keinen Augenblick lang ihre Richtung veränderten. Karl erkannte seinen alten Freund, und ohne sich weiter um die Sache zu bekümmern, welche ihn beschäftigte, ging er durch die benachbarten Zimmer, und nach einem hitzigen aber siegreichen Kampfe mit dem Gedränge, erreichte er dieses abgelegene Zimmer, an deren einer Thür er, als er durch die andere eintrat, den Grafen Ludwig erblickte, der seine immer finstere Stellung nicht gewechselt hatte.

Karl blieb von Neuem einen Augenblick lang stehen, um diese seltsame Traurigkeit zu erforschen, die noch weit auffallender bei dem Wirthe war, der den Andern alle Freude gegeben und nur die Sorgen für sich behalten zu haben schien; dann endlich schritt er vor, und als er sah, daß er bis zu seinem Freunde gelangt war, ohne daß das Geräusch seiner Schritte ihn aus seinen Gedanken zu wecken vermogt, so legte er ihm die Hand auf die Schulter.

Der Landgraf erbebte und blickte auf. Sein Geist und seine Gedanken waren aber so sehr in einem ganz verschiedenen, ihn zerstreuenden Ideengang vertieft, daß er einige Zeit lang und ohne es zu erkennen, das offene Gesicht dessen anblickte, den er zu jeder andern Zeit mit geschlossenem Visir in Mitte des ganzen kaiserlichen Hofes genannt haben würde. Aber Karl sprach den Namen Ludwig aus und öffnete die Arme; der Zauber war gebrochen, Ludwig warf sich an die Brust seines Waffenbruders; eher wie ein Mann, der an ihr eine Zuflucht sucht, als wie ein Freund, der vergnügt ist, einen Freund wiederzusehen.

Indessen schien diese unerwartete Rückkehr bei dem tiefsinnigen Wirth dieses fröhlichen Festes eine glückliche Zerstreuung hervorzubringen. Er zog den Ankommenden an das andere Ende des Zimmers, und hieß ihn sich dort in einen weiten Sessel von Eichenholz setzen, über den ein Himmel von Goldtuch angebracht war; er setzte sich neben ihn, wobei er seinen Kopf in dem Schatten verbarg, und indem er ihn bei der Hand ergriff, bat er ihn um die Erzählung dessen, was ihm während der langen dreijährigen Abwesenheit, die sie von einander trennte, begegnet wäre.

Karl erzählte ihm Alles mit der kriegerischen Weitschweifigkeit eines alten Soldaten; wie die Englischen, Brabanter und kaiserlichen, von Eduard III. selbst angeführten Truppen Cambrai belagert hätten, indem sie alles mit Feuer und Schwert verheerten; wie die beiden Heere bei Buironfosse ohne Kampf auf einander gestoßen wären, weil ein Bote des Königs von Sicilien, der ein sehr weiser Astrolog war, in dem Augenblicke, wo man handgemein werden wollte, Philipp von Valois verkündet hatte, daß jede Schlacht, die er den Engländern liefern, und in der Eduard in Person das Commando führen würde, unglücklich für ihn wäre (eine Prophezeiung, die sich späterhin bei Crécy verwirklichte), und wie endlich ein einjähriger Waffenstillstand zwischen den beiden streitenden Königen in der Ebene von Esplechin geschlossen worden sei, und das, wie wir bemerkt, auf Ansuchen und die Bitte der Frau Johanna von Valois, der Schwester des Königs von Frankreich.

Der Landgraf hatte dieser Erzählung mit einem Schweigen zugehört, welches bis auf einen gewissen Punkt für Aufmerksamkeit gelten konnte, obgleich er von Zeit zu Zeit mit einer sichtbaren Unruhe aufgestanden war, um einen Blick in den Tanzsaal zu werfen, da er aber jedes Mal seinen Platz wieder eingenommen, so hatte der augenblicklich unterbrochene Erzähler nichts desto weniger seine Erzählung fortgesetzt, indem er einsah, da der Herr vom Hause sich in der Notwendigkeit befindet, mit den Augen den Anordnungen des von ihm gegebenen Festes zu folgen, damit Nichts von dem mangelt, was es den eingeladenen Gästen angenehm machen kann. Da indessen der Landgraf nach der letzten Unterbrechung, wie als ob er seinen Freund vergessen hätte, nicht zurückkehrte, um seinen Platz neben ihm wieder einzunehmen, so stand dieser auf; er näherte sich von Neuem der Thür des Tanzsaales, durch welche in dieses abgelegene und dunkle kleine Zimmer ein Strom von Licht drang, und dieses Mal hörte ihn derjenige, zu dem er trat, denn er erhob den Arm, ohne den Kopf abzuwenden. Der Graf Karl nahm den durch diese Bewegung angedeuteten Platz ein, und der Arm des Landgrafen sank auf die Achsel seines Waffenbruders herab, den er krampfhaft an sich drückte.

Es fand offenbar ein schrecklicher und geheimer Kampf in dem Herzen dieses Mannes statt, und dennoch mogte Karl noch so sehr die Augen auf diese fröhliche Menge werfen, er sah Nichts, was ihm die Ursache einer solchen Gemüthserschütterung anzudeuten vermogte; indessen war sie zu sichtbar, als daß ein so treuer Freund, wie es der Graf war, sie nicht hätte gewahren und nicht einige Besorgnisse darüber fassen sollen. Er blieb indessen stumm, wohl einsehend, daß die erste Pflicht der Freundschaft gebietet, das Geheimnisses der Dinge zu achten, welche jene verbergen will; aber in Herzen, welche daran gewöhnt sind, sich zu errathen, besteht auch eine sympathetische Berührung, so daß der Landgraf, indem er dieses vertraute Schweigen verstand, seinen Freund anblickte, die Hand auf seine Stirn legte, einen Seufzer ausstieß, und dann nach einem letzten Augenblick des Schwankens mit dumpfer Stimme, wobei er ihm seinen Sohn mit dem Finger zeigte, zu ihm sagte:

–– Findest Du nicht, Karl, daß Otto außerordentlich dem jungen Ritter gleicht, der mit seiner Mutter tanzt?

Der Graf Karl erbebte nun auch. Diese wenigen Worte waren für ihn das, was für den in der Einöde verirrten Wanderer ein die Nacht erleuchtender Blitz ist; bei seinem grausigen Lichte, so flüchtig es auch gewesen war, hatte er den Abgrund gesehen; indessen, welche Freundschaft er auch für den Landgrafen hatte, die Aehnlichkeit des Jünglings mit dem Manne war so überraschend, daß er, obgleich er die Wichtigkeit seiner Antwort errieth, sich nicht enthalten konnte ihm zu antworten:

–– Es ist wahr, Ludwig, man sollte meinen, es wären zwei Brüder.

Kaum hatte er indessen diese Worte ausgesprochen, als er, da er einen Schauder den ganzen Körper dessen überlaufen fühlte, gegen den er gelehnt war, sich hinzuzufügen beeilte:

–– Was beweiset das am Ende?

– Nichts, antwortete der Landgraf mit dumpfer Stimme, nur war es mir sehr lieb. Deine Meinung darüber zu erhalten. Jetzt komm, um mir das Ende Deines Feldzuges zu erzählen.

Und er führte ihn zu denselben Sessel zurück, in welchem Karl seine Erzählung begonnen hatte, eine Erzählung, die er dieses Mal beendigte, ohne unterbrochen zu werden.

Kaum hörte er auf zu sprechen, als ein Mann an der Thür erschien, durch welche Karl eingetreten war. Bei seinem Anblicke stand der Landgraf hastig auf und schritt auf ihn zu. Die beiden Männer sprachen einen Augenblick lang leise mit einander, ohne daß Karl Etwas von dem verstehen konnte, was sie sagt! Indessen sah er leicht an ihren Gebärden, daß es sich um eine Mitteilung von der höchsten Wichtigkeit handelte, und er war mehr als jemals davon überzeugt, als er den Landgrafen mit einem noch weit finstereren Gesicht, als zuvor, zu sich zurückkehren sah.

–– Karl, sagte er zu ihm, aber dieses Mal ohne sich zu setzen, Du mußt nach einer so langen Strecke als die, welche Du heute zurückgelegt hast, mehr der Ruhe, als des Tanzes und der Feste bedürfen. Ich will Dich in Dein Zimmer führen lassen; gute Nacht, wir werden uns morgen wiedersehen.

Karl sah, daß sein Freund allein zu sein wünschte; er stand auf, ohne zu antworten, drückte ihm schwelgend die Hand, indem er ihm ein letztes Mal mit den, Blicke befragte; aber der Landgraf antwortete ihm nur mit jenem traurigen Lächeln, welches dem Herzen andeutet, daß der Moment noch nicht gekommen ist, ihm die geheiligte Mittheilung anzuvertrauen, die es in Anspruch nimmt. Karl deutete ihm durch einen letzten Händedruck an, daß er ihn zu jeder Stunde finden würde, und zog sich in das für ihn bestimmte Zimmer zurück, bis zu welchem, so entfernt es auch war, der Jubel des Festes dennoch gelangte. Das Herz voll trauriger Gedanken und das Ohr voll fröhlicher Klänge legte sich der Graf zu Bett, während einiger Zeit verscheuchte dieser seltsame Contrast durch seinen Kampf den Schlaf. Aber endlich siegte die Ermüdung über die Besorgniß, der Leib besiegte die Seele. Allmählig wurden die Gedanken und die Gegenstände minder deutlich, seine Sinne erstarrten und seine Augen schlossen sich. Es fand zwischen dem Momente der Schlafsucht und des wirklichen Schlafes ein Zwischenraum gleich dem der Dämmerung statt, welche den Tag von der Nacht trennt, ein wunderlicher und unbeschreiblicher Zwischenraum, während dessen die Wirklichkeit sich so mit dem Traume vereinigt, daß weder Traum noch Wirklichkeit vorhanden ist; dann folgte ihm eine tiefe Ruhe. Der Ritter hatte seit langer Zeit immer nur unter einem Zelte und in seinem Kriegsharnische geschlafen und er gab sich mit Entzücken den Annehmlichkeiten eines guten Bettes hin, so daß er, als er erwachte, erst an der großen Helligkeit sah, daß der Morgen bereits ziemlich weit vorgerückt sein mußte. Aber sogleich bot sich ein unerwartetes Schauspiel seinen Augen, das ihn an den ganzen Auftritt vom vorigen Abende erinnerte, und seine ganze Aufmerksamkeit auf sich zog. Der Landgraf saß regungslos und mit auf die Brust geneigtem Haupte in einem Sessel, wie als ob er das Erwachen seines Freundes erwartete, und dennoch war seine Träumerei so tief, daß er dieses Erwachen nicht bemerkt hatte. Der Graf blickte ihn einen Augenblick lang schweigend an, und als er hierauf zwei Thränen über seine hohlen und gebleichten Wangen rollen sah, vermogte er sich nicht länger zu halten, und indem er die Arme nach ihm ausstreckte, rief er aus:

–– Ludwig, in des Himmels Namens Was gibt es denn?

–– Ach! ach! antwortete der Landgraf, ich habe weder Gattin noch Sohn mehr!

Und indem er bei diesen Worten mit Mühe aufstand, kam er wankend wie ein Trunkener, um in die Arme zu sinken, welche der Graf öffnete um ihn zu empfangen.




II


Um die Begebenheiten zu verstehen, welche folgen werden, müssen unsere Leser einwilligen, mit uns zur Vergangenheit zurückzukehren.

Es waren sechzehn Jahre seit der Verheirathung des Landgrafen vergangen. Er hatte die Tochter des Grafen von Ronsdorf geheirathet, welcher im Jahre 13l6, während der Kriege zwischen Ludwig dem Baier, für den er Partei ergriffen, und Friedrich dem Schönen von Oesterreich getödtet worden war, und dessen Besitzungen an dem rechten Ufer des Rheins, jenseits und an dem Fuße jener, das Siebengebirge genannten Hügelkette gelegen waren. Die Wittwe von Ronsdorf, eine Frau von hoher Tugend und unbeflecktem Rufe, war nun mit ihrer einzigen, fünf Jahre alten Tochter Wittwe geworden, da sie aber von fürstlichem Geschlechte war, so hatte sie während ihres Wittwenthumes den ursprünglichen Glanz ihres Hauses behauptet, so daß ihr Gefolge fortwährend eines der glänzendsten der umliegenden Schlösser war.

Einige Zeit nach dem Tode des Grafen vermehrte sich der Hausstand der Wittwe von Ronsdorf um einen jungen Pagen, wie sie sagte, den Sohn einer ohne Vermögen gestorbenen Freundin. Er war ein schöner Knabe, kaum drei bis vier Jahre älter als Emma, und bei dieser Veranlassung verleugnete die Gräfin ihren Ruf großmüthiger Güte nicht. Der kleine Waise wurde von ihr wie ein Sohn aufgenommen, mit ihrer Tochter erzogen, und theilte mit dieser die Liebkosungen der Wittwe, und das auf eine so gleiche Weise, daß es schwer war zu unterscheiden, welches von den beiden ihr eigenes oder ihr angenommenes Kind wäre.

So wuchsen sie mit einander heran, und viele sagten, daß sie für einander bestimmt wären; als zum großen Erstaunen des Adels an den Ufern des Rheines der damals achtzehn Jahre alte junge Graf Ludwig von Godesberg mit der kleinen Emma von Ronsdorf verlobt wurde, die erst zehn Jahre alt war; nur wurde zwischen dem alten Landgrafen und der Wittwe bestimmt, daß die Verlobten noch fünf Jahre warten sollten, bevor sie Gatten würden.

Während dieser Zeit wuchsen Emma und Albert heran; der eine wurde ein schöner Knappe, und die andere ein anmuthiges junges Mädchen; die Gräfin von Ronsdorf hatte übrigens mit außerordentlicher Sorgfalt die Fortschritte ihrer Freundschaft beaufsichtigt und mit Vergnügen erkannt, daß, so groß ihre Zuneigung auch war, diese doch durchaus nicht den Charakter der Liebe hatte. Inzwischen war Emma dreizehn und Albert achtzehn Jahre alt; ihr Herz stand gleich der Knospe einer Rose im Begriffe, sich bei dem ersten Hauche des Jünglingsalters zu öffnen; dieser Moment war es, den die Gräfin für sie fürchtete. Unglücklicher Weise wurde sie zu jener Zeit selbst krank; einige Zeit lang hoffte man, daß die Kraft der Jugend (die Gräfin Wittwe war kaum vierunddreißig Jahre alt) über die Hartnäckigkeit der Krankheit siegen würde. Man täuschte sich, sie war tödtlich krank. Sie fühlte es selbst, ließ ihren Arzt kommen, und forschte ihn mit so vieler Beharrlichkeit und Festigkeit aus, daß er sich nicht weigern konnte, ihr zu sagen, daß die Wissenschaft der Menschen unzulänglich wäre, und daß für sie nur noch Rettung von dem Himmel zu erwarten sei. Die Gräfin empfing diese Nachricht als Christin, ließ Albert und Emma kommen, befahl ihnen vor ihrem Bette niederzuknien, und offenbarte ihnen mit leiser Stimme, ohne einen andern Zeugen als Gott, ein Geheimniß, das Niemand hörte. Nur bemerkte man mit Erstaunen, daß zur Stunde des Todeskampfes, statt daß die Sterbende es war, welche die Kinder segnete, es die Kinder waren, welche die Sterbende segneten, und daß sie ihr im Voraus auf Erden einen Fehltritt zu vergeben schienen, wegen dessen sie ohne Zweifel die Absolution im Himmel zu erhalten im Begriffe stand. An demselben Tage, wo diese Mittheilung stattgefunden hatte, verschied die Gräfin fromm und ergeben, und Emma, welche noch ein Jahr zu warten hatte, bevor sie als Verlobte Gattin wurde, brachte dieses Jahr in dem Kloster Nonnenwerth zu, das in Mitte des Rheines, auf der dem kleinen Dorfe Honnef gegenüber gelegenen Insel gleichen Namens erbaut ist.

Was Albert anbelangt, so blieb er in Ronsdorf, und der Schmerz, den er über den Verlust seiner Wohltäterin zeigte, war dem gleich, den er für eine Mutter empfunden hätte.

Die bestimmte Zeit verfloß, Emma hatte ihr fünfzehntes Jahr vollendet und sie blühte in Mitte ihrer Thränen und auf ihrer frommen Insel fortwährend, gleich einer jener frischen Wasserrosen, welche ganz funkelnd von Thau auf der Oberfläche der Seen schwimmen. Ludwig erinnerte den alten Landgrafen an das von der Wittwe gegebene und von der Tochter bestätigte Versprechen; das kam daher, weil der junge Mann seit einem Jahre seine Spaziergänge beständig nach Nonnenwerth gerichtet hatte, einem hübschen Hügel, der den Fluß überragt, und von dessen Höhe aus man unter sich ausgebreitet und den Strom durchschneidend, wie es der Kiel eines Schiffes thun würde, die anmuthige Insel ausgebreitet sieht, in deren Mitte sich noch heutigen Tages das in ein Wirthshaus umgeschaffene Kloster erhebt. Dort brachte er ganze Stunden, die Augen auf das Kloster geheftet zu, denn oft kam ein junges Mädchen, das er an ihrem Novizengewande erkannte, welches sie bald ablegen sollte, sich unter die Bäume zu setzen, welche den Rhein begrenzen, und blieb dort ganze Stunden regungslos und in eine Träumerei versunken, deren Ursache vielleicht derselbe Gegenstand war, der Ludwig anzog. Es war daher nicht zu verwundern, daß sich der junge Mann zuerst erinnerte, daß die Trauerzeit vorüber wäre, und daß er den Landgrafen daran erinnerte, daß diese Zeit duch einen günstigen Zufall mit der für die Feier seiner Verheirathung festgesetzten Zeit übereinstimmte.

Durch eine Art schweigender Uebereinkunft betrachtete jeder Albert, der damals kaum zwanzig Jahre alt war, der sich aber immer durch einen über sein Alter erhabenen Ernst ausgezeichnet hatte, als den Vormund Emmas; er war es also, den der Landgraf daran erinnerte, daß der Zeitpunkt gekommen wäre, die Trauerkleider durch festliche Gewänder zu ersetzen. Albert begab sich nach dem Kloster und benachrichtigte Emma, daß der junge Ludwig das von ihrer Mutter gegebene Versprechen in Anspruch nähme. Emma erröthete und reichte Albert die Hand, indem sie ihm antwortete, daß sie bereit wäre, ihm überall hinzu folgen, wohin er sie führen würde. Die Reise war nicht lang, man hatte nur über die Hälfte des Rheines zu fahren und zwei Stunden längs seiner Ufer zurückzulegen; die Reise konnte daher den von dem jungen Grafen so sehr ersehnten Moment nicht lange verzögern. Drei Tage, nach Vollendung ihres fünfzehnten Jahres, wurde daher Emma, von einem der Erbin von Ronsdorf würdigem Gefolge begleitet und von Albert geführt, den Händen ihres Herrin und Gebieters, des Grafen Ludwig von Godesberg übergeben.

Zwei Jahre, während denen die junge Gräfin einen Sohn gebar, der Otto genannt wurde, verflossen in vollkommenem Glücke. Albert, der eine neue Familie gefunden, hatte diese beiden Jahre bald in Ronstorf, bald in Godesberg zugebracht, und während dieser Zeit das Alter erreicht, in welchem ein Mann von adeliger Abkunft seine ersten Waffenthaten thun muß. Er hatte dem zu Folge Dienste als Knappe unter den Truppen Johanns von Louxemburg, Königs von Böhmen genommen, eines der tapfersten Ritter seiner Zeit, und war ihm zu der Belagerung von Kassel gefolgt, wo er dem Könige Philipp von Valois gute Dienste leistete, der es unternommen hatte, den Grafen Ludwig von Crécy wieder in seine Staaten einzusetzen, aus denen er durch die Bürger von Flandern verjagt worden war. Er hatte sich also in der Schlacht befunden, in welcher diese unter den Mauern von Kassel gänzlich geschlagen wurden, und als Probestück hatte er unter den Bauern eine solche Niederlage angerichtet, daß Johann von Louxemburg ihn auf dem Schlachtfelde zum Ritter schlug. Der Sieg war übrigens so entscheidend gewesen, daß er den Feldzug mit einem Schlage geendigt, und da der Frieden in Flandern wieder hergestellt, so war Albert, ganz stolz, Emma seine goldene Kette und seine Sporen zu zeigen, auf das Schloß Godesberg zurückgekehrt.

Er fand den Grafen im Dienste des Kaisers abwesend; die Türken waren in Ungarn eingefallen, und auf die Aufforderung Ludwig des V. war Ludwig von Godesberg mit seinem Waffenbruder Karl von Homburg aufgebrochen; er wurde nichts desto weniger auf dem Schlosse Godesberg gut aufgenommen, wo er ohngefähr sechs Monate blieb. Seiner Untätigkeit müde und da er die Fürsten Europas ziemlich ruhig unter sich sah, war er nach Verlauf dieser Zeit aufgebrochen, um gegen die Sarazenen Spaniens zu kämpfen, gegen die Alphons der XI. König von Castilien und Leon, Krieg führte. Dort hatte er Wunder der Tapferkeit gethan, indem er gegen Musley Muhamed kämpfte; da er aber vor Granada gefährlich verwundet worden, so war er ein zweites Mal nach Godesberg zurückgekehrt, wo er den Gatten Emmas wiedergefunden, der das Erbe des gegen den Anfang des Jahres 1332 gestorbenen Landgrafen in Besitz genommen hatte.

Der junge Otto wuchs heran, er war ein schöner Knabe von fünf Jahren, mit blondem Kopfe, rosigen Wangen und blauen Augen. Die Rückkehr Alberts war ein Fest für die ganze Familie, und besonders für den Knaben, der ihn sehr liebte. Albert und Ludwig sahen sich mit Vergnügen wieder, beide hatten gegen die Ungläubigen gekämpft, der eine im Süden, der andere im Norden, beide waren Sieger gewesen, und beide brachten zahlreiche Erzählungen für die langen Winterabende mit; ein Jahr verfloß daher auch wie ein Tag, aber nach Verlauf dieses Jahres führte Alberts abenteuerlicher Character ihn von Neuem fort, er besuchte die Höfe von Frankreich und England, begleitete den König Eduard auf seinem Feldzuge gegen Schottland, brach eine Lanze mit James Douglas; dann sich wieder gegen Frankreich wendend, war er zurückgekehrt, um mit Walther von Mauny die Insel Cadsand zu nehmen. Indem er sich nun wieder auf dem festen Lande befand, hatte er dies benutzt, um seinen alten Freunden einen Besuch abzustatten, und war zum dritten Male auf das Schloß Godesberg zurückgekehrt, wo er einen neuen Gast gefunden hatte.

Das war einer der Verwandten des Landgrafen, Namens Gottfried, welcher, da er Nichts von dem väterlichen Erbe zu hoffen, versucht hatte, sein Glück in den Waffen zu finden. Auch er hatte gegen die Ungläubigen gekämpft, aber in Palästina; die Bande der Verwandtschaft, der Ruf, den er im dem Kreuzzuge erlangt, ein gewisser Luxus, welcher bewies, daß sein Glaube eher den Character der Ueberspannung als den der Uneigennützigkeit getragen, hatten ihm die Thore des Schlosses Godesberg wie einem ausgezeichneten Gaste geöffnet; da bald darauf Homburg und Albert sich entfernt hatten, so war es ihm gelungen, seine Gesellschaft dem Landgrafen Ludwig beinahe unentbehrlich zu machen, so daß dieser ihn zurückgehalten hatte, als er geben wollte. Gottfried lebte daher auf dem Schlosse nicht mehr als Gast, sondern auf dem Fuße eines Hausgenossen.

Die Freundschaft hat ihre Eifersucht wie die Liebe; sei es nun Voreingenommenheit, oder sei es Wirklichkeit, Albert glaubte zu sehen, daß Ludwig ihn mit mehr Kälte als gewöhnlich empfing; er beklagte sich gegen Emma darüber, welche ihm sagte, daß auch sie einige Veränderung in dem Benehmen ihres Gatten gegen sie bemerkt habe. Albert blieb vierzehn Tage in Godesberg, dann ging er unter dem Vorwande, daß Ronsdorf seine Anwesenheit wegen unerläßlichen Ausbesserungen in Anspruch nähme, über den Fluß und durch die kleine Gebirgsschlucht, welche allein die eine Herrschaft von der andern trennte, und verließ das Schloß.

Nach Verlauf von vierzehn Tagen erhielt er Nachrichten von Emma. Sie begriff Nichts von dem Charakter ihres Gatten, aber derselbe war, statt sanft und wohlwollend, wie sie ihn immer gekannt hatte, mißtrauisch und schweigsam geworden. Selbst der junge Otto hatte von seiner bis dahin unbekannten Barschheit zu leiden, und das war um so schmerzlicher für die Mutter und für das Kind, als sie bis dahin von Seiten des Landgrafen die Gegenstände der feurigsten und innigsten Zuneigungen gewesen waren. Uebrigens fügte Emma hinzu, schien Gottfried in dem Maaße, als diese Zuneigung gegen sie abnahm, auffallende Fortschritte in dem Vertrauen des Landgrafen zu machen, wie als ob er den Theil der Gefühle erbte, welche dieser seiner Gattin und seinem Sohne nahm, um sie auf einen Mann zu übertragen, der ihm fast ein Fremder war.

Albert bedauerte von Herzensgrunde diesen Selbsthaß, welcher macht, daß der glückliche Mensch, wie als ob er von seinem Glücke gequält wäre, alle Mittel aufsucht, um es zu mäßigen oder zu erlöschen, wie er es mit einem zu heftigen Feuer machen würde, an dem er sein Herz sich verzehren zu sehen fürchtete. So standen die Sachen, als er, wie der ganze Adel der Umgegend, eine Einladung erhielt, sich nach dem Schlosse Godesberg zu begeben, wo der Landgraf ein Fest zur Feier des Geburtstages Ottos gab, der sein sechzehntes Jahr angetreten hatte.

Dieses Fest, an dessen Ende wir unsere Leser in das Schloß eingeführt haben, bot, wie wir bemerkten, einen seltsamen Kontrast gegen die Traurigkeit dessen dar, welcher es gab; das kam daher, weil von dem Anfange des Tanzes an Gottfried den Landgrafen, wie als ob er zum ersten Male davon überrascht wäre, auf die Ähnlichkeit Ottos mit Albert aufmerksam gemacht hatte. In der That, mit Ausnahme der Jugendblüthe, welche auf dem Gesichte des Jünglings glänzte, und welche die Sonne Spaniens bei dem Manne versengt hatte, waren es dieselben blonden Haare, dieselben blauen Augen, und es gab nicht einmal gewisse Ausdrücke der Züge, deren Ähnlichkeit dasselbe Blut andeutet, die man nicht mit ein wenig sorgfältiger Aufmerksamkeit zwischen innen erkennen konnte. Diese Offenbarung war ein Dolchstoß für den Landgrafen gewesen; auf Gottfrieds Einflüsterungen beargwöhnte er seit langer Zeit die Reinheit der Verhältnisse Emmas und Alberts; aber der Gedanke, daß diese strafbare Verbindung bereits vor seiner Ehe bestanden, der noch weit schmerzlichere Gedanke, dem diese seltsame Ähnlichkeit eine neue Kraft verlieh, daß Otto, den er so sehr geliebt, ein Kind des Ehebruchs wäre, brach ihm das Herz und machte ihn fast wahnsinnig; in diesem Augenblicke war es, wo, wie wir erzählt, der Graf Karl ankam, und wir haben gesehen, wie er, von der Wahrheit fortgerissen, den Schmerz seines unglücklichen Freundes noch durch das Geständniß vermehrt hatte, daß diese Ähnlichkeit Alberts und Ottos unbestreitbar wäre; indessen hatte er sich, wie wir gesehen, zurückgezogen, ohne der Traurigkeit Ludwigs alle die Wichtigkeit beizulegen, welche sie wirklich erlangt hatte.

Das kam daher, weil dieser Mann, welcher mit dem Landgrafen so geheimnißvoll in dem kleinen Zimmer gesprochen hatte, in das er sich mit Karl zurückgezogen, derselbe Gottfried war, dessen Anwesenheit die erste Störung in der glücklichen Familie verursacht, welche ihr Glück getrübt hatte. Er kam ihm zu sagen, daß er nach einigen Worten, welche er gehört hätte, gewiß zu sein glaubte, daß Emma Albert, der noch in derselben Nacht nach Italien aufbrechen wollte, wo er ein Truppencorps anführen sollte, das der Kaiser dorthin sandte, eine Zusammenkunft bewilligt hätte; die Gewißheit dieses Verrathes war übrigens leicht zu erlangen, da die Zusammenkunft an einem der Thore des Schlosses gegeben war, und Emma durch den ganzen Garten gehen mußte, um sich dorthin zu begeben.

Einmal auf der Bahn des Argwohnes, bleibt man nicht mehr stehen; der Landgraf, der, um welchen Preis es auch sein mogte, eine Gewißheit erlangen wollte, unterdrückte daher auch jenes edle und instinctmäßige Gefühl, welches macht, daß jeder Mann von Herz einen Widerwillen dagegen findet, sich zu dem Gewerbe eines Spions zu erniedrigen; er kehrte mit Gottfried in sein Zimmer zurück, und indem er das Fenster halb öffnete, das auf den Garten ging, erwartete er voll Bangigkeit diesen letzten Beweis, der bei ihm einen noch ungewissen entscheidenden Entschluß herbeiführen sollte. Gottfried hatte sich nicht geirrt; gegen vier Uhr Morgens ging Emma die Freitreppe hinab, schritt verstohlen durch den Garten und vertiefte sich in ein Baumdickicht, welches das Thor verbarg. Dieses Verschwinden dauerte ungefähr zehn Minuten, dann kehrte sie in Begleitung Alberts, auf dessen Arm sie sich stützte, bis auf die Freitreppe zurück. Bei dem Scheine des Mondes sah der Landgraf sie sich umarmen, und es schien ihm sogar, auf dem bestürzten Gestatte der Gattin Thränen zu bemerken, welche die Abreise ihres Geliebten sie vergießen ließ.

Von nun an gab es keinen Zweifel mehr für Ludwig, und er faßte sogleich den Entschluß, die strafbare Gattin und das Kind des Ehebruches von sich zu entfernen. Ein Gottfried übergebenes Schreiben befahl Emma, ihm zu folgen, und dem Anführer der Wachen wurde der Befehl gegeben, Otto mit Tagesanbruche zu verhaften und ihn in die Abtei Kirberg bei Köln zu führen, in welcher er die glänzende Zukunft des Ritters gegen die enge Zelle eines Mönches vertauschen sollte.

Dieser Befehl war ausgeführt worden, und Emma und Otto hatten seit einer Stunde das Schloß verlassen, die eine, um sich nach dem Kloster Nonnenwerth, und der andere, um sich nach der Abtei Kirberg zu begeben, als der Graf Karl erwachte, und, wie wir erzählt, seinen alten Freund vor seinem Bette fand, einer Eiche gleich, die der Sturm entlaubt und deren Zweige der Blitz zerschmettert hat.

Homburg hörte mit ernster und liebevoller Freundschaft den Bericht an, den ihm Ludwig von alle dem abstattete, was vorgefallen war. Dann, ohne daß er versuchte, weder den Vater noch den Gatten zu trösten, sagte er zu ihm: – Das was ich thun werde, wird wohlgethan sein, nicht wahr? – Ja, antwortete der Landgraf; aber was kannst Du thun? – Das geht mich an, erwiderte der Graf Karl. Und indem er seinen Freund umarmte, kleidete er sich an, umgürtete sich mit seinem Schwerte, verließ das Zimmer, ging in die Ställe hinab, sattelte selbst seinen getreuen Hans, und schlug wieder langsam und mit sehr verschiedenen Gedanken den schneckenförmigen Weg ein, den er am Abend zuvor so rasch und mit so süßen Hoffnungen zurückgelegt hatte.

Unten an dem Hügel angelangt, schlug der Graf Karl den Weg nach Rolandseck ein, dem er langsam und in ein tiefes Sinnen versunken folgte, indem er seinem Pferde gänzliche Freiheit ließ, langsam oder rasch zu traben; indessen an einem Hohlwege angelangt, in dessen Grunde sich eine Kapelle befand, in welcher ein Priester betete, blickte er um sich, und da er wahrscheinlich sah, daß der Ort so wäre, wie er ihn wünschen könnte, so hielt er an. In diesem Augenblicke stand der Priester, der ohne Zweifel sein Gebet beendigt hatte, auf, und schickte sich an, zu gehen. Aber Karl hielt ihn zurück, indem er ihn fragte, ob es keinen anderen Weg gäbe, um sich von dem Kloster nach dem Schlosse zu begeben, und auf seine verneinende Antwort bat er ihn, zu verweilen, da wahrscheinlich binnen Kurzem ein Mensch seines geistlichen Beistandes bedürfen würde. Der Priester sah an der ruhigen Stimme des festen Ritters, daß er die Wahrheit gesagt hätte, und ohne zu fragen, wer verurtheilt wäre, betete er für denjenigen, welcher sterben sollte.

Der Graf Kail war eines jener Urbilder des alten Ritterthums, welche im fünfzehnten Jahrhundert bereits zu verschwinden begannen, und die Froissard mit aller der Liebe schildert, welche der Alterthumsforscher für einen Ueberrest vergangener Zeiten hegt. Für ihn stellte Alles das Schwert her, und Alles hing von Gott ab, und nach seiner Ueberzeugung war der Mensch gewiß, nicht irre zu gehen, wenn er Alles seinem Richterspruche unterwarf. Nun aber hatte die Erzählung des Landgrafen ihm Zweifel über die Absichten Gottfrieds eingeflößt, welche die Ueberlegung fast in Gewißheit verwandelt hatte; außerdem hatte Niemand, ausgenommen dieser unheilbringende Rathgeber, jemals die Liebe und die Treue Emmas für ihren Gatten in Zweifel gezogen. Er war der Freund des Grafen von Ronsdorf gewesen, wie er der des Landgrafen von Godesberg war. Ihre beiderseitige Ehre machte einen Theil der seinigen aus, es war daher an ihm, zu versuchen, ihr diesen, durch einen Verleumder für einen Augenblick lang getrübten Glanz wiederzugeben; er hatte daher, ohne irgend Etwas davon zu sagen, den Entschluß gefaßt, ihn auf dem Wege zu erwarten, den er einschlagen müßte, und ihm dort seinen Verrath eingestehen oder ihm die Seele aushauchen zu lassen, und im Nothfalle sogar dieses doppelte Unternehmen auszuführen.

Nun schlug er das Visir seines Helmes herunter, ließ Hans in der Mitte des Weges halten, und Pferd und Reiter blieben eine Stunde lang regungslos wie eine Reiterstatue. Nach Verlauf dieser Zeit sah er an dem Ende des Hohlweges einen vollständig gewappneten Ritter erscheinen. Dieser hielt einen Augenblick lang an, den Weg besetzt sah; als er sich aber überzeugt, daß der, welcher ihn bewachte, allein wäre, so begnügte er sich, sich in seinen Steigbügeln festzusetzen, sich zu versichern, daß sein Schwert leicht aus der Scheide ging, und setzte seinen Weg fort. Als er einige Schritte weit von dem Grafen angelangt, sah, daß dieser nicht die Absicht zu haben schien, ihm Platz zu machen, so hielt er gleichfalls an.

–– Herr Ritter, sagte er zu ihm, seid Ihr der Herr der Gegend und habt Ihr die Absicht, jedem Reisenden, der vorüber kommt, den Weg zu versperren?

–– Nicht Allen, Herr, antwortete Karl, aber einem Einzigen, und dieser ist ein Niederträchtiger und ein Verräther, von dem ich Rechenschaft über seinen Verrath und seine Schändlichkeit zu fordern habe.

–– Da dann die Sache mich nicht angehen kann, fuhr Gottfried fort, so bitte ich Euch. Euer Pferd zur Rechten oder zur Linken treten zu lassen, damit auf der Mitte des Weges Raum für zwei Männer von demselben Range ist.

–– Ihr irrt Euch, Herr, antwortete der Graf Karl mit derselben Ruhe, und es geht im Gegentheil nur Euch an; ein edler und biederer Ritter wird niemals die Höhe des Weges mit einem elenden Verleumder theilen.

Nun warf sich der Priester zwischen die beiden Männer.

–– Brüder, sagte er zu ihnen, wollt Ihr Euch ermorden?

–– Ihr irrt Euch, ehrwürdiger Vater, antwortete der Graf, dieser Mann ist nicht mein Bruder, und ich halte gerade nicht darauf, daß er stirbt. Er möge gestehen, die Gräfin Emma von Godesberg verleumdet zu haben, und ich lasse ihm frei Buße zu thun, wo es ihm beliebt.

–– Als Beweis ihrer Unschuld, sagte Gottfried lachend, welcher den Ritter für Albert hielt, fehlt es ihr nur noch, so gut von ihrem Geliebten vertheidigt zu werden.

–– Ihr irrt Euch, antwortete der Ritter, indem er seinen mit Eisen verlarvten Kopf schüttelte, ich bin nicht der, für den Ihr mich haltet, ich bin der Graf Karl von Homburg. Ich habe daher gegen Euch nur den Haß, den ich gegen jeden Verräther, nur die Verachtung, die ich für jeden Verleumder habe. Gestehet, daß Ihr gelogen habt, und Ihr seid frei.

–– Das, antwortete Gottfried lachend, ist eine Angelegenheit, die nur Gott und mich angeht.

–– So möge sie Gott denn richten, rief der Graf Karl aus, indem er sich zum Kampfe vorbereitete.

–– Amen, murmelte Gottfried, indem er mit der einen Hand sein Visir herabschlug und mit der andern sein Schwert zog. Der Priester begann wieder zu beten.

Gottfried war tapfer, und er hatte in Palästina mehr als einen Beweis seines Muthes abgelegt; aber damals stritt er für Gott, statt gegen Gott zu streiten. Obgleich der Kampf lange dauerte und hitzig war, obgleich er als muthiger und gewandter Krieger kämpfte, so vermogte er doch nicht der Kraft zu widerstehen, welche dem Grafen Karl das Bewußtsein seines Rechtes verlieh. Er fiel von einem Schwertstoße durchbohrt, der durch den Panzer tief in die Brust gedrungen war vom Pferde. Das durch den Sturz seines Herrn erschreckte Pferd Gottfrieds schlug wieder den Weg ein, auf welchem es gekommen war, und war bald hinter dem Gipfel des Hohlweges verschwunden.

–– Mein Vater, sagte der Graf Karl ruhig zu dem vor Schrecken bebenden Priester, ich glaube, daß Ihr keine Zeit zu verlieren habt, um Eure fromme Sendung zu vollziehen. Hier ist die Beichte, welche ich Euch versprochen hatte; beeilt Euch, sie zu empfangen. Und indem er sein Schwert wieder in die Scheide steckte, nahm er seine statuenmäßige Regungslosigkeit wieder an.

Der Priester näherte sich dem Sterbenden, der sich auf ein Knie und auf eine Hand erhoben, aber nicht mehr zu thun vermogt hatte. Er nahm ihm seinen Helm ab; sein Gesicht war bleich und seine Lippen voll Blut. Karl glaubte einen Augenblick lang, daß er nicht würde sprechen können, aber er irrte sich. Gottfried setzte sich, und der neben ihm knieende Priester hörte die Beichte, welche er ihm mit leiser und unterbrochener Stimme ablegte. Bei den letzten Worten fühlte der Verwundete, daß sein Ende nahe wäre, und nachdem er sich mit Hilfe des Priesters auf die Kniee geworfen hatte, erhob er beide Hände gen Himmel, indem er zu drei wiederholten Malen sagte: »Herr, Herr, vergib mir!« aber bei dem dritten Mal, stieß er einen tiefen Seufzer aus und sank ohne Bewegung zurück. Er war todt.

–– Mein Vater, sagte der Graf Karl zu dem Priester, seid Ihr nicht bevollmächtigt, die Beichte zu offenbaren, welche Euch so eben abgelegt worden ist?

–– Ja, antwortete der Priester, aber nur einer einzigen Person, dem Landgrafen von Godesberg.

–– So besteigt denn mein Pferd, fuhr, der Ritter fort, indem er abstieg, und laßt uns zu ihm gehen.

–– Was thut Ihr, mein Bruder? antwortete der Priester, der gewöhnt war, auf eine weit bescheidene Weise zu reisen.

–– Steigt auf, steigt auf, mein Vater, sagte der Ritter, indem er darauf bestand; es soll nicht gesagt sein, daß ein armer Sünder, wie ich, reitet, wenn der Mann Gottes zu Fuße geht. Und bei diesen Worten half er ihm, sich auf den Sattel zu setzen, und, welchen Widerstand der demüthige Reiter auch leisten mochte, so führte der Graf das Pferd dennoch am Zügel bis auf das Schloß Godesberg. Dort angelangt, übergab er gegen seine Gewohnheit Hans den Händen der Knechte, führte den Priester vor den Landgrafen, den er in demselben Zimmer, an demselben Orte und in demselben Sessel wiederfand, obgleich sieben Stunden verflossen waren, seitdem er das Schloß verlassen hatte. Bei dem Geräusche, welches die Eintretenden machten, erhob der Landgraf seine bleiche Stirn und blickte sie mit erstaunter Miene an.

–– Sieh, Bruder, sagte Karl zu ihm, Hier ist ein würdiger Diener Gottes, der Dir eine Beichte auf dem Todtenbette zu offenbaren hat.

–– Wer ist denn gestorben? rief der Graf aus, indem er noch weit bleicher wurde.

–– Gottfried, antwortete der Ritter.

–– Und wer hat ihn getödtet? murmelte der Landgraf.

–– Ich, sagte Karl, und er entfernte sich ruhig, indem er die Thüre hinter sich verschloß und den Landgrafen mit dem Priester allein ließ.

Der Priester erzählte dem Landgrafen nun Folgendes:

»Gottfried hatte in Palästina einen deutschen Ritter aus der Umgegend von Köln gekannt, den man Ernst von Hüningen nannte; er war ein ernster und strenger Mann, der seit fünfzehn Jahren in den Maltheserorden getreten war und der wegen seiner Frömmigkeit, seiner Biederkeit und seines Muthes im Rufe stand.

Gottfried und Ernst kämpften neben einander bei St. Jean d'Acre, als Ernst tödtlich verwundet wurde. Gottfried sah ihn fallen, ließ ihn aus dem Handgemenge tragen, und kehrte gegen den Feind zurück.

Als die Schlacht beendigt, kehrte er unter sein Zelt zurück, um die Kleider zu wechseln; aber kaum war er dort angelangt, als man ihm meldete, daß Ritter Ernst von Hüningen in höchster Gefahr wäre, und ihn vor seinem Tode zu sprechen wünschte.

Er folgte seinem Verlangen, und fand den Verwundeten von einem hitzigen Fieber befallen, das den Rest seines Lebens in kurzer Zeit verzehren mußte. Da er seine Lage selbst fühlte, so erklärte er ihm daher auch mit wenigen Worten den Dienst, welchen er von ihm erwartete.

Im Alter von zwanzig Jahren hatte Ernst ein junges Mädchen geliebt, und war von ihr geliebt worden, aber ein nachgeborener Sohn, ohne Rang und ohne Vermögen, hatte er sie nicht erlangen können. Die verzweifelnden Liebenden vergaßen, daß sie niemals Gatten werden könnten, und ein Sohn wurde geboren, der weder den Namen des Einen noch der Andern führen konnte.

Einige Zeit nachher war das junge Mädchen durch ihre Eltern gezwungen worden, einen edlen und reichen Herrn zu heirathen. Ernst hatte sich entfernt; er hatte sich in Malta aufgehalten, um sein Gelübde abzulegen, und seit dieser Zeit kämpfte er in Palästina. Gott hatte seinen Muth belohnt. Nachdem er frommer Weise gelebt, starb er als Märtyrer. Ernst überreichte Gottfried ein Schreiben; es war ein Schenkungsakt alles dessen, was er besaß, für seinen Sohn Albert; ohngefähr sechzig Gulden. Da die Mutter seit sechs Jahren gestorben war, so hatte er geglaubt, ihm ihren Namen offenbaren zu können, damit dieser Name ihn in seinen Nachforschungen leite. Es war die Gräfin von Ronsdorf.

Gottfried war nach Deutschland zurückgekehrt in der Absicht, den letzten Willen seines Freundes zu erfüllen. Als er aber bei seinem Verwandten, dem Landgrafen ankam, und als er die Lage der Dinge erfuhr, sah er auf den ersten Blick allen den Nutzen, welchen er aus dem Geheimnisse ziehen könnte, das er besaß. Der Landgraf hatte nur einen Sohn, und wenn Otto und Emma entfernt, so war Gottfried der einzige Erbe des Grafen.«

Wir haben gesehen, wie er diesen Plan in dem Augenblicke seiner Vollendung erreichte, wo er in dem Hohlwege von Rolandseck dem Grafen Karl von Homburg begegnete.

–– Karl! Karl! rief der Landgraf aus, indem er wie ein Wahnsinniger auf den Vorplatz stürzte, wo ihn sein Waffenbruder erwartete. Karl! er war nicht ihr Geliebter, er war ihr Bruder!

Und sogleich ertheilte er den Befehl, Emma und Otto nach Godesberg zurückzuführen. Die beiden Boten sprengten davon, der eine, indem er den Rhein hinauf, der andere, indem er ihn hinabging.

Während der Nacht kehrte der erstere zurück. Seit langer Zeit unglücklich, am Tage zuvor beleidigt, verlangte Emma ihr Leben in dem Kloster zu beschließen, in welchem ihre Jugend verflossen war, und ließ antworten, daß sie im Nothfalle die Heiligkeit des Ortes in Anspruch nehmen würde.

Mit Anbruch des Tages kehrte der zweite Bote zurück; er war von den Knappen begleitet, welche Otto nach Kirberg führen sollten; aber Otto befand sich nickt unter ihnen. Als sie in der Nacht den Rhein hinabfuhren, hatte Otto, welcher wußte, in welcher Absicht man ihn fortführe, den Moment gewählt, wo die ganze Mannschaft mit der Leitung des Schiffes in einem reißenden Strome beschäftigt war, um sich in den Fluß zu stürzen und war verschwunden.




III


Indessen war das Unglück des Landgrafen noch nicht so groß, als er es glaubte. Otto halte sich in den Fluß gestürzt, nicht um den Tod, sondern um die Freiheit in ihm zu suchen. An seinen Ufern erzogen, war der alte Rhein ein Freund, gegen den er zu oft seine jungen Kräfte versucht hatte, um ihn zu fürchten. Er tauchte daher so tief, als er es vermogte, unter, schwamm so lange, als es ihm sein Athem gestattete, unter dem Wasser, und als er wieder auf der Oberfläche erschien, um zu athmen, war das Schiff so fern und die Nacht so finster, daß die ihn begleitenden Wachen glauben konnten, er wäre in dem Flusse begraben geblieben.

Otto beeilte sich, das Ufer zu erreichen. Die Nacht war kalt, seine Kleider trieften. Er bedurfte eines Feuers und eines Bettes. Er ging daher nach dem ersten Hause, dessen Fenster er in der Finsterniß leuchten sah, stellte sich als einen verirrten Wanderer vor, und da es unmöglich war, zu erkennen, ob er durch den Regen des Himmels oder durch das Wasser des Flusses durchnäßt war, so erregte er keinen Argwohn, und die Gastfreundschaft wurde ihm mit der ganzen deutschen Offenherzigkeit und ohne ihn auszufragen bewilligt.

Am folgenden Morgen brach er mit Tagesanbruch nach Köln auf. Es war ein heiliger Sonntag, und da er zur Stunde der Messe ankam, so sah er Jedermann nach der Kirche gehen. Er folgte der Menge, denn auch er hatte zu Gott zu beten . . . zuvörderst für seinen Vater wegen des Irrthumes und der Verlassenheit, in denen er ihn gelassen hatte . . . für seine in ein Kloster eingesperrte Mutter . . . endlich für sich, der frei, aber ohne Stütze und in dieser unermeßlichen Welt verloren war, die ihm bis jetzt als ganzen Horizont nur den des väterlichen Schlosses gezeigt hatte. Indessen verbarg er sich hinter einer Säule, um sein Gebet zu verrichten; so nahe bei Godesberg konnte er von einigen der Adeligen, welche zu dem Feste des vorigen Tages gekommen waren, oder von dem Erzbischoffe von Köln, Herrn Walerand von Jülich selbst erkannt werden, der einer der ältesten und treuesten Freunde seines Vaters war.

Als Otto sein Gebet verrichtet, blickte er um sich, und sah voll Erstaunen, daß sich unter der Zahl der Anwesenden eine so große Menge von Bogenschützen verschiedener Länder befand, daß sein erster Gedanke war, daß die Messe, welche man las, zu Ehren des heiligen Sebastian, des Patrons der Innung, gefeiert werde. Er erkundigte sich sogleich darüber bei dem, welcher sich am nächsten von ihm befand, und erfuhr nun, daß sie sich zu dem Schützenfeste begäben, welches alljährlich zu derselben Zeit der Fürst Adolph von Cleve gab, einer der reichsten und angesehensten Herren unter denen, deren Schlösser sich von Straßburg bis nach Niemwegen erhoben.

Otto verließ sogleich die Kirche, ließ sich den am besten versehenen Schneider der Stadt angeben, vertauschte seine Kleider von Sammet und Seide gegen ein Wamms von grünem Tuche mit einem ledernen Gürtel, kaufte einen Bogen von dem besten Ahornholze, den er finden konnte, wählte einen Köcher mit seinen zwölf Pfeilen versehen, und als er hierauf sich erkundigt, in welchem Wrthshause sich die Bogenschützen besonders versammelten und er erfahren hatte, daß es der goldene Reiher wäre, so begab er sich nach diesem Gasthofe, welcher auf der Heerstraße nach Uerdingen vor dem Adlerthore lag.

Er fand dort etwa dreißig Bogenschützen versammelt, welche tüchtig zechten. Er setzte sich unter sie, und obgleich er Allen unbekannt war, so nahmen ihn doch Alle wegen seiner Jugend und seines guten Aussehens freundlich auf. Außerdem war er einer guten Aufnahme entgegengekommen, indem er gleich anfangs sagte, daß er sich nach Cleve zu dem Schießfeste begäbe, und die Reise mit so wackern und so fröhlichen Gefährten zu machen wünschte. Der Vorschlag war daher einstimmig angenommen worden.

Da die Bogenschützen noch drei Tage vor sich hatten, und da der Sonntag ein heiliger, der Ruhe gewidmeter Tag ist, so begaben sie sich erst am folgenden Morgen auf den Weg, indem sie längs den Ufern des Flusses hingingen, und fröhlich über Jagd und Kriegsthaten plauderten. Im Gehen bemerkten die Bogenschützen, daß Otto keine Federn an seinem Barett hätte, was gegen den Gebrauch war, da jeder eine Feder trug, welche zu gleicher Zeit die Beute und das Siegeszeichen irgend eines Vogels war, der ein Opfer seiner Geschicklichkeit geworden, und sie neckten ihn über seinen neuen Bogen und seine neuen Pfeile. Otto gestand lächelnd, daß weder Bogen noch Pfeile bereits gedient hätten, daß er aber bei der ersten Gelegenheit trachten würde, sich durch sie den unerläßlichen Schmuck zu verschaffen, der seinem Hute mangelte. Dem zu Folge machte er seinen Bogen zurecht. Jedermann erwartete voll Neugierde eine Gelegenheit, um die Geschicklichkeit seines neuen Gefährten zu beurtheilen.

Die Gelegenheiten mangelten nicht; ein Rabe krächzte auf dem letzten dürren Zweige einer Eiche, und die Bogenschützen zeigten Otto lachend diese» Ziel, aber der junge Mann antwortete, daß der Rabe ein unreines Thier sei, dessen Federn unwürdig wären, den Hut eines freien Schützen zu schmücken. Die Sache war wahr, die fröhlichen Wanderer begnügten sich daher auch mit dieser Antwort.

Ein wenig weiterhin erblickten sie einen Sperber regungslos auf der Spitze eines Felsens, und es wurde dem jungen Manne derselbe Antrag gestellt. Aber dieses Mal antwortete er, daß der Sperber ein adeliger Vogel wäre, über den Leute von Adel allein das Recht hätten, zu verfügen, und daß er, der Sohn eines Landmannes, sich nicht erlauben würde, einen solchen Vogel auf dem Gebiete eines so mächtigen Herrn, als es der Graf von Worringen wäre, über dessen Herrschaft man in diesem Augenblicke kam, zu tödten. Obgleich etwas Wahres in dieser Antwort lag, und vielleicht nicht einer der Bogenschützen sich die Handlung zu erlauben gewagt hätte, die er Otto rieth, so nahmen doch alle diese Antwort mit einem mehr oder minder spöttischen Lächeln auf, denn sie begannen den Gedanken zu fassen, daß ihr junger Gefährte seiner Geschicklichkeit wenig sicher, den Augenblick zu verzögern suchte, um davon einen so entscheidenden Beweis abzulegen, als man von ihm verlangte.

Otto hatte das Lächeln der Bogenschützen gesehen und er verstanden; aber er hatte sich gestellt, als ob er darauf durchaus nicht achtete, und setzte seinen Weg lachend und plaudernd fort, als sich plötzlich ungefähr fünfzig Schritte weit von dem lärmenden Haufen ein Reiher von den Ufern des Flusses erhob. Nun wandte sich Otto nach dem Bogenschützen um, der sich ihm am nächsten befand, und den man ihm als einen der geschicktesten Schützen bezeichnet hatte.

–– Bruder, sagte er zu ihm, ich mogte gar gern eine Feder von diesem Vogel für meinen Hut haben; Ihr, der Ihr der geschickteste unter uns allen seid, erzeigt mir doch den Gefallen, ihn zu schießen.

–– Im Fluge! antwortete der Bogenschuß erstaunt.

–– Ohne Zweifel, im Fluge, fuhr Otto fort; seht, wie schwerfällig er sich erhebt, kaum hat er zehn Schritte zurückgelegt, seitdem er den Boden verlassen, und ist nur auf halbe Bogenschußweite.

–– Schieß, Robert, schieß! riefen alle Bogenschützen aus.

Robert machte ein Zeichen mit dem Kopfe, welches Andeutete, daß er der allgemeinen Aufforderung eher aus Gehorsam für die Befehle der ehrbaren Gesellschaft folge, als in der Hoffnung, daß es ihm gelingen würde. Nichts desto weniger zielte er mit aller der Aufmerksamkeit, deren er fähig war, und der von einem kräftigen Arme und einem geübten Auge geschleuderte Pfeil flog von allen Blicken gefolgt davon und kam so dicht an dem Vogel vorüber, daß er darüber einen Schreckensschrei ausstieß, auf den der Jubel aller Bogenschützen antwortete.

–– Gut geschossen! sagte Otto, jetzt an Euch, Hermann, fügte er hinzu, indem er sich an den Bogenschützen wandte, der sich zu seiner Linken befand.

Sei es nun, daß der, an den er sich wandte, diese Aufforderung erwartet hatte, oder sei es. daß er durch das Beispiel fortgerissen worden war, er war in dem Augenblicke bereit, wo Otto das Wort an ihn richtete, und kaum hatte er ausgesprochen, als ein anderer, ebenso geschickter und eben so rascher Pfeil als der erste, den Flüchtling verfolgte, der einen neuen Schrei bei dem Pfeifen ausstieß, welches dieser nur um einige Zoll weit an ihm vorüberziehende zweite Todesbote hören ließ. Die Bogenschützen klatschten von Neuem.

–– Jetzt ist an mir die Reihe, sagte Otto.

Alle Blicke wandten sich nach seiner Seite, denn ohne außer Schußweite zu sein, begann der Reiher doch eine ziemlich beträchtliche Entfernung zu erreichen, und da er an Luft das hatte, was er für seine weiten Flügel bedurfte, so flog er mit einer Schnelligkeit davon, welche ihn bald außer aller Gefahr setzen mußte. Otto hatte ohne Zweifel alles das gleichfalls berechnet, denn erst, nachdem er die Entfernung genau mit den Augen ermessen, erhob er mit langsamer Aufmerksamkeit seinen Pfeil zu der Höhe des Thieres; dann, als er ihn in die Linie des Auges gebracht, zog er die Sehne nach der Weise der englischen Bogenschützen fast bis hinter seinen Kopf zurück, indem er sich seinen Bogen wie eine Weidenruthe biegen ließ. Einen Augenblick lang blieb er regungslos wie eine Statue, dann hörte man plötzlich ein leises Zischen, denn der Pfeil war so rasch davon geflogen, daß ihn Niemand gesehen hatte. Aller Augen richteten sich auf den Vogel, der anhielt, als ob ihn ein unsichtbarer Blitz getroffen hätte, und der durch und durch gebohrt von einer solchen Höhe herabfiel, daß man nicht einmal geglaubt hätte, daß der Pfeil ihm dorthin hätte folgen können.

Die Bogenschützen waren auf das Höchste erstaunt; eine solche Probe von Geschicklichkeit war für sie selbst kaum glaublich; was Otto anbelangt, der stehen geblieben war, um die Wirkung des Schusses zu beurtheilen, so hatte er kaum das Thier fallen sehen, als er sich wieder auf den Weg begab, ohne daß er das Erstaunen seiner Gefährten zu bemerken schien. Bei dem Reiher angelangt, riß er von seinem Halse jene feinen und schönen Federn welche einen natürlichen Busch bilden, und steckte sie an seinen Hut. Was die Bogenschützen anbelangt, so hatten sie die Entfernung gemessen; der Vogel war drei Hundert und zwanzig Schritte weit gefallen.

Dieses Mal ward die Bewunderung nicht in Beifallsbezeugungen ausgesprochen; erstaunt über einen solchen Beweis von Geschicklichkeit, hatten die Bogenschützen sich unter einander angeblickt; hierauf hatten sie, wie wir bemerkt, die Schritte gezählt, und als Otto damit fertig war, seinen Hut mit dem so wunderbar erlangten Federstrauße zu schmücken, hatten ihm Robert und Hermann, die beiden Bogenschützen, welche vor ihm geschossen, die Hand gereicht, aber mit einem Gefühle von Ehrerbietung, welches andeutete, daß sie ihn nicht allein für einen Kameraden, sondern auch für ihren Meister anerkannten.

Die wandernde Truppe, welche sich in Worringen nur aufgehalten hatte, um zu frühstücken, kam um vier Uhr Abends nach Neuß. Man aß in aller Eile zu Mittag, denn drei Meilen weit von Neuß befand sich die Felsenkirche, an der die frommen Bogenschützen nicht vorübergehen konnten, ohne nach ihr eine Wallfahrt zu machen. Otto, welcher das Leben und die Gebräuche seiner neuen Gefährten angenommen hatte, folgte ihnen bei diesem Abstecher, und sie gelangten gegen Abend an den heiligen Felsen; es war ein ungeheurer Stein, der das Ansehen einer Kirche hatte.

Das kam daher, weil dieser Stein vor Zeiten wirklich die erste, an den Ufern des Rheines von einem Häuptlinge der Deutschen erbaute christliche Kirche war, der im Geruche der Heiligkeit starb, indem er sieben schöne und tugendhafte Töchter hinterließ, die an seinem Grabe beten konnten. Das war zur Zeit der großen Wanderungen der Barbaren. Unbekannte, von unsichtbarer Hand getriebene Völker kamen von den Höhen Asiens herab, und veränderten das Ansehen der europäischen Welt. Eine Hirschkuh hatte Attila durch die Palus Meotides geführt, und er zog nach Deutschland herab, indem ihm der Schrecken vorausging, den sein Name einflößte. Erschreckt über das Geräusch der Schritte dieser wilden Nationen zögerte der Rhein, seinen Lauf nach dem Sande zu verfolgen, in welchem er sich verliert, und schauderte in seiner ganzen Länge wie eine unermeßliche Schlange. Bald darauf erschienen die Hunnen an dem rechten Ufer, und am selben Tage sah man eine Feuersbrunst sich an dem ganzen Horizonte, das heißt von Colonia Agrippa bis nach Vliso[1 - Von Köln bis Wesel.] entzünden. Die Gefahr war dringend; von solchen Feinden war kein Erbarmen zu erwarten, und am folgenden Morgen, wo sie dieselben die Flöße in das Wasser lassen sahen, die sie während der Nacht aus den Bäumen eines Waldes erbaut hatten, der verschwunden war, zogen sich die jungen Mädchen in die Kirche zurück und knieeten um das Grab ihres Vaters, indem sie ihn bei der heiligen Liebe, die er während seines Lebens für sie gehabt, anflehten, sie auch noch nach seinem Tode zu beschützen. Der Tag und die Nacht verflossen in Gebeten, und sie hofften bereits gerettet zu sein, als sie mit Anbruch des Tages die Barbaren herannahen hörten. Sie begannen mit den Knöpfen ihrer Schwerter an die eichene Thür zu klopfen; als sie aber sahen, daß sie widerstand, so kehrten die Einen nach dem Flecken zurück, um dort Leitern zum Ersteigen der Fenster zu holen, die Andern gingen, eine Tanne abzuhauen, die sie ihrer Zweige entledigten, und aus der sie sich einen Mauerbrecher machten. Dann, als sie sich die zu ihrem ruchlosen Vorhaben nothwendigen Werkzeuge verschafft hatten, gingen sie mit ihnen nach der Kirche, welche den sieben Schwestern zur Zufluchtsstätte diente; als sie aber bei ihr anlangten, gab es weder Thüren noch Fenster mehr. Die Kirche war wohl noch da, aber sie war ein Felsen geworden, und hatte sich ganz in Stein verwandelt; nur hörte man aus dieser Granitmasse einen leisen, traurigen und lieblichen Gesang gleich dem Gesange der Todten erschallen. Das waren die Dankgesänge der sieben Jungfrauen, welche dem Herrn dankten./P>

Die Bogenschützen verrichteten ihr Gebet an der Felsenkirche, dann kehrten sie nach dem nächsten Dorfe zurück, um dort zu übernachten.

Am folgenden Morgen begaben sie sich wieder auf den Weg; der Tag verfloß ohne andere Vorfälle, als eine allmählige Verstärkung. Die Bogenschützen strömten aus allen Theilen Deutschlands zu diesem jährlichen Feste herbei, dessen Preis für dieses Mal in einem Barett von grünem Sammet mit zwei durch eine Diamantagraffe mit einander verbundenen goldenen Eichenzweigen bestand. Sie sollte von der einzigen Tochter des Markgrafen selbst, der jungen Prinzessin Helene, welche ihr vierzehntes Jahr antrat, gegeben werden. Das Herbeiströmen so vieler geschickter Bogenschützen hatte daher nichts Erstaunenswürdiges.

Der kleine Haufen, der sich jetzt auf vierzig bis fünfzig Mann belief, wollte am folgenden Morgen früh in Cleve ankommen, da das Schießen gleich nach der letzten Messe, das heißt, um elf Uhr beginnen sollte. Die Bogenschützen hatten dem zu Folge beschlossen in Kervenheim zu übernachten. Die Tagereise war stark, man kehrte daher auch kaum ein, um zu frühstücken und zu Mittag zu essen. Wie sehr sich indessen die Reisenden auch beeilten, so erreichten sie diese Stadt doch erst nach dem Thorschlusse. Es handelte sich darum, die Nacht außerhalb, und das so gut als möglich zuzubringen; man erblickte ein verfallenes Schloß auf einem benachbarten Berge, es war das Schloß Windeck.

Jeder war der Meinung, diesen günstigen Umstand zu benutzen, mit Ausnahme des ältesten der Bogenschützen, der sich aus allen seinen Kräften dem widersetzte; da er aber der Einzige seiner Meinung war, so hatte seine Stimme keinen Einfluß, und wenn er nicht allein bleiben wollte, so war er genöthigt, seine jungen Gefährten zu begleiten; er folgte ihnen.

Die Nacht war finster; nicht ein Stern glänzte am Himmel, schwere Regenwolken zogen über den Häuptern unserer Wanderer gleich den Wogen eines Luftmeeres dahin. Ein solches Obdach, so unvollständig es auch sein mogte, war daher eine Wohlthat des Himmels.

Die Bogenschützen erklommen schweigend den Hügel, und dennoch hörten sie bei dem Geräusche ihrer Schritte längs des ganzen mit Gestrüpp bedeckten Fußpfades das Wild entfliehen, dessen zahlreiche Anwesenheit andeutete, daß diese einsamen Ruinen gegen die Anwesenheit der Menschen durch einen abergläubigen Schrecken geschützt wären. Plötzlich sahen die welche vorausgingen, den ersten Thurm gleich einem Gespenste vor ihren Augen sich aufrichten, eine riesenhafte Schildwoche, welche zu andern Zeiten bestimmt war, den Eingang des Schlosses zu vertheidigen. Der alte Bogenschütz schlug vor, in diesem Thurme zu verweilen, und sich mit diesem Obdache zu begnügen. Man machte dem zu Folge Halt; einer der Schützen schlug Feuer, zündete einen Tannenzweig an, und überschritt das Thor.




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notes



1


Von Köln bis Wesel.


