Die beiden Dianen
Alexandre Dumas der Ältere




Dumas Alexandre (père)

Die beiden Dianen





Erstes bis drittes Bändchen





I.

Ein Grafensohn und eine Königstochter


Es war am 5. Mai des Jahres 1551. Ein junger Mensch von achtzehn Jahren und eine Frau von vierzig kamen aus einem kleinen Hause von einfachem Aussehen und durchschritten nebeneinander das Dorf Montgommery, das in der Landschaft Auge lag.

Der junge Mann war von der schönen normannischen Race mit kastanienbraunen Haaren, blauen Augen, weißen Zähnen und rosenfarbigen Lippen. Er hatte den frischen, sammetartigen Teint der Bewohner des Norden, der ihrer Schönheit vielleicht ein wenig das Kräftige benimmt und sie beinahe zu einer weiblichen Schönheit macht. Er war übrigens bewunderungswürdig gestaltet in seinem zugleich starken und biegsamen Wuchse, durch den er sich ebenso zur Eiche als zum Rohr hinneigte. Sein Anzug war einfach aber zierlich; er trug ein Wamms von dunkel veilchenblauem Tuch mit Stickereien von derselben Farbe. Seine Beinkleider waren von demselben Tuch und hatten dieselben Stickereien, wie sein Wamms; lange Stiefeln von schwarzem Leder, wie sie die Edelknechte trugen, gingen ihm bis über das Knie und ein leicht auf die Seite geneigtes, von einer weißen Feder beschattetes Toquet bedeckte eine Stirne, worauf sich die Anzeichen der Ruhe und der Festigkeit erkennen ließen.

Sein Pferd, dessen Zügel er um seinen Arm geschlungen hielt, folgte ihm, hob von Zeit zu Zeit den Kopf in die Höhe, um die Luft einzuatmen, und wieherte bei den Strömungen, die ihm der Wind brachte.

Die Frau schien, wenn nicht der untersten Klasse der Gesellschaft, doch wenigstens derjenigen anzugehören, welche zwischen diese und die bürgerliche gestellt ist. Ihre Tracht war einfach, aber von einer solchen Reinlichkeit, daß ihr gerade diese außerordentliche Reinlichkeit eine gewisse Eleganz verlieh. Wiederholt forderte sie der junge Mann auf, sich auf seinen Arm zu stützen, doch sie weigerte sich beständig, als ob diese Ehre über ihrer Stellung gewesen wäre.

Während sie so fortschritten und dem äußersten Ende der Straße zugingen, welche nach dem Schlosse führte, dessen massige Thürme man den unansehnlichen Flecken beherrschen sah, war Eines zu bemerken: daß nicht nur die jungen Leute und die Männer, sondern auch die Greise sich bei seinem Vorübergehen tief verbeugten vor dem Jüngling, der ihnen mit einem freundschaftlichen Nicken des Kopfes antwortete. Jeder schien ihn, der, wie man bald sehen wird, sich selbst nicht kannte, als seinen Gebieter und Herrn anzuerkennen.

Als sie das Dorf verließen, schlugen Beide den Weg oder vielmehr den Fußpfad ein, der sich jähe an der Seite des Berges aufwärts zog und kaum für zwei Personen neben einander Raum bot. Nach einigen Schwierigkeiten und auf die Bemerkung des jungen Cavaliers gegen seine Gefährtin, es wäre gefährlich für sie hinten zu gehen, da er sein Pferd am Zügel führen müsse, entschloß sich auch die gute Frau, voranzuschreiten.

Der junge Mann folgte ihr, ohne ein Wort zu sprechen. Man sah, daß sich seine nachdenkende Stirne unter dem Gewichte einer mächtigen inneren Beschäftigung neigte.

Es war ein schönes, furchtbares Schloß, das Schloß, dem die beiden an Alter und Lebenslage so verschiedenen Pilger zuwanderten. Vier Jahrhunderte und zehn Generationen waren nöthig gewesen, damit sich diese Steinmasse von ihren Grundfesten bis zu den Zinnen erhob, und, selbst ein Berg, den Berg beherrschte, auf dem man sie erbaut hatte.

Wie alle Gebäude jener Zeit, bot das Schloß der Grafen von Montgommery keine Regelmäßigkeit. Die Väter vermachten es den Söhnen und jeder Eigenthümer fügte, nach seiner Laune oder nach seinem Bedürfnis, dem steinernen Riesen etwas bei. Der viereckige Thurm, die Hauptburg, wurde unter den Herzogen der Normandie erbaut. Dann fügten sich die Thürmchen mit den zierlichen Zinnen und ausgemeißelten Fenstern dem ernsten Thurme bei, ihre steinernen Zierraten im Verlaufe der Zeit vermehrend, als befruchtete die Zeit diese Granitvegetation. Gegen das Ende der Regierung von Ludwig II. und am Anfang der von Franz I. vervollständigte endlich eine lange Galerie mit Bogenfenstern die secularische Zusammenballung.

Von dieser Gallerie oder vielmehr von der Höhe des Hauptthurmes erstreckte sich der Blick an mehren Stellen über die reichen, grünen Ebenen der Normandie. Denn die Grafschaft Montgommery lag, wie gesagt, im Lande Auge, und ihre acht bis zehn Baronien, so wie ihre hundert und fünfzig Lehen gehörten zu den Gerichtsbezirken Argentan, Caen und Alençon.

Endlich kam man vor die große Pforte des Schlosses.

Seltsamer Weise war die mächtige Burg seit mehr als fünfzehn Jahren ohne Herrn. Ein alter Vogt zog die Pachtzinse ein; Diener, welche auch in dieser Einsamkeit ergraut waren, unterhielten die Burg, die man jeden Tag öffnete, als ob jeden Tag der Herr hätte zurückkommen sollen, die man jeden Abend schloß, als ob der Gebieter am andern Tag erwartet würde.

Der Vogt empfing die zwei Besuche mit derselben Freundschaft, welche Jeder gegen die Frau offenbarte, mit derselben Ehrfurcht, die Jeder dem jungen Mann zu zollen schien.

»Meister Elyot,« sagte die Frau, welche, wie wir gesehen, voranging, »wollt Ihr uns wohl Eintritt in das Schloß gewähren? Ich habe Herrn Gabriel (sie deute auf den jungen Mann) etwas mitzutheilen und kann dies nur im Ehrensaale thun.«

»Tretet ein, Dame Aloyse,« erwiderte Elyot, »sagt, wo Ihr wollt, was Ihr diesem jungen Herrn zu sagen habt. Ihr wißt, daß Euch leider Niemand stören wird.«

Man durchschritt den Saal der Wachen. Früher wachten zwölf Männer von den Ländereien der Grafschaft beständig in diesem Saale. Seit fünfzehn Jahren waren sieben von diesen Männern gestorben, ohne daß man sie wieder ersetzt hatte. Fünf blieben und lebten hier, thaten denselben Dienst, den sie zur Zeit des Grafen gethan hatten, und warteten, bis die Reihe des Sterbens auch an sie käme.

Man ging durch die Gallerie und trat in den Ehrensaal.

Er war ausgestattet und geschmückt wie am Tage, wo ihn der letzte Graf verlassen hatte. Nur war in diesen Saal, wo sich früher, wie in den Gemächern eines obersten Lehensherrn, der ganze Adel der Normandie versammelte, seit fünfzehn Jahren Niemand mehr gekommen, als die mit der Unterhaltung desselben beauftragten Diener, und ein Hund, der Lieblingshund des letzten Grafen, der, so oft er eintrat, kläglich nach seinem Herrn schrie, eines Tags nicht mehr hinausgehen wollte und sich vor dem Prachthimmel niederlegte, wo man ihn am andern Tag todt fand.

Nicht ohne eine gewisse Bewegung seines Gemüths trat Gabriel, – man erinnert sich, daß man dem Jüngling diesen Namen gegeben hatte, – trat Gabriel, sagen wir in diesen Saal mit den alten Erinnerungen. Doch der Eindruck, den er von diesen düsteren Wänden, von diesem majestätischen Prachthimmel, von diesen Fenstern empfing, welche so tief in die Mauer einschnitten, daß der Tag, obgleich es zehn Uhr Morgens war, außen stille zu stehen schien, dieser Eindruck war nicht mächtig genug, um ihn auch nur einen Augenblick von der Ursache abzuziehen, die ihn hierher geführt hatte, und sobald man die Thüre hinter ihm geschlossen, sagte er:

»Nun, meine gute Aloyse, meine liebe Amme, in der That, obgleich Du mehr bewegt scheinst als ich selbst, hast Du doch keinen Vorwand, das Bekenntniß zu verschieben, das Du mir versprochen. Du mußt nun ohne Furcht und besonders ohne Verzug sprechen, Aloyse. Hast Du nicht lange genug gezögert, gute Amme, und habe ich nicht als gehorsamer Sohn lange genug gewartet? Wenn ich Dich fragte, welchen Namen ich zu führen berechtigt, welche Familie die meinige, welcher Edelmann mein Vater wäre, da antwortetest Du mir: »Gabriel, ich werde Euch dies Alles an dem Tage sagen, wo Ihr achtzehn Jahre alt seid, und damit das Alter der Volljährigkeit für Jeden, der den Degen zu führen berechtigt ist erreicht habt.« Heute, am 5. Mai 1551 habe ich mein achtzehntes Jahr zurückgelegt, ich bin gekommen, meine gute Aloyse, um Dich aufzufordern, Dein Versprechen zu halten, doch mit einer Feierlichkeit, die mich beinahe erschreckte, antwortetest Du mir: »Nicht im Hause der Witwe eines armen Stallmeisters darf ich Euch Euch selbst entdecken; es muß in dem Schloß des Grafen von Montgommery, und zwar im Ehrensaale dieses Schlosses geschehen.« Wir haben den Berg erstiegen, gute Aloyse, wir haben die Schwelle des Schlosses der edlen Grafen überschritten, wir sind in dem Ehrensaale, sprich also.«

»Setzt Euch, Gabriel, denn Ihr werdet mir erlauben, Euch noch einmal diesen Namen zu geben.«

Der junge Mann ergriff ihre Hände mit einer Bewegung tiefer Zärtlichkeit.

»Setzt Euch,« fuhr sie fort, »nicht auf diesen Sessel, nicht auf diesen Lehnstuhl.«

»Wohin soll ich mich denn setzen, gute Amme?« unterbrach sie der junge Mann.

»Unter diesen Prachthimmel,« antwortete Aloyse mit einer Stimme, der es nicht an einer gewissen Feierlichkeit gebrach.

Der junge Mann gehorcht.

Aloyse machte ein Zeichen mit dem Kopf.

»Nun hört mich,« sprach sie.

»Aber setze Dich doch wenigstens,« sagte Gabriel.

»Ihr erlaubt mir?«

»Spottest Du, Amme?«

Die gute Frau setzte sich auf die Stufen des Thronhimmels, zu den Füßen des jungen Mannes, der aufmerksam einen Blick voll Wohlwollen und Neugierde auf sie heftete.

»Gabriel,« sagte die Amme, endlich entschlossen, zu sprechen, »Ihr waret kaum sechs Jahre alt, als Ihr Euren Vater verloret und ich meinen Mann; Ihr waret mein Säugling gewesen, denn Eure Mutter starb, als sie Euch zur Welt brachte. Die Milchschwester Eurer Mutter, liebte ich Euch von jenem Tage an wie mein eigenes Kind. Die Witwe weihte ihr Leben der Waise. Wie sie Euch ihre Milch gegeben, so gab sie Euch auch ihre Seele, und Ihr werdet mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen, nicht wahr Gabriel, daß nach Eurer Ueberzeugung mein Geist nie aufgehört hat, über Euch zu wachen.«

»Theure Aloyse,« erwiderte der junge Mann, »viele, wahre Mütter hätten weniger gethan, als Du, das schwöre ich, und keine einzige, das schwöre ich ebenfalls, hätte mehr gethan.«

»Übrigens beeiferte sich Jeder um Euch, wie ich mich zuerst beeifert hatte,« fuhr die Amme fort. »Dom Jamet von Croisic der würdige Kaplan dieses Schlosses, lehrte Euch die Buchstaben und die Wissenschaften, und Keiner, wie er sagte, vermöchte Euch einen Vorwurf in dem zu machen, was Lesen und Schreiben und Kenntniß der Geschichte der vergangenen Zeit und besonders der großen Häuser Frankreichs betrifft. Enguerrand Lorien, der vertraute Freund meines verstorbenen Mannes, Perrot Travigny und der ehemalige Stallmeister der Grafen von Vimoutiers, unserer Nachbarn, unterrichteten Euch in den Waffen, in der Handhabung der Lanze und des Schwertes, im Reiten, kurz, in allen Dingen des Ritterthums, und bei den Festen und Spielen, welche in Alençon bei der Vermählung und Krönung unseres gnädigsten Herrn Heinrich II. gehalten wurden, habt Ihr schon vor zwei Jahren bewiesen, daß Ihr die guten Lectionen von Enguerrand benützt. Ich, eine arme Unwissende, konnte Euch nur lieben und Gott dienen lehren. Dies zu thun, war ich stets bemüht. Die gute Jungfrau unterstützte mich, und heute mit achtzehn Jahren seid Ihr ein frommer Christ, ein gelehrter Herr und ein vollkommener Waffenmann, und ich hoffe, mit Gottes Hilfe werdet Ihr nicht unwürdig sein Eurer Ahnen, erlauchtester Gabriel, Herr von Lorge, Graf von Montgommery.«

Gabriel stand auf und stieß einen Schrei aus.

»Graf von Montgommery, ich!«

Dann sprach er mit einem stolzen Lächeln:

»Wohl! ich hoffte es und vermuthete es beinahe; höre, Aloyse, in meinen kindischen Träumen sagte ich es einmal zu meiner kleinen Diana. Aber was machst Du denn da zu meinen Füßen, gute Aloyse? Stehe auf und komm in meine Arme, fromme Frau. Willst Du mich nicht mehr als Dein Kind anerkennen, weil ich der Erbe der Montgommery bin? Der Erbe der Montgommery!« wiederholte er unwillkührlich zitternd vor Stolz, während er seine gute Amme umarmte. »Der Erbe der Montgommery! ich führe nun einen der ältesten und glorreichsten Namen von Frankreich. Ja, Dom Jamet hat mich, Reich für Reich, Geschlecht für Geschlecht, die Geschichte meiner edlen Ahnen, – meiner Ahnen gelehrt. Umarme mich noch einmal, Aloyse! Was wird denn Diana zu Allem dem sagen? Der heilige Godegrand, Bischof von Suez, und die heilige Opportuna, seine Schwester, welche unter Karl dem Großen lebten, gehörten zu unserem Haus. Roger von Montgommery befehligte eines der Heere von Wilhelm dem Eroberer. Wilhelm von Montgommery machte einen Kreuzzug auf seine Kosten. Wir waren mehr als einmal verwandt mit den königlichen Häusern von Schottland und Frankreich, und die ersten Lords von London, die vornehmsten Edelleute von Paris werden mich: Mein Vetter, nennen; mein Vater endlich . . .«

Der junge Mann hielt inne, als ob er plötzlich traurig würde. Doch bald fuhr er fort:

»Ach! bei Allem dem bin ich allein in der Welt, Aloyse. Dieser hohe Herr ist eine arme Waise, dieser Abkömmling von so vielen königlichen Ahnen hat keinen Vater! Mein armer Vater! ich muß weinen, Aloyse. Und meine Mutter! Beide todt. O sprich mir von ihnen, damit ich erfahre, wie sie waren, nun, da ich weiß, daß ich ihr Sohn bin. Laß hören, fangen wir bei meinem Vater an: Wie ist er gestorben? Erzähle mir das.«

Aloyse schwieg. Gabriel schaute sie erstaunt an.

»Ich frage Dich, wie mein Vater gestorben sei,« wiederholte er.

»Gnädigster Herr, nur Gott allein weiß es,« antwortete sie. »Eines Tags verließ der Graf Jacques von Montgommery das Hotel, das er in der Rue des Jardins-Saint-Paul in Paris bewohnte . . . er ist nicht mehr dahin zurückgekehrt. Seine Freunde seine Vettern haben ihn seitdem vergebens gesucht. Verschwunden, gnädigster Herr! Der König Franz I. gab Befehl zu einer Nachforschung, welche ohne Erfolg blieb. Seine Feinde, wenn er als Opfer eines Verraths umgekommen ist, waren sehr geschickt oder sehr mächtig. Ihr habt keinen Vater mehr, gnädigster Herr, und dennoch fehlt das Grab von Jacques von Montgommery in der Kapelle Eures Schlosses; denn man hat ihn weder lebendig noch todt wiedergefunden.«

»Weil es nicht sein Sohn war, der ihn suchte!« rief Gabriel. »Ach, Amme! warum hast Du so lange stille geschwiegen? Verbargst Du mir meine Geburt, weil ich meinen Vater zu rächen oder zu retten hatte?«

»Nein, sondern weil ich Euch selbst retten mußte, gnädigster Herr. Wißt Ihr, was die letzten Worte meines Mannes, des braven Perrot Travigny, waren, der eine wahrhaft religiöse Verehrung für Euer Haus im Herzen trug? »Frau,« sagte er zu mir einige Minuten, ehe er den letzten Seufzer von sich gab, »Du wirst nicht warten, bis ich beerdigt bin, Du schließest mir nur die Augen und verlässest auf der Stelle Paris mit dem Kinde. Du gehst nach Montgommery, nicht in das Schloß, sondern in das Haus, das wir durch die Güte des gnädigen Herrn erhalten haben. Dort erziehst Du den Erben unserer Gebieter ohne Geheimniß, aber auch ohne Geräusch. Die guten Leute in unserem Lande werden ihn ehren und nicht verraten. Verbirg besonders ihm selbst seinen Ursprung; er würde sich zeigen und ins Verderben stürzen. Er soll nur erfahren, daß er Edelmann ist, das genügt für seine Würde und für das Gewissen. Hat ihn das Alter klug und ernst gemacht, wie ihn das Blut brav und rechtschaffen machen wird, hat er zum Beispiel achtzehn Jahre erreicht, so nenne ihm seinen Namen und seine Abstammung, Aloyse. Er wird dann selbst beurtheilen, was er thun soll und was er thun kann. Doch nimm Dich bis dahin in Acht, furchtbare Feindschaft, unüberwindlicher Haß würden ihn verfolgen, wenn er entdeckt wäre, und diejenigen, welche den Adler erreicht und berührt haben, würden seine Brut nicht verschonen.«

Er sagte mir das und starb, gnädigster Herr, und ich nahm, gehorsam seinen Befehlen, Euch, meine arme Waise, Euch, der Ihr kaum Euren Vater gesehen, und brachte Euch hierher. Man wußte bereits das Verschwinden des Grafen, und man vermuthete, daß furchtbare, unversöhnliche Feinde Jeden bedrohten, der seinen Namen führte. Man sah Euch, man erkannte Euch ohne Zweifel im Dorfe, doch in Folge eines stillschweigenden Vertrags befragte mich Niemand, erstaunte Niemand über mein Geheimhalten. Kurze Zeit nachher wurde mir mein einziger Sohn, Euer Milchbruder, mein armer Robert durch das Fieber entrissen. Gott wollte offenbar, daß ich ganz Euch gehöre. Der Wille Gottes sei gesegnet! Alle gaben sich den Anschein, als glaubten sie, mein Sohn wäre der Ueberlebende, und dennoch behandelten Euch Alle mit frommer Ehrfurcht, mit rührendem Gehorsam. Dies geschah, weil Ihr schon dem Gesichte und dem Herzen nach Eurem Vater glichet. Der Instinkt des Löwen enthüllte sich in Euch, und man sah wohl, daß Ihr als Herr und Meister geboren waret. Die Kinder der Umgegend nahmen schon die Gewohnheit an, sich unter Eurem Befehl in Truppen zu bilden. Bei allen ihren Spielen marschiertet Ihr an ihrer Spitze, und keiner hätte es gewagt, Euch seine Huldigung zu verweigern. Als den jungen König des Landes hat Euch das Land aufgezogen, und es bewunderte Euch, als es sah, wie Ihr stolz und schön heranwuchset. Die Güte der schönsten Früchte, der Zehnten der Ernte kamen in das Haus, ohne daß ich etwas verlangte. Das schönste Pferd der Weide ward immer Euch vorbehalten. Dom Jamet, Enguerrand und alle Knappen und Knechte des Schlosses leisteten Euch ihre Dienste als eine natürliche Schuld, und Ihr nahmt sie an als Euer Recht. Nichts an Euch, als Kühnes, Muthiges, Hochherziges. In den geringsten Dingen ließet Ihr sehen, von welchem Geschlecht Ihr abstammtet. Man erzählt sich noch in den Abendstunden, wie Ihr eines Tags an einen Edelknaben meine zwei Kühe gegen einen Falken vertauschtet. Doch diese Instinkte, diese Aufschwingungen verriethen Euch nur für die Getreuen, und Ihr bliebet verborgen und unbekannt für die Böswilligen. Der gewaltige Lärm der Kriege in Italien, Spanien und Flandern gegen Kaiser Karl V. trug, Gott sei Dank! nicht wenig zu Eurer Beschützung bei, und Ihr habt endlich gesund und wohlbehalten das Alter erlangt, wo mir Perrot mich Eurer Vernunft und Eurer Weisheit anzuvertrauen gestattete. Doch Ihr, der Ihr gewöhnlich so ernst und so klug, Ihr sprecht nun mit dem ersten Worte für die Verwegenheit und das Geräusch, für die Rache und den Lärmen.«

»Für die Rache, ja; für den Lärmen, nein, Aloyse! Du glaubst also, daß die Feinde meines armen Vaters noch leben?«

»Ich weiß es nicht, gnädigster Herr; nur wäre es sicherer, dies anzunehmen, und gesetzt, Ihr kämet an den Hof, noch unbekannt, doch mit Eurem glänzenden Namen, der die Blicke auf Euch ziehen wird, brav, aber unerfahren, stark durch Euer gutes Verlangen und die Gerechtigkeit Eurer Sache, doch ohne Freunde, ohne Verbündete, sogar ohne persönlichen Ruf, was wird dann geschehen? Diejenigen, welche Euch hassen, werden Euch kommen sehen und Ihr werdet sie nicht sehen; sie werden Euch schlagen und Ihr werdet nicht wissen, von wo der Schlag ausgeht; und Euer Vater wird nicht nur nicht gerächt sein, sondern Ihr habt Euch ins Verderben gestürzt.«

»Gerade deshalb, Aloyse, bedaure ich es, daß ich nicht Zeit hatte, mir Freunde und ein wenig Ruhm zu verschaffen. Ah! wenn ich zum Beispiel vor zwei Jahren Mittheilung erhalten hätte! . . . Gleichviel! das ist nur eine Verzögerung und ich werde die verlorenen Tage wieder einbringen. Auch aus anderen Gründen wünsche ich mir Glück, daß ich die letzten zwei Jahre in Montgommery geblieben bin. Ich gleiche es dadurch aus, daß ich nun den Schritt verdopple. Ich gehe nach Paris, Aloyse, und zwar ohne zu verbergen, daß ich ein Montgommery bin. Ich kann wohl nicht sagen, daß ich der Sohn des Grafen Jacques bin; die Lehen und Titel fehlen eben so wenig in unserem Hause, als im Hause Frankreich, und unsere Verwandtschaft in Frankreich und England ist zahlreich genug, daß ein Gleichgültiger sich nicht auszukennen vermag. Ich kann den Namen eines Vicomte d’Ermès annehmen, Aloyse, und dadurch verberge ich mich weder, noch zeige ich mich. Dann suche ich . . . wen suche ich am Hofe auf? Wende ich mich an den Connetable von Montmorency, an diesen grausamen Paternostersprecher? nein, ich, bin derselben Meinung wie Deine Grimasse, Aloyse . . . An den Marschall von Saint-André? er ist nicht jung und unternehmend genug . . . Eher an Franz von Guise? Ja, das ist es. Montmorency, Saint-Dizir, Bologna haben schon bewiesen, daß er etwas zu thun vermag. Zu ihm werde ich gehen, unter seinen Befehlen werde ich meine Sporen verdienen. Im Schatten seines Namens werde ich den meinigen erobern.«

»Der gnädige Herr wird mir die Bemerkung erlauben, daß der ehrliche und rechtschaffene Elyot Zeit gehabt hat, beträchtliche Summen für den Erben seiner Gebieter zurückzulegen. Ihr könnt ein königliches Feldgeräth führen, und die jungen Männer, Eure Grundholden, sind verpflichtet und werden sich eine Freude daraus machen, Euch in den Krieg zu folgen. Es ist Euer Recht, sie in Eure Nähe zu berufen, wie Ihr wißt, gnädigster Herr.«

»Und wir werden von diesem Rechte Gebrauch machen, Aloyse.«

»Will der gnädigste Herr alle Diener, Knechte und Leute seiner Lehen und Baronien, welche vor Verlangen, ihn zu begrüßen, glühen, nunmehr empfangen?«

»Noch nicht, meine gute Aloyse; doch sage Martin-Guerre, er möge ein Pferd satteln, um mich zu begleiten, habe vor Allem einen Ritt in der Gegend zu machen.«

»Vielleicht gegen Vimoutiers,« sagte die gute Aloyse, mit einer gewissen Bosheit lächelnd.

»Ja vielleicht. Bin ich nicht meinem alten Enguerrand einen Besuch und meinen Dank schuldig?«

»Und der gnädigste Herr wird sehr erfreut sein, mit den Glückwünschen von Enguerrand die eines hübschen kleinen Mädchens Namens Diana zu empfangen; nicht wahr?«

»Dieses hübsche kleine Mädchens« erwiderte Gabriel lachend, »ist meine Frau, und ich bin ihr Mann seit drei Jahren, das heißt seit meinem fünfzehnten und ihrem neunten Jahr.«

Aloyse wurde träumerisch.

»Gnädiger Herr,« sprach sie, »wenn ich nicht wüßte, wie gesetzt und aufrichtig Ihr trotz Eurer Jugend seid, wie ernst und tief jedes Gefühl bei Euch ist, so würde ich mich wohl vor den Worten hüten, die ich Euch zu sagen habe. Doch was für Andere ein Spiel ist, wird für Euch oft eine ernste Sache. Bedenkt wohl, gnädigster Herr, daß man nicht weiß, wessen Tochter Diana ist. Die Frau von Enguerrand, welcher damals seinem Herrn, dem Grafen von Vimoutiers, nach Fontainebleau gefolgt war, fand, nach Hause zurückkehrend, ein Kind in einer Wiege und eine schwere Goldbörse auf einem Tische; in der Börse war nebst einer sehr beträchtlichen Summe die Hälfte eines gravierten Ringes und ein Papier mit dem einzigen Worte: Diana. Bertha, die Frau von Enguerrand hatte kein Kind aus ihrer Ehe und nahm mit Freuden diese andere Mutterschaft an, welche man von ihr verlangte. Als sie jedoch wieder nach Vimoutiers kam, starb sie, wie mein Mann gestorben ist, dem sein Gebieter Euch anvertraut hatte, gnädigster Herr, und eine Frau erzog den verwaisten Knaben, während ein Mann das verwaiste Mädchen aufzog. Doch Beide mit einer ähnlichen Aufgabe betraut, tauschten wir unsere Fürsorge aus, und ich suchte Diana gut und fromm zu machen, wie Enguerrand Euch geschickt und gelehrt gemacht hat. Ihr habt natürlich Diana kennen lernen und seid natürlich an sie anhänglich geworden. Doch Ihr seid der Graf von Montgommery, durch authentische Papiere und öffentliche, unumstößliche Zeugschaft anerkannt, während man Diana noch nicht mit der andern Hälfte des goldenen Ringes zurückgefordert hat. Nehmt Euch in Acht, gnädigster Herr, ich weiß wohl, daß Diana ein Kind von kaum zwölf Jahren ist; doch sie wird größer werden, sie wird von einer reizenden Schönheit sein, und ich wiederhole, bei einer Natur, wie die Eurige ist, wird Alles ernst. Nehmt Euch in Acht; es ist möglich, daß sie stets bleibt, was sie noch ist, ein Findelkind, und Ihr seid ein zu vornehmer Herr, um sie zu heirathen, und zu sehr Edelmann, um sie zu verführen.«

»Aber meine liebe Amme, da ich abreisen, Dich verlassen und Diana verlassen werde . . .« sagte Gabriel nachdenkend.

»Gerade das ist es; verzeiht Eurer alten Aloyse ihre zu ängstliche Vorsicht und besucht, wenn es Euch beliebt, das sanfte, niedliche Kind, das Ihr Eure kleine Frau nennt. Doch bedenkt, daß man Euch ungeduldig hier erwartet. Auf baldiges Wiedersehen, nicht wahr, gnädiger Herr Graf.«

»Auf baldiges Wiedersehen und umarme mich noch einmal, Aloyse; nenne mich immerhin Dein Kind, und sei tausendmal bedankt, meine gute Amme.«

»Seid tausendmal gesegnet, mein Kind und mein Herr.«

Meister Martin-Guerre erwartete Gabriel vor der Thüre und Beide stiegen zu Pferde.




II.

Eine Vermählte, welche noch mit der Puppe spielt


Um schneller fortzukommen, wählte Gabriel ihm wohl bekannte Fußpfade.

Und dennoch ließ er sein Pferd zuweilen langsamer gehen, und man kann sogar sagen, daß er das schöne Thier den Gang seiner Träumerei nehmen ließ. In der That, sehr verschiedenartige Gefühle, bald leidenschaftlich, bald traurig, bald stolz und bald niedergeschlagen, durchzogen abwechselnd das Herz des jungen Mannes. Bedachte er, daß er der Graf von Montgommery war, so funkelte sein Blick und er gab seinem Pferde den Sporn, als wollte er sich in der Luft berauschen, die um seine Schläfe her pfiff, und dann sagte er sich wieder:

»Mein Vater ist getödtet worden und noch nicht gerächt.«

Und er ließ die Zügel in seiner Hand sinken. Doch plötzlich dachte er daran, daß er sich schlagen, daß er sich einen furchtbaren und gefürchteten Namen machen, daß er alle seine Ehren– und Blutschulden bezahlen sollte, und er jagte im Galopp fort, als ob er in der That dem Ruhm entgegen reiten würde, bis er, bedenkend, daß er deshalb seine kleine, so liebenswürdige und so hübsche Diana verlassen müßte, wieder in Schwermuth versank und allmälig nur noch im Schritt ritt, als hätte er dadurch den grausamen Augenblick der Trennung verzögern können. Doch er würde wiederkommen, hatte er die Feinde seines Vaters und die Eltern von Diana gefunden . . . Und Gabriel gab seinem Pferde beide Sporen und flog so rasch als seine Hoffnung. Als er an Ort und Stelle kam, hatte in dieser jungen, ganz für das Glück geöffneten Seele die Freude offenbar die Traurigkeit verjagt.

Ueber die Hecke, die den Obstgarten des alten Enguerrand umgab, erblickte Gabriel unter den Bäumen das weiße Gewand von Diana. Bald hatte er sein Pferd an einen Weidenstamm gebunden, bald hatte er mit einem Sprunge über die Hecke gesetzt; strahlend und triumphierend fiel er dem jungen Mädchen zu Füßen.

Doch Diana weinte.

»Was gibt es, liebe kleine Frau,« sagte Gabriel, »und woher rührt dieser bittere Kummer? Sollte uns etwa Enguerrand gezankt haben, weil wir ein Kleid zerrissen, oder unser Gebet schlecht gesprochen? Oder ist etwa unser Dompfaff entflogen? Sprich, Diana, meine Geliebte, Dein treuer Ritter ist hier, um Dich zu trösten.«

»Ach! nein, Gabriel, Ihr könnt nicht mehr mein Ritter sein,« sprach Diana, »und gerade deshalb bin ich traurig, weine ich.«

Gabriel glaubte, Diana sei durch Enguerrand von dem Namen ihres Spielgefährten unterrichtet worden und wolle ihn vielleicht prüfen.

»Und welches Unglück,« erwiderte er, »oder welches, Glück, Diana, könnte mich je bewegen, auf den süßen Titel zu verzichten, den Du mich hast annehmen lassen und den ich so freudig und so stolz führe? Siehst Du, ich liege vor Dir auf den Knieen.«

Doch Diana schien nicht zu begreifen, und heftiger weinend als je verbarg sie ihre Stirne an der Brust von Gabriel und rief schluchzend:

»Gabriel! Gabriel! wir dürfen uns fortan nicht mehr sehen.«

»Und wer wird uns daran hindern?« versetzte er rasch.

Sie erhob ihr blondes, reizendes Haupt und schlug ihre blauen, in Thränen gebadeten Augen auf; dann sprach sie mit einer ganz feierlichen und ernsten Miene und mit einem tiefen Seufzer:

»Die Pflicht.«

Ihr reizendes Antlitz hatte einen so trostlosen und zugleich so komischen Ausdruck, daß Gabriel, darüber entzückt, sich eines Lachens nicht erwehren konnte; er nahm zwischen seine Hände die reine Stirne des Kindes und küßte sie wiederholt; doch sie entfernte sich lebhaft und rief:

»Nein, mein Freund, keine Schäkereien mehr. Mein Gott! mein Gott! sie sind mir nun verboten.«

»Was wird Enguerrand ihr Alles erzählt haben?« sagte Gabriel, in seinem Irrthum verharrend, zu sich selbst. »Liebst Du mich denn nicht mehr, meine theure Diana?« fügte er bei.

»Ich Dich nicht mehr lieben!« rief Diana. »Wie kannst Du solche Dinge annehmen und sagen, Gabriel? Bist Du nicht der Freund meiner Kindheit und der Bruder meines ganzen Lebens? Hast Du mich nicht stets mit der Güte und Zärtlichkeit einer Mutter behandelt? Wenn ich lachte und wenn ich weinte, wen fand ich da unablässig an meiner Seite, um meine Heiterkeit oder meinen Kummer zu theilen? Dich, Gabriel! . . . Wer trug mich, wenn ich müde war? wer half mir meine Lectionen lernen? wer schrieb sich meine Fehler zu und theilte meine Strafe, wenn er sie nicht auf sich allein nehmen konnte? abermals Du! Wer erfand tausend Spiele für mich? wer machte mir schöne Sträuße auf den Wiesen? wer nahm mir Stieglitznester aus? immer Du! ich habe Dich aller Orten und jeder Zeit gut, freundlich und mir ergeben gefunden. Gabriel, Gabriel, ich werde Dich nie vergessen, und so lange ich lebe, wirst Du in meinem Herzen leben; ich hätte Dir gern mein Dasein und meine Seele gegeben, und ich träumte nie von Glück, als indem ich von Dir träumte: doch dessen ungeachtet müssen wir uns leider trennen, um uns ohne Zweifel nie wiederzusehen.«

»Und warum? Um Dich dafür zu bestrafen, daß Du boshafter Weise den Hund Phylar in den Hühnerhof geführt hast?« fragte Gabriel.

»Oh! aus einem ganz andern Grunde.«

»Und warum denn?«

Sie erhob sich und ließ ihren Arm an ihrem Kleide herab und ihren Kopf auf die Brust fallen und sprach:

»Weil ich die Frau eines Andern bin.«

Gabriel lachte nicht mehr und eine seltsame Unruhe schnürte ihm das Herz zusammen; mit bewegter Stimme fragte er:

»Was soll das bedeuten, Diana?«

»Ich heiße nicht mehr Diana,« erwiderte sie, »ich heiße Frau Herzogin von Castro, denn mein Gemahl heißt Horazio Farnese, Herzog von Castro.«

Und das kleine Mädchen konnte nicht umhin, ein wenig durch ihre Thränen zu lächeln, als es sagte: Mein Gemahl, mit zwölf Jahren! In der That, es war glorreich, Frau Herzogin! Doch ihr Schmerz erfaßte sie wieder, als sie den Schmerz von Gabriel wahrnahm.

Der Jüngling stand vor ihr, bleich und mit erschrockenen Augen.

»Ist es ein Spiel? Ist es ein Traum?« sagte er.

»Nein, mein armer Freund, es ist die traurige Wirklichkeit,« versetzte Diana. »Hast Du nicht auf dem Wege Enguerrand begegnet, der vor einer halben Stunde nach Montgommery abgegangen ist?«

»Ich habe kürzere Pfade gewählt. Doch vollende.«

»Warum bist Du auch vier Tage lang nicht gekommen, Gabriel? Das ist nie geschehen und hat uns Unglück gebracht, wie Du siehst. Vorgestern Abend konnte ich kaum einschlafen. Ich hatte Dich zwei Tage lang nicht gesehen, war unruhig und ließ mir von Enguerrand versprechen, wenn Du am andern Tage nicht kämest, so würden wir an dem darauffolgenden Morgen nach Montgommery gehen. Und dann hatten wir, Enguerrand und ich, wie in einem Vorgefühl, von der Zukunft, von der Vergangenheit, von meinen Eltern gesprochen, die mich vergessen zu haben schienen. Es ist schlimm, was ich Dir sagen werde, aber ich wäre vielleicht glücklicher gewesen, wenn sie mich in der That vergessen hätten. Diese ganze ernste Unterredung hatte mich, wie sich von selbst versteht, ein wenig betrübt und angegriffen, und ich brauchte, wie gesagt, lange, um einzuschlafen, weshalb ich gestern Morgen etwas später erwachte als gewöhnlich. Ich kleidete mich in aller Eile an, verrichtete mein Gebet und wollte eben hinabgehen, als ich ein gewaltiges Geräusch unter meinem Fenster vor der Hausthüre hörte. Es waren herrliche Cavaliere, Gabriel, gefolgt von Stallmeistern und Edelknaben, und hinter dem Reiterzug eine glänzende, vergoldete Carrosse. Als ich neugierig den Zug anschaute und mich wunderte, daß er vor unserer armseligen Wohnung hielt, klopfte Antoine an meine Thüre und bat mich, auf Befehl von Herrn Enguerrand, sogleich hinabzukommen. Ich weiß nicht, warum ich bange hatte, doch ich mußte gehorchen und gehorchte. Als ich in den großen Saal trat, war er voll von den prächtigen Herren, die ich von meinem Fenster aus gesehen. Ich erröthete und zitterte erschrockener als je, Du begreifst das, Gabriel?«

»Ja,« antwortete Gabriel mit Bitterkeit. »Fahre nur fort, denn die Sache wird in der That interessant.«

»Bei meinem Eintritt,« fuhr Diana fort, »kam einer der gesticktesten Herren auf mich zu, reichte mir seine behandschuhte Hand und führte mich vor einen andern Edelmann, der nicht minder reich geschmückt war als er; dann sich verbeugend, sprach er:

»Durchlauchtigster Herr Herzog von Castro, ich habe die Ehre, Euch Eure Frau vorzustellen. Madame,« fügte er sich gegen mich umwendend bei, »Herr Horazio Farnese, Herzog von Castro, Euer Gemahl.«

Der Herzog grüßte mich mit einem Lächeln. Ich aber warf mich ganz verwirrt und in Thränen ausbrechend in die Arme von Enguerrand, den ich in einem Winkel erblickt hatte.

»Enguerrand! Enguerrand! Dieser Prinz ist nicht mein Gemahl, ich habe keinen andern Gemahl als Gabriel. Enguerrand, sage es doch diesen Herren, ich bitte Dich.«

Derjenige, welcher mich dem Herzog vorgestellt hatte, runzelte die Stirne und fragte Enguerrand mit strengem Tone:

»Was soll diese Kinderei?«

»Nichts, gnädiger Herr; in der That eine Kinderei,« antwortete Enguerrand ganz bleich.

Und leise sich an mich wendend: »Seid Ihr toll, Diana! was soll eine solche Widerspenstigkeit? Wie könnt Ihr Euch so weigern, Euren Eltern zu gehorchen, die Euch wieder gefunden haben und Euch zurückfordern!«

»Wo sind sie, meine Eltern?« sagte ich laut. »Mit ihnen will ich sprechen.«

»In ihrem Namen kommen wir, mein Fräulein,« erwiderte der strenge Herr. »Ich bin hier ihr Stellvertreter; wenn Ihr mir nicht glauben wollt, so seht den Befehl unterzeichnet von König Heinrich II., unserem Gebieter, und leset.«

»Er reichte mir ein Pergament, versehen mit einem rothen Siegel, und ich las oben auf der Seite: »Wir Heinrich, von Gottes Gnaden;« und unten die königliche Unterschrift: Heinrich. Ich war geblendet, betäubt, vernichtet. Ich bekam den Schwindel und das Delirium. Alle diese Menschen hatten die Augen auf mich gerichtet! Enguerrand selbst verließ mich! Der Gedanke an meine Eltern! der Name des Königs! dies Alles war zu viel für meinen armen Kopf. Und Du warst nicht da, Gabriel!«

»Doch mir scheint, meine Gegenwart konnte Euch nicht nothwendig sein,« versetzte Gabriel.

»Oh! doch Gabriel; wärest Du gegenwärtig gewesen, so würde ich noch widerstanden haben; als aber der Edelmann, der Alles zu leiten schien, zu mir sagte:

»Vorwärts, schon genug der Säumniß; Frau von Leviston, Eurer Sorge vertraue ich Frau von Castro; wir erwarten Euch, um in die Kapelle hinauf zu gehen;« da kam mir seine Stimme so gebieterisch vor, er schien so wenig Widerstand zu gestatten, daß ich mich fortführen ließ. Gabriel, verzeihe mir, ich war verwirrt, gelähmt, und hatte keinen Gedanken mehr . . . .«

»Wie! das begreift sich vortrefflich,« erwiderte Gabriel mit einem höhnischen Gelächter.

»Man führte mich in ein Zimmer,« sagte Diana. »Da nahm Frau von Leviston, unterstützt von zwei oder drei Zofen, aus großen Kisten ein weißes seidenes Kleid. Dann zogen sie mich, so sehr ich mich schämte, aus und wieder an. Ich wagte es kaum, in diesen schönen Gewändern zu gehen. Hernach befestigten sie mir Perlen an den Ohren und ein Collier von Perlen am Hals; meine Thränen rollten auf die Perlen. Doch diese Damen lachten unaufhörlich, ohne Zweifel über meine Verlegenheit und vielleicht auch über meinen Kummer. Nach Verlauf einer halben Stunde war ich bereit, und sie mochten immerhin sagen, ich wäre reizend, so geschmückt, ich glaube, sie logen nicht, Gabriel, doch ich weinte nichtsdestoweniger. Endlich überredete ich mich, ich handle in einem blendenden furchtbaren Traume. Ich schritt ohne Willen vorwärts, ich ging maschinenmäßig hin und her. Die Pferde stampften indessen vor der Thüre, Stallmeister und Edelknaben warteten stehend. Wir stiegen hinab. Die ausdrucksvollen Blicke dieser ganzen Versammlung fingen an auf mir zu lasten. Der Herr mit der rauhen Stimme bot mir abermals seinen Arm und führte mich zu einer Sänfte ganz von Gold und Atlaß, in der ich mich auf Kissen setzen mußte, welche beinahe so schön waren als mein Kleid. Der Herzog von Castro ritt am Schlage, und so zog der Cortege langsam zur Kapelle des Schlosses Vimoutiers hinauf. Der Priester war schon am Altar. Ich weiß nicht, welche Worte man um mich her sprach, welche Worte man mir dictirte; ich fühlte nur, wie in einem Augenblick in diesem seltsamen Traume der Herzog mir einen Ring an den Finger schob. Dann nach Verlauf von zwanzig Minuten oder von zwanzig Jahren, ich habe kein Bewußtsein davon, traf mich eine frischere Luft ins Gesicht. Wir verließen die Kapelle; man nannte mich Frau Herzogin, ich war verheirathet! Hörst Du wohl, Gabriel? ich war verheirathet!«

Gabriel antwortete nur durch ein wildes Gelächter.

»O Gabriel,« sprach Diana, »ich war wirklich so außer mir, daß ich zum ersten Male, als ich nach Hause zurückkehrte, nachdem ich mich etwas erholt, daran dachte, den Gemahl anzuschauen, den alle diese Fremden mir aufgenöthigt hatten. Bis dahin hatte ich ihn gesehen, aber nicht angeschaut, Gabriel. Ah! mein armer Gabriel, er ist viel weniger schön als Du! Vor Allem ist sein Wuchs mittelmäßig, und in seinen reichen Kleidern erscheint er bei Weitem nicht so zierlich als Du in Deinem einfachen braunen Wamms. Und dann hat er eine eben so unverschämte, hochmüthige Miene, als Du sanft und artig aussiehst. Füge dem brennend blonde Haare und einen eben solchen Bart bei. Ich bin geopfert, Gabriel. Nachdem er sich eine Zeit lang mit demjenigen besprochen hatte, welcher sich für den Stellvertreter des Königs ausgab, näherte sich mir der Herzog, nahm mich bei der Hand und sagte mit einem sehr feinen Lächeln:

»Frau Herzogin, verzeiht, daß ich in die harte Nothwendigkeit versetzt bin, Euch so bald zu verlassen. Doch Ihr wißt, oder Ihr wißt nicht, daß wir im heftigsten Kriege mit Spanien begriffen sind, und meine Gewappneten fordern auf der Stelle meine Gegenwart. Ich hoffe die Freude zu haben, Euch in einiger Zeit am Hofe wiederzusehen, wo Ihr von dieser Woche an in der Nähe Seiner Majestät wohnen werdet. Ich bitte Euch, einige Geschenke anzunehmen, die ich für Euch hier zurückzulassen mir erlaubt habe. Auf Wiedersehen, Madame. Erhaltet Euch heiter und reizend, wie man es in Eurem Alter ist, und lebt nach Eures Herzens Gelüste, während ich mich schlagen werde.«

»So sprechend, küßte er mich vertraulich auf die Stirne, und sein langer Bart hat mich sogar gestochen; das ist nicht wie bei dem Deinigen, Gabriel. Und dann grüßten mich alle diese Herren und Damen, und gingen nach und nach weg und ließen mich allein mit meinem Vater Enguerrand. Er verstand nicht viel mehr als ich von diesem ganzen Abenteuer. Man hatte ihm das Pergament des Königs zu lesen gegeben, der mir, wie es scheint, den Herzog von Castro zu heirathen befahl. Der Herr, der Seine Majestät vertrat, heißt Graf d’Humières. Enguerrand, der ihn früher bei Herrn von Vimoutiers gesehen, hat ihn wiedererkannt. Alles, was Enguerrand mehr als ich wußte, war die traurige Nachricht, daß die Dame von Leviston, welche mich angekleidet hat und in Caen wohnt, in einem der nächsten Tage kommen würde, um mich an den Hof zu führen, und daß ich mich hierzu beständig bereit halten sollte. Das ist meine seltsame und schmerzliche Geschichte,« sagte Diana. »Ah! ich vergaß. Als ich in mein Zimmer zurückkam, fand ich in einer großen Schachtel, Du würdest nicht erraten was? eine herrliche Puppe, mit einer völligen Ausstattung an Weißzeug und mit drei Kleidern: weiße Seide, rother Damast und grüner Brocat, Alles zum Gebrauch der genannten Puppe. Ich fühlte mich im höchsten Maaße verletzt, Gabriel, dies waren also die Geschenke meines Gemahls! mich wie ein kleines Mädchen behandeln! Das Rothe steht indessen der Puppe am Besten, weil sie von Natur eine sehr lebhafte Gesichtsfarbe hat. Die kleinen Schuhe sind auch reizend, doch dieses Verfahren ist unwürdig, denn mir dünkt im Ganzen, daß ich kein Kind mehr bin.«

»Doch! Ihr seid ein Kind, Diana,« erwiderte Gabriel, bei dem der Zorn unmerklich der Traurigkeit Platz gemacht hatte, »ein wahres Kind! ich grolle Euch nicht, daß Ihr erst zwölf Jahre zählt, das wäre albern und unbillig. Ich sehe nur, daß ich Unrecht gehabt habe, an ein so junges und leichtes Gemüth eine so glühende und tiefe Leidenschaft zu heften. Denn ich fühle zu meinem Schmerz, wie sehr ich Euch liebte, Diana. Ich wiederhole Euch jedoch, daß ich Euch nicht grolle. Doch wenn Ihr stärker gewesen wäret, wenn Ihr in Euch die nothwendige Energie gehabt hättet, um einem ungerechten Befehle zu widerstehen, wenn Ihr nur ein wenig Zeit zu gewinnen vermocht hättet, Diana, so hätten wir glücklich sein können, da Ihr Eure Eltern gefunden habt und diese von vornehmem Geschlechte zu sein scheinen. Auch ich kam, um Euch ein großes Geheimniß mitzutheilen, das man mir diesen Morgen geoffenbart hat. Doch wozu soll es jetzt nützen? es ist zu spät. Eure Schwäche hat es zugelassen, daß der Faden meines Geschickes zerrissen ist, während ich glaubte, er würde endlich halten. Warum ihn je wieder anknüpfen? Ich sehe vorher, daß sich mein ganzes Leben Eurer erinnern, Diana, und daß meine junge Liebe stets den größten Platz in meinem Herzen einnehmen wird. Ihr jedoch, Diana, im Glanz des Hofes, im Geräusch der Feste, werdet schnell denjenigen aus dem Gesicht verlieren, der Euch in den Tagen Eurer Dunkelheit so sehr geliebt hat.«

»Nie!« rief Diana. »Und höre, Gabriel, nun, da Du hier bist und mich ermuthigen, unterstützen kannst, willst Du, daß ich mich weigere, abzureisen, wenn man kommt, um mich zu holen, daß ich den Bitten, dem Drängen, den Befehlen widerstehe, um immer bei Dir zu bleiben?«

»Ich danke, liebe Diana, doch fortan, siehst Du, gehörst Du vor Gott und den Menschen einem Andern. Wir müssen unsere Pflicht und unser Geschick erfüllen, wir müssen, wie der Herzog von Castro gesagt hat, jedes seines Wegs gehen, Du zu den Genüssen und zum Hofe, ich in die Lager und Schlachten; Gott gebe nur, daß ich Dich eines Tags wiedersehe.«

»Ja, Gabriel, ich werde Dich wiedersehen, ich werde Dich immer lieben,« rief Diana, und warf sich, in Thränen zerfließend, in die Arme ihres Freundes.

In diesem Augenblick erschien Enguerrand mit Frau von Leviston in einer nahen Allen.

»Hier ist sie, Madame,« sagte er, auf Diana deutend. »Ah! Ihr seid es, Gabriel?« rief er, als er den jungen Grafen erblickte, »ich war im Begriff, nach Montgommery zu gehen um Euch zu besuchen, als ich dem Pagen von Frau von Leviston begegnete und wieder umkehren mußte.«

»Ja, Madame,« sprach Frau von Leviston zu Diana, »der König hat meinem Gatten zu wissen gethan, es dränge ihn, Euch zu sehen, und ich beschleunigte deshalb unsere Abreise. Brechen wir, wenn es Euch gefällig ist, in einer Stunde aus. Eure Vorbereitungen werden, denke ich, nicht lange dauern, und Ihr seid wohl geneigt, mir zu folgen?«

Diana schaute Gabriel an.

»Muth gefaßt,« sprach dieser mit ernstem Tone.

»Ich habe die Freude, Euch anzukündigen,« fuhr Frau von Leviston fort, »daß Euer braver Nährvater uns nach Paris begleiten kann und will, und uns morgen in Alençon einholen wird, wenn es Euch genehm ist.«

»Ob es mir genehm ist?« rief Diana. »Ah! Madame, man hat mir meine Eltern noch nicht genannt, doch ich werde ihn stets meinen Vater nennen.«

Und sie reichte ihre Hand Enguerrand, der sie mit Küssen bedeckte, um das Recht zu haben, noch ein wenig durch den Schleier ihrer Thränen Gabriel anzuschauen, der nachdenkend und traurig, aber ergeben und entschlossen aussah.

»Vorwärts, Madame,« sagte Frau von Leviston, welche diese Abschiede und Zögerungen vielleicht ungeduldig machten, »bedenkt, daß wir vor Einbruch der Nacht in Caen sein müssen.«

Beinahe erstickt durch Schluchzen, entfernte sich Diana hastig, um in ihr Zimmer hinauf zu gehen, jedoch nicht ohne zuvor Gabriel durch ein Zeichen bedeutet zu haben, er möge warten.

Nach Verlauf einer Stunde, während der man in den Wagen die Gegenstände packte, welche Diana mitnehmen wollte, erschien diese wieder ganz reisefertig. Sie bat Frau von Leviston, die ihr wie ihr Schatten folgte, um Erlaubniß, noch einmal in dem Garten umhergehen zu dürfen, wo sie zwölf Jahre lang so sorglos und glücklich gespielt hatte. Gabriel und Enguerrand gingen während dieses Besuches hinter ihr. Diana blieb vor einem Rosenstock mit weißen Blüthen stehen, den Gabriel und sie im vorhergehenden Jahre gepflanzt hatten. Sie pflückte zwei Rosen, befestigte eine an ihrem Kleid, roch an der andern und reichte sie Gabriel. Der junge Mann fühlte, daß ihm zu gleicher Zeit ein Papier in die Hand schlüpfte, das er hastig in seinem Wamms verbarg. Nachdem Diana von allen Gängen, von allen Gebüschen, von allen Blumen Abschied genommen hatte, mußte sie sich endlich zur Abreise entschließen. Als sie vor den Wagen kam, der sie wegführen sollte, gab sie die Hand den Dienern des Hauses und sogar den guten Leuten vom Flecken, welche sie alle kannten und liebten. Die Arme hatte nicht die Kraft, zu sprechen, sie machte nur Jedem ein freundschaftliches Zeichen mit dem Kopf. Dann umarmte sie Enguerrand, und endlich Gabriel, ohne sich im Geringsten um die Gegenwart von Frau von Leviston zu bekümmern. In den Armen ihres Freundes gewann sie sogar ihre Stimme wieder, und als dieser zu ihr sagte: »Fahre wohl! fahre wohl!« da sprach sie:

»Nein, auf Wiedersehen!«

Hiernach stieg sie in den Wagen, und da die Kindheit im Ganzen ihr Recht nicht völlig auf sie verlor, so hörte sie Gabriel mit jener kleinen Mundverziehung, die ihr so gut stand, Frau von Leviston fragen:

»Man hat doch wenigstens meine große Puppe oben aufgepackt?«

Der Wagen entfernte sich im Galopp.

Gabriel öffnete das Papier, das ihm Diana gegeben hatte, und fand darin eine Locke von ihren schönen, aschblonden Haaren, die er so gern küßte.

Einen Monat nachher ließ sich Gabriel, in Paris angelangt, im Hotel Guise bei dem Herzog von Guise unter dem Namen eines Vicomte d’Ermès melden.




III.

Im Lager


»Ja, meine Herren,« sprach, in sein Zelt eintretend der Herzog von Guise zu den Edelleuten, die ihn umgaben, »ja, heute am 24. April 1557 Abends, nachdem wir am 15. auf das Gebiet von Neapel zurückgekehrt sind, nachdem wir Campli in vier Tagen genommen, beginnen wir die Belagerung von Civitella; Herren von Civitella, schlagen wir am 1. Mai unser Lager vor Aquila auf. Am 10. Mai sind wir in Arpino, am 21. in Capua, wo wir nicht einschlafen werden, wie Hannibal. Am 1. Juni, meine Herren, will ich Euch Neapel sehen lassen, wenn es Gott gefällt.«

»Und wie steht es mit dem Papst, mein lieber Bruder?« fragte der Herzog von Aumale. »Seine Heiligkeit, die mir so sehr die Unterstützung der päpstlichen Truppen versprochen, läßt uns bis jetzt, wie mir scheint, auf uns selbst beschränkt, und unsere Armee ist kaum stark genug, um sich so auf ein feindliches Gebiet zu wagen.«

»Paul II.,« sagte Franz, »ist zu sehr betheiligt bei dem Erfolge unserer Waffen, um uns ohne Hilfe zu lassen. Wie durchsichtig und erleuchtet ist diese Nacht, meine Herren! Byron, wißt Ihr, ob die Parteigänger, von deren Aufgebot in den Abruzzen Caraffa uns gesprochen, einigen Lärmen zu machen anfangen?«

»Sie rühren sich nicht, gnädigster Herr, ich habe ganz frische und sichere Nachrichten.«

»Unsere Musketenschüsse werden sie erwecken,« sagte der Herzog von Guise. »Herr Marquis d’Elboeuf,« fuhr er fort, »habt Ihr von den Zufuhren an Lebensmitteln und Munition sprechen hören, welche wir in Ascoli erhalten sollten, und die uns nun, denke ich, hier zukommen werden?«

»Ja, ich habe davon sprechen hören, doch in Rom, gnädigster Herr, und leider schon vor langer Zeit! . . .«

»Eine einfache Zögerung,« unterbrach ihn der Herzog von Guise, »sicherlich nur eine Zögerung, und wir sind Allem nach noch nicht völlig entblößt. Die Einnahme von Campli hat uns ein wenig wiederbelebt, und wenn ich in einer Stunde von jetzt an in das Zelt eines Jeden von Euch träte, meine Herren, so wette ich, ich würde ein gutes Abendbrod aufgetragen, und bei Tische mit Euch eine arme Witwe oder eine hübsche Waise von Campli finden, die Ihr zu trösten im Zuge wäret. Es läßt sich nichts Besseres denken, meine Herren. Ueberdies sind dies die Pflichten von Siegern, welche die Gewohnheit des Sieges süß finden lassen, nicht wahr? Entsprecht also Eurem Geschmack, ich halte Euch nicht zurück; morgen früh bei Tagesanbruch werde ich Euch auffordern, mit mir die Mittel zu suchen, diesen Zuckerhut Civitella anzugreifen; bis dahin, meine Herren, guten Appetit und gute Nacht.«

Der Herzog begleitete lachend die Führer des Heeres bis zur Thüre seines Zeltes zurück. Als aber der Vorhang, der dasselbe schloß, hinter dem letzten gefallen war und Franz von Guise sich allein fand, nahm plötzlich seine männliche Physiognomie einen sorgenvollen Ausdruck an; er setzte sich an einen Tisch, legte sein Haupt in seine Hände, und murmelte voll Unruhe:

»Hätte ich besser daran gethan, auf jeden persönlichen Ehrgeiz Verzicht zu leisten, nur General von Heinrich II. zu bleiben, und mich auf die Wiedereroberung von Mailand und die Befreiung von Siena zu beschränken? Nun bin ich auf dem Gebiet von Neapel, wohin mich alle meine Träume als König beriefen; doch ich bin ohne Verbündete, bald ohne Lebensmittel, und alle diese Anführer meiner Truppen, mein Bruder zuerst, Geister ohne Thatkraft und ohne Gewicht, geben sich schon der Entmuthigung hin wie ich sehe.«

In diesem Augenblick hörte der Herzog von Guise, daß Jemand hinter ihm ging. Er wandte sich rasch und ganz entrüstet gegen den verwegenen Unterbrecher um; als er ihn aber gesehen, reichte er ihm, statt ihm einen Vorwurf zu machen, die Hand und sprach:

»Nicht wahr, Ihr, Vicomte d’Ermès, nicht wahr, Ihr, mein lieber Gabriel, würdet nie zögern vorwärts zu gehen, weil das Brod zu selten und der Feind zu zahlreich ist, Ihr, der Ihr zuletzt Metz verlassen, und zuerst in Valenza und in Campli eingedrungen seid? Doch, Ihr kommt, um mir etwas Neues zu melden, Freund?«

»Ja, gnädigster Herr, ein Eilbote ist aus Frankreich eingetroffen,« antwortete Gabriel, »er bringt, wie ich glaube, Briefe von Eurem Bruder, dem hochwürdigsten Cardinal von Lothringen. Darf ich ihn bei Euch einführen?«

»Nein, doch er mag Euch die Sendung mit der er beauftragt ist, übergeben, Vicomte, und ich bitte Euch, sie mir selbst zu überbringen.«

Gabriel verbeugte sich ging hinaus, kam bald wieder zurück und überbrachte einen Brief, der mit dem Wappen des Hauses Lothringen versiegelt war.

Die sechs abgelaufenen Jahre waren an unserem alten Freund Gabriel beinahe spurlos vorübergegangen; seine Züge hatten nur einen männlicheren, entschiedeneren Charakter angenommen; man errieth nun in ihm einen Mann, der seinen eigenen Werth geprüft und kennen gelernt hat. Doch es war immer dieselbe reine, ernste Stirne, derselbe redliche, offene Blick, und, sagen wir es sogleich, dasselbe Herz voll Jugend und Illusion. Er war auch kaum erst vierundzwanzig Jahre alt.

Der Herzog von Guise zählte siebenunddreißig, und obgleich er eine edle, großherzige Natur besaß, war doch sein Gemüth von vielen Orten zurückgekommen, wohin das von Gabriel noch nie gegangen, und mehr als ein gescheitertes Aufstreben, mehr als ein vergeblicher Kampf hatten sein Auge vertieft und seine Schläfe entblößt. Dennoch begriff und liebte er den ritterlichen und ergebenen Charakter von Gabriel, und eine unwiderstehliche Sympathie zog den erfahrenen Mann zu dem vertrauensvollen Jüngling hin.

Er nahm aus seinen Händen den Brief seines Bruders und sprach, ehe er ihn öffnete:

»Hört, Vicomte d’Ermès, Hervé von Thelen, mein Geheimschreiber, den Ihr kanntet, ist unter den Mauern von Valenza gestorben; mein Bruder Aumale ist nur ein muthiger Soldat, aber unfähig; ich bedarf eines tüchtigen Armes und eines Vertrauten, Gabriel. Seitdem Ihr mich in Paris in meinem Hause vor fünf oder sechs Jahren aufgesucht, habe ich mich, wie ich glaube, überzeugen können, daß ihr ein erhabener Geist und, was noch besser ist, ein treues Herz seid. Ich kannte Euch nur dem Namen nach, und jeder Montgommery ist brav; doch Ihr waret mir durch Niemand empfohlen, und dennoch habt Ihr mir sogleich gefallen; ich nahm Euch mit mir zur Vertheidigung von Metz, und wenn diese Vertheidigung eines der schönsten Blätter meiner Geschichte sein soll, wenn es uns nach einem fünfundsechzig Tage lang anhaltenden Angriff gelungen ist, von den Mauern von Metz ein Heer, das hunderttausend Soldaten zählte, und einen General zu vertreiben, der sich Carl V. nannte, so erinnere ich mich, daß Eure stets gegenwärtige Unerschrockenheit und Euer stets wacher Verstand nicht wenig zu diesem glorreichen Erfolg beigetragen haben. Ein Jahr nachher waret Ihr abermals mit mir bei dem Siege von Renty, und wenn dieser Esel von Montmorency, den man mit Recht so nennt . . . doch ich habe nicht meinen Feind zu schmähen, ich habe meinen Freund und guten Kameraden, Gabriel, Vicomte d’Ermès, d’Ermès, den würdigen Verwandten der würdigen Montgommery zu loben. Ich habe Euch zu sagen, Gabriel, daß ich in Euch bei jeder Gelegenheit, und zwar seitdem wir in Italien eingerückt sind mehr als je guten Beistand, gute Freundschaft und guten Rath gefunden, und daß ich Euch nur Eines zum Vorwurf machen kann: daß Ihr gegen Euern General zu zurückhaltend und zu verschwiegen seid. Ja, es liegt sicherlich im Grunde Eures Lebens ein Gefühl oder ein Gedanke, den Ihr mir verbergt, Gabriel. Doch, bah! Ihr werdet mir das eines Tags anvertrauen; die Hauptsache ist, daß ich weiß, Ihr habt Etwas zu thun. Ei! bei Gott! ich habe auch Etwas zu thun, Gabriel, und wenn Ihr wollt, so verbinden wir unsere Geschicke, Ihr helft mir und ich helfe Euch. Habe ich irgend eine wichtige, schwierige Unternehmung einem andern Ich zu übertragen, so rufe ich Euch. Bedürft Ihr für Eure Pläne eines mächtigen Beschützers, so bin ich da. Ist das abgemacht?«

»Oh! gnädigster Herr,« erwiderte Gabriel, »ich gehöre Euch mit Leib und Seele. Was ich vor Allem wünschte, wäre, daß Ihr an mich glaubtet und die Andern an mich glauben machen würdet. Ich habe ein wenig Selbstvertrauen erlangt, und Ihr habt die Gnade, ein wenig Achtung für mich zu hegen; bis jetzt habe ich also mein Ziel erreicht; daß sich in der Zukunft ein anderes meinen Bestrebungen bieten kann, leugne ich nicht, gnädigster Herr, und dann, da Ihr die Güte hattet, mir einen so schönen Antrag zu machen, werde ich zu Euch meine Zuflucht nehmen, wie Ihr bis dahin für Leben und Tod auf mich rechnen könnt.«

»So ist es gut! per Bacco, wie diese trunkenen Heiden von Cardinälen sagen; sei unbesorgt, Gabriel, Franz von Lothringen, Herzog von Guise, wird Dir warm in Beziehung auf Deine Liebe oder Deinen Haß dienen, denn nicht wahr, es ist bei uns das eine oder das andere dieser Gefühle im Spiel, mein Meister?«

»Das eine und das andere vielleicht, gnädigster Herr.«

»Ah! alle Wetter! und warum, wenn man die Seele so voll hat, warum sie nicht in die eines Freundes ergießen?«

»Ach! gnädigster Herr, ich weiß nicht einmal, ob ich liebe, und weiß gar nicht, daß ich hasse.«

»Wahrhaftig! sage mir doch, Gabriel, wenn Deine Feinde zufällig die meinigen wären, wenn der alte Unzüchter von einem Montmorency darunter sein sollte?«

»Das könnte wohl sein, gnädigster Herr, und wenn meine Zweifel begründet sind . . . . doch es handelt sich zur Stunde nicht um mich, sondern um Euch und Eure großen Pläne. Wozu kann ich Euch dienlich sein?«

»Vor Allem dazu, daß Ihr mir den Brief meines Bruders, des Cardinals von Lothringen, vorlest, Gabriel.«

Gabriel entsiegelte und entfaltete den Brief, warf einen Blick darauf, reichte ihn dem Herzog und sprach:

»Verzeiht, gnädigster Herr, dieser Brief ist in besonderen Charakteren geschrieben, und ich kann ihn nicht lesen.«

»Ah!« versetzte der Herzog, »der Eilbote von Jean Peuquoy hat ihn also gebracht? es ist ein vertraulicher Brief, wie ich sehe, ein Gitterbrief; warte, Gabriel.«

Er öffnete ein Kistchen von ziseliertem Eisen, zog ein regelmäßig durchbrochenes ausgeschnittenes Papier daraus hervor, legte es auf den Brief des Cardinals, reichte diesen Gabriel zum Lesen und sprach:

»Nun leset.«

Gabriel schien zu zögern; Franz nahm seine Hand, drückte sie, und sagte mit einem Tone voll Vertrauen und Treuherzigkeit:

»Leset, mein Freund.«

Der Vicomte d’Ermès las:

»Mein sehr geehrter, sehr erhabener Bruder (wann werde ich Euch mit einem einzigen Worte von vier Buchstaben,mit dem Worte: Sire nennen können . . .)«

Gabriel hielt abermals inne; der Herzog lächelte und sprach:

»Ihr staunt, Gabriel, doch ich hoffe, Ihr werdet keinen Verdacht gegen mich haben. Der Herzog von Guise ist kein Connetable von Bourbon, mein Freund; Gott erhalte unserem König Heinrich II. die Krone und das Leben! Doch es gibt in der Welt nicht nur den Thron von Frankreich. Da mich der Zufall mit Euch auf die Bahn eines vollen Vertrauens gebracht hat, so will ich Euch nichts verhehlen, Gabriel, ich will Euch in alle meine Pläne und in alle meine Träume einweihen; sie sind, wie ich glaube, nicht die einer geringen Seele.«

Der Herzog war aufgestanden, und ging mit großen Schritten in seinem Zelte auf und ab.

»Unser Haus, Gabriel, das so manche Königswürde berührt, kann meiner Ansicht nach auf jede Größe Anspruch machen. Doch Anspruch machen ist nichts, es soll erreichen. Unsere Schwester ist Königin von Schottland; unsere Nichte, Maria Stuart ist mit dem Dauphin Franz verlobt; unser Großneffe, der Herzog von Lothringen ist zum Schwiegersohn des Königs bezeichnet. Das ist noch nicht Alles, wir vermögen auch noch das zweite Haus Anjou zu repräsentieren, von dem wir durch die Frauen abstammen. Wir haben also Ansprüche oder Rechte auf die Provence und auf Neapel. Begnügen wir uns für den Augenblick mit Neapel. Würde die Krone einem Franzosen nicht besser stehen, als einem Spanier? Warum bin ich nach Italien gekommen? Um sie zu nehmen. Wir sind Verbündete des Herzogs von Ferrara, verwandt mit den Caraffa, Neffen des Papstes, Paul IV. ist alt: mein Bruder der Cardinal von Lothringen, wird sein Nachfolger. Der Thron von Neapel wankt, ich besteige ihn. Mein Gott, deshalb habe ich Siena und die Mailänder hinter mir gelassen, um bis zu den Abruzzen zu springen. Der Traum war glänzend doch ich befürchte sehr, er bleibt bis jetzt ein Traum. Bedenkt, Gabriel, ich hatte nicht zwölftausend Mann, als ich die Alpen überschritt. Doch der Herzog von Ferrara hatte mir siebentausend Mann versprochen; er behielt sie in seinen Staaten. Doch Paul IV. und die Caraffa hatten sich gerühmt, sie würden in dem Königreich Neapel eine mächtige Fraction auf die Beine bringen, und sie machten sich anheischig, Soldaten, Geld und Proviant zu liefern; sie haben nicht einen Mann, nicht einen Fourgon, nicht einen Thaler geschickt. Meine Officiere zaudern, meine Truppen murren; gleichviel! ich werde bis zum Ende gehen; ich werde nur, wenn es zum Aeußersten gekommen ist, dieses gelobte Land, auf dessen Boden ich trete, verlassen, und wenn ich es verlasse, so komme ich zurück.«

Der Herzog trat mit dem Fuß auf den Boden, als wollte er davon Besitz ergreifen, sein Blick funkelte, er war groß und schön.

»Gnädigster Herr,« rief Gabriel, »wie stolz bin ich, daß ich mit Euch, so schwach auch mein Antheil sein mag, zu so glorreichen Bestrebungen mich habe verbinden können.«

»Und nun,« sprach der Herzog. »nun da ich Euch zweimal den Schlüssel zu diesem Briefe meines Bruders gegeben habe, Gabriel, könnt Ihr ihn auch lesen und verstehen. Vollendet also, ich höre.«

»Sire! . . .« Hier bin ich geblieben,« sagte Gabriel. »Ich habe Euch zwei schlimme Nachrichten und eine gute mitzutheilen. Die gute ist die, daß man die Hochzeit unserer Nichte, Maria Stuart, auf den zwanzigsten des nächsten Monats anberaumt hat, und daß sie an genanntem Tage in Paris mit allem Gepränge vollzogen werden wird. Eine von den schlimmen Nachrichten ist aus England gekommen; Philipp II. von Spanien hat dort gelandet, und hetzt täglich die Königin Maria Tudor, seine Frau, welche ihm so leidenschaftlich gehorcht, auf, Frankreich den Krieg anzukündigen. Niemand zweifelt daran, daß es ihm gelingt, trotz der Interessen und des Wunsches der englischen Nation. Man spricht schon von einer Armee, welche sich auf den Grenzen der Niederlande versammeln soll, und für deren Commando man den Herzog Emanuel Philibert von Savoyen bezeichnet. Bei dem Mangel an Mannschaft, woran wir hier leiden, mein vielgeliebter Bruder, würde Euch dann König Heinrich II. nothwendig aus Italien zurückberufen, unsere Pläne auf dieser Seite wären hernach wenigstens vertagt. Doch bedenkt wohl, Franz, daß es besser ist, sie zu verschieben, als zu gefährden . . . keine Verwegenheit, und nicht mit dem Kopf durch die Wand. Unsere Schwester, die Königin Regentin von Schottland, mag immerhin drohen, sie werde mit dem Engländer brechen, glaubt mir, ganz verliebt in ihren jungen Gemahl, würde Maria von England keine Rücksicht darauf nehmen, und richtet Euch danach.«

»Beim Leibe Christi,« unterbrach der Herzog von Guise, indem er heftig mit der Faust auf den Tisch schlug, »er hat nur zu sehr Recht, mein Bruder, und er ist ein listiger Fuchs, der die Dinge zu riechen weiß. Ja, Maria, die Ehrbare, wird sich durch ihren gesetzlichen Gatten verführen lassen, und ich werde nicht offen ungehorsam gegen den König sein, der unter so ernsten Umständen seine Soldaten zurückverlangt, eher stehe ich von allen Königreichen der Welt ab; abermals also ein Hinderniß gegen diese verfluchte Exedition. Denn ich frage Euch, Gabriel, ist sie nicht verflucht trotz der Segnung des heiligen Vaters? Gabriel, unter uns gesagt, sprecht offenherzig, Ihr findet sie verzweifelt, nicht wahr?«

»Gnädigster Herr,« erwiderte Gabriel, »ich möchte nicht gern von Euch zu denjenigen gezählt werden, welche sich so leicht entmuthigen lassen, und dennoch, da Ihr meine Offenherzigkeit aufruft . . .«

»Ich verstehe Euch, Gabriel, und bin Eurer Ansicht. Ich sehe vorher, wir werden nicht auf einmal hier mit einander die großen Dinge machen, die wir so eben beabsichtigten; aber ich schwöre. daß die Sache nur aufgeschoben ist, und Philipp an irgend einem Orte schlagen, heißt ihn immerhin in Neapel schlagen; doch fahrt fort, Gabriel; wir haben noch eine schlimme Nachricht zu vernehmen, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht.«

Gabriel las weiter.

»Die andere ärgerliche Angelegenheit, die ich Euch mitzutheilen habe, ist, wenn sie auch ganz besonders Unsere Familie betrifft, nicht minder ernst; doch wir haben ohne Zweifel noch Zeit, zuvorzukommen, und ich mache Euch deshalb in aller Eile Mittheilung davon. Ihr müßt wissen, daß seit Eurer Abreise der Herr Connetable von Montmorency stets erbost und erbittert gegen uns ist und nicht abläßt, uns seiner Gewohnheit gemäß um die Güte des Königs für unsere Familie zu beneiden und sie zu verwünschen. Die nahe bevorstehende Feier der Hochzeit unserer lieben Nichte Maria mit dem Dauphin ist nicht geeignet, ihn in gute Laune zu versetzen. Das Gleichgewicht, das der König aus Politik zwischen den Häusern Guise und Montmorency aufrecht zu halten sucht, neigt sich hierdurch ganz sonderbar auf unsre Seite und der alte Connetable verlangt mit lauter Stimme ein Gegengewicht; er hat dieses Gegengewicht gefunden, mein lieber Bruder, es wäre dies die Verheirathung seines Sohnes Franz, des Gefangenen von Therouanne mit . . .«

Der junge Graf vollendete nicht, die Stimme versagte ihm, und eine jähe Blässe bedeckte seine Stirne.

»Nun! was habt Ihr denn, Gabriel?« fragte der Herzog, »wie bleich und entstellt seht Ihr aus? welches Uebel hat Euch plötzlich befallen?«

»Es ist nichts, gnädigster Herr, durchaus nichts, ein wenig Müdigkeit vielleicht, eine Art von Betäubung; doch ich habe mich schon wieder erholt und fahre fort, gnädigster Herr. Wo war ich? Der Cardinal sagte, glaube ich, es gebe ein Mittel. Ah! nein, weiter unten. Ich habe es: »Es wäre dies die Verheirathung seines Sohnes Franz mit Frau Diana von Castro, der legitimiertenTochter des Königs und von Frau Diana von Poitiers. Ihr erinnert Euch, mein Bruder, daß Frau von Castro, mit dreizehn Jahren Witwe des Herzogs Horazio Farnese, der sechs Monate nach ihrer Verheirathung bei der Belagerung von Hesdin getödtet worden war, während dieser fünf Jahre im Kloster der Töchter Gottes in Paris geblieben ist. Der König hat sie auf das Ansuchen des Connetable an den Hof zurückberufen. Es ist eine Perle der Schönheit mein Bruder, und Ihr wißt, daß ich mich darauf verstehe. Ihre Anmuth hat ihr alle Herzen erobert, und vor allen das väterliche Herz. Der König, der sie schon früher mit dem Herzogthum Chatellerault beschenkte, hat sie nun abermals mit dem Herzogthum Angoulême apanagirt. Noch befindet sie sich keine zwei Wochen hier, und schon ist ihr Einfluß auf den Geist des Königs eine anerkannte Thatsache. Ihr reizendes Wesen und ihre Anmuth sind ohne Zweifel die Ursachen dieser so lebhaften Zuneigung. Die Sache ist so weit gekommen, daß Frau von Valentinois, welche es, ich weiß nicht warum, für passend erachtet hatte, ihr eine andere Mutter officiell zu geben, mir zu dieser Stunde auf die sich erhebende Macht eifersüchtig zu sein scheint. Die Angelegenheit stünde also gut für den Connetable, wenn er in sein Haus diese mächtige Verbündete bringen könnte. Ihr wißt, unter uns gesagt, daß Diana von Poitiers diesem alten Unzüchter nicht viel zu verweigern hat, und wenn unser Bruder Aumale der Schwiegersohn ist, so steht Anne von Montmorency in noch viel näherer Verbindung mit ihr. Der König ist andererseits geneigt, das große Ansehen, das er uns in seinem Rathe und in dem Heere gewinnen sieht, auszugleichen. Diese verdammte Heirath hat also sehr viele Chancen des Vollzugs . . .«

»Eure Stimme zittert abermals, Gabriel,« unterbrach der Herzog, »ruht aus, und laßt mich selbst diesen Brief vollenden, der mich im höchsten Grade interessiert. Denn der Connetable würde in der That einen gefährlichen Vortheil vor uns erringen. Doch ich glaubte, sein großer Dummkopf Franz wäre an eine von Fiennes verheirathet. Gebt mir den Brief, Gabriel.«

»Wahrhaftig, ich befinde mich sehr wohl, gnädigster Herr,« erwiderte Gabriel, der etwas weiter gelesen hatte, »ich kann die paar Zeilen, welche noch übrig sind, wohl vollenden. »Diese verdammte Heirath hat also viele Chancen des Vollzugs, nur eine einzige ist für uns. Franz von Montmorency ist durch eine geheime Heirath an Fräulein von Fiennes gebunden, eine Ehescheidung ist vorläufig nothwendig; Doch es bedarf der Einwilligung des Papstes, und Franz ist nach Rom abgereist, um sie zu erlangen. Es liegt also Euch ob, mein lieber Bruder, ihm bei Seiner Heiligkeit zuvorzukommen und es durch unsere Freunde, die Caraffa, und Euren Einfluß dahin zu bringen, daß man sein Scheidungsgesuch verwirft, welches indessen, wie ich Euch im Voraus bemerken muß, durch einen Brief des Königs unterstützt wird. Doch die angegriffene Stellung ist so sehr Lebensfrage, daß Ihr alle Eure Kräfte aufbieten müßt, um sie zu vertheidigen, wie Ihr es mit Saint-Dizier und Metz gethan habt. Ich werde meinerseits und zu gleicher Zeit mit aller Energie zu Werke gehen, denn das muß sein. Und hiernach bitte ich Gott mein lieber Bruder, Euch ein gutes und langes Leben zu verleihen.



Paris, den 12. April 1557.

Euer gehorsamsten unterthänigster Diener

    G. Cardinal von Lothringen.«

»Gut! es ist noch nichts verloren,« sprach der Herzog von Guise, als Gabriel den Brief des Cardinals beendigt hatte, »und der Papst, der mir Soldaten verweigert, kann mir wenigstens eine Bulle zum Geschenk machen.«

»Ihr hofft also,« entgegnete Gabriel zitternd, »Ihr hofft, Seine Heiligkeit werde die Ehescheidung von Jeanne von Fiennes nicht zugeben, und sich der Heirath von Franz von Montmorency widersetzen?«

»Ja, ja, ich hoffe es; doch wie bewegt seid Ihr, mein Freund! Dieser gute Gabriel! mit welcher Leidenschaft geht er in unsere Interessen ein . . . Ich bin Euch auch ganz und gar zugethan, Gabriel, dessen könnt Ihr Euch versichert halten. Sprechen wir ein wenig von Euch . . . wie wäre es, da Ihr bei dieser Expedition, deren Ausgang ich nur zu gut vorhersehe, kaum, wie ich glaube, neue glänzende Thaten den ungeheuren Diensten beifügen könnt, für die Ich gegen Euch verpflichtet hin, wie wäre es, wenn ich anfinge meine Schuld nun ebenfalls an Euch abzutragen? Ich will auch nicht zu sehr zurückbleiben, mein Freund. Könnte ich Euch nicht in irgend einer Beziehung nützlich oder angenehm sein? Sprecht, sagt es offenherzig.«

»Oh! durchlauchtigster Herr, Ihr seid zu gnädig gegen mich,« versetzte Gabriel, »und ich sehe nicht . . .«

»Seit den fünf Jahren, die Ihr heldenmüthig unter den Meinigen kämpft, habt Ihr nicht einen Pfennig von mir angenommen. Ihr müßt Geld nöthig haben, was Teufels! Jedermann braucht Geld. Was ich Euch anbiete, ist weder ein Geschenk noch ein Anlehen, sondern eine Vergütung. Also keine leere Bedenklichkeiten, und obgleich es bei uns knapp zugeht . . .«

»Ja, ich weiß, gnädigster Herr, daß die kleinen Mittel zuweilen Euren großen Ideen fehlen, und ich brauche so wenig Geld, daß ich Euch einige tausend Thaler antragen wollte, welche der Armee sehr ersprießlich sein dürften, während sie mir sehr unnütz sind.«

»Ich nehme sie an, denn ich gestehe, sie kommen gelegen: doch man kann also gar nichts für Euch thun, junger Mann ohne Wünsche! Ah! halt!« fügte er, die Stimme dämpfend, bei, »dieser Schelm Thibault, Ihr wißt, mein Leibdiener hat vorgestern bei der Plünderung von Campli für mich die junge Frau des Anwalts der Stadt auf die Seite bringen lassen, es soll die Schönheit des Ortes sein, natürlich nach der Frau des Statthalters, der man nicht habhaft werden konnte. Doch ich habe, meiner Treue! andere Sorgen im Kopf, und meine Haare fangen an grau zu werden. Ohne Umstände, Gabriel, wollt Ihr meinen Antheil an der Beute? Blut Gottes! Ihr seid geschaffen, für einen Anwalt zu entschädigen! was sagt Ihr dazu?«

»Ich sage, gnädigster Herr, daß ich die Frau des Statthalters, welcher man sich nicht bemächtigen konnte, im Gemenge getroffen und weggeführt habe, aber nicht um meine Rechte zu mißbrauchen, wie Ihr denken könnt. Ich hatte im Gegentheil die Absicht, eine edle, reizende Dame der Gewaltthätigkeit der Soldaten zu entziehen. Seitdem habe ich jedoch gesehen, daß es der Schönen nicht widerstreben würde, sich auf die Seite der Sieger zu schlagen. und daß sie gern, wie der gallische Soldat rufen dürfte: Vae victis! Insofern ich aber leider weniger als je geneigt bin, das Echo zu bilden, so kann ich sie, wenn Ihr es wünscht, hierher zu einem Manne führen lassen, der ihre Reize und ihren Rang zu schätzen würdig ist.«

»Oh! oh!« rief der Herzog lachend, »das ist eine Strenge, welche beinahe nach den Hugenotten riecht. Solltet Ihr etwa eine Neigung für die Leute dieser Religion haben? Ah! nehmt Euch in Acht, mein Freund. Ich bin aus Ueberzeugung und, was noch schlimmer ist, aus Politik ein eifriger Katholik. Ich würde Euch ohne Barmherzigkeit verbrennen lassen. Doch Scherz bei Seite, warum des Teufels seid Ihr nicht ein wenig leichtfertig?«

»Vielleicht weil ich verliebt bin,« sagte Gabriel.

»Ah! ja, ich erinnere mich; ein Haß, eine Liebe. Nun wohl, kann ich Euch vielleicht dazu dienlich sein, daß Ihr Euren Feinden oder Eurer Freundin näher kommt? Solltet Ihr vielleicht Titel nöthig haben?«

»Ich danke, gnädigster Herr, das ist es auch nicht, was mir fehlt; ich habe Euch, als ich anfing, gesagt, daß ich nicht nach unbestimmten Ehrenstellen, sondern nach ein wenig persönlichem Ruhm trachte. Da Ihr nun glaubt, es sei nicht mehr viel hier zu machen und ich könne Euch kaum zu etwas nützlich sein, so wäre es eine große Freude für mich, wenn Ihr mich nach Paris schicken wolltet, um dem König für die Heirath Eurer königlichen Nichte die Fahnen zu überbringen, welche Ihr in der Lombardei und in den Abruzzen gewonnen habt. Mein Glück würde besonders den höchsten Grad erreichen, wenn Ihr durch einen Brief Seiner Majestät und dem Hof bezeugen wolltet, daß einige von diesen Fahnen von mir, und zwar nicht ohne Gefahr genommen worden sind.«

»Nun, das ist leicht, und mehr noch, es ist billig,« sprach der Herzog von Guise« »Ich bedaure es, daß ich mich von Euch trennen soll. Doch es wird nicht auf lange Zeit sein. Bricht der Krieg in Flandern aus, wie Alles zu beweisen scheint, so werden wir uns dort wiedersehen, nicht wahr, Gabriel? Euer Platz ist da, wo man sich schlägt, und deshalb wollt Ihr von hier weggehen, wo man sich, beim Leibe Christi! nur noch langweilt. Doch man wird sich in den Niederlanden anders belustigen, und es ist mein Wille, Gabriel, daß wir uns mit einander vergnügen.«

»Ich werde äußerst glücklich sein, Euch zu folgen, gnädigster Herr.«

»Wann wollt Ihr indessen abreisen, Gabriel, um dem König die Hochzeitsgeschenke zu überbringen, von denen Ihr gesprochen?«

»Ich glaube, es wäre das Beste, wenn ich sobald als möglich aufbrechen würde, da die Heirath am 21. Mai stattfinden wie Euch Monseigneur der Cardinal von Lothringen meldet.«

»Es ist wahr. Nun, so reist morgen, Gabriel, und Ihr werdet nicht zu viel Zeit haben. Ruht aus, mein Freund, ich schreibe mittlerweile den Brief, der Euch dem König empfehlen wird, und auch die Antwort an meinen Herrn Bruder, die Ihr zu übernehmen die Güte haben wollt: sagt ihm mündlich, ich hoffe, die fragliche Angelegenheit beim Papst zu einem guten Ende zu führen.«

»Vielleicht dürfte meine Gegenwart in Paris dazu beitragen, dieser Angelegenheit den von Euch gewünschten Ausgang zu geben,« sagte Gabriel, »und somit würde Euch meine Abwesenheit noch nützen.«

»Stets geheimnisvoll, Vicomte d’Ermès; doch bei Euch gewöhnt man sich daran. Gott befohlen also, und gute Nacht, für die letzte, die letzte, die Ihr bei mir zubringen werdet.«

»Ich werde morgen früh meine Briefe und Euern Segen holen, gnädigster Herr. Ah! ich lasse bei Euch meine Leute, die mir bei allen meinen Feldzügen gefolgt sind, Ihr habt nicht zu viele Arme hier. Ich bitte Euch nur um Erlaubniß, nebst zwei von ihnen meinen Stallmeister Martin-Guerre mitnehmen zu dürfen; er wird mir genügen, denn er ist mir ergeben und ein braver Soldat, der nur vor zwei Dingen Angst hat, vor seiner Frau und vor seinem Schatten.«

»Wie so?« fragte der Herzog lachend.

»Gnädigster Herr, Martin-Guerre hat sich auf seiner Reise nach Artigues bei Rieux geflüchtet, um seiner Frau Bertrande zu entgehen, die er anbetete, aber schlug. Schon vor Metz trat er in meinen Dienst: doch der Teufel oder seine Frau erscheint ihm, um ihn zu quälen oder um ihn zu bestrafen, von Zeit zu Zeit unter der Form seines Sosie. Ja, plötzlich sieht er an seiner Seite einen andern Martin-Guerre, sein lebendiges Ebenbild, ihm so ähnlich wie sein Widerschein im Spiegel, und das erschreckt ihn; doch außerdem spottet er der Kugeln und würde eine Redoute allein nehmen. Bei Renty und bei Valenza hat er mir zweimal das Leben gerettet.«

»Nehmt also diesen muthigen Feigling mit, Gabriel, drückt mir noch einmal die Hand, mein Freund, und morgen bei Tagesanbruch seid bereit; meine Briefe werden Eurer harren.«

Am andern Tag war Gabriel wirklich frühzeitig bereit, er hatte die Nacht mit Träumen und ohne zu schlafen hingebracht. Nachdem er die letzten Instruktionen eingeholt und vom Herzog von Guise Abschied genommen, reiste er am; 26. April um 6 Uhr Morgens mit Martin-Guerre und zweien von seinen Leuten nach Rom und von da nach Paris ab.




IV.

Die Geliebte eines Königs


Wir sind am 21. Mai in Paris im Louvre, in dem Zimmer der Frau Großseneschallin von Brézé, Herzogin von Valentinois, gemeinhin Diana von Poitiers genannt. Es hat neun Uhr im Glockenthurme des Schlosses geschlagen. Ganz weiß gekleidet, in einem äußerst zierlichen Negligé, neigt sich halb oder liegt halb Frau Diana auf einem mit schwarzem Sammet bedeckten Ruhebett, schon angekleidet und geschmückt mit einem prachtvollen Costume, sitzt Heinrich II. auf einem Stuhl an ihrer Seite.

Betrachten wir ein wenig die Ausschmückung und die Personen.

Das Zimmer von Diana von Poitiers erglänzte von allem Luxus, womit der schöne Sonnenaufgang der Kunst, den man die Renaissance nennt, das Gemach eines Königs schmücken konnte. Die Gemälde, mit dem Namen Primaticcio bezeichnet, stellten die verschiedenen Episoden einer Jagd vor, bei der Diana, die Jägerin, die Göttin der Wälder und Forsten, natürlich die Hauptheldin war. Die Medaillons und die vergoldeten und gefärbten Füllungen boten überall die vermischten Wappen von Franz I. und Heinrich II. So vermengten sich in dem Herzen der schönen Diana die Erinnerungen an den Vater und an den Sohn. Die Embleme waren nicht minder geschichtlich und bezeichnend, und an zwanzig Stellen machte sich der Halbmond von Diana–Phöbe zwischen dem Salamander des Siegers von Marignan und dem Bellerophon sichtbar, der eine Chimäre niederschlägt, ein Symbol, das Heinrich II. gewählt hatte, seitdem den Engländern Calais wieder abgenommen worden war. Dieser unbeständige Halbmond wechselte übrigens in tausend Formen und verschiedenartigen Zusammensetzungen, welche der Einbildungskraft der Decorateurs jener Zeit alle Ehre machten: hier überragte ihn die königliche Krone; dort bildeten ihm vier H, vier Lilien und vier Kronen eine glorreiche Umgebung; an einer andern Stelle war er dreifach, und dann wieder gestirnt. Die Wahlsprüche waren nicht minder zahlreich und meisten in lateinischer Sprache abgefaßt: Diana regum venatrix. War das eine Unverschämtheit oder eine Schmeichelei? Donec totum impleat orbem. Doppelte Uebersetztung: der Halbmond wird Vollmond werden; der Ruhm des Königs wird das Weltall stillen. Cum plena est, fit aemula solis; freie Uebersetzung: Schönheit und Königthum sind Schwestern. Und die reizenden Arabesken welche die Embleme und Wahlsprüche umrahmten, und die zierlichen Geräthschaften, welche sie wiederholten, dies Alles, wenn wir es beschreiben wollten, würde einmal die Herrlichkeiten der Jetztzeit zu sehr demüthigen, und dann müßte es durch die Beschreibung verlieren.

Werfen wir nun unsere Augen auf den König.

Die Geschichte lehrt uns, daß er groß, geschmeidig und stark war. Er mußte durch eine regelmäßige Diät und durch eine tägliche Uebung eine gewisse Neigung zur Beleibtheit bekämpfen, und dennoch that er es bei den Wettrennen den Behendesten und bei den Kämpfen und Turnieren den Kräftigsten zuvor. Er hatte schwarze Haare, schwarzen Bart und eine dunkelrothe Gesichtshaut, was ihm, wie die Memoiren sagen, ein noch belebteres Aussehen verlieh. Er trug an diesem Tag, wie immer, die Farben der Herzogin von Valentinois: einen Rock von grünem Atlaß mit weißen Schlitzen, besetzt mit goldenen Flittern und Stickereien; eine Toque mit weißer Feder, ganz funkelnd von Perlen und Diamanten; eine goldene Kette mit einer doppelten Reihe von Ringen, woran ein Medaillon von dem Orden des heiligen Michael hing; einen von Benvenuto ciselirten Degen, einen weißen venetianischen Spitzenkragen und einen mit goldenen Lilien besäten Sammetmantel, der anmuthig über seine Schultern herabhing. Diese Kleidung war von einem seltenen Reichthum und der Cavalier von ausgesuchter Zierlichkeit.

Wir haben mit zwei Worten gesagt, daß Diana ein einfaches weißes Morgengewand von seltsamer Durchsichtigkeit und Feinheit trug; ihre göttliche Schönheit zu schildern, wäre minder leicht; man vermöchte nicht zu sagen, ob das Kissen von schwarzem Sammet, worauf sie ihren Kopf stützte, oder das glänzend weiße Kleid, das sie umhüllte, mehr den Schnee und die Lilien ihres Teint hervorhoben. Und dann war es eine Vollendung zarter Formen, worüber selbst Jean Goujon[1 - Bildhauer und Baumeister unter Franz I. und Heinrich II., der französische Phidias genannt, wurde in der Bartholomäusnacht 1562 als Hugenott ermordet.] in Verzweiflung gerieth. Es gibt keine tadellosere antike Statue, und die Statue war lebendig, und sehr lebendig, wie man sagt. Was die über ihre reizenden Glieder verbreitete Anmuth betrifft, so darf man es nicht versuchen, darüber zu sprechen. Das läßt sich eben so wenig darstellen, als ein Sonnenstrahl. Ein Alter hatte sie nicht, sie war in diesem Punkte wie in so vielen andern den Unsterblichen ähnlich; nur erschienen die Frischesten und Jüngsten neben ihr alt und runzelig. Die Protestanten sprachen von Liebestränken und geheimen Mitteln, mit deren Hilfe sie stets sechzehnjährig bleibe. Die Katholiken sagten nur, sie nehme alle Tage ein kaltes Bad und wasche sich das Gesicht sogar im Winter mit Eiswasser. Man hat die Recepte von Diana aufbewahrt, doch wenn es wahr ist, daß die Diana mit dem Hirsch von Jean Goujon nach diesem königlichen Modell gebildet wurde, so hat man ihre Schönheit nicht wiedergefunden.

Sie war also würdig der Liebe zweier Könige, welche sie hinter einander blendete. Denn wenn die Geschichte der durch ihre schönen braunen Augen erlangten Begnadigung des Grafen von Saint-Vallier[2 - Diana von Poitiers soll durch einen Fußfall bei Franz I. die Begnadigung ihres Vaters, des Grafen von Saint-Vallier, erlangt haben, der zum Tode verurtheilt war, weil er die Flucht des Connetable von Bourbon begünstigt hatte. D. Uebers.] auch apokryphisch ist, so ist doch bewiesen, daß Diana die Geliebte von Franz war, ehe sie die von Heinrich wurde.

Man sagt, berichtet le Laboureur, als König Franz, der zuerst Diana von Poitiers geliebt hatte, ihr eines Tags nach dem Tode des Dauphin Franz, seines Sohnes, sein Mißvergnügen über den geringen Grad von Lebhaftigkeit, den er in dem Prinzen Heinrich sehe, ausdrückte, habe sie ihm geantwortet, der Prinz müsse sich verlieben, und sie wolle ihn zu ihrem Liebhaber machen.

Was die Frau will, will Gott, und Diana war zweiundzwanzig Jahre lang die Geliebte und zwar die einzige Geliebte von Heinrich.

Doch nachdem wir den König und die Favoritin angeschaut haben, ist es wohl Zeit, sie zu hören. Heinrich hielt ein Pergament in der Hand und las laut nachfolgende Verse, jedoch nicht ohne einige Unterbrechungen, die wir hier nicht wiederholen können:

		Lippe süß und rund,
		Kirschenrother Mund,
		Duftend wie die Rosen,
		Wenn sie Götter kosen,
		Lieblich, wie das Veilchen blüht,
		Feurig, wie die Sonne glüht,
		Strahlend wie auf grüner Au,
		Perlenglanz im Morgenthau;
		Küsse Mich, mein Herz, mein Leben,
		Göttertrank von Zauberreben,
		Holde Freundin, küsse mich.
		Liebesrausch durchtaumle Dich,
		Und die Seel’ entfessle sich,
		Lipp’ an Lippe wonniglich,
		Bis erstarrt ich niedersinke,
		Matten Auges Dir noch winke!
		Seligkeit, wie groß, wie groß!
		Erdenbande, reißet los,
		Wenn Dein Mündchen heiß durchglüht
		Himmelsfeuerfunken sprüht.
		Darum, schmucke Kriegerin,
		Meines Herzens Königin,
		Wandeln wollen wir fortan
		Treu vermählt der Jugend Bahn,
		Hingerissen fort und fort,
		Bis zum letzten Ruheport;
		Bis als Greise tief gebückt,
		Uns der Jahre Last erdrückt.
		Wenn auch Wogen uns umtosen,
		Jetzt erhöh’n, dann niederstoßen,
		Sollen Mund an Mund noch kosen,
		Bis der Arm vom Arme sinkt,
		Eine Welle, uns verschlingt.

»Und wie heißt der edle Dichter, der so gut ausspricht, was wir thun?« fragte Heinrich, als er geendet hatte.

»Er heißt Remy Belleau, Sire, und verspricht, wie ich glaube, ein Nebenbuhler von Ronsard zu werden. Nun,« fuhr die Herzogin fort, »schätzt Ihr, wie ich, zu fünfhundert Thalern diese verliebte Poesie?«

»Dein Schützling soll sie haben, meine schöne Diana.«

»Doch man darf deshalb die Alten nicht vergessen, Sire. Habt Ihr die Pension unterzeichnet, die ich in Eurem Namen Ronsard, dem Fürsten der Dichter, versprochen? Ja, nicht wahr? Ich habe also von Euch nur noch die erledigte Abtei Recouls für Euren Bibliothekar Mellin von Saint-Gelais, unsern französischen Ovid zu verlangen.«

Ovid soll Abt werden, mein edler Mäcen,« sagte der König.

»Ach! wie glücklich seid Ihr, Sire, daß Ihr nach Eurem Wohlgefallen über so viele Pfründen und Stellen verfügen könnt! Wenn ich Eure Macht nur eine Stunde lang hätte!«

»Hast Du sie nicht immer, Undankbare?«

»Wahrhaftig, mein König? Doch nun habe ich seit wenigstens zwei Minuten keinen Kuß mehr von Euch bekommen! . . . so ist es gut! . . . sagtet Ihr nicht, Eure Macht gehöre stets mir? Versucht mich nicht, Sire! ich sage Euch zum Voraus, ich würde sie benützen, um die große Schuld abzutragen, welche Philibert Delorme unter dem Vorwande, mein Schloß Anet sei beendigt, von mir fordert. Das wird die Ehre Eurer Regierung sein, Sire; doch, wie theuer das ist . . . einen Kuß, Heinrich.«

»Und für, diesen Kuß, Diana, nimm für Deinen Philibert Delorme die Summen, welche der Verkauf des Gouvernement der Picardie eintragen wird.«

»Sire, verkaufe ich meine Küsse? Ich schenke sie Dir, Heinrich . . . Das Gouvernement der Picardie ist, glaube ich, zweimal hundert tausend Livres Werth? Oh! gut, dann kann ich das Collier von Perlen nehmen, das man mir angeboten, und mit dem ich mich gar zu gern heute an dem Hochzeitsfeste Eures vielgeliebten Sohnes Franz geschmückt hätte. Hundert tausend Livres für Philibert, hundert tausend Livres für das Halsgeschmeide, das Gouvernement der Picardie wird drauf gehen.«

»Um so mehr, als Du so gerade um die Hälfte über seinem Werthe anschlägst, Diana.«

»Wie! ist es nur hundert tausend Livres werth? Nun! das ist ganz einfach, dann verzichte ich auf das Halsgeschmeide.«

»Bah!« versetzte der König lachend, »wir haben irgendwo drei oder vier erledigte Compagnien, welche das Collier bezahlen können.«

»Oh! Sire, Ihr seid der Großmüthigste der Könige, wie Ihr der Geliebteste der Liebenden seid.«

»Ja, Du liebst mich wahrhaftig, wie ich Dich liebe, nicht wahr, Diana?«

»Er fragt noch!«

»Siehst Du, ich bete Dich immer mehr an, denn Du bist immer schöner. Ah! welch ein süßes Lächeln hast Du, o Holde! Ah! wie ist Dein Blick so reizend! Laß mich, o laß mich zu Deinen Füßen. Lege Deine weißen Hände auf meine Schultern. Wie schön bist Du, Diana! Diana wie liebe ich Dich! Ich könnte Dich so Stunden, Jahre lang betrachten; ich würde darüber Frankreich, ich würde die Welt vergessen.«

»Und sogar die feierliche Hochzeit Seiner Hoheit des Dauphin,« sprach Diana lachend und sie findet doch heute in zwei Stunden statt. Und wenn Ihr schon bereit und herrlich seid, Sire, so bin ich noch gar nicht bereit. Geht, mein König, es ist glaube ich, Zeit, daß ich meine Frauen rufe. Sogleich wird es zehn Uhr schlagen.«

»Zehn Uhr!« versetzte Heinrich« »ich habe in der That ein Rendezvous für diese Stunde.«

»Ein Rendezvous, Sire? mit einer Frau vielleicht!«

»Mit einer Frau.«

»Und hübsch ohne Zweifel?«

»Ja, Diana, sehr hübsch.«

»Dann ist es nicht die Königin.«

»Boshafte! Catharina von Medicis hatte ihre Schönheit, eine strenge, kalte, aber eine wirkliche Schönheit. Doch ich erwarte nicht die Königin. Du erräthst nicht, wen?«

»In der That, nein, Sire.«

»Es ist eine andere Diana, es ist die lebendige Erinnerung an unsere junge Liebe, es ist unsere Tochter, unsere geliebte Tochter.«

»Ihr wiederholt es zu laut und zu oft, Sire,« entgegnete Diana, die Stirne faltend und mit verlegenem Tone. »Es war unter uns verabredet, daß Frau von Castro für die Tochter von einer Andern, als von mir, gelten sollte. Ich war geboren, um gesetzliche Kinder von Euch zu haben, ich bin Eure Geliebte gewesen, weil ich Euch liebte; doch ich werde es nicht dulden, daß Ihr mich öffentlich für Eure Concubine erklärt.«

»Es soll geschehen, wie Dein Stolz es wünscht, Diana,« sprach der König, »Du liebst jedoch unser Kind sehr, nicht wahr?«

»Ich liebe es, von Euch geliebt zu werden.«

»Oh! ja, Vielgeliebte . . . sie ist so reizend, so geistreich und so gut, und dann erinnert sie mich an meine Jugendjahre und an die Zeit, wo ich Dich liebte, Diana . . . oh! nicht tiefer, als heute, aber wo ich Dich . . . bis zum Verbrechen liebte.«

Der König versank plötzlich in eine düstere Träumerei, dann erhob er wieder das Haupt und sprach:

»Dieser Montgommery! nicht wahr, Ihr liebtet Ihn nicht, Diana?«

»Welche Frage!« entgegnete die Favoritin mit einem Lächeln der Verachtung, »nach zwanzig Jahren noch diese Eifersucht!«

»Ja, ich war eifersüchtig, ich bin es, ich werde es stets bei Dir sein, Diana. Du liebtest ihn nicht, doch er liebte Dich, der Elende, er wagte es, Dich zu lieben!«

»Mein Gott, Sire, Ihr habt stets den Verleumdungen, mit denen diese Protestanten mich verfolgen, zu viel Glauben geschenkt. Das geziemt sich nicht für einen katholischen König. Doch hätte mich dieser Mensch auch geliebt, was ist am Ende daran gelegen, wenn mein Herz nicht einen Augenblick aufgehört hat, Euch zu gehören? Und überdies ist der Graf von Montgommery seit langer Zeit todt.«

»Ja, todt!« sprach der König mit dumpfem Tone.

»Trüben wir nicht durch solche Erinnerungen einen Tag, der ein Festtag sein soll,« versetzte Diana. »Sprecht, habt Ihr Franz und Marie schon gesehen? Sind sie immer noch so verliebt, diese Kinder? Ihre große Ungeduld wird nun bald gestillt sein. Ja zwei Stunden gehören sie einander, sie werden sich sehr freudig, sehr glücklich fühlen; doch nicht so freudig, als die Guisen, deren Wünsche durch diese Verbindung erfüllt werden.«

»Ja, doch wer ist wüthend?« versetzte der König, »mein alter Montmorency; und der Connetable hat um so mehr Recht, wüthend zu sein, als unsere Diana, wie ich befürchte, seinem Sohne nicht zufallen wird.«

»Aber, Sire, verspracht Ihr ihm nicht diese Heirath als Entschädigung?«

»Sicherlich, doch es scheint, Frau von Castro hat einen Widerwillen . . .«

»Ein Kind von achtzehn Jahren, das kaum erst aus dem Kloster kommt! Welchen Widerwillen kann sie haben?«

»Um es mir anzuvertrauen, soll sie mich zu dieser Stunde in meinen Gemächern erwarten.«

»Geht zu ihr, Sire; ich will mich schön machen, um Euch zu gefallen.«

Und nach der Feierlichkeit sehe ich Euch wieder beim Carrousel; ich werde auch heute zu Eurer Ehre Lanzen brechen, und will Euch zur Königin des Turnieres machen.«

»Zur Königin, und die Andere?«

»Es gibt nur Eine, Diana, Du weißt es wohl. Auf Wiedersehen.«

»Auf Wiedersehen, Sire; vor Allem aber keine unkluge Verwegenheit bei diesem Tournier, Ihr macht mir zuweilen bange.«

»Es ist keine Gefahr dabei; ach! ich wollte es wäre Gefahr vorhanden, damit ich mehr Verdienst in Deinen Augen hätte. Doch die Stunde vergeht und meine zwei Dianen werden ungeduldig. Sage mir doch noch einmal, daß Du mich liebst.«

»Sire, wie ich Euch stets geliebt habe, wie ich Euch immer lieben werde.«

Ehe der König den Thürvorhang hinter sich fallen ließ, sandte er seiner Geliebten mit der Hand einen letzten Kuß zu und sprach:

»Gott befohlen! meine liebende, meine viel geliebte Diana.«

Und er entfernte sich.«

Da öffnete sich eine durch eine Tapete verborgene geheime Füllung in der entgegengesetzten Wand.

»Bei Gottes Tod! habt Ihr heute genug geschwatzt!« sprach mit barschem Tone der eintretende Connetable von Montmorency.

»Mein Freund« erwiderte Diana, welche aufgestanden war. »Ihr habt gesehen, daß ich vor zehn Uhr also vor der Stunde, zu der ich Euch zu mir beschieden, Alles gethan habe, um ihn wegzuschicken. Ich litt ebenso sehr als Ihr, das dürft Ihr mir glauben.«

»Eben so sehr als ich, nein, Gottes Ostern! bildet Ihr Euch etwa ein, Euer Gespräch sei erbaulich und belustigend gewesen? . . . Und was bedeutet denn vor Allem der wunderliche Einfall, daß meinem Sohne Franz die Hand Eurer Tochter Diana verweigert werden soll, nachdem sie ihm feierlich zugesagt war? Bei der Dornenkrone! sollte man nicht glauben, dieser Bastard erweise dem Hause Montmorency dadurch, daß er in dasselbe eintrete, große Ehre! Die Heirath muß stattfinden, hört Ihr Diana, Ihr werdet das einzurichten wissen. Es ist das einzige Mittel, durch welches ein wenig das Gleichgewicht zwischen uns und diesen Guise hergestellt wird, die der Teufel erdrosseln möge. Trotz dem König, dem Papst und der ganzen Welt, ist es mein Wille, daß dies geschehe, Diana . . .«

»Aber, mein Freund . . .«

»Ah!« rief der Connetable, »wenn ich Euch sage, daß ich es will, Pater noster! . . .«

»Es wird also geschehen, mein Freund,« sprach Diana hastig und erschrocken.«




V.

Das Gemach der Kinder von Frankreich


Als der König in seine Wohnung zurückkehrte, fand er seine Tochter nicht. Der Huissier vom Dienste meldete ihm, Frau Diana sei, nachdem sie lange Zeit gewartet, in die Wohnung der Kinder von Frankreich gegangen und habe gebeten, sie zu benachrichtigen, sobald Seine Majestät zurückgekehrt wäre.

»Es ist gut,« sprach Heinrich, »ich will sie selbst dort aufsuchen. Man lasse mich, ich will allein gehen.«

Er durchschritt einen großen Saal, dann einen langen Gang, öffnete sachte eine Thüre und blieb stehen, um hinter dem Vorhange durchzuschauen. Das Geschrei und das Gelächter der Kinder hatten das Geräusch seiner Schritte bedeckt und er konnte, ohne gesehen zu werden, das reizendste anmuthigste Gemälde betrachten.

Am Fenster stand Maria Stuart, die junge bezaubernde Braut, sie hatte um sich her Diana von Castro, Elisabeth und Margarethe von Frankreich, alle drei eifrig plaudernd und beschäftigt, eine Falte an ihrem Kleide zu tilgen, eine in Unordnung gebrachte Locke ihres Kopfputzes zurecht zu richten, und ihrer frischen Toilette jene letzte Vollendung zu geben, welche nur die Frauen allein zu eben wissen: am andern Ende des Zimmers drückten die Brüder Carl, Heinrich, und der jüngste, Franz, schreiend und in die Wette lachend, auf Leibeskräften an eine Thüre, welche vergebens der Dauphin Franz, der junge Bräutigam, dem die Schelme bis zur letzten Minute den Anblick seiner Frau verweigern wollten, aufzustoßen suchte.

Jacques Amyot, der Hofmeister der Prinzen, sprach in einer Ecke ernst mit Frau von Coni und Lady Lennor, den Gouvernanten der Prinzessin.

Es waren auch in dem Raume, der mit einem Blicke die ganze Geschichte der Zukunft umfassen läßt, viel Unglück, viele Leidenschaften, viel Ruhm vereinigt. Der Dauphin, der sich Franz II. nannte, Elisabeth, welche Philipp II. heirathete und Königin von Spanien wurde, Carl, der Carl IX. wurde, Heinrich, der Heinrich III. wurde, Margarethe von Valois, welche Königin und Frau von Heinrich IV. wurde, Franz, der Herzog von Alençon, von Anjou und von Brabant wurde, und Maria Stuart, welche zweimal Königin war und als Märtyrerin starb.

Der berühmte Uebersetzer des Plutarch verfolgte mit einem schwermüthigen und zugleich tiefen Auge die Spiele dieser Kinder und die zukünftigen Geschicke von Frankreich.

»Nein, nein, Franz darf nicht herein,« rief mit einer gewissen Heftigkeit der wilde Carl Maximilian, der später den Befehl zur Bartholomäusnacht gab.

Und unterstützt von seinen Brüdern, gelang es ihm, den Riegel vorzuschieben und dem armen Dauphin Franz den Eintritt völlig unmöglich zu machen; zu schwach, den Sieg auch nur über drei Kinder davon zu tragen, konnte dieser nichts thun, als stampfen und von außen flehen.

»Der liebe Franz! wie sie ihn plagen,« sagte Maria zu ihren Schwägerinnen.

»Haltet Euch doch ruhig, Frau Dauphine, daß ich wenigstens diese Nadel befestigen kann,« sprach lachend die kleine Margarethe, »was für eine schöne Erfindung ist es doch um die Nadeln, und wie sehr verdient der, welcher sie im vorigen Jahr ersonnen hat, ein großer Mann zu sein!« fügte sie bei.

»Und wenn die Nadel gesteckt ist,« sagte die zarte Elisabeth, »so will ich dem armen Franz trotz dieser bösen Geister öffnen, denn ich leide dadurch, daß ich ihn leiden sehe.«

»Ah! Du begreifst das, Elisabeth,« versetzte seufzend Maria Stuart, »und Du denkst an Deinen edlen Spanier Don Carlos, den Sohn des Königs von Spanien, der uns in Saint-Germain: so sehr gehuldigt und so sehr belustigt hat.«

»Sieh da!« rief boshafter Weise und in die Hände klatschend die kleine Margarethe, »Elisabeth erröthet . . . es ist nicht zu leugnen, er war muthig und schön, ihr Castilianer.«

»Stille doch!« vermittelte Diana von Castro, die älteste Schwester, »es ist nicht gut, Margarethe, wenn sich Schwestern unter einander so verspotten.«

Es konnte in der That nichts Reizenderes geben, als den Anblick dieser vier verschiedenartigen und so vollkommenen Schönheiten, dieser. Blüthenknospen! Diana ganz Reinheit und Sanftmuth; Elisabeth Ernst und Zärtlichkeit: Maria Stuart herausforderndes Schmachten; Margarethe funkelnde Unbesonnenheit. Bewegt und entzückt, konnte Heinrich seine Augen nicht von diesem reizenden Schauspiel abwenden.

Er mußte sich jedoch entschließen, einzutreten.

»Der König!« rief man einstimmig.

Alle erhoben sich und liefen auf den König und Vater zu, nur Maria Stuart blieb ein wenig zurück und zog sachte den Riegel, der Franz gefangen hielt. Der Dauphin trat rasch ein, und die junge Familie fand sich nun vollzählig.

»Guten Morgen, meine Kinder« sprach der König, »ich bin sehr zufrieden, Euch so in Gesundheit und Freude zu finden. Man hielt Dich also außen, Franz, mein armer Verliebter? Doch Du wirst nun Zeit haben, Deine niedliche Braut oft und immer zu sehen. Ihr liebt, Euch sehr, meine Kinder?«

»Oh ja, Sire, ich liebe Maria!«

Und der leidenschaftliche Jüngling drückte einen glühenden Kuß auf die Hand derjenigen, welche seine Frau werden sollte.

»Hoheit,« sprach rasch und ernst Lady Lennor, man küßt nicht so öffentlich die Hand von Damen, besonders nicht in Gegenwart Seiner Majestät. Was wird sie von Madame Maria und ihrer Gouvernante denken?«

»Gehört diese Hand nicht mir?« sagte der Dauphin.

»Noch nicht, Hoheit, und ich gedenke meine Pflicht bis zum Ende zu erfüllen,« sprach die Duegna.

»Sei ruhig,« flüsterte Maria ihrem Bräutigam zu, der schon schmollte, »sei ruhig, wenn sie es nicht sieht, gebe ich sie Dir wieder.«

Der König lachte unter seinem Bart.

»Ihr seid sehr streng, Mylady; doch Ihr habt Recht,« fügte er sich verbessernd bei. »Und Ihr, Messire Amyot, Ihr seid hoffentlich mit Euren Zöglingen nicht unzufrieden? Hört wohl auf Euren geehrten Hofmeister, meine Herren, er lebt in vertrautem Umgang mit den großen Helden des Alterthums. Messire Amyot, habt Ihr schon lange keine Nachricht mehr von Pierre Danoy, dem Lehrer von uns Beiden, und von Henri Etienne, unserem Mitschüler erhalten?«

»Dem Greise und dem jungen Manne geht es gut Sire, und sie werden stolz sein, daß Eure Majestät gnädigst eine Erinnerung für sie bewahrt hat.«

»Meine Kinder,« sprach der König, »ich wollte Euch vor der Ceremonie sehen und bin froh, daß ich Euch gesehen habe. Diana ich gehöre nun ganz Euch, folgt mir.«

Diana machte eine tiefe Verbeugung und schickte sich an, dem König zu folgen.




VI.

Diana von Castro


Diana von Castro, die wir als Kind gesehen, zählte, nun ungefähr achtzehn Jahre; ihre Schönheit hatte alle ihre Versprechungen gehalten und sich auf eine zugleich regelmäßige und reizende Weise entwickelt; der eigenthümliche Ausdruck ihres sanften und zarten Gesichtes war eine jungfräuliche Reinheit. Diana von Castro war dem Charakter und dem Geiste nach das Kind geblieben, das wir kennen. Sie war noch nicht dreizehn Jahre alt, als der Herzog von Castro, den sie seit ihrem Hochzeitstage nicht mehr gesehen, bei der Belagerung von Hesdin getödtet wurde. Der König schickte das verwitwete Kind, um das Trauerjahr daselbst zuzubringen, nach dem Kloster der Töchter Gottes in Paris, und Diana fand hier so theure Neigungen und so süße Gewohnheiten, daß sie ihren Vater um Erlaubniß bat, bei den guten Nonnen und ihren Gefährtinnen bleiben zu dürfen, bis es ihm gefiele, abermals über sie zu verfügen. Man konnte ein so frommes Vorhaben nur achten, und Heinrich hatte Diana erst vor einem Monat aus dem Kloster treten lassen, seitdem der Connetable von Montmorency, eifersüchtig auf das Ansehen, das die Guisen in der Regierung gewonnen, für seinen Sohn die Hand der Tochter des Königs und der Favoritin nachgesucht und erhalten hatte.

Während dieses Monats, den sie am Hofe zubrachte, wußte sich Diana die Ehrfurcht und die Bewunderung Aller zu erwerben: »Denn,« sagt Brantôme im Buch der berühmten Damen, »denn sie war sehr gut, und bereitete Niemand ein Mißvergnügen, sie hatte ein großes und erhabenes Herz und eine edle, weise, tugendhafte Seele.« Doch diese Tugend, die sich so rein und liebenswürdig mitten aus der allgemeinen Verdorbenheit der Zeit hervorhob, war durchaus nicht mit Strenge und Härte gemischt. Als eines Tags ein Mann vor Diana sagte, eine Tochter von Frankreich müsse muthig sein, und ihre Schüchternheit habe zu sehr den Geschmack einer Nonne, da lernte sie in wenigen Tagen reiten, und es gab bald keinen Cavalier, er ihr an Kühnheit und Zierlichkeit gleichkam. Sie begleitete von nun an den König auf die Jagd, und Heinrich ließ sich immer mehr von dieser Freundlichkeit einnehmen, welche ohne ein absichtliches Bestreben die geringste Gelegenheit suchte, um ihm zuvorzukommen und zu gefallen. Diana hatte auch das Vorrecht, zu jeder Stunde bei ihrem Vater einzutreten, und sie war stets willkommen. Ihre rührende Anmuth, ihr keusches Wesen, der Dunst der Jungfräulichkeit und Unschuld, den man um sie her einathmete, Alles bis auf ihr ein wenig trauriges Lächeln, machte aus ihr vielleicht die herrlichste und reizendste Erscheinung dieses Hofes, der doch aus so vielen blendenden Schönheiten bestand.

»Nun!« sagte Heinrich, »ich höre Euch, mein Liebling. Es schlägt eben elf Uhr. Die Hochzeitsceremonie in Saint-Germain l’Auxerrois findet erst um Mittag statt. Ich habe Euch also eine ganze halbe Stunde zu geben . . . warum bleibt mir nicht mehr? Die Augenblicke, die ich bei Euch zubringe, sind die guten meines Lebens.«

»Sire, wie nachsichtig und väterlich seid Ihr.«

»Nein, sondern, ich liebe Euch, mein zärtliches Kind, und möchte von Herzen gern etwas thun, was Euch gefiele, unter der Bedingung daß ich dadurch nicht den ernsten Interessen schaden würde, welche ein König immerhin vor jeder Zuneigung im Auge halten muß. Und hört, Diana, um Euch einen Beweis zu geben, will ich Euch vor Allem den Erfolg der zwei Gesuche nennen, die Ihr an mich gerichtet habt. Die gute Schwester Monica, die Euch so sehr geliebt und in Eurem Kloster der Töchter Gottes gelebt hat, ist auf Eure Empfehlung zur Aebtissin des Klosters Origny in Saint-Quentin ernannt worden.«

»Oh! wie dank ich Euch, Sire!«

»Was den braven Antoine, Euren Lieblingsdiener in Vimoutiers betrifft, so erhält er sein ganzes Leben lang eine Pension aus unserem Staatsschatz. Ich bedaure sehr, Diana, daß der gute Enguerrand nicht mehr lebt, wir hätten gern unsere Dankbarkeit diesem würdigen Stallmeister bewiesen, der unsere theure Tochter Diana so glücklich erzog. Doch Ihr habt ihn, glaube ich, im vorigen Jahr verloren und er hinterläßt nicht einmal einen Erben.«

»Sire, das ist wahrhaftig zu viel Großmuth und Güte.«

»Hier sind auch die Patente, welche Euch den Titel einer Herzogin von Angoulême verleihen, und, das ist noch nicht der vierte Theil von dem, was ich für Euch zu thun wünschte. Denn ich sehe Euch zuweilen träumerisch und traurig, nun ich beeilte mich deshalb, mit Euch zu sprechen, von dem Verlangen beseelt, Euch zu trösten oder Eure Leiden zu heilen. Redet, mein Kind, seid Ihr denn nicht, glücklich?«

»Ah! Sire,« erwiderte Diana, »warum sollte ich es nicht sein, umgeben von Eurer Liebe und Euren Wohlthaten? Ich verlange nur Eines: daß die so freudenvolle Gegenwart sich fortsetze. Die Zukunft, so schön und glorreich sie auch sein dürfte, vermöchte nie dafür zu entschädigen.«

»Diana,« sprach Heinrich mit ernstem Tone, »Ihr wißt, daß ich Euch vom Kloster zurückberufen habe, um Euch Franz von Montmorency zu geben. Es ist eine große Partie, Diana, und dennoch scheint Euch diese Heirath, die, ich verberge es Euch nicht, auf eine ersprießliche Weise die Interessen meiner Krone unterstützt hätte, zu widerstreben. Ihr seid mir wenigstens die Gründe dieser Weigerung schuldig, die mich betrübt, Diana.«

»Ich werde sie Euch auch nicht verbergen, mein Vater. Vor Allem,« sagte Diana mit einer gewissen Verlegenheit, »vor Allem hat man mich versichert, Franz von Montmorency wäre schon heimlich mit Fräulein von Fiennes, einer der Damen der Königin, verheirathet.«

»Es ist wahr,« versetzte der König, »doch diese ohne die Einwilligung des Connetable und ohne die meinige heimlich geschlossene Ehe ist null und nichtig, und wenn der Papst die Scheidung ausspricht, so dürft Ihr Euch nicht anspruchsvoller zeigen, als Seine Heiligkeit! Ist dies Euer Grund . . .?«

»Ich habe noch einer andern, mein Vater.«

»Welchen? laßt hören; wie kann eine Verbindung, welche die edelsten und reichsten Erbinnen von Frankreich ehren würde, Euch zum Unglück gereichen?«

»Nun wohl! mein Vater, weil . . . weil ich Einen liebe,« sagte Diana, indem sie sich weinend und ganz verwirrt in die Arme des Königs warf.

»Ihr liebt, Diana?« versetzte Heinrich erstaunt, »und wie heißt derjenige, welchen Ihr liebt?«

»Gabriel, Sire!«

»Gabriel von was?« fragte der König lächelnd.

»Ich weiß es nicht mein Vater.«

»Wie dies, Diana? In des Himmels Namen erklärt Euch.«

»Sire, ich will Euch Alles sagen. Es ist eine Liebe aus der Kindheit. Ich sah Gabriel alle Tage. Er war so gefällig, so brav, so schön, so gelehrt, so zärtlich; er nannte mich seine kleine Frau. Ah! Sire, lacht nicht, es war eine ernste, fromme Zuneigung, die erste, die sich in mein Herz eingegraben hat; andere mögen hinzukommen, doch keine wird sie vertilgen. Und dennoch habe ich mich an den Herzog Farnese verheirathen lassen, Sire, doch ich wußte nicht, was ich that, man zwang mich, und ich gehorchte wie ein kleines Mädchen. Seitdem habe ich gesehen, habe ich gelebt, ich habe begriffen, welches Verrates ich mich gegen Gabriel schuldig gemacht! Armer Gabriel! als er mich verließ, weinte er nicht; doch welch ein Schmerz in seinem tiefen Blick! Alles dies kehrte mit den goldenen Erinnerungen meiner Kindheit während der einsamen Jahre, die ich im Kloster zubrachte zu mir zurück. So habe ich zweimal die in der Nähe von Gabriel verlaufenen Tage durchlebt: in der That und im Geist, in der Wirklichkeit und im Traum. Und hierher, an den Hof, zurückgekehrt, Sire, unter diesen vollendeten Edelleuten, welche gleichsam eine zweite Krone für Euch bilden, habe ich nicht Einen gesehen, der mit Gabriel in die Schranken zu treten vermöchte, und Franz, der unterwürfige Sohn des hochmüthigen Connetable, wird mich nie den sanften und stolzen Gefährten meiner Kindheit vergessen lassen. Nun, da ich meine Handlungen und ihr Gewicht begreife, mein Vater, werde ich auch, so lange Ihr mir die Freiheit gönnt, Gabriel treu bleiben.«

»Hast Du ihn denn, seitdem Du Vimoutiers verlassen, wiedergesehen, Diana?«

»Ach! nein, mein Vater.«

»Doch Du hast wenigstens Nachricht von ihm?«

»Eben so wenig. Ich habe nur durch Enguerrand erfahren, daß er nach meiner Abreise jene Gegend verlassen; zu Aloyse, seiner Amme, hatte er gesagt, sie würde ihn nur ruhmgekrönt und gefürchtet wiedersehen, und sie brauchte nicht um ihn besorgt sein. Hiernach schied er, Sire.«

»Ohne daß seine Familie seitdem von ihm sprechen hörte?« fragte der König.

»Seine Familie?« wiederholte Diana. »Ich kannte keine andere Familie von ihm, als Aloyse, mein Vater, und nie habe ich seine Verwandten gesehen, wenn ich ihn mit Enguerrand in Montgommery besuchte.«

»Ein Montgommery!« rief Heinrich erbleichend.

»Diana! Diana! es ist hoffentlich kein Montgommery! sage mir geschwinde, daß es kein Montgommery ist.«

»Oh! nein, Sire; sonst müßte er, wie mir scheint, das Schloß bewohnt haben, und er wohnte im Hause von Aloyse, seiner Amme. Doch was haben Euch die Grafen von Montgommery gethan, daß Ihr dergestalt in Bewegung gerathet, Sire? Sollten Sie Eure Feinde sein? Man spricht im Lande nur mit Ehrfurcht von ihnen.«

»Ah! wahrhaftig,« sagte der König mit einem Lachen der Verachtung, »sie haben mir nichts gethan, gar nichts, Diana! was soll auch ein Montgommery einem Valois thun? Kehren wir zu Deinem Gabriel zurück . . .; nicht wahr, Gabriel nanntest Du ihn?«

»Ja.«

»Und er hatte keinen andern Namen?«

»Nicht daß ich wüßte, Sire; er war eine Waise, wie ich, und nie hat man in meiner Gegenwart von seinem Vater gesprochen.«

»Und Ihr habt keine andere Einwendung gegen die zwischen Euch und Montmorency beabsichtigte Verbindung zu machen, als Eure alte Zuneigung für diesen jungen Menschen? keine andere, nicht wahr?«

»Dies genügt für die Religion meines Herzens, Sire.«

»Sehr gut, Diana, und ich würde es vielleicht nicht versuchen, Eure Bedenklichkeiten zu besiegen, wenn Euer Freund hier wäre, damit man ihn kennen lerne und würdigen könnte, und obwohl er, wie ich vermuthe zweifelhaften Ursprungs ist . . .«

»Ist nicht auch ein Balken in meinem Wappenschild, Eure Majestät?«

»Ihr habt wenigstens ein Wappenschild Madame, und die Montmorency wie die Castro schätzen es sich zur Ehre, in ihre Häuser eine legitimierte Tochter des meinigen einzuführen, dessen wollt Euch erinnern. Euer Gabriel im Gegentheil . . . Doch hiervon ist nicht die Rede. Was mich besorgt macht, ist der Umstand, daß er seit sechs Jahren nicht wieder erschienen ist, daß er Euch vergessen hat, daß er vielleicht eine Andere liebt.«

»Sire, Ihr kennt Gabriel nicht, er ist ein wildes und treues Herz, das in der Liebe für mich erlöschen wird.«

»Gut, Diana. Bei Euch ist die Untreue allerdings nicht wahrscheinlich, und Ihr habt Recht, sie zu leugnen. Doch Alles führt Euch zum Glauben, daß dieser junge Mann in den Krieg gezogen. Ist es nun nicht wahrscheinlich, daß er umgekommen? Ich betrübe Dich, mein Kind, Deine Stirne ist erbleicht, und Deine Augen haben sich mit Thränen befeuchtet. Ja, ich sehe es, es ist in Dir ein tiefes Gefühl, und obgleich ich kaum Gelegenheit gehabt habe, ein ähnliches zu treffen, obgleich man mich daran gewöhnt hat, an allen diesen großen Leidenschaften zu zweifeln, lächle ich doch nicht über die Deinige, und will sie ehren. Doch bedenke, meine Holde, in welche Verlegenheit ich wegen einer Kinderliebe, wegen eines Gegenstandes, der nicht mehr vorhanden ist, wegen einer Erinnerung, wegen eines Schattens, durch Deine Weigerung gerathen werde. Nehme ich beleidigender Weise mein Wort zurück, so wird sich der Connetable mit Recht ärgern, meine Tochter, und sich vielleicht aus dem Dienst zurückziehen; und dann bin ich nicht mehr König, der Herzog von Guise ist es . . . Schau’, Diana, von sechs Brüdern dieses Namens hat der Herzog von Guise unter seiner Hand alle militärische Kräfte von Frankreich, der Cardinal alle Finanzen, ein dritter meine Galeeren in Marseille, ein vierter befehligt in Schottland, und ein fünfter wird Brissac in Piemont ersetzen; so daß ich, der König, in meinem ganzen Reiche weder über einen Soldaten, noch über einen Thaler ohne ihre Einwilligung verfügen kann. Ich spreche sanft mit Dir, Diana, und erkläre Dir die Dinge; ich bitte, während ich befehlen könnte. Doch ich will lieber Dich selbst zum Richter machen, und nicht der König, sondern der Vater soll es von seiner Tochter erhalten, daß sie seinen Plänen beitritt. Ich werde dies verlangen, denn Du bist gut und ergeben. Diese Heirath rettet mich, mein Kind, sie verleiht den Montmorency die Gewalt, die sie den Guisen entzieht. Sie macht die zwei Schalen der Wage gleich, deren Balken meine königliche Macht ist, Guise wird minder stolz, und Montmorency mehr ergeben sein. Nun? Du antwortest nicht, mein Kind; wirst Du taub bleiben für die Bitten Deines Vaters, der Dir keine Gewalt anthut, der Dir nicht mit Ungestüm begegnet, der im Gegentheil in Deine Gedanken eingeht, und Dich nur ansieht, ihm den ersten Dienst nicht zu verweigern, mit dem Du ihm bezahlen kannst, was er für Dich gethan hat und noch für Deine Ehre und Dein Glück thun will. Nun! Diana, meine Tochter, willigst Du ein, sprich?«

»Sire,« erwiderte Diana, »Ihr seid tausendmal mächtiger, wenn Eure Stimme fleht, als wenn sie befiehlt. Ich bin bereit, mich Euren Interessen zu opfern, doch unter einer Bedingung, Sire.«

»Nenne sie, verwöhntes Kind.«

»Diese Heirath darf erst in drei Monaten stattfinden, und bis dahin werde ich Aloyse um Nachricht von Gabriel bitten lassen, und überdies alle mögliche Erkundigungen einziehen, damit ich, wenn er nicht mehr ist, es weiß, und daß ich, wenn er lebt, wenigstens mein Versprechen von ihm zurückverlangen kann.«

»Von ganzem Herzen bewilligt,« sagte Heinrich voll Freude, »und ich füge sogar bei, daß man nicht mit mehr Vernunft bei einer Kinderei zu Werke gehen kann . . . Du lässest also nach Deinem Gabriel forschen, und ich werde Dich im Falle der Noth unterstützen, und in drei Monaten heirathest Du Franz, was auch der Erfolg unserer Erkundigungen ist, mag Dein junger Freund leben oder todt sein.«

»Und nun weiß ich nicht, ob ich mehr seinen Tod oder sein Leben wünschen soll,« sprach Diana, schmerzlich den Kopf schüttelnd.

Der König öffnete den Mund und wollte eine wenig väterliche Theorie und einen ziemlich gewagten Trost aussprechen; doch er hatte nur dem unschuldsvollen Blick und dem reinen Profil von Diana zu begegnen, um zu rechter Zeit inne zu halten, und sein Gedanke verrieth sich nur durch ein Lächeln.

»Zum Glück oder zum Unglück wird sie der Umgang mit dem Hof bilden,« sagte er zu sich.

Dann sprach er laut:

»Es ist die Stunde, sich in die Kirche zu begeben, Diana, nehmt meine Hand bis zur großen Gallerie, Madame, und dann werde ich Euch beim Ringelrennen und bei den Spielen des Nachmittags wiedersehen, und wenn Ihr mir nicht zu sehr grollt wegen meiner Tyrannei, so werdet Ihr Euch wohl herbeilassen, mir Beifall zu zollen bei meinen Lanzenstößen und Angriffen mit dem Schwert, mein hübscher Richter.«




VII.

Die Pater noster des Herrn Connetable


An demselben Tage, während die Ringelrennen und Feste in den Tournelles gehalten wurden, befragte der Connetable von Montmorency im Louvre, im Cabinet von Diana von Poitiers, einen von seinen geheimen Vertrauten.

Der Spion war von mittlerem Wuchse und braunem Gesicht. Er hatte schwarze Augen und Haare, eine Adlernase, ein gabelförmiges Kinn, eine hervorspringende Unterlippe und einen leicht gekrümmten Rücken. Er glich auf das Auffallendste Martin-Guerre, dem treuen Stallmeister von Gabriel. Wer sie getrennt gesehen hätte, würde den Einen für den Andern gehalten haben. Wer sie mit einander gesehen hatte, würde geschworen haben, es wären Zwillingsbrüder, so groß und scharf war die Übereinstimmung in allen ihren Theilen. Es waren dieselben Züge, dasselbe Alter, dieselbe Haltung und Bewegung.

»Und was habt Ihr mit dem Eilboten gemacht, Meister Arnauld?« fragte der Connetable.

»Gnädigster Herr, ich habe ihn umgebracht. Es mußte sein. Doch es geschah in der Nacht, im Walde von Fontainebleau. Man wird den Mord auf Rechnung der Räuber setzen. Ich bin klug.«

»Gleichviel Meister Arnauld, die Sache ist ernst, und ich tadle Euch, daß Ihr so rasch mit dem Messer spielt.«

»Ich weiche vor keinem äußersten Mittel zurück, wenn es sich in den Dienst von Monseigneur handelt.«

»Ja; noch einmal für allemal, Meister Arnault, bedenkt, daß, wenn Ihr Euch fangen laßt, ich Euch hängen lasse,« sprach mit trockenem und ein wenig verächtlichem Tone der Connetable.

»Seid unbesorgt, Monseigneur, man ist ein Mann der Vorsicht.«

»Laßt nun den Brief sehen.«

»Hier ist er Monseigneur.«

»Nun, so öffnet ihn, ohne das Siegel zu verlegen, und leset. Bei Gottes Tod! bildet Ihr Euch ein, ich könne lesen?«

Meister Arnauld du Thill nahm aus seiner Tasche eine Art von schneidendem Meißel, schnitt sorgfältig das Siegel heraus und öffnete den Brief. Er schaute zuerst nach der Unterschrift.

»Monseigneur sieht, daß ich mich nicht täuschte. Der an den Cardinal von Guise gerichtete Brief ist vom Cardinal Caraffa, wie der elende Eilbote mir alberner Weise zugestanden hat.«

»Bei der Dornenkrone! lies doch,« rief Anne von Montmorency.

Meister Arnauld las:

»Monseigneur und theurer Verbündeter, nur drei Worte von Belang. Erstens wird der Papst, Eurer Bitte gemäß, die Angelegenheit der Ehescheidung in die Länge ziehen und von Congregation zu Congregation Franz von Montmorency schicken, der gestern in Rom bei uns angekommen ist, um ihm endlich die Dispense, welche er nachsucht, zu verweigern.«

»Pater noster,« murmelte der Connetable. »Satan verbrenne alle diese Rothröcke.«

»Zweitens,« fuhr Arnauld im Lesen fort, »zweitens hält Herr von Guise, Euer erhabener Bruder, nachdem Campli genommen, Civitella im Schach. Doch damit wir uns hier entschließen, ihm, seinem Begehren gemäß Mannschaft und Mundvorräthe zu schicken, was im Ganzen ein großes Opfer für uns ist, möchten wir gern versichert sein, daß Ihr ihn nicht für den Krieg in Flandern zurückrufen werdet, wie hier die Sage gebt. Richtet es so ein, daß er uns bleibt, und Seine Heiligkeit wird sich zu einer großen Bewilligung von Indulgenzen entscheiden, obgleich die Zeiten hart sind, um Herrn Franz von Guise auf eine wirksame Weise den Herzog von Alba und seinen anmaßenden Herrn bestrafen zu helfen.«

»Adveniat regnum tuum!« brummte Montmorency. »Dafür werden wir Rath schaffen, Blutkopf! wir werden sorgen, und müßten wir die Engländer nach Frankreich rufen. Fahrt also fort, bei der heiligen Messe!«

»Drittens,« las der Spion weiter, »um Euch zu ermuthigen und Euch in Euren Bemühungen zu unterstützen, Monseigneur, melde ich Euch die nahe bevorstehende Ankunft in Paris eines Abgesandten Eures Bruders, des Vicomte d’Ermès, der Heinrich die in dem italienischen Feldzuge eroberten Fahnen überbringt. Er reist ab, und wird ohne Zweifel zu gleicher Zeit mit meinem Brief ankommen, den ich jedoch unserem gewöhnlichen Eilboten anzuvertrauen vorgezogen habe; seine Gegenwart und die glorreiche Beute, die er dem König überbringt, werden sicherlich sehr ersprießlich zur Leitung Eurer Negociationen in der nothwendigen Richtung sein.«

»Fiat voluntas tua!« rief der Connetable wüthend. »Wir werden ihn empfangen, diesen Höllengesandten! ich empfehle ihn Dir, Arnauld. Ist der Brief zu Ende?«

»Ja, es folgen nur noch die Artigkeiten und die Unterschrift.«

»Er ist gut, Du siehst, daß Du Geschäfte bekommst, Meister.«

»Ich verlange nur dieses, Monseigneur, ein wenig Geld, um meine Geschäfte zu einem guten Ziele zu führen.«

»Bursche! hier sind hundert Dukaten. Man muß bei Dir immer Geld in der Hand haben.«

»Ich gebe so viel für den Dienst des gnädigsten Herrn aus.«

»Deine Laster kosten Dich mehr als mein Dienst, Hallunke.«

»O wie sehr täuscht sich der gnädigste Herr über mich. Es wäre mein einziger Traum, ruhig und glücklich und reich in irgend einer Provinz, umgeben von meiner Frau und meinen Kindern, zu leben und hier im Frieden als ein ehrlicher Familienvater meine Tage hinzubringen.«

»Das klingt in der That ganz tugendhaft und ländlich. Nun, so bessere Dich, lege einige Dublonen bei Seite, heirathe, und Du kannst Deine Pläne häuslichen Glückes verwirklichen. Was hindert Dich daran?«

»Ah! gnädigster Herr, das Ungestüm; welche Frau würde mich wollen?«

»In Erwartung Deiner Hochzeitsfeier, Meister Arnauld, versiegle wieder auf das Pünktlichste diesen Brief und trage ihn zu dem Cardinal; Du wirst Dich verkleiden, hörst Dir wohl, und dort sagen, Du seist von Deinem sterbenden Kameraden beauftragt worden.«

»Der gnädigste Herr kann sich auf mich verlassen. Der wiedergeschlossene Brief und der ersetzte Eilbote werden wahrscheinlicher sein, als die Wahrheit selbst.«

»Ah! Gottes Tod!« rief Montmorency, »wir haben vergessen, den Namen des von Guise angekündigten Gesandten aufzufassen. Wie heißt er doch?«

»Der Vicomte d’Ermès, Monseigneur.«

»Ja, so ist es, Schurke. Nun, so behalte diesen Namen, He da! wer kommt, wer stört mich wieder?«

»Der gnädigste Herr wolle mir verzeihen,« sprach eintretend der Fourrier des Connetable. »Ein so eben aus Italien ankommender Edelmann wünscht den König im Auftrag des Herzogs von Guise zu sehen, und ich glaubte Euch um so mehr davon in Kenntniß setzen zu müssen, als er durchaus den Cardinal Von Lothringen sprechen wollte. Er nennt sich Vicomte d’Ermès.«

»Damit hast Du wohl gethan, Guillaume,« sprach der Connetable. »Laß den Herrn eintreten. Und Du, Meister Arnauld, stelle Dich hinter diesen Thürvorhang und versäume die Gelegenheit nicht, denjenigen anzuschauen, mit welchem Du ohne Zweifel zu thun haben wirst; Deinetwegen empfange ich ihn, aufgepaßt!«

»Mir däucht, gnädigster Herr,« erwiderte Arnauld, »ich habe ihn schon auf meinen Reisen getroffen. Gleichviel! es ist gut, sich Sicherheit zu verschaffen.«

Der Spion schlüpfte hinter den Vorhang. Guillaume führte Gabriel ein.

»Verzeiht,« sagte der junge Mann sich vor dem Greise verbeugend, »mit wem habe ich zu sprechen die Ehre?«

»Ich bin der Connetable von Montmorency, mein Herr, was wünscht Ihr?«

»Ich bitte noch einmal um Verzeihung,« versetzte Gabriel, »was ich zu sagen habe, muß ich dem König sagen.«

»Ihr wißt, daß Seine Majestät nicht im Louvre ist, und in seiner Abwesenheit . . .«

»Ich werde mich zu seiner Majestät begeben, oder sie erwarten,« unterbrach ihn Gabriel.

»Seine Majestät ist bei den Festen der Tournelles und wird nicht vor Abend hierher zurückkommen; ist es Euch unbekannt, daß man heute die Hochzeit Seiner Hoheit des Herrn Dauphin feiert?«

»Nein, gnädigster Herr, ich habe es unter Weges erfahren. Doch ich bin durch die Rue de l’Université und über den Pont au Change gekommen, und nicht durch die Rue Saint-Antoine.«

»Ihr hättet der Richtung der Menge folgen sollen. Sie hätte Euch zum König geführt.«

»Ich habe nicht die Ehre, von Seiner Majestät gesehen worden zu sein, bin ganz fremd am Hofe und hoffte im Louvre Monseigneur den Cardinal von Lothringen zu finden. Ich fragte auch nach Seiner Eminenz und weiß nicht, warum man mich zu Euch geführt hat.«

»Herr von Lothringen,« sprach der Connetable, »liebt die Scheinkämpfe, da er ein Mann der Kirche ist. Doch ich bin ein Mann des Schwertes, und liebe nur die wirklichen Kämpfe, und deshalb bin ich im Louvre, während sich Herr von Lothringen in den Tournelles befindet.«

»Ich werde mir die Freiheit nehmen, ihn dort aufzusuchen, gnädigster Herr.«

»Mein Gott! ruht ein wenig aus, mein Herr, Ihr scheint von fern herzukommen, von Italien, ohne Zweifel, da ihr durch die Rue de l’Université eingeritten seid.«

»In der That, von Italien. Ich habe keinen Grund, es zu verbergen.«

»Ihr kommt vielleicht im Auftrag des Herzogs von Guise. Nun, was macht er dort?«

»Erlaubt mir, es zuerst Seiner Majestät mitzutheilen und Euch zu verlassen, um diese Pflicht zu erfüllen.«

»Geht, mein Herr, da Ihr so sehr Eile habt. Ohne Zweifel,« fügte er mit einer geheuchelten Vertraulichkeit bei, »ohne Zweifel seid Ihr ungeduldig, irgend eine von unsern schönen Damen wiederzusehen. Ich wette, Ihr habt zugleich Eile und Furcht. He! nicht wahr, es ist so, sprecht, junger Mann.«

Doch Gabriel nahm seine kalte, ernste Miene an, antwortete nur mit einer tiefen Verbeugung und entfernte sich.

»Pater noster, qui es in coelis!« knurrte der Connetable, als sich die Thüre hinter Gabriel geschlossen hatte. »Bildet sich dieser verfluchte Jungfernknecht ein, ich wolle ihm entgegenkommen, ihn gewinnen, wer weiß? ihn bestechen vielleicht! Weiß ich nicht eben so gut als er, was er dem König sagen wird? Gleichviel, wenn ich ihn wiederfinde, so soll er mir seine kecke Miene und sein freches Mißtrauen theuer bezahlen. Holla! Meister Arnauld. Nun? was? wo ist der Bursche? auch entflohen? beim Kreuz! alle Leute haben sich das Wort gegeben, heute albern zu sein; Satan verwirre sie . . . Pater noster!«

Während der Connetable seiner schlimmen Laune in Schmähungen und Pater-nostern, seiner Gewohnheit gemäß, Luft machte, sah Gabriel, als er, um aus dem Louvre wegzugehen, durch eine ziemlich dunkle Gallerie schritt, zu seinem großen Erstaunen an der Thüre seinen Stallmeister Martin-Guerre, dem er im Hof zu warten befohlen hatte.

»Ihr seid es, Meister Martin,« sagte er, »Ihr seid mir also entgegengekommen? Nun gut! eilt mit Jerôme voran und erwartet mich mit den Wohleingewickelten Fahnen an der Ecke der Rue Sainte-Catherine, in der Rue Saint Antoine. Monseigneur der Cardinal will vielleicht, daß wir sie dem König auf der Stelle und vor dem versammelten Hofe im Carrousel überreichen. Christoph wird mein Pferd halten und mich begleiten. Geht! Ihr habt mich begriffen?«

»Ja, gnädigster Herr, ich weiß was ich wissen wollte,« antwortete Martin-Guerre.

Und er stieg die Treppe hinab und ging Gabriel mit einer Schnelligkeit voran, welche als ein gutes Vorzeichen für die Vollziehung seines Auftrags erscheinen mußte. Gabriel, der langsamer und gleichsam träumend aus dem Louvre wegging, war sehr erstaunt, als er im Hof seinen Stallmeister abermals traf, doch diesmal ganz bleich und erschrocken.

»Nun! Martin, was gibt es denn, was habt Ihr?« fragte er.

»Ah! gnädiger Herr, ich habe ihn gesehen, er ist so eben an mir vorübergegangen, er hat mit mir gesprochen.«

»Wer denn?«

»Wer? wenn es nicht Satan ist, das Gespenst, die Erscheinung, das Ungeheuer, der andere Martin-Guerre.«

»Abermals diese Tollheit, Martin! Ihr träumt also wachend?«

»Nein, nein, ich habe nicht geträumt. Er hat mit mir gesprochen, sage ich Euch, gnädiger Herr, er ist vor mir stehen geblieben, hat mich mit seinem Zauberblick versteinert und auf eine höllische Art lachend, sagte er zu mir: »Nun! wir sind also immer noch im Dienste des Vicomte d’Ermès?« bemerkt diese Mehrzahl, wir sind, gnädiger Herr, »und wir bringen von Italien die im Feldzug von Herrn von Guise eroberten Fahnen?« Ich antwortete ja mit dem Kopf wider meinen Willen, denn er behexte mich: woher weiß er dies Alles, gnädiger Herr? Dann fuhr er fort: »Fürchten wir uns nicht, sind wir nicht Freunde und Brüder?« Und als er sodann das Geräusch Eurer Tritte hörte, gnädiger Herr, rief er mit seiner teuflischen Ironie, die mir die Haare auf dem Kopfe sich sträuben machte: »Wir werden uns wiedersehen, Martin-Guerre.« Und er verschwand durch die kleine Thüre vielleicht oder vielmehr in der Mauer.«

»Du bist ein Narr,« versetzte Gabriel, »wie hätte er die materielle Zeit gehabt, Alles. dies Dir zu sagen und zu thun, seitdem Du mich oben in der Gallerie verlassen hast.«

»Ich, gnädiger Herr, habe mich nicht von der Stelle gerührt, wo Ihr mir Euch zu erwarten befahlet.«

»Ah! das wäre etwas Anderes, und wenn ich nicht mit Euch gesprochen habe, mit wem habe ich also eben gesprochen?«

»Sicherlich mit dem Andern, gnädiger Herr, mit dem Doppelgänger, mit meinem Gespenst.«

»Mein armer Martin,« versetzte Gabriel mitleidig, »bist Du krank? Du mußt Kopfweh haben. Wir sind vielleicht zu lange in der Sonne marschiert.«

»Ja,« sprach Martin-Guerre, »Ihr denkt aber abermals, ich habe das Delirium, nicht wahr? Doch gnädiger Herr, zum Beweis, daß ich mich nicht täusche, diene, daß ich nicht ein Wort von den Befehlen weiß, die Ihr mir gegeben zu haben glaubt.«

»Du hast sie vergessen, Martin!« sprach Gabriel mit sanftem Tone, »nun! ich will sie Dir wiederholen, mein Freund. Ich befahl Dir, mich mit den Fahnen in der Rue Saint-Antoine, an der Ecke der Rue Saint-Catherine zu erwarten. Jerôme sollte Dich begleiten, und ich würde Christoph behalten, erinnerst Du Dich nun?«

»Verzeiht, gnädiger Herr, wie soll man sich dessen erinnern, was man nie gewußt hat?«

»Nun weißt Du es aber, Martin. Nehmen wir unsere Pferde wieder an der Pforte, wo unsere Leute sie uns halten müssen, und dann rasch vorwärts. Nach den Tournelles!«

»Ich gehorche, gnädiger Herr. Im Ganzen habt Ihr dadurch zwei Stallmeister; doch es ist ein Glück für mich, daß ich nicht zwei Herren habe.«




VIII.

Ein glückliches Carrousel


Die Schranken für die Festlichkeiten waren durch die Rue Saint-Antoine von den Tournelles bis zu den königlichen Ställen errichtet worden. Sie bildeten ein langes Viereck, begrenzt auf jeder Seite durch Gerüste, welche mit Zuschauern bedeckt waren; an einem Ende saßen die Königin und der Hof. Am entgegengesetzten Ende fand sich der Eingang der Bahn, wo die Kämpfenden den Anfang der Spiele erwarteten. Die Menge drängte sich auf den zwei andern Gallerien.

Als nach der religiösen Feier und dem darauf folgenden Mahle die Königin und der Hof gegen drei Uhr Nachmittags die ihnen vorbehaltenen Plätze einnahmen, erschollen die Vivat und Freudenrufe von allen Seiten.

Doch gerade dieses lärmende Freudengeschrei machte, daß das Fest mit einem Unglück anfing. Das Pferd von Herrn von Avallon, einem der Kapitäne der Leibwache, bäumte sich erschrocken über diesen Tumult, sprang in die Arena, sein sattelloser Reiter stürzte mit dem Kopf gegen eine von den hölzernen Schranken, welche die Bahn umgaben, wurde halbtodt aufgehoben und in einem beinahe verzweifelten Zustand den Händen der Wundärzte übergeben.

Der König war sehr ergriffen von diesem beklagenswerthen Unfall; doch seine Leidenschaft für die Spiele und Carrousels gewann bald die Oberhand über seinen Kummer.

»Dieser arme Herr von Avallon,« sagte er, »ein so treuer Diener! man soll ihn mit aller Sorge behandeln.«

Und er fügte bei:

»Vorwärts! man kann immerhin das Ringelstechen beginnen.«

Das Ringelstechen jener Zeit war ein wenig complicirter und schwieriger als das, welches wir kennen. Die Kniestütze, woran der Ring hielt, war ungefähr am Ende des zweiten Drittels der Bahn angebracht: man mußte im Galopp das erste Drittel, im gestreckten Galopp das zweite durchrennen und im Vorüberreiten bei diesem raschen Lauf den Ring mit der Lanzenspitze ausheben. Doch das Holz durfte vor Allem den Körper nicht berühren, man mußte es wagrecht, und den Ellenbogen hoch über dem Kopf halten. Dann durchritt man die Arena vollends im Trab. Der Preis war ein von der Königin gebotener Ring mit Diamanten.

Heinrich II. war auf seinem mit Gold und Sammet geschmückten Schimmel der zierlichste und gewandteste Cavalier, den man sehen konnte. Er hielt und handhabte seine Lanze mit seltener Anmuth und bewunderungswürdiger Sicherheit und verfehlte selten den Ring. Doch Herr von Vieilleville wetteiferte mit ihm, und es gab einen Augenblick, wo man glaubte, der Sieg würde diesem gehören. Er hatte zwei Ringe mehr als der König, und es blieben nur noch drei auszuheben. Doch Herr von Vieilleville als ein gut gelehrter Hofmann, verfehlte sie alle drei durch ein wunderbares Mißgeschick, und es war der König, der den Preis erhielt.

Als er den Ring in Empfang nahm, zögerte er einen Augenblick, und sein Blick richtete sich mit Bedauern auf Diana von Poitiers: doch die Gabe wurde von der Königin geboten, und er mußte sie der neuen Dauphine, Maria Stuart, der Gefeierten des Tages, überreichen.

»Nun!« fragte er im Zwischenakt, »hat man Hoffnung, Herrn von Avallon zu retten?«

»Sire, er athmet noch,« antwortete man, »doch es ist wenig Hoffnung vorhanden, ihn dem Tod zu entreißen.«

»Ach!« machte der König. »Gehen wir also zu dem Gladiatorenspiel über.«

Dieses Gladiatorenspiel war ein Scheingefecht mit Angriffen und Evolutionen, sehr neu und sehr selten in jener Zeit, das jedoch ohne Zweifel keinen auffallenden Eindruck auf die Einbildungskraft des Zuschauers unserer Tage und der Leser unseres Buches machen würde. Wir schicken daher zu Brantôme diejenigen, welche neugierig sein dürften, sie kennen zu lernen, die Märsche und Gegenmärsche dieser zwölf Gladiatoren, von denen sechs in weißen Atlaß und sechs in rothen, gemacht nach der römischen Antike, gekleidet waren, was in der That in einem Jahrhundert, wo man die locale Farbe noch nicht erfunden hatte, als sehr geschichtlich erscheinen mußte.

Sobald dieser schöne Kampf unter allgemeinem Beifall beendigt war, traf man die nothwendigen Vorkehrungen, um das Pfahlrennen zu beginnen.

Am Ende der Bahn, wo sich der Hof befand, waren mehrere Pfähle von fünf bis sechs Fuß in einer gewissen Entfernung von einander in die Erde eingerammt. Man mußte im Galopp ansprengen und sich in allen Richtungen um diese emporgerichteten Bäume wenden, ohne einen zu verfehlen und ohne einen zu überschreiten.

Von acht vollendeten Rennbahnen kamen drei dem König zu, und der Herr General Oberste von Bonnivet gewann ebenfalls drei. Die neunte und letzte sollte entscheiden; doch Herr von Bonnivet war nicht minder ehrfurchtsvoll als Herr von Vieilleville und trotz alles guten Willens seines Pferdes kam er erst als der Dritte an, und Heinrich gewann abermals den Preis.

Der König setzte sich zu Diana von Poitiers und befestigte öffentlich das Bracelet, das er empfangen hatte, an ihrem Arm.

Die Königin erbleichte vor Wuth.

Gaspard von Tavannes, der hinter ihr saß, neigte sich an das Ohr von Catharina von Medicis und sagte zu ihr:

»Madame, folgt mir wohl mit den Augen, wohin ich gehe, und seht, was ich thue.«

»Und was wirst Du thun, mein braver Gaspard?« sprach die Königin.

»Frau von Valentinois die Nase abschneiden,« antwortete Tavannes kalt und ernst.

Er schickte sich an, wegzugehen. Doch Catharina hielt ihn halb erschrocken, halb erfreut zurück.

»Gaspard, bedenkt, Ihr werdet gehängt.«

»Ich bedenke, doch ich rette den König und Frankreich.«

»Ich danke Gaspard,« versetzte Catharina, »Ihr seid ein muthiger Freund und ein kühner Soldat. Doch ich befehle Euch, zu bleiben, Gaspard, haben wir Geduld.«

Geduld! Das war in der That das Losungswort, das Catharina von Medicis bis jetzt ihrem Leben ohne Zweifel gegeben hatte. Diejenige, welche sich später so gern in die erste Reihe stellte, trachtete in jener Zeit, wie es schien, nie darnach, aus dem Schatten der zweiten hervorzutreten. Sie wartete. Und doch erfreute sie sich damals der Allmacht einer Schönheit, über welche uns Herr von Bourdeille die vertrautesten Mitheilungen zurückgelassen hat; aber sie vermied es vor Allem, in das Licht zu treten, und dieser Bescheidenheit hatte sie ohne Zweifel das völlige Stillschweigen zu danken, das die üble Nachrede über sie zu Lebzeiten ihres Gemahls beobachtete. Nur der brutale Connetable war keck genug, gegen den König zu bemerken, die zehn Kinder, welche Catharina Frankreich nach seiner zehnjährigen Unfruchtbarkeit gegeben, glichen sehr wenig ihrem Vater. Niemand außer ihm hätte die Vermessenheit gehabt, ein Wort gegen die Königin zu hauchen.

Es ist eine Thatsache, daß Catharina an diesem Tage wie gewöhnlich die Aufmerksamkeiten, mit denen der König, Diana von Poitiers, im Angesicht des ganzen Hofes, umgab, nicht einmal zu bemerken schien. Nachdem sie die auffallende Entrüstung des Marschalls beschwichtigt hatte, unterhielt sie sich mit ihren Damen über die stattgefundenen Spiele und über die Gewandtheit, welche Heinrich dabei entwickelte.

Die Tourniere sollten erst am andern und an den darauf folgenden Tagen stattfinden; doch mehrere Herren des Hofes baten den König, da die Stunde noch nicht sehr vorgerückt, um Erlaubniß, einige Lanzen zu Ehren und zum Vergnügen der Damen brechen zu dürfen.

»Es sei, meine Herren,« antwortete der König, »ich bewillige Euch das sehr gern, obgleich es vielleicht den Herrn Cardinal von Lothringen stören wird, der, wie ich glaube, nie eine so zahlreiche Correspondenz durchzuarbeiten gehabt hat, als seit den zwei Stunden, die wir hier sind. Schlag auf Schlag empfängt er Boten, die ihn ungemein zu beschäftigen scheinen. Doch gleichviel, wir werden nachher erfahren, was daran ist, und mittlerweile könnt Ihr ein paar Lanzen brechen. Hier ist ein Preis für den Sieger,« fügte Heinrich bei, indem er die goldene Kette, die er trug, vom Halse nahm. »Thut Euer Bestes, meine Herren; nehmt Euch jedoch in Acht, wenn der Kampf sich erwärmt, so könnte ich mich wohl darein mischen und wieder zu gewinnen suchen, was ich Euch biete, um so mehr, als ich Frau von Castro etwas schuldig bin. Merkt Euch auch, daß auf den Punk sechs Uhr der Kampf beendigt ist und der Sieger, wer es auch sein mag, gekrönt werden wird. Geht, Ihr habt eine Stunde, um uns Eure schönen Stöße zu zeigen, hütet Euch jedoch, daß Niemand Schlimmes widerfährt. Sagt indessen, wie geht es Herrn von Avallon?«

»Ach! Sire, er ist so eben verschieden.«

»Gott nehme seine Seele gnädig auf!« sprach Heinrich. »Von meinen Kapitänen der Garde war er vielleicht der eifrigste für meinen Dienst und der bravste. Wer wird ihn mir ersetzen? . . . Doch die Damen warten, meine Herren, und die Schranken werden sich öffnen.«

Der Graf von Pommerive hielt zuerst Stand; doch er mußte Herrn von Burie weichen, dem der Herr Marschall d’Amville sodann das Feld abgewann. Aber der Herr Marschall war sehr gewandt und kräftig und hielt sich beständig gegen fünf auf einander folgende Ritter.

Der König konnte sich nicht mehr bewältigen.

»Ei!« sagte er zu dem Marschall, »ich will doch sehen Herr d’Amville, ob Ihr für die Ewigkeit hier festgenietet seid.«

Er bewaffnete sich, und schon beim ersten Rennen verlor Herr d’Amville die Bügel. Nach ihm kam die Reihe an Herrn d’Aussun. Dann zeigte sich kein Kämpe mehr.

»Was ist denn das, meine Herren?« sprach Heinrich, »wie! Niemand will mehr gegen mich kämpfen? Schont man mich etwa?« rief der König die Stirne faltend. »Ah! Gottes-Tod! es gibt keinen König hier, außer dem Sieger, und keine Vorrechte, außer denen der Geschicklichkeit. Greift mich also an, meine Herren, greift mich kühn an.«

Doch Keiner wagte den Angriff des Löwen, denn man befürchtete gleich sehr, Sieger und Besiegter zu sein.

Der König wurde indessen sehr ungeduldig. Er fing an zu vermuthen, daß bei den vorhergehenden Wettstreiten seine Widersacher nicht alle ihre Mittel gegen ihn gebraucht hatten, und dieser Gedanke, der seinen Sieg in seinen eigenen Augen verkleinerte, erfüllte ihn mit Aerger.

Endlich kam ein neuer Kämpe durch die Schranken und Heinrich sprengte ihm, ohne nur zu sehen, wer er war entgegen. Die beiden Lanzen brachen sich, doch der König wankte im Sattel, nachdem er den Stumpf weggeworfen hatte, und war genöthigt, sich am Sattelbogen zu halten. Der Andere blieb unbeweglich. In diesem Augenblick schlug es sechs Uhr. Heinrich war besiegt.

Leicht und freudig stieg er vom Pferde, warf den Zügel einem Stallmeister zu und nahm den Sieger bei der Hand, um ihn selbst zur Königin zu führen. Zu seinem großen Erstaunen sah er ein ihm völlig unbekanntes Gesicht. Es war indessen ein stattlicher Cavalier von edler Miene, und die Königin, als sie das Geschmeide um den Hals des vor ihr knienden jungen Mannes schlang, konnte nicht umhin, dies zu bemerken und ihm zuzulächeln.

Er aber, nachdem er sich tief verbeugt hatte, erhob sich wieder, machte einige Schritte gegen die Estrade des Hofes, blieb vor Frau von Castro stehen und bot ihr das Halsgeschmeide den Preis des Siegers.

Die Fanfaren erschollen abermals dergestalt, daß man zwei Schreie nicht hörte, welche gleichzeitig aus Beider Mund kamen.

»Gabriel!«

»Diana!«

Ganz bleich vor Freude und Erstaunen nahm Diana das Halsgeschmeide mit zitternder Hand. Jedermann dachte, der unbekannte Cavalier habe den König Frau von Castro das Halsgeschmeide versprechen hören, und wolle eine so schöne Dame nicht um das ihr zugesagte Geschenk bringen. Man fand sein Benehmen galant und ganz eines guten Edelmannes würdig. Der König selbst nahm die Sache nicht anders.

»Das ist eine Artigkeit, die mich rührt,« sagte er. »Aber ich, von dem man annimmt, ich kenne alle Herren meines Adels, ich muß gestehen daß ich mich nicht erinnere, wo und wann ich Euch gesehen habe, und ich wäre doch sehr erfreut, zu wissen, wer mir so eben den harten Stoß gegeben, der mich, glaube ich, aus dem Sattel gehoben hätte, besäße ich nicht, Gott sei Dank, so feste Beine.«

»Sire,« erwiderte Gabriel, »es ist das erste Mal, daß ich die Ehre habe, mich in Gegenwart Eurer Majestät zu befinden. Ich war bis jetzt beim Heer, komme so eben aus Italien an und heiße Vicomte d’Ermès.«

»Vicomte d’Ermès!« versetzte der König, »gut ich werde mich nun des Namens meines Siegers erinnern.«

»Sire,« sprach Gabriel, »es gibt keinen Sieger, da wo Ihr seid, und ich überbringe Eurer Majestät den glorreichen Beweis hiervon.«

Er machte ein Zeichen, Martin-Guerre und die zwei Gewappneten traten mit den italienischen Fahnen in die Rennbahn und legten sie zu den Füßen des Königs nieder.

»Sire,« sagte Gabriel, »hier sind die in Italien durch Euer Heer eroberten Fahnen, welche der Herzog von Guise Eurer Majestät überschickt. Seine Eminenz der Herr Cardinal von Lothringen versicherte mich, Majestät werde mir keinen schlimmen Dank wissen, daß ich ihr so unvermuthet in Gegenwart des Hofes und des Volkes von Frankreich, als bei Eurem Siege betheiligter Zeugen, diese Beute zu Füßen lege. Sire, ich habe auch die Ehre, in Eure Hände die Briefe vom Herrn Herzog von Guise zu überreichen!

»Ich danke, Herr Vicomte d’Ermès,« sprach der König. »Das ist also das ganze Geheimnis der Correspondenz des Herrn Cardinals. Diese Briefe beglaubigen Euch bei unserer Person, Vicomte. Doch Ihr habt siegreiche Manieren, Euch selbst vorzustellen. Was lese ich? von diesen Fahnen habt Ihr vier in Person genommen. Unser Vetter von Guise hält Euch für einen seiner bravsten Kapitäne Herr d’Ermès, verlangt von mir, was Ihr wollt, und ich schwöre Euch, daß Ihr es auf der Stelle erhaltet.«

»Sire, Ihr seid allzu gnädig, und ich stelle Alles der Güte Eurer Majestät anheim.«

»Ihr seid Kapitän bei Herrn von Guise, mein Herr,« sprach der König, »gefiele es Euch, dies bei meinen Leibwachen zu sein? Ich war verlegen, wie ich Herrn von Avallon ersetzen sollte, der heute so unglücklich gestorben ist; doch ich sehe, er wird einen würdigen Nachfolger haben«

»Eure Majestät . . .«

»Ihr nehmt es an? es ist abgemacht. Tretet morgen in Function. Wir kehren nun in den Louvre zurück. Ihr werdet mir noch des Breiteren über die Einzelheiten dieses Krieges in Italien Mittheilung machen.«

Gabriel verbeugte sich.

Heinrich gab Befehl zum Aufbruch. Die Menge zerstreute sich unter dem Geschrei: Es lebe der König! Diana befand sich wie durch einen Zauber wieder einen Augenblick in der Nähe von Gabriel.

»Morgen im Cercle der Königin,« flüsterte sie ihm zu.

Sie verschwand von ihrem Ritter weggeführt; doch sie ließ im Herzen ihres alten Freundes eine göttliche Hoffnung zurück.




IX.

Man kann nicht an seinem Geschicke vorübergehen, ohne es kennen zu lernen


Der Cercle bei der Königin fand gewöhnlich nach dem Abendbrode statt; hiervon unterrichtete man Gabriel, indem man ihm zugleich mittheilte, seine Eigenschaft als neuer Kapitän der Leibwachen ermächtige ihn nicht nur, sondern verpflichte ihn sogar, sich dabei einzufinden. Er hütete sich wohl, gegen diese Pflicht zu verstoßen, und es war seine einzige Sorge, daß er vierundzwanzig Stunden warten sollte, ehe er sie erfüllen konnte. Man sieht, daß in Betreff des Eifers und des Muthes Herr von Avallon gut ersetzt war.

Doch es handelte sich darum, eine nach der andern diese vierundzwanzig ewige Stunden zu tödten, welche Gabriel vom ersehnten Augenblick trennten. Der junge Mann, den die Freude erquickte und der Paris kaum von einem Lager in das andere ziehend gesehen hatte, fing an, die Stadt mit Martin-Guerre zu durchlaufen, um eine anständige Wohnung zu suchen. Er hatte das Glück, die Wohnung, welche sein Vater der Graf von Montgommery einst innegehabt, leer zu finden. Er miethete sie, ob sie gleich etwas glänzend für einen einfachen Kapitän bei den Garden war. Doch Gabriel durfte nur an seinen treuen Elyot schreiben und ihn beauftragen ihm eine Summe von Montgommery zu schicken. Er würde auch seine gute Amme Aloyse auffordern zu ihm zu kommen.

Das erste Ziel von Gabriel war erreicht. Er war nun kein Kind mehr, sondern ein Mann, der schon seine Proben abgelegt, und mit dem man rechnen mußte; dem Glanz, der ihm von seinen Ahnen zukam, hatte er einen Ruhm der ihm persönlich war, beizugesellen gewußt. Allein und ohne eine andere Unterstützung, als die seines Muthes, war er mit vierundzwanzig Jahren zu einem hohen Grade gelangt. Er konnte sich endlich stolz derjenigen, welche ihn liebte, und denen, welche er hassen mußte, bieten. Diese zu erkennen, dazu vermöchte ihm Aloyse behilflich zu sein; jene hatte ihn erkannt.

Gabriel entschlummerte mit zufriedenem Herzen.

Am anderen Tage sollte er sich bei Herrn von Boisy, dem Oberstallmeister von Frankreich, einfinden, um seine Adelsproben zu übergeben. Herr von Boisy, ein redlicher Mann, war der Freund des Grafen von Montgommery gewesen. Er begriff die Gründe von Gabriel, einen wahren Titel verborgen zu halten, und verpfändete sein Ehrenwort, das Geheimniß zu bewahren. Hierauf stellte ihn der Herr Marschall d’Amville seiner Compagnie vor. Gabriel fing unmittelbar seinen Dienst damit an, daß er die Staatsgefängnisse von Paris besuchte und inspizierte, ein peinlicher Auftrag, der einmal in jedem Monat von ihm zu versehen war.

Er begann mit der Bastille und endigte mit dem Chatelet.

Der Gouverneur übergab ihm die Liste seiner Gefangenen, nannte ihm diejenigen, welche gestorben, krank, versetzt oder freigelassen waren, und ließ sie dann vor ihm die Revue passieren, eine traurige Revue, ein düsteres Schauspiel. Er glaubte geendigt zu haben, als ihm der Gouverneur des Chatelet in seinem Register eine beinahe weiße Seite zeigte, welche nur folgende seltsame, für Gabriel sehr auffallende Note enthielt.

Nro. 21. X . . . Gefangener in geheimem Gewahrsam. Versucht er es nur, bei dem Besuch des Gouverneur oder des Kapitäns der Leibwachen zu sprechen, so hat man ihn in einen tieferen, härteren, Kerker zu bringen.

»Wer ist dieser so wichtige Gefangene? Darf man es wissen?« fragte Gabriel Herrn von Salvoison, den Gouverneur des Chatelet.

»Niemand weiß es,« antwortete der Gouverneur, »ich habe ihn von meinem Vorgänger übernommen, wie dieser ihn von dem seinigen übernommen hat. Ihr seht auf dem Register, daß das Datum seines Eintrittes weiß gelassen ist. Man muß ihn unter der Regierung von Franz I. gebracht haben. Zwei- oder dreimal hat er es, wie man mir sagt, versucht, zu sprechen. Doch beim ersten Wort muß der Gouverneur, bei den schwersten Strafen, die Thüre seines Gefängnisses schließen und ihn in einen härteren Kerker bringen lassen, was auch geschehen ist. Es ist nun nur noch ein Kerker übrig, der schrecklicher wäre, als der seinige, und dieser Kerker wäre der Tod. Man wollte es wahrscheinlich dahin kommen lassen, doch der Gefangene schweigt jetzt. Ohne Zweifel ist es ein furchtbarer Verbrecher. Er bleibt beständig gefesselt, und um sogar der Möglichkeit einer Entweichung zuvor zukommen, geht sein Schließer jede Minute in sein Gefängniß.«

»Doch er hat mit dem Schließer gesprochen?« sagte Gabriel.

»Oh! man hat einen Taubstummen für ihn genommen, der im Chatelet geboren ist und dieses nie verlassen hat.«

Gabriel schauerte. Dieser so völlig von der Welt der Lebenden getrennte Mensch, der jedoch lebte und dachte, flößte ihm ein Mitleid ein, das mit einem gewissen Abscheu gemischt war. Welcher Gedanke oder welcher Gewissensbiß welche Furcht vor der Hölle oder welches Vertrauen zum Himmel konnten ein so unglückliches Wesen abhalten, sich die Hirnschale an den Mauern seines Kerkers zu zerschmettern? War es eine Hoffnung oder eine Rache, was ihn noch an das Leben kettete?

Gabriel empfand eine Art von unruhiger Begierde, diesen Menschen zu sehen; sein Herz schlug, wie es bis jetzt nur in den Augenblicken geschlagen hatte, wo er Diana wiedersehen sollte. Er hatte hundert Gefangene mit einem alltäglichen Mitleid besucht. Doch dieser zog ihn an und rührte ihn mehr als alle Andere, und die Angst schnürte ihm seine Brust zusammen, indem er an dieses grabartige Dasein dachte.

»Gehen wir in Nro. 21,« sprach er mit seltsam bewegtem Tone zu dem Gouverneur.

Sie stiegen mehrere schwarze, feuchte Treppen hinab und durchschritten verschiedene Gewölbe, den gräßlichen Spiralen der Hölle von Dante ähnlich. Dann blieb der Gouverneur vor einer eisernen Thüre stehen und sprach:

»Es ist hier. Ich sehe den Wächter nicht, ohne Zweifel ist er im Gefängniß; doch ich habe doppelte Schlüssel. Treten wir ein.«

Er öffnete in der That, und sie traten beim Schimmer einer Laterne, welche ein Schließer in der Hand hielt, ein.

Gabriel sah nun ein schweigsames, furchtbares Gemälde, wie man es nur beim Alpdrücken des Deliriums sieht.

Als Wände überall Stein, schwarzer, moosiger, übelriechender Stein; denn dieser finstere Ort war tiefer ausgehöhlt als das Bett der Seine, und das Wasser erfüllte ihn halb bei größerem Steigen. Auf diesen dunkeln Wänden krochen klebrige Thiere; die eisige Luft wiederhallte von keinem Geräusch, wenn nicht von dem eines Wassertropfens, der regelmäßig und dumpf von dem häßlichen Gewölbe herabfiel.

Etwas weniger als dieser Wassertropfen, etwas mehr als diese unbeweglichen Schnecken lebten hier zwei menschliche Geschöpfe, das eine das andere bewachend, Beide düster und stumm.

Der Schließer, eine Art von Simpel, ein Riese mit dummem Auge und bleicher Gesichtsfarbe stand im Schatten und betrachtete mit albernem Blick den Gefangenen, der in einer Ecke, die Hände und die Füße mit einer in die Mauer genieteten Kette gefesselt, auf einem elenden Strohlager ausgestreckt lag. Es war ein Greis mit weißem Bart und weißen Haaren. Als man eintrat, schien er zu schlafen und rührte sich nicht; man hatte ihn für einen Leichnam oder für eine Bildsäule halten können. Doch plötzlich setzte er sich auf, öffnete die Augen, und sein Blick heftete sich auf den Blick von Gabriel.

Es war ihm verboten, zu sprechen; doch dieser furchtbare und zugleich herrliche Blick sprach. Gabriel war bezaubert davon. Der Gouverneur untersuchte mit dem Schließer alle Winkel des Kerkers. Wie an den Boden genagelt, rührte sich Gabriel nicht von der Stelle; er blieb ganz niedergeschmettert durch diese Flammenaugen und konnte sich nicht davon losmachen, während sich zu gleicher Zeit eine ganze Welt seltsame unaussprechlicher Gedanken in ihm regte.

Der Gefangene schien seinen Besuch ebenfalls nicht gleichgültig zu betrachten, und es gab einen Augenblick, wo er eine Gebärde machte und den Mund öffnete, als wollte er reden; doch der Gouverneur hatte sich umgewendet, er erinnerte sich zu rechter Zeit des Gesetzes, das ihm vorgeschrieben war, und seine Lippen sprachen nur durch ein bitteres Lächeln. Er schloß dann die Augen wieder und versank in seine steinerne Unbeweglichkeit.

»Oh! gehen wir von hier weg,« sprach Gabriel zum Gouverneur. »Ich bitte, gehen wir weg, ich muß Luft einathmen und die Sonne sehen.«

Er erlangte in der That seine Ruhe und so zu sagen sein Leben erst wieder, als er sich auf der Straße, mitten unter dem Geräusch der Menge fand. Auch da war die düstere Erscheinung noch in seinem Innern, und sie verfolgte ihn den ganzen Tag, während er nachdenkend die Grève entlang ging.

Irgend ein Etwas sagte ihm, das Schicksal dieses unglücklichen Gefangenen stehe mit dem seinigen in Berührung und er sei an einem großen Ereigniß seines Lebens hingegangen. Ermüdet endlich durch diese geheimnißvollen Ahnungen, wandte er sich, als der Abend herannahte, den Tournelles zu. Die Turniere des Tages, an denen Gabriel nicht hatte Theil nehmen wollen, endigten sich. Gabriel konnte Diana erschauen und wurde von ihr erschaut, und dieser doppelte Blick zerstreute den Schatten aus seinem Herzen, wie ein Sonnenstrahl die Wolken zerstreut. Gabriel vergaß den düsteren Gefangenen den er am Tage gesehen, um nur noch an die blendende Jungfrau zu denken, die er am Abend sehen sollte.




X.

Elegie während der Komödie


Es war ein Herkommen aus der Zeit der Regierung von Franz I. Wenigstens dreimal in der Woche versammelten sich der König, die Herren und alle Damen des Hofes am Abend im Gemach der Königin. Hier unterhielt man sich über die Ereignisse des Tages mit aller Freiheit, zuweilen auch mit aller Ausschweifung. Während des allgemeinen Gespräches bildeten sich Privatunterredungen und, »da sich hier eine Truppe menschlicher Göttinnen fand,« sagt Brantôme, »so unterhielt jeder der hohen Herren und jeder Edelmann diejenige, welche er am meisten liebte.« Oft gab es auch Ball oder Schauspiel.

Bei einer Versammlung dieser Art sollte an demselben Abend sich unser Freund Gabriel einfinden, und gegen seine Gewohnheit putzte und parfümierte er sich, um nicht zu unvortheilhaft in den Augen derjenigen zu erscheinen, welche er, um immer mit Brantôme zu sprechen, am meisten liebte.

Die Freude von Gabriel war indessen nicht frei von einer Mischung von Unruhe, und gewisse unbestimmte, übel klingende Worte, die man um ihn her über die nahe bevorstehende Heirath von Diana geflüstert hatte, versetzten ihn in eine nicht zu beschwichtigende innere Bewegung. Ganz dem Glücke sich hingebend, das er empfunden, als er Diana wiedersah und in ihren Blicken die Zärtlichkeit einer früheren Zeit wiederzufinden glaubte, hatte er Anfangs beinahe den Brief des Cardinals von Lothringen vergessen, der ihn doch zu einem so schnellen Aufbruch veranlaßt; doch die in der Luft kreisenden Gerüchte, die vereinigten Namen von Diana von Castro und von Franz von Montmorency, die er nur zu deutlich gehört hatte, gaben seiner Leidenschaft das Gedächtnis wieder. Würde Diana sich zu dieser verhaßten Heirath herbeilassen? Würde sie diesen Franz lieben? Martervolle Zweifel, welche die Zusammenkunft am Abend vielleicht nicht gänzlich zu zerstreuen vermöchte.

Gabriel beschloß, hierüber Martin-Guerre zu befragen, der schon mehr als eine Bekanntschaft gemacht hatte, und in seiner Eigenschaft als Stallmeister viel tiefer unterrichtet sein mußte, als die Herren. Denn es ist eine allgemeine akustische Beobachtung, daß die Geräusche aller Art viel stärker unten halten und daß es kaum anderswo als in den Thälern Echos gibt. Der Vicomte d’Ermès hatte um so mehr seinen Entschluß zu rechter Zeit gefaßt, als es ebenfalls Vorsatz bei Martin-Guerre war, seinen Herrn zu befragen, dessen Unruhe ihm nicht entging, während er doch, streng genommen, nicht das Recht hatte, etwas von seinen Handlungen oder seinen Gefühlen einem fünfjährigen treuen Diener und einem Retter, was noch mehr ist, zu verbergen.

Aus diesem gegenseitigen Entschluß und aus dem Gespräch, das darauf folgte, ging für Gabriel hervor, daß Diana von Castro Franz von Montmorency nicht liebte, und für Martin-Guerre, daß Gabriel Diana von Castro liebte.

Dieser doppelte Schluß erfreute den Einen und den Andern so sehr, daß Gabriel eine Stunde vor der Eröffnung der Pforten in den Louvre kam, und daß Martin-Guerre, um der königlichen Geliebten des Vicomte Ehre zu machen, auf der Stelle zum Hofschneider ging und sich einen Leibrock von braunem Tuch und Strumpfhosen von gelbem Tricot kaufte. Er bezahlte Alles bar, und zog sogleich seine neue Kleidung an, um sie schon am Abend in den Vorzimmern des Louvre zu zeigen, wo er seinen Herrn erwarten sollte.«

Der Schneider war sehr erstaunt, als er nach einer halben Stunde Martin-Guerre wieder erscheinen sah, und zwar in andern Kleidern. Er machte ihm hierüber eine Bemerkung. Martin-Guerre erwiderte, der Abend sei ihm etwas frisch vorgekommen, und er habe es für geeignet erachtet, sich wärmer zu kleiden. Uebrigens sei er immer noch so sehr mit dem Leibrock und mit den Strumpfhosen zufrieden, daß er komme, um den Schneider zu bitten, ihm einen Leibrock von demselben Tuch und demselben Schnitt zu kaufen oder zu machen. Vergebens bemerkte der Kleiderhändler Martin-Guerre, er würde das Aussehen haben, als trüge er beständig denselben Anzug, und es wäre besser für ihn, wenn er ein anderes Costume bestellte, einen gelben Leibrock und braune Strumpfhosen zum Beispiel, da er diese Farben zu lieben scheine; Martin-Guerre wollte nicht von seinem Gedanken abgehen, und der Schneider mußte ihm versprechen, nicht einmal die Nuance der Kleider zu verändern, die er ihm schleunigst machen sollte, da er keine fertige hatte. Nur verlangte er für diese zweite Bestellung ein wenig Credit. Er hatte den ersten Einkauf hübsch bezahlt, er war Stallmeister beim Vicomte d’Ermès, dem Kapitän der Leibwachen des Königs; der Schneider besaß jenes heldenmüthige Vertrauen, das zu jeder Zeit die geschichtliche Apanage der Leute seines Standes gewesen ist; er willigte daher auch ein und versprach am nächsten Tag das zweite Costume vollständig zu liefern.

Die Stunde, welche Gabriel vor den Pforten seines Paradieses hatte umhergehen müssen, war indessen abgelaufen, und er konnte mit vielen anderen Herren und Damen in die Gemächer der Königin dringen.

Mit dem ersten Blick gewahrte Gabriel Diana; sie saß bei der Dauphine Königin, wie man von da an Maria Stuart nannte.

Sie auf der Stelle anzureden, wäre für einen Neuangekommenen sehr kühn und ohne Zweifel ein wenig unklug gewesen. Gabriel entschloß sich also, einen günstigen Augenblick abzuwarten, den Augenblick, wo das Gespräch sich beleben und die Geister zerstreuen würde. Er plauderte mittlerweile mit einem bleichen jungen Herrn von zartem Aussehen, den der Zufall in seine Nähe führte. Doch nachdem er sich eine Zeit lang über Gegenstände unterhalten hatte, welche so unbedeutend waren, als seine Person zu sein schien, fragte der junge Cavalier Gabriel:

»Mit wem habe ich zu sprechen die Ehre?«

»Ich bin der Vicomte d’Ermès,« antwortete Gabriel. »Darf ich es wagen, mein Herr, dieselbe Frage an Euch zu richten?« fügte er bei.

Der junge Mann schaute ihn mit erstaunter Miene an und erwiderte:

»Ich bin Franz von Montmorency.«

Hätte er gesagt: »Ich bin der Teufel!« Gabriel konnte sich nicht mehr Schrecken und Hast von ihm entfernt haben. Franz, der keinen sehr lebhaften Geist besaß, war ganz verwundert, da er aber die Kopfarbeit nicht liebte, so ließ er dieses Räthsel bald liegen, und suchte anderswo etwas minder scheue Zuhörer.

Gabriel war besorgt gewesen, seine Flucht gegen die Seite von Diana von Castro zu lenken; doch er wurde durch eine große Bewegung aufgehalten, welche um den König her entstand. Heinrich II. verkündete nämlich, da er diesen Tag durch eine Ueberraschung für die Damen zu beendigen gedacht, so habe er in der Gallerie ein Theater errichten lassen, und man werde eine Komödie in fünf Acten und in Versen von Jean Antoine de Baïf, genannt der Brave, aufführen; diese Neuigkeit würde natürlich mit den Dankbezeugungen und dem Beifallsrufe Aller aufgenommen. Die Edelleute boten ihre Hand den Damen, um sie in den nahen Saal zu führen, wo die Scene improvisiert war; doch Gabriel kam zu spät zu Diana und konnte sich nur unfern von ihr hinter die Königin stellen.

Catharina von Medicis erblickte und rief ihn; er mußte vor sie treten.

»Herr d’Ermès,« sagte sie zu ihm, »warum hat man Euch nicht bei dem heutigen Turnier gesehen?«

»Madame,« antwortete Gabriel, »die Pflichten des Amtes, mit welchem mich zu betrauen Seine Majestät mir die Ehre erwiesen, haben mich abgehalten.«

»Das ist schade,« versetzte Catharina mit einem reizenden Lächeln, »denn Ihr seid sicherlich einer unserer kühnsten und gewandtesten Cavaliere. Ihr habt gestern den König wanken gemacht, was ein seltener Streich ist, und es würde mir Vergnügen gewährt haben, abermals Zeuge Eures Heldenmuthes zu sein.«

Gabriel verbeugte sich ganz verlegen über diese Complimente, auf die er nichts zu erwidern wußte.

»Kennt Ihr das Stück, das man uns geben wird?« fuhr Catharina fort, welche offenbar sehr günstig für den schönen, schüchternen jungen Mann gestimmt war.

Ich kenne es nur in lateinischer Sprache,« antworte Gabriel, »denn es ist wie man mir sagt, eine einfache Nachahmung eines Stückes von Terentius.«

»Ich sehe,« sprach die Königin, »daß Ihr eben so gelehrt, als muthig, ebenso in den Wissenschaften bewandert, als geschickt in den Lanzenstößen seid.«

Dies Alles wurde mit halber Stimme gesprochen, und war von Blicken begleitet, welche man nicht gerade grausam nennen konnte. Sicherlich war das Herz von Catharina für den Augenblick leer. Doch scheu wie der Hyppolit des Euripides, nahm Gabriel diese Zuvorkommenheiten der Italienerin nur mit einer erzwungenen Miene und mit gefalteter Stirne auf. Der Undankbare! er sollte doch diesem Wohlwollen, über das er Anfangs pfui machte, nicht nur den Platz, nach dem er seit so langer Zeit bei Diana strebte, sondern auch das reizende Schmollen, worin sich die Liebe einer Eifersüchtigen verraten konnte, zu verdanken haben.

Als der Prolog herkömmlicher Weise die Zuhörer um Nachsicht ersuchte, sagte Catharina zu Gabriel:

»Setzt Euch hinter mich, unter diese Damen, Herr Gelehrter, damit ich im Falle der Noth meine Zuflucht zu Eurer Erleuchtung nehmen kann.«

Frau von Castro hatte ihren Platz am Ende einer Reihe gewählt, so daß nach ihr nur noch der Gang kam. Nachdem sich Gabriel vor der Königin verbeugt hatte, nahm er bescheiden ein Tabouret und setzte sich in diesen Gang neben Diana, um Niemand zu stören.

Die Komödie begann.

Es war, wie Gabriel zu der Königin gesagt hatte, eine Nachahmung des Eunuchen von Terenz, componirt in achtsylbigen Versen und mit der ganzen pedantischen Naivität jener Zeit wiedergegeben. Wir enthalten uns jeder Auseinandersetzung des Stückes. Dies wäre übrigens ein Anachronismus, denn die Kritik und die Rechenschaftsberichte waren in jener barbarischen Epoche noch nicht erfunden. Es genüge uns, daran zu erinnern, daß die Hauptperson des Stückes ein falscher Braver, ein prahlerischer Soldat ist, der sich von einem Schmarotzer bethören und übel zurichten läßt.

Schon am Anfang des Stückes sahen die zahlreichen Parteigänger der Guisen, welche im Saal saßen, in dem lächerlichen Großsprecher den Connetable von Montmorency, und die Parteigänger von Montmorency wollten in den Rodomontaden des prahlerischen Soldaten die ehrgeizigen Bestrebungen des Herzogs von Guise erkennen. Von da an wurde jede Scene eine Satyre und jeder Witz eine Anspielung. Man lachte bei beiden Parteien aus vollem Hals; man bezeichnete sich gegenseitig mit dem Finger, und wahrlich die Komödie, welche im Saal gespielt wurde, war nicht weniger belustigend, als diejenige, welche die Schauspieler ans den Brettern darstellten.

Unsere Verliebten benützten den Antheil, den an der Vorstellung die zwei rivalen Lager des Hofes nahmen, um harmonische Liebe mitten unter dem Gezische und Gelächter reden zu lassen. Sie sprachen zuerst ihre zwei Namen mit leiser Stimme aus. Dies ist die geheiligte Anrufung.

»Diana!«

»Gabriel!«

»Ihr werdet also Franz von Montmorency heirathen?«

»Ihr seid also in der Gunst der Königin sehr weit vorgerückt.«

»Ihr habt gehört, daß sie mich gerufen.«

»Ihr wißt, daß der König diese Heirath will.«

»Doch Ihr willigt ein, Diana?«

»Doch Ihr hört auf Catharina, Gabriel.«

»Ein Wort, ein einziges,« versetzte Gabriel, »Ihr interessiert Euch also noch für das, was eine Andere mich kann fühlen lassen? Was in meinem Herzen vorgeht, macht Euch also etwas.«

»Es macht mir,« sprach Frau von Castro, »es macht mir, was Euch das macht, was in dem meinigen vorgeht.«

»Oh! Diana, erlaubt mir, es Euch zu sagen, Ihr seid eifersüchtig, wenn Ihr seid wie ich; wenn Ihr seid wie ich, liebt Ihr mich wahnsinnig.«

»Herr d’Ermès,« versetzte Diana, welche einen Augenblick streng sein wollte, das arme Kind! »Herr d’Ermès, ich heiße Frau von Castro.«

»Seid Ihr nicht Witwe, Madame? Seid Ihr nicht frei?«

»Frei, ach!«

»Oh, Diana! Ihr seufzt. Diana, gesteht, daß jenes Gefühl des Kindes, das unsere ersten Jahre durchduftete, eine Spur in dem Herzen der Jungfrau zurückgelassen hat. Gesteht, Diana, daß Ihr mich immer noch ein wenig liebt. Oh! befürchtet nicht, man könnte Euch hören: Alle um uns her haben sich ganz den Späßen dieses Parasiten hingegeben; sie haben nichts Süßes zu hören und lachen. Ihr, Diana, lächelt mir zu, antwortet mir, Diana, liebt Ihr mich.«

»Stille! seht Ihr nicht, daß der Akt endigt?« sprach das boshafte Kind. »Wartet wenigstens, bis das Stück wieder anfängt.«

Der Zwischenakt dauerte zehn Minuten, zehn Jahrhunderte! Zum Glück war Catharina durch Maria Stuart beschäftigt und rief Gabriel nicht. Er wäre im Stande gewesen, nicht zu gehen, und das hätte ihn in’s Verderben gestürzt.

Als die Komödie unter schallendem Gelächter und Beifallsgeklatsche wieder begann, fragte Gabriel:

»Nun?«

»Was denn,« versetzte Diana, eine Zerstreuung heuchelnd, welche ihrem Herzen sehr fern war. »Ah! Ihr fragtet mich, glaube ich, ob ich Euch liebe. Habe ich Euch denn nicht so eben geantwortet: ich liebe Euch, wie Ihr mich liebt.«

»Ah!« rief Gabriel, »wißt Ihr auch Diana, was Ihr sagt? Wißt Ihr, wie weit meine Liebe geht, der Ihr die Eurige gleich nennt?«

»Wenn ich es wissen soll,« sprach die kleine Heuchlerin, »so müßt Ihr es mich wenigstens lehren.«

»So hört mich denn, Diana, und Ihr werdet sehen, daß in den sechs Jahren, seitdem ich Euch verlassen habe, alle Stunden und alle Handlungen meines Lebens dahin strebten, daß ich mich Euch nähern konnte. Erst als ich einen Monat nach Eurer Abreise von Vimoutiers nach Paris kam, erfuhr ich, wer Ihr waret: die Tochter des Königs und von Frau von Valentinois. Doch es war nicht Euer Titel als Tochter von Frankreich, was mich erschreckt, sondern Euer Titel als Frau des Herzogs von Castro, und dennoch sagte mir etwas: »Gleichviel, nähere Dich ihr, erwirb Dir Ruf, damit sie eines Tags wenigstens Deinen Namen aussprechen hört und Dich bewundert, wie Andere Dich fürchten werden.« Dies dachte ich Diana, und ich übergab mich dem Herzog von Guise, der mir am meisten geeignet schien, mich rasch und gut das Ziel des Ruhmes, nach dem ich strebte, erreichen zu lassen. Im folgenden Jahr war ich in der That mit ihm in den Mauern von Metz eingeschlossen, und ich strengte alle meine Kräfte an, um meines Theils den beinahe unerwarteten Erfolg der Aufhebung der Belagerung herbeizuführen. In Metz, wo ich geblieben war, um die Festungswerke wiederherstellen und alle Unfälle, welche durch fünfundsechzig Tage des Angriffs veranlaßt worden wieder gut machen zu lassen, erfuhr ich die Einnahme von Hesdin durch die Kaiserlichen und den Tod des Herzogs von Castro Eures Gemahls. Er hatte Euch nicht einmal wiedergesehen Diana! Oh! ich beklagte ihn; doch wie schlug ich mich bei Renty! Ihr werdet den Herzog von Guise darüber fragen. Ich war auch bei Abbeville, bei Dinan, bei Bavay, bei Cateau-Cambresis. Ich war überall, wo das Musketenfeuer schallte, und ich kann wohl sagen, daß nichts Glorreiches unter dieser Regierung geschehen ist, woran ich nicht meinen kleinen Antheil hatte. Beim Waffenstillstand von Vaucelles kam ich nach Paris; Ihr waret immer noch im Kloster, Diana, und meine gezwungene Ruhe ermüdete mich ungemein, als zum Glück der Waffenstillstand gebrochen wurde. Der Herzog von Guise, der mir schon einige Achtung zu bewilligen die Gnade hatte, fragte mich, ob ich ihm nach Italien folgen wollte. Ob ich es wollte? Nachdem wir mitten im Winter die Alpen überstiegen hatten, marschierten wir durch das Mailändische, Valenza wird im Sturm genommen, der Piacenzer und der Parmesane gewähren uns den Durchzug und nach einem Triumphmarsch durch Toscana und die Kirchenstaaten kommen wir zu den Abruzzen; doch nun fehlt es dem Herzog an Geld und an Truppen, dennoch nimmt er Pampli und belagert er Civitella; aber das Heer ist demoralisiert, das Unternehmen gefährdet. In Civitella, Diana, erfahre ich durch einen Brief des Cardinals von Lothringen an seinen Bruder Eure bevorstehende Heirath mit Franz von Montmorency. Es war nichts Gutes mehr jenseits der Alpen zu thun. Herr von Guise gestand es selbst zu, und seine Güte erlaubte mir, nach Frankreich, unterstützt von seiner mächtigen Empfehlung zurückzukehren und dem König die eroberten Fahnen zu überbringen. Doch mein einziges Streben, Diana, war, Euch zu sehen, Euch zusprechen, von Euch zu erfahren, ob Ihr willig diese neue Heirath einginget, und nachdem ich Euch wie ich es gethan, meine sechsjährigen Kämpfe und Bestrebungen erzählt, Euch zu fragen, was ich Euch nun frage. Diana, sprecht, liebt Ihr mich, wie ich Euch liebe?«

»Freund,« erwiderte Frau von Castro mit sanftem Tone, »ich werde Euch ebenfalls mit meinem Leben antworten. Als ich, ein Kind von zwölf Jahren, an diesen Hof kam, erfaßte mich nach den ersten Augenblicken, welche das Erstaunen und die Neugierde ausfüllten, die Langeweile, die goldenen Fesseln dieses Daseins drückten mich und ich beklagte bitterlich die Trennung von unseren Wäldern und unseren Ebenen in Vimoutiers und Montgommery, Gabriel! Jeden Abend entschlummerte ich weinend. Der König, mein Vater, war doch gut gegen mich, und ich suchte seine Zuneigung durch meine Liebe zu erwidern. Aber wo war meine Freiheit? wo war Aloyse? wo waret Ihr, Gabriel? Ich sah den König nicht jeden Tag. Frau von Valentinois war kalt und gezwungen gegen mich und schien mich beinahe zu vermeiden, während es für mich, Gabriel, wie Ihr Euch erinnert, Bedürfniß ist, geliebt zu werden!«

»Arme, theure Diana!« sagte Gabriel bewegt.

»Indeß Ihr kämpftet, schmachtete ich also,« fuhr Diana fort. »Der Mann handelt und die Frau wartet, das ist Beider Loos. Doch es ist zuweilen viel härter zu warten, als zu handeln. Schon im ersten Jahre meiner Einsamkeit machte mich der Tod des Herzogs von Castro zur Witwe, und der König schickte mich in das Kloster der Töchter Gottes, wo ich meine Trauerzeit hinbringen sollte. Doch das fromme, ruhige Leben, das man im Kloster führte, sagte meiner Natur viel mehr zu, als die fortwährenden Intriguen und Aufregungen des Hofes. Nachdem die Trauerzeit beendigt war, verlangte und erhielt ich von dem König die Erlaubniß, noch im Kloster zu bleiben. Man liebte mich dort wenigstens! Die gute Schwester Monica besonders, welche mich an Aloyse erinnerte. Ich sage Euch ihren Namen, Gabriel, damit Ihr sie liebt. Und dann waren mir nicht nur alle Schwestern zugethan, sondern ich konnte auch träumen, Gabriel, ich hatte die Zeit und das Recht dazu. Ich war frei, und was meine Träume erfüllte, welche aus der Vergangenheit und der Zukunft bestanden, Ihr erratet es, Freund, nicht wahr?«

Beruhigt und entzückt antwortete Gabriel nur durch einen leidenschaftlichen Blick. Zum Glück war die Scene der Komödie höchst interessant. Der Prahler wurde auf das Schmählichste behandelt und die Guisen und die Montmorency blähten sich auf vor Freude. Die zwei Liebenden wären in einer Wüste nicht mehr allein gewesen.

»So vergingen fünf Jahre des Friedens und der Hoffnung,« fuhr Diana fort. »Es traf mich nur ein Unglück, das, meinen Nährvater Enguerrand zu verlieren. Ein anderes Unglück ließ nicht auf sich warten. Der König rief mich zu sich zurück und eröffnete mir, ich wäre bestimmt, die Frau von Franz von Montmorency zu werden. Ich widerstand, Gabriel, ich war kein Kind mehr, das nicht weiß, was es thut. Doch mein Vater bat und flehte, und zeigte mir, wie wichtig diese Heirath für die Wohlfahrt des Reiches wäre. Ihr hattet mich ohne Zweifel vergessen, Gabriel, der König sagte dies! Und dann, wo waret Ihr? Wer waret Ihr? Kurz, der König drang so sehr in mich, bestürmte mich so sehr mit Bitten! Gestern, ja es war gestern! versprach ich, was er wollte, Gabriel, doch unter der Bedingung, daß meine Hinrichtung um drei Monaten verschoben werde, und daß ich zuvor erfahren müsse, was aus Euch geworden wäre.«

»Ihr habt also versprochen? . . .« sagte Gabriel erbleichend.

»Ja, doch ich hatte Euch nicht wiedergesehen, Freund, ich wußte nicht, welche köstliche und schmerzliche Eindrücke Euer Anblick an demselben Tag in mir erregen sollte, als ich Euch wiedererkannte, Gabriel, schöner, stolzer denn einst, doch immer noch derselbe! Oh! ich fühlte sogleich, mein Versprechen gegen den König wäre nichtig und diese Heirath unmöglich; dieses Leben gehörte Euch, und wenn Ihr mich noch liebtet, würde ich Euch immer lieben. Gesteht nun, daß ich nicht hinter Euch zurück bin, und daß Euer Leben dem meinigen nichts vorzuwerfen hat.«

»Oh! Ihr seid ein Engel, Diana, und Alles was ich gethan habe, um Euch zu verdienen, ist nichts.«

»Gabriel, da uns das Schicksal ein wenig genähert hat, so laßt uns die Hindernisse ermessen, die uns noch trennen. Der König ist ehrgeizig für seine Tochter, und die Castro und die Montmorency haben ihn leider schwierig gemacht.«

»Seid unbesorgt über diesen Punkt, Diana; das Haus, zu dem ich gehöre, braucht die ihrigen nicht zu beneiden, und es wäre nicht das erste Mal, daß es sich mit dem Hause Frankreich verbinden würde.«

»Ah! wahrhaftig! Gabriel, Ihr erfüllt mich mit Freude, indem Ihr mir das sagt. Ich bin, wie Ihr Euch wohl denken könnt, sehr unwissend in der Wappenkunde und kannte die d’Ermès nicht. Dort in Vimoutiers nannte ich Euch Gabriel, und mein Herz bedurfte keines süßeren Namens. Dieser Name ist es, den ich liebe, und wenn Ihr glaubt, der andere werde den König befriedigen, so geht Alles gut und ich bin glücklich. Möget Ihr d’Ermès, oder Guise, oder Montmorency heißen . . . sobald Ihr Euch nicht Montgommery nennt, geht Alles gut.«

»Und warum soll ich kein Montgommery sein?« versetzte Gabriel erschrocken.

»Oh! die Montgommery, unsere Nachbarn dort, haben, wie es scheint, dem König Böses gethan, denn er grollt ihnen sehr.«

»Ah! wahrhaftig?« sagte Gabriel, dessen Brust sich zusammenschnürte, »doch sind es die Montgommery, die dem König Böses gethan, oder ist es vielmehr der König, der schlimm gegen die Montgommery verfahren?

»Mein Vater ist zu gut, um je ungerecht gewesen zu sein, Gabriel.«

»Gut für seine Tochter, ja, doch gegen seine Feinde . . .«

»Furchtbar vielleicht,« versetzte Diana, »wie Ihr es gegen die von Frankreich und vom König seid. Doch was ist daran gelegen, und was gehen Euch die Montgommery an?«

»Wenn ich jedoch ein Montgommery wäre, Diana.«

»Oh! sagt das nicht, Freund.«

»Aber wenn es so wäre?«

»Wenn es so wäre,« sprach Diana, »wenn ich mich zwischen meinen Vater und Euch gestellt fände, so würde ich mich dem Beleidigten zu Füßen werfen, wer es auch sein möchte, und so lange weinen und flehen, bis mein Vater meinetwegen Euch vergäbe, oder bis Ihr meinem Vater meinetwegen vergäbet.«

»Und Eure Stimme ist so mächtig Diana, daß sich der Beleidigte sicherlich schmiegen würde, vorausgesetzt, daß kein Blut vergossen worden.«

»Oh! Ihr erschreckt mich, Gabriel, das heißt die Prüfung lange genug fortsetzen, doch nicht wahr, es war nur eine Prüfung?«

»Ja, Diana, eine einfache Prüfung Gott wird es gestatten, daß es nur eine Prüfung ist,« flüsterte er gleichsam sich selbst zu.

»Und es findet kein Haß zwischen meinem Vater und Euch statt, es kann keiner stattfinden?«

»Ich hoffe es, Diana. ich würde zu sehr leiden, wenn ich Euch leiden machte.«

»Das ist gut, Gabriel; nun wohl! wenn Ihr das hofft, mein Freund,« fügte sie mit ihrem anmuthreichen Lächeln bei. »So hoffe ich meinen Vater zu bewegen, daß er auf die Heirath verzichtet, welche mein Tod wäre. Ein mächtiger König wie er muß diesen Montmorency Entschädigungen zu bieten haben.«

»Nein, Diana, alle seine Schätze und seine ganze Gewalt vermöchten nicht für Euren Verlust zu entschädigen.«

»Ah! so versteht Ihr das, gut, gut! Ihr habt mir bange gemacht, Gabriel. Doch seid unbesorgt, Freund: Franz von Montmorency denkt hierüber, Gott sei Dank nicht wie Ihr, und er wird Eurer armen Diana einen hölzernen Stab vorziehen, der ihn zum Marschall macht. Ist dieser ruhmwürdige Tausch angenommen, so werde ich den König ganz sachte vorbereiten. Ich werde ihn an die königlichen Verwandtschaften des Hauses d’Ermès, ich werde ihn an Eure Thaten erinnern, Gabriel . . .«

Sie unterbrach sich.

»Ah! mein Gott! das Stück geht zu Ende, wie mir scheint.«

»Fünf Akte! was das kurz ist!« sagte Gabriel, »doch Ihr habt Recht. Diana, der Epilog setzt die Moral der Fabel auseinander.«

»Zum Glück,« erwiderte Diana, »zum Glück haben wir uns beinahe Alles gesagt, was wir uns zu sagen hatten.«

»Ich habe Euch nicht den tausendsten Theil gesagt,« entgegnete Gabriel.

»Ich auch nicht,« sprach Diana, »und die Zuvorkommenheit der Königin . . .«

»Oh! Boshafte!«

»Die Boshafte ist diejenige, welche Euch zulächelt, und nicht die, welche Euch schmäht, versteht Ihr? Sprecht nicht mehr mit ihr diesen Abend, Freund, ich will es.«

»Ihr wollt es! wie gut Ihr seid! . . . Nein, ich werde nicht mehr mit ihr sprechen. Doch hört, der Epilog ist leider auch zu Ende! Gott befohlen, und auf baldiges Wiedersehen, nicht wahr, Diana? Sagt mir ein letztes Wort, das mich aufrecht hält und mich tröstet, Diana.«

»Auf baldiges Wiedersehen, auf immer, Gabriel, mein Männchen,« flüsterte das freudige Kind dem entzückten Gabriel ins Ohr.

Und sie verschwand in der gedrängten, geräuschvollen Menge. Gabriel schlich sich seinerseits weg, um es seinem Versprechen gemäß zu vermeiden, der Königin zu begegnen . . . eine rührende Treue gegen seine Schwüre . . . Er verließ den Louvre, indem er in seinem Innern Antoine de Baïf für einen großen Mann erklärte und sich sagte, er habe nie einer Vorstellung beigewohnt, die ihm so viel Vergnügen gemacht.

Im Vestibule nahm er Martin-Guerre mit, der ihn ganz funkelnd in seinen neuen Kleidern erwartete.

»Nun! hat der gnädige Herr Frau von Angoulême gesehen?« fragte der Stallmeister seinen Herrn, als sie auf der Straße waren.

»Ich habe sie gesehen,« antwortete Gabriel träumerisch.

»Und Frau von Angoulême liebt immer noch den Herrn Vicomte?« fuhr Martin-Guerre fort, als er Gabriel in guter Stimmung sah.

»Schurke!« rief Gabriel, »wer hat Dir das gesagt? Woher hast Du es genommen, daß Frau von Castro mich liebte, oder daß ich nur Frau von Castro liebte? Willst Du wohl schweigen, Bursche?«

»Gut!« murmelte Meister Martin, »der gnädige Herr wird geliebt, sonst hätte er geseufzt und mich nicht geschmäht, und der gnädige Herr ist verliebt, sonst hätte er meinen neuen Mantel und meine neuen Strumpfhosen bemerkt.«

»Was sprichst Du da von Strumpfhosen und Mantel? In der That, Du hattest diesen Rock heute Mittag noch nicht.«

»Nein, gnädiger Herr, ich habe ihn diesen Abend gekauft, um meinem Gebieter und seiner Geliebten Ehre zu machen, und ich habe ihn baar bezahlt, denn meine Frau Bertrande hat mich an Ordnung und Sparsamkeit, wie an Mäßigkeit und Keuschheit und alle Arten von Tugenden gewöhnt. Ich muß ihr diese Gerechtigkeit widerfahren lassen, und wenn ich sie hätte an die Sanftmuth gewöhnen können, so wären wir das glücklichste Paar gewesen.«

»Es ist gut, Schwätzer, man wird Dir Deine Auslagen wiedererstatten, da Du Dich meinetwegen in Kosten versetzt hast.«

»Oh! gnädiger Herr, welche Großmuth! doch wenn der gnädige Herr mir sein Geheimniß verschweigen will, so gebe er mir nicht diesen neuen Beweis, daß er geliebt wird, wie er verliebt ist. Man leert seine Börse nur so gern, wenn das Herz voll ist. Uebrigens kennt der Herr Vicomte Martin-Guerre und weiß, daß man sich ihm anvertrauen kann. Treu und stumm wie das Schwert, das er trägt.«

»Es mag sein, doch nun genug, Meister Martin.«

»Ich lasse den gnädigen Herrn träumen.«

Gabriel träumte in der That dergestalt, daß er, nach Hause zurückgekehrt, das Bedürfniß fühlte, seine Träume zu ergießen, weshalb er schon am Abend an Aloyse schrieb.

»Meine gute Amme, Diana liebt mich! doch nein, dies ist es nicht, was ich Dir zuerst sagen muß. Meine gute Aloyse, komm zu mir; seit sechs Jahren von Dir entfernt, sehne ich mich sehr darnach, Dich zu umarmen. Die Präliminarien meines Lebens sind nun festgestellt. Ich bin Kapitän der Leibwachen des Königs, einer von den am meisten beneideten militärischen Graden und der Name, den ich mir gemacht habe, wird mir den, welchen ich von meinen Ahnen erhalten, mit Ruhm und Ehre umgeben helfen. Ich bedarf Deiner auch für diese Aufgabe, Aloyse. Und dann brauche ich Dich, weil ich glücklich bin, weil, ich wiederhole es Dir, Diana mich liebt, ja, die Diana von einst, die meine gute Aloyse nie vergessen, obgleich sie den König ihren Vater nennt. Aloyse, die Tochter des Königs und von Frau von Valentinois, die Witwe des Herzogs von Castro, hat nie vergessen und liebt immer noch mit ihrer ganzen reizenden Seele ihren dunkeln Freund von Vimoutiers. Es ist noch keine Stunde, daß sie es mir gesagt hat, und ihre süße Stimme erklingt beständig in meinem Herzen. Komm also, Aloyse, denn ich bin wahrhaftig zu glücklich, um allein glücklich zu sein.«




XI.

Friede oder Krieg?


Am siebenten Juli fand eine Sitzung des königlichen Rathes statt, und der Staatsrath war vollzählig. Um Heinrich II. und die Prinzen seines Hauses saßen an diesem Tag Anne von Montmorency, der Cardinal von Lothringen und sein Bruder Carl von Guise, Erzbischof von Rheims, der Kanzler Olivier von Lenville, der Präsident Bertrand, der Graf von Aumale, Sedan, Humières und Saint-André mit seinem Sohn.

Der Vicomte d’Ermès stand in seiner Eigenschaft als Kapitän der Leibwachen mit bloßem Schwert bei der Thüre.

Das ganze Interesse dieser Sitzung lag wie gewöhnlich in dem Spiel der einander feindlichen ehrgeizigen Bestrebungen der Häuser Montmorency und Lothringen, welche an diesem Tag im Rath durch den Connetable selbst und den Cardinal vertreten wurden.

»Sire,« sprach der Cardinal von Lothringen, »die Gefahr ist dringend, der Feind steht vor unseren Thoren. Ein furchtbares Heer organisiert sich in Flandern und morgen kann Philipp unser Gebiet überfallen und Marie von England Euch den Krieg erklären. Sire, Ihr braucht hier einen unerschrockenen, jungen, kräftigen General, der kühn zu handeln vermag und dessen Namen allein schon ein Gegenstand des Schreckens für den Spanier ist und ihn an neue Niederlagen erinnert.«

»Wie der Name Eures Bruders des Herrn von Guise zum Beispiel,« sagte Montmorency ironisch.

»In der That, wie der Name meines Bruders,« erwiderte muthig der Cardinal, »wie der Name des Siegers von Metz, von Renty und von Valenza. Ja, Sire, es ist nothwendig, den Herzog von Guise rasch aus Italien zurückzurufen, wo ihm die Mittel fehlen, wo er die Belagerung von Civitella aufzuheben genöthigt gewesen ist, und wo seine Gegenwart und die seines Heeres, welche gegen die Invasion nützlich wären, für die Eroberung unnütz werden.«

Der König wandte sich nachlässig gegen Herrn von Montmorency um, als wollte er sagen: Die Reihe ist an Euch.

»Sire,« sprach der Connetable, »es sei, ruft das Heer zurück, da diese pomphafte Eroberung Italiens, wie ich es vorhergesagt habe, auf eine so lächerliche Weise endigt. Doch wozu bedürft Ihr des Generals? – Erwägt die letzten Nachrichten vom Norden: die Grenze der Niederlande ist ruhig: Philipp II. zittert und Marie von England schweigt. Ihr könnt noch einen Waffenstillstand schließen, Sire, oder die Bedingungen des Friedens dictiren. Es ist nicht ein abenteuerlicher Feldherr, was Ihr braucht, sondern ein erfahrener weiser Minister, den das Ungestüm des Alters nicht verblendet, für den der Krieg nicht der Einsatz eines unersättlichen Ehrgeizes ist, und der mit Ehre und Würde für Frankreich den Grund zu einem dauerhaften Frieden legen kann.«

»Wie Ihr selbst zum Beispiel, Herr Connetable,« unterbrach ihn voll Bitterkeit der Cardinal von Lothringen.

»Wie ich selbst,« versetzte mit stolzem Tone Anne von Montmorency, »und ich rathe dem König offen, sich nicht mit den Wechselfällen eines Krieges zu beschäftigen, den man nur machen wird, wenn er es will und wann er es will. Die inneren Angelegenheiten, der Zustand der Finanzen, die Interessen der Religion nehmen noch viel dringender unsere Sorge in Anspruch, und ein kluger Verwalter ist heute hundertmal mehr werth, als der unternehmendste General.«

»Und er hat hundertmal mehr Anspruch auf die Gunst Seiner Majestät, nicht wahr?« sagte mit scharfem Tone der Cardinal von Lothringen.

»Seine Eminenz vollendet meinen Gedanken,« fuhr Montmorency kalt fort, »und da sie die Frage auf dieses Gebiet gebracht hat, nun wohl! so wage ich es, Seine Majestät zu bitten, den Beweis zu geben, daß ihr meine friedlichen Dienste gefallen.«

»Was ist das?« versetzte seufzend der König.

»Sire, ich beschwöre Eure Majestät, öffentlich die Ehre zu erklären, welche sie meinem Hause zu erweisen die Gnade hat, indem sie meinem Sohn die Hand von Frau von Angoulême bewilligt. Ich bedarf dieser officiellen Kundgebung und dieses feierlichen Versprechens, um fest auf meinem Pfade zu wandeln, ohne daß ich die Zweifel meiner Freunde und das Gekreisch meiner Feinde zu befürchten habe.«

Diese kühne Forderung wurde trotz der Gegenwart des Königs mit Bewegungen der Billigung oder der Mißbilligung, je nachdem die Räthe zu der einen oder der andern Partei gehörten, aufgenommen.

Gabriel erbleichte und bebte. Doch er faßte wieder etwas Muth, als er den Cardinal von Lothringen rasch erwidern hörte:

»Die Bulle des heiligen Vaters, welche die Ehe von Franz von Montmorency und von Jeanne von Fienne aufhebt, ist noch nicht angekommen, soviel ich weiß, und kann gar nicht ankommen.«

»Man kann sie entbehren,« sprach der Connetable, »ein Edict vermag die heimlichen Ehen nichtig zu erklären.«

»Doch ein Edict hat keine Rückwirkung,« antwortete der Cardinal.

»Man würde ihr eine geben, nicht wahr, Sire? Sprecht es laut aus, ich beschwöre Euch, um Denjenigen, welche mich angreifen, und mir selbst, Sire, ein sicheres Zeugniß der Billigung zu geben, die Ihr meinen Absichten gewähren wollt. Sagt, daß Euer königliches Wohlwollen diesem gerechten Edict sogar eine Rückwirkung verleihen würde.«

»Ohne Zweifel könnte man sie ihm verleihen,« erwiderte der König, dessen gleichgültige Schwäche dieser festen Sprache nachzugeben schien.

Um nicht zu fallen, war Gabriel genöthigt, sich auf sein Schwert zu stützen.

Der Blick des Connetable funkelte vor Freude. Die Partei des Friedens schien durch seine Unverschämtheit entschieden zu triumphieren.

Doch in diesem Augenblick erscholl ein Lärm von Trompeten im Hof, die Melodie, welche sie spielten, war eine fremde Melodie; die Mitglieder des Raths schauten sich erstaunt an. Der Huissier trat beinahe in demselben Augenblick ein und sprach, nachdem er sich tief verbeugt:

»Sir Edward Flaming, Herold von England, bittet um die Ehre, vor Seine Majestät gelassen zu werden.«

»Laßt den Herold von England eintreten,« erwiderte der König erstaunt, aber ruhig.

Heinrich machte ein Zeichen; der Dauphin und die Prinzen stellten sich um ihn, und um die Prinzen die übrigen Mitglieder des Rathes. Der Herold, den nur zwei Wappenträger begleiteten, wurde eingeführt. Er verbeugte sich vor dem König, der von dem Stuhle, auf dem er sitzen blieb, nur leicht den Kopf senkte.

Der Herold sprach sodann:

»Marie, Königin von England und von Frankreich, dem König Heinrich von Frankreich. Dafür, daß er Verbindung und Freundschaft mit den englischen Protestanten, den Feinden unserer Religion und unseres Staates, unterhalten, und daß er ihnen Schutz und Beistand gegen die gerechten, an ihnen ausgeübten, Verfolgungen angeboten und versprochen hat, erklären Wir, Marie von England, Heinrich von Frankreich den Krieg zu Wasser und zu Land. Und zum Zeichen dieser Aufforderung werfe ich, Edward Flaming, Herold von England, meinen Schlachthandschuh hier auf die Erde.«

Auf eine Gebärde des Königs hob der Vicomte d’Ermès den Handschuh von Sir Flaming auf. Heinrich sprach sodann einfach und kalt zu dem Herold:

»Ich danke!«

Hierauf machte er das prachtvolle Halsband los, das er trug, ließ es ihm durch Gabriel übergeben und fügte mit einem neuen Zeichen des Kopfes bei:

»Ihr könnt Euch nun entfernen.«

Der Herold verbeugte sich tief und ging hinaus. Einen Augenblick nachher hörte man abermals die englischen Trompeten erschallen und nun erst brach der König das Stillschweigen.

»Mein Vetter von Montmorency,« sagte er zum Connetable, »mir scheint, Ihr habt Euch ein wenig zu sehr beeilt, uns den Frieden und die gute Gesinnung der Königin Marie zu versprechen. Dieser angeblich den englischen Protestanten verliehene Schutz ist ein frommer Vorwand, der die Liebe unserer Schwester von England für ihren jungen Gemahl, Philipp II., verbirgt. Der Krieg mit den beiden Gatten, es sei! ein König von Frankreich fürchtet ihn nicht mit Europa, und wenn uns die Grenze der Niederlande ein wenig Zeit läßt, uns zu besinnen . . . Nun! was gibt es denn? Was ist denn wieder, Florimond?«

»Sire,« sprach der Huissier eintretend, »ein außerordentlicher Eilbote vom Herrn Gouverneur der Picardie mit dringenden Depechen.«

»Ich bitte, seht ein wenig nach, was es ist, Herr Cardinal von Lothringen,« sagte der König mit freundlichem Tone.

Der Cardinal kehrte mit den Depechen zurück, die er Heinrich übergab.

»Ah! ah! meine Herren,« sprach der König, nachdem er einen Blick darauf geworfen hatte. »Das sind ganz andere Nachrichten. Die Heere von Philipp II. versammeln sich in Givet, und Herr Gaspard von Coligny meldet uns, der Herzog von Savoyen stehe an ihrer Spitze. Ein würdiger Feind! Euer Neffe, Herr Connetable, meint, die spanischen Truppen werden Mézières und Rocroy angreifen, in der Absicht, Marienburg zu vereinzeln. Er verlangt in aller Eile Hilfe, um diese Plätze zu beschützen und gegen die ersten Angriffe Stand zu halten.«

Die ganze Versammlung gerieth in Bewegung und erhob sich halb.

»Herr von Montmorency,« sprach der König ruhig und lächelnd, »Ihr seid heute in Euren Weissagungen nicht glücklich. »Marie Von England schweigt,« sagtet Ihr, und wir haben ihre Trompeten erschallen hören. »Philipp II. hat Furcht, und die Niederlande sind ruhig,« fügtet Ihr bei. Der König von Spanien hat aber nicht mehr Furcht als wir, und Flandern rührt sich gehörig, wie mir scheint. Ich sehe, daß offenbar die klugen Verwalter den kühnen Generalen den Vortritt überlassen müssen.«

»Sire,« erwiderte Anne von Montmorency, »ich bin Connetable von Frankreich, und der Krieg kennt mich noch besser als der Frieden.«

»Das ist richtig, mein Vetter,« versetzte der König, »ich sehe auch mit Vergnügen, daß Ihr Euch an Bicoque und Marignan erinnert, und daß die kriegerischen Ideen wieder zu Euch zurückkehren. Zieht also Euer Schwert aus der Scheide, ich freue mich darüber. Ich wollte nichts Anderes mehr sagen, als daß wir nur daran denken dürfen, den Krieg zu machen, und ihn gut und glorreich zu machen. Herr Cardinal von Lothringen schreibt an Euren Bruder, Herrn von Guise, daß er auf der Stelle zurückkomme. Die inneren und Familienangelegenheiten muß man nothwendig vertagen, und was die Heirath von Frau von Angoulême betrifft, Herr von Montmorency, so werden wir wohl daran thun, glaube ich, die Dispense des Papstes abzuwarten.«

Der Connetable machte eine Grimasse, der Cardinal lächelte, Gabriel athmete.

»Auf, meine Herren,« fügte der König bei, der seine ganze Trägheit abgeschüttelt zu haben schien, »auf, wir müssen uns sammeln, um alles Ernstes so wichtige Dinge zu überlegen. Die Sitzung ist für diesen Morgen aufgehoben, doch heute Abend findet eine zweite statt. Diesen Abend also, und Gott beschütze Frankreich!«

»Es lebe der König!« riefen einstimmig die Mitglieder des Rathes.

Und man trennte sich.




XII.

Ein doppelter Schelm


Der Connetable verließ den König sorgenvoll. Meister Arnauld du Thill fand sich auf seinem Wege und rief ihm mit leiser Stimme.

Dies geschah in der großen Gallerie des Louvre.

»Was gibt es denn?« sagte der Connetable, »ah! Ihr seid es, Arnauld? Was wollt Ihr von mir? Ich bin heute nicht in der Laune, Euch anzuhören.«

»Ja, ich begreife,« versetzte Arnauld, »der gnädigste Herr ist ärgerlich über die Wendung, welche der Plan einer Heirath zwischen Madame Diana und Monseigneur Franz nimmt.«

»Woher weißt Du das, Bursche? Aber was liegt mir daran, daß man es weiß, der Wind ist auf Regen und für die Guise, das ist sicher.«

»Doch der Wind wird morgen auf schön Wetter und für die Montmorency sein,« sprach der Spion, »und wenn sich heute der König dieser Heirath widersetzt, so wäre der König morgen für dieselbe. Nein, das neue Hinderniß, das Euch den Weg versperrt, gnädigster Herr, ist wichtiger und kommt anderswoher.«

»Und woher kann ein Hindernis? kommen, das wichtiger wäre, als die Ungnade oder nur die Kälte des Königs?«

»Von Frau von Angoulême zum Beispiel,« antwortete Arnauld.

»Du hast etwas auf jener Seite gerochen, mein feiner Spürhund?« sprach der Connetable, indem er sich ihm offenbar begierig näherte.

»Was dachte denn der gnädigste Herr, wozu ich die abgelaufenen vierzehn Tage angewendet haben sollte.«

»Es ist wahr, man hat lange nicht mehr von Dir sprechen hören.«

»Weder unmittelbar noch mittelbar, gnädigster Herr,« versetzte Arnauld stolz, »Ihr macht mir zum Vorwurf, ich sei zu oft in den Meldungen der Runden der Nachtwachen und der Polizei aufgeführt, doch mir scheint, ich habe seit zwei Wochen vernünftig und geräuschlos gearbeitet.«

»Das ist abermals wahr« sprach der Connetable, »ich staunte, daß ich nicht in das Mittel treten mußte, um Dich Verlegenheiten zu entreißen, Schurke, der Du trinkst, wenn Du nicht spielst, und der Unzucht fröhnst, wenn Du Dich nicht schlägst.«

»Und der lärmende Held der letzten vierzehn Tage war nicht ich, sondern ein gewisser Stallmeister des neuen Kapitäns der Leibwachen, des Vicomte d’Ermès, ein Mensch Namens Martin-Guerre.«

»In der That, ich erinnere mich dessen, Martin-Guerre hat die Stelle von Arnauld du Thill auf der Meldung eingenommen, die ich jeden Abend durchsehen muß.«

»Wer zum Beispiel wurde eines Abends völlig betrunken von der Nachtwache aufgehoben?« fragte Arnauld.

»Martin-Guerre.«

»Wer hat in Folge eines Streites im Spiel, wegen Würfeln die man als falsch erkannt, dem schönsten Gendarmen des Königs von Frankreich einen Degenstich gegeben?«

»Ja, abermals Martin-Guerre.«

»Wer ist gestern ertappt worden, als er die Frau von Meister Gorju, dem Kleinschmied, zu verführen suchte?«

»Immer dieser Martin-Guerre!« sagte der Connetable, »ein ganz henkenswerther Bursche! Und sein Herr, der Vicomte d’Ermès, welchen zu überwachen ich Dich beauftragt habe, muß nicht mehr werth sein, als er, denn er unterstützt und vertheidigt ihn, und versichert, sein Stallmeister sei der sanfteste, geordnetste Mensch.«

»Das hattet Ihr zuweilen die Güte, für mich zu sagen, gnädigster Herr. Martin-Guerre glaubt, er sei vom Teufel besessen. Die Wahrheit ist, daß ich ihn besitze.«

»Wie? Was ist das? Du bist doch nicht etwa Satan?« rief sich ganz erschrocken bekreuzend, der Connetable, ein Mann so unwissend wie ein Karpfe und so abergläubisch wie ein Mönch.

Meister Arnauld antwortete nur durch ein höllisches Gelächter, und als er Montmorency hinreichend beängstigt sah, sagte er:

»Ei! nein, ich bin nicht der Teufel, gnädigster Herr. Um Euch dies zu beweisen und Euch zu beruhigen, bitte ich Euch um fünfzig Pistolen. Hätte ich, wenn ich der Teufel wäre, Geld nöthig, und würde ich mich selbst am Schweif ziehen?«

»Das ist richtig,« sprach der Connetable »und hier sind die fünfzig Pistolen.«

»Die ich dadurch wohl verdient habe, daß ich das Vertrauen des Vicomte d’Ermès zu gewinnen wußte; denn wenn ich nicht der Teufel bin, so bin ich doch ein wenig Zauberer, und ich brauche nur einen gewissen braunen Rock und gewisse gelbe Strumpfhosen anzuziehen, daß der Vicomte d’Ermès mit mir spricht wie mit einem alten Freund und einem erprobten Vertrauten.«

»Hm! dies Alles riecht nach dem Strick,« sprach der Connetable.

»Meister Nostradamus weissagte mir, als er mich nur in der Straße gehen sah, einzig und allein aus dem Anblick meiner Physiognomie, ich würde zwischen Himmel und Erde sterben. Ich füge mich also meinem Schicksal und widme es Euren Interessen, gnädigster Herr. Das Leben eines Gehenkten für sich zu haben, ist unschätzbar. Ein Mensch, der am Galgen zu sterben sicher ist, fürchtet nichts, nicht einmal den Galgen. Um anzufangen, habe ich mich zum Doppelgänger vom Stallmeister des Vicomte d’Ermès gemacht. Ich sagte Euch, daß ich Wunder vollbringe! Wißt Ihr nun, erratet Ihr nun, wer der genannte Vicomte ist?«

»Bei Gott! ein unbändiger Parteigänger der Guisen.«

»Etwas Besseres. Der geliebte Liebhaber von Frau von Castro.«

»Was sagst Du da, Schurke? Und woher weißt Du das?«

»Ich bin der Vertraute des Vicomte, wie ich Euch schon bemerkt habe. Ich bin es, der meistens seine Billets der Schönen überbringt, und ihre Antwort entgegennimmt. Ich stehe auf’s Beste mit der Zofe der Dame, welche Zofe nur darüber staunt, daß sie einen so ungleichen Liebhaber hat, einen Liebhaber, der an einem Tage unternehmend ist wie ein Page, und am andern Tage schüchtern wie eine Nonne. Der Vicomte d’Ermès und Frau von Castro sehen sich dreimal in der Woche bei der Königin, und schreiben sich jeden Tag. Ihr mögt mir jedoch glauben, wenn Ihr wollt, ihre Liebe ist rein. Bei meinem Wort! ich würde mich für sie interessieren, wenn ich mich nicht für mich interessierte. Sie lieben sich wie die Cherubim, und zwar seit ihrer Kindheit, wie es scheint. Ich öffne von Zeit zu Zeit ein wenig ihre Briefe, und sie rühren mich. Madame Diana ist eifersüchtig, rathet einmal auf wen, gnädigster Herr? Auf die Königin. Sie hat Unrecht, die Arme. Es ist möglich, daß die Königin an den Vicomte d’Ermès denkt . . .«

»Arnauld,« unterbrach ihn der Connetable, »Ihr seid ein Verleumder.«

»Euer Lächeln, Monseigneur, straft die üble Nachrede nicht Lügen,« entgegnete Arnauld. »Ich sagte also, es wäre möglich, daß die Königin an den Vicomte dachte, doch der Vicomte denke sicherlich nicht an die Königin. Ihre Liebe ist eine arkadische, vorwurfsfreie, eine Liebe die mich rührt, wie ein süßes Schäferspiel oder ein Ritterroman, was mich indessen, Gott sei mir gnädig! nicht abhält, diese armen Turteltauben für fünfzig Pistolen zu verraten! Doch gesteht, gnädigster Herr, daß ich gut begonnen und diese fünfzig Pistolen wohl verdient habe.«

»Es mag sein,« sprach der Connetable, »doch ich frage Dich noch einmal, wodurch bist Du so gut unterrichtet?«

»Ah! Verzeiht, das ist mein Geheimnis, Ihr könnt es erraten, wenn Ihr wollt, doch ich muß es Euch noch verschweigen. Uebrigens kann Euch nicht viel an meinen Mitteln liegen, für die ich allein verantwortlich bin, wenn Ihr nur Euren Zweck erreicht. Euer Zweck aber ist es, über die Handlungen und Pläne, die Euch schaden könnten, unterrichtet zu sein, und mir scheint, daß die Mittheilung von heute nicht ganz ohne Belang und Nutzen für Euch ist, gnädigster Herr.«

»Allerdings, Schurke, doch Du mußt fortwährend diesen verdammten Vicomte bespähen.«

»Ich werde fortfahren, Monseigneur, denn ich gehöre eben so sehr Euch, als dem Laster. Ihr gebt mir Pistolen, ich gebe Euch Worte, und wir sind Beide zufrieden. Oh! doch es kommt Jemand in diese Gallerie. Eine Frau. Teufel, ich nehme von Euch Abschied, Monseigneur.«

»Wer ist es denn?« fragte der Connetable, der ein kurzes Gesicht hatte.

»Ei! Frau von Castro selbst; sie geht ohne Zweifel zum König, und es ist wichtig, daß sie mich nicht bei Euch sieht, Monseigneur, obgleich sie mich in dieser Kleidung nicht kennt. Sie naht, ich entweiche.«

Er eilte in der That auf der einen Seite weg, während Frau Diana von der andern kam.

Der Connetable zögerte einen Augenblick, dann beschloß er, sich selbst der Wahrheit der Angaben von Arnauld zu versichern, und trat festen Schrittes auf Frau von Angoulême zu.

»Ihr begebt Euch in das Cabinet des Königs, Madame?« sagte er.

»In der That, Herr Connetable.«

»Ich befürchte, Ihr findet Seine Majestät nicht sehr geneigt, Euch zu hören, Madame,« sprach Montmorency, natürlich beunruhigt durch diesen Schritt, »und die ernsten Nachrichten, welche eingelaufen sind . . .«

»Machen gerade den Augenblick äußerst günstig für mich, mein Herr.«

»Und gegen mich, nicht wahr, Madame? Denn Ihr haßt mich furcbtbar.«

»Ach! Herr Connetable, ich hasse Niemand.«

»Hegt Ihr wirklich nur Liebe?« fragte Anne von Montmorency mit einem so ausdrucksvollen Ton daß Diana erröthete und die Augen niederschlug. »Und dieser Liebe wegen widersteht Ihr ohne Zweifel dem Verlangen des Königs und den Wünschen meines Sohnes?« fügte der Connetable bei.

Diana schwieg verlegen.

»Arnauld hat wahr gesprochen,« dachte der Connetable, »sie liebt den schönen Boten der Siege von Herrn von Guise.«

»Herr Connetable,« sagte endlich Diana, »meine Pflicht ist es, Seiner Majestät zu gehorchen, doch es ist zugleich auch mein Recht, meinen Vater anzuflehen.«

»Ihr beharrt also darauf, daß Ihr den König aufsuchen wollt?«

»Ich beharre darauf.«

»Nun wohl! ich begebe mich zu Frau von Valentinois, Madame.«

»Wie es Euch beliebt, mein Herr.«

Sie grüßten sich und verließen die Gallerie jedes durch die entgegengesetzte Seite, und in dem Augenblick, wo Diana beim König eintrat, trat der alte Montmorency bei der Favoritin ein.




XIII.

Der Gipfel des Glücks


»Komm hierher, Meister Martin,« sagte an demselben Tag beinahe zu derselben Stunde Gabriel zu seinem Stallmeister, »ich muß meine Runde machen, und werde erst in zwei Stunden nach Hause zurückkehren. Du, Martin, stellst Dich an den bekannten Ort und erwartest dort einen Brief, einen wichtigen Brief, den Dir Jacinthe wie gewöhnlich zustellen wird. Verliere keine Minute und bring’ ihn mir eiligst; wenn meine Runde vollendet ist, werde ich Dir übrigens entgegengehen, wenn nicht, so erwarte mich hier; Hast Du verstanden?«

»Ich habe verstanden, doch ich muß mir eine Gnade von Euch erbitten.«

»Sprich.«

»Laßt mich von einer Wache begleiten, gnädiger Herr, ich beschwöre Euch.«

»Eine Wache, um Dich zu begleiten, was soll diese neue Tollheit? Fürchtest Du Dich?«

»Ich fürchte mich,« antwortete Martin mit kläglichem Ton. »Es scheint, gnädiger Herr, ich habe in der letzten Nacht wieder schöne Streiche gemacht. Bis jetzt zeigte ich mich nur als Trunkenbold, Spieler und Raufer. Nun bin ich auch Unzüchter! ich, den ganz Artigues wegen der Reinheit seiner Sitten und der Unschuld seiner Seele rühmte! Solltet Ihr glauben, gnädiger Herr, daß ich die Niederträchtigkeit gehabt habe, einen Menschenraub zu versuchen? Ja, einen Menschenraub! mit Gewalt suchte ich die Frau von Meister Gorju, dem Kleinschmied eine sehr schöne Frau, wie es scheint, zu entführen. Zum Unglück, oder vielmehr zum Glück verhaftete man mich, und wenn ich mich nicht genannt und durch Euch empfohlen hätte, so brächte ich die Nacht im Gefängnis zu. Das ist schändlich.«

»Sprich, Martin, hast Du geträumt, oder diese neue Unbesonnenheit wirklich begangen?«

»Geträumt! gnädiger Herr, hier ist die Meldung. Als ich sie nur las, erröthete ich bis über die Ohren. Ja, es gab eine Zeit, wo ich glaubte, alle diese verdammenswerthen Handlungen wären abscheuliche Alpe, oder der Teufel belustige sich damit, daß er meine Gestalt annehme, um nächtliche, ungeheuerliche Dinge zu verüben; doch Ihr habt mich enttäuscht und überdies sehe ich denjenigen nicht mehr, welchen ich für meinen Schatten hielt. Der heilige Vater, dem ich die Berathung meines Gewissens anheimstellte, hat mich auch enttäuscht, und derjenige, welcher alle göttliche und menschliche Gesetze verletzt, der Schuldbefleckte, der Ungläubige, der Verruchte bin ich, wie man mich versichert. Wie eine Henne, welche Enten ausgebrütet hat, faßt meine Seele ehrbare Gedanken, die sich in gottlosen Handlungen empören, und meine ganze Tugend läuft auf das Verbrechen hinaus. Ich wage es nicht, Euch zu sagen, daß ich besessen bin, gnädiger Herr, aus dem einfachen Grunde, weil man mich lebendig verbrennen würde; doch seht, in gewissen Augenblicken muß ich wirklich, wie man sagt, den Teufel im Leibe haben«

»Nein, mein armer Martin,« entgegnete Gabriel lachend, »Du ergibst Dich nur, wie mir scheint, seit einiger Zeit dem Tranke, und wenn Du getrunken hast, siehst Du doppelt.«

»Ich trinke aber nur Wasser, gnädiger Herr, nichts als Wasser! wenn nicht etwa das Wasser der Seine in den Kopf steigt.«

»Doch an jenem Abend, Martin, wo man Dich berauscht unter die Pforte dieses Hauses legte?«

»Gnädiger Herr, an jenem Abend legte ich mich nieder, empfahl meine Seele dem Herrn und entschlummerte: ich stand ebenso tugendhaft auf, und durch Euch, durch Euch allein habe ich das Leben, das ich geführt, erfahren. Dasselbe war in der Nacht der Fall, in der ich den herrlichen Gendarme verwundete, und so ging es auch in der letzten Nacht, wo das abscheuliche Attentat stattgefunden hat. Und ich lasse mich doch von Jerôme in meinem Zimmer einriegeln und einsperren, ich schließe meine Laden mit einer dreifachen Kette, basta! nichts hilft; ich stehe auf, wie ich glauben muß, und mein beflecktes Schlafwandlerleben beginnt. Am andern Tage beim Erwachen frage ich mich: »Süßer Jesus! was werde ich während meiner Abwesenheit in dieser Nacht gethan haben?« Ich gehe hinab, um es von Euch, gnädiger Herr, oder aus den Meldungen des Viertelsmeisters zu erfahren, und sogleich suche ich mein Gewissen von diesen neuen Missethaten im Beichtstuhl zu entlasten, wo man mir eine durch ewige Rückfälle unmöglich gewordene Absolution verweigert. Mein einziger Trost besteht darin, daß ich faste und mich einen Theil des Tages durch gewaltige Geißelhiebe kasteie. Aber ich sehe vorher, ich werde am Ende in der Unbußfertigkeit sterben.«

»Glaube vielmehr, Martin,« sprach der Vicomte, »daß diese Hitze sich dämpfen, und daß Du wieder der vernünftige, geordnete Martin von einst werden wirst. Mittlerweile gehorche Deinem Herrn und erfülle pünktlich den Auftrag, den ich Dir anvertraut. Wie soll ich Dir eine Wache zur Begleitung geben? Du weißt wohl daß Alles dies geheim bleiben muß, und daß Du allein eingeweiht bist.«

»Seid überzeugt, gnädiger Herr, daß ich mein Möglichstes thun werde, um Euch zufrieden zu stellen, doch ich kann nicht für mich stehen, das sage ich Euch zum Voraus.«

»Ah! bei Gott! Martin, das ist zu stark, und warum dies?«

»Werdet nicht ungeduldig über meine Abwesenheiten, gnädiger Herr; ich glaube hier zu sein und bin dort, ich glaube Dieses zu thun und thue Jenes. Neulich als ich zur Buße dreißig Vater und dreißig Ave zu beten hatte, faßte ich den Entschluß die Dose zu Verdreifachen, um mich durch einen übermenschlichen Ueberdruß zu ermatten, und ich bleibe, oder glaube vielmehr in der Kirche Saint-Gervais zu bleiben und durch meine Finger zwei Stunden und darüber die Körner meines Rosenkranzes zu drehen. Ah, ja wohl! als ich hierher zurückkam, erfuhr ich, daß Ihr mich mit einem Billet weggeschickt, und zum Beweise diente daß ich Euch die Antwort zurückgebracht hatte, und Dame Jacinthe, leider auch eine schöne Frau, zankt mich am andern Morgen, daß ich am Tag zuvor sehr keck gegen sie gewesen sei. Dies hat sich dreimal wiederholt, gnädiger Herr, und Ihr verlangt, daß ich meiner sicher sein soll, nach solchen Streichen meiner Einbildungskraft? Nein, nein, hierzu bin ich nicht genug Herr im Hause, und obgleich das Weihwasser mir die Finger nicht verbrennt, steckt doch zuweilen in meiner Haut ein anderer Kamerad als Meister Martin.«

»Nun, ich will es wagen,« sagte Gabriel ungeduldig, »und da Du im Ganzen bisher, magst Du in der Kirche oder in der Rue Froid-Manteau sein, Dich geschickt und getreu des Auftrags, den ich Dir gebe, entledigt hast, so wirst Du ihn auch heute erfüllen, und wisse, solltest Du etwa dessen bedürfen, um Deinen Eifer anzustacheln, daß Du mir in diesem Billet mein Glück oder meine Verzweiflung zurückbringst.«

»Oh! gnädiger Herr, mein Eifer bedarf keines Anstachelns, das schwöre ich Euch, und ohne diese teuflischen Unterschiebungen . . .«

»Ah! willst Du wieder anfangen?« unterbrach ihn Gabriel, »ich muß gehen, und in einer Stunde gehst Du auch, und vergissest keine von meinen Vorschriften. Ein letztes Wort: Du weißt daß ich seit mehreren Tagen sehr unruhig Aloyse, meine Amme, aus der Normandie erwarte; kommt sie in meiner Abwesenheit, so muß man ihr das Zimmer geben, das an das meinige stößt, und sie empfangen, als ob dies ihr Haus wäre. Wirst Du Dich dessen erinnern?«

»Ja, gnädiger Herr.«

»Vorwärts! Martin, eile, Verschwiegenheit und Geistesgegenwart vor Allem.«

Martin antwortete nur durch einen Seufzer und Gabriel verließ sein Haus in der Rue des Jardins.

Er kam, wie er gesagt hatte, nach zwei Stunden zurück, das Auge zerstreut, den Geist voll Unruhe. Als er eintrat, sah er nur Martin, lief auf ihn zu, nahm aus seinen Händen den Brief, den er mit so großer Ungeduld erwartete, entließ Martin durch eine Gebärde und las wie folgt:

»Danken wir Gott, Gabriel, der König hat nachgegeben, wir werden glücklich sein. Ihr müßt schon die Ankunft des Herolds von England, der gekommen ist, um im Namen der Königin Maria von England den Krieg zu erklären, und die Kunde von der großen Bewegung, die sich in Flandern vorbereitet, vernommen haben. Diese, für Frankreich vielleicht bedrohlichen Ereignisse sind unserer Liebe günstig, Gabriel, da sie das Ansehen des jungen Herzogs von Guise vermehren und das des alten Montmorency vermindern. Der König hat jedoch noch gezögert. Aber ich flehte ihn an, Gabriel, ich sagte ihm, ich hätte Euch wiedergefunden, Ihr wäret edel und tapfer, ich nannte Euch . . . Der König erwiderte, ohne etwas zu versprechen, er würde darüber nachdenken; da das Interesse des Staates minder dringend würde, so wäre es grausam von ihm, mein Glück zu gefährden; er könnte Franz von Montmorency eine Entschädigung geben, mit der er sich zu begnügen hätte. Er versprach nichts, doch er wird Alles halten, Gabriel. Oh! Ihr werdet ihn lieben, Gabriel, wie ich ihn liebe, diesen guten Vater, der so die Träume von sechs Jahren verwirklichen wird! Ich habe Euch so viel zu sagen, und diese geschriebenen Worte sind so kalt! Höret, Freund, kommt diesen Abend um sechs Uhr, während des Rathes. Jacinthe wird Euch zu mir führen, und wir haben dann eine gute Stunde, um über die strahlende Zukunft, die sich vor uns öffnet, zu plaudern. ICH sehe auch vorher, daß dieser Feldzug in Flandern Euch fordern wird, und Ihr müßt ihn leider mitmachen, um dem König zu dienen und mich zu verdienen, mein Herr, mich, die ich Euch so sehr liebe. Denn ich liebe Euch, mein Gott, ja! wozu sollte es nun nützen, wenn ich es Euch verbergen würde? Kommt also, damit ich sehe, ob Ihr so glücklich seid, als Eure Diana.«

»Oh! ja, sehr glücklich!« rief Gabriel mit lauter Stimme, als er diesen Brief bis zum Ende gelesen hatte, »und was fehlt nun noch zu meinem Glück?«

»Nicht die Gegenwart Eurer alten Amme,« sprach plötzlich Aloyse, welche unbeweglich und schweigsam im Schatten sitzen geblieben war.

»Aloyse!« rief Gabriel, indem er auf sie zueilte und sie umarmte, »Aloyse! oh! doch, gute Amme, Du fehltest mir. Wie geht es Dir? Du hast Dich nicht verändert. Umarme mich noch einmal, ich habe mich auch nicht verändert, wenigstens nicht im Herzen, in diesem Herzen, das Dich liebt. Dein Zögern beunruhigte mich sehr. Frage nur Martin . . . warum hast Du so lange auf Dich warten lassen?«

»Die letzten Regen, gnädiger Herr, höhlten die Wege aus, und wenn ich nicht, angeeifert durch Euren Brief, Hindernissen aller Art getrotzt hätte, so wäre ich noch nicht angekommen.«

»Oh! Du hast wohl daran gethan, Dich zu beeilen, Aloyse, denn wahrhaftig, wozu nützt es, allein glücklich zu sein? Siehst Du diesen Brief, den ich so eben empfangen habe? er ist von Deinem andern Kind, er ist von Diana, und er verkündigt mir, daß die Hindernisse, die sich unserer Liebe entgegenstellten, gehoben werden können, daß der König die Heirath von Diana mit Franz von Montmorency nicht mehr fordert, daß Diana mich liebt! daß sie mich liebt! und Du bist da, um Alles dies zu hören, Aloyse; sprich, stehe ich nicht wahrhaftig auf dem Gipfel des Glücks?«

»Gnädiger Herr,« entgegnete Aloyse, ohne von ihrem traurigen Ernste abzuweichen, »gnädiger Herr, wenn Ihr dennoch auf Frau von Castro verzichten müßtet?«

»Unmöglich, Aloyse, da sich nun alle Hindernisse wie von sich selbst ebnen!«

»Man kann immerhin die Schwierigkeiten besiegen, welche von den Menschen kommen« sprach die Amme, »doch nicht diejenigen welche von Gott kommen. Gnädiger Herr, Ihr wißt, ob ich Euch liebe und ob ich mein Leben hingeben würde, um dem Eurigen den Schatten eines Kummers zu ersparen; nun wohl! wenn ich zu Euch sagte: »Ohne nach dem Grund zu fragen, gnädiger Herr, verzichtet auf Frau von Castro hört auf, sie zu sehen, erstickt diese Liebe durch alle Mittel, welche Ihr in Eurer Gewalt habt. Ein furchtbares Geheimniß, dessen Enthüllung nicht von mir zu fordern, ich Euch in Eurem eigenen Interesse beschwöre, waltet zwischen Euch Beiden ob.« Wenn ich so zu Euch spräche, flehend und auf den Knieen, was würdet Ihr mir antworten, gnädiger Herr?«

»Solltest Du mich auffordern mein Leben zu vernichten, ohne nach dem Grund zu fragen, so würde ich Dir gehorchen. Doch meine Liebe liegt außer dem Bereiche meines Willens, Amme, und sie kommt auch von Gott.«

»Herr,« rief, die Amme die Hände faltend, »er spricht eine Gotteslästerung. Doch Du siehst, daß er nicht weiß, was er thut, vergib ihm, o Herr!«

»Du erschreckst mich, Aloyse! Halte mich nicht so lange in dieser tödtlichen Angst, und was Du auch sagen willst oder mußt, sprich, sprich, ich flehe Dich an.«

»Ihr wollt es, gnädiger Herr? Ich muß Euch durchaus das Geheimniß enthüllen, welches zu bewahren ich vor Gott geschworen hatte, das mir aber Gott selbst nicht länger zu verbergen befiehlt? Nun wohl! gnädiger Herr, Ihr habt Euch getäuscht, hört mich, Ihr müßt Euch über die Natur der Zuneigung getäuscht haben, die Euch Diana einflößte! Es war kein heißes Verlangen, keine Gluth, dessen seid sicher, sondern eine ernste, ergebene Zuneigung, ein Bedürfniß, freundschaftlichen, brüderlichen Schutz zu gewähren, nichts Zärtlicheres, nichts Eigennützigeres gnädiger Herr.«

»Das ist ein Irrthum, Aloyse, die reizende Schönheit von Diana . . .«

»Es ist kein Irrthum,« sprach Aloyse hastig, »und Ihr werdet darin mit mir übereinstimmen; denn der Beweis wird Euch so klar und unumstößlich erscheinen als mir. Wißt also, aller Wahrscheinlichkeit nach ist Frau von Castro . . . ach! Muth gefaßt, mein Kind! ist Frau von Castro . . . Eure Schwester!«

»Meine Schwester« rief Gabriel auffahrend, als ob ihn eine Feder emporheben würde, »meine Schwester!« rief er beinahe wahnsinnig. »Wie könnte die Tochter des Königs und von Frau von Valentinois meine Schwester sein?«

»Gnädiger Herr, Diana von Castro ist geboren im Mai 1539, nicht wahr? der Graf Jacques von Montgommery ist verschwunden im Januar desselben Jahres, und, wißt Ihr auf welchen Verdacht hin? Wißt Ihr, was man Eurem Vater zur Last legte? Man beschuldigte ihn, er sei der glückliche Liebhaber von Diana von Poitiers und, der bevorzugte Nebenbuhler des Dauphin, der heute König von Frankreich ist. Vergleicht nun die Zeitangaben, gnädiger Herr.«

»Himmel und Erde!« rief Gabriel. »Doch sprecht, sprecht,« sagte er, alle Kräfte seines Wesens zusammenraffend, »mein Vater war angeklagt, doch wer beweist, daß die Anklage gegründet war? Diana ist fünf Monate nach dem Tode meines Vaters geboren, doch wer beweist, daß Diana nicht die Tochter des Königs ist der sie liebt, wie sein Kind?«

»Der König kann sich täuschen, wie ich mich ebenfalls täuschen kann, gnädiger Herr; bemerkt wohl, daß ich nicht sagte: Diana ist Eure Schwester. Doch es ist wahrscheinlich, daß sie es ist; es ist möglich, daß sie es ist, wenn Ihr wollt. War es nicht meine Pflicht, Euch dieses Geständniß zu thun, Gabriel? Ja, nicht wahr, da Ihr ohne dieses Geständniß nicht auf sie verzichten wolltet? Nun mag Euer Gewissen das Urtheil über Eure Liebe sprechen und Gott mag Euer Gewissen richten.«

»Oh! dieser Zweifel ist tausendmal gräßlicher, als das Unglück selbst,« sprach Gabriel. »Mein Gott, wer wird mich diesem Zweifel entreißen.«

»Das Geheimnis war nur zwei Personen in der Welt bekannt, gnädiger Herr,« sagte Aloyse, »und nur zwei menschliche Geschöpfe hätten Euch antworten können: Euer Vater der heute in einem unbekannten Grabe liegt, und Frau von Valentinois, die wohl nie zugestehen wird, daß sie den König getäuscht hat, und daß ihre Tochter nicht die Tochter des Königs ist.«

»Ja,« versetzte Gabriel, »und jedenfalls, wenn ich nicht die Tochter meines Vaters liebe, so liebe ich die Tochter des Mörders meines Vaters! Denn an dem König, an Heinrich II. habe ich Rache zu nehmen für den Tod meines Vaters, nicht wahr, Aloyse?«

»Wer weiß das außer Gott?« antwortete die Amme.

»Ueberall Verwirrung und Finsternis! Zweifel und Schrecken!« sprach Gabriel. »Oh! ich werde ein Narr werden, Amme! Doch nein,« sagte der thatkräftige junge Mann, »ich will kein Narr werden, ich will es nicht! ich werde zuerst alle Mittel erschöpfen, um die Wahrheit zu ergründen. Ich werde zu Frau von Valentinois gehen und sie um ihr Geheimnis fragen. Sie ist katholisch, gottesfürchtig, ich werde von ihr einen Eid erhalten, der mir ihre Aufrichtigkeit bezeugt. Ich werde zu Catharina von Medicis geben, die vielleicht etwas erfahren hat. Ich werde zu Diana gehen und, die Hand auf meinem Herzen, die Schläge meines Herzens befragen. Wohin werde ich nicht geben? Ich würde zum Grabe meines Vaters gehen, wenn ich es wüßte, wenn ich es finden könnte, Aloyse, und ich würde ihn mit einer so mächtigen Stimme beschwören, daß er sich unter den Todten erheben müßte, um mir zu antworten.«

»Armes, theures Kind!« murmelte Aloyse, »so kühn und so muthig, selbst nach diesem furchtbaren Schlag! so stark gegen ein so grausames Geschick.«

»Und ich werde keine Minute verlieren, um zum Werk zu schreiten,« sprach Gabriel, indem er, von einem gewissen Thätigkeitsfieber bewegt, aufstand.

»Es ist vier Uhr: in einer halben Stunde bin ich bei der Frau Großseneschallin; eine halbe Stunde hernach bei der Königin; um sechs Uhr da, wo mich Diana erwartet, und wenn ich diesen Abend zurückkomme, Aloyse, habe ich vielleicht eine Ecke von diesem dunkeln Schleier meines Schicksals aufgehoben. Diesen Abend sehen wir uns wieder.«

»Und ich, gnädiger Herr, kann ich nichts thun, um Euch bei Eurer furchtbaren Aufgabe zu unterstützen?« fragte Aloyse.

»Du kannst zu Gott beten, Aloyse, bete zu Gott.«

»Für Euch und für Diana, ja, gnädiger Herr.«

»Bete auch für den König, Aloyse,« sprach Gabriel mit finsterer Miene.

Und er ging mit hastigen Schritten hinaus.




XIV.

Diana von Poitiers


Der Connetable von Montmorency war noch bei Diana von Poitiers und sprach zu ihr mit hochmüthigem Tone, ebenso rauh und gebieterisch, als sie sich sanft und weich gegen ihn zeigte.

»Ei! Gottes Tod! es ist am Ende Eure Tochter,« sagte er, »und Ihr habt bei ihr dieselben Rechte und dieselbe Gewalt wie der König, fordert diese Heirath.«

»Mein Freund,« erwiderte Diana, »bedenkt, da ich bis jetzt, was die Zärtlichkeit betrifft, sehr wenig Mutter gewesen bin, so kann ich nicht hoffen, genug Mutter hinsichtlich der Gewalt zu sein: ich kann nicht schlagen, ohne geliebkost zu haben. Wir, Frau von Angoulême und ich, sind wie Ihr wißt, sehr kalt gegen einander, und trotz ihres anfänglichen Entgegenkommens haben wir uns beständig nur in seltenen Zwischenräumen gesehen. Sie hat überdies einen großen persönlichen Einfluß auf den Geist des Königs zu gewinnen vermocht, und ich weiß in der That nicht, wer von uns Beiden zu dieser Stunde die Mächtigere ist. Was Ihr von mir fordert, Freund, ist also sehr schwierig, wenn nicht zu sagen unmöglich. Laßt diese Heirath, und ersetzt, sie durch eine glänzendere Verbindung. Der König hat die kleine Johanna an Carl von Mayenne verlobt, wir werden von ihm die kleine Margarethe für Euren Sohn erhalten.«

»Mein Sohn liegt in einem Bett, und nicht in einer Wiege,« entgegnete der Connetable, »und wie vermöchte ein kleines Mädchen zum Glück meines Hauses beizutragen? Frau von Castro hat im Gegentheil, wie Ihr mir wunderbar passend bemerkten einen großen persönlichen Einfluß auf den Geist des Königs, und deshalb will ich Frau von Castro zur Söhnerin haben. Gottes Tod! es ist seltsam, daß ein Edelmann, der den Namen des ersten Barons der Christenheit führt, wenn er sich herbeiläßt, eine Bastardin zu heirathen, so viel Schwierigkeiten findet, diesen Mißbund zu schließen. Madame, Ihr seid nicht umsonst die Geliebte des Königs, wie ich nicht umsonst Euer Liebhaber bin. Trotz Frau von Castro, trotz diesem Jungfernknecht, der sie anbetet, will ich, daß diese Heirath stattfinde, ich will es.«

»Nun wohl! hört mein Freund,« sprach Diana von Poitiers mit sanftem Tone, »ich mache mich anheischig, das Mögliche und das Unmögliche zu thun, um Euch zu diesem Ziele zu führen. Was soll ich Euch mehr sagen? Doch Ihr werdet wenigstens besser gegen mich sein, und nicht mehr in diesem plumpen Tone mit mir sprechen, Böser!«

Und mit ihren zarten, rosigen Lippen streifte die schöne Herzogin den grauen starren Bart des alten Anne, der sie brummend gewähren ließ.

Denn so war diese seltsame Liebe, die nichts erklärte, wenn nicht eine seltsame Entsittlichung der vergötterten Geliebten eines jungen schönen Königs für einen alten Graubart, der sie hart behandelte. Das rohe Wesen von Montmorency entschädigte sie für die Galanterie von Heinrich II., und sie fand mehr Reize in der üblen Behandlung des Einen, als in den Schmeicheleien des Andern. Ungeheuerliche Laune eines weiblichen Herzens! Anne von Montmorency war weder geistreich noch glänzend, und er galt mit Recht für habgierig und geizig. Die furchtbaren Strafen, die er der meuterischen Bevölkerung von Bordeaux auferlegt, hatten ihm allein eine Art von gehässiger Berühmtheit verliehen. Allerdings brav, eine gewöhnliche Eigenschaft in Frankreich, war er bis dahin kaum in den Schlachten, an denen er Antheil genommen, glücklich gewesen. Bei den Siegen von Ravenna und Marignan, wo er noch nicht befehligte, zeichnete man ihn nicht unter der Menge aus; an der Bicoque, wo er Oberster der Schweizergarden war, ließ er beinahe sein ganzes Regiment niedermetzeln, und bei Pavia wurde er gefangen genommen. Sein militärischer Ruhm ging nicht weiter, und Saint-Laurent sollte dem Allem eine klägliche Krone aufsetzen. Ohne die Gunst von Heinrich II., die diesem wahrscheinlich durch Diana von Poitiers eingeflößt wurde, wäre er der Zweite im Rath wie im Kriege geblieben, und dennoch liebte ihn Diana, schmeichelte sie ihm, gehorchte sie ihm in Allem, die Geliebte eines reizenden Königs, die Sklavin eines lächerlichen Kriegsknechtes.

In diesem Augenblick kratzte man bescheiden an der Thüre, ein Page trat auf die Erlaubniß von Frau von Valentinois ein und meldete, der Vicomte d’Ermès bitte inständig und aus einem sehr wichtigen Beweggrunde, einen Augenblick bei der Herzogin vorgelassen zu werden.

»Der Verliebte!« rief der Connetable, »was will er denn von Euch, Diana? Sollte er zufällig kommen, um sich von Euch die Hand Eurer Tochter zu erbitten?«

»Darf ich ihn eintreten lassen?« fragte fügsam die Favoritin.

»Allerdings, allerdings; dieser Schritt kann uns unterstützen. Doch er warte einige Augenblicke. Noch ein Wort, damit wir uns verständigen.«

Diana von Poitiers ertheilte diesen Befehl dem Pagen, der wieder hinausging.

»Wenn der Vicomte d’Ermès zu Euch kommt, Diana,« sprach der Connetable, »so geschieht es, weil sich unerwartete Schwierigkeiten erheben, und weil der Fall sehr verzweifelt sein muß, daß er zu einem verzweifelten Mittel seine Zuflucht nimmt. Hört mich also wohl, und wenn Ihr meine Instruktion genau befolgt, so wird Eure, ich gestehe es, etwas gewagte Vermittlung beim König vielleicht unnöthig werden. Diana, um was auch der Vicomte bei Euch nachsuchen mag, verweigert es ihm. Bittet er Euch um seinen Weg, so schickt ihn auf die seiner Bahn entgegengesetzte Seite, will er, daß Ihr ja antwortet, so sagt nein und ja, wenn er auf ein Nein hofft. Seid verächtlich, hochmüthig, schlimm gegen ihn, kurz seid die würdige Tochter der Fee Melusine, von der Ihr aus dem Hause Poitiers abstammt, wie es scheint. Habt Ihr mich verstanden, Diana? und werdet Ihr thun, was ich sage?«

»Punkt für Punkt, mein Connetable.«

»Dann werden sich die Strähnen des Galant ein wenig verwirren. Der Arme wirft sich so in den Rachen der . . .«

Er wollte sagen der Wölfin, doch er Verbesserte sich:

»Der Wölfe. Ich lasse Euch allein, Diana, und legt mir gut Rechenschaft ab von diesem schönen Prätendenten. Heute Abend!«

Er war so gnädig, Diana auf die Stirne zu küssen, und entfernte sich sodann. Man führte durch eine andere Thüre den Vicomte d’Ermès ein.

Gabriel verbeugte sich ehrfurchtsvoll vor Diana, die ihm durch den hochmüthigsten Gruß antwortete; doch Gabriel bewaffnete sich mit Muth für diesen ungleichen Kampf der glühenden Leidenschaft gegen die eisige Eitelkeit, und begann mit ziemlich viel Ruhe.

»Madame,« sprach er, »der Schritt, den ich bei Euch thue, ist allerdings kühn und wahnsinnig. Doch es gibt zuweilen im Leben so ernste, so erhabene, so feierliche Umstände, daß sie uns über die gewöhnlichen Regeln des Wohlstandes, über die gewöhnlichen Bedenklichkeiten setzen. Ich befinde mich nun in einer dieser furchtbaren Krisen des Schicksals. Der Mann, der mit Euch spricht, Madame, legt in Eure Hände sein Leben, und wenn Ihr es ohne Mitleid fallen laßt, so wird es zerschellen.«

Frau von Valentinois machte nicht das geringste Zeichen der Ermuthigung. Den Leib vorwärts geneigt das Kinn auf ihre Hand, und den Ellenbogen auf ihr Knie stützend, schaute sie Gabriel fest und mit einer Miene verdrießlichen Erstaunens an.

»Madame,« fuhr Gabriel fort, indem er den betrübenden Einfluß dieses absichtlichen Schweigens von sich abzuschütteln suchte. »Ihr wißt, oder wißt vielleicht nicht, daß ich Frau von Castro liebe. Ich liebe sie, Madame mit einer tiefen, glühenden, unwiderstehlichen Liebe.«

»Was geht das mich an?« schien ein nachlässiges Lächeln von Diana von Poitiers sagen zu wollen.

»Ich spreche von dieser Liebe, die meine Seele erfüllt, Madame, um dazu zu gelangen, Euch zu sagen, ich könne, ich müsse sogar die blinden Fatalitäten und die unversöhnlichen Forderungen der Leidenschaft verstehen, entschuldigen, bewundern. Weit entfernt, diese zu tadeln, wie der gemeine Haufen, sie zu zergliedern, wie die Philosophen, sie zu verdammen, wie die Priester, knie ich vor ihr nieder, und bete sie an wie eine Ausstrahlung Gottes. Sie macht das Herz, in das sie eintritt, reiner, größer, göttlicher, und hat sie nicht Jesus geheiligt an dem Tag, wo er zu Magdalena sagte, sie sei gebenedeit unter allen Weibern, weil sie viel geliebt?«

Diana von Poitiers änderte ihre Haltung, und streckte sich die Augen halb geschlossen, nachläßig in ihrem Lehnstuhle aus.

»Wo will er hinaus mit seiner Rede?« dachte sie.

»Ihr seht also, Madame,« fuhr Gabriel fort, »die Liebe ist für mich heilig; mehr noch, sie ist allmächtig in meinen Augen. Lebte der Gemahl von Frau von Castro noch, ich würde Frau von Castro lieben und es nicht einmal versuchen, einen unwiderstehlichen Instinkt zu besiegen. Nur die falsche Liebe läßt sich bändigen, die wahre Liebe aber kann man eben so wenig vermeiden, als befehlen. Ihr selbst, Madame, auserkohren und geliebt von dem größten König der Welt, müßt deshalb nicht vor der Berührung einer aufrichtigen Leidenschaft geschützt sein, und hättet Ihr derselben nicht zu widerstehen vermocht, so würde ich Euch beklagen und beneiden, aber nie verdammen.«

Dasselbe Schweigen von Seiten der Herzogin von Valentinois. Ein spöttisches Erstaunen war das einzige Gefühl, das sich auf ihrem Gesichte ausprägte. Gabriel sprach mit noch mehr Wärme, als wollte er diese eherne Seele an den Flammen der seinigen erweichen:

»Ein König verliebt sich, und das ist ganz einfach, in eine bewunderungswürdige Schönheit; Ihr seid gerührt von dieser Liebe, doch Euer Herz, das sie erwidern will, kann es dies nothwendig? Ach! nein. Aber an der Seite des Königs sieht Euch ein Edelmann schön, muthig, ergeben; er liebt Euch, und diese Leidenschaft dunkler, aber nicht minder mächtig, erreicht Eure Seele, in welche der Geist eines Königs nicht einzudringen vermochte; seid Ihr nicht auch Königin, Königin durch die Schönheit, wie der Fürst, der Euch liebt, König durch die Macht ist? Besteht nicht unter Euch unabhängige und freie Gleichheit? Sind es die Titel, welche die Herzen gewinnen? Wer konnte Euch verhindern, daß Ihr einen Tag, eine Stunde, in Eurem edlen Vertrauen, den Unterthan dem Herrn Vorzoget? Ich wenigstens nicht, der ich mich zu wenig auf edle Gefühle verstünde, wenn ich Frau Diana von Poitiers ein Verbrechen daraus machen wollte, daß sie, von Heinrich II. geliebt, den Grafen von Montgommery liebte.«

Diana machte plötzlich eine Bewegung, stand halb auf und öffnete ihre großen, grünen, klaren Augen. In der That, zu wenig Personen kannten ihr Geheimniß am Hof, als daß dieses rasche Wort von Gabriel nicht einiges Erstaunen bei ihr verursacht haben müßte.

»Habt Ihr materielle Beweise von dieser Liebe?« fragte sie nicht ohne eine gewisse Unruhe.

»Ich habe nur eine moralische Gewißheit, Madame, doch ich habe sie.«

»Ha!« machte sie, indem sie wieder ihre freche Miene annahm. »Nun! dann ist es mir ganz gleichgültig, Euch die Wahrheit zu gestehen. Ja, ich habe den Grafen von Montgommery geliebt. Hernach?«

Doch hernach wußte Gabriel nichts Bestimmtes mehr, und er wandelte nur noch in der Finsternis der Vermuthungen. Dennoch fuhr er fort:

»Ihr habt Jacques von Montgommery geliebt, Madame, und ich wage, sogar zu behaupten, daß Ihr sein Andenken liebt; denn ist er von der Oberfläche der Welt verschwunden, so ist es für Euch geschehen. Nun wohl! in seinem Namen beschwöre ich Euch, Madame, und richte ich eine Frage an Euch, die Euch vielleicht vermessen vorkommen wird, ich wiederhole es, doch ich wiederhole auch, daß Eure Antwort, wenn Ihr mir zu antworten die Güte habt, in meinem Herzen nur Dankbarkeit und Anbetung zur Folge haben wird; denn an dieser Antwort hängt mein Leben; ich wiederhole endlich, daß ich, wenn Ihr sie mir nicht verweigert, fortan mit Leib und Seele Euch gehören werde, und die gediegenste Macht der Erde kann eines treuen Armes und eines ergebenen Herzens bedürfen, Madame.«

»Vollendet, mein Herr, kommen wir zu der furchtbaren Frage,« sprach die Herzogin.

»Ich will mich auf die Kniee werfen, um sie gegen Euch auszusprechen, Madame,« sagte Gabriel, während er wirklich niederkniete.

Und er fuhr dann mit bebendem Herzen und zitternder Stimme fort:

»Madame, im Verlaufe des Jahres 1538 habt Ihr den Grafen von Montgommery geliebt.«

»Es kann sein,« antwortete Diana von Poitiers. »Hernach?«

»Im Januar 1539 ist der Graf von Montgommery verschwunden, und im Mai 1539 wurde Diana von Castro geboren.«

»Nun?« fragte Diana.

»Nun, Madame,« sagte Gabriel so leise, daß sie ihn kaum hörte. »hierin liegt das Geheimniß, das ich mir zu Euren Füßen von Euch erflehen will, das Geheimnis, von dem mein Schicksal abhängt, und das, glaubt mir, in meinem Busen sterben wird, wenn Ihr es mir zu enthüllen die Gnade haben wollt. Vor dem Crucifix, das ich hier über Eurem Haupte erblicke, schwöre ich es Euch, Madame; man würde mir eher das Leben als Euer Bekenntniß entreißen. Und überdies könntet Ihr mich immer noch Lügen strafen; man würde Euch mehr glauben als mir, und ich verlange keinen Beweis von Euch, sondern nur Euer Wort, Madame. Madame, sollte Jacques von Montgommery der Vater von Diana von Castro Sein?«

»Ah! ah!« sagte Diana, in ein verächtliches Gelächter ausbrechend, »die Frage ist in der That vermessen, und Ihr hattet Recht so lange Umschweife zu machen. Beruhigt Euch jedoch, mein lieber Herr, ich grolle Euch deshalb nicht, Ihr interessiertet mich wie ein Rätsel, und in der That, Ihr interessiert mich noch; denn was kümmert es Euch, Herr d’Ermès, ob Frau von Angoulême die Tochter des Königs, oder das Kind des Grafen ist? Der König gilt für ihren Vater, das muß Eurem Ehrgeiz genügen, wenn Ihr ehrgeizig seid. In was mischt Ihr Euch also, und warum befragt Ihr so anmaßend und so unnütz die Vergangenheit? Ihr habt einen Grund, sagt Ihr, doch was ist dieser Grund.«

»Ich habe wahrhaftig einen Grund, Madame; doch ich beschwöre Euch, habt die Gnade, mich nicht darnach zu fragen.«

»Ah! ah!« versetzte Diana, »Ihr wollt meine Geheimnisse ergründen und bewahrt die Eurigen. Der Handel wäre für Euch wenigstens vortheilhaft.«

Gabriel machte das elfenbeinerne Crucifix los. das über dem hinter Diana stehenden geschnitzten Betpult von Eichenholz befestigt war, und sprach:

»Bei Eurem ewigen Heile, Madame, schwört, zu verschweigen, was ich Euch sagen werde, und es auf keine Weise gegen mich zu mißbrauchen?«

»Ein solcher Eid . . .« sagte Diana.

»Ja, Madame, denn ich weiß, daß Ihr eine eifrige, fromme Katholikin seid, und wenn Ihr bei Eurem ewigen Heil schwört, so werde ich Euch glauben.«

»Und wenn ich mich weigere, zu schwören?«

»So schweige ich, Madame, und Ihr habt mir mein Leben verweigert.«

»Wißt Ihr, mein Herr,« versetzte Diana, »daß Ihr auf eine seltsame Weise meine weibliche Neugierde reizt? Ja, das Geheimniß, mit dem Ihr Euch auf eine so tragische Weise umhüllt, zieht mich an und führt mich in Versuchung. Ihr habt diesen Sieg über meine Einbildungskraft davongetragen, ich sage es Euch offenherzig, und ich glaubte nicht, daß man mich in diesem Grade stacheln könnte. Wenn ich schwöre, so geschieht es, um mehr über Euch zu erfahren, das glaubt nur. Reine Neugierde, ich muß es gestehen.«

»Ich flehe Euch auch an, um etwas zu erfahren, Madame, nur ist meine Neugierde die eines Angeklagten, der sein Todesurtheil erwartet; eine bittere, furchtbare Neugierde, wie Ihr seht! Wollt Ihr diesen Eid sprechen, Madame?«

»Sagt die Worte, und ich werde sie wiederholen; mein Herr.«

Und Diana wiederholte wirklich nach Gabriel:

»Bei meinem Heile in diesem und in jenem Leben schwöre ich, Niemand in der Welt das Geheimnis zu entdecken, das Ihr mir sagen werdet, nie mich desselben zu bedienen, um Euch zu schaden, und in allen Punkten zu handeln, als ob ich es nie gewußt hätte und noch nicht wüßte.«

»Gut, Madame,« sagte Gabriel, »ich danke Euch für diesen ersten Beweis von Nachgiebigkeit. Mit zwei Worten werdet Ihr nun Alles begreifen: Ich heiße Gabriel von Montgommery, und Jacques von Montgommery war mein Vater.«

»Euer Vater?« rief Diana, indem sie sich ganz bewegt und erstaunt hoch aufrichtete.

»So daß . . .« fuhr Gabriel fort, »Diana von Castro, die ich liebe, oder mit einer wahnsinnigen Liebe zu lieben glaubte, ist sie die Tochter des Grafen, meine Schwester ist!«

»Ah! ich begreife,« versetzte Diana von Poitiers, sich ein wenig erholend. »Das rettet den Connetable,« dachte sie.

»Nun, Madame,« fuhr Gabriel, bleich, aber fest fort, »wollt Ihr mir die Gnade bewilligen, wie Ihr es so eben gethan, auf dieses Crucifix zu schwören, daß Frau von Castro die Tochter von Heinrich II. ist? . . . Ihr antwortet nicht? Oh! warum antwortet ihr nicht, Madame?«

»Weil ich diesen Schwur nicht aussprechen kann.«

»Ah! mein Gott! mein Gott! Diana ist das Kind meines Vaters?« rief Gabriel ganz wankend.

»Ich sage das nicht! ich werde das nie zugestehen,« sprach Frau von Valentinois, »Diana von Castro ist die Tochter des Königs.«

»Oh! wahrhaftig, Madame! o wie gut seid Ihr!« sagte Gabriel, »doch verzeiht, Euer Interesse kann Euch so zu sprechen gebieten. Schwört also, Madame, schwört: im Namen meines Vaters, der für Euch gestorben ist, im Namen Eures Kindes, das Euch segnen wird, schwört.«

»Ich werde nicht schwören,« erwiderte die Herzogin. »Warum sollte ich schwören?«

»Aber, Madame, so eben habt Ihr einen Eid ausgesprochen, dem ähnlich, um welchen ich Euch anflehe, einzig und allein, um eine alltägliche Neugierde zu befriedigen, Ihr habt es mir selbst gesagt; und nun, da es sich um das Leben eines Menschen handelt, da Ihr mit ein paar Worten zwei Existenzen aus dem Abgrunde ziehen könnt, fragt Ihr: Warum sollte ich diese paar Worte sagen?«

»Kurz, mein Herr, ich werde nicht schwören,« sprach Diana kalt und entschlossen.«

»Und wenn ich nichtsdestoweniger Frau von Castro heirathe, Madame, und wenn Frau von Castro meine Schwester ist, glaubt Ihr, das Verbrechen werde nicht auf Euch zurückfallen?«

»Nein, da ich nicht geschworen habe.«

»Gräßlich! gräßlich« rief Gabriel. »Doch bedenkt, Madame, daß ich überall sagen kann, Ihr habet den Grafen von Montgommery geliebt, Ihr habet den König verraten, und ich, der Sohn des Grafen, habe Gewißheit darüber.«

»Moralische Gewißheit, doch keine Beweise,« versetzte mit einem schlimmen Lächeln Diana, welche nun wieder ihre freche, hochmüthige Gleichgültigkeit annahm. »Ich werde Euch Lügen strafen, mein Herr, und Ihr habt es, auch selbst gesagt, wenn Ihr behauptet, und ich leugne, so wird man nicht Euch glauben. Fügt dem bei, daß ich dem König sagen kann, Ihr habet es gewagt, mir eine unverschämte Liebe zu erklären, und mir gedroht, mich zu verleumden, wenn ich nicht nachgeben würde. Ihr wäret dann verloren. Herr Gabriel von Montgommery. Doch verzeiht,« fügte sie aufstehend bei, »ich bin genöthigt, Euch zu verlassen; Ihr habt mich wahrhaftig sehr interessiert, und Eure Geschichte ist eine ganz seltsame.«

Sie klopfte an ein Glöckchen, um ihren Pagen zu rufen.

»Oh! das ist schändlich!« rief Gabriel, indem er sich mit seinen geballten Fäusten vor die Stirne schlug. »Oh! warum seid Ihr eine Frau, und warum bin ich ein Edelmann? Doch nehmt Euch nicht desto weniger in Acht, Madame, Ihr werdet nicht ungestraft mit meinem Herzen und mit meinem Leben gespielt haben, und Gott wird Euch bestrafen und mich rächen; denn was Ihr thut, ich wiederhole es, ist schändlich.«

»Ihr findet das?« sagte Diana.

Und sie begleitete diese Worte mit einem kurzen, trockenen, spöttischen Gelächter, das ihr eigenthümlich war.

In diesem Augenblick hob der Page, den sie gerufen hatte, den Thürvorhang auf. Sie machte Gabriel einen kleinen ironischen Bückling und verließ das Zimmer.

»Gut!« sagte sie zu sich selbst, »Mein Connetable bat offenbar Glück. Fortuna ist wie ich: sie liebt ihn. Warum des Teufels lieben wir ihn?«

Gabriel ging, trunken vor Wuth und Schmerz, hinter Diana weg.




XV.

Catharina von Medicis


Aber Gabriel war ein braves, festes Herz, voll Muth und Entschlossenheit. Nach dem ersten Augenblick der Bestürzung schüttelte er seine Niedergeschlagenheit von sich ab, erhob das Haupt und ließ sich bei der Königin melden.

Catharina von Medicis konnte in der That von der unbekannten Tragödie der Nebenbublerschaft ihres Gemahls und des Grafen von Montgommery haben reden hören: wer weiß, ob sie nicht sogar eine Rolle darin gespielt hatte? Sie zählte zu jener Zeit kaum zwanzig Jahre. Mußte nicht die Eifersucht der schönen und vernachläßigten jungen Frau beständig die Augen auf alle Handlungen und Fehler ihrer Nebenbuhlerin offen halten? Gabriel rechnete darauf, ihre Erinnerungen würden ihn auf dem dunklen Pfade erleuchten, wo er nur tappend fortschritt, während er auf demselben klar zu sehen, als Liebender und als Sohn, für sein Glück oder für seine Rache, ein so großes Interesse hatte.

Catharina empfing den Vicomte d’Ermès mit dem ausgezeichneten Wohlwollen, das sie ihm bei jeder Gelegenheit bewies.

»Ihr seid es schöner Sieger,« sagte sie, »welchem glücklichen Zufall verdanke ich Euern freundlichen Besuch? Ihr laßt Euch nur selten bei mir sehen, Herr d’Ermès, und es ist sogar, wie ich glaube, das erste Mal, daß Ihr Audienz in unsern Gemächern von uns verlangt. Ihr seid jedoch und werdet stets willkommen bei uns sein.«

»Madame,« sprach Gabriel, »ich weiß nicht, wie ich Euch für so viel Güte danken soll; seid überzeugt, daß meine Ergebenheit . . .«

»Laßt Eure Ergebenheit,« unterbrach ihn die Königin, »nennt uns die Absicht, die Euch hierher führt. Könnte ich Euch etwa in irgend einer Sache dienlich sein?«

»Ja, Madame, ich glaube, daß Ihr es könntet.«

»Desto besser, Herr d’Ermès,« sagte Catharina mit dem ermuthigendsten Lächeln, »und wenn das, was Ihr von mir verlangen werdet, in meiner Gewalt liegt, so mache ich mich im Voraus anheischig, es Euch zu bewilligen. Das ist vielleicht eine etwas gefährdende Verbindlichkeit, doch Ihr werdet sie nicht mißbrauchen, mein schöner Edelmann.«

»Gott behüte mich, Madame, das ist nicht meine Absicht.«

»Sprecht also, laßt hören,« sagte die Königin seufzend.

»Madame, es ist eine Auskunft, die ich mir von Euch zu erbitten wage, nichts mehr. Doch für mich ist dieses Nichts Alles. Ihr werdet mich daher entschuldigen, wenn ich Erinnerungen in Euch zurückrufe, die Eurer Majestät schmerzlich sein müssen. Es handelt sich um ein Ereigniß, das in das Jahr 1539 zurückgeht.«

»Oh! ich war damals noch sehr jung, beinahe ein Kind,« sprach die Königin.

»Doch schon sehr schön und sicherlich sehr liebenswürdig,« erwiderte Gabriel.

»Einige sagten es zuweilen,« versetzte die Königin, entzückt über die Wendung, welche das Gespräch nahm.

»Und dennoch,« fuhr Gabriel fort, »dennoch wagte es eine andere Frau, Eingriffe in das Recht zu thun, das Ihr von Gott, von Eurer Geburt und Eurer Schönheit habt, und diese Frau, nicht zufrieden, von Euch, durch Magie und Zauberwerk ohne Zweifel, die Augen und das Herz eines Gatten abwendig zu machen, der noch zu jung war, um hellsehend zu sein, diese Frau verriet denjenigen, welcher Euch verriet, und liebte den Grafen von Montgommery. Doch in Eurer gerechten Verachtung habt Ihr dies alles vielleicht vergessen, Madame?«

»Nein,« sagte die Königin, »dieses Abenteuer und alle die beginnenden Schliche derjenigen, von welcher, Ihr sprecht, sind meinem Gedächtnis noch gegenwärtig. Ja, sie liebte den Grafen von Montgommery; als sie ihre Leidenschaft entdeckt sah, behauptete sie feiger Weise, es sei eine Finte gewesen, um das Herz des Dauphin zu prüfen; und als Montgommery verschwand, vielleicht auf ihren Befehl allein! da weinte sie nicht, sondern sie erschien vielmehr am andern Tage lachend und toll auf dem Ball. Ja, ich erinnere mich stets der ersten Intriguen, mit deren Hilfe diese Frau mein junges Königthum untergrub; denn ich betrübte mich damals darüber und brachte meine Tage und meine Nächte in Thränen hin. Doch seitdem ist mein Stolz erwacht: ich hatte stets mehr als meine Pflicht erfüllt; ich hatte beständig durch meine Würde meinem Titel als Gattin, als Mutter und als Königin Ehre gemacht; ich hatte dem König und Frankreich sieben Kinder geschenkt. Doch nun liebe ich meinen Gatten mit Ruhe als einen Freund und als den Vater meiner Kinder, und ich gestehe ihm das Recht nicht zu, ein zärtliches Gefühl von mir zu fordern; ich habe genug gelebt für das allgemeine Wohl, kann ich nicht auch ein wenig für mich selbst leben? Habe ich mein Glück nicht theuer genug errungen? Wenn sich mir eine junge und leidenschaftliche Ergebenheit böte, wäre es ein Verbrechen von mir, sie nicht zurückzustoßen, Gabriel?«

Die Blicke von Catharina erläuterten ihre Worte. Doch der Geist von Gabriel war anderswo. Seitdem die Königin nicht mehr von seinem Vater sprach, hörte er nicht mehr, er träumte. Diese Träumerei, welche Catharina in dem Sinn erklärte, den sie wünschte, mißfiel ihr nicht; doch Gabriel brach bald das Stillschweigen.

»Eine letzte Erleuchtung Madame, und zwar die wichtigste,« sagte er. »Ihr seid so vortrefflich gegen mich! Wahrhaftig, ich wußte wohl, als ich zu Euch kam, daß ich befriedigt von hinnen gehen würde. Ihr habt von Ergebenheit gesprochen, zählt auf die meinige, Madame. Doch ich bitte, vollendet Euer Werk! Da Ihr die einzelnen Umstände des finsteren Abenteuers des Grafen von Montgommery gekannt habt, wißt Ihr, ob man zur Zeit daran zweifelte daß Frau von Castro, welche einige Monate nach dem Verschwinden des Grafen geboren wurde, wirklich die Tochter des Königs war? Hat die üble Nachrede, sagen wir sogar die Verleumdung, nicht einen Verdacht in dieser Hinsicht geäußert und Herrn von Montgommery die Vaterschaft von Diana zugeschrieben?«

Catharina von Medicis schaute Gabriel eine Zeit lang stillschweigend an, als wollte sie sich Rechenschaft von der Absicht geben, welche seine Worte dictirt hatte. Sie glaubte diese Absicht gefunden zu haben und erwiderte lächelnd:

»Ich habe in der That wahrgenommen, daß Ihr auf Frau von Castro aufmerksam waret und ihr beständig den Hof machtet. Ich kenne nun Eure Beweggründe. Ihr wollt nur, ehe Ihr weiter geht, Euch versichern nicht wahr? daß Ihr keinen falschen Weg verfolgt, und daß Ihr Eure Huldigungen wirklich einer Königstochter zuwendet? Nachdem Ihr die legitimierte Tochter von Heinrich II. geheirathet, wollt Ihr nicht eines Tags durch eine unerwartete Entdeckung finden, daß Ihr zur Frau den Bastard des Grafen von Montgommery habt. Mit einem Wort, Ihr seid ehrgeizig, Herr d’Ermès. Vertheidigt Euch nicht, ich schätze Euch darum nur um so mehr, und das kann überdies den Plänen, die ich mit Euch habe, nicht nur nicht in den Weg treten, sondern sie vielmehr unterstützen. Ihr seid ehrgeizig nicht wahr?«

»Ah! Madame,« versetzte Gabriel verlegen, »vielleicht . . .«

»Es ist gut, ich sehe, daß ich Euch erraten habe, mein edler Herr,« sprach die Königin. »Nun wohl! wollt Ihr einer Freundin glauben? Gerade im Interesse Eurer Entwürfe entsagt Euren Absichten auf diese Diana. Ich weiß in Wahrheit nicht, ob sie die Tochter des Königs oder die Tochter des Grafen ist, und die letzte Hypothese könnte wohl die wahre sein; aber wäre sie auch vom König geboren, so ist es doch nicht die Frau und die Stütze, die Ihr braucht. Frau von Angoulême ist eine schwache, weichliche Natur, ganz Gefühl, – Liebreiz, wenn Ihr wollt, – doch ohne Kraft, ohne Energie, ohne Muth. Sie hat die Gunst des Königs zu gewinnen gewußt, das gebe ich zu, doch sie wird sie nicht zu benützen verstehen. Was ihr zur Verwirklichung Eurer großen Chimären braucht, Gabriel, ist ein Männliches, mächtiges Herz, das Euch hilft, wie es Euch liebt, das Euch dient und sich Eurer bedient, und das zu gleicher Zeit Eure Seele und Euer Leben erfüllt. Dieses Herz habt Ihr gefunden, ohne es zu wissen, Vicomte d’Ermès.«

Er schaute sie erstaunt an. Sie fuhr hingerissen fort.«

»Hört: unser Loos muß uns Königinnen von den gewöhnlichen Convenienzen freisprechen, wollen wir, hochgestellt wie wir sind, daß eine zärtliche Leidenschaft uns erreiche, so müssen wir ihr einen Schritt entgegenthun und ihr die Hand bieten. Gabriel, Ihr seid schön, brav, glühend und stolz! von dem ersten Augenblick, wo ich Euch gesehen, regte sich in mir für Euch ein unbekanntes Gefühl, und, habe ich mich getäuscht? Eure Worte, Eure Blicke, sogar dieser Schritt heute, der vielleicht nur ein geschickter Umschweif ist, Alles hat mich vermuthen lassen, daß ich keinem Undankbaren begegnet bin!«

»Madame! . . .« sagte Gabriel erschrocken.

»Ja, Ihr seid bewegt und erstaunt, ich sehe es,« versetzte Catharina mit ihrem süßesten Lächeln. »Nicht wahr, Ihr urtheilt nicht zu streng über meine nothwendige Offenherzigkeit? Ich wiederhole Euch, die Königin muß der Frau zur Entschuldigung dienen. Ihr seid schüchtern, wenn gleich ehrgeizig, Herr d’Ermès, und durch Bedenklichkeiten, welche unter mir stehen, hätte ich eine kostbare Ergebenheit verlieren können. Ich wollte lieber zuerst sprechen. Beruhigt Euch, erhebt Euch! bin ich denn so furchtbar?«

»Oh! ja,« murmelte Gabriel bleich und bestürzt.

Doch die Königin, die ihn hörte, täuschte sich abermals im Sinn seiner Ausrufung.

»Auf! auf!« sagte sie mit einem freudigen Zweifel, »ich habe Euch die Vernunft noch nicht so sehr verlieren gemacht, wie mir scheint, daß Ihr Eure Interessen darüber vergessen hättet, und die Auskunft, um die Ihr mich über Frau von Angoulême batet, dient wohl ein wenig zum Beweis hiefür. Doch seid unbesorgt, ich sage Euch noch einmal, ich will nicht Eure Erniedrigung, sondern Eure Größe. Gabriel, ich habe mich bis jetzt in den zweiten Rang gestellt, doch wißt, ich werde bald im ersten glänzen: Frau Diana von Poitiers ist nicht mehr in einem Alter, um lange ihre Schönheit und ihre Macht zu behalten. Von dem Tage an, wo das Zauberwerk dieser Frau verschwindet, beginnt meine Regierung, und vernehmt, daß ich zu regieren wissen werde, Gabriel: die Herrscherinstinkte, die ich in mir fühle, sind mir Gewährschaft hierfür, und überdies fließt in mir das Blut der Medicis. Der König wird eines Tags einsehen, daß er keinen gewandteren, geschickteren, erfahreneren Rath hat, als mich, und dann Gabriel, worauf wird dann nicht der Mann Anspruch machen können, der sein Glück mit dem meinigen verbunden hat, als das meinige noch dunkel war? der in mir die Frau und nicht die Königin geliebt hat? Wird die Gebieterin des Königreiches nicht würdig denjenigen belohnen wollen, welcher Catharina ergeben ist? Dieser Mann, wird er nicht ihr zweiter, ihr rechter Arm, der wahre König unter einem Phantom von einem König sein? Wird er nicht in seiner Hand alle Würden und alle Kräfte Frankreichs halten? Ein schöner Traum, nicht wahr, Gabriel? Nun! Gabriel, wollt Ihr dieser Mann sein?«

Sie reichte ihm muthig die Hand.

Gabriel setzte, ein Knie auf die Erde und küßte diese so weiße und so reizende Hand. Doch sein Charakter war zu redlich und zu gerade, um sich zu den Listen und Lügen einer geheuchelten Liebe zu leihen. Zwischen einen Betrug und eine Gefahr gestellt, war er zu offenherzig und zu entschlossen, um zu zögern, und sein männliches Gesicht erhebend, sprach er:

»Madame, der demüthige Edelmanm der zu Euren Füßen liegt, bittet Euch, ihn als den ehrfurchtsvollsten Eurer Diener, und als den ergebensten Eurer Unterthanen zu betrachten. Aber . . .«

»Aber,« unterbrach ihn Catharina mit einem Lächeln, »es sind nicht die Ausdrücke der Verehrung, was man von Euch fordert, mein edler Cavalier.«

»Und dennoch, Madame,« fuhr Gabriel fort, »kann ich mich, indem ich mit Euch spreche, keiner süßerem zärtlicheren Worte bedienen, denn verzeiht! diejenige, welche ich liebte, ehe ich Euch nur kannte, ist wirklich Frau Diana von Castro, und keine Liebe, wäre es auch die Liebe einer Königin, vermöchte Platz in diesem Herzen zu finden, das ganz von einem andern Bilde erfüllt ist.«

»Ah!« war das einzige, was Catharina, die Stirne bleich und die Lippen an einander gepreßt, von sich zu geben vermochte.

Mit gesenktem Haupte, jedoch ohne zu zittern, erwartete Gabriel den Sturm der Entrüstung und Verachtung, der über ihn losbrechen sollte. Verachtung und Entrüstung ließen nicht lange auf sich warten, und nachdem sie einige Minuten geschwiegen hatte, sprach Catharina von Medicis, welche nur mit großer Mühe ihre Stimme und ihren Zorn bewältigt.«

»Wißt Ihr, Herr d’Ermès, daß ich Euch keck, um nicht zu sagen unverschämt finde? Wer sprach mit Euch von Liebe, mein Herr? Woraus schließt Ihr, daß man Eure so scheue Tugend versuchen wollte? Ihr müßt eine sehr freche und sehr eitle Ansicht von Eurem Verdienste haben, um an solche Dinge zu glauben und auf eine so vermessene Weise ein Wohlwollen zu erklären, das, nur Unrecht gehabt hat, sich an so unwürdiger Stelle zu äußern. Ihr habt im Ernst eine Frau und eine Königin beleidigt, mein Herr!«

»Oh Madame,« versetzte Gabriel, »glaubt, daß fromme Ehrfurcht . . .«

»Genug!« unterbrach ihn Catharina, »ich sage Euch, daß Ihr mich beleidigt habt, und daß Ihr hierher gekommen seid, um mich zu beleidigen! Warum seid Ihr hier? Welcher Beweggrund führte Euch hierher? Was geht mich Eure Liebe, was geht mich Frau von Castro, was geht mich Alles an, was Euch betrifft! Ihr kamet, um bei mir Auskunft zu suchen? ein lächerlicher Vorwand! Ihr wolltet durch eine Königin von Frankreich die Polizei Eurer Leidenschaft machen lassen. Das ist wahnsinnig, sage ich Euch, und ich füge noch bei: es ist beschimpfend!«

»Nein, Madame,« erwiderte Gabriel, stolz das Haupt erhebend, »Ihr seid dadurch nicht beschimpft worden, daß Ihr einen ehrlichen Mann gefunden habt, der Euch lieber verwunden, als täuschen wollte«

»Schweigt, mein Herr,« rief Catharina, »ich befehle Euch, zu schweigen und zu gehen. Schätzt Euch glücklich, daß ich dem König Eure freche Verachtung noch nicht enthüllen will; doch erscheint nie wieder vor mir, und haltet fortan Catharina von Medicis für Eure unversöhnliche Feindin. Ja, ich werde Euch wiederfinden dessen seid gewiß, Herr d’Ermès! Doch mittlerweile geht.«

Gabriel verbeugte sich vor der Königin und ging hinaus ohne ein Wort zu sagen.

»Ah!« dachte er, als er sich allein fand, »ein Haß mehr! Doch was würde das mir machen, wenn ich etwas über meinen Vater und über Diana erfahren hätte? Die Geliebte des Königs und die Frau des Königs zu Feindinnen! Das Schicksal will mich vielleicht darauf vorbereiten, daß ich der Feind des Königs werde. Gehen wir nun zu Diana, die Stunde ist gekommen, und Gott wolle, daß mir diese letzte Leuchte nicht entschwinde, und daß ich nicht noch trauriger und trostloser von derjenigen, welche mich liebt als von denjenigen, welche mich hassen, weggehe!«




XVI.

Geliebter oder Bruder


Als Jacinthe Gabriel in das Zimmer von Diana von Castro einführte, das diese als legitimierte Tochter des Königs im Louvre bewohnte, lief Diana in ihrer naiven, keuschen Gefühlsausbruch dem Vielgeliebten entgegen, ohne auf irgend eine Weise ihre Freude zu verbergen. Sie hätte nicht einmal ihre Stirne seinem Kuß entzogen, doch er begnügte sich ihr die Hand zu drücken.

»Endlich seid Ihr da, Gabriel!« sagte sie. »Mit welcher Ungeduld erwartete ich Euch, mein Freund! Längst weiß ich nicht mehr, wohin ich das Uebermaß des Glückes, das ich in mir fühle, überströmen lassen soll. Ich spreche allein, Ich lache allein, ich bin toll! Doch Ihr seid hier, Gabriel, und wir können wenigstens mit einander glücklich sein! Nun! was habt Ihr denn, mein Freund? Ihr seht kalt, ernst, beinahe traurig aus. Mit diesem gezwungenen Gesicht, mit diesen zurückhaltenden Manieren bezeugt Ihr mir Eure Liebe und Gott und meinem Vater Eure Dankbarkeit.«

»Eurem Vater? . . . Ja, sprechen wir von Eurem Vater, Diana. Was den Ernst betrifft, der Euch in Erstaunen setzt, so ist es meine Gewohnheit, mit dieser strengen Miene das Glück zu empfangen, denn ich mißtraue zuerst seinen Geschenken, da ich bis jetzt nicht daran gewöhnt bin und erfahren habe, daß es nur zu oft einen Schmerz unter seiner Gunst verbarg.«

»Ich wußte weder, daß Ihr so sehr Philosoph, noch daß Ihr so unglücklich seid, Gabriel,« erwiderte Diana halb freudig, halb gereizt, »doch laßt hören! Ihr sagtet, Ihr wollet vom König sprechen; das klingt besser: wie edel und gut ist er gewesen, Gabriel!«

»Ja, Diana, er liebt Euch sehr, nicht wahr?«

»Mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit, Gabriel.«

»Allerdings,« murmelte der Vicomte d’Ermès, »er kann glauben, sie sei seine Tochter . . . – Ueber Eines wundere ich mich,« sprach er sodann laut, »wie konnte der König, der sicherlich schon die Ahnung der Liebe, die er für Euch hegen würde, im Herzen hatte, nichtsdestoweniger zwölf Jahre lang Euch gar nicht sehen, nicht kennen lernen, und nach Vimoutiers verbannt lassen, wo Ihr unbekannt und verloren bleiben mußtet? Habt Ihr ihn nie nach der Ursache dieser seltsamen Gleichgültigkeit gefragt Diana? Wißt Ihr, ein solches Vergessen ist schwer mit dem Wohlwollen in Einklang zu bringen, das er nun für Euch kundgibt.«

»Oh!« erwiderte Diana, »er, der arme Vater war es nicht, der mich vergaß.«

»Wer denn?«

»Wer? wenn nicht Frau Diana von Poitiers . . . ich ich weiß nicht, ob ich sagen soll, meine Mutter.«

»Und warum fügte sie sich darein, Euch so in der Einsamkeit und fern von sich zu lassen, Diana? Hätte sie sich nicht Eures Daseins freuen und in den Augen des Königs Eurer Geburt, die ihr einen Anspruch mehr auf seine Liebe gab, rühmen müssen? Was hatte sie zu befürchten, ihr Gemahl war todt, ihr Vater todt?«

»Ganz richtig, Gabriel,« erwiderte Diana, »und es wäre mir schwer, um nicht zu sagen unmöglich, diesen seltsamen Stolz rechtzufertigen, dem zu Folge Frau von Valentinois nie einwilligte, mich als ihr Kind anzuerkennen. Ihr wißt also nicht, Freund, daß sie den König Anfangs bewog, meine Geburt zu verbergen, daß sie mich nur auf sein Zudringen, und beinahe auf seinen Befehl zurückrief, und daß sie nicht einmal in meiner Legitimationsurkunde genannt sein wollte? Ich beklage mich nicht darüber, Gabriel, denn ohne diesen seltsamen Stolz hätte ich Euch nicht kennen lernen, und Ihr würdet mich nicht geliebt haben; doch ich habe zuweilen mit Kummer an die Abneigung meiner Mutter und Alles das gedacht, was mich betrifft!«

»Eine Abneigung, welche ganz wohl nichts Anderes als ein Gewissensvorwurf sein könnte,« dachte Gabriel mit Schrecken, »sie wußte, daß sie den König täuschte, und that es nicht ohne Zögern und ohne Furcht . . .«

»Aber an was denkt Ihr denn, mein Freund?« versetzte Diana, »und warum richtet Ihr alle diese Fragen an mich?«

»Aus keinem Grund; ein Zweifel meines unruhigen Herzens. Kümmert Euch nicht darum, Diana; doch wenn Eure Mutter nur Abneigung und beinahe Haß gegen Euch offenbart, Diana, so entschädigt Euch Euer Vater für diese Kälte durch seine Zärtlichkeit; und Ihr Eurerseits, wenn Ihr Euch schüchtern und beklommen bei Frau von Valentinois fühlt, so erweitert sich dagegen Euer Herz in Gegenwart des Königs und erkennt in ihm einen wahren Vater, nicht wahr?«

»O gewiß,« erwiderte Diana, »am ersten Tag wo ich ihn sah, und wo er mit so viel Güte zu mir sprach, fühlte ich mich alsbald zu ihm hingezogen. Nicht aus Politik bin ich zuvorkommend und liebevoll gegen ihn, sondern aus Instinkt: wäre er nicht der König, wäre er nicht mein Wohlthäter und Beschützer, ich würde ihn eben so sehr lieben; es ist mein Vater!«

»Man täuscht sich nicht in solchen Dingen« rief Gabriel entzückt, »meine theure Diana, meine Vielgeliebte! es geziemt sich für Euch, Euren Vater so zu lieben, es geziemt sich, daß Ihr Euch in seiner Gegenwart von Liebe und Dankbarkeit bewegt fühlt. Diese sanfte, kindliche Frömmigkeit gereicht Euch zur Ehre, Diana.«

»Und es geziemt sich auch für Euch, sie zu begreifen und zu billigen, mein Freund,« sprach Diana. »Doch nun, nachdem wir von meinem Vater, von der Zuneigung, die er für mich offenbart und die ich ihm zurückgebe, und von unseren Verbindlichkeiten gegen ihn gesprochen haben, wie wäre es, wenn wir ein wenig von uns und unserer Liebe sprechen würden? Was wollt Ihr? man ist selbstsüchtig,« fügte sie mit der ihr eigenthümlichen reizenden Freimüthigkeit bei. »Wäre übrigens der König da, so würde er es mir zum Vorwurf machen, daß ich gar nicht an mich, an uns denke. Wißt Ihr, Gabriel, was er mir noch so eben wiederholte: »Theures Kind, sei glücklich, glücklich sein, verstehst Du wohl? heißt mich glücklich machen.« Ist also unsere Schuld an die Dankbarkeit abbezahlt, mein Herr, so wollen wir uns selbst nicht zu sehr vergessen.«

»Das ist es,« sprach Gabriel nachdenkend, »überlassen wir uns nun ganz der Zuneigung, die uns mit einander für das Leben verbindet. Schauen wir in unsere Herzen und sehen wir, was darin vorgeht. Erzählen wir uns gegenseitig unsere Seelen.«

»Das gefällt mir,« sagte Diana, »das wird reizend sein!«

»Ja, reizend,« versetzte Gabriel traurig. »Sprecht zuerst Diana; was fühlt Ihr für mich? Liebt Ihr mich nicht weniger als euren Vater?«

»Böser Eifersüchtiger! Wißt vor Allem, daß ich Euch ganz anders liebe. Es ist nicht leicht, Euch das zu erklären! Ist der König da, so bin ich ruhig, und mein Herz schlägt nicht schneller als gewöhnlich; doch wenn ich Euch sehe dann verbreitet sich durch mein ganzes Wesen eine seltsame Unruhe, die mir wehe thut und mich zugleich entzückt. Ich sage meinem Vater vor aller Welt die liebkosenden, süßen Worte, die mir in den Mund kommen, doch mir scheint, ich hätte nie den Muth, zu Euch vor irgend Jemand nur: »Gabriel!« zu sagen, selbst wenn ich Eure Frau wäre. Mit einem Wort, ebenso friedlich als die Freude ist, die ich bei, meinem Vater fühle, ebenso sehr ist das Glück, das Eure Gegenwart mir bringt, unruhig, ich möchte sagen schmerzlich, und dieser Schmerz ist dennoch köstlicher als jene Ruhe.«

»Schweige! oh! schweige!« rief Gabriel ganz verwirrt. »Ja, Du liebst mich! und das erschreckt mich! und das beruhigt mich, will ich sagen; . . . denn Gott hätte am Ende diese Liebe nicht gestattet, wenn Du mich nicht lieben könntest.«

»Was wollt Ihr damit sagen?« fragte Diana erstaunt. »Warum bringt Euch mein Geständniß, das ich Euch wohl zu thun berechtigt bin, da Ihr mein Gatte sein werdet, so sehr außer Euch? Welche Gefahr kann sich in meiner Liebe verbergen?«

»Keine, theure Diana, keine. Merkt nicht darauf, die Freude berauscht mich, die Freude! Ein so hohes Glück macht den Schwindel. Ihr habt mich jedoch nicht immer mit dieser Unruhe und diesem Schmerz geliebt. Als wir noch mit einander unter dem Schatten der Bäume von Vimoutiers spazieren gingen, hattet Ihr für mich nur eine schwesterliche Liebe.«

»Ich war damals ein Kind,« sagte Diana, »ich hatte nicht sechs Jahre der Einsamkeit von Euch geträumt; meine Liebe war nicht mit mir gewachsen; ich hatte nicht zwei Monate inmitten eines Hofes gelebt, wo die Verdorbenheit der Sprache und der Sitten mich dennoch nicht mehr unsere reine und heilige Leidenschaft lieben machen konnte.«

»Das ist wahr, das ist wahr, Diana.«

»Doch Ihr, Freund,« sprach Diana, »sagt nun Eurerseits, was Ihr an Ergebenheit und Liebesgluth in Euch habt. Oeffnet mir Euer Herz wie ich Euch das meinige entschleierte. Wenn meine Worte Euch wohlgethan haben, so laßt mich auch Eure Stimme sagen hören, wie sehr Ihr mich liebt, und wie Ihr mich liebt?«

»Oh! ich weiß es nicht, ich kann es Euch nicht sagen! fragt mich nicht hierüber; fordert nicht, daß ich mich selbst frage, es ist zu gräßlich!«

»Gabriel!« rief Diana ganz bestürzt, »Eure Worte sind schrecklich, fühlt Ihr das nicht? Wie? Ihr wollt mir nicht einmal sagen, daß Ihr mich liebet!«

»Ob ich Dich liebe, Diana! sie fragt mich, ob ich sie liebe! ja, ich liebe Dich wie ein Wahnsinniger, wie ein Verbrecher vielleicht.«

»Wie ein Verbrecher!« versetzte Frau von Castro erstaunt, »welches Verbrechen kann in unserer Liebe liegen? Sind wir nicht Beide frei? Wird nicht mein Vater zu unserer Verbindung einwilligen? Gott und die Engel freuen sich über eine solche Liebe!«

»Herr, mache, daß sie Dich nicht lästert,« rief Gabriel in seinem Innern, »Wie ich vielleicht vorhin gotteslästerlich war, als ich mit Aloyse sprach.«

»Aber was ist es denn?« fuhr Diana fort. »Mein Freund, Ihr seid doch nicht krank? Woher kommen bei Euch, der Ihr gewöhnlich so fest seid, diese chimärischen Befürchtungen? Oh! ich habe nicht bange an Eurer Seite, ich weiß, daß ich bei Euch eben so sehr in Sicherheit bin, als bei meinem Vater. Hört, um Euch zu Euch selbst, zum Leben, zum Glück zurückzurufen, schließe ich mich ohne Bangen an Eure Brust an, o mein geliebter Gatte! ich lege ohne Bedenken meine Stirne auf Eure Lippen.«

Sie näherte sich ihm lächelnd und reizend, hob ihr leuchtendes Antlitz zu ihm empor, und erfleht mit ihrem engelischen Blick seine keusche Liebkosung.

Doch Gabriel stieß sie voll Schrecken zurück und rief:

»Nein, gehe! laß mich, fliehe!«

»O mein Gott« sagte Diana, indem sie ihre Arme an der Seite herabfallen ließ, »Mein Gott! er stößt mich zurück, er liebt mich nicht.«

»Ich liebe Euch zu sehr!«

»Wenn Ihr mich liebtet, würden Euch meine Liebkosungen Abscheu machen?«

»Machen sie mir wirklich Abscheu?« sagte Gabriel, von einem zweiten Schrecken erfaßt. »Ist es mein Instinkt, der sie zurückstößt, und nicht meine Vernunft? Oh! komm! Diana, damit ich sehe, damit ich fühle, damit ich erfahre. Komm und laß mich in der That meinen Mund auf Deine Stirne drücken, ein Bruderkuß, den ein Bräutigam sich wohl erlauben kann.«

Er zog Diana an sein Herz und drückte einen langen Kuß auf ihre Haare.

»Ah! ich täuschte mich,« sagte er, entzückt bei dieser zarten Berührung, »es ist nicht die Stimme des Blutes, was in mir schreit, es ist die Stimme der Liebe. Ich erkenne sie. Welch ein Glück!«

»Was sagst Du denn, Freund?« versetzte Diana, »Du sagst, Du liebest mich. Das ist Alles, was Ich hören und wissen will.«

»O ja, ich lieb Dich, angebeteter Engel, ich liebe Dich mit innigem Verlangen, mit heißer Leidenschaft, ich liebe Dich wahnsinnig. Ich liebe Dich, und Dein Herz an dem meinigen schlagen fühlen, siehst Du, das ist der Himmel . . . oder es ist die Hölle!« rief plötzlich Gabriel, indem er sich von der Umarmung von Diana losmachte. »Gehe, gehe, laß mich fliehen, ich bin verflucht!«

Und er floh ganz verwirrt aus dem Zimmer, und ließ Diana stumm vor Schrecken und versteinert vor Verzweiflung zurück.

Gabriel wußte nicht, wohin er ging, noch was er that, er stieg maschinenmäßig schwankend, trunken die Treppe hinab. Diese drei Prüfungen waren zu viel für seine Vernunft. Als er in die große Gallerie des Louvre kam, schlossen sich seine Augen unwillkührlich, seine Beine bogen sich, und er sank an der Wand in die Kniee und murmelte:

»Ich sah vorher, daß mich der Engel noch mehr leiden machen würde, als die zwei Teufel!«

Hierauf ward er ohnmächtig. Es war Nacht geworden, und Niemand ging durch die Gallerie.

Erst als er eine kleine Hand über seine Stirne streifen und eine sanfte Stimme zu seiner Seele sprechen hörte, kam er wieder zu sich. Er öffnete die Augen. Die Dauphine-Königin, Maria Stuart war, eine brennende Kerze in der Hand, vor ihm.

»Zum Glück ein anderer Engel,« sagte Gabriel.

»Ihr seid es, Herr d’Ermès?« sprach Maria. »Oh! Ihr habt mir Angst gemacht, ich glaubte, Ihr wäret todt. Was habt Ihr? wie bleich seid Ihr! Fühlt Ihr Euch besser? ich werde rufen, wenn Ihr wollt.«

»Unnöthig, Madame,« sagte Gabriel, indem er aufzustehen suchte. »Eure Stimme hat mich zum Leben zurückgerufen.«

»Wartet, ich helfe Euch,« versetzte Maria Stuart. »Armer junger Mann! seid Ihr entstellt! Ihr waret also ohnmächtig! Im Vorübergehen erblickte ich Euch, und es gebrach mir an Kraft, zu rufen. Und dann beruhigte mich die Ueberlegung ein wenig; ich näherte mich Euch, doch ich brauchte hübsch Muth dazu! ich legte meine Hand auf Eure Stirne, welche ganz eisig war, ich rief Euch, und Ihr kamet wieder zum Bewußtsein. Geht es nun besser?«

»Ja, Madame, seid gesegnet für Eure Güte. Ich entsinne mich nun. Ein furchtbarer Schmerz preßte mir plötzlich die Schläfe wie ein eiserner Schraubstock zusammen, meine Kniee wichen unter mir, und ich fiel an der Wand hin. Doch warum hat mich dieser Schmerz gepackt? Ah! ja, ich erinnere mich nun, ich erinnere mich ganz und gar. Ach! mein Gott! mein Gott! ich erinnere mich.«

»Irgend ein großer Kummer hat sich Eurer bemächtigt, nicht wahr?« Versetzte Maria. »Oh! ja, denn nur bei der Erinnerung an das, was Ihr gelitten habt, seid Ihr jetzt viel bleicher als je. Stützt Euch auf meinen Arm, ich bin stark. Ich will rufen und Euch Leute geben, die Euch nach Hause führen.«

»Ich danke Euch, Madame,« sagte Gabriel, seine Kräfte und seine Energie zusammenraffend »Ich fühle die nothwendige Stärke in mir, um allein nach Hause zu gehen. Seht, ich gehe ohne Hilfe und festen Schrittes. Doch ich danke Euch darum nicht minder, und ich werde mich, so lange ich lebe, Eurer rührenden Güte erinnern, Madame. Ihr seid mir wie ein tröstender Engel in einer Krise meines Schicksals erschienen. Nur der Tod kann das in meinem Herzen verwischen.«

»O mein Gott! was ich gethan habe, ist ganz natürlich, Herr d’Ermès. Ich hätte es für jedes leidende Geschöpf gethan, und um so mehr für Euch, von dem ich weiß, daß Ihr der ergebene Freund meines Oheims von Guise seid. Dankt mir nicht für so wenig.«

»Dieses Wenige, Madame, war Alles in dem verzweifelten Schmerz, in welchem ich zu Boden lag. Ihr wollt nicht, daß man Euch dankt, doch ich, ich will mich erinnern.«

»Gott befohlen, Herr d’Ermès, pflegt Euch gut und sucht Euch zu trösten.«

Sie reichte ihm die Hand, Gabriel küßte sie ehrfurchtsvoll, dann ging sie nach der einen Seite, während er sich in der entgegengesetzten Richtung entfernte.

Als er aus dem Louvre war, folgte er dem Rande des Wassers, und nach einer halben Stunde befand er sich in der Rue des Jardins. Er hatte nicht einen einzigen Gedanken, sondern nur ein großes Leiden in seinem Gehirn.

Aloyse erwartete ihn voll Angst.

»Nun?« fragte sie ihn.

Gabriel bewältigte eine Blendung, die abermals sein Gesicht verschleierte. Er hätte gern geweint, doch er konnte nicht. Mit bebender Stimme»antwortete er:

»Ich weiß nichts, Aloyse! Alles ist stumm gewesen, diese Frauen und mein Herz; ich weiß nichts, wenn nicht, daß meine Stirne eisig ist, und daß ich dennoch brenne. Mein Gott! mein Gott!«

»Muth, gnädiger Herr!« sprach Aloyse.

»Muth,« erwiderte Gabriel, »ich habe Muth. Gott sei Dank, ich sterbe.«

Und er fiel abermals rücklings auf den Boden, doch diesmal kam er nicht zu sich.




XVII.

Das Horoskop


»Der Kranke wird leben, Frau Aloyse. Die Gefahr war groß, und die Wiederherstellung wird lange dauern. Alle diese Aderlässe haben den armen jungen Mann geschwächt, doch er wird leben, zweifelt durchaus nicht daran, und dankt Gott, daß die Vernichtung des Körpers den Schlag geschwächt hat, den seine Seele empfing; denn solche Wunden heilen wir nicht, und die seinige hätte können tödtlich sein, und kann es vielleicht noch sein.«

Der Doktor, welcher so sprach, war ein Mann von hoher Gestalt, mit großer gewölbter Stirne und durchdringendem tiefen Augen. Das Volk nannte ihn Meister Nostredame; er unterzeichnete für die Gelehrten Nostradamus. Er schien nicht über vierzig Jahre alt zu sein.

»Aber, Jesus! seht ihn doch an, mein Herr,« erwiderte Frau Aloyse, »so liegt er hier seit dem siebenten Juni Abends, wir haben heute den zweiten Juli und während dieser ganzen Zeit sprach er kein Wort, schien er mich weder zu sehen, noch zu kennen. Ach! er ist schon wie todt. Ihr berührt seine Hand, und er bemerkt es nicht einmal!«

»Desto besser, ich wiederhole es, Frau Aloyse, möchte er so spät als möglich zum Gefühle seiner Leiden zurückkehren; kann er, wie ich hoffe, noch einen ganzen Monat in dieser Lähmung ohne Bewußtsein und ohne Gedanken verharren, so ist er gänzlich gerettet.«

»Gerettet!« sprach Aloyse, indem sie die Augen zum Himmel aufschlug, als wollte sie Gott danken.

»Er ist es jetzt schon, wenn nicht ein Rückfall eintritt, und Ihr könnt es der hübschen Zofe sagen, welche sich zweimal täglich nach ihm erkundigt; unter dem Allem steckt eine Leidenschaft einer vornehmen Dame, nicht wahr? Das ist zuweilen reizend, zuweilen unselig.«

»Oh! hier ist es unselig, Ihr habt Recht, Meister Nostredame,« sprach seufzend Aloyse.

»Gott wolle, daß er sich aus der Leidenschaft wie aus der Krankheit herausreiße, Frau Aloyse, wenn nicht Krankheit und Leidenschaft dieselben Wirkungen und dieselben Ursachen haben. Ich würde für die eine stehen und nicht für die andere.«

Nostradamus öffnete die weiche, träge Hand, die er in der seinigen hielt, und betrachtete mit einer träumerischen Aufmerksamkeit die innere Fläche dieser Hand. Er spannte sogar die Haut über dem Zeigefinger und dem Mittelfinger aus; er schien nicht ohne eine gewisse Anstrengung in seinem Gedächtnis eine Erinnerung zu suchen.

»Das ist sonderbar,« sagte er halblaut und wie zu sich selbst, »ich studire wiederholt diese Hand, und es ist mir, als hätte ich sie schon zu einer andern Zeit untersucht. Doch welche Zeichen waren mir damals aufgefallen? Die Mensallinie ist günstig, die mittlere ist zweifelhaft, doch die Lebenslinie ist vollkommen. Im Uebrigen nichts als Gewöhnliches. Die vorherrschende Eigenschaft dieses jungen Mannes muß ein fester, strenger Wille sein, ein Wille, so unversöhnlich als der von einer sichern Hand abgeschossene Pfeil. Das ist es nicht, was mich einst in Erstaunen setzte. Und dann sind meine Erinnerungen zu verworren, um nicht einer älteren Zeit anzugehören, und Euer Herr, Frau Aloyse, ist wohl noch nicht fünfundzwanzig Jahre alt.«

»Er ist vierundzwanzig.«

»Also ist er im Jahr 1533 geboren; wißt Ihr an welchem Tage, Frau Aloyse?«

»Am 6. März.«

»Doch Ihr wißt nicht, ob am Morgen oder am Abend?«

»Verzeiht, ich war bei seiner Mutter, der ich bei ihren Geburtswehen beistand. Der gnädige Herr Gabriel ist auf den Schlag halb sieben Uhr Morgens geboren.«

Nostradamus schrieb sich das auf und sagte dann:

»Ich werde sehen, wie an diesem Tag und zu dieser Stunde der Stand des Himmels war. Doch wenn der Vicomte d’Ermès zwanzig Jahre älter wäre, so würde ich schwören, daß ich seine Hand schon in der meinigen gehalten. Uebrigens ist wenig daran gelegen! nicht der Zauberer wie mich das Volk zuweilen nennt, hat hier zu thun, sondern der Arzt, und ich wiederhole Euch, Frau Aloyse, der Arzt steht nun für den Kranken.«

»Verzeiht, Meister,« sprach Aloyse traurig, »Ihr habt gesagt, Ihr stündet für die Krankheit, doch Ihr stündet nicht für die Leidenschaft.«

»Die Leidenschaft!« murmelte Nostradamus lächelnd, »ei! mir däucht, der Umstand, daß die kleine Zofe täglich zweimal hier erscheint, beweist, daß sie keine verzweifelte ist.«

»Im Gegentheil, Meister, im Gegentheil,« rief Aloyse voll Schrecken.

»Geht doch, Dame Aloyse! reich, brav, jung und schön wie der Vicomte d’Ermès, wird man nicht lange von den Damen in einer Zeit, wie die unsrige ist, zurückgestoßen; man wird höchstens zuweilen vertagt.«

»Nehmt jedoch an, es sei dem nicht so, Meister. Nehmt an, wenn der gnädige Herr wieder zum Leben und zur Vernunft zurückkehrt, sei der erste, der einzige Gedanke, der diese wiedererweckte Vernunft berührt, der: »Die Frau welche ich liebe, ist unwiderruflich für mich verloren.« Was wird dann geschehen?«

»Oh! hoffen wir, daß Eure Voraussetzung nicht gegründet ist, Dame Aloyse, das wäre schrecklich. Dieser mächtige Schmerz in dem so schwachen Gehirn wäre gräßlich! So weit man einen Menschen nach den Zügen seines Gesichtes und dem Blicke seiner Augen beurtheilen kann, ist Euer Herr, Aloyse, kein oberflächlicher Mensch und hier wäre sein energischer, mächtiger Wille nur eine Gefahr mehr und es könnte an dem Unmöglichen gebrochen, das Leben mit ihm brechen.«

»Jesus! mein Kind würde sterben!« rief Aloyse.

»Es wäre wenigstens Gefahr vorhanden, daß wieder eine Hirnentzündung einträte,« sprach Nostradamus. »Doch es gibt immer Mittel, vor seinen Augen einen Schimmer der Hoffnung glänzen zu lassen. Er würde nach der entferntesten, nach der flüchtigsten Möglichkeit greifen und wäre gerettet.«

»Dann wird er gerettet,« sprach Aloyse mit düsterer Miene, »ich werde meineidig, doch er wird gerettet sein. Herr Nostradamus, ich danke Euch.«

Es verging eine Woche und Gabriel schien seinen Geist, wenn nicht zu finden, doch wenigstens zu suchen. Seine noch irren und ausdruckslosen Augen befragten die Gesichter und die Gegenstände; dann fing er an die Bewegungen zu unterstützen, die zu denen man ihm helfen wollte, sich allein aufzurichten, und den Trank zu nehmen, den ihm Nostradamus reichte.

Aloyse stand unermüdlich zu seinen Häupten und wartete.

Nach Verlauf einer weiteren Woche konnte Gabriel sprechen. Es war noch nicht völlig Licht in dem Chaos seines Verstandes; er sprach nur unzusammenhängende Worte ohne Folge, welche jedoch Bezug auf Thatsachen seines vergangenen Lebens hatten. Mehr noch, Aloyse zitterte, wenn der Arzt da war, er könnte eines von seinen Geheimnissen erraten.

Sie täuschte sich nicht gänzlich in ihren Befürchtungen, und eines Tags rief Gabriel in seinem fieberhaften Schlafe in Gegenwart von Nostradamus:

»Sie glauben, ich heiße Vicomte d’Ermès. Nein, nein, nehmt Euch in Acht! Ich bin der Graf von Montgommery.«

»Der Graf von Montgommery!« sprach Nostradamus von einer Erinnerung berührt.

»Stille!« sagte Aloyse, indem sie einen Finger an ihre Lippen legte.

Doch Nostradamus ging weg, ohne daß Gabriel ein Wort beigefügt hatte, und da am andern Tag und an den folgenden Tagen der Arzt nicht mehr von den dem Kranken entschlüpften Worten sprach, so befürchtete Aloyse, darauf zurückkehrend, seine Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was Gabriel zu verbergen ein Interesse haben konnte. Dieser Vorfall schien daher für Beide vergessen.

Bei Gabriel ging es immer besser; er erkannte Aloyse und Martin-Guerre; er verlangte nach dem, was er brauchte, er sprach mit einer traurigen Weichheit, welche glauben ließ, er habe seine Vernunft endlich wieder erlangt.

Eines Morgens, an dem Tag, wo er zum ersten Male aufstand, sprach er zu Aloyse:

»Amme, der Krieg?«

»Welcher Krieg?«

»Der Krieg gegen Spanien und England?«

»Oh! gnädiger Herr, man hört nur klägliche Erzählungen davon. Durch zwölftausend Mann Engländer verstärkt sind die Spanier, wie man sagt, in der Picardie eingefallen. Man schlägt sich auf der ganzen Grenze.«

»Desto besser,« versetzte Gabriel.

Aloyse schrieb diese Antwort einem Rest vom Delirium zu. Am andern Tag aber sprach Gabriel mit vollkommener Geistesgegenwart:

»Ich habe Dich gestern nicht gefragt, ob Herr von Guise aus Italien zurückgekommen ist?«

»Er ist unter Weges, gnädiger Herr,« antworte Aloyse erstaunt.

»Das ist gut. Welchen Tag des Monats haben wir heute?«

»Dienstag den vierten August, gnädiger Herr.«

»Am siebenten ist es also zwei Monate, daß ich mich auf mein Schmerzensbette niedergelegt habe.«

»Oh! wie erinnert sich der gnädige Herr dessen?« rief Aloyse zitternd.

»Ja, ich erinnere mich, Aloyse, ich erinnere mich; aber,« fügte er traurig bei, »wenn ich nichts vergessen habe, so scheint es mir dagegen, daß man mich vergessen hat; Niemand ist gekommen, um sich nach mir zu erkundigen, Aloyse?«

»Doch, gnädiger Herr,« erwiderte mit zitternder Stimme Aloyse, welche ängstlich auf dem Gesichte ihres jungen Gebieters die Wirkung ihrer Worte verfolgte, »eine Zofe Namens Jacinthe kam zweimal jeden Tag, um sich nach Eurem Befinden zu erkundigen. Aber seit vierzehn Tagen, seitdem sich eine merkliche Besserung erklärt hat, kommt sie nicht mehr.«

»Sie kommt nicht mehr! . . . und weißt Du warum, Amme?«

»Ja, gnädiger Herr. Ihre Gebieterin hat, wie mir Jacinthe das letzte Mal sagte, vom König die Erlaubniß erhalten, sich wenigstens bis zum Ende des Krieges in ein Kloster zurückzuziehen.«

»Wahrhaftig!« sagte Gabriel mit einem sanften, schwermüthigen Lächeln.

Und während eine Thräne, die erste, die er seit zwei Monaten vergoß, langsam über seine Wange floß, fügte er bei:

»Theure Diana!«

»Oh! gnädiger Herr,« rief Aloyse außer sich vor Freude, »Ihr habt diesen Namen ausgesprochen, ohne eine Erschütterung, ohne darüber ohnmächtig zu werden. Meister Nostradmus hat sich getäuscht. Der gnädige Herr ist gerettet, der gnädige Herr wird leben, und ich brauche meinen Schwur nicht zu brechen.«

Man sieht, daß die arme Amme vor Freude verrückt war, aber Gabriel verstand zum Glück nur ihre letzten Worte. Mit einem bittern Lächeln erwiderte er:

»Ja, ich bin gerettet, und dennoch, meine gute Aloyse, werde ich nicht leben.«

»Wie so, gnädiger Herr?« fragte Aloyse, an allen Gliedern zitternd.

»Der Körper hat muthig Widerstand geleistet,« antwortete Gabriel, »doch die Seele, Aloyse, glaubst Du, die Seele sei nicht tödtlich verletzt? Es ist wahr, ich werde mich von dieser langen Krankheit erholen, und ich lasse mich heilen, wie Du siehst. Doch zum Glück schlägt man sich auf der Grenze, ich bin Kapitän der Garden, und mein Platz ist da, wo man sich schlägt. Sobald ich zu Pferde steigen kann gehe ich dahin, wo mein Platz ist . . . Und in der ersten Schlacht, die ich mitmache, Aloyse, werde ich es so einrichten, daß ich nicht mehr zurückzukommen brauche.«

»Heilige Jungfrau! Ihr werdet Euch tödten lassen! Und warum dies, gnädiger Herr, warum dies?«

»Warum? weil Frau von Poitiers geschwiegen hat, Aloyse, weil Diana vielleicht meine Schwester ist, und weil ich Diana liebe; weil der König vielleicht meinen Vater hat ermorden lassen, und weil ich den König nicht ohne eine Gewißheit bestrafen kann. Da ich nun weder meinen Vater rächen, noch meine Schwester heirathen kann, so weiß ich nicht, was ich auf der Welt zu thun hätte. Deshalb will ich sie verlassen.«

»Nein, Ihr werdet sie nicht verlassen,« sprach Aloyse mit dumpfem Tone und düsterer Miene. »Ihr werdet sie nicht verlassen, gerade weil Ihr viel zu thun habt, weil Euch ein schreckliches Geschäft obliegt, dafür stehe ich Euch. Doch hiervon werde ich mit Euch erst an dem Tag sprechen, wo Ihr völlig wiederhergestellt seid, und wo mir Meister Nostradamus die Versicherung gibt, daß Ihr mich hören könnt, und daß Ihr Kraft dazu habt.«

Dieser Tag kam am Dienstag der darauf folgenden Woche. Gabriel ging seit drei Tagen aus, um sein Feldgeräth in Ordnung bringen zu lassen und Vorbereitungen zu seiner Abreise zu treffen, und Nostradamus hatte gesagt, er würde noch einmal am Tage seinen Wiedergenesenden besuchen, doch dies wäre das letzte Mal.

In einem Augenblick, wo Aloyse sich mit Gabriel allein fand, sprach sie:

»Habt Ihr über den äußersten Entschluß, den Ihr gefaßt, nachgedacht, und beharrt Ihr bei diesem Entschluß?«

»Ich beharre dabei.«

»Ihr wollt Euch also tödten?«

»Ich will mich tödten lassen.«

»Weil Ihr kein Mittel mehr habt, um zu erfahren, ob Frau von Castro Eure Schwester ist oder nicht ist, sterbt Ihr?«

»Aus diesem Grunde.«

»Was sagte ich Euch, um Euch auf die Spur dieses furchtbaren Geheimnisses zubringen? Erinnert Ihr Euch?«

»Gewiß! Gott in der andern Welt und zwei Personen in dieser wären allein in dieses Geheimniß eingeweiht gewesen. Die zwei menschlichen Geschöpfe wären Diana von Poitiers und der Graf von Montgommery mein Vater. Ich habe Frau von Valentinois gebeten, beschworen, bedroht, doch ich bin unsicherer und trostloser als je von ihr weggegangen.«

»Aber Ihr fügtet bei, gnädiger Herr: müßtet Ihr in das Grab Eures Vaters hinabsteigen, um ihm das Geheimniß zu entreißen, Ihr würdet hinabsteigen, ohne zu erbleichen.«

»Oh! ich weiß nicht einmal, wo dieses Grab ist.«

»Ich auch nicht, doch man sucht es, gnädiger Herr.«

»Und wenn ich es auch gefunden hättet« rief Gabriel, »würde Gott für mich ein Wunder thun? Die Todten sprechen nicht, Aloyse.«

»Die Todten, nein; die Lebenden, ja.«

»Großer Gott! was willst Du damit sagen?« rief Gabriel erbleichend.

»Daß Ihr nicht, wie Ihr in Eurem Delirium wiederholtet, der Graf von Montgommery sondern nur der Vicomte von Montgommery seid, weil Euer Vater, der Graf von Montgommery noch leben muß.«

»Himmel und Erde! Du weißt, daß er, daß mein Vater noch lebt?«

»Ich weiß es nicht, gnädiger Herr, doch ich vermuthe und hoffe es, denn es war eine starke, muthige Natur, wie die Eurige, die sich mächtig gegen das Leiden und das Unglück anstemmte. Wenn er noch lebt, wird er nicht, wie Frau Diana, den Aufschluß über das Geheimniß verweigern, von dem Euer Glück abhängt!«

»Doch wo ihn finden? von wem ihn verlangen? Aloyse, im Namen des Himmels, sprich!«

»Das ist eine schreckliche Geschichte, gnädiger Herr, und ich hatte, auf den Befehl Eures Vaters, meinem Mann geschworen, sie Euch nie zu enthüllen; denn sobald Ihr sie wißt, werdet Ihr Euch in furchtbare Gefahren stürzen, gnädiger Herr, Ihr werdet Feinden, welche hundertmal stärker sind, als Ihr, den Krieg erklären. Doch die verzweifeltste Gefahr ist immer noch besser, als ein gewisser Tod. Ihr waret entschlossen zu sterben, und ich weiß, daß Ihr in Eurem Entschluß nicht gewankt hättet. Ich will Euch lieber den Wechselfällen des verwegenen Kampfes preisgeben, den Euer Vater für Euch fürchtete. Euer Tod ist so minder sicher und wird immerhin etwas verzögert werden. Ich will Euch also Alles sagen, gnädiger Herr, und Gott wird mir vielleicht meinen Eidbruch vergeben.«

»Ja, gewiß, meine gute Aloyse . . . Mein Vater! mein Vater lebt! . . . sprich geschwinde!«

Doch in diesem Augenblick klopfte Jemand bescheiden an die Thüre und Nostradamus erschien.

»Ah, ah! Herr d’Ermès,« sagte er zu Gabriel, »Wie munter und belebt finde ich Euch! Das gefällt mir, Ihr waret nicht so vor einem Monat. Mir scheint, Ihr seid nun völlig bereit, zu Feld zu ziehen!«

»Wirklich zu Feld zu ziehen!« sprach Gabriel, indem er mit funkelndem Auge Aloyse anschaute.

»Ich sehe also, daß der Arzt nichts mehr hier zu thun hat,« versetzte Nostradamus.

»Nichts mehr, als meinen Dank, Meister, und den Preis für Eure Dienste, wenn ich dies sagen darf, zu empfangen, denn in gewissen Fällen bezahlt man das Leben nicht.«

Und er drückte dem Doctor die Hand und legte in diese Hand eine Rolle Gold.

»Ich danke, Herr Vicomte d’Ermès,« sprach Nostradamus. »Doch erlaubt mir, Euch ebenfalls ein Geschenk zu machen, von dem ich glaube, daß es für Euch von Werth ist.«

»Was ist das, Meister?«

»Ihr wißt, gnädiger Herr, daß ich mich nicht allein damit beschäftigt habe, die Krankheiten der Menschen kennen zu lernen. Ich wollte weiter und höher sehen, ich wollte ihre Geschicke ergründen, eine Aufgabe voll von Zweifeln und Schatten; doch in Ermangelung von Licht habe ich, wie mir scheint, zuweilen den Schimmer gesehen. Gott hat, davon bin ich fest überzeugt, zweimal den breiten, mächtigen Plan des Schicksals von jedem Menschen geschrieben: einmal in die Gestirne des Himmels, in sein Vaterland, zu dem er so oft die Augen erhebt, und dann in die Linien seiner Hand, ein verworrenes Zauberbuch, das er beständig bei sich trägt, welches er jedoch ohne zahllose Studien nicht einmal zu buchstabieren vermag. Viele Tage und viele Nächte; hindurch habe ich in diese zwei Wissenschaften, welche bodenlos sind, wie das Faß der Daumen, in die Chiromantie und die Astrologie einzudringen gesucht. Ich habe alle Jahre der Zukunft vor mich heraufbeschworen, und in tausend Jahren werden die Menschen, die dann leben, vielleicht manchmal über meine Prophezeiungen staunen. Aber ich weiß nichtsdestoweniger, daß die Wahrheit nur durch Blitze leuchtet; denn wenn ich zuweilen sehe, so zweifle ich leider viel öfter. Dessen ungeachtet weiß ich, daß ich in Zwischenräumen Stunden der Hellsichtigkeit habe, die mich sogar erschrecken, gnädiger Herr. In einer von diesen Stunden sah ich vor fünfundzwanzig Jahren das Geschick eines Edelmannes am Hofe von König Franz klar in den Gestirnen, welche bei seiner Geburt herrschten, und in den verwickelten Linien seiner Hand geschrieben. Dieses seltsame gefahrvolle Geschick fiel mir ungemein auf. Beurtheilt mein Erstaunen, als ich in Eurer Hand und in den Gestirnen Eurer Geburt ein Horoskop dem ähnlich, welches mich einst so sehr in Erstaunen gesetzt hatte, herauszufinden glaubte. Doch ich konnte es nicht so klar unterscheiden wie einst, und ein Zwischenraum von fünfundzwanzig Jahren verwirrte meine Erinnerungen. Im vorigen Monat, gnädiger Herr, sprachet Ihr endlich in Eurem Fieber einen Namen aus; ich hörte nur diesen Namen, doch er ergriff mich. Es war der Name des Grafen von Montgommery!«

»Des Grafen von Montgommery?« rief Gabriel erschrocken.

»Ich wiederhole Euch, gnädiger Herr, daß ich nur diesen Namen gehört habe; am Uebrigen war mir wenig gelegen. Denn dieser Name war der des Mannes, dessen Schicksal mir leuchtend wie der helle Mittag erschienen war. Ich lief nach Hause, durchwühlte meine alten Papiere und fand das Horoskop des Grafen von Montgommery wieder. Doch es ist seltsam und mir in den dreißig Jahren, seitdem ich studiere, noch nicht vorgekommen. Ihr müßt mit dem Grafen von Montgommery in geheimnißvollen Beziehungen, in seltsamer Verwandtschaft stehen, und Gott, der nie zwei Menschen zwei gleiche Geschicke gegeben hat, hatte Euch Beide ohne Zweifel zu denselben Ereignissen vorbehalten. Denn ich hatte mich nicht getäuscht: die Linien der Hand und die Gestirne des Himmels waren für Euch Beide dieselben. Ich will übrigens nicht sagen, es finde keine Verschiedenheit in den einzelnen Umständen von Eurer Beider Leben statt, die vorherrschende Thatsache aber, welche es charakterisiert, ist dieselbe. Ich habe den Grafen von Montgommery einst aus dem Auge verloren, dennoch aber weiß ich, daß eine von meinen Weissagungen sich für ihn verwirklicht hat. Er hat den König mit einem Feuerbrand an der Stirne verwundet. Ob sein übriges Geschick in Erfüllung gegangen ist, weiß ich nicht. Ich kann nur behaupten, daß das Unglück und der Tod, wodurch er bedroht war, auch Euch bedrohen!«

»Ist es möglich?« sagte Gabriel.

»Hier, gnädiger Herr,« sprach Nostradamus, indem er dem Vicomte d’Ermès ein zusammengerolltes Papier überreichte, »hier ist das Horoskop, das ich zur Zeit für den Grafen von Montgommery geschrieben hatte. Ich würde es heute nicht anders für Euch schreiben.«

»Gebt, Meister, gebt, dieses Geschenk ist in der That unschätzbar, und Ihr könnt nicht glauben, in welchem Maße es für mich kostbar wird.«

»Ein letztes Wort, damit Ihr auf Eurer Hut seid, obgleich Gott der Gebieter ist und man nicht wohl seinen Rathschlüssen entgehen kann. Die Nativität von Heinrich II. weissagt, er werde in einem Duell oder in einem Einzelkampfe seinen Tod finden.«

»Ja welchem Zusammenhang? . . .«

»Wenn Ihr dieses Pergament gelesen habt, werdet Ihr mich verstehen, gnädiger Herr. Nun habe ich nur noch von Euch Abschied zu nehmen und Euch zu wünschen, daß die Katastrophe, welche Gott in Euer Leben gelegt hat, wenigstens unwillkührlich sein möge.«

Hiernach verbeugte sich Nostradamus vor Gabriel, der ihm die Hand drückte und ihn bis zur Thüre geleitete, und ging hinaus.

Sobald er zu Aloyse zurückkam, entfaltete Gabriel das Pergament, und nachdem er sich versichert hatte, daß ihn Niemand stören oder belauern konnte, las er mit lauter Stimme; wie folgt:

		»Bei Spiel, bei Liebe wird er berühren
		Des Königs Stirne
		Mit Wunden schlagen oder Hörner setzen
		Des Königs Stirne;
		Er wolle oder nicht, er wird verletzen
		Des Königs Stirne;
		Ihn wird lieben, dann – o weh! – tödten
		Des Königs Dame.«

»Es ist gut!« rief Gabriel, die Stirne strahlend und den Blick triumphierend. »Nun kannst Du mir erzählen, liebe Aloyse, wie Heinrich II. den Grafen von Montgommery meinen Vater, lebendig begraben hat.«

»Der König Heinrich II.!« rief Aloyse, »woher wißt Ihr, gnädiger Herr.«

»Ich errate es! Doch Du kannst mir das Verbrechen enthüllen, da Gott mir schon die Rache hat verkündigen lassen.«




XVIII.

Der schlimmste Fall einer Coquette


Wir vervollständigen durch die Memoiren und Chroniken der Zeit die Erzählung von Aloyse, welche ihr Gatte Perrot Navrigny, der Stallmeister und Vertraute des Grafen von Montgommery, von allen Lebensumständen seines Gebieters unterrichtet hatte, und geben in Folgendem die düstere Geschichte von Jacques von Montgommery, dem Vater von Gabriel. Sein Sohn kannte die allgemeinen und officiellen Verhältnisse, aber die unselige Entwickelung, welche diese Geschichte schloß, war ihm unbekannt, wie Allen.

Jacques von Montgommery, Herr von Lorges, war wie alle seine Ahnen muthig und tapfer, und unter der kriegerischen Regierung von Franz l. sah man ihn stets in der ersten Reihe da, wo man sich schlug. Er wurde auch bald zum Obersten des französischen Fußvolks ernannt.

Unter seinen hundert Heldenthaten war jedoch ein ärgerliches Ereigniß das, auf welches Nostradamus anspielte.

Es fiel im Jahr 1521 vor; der Graf von Montgommery war ungefähr zwanzig Jahre alt und erst Kapitän; der Winter war streng und die jungen Leute machten, den jungen König Franz l. an der Spitze, eine Schneeballpartie: ein Spiel nicht ohne Gefahr und zu jener Zeit sehr in der Mode. Man theilte sich in zwei Lager, die Einen vertheidigten ein Haus und die Andern griffen es mit Schneeballen an. Der Graf von Enghien, Herr von Cérisoles, wurde in einem solchen Spiel getödtet. Es fehlte nicht viel, so hätte Jacques von Montgommery den König auch getödtet. Als die Schlacht beendigt war, wollte man sich wieder erwärmen; man hatte das Feuer erlöschen lassen, und alle diese stürmischen jungen Thoren wollten es wieder anzünden. Jacques brachte in aller Eile zuerst einen Brand in einer Feuerzange, doch er traf unter Weges auf Franz I., der nicht mehr Zeit hatte sich zu schützen, und mit dem feurigen Scheit heftig auf die Stirne gestoßen wurde. Es entstand hiedurch zum Glück nur eine Wunde, doch eine ziemlich bedeutende, und die häßliche Narbe, die sie zurückließ, gab Anlaß zu der Mode des langen Bartes und der kurzen Haare, nach der Verordnung von Franz I.

Da der Graf von Montgommery dieses unglückliche Ereigniß durch tausend schöne Waffenthaten vergessen machte, so bewahrte der König keinen Groll gegen ihn und erhob ihn zu den höchsten Stellen bei Hof und im Heere. Im Jahre 1530 heirathete Jacques Claudine de la Boissière. Es war eine einfache Convenienzheirath, dennoch beweinte er lange seine Frau, welche im Jahre 1533 nach der Geburt von Gabriel starb. Der Grund seines Charakters war, wie bei allen denjenigen, welche zu etwas Unseligem vorherbestimmt sind, die Traurigkeit. Als er Witwer und allein war, bestanden seine Zerstreuungen in Degenstichen; er stürzte sich aus Langerweile in die Gefahr. Doch im Jahre 1538, nach dem Waffenstillstand von Nizza, als dieser Mann des Krieges und der Thätigkeit sich in die Hofordnung fügen und mit einem Paradedegen an der Seite in den Gallerien der Tournelles und des Louvre spazieren gehen mußte, da wäre er vor Ueberdruß beinahe gestorben.

Eine Leidenschaft rettete ihn und brachte ihn ins Verderben.

Die königliche Circe zog in ihren Zaubergarten dieses naive, kräftige alte Kind. Er verliebte sich in Diana von Poitiers.

Düster und verdrießlich ging er drei Monate um sie her, ohne ein einziges Mal das Wort an sie zu richten, doch er schaute sie mit einem Blick an, der Alles sagte. Es brauchte nicht so viel für die Großseneschallin, um zu begreifen, daß diese Seele ihr gehörte. Sie schrieb seine Leidenschaft in einen Winkel ihres Gedächtnisses, um sich bei Gelegenheit derselben u bedienen.

Die Gelegenheit kam. Franz I. fing an seine schöne Geliebte zu vernachlässigen, und er wandte sich Madame d’Étampes zu, welche minder schön war, aber den großen Vortheil, auf eine andere Art schön zu sein, für sich hatte.

Als die Symptome der Vernachlässigung offenkundig wurden, sprach Diana zum ersten Male in ihrem Leben mit Jacques von Montgommery. Dies geschah in den Tournelles, bei einem Feste, das der König seiner neuen Favoritin gab.

»Herr von Montgommery?« sagte Diana dem Grafen rufend.

Er näherte sich ihr mit pochender Brust und verbeugte sich linkisch.

»Wie traurig seid Ihr, Herr von Montgommery!« sagte sie.

»Zum Sterben, Madame.«

»Und warum dies, großer Gott?«

»Madame, ich möchte mich gern tödten lassen.«

»Für irgend Jemand ohne Zweifel.«

»Für irgend Jemand wäre es sehr süß; doch meiner Treue! für nichts wäre es auch süß.«

»Das ist eine furchtbare Schwermuth,« versetzte Diana, »doch woher kommt diese schwarze Krankheit?«

»Weiß ich es, Madame?«

»Ich weiß es, Herr von Montgommery, Ihr liebt mich.«

Jacques wurde ganz bleich, dann aber bewaffnete er sich mit einer Entschlossenheit, die er sicherlich nicht gebraucht hätte, um sich mitten in ein feindliches Bataillon zu werfen, und antwortete mit einer rauhen, zitternden Stimme:

»Nun wohl! ja; Madame, ich liebe Euch und das ist schlimm.«

»Das ist gut!« versetzte Diana lachend.

»Was habt Ihr gesagt?« rief Montgommery, zitternd. »Ah! nehmt Euch in Acht, Madame? dies ist kein Spiel, es ist eine aufrichtige, tiefe Liebe, obgleich sie unmöglich ist, oder gerade weil sie unmöglich ist.«

»Und warum ist sie unmöglich?« fragte Diana.

»Madame,« antwortete Jacques, »verzeiht meine Offenherzigkeit; ich habe nicht die Dinge durch Worte schminken gelenkt. Liebt Euch der König nicht, Madame?«

»Es ist wahr,« versetzte Diana seufzend, »er liebt mich.«

»Ihr seht also, daß es mir verboten ist, wenn nicht Euch zu lieben, doch wenigstens Euch diese unwürdige Liebe zu erklären.«

»Eurer unwürdig, das ist richtig,« sprach die Herzogin.

»Oh! nein, nicht meiner!« rief der Graf, »und könnte es eines Tages geschehen . . .«

Doch Diana unterbrach ihn mit einer ernsten Traurigkeit und mit einer gut gespielten Würde und sagte:

»Genug Herr von Montgommery, ich bitte Euch, laßt uns dieses Gespräch abbrechen.«

Sie grüßte ihn kalt, entfernte, sich und ließ den armen Grafen von tausend entgegengesetzten Gefühlen, von Eifersucht, Liebe, Haß, Schmerz und Freude hin- und hergeworfen. Diana kannte also die Anbetung, die er für sie hegte, doch er, er hatte sie vielleicht verwundet? Er hatte ihr ungerecht, undankbar, grausam scheinen müssen! Er wiederholte sich alle die erhabenen Albernheiten der Liebe.

Am andern Tag sagte Diana von Poitiers zu Franz I.:

»Wißt Ihr auch, Sire, daß Herr von Montgommery in mich verliebt ist?«

»Ei! ei!« versetzte Franz lachend, »die Montgommery sind von altem Geschlecht und beinahe eben so edel als ich; mehr noch, beinahe eben so brav, und wie ich sehe beinahe eben so galant.«

»Ist das Alles, was Eure Majestät mir zu erwidern findet?« sagte Diana.

»Was soll ich Euch antworten, mein Herz?« versetzte der König. »Muß ich durchaus dem Grafen von Montgommery grollen, weil er wie ich guten Geschmack und gute Augen hat?«

»Handelte es sich um Madame d’Étampes, so würdet Ihr das nicht sagen,« murmelte Diana verletzt.

Sie trieb dieses Gespräch nicht weiter. Doch sie beschloß die Prüfung weiter zu treiben. Als sie Jacques von Montgommery einige Tage darauf wieder sah, rief sie ihn abermals:

»Wie! Herr von Montgommery, noch trauriger, als gewöhnlich?«

»Allerdings, Madame,« antwortete der Graf demuthsvoll, »denn ich zittere, Euch beleidigt zu haben.«

»Nicht beleidigt, mein Herr, sondern nur betrübt,« sprach die Herzogin.

»Oh! Madame,« rief Montgommery »ich, der ich all mein Leben geben würde, um Euch eine Thräne zu ersparen, wie kann ich Euch den geringsten Schmerz verursachen!«

»Ließet Ihr mich nicht hören, da ich die Geliebte des Königs sei, so habe ich nicht das Recht, auf die Liebe eines Edelmanns Anspruch zu machen.«

»Ah! das war nicht mein Gedanke, Madame, es konnte nicht mein Gedanke sein, da ich, ein Edelmann, Euch mit einer eben so aufrichtigem als tiefen Liebe zugethan bin. Ich wollte nur sagen, Ihr könntet mich nicht lieben, da der König Euch liebte und Ihr den König liebtet.«

»Der König liebt mich nicht, und ich liebe den König nicht,« entgegnete Diana.

»Gott des Himmels! dann könntet Ihr also mich lieben?« rief Montgommery.

»Ich kann Euch lieben,« erwiderte Diana ruhig, »doch ich werde Euch nie sagen können, daß ich Euch liebe.«

»Warum dies, Madame?«

»Um meinem Vater das Leben zu retten, konnte ich die Geliebte des Königs von Frankreich werden; doch um meine Ehre wieder zu erhalten, darf ich nicht die des Grafen von Montgommery sein.«

Sie begleitete diese Halbweigerung mit einem so leidenschaftlichen und so schmachtenden Blick, daß der Graf nicht mehr an sich halten konnte.

»Ah! Madame,« sagte er zu der coquetten Herzogin, »wenn Ihr mich liebtet, wie ich Euch liebe? . . .«

»Nun?«

»Was ist mir an der Welt, an den Vorurtheilen der Familie und der Ehre gelegen! für mich seid Ihr das Weltall. Seit drei Monaten lebe ich nur von Eurem Anblick. ich liebe Euch mit der ganzen Gluth und der ganzen Blindheit der ersten Liebe. Eure erhabene Schönheit berauscht, verwirrt mich. Wenn Ihr mich liebt, wie ich Euch liebe, seid die Gräfin von Montgommery, seid meine Frau.«

»Ich danke, Graf,« sprach Diana triumphierend, »ich werde mich dieser edlen, hochherzigen Worte erinnern. Mittlerweile wißt Ihr, daß Grün und Weiß meine Farben sind.«

Ganz entzückt küßte Jacques die weiße Hand von Diana: er war stolzer und glücklicher, als wenn die Krone der Welt ihm gehört hätte.

Und als am andern Tag Franz I. gegen Diana von Poitiers bemerkte, ihr neuer Anbeter fange an öffentlich ihre Farben zu tragen, da sagte sie, indem sie den König mit der ganzen Schärfe ihres Blickes anschaute:

»Ist es nicht sein Recht, Sire, kann ich ihm nicht gestatten, meine Farben zu tragen, da er mir seinen Namen zu tragen anbietet?«

»Ist es möglich?« fragte der König.

»Es ist gewiß Sire,« antwortete mit einem bestimmten Nachdruck die Herzogin, welche einen Augenblick glaubte, es sei ihr gelungen, und die Eifersucht erwecke bei dem Ungetreuen die Liebe wieder.

Doch nachdem er nur kurz geschwiegen, stand der König auf um das Gespräch abzubrechen, und sagte heiter zu Diana:

»Wenn es sich so verhält, Madame, so werden wir die Stelle des Großseneschalls, welche seit dem Tod von Herrn von Brézé, Eurem ersten Gemahl, erledigt geblieben ist, Herrn von Montgommery zum Hochzeitsgeschenk geben.«

»Und Herr von Montgommery, Sire, wird sie annehmen können,« versetzte Diana mit stolzem Tone, »denn ich werde eine treue und rechtschaffene Gattin für ihn sein und ihn nicht für alle Könige des Weltalls verraten.«

Der König verbeugte sich lächelnd ohne zu antworten und entfernte sich.

Madame d’Étampes trug entschieden den Sieg davon.

Groll im Herzen, sagte an demselben Tag die ehrgeizige Diana zu dem entzückten Jacques:

»Mein muthiger Graf, mein edler Montgommery, ich liebe Dich.«




XIX.

Wie Heinrich II. zu Lebzeiten seines Vaters seine Erbschaft einzuziehen anfing


Die Heirath von Diana und vom Grafen von Montgommery wurde auf drei Monate nach dieser Zeit festgestellt, und bei dem so verleumderischen, so ausschweifenden Hofe ging das Gerücht, in ihrem Drang nach Rache gebe Diana von Poitiers ihrem zukünftigen Gemahl Handgelder.

Und dennoch vergingen drei Monate, und der Graf von Montgommery war verliebter als je, doch Diana verschob von Tag zu Tag die Vollziehung ihres Versprechens.

Dies kam davon her, daß sie kurze Zeit, nachdem sie es eingegangen, bemerkt hatte, mit welchen Blicken sie verstohlen der junge Dauphin anschaute. Hierdurch wurde ein neuer Ehrgeiz in dem Herzen der gebieterischen Diana erweckt. Der Titel der Gräfin von Montgommery konnte nur eine Niederlage verdecken. Der Titel einer Geliebten des Dauphin war beinahe ein Sieg. Wie! Madame d’Étampes, welche stets auf eine verächtliche Weise von dem Alter von Diana sprach, war nur vom Vater geliebt, und sie, Diana, wurde vom Sohn geliebt, ihr die Jugend, ihr die Hoffnung, ihr die Zukunft. Madame d’Étampes war ihr nachgefolgt doch sie war die Nachfolgerin von Madame d’Étampes. Sie würde wartend, geduldig, ruhig, wie eine lebendige Drohung vor ihr stehen . . . Denn Heinrich würde eines Tags König sein, und Diana immer noch schön, und abermals Königin. Das war in der That ein wahrer Sieg.

Der Charakter von Heinrich machte ihn noch gewisser. Er war damals erst neunzehn Jahre alt; doch er hatte an mehr als einem Krieg Theil genommen; seit vier Jahren war er mit Catharina von Medicis verheirathet, und dennoch war er ein wildes, scheues Kind geblieben. So kühn und vollendet er sich in der Reitkunst, im Fechten, bei den Ritterspielen und bei allen Uebungen zeigte, welche Geschmeidigkeit und Gewandtheit erfordern, ebenso linkisch und verlegen war er bei den Festen des Louvre und in Gegenwart der Frauen. Schwerfälligen Geistes und Urtheils gab er sich dem hin, welcher ihn nehmen wollte. Anne von Montmorency, der kalt mit dem König stand, hatte sich dem Dauphin zugewendet, und ertheilte ihm wohl alle seine Rathschläge und brachte ihm den ganzen Geschmack des schon reifen Mannes bei. Er leitete ihn nach seinem Gefallen und machte ihn gegen alle seine Launen fügsam. Er warf in diese schwache, zarte Seele tiefe Wurzeln einer unzerstörbaren Gewalt und bemächtigte sich Heinrichs dergestalt, daß nur das Ansehen einer Frau das seinige gefährden konnte.

Doch er bemerkte bald zu seinem Schrecken, daß sein Zögling verliebt wurde. Heinrich vernachlässigte die Freundschaften, mit denen er ihn weise umgeben hatte. Sonst scheu, wurde Heinrich traurig und beinahe träumerisch. Montmorency schaute umher und glaubte wahrzunehmen, daß Diana von Poitiers die Königin seiner Gedanken war. Der rohe Kriegsknecht liebte Diana mehr als eine Andere! In seinen plumpen Gedanken schätzte er die königliche Courtisane richtiger zu ihrem wahren Werthe, als der ritterliche Montgommery. Er ordnete seinen Plan nach den gemeinen Instinkten, die er bei dieser Frau, den seinigen gemäß, errieth, und fortan ruhig, ließ er den Dauphin im Verborgenen für die Großseneschallin seufzen.

Sie war in der That die Schönheit, welche das erstarrte Herz von Heinrich erwecken mußte! Sie war witzig, herausfordernd, lebhaft; ihr feiner Kopf hatte hübsche, rasche Bewegungen, ihr Blick glänzte von Versprechungen und ihre ganze Person besaß eine magnetische (damals sagte man magische) Anziehungskraft, welche den armen Heinrich verführen mußte. Es kam ihm vor, als müßte ihm diese Frau die unbekannte Wissenschaft eines neuen Lebens enthüllen. Die Sirene war für ihn, den Scheuen, den Neugierigen, den Naiven, anziehend und gefährlich wie ein Geheimniß oder wie ein Abgrund.

Diana fühlte dies Alles; doch sie zögerte noch aus Furcht vor Franz I. in der Vergangenheit und vor dem Grafen von Montgommery in der Gegenwart, sich in diese neue Zukunft einzulassen.

Als aber eines Tags der König, stets galant und eifrig, selbst gegen die Frauen, die er nicht liebte, und sogar gegen die, welche er nicht mehr liebte, mit Diana von Poitiers in einer Fenstervertiefung plauderte, erblickte er den Dauphin, der mit verstohlenem, eifersüchtigem Auge diese Unterredung von Diana und seinem Vater belauerte.

Franz rief Heinrich mit lauter Stimme.

»Ah! mein Herr Sohn, was macht Ihr da?« sagte er zu ihm, »nähert Euch doch!«

Ganz bleich und beschämt, beschloß Heinrich, nachdem er eine Minute zwischen seiner Pflicht und seiner Angst geschwankt hatte, statt die Einladung seines Vaters zu erwidern, die Flucht zu ergreifen, als ob er ihn gar nicht gehört hätte.

»Oh! was für ein scheuer, linkischer Bursche ist das!« sagte der König; »könnt Ihr eine solche Schüchternheit begreifen, Frau Diana? Ihr, die Göttin der Wälder, habt Ihr je einen scheueren Damhirsch gesehen? Ah! welch abscheulicher Fehler.«

»Beliebt es Eurer Majestät, daß ich Monseigneur den Dauphin bessere?« versetzte Diana lächelnd.

»Es dürfte schwerlich in der Welt einen artigeren Lehrmeister und eine süßere Lehre geben,« sagte der König.

»So haltet ihn für gebessert, Sire, ich übernehme es,« sprach Diana.

Sie hatte in der That bald den Flüchtling eingeholt.

Der Graf von Montgommery, der an diesem Tag Dienst hatte, war nicht im Louvre.

»Ich verursache Euch also einen gewaltigen Schrecken, Hoheit? . . .«

So begann Diana das Gespräch und die Belehrung. Wie sie diese beschloß, wie sie keinen von den Mißgriffen des Prinzen bemerkte und seine geringsten Worte bewunderte, wie sie ihn mit der Ueberzeugung verließ, er sei geistreich und reizend geworden, wie er in der That nach und nach bei ihr reizend und geistreich wurde, wie sie allmälig in jeder Hinsicht die Gebieterin seines Herzens wurde und ihm zu gleicher Zeit Befehle, Lectionen und Glück gab, dies ist die ewige und unübersetzbare Komödie, welche sich stets spielen, aber nie schreiben lässt.

Und Montgommery? Oh! Montgommery liebte Diana zu sehr, um sie zu beurtheilen, er hatte sich ihr zu blindlings hingegeben, um klar zu sehen. Jedermann machte längst bei Hofe seine Bemerkungen über die neue Liebschaft von Frau von Poitiers, als sich der edle Graf immer noch in seinen sorgfältig von Diana unterhaltenen Illusionen wiegte. Das Gebäude an dessen Errichtung sie arbeitete, war noch zu gebrechlich, als daß sie nicht hätte eine gewaltige Erschütterung und den ganzen Einsturz befürchten sollen. Sie behielt also den Dauphin aus Ehrgeiz und den Grafen aus Klugheit.




XX.

Vom Nutzen der Freunde


Lassen wir Aloyse die Erzählung, welche für diese Präliminarien nur die Unterlage gewesen sind, fortsetzen und vollenden.

»Meinem Mann, dem braven Perrot,« sagte sie zu Gabriel, der ihr aufmerksam zuhorchte, »waren auch die Gerüchte welche sich über Diana verbreiteten, und die Spöttereien zu Ohren gekommen, die man sich über Herrn von Montgommery erlaubte. Doch er wußte nicht, ob er seinen Gebieter den er vertrauensvoll und glücklich sah, davon in Kenntniß setzen, oder ob er ihm das abscheuliche Gewebe verbergen sollte, in das ihn die ehrgeizige Frau verstrickt hatte. Er theilte mir seine Zweifel mit, denn ich gab ihm gewöhnlich gute Rathschläge, und er hatte meine Verschwiegenheit und Festigkeit erprobt. Aber hier war ich wie er in Verlegenheit, wozu man sich entschließen sollte.

»Eines Abends befanden wir uns, Perrot und ich, gerade hier in diesem Zimmer, gnädiger Herr, denn der Graf von Montgommery behandelte uns nicht als Diener sondern als Freunde, und er hatte sogar in Paris die patriarchalische Gewohnheit der Winterabende in der Normandie beibehalten, wo Herren und Knechte sich an demselben Heerd nach der gemeinschaftlichen Arbeit des Tages wärmen. Der Graf saß nachdenkend und den Kopf in der Hand vor dem Feuer. Er ging gewöhnlich Abends zu Frau von Poitiers, doch seit einiger Zeit ließ sie ihm oft sagen, sie wäre krank und könnte ihn nicht empfangen. Er dachte ohne Zweifel an dieses; Perrot besserte die Riemen an einem Panzer aus, und ich spann.

»Es war am 7. Januar 1539, an einem kalten, regnerischen Abend, und am Tag nach Epiphanie. Erinnert Euch an dieses unheilschwangere Datum, gnädiger Herr.«

Gabriel machte ein Zeichen, daß er kein Wort verliere, und Aloyse fuhr fort:

»Plötzlich meldete man Herrn von Langeais, Herrn von Boutières und den Grafen von Sancerre, drei Edelleute des Hofes, Freunde unseres Gebieters, doch noch mehr Freunde von Madame d’Étampes. Alle drei waren in große, dunkle Mäntel gehüllt, und obgleich sie lachend eintraten, kam es mir doch vor, als ob sie das Unglück mitbrächten und mein Instinkt täuschte mich leider nicht.

Der Graf von Montgommery stand auf und ging den Eintretenden mit jenen gastfreundlichen, anmuthigen Manieren, die ihm so gut standen, entgegen.

»Seid willkommen, meine Freunde,« sprach er zu den drei Edelleuten, indem er ihnen die Hand drückte.

Auf ein Zeichen nahm ich ihnen ihre Mäntel ab, und alle drei setzten sich.

»Welches Glück führt Euch in meine Wohnung?« fuhr der Graf fort.

»Eine dreifache Wette,« antwortete Herr von Boutières, »und Eure Gegenwart hier, mein lieber Graf, macht, daß ich die meinige in diesem Augenblick gewinne.«

»Ich,« sagte Herr von Langeais, »ich hatte die meinige schon gewonnen.«

»Und ich,« versetzte der Graf von Sancerre, »ich werde Die meinige sogleich gewinnen, das sollt Ihr sehen.«

»Und was habt Ihr denn gewettet, meine Herren?« fragte Montgommery.

»Langeais hatte mit d’Enghien gewettet, der Dauphin wäre diesen Abend nicht im Louvre,« sagte Herr von Boutières. »Wir gehen an Ort und Stelle und erhalten den erforderlichen Beweis, daß d’Enghien verloren hat.«

»Was Herrn von Boutières betrifft,« sprach der Graf von Sancerre, »so hatte er mit Herrn von Montejan gewettet, Ihr wäret diesen Abend zu Hause, mein lieber Graf, und Ihr seht, daß er gewonnen hat.«

»Und Du hast auch gewonnen, Sancerre, dafür stehe ich Dir,« versetzte seinerseits Herr von Langeais, »denn im Ganzen bilden die drei Wetten nur eine, und wir hätten mit einander verloren oder gewonnen. Sancerre, Herr von Montgommery, hat hundert Pistolen gegen d’Aussun gewettet, Frau von Poitiers wäre diesen Abend krank.«

Euer Vater, Gabriel, erbleichte furchtbar.

»Ihr habt in der That gewonnen, Herr von Sancerre,« sagte er mit erschütterter Stimme, »denn die Frau Großseneschallin ließ mich so eben benachrichtigen, sie könne Niemand empfangen, weil sie plötzlich unpäßlich geworden sei.«

»Ah!« rief der Graf von Sancerre, »ich sagte es doch! Meine Herren, Ihr werdet's mir gegen d’Aussun bezeugen, daß er mir hundert Pistolen schuldig ist.«

Und Alle lachten wie die Narren. Doch der Graf von Montgommery blieb ernsthaft.

»Meine Freunde,« sagte er mit einem etwas bitteren Tone, »wollet Euch nun herbeilassen, mir dieses Räthsel zu erklären.«

»Meiner Treue! sehr gern,« erwiderte Herr von Boutières, »doch entfernt diese guten Leute.«

»Wir waren schon an der Thüre, Perrot und ich, doch der Herr Graf gebot uns durch ein Zeichen, zu bleiben, und sprach zu den jungen Edelleuten:

»Es sind ergebene Freunde, und da ich über nichts zu erröthen habe, so habe ich auch nichts zu verbergen.«

»Es sei,« erwiderte Herr von Langeais, »das riecht zwar ein wenig nach der Provinz, doch die Sache geht im Ganzen mehr Euch an, als uns, Graf. Ich bin auch sicher, daß sie das große Geheimniß schon wissen, denn es ist in der Stadt im Umlauf und Ihr werdet herkömmlicher Weise der Letzte sein, der es erfährt.«

»Aber sprecht doch!« rief der Graf von Montgommery.

»Mein lieber Graf,« sagte Herr von Langeais, »wir werden sprechen, denn es ist uns peinlich, einen Edelmann wie wir und einen galanten Mann, wie Ihr seid, so täuschen sehen zu sollen. Doch wenn wir sprechen, so geschieht es unter der Bedingung, daß Ihr die Offenbarung mit Philosophie, das heißt lachend, hinnehmt, denn ich versichere Euch, dies Alles ist Euren Zorn nicht werth, und überdies wäre Euer Zorn hier zum Voraus entwaffnet.«

»Ich warte, und wir werden sehen,« erwiderte der gnädige Herr mit kaltem Tone.

»Lieber Graf,« sprach sodann Herr von Boutières, der jüngste und unbesonnenste der drei Edelleute, »Ihr kennt die Mythologie nicht wahr, Ihr wißt ohne Zweifel die Geschichte von Diana und Endymion? Doch welches Alter glaubt Ihr, daß Endymion zur Zeit seiner Liebschaft mit Diana–Phöbe gehabt habe? Wenn Ihr Euch einbildet, er habe vierzig gezählt, so enttäuscht Euch, mein Theater, denn er zählte noch nicht einmal zwanzig Jahre, und sein Bart war noch nicht gewachsen. Ich weiß das von meinem, Hofmeister, der vollkommen damit vertraut war. Und deshalb ist diesen Abend Endymion nicht im Louvre, deshalb ist Diana Luna untergegangen und unsichtbar, ohne Zweifel wegen des Regens, und deshalb endlich seid Ihr zu Hause, Herr von Montgommery . . . Woraus Folgt, daß mein Hofmeister ein großer Mann ist, und daß wir unsere drei Wetten gewonnen haben. Es lebe die Freude!«

»Beweise?« fragte kalt der Graf.

»Beweise!« versetzte Herr von Langeais »Ihr könnt sie selbst holen. Wohnt Ihr nicht zwei Schritte von der Luna?«

»Das ist richtig. Ich danke!« sprach der Graf.

Und er stand auf. Die drei Freunde mußten ebenfalls aufstehen, sie waren ziemlich abgekühlt und beinahe erschrocken über das strenge, düstere Wesen von Herrn von Montgommery.

»Ah! Graf,« sagte Herr von Sancerre, »begeht keine Albernheit, keine Unklugheit, und erinnert Euch, daß es eben so wenig gut ist, sich am jungen Löwen, als am alten Löwen zu reiben.«

»Seid unbesorgt!« erwiderte der Graf.

»Ihr grollt uns darum nicht im Mindesten?«

»Je nachdem,« entgegnete er.

Dann geleitete er sie zurück, oder er trieb sie vielmehr bis zur Thüre, und als er sich wieder umwandte, sagte er zu Perrot:

»Meinen Mantel und meinen Degen.«

Perrot brachte Beides.

»Ist es wahr. daß Ihr das wußtet, Ihr Leute?« fragte der Graf seinen Degen umschnallend.

»Ja, gnädiger Herr,« antwortete Perrot mit niedergeschlagenen Augen.

»Und warum habt Ihr mich nicht davon in Kenntniß gesetzt?«

»Gnädiger Herr! . . .« stammelte mein Gatte.

»Es ist richtig; Ihr waret nicht Freunde, sondern nur gute Leute.«

Dabei klopfte er freundschaftlich auf die Schulter seines Stallmeisters. Er war sehr bleich, sprach jedoch mit einer gewissen feierlichen Ruhe. Er sagte zu Perrot:

»Ist es schon lange, daß diese Gerüchte im Umlauf sind?«

»Gnädiger Herr,« erwiderte Perrot, »es sind fünf Monate, daß Ihr Frau Diana von Poitiers liebt, da Eure Heirath auf den Monat November festgestellt worden ist. Und man versichert, der Dauphin habe Diana einen Monat nachdem sie Euer Gesuch entgegengenommen, geliebt; doch man spricht erst seit zwei Monaten davon und es sind keine vierzehn Tage, daß ich es weiß. Die Gerüchte haben erst seit der Vertagung Eurer Heirath Haltbarkeit gewonnen, und man spricht nur insgeheim davon aus Furcht vor seiner Hoheit dem Dauphin. Ich habe gestern einen von den Leuten von Herrn de la Garde geschlagen, weil er so unverschämt war, in meiner Gegenwart darüber zu lachen, und der Baron de la Garde hat es nicht gewagt, mir deshalb einen Verweis zu geben.«

»Man wird nicht mehr darüber lachen,« sprach der gnädige Herr mit einem Tone, der mich schauern machte.

Als er fertig war, fuhr er mit der Hand über seine Stirne und sagte zu mir:

»Aloyse, hole mir Gabriel, ich will ihn umarmen.«

»Gnädiger Herr Gabriel, Ihr schliefet Euren Cherubimschlaf und Ihr finget an zu weinen, als ich Euch weckte und aufhob. Ich hüllte Euch in eine Decke und brachte Euch so zu Eurem Vater. Er nahm Euch in seine Arme, schaute Euch eine Zeit lang stillschweigend an, als wollte er durch Euren Anblick Ruhe gewinnen, und drückte dann auf Eure schönen, halbgeschlossnen Augen einen Kuß. Eine Thräne rollte zu gleicher Zeit auf Euer rosiges Antlitz, die erste Thräne, die dieser starke, muthige Mann in meiner Gegenwart vergossen hatte. Er übergab Euch sodann wieder mir und sprach:

»Ich empfehle Dir mein Kind, Aloyse.«

»Ach! dies ist das letzte Wort, das er an mich gerichtet hat. Es ist in meinem Innern geblieben und ich höre es noch.«

»Ich will Euch begleiten, gnädiger Herr,« sagte nun mein braver Perrot.

»Nein, Perrot,« antwortete Herr von Montgommery, »ich muß allein sein, bleibe.«

»Aber gnädiger Herr . . .«

»Ich will es,« sagte er.

Man durfte keine Einwendung machen, wenn er so sprach, und Perrot schwieg.

»Der Graf nahm unsere Hände und sagte:

»Gott befohlen! meine guten Freunde; nein! nicht Gott befohlen, auf Wiedersehen!«

Und dann ging er ruhig und mit sicherem Schritte hinaus, als würde er in einer Viertelstunde wiederkehren.

Perrot sagte nichts; doch sobald sein Herr außen war, nahm er ebenfalls seinen Mantel und seinen Degen. Wir wechselten kein Wort, und ich suchte ihn nicht zurückzuhalten, er that seine Pflicht, indem er dem Grafen folgte, und war es auch zum Tode. Er streckte die Arme nach mir aus, weinend warf ich mich darein, und nachdem er mich zärtlich geküßt hatte, eilte er auf der Spur von Herrn von Montgommery fort. Dies Alles hatte keine Minute gedauert, und wir hatten keine Sylbe gesprochen.

»Als ich allein war, fiel ich auf meinen Stuhl und schluchzte und betete. Der Regen hatte sich außen verdoppelt, und der Wind brauste und heulte mit aller Gewalt. Doch Ihr, gnädiger Herr Gabriel, waret wieder friedlich in Euren unterbrochenen Schlaf versunken, aus dem Ihr nur als eine Waise erwachen solltet.«




XXI.

Worin nachgewiesen ist, daß die Eifersucht zuweilen die Titel vor der französischen Revolution abzuschaffen vermochte


»Das Hotel Brézé, das Frau Diana damals bewohnte, war wie Herr von Langeais gesagt hatte, nur zwei Schritte von dem unsrigen entfernt, in der Rue du Figuier Saint-Paul, wo dieses Unglücksgbäude noch besteht.

Perrot folgte seinem Herrn von ferne, sah ihn vor der Thüre von Frau Diana stille stehen, anklopfen und eintreten. Er näherte sich sodann. Herr von Montgommery sprach mit Stolz und Sicherheit zu den Bedienten, welche sich seinem Fortschreiten widersetzen wollten und behaupteten, ihre Gebieterin wäre krank in ihrem Zimmer. Doch der Graf ging weiter und Perrot benützte die Unruhe, um hinter ihm durch die offen gebliebene Thüre zu schlüpfen . . . Er kannte genau die Gelegenheit des Hauses, da er mehr als eine Botschaft zu Frau Diana gebracht hatte. Ungehindert stieg er in der Dunkelheit hinter Herrn von Montgommery hinauf, war es, weil man ihn nicht bemerkte, oder weil man kein Gewicht auf den Stallmeister legte, sobald der Herr den Befehl gebrochen hatte.

Oben auf der Treppe fand der Graf zwei Kammerfrauen der Herzogin, welche ganz unruhig aussahen und ihn fragten, was er zu einer solchen Stunde wolle. Es hatte in der That zehn Uhr auf allen Glockenthürmen der Umgegend geschlagen. Herr von Montgommery antwortete mit Festigkeit, er wolle auf der Stelle Frau Diana sehen, er habe ihr ohne Verzug wichtige Dinge mitzutheilen, und wenn sie ihn nicht empfangen könne, so werde er warten.

Er sprach sehr laut und so, daß er in dem nahen Schlafzimmer der Herzogin gehört werden mußte.

Eine von den Frauen trat in dieses Zimmer ein, kam bald zurück und sagte:

Frau von Poitiers liege zu Bette, aber sie werde kommen, um mit ihm zu reden, und er möge sie im Sprechzimmer erwarten.

Der Dauphin war also nicht da, oder er benahm sich sehr furchtsam für einen Sohn von Frankreich! Herr von Montgommery folgte ohne Schwierigkeit den zwei Frauen, welche mit Kerzen in der Hand vorangingen, in das Sprechzimmer.

Perrot, der im Schatten auf den Stufen der Treppe gekauert geblieben war, ging nun vollends hinauf und verbarg sich hinter einer hochschäftigen Tapete in einem Corridor, der gerade das Schlafzimmer von Frau Diana von Poitiers von dem Sprechzimmer trennte, wo Herr von Montgommery sie erwartete. Im Hintergrunde dieses weiten Ganges befanden sich zwei vermauerte Thüren, von denen die eine einst in das Sprechzimmer, die andere in das Schlafzimmer geführt hatte. Perrot schlüpfte hinter die Thürvorhänge, welche man der Symmetrie wegen gelassen hatte, und er sah zu seiner Freude, daß er, wenn er horchen würde, Alles hören konnte, was in dem einen oder in dem andern Zimmer vorging. Nicht als wäre mein braver Mann durch eine gemeine Neugierde angetrieben worden: die letzten Worte des Grafen, als er uns verließ, und ein geheimer Instinkt machten ihn darauf aufmerksam, daß sein Herr große Gefahr lief, und gerade in diesem Augenblick stellte man ihm vielleicht eine Falle, und er wollte in der Nähe bleiben, um ihm in der Noth beizustehen.

Leider, wie Ihr sehen werdet, gnädiger Herr, ist keines von den Worten, die er hörte und mir später mittheilte, im Stand, das geringste Licht über die dunkle und unselige Frage zu verbreiten, die Euch heute beschäftigt.

Herr von Montgommery hatte nicht zwei Minuten gewartet, als Frau von Poitiers mit einer gewissen Hast in das Sprechzimmer eintrat.

»Was soll das bedeuten, Herr Graf,« fragte sie, »und woher rührt dieser nächtliche Ueberfall, nachdem ich Euch habe bitten lassen, heute nicht zu kommen?«

»Ich will Euch das mit zwei aufrichtigen Worten sagen, Madame. Doch schickt zuerst Eure Frauen weg. Nun hört mich. Ich werde kurz sein. Man hat mir so eben mitgetheilt, Ihr gebet mir einen Nebenbuhler, dieser Nebenbuhler sei der Dauphin, und er befinde sich gerade heute Abend bei Euch.«

»Und Ihr habt es geglaubt, da Ihr herbeieilt, um Euch zu versichern?« versetzte Frau Diana mit stolzem Tone.

»Ich habe gelitten, Diana, und ich eilte herbei, um bei Euch ein Mittel gegen mein Leiden zu suchen.«

»Nun habt Ihr mich gesehen,« sprach Frau von Portiers. »Ihr wißt, daß sie gelogen, laßt mich zur Ruhe gehen. Entfernt Euch in des Himmels Namen, Jacques.«

»Nein, Diana,« sagte der Graf, ohne Zweifel unruhig über den Eifer, mit dem sie ihn entfernen wollte, »nein, denn wenn sie gelogen hätten, indem sie behaupteten, der Dauphin wäre hier, so haben sie vielleicht nicht gelogen, wenn sie versicherten, er würde diesen Abend kommen, und es wäre mir sehr lieb, wenn ich sie ganz und gar von der Verleumdung überzeugen könnte.«

»Ihr werdet also bleiben, mein Herr?«

»Ich werde bleiben, Madame. Legt Euch nieder, wenn Ihr krank seid, Diana, ich werde mit Eurer Erlaubniß Euren Schlaf hüten.«

»Mit welchem Rechte, mein Herr, würdet Ihr das thun?« rief Diana. »Unter welchem Titel? Bin ich nicht noch frei?«

»Nein, Madame,« erwiderte mit festem Tone der Graf, »es steht Euch nicht frei, einen rechtschaffenen Edelmann, dessen Bewerbungen Ihr angenommen habt, zum Gespötte des Hofes zu machen.«

»Ich werde wenigstens diese letzte Anmaßung nicht billigen,« sprach Frau Diana. »Ihr habt ebenso wenig das Recht, hierzu bleiben, als die Anderen ein Recht haben, Euch zu verspotten. Ihr seid nicht mein Gatte, nicht wahr? So viel ich weiß, führe ich nicht Euren Namen?«

»Ei! Madame,« rief nun Herr von Montgommery in einer Art von Verzweiflung, »was liegt mir daran, daß man mich verspottet! Mein Gott! das ist hier nicht die Frage, Ihr wißt es wohl, Diana; nicht meine Ehre blutet und schreit, sondern meine Liebe. Hätte ich mich durch die Spöttereien dieser drei Fante beleidigt gefunden, so würde ich ganz einfach meinen Degen gezogen haben. Doch mein Herz war zerrissen, Diana, und ich eilte herbei. Meine Würde! mein Ruf! Das ist es nicht, um was es sich handelt, keines Wegs; es handelt sich darum, daß ich Euch liebe, daß ich verrückt, daß ich eifersüchtig bin, daß Ihr mir gesagt und bewiesen habt, Ihr liebet mich, und daß ich Jeden tödten werde, der es wagt, diese Liebe zu berühren, die mein Gut ist, und wäre es der Dauphin, wäre es der König selbst, Madame! Ich werde mich nichts um den Namen meiner Rache bekümmern, das versichere ich Euch. Doch so wahr Gott lebt, ich werde mich rächen.«

»Und worüber denn, wenn es Euch beliebt? Und warum?« fragte hinter Herrn von Montgommery eine gebieterische Stimme.

Perrot schauerte, denn durch den schwach beleuchteten Gang sah er den Herrn Dauphin, der nunmehr König ist und hinter dem Dauphin das höhnisch harte Gesicht von Herrn von Montmorency erscheinen.

»Ah!« rief Frau Diana, indem sie in in einen Lehnstuhl sank und die Hände rang, »das habe ich befürchtet.«

»Herr von Montgommery stieß Anfangs nur einen gewaltigen Schrei aus, dann hörte ihn Perrot mit ziemlich ruhiger Stimme sagen:

»Gnädigster Herr Dauphin . . . ein einziges Wort, habt die Gnade! sagt mir, daß Ihr nicht hierherkommt, weil Ihr Frau Diana von Poitiers liebt und weil Frau Diana von Poitiers Euch liebt.«

»Herr von Montgommery,« erwiderte der Dauphin mit einem noch bewältigten Zorn, »ein einziges Wort auf Befehl! sagt mir, daß ich Euch nicht hier finde, weil Frau Diana Euch liebt, und weil Ihr Frau Diana liebt.«

Da die Scene sich so gestaltete, so standen hier nur noch einander gegenüber der Erbe des größten Thrones der Welt und ein einfacher Edelmann; doch zwei Männer, zwei gereizte eifersüchtige Nebenbuhler, zwei leidende Seelen, zwei zerrissene Herzen.

»Ich war der angenommene und bezeichnete Gemahl von Frau Diana, man wußte es, Ihr wußtet es,« erwiderte Herr von Montgommery, der schon den Titel wegließ, auf den der Prinz ein Recht hatte.

»Versprechen in die Luft, vergessenes Versprechen!« rief Heinrich, »und wenn sie vielleicht auch jünger sind, als die Ewigen, so sind die Rechte meiner Liebe darum nicht minder sicher, und ich werde sie behaupten.«

»Ah! der Unkluge! er spricht von seinen Rechten!« rief der Graf, schon trunken von Eifersucht und Wuth. »Ihr wagt es also, zu behaupten, diese Frau gehöre Euch?«

»Ich sage, daß sie wenigstens nicht Euch gehört,« versetzte Heinrich. Ich sage, daß ich bei Madame mit ihrer Erlaubniß bin, und daß, wie mir scheint, nicht dasselbe bei Euch der Fall ist. Ich erwarte also ungeduldig, daß Ihr weggeht, mein Herr.«

»Wenn Ihr so ungeduldig seid, nun so laßt uns mit einander gehen, das ist ganz einfach.«

»Eine Aufforderung!« rief Montmorency, der nun vortrat. »Ihr wagt es, mein Herr, einen Dauphin von Frankreich herauszufordern?«

»Es gibt hier keinen Dauphin von Frankreich,« erwiderte der Graf, »es gibt nur einen Menschen, der so anmaßend ist, zu behaupten, er werde von der Frau geliebt, die ich liebe.«

Ohne Zweifel machte er einen Schritt gegen Heinrich, denn Perrot hörte Frau Diana rufen:

»Er will den Prinzen beschimpfen! er will den Prinzen tödten! zu Hilfe!«

Und ohne Zweifel verlegen über die seltsame Rolle, die sie spielte, stürzte sie hinaus, trotz Herrn von Montmorency, der ihr sagte, sie möchte sich beruhigen, sie hätten zwei Schwerter gegen eines, und ein gutes Gefolge unten. Perrot sah Frau Diana durch den Corridor eilen und schluchzend in ihr Schlafzimmer fliehen, indem sie ihre Frauen und die Leute des Dauphin rief.

Doch ihre Flucht dämpfte die Hitze der zwei Gegner durchaus nicht; Herr von Montgommery nahm voll Bitterkeit das Wort Gefolge, das man ausgesprochen, auf und rief:

»Mit dem Schwerte seiner Leute gedenkt ohne Zweifel Seine Hoheit der Dauphin die Beleidigungen, die man ihm angethan, zu rächen?«

»Nein, mein Herr,« erwiderte Heinrich stolz, »das meinige wird genügen, um einen Frechen zu bestrafen.«

Beide legten schon die Hand an den Griff ihres Degen; doch Herr von Montmorency trat dazwischen und sprach:

»Verzeiht, gnädigster Herr, derjenige, welcher morgen vielleicht König sein wird, hat nicht das Recht, heute sein Leben zu wagen. Ihr seid nicht ein Mensch, Hoheit, Ihr seid eine Nation: ein Dauphin von Frankreich schlägt sich nur für Frankreich.«

»Wohl!»« rief Herr von Montgommery, »doch ein Dauphin von Frankreich, der Alles hat, entreißt mir dann nicht diejenige, in welche ich einzig mein Leben gesetzt, diejenige, welche für mich mehr ist, als meine Ehre, mehr als mein Kind in der Wiege, mehr als meine unsterbliche Seele; denn sie hätte mich dies Alles vergessen gemacht, diese Frau, die mich vielleicht hinterging! doch nein, sie täuschte mich nicht, das ist unmöglich; ich liebe sie zu sehr! Gnädigster Herr, verzeiht mir meine Heftigkeit, meinen Wahnsinn, und laßt Euch herbei, mir zu sagen, daß Ihr Diana nicht liebt. Zu einer Frau, die man liebt, kommt man nicht begleitet von Herrn von Montmorency und escortirt von acht bis zehn Reitern! das hätte ich bedenken sollen.«

»Diesen Abend,« sprach Herr von Montmorency, »wollte ich Seiner Hoheit mit einer Escorte folgen, weil man mich insgeheim benachrichtigt hatte, es würde ihr heute ein Hinterhalt gestellt werden. Ich mußte jedoch Seine Hoheit auf der Schwelle dieses Hauses allein gehen lassen. Aber der Lärm Eurer Stimme, mein Herr, drang bis zu uns und verpflichtete mich, weiter zu gehen und dem Rathe unbekannter Freunde, die mich zu so gelegener Zeit behutsam machten, ganz und gar Glauben zu schenken.«

»Ich kenne sie, diese unbekannten Freunde!« erwiderte bitter lachend der Graf. »Es sind ohne Zweifel dieselben, die auch mich benachrichtigt haben, der Dauphin wäre diesen Abend hier, und es ist ihnen ihr Plan nach Wünschen gelungen, ihnen und ihr, welche sie handeln ließ. Denn ich nehme an, daß Madame d’Étampes nur durch einen auffallenden Scandal Frau von Poitiers kompromittieren wollte. Der Herr Dauphin hat nun, indem er nicht zögerte, seinen Liebesbesuch mit einem Heere zu machen, wunderbar diesen wunderbaren Plan unterstützt! Ah! es ist so weit gekommen, Heinrich von Valois, daß Ihr nicht mehr die geringste Schonung für Frau von Brézé habt? . . . Ihr erklärt sie also öffentlich für Eure officielle Geliebte? Sie gehört also wirklich und unwiderruflich Euch, diese Frau? Es ist nicht mehr daran zu zweifeln, es ist nichts mehr zu hoffen! Ihr habt mir sie in der That gestohlen, und mit ihr mein Glück, und mit ihr mein Leben.«Nun wohl! Donner und Blut! ich habe nun keine Schonung mehr zu beobachten. Daß Du ein Sohn von Frankreich bist, Heinrich von Valois, ist kein Grund, nicht mehr Edelmann zu sein, und Du wirst mir Rechenschaft ablegen über Deine Pflichtvergessenheit, oder Du bist nur ein Feiger!«

»Elender!« rief der Dauphin, indem er seinen Degen zog und auf den Grafen zuging; doch Herr von Montmorency warf sich ihm abermals entgegen.

»Gnädigster Herr, ich sage Euch noch einmal, daß der Erbe des Thrones sein Schwert nicht kreuzen wird eines Weibes wegen mit einem . . .«

»Mit einem Edelmanm der älter ist als Du, erster Baron der Christenheit!« unterbrach ihn der Graf außer sich. »Jeder Edelmann ist übrigens so viel werth als der König, und die Könige sind nicht immer so klug gewesen, als Ihr behaupten wollt, Ihr Leute, und zwar aus Gründen! Carl von Neapel hat Alfons von Arragonien herausgefordert, Franz I., was noch nicht so lange her ist, hat Karl V. herausgefordert. Das war König gegen König: es mag sein! Herr von Nemours, der Neffe des Königs, hat einen einfachen spanischen Kapitän gefordert. Die Montgommery sind so viel werth als die Valois, und da sie sich mehrere Male mit den Kindern von Frankreich oder von England vermählt haben, so können sie sich wohl mit ihnen schlagen. Die alten Montgommery führten die französischen Lilien im zweiten und dritten Felde. Seit ihrer Rückkehr nach England, wohin sie Wilhelm dem Eroberer folgten, war das Wappen der Montgommery azurblau mit einem Löwen mit goldenen Klauen und silberner Zunge, und dabei der Wahlspruch: Garde bien, und drei Lilien auf rothem Grunde. Auf, Hoheit, da unsere Wappen ähnlich sind, wie unsere Schwerter, so folgt einer guten Regung des Ritterthums! Ah! wenn Ihr diese Frau liebtet, wie ich sie liebe, und wenn Ihr mich haßtet, wie ich Euch hasse! doch nein: Ihr seid nur ein schüchternes Kind, das glücklich ist, sich hinter seinem Hofmeister verbergen zu können.«

»Herr von Montmorency, laßt mich,« rief der Dauphin, der sich gegen Montmorency sträubte, welcher ihn zurückhalten wollte.

»Gottes Ostern! nein, ich werde es nicht zugeben, daß Ihr Euch mit diesem Wüthenden schlagt. Zurück! herbei?« rief er mit lauter Stimme.

Und man hörte auch deutlich Frau Diana, welche sich über die Treppe neigte, aus Leibeskräften rufen:

»Zu Hilfe! kommt herauf, Ihr Leute, wollt Ihr Eure Herren erwürgen lassen?«

Dieser Dalilahs-Verrath, denn sie waren im Ganzen zu Zwei gegen Einen, trieb ohne Zweifel die blinde Wuth des Grafen auf’s Aeußerste. Vor Schrecken in Eis verwandelt, hörte ihn Perrot sagen:

»Bedarf es der höchsten Beleidigung, um Euch, Deinen Unterhändler und Dich, Heinrich von Valois, von der Nothwendigkeit, mir Genugthuung zu geben, zu überzeugen?«

Perrot nahm an, daß er sodann auf den Dauphin zugegangen war und die Hand gegen ihn erhoben hatte. Heinrich stieß ein dumpfes Gebrülle aus. Doch Herr von Montmorency hielt wahrscheinlich den Arm des Prinzen zurück, denn während er stärker als je: »Zu Hilfe! zu Hilfe!« schrie, hörte Perrot, der nicht mehr sehen konnte, den Prinzen ausrufen:

»Sein Handschuh hat meine Stirne, gestreift, er kann nur noch von meiner Hand sterben, Montmorency!«

Dies Alles war mit der Schnelligkeit des Blitzes vorgefallen. In demselben Augenblick erschienen die Leute von der Escorte. Es entstand ein heftiger Kampf, und man vernahm einen gewaltigen Lärmen von stampfenden Füßen und klirrenden Schwertern. Herr von Montmorency schrie:

»Bindet den Wüthenden.«

Und der Dauphin: »Tödtet ihn nicht! im Namen des Himmels tödtet ihn nicht!«

Der zu ungleiche Kampf dauerte nur eine Minute.

Perrot hatte nicht einmal Zeit, hinzuzulaufen, um seinem Herrn zu helfen. Als er auf die Thürschwelle kam, sah er einen von den Reitern auf dem Boden ausgestreckt und drei andere mit blutenden Wunden. Doch der entwaffnete Graf war schon gebunden und wurde von fünf bis sechs Reitersknechten gehalten, welche ihn zu gleicher Zeit angefallen hatten. Perrot, den man im Tumult nicht bemerkte, glaubte den Interessen von Herrn von Montgommery nützlicher zu sein, wenn er frei blieb; und es dadurch in seiner Macht behielte, seine Freunde zu benachrichtigen oder ihm bei einer günstigeren Gelegenheit beizustehen. Er kehrte daher geräuschlos an seinen Posten zurück und wartete hier, das Ohr auf der Lauer und die Hand am Schwert, da Herr von Montgommery weder todt noch verwundet war, auf den Augenblick, sich zu zeigen und ihn vielleicht zu retten, denn Ihr werdet sogleich sehen, gnädiger Herr, daß es meinem braven Mann weder an Muth noch an Kühnheit fehlte. Doch er war eben so weise als tapfer und wußte geschickt seinen Vortheil zu fassen. Für den Augenblick konnte er nur beobachten; was er auch mit großer Kaltblütigkeit und Aufmerksamkeit that.

Obgleich gebunden, rief Herr von Montgommery immer noch:

»Sagt ich es Dir nicht, Heinrich von Valois, Du würdest nur zehn Schwerter dem meinigen und den gehorsamen Muth Deiner Soldaten meiner Beleidigung entgegensetzen!«

»Ihr seht, Herr von Montmorency,« sprach der Dauphin bebend.

»Man kneble ihn!« rief Herr von Montmorency statt jeder Antwort, »ich werde Euch sagen lassen,« fuhr er fort indem er sich an die Soldaten wandte, »ich werde Euch sagen lassen, was Ihr mit ihm zu thun habt. Bis dahin bewacht ihn auf das Schärfste. Ihr steht mir mit Eurem Kopfe für ihn.«

Hiernach verließ er das Sprechzimmer und zog den Dauphin mit sich fort. Sie durchschritten den Gang, wo Perrot hinter der Tapete verborgen war, und traten bei Frau Diana ein.

Perrot ging an die entgegengesetzte Wand und drückte sein Ohr an die andere vermauerte Thüre.

Die Scene, der er beigewohnt hatte, war vielleicht minder schrecklich, als die, welche er nun vernehmen sollte.«




Viertes bis siebentes Bändchen





I.

Was ist der schlagende Beweis, den eine Frau geben kann, daß ein Mann nicht mehr ihr Geliebter ist?


Herr von Montmorency,« sprach der Dauphin, mit einer zornigen Traurigkeit eintretend, »wenn Ihr mich nicht beinahe mit Gewalt zurückgehalten hättet, so wäre ich minder unzufrieden mit mir und mit Euch, als ich dies bin.«

»Eure Hoheit erlaube mir, zu bemerken, daß es als junger Mensch und nicht als Königssohn sprechen heißt. Eure Tage gehören nicht Euch, sie gehören Eurem Volk, gnädigster Herr, und die gekrönten Häupter haben höhere Pflichten als die andern Menschen.«

»Warum bin ich denn gegen mich aufgebracht, warum schäme ich mich?« sagte der Prinz. »Ah! Ihr seid es, Madame,« sprach er, sich an Diana wendend, die er ohne Zweifel gerade erst bemerkte.

Und da in diesem Augenblick die verletzte Eitelkeit den Sieg über die eifersüchtige Liebe davontrug, so fügte er bei:

»Bei Euch und durch Euch ist mir die erste Beleidigung zu Theil geworden.«

»Ach! ja, bei mir, doch sagt nicht durch mich gnädigster Herr,« erwiderte Diana. »Habe ich nicht eben so sehr, und noch mehr als Ihr gelitten? Bin ich nicht unschuldig an dem Allem. Liebe ich denn diesen Menschen, habe ich ihn denn je geliebt?«

Sie verleugnete ihn, nachdem sie ihn verraten hatte; das war ganz einfach.

»Ich liebe nur Euch, gnädigster Herr,« fuhr sie fort, »meine Seele und mein Leben gehören ganz Euch, und mein Dasein beginnt erst an dem Tag, wo Ihr dieses Herz angenommen habt, das Euch ergeben ist. Früher kann es geschehen sein, und ich erinnere mich auch unbestimmt, daß ich Herrn von Montgommery einige Hoffnung in der Ferne hatte erblicken lassen. Doch jedenfalls war es nichts Bestimmtes, keine gewisse Verbindlichkeit. Als Ihr kamet, war Alles vergessen. Und seit dieser Zeit, ich schwöre es, – glaubt eher meinen Worten, als den eifersüchtigen Verleumdungen von Madame d’Étampes und ihren Anhängern! – seit dieser gesegneten Zeit hat jeder Gedanke meines Geistes, jeder Pulsschlag meines Herzens Euch gehört, gnädigster Herr. Dieser Mensch lügt, dieser Mensch handelt im Einverständniß mit meinen Feinden, dieser Mensch hat kein Recht auf diejenige, welche Euch so ganz gehört, Heinrich. Ich kenne diesen Menschen kaum, und liebe ihn nicht nur nicht, großer Gott! sondern ich hasse und verachte ihn. Seht, ich frage Euch nicht einmal, ob er noch lebt, oder ob er todt ist, ich bekümmere mich nur um Euch. Ihn hasse ich.«

»Ist das wahr, Madame?« fragte der Dauphin mit einem Ueberreste düsteren Mißtrauens.

»Die Beweisführung wird leicht und rasch sein,« versetzte Herr von Montmorency. »Herr von Montgommery lebt, Madame, doch er ist von unseren Leuten mit Banden beladen, und außer Stand, zu schaden. Er hat den Prinzen schwer beleidigt. Ihn vor die Gerichte zu bringen, ist unmöglich: die Verurtheilung wegen eines solchen Verbrechens hätte noch mehr Gefahren, als das Verbrechen selbst. Daß sich seine Hoheit der Dauphin in einen Einzelkampf mit diesem Frechen einlassen soll, ist noch viel unmöglicher. Was ist also Eure Ansicht in dieser Sache, Madame, und was sollen wir mit diesem Menschen thun?«

Es trat ein Augenblick des Stillschweigens voll innerer Bewegung ein. Perrot hemmte seinen Athem, um die Worte, welche lange nicht hervorkommen wollten, besser zu hören. Doch Frau Diana hatte offenbar bange vor sich selbst und vor dem, was sie sagen würde. Sie zögerte vor ihrem eigenen Spruch.

Endlich mußte sie sprechen, und sie sagte mit ziemlich fester Stimme:

»Herr von Montgommery hat das Verbrechen der Majestätsbeleidigung begangen. Herr von Montmorency, zu welcher Strafe verurtheilt man diejenigen, welche sich der Majestätsbeleidigung schuldig gemacht haben?«

»Zum Tode,« antwortete der Connétable.

»Meine Ansicht ist es also, daß dieser Mensch sterbe,« sprach Frau Diana mit kaltem Tone.

Alle schauerten, und erst nach einer zweiten Pause sagte Herr von Montmorency:

»In der That, Madame, Ihr liebt Herrn von Montgommery nicht, und habt ihn nie geliebt.«

»Doch ich,« versetzte der Dauphin, »ich will weniger als je, daß Herr von Montgommery sterbe.«

»Das ist auch meine Ansicht,« versetzte Montmorency, »doch ich denke, nicht aus denselben Beweggründen wie bei Euch, Hoheit: die Meinung, welche ihr aus Großmuth ausgesprochen habt, billige ich aus Klugheit. Herr von Montgommery hat mächtige Freunde und Verwandte in Frankreich und in England; man weiß überdies bei Hofe, daß er diesen Abend hier mit uns zusammentreffen mußte. Verlangt man ihn morgen laut und geräuschvoll von uns zurück, so müssen wir nicht einen Leichnam zu zeigen haben. Der Adel duldet es nicht, daß man ihn behandelt wie gemeine Menschen und ohne Umstände tödtet. Wir müssen nothwendig antworten können: »Herr von Montgommery ist auf, der Flucht . . .« oder: »Herr von Montgommery ist verwundet und krank . . .« Doch in jedem Fall: »Herr von Montgommery lebt . . .« Und wenn man uns auf das Aeußerste treibt, wenn man ihn hartnäckig von uns zurückfordert, nun! so muß es uns am Ende frei stehen, ihn aus seinem Gefängniß oder aus seinem Bett zu ziehen und ihn den Verleumdern zu zeigen. Doch ich hoffe, die Vorsichtsmaßregel wird, wenn auch gut, nichtsdestoweniger unnöthig sein. Man wird morgen und übermorgen nach Herrn von Montgommery fragen. In acht Tagen wird man weniger, und in einem Monat wird man gar nicht mehr davon reden. Nichts vergißt sich so schnell als ein Freund, und man muß wohl den Gegenstand des Gespräches verändern! Ich finde daher, daß der Schuldige weder sterben, noch leben soll: er muß verschwinden.«

»Es sei!« sagte der Dauphin, »er reise ab, er verlasse Frankreich! Er hat Güter und Verwandte in England, er flüchte sich dahin!«

»Nein, gnädigster Herr!« entgegnete Montmorency. »Der Tod ist zu viel, doch die Verbannung ist nicht genug. Wollt Ihr,« fügte er, die Stimme dämpfend, bei, »wollt Ihr, daß dieser Mensch eher in England als in Frankreich sagt, er habe Euch mit einer beschimpfenden Gebärde bedroht?«

»Oh! erinnert mich nicht hieran!« rief der Dauphin mit den Zähnen knirschend.

»Laßt mich Euch dennoch daran erinnern, gnädigster Herr, um Euch vor einem unklugen Entschluß zu bewahren. Ich wiederhole Euch, der Graf muß nichts enthüllen können, weder lebendig, noch todt. Die Leute unserer Escorte sind sicher und wußten überdies nicht, mit wem sie es zu thun hatten. Der Gouverneur des Châtelet ist mein Freund; mehr noch, taub und stumm wie sein Gefängniß, und dem Dienste Seiner Majestät ergeben. Herr von Montgommery werde noch in dieser Nacht in das Châtelet gebracht. Ein guter Kerker wird ihn uns bewahren, oder zurückgeben, wie wir wollen. Morgen ist er verschwunden, und wir verbreiten über dieses Verschwinden die widersprechendsten Gerüchte. Wenn diese Gerüchte nicht von selbst fallen, wenn die Freunde des Grafen ihn mit zu großer Beharrlichkeit zurückfordern, was nicht wahrscheinlich ist, wenn sie eine strenge Untersuchung bis aufs Aeußerste treiben, worüber ich mich wundern würde, so rechtfertigen wir uns mit einem Wort, indem wir die Register des Châtelet vorzeigen, welche beweisen, daß Herr von Montgommery des Verbrechens der Majestätsbeleidigung angeklagt, im Gefängniß den regelmäßigen Spruch des Gerichtes erwartet. Und haben wir diesen Beweis gegeben, fällt es dann uns zur Last, wenn das Gefängniß ungesund ist, wenn der Kummer und die Reue zu viel Gewalt über Herrn von Montgommery gehabt haben, und wenn er gestorben ist, ehe er vor einem Gericht erscheinen konnte?«

»Oh! Herr von Montmorency!« versetzte der Dauphin schauernd.

»Seid unbesorgt, gnädigster Herr,« sprach der Rath des Prinzen, »wir werden nicht nöthig haben, zu diesem Aeußersten zu greifen. Die durch die Abwesenheit des Grafen veranlaßten Gerüchte werden sich von selbst legen. Die Freunde werden sich trösten und rasch vergessen, und Herr von Montgommery wird, wenn er will, von dem Augenblick an, wo er für die Welt todt ist, für das Gefängniß leben.«

»Hat er nicht einen Sohn?«

»Ja, ein Kind von wenigen Jahren, dem man sagt, man wisse nicht, was aus seinem Vater geworden, und das, ist es einmal groß, seine eigenen Interessen seine eigenen Leidenschaften haben, und eine fünfzehn bis zwanzig Jahre alte Geschichte nicht mehr zu ergründen suchen wird.«

»Alles dies ist richtig und gut zusammengefaßt,« sprach Frau von Poitiers, »ich neige mich, ich billige und bewundere.«

»Ihr seid in der That zu gut,« versetzte Montmorency äußerst geschmeichelt, »ich sehe, daß wir ganz geschaffen sind, um uns zu verstehen.«

»Doch ich billige nicht und bewundere nicht!« rief der Dauphin, »ich mißbillige im Gegentheil und widersetze mich.«

»Mißbilligt, gnädigster Herr, und Ihr werdet Recht haben,« sagte Herr von Montmorency, »mißbilligt, aber widersetzt Euch nicht; tadelt, aber laßt gewähren. Alles dies geht Euch nichts an, und ich übernehme die ganze Verantwortlichkeit vor den Menschen und vor Gott.«

»Nur wird fortan ein Verbrechen zwischen uns bestehen, nicht wahr?« versetzte der Dauphin, »und Ihr werdet mehr als mein Freund, Ihr werdet mein Mitschuldiger sein.«

»Oh! solche Gedanken seien fern von mir!« rief der schlaue Minister. »Doch Ihr sollt Euch eben so wenig dadurch gefährden, daß Ihr den Schuldigen bestraft, als dadurch, daß Ihr ihn bekämpft. Wollt Ihr, daß wir dem König, Eurem Vater, Meldung machen?«

»Nein, nein; mein Vater darf von Allem dem nichts erfahren,« sagte der Dauphin rasch.

»Meine Pflicht,« erwiderte Herr von Montmorency, »würde mich jedoch verbinden, ihn davon in Kenntniß zu setzen, gnädigster Herr, wenn Ihr beharrlich glaubtet, die Zeit ritterlicher Handlungen daure noch fort. Doch übereilen wir nichts, wenn Ihr es wünscht, und lassen wir unsern Rath durch die Zeit reisen. Versichern wir uns nur der Person des Grafen, was eine nothwendige Bedingung für unsere weiteren Pläne ist, wie diese auch sein mögen, und verschieben wir auf später jede förmliche Entschließung über diesen Gegenstand.«

»Es sei!« sagte der Dauphin, dessen schwacher Wille mit Eifer diesen vorgeblichen Aufschub ergriff. »Herr von Montgommery wird so Zeit haben, von einer ersten unbedachten Aufwallung zurückzukommen, und ich werde mit Muße das überlegen können, was mir mein Gewissen und meine Würde zu thun befehlen.«

»Kehren wir also in den Louvre zurück, gnädigster Herr, und beurkunden wir dort unsere Gegenwart,« sprach Herr von Montmorency. »Ich werde ihn Euch morgen wieder schicken, Madame,« sagte er, sich mit einem Lächeln an Frau von Poitiers wendend, »denn ich konnte sehen, daß Ihr ihm in einer wahren Liebe zugethan seid.«

»Aber ist Seine Hoheit der Dauphin auch davon überzeugt?« versetzte Diana, »und hat er mir das so wenig von mir vorhergesehene Unglück dieses Zusammentreffens verziehen?«

»Ja, Ihr liebt mich . . . furchtbar, in der That, Diana!« erwiderte der Dauphin nachdenkend, »ich bedarf des Glaubens zu sehr, um zu zweifeln, und hätte der Graf auch wahr gesprochen, so sah ich doch zu sehr an dem Schmerz, der sich meiner bemächtigte, als ich Euch verloren zu haben mir einbildete, daß Eure Liebe für mein Dasein fortan nothwendig ist, und daß, wenn man Euch liebt, dies für das ganze Leben geschieht.«

»Ah! möchtet Ihr wahr sprechen,« rief Diana mit einem leidenschaftlichen Ausdrucke, indem sie die Hand küßte, die ihr der Prinz zum Zeichen der Versöhnung reichte.

»Vorwärts, gehen wir ohne Verzug,« sagte Herr von Montmorency.

»Auf Wiedersehen, Diana.«

»Auf Wiedersehen mein Herr,« sprach die Herzogin, indem sie diese beiden Worte mit einem Ausdruck voll unsäglichen Zaubers trennte.

Sie geleitete ihn bis zu der Schwelle des Zimmers zurück. Während der Dauphin die Treppe hinab stieg, öffnete Herr von Montmorency wieder die Thüre des Sprechzimmers, wo Herr von Montgommery immer noch bewacht und gefesselt lag, und sprach sich an den Anführer der Reiter wendend:

»Ich werde Euch sogleich einen von meinen Leuten schicken, der Euch von dem unterrichten soll, was Ihr mit Eurem Gefangenen zu machen habt. Bis dahin überwacht alle seine Bewegungen und verliert ihn nicht eine Minute aus dem Blick. Ihr haftet mir mit Eurem Leben für ihn.«

»Sehr wohl, gnädigster Herr,« antwortete der Reiter.

»Ueberdies werde ich wachen,« sagte von der Thüre aus, wo sie stehen geblieben war, Frau von Poitiers.

Alle entfernten sich und Perrot hörte in seinem Verstecke nichts mehr, als den regelmäßigen Tritt der im Innern des Sprechzimmers aufgestellten Wache, welche die Thüre hütete, während ihre Kameraden den Gefangenen bewachten.«




II.

Eine unnütze Aufopferung


Nachdem Aloyse einige Augenblicke ausgeruht hatte, denn sie konnte, kaum athmen bei der Erinnerung an diese traurige Geschichte, faßte sie wieder Muth und beendigte ihre Erzählung mit folgenden Worten:

»Es schlug ein Uhr Morgens in dem Augenblick, wo der Dauphin und sein wenig bedenklicher Mentor sich entfernten. Perrot sah, daß sein Herr rettungslos verloren war, wenn er dem Boten von Herrn von Montmorency Zeit ließ, zu erscheinen. Es war ihm nicht entgangen, daß Herr von Montmorency weder ein Losungswort noch irgend ein Zeichen genannt hatte, woran man seinen Abgesandten zu erkennen vermochte. Nachdem er ungefähr eine halbe Stunde gewartet hatte, um das Zusammentreffen von Herrn von Montmorency mit dem Boten wahrscheinlich zu machen, verließ Perrot sachte sein Versteck, ging mit aufgehobenem, Fuße einige Stufen der Treppe hinab, stieg sodann diese wieder hinauf, indem er seine Tritte im Gegentheil scharf hörbar machte, und klopfte an die Thüre des Sprechzimmers.

Der Plan, den er freiwillig gefaßt hatte, war kühn, hatte aber gerade wegen dieser Kühnheit Chancen des Gelingens.

»Wer da?« fragte die Wache.

»Ein Abgesandter des gnädigsten Herrn von Montmorency.«

»Oeffne,« sprach der Anführer der Truppe zu der Wache.

Man öffnete, Perrot trat keck, den Kopf hoch, ein.

»Ich bin der Stallmeister von Herrn Charles von Manssol, der, wie Ihr wißt, im Dienste von Herrn von Montmorency steht. Wir kamen von der Wache im Louvre ab, mein Herr und ich, als wir auf der Grève Herrn von Montmorency in Begleitung eines großen, tief in seinen Mantel gehüllten jungen Mannes begegneten. Herr von Montmorency erkannte Herrn von Manssol und rief ihn. Nachdem sie einige Augenblicke mit einander gesprochen hatten, befahlen sie mir, hierher in die Rue du Figuier zu Frau Diana von Poitiers zu gehen. Ich werde, sagten sie, hier einen Gefangenen finden, über welchen mir Herr von Montmorency Instructionen gab, die ich zu vollziehen habe. Ich verlangte zu diesem Behuf einige Mann Escorte, doch er sagte mir, es wären hier schon Bewaffnete genug, und ich sehe in der That, daß Ihr zahlreicher seid, als es nöthig ist, um die persönliche Sendung zu unterstützen, mit der man mich betraut hat. Wo ist der Gefangene? Ah! hier ist er! nehmt ihm den Knebel heraus, denn ich muß mit ihm sprechen, und er muß mir antworten können.«

Der gewissenhafte Anführer der Soldaten zögerte noch, trotz des entschiedenen Tones von Perrot.

»Habt Ihr mir keinen geschriebenen Befehl zu übergeben?« fragte er.

»Schreibt man Befehle auf der Grève um zwei Uhr Morgens?« erwiderte Perrot die Achseln zuckend, »Herr von Montmorency sagte mir, Ihr wäret von meiner Ankunft in Kenntniß gesetzt.«

»Das ist wahr.«

»Nun, was für Chicanen macht Ihr mir denn, mein braver Mann? Entfernt Euch Ihr und Eure Leute, denn was ich diesem Herrn zu sagen habe, muß zwischen ihm und mir geheim bleiben. Ei! versteht Ihr mich denn nicht? Weicht zurück, Ihr Leute.«

Sie wichen in der That zurück, und Perrot näherte sich Herrn von Montgommery, der nun von seinem Knebel befreit war.

»Mein braver Perrot!« sprach der Graf, welcher seinen Stallmeister sogleich erkannt hatte, »wie kommst Du hierher?«

»Ihr sollt es erfahren, gnädiger Herr, doch wir haben keine Minute zu verlieren, hört mich.«

Er erzählte ihm in wenig Worten, die Scene welche bei Frau Diana vorgefallen war, sowie den Entschluß, den Herr von Montmorency gefaßt zu haben schien, auf immer das furchtbare Geheimnis der Beleidigung mit dem Beleidiger zu begraben. Man müsse sich daher dieser tödtlichen Gefangenschaft durch einen verzweifelten Streich entziehen.

»Und was gedenkst Du zu thun, Perrot?« fragte Herr von Montgommery. »Sieh’! sie sind ihrer Acht gegen uns Zwei, und wir befinden uns nicht in einem befreundeten Haus fügte er voll Bitterkeit bei.

»Gleichviel!« erwiderte Perrot, »laßt mich nur machen und sprechen, und Ihr seid gerettet, Ihr seid frei.«

»Wozu sollte es mich nützen, Perrot?« sagte traurig der Graf, »was sollte ich mit dem Leben und der Freiheit thun? Diana liebt mich mich nicht! Diana haßt mich und verräth mich!«

»Laßt die Erinnerung an diese Frau, und denkt an Euer Kind, gnädiger Herr.«

»Du hast Recht, Perrot, ich habe ihn zu sehr vergessen, meinen armen kleinen Gabriel, und Gott straft mich dafür. Für ihn muß ich, will ich die letzte Möglichkeit der Rettung versuchen, die Du mir bietest, Freund. Doch vor Allem höre mich: entgeht mir diese Möglichkeit, scheitert die durch ihre Vermessenheit wahnsinnige Unternehmung, die Du zu wagen im Begriffe bist, so will ich dem verwaisten Knaben nicht als Erbschaft die Folge meines unseligen Geschickes vermachen, ich will ihm nach meinem Verschwinden aus dem Leben nicht die furchtbaren Feindschaften hinterlassen, denen ich unterlegen bin. Schwöre mir also, daß wenn das Gefängniß oder das Grab sich für mich öffnet, Gabriel nie durch Dich erfahren soll, wie sein Vater aus dieser Welt verschwunden ist. Bekäme er Kenntniß von diesem furchtbaren Geheimniß, so würde er eines Tags mich rächen oder retten wollen, und er würde sich in’s Verderben stürzen. Ich werde, ohne diese Last beizufügen, seiner Mutter immer noch eine schwere Rechenschaft abzulegen haben. Mein Sohn lebe glücklich und ohne Sorge über die Vergangenheit seines Vaters! Schwöre mir dies, Perrot, und halte Dich nur Deines Eides entbunden, wenn die drei handelnden Personen der Scene, die Du mir berichtet hast vor mir sterben, und wenn der Dauphin (der ohne Zweifel dann König sein wird), Frau Diana und Herr von Montmorency in das Grab ihren allmächtigen Haß mitnehmen und nichts mehr gegen mein Kind vermögen. Dann, in dieser sehr zweifelhaften Voraussetzung, versuche er es, wenn er kann, mich aufzufinden und zurückzufordern. Doch bis dahin wisse er eben so wenig als die Andern, weniger als die Andern das Ende seines Vaters. Du versprichst es mir Perrot? Du schwörst es mir? Ich überlasse mich Deiner verwegenen und, ich befürchte es, unnützen Ergebenheit nur unter dieser Bedingung.«

»Ihr wollt es, gnädiger Herr? Ich schwöre also.«

»Auf das Kreuz Deines Schwertes, Perrot, Gabriel wird nichts durch Dich von diesem gefährlichen Geheimniß erfahren?«

»Auf das Kreuz meines Schwertes, gnädiger Herr,« sprach Perrot, die rechte Hand ausstreckend.

»Ich danke, Freund. Nun thue, was Du willst, mein treuer Diener. Ich übergebe mich Deinem Muth und der Gnade Gottes.«

»Kaltblütigkeit und Festigkeit,« versetzte Perrot. »Ihr werdet sehen.«

Dann sich an den Anführer der Soldaten wendend.

»Die Zusagen, die mir der Gefangene geleistet hat, sind befriedigend, Ihr könnt ihn nun losbinden und gehen lassen.«

»Ihn losbinden? ihn gehen lassen?« versetzte der erstaunte Sbirre.

»Ei, allerdings! das ist der Befehl des durchlauchtigen Herrn von Montmorency.«

»Des Herrn von Montmorency?« versetzte der Führer den Kopf schüttelnd, »er hat uns befohlen, diesen Gefangenen auf’s Schärfste zu bewachen, und uns gesagt, als er wegging, wir müßten mit unserem Kopf für ihn haften. Wie kann der gnädigste Herr von Montmorency nun diesen Edelmann in Freiheit setzen wollen?«

»Wie ihr weigert Euch, mir zu gehorchen, während ich in seinem Namen spreche?« sagte Perrot, ohne im Geringsten von seiner Sicherheit zu verlieren.

»Ich zögere. Hört, würdet Ihr mir befehlen, diesen Herrn zu erdrosseln, oder ihn in das Wasser zu werfen, oder ihn in die Bastille zu führen, so würden wir gehorchen, aber ihn loslassen, das ist nicht unseres Amtes.«

»Es sei,« sprach Perrot, ohne aus der Fassung zu gerathen. »Ich habe Euch die Befehle, die ich erhalten, eröffnet und wasche im Uebrigen meine Hände, Ihr seid Herrn von Montmorency für die Folgen Eures Ungehorsams verantwortlich. Doch ich habe nichts, mehr hier zu thun, guten Abend.«

Und er öffnete die Thüre, als ob er gehen wollte.

»He! einen Augenblick,« sagte der Sbirre, »habt Ihr denn so große Eile? Ihr versichert mich also, es sei der Wille von Herrn von Montmorency, den Gefangenen gehen zu lassen, Ihr seid auch dessen gewiß, daß Herr von Montmorency Euch schickt?«

»Dummkopf,« versetzte Perrot, »wie hätte ich sonst erfahren, daß ein Gefangener hier bewacht wird? Ist Jemand weggegangen, um es zu sagen, wenn nicht Herr von Montmorency selbst?«

»Wohl! man wird Euch Euren Gefangenen losbinden,« sagte der Scherge, unzufrieden wie ein Tiger, dem man den Knochen entzieht, welchen er eben zerreißen will. »Beim Leibe Christi! wie veränderlich sind doch diese vornehmen Herren.«

»Es ist gut. Ich erwarte Euch,« sagte Perrot.

Er blieb nichtsdestoweniger außen auf der ersten Stufe der Treppe, das Gesicht den Staffeln zugekehrt und seinen gezogenen Dolch in der Hand. Sollte er den wahren Boten von Montmorency heraufkommen sehen, würde er ihn keinen Schritt mehr thun lassen.

Doch er sah nicht und hörte nicht hinter sich Frau von Poitiers, durch den Lärmen herbeigezogen, aus ihrem Schlafzimmer herauskommen und auf die offen gebliebene Thüre des Sprechzimmers zugehen. Sie gewahrte, daß man Herrn von Montgommery losband, der bei ihrem Anblick vor Schrecken stumm blieb.

»Elende! was macht Ihr da?« rief sie.

»Wir gehorchen den Befehlen von Herrn von Montmorency, Madame,« antwortete der Anführer der Sbirren, »wir binden den Gefangenen los.«

»Unmöglich!« versetzte Frau von Poitiers. »Herr von Montmorency konnte keinen solchen Befehl geben. Wer hat Euch diesen Befehl überbracht?«

Die Sbirren deuteten auf Perrot, der sich, als er Frau Diana hörte, von Staunen und Schrecken erfaßt, umgedreht hatte. Ein Strahl der Lampe fiel auf das bleiche Gesicht des armen Perrot; Frau Diana erkannte ihn.

»Dieser Mensch?« sagte sie, »dieser Mensch ist der Stallmeister des Gefangenen! Seht, was Ihr thun wolltet!«

»Eine Lüge!« entgegnete Perrot, der noch zu leugnen suchte. »Ich bin bei Herrn von Manssol und Herr von Montmorency hat mich hierher geschickt.«

»Wer sagt, er sei von Herrn von Montmorency geschickt?« sprach die Stimme eines Hinzukommenden, der kein Anderer war, als der ächte Abgesandte. »Meine braven Leute, dieser Mensch lügt. Hier ist der Ring und das Siegel der Montmorency, und Ihr müßt mich überdies erkennen, ich bin der Graf von Montansier.[3 - Der junge Graf von Montansier präludirte auf diese Art durch die Verhaftung von Montgommery zu der Ermordung von Lignerolles. Als nämlich Herr von Lignerolles Karl IX. mittheilte, der Herzog von Anjou, sein Herr, habe ihm den geheimen Plan anvertraut, sich der hugenottischen Häupter zu entledigen, bestimmte der König bekanntermaßen seinen Bruder, Lignerolles tödten zu lassen, um jeder Indiscretion zuvorzukommen. Der Graf von Montansier übernahm die Vollziehung mit vier oder fünf andern adeligen Henkern, welche in der Folge sämmtlich elend umkamen. »Man muß sich daher,« sagt Brantôme, »sehr in Acht nehmen, daß man keinen Menschen ungeigneter Weise tödtet, denn man hat kaum solche Morde gesehen, welche nicht gerächt worden sind mit der Erlaubniß Gottes, der uns ein Schwert an die Seite gegeben hat, um es zu gebrauchen, nicht um es zu mißbrauchen.«] Wie, Ihr habt es gewagt, diesem Menschen den Knebel auszuziehen und ihn loszubinden? Unglückliche, man kneble ihn und binde ihn noch fester.«

»Das lasse ich mir gefallen!« sagte der Anführer der Sbirren, »das sind wahrscheinliche und verständliche Befehle!«

»Armer Perrot!« sprach nun der Graf.

Er ließ sich nicht einmal herab, ein Wort des Vorwurfs gegen Frau Diana beizufügen, obgleich er Zeit hatte, bis ihm das Sacktuch im Mund befestigt war. Vielleicht befürchtete er auch, seinen braven Stallmeister noch mehr zu gefährden. Doch Perrot ahmte leider seine Klugheit nicht nach und sprach, sich voll Entrüstung an Frau Diana wendend:

»Gut, Madame, Ihr bleibt wenigstens im Treubruch nicht auf halbem Wege stehen! Der heilige Peter verleugnete seinen Gott dreimal; doch Judas verrieth ihn nur ein einziges Mal. Ihr habt Euren Geliebten seit einer Stunde dreimal verraten. Judas war allerdings nur ein Mensch, und Ihr seid eine Frau und eine Herzogin!«

»Packt diesen Menschen!« rief Frau Diana wüthend.

»Packt diesen Menschen!« wiederholte der Graf von Montansier.

»Ah! ich bin noch nicht gefangen!« rief Perrot.

Und er nahm einen verzweifelten Anlauf, sprang bis zu Herrn von Montgommery, fing an dessen Bande mit einem Dolch zu durchschneiden und rief ihm zu:

»Helft Euch, gnädiger Herr, und laßt uns unser Leben theuer verkaufen.«

»Doch er hatte kaum Zeit, ihm den linken Arm frei zu machen, denn er konnte sich nur unvollständig vertheidigen, während er die Stricke des Grafen zu durchschneiden suchte. Von allen Seiten umringt und bedrängt, warf ihn ein gewaltiger Streich, den er zwischen die Schultern erhielt, zu den Füßen seines Herrn, und er fiel bewußtlos und wie todt nieder.«




III.

Das die Blutflecken nie ganz verschwinden


»Was hierauf vorging, wußte Perrot nicht.

Als er wieder zu sich kam, war der erste Eindruck, den er empfand, ein Eindruck der Kälte. Er sammelte seine Gedanken, öffnete die Augen und schaute umher: es war immer noch finstere Nacht. Er fand sich auf dem nassen Boden ausgestreckt und ein Leichnam lag an seiner Seite. Bei dem Schimmer der kleinen Lampe, welche beständig in der Nische der Bildsäule der Jungfrau brannte, erkannte er, daß er auf dem Cimetière des Innocents[4 - Kirchhof in Paris.] war. Der Leichnam neben ihm war der der Wache, welche Herr von Montgommery getödtet hatte. Ohne Zweifel hatte man meinen armen Mann auch für todt gehalten.

Er versuchte es, aufzustehen; doch nun erwachte der furchtbare Schmerz seiner Wunden. Indem er jedoch alle seine Kräfte mit übermenschlichem Muthe zusammenraffte, gelang es ihm, sich zu erheben und einige Schritte zu thun. In diesem Augenblick zerstreute der Schein einer Stocklaterne den tiefen Schatten, und Perrot sah zwei Männer von unheimlichem Aussehen, welche Grabscheiter und Hauen bei sich hatten, herbeikommen.

»Man hat uns gesagt, unter der Bildsäule der Jungfrau,« sprach einer von den Beiden.

»Hier sind unsere Männer,« versetzte der Andere, als er den Soldaten erblickte. »Doch nein, es ist nur Einer.«

»Suchen wir den Andern.«

Die Todtengräber leuchteten mit ihrer Laterne auf dem Boden umher. Doch Perrot hatte die Kraft gehabt, sich hinter ein Grab zu schleppen, das ziemlich entfernt von dem Orte war, wo sie suchten.

»Der Teufel wird unsern Mann geholt haben,« sagte einer von den Todtengräbern, der ein scherzhafter Mensch zu sein schien.

»Oh!« entgegnete der Andere, »sprich keine solche Dinge zu dieser Stunde und an diesem Orte.«

Und er bekreuzte sich mit allen Zeichen des Schreckens.

»Es ist offenbar nur Einer,« sprach der erste Todtengräber. »Was läßt sich da machen? Bah! begraben wir immerhin diesen; wir sagen, der Andere sei entwichen, oder man habe vielleicht schlecht gezählt.«

Sie fingen an ein Grab zu graben, und Perrot, der sich allmälig schwankend entfernte, hörte den heitern Todtengräber zu seiner Freude sagen:

»Ich bedenke, wenn wir gestehen, daß wir nur einen Leichnam gefunden und nur ein Grab gemacht haben, so wird uns der Mann vielleicht nur fünf Pistolen statt zehn geben. Wäre es vielleicht nicht das Beste für unsern Vortheil, wenn wir die seltsame Flucht des zweiten Leichnams verschweigen würden?«

»In der That!« entgegnete der fromme Todtengräber. »Wir sagen nur, wir haben das Geschäft gethan, und das ist dann nicht gelogen.«

Perrot hatte indessen, nicht ohne tödtliche Schwächen, die Rue Aubry-le-Boucher erreicht. Da sah er den Karren eines Gärtners vorüberkommen, der vom Markte zurückkehrte, und er fragte den Führer, wohin er ginge.«

»Nach Montreuil,« antwortete der Mann.

»Es wäre sehr gutherzig von Euch, wenn Ihr mich auf den Rand Eures Karrens bis zur Ecke der Rue Geoffroy-Lasnier, bei der Rue Saint-Antoine, wo ich wohne, sitzen ließet.«

»Steigt auf,« sprach der Gemüsegärtnern.

Perrot machte so ohne zu große Anstrengung den Weg der ihn von seinem Hause trennte, und dennoch glaubte er mehr als zehnmal während der Fahrt vom Leben in den Tod hinüberzugehen. Endlich in der Rue Geoffroy-Lasnier hielt der Wagen an.

»Hollah! Freund, Ihr seid zu Hause,« rief der Gemüsegärtner.

»Ich danke! mein braver Mann,« sagte Perrot.

»Er stieg ab, stolperte fort, und war genöthigt, sich an der nächsten Wand zu halten, die er traf.

»Der Kamerad hat einen Schluck über Durst getrunken,« sprach der Bauer, »es lebe der Rausch!« rief er und ging, ein Trinklied trällernd, seines Weges.

Perrot brauchte eine Stunde, um von der Rue Saint-Antoine in die Rue des Jardins zu gelangen. Zum Glück sind die Januarnächte lang! er begegnete doch Niemand und kam gegen sechs Uhr nach Hause.

Trotz der Kälte, gnädiger Herr, hatte mich die Unruhe die ganze Nacht am offenen Fenster gehalten. Beim ersten Ruf von Perrot lief ich an die Thüre und öffnete ihm.

»Stille, bei Deinem Leben!« sagte er, »hilf mir in unser Zimmer hinaufsteigen, aber hüte Dich vor jedem Schrei, vor jedem Wort.«

»Er schritt fort, unterstützt von mir, die ich, obschon ich ihn verwundet sah, doch seinem Verbote gemäß nicht zu sprechen wagte und nur in der Stille weinte. Als wir oben waren, und ich ihm seine Kleider und seine Waffen abgenommen hatte, bedeckte das Blut des Unglücklichen meine Hände, und seine Wunden erschienen mir breit und gähnend. Er kam meinem Ausruf durch eine gebieterische Geberde zuvor und nahm auf dem Bett die Stellung, die ihn am wenigsten leiden machte.

»Gib mindestens zu, daß ich einen Wundarzt holen lasse,« sagte ich schluchzend.

»Unnöthig!« erwiderte er, »Du weißt, daß ich mich ein wenig auf die Kunst der Aerzte verstehe. Eine von meinen Wunden, die unter dem Hals, ist tödtlich, und ich glaube, ich würde schon nicht mehr leben, wenn nicht etwas Stärkeres als der Schmerz mich aufrecht erhalten, und wenn nicht Gott, der die Mörder und Verräther bestraft, mein Ende um einige Stunden verlängert hätte, damit ich seinen zukünftigen Plänen diene. Bald wird mich das Fieber fassen, und Alles wird abgemacht sein. Kein Arzt in der Welt vermag etwas hiergegen.«

»Er sprach mit peinlicher Anstrengung. Ich flehte Ihn an, ein wenig zu ruhen.

»Du hast Recht,« sagte er, »ich muß meine letzten Kräfte schonen. Gib mir nur Schreibzeug.«

»Ich brachte ihm was er verlangte. Doch er hatte nicht bemerkt, daß ihm durch einen Degenstoß die rechte Hand gerissen worden war. Er, schrieb, auch sonst nur mit Schwierigkeit, und er mußte Feder und Papier wegwerfen.

»Nun, so werde ich sprechen,« sagte er, »und Gott wird mich leben lassen, bis ich vollendet habe. Denn wenn dieser gerechte Gott die drei Feinde meines Herrn in ihrer Macht oder in ihrem Leben schlägt, was die vergänglichen Güter der Bösen sind, so muß Herr von Montgommery durch seinen Sohn gerettet werden können.«

»Hierauf, gnädiger Herr,« fuhr Aloyse fort, »hierauf erzählte mir Perrot die ganze traurige Geschichte, die ich vor Euch entrollt habe. Er machte jedoch lange und häufige Unterbrechungen, und wenn er sich zu sehr erschöpft fühlte, um fortzufahren, befahl er mir, ihn zu verlassen und mich den Leuten des Hauses zu zeigen. Ich erschien, leider ohne Mühe, sehr unruhig über den Grafen und meinen Mann. Ich schickte Alle aus, um zuerst im Louvre, sodann bei sämtlichen Freunden des Herrn Grafen von Montgommery, und endlich bei seinen einfachen Bekannten Erkundigungen einzuziehen. Frau von Poitiers antwortete, sie habe ihn nicht gesehen, und Herr von Montmorency er wisse nicht, warum man ihn belästige.

»So wurde jeder Verdacht von mir entfernt, was Perrot wollte, und seine Mörder konnten glauben, ihr Geheimniß wäre im Kerker des Herrn und im Grabe des Stallmeisters begraben.

»Als die Diener auf einige Zeit entfernt waren und ich Euch, gnädiger Herr Gabriel, einem derselben anvertraut hatte, stieg ich wieder zu meinem armen Perrot hinauf, der muthig in seiner Erzählung fortfuhr.

»Gegen Mittag schienen sich die furchtbaren Schmerzen die er bis dahin ausgestanden hatte, ein wenig zu legen. Er sprach leichter und mit einer gewissen Belebtheit. Als ich mich hierüber freute, sagte er traurig lächelnd:

»Diese scheinbare Besserung ist das Fieber, das ich Dir angekündigt. Doch Gott sei Dank! das gräßliche Gewebe ist vor Dir enthüllt. Du weißt nun, was Gott und die drei Mörder allein wußten, und Deine treue, feste, muthige Seele wird, dessen bin ich sicher, dieses blutige Geheimniß bis zu dem Tage bewahren, wo es, wie ich hoffe, Dir gestattet ist, es demjenigen zu enthüllen, welcher ein Recht darauf hat. Du hast den Schwur gehört, den Herr von Montgommery von mir forderte. Du wirst mir diesen Schwur wiederholen, Aloyse. So lange es für Gabriel gefährlich sein wird, seinen Vater am Leben zu wissen, so lange die drei allmächtigen Feinde, die meinen Herrn getödtet haben, vom Zorn Gottes in dieser Welt gelassen werden, schweigst Du, Aloyse schwöre dies Deinem sterbenden Gatten.«

»Weinend schwur ich und an diesem heiligen Schwur bin ich zur Verrätherin geworden, gnädiger Herr, denn mächtiger und furchtbarer als je, leben Eure drei Feinde immer noch.

»Doch Ihr solltet sterben, und wenn Ihr von meiner Offenbarung mit Weisheit und Vorsicht Gebrauch machen wollt, kann das, was Euch Verderben sollte, Euch und Euren Vater retten. Wiederholt mir doch, gnädiger Herr, daß ich kein unverzeihliches Verbrechen begangen habe, und daß der Absicht wegen Gott und mein lieber Perrot mir meinen Meineid vergeben können.«

»Ja, an Allem dem ist kein Eidbruch, fromme Frau,« erwiderte Gabriel, »und Dein ganzes Benehmen ist nur Ergebenheit und Heldenmuth. Doch vollendet! vollendet!«

»Perrot,« fuhr Aloyse fort, fügte noch bei:

»Bin ich nicht mehr, theure Frau, so wirst Du klug daran thun, dieses Haus zu schließen, die Diener zu entlassen, und mit Gabriel und unserem Kinde nach Montgommery zu gehen. Und selbst in Montgommery bewohne nicht das Schloß, ziehe Dich in unser kleines Haus zurück und bilde den Erben des edlen Grafen, wenn nicht gänzlich insgeheim, doch wenigstens ohne Gepränge und ohne Geräusch, so daß seine Freunde ihn kennen, und daß seine Feinde ihn vergessen. Alle unsere guten Leute dort, und der Verwalter und der Kaplan werden Dich in der großen Pflicht unterstützen, die Dir der Herr auferlegt. Es ist vielleicht besser, wenn Gabriel selbst bis zu seinem achtzehnten Jahre den Namen, den er führt, nicht kennt und nur weiß, daß er ein Edelmann ist. Du wirst es übrigens sehen. Unser würdiger Kaplan und der edle Herr von Vimoutiers, der natürliche Vormund des Kindes, werden Dir mit ihrem Rath beistehen, doch selbst vor diesen sichereren Freunden verbirg das, was ich Dir erzählt habe. Beschränke Dich darauf, ihnen zu sagen, Du fürchtest für Gabriel die mächtigen Feinde seines Vaters.«

Perrot fügte noch verschiedene Warnungen bei, die er mir auf tausenderlei Art wiederholte, bis ihn wieder seine Leiden, verbunden mit nicht minder schmerzlichen Schwächen, heimsuchten, er benützte jedoch den kleinsten Augenblick der Ruhe, um mich zu ermuthigen und zu trösten.

Er sagte mir auch und ließ mich Eines versprechen, was, ich muß es gestehen, nicht am wenigsten Energie von mir heischte, und mir nicht am wenigsten Martern bereitete.

»Für Herrn von Montmorency,« sprach er, »liege ich im Kirchhof begraben. Ich muß also mit dem Grafen verschwunden sein. Fände sich hier eine Spur meiner Rückkehr, so wärest Du, Aloyse, verloren, und Gabriel vielleicht mit Dir! Doch Du hast einen starken Arm und ein muthiges Herz. Hast Du mir die Augen geschlossen, so raffe alle Kräfte Deiner Seele und Deines Leibes zusammen, erwarte Mitternacht, und sobald Jedermann hier nach der Anstrengung des Tages entschlummert ist, trage meinen Leichnam in das alte Grabgewölbe der Herren von Brissac, denen dieses Hotel einst gehörte. Niemand dringt mehr in diese verlassene Gruft, und Du findest den verrosteten Schlüssel dazu in der großen Kiste im Zimmer des Grafen. Ich werde somit ein geweihtes Grab haben, und obgleich ein einfacher Stallmeister unwürdig ist, unter so vielen vornehmen Herren zu ruhen, so gibt es doch nach dem Tode nur Christen, nicht wahr?«

Da der arme Perrot einer Ohnmacht nahe war und darauf drang, daß ich ihm mein Wort gebe, so versprach ich ihm, was er wollte. Gegen Abend bemächtigte sich seiner das Delirium, dann folgten furchtbare Schmerzen. Ich zerschlug mir die Brust aus Verzweiflung, daß ich ihn nicht erleichtern konnte; doch er bedeutete mir durch ein Zeichen, es wäre Alles vergeblich.

Vom Fieber und von gräßlichen Leiden verzehrt, sagte er zu mir:

»Aloyse, gib mir zu trinken; nur einen Tropfen.«

Ich hätte ihm in meiner Unwissenheit schon etwas geboten, um diesen glühenden Durst zu stillen, an dem er, wie er sagte, litt; doch er hatte mich immer zurückgewiesen. Ich holte daher eiligst ein Glas, das ich ihm reichte.

Ehe er es nahm, sprach er zu mir:

»Aloyse, einen letzten Kuß und ein letztes Gott befohlen! . . . und erinnere Dich, erinnere Dich!«

Ich bedeckte sein Gesicht mit Küssen und Thränen. Er verlangte sodann von mir das Crucifix, hielt seine sterbenden Lippen auf die Nägel des Kreuzes Jesu und sprach nur noch:

»O mein Gott! o mein Gott!«

Nachdem er mir schwach und zum letzten Male die Hand gedrückt hatte, nahm er das Glas, das ich ihm bot. Er trank einen Mund voll, zuckte heftig auf und fiel auf sein Kopfkissen zurück.

Er war todt.

Den Rest des Abends brachte ich im Gebet und in Thränen hin. Doch ich wohnte wie gewöhnlich Eurem Schlafengehen bei, gnädiger Herr. Es wunderte sich indessen Niemand über meinen Schmerz. Die Bestürzung war allgemein im Haus, und die treuen Diener beweinten insgesamt den Grafen und ihren guten Kameraden Perrot.

Gegen zwei Uhr Nachts ließ sich kein Geräusch mehr vernehmen, und ich allein wachte. Ich wusch das Blut ab, mit dem der Körper meines Mannes bedeckt war, ich hüllte ihn in ein Tuch, empfahl mich Gott, und trug die theure Last hinab, welche meinem Herzen noch schwerer war, als meinem Arm. Wenn meine Kräfte mich verließen, kniete ich zu dem Leichnam nieder und betete.

Endlich, nach Verlauf einer ewig langen halben Stunde, gelangte ich zu der Thüre des Gewölbes. Als ich sie nicht ohne Mühe öffnete, löschte ein eisiger Winds meine Lampe aus und erstickte mich beinahe. Nichtsdestoweniger kam ich wieder zu mir, zündete meine Lampe abermals an und legte den Körper meines Gatten in ein offen und leer gebliebenes Grab, das seiner zu harren schien; dann, nachdem ich zum letzten Male sein Leichentuch geküßt hatte, ließ ich den schweren marmornen Deckel herabfallen, der mich für immer von dem theuren Gefährten meines Lebens trennte. Das Geräusch des Steines auf dem Stein verursachte mir einen solchen Schrecken, daß ich mir kaum Zeit ließ, die Thüre des Gewölbes wieder zu schließen, die Flucht ergriff, und erst in meinem Zimmer wieder anhielt, wo ich halbtodt auf einen Stuhl niedersank. Doch ich mußte vor Tag noch die blutigen Tücher verbrennen, welche mich hätten verraten können. Als der Morgen erschien, war mein hartes Geschäft beendigt, und es blieb nicht eine Spur von den Ereignissen des vorhergehenden Tages und der Nacht übrig. Ich hatte Alles mit der Sorgfalt einer Missethäterin vertilgt, welche auch nicht die entfernteste Erinnerung an ihr Verbrechen zurücklassen will.

Nur hatte mich die so große Anstrengung erschöpft, und ich wurde krank. Doch es war meine Pflicht, für die zwei Waisen zu leben, welche die Vorsehung meinem Schutz allein anvertraut hatte, und ich lebte, gnädiger Herr.«

»Arme Frau, arme Märtyrerin,« sprach Gabriel, Aloyse die Hand drückend.

»Einen Monat nachher,« fuhr die Amme fort, »brachte ich Euch gemäß den letzten Vorschriften meines Mannes, nach Montgommery.

»Was Herr von Montmorency vorhergesehen, trat wirklich ein. Eine Woche lang war bei Hofe nur von dem unerklärlichen Verschwinden des Grafen von Montgommery und seines Stallmeisters die Rede; bald sprach man weniger davon, und dann bildete die nahe bevorstehende Ankunft von Kaiser Karl V., der Frankreich durchziehen sollte, um die Genter zu bestrafen, den einzigen Gegenstand aller Gespräche.

»Im Monat Mai desselben Jahres, fünf Monate nach dem Tode Eures Vaters, gnädiger Herr, wurde Diana von Castro geboren.«

»Ja!« sprach Gabriel nachdenkend, »doch gehörte Frau von Poitiers meinem Vater? Hat sie den Dauphin nach ihm, hat sie ihn zu gleicher Zeit mit ihm geliebt? Dunkle Fragen, welche die üblen Gerüchte eines müßigen Hofes nicht hinreichend zu lösen im Stande sind . . . Doch mein Vater lebt! mein Vater muß leben! und ich werde ihn wiederfinden, Aloyse. Es sind nun in mir zwei Menschen, ein Sohn und ein Liebender, die ihn aufzufinden wissen werden.«

»Gott wolle es!« sprach Aloyse.

»Und Du hast seitdem über das Gefängniß, in welchem diese Elenden meinen Vater begraben konnten, nichts mehr erfahren?« fragte Gabriel.

»Nichts, gnädiger Herr, die einzige Andeutung, die wir hierüber haben, ist jenes von Perrot aufgefaßte Wort von Herrn von Montmorency, der Gouverneur des Châtelet sei ein ergebener Freund von ihm, für den er stehen könne.«

»Des Châtelet!« rief Gabriel, »des Châtelet!«

Und der rasche Blitz einer gräßlichen Erinnerung zeigte ihm plötzlich den düsteren, trostlosen Greis, der nie ein Wort sprechen sollte, den Greis, den er mit einer so seltsamen Gemüthsbewegung in einem der tiefsten Kerker des königlichen Gefängnisses gesehen hatte . . .

Gabriel warf sich in Thränen zerfließend in die Arme von Aloyse.




IV.

Das heroische Lösegeld


Doch am andern Tag, am 12. August, ging Gabriel festen Schrittes und mit ruhigem Antlitz nach dem Louvre, um beim König Audienz zu verlangen.

Er hatte lange mit Aloyse und mit sich selbst erwogen, was er thun und was er sagen sollte. Ueberzeugt, daß die Heftigkeit gegen einen königlichen Gegner nur dazu dienen würde, ihm das Schicksal seines Vaters zuziehen beschloß Gabriel, entschieden und würdig, aber mäßig und ehrfurchtsvoll zu Werke zu gehen; er wollte bitten, und nichts fordern. War es nicht immer noch Zeit, laut zu sprechen, und mußte er nicht zuvor sehen, ob achtzehn Jahre nicht den Haß von Heinrich II. abgestumpft hatten?

Indem Gabriel einen solchen Entschluß faßte zeigte er eben so viel Weisheit und Klugheit, als das kühne Vorhaben zuließ, für das er sich entschieden hatte.

Die Umstände sollten ihm übrigens einen unerwarteten Beistand gewähren.

Als er gefolgt von Martin-Guerre, diesmal gefolgt vom wahren Martin-Guerre, in den Hof des Louvre kam, bemerkte Gabriel eine ungewöhnliche Bewegung; doch er hatte zu starr seinen eigenen Gedanken im Auge, um aufmerksam die geschäftigen Gruppen und die betrübten Gesichter zu betrachten, welche sich seinen ganzen Weg entlang wahrnehmen ließen.

Nichtsdestoweniger mußte er eine Sänfte mit dem Wappen der Guisen erkennen und den Cardinal von Lothringen grüßen, welcher in großer Aufregung aus dieser Sänfte ausstieg.

»Ei! Ihr seid hier, Herr Vicomte d’Ermès?« sprach Carl von Lothringen, »Ihr seid also gänzlich wiederhergestellt? desto besser! desto besser! Mein Herr Bruder erkundigte sich erst in seinem letzten Briefe mit großer Theilnahme nach Euch.«

»Monseigneur, so viel Güte! . . .« erwiderte Gabriel.

»Ihr verdient sie für so viel Tapferkeit!« sprach der Cardinal. »Doch wohin geht Ihr so rasch?«

»Zum König, Monseigneur.«

»Hm! der König hat ganz andere Geschäfte, als Euch zu empfangen, mein junger Freund. Hört, ich begebe mich auch zu Seiner Majestät, welche so eben nach mir verlangt hat. Gehen wir mit einander hinauf, ich führe Euch ein, und Ihr leiht mir Euren jungen Arm. Hilfe für Hilfe. Das ist es, was ich sogleich Seiner Majestät sagen werde, denn Ihr habt wohl die traurige Kunde vernommen?«

»Wahrhaftig, nein!« antwortete Gabriel, »ich komme so eben von Hause und habe in der That nur eine gewisse Bewegung bemerkt.«

»Ich glaube es wohl!« versetzte der Cardinal.

»Herr von Montmorency hat dort beim Heere wieder einen von seinen gewöhnlichen Streichen gemacht. Er wollte dem belagerten Saint-Quentin zu Hilfe eilen, der muthige Connétable! Steigt nicht so schnell hinauf, Herr d’Ermès, ich bitte Euch, ich habe nicht mehr Eure zwanzigjährigen Beine. Ich sagte also, er habe dem Feinde eine Schlacht angeboten, der unerschütterliche General! Das geschah vorgestern, am 10. August, am Saint-Laurent-Tage. Er hatte ungefähr eben so viele Truppen, als die Spanier, eine bewundernswürdige Reiterei und die Elite des französischen Adels. Nun wohl! er richtete die Dinge so gut ein, der erfahrene Feldherr, daß er in den Ebenen von Gibercourt und Lizerolles eine furchtbare Niederlage erlitt, und daß er selbst gefangen genommen und verwundet wurde, und mit ihm alle diejenigen Anführer und Generale, welche nicht auf dem Schlachtfeld geblieben sind. Herr von Enghien gehört zu den Letztern, und von der ganzen Infanterie sind nicht hundert Mann zurückgekommen. Deshalb, Herr d’Ermès, seht Ihr alle Welt so bewegt, und deshalb läßt mich Seine Majestät ohne Zweifel rufen.«

»Großer Gott!« rief Gabriel selbst bei seinem persönlichen Schmerz von diesem Unglück des Staats tief ergriffen, »großer Gott! können die Tage von Poitiers und Azincourt wirklich für Frankreich wiederkehren? Aber Saint-Quentin, Monseigneur?«

»Saint-Quentin hielt sich noch beim Abgang des Boten, und der Neffe des Connétable, der Herr Admiral Gaspard von Coligny, der die Stadt vertheidigte, hatte geschworen, die Mißgriffe seines Oheims dadurch zu mildern, daß er sich eher unter den Trümmern des Platzes begraben lassen, als ihn übergeben würde. Doch ich befürchte sehr, daß er zu dieser Stunde schon begraben, und der letzte Damm der den Feind aushält, genommen ist.«

»Dann wäre das Königreich verloren.«

»Gott beschütze Frankreich,« sprach der Cardinal, »doch wir sind nun beim König, und wir werden sehen, was er thun will, um sich selbst zu beschützen.«

Die Wachen verbeugten sich vor dem Cardinal und ließen ihn natürlich vorüber, ihn den nothwendigen Mann nach der Lage der Dinge und denjenigen, dessen Bruder allein noch das Land retten konnte. Carl von Lothringen trat, gefolgt von Gabriel, ohne Widerstand beim König ein, den er allein mit Frau von Poitiers und ganz in Bestürzung fand. Als Heinrich den Cardinal sah, ging er ihm voll Eifer entgegen und sprach:

»Eure Eminenz sei willkommen! Nun! Herr von Lothringen, welch eine gräßliche Katastrophe! Ich frage Euch, wer hätte das geglaubt?«

»Ich, Sire,« antwortete der Cardinal, »wenn mich Eure Majestät vor einem Monat, zur Zeit des Abgangs von Herrn von Montmorency gefragt hätte . . .«

»Keine leere Anschuldigung, mein Vetter,« erwiderte der König, »es handelt sich nicht um die Vergangenheit, sondern um die so bedrohliche Zukunft, um die so gefahrvolle Gegenwart. Der Herr Herzog von Guise ist auf der Rückkehr aus Italien begriffen, nicht war?«

»Ja, Sire, und er muß nun in Lyon sein.«

»Gott sei gelobt!« rief der König. »Herr von Lothringen, in die Hände Eures erhabenen Bruders lege, ich das Heil des Staates. Habet, Ihr und er, für dieses glorreiche Ziel Vollmacht und souveräne Gewalt. Seid Könige wie ich und mehr als ich. Ich habe selbst an Herrn von Guise geschrieben, um seine Rückkunft zu beschleunigen. Hier ist der Brief. Eure Eminenz wolle die Güte haben, auch zu schreiben, ihrem Bruder unsere Lage zu schildern und ihm zu bemerken, wie nothwendig es ist, keine Minute zu verlieren, wenn man Frankreich noch bewahren will. Sagt Herrn von Guise, daß ich mich ganz auf ihn verlasse. Schreibt, Herr Cardinal, schreibt schnell, ich bitte Euch. Ihr braucht nicht von hier wegzugehen. Dort in jenem Cabinet findet Ihr Alles, was Ihr nöthig habt. Gestiefelt und gespornt, wartet der Eilbote schon unten im Sattel. Habt die Gnade, geht. Geht, eine halbe Stunde mehr oder weniger kann Alles retten oder Alles verderben.«

»Ich gehorche Eurer Majestät,« antwortete der Cardinal, indem er sich nach dem Cabinet wandte, »und mein ruhmwürdiger Bruder wird mir gehorchen, denn sein Leben gehört dem König und dem Königreich. Doch, mag es ihm gelingen, mag er scheitern, Seine Majestät wird die Gnade haben, sich später zu erinnern, daß sie ihm die Gewalt in einer verzweiflungsvollen Lage anvertraut hat.«

»Sagt gefahrvoll, sagt nicht verzweifelt,« entgegnete der König. »Meine gute Stadt Saint-Quentin und ihr braver Vertheidiger, Herr von Coligny, halten sich noch.«

»Oder hielten sich wenigstens noch vor zwei Tagen,« entgegnete Carl von Lothringen. »Aber die Festungswerke waren in einem erbärmlichen Zustand, die ausgehungerten Einwohner sprachen von Uebergabe, und ist Saint-Quentin heute in der Gewalt des Spaniers, so gehört ihm Paris in acht Tagen. Gleichviel, Sire, ich werde an meinen Bruder schreiben, und Ihr wißt, was einem Menschen möglich ist, wird Herr von Guise thun.«

Gabriel war ganz nachdenkend im Hintergrund geblieben, ohne bemerkt zu werden. Sein junges, edles Herz war tief bewegt von der furchtbaren Bedrängniß, welche Frankreich gefährdete, er vergaß, daß es Herr von Montmorency, sein grausamster Feind, war, den man besiegt, verwundet und gefangen genommen hatte. Er sah für den Augenblick in ihm nur den General der französischen Truppen, und dachte beinahe eben so sehr an die Gefahren des Vaterlands, als an die Schmerzen seines Vaters. Das edle Kind hatte Liebe für alle Gefühle und Mitleid für jedes Unglück, und als der König, nachdem der Cardinal hinausgegangen, trostlos in seinen Lehnstuhl zurückfiel und, die Stirne in seinen Händen, ausrief:

»O Saint-Quentin, auf dir beruht nun das Schicksal Frankreichs. Saint-Quentin, meine gute Stadt, wenn du nur noch acht Tage Widerstand zu leisten vermöchtest! Herr von Guise hätte Zeit zurückzukehren die Vertheidigung ließe sich hinter deinen treuen Mauern organisieren! Während, wenn sie fallen, der Feind gegen Paris marschiert und Alles verloren ist. Saint-Quentin, ich gäbe dir für jede deiner Stunden des Widerstands ein Privilegium, und für jeden deiner eingestürzten Steine einen Diamant, wenn du nur noch acht Tage widerstehen könntest!«

»Sire, es wird widerstehen, und zwar mehr als acht Tage,« sprach Gabriel vorschreitend.

Er hatte seinen Entschluß gefaßt, einen erhabenen Entschluß!

»Herr d’Ermès!« riefen gleichzeitig Heinrich und Diana, der König mit Erstaunen, Diana mit Verachtung.

»Wie kommt Ihr hierher, mein Herr?« fragte der König mit strengem Tone.

»Sire, ich bin mit Seiner Eminenz eingetreten.«

»Das ist etwas Anderes,« versetzte Heinrich. »Doch was sagtet Ihr, Herr d’Ermès? Ich glaube, Saint-Quentin könnte widerstehen?!«

»Ja, Sire, und Ihr sagtet, wenn es widerstände so würdet Ihr ihm Freiheiten und Reichthümer geben.«

»Ich wiederhole es,« sprach der König.

»Wohl, Sire, würdet Ihr das, was Ihr der Stadt, die sich vertheidigte, zu bewilligen geneigt seid, dem Mann verweigern, der sie zur Vertheidigung bewegen, der der ganzen Stadt seinen energischen Willen einflößen und sie nicht eher übergeben würde, als bis der letzte Mauerflügel unter der feindlichen Kanone gefallen wäre? Würdet Ihr den Mann, der Euch diese acht Tage des Widerstandes und folglich Euer Königreich gegeben hätte, auf die Gnade, die er von Euch forderte, warten lassen? würdet Ihr um eine Gnade mit demjenigen feilschen, welcher Euch ein Reich zurückgegeben hätte?«

»Nein, gewiß nicht!« rief der König, »Alles, was ein König vermag, würde dieser Mann bekommen.«

»Der Handel ist abgeschlossen, Sire, denn ein König kann nicht nur, er muß verzeihen, und dieser Mann verlangt von Euch eine Verzeihung, und keine Titel, kein Geld.«

»Aber wo ist er? Wer ist dieser Retter?« fragte der König.

»Er steht vor Euch, Sire. Ich bin es, Euer einfacher Kapitän der Leibwachen; doch ich fühle in meiner Seele und in meinem Arm eine übermenschliche Kraft und werde Euch beweisen, daß ich nicht prahle, wenn ich mich anheischig mache, zugleich mein Vaterland und meinen Vater zu retten.«

»Euren Vater, Herr d’Ermès?«

»Ich heiße nicht d’Ermès,« sprach Gabriel, »ich bin Gabriel von Montgommery, der Sohn des Grafen Jacques von Montgommery, dessen Ihr Euch erinnert, Sire.«

»Der Sohn des Grafen von Montgommery!« rief der König indem er sich erbleichend erhob.

Frau Diana rückte auf ihrem Stuhl mit einer Bewegung des Schreckens zurück.

»Ja, Sire,« sprach Gabriel ruhig, »ich bin der Vicomte von Montgommery, der für den Dienst, den er Euch dadurch leisten wird, daß er Saint-Quentin acht Tage lang behauptet, nur die Freiheit seines Vaters von Euch verlangt.«

»Euer Vater, mein Herr,« sagte der König, »ist todt, verschwunden, was weiß ich? Ich weiß nicht, wo Euer Vater ist.«

»Doch ich, Sire, ich weiß es,« versetzte Gabriel eine furchtbare Angst überwindend. »Mein Vater ist seit achtzehn Jahren im Châtelet und erwartet dort den göttlichen Tod oder das menschliche Mitleid. Mein Vater lebt, dessen bin ich sicher. Sein Verbrechen ist mir nicht bekannt.«

»Es ist Euch nicht bekannt?« fragte der König düster und die Stirne faltend.

»Es ist mir nicht bekannt, Sire, sein Vergehen muß schwer sein, daß es eine so lange Gefangenschaft verdient hat, doch es ist nicht unverzeihlich, da es nicht den Tod verdiente. Sire, hört mich. In achtzehn Jahren hat die Gerechtigkeit Zeit gehabt, zu entschlummern, und die Milde, zu erwachen. Die menschlichen Leidenschaften, die uns böse oder gut machen, widerstehen einer so langen Dauer nicht. Mein Vater, der als Mann in den Kerker gekommen ist, wird ihn als Greis verlassen. Hat er nicht gesühnt, so schuldig er auch sein mag? Und wenn die Strafe zufällig zu hart war, ist er nicht zu schwach, um sich zu erinnern? Sire, gebt einen armen Gefangenen, der fortan ohne Gewicht ist, dem Leben zurück. Christlicher König, erinnert Euch der Worte des christlichen Symbols und verzeiht die Schuld Anderer, damit Euch die Eurige verziehen werde.«

Diese letzten Worte wurden mit einem so bezeichnenden Ton gesprochen, daß der König und Frau von Valentinois sich anschauten, als wollten sie voll Schrecken eine Frage an einander richten.

Doch Gabriel wollte nur auf eine zarte Weise den schmerzlichen Punkt ihres Gewissens berühren, und er fügte eiligst bei:

»Bemerkt, Sire, daß ich als treuer und gehorsamer Unterthan zu Euch spreche. Ich sage nicht zu Euch: »Mein Vater ist nicht gerichtet worden, man hat meinen Vater insgeheim verurtheilt, ohne ihn zu hören, und diese Ungerechtigkeit gleicht sehr der Rache . . . Ich, sein Sohn, appelliere also laut vor dem Adel Frankreichs gegen den geheimen Spruch, der ihn getroffen; ich werde öffentlich Allem, was ein Schwert hat, die Verletzung kundthun, welche uns Allen in der Person eines Edelmanns zugefügt worden ist.«

Heinrich machte eine Bewegung.

»Ich sage Euch das nicht, Sire,« fuhr Gabriel fort. »Ich weiß, daß es äußerste Nothwendigkeiten gibt, welche stärker sind als das Gesetz und das Recht. Ich ehre, wie sie ohne Zweifel mein Vater ehren würde, die Geheimnisse einer schon fern von uns liegenden Vergangenheit. Ich bitte Euch nur, mir zu erlauben, durch eine glorreiche und befreiende Handlung den Rest der Strafe meines Vaters abzukaufen. Als Lösegeld biete ich Euch an, Saint-Quentin eine Woche lang von dem Feinde frei zu halten, und wenn das nicht genügt, den Verlust von Saint-Quentin dadurch auszugleichen, daß ich den Engländern oder auch den Spaniern eine andere Stadt abnehme! Das ist im Ganzen wohl die Freiheit eines Greises werth. Nun! ich werde das thun, Sire, und noch mehr, denn die Sache, welche meinen Arm bewaffnet, ist rein und heilig, mein Wille ist stark und kühn, und ich fühle, daß Gott mit mir sein wird.«

Frau Diana konnte sich eines ungläubigen Lächelns vor diesem heldenmüthigen Vertrauen eines jungen Mannes nicht erwehren, das sie nicht kannte und nicht zu begreifen vermochte.

»Ich verstehe Euer Lächeln, Madame,« sprach Gabriel mit einem schwermüthigen Blick. »Ihr glaubt, ich werde dieser großen Aufgabe unterliegen, nicht wahr? Mein Gott! das ist möglich. Es ist möglich, daß meine Ahnungen mich trügen. Doch dann werde ich sterben! Ja, Madame, ja, Sire, wenn die Feinde vor Ablauf von acht Tagen in Saint-Quentin eindringen, so lasse ich mich auf der Bresche der Stadt tödten, die ich nicht zu vertheidigen im Stande gewesen bin. Gott, mein Vater und Ihr könnt nicht mehr von mir verlangen. Mein Geschick wird dann in dem Sinne in Erfüllung gegangen sein, den der Herr gewollt hat: mein Vater wird im Kerker sterben, wie ich auf dem Schlachtfelde sterbe, und Ihr werdet natürlich zu gleicher Zeit von der Schuld und dem Gläubiger befreit sein.«

»Was er sagt, ist wenigstens richtig!« flüsterte Diana dem nachdenkenden König ins Ohr.

Dann sprach sie zu Gabriel, während Heinrich immer noch sein träumerisches Stillschweigen beobachtete:

»Ist es in dem Fall, daß Ihr unterliegen und Euer Werk unerfüllt lassen würdet, mein Herr, nicht schwer anzunehmen, es werde Euch kein Erbe, Eurer Schuldforderung, kein Vertrauter Eures Geheimnisses überleben?«

»Ich schwöre Euch bei dem Heile meines Vaters, daß, wenn ich sterbe, Alles mit mir sterben, und daß Niemand das Recht oder die Macht haben wird, Seine Majestät hierüber zu belästigen. Ich unterwerfe mich zum Voraus den Plänen Gottes, wie Ihr, Sire, seinen Dazwischentritt anerkennen müßt, wenn er mir die erforderliche Kraft verleiht, mein großes Vorhaben zu erfüllen. Sterbe ich, so spreche ich Euch von jeder Verbindlichkeit, sowie von jeder Verantwortung, wenigstens gegen die Menschen, frei; denn die Rechte des Allerhöchsten sind unverjährbar.«

Heinrich bebte; doch diese von Natur unentschlossene Seele wußte nicht, wozu sie sich entscheiden sollte, und der schwache Fürst wandte sich gegen Frau von Poitiers, als wollte er von ihr Rath und Beistand fordern.

Diese begriff seine Unentschlossenheit, an welche sie übrigens gewöhnt war, und sprach mit einem seltsamen Lächeln:

»Ist es nicht Eure Ansicht, Sire, daß wir an das Wort von Herrn d’Ermès, der, wie mir scheint, ein redlicher und ganz ritterlicher Edelmann ist, glauben müssen? Ob seine Bitte begründet ist oder nicht, weiß ich nicht, und das Stillschweigen Eurer Majestät in dieser Hinsicht erlaubt weder mir, noch irgend Jemand, etwas zu behaupten, und läßt alle Zweifel hierüber bestehen. Doch nach meiner unmaßgeblichen Ansicht, Sire, kann man ein so edles Anerbieten nicht zurückweisen, und wenn ich an Eurer Stelle wäre, so würde sich Herrn d’Ermès mein königliches Wort verpfänden, daß ich ihm, wenn er seine heldenmüthigen und abenteuerlichen Versprechungen verwirklicht, jede Gnade bewilligen werde, die er dagegen verlangen dürfte.«

»Ah! Madame, das ist Alles, was ich wünsche!t« sprach Gabriel.

»Doch noch ein letztes Wort,« sagte Diana, indem sie ihren durchdringenden Blick auf den jungen Mann heftete: »Wie und warum habt Ihr Euch entschlossen, von einem Geheimniß, das mir wichtig zu sein scheint, vor einer Frau zu sprechen, welche vielleicht ziemlich indiscret und, wie ich denke, diesem ganzen Geheimniß völlig fremd ist?«

»Ich hatte zwei Gründe, Madame,« antwortete Gabriel mit vollkommener Kaltblütigkeit »Einmal dachte ich, es könnte und müßte kein Geheimniß für Euch im Herzen Seiner Majestät bestehen. Ich theilte Euch also nur mit, was Ihr später erfahren hättet, oder schon wußtet. Sodann hoffte ich, was auch geschehen ist, Ihr würdet die Gnade haben, mich beim König zu unterstützen, Ihr würdet ihn antreiben, mich zu dieser Prüfung abzusenden, und Ihr, eine Frau, würdet abermals, wie Ihr es stets sein mußtet, auf der Partei der Milde sein.«

Es wäre dem aufmerksamsten Beobachter unmöglich gewesen, in dem Tone von Gabriel die geringste ironische Absicht, und in seinen unempfindlichen Zügen das mindeste Lächeln der Verachtung herauszufinden Der durchdringende Blick von Frau Diana verlor hier seine Mühe.

Sie erwiderte das, was im Ganzen ein Compliment sein konnte, durch eine leichte Verbeugung des Kopfes.

»Erlaubt mir nun eine Frage,« sprach sie sodann. »Es ist nur ein Umstand, der meine Neugierde reizt. Wie könnt Ihr, der Ihr noch so jung, im Besitze eines achtzehnjährigen Geheimnisses sein?«

»Ich werde Euch um so lieber antworten, »Madame, sprach Gabriel ernst und düster, »als meine Antwort dazu dienen soll, Euch von dem Dazwischentritt Gottes bei dem Allem zu überzeugen. Ein Stallmeister meines Vaters, Perrot Avrigny, der bei den Ereignissen, welche das Verschwinden des Grafen herbeiführten, getödtet wurde, ist mit der Erlaubniß Gottes aus seinem Grabe erstanden und hat mir das, was ich Euch gesagt habe, mitgetheilt.«

Bei dieser Antwort, welche mit feierlichem Tone gegeben wurde, richtete sich der König bleich und mit keuchender Brust hoch auf, und selbst Frau von Poitiers konnte sich, trotz ihrer stählernen Nerven, eines Schauers nicht erwehren. In jener abergläubischen Zeit, wo man gern an Erscheinungen und Gespenster glaubte, mußte das Wort von Gabriel, mit der Ueberzeugung der Wahrheit gesprochen, in der That furchtbar für zwei geängstigte Gewissen sein.

»Das genügt, mein Herr,« sprach der König hastig und mit bewegter Stimme, »ich bewillige Euch Alles, was Ihr von mir verlangt. Geht! geht!«

»Ich kann also auf der Stelle, dem Worte Eurer Majestät vertrauend, nach Saint-Quentin aufbrechen?« versetzte Gabriel.

»Ja, reist, mein Herr,« sprach der König, der trotz der ermahnenden Blicke von Diana große Mühe hatte, sich von seiner Unruhe zu erholen, »reist auf der Stelle ab, thut, was Ihr uns versprochen habt, und ich gebe Euch mein Ehrenwort als König und Edelmann, daß ich thun werde, was Ihr wollt.«

Gabriel verbeugte sich mit freudigem Herzen vor dem König und vor der Herzogin, und ging dann hinaus, ohne ein Wort zu sprechen, als hätte er, nachdem er erlangt, was er wünschte, keine Minute mehr zu verlieren.

»Endlich ist er fort!« sprach Heinrich, indem er, wie von einer ungeheuren Last befreit, athmete.

»Sire,« sagte Frau von Poitiers, »beruhigt und bewältigt Euch. Ihr hättet Euch beinahe vor diesem Menschen verraten.«

»Es ist nicht ein Mensch, Madame, es ist meine Reue, welche lebt, es ist mein Gewissen, welches spricht,« erwiderte der König.

»Wohl, Sire,« versetzte Diana, die sich wieder erholte, »Ihr habt Recht gehabt, diesem Gabriel seine Bitte zu bewilligen und ihn dahin zu schicken, wohin er geht; denn wenn ich mich nicht sehr täusche, wird Eure Reue vor Saint-Quentin sterben und Ihr werdet von Eurem Gewissen frei sein.«

Der Cardinal von Lothringen kehrte in diesem Augenblick mit dem Briefe zurück, den er an seinen Bruder geschrieben hatte, und der König fand nicht Zeit, zu antworten.

Als Gabriel mit leichtem Herzen vom König wegging, hatte er nur einen Gedanken in der Welt, und nur einen Wunsch: voll Hoffnung diejenige wiederzusehen, welche er voll Angst verlassen hatte; Diana von Castro Alles zu sagen, was er nun von der Zukunft erwartete. und aus ihren Blicken den Muth zu schöpfen, dessen er so sehr bedürfen sollte.

Er wußte, daß sie in ein Kloster gegangen war, doch in welches Kloster? Ihre Frauen waren ihr vielleicht nicht gefolgt, und er wandte sich nach der Wohnung, die sie früher im Louvre inne gehabt hatte, um Jacinthe zu befragen.

Jacinthe hatte ihre Gebieterin begleitet; doch Denise, die zweite Kammerfrau, war geblieben, und sie empfing Gabriel.

»Ah! Herr d’Ermès,« rief sie, »seid willkommen! Bringt Ihr mir zufällig Nachricht von meiner guten Gebieterin?«

»Ich komme im Gegentheil, um bei Euch mich zu erkundigen, Denise,« erwiderte Gabriel.

»Ah! heilige Jungfrau! ich weiß ganz und gar nichts, und Ihr seht mich gerade sehr beunruhigt.«

»Und warum diese Unruhe, Denise?« fragte Gabriel, der selbst sehr unruhig zu werden anfing.

»Wie!« versetzte die Zofe, »Ihr wißt ohne Zweifel nicht, wo sich Frau von Castro befindet?«

»Ich weiß es durchaus nicht, Denise, und hoffte es von Euch zu erfahren.«

»Jesus! gnädiger Herr, hat sie sich nicht vor einem Monat entschlossen, den König um Erlaubniß zu bitten, sich ins Kloster zurückziehen zu dürfen?«

»Dies ist mir bekannt, hernach?«

»Hernach! das ist gerade das Furchtbare, denn wißt Ihr, welches Kloster sie gewählt hat? das der Benedictinerinnen, dessen Superiorin ihre alte Freundin, Schwester Monica, ist, in Saint-Quentin, gnädiger Herr! in Saint-Quentin, welches gegenwärtig belagert wird, oder gar schon von diesen heidnischen Spaniern und Engländern genommen worden ist. Sie war noch nicht vierzehn Tage dort angekommen, gnädiger Herr, als die Belagerung des Platzes begann.«

»Oh!« rief Gabriel, »in dem Allem ist der Finger Gottes, er belebt immer den Sohn durch den Liebenden und verdoppelt so meinen Muth und meine Kräfte. Ich danke, Denise, das ist für Deine gute Auskunft,« fügte er bei, indem er ihr eine Börse in die Hände legte. »Bete zu Gott für Deine Gebieterin und für mich.«

Eiligst ging er hierauf in den Hof des Louvre hinab, wo Martin-Guerre seiner harrte.

»Wohin gehen wir nun, gnädiger Herr?« fragte ihn der Stallmeister.

»Dahin, wo die Kanone donnert, Martin, nach Saint-Quentin! nach Saint-Quentin! wir müssen übermorgen dort sein und brechen in einer Stunde auf, mein Braver.«

»Ah! desto besser!« rief Martin. »O großer heiliger Martin, mein Patron,« fügte er bei, »ich will mich noch darein fügen, daß ich ein Täufer, Spieler und Unzüchter bin. Doch ich würde mich, das sage ich Euch zum Voraus, mitten durch die feindlichen Bataillons stürzen, wenn ich je feig wäre.«




V.

Jean Peuquoy, der Weber


Es fand im Rathhause der Stadt Saint-Quentin eine Versammlung der militärischen Häupter und bürgerlichen Notabilitäten am 15. August statt. Die Stadt hatte sich noch nicht übergeben, doch man sprach stark von Uebergabe. Die Leiden und die Entblößungen der Einwohner hatten den höchsten Grad erreicht, und da sie ihre Stadt nicht mehr zu retten hoffen durften, da sich der Feind derselben einen Tag früher oder später bemächtigen mußte, war es nicht besser, wenigstens so viel Elend abzukürzen?

Gaspard von Coligny, der muthige Admiral, den der Connétable von Montmorency, sein Oheim, mit der Vertheidigung des Platzes beauftragt hatte, wollte den Spanier nur bei der äußersten Nothwendigkeit einlassen. Er wußte, daß jeder Tag Aufschub, so schmerzlich er auch den armen Belagerten war, die Rettung des Königreiches sein konnte. Doch was vermochte er gegen die Entmuthigung und das Gemurre einer ganzen Bevölkerung? Der Krieg außen gestattete keine Chancen eines Kampfes im Innern, und wenn die Bewohner von Saint-Quentin sich eines Tags weigerten, die Arbeiten zu verrichten, die man von ihnen ebenso gut, als von den Soldaten verlangte, so wurde jeder Widerstand unnütz, und man hatte nur noch Philipp II. und seinem General Emanuel Philibert von Savoyen die Schlüssel der Stadt und den Schlüssel von Frankreich zu übergeben.

Doch ehe es so weit kam, wollte Coligny einen letzten Versuch machen, und deshalb hatte er diese Versammlung der Vornehmsten der Stadt zusammenberufen, welche uns vollends über den verzweifelten Zustand der Festungswerke und besonders über den Zustand des Muthes, dieses besten Festungswerkes, belehren wird.

Auf die Rede, mit der der Admiral die Sitzung eröffnete, indem er an die Vaterlandsliebe derjenigen appellierte, welche ihn umgaben, antwortete man nur durch ein düsteres Stillschweigen. Dann rief Gaspard von Coligny unmittelbar den Kapitän Oger, einen von den braven Edelleuten auf, die ihm gefolgt waren. Er hoffte, mit den Officieren beginnend, die Bürger zum Widerstand nachzuziehen. Doch die Ansicht des Kapitän Oger war leider nicht die, welche der Admiral erwartete.

»Da Ihr mir die Ehre erweist, mich um meine Meinung zu fragen, Herr Admiral,« sprach der Kapitän, »so werde ich sie Euch mit Betrübnis, aber offenherzig sagen. Saint-Quentin kann nicht länger widerstehen. Wenn wir die Hoffnung hätten, uns nur acht Tage, nur vier Tage, nur zwei Tage zu halten, so würde ich sagen: »Diese zwei Tage können der Armee gestatten, sich hinter uns zu organisieren, diese zwei Tage können das Vaterland retten, lassen wir die letzte Mauer und den letzten Mann fallen, und ergeben wir uns nicht.« Doch ich bin überzeugt, daß der erste Sturm, der vielleicht in einer Stunde stattfindet, uns dem Feinde preisgeben wird. Muß man es also nicht vorziehen, da es noch Zeit ist, durch eine Capitulation das zu retten, was sich von der Stadt retten läßt, und wenn wir die Niederlage nicht vermeiden können, wenigstens die Plünderung zu vermeiden?«

»Ja, ja, so ist es; gut gesprochen, das ist der einzige vernünftige Beschluß, den man fassen kann,« murmelte die Versammlung.

»Nein, nein, meine Herren,« rief der Admiral, »es handelt sich hier nicht um die Vernunft, sondern um das Herz. Daß ein einziger Sturm den Spanier in den Platz bringen soll, während wir schon fünf zurückgeschlagen haben, kann ich übrigens nicht glauben. Sprecht, Lauxford, Ihr, der Ihr die Leitung der Arbeiten und der Gegenminen habt, nicht wahr, die Festungswerke sind in hinreichend gutem Zustand, um noch lange zu halten? Sprecht offenherzig, macht die Dinge nicht besser und nicht schlimmer, als sie sind, wir haben uns versammelt, um die Wahrheit kennen zu lernen, und die Wahrheit ist es, was ich fordere.«

»Ich will sie Euch also sagen,« sprach der Ingenieur Lauxford, »oder vielleicht die Umstände werden sie Euch besser als ich und ohne Schmeichelei sagen. Hierzu wird genügen, daß Ihr mit mir im Geist die verwundbaren Punkte der Wälle untersucht. Herr Admiral, vier Thore sind zu dieser Stunde dem Feinde geöffnet, und ich wundere mich, wenn ich es gestehen soll, daß er noch nicht davon Gebrauch gemacht hat. Erstens ist auf dem Boulevard Saint-Martin die Bresche so breit, daß zwanzig Mann neben einander durchpassiren können. Wir haben dort mehr als zweihundert Mann, lebende Mauern, verloren, welche jedoch nie die steinernen Mauern werden ersetzen können. An der Porte Saint-Jean steht nur noch der große Thurm, und der beste Theil des Mittelwalles ist niedergerissen. Wohl ist dort eine ganz geschlossene und zugerüstete Gegenmine, doch ich befürchte, wenn man sie gebrauchen will, wird sie den großen Thurm einstürzen machen, der noch allein die Angreifenden im Schach hält, während seine Trümmer ihnen als Leitern dienen würden. Im Flecken Remicourt haben die Laufgräben der Spanier die Rückseite des Grabens durchbrochen, und sie haben sich dort unter dem Schutze einer Blendung festgestellt, unter der sie die Mauern ohne Unterlaß angreifen. Ihr wißt endlich, Herr Admiral, daß die Feinde auf der Seite des Faubourg d’Ile nicht nur Herren der Gräben, sondern auch des Boulevard und der Abtei sind, und daß sie sich dort so gut einquartiert haben, daß es kaum mehr möglich ist, ihnen auf diesem Punkte Schaden zuzufügen, während sie Schritt für Schritt die Brustwehr, welche nur fünf bis sechs Fuß dick ist, gewinnen, mit ihren Batterien die Arbeiter des Boulevard de la Reine in den Flanken fassen, und eine solche Verheerung unter ihnen anrichten, daß man darauf verzichten mußte, sie bei diesem Werke zurückzuhalten. Der Rest der Wälle würde sich vielleicht noch halten, doch das sind vier tödtliche Wunden, durch welche das Leben der Stadt bald entströmen muß, Herr Admiral. Ihr habt Wahrheit von mir verlangt, ich gebe sie Euch, so traurig sie auch ist, und überlasse Eurer Weisheit und Behutsamkeit die Sorge, davon Gebrauch zu machen.«

Hierüber entstand abermals ein Gemurmel der Menge, und wenn es Niemand wagte, laut das Wort zu nehmen, so sagte doch Jeder leise:

»Das Beste ist, sich zu übergeben und sich nicht den unseligen Wechselfällen eines Sturms bloßzustellen.«

Doch der Admiral sprach, ohne sich entmuthigen zu lassen:

»Meine Herren, noch ein Wort. Entgehen uns unsere Mauern, wie Ihr gesagt habt, Herr Lauxford, so haben wir, um sie zu ersetzen, muthige Soldaten, lebendige Wälle. Ist es mit ihnen und unter der eifrigen Mitwirkung der Bürger nicht möglich, die Einnahme der Stadt um einige Tage zu verzögern? Und was heute noch schmählich wäre, würde dann glorreich . . . ja, die Festungswerke sind zu schwach, das gebe ich zu, doch unsere Truppen sind zahlreich genug, nicht wahr, Herr von Rambouillet?«

»Herr Admiral,« sprach der aufgerufene Kapitän, »wären wir dort auf dem Platze, mitten unter der Menge, welche den Erfolg unserer Berathungen erwartet, so würde ich Euch antworten: ja; denn man müßte Allen Hoffnung und Vertrauen einflößen. Doch hier im Rathe, vor diesen durch ihren Muth erprobten Männern, zögere ich nicht, Euch zu sagen, daß die Mannschaft nicht genügt für den harten, gefahrvollen Dienst, den wir zu thun haben. Wir haben Waffen allen denjenigen gegeben, welche sie zu tragen im Stande waren. Die Anderen sind bei den Vertheidigungsarbeiten beschäftigt, zu denen Kinder und Greise beitragen. Selbst die Frauen helfen uns, indem sie den Verwundeten beistehen und sie pflegen. Nicht ein Arm ist unnütz, und dennoch fehlt es an Armen. Auf keinem Punkte der Wälle ist ein Mann zu viel, und häufig sind es zu wenig. Man mag immerhin sich vervielfältigen, und kann es doch nicht machen, daß nicht fünfzig Mann mehr an der Porte Saint-Jean, und wenigstens fünfzig weitere auf dem Boulevard Saint-Martin nothwendig sind. Die Niederlage an Saint-Laurent hat uns der Vertheidiger beraubt, auf die wir hoffen konnten, und wenn Ihr keine von Paris erwartet, Herr Admiral, so ist es Eure Sache, in Betracht zu ziehen, ob in einem solchen äußersten Fall Grund vorhanden ist, die wenigen Streitkräfte, die uns bleiben, und diese Trümmer unserer muthigen Kriegsleute zu wagen, welche noch so wirksam zu Erhaltung anderer Plätze und vielleicht zur Erhaltung des Vaterlandes dienen können.«

Die ganze Versammlung unterstützte und billigte diese Worte durch ihr Gemurmel, und der Ruf der Menge, welche sich um das Rathhaus drängte, erläuterte dieselben noch viel beredter.

Doch nun rief eine Donnerstimme:

»Stille!«

Und es schwiegen in der That Alle, denn derjenige, welcher so laut und so fest sprach, war Jean Peuquoy, der Altmeister der Weberzunft, ein sehr geachteter, sehr gehörter und ein wenig gefürchteter Bürger der Stadt.

Jean Peuquoy war das Musterbild jener braven bürgerlichen Race, welche ihre Stadt zugleich wie eine Mutter und wie ein Kind liebte; sie anbetete und schmälte, für sie lebte und im Fall der Noth für sie starb. Für den ehrlichen Webermeister gab es auf der Welt nur Frankreich und in Frankreich nur Saint-Quentin. Niemand kannte, wie er, die Geschichte und die Ueberlieferungen der Stadt, die alten Gebräuche und die alten Legenden. Es gab kein Quartier, keine Straße, kein Haus, das in der Gegenwart und in der Vergangenheit etwas Verborgenes für Jean Peuquoy hatte. Er war der eingefleischte Bürgersmann. Seine Werkstätte war der zweite Marktplatz, und sein hölzernes Haus in der Rue Saint-Martin das zweite Rathhaus. Dieses ehrwürdige Haus machte sich durch ein ziemlich seltsames Schild bemerkbar: durch ein bekränztes Weberschiff zwischen dem Geweih eines Zehnenders. Einer von den Ahnen von Jean Peuquoy (denn Jean Peuquoy zählte Ahnen wie ein Edelmann!), ein Weber wie er, wie sich von selbst versteht, und dabei ein berühmter Bogenschütze, hatte auf mehr als hundert Schritte mit zwei Pfeilschüssen die Augen dieses schönen Hirsches ausgehöhlt. Man sieht noch in Saint-Quentin, in der Rue Saint-Martin, das herrliche Gestänge. Auf zehn Meilen in der Runde kannte man damals das stattliche Geweih und den Weber. Jean Peuquoy war also gleichsam die lebendige Stadt, und jeder Einwohner von Saint-Quentin vernahm, wenn er ihn hörte, die Stimme seines Vaterlandes.

Deshalb rührte sich Keiner mehr, als der Weber mitten unter dem Lärmen ausrief:

»Stille!«

»Ja, stille!« fuhr er fort, »ich bitte Euch, meine guten Landsleute und theure Gefährten, schenkt mir eine Minute Aufmerksamkeit. Betrachten wir, wenn es Euch gefällt, mit einander, was wir schon gethan haben, und es wird uns vielleicht über das belehren, was wir noch thun sollen. Als der Feind unsere Mauern zu belagern anfing, als wir unter der Anführung des furchtbaren Emanuel Philibert alle diese Spanier, Engländer, Deutsche und Wallonen wie Unglücksheuschrecken um unsere Stadt her niederfallen sahen, nahmen wir unser Schicksal muthig an, nicht wahr? Wir murrten nicht, wir klagten die Vorsehung nicht darüber an, daß sie gerade Saint-Quentin als das Sühneopfer Frankreichs bezeichnete. Der Herr Admiral wird uns in dieser Hinsicht Gerechtigkeit widerfahren lassen; von dem Tage an, wo er hier ankam und uns den Beistand seiner Erfahrung und seines Muthes brachte, suchten wir seine Pläne durch unsere Personen und durch unsere Güter zu unterstützen. Wir haben unsere Mundvorräthe, unsere Güter und unser Geld preisgegeben, und selbst die Armbrust, die Pike oder die Haue genommen. Diejenigen, welche nicht Schildwachen auf den Wällen waren, machten sich zu Arbeitern in der Stadt. Wir trugen dazu bei, die meuterischen Bauern der Umgegend, welche sich weigerten, mit ihrer Arbeit die Zufluchtsstätte zu bezahlen, die wir ihnen gegeben hatten, zu zügeln und zu disziplinieren. Alles endlich, was man von Menschen fordern konnte, deren Handwerk der Krieg nicht ist, haben wir, wie ich glaube, gethan. Wir hofften auch, der König, unser Herr, würde bald an seine braven Bürger von Saint-Quentin denken und uns schleunigst Hilfe schicken. Dies geschah. Der Connétable von Montmorency eilte herbei, um die Truppen von Philipp II. von hier zu verjagen, und wir dankten Gott und dem König. Doch der unselige Saint-Laurent-Tag hat in wenigen Stunden unsere Hoffnungen zerstört. Der Connétable wurde gefangen genommen, sein Heer vernichtet, und wir sind nun verlassener als je. Es sind seitdem fünf Tage abgelaufen, und der Feind hat diese fünf Tage benützt. Drei heftige, hartnäckige Stürme haben uns mehr als zweihundert Mann und ganze Mauerflügel gekostet. Die Kanonen hören nicht mehr auf zu donnern, und sie begleiten sogar meine Worte. Wir wollen sie jedoch nicht hören, und wir horchen nur nach der Seite von Paris, ob nicht irgend ein Geräusch uns eine neue Hilfe verkündigte. Doch nichts! Die letzten Quellen sind, wie es scheint, für den Augenblick erschöpft. Der König läßt uns im Stich und hat etwas ganz Anderes zu thun, als an uns zu denken. Er muß dort sammeln, was ihm an Kräften bleibt; er muß das Königreich vor einer Stadt retten, und wenn er zuweilen noch die Augen und den Geist gegen Saint-Quentin wendet, so thut er es, um sich zu fragen, ob sein Todeskampf Frankreich Zeit lassen werde, zu leben. Doch Hoffnung, doch Aussichten auf Rettung und Hilfe gibt es für uns jetzt nicht mehr, theure Mitbürger und Freunde. Herr von Rambouillet und Herr von Lauxford haben die Wahrheit gesprochen. Die Mauern und die Soldaten fehlen uns, unsere alte Stadt stirbt, und wir sind verlassen, in Verzweiflung, verloren! . . .«




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notes



1


Bildhauer und Baumeister unter Franz I. und Heinrich II., der französische Phidias genannt, wurde in der Bartholomäusnacht 1562 als Hugenott ermordet.




2


Diana von Poitiers soll durch einen Fußfall bei Franz I. die Begnadigung ihres Vaters, des Grafen von Saint-Vallier, erlangt haben, der zum Tode verurtheilt war, weil er die Flucht des Connetable von Bourbon begünstigt hatte. D. Uebers.




3


Der junge Graf von Montansier präludirte auf diese Art durch die Verhaftung von Montgommery zu der Ermordung von Lignerolles. Als nämlich Herr von Lignerolles Karl IX. mittheilte, der Herzog von Anjou, sein Herr, habe ihm den geheimen Plan anvertraut, sich der hugenottischen Häupter zu entledigen, bestimmte der König bekanntermaßen seinen Bruder, Lignerolles tödten zu lassen, um jeder Indiscretion zuvorzukommen. Der Graf von Montansier übernahm die Vollziehung mit vier oder fünf andern adeligen Henkern, welche in der Folge sämmtlich elend umkamen. »Man muß sich daher,« sagt Brantôme, »sehr in Acht nehmen, daß man keinen Menschen ungeigneter Weise tödtet, denn man hat kaum solche Morde gesehen, welche nicht gerächt worden sind mit der Erlaubniß Gottes, der uns ein Schwert an die Seite gegeben hat, um es zu gebrauchen, nicht um es zu mißbrauchen.«




4


Kirchhof in Paris.


