Ritter von Harmental
Alexandre Dumas der Ältere




Dumas (père), Alexandre

Der Ritter von Harmental





Erster Teil





I.

Der Capitain Roquefinette


Es war am 22-sten März im Jahr der Gnade 1718, in der Fastenzeit, als ein junger Herr von stolzem Ansehen, ungefähr 25 bis 26 Jahr alt, der ein schönes spanisches Roß ritt, sich gegen acht Uhr Morgens an dem letzten Ende des Pont-Neuf zeigte, der zu dem Quais de l’école führt. Er saß so fest und unbeweglich in seinem Sattel, daß es schien, als sey er dort als Schildwache aufgestellt durch den General-Lieutenant der Polizei des Königreichs, den Herrn Voyer d’Argenson.

Nach einem halbstündigen Harren, und nachdem er mit ungeduldigen Blicken oftmals die Uhr de la Samaritaine befragt hatte, schien sein bisher umherschweifendes Auge, endlich mit Zufriedenheit auf einem Individuum zu weilen, das von dem Platz Dauphine kam, sich ein wenig rechts wandte und sich alsdann ihm näherte.

Derjenige, der auf diese Weise die Ehre hatte, die Aufmerksamkeit des jungen Cavaliers auf sich zu ziehen, war ein hochgewachsener wohlbeleibter Mann, der statt einer Perücke einen wahren Wald von schwarzem, mit etwas Grau untermischtem Haar auf seinem Kopfe trug; er war halb bürgerlich, halb militairisch gekleidet, und auf seiner Schulter zeigte sich ein Epaulett, das ursprünglich dunkelroth gewesen, durch Regen und Sonne aber zu Orange verblichen, war. Er war mit einem langen Degen bewaffnet, welcher ihn unablässig gegen die starken Lenden, schlug; sein Haupt war mit einem Hute bedeckt, den vormals goldene Tressen und eine Feder geschmückt hatten, den sein Herr aber jetzt, vermuthlich aus Respekt wegen seines früheren Glanzes, so ganz auf das linke Ohr gedrückt trug, daß der Hut in dieser Stellung nur durch ein Wunder das Gleichgewicht behaupten konnte. In der Gestalt, dem Gange, der Haltung, kurz in dem ganzen Wesen dieses Mannes, welcher ungefähr fünfundvierzig Jahre alt zu seyn schien, mitten auf der Straße daherschritt, und indem er sich mit der einen Hand den Schnauzbart strich, mit der andern dem ihm entgegenkommenden Wagen ein Zeichen gab, ihm auszuweichen, lag übrigens so viel prahlerische Unverschämtheit, daß, wer ihn sah, sich des Lächelns nicht enthalten konnte.

Der oben erwähnte junge Cavalier näherte sich ihm jetzt, augenscheinlich in der Absicht, ihn anzureden; worauf der Daherschreitende, obgleich er jenen durchaus nicht kannte, vor der Kirche de la samaritaine seine Schritte hemmte, den einen Fuß vorsetzte, mit der einen Hand den Schnauzbart strich, die andere an den Griff eines Degens legte, und dergestalt erwartete, was derjenige, der sich ihm näherte, ihm mitzutheilen habe.

Wie es der Mann mit dem orangefarbenen Epaulett vorhergesehen hatte, hielt auch wirklich der junge Reiter sein Pferd vor ihm an, er legte die Hand an seinen Hut und sprach: »Mein Herr, nach Ihrem Wesen zu urtheilen, halte ich Sie für einen Cavalier, sollte ich mich geirrt haben?«

»Keineswegs, wie in Herr, das will ich meinen, entgegnete der auf diese seltsame Weise Angeredete, indem er gleichfalls eine Hand zu seinem alten Filze führte. »Es freut mich übrigens, daß mein ganzes Wesen meinem Range entspricht, denn wenn Sie geben wollen was mir zukommt, so nennen Sie mich Capitain!«

»Höchst erfreuet, in Ihnen einen Militair kennen zu lernen, mein Herr Capitain,« entgegnete der junge Reiter, indem er sich neuerdings verbeugte, »das giebt mir um so mehr die gewisse Ueberzeugung, daß Sie einen Cavalier nicht in der Verlegenheit lassen werden.«

»Ganz gewiß nicht,wenn anders dieser Cavalier nicht die Absicht hat, meine Börse in Anspruch zu nehmen, denn ich will Ihnen mit der größten Freimüthigkeit eingestehen, daß ich soeben meinen letzten Thaler in einem Weinhause verzehrte.«

»Es betrifft keineswegs. Ihre Börse, Herr Capitain, im Gegentheil, die meinige steht zu Ihren Diensten.«

»Mit wem habe ich die Ehre zu reden, und was wünschen Sie von mir,« entgegnete der Mann mit dem orange Bande, sichtlich sehr zufrieden mit der einladenden Rede des jungen Reiters.

»Ich bin der Baron René de Valef,« antwortete der Befragte.

»Verzeihen Sie Herr Baron, entgegnete der Capitain, »aber ich glaube, während der Kriege in Flandern, eine Familie dieses Namens gekannt zu haben.«

»Ganz recht mein Herr, es war die meinige, ich stamme ursprünglich aus Lüttich. – Erfahren Sie jetzt, daß der Chevalier Raoul d’Harmental, einer meiner Freunde, in dieser Nacht gemeinschaftlich mit mir, in einen Streit verwickelt wurde, der an diesem Morgen durch einen Zweikampf geschlichtet werden soll; unsere Gegner waren ihrer drei, wir waren nur unserer zwei. Ich begab mich daher diesen Morgen zu dem Marquis de Gace und zu dem Grafen du Surgis, Beide aber waren leider die Nacht nicht zu Hause gewesen. Da sich nun aber die nicht aufschieben läßt, zumal da ich in drei Stunden nach Spanien abreisen muß, und uns der dritte Mann fehlt, so habe ich mich hier auf den Pont-Neuf gestellt, in der Absicht, den ersten Cavalier der sich mir zeigen würde, um diesen Ritterdienst zu ersuchen. Sie kamen und ich wandte mich an Sie.«

»Und Sie haben wohl daran gethan, auf meine Ehre! Schlagen Sie ein, Baron, ich bin Ihr Mann. Um welche Zeit soll das Duell stattfinden?«

»Um neun ein halb Uhr diesen Morgen. »Und wo soll die Sache vor sich gehen?«

»Vor dem Thore Maillot.«

»Teufel, da haben wir keine Zeit zu verlieren! Sie aber sind zu Pferde, ich bin zu Fuß, wie wird sich das arrangieren?

»Es giebt ein Mittel, Capitain!

»Und welches?«

»Sie müßten mir die Ehre erzeigen und hinter mir aufsitzen.«

»Mit Vergnügen, Herr Baron!«

»Ich benachrichtige Sie aber, fügte der junge Reiter mit einem kleinen Lächeln hinzu, daß mein Pferd etwas lebhaft ist.«

»Ey, das habe ich schon bemerkt, entgegnete der Capitain, indem er einen Schritt zurücktrat und das schöne Thier mit einem Kennerblick musterte. »Wenn ich mich nicht sehr irre, so ward dieses Thier zwischen den Bergen von Granada und der Sierra Morena geworfen. Ich ritt ein ähnliches bei Almanza, und zähmte es, wenn es mit mir Reißaus nehmen wollte, oftmals wie ein Lamm und das einzig und allein mit der Kraft meiner Kniee.«

»Sie haben mich völlig beruhigt, zu Pferde also, Capitain!«

»Ich sitze schon, Herr Baron!« und ohne sich des Steigbügels zu bedienen, den ihm der junge Cavalier überließ, schwang sich der Capitain hinter ihn hinauf auf das Thier.

Der Baron hatte die Wahrheit gesprochen. Sein Pferd war an keine so schwere Last gewöhnt, auch versuchte es anfangs, dieselbe von sich abzuschütteln; der Capitain hatte aber gleichfalls nicht gelogen, und bald merkte das muthige Thier, daß gewandte Reiter es beherrschten, so daß es nach zwei vergeblichen Sprüngen nachgab, sich zum Gehorsam entschloß und mit den beiden Cavaliren ruhig über den Quais de l’école, den Quais de Louvre und den Quais der Tuilerien dahin trabte, das Thor de la Conference passierte, und den nach Versailles führenden Weg links liegen ließ. Bei der Brücke d’Antin angelangt, hielt der Baron von Valef die Zügel seines Pferdes ein Wenig an, denn er sah, daß er noch volle Zeit hatte, das Thor Maillot zu der bestimmten Stunde zu erreichen. Der Capitain benutzte diesen Augenblick, um sich an seinen jungen Begleiter zu wenden.

»Darf ich, mein Herr Baron, sprach er, »Sie ohne unbescheiden zu erscheinen, befragen: um welcher Ursache willen wir uns schlagen sollen? Sie begreifen, daß ich davon unterrichtet seyn muß, um darnach mein Benehmen gegen meinen Gegner einzurichten, und um zu wissen, ob es auch der Mühe werth ist, daß ich ihn in die andere Welt expedire.«

»Das ist nicht mehr als billig, Capitain,« versetzte der Baron; »Hören Sie, wie sich alles zugetragen. Wir speisten gestern zu Nacht, bei der Fillon. Sie kennen ohne Zweifel die Fillon Capitain?«

»Was sollt’ ich nicht? ich war es, der ihr im Jahr 1705 Berühmtheit verschaffte, bevor ich den Feldzug in Italien mitmachte.«

»Wolan, lächelte der Baron, »Sie macht Ihnen alle Ehre. Wir speisten also, wie gesagt, gestern bei ihr zur Nacht, wir beide, der Chevalier d’Harmental und ich –«

»Ohne irgend jemand vom schönen Geschlecht?« ragte der Capitain.

Allerdings! Sie müssen wissen, Harmental ist eine Art Trappist. Er besucht die Fillon nur aus Besorgniß, daß man glaube er gehe nicht dort hin, er liebt stets nur eine zur Zeit und ist jetzt bis über die Ohren in die kleine Averne verliebt, die Frau des Gardelieutenants.«

»Schön, schön! und weiter?«

»Wir schwatzten also dort von unsern Angelegenheiten, als plötzlich eine lustige Gesellschaft in das Cabinet trat, welches an das unsere gränzte, Da das was wir uns mitzuheilen hatten, niemand anders etwas anging, schwiegen wir, und hörten so ohne daß wir es wollten, das Gespräch unserer Nachbaren. Nun erstaunen Sie über den seltsamen Zufall: unsere Nachbarn sprachen gerade von dem einzigen Gegenstande, den wir gerade nicht hätten hören sollen.«

»War es vielleicht von der Geliebten des Chevaliers?«

»Sie haben es errathen. Bei den ersten Worten ihres Gesprächs stand ich auf, um meinen Freund fortzuführen, statt aber mir zu folgen, legte er mir die Hand auf die Schulter und drückte mich wieder nieder auf meinen Sessel. »Philipp liebt also die kleine Averne?« fragte eine Stimme. »Seit dem Feste bei der Marschallin d’Estree, antwortete eine andere, »dort reichte sie ihm, als Venus verkleidet, einen Degengürtel, der von Versen begleitet war, in welchen sie ihn mit Mars verglich.« – »Aber das ist ja schon acht Tage her, bemerkte eine dritte Stimme. – »Ei freilich, versetzte der, welcher zuerst gesprochen, »sie hat sich nicht sogleich ergeben; sey es, daß sie von dem armen Harmental wirklich etwas hielt, oder daß sie wußte, daß der Regent grade das liebe, was ihm Widerstand leistet. Kurz, diesen Vormittag hat sie das Geschenk eines mit Blumen und Juwelen gefüllten Körbchens durch die Erklärung erwidert, daß sie bereit sey, Se. Königliche Hoheit zu empfangen.«

»Ja, jetzt fange ich an, die Sache zu begreifen!« rief der Capitain, »der Chevalier gerieth in Zorn, nicht wahr?«

»Ganz recht. Statt, wie unsereins gethan haben würde, darüber zu lachen und die Gelegenheit sich zum Nutzen zu machen, ein Obristenpatent wieder zu erlangen, das man ihm genommen hat, unter dem Vorwande, die Staatsausgaben beschränken zu müssen, wird mein Freund Harmental so bleich, daß ich glaubte, er werde in Ohnmacht fallen, dann trat er rasch zum Cabinet, schlug mit der geballten Faust gegen die Wand, so daß alles schwieg und rief »Meine Herren, es thut mir leid, Ihnen widersprechen zu müssen, derjenige von Ihnen aber, der behauptet hat: Madame d’Averne habe dem Regenten oder sonst jemand, ein Rendezvous zugesagt, hat gelogen!

»Ich war es, mein Herr, der dies gesagt hat und der seine Behauptung aufrecht halten wird,« entgegnete die erste Stimme; »enthält sie etwas, das Ihnen mißfällt, so stehe ich zu Diensten, ich nenne mich Lafare und bin Capitain in der Garde.«

»Und ich nenne mich Fargy,« rief die zweite Stimme.«

»Und ich Ravanne, die dritte.

»Sehr wohl meine Herren,« erwiderte Harmental. »Morgen Vormittag zwischen neun und zehn Uhr also bei dem Thore Maillot.« – Darauf setzte er sich mir wieder gegenüber; jene Herren schwatzten von gleichgültigen Dingen, und wir beendigten unser Souper. Jetzt wissen Sie alles, Capitain.«

Dem Letzteren schien die Sache äußerst geringfügig; obgleich er die allzugroße Reizbarkeit des Chevaliers mißbilligte, war er dennoch entschlossen, für die Angelegenheit, zu deren Verfechter er nun einmal gewählt worden war, den Degen zu ziehen. Wenn er sich übrigens auch hätte zurückziehen wollen, so war dies jetzt zu spät. Man befand sich bereits bei dem Thore Maillot und ein junger Cavalier, der dort zu harren schien, und der aus der Ferne den Baron und den Capitain bemerkt hatte, sprengte ihnen jetzt entgegen. Es war der Chevalier von Harmental.

»Mein lieber Chevalier, sprach der Baron von Valef, indem er mit seinem Freunde einen Händedruck wechselte, »erlaube mir, Dir hier, in Ermangelung eines alten Freundes, einen neuen vorzustellen. Weder Surgis noch Gace waren daheim. Ich traf diesen Herrn auf dem Pont-Neuf, schilderte ihm unsere Verlegenheit und er erbot sich mit großer Bereitwilligkeit, derselben abzuhelfen.«

»Ich bin Dir also zwiefach verbunden, mein lieber Valef, entgegnete der Chevalier, indem er auf den Capitain einen Blick warf, in welchem sich ein kleines Erstaunen aussprach. »Sie, aber mein Herr, bemerkte er, muß ich um Verzeihung bitten, daß ich Sie zum Anfange unserer Bekanntschaft mit einem so unangenehmen Geschäft, belästige. Sie werden mir hoffentlich Gelegenheit geben, mich Ihnen wieder gefällig zu beweisen; seyn. Sie überzeugt, Sie werden mich stets zu Ihren Diensten bereit finden. Verfügen Sie alsdann frei über mich, wie ich jetzt über Sie.

»Gut gesprochen, Chevalier, rief jetzt der Capitain, indem er vom Pferde sprang. »Sie haben eine Art und Weise, die mich für Sie durchs Feuer treiben würde.«

»Wer ist das seltsame Original?«, fragte der Chevalier leise zu dem Baron gewandt, während der Capitain, um die steifgewordenen Beine wieder gelenkig zu machen, mit den Füßen den Boden stampfte.

»Wahrlich, ich weiß es nicht,« entgegnete Valef »so viel aber weiß ich, daß wir uns ohne ihn in großer Verlegenheit befinden würden. Es wird irgend einer vom Militair seyn, den der Friede bei Seite geworfen hat. Bald wird es sich übrigens zeigen, wie er sich bei der Sache benimmt.«

»Wolan,« rief jetzt der Capitain, belebt durch seine Körperbewegung. »Wo bleiben denn unsere Gegner? fühle ich mich doch diesen Morgen recht kampflustig!«

»Als ich hierher ritt, waren sie noch nicht angelangt,« erwiderte Harmental, »aber ich gewahrte in der Ferne einen Miethwagen, dessen Langsamkeit ihnen wahrscheinlich zur Entschuldigung dienen wird, daß sie etwas spät eintrafen. Uebrigens ist noch keine Zeit verloren, fügte er hinzu, indem er eine reich mit Brillanten besetzte Flaschenuhr hervorzog, es ist kaum neun ein halb Uhr.

Schnell, also ihnen entgegen, sprach Valef indem er sich jetzt gleichfalls aus dem Sattel schwang und den Zaum seines Pferdes dem Diener Harmentals zuwarf, »denn langten sie an dem bestimmten Orte, vor uns an, würde es scheinen, als hätten wir auf uns warten lassen.«

»Du hast recht, versetzte Harmental; er stieg dann vom Pferde und trat mit seinen beiden Gefährten in das Gehölz.

»Befehlen die Herren etwas?«, fragte der Besitzer der dort befindlichen Restauration, der Gäste erwartend vor einer Thüre stand.

»Versteht sich, Durand, entgegnete Harmental, welcher, um nicht gestört zu werden, dem Restaurateur gern glauben machen wollte, daß ihr Hierseyn nur einen Spaziergang zur Absicht habe, »bereitet ein Frühstück für drei Personen, wir schlendern hier ein wenig umher und kehren bald zurück.«

Mit diesen Worten ließ er drei Louis d’ors in die Hand des Gastwirths gleiten. Der Capitain gewahrte die glänzenden Goldstücke und berechnete mit dem Scharfsinne eines Kenners, was man für zwei und siebzig Livres im Bois de Boulogne alles bekommen könne. Da er aber den Empfänger des Geldes kannte, hielt er eine Empfehlung seinerseits nicht für überflüssig: »Macht Eure Sache gut, Herr Garkoch,« sprach er zu Durand gewandt, »Ihr wißt, ich verstehe mich darauf, daß die Speisen delicat und der Wein unverfälscht aufgetragen werden, versteht Ihr mich, sonst pflücken wir später ein Hühnchen mit einander.«

»Seyn Sie unbesorgt, Herr Capitain, antwortete der Restaurateur; »einen Gast wie Sie werde ich doch nicht hinters Licht führen.«

»Nun, wir wollen sehen. Ich habe seit zwölf Stunden nichts zu mir genommen, richtet Euch danach.«

Der Wirth verbeugte sich, wie Jemand, der genau begriff, was die an ihn gerichtete Rede sagen wollte; er begab sich kopfschüttelnd in seine Küche, denn es leuchtete ihm ein, daß er ein weniger gutes Geschäft gemacht, als er anfangs gehofft hatte. Der Capitain warf ihm noch einen warnenden Wink zu, und eilte alsdann mit raschen Schritten seinen beiden Kampfgenossen nach, welche ihre Schritte hemmten, um ihn zu erwarten.

Der Chevalier hatte sich hinsichtlich des Miethwagens, nicht geirrt; so wie sie in die nächste Allee traten, erblickten sie ihre drei Gegner, welche so eben ausstiegen: es waren, wie wir bereits berichtet haben, der Marquis Lafare, der Graf Fargy und der Chevalier von Ravanne.

Unsere geneigten Leser wollen uns jetzt gestatten, ihnen eine kurze Schilderung dieser drei Personen zu liefern, welche in dieser unserer anspruchslosen Erzählung den Schauplatz mehrmals betreten werden.

Lafare, der Bekannteste der Dreien, Dank den Versen, die er hinterlassen hat, war damals ein Mann von ungefähr 36 Jahren, begabt mit einem freien offenen Antlitz und einer unverwüstlichen guten Laune; dabei stets bereit bei der Tafel, beim Spiele und mit den Waffen in der Hand, es mit jedermann aufzunehmen, und zwar das alles ohne Haß und Groll; er war ein Liebling der Damen und ein Günstling des Regenten, der ihn zum Hauptmann in der Garde ernannt, und ihn während der letzten zehn Jahre zwar mitunter als seinen Nebenbuhler angetroffen, stets aber als seinen treuesten Diener erkannt hatte. Der Herzog von Orleans, der die Gewohnheit hatte, seinen Günstlingen Beinamen zu geben, nannte ihn daher stets nur: »hon enfant.« Seit einiger Zeit aber schien Lafare’s Popularität bei den Damen des Hofes und der Oper etwas zu sinken; denn es hatte sich das Gerücht verbreitet, daß er die Lächerlichkeit begehe, ein ordentlicher Mensch werden zu wollen. Zwar behaupteten einige seiner Freunde, um seinen Ruf aufrecht zu halten, mit gedämpfter Stimme, daß diese scheinbare Bekehrung keinem andern Beweggrund habe, als die Eifersucht der Mademoiselle de Conti, Tochter der Herzogin von Conti und Enkelin des großen Condé, welche wie man versicherte, den Gardecapitain des Regenten mit einer ganz besonderen Zuneigung beehrte. Seine Verbindung mit dem Herzog von Richelieu unterstützte diese Ansicht.

Der Graf von Fargy, gemeinhin nur der schöne Fargy genannt, war in der That der schönste junge Mann seiner Zeit, was ihm in jener Epoche der Galanterie Verpflichtungen auferlegte, vor denen er niemals zurückgeschreckt war. Er war zu gleicher zeit zart und kräftig, ungemein liebenswürdig, kurz er vereinte in sich alle Eigenschaften eines Romanhelden jener Zeit Vereint man nun noch hiermit sein schönes Aeußere, seinen Verstand und Witz, so wie seinen kühnen Muth, so wird man sich der den glänzenden Ruf nicht wundern, den er in der Welt,in welcher er lebte, sich erworben hatte.

Was den Chevalier von Ravanne betraf, der rücksichtlich seiner Jugend, so seltsame Memoiren hinterlassen hat, daß man, trotz ihrer Authenticität, an ihrer Wahrhaftigkeit zweifeln möchte, so war derselbe damals kaum dem Pagenalter entwachsen, er war reich und stammte aus einer vornehmen Familie; er trat ein in das Leben, durch dessen goldenes Thor und jagte nach allen Freuden desselben mit der ganzen Begierde und Unvorsichtigkeit der Jugend: Er machte in seinem achtzehnten Jahre alle Fehler und Thorheiten seiner Zeit mit; man begreift daher, wie stolz er darauf war, Männern wie Lafare und Fargy als Secundant in einer Angelegenheit zur Seite zu stehen, von der man erwarten konnte, daß die großes Aufsehen erregen würde.




II.

Das Duell


So wie Lafare, Fargy und Ravanne ihre Gegner in die Allee treten sahen, eilten sie ihnen entgegen. Als sie sich einander bis auf zehn Schritte genähert hatten, zogen sie sämmtlich die Hüte und begrüßten sich mit jener zierlichen Höflichkeit, die bei ähnlichen Gelegenheiten ein Charakterzug der Aristokratie des achtzehnten Jahrhunderts bildete, wobei ihr anmuthiges Lächeln jedem Vorübergehenden hätte glauben machen können, daß hier von einer freundlichen Begegnung, nicht aber von einem feindlichen Zusammentreffen die Rede say.

»Meine Herren,« begann der Chevalier von Harmental, dem das erste Wort mit vollem Rechte gebührte, ich hoffe, daß weder Sie noch wir von irgend jemand hierher gefolgt wurden; aber es ist bereits ein wenig spät und wir könnten hier leicht gestört werden, ich halte es daher für rathsam, daß wir eine entlegnere Stelle suchen, wo wir mit mehr Ruhe und Bequemlichkeit das kleine Geschäft abmachen können, das uns hier zusammenführt.«

»Meine Herren, entgegnete Ravanne, »ich weiß den passendsten Ort. Kaum hundert Schritte von hier – man kann sich dort in einer Wüste wähnen.«

»So folgen wir dem Kinde, rief der Capitain, »die Unschuld führt zum Heil.«

Ravanne wandte sich und maaß den Mann mit den orangefarbenen Epauletts von Kopf bis zur Zehe.

»Haben Sie sich noch gegen keinen Anderen verpflichtet, mein großgewachsener Herr,« versetzte er in einem etwas ironischem Tone, »so bitte ich um den Vorzug.«

»Halt, Ravanne, halt,« fiel Lafare ein, »ich habe dem Herrn von Harmental zuvor einige Erklärungen zu geben.«

»Herr von Lafare, versetzte der Chevalier, »Ihr Muth ist so sehr erprobt, daß die Erklärungen, die Sie mir anbieten, ein Beweis Ihres Zartgefühls sind, welches ich mit Dank anerkenne. Diese Auseinandersetzungen würden aber unser Geschäft nur verzögern, und ich glaube, wir haben keine Zeit zu verlieren.«

»Bravo, Bravo!« rief Ravanne, das heiße ich gesprochen, wie es sich geziemt, haben wir uns einander erst den Hals gebrochen, dann, hoffe ich, werden Sie mir Ihre Freundschaft nicht versagen. Viel Gutes habe ich bereits von Ihnen gehört, und lange schon sehne ich mich nach der Ehre. Ihrer Bekanntschaft.«

Die beiden Herren verbeugten sich gegen einander.

»Voran also, Ravanne,« rief nunmehr Lafare, »da Du Dich zu unserm Führer aufgeworfen hast, so zeige uns den Weg.«

Ravanne sprang alsogleich in das Gebüsch, seine fünf Gefährten folgten; die Pferde und der Wagen blieben, wo sie sich befanden.

Nach einem Marsche von zehn Minuten, während dessen die Gegner das tiefste Schweigen beobachteten, theils um durch ein Gespräch ihre Anwesenheit nicht zu verrathen, theils weil in dem Augenblicke einer nahen Gefahr der Mensch sich immer in sich selbst zurückzieht, erreichten sie einen von Bäumen dicht umkränzten freien Platz.

»Nun; Ihr Herren,« fragte Ravanne zufrieden um sich blickend, was sagen Sie von dieser Stelle?«

»Ich meine,« versetzte der Capitain, »daß, wenn Sie sich rühmen, sie entdeckt zu haben, Sie nur schlecht einen kleinen Columbus spielen. Sie hätten mir nur zu sagen gebraucht, daß Sie hierher wollten, und ich hätte Sie mit geschlossenen Augen hierhergeführt.«

»Wolan, mein Herr,« erwiderte Ravanne, »so werden wir Sorge tragen, daß man Sie von hier so fortschaffe, wie Sie nach Ihrer Behauptung hergekommen seyn würden.«

»Sie wissen es, daß Sie es sind, Herr von Lafare, mit dem ich es zu thun habe,« rief Harmental, indem er seinen Hut auf die Erde warf

»Ganz recht, mein Herr,« entgegnete der Gardecapitain, indem er dem Beispiele seines Gegners folgte, »ich weiß aber auch, daß mir nichts mehr Ehre, aber auch zugleich mehr Schmerz verursachen könnte, als ein Zweikampf mit Ihnen und zwar um einer solchen Ursache willen.«

Harmental lächelte wie ein Mann, der diese höfliche Rede anzuerkennen wußte, aber er erwiderte nur, indem er den Degen zur Hand nahm.

»Ich glaube, Herr Baron,« sprach Fargy zu Valef gewandt, »daß Sie im Begriff stehen, nach Spanien abzureisen?«

»Ich wollte schon diese Nacht aufbrechen, mein lieber Graf,« erwiderte Valef, »nur das Vergnügen, diesen Morgen hier mit Ihnen zusammen zu treffen, konnte mich zurückhalten, so wichtige Geschäfte rufen mich dorthin.«

»Das macht mich untröstlich!« entgegnete Fargy, indem er seinen Degen entblößte, »denn, wenn es mir gelingen sollte, diese Ihre Reise noch länger zu verzögern, so würden Sie ohne Zweifel mein Todfeind werden.«

»Ganz gewiß nicht, mein lieber Graf,« lächelte Valef, »ich würde glauben, es geschähe aus lauter Freundschaft. Thun. Sie also Ihr Möglichstes, ich bin zu Ihren Diensten.

»Nun, mein Herr, nun,« rief Ravanne dem Capitain zu, welcher sorgfältig seinen Rock zusammenfaltete und ihn neben seinen Hut legte, »Sie sehen, daß ich auf Sie warte.«

»Werden wir nicht ungeduldig, lieber junger Mann,« antwortete der alte Soldat, indem er mit seinen Vorbereitungen fortfuhr. Eine der vorzüglichsten Eigenschaften bei dem Waffenhandwerk ist die Kaltblütigkeit. In Ihrem Alter machte ich es grade wie Sie; nach dem dritten oder vierten Degenstoße aber, den ich empfing, sah ich ein, daß ich auf einem falschen Wege war.«

Bei diesen letzten Worten zog er seinen Degen, der, wie wir bereits berichtet haben, von bedeutender Länge war.

»Alle tausend Teufel,« lachte Ravanne,. »was haben Sie da für eine Waffe! die erinnert mich wahrlich an den Bratspieß in der Küche meiner Mutter, und es thut mir jetzt leid, daß ich mir denselben nicht von unserm Haushofmeister erbat, um mich Ihnen würdig entgegenstellen zu können.«

»Ihre Frau Mutter ist eine sehr würdige Dame und ihre Küche eine sehr gute Küche, ich hörte von Beiden mit großem Lobe sprechen, mein Herr Chevalier, entgegnete der Capitain, in einem fast väterlichen Tone; »ich würde daher untröstlich seyn, Sie der einen und der anderen zu rauben, wegen einer armseligen Geschichte, wie diejenige, um derentwillen wir jetzt die Degen mit einander kreuzen sollen. Bilden Sie sich also ein, daß Sie nur eine Stunde bei Ihrem Fechtmeister nähmen und fallen Sie aus.»

Diese Aufforderung war durchaus unnöthig; die Ruhe und Kaltblütigkeit seines Gegners machte Ravanne’s jugendliches Blut kochen, und er griff den Capitain mit der größten Heftigkeit und Unbesonnenheit an. Der Letztere trat einen Schritt zurück.

»Ha, Ha, Sie weichen schon, mein großgewachsener Herr! rief Ravanne.

»Weichen ist nicht Fliehen, mein kleiner Ritter,« versetzte der Capitain, »es ist ein Theil der Fechtkunst, den ich Sie auffordere nachzuahmen. Ueberdem macht es mir Spaß, Ihr Spiel zu studieren. Sie sind, wie es mir scheint, ein Zögling Berthelots. Ein trefflicher Meister, nur das Pariren lehrt er schlecht. Sehen Sie,« fügte er hinzu, indem er eine Secunde seines jungen Gegners zurückschlug, »wenn ich jetzt gewollt hätte, so hätte ich Sie wie eine Lerche gespießt.«

Ravanne war in die höchste Wuth getrieben, denn in der That hatte er die Degenspitze seines Gegners auf der Brust gefühlt, aber so leicht nur, daß er es für die Berührung einer Blume halten konnte. Die Ueberzeugung, daß er dem Capitain sein Leben verdanke, regte seinen Zorn immer und mehr an, und seine Ausfälle wurden noch heftiger als zuvor.

»Ruhig, ruhig, junger Mann,« warnte der alte Soldat, »Sie verlieren ganz und gar den Kopf, Sie stoßen nach dem Gesicht, Sie werden mich zwingen Sie zu entwaffnen. Doch schon wieder! Nun, wenn Sie es durchaus nicht anders wollen, da, suchen Sie Ihren Degen wieder auf. Mit diesen Worten schlug der Capitain seinem jungen Gegner die Waffe aus der Hand, daß sie zwanzig Schritte weit wegflog.

Dies schien Ravanne abgekühlt zu haben. Er hob den Degen zögernd wieder auf und kehrte langsam zu dem Capitain zurück, der die Spitze einer Waffe zu Boden gesenkt hatte. Der junge Mann war bleich wie eine Leiche, auf seiner weißen Weste zeigten sich einzelne Tropfen Blut.

»Sie hatten Recht mein Herr, ich bin nur noch ein Kind,« sprach er, »mein Zusammentreffen mit Ihnen aber, wird hoffentlich dazu beitragen, mich zum Manne zu machen. Noch ein Paar Gänge, wenn es Ihnen beliebt, damit es nicht heiße: daß die ganze Ehre auf Ihrer Seite say.« – So sprechend nahm er eine Stellung wieder ein.

Der Capitain hatte Recht. Es fehlte dem jungen Chevalier nur an Ruhe, um ihn zu einem furchtbaren Gegner zu machen. Jener gewahrte bald, daß er zu seiner Vertheidigung auf einer Huth sein müsse; er besaß aber in der Fechtkunst eine allzu große Geschicklichkeit, als daß Ravanne einen Vortheil hätte über ihn gewinnen können.

Der Kampf endete also, wie zu erwarten fand. Der Capitain schlug seinem jungen Gegner die Waffe noch einmal aus der Hand, diesmal aber hob er sie selbst wieder auf und überreichte sie dem Letzteren mit einer Höflichkeit, deren man ihn kaum für fähig gehalten hätte.

»Mein Herr Chevalier,« sprach er dabei, »Sie sind ein tapferer junger Mann; glauben Sie es aber einem alten Besucher der Fechtschulen, der die Kriege in Flandern mitgemacht hat, bevor Sie das Licht der Welt erblickten; der, als Sie noch in der Wiege lagen, in Italien focht; und in Spanien kämpfte, als Sie noch Page waren, nehmen Sie einen andern Lehrer an, verabschieden sie den Berthelot, der Ihnen nur das gezeigt hat, was er selbst weiß, wenden Sie sich an Bois Robert, und der Teufel soll mich holen, wenn Sie nach sechs Monaten nicht den Degen führen, wie ich selbst.«

»Ich danke für die Lehre,a entgegnete Ravanne, indem er dem Capitain die Hand reichte, wobei einige Thränen, die er nicht zurückhalten konnte, über seine Wange hinabrollten, sie soll mir gute Dienste leisten. – Bei diesen Worten senkte er, wie der Capitain bereits gethan, seinen Degen wieder in die Scheide.

Beide richteten darauf ihre Blicke auf ihre Kampfgenossen, um zu sehen, wie bei diesen die Sachen standen. Das Duell war beendigt. Lafare saß auf dem Rasen, den Rücken gegen einen Baum gelehnt, er hatte einen Stoß empfangen, der ihm die Brust durchbort hätte, zum Glück aber an einer Rippe abglitt, so daß die Wunde gefährlicher schien, als sie es wirklich war. Dennoch aber war er in Ohnmacht gesunken. Harmental kniete vor ihm und suchte das Blut mit einem Tuche zu stillen.

Fargy und Valef waren. Beide leicht verwundet, der eine im Schenkel, der andere im Arm; sie entschuldigten sich gegen einander und gelobten sich für die Zukunft innige Freundschaft.

»Da schauen Sie hin, junger Mann, sprach der Capitain zu Ravanne, indem er auf den Kampfplatz deutete, »da fließt das Blut von drei wackern Männern, und das vermuthlich um einer leichtsinnigen Frau Willen,

»Mein Seel,« entgegnete der junge Mann. »Ich glaube. Sie haben Recht Capitain, vielleicht sind Sie von uns allen der Einzige, welcher gesunden Menschenverstand besitzt.«

In diesem Augenblick schlug Lafare die Augen auf und erkannte Harmental in demjenigen, der ihm Pflege spendete. »Chevalier,« sprach er, »wollen Sie in eine Gefälligkeit erzeigen, so lassen Sie das Stück von Wundarzt rufen, das sich im Wagen befindet und das ich für jeden Fall mitbrachte; dann eilen Sie, so schnell. Sie können nach Paris, zeigen Sie sich diesen Abend auf dem Ball im Opernhause und wenn man Sie nach mir befragt, so sprechen Sie, Sie hätten mich in acht Tagen nicht gesehen. Was mich betrifft, so können Sie vollkommen ruhig sein, Ihr Name soll nicht über meine Lippen kommen. Sollte Ihnen übrigens rücksichtlich unserer Angelegenheit etwas Unangenehmes begegnen, so geben Sie mir schnell davon Nachricht, und ich werde alsdann alles schon so einrichten, daß die Sache keine Folgen hat.«

»Vielen Dank, Herr Marquis !« entgegnete Harmental, »ich verlasse. Sie nur, um Sie besseren Händen zu übergeben, als die meinen sind, sonst, glauben Sie es mir, würde nichts in der Welt mich vermocht haben, eher von Ihrer Seite zu weichen, als bis ich Sie auf Ihrem Lager ruhen wüßte.«

»Die glücklichste Reise, lieber Valef, rief Fargy »denn ich hoffe, die kleine Schmarre wird Sie nicht verhindern, sich nach Spanien auf den Weg zu machen. Nach der Rückkehr vergessen Sie nicht, daß Ihnen auf dem Platz Louis le Grand No. 14 ein Freund wohnt.«

»Und Sie, lieber Fargy, haben Sie vielleicht Aufträge für Madrid, so bitte ich darum, Sie können sie nicht zuverlässigeren und bereitwilligeren Händen anvertrauen.«

»Adieu, junger Mann, leben Sie wohl,« sprach der Capitain zu Ravanne. Vergessen Sie meinen Rath nicht, schaffen Sie den Berthelot ab, nehmen Sie den Bois Robert, vor allen aber kaltes Blut, dann werden Sie einmal einer der besten Fechter Frankreichs werden. Mein langer Degen läßt sich dem Bratspieße Ihrer Frau Mutter ganz gehorsamst empfehlen.«

Ravanne wußte, trotz seiner Geistesgegenwart, dem Capitain nichts zu entgegnen, er erwiderte dessen Abschiedsgruß und trat zu Lafare, der ihm von einen beiden Gefährten am meisten verwundet schien.

Harmental, Valef und der Capitain schritten zu dem Eingange des Gehölzes zurück, wo sie den Wagen und in demselben den Wundarzt fanden, der ganz gemüthlich ein Schläfchen machte. Harmental benachrichtigte ihn, daß der Marquis von Lafare und der Graf von Fargy, zu denen er ihm den Weg zeigte, seines Beistandes bedürften. Er gebot über dem noch seinen Diener, dem Wundarzte zu folgen, um diesem nöthigenfalls zur Hand zu gehen. Dann wandte er sich zu dem Manne mit den orangefarbenen Epauletts: »Capitain, sprach er, »ich glaube nicht, daß es gerathen wäre, das Frühstück zu verzehren, das wir beordert haben, empfangen Sie also meinen Dank für den Ritterdienst, den Sie mir geleistet, und haben Sie die Gefälligkeit, zur Erinnerung an mich, eines meiner beiden Pferde anzunehmen, wählen Sie das Beste, es sind beides treffliche Thiere, die Sie nicht im Stiche lassen werden, wenn Sie einst acht bis zehn Lieues in einer Stunde zurücklegen wollen.«

»Mein Seel, Chevalier, entgegnete der Capitain, indem er einen Seitenblick auf die schönen Pferde warf,« dessen bedurfte es nicht; unter Cavaliren sind Blut und Geldbeutel Dinge, die man sich einander mit Freuden borgt; Sie aber machen mir das Anerbieten mit so unwiderstehlicher Anmuth, daß ich dasselbe nicht zurückzuweisen vermag. Bedürfen Sie je meiner wieder, so vergessen Sie nicht, daß ich ganz und gar zu Ihren Diensten bin.«

»Und in einem solchen Falle, wo würde ich Sie aufzusuchen haben?« fragte lächelnd Harmental.

»Ich habe grade keine feste Wohnung, Chevalier; wenn Sie mich aber zu sprechen wünschen, so fragen Sie bei der Fillon nur nach dem Capitain Roquefinette.«

Und während die beiden jungen Cavaliere sich auf ihre Rosse schwangen, bestieg der Capitain das dritte, nicht ohne dabei zu bemerken, daß der Chevalier ihm von seinen Pferden das schönste zurückgelassen hatte. Sie befanden sich grade an einem Kreuzwege und jeder von ihnen sprengte nach verschiedener Richtung hin.

Der Baron Valef kehrte durch die Barriere von Paffy nach Paris zurück, begab sich sofort in das Arsenal, empfing dort die Befehle der Herzogin von Maine, zu deren Haushalte er gehörte, und reiste noch denselben Tag nach Spanien ab.

Der Capitain Roquefinette ritt im Schritt, Trab und Galopp im Bois de Boulogne umher, um sein neues Pferd zu prüfen, und als er sich überzeugt hatte, daß es wie Harmental versicherte, wirklich ein treffliches Thier say, lenkte er dasselbe zu der Restauration des Herrn Durand zurück, wo er ganz allein das Frühstück verzehrte, das für drei Personen bestellt war. – Noch an demselben Tage führte er sein Pferd auf den Roßmarkt, wo er es für sechzig Louisd’or verkaufte; es war nur die Hälfte seines Werthes, aber – man muß Opfer bringen, wenn man etwas prompt realisieren will.

Was den Chevalier von Harmental betrifft, so kehrte er durch die elyseeischen Felder nach Paris zurück, wo er in seiner Wohnung, Straße Richelieu, zwei unterdessen angelangte Briefe vorfand. Einer derselben war von einer ihm nur zu gut bekannten Handschrift so daß er an allen Gliedern zitterte. Er berührte das Schreiben nur zögernd, so als ob er eine glühende Kohle erfassen wolle; endlich faßte er Muth, brach bebend das Siegel und las wie folgt:



»Mein lieber Chevalier!

»Sie wissen, man ist nicht der Gebieter seines Herzens. Es ist eine Schwäche unserer Natur, dieselbe Person und dieselbe Sache nicht lange Zeit lieben zu können. Was mich betrifft, so will ich vor anderen Frauen das Verdienst voraus haben, daß ich meinen Geliebten nicht betrüge. Kommen Sie also nicht zu der gewohnten Stunde zu mir, man würde Ihnen sagen, ich sei nicht zu Hause, und ich bin zu redlich, um meinen Kammerdiener oder meine Kammerfrau eine so grobe Lüge aussprechen zu lassen.«

»Adieu also, mein lieber Chevalier, gedenken Sie meiner nicht mit allzugroßem Zorne und machen Sie daß ich nach zehn Jahren noch das von Ihnen sagen kann, was ich jetzt von Ihnen sage, daß ich Sie nämlich für einen der galantesten Cavaliere Frankreichs halte.

    Sophie d’Averne.«

»Alle Teufel!« rief Harmental, indem er mit der geballten Faust auf einen zierlichen Tisch schlug, daß er zusammenstürzt, »hätte ich den armen Lafare getödtet, ich hätte in meinem ganzen Leben keine Ruhe wiedergefunden.«

Nach diesem Ausbruche, der den Chevalier etwas erleichterte, schritt derselbe mehrmals im Zimmer auf und ab, mit einem Wesen, welches dartat, daß er noch mehr solcher Enttäuschungen bedürfe, um sich zu der Höhe der philosophischen Moral zu erheben, welche ihm die schöne Treulose gepredigt hatte. Erst nach einiger Zeit gewahrte er auf dem Fußboden den zweiten Brief liegend, den er völlig vergessen hatte. Er schritt noch zwei- bis dreimal an demselben vorüber, ohne ihn mehr als eines gleichgültigen Blickes würdig zu achten. Endlich hob er ihn verächtlich auf, öffnete ihn langsam, betrachtete die Handschrift, welche ihm völlig unbekannt war, suchte nach der Unterschrift, die aber fehlte, und durch diesen Anflug vom Geheimnißvollen neugierig gemacht, las er folgende Zeilen:



»Chevalier!

»Wenn Sie in Ihrer Phantasie halb so viel Romantik, und in ihrem Herzen nur halb so viel Muth besitzen, wie Ihre Freunde behaupten, so ist man bereit, Ihnen ein Unternehmen anzuvertrauen, das Ihrer würdig ist und durch dessen Resultat Sie sich an einem Mann rächen können, den Sie in dieser Welt am meisten hassen, indem es Sie zugleich zu einem so glänzenden Ziele führen wird, wie Sie dasselbe in Ihren schönsten Träumen niemals gehofft. Der gute Genius, der Sie leiten soll, und dem Sie gänzlich vertrauen müssen, wird Sie in dieser Nacht zwischen zwölf und zwei Uhr auf dem Balle im Opernhause erwarten. Erscheinen Sie dort ohne Maske, wird er sich Ihnen nähern, kommen Sie aber maskiert, so werden Sie ihn an einem violetten Bande erkennen, das er auf der linken Schulter tragen wird. Die Parole ist »Sesans, öffne Dich!« Sprechen Sie sie kühn aus und es wird sich Ihnen eine Höhle erschließen, weit wunderbarer als die AliBaba’s.«


»Meinethalben denn,« rief Harmental, »wenn der Genius mit dem veilchenblauen Bande nur halb so viel hält, als er verspricht, so hat er in mir seinen Mann gefunden.«




III.

Der Chevalier


Der Chevalier Raoul von Harmental, mit dem unsere geneigten Leser, bevor wir weiter erzählen, eine etwas nähere Bekanntschaft machen müssen, war der einzige Abkömmling einer der vornehmsten Familien in Nivernais. Obgleich diese Familie niemals eine bedeutende Rolle in der Geschichte spielte, so erfreute sie sich doch einer gewissen Berühmtheit, die sie sich theils selbst erworben hatte, theils ihren Verbindungen verdankte. Als der Sire Gaston von Harmental, der Vater unseres Chevaliers, im Jahr 1672 nach Paris kam, und Lust verspürte, in den königlichen Equipagen zu fahren, hatte er den Beweis geführt, daß sein Stammbaum bis zum Jahr 1399 sich erstrecke. Sein Oheim mütterlicher Seite, Graf Torigny, hatte, als er im Jahr 1691 einen Orden erhielt, gleichfalls seine sechzehn Ahnen dargethan, und so war mehr als hinreichend geschehen, um den aristokratischen Anforderungen jener Zeit zu genügen.

Den Chevalier konnte man weder arm noch reich nennen, das heißt: sein Vater hatte ihm eine Besitzung in der Gegend von Nevers hinterlassen, welche ihm jährlich 20- bis 25.000 Livres eintrug. Das war mehr als nöthig, um in seiner Provinz wie ein vornehmer Herr zu leben; der Chevalier aber hatte eine ganz vortreffliche Erziehung erhalten und fühlte sich vom Ehrgeize vorwärts getrieben. Er verließ also, nach erlangter Volljährigkeit im Jahr 1711, seine Heimath und begab sich nach Paris.

Sein erster Besuch war bei dem Grafen von Torigny, auf dessen Einfluß er zuverlässig rechnete, um bei Hofe eingeführt zu werden. Unglücklicherweise hatte der Graf Torigny grade damals selbst dort den Zutritt nicht, da er sich aber ungemein für die Familie Harmental interessierte, so empfahl er seinen Neffen dem Chevalier von Villarceaux, und dieser führte bereitwillig den jungen Mann bei der Frau von Maintenon ein.

Frau von Maintenon besaß eine treffliche Eigenschaft, nämlich: ihren frühern Liebhabern Freundin geblieben zu seyn. Sie empfing den Chevalier von Harmental mit großer Freundlichkeit, Dank den alten angenehmen Erinnerungen, die ihn bei ihr empfahlen, und als einige Tage darauf der Marschall von Villars ihr seine Aufwartung machte, legte sie ihm durch einige Worte ihren Schützling so dringend ans Herz, daß der Marschall, hocherfreut sich dieser Königin in partibus gefällig beweisen zu können, ihr erwiderte, daß er von dieser Stunde an zu seinem Generalstabe gehören solle, und daß er ihm in jeder Rücksicht behilflich seyn würde, die gute Meinung zu rechtfertigen, welche seine erhabene Beschützerin von ihm hege.

Es war eine ungemeine Freude für den Chevalier, sich ein solches Glücksthor erschlossen zu haben. Ein Feldzug stand bevor. Ludwig der Vierzehnte stand in der letzten Periode seiner Regierung, in der der Unfälle. Tallard und Marsin waren bei Hochstein geschlagen worden; Villeroy hatte bei Ramillys eine Niederlage erlitten, und selbst der Marschall Villars hatte gegen Marlborough und Eugen die berühmte Schlacht bei Malplaquet verloren. Das auf einen Augenblick durch Colbert und Louvois niedergebeugte Europa, erhob sich in Massen gegen Frankreich. Der König, einem verzweiflungsvollen Kranken gleich, welcher täglich einen Arzt ändert, veränderte täglich sein Ministerium; jeder Versuch aber deckte nur neue Schwächen auf. Frankreich konnte keinen Krieg mehr führen, und war außer Stande den Frieden zu schließen. Vergebens erbot es sich Spanien zu räumen und seine Gränzen zu beschränken, das war noch nicht Demüthigung genug! Man verlangte, daß der König den fremden Heeren den freien Durchzug durch Frankreich gestatten solle, damit sie seinen Enkel vom Throne Spaniens wegjagten; und daß er die festen Plätze: Cambrai, Metz, La Rochelle und Bayonne überliefere; wenn er es anders nicht vorzöge, spätestens innerhalb eines Jahres ihn mit den Waffen in der Hand selbst zu entthronen.

Unter diesen demüthigenden Bedingungen, war demjenigen ein Waffenstillstand zugestanden, der früher nach Willkür über Krieg und Frieden gebot, der sich »der Vertheiler von Kronen,« und »Zuchtruthe der Nationen« nannte, den man den Beinamen: »des Großen, des Unsterblichen« gegeben hatte, zu dessen Ehre man, seit einem halben Jahrhundert den Marmor und die Bronze bearbeitete, den Alexandriner abmaaß und den Weihrauch verschwendete! – Ludwig XIV. hatte in der Ministerversammlung geweint! – Seine Thränen hatten eine Armee in’s Leben gerufen, und diese Armee war unter den Befehl des Marschall Villars gestellt worden.

Villars zog gradeswegs dem Feinde entgegen, dessen Lager sich bei Denain befand, und der, überzeugt, daß Frankreich in den letzten Zügen liege, in Sicherheit schlummerte, Noch niemals hatte auf einem einzigen Haupte eine größere Verantwortlichkeit geruht; von einem einzigen Wurfe Villars hing Frankreichs Glück oder Unglück ab.

Die Alliierten hatten zwischen Denain und Marchiennes eine Befestigungslinie gebildet, welche Eugene und Albemarie, in ihrem voreiligen Stolze, die »Landstraße nach Paris« nannte. Villars beschloß, Denain durch Ueberrumpelung einzunehmen, den Albemarie zu schlagen, und alsdann Eugene zu bekämpfen.

Um ein so außerordentlich kühnes Unternehmen zu vollbringen, mußte nicht bloß der Feind, sondern auch die französische Armee getäuscht werden; der Erfolg dieses coup de main lag eben in dessen scheinbarer Unmöglichkeit.

Villars sprach daher laut seine Absicht aus, die Linien von Landrecies zu durchbrechen.

In einer bestimmten Stunde der Nacht brach sein ganzes Heer in dieser Absicht auf. Plötzlich aber erfolgt der Befehl, sich links abzuwenden. Drei Brücken werden in der Eil geschlagen. Villars passiert den Fluß, durchzieht Sümpfe, die man für ungangbar hielt, und wo dem Soldaten das Wasser bis zum Gürtel ging. Er erscheint wie ein Blitz vor den ersten Redouten, er nimmt sie fast ohne Flintenschuß, er wirft eine Befestigung nach der andern über den Haufen, erreicht Denain, durchschreitet den Graben, der es umgiebt, dringt in die Stadt und trifft dort auf dem Marktplatze seinen jungen Schützling, den Ritter von Harmental, welcher ihm den Degen Albemaries bringt, den er zum Gefangenen gemacht hat.

In diesem Augenblick wird Eugens Ankunft verkündet. Villars wendet sich schnell, langt vor ihm auf der Brücke an, die er passiren muß, fast Posto auf derselben und erwartet den Feind. Jetzt beginnt die wirkliche Schlacht, denn die Einnahme von Denain war nur ein Scharmützel. Eugene versucht Angriff auf Angriff; siebenmal wirft er eine besten Truppen der Artillerie und den Bayonetten entgegen, welche die Brücke vertheidigen; endlich, seine Kleider von Kugeln durchlöchert, sein Blut aus zwei Wunden dahinströmend, besteigt er sein drittes Pferd; der Sieger bei Hochstedt und Malplaquet zieht sich endlich zurück, indem er vor Zorn Thränen vergießt. Um sechs Uhr hat alles eine andere Gestalt angenommen: Frankreich ist gerettet und Ludwig XIV. wieder Ludwig der Große!

Harmental hatte sich betragen, wie jemand, der sich durch eine einzige That die Rittersporen verdienen will. Villars, der ihn mit Staub und Blut bedeckt, sieht, erinnert sich, wer ihn empfohlen. Er ließ ihn zu sich rufen, während er noch auf dem Felde der Schlacht den Bericht über dieselbe auf einer Trommel schrieb. Als er Harmental in der Nähe erblickte, hielt er einen Augenblick mit Schreiben inne und fragte: »Sind Sie verwundet?«

»Ja, Herr Marschall, aber so leicht, daß es nicht der Mühe werth ist, davon zu reden.«

»Fühlen Sie sich kräftig genug, sechzig Lieues zu Pferde zurückzulegen, und zwar im schnellsten Lauf, ohne sich auch nur eine Minute Rast zu gestatten.«

»Ich fühle mich zu allem kräftig, sobald es der Dienst des Königs und der Ihre verlangt.«

»So machen Sie sich unverzüglich auf den Weg. Eilen Sie zur Frau von Maintenon, erzählen Sie ihr Alles, was Sie mit Ihren eigenen Augen gesehen, und kündigen Sie im voraus den Courier an, der den Bericht über die gewonnene Schlacht überbringen wird. Will Frau von Maintenon. Sie zum Könige führen, so lassen Sie das geschehen.«

Harmental begriff die ganze Wichtigkeit des ihm geworbenen Auftrags, und staub- und blutbedeckt, wie er war, warf er sich, ohne die Kleider zu wechseln, auf ein frisches Pferd und sprengte auf die nächste Post; zwei Stunden darauf war er in Versailles. Villars hatte vorausgesehen, was sich ereignen würde. Bei den ersten Worten, die den Lippen des jungen Mannes entflogen, erfaßte Frau von Maintenon seinen Arm und führte ihn zum Könige. Der Monarch arbeitete gegen seine Gewohnheit mit Voisin in seinem Zimmer, denn er war ein wenig unwohl. Frau von Maintenon öffnete die Thür, führte Harmental zu den Füßen des Königs und rief mit zum Himmel emporgehobenen Händen: »Sire, danken Sie dem Ewigen, denn Sie wissen, daß wir nichts durch uns selbst sind, und daß alle Gnaden nur von Gott kommen.«

»Was gibts denn, sprechen Sie mein Herr!« rief Ludwig XIV., auf den jungen Mann blickend, der vor ihm knieete, den er aber nicht kannte.

»Sire, entgegnete der Chevalier, das Lager bei Dedain ist erobert, der Graf Albemarie ist zum Gefangenen gemacht, der Prinz Eugen ist auf der Flucht und der Marschall Villars legt seinen Sieg Ew, Majestät zu Füßen.«

Trotz der Gewalt, die er über sich selbst besaß, erblaßte Ludwig XIV. dennoch; er fühlte, daß seine Kniee schwankten, und er erfaßte den Tisch, um nicht in seinen Lehnsessel zurückzusinken.

»Was fehlt Ihnen Sire?« fragte Frau von Maintenon, indem sie sich ihm näherte.

»Ich fühle Madame, daß ich Ihnen alles verdanke,« entgegnete Ludwig XIV.,« Sie retten den König, Ihre Freunde retten das Königreich.

Frau von Maintenon neigte sich und küßte ehrfurchtsvoll die Hand des Monarchen. Ludwig XIV. trat darauf, noch immer bleich und tief bewegt, hinter den großen Vorhang, der den Salon von einem Schlafzimmer trennte, und deutlich hörte man ihn dort mit leiser Stimme ein Dankgebet sprechen. Bald darauf trat er wieder hervor, ruhig und ernst, so als ob nichts vorgefallen wäre. »Jetzt mein Herr,« sprach er, »erzählen Sie mir umständlich, was sich alles zugetragen hat.«

Harmental stattete nunmehr einen ausführlichen Bericht von jener merkwürdigen Schlacht ab, welche Frankreich gerettet hatte. Als er geendet hatte, fragte Ludwig XIV.: »Und von sich selbst, Herr, erzählen Sie nichts? Und dennoch sind Sie, wenn ich anders nach Ihren blutbefleckten und staubigen Kleidern urtheilen soll, nicht müßig geblieben?«

»Sire, ich that, was ich vermochte, erwiderte der junge Mann, mit ehrfurchtsvoller Verbeugung, »wenn übrigens von mir etwas zu berichten ist, so überlasse ich, mit Ew. Majestät Erlaubniß, dies dem Marschall von Villars.«

»Gut gesprochen, junger Mann, und sollte er es zufällig vergessen, so werden wir uns Ihrer erinnern.« Harmental zog sich freudeerfüllt zurück. Frau von Maintenon begleitete ihn bis zur Thür. Der Chevalier küßte ihr ehrerbietig die Hand, und beeilte sich alsdann Nahrung zu sich zu nehmen und der Ruhe zu pflegen; denn er hatte seit vierundzwanzig Stunden nichts genossen und nicht geschlafen.

Bei einem Erwachen ward ihm ein Päckchen überreicht, welches von dem Kriegsministerium für ihn eingegangen war, dasselbe enthielt seine Bestallung als Obrist. Zwei Monate darauf ward der Friede geschlossen; Spanien verlor die Hälfte seiner Monarchie, Frankreich aber blieb unangetastet. –

Ludwig XIV. starb und der Hof theilte sich in zwei verschiedenartige und unversöhnliche Partheien. Das Haupt der einen, der der Bastarde, war der Herzog von Maine, das der legitimen Prinzen, der Herzog von Orleans. Hätte der Herzog von Maine die Ausdauer, den kräftigen Willen und den Muth seiner Gemahlin Louise Benedicte von Condé besessen, er würde vielleicht den Sieg davon getragen haben, da er sich auf das königliche Testament stützen konnte; aber er hätte sich dann öffentlich vertheidigen müssen und der Herzog von Maine, schwach an Geist und Herz taugte nur für Dinge, die sich unter der Hand abmachen ließen. Er ward offen angegriffen und seine geheimen Schleichwege und Kunstgriffe wurden ihm nutzlos. Eines Tages ward, er und zwar fast ohne Kampf von der Höhe herabgestürzt, auf welche ihn die blinde Liebe des alten Königs gehoben hatte. Sein Fall war schwer und schmachvoll, er zog sich zurück, überließ die Regentschaft seinem Nebenbuhler und behielt von allen seinen Würden nichts, als die Oberaufsicht über die Erziehung der königlichen Kinder, den Befehl über die Artillerie und den Vortritt vor den Herzögen und Pairs.

Das Dekret des Parlaments versetzte dem alten Hof einen furchtbaren Schlag. Der Pater Letellier kam, seiner Verbannung zuvor, Frau von Maintenon flüchtete nach Saint-Cyr, und der Herzog von Maine zog sich nach der schönen Villa von Sceaux zurück.

Der Ritter von Harmental, als allerdings dabei interessirter aber dennoch ruhiger Zuschauer, hatte alle diese Intriguen mit angesehen, und immer darauf gewartet, daß sie eine Wendung nähmen, die ihm gestattete, daran Theil zu nehmen. Hätte es einem offenen Kampfe gegolten, so hätte er sich natürlich der Parthei angeschlossen, zu der ihn die Dankbarkeit trieb. Zu jung und noch zu keusch in der Politik, wenn wir uns anders dieses Ausdruckes bedienen dürfen, um stets den Mantel nach dem Winde zu hängen, blieb er dem Andenken des alten Königs und den Ruinen des alten Hofes getreu. Seine Abwesenheit vom Palais Royal, um welches jetzt alles herumkroch, das gern eine Rolle spielen wollte, ward als eine Widersetzlichkeit von seiner Seite ausgelegt, und eines Morgens empfing er demnach einen Beschluß, der seine Bestallung als Obrist zurücknahm.

Harmental besaß den Ehrgeiz seines Alters. Die einzige ehrenvolle Laufbahn, welche damals einem Cavalier offen stand, war die der Waffen; sein erstes Auftreten war so glänzend, und der Schlag, der in seinem fünfundzwanzigsten Jahre alle seine Hoffnungen zertrümmerte, traf ihn daher um so schmerzlicher. Er eilte zu dem Marschall von Villars, der früher sein eifriger Beschützer gewesen war; derselbe aber empfing ihn mit dem kalten Wesen eines Mannes, der gern das Vergangene in die Vergessenheit begraben möchte; auch begriff Harmental sogleich, daß der alte Hofmann im besten Zuge sei, die Farbe zu ändern, und er zog sich demnach bescheiden zurück.

Obgleich jenes Zeitalter, das Zeitalter des Egoismus war, war dennoch die erste Probe, welche der Chevalier davon erhielt, ungemein bitter; er befand sich aber grade in jenem glücklichen Alter, in welchem die Wunden des Ehrgeizes nicht anhaltend schmerzen. Der Ehrgeiz ist die Leidenschaft derjenigen, die keine andere mehr besitzen, Harmental aber besaß noch alle, von denen man im fünfundzwanzigsten Jahre bestürmt wird.

Ueberdem hatte sich der Zeitgeist damals noch nicht der Schwermuth zugeneigt. Sie ist ein modernes Gefühl, entstanden aus dem Umsturz der Glücksgüter und der Ohnmacht der Menschen. Im 18. Jahrhundert, als man noch nicht von dem Abstracten träumte und nach dem Unbekannten verlangte, suchte man das Vergnügen, den Ruhm, kurz das Glück gradeswegs auf, und wer nur schön, tapfer oder intriguant war, der konnte auch dorthin gelangen.

Der Ritter von Harmental war daher auch nur acht Tage lang traurig, dann mischte er sich wieder in die heitere Menge, ließ sich von dem Strome mit fortreißen, und dieser Strom führte ihn zu den Füßen einer schönen Frau.

Drei Monate lang war er nunmehr der glücklichste Mensch von der Welt; während dieser drei Monate vergaß er Sainte Cyr, die Tuillerieen und das Palais Royal; er wußte nicht, ob es noch eine Frau von Maintenon, einen König, oder einen Regenten gäbe. Er wußte nur, daß es angenehm sei zu lieben, wenn man geliebt wird.

In dieser behaglichen Gemüthstimmung befand er sich, als er, wie wir bereits erzählt haben, durch Lafare aus seinem schönen Traume aufgeschreckt wurde. Die Untreue seiner Geliebten führte jetzt seinen früheren Ehrgeiz zurück, und er gedachte jetzt zum ersten mal wieder schmerzlich an den Verlust seines Regiments.

Auch bedurfte es nur des zweiten geheimnißvollen Briefes, um seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben. Er beschloß demnach, sich auf dem Ball im Opernhause einzufinden; wenn wir aber der Wahrheit ihr Recht widerfahren lassen wollen, müssen wir eingestehen, daß dieser Vorsatz bei ihm wenigstens zum Theil durch die Bemerkung herbeigeführt wurde, daß die Handschrift des Briefes eine weibliche zu sein schien.




IV.

Ein Maskenball aus jener Zeit.

Die Fledermaus


Die Bälle im Opernhause hatten damals ihren höchsten Glanzpunkt erreicht. Sie waren eine durchaus zeitgemäße Erfindung des Chevalier von Bouillon, der dieses Dienstes bedurfte, den er dadurch der Zerstreuung suchenden Gesellschaft jener Zeit geleistet hatte, um Verzeihung, für den Titel eines Prinzen von Auvergne zu erhalten, den er, man wußte nicht recht, weshalb, angenommen hatte. Er war es auch, der die Kunst erfand, das Parterre bis zu dem Theater hinaufzuschrauben, und der Regent, als gerechter Anerkenner aller wichtigen neuen Erfindungen, hatte ihm zur Belohnung dafür eine Pension von 6000 Livres ausgesetzt. Das war vier Mal so viel, als der große König vormals Corneille verlieh!

Dieser herrliche Saal mit seiner reichen und schönen Architectur, den der Cardinal von Richelieu eingeweiht hatte, wo Lulli und Quinault ihre Werke aufführen ließen, und wo Moliere selbst in seinen schönsten Dichtungen aufgetreten war, war an diesem Abend der Versammlungsplatz von allen vornehmen, glänzenden und eleganten Personen des Hofes. Harmental hatte in einem, in seiner Lage natürlichen Anfluge von Verdruß, seiner Toilette heute mehr Sorgfalt gewidmet als gewöhnlich. Auch war der Saal bereits gefüllt, als er anlangte, so daß er einen Augenblick befürchtete, die Maske mit dem veilchenblauen Bande werde ihn nicht auffinden, da sie verabsäumt hatte ihm genau eine Stelle anzugeben, wo er fiel treffen würde. Er freuete sich daher sich nicht maskiert zu haben; ein Verfahren, welches ein großes Vertrauen auf die Verschwiegenheit seiner Gegner setzte, denn es hätte denselben ein einziges Wort gekostet um ihn in die Bastille zu bringen.

Die erste Person, der er begegnete, war der junge Herzog von Richelieu, den seine Name, seine Liebesabentheuer und seine Eleganz so eben in die Mode brachten. Man versicherte, daß sich zwei Prinzessinnen aus dem königlichen Hause seine Liebe streitig machten, welches nicht verhinderte, daß zu gleicher Zeit Frau von Nesle und Frau von Polignac um seinetwillen Kugeln mit einander wechselten; über dem theilten sich noch die Damen Sabran, die Villars, de Mouchy und de Tencin in ein Herz. Er sprach so eben den Marquis von Camillac an, einen der Roués des Regenten, den Sr. Königliche Hoheit wegen seiner affektierten Strenge, seinen Mentor nannte, und erzählte demselben eine Geschichte mit lauter, Aufsehen erregender Stimme. Der Chevalier Harmental kannte den Herzog, jedoch nicht genug, um sich in ein bereits begonnenes Gespräch zu mischen; er war es ja nicht den er suchte, und schon wollte er an ihm vorüber, als der junge Herzog ihn am Schooße seines Kleides zurückhielt,

Auf meine Ehre, mein lieber Chevalier, Sie sind hier keineswegs zu viel, rief er, »ich erzähle dem Camillac so eben ein Abentheuer, welches ihm als nächtlichem Begleiter Sr. Hoheit des Regenten, von Nutzen seyn kann; es kann es auch Ihnen seyn, falls Sie ähnlicher Gefahr wie ich ausgesetzt sein sollten. Die Geschichte ist erst heute passiert, und das erhöht ihren Werth, denn bis jetzt hatte ich nur Zeit sie höchstens zwanzig Personen zu erzählen, so daß sie fast noch ganz unbekannt ist. Verbreiten Sie dieselbe, es wird mir und dem Regenten angenehm seyn.

Harmental runzelte die Stirn; Richelieu hatte schlecht seine Zeit gewählt, in diesem Augenblick eilte der Chevalier von Ravanne vorüber, welchen eine Maske verfolgte. »Ravanne a rief Richelieu, »Ravanne!«

»Ich habe keine Zeit,« entgegnete der Chevalier.

»Wissen Sie nicht, wo Lafare steckt?«

»Er leidet an Migraine.«

»Und Fargy?«

»Er hat sich den Fuß verrenkt.« Mit diesen Worten verlor sich Ravanne unter der Menge, nachdem er mit seinem Gegner von diesem Morgen den freundschaftlichsten Gruß gewechselt hatte.

»Nun zu unserer Geschichte,« sprach Camillac.

»Also hören Sie: Denken Sie sich, vor einiger Zeit als ich die Bastille verließ, wohin mich mein Duell mit Gace gebracht hatte, nachdem ich mich drei oder vier Tage wieder in der Welt gezeigt, überbrachte mir Raffé ein Billet von der Frau von Parabere, worin sie mich einlud, den Abend bei ihr zuzubringen. Sie begreifen Chevalier, daß man in einem Augenblick, in welchem man die Bastille verläßt, keine Rendezvous zurückweist, das einem von der Geliebten dessen gegeben wird, der die Schlüssel zu derselben besitzt. Es versteht sich daher von selbst, daß ich mich zur bestimmten Stunde einfand. Wen aber erblickte ich neben ihr auf dem Sopha? Ich bitte, rathen Sie!«

»Vielleicht gar ihren Gemahl?« fragte Camillac.

»Im Gegentheil! Sr. Königliche Hoheit in eigner erlauchter Person. Ich war um so mehr erstaunt, da ich auf höchst geheimnißvolle Weise hereingeführt worden war. Ich ließ, wie Sie denken können, mich indes nicht verblüffen, sondern nahm eine ernste, bescheidene und ruhige Haltung an, eine Haltung, so ungefähr wie die Deine, Camillac. Ich begrüßte die Marquise mit einer Ehrerbietung, welche dem Herzog ein lautes Gelächter entlockte. Das hatte ich nicht erwartet, und es machte mich ein wenig verwirrt. Ich wollte einen Sessel nehmen, der Herzog aber winkte mir, mich auf das Sopha zur andern Seite der Marquise zu setzen. Ich gehorchte.

»Mein lieber Herzog,« begann der Regent, »wir haben Sie um einer sehr verwickelten Sache willen hierher beschieden. Hier unsre arme Marquise, welche seit zwei Jahren von ihrem Gemahl getrennt ist, wird von dem rohen Menschen mit einem Prozesse bedroht, unter dem Vorwand, daß sie einen Liebhaber habe.«

»Die Marquise that was in ihren Kräften stand, um zu erröthen, da es ihr aber nicht gelingen wollte, verbarg, sie ihr Gesicht mit ihrem Fächer.

»Bei dem ersten Worte, welches sie hierüber gegen mich fallen ließ, fuhr der Regent fort, »ließ ich Argenson rufen und fragte ihn, wer dieser Liebhaber seyn könne.«

»Ich bitte Ew. Königlichen Hoheit, schonen Sie meiner,« flehte die Marquise.

»Nun, nun, mein Täubchen, nur ruhig, ich bin gleich fertig. Wissen Sie, mein lieber Herzog, was der Polizei-Lieutenant mir antwortete? Er entgegnete, der Liebhaber wäre entweder ich oder Sie!

»Das ist eine schändliche Verläumdung, rief ich:

»Leugnen Sie nicht, mein lieber Herzog, die Marquise hat bereits alles eingestanden.«

»Wenn das der Fall ist, versetzte ich, »so habe ich ja weiter nichts zu berichten.«

»Auch,« fuhr der Regent fort, »verlange ich von Ihnen keine umständliche Auskunft, es kommt hier nur darauf an, uns als Mitschuldige eines Verbrechens gegenseitig aus der Affaire zu ziehen.«

»Und was haben Sie zu fürchten, gnädiger Herr?« fragte ich, »was mich betrifft, unter dem Schutze Ew, Königlichen Hoheit trotzte ich jeder Gefahr.«

»Was wir zu fürchten haben? das Geschrei des Parabere, der nur will daß ich ihn zum Herzog mache.«

»Nun, und wenn wir ihn nun zum Pair machten?« bemerkte ich scherzhaft.

»Das wollen wir,« riefen Sr. Königliche Hoheit lachend, »Sie hatten denselben Gedanken wie die Marquise.«

»Viel Ehre für mich!«

»Es bedarf einer Art von Aussöhnung zwischen den beiden zärtlichen Gatten, welche den Marquis verhindert, uns einen fatalen Prozeß an den Hals zu werfen. Die Sache ist indeß nicht ohne Schwierigkeit, Parabere will seine Gemahlin durchaus nicht bei sich empfangen.«

»So muß man ihn zu ihr bringen, entgegnete ich.

»Da eben liegt die Schwierigkeit. Wie das bewerkstelligen?»

»Entschuldigen Sie, Frau Marquise, ohne unbescheiden zu seyn, liebt Herr von Parabere noch immer den Chambertin?«

»Ich besorge ja,« antwortete die Befragte.

»Dann sind wir gerettet, gnädigster Herr! Ich lade den Herrn Marquis zum Soupee meinem kleinen Hause ein, ein Dutzend Libertins und hübsche Weiber sollen zugegen seyn. Sie, gnädigster Herr, senden den Dubois – –

»Wie, den Dubois?« fragte der Regent.

»Ohne Zweifel, es ist durchaus nothwendig, daß einer von uns nüchtern bleibe. Dubois selbst trinkt nicht, er muß aber Sorge tragen, daß der Marquis tüchtig trinke. Wenn alles dann unter dem Tische liegt, fischt er ihn heraus und macht mit ihm was er will das Uebrige ist die Sache seines Kutschers.«

»Habe ich es nicht gesagt, daß Richelieu uns einen guten Rath geben würde?«, fragte der Regent; »Wissen Sie was, Sie sollen es unterlassen gewisse Paläste zu umkriechen, Sie sollten die Alte in Saint-Eyr ruhig sterben lassen und sich uns anschließen.«

Ich zuckte die Achseln.

»Eigensinniger Kopf murmelte der Regent.

»Und der Herr von Parabere?« fragte der Chevalier von Harmental welcher neugierig war.

Herr von Parabere? Ey, mit dem ging alles nach Wunsch. Er schlief gestern Abend bei mir ein, und erwachte diesen Morgen bei seiner Gemahlin. Sie begreifen, daß er einen gewaltigen Lärm machte, aber es konnte nicht mehr von einem Prozesse die Rede seyn. Sein Wagen rollte in das Hotel seiner Gemahlin, die ganze Dienerschaft kann seine Anwesenheit bezeugen. Er ist wider seinen Willen mit seiner Frau ausgesöhnt. Wollte er sich jetzt noch über dieselbe beklagen, so würde man ihm unwiderlegbar beweisen, daß er sie anbetet, und daß sie das unschuldigste Weib von der Welt ist.«

»Chevalier, flötete in diesem Augenblick eine sanfte Stimme in das Ohr Harmentals, »wenn Sie Ihr Gespräch mit dem Herrn von Richelieu beendigt haben werden, so nehme ich Sie in Anspruch.

»Entschuldigen Sie, Herr Herzog, sprach der Chevalier, »aber Sie sehen, man entführt mich.«

»Ich lassen. Sie fort, jedoch nur unter einer Bedingung?«

»Und unter welcher?«

Unter der, daß Sie meine Geschichte jener allerliebsten Fledermaus mit dem Bedeuten erzählen, daß sie sie allen Nachtvögeln ihrer Bekanntschaft mittheile.

»Ich fürchte sehr, dazu keine Zeit zu haben, entgegnete Harmental.

»In diesem Falle desto besser für Sie, lachte der Herzog, indem er den Chevalier losließ, den er bis jetzt fortwährend am Kleide festgehalten hatte; »dann haben Sie jener Maske gewiß etwas Besseres zu erzählen.«

So sprechend wandte er sich und nahm den Arm eines Dominos, der ihm im Vorübergehen über sein Abentheuer ein Compliment gemacht hatte. Der Chevalier von Harmental warf einen flüchtigen Blick auf die Maske, welche ihn angeredet hatte, und er sah wirklich auf ihrer linken Schulter das veilchenblaue Band, das ihm als Erkennungszeichen dienen sollte. Er beeilte sich daher sich von Canillac und Richelieu zu entfernen, damit ein Gespräch nicht behorcht werde, das für ihn von Interesse sein würde.

Die Maske, welche durch den sanften Ton ihrer Stimme ihr Geschlecht verrathen hatte, war von mittlerer Größe, und schien, nach ihren elastischen Bewegungen zu urtheilen, noch eine sehr junge Frau, was übrigens ihr Aeußeres betraf, so war es für jetzt unmöglich, sich darüber Gewißheit zu verschaffen, denn die Maske einer Fledermaus ist bekanntlich ganz besonders geeignet, alle körperlichen Vorzüge und Mängel zu verdecken.

»Chevalier nahm endlich die Maske das Wort,« und zwar ohne sich die Mühe zu geben ihre Stimme zu verstellen, denn vermuthlich glaubte sie, dieselbe say ihrem Begleiter unbekannt, »wissen sie auch daß ich Ihnen, zumal bei Ihrer jetzigen Gemüthstimmung für Ihr Erscheinen zwiefach verpflichtet bin. Leider kann ich diese Ihre Pünktlichkeit keinem andern Gefühl als dem der Neugier zuschreiben.

»Schöne Maske, entgegnete Harmental, hast Du mir nicht geschrieben, daß Du mein guter Genius seyn wolltest? Gehörst Du vielleicht den Ueberirdischen an, so müssen Dir Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht verborgen sein. Du wußtest also, daß ich kommen würde und meine Anwesenheit kann Dich nicht überraschen.«

»Ach, entgegnete die Unbekannte, »man sieht, daß Du nur ein schwacher Sterblicher bist und das Glück hattest, Dich niemals über Deine Sphäre zu erheben, sonst würdest Du wissen, daß wenn wir auch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kennen, wir diese Wissenschaft doch nicht bei Dingen anwenden können, die uns selbst betreffen; dasjenige gerade, was wir am liebsten wissen möchten, bleibt vor uns am dichtesten verhüllt.«

»Alle Teufel,« erwiderte Harmental, »wissen Sie wohl, mein Herr Genius, daß mir die Sache sehr langweilig wird, wenn Sie mit solchen Reden fortfahren. Machen wir jetzt unser Gespräch interessanter, schöne Maske, da Dir in Betreff Anderer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bekannt sind, so zeige mir Deine Kunst!«

»Nichts leichter als das,« sprach die Unbekannte, »reiche mir Deine Hand.«

Harmental that wie sie begehrte.

»Wackerer Ritter,« bemerkte die Maske, nachdem die seine Hand einen Augenblick lang forschend betrachtet hatte, »ich lese hier fünf Worte, welche die ganze Geschichte Deines Lebens enthalten. Diese Worte heißen: Muth, Ehrgeiz, Enttäuschung, Liebe, Verrath.«

»Mein Seel, Du hast Deine Studien trefflich gemacht mein guter Genius, rief der Chevalier erstaunt.

Ein Genius weiß alles, was die Menschen wissen, und noch weit mehr, fuhr die Maske fort. Aus jenen fünf Worten weiß ich, daß es Dein Muth war, der Dich zum Obristen erhob, daß diese Erhebung Deinen Ehrgeiz weckte, daß eine Enttäuschung Deiner Hoffnungen folgte, daß Du in der Liebe dafür Entschädigung suchtet, daß aber diese Dir Verrath bereitete.

Nicht übel, entgegnete der Chevalier, »eine Sybylle hätte sich nicht besser aus der Sache ziehen können. Jetzt aber zur Gegenwart, schöne Maske, zur Gegenwart.«

Die Gegenwart, Chevalier? Von der wollen wir leise sprechen, denn sie schmeckt etwas nach der Bastille!«

Harmental fuhr ein wenig zusammen, denn er glaubte, daß außer denjenigen, welche zugegen gewesen waren, Niemand etwas von der Geschichte dieses Morgens wissen könne.

»Es liegen,« fuhr die Unbekannte fort, in diesem Augenblick zwei wackere Cavaliere traurig auf ihrem Lager, während wir hier mit einander schwatzen, und das, weil ein gewisser Chevalier von Harmental ein großer Horcher an den Thüren, sich eines Spruches des Virgil nicht erinnert hat.

»Und wie lautet dieser Spruch« fragte der Chevalier, dessen Erstaunen sich mit jedem Augenblicke steigerte.

»Facilis descensus Averni,« rief lachend die Fledermaus.

»Ich wußte wahrlich nicht, daß die Genien die Aeneide studierten, versetzte Harmental. »Mit der Gegenwart wären wir fertig, jetzt zur Zukunft.«

»Es giebt zweierlei Arten,« nahm die Maske wieder das Wort, eine Zukunft für schwache, und eine Zukunft für starke Seelen, der Himmel hat es den Sterblichen freigestellt, zu wählen; Deine Zukunft hängt also von Dir selbst ab.«

Aber man muß sie doch beide kennen, um die Beste wählen zu können.«

»Wolan, eine derselben erwartet Dich in der Umgegend von Nevers, in der Mitte einer Provinz von Deinen Kaninchen und Deinen Hühnern umgeben; diese führt Dich ganz gemächlich zum Amte eines Kirchenvorstehers der Gemeinde; das ist ein solides, bescheidenes Ziel und leicht wirst Du es erreichen, Du bist ganz auf dem Wege dahin.«

»Und die andere Zukunft?« fragte der Chevalier etwas pikiert, daß man glauben könne, er werde sich je mit einem solchen Schicksale begnügen.

»Die Andere,« versetzte die Fremde, indem sie ihren Arm auf den des jungen Mannes legte und ihm scharf und forschend ins Auge blickte, »die Andere wirft Dich aus der Dunkelheit hinaus, in das lebendige Getreibe; sie wird aus Dir einen der Schauspieler auf der Bühne der Welt machen; sie hinterläßt Dir, ob Du verliert oder gewinnst, in jedem Falle die Berühmtheit eines großen Spielers.«

»Wenn ich verliere, was verliere ich alsdann? fragte ernst der Chevalier.

»Das Leben wahrscheinlich.«

Harmental machte ein Zeichen der Geringschätzung. »Und wenn ich aber gewinne?« fügte er hinzu.

»Was meinst Du von dem Range eines Generals? Eines Grands von Spanien? eines Ritters vom Orden des heiligen Geistes, mit der Aussicht auf den Marschallstab?«

»Ich meine, daß der Gewinn des Spieles werth ist. Kannst Du mir den Beweis liefern, daß Du zu halten vermagst, was Du verspricht, so hat Du in mir den rechten Mann gefunden.«

»Diesen Beweis kann Dir nur ein Andrer geben. Verlangst Du ihn, so folge mir.

»Wie, sollte ich mich getäuscht haben?« fragte Harmental, »wärst Du nur ein Genius vom zweiten Range? Ein untergeordneter Geist, ein vermittelndes Princip? Teufel, das würde meinen Respekt gegen Dich vermindern!« … .

»Was kümmert es Dich, wenn ich nun wirklich einer mächtigen Zauberin unterworfen wäre, und wenn sie es wäre, die mich hergesandt?«

»Ich sage Dir, ich unterhandle mit keinem Abgesandten.«

»Ich habe ja den Auftrag, Dich zu ihr zu geleiten.«

»So werde ich sie also sehen?

»Von Angesicht zu Angesicht, wie Moses den Herrn!«

»So laß uns gehen!«

»Sie haben große Eile, Chevalier. Bedenken Sie, daß man bei gewissen geheimen Gesellschaften den Neuling vor seiner Aufnahme Ceremonien unterwirft, um sich seiner Verschwiegenheit zu versichern.«

»Was muß ich thun, sprich?«

»Sie müssen sich die Augen verbinden und sich dahin führen lassen, wohin man für gut findet, Sie zu bringen. Vor der Pforte des Tempels angelangt, müssen Sie alsdann den feierlichen Schwur ablegen, niemals dasjenige verrathen zu wollen, was Sie sehen und hören werden.«

»Ich bin bereit, dies bei dem Styr zu schwören, entgegnete lächelnd Harmental.

»Nein, Chevalier,« erwiderte die Unbekannte mit ernster Stimme, »Sie werden nur bei Ihrer Ehre schwören – man kennt Sie und das reicht vollkommen hin.«

»Und wenn ich den Schwur abgelegt,« fragte der Chevalier, nachdem er einen Augenblick lang sinnend dagestanden, »wird es mir alsdann noch gestattet seyn, mich zurückzuziehen, falls ich das, was man von mir verlangt, mit den Grundsätzen eines Ehrenmannes nicht übereinstimmend finden sollte?«

»Ihr Gewissen soll allein. Ihr Schiedsrichter seyn, und Ihr Ehrenwort reicht als Bürgschaft hin,«

»So bin ich bereit,« rief der Chevalier.

»Wolan, so lassen Sie uns gehen,« flüsterte die Maske.

Harmental wollte anfangs grade zur Eingangsthür schreiten, da er aber in der Nähe derselben mehrere seiner Bekannten gewahrte, wandte er sich rechts hin, um auf einem Umwege dorthin zu gelangen.

»Was beginnen Sie?« fragte die Maske.

»Ich vermeide das Zusammentreffen mit Leuten, die mich aufhalten könnten.«

»So,« lächelte die Maske, »ich fürchtete schon, Sie hätten sich eines anderen besonnen.«

Bald darauf befanden sie sich in der Vorhalle. Sie traten hinaus und die Fledermaus führte den Chevalier in die Straße St. Honoré. Ein einfacher Wagen, ohne Wappen, mit zwei dunkelfarbigen Pferden bespannt, hielt dort an der Ecke der Straße Pierre Lescot. Der Kutscher saß auf dem Bock, bis über das Kinn in einen dichten Mantel gehüllt und den breitkrempigen Hut tief ins Gesicht hinabgedrückt, so daß man nichts von ihm erkennen konnte. Ein Bedienter hielt mit der einen Hand den Schlag geöffnet, mit der andern bedeckte er sich mit einem Taschentuche das Gesicht.

»Steigen Sie ein,« sprach die Maske zu dem Chevalier gewandt.

Harmental zögerte noch einen Augenblick: diese beiden Diener ohne Livree, welche gleich ihrer Herrin sichtbar bemüht waren, ihr Incognito zu behaupten der Wagen ohne Schild, ohne Namenszug der abgelegene Ort, wo er hielt die späte Stunde, alles flößte dem Chevalier ein ganz natürliches Mißtrauen ein; jedoch bedenkend, daß es nur eine Dame say, die er zur Seite hatte, und daß er einen Degen trug, sprang er rasch in den Wagen. Die Fledermaus setzte sich neben ihn, und der unbekannte Bediente warf den Wagenschlag in eine Feder, die zweimal zu sprang, so, als ob man einen Schlüssel drehe.

»Nun, geht es nicht vorwärts?« fragte der Chevalier, als er bemerkte, daß der Wagen noch immer still hielt.

»Wir müssen zuvor eine kleine Vorsichtsmaßregel beobachten, entgegnete die Maske, indem sie ein seidnes Tuch hervorzog.«

»Ja, so,« lächelte Harmental, das hatte ich vergessen. Nun nur zu, ich überlassen mich Ihnen vertrauensvoll.«

Die Maske verband ihm die Augen. »Chevalier,« sprach sie alsdann, »Sie geben mir Ihr Wort, diese Binde nicht zu lösen, bis Ihnen dazu die Erlaubniß geworden.«

»Ich gebe Ihnen mein Wort darauf.«

»Wolan!« – Sie ließ das vordere Fenster nieder. »Sie wissen wohin, Herr Graf, sprach sie zu dem Kutscher gewandt. Und der Wagen rollte rasch von dannen.




V.

Das Arsenal


Eben so belebt, als das Gespräch auf dem Balle war, eben so tief war das Schweigen während der Fahrt.

Dieses Abentheuer, dem anfangs nur eine Liebesintrigue zum Grunde zu liegen schien, hatte plötzlich eine andere Wendung bekommen, und schien einen politischen Charakter annehmen zu wollen. Wenn diese Richtung auch den Chevalier nicht erschreckte, so gab sie ihm doch hinlänglichen Stoff zum Nachdenken.

Es giebt in dem Leben eines jeden Menschen, einen Augenblick, der über sein ganzes Schicksal entscheidet. Dieser Moment, so wichtig er auch immer seyn mag, wird nur selten durch Berechnung vorbereitet, und durch den Willen geleitet; in der Regel wird der Mensch vom Zufalle, wie das Blatt vom Winde, nach einer ihm fremden Richtung hingeschleudert, wo er den Willen einer höhern Macht gehorchen muß, und wo er, indem er glaubt sein eigner Herr zu seyn, doch nur der Sclave der Umstände und das Spielwerk der Begebenheiten ist.

So war es grade mit dem Chevalier. Wir haben bereits gesehen, durch welche Thür er nach Versailles gelangte, und wie ihn Interesse und Dankbarkeit an den alten Hof fesselten. Harmental hatte niemals berechnet, welches Gute oder Böse Frau von Maintenon Frankreich zugefügt hatte; er hatte nie über das Recht oder die Gewalt nachgedacht, welche Ludwig XIV. hatte, seine natürlichen Söhne zu legitimieren; er hatte auf der Wagschaale der Genealogie den Herzog von Maine gegen den Herzog von Orleans nicht abgewogen; sein Instinkt hatte ihn gelehrt, sein Leben denjenigen zu widmen, die ihn der Dunkelheit entrissen. Und als er todt war, der alte König, als der Chevalier in Erfahrung brachte, daß, dem letzten Willen desselben zufolge, der Herzog Maine die Regentschaft bekommen sollte, als er sah, wie das Parlament diesen letzten Willen vernichtete, hatte er die Machterlangung des Herzogs von Orleans als eine Usurpation betrachtet; und in der Ueberzeugung, daß man sich mit bewaffneter Hand gegen diese Gewaltthat erheben würde, hatte er sich fortwährend in Frankreich nach einem Banner umgeschauet, unter welchem zu fechten mit seinem Gewissen übereinstimmte. Zu einem großen Erstaunen aber hatte sich nichts dergleichen ereignet. Spanien, welches so sehr dabei interessiert war, an der Spitze Frankreichs ein ihm freundlich gesinntes Oberhaupt zu wissen, hatte nicht einmal protestiert. Der Herzog von Maine hatte sich, müde des Kampfes, hatte derselbe gleich nur einen Tag gewährt, in die Dunkelheit zurückgezogen, der er, wie es schien, nur wider Willen entrissen, wurde. Herr von Toulouse, sanft, friedfertig, gutmüthig und sich fast der Gunst schämend, mit der er und sein älterer Bruder überhäuft worden war, ließ auch nicht in der Ferne argwöhnen, daß er jemals als Chef einer Parthei auftreten würde. Der Marschall von Villeroy leistete eine armselige Opposition, in welcher weder Plan noch Berechnung war, Villars suchte niemand auf, wartete aber offenbar darauf, daß man ihn aufsuchen würde. D’Urelles hatte sich ausgesöhnt und die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten übernommen. Die Herzöge und Pairs schmeichelten dem Regenten, in der Hoffnung, daß er den Herzögen von Maine und von Toulouse den Vortritt wieder nehmen werde, den Ludwig XIV. diesen vor ihnen eingeräumt hatte. Nirgends also fand der Chevalier Harmental einen Punkt, an dem er sich halten konnte und eben deshalb hatte er das schon halbgezückte Schwert in die Scheide zurückgestoßen. Jetzt aber war eine Phantasie aufs Neue aufgeregt. Die ihm in der Ferne gezeigte glänzende Aussicht beschäftigte seine Gedanken, und obgleich bereits eine halbe Stunde vergangen war, seitdem der Wagen mit ihm davon rollte, war ihm dennoch die Zeit nicht lang geworden.

Endlich bemerkte er, daß der Wagen in ein Gewölbe hineinrasselte, er hörte eine Gitterthür öffnen und hinter ihm sich wieder verschließen; gleich darauf beschrieb der Wagen einen Halbkreis und hielt an.

»Chevalier,« sprach seine unbekannte Gefährtin, »haben Sie sich eines Anderen besonnen, so können Sie noch jetzt zurück; ist Ihr Entschluß aber noch derselbe, so kommen Sie mit mir.«

Statt aller Antwort, reichte ihr Harmental die Hand hin. Der Diener öffnete den Wagenschlag, die Unbekannte stieg zuerst aus, dann half sie dem Chevalier aus dem Wagen. Seine Füße berührten alsbald Stufen; er stieg von der Maske geführt, deren sechs hinan, und gelangte über einen Flur endlich in ein Gemach. Jetzt hörte er, wie der Wagen wieder fortrollte.

»Wir sind an Ort und Stelle, er nahm die Unbekannte wieder das Wort, »erinnern Sie sich auch noch unserer Bedingungen, Chevalier? Noch haben Sie freie Hand in dem Drama, welches sich vorbereitet, eine Rolle zu übernehmen, oder nicht. Im Falle einer Weigerung schwören Sie an niemand, wer es auch immer seyn mag, etwas von dem zu offenbaren, was Sie hier sehen oder hören werden.«

»Ich schwöre es, bei meiner Ehre!« betheuerte Harmental.

»So setzen Sie sich, und warten Sie in diesem Zimmer; lösen Sie die Binde vor Ihren Augen nicht, bevor der Schlag der Uhr im angränzenden Gemach die zweite Stunde verkündet haben wird. Sie werden nicht lange zu warten haben.«

Bei diesen Worten entfernte sich die Unbekannte. Eine Thür öffnete sich und schloß sich wieder; gleich darauf, ja fast in demselben Augenblicke schlug es zwei Uhr und – der Chevalier riß das Tuch von seinen Augen.

Er befand sich allein in dem geschmackvollsten Boudoir, das man sich nur denken konnte. Es war eine kleine mit Himmelblau und Silber ausgeschlagene Piece, die Möbel waren von kostbarer Tapisserie-Arbeit. Auf den Tischen und in den Nischen prangte das reichste Porzellan. Der Fußboden war mit einem köstlichen buntfarbigen Teppich bedeckt; die Decke war von Vatheaus Meisterhand gemalt, der grade damals Mode zu werden begann! Bei diesem Anblick konnte der Chevalier kaum glauben, daß er wegen einer ernsten Sache hierher berufen worden, und er kehrte fast zu seiner früheren Idee zurück.

In diesem Augenblick öffnete sich eine versteckte Wandthür und Harmental gewahrte eine weibliche Gestalt, die er bei seiner aufgeregten Phantasie leicht für eine Fee hätte halten können, so schlank und ätherisch war sie gebaut. Sie trug ein silbergraues mit Blumen gesticktes Kleid, welche Letztere so kunstvoll gearbeitet waren, daß man sie in einiger Entfernung für natürliche Blumen halten konnte. Reiche Spitzen, Perlen und Diamanten, schmückten ihren prachtvollen Anzug. Ihr Antlitz war mit einer halben Maske von schwarzem Sammt bedeckt, die untere Hälfte derselben bestand aus schwarzen Spitzen.

Der Chevalier von Harmental verbeugte sich tief, denn die Haltung und das Wesen der Unbekannten hatten etwas Königliches, und es war ihm jetzt klar, daß diejenige, die ihn hierhergeführt, nur eine Abgesandtin gewesen sey,

»Darf ich meinen Augen trauen!« rief Harmental, »bin ich wirklich so glücklich, die reizende Fee zu schauen, welche diesen Zauberpalast bewohnt?«

»Ach, Chevalier, versetzte die maskierte Dame, in einem weichen aber bestimmten Tone, »ich bin keine mächtige Fee, sondern im Gegentheil, eine arme Prinzessin, die von einem boshaften Zauberer verfolgt wird, der mir meine Krone geraubt hat, und der mein Königreich schwer bedrückt. Wie Sie sehen, suche ich einen tapferen Ritter, der mich befreiet, und Ihr Ruf machte, daß ich mich in dieser Rücksicht an Sie wandte.

»Wenn es nur meines Lebens bedarf, um Ihnen Ihre frühere Macht wieder zu verschaffen, gnädigste Frau,« erwiderte Harmental, »so sprechen Sie nur ein einziges Wort, und ich bin bereit, es mit Freuden Preis zu geben. Wer ist der Zauberer, der bekämpft werden, wer ist der Riese, der bezwungen werden muß? Da Sie mich vor allen Anderen erwählt haben, so werde ich mich der Ehre, die Sie mir erwiesen, würdig bezeigen. Ich schwöre es, mich Ihrem Dienste weihen zu wollen, und sollte es mir den Untergang bereiten.«

»In jedem Falle würden Sie in guter Gesellschaft untergehn, versetzte die Dame, indem sie die Maske vom Antlitz nahm, »Sie würden untergehn mit dem Sohne Ludwig XIV. und mit der Enkelin des großen Condé.«

»Frau Herzogin von Maine,« rief Harmental, indem er das Knie beugte. »Mögen Ew. Hoheit es entschuldigen, wenn ich, der ich Sie nicht kannte, etwas äußerte, was im Widerspruche mit der tiefen Verehrung steht, die ich für Sie empfinde.«

»Sie haben nichts gesprochen, Chevalier, wofür ich Ihnen nicht erkenntlich seyn müßte,« sprach die Herzogin, »vielleicht aber bereuen Sie, was Sie geäußert, in diesem Falle sind Sie frei und können Ihr Wort zurücknehmen.«

»Der Himmel bewahre mich, daß ich, nachdem ich mein Leben einer so edlen und erlauchten Prinzessin gewidmet, so thöricht seyn könnte, auf die größte Ehre zu verzichten, der ich mich jemals erfreuete. Nein gnädigste Frau, mein Arm, mein Schwert, mein Leben, sind fortan nur Ihnen geweiht.«

»Wolan, Chevalier, nahm die Herzogin von Maine, mit dem ihr eigenthümlichen bezaubernden Lächeln das Wort, »ich sehe, daß der Baron von Valef mich rücksichtlich Ihrer nicht getäuscht hat, und daß Sie ganz und gar der Mann sind, den er geschildert. Kommen Sie, daß ich Sie jetzt unsern Freunden vorstelle.«

Die Herzogin von Maine schritt voran; Harmental folgte ihr, noch ganz bestürzt von dem was sich zugetragen hatte, jedoch fest entschlossen, rüstig auf der Bahn, die er betreten, weiter zu schreiten. Die Herzogin öffnete nach einigen Schritten über den Corridor, die Thür eines Saals, in welchem sich vier Personen befanden. Der Kardinal von Polignac, der Marquis von Pompadour, Herr von Malezieux und der Abbé Brigaud.

Der Cardinal von Polignac galt für den Liebhaber der Herzogin von Maine. Es war ein schöner Mann von vierzig bis fünfundvierzig Jahren, stets in der sorgsamsten Toilette, von Ehrgeiz verzehrt, aber durch seine Charakterschwäche vom Handeln zurückgehalten.

Herr von Pompadour, war ein Mann von fünfundvierzig bis fünfzig Jahren, welcher Edelknabe bei dem Dauphin, Sohn Ludwigs XIV. gewesen war, und so viel Liebe und Ehrfurcht für die Familie des großen Königs eingesogen hatte, daß er es nicht ohne Schmerz mit ansehen konnte, wie der Regent Philipp V. den Krieg erklärte, und eifrig die Parthei des Herzogs von Maine ergriff. Ja, stolz und uneigennützig, wie man es zu jener Zeit selten traf, hatte er dem Regenten das Brevet seiner Pension und das seiner Gemahlin zurückgeschickt.

Herr von Malezieux war ein Mann von sechzig bis fünfundsechszig Jahren, Kanzler von Dombes und Herr von Chatenau, ein Doppeltitel, den er der Erkenntlichkeit des Herzogs von Maine verdankte, dessen Erziehung er besorgt hatte. Er war ein Lebemann, ein Sybarit des achtzehnten Jahrhunderts, dabei aber der Familie Maine und ganz besonders der Herzogin, für die er, im wahren Sinne des Worts, durchs Feuer gegangen wäre, wahrhaft zugethan.

Der Abbé Brigaud war der Sohn eines Kaufmanns in Lyon. Sein Vater, welcher große Handelsverbindungen mit dem spanischen Hofe hatte, erhielt den Auftrag, so als ob die Idee dazu in seinem eigenen Kopfe entstanden wäre, jenem Eröffnungen wegen einer Verbindung des jungen Ludwigs XIV. mit der Infantin Maria Theresia von Oestreich zu machen. Wären diese Eröffnungen ungünstig aufgenommen worden, hätten die Minister Frankreichs sie desavouiert; aber sie fanden eine freundliche Aufnahme und die Minister gaben ihre Zustimmung. Die Vermählung fand statt, und da der kleine Brigaud fast zu gleicher Zeit mit dem Dauphin geboren wurde, ward der Monarch ersucht, daß sein Sohn Pathenstelle bei dem Kinde vertrete, welches auch huldreicht bewilligt wurde. Er ward sogar dem Dauphin beigesellt, wählte später den geistlichen Stand und ward Abbé. Er war ein seiner, schlauer, ehrgeiziger Mann; die Versuche, sein Glück zu machen, aber waren, wie es oft den Genies zu gehen pflegt, ihm stets mißlungen. Einige Zeit vor der Epoche, von der wir erzählen, hatte er den Marquis von Pompadour angetroffen, der einen verschwiegenen und geistreichen Mann suchte, um dem Amte eines Secretairs bei der Herzogin von Maine vorzustehen. Brigaud wog die Vortheile und Nachtheile dieses Anerbietens gegen einander ab, und da die ersten ihm vorherrschend schienen, nahm er es an.

Von diesen vier Männern kannte Harmental persönlich nur den Marquis von Pompadour. Die drei erstgenannten Herren besprachen sich mit einander vor dem Camin, der Abbé Brigaud saß an einem Tisch und ordnete Papiere.

»Meine Herren,« sprach die Herzogin, nachdem sie eingetreten war, »hier sehen Sie den tapferen Ritter, von dem der Baron Valef gesprochen, und den uns Ihre theure de Launay zugeführt hat, Herr von Malezieux. Wenn sein Name und seine früheren Thaten nicht schon für ihn sprächen, so würde ich mich für ihn verbürgen.

»So von Ew. Hoheit uns vorgestellt,« entgegnete Malezieux, »soll er uns nicht bloß ein willkommener Gefährte, sondern ein Operhaupt seyn, dem wir mit Freuden folgen werden.«

»Mein lieber Harmental,« sprach der Marquis von Pampadour, indem er dem jungen Manne die Hand reichte, wir sind von heute an Brüder!«

»Seyn Sie uns herzlich willkommen, mein Herr,« nahm der Cardinal von Polignac, mit dem ihm eigenthümlichen salbungsreichen Tone, das Wort, der zu der Kälte seines Gesichts so gewaltig contrafirte.

Der Abbé Brigaud hob den Kopf und neigte ihn mit einer schlangenähnlichen Bewegung gegen den Ritter, den er mit seinen Luchsaugen forschend betrachtete.

»Meine Herren, entgegnete Harmental, nachdem er die Begrüßungen erwidert hatte, »ich bin ganz und gar ein Neuling in Ihrer Mitte; ich weiß durchaus nicht, was sich hier zuträgt und wozu Sie mich gebrauchen können; mein Wort gab ich zwar erst vor wenigen Augenblicken; meine Anhänglichkeit aber an der Sache, die uns vereinigt, ist schon Jahre alt. Ich bitte Sie also, mir das Vertrauen zu schenken, um welches Ihre Hoheit huldreicht für mich ersucht hat. Alles was ich weiter begehrt, ist, daß Sie mir recht bald Gelegenheit geben, mich dieses Vertrauens würdig zu beweisen.«

»Wir werden kein Geheimniß für Sie haben, Herr Chevalier,« rief die Herzogin von Maine, »und die gewünschte Gelegenheit soll Ihnen bald werden.«

»Verzeihung gnädigste Frau,« fiel ihr der Cardinal von Polignac in die Rede, »so rasch wie Ew. Hoheit zu Werke gehen, könnte der Chevalier glauben, daß wir eine Verschwörung beabsichtigten.«

»Und warum handelt es sich denn sonst, Cardinal?« fragte die Herzogin mit einiger Ungeduld.

»Es ist,« erwiderte der Cardinal, »hier nur die Rede von einer Berathung, einer geheimen zwar, die aber nichts Furchtbares an sich hat und die uns belehren soll, welche Mittel wir anwenden müssen, dem Mißgeschicke Frankreichs vorzubeugen, und dasselbe über sein wahres Interesse zu unterrichten, indem wir ihm den letzten Willen Ludwigs XIV. in das Gedächtniß zurückrufen.«

»Ihre Umwege werden mich noch zur Verzweiflung treiben,« rief die Herzogin, indem sie mit ihren kleinen Füßen den Boden stampfte; »Chevalier, fuhr sie alsdann, sich zu Harmental wendend, fort, »Hören Sie Sr. Eminenz nicht an; wäre hier nur die Rede von einer Berathung, das treffliche Gehirn des Herrn Cardinals würde uns allein aus der Noth geholfen haben; aber es handelt sich hier um eine vollständige Verschwörung gegen den Regenten; eine Verschwörung, zu der der König von Spanien, der Cardinal Alberoni, der Herzog von Maine, ich, der Marquis von Pompadour, ja der Herr Cardinal selbst angehören. Der erste Präsident, das halbe Parlament, drei Viertel Frankreichs werden sich mit uns vereinigen. Das also ist’s, warum es sich handelt. Sind Sie jetzt zufrieden, Herr Cardinal? Habe ich klar und deutlich gesprochen, Ihr Herren? Wozu das Zaudern? Ich bin nur ein Weib, verlange weder Schwert noch Dolch, aber man gebe mir einen Nagel und ich will, eine zweite Jabel, mit ihm die Schläfe jenes zweiten Sisarra durchbohren.«

Herr von Polignac stieß einen tiefen Seufzer aus, Herr von Pompadour lachte, Herr von Malezieux suchte die Herzogin zu beruhigen; der Abbé Brigaud senkte das Haupt und schrieb, so als ob er nichts vernommen habe.

Harmental seinerseits hätte gern die Fußspitzen der Herzogin geküßt, so hoch schien sie ihm über den vier Männern zu stehen, welche sie umgaben.

In diesem Augenblick hörte man neuerdings das Rollen eines Wagens, der in den Hof fuhr und vor der Treppe anhielt. Ohne Zweifel war die Person, welche man erwartete, eine Person von großer Wichtigkeit, denn die Anwesenden beobachteten plötzlich das tiefste Schweigen und die Herzogin von Maine eilte selbst, die Thür zu öffnen.

»Nun?« fragte sie hinaus.

»Er ist hier,« entgegnete eine Stimme, in welcher Harmental die seiner geheimnißvollen Fledermaus wiedererkannte.

»Herein, herein, mein Prinz,« rief die Herzogin, »wir erwarten Sie.«




VI.

Der Prinz von Cellamare


Auf diese Einladung erschien ein hochgewachsener hagerer Mann, von ernstem würdevollen Ansehen, den ein Mantel dicht umhüllte, und der mit einem einzigen Blicke. Alles, was sich im Zimmer befand, überflog; der Chevalier von Harmental erkannte in ihm den Gesandten seiner katholischen Majestät, den Prinzen Cellamare.

»Nun mein Prinz, was giebt es Neues?« fragte die Herzogin.

»Zuvörderst,« entgegnete der Gesandte, indem er der Herzogin ehrfurchtsvoll die Hand küßte und seinen Mantel auf einen Sessel warf, »möchte ich Ew. Hoheit den Rath geben, sich einen andern Kutscher, anzuschaffen. Wenn Sie denjenigen, der mich hierher brachte, in Dienst behalten, prophezeihe ich Ihnen Unglück; ich glaube, er wird von dem Regenten besoldet, um Ew. Hoheit und Ihren Freunden den Hals zu brechen.«

Alle Anwesenden brachen in ein lautes Gelächter aus, vor allem aber stimmte der Kutscher selbst mit ein, der hinter dem Prinzen ohne Umstände eingetreten war, jetzt Hut und Mantel auf einen Stuhl neben dem des Gesandten warf, und einen hochgewachsenen Mann von ungefähr 33 Jahren erblicken ließ, dessen untere Hälfte des Gesichts mit schwarzem Taffet bedeckt war.

»Haben Sie gehört, mein lieber Laval, was der Prinz so eben von Ihnen gesprochen?« fragte die Herzogin.

»Allerdings!« lachte Laval; die ältesten Barone der Christenheit sind Ihnen also nicht gut genug, um Ihnen als Kutscher zu dienen? Alle Teufel, Sie sind schwer zu befriedigen.«

»Wie, Sie waren es, mein lieber Graf?« fragte der Prinz, indem er ihm die Hand reichte.

»Ich war es in der That; die Frau Herzogin hat mich für diese Nacht als Kutscher in Dienst genommen, fiel hielt es für sicherer.«

»Die Frau Herzogin hat wohl daran gethan, bemerkte der Kardinal von Polignac, »man kann nicht vorsichtig genug zu Werke gehen.«

Unterdessen hatte sich Laval dem Chevalier von Harmental genähert; »Sie habe ich gleichfalls glücklich hierher gebracht, mein junger Herr,« sprach er, »und das freut mich, denn so jung. Sie sind, haben Sie doch schon tapfer dreingeschlagen, haben Sie gleich nicht, wie ich, die Hälfte des Gesichts dabei eingebüßt.«

»Sie haben, mein Prinz, Nachrichten von Alberoni empfangen, sagt mir Herr von Pompadour,« nahm jetzt die Herzogin von Maine wieder das Wort.

»Ja, Ew. Hoheit.«

»Und welche?«

»Gute und schlechte zu gleicher Zeit. Sr. Majestät, Philipp der Fünfte haben jetzt gerade ihre vernünftigen Augenblicke, und man kann ihn zu nichts bestimmen. Er will an die vierfache Allianz nicht glauben.«

»Wie, er will nicht daran glauben, rief die Herzogin, »jetzt grade wird sie unterzeichnet, und in acht Tagen wird Dubois sie hierher bringen?«

»Ich weiß das, Ew. Hoheit,« entgegnete kaltblütig Cellamare, »aber Sr. Katholische Majestät wissen es nicht.«

»Er zieht sich also von uns zurück?«

»So zu sagen, ja – –«

»Aber die Königin, was sagt sie dazu? Was helfen jetzt alle die glänzenden Verheißungen und die vorgebliche Gewalt, die sie über ihren Gemahl besitzen will?«

»Von dieser Gewalt,« entgegnete der Prinz, »will sie Beweise geben, sobald erst etwas geschehen ist.«

»Und kommt es dahin, dann wird sie nicht Wort halten, fiel der Cardinal von Polignac ein.

So ist es nicht, ich leiste Bürgschaft für sie, Ew. Eminenz,« sprach der Gesandte.

»Ich sehe klar in der Sache. Der König soll kompromittiert werden,« sprach Laval, »ist das einmal geschehen, wird er handeln.«

»Ganz recht,« rief Cellamare, »wir kommen uns einander näher.«

»Wie aber soll man ihn compromittieren?", fragte die Herzogin, »ohne Briefe, ohne Botschaft von ihm, – ja selbst ohne eine mündliche; fünfhundert Lieues weit von ihm entfernt.«

»Hat er nicht seinen Repräsentanten zu Paris? Und befindet sich nicht dieser Repräsentant in diesem Augenblick bei Ihnen, gnädigste Frau?« fragte Cellamare.

»Gestehen Sie es mein Prinz, Sie haben eine ausgedehntere Vollmacht, als Sie einräumen?«

»Keinesweges! Meine Vollmacht beschränkt sich darauf, Ew. Hoheit zu erklären, daß die Citadelle von Toledo, und die Festung Saragossa zu Ihren Diensten sind. Finden Sie ein Mittel aus, den Regenten dorthin zu bringen, und Sr. Katholische Majestät wird die Pforte hinter ihm so gut verschlossen halten, daß er nicht wieder herauskommen soll; ich stehe Ihnen dafür.«

»Das ist ganz unmöglich,« sprach Herr von Polignac. »Unmöglich und warum?« fragte Harmental, rasch, das ist im Gegentheil sehr leicht, besonders bei der Lebensweise des Regenten. Was braucht es denn dazu? acht bis zehn entschlossene Männer, einen gut verschlossenen Wagen, und Postpferde bis Bayonne.«

»Ich habe mich schon bereit erklärt, die Sache zu übernehmen, sprach Laval.

»Ich auch, fügte Herr von Pompadour hinzu.

»Das geht nicht, fiel die Herzogin ein, »schlüge das Unternehmen fehl, wären Sie verloren, da der Regent Sie persönlich kennt

»Das ist schade, entgegnete kaltblütig der Prinz Cellamare; »in Toledo oder Saragossa angelangt, erwartet dem, der die Sache vollbringt, die Würde eines spanischen Grands.«

»Und der Orden des heiligen Geistes nach seiner Rückkehr zu Paris,« fügte die Herzogin hinzu.

»Halten Sie ein, gnädigste Frau, halten Sie ein!« rief Harmental lebhaft, »wollen Ew. Hoheit solche Preise darauf setzen, so wird die Hingebung einen Anstrich von Ehrgeiz erhalten, der ihr jedes Verdienst rauben würde. Ich wollte mich erbieten, das Unternehmen in’s Werk zu richten, ich, den der Regent nicht kennt, jetzt aber nehme ich einigen Anstand – und dennoch fühle ich mich des Vertrauens Ew, Hoheit würdig.«

»Wie, Chevalier,« fragte die Herzogin von Maine, »Sie wollten es wirklich wagen?«

»Mein Leben ist. Alles, was ich dabei auf’s Spiel setze. Ich habe es Ihnen schon früher angeboten, gnädigste Frau, und Sie haben es angenommen, oder sollte ich mich getäuscht haben?«

»Nein, nein, Chevalier,« rief lebhaft die Herzogin, »Sie sind ein wahrer Cavalier. Es gibt Ahnungen, ich habe nie daran gezweifelt: so wie Valef mir Ihren Namen nannte und Sie mir schilderte, dachte ich sogleich: wir haben unsern Mann gefunden? Sie haben gehört meine Herren, wozu der Chevalier sich erbietet; sprechen Sie jetzt, worin können Sie ihm Beistand leisten?«

»In Allem worin er will!« riefen Laval und Pompadour zugleich.

»Die Schatulle seiner katholischen Majestät steht zu seinen Diensten,« bemerkte Cellamare, »er kann frei und ungehindert hineingreifen.«

»Großen Dank, Ihr Herren, großen Dank!« rief Harmental zu den beiden Ersten gewandt, »bekannt, wie Sie sind, würden Sie mir nur das Unternehmen erschweren. Besorgen Sie mir nur einen Paß nach Spanien, so, als ob ich beauftragt wäre, einen Gefangenen von Wichtigkeit dorthin zu führen. Das wird leicht zu bewerkstelligen seyn.«

»Das übernehme ich,« sprach der Abbé Brigaud, »ich werde mir von Herrn d’Argenson ein Blanket verschaffen, das nur ausgefüllt zu werden braucht.«

»Sie haben gehört, Chevalier, was der Prinz sagte, nahm die Herzogin wieder das Wort, wenn wir Geld bedürfen« – –

»Leider Gottes,« versetzte Harmental, »bin ich nicht reich genug, um das Anerbieten Ew. Excellenz zurückzuweisen; wenn ich über tausend Pistolen verfügt haben werde, die ich ungefähr besitzen mag, so muß ich ihn allerdings in Anspruch nehmen.«

»Ihn, mich, uns Alle!« rief lebhaft die Herzogin,« ein. Jeder giebt mit Freuden was er hat. Ich habe zwar in diesem Augenblick nur wenig baares Geld, aber ich besitze Diamanten und Perlen, sparen Sie also nichts; nicht Jedermann ist so uneigennützig wie Sie, es giebt Dienste, die man nur mit Gold erkaufen kann.«

»Vor allem aber Vorsicht, mein Herr, warnte der Kardinal.

»Ich ersuche Ew. Eminenz, dieserwegen unbesorgt zu seyn,« versetzte Harmental, »ich bin von dem Regenten so schwer gekränkt worden, daß man im Fall des Mißlingens glauben wird, ich hätte aus eigenem Antriebe so gehandelt, und persönliche Rache an ihm nehmen wollen.«

»Aber, bemerkte der Graf von Laval, »Sie bedürfen bei dieser Gelegenheit eines Unterbefehlshabers, eines Mannes, dem Sie vertrauen können, haben Sie einen solchen?«

»Ich glaube ja,« antwortete der Chevalier, »nur müßte ich jeden Morgen erfahren, was der Regent am Abend vor hat; der Herr Prinz von Cellamare, werden als Diplomatiker ohne Zweifel ihre geheime Polizei haben.«

»Ich habe, versetzte der Prinz mit einiger Verlegenheit, »allerdings einige Personen, die mir Bericht abstatten – –«

»Das meine ich gerade, bemerkte Harmental.

»Wo aber wohnen Sie?« fragte der Kardinal.

»In der Straße Richelieu No. 74.«

»Seit wie lange wohnen Sie dort?«

»Seit drei Jahren!«

»Dann sind Sie dort zu bekannt, mein Herr, Sie müssen Ihre Wohnung verändern!«

»Diesmal haben Ew. Eminenz Recht,« versetzte Harmental. »Ich werde mir in irgend einem entlegenen Stadtviertel eine andere Wohnung suchen.«

»Ich nehme es über mich, Ihnen ein Logis zu verschaffen, bemerkte der Abbé Brigaud. »Meine Kleidung erregt keinen Verdacht, ich werde sagen, daß ich die Zimmer für einen jungen Mann aus der Provinz miethe, der mir empfohlen worden, und der hier eine Anstellung erhalten soll.«

Das ist also abgemacht, Herr Abbé, rief der Chevalier, »ich benachrichtige noch heute meinen Hauswirth, daß ich Paris verlassen, um eine dreimonatliche Reise anzutreten.«

»Und somit wäre denn alles in Ordnung,« fügte freudig die Herzogin hinzu, »wir sehen jetzt endlich klar in der Sache, und das danken wir Ihnen, Herr Chevalier; glauben Sie mir, ich werde das niemals vergessen.«

»Meine Herren, sprach Malezieux, indem er seine Uhr hervorzog, »ich bemerke Ihnen, daß es vier Uhr Morgens ist, und daß unsre theure Herzogin der Ruhe bedarf.«

»Da irren Sie sich sehr, versetzte die Herzogin, »grade in solchen Nächten ruht man aus, ich habe lange keine so angenehme verbracht.«

»Mein Prinz,« nahm jetzt der Graf Laval das Wort, indem er einen Mantel wieder umschlug, »Sie müssen sich noch einmal mit dem Kutscher begnügen, den Sie aus dem Dienst gejagt wissen wollten, es wäre denn, daß Sie vorzögen, zu Fuß zu gehen.«

»Lieber will ich mich Ihnen noch einmal anvertrauen,« lächelte der Gesandte.

»Marquis von Pompadour, Sie begleiten den Herrn von Harmental,« sprach die Herzogin.«

»Darf ich nicht zuvor von meiner liebenswürdigen Fledermaus Abschied nehmen?« fragte der Chevalier, denn ihr verdanke ich das Glück, daß ich Ew. Hoheit meine Dienste anbieten konnte.«

»De Launay,« rief die Herzogin, indem sie den Prinzen von Cellamare und den Grafen de Laval bis zur Thür begleitete, »de Launay! hier ist der Chevalier von Harmental, welcher behauptet, Du wärst die größte Zauberin, der er jemals begegnete.«

»Nun, fragte lächend diejenige, welche späterhin unter den Namen Frau von Staal so interessante Memoiren zurückgelassen hat. »Glauben Sie jetzt an meine Prophezeihungen, Herr Chevalier?«

»Ich glaube, weil ich hoffe,« versetzte Harmental. »Wie aber konnten Sie von meiner Vergangenheit und Gegenwart unterrichtet seyn?«

»Sey, aufrichtig de Launay, und quäle ihn nicht länger,« lächelte die Herzogin, »er würde uns sonst für wirkliche Zauberinnen halten und Furcht vor uns bekommen.«

»Verließen Sie diesen Morgen im Bois de Boulogne keinen Freund,« fragte Demoiselle de Launay, der hierher kam, um von uns Abschied zu nehmen?

»Valef war es also, Valef, rief der Chevalier, »ja jetzt begreife ich Alles.«

Herr von Pompadour erfaßte jetzt den Arm des Chevaliers und, nachdem sich beide vor der Herzogin verbeugt hatten, begaben sie sich hinweg, von dem Abbé Brigaud gefolgt.

»Glauben Ew. Eminenz noch, daß es mit einer Verschwörung etwas so Furchtbares auf sich habe?« fragte die Herzogin den Cardinal von Polignac, welcher mit dem Grafen Malezieux noch zurückgeblieben war.

»Ich werde Ew. Hoheit auf diese Frage Antwort geben, wenn wir uns sämmtlich in der Bastille befinden werden, erwiderte der Cardinal, indem er sich verbeugte und mit dem Kanzler Malezieux das Gemach ebenfalls verließ.

Die Herzogin blickte ihm mit einem verächtlichen Lächeln nach, dann wandte sie sich zu Fräulein de Launay und sprach in einem Zufriedenheit verkündenden Tone: »Wir haben unsere Laterne nicht umsonst gebraucht, wir haben endlich einen Menschen gefunden.«




VII.

Alberoni. – Ein Pascha von unserer Bekanntschaft


Als Harmental erwachte, glaubte er geträumt zu haben. Die Begebenheiten waren seit sechs und dreißig Stunden mit einer solchen Schnelligkeit auf einander gefolgt, daß er wie von einem Sturmwinde fortgepeitscht wurde, ohne zu wissen wohin. Jetzt erst befand er sich wieder bei sich selbst, jetzt erst hatte er Zeit über die Vergangenheit und Zukunft nachzudenken.

Das Zeitalter in welchem Harmental lebte, ließ am fernen Horizont noch die Ligue, ja fast die Fronde erblicken; eine Generation war kaum dahingeschwunden, seit die Kanonen der Bastille die Rebellion des großen Condé unterstützten. Während dieser Generation hatte allerdings Ludwig XIV. den Schauplatz mit seinem allmächtigen Willen ausgefüllt. Dieser Monarch aber war nicht mehr, und die Enkel wähnten, mit demselben Theater und denselben Maschinen, dasselbe Spiel ihrer Vorfahren spielen zu können.

Wenn also auch der Chevalier von Harmental, bei seinem Erwachen, einen Augenblick fast Reue empfand, über dasjenige, wozu er sich verpflichtet hatte, so brachten denn doch Ehrgeiz und Stolz dieses Gefühl bald wieder zum Schweigen, und er wünschte sich endlich Glück, in einem Schauspiele, in welchem die vornehmsten Personen Frankreichs mitwirken sollten, die erste Rolle übernommen zu haben. Es schien ihm, dem jungen Manne, höchst romantisch, unter dem Banner einer Frau zu fechten, zumal, da diese Frau eine Enkelin des großen Condé war. Er beschloß daher auch keinen Moment zu verlieren, um den Versprechungen nachzukommen, die er geleistet. Er verbarg es sich nicht, daß er sich von jetzt an nicht mehr selbst angehöre, und daß die Blicke aller Verschwornen, von Philipp V. an, bis zu dem Abbé Brigaud hinab, auf ihn gerichtet wären. Höhere Interessen knüpften sich jetzt an seinen Willen, und von seinem Muthe, seiner Besonnenheit hing jetzt das Schicksal zweier Königreiche, ja das der Politik der Welt ab.

Wirklich war in jenem Zeitpunkte der Regent der Schlüssel zu dem Thore Europa’s, und Frankreich, das noch kein Gegengewicht im Norden hatte, begann bereits, wenn auch nicht durch die Waffen, doch durch die Diplomatik, jenen Einfluß zu behaupten, den es später nicht immer aufrecht erhalten konnte. Seit den achtzehn Monaten der Regentschaft des Herzogs von Orleans hatte es eine so mächtige und ruhige Stellung angenommen, wie es sie selbst unter Ludwig XIV. nicht gezeigt.

Mit dem Tode des alten Königs hatte sich alles verändert, der für Frankreich so schmachvolle Friede von Utrecht, ward nur noch als ein Waffenstillstand betrachtet, den man nach Willkühr brechen konnte, sobald die Politik, Englands und Hollands mit der Frankreichs nicht gleichen Schritt hielt. Der Tractat der vierfachen Allianz, um dessentwillen sich Dubois jetzt in London aufhielt, vereinte die Interessen Frankreichs, Englands, Hollands und des Reichs; und er war es, den Philipp V. oder vielmehr der Cardinal Alberoni fürchtete, denn der Erstere bekümmerte sich, wenn er nur eine Gemahlin und einen Betschemel hatte, wenig um das, was außer einem Zimmer und seiner Kapelle vorging.

Ein anderes aber war es mit Alberoni. Er war einer jener Emporkömmlinge, die sich oft um die Throne erheben, wie jene riesigen Luftgebilde, die auf dem Ocean drohend und gewaltig dem Schiffer entgegen schweben, und die dennoch plötzlich wieder verschwinden, wenn der niedrigste Matrose auch nur einen einzigen gemeinen Kieselstein gegen sie in die Fluth geschleudert.

Alberoni war in der Hütte eines Gärtners geboren. Als Kind läutete er die Glocken in der Kirche, später widmete er sich dem geistlichen Stande. Er war stets fröhlich und guter Dinge; der Herzog von Parma, welcher ihn eines Tages überlaut lachen hörte, und selten selbst nur lachte, wollte die Ursache seiner Lustigkeit kennen, und ließ ihn zu sich rufen. Der junge Alberoni erzählte ihm, ich weiß nicht welche lustige Geschichte; der Herzog lachte mit, und sich überzeugend, daß es gut say, mitunter zu lachen, fesselte er ihn an seine Person. Nach und nach entdeckte der Herzog, daß sein lustiger Rath Verstand besitze, und daß dieser in den Geschäften zu verwenden say; er sandte daher den nunmehrigen Abbé Alberoni nach Frankreich, um die Unterhandlungen wieder anzuknüpfen, die der Bischof von Parma abgebrochen hatte.

Herr von Vendome, welcher wenige Umstände mit dem Bischof gemacht hatte, machte noch weniger facon mit einem Abbé; der Letztere aber wußte den Herrn von Vendome so geschickt zu bearbeiten, daß er seinen Zweck erreichte und zu seinem Beschützer zurückkehrte, nachdem er die Sache ganz nach dessen Wunsch beendigt hatte.

Dies war der Grund, daß der Herzog von Parma ihm ein zweites Geschäft bei dem Herrn von Vendome übertrug. Der Letztere wollte sich grade zu Tische setzen, da bat Alberoni, statt mit ihm von Staatsangelegenheiten zu sprechen, um Erlaubniß, ihm einige Gerichte nach seiner Weise bereiten zu dürfen, Er begab sich hinab in die Küche und kehrte zurück, eine köstliche Suppe in der einen Hand, und in der andern eine Schüssel Maccaroni tragend. Herr von Vendome fand die Gerichte so delikat, daß er Alberoni ersuchte, sich zu ihm zu setzen, und mit ihm davon zu speisen. Beim Nachtisch erst begann der Letztere von dem Geschäft zu sprechen, das ihn hierher geführt; er benutzte die heitere Stimmung seines Tischgenossen, und erreichte vollkommen seinen Zweck.

Alberoni war so klug gewesen, dem Koch des Herrn von Vendome ein Recept nicht mitzutheilen, auch war es jetzt der Letztere, welcher bei dem Herzog von Parma anfragen ließ, ob er nicht wieder etwas mit ihm zu verhandeln habe. Dieser fand leicht einen Beweggrund sandte ihm den Alberoni zum dritten Male, und Herr von Vendome, der sich nicht mehr von dem Fabrikanten der Suppe und der Maccaroni trennen mochte, fesselte ihn ganz und gar an seine Person, vertrauete ihm eine geheimsten Angelegenheiten an und ernannte ihn zu seinem ersten Secretair.

Um diese Zeit grade begab sich Herr von Vendome nach Spanien. Alberoni setzte sich mit der Prinzessin von Urfins in Verbindung, und als Herr von Vendome zu Pignerol starb, gewährte ihm jene bei ihr die Stellung, die er früher bei diesem inne gehabt. Das hieß fortwährend steigen.

Die Prinzessin von Urfins aber begann alt zu werden, ein unverzeihliches Verbrechen in den Augen Philipps des Fünften. Sie beschloß daher sich, um Marie von Savoyen zu ersetzen, nach einem jungen Frauenzimmer umzusehen, durch deren Vermittlung sie den König fortwährend beherrschen könne. Alberoni schlug ihr zu diesem Endzweck die Tochter seines ersten Gebieters vor, er schilderte dieselbe als ein charakterschwaches und willenloses Kind, das mit der königlichen Würde nichts erlangen würde, als den Titel – und die Prinzessin ging in die Falle. Die Vermählung ward festgestellt, und die junge Prinzessin verließ Italien um sich nach Spanien zu begeben.

Ihre erste Handlung als Königin war, die Prinzessin von Urfins zurückweisen zu lassen, die sich ihr im Hofkleide vorgestellt hatte. Sie ließ sie ohne weiteres, wie sie war, ja selbst ohne Mantel, bei einer Kälte von zehn Grad, in einem Wagen, dessen Fensterglas einer der Wachen zufällig eingestoßen hatte, zuerst nach Burgos und dann nach Frankreich schaffen, wo sie anlangte, nachdem sie genöthigt gewesen war, von ihren eigenen Dienern fünfzig Pistolen zu leihen. Ihrem Kutscher erfror der Arm und man war gezwungen ihm denselben abzunehmen.

Nach seiner ersten Zusammenkunft mit seiner Gemahlin, kündigte der König Alberoni an, daß er erster Minister say, und von diesem Augenblick an, übte der vormalige Glöckner eine unumschränkte Gewalt über Philipp den Fünften aus.

Wenn daher jetzt die Verschwörung gelang und es dem Chevalier Harmental glücken sollte, den Herzog von Orleans nach Toledo oder Sarragossa zu schaffen, so wollte Alberoni den Herzog von Maine als Regenten anerkennen lassen, die Quadrupel-Allianz wäre gesprengt, eine Flotte sollte an der Küste von England landen, und Preußen, Schweden und Rußland, mit denen Spanien ein Bündniß hatte, sollte sich auf Holland werfen. Das deutsche Reich sollte Neapel und Sizilien wieder erobern. Der katholische Theil der Niederlande sollte mit Frankreich vereinigt und so die große Ligue des Südens gegen den Norden gebildet werden; sollte Ludwig XV. mit Tode abgehen, dann sollte Philipp V. als König der halben Welt gekrönt werden.

Man muß eingestehen, daß dies für einen Maccaroni verfertiger keine üble Berechnung war!

Die Ausführung dieses gewichtigen, ungeheuren Planes, befand sich jetzt in den Händen eines jungen Mannes von sechsundzwanzig Jahren, kein Wunder also, daß die auf ihm lastende schwere Verantwortlichkeit ihn anfangs ein wenig bestürzt machte. Als Harmental noch im tiefen Nachdenken versunken dasaß, trat der Abbé Brigaud zu ihm ein, der sich bereits nach einer anderen Wohnung für ihn umgeschauet hatte. Er hatte auch wirklich in der Straße du Temps perdu No. 5 ein Logis aufgefunden, welches entlegen war und sich ganz und gar für einen jungen Menschen aus der Provinz eignete; er brachte ihm über dem zwei tausend Pistolen von Seiten des Prinzen Cellamare.

Harmental wollte das Geld anfangs zurückweisen, der Abbé Brigaud aber stellte ihm vor, daß man bei einer Angelegenheit wie die in Rede stehende, des Geldes nie zu viel besitzen könne, und daß es Hilfe und Verbündete zu erkaufen gäbe.

Der Abbé Brigaud nahm einen vollständigen Anzug des Chevaliers mit, um danach eine ganz einfache Kleidung zu kaufen, wie sie für denjenigen paßte, den er vorstellen sollte.

Den übrigen Theil des Tages verbrachte Harmental scheinbaren Anstalten zu seiner vorgeblichen Reise, wobei er Sorge trug, nicht ein einziges Papier zurückzulassen, das in einem schlimmen Falle irgend einen seiner Freunde compromittieren konnte. Als der Abend herabgesunken war, begab er sich zur Fillon, wo er von dem unsern Lesern bekannten Capitain Roquefinette etwas zu erfahren hoffte.

Wirklich hatte er, als der Herr von Laval von einem Unterbefehlshaber sprach, sogleich an jenen Mann gedacht, den der Zufall ihm in den Weg führte, und der ihm bei jenem Duell einen so unwiderlegbaren Beweis eines rücksichtslosen Muthes abgelegt hatte. Er begab sich demnach zu der Fillon und fragte dort nach einer Magd, welche man die Normannerin nannte, und die ihm von dem Capitain als die Person bezeichnet war, welche über einen Aufenthalt stete Auskunft zu geben vermöge.

»Die Normannerin,« lächelte die Fillon, die ist in diesem Augenblick über und über beschäftigt, Herr Chevalier; sie serviert grade bei einem Mittagsmahle, welches einer meiner Stammgäste sehr gemächlich so eben verzehrt, und das bis Morgen Abend währen soll.«

»Der Teufel, eine lange Mahlzeit,« bemerkte Harmental.

»Anders thut es mein Capitain nicht,« fuhr die rührige Frau fort, »und noch obendrein muß ich vielleicht alles auf Credit geben, aber ich thu’s gern, denn er war es, der mich in der Welt bekannt machte.«

»Ihr Capitain?«, fragte der Chevalier, »wie nennt sich Ihr Capitain?«

»Roquefinette!«

»Wie, der ist grade hier?«

»Ganz gewiß!«

»Grade mit dem wünsche ich zu sprechen, und nur um eine Wohnung zu erfahren, fragte ich nach der Normannerin. Ich bitte, rufen Sie ihn mir hierher.«

»Der käme nicht, und wenn ihn der Regent selbst rufen ließe; wenn Sie ihn sprechen wollen, müssen Sie sich zu ihm hinauf bemühen. Im Cabinet No. 2 finden Sie ihn, eben da, wo Sie neulich mit dem Baron Valef zur Nacht gespeist. Dem ist nichts zu gut, er ist zwar nur Capitain, aber er besitzt das Herz eines Königs.«

Wenn der Chevalier von Harmental auch das bezeichnete Cabinet nicht gekannt hätte, so konnte er doch den Weg dahin nicht verfehlen, denn schon auf der Treppe vernahm er die ihm wohlbekannte Stimme des Capitains, welcher im tiefen Basse ein lustiges Tischlied sang.

Harmental öffnete ohne Weiteres die Thür und erblickte seinen alten Bekannten, gemüthlich auf dem Sopha liegend, vor einem reichlich besetzten Tische, der von der Normannerin und einer anderen Magd bedient wurde.

Auf einem Stuhle lag ein Rock, der mit einem neuen rothen Achselbande geschmückt war; so wie ein Hut, an dem eine neue Treffe prangte; daneben stand der riesige Degen, den Ravanne mit dem Bratspieß in der Küche seiner Frau Mutter verglichen hatte. »Wie, Sie sind’s Chevalier!« rief der Capitain, »Sie finden mich hier in der Mitte meines Serails.« »Ja, ich bin’s, mein Herr Pascha,« versetzte Harmental, welcher nicht umhin konnte, über die groteske Gruppe, die sich einen Blicken darbot, zu lächeln, ich sehe, Sie gaben mir keine falsche Adresse, und ich freue mich Ihrer Wahrhaftigkeit.«

»Seyn Sie mir willkommen,« sprach der Capitain, »nehmen Sie Platz, langen Sie zu, und Sie, meine schönen Damen, bedienen Sie den Herrn mit dem Anstande, der Sie charakterisiert. Jetzt essen und trinken Sie, Chevalier, so, als ob Sie zu Hause wären, denn Sie müssen wissen, es ist Ihr Pferd, das wir hier verspeisen; zur Hälfte ist es schon fort, das arme Thier, die andere Hälfte aber ist noch übrig.«

»Dank, Dank, Capitain! Ich habe bereits zu Mittag gegessen, möchte aber gern einige Worte mit Ihnen unter vier Augen reden; wenn Sie es anders erlauben?«

»Nein, zum Henker, das erlaube ich nicht,« versetzte der Capitain, »es wäre denn, daß wieder von einem Zweikampfe die Rede wäre.«

»Diesmal, Capitain, betrifft es ein anderes wichtiges Geschäft.«

»Ein Geschäft, ganz gehorsamer Diener, da kann ich nicht dienen, Chevalier. Ich will heut von keinem Geschäft etwas wissen. Ich habe Geld in der Tasche bis morgen Abend. Die Geschäfte also auf übermorgen, Chevalier!«

»Also übermorgen kann ich ganz bestimmt auf Sie zählen?« fragte Harmental ernsthaft.

»Dann stehe ich mit Leib und Seele zu Ihren Diensten. Auf übermorgen also. Wo aber werde ich Sie alsdann finden?«

»Geben Sie acht,« flüsterte Harmental ihm in’s Ohr, finden Sie sich Vormittags zwischen elf und zwölf Uhr in der Straße du Temps perdu ein, blicken Sie dort um sich, man wird Sie aus einem Hause rufen, Sie steigen alsdann die Treppe hinan, bis Sie einen alten Bekannten treffen; dort wartet ein gutes Frühstück auf Sie.«

»Abgemacht, Chevalier,« erwiderte der Capitain, zwischen elf und zwölf Uhr Vormittags. – Verzeihung, wenn ich Ihnen nicht das Geleite gebe, Sie wissen, das ist nicht Sitte bei den Türken.«

Der Chevalier winkte mit der Hand, zum Zeichen, daß er ihn dieser Förmlichkeit entbinde, und kaum war er wieder auf der Treppe, als er vernahm, wie der Capitain Pascha das Tischlied, welches ein Eintreten unterbrochen hatte, wieder anstimmte.




VIII.

Das Dachstübchen


Am folgenden Tage erschien der Abbé Brigaud bei dem Chevalier, zu derselben Stunde, wie am vergangenen Tage. Er überbrachte ihm drei, für diesen höchst nützliche Dinge: einen Anzug, einen Paß und einen Bericht der geheimen Polizei des Prinzen Cellamare, rücksichtlich dessen, was der Regent an dem Tage, den 24. März 1718, vorhabe.

Der Chevalier probierte den Anzug, welcher der eines einfachen Bürgers war, und er fand ihm trefflich. Der Paß lautete auf den Namen des Signor Diego, Intendant des edlen Hauses von Oropesa, welcher den Auftrag habe, nach Spanien einen Geisteskranken zu führen, einen Bastard des obengenannten Geschlechts, der die fixe Idee habe, sich für den Regenten von Frankreich zu halten; eine Vorsichtsmaaßregel, welche nöthig war, den Protestationen vorzubeugen, die der Herzog unterwegs aus seinem Wagen etwa machen sollte. Da nun der Paß vollkommen in Ordnung, von dem Prinzen Cellamare unterzeichnet und von Argenson, dem Polizei-Lieutenant, contrasigniert war; so stand der Sache, befand sich der Regent nur einmal im Wagen, nichts im Wege. Die Unterschrift Argenson’s war so geschickt nachgeahmt, daß sie dem Calligraphen des Prinzen Cellamare die größte Ehre machte.

Der Bericht der geheimen Polizei war ein Meisterstück der Klarheit und der Pünktlichkeit, wir geben ihn hier wörtlich wieder, theils um eine Schilderung der Lebensweise des Regenten zu liefern, theils um unsern Lesern einen Begriff von den Kundschaftern des Spanischen Gesandten zu geben. Der Rapport war von zwei Uhr Morgens datiert, und lautete:



»Heute wird der Regent spät aufstehen, den es war Souper in den kleinen Gemächern. Frau von Averne war dort zum ersten mal zugegen, sie remplacierte Frau von Parabere. Die übrigen Damen waren die Herzogin von Falaris und Frau vor Laferi, Ehrendame bei Madame. Von Männer waren anwesend: der Marquis von Broglie, der Graf von Nace, der Marquis von Camillac, der Herzog von Brancas und der Chevalier von Sémiane. De Marquis von Lafare und der Graf von Fargy waren wegen Unpäßlichkeit, deren Grund man nicht kannte, abwesend.«

»Gegen Mittag wird das Conseil stattfinden Der Regent wird darin dem Herzog von Maine dem Prinzen Conti, dem Herzog von St. Simon dem Herzog von Guiche u. s. w. das Projekt in Betreff der Quadrupel-Allianz communizieren, welche ihm der Abbé Dubois sandte, indem er ihm sein Rückkehr innerhalb drei bis vier Tage ankündigte.«

Der übrige Theil des Tages wird ganz und gar der Vaterschaft gewidmet. Vorgestern hat de Regent eine Tochter verheirathen lassen, die ihm die Desmaret gebar, und die bei den frommen Schwestern zu St. Denis erzogen worden. Sie speist mit ihrem Gemahl im Palais Royal, und nach dem Mittagsmahle führt der Regent sie in die Oper, und zwar in die Loge der Prinzessin Charlotte von Baiern. Die Desmaret, welche ihre Tochter seit sechs Jahren nicht sah, ist benachrichtigt, daß wenn sie solche zu sehen wünsche, sie sich ins Theater zu begeben habe.«

»Der Regent macht, trotz einer Caprize für die Frau von Averne, der Marquise von Sabran die Cour. Die Letztere spielt noch die Treue, zwar nicht gegen ihren Gemahl, doch gegen den Herzog von Richelieu. Um bei ihr seine Absicht zu erreichen, hat der Regent gestern den Herrn von Sabran zu seinem maitre d’hôtel ernannt.«


»Ich meine, das ist ein ausführlicher Bericht, sprach der Abbé, nachdem der Chevalier seine Lesung beendigt hatte.

»Allerdings, mein lieber Abbé, versetzte Harmental; »wenn aber der Regent mir in der Folge nicht mehr Gelegenheit giebt, seiner habhaft zu werden, so wird es mir unmöglich seyn, ihn nach Spanien zu führen.«

»Nur Geduld!« versetzte Brigaud, »es giebt eine Zeit für Alles; böte uns auch heute der Regent eine gute Gelegenheit dar, so wären Sie gewiß noch nicht vorbereitet genug, um sie benutzen zu können.«

»Da haben Sie recht.«

»Da sehen Sie wieder, daß, was Gott thut, wohlgethan ist; er läßt uns den heutigen Tag, benutzen wir ihn, um Ihre Wohnung zu verändern!«

Dies Letztere war bald bewerkstelligt. Harmental nahm sein baares Geld, einige Bücher, ein Päckchen mit seiner neuen Garderobe, stieg in einen Wagen, fuhr zu dem Abbé und sandte den Wagen zurück, mit dem Bescheide: daß er diesen Abend aufs Land fahre, erst in zehn bis zwölf Tagen zurückkehren werde, und man also nicht auf ihn warten möchte; worauf er seine Kleider wechselte, und sich von dem Abbé Brigaud geführt, nach seiner neuen Wohnung begab.

Dies war ein Zimmer, oder vielmehr ein Dachstübchen, mit angränzendem Cabinet im vierten Stockwerk. Die Eigenthümerin war eine alte Bekanntschaft des Abbé Brigaud, auch hatte diese aus Rücksicht auf die Empfehlung des Letzteren, es sich zu Gunsten des jungen Menschen aus der Provinz, etwas kosten lassen: er fand saubere blendend weiße Vorhänge und die feinste Wäsche; eine Art von Bibliothek, kurz Alles, was eine leidliche Bequemlichkeit versprach.

Madame Denis, so nannte sich diese Frau, erwartete ihren neuen Miethsmann, um ihn selbst in seine neue Wohnung einzuführen; sie pries ihm alle Annehmlichkeiten derselben, versicherte, daß, wenn es nicht so schlechte Zeiten wären, sie für diese Zimmer die doppelte Miethe verlangt hätte, und daß ihr Haus das beste im ganzen Stadtviertel say; auch empfahl sie, nachdem sie sich wieder hinab begeben hatte, dem Portier die größte Rücksicht und Aufmerksamkeit für den neuen Hausgenossen.

Bevor der Abbé Brigaud sich hinweg begab, benachrichtigte er Madame Denis, daß sein junger Schützling sehr eingezogen leben und daß Niemand ihn besuchen werde, als er und ein Freund seines Vaters, ein alter Militair, von etwas derbem Wesen, aber redlichem Charakter; die letzte Bemerkung hielt der Abbé für nothwendig, damit das Erscheinen des Capitains der Hauswirthin nicht auffalle.

Als der Chevalier sich allein befand, und erst das Zimmer in Augenschein genommen hatte, öffnete derselbe das Fenster, um sich in der Nachbarschaft ein wenig umzuschauen. Die Straße war kaum zehn bis zwölf Schritte breit, welches unserm Helden sehr angenehm war, denn im Fall einer Verfolgung, hoffte er, mittelst eines Brettes über dieselbe hinweg gelangen und sich auf diese Weise retten zu können; zu diesem Zweck beschloß er, womit den gegenüberwohnenden Personen Bekanntschaft zu machen und gute Nachbarschaft zu halten.

Leider schien man indeß in seinem Vis a vis für die Geselligkeit nicht gestimmt. Nicht nur war das Fenster fast hermetisch verschlossen, sondern die Vorhänge hinter demselben, waren auch fest zugezogen; in zweites Fenster, das zu demselben Zimmer zu gehören schien, war auf gleich sorgsame Weise verwahrt.

Das Haus gegenüber hatte auch noch sein fünftes Stockwerk, oder eine Art von Terrasse; ein Dachstübchen, welches sich über den verschlossenen, so eben beschriebenen Fenstern befand, ging auf die Terrasse hinaus. Es war ohne Zweifel die Wohnung eines großen Freundes der Gartenkunst, denn er hatte, ganz gewiß nicht ohne ungemeine Geduld und Mühseligkeit, die Terrasse zu einer Art Garten umgeschaffen, der eine Laube, Blumenbeete, ja sogar einen Springbrunnen hatte.

Da es unterdessen kalt zu werden begann, schloß Harmental sein Fenster wieder, zog ein Kleid aus, hüllte sich in einen Schlafrock, warf sich in einen ziemlich bequemen Lehnsessel und nahm ein Buch zur Hand. Als er indessen später von demselben wieder aufblickte, gewahrte er, daß das vorhin so sorgsam verschlossen gehaltene Fenster, jetzt plötzlich weit geöffnet say. Er trat schnell wieder an ein Fenster, zog den Vorhang etwas zurück und sandte einen forschenden Blick hinein in das ihm gegenüberliegende Gemach. Es war ein, allem Anscheine nach, von einem weiblichen Wesen bewohntes Zimmer. Neben dem Fenster, aus welchem jetzt ein kleines naseweißes Windspiel hinaus auf die Straße schauete, fand ein Stickrahmen. In der Tiefe des Gemachs zeigte sich ein Clavier, die Wände waren mit Kupferstichen und Gemälden geschmückt. Durch das zweite jetzt gleichfalls geöffnete Fenster sah man die Vorhänge eines Alkovens, hinter denen wahrscheinlich das Bett fand. Das übrige Geräth war höchst einfach, aber rein und sauber, und bewies den guten Geschmack der Bewohnerin.

Eine alte Frau kehrte und säuberte das Zimmer, vermuthlich die Abwesenheit ihrer Herrin benutzend, denn man gewahrte nur jene.

Plötzlich schien das Windspiel viel angeregter als zuvor, es neigte den Kopf hinab in die Straße, spitzte die Ohren und hob die Vorderpfoten, wie zum freundlichen Gruß. Der Chevalier schloß aus diesem Zeichen, daß die Bewohnerin des Gemachs sich nähere; er öffnete jetzt schnell sein Fenster. Leider aber war es schon zu spät, er erblickte niemand in der Gasse. Jetzt aber sprang das Windspiel vom Fenster hinab und rannte zur Thür. Harmental zog jetzt den Schluß, daß die Bewohnerin die Treppe heraufkomme und um sie unbemerkter zu beobachten, zog er sich hinter den Vorhang zurück; da aber trat die Frau gegenüber an das Fenster und schloß es wieder; dies hatte unser Chevalier nicht erwartet und unmuthig warf er sich wieder in seinen Lehnsessel.

Endlich begann ihm indeß, die Zeit lang zu werden, der Anblick des Claviers und der Bilder im Zimmer ihm gegenüber, hatte bei ihm die Erinnerung geweckt, daß er auch Clavierspielen und Zeichnen könne. Er klingelte dem Portier, gab ihm Geld und gebot ihm, ein Clavier zu miethen und Zeichenmaterialien anzuschaffen. Eine halbe Stunde darauf befand er sich in dem Besitz des Verlangten, so leicht konnte man sich schon in jener Zeit in Paris alles verschaffen.




IX.

Die schöne Nachbarin der Strasse du Temps perdu


Harmental hatte sich an sein Clavier gesetzt, und trommelte nach besten Kräften darauf herum. Als er eine Weile gespielt hatte, gewahrte er, wie am Fenster ihm gegenüber fünf zarte Fingerchen plötzlich den Vorhang zurückschoben, um zu sehen, von woher die ungewohnten Töne erschallten. Leider vergaß der Chevalier über diesen Anblick eine musikalische Beschäftigung, und in der Hoffnung, hinter den hübschen Fingern auch die dazu gehörende Person zu erschauen, schlüpfte er hinter den Fenstervorhang Dies schlecht berechnete Maneuvre aber vereitelte seine Absicht. Die neugierige Bewohnerin des Gemachs, die sich auf diese Weise ertappt sah, ließ schnell den Vorhang wieder sinken. Harmental schloß darüber verdrießlich das Fenster und zürnte während des ganzen übrigen Tages insgeheim auf seine Nachbarin.

Den Abend vertrieb er sich mit Zeichnen, Lesen und Clavierspielen. Nie noch war es ihm so bemerkbar geworden, daß eine Stunde so viele Minuten und ein Tag so viele Stunden hätte. Um zehn Uhr Abends klingelte er, um dem Portier seine Aufträge für den folgenden Tag zu geben, dieser aber erschien nicht, denn er lag schon lange auf dem Ohr. Madame Denis hatte recht, ihr Haus war ein ruhiges Haus. Der Chevalier erfuhr jetzt zuerst, daß es Leute gäbe, die sich zu der Zeit zu Bette legten, in welcher er sonst begann, seine Besuche abzustatten. Das gab ihm viel nachzudenken über jene so außerordentlich unglückliche Menschenklassen, welche weder die Oper, noch die petits Soupérs kannte, die Nacht hindurch schlief und am Tage wachte, er freute sich darauf, seine Freunde bei erster Gelegenheit mit dieser seltsamen Lebensweise bekannt zu machen.

Etwas machte ihm indeß Vergnügen, nämlich, daß seine Nachbarin gegenüber gleich ihm noch wach war; es bewies, daß sie höher stand als ihre Umgebung. Harmental war des festen Glaubens, daß man nur wache, wenn man nicht Lust habe zum Schlafen, oder weil man Lust habe sich zu amüsieren; er vergaß diejenigen, welche wachen müssen, weil sie nicht anders können.

Um Mitternacht erlosch endlich das Licht im Zimmer gegenüber, und Harmental seinerseits begab sich ebenfalls zur Ruhe. Früh um acht Uhr am andern Morgen stellte sich der Abbé Brigaud bei ihm ein und überbrachte dem Chevalier den zweiten Bericht der geheimen Polizei des Prinzen Cellamare, derselbe lautete, wie folgt:



»Drei Uhr Morgens.«

»In Folge seiner gestrigen soliden Lebensweise befahl der Regent, ihn schon Morgens neun Uhr zu wecken. Er wird bei seinem Levée einige bezeichnete Personen empfangen. Von zehn Uhr bis Mittag wird öffentliche Audienz seyn. Von Mittag bis ein Uhr wird der Regent mit Villére und Leblanc arbeiten. Von eins bis zwei wird er empfangene Briefe eröffnen. Um zwei ein halb Uhr begiebt er sich ins Conseil und dann zum Könige.«

»Um drei Uhr verfügt er sich zum Ballspiel in der Straße la Seine, um mit Brancas und Camillac gegen den Herzog von Richelieu, den Marquis von Broglie und den Graf de Gace zu spielen. Um sechs Uhr wird er bei der Herzogin von Berry speisen und den Abend dort zubringen. Von da wird er ohne Leibwache nach dem Palais Royal zurückkehren, wenn anders ihn die Herzogin von Berry nicht escortieren läßt.«


»Alle Teufel! ohne Leibwache! was meinen Sie dazu, rief Harmental, indem er rasch anfing, sich in die Kleider zu werfen, »läuft Ihnen nicht dabei das Wasser in den Mund?«

»Ohne Leibwache, allerdings, erwiderte der Abbé, »aber in Begleitung von Lakaien, Dienern, einem Kutscher u.s.w, ein Volk, das sich zwar herzlich schlecht schlägt, aber desto besser schreiet. Darum Geduld, junger Freund, Sie sind zu prefirt Grand von Spanien zu werden.«

»Das grade nicht, mein lieber Abbé, aber ich bin es überdrüssig, länger in einer Dachstube zu wohnen, wo ich, wie Sie sehen, genöthigt bin, mir bei meiner Toilette selbst zu helfen. Glauben Sie denn, es habe nichts auf sich, sich Abends zehn Uhr zu Bette legen und sich ohne Kammerdiener ankleiden zu müssen.«

»Sie haben aber hier, wie ich höre, Musik, bemerkte der Abbé.

»Wahrhaftig, man singt, öffnen Sie das Fenster, Abbé, damit die Nachbarn sehen, daß ich gute Gesellschaft empfange.«

»Nicht übel, bei meiner Seel, sprach der Abbé, indem er that, was Harmental verlangte.

»Nicht übel! weit mehr, Abbé, es ist eine wahrhafte Armide, wie ich Ihnen sage. Der Teufel soll mich holen, wenn ich glaubte, dergleichen im vierten Stockwerk der Straße du Temps perdu zu finden.

»Ich will Ihnen etwas prophezeihen, Chevalier, nahm der Abbé wieder das Wort, wenn die Sängerin nämlich jung und hübsch ist, so werden wir nach acht Tagen eben so viele Mühe haben, Sie von hier fortzubringen, als wir jetzt haben, Sie hier zurück zu halten.«

»Mein lieber Abbé,« entgegnete Harmental kopfschüttelnd, »wenn Ihre Polizei eben so gewandt wäre als die des Prinzen von Cellamare, so würden Sie wissen, daß ich von der Liebe auf immerdar geheilt bin, hier der Beweis: Ich gebe mich nicht blos dem Seufzen hin und nähre mich vom Schmachten, sondern ich bitte Sie, mir so etwas wie eine kalte Pastete und ein Dutzend Flaschen trefflichen Weins heraufbesorgen zu lassen. Ich verlassen mich dabei auf Sie, ich weiß, Sie sind ein Kenner. Besorgen Sie es, scheint es die Fürsorge eines Vormunds, schicke ich aber selbst danach, wird man es für die Verschwendung eines jungen Leichtsinnigen halten und ich möchte gern in den Augen der Madame Denis meinen Ruf schützen.«

»In einer Stunde soll alles hier seyn.«

»Wann werde ich Sie wiedersehen?«

»Wahrscheinlich morgen.«

Also auf Wiedersehen! für heute schicke ich Sie fort, ich erwarte jemand in Betreff unserer Angelegenheit.«

»Der Himmel beschütze Sie,« sprach der Abbé, indem er sich hinweg begab.

Kaum hatte er sich entfernt, als Harmental sich hinter seinen Vorhang stellte, und mit der gespanntesten Aufmerksamkeit dem Spiel und Gesange horcht, die so viel es das verschlossene Fenster zuließ, aus dem Zimmer gegenüber zu ihm her erklangen, und eine geübte Meisterin verkündeten. Auch konnte sich Harmental, nach einer schwierigen aber äußerst gelungenen Passage, nicht enthalten, in die Hände zu klatschen und mit lauter Stimme »Bravo! bravo!« zu rufen. Leider aber schüchterte wahrscheinlich dieser Triumph, an den sie in ihrer Einsamkeit ohne Zweifel nicht gewohnt war, die Sängerin dergestalt ein, daß Spiel und Gesang augenblicklich verstummten.

Dagegen aber gewahrte er jetzt, wie sich über dem verhängnißvollen Fenster die Thür des Dachstübchens öffnete, und aus derselben eine Hand hervorgestreckt wurde, so als ob ihr Inhaber untersuchen wolle, wie das Wetter say. Die Antwort des Wetters schien befriedigend auszufallen, denn gleich darauf folgte der Hand ein mit einer baumwollenen Mütze bedeckter Kopf, und dann ein in einen Schlafrock gehüllter Oberkörper. Noch immer vermochte der Chevalier nicht zu entscheiden, welchem Geschlechte diejenige Person angehöre, welche im Begriff schien, sich nur mit der größten Vorsicht der Morgenluft auszusetzen. Endlich ermuthigte ein, zwischen zwei Wolken heraustretender Sonnenstrahl, den Bewohner des Dachstübchens, sich vollständig aus seiner hochgelegenen Behausung hervorzuwagen, und Harmental erkannte jetzt, daß das, was er für einen Schlafrock gehalten, nur ein Camisol gewesen, wobei die kurzen schwarzsammtenen Beinkleider und die gewebten grauen Stümpfe ihm verkündeten, daß sein Nachbar gegenüber dem männlichen Geschlechte angehöre. Es war der Gartenanbauer, von dem wir bereits erzählt haben.

Das schlechte Wetter der vergangenen Tag hatte ihn ohne Zweifel abgehalten, seinen Morgenspaziergang zu machen und seinen Gartenanlagen die gewohnte Pflege zu spenden, denn er fing an denselben emsig zu durchschreiten, so als wolle er erforschen, ob der Wind oder der Regen kein Unheil angerichtet habe. Nach einer sorgsamen Untersuchung der Laube, des Springbrunnens und einer kleinen mit Muscheln verzierten Grotte aber, welches die drei Hauptzierrathen des Gartens ausmachten, blitzte ein. Lächeln der Zufriedenheit aus dem Antlitz des Gartenanbauers, dem Sonnenstrahle gleich, der aus den Wolken gedrungen war. Er hatte sich überzeugt, daß nicht nur alles in gehöriger Ordnung say, sondern daß sich sogar der Wasserbehälter seines Springbrunnens bis zum Ueberfließen mit Regenwasser angefüllt hatte. Er glaubte daher sich das Vergnügen gönnen zu können, den Springbrunnen spielen zu lassen, eine Ergötzlichkeit, welche er sich, dem Beispiele Ludwigs XIV. folgend, nur an Sonntagen gestattete. Er drehte einen Hahn und majestätisch erhob sich der Wasserstrahl drei bis vier Fuß in die Höhe. Der gute Mann hatte daran eine so herzliche Freude, daß er mit lauter Stimme fröhlich ein altes Lied zu singen begann, was unserm Chevalier schon als Wiegenlied vorgesungen war; dann rannte er plötzlich an das Fenster und rief mehrmals hinein: »Bathilde! Bathilde!«

Harmental bemerkte jetzt, daß zwischen dem fünften und vierten Stockwerke des Hauses gegenüber, irgend eine architektonische Communication stattfinden müsse, so wie eine Verbindung, von welcher Art sie auch sein mochte, zwischen dem Gartenanbauer und der Sängerin. Da er sich in Folge dessen die Möglichkeit dachte, daß die Musikerin vielleicht auf der Terrasse erscheinen würde und ihr früheres Verstummen ihm einen hinlänglichen Beweis für ihre Schüchternheit gegeben hatte, so schloß er sogleich sein Fenster und zog die Vorhänge desselben zu; wobei er indeß Sorge trug, eine Oeffnung zu lassen, groß genug, um hindurchblicken zu können, ohne selbst gesehen zu werden.

Was er vorausgesehen hatte, traf ein. Nach wenigen Augenblicken zeigte sich im Fenster des Dachstübchens ein ganz allerliebster Mädchenkopf; weiter aber wollte sich die Besitzerin desselben nicht wagen, vermuthlich weil das Terrain, auf welches sich derjenige, der sie gerufen, gewagt hatte, für sie zu feucht war. Das kleine Windspiel, eben so furchtsam als seine Gebieterin, blieb dieser zur Seite, eine kleinen milchweißen Pfoten ruhten auf dem Gesims des Fensters und es schüttelte das niedliche Köpfchen, so als weigere es sich, gleich seiner Herrin, den vielfachen Aufforderungen, sich weiter zu wagen, Folge, zu leisten.

Es entspann sich jetzt ein kleines Gespräch zwischen dem Gartenanbauer und dem jungen Mädchen, so daß Harmental Muße hatte, die Letztere mit um so weniger Zerstreuung zu betrachten, da sein geschlossenes Fenster ihn verhinderte, von der Unterredung etwas zu vernehmen.

Sie schien grade jenes entzückende Alter erreicht zu haben, in welchem das Mädchen vom Kinde zur Jungfrau übergeht, in dem sich bei ihm Gefühl, Anmuth und Schönheit entfalten. Bei dem ersten Blick überzeugte man sich, daß sie nicht weniger als sechzehn und nicht mehr als achtzehn Jahre zähle. Es zeigte sich in ihrem Antlitz eine wundervolle, aber zugleich auch wunderbare Mischung. Das Haar war blond, der Teint blendend weiß, zart und durchsichtig wie der der Engländerinnen, ihr Auge aber war schwarz, ihre Lippen purpurroth, und ihre Zähne perlengleich wie die einer Spanierin.

Der Chevalier stand da wie bezaubert; wirklich hatte er in seinem ganzen Leben nur zwei Arten Weiber geschaut: die runden und rüstigen Frauen zu Nivernais, mit ihren colossalen Füßen, den großen breiten Händen, den kurzen Röcken und gewaltigen Strohhüten; und die Frauen der Pariser Aristokratie, schön allerdings, aber von jener welken Schönheit, welche unter den Nachtwachen und den Vergnügungen gelitten, die den Blumen glichen, welche die Sonne nur durch Fensterscheiben bestrahlt, die frische Morgenluft aber niemals erfrischend umfächelt. Er kannte also noch nicht diesen bürgerlichen Typus, den vermittelnden Typus, um uns dieses Ausdrucks zu bedienen, zwischen der vornehmen, Welt und der Bevölkerung des Landes, welcher die ganze Eleganz der einen, und die ganze frische Gesundheit der andern in sich vereint. Harmental stand, wie wir bereits berichtet haben, wie festgezaubert an seinem Fenster da, und noch lange, nachdem sich der reizende Mädchenkopf wieder zurückgezogen hatte, starrte er zu der Terrasse hinauf, wo die entzückende Erscheinung seinen Augen entschwunden war.

Das Geräusch seiner Thür, welche sich öffnete, entriß ihn seinen süßen Träumereien. Es war die kalte Pastete und der köstliche Wein des Abbé Brigaud, welche jetzt in das Dachstübchen des Ritters von Harmental ihren feierlichen Einzug hielten, Der Anblick dieser Stärkungsmittel erinnerte ihn daran, daß es für den Augenblick andere Dinge für ihn zu thun gäbe, als sich dem beobachtenden Leben zu über lassen, und daß er, einer weit wichtigeren Angelegenheit wegen, dem Capitain Roquefinette ein Rendezvous gegeben habe. Er zog daher seine Uhr hervor, und gewahrt, daß es bereits zehn Uhr say. Dies war, wie der geneigte Leser sich erinnern wird, die verabredete Stunde. Er verabschiedete daher schnell den Ueberbringer der Speisen und Getränke, ordnete, um später nicht der Bedienung des Portiers zu bedürfen, alles auf den Tische, und öffnete alsdann das Fenster wieder, um die Ankunft des Capitains Roquefinette zu erwarten.

Kaum befand er sich einige Augenblicke auf seinem Observatorium, als er auch sofort den würdigen Kriegsmann erschaute, der gerade in diesem Moment die Ecke der Straße Gros-Chenet umschritt; die Nase hoch in der Luft trug, die Hand in die Seite gesetzt hatte, und das martialische bestimmte Wesen zeigt, wie jemand, der gleich dem alten griechischen Philosophen, meint, daß er sein Alles mit sich führe. Sein Hut, dieser Thermometer, an welchem jedermann sofort den finanziellen Zustand seines Herrn erkennen konnte, und der an Tagen, an welchen seine Börse gefüllt war, breit und grade auf seinem Kopfe saß, hatte wieder jene verdächtige schiefe Stellung angenommen, die er, wie sich unsere freundlichen Leser erinnern werden, an jenem Morgen zeigte, als der würdige Capitain Roquefinette mit dem Baron Valef auf dem Pont-Neuf zuerst zusammentraf. Die eine Spitze des Hutes berührte fast die Schulter, während die andere, wenn der Capitain nämlich zu Franklins Zeiten gelebt hätte, diesem die erste Idee zu einem Blitzableiter hätte geben können.

Als ungefähr so das Drittheil der Straße durchschritten war, hob er den Kopf noch mehr und blickte nach allen Seiten um sich, so daß er grade über sich den seiner harrenden Chevalier gewahrte; der Erwartete und der Erwartende wechselten ein Zeichen mit einander, worauf der Capitain der die Entfernung mit einem strategischen Blicke maaß, und sogleich die rechte Thür fand, die Schwelle überschritt, und durch das stille Haus der Madame Denis ging, martialisch und lärmend, so als ob er sich in einer öffentlichen Herberge befinde. Der Chevalier seinerseits schloß jetzt vorsichtig das Fenster wieder und zog bedächtig die Vorhänge desselben zu. Geschah das, damit die schöne Nachbarin ihn nicht in Gesellschaft dieses Capitains schaue, oder damit der Capitain diese nicht erschaue? Wir können darüber dem geneigten Leser keine zuverlässige Auskunft geben.

Nach wenigen Augenblicken vernahm Harmental den Schall der Schritte des Capitains und das Geklirr seines langen Degens, der gegen das Geländer der Treppe schlug. Als er das dritte Stockwerk erreicht hatte, wo das von unten heraufdämmernde Licht fast zu erlöschen begann, befand sich der Capitain in großer Verlegenheit, denn er wußte nicht, ob er dort seine Schritte hemmen, oder noch höher steigen solle.

»Alle Teufel! Chevalier, rief er daher, da Sie mich vermuthlich nicht hierher beschieden haben, damit ich mir hier auf der Treppe den Hals brechen solle, so öffnen Sie doch Ihre Thür, oder singen Sie, damit mir entweder das Tageslicht oder Ihre Stimme den rechten Weg zeige; sonst bin ich durchaus verloren, wie es Theseus im Labyrinth gewesen wäre, hätte er nicht Ariadnens Faden gehabt.«

Darauf begann der Capitain mit lauter Stimme zu singen:

Ariadne, schön" Ariadne mein!

O, wollt Deinen Faden mir verleihn!

Der Chevalier lief sofort zur Thür seines Zimmers und öffnete sie.

»Das lassen ich mir gefallen!« rief der Capitain, dessen Gestalt jetzt in dem Dämmerlichte sichtbar wurde. Die Leiter zu Ihrem Taubenschlage ist pechschwarz wie die Nacht. Doch da bin ich, zur festgesetzten Zeit, pünktlich auf meinem Posten, der Verabredung gemäß, Die Glocke der Kirche la Samaritaine schlug grade zehn, als ich über den Pont-Neuf schritt.«




X.

Der Vertrag


Der Chevalier reichte dem Capitain Roquefinette die Hand hin, und sprach: »Sie sind ein Mann von Wort; aber treten Sie schnell ein, es ist nothwendig, daß unsere Nachbarn nicht aufmerksam auf uns werden.«

»In diesem Falle bin ich stumm wie ein Fisch erwiderte der Capitain; »übrigens haben Sie,« – hier deutete er auf die kalte Pastete und die Weinflaschen, die den Tisch füllten, – »das rechte Mittel gefunden, mir den Mund zu stopfen.«

Der Chevalier schloß die Thür und schob den Riegel vor.

»Ah, wie ich sehe, ein Geheimniß!« rief der Mann mit dem rothen Achselbande, desto besser, ich liebe das Geheimnißvolle, es ist fast immer etwas zu verdienen bei Leuten, die da ihre Rede beginnen mit: »Still, um Gotteswillen, ich bitte, schweigen Sie;« – »in jedem Falle konnten Sie sich an Niemand Besseres wenden, als an Ihren gehorsamen Diener, Sie sehen in mir« – der geneigte Leser bemerke, daß der Capitain seine mythologische Redeweise fortsetzt – »Sie sehen in mir den Abkömmling des Harpokrates, des Gottes der Verschwiegenheit. Sprechen Sie also frei heraus; genieren Sie sich nicht.«

»Das ist sehr schön, mein lieber Capitain;« entgegnete Harmental, »ich habe Ihnen allerdings Dinge mitzutheilen, die höchst wichtig sind und Ihrer ganzen Verschwiegenheit bedürfen.«

»Sie können fest auf mich zählen, Chevalier. Während ich dem jungen Ravanne eine Lektion gab, beobachtete ich von der Seite Ihr Degenspiel – und ich interessiere mich für die tapferen Kämpfer. Dann haben Sie mir einen kleinen unbedeutenden Dienst, der gar nicht einmal zu nennen ist, durch das Geschenk eines vortrefflichen Pferdes vergolten, das unter Brüdern 100. Louisd’ors werth war; und ich liebe die großmüthigen Leute. Da Sie also zwiefach mein Mann sind, warum wäre ich nicht einmal der Ihre?«

»Ich sehe, Capitain, daß wir uns leicht mit einander verständigen werden, sprach der Chevalier.

»Sprechen Sie, ich bin ganz Ohr,« entgegnete der Capitain, indem er eine höchst ernste Miene annahm.

»Sie werden mich besser sitzend anhören, mein lieber Gast, nehmen wir daher Platz und frühstücken wir.«

»Sie sprechen goldene Worte, wie der heilige Johannes,« versetzte der Capitain, indem er Hut und Degen auf das Clavier legte und sich dem Chevalier gegenüber setzte, »es ist ganz unmöglich, je andrer Meinung zu seyn, als Sie. So, da sitze ich, jetzt kommandieren Sie, und ich werde einhauen!«

Prüfen Sie diesen Wein, während ich diese Pastete attaquire

»Ganz recht!« lachte der Capitain, »theilen wir unsere Macht und greifen wir den Feind von verschiedenen Seiten an; später vereinigen wir uns wieder um seine Ueberreste zu vertilgen.«

und schnell die Praxis der Theorie folgen lassend, erfaßte der Capitain eine der Weinflaschen, ließ den Pfropfen derselben springen, schenkte sich ein Glas bis zum Rande voll und goß den Inhalt mit einer Geschwindigkeit hinunter, welche glauben machen konnte, die Natur habe ihn mit einem ganz besonderen Verschlingungstalente begabt. Um ihm indes Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, müssen wir berichten, daß der Wein, den er so ohne weitere Verfehlungen hatte, kaum hinunter war, als er auch schon bemerkte, daß dessen ganz ausgezeichnete Qualität eine ganz besondere Beachtung und Behandlung verdiene.

»Alle Teufel!« rief er, indem er mit der Zunge schnalzte und das Glas langsam wieder auf den Tisch stellte, »was habe ich da gemacht? Ich Unglücklicher! Da gieße ich den köstlichen Nectar hinunter, als ob es Krätzer wäre. Und das zu Anfang des Mahls! Ha,« fuhr er fort, indem er ein Glas aus derselben Flasche aufs Neue füllte, und mit dem Kopfe schüttelte, »Roquefinette, wein guter Freund, Du fängst an alt zu werden. Vor zehn Jahren hättest Du bei dem ersten Tropfen, der deine Zunge berührte, gewußt, mit wem Du es zu thun hattest während Du jetzt mehrere Versuche anstellen mußt, um den Werth der Dinge kennen zu lernen. Ihre Gesundheit, Chevalier!

Und dieses mal schlürfte der Capitain seinen Wein langsam hinunter, und setzte das Glas, bis er es geleert hatte, dreimal von den Lippen, wobei er beifällig, mit den Augen blinzelte. Als er getrunken hatte, rief er mit einer wahren Kennermiene: »Das ist Eremitage vom Jahre 1702. Wenn Ihr Lieferant von diesem Weine Vorrath hat, und Credit gibt, so geben Sie mir seine Adresse, er soll an mir einen guten Kunden haben.«

»Capitain, entgegnete der Chevalier indem er eine gewaltige Scheibe der kalten Pastete auf den Teller seines Gastes gleiten ließ, »mein Lieferant gibt nicht nur Credit, sondern er giebt meinen Freunden sogar den Wein umsonst.«

»O, der unvergleichliche Mann!« rief der Capitain in einem wahrhaft gerührten Tone, und nach einer kurzen Pause, während welcher ein ruhiger Beobachter sich überzeugt haben würde, daß er die Pastete eben so sorgsam prüfe, als vorhin den Wein, stemmte er beide Ellbogen auf den Tisch und sprach zwischen Gabel und Messer durch, zu einem Wirth gewandt: »Wir haben also eine Verschwörung vor, mein lieber Chevalier, und wir möchten, wie es scheint, daß der gute Capitain Roquefinette uns dabei hilfreiche Hand leiste.«

»Und wer, in aller Welt, hat Ihnen das gesagt?« fragte der Chevalier, indem er unwillkürlich zusammenschauderte.

»Wer mir das gesagt hat? Zum Teufel, das war kein schweres Räthsel. Ein Mann, der Pferde zu hundert Louisd’ors verschenkt, der Wein trinkt, zu einer Pistole die Flasche, und der in einer Dachstube der Straße du Temps perdu wohnt, was, zum Henker, kann der anders vorhaben als eine Verschwörung?«

»Wohlan, Capitain,« nahm Harmental das Wort, »ich will nicht länger hinter dem Berge halten, – Sie haben vielleicht grade das Rechte getroffen. Erschreckt Sie eine Verschwörung?« Er füllte das Glas seines Gastes aufs Neue.

»Ich, ich mich erschrecken? Was in der großen weiten Welt gäbe es wohl, wovor sich der Capitain Roquefinette erschrecken könnte?

»Ich bin von Ihrem Muthe überzeugt, Capitain. Gleich nach unserm ersten Zusammentreffen, nachdem wir nur einige Worte mit einander gewechselt hatten, beschloß ich auf der Stelle, Sie zu meinem Unterbefehlshaber zu wählen.«

»Das heißt mit andern Worten: Daß wenn Sie zwanzig Fuß hoch gehängt werden, soll ich nur zehn Fuß hoch baumeln.«

»Ey zum Henker, Capitain,« rief Harmental, indem er aufs Neue einschenkte, »wenn man, wie Sie jetzt, alle Dinge im schwarzen Lichte sähe, würde man nie etwas unternehmen.«

»Meinen Sie, weil ich von dem Galgen sprach? wandte der Mann mit dem rothen Achselbande ein, »was ist denn der Galgen in den Augen eines Philosophen? Was ist er anders, als einer von den Millionen Wegen, aus dieser Welt zu gehen, und es ist, meiner Treu, grade keiner der unangenehmsten. Man sieht, Sie haben die Sache noch nicht im rechten Lichte betrachtet, sonst würden Sie nicht so davor zurückschaudern. Uebrigens würde man uns nur den Kopf abschlagen, wie dem Herrn von Rohan. Haben Sie es mit angesehen, wie man dem Herrn von Rohan den Kopf abschlug?« Hier faßte der Capitain den Chevalier von Harmental scharf ins Auge. »Es war ein schöner, junger Mann, wie Sie, auch so ungefähr von Ihrem Alter! Er hatte eine Verschwörung vor, wie Sie eine vorhaben. Aber die Sache mißlang. Was thut’s, man kann sich irren. Man erbauete für ihn ein schönes, erhabenes Schafott; man gestattete ihm das Gesicht nach dem Fenster zu drehen, wo eine Geliebte stand, man schnitt ihm mit der Scheere den Kragen seines Hemdes ab. Der Scharfrichter aber, hören Sie, war ein Tölpel, er war nur an das Hängen, nicht an das Enthaupten gewöhnt, so daß er dreimal zuschlagen mußte, bevor der Kopf fiel, und doch kam er nur zum Zweck mit Hilfe eines Messers, das er aus der Tasche zog und mit dem er so lange hin und her feilte, bis er endlich den Kopf vom Halse geschnitten hatte. – – Ihre Hand, Chevalier, ich sehe jetzt, daß Sie Muth besitzen, fuhr der Capitain nach einer Pause fort, während welcher er den Chevalier forschend betrachtet hatte, der bei der schaudervollen Schilderung keine Miene verzog. »Schlagen Sie ein, ich bin Ihr Mann! Nun aber heraus mit der Sprache, gegen wen wird die Verschwörung gerichtet. Gegen den Herzog von Maine, oder gegen den Herzog von Orleans? Gilt es dem Hinkenden das andere Bein ab, oder dem Einäugigen das andere Auge auszuschlagen? Ich bin zu allem bereit!

»Nichts von dem Allen, Capitain, mit Gottes Hilfe soll kein Blut vergossen werden.«

»Wovon ist denn aber die Rede?«

»Hörten Sie nie von der Entführung des Secretairs des Herzogs von Mantua erzählen?«

»Des Secretairs Matthioli?«

»Desselben.

»Alle Teufel, die Geschichte kenne ich besser als irgend ein Anderer. Ich sah ihn, wie man ihn nach Pignerol brachte die Herren von Saint Mar und Villebois führten den Streich aus: sie empfing jeder dreitausend Livres für sich und ihre Leute.«

»Das war schlecht bezahlt!« entgegnete verächtlich Harmental.

»Finden Sie das, Chevalier? Dreitausend Livres sind dennoch viel Geld.«

»Würden Sie denn die Sache für Dreitausend Livres übernommen haben, Capitain?«

»Ich hätte sie für diese Summe über mich genommen,« antwortete Roquefinette.

»Wenn es nun aber statt der Entführung Secretairs, der des Herzogs gegolten hätte?«

»Dann hätte man freilich mehr zahlen müssen.«

»Aber die Sache, Sie hätten sie doch gewagt.«

»Warum nicht? Ich hätte das Doppelte verlangt und damit basta.«

»Und wenn man Ihnen nun das Doppelte zusicherte, und ein Mann wie ich zu Ihnen spräche, Capitain, ich will Sie keineswegs allein in die Gefahr werfen; ich selbst theile sie mit Ihnen, ich wage wie Sie meinen Namen, meine Zukunft, meinen Kopf; was würden Sie alsdann diesem Manne geantwortet haben?«

»Ich würde ihm die Hand gereicht haben, wie ich sie jetzt Ihnen reiche. Nun sprechen Sie frei heraus, worauf kommt es an?«

Der Chevalier füllte sein Glas und das des Capitains.

»Auf die Gesundheit des Regenten!« sprach er, »möge er eben so wohlbehalten die Spanische Grenze erreichen, als Matthioli in Pignerol anlangte!«

»Ah, ha,« rief der Capitain, indem er sein Glas bis zur Höhe seines Auges führte, »und warum sollte er nicht? Er ist ja nur ein Mensch! – Das einzige dabei zu bemerken ist, daß man uns weder hängen noch köpfen, sondern rädern würde. Jedem Andern würde ich sagen, das würde theurer zu stehen kommen, für Sie, Chevalier, aber habe ich keine doppelten Preise. Sie zahlen mir sechstausend Livres, und ich sorge für ein Dutzend entschlossener Kerle.

»Aber dies Dutzend Kerle, fragte der Chevalier lebhaft, »kann man ihnen vertrauen? »Sie dürfen nicht wissen, warum es sich handelt, bemerkte der Capitain, es betrifft eine Wette.«

»Und was mich betrifft, Capitain,u fuhr der Chevalier fort, indem er seinen Schrank öffnete, und einen gefüllten Beutel hervorzog, mich will Ihnen beweisen, daß ich mit meinen Freunden nicht handle. Hier sind zweitausend Livres in Gold, nehmen Sie sie einstweilen a conto, wenn es gelingt, erfolgt das Uebrige; scheitern wir, muß jeder sehen, wo er bleibt.«

»Chevalier,« entgegnete der Capitain, indem er wohlgefällig den Beutel in der Hand wog, »Sie begreifen, daß ich nicht die Unhöflichkeit begehen werde, das Geld nachzuzählen; wann aber soll die Sache vor sich gehen?«

»Das ist noch unbestimmt, mein lieber Capitain, wenn Sie aber die kalte Pastete und den Wein erträglich gefunden haben, und wenn Sie mir täglich das Vergnügen machen wollen, wie heute, mit mir zu frühstücken, so sollen Sie pünktlich erfahren, wie es um unsere Angelegenheit steht.«

»Das geht nicht, Chevalier, das geht nicht,« versetzte der Capitain, jetzt heißt es die Sache ernst betrachten. Käme ich auch nur drei Tage hinter einander zu Ihnen, so würde die Polizei des verdammten Argention auf unseren Fersen seyn. Glücklicherweise sind wir eben so schlau als er. Nein, mein Chevalier, bis zu dem Moment des Handelns, müssen wir so selten als möglich, zusammenkommen, noch besser, wir sehn uns gar nicht. Ihre Straße ist nicht lang, und da Sie von der einen Seite in die Straße Gros, Chenet und auf der andern in der Straße Montmartre ausläuft, so brauche ich sie nicht einmal zu passiren. Hier nehmen Sie dies Band,« bei diesen Worten löste er das rohe Achselband von der Schulter, an dem Tage, an welchem ich zu Ihnen kommen soll, befestigen Sie es außerhalb Ihres Fensters, ich weiß, dann was das sagen will, und komme zu Ihnen.«

»Wie Capitain, fragte Harmental, als er gewahrte, daß sein Gast seinen Degen wieder umschnallte und seinen Hut nahm, »Sie gehen, ohne die Flasche zu leeren? Was hat der gute Wein verschuldet, den Sie vor kurzem so sehr priesen, und den Sie jetzt zu verachten scheinen.«

»Grade, weil ich ihn hochschätze, trenne ich mich jetzt von ihm,« fügte der Capitain hinzu, indem er sich noch ein Glas einschenkte; »ich sage ihm jetzt das letzte Lebewohl. Auf Ihre Gesundheit, Chevalier. Köstliche Tropfen, bei meiner Seele! Von jetzt an aber setze ich mich auf die Wassercur, bis zu dem Tage, an welchem ich das rothe Band am Fenster flattern sehe. Sorgen Sie, daß das recht bald geschieht, bedenken Sie, daß das Wasser meiner Constitution durchaus zuwider ist.«

»Aber, warum brechen Sie so schnell auf?«

»Weil ich die Ehre habe, den Capitain Roquefinette zu kennen. Er ist ein trefflicher Mann, wenn er aber eine Flasche vor sich hat, so muß er trinken, und wenn er getrunken hat, muß er schwatzen. Wenn man zu viel schwatzt, sagt man leicht etwas Dummes. Adieu, Chevalier, vergessen Sie nicht das rothe Band, ich wirke indessen für unsere Angelegenheit.«

»Auf Wiedersehen,« sprach Harmental, »ich sehe mit Vergnügen, daß ich Ihnen keine Vorsicht anzuempfehlen brauche.«

Der Capitain legte den einen Finger auf seine Lippen, setzte den Hut gerade und breit auf die Stirn, hob seinen langen Degen, damit er auf der Treppe nicht wieder Geklapper verursache, und stieg diesmal die Stufen so leise hinab, als ob er gefürchtet hätte, das Geräusch seiner Schritte hätte in dem Hôtel des Herrn von Argention einen Widerhall gefunden.




XI.

Die Communication


Der Chevalier blieb allein. Diesmal aber gab ihm seine Unterredung mit dem Capitain so viel Stoff zum Nachdenken, daß er weder Langeweile empfinden, noch an sein Clavier oder an das Zeichnen denken konnte. Wirklich hatte sich Harmental, bis jetzt nur theilweise in die Angelegenheit eingelassen, rücksichtlich welcher die Herzogin von Maine und der Prinz von Cellamare ihm eine so glänzende Aussicht gezeigt, der Capitain Roquefinette ihm aber so eben unverholen und in den deutlichsten Ausdrücken das schaudervollste und blutigste Ende enthüllt hatte. Bis jetzt war er nur der Endpunkt einer Kette, und leicht war es ihm sich derselben zu entwinden. Jetzt war er ein Mittelring derselben geworden, der von beiden Seiten eingeengt, auf der einen Seite mit dem, was die Gesellschaft am vornehmsten bot; auf der anderen aber, was sie am niedrigsten umschloß, vereinigt war. Kurz, von dieser Stunde gehörte er sich nicht mehr selbst an, er glich dem Reisenden, der sich in den Alpen verirrt, auf einem unbekannten Wege seine Schritte hemmt, und mit dem Auge zum erstenmal die sich vor ihm erhebende Felsmasse, und den sich zu seinen Füßen hinabsenkenden Abgrund zu messen versucht.

Zum Glück besaß der Chevalier jenen kalten, ruhigen und entschlossenen Muth, der bei heftigem Aufwallen im ersten Augenblicke, später eine ruhige Ueberlegung gestattet. Er warf sich in die Gefahr mit der ganzen Lebhaftigkeit eines Sanguinikers, prüfte sie aber, wenn er sich einmal darin befand, mit großer Besonnenheit. Hieraus ergibt sich, daß der Chevalier eben so gefährlich in einem Zweikampf, als in einer Verschwörung war; denn in einem Duell gestattete ihm seine Ruhe, selbst den kleinsten Fehler seines Gegners zu benutzen; und in der Letzteren erlaubte ihm ein kaltes Blut, die etwa zerrissenen kleinen Fäden, von denen oft das Gelingen des wichtigsten Unternehmens abhängt, schnell wieder zusammen zu knüpfen. Die Herzogin von Maine hatte also recht, wenn sie gegen Fräulein de Launay bemerkte, daß ihre Laterne ihr gute Dienste geleistet, weil sie einen Menschen gefunden habe.

Dieser Mann aber war jung, er zählte erst sechsundzwanzig Jahre: das heißt, er besaß ein Herz, empfänglich für alle Täuschungen, für alle Poesie der Jugend. Als Kind hatte er seine Kronen zu den Füßen seiner Mutter niedergelegt, als junger Mann hatte er in seiner Obristenuniform vor seiner Geliebten geglänzt; kurz bei allen Unternehmungen seines Lebens hatte ihm ein theures Bild vorgeschwebt, und er hatte sich in die Gefahr gestürzt, mit dem beseeligenden Gedanken, daß, falls er unterliegen sollte, doch irgend jemand ein Schicksal beweinen, sein Andenken getreulich aufbewahren würde. Seine Mutter aber ruhte bereits im Grabe; die letzte Frau, von der er sich geliebt wähnte, hatte ihn verrathen. Er fühlte sich allein in der Welt und nur durch das Interesse mit Menschen verbunden, denen er ein Hinderniß ward, sobald er aufgehört hatte, ihr Werkzeug zu seyn; und die, falls er untergehen sollte, statt seinen Tod zu beweinen, denselben nur als einen Beruhigungsgrund für sich selbst betrachten würden. In diesem Moment hätte der Chevalier alles darum gegeben, in dieser Welt nur von irgend einem Wesen geliebt zu werden.

In diese und ähnliche trübe Gedanken versunken, war er mehrmals in seinem Zimmerchen auf und ab geschritten, als er plötzlich bemerkte, daß das Fenster seiner schönen Nachbarin gegenüber geöffnet say. Er fuhr mit der Hand über die Stirn, so als wolle er die finsteren Ideen verscheuchen, und suchte, indem er seine Aufmerksamkeit auf äußere Dinge lenkte, jenen eine andere Richtung zu geben. Der Mensch aber ist nicht mehr Herr seines Wachens, als seines Schlafs; und seine Träume mit offenen oder geschlossenen Augen, sind stets nur die Folgen einer innerlichen Entwickelung. Die entgegengesetztesten Gegenstände nähern sich einander, die unzusammenhängendsten Gedanken begegnen sich und unsere Seele wird in solchen Momenten m unter von Lichtstrahlen erhellt, die, wenn sie nicht in der Schnelligkeit eines Blitzes wieder verschwände uns vielleicht die Zukunft enthüllen würden. Man fühlt als dann, daß sich in uns etwas Fremdartiges zuträgt; man begreift alsdann, daß man nichts als eine Art Maschine ist, deren Fäden durch eine Unsichtbare Hand gelenkt werden.

So ging es auch jetzt unserm Helden; vergebe suchte er sich durch äußere Gegenstände zu zerstreuen. seine finsteren Gedanken kehrten immer wieder und wieder zurück.

Das junge Mädchen, welches er am Morgen geschauet hatte, saß jetzt am Fenster, und arbeitete so als wolle sie die Strahlen der untersinkend Sonne benutzen; sie war mit einer Stickerei beschäftigt, ihr Clavier stand geöffnet, und auf ein Tabouret zu ihren Füßen schlummerte das kleine milchweiße Windspiel, welches jedoch, nach der Gewolltheit dieser Thiere, bei dem leisesten Geräusch auf der Straße, aus seinem leichten Schlaf auffuhr, sein zierliche Köpfchen zum Fenster hinaus steckte, die Ohren spitzte und sich dann wieder zum Schlummer legte, wobei es eines seiner niedlichen Pfötchen auf dem Schooße seiner Gebieterin ruhen ließ. Dies alles war von dem bezaubernden Lichte der untergehenden Sonne magisch beleuchtet, welche die bronzenen Verzierungen des Claviers und der vergoldete Rahmen eines Gemäldes zurückwarfen; alles Uebrige war nur im Dämmerlichte zu schauen.

Es schien jetzt dem Chevalier in seiner dermaligen Gemüthstimmung, daß dieses junge Mädchen mit dem ruhigen sanften Antlitz, zum erstenmal, wie hinter einem Vorhang hervor, in sein Lebensschauspiel getreten say, einer Bühnenkünstlerin gleich, die erst in dem zweiten oder dritten Acte eines Dramas erscheint, und der Handlung desselben plötzlich eine andere Wendung giebt. Seit jener Zeit, in welcher man in seinen Träumen noch Engel sieht, hatte sich nichts Aehnliches seinen Blicken gezeigt. Das junge Mädchen hatte mit keinem der weiblichen Wesen Aehnlichkeit, welche er bis jetzt geschaut. Es war eine Mischung von Schönheit, Unschuld und Einfalt, wie man sie oft in Köpfen findet, die Greuse so musterhaft kopiert hat, nicht nach dem Leben, sondern nach dem Spiegel seiner Einbildungskraft.

Alles vergessend, den niederen Stand, in dem sie aller Wahrscheinlichkeit nach geboren, die armseelige Straße in der sie wohnte, das bescheidene Zimmer, das ihr zum Aufenthalte diente, verlieh Harmental ihr ein Herz, das ihrem Antlitze glich, und pries denjenigen unbeschreibbar glücklich, der dieses Herz zum erstenmal heftiger schlagen machen, der mit diesen wundervollen Augen liebevoll angeblickt seyn, und der von diesen frischen Rosenlippen den ersten süßen Kuß der Liebe pflücken würde.

So verschieden sind die Ansichten, welche ein und dieselben Gegenstände nach unserer jedesmaligen Gemüthstimmung uns darbieten. Vor acht Tagen noch hätte Harmental, wo er sich in keine Gefahr bringende Unternehmung eingelassen, sondern seine Tage zwischen delikatem Frühstück und köstlichem Mittagsessen, zwischen dem Ballspiel bei Farolet und einem Souper bei der Fillon theilte, dieses junge Mädchen erblickt, er würde in ihr nichts als eine niedliche Grisette gesehen haben, und hätte ihr vielleicht einen Kammerdiener nachgesandt und ihr ein Geschenk von 25 Louisd’ors haben anbieten lassen. Der Harmental von vor acht Tagen aber existierte jetzt nicht mehr! An die Stelle des eleganten, seinen, zuversichtlichen jungen Cavaliers war jetzt ein junger isolierter Mann getreten, der im Dunkeln und allein einen gefahrvollen Weg wandelte, über dessen Haupte plötzlich der Himmel zusammenstürzen, zu dessen Füßen sich mit jedem Augenblick ein unabsehbarer Abgrund erschließen konnte. Der jetzige Harmental bedurfte einer Stütze, so schwach sie auch immer sein mochte, er bedurfte jetzt der Liebe, er bedurfte der Poesie. Es ist daher völlig begreiflich, daß er, indem er eine Madonna suchte, zu der er beten konnte, in seiner Einbildungskraft das oft erwähnte junge Mädchen ihrer natürlichen und prosaischen Sphäre enthob, sie in die seinige zog, und sie auf das leere Piedestall der Gegenstände seiner früheren Verehrung stellte.

Plötzlich erhob das junge Mädchen das Haupt, blickte zufällig aus dem Fenster, und gewahrt durch die Scheiben ihr gegenüber das sinnende Antlitz des Chevaliers. Es war ihr augenblicklich klar, daß der junge Mann um ihretwillen dastand, und daß sie es say, nach der er schauete. Eine hohe Röthe überflog plötzlich ihr schönes Gesicht; sie stellte sich indeß, als ob sie nichts bemerkt habe, und senkte das Auge wieder zu ihrer Stickerei hinab. Nach einigen Augenblicken aber stand sie auf, machte sich Manches im Zimmer zu schaffen, und schloß dann das Fenster, ohne jedoch dabei irgend eine besondere Absicht zu verrathen. Harmental aber blieb wo er war, und wanderte, trotz des geschlossenen Fensters, fortwährend in dem Phantasieenreiche umher, welches er sich geschaffen hatte. Einige Mal schien es ihm, als ob der herabgelassene Vorhang sich bewege und ein wenig gelüftet würde, so als wolle sich die Bewohnerin des Zimmers überzeugen, ob der Unbescheidene, welcher sie von ihrem Platze vertrieben, noch immer seinen Beobachtungsposten behaupte. Endlich wurden drüben einige rasche Accorde vernehmbar, eine sanfte Harmonie folgte, und nunmehr kam die Reihe an Harmental sein Fenster zu öffnen.




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