Fridolins heimliche Ehe
Adolf Wilbrandt




Adolf Wilbrandt

Fridolins heimliche Ehe





Erstes Buch





I


Bester aller Leser, ich führe dich in ein Haus in Berlin, in der jetzigen Königgrätzer Straße, die zu jener Zeit noch Hirschelstraße hieß; über den Hof, in den dritten Stock; in ein Zimmer, das dir ohne meine Hilfe selber sagt, wes Geistes Kind darin wohnt. Wenn vier Wände voll Kupferstiche und Photographien nach den berühmtesten Gemälden der Welt, wenn einige Dutzend Gipsabgüsse nach der Antike, wenn Reliefs, Statuetten, Bildermappen, Schnitzwerke, künstlerische Geräte jeder Art, jedem Quadratzoll freien Raumes aufgenötigt, wenn die Unmöglichkeit, sich zwischen diesen tausend schönheitsfrohen Hindernissen gefahrlos hindurchzuwinden – wenn dies alles das Dasein eines Kunstfreundes verkündigen kann, so bist du dessen hier nach dem ersten Blick gewiß. Als ein Mensch von Geist – für den ich dich halte – siehst du nach dem zweiten Blick, daß dieser Kunstfreund eine auffallende Vorliebe für Rafaels frühere Madonnen und zugleich für Rembrandtsche Radierungen hat; und du erlaubst dir daraus zu schließen, daß vermutlich zwei Seelen in seiner Brust wohnen, von denen die eine nach der zarten Grazie des Südens, die andere nach dem derben Humor des Nordens zeigt. Trittst du alsdann auf den Balkon, der sehr liebe- und sinnvoll in einen kleinen Garten verwandelt ist, doch aus dessen Nachbarschaft alle Spätzchen und Tauben, sobald nur der Thürgriff sich regt, in wahrer Todesangst aufflattern, so sagst du dir nach diesem dritten Blick, daß die hier wohnende Doppelseele die Blumen zu lieben und die Vögel zu hassen scheint. Das Bild eines sonderbaren Menschen fängt sich dir zu gestalten an; und nach dem vierten Blick – auf den Gaskronleuchter, an dem schon jetzt, im hellen Zwielicht, alle Flammen brennen, und auf die Kerzen in allen Ecken umher – fügst du die Bemerkung hinzu, daß du offenbar zu einem leidenschaftlichen Lichtfreund gekommen bist. Wie liebebedürftig dieser Lichtfreund ist, erkennt dein fünfter Blick auf ein langes Gesims, auf dem – die künstlerische Anordnung dieser Wand mit unästhetischer Sentimentalität unterbrechend – eine lange Reihe kleiner Photographien in stillosen Rähmchen Front macht: würdige, aber unbedeutende Kreise und Greisinnen in Kleidern von verschollenem Schnitt; eben ins Weinen übergehende Mundwinkel von mißvergnügten Kindern, mit unendlich glücklichen und unschönen Müttern; ein paar reizende, behagliche Frauenköpfe in Häubchen (vermutlich, denkst du, hat er sie geliebt, und sie haben andere geheiratet) und endlich einige Gruppen junger Männer mit kühn geschlungenen Krawatten und, sozusagen, begeistertem Haarwuchs, und nicht ohne widmende Unterschriften: »Ihrem teuren Meister«, »Ihrem Fridolin«. Wer ist dieser Fridolin? Dein sechster Blick auf einen großen Kalender an der Thür scheint es dir zu verraten. In abwechselnden Farben, blau, rot und gelb, siehst du hier die Wochentage angezeichnet oder unterstrichen; die Sonntage sind frei. Zuweilen steht neben dem heiligen Blasius, oder der ehrenwerten Veronika, oder der frommen Agatha, mit kleinster Gelehrtenschrift geschrieben: Vier bis Fünf, oder: halb Sechs. Du hast keinen Zweifel mehr. Du stellst bei dir fest, daß dieser derb-zarte Kunstmensch, der die Ordnung, die Spielereien, die Menschen, das Licht und die Blumen liebt und die Vögel haßt, ein angestellter Lehrer der Kunst ist, den zärtliche, tändelnde Jünglinge Fridolin nennen, der seinen Liebhabereien und Idealen lebt, und dem sich zu nähern – wenn man kein Sperling ist – wohl seinen Reiz haben möchte.

Und so hast du dir einzig durch die Kraft deines Scharfsinns ein nicht mehr undeutliches Bild dieses Menschen gemacht, und mir die Anstrengung erspart, durch die der Erzähler dem Leser oft so furchtbar wird: dich durch eine langwierige und umständliche Aufklärung zu verwirren.

Indessen irrst du, mein Lieber, wenn du, durch diese Erfolge kühn gemacht, dir nun auch seine körperliche Erscheinung vorzustellen suchst, und aus der Summe seiner zarten Eigenschaften auf einen zierlichen, blaffen Menschen mit schmalen, bartlosen, gleichsam geräuschlos lächelnden Lippen und bescheiden zurückgezogenen Formen schließest. Du irrst, weil du noch nicht ahnst, was die Natur mit ihm vorhatte. Im Gegenteil! Die Uhr schlagt eben fünf, und er tritt ein: strahlend, ein Mann wie der Graf Egmont, mit dem schönsten Blondbart und einer großen, stilvollen Locke über der Stirn, einer machtvollen Nase, die der Geist der Schönheit noch im rechten Augenblick gehemmt und geformt hat, mit breiten Schultern und hochgewölbter Brust. Er sieht um sich her, seine große Nase scheint etwas Feindliches zu wittern, sie rümpft sich schmerzlich, und über ihr, in einer finsteren, gebieterischen Falte, erscheint ein drohender Zug, der sich über dem schön gekräuselten Knebelbart wiederholt. Er schüttelt sein schön wallendes Haar. Er stampft mit dem rechten Fuß. Er tritt zornig zur Klingel. Er klingelt so ungestüm, daß die Widerstandskraft der Klingelschnur dem Tapezier Ehre macht. Er zieht noch einmal. Er steht da und wartet. Was für ein Opfer seiner Erbitterung erwartet er? Es scheint gefährlich zu sein, diesem aufgebrachten Grafen Egmont gegenüber zu treten, – wenn man nicht mindestens der Herzog Alba ist. Wie kommt diese Licht- und Blumen-, diese Madonnenseele zu dieser Gestalt? Hat der weiseste aller Leser sich doch über ihr Inneres getäuscht? – Man muß warten, bis jemand eintritt. Frau Therese Ritter tritt ein.

Eine stattliche Dame mit einer stattlichen schneeweißen Haube, mit schon etwas graulichen Locken, doch einem merkwürdig blühenden, angenehmen, phlegmatischen Gesicht.

»Herr Professor haben geklingelt,« sagt sie mit einer ebenso angenehm phlegmatischen Stimme und blickt ihn sanft, doch ohne alle Unruhe an.

»Sie haben's also gemerkt!« erwidert er. »Ja, meine Liebe, ja, ich habe geklingelt! Ich habe geklingelt, weil Sie in Ihrem ganzen Leben nie thun, was ich will! Es sollte hier geräuchert werden. Warum ist nicht geräuchert? Sie wissen, daß ich diesen verfluchten Kohlengeruch verabscheue, daß er mich umbringt! Warum vernachlässigen Sie mich? Warum thun Sie nie, was ich will?«

»Ich vernachlässige Ihnen nicht,« erwidert die sanfte Dame (deren Verhältnis zu den Regeln der Grammatik kein ganz lauteres ist), »und ich thue immer, was Sie wollen; und ich werde Sie räuchern.«

»Ich werde Ihnen räuchern, wollten Sie sagen!« berichtigt er sie. »Ihnen! Dativ. Wem zum Nutzen, oder wem zum Schaden – der Dativ!«

»Also ich werde Ihnen räuchern, Herr Professor,« antwortet sie unerschüttert.

»Jetzt werden Sie räuchern, jetzt, wenn es zu spät ist! Wissen Sie nicht, daß ich dieses Lokal jetzt verlassen muß? Als Sie eben sagten: ›ich werde Ihnen räuchern‹, wußten Sie da, daß ich dieses Lokal jetzt verlassen muß, oder wußten Sie es nicht?«

»Ich weiß alles, Herr Professor,« erwiderte sie mit der angenehmsten Ruhe; »und ich werde räuchern, weil Sie doch wiederkommen.«

»Wie unendlich weise Sie sind, Frau Professorin! Frau Geheime Allwisserin! Woraus schließt Ihre Allweisheit, daß ich nach der Vorlesung nicht in irgend eine Gesellschaft, unter Menschen gehe, sondern zu Ihnen, in Ihre Kohlen-Stankosphäre zurückkomme?«

»Weil Sie in Ihre Krawatte nicht den großen, künstlichen Gesellschaftsknoten geschlungen haben, sondern den kleinen, fürs Haus; und weil Sie die graue Sammtweste angezogen haben – und in der kommen Sie immer wieder nach Hause.«

»Eine merkwürdige Weste! Eine Weste, in der man immer wieder nach Hause kommt! Dagegen die zwanzig anderen Westen – die sind anders. In diesen zwanzig andern bin ich nie wieder nach Hause gekommen!«

Die sanfte Frau Ritter errötete ein wenig; doch dann lächelte sie. »Ich hab's wohl dumm gesagt, aber Sie wissen doch, was ich meine, und ich hab' doch recht.«

»Diesen Tag müssen wir also rot anstreichen: ein Tag, an dem Sie recht hatten! Er ist denkwürdig in Ihrem Leben. Der zwanzigste März; vergessen Sie ihn nicht! Sie werden also räuchern, geistreichste aller Frauen, und ich werde zehn. Aber Sie erlauben mir wohl, daß ich diesen Gestank, mit dem Sie mein Zimmer beglückt haben, nicht als Andenken mitnehme. Ich hab meinen Zuhörern versprochen, sie mit den schönen Künsten, aber nicht, sie mit den gemeinen Dünsten bekannt zu machen!«

Der Professor, Graf Egmont, hatte vom nächsten Tisch ein Fläschchen mit Kölnischem Wasser genommen – auf jedem Tisch stand ein solches Fläschchen – und bespritzte damit seine graue Sammetweste, sein Hemd und die große Jupiterlocke über seiner Stirn.

»Der Herr Professor haben also nichts mehr zu befehlen?« fragte Frau Ritter, ohne eine Miene zu verziehen; als hätte sie nur erlebt, was sie alle Tage erlebte. Auf diese Frage trat er dicht vor sie hin, die Hände auf dem Rücken, streckte sein Gesicht so nahe gegen das ihre vor, daß er sie fast hätte küssen können, und sagte, jede Silbe einzeln betonend: »Nein! Sie können zehn!«

Sie ging. Auf ihren weichen Schuhen ging sie stumm und geräuschlos hinaus. Die Thür schloß sich leise. Das Unwetter war aus.

Der Professor blieb stehen und sah ihr nach. Zwischen seine Augenbrauen legten sich neue Falten; es schien ihm nicht ganz zu gefallen, daß das Unwetter schon aus war. Er trat an eine der Etageren, die das Zimmer verbauen halfen, nahm seinen Hut und hätte ihn beinahe aufgesetzt; doch zwei Schritte weiter setzte er ihn wieder aufs Klavier. Er sah nach der Klingelschnur, wie wenn er den unentschieden gebliebenen Kampf mit Frau Ritter erneuern wollte. Sein zweiter Blick fiel jedoch auf die Uhr; er nahm den Hut wieder auf. Dann trat er an die Thür, um sein Auge auf einen Zettel zu werfen, den er unter den großen Kalender genagelt hatte, mit folgender Inschrift:

»Fridoline! Ne quam immemor sis te philosophum esse.«

Zu deutsch:

»Fridolin! Vergiß nie, daß du ein Philosoph bist.«

»Te philosophum esse!« wiederholte er vor sich hin. Die Thür ging zurück; er glaubte Frau Ritters Gang wieder zu hören und zwang seinem Gesicht den Ausdruck philosophischer Ruhe auf. Indessen sein Ohr hatte sich getäuscht. Es erschienen zwar wieder ein paar geräuschlose Schuhe, aber es bewegte sich auf ihnen eine männliche Gestalt. Ein langer, graublasser Mensch in einem dunkelgrauen Schlafrock, mit graublondem Haar; die Schultern ebenso schmal und abfallend, wie die des Professors ins Wagerechte strebten; das lange Haar hinter die Ohren gestrichen, die mattgrauen, träumerischen Augen aus knochigen Höhlungen hervordämmernd. Dieser lange Mensch sagte kein Wort, sondern nickte dem andern nur zu; kam dann mit ein paar schwerfällig schleifenden Schritten heran und reichte ihm seine große Hand.

Der Professor nahm sie, ebenso stumm, und bückte sich dann, um ein ledernes Täschchen aufzuheben, das der Schlafrock bei diesen schaufelnden Bewegungen von der nächsten Etagere gerissen hatte.

»Habe ich wieder etwas —?« fragte der Lange und machte ein ängstliches Gesicht.

»Ja. Dieses Täschchen. Zum sechstenmal, teurer Bruder.«

»Wehe! – Zerbrochen?«

»Nein. Ledertaschen zerbrechen nicht.«

»Dieses unglückselige Zimmer! – Mußte das Täschchen da liegen?«

»Ja, es mußte.«

Der Lange betrachtete das Täschchen. Er lächelte. »Ich muß unmaßgeblich bemerken,« sagte er, »daß ich nicht begreife, wozu du das Täschchen brauchst.«

»Es gibt eine höhere Art, Dinge zu gebrauchen, mein lieber Philipp, als daß man sie auf die gemeine, tagtägliche Weise abnützt.«

»Ich kann nämlich nicht finden,« fuhr der Lange fort, »daß dieses Täschchen ein Herrentäschchen ist.«

»Nein, sondern ein Damentäschchen.«

»Und wozu brauchst du es also?«

»Ich hab' es um mich. Ich hab' es vor Augen. Dieweil es ein Andenken ist.«

»Ein Andenken!« wiederholte der Lange mit weicher werdender Stimme. Dann verstummte er. Seine Augen sahen träumend, gleichsam durch das Täschchen hindurch, in die Luft, ins Ferne. Sie zogen sich zusammen, wie um ein zu ihnen aussteigendes Gefühl zu unterdrücken. Zuletzt nahm er das Täschchen in die Hand und nickte ihm mit wehmütig langsamen Bewegungen zu, als wär' es ein Andenken, das ihn betreffe. Er wiegte es mit seinem langen Arm hin und her. Der Professor störte ihn nicht.

»Fridolin!« sagte er endlich, als dieser, den Hut auf dem Kopf, schon in die Thür getreten war, um zu gehn.

»Adieu, mein Sohn. Ich muß fort.« »Ja so, du mußt fort. Ich wollte dir noch etwas sagen.«

»Wenn ich wiederkomme!«

»Wenn du wiederkommst, dann sind auch deine jungen Leute, deine Leibschwaben, deine Kunstjünger da; dann kann ich nicht, wie Bruder zum Bruder, mit dir reden. Eine Minute, Fridolin! Hast du noch eine Minute?«

»Zwei hab' ich noch übrig,« erwiderte Fridolin und sah nach der Uhr.

»Ich hab' mir's wieder überlegt, Kunstbruder;« der Lange, indem er das sagte, suchte scherzhaft zu lächeln. »Ich bin nun ganz mit mir einig. Auf den Rest meines Urlaubs werde ich verzichten. Morgen früh werd' ich abreisen. Ich bin dir zur Last.«

»Was bist du?« – Fridolin trat unwillkürlich wieder ins Zimmer hinein, wie um besser zu hören. »Ein Hansnarr bist du!« setzte er dann gefaßter hinzu.

»Da ist zunächst Judica,« fuhr Bruder Philipp mit seiner etwas tonlosen Kanzelstimme ruhig fort, während er das Täschchen wieder auf und nieder wiegte. »Das Kind ist unterhaltend, sagst du; es erheitert dich, sagst du. Ich danke dir. Ja, es ist vielleicht ein unterhaltendes Kind. Aber es ist ein unerzogenes Kind – ein Kind, dem die Mutter fehlt«

Hier wurde er zunächst still; und ohne ihn zu sehen, hätte man schon an der Art seines Verstummens gehört, daß ein ungetrösteter Witwer gesprochen hatte.

»Nun, wir lassen ihr ja eine Erzieherin kommen, wenigstens ein Stück von einer Mutter,« entgegnete Fridolin.

»Da ist dann also zweitens die Erzieherin,« fing Bruder Philipp, den Faden seiner Logik fortspinnend, wieder an. »Wir kennen sie nicht; sie kann auch unterhaltend sein; sie kann das Gegenteil sein. Du bist der liebenswürdigste Verehrer der Weiblichkeit, wenn sie dir – Kopf und Herz etwas warm machen; aber sie sind dir zuwider wie die Spinnen, wenn sie dich langweilen. Soll ich mir vielleicht übermorgen schon sagen: die Erzieherin meiner Judica ist ihm zuwider wie eine Spinne, und ich hab' ihm diese Spinne in seine Schachtel gesetzt?«

»Bei alledem muß ich fort,« erwiderte Fridolin, der wieder auf die Uhr sah.

»Da bin dann also drittens ich,« fuhr der Bruder fort, der bei der Vertiefung in sein Thema keine Unterbrechung mehr hörte. »Ein morsches Stück Fleisch, dem sein bißchen Leben und Glück abhanden gekommen ist; eine traurige Ruine. Ganz und gar der Gegensatz zu dir. Ich rege dich durch den Gegensatz an, sagst du. Ich danke dir. Aber was zahlst du für diese Anregung, Fridolin? Du hast in deiner großen Junggesellenwohnung bequem gelebt wie ein Prinz; jetzt schläfst du in deinem Studierzimmer —«

»Im Schutz Apollos!« rief Fridolin dazwischen, den Zeigefinger auf den Apollo von Belvedere gerichtet, der, in der Ecke auf eine Säule gestellt, über dem Bett emporragte.

»Es war schon vordem immer nur die Frage, ob man in deinen Zimmern sich selbst, oder irgend einer Gipsfigur den Hals brechen werde; jetzt ist es mir rein unbegreiflich, daß wir nicht jeden Morgen und jeden Abend einen Schwerverwundeten hinaustragen. Und für was opferst du dich auf? Weil du mich ›retten‹ wolltest, wie du sagtest; weil du mich aus meinem verödeten kleinen Nest in andere Luft bringen wolltest; weil du mich zerstreuen und erheitern wolltest. Du wirst mich nicht retten, Fridolin. Ich bin noch jung, sagst du. Aber du wirst mich nicht zerstreuen und erheitern. Du wirst sehen, daß du mich weder zerstreuen, noch erheitern kannst; denn mir ist nicht zu helfen.«

»Ich werde dich noch sowohl zerstreuen, als auch erheitern; aber jetzt muß ich fort!«

»Denn da ist nun noch viertens meine unglückselige Neigung, alles ernsthaft zu nehmen, über alles zu disputieren, mich gegen jeden Widerspruch zu ereifern Du willst gehn? Gut, ich gehe mit.«

»So nimm deinen Hut!«

»Ich nehme meinen Hut —« (Er griff nach dem Klavier, nahm aber statt eines Hutes Fridolins rotes Fez in die Hand, blieb stehn und fuhr fort:) »Meine geradezu unüberwindliche Unart, aus Anhänglichkeit an meine Ueberzeugungen bockbeinig, ausfällig, sogar grob zu werden; eine Unart, von der d u mich leider am wenigsten kurieren kannst, weil deine Lebhaftigkeit, deine Hitze mich nur immer von neuem reizt —«

»Ein Viertel auf Sechs!« rief Fridolin aus und trat ins andere Zimmer, um nun endlich zu gehn.

»Wie leider wieder heute nachmittag,« fuhr Philipp fort, »als ich mich fortreißen ließ, unbrüderlicherweise heftig zu werden; weil du in diesem unseligen Kampf des Staats gegen die Kirche dich des geradezu gewaltthätigen Staats mit einem Ungestüm annahmst —«

»Des gewaltthätigen Staats?« rief Fridolin zurück. »Mein teurer Philippus, gegen dieses Wort könnt' ich dir Dinge sagen – Gegenbeweise – wenn ich nicht fort müßte —«

»Was könntest du mir noch sagen, das ich nicht heute nachmittag schon Punkt für Punkt widerlegt hätte? Womit wolltest du den höchst berechtigten Unwillen entkräften, mit dem ein Mann von Rechtsgefühl und Gewissen, ein Mann von heiligen und sittlichen Ueberzeugungen sich gegen diese Selbstüberhebung der weltlichen Gewalt empören muß? Gegen diese —«

»Selbstüberhebung? Der weltlichen Gewalt?« – Fridolin kam einen Schritt zurück. »Selbstüberhebung? Wir? Der Staat? Unser toleranter, menschlicher, gemäßigter, für alle sorgender Staat? – Aber ihr geistlichen Menschen, ihr kennt ja weder ihn, noch euch selbst; ihr wollt blind sein und seid es; euch ist nicht zu helfen!«

»Uns ist nicht zu helfen? Warum nicht? Aus welchem Grunde wäre uns nicht zu helfen? Weil wir die oberflächliche Altklugheit, die Naseweisheit, die Wichtigthuerei deines edlen Staats« (Fridolin war drei Schritte fortgegangen, blieb nun wieder stehn) »nicht imponierend finden, weil wir ein höheres Ideal haben, darum also ist uns nicht zu helfen? Weil wir das Kommandieren so eines naseweifen Staats in die Kirche hinein unerträglich finden —«

»In welche Kirche? Was geht diese Kirche dich an? Wenn du die Bäffchen eines protestantischen Pastors trägst, mußt du dich dann des Papstes und seiner Unfehlbarkeit annehmen? – Alle Teufel, ich muß fort!« Er war an der äußeren Thür.

Indessen Philipp kam ihm mit drei großen, langgezogenen Schritten ins andere Zimmer nach.

»Ich nehme mich der Unfehlbarkeit an? Wie kannst du sagen, daß ich mich der Unfehlbarkeit annehme? Ich verwerfe den Papst und seine Unfehlbarkeit; ich kenne ihn nicht, ich brauche ihn nicht, ich will ihn nicht; wie kannst du dann so leichtsinnig, so frivol sein, zu sagen, ich nehme mich seiner an?« (Fridolin kam zurück, schüttelte zornig seine Jupiterlocke gegen des Bruders hochgerötetes Gesicht und wollte reden; jedoch Philipp fuhr fort:) »Nein, ich nehme mich weder des Papstes noch seiner Unfehlbarkeit an; aber der Religion! Was will euer Staat? Er will die Menschen erziehen, er allein, ohne Religion! Kindisch! Unmöglich! Ihr mögt die Welt philosophisch zusammenflicken und chemisch zersetzen, ihr mögt euch euer Geld durch Aktienschacher erschwindeln und an der Börse verspielen – aber ihr seid und bleibt nur eine höhere Affenart, ohne Religion!«

»Ich danke dir!« entgegnete Fridolin, der nun endlich zu Worte kam, mit gereizter Stimme. »Also wenn ich in den wahren Spiegel deiner Seele blicke, so sehe ich mich da nur als einen höheren Affen! Weil ich den Unsinn bekämpfe, den die Feinde deiner eigenen Kirche zum Weltgesetz machen wollen, bin ich, dein Bruder, dir nur ein höherer Affe!«

»Du mir nur ein höherer Affe? hab' ich dich gemeint? Wie kannst du mir meine Worte so im Munde verdrehen —«

»Ich verdrehe dir deine Worte? Hast du uns nicht alle miteinander höhere Affen genannt —«

»Ohne Religion!«

»Ohne welche Religion? Ohne eure entartete, handwerksmäßige, eingebildete, in ihrem eigenen Morast ertrunkene Religion! Behaltet sie für euch, eure Religion! Was thut ihr damit? Ihr vertreibt die Religion mit eurer Religion!«

»Wir vertreiben die Religion mit unserer Religion? Gott im Himmel, und solchen Unsinn höre ich mit an!«

»Solchen Unsinn und das sagst du mir?«

»Nun, wem denn anders, als dir? Hat denn ein anderer ihn gesprochen, als du? – Wir vertreiben die Religion mit unserer Religion! Ich nehme mich des Papstes und seiner Unfehlbarkeit an! Uns ist nicht zu helfen! Wir wollen blind sein und sind es! – Und das alles, das alles höre ich geduldig mit an!«

»Du hörst es geduldig mit an? Auf jedes meiner Worte mit Beleidigungen antworten, das nennst du geduldig mit anhören? Nun so bitte ich Gott, mich nie erleben zu lassen, daß du etwas ungeduldig mit anhörst! – Ich sage dir nur noch eins:« (er wandte sich zum siebentenmal zur Thür, und drehte sich an der Thür zum siebentenmal herum) »Menschen wie mich vertreibt ihr durch eure Religion aus der Religion! Ich habe meinen Gott, ich brauche meinen Gott, ich weiß, daß ich nur ein unbedeutender, kleiner Kunstprofessor bin gegen meinen Gott; aber euer Gott, dem ihr euren schwarzen Kleidrock angezogen, dem ihr eure Priestermütze aufgesetzt und euer unduldsames Herz eingesetzt habt, der ist mir für meinen Gott« (er suchte das Wort) – »für meinen Gott zu dumm! Und ihr taugt zum Verfluchen und zum Whistspielen, aber nicht zum Erziehen der Menschheit!«

Diese Rede griff dem Pastor Philipp zu hart ans Herz. Er verwickelte seine großen Hände vor Aufregung ineinander. Er atmete schwer. Er keuchte endlich hervor: »Und ich will glauben, Fridolin – ich will glauben, zu deiner Ehre, daß du dies alles in einem Anfall von Irrsinn gesprochen hast!«

In diesem Augenblick schlug die Uhr auf der Kommode, einer alten Rokokokommode, halb Sechs.

»Heiliger Gott! Halb Sechs! Die Vorlesung!« – Fridolin stand wie betäubt. Er stand da und horchte, als müsse die Uhr noch einmal und anders schlagen. Dann riß er die Thür zum Vorplatz auf und stürmte hinaus.

Philipp starrte ihm nach. Auf einmal war er tief erschrocken; noch ohne zu wissen, warum. Er hörte die Treppenthür auffliegen und wieder zufallen. Dann ward es still. Dann glaubte er noch ein paar laute Worte, einen Fluch oder etwas Aehnliches zu vernehmen; auch das verhallte. Plötzliche tiefe Stille nach dem lauten Streit. Er sah im Zimmer umher, sonderbar verwirrt. Sein Blick fiel in einen alten Spiegel mit Figurenschnitzwerk an der Wand, der ihm seine eigene Gestalt zeigte. Wie seltsam befremdet blickte er auf dieses seltsam befremdet auf ihn blickende, gerötete, dann nach und nach erblassende Gesicht. Die glühenden Augen, die bleichen, bartlosen Lippen, die lange Gestalt im Schlafrock verstörten ihn sehr. Endlich fuhr er zusammen, als plötzlich eine schnarrende Stimme hinter ihm sprach:

»Fridoline! Ne quam immemor sis te philosophum esse.«

»Wer spricht?« fragte er unwillkürlich.

»Wer spricht?« wiederholte die Stimme. Darauf folgte ein lautes, sonderbares Lachen.

Philipp erkannte nun erst den philosophischen Ratgeber, der ihn aus seinem Käfig in der Ecke angerufen: den rotschwänzigen Papagei, den einzigen Freund Fridolins im ganzen Vogelgeschlecht, den »außerordentlichen Professor«, wie Fridolins Kunstjünger ihn nannten. Er saß auf seiner vergoldeten Stange und wandte dem Pastor den Kopf von der Seite zu; sein kluges, rundes Auge schien zu sagen, daß er sich nach Gebühr über ihn lustig mache.

Philipp, statt zu lachen seiner melancholischen Seele war in diesem Augenblick auch der Gedanke unmöglich, daß man lachen könnte – warf auf den unheimlichen Vogel einen verwirrten Blick; trat dann, beinahe hastig, durch die Thür und kehrte in Fridolins Arbeitszimmer zurück. Da stand er. Er hob das lederne Täschchen auf, das er abermals von der Etagere herabgerissen hatte. Indem er es in der Hand hielt, fiel ihm wieder ein, warum er vorhin hergekommen war. Er war gekommen, seinem brüderlichen Herzen Luft zu machen, einmal alles zu sagen, was er über Fridolins Seelengüte, Opferfreudigkeit, unermüdliche Teilnahme und Fürsorge, über seine eigene Dankbarkeit und stille Rührung auf der Seele hatte; und zugleich dem Bruder die Beleidigungen abzubitten, die ihm heute nachmittag im Eifer des Streits entschlüpft waren. Dies war meine Absicht! dachte er und seufzte. »Ich hab' sie nicht erreicht!« setzte er laut hinzu.

Der Papagei nebenan hatte dieses Selbstbekenntnis, so gedämpft es gesprochen war, offenbar gehört; denn in seiner sonderbar ironisch klingenden Sprechweise, wie zum Spott, wiederholte er: »Ich hab' sie nicht erreicht!«

Philipp ging aufgebracht zur Thür und machte sie zu.

Mit elegisch langsamen Bewegungen wand er sich dann zwischen Flügel und Stehpult, Bücherschrank und Bildermappengestell, Lehnstühlen und Gueridons hindurch, bis er den geschnitzten Renaissancesessel vor dem großen Schreibtisch erreicht hatte; setzte sich, nahm einen Bogen Briefpapier (kleines Format, mit Fridolins Monogramm), seufzte, nahm einen aus Elfenbein geschnitzten Federstiel zur Hand und sing an zu schreiben:



»Mein lieber Bruder! Ich habe nun also leider aufs neue bewiesen, daß ich Dir zur Last, daß ich in Deinem Hause überflüssig bin. Diesen Beweis, glaube ich, habe ich geliefert. Wenn die Existenz eines verfinsterten, trübsinnigen, durch das Unglück leider nicht veredelten Menschen, der nicht einmal die Gabe hat, in der Form liebenswürdig zu sein, und der durch seine besprochene unglückselige Neigung, sich gegen jeden Widerspruch zu ereifern, allemal zu unbrüderlicher Heftigkeit sich fortreißen läßt, – wenn die Existenz eines solchen Menschen überflüssig ist, so brauchen wir nun wohl jenen Satz nicht mehr zu beweisen. Morgen früh also verlasse ich mit Judica – der die Vorsehung vermutlich aus höheren Erziehungsabsichten so einen Vater geschenkt hat! – Dein gastliches Haus, und kehre mit dem Rest meines Urlaubs in mein ›Nest‹ zurück. Gott lohne Dir – besser, als ich es konnte – all Deine Güte und Liebe; wenn er Dir auch eines Tages durch die Fügung der Weltgeschicke beweisen wird, daß ich recht hatte, und daß die Selbstüberhebung des ideallosen, gewaltthätigen Staats am Felsen der Religion zerscheitern wird.



    Dein unglücklicher Bruder
    Philipp.«

Er hatte geschrieben und seufzte; dann faltete er den Bogen, siegelte, schrieb die Aufschrift: »An Fridolin«, und wand sich auf dem Wege, auf dem er gekommen war, wieder hinaus.




II


Professor Fridolin – diesen Namen, den seine Freunde ihm gegeben, den die Welt sich angeeignet hatte, denke ich ihm zu lassen – Professor Fridolin hatte die Sitte bei sich eingeführt, seine Lieblingsschüler von den drei Akademien, an denen er Kunstgeschichte lehrte, an einem Abend jeder Woche einzuladen und nach den »Gesetzen des Hauses« (wie sie nach und nach durch zahlreiche ungeschriebene Kompromisse mit Frau Ritter festgestellt worden waren) zu bewirten. Doch da er sich im letzten Jahr gewöhnt hatte, mit Vorliebe abends und in die Nacht zu arbeiten, und da er weder dieser Gewohnheit, noch jener geheiligten Sitte entsagen wollte, so hatte er zwischen beiden gleichsam ein Abkommen getroffen: seine Jünger – oder die »Leibschwaben«, wie man sie zu nennen pflegte – fanden ihre Tafel im Papageienzimmer gedeckt, während der Professor in seinem Allerheiligsten saß, studierte und schrieb; es wäre eine Unthat wie Tempelraub gewesen, ihn in diesem Asyl zu stören; aber es war ihr Recht, »mit edler Mäßigung« laut und lustig zu sein, und von Zeit zu Zeit erschien der »Meister« in der Thür, um eines seiner blühenden Scherzworte unter sie zu werfen, oder einen ins Unmögliche hinaufgekletterten ästhetischen Streit durch ein weises Wort auf den Boden der Wirklichkeit zurückzurufen.

Es waren ihrer fünf, die an diesem Abend – anderthalb Stunden, nachdem der Pastor seinen kummervollen Brief geschrieben hatte – die drei Treppen zu Fridolins »Turmwohnung« erstiegen, unterwegs alle Echos des Treppenhauses durch eine leidenschaftliche Debatte über die Vorzüge der Malerei vor der Skulptur in Aufruhr bringend. Sie klingelten; Frau Ritter selber öffnete ihnen die Thür und lächelte sie an. Es war das angenehme mütterliche Lächeln, mit dem sie jeden (ehemaligen oder gegenwärtigen) Leibschwaben ihres Professors zu begrüßen pflegte; denn wiewohl ihr eigentliches Lebensgefühl das Gefühl der Verehrung für Professor Fridolin war, den sie für den außerordentlichsten aller Menschen hielt, so hatte sie doch zu viel Macht und Würde neben ihm gewonnen, um nicht auf die Jünglinge, denen er geistiger Vater war, mit einem gewissen Mutterblick herabzusehn. Sie hatte überdies drei Säulen, an denen ihr Selbstgefühl sich emporrankte: die Zeit ihrer Mädchenschönheit (o ferne Zeit!), in der sie von Malern und Bildhauern bewundert, und auf geschenkten Parkettsitzen durch Ludwig Devrients »scheniales« Spiel begeistert worden war; und ihre mittelbare Nachkommenschaft, die Kinder ihres »studierten« Bruders: einen Neffen (die zweite Säule) und eine Nichte (die dritte); zwei Menschen, von denen sie so Großes und Hoffnungsvolles zu sagen wußte, daß der Professor sich endlich entschlossen hatte, die Nichte – obwohl noch niemand sie gesehen – als Versuchserzieherin für Judica in sein Haus zu berufen. Seitdem ihr dieser Entschluß in feierlicher Sitzung, nämlich in Gegenwart des Pastors und seiner Tochter, mitgeteilt worden war, hatte Frau Ritters Lächeln, nach der Behauptung der »Leibschwaben«, einen noch mütterlicheren Charakter angenommen; und es erreichte heute den Zenith der Mütterlichkeit, da der Abend gekommen war, an dem diese hoffnungsvolle Nichte das erwartungsvolle Haus betreten sollte.

»Guten Abend, Tante Ritter!« (niemand von ihnen nannte sie anders) sagte der vorderste der fünf, und hängte seinen Ueberzieher, den er in jugendlicher Ungeduld schon auf der Treppe ausgezogen hatte, an den großen Kleiderriegel, der den Vorplatz verengte. »Ist der Herr Professor schon aus der Vorlesung zurück?«

»Ich hab' ihn geräuchert,« erwiderte Frau Ritter, »und hab' ihn nachlegen lassen; er ist aber noch nicht zurück.«

»Sie werden täglich schöner, majestätischer, Tante Ritter!« sagte der zweite, der kleinste, und küßte ihr mit übermütiger Galanterie die Hand.

Es erfolgte hierauf ein leichter Klaps auf die Hand, mit der er die ihre ergriffen hatte. »Und Sie werden wohl nie was anderes werden, als was Sie sind,« erwiderte Tante Ritter; »und man wird Ihnen höchstens zum Professor der Allotria machen.«

»Geben Sie uns heute warmen oder kalten Braten, Tante Ritter?« fragte der dritte. »Es ist ja der große Tag, an dem Ihre große Nichte einziehen soll.«

»Ist sie sehr hübsch, die Nichte?« fragte der zweite wieder, der den Charakter als Don Juan unter den Leibschwaben (sie nannten ihn »Frivolin«) angenommen hatte.

»Singt sie?« fragte der vierte.

»Ist ihre Erscheinung mehr malerisch oder mehr plastisch?« fragte der fünfte, und lachte; da er die Eigenschaft vieler Menschen hatte, über seine Witze sogleich nach ihrer Geburt herzlich zu lachen.

»Wie ist ihre Architektur?« setzte der erste hinzu.

»Sie sind alle gottloses Volk, und mein kalter Braten verbrennt,« antwortete Frau Ritter; worauf sie mit ihren sanften Schritten vom Vorplatz in die Küche entschwebte.

Die jungen Männer traten lachend und singend in das Papageienzimmer ein, in dem der Tisch schon gedeckt stand. Der »außerordentliche Professor«, oder »der weise Pittacus« – wie sie diesen psittacus erithacus (rotschwänziger Papagei) umgetauft hatten – saß bewegungslos auf der oberen Stange, hatte die Augen geschlossen und schien zu schlafen. Aber aus dem Nebenzimmer, dem »Allerheiligsten« Fridolins, ertönte eine Art von Gesang; eine rauhe, kaum mehr melodische Tonfolge, die eine verunglückende Erinnerung an ein bekanntes Schubertsches Lied zu sein schien.

Die Leibschwaben horchten. »Wäre das Pastor Philippus?« fragte der eine halblaut.

»Das ist nicht die hohle Grabesstimme des Pastors Philippus,« erwiderte »Frivolin«; »nie singt ein Pastor so falsch. Das ist eine Naturerscheinung, die man näher erforschen muß.«

Er öffnete die Thür.

Auf Fridolins Bett, über die türkische Decke, die es verhüllte, hatte sich mit auffallender Vertraulichkeit ein junger Mann mit langen Beinen hingestreckt, hielt eine bläulich rauchende Zigarre von sich ab, und sang jene von sich selbst verlassene Melodie vor sich hin. Der schwarze Hut, den er noch auf dem Kopfe trug, war ihm über die Stirn und über die Augen gesunken; man konnte von seinem Gesicht nur die ins Römische spielende Nase, ein Stück vom Kinn und das Profil seiner Lippen sehn. Aber um den bartlosen Mund regte sich, sobald er zu singen aushörte, ein so besonderer, sein ironischer Zug, daß er den Eigentümer der über ihm gewölbten Nase, gleichsam wie ein steckbrieflich beschriebenes besonderes Merkmal, verriet. Der kleine »Frivolin« richtete sich hoch auf und rief aus: »Mensch, du bist Leopold!«

Der junge Mann auf dem Bett erhob sich, ohne etwas zu erwidern. Er setzte sich auf die Kante, betrachtete die fünf, die in den verengten Raum wie im Gänsemarsch hintereinander eintraten, und stand dann, als auch der letzte die Thür hinter sich hatte, lang und langsam auf. Ein nicht unliebenswürdig sarkastisches Lächeln überflog sein Gesicht. Er ließ sich Zeit, ehe er die Gesellschaft anders als mit diesem Lächeln begrüßte. Seinen Hut zurückschiebend, so daß die stark ausgearbeitete Stirn sichtbar ward, führte er den scharfen, gewohnheitsmäßig beobachtenden Blick seiner grauen Augen noch einmal von einem zum andern, und ein Ausdruck unwillkürlicher Ueberlegenheit blieb eine Weile in seinen Zügen stehn. Bis er endlich, vor sich hin nickend, den Mund öffnete und sagte: »Es ist merkwürdig. Ihr seht alle noch auf den Buchstaben genau so aus, wie vor einem Jahr. Guten Abend, ihr Männer!«

»Hast denn du dich verändert?« gab der kleine Frivolin, etwas empfindlich, zurück. »Doch ja, er hat sich verändert. Seht, er trägt sich nach der neuesten Mode. Er hat sich seinem Schneider untergeordnet. Er trägt einen Cylinder und Lackstiefel. Wenn ich fragen darf, Leopold, wann bekommt man denn deine Hand?«

»Hier sind alle beide,« erwiderte Leopold lächelnd; »empfindlicher junger Mann! Ich machte mir nur erst das Vergnügen, euch ein wenig zu betrachten, – als Naturforscher, der ich bin. Ihr Kunstforscher habt euch allerdings, wie man sehen kann, die Freiheit von der Mode und die souveräne Herrschaft über den Schneider erhalten. Eure gesinnungsvollen Halsbinden, eure überzeugungstreuen Westenformate – noch dieselben, wie vor einem Jahr! Ihr wart standhafter als ich. Ja, ja. Diese Hemdkragen; unternehmend und doch edel. Mich hat die Welt so weit heruntergebracht, daß ich, ohne vor Scham zu erröten, aussehe wie jedermann.

Der Schneider denkt, und ich ziehe seine Gedanken an; Teilung der Arbeit; das moderne Prinzip. Guten Abend, Risotto! ›Deine blauen Augen schauen immer noch zum Himmelslicht.‹ Ich sehe, du hast noch alle deine Ideale.«

Der Jüngling mit den sanften, blauen Augen, den Leopold so begrüßte, war ein Hüne von Gestalt, dem man deshalb das Beiwort »Riese« noch durch die vergrößernde italienische Endung »otto« verstärkt hatte; doch war dabei das minder ehrenvolle »Risotto« herausgekommen.

Risotto errötete nach seiner Gewohnheit; dann erwiderte er mit seiner zarten Stimme, die aus dem Munde eines solchen Riesen jedesmal überraschte: »Ich hoffe, du bist von unsern Idealen nicht abgefallen, – wenn du auch nach deinem Beruf nicht mehr zu uns gehörst.«

»Ich gehörte nie zu euch,« entgegnete Leopold. »Es war nur eine Grille von mir, ein Jahr lang Kunst zu naschen, eh ich mich ganz darauf warf, die Natur zu verdauen.«

»Wie du das wieder ausdrückst!« sagte Risotto, der abermals – diesmal aber vor Unwillen – errötete. »Ein ideales Streben, das du hattest, so zur ›Grille‹ zu machen!«

»Ich liebe die hohen Worte nicht,« antwortete Leopold mit etwas altkluger Kälte.

»Du hast Fridolin noch nicht gesehn?« fragte der kleine Frivolin.

»Nein. Ich erwartete ihn.«

»Du willst hier mit uns zu Abend essen?«

»Ich denke.«

»Wie ich höre,« fuhr Fridolin mit wichtiger werdendem Gesichtsausdruck fort, »bist du Darwinist.«

»Ich bin Darwinist.«

»Entwickelungstheorie?«

»Entwickelungstheorie.«

Leopold schwur bei sich im stillen, daß dieses Wort »Entwickelungstheorie« ungefähr alles sei, was Fridolin davon wisse; er unterdrückte aber diesmal die Ironie seiner Mundwinkel und schwieg.

»Entwickelungstheorie,« wiederholte Risotto mit einem Ton, in dem er einen schmerzlichen Vorwurf und ein sanftes Bedauern zusammenmischte. »Du hattest früher, mit uns, ein – wie soll ich sagen – eine höhere, eine philosophische Weltanschauung.«

»Damals war ich ein Narr!«

Auf diese kurze Antwort entstand eine Pause. Die fünf Jünger der Kunst sahen einander an und schwiegen. Nur Fridolin, indem er langsam, gedankenvoll vor sich hin nickte, schien sich die Zustimmung zu dieser Ketzerei von einem höheren Standpunkt aus vorzubehalten.

Die peinliche Stille dauerte nicht lange. Die Stimme der Frau Ritter, dann die Fridolins ward vom Vorplatz vernehmbar. »Ist mein Leopold da!« rief er mit seinem herzlichen Pathos aus. Gleich darauf trat er in die Thür, und glänzende Freude in den Augen, die beiden Arme etwas feierlich ausbreitend, blieb er stehen und sagte:

		So steigst du denn, Erfüllung, schönste Tochter
		Des größten Vaters, endlich zu mir nieder!

Erst nachdem er diese Verse aus der »Iphigenie« mit schönster Betonung gesprochen, ging er auf den ihm entgegentretenden Leopold zu, schloß ihn in die Arme und küßte ihn auf den Mund.

»Und somit heiße ich dich willkommen!« setzte er dann hinzu. »Hast du Hunger oder Durst, so sage der Tante Ritter deine Wünsche. Und nun zuerst zu den Geschäften, ehe ich mich den Freuden des Wiedersehens widme!«

Er wandte sich zu den Leibschwaben, faßte zwei von ihnen ins Auge und den, der ihm zunächst stand, am Arm. »Du siehst hier diese Kommode,« sagte er.

»Ja, die sehe ich.«

»Diese Kommode ist für Fräulein Ottilie Ritter, die erwartete Nichte, auszuräumen. Ihr Inhalt besteht aus —«

»Papieren, Scharteken und Westen.«

»Ganz recht. Unterrichteter junger Mann! Es wird von euch beiden zukünftigen Architekten erwartet, daß ihr die Entleerung dieses Gebäudes in der nächsten Viertelstunde bewerkstelligt, und mit architektonischem Scharfsinn andere Räumlichkeiten für die ausgeräumten Papiere, Scharteken und Westen ausfindig macht.

		Dies sei der Beruf,
		Wozu der Meister euch erschuf!

Denn wer sich seinen Hunger nicht verdient, verdient nicht, daß er ihn stille.«

Professor Fridolin sprach noch, als die jungen Männer schon vor der Kommode standen und knieten und ihre Schubladen leerten. Fridolin winkte nun Risotto zu sich heran (neben dem er selber klein und zierlich wurde); aber eh er ihn anredete, warf er noch einen freudigen, zärtlichen Blick auf Leopold und sagte: »Wie ähnlich er seiner Mutter geworden ist! – Mein Sohn, seit wann bist du hier in Berlin?«

»Seit heute nachmittag.«

»Du hattest vermutlich deiner Mutter versprochen, ihr sogleich zu schreiben?«

«Ja.

»Und hast es vermutlich noch nicht gethan?«

Leopold schüttelte den Kopf.

»Aber du wünschest nicht ohne den Segen deiner Mutter durch das Leben zu gehn?«

»Eigentlich nicht!« erwiderte Leopold.

»So verdiene dir den Segen deiner Mutter, und damit dein Abendessen!« fuhr Fridolin fort; bot dem Jüngling seinen Arm und führte ihn mit heiterer Galanterie an den großen Schreibtisch. »Hier ist ein Stuhl« (er drückte ihn sanft darauf nieder), »hier eine Feder« (er gab sie ihm in die Hand) »und hier eine Korrespondenzkarte; eine große Erfindung für dieses verkommene Zeitalter! – Schreib. Wir grüßen die Fürstin Mutter,« setzte er mit der Handbewegung eines Fürsten hinzu.

Leopold lächelte und schrieb.

»Nun zu Ihnen, Risotto!« fing der Professor wieder an. »Ich hatte Ihnen den ehrenvollen Auftrag erteilt, die erwartete Nichte am Bahnhof zu empfangen und unter dem Schutz Ihrer Endlosigkeit in dieses Haus zu geleiten. Warum sind Sie hier, mein Sohn, und nicht auf dem Bahnhof?«

»Der Zug kommt erst um Neun.«

»Wissen Sie das gewiß?«

»Ich glaube ganz bestimmt.«

»Was für eine wunderbare Bereicherung der Logik!« rief Fridolin aus; »ich glaube ganz bestimmt! Ich glaube, was ich nicht weiß; ›ich glaube ganz bestimmt‹ heißt also im gemeinen Deutsch: ich weiß ganz bestimmt nicht. Mann der körperlichen Endlosigkeit und der geistigen Begrenzung« (Risotto errötete stark), »nehmen Sie Ihren Hut! Ich fürchte ganz bestimmt, Sie kommen sonst zu spät. Verdienen Sie sich Ihr Abendessen, indem Sie es erwarten; und glauben Sie ganz bestimmt, daß man es Ihnen aufheben wird.«

»Gut, ich gehe auf der Stelle,« erwiderte Risotto; »obgleich ich wirklich ganz bestimmt – —«

Leopold stand auf. »Ich habe geschrieben,« sagte er mit Genugthuung.

»Soll ich die Postkarte mitnehmen?« fragte Risotto.

»Sie dürfen sie mitnehmen,« antwortete Fridolin.

Der Riese streckte einen seiner mächtigen Arme aus und ergriff die Postkarte; Fridolin trat aber hinzu und nahm sie ihm wieder aus der Hand. »Zuerst die Frage, mein Sohn! Was thun Sie, wenn man Ihnen eine Karte, einen Brief anvertraut, mit der Aufgabe, ihn in den nächsten Briefkasten zu stecken?«

»Ich – ich nehme ihn.«

»Und dann?«

»Dann steck' ich ihn in die Tasche.«

»Beklagenswerter Irrtum! Hat die Tasche ein Gedächtnis? Nein. Erinnert sie dich an sich? Nein. Bist du sicher, daß der Brief nicht eine Woche, einen Monat, ein Vierteljahr in dieser Tasche verweilen wird? Nein. Was wirst du also thun? Antworten Sie, junger Mann! – Er versinkt in tiefes Schweigen. – Sie werden den Brief in der Hand behalten, bis Sie ihn dem zuverlässigeren Schlund des Briefkastens überantworten.«

»Sehr wahr!« entgegnete Risotto. Er nahm die Postkarte zwischen zwei Finger, lächelte wie ein großer, kluger Knabe, der etwas Neues gelernt hat, empfahl sich und ging.

»Mein teurer Rudolf!« sagte Fridolin, der sich nun an den vierten seiner Leibschwaben wandte, indem er von dem kleinen Schreibtisch, der nahe am Balkonfenster stand, einige bedruckte Blätter nahm: »du kennst diesen Korrekturbogen?«

»Ja. Ich hab' ihn gestern abend für dich gelesen —«

»Mit mir zusammen,« setzte Frivolin hinzu.

»Es kann kein Fehler mehr drin sein,« fuhr Rudolf fort (der junge Mann, der über seine Witze so herzlich lachte); »denn wir haben uns die furchtbarste Mühe gegeben —«

»Gemeinschaftlich,« setzte Frivolin hinzu.

»Dennoch hab' ich mir erlaubt,« entgegnete der Professor, »den Korrekturbogen noch selber nachzulesen; und es schmerzt mich, euch mitteilen zu müssen, daß ich, eurer furchtbaren Mühwaltung zum Trotz, zwei unentdeckt gebliebene Fehler gefunden habe. Hier, meine Freunde: dieses umgefallene u, und dieses ›Veränderung‹ statt ›Verwunderung‹. Es hatte einen Sinn, wenn ich schrieb: ›Zu seiner großen Verwunderung blieb alles genau wie es war.‹ Aber ich glaube, es wäre nicht gut, wenn ich geschrieben hätte: ›Zu seiner großen Veränderung blieb alles genau, wie es war.‹ Ich fürchte, Leser von schroffer Ausdrucksweise würden diesen Satz einen Unsinn nennen. Aus diesem Grunde hab' ich mir erlaubt, das Wort ›Verwunderung‹ wieder herzustellen.«

»Merkwürdig! Unglaublich!« sagte Rudolf, die Augen weit aufreißend, als könnten sie dadurch ihr Versehen noch nachträglich gut machen. »Wir haben doch alle beide —«

»Diese Seite, glaube ich, hab' ich nicht durchgesehn,« fiel Frivolin ihm ins Wort.

»Doch! grade diese!« erwiderte Rudolf entrüstet.

»Streitet nicht, junge Thoren! Wer die Schuld von sich abwälzen will, wälzt sich damit noch eine zweite auf. Warum mute ich euch zu, so einen Korrekturbogen zu lesen? Sollt ihr eines Tages euer Brot in Leipzig oder Berlin als Korrektoren verdienen? Niemand kann das wünschen. Wozu also? Weil es eine nützliche Turnübung für eure Augen, für euer Gehirn ist. Weil es euch zwingt, mit Auge und Verstand zugleich bei einer Sache zu sein. Ihr hattet euch bereits überhoben, meine Freunde; verdient euch nun euer Abendessen dadurch, daß ihr euch ohne nutzlose Verwunderung dieser ›Veränderung‹ schämt!«

»Fridolin!« rief einer der beiden Bauakademiker von der Kommodenecke her, und kam dann mit einer dunkelgrünen Sammetweste heran, die er beim Ausräumen aus einem großen Haufen von Westen ausgelesen hatte.

»Was wünschest du?« fragte Fridolin.

»Ich hab' noch nicht eine von deinen Westen geerbt,« sagte der junge Architekt. »Wenn du mir diese da vermachen wolltest!«

Fridolin betrachtete sie mit feierlichem Ernst. »Es ist eine meiner schönsten, stimmungsvollsten Westen,« sagte er dann. »Sie ist nach der Idee des Wammses gebaut.«

»Im Geiste dieser Idee würde ich sie tragen,« antwortete der Architekt.

»Wende sie herum!«

Der Architekt wendete sie herum.

»Sieh da hinten nach, ob sie schon eine Inschrift hat.«

Der Architekt untersuchte ihr Futter auf der Rückseite. »Hier steht noch nichts!« antwortete er.

»Gut! So sei es! Nimm eine Feder und schreib deinen Namen auf die Rückseite. Sobald ich diese Weste entlasse, ist sie dein.«

»Ich danke dir —«

»Still!«

Der zweite der Bauakademiker, der mittlerweile die Räumung der Kommode vollendet hatte, kam nun gleichfalls mit einer Weste angeschritten. »Herr Professor!« sagte er, und ergänzte seine Rede durch einen bittenden Blick.

Fridolin ließ sein Auge mit Wohlgefallen auf diesem Jüngling ruhen, dessen nicht schöner, aber charaktervoller Kopf für einen Menschen von Lebensernst, von tüchtiger, vielleicht auch idealer Sinnesart sprach. Er strich ihm leise über das dichte, braune Haar. »Legen Sie die Weste weg,« gab er dann zur Antwort. »Ich hab' für Sie einen andern Beweis meiner Freundschaft, Franz.«

Die Augen des jungen Mannes leuchteten. Die Leibschwaben traten alle heran, als errieten sie, was bevorstehe.

»Jene glücklichen Alten« – fuhr der Professor mit der ihm eigenen feierlichen Grazie fort – »jene glücklichen Griechen hatten vieles vor uns voraus; dieses eine haben wir vor ihnen: daß wir den Vorzug, den wir einzelnen Menschen geben, schon in der Form der Anrede seelenvoll ausdrücken können. Ich sage zu jedermann: Sie; ich sage zu Männern, die mir näher treten, in heitren Momenten: Ihr; ich sage zu Freunden: du. Warum beabsichtige ich nun auch zu Ihnen du zu sagen? Warum – lassen Sie mich zu Ende reden, Franz – warum will ich dir das Vorrecht erteilen, mein brüderliches Du zu erwidern? Weil durch deine Eigenschaften, deine Verdienste die Bruderschaft zwischen uns hergestellt ist, die ich keineswegs als ein allgemeines, angeborenes Menschenrecht, im Gegenteil als das letzte Resultat der Selbstveredlung, als den Lohn der wahren Menschwerdung betrachte. Gib mir deine Hand! Ich hab' dich beobachtet. Ich finde dich auf dem rechten Wege. In diesem einen laß mich dir zum Vorbild dienen: ich liebe keinen Menschen, eh ich ihn achten gelernt habe; und ich fühle mich gezwungen, jeden zu lieben, der mir Achtung abnötigt. Umarmen wir uns! Also: Du.«

Dem guten Jungen, dem Franz, traten ein paar Thränen in die braunen Augen. Er wollte etwas sagen, stotterte dann aber nur, in seinen Thränen lachend: »Fridolin! Du!«

Fridolin küßte ihn noch einmal auf die Stirn; dann wandte er sich ab und sagte heiter: »Und so wären wir nun mit den Geschäften zu Ende.«

Sein Blick fiel indessen auf den kleinen Fridolin, der sich ihm in den Weg stellte, offenbar in einer Absicht, die er nicht in Worten auszudrücken wagte. Denn er sah nur mit ergänzenden Gebärden abwechselnd auf den Professor und auf den soeben zur Bruderschaft Berufenen, lächelte dann mit einem gewissen Ungewissen Lächeln, sagte aber nichts.

Der Professor zog die Augenbrauen in die Höhe; zum Zeichen, daß er sogleich erriet, welches Verlangen sich in Fridolin regte. Er blieb stehen und sah ihn eine Weile gleichfalls schweigend an. Der Ausdruck unsicherer Keckheit und trotzigen Selbstvertrauens, der auf des Jünglings Gesicht allmählich, und mehr und mehr, gleichsam verdunstete, schien ihn zu ergötzen. Endlich sagte er: »Nehmen wir an, mein Sohn, daß ich bereits erraten hätte, was Sie so stumm von mir wünschen. Fühlen Sie sich würdig, dasselbe zu erleben« – er deutete auf Franz – »was dieser Knabe erlebt hat?«

Der kleine Frivolin warf einen unwillkürlichen, etwas geringschätzenden Blick auf Franz; ebenso unwillkürlich richtete er sich etwas höher auf. »Ich glaube, ich bin davon frei, mich zu überschätzen,« erwiderte er; »aber ich weiß nicht, warum ich mich unwürdig fühlen sollte, Ihnen so nahe zu stehn, wie der gute Franz.«

»Meinen Sie?« fragte der Professor, mit humoristischem Ernst. »Wie sagt Hamlet, mein Freund? ›Behandle jeden nach Verdienst, und wer ist vor Schlägen sicher?‹ Wie sage ich, Hamlet erweiternd? ›Behandle jeden nach seiner eigenen Schätzung, und wem ist nicht eine Million und eine Ehrenkrone gewiß?‹ – Ich werde Ihnen noch folgendes sagen, Frivolin; und sowie ich es gesagt habe, werd' ich euch auf eine Stunde verlassen, da ich mit diesem Heimgekehrten« (er meinte Leopold) »mich unter den Bäumen des Tiergartens ein wenig austauschen will. Junger Frivolin, Sie sind ein begabter Mensch. Sie sind vielleicht der Begabteste unter den zukünftigen Menschen, die von unsern drei Akademien sich unter meiner Fahne der Kunstgeschichte versammeln. Aber Sie haben einstweilen noch zu viel Glauben an sich selbst, und zu wenig Glauben an unsere Ideale. Ich beobachte auch Sie! Ich hab' in Ihnen drei Götter entdeckt, zu denen Sie beten: den Erfolg, das Frauenzimmer und das Geld. Mein Sohn, die Kunst läßt dir durch mich, deinen Professor, sagen: ›Du sollst keine andern Götter haben neben mir!‹ Wollen Sie ein großer Künstler werden, so schreiben Sie vor allem die Worte eines andern großen Künstlers an Ihre Thür« (er deutete unwillkürlich auf die philosophische Inschrift an seiner eigenen):

		»Die Kunst hab' ich geliebet,
		Die Kunst hab' ich geübet
		Mein Leben lang.
		Die Künste hab' ich verachtet,
		Nach Wahrheit nur getrachtet.
		Drum wird mir nicht bang.«

Professor Fridolin hatte die letzten Verse mit edel pathetischen Bewegungen des rechten Armes begleitet. Dann ergriff er seinen Hut, winkte Leopold, ihm zu folgen, und ging zur Thür. Auf der Schwelle blieb er noch einmal stehn und blickte auf Fridolin zurück, der mit einem aus verschiedenen Gefühlen gemischten Erröten kämpfte. »Und was also Franz und die Bruderschaft betrifft,« setzte er hinzu —

Frivolin horchte auf.

»So sag' ich Ihnen, mein Sohn: Ihre Stunde ist noch nicht gekommen.«




III


Der März dieses Jahres (es ist lange her) war nach einem harten Winter plötzlich mild geworden; und drei Wochen lang hatte er nun schon diese menschenfreundliche Rolle gespielt. Man hatte, nach Menschenart, bereits vergessen, daß Berlin eine der Hauptstädte des Nordens ist, man glaubte die Herrschaft des Frühlings angebrochen, die »Erdachse« zu Gunsten eines milderen Klimas »gedreht«; das dem nordischen Menschen eigene, stillende, festigende, schön befriedende Wintergefühl zerflatterte mehr und mehr in die Unruhe der Seele, die der Lenz hervorbringt. Der Abend dieses zwanzigsten März war noch mehr als alle früheren von lauen Lüften und fast sommerlich warm gefärbten Wolken verklärt. Als Fridolin mit Leopold auf die Straße hinaustrat, hatte der beinahe volle Mond das klare Gewölbe erstiegen und beleuchtete den langsamen Wolkenzug, den ein phantasievolles Auge für einen ungeheuren Wanderzug heimkehrender Frühlingsvögel halten konnte. Die beiden, diesem Zuge folgend, schlenderten über den Potsdamer Platz, durch die stillere Bellevuestraße in den Tiergarten hinein, und auch die Nacktheit seiner dunklen Bäume beirrte ihre Frühlingsgefühle nicht. Die leise Luft wehte so mild; der Geruch sprießender Blätter, Veilchenduft und Vogelgesang schien sie zu durchschwärmen. Fridolin hatte seines jungen Freundes Arm genommen; er sing an, leise ein Lied zu singen; Leopold sang nicht mit, aber er störte ihn nicht. So hatten sie noch wenig gesprochen, als sie endlich der »Rousseau-Insel« gegenüber stehen blieben und ein träumerischer Gedankengang, der Fridolins Züge weich machte, ihn festzubannen schien. Er lehnte sich an einen Baum. Der Mond beschien seinen schwarzen, weichen, künstlerisch eingedrückten Hut, und das immer noch schöne Gesicht. Die Falte zwischen den Augen war von der lyrischen Stimmung, in der er sich fühlte, fast aufgelöst; die blauen Augen hatten einen Ausdruck beinahe weiblicher Empfindsamkeit, einen sanften Glanz, sanft wie do« Mondlicht, das ihn überfloß. Leopold, den klugen, beobachtenden Blick auf Fridolin geheftet, stand gleichfalls still, ohne sich zu rühren. Um seine Lippen rührte sich wieder der feine, frühreife, überlegene Zug; doch er ließ Fridolin träumen, wie er wollte, und störte ihn nicht. »In solcher Nacht,« fing Fridolin endlich an,

		»In solcher Nacht ward ich zur Nachtigall
		Und flötete von unerhörter Liebe.«

»In solcher Nacht,« sagte Leopold mit seinem ruhigen Baß, »lief ich an der Rousseau-Insel Schlittschuh, mit einer Dame im Pelzmuff, und ward geliebt.«

»Mein teurer Freund,« erwiderte Fridolin wehmütig, »dein jugendlicher Hochmut hat leider recht. Du bist jung, ich bin alt.«

Leopold lächelte. »Du bist vierzig, ich zweiundzwanzig! Wenn ich vierzig Jahre alt sein werde, werd' ich nicht ›von unerhörter Liebe flöten‹, sondern alle zweiundzwanzigjährigen Jünglinge durch mein Liebesglück beschämen, zur Verzweiflung bringen, rasend machen.«

»Glaubst du? – Es scheint, mein Lieber, dieses Jahr, seit ich dich nicht gesehn, hat dich Sohn des Glücks noch glücksstolzer, noch selbstgewisser gemacht! – Du hast dich verschönert, das ist wahr; du siehst reifer, geistreicher, siehst bedeutender aus. Du siehst aus wie deine Briefe: fünfundzwanzigjährig. Wär' ich deine Mutter, so würd' ich stolz auf dich sein. Da ich aber nur dein Freund bin – und vor einem Jahr noch dein ›Meister‹ war – so möcht' ich dir lieber sagen, mein Sohn, daß du doch immer noch ein Werdender bist.«

»Ebensogut könntest du dem Baum sagen, daß er ein Baum ist,« erwiderte Leopold lächelnd. »Wie und wann sollt' ich denn vergessen, daß ich ein Werdender bin? Daß ich werde, das ist's ja, warum ich lebe.«

Fridolin nickte zufrieden. »Da sagst du einmal ein gutes Wort! Wenn du so denkst, mein Sohn, sehe ich den Klettersprüngen deines Lebens etwas ruhiger zu. Und wie lange denkst du noch ein Werdender zu sein?«

»Ich will dir sagen, Fridolin, was ich denke, – damit du mich auslachen kannst. Ich hab' mir vorgesetzt, mit fünfundzwanzig Jahren fertiger Selbstarzt, mit dreißig Jahren fertiger Charakter, mit fünfunddreißig Jahren fertiger Meister meines Berufs zu sein.«

»Deines Berufs als Naturerforscher?«

»Ja.«

Fridolin seufzte mit sentimentalem Humor. »Und ich, mit vierzig Jahren, bin weder als Selbstarzt, noch als Charakter, noch als Berufsmeister fertig. Ich bin die Unfertigkeit. Ich bin das Niefertigwerden.«

»Du bist die Unzufriedenheit,« entgegnete Leopold.

Fridolin schüttelte den Kopf. »Mein guter Freund, wolle mich nicht trösten! In einem bin ich vielleicht fertig, fertiger als ihr alle: in der Selbsterkenntnis. Ich scheue mich auch nicht aus falschem Stolz oder falscher Scham, dir, einem zweiundzwanzigjährigen Menschen, zu sagen, was ich von mir denke. Warum sollt' ich mich scheuen? Vor Risotto, vor Fridolin bin ich der Meister, der höhere Mensch, den sie ehren sollen; aber vor dir, der du mir eines Tages hoch über den Kopf wachsen sollst – widersprich mir nicht – vor dir zeig' ich mein nacktes, hemdloses Ich. Was für ein Ich? Wer bin ich? Ich weiß es nicht. Niemand weiß es! Ich bin der Mensch ohne Mittelpunkt. Warum treib' ich dies oder das? Warum bin ich dies geworden, und warum nicht das? Niemand weiß es. Ich glaube, ich könnt' alles werden, und nichts; das ist das tragische Rätsel meiner Erschaffung.«

Leopold lachte.

»Worüber lachst du?«

»Ueber diese Wirkung des Frühlings. Der warme Abend lagert wie eine Bruthenne über deinem Hirn und brütet das Ei deiner Schwermut aus. Was du bist? Jedenfalls das Original, das der Schöpfer aus dir machen wollte; und das ist ihm gelungen.«

»Ein schönes Original! Ohne Mittelpunkt. Das Original des Nie-Original-Werdens. Ich lehre, und weiß nichts. Ich schreibe, und hab' keinen Stil. Wie oft hat deine junge Weisheit, dein Goethetum mir meine stillosen Sätze vorgeworfen! Ich bin die Disharmonie. Oben ein schöner Mann, unten zu kurze Beine. Ein Jupiterbart und eine dünne Stimme. Ein Herz, das für eine Idee, für einen Freund auf der Stelle verbluten könnte, und ein für sein Junggesellenbehagen sorgender, ängstlicher Egoist. Warum bin ich Kunstprofessor geworden? Ich weiß es nicht. Meine Gliedmaßen sagen mir, daß ich ursprünglich etwas anderes werden sollte. Meine Muskeln, meine Gelenkigkeit, meine Fähigkeit, mich zu verrenken, meine Tanzmeistergrazie. Wenn dir das alles nicht sagt, daß ich meinen Beruf verfehlt habe, so sagt die Natur dir nichts! So oft ich in einem Zirkus sitze, möcht' ich aufstehen und zu dem versammelten Volke sprechen: Seht hier einen Mann, der seinen Beruf verfehlte – der zum Kunstreiter bestimmt war!«

Fridolin trug diesen Satz mit so dramatischer Lebendigkeit, mit so ausdrucksvollen Bewegungen der Arme vor, daß Leopold unwiderstehlich gereizt ward, in ein heftiges Lachen auszubrechen. Es zeigte sich auf Fridolins Gesicht, daß dieser Erfolg seiner Rede ihm schmeichelte. Er unterbrach den Lachenden nicht. Er blieb noch in der theatralischen Haltung stehn, in der er geendet hatte. Doch als Leopold wieder still ward, ließ er die Arme und die Augen sinken, und setzte mit halb humoristischem, halb wirklichem Ernst hinzu: »Bekenne, mein Freund, daß dieser Zustand meines Organismus teils lächerlich, teils verächtlich ist.«

»Kunstreiter oder Kunstprofessor,« erwiderte Leopold mit derselben Art von Ernst: »immer doch noch Kunst.«

»Aber gegen die Natur. Ich zeige dir, dem Naturforscher, eine interessante Erscheinung. Ich bin ein Protest gegen die Natur.«

»Vor allem glaub' ich, daß du unverheiratet bist,« entgegnete Leopold mit seinem klügsten Lächeln. »So mancher Mensch, der seinen Mittelpunkt vergebens in sich selber suchte, fand ihn dann in der Ehe. Dahin verlegte ihn die Mutter Natur! Wenn du noch heiraten würdest, Fridolin, würdest du vielleicht nicht mehr finden, daß du zum Kunstreiter bestimmt warst.«

Ueber Fridolins Züge flog ein Hauch von Schwermut, der sich jedoch in einem Ausdruck geistreicher Erregtheit sogleich wieder verlor. »Gut!« sagte er, »ich lehne mich noch einmal gegen meinen Baum und antworte auf diese Einrede. Warum heirat' ich nicht? Es wäre vielleicht noch Zeit. Es gäbe noch jüngere und ältere Damen, die mir Tante Ritter zu ersetzen geneigt wären. Es ist wahr, die alte Tante Ritter, diese so sehr vortreffliche Frau, genügt mir nicht. Mein Verhältnis zur Welt als Onkel genügt mir nicht. Mein Beruf, meine Leibschwaben, meine Freunde, das alles genügt mir nicht. Ich sehne mich nach einer Ergänzung, Leopold! Ich mache noch immer lyrische Gedichte, worin ich mich nach dieser Ergänzung sehne. Ich hole sogar zuweilen noch meine Flöte wieder hervor, um auf ihr auszudrücken, daß ich mich sehne. Zuweilen, im Verlauf dieses Jahres, hab' ich geglaubt, es sei die Sehnsucht nach dir; habe Briefe an dich geschrieben, wie an eine Geliebte – unterbrich mich nicht – verrückte Briefe —«

»Die ich nicht kenne,« fiel Leopold ein.

»Nein. Ich hab' sie nicht abgeschickt. Sie liegen noch in meinem Schreibtisch; nie wirst du sie lesen. Ich liebe dich sehr, mein Sohn; ich sonne mich in dir; – aber auch du bist mir diese Ergänzung nicht. Du bist mir zu positiv; zu klar; – sagen wir, zu männlich. ›Was von Menschen nicht gewußt, oder nicht bedacht‹ – so eine Ergänzung mein' ich.«

»Eine weibliche Ergänzung also,« sagte Leopold lächelnd.

»Mein lieber Sohn,« erwiderte Fridolin,

		»Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort,
		Das schwer sich handhabt wie des Messers Schneide!

Eine weibliche —! Natürlich. Man sieht mich an, sieht meinen schönen Bart, und sagt: ›eine weibliche Ergänzung!‹ – Laß mich darauf folgendes antworten – und stell dich nicht immer von einem Bein aufs andere, steh ein wenig still. Warum heirat' ich nicht? Warum hab' ich deine schöne Schwester geliebt, und dann auf ihrer Hochzeit mit einer andern – Kotillon getanzt? Warum hat mein Bruder, der Franz, die Kinder mit meiner Schwägerin Therese erzeugt, die jetzt seine Neffen wären, wenn ich Therese ebensosehr geheiratet, wie geliebt hätte? Warum bin ich vierzig Jahre alt geworden, ohne zu heiraten? Warum werd' ich fünfzig, sechzig, siebzig Jahre alt werden und nicht geheiratet haben? Warum? – Mein teurer Leopold, weil ich – —«

Er brach ab und versank in geheimnisvolles Schweigen.

»Nun?« fragte Leopold.

Fridolin verließ seinen Baum, trat auf den Jüngling zu und blieb vor ihm stehn. Nachdem er dann sein sanftes Auge hatte umherschweifen lassen, ob irgend ein dritter ihn vernehmen könnte – doch kein Mensch war in dieser nächtlichen Oede zu sehen – sagte er mit scheinbarer Gelassenheit:

»Weil ich in einer heimlichen Ehe lebe, mein Sohn.«

Er beobachtete die Wirkung dieser Worte auf Leopolds Gesicht. Die klugen, geistreichen Züge des Jünglings gerieten so außer Fassung, daß er einem einfältigen Menschen sehr ähnlich sah. Fridolin schlug ihm auf die Schulter, mit einem elegischen Lächeln: »Soll ich dir sagen, Leo, wie du in diesem Augenblick aussiehst? Nicht wie der weise Schweiger Oranien vor seinem Egmont – wie du mich früher nanntest. Nicht wie Goethe vor Napoleon. Sondern wie jener Leutnant, der nachts vor Dummheit nicht schlafen konnte.«

»Eine heimliche Ehe!« sagte Leopold endlich. »Ich denke nur noch nach, ob ich dir ein Wort davon glauben soll, oder nicht.«

»Mein teurer Leopold! ›Wer darf sagen, ich glaub' es? Wer darf sagen, ich glaub' es nicht?‹ – Fasse dich, Leo. Es handelt sich um eine jener heimlichen Ehen, die sich vor den Augen der Menschen ereignen, ohne daß sie sie sehn. Um eine Naturerscheinung. Um eine psychologische Thatsache!«

Leopold konnte nicht umhin, seine Augen noch weiter als vorhin zu öffnen. Fridolin freute sich dieser Wirkung. Er zündete sich dann, seine Ueberlegenheit genießend, mit behaglicher Ruhe eine Zigarre an, ohne zu sprechen. Es war hier windstille Luft. Er blies den Rauch kunstvoll in untadelhaften blauen Ringen nach oben, wo sie langsam verschwebten, bis er endlich fortfuhr: »Du erwartest schweigend, wie ein Philosoph, was ich zur Erläuterung dieses Satzes sagen werde. Darin erkenn' ich dich. Darin gefällst du mir. Ich will dich zum Dank dafür mit jenem zu Tode citierten Worte Hamlets von den ›Dingen im Himmel und auf Erden‹ und von der ›sich nichts träumen lassenden Schulweisheit‹ verschonen-, obwohl es mein Vorrecht ist, dein Dasein durch klassische Citate zu schmücken. Und nachdem ich dich nun lange genug auf dem Stuhl der Erwartung habe sitzen lassen, werde ich, der Kunstprofessor, dir, dem Naturforscher, ein Geheimnis der Natur enthüllen, mein Sohn.«

»Ich höre!«

»Gut. Du hörst. Ich rede. Was unterscheidet die Kunst von der Natur? Daß die Kunst das in sich Abgeschlossene, ewig Fertige, die Natur das ewig Werdende und Vergehende, ewig Unfertige ist. Die Kunst duldet keine Grenzenlosigkeit, die Natur keine Grenze. Nehmen wir an, die Natur hätte – als ihr höchstes irdisches Gebilde – den Menschen hervorgebracht. Hat sie ihn als eine abgeschlossene, fertige Einheit hervorgebracht? Nein. In ebenso vielen Formen und Farben, als es Individuen gibt. Der thörichte Laie sagt: sie hat den weißen, den schwarzen, den roten Menschen geschaffen. Die höheren Intelligenzen – du und ich – wir sagen: es gibt nicht den weißen, den schwarzen und den roten Menschen, sondern es gibt alles, was es geben kann; vom weißesten Weiß durch alle Möglichkeiten der Verdunkelung bis zum schwärzesten Schwarz. Es fehlt kein Uebergang, es fehlt keine Verbindung. Könnte man alle Menschen dieser Erde in einer Reihe nebeneinander stellen, nach ihrer Hautfarbe geordnet, vom hellsten Albino bis zum verfinstertsten Neger, so würde jener thörichte Laie trotz aller Mühe nirgends eine Grenze finden, wo die eine Farbe aufhört und die andere beginnt. Er würde ganz vergebens eine Lücke suchen. Oder wenn er endlich den Triumph erlebte, zwischen zwei Menschen die sie verschmelzende kleine Schattierung zu vermissen, so würde ihm der Weltgeist auf die Schulter klopfen und sagen: ›Mein Sohn, stelle du dich zwischen diese beiden Menschen; denn diese Schattierung bist du.‹«

Leopold mußte lachen.

»Lachst du,« fragte Fridolin, »über meine Darstellung oder über die Sache? Gibst du die Richtigkeit meines Satzes zu?«

»Ich bin entschlossen, sie zuzugeben, Fridolin,« antwortete Leopold.

»Gut. Du bist entschlossen. Wie hat diese selbe Natur es mit diesem selben Menschen in Hinsicht seines Geschlechts gemacht? Fragen wir den thörichten Laien! Der thörichte Laie – der ewig thörichte – antwortet: Die Natur schuf den Mann und schuf die Frau; und weiter nichts. Fragen wir ihn weiter: Und es ist also jeder Mann einfach ein rechter Mann, jede Frau einfach eine rechte Frau? Wenn du die Menschen deiner Bekanntschaft auf ihre geistige Beschaffenheit, auf ihr Gemüt, auf ihren Charakter ansiehst, findest du, mein Lieber, daß jeder Mann durchaus männlich, jedes Weib durchaus weiblich geartet ist? Oder findest du, daß es hier sonderbare Abweichungen und Ausnahmen gibt? – Er nickt. – Wenige? Viele? – Er nickt. – Sanfte, starke, ungeheuerliche? Mannweiber? Weibmänner? – Er nickt. Es gibt alles. Er nickt, notgedrungen, zu allem! – Nun, mein thörichter Laie, so laß uns höhere Intelligenzen dir sagen, daß diese sogenannten ›Abweichungen‹ und ›Ausnahmen‹ auch hier nur die unzähligen Uebergänge, Zwischenglieder der grenzenlosen Natur sind; daß sie auch hier keine Grenze, keine Lücke kennt. Wir werden dir abermals alle Menschen der Erde nebeneinander stellen, diesmal nach den seelischen Eigenschaften des Geschlechts, vom Nordpol der Männlichkeit bis zum Südpol der Weiblichkeit geordnet; und wenn dann der Weltgeist die Gewogenheit hat, dir auf einen Augenblick seinen alles durchdringenden Weltblick zu leihen, so wirst du zur Beschämung deines blöden Geistes wahrnehmen, daß vom männlichsten Mann bis zum weiblichsten Weib keine Schattierung, keine Möglichkeit fehlt. Daß es unter anderm in der Mitte dieser langen Reihe sehr merkwürdige Wesen – sagen wir nicht ›Ausnahmen‹, sondern ›Uebergangsmenschen‹ – gibt, die, was ihre liebe Seele betrifft, ungefähr ebenso viel vom Manne wie vom Weibe haben; die männlichen Verstand haben und weibliches Empfinden – oder weiblichen Geist und männlichen Charakter – oder alles aus Männlichem und Weiblichem gemischt. Die daher ihre Ergänzung – da ja jedes Geschlecht nach seiner geistigen Ergänzung strebt – sowohl nach rechts als nach links, sowohl beim Manne als beim Weibe suchen; deren seelische Magnetnadel bald nach dem Nordpol der Männlichkeit, bald nach dem Südpol des Weiblichen zeigt. Die man« (Fridolin seufzte) – »die man leider tragische Erscheinungen nennen muß: denn sie suchen ihre Ergänzung, aber sie finden sie nicht. Suchen sie den Mann? Nur die weibliche Hälfte ihrer Seele sticht den Mann. Die andere Hälfte nicht; sie hat den Mann in sich selbst. Suchen sie die Frau? Nur diese andere Hälfte ihrer Seele sucht nach der Frau. Sie können sich nicht ergänzen, denn sie sind schon ergänzt. Sie sind mit sich selbst verheiratet. Sie leben mit sich selbst in einer heimlichen Ehe.«

»Das ist die heimliche Ehe, von der ich dir sagte,« setzte Fridolin nach einer Pause hinzu.

Leopold hatte ruhig, fast ohne sich zu rühren, zugehört. Auch jetzt blieb er still, nur daß er vor sich hin nachdenklich nickte.

»Du widersprichst mir nicht?« fragte Fridolin.

»Nein.«

»Du gibst zu, daß ich, ›der Unterzeichnete‹, in so einer Ehe mit mir selber lebe?«

»Ja. Nun, da du das Wort gesagt, die Sache bezeichnet hast, gebe ich es zu.«

»So begreifst du nun, mein Freund, warum ich nicht geheiratet habe, und warum ich nicht heirate.«

Leopold lächelte liebenswürdig elegisch, und ergriff Fridolins Hand. »Und daß ich indiskret frage,« sagte er, »lebt ihr glücklich miteinander? Oder vielmehr, lebst du glücklich mit dir?«

Statt zu antworten, nahm Fridolin auch Leopolds andere Hand; er hielt sie beide, seine eigenen Arme von sich streckend; ein Ausdruck tragischen Humors zog ihm langsam über das Gesicht. »Warum nehme ich deine Hände?« fragte er nach einer Weile. »Warum genügt es mir nicht, meine eigene linke Hand mit meiner rechten zu nehmen? Ach, mein Freund, zwei halbe Menschen ergänzen sich schlecht; erst zwei ganze Menschen ergänzen sich gut; so hat die Natur es gewollt. Sieh mich an, Leopold!« (Er wiederholte noch weicher:) »Sieh mich an. Die Natur hat mich, nach meines Leibes Gestalt, mit diesem klassischen Bart, dieser breiten Brust, ganz zum Manne geschaffen. Ich sehe aus wie Graf Egmont, sagt ihr. Graf Egmont gefiel den Frauen; – ich teile mit ihm dieses freundliche Geschick. Es haben sich Verliebungen und Leidenschaften ereignet; es ist nicht gezählt worden, wie viele. Und ich selbst —! Meine Konstitution ist zärtlich, mein Herz ist verliebt. Eine reizende Frau zwingt mich in der ersten Stunde zum Wohlgefallen, in der zweiten zur Entzückung, in der dritten zum lyrischen Gedicht. Beabsichtige ich sie auch zu heiraten? Ja, ich beabsichtige es. Ich bin bereit, mit jedem um ihren Besitz zu kämpfen. Was bin ich? Nur noch ein liebender, verliebter Mann, weiter nichts. hab' ich noch eine Erinnerung davon, daß auch eine weibliche




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