Die Dame von Monsoreau
Alexandre Dumas der Ältere




Alexandre Dumas

Die Dame von Monsoreau





Erstes bis viertes Bändchen





Erstes Kapitel

Die Hochzeit von Saint-Luc


Am Faschingssonntag des Jahres 1578, nach dem Volksfeste und während auf den Straßen das Geräusch des freudigen Tages erlosch, begann ein glänzendes Fest in dem prachtvollen Hotel, das sich kurz zuvor auf der andern Seite des Wassers und beinahe dem Louvre gegenüber die erhabene Familie der Montmorency erbaut hatte, welche, mit der königlichen Familie verwandt, auch gleichen Schritt mit den Prinzen des königlichen Hauses hielt. Durch dieses besondere Fest, welches auf das Volksfest folgte, beabsichtigte man die Hochzeit von François d'Epinay von Saint-Luc, einem Freunde von König Heinrich III. und einem seiner vertrautesten Günstlinge, mit Jeanne von Cossé-Brissac, Tochter des Marschalls von Frankreich gleichen Namens, zu feiern.

Das Festmahl fand im Louvre statt und der König, der nur ungern zu dieser Heirat eingewilligt hatte, erschien dabei mit einem strengen, wenig für die Umstände geeigneten Gesicht.

Seine Kleidung stand ganz im Einklang mit seinem Gesicht; er trug das dunkelbraune Kostüm, in welchem ihn uns Clouet bei der Hochzeit von Joyeuse gezeigt hat und dieses ernste, königliche Gespenst verwandelte vor Schrecken in Eis alle Anwesende, besonders die Neuvermählten, die er äußerst schief ansah, so oft er sie eines Blickes würdigte.

Die düstere Haltung des Königs, mitten unter der Freude des Festes, kam indessen Niemand seltsam vor, denn die Ursache davon gehörte zu den Geheimnissen des Hofes, an welche Jedermann nur mit Vorsicht stößt, wie an jene an der Oberfläche des Wassers liegende Klippen, von denen man mit Sicherheit weiß, dass man daran zerschellt, wenn man sie berührt.

Kaum war das Mahl beendigt, als der König ungestüm sich erhob, und Alle, selbst diejenigen, welche ganz leise ihren Wunsch, länger bei Tische zu bleiben, zugestanden, waren genötigt, das Beispiel des Königs zu befolgen. – Da warf Saint-Luc einen langen Blick auf seine Frau, als wollte er Mut in ihren Augen schöpfen, und sprach sodann, sich dem König nähernd:

»Sire, wird mir Eure Majestät die Ehre erweisen, einen Ball anzunehmen, den ich diesen Abend im Hotel Montmorency geben will?«

Heinrich III. wandte sich mit einer Mischung von Zorn und Kummer um, und da ihn Saint-Luc, vor ihm gebückt, mit einer unendlich weichen Stimme und einer äußerst einnehmenden Miene bat, so antwortete er:

»Ja, mein Herr, wir werden kommen, obgleich Ihr sicherlich diesen Beweis der Freundschaft von unserer Seite nicht verdient.«

Fräulein von Brissac, nunmehr Frau von Saint-Luc geworden, dankte dem König mit demütigem Tone. Doch der König wandte ihr den Rücken zu, ohne ihren Dank zu erwidern.

»Was hat der König gegen Euch, Herr von Saint-Luc?« fragte die junge Frau ihren Gatten.

»Schöne Freundin,« antwortete Saint-Luc, »ich werde es Euch erzählen, wenn dieser große Zorn zerstreut ist.«

»Wird er sich zerstreuen?« fragte Jeanne.

»Es muss wohl sein,« versetzte der junge Mann.

Fräulein von Brissac war noch nicht genug Frau von Saint-Luc, um auf ihrem Forschen zu beharren; sie drängte ihre Neugierde in die Tiefe ihres Herzens zurück und versprach sich, um ihre Bedingungen vorzuschreiben, eine Minute zu finden, wo Saint-Luc dieselben anzunehmen genötigt wäre.

Man erwartete also Heinrich III. im Hotel Montmorency in dem Augenblick, wo die Geschichte sich eröffnet, die wir unseren Lesern erzählen wollen. Es war aber bereits elf Uhr und der König noch nicht erschienen.

Saint-Luc hatte zu dem Balle Alles eingeladen, was der König und er selbst an Freunden besaßen; in seinen Einladungen waren mit einbegriffen die Prinzen, die Freunde der Prinzen, besonders die unseres alten Bekannten, des Herzogs von Alençon, der bei der Thronbesteigung von Heinrich III. Herzog von Anjou geworden war. Doch der Herzog von Anjou, welcher sich nicht bei dem Festmahle im Louvre eingefunden hatte, schien sich auch nicht bei dem Balle im Hotel Montmorency einfinden zu wollen.

Der König und die Königin von Navarra hatten sich nach dem Bearn geflüchtet und machten, an der Spitze der Hugenotten Krieg führend, offene Opposition. Der Herr Herzog von Anjou machte, seiner Gewohnheit gemäß, ebenfalls Opposition, jedoch eine dumpfe, finstere Opposition, wobei er sich stets im Hintergrund zu halten bemüht war, während er diejenigen in den Vordergrund stellte, welche das Beispiel von La Mole und Coconnas nicht geheilt hatte.

Es versteht sich von selbst, dass seine Edelleute und die des Königs in einem schlechten Einverständnis lebten, was wenigstens zwei bis dreimal monatlich Duelle herbeiführte, wobei es selten vorkam, dass nicht einer von den Kämpfenden tot auf dem Platze blieb oder wenigstens schwer verwundet wurde.

Was Catharina betrifft, so hatte diese den Gipfel ihrer Wünsche erreicht. Ihr viel geliebter Sohn saß auf dem Throne, nach welchem sie so sehr für ihn, oder vielmehr für sich strebte. Und sie herrschte unter seinem Namen, während sie das Ansehen hatte, als sagte sie sich völlig von den Dingen dieser Welt los und als wäre sie nur noch für das Heil ihrer Seele besorgt.

Sehr unruhig darüber, dass er keine königliche Person kommen sah, suchte Saint-Luc seinen Schwiegervater zu beruhigen, den diese bedrohliche Abwesenheit ungemein in Bewegung setzte. Wie alle Welt von der Freundschaft von König Heinrich für Saint-Luc überzeugt, hatte er sich mit einer Gunst zu verbinden geglaubt, und nun heiratete seine Tochter im Gegenteil etwas wie eine Ungnade. Saint-Luc gab sich alle erdenkliche Mühe, um ihm eine Sicherheit einzuflößen, die er selbst nicht hatte, und seine Freunde Maugiron, Schomberg und Quélus mit ihren prächtigen Gewändern, ganz steif in ihren glänzenden Wämmsern und in den ungeheuren Halskrausen, welche wie Platten aussahen, die ihren Kopf trugen, vermehrten noch seine Angst durch ihre ironischen Wehklagen.

»Ei, mein Gott! mein armer Freund,« sagte Quélus, »diesmal glaube ich in der Tat, dass Du verloren bist. Der König grollt Dir, weil Du über seine Ratschläge gespottet, und der Herzog von Anjou ist Dir böse, weil Du Dich über seine Nase lustig gemacht hast.«

»Nein,« entgegnete Saint-Luc, »der König kommt nicht, weil er eine Pilgerfahrt zum Mimen-Kloster des Waldes von Vincennes unternommen, und der Herzog von Anjou erscheint nicht, weil er in irgend eine Frau verliebt ist, die ich einzuladen vergessen haben werde.«

»Stille doch!« sprach Maugiron, »hast Du die Miene des Königs beim Mittagsmahl gesehen? War dies das Gesicht eines Menschen, der im Begriff ist, den Stab in die Hand zu nehmen, um eine Pilgerfahrt zu machen? Und was den Herzog von Anjou betrifft … wenn auch seine persönliche Abwesenheit durch die von Dir angegebene Ursache begründet wäre, würde das seine Angevins verhindern, hierher zu kommen? Siehst Du einen Einzigen hier? Schau doch, vollständige Sonnenfinsternis, nicht einmal der Prahler Bussy!«

»Meine Herren,« sprach der Herzog von Brissac, den Kopf auf eine verzweifelte Weise schüttelnd, »das macht auf mich ganz den Eindruck einer völligen Ungnade. In welcher Hinsicht konnte unser der Monarchie stets so ergebenes Haus Seiner Majestät missfallen?«

Und der alte Höfling hob voll Schmerz seine beiden Arme zum Himmel empor.

Die jungen Leute schauten Saint-Luc an und brachen in ein gewaltiges Gelächter aus, das, weit entfernt den Marschall zu beruhigen, ihn noch mehr in Verzweiflung brachte.

Nachdenkend und gesammelt fragte sich die Neuvermählte wie ihr Vater, worin Saint-Luc dem König hätte missfallen können.

Saint-Luc wußte es, und in Folge dieses Wissens war er von Allen am mindesten ruhig.

Plötzlich verkündigte man an einer von den Türen, durch welche man in den Saal trat, den König.

»Ah!« rief der Marschall strahlend, »nun fürchte ich nichts mehr, und wenn ich den Herzog von Anjou verkündigen hören würde, so wäre meine Zufriedenheit vollständig.«

»Und ich,« murmelte Saint-Luc, »ich habe noch mehr bange vor dem anwesenden König, als vor dem abwesenden, denn er kommt nur, um mir einen schlimmen Streich zu spielen, gerade wie der Herzog von Anjou ebenfalls nur mir einen schlimmen Streich zu spielen nicht kommt.«

Trotz dieser traurigen Betrachtung, eilte er nichtsdestoweniger dem König, entgegen, der endlich sein düsteres braunes Gewand abgelegt hatte und ganz strahlend von Atlass, Federn und Edelsteinen einherschritt.

Doch in demselben, Augenblick, wo Heinrich III. an einer von den Türen erschien, trat ein anderer Heinrich III., ganz dem ersten ähnlich, gekleidet, beschuht, frisiert, bekraust und gefältelt wie jener, durch die gegenüberliegende Türe ein, so dass die Höflinge, einen Augenblick zu dem ersten fortgezogen, stehen blieben, wie die Wellen an den Brückenpfeilern, und wirbelnd vom ersten König zum zweiten zurückströmten.

Heinrich III., bemerkte die Bewegung und da er, wo er hinschaute, nur erstaunte Gesichter mit offenem Munde, erschrockene Augen und auf einem Beine pirouettirende Körper sah, so rief er:

»He! meine Herren, was gibt es denn?«

Ein langes Gelächter antwortete ihm.

Von Natur nur sehr wenig geduldig und in diesem Augenblick in einer noch viel weniger geduldigen Stimmung, begann der König die Stirne zu falten, als sich ihm Saint-Luc näherte und zu ihm sprach:

»Sire, es ist Chicot, Euer Hofnarr, der sich ganz genau gekleidet hat wie Eure Majestät und den Damen seine Hand zum Kusse reicht.«

Heinrich III. lachte. Chicot genoss an dem Hofe des letzten Valois eine Freiheit der ähnlich, welche dreißig Jahre früher Triboulet an dem Hofe von König Franz I. genoss, und welche vierzig Jahre später Langely, an dem Hofe von König Ludwig XIII. eingeräumt war.

Chicot war kein gewöhnlicher Narr. Ehe er Chicot hieß hatte er von Chicot geheißen. Er war ein bretagnischer Edelmann, der, von Herrn von Mayenne misshandelt, sich zu Heinrich III. geflüchtet hatte und in zuweilen grausamen Wahrheiten den Schutz bezahlte, den ihm der Nachfolger von Karl IX. gewährte.

»Ei! Meister Chicot,« sagte Heinrich, »zwei Könige hier, das ist viel.«

»Dann lass mich meine Rolle als König nach meinem Belieben fort spielen, und spiele die Rolle des Herzogs von Anjou nach Deinem Gefallen; vielleicht wird man Dich für ihn halten und Dir Dinge, sagen, die Dich, nicht was er denkt, sondern was er thut, lehren werden.«

»In der Tat,« sprach der König, verdrießlich umherschauend, »mein Bruder Anjou ist nicht gekommen.«

»Ein Grund mehr für Dich, seine Stelle einzunehmen. Es ist abgemacht: ich bin Heinrich und Du bist Franz; ich will thronen, Du wirst tanzen; ich mache für Dich alle Possen der Krone, und Du belustigst Dich ein wenig während dieser Zeit. Armer König!«

Der Blick des Königs richtete sich auf Saint-Luc.

»Du hast Recht, Chicot, ich will tanzen.«

»Ich täuschte mich offenbar, als ich glaubte, der König wäre gegen uns aufgebracht,« dachte Brissac, »der König ist im Gegenteil von der heitersten Laune.«

Und er lief hin und her, und beglückwünschte Jeden, und besonders sich selbst, dass er seine Tochter einem Manne gegeben, der sich so großer Gunst bei dem König erfreute.

Saint-Luc hatte sich mittlerweile seiner Gattin genähert. Fräulein von Brissac war keine Schönheit, aber sie hatte reizende schwarze Augen, weiße Zähne und eine blendende Haut; Alles dies bildete bei ihr zusammen das, was man ein geistvolles Gesicht nennen kann.

»Mein Herr,« sprach sie zu ihrem Gemahl, stets mit einem und demselben Gedanken beschäftigt: »warum sagte man mir denn, der König sei böse gegen mich? Seitdem er eingetreten, lächelt er mir beständig zu.«

»Das war es nicht, was Ihr mir bei der Rückkehr vom Mahle mitteiltet, liebe Jeanne, denn sein Blick machte Euch damals bange.«

»Seine Majestät war ohne Zweifel missgestimmt,« sprach die junge Frau, »doch jetzt …«

»Jetzt ist es noch viel schlimmer,« erwiderte Saint-Luc. »der König lacht mit zusammengepressten Lippen. Es wäre mir lieber, wenn er mir die Zähne, zeigte. Jeanne, meine arme Freundin, der König bereitet uns Irgend eine hinterlistige Überraschung. Oh! schaut. mich nicht so zärtlich an, ich bitte Euch … wende: mir sogar den Rücken zu. Hier kommt gerade Maugiron; haltet ihn zurück, fesselt ihn, seid liebenswürdig gegen ihn.«

»Wißt Ihr, Herr,« entgegnete Jeanne lächelnd, »wisst Ihr, dass dies ein seltsamer Auftrag ist, und dass man, wenn ich ihn buchstäblich befolgen würde, glauben könnte …«

»Ah!« versetzte Saint-Luc mit einem Seufzer, »es wäre ein großes Glück, wenn man es glauben würde.«

Und seiner Frau, deren Erstaunen den höchsten Grad erreichte, den Rücken zuwendend, entfernte er sich, um Chicot den Hof zu machen, der seine Königsrolle mit einer höchst komischen Majestät spielte.

Den Urlaub benützend, den man seiner Größe gegeben hatte, tanzte Heinrich mittlerweile. Doch während er tanzte, verlor er Saint-Luc nicht aus dem Blicke.

Bald rief er ihn, um ihm irgend eine scherzhafte Bemerkung mitzuteilen, welche, witzig oder nicht, das Vorrecht hatte, Saint-Luc zu einem schallenden Gelächter zu veranlassen. Bald bot er ihm aus seiner Confect-Büchse gebrannte Mandeln oder überzuckerte Früchte, welche Saint-Luc köstlich fand. Verschwand endlich Saint-Luc einen Augenblick aus dem Saale, wo der König war, um in den andern Sälen die Honneurs zu machen, so ließ ihn der König durch einen von seinen Pagen und Offizieren holen, und Saint-Luc kehrte lächelnd zu seinem Herrn zurück, der nur zufrieden schien, wenn er ihn wiedersah.

Ein Geräusch, stark genug, um mitten in diesem Tumulte gehört zu werden, drang plötzlich an das Ohr von Heinrich.

»Eil ei!« sagte er, »es scheint mir, ich höre die Stimme von Chicot. Hörst Du, Saint-Luc, der König ärgert sich.«

»Ja, Sire,« sprach Saint-Luc, ohne dass es schien, als bemerkte er die Anspielung Seiner Majestät, »ich glaube er streitet sich mit irgend Jemand.«

»Sieh nach, was es ist, und komm sogleich zurück, um es mir zu melden.«

Saint-Luc entfernte sich.

Man hörte in der Tat Chicot, der näselnd, wie es der König bei gewissen Gelegenheiten tat, ausrief:

»Ich habe doch Prachtgesetze gemacht. Wenn aber die, welche ich gemacht habe, nicht genügen, so werde ich noch andere machen, ich werde so viel machen, bis es Genug ist; sind sie nicht gut, so sind sie doch wenigstens zahlreich. Bei dem Horne Beelzebubs, meines Vetters, sechs Pagen, Herr von Bussy, das ist zu viel.«

Und Chicot blies die Backen auf, bog die Hüften, stemmte die Faust in die Seite und spielte den König zum Täuschen.

»Was spricht er denn von Bussy?« fragte der König die Stirne faltend.

Zurückkehrend, wollte Saint-Luc eben antworten, als sich die Menge öffnete und sechs Pagen, in Goldstoff gekleidet, mit Colliers bedeckt und auf der Brust das Wappen ihres Herrn in allen möglichen Edelsteinen spielend, erschauen ließ. Hinter ihnen kam ein junger, schöner, stolzer Mann, der mit hoher Stirne, keckem Auge und verächtlich aufgeworfener Lippe einherschritt, während sein einfacher Anzug von schwarzem Sammet einen scharfen Kontrast mit den reichen Gewändern seiner Pagen bildete.

»Bussy,« sagte man, »Bussy d'Amboise.«

Und Alle liefen dem jungen Manne entgegen, der diesen Aufruhr verursachte, und traten auf die Seite, um ihn vorübergehen zu lassen.

Maugiron, Schomberg und Quélus hatten sich neben den König gestellt, als wollten sie ihn verteidigen.

»Sieh da!« sagte der Ersterer, auf die unerwartete Erscheinung von Bussy und die fortwährende Abwesenheit des Herzogs von Anjou anspielend, »sieh da! hier ist der Diener, und man erblickt den Herrn nicht.«

»Geduld,« entgegnete Quélus, »vor dem Diener kommen die Diener des Dieners. Der Herr des Dieners kommt vielleicht hinter dem Herrn der ersten Diener.«

»Sage mir doch, Saint-Luc,« sprach Schomberg, der jüngste von den Lieblingen von König Heinrich III. und dabei einer seiner Bravsten, »weißt Du, dass Herr von Bussy Dir wenig Ehre erweist? Schau doch dieses schwarze Wamms an; Gottes Tod! ist das ein Hochzeitkleid?«

»Nein,« versetzte Quélus, »aber es ist ein Beerdigungskleid.«

»Ah!« murmelte Heinrich, »warum ist es nicht das seinige und warum trägt er nicht zum Voraus seine eigene Trauer!«

»Bei alle dem, Saint-Luc, folgt Herr von Anjou Bussy nicht,« sagte Maugiron. »Solltest Duauch auf dieser Seite In Ungnade sein?«

Dasauch traf Saint-Luc im Herzen.

»Warum sollte er Bussy folgen?« erwiderte Quélus. »Erinnert Ihr Euch nicht, dass Herr von Bussy, als ihm Seine Majestät die Ehre erwies, ihn zu fragen, ob er in ihre Dienste treten wollte, antworten ließ, zu dem fürstlichen Hause Clermont gehörend, hätte er nicht nötig, in irgend einen Dienst zu treten, und er würde ganz einfach sich damit begnügen, sein eigener Herr zu sein, überzeugt, er wäre ein besserer Prinz, als sich irgend einer aus der Welt finden dürfte.«

Der König runzelte die Stirne und biss sich auf seinen Schnurrbart.

»Was Du auch sagen magst, Quélus,« versetzte Maugiron, »er gehört ganz und gar Herrn von Anjou wie mir scheint.«

»Dann ist Herr von Anjou ein größerer Herr als unser König,« entgegnete phlegmatisch Quélus.

Diese Bemerkung war die beißendste, welche man in Gegenwart von Heinrich machen konnte, der den Herzog von Anjou stets brüderlich gehasst hatte.

Man sah auch den König erbleichen, obgleich er nicht das kleinste Wort erwiderte.

»Ruhig, ruhig, meine Herren,« wagte Saint-Luc zitternd zu bemerken, »ein wenig Milde gegen meine Gäste; verderbt mir meinen Hochzeittag nicht.«

Diese Worte von Saint-Luc führten Heinrich wahrscheinlich zu einer anderen Ordnung von Gedanken zurück.

Ja,« sagte, er, »wir wollen den Hochzeittag von Saint-Luc nicht verderben, meine Herren.«

Während er so sprach, kräuselte er seinen Schnurrbart mit einer höhnischen Miene, die dem armen Neuvermählten nicht entging.

»Ah!« rief Schomberg, »Bussy steht also zu dieser Stunde mit den Brissac's in Verbindung?«

»Warum dies?« sagte Maugiron. »Da Saint-Luc ihn verteidigt. Den Teufel! in dieser armen Welt, wo man genug zu tun hat, um sich selbst zu verteidigen, verteidigt man, wie mir scheint, nur seine Verwandten, seine Verbündeten und seine Freunde.«

»Meine Herren,« sprach Saint-Luc, »Herr von Bussy ist weder mein Verbündeter, noch mein Freund, noch mein Verwandter; er ist mein Gast.«

Der König schleuderte Saint-Luc einen wütenden Blick zu.

»Und überdies,« fügte dieses, von dem Blicke des Königs niedergeschmettert, eilig bei, »überdies verteidige ich ihn gar nicht.«

Bussy kam ernsten Schrittes hinter seinen Pagen heran, und wollte eben den König begrüßen, als Chicot, verletzt dadurch, dass man einem Andern als ihm den Vorrang der Ehrfurcht gab, ihm zurief:

»Heda! he! Bussy, Bussy d'Amboise, Louis von Clemont, Graf von Bussy, da man Dir durchaus alle Deine Namen geben muss, damit Du erkennst, dass man mit dir spricht, siehst Du den wahren Heinrich nicht, unterscheidest Du den König nicht vom Narren? Derjenige, zu welchem Du gehst, ist mein Hofnarr, ist der Mensch, der so viel Tollheiten macht, dass ich mich darüber zuweilen halb tot lache.«

Bussy schritt ohne zu hören vorwärts und stand bald Heinrich gegenüber; doch als er sich vor dem König verbeugen wollte, sagte dieser zu ihm:

»Hört Ihr nicht, Herr von Bussy? man ruft Euch.«

Und mitten unter dem schallenden Gelächter seiner Günstlinge wandte er dem jungen Kapitän den Rücken zu. Bussy errötete vor Zorn; doch seine erste Bewegung unterdrückend, stellte er sich, als nähme er die Bemerkung des Königs im Ernste, als hätte er das Gelächter von Quélus, Schomberg und Maugiron gar nicht gehört, und sprach sich an Chicot wendend:

»Ah! verzeiht, Sire, es gibt Könige, welche dergestalt Narren gleichen, dass Ihr mir hoffentlich vergeben werdet, wenn ich Euren Hofnarren für einen König gehalten habe.«

»Hm!« murmelte Heinrich, sich umdrehend, »was sagt er?«

»Nichts, Sire,« erwiderte Saint-Luc, der für diesen ganzen Abend die Sendung des Friedenstifters vom Himmel erhalten zu haben schien, »nichts, durchaus nichts.«

»Gleichviel, Meister Bussy,« sprach Chicot sich auf die Fußspitzen erhebend, wie es der König tat, wenn er sich Majestät verleihen wollte, »es ist in der Tat unverzeihlich.«

»Sire,« versetzte Bussy,«verzeiht mir, ich war von einer Sorge in Anspruch genommen.«

»Über Eure Pagen, mein Herr?« entgegnete Chicot mit scheinbarem Ärger. »Ihr richtet Euch in Pagen zu Grunde und Gottes Tod! dadurch tretet Ihr unsere Prärogative mit Füßen.«

»Wie so?« versetzte Bussy, der nun begriff, dass die schlechte Rolle dem König zufiel, wenn er sich zu einem Wettstreite mit den Narren herbei ließ. »Ich bitte Eure Majestät, sich zu erklären, und wenn ich wirklich Unrecht gehabt habe, so werde ich es in aller Demut zugestehen.«

»Goldstoff für diese Lümmel,« erwiderte Chicot, mit dem Finger auf die Pagen deutend, »während Ihr, ein Edelmann, ein Oberster, ein Clermont, beinahe ein Prinz, in einfachen schwarzen Sammet gekleidet seid!«

»Sire,« versetzte Bussy, sich gegen die Mignons[1 - Mignons nannte man die Günstlinge von Heinrich III., weichlich in ihrem ganzen Wesen, zugleich aber stolz und tapfer, nahmen beinahe alle ein tragisches Ende; die berühmtesten finden wir in diesem Werke von Dumas.] umwendend, »lebt man in einer Zeit, wo die Lümmel wie die Prinzen gekleidet sind, so zeugt es meiner Ansicht nach für die Prinzen von gutem Geschmack, wenn sie sich wie die Lümmel kleiden.«

Und er gab den von Schmuck funkelnden jungen Mignons das beleidigende Lächeln zurück, mit dem sie ihn einen Augenblick vorher in Gnaden beschenkt hatten.

Heinrich schaute seine Lieblinge an, welche, vor Wut erbleichend, nur ein Wort ihres Gebieters zu erwarten schienen, um sich auf Bussy zu werfen. Quélus, der am meisten gegen diesen Edelmann erbittert war, mit dem er sich ohne das ausdrückliche Verbot des Königs bereits geschlagen hätte, fuhr mit der Hand an das Stichblatt seines Degens.

»Sagt Ihr das über mich und die Meinigen?« rief Chicot, der, da er den Platz des Königs eingenommen, das antwortete, was der König hätte antworten sollen.

Und der Hofnarr nahm, diese Worte sprechend, eine so übertrieben prahlerische Stellung, dass die Hälfte des Saales in ein schallendes Gelächter ausbrach. Die andere Hälfte lachte nicht, und das war ganz einfach, denn die eine Hälfte, welche lachte, lachte über die andere Hälfte.

Drei Freunde von Bussy hatten sich indessen, in der Voraussetzung, es würde wahrscheinlich Streit entstehen, an seine Seite gestellt. Es waren dies Charles Balzac d'Entragues, den man gewöhnlich Antraguet nannte, François d’Audie, Vicomte de Ribeirac, und Livarot.

Als Saint-Luc diese feindseligen Präliminarien bemerkte, erriet er, dass Bussy auf Anstiften von Monsieur gekommen war, um einen Skandal herbeizuführen oder um eine Ausforderung ergehen zu lassen. Er zitterte mehr als je, denn er fühlte sich zwischen dem glühenden Zorne von zwei mächtigen Feinden gefangen, welche sein Haus zum Kampfplatz wählten.

Er lief zu Quélus, der der heftigste von Allen zu sein schien, und sagte, die Hand auf den Degengriff des jungen Mannes legend:

»Im Namen des Himmels, mäßige Dich und lass uns warten.«

»Ei, bei Gott! mäßige Dich selbst,« rief Quélus. »Der Faustschlag dieses Tölpels trifft Dich so gut als mich; wer etwas gegen Einen von uns sagt, sagt etwas gegen Alle, und wer etwas gegen Alle sagt, berührt den König.«

»Quélus, Quélus!« erwiderte Saint-Luc, »denke an den Herzog.von Anjou, der um so gewisser hinter Bussy lauert, als er abwesend, um so mehr gefürchtet werden muss, als er unsichtbar ist. Du wirst mir nicht die Schmach antun, zu glauben, ich fürchte mich vor dem Knechte, nein, ich habe nur bange vor dem Herrn.«

»Ei, Gottes Tod! was hat man denn zu befürchten, wenn man dem König von Frankreich gehört? Begeben wir uns für ihn in Gefahr, so wird uns der König verteidigen.«

»Dich, ja; aber mich!« versetzte Saint-Luc mit kläglichem Tone.

»Ah, verdammt!« sprach Quélus, »warum, den Teufel! verheiratest Du Dich auch, da Du weißt, wie sehr der König bei seinen Freundschaften eifersüchtig ist?«

»Gut!« sagte Saint-Luc zu sich selbst, »jeder denkt an sich. Vergessen wir uns also nicht. Und da ich wenigstens die ersten vierzehn Tage meiner Ehe ruhig zu leben wünsche, so will ich es versuchen, mir einen Freund aus Herrn von Alençon zu machen.«

In Folge dieser Betrachtung verließ er Quélus und ging auf Herrn von Bussy zu. Nach seiner beleidigenden Rede hatte Bussy seinen Kopf erhoben und ließ seine Blicke durch den ganzen Saal umhergehen, wobei er die Ohren spitzte, um irgend eine Ungezogenheit in Entgegnung der seinigen aufzufangen. Aber jede Stirne wandte sich ab, jeder Mund blieb stumm. Die Einen hatten bange, vor dem König zu billigen, die Andern fürchteten sich, vor Bussy zu missbilligen.

Als der Letztere Saint-Luc auf sich zukommen sah, glaubte er endlich gefunden zu haben, was er suchte.

»Mein Herr,« sprach Bussy, »verdanke ich dem, was ich so eben gesagt, die Ehre der Unterredung, die Ihr zu haben wünscht?«

»Dem, was Ihr so eben gesagt?« fragte Saint-Luc mit seiner anmutigsten Miene. »Was habt Ihr denn gesagt? Ich meines Teils habe nichts gehört; nein, ich sah Euch und wünschte das Vergnügen zu haben, Euch zu begrüßen und bei dieser Begrüßung Euch für die Ehre zu danken, die Ihr meinem Hause durch Eure Gegenwart erweist.«

Bussy war ein in jeder Beziehung erhabener Mann, brav bis zur Tollheit, aber wissenschaftlich gebildet, geistreich und fein im gesellschaftlichen Umgang. Er kannte den Mut von Saint-Luc und begriff, dass die Pflicht des Hausherrn in diesem Augenblick den Sieg über die Empfindlichkeit davon trug. Jedem Andern hätte er seine Phrase, das heißt seine Herausforderung wiederholt; aber er begnügte sich, Saint-Luc höflich zu grüßen und ihm mit einigen freundlichen Worten sein Kompliment zu erwidern.

»Ah! ah!« sprach Heinrich, als er Saint-Luc bei Bussy sah, »ich glaube, mein junger Hahn hat den Kapitän tüchtig ausgescholten. Er hat wohl daran getan, doch man soll ihn mir nicht töten. Seht nach, Quélus. Nein, nicht Ihr, Quélus, Ihr habt einen zu hitzigen Kopf. Seht Ihr nach, Maugiron.«

Maugiron eilte wie ein Pfeil fort, doch Saint-Luc war auf seiner Hut, ließ ihn nicht bis zu Bussy gelangen, und kehrte mit Maugiron zum König zurück.

»Was hast Du diesem albernen Bussy gesagt?« fragte der König.

»Ich, Sire?«

»Ja, Du.«

»Ich habe ihm guten Abend gesagt.«

»Ah! ah! das ist Alles?« brummte der König.

Saint-Luc bemerkte, dass er eine Albernheit begangen hatte, und erwiderte:

»Ich sagte ihm guten Abend und fügte bei, ich würde morgen früh die Ehre haben, ihm guten Morgen zu sagen.«

»Oh! oh!« rief Heinrich,«ich vermutete es; schlimmer Kopf!«

»Doch Eure huldreiche Majestät wolle die Gnade haben, die Sache geheim zu halten,« versetzte Saint-Luc.

»Oh! bei Gott!« erwiderte Heinrich, »ich sage das nicht, um Dir Zwang anzutun. Es ist wahr, wenn Du mich seiner entledigen könntest, ohne dass für Dich eine Schramme daraus entspränge …«

Die Mignons tauschten einen Blick aus, den Heinrich III. nicht gesehen zu haben sich den Anschein gab.

»Denn der Bursche,« fuhr der König fort, »der Bursche ist von einer Unverschämtheit …«

»Ja, ja,« sagte Saint-Luc, »doch seid unbesorgt, Sire, er wird früher oder später seinen Meister finden.«

«Oh! oh!« machte der König, den Kopf von oben nach unten schüttelnd, »er führt eine mächtige Klinge. Warum lässt er sich nicht von einem tollen Hunde beißen! Das würde uns auf eine bequemere Weise von ihm befreien.«

Und er warf einen schiefen Blick auf Bussy, der begleitet von seinen drei Freunden auf- und abging und alle diejenigen stieß und verspottete, von denen er wusste, dass sie am Feindseligsten gegen den Herzog von Anjou gesinnt und folglich die besten Freunde des Königs waren.

»Gottes Donner!« rief Chicot, »misshandelt mir meine kleinen Edelleute nicht so sehr, Meister Bussy, denn obgleich ich ein König bin, ziehe ich den Degen nicht mehr und nicht minder, als ob ich ein Narr wäre.«

»Ah! der drollige Bursche!« murmelte Heinrich, »bei meinem Worte, er sieht richtig.«

»Wenn er mit solchen Scherzen fortführe, so werde ich Chicot bestrafen, Sire,« sagte Maugiron.

»Reibe Dich nicht an ihm, Maugiron; Chicot ist Edelmann und sehr kitzelig im Punkte der Ehre. Überdies ist er es nicht, der am meisten eine Bestrafung verdient, denn er ist nicht der Frechste.«

Diesmal konnte man sich nicht mehr täuschen, Quélus machte d'O und Épernon ein Zeichen, die an anderer Stelle in Anspruch genommen, nicht mitbekommen hatten, was gerade geschehen war.

»Meine Herren,« sprach Quélus, sie auf die Seite führend, »wir wollen uns beraten; Du, Saint-Luc, plaudre mit dem König und schließe vollends Deinen Frieden, der mir glücklich begonnen zu haben scheint.«

Saint-Luc zog diese Rolle vor und näherte sich dem König und Chicot, welche mit einander in Streit geraten waren.

Während dieser Zeit führte Quélus seine vier Freunde in eine Fenstervertiefung.

»Nun, was willst Du uns sagen?« fragte Épernon. »Ich war eben im Zuge, der Frau von Joyeuse den Hof zu machen, und ich bemerke Dir im Voraus, dass ich Dir nie verzeihe, wenn Deine Erzählung nicht höchst interessant ist.«

»Ich will Euch sagen, meine Herren, dass ich unmittelbar nach dem Balle zur Jagd aufbreche.«

»Gut, zu welcher Jagd?« fragte d'O.

»Zur Schweinejagd.«

»Was für einen närrischen Einfall hast Du, dass Du Dir bei einer solchen Kälte in irgend einem Dickicht den Bauch willst aufschlitzen lassen?«

»Gleichviel, ich gehe.«

»Allein?«

»Nein, mit Maugiron und Schomberg. Wir jagen für den König.«

»Ah! ja, ich begreife,« sagten gleichzeitig Schomberg und Maugiron. »Der König wünscht, dass man ihm morgen einen Schweinskopf serviert.«

»Mit einem auf italienische Weise umgedrehten Kragen,« versetzte Maugiron, auf den einfachen umgeschlagenen Kragen anspielend, den Bussy im Widerspruch mit den Halskrausen der Mignons trug.

»Ah! ah!« rief Épernon, »gut, dann bin ich dabei.«

»Um was handelt es sich?« fragte d'O, »ich begreife noch gar nicht.«

»Ei! so schau doch umher, mein Lieber.«

»Gut, ich schaue.«

»Ist nicht Einer da, der Dich in das Gesicht verhöhnt hat?«

»Bussy, wie ich glaube.«

»Nun, scheint Dir das nicht ein Eber zu sein, dessen Kopf dem König angenehm wäre?«

»Du glaubst, der König …« versetzte d'O.

»Er hat ihn verlangt,« antwortete Quélus.

»Wohl, es sei, auf die Jagd; doch wie jagen wir?«

»Auf dem Anstand, das ist sicherer.«

Bussy bemerkte die Besprechung, und da er nicht zweifelte, es wäre von ihm die Rede, so trat er mit seinen Freunden hohnlächelnd näher hinzu und sagte:

»Sieh doch, Antraguet, sieh doch, Ribeirac, es ist rührend, wie sie hier gruppiert sind, man sollte glauben, es wäre Eurialus und Risus, Damon und Pythias, Castor … doch wo ist Pollux?«

»Pollux verheiratet sich,« erwiderte Antraguet, »und Castor ist folglich getrennt.«

»Was mögen sie da machen?« fragte Bussy sie frech anschauend.

»Wetten wir, dass sie auf irgend ein neues Stärkmehl sinnen,« versetzte Ribeirac.

»Nein, meine Herren,« erwiderte Quélus lächelnd, »wir sprechen von der Jagd.«

»In der Tat, Herr Cupido,« versetzte Bussy, »es ist sehr kalt zum Jagen. Die Haut wird Euch aufspringen.«

»Mein Herr,« entgegnete Maugiron mit derselben Höflichkeit, »wir haben warme Handschuhe und gefütterte Wämmser.«

»Ah! das beruhigt mich,« sagte Bussy, »werdet Ihr bald jagen?«

»Vielleicht noch in dieser Nacht,« antwortete Schomberg.

»Es gibt kein vielleicht; sicherlich in dieser Nacht,« fügte Maugiron bei.

»Ich will den König davon in Kenntnis setzen,« sprach Bussy, »was würde Seine Majestät sagen, wenn sie Morgen bei ihrem Erwachen fände, dass ihre Freunde den Schnupfen haben?«

»Gebt Euch nicht die Mühe, den König zu benachrichtigen, mein Herr,« entgegnete Quélus, »Seine Majestät weiß, dass wir jagen.«

»Eine Lerche?« fragte Bussy mit einer äußerst verletzenden Miene.

»Nein, mein Herr,« antwortete Quélus, »wir jagen den Eber, wir brauchen durchaus einen Schweinskopf.«

»Und das Tier?« fragte Antraguet.

»Ist gestellt,« sagte Schomberg.

»Doch man muss auch wissen, wohin es seinen Gang nimmt,« versetzte Livarot.

»Wir werden bemüht sein, Erkundigungen darüber einzuziehen,« sprach d'O. »Jagt Ihr mit uns, Herr von Bussy?«

»Nein,« antwortete dieser, das Gespräch in derselben Tonart fortsetzend. »Nein, in der Tat, ich bin verhindert. Ich muss morgen bei dem Herzog von Alençon sein, um Herrn von Monsoreau zu empfangen dem Monseigneur, wie Ihr wisst, die Stelle des Oberstjägermeisters verliehen hat.«

»Doch diese Nacht?« fragte Quélus.

»Ah! diese Nacht kann ich noch nicht, ich habe ein Rendezvous in einem Geheimnisvollen Hause des Faubourg Saint-Antoine.«

»Ah! ah!« rief Épernon, »sollte die Königin Margot inkognito in Paris sein, Herr von Bussy, denn es ist uns zu Ohren gekommen, dass Ihr La Mole beerbt habt?«

»Ja, doch seit einiger Zeit habe ich auf die Erbschaft Verzicht geleistet, und es handelt sich um eine andere Person.«

»Und diese Person erwartet Euch in der Rue du Faubourg Saint-Antoine?« fragte d'O.

»Ganz richtig: ich werde Euch sogar um einen Rat bitten, Herr von Quélus.«

»Sprecht. Obgleich ich kein Advokat bin, so tue ich mir doch etwas darauf zu gut, dass ich, besonders meinen Freunden, keinen schlechten Rat gebe.«

»Man sagt, die Straßen seien unsicher; der Faubourg Saint-Antoine ist ein einsames Quartier. Welchen Weg ratet Ihr mir zu wählen?«

»Bei Gott!« erwiderte Quélus, »da der Schiffsmann des Louvre ohne Zweifel die ganze Nacht auf uns wartet, so würde ich an Eurer Stelle, mein Herr, die kleine Fähre des Pré-aux-Clercs nehmen, mich bis zum Turm der Ecke führen lassen, dann dem Quai bis zum Grand-Châtelet folgen und durch die Rue de la Tixeranderie nach dem Faubourg Saint-Antoine gehen. Seid Ihr einmal am Ende der Rue Saint-Antoine und kommt an dem Hotel des Tournelles ohne Unfall vorüber, so werdet Ihr wahrscheinlich unversehrt das Geheimnisvolle Haus erreichen, von dem Ihr so eben spracht.«

»Ich danke für die Reisebeschreibung, Herr von Quélus,« erwiderte Bussy, »Ihr nennt die Fähre des Pré-aux-Clercs, den Turm der Ecke, den Quai bis zum Grand-Châtelet, die Rue de la Tixeranderie und die Rue Saint-Antoine. Seid unbesorgt, man wird keine Linie von dem vorgeschriebenen Wege abgehen.«

Und die fünf Freunde grüßend, entfernte er sich, während er ganz laut zu Balzac d'Entragues sagte:

»Antraguet, lasst uns gehen, es ist mit diesen Leuten offenbar nichts zu machen.«

Livarot und Ribeirac brachen in ein lautes Gelächter aus und folgten Bussy und d'Entragues, welche sich entfernten, jedoch nicht ohne sich wiederholt umzuschauen.

Die Mignons blieben ruhig, sie schienen entschlossen, nichts zu verstehen.

Als Bussy durch den letzten Salon schritt, in welchem sich Frau von Saint-Luc befand, die ihren Gatten nicht aus den Blicken verlor, winkte ihr Saint-Luc mit dem Auge und bezeichnete ihr den Günstling des Herzogs von Anjou, der eben weggehen wollte. Jeanne begriff mit der Scharfsichtigkeit, welche das Vorrecht der Frauen ist, lief auf den Edelmann zu, versperrte ihm den Weg und sagte:

»Oh! Herr von Bussy, es ist nur von einem Sonnet die Rede, das Ihr gemacht haben sollt.«

»Gegen den König, Madame?« fragte Bussy.

»Nein, sondern zu Ehren der Königin. Oh! lasst es mich hören.«

»Gern, Madame,« sagte Bussy, Frau von Saint-Luc den Arm bietend. Und er entfernte sich mit ihr und sprach ihr auf- und abgehend das Gedicht vor.

Während dieser Zeit kehrte Saint-Luc ganz sachte zu den Mignons zurück und hörte Quélus sagen:

»Es wird dem Tiere bei solchen Bruchspuren nicht schwer zu folgen sein; also an der Ecke des Hotel des Tournelles, bei der Porte Saint-Antoine, dem Hotel Saint-Pol gegenüber.«

»Jeder mit einem Lackei?« fragte Épernon.

»Nein, Nogaret, nein,« antwortete Quélus, »wir wollen allein sein, allein unser Geheimnis wissen, und allein unser Geschäft abmachen. Ich hasse ihn, doch ich würde mich schämen, wenn der Stock eines Lackeien ihn berührte; er ist ein zu guter Edelmann.«

»Werden wir alle sechs mit einander von hier weggehen?« fragte Maugiron.

»Alle fünf und nicht alle sechs,« bemerkte Saint-Luc.

»Ah! es ist wahr, wir vergaßen, dass Du eine Frau genommen. Wir behandelten Dich noch als Junggesellen,« sprach Schomberg.

»In der Tat,« versetzte d'O, »es ist das Wenigste, dass der arme Saint-Luc die erste Nacht nach seiner Hochzeit mit seiner Frau zubringt.«

»Ihr habt Unrecht, meine Herren,« entgegnete Saint-Luc, »es ist nicht meine Frau, was mich zurückhält, obgleich sie, wie Ihr zugestehen werdet, einer Aufmerksamkeit wert ist; nein, es ist der König.«

»Wie? der König.«

»Ja, Seine Majestät will, dass ich sie in den Louvre zurückführe.«

Die jungen Leute schauten sich mit einem Lächeln an, das sich Saint-Luc vergebens zu verdolmetschen suchte.

»Was willst Du?« versetzte Quélus, »der König hegt eine so wunderbare Freundschaft für Dich, dass er Deiner gar nicht entbehren kann; überdies brauchen wir Saint-Luc nicht, lassen wir ihn also seinem König und seiner Dame.«

»Ho! das Tier ist plump,« bemerkte Épernon.

»Bah!« versetzte Quélus, »man stelle mich ihm gegenüber, man gebe mir einen Spieß, und ich werde mein Geschäft abmachen.«

In diesem Augenblick hörte man die Stimme des Königs, der Saint-Luc rief.

»Meine Herren,« sagte dieser, »Ihr hört, der König ruft mich, gute Jagd, auf Wiedersehen!«

Und er verließ sie sogleich, doch statt zu dem König zu gehen, schlüpfte er an den noch mit Zuschauern und Tänzern geschmückten Wänden hin und erreichte die Türe, welche bereits Bussy berührte, den die schöne Neuvermählte mit allen Mitteln, die ihr zu Gebot standen, zurückzuhalten suchte.

»Ah! guten Abend,« Herr von Saint-Luc,« sagte der junge Mann. »Aber wie bestürzt seht Ihr aus! Solltet Ihr zufällig bei der großen Jagd sein, welche sich vorbereitet? Das wäre zwar ein Beweis Eures Mutes, aber nicht Eurer Galanterie.«

«Nein, mein Herr, ich sah bestürzt aus, weil ich Euch suchte.«

«Ah! wirklich?«

»… Und weil ich bange hatte, Ihr wäret bereits weggegangen. Liebe Jeanne,« fügte er bei, »sagt Eurem Vater, er möge bemüht sein, den König aufzuhalten; ich muss ein paar Worte unter vier Augen mit Herrn von Bussy sprechen.«

Jeanne ging rasch weg; sie begriff zwar alle diese Notwendigkeiten nicht, aber sie unterwarf sich denselben, weil sie ihre Wichtigkeit fühlte.

»Was wollt Ihr mir sagen, Herr von Saint-Luc?« fragte Bussy.

»Ich wollte Euch sagen, Herr von Bussy, dass Ihr, wenn Ihr diesen Abend ein Rendezvous hättet, wohl daran tun würdet, es auf morgen zu verschieben, in Betracht, dass die Straßen von Paris schlecht sind, und dass es ferner, sollte Euch dieses Rendezvous zufällig in die Gegend der Bastille führen, klug von Euch wäre, das Hotel des Tournelles zu vermeiden, wo eine Vertiefung ist, in der sich mehrere Menschen verbergen können. Das ist es, was ich Euch zu sagen hatte, Herr von Bussy. Gott behüte mich vor dem Gedanken, ein Mann wie Ihr könnte Furcht haben. Doch denkt ein wenig darüber nach.«

In diesem Augenblick hörte man die Stimme von Chicot rufen:

»Saint-Luc, mein kleiner Saint-Luc, verbirg Dich nicht, wie Du dies tust. Du siehst wohl, ich erwarte Dich, um in den Louvre zurückzukehren.«

»Sire, hier bin ich,« antwortete Saint-Luc, in der Richtung der Stimme von Chicot vor stürzend.

Bei dem Narren war Heinrich III., dem bereits ein Page den schweren, mit Hermelin verbrämten Mantel reichte, während ihm ein anderer die dicken, bis an die Ellenbogen gehenden Handschuhe und ein dritter die mit Atlas gefütterte Sammetmaske bot.

»Sire,« sprach Saint-Luc, sich zugleich an die beiden Heinriche wendend, »ich werde die Ehre haben, die Fackel bis zu Euren Sänften zu tragen.«

»Nein, nein,« erwiderte Heinrich, »Chicot geht seines Wegs und ich des meinigen. Meine Freunde sind lauter Taugenichtse, die mich allein in den Louvre zurückkehren lassen, während sie dem Fasching nachlaufen. Ich hatte auf sie gerechnet, und nun fehlen sie mir. Du begreifst aber, dass Du mich nicht so weggehen lassen kannst. Du bist ein ernster, verheirateter Mann, Du musst mich zur Königin zurückführen. Komm, mein Freund, komm. Hollah! ein Pferd für Herrn von Saint-Luc. Nein, es ist unnötig,« fügte er sich besinnend bei, »meine Sänfte ist breit, und es ist Platz darin für zwei Personen.«

Jeanne von Brissac hatte keine Silbe von diesem Gespräche verloren, sie wollte reden, ein Wort zu ihrem Gemahl sagen, ihren Vater benachrichtigen, dass der König Saint-Luc entführe; doch Saint-Luc legte einen Finger auf seinen Mund und forderte sie dadurch zum Stillschweigen und zur Behutsamkeit auf.

»Pest!« sagte er ganz leise, »nun, da ich mich mit Franz von Anjou gut zu vertragen gewusst habe, wollen wir uns nicht mit Heinrich von Valois verfeinden. Sire,« fügte er laut bei, »hier bin ich. Ich bin Eurer Majestät so ergeben, dass ich ihr bis an das Ende der Welt folgte, wenn sie es mir befehlen würde.«

Zuerst entstand ein großer Tumult, dann kamen große Kniebeugungen, dann trat ein großes Stillschweigen ein, um die Abschiedsworte des Königs an Fräulein von Brissac und ihren Vater zu hören: sie waren entzückend.

Hierauf vernahm man das Wiehern und Stampfen der Pferde im Hofe, und die Fackeln warfen rötliche Reflexe an die Scheiben. Endlich entflohen halb lachend, halb schnatternd in Schatten und Nebel alle Höflinge des Reiches und alle Hochzeitgäste.

Mit ihren Frauen allein geblieben, trat Jeanne in ihr Zimmer und kniete vor das Bild einer Heiligen nieder, welche sie ganz besonders verehrte. Dann gab sie ihrer Dienerschaft Befehl, sie zu verlassen und ein leichtes Abendbrot für die Rückkehr ihres Gatten bereit zu halten. Herr von Brissac tat mehr, er schickte sechs Wachen ab, welche den jungen Ehemann an der Pforte des Louvre erwarten und ihn von dort wieder nach Hause geleiten sollten. Doch nachdem sie zwei Stunden gewartet, sandten die Wachen einen von Ihren Kameraden zu dem Marschall, um ihm zu melden, alle Türen des Louvre Wären geschlossen, und ehe man die letzte geschlossen, hätte ihnen der Kapitän der Pforte gesagt:

»Wartet nicht länger, es ist unnötig; Niemand geht mehr in dieser Nacht aus dem Louvre weg. Seine Majestät hat sich zu Bette gelegt und Jedermann schläft.«

Der Marschall überbrachte diese Nachricht seiner Tochter, diese aber erklärte, sie wäre zu unruhig, um sich schlafen zu legen, und würde die ganze Nacht in Erwartung ihres Gemahls wachen.




Zweites Kapitel

Wie nicht immer derjenige, welcher die Türe öffnet, in das Haus eintritt


Die Porte Saint-Antoine war eine Art von steinernem Gewölbe, der Porte Saint-Denis und der Porte Saint-Martin unserer Tage ähnlich. Nur stand sie durch ihre linke Seite mit den anliegenden Gebäuden, mit der Bastille in Verbindung, und gehörte so gleichsam zu der alten Feste.

Der Raum rechts zwischen dem Tore und dem Hotel de Bretagne war groß, düster und schmutzig: doch dieser Raum war bei Tag wenig besucht, und gänzlich verlassen, wenn der Abend kam, denn die nächtlichen Wanderer schienen sich einen Weg näher an der Festung gemacht zu, haben, um sich gewissermaßen in einer Zeit, wo die Straßen höchst unsicher waren und man von einer Nachtwache nichts wusste, unter den Schutz des Turmwächters zu stellen, der sie zwar nicht unterstützen, aber doch wenigstens um Hilfe rufen und durch sein Geschrei, die Bösewichte erschrecken konnte.

Es versteht sich, dass die Winternächte die Wanderer noch vorsichtiger machten, als die Sommernächte. Die Nacht, in der die von uns bereits erzählten und die noch folgenden Ereignisse vorfielen, war so kalt, so schwarz und so von Wolken beladen, dass Niemand hinter den Zinnen der königlichen Feste die glückselige Schildwache bemerkt hätte, welche ihrerseits kaum im Stande gewesen wäre, auf dem Platze die Vorübergehenden zu unterscheiden.

Vor der Porte Saint-Martin auf der inneren Seite der Stadt, erhoben sich keine Häuser, sondern nur hohe Mauern. Diese Mauern waren rechts die der Kirche Saint-Paul, und links die des Hotel des Tournelles. Am Ende dieses Hotel, auf der Seite der Rue Saint-Catherine, bildete die Mauer den eingehenden Winkel, dessen Saint-Luc gegen Bussy erwähnt hatte.

Dann kam das Bollwerk von Häusern, welche zwischen der Rue de Jouy und der großen Rue Saint-Antoine lagen, welche zu jener Zeit sich gegenüber die Rue des Billettes und die Kirche Saint-Catherine hatte.

Keine Laterne beleuchtete den von uns beschriebenen Teil des alten Paris. In den Nächten, wo es der Mond übernahm, die Erde zu erhellen, sah man düster, majestätisch und unbeweglich die riesige Bastille emporragen, welche sich kräftig von dem bestirnten Azur des Himmels abhob. In den düsteren Nächten gewahrte man dagegen da, wo sie war, nur eine verdoppelte Finsternis, die an einzelnen Stellen durch das bleiche Licht einiger Fenster unterbrochen wurde.

Während dieser Nacht, welche mit einer scharfen Kälte begonnen hatte und mit reichlichem Schnee endigen sollte, machte kein Vorübergehender unter seinen Tritten die gesprungene Erde des von der Straße nach der Vorstadt ausmündenden Weges krachen, von dem wir gesagt haben, er sei durch ein kluges Abweichen verspäteter Spaziergänger bereitet worden. Dagegen hätte ein geübtes Auge in der Mauerecke der Tournelles mehrere schwarze Schatten erkannt, die sich hinreichend gebärdeten, um zu beweisen, dass sie armen Teufeln von Menschen angehörten, welche sehr in Verlegenheit waren, wie sie ihre natürliche Wärme bewahren sollten, der sie von Minute zu Minute die Unbeweglichkeit beraubte, zu welcher sie sich freiwillig, in Erwartung irgend eines Ereignisses, verurteilt hatten.

Die Schildwache des Turmes, welche wegen der Dunkelheit nicht auf den Platz sehen konnte, vermochte eben so wenig, mit so leiser Stimme wurde es geführt, das Gespräch der schwarzen Schatten zu hören. Es mangelte jedoch diesem Gespräche nicht an einem gewissen Interesse.

»Der wütende Bussy hatte Recht,« sagte einer von den Schatten; das ist in der Tat eine Nacht, wie wir sie in Warschau hatten, als König Heinrich König von Polen war, und wenn das so fortgeht, so wird uns, wie er es prophezeit, die Haut springen.«

»Stille, Maugiron, Du klagst wie ein Weib,« entgegnete ein anderer Schatten. »Es ist allerdings nicht warm; doch ziehe Deinen Mantel über die Augen, stecke Deine Hände in die Taschen, und Du wirst die Kälte nicht mehr fühlen.«

»Wahrhaftig, Schomberg,« versetzte ein dritter Schatten, »Du sprichst ganz nach Deinem Behagen, und man sieht wohl, dass Du ein Deutscher bist. Mir, was mich betrifft, bluten die Lippen, und mein Schnurrbart ist starr vor Eis.«

»Die Hände sind es hauptsächlich,« sagte eine vierte Stimme. »Bei meiner Ehre, ich wollte wetten, ich hätte gar keine mehr.«

»Warum hast Du nicht den Muff Deiner Mama genommen, armer Quélus,« entgegnete Schomberg, »die gute Frau würde ihn Dir geliehen haben, besonders wenn Du ihr erzählt hättest, es wäre, um sie von ihrem teuren Bussy zu befreien, den sie ungefähr liebt wie die Pest.«

»Ei, mein Gott! habt doch Geduld,« sprach eine fünfte Stimme. »Ich bin überzeugt, Ihr werdet Euch bald über zu viel Wärme beklagen.«

»Gott höre Dich, Épernon,« sagte Maugiron, die Füße schüttelnd. »Ich habe nicht gesprochen, sondern d'O,« versetzte Épernon. »Ich schweige aus Furcht, meine Worte könnten einfrieren.«

»Was sagtest Du?« fragte Quélus Maugiron.

»D'O sagte,« sprach Maugiron, »wir werden sogleich zu warm haben, und ich antwortete ihm: Gott höre Dich!«

»Ich glaube, er hat Dich gehört, denn ich sehe dort etwas durch die Rue Saint-Paul kommen.«

»Irrtum. Er kann es nicht sein.«

»Warum nicht?«

»Weil er eine andere Marschroute angegeben hat.«

»Als ob das zum Erstaunen wäre, wenn er etwas vermutet und einen andern Weg eingeschlagen hätte.«

»Ihr kennt Bussy nicht; wo er gesagt hat, dass er vorübergehen würde, geht er auch, selbst wenn er wüsste, der Teufel erwarte ihn auf der Straße, um ihm den Weg zu versperren.«

»Mittlerweile kommen hier zwei Menschen,« sagte Quélus.

»Meiner Treue, ja,« wiederholten ein paar Stimmen, die Wahrheit der Bemerkung erkennend.

»Dann lasst uns angreifen,« sprach Schomberg.

»Einen Augenblick,« sagte Épernon, »wir wollen nicht gute Bürger oder ehrliche Hebammen umbringen: halt, sie bleiben stehen.«

Am Ende der Rue Saint-Paul, die nach der Rue Saint-Antoine ging, blieben die zwei Personen, welche die Aufmerksamkeit unserer fünf Gefährten erregt hatten, wirklich wie unentschlossen stehen:

»Oh! oh!« sagte Quélus, »haben sie uns vielleicht gesehen?«

»Vorwärts, wenn wir nur sie gesehen.«

»Du hast Recht,« versetzte Quélus. »Halt! sie drehen sich links, sie bleiben vor einem Hause stehen; sie suchen.«

»Meiner Treue, ja.«

»Es ist, als wollten sie hinein,« sprach Schomberg, »sollte er uns entkommen?«

»Er ist es nicht, da er sich nach dem Faubourg Saint-Antoine begeben soll, während diese, nachdem sie durch die Rue Saint-Paul ausgemündet, die Straße hinabgegangen sind.«

»Ei!« versetzte Schomberg, »wer sagt Euch, dass Euch der schlaue Bursche nicht aus Zufall oder Nachlässigkeit, aus Bosheit oder Überlegung eine falsche Fährte angegeben hat?«

»Das könnte in der Tat wohl sein,« sprach Quélus.

Diese Vermutung machte wie eine hungrige Meute die ganze Truppe der Edelleute aufspringen. Sie verließen ihren Schlupfwinkel und stürzten, den Degen hoch, gegen die zwei vor der Türe stehenden Männer los.

Der eine von diesen zwei Männern hatte gerade den Schlüssel in das Schloß gesteckt; die Türe gab nach und fing an sich zu öffnen, als das Geräusch der Angreifenden die zwei Geheimnisvollen Nachtwandler aufzuschauen veranlasste.

»Was ist das?« fragte sich umdrehend der Kleinere von Beiden seinen Gefährten, »sollte man zufällig an uns wollen, Aurilly?«

»Ah! Monseigneur,« erwiderte derjenige, welcher die Türe geöffnet hatte, »das sieht mir gerade so aus. Werdet Ihr Euch nennen, oder das Inkognito beobachten?«

»Bewaffnete Leute! ein Hinterhalt!«

»Eifersüchtige, die uns belauern. Wahrhaftiger Gott! Monseigneur, ich habe es Euch gesagt, die Dame ist zu schön, als dass man ihr nicht den Hof machen sollte.«

«Gehen wir rasch hinein, Aurilly. Man hält eine Belagerung besser innerhalb, als außerhalb der Türe aus.«

»Ja, Monseigneur, wenn es keine Feinde im Platze selbst gibt. Doch wer sagt Euch? …«

Er hatte nicht Zeit, zu vollenden. Die jungen Leute durchmaßen den Raum von etwa hundert Schritten mit Blitzessschnelligkeit. Quélus und Maugiron, die an der Mauer hingelaufen waren, warfen sich zwischen die Türe und diejenigen, welche eintreten wollten, um ihnen den Rückzug abzuschneiden, während Schomberg, d'O und Épernon sie von vorn anzugreifen im Begriffe waren.

»Schlagt ihn tot!« rief Quélus, stets der Heftigste von Allen.

Doch plötzlich wandte sich derjenige, welchen sein Gefährte Monseigneur genannt und gefragt hatte, ob er sein Inkognito behaupten wolle, gegen Quélus um, machte einen Schritt, kreuzte auf eine anmaßende Weise die Arme und sprach mit einer düsteren Stimme:

»Ich glaube, Ihr habt gesagt, schlagt ihn todt, während Ihr von einem Sohne von Frankreich spracht, Herr von Quélus.«

Quélus wich, die Augen starr, die Knie wankend, die Hände träg, zurück und rief:

»Monseigneur der Herzog von Anjou!«

»Monseigneur der Herzog von Anjou!« wiederholten die Andern.

»Nun, meine edle Herren, rufen wir immer noch: ›Schlagt ihn tot!‹

»Monseigneur,« stammelte Épernon, »es war ein Scherz; verzeiht uns.«

»Monseigneur,« sagte d'O, »wir vermuteten nicht, wir würden Eure Hoheit am Ende von Paris und in diesem öden Quartiere finden.«

«Ein Scherz!« entgegnete Franz, ohne d'O der Ehre einer Antwort zu würdigen. »Ihr habt eine besondere Manier zu scherzen, Herr von Épernon. Doch sprecht, da es nicht auf mich abgesehen war, wen bedrohte Euer Scherz?«

»Monseigneur,« antwortete Schomberg ehrfurchtsvoll, »wir sahen Saint-Luc das Hotel Montmorency verlassen und einen Weg in dieser Richtung einschlagen. Das kam uns seltsam vor und wir wollten wissen, in welcher Absicht ein Mann in der Hochzeitnacht von seiner Frau wegginge.«

Die Entschuldigung hatte viel für sich, denn der Herzog von Anjou würde aller Wahrscheinlichkeit noch am andern Tage erfahren, Saint-Luc hätte nicht in dem Hotel Montmorency geschlafen, und diese Nachricht würde sodann mit dem, was Schomberg gesagt, übereinstimmen.

»Herr von Saint-Luc? Ihr habt mich für Herrn von Saint-Luc gehalten, meine Herren?«

»Ja, Monseigneur,« antworteten im Chor die fünf Gefährten.

»Und seit wann kann man sich so in uns Beiden täuschen?« fragte der Herzog von Anjou.

»Das ist wahr, Monseigneur,« erwiderte Quélus, »doch er ist gerade gewachsen wie Herr Aurilly, der Euch zu begleiten die Ehre hat.«

«Auch ist die Nacht so finster, Monseigneur,« fügte Maugiron bei.

»Und dann, als wir einen Menschen einen Schlüssel in das Schloss stecken sahen, hielten wir ihn für den Vornehmsten unter Euch,« murmelte d'O.

»Monseigneur kann auch nicht voraussetzen, wir hätten in Beziehung auf ihn nur den Schatten eines schlechten Gedanken, und wäre es auch nur, seine Vergnügungen zu stören,« sagte Quélus.

Unter diesem Gespräche und indes er die mehr oder minder logischen Antworten hörte, die das Erstaunen und die Furcht ihm zu geben gestatteten, hatte Franz durch ein geschicktes strategisches Manoeuvre die Schwelle der Türe verlassen, und befand sich, Schritt für Schritt von Aurilly, seinem Lautenschläger und gewöhnlichen Gefährten bei seinen nächtlichen Gängen, gefolgt, bereits in hinreichend großer Entfernung von dieser Türe, dass sie, mit den andern vermengt, nicht mehr erkannt werden konnte.

»Meine Vergnügungen,« sagte er mit spitzigem Tone, »was kann Euch glauben machen, ich suche hier meine Vergnügungen?«

»Ah! Monseigneur, in jedem Falle seid Ihr aus irgend einem Grunde hierher gekommen,« sprach Quélus, »verzeiht, wir entfernen uns.«

»Es ist gut, Gott befohlen, meine Herren.«

»Monseigneur,« fügte Épernon bei, »unsere Euch wohlbekannte Verschwiegenheit …«

Der Herzog von Anjou hatte bereits einen Schritt gemacht, um sich zurückzuziehen, aber er blieb wieder stehen, faltete die Stirne und fragte:

»Verschwiegenheit, Herr von Nogaret? ich bitte, wer verlangt sie von Euch?«

»Monseigneur, wir glaubten, allein zu dieser Stunde, und nur gefolgt von ihrem Vertrauten, hätte Eure Hoheit …«

»Ihr täuschtet Euch, das ist es, was Ihr glauben sollt.«

Die fünf Edelleute hörten in tiefstem und ehrfurchtsvollstem Stillschweigen.

»Ich war im Begriff,« sprach der Herzog von Anjou langsam und als wollte er jedes Wort dem Gedächtnis seiner Zuhörer einprägen, »ich war im Begriff, den Juden Manasse, der im Glas und im Kaffeesatze zu lesen versteht, um Rat zu fragen. Er wohnt, wie Ihr wisst, in der Rue de la Tournelle. Im Vorübergehen bemerkte Euch Aurilly und hielt Euch für Bogenschützen, welche die Runde machten. Als Menschen, die sich bei Zauberern Rats erholen, wie wir, streiften wir an den Mauern hin, und verschwanden an den Türen, um uns wo möglich Euren furchtbaren Blicken zu entziehen,« fügte er mit einer Heiterkeit bei, die etwas Erschreckendes für diejenigen hatte, welche den Charakter des Prinzen kannten.

Während er so sprach, hatte der Prinz unmerklich die Rue Saint-Paul, und eine Stelle erreicht, wo er von den Schildwachen der Bastille gehört werden konnte, falls ihn ein Angriff bedrohte, vor dem ihn, wie er wohl wusste, bei dem dumpfen und eingefleischten Hasse seines Bruders gegen ihn die Entschuldigungen und Ehrfurchtsbezeigungen der Mignons von Heinrich III. nur in geringem Maße schützten.

»Und nun, da Ihr wisst, was Ihr glauben, und besonders, was Ihr sagen sollt, Gott befohlen, meine Herren!« rief der Prinz.

Alle verbeugten sich und nahmen Abschied von dem Prinzen, der sich wiederholt umwandte, um ihnen mit den Augen zu folgen, während er selbst einige Schritte in entgegengesetzter Richtung machte.

»Monseigneur,« sagte Aurilly, »ich schwöre Euch, die Menschen, mit denen wir zu tun hatten, hegten schlimme Absichten. Es ist bald Mitternacht; wir sind, wie sie sagten, in einem öden Quartiere; kehren wir rasch in das Hotel zurück, Monseigneur.«

»Nein,« versetzte der Prinz ihn aufhaltend, »benützen wir im Gegenteil ihren Abgang.«

»Eure Hoheit täuscht sich; sie sind durchaus nicht weggegangen, sie haben sich nur, wie Monseigneur selbst sehen kann, in den Schlupfwinkel zurückgezogen, in welchem sie verborgen waren; schaut dort, Monseigneur, dort an der Ecke des Hotel des Tournelles.«

Franz schaute. Aurilly hatte nur strenge Wahrheit gesprochen. Die fünf Edelleute hatten in der Tat ihre Stellung wieder eingenommen und sannen offenbar auf Ausführung eines durch die Ankunft des Prinzen unterbrochenen Vorhabens; vielleicht verfügten sie sich nur an diesen Ort, um den Prinzen und seinen Gefährten zu bespähen und sich zu versichern, ob sie wirklich zu dem Juden Manasse gingen.

»Nun, Monseigneur,« fragte Aurilly, »was beschließen wir? Ich werde tun, was Eure Hoheit befiehlt, doch ich halte es nicht für klug, länger hier zu verweilen.«

»Gottes Tod!« versetzte der Prinz, »es ist jedoch ärgerlich die Partie aufzugeben.«

»Ich weiß es wohl, Monseigneur, doch die Partie lässt sich wiederholen. Ich habe bereits die Ehre gehabt, Eurer Hoheit zu sagen, ich hätte mich erkundigt. Das Haus ist für ein Jahr gemietet. Wir wissen, dass die Dame im ersten Stocke wohnt; wir stehen im Einverständnis mit ihrer Kammerfrau und haben einen Schlüssel, der ihre Türe öffnet. Mit allen diesen Vorteilen können wir warten.«

»Du bist sicher, dass die Türe nachgegeben hat?«

»Ich bin dessen sicher: mit dem dritten Schlüssel, den ich versuchte.«

»Doch hast Du wieder geschlossen?«

»Die Türe?«

»Ja.«

»Allerdings, Monseigneur.«

Mit welchem Tone der Wahrheit Aurilly auch diese Behauptung aussprach, so müssen wir doch bemerken, dass er weniger sicher, war, die Türe wieder geschlossen, als sie geöffnet zu haben. Seine Bestimmtheit ließ indessen dem Prinzen ebenso wenig Zweifel über die zweite Aussage, als über die erste.

»Doch, es wäre mir gar nicht unangenehm gewesen,« sprach der Prinz,«wenn ich erfahren hätte …«

»Was sie hier machen, Monseigneur? Ich kann es Euch ohne Furcht vor einer Täuschung sagen: sie haben sich zu einem Hinterhalt versammelt. Gehen wir. Eure Hoheit hat Feinde; wer weiß, was man gegen sie zu unternehmen wagen dürfte?«

»Wohl! gehen wir, ich willige ein, doch um wiederzukommen.«

»Wenigstens nicht in dieser Nacht, Monseigneur. Eure Hoheit wolle meine Befürchtungen würdigen: ich sehe überall Hinterhalte, und eine solche Angst ist mir sicherlich erlaubt, wenn ich den ersten Prinzen von Geblüt, den Erben der Krone begleite, bei welchem so viele Leute ein Interesse haben, ihn nicht erben zu sehen.«

Diese letzten Worte machten einen solchen Eindruck auf Franz, dass er sich augenblicklich zum Rückzug entschloss; es geschah indessen nicht, ohne dass er gegen das missliche Zusammentreffen murrte und in seinem Innern sich gelobte, diesen fünf Edelleuten zu geeigneter Zeit und geeigneten Ortes die Unannehmlichkeit, die sie ihm bereitet, zurückzugeben.

»Es sei,« sagte er, »gehen wir wieder in das Hotel, wir finden dort Bussy, der von der verfluchten Hochzeit zurückgekommen sein muss; er wird einen guten Streit angesponnen und einige von diesen Mignons getötet haben oder er wird sie wenigstens morgen früh töten, und das tröstet mich.«

»Wohl, Monseigneur, hoffen wir auf Bussy,« sagte Aurilly, »das ist mir ganz lieb, und ich habe in dieser Hinsicht, wie Eure Hoheit, das größte Zutrauen zu ihm.«

Und sie gingen weg.

Sie hatten sich noch nicht um die Ecke der Rue de Jouy gewendet, als unsere fünf Gefährten auf der Höhe der Rue Tison einen in einen großen Mantel gehüllten Reiter erblickten. Der hohle, harte Tritt des Pferdes erscholl auf der beinahe versteinerten Erde, und gegen die dichte Nacht kämpfend, versilberte ein schwacher Mondstrahl, der einen letzten Versuch wagte, um den wolkigen Himmel und die von Schnee beschwerte Atmosphäre zu durchdringen, die weiße Feder seines Baretts. Er hielt das Ross, das er lenkte, fest und vorsichtig im Zügel, während der Druck, der dasselbe im Schritte zu gehen nötigte, das edle Tier, trotz der Kälte, schäumen machte.

»Diesmal,« sagte Quélus, »diesmal ist er es.«

»Unmöglich,« sprach Maugiron.

»Warum?«

»Weil er allein ist, und wir ihn mit Livarot, Ribeirac und d'Entraques verließen, die ihn ohne Zweifel nicht allein der Gefahr bloßstellten.«

»Er ist es dennoch,« versetzte Épernon. »Erkennst Du sein schallendes hum! und seine freche Weise den Kopf zu tragen? Er ist ganz allein.«

»Dann ist es eine Falle,« bemerkte d'O.

»Mag es sein, wie es will, Falle oder nicht Falle,« sprach Schomberg, »er ist es, und da er es ist: Zu den Degen, zu den Degen!«

Es war wirklich Bussy, der sorglos durch die Rue Saint-Antoine ritt und pünktlich dem ihm von Quélus bezeichneten Wege folgte; er hatte, wie wir gesehen, den Rat von Saint-Luc erhalten, und trotz des sehr natürlichen Bebens, das derselbe bei ihm veranlasst, sowie trotz der dringenden Bitten seiner drei Freunde diese an der Türe des Hotel Montmorency verabschiedet.

Dies war eine von den Prahlereien, wie sie der mutige Oberst liebte, der von sich selbst sagte: »Ich bin nur ein einfacher Edelmann, aber ich trage in meiner Brust das Herz eines Kaisers, und wenn ich im Plutarch die Taten der alten Römer lese, so finde ich im ganzen Altertum keinen Helden, welchen ich nicht in dem, was er getan, nachzuahmen vermöchte.«

Vielleicht dachte Bussy auch, Saint-Luc, den er gewöhnlich nicht zur Zahl seiner Freunde rechnete und dessen unerwartete Teilnahme er auch nur der peinlichen Stellung zu verdanken hätte, in welcher sich derselbe befand, hätte ihn aus keinem andren Grunde gewarnt, als um ihn zu Vorsichtsmaßregeln zu veranlassen, die ihn in den Augen seiner Feinde, angenommen, er würde von Feinden erwartet, lächerlich machen könnten. Bussy aber befürchtete die Lächerlichkeit mehr, als die Gefahr. Er stand sogar in den Augen seiner Feinde im Rufe eines Mutes, der ihn, um denselben auf dem Niveau zu erhalten, zu dem er sich aufgeschwungen, die tollsten Abenteuer unternehmen ließ. Als Mann des Plutarch verabschiedete er also seine drei Gefährten, ein kräftiges Geleite, das ihm selbst bei einer ganzen, Schwadron Achtung verschafft hätte. Und allein, die Arme in seinem Mantel gekreuzt, ohne andere Waffen als seinen Degen und seinen Dolch, wandte er sich nach dem Hause, wo ihn nicht eine Geliebte, wie man hätte glauben können, sondern ein Brief erwartete, den ihm jeden Monat an demselben Tag, die Königin von Navarra zur Erinnerung an ihre Freundschaft schickte, und den der brave Edelmann, gemäß einem Versprechen, das er der schönen Königin Margot geleistet, und noch nicht ein einziges Mal gebrochen hatte, in der Nacht, und zwar selbst in der Wohnung des Boten holen sollte, um Niemand zu gefährden.

Er hatte ungestraft den Weg von der Rue des Grands-Augustins nach der Rue Saint-Antoine zurückgelegt, als er, auf der Höhe der Rue Sainte-Catherine angelangt, mit seinem scharfen, geübten Auge in der Finsternis; längs der Mauer die menschlichen Gestalten erblickte, welche der Herzog von Anjou zuerst gesehen hatte. In dem wahrhaft mutigen Herzen entsteht bei Annäherung der Gefahr, die es errät, eine Exaltation, welche den Sinnen und dem Geiste die höchste Schärfe verleiht.

Bussy zählte die schwarzen Schatten an der grauen Mauer.

»Drei, vier, fünf,« sagte er, »die Lackeien nicht zu zählen, die sich ohne Zweifel in einem andern Winkel aufhalten und auf den ersten Ruf ihrer Herren herbeilaufen. Man gönnt mir einigen Wert, wie es scheint. Teufel! das ist im Ganzen doch viel Geschäft für einen einzigen Menschen. Vorwärts! der brave Saint-Luc hat mich nicht getäuscht. Und sollte er mir zuerst bei dem Zanke den Magen durchstoßen, ich würde ihm sagen: »Ich danke für die Warnung, Kamerad.«

Während er so sprach, rückte er immer vor, nur spielte sein rechter Arm unter seinem Mantel, dessen Spange er ohne eine scheinbare Bewegung losgemacht hatte.

In diesem Augenblick rief Schomberg:»Zu den Degen!« und auf den von seinen vier Gefährten wiederholten Ruf, sprangen die Edelleute Bussy entgegen.

»Hollah! meine Herren,« sprach Bussy mit seiner scharfen, aber ruhigen Stimme, »man will also den armen Bussy umbringen! Wir gedenken also ein wildes Tier, den berüchtigten Eber zu jagen. Wohl, meine Herren, der Eber wird Einige aufschlitzen, das schwöre ich Euch, und Ihr wisst, ich habe mein Wort stets gehalten.«

»Es mag sein,« sagte Schomberg, »dessen ungeachtet bist Du ein ungezogener Bursche, Seigneur Bussy d'Amboise, dass Du so vom Pferde mit uns sprichst, während wir Dich zu Fuße hören.«

Und während er diese Worte sprach, kam der in weißen Atlass gehüllte Arm des jungen Mannes aus dem Mantel hervor und funkelte wie ein silberner Blitz in den Strahlen des Mondes, ohne dass Bussy erraten konnte, in welcher Absicht, wenn nicht einer Drohung die Gebärde entsprach, die er machte.

Er war auch eben im Begriff zu antworten, wie Bussy gewöhnlich antwortete, als er in dem Augenblick, wo er die Sporen in den Bauch des Pferdes drückte, fühlte, dass das Tier sich unter ihm bog und zusammenbrach. Mit einer Ihm eigentümlichen Geschicklichkeit, von der er, trotz seiner Jugend, bereits in vielen Kämpfen Beweise abgelegt, hatte Schomberg eine Art von langem Messer, dessen breite Klinge schwerer war, als das Heft, geschleudert, und diese Waffe war, in die Hackse des Pferdes einschneidend, in der Wunde stecken geblieben, wie ein Keil in einem eichenen Aste.

Das Tier stieß ein dumpfes Stöhnen aus und fiel bebend auf seine Knie.

Stets auf alles vorbereitet, stand Bussy, den Degen in der Hand, mit beiden Füßen auf der Erde.

»Ah! Unglücklicher,« sagte er, »das ist mein Lieblingspferd, und Ihr werdet es mir bezahlen.«

Und da sich ihm Schomberg, durch seinen Mut fortgerissen, näherte, ohne den Bereich des Degens zu ermessen, den Bussy an seinen Leib gedrückt hielt, wie man den Bereich des Zahns der schneckenförmig, zusammengerollten Schlange schlecht ermisst, streckten sich dieser Degen und dieser Arm aus und schlugen ihm tief in den Schenkel.

Schomberg stieß einen Schrei aus.

»Nun!« rief Bussy, »bin ich ein Mann von Wort? Einer ist geschlitzt! In das Faustgelenke von Bussy, und nicht in die Kniebeuge seines Pferdes hättet Ihr schlagen sollen, Ungeschickter!«

Und in einem Augenblick, während Schomberg seinen Schenkel mit seinem Sacktuch zusammendrückte, hatte Bussy die Spitze seines langen Degens gegen das Gesicht und die Brust der vier Angreifenden ausgestreckt, wobei er es verachtete, zu schreien, denn um Hilfe rufen, das heißt anerkennen, dass er der Hilfe bedurfte, war Bussy's unwürdig; er rollte nur seinen Mantel um seinen linken Arm machte sich einen Schild daraus und wich etwas zurück, nicht um zu fliehen, sondern um eine Mauer zu erreichen, an die er sich anlehnen konnte, um nicht von hinten gefasst zu werden; dann aber führte er zehn Streiche in einer Minute und fühlte zuweilen den weichen Widerstand des Fleisches, welcher erkennen lässt, dass die Streiche getroffen haben. Einmal glischte er aus und schaute maschinenmäßig zu Boden. Dieser Augenblick genügte für Quélus, ihm einen Stich in die Seite beizubringen.

»Getroffen!« rief Quélus. »Ja, in das Wamms, wie Leute treffen, welche Angst haben,« erwiderte Bussy, der nicht einmal seine Wunde zugestehen wollte. Und auf Quélus eindringend, band er so kräftig dessen Klinge, dass die Waffe des jungen Mannes auf zehn Schritte hinaussprang. Doch er konnte seinen Sieg nicht verfolgen, denn in demselben Augenblick griffen ihn d'O, Épernon und Maugiron mit neuer Wut an. Schomberg hatte seine Wunde verbunden, Quélus seinen Degen aufgehoben; er begriff, dass er umzingelt werden sollte und nur noch eine Minute hatte, um die Mauer zu erreichen, und dass er verloren wäre, wenn er diese Minute nicht benützen würde.

Bussy machte einen Sprung zurück, der ihn um drei Schritte von seinen Angreifern entfernte. Doch vier Degen holten ihn schnell wieder ein, und dennoch war es zu spät, denn es gelang Bussy durch einen andern Sprung sich an die Mauer anzulehen. Hier blieb er stehen, stark wie Achill oder wie Roland, und lächelnd bei dem Sturme von Schwertstreichen, welche um sein Haupt her schwirrten.

Plötzlich fühlte er den Schweiß auf seiner Stirne und eine Wolke zog über seine Auge hin.

Er hatte seine Wunde vergessen, und die Symptome einer herannahenden Ohnmacht erinnerten ihn erst daran.

»Ah! Du wankst,« rief Quélus seine Streiche verdoppelnd.

»Urteile selbst!« entgegnete Bussy. Und er schlug ihn mit seinem Degenknopfe an den Schläfe. Quélus sank unter diesem eisernen Faustschlag nieder.

Außer sich, wütend wie der Eber, der nachdem er den Hunden Stand gehalten, auf sie losbricht, stieß er einen furchtbaren Schrei aus und stürzte vorwärts. D'O und Épernon wichen zurück. Maugiron hatte Quélus aufgehoben und hielt ihn in seinen Armen. Bussy zerbrach mit dem Fuße den Degen des letzteren und schlitzte mit einem Stoße den Vorderarm von Épernon auf. Einen Augenblick war Bussy Sieger, doch Quélus kam wieder zu sich, Schomberg, so sehr er verwundet war, kehrte zum Kampfe zurück, und es flammten abermals vier Degen. Bussy fühlte sich zum zweiten Male verloren. Er raffte alle seine Kräfte zusammen, um seinen Rückzug zu bewerkstelligen, und wich Schritt für Schritt vom Platze, in der Absicht, die Mauer zu erreichen. Der eisige Schweiß seiner Stirne, ein dumpfes Klingeln in seinen Ohren, eine schmerzliche, blutige, über seinen Augen sich ausbreitende Decke verkündigten ihm bereits das Erschöpfen seiner Kräfte. Der Degen verfolgte nicht mehr den Weg, den ihm der verdunkelte Geist vorschrieb. Bussy suchte die Mauer mit seiner linken Hand, berührte sie, und die Kälte der Mauer tat ihm wohl; doch zu seinem großen Erstaunen gab diese nach: es war eine angelehnte Türe. Da fasste Bussy Hoffnung und gewann wieder alle seine Kräfte für diesen äußersten Augenblick. Eine Sekunde lang waren seine Streiche rasch und so heftig, dass alle Schwerter sich von ihm zurückzogen oder sich vor ihm senkten. Dann schlüpfte er auf die andere Seite der Türe und stieß dieselbe, sich umwendend, mit der Schulter zu. Der Riegel klirrte in der Schließkappe. Es war vorbei. Bussy war außer Gefahr, Bussy war Sieger, denn er war gerettet.

Da erblickte er mit einem freudetrunkenen Auge durch das enge Gitter der Türe die bleichen Gesicht seiner Feinde. Er hörte die wütenden Schwertstreiche, die sie vergebens nach dem Holze führten. Endlich kam es ihm plötzlich vor, als ob die Erde unter seinen Füßen wiche, als ob die Mauer wankte. Er machte drei Schritte vorwärts und fand sich in einem Hofe, drehte sich um und rollte die Stufen einer Treppe hinab.

Dann fühlte es nichts mehr, und er glaubte in die Stille und Dunkelheit des Grabes hinabzusteigen.




Drittes Kapitel

Wie es zuweilen sehr schwierig ist, den Traum von der Wirklichkeit zu unterscheiden


Bussy hatte ehe er fiel, Zeit gehabt, sein Sacktuch unter sein Hemd zu stecken und seine Degenkoppel darüber zu schnallen, was eine Art von Verband für die brennende Wunde bildete, deren Blut sich wie ein Flammenstrahl ergoss; als er aber hierzu gelangte, hatte er bereits so viel Blut verloren, dass der Verlust die Ohnmacht herbeiführte, der wir ihn unterliegen sahen. Sei es nun, dass in diesem durch den Zorn und den Schmerz überreizten Gehirne das Leben unter dem Anscheine der Ohnmacht fortbestand, sei es, dass diese Ohnmacht aufhörte, um einem Fieber zu weichen, das wiederum einer zweiten Ohnmacht seinen Platz einräumte … Bussy sah, oder glaubte während dieser Stunde des Traumes oder der Wirklichkeit, während dieser zwischen den Schatten von zwei Nächten gestellten Dämmerung Folgendes zu sehen:

Er fand sich in einem Zimmer mit Gerätschaften von geschnitztem Holz, mit Tapeten, worauf Figuren gemalt, und mit ebenfalls gemaltem Plafond. Diese Figuren hatten alle mögliche Stellungen, hielten Blumen und Spieße in den Händen und schienen an den Wänden, an denen sie sich bewegten, auf geheimnisvollen Wegen zum Plafond aufzusteigen. Zwischen den zwei Fenstern war ein von Licht strahlendes, weibliches Portrait angebracht; nur kam es Bussy vor, als wäre der Rahmen dieses Portraits nichts Anderes, als das Simswerk einer Türe. Starr, wie durch eine höhere Macht an sein Bett gefesselt, jeder Bewegung beraubt, aller seiner Fähigkeiten, mit Ausnahme des Sehens, entbehrend, schaute Bussy alle diese Figuren mit trübem Auge an und bewunderte das fade Lächeln derjenigen, welche die Blumen trugen, und den grotesken Zorn von andern, welche Schwerter in den Händen hielten. Hatte er diese Figuren schon gesehen oder sah er sie zum ersten Male? Er vermochte dies nicht genau zu bestimmen, so betäubt war sein Kopf.

Plötzlich machte sich die Frau des Portraits aus dem Rahmen los, und ein bewunderungswürdiges Geschöpf, in ein langes Gewand von weißer Wolle gekleidet, wie es die Engel tragen, mit Haaren, die auf ihre Schultern herabfielen, mit pechschwarzen Augen, langen, samtartigen Wimpern und einer Haut, unter der man das Blut kreisen zu sehen glaubte, das demselben eine rosige Tinte verlieh, schritt auf ihn zu. Diese Frau war so wunderbar schön, ihre ausgestreckten Arme waren so reizend, dass Bussy eine heftige Anstrengung machte, um sich zu ihren Füßen zu werfen. Doch er war in seinem Bette zurückgehalten durch Bande, denjenigen ähnlich, welche den Leichnam im Grabe zurückhalten, während die Seele, die Erde verachtend und von der Materie befreit, zum Himmel aufsteigt.

Dies nötigte ihn, das Bett zu betrachten, auf welchem er lag, und es kam ihm vor, als wäre es eines von jenen prachtvollen, unter Franz I. geschnitzten Betten, an welchem Vorhänge von weißem Damast, mit Gold broschiert, herabhingen.

Bei dem Anblicke dieser, Frau hörten die Figuren der Wand und des Plafond auf, Bussy zu beschäftigen. Die Frau des Portraits war Alles für ihn, und er suchte zu sehen, welche Leere sie in dem Rahmen ließ. Doch eine Wolke, die seine Sehkraft nicht zu durchdringen vermochten, schwebte vor diesem Rahmen und entzog ihm die Möglichkeit der Anschauung; da richtete er seine Augen auf die Geheimnisvolle Person, drängte auf die wunderbare Erscheinung alle seine Blicke zusammen, und schickte sich an, ihr eine Artigkeit in Versen zu sagen, wie er sie mit größter Geläufigkeit machte.

Doch plötzlich verschwand die Frau, ein undurchsichtiger Körper stellte sich zwischen sie und Bussy, dieser Körper marschierte schwerfällig und streckte die Hände aus, wie es der Sünder im Blindekuhspiel macht.

Bussy fühlte, wie ihm der Zorn zu Kopfe stieg, und geriet in eine solche Wut gegen den ungelegenen Besuch, dass er sich, wenn er die Freiheit seiner Bewegungen gehabt hätte, auf ihn geworfen haben würde; es ist sogar nicht zu leugnen, dass er dies versuchte, doch die Sache war ihm unmöglich.

Indes er sich vergebens anstrengte, um sich vom Bette loszumachen, sprach der Eintretende.

»Nun!« fragte er, »bin ich endlich an Ort und Stelle?«

»Ja, Meister,« antwortete eine so weiche Stimme, dass alle Fibern des Herzens von Bussy darob erbebten, »und Ihr könnt nun die Binde abnehmen,« fügte sie bei.

Bussy strengte sich an, um zu sehen, ob die Frau mit der sanften Stimme eine und dieselbe wäre, wie die des Portraits, doch sein Versuch war vergeblich. Er erblickte vor sich nur die anmutige Gestalt eines jungen Mannes, der auf die an ihn ergangene Aufforderung die Binde abgenommen hatte und ängstliche Blicke im Zimmer umher warf.

»Zum Teufel den Mann!« dachte Bussy.

Und er suchte seinem Gedanken durch das Wort oder die Gebärde Ausdruck zu geben, doch das Eine war ebenso unmöglich, als das Andere.

»Ah! ich begreife nun,« sprach der junge Mann, sich dem Bette nähernd. »Ihr, seid verwundet, nicht wahr, mein lieber Herr? Wir werden uns bemühen, Euch Hilfe zu leisten.«

Bussy wollte antworten, doch er begriff, dass dies etwas Unmögliches war. Seine Augen schwammen in einem eisigen Dunste, und in seinen Fingerspitzen stach es ihn, als ob sie von hunderttausend Nadeln durchbohrt würden.

»Ist der Stoß tödlich?« fragte mit gepresstem Herzen und mit einem Ausdruck schmerzlicher Teilnahme, wobei Bussy die Tränen in die Augen traten, die sanfte Stimme, welche bereits gesprochen hatte, und in der der Verwundete die Stimme der Dame des Portraits erkannte.

»Bei Gott! ich weiß es nicht, ich werde es Euch nachher sagen,« erwiderte der junge Mann, »mittlerweile ist er ohnmächtig.«

Dies war Alles, was Bussy verstehen konnte, und es kam ihm vor, als hörte er das Streifen eines Kleides, das sich entfernte. Dann glaubte er etwas zu fühlen, wie ein glühendes Eisen, das seine Seite durchdrang, und was noch Waches in ihm war, versank vollends in Ohnmacht.

Später war es ihm unmöglich, die Dauer dieser Ohnmacht zu bestimmen.

Nur strömte, als er aus diesem Schlaf erwachte, ein kalter Wind über sein Gesicht hin; raue, widrig klingende Stimmen marterten sein Ohr; er öffnete die Augen, um zu sehen, ob es die Personen der Tapete wären, und zugleich in der Hoffnung, das Portrait wäre immer noch da. Doch keine Tapete, eben sowenig ein Plafond, und das Portrait war völlig verschwunden. Zu seiner Rechten stand ein Mensch in grauer Kleidung mit einer weißen, gegen den Gürtel ausgeschlagenen und mit Blut befleckten Schürze; zu seiner Linken erblickte er einen Augustinermönch aus der Rue du Temple, der ihm den Kopf in die Höhe hob, und vor sich hatte er ein altes Weib, welches Gebete murmelte.

Das, irrende Auge von Bussy heftete sich bald auf eine Steinmasse, welche vor ihm emporragte, und stieg hinauf bis zur höchsten Höhe der Steine, um dieselbe zu messen. Er erkannte den Temple mit seinen Seitenmauern und Türmen und sah über dem Temple den weißen, kalten, leicht durch die aufgehende Sonne vergoldeten Himmel.

Bussy befand sich ganz einfach auf der Straße oder vielmehr am Rande eines Grabens, und dieser Graben war der des Temple.

»Ah! ich danke Euch, meine braven Leute,« sagte er, »ich danke Euch für die Mühe, die Ihr Euch gemacht habt, um mich hierher zu bringen. Ich bedurfte der Luft, doch hierzu hätte man nur die Fenster öffnen dürfen, und ich wäre besser in meinem Bette von weißem Damast und Gold gewesen, als auf dieser kahlen Erde. Aber gleichviel, Ihr findet in meiner Tasche, wenn Ihr Euch nicht etwa bereits selbst bezahlt habt, was wahrscheinlich ist und klug wäre, etliche und zwanzig Goldthaler; nehmt, meine Freunde nehmt!«

»Mein edler Herr,« sprach der Fleischer, »wir haben nicht die Mühe gehabt, Euch hierher zu tragen. Ihr seid hier, wirklich hier. Wir fanden Euch, als wir bei Tagesanbruch vorüberkamen.«

»Ah, Teufel!« rief Bussy, »und der junge Arzt war dabei?«

Die Umstehenden schauten sich an.

»Es ist ein Rest des Fieberwahns,« sagte der Bruder Augustiner den Kopf schüttelnd.

Dann trat er näher zu Bussy und sprach zu ihm:

»Mein Sohn, ich glaube, Ihr würdet wohl daran tun, zu beichten.«

Bussy schaute den Mönch ganz verwundert an.

»Es befand sich kein Arzt bei Euch, armer junger Herr,« sagte die Alte. »Ihr wart allein, verlassen und kalt wie ein Toter. Seht, es ist ein wenig Schnee hier, und Euer Platz ist schwarz auf dem Schnee abgezeichnet.«

Bussy warf einen Blick auf seine schmerzhafte Seite, erinnerte sich, einen Degenstich erhalten zu haben; steckte die Hand unter seinen Wamms und fühlte sein Sacktuch an derselben Stelle, durch seine Kuppel auf der Wunde befestigt.

»Das ist sonderbar,« murmelte er.

Die ihm gegebene Erlaubnis benützend, teilten die Anwesenden bereits seine Börse mit vielen ihn beklagenden Ausrufungen.

Als die Teilung vollendet war, sagte er zu ihnen:

»So ist es gut, meine Freunde. Nun führt mich in mein Hotel zurück.«

»Ah! gewiss, gewiss, armer junger Herr,« sprach die Alte, »der Fleischer ist stark, und dann hat er auch sein Pferd, auf dem Ihr reiten könnt.«

»Ist es wahr?« fragte Bussy.

»Es ist die Wahrheit des guten Gottes!« antwortete der Fleischer, »ich und mein Pferd sind zu Euren Diensten, mein edler Herr.«

»Gleichviel, mein Sohn,« bemerkte der Mönch, »während der Fleischer sein Pferd holt, würdet Ihr wohl daran tun, zu beichten.«

»Gottes Tod!« rief Bussy sich aufsetzend, »ich hoffe, der Augenblick ist noch nicht gekommen. Es friert mich, und ich möchte gern in mein Hotel gebracht werden, um mich zu wärmen: das hat viel größere Eile, als die Beichte, die Ihr von mir verlangt.«

»Und wie heißt Euer Hotel?«

»Hotel Bussy.«

»Wie!« riefen die Anwesenden, »Hotel Bussy?«

»Ja, was ist darüber zu staunen?«

»Ihr gehört also zu den Leuten von Herrn von Bussy?«

»Ich bin Herr von Bussy selbst.«

»Bussy,« rief die Menge, »der Herr von Bussy, der brave Bussy, die Geißel der Mignons. Es lebe Bussy!«

Und der junge Mann wurde von seinen Zuhörern auf die Schultern gehoben und im Triumphe nach seinem Hotel getragen, während der Mönch wegging, seinen Anteil an den zwanzig Goldthalern zählte und den Kopf schüttelnd murmelte:

»Wenn es der verruchte Bussy ist, wundere ich mich nicht mehr, dass er nicht beichten wollte.«

Sobald Bussy in sein Hotel zurückgekehrt war, ließ er seinen gewöhnlichen Wundarzt rufen, der die Verletzung nicht gefährlich fand.

»Sagt mir,« sprach Bussy zu ihm, »ist diese Wunde nicht schon einmal verbunden gewesen?«

»Meiner Treue!« erwiderte der Doktor, ich könnte es nicht behaupten, obgleich sie mir ziemlich frisch vorkommt.«

»Und sie war schwer genug, um mir ein Delirium' zuzuziehen?« fragte Bussy.

»Gewiss.«

»Teufel!« murmelte Bussy, »doch die Tapete mit den Figuren, welche Spieße und Blumen trugen, der Plafond mit Fresken, das geschnitzte, mit weißem Damast und Gold behängte Bett, das Portrait zwischen den zwei Fenstern, die anbetungswürdige blonde Frau mit den schwarzen Augen, der Arzt, der blinde Kuh spielte, Alles dies war folglich nur Fieberwahn? Und es fände sich dabei nichts Wahres, als mein Kampf mit den Mignons? Wo habe ich mich denn geschlagen? Ah! ja, so ist es: in der Nähe der Bastille, bei der Rue Saint-Paul. Ich lehnte mich an eine Mauer an; diese Mauer war eine Türe, und diese Türe gab zum Glück nach. Ich schloss sie mit großer Mühe und befand mich in einem Gange. Hier erinnerte ich mich keines Umstandes mehr bis zu dem Augenblick, wo ich wieder zu mir kam. Bin ich zu mir gekommen oder habe ich geträumt? Das ist die Frage, und mein Pferd? Man muss mein Pferd todt auf dem Platze gefunden haben. Doktor, ich bitte Euch, ruft Jemand.«

Der Doktor rief einen Diener.

Bussy erkundigte sich und erfuhr, das Pferd habe sich blutend, verstümmelt, bis vor das Thor des Hotel geschleppt, wo man es bei Tagesanbruch wiehernd gefunden. Sogleich hatte sich der Lärmen im Hotel verbreitet; alle Leute von Bussy, die ihren Herrn anbeteten, zogen auf Nachforschung aus, und die Mehrzahl derselben war noch nicht zurückgekehrt.

»Es bleibt also nur das Portrait im Zustande des Traumes für mich und das war in der Tat ein Traum,« sagte Bussy. »Welche Wahrscheinlichkeit ist vorhanden, dass sich ein Portrait aus seinen Rahmen losmacht, um ein Gespräch mit dem Arzt zu führen, dessen Augen verbunden sind? Ich bin ein Narr.«

»Und dennoch, wenn ich mich erinnere, das Portrait war so reizend. Es hatte …«

Bussy fing an das Portrait auseinanderzusetzen, und während er die einzelnen Teile in seinem Gedächtnis durchging, zog ein wollüstiger Schauer, der Schauer der Liebe, welcher das Herz erwärmt und kitzelt, wie Sammet über seine brennende Brust hin.

»Und ich sollte Alles dies geträumt haben,« rief Bussy, während der Doktor den Verband auf seine Wunde legte. »Bei Gott! das ist unmöglich, man hat keine solche Träume.«

»Wir wollen die ganze Sache noch einmal durchlaufen.«

Und Bussy wiederholte sich zum hundertsten Male:

»Ich war auf dem Ball. Saint-Luc benachrichtigte mich, man würde in der Gegend der Bastille auf mich warten. Ich war mit Antraguet, Ribeirac und Livarot zusammen. Ich schickte sie fort. Ich nahm meinen Weg über den Quai am Grand-Châtelet vorüber u. s. w. Am Hotel des Tournelles erblickte ich zuerst die Leute, die mich erwarteten. Sie stürzten auf mich los und verstümmelten mein Pferd. Wir haben uns wacker geschlagen. Ich trat in einen Gang; ich befand mich unwohl und dann: Ah! das ist es! dieses und dann tötet mich; es kommt ein Fieber, ein Delirium, ein Traum nach diesem Fentschließund dann.

»Und dann,« fügte er mit einem Seufzer bei, »dann fand ich mich wieder auf der Böschung der Gräben des Temple, wo mich ein Augustinermönch Beichte hören wollte.

»Gleichviel ich will mir Licht verschaffen,« fuhr Bussy nach einem kurzen Stillschweigen fort, das er anwandte, um seine Erinnerungen zu sammeln. »Doktor, werde ich das Bett wegen dieser Schramme abermals vierzehn Tage hüten müssen, wie es bei der letzten der Fall war?«

»Je nachdem. Könnt Ihr nicht gehen?« fragte der Wundarzt.

»Im Gegenteil,« erwiderte Bussy, »es ist mir, als hätte ich Quecksilber in den Beinen.«

»Nun, so geht einmal im Zimmer auf und ab.«

Bussy sprang von seinem Bette auf den Boden und gab den Beweis für seine Behauptung, indem er ziemlich behende hin- und herging.

»Es wird sich geben,« sprach der Arzt, »vorausgesetzt, Ihr steigt nicht zu Pferde und macht nicht am ersten Tag zehn Meilen.«

»Vortrefflich!« rief Bussy, »das nenne ich mir einen Arzt; ich habe jedoch in dieser Nacht einen andern gesehen. Ah! ja wohl, gesehen, sein Gesicht ist hier eingegraben, und wenn ich ihn je irgendwo treffe, so werde ich ihn wiedererkennen, dafür stehe ich.«

«Mein lieber Herr,« entgegnete der Arzt, »ich rate Euch, ihn nicht zu suchen; man hat stets ein wenig Fieber nach den Degenstichen; das solltet Ihr doch wissen, Ihr, der Ihr bei Eurem zwölften seid.«

»Oh! mein Gott!« rief plötzlich Bussy von einer neuen Idee berührt, denn er dachte nur an das Geheimnis der Nacht, sollte mein Traum jenseits der Türe angefangen haben, statt diesseits anzufangen? sollten eben so wenig ein Gang und eine Treppe vorhanden gewesen sein, als das Bett von weißem Damast und Gold und das Portrait? Sollten mich jene Schurken, im Glauben, ich wäre tot, ganz einfach an die Gräben des Temple getragen haben, um irgend einen Zuschauer der Szene auf eine falsche Fährte zu bringen? Dann hätte ich sicherlich auch das Übrige geträumt. Heiliger Gott! wenn es wahr ist, dass sie mir diesen Traum verschafften, der mich bewegt, schüttelt, verzehrt, umbringt, so schwöre ich, ihnen allen bis auf den letzten den Bauch aufzuschlitzen.«

»Mein lieber Herr,« sagte der Arzt, »wenn Ihr schnell geheilt werden wollt, so müsst Ihr Euch nicht so sehr aufregen.«

»Jedoch mit Ausnahme des guten Saint-Luc,« fuhr Bussy fort, ohne auf das zu hören, was der Arzt sprach. »Bei diesem ist es etwas Anderes; er hat sich als Freund gegen mich benommen; ihm soll mein erster Besuch gehören.«

»Aber nicht vor heute Abend um fünf Uhr,« versetzte der Arzt.

»Es sei!« sprach Bussy, »doch ich versichere Euch, nicht dass ich ausgehe und Menschen sehe, macht mich krank, sondern dass ich mich ruhig verhalte und allein bleibe.«

»Das ist im Ganzen möglich,« sprach der Arzt, »Ihr seid in allen Dingen ein sonderbarer Kranker; handelt ganz nach Eurem Gutdünken, edler Herr; ich empfehle Euch nur Eines: lasst Euch nicht einen andern Degenstich geben, ehe dieser völlig geheilt ist.«

Bussy versprach dem Arzt in dieser Hinsicht zu tun, was er vermöchte, ließ sich ankleiden, seine Sänfte bringen und nach dem Hotel Montmorency tragen.




Viertes Kapitel

Wie Fräulein von Brissac, sonst Frau von Saint-Luc genannt, ihre Hochzeitnacht zubrachte


Es war ein schöner Kavalier und vollkommener Edelmann, dieser Louis von Clermont, mehr bekannt unter dem Namen Bussy d'Amboise, den Brantome, sein Vetter, in den Rang der großen Kapitäne des sechzehnten Jahrhunderts setzte, obgleich er mit kaum dreißig Jahren starb. Kein Mann hatte seit geraumer Zeit so glorreiche Eroberungen gemacht. Die Könige und die Prinzen bewarben sich um seine Freundschaft. Die Königinnen und die Prinzessinnen sandten ihm ihr süßestes Lächeln zu. Bussy folgte auf La Mole in der Zuneigung von Margarethe von Navarra, und die gute Königin mit dem zärtlichen Herzen, welche nach dem Tode des Günstlings, dessen Geschichte wir geschrieben, ohne Zweifel eines Trostes bedurfte, machte für den schönen und braven Bussy d'Amboise so viele Torheiten, dass Heinrich, Ihr Gemahl, er, der sich sonst von dergleichen Dingen nicht anregen ließ, darüber in Bewegung geriet, und dass Franz ihm die Liebe seiner Schwester nie verziehen haben würde, hätte diese Liebe nicht Bussy für seine Interessen gewonnen.

Auch diesmal opferte der Herzog seine Liebe dem dumpfen, unentschlossenen Ehrgeiz, der ihm im ganzen Verlaufe seines Daseins so viel Schmerzen zuzog und so wenig Früchte trug. Doch mitten unter allen diesen Siegen des Krieges, der Eitelkeit und der Galanterie blieb Bussy das, was eine für jede menschliche Schwäche unzugängliche Seele sein kann, und derjenige, welcher nie die Furcht gekannt hatte, hatte ebenfalls, wenigstens bis zu der Zeit, zu der wir gekommen sind, die Liebe nie gekannt. Dieses kaiserliche Herz, das in der Brust des Edelmannes schlug, wie er selbst sagte, war jungfräulich und rein wie der Diamant, den die Hand des Steinschneiders noch nicht berührt hat und der aus der Mine hervorkommt, wo er unter dem Blicke der Sonne gereift ist. In diesem Herzen war kein Platz für die Einzelheiten des Geistes, welche aus Bussy einen wahren Kaiser gemacht hätten. Er glaubte sich einer Krone würdig und war mehr wert als die Krone, die ihm als Vergleichspunkt diente.

Heinrich III. ließ ihm seine Freundschaft anbieten, doch Bussy schlug sie aus, mit der Bemerkung, die Freunde der Könige seien ihre Knechte und zuweilen noch etwas Schlechteres, eine solche Stellung sage ihm folglich nicht zu. Heinrich III. verschluckte schweigend diese Schmach, welche noch dadurch erschwert wurde, dass Bussy den Herzog Franz zu seinem Herrn erwählte. Herzog Franz war allerdings der Herr von Bussy, wie der Bestiarius im alten Rom der Herr des Löwen war. Er bediente und nährte ihn, aus Furcht, der Löwe könnte ihn fressen. So war dieser Bussy, den Franz seine Privatstreitigkeiten zu unterhalten und auszufechten antrieb. Bussy sah es wohl, aber diese Rolle entsprach ihm.

Er hatte sich eine Theorie nach dem Wahlspruch der Rohan gemacht, welche sagten: »König kann ich nicht, Prinz mag ich nicht, Rohan bin ich.« Bussy sagte sich: »Ich kann nicht König von Frankreich sein, aber der Herzog von Anjou kann und will es sein, und ich werde der König des Herzogs von Anjou sein.«

Und er war es der Sache nach.

Als die Leute von Saint-Luc diesen furchtbaren Bussy in das Hotel eintreten sahen, benachrichtigten sie eiligst Herrn von Brissac.

»Ist Herr von Saint-Luc zu Hause?« fragte Bussy, den Kopf durch die Vorhänge seiner Sänfte streckend.

»Nein, mein Herr«, antwortete der Portier.

»Wo werde ich ihn finden?«

»Ich weiß es nicht, mein Herr sprach der würdige Diener. Man ist sogar sehr unruhig im Hotel, denn Herr von Saint-Luc ist seit gestern Abend nicht zurückgekehrt.«

»Bah!« rief Bussy erstaunt. »Es ist, wie ich Euch zu sagen die Ehre habe.«

»Doch Frau von Saint-Luc?«

»Oh! Frau von Saint-Luc, das ist etwas Anderes.«

»Sie ist zu Hause?«

»Ja.«

»Meldet Frau von Saint-Luc, ich wäre entzückt, von ihr die Erlaubnis zu erhalten, ihr meine Achtung bezeigen zu dürfen.«

Fünf Minuten nachher kam der Bote zurück und erwiderte, Frau von Saint-Luc würde mit Vergnügen Herrn von Bussy empfangen.

Bussy verließ sein Sammetkissen und stieg die große Treppe hinauf. Jeanne von Saint-Luc ging dem jungen Manne bis mitten in den Ehrensaal entgegen. Sie war sehr blass und ihre rabenschwarzen Haare verliehen dieser Blässe den Ton von gelblichem Elfenbein; ihre Augen waren von einer schmerzlichen Schlaflosigkeit gerötet und auf ihrer Wange hätte man die silberne Furche einer frischen Träne verfolgen können. Bussy, der Anfangs über diese Blässe lächelte und für diese matten Augen ein den Umständen entsprechendes Kompliment vorbereitete, hielt bei den Kennzeichen wahren Schmerzes in seiner Improvisation inne.

»Seid trotz der Furcht, die mir Eure Gegenwart verursacht, willkommen, Herr von Bussy!« sprach die junge Frau.

»Was wollt Ihr damit sagen, Madame?« fragte Bussy, »und wie kann Euch meine Person ein Unglück verkündigen?«

»Ah! nicht wahr, es hat diese Nacht ein Duell zwischen Euch und Herrn von Saint-Luc stattgefunden? Gesteht es mir.«

»Zwischen mir und Herrn von Saint-Luc?« wiederholte Bussy erstaunt.

»Ja. Er entfernte mich, um mit Euch zu sprechen. Ihr gehört dem Herzog von Anjou, und er gehört dem König. Ihr werdet Streit gehabt haben. Ich beschwöre Euch, verbergt mir nichts, Herr von Bussy. Ihr müsst meine Unruhe begreifen. Er ist allerdings mit dem König weggegangen, doch man findet sich wieder, man trifft zusammen. Gesteht mir die Wahrheit. Was ist Herrn von Saint-Luc begegnet?«

»Madame,« erwiderte Bussy, »das ist in der Tat wunderbar. Ich erwartete, Ihr würdet Nachricht über meine Wunde von mir fordern, und nun nimmt man mich in's Verhör.«

»Herr von Saint-Luc hat Euch verwundet, er hat sich geschlagen,« rief Jeanne. »Ah! Ihr seht wohl …«

«Nein, Madame, er hat sich nicht im Geringsten geschlagen, der liebe Saint-Luc, wenigstens nicht mit mir, und ich bin, Gott sei Dank! nicht von seiner Hand verwundet. Mehr noch, er hat sogar Alles getan, was er konnte, damit ich nicht verwundet würde. Doch er musste Euch selbst sagen, wir wären nun Freunde wie Damon und Pythias.«

»Er? wie hätte er es mir sagen können, da ich ihn nicht wiedergesehen habe?«

»Ihr habt ihn nicht wiedergesehen? Was mir Euer Diener sagte, ist also wahr?«

»Was sagte er Euch?«

»Herr von Saint-Luc wäre seit gestern Abend um elf Uhr nicht zurückgekehrt. Seit gestern Abend um elf Uhr habt Ihr Euren Gemahl nicht wiedergesehen?«

»Ach! nein.«

»Doch, wo kann er sein?«

»Das frage ich Euch.«

»Oh! erzählt mir das ein wenig, Madame,« sprach Bussy, der wohl vermutete, was vorgefallen war, »das ist sehr drollig.«

Die arme Frau schaute Bussy mit dem höchsten Erstaunen an.

»Nein, es ist sehr traurig, wollte ich sagen,« fuhr Bussy fort. »Ich habe so viel Blut verloren, dass ich nicht aller meiner Fähigkeiten teilhaftig bin. Erzählt mir die klägliche Geschichte, Madame.«

Jeanne erzählte Alles, was sie wusste, nämlich den von Heinrich III. Saint-Luc erteilten Befehl, ihn zu begleiten, das Schließen der Pforten des Louvre und die Antwort der Wachen, worauf wirklich keine Heimkehr erfolgt war.

»Ah! sehr gut,« sagte Bussy, »ich begreife.«

»Wie, Ihr begreift?« fragte Jeanne.

»Ja. Seine Majestät hat Saint-Luc in den Louvre mitgenommen, und sobald Saint-Luc einmal innen war, konnte er nicht mehr heraus.«

»Und warum konnte er nicht mehr heraus?«

»Ah, verdammt!« sagte Bussy verlegen, »Ihr fordert mich auf, die Staatsgeheimnisse zu entschleiern.«

»Doch ich ging in den Louvre,« sprach die junge Frau, »und mein Vater ebenfalls.«

»Nun?«

»Nun, die Wachen antworteten uns, sie wüssten nicht, was wir wollten, Herr von Saint-Luc müsste nach Hause zurückgekehrt sein.«

»Ein Grund mehr, dass sich Herr von Saint-Luc im Louvre befindet.«

»Ihr glaubt?«

»Ich bin dessen sicher, und wenn Ihr Euch ebenfalls, überzeugen wollt …«

»Wie?«

»Durch Euch selbst.«

»Kann ich dies?«

»Sicherlich.«

»Doch ich mag mich immerhin im Palast zeigen, man wird mich zurückschicken, wie man es bereits getan, und mit denselben Worten, die man mir bereits gesagt hat. Denn wenn er dort wäre, wer würde mich hindern, ihn zu sehen?«

»Wollt Ihr in den Louvre, sage ich Euch?«

»Warum dies?«

»Um Saint-Luc zu sehen.«

»Doch wenn er nicht dort ist?«

»Ei! den Teufel, ich sage Euch, er ist dort.«

»Das ist seltsam.«

»Nein, das ist königlich.«

»Ihr könnt also in den Louvre hinein?«

»Gewiss: ich bin nicht die Frau von Saint-Luc.«

»Ihr macht mich ganz verwirrt.«

»Kommt immerhin.«

»Wie soll Ich das verstehen? Ihr behauptet, Frau von Saint-Luc sei der Eintritt in den Louvre versagt, und wollt mich doch mitnehmen!«

»Keineswegs, Madame, ich will nicht die Frau von Saint-Luc dahin führen … Eine Frau! pfui doch!«

»Ihr spottet meiner … und seht doch meine Traurigkeit, das ist grausam von Euch.«

«Ei! nein, liebe Dame, hört mich: Ihr seid zwanzig Jahre alt, groß, habt schwarze Augen, eine schön gerundete Gestalt, und gleicht meinem jüngsten Pagen … versteht Ihr … dem hübschen Knaben, dem der Goldstoff gestern Abend so gut stand.«

»Ah! welche Torheiten, Herr von Bussy,« rief Jeanne errötend.

»Hört: ich habe kein anderes Mittel, als das, welches ich Euch vorschlage, Ihr könnt es annehmen oder lassen. Sprecht, wollt Ihr Herrn von Saint-Luc sehen?«

»Oh! ich gäbe Alles in der Welt, um ihn zu sehen.«

»Wohl, ich verspreche, ihn Euch zu zeigen, ohne dass Ihr etwas zu geben braucht.«

»Ja … aber …«

»Ich habe Euch gesagt, auf welche Weise.«

»Wohl, Herr von Bussy, ich werde tun, was Ihr wollt, nur benachrichtigt den jungen Menschen, dass ich eines von seinen Gewändern brauche und eine von meinen Frauen zu ihm schicken werde.«

»Nein, ich werde bei mir eines von den ganz neuen Kleidern nehmen, die ich diesen Burschen für den ersten Ball der Königin Mutter bestimmt habe. Ich schicke Euch das, welches mir am passendsten für Euren Wuchs vorkommt, und Ihr trefft diesen Abend an einem bestimmten Orte mit mir zusammen, zum Beispiel in der Rue Saint-Honoré, bei der Rue des Prouvelles, und von da …«

»Von da?«

»Von da gehen wir mit einander in den Louvre.«

Jeanne brach in ein Gelächter aus, reichte Bussy die Hand und sprach:

»Verzeiht mir meinen Argwohn.«

»Von ganzem Herzen. Ihr verschafft mir ein Abenteuer, worüber ganz Europa lachen wird, und dafür bin ich Euch abermals verbunden.«

Hiernach verabschiedete er sich von der jungen Frau und kehrte nach Hause zurück, um Anstalten zur Maskerade zu treffen.

Am Abend, zur bestimmten Stunde, kamen Bussy und Frau von Saint-Luc auf der Höhe der Barriere des Sergens zusammen. Hätte die junge Frau nicht das Gewand seines Pagen getragen, so würde sie Bussy nicht erkannt haben. Sie war bewunderungswürdig in dieser Verkleidung. Nachdem sie ein paar Worte ausgetauscht, wanderten Beide dem Louvre zu.

Am Ende der Rue des Fossés-Saint-Germain-l'Auxerrois trafen sie große Gesellschaft. Diese Gesellschaft hielt die ganze Straße besetzt und versperrte ihnen den Weg.

Jeanne hatte bange. Bussy erkannte an den Fackeln und Büchsen den Herzog von Anjou, der überdies an seinem Schecken, und an dem Mantel von weißem Sammet, den er gewöhnlich trug, zu erkennen war.

»Ah!« sagte Bussy, sich gegen Jeanne umwendend, »Ihr wart verlegen, mein schöner Page, wie Ihr in den Louvre dringen könntet; wohl! seid nun unbesorgt, Ihr werdet im Triumphe einziehen.«

»Monseigneur! Monseigneur!« rief Bussy mit voller Lunge dem Herzog von Anjou zu. Die Stimme durchschnitt den Raum und gelangte trotz des Stampfens der Pferde und des Geräusches der Menschen bis zum Prinzen.

Der Prinz wandte sich um.

»Du, Bussy!« rief er ganz entzückt, »ich glaubte Du wärst auf den Tod verwundet, und wollte mich eben in Deine Wohnung begeben.«

»Meiner Treue, Monseigneur,« antwortete Bussy, ohne dem Prinzen nur für dieses Zeichen der Aufmerksamkeit zu danken, »meiner Treue, wenn ich nicht tot bin, so ist es der Fehler von Niemand außer mir. In der Tat, Monseigneur, Ihr treibt mich in schöne Hinterhalte und verlasst mich in freudigen Lagen. Gestern auf dem Balle von Saint-Luc war eine wahre Mördergrube, eine allgemeine Gurgelschneiderei. Ich war der einzige Angevin[2 - Angevin, was zu Anjou gehört.]] dort, und bei meiner Ehre, sie hätten mir beinahe alles Blut abgezapft, das ich im Leibe hatte.«

»Beim Tode! Bussy, sie werden Dein Blut teuer bezahlen, und ich will ihnen die Tropfen vorrechnen lassen.«

»Ja, Ihr sagt das, doch Ihr lächelt dem Ersten zu, dem Ihr begegnet,« versetzte Bussy mit seiner gewöhnlichen Freiheit. »Wenn Ihr ihnen beim Lächeln nur wenigstens die Zähne zeigen würdet, doch Eure Lippen sind hierfür zu sehr zusammengepresst.«

»Wohl, so begleite mich in den Louvre, und Du wirst sehen,« sprach der Prinz.

»Was werde ich sehen, Monseigneur?«

»Du wirst sehen, wie ich mit meinem Bruder spreche.«

»Hört, Monseigneur, ich gehe nicht in den Louvre, wenn es sich darum handelt, ein neues Anschnauzen in Empfang zu nehmen. Das ist gut für die Prinzen von Geblüt und für die Mignons.«

»Sei unbesorgt, ich habe mir die Sache zu Herzen genommen.«

»Versprecht Ihr mir eine schöne Genugtuung?«

»Ich verspreche Dir, dass Du zufrieden sein sollst. Ich glaube, Du zögerst noch?«

»Monseigneur, ich kenne Euch so gut.«

»Komm, sage ich Dir. Man wird darüber reden.«

»Eure Sache macht sich vortrefflich,« flüsterte Bussy der Gräfin in das Ohr. »Es wird zwischen diesen zwei Brüdern, die sich wahrlich anbeten, ein furchtbarer Zank entstehen, und mittlerweile findet Ihr Saint-Luc wieder.«

»Nun!« fragte der Prinz, »entschließest Du Dich, muss ich Dir mein Ehrenwort verpfänden.«

»Oh! nein,« sagte Bussy, »das würde mir Unglück bringen. Vorwärts, mag es kosten, was es will, ich folge Euch, und wenn man mich beleidigt, so werde ich mich zu rächen wissen.«

Hiernach nahm Bussy seine Stelle neben dem Prinzen, während der neue Page, seinem Herrn so nahe als möglich folgend, unmittelbar hinter ihm ging.

»Nein, nein,« sagte der Prinz, die Drohung von Bussy beantwortend, »das ist nicht Deine Sorge, mein braver Edelmann. Ich übernehme Deine Rache. Höre,« fügte er mit leiser Stimme bei, »ich kenne Deine Mörder.«

»Bah!« versetzte Bussy, »Eure Hoheit, ist bemüht gewesen, sich darnach zu erkundigen?«

»Ich habe sie gesehen.«

»Wie dies?« fragte Bussy erstaunt.

»Ja, ich hatte selbst an der Porte Saint-Antoine zu tun, sie begegneten mir und hätten mich beinahe statt Deiner getötet. Ah! ich vermutete nicht, dass die Schurken Dich erwarteten! sonst ….«

»Nun, sonst?«

»Hattest du diesen neuen Pagen bei Dir?« fragte der Prinz, ohne die Drohung zu vollenden.

»Nein, Monseigneur,« antwortete Bussy, »ich war allein, und Ihr, Monseigneur?«

»Ich war mit Aurilly; … und warum warst Du allein?«

»Weil ich den Namen: der brave Bussy, den Sie mir gegeben, behalten will.«

»Und sie verwundeten Dich?« fragte der Prinz mit der Raschheit, mit der er gewöhnlich die Streiche, die man nach ihm führte, durch eine Finte erwiderte.

»Hört,« sagte Bussy, »ich will ihnen die Freude nicht machen; doch ich habe einen hübschen Degenstich in der Seite.«

»Ah! die Bösewichte!« rief der Prinz, »Aurilly sagte mir doch, sie hätten schlimme Absichten.«

»Wie,« versetzte Bussy, »Ihr habt den Hinterhalt gesehen? Wie, Ihr wart mit Aurilly, der mit dem Degen beinahe so gut als auf der Laute spielt? Wie, er sagte Eurer Hoheit, diese Leute hätten schlimme Gedanken, Ihr wart zu zwei, und sie nur zu fünf, und Ihr habt nicht gelauert, um Unterstützung zu gewähren?«

»Verdammt! was willst Du? ich wusste nicht, gegen wen der Hinterhalt gerichtet war.«

»Tod und Teufel! wie Karl IX. sagte, die Freunde von Heinrich III. erkennend, musstet Ihr doch denken, es sei auf einen Freund von Euch abgesehen. Da aber beinahe Niemand außer mir den Mut hat, Euer Freund zu sein, so war es nicht schwer zu erraten, dass sie mir an das Leben wollten.«

»Ja, Du hast vielleicht Recht, mein lieber Bussy, doch es fiel mir nicht Alles dies ein.«

»Schon gut!« seufzte Bussy, als ob er kein anderes Wort gefunden hätte, um Alles auszudrücken, was er über seinen Herrn dachte.

Man gelangte zum Louvre. Der Herzog wurde an der Pforte von dem Kapitän und den Concierges empfangen. Es war ein strenges Verbot erlassen. Doch man begreift, dieses Verbot bezog sich nicht auf den Ersten des Reiches nach dem König. Der Prinz ritt unter die Arcade der Zugbrücke mit seinem ganzen Gefolge.

»Monseigneur,« sagte Bussy, als er sich im Ehrenhofe sah, »geht, macht Euren Angriff und erinnert Euch, dass Ihr mir denselben feierlich versprochen habt. Ich muss Jemand ein paar Worte sagen.«

»Du verlässest mich, Bussy,« versetzte voll Unruhe der Prinz, der ein wenig auf die Gegenwart seines Edelmanns gerechnet hatte.

»Ich muss, doch das ist kein Hindernis, seid unbesorgt: wenn der Streit heftig wird, komme ich zurück. Schreit, Monseigneur, schreit Mordieu! damit ich Euch höre; Ihr begreift, wenn ich Euch nicht schreien höre, so komme ich nicht.«

Den Eintritt des Herzogs in den großen Saal benützend, schlüpfte Bussy sodann, von Jeanne gefolgt, in die Gemächer.

Bussy kannte den Louvre wie sein eigenes Haus. Er wählte eine Geheimtreppe, durchschritt zwei oder drei einsame Gänge und gelangte zu einer Art von Vorzimmer.

»Erwartet mich hier,« sagte er zu Jeanne.

»O mein Gott! Ihr lasst mich allein?« fragte die junge Frau erschrocken.

»Es muss sein, ich muss Euch den Weg untersuchen und den Eintritt verschaffen.«

Bussy ging gerade nach dem Waffencabinet, das König Karl IX. so sehr liebte, und das durch eine neue Einteilung das Schlafzimmer von Heinrich III. geworden war, der es zu seinem Gebrauche eingerichtet hatte. Karl IX., ein Jäger-König, ein Schmied-König, ein Dichter-König, hatte in diesem Zimmer Waldhörner, Büchsen, Manuskripte, Bücher und Schraubstöcke. Heinrich III. hatte darin zwei Betten von Sammet und Seide, sehr unwichtige Zeichnungen, Reliquien, von dem Papst gesegnete Skapuliere, vom Orient kommende parfümierte Säckchen und eine Sammlung der schönsten Raufdegen, die sich finden ließen.«

Bussy wußte wohl, dass Heinrich nicht in diesem Zimmer sein würde, da sein Bruder von ihm Audienz im großen Kabinett verlangte, er wusste aber auch, dass neben dem Zimmer des Königs die Wohnung der Amme von Karl IX. lag, welche die des Günstlings von Heinrich III. geworden war. Da nun Heinrich in seinen Freundschaften sehr viel schwankte, so war dieses Zimmer abwechselnd von Maugiron, d'O, Épernon, Quélus und Schomberg besetzt gewesen und musste es in diesem Augenblick, nach der Ansicht von Bussy, von Saint-Luc sein, für den der König, wie man gesehen, ein so mächtiges Wiedererwachen der Freundschaft fühlte, dass er den jungen Mann seiner Frau entführte.

Heinrich III., eine seltsame Organisation, ein oberflächlicher Prinz, ein tiefer Prinz, ein furchtsamer Prinz, ein braver Prinz, Heinrich III., stets gelangweilt, stets unruhig, stets träumerisch, musste eine beständige Zerstreuung haben. Bei Tag: der Lärmen, die Spiele, die Übungen, die Mummereien, die Maskeraden, die Intrigen. Bei Nacht: das Licht, das Geplauder, das Gebet oder die Schwelgerei. Heinrich III. ist auch beinahe die einzige Person dieses Charakters, die wir in unserer modernen Welt wiederfinden.

Heinrich III., der antike Hermaphrodite, war bestimmt das Licht des Tages in irgend einer Stadt des Orients, mitten in einer Welt von Stummen, Sklaven, Eunuchen, Philosophen und Sophisten zu sehen, und sein Reich sollte eine besondere Aera von weichlichen Schwelgereien und unbekannten Tollheiten, zwischen Nero und Heliogabalus, bezeichnen.

Bussy, der also vermutete, dass Saint-Luc das Zimmer der Amme bewohnte, klopfte an das, beiden Gemächern gemeinschaftliche, Vorzimmer.

Der Kapitän der Garden öffnete.

»Herr von Bussy?« rief der Offizier erstaunt.

»Ja, ich selbst, mein lieber Herr von Nancey,« sagte Bussy, »der König wünscht Herrn von Saint-Luc zu sprechen.«

»Sehr gut,« antwortete der Kapitän, »man melde Herrn von Sait-Luc, der König wolle ihn sprechen.«

Durch die halb offen gebliebene Türe warf Bussy dem Pagen einen Blick zu.

Dann wandte er sich wieder gegen Herrn von Nancey um und sagte:

»Doch was macht der arme Saint-Luc?«

»Er spielt mit Chicot, in Erwartung des Königs, welcher sich zu der von dem Herzog von Anjou erbetenen Audienz begeben hat.«

»Wollt Ihr meinem Pagen erlauben, mich hier zu erwarten?« fragte Saint-Luc den Kapitän der Garden.

»Sehr gern,« erwiderte dieser.

»Tritt ein, Jean,« sagte Bussy zu der jungen Frau, und bezeichnete ihr mit der Hand eine Fenstervertiefung, in welche sie sich flüchten sollte.

Kaum war sie hier, als Saint-Luc eintrat. Aus Diskretion zog sich Herr von Nancey aus dem Bereiche der Stimmen zurück.

»Was will denn der König wieder von mir?« sprach Saint-Luc mit verdrießlichem Tone und gerunzelter Stirne.

»Ah! Ihr seid es, Herr von Bussy.«

»Ich selbst, lieber Saint-Luc, und vor Allem …«

Er dämpfte die Stimme.

»Vor Allem meinen Dank für den Dienst, den Ihr mir geleistet habt.«

«Ah!« versetzte Saint-Luc, »das war ganz natürlich, denn es widerstrebte mir, einen braven Edelmann, wie Ihr seid, ermorden zu sehen. Ich glaubte, Ihr wäret tot.«

»Es fehlt nur wenig; doch wenig ist in diesem Falle ungeheuer.«

»Wieso?«

»Ja, ich bin mit einem hübschen Degenstich weggekommen, den ich, wie ich glaube, Schomberg und Épernon mit Wucher zurückgegeben habe. Was Quélus betrifft, so darf er den Knochen seines Schädels danken: es ist einer der härtesten, die ich je getroffen.«

»Ah! erzählt mir doch Euer Abenteuer, es wird mich zerstreuen,« sprach Saint-Luc gähnend, dass er beinahe den Kiefer ausrenkte.

»Ich habe in diesem Augenblick keine Zeit, mein lieber Saint-Luc. Überdies bin ich aus einer andern Ursache gekommen. Ihr langweilt Euch sehr, wie es scheint.«

»Königlich, damit ist Alles gesagt.«

»Wohl, ich bin hier, um Euch zu zerstreuen. Was Teufel, ein Dienst ist eines andern wert.«

»Ihr habt Recht, und der, welchen Ihr mir leistet, ist nicht minder groß, als der, welchen ich Euch leistete. Man stirbt vor Langweile eben so gut, als durch einen Degenstich: es dauert länger, ist aber sicherer.«

»Armer Graf, Ihr seid also ein Gefangener, wie ich vermutete?«

»Gefangener so sehr, als man es nur immer sein kann. Der König behauptet, nur meine Laune vermöge ihn zu zerstreuen. Der König ist sehr gut, denn seit gestern habe ich ihm mehr Grimassen gemacht als sein Affe, und mehr Grobheiten gesagt als sein Narr.«

»Wohl, so sprecht, kann ich Euch nicht irgend einen Dienst leisten?«

»Ganz gewiss, Ihr könnt zu mir, oder vielmehr zu dem Marschall von Brissac gehen, um meine arme kleine Frau zu beschwichtigen, welche sehr unruhig sein muss und mein Benehmen sicherlich höchst sonderbar findet.«

»Was soll ich ihr sagen?«

»Ei bei Gott! sagt ihr, Ihr habet mich gesehen, ich sei Gefangener, eingesperrt, seit gestern spreche der König mit mir von der Freundschaft wie Cicero, der darüber geschrieben, und von der Tugend wie Sokrates, der sie geübt.«

»Und was antwortet Ihr ihm? fragte Bussy lachend.

»Ich antworte ihm, in Beziehung auf die Freundschaft sei ich ein Undankbarer, und in Beziehung auf die Tugend ein verkehrter Mensch, was ihn nicht abhält, hartnäckig fortzufahren und seufzend zu wiederholen: »Ah! Saint-Luc, die Freundschaft ist also nur eine Chimäre! Ah! Saint-Luc, die Tugend ist also nur ein Namen!« Nachdem er dies französisch gesagt hat, wiederholt er es lateinisch, und sagt es dann noch einmal griechisch.«

Bei diesem Scherze brach der Page, dem Saint-Luc noch nicht die geringste Aufmerksamkeit geschenkt hatte, in ein Gelächter aus.

»Was wollt Ihr, lieber Freund, er glaubt Euch zu rühren, bis repetita placent, und um so vielmehr ter repetita. Doch ist das Alles, was ich für Euch tun kann?«

»Ah! mein Gott, ja; wenigstens befürchte ich es.«

»Dann ist es schon abgemacht.«

»Wie so?«

»Ich vermutete, was vorgefallen ist, und sagte Eurer Frau zum Voraus Alles.«

»Und was antwortete sie?«

»Sie wollte Anfangs nicht glauben. Doch,« fügte Bussy, einen Seitenblick in die Fenstervertiefung werfend, bei, »doch ich hoffe, sie wird sich dem augenscheinlichen Beweise gefügt haben. Verlangt also etwas Anderes von mir, etwas Schwierigeres, Unmögliches, dann ist es ein Vergnügen, es zu unternehmen.«

»Mein lieber Bussy, so entlehnt für einen Augenblick den edlen Hippogryphen vom Ritter Astolf und lenkt ihn an eines von meinen Fenstern, ich reite hinter Euch auf dem Kreuze, und ihr führt mich zu meiner Frau. Es steht Euch sodann frei, Euren Weg nach dem Monde fortzusetzen, wenn es Euch beliebt.«

»Mein Lieber,« sagte Bussy, »es gibt etwas Einfacheres: den Hippogryphen Eurer Frau zuzuführen, und diese mag dann zu Euch kommen.«

»Hierher?«

»Ja, hierher.«

»In den Louvre?«

»In den Louvre selbst. Sprecht, wäre das nicht drollig?«

»Ei, bei Gott! ich glaube wohl.«

»Ihr würdet Euch nicht mehr langweilen?«

»Meiner Treue, nein!«

»Denn Ihr langweilt Euch, wie Ihr mir sagt?«

»Fragt Chicot. Seit diesem Morgen habe ich einen Hass gegen ihn gefasst und ihm drei Degenstiche vorgeschlagen. Der Bursche ärgerte sich, dass man sich hätte darüber zu Tode lachen können. Ich verzog keine Miene. Doch wenn das so fortdauert, so werde ich ihn zu meiner Zerstreuung töten oder mich von ihm töten lassen.«

«Pest! treibt keinen Spaß, Ihr wisst, dass Chicot ein kräftiger Fechter ist, und werdet Euch in einem Sarge noch mehr langweilen, als Ihr Euch in Eurem Gefängnis langweilt.«

»Meiner Treue, ich weiß es nicht.«

»Sprecht, soll ich Euch meinen Pagen geben?« sagte Bussy lachend.

»Mir?«

»Ja, einen vortrefflichen Jungen.«

«Ich danke,« antwortete Saint-Luc, »ich verabscheue die Pagen. Der König bot mir an, denjenigen von den meinigen kommen zu lassen, welcher mir am Angenehmsten wäre, und ich schlug es aus. Bietet ihn dem König an, der sein Haus einrichtet. Ich, wenn ich von hier wegkomme, werde tun, was man in Chenonceaux bei dem grünen Feste getan hat, ich werde mich nur von Frauen bedienen lassen.«

»Bah!« versetzte Bussy, »versucht es immerhin.«

»Bussy,« erwiderte Saint-Luc ärgerlich, »es ist nicht schön von Euch, dass Ihr mich verspottet.«

»Laßt mich machen.«

»Nein.«

»Wenn ich Euch sage, dass ich weiß, was Ihr braucht.«

»Nein, nein, nein, hundertmal nein!«

»Hollah! Page, kommt hierher.«

»Mord und Tod!« rief Saint-Luc.

Der Page verließ sein Fenster und trat errötend hinzu.

»Oh! oh!« murmelte Saint-Luc, ganz erstaunt, als er Jeanne unter der Livree von Bussy erkannte.

»Nun,« fragte Bussy, »soll ich ihn wegschicken?«

»Nein, wahrhaftiger Gott, nein!« rief Saint-Luc.

»Ah! Bussy! Bussy! ich bin Euch eine ewige Freundschaft schuldig!«

»Ihr wisst, dass man Euch nicht hört, Saint-Luc, dass man Euch aber sieht.«

»Es ist wahr,« sagte dieser, und nachdem er zwei Schritte gegen seine Frau gemacht hatte, machte er drei rückwärts. Erstaunt über die allerdings zu ausdrucksvolle Miene von Saint-Luc, fing Herr von Nancey wirklich an zu horchen, als ein gewaltiges, aus dem Ratssaale kommendes Geräusch seine Aufmerksamkeit auf eine andere Seite lenkte.

»Ah! mein Gott!« rief Nancey, »es scheint mir, der König zankt mit irgend Jemand.«

»Ich glaube in der Tat, es ist so,« versetzte Bussy sich beunruhigt stellend, »sollte es zufällig der Herr Herzog von Anjou sein, mit dem ich gekommen bin?«

Der Kapitän der Garden befestigte seinen Degen an seiner Seite und entfernte sich in der Richtung der Galerie, von wo aus wirklich der Lärmen eines lebhaften Streites Gewölbe und Mauern durchdrängt.

»Sagt, ich habe meine Sache nicht gut gemacht!« rief Bussy sich gegen Saint-Luc umwendend.

»Was gibt es denn?« fragte dieser.

»Der Herr Herzog von Anjou und der König zerreißen sich in diesem Augenblick, und da dies ein herrliches Schauspiel sein muss, so laufe ich hin, damit nichts davon für mich verloren geht. Ihr benützt den Streit, nicht um zu fliehen, der König würde Euch immer wieder einholen, sondern um diesen hübschen Pagen, den ich Euch gebe, in Sicherheit zu bringen: ist das möglich?«

»Ja, bei Gott! und wenn es auch nicht möglich wäre, so müsste es doch wohl werden; aber zum Glück habe ich den Kranken gespielt und hüte das Zimmer.«

»Dann Gott befohlen, Saint-Luc; Madame, vergesst mich nicht in Eurem Gebet.«

Sehr erfreut, dass er Heinrich III. diesen Streich gespielt, verließ Bussy das Vorzimmer und erreichte die Galerie, wo der König, rot vor Zorn, gegen den vor Wut bleichen Herzog von Anjou behauptete, bei der Szene der vorhergehenden Nacht sei Bussy der Herausfordernde gewesen.

»Ich versichere Euch, Sire,« rief der Herzog von Anjou, »Épernon, Schomberg, d'O, Maugiron und Quélus erwarteten ihn an dem Hotel des Tournelles.«

»Wer hat Euch das gesagt?«

»Ich habe sie selbst gesehen, Sire, ich habe sie mit meinen eigenen Augen gesehen.«

»In der Dunkelheit, nicht wahr? Die Nacht war schwarz wie das Innere eines Ofens.«

»Ich erkannte sie auch nicht am Gesicht.«

»Woran denn? an den Schultern?«

»Nein, Sire, an der Stimme.«

»Sie sprachen mit Euch?«

»Sie taten noch mehr, sie hielten mich für Bussy und griffen mich an.«

»Euch?«

»Ja, mich.«

«Und was wolltet Ihr an der Porte Saint-Antoine machen?«

»Was ist Euch daran gelegen?«

»Ich will es wissen: ich bin heute neugierig.«

»Ich ging zu Manasse.«

»Zu Manasse, einem Juden!«

»Ihr geht wohl zu Ruggieri, einem Nekromanten.«

»Ich gehe, wohin ich will, ich bin der König.«

»Das heißt nicht antworten, sondern niederschlagen.«

»Übrigens ist es, wie ich gesagt habe, Bussy war der Herausfordernde.«

»Bussy?«

»Ja.«

»Wo dies?«

»Auf dem Ball von Saint-Luc.«

«Bussy hat fünf Männer herausgefordert? Geht doch! Bussy ist brav, aber Bussy ist kein Narr.«

»Gottes Tod! ich sage Euch, dass ich die Herausforderung selbst gehört habe. Überdies war er ganz wohl dazu fähig, denn er hat, trotz aller Eurer Behauptungen, Schomberg am Schenkel, Épernon am Arm verwundet und Quélus beinahe totgeschlagen.«

»Ah, wirklich! davon hat er mir nichts gesagt. Ich werde ihm mein Kompliment machen.«

»Und ich,« sprach der König, »ich werde Niemand mein Kompliment machen, sondern an diesem Raufer ein Beispiel geben.«

»Ich aber,« versetzte der Herzog, »ich, den Eure Freunde nicht nur in der Person von Bussy, sondern auch in der meinigen angreifen, werde erfahren, ob ich Euer Bruder bin, und ob in Frankreich, Eure Majestät ausgenommen, ein einziger Mensch lebt, der berechtigt ist, mir in das Gesicht zu schauen, ohne dass ihn, in Ermanglung der Achtung, die Furcht bewegt, seine Augen niederzuschlagen.«

Durch das Geschrei der zwei Brüder herbeigezogen, erschien in diesem Augenblick Bussy, äußerst zierlich in zartgrünen Atlass mit Rosaschleifen gekleidet.

»Sire,« sagte er, sich vor Heinrich III. verbeugend, »wollt gnädigst meine ehrfurchtsvolle Huldigung annehmen.«

»Bei Gott! hier ist er,« sprach Heinrich.

»Eure Majestät erweist mir, wie es scheint, die Ehre, sich mit mir zu beschäftigen?« fragte Bussy.

»Ja,« antwortete der König, »und es ist mir sehr lieb, dass ich Euch sehe, obgleich man mir gesagt hat, Euer Gesicht atme Gesundheit.«

»Euer Majestät, das abgezogene Blut erfrischt das Gesicht, und ich muss wirklich diesen Abend ein sehr frisches Gesicht haben.«

»Wohl, da man Euch geschlagen, da man Euch gequetscht hat, so beklagt Euch bei mir, Herr von Bussy, und ich werde Euch Gerechtigkeit widerfahren lassen.«

»Erlaubt Sire,« erwiderte Bussy, »man hat mich weder geschlagen, noch gequetscht, und ich beklage mich nicht.«

Heinrich war ganz erstaunt, schaute den Herzog von Anjou an und fragte:

»Nun, was sagtet Ihr denn?«

»Ich sagte, Bussy habe einen Degenstich in die Seite bekommen.«

»Ist das wahr, Bussy?« fragte der König.

»Da es der Bruder Eurer Majestät behauptet, so muss es wahr sein; ein erster Prinz von Geblüt würde nie lügen.«

»Und mit einem Degenstich in der Seite beklagt Ihr Euch nicht?«

»Ich würde mich nur beklagen, Sire, wenn man mir, um mich zu verhindern, selbst Rache zu nehmen, die rechte Hand abschnitte; auch hoffe ich,« fuhr der unverbesserliche Duellist fort, »auch hoffe ich mich noch mit der linken Hand rächen zu können.«

»Unverschämter!« murmelte Heinrich.

»Sire,« sagte der Herzog von Anjou, »Ihr habt von Gerechtigkeit gesprochen, wohl, so übt Gerechtigkeit, wir verlangen nichts Anderes. Befehlt eine Untersuchung, ernennt Richter, und man erfahre, von welcher Seite der Hinterhalt kam und wer zu dem Morde Vorbereitungen getroffen hatte.«

Heinrich errötete und sprach:

»Nein, ich will diesmal lieber nicht wissen, auf welcher Seite das Unrecht ist, und alle Welt in eine allgemeine Verzeihung einschließen. Es ist mir lieber, wenn diese wilden Feinde Frieden machen, und es ärgert mich, dass Schomberg und Épernon durch ihre Wunden zu Hause gehalten werden. Lasst hören, Herr von Anjou, wer war Eurer Ansicht nach der wütendste von meinen Freunden? Sprecht, es muss Euch leicht werden, da Ihr sie gesehen zu haben behauptet?«

»Sire,« antwortete der Herzog von Anjou, »es war Quélus.«

»Meiner Treue ja,« sprach Quélus, »ich verberge mich nicht, und Seine Hoheit hat gut gesehen.«

»So mögen Herr von Bussy und Herr von Quélus im Namen Aller Frieden machen.«

»Oh! oh!« rief Quélus, »was bedeutet das, Sire?«

»Das bedeutet, dass man sich hier in meiner Gegenwart und auf der Stelle umarmen soll.«

Quélus runzelte die Stirne.

»Wie, Signor,« sagte Bussy, sich gegen Quélus umwendend und die italienische Gebärde des Pantalon nachahmend »werdet Ihr mir nicht diese Gunst erweisen?«

Dieser Einfall war so unerwartet und Bussy hatte ihn mit so viel Lebendigkeit vorgebracht, dass der König selbst zu lachen anfing. Dann näherte er sich Quélus, rief: »Auf, Monsou, der König will es haben,« und warf ihm seine beiden Arme um den Hals.

»Ich hoffe, das verpflichtet Euch zu nichts,« sagte ganz leise Quélus zu Bussy.

»Seid unbesorgt,« antwortete Bussy in demselben Tone, »wir werden uns früher oder später wiederfinden.«

Quélus wich, ganz rot und die Haare in Unordnung, wütend zurück.

Heinrich runzelte die Stirne, und Bussy machte, stets Pantalon, eine Pirouette und verließ den Saal. Er hatte sich durch diese groteske Umarmung einen Todfeind zugezogen.




Fünftes Kapitel

Wie das Kleine Schlafengehen des Königs beschaffen war


Nach dieser als Trauerspiel begonnenen und als Lustspiel beendigten Szene, deren Lärmen wie ein Echo aus dem Louvre hinaus drang und sich in der Stadt verbreitete, kehrte der König ganz zornig, gefolgt von Chicot, welcher Abendbrot verlangte, in seine Gemächer zurück.

»Ich habe keinen Hunger,« sagte der König über die Schwelle seiner Türe tretend.

»Das ist möglich,« erwiderte Chicot, »doch ich bin wütend und möchte gern beißen.«

Der König stellte sich, als hätte er nicht gehört. Er häkelte seinen Mantel los, legte ihn auf sein Bett, nahm sein mit langen, schwarzen Nadeln auf dem Kopfe befestigtes Barett ab, warf es auf einen Stuhl, schritt nach dem Gange zu, der in das Zimmer von Saint-Luc führte, das von dem seinigen nur durch eine einfache Wand getrennt war, und sagte zu Chicot:

»Erwarte mich hier, Narr, ich komme zurück.«

»Oh! beeile Dich nicht, mein Sohn,« erwiderte Chicot, »beeile Dich nicht,« fuhr er, auf den sich entfernenden Tritt von Heinrich horchend, fort, »ich wünsche sogar, dass Du mir Zeit lässt, Dir eine kleine Überraschung zu bereiten.«

Als das Geräusch der Tritte völlig erloschen war, öffnete er die Türe des Vorzimmers und rief: »Hollah!« Ein Diener lief herbei.

»Der König hat seine Ansicht geändert,« sagte er, »er will ein hübsches Abendbrot, ein feines Abendbrot für sich und Saint-Luc. Besonders hat er den Wein empfohlen; geht Lackei.«

Der Bediente drehte sich auf den Fersen um und eilte weg, um die Befehle von Chicot zu vollziehen, denn er zweifelte nicht, es wären die des Königs.

Heinrich war, wie gesagt, in das Zimmer von Saint-Luc gegangen, der sich, von dem Besuche Seiner Majestät in Kenntnis gesetzt, niedergelegt hatte, und sich Gebete von einem alten Diener vorlesen ließ, welcher ihm nach dem Louvre gefolgt und mit ihm zum Gefangenen gemacht worden war. In einem vergoldeten Fauteuil in einer Ecke saß, den Kopf zwischen seinen zwei Händen, in tiefen Schlaf versunken der Page, den Bussy gebracht hatte.

Der König umfasste Alles mit einem Blicke.

»Wer ist dieser junge Mensch?« fragte er unruhig Saint-Luc.

»Als mich Eure Majestät hier zurückhielt, bevollmächtigten sie mich, einen Pagen kommen zu lassen.«

»Allerdings,« sagte Heinrich III.

»Nun, ich habe diese Erlaubnis benützt, Sire.«

»Ah! ah!«

»Bereut Seine Majestät, mir diese Zerstreuung bewilligt zu haben?« fragte Saint-Luc.

»Nein, mein Sohn, nein, zerstreue Dich im Gegenteil. Lass hören, wie geht es Dir?«

»Sire, ich habe ein heftiges Fieber.«

»In der Tat, Dein Gesicht ist purpurrot, mein Sohn. Lass mich Deinen Puls fühlen, Du weißt, ich bin ein wenig Arzt.«

Saint-Luc reichte ihm die Hand mit einer sichtbaren Bewegung übler Laune.

»Oh weh!« rief der König, »sehr ungleich, sehr bewegt!«

»Oh! Sire,« versetzte Saint-Luc, »ich bin in Wahrheit sehr krank.«

»Sei unbesorgt, ich werde Dich durch meinen eigenen Arzt pflegen lassen.«

»Ich danke, Sire.«

»Ich werde selbst bei Dir wachen.«

»Sire, ich dulde es nicht.«

»Ich lasse mir ein Bett in Deinem Zimmer aufschlagen. Wir plaudern die ganze Nacht. Ich habe Dir tausend Dinge zu sagen.«

»Ah!« rief Saint-Luc in Verzweiflung, »Ihr nennt Euch Arzt, Ihr nennt Euch meinen Freund, und wollt mich zu schlafen verhindern? Bei Gott! Doktor, Ihr habt eine komische Manier, Eure Kranken zu behandeln! Bei Gott! Sire, Ihr habt eine eigentümliche Art, Eure Freunde zu lieben.«

»Ei! Du willst allein bleiben, während Du so krank bist?«

»Sire, ich habe meinen Pagen Jean.«

»Aber er schläft.«

»So liebe ich die Leute, die mich bewachen; sie hindern mich wenigstens nicht, selbst zu schlafen.«

»Lass mich bei Dir wachen. Ich werde nur mit Dir sprechen, wenn Du aufwachst.«

»Sire, ich habe ein sehr verdrießliches Erwachen, man muss ganz an mich gewöhnt sein, wenn man mir alle die Ungezogenheiten vergeben soll, die ich sage, ehe ich völlig wach bin.«

»Wohl, es sei, doch wohne wenigstens meinem Schlafengehen bei.«

»Wird es mir dann frei stehen, in mein Bett zurückzukehren?«

»Ganz und gar.«

»Gut, doch ich werde einen traurigen Höfling abgeben, dafür stehe ich Euch, denn ich falle vor Schlaf beinahe um.«

»Du magst nach Belieben gähnen.«

»Welche Tyrannei, da Ihr doch Eure anderen Freunde habt!«

»Ah! ja, sie sind in einem schönen Zustande, Bussy hat sie mir gut zugerichtet. Schomberg ist der Schenkel gespalten; Épernon ist das Faustgelenke aufgeschlitzt, wie ein spanischer Ärmel; Quélus ist noch ganz betäubt von dem Schlage von gestern und von der Umarmung von heute. Es bleiben d'O, der mich zum Sterben langweilt und Maugiron, der mir schmollt. Vorwärts! wecke diesen großen Lümmel von einem Pagen, und lass Dir einen Schlafrock anziehen.«

»Sire, Eure Majestät wolle mich allein lassen.«

»Warum dies?«

»Die Ehrfurcht …«

»Geh' doch!«

»Sire, in fünf Minuten bin ich bei Eurer Majestät.«

»In fünf Minuten, gut! doch, hörst Du, nicht mehr als fünf Minuten, und während dieser fünf Minuten finde mir gute Geschichten, Saint-Luc, dass wir ein wenig lachen können.«

Und hiernach ging der König, der die Hälfte von dem, was er wollte, erlangt hatte, halb zufrieden hinaus.

Die Türe hatte sich nicht sobald wieder hinter ihm geschlossen, als der Page rasch erwachte und mit einem Sprung an dem Türvorhang war.

»Ah! Saint-Luc,« sagte er, als sich das Geräusch der Tritte verloren hatte, »Ihr verlasst mich abermals. Mein Gott, welche Pein! ich sterbe vor Angst hier. Wenn man es entdecken würde …«

»Meine liebe Jeanne,« erwiderte Saint-Luc, »Gaspard (er deutete auf den alten Diener), Gaspard wird Euch vor jeder Indiskretion beschützen.«

»Dann ist es eben so gut, wenn ich weggehe,« entgegnete die junge Frau errötend.

»Wenn Ihr es durchaus verlangt, Jeanne,« sprach Saint-Luc mit traurigem Tone, »wenn Ihr es durchaus verlangt, so werde ich Euch nach dem Hotel Montmorency zurückführen lassen, denn das Verbot betrifft nur mich. Doch wenn Ihr eben so gut, als schön wäret, wenn Ihr einige Gefühle für den armen Saint-Luc im Herzen hättet, so würdet Ihr ein paar Augenblicke warten. Ich werde so viel im Kopf, in den Nerven, in den Eingeweiden leiden, dass der König sicherlich keinen traurigen Gefährten bei sich haben will und mich in das Bett zurückschickt.«

Jeanne schlug die Augen nieder.

»Geht also,« sprach sie, »ich werde warten, doch ich sage Euch, wie der König: bleibt nicht lange aus.«

»Jeanne, meine, liebe Jeanne, Ihr seid anbetungswürdig, verlasst Euch auf mich, ich werde so bald als möglich zu Euch zurückkehren. Überdies kommt mir ein Gedanke, ich will ihn ein wenig reifen lassen und Euch bei meiner Rückkehr mitteilen.«

»Ein Gedanke, der Euch die Freiheit wiedergeben soll?«

»Ich hoffe es.«

»Geht! geht!«

»Gaspard,« sagte Saint-Luc, »verhindert Jedermann, wer es auch sein mag, hier einzutreten. In einer Viertelstunde schließt die Türe mit dem Schlüssel und bringt mir den Schlüssel, zum König. Sagt im Hotel, man möge sich über die Gräfin nicht beunruhigen, und kommt erst morgen wieder zurück.«

Gaspard versprach lächelnd die Befehle zu vollziehen, welche die junge Frau errötend hörte.

Saint-Luc nahm die Hand seiner Frau, küsste sie zärtlich und lief in das Zimmer von Heinrich, der ungeduldig zu werden anfing.

Ganz allein und ganz bebend, kauerte sich Jeanne in den weiten Vorhang, der von den Stangen des Bettes herabfiel, und suchte hier, träumerisch, unruhig, unmutig, ihrerseits ein Mittel, siegreich aus der seltsamen Lage hervorzugehen, in der sie sich befand.

Als Saint-Luc in das Zimmer des Königs kam, wurde er von einem scharfen, wollüstigen Gerüche erfasst, den das königliche Zimmer ausströmte. Die Füße von Heinrich traten wirklich eine Streuung von Blumen nieder, von denen man die Stängel abgeschnitten hatte, aus Furcht, sie könnten die zarte Haut Seiner Majestät verletzen; Rosen, Jasmine, Veilchen, Nelken bildeten trotz der strengen Jahreszeit einen weichen, wohlriechenden Teppich für König Heinrich III.

Das Zimmer, dessen Plafond herabgelassen und mit schönen Malereien auf Leinwand verziert war, enthielt, wie gesagt, zwei Betten, von denen das eine, obgleich oben an die Wand angelehnt, durch seine Breite beinahe den dritten Teil des Gemaches einnahm. Dieses Bett war von einem goldenen und seidenen Tapetenwerk mit mythologischen Personen, die Geschichte von Ceneo oder Cenis, bald Mann, bald Frau, darstellend, welche Metamorphose, wie man sich leicht denken kann, nicht ohne die phantastischen Anstrengungen der Einbildungskraft des Prinzen vor sich ging. Der Betthimmel war von Silberstoff mit goldenen Streifen und seidenen Figuren, und das reich gestickte königliche Wappen hatte man an dem Teil des Baldachin angebracht, der, an die Wand angelehnt, das Haupt des Bettes bildete.

An den Fenstern waren dieselben Vorhänge, wie an den Betten und die Canapes und Lehnstühle wurden von demselben Stoffe gebildet, den man an dem Bette und den Fenstern bemerkte. Mitten vom Plafond hing an einer goldenen Kette eine Lampe von Vermeil herab, in der ein Öl brannte, das, sich verzehrend, einen herrlichen Wohlgeruch verbreitete. Rechts von dem Bette hielt ein goldener Satyr einen Kandelaber in der Hand, auf welchem vier rosenfarbige, ebenfalls wohlriechende Kerzen brannten. Diese Kerzen gaben im Verein mit der Lampe ein Licht von sich, welches das Zimmer hinreichend beleuchtete.

Des Königs nackte Füße ruhten auf den über den Boden ausgestreuten Blumen, während er auf einem ebenholzenen, mit Gold incrustirten Stuhle saß. Er hatte auf seinem Schooße sieben oder acht ganz junge spanische Jagdhündchen, deren frische Schnauzen äußerst zart seine Hände kitzelten. Zwei Diener ordneten und frisierten seine Haare, welche wie die einer Frau zurückgeschlagen waren, so wie seinen hakenförmigen Schnurrbart und seinen spärlichen, flockigen Kinnbart.

Ein Dritter überzog das Gesicht des Fürsten mit einer salbenartigen Lage von rosenfarbiger Creme von ganz besonderem Geschmack und äußerst appetitlichem Geruche. Heinrich schloss die Augen und ließ sich mit. der Majestät und dem Ernste eines indischen Gottes bedienen.

»Saint-Luc,« sagte er, »wo ist Saint-Luc?«

Saint-Luc trat ein.

Chicot nahm ihn bei der Hand und führte ihn vor den König.

»Hier,« sagte Chicot zu Heinrich, »hier ist Dein Freund Saint-Luc; befiehl ihm, sich ebenfalls mit Creme zu entschmutzen, oder vielmehr zu beschmutzen; denn wenn Du nicht diese unerläßliche Vorsichtsmaßregel nimmst, so wird etwas Ärgerliches geschehen. Entweder wird er schlecht für Dich riechen, der Du so gut riechst, oder Du wirst zu gut für ihn riechen, der nichts riechen wird. Ah! die Salben und die Kämme!« rief Chicot, sich auf einem großen Lehnstuhl, dem König gegenüber, ausstreckend.

»Chicot! Chicot!« rief Heinrich, »Eure Haut ist zu trocken und würde eine zu große Quantität Creme einschlucken, es ist kaum genug für mich vorhanden; und Euer Haar ist so hart und rau, dass es meine Kämme zerbrechen würde.«

»Meine Haut ist dadurch ausgetrocknet, dass ich für Dich das Feld behauptet habe, undankbarer Fürst! Und wenn mein Haar hart und rauh ist, so kommt es davon her, dass der Ärger, den Du mir bereitest, dasselbe beständig gesträubt hält. Doch wenn Du mir die Creme für meine Wangen, das heißt, für mein Äußeres verweigerst, so ist es gut, mein Sohn, mehr sage ich Dir nicht.«

Heinrich zuckte die Achseln wie ein Mensch, der wenig geneigt ist, sich mit den Späßen seines Narren zu belustigen.

»Laßt mich,« sagte er, »Ihr sprecht abgeschmacktes Zeug.«

Dann wandte er sich an Saint-Luc und fragte diesen:

»Nun, mein Sohn, das Kopfweh?«

Saint-Luc fuhr mit der Hand nach der Stirne und stieß einen Seufzer aus.

»Stelle Dir vor,« fuhr Heinrich fort, »ich habe Bussy d'Amboise gesehen. Aie! … Herr, Ihr brennt mich,« sagte er zu dem Friseur.

Der Friseur kniete nieder. »Ihr habt Bussy d'Amboise gesehen, Sir?« versetzte Saint-Luc ganz bebend.

»Ja,« antwortete der König, »begreifst Du diese Dummköpfe, die ihn zu fünf angriffen und dennoch fehlten? Ich werde sie rädern lassen. Wenn Du da gewesen wärst, sag' einmal, Saint-Luc.«

»Sire,« antwortete Saint-Luc, »ich wäre wahrscheinlich nicht glücklicher gewesen, als meine Gefährten.«

»Was sagst Du da? Ich wette zehntausend Thaler, Du touchierst Bussy zehnmal, gegen sechsmal. Bei Gott! wir müssen das morgen sehen. Stößt Du immer noch, mein Junge?«

»Ja, Sire.«

»Ich frage Dich, ob Du Dich oft übst?«

»Beinahe jeden Tag, wenn ich mich wohl befinde. Doch wenn ich krank bin, tauge ich durchaus zu gar nichts, Sire.«

»Wie oft hast Du mich touchiert?«

»Ich denke, wir spielten ungefähr ein gleiches Spiel, Sire.«

»Ja, aber ich stoße besser, als Bussy. Bei Gottes Tod! mein Herr, Ihr reißt mir den Schnurrbart aus,« sagte Heinrich zu seinem Barbier.

Der Barbier kniete nieder.

»Sire,« sprach Saint-Luc, »sagt mir ein Mittel für das Magenweh.«

»Du musst essen,« erwiderte der König.

»Oh! Sire, ich glaube, Ihr täuscht Euch.«

»Nein, ich versichere Dich.«

»Du hast Recht, Valois,« rief Chicot, »und da ich sehr starkes Magenweh habe, so befolge ich Deine Verordnungen.«

Und man hörte ein seltsames Geräusch, ähnlich dem, welches aus der vervielfachten und raschen Bewegung der Kinnbacken eines Affen entsteht.

Der König wandte sich um und sah Chicot, der, nachdem er für sich allein das doppelte Abendbrot verschlungen, das er im Namen des Königs hatte bringen lassen, geräuschvoll, während er den Inhalt einer Tasse von japanischem Porzellan verkostete, seine Kinnbacken spielen ließ.

»Was Teufels macht Ihr denn da, Herr Chicot?« fragte Heinrich.

»Ich nehme meine Creme innerlich, da sie mir äußerlich verboten ist,« antwortete Chicot.

»Ah! Verräter,« rief der König, indem er eine so unglückliche halbe Wendung mit dem Kopfe machte, dass der teigige Finger des Kammerdieners den Mund des Königs mit Creme füllte.

»Iß, mein Sohn,« sprach Chicot mit ernstem Tone. »Ich bin nicht so tyrannisch wie Du; innerlich oder äußerlich, ich erlaube Dir Beides.«

»Mein Herr, Ihr erstickt mich,« sagte Heinrich zu dem Kammerdiener.

Der Kammerdiener kniete nieder, wie dies der Friseur und der Barbier getan hatten.

»Man hole mir meinen Kapitän der Garden,« rief Heinrich, »man hole mir ihn auf der Stelle.

»Und warum Deinen Kapitän der Garden?« fragte Chicot, während er seinen Finger in das Innere der Porzellantasse steckte und dann durch seine Lippen schlüpfen ließ.

»Damit er seinen Degen durch den Körper von Chicot stößt und, so mager er auch sein mag, einen Braten für meine Hunde daraus macht.«

Chicot erhob sich, setzte seine Mütze schief auf und rief:

»Bei Gottes Tod! Chicot Deinen Hunden, den Edelmann Deinen Vierfüßigen! Er mag kommen, Dein Kapitän der Garden, und wir werden sehen.«

Und er zog seinen langen Degen und focht damit so lustig gegen den Friseur, den Barbier und den Kammerdiener, dass sich der König des Lachens nicht enthalten konnte.

»Aber ich habe Hunger,« sagte der König mit kläglicher Stimme, »und der Schelm hat das ganze Abendbrot allein verzehrt.«

»Du bist ein launenhafter Mensch, Heinrich,« versetzte Chicot, »ich machte Dir den Vorschlag, Du möchtest Dich zu Tische setzen, und Du weigertest Dich. In jedem Fall bleibt Dir Deine Fleischbrühe. Ich habe keinen Hunger mehr und will mich niederlegen.«

Während dieser Zeit hatte der alte Gaspard seinem Herrn den Schlüssel gebracht.

»Ich auch,« sprach Saint-Luc, »denn ich würde mich gegen die Achtung vor meinem König verfehlen, wenn ich länger bliebe und in seiner Gegenwart in Nervenanfällen niederstürzte. Es schauert mich.«

»Halt, Saint-Luc,« sagte der König, dem jungen Mann eine Hand voll kleiner Hunde reichend, »trage sie fort, trage sie fort.«

»Wozu?« fragte Saint-Luc.

»Um sie bei Dir schlafen zu lassen; sie werden Dein Übel annehmen, und Du hast es nicht mehr.«

»Ich danke, Sire,« erwiderte Saint-Luc, die Hunde In ihr Körbchen legend, »ich habe kein Vertrauen zu Eurem Rezept.«

»Ich werde Dich heute Nacht besuchen.«

«Oh! kommt nicht, Sire, ich bitte Euch, Ihr würdet mich plötzlich erwecken, und man sagt, das mache epileptisch.«

Hiernach verbeugte sich Saint-Luc vor dem König und verließ das Zimmer, verfolgt von den Zeichen der Freundschaft, die Heinrich an ihn verschwendete, so lange er ihn sehen konnte.

Chicot war bereits weggegangen.

Die paar Personen, welche dem Schlafengehen beigewohnt hatten, entfernten sich ebenfalls.

Es blieben bei dem König nur noch die Diener, die ihm das Gesicht mit einer mit wohlriechendem Fett bestrichenen Maske von feiner Leinwand bedeckten. In dieser Maske waren Löcher für die Nase, für die Augen und für den Mund angebracht. Eine Mütze von Seide und Silberstoff hielt sie auf der Stirne und an den Ohren fest.

Dann steckte man den Arm des Königs in eine Nachtjacke, welche sehr weich mit feiner Seide und Watte aus gefüttert war; hierauf reichte man ihm Handschuhe von so geschmeidigem Leder, dass man hätte glauben sollen, sie wären von Trikot; diese Handschuhe gingen bis an den Ellenbogen und waren innen mit einem wohlriechenden Öle bestrichen, das ihnen die Elastizität verlieh, deren Ursache man vergebens außen suchte.

Als diese Mysterien der Toilette vollendet, waren, ließ man Heinrich seine Fleischbrühe aus einer goldenen Tasse trinken; doch ehe er sie an die Lippen setzte, goß er die Hälfte in eine andere, der seinigen ganz ähnliche, Tasse und befahl, diese Hälfte Saint-Luc zu schicken und ihm eine gute Nacht zu wünschen.

Nun war die Reihe an Gott, der an diesem Abend, ohne Zweifel wegen der großen Geschäfte, ziemlich gleichgültig behandelt wurde. Heinrich verrichtete ein einziges Gebet, ohne nur seinen Rosenkranz zu berühren; dann ließ er sein mit Koriander, Benzoe und Zimmet gewärmtes Bett öffnen.

Als er sich auf seinen zahlreichen Kopfkissen bequem gelagert hatte, befahl Heinrich die ausgestreuten Blumen wegzunehmen, welche die Luft des Zimmers zu verdichten anfingen. Man öffnete die Fenster einige Sekunden, um diese zu dicke Luft zu erneuern. Hiernach brannte ein Feuer von Reben in dem marmornen Kamin rasch wie ein Meteor und erlosch wieder, sobald es seine sanfte Wärme im Zimmer verbreitet hatte.

Dann schloss der Diener die Vorhänge an den Fenstern und Türen, und ließ den großen Lieblingshund des Königs herein, welcher Narciß hieß. Mit einem Sprunge war er auf dem Bette des Königs, stampfte, drehte sich ein wenig und legte sich endlich quer zu den Füßen seines Herrn nieder.

Nun blies man die rosenfarbigen Kerzen aus, welche in den Händen eines goldenen Satyrs brannten, dämpfte das Licht der Nachtlampe, indem man einen minder starken Docht einsetzte, und der mit diesen einzelnen Geschäften beauftragte Diener ging ebenfalls auf den Fußspitzen hinaus.

Bereits ruhiger, gleichgültiger, vergesslicher, als die in ihren fetten Abteien vergrabenen müßigen Mönche seines Landes, nahm sich der König nicht mehr die Mühe, daran zu denken, dass es ein Frankreich gab.

Er schlief.

Einen Augenblick nachher sahen die Leute, welche in den Galerien wachten und von ihren verschiedenen Posten aus die Fenster des Zimmers von Heinrich unterscheiden konnten, durch die Vorhänge die königliche Lampe völlig erlöschen und die silbernen Strahlen des Mondes an den Scheiben das sanfte rosige Licht ersetzen, das sie färbte. Sie dachten folglich, der König schliefe vortrefflich.

In diesem Augenblick hörten alle Geräusche außen und innen auf, und man hätte die schweigsamste Fledermaus in den düsteren Gängen des Louvre fliegen hören können.




Sechstes Kapitel

Wie, ohne dass irgend Jemand die Ursache dieser Bekehrung wusste, der König Heinrich von einem Tag auf den anderen bekehrt wurde


So verliefen zwei Stunden.

Plötzlich erscholl ein furchtbarer Schrei. Dieser Schrei ging vom Zimmer des Königs aus.

Die Nachtlampe war indessen noch immer ausgelöscht, das Stillschweigen immer noch tief, und es ließ sich kein Geräusch vernehmen, außer diesem seltsamen Rufe des Königs: denn der König hatte gerufen.

Bald unterschied man den Lärmen eines umfallenden Gerätes, eines in Stücke zerbrechenden Porzellans und wahnsinnige Tritte im Zimmer umher. Dann erscholl neues Geschrei, vermischt mit dem Bellen von Hunden. Alsbald brannten die Lichter, die Schwerter glänzten in den Gallerten, und die plumpen, durch den Schlaf noch erschwerten Tritte der Wachen erschütterten die massigen Pfeiler.

»Zu den Waffen!« rief man von allen Seiten, »zu den Waffen! Der König ruft, laufen wir zum König.«

Und in demselben Augenblick stürzten, mit gleichem Schritte forteilend, der Kapitän der Garden, der Oberste der Schweizer, die Vertrauten des Schlosses, die Büchsenschützen vom Dienste in das königliche Zimmer, das auf der Stelle mit einer Flammenmasse sich übergoß: zwanzig Fackeln beleuchteten die Szene.

Bei dem umgestürzten Lehnstuhl und den zerbrochenen Tassen, vor dem in Unordnung gebrachten Bette, dessen Decke und Tücher Im Zimmer umher zerstreut lagen, stand Heinrich, bleich, die Haare gesträubt, die Augen starr, grotesk und furchtbar in seinem Nachtgewand anzuschauen.

Seine rechte Hand war, zitternd wie Laub im Winde, ausgestreckt.

Seine linke Hand klammerte sich krampfhaft an den Griff seines Degens an, den er maschinenmäßig gezogen hatte.

Eben so bewegt, wie sein Herr, schaute ihn der Hund, die Pfoten auseinander gestreckt an und heulte.

Der König schien stumm vor Schrecken, und diese ganze Welt, welche das Stillschweigen nicht zu brechen wagte, befragte sich mit den Augen und wartete in furchtbarer Angst.

Da erschien halb gekleidet, aber in einen weiten Mantel gehüllt, die junge Königin, Louise von Lothringen, ein blondes, sanftes Geschöpf, das das Leben einer Heiligen auf dieser Erde führte und von dem Geschrei des Königs erweckt worden war.

»Sire,« sagte sie, mehr zitternd als Jedermann, »Sire, mein Gott, was gibt es denn? … Euer Geschrei drang bis zu mir, und ich eilte herbei.«

»Es … es … es ist nichts,« antwortete der König ohne die Augen zu bewegen, welche In der Luft eine unbestimmte und für jeden Andern außer ihm unsichtbare Gestalt zu betrachten schienen.

»Aber Eure Majestät hat doch gerufen,« versetzte die Königin, »Eure Majestät ist also leidend?«

Der Schrecken war so sichtbar auf den Zügen von Heinrich ausgeprägt, dass er allmählich alle Anwesende erfasste. Man wich zurück, man ging vor, man verschlang mit den Augen die Person des Königs, um sich zu versichern, dass er nicht verwundet, nicht vom Blitze getroffen oder von einer Schlange gebissen worden wäre.

»Oh! Sire,« rief die Königin, »Sire, im Namen des Himmels, lasst uns nicht in einer solchen Angst. Wollt Ihr einen Arzt?«

»Einen Arzt,« entgegnete Heinrich mit demselben angstvollen Tone. »Nein, der Leib ist nicht krank, sondern die Seele, der Geist; nein, nein, keinen Arzt … einen Beichtiger.«

Alle schauten sich an, man befragte die Türen, die Vorhänge, den Boden, den Plafond; nirgends war die Spur des unsichtbaren Gegenstandes zurückgeblieben, der dem König einen so gewaltigen Schrecken eingejagt hatte.

Man nahm diese Forschung mit verdoppelter Neugierde vor: das Geheimnis verwickelte sich, der König verlangte seinen Beichtiger.

Sobald er dieses Verlangen ausgesprochen, schwang sich ein Bote auf sein Pferd. Tausend Funken sprangen aus dem Pflaster des Hofes vom Louvre. Fünf Minuten nachher war der Superior des Jesuitenklosters erweckt, gleichsam aus seinem Bette gerissen, und er erschien vor dem König.

Mit dem Beichtiger hat der Lärmen aufgehört, es tritt wieder Stillschweigen ein, man befragt sich, man mutmaßt, man glaubt zu erraten, hat aber vor Allem Furcht … Der König beichtet!

Am andern Morgen befiehlt der König, der sehr früh und vor allen Andern aufgestanden ist, die Türe des Louvre, welche sich nur geöffnet hat, um den Beichtiger durchzulassen, wieder zu schließen.

Dann beruft er den Schatzmeister, den Wachszieher, den Zeremonienmeister. Er nimmt sein schwarz eingebundenes Gebetbuch und liest die Gebete, unterbricht sich nur, um Heiligenbilder auszuschneiden, und befiehlt plötzlich, seine Freunde zu rufen.

Bei diesem Befehl geht man zuerst zu Saint-Luc, doch Saint-Luc leidet mehr als je. Er schmachtet, ist von Müdigkeit gefesselt, und sein Übel hat eine große Niedergeschlagenheit zur Folge; sein Schlaf oder vielmehr seine Lethargie ist so tief gewesen, dass er allein von allen Bewohnern des Palastes, obgleich ihn nur eine dünne Wand von dem König trennt, nichts von der Szene der Nacht gehört hat. Er verlangt auch, im Bette bleiben zu dürfen, wo er alle Gebete verrichten werde, die ihm der König zu sprechen befehle.

Bei dieser kläglichen Erzählung macht Heinrich das Zeichen des Kreuzes und befiehlt, ihm seinen Apotheker zu schicken.

Dann erteilt er den Auftrag, in den Louvre alle Geißeln des Klosters der Augustiner zu bringen; er geht schwarz gekleidet an Schomberg, welcher hinkt, an Épernon, der seinen Arm in der Schlinge trägt, an Quélus, der noch ganz betäubt ist, und an d'O und Maugiron, welche zittern, vorüber. Er verteilt unter sie im Vorübergehen Geißeln und empfiehlt ihnen, sich so hart, als ihre Arme schlagen könnten, zu züchtigen.

Épernon bemerkt, da er den rechten Arm in der Binde trage, so müsse er von der Zeremonie ausgenommen werden, in Betracht, dass er die Schläge, die man ihm erteile, nicht zurückgeben könne, was folglich einen Missklang in der Tonleiter der Geißelung herbeiführen müsste.

Heinrich III. antwortet ihm, seine Pönitenz werde darum Gott nur um so angenehmer sein.

Er gibt selbst das Beispiel, zieht sein Wamms und sein Hemd aus und schlägt sich wie ein Märtyrer. Chicot will nach seiner Gewohnheit lachen und spotten, doch ein furchtbarer Blick des Königs belehrt ihn, dass es hierzu nicht die Stunde ist; dann nimmt er eine Geißel wie die Andern, nur schlägt er seine Nachbarn, statt sich selbst zu peitschen, und sobald er keinen Rumpf mehr in seinem Bereiche findet, schlägt er Stücke von der Malerei der Säulen und des Tafelwerks ab.

Dieser Lärmen erheitert allmählich das Antlitz des Königs, obgleich sein Geist sichtbar stets tief erschüttert bleibt. Plötzlich verlässt der König sein Zimmer und befiehlt auf ihn zu warten. Hinter ihm hören die Geißelungen wie durch einen Zauber auf. Nur Chicot fährt fort d'O zu schlagen, den er haßt; d'O gibt es ihm nach Kräften zurück. Es ist ein Duell auf Peitschenhiebe.

Heinrich ist zur Königin gegangen. Er schenkt ihr ein Collier von Perlen im Werte von fünf und zwanzig tausend Thalern, küsst sie auf beide Wangen, was ihm seit mehr als einem Jahre nicht mehr begegnet ist, und bittet sie, ihren königlichen Schmuck abzulegen, und sich mit einem Sack zu bedecken.

Stets gut und sanft, willigt Louise von Lothringen sogleich ein. Sie fragt, warum ihr Gemahl, während er ihr ein Perlenhalsband gebe, wünsche, dass sie sich einen Sack auf die Schultern lege.

»Für meine Sünden,« antwortet Heinrich. Diese Antwort befriedigt die Königin, denn sie weiß besser als irgend Jemand, für welche ungeheure Summe von Sünden ihr Gemahl Buße zu tun hat. Sie kleidet sich nach dem Willen von Heinrich, der in sein Zimmer zurückkehrt, wohin er die Königin bescheidet.

Bei dem Anblick des Königs beginnt die Geißelung wieder. D'O und Chicot, welche nicht aufgehört haben, sind blutig. Der König lobt sie und nennt sie seine einzigen und wahren Freunde.

Nach Verlauf von zehn Minuten kommt die Königin in einen Sack gekleidet. Sogleich verteilt man Kerzen an den ganzen Hof, und trotz des abscheulichen Wetters, trotz des Schnees und Eises ziehen die schönen Höflinge, die schönen Damen und die guten Pariser, dem König und Unserer lieben Frau ergeben, nach dem Montmartre. Anfangs schnatternd, bald aber erwärmt durch die wütenden Hiebe, welche Chicot an alle Leute austeilt, die das Unglück haben, sich im Bereich seiner Geißel zu finden.

D'O hat sich für besiegt erklärt und ist in die Reihe fünfzig Schritte von Chicot getreten.

Um vier Uhr Abends ist die traurige Fahrt beendigt; die Füße des ganzen Hofes sind aufgeschwollen, die Rücken aller Höflinge geschunden; die Königin war öffentlich in einem ungeheuren Hemd von grober Leinwand erschienen, der König mit einem Rosenkranz von Totenköpfen. Tränen, Geschrei, Gebete, Weihrauch, Gesänge, Alles hatte man hören und sehen können.

Der Tag war offenbar gut gewesen.

In der Tat, Jeder litt unter der Kälte und den Streichen, um dem König Vergnügen zu machen, ohne dass irgend Jemand zu erraten vermochte, warum dieser Fürst, der zwei Tage vorher noch so gut tanzte, zwei Tage nachher sich so heftig zerfleischte.

Die Hugenotten, die Liguisten und die Freidenker sahen lachend die Prozession der Geißler vorüberziehen und sagten als wahre Entwürdiger: »Was für Leute sind das!«

Heinrich ist nüchtern mit langen, blauen und roten Striemen auf den Schultern zurückgekehrt; er hat die Königin den ganzen Tag nicht verlassen und jeden Augenblick der Ruhe, jede Station bei den Kapellen benützt, um ihr neue Einkünfte zu versprechen und Pläne für eine Pilgerfahrt mit ihr zu machen.

Des Schlagens müde und ausgehungert durch die ungewohnte Anstrengung, zu der ihn der König verurteilte, hat sich Chicot etwas oberhalb der Porte Montmartre davongestohlen und ist mit einigen Atheisten[3 - sehr ungenau, unter ihnen der Augustiner, der Bussy die Beichte abnehmen wollte.] vom Hofe in den Garten eines berühmten Wirtshauses getreten, um gewürzten Wein zu trinken und eine in den Sümpfen der Grange-Batelière geschossene Kriechente zu speisen. Bei der Rückkehr der Prozession hat er wieder seine Stelle eingenommen und ist, auf das Schönste, die Büßer und Büßerinnen schlagend und, wie er selbst sagte, vollen Ablass erteilend, in den Louvre gezogen.

Am Abend fühlte sich der König ermüdet durch sein Fasten, durch seinen Gang mit nackten Füßen und durch die wütenden Streiche, die er sich gegeben hat. Er ließ sich ein mageres Abendbrot vorsetzen, seine Schultern wärmen, ein großes Feuer anzünden, und ging zu Saint-Luc, den er munter und gestärkt fand. Seit dem vorhergehenden Abend hatte sich der König gewaltig verändert; alle seine Gedanken waren der Nichtigkeit der irdischen Dinge, der Buße und dem Tod zugewendet.

»Ah!« sagte er zu Saint-Luc mit dem tiefen Ausdrucke des Mannes, der des Lebens überdrüssig ist, »Gott hat in der Tat wohl daran getan, dass er das Dasein so bitter machte.«

»Warum dies, Sire?« fragte Saint-Luc.

»Weil der Mensch, müde dieser Welt, statt den Tod zu fürchten, sich darnach sehnt.«

»Verzeiht, Sire,« entgegnete Saint-Luc, »sprecht für Euch, denn ich sehne mich durchaus nicht nach dem Tode.«

»Höre, Saint-Luc,« versetzte der König den Kopf schüttelnd, »Du würdest wohl daran tun, meinen Rat, ich sage noch mehr, mein Beispiel zu befolgen.«

»Sehr gern, Sire, wenn dieses Beispiel mich anlächelt.«

»Ist es Dir genehm, dass wir, ich meine Krone und Du Deine Frau verlassen und in ein Kloster treten? Ich habe die Dispens von unserem heiligen Vater, dem Papst: schon morgen legen wir das Gelübde ab. Ich nenne mich Bruder Heinrich …«

»Verzeiht, Sire, verzeiht, Euch liegt wenig an Eurer Krone, die Ihr zu sehr kennt; aber mir liegt viel an meiner Frau, die ich noch nicht genug kenne. Ich willige also nicht ein.«

»Oh! oh!« rief Heinrich, »es scheint, es geht besser bei Dir.«

»Unendlich besser, Sire; ich fühle meinen Geist ruhig, mein Herz freudig. Meine Seele ist auf eine unglaubliche Weise für das Glück und das Vergnügen gestimmt.«

»Armer Saint-Luc!« sagte der König die Hände faltend.

»Sire, Ihr hättet mir dies gestern vorschlagen müssen. Gestern war ich mürrisch, verdrießlich, von Schmerzen geplagt. Ich hätte mich um nichts in einen Brunnen oder in ein Kloster gestürzt. Doch diesen Abend ist es etwas Anderes, ich habe eine gute Nacht und einen entzückenden Tag zugebracht. Und, bei Gott! es lebe die Freude!«

»Du schwörst, Saint-Luc?« sagte der König.

»Habe ich geschworen, Sire? Es ist möglich, doch Ihr schwört auch zuweilen, wie mir scheint.«

»Ich habe geschworen, Saint-Luc, doch ich werde nicht mehr schwören.«

»Ich wage dies nicht zu behaupten. Ich werde so wenig als möglich schwören; das ist das Einzige, wozu ich mich anheischig machen kann. Übrigens ist Gott gut und barmherzig gegen unsere Sünden, wenn dieselben von der menschlichen Schwachheit herrühren.«

»Du glaubst, der gute Gott werde mir vergeben?«

»Oh! ich spreche nicht für Euch, Sire, ich spreche für Euren Diener. Pest! Ihr habt gesündigt … als König … während ich als einfacher Privatmann sündigte; ich hoffe auch, der Herr wird am Tage des Gerichts zwei Gewichte und zwei Waagen haben.«

Der König stieß einen Seufzer aus, murmelte ein Confiteor und schlug sich bei dem mea culpa an die Brust.

»Saint-Luc,« sagte er endlich, »willst Du die Nacht in meinem Zimmer zubringen?«

»Je nachdem,« erwiderte Saint-Luc, »was werden wir in dem Zimmer Eurer Majestät tun?«

»Wir zünden alle Lichter an, ich lege mich nieder, und Du liest mir die Litaneien der Heiligen.«

»Ich danke, Sire.«

»Du willst also nicht?«

»Ich werde mich wohl hüten.«

»Du verlässest mich, Saint-Luc, Du verlässest mich?«

»Nein, im Gegenteil, ich verlasse Euch nicht.«

»Ah! wirklich.«

»Wenn Ihr wollt?«

»Gewiß will ich.«

»Doch unter einer Bedingung sine qua non.«

»Unter welcher?«

»Eure Majestät lässt Tische aufschlagen, Musikanten und Höflinge holen, und wir tanzen meiner Treue!«

»Saint-Luc! Saint-Luc!« rief der König im höchsten Schrecken.

»Hört, Sire, ich fühle mich heute Abend zu jedem Mutwillen aufgelegt. Wollt Ihr, Sire?«

Doch Heinrich antwortete nicht. Sein zuweilen so lebhafter und hellerer Geist verdüsterte sich immer mehr und schien gegen einen geheimen Gedanken zu kämpfen, welcher ihn beschwerte, wie ein Blei, befestigt an den Füße eines Vogels, der vergebens seine Flügel ausbreiten würde, um zu entfliehen.

»Saint-Luc,« sagte der König endlich, mit höchst kläglicher Stimme, »träumst Du zuweilen?«

»Oft, Sire.«

»Glaubst Du an Träume?«

»Aus Gründen.«

»Wie so?«

»Ah! ja, die Träume trösten über die Wirklichkeit. So habe ich diese Nacht einen herrlichen Traum gehabt.«

»Was träumtest Du?«

»Ich träumte, meine Frau …«

»Du denkst also noch an Deine Frau, Saint-Luc?«

»Mehr als je.«

»Ah!« machte der König mit einem langen Seufzer und zum Himmel empor schauend.

»Ich träumte,« fuhr Saint-Luc fort, »meine Frau habe, ihr reizendes Gesicht beibehaltend, denn sie ist hübsch, meine Frau, Sire …«

»Ach! ja,« sprach der König, »Eva war auch hübsch, Unglücklicher! und Eva hat uns Alle in das Verderben gestürzt.«

»Ah! daher rührt also Euer Ärger? Doch kommen wir auf meinen Traum zurück, Sire.«

»Ich habe auch geträumt …« sagte der König.

»Meine Frau hatte also, ihr reizendes Gesicht beibehalten, die Flügel und die Form eines Vogels angenommen, war, Pforten und Gittern trotzend, durch die Mauern des Louvre gedrungen und an meinen Scheiben erschienen, wo sie einen reizenden kleinen Schrei ausstieß, den ich gar wohl begriff; denn er sagte mir: ›Öffne, Saint-Luc, öffne mir, mein Gatte.‹

»Und Du hast geöffnet?« fragte der König beinahe in Verzweiflung.

»Ich glaube wohl,« rief Saint-Luc, »und zwar mit dem größten Eifer.«

»Weltkind!«

»Weltkind, so lang Ihr wollt, Sire.«

»Und Du bist dann erwacht?«

»Nein, Sire, ich hütete mich wohl, der Traum war zu reizend.«

«Und Du träumtest fort?«

»So viel ich konnte, Sire.«

»Und Du hoffst diese Nacht …«

»Abermals zu träumen. Ja, möge es Eurer Majestät nicht missfallen, aber ich habe deshalb das verbindliche Anerbieten, das Ihr mir gemacht, das Anerbieten, Euch die Litaneien zu lesen, ausgeschlagen. Wenn ich wache, Sire, so will ich wenigstens ein Äquivalent für meinen Traum finden. Beliebt es also Eurer Majestät, wie ich Ihr gesagt habe, Tische aufschlagen, Musikanten holen zu lassen …«

»Genug, Saint-Luc, genug,« sprach der König aufstehend. »Du stürzest Dich in das Verderben und würdest mich mit Dir zu Grunde richten, wenn ich länger hier bliebe. Gott befohlen, Saint-Luc, ich hoffe, der Himmel wird Dir statt des versuchenden Traumes irgend einen heilsamen Traum schicken, der Dich veranlasst, morgen meine Buße zu teilen und uns in Gesellschaft zu retten.«

»Ich zweifle daran, Sire, und bin meiner Sache sogar so gewiss, dass ich Eurer Majestät, wenn es mir erlaubt wäre, raten würde, den Freidenker Saint-Luc, der völlig entschlossen ist, unbußfertig zu sterben, noch diesen Abend vor die Türe des Louvre zu setzen.«

»Nein, nein, ich hoffe, die Gnade wird Dich zwischen heute und morgen berühren, wie sie mich berührt hat. Guten Abend, Saint-Luc, ich werde für Dich beten.«

»Guten Abend, Sire, ich werde für Euch träumen.«

Und Saint-Luc begann die erste Strophe eines mehr als leichtfertigen Liedes, das der König in seinen Augenblicken guter Laune zu singen pflegte, was den Rückzug des Königs noch beschleunigte, denn dieser schloss rasch die Türe, kehrte in sein Zimmer zurück und murmelte die Worte: »Herr, mein Gott, Dein Zorn ist billig und gerecht, denn die Welt wird immer schlimmer.«




Siebentes Kapitel

Wie der König Furcht hatte, Furcht zu haben, und wie Chicot Furcht hatte, Furcht zu haben


Als der König Saint-Luc verließ, fand er seinen ganzen Hof seinen Befehlen gemäß in der großen Gallerie versammelt.

Er verteilte einige Gunstbezeugungen unter seine Freunde, schickte d'O, Épernon und Schomberg in die Provinz, bedrohte Maugiron und Quélus, ihnen den Prozess machen zu lassen, wenn sie neue Streitigkeiten mit Bussy hätten, reichte diesem seine Hand zum Kusse und hielt lange seinen Bruder Franz an sein Herz gepresst.

Gegen die Königin zeigte er sich so verschwenderisch in freundschaftlichen Äußerungen und Lobeserhebungen, dass die Anwesenden darin die günstigsten Vorzeichen für die Thronfolge Frankreichs erblickten. Mittlerweile nahte die gewöhnliche Stunde zum Schlafengehen, und man konnte leicht sehen, dass der König diese Stunde so viel als möglich verzögerte; endlich schlug die Uhr des Louvre zehnmal; Heinrich warf einen langen Blick im Gemache umher; er schien unter allen seinen Freunden denjenigen zu wählen, welchem er die Funktion des Vorlesens übergeben würde, die Saint-Luc ausgeschlagen hatte.

Chicot schaute ihm zu und sprach plötzlich mit seiner gewohnten Keckheit:

»Höre, Du machst mir diesen Abend gar freundliche Augen, Heinrich. Solltest Du zufällig eine gute Abtei mit zehntausend Livres Rente anzubringen suchen? Teufel! welch ein Beter würde ich werden. Gib, mein Sohn, gib.«

»Kommt mit mir, Chicot,« sagte der König. »Gute Nacht, meine Herren, ich will mich schlafen legen.«

Chicot wandte sich gegen die Höflinge um, zog seinen Schnurrbart in die Höhe, machte freundliche Augen und sagte mit einer äußerst anmutigen Wendung, die Stimme des Königs parodierend:

»Gute Nacht, meine Herren, gute Nacht, wir wollen uns schlafen legen.«

Die Höflinge bissen sich in die Lippen, der König errötete.

»Holla! meinen Barbier,« rief Chicot, »meinen Kammerdiener, und besonders meine Creme.«

«Nein,« sprach der König, »ich brauche heute nichts von Allem dem; wir treten in die Fasten ein, und ich bin in der Buße.«

»Ich beklage die Creme,« sagte Chicot.

Der König und der Narr kehrten in das uns bekannte Zimmer zurück.

»Ah! ah! Heinrich,« rief Chicot, »ich bin also Dein Liebling? Ich bin Dein Unerlässlicher? Ich bin Dein sehr Schöner, schöner als dieser Cupido von einem Quélus?«

»Stille, Narr,« sprach der König, »und Ihr, meine Herren von der Toilette, geht hinaus.«

Die Diener gehorchten; die Türe schloss sich wieder. Heinrich und Chicot blieben allein. Chicot schaute Heinrich mit einem gewissen Erstaunen an.

»Warum schickst Du sie weg?« fragte der Narr. »Sie haben uns noch nicht eingesalbt. Gedenkst Du mich mit Deiner königlichen Hand einzusalben? Bei Gott! das ist eine Buße, wie jede andere.«

Heinrich antwortete nicht. Jedermann hatte das Zimmer verlassen, und die zwei Könige, der Narr und der Weise, schauten sich an.

»Beten wir,« sprach Heinrich.

»Ich danke,« rief Chicot, »das ist nicht unterhaltend genug. Wenn Du mich deshalb hast kommen lassen, so will ich lieber in die schlechte Gesellschaft, in der ich war, zurückkehren. Gott befohlen, mein Sohn, gute Nacht.«

»Bleibt,« sprach der König.

»Oh! oh!« sagte Chicot sich aufrichtend, »das artet in Tyrannei aus! Du bist ein Despot, ein Phalaris, ein Dionys. Ich langweile mich hier; den ganzen Tag hast Du mich die Schultern meiner Freunde mit Farrenschwänzen zerfleischen lassen, und nun bekommt es ganz das Ansehen, als ob wir diesen Abend wieder anfangen wollten. Pest! fangen wir nicht wieder an. Heinrich, wir sind nur zu zwei, und unter Zweien trifft jeder Schlag.«

»Schweigt, elender Schwätzer,« rief der König, »denkt an Eure Reue.«

»Gut! sind wir hieran? Ich bereuen! Und was soll ich bereuen? dass ich mich zum Narren eines Mönches gemacht habe? Confiteor … Ich bereue; mea culpa, Es ist meine Schuld, es ist meine größte Schuld!«

»Keine Gotteslästerung, Unglücklicher! keine Gotteslästerung,« sprach der König.

»Ah! ich möchte lieber in dem Gefängnis der Löwen oder im Käfig der Affen, als in dem Zimmer eines wahnwitzigen Königs eingeschlossen sein. Lebe wohl, ich gehe.«

Der König nahm den Schlüssel von der Türe.

»Heinrich,« sprach Chicot, »ich sage Dir, Du hast ein unseliges Aussehen, und wenn Du mich nicht gehen lässt, so rufe ich, so schreie ich, so zertrümmere ich die Türe, so zerbreche ich das Fenster. Ah! ah! Ah!«

»Chicot,« erwiderte der König. »Chicot, mein Freund, Du missbrauchst meine Traurigkeit.«

»Ah! ich begreife, Du hast Furcht, allein zu sein. So sind die Tyrannen. Lass Dir zwölf Zimmer machen wie Dionys, oder zwölf Paläste wie Tiber. Mittlerweile nimm meinen langen Degen und erlaube mir, die Scheide in mein Zimmer zu tragen.«

Bei dem Worte Furcht schoss ein Blitz aus den Augen von Heinrich; dann erhob er sich mit einem seltsamen Schauer und durchlief das Zimmer.

Es herrschte eine solche Aufregung in dem ganzen Körper von Heinrich, es verbreitete sich eine solche Blässe über sein Gesicht, dass Chicot zu glauben anfing, der König wäre wirklich krank, und, nachdem er ihn mehrere Male im Zimmer hatte auf und abgehen sehen, zu ihm sagte:

»Sprich, mein Sohn, was hast Du? Erzähle Deine Schmerzen Deinem Freunde Chicot.«

Der König blieb vor dem Narren stehen und erwiderte ihn anschauend:

»Ja, Du bist mein Freund, mein einziger Freund.«

»Die Abtei von Balencey ist erledigt,« versetzte Chicot.

»Höre Chicot, nicht wahr, Du bist verschwiegen?«

»Ebenso die von Pithiviers, wo man so gute Lerchenpasteten isst.«

»Du bist ein Mensch von Herz, trotz Deiner Narrheiten,« fuhr der König fort.

»Dann gib mir keine Abtei, sondern ein Regiment.«

»Und Du bist sogar ein Mann von gutem Rate.«

»Dann gib mir kein Regiment, sondern mache mich zum Rat. Ah! nein, wenn ich bedenke … ich will lieber ein Regiment oder eine Abtei. Ich will nicht Rat werden, denn ich wäre genötigt, stets der Ansicht des Königs zu sein.«

»Schweigt, schweigt, Chicot, die schreckliche Stunde naht.«

»Ah! es fasst Dich wieder.«

»Ihr werdet sehen, Ihr werdet hören.«

»Was sehen? wen hören?«

»Wartet, und das Ereignis selbst wird Euch die Dinge lehren, die Ihr wissen wollt, wartet.«

»Nein, nein, ich warte nicht; doch welcher wütende Hund hat Deinen Vater und Deine Mutter in der Nacht gebissen, wo sie den unseligen Gedanken hatten, Dich zu zeugen?«

»Chicot, Du bist mutig?«

»Ich rühme mich dessen, aber, den Teufel! ich stelle meinen Mut nicht so auf die Probe! Wenn der König von Frankreich und Polen in der Nacht dergestalt im Louvre schreit, dass Skandal dadurch entsteht, so bin ich ein gebrechliches Wesen und muss notwendig Deine Wohnung entehren. Gute Nacht, Heinrich. Rufe Deine Kapitäne der Garden, Deine Schweizer, Deine Türhüter und lass mich hinaus ins Freie. Pfui, über die unsichtbare Gefahr, pfui, über die Gefahr, die ich nicht kenne!«

»Ich befehle Dir, zu bleiben,« sprach der König mit gebieterischem Tone.

»Ein lustiger Herr, der der Furcht befehlen will. Ich habe Furcht. Ich habe Furcht, sage ich Dir, Hilfe! Feuer!«

Und bei diesem Rufe stieg Chicot, ohne Zweifel um die Gefahr zu beherrschen, auf den Tisch.

»Nun wohl, Bursche,« sagte der König, »da es sein muss, um Dich zum Schweigen zu bringen, so will ich Dir Alles erzählen.«

»Ah! ah!« versetzte Chicot, während er vorsichtig vom Tisch herabstieg und seinen ungeheuren Degen zog. »Weiß ich einmal, wie die Sache sich verhält, so ist es gut; wir wollen darauf losgehen. Erzähle, erzähle, mein Sohn. Es scheint, es ist irgend ein Krokodil! der Teufel, die Klinge ist gut, denn ich bediene mich derselben, um jede Woche meine Hörner damit zu beschneiden, und meine Hörner sind hart. Du sagtest also, Heinrich, es sei ein Krokodil.«

Hiernach setzte sich Chicot bequem in einen großen Lehnstuhl und steckte seinen bloßen Degen zwischen seine Schenkel, wie die Schlangen, ein Symbol des Friedens, den Stab des Mercurs umschlingen.

«In der vergangenen Nacht,« sagte Heinrich, »schlief ich…«

»Ich auch.«

»Plötzlich strömt ein Hauch über mein Gesicht hin.«

»Das Tier hatte Hunger und leckte Dein Fett ab.«

»Ich wache halb auf und fühle, wie mein Bart sich vor Schrecken unter der Maske sträubt.«

»Ah! Du bereitest mir einen köstlichen Schauer,« sprach Chicot, sich in seinem Fauteuil zusammenwickelnd und sein Kinn auf seinen Degenknopf stützend.

»Da geschah es,« sagte der König mit einem so schwachen Tone und so zitternd, dass der Klang seiner Worte kaum bis zu dem Ohre von Chicot gelangte, »da geschah es, dass eine Stimme im Zimmer mit so schmerzhaftem Ausdrucke erscholl, dass mein ganzes Gehirn dadurch erschüttert wurde.«

»Ja, die Stimme des Krokodils. Ich habe in dem Werke des Reisenden Marco Polo gelesen, das Krokodil habe eine furchtbare Stimme, mit der es das Geschrei der Kinder nachahme; doch beruhige Dich, mein Sohn, wenn es kommt, so töten wir es.«

»Höre mich wohl.«

»Bei Gott! ich höre,« sagte Chicot, sich wie durch eine Feder abspannend, »ich bin so unbeweglich wie ein Baumstamm und so stumm wie ein Karpfe.«

Heinrich fuhr mit einem immer düstereren, immer traurigeren, immer kläglicheren Tone fort:

›Elender Sünder,‹ sprach die Stimme …

»Bah!« unterbrach ihn Chicot, »die Stimme sprach; es war folglich kein Krokodil?«

›Elender Sünder,‹ sprach die Stimme, ›ich bin die Stimme Deines Herrn und Gottes.‹

Chicot machte einen Sprung und kauerte sich wieder rasch in seinem Stuhle zusammen.

»Die Stimme Gottes?« sagte er.

»Ah! Chicot,« rief Heinrich, »es ist eine furchtbare Stimme.«

»Ist es eine schöne Stimme und gleicht sie, wie die Schrift sagt, dem Klang der Trompete?«

›Hörst Du mich?‹ fuhr die Stimme fort, ›hörst Du mich, verhärteter Sünder, bist Du entschlossen, in Deinen Missetaten und in Deiner Schlechtigkeit zu verharren?‹

»Ah! wahrhaftig, wirklich?« rief Chicot, »die Stimme Gottes gleicht ungemein der Deines Volkes, wie mir scheint.«

»Dann folgten tausend andere Vorwürfe, welche, ich beteure es Dir, sehr grausam für mich waren.«

»Fahre ein wenig fort, mein Sohn,« sprach Chicot, »erzähle mir ein wenig, was die Stimme sagte, damit ich weiß, ob Gott gut unterrichtet war.«

»Ruchloser!« rief der König, »wenn Du daran zweifelst, so lasse ich Dich bestrafen.«

»Ich zweifle nicht daran; ich wundere mich nur, dass Gott bis heute gewartet hat, um Dir diese Vorwürfe zu machen. Er ist seid der Sündfluth sehr geduldig geworden. Du hast also eine furchtbare Angst gehabt, mein Sohn?«

»Oh! ja.«

»Es war Grund vorhanden.«

»Der Schweiß lief an meinen Schläfen herab und das Mark erstarrte in meinen Knochen.«

»Wie im Jeremias, das ist ganz natürlich; bei meinem adeligen Ehrenwort, ich weiß nicht, was ich an Deiner Stelle getan hätte; und dann hast Du gerufen?«

»Ja.«

»Und man ist gekommen?«

»Ja.«

»Und man hat genau gesucht?«

»Überall.«

»Und keinen guten Gott gefunden?«

»Alles war verschwunden.«

»Bei König Heinrich anzufangen. Das ist furchtbar.«

»So furchtbar, dass ich meinen Beichtvater berief.«

»Ah! Gut! und er lief herbei?«

»Auf der Stelle.«

»Lass ein wenig sehen. Sei offenherzig, mein Sohn. Sei gegen Deine Gewohnheit wahr und aufrichtig. Was denkt Dein Beichtvater von dieser Geschichte?«

»Er hat gebebt.«

»Ich glaube es wohl.«

»Er hat sich bekreuzt und mir befohlen, Buße zu tun, wie es mir Gott vorgeschrieben.«

»Sehr gut! es ist nie etwas Schlimmes um die Buße. Doch was hat er über das Gesicht selbst, oder vielmehr über das Gehörte gesagt?«

»Es wäre ein Werk der Vorsehung; es wäre ein Wunder, und ich müsste an das Heil des Staates denken. Ich habe auch diesen Morgen …«

»Was hast Du diesen Morgen getan, mein Sohn?«

»Ich habe den Jesuiten hundert tausend Livres geschenkt.«

»Sehr gut!«

»Und meine Haut und die meiner jungen Edelleute mit Geißelhieben zerhackt.«

»Vortrefflich! doch hernach?«

»Nun hernach … was denkst Du, Chicot? Ich spreche nicht mit dem Spötter, sondern mit dem kaltblütigen Manne, mit dem Freunde.«

»Ah! Sire,« erwiderte Chicot mit ernstem Gesicht, »ich denke, der Alp hat Eure Majestät gedrückt.«

»Du glaubst?«

»Eure Majestät hat einen Traum gehabt, der sich nicht erneuern wird, wenn Eure Majestät sich den Geist nicht zu sehr zermartert.«

»Einen Traum?« versetzte Heinrich den Kopf schüttelnd. »Nein, nein, ich war ganz wach, dafür stehe ich Dir, Chicot.«

»Du schliefst, Heinrich.«

»Ich schlief so wenig, dass ich meine Augen weit offen hatte.«

»So schlafe ich, Sire.«

»Ja, doch ich sah mit meinen Augen, was nicht geschieht, wenn man wirklich schläft.«

»Und was sahst Du?«

»Ich sah den Mond an den Scheiben meines Zimmers und erblickte den Amethyst, der da, wo Ihr seid, Chicot, an meinem Degen in einem düsteren Lichte erglänzte.«

»Und was war aus der Lampe geworden?«

»Sie war erloschen.«

»Traum, lieber Sohn, ein reiner Traum.«

»Warum glaubst Du nicht, Chicot? Ist es nicht gesagt, dass der Herr mit den Königen spricht, wenn er eine große Veränderung auf der Erde bewirken will?«

»Ja, er spricht mit ihnen, das ist wahr, doch so leise, dass sie es nie hören.«

»Aber was macht Dich denn so ungläubig?«

»Dass Du so gut gehört hast.«

»Begreifst Du nun, warum ich Dich hier bleiben ließ?«

»Bei Gott!« rief Chicot.

»Damit Du selbst hörst, was die Stimme sagen wird.«

»Wenn ich wiederhole, was ich gehört habe, so wird man denken, es sei irgend ein Scherz. Chicot ist so nichtig, so unbedeutend, so närrisch, dass es Niemand glauben wird, wenn ich es auch Jedermann sage.«

»Warum ist nicht vielmehr anzunehmen, mein Freund, ich entdecke Eurer wohlbekannten Treue dieses Geheimnis?« versetzte der König.

»Ah! lüge nicht, Heinrich, denn wenn die Stimme kommt, so wird sie Dir auch diese Lüge vorwerfen, und Du hast schon genug an Deinen andern Sünden. Aber gleichviel! ich nehme den Vorschlag an. Es ist mir nicht unangenehm, die Stimme des Herrn zu hören, sie wird mir vielleicht auch etwas sagen.«

»Nun, was ist zu tun?«

»Du musst Dich niederlegen, mein Sohn.«

»Aber, wenn im Gegenteil …«

»Kein aber.«

»Jedoch …«

»Glaubst Du zufällig, Du werdest die Stimme Gottes verhindern, zu sprechen, weil Du aufbleibst? Ein König überragt die andern Menschen nur um die Höhe der Krone, und wenn er baarhaupt ist, glaube mir, so ist er von demselben Wuchse und zuweilen noch kleiner, als sie.«

»Wohl, Du bleibst?«

»Es ist abgemacht.«

»So will ich mich niederlegen.«

»Gut!«

»Doch Du legst Dich nicht schlafen?«

»Ich werde mich wohl hüten.«

»Ich ziehe nur mein Wamms aus.«

»Nach Deinem Belieben.«

»Ich behalte meine Beinkleider an.«

»Eine gute Vorsichtsmaßregel.«

»Und Du?«

»Ich bleibe, wo ich bin.«

»Und Du wirst nicht schlafen?«

»Dafür kann ich nicht stehen; der Schlaf ist wie die Furcht, mein Sohn, eine von dem Willen unabhängige Sache.«

»Du wirst wenigstens tun, was Du kannst!«

»Sei unbesorgt, ich will mich kneifen; überdies wird mich die Stimme erwecken.«

»Scherze nicht mit der Stimme,« sprach Heinrich, der bereits ein Bein im Bette hatte und es zurückzog.

»Vorwärts! soll ich Dich schlafen legen?«

Der König stieß einen Seufzer aus und schlüpfte, nachdem er in großer Unruhe alle Winkel und Ecken des Zimmers mit dem Blicke durch späht hatte, ganz zitternd in sein Bett.

»Gut, nun ist es an mir,« sagte Chicot. Und er streckte sich in seinem Lehnstuhl aus, und ordnete rings um sich her und unter sich Kissen und Polster.

»Wie befindet Ihr Euch, Sire?«

»Nicht schlecht,« sprach der König, »und Du?«

»Sehr wohl; gute Nacht, Heinrich.«

»Gute Nacht, Chicot; doch schlafe nicht ein.«

»Teufel! ich werde mich wohl hüten,« erwiderte Chicot gähnend, dass er sich den Kiefer beinahe ausrenkte.

Beide schlossen die Augen, der König, um sich zu stellen, als schliefe er, Chicot, um wirklich zu schlafen.




Achtes Kapitel

Wie sich die Stimme des Herrn täuschte und zu Chicot sprach, während sie zu dem König zu sprechen glaubte


Der König und Chicot blieben ungefähr zehn Minuten lang unbeweglich und still. Plötzlich erhob sich der König und setzte sich in seinem Bette auf.

Durch die Bewegung und das Geräusch der süßen Ermattung entzogen, welche dem Schlummer vorhergeht, tat Chicot dasselbe.

Beide schauten sich mit flammenden Augen an.

»Was?« fragte Chicot mit leiser Stimme.

»Der Hauch,« sagte der König noch leiser, »der Hauch!«

In demselben Augenblick erlosch eine von den Kerzen, die der Satyr in der Hand hielt; dann eine zweite, dann eine dritte, und endlich die letzte.

»Oh! oh!« sagte Chicot, »welch ein Hauch!«

Chicot hatte die letzte Silbe dieser Worte nicht so bald gesprochen, als die Lampe ebenfalls erlosch und das Gemach nur durch den letzten Schimmer des Herdes beleuchtet blieb.

»Aufgepasst!« sagte Chicot, sich völlig erhebend.

»Er wird sprechen,« versetzte der König sich in seinem Bette krümmend, »er wird sprechen.«

»So höre,« flüsterte Chicot.

In demselben Augenblick hörte man wirklich eine hohle und in Zwischenräumen pfeifende Stimme im Bettgange sagen:

»Verhärteter Sünder, bist Du da?«

»Ja, ja, Herr,« antwortete Heinrich, dessen Zähne vor Angst klapperten.

»Oh! oh!« sagte Chicot, »diese Stimme, welche vom Himmel kommen soll, ist sehr heiser! Gleichviel, das ist furchtbar.«

»Hörst Du mich?« fragte die Stimme.

»Ja, Herr,« stammelte Heinrich, »und ich höre gebeugt unter Deinem Zorn.«

»Glaubst Du mir dadurch gehorcht zu haben,« fuhr die Stimme fort, »dass Du alle die äußeren Mummereien gemacht hast, die Du heute machtest, ohne dass der Grund Deines Herzens ernstlich berührt wurde?«

»Gut gesagt,« rief Chicot, »oh, gut getroffen!«

Die Hände des Königs schlugen an einander, während er sie falten wollte; Chicot näherte sich ihm.

»Nun!« murmelte Heinrich, »glaubst Du jetzt, Unglücklicher?«

»Warte,« flüsterte Chicot.

»Was willst Du?«

»Stille doch! Höre: schlüpfe ganz sachte aus Deinem Bett und lass mich an Deine Stelle.«

»Warum dies?«

»Damit der Zorn des Herrn zuerst auf mich fällt.«

»Denkst Du, er werde mich verschonen?«

»Versuchen wir es immerhin.«

Und mit einer liebevollen Zudringlichkeit stieß er den König ganz sachte aus dem Bett und legte sich an seine Stelle. Dann sagte er leise:

»Nun setze Dich auf meinen Stuhl und lass mich machen.«

Der König gehorchte; er fing an zu erraten.

»Du antwortest nicht,« sprach die Stimme, »ein Beweis, dass Du in der Sünde verhärtet bist.«

»Oh! Gnade, Gnade, Herr,« sagte Chicot, näselnd wie der König.

Dann sich gegen Heinrich ausstreckend:

»Das ist komisch, begreifst Du, mein Sohn, der gute Gott erkennt Chicot nicht.«

«Potz tausend!« flüsterte der König, »was soll das bedeuten?«

»Warte, warte, Du wirst noch ganz andere Dinge sehen.«

»Unglücklicher!« sprach die Stimme.

»Ja, Herr, ja,« antwortete Chicot, »ja, ich bin ein verhärteter Sünder, ein furchtbarer Sünder.«

»So erkenne Deine Verbrechen und bereue sie.«

«Ich erkenne,« sagte Chicot, »ich erkenne, dass ich ein großer Verräter gegen meinen Vetter Condé gewesen bin, dessen Frau ich verführt habe, und bereue es.«

»Aber was sagst Du denn da?« murmelte der König, »willst Du wohl schweigen! Es ist schon lange nicht mehr hiervon die Rede.«

»Ah! wirklich,« versetzte Chicot, »gehen wir zu etwas Anderem über.«

»Sprich,« sagte die Stimme.

»Ich erkenne,« fuhr der falsche Heinrich fort, »ich erkenne, dass ich ein großer Dieb gegen die Polen gewesen bin, die mich zum König gewählt hatten; ich verließ sie in einer schönen Nacht und nahm alle Diamanten der Krone mit, und das bereue ich.«

»Ah! verfluchter Kerl!« sagte Heinrich, »woran erinnerst Du da? das ist vergessen.«

»Ich muss ihn zu täuschen fortfahren,« versetzte Chicot. »Lass mich machen.«

»Sprich,« sagte die Stimme.

»Ich erkenne,« fuhr Chicot fort, »dass ich den Thron meinem Bruder Alençon geraubt habe, dem er von Rechts wegen zukam, denn ich leistete förmlich darauf Verzicht, als ich den Thron von Polen annahm, und das bereue ich.«

»Schelm!« flüsterte der König.

»Das ist es immer noch nicht,« sprach die Stimme.

»Ich erkenne, dass ich im Einverständnis mit meiner guten Mutter Catharina von Medicis meinen Schwager, den König von Navarra, nachdem ich alle seine Freunde, und meine Schwester, die Königin Margarethe, nachdem ich alle ihre Liebhaber umgebracht, aus Frankreich vertrieben habe, worüber ich eine aufrichtige Reue fühle.«

»Ah! Schuft, der Du bist,« murmelte der König, die Zähne vor Zorn zusammenpressend.

»Sire, beleidigen wir Gott nicht dadurch, dass wir ihm zu verbergen suchen, was er so gut weiß, als wir.«

»Es handelt sich nicht um Politik,« fuhr die Stimme fort.

»Ah! sind wir so weit,« sprach Chicot mit einem kläglichen Tone. »Es handelt sich um meine Sitten, nicht wahr?«

»Ganz richtig,« sagte die Stimme.

»Mein Gott, es ist wahr,« antwortete Chicot, immer im Namen des Königs sprechend. »Ich bin sehr weibisch, sehr träg, sehr weichlich und sehr heuchlerisch.«

»Ganz richtig,« wiederholte die Stimme mit ihrem hohlen Tone.

»Ich habe die Frauen misshandelt, besonders die meinige, eine so würdige Frau.«

»Man muss seine Frau lieben, wie sich selbst, und sie allen Dingen vorziehen,« sprach die wütende Stimme.

»Ah!« rief Chicot mit verzweiflungsvollem Tone, »dann habe ich viel gesündigt.«

»Und Du hast die Andern zur Sünde verleitet, indem Du ihnen das Beispiel gabst.«

»Das ist wahr, das ist abermals wahr.«

»Du hast den armen Saint-Luc beinahe in Verdammnis gebracht.«

»Bah!« erwiderte Chicot, »mein Gott, weißt Du gewiss, dass ich ihn nicht völlig in Verdammnis gebracht habe?«

»Nein, aber es könnte ihm wohl begegnen und Dir auch, wenn Du ihn nicht spätestens morgen früh zu seiner Familie zurückschickst.«

»Ah! Ah!« sagte Chicot zu dem König, »die Stimme scheint mir mit der Familie Cossé befreundet.«

»Und wenn Du ihn nicht zum Herzog und seine Frau zur Herzogin machst,« fuhr die Stimme fort, »um ihn für die Tage seiner vorzeitigen Witwerschaft zu entschädigen.«

»Und wenn ich nicht gehorche?« entgegnete Chicot, indem er in seine Stimme eine Ahnung von Widerstand einfließen ließ.

»Wenn Du nicht gehorchst,« antwortete die Stimme, sich auf eine furchtbare Weise verstärkend, »wenn Du nicht gehorchst, so wirst Du die ganze Ewigkeit hindurch in dem großen Kessel braten, in welchem Dich Sardanapal, Nebukadnezar und der Marschall Retz erwarten.«

Heinrich III. stieß einen Seufzer aus. Die Furcht fasste ihn bei dieser Drohung noch grausamer als zuvor.

»Pest!« flüsterte Chicot, »bemerkst Du, Heinrich, wie der Himmel sich für Saint-Luc interessiert? Man sollte beim Teufel glauben, er habe den guten Gott in seinem Ärmel.«

Aber Heinrich hörte die Scherze von Chicot nicht, oder wenn er sie hörte, so vermochten sie ihn nicht zu beruhigen.

»Ich bin verloren,« sagte er ganz bestürzt, »ich bin verloren! und diese Stimme von oben bringt mich um.«

»Stimme von oben!« entgegnete Chicot, »ah! diesmal täuschest Du Dich; höchstens Stimme von der Seite.«

»Wie! Stimme von der Seite?« fragte Heinrich.

»Ja wohl, hörst Du denn nicht, mein Sohn, dass die Stimme von jener Wand kommt? Heinrich, der gute Gott wohnt im Louvre. Wahrscheinlich reist er wie Kaiser Karl V. durch Frankreich, um in die Hölle hinabzusteigen.«

»Atheist! Gotteslästerer!«

»Das ist ehrenvoll für Dich, Heinrich, und ich mache Dir mein Kompliment. Doch ich muss gestehen, ich finde Dich sehr kalt gegen die Ehre, die Du empfängst. Wie! der gute Gott ist im Louvre und nur durch einen Verschlag von Dir getrennt, und Du stattest ihm nicht einen Besuch ab? Auf, Valois, daran erkenne ich Dich nicht, Du bist nicht höflich.«

In diesem Augenblick entzündete sich ein in einer Ecke des Kamins verlorener Ast und beleuchtete, einen Schimmer in das Gemach werfend, das Gesicht von Chicot.

Dieses Gesicht hatte einen solchen Ausdruck von Heiterkeit und Spott, dass der König darüber erstaunte.

»Wie!« sagte er, »Du hast das Herz, zu spotten, Du wagst es …«

»Ja wohl, wage ich es,« antwortete Chicot, »und Du wirst es sogleich selbst wagen, oder der Teufel soll mich holen! Doch sei vernünftig, mein Sohn, und thue, was ich Dir sage.«

»Ich soll sehen …«

»Ob der gute Gott wirklich in dem Zimmer neben an ist.«

»Doch wenn die Stimme abermals spricht?«

»Bin ich nicht da, um zu antworten? Es ist sogar gut, wenn ich in Deinem Namen zu sprechen fortfahre, denn das wird die Stimme, welche mich für Dich hält, glauben machen, Du seist immer noch da; sie ist schön leichtgläubig, die göttliche Stimme, und erkennt nicht einmal ihre Leute. Wie? seit einer Viertelstunde schreie ich, und sie hat mich noch nicht erkannt? Das ist demütigend für einen Geist.«

Heinrich runzelte die Stirne. Chicot hatte so viel gesagt, dass seine unfaßliche Leichtgläubigkeit wankend wurde.

»Ich glaube, Du hast Recht, Chicot,« sprach der König, »und ich habe große Lust …«

»Gehe doch,« versetzte Chicot ihn vorwärts treibend. Heinrich öffnete sachte die Türe des Ganges, der in das anstoßende Zimmer führte, welches, wie man sich erinnert, das ehemalige Zimmer der Amme von Karl IX. und in diesem Augenblick von Saint-Luc bewohnt war. Doch er hatte nicht sobald vier Schritte im Gange getan, als er die Stimme ihre Vorwürfe verdoppeln hörte. Chicot antwortete durch die kläglichsten Ausrufungen.

»Ja,« sprach die Stimme, »Du bist unbeständig wie eine Frau, weichlich wie ein Sybarite, verdorben wie ein Heide.«

»Wehe! wehe!« winselte Chicot. »Ist es mein Fehler, großer Gott, dass Du meine Haut so zart, meine Hände so weiß, meine Nase so fein, meinen Geist so veränderlich gemacht hast? Doch nun ist es vorbei, mein Gott, von heute an will ich nur noch Hemden von grober Leinwand tragen. Ich will mich in einen Düngerhaufen begraben wie Hiob und Kuhmist essen wie Ezechiel.«

Heinrich ging indessen immer weiter und bemerkte mit Verwunderung, dass in demselben Grade, in welchem die Stimme von Chicot abnahm, die Stimme seines Gegenredners stärker wurde, und dass diese Stimme wirklich aus dem Zimmer von Saint-Luc zu kommen schien.

Heinrich wollte eben an die Türe klopfen, als er einen Lichtstrahl durch das weite Loch des ziselierten Schlosses dringen sah.

Er bückte sich bis zu dem Schloss und schaute hinein.

Plötzlich wurde Heinrich, der sehr bleich war, rot vor Zorn; er erhob sich und rieb seine Augen, als wollte er besser das sehen, was er nicht glauben konnte, obgleich er es sah.

»Gottes Tod!« murmelte er, »ist es möglich, dass man mich so zu verhöhnen gewagt hat?«

Man vernehme, was der König durch das Schlüsselloch erblickte:

In einer Ecke dieses Zimmers stand Saint-Luc in seidenen Beinkleidern und in einem Schlafrock und sprach in ein Rohr die bedrohlichen Worte, die der König für göttliche Worte hielt; an seiner Seite und auf seine Schulter gestützt gewahrte Heinrich eine junge Frau in weißem, durchsichtigem Gewand, welche von Zeit zu Zeit das Rohr aus seinen Händen riss und, ihre Stimme tiefer machend, alle närrischen Einfälle, welche zuerst in ihren boshaften Augen und auf ihren lachenden Lippen sichtbar waren, hineinblies. So oft das Manoeuvre des Sprachrohrs wiederholt wurde, entstand eine tolle Freude, während Chicot wehklagte und weinte, um an den König glauben zu machen; die Nachahmung war so vollkommen und das Näseln so natürlich, dass er sich selbst von diesem Gange aus wehklagen und weinen hörte.

»Jeanne von Cossé in dem Zimmer von Saint-Luc, ein Loch in der Wand, mir eine Mystifikation!« murrte Heinrich. »Oh! die Elenden! sie sollen es mir teuer bezahlen.«

Und auf eine Phrase, welche noch beleidigender war, als die vorhergehenden, und von Frau von Saint-Luc in das Sprachrohr geblasen wurde, wich Heinrich einen Schritt zurück und stieß mit einem für einen weibischen Menschen sehr männlichen Fußtritt die Türe ein, deren Angeln sich halb aus der Wand lösten, während das Schloss völlig absprang. Halb nackt, verbarg sich Jeanne mit einem furchtbaren Schrei hinter den Vorhängen, in welche sie sich den Kopf verbergend einhüllte. Das Sprachrohr in der Hand, bleich vor Schrecken, stürzte Saint-Luc vor dem zornigen König auf die Knie nieder.

»Ah!« rief Chicot aus dem königlichen Zimmer, »ah, Barmherzigkeit! Ich beschwöre die Jungfrau Maria und alle Heilige … ich werde ohnmächtig, ich sterbe.«

Doch in dem Zimmer nebenan hatte noch keine von den handelnden Personen der von uns erzählten burlesken Szene die Kraft gewonnen, um zu sprechen, so rasch war eine dramatische Wendung eingetreten. Heinrich brach das Stillschweigen durch ein Wort und diese Unbeweglichkeit durch eine Gebärde.

»Hinaus!« sagte er den Arm ausstreckend. Und einer Bewegung von Wut nachgebend, welche eines Königs unwürdig war, entriss er das Sprachrohr den Händen von Saint-Luc und hob es auf, als wollte er ihn schlagen. Doch Saint-Luc sprang auf, als ob ihn eine Stahlfeder auf die Beine geschnellt hätte, und rief:

»Sire, Ihr habt nur das Recht mich an den Kopf zu schlagen, denn ich bin Edelmann.«

Heinrich warf das Sprachrohr auf den Boden. Chicot hob es auf; als nämlich dieser das Geräusch der zerbrochenen Türe hörte, dachte er, die Gegenwart eines Vermittlers wäre nicht überflüssig, und lief herbei. Er ließ Heinrich und Saint-Luc ihren Streit nach ihrem Belieben ausmachen, eilte geraden Wegs auf den Vorhang zu, unter dem er Jemand vermutete, und zog die arme Frau ganz zitternd hervor.

»Halt! halt!« rief Chicot, »Adam und Eva nach dem Sündenfall! Und Du verjagst sie, Heinrich?« fügte er, den König mit den Blicken befragend, bei.

»Ja,« antwortete Heinrich.

»Warte, ich will den Engel der Vertilgung machen.«

Und sich zwischen den König und Saint-Luc werfend, streckte er sein Sprachrohr über dem Haupt der Schuldigen aus und rief:

»Dieses ist mein Paradies, das Ihr durch Euren Ungehorsam verloren habt. Ich verbiete Euch, dahin zurückzukehren.«

Dann sich an das Ohr von Saint-Luc neigend, der, um seine Frau nötigenfalls gegen den Zorn des Königs zu beschützen, den Arm um ihren Leib schlang, sagte Chicot leise: »Wenn Ihr ein gutes Pferd habt, so reitet es zu Tode. Doch macht zwanzig Meilen von jetzt bis morgen.«




Neuntes Kapitel

Wie Bussy, immer mehr überzeugt, es wäre eine Wirklichkeit, Nachforschungen über seinen Traum anstellte


Bussy und der Herzog von Anjou waren indessen, Beide träumerisch, zurückgekehrt; der Herzog, weil er die Folgen des kräftigen Ausfalls befürchtete, zu dem ihn Bussy gleichsam genötigt hatte; Bussy, weil ihn die Ereignisse der vorhergehenden Nacht ungemein in Anspruch nahmen und beschäftigten.

»Kurz,« sagte er zu sich selbst, als er seine Wohnung wieder erreichte, nachdem er dem Herzog von Anjou viel Schönes über die Energie, die er entwickelt, gesagt hatte, »kurz, es ist gewiss, dass ich angegriffen worden bin, dass ich mich geschlagen, dass ich eine Wunde erhalten habe, denn das fühle ich hier an meiner rechten Seite, und die Wunde ist sogar viel schmerzhafter geworden. Während ich mich aber schlug, sah ich, wie ich dort das Kreuz der Petits-Champs sehe, die Mauer des Hotel des Tournelles und die Zinnen der Bastille. Auf dem Platze der Bastille, etwas vor dem Hotel des Tournelles, zwischen der Rue Sainte-Catherine und der Rue Saint-Paul, wurde ich angegriffen, als ich nach dem Faubourg Saint-Antoine ging, um den Brief der Königin von Navarra zu holen. Dort also wurde ich angegriffen, bei einer Türe, woran eine Schießscharte, durch welche ich, sobald die Türe hinter mir geschlossen war, Quélus erblickte, der sehr bleiche Wangen und sehr flammende Augen hatte. Ich war in einem Gange; am Ende des Ganges fand sich eine Treppe. Ich fühlte noch die erste Stufe dieser Treppe, als ich darauf strauchelte. Ich wurde ohnmächtig. Dann begann mein Traum. Später erwachte ich wieder bei einem sehr frischen Winde auf der Böschung der Gräben des Temple liegend, zwischen einem Augustinermönche, einem Fleischer und einem alten Weibe.

Wie kommt es nun, dass meine anderen Träume so schnell und vollständig aus meinem Gedächtnis entschwinden, während dieser sich immer mehr eingräbt, je mehr ich mich von dem Zeitpunkte, wo ich ihn gehabt, entferne?«

»Ah!« sagte Bussy, »das ist das Geheimnis.«

Und er blieb an der Türe seines Hotel, das er in diesem Augenblick erreichte, stehen, lehnte sich an die Mauer an, schloss die Augen und fuhr fort:

»Bei Gott! ein Traum kann unmöglich einen solchen Eindruck im Geiste zurücklassen. Ich sehe das Zimmer mit seiner Tapete und den Figuren darauf, ich sehe den gemalten Plafond, ich sehe mein Bett von geschnitztem Eichenholz mit seinen weiß und goldenen Damastvorhängen, ich sehe das Portrait, ich sehe die blonde Frau; ich bin minder sicher, dass das Portrait und die Frau eines und dasselbe sind. Ich sehe endlich das gute und freundliche Gesicht des jungen Arztes, den man mit verbundenen Augen an mein Bett führte. Das sind doch Anzeichen genug. Durchgehen wir es noch einmal: eine Tapete, ein Plafond, ein geschnitztes Bett, Vorhänge von weiß und goldenem Damast, ein Portrait, eine Frau und ein Arzt. Vorwärts! vorwärts! ich muss Nachforschungen nach Allem dem anstellen, und wenn ich nicht der aller dümmste Mensch bin, die Sache auch finden.

»Vor Allem,« schloss Bussy, »vor Allem wollen wir, um das Geschäft gut zu beginnen, eine für einen Nachtschwärmer passendere Tracht wählen, dann zur Bastille!«

In Folge dieses Entschlusses, der eben nicht sehr vernünftig für einen Mann war, welcher, nachdem er am Abend zuvor beinahe an einem Orte ermordet worden wäre, am Tage darauf ungefähr zu derselben Stunde, um Nachforschungen anzustellen, an denselben Ort ging, in Folge dieses Entschlusses, sagen wir, ging Bussy in seine Wohnung hinauf, ließ die Binde, welche seine Wunde schloss, durch einen Lackei befestigen, der ein wenig Wundarzt war und für alle Fälle in seinen Diensten stand, zog lange, bis mitten an die Schenkel gehende Stiefeln an, wählte seinen zuverlässigsten Degen, hüllte sich in seinen Mantel, setzte sich in seine Sänfte, ließ am Ende der Rue du Roi de Sicile halten, stieg aus, befahl seinen Leuten zu warten, erreichte die große Rue Saint-Antoine und wanderte nach dem Platze der Bastille.

Es war ungefähr neun Uhr Abends. Die Glocke, welche damals das Zeichen gab, dass die Bürgerschaft nach Hause gehen sollte, hatte sich bereits hörbar gemacht. Paris wurde öde. In Folge des Tauwetters, das ein wenig Sonne und ein wenig laue Atmosphäre im Verlaufe des Tages herbeigeführt hatten, machten die Pfützen von gefrorenem Wasser und die Schlammlöcher auf dem Platze der Bastille einen mit Seen und Abstürzen überstreuten Boden, den wie eine Chaussee der von uns bereits erwähnte gebahnte Weg umzog.

Bussy schaute sich um; er suchte die Stelle, wo sein Pferd gefallen war, und glaubte sie gefunden zu haben; er machte dieselben Bewegungen des Rückzuges und des Angriffes, die er gemacht zu haben sich erinnerte; er wich bis an die Mauer zurück und untersuchte jede Türe, um den Winkel, an den er sich angelehnt, und das Gitter zu finden, durch das er Quélus betrachtet hatte. Doch alle Türen hatten einen Winkel und beinahe alle ein Gitter; es fand sich ein Gang hinter den Türen. Durch einen misslichen Umstand, der weniger außerordentlich erscheinen wird, wenn man bedenkt, dass der Concierge in jener Zeit bei bürgerlichen Häusern etwas Unbekanntes war, hatten drei Viertel der Türen Gänge.

»Bei Gott!« sagte Bussy mit tiefem Ärger zu sich selbst, »wenn ich an jede von diesen Türen klopfen, alle Mietsleute fragen, tausend Thaler ausgeben müsste, um die Bedienten und alten Weiber zum Sprechen zu bringen, ich werde erfahren, was ich wissen will. Es sind fünfzig Häuser, bei zehn Häusern für den Abend verliere ich fünf Abende; ich werde nur warten, bis es ein wenig trockener ist.«

Als Bussy dieses Selbstgespräch vollendete, gewahrte er ein kleines, zitterndes, bleiches Licht, das, in den Pfützen sich spiegelnd wie ein Leuchtfeuer im Meere, herbei kam.

Dieses Licht näherte sich sehr langsam und ungleich, blieb von Zeit zu Zeit stehen, ging bald rechts, bald links ab, strauchelte plötzlich und fing an zu tanzen wie ein Irrlicht, bekam dann wieder seinen ruhigen Gang und überließ sich wieder neuen Abschweifungen.

»Der Platz der Bastille ist offenbar ein sonderbarer Platz,« sagte Bussy. »Doch gleichviel, wir wollen warten.«

Und um bequemer zu warten, hüllte sich Bussy in seinen Mantel und drückte sich in die Ecke einer Türe. Die Nacht war sehr finster, und man konnte sich nicht auf vier Schritte sehen.

Die Laterne setzte ihren Weg fort und machte immer tollere Evolutionen. Doch da Bussy nicht abergläubisch war, so blieb er überzeugt, das Licht, das er sah, wäre kein irrendes Feuer, von der Natur derjenigen, welche die Reisenden so sehr im Mittelalter erschreckten, sondern ganz einfach eine Stocklaterne, welche an einer Hand hängen müsste, die wiederum an irgend einem Körper befestigt wäre.

Nachdem er einige Sekunden gewartet, bestätigte sich wirklich seine Mutmaßung. Bussy erblickte dreißig Schritte von sich eine schwarze, pfahlartig dünne und lange Form, welche Form allmählich den Umriss eines lebendigen Wesens annahm, das die Laterne an seinem rechten Arme hielt und diesen bald gerade ausstreckte bald auf die Seite hinaus stieß, bald an seiner Hüfte herabhängen ließ. Dieses lebendige Wesen schien für den Augenblick der Brüderschaft der Trunkenbolde anzugehören, denn nur der Trunkenheit ließen sich die seltsamen krummen Linien, die es beschrieb, und die Philosophie voraussetzen, mit der es in die Kothlöcher stolperte und in den Wasserlachen herumpatschte. Einmal geschah es ihm sogar, dass es auf einer schlecht aufgetauten Eislache ausglitschte, und ein dumpfer Schall, begleitet von einer unwillkürlichen Bewegung der Laterne, welche von oben nach unten zu stürzen schien, deutete Bussy an, nicht sehr sicher auf seinen beiden Beinen, habe der nächtliche Spaziergänger einen solideren Schwerpunkt gesucht.

Bussy fing nun an, in seinem Innern jene Ehrfurcht zu fühlen, welche alle edle Herzen für verspätete Trunkenbolde hegen, und er ging vor, um diesem Dienstmann des Bacchus, wie Meister Ronsard sagte, Hilfe zu leisten, als er sah, dass die Laterne sich mit einer Schnelligkeit erhob, welche andeutete, der Träger derselben besitze mehr Festigkeit, als man bei dem ersten Anscheine hätte glauben sollen.

»Gut, noch ein Abenteuer, wie es scheint,« murmelte Bussy.

Und da die Laterne wieder ihren Gang nahm und gerade auf ihn zuzukommen schien, so drückte er sich tiefer als zuvor in den Winkel der Türe.

Die Laterne machte zehn Schritte, und nun sah Bussy bei dem Scheine, den sie von sich gab, etwas Seltsames, nämlich, dass der Mensch, der sie trug, eine Binde über den Augen hatte.

»Bei Gott!« sagte Bussy, »es ist doch ein sonderbarer Gedanke, mit einer Laterne blinde Kuh zu spielen, namentlich bei einem Wetter wie heute und auf einem Boden wie dieser. Sollte ich zufällig wieder anfangen, zu träumen?«

Bussy wartete abermals, und der Mensch mit der Binde machte wieder fünf bis sechs Schritte.

»Gott vergebe mir!« sagte Bussy, »ich glaube, er spricht ganz allein. Das ist weder ein Betrunkener, noch ein Narr, sondern ein Mathematiker, der die Lösung eines Problems sucht.«

Diese Ansicht wurde dem Beobachter durch die letzten Worte eingegeben, die der Mann mit der Laterne gesprochen und Bussy gehört hatte.

»Vierhundert acht und achtzig, vierhundert neun und achtzig, vierhundert neunzig murmelte der Mann mit der Laterne, »das muss ganz hier in der Nähe sein.«

Und dann hob der Geheimnisvolle mit der rechten Hand seine Binde auf, sah sich einem, Hause gegenüber und näherte sich der Türe. Als er bei der Türe war, schaute er sie aufmerksam an.

»Nein,« sagte er, »diese ist es nicht.«

Dann ließ er seine Binde herab und setzte sich rechnend wieder in Marsch.

»Vierhundert ein und neunzig, vierhundert zwei und neunzig, vierhundert drei und neunzig, vierhundert vier und neunzig; ich muss ganz nahe daran sein,« sagte er. Und er hob abermals seine Binde auf, näherte sich der Türe zunächst von der, an welcher sich Bussy verborgen hielt, und betrachtete sie mit nicht geringerer Aufmerksamkeit, als die erste.

»Hm! hm!« sagte er, »das könnte es wohl sein; nein, ja, nein, diese Teufel von Türen gleichen sich alle.«

»Eine Betrachtung, die ich bereits angestellt habe,« sagte Bussy zu sich selbst, »das flößt mir Ehrfurcht vor dem Mathematiker ein.«

Der Mathematiker ließ seine Binde wieder herab und setzte seinen Weg fort.

»Vierhundert sechs und neunzig, vierhundert sieben und neunzig, vierhundert acht und neunzig, vierhundert neun und neunzig … wenn mir gegenüber eine Türe ist, so muss diese es sein,« sprach der Sucher.

Es fand sich in der Tat eine Türe, und diese Türe war diejenige, an welcher sich Bussy verborgen hielt; in Folge hiervon hob der mutmaßliche Mathematiker seine Stocklaterne bis zu einer Mannshöhe empor, nahm seine Binde ab, und so standen Bussy und er einander gegenüber.

»Nun!« sprach Bussy.

»Oh!« machte der nächtliche Spaziergänger, einen Schritt zurückweichend.

»Halt!« sagte Bussy. »Es ist nicht möglich!« rief der Unbekannte.

»Doch wohl, nur ist es wunderbar. Ihr seid der Arzt?«

»Und Ihr der Edelmann?«

»Ganz richtig.«

»Jesus! welch ein Zufall!«

»Der Arzt,« fuhr Bussy fort, »der gestern Abend einen Edelmann verband, welcher einen Degenstich in die Seite bekommen hatte …«

«Allerdings.«

»Es ist so, ich erkannte Euch auf der Stelle; Ihr habt eine so zarte, so leichte und zugleich so geschickte Hand.«

»Ah! mein Herr, ich erwartete nicht, Euch hierzu finden.«

»Was suchtet Ihr denn?«

»Das Haus.«

»Ah!« rief Bussy, »Ihr suchtet das Haus?«

»Ja.«

»Ihr kennt es also nicht?«

»Wie soll ich es kennen,« entgegnete der junge Mann, »da man mich mit verbundenen Augen dahin geführt hat!«

»Man hat Euch mit verbundenen Augen dahin geführt?«

»Allerdings.«

»Ihr seid also wirklich in diesem Hause gewesen?«

»In diesem oder in einem von den anstoßenden; ich kann nicht' sagen, in welchem, denn ich suche es.«

»Gut,« versetzte Bussy, »also habe ich nicht geträumt.«

»Wie? Ihr habt nicht geträumt!«

»Ich muss Euch sagen, mein lieber Freund, ich glaubte, dieses ganze Abenteuer wäre, wohl verstanden abgesehen von dem Degenstich, nur ein Traum.«

»Ihr setzt mich nicht in Erstaunen, mein Herr,« entgegnete der junge Arzt.

»Wie so?«

»Ich vermutete, es walte ein Geheimnis dabei ob.«

»Ja, mein Freund, und zwar ein Geheimnis, das ich aufklären will; nicht wahr, Ihr werdet mir dabei behilflich sein?«

»Sehr gern.«

»Gut; vor Allem zwei Worte.«

»Sprecht.«

»Wie heißt Ihr?«

»Mein Herr,« antwortete der junge Arzt, »ich werde mich nicht eigensinnig zeigen; ich weiß wohl, dass ich, in guter Manier und nach der Mode, auf eine solche Frage stolz mich auf einen Fuß stützen und die Hand auf der Hüfte zu Euch sagen müsste: ›Und Ihr, mein Herr, wenn es Euch beliebt!‹ Doch Ihr habt einen langen Degen, und, ich habe nur meine Lanzette. Ihr habt das Aussehen eines würdigen Edelmanns, und ich muss Euch wie ein Schelm vorkommen, denn ich bin bis auf die Knochen durchnässt und bis auf den Rücken mit Kot überzogen. Ich entschließe mich also, ganz offenherzig Eure Frage zu beantworten und sage: Ich heiße Remy der Haudouin.«

»Sehr gut, mein Herr, tausend Dank. Ich bin der Graf Louis von Clermont, Herr von Bussy.«

»Bussy d'Amboise, der Held Bussy,« rief der junge Doktor mit einer offenbaren Freude. »Wie! mein Herr, Ihr wäret der berühmte Bussy, der Oberst, der … der … oh!«

»Ich bin es, mein Herr,« erwiderte bescheiden der Edelmann. »Und nun, da wir gegenseitig über unsere Personen aufgeklärt sind, so bitte ich Euch, befriedigt meine Neugierde, so schmutzig und nass Ihr auch seid.«

»Es ist nicht zu leugnen,« sagte der junge Mann, seine ganz mit Kot befleckten Hosen betrachtend, »es ist nicht zu leugnen, dass ich wie Epaminondas, der Thebaner, genötigt sein werde, drei Tage zu Hause zu bleiben, in Betracht, dass ich nur ein Paar Beinkleider habe und nur ein Wamms besitze. Doch verzeiht, Ihr erwiest mir, glaube ich, die Ehre, mich zu fragen.«

»Ja, mein Herr, ich wollte Euch fragen, wie Ihr in dieses Haus gekommen wäret.«

»Das ist zugleich ganz einfach und ganz verwickelt, wie Ihr sehen werdet.«

»Sprecht.«

»Verzeiht, Herr Graf, bis jetzt war ich so unruhig, dass ich Euch Euren Titel zu geben vergaß.«

»Das thut nichts, nur vorwärts.«

»Herr Graf, hört also, was mir begegnete: Ich wohne in der Rue Beautreillis, fünfhundert Schritte von hier, und bin ein armer Anfänger in der Chirurgie, doch nicht ungeschickt, wie ich Euch wohl versichern darf.«

»Ich weiß etwas davon zu sagen.«

»Ich habe viel studiert, aber keine Kunden bekommen,« fuhr der junge Mann fort. »Man nennt mich, wie ich Euch gesagt habe, Remy den Haudouin, Remy, meinem Taufnamen nach, und den Haudouin, weil ich in Nanteuil-le-Haudouin geboren bin. Als vor sieben oder acht Tagen hinter dem Arsenal ein Mensch einen großen Messerstich bekam, nähte ich ihm die Bauchhaut zu und verschloss auf geeignete Weise in dem Inneren dieser Haut die Eingeweide, welche herausgetreten waren. Das machte mir in der Nachbarschaft einen gewissen Ruf, dem ich das Glück zuschreibe, dass ich gestern Nacht durch eine kleine Flötenstimme aufgeweckt wurde.«

»Eine Frauenstimme!« rief Bussy.

»Ja, doch gebt wohl Acht, so bäurisch ich auch sein mag, so bin ich doch überzeugt, dass es die Stimme einer Zofe war. Ich verstehe mich darauf, insofern ich mehr solche Stimmen, als Stimmen von Gebieterinnen gehört habe.«

»Und was tatet Ihr sodann?«

»Ich stand auf und öffnete meine Türe; doch kaum war ich auf dem Ruheplatz, als zwei kleine Hände, nicht zu weich und auch nicht zu hart, mir eine Binde auf dem Gesicht befestigten.«

»Ohne etwas zu sagen?« fragte Bussy.

»Doch wohl, sie sagte zu mir: ›Kommt; versucht nicht, zu sehen, wohin Ihr geht; seid verschwiegen; hier ist Eure Belohnung.‹

»Und diese Belohnung war?«

»Eine Börse Pistolen enthaltend, die sie mir in die Hand drückte.«

»Ah! ah! und was habt Ihr geantwortet?«

»Ich antwortete, ich wäre bereit, meiner reizenden Führerin zu folgen. Ich wusste nicht, war sie reizend oder nicht reizend, doch ich dachte, das Beiwort könnte, wenn auch übertrieben, in jedem Falle nicht schaden.«

»Und Ihr folgtet, ohne eine Bemerkung zu machen, ohne Garantien zu verlangen?«

»Ich habe oft solche Geschichten in den Büchern gelesen und bemerkt, dass immer etwas Angenehmes für den Arzt daraus entsprang. Ich folgte also, wie ich Euch zu sagen die Ehre hatte; man führte mich auf einem harten Boden; es fror, und ich zählte vierhundert, vierhundert fünfzig, fünfhundert und endlich fünfhundert und zwei Schritte.«

»Gut,« sagte Bussy, »das war klug; also müsst Ihr an dieser Türe sein?«

»Ich muss wenigstens nicht fern davon sein, da ich diesmal bis auf vierhundert neun und neunzig zählte, wenn mich nicht die verschmitzte Dirne, ich klage sie dieses schwarzen Verbrechens an, Umwege machen ließ.«

»Ja,« entgegnete Bussy, »aber auch vorausgesetzt, sie hätte an diese Vorsicht gedacht, so muss sie doch wohl, und wenn der Teufel dabei gewesen wäre, irgend ein Zeichen von sich gegeben, irgend ein Wort gesprochen haben.«

»Durchaus nicht.«

»Doch Ihr musstet eineWahrnehmung machen?«

»Ich bemerkte Alles, was man mit Fingern bemerken kann, welche zuweilen die Augen zu ersetzen gewohnt sind, nämlich eine Türe mit Nägeln; hinter der Türe einen Gang, und am Ende des Gangs eine Treppe.«

»Links?«

»So ist es. Ich zählte sogar die Stufen.«

»Wie viel?«

»Zwölf.«

»Und der Eingang sogleich?«

»Ich glaube, eine Hausflur, denn man öffnete drei Türen.«

»Gut.«

»Dann hörte ich eine Stimme: ah! das war die Stimme einer Gebieterin, sanft und lieblich.«

»Ja, ja, es war die ihrige.«

»Gut, es war die ihrige.«

»Ich bin davon überzeugt.«

»Das ist schon etwas, wenn Ihr davon überzeugt seid. Dann schob man mich in das Zimmer, in welchem Ihr lagt, und hieß mich die Binde abnehmen.«

»So ist es.«

»Hierauf erblickte ich Euch.«

»Wo war ich?«

»Ihr laget auf einem Bett.«

»Auf einem Bett von weißem Damast mit goldenen Blumen?«

»Ja.«

»In einem austapezierten Zimmer.«

»Vortrefflich.«

»Mit einem Plafond, woran Figuren?«

»So ist es; dann zwischen zwei Fenstern …«

»Ein Portrait.«

»Bewunderungswürdig.«

»Eine Frau von achtzehn bis zwanzig Jahren vorstellend.«

»Ja.«

»Blond?«

»Sehr gut.«

»Schön wie alle Engel.«

»Schöner.«

»Bravo! Was habt Ihr sodann getan?«

»Ich habe Euch verbunden.«

»Meiner Treue, sehr gut!«

»So gut ich konnte.«

»Ausgezeichnet, mein lieber Herr, ausgezeichnet; denn diesen Morgen war die Wunde beinahe geschlossen und rosenfarbig.«

»Das ist die Wirkung eines von mir bereiteten Balsams, der mir ganz einzig in seiner Art vorkommt. Da ich nicht wusste, an wem ich Versuche machen sollte, so durchlöcherte ich mir die Haut an verschiedenen Stellen, und meiner Treue! die Löcher schlossen sich in zwei bis drei Tagen.«

»Mein lieber Herr Remy,« rief Bussy, »Ihr seid ein Mann zum Entzücken, und ich fühle mich ganz zu Euch hingerissen. Doch hernach, sprecht, was geschah hernach?«

»Ihr wurdet wieder ohnmächtig. Die Stimme erkundigte sich nach Euch.«

»Von wo aus erkundigte sie sich?«

»Von einem Nebenzimmer aus.«

»Ihr habt also die Dame nicht gesehen?«

»Ich habe sie nicht erblickt.«

»Ihr antwortetet ihr?«

»Die Wunde wäre nicht gefährlich und in vier und zwanzig Stunden Alles vorbei.«

»Sie schien zufrieden?«

»Entzückt, denn sie rief: ›Mein Gott! welch ein Glück.‹

»Sie rief, welch ein Glück! mein lieber Herr Remy, ich werde Euer Glück machen. Hernach, hernach …«

»Hernach war Alles geschehen, Ihr wart verbunden, und ich hatte nichts mehr dort zu tun; die Stimme sagte dann zu mir: ›Herr Remy …‹

»Die Stimme wusste Euren Namen?«

»Allerdings, immer in Folge des Abenteuers mit dem Messerstich, das ich Euch erzählt habe.«

»Ganz richtig; die Stimme sagte also zu Euch: ›Herr Remy …‹

›Seid ganz ein Mann von Ehre; gebt eine arme Frau nicht preis, die sich von einem Übermaß von Menschenliebe hinreißen ließ, nehmt wieder Eure Binde und duldet, ohne eine List anzuwenden, dass man Euch nach Hause führt.‹

»Ihr verspracht?«

»Ich gab mein Wort.«

»Und habt es gehalten?«

»Ihr seht es wohl,« antwortete naiv der junge Mann, »Ihr seht es wohl, da ich die Türe suche.«

»Das ist ein herrlicher Zug, der Zug eines galanten Mannes, und ich bin darüber so sehr entzückt, dass ich Euch sage: Nehmt Herr Remy.«

Und Bussy reichte ganz begeistert dem jungen Doktor die Hand.

»Mein Herr,« versetzte Remy verlegen.

»Nehmt! nehmt! Ihr verdient ein Edelmann zu sein.«

»Edler Herr, es ist ein ewiger Ruhm für mich, die Hand des braven Bussy d'Amboise berührt zu haben; mittlerweile trage ich ein Bedenken …«

»Welches?«

»Es waren zehn Pistolen in der Börse.«

»Nun!«

»Das ist zu viel für einen Menschen, der sich seine Besuche mit fünf Sous bezahlen lässt, wenn er sie nicht ganz umsonst macht; und ich suchte das Haus …«

»Um die Börse zurückzugeben?«

»Ganz richtig.«

»Mein lieber Herr Remy, ich schwöre Euch, das ist zu viel Zartgefühl, Ihr habt das Geld auf eine ehrenhafte Weise verdient, und es gehört Euch.«

»Ihr glaubt?« versetzte Remy, in seinem Innern sehr befriedigt.

»Ich stehe Euch dafür; nur hätte Euch die Dame nicht bezahlen sollen, denn ich kenne sie nicht, und sie kennt mich eben so wenig.«

»Ihr seht, das ist abermals ein Grund.«

»Ich wollte damit nur sagen, ich hätte auch eine Schuld gegen Euch.«

»Ihr, eine Schuld gegen mich?«

»Ja, und ich werde mich derselben entledigen. Was macht Ihr in Paris? Lasst hören, sprecht, seid offenherzig, mein lieber Herr Remy.«

»Was ich in Paris mache? Gar nichts, Herr Graf; doch ich würde etwas machen, wenn ich Kunden hätte.«

»Das kommt vortrefflich; ich will Euch vor Allem einen geben: wollt Ihr mich haben? Ich bin ein ausgezeichneter Kunde, denn es vergeht kein Tag, wo ich nicht bei Anderen das schönste Werk des Schöpfers verschlechtere, oder wo nicht bei mir dieses Werk zerstört wird. Sprecht, wollt Ihr es unternehmen, die Löcher zu flicken, die man an meiner Haut macht, oder die ich an den Häuten von Andern machen werde?«

»Ah! Herr Graf, mein Verdienst ist zu gering …«

»Nein, im Gegenteil, Ihr seid der Mann, den ich brauche, oder der Teufel soll mich holen! Ihr habt eine Hand so leicht wie die einer Frau, und dabei den Balsam von Ferragus …«

»Gnädiger Herr!«

»Ihr zieht zu mir; … Ihr habt Eure eigene Wohnung, Eure eigenen Leute; nehmt an, oder bei meinem Worte, Ihr zerreißt mir die Seele. Überdies ist Eure Aufgabe noch nicht beendigt: Ihr habt mir noch einen zweiten Verband aufzulegen, lieber Herr Remy.«

»Herr Graf,« erwiderte der junge Doktor, »ich bin so sehr entzückt, dass ich nicht weiß, wie ich Euch meine Freude ausdrücken soll. Ich werde arbeiten, ich werde Kunden haben!«

»Nein, da ich Euch sage, ich nehme Euch für mich ganz allein … mit meinen Freunden, wohlverstanden. Erinnert Ihr Euch nun keines weiteren Umstandes?«

»Keines.«

»Wohl, so helft mir wenigstens, dass ich mich wieder ausfinde, wenn es möglich ist.«

»Wie?«

»Sagt, Ihr, der Ihr ein Mann der Beobachtung seid, der Ihr die Schritte zählt, der Ihr die Stimmen bemerkt, wie ist es zugegangen, dass ich mich, nachdem Ihr mich verbunden hattet, von diesem Hause auf den Rand der Gräben des Temple versetzt sah?«

»Ihr!«

»Ja … ich … Habt Ihr etwa bei dieser Überschaffung geholfen?«

»Nein! ich hätte mich im Gegenteil sehr widersetzt, wäre ich um Rat gefragt worden. Die Kälte konnte Euch bedeutend schaden.«

»Dann werde ich ganz irre,« versetzte Bussy, »wollt Ihr nicht noch ein wenig mit mir suchen?«

»Ich will Alles, was Ihr wollt, edler Herr; doch ich befürchte sehr, es wird vergeblich sein; alle diese Häuser gleichen sich ungemein.«

»Wohl, so muss man bei Tage nachsehen.«

»Ja, doch bei Tage wird man uns wahrnehmen.«

»Dann müssen wir uns erkundigen.«

»Wir wollen uns erkundigen, Monseigneur.«

»Und wir werden zum Ziele gelangen; wir sind nun zu zwei, und wir haben eine Wirklichkeit, was schon viel ist, glaubt mir, Remy.«




Zehntes Kapitel

Was für ein Mann der Herr Oberjägermeister Bryan von Monsoreau war


Es war nicht mehr Freude, sondern beinahe Wahnsinn, was Bussy ergriff, als er die Gewissheit erlangt hatte, dass er die Frau seines Traumes als eine Wirklichkeit betrachten durfte und dass ihm in der Tat diese Frau die edelmütige Gastfreundschaft bewilligt, deren unbestimmte Erinnerung im Grunde seines Herzens zurückgeblieben war.

Er wollte auch den jungen Doktor, den er zu der Stelle seines gewöhnlichen Arztes erhob, nicht von sich lassen. Remy musste, so kothig er war, mit ihm in seine Sänfte steigen; er hatte bange, wenn er ihn nur einen Augenblick entließe, könnte er wie eine zweite Vision verschwinden, und beschloss, denselben mit sich nach dem Hotel Bussy zu nehmen, ihn dort für die Nacht einzuschließen, und dann zu sehen, ob er ihm die Freiheit wiedergeben sollte.

Die ganze Zeit der Rückkehr wurde zu neuen Fragen verwendet; doch die Antworten drehten sich in dem von uns bezeichneten engen Kreise. Remy der Haudouin wußte kaum mehr, als Bussy, außer etwa, dass er fest überzeugt sein konnte, nicht geträumt zu haben, da er nicht in Ohnmacht gefallen war.

Doch für jeden Menschen, der verliebt zu werden anfängt, und Bussy wurde es augenscheinlich, ist es schon viel, wenn er Jemand hat, mit dem er über den geliebten Gegenstand sprechen kann; Remy hatte diese Frau allerdings nicht gesehen; aber das war noch ein Verdienst mehr in den Augen von Bussy, weil ihm dieser begreiflich zu machen suchen konnte, wie sehr sie in jeder Hinsicht über ihrem Portrait erhaben wäre.

Bussy hatte große Lust, die ganze Nacht über die unbekannte Dame zu sprechen, doch Remy begann seine ärztlichen Funktionen damit, dass er von dem Verwundeten verlangte, er solle schlafen oder wenigstens sich niederlegen; die Müdigkeit und der Schmerz gaben dem schönen Edelmann denselben Rat, und diese drei vereinigten Mächte trugen am Ende den Sieg davon.

Doch dies geschah erst, nachdem Bussy selbst seinen neuen Hausgenossen in drei Zimmer einquartiert hatte, die in früheren Jahren seine Wohnung gewesen waren und einen Teil des dritten Stockwerkes des Hotel Bussy bildeten; sicher, der junge Arzt würde, sehr befriedigt durch seine Wohnung und das ihm von der Vorsehung bereitete neue Glück, nicht heimlicher Weise aus dem Hotel entweichen, ging er in die glänzenden Gemächer hinab, die er selbst im ersten Stocke einnahm.

Als er am andern Morgen erwachte, sah er Remy vor seinem Bette stehen. Der junge Mann hatte die ganze Nacht hingebracht, ohne an das Glück glauben zu können, das ihm vom Himmel zufiel, und er erwartete das Erwachen von Bussy, um sich zu versichern, dass er ebenfalls nicht geträumt.

»Nun,« fragte Remy, »wie befindet Ihr Euch?«

»Vortrefflich, mein lieber Aesculap; und Ihr, seid Ihr zufrieden?«

»So zufrieden, mein edler Beschützer, dass ich mein Los gewiss nicht gegen das von Heinrich III. vertauschen würde, obgleich er im Verlauf des gestrigen Tages ein schönes Stück Weg nach dem Himmel zurückgelegt haben muss; doch es handelt sich nicht um dieses, sondern ich muss Eure Wunde sehen.«

»Seht sie.«

Bussy wandte sich auf die Seite, damit der junge Arzt den Verband abnehmen könnte.

Alles ging vortrefflich; die Lefzen waren bereits rosenfarbig und nahe an einander. Der glückliche Bussy hatte gut geschlafen, und Schlummer und Glück kamen dem Wundarzt so zu Hilfe, dass dieser beinahe nichts mehr zu tun harte.

»Was sagt Ihr, Meister Ambroise Paré?« fragte Bussy.

»Ich wage es kaum, Euch zu gestehen, dass Ihr beinahe geheilt seid, denn ich befürchte, Ihr schickt mich in meine Rue Beautreillis, fünfhundert und zwei Schritte von dem bewussten Hause, zurück.«

»Das wir wiederfinden werden, nicht wahr, Remy?«

»Ich glaube wohl.«

»Du sagst also nun, mein Kind?«

»Verzeiht,« rief Remy, Tränen in den Augen, »ich glaube, Ihr habt mich geduzt.«

»Remy, ich duze alle Leute, die ich liebe. Ist es Dir ärgerlich, dass ich Dich geduzt habe?«

»Im Gegenteil,« rief der junge Mann, indem er die Hand von Bussy zu ergreifen und zu küssen suchte, »im Gegenteil. Ich glaubte schlecht gehört zu haben. Oh! gnädiger Herr von Bussy, ich soll also vor Freude verrückt werden.«

»Nein, mein Freund, Du sollst mich nur ebenfalls ein wenig lieben, Du sollst Dich als zum Hause gehörig betrachten und mir erlauben, dass ich heute, während Du Deinen Auszug bewerkstelligst, dem Übernehmen des Estortuaire[4 - Der Estortuaire war der Stab, den der Oberstjägermeister dem König übergab, damit er im Galopp reitend die Zweige der Bäume auf die Seite schieben konnte.] von Seiten des Hofoberjägermeisters beiwohne.

»Ah!« sprach Remy, »wir wollen bereits Torheiten begehen.«

»Ei! nein, ich verspreche Dir, sehr vernünftig zu sein.«

»Doch Ihr müsst reiten?«

»Verdammt, das ist durchaus notwendig.«

»Habt Ihr ein Pferd von sehr sanftem Gange, das dabei gut läuft?«

»Ich habe die Wahl unter Vieren.«

»Wohl, so nehmt das, welches Ihr der Dame vom Portrait zu reiten geben würdet … Ihr wisst?«

»Ob ich weiß! ich glaube wohl. Höre, Remy, Du hast in der Tat für immer den Weg zu meinem Herzen gefunden; ich hatte gewaltig bange, Du würdest mich verhindern, zur Jagd zu reiten, oder vielmehr zu diesem Anscheine von einer Jagd, denn die Damen des Hofes und viele neugierige Frauen der Stadt sind zugelassen. Remy, mein Remy, Du begreifst nun, dass die Dame vom Portrait natürlich entweder zum Hofe, oder zu der Stadt gehören muss. Sicherlich ist es keine einfache Bürgerfrau; die Tapeten, der gemalte Plafond, das Bett von weiß und goldenem Damast, dieser ganze so geschmackvolle Luxus endlich offenbaren eine Frau von Stand, oder wenigstens eine reiche Frau; oh! wenn ich sie dort treffen würde!«

»Alles ist möglich,« erwiderte Remy philosophisch.

»Ausgenommen, das Haus zu finden,« seufzte Bussy.

»Und in dasselbe einzudringen, wenn wir es gefunden haben,« fügte Remy bei.

»Oh! daran denke ich immer erst, wenn ich innen bin; doch sind wir einmal dort, so habe ich ein Mittel.«

»Welches?«

»Ich lasse mir einen andern Degenstich beibringen.«

»Schön, das verleiht mir Hoffnung, dass Ihr mich behalten werdet.«

»Sei unbesorgt,« sprach Bussy, »es ist mir, als wärst Du mir bereits zwanzig Jahre bekannt, und ich vermöchte Deiner nicht mehr zu entbehren, so wahr ich ein Edelmann bin.«

Das reizende Gesicht des jungen Arztes blühte unter dem Ausdrucke einer unsäglichen Freude auf.

»Vorwärts,« sagte er, »es ist abgemacht; Ihr geht auf die Jagd, um die Dame zu suchen, und ich kehre nach der Rue Beautreillis zurück, um das Haus zu suchen.«

»Es wäre seltsam, wenn wir Jeder mit einer Entdeckung zurückkämen!«

Hiernach trennten sich Bussy und der Haudouin mehr wie zwei Freunde, als wie ein Herr und ein Diener.

Es fand wirklich auf Befehl eine große Jagd in dem Walde von Vincennes zur Feier der Übernahme der Funktionen von Herrn Bryan von Monsoreou statt, der einige Wochen zuvor zum Oberstjägermeister ernannt worden war. Die Prozession am vorhergehenden Tage und der rasche Eintritt in die Buße von Seiten des Königs, der seine Fasten am Fasching-Dienstag anfing, ließen einen Augenblick bezweifeln, ob er in Person dieser Jagd beiwohnen würde; denn hatte der König diese Frömmigkeitsanfälle, so geschah es oft, dass er mehrere Wochen den Louvre nicht verließ, wenn er die religiöse Strenge nicht so gar so weit trieb, dass er in ein Kloster ging, doch zum großen Erstaunen des ganzen Hofes erfuhr man gegen neun Uhr Morgens, der König sei nach dem Turm von Vincennes aufgebrochen und halte eine Hirschjagd mit seinem Bruder, Monseigneur dem Herzog von Anjou, und dem ganzen Hofe.

Der Versammlungsplatz war der Rondpoint du Roi Saint-Louis. So nannte man damals einen Kreuzweg, wo man der Sage nach noch die berühmte Eiche sah, unter der der Märtyrer-König Recht gesprochen hatte. Es war alle Welt um neun Uhr versammelt, als der Oberstjägermeister, beinahe dem ganzen Hofe unbekannt und folglich ein Gegenstand der allgemeinen Neugierde, auf einem prächtigen Rappen erschien.

Aller Augen richteten sich nach ihm.

Es war ein Mann von ungefähr fünf und dreißig Jahren, von hoher Gestalt; sein mit Pockennarben bezeichnetes Gesicht und seine, je nach den in ihm vorgehenden Gemütsbewegungen, von flüchtigen Flecken gefärbte Gesichtshaut nahmen den Blick unangenehm gegen ihn ein und zwangen denselben zu einer beharrlicheren Betrachtung, was selten zum Vorteil für denjenigen ausfällt, welchen man prüfend anschaut. Die Sympathien werden in der Tat durch die erste Anschauung hervorgerufen; das treuherzige Auge und das redliche Lächeln haben das Lächeln und die Freundlichkeit des Gegenblickes zur Folge.

Angetan mit einem Leibrock von grünem, ganz mit silbernen Gallonen besetztem Tuche, umgürtet mit dem silbernen Wehrgehänge, worauf das gestickte Wappen des Königs angebracht war, auf dem Haupt ein Barett mit langer Feder, in der linken Hand einen Spieß, mit der rechten den für den König bestimmten Estortuaire schwingend, konnte Herr von Monsereau als ein furchtbarer Herr erscheinen, war aber gewiss kein schöner Edelmann.

»Pfui! welch ein hässliches Gesicht habt Ihr uns von Eurem Gouvernement zurückgebracht, Monseigneur,« sprach Bussy zu dem Herzog von Anjou, »sind das die Edelleute, die Eure Gunst in den Provinzen aussucht? Der Teufel soll mich holen, wenn man einen ähnlichen Menschen in Paris finden würde, das doch sehr groß und sehr mit hässlichen Herren bevölkert ist. Man sagt, ich bemerke Euch zum voraus, dass ich es nicht glauben wollte, man sagt, es sei Euer fester Wille gewesen, dass der König den Oberstjägermeister von Eurer Hand annehme.«

»Der Herr von Monsoreau hat mir gut gedient, und ich belohne ihn,« sprach lakonisch der Herzog von Anjou.

»Gut gesagt, Monseigneur, es erscheint um so schöner von Fürsten, wenn sie dankbar sind, als die Sache selten vorkommt; doch wenn es sich nur um dieses handelt, so habe ich Euch, wie mir dünkt, auch gut gedient und würde, Ihr möget mir glauben, den Leibrock des Oberstjägermeisters noch ganz anders tragen, als dieses große Gespenst. Er hat einen roten Bart; Anfangs bemerkte ich es nicht, und das ist noch eine Schönheit mehr.«

»Es ist mir nicht zu Ohren gekommen, man müsste nach dem Modell von Apollo oder nach dem des Antinous geformt sein, um ein Amt bei Hof einzunehmen,« versetzte der Herzog von Anjou.

»Das ist Euch noch nicht zu Ohren gekommen, Monseigneur?« sprach Bussy mit der größten Kaltblütigkeit, »darüber muss ich mich in der Tat wundern.«

»Ich befrage das Herz und nicht das Gesicht, die geleisteten Dienste und nicht die versprochenen Dienste,« entgegnete der Herzog.

»Eure Hoheit wird vielleicht sagen, ich sei sehr neugierig, doch ich besann mich vergebens, welchen Dienst Euch zu leisten dieser Monsoreau im Stande gewesen sein dürfte.«

»Ah! Bussy,« erwiderte der Herzog verdrießlich, »Ihr seid, wie Ihr selbst gesagt, sehr neugierig, sogar zu neugierig.«

»So sind die Fürsten!« rief Bussy mit seiner gewöhnlichen Freimütigkeit. »Sie fragen fortwährend, man muss ihnen über Alles antworten, und wenn man sie nur ein einziges Mal fragt, so antworten sie nicht.«

»Das ist wahr,« sprach der Herzog von Anjou, »doch weißt Du, was Du tun musst, wenn Du Dich unterrichten willst?«

»Nein.«

»Frage Herrn von Monsoreau selbst.«

»Ihr habt, meiner Treue Recht, Monseigneur,« rief Bussy, »und bei ihm, der nur ein einfacher Edelmann ist, bleibt mir wenigstens ein Mittel, wenn er nicht antwortet.«

»Welches?«

»Ihm zu sagen, er sei ein Unverschämter.« Und hiernach dem Prinzen ohne irgend ein Bedenken, vor den Augen seiner Freunde und den Hut in der Hand, den Rücken zuwendend, näherte er sich Herrn von Monsoreau, der zu Pferde mitten in dem Kreise und der Zielpunkt aller Augen, welche bei ihm gleichsam zusammenliefen, mit einer merkwürdigen Kaltblütigkeit wartete, bis ihn der König von der Last aller dieser auf seine Person fallenden Blicke befreien würde.

Als er Bussy mit heiterem Gesicht, lächelndem Munde und den Hut in der Hand auf sich zukommen sah, entrunzelte er sich ein wenig.

»Verzeiht, mein Herr,« sprach Bussy, »doch ich sehe Euch hier sehr allein. Hat Euch die Gunst, die Ihr genießt, bereits so viele Feinde zugezogen, als Ihr acht Tage, ehe Ihr zum Oberstjägermeister ernannt worden seid, Freunde gehabt haben könnt?«

»Meiner Treue, Herr Graf,« antwortete Herr von Monsoreau, »ich würde nicht darauf schwören, doch Wohl beinahe wetten. Aber darf ich wissen, welchem Umstand ich die Ehre, dass Ihr meine Einsamkeit stört, zuzuschreiben habe?«

»Meiner Treue!« antwortete mutig Bussy, »der großen Bewunderung, die mir der Herzog von Anjou für Euch eingeflößt hat.«

»Wie so?«

»Indem er mir Eure Tat erzählte, diejenige, für welche Ihr zum Oberstjägermeister ernannt worden seid.«

Herr von Monsoreau erbleichte dergestalt, dass die Furchen der Pocken, welche sein Gesicht befleckten, ebenso viele schwarze Punkte auf seiner vergilbten Haut zu sein schienen: zugleich schaute er Bussy mit einer Miene an, welche einen heftigen Sturm weissagte.

Bussy sah, dass er einen falschen Weg eingeschlagen hatte. Doch er war nicht der Mann, zurückzuweichen; er gehörte im Gegenteil zu denjenigen, welche eine Unbescheidenheit durch eine Beleidigung auszugleichen pflegten.

»Ihr sagt, mein Herr,« versetzte der Oberstjägermeister, »Monseigneur habe Euch von meiner letzten Tat erzählt?«

»Ja wohl, ganz umständlich, wodurch, ich gestehe es, bei mir das heftige Verlangen entstand, die Erzählung aus Eurem eigenen Munde zu hören.«

Herr von Monsoreau presste den Spieß krampfhaft in seiner Hand, als regte sich in ihm die lebhafte Begierde, sich daraus eine Waffe gegen Herrn von Bussy zu machen.

»Mein Herr,« sprach er, »ich war, meiner Treue! ganz geneigt, Eure Höflichkeit anzuerkennen und mich Eurem Wunsche zu fügen; aber hier kommt leider der König, und das raubt mir meine Zeit; wenn Ihr jedoch wollt, so mag es später geschehen.«

Auf seinem Lieblingspferde, einem schönen isabellfarbigen spanischen Hengste, reitend kam der König wirklich rasch von dem Turm nach dem Kreuzweg.

Bussy ließ seinen Blick einen Halbkreis beschreiben und begegnete den Augen des Prinzen; der Prinz lächelte mit seinem schlimmsten Lächeln.

»Herr und Diener,« dachte Bussy, »sie machen Beide eine hässliche Grimasse, wenn sie lachen; wie ist es aber, wenn sie weinen?«

Der König liebte die schönen und guten Gesichter; er war daher wenig befriedigt durch das von Herrn von Monsoreau, welches er bereits ein Mal gesehen hatte, aber beim zweiten Male eben so wenig nach seinem Geschmack fand, als beim ersten Male. Er nahm jedoch auf eine ziemlich artige Weise den Estortuaire, den der neue Oberstjägermeister ihm der Gewohnheit gemäß, auf einem Knie, darreichte.

Sobald der König bewaffnet war, verkündeten die reisigen Jäger, der Hirsch sei bestätigt, und die Jagd begann.

Bussy hatte sich auf die Seite der Truppe gestellt, um alle Welt an sich vorüberziehen zu sehen; er ließ Niemand vorbei, ohne genau zu prüfen, ob er nicht das Original des Portraits fände; doch vergebens, es waren sehr hübsche, sehr schöne, sehr verführerische Frauen bei dieser Jagd, bei der der Oberstjägermeister zum ersten Male auftrat, aber das reizende Geschöpf, das er suchte, erschien nicht darunter. Er sah sich auf das Gespräch und die Gesellschaft seiner gewöhnlichen Freunde angewiesen. Stets lachend, stets geschwätzig, bot ihm Antraguet viel Zerstreuung in seinem Ärger.

»Wir haben einen abscheulichen Oberstjägermeister,« sagte er zu Bussy, »was denkst Du davon?«

»Ich finde ihn furchtbar, welch eine Familie wird der uns geben, wenn die Personen, die ihm anzugehören die Ehre haben, auch ihm gleichen! Zeige mir doch seine Frau.«

»Der Oberstjägermeister ist noch zu haben, mein Lieber,« versetzte Antraguet.

»Woher weißt Du dies?«

»Von Frau von Vendron, die ihn sehr hübsch findet und gern ihren vierten Gemahl aus ihm machen möchte, wie Lucretia Borgia aus dem Grafen von Este. Seht Ihr, wie sie ihren Fuchs hinter dem Rappen von Monsoreau jagen lässt!«

»Und von welchem Gute ist er Herr?« fragte Bussy.

»Von einer Menge von Gütern.«

»Sie liegen?«

»Bei Anjou.«

»Er ist also reich?«

»Man sagt, es; doch das ist Alles; er scheint von niederem Adel zu sein.«

»Und wer ist die Geliebte von diesem Krautjunker?«

»Er hat keine Geliebte; der würdige Herr bildet sich etwas darauf ein, einzig in seiner Art zu sein; doch sieh, Monseigneur der Herzog von Anjou winkt Dir mit der Hand, gehe geschwinde.«

»Ah! meiner Treue, der Herr Herzog von Anjou wird warten. Dieser Mensch stachelt meine Neugierde. Ich finde ihn seltsam; ich weiß nicht warum, doch man hat solche Gedanken, wenn man den Leuten zum ersten Male begegnet; es scheint mir, ich werde mit ihm einen Strauß auszufechten haben: Und dann der Name Monsoreau!«

»Die Etymologie hiervon ist mir bekannt,« sprach Antraguet, »mein alter Abbé hat es mir diesen Morgen gesagt: Mons Soricis.[5 - Mäuseberg]«

»Das ist mir ganz lieb,« versetzte Bussy.

»Warte doch,« rief plötzlich Antraguet.

»Was denn?«

»Livarot kennt das.«

»Was kennt er?«

»Den Mons Soricis. Sie sind Gutsnachbarn.«

»Warum sagst Du uns das nicht sogleich? He! Livarot!«

Livarot näherte sich.

»Geschwinde hierher; der Monsoreau?«

»Nun?« fragte der junge Mann.

»Belehre uns über den Monsoreau.«

»Gern.«

»Dauert es lange?«

»Nein, es wird kurz sein. In drei Worten sage ich Euch, was ich davon weiß, und was ich davon denke. Ich habe Furcht vor ihm!«

»Gut! und nun, da Du uns gesagt hast, was Du von ihm denkst, so sage uns, was Du von ihm weißt.«

»Höre! … ich kam eines Abends …«

»Das fängt schrecklich an,« sprach Antraguet.

»Wollt Ihr mich endigen lassen?«

»Ich kam eines Abends, vor ungefähr sechs Monaten, von meinem Oheime d'Entragues durch den Wald von Méridor zurück, als ich plötzlich einen furchtbaren Schrei hörte und einen weißen Zelter, den Sattel leer, in das Gebüsch fort stürzend, vorüber kommen sah; ich gab meinem Pferde die Sporen und gewahrte am Ende einer langen, durch die ersten Schatten der Nacht verfinsterten Allee einen Menschen auf einem Rappen; er ritt nicht, er flog. Derselbe halb erstickte Schrei ließ sich abermals hören, und ich bemerkte vor dem Sattel eine Frau, der er die Hand auf den Mund drückte. Ich hatte meine Jagdbüchse bei mir, Ihr wisst, dass ich ziemlich sicher schieße. Ich nehme ihn auf das Korn und hätte ihn meiner Treue erschossen, wäre nicht die Lunte in dem Augenblick, wo ich losdrückte, erloschen.«

»Nun, und dann?« sagte Bussy.

»Dann fragte ich einen Holzhauer, wer der Herr mit dem Rappen wäre, der Frauen raubte; er antwortete mir, es wäre Herr von Monsoreau.«

»Das macht sich wohl, scheint mir, dass man Frauen raubt,« sprach Antraguet, »nicht wahr, Bussy?«

»Ja,« erwiderte dieser, »doch man lässt sie wenigstens nicht schreien.«

»Und wer war die Frau?« sagte Antraguet.

»Das hat man nie erfahren.«

»Er ist offenbar ein merkwürdiger Mann und ich interessiere mich für ihn,« sprach Bussy.

»Es ist gewiss, dass sich der edle Herr eines furchtbaren Rufes erfreut,« sagte Livarot.

»Erzählt man sich noch andere Geschichten von ihm?«

»Nein, nichts; scheinbar hat er nie großes Unglück gestiftet; er ist sogar, wie man sagt, ziemlich gut gegen seine Bauern, doch dessen ungeachtet fürchtet man ihn in der Gegend, welche bis jetzt das Glück gehabt hat, ihn zu besitzen, wie das Feuer. Er ist ein gewaltiger Jäger wie Nimrod, nicht vor Gott vielleicht, sondern vor dem Teufel, und der König hat somit wohl nie einen ähnlichen Oberstjägermeister gehabt. Gewiss taugt er besser für diesen Posten, als Saint-Luc, dem er Anfangs bestimmt war, welchem er aber durch den Einfluss des Herzogs von Anjou vor der Nase weggeblasen worden ist.«

»Du weißt, dass Dir der Herzog von Anjou immer noch winkt?« sprach Antraguet.

»Gut, lass ihn winken; ei! hast Du erfahren, was man sich von Saint-Luc erzählt?«

»Nein; ist er immer noch Gefangener des Königs?« fragte lachend Livarot.

»Es muss wohl so sein, da er nicht hier ist,« versetzte Antraguet.

»Keines Wegs, mein Lieber, er ist diese Nacht um ein Uhr abgereist, um die Güter seiner Frau zu besuchen.«

»Verbannt?«

»Es sieht ganz so aus.«

»Saint-Luc verbannt, unmöglich!«

»Wahr wie das Evangelium.«

»Von St. Lucas.«

»Nein, vom Marschall von Brissac, der mir diesen Morgen die Sache persönlich mitteilte.«

»Ah! das ist neu und seltsam, das wird Monsoreau schaden.«

»Ich habe es,« sprach Bussy.

»Was hast Du?«

»Ich habe es gefunden.«

»Was hast Du gefunden?«

»Den Dienst, den er Herrn von Anjou geleistet hat.«

»Saint-Luc?«

»Nein, der Monsoreau.«

»Wirklich?«

»Ja, oder der Teufel soll mich holen. Kommt mit mir, und Ihr sollt sehen.«

Und von Livarot und Antraguet gefolgt, setzte Bussy sein Pferd in Galopp, um den Herrn Herzog von Anjou einzuholen, der, müde ihm Zeichen zu machen, einige Büchsenschüsse vor ihm ritt.

»Ah! Monseigneur,« rief Bussy, als er in der Nähe des Herzogs war, »was für ein kostbarer Mann ist dieser Herr von Monsoreau!«

»Ah, wirklich!«

»Es ist unglaublich.«

»Du hast also mit ihm gesprochen?« versetzte der Prinz immer spöttisch.

»Gewiss, abgesehen davon, dass er einen sehr gebildeten Geist besitzt.«

»Und Du hast ihn gefragt, was er für mich getan?«

»Ganz gewiss, ich redete ihn nur zu diesem Behufe an.«

»Und er antwortete Dir?« fragte der Prinz heiterer als je.

»Auf der Stelle und zwar mit einer Höflichkeit, für welche ich ihm außerordentlich viel Dank weiß.«

»Was hat er gesagt, lass hören, mein wackerer Kämpe.«

»Er hat mir artiger Weise eingestanden, Monseigneur, er wäre der Lieferant von Eurer Hoheit.«

»Der Wildpretlieferant?«

»Nein, der Frauenlieferant.«

»Wie beliebt?« versetzte der Herzog, dessen Stirne sich rasch verdüsterte, »was soll dieser Spaß bedeuten?«

»Er soll bedeuten, Monseigneur, dass er für Euch Frauen auf seinem großen Rappen entführt, und dass er denselben, da sie ohne Zweifel die Ehre nicht kennen, die ihnen vorbehalten ist, die Hand auf den Mund drückt, um sie am Schreien zu verhindern.«

Der Herzog faltete die Stirne, presste zornig die Fäuste zusammen, erbleichte und setzte sein Pferd in so wütenden Galopp, dass Bussy und die Seinigen zurückblieben.

»Ah! ah!« rief Antraguet, »mir scheint, der Scherz ist gut.«

»Um so besser,« sagte Livarot, »als er nicht auf Jedermann den Eindruck eines Scherzes macht.«

»Teufel!« versetzte Bussy, »man sollte glauben, ich habe den armen Herzog fest gepackt.«

Einen Augenblick nachher hörte man die Stimme von Herrn von Anjou rufen:

»He! Bussy, wo bist Du? komm doch!«

»Hier bin ich,« Monseigneur, sagte Bussy, sich nähernd.

Er fand den Prinzen in vollem Gelächter.

»Ah!« rief Bussy, »es scheint, was ich Euch gesagt habe, ist spaßhaft geworden.«

»Nein, Bussy, ich lache nicht über das, was Du mir gesagt hast.«

»Desto schlimmer, denn ich hätte gern das Verdienst gehabt, einen Prinzen lachen zu machen, der nicht oft lacht.«

»Ich lache darüber, mein armer Bussy, dass Du das Falsche vorbringst, um das Wahre zu erfahren.«

»Nein, der Teufel soll mich holen, Monseigneur, ich habe Euch die Wahrheit gesagt.«

»Gut, so erzähle mir, während wir nur zu zwei sind, Deine kleine Geschichte; wo hast Du das genommen, was Du mir so eben mitteiltest.«

»In dem Walde von Méridor, Monseigneur!«

Der Herzog erbleichte abermals, sagte aber nichts.

»Offenbar,« murmelte Bussy, »offenbar ist der Herzog in irgend einer Beziehung bei der Geschichte des Räubers mit dem Rappen und der Frau mit dem weißen Zelter beteiligt.«

»Sprecht, Monseigneur,« fügte Bussy laut bei, während er darüber lachte, dass der Herzog nicht mehr lachte, »wenn es irgend eine Weise, Euch zu dienen, gibt, die Euch besser gefällt, als die andern, so belehrt uns, wir werden Nutzen daraus ziehen, und müssten wir auch hierbei mit Herrn von Monsoreau in die Schranken treten.«

»Bei Gott! ja, es gibt eine solche Weise, Bussy, und ich will sie Dir auseinandersetzen,« sagte der Herzog, Bussy bei Seite ziehend.

»Höre,« sprach er sodann zu ihm, »ich habe zufällig in der Kirche eine reizende Frau getroffen: da mich einige Züge ihres unter einem Schleier verborgenen Gesichts an die einer Dame erinnerten, welche ich sehr liebte, so folgte ich ihr, um mich zu versichern, wo sie wohnte. Ihre Zofe ist bestochen und ich habe einen Schlüssel zu dem Hause.«

«Bis dahin, Monseigneur, scheint mir die Sache gut zu gehen.«

»Warte. Man sagt, sie sei, obgleich frei, reich, jung und schön, doch vernünftig.«

»Ah! Monseigneur, das geht in das Phantastische über.«

»Höre, Du bist brav, Du liebst mich, wie Du behauptest.«

»Ich habe meine Tage.«

»Um brav zu sein?«

»Nein, um Euch zu lieben.«

»Gut, bist Du in einem von diesen Tagen?«

»Um Eurer Hoheit einen Dienst zu leisten, werde ich mich in einen solchen versetzen. Lasst hören.«

»Es würde sich darum handeln, das zu tun, was man gewöhnlich nur für sich selbst tut.«

»Ah! ah! Monseigneur, hätte man etwa Eurer Geliebten den Hof zu machen, damit sich Eure Hoheit überzeugen könnte, ob sie wirklich eben so vernünftig, als schön wäre? Das stünde mir an.«

«Nein. Es würde sich darum handeln, zu erfahren, ob ihr nicht ein Anderer den Hof macht.«

»Ah! das verwickelt sich, Monseigneur, erklärt Euch deutlicher.«

»Du müsstest Dich in Hinterhalt legen und mir sagen, wer der Mann ist, der zu ihr kommt.«

»Es gibt also einen solchen Mann?«

»Ich befürchte es.«

»Ist es ein Liebhaber oder ein Gatte?«

»Wenigstens ein Eifersüchtiger.«

»Desto besser, Monseigneur.«

»Wie, desto besser?«

»Das verdoppelt Eure Aussichten.«

»Ich danke. Mittlerweile möchte ich gern wissen, wer dieser Mensch ist.«

»Und Ihr beauftragt mich, hierüber Gewissheit zu erlangen?«

»Ja, und wenn Du einwilligst, mir diesen Dienst zu leisten… »

»So macht Ihr mich ebenfalls zum Oberstjägermeister, sobald dieser Posten wieder frei wird?«

»Meiner Treue, Bussy, ich würde um so lieber die Verpflichtung hierzu übernehmen, als ich nie etwas für Dich getan habe.«

»Ah! Monseigneur bemerkt das?«

»Ich sage es mir schon lange.«

»Ganz leise, wie sich die Fürsten dergleichen Dinge sagen.«

»Nun?«

»Was, Monseigneur?«

»Willigst Du ein?«

»Die Dame zu bespähen?«

»Ja.«

»Monseigneur, ich muss Euch gestehen, dieser Auftrag schmeichelt mir nur in geringem Maße, und ich würde einen anderen vorziehen.«

»Und Du erbotest Dich, mir einen Dienst zu leisten, Bussy, und weichst bereits zurück?«

»Verdammt! Ihr tragt mir ein Spionagehandwerk an, Monseigneur.«

»Nein, das Handwerk eines Freundes; glaube übrigens nicht, dass ich Dir damit eine Sinecur gebe; Du wirst vielleicht das Schwert ziehen müssen.«

Bussy schüttelte den Kopf und erwiderte:

»Monseigneur, es gibt Dinge, die man nur selbst gut macht; man muss sie auch selbst machen, und wäre man sogar Prinz.«

»Du schlägst es mir also ab?«

»Meiner Treue, ja, Monseigneur.«

Der Herzog runzelte die Stirne und sprach:

»Ich befolge Deinen Rat und gehe selbst, und werde ich hierbei verwundet oder getötet, so sage ich, ich habe meinen Freund Bussy gebeten, diesen Degenstich zu geben oder zu empfangen, und er sei zum ersten Male in seinem Leben klug gewesen.«

»Monseigneur,« versetzte Bussy, »Ihr sagtet mir kürzlich:

›Bussy, ich hasse alle diese Mignons vom Gefolge des Königs, denn sie verspotten und beleidigen uns bei jeder Gelegenheit; Du solltest bei der Hochzeit von Saint-Luc eine Veranlassung zum Streit herbeiführen und uns von denselben befreien,‹ Monseigneur, ich bin gegangen, sie waren ihrer fünf, ich war allein; ich forderte sie heraus, sie legten mir einen Hinterhalt, griffen mich Alle mit einander an und töteten mir mein Pferd; dennoch habe ich zwei von ihnen verwundet und den dritten niedergeschlagen. Heute fordert Ihr mich auf, einer Frau Schaden zu bereiten; verzeiht, Monseigneur, das liegt außerhalb der Dienste, die ein Prinz von einem mutigen Manne verlangen kann, und ich weise es von mir.«

»Es sei,« sagte der Herzog, »ich werde allein Schildwache stehen, oder mit Aurilly, wie ich das bereits getan habe.«

«Verzeiht,« sprach Bussy, der es fühlte, als lüftete sich ein Schleier in seinem Innern.

»Was?«

»Waret Ihr im Begriff, die Wache zu beziehen, Monseigneur, als Ihr die Mignons erblicktet, die auf mich lauerten?«

»So ist es.«

»Eure schöne Unbekannte wohnt also in der Nähe der Bastille?«

»Sie wohnt Sainte-Catherine gegenüber.«

»Wirklich?«

»Es ist also ein Quartier, wo man vortrefflich ermordet wird, Du weißt etwas davon.«

»Hat Eure Hoheit seit jenem Abend abermals gelauert?«

»Gestern.«

»Und was hat Monseigneur gesehen?«

»Einen Menschen, der in allen Winkeln des Platzes umher spähte, ohne Zweifel, um zu schauen, ob ihn Niemand beobachte, und sich sodann, wahrscheinlich weil er mich erblickte, hartnäckig an der Türe hielt.«

»Und dieser Mann war allein, Monseigneur?« fragte Bussy.

»Ja, ungefähr eine halbe Stunde lang.«

»Nach dieser halben Stunde?«

»Kam ein anderer Mann zu ihm, der eine Laterne in der Hand hielt.«

»Ah! Ah!« machte Bussy.

»Der Mann im Mantel,« fuhr der Prinz fort …

»Der Erste hatte einen Mantel?« unterbrach ihn Bussy.

»Ja.«

»Der Mann im Mantel und der Mann mit der Laterne fingen sodann an, mit einander zu plaudern, und da sie nicht geneigt schienen, ihren Nachtposten aufzugeben, so überließ ich ihnen den Platz und kehrte zurück.«

»Dieses doppelten Versuches überdrüssig?«

»Meiner Treue, ja, ich muss es gestehen. Und somit, ehe ich mich in dieses Haus wage, das gar wohl eine Mördergrube sein könnte …«

»Wäre es Euch nicht unangenehm, wenn man daselbst einen Eurer Freunde erwürgen würde.«

»Oder vielmehr, dass dieser Freund, der kein Prinz ist, nicht die Feinde hat, die ich habe, und überdies mit dergleichen Abenteuern durch Gewohnheit vertraut ist, untersuchen würde, ob man wirklich eine Gefahr zu befürchten hätte, und dann zu mir käme, um mir Nachricht hierüber zu bringen.«

»An Eurer Stelle, Monseigneur, würde ich die Frau aufgeben.«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Weil sie zu hübsch ist.«

»Ihr sagt selbst, Ihr habet sie kaum gesehen.«

»Ich habe sie hinreichend gesehen, um ihre bewunderungswürdig schönen blonden Haare wahrzunehmen.«

»Ah!«

»Herrliche Augen.«

»Ah! ah!«

»Einen Teint, wie ich ihn noch nie gesehen, eine ausgezeichnete Gestalt.«

»Ah! Ah! Ah!«

»Du begreifst, man leistet nicht so leicht auf eine solche Frau Verzicht.«

»Ja, Monseigneur, ich begreife; die Lage der Dinge rührt mich auch.«

Der Herzog schaute Bussy von der Seite an.

»Bei meinem Ehrenwort!« sprach Bussy.

»Du scherzest?«

»Nein, und zum Beweise mag dienen, dass ich, wenn mir Monseigneur Verhaltensregeln geben und die Wohnung bezeichnen will, diesen Abend Wache halten werde.«

»Du gehst also von Deinem Entschluss ab?«

»Ei! Monseigneur, nur unser heiliger Vater Gregor XIII. ist unfehlbar. Sagt mir jedoch, was ich zu tun habe.«

»Du musst Dich in einiger Entfernung von der Thüre, die ich Dir bezeichnen werde, verbergen, und wenn ein Mensch hineingeht, ihm folgen, um Dich zu versichern, wer er ist.«

»Ja, doch wenn er beim Eintritt die Türe hinter sich schließt?«

»Ich bemerkte Dir bereits, dass ich einen Schlüssel habe.«

»Ah! das ist wahr, es ist nur noch Eines zu befürchten: dass ich einem andern Manne folge und dass der Schlüssel zu einer andern Türe geht.«

»Man kann sich nicht täuschen, diese Türe ist eine Gangtür, am Ende des Ganges links ist eine Treppe, Du steigst zwölf Stufen hinauf und befindest Dich in einer Hausflur.«

»Woher wisst Ihr das, Monseigneur, da Ihr nie in dem Hause gewesen seid?«

»Habe ich Dir nicht gesagt, die Zofe sei mir ergeben? Sie hat mir Alles mitgeteilt.«

»Bei Gott! es ist doch bequem, ein Prinz zu sein! Ihr werdet in jeder Beziehung ganz vollständig bedient. Ich, Monseigneur, hätte das Haus allein erkennen, den Gang durchforschen, die Stufen zählen, die Hausflur untersuchen müssen. Das hätte mir ungeheuer viel Zeit weggenommen, und es wäre mir vielleicht erst nicht gelungen.«

»Du willigst also ein?«

»Kann ich Eurer Hoheit etwas abschlagen? Ihr werdet nur mit mir gehen, um mir die Türe anzugeben.«

»Unnötig, bei der Rückkehr von der Jagd machen wir einen Umweg, wir reiten durch die Porte Saint-Antoine, und ich zeige Dir die Türe.«

»Vortrefflich, Monseigneur, und was soll ich dem Manne tun, wenn er kommt?«

»Nichts Anderes, als ihm folgen, bis Du erfahren hast, wer er ist.«

»Das ist ein Auftrag von sehr zarter Natur; wenn dieser Mensch zum Beispiel die Diskretion so weit treibt, dass er mitten auf dem Wege stille steht, um meine Nachforschungen kurz abzuschneiden?«

»Ich überlasse Dir die Sorge, das Abenteuer zu betreiben, wie es Dir beliebt.«

»Eure Hoheit bevollmächtigt mich also, zu handeln, als ob es für mich wäre?«

»Ganz und gar.«

»Es soll geschehen, Monseigneur.«

»Nicht ein Wort zu allen unsern jungen Herren!«

»So wahr ich ein Edelmann bin.«

»Du nimmst Niemand mit Dir zu dieser Forschung!«

»Ich gehe allein, das schwöre ich Euch.«

»Wohl, das ist abgemacht. Wir kehren durch die Bastille zurück. Ich zeige Dir die Türe, Du kommst zu mir, ich gebe Dir den Schlüssel … und diesen Abend …«

»Ersetze ich Monseigneur, es bedarf keines weiteren Wortes mehr.«

Bussy und der Prinz holten die Jagd wieder ein, welche Herr von Monsoreau als ein Mann von Geist anführte. Der König war entzückt über die pünktliche Art und Weise, wie der vollendete Jäger alle Halte bestimmt und alle Relais geordnet hatte. Nachdem es zwei Stunden gejagt und mehr als zwanzigmal gesehen worden war, kam das Tier abermals zurück, um sich gerade beim Lancieren fassen zu lassen.

Herr von Monsoreau empfing die Glückwünsche des Königs und des Herzogs von Anjou.

»Monseigneur,« sagte er, »ich fühle mich zu glücklich, Eure Komplimente verdient zu haben, da ich Euch den Platz verdanke.«

»Doch Ihr wisst, mein Herr,« versetzte der Herzog, »dass Ihr, um sie fortwährend zu verdienen, noch diesen Abend nach Fontainebleau abreisen müsst; der König will dort übermorgen und die folgenden Tage jagen, und ein Tag ist nicht zu viel, um Kenntnis von dem Walde zu erhalten.«

»Ich weiß es, gnädigster Herr,« antwortete Monsoreau, »und meine Equipage ist schon bereit. Ich werde in dieser Nacht abreisen.«

»Ah! sieh da, Herr von Monsoreau,« sagte Bussy, »Ihr habt fortan keine Ruhe mehr für Euch. Ihr wolltet Oberstjägermeister sein; Ihr seid es, bei dem Amte, das Ihr verwaltet, gibt es fünfzig gute Nächte weniger als für die andern Menschen; zum Glück seid Ihr noch nicht verheiratet, mein lieber Herr.«

Bussy lachte, während er dies sagte; der Herzog heftete einen durchdringenden Blick auf den Oberstjägermeister; dann wandte er den Kopf auf eine andere Seite und beglückwünschte den König über die Besserung, welche seit dem vorhergehenden Tage sich in seiner Gesundheit bewerkstelligt zu haben scheine. Was Monsoreau betrifft, so hatte sich bei dem Scherze von Bussy sein Gesicht abermals mit der hässlichen Blässe überzogen, die ihm ein so finsteres Aussehen verlieh.




Elftes Kapitel

Wie Bussy zugleich das Portrait und das Original wiederfand


Die Jagd war gegen vier Uhr Abends beendigt, und um fünf Uhr, als ob der König die Wünsche des Herzogs von Anjou geahnt hätte, kehrte der ganze Hof durch den Faubourg Saint-Antoine nach Paris zurück.

Herr von Montsoreau hatte unter dem Vorwand, sogleich abzureisen, von dem Prinzen Abschied genommen und wandte sich mit seinem Jagdgefolge nach Fromenteau.

Als man vor der Bastille vorüberkam, machte der König seine Freunde auf das zugleich stolze und düstere Aussehen der Festung aufmerksam: es war dies ein Mittel, sie daran zu erinnern, was ihrer harrte, wenn sie zufällig, nachdem sie seine Freunde gewesen, seine Feinde würden. Viele verstanden ihn und verdoppelten ihre Untertänigkeit gegen den König.

Während dieser Zeit sagte der Herzog von Anjou ganz leise zu Bussy, der an seiner Seite ritt:

»Bussy, schau links, betrachte jenes hölzerne Haus, das unter seinem Giebel eine kleine Bildsäule der Jungfrau beherbergt, folge mit dem Auge derselben Linie und zähle, das Haus mit der Jungfrau mit eingerechnet, vier weitere Häuser.«

»Gut,« sagte Bussy.

»Es ist das fünfte,« sprach der Herzog, »das gerade der Rue Sainte-Catherine gegenüber.«

»Ich sehe es, Monseigneur, doch schaut, bei dem Klange unserer Trompeten, welche den König verkündigen, erscheinen an den Fenstern von allen Häusern Neugierige.«

»Mit Ausnahme des Hauses, das ich Dir bezeichne, denn dort bleiben die Fenster geschlossen.«

»Aber die Ecke eines Vorhangs öffnet sich ein wenig,« versetzte Bussy mit einem furchtbaren Herzklopfen.

»Jedoch, ohne dass man irgend etwas gewahren kann. Ah! die Dame ist gut bewacht oder bewacht sich selbst gut. In jedem Fall ist hier das Haus, an meinem Hotel gebe ich Dir den Schlüssel.«

Bussy schoss seinen Blick durch diese enge Öffnung, doch er sah nichts, obgleich seine Augen beständig auf sie geheftet blieben. Als man zu dem Hotel Anjou zurückkam, gab der Herzog Bussy wirklich den Schlüssel des bezeichneten Hauses und empfahl ihm abermals, gute Wache zu halten. Bussy versprach, was der Herzog wollte, und kehrte nach Hause zurück.

»Nun?« sagte er zu Remy.

»Ich mache dieselbe Frage an Euch, Monseigneur.«

»Du hast nichts gefunden?«

»Das Haus ist unzugänglich bei Tag, wie bei Nacht. Ich schwebe zwischen fünf oder sechs Häusern, welche sich berühren.«

»Dann bin ich wohl glücklicher gewesen, als Du, mein lieber Haudouin.«

»Wie so, gnädigster Herr, Ihr habt also auch gesucht?«

»Nein, ich bin nur durch die Straße geritten.«

»Und Ihr habt das Haus erkannt?«

»Mein lieber Freund, die Vorsehung hat Umwege und Geheimnisvolle Kombinationen.«

»Ihr seid also Eurer Sache gewiss?«

»Ich sage nicht, ich sei gewiss, aber ich hoffe es.«

»Und wann werde ich erfahren, ob Ihr das Glück gehabt habt, das wiederzufinden, was Ihr suchtet?«

»Morgen früh.«

»Bedürft Ihr meiner bis dahin?«

»Durchaus nicht, mein lieber Remy.«

»Ich soll Euch nicht folgen?«

»Unmöglich.«

»Seid wenigstens klug, gnädigster Herr.«

»Ah!« rief Bussy lachend, »die Empfehlung ist unnötig, ich bin hierfür bekannt.«

Bussy speiste wie ein Mensch zu Mittag, der weder weiß, wo, noch auf welche Weise er zu Nacht speisen wird; als es acht Uhr schlug, wählte er den besten von seinen Degen, steckte trotz des kurz zuvor erst von dem König erlassenen Befehls ein Paar Pistolen in seinen Gürtel und ließ sich in seiner Sänfte an das Ende der Rue Saint-Paul tragen.

Hier angelangt erkannte er das Haus mit der Bildsäule der Jungfrau, zählte die vier folgenden Häuser, versicherte sich, dass das fünfte das bezeichnete Haus war, und kauerte sich, in einen großen Mantel von dunkler Farbe gehüllt, in die Ecke der Rue Sainte-Catherine, entschlossen, zwei Stunden zu warten und nach Verlauf von zwei Stunden, wenn Niemand käme, für seine eigene Rechnung zu handeln.

Es schlug neun Uhr auf Saint-Paul, als sich Bussy in Hinterhalt legte.

Er war ungefähr zehn Minuten hier, da sah er in der Dunkelheit durch das Thor der Bastille zwei Reiter hervorkommen. Vor dem Hotel des Tournelles hielten sie an. Einer von ihnen stieg ab, warf den Zügel dem zweiten zu, welcher ohne Zweifel ein Lackei war, schaute diesem nach, während er auf dem Wege, auf dem sie gekommen, zurückkehrte und bis er sich wieder mit den zwei Pferden in der Finsternis verloren hatte, und ging dann auf das der Überwachung von Bussy anvertraute Haus zu.

Einige Schritte von dem Hause beschrieb der Unbekannte einen großen Kreis, als wollte er die Umgegend mit dem Blicke erforschen; als er sich sodann vor jeder Beobachtung sicher glaubte, näherte er sich der Türe und verschwand.

Bussy hörte das Geräusch dieser Türe, welche sich wieder hinter ihm schloss.

Er wartete einen Augenblick, aus Furcht, die Geheimnisvolle Person könnte hinter dem Gitter geblieben sein, um zu spähen. Nach Verlauf von einigen Minuten trat er vor, schritt über die Chaussee, öffnete die Türe und schloss sie wieder durch die Erfahrung belehrt ohne Geräusch.

Dann wandte er sich um; das Gitter war wirklich in der Höhe seines Auges, und aller Wahrscheinlichkeit nach hatte er durch dieses Gitter Quélus betrachtet.

Das war noch nicht Alles, und Bussy war nicht gekommen, um hierbei stehen zu bleiben. Er schritt langsam, auf beiden Seiten den Gang betastend, fort und fand an dessen Ende links die erste Stufe einer Treppe.

Hier blieb er aus zwei Gründen stehen: einmal fühlte er seine Beine unter dem Gewichte der Aufregung wanken und dann hörte er eine Stimme sagen:

»Gertrude, meldet Eurer Gebieterin, ich sei es, und ich wolle hinein.«

Dieses Verlangen wurde mit einem zu gebieterischen Tone ausgesprochen, als dass es eine Weigerung geduldet hätte; nach einem Augenblick hörte Bussy die Stimme einer Kammerfrau antworten:

»Tretet in den Salon ein, gnädiger Herr; Madame wird sogleich kommen.«

»Dann vernahm er das Geräusch einer sich schließenden Türe.

Bussy dachte nun an die zwölf Stufen, welche Remy gezählt hatte; er zählte ebenfalls zwölf Stufen und befand sich auf dem Ruheplatz. Er erinnerte sich der Flur und der drei Türen und machte, den Atem an sich haltend und die Hand vor sich ausstreckend, einige Schritte. Es fand sich eine erste Türe unter seiner Hand, es war die, durch welche der Unbekannte eingetreten; er verfolgte seinen Weg, fand eine zweite, suchte, fühlte einen Schlüssel, drehte, vom Kopfe bis zu den Füßen zitternd, diesen Schlüssel im Schlosse und machte die Türe auf.

Das Zimmer, in welchem sich Bussy befand, war völlig dunkel, mit Ausnahme eines Teiles davon, der durch eine Seitentüre einen Lichtreffer aus dem Salon erhielt.

Dieser Reflex fiel auf ein Fenster, an welchem zwei gestickte Vorhänge angebracht waren, die das Herz des jungen Mannes von einem neuen Freudenschauer erbeben machten.

Seine Augen richteten sich auf einen von demselben Lichte beleuchteten Teil des Plafond, und er erkannte die mythologische Verzierung, die er bereits wahrgenommen halte.

Es gab keinen Zweifel mehr für ihn: er befand sich wieder in dem Zimmer, wo er in der Nacht erwacht war, in der er die Wunde empfangen hatte, durch die ihm die Gastfreundschaft zu Teil geworden.

Ein noch ganz anderer Schauer durchlief die Adern von Bussy, als er dieses Bett berührte und sich gleichsam von dem köstlichen Wohlgeruch umgeben fühlte, wie er stets dem Lager einer jungen und schönen Frau entströmt.

Bussy hüllte sich in die Bettvorhänge und horchte.

Man vernahm im Nebenzimmer die heftigen Schritte des Unbekannten; von Zeit zu Zeit blieb dieser stehen und murmelte durch die Zähne:

»Nun, wird sie endlich kommen?«

Nach einer von diesen Ausrufungen öffnete sich eine Türe im Salon; diese Türe schien der gegenüber zu liegen, welche bereits ein wenig geöffnet war. Der Teppich zitterte unter dem Drucke eines kleinen Fußes; das Streifen eines seidenen Kleides drang bis zu dem Ohr von Bussy, und der junge Mann hörte eine Frauenstimme mit dem unverkennbaren Ausdrucke von Furcht und Verachtung sagen:

»Hier bin ich, mein Herr, was wollt Ihr abermals von mir?«

»Oh! oh!« dachte Bussy sich unter seinem Vorhang verbergend, »wenn dieser Mensch der Liebhaber ist, so wünsche ich dem Gatten Glück.«

»Madame,« sprach der Mann, dem der kalte Empfang zu Teil wurde, »ich habe die Ehre, Euch zu benachrichtigen, dass ich, genötigt, morgen früh nach Fontainebleau abzureisen, diese Nacht bei Euch bleiben werde.«

»Bringt Ihr mir Kunde von meinem Vater?« fragte dieselbe Frauenstimme.

»Madame, hört mich.«

»Mein Herr, Ihr wisst, was abgemacht ist; wenn ich Eure Frau zu werden eingewilligt habe, so geschah es vor Allem unter der Bedingung, dass mein Vater wieder nach Paris kommen oder ich ihn wieder aufsuchen würde.«

»Madame, unmittelbar nach meiner Rückkehr von Fontainebleau reisen wir ab, darauf gebe ich Euch mein Ehrenwort; doch mittlerweile …«

»Oh! mein Herr, schließt die Türe nicht, es ist unnötig; ich werde keine Nacht, nicht eine einzige Nacht unter demselben Dach mit Euch zubringen, bevor ich Gewissheit über das Schicksal meines Vaters habe.«

Und die Frau, welche auf eine so entschiedene Weise sprach, blies in ein silbernes Pfeifchen, das einen scharfen, langen Ton von sich gab. Auf diese Art rief man in jener Zeit, wo die Glocken noch nicht erfunden waren, der Dienerschaft. Sogleich öffnete sich die Türe, durch welche Bussy eingetreten war, abermals und die Zofe der jungen Frau erschien: es war ein großes, starkes Mädchen aus Anjou, das auf diesen Ruf der Gebieterin zu warten schien und, sobald es denselben gehört hatte, herbei eilte. Diese Zofe trat in den Salon und öffnete bei ihrem Eintritte die Türe.

Ein etwas breiterer Lichtstrahl drang in das Zimmer, in welchem sich Bussy befand, und er erkannte zwischen den zwei Fenstern das Portrait.

»Gertrude,« sprach die Dame, »Du wirst nicht zu Bette gehen und Dich im Bereiche meiner Stimme aufhalten.«

Die Kammerfrau entfernte sich, ohne zu antworten, auf demselben Wege, auf dem sie gekommen war, und ließ dabei die Türe des Salon weit offen, und es wurde dadurch das wunderbare Portrait beleuchtet.

Bussy konnte nicht mehr zweifeln; dieses Portrait war dasjenige, welches er gesehen hatte. Er näherte sich sachte, um sein Auge an die Öffnung zu halten, welche die Dicke der Angeln zwischen der Türe und der Mauer ließ; doch so leise er auch auftrat, so krachte doch in der Sekunde, wo sein Blick in das Zimmer drang, der Boden unter seinem Fuße. Bei diesem Geräusch' wandte sich die Frau um: es war das Original des Portraits, es war die Fee des Traumes.

Als der Mann sah, dass sie sich umwandte, wandte er sich ebenfalls um, obgleich er nichts gehört hatte.

Es war der Herr von Monsoreau.

»Ah!« sagte Bussy zu sich selbst, »der weiße Zelter … die entführte Frau … ich werde ohne Zweifel eine furchtbare Geschichte hören.«

Und er trocknete sein Gesicht ab, das sich unwillkürlich mit Schweiß bedeckte.

Bussy sah sie, wie gesagt, Beide, sie bleich, aufrecht und mit verächtlichem Ausdrucke, ihn sitzend, nicht bleich, sondern leichenfarbig, ungeduldig den Fuß bewegend und sich in die Hand beißend.

»Madame,« sprach endlich der Herr von Monsoreau, »hofft nicht lange gegen mich die Rolle der verfolgten Frau, die Rolle des Opfers fortzusetzen; Ihr seid in Paris, Ihr seid in meinem Hause, und mehr noch, Ihr seid jetzt die Gräfin von Monsoreau, das heißt, meine Frau.«

»Wenn ich Eure Frau bin, warum weigert Ihr Euch, mich zu meinem Vater zu führen, warum verbergt Ihr mich fortwährend vor den Augen der Welt?«

»Habt Ihr den Herzog von Anjou vergessen, Madame?«

»Ihr versichertet mich, einmal Eure Frau, hätte ich nichts mehr von ihm zu befürchten?«

»Das heißt …«

»Das habt Ihr mich versichert …«

»Aber ich muss noch einige Vorsichtsmaßregeln nehmen.«

»Wohl, so nehmt diese Maßregeln, mein Herr, und kommt wieder zu mir, wenn Ihr sie genommen habt.«

»Diana,« sprach der Graf, in dessen Innerem der Zorn sichtbar stieg, »Diana, treibt nicht Euer Spiel mit dem geheiligten Bande der Ehe. Nehmt diesen Rat von mir an.«

»Mein Herr, macht, dass ich kein Misstrauen mehr gegen den Gatten habe, und ich werde die Ehe achten.«

»Es scheint mir doch, ich habe durch die Art, wie ich gegen Euch gehandelt, Euer Vertrauen verdient.«

»Mein Herr, ich denke, bei dieser ganzen Angelegenheit hat Euch mein Interesse nicht allein geleitet, oder Ihr seid, wenn dem so ist, vom Zufall gut bedient worden.«

»Oh! das ist zu viel,« rief der Graf, »ich bin in meinem Hause, Ihr seid meine Frau, und sollte Euch die Hölle zu Hilfe kommen, Ihr werdet diese Nacht noch mein sein.«

»Seht,« sagte sie, einen Dolch aus ihrem Gürtel ziehend, »so antworte ich Euch.«

Und sie stürzte in das Zimmer, in welchem Bussy war, schloss die Türe, stieß den doppelten Riegel vor und rief, während Monsoreau sich in Drohungen erschöpfte und mit der Faust an die Bretter schlug:

»Wenn Ihr nur das kleinste Stückchen Holz von dieser Türe springen macht, Ihr kennt mich, mein Herr, so findet Ihr mich tot auf der Schwelle.«

»Oh! seid unbesorgt, Madame,« sprach Bussy, Diana mit seinen Armen umschlingend, »Ihr werdet einen Rächer haben.«

Diana wollte einen Schrei ausstoßen, aber sie begriff, dass die einzige Gefahr, die sie bedrohte, von ihrem Gatten kam. Sie beschränkte sich auf die Abwehr und blieb stumm, zitternd, unbeweglich.

Herr von Monsoreau stampfte heftig mit dem Fuße; ohne Zweifel überzeugt, Diana würde ihre Drohung ausführen, verließ er jedoch bald den Salon, die Türe gewaltig hinter sich zuschlagend. Dann hörte man das Geräusch seiner Tritte im Gange sich entfernen und auf der Treppe abnehmen.

»Doch Ihr, mein Herr,« sprach nun Diana, sich aus den Armen von Bussy losmachend und einen Schritt zurückgehend, »wer seid Ihr und wie kommt Ihr hierher?«

»Madame,« antwortete Bussy, die Türe wieder öffnend und vor Diana niederkniend, »ich bin der Mann, dem Ihr das Leben erhalten habt. Wie könnt Ihr glauben, ich sei in einer schlimmen Absicht bei Euch eingetreten, oder ich hege Pläne gegen Eure Ehre?«

Bei der Lichtwoge, die das edle Antlitz des jungen Mannes übergoss, erkannte ihn Diana.

»Ah! Ihr hier, mein Herr,« rief sie, die Hände faltend, »Ihr wart hier, Ihr habt Alles gehört?«

»Ach! ja, Madame.«

»Doch wer seid Ihr? Nennt mir Euren Namen, Herr.«

»Madame, ich bin Louis von Clermont, Graf von Bussy.«

«Bussy, Ihr seid der brave Bussy!« rief in reiner Unschuld Diana, ohne zu ahnen, welche Freude dieser Ausruf in dem Herzen des jungen Mannes verbreitete. »Oh! Gertrude,« fuhr sie fort, sich an die Kammerfrau wendend, welche, als sie ihre Gebieterin mit Jemand sprechen hörte, ganz erschrocken herbeilief, »Gertrude, ich habe nun nichts mehr zu befürchten; von diesem Augenblick an stelle ich meine Ehre unter den Schutz des hochherzigen und biedersten Edelmanns von Frankreich.«

Dann Bussy die Hand reichend sprach sie:

»Steht auf, mein Herr, ich weiß, wer Ihr seid; nun müsst Ihr auch wissen, wer ich bin.«




Zwölftes Kapitel

Wer Diana von Méridor war


Bussy stand ganz betäubt von seinem Glücke auf und ging mit Diana in den Salon, den Herr von Monsoreau verlassen hatte.

Er schaute Diana mit dem Erstaunen der Bewunderung an, denn er hatte nicht geglaubt, die Frau, die er suchte, könnte die Vergleichung mit der Frau seines Traumes aushalten, und die Wirklichkeit übertraf nun Alles, was er für eine Laune seiner Einbildungskraft gehalten hatte.

Diana zählte achtzehn bis neunzehn Jahre, sie stand folglich in dem ersten Glanz der Jugend und Schönheit, der sein reinstes Kolorit der Blume, seinen reizendsten Sammet der Frucht verleiht; man konnte sich in dem Ausdrucke des Blickes von Bussy nicht täuschen; Diana fühlte sich bewundert und sie hatte nicht die Kraft, Bussy seiner Begeisterung zu entziehen.

Endlich begriff sie, dass sie das Stillschweigen, welches zu viel sagte, brechen musste.

»Mein Herr,« sprach sie, »Ihr habt eine von meinen Fragen beantwortet, aber nicht die andere: ich fragte Euch, wer Ihr wäret, und Ihr sagtet es mir; ich fragte Euch aber auch, wie Ihr hierher gekommen, und hierauf antwortetet Ihr mir nichts.«

»Madame,« sagte Bussy, »nach den paar Worten, die ich von Eurem Gespräche mit Herrn von Monsoreau gehört habe, begriff ich, dass die Ursachen meiner Gegenwart in einer ganz natürlichen Abhängigkeit von der Erzählung stünden, die Ihr mir zu versprechen die Güte hattet. Sagtet Ihr mir nicht so eben selbst, ich müsste erfahren, wer Ihr wäret?«

»Oh! ja, Graf, ich will Euch Alles erzählen,« antwortete Diana, »Euer Name genügte, um mir jedes Zutrauen einzuflößen, denn ich hörte ihn oft als den eines Mannes von Mut, von Rechtschaffenheit und Ehre nennen, dem man Alles anvertrauen könnte.«

Bussy verbeugte sich.

»Aus dem Wenigen, was Ihr gehört,«, sprach Diana, »konntet Ihr entnehmen, dass ich die Tochter des Baron von Méridor, das heißt die einzige Erbin eines der ältesten und edelsten Namen von Anjou bin.«

»Es gab einen Baron von Méridor,« sprach Bussy, »der sich in Pavia seine Freiheit bewahren konnte, aber seinen Degen den Spaniern übergab, sobald er erfuhr, dass der König Gefangener war, sich als einzige Gnade die Erlaubnis erbat, Franz 1. nach Madrid begleiten zu dürfen, dessen Gefangenschaft teilte und ihn nur verließ, um nach Frankreich zu reisen und über sein Lösegeld zu unterhandeln.«

»Das ist mein Vater, mein Herr, und wenn Ihr je in den großen Saal des Schlosses von Méridor kommt, so werdet Ihr dort als Geschenk, zum Andenken an diese Ergebenheit, das Portrait von Franz I., gemalt von der Hand von Leonardo da Vinci, sehen.«

»Ah!« sagte Bussy, »in jener Zeit verstanden es die Fürsten noch, ihre Diener zu belohnen.«

»Bei seiner Rückkehr von Spanien heiratete mein Vater. Zwei erste Kinder, zwei Söhne, starben. Das war ein großer Schmerz für den Baron von Méridor, der dadurch die Hoffnung verlor, sich in einem Erben wiederaufleben zu sehen. Bald starb der König ebenfalls und der Schmerz des Barons verwandelte sich in Verzweiflung; er verließ den Hof einige Jahre nachher und begrub sich mit seiner Frau in seinem Schlosse Méridor. Da wurde ich, wie durch ein Wunder, zehn Jahre nach dem Tode meiner Brüder geboren.

»Nun drängte sich die ganze Liebe des Barons auf dem Kinde seines Alters zusammen; seine Zuneigung für mich war nicht Zärtlichkeit, sondern Abgötterei. Drei Jahre nach meiner Geburt verlor ich meine Mutter; das war allerdings eine neue Pein für meinen Vater; doch zu jung, um meinen Verlust zu begreifen hörte ich nicht auf zu lächeln und mein Lächeln tröstete ihn über den Tod meiner Mutter.

»Ich wuchs heran und entwickelte mich unter seinen Augen. Wie ich Alles für ihn war, so war der arme Vater auch Alles für mich. Ich erreichte mein sechzehntes Jahr, ohne zu vermuten, dass es eine andere Welt gab, als die meiner Lämmer, meiner Pfauen, meiner Schwäne und meiner Turteltauben, ohne zu denken, dass dieses Leben je endigen sollte, und ohne zu wünschen, dass es endigen würde.

»Das Schloß Méridor lag umgeben von großen Waldungen, die dem Herzog von Anjou gehörten und von Hirschen und Rehen bevölkert waren, welche, da Niemand daran dachte, ihre Ruhe zu stören, ganz zutraulich wurden; alle zählte ich mehr oder minder zu meinen Bekannten, und einige derselben waren so an meine Stimme gewöhnt, dass sie sogleich herbeiliefen, wenn ich rief; eine Hirschkuh besonders, mein Schützling, mein Liebling, Daphne, die arme Daphne, fraß oft aus meiner Hand.

»In einem Frühling sah ich sie einen ganzen Monat nicht; ich hielt sie für verloren und beweinte sie wie eine Freundin, als ich sie plötzlich wieder mit zwei kleinen Hirschkälbern erblickte; Anfangs hatten die Kleinen Angst vor mir, als sie aber sahen, wie mich ihre Mutter liebkoste, begriffen sie, dass sie nichts zu fürchten hatten, und liebkosten mich ebenfalls.

»Um diese Zeit verbreitete sich das Gerücht, der Herr Herzog von Anjou werde einen Unterstatthalter in die Hauptstadt der Provinz schicken. Ein paar Tage nachher erfuhr man, der Unterstatthalter wäre angekommen und hieße Graf von Monsoreau.

»Warum traf mich dieser Name im Herzen, als ich ihn aussprechen hörte? Ich kann mir dieses schmerzliche Gefühl nur durch eine Ahnung erklären.

»Es vergingen acht Tage. Man sprach viel und sehr verschieden in der ganzen Gegend von Herrn von Monsoreau. Eines Morgens erschollen die Wälder vom Klang der Hörner und vom Gebelle der Hunde. Ich lief bis an das Gitter des Parks und kam gerade zu rechter Zeit, um Daphne wie einen Blitz, verfolgt von einer Meute, vorüberschießen zu sehen; ihre zwei Kälber liefen hinter ihr.

»Einen Augenblick nachher kam auf einem Rappen, der Flügel zu haben schien, ein Mann wie eine Vision vorbei: es war Herr von Monsoreau.

»Ich wollte einen Schrei ausstoßen, ich wollte um Gnade für meinen armen Schützling bitten, doch er hörte meine Stimme nicht oder er gab nicht darauf Acht, dergestalt wurde er von der Hitze der Jagd fortgerissen.

»Ohne mich um die Unruhe zu bekümmern, die ich meinem Vater bereiten würde, wenn er meine Abwesenheit wahrnähme, lief ich in der Richtung fort, in der ich die Jagd sich hatte entfernen sehen, hoffend, den Grafen selbst oder einen von seinen Leuten zu treffen und ihn zu bitten, die Verfolgung einzustellen, die mir das Herz zerriss.

»Ich lief so über eine halbe Stunde, ohne zu wissen, wohin ich ging; seit geraumer Zeit hatte ich Hirschkuh, Meute und Jäger aus dem Gesicht verloren. Bald hörte ich auch nicht mehr bellen; ich sank am Fuße eines Baumes nieder und fing an zu weinen. Hier lag ich seit ungefähr einer Viertelstunde, als ich in der Ferne den Lärmen der Jagd zu unterscheiden glaubte; ich täuschte mich nicht, der Lärmen kam jeden Augenblick näher; bald war er in so geringer Entfernung von mir, dass ich nicht zweifelte, die Jagd würde im Bereiche meines Blickes vorüber kommen. Ich stand sogleich auf und eilte nach der Gegend, wo sie sich ankündigte.

»Ich sah wirklich in einer Lichtung die arme Daphne keuchend erscheinen; sie hatte nur noch ein einziges Kalb; das andere war der Ermattung unterlegen und ohne Zweifel von den Hunden zerrissen werden.

»Sie selbst war sichtbar müde; die Entfernung zwischen ihr und der Meute war weniger groß, als das erste Mal; ihr Lauf hatte sich in abgestoßene Sätze verwandelt, und als sie vor mir vorüberkam, schrie sie traurig.

»Wie das erste Mal strengte ich mich vergebens an, um mich hörbar zu machen. Herr von Monsoreau gewahrte nichts, als das Tier, das er verfolgte; er ritt noch schneller, als ich es zuvor gesehen, das Horn am Munde und furchtbar blasend.

»Hinter ihm trieben mehre Jäger die Hunde mit dem Horn und der Stimme an. Dieser Wirbel von Gebelle, von Fanfaren und Geschrei zog wie ein Sturm vorbei, verschwand im Dickicht des Waldes und erlosch in der Ferne.

»Ich war in Verzweiflung; ich sagte mir, wenn ich mich nur fünfzig Schritte weiter vor am Rande der Lichtung befunden hätte, über die er hin geritten, so müsste er mich gesehen haben, und meine Bitte hätte dem armen Tiere sicherlich Begnadigung verschafft.

»Dieser Gedanke belebte meinen Mut; die Jagd konnte zum dritten Male in meinem Bereiche vorüber kommen. Ich folgte einem mit schönen Bäumen eingefassten Wege, von dem ich wusste, dass er nach dem Schlosse Beaugé führte. Dieses Schloss, welches dem Herrn Herzog von Anjou gehörte, lag ungefähr drei Stunden von dem Schlosse meines Vaters. Nach einem Augenblicke bemerkte ich es, und jetzt erst bedachte ich, dass ich drei Stunden zu Fuße gemacht hatte, und dass ich allein und sehr weit vom Schlosse Méridor entfernt war.

»Ich gestehe, dass sich ein unbestimmter Schrecken meiner bemächtigte, und dass ich in diesem Augenblick erst an die Unklugheit und sogar Unschicklichkeit meines Benehmens dachte. Ich folgte dem Rande des Teiches, denn ich wollte den Gärtner, einen braven Mann, der mir, wenn ich mit meinem Vater hierher gekommen war, herrliche Sträuße gegeben hatte, ich wollte den Gärtner, sage ich, bitten, mich zurückzuführen, als sich die Jagd plötzlich abermals hören ließ. Ich blieb unbeweglich und horchte. Der Lärmen nahm zu. Ich vergaß Alles. Beinahe in demselben Augenblick sprang die Hirschkuh auf der andern Seite des Teiches aus dem Walde hervor, doch Ihre Verfolger waren ihr so nahe, dass sie demnächst erreicht werden musste. Sie war allein, ihr zweites Kalb war ebenfalls unterlegen. Der Anblick des Wassers schien Daphne ihre Kräfte wieder zu verleihen; sie zog die Kühle durch ihre Nasenlöcher ein und stürzte sich in den Teich, als wollte sie zu mir kommen.

»Anfangs schwamm sie rasch und schien ihre Energie wiedergefunden zu haben. Ich betrachtete sie, Tränen in den Augen, die Arme ausgestreckt und beinahe eben so keuchend, als sie selbst; doch unmerklich erschöpften sich ihre Kräfte, während im Gegenteil die der Hunde durch das nahe bevorstehende Jägerrecht sich zu verdoppeln schienen. Bald erreichten sie die hitzigsten Hunde und, durch ihr Gebiss zurückgehalten, hörte sie auf, vorzurücken. In diesem Augenblick erschien Herr von Monsoreau am Saume des Waldes, ritt bis an den Teich und sprang von seinem Pferde. Da raffte ich alle meine Kräfte zusammen, um mit gefalteten Händen: »Gnade!« zu schreien. Es kam mir vor, als hätte er mich bemerkt, und ich rief abermals und noch stärker, als das erste Mal. Er hörte mich, denn er lüpfte den Hut, und ich sah ihn auf einen Nachen zulaufen, mit dem er, nachdem er ihn losgebunden, rasch auf das Tier zu ruderte, das mitten unter der ganzen Meute, von der es eingeholt worden war, kämpfte. Ich zweifelte nicht, bewogen durch meine Stimme, durch meine Bitten und Gebärden eile Herr von Monsoreau so sehr, um dem Tiere zu Hilfe zu kommen, als ich ihn plötzlich, da er in die Nähe von Daphne gelangt war, sein Jagdmesser ziehen sah; ein Sonnenstrahl, der sich auf dem Eisen spiegelte, machte einen Blitz daraus hervorspringen; dann verschwand der Blitz wieder; die ganze Klinge war in die Kehle gedrungen. Eine Blutwelle schoss, das Wasser des Teiches rot färbend, hervor. Die Hirschkuh schrie auf eine unendlich wehmütige Weise, schlug das Wasser mit ihren Läufen, richtete sich beinahe gerade auf und sank dann tot nieder.

»Ich stieß einen beinahe eben so schmerzlichen Schrei aus, wie sie, und fiel ohnmächtig an den. Rand des Teiches.

»Als ich wieder zu mir kam, lag ich in einem Zimmer des Schlosses Beaugé, und mein Vater, den man hatte holen lassen, weinte an meinem Bette.

»Da es nichts Anderes war, als eine ohne Zweifel durch die Aufregung des Laufes bewirkte Nervenkrise, so konnte ich schon am anderen Tage wieder nach Méridor zurückkehren. Drei oder vier Tage lang hütete ich jedoch das Zimmer.

»Am vierten Tage erzählte mir mein Vater, während der ganzen Zeit, die ich leidend gewesen, habe sich Herr von Monsoreau, der mich gesehen, als man mich ohnmächtig weggetragen, nach meinem Befinden erkundigt; er sei in Verzweiflung gewesen, als er erfahren, er wäre die unwillkürliche Ursache dieses Unfalls, und habe gebeten, sich bei mir entschuldigen zu dürfen, wobei er geäußert, er könnte nicht eher glücklich sein, als bis er die Vergebung aus meinem Munde vernommen hätte.

»Es wäre lächerlich gewesen, mich zu weigern, ihn zu sehen, und ich gab, trotz eines inneren Widerstrebens, nach.

»Am andern Tage fand er sich ein; ich fühlte das Kindische meiner Lage: die Jagd ist ein Vergnügen, das die Frauen selbst teilen; ich verteidigte mich also gewissermaßen über die lächerliche Aufregung, die ich meiner Zärtlichkeit für die arme Daphne zuschrieb.

»Nun spielte der Graf den Verzweifelten und schwor mir zwanzigmal bei seiner Ehre, wenn er hätte ahnen können, dass ich irgend einen Anteil an seinem Opfer nähme, so würde er sich äußerst glücklich geschätzt haben, es zu schonen; seine Beteuerungen besiegten mich jedoch nicht, und der Graf entfernte sich, ohne dass er in meinem Herzen den schmerzlichen Eindruck, den er auf dasselbe gemacht, zu vertilgen im Stande gewesen war.

»Als der Graf wegging, erbat er sich von meinem Vater die Erlaubnis, wiederkommen zu dürfen. Er war in Spanien geboren und in Madrid erzogen worden; es dünkte dem Baron anziehend, von dem Lande zu sprechen, in welchem er so lange verweilt hatte. Der Graf war übrigens von guter Geburt, Unterstatthalter der Provinz und, wie man sagte, ein Liebling des Herzogs von Anjou; mein Vater hatte keinen Grund, ihm seine Bitte zu verweigern, und er bewilligte sie ihm auch.

»Ach! von diesem Augenblick hörte, wenn nicht mein Glück, doch wenigstens meine Ruhe auf. Bald gewahrte ich den Eindruck, den ich auf den Grafen gemacht hatte. Anfangs kam er nur einmal in der Woche, dann zweimal, und endlich kam er alle Tage. Der Graf gefiel meinem Vater, gegen den er voll Aufmerksamkeit war. Ich sah, welches Vergnügen der Baron an seiner Unterhaltung fand, die stets die eines ausgezeichneten Mannes war. Ich wagte es nicht, mich zu beklagen; denn worüber hätte ich mich beklagen sollen? Der Graf war gegen mich artig wie gegen eine Geliebte, ehrfurchtsvoll wie gegen eine Schwester.

»Eines Morgens trat mein Vater mit einer ernsteren Miene, als gewöhnlich, in mein Zimmer, und dennoch hatte sein Ernst etwas Freudiges.

›Mein Kind,‹ sagte er zu mir, ›Du hast mich stets versichert, Du wärst glücklich, wenn Du mich nie verlassen dürftest.‹

›Oh! mein Vater,‹ rief ich, ›Ihr wisst, das ist mein teuerster Wunsch.‹

›Nun, meine Tochter,‹ fuhr er fort, indem er sich bückte, um mich auf die Stirne zu küssen, ›es hängt nur von Dir ab, Deinen Wunsch verwirklicht zu sehen.‹

»Ich vermutete, was er sagen wollte, und erbleichte so furchtbar, dass er innehielt, ehe er meine Stirne mit den Lippen berührt hatte.

›Diana, mein Kind!‹ rief er, ›oh! mein Gott, was hast Du?‹

›Herr von Monsoreau, nicht wahr?‹ stammelte ich.

›Nun?‹ fragte er erstaunt.

›Oh! nie, mein Vater, wenn Ihr ein wenig Mitleid mit Eurer Tochter habt, nie!‹

›Diana, meine geliebte Tochter,‹ erwiderte er, ›ich habe nicht Mitleid für Dich, sondern abgöttische Verehrung, wie Du weißt; nimm Dir acht Tage, um darüber nachzudenken, und wenn Du in acht Tagen …‹

›Oh! nein, nein,‹ rief ich, ›es ist unnötig, nicht acht Tage, nicht vier und zwanzig Stunden, nicht eine Minute. Nein, nein, oh! nein.‹

»Und ich zerfloss in Tränen.

»Mein Vater betete mich an; nie hatte er mich weinen sehen; er nahm mich in seine Arme und beruhigte mich mit zwei Worten, indem er mir sein adeliges Ehrenwort gab, er werde nie mehr von dieser Heirat sprechen.

Es verging wirklich ein Monat, ohne dass ich Herrn von Monsoreau wiedersah oder von ihm reden hörte. Eines Morgens erhielten wir, mein Vater und ich, eine Einladung, uns bei einem großen Feste einzufinden, das Herr von Monsoreau dem Bruder des Königs geben würde, welcher die Provinz besuchen sollte, deren Namen er trug. Das Fest fand im Rathaus in Angers statt.

»Diesem Briefe war eine persönliche Einladung des Prinzen beigefügt, der meinem Vater schrieb, er erinnere sich, ihn einst am Hofe von König Heinrich gesehen zu haben, und würde ihn mit Vergnügen wiedersehen.

»Mein erster Gedanke war, meinen Vater zu bitten, die Einladung auszuschlagen, und ich würde gewiss darauf bestanden sein, wäre sie nur im Namen von Herrn von Monsoreau gemacht worden; aber der Prinz war zur Hälfte dabei beteiligt, und mein Vater befürchtete, Seine Hoheit durch eine Weigerung zu verletzen.

»Wir begaben uns also zu dem Feste: Herr von Monsoreau empfing uns, als ob nichts zwischen uns vorgefallen wäre; sein Benehmen gegen mich, war weder gleichgültig, noch gezwungen; er behandelte mich wie alle andere Damen, und ich fühlte mich glücklich, dass ich nicht von seiner Seite, sei es im Guten oder im Schlimmen, der Gegenstand irgend einer Auszeichnung war.

»Nicht dasselbe war bei dem Herzog von Anjou der Fall. Sobald er mich bemerkte, heftete sich sein Blick auf mich, um mich nie mehr zu verlassen. Ich fühlte mich unbehaglich unter dem Gewichte dieses Blickes, und ohne meinem Vater zu sagen, was mich den Ball zu verlassen wünschen ließ, drang ich so in ihn, dass wir uns zuerst weg begaben.

»Drei Tage nachher erschien Herr von Monsoreau in Méridor; ich erblickte ihn von ferne in der Allee des Schlosses und zog mich in mein Zimmer zurück.

»Ich befürchtete, mein Vater würde mich rufen lassen, doch dem war nicht so. Nach Verlauf einer halben Stunde sah ich Herrn von Monsoreau sich wieder entfernen, ohne dass mir Jemand seinen Besuch gemeldet hatte. Auch mein Vater sprach nicht davon; nur glaubte ich zu bemerken, dass er nach diesem Besuche des Unterstatthalters düsterer war, als gewöhnlich.

»Es vergingen abermals ein paar Tage. Ich kam von einem Spaziergange in der Umgegend zurück, man lief mir entgegen, und sagte mir, Herr von Monsoreau wäre bei meinem Vater. Der Baron hatte wiederholt nach mir gefragt und sich sehr unruhig erkundigt, wohin ich gegangen sein könne. Er hatte auch Befehl gegeben, ihn sogleich von meiner Rückkehr zu benachrichtigen.

»Kaum war ich in meinem Zimmer, als wirklich mein Vater herbeieilte.

›Mein Kind,‹ sagte er zu mir, ›durch einen Beweggrund, den Du nicht zu wissen brauchst, bin ich genötigt, mich auf einige Tage von Dir zu trennen; frage mich nicht, denke nur, dieser Beweggrund müsse sehr dringend sein, dass er mich bestimme, eine Woche, vierzehn Tage, einen Monat vielleicht zu leben, ohne Dich zu sehen.‹

»Ich bebte, obgleich ich nicht ahnen konnte, welcher Gefahr ich ausgesetzt war. Aber der zweimalige Besuch von Herrn von Monsoreau weissagte mir nichts Gutes.

›Und wohin soll ich gehen, mein Vater?‹ fragte ich.

›Nach dem Schlosse du Lude, zu meiner Schwester, wo Du vor Aller Augen verborgen bleiben wirst. Man wird darüber wachen, dass Deine Ankunft daselbst bei Nacht stattfindet.‹

›Begleitet Ihr mich nicht?‹

›Nein, ich muss hier bleiben, um den Verdacht abzuwenden; selbst die Leute vom Hause sollen nicht wissen, wohin Du gehst.‹

›Aber, wer wird mich dann führen?‹

›Zwei Männer, auf die ich mich verlassen kann.‹

›Oh! mein Gott, mein Vater!‹

»Der Baron küsste mich und sprach:

›Mein Kind, es muss sein.‹

»Ich kannte die Liebe meines Vaters für mich so genau, dass ich nicht weiter in ihn drang und keine andere Erklärung von ihm forderte: es wurde nur verabredet, dass Gertrude, die Tochter meiner Amme, mich begleiten sollte.

»Mein Vater sagte mir noch, als er mich verließ, ich möge mich bereit halten.

»Am Abend um acht Uhr war es sehr düster und sehr kalt, denn man war in den längsten Wintertagen; auf den Punkt acht Uhr holte mich mein Vater ab. Ich war seiner Empfehlung gemäß bereit; wir stiegen geräuschlos die Treppe hinab und durchschritten den Garten, er öffnete selbst eine kleine Türe, welche nachdem Walde ging, und hier fanden wir eine bespannte Sänfte und zwei Männer; mein Vater sprach lange mit Ihnen und empfahl mich denselben, wie es schien; dann nahm ich meinen Platz in der Sänfte und Gertrude setzte sich neben mich. Der Baron umarmte mich zum letzten Male und wir brachen auf.

»Ich wusste nicht, welche Gefahr mich bedrohte und das Schloß Méridor zu verlassen zwang. Ich befragte Gertrude, doch sie war eben so unwissend, als ich. Ich wagte es nicht, das Wort an unsere Führer zu richten, die ich nicht kannte. Wir marschierten daher schweigend und auf Umwegen, als ich mich nach ungefähr zwei Stunden in dem Augenblick, wo mich trotz meiner Unruhe die gleichmäßige und einförmige Bewegung der Sänfte einzuschläfern anfing, durch Gertrude, die mich am Arme ergriff, und mehr noch durch die Bewegung der Sänfte, welche anhielt, erweckt fühlte.

›Oh! mein Fräulein,‹ rief das arme Mädchen, ›was geschieht uns?‹

»Ich streckte meinen Kopf durch die Vorhänge; wir waren von sechs verlarvten Reitern umgeben; unsere Leute, welche sich hatten verteidigen wollen, waren entwaffnet und festgehalten.

»Ich war zu sehr erschrocken, um nach Hilfe zu rufen, und wer wäre auch auf unser Geschrei gekommen?

»Derjenige, welcher der Anführer der Verlarvten zu sein schien, kam an den Schlag heran.

›Beruhigt Euch, mein Fräulein,‹ sagte er, ›es wird Euch nichts Schlimmes widerfahren. Doch Ihr müsst uns folgen.‹

›Wohin?‹ fragte ich.

›An einen Ort, wo Ihr nicht nur entfernt nichts zu fürchten habt, sondern auch wie eine Königin behandelt werden sollt.‹

»Dieses Versprechen erschreckte mich mehr, als es eine Drohung getan hätte.

›Oh! mein Vater! mein Vater!‹ murmelte ich.

›Hört, mein Fräulein,‹ sagte Gertrude ganz leise zu mir, »ich kenne die Gegend: ich bin Euch ergeben, ich bin stark, wir müssten viel Unglück haben, wenn es uns nicht gelingen sollte, zu entfliehen.«

»Diese Versicherung meiner armen Zofe beruhigte mich durchaus nicht. Doch es ist etwas so Süßes, sich unterstützt zu fühlen, dass ich wieder ein wenig Kraft gewann.

›Macht mit uns, was Ihr wollt, meine Herren,‹ antwortete ich, ›wir sind zwei arme Frauen und können uns nicht verteidigen.‹

»Einer von den Männern stieg ab, nahm den Platz unseres Führers ein und veränderte die Richtung unserer Sänfte.«

Bussy hörte, wie sich leicht denken lässt, der Erzählung von Diana mit der größten Aufmerksamkeit zu: in den ersten Regungen einer entstehenden großen Liebe liegt ein beinahe religiöses Gefühl für die Person, die man zu lieben anfängt. Die Frau, die das Herz erwählt, wird durch diese Wahl über andere Frauen erhoben; sie wächst, läutert sich, vergöttlicht sich, jede ihrer Gebärden ist eine Gunst, die sie uns bewilligt, jedes ihrer Worte eine Gnade, die sie uns angedeihen lässt; ihr Anschauen erfreut uns, ihr Lächeln erfüllt uns mit Entzücken.

Der junge Mann hatte die schöne Erzählerin die Geschichte ihres Lebens entrollen lassen, ohne dass er sie aufzuhalten wagte, ohne dass ihm der Gedanke kam, sie zu unterbrechen; jeder einzelne Umstand dieses Lebens, über welchem er zu wachen sich berufen fühlte, hatte für ihn ein mächtiges Interesse, und er hörte die Worte von Diana stumm und tief atmend, als wäre sein Dasein von jedem derselben abhängig gewesen. Als die junge Frau, ohne Zweifel zu schwach für die doppelte Aufregung, welche sie empfand, eine Aufregung, in der die Gegenwart alle Erinnerungen der Vergangenheit vereinigte, einen Augenblick innehielt, besaß Bussy nicht die Kraft, unter der Last seiner Unruhe zu verharren und er sprach die Hände faltend:

»Oh! fahrt fort, Madame, fahrt fort!«

Diana konnte sich in dem Interesse, das sie ihm einflößte, nicht täuschen; Alles stand in der Stimme, in der Gebärde, im Ausdrucke des Gesichts im Einklang mit der Bitte, welche seine Worte enthielten. Diana lächelte traurig und fuhr fort:

»Wir marschierten ungefähr drei Stunden, dann hielt die Sänfte an. Ich hörte ein Thor knarren; man wechselte einige Worte, die Sänfte setzte sich wieder in Marsch und ich fühlte, dass sie sich auf einem Boden fortbewegte, welcher klang wie eine Zugbrücke. Ich täuschte mich nicht; ich warf einen Blick aus der Sänfte: wir befanden, uns in dem Hofe eines Schlosses.

»Was für ein Schloss war es? Gertrude wusste es eben so wenig, als ich; oft hatten wir uns auf dem Weg zu orientieren gesucht, aber wir sahen nichts, als einen endlosen Wald. Allerdings waren wir Beide der Meinung, man lasse uns, um uns jeden Gedanken zu benehmen, wo wir wären, in diesem Walde einen unnötigen und berechneten Weg machen.

»Die Türe unserer Sänfte öffnete sich, und derselbe Mensch, der bereits mit uns gesprochen, lud uns ein, auszusteigen.

»Ich gehorchte schweigend. Zwei Männer, welche ohne Zweifel zum Schlosse gehörten, waren uns entgegengekommen, um uns mit Fackeln zu empfangen. Unsere Gefangenschaft kündigte sich, gemäß dem furchtbaren Versprechen, das man mir gegeben, unter den größten Rücksichten an. Wir folgten den Männern mit den Fackeln. Sie führten uns in ein reich ausgestattetes Schlafzimmer, dessen Verzierung, was die Eleganz und den Stil betrefft, der glänzendsten Epoche von Franz I. anzugehören schien. Ein Imbiss erwartete uns auf einer kostbar gedeckten Tafel.

›Ihr seid zu Hause, Madame,‹ sagte zu mir der Mann, der bereits zweimal das Wort an mich gerichtet hatte, ›und da für Euch die Sorge einer Kammerfrau unentbehrlich ist, so wird Euch die Eurige nicht verlassen; ihr Zimmer ist neben dem Eurigen.«

»Gertrude und ich wechselten einen freudigen Blick.

›So oft Ihr rufen wollt,« fuhr der Verlarvte fort, ›dürft Ihr nur mit diesem Hammer an die Türe schlagen, und Einer, der beständig im Vorzimmer wacht, wird sich sogleich Euren Befehlen unterziehen.‹

»Diese scheinbare Aufmerksamkeit deutete eine scharfe Bewachung an.

»Der Verlarvte verbeugte sich und ging weg; wir hörten, wie die Türe doppelt geschlossen wurde.

»Gertrude und ich befanden uns nun allein.

»Wir blieben einen Augenblick unbeweglich und betrachteten uns bei dem Schimmer der zwei Kandelaber, die den Tisch beleuchteten, auf welchem das Abendbrot aufgetragen war. Gertrude wollte den Mund öffnen, ich hieß sie durch ein Zeichen mit dem Finger schweigen; es behorchte uns vielleicht Jemand.

»Die Türe des Zimmers, welches man uns als das von Gertrude bezeichnet hatte, war offen; es kam uns gleichzeitig der Gedanke, es zu beschauen. Gertrude nahm einen Kandelaber und wir traten auf den Fußspitzen ein.

»Es war ein großes Kabinett, bestimmt, als Ankleidezimmer das Schlafzimmer zu vervollständigen. Es hatte eine Türe parallel mit der Türe des andern Gemaches, durch welches wir eingetreten waren; diese zweite Türe war wie die erste verziert mit einem kleinen Hammer von ziseliertem Kupfer, der auf einen Nagel von demselben Metall fiel. Man hätte glauben sollen, Nägel wie Hämmer wären das Werk von Benvenuto Cellini.

»Die zwei Türen gingen offenbar in dasselbe Vorzimmer.

»Gertrude näherte sich dem Schlosse, der Riegel war doppelt vorgedrückt.

»Wir waren Gefangene.

»Es ist unglaublich, wie viele Gedanken, wenn zwei Personen, selbst von verschiedenen Lebensstellungen sich in einer und derselben Lage befinden und eine und dieselbe Gefahr teilen, es ist unglaublich, sage ich, wie viele Gedanken sich völlig gleichen und leicht der vermittelnden Erläuterungen und unnützen Worte entbehren.

»Gertrude näherte sich mir und sagte mit leiser Stimme:

›Habt Ihr bemerkt, mein Fräulein, dass wir, als wir den Hof verließen, nur fünf Stufen hinaufgestiegen sind?‹

›Ja,‹ antwortete ich.

›Wir befinden uns also im Erdgeschosse.‹

›Ohne allen Zweifel.‹

›Somit,‹ fügte sie leiser bei, indem sie ihre Augen auf die äußeren Läden heftete, »somit, wenn …‹

›Wenn diese Fenster nicht vergittert wären,‹ unterbrach ich sie.

›Ja, und wenn das Fräulein Mut hätte.‹

›Mut!‹ rief ich, ›oh! sei unbesorgt, ich werde Mut haben, mein Kind.‹

»Nun legte Gertrude ihren Finger auf den Mund.

›Ja, ja, ich verstehe Dich,‹ sagte ich zu ihr.

»Gertrude hieß mich durch ein Zeichen bleiben, wo ich wäre, und trug den Kandelaber auf den Tisch des Schlafzimmers zurück.

»Ich hatte ihre Absicht bereits begriffen und mich dem Fenster genähert, dessen Federn ich suchte.

»Ich fand sie oder vielmehr Gertrude, die wieder zu mir gekommen war, fand sie. Der Laden öffnete sich.

»Ich stieß einen Freudenschrei aus; das Fenster war nicht vergittert.

»Doch Gertrude hatte bereits die Ursache dieser scheinbaren Nachlässigkeit unserer Wächter bemerkt: ein breiter Teich bespülte den Fuß der Mauer; wir wurden durch zehn Fuß Wasser viel besser bewacht, als wir es durch die Gitter unserer Fenster gewesen wären.

»Doch als meine Augen von dem Wasser auf seine Ufer übergingen, erkannten sie eine Landschaft, mit der sie vertraut waren; wir befanden uns in dem Schlosse Beaugé, das ich, wie gesagt, wiederholt mit meinem Vater besucht, und in welches man mich einen Monat zuvor am Tage des Todes meiner armen Daphne gebracht hatte.

»Das Schloß Beaugé gehörte dem Herrn Herzog von Anjou.

»Wie durch den Schimmer eines Blitzes erleuchtet, begriff ich nun Alles.

»Ich schaute den Teich mit einer düsteren Befriedigung an: er war ein letztes Mittel gegen die Gewalttat, eine äußerste Zuflucht gegen die Schande.

»Wir schlossen die Läden wieder. Ich warf mich ganz angekleidet auf mein Bett, Gertrude legte sich in einen Lehnstuhl und entschlief zu meinen Füßen.

»Zwanzigmal erwachte ich während dieser Nacht, von unerhörtem Schrecken erfasst; doch nichts rechtfertigte diesen Schrecken, als die Lage, in der ich mich befand; nichts deutete schlimme Absichten gegen mich an; Alles schlief im Schlosse oder schien wenigstens zu schlafen, und kein anderes Geräusch, als das Geschrei der Sumpfvögel unterbrach die Stille der Nacht.

»Der Tag erschien; während er der Landschaft den furchtbaren Charakter nahm, den ihr die Dunkelheit verleiht, bestätigte er mich in meinen Befürchtungen; jede Flucht war ohne eine äußere Hilfe unmöglich; und woher sollte uns diese Hilfe zukommen?

»Gegen neun Uhr klopfte man an unsere Türe: ich ging in das Zimmer von Gertrude und sagte ihr, sie möge zu öffnen erlauben.

»Ich konnte die Klopfenden durch die Öffnung der Verbindungstüre sehen; es waren unsere Diener vom vorhergehenden Tage; sie nahmen unser Abendbrot weg, das wir nicht berührt hatten, und brachten das Frühstück.

»Gertrude machte einige Fragen an sie, doch sie gaben keine Antwort und entfernten sich wieder.

»Ich kehrte in das Zimmer zurück; durch unsern Aufenthalt in dem Schlosse Beaugé und die scheinbare Achtung, mit der man uns behandelte, war mir Alles klar. Der Herr Herzog von Anjou sah mich bei dem Feste von Herrn von Monsoreau; der Herr Herzog von Anjou verliebte sich in mich; mein Vater wurde davon benachrichtigt und wollte mich den Verfolgungen, deren Gegenstand ich ohne Zweifel werden sollte, entziehen; er entfernte mich von Méridor; doch er wurde entweder durch einen ungetreuen Diener oder durch einen unglücklichen Zufall verraten, seine Vorsicht war vergeblich, und ich fiel in die Hände des Mannes, dem er mich umsonst zu entziehen gesucht hatte.

»Ich blieb bei diesem Gedanken, dem einzigen wahrscheinlichen und in der Tat auch einzigen wahren, stehen.

»Auf die Bitten von Gertrude trank ich eine Tasse Milch und aß ein wenig Brot.

»Der Morgen verging mit dem Entwerfen von wahnsinnigen Plänen für eine Flucht. Und dennoch konnten wir hundert Schritte von uns, im Schilfrohr angebunden, eine Barke mit ihren Rudern sehen. Wäre diese Barke in unserem Bereiche gewesen, so hätten meine durch den Schrecken angespornten Kräfte, im Vereine mit den natürlichen Kräften von Gertrude, genügt, um uns aus der Gefangenschaft zu befreien.

»Während dieses Morgens störte uns nichts. Man brachte uns das Mittagsbrot, wie man uns das Frühstück gebracht hatte. Ich fiel vor Schwäche beinahe um und setzte mich zu Tische, wo ich nur von Gertrude bedient wurde; sobald unsere Wächter unser Mahl aufgetragen hatten, zogen sie sich zurück. Doch plötzlich entdeckte ich, mein Brot brechend, ein Billet.

»Ich öffnete es hastig; es enthielt nur folgende Worte:

›Ein Freund wacht über Euch. Morgen werdet Ihr Kunde von ihm und Eurem Vater erhalten.‹

»Man begreift, wie groß meine Freude war: mein Herz schlug, dass die Brust hätte springen sollen. Ich zeigte das Billet Gertrude. Der Rest des Tages ging mit Hoffen und Warten hin.

»Die zweite Nacht verlief eben so ruhig, als die erste; dann kam die so sehr ersehnte Stunde des Frühstücks, denn ich zweifelte nicht, ich würde in meinem Brod ein neues Billet finden. Ich täuschte mich nicht; das Billet war in folgenden Worten abgefasst:

›Die Person, welche Euch entführt hat, kommt diesen Abend um zehn Uhr im Schlosse Beaugé an; doch der Freund, der über Euch wacht findet sich um neun Uhr unter Euren Fenstern mit einem Briefe Eures Vaters ein, der Euch das Vertrauen empfehlen wird, das Ihr ihm vielleicht ohne diesen Brief nicht gewähren würdet.

›Verbrennt dieses Billet.‹

»Ich las den Brief wieder und wieder, dann warf Ich ihn nach dem Bitten des Schreibers in das Feuer. Die Handschrift war mir völlig unbekannt, und ich gestehe, ich wusste nicht, woher er kommen konnte.

»Gertrude und ich verloren uns in Mutmaßungen; hundertmal gingen wir im Verlauf des Morgens an das Fenster, um zu sehen, ob wir Niemand an dem Ufer des Teiches und in der Tiefe des Waldes entdecken könnten; Alles war öde.

»Eine Stunde nach dem Mittagessen klopfte man an die Türe; es war zum ersten Male, dass man zu einer andern Zeit, als zu der, wo man uns das Essen brachte, bei uns einzutreten versuchte; da wir indessen kein Mittel hatten, uns von innen einzuschließen, so mussten wir den Eintritt zugeben. Es war der Mann, der mit uns an der Türe der Sänfte und im Hofe des Schlosses gesprochen hatte. Ich vermochte ihn nicht am Gesicht zu erkennen, da er verlarvt war, wenn er mit uns sprach; doch bei den ersten Worten, die er von sich gab, erkannte ich ihn an der Stimme.

»Er reichte mir einen Brief.

›In wessen Auftrag kommt Ihr, mein Herr?‹ fragte ich.

›Das Fräulein wolle den Brief lesen, und es wird selbst sehen,‹ antwortete er.

›Ich kann diesen Brief nicht lesen, da ich nicht weiß, von wem er kommt.‹

›Mein Fräulein, es steht in Eurem Belieben, zu tun, was Ihr wollt. Ich hatte Befehl, Euch diesen Brief zu übergeben; ich lege ihn zu Euren Füßen nieder; gefällt es Euch, denselben aufzuheben, so werdet Ihr ihn aufheben.‹

»Und der Diener, der ein Stallmeister zu sein schien, legte den Brief wirklich auf das Tabouret, auf welchem meine Füße ruhten, und entfernte sich.

›Was ist zu tun?‹ fragte ich Getrude.

›Wenn ich dem Fräulein einen Rat geben dürfte, so wäre es der, den Brief zu lesen. Vielleicht enthält er die Offenbarung einer Gefahr, der wir uns, darauf aufmerksam gemacht, zu entziehen im Stande sein werden.‹

»Der Rat war so vernünftig, dass ich von meinem ersten Entschluss abging und den Brief öffnete.«

In diesem Augenblick unterbrach sich Diana in ihrer Erzählung, stand auf, öffnete einen kleinen Schrank von der Art derjenigen, für welche wir den italienischen Namen Stippo beibehalten haben, und zog aus einem seidenen Portefeuille einen Brief hervor. Bussy warf einen Blick auf die Adresse und las:

»An die schöne Diana von Méridor.«

Dann die junge Frau anschauend, sagte er:

»Diese Adresse ist von der Hand des Herzogs von Anjou.«

»Ah!« rief Diana mit einem Seufzer, »er hat mich also nicht getäuscht.«

Dann, als Bussy zögerte, den Brief zu öffnen, fuhr sie fort:

»Lest, der Zufall hat Euch mit dem ersten Schlage in das Innerste meines Lebens versetzt; ich darf keine Geheimnisse mehr für Euch haben.«

Bussy gehorchte und las:

›Ein unglücklicher Prinz, den Eure himmlische Schönheit im Herzen berührt hat, wird diesen Abend um zehn Uhr zu Euch kommen, um sein Benehmen gegen Euch zu entschuldigen, ein Benehmen, für welches es, wie er wohl fühlt, keine andere Entschuldigung gibt, als die unüberwindliche Liebe, die er für Euch empfindet.‹



    Franz.«

»Dieser Brief war also wirklich vom Herzog von Anjou?« fragte Diana.

»Ach! ja,« antwortete Bussy, »es ist seine Handschrift und sein Namenszug.«

Diana seufzte und murmelte:

»Sollte er weniger schuldig sein, als ich glaubte?«

»Wer, der Prinz?« fragte Bussy.

»Nein, er, der Graf von Monsoreau.«

Bussy seufzte ebenfalls und sprach dann:

»Fahrt fort, Madame, und wir werden den Prinzen und den Grafen beurteilen.«

»Dieser Brief, an dessen Echtheit zu zweifeln ich damals keine Ursache hatte, da er so sehr mit meinen eigenen Befürchtungen übereinstimmte, bezeichnete mir, wie es Gertrude vorhergesehen, die Gefahr, der ich ausgesetzt war, und machte mir die Vermittlung des unbekannten Freundes, der mir im Namen meines Vaters seine Hilfe anbot, noch viel kostbarer. Meine ganze Hoffnung beruhte also auf ihm.

»Unsere Nachforschungen begannen wieder; die Scheiben durchdringend, verließen unsere Blicke den Teich und den unsern Fenstern gegenüberliegenden Teil des Waldes nicht mehr. In der ganzen Ausdehnung, welche unsere Blicke zu umfassen vermochten, sahen wir nichts, was sich auf unsere Hoffnungen zu beziehen und dieselben zu unterstützen schien.

»Es kam die Nacht, doch da wir uns im Monat Januar befanden, so trat die Nacht sehr bald ein; vier bis fünf Stunden trennten uns daher noch von dem entscheidenden Augenblick; wir warteten voll Bangigkeit.

»Es war eine von den schönen, klaren Winternächten, während welcher man sich, wenn keine Kälte herrschte, gegen das Ende des Frühjahrs, oder gegen den Anfang des Herbstes versetzt glauben würde. Der Himmel glänzte mit tausend Sternen besät, und aus einer Ecke dieses Himmels beleuchtete der Mond, einer Sichel ähnlich, die Landschaft mit seinem silbernen Schimmer. Wir öffneten das Fenster in dem Zimmer von Gertrude, welches in jedem Fall weniger streng beobachtet werden musste, als das meinige.

»Gegen sieben Uhr stieg ein leichter Dunst von dem Teiche auf, doch einem Gazeschleier ähnlich, hinderte dieser Dunst nicht, zu sehen, oder allmählich an die Dunkelheit sich gewöhnend vermochten vielmehr unsere Augen diesen Dunst zu durchdringen.

»Da uns nichts die Zeit ermessen half, so hätten wir nicht sagen können, wie viel Uhr es war, als wir am Saum des Waldes durch diese durchsichtige Finsternis Schatten sich bewegen zu sehen glaubten. Diese Schatten schienen sich vorsichtig zu nähern, wobei sie sich an die Bäume hielten, welche die Finsternis verdichteten und ihnen zugleich Schutz gewährten. Wir kamen auf den Gedanken, diese Schatten könnten am Ende nur ein Spiel unseres ermüdeten Gesichts sein, als das Wiehern eines Pferdes den Raum durchdrang und bis zu uns gelangte.

»Das sind unsere Freunde,« flüsterte Gertrude.

›Oder der Prinz,‹ erwiderte ich.

›Oh! der Prinz,‹ sagte sie, ›der Prinz würde sich nicht verbergen.‹

»Diese so einfache Äußerung zerstreute meinen Verdacht und beruhigte mich.

»Wir verdoppelten unsere Aufmerksamkeit.

»Ein Mann schritt allein heran: es kam mir vor, als verließe er einige Menschen, welche unter dem Schutze einer Baumgruppe zurückgeblieben waren.

»Dieser Mann ging gerade auf die Barke zu, band sie von ihrem Pfahl los, stieg hinein und die Barke glitt leicht in der Richtung nach unserem Fenster über das Wasser hin.

»Während sie vorrückte, strengten sich meine Augen furchtbar an, um die Dunkelheit zu durchdringen.

»Ich glaubte von Anfang die hohe Gestalt und dann die düsteren, scharf ausgeprägten Züge des Grafen von Monsoreau zu erkennen. Als er zehn Schritte von uns war, blieb mir kein Zweifel mehr.

»Ich fürchtete mich nun eben so sehr vor der Hilfe, als vor der Gefahr. Ich blieb stumm, unbeweglich und in die Ecke des Fensters gedrückt, so dass er mich nicht sehen konnte. Sobald er am Fuße der Mauer war, band er seine Barke an einem Ringe an, und ich sah seinen Kopf auf der Höhe des Fenstergesimses erscheinen.

»Ich vermochte mich eines leichten Schreis nicht zu erwehren.

›Ah! Verzeiht,« sprach der Graf von Monsoreau, ›ich glaubte, Ihr erwartetet mich.‹

›Ich erwartete allerdings irgend Jemand, mein Herr,‹ antwortete ich, »doch ich wusste nicht, dass Ihr der Jemand wäret.«

»Ein bitteres Lächeln zog über das Antlitz des Grafen hin.

›Wer außer mir und Eurem Vater wacht über der Ehre von Diana von Méridor?‹

›In dem Briefe, den Ihr mir geschrieben, mein Herr, sagtet Ihr mir, Ihr kämet im Auftrage meines Vaters?‹

›Ja, mein Fräulein, und da ich vorhergesehen, Ihr würdet an meiner Sendung zweifeln, so nehmt dieses Billet des Barons.‹

»Und der Graf reichte mir ein Papier.

»Wir hatten weder Kerzen noch Kandelaber angezündet, damit es uns freistünde, in der Dunkelheit Alles zu tun, was uns die Umstände gebieten würden. Ich ging aus dem Zimmer von Gertrude in das meinige, kniete vor dem Feuer nieder und las bei dem Schimmer der Flamme des Herdes:

»Meine liebe Diana, der Herr Graf von Monsoreau kann Dich allein der Gefahr entreißen, der Du preisgegeben bist, und diese Gefahr ist ungeheuer. Vertraue Dich ihm ganz und gar an, wie dem besten Freunde, den uns der Himmel zu schicken vermag.«

»Er wird Dir später sagen, was Du nach dem innigsten Wunsche meines Herzens zu tun hast, um die Schuld abzutragen, die wir gegen ihn eingehen. ›Dein Vater, der Dich ihm zu glauben, und mit Dir und ihm Mitleid zu haben bittet,



    ›Baron von Méridor.‹

»Es waltete nichts Festes in meinem Geiste gegen Herrn von Monsoreau ob; der Widerwille, den er mir einflößte, war mehr instinktartig, als eine Folge vernünftiger Gründe. Ich hatte ihm nichts vorzuwerfen, als den Tod einer Hirschkuh, und das war ein sehr leichtes Verbrechen für einen Jäger.

»Ich trat daher wieder an das Fenster.«

›Nun?‹ fragte er.

›Mein Herr, ich habe den Brief meines Vaters gelesen; er sagt mir, Ihr wäret bereit, mich von hier wegzuführen; doch er sagt mir nicht, wohin Ihr mich führen werdet.‹

›Ich führe Euch dahin, wo Euch der Baron erwartet, mein Fräulein.‹

›Und wo erwartet er mich?‹

›Im Schlosse Méridor.‹

›Also werde ich meinen Vater wiedersehen?‹

›In zwei Stunden.‹

›Oh! mein Herr, wenn Ihr die Wahrheit sprecht …‹

»Ich hielt inne; der Graf erwartete sichtbar das Ende meines Satze?

›Zählt auf meine ganze Dankbarkeit,‹ fügte ich mit zitternder, schwacher Stimme bei, denn ich erriet, was er von dieser Dankbarkeit erwarten konnte, und hatte nicht die Kraft, dies auszusprechen.

›Ihr seid also bereit, mir zu folgen, mein Fräulein?‹ fragte der Graf.

»Ich schaute Gertrude unruhig an; es war leicht zu sehen, dass das düstere Gesicht des Grafen sie nicht mehr beruhigte, als mich.

›Bedenkt, dass jede entfliehende Minute unendlich kostbarer für Euch ist, als Ihr Euch einbilden könnt,‹ sagte er. ›Ich bin ungefähr eine halbe Stunde zurück; es wird bald zehn Uhr sein, … und habt Ihr nicht die Nachricht erhalten, der Prinz werde um zehn Uhr im Schlosse Beaugé eintreffen?‹

›Ach ja!‹ antwortete ich.

›Ist der Prinz einmal hier, so kann ich nichts mehr für Euch tun, als mein Leben ohne Hoffnung einsetzen, während ich es in diesem Augenblick mit der Gewissheit, Euch zu retten, wage.‹

›Warum ist mein Vater nicht gekommen?‹

›Denkt Ihr, Euer Vater sei nicht von Spähern umgeben? Denkt Ihr, er könne einen Schritt tun, ohne dass man weiß, wohin er geht?‹

›Doch Ihr?‹ fragte ich.

›Bei mir ist es etwas Anderes; ich bin der Freund, der Vertraute des Prinzen.‹

›Aber mein Herr,‹ rief ich, ›wenn Ihr der Freund, der Vertraute des Prinzen seid, so …‹

›So verrate ich ihn, Euch zu Liebe, ja so ist es. Ich sagte Euch auch in diesem Augenblick, ich wage mein Leben, um Eure Ehre zu retten.‹

»Es lag ein solcher Ausdruck von Überzeugung in dieser Antwort des Grafen und sie stand so sichtbar mit der Wahrheit im Einklang, dass ich, obgleich es mir noch teilweise widerstrebte, mich ihm anzuvertrauen, doch keine Worte fand, um dieses Widerstreben auszudrücken.

›Ich warte,‹ sagte der Graf.

»Ich sah, dass Gertrude eben so unentschlossen war, als ich.

›Seht,‹ sagte Herr von Monsoreau zu mir, ›wenn Ihr noch zweifelt, so schaut auf jene Seite.‹

»Und auf der entgegengesetzten Seite zeigte er mir, am andern Ufer des Teiches hingehend, eine Truppe von Reitern, welche nach dem Schlosse vorrückten.

›Wer sind diese Männer?‹ fragte ich.

›Es ist der Herzog von Anjou mit seinem Gefolge,‹ antwortete er.

›Mein Fräulein,‹ sagte Gertrude, ›wir haben keine Zeit zu verlieren.‹

›Es ist bereits zu viel verloren,‹ sprach der Graf, ›im Namen des Himmels entscheidet Euch.‹

»Ich fiel auf einen Stuhl, es gebrach mir an Kräften, und ich murmelte nur:

›Oh! mein Gott! mein Gott!‹

›Hört,‹ sagte der Graf, ›hört, sie klopfen an das Thor.‹

»Man hörte in der Tat den Hammer unter der Hand von zwei Männern erdröhnen, welche wir hatten von der Gruppe sich trennen und vorauseilen sehen.

›In fünf Minuten ist es nicht mehr Zeit,‹ sprach der Graf.

»Ich versuchte aufzustehen; meine Beine wankten.

›Hilf mir, Gertrude,‹ stammelte ich, ›hilf mir!‹

›Mein Fräulein,‹ sagte das arme Mädchen, ›hört Ihr das Thor sich öffnen? Hört Ihr die Pferde im Hofe stampfen?‹

›Ja! Ja!‹ antwortete ich mit einer Anstrengung.

›Doch die Kräfte fehlen mir.‹

›Oh! ist es nur das?‹ sagte sie und nahm mich in ihre Arme, hob mich auf, wie sie es mit einem Kind getan hätte, und legte mich in die Arme des Grafen.

»Die Berührung dieses Mannes fühlend, bebte ich so heftig, dass ich ihm beinahe entschlüpft und in den See gefallen wäre.

»Aber er presste mich an seine Brust und setzte mich in dem Schiffe nieder.

»Gertrude folgte mir, und stieg herab, ohne einer Hilfe zu bedürfen.

»Da gewahrte ich, dass mein Schleier sich losgemacht hatte und auf dem Wasser schwamm.

»Es kam mir der Gedanke, er würde unsere Spur anzeigen.

›Meinen Schleier! meinen Schleier!‹ sagte ich zu dem Grafen, ›fangt doch meinen Schleier auf.‹

»Der Graf warf einen Blick auf den Gegenstand, den ich ihm mit dem Finger bezeichnete, und erwiderte dann:

›Nein, es ist besser auf diese Art.‹

»Und die Ruder ergreifend, gab er der Barke einen mächtigen Antrieb, dass wir uns mit ein paar Stößen nahe am Ufer des Teiches befanden.

»In diesem Augenblick sahen wir die Fenster meines Zimmers sich erleuchten! Diener traten mit Lichtern ein.

›Habe ich Euch getäuscht?‹ fragte Herr von Monsoreau, ›war es Zeit?‹

›Oh! ja, ja, mein Herr, Ihr seid in der Tat mein Retter,‹ antwortete ich.

›Die Lichter liefen indessen in großer Unruhe bald in meinem Zimmer, bald in dem von Gertrude hin und her. Wir hörten Rufe; ein Mann trat ein, vor dem die Andern zurückwichen. Dieser Mann näherte sich dem offenen Fenster, erblickte den auf dem Wasser schwimmenden Schleier, und stieß einen Schrei aus.

›Seht Ihr, dass ich wohl daran getan habe, den Schleier zurückzulassen?‹ sagte der Graf, ›der Prinz wird glauben, Ihr habet Euch, um ihm zu entgehen, in den See gestürzt, und während er Euch suchen lässt, fliehen wir.‹

»Da zitterte ich wirklich vor den finsteren Tiefen dieses Geistes, der schon zum Voraus auf ein solches Mittel gerechnet hatte.«




Dreizehntes Kapitel

Wer Diana von Méridor war

Der Vertrag


Es trat wieder ein kurzes Stillschweigen ein. Beinahe eben so sehr bewegt bei dieser Erinnerung, als sie es in der Wirklichkeit gewesen war, fühlte Diana, wie ihr die Stimme den Dienst verweigern wollte. Bussy hörte ihr mit allen Fähigkeiten seiner Seele zu und schwor zum Voraus einen ewigen Hass allen ihren Feinden, wer sie auch sein möchten.

Endlich, nachdem sie an einem Flacon gerochen hatte, den sie aus der Tasche zog, fuhr Diana fort:

»Kaum hatten wir den Fuß auf die Erde gesetzt, als sieben bis acht Männer auf uns zuliefen. Es waren Leute des Grafen, unter denen ich zwei Diener zu bemerken glaubte, welche unsere Sänfte begleiteten, als wir durch die Menschen angegriffen wurden, die mich nach dem Schlosse Beaugé führten. Ein Stallmeister hielt zwei Pferde an der Hand; das eine derselben war ein Rappe des Grafen, das andere ein für mich bestimmter weißer Zelter. Der Graf half mir den Zelter besteigen und schwang sich auf sein Ross, sobald ich im Sattel saß.

»Gertrude ritt auf dem Kreuze hinter einem von den Dienern des Grafen.

»Diese Anordnungen waren kaum getroffen, als wir uns im Galopp entfernten.

»Der Graf nahm meinen Zelter beim Zaume; ich bemerkte ihm, ich verstände gut genug zu reiten, dass er sich dieser Vorsichtsmaßregel überheben könnte, doch er entgegnete mir, mein Pferd wäre scheu und könnte einen Seitensprung machen, der mich von ihm trennen würde.

»Wir ritten ungefähr zehn Minuten, als ich die Stimme von Gertrude mich rufen hörte. Ich wandte mich um und sah, dass unsere Truppe sich in zwei Hälften geteilt hatte; vier Mann schlugen einen Seitenpfad ein und führten sie in den Wald fort, während der Graf von Monsoreau und die vier andern mit mir den bisherigen Weg verfolgten.

›Gertrude!‹ rief ich.

›Mein Herr, warum kommt Gertrude nicht mit uns?‹

›Das ist eine unerlässliche Maßregel,‹ antwortete der Graf, ›wenn wir verfolgt werden, so müssen wir zwei Spuren zurückgelassen haben; man muss auf zwei Seiten sagen können, man habe eine Frau durch Männer entführen sehen; dann können wir hoffen, dass der Herzog von Anjou einen falschen Weg einschlägt und einer Zofe nachjagt, statt uns zu verfolgen.«

»Obgleich scheinbar vernünftig, befriedigte mich die Antwort nicht: doch was war zu sagen, was war zu tun? Ich seufzte und wartete.

»Überdies war der Weg, den der Graf verfolgte, wohl derjenige, welcher nach dem Schlosse Méridor zurückführte. In einer Viertelstunde sollten wir, so wie wir ritten, das Schloss erreichen, als der Graf plötzlich, auf einem Kreuzwege des Waldes, der mir wohl bekannt war, statt sich auf dem Wege zu halten, der mich zu meinem Vater zurückbrachte, links einbog und einen Pfad wählte, der sich sichtbar von der Richtung unseres Schlosses entfernte. Ich schrie laut auf und stützte bereits, trotz des raschen Laufes meines Zelters, die Hand auf den Sattelknopf, um zu Boden zu springen, als der Graf, der ohne Zweifel alle meine Bewegungen beobachtete, sich auf meine Seite neigte, mich mit seinem Arme umschlang, von meinem Rosse aufhob und auf den Sattelbogen seines Pferdes setzte. Sobald der Zelter sich frei fühlte, entfloh er wiehernd durch den Wald.

»Diese ganze Handlung wurde so rasch von Seiten des Grafen ausgeführt, dass ich nicht Zeit hatte, einen Schrei auszustoßen.

»Herr von Monsoreau legte mir schnell die Hand auf den Mund und sprach:

›Mein Fräulein, ich schwöre Euch bei meiner Ehre, dass ich Alles auf Befehl Eures Vaters tue, wie ich Euch bei dem ersten Halt, den wir machen, beweisen werde; genügt Euch dieser Beweis nicht oder scheint er Euch zweifelhaft, so seid Ihr, ebenfalls bei meiner Ehre, frei, mein Fräulein.‹

›Mein Herr, Ihr sagtet mir, Ihr würdet mich zu meinem Vater führen,‹ rief ich, seine Hand von mir stoßend und den Kopf zurückwerfend.

›Ja, ich sagte Euch das, weil ich sah, dass Ihr zögertet, mir zu folgen, und ein Augenblick dieses Zögerns mehr richtete uns zu Grunde, ihn, Euch und mich, wie Ihr selbst sehen konntet. Nun lasst hören,‹ sagte der Graf anhaltend, ›wollt Ihr den Baron töten? Wollt Ihr geraden Wegs Eurer Schande in die Hände, laufen? Sprecht ein Wort, und ich führe Euch nach dem Schlosse Méridor zurück.‹

›Ihr sagtet, Ihr würdet mir einen Beweis geben, dass Ihr im Namen meines Vaters so handeltet.‹

›Wohl, so empfangt diesen Beweis. Nehmt diesen Brief und lest ihn in dem ersten Lager, wo wir anhalten. Wollt Ihr, wenn Ihr ihn gelesen, in das Schloss zurückkehren, so seid Ihr frei, das wiederhole ich Euch abermals bei meiner Ehre. Doch bleibt Euch noch einige Achtung vor den Befehlen des Barons, so werdet Ihr nicht zurückkehren, dessen bin ich gewiss.‹

›Vorwärts, mein Herr, damit wir rasch das erste Lager erreichen, denn es drängt mich, Gewissheit zu erlangen, ob Ihr die Wahrheit sprecht.‹

›Erinnert Euch, dass Ihr mir freiwillig folgt.‹

›Ja, frei, in so weit ein Mädchen in einer Lage frei ist, wo es auf der einen Seite den Tod seines Vaters und seine Schande, und auf der andern die Notwendigkeit steht, sich dem Worte eines Mannes anzuvertrauen, den es kaum kennt; gleichviel, ich folge Euch freiwillig und Ihr könnt Euch dessen versichern, wenn Ihr mir ein Pferd geben wollt.‹

»Der Graf hieß einen von seinen Leuten durch ein Zeichen absteigen; ich sprang von seinem Pferde herab und befand mich einen Augenblick nachher neben ihm im Sattel.

›Der Zelter kann nicht fern sein,‹ sagte er zu dem Mann, der abgestiegen war, ›sucht ihn im Walde, ruft Ihn, Ihr wisst, dass er wie ein Hund auf seinen Namen oder auf die Pfeife kommt. Ihr werdet uns in La Châtre wieder einholen.‹

»Ich bebte unwillkürlich, La Châtre war bereits mehr als zehn Stunden von dem Schlosse Méridor auf der Straße nach Paris entfernt.

›Mein Herr,‹ sagte ich zu ihm, ›ich begleite Euch, doch in La Châtre werden wir unsere Bedingungen machen.‹

›Das heißt, mein Fräulein,‹ erwiderte der Graf, ›in La Châtre werdet Ihr mir Eure Befehle geben.‹

»Dieser scheinbare Gehorsam beruhigte mich nicht; da mir jedoch die Wahl der Mittel nicht zu Gebot stand und dasjenige, welches sich mir zeigte, das einzige war, um dem Herzog von Anjou zu entkommen, so setzte ich schweigsam meinen Weg fort. Bei Tagesanbruch erreichten wir La Châtre. Doch statt in das Dorf zu reiten, ritten wir hundert Schritte von den ersten Gärten querfeldein und wandten uns nach einem abgelegenen Hause.

»Ich hielt mein Pferd an und fragte:

›Wohin gehen wir?‹

›Hört, mein Fräulein,‹ sprach der Graf, ›ich habe bereits die außerordentliche Schärfe Eures Geistes wahrgenommen, und, an Euren Geist appelliere ich auch. Können wir, vor den Nachstellungen des nach dem König mächtigsten Prinzen fliehend, in einem gewöhnlichen Gasthofe und mitten in einem Dorfe anhalten, wo uns der erste der beste Bauer, der uns sieht, angeben wird? Man kann einen Menschen erkaufen, aber man kann nicht ein ganzes Dorf erkaufen.‹

»In allen Antworten des Grafen lag eine Logik oder wenigstens eine scheinbare Logik, der ich wenig entgegen zu halten wusste.

›Gut,‹ sagte ich zu ihm, ›reiten wir weiter.‹

»Und wir setzten uns wieder in Marsch.

»Wir wurden erwartet; ein Mann hatte sich, ohne dass ich es bemerkte, von unserer Eskorte getrennt und war voraus geritten. Ein gutes Feuer brannte in dem Kamin eines ziemlich reinlichen Zimmers, und ein Bett stand bereit.

›Hier ist Euer Zimmer, mein Fräulein,‹ sagte der Graf, ›ich werde Eure Befehle erwarten.‹

»Er grüßte, zog sich zurück und ließ mich allein. »Es war meine erste Sorge, mich der Lampe zu nähern und den Brief meines Vaters aus meiner Brust hervorzuziehen . . . Hier ist er, Herr von Bussy; ich mache Euch zum Richter, lest.«

Bussy nahm den Brief und las:

›Meine viel geliebte Diana, wenn Du, wie ich nicht bezweifle, meiner Bitte Dich fügend, dem Herrn Grafen von Monsoreau gefolgt bist, so weißt Du durch ihn, dass Du das Unglück gehabt hast, dem Herzog von Anjou zu gefallen, und dass er es gewesen ist, der Dich entführen und nach dem Schlosse Beaugé bringen ließ; schließe aus dieser Gewalttat, wozu der Herzog fähig ist, und welche Schande Dich bedroht. Es gibt ein Mittel, dieser Schande, die ich nicht überleben würde, zu entkommen; es besteht darin, dass Du unsern edlen Freund heiratest; bist Du einmal Gräfin von Monsoreau, so wird Dich der Graf verteidigen, und er hat mir geschworen, Dich durch alle ihm zu Gebot stehende Mittel zu verteidigen. Es ist daher mein Wunsch, geliebte Tochter, dass diese Heirat so bald als möglich stattfinden möge, und wenn Du meinen Wünschen entsprichst, so füge ich meiner entschiedenen Einwilligung meinen väterlichen Segen bei und bitte Gott, er möge Dir alle Schätze des Glückes gewähren, die seine Liebe für Herzen wie das Deinige vorbehalten hat.



»Dein Vater, der Dir nicht befiehlt, sondern Dich bittet,

    »Baron von Méridor.‹

»Ach!« sprach Bussy, »wenn dieser Brief von Eurem Vater ist, Madame, so lautet er nur zu bestimmt.«

»Er ist von ihm und darüber habe ich keinen Zweifel; nichtsdestoweniger las ich ihn dreimal ehe ich einen Entschluss fasste. Endlich rief ich den Grafen. Er trat sogleich ein, woraus ich ersah, dass er vor der Türe gewartet hatte.

»Ich hielt den Brief in der Hand.

›Nun,‹ sagte er zu mir, ›Ihr habt gelesen?‹

›Ja,‹ antwortete ich.

›Zweifelt Ihr immer noch an meiner Ergebenheit und an meiner Achtung?‹

›Ich würde daran gezweifelt haben, mein Herr,‹ antwortete ich, ›hätte mir nicht dieser Brief den mir fehlenden Glauben geboten. Doch lasst nun hören, mein Herr, angenommen, ich wäre geneigt, dem Rate meines Vaters nachzukommen: was gedenkt Ihr zu tun?‹

«»Ich gedenke Euch nach Paris zu führen, mein Fräulein; dort ist es noch leichter, Euch zu verbergen.‹

›Und mein Vater?‹

›Ihr wisst wohl, dass er überall sein wird, wo Ihr seid, und sobald Ihr nicht mehr durch seine Gegenwart gefährdet werden könnt, wird der Baron nachfolgen.‹

›Wohl, mein Herr, ich bin bereit, Euren Schutz unter den Bedingungen anzunehmen, die Ihr mir vorschreibt.‹

›Ich schreibe nichts vor, mein Fräulein,‹ entgegnete der Graf, ›ich biete Euch einzig und allein ein Mittel zur Rettung.‹

›Wohl, ich verbessere meine Worte und sage mit Euch: ich bin bereit, das Mittel der Rettung, das Ihr mir anbietet, unter drei Bedingungen anzunehmen.‹

›Sprecht, mein Fräulein.‹

›Die erste ist die, dass mir Gertrude zurückgegeben wird.‹

›Sie ist da,‹ sagte der Graf.

›Die zweite, dass wir bis Paris getrennt reisen.‹

›Ich wollte Euch diese Trennung anbieten, um Euer Zartgefühl zu beruhigen.‹

›Und die dritte, dass unsere Heirat, wenn nicht ihre Dringlichkeit von meiner Seite anerkannt wird, nur in Gegenwart meines Vaters stattfindet.‹

›Das ist mein lebhaftestes Verlangen und ich zähle auf seinen Segen, um den des Himmels auf uns herabzurufen.‹

»Ich war ganz erstaunt, denn ich glaubte, ich würde bei dem Grafen einen Widerstand gegen diesen dreifachen Ausdruck meines Willens finden, und er machte im Gegenteil nicht die geringste Einwendung.«

›Mein Fräulein,‹ sagte Herr von Monsoreau, ›erlaubt mir nun, Euch ebenfalls einige Ratschläge zu geben.‹

›Ich höre, mein Herr.‹

›Reist nur bei Nacht.‹

›Hierzu bin ich entschlossen.‹

›Überlasst mir die Sorge für Eure Lager und die Wahl des Weges; alle meine Vorsichtsmaßregeln werden ein Ziel im Auge haben, das, Euch dem Herzog von Anjou entkommen zu lassen.‹

›Wenn Ihr mich liebt, wie Ihr sagt, mein Herr, so sind unsere Interessen dieselben; ich habe daher keinen Einwurf gegen Euer Verlangen zu machen.‹

›In Paris nehmt endlich die Wohnung an, die ich für Euch bereit halten werde, so einfach und abgelegen sie auch sein mag.‹

›Ich will nur verborgen leben, mein Herr, und je abgelegener und einfacher die Wohnung ist, desto mehr muss sie einer Flüchtigen zusagen.‹

›So verstehen wir uns also in jedem Punkte, mein Fräulein, und um mich mit diesem von Euch entworfenen Plane in Einklang zu setzen, habe ich Euch nur noch meine Ehrfurcht zu bezeigen, Eure Kammerfrau zu schicken, und mich mit dem Wege zu beschäftigen, den Ihr verfolgen sollt.‹

›Mein Herr,« erwiderte ich, »ich bin meinerseits Edeldame, wie Ihr Edelmann seid, haltet alle Eure Versprechungen, und ich werde alle die meinigen halten.«

»Mehr verlange ich nicht,‹ rief der Graf, ›und diese Zusage gewährt mir die Versicherung, dass ich bald der Glücklichste der Menschen sein werde.‹

»Nach diesen Worten verbeugte er sich und ging weg.

»Fünf Minuten nachher trat Gertrude ein.

»Die Freude dieser treuen Dienerin war groß; sie hatte geglaubt, man wollte sie für immer von mir trennen. Ich erzählte ihr, was vorgefallen war; ich bedurfte einer Person, welche in alle meine Absichten eingehen, alle meine Wünsche unterstützen, vorkommenden Falles ein halbes Wort verstehen, auf ein Zeichen oder auf eine Gebärde gehorchen würde. Diese Bereitwilligkeit von Herrn von Monsoreau setzte mich in Erstaunen und ich befürchtete irgend eine Verletzung des zwischen uns festgestellten Vertrages.

»Bald hörten wir das Geräusch eines Pferdes, das sich entfernte. Ich lief an das Fenster, es war der Graf, der im Galopp wieder den Weg einschlug, dem wir gefolgt waren. Warum kehrte er auf diesem Wege zurück, statt vorwärts zu reiten? das begriff ich nicht. Doch er hatte den ersten Artikel des Vertrags vollzogen, indem er mir Gertrude zurückgab, und vollzog den zweiten, indem er sich entfernte. Es war nichts zu sagen. Überdies beruhigte mich dieser Abgang des Grafen, nach welchem Ziele er sich auch richten mochte.

»Wir brachten den ganzen Tag, von unserer Wirtin bedient, in dem kleinen Hause zu: erst am Abend traf derjenige ein, welchen ich für den Anführer unserer Eskorte gehalten hatte, und fragte nach meinen Befehlen. Da mir die Gefahr um so größer vorkam, je näher ich bei dem Schlosse Beaugé war, so antwortete ich ihm, ich wäre bereit; fünf Minuten nachher kehrte er zurück und meldete mir mit einer Verbeugung, dass man nur noch auf mich warte. Vor der Türe fand ich meinen weißen Zelter; er war, wie es der Graf von Monsoreau vorhergesehen, auf den ersten Ruf zurückgekommen.

»Wir marschierten die ganze Nacht und hielten bei Tagesanbruch an. Ich berechnete, dass wir ungefähr fünfzehn Stunden zurückgelegt hatten; übrigens waren von Herrn von Monsoreau alle Vorsichtsmaßregeln genommen worden, dass ich weder durch die Müdigkeit, noch durch die Kälte litt. Der von ihm gewählte Zelter hatte einen besonders sanften Trab, und man warf mir, als ich das Haus verließ, einen Pelzmantel über die Schultern.

»Dieser Halt glich dem ersten und alle unsere Nachtmärsche glichen dem, welchen wir bereits gemacht: stets dieselben Rücksichten und dieselbe Ehrfurcht; überall die gleiche Sorgfalt; offenbar reiste uns Jemand voran, der die Wohnungen für uns in Bereitschaft setzen ließ: ob dies der Graf war, wusste ich nicht, denn dieser Teil unseres Vertrages wurde mit derselben Regelmäßigkeit erfüllt, wie die andern, und ich sah ihn nicht ein einziges Mal auf dem ganzen Wege.

»Am Abend des siebenten Tages erblickte ich von einem Hügel herab eine große Masse von Häusern. Es war Paris.

»Wir machten Halt, um die Nacht abzuwarten; als es hinreichend dunkel war, begaben wir uns wieder auf den Weg. Bald zogen wir durch ein Thor, und der erste Gegenstand, den ich jenseits desselben wahrnahm, war ein ungeheures Gebäude, in welchem ich an seinen hohen Mauern ein Kloster erkannte, und dann kamen wir zweimal über den Fluss. Wir wandten uns rechts und befanden uns nach einem Marsche von zehn Minuten auf dem Platze der Bastille. Ein Mann, der uns zu erwarten schien, entfernte sich von einer Türe, näherte sich dem Anführer der Eskorte und sagte zu ihm:

›Es ist hier!‹

»Der Anführer der Eskorte wandte sich gegen mich um und sprach:

›Madame, Ihr hört, wir sind an Ort und Stelle.‹

»Und von seinem Pferde springend, reichte er mir die Hand, um mich von meinem Zelter absteigen zu lassen, wie er dies auf jeder Station zu tun pflegte.

»Die Türe war offen; eine auf den Stufen stehende Lampe erleuchtete die Treppe.

›Madame,‹ sprach der Anführer der Eskorte, ›Ihr seid hier zu Hause; an dieser Türe endigt unser Auftrag, Euch zu geleiten; darf ich mir schmeicheln, diesen Auftrag nach Euren Wünschen und mit der gebührenden Ehrfurcht vollzogen zu haben?‹

›Ja, mein Herr,‹ antwortete ich, ›und ich habe Euch nur meinen Dank zu sagen; entbietet diesen auch den braven Leuten, die mich begleiteten. Gern möchte ich sie auf eine nachdrücklichere Weise belohnen, aber ich besitze nichts.‹

›Beunruhigt Euch nicht hierüber, Madame,‹ entgegnete derjenige, bei welchem ich mich entschuldigte, ›sie sind reichlich belohnt.‹

»Und er verbeugte sich, stieg wieder zu Pferde und sagte zu den Andern:

»Kommt, Ihr Leute, und Keiner von Euch erinnere sich morgen früh hinreichend dieser Türe, um sie wiederzuerkennen.‹

»Nach diesen Worten entfernte sich die kleine Truppe im Galopp und verlor sich in der Rue Saint-Antoine.

»Die erste Sorge von Gertrude war es, die Türe wieder zu schließen, und wir sahen durch das Gitter, wie sie weg ritten.

»Dann gingen wir auf die durch die Lampe beleuchtete Treppe zu; Gertrude schritt voran.

»Wir stiegen die Stufen hinauf und befanden uns in der Flur; die drei Türen derselben waren offen.

»Wir wählten die mittlere und traten in den Salon, in welchem wir uns befinden. Er war völlig erleuchtet, wie in diesem Augenblick. Ich öffnete diese Türe und gewahrte ein großes Ankleidecabinet; dann diese andere, welche in mein Schlafzimmer führte, und sah mich zu meinem großen Erstaunen meinem Portrait gegenüber. Ich erkannte dasjenige, welches früher in dem Zimmer meines Vaters in Méridor war; der Graf hatte es sich ohne Zweifel von dem Baron erbeten und von ihm erhalten.

»Ich schauerte bei diesem neuen Beweise, dass mich mein Vater bereits als die Frau von Herrn von Monsoreau betrachtete.

»Wir durchliefen die Wohnung; sie war einsam, aber nichts fehlte; es brannte Feuer in allen Kaminen, und in dem Speisesaale erwartete mich ein vollständig bestellter Tisch.

»Rasch warf ich die Augen auf den Tisch; es fand sich nur ein Gedeck, und das beruhigte mich.

›Nun, mein Fräulein,‹ sagte Gertrude zu mir, ›Ihr seht, der Graf hält sein Versprechen bis zum letzten Punkte.‹

›Ach ja!‹ erwiderte ich mit einem Seufzer; denn es wäre mir lieber gewesen, wenn er mich, seine Zusagen verletzend, der meinigen entbunden hätte.

»Ich speiste zu Nacht; dann beschauten wir zum zweiten Male das Haus, doch abermals ohne ein lebendes Wesen zu finden: es gehörte uns, ganz allein uns.

»Gertrude schlief in meinem Zimmer.

»Am andern Morgen ging sie aus, um Erkundigungen einzuziehen. Nun erst erfuhr ich durch sie, dass wir uns am Ende der Rue Saint-Antoine dem Hotel des Tournelles gegenüber befanden, und dass die Festung, die sich zu unserer Rechten erhob, die Bastille war.

»Diese Auskunft belehrte mich indessen nicht viel; ich kannte Paris nicht, da ich es nie gesehen hatte.

»Der Tag verging, ohne etwas Neues herbeizuführen: als ich mich am Abend zu Tische setzen wollte, um zu speisen, klopfte man an die Türe. Gertrude und ich sahen uns an.

»Man klopfte zum zweiten Male.

›Schau', wer klopft,‹ sagte ich zu ihr.

›Wenn es der Graf ist?‹ versetzte sie, als sie mich erbleichen sah.

›Wenn es der Graf ist,‹ antwortete ich mit einer Anstrengung gegen mich selbst, ›so öffne ihm, Gertrude; er hat getreulich alle seine Versprechungen gehalten und soll sehen, dass ich wie er nur ein Wort habe.«

›Einen Augenblick nachher erschien Gertrude wieder.

›Es ist der Herr Graf, mein Fräulein,‹ sagte sie.

›Er mag eintreten,‹ antwortete ich.

»Gertrude verschwand und machte dem Grafen Platz, der auf der Schwelle erschien.

»Nun, Madame,‹ fragte er, ›habe ich den Vertrag getreulich erfüllt?‹

›Ja, mein Herr, und ich danke Euch dafür,‹ antwortete ich.

›Ihr wollt mich also bei Euch empfangen?‹ versetzte er mit einem Lächeln, dessen Ironie er trotz aller Anstrengung nicht verbergen konnte.

»Tretet ein, mein Herr.«

»Der Graf näherte sich und blieb stehen. Ich bedeutete ihm durch ein Zeichen, er möge sich setzen.

›Habt Ihr Nachrichten, mein Herr?‹ fragte ich ihn …

›Von woher und von wem, Madame?‹

›Vor Allem von meinem Vater und von Méridor.‹

›Ich bin nicht nach dem Schlosse Méridor zurückgekehrt und habe den Baron nicht gesehen.‹

›Also von Beaugé und dem Herzog von Anjou.‹

›Das ist etwas Anderes; ich war in Beaugé und sprach den Herzog.‹

›Wie habt Ihr ihn gefunden?‹

›Er wollte zweifeln.‹

›Woran?‹

›An Eurem Tode.‹

›Doch Ihr bestätigtet ihm denselben?‹

›Ich tat, was ich konnte.‹

›Wo ist der Herzog?‹

›Seit gestern wieder in Paris.‹

›Warum ist er so schnell zurückgekehrt?‹

›Weil man nicht gern an einem Orte bleibt, wo man sich den Tod einer Frau vorwerfen zu müssen glaubt.‹

›Habt Ihr ihn seit seiner Rückkehr nach Paris gesehen?‹

›Ich komme so eben von ihm her.‹

›Sprach er von mir mit Euch?‹

›Ich ließ ihm nicht Zeit dazu.‹

›Wovon spracht Ihr mit ihm?‹

›Von einem Versprechen, das er mir gegeben und auf dessen Vollziehung ich drang.‹

›Was war dies?‹

›Er hat sich anheischig gemacht, mich für Dienste, die ich ihm geleistet, zum Oberstjägermeister ernennen zu lassen.‹

›Ah! ja,‹ sagte ich zu ihm mit einem traurigen Lächeln, denn ich erinnerte mich des Todes meiner armen Daphne, ›ich weiß, Ihr seid ein furchtbarer Jäger und habt als ein solcher ein Recht auf diese Stelle.‹

›Ich erhalte sie nicht als Jäger, Madame, sondern als Diener des Prinzen; nicht weil ich ein Recht habe, wird man sie mir geben, sondern weil der Herzog es nicht wagen wird, undankbar gegen mich zu sein.‹

»Trotz des achtungsvollen Tones, in welchem sie gegeben wurden, lag in allen diesen Antworten etwas, was mich erschreckte; es war dies der Ausdruck eines düsteren, unbeugsamen Willens.

»Ich blieb einen Augenblick stumm und fragte sodann:

›Wird es mir erlaubt sein, an meinen Vater zu schreiben?‹

›Allerdings; doch bedenkt, dass Eure Briefe aufgefangen werden können.‹

›Ist es mir verboten, auszugehen?‹

›Nichts ist Euch verboten, Madame; nur bemerke ich Euch, dass man Euch folgen kann.‹

›Ich muss doch wenigstens Sonntags die Messe hören?‹

›Es wäre, glaube ich, für Eure Sicherheit besser, wenn Ihr sie nicht hören würdet; doch wenn Euch viel daran gelegen ist, so hört sie wenigstens, wohl verstanden, es ist dies ein einfacher Rat, den ich Euch gebe, so hört sie wenigstens bei Sainte-Catherine …‹

›Und wo ist diese Kirche?‹

›Eurem Hause gegenüber, auf der andern Seite der Straße,‹

›Ich danke, mein Herr.‹

»Es trat ein abermaliges Stillschweigen ein.

›Wann werde ich Euch wiedersehen, mein Herr?‹

›Ich erwarte hierzu Eure Erlaubnis.‹

›Bedürft Ihr derselben?‹

›Gewiss; bis jetzt bin ich ein Fremder für Euch.‹

»Habt Ihr keinen Schlüssel zu diesem Hause?‹

›Euer Gatte allein hat das Recht, einen solchen zu besitzen.‹

›Mein Herr,‹ erwiderte ich, mehr erschrocken über diese so seltsam unterwürfigen Antworten, als ich es über ganz entschiedene Antworten gewesen wäre, ›mein Herr, Ihr werdet wiederkommen, wann es Euch beliebt oder wann Ihr mir etwas Wichtiges zu sagen habt.‹

›Ich danke, Madame, und werde von Eurer Erlaubnis Gebrauch, aber nicht Missbrauch machen, und der erste Beweis, den ich Euch gebe, ist, dass ich Euch bitte, den Ausspruch meiner Achtung in Empfang zu nehmen.‹

»Und nach diesen Worten erhob sich der Graf.

›Ihr verlasst mich?'« fragte ich, immer mehr erstaunt über diese Handlungsweise, welche ich entfernt nicht erwartet hatte.

›Madame,‹ antwortete der Graf, ›ich weiß, dass Ihr mich nicht liebt, und will Eure Lage, die Euch nötigt, meine Fürsorge anzunehmen, nicht missbrauchen. Bleibe ich nur in Bescheidenheit Euch gegenüber, so hoffe ich, dass Ihr Euch allmählich an meine Gegenwart gewöhnen werdet; auf diese Art wird Euch das Opfer weniger kosten, wenn der Augenblick gekommen ist, wo Ihr meine Frau werden sollt.‹

›Mein Herr,‹ sprach ich ebenfalls aufstehend, ›ich erkenne die ganze Zartheit Eures Benehmens und weiß dasselbe zu schätzen, trotz der Härte welche jedes Eurer Worte begleitet. Ihr habt Recht, und ich werde eben so offenherzig mit Euch sprechen, als Ihr mit mir gesprochen habt. Ich hatte eine vorgefasste Meinung gegen Euch, welche die Zeit heilen wird, wie ich hoffe.‹

›Erlaubt mir, Madame, diese Hoffnung zu teilen und in der Erwartung dieses glücklichen Augenblickes zu leben,‹ sprach der Graf.

»Dann verbeugte er sich vor mir mit aller Ehrfurcht, die der demütigste von meinen Dienern hätte an den Tag legen können, bedeutete Gertrude, vor der das ganze Gespräch stattgefunden hatte, durch ein Zeichen, sie möge ihm leuchten, und entfernte sich.«




Vierzehntes Kapitel

Was Diana von Méridor war

Die Heirat


»Das ist bei meiner Seele ein seltsamer Mann,« sprach Bussy.

»Oh! ja, sehr seltsam, nicht wahr, mein Herr? Denn seine Liebe gestaltete sich mir gegenüber mit der ganzen Bitterkeit des Hasses. Gertrude fand mich daher, als sie zurückkehrte, trauriger und erschrockener als je.

»Sie suchte mich zu beruhigen; doch das arme Mädchen war sichtbar eben so unruhig, als ich. Diese eiskalte Ehrfurcht, dieser ironische Gehorsam, diese zusammengedrängte Leidenschaft, welche in scharfen Noten in jedem seiner Worte vibrierte, war furchtbarer, als ein offen ausgesprochener Wille, den ich hätte bekämpfen können.

»Der folgende Tag war ein Sonntag; seitdem ich mich kannte, hatte ich nie verfehlt, dem Gottesdienste beizuwohnen. Ich hörte die Glocke der Sainte-Catherine Kirche, die mich zu rufen schien. Ich sah alle Welt nach dem Hause Gottes wandern, hüllte mich in meinen dicken Schleier, und mischte mich in die Menge der Gläubigen, welche auf den Ruf der Glocke herbeieilten.

Ich suchte den dunkelsten Winkel und kniete gegen die Wand nieder. Gertrude stellte sich wie eine Schildwache zwischen die Welt und mich. Für diesmal war es unnötig; Niemand war, wie es schien, auf uns aufmerksam.

»Am zweiten Tage kam der Graf abermals und teilte mir mit, er wäre zum Oberstjägermeister ernannt worden. Der Einfluss des Herzogs von Anjou hatte ihm diese Stelle verschafft, welche einem von den Günstlingen des Königs, Herrn von Saint-Luc, gleichsam versprochen gewesen war. Es war ein Triumph, den er kaum selbst erwartete.«

»Und der uns in der Tat Alle in Erstaunen setzte,« fügte Herr von Bussy bei.

»Er teilte mir diese Kunde mit, in der Hoffnung, seine neue Würde dürfte meine Einwilligung beschleunigen; nur drängte er nicht, bestürmte er nicht, und erwartete Alles von meinem Versprechen und den Ereignissen.

»Ich meinerseits fing an zu hoffen, da mich der Herzog für tot hielt und keine Gefahr mehr vorhanden wäre, so würde ich gegen den Grafen verpflichtet zu sein aufhören.

»Es vergingen sieben weitere Tage, ohne etwas Neues herbeizuführen, als zwei Besuche des Grafen. Diese Besuche waren, wie die vorhergehenden, kalt und ehrfurchtsvoll, doch ich habe Euch erklärt, was in dieser Kälte und in dieser Ehrfurcht Seltsames, ich möchte beinahe sagen, Bedrohliches lag.

»Am folgenden Sonntag ging ich in die Kirche, wie ich es bereits getan, und nahm denselben Platz ein, den ich acht Tage vorher eingenommen hatte. Die Sicherheit macht unvorsichtig: mitten unter meinen Gebeten verschob sich mein Schleier; in dem Hause Gottes dachte ich übrigens nur an Gott. Ich betete innig und glühend für meinen Vater, als ich plötzlich Gertrude meinen Arm berühren fühlte; es bedurfte einer zweiten Berührung, um mich der religiösen Extase zu entziehen, in die ich versunken war. Ich hob den Kopf empor, schaute maschinenmäßig umher, und erblickte zu meinem Schrecken, an einer Säule lehnend, den Herzog von Anjou, der mich mit den Augen verschlang.

»Ein Mann, mehr sein Vertrauter, als sein Diener, wie es schien, stand bei Ihm.«

»Das war Aurilly, sein Lautenschläger,« sprach Bussy.

»In der Tat, ich glaube, das ist der Name, den mir Gertrude später nannte,« erwiderte Diana.

»Fahrt fort, Madame,« rief Bussy, »fahrt fort, ich fange an, Alles zu begreifen.«

»Ich zog rasch meinen Schleier über das Gesicht, es war zu spät; er hatte mich gesehen, und wenn er mich auch nicht erkannt, so hatte ihn doch wenigstens die Ähnlichkeit mit der Frau, die er geliebt und die er verloren zu haben glaubte, tief ergriffen. Unbehaglich unter seinem Blicke, den ich auf mir lasten fühlte, erhob ich mich und ging nach der Türe; doch hier fand ich ihn wieder; er hatte seine Finger in den Weihkessel getaucht und bot mir Weihwasser.

»Ich stellte mich, als bemerkte ich es nicht, und schritt vorbei, ohne anzunehmen, was er mir bot.

»Ohne mich jedoch umzuwenden, begriff ich, dass man uns folgte; hätte ich Paris gekannt, so würde ich den Herzog über meine wahre Wohnung zu täuschen gesucht haben, aber ich hatte nie einen andern Weg gemacht, als den, welcher von unserem Hause nach der Kirche führte; ich kannte Niemand, von dem ich eine Gastfreundschaft von einer Viertelstunde hätte fordern können; ich hatte keine Freundin und nur einen einzigen Verteidiger, den ich mehr fürchtete, als einen Feind.«

»Oh! mein Gott,« murmelte Bussy, »warum schickten mich der Himmel, die Vorsehung oder der Zufall nicht früher auf Euren Weg.«

Diana dankte dem jungen Mann mit einem Blicke.

»Verzeiht,« sagte Bussy, »ich unterbreche Euch immer und sterbe doch vor Neugierde. Ich bitte Euch, fahrt fort.«

»An demselben Abend kam Herr von Monsoreau. Ich wusste nicht, ob ich ihm etwas von meinem Abenteuer sagen sollte, als er selbst meinem Zögern ein Ende machte.

›Ihr habt mich gefragt, ob es Euch verboten wäre, zur Messe zu gehen,‹ sagte er, ›und ich antwortete Euch, Ihr wäret unumschränkte Gebieterin Eurer Handlungen, würdet jedoch besser daran tun, nicht auszugehen; Ihr wolltet mir nicht glauben. Ihr seid diesen Morgen ausgegangen, um dem Gottesdienst in der Sainte-Catherine Kirche beizuwohnen. Der Prinz befand sich zufälliger oder vielmehr unglücklicher Weise dort und hat Euch gesehen.‹

›Das ist wahr, und ich zögerte, Euch diesen Umstand mitzuteilen, denn ich wusste nicht, ob mich der Prinz für diejenige, welche ich bin, erkannt oder ob ihn nur mein Anblick ergriffen hatte.‹

›Euer Anblick hat ihn ergriffen, Eure Ähnlichkeit mit der Frau, die er beklagt, kam ihm ganz außerordentlich vor; er folgte Euch und erkundigte sich, doch Niemand konnte ihm etwas sagen, denn Niemand weiß etwas.‹

›Mein Gott! mein Herr, was glaubt Ihr, dass er tun wird?‹

›Der Herzog hat ein finsteres, beharrliches Gemüt,‹ sprach Herr von Monsoreau.

›Oh! ich hoffe, er wird mich vergessen.‹

›Ich glaube es nicht: man vergisst Euch nicht, wenn man Euch einmal gesehen hat. Ich tat Alles, was ich konnte, um Euch zu vergessen, und vermochte es nicht.‹

»Und der erste Blitz der Leidenschaft, den ich bei Herrn von Monsoreau wahrnahm, zuckte in dieser Sekunde in den Augen des Grafen.

»Ich war mehr erschrocken über die Flamme, die aus diesem Herde hervorsprang, den man hätte für erloschen halten sollen, als ich es am Morgen über den Anblick des Prinzen gewesen war.

»Ich blieb stumm.

›Was gedenkt Ihr zu tun?‹ fragte mich der Graf.

›Mein Herr, könnte ich das Haus, das Quartier, die Straße nicht verändern; könnte ich nicht eine Wohnung am andern Ende von Paris nehmen, oder nach Anjou zurückkehren?‹

›Alles wäre vergebens,‹ antwortete der Graf den Kopf schüttelnd, ›es ist ein furchtbarer Spürhund, dieser Herzog von Anjou; er ist auf Eurer Fährte; geht, wohin Ihr wollt, er wird Euch folgen, bis er Euch erreicht hat.‹

›Oh mein Gott! Ihr erschreckt mich!‹

›Das ist nicht meine Absicht: ich sage Euch, wie sich die Sache verhält, und nichts Anderes.‹

›Dann richte ich an Euch die Frage, die Ihr so eben an mich gerichtet habt. Was gedenkt Ihr zu tun, mein Herr?‹

›Ach!‹ erwiderte der Graf mit bitterer Ironie, ›ich bin ein Mensch von dürftiger Einbildungskraft. Ich hatte das Mittel gefunden; dieses Mittel sagt Euch nicht zu; ich leiste darauf Verzicht; heißt mich aber nicht ein anderes suchen.‹

›Mein Gott! die Gefahr ist vielleicht minder dringend, als Ihr glaubt?‹

›Das wird Euch die Zukunft lehren, Madame,‹ sprach der Graf aufstehend.

›Jedenfalls wiederhole ich Euch! Frau von Monsoreau wird um so weniger von dem Prinzen zu befürchten haben, als mich mein neues Amt unmittelbar unter den König stellt, und als ich und meine Frau natürlich Schutz bei dem König finden werden.‹

»Ich antwortete nur durch einen Seufzer. Was der Graf sagte, war äußerst vernünftig und wahrscheinlich.

»Herr von Monsoreau wartete einen Augenblick, als ob er mir alle Muße zu einer Erwiderung lassen wollte; doch ich hatte nicht die Kraft dazu. Er stand im Zimmer, bereit, sich zu entfernen. Ein bitteres Lächeln zog über seine Lippen; er verbeugte sich und verließ mich.

»Ich glaubte einige Verwünschungen seinem Munde auf der Treppe entschlüpfen zu hören.

»Ich rief Gertrude.

»Gertrude hatte die Gewohnheit, wenn der Graf kam, sich entweder im Kabinett oder im Schlafzimmer aufzuhalten; sie lief herbei.

»Ich stand am Fenster so in die Vorhänge eingewickelt, dass ich sehen konnte, was auf der Straße vorging, jedoch ohne gesehen zu werden.

»Der Graf trat vor die Türe und entfernte sich.

»Wir blieben ungefähr eine Stunde, Alles aufmerksam beobachtend. Aber es kam Niemand.

»Die Nacht verging, ohne etwas Neues herbeizuführen.

»Am andern Morgen wurde Gertrude, als sie ausging, von einem jungen Manne angeredet, in dem sie denjenigen erkannte, welcher den Tag vorher den Prinzen begleitet hatte; doch so sehr er auch in sie drang, sie weigerte sich, zu antworten, und blieb auf alle seine Fragen stumm.

»Ohne Zweifel des Fragens überdrüssig, entfernte sich der junge Mann.

»Diese Erscheinung flößte mir einen tiefen Schrecken ein; es war der Anfang einer Nachforschung, welche sicherlich nicht hierbei stehen bleiben sollte. Ich befürchtete, Herr von Monsoreau könnte am Abend nicht kommen, und es dürfte irgend ein Versuch in der Nacht gegen mich gemacht werden; ich schickte nach ihm, er kam sogleich.

»Ich erzählte ihm Alles und entwarf ihm das Portrait des jungen Mannes nach dem, was mir Gertrude mitgeteilt hatte.

›Es ist Aurilly,‹ sagte er, ›was hat Gertrude geantwortet?‹

›Gertrude hat nichts geantwortet.«

»Herr von Monsoreau dachte einen Augenblick nach.

›Sie hat Unrecht gehabt,‹ sagte er sodann.

›Warum?‹

›Ja, es handelt sich darum, Zeit zu gewinnen.‹

›Zeit?‹

›Heute bin ich noch von dem Herrn Herzog von Anjou abhängig. Doch in zwölf Tagen, in acht Tagen wird es der Herzog von Anjou vielleicht von mir sein. Man muss ihn also täuschen, damit er wartet.‹

›Mein Gott!‹

›Ganz gewiss, die Hoffnung wird ihn geduldig machen, während ihn eine völlige Weigerung zu einem verzweifelten Entschluss antreiben dürfte.‹

›Schreibt an meinen Vater,‹ rief ich, ›mein Vater wird herbei eilen und sich dem König zu Füßen werfen. Der König wird Mitleid mit einem Greise haben.‹

›Je nach der geistigen Stimmung, in der sich der König befindet, und je nachdem es in seiner Politik liegen wird, für den Augenblick der Freund oder der Feind des Herrn Herzogs von Anjou zu sein. Überdies bedarf ein Bote sechs Tage, um Euren Vater aufzusuchen. Euer Vater braucht sechs Tage, um hierherzukommen. In zwölf Tagen wird der Herzog von Anjou, wenn wir ihn nicht aufhalten, allen Weg zurückgelegt haben, den er zurücklegen kann.‹

›Wie ihn aufhalten?‹

»Herr von Monsoreau antwortete nicht. Ich begriff seine Gedanken und schlug die Augen nieder.

›Mein Herr,‹ sagte ich nach kurzem Stillschweigen, ›gebt Gertrude Eure Befehle, und sie wird Eure Instruktionen befolgen.‹

»Ein unmerkliches Lächeln schwebte über die Lippen von Herrn von Monsoreau, als ich hiermit zum ersten Male seinen Schutz anrief.

»Er sprach einige Augenblicke mit Gertrude.

›Madame,‹ sagte er dann zu mir, ›ich könnte gesehen werden, wenn ich von hier wegginge; es fehlen uns nur noch ein paar Stunden, um die Nacht abzuwarten; erlaubt Ihr mir, diese paar Stunden in Eurer Wohnung zuzubringen?‹

»Herr von Monsoreau hatte beinahe das Recht, dies zu fordern; er begnügte sich zu bitten: ich bedeutete ihm durch ein Zeichen, er möge sich setzen.

»Da bemerkte ich das große Übergewicht, das der Graf über mich hatte: sogleich überwand er den Zwang, der aus unserer gegenseitigen Lage hervorging, und sein Gespräch, dem jene von mir bezeichnete Härte einen mächtigen Charakter verlieh, fing an wechselreich und anziehend zu werden. Der Graf hatte viele Reisen gemacht, viel gesehen, viel nachgedacht, und nach Verlauf von zwei Stunden begriff ich den ganzen Einfluss, den dieser seltsame Mann über meinen Vater gewonnen hatte.«

Bussy stieß einen Seufzer aus.

»Als die Nacht gekommen war, stand er, ohne mehr zu verlangen und als wäre er mit dem, was er erhalten, zufrieden, auf und entfernte sich.

»Während des Abends begab ich mich mit Gertrude wieder an unsern Beobachtungsposten. Diesmal sahen wir ganz deutlich zwei Männer, welche das Haus prüfend betrachteten. Wiederholt näherten sie sich der Türe; alles Licht im Innern war erloschen, und sie konnten uns nicht sehen.

»Gegen elf Uhr entfernten sie sich.

»Am andern Tage fand Gertrude, als sie ausging, denselben jungen Mann an demselben Platze; er trat abermals auf sie zu und fragte sie wie am Tage vorher. Gertrude war diesmal weniger streng und sprach ein paar Worte mit ihm.

»Am folgenden Tage war Gertrude noch mitteilsamer; sie sagte ihm, ich wäre die Witwe eines Rates und lebte sehr zurückgezogen, da mir der Verstorbene kein Vermögen hinterlassen; er drang in sie, um mehr zu erfahren, doch er musste sich für den Augenblick mit dieser Auskunft begnügen.

»Am Tage hernach schien Aurilly einige Zweifel über die Wahrhaftigkeit der Erzählung von Gertrude gefasst zu haben, er sprach von Anjou, von Beaugé, und nannte Méridor.

»Gertrude erwiderte ihm, alle diese Namen wären ihr völlig unbekannt.

»Dann gestand er ihr, er wäre im Dienste des Herzogs von Anjou, der Herzog hätte mich gesehen und sich in mich verliebt; in Folge dieses Geständnisses kamen glänzende Anerbietungen für sie und für mich, für sie, wenn sie den Prinzen bei mir einführen würde, für mich, wenn ich ihn empfangen wollte.

»Jeden Abend kam Herr von Monsoreau und jeden Abend sagte ich ihm, wie die Sache stand. Er blieb dann von acht Uhr bis um Mitternacht; doch seine Unruhe war offenbar groß.

»Am Samstag Abend sah ich ihn bleicher und aufgeregter als gewöhnlich kommen.

›Hört,‹ sagte er zu mir, ›Ihr müßt für Dienstag oder Mittwoch Alles versprechen.‹

›Alles versprechen! und warum?‹ rief ich,

›Weil der Herzog von Anjou zu Allem entschlossen ist, weil er in diesem Augenblick mit dem König gut steht und sich folglich vom König nichts erwarten lässt.‹

›Doch soll von jetzt bis Mittwoch irgend Etwas vorfallen, was uns Hilfe gewähren wird?‹

›Vielleicht. Ich erwarte von Tag zu Tag den Umstand, der den Prinzen in Abhängigkeit von mir setzen soll. Ich betreibe, ich beschleunige ihn nicht allein mit meinen Wünschen, sondern auch durch meine Handlungen. Morgen muss ich Euch verlassen und nach Montereau gehen.‹

›Ihr müsst?‹ erwiderte ich mit einem Schrecken, der nicht ganz ohne eine gewisse Beimischung von Freude war.

›Ja; ich habe dort eine Zusammenkunft, welche unerlässlich zu Beschleunigung des von mir erwähnten Umstandes ist.‹

›Und wenn wir uns Dienstag in derselben Lage befinden, mein Gott! was ist dann zu tun?‹

›Was soll ich gegen einen Prinzen machen, Madame, wenn ich kein Recht habe, Euch zu beschützen? Man wird dem Missgeschick weichen müssen.‹

›Oh mein Vater! mein Vater!‹ rief ich.

»Der Graf schaute mich fest an und sprach:

›Ihr verabscheut mich also?‹

›Oh! mein Herr!‹

›Was habt Ihr mir denn vorzuwerfen?‹

›Nichts, im Gegenteil …‹

›Bin ich nicht treu ergeben wie ein Freund, achtungsvoll wie ein Bruder gewesen?‹

›Ihr habt Euch in jeder Hinsicht als ein ehrenhafter Mann benommen.‹

›Hatte ich nicht Euer Versprechen?‹

›Ja.‹

›Habe ich Euch ein einziges Mal daran erinnert?‹

›Nein.‹

›Und dennoch, wenn die Umstände so beschaffen sind, dass Ihr Euch zwischen eine ehrenvolle Lage und eine schmachvolle Lage gestellt seht, wollt Ihr eher die Geliebte des Herzogs von Anjou, als die Frau des Grafen von Monsoreau werden?‹

›Ich sage das nicht, mein Herr.‹

›So entschließt Euch.‹

›Ich bin entschlossen.‹

›Gräfin von Monsoreau zu werden?‹

›Eher, als die Geliebte des Herzogs von Anjou.‹

›Eher, als die Geliebte des Herzogs von Anjou, die Alternative ist schmeichelhaft.‹

»Ich schwieg.

›Gleichviel,‹ sagte der Graf, ›Ihr versteht mich? Gertrude muss bis Dienstag Zeit gewinnen, und Dienstag werden wir sehen.‹

»Am andern Tage ging Gertrude wie gewöhnlich aus, begegnete aber Aurilly nicht. Bei ihrer Rückkehr fühlten wir uns unruhiger über sein Ausbleiben, als wir es über sein Erscheinen gewesen waren. Gertrude ging abermals aus, ohne dass eine Notwendigkeit hierzu vorhanden war und nur um ihm zu begegnen; doch sie traf ihn nicht. Ein dritter Ausgang war eben so fruchtlos, als die zwei ersten.

»Ich schickte Gertrude zu Herrn von Monsoreau; er war abgereist und man wusste nicht, wo er sich befand.

»Wir waren allein und völlig vereinzelt; wir fühlten uns schwach; zum ersten Male begriff ich meine ganze Ungerechtigkeit gegen den Grafen.

›Oh! Madame,‹ rief Bussy, ›beeilt Euch nicht so sehr, Eure Ansicht über diesen Mann zu ändern; es liegt etwas in seinem ganzen Benehmen, was wir nicht wissen, aber erfahren werden.‹

»Es kam der Abend in Begleitung von tiefen Schrecknissen; ich war entschlossen, eher Alles zu tun, als lebendig in die Hände des Herzogs von Anjou zu fallen. Ich hatte mich mit diesem Dolche versehen und gedachte ihn mir im Angesicht des Prinzen in dem Augenblick in das Herz zu stoßen, wo seine Leute Hand an mich zu legen versuchen würden. Wir verrammelten uns in unsern Zimmern. In Folge einer unglaublichen Nachlässigkeit hatte die Haustür keinen inneren Riegel. Wir verbargen die Lampe und stellten uns auf unsern Beobachtungsposten.

»Bis elf Uhr Abends blieb Alles ruhig; um elf Uhr kamen fünf Männer aus der Rue Saint-Antvine hervor; sie schienen zu beratschlagen, und legten sich sodann in der Mauerecke des Hotel des Tournelles in Hinterhalt.

»Wir fingen an zu zittern; diese Leute waren wahrscheinlich unseretwegen da; sie blieben jedoch unbeweglich; so verlief ungefähr eine Viertelstunde.

»Nach Verlauf einer Viertelstunde sahen wir zwei andere Männer an der Ecke der Rue Saint-Paul erscheinen. Der zwischen den Wolken hin gleitende Mond erlaubte Gertrude, in einem derselben Aurilly zu erkennen.

›Ach! mein Fräulein, sie sind es,‹ murmelte das arme Mädchen.

›Ja,‹ erwiderte ich ganz zitternd vor Schrecken, ›und die fünf Andern sind da, um ihnen Beistand zu leisten.‹

›Doch sie müssen die Türe eintreten, und bei dem Lärmen werden die Nachbarn herbeilaufen,‹ versetzte das Mädchen.

›Warum sollen die Nachbarn herbeilaufen? Kennen sie uns und haben sie irgend eine Ursache, sich einen schlimmen Handel zuzuziehen, um uns zu verteidigen? Ach! Gertrude, wir haben in der Tat nur den Grafen als wahren Verteidiger.‹

›Nun, warum weigert Ihr Euch denn immer, Gräfin zu werden?‹

»Ich stieß einen Seufzer aus.




Fünfzehntes Kapitel

Was Diana von Méridor war

Die Heirat


»Mittlerweile waren die zwei Männer, welche wir an der Ecke der Rue Saint-Paul erblickt hatten, an den Häusern hin geschlichen und hielten sich unter unsern Fenstern.

»Wir öffneten sachte eines derselben.

›Weißt Du gewiss, dass es hier ist?»« fragte eine Stimme.

›Ja, Monseigneur, vollkommen gewiss. Es ist das fünfte Haus von der Ecke der Rue Saint-Paul an gerechnet.«

« ›Und glaubst, der Schlüssel werde passen?‹

›Ich habe den Abdruck vom Schloss genommen.‹

»Ich griff nach dem Arme von Gertrude und drückte ihn heftig.

›Und sind wir innen?‹

›Sind wir innen, so lasst mich sorgen. Die Zofe wird uns öffnen. Eure Hoheit besitzt in ihrer Tasche einen goldenen Schlüssel, der so viel wert ist, als dieser.‹

›So öffne also.‹

»Wir hörten das Knirschen des Schlüssels im Schlosse. Doch die an der Ecke des Hotel im Hinterhalt liegenden Männer trennten sich plötzlich von der Mauer, stürzten auf den Prinzen und Aurilly los und riefen: ›Schlagt sie tot!‹

»Ich begriff nichts mehr; ich erriet nur, eine unerwartete, ungehoffte, unerhörte Hilfe sei uns zugekommen, fiel auf die Knie und dankte dem Himmel.

»Der Prinz hatte nur seinen Namen zu sagen, und alle Stimmen schwiegen und alle Degen fielen nieder in die Scheide, und jeder Angreifer wich einen Schritt zurück.

»Ja, ja,« sagte Bussy, »sie wollten nicht dem Prinzen an das Leben, sondern mir.«

»Jedenfalls entfernte dieser Angriff den Prinzen,« fuhr Diana fort. »Wir sahen, wie er sich durch die Rue de Jouy zurückzog, während die fünf Edelleute des Hinterhaltes wieder ihren Posten an der Ecke des Hotel des Tournelles einnahmen.

»Die Gefahr war wenigstens für diese Nacht offenbar von uns entfernt; denn die fünf Edelleute hatten es nicht auf mich abgesehen. Doch wir waren zu unruhig und zu sehr aufgeregt, um zu Bette zu gehen. Wir blieben am Fenster stehen und erwarteten irgend ein unbekanntes Abenteuer, dessen Herannahen wir instinktartig fühlten.

»Unser Warten dauerte nicht lange. Es erschien ein Mann zu Pferde, die Mitte der Rue Saint-Antoine halten. Es war ohne Zweifel derjenige, auf welchen die im Hinterhalte liegenden fünf Männer lauerten, denn sobald sie ihn erblickten, riefen sie: Zu den Degen! zu den Degen! und stürzten auf ihn zu.

»Ihr wisst Alles, was sich auf diesen Reiter bezieht,« sprach Diana, »da Ihr es selbst wart.«

»Im Gegenteil, Madame,« erwiderte Bussy, der aus der Erzählung der jungen Frau irgend ein Geheimnis ihres Herzens zu entnehmen hoffte, »im Gegenteil, ich weiß nichts, als den Kampf, denn nach dem Kampfe wurde ich ohnmächtig.«

»Ich brauche Euch nicht zu sagen,« fuhr Diana mit einer leichten Röte fort, »ich brauche Euch nicht zu sagen, welchen Anteil wir an dem so ungleichen und dennoch so mutig ausgehaltenen Streite nahmen. Jede Episode des Kampfes entriss uns einen Schauer, einen Schrei, ein Gebet. Wir sahen Euer Pferd wanken und niederstürzen. Wir hielten Euch für verloren; doch dem war nicht so, der brave Bussy verdiente seinen Ruf. Ihr sankt mit dem Pferde so nieder, dass Ihr auf Eure Füße zu stehen kamt und Euch nicht einmal zu erheben brauchtet, um Eure Feinde niederzuschlagen; von allen Seiten umgeben, bedroht, zoget Ihr Euch wie der Löwe, das Gesicht Euren Gegnern zugewendet, zurück und lehntet Euch an die Türe an; dann kam Gertrude und mir derselbe Gedanke, der Gedanke, hinabzugehen, um Euch zu öffnen; sie schaute mich an: ja, sagte ich zu ihr, und wir eilten Beide gegen die Treppe; doch wir hatten uns erwähnter maßen von innen verrammelt und bedurften einiger Sekunden, um die Gerätschaften zu beseitigen, welche den Weg versperrten, und in dem Augenblick, wo wir auf den Ruheplatz gelangten, hörten wir die Haustür sich schließen.

»Wir blieben Beide unbeweglich. Wer war die Person, welche eingetreten, und wie war sie herein gekommen?

»Ich stützte mich auf Gertrude, und wir verharrten in stummer Erwartung.

»Bald ließen sich Tritte im Gange vernehmen. Ein Mann erschien wankend, streckte die Arme aus, und fiel auf die ersten Stufen, einen dumpfen Seufzer von sich gebend, nieder.

»Dieser Mann wurde offenbar nicht verfolgt; er hatte die glücklicher Weise von dem Herzog von Anjou offen gelassene Türe zwischen sich und seine Gegner gebracht und war gefährlich, vielleicht auf den Tod verwundet unten an der Treppe niedergestürzt.

»Jedenfalls hatten wir nichts zu befürchten, und dieser Mann bedurfte im Gegenteil unserer Hilfe.

»Die Lampe!« sagte ich zu Gertrude.

»Sie lief weg und kehrte mit dem Lichte zurück.

»Wir hatten uns nicht getäuscht: Ihr wart ohnmächtig. Wir erkannten in Euch den braven Ritter, der so mutig gekämpft hatte, und ohne Zögern entschlossen wir uns, Euch Hilfe zu bringen.

»In einem Augenblick wart Ihr in mein Zimmer getragen und auf dem Bette niedergelegt.

»Eure Ohnmacht dauerte immer noch fort; die Behandlung eines Wundarztes schien dringend. Gertrude erinnerte sich, von einer wunderbaren Kur gehört zu haben, die ein paar Tage zuvor ein Doktor der Rue Beautreillis gemacht haben sollte. Sie wusste seine Adresse und bot sich an, ihn zu holen.

›Doch dieser junge Mann kann uns verraten,‹ sagte ich.

›Seid unbesorgt,‹ erwiderte sie, ›ich werde meine Maßregeln nehmen.‹

»Es war eine zugleich mutige und kluge Person,« fuhr Diana fort, »ich vertraute ihr ganz und gar. Sie nahm Geld, einen Schlüssel und meinen Dolch, und ich blieb allein bei Euch … und für Euch betend …«

»Ach!« rief Bussy, »ich kannte mein ganzes Glück nicht, Madame.«

«Eine Viertelstunde nachher kam Gertrude zurück und brachte den jungen Arzt; er hatte zu Allem eingewilligt und folgte ihr mit verbundenen Augen.

«Ich blieb im Salon, während man ihn in das Zimmer führte. Hier erlaubte man ihm, die Binde abzunehmen, die seine Augen bedeckte.«

»Ja,« sprach Bussy, »und in diesem Momente kam ich zu mir; meine Augen richteten sich nach Eurem Portrait und ich glaubte Euch eintreten zu sehen.«

»Ich trat wirklich ein; meine Unruhe trug den Sieg über die Klugheit davon. Ich wechselte einige Worte mit dem jungen Arzt; er untersuchte Eure Wunde, verbürgte sich für Euch, und ich war erleichtert.«

»Alles dies blieb in meinem Geiste,« sprach Bussy, »doch wie ein Traum im Gedächtnis bleibt; und dennoch sagte mir irgend Etwas, ich hätte nicht geträumt,« fügte der junge Mann, die Hand auf das Herz legend, bei.

»Als der Arzt Eure Wunde verbunden hatte, zog er aus seiner Tasche ein Fläschchen, das einen rothen Saft enthielt, und goss ein paar Tropfen von diesem Safte auf Eure Lippen: es war, wie er mir sagte, ein Elixier, bestimmt, Euch Schlaf zu verleihen und das Fieber zu bekämpfen.

»Einen Augenblick, nachdem Ihr diesen Trank verschluckt hattet, schlosst Ihr wirklich abermals die Augen und fielt wieder in eine Art von Ohnmacht, aus der Ihr für kurze Zeit erwacht wart.

»Ich erschrak; doch der Arzt beruhigte mich; er sagte mir, es stehe Alles gut; man müsse Euch nur schlafen lassen.

»Gertrud bedeckte ihm abermals die Augen mit einem Sacktuch und führte ihn bis an den Eingang der Rue Beautreillis zurück.

»Sie glaubte nur zu bemerken, dass er die Schritte zählte.«

»Er zählte sie in der Tat, Madame,« sagte Bussy.

»Diese Vermutung erschreckte uns. Der junge Mann konnte uns verraten. Wir beschlossen, jede Spur der Gastfreundschaft, die wir Euch gewährt, zu vertilgen; das Wichtigste dabei aber war, Euch vor Allem verschwinden zulassen.

»Ich raffte meinen ganzen Mut zusammen; es hatte zwei Uhr Morgens geschlagen, die Straßen waren öde und verlassen. Gertrude machte sich anheischig, Euch aufzuheben; es gelang ihr; ich unterstützte sie und wir trugen Euch auf die Böschung der Gräben des Temple. Dann kehrten wir ganz erschrocken über diese Keckheit zurück, die uns, zwei Frauen, zu einer Stunde hatte allein ausgehen lassen, wo selbst die Männer nur begleitet ausgingen. Gott wachte über uns: wir begegneten Niemand und kehrten, ohne gesehen worden zu sein, nach Hause zurück.

»Als ich in das Zimmer trat, unterlag ich der Last der Aufregung und wurde ohnmächtig.«

»Oh Madame! Madame!« sprach Bussy, die Hände faltend, »wie werde ich Euch je für das danken, was Ihr für mich getan habt?«

Während eines augenblicklichen Stillschweigens, das nun eintrat, schaute Bussy Diana mit glühenden Blicken an. Die junge Frau hatte den Ellenbogen auf den Tisch gestützt und den Kopf auf die Hände fallen lassen.

Mitten unter diesem Stillschweigen hörte man die Uhr der Sainte-Catherine Kirche schlagen.

»Zwei Uhr!« sprach Diana zitternd. »Zwei Uhr und Ihr noch hier!«

»Oh Madame!« flehte Bussy, »schickt mich nicht fort, ohne mir Alles mitgeteilt zu haben. Schickt mich nicht fort, ohne mir die Mittel genannt zu haben, durch die ich Euch nützlich sein kann; nehmt an, Gott habe Euch einen Bruder geschenkt, und sagt diesem Bruder, was er für seine Schwester zu tun vermag.«

»Ach! nun nichts mehr; es ist zu spät,« sprach die junge Frau.

»Was begegnete Euch am andern Tage?« fragte Bussy, »was tatet Ihr an diesem Tage, an welchem ich nur an Euch dachte, ohne jedoch sicher zu sein, ob Ihr nicht ein Traum meiner erhitzten Einbildungskraft, eine Vision meines Fiebers wäret?«

»Im Verlaufe dieses Tages ging Gertrude aus und begegnete Aurilly,« antwortete Diana. »Aurilly war zudringlicher als je: er sagte nicht ein Wort von dem, was am Abend vorher vorgefallen war, doch er bat im Namen seines Herrn um eine Zusammenkunft.

»Gertrude schien einzuwilligen, forderte jedoch eine Frist bis Mittwoch, das heißt, bis heute, um mich zu bestimmen.

»Aurilly versprach, sein Herr würde sich bis dahin Gewalt antun.

»Wir hatten also drei Tage vor uns.

»Am Abend kam Herr von Monsoreau zurück.

»Wir erzählten ihm Alles, mit Ausnahme dessen, was auf Euch Bezug halte. Wir sagten ihm, der Herzog habe die Türe mit einem falschen Schlüssel geöffnet, sei aber in dem Augenblick, wo er einzutreten im Begriffe gewesen, von fünf Edelleuten, worunter die Herren von Épernon und von Quélus, angegriffen worden. Ich hatte diese zwei Namen aussprechen hören und wiederholte sie ihm.

›Ja, ja,‹ sagte der Graf, ›es ist mir etwas hiervon zu Ohren gekommen; er hat also einen falschen Schlüssel … ich vermutete es.‹

›Könnte man nicht das Schloss verändern?‹ fragte ich.

›Er wird sich einen andern Schlüssel machen lassen,‹ sagte der Graf.

›Riegel an die Türe legen?‹

›Er wird mit zehn Mann kommen und Thür und Riegel sprengen lassen.‹

›Doch das Ereignis, das Euch Gewalt über den Herzog geben sollte?‹ bemerkte ich.

›Ist auf unbestimmte Zeit verschoben.‹

»Ich blieb stumm; der Schweiß trat auf meine Stirne und ich verleugnete mir nicht, dass es, um dem Herzog von Anjou zu entgehen, kein anderes Mittel gab, als die Frau des Grafen zu werden.«

›Mein Herr,‹ sagte ich, ›der Herzog hat sich durch das Organ seines Vertrauten verbindlich gemacht, bis Mittwoch Abend zu warten; ich verlange von Euch Frist bis Dienstag.‹

›Dienstag Abend, Madame, zu derselben Stunde werde ich hier sein,‹ sprach der Graf.

Und ohne ein Wort beizufügen, stand er auf und ging hinaus.

»Ich folgte ihm mit den Augen, doch statt sich zu entfernen, stellte er sich ebenfalls in die düstere Mauerecke der Tournelles und schien entschlossen, mich die ganze Nacht zu bewachen.

»Jeder Beweis der Ergebenheit von Seiten dieses Mannes war ein neuer Dolchstich für mein Herz.

Die zwei Tage vergingen mit der Schnelligkeit eines Augenblicks. Nichts störte uns in unserem öden Hause. Was ich während dieser zwei Tage, den raschen Flug der Stunden wahrnehmend, litt, lässt sich nicht beschreiben.

»Als die Nacht des zweiten Tages kam, war ich völlig entkräftet; jedes Gefühl schien sich allmählich von mir zurückzuziehen. Ich war kalt, stumm, scheinbar unempfindlich wie eine Bildsäule; da mein Herz allein schlug, so schien mein übriger Körper zu leben aufgehört zu haben.

»Gertrude stand am Fenster. Ich saß hier, wo ich jetzt bin, und fuhr nur von Zeit zu Zeit mit dem Sacktuche über meine von Schweiß feuchte Stirn. Plötzlich streckte Gertrude die Hand gegen mich aus; doch diese Gebärde, bei der ich früher aufgesprungen wäre, ließ mich unempfindlich.

›Mein Fräulein!‹ sagte sie.

›Nun?‹ fragte ich

›Vier Männer; … ich sehe vier Männer … sie nähern sich unserem Hause … sie öffnen die Türe … sie treten ein.‹

»Laß sie eintreten,‹ antwortete ich, ohne eine Bewegung zu machen.

›Aber diese vier, Männer sind ohne Zweifel der Herzog von Anjou, Aurilly und zwei Personen ihres Gefolges.‹

»Statt jeder Antwort zog ich meinen Dolch und legte ihn neben mich auf den Tisch.

›Oh! lasst mich wenigstens nachsehen,‹ rief Gertrude aus der Türe laufend.

›Sieh nach,‹ erwiderte ich.

»Einen Augenblick nachher trat Gertrude ein.

›Mein Fräulein,‹ sagte sie, ›es ist der Herr Graf.‹

»Ich verbarg meinen Dolch wieder in meiner Brust, ohne ein Wort zu sprechen, und wandte nur meinen Kopf gegen den Grafen um.

»Ohne Zweifel war er erschrocken über meine Blässe.

›Was sagt mir Gertrude!‹ rief er, ›Ihr hättet mich für den Herzog gehalten, und, wäre es der Herzog gewesen, Euch getötet?'«

»Ich sah ihn zum ersten Male bewegt. War diese Erschütterung wahr oder geheuchelt?«

›Gertrude hat Unrecht gehabt, Euch das zu sagen,‹ versetzte ich, ›sobald es nicht der Herzog ist, ist Alles gut.‹

»Es trat ein kurzes Stillschweigen ein.

›Ihr wisst, dass ich nicht allein gekommen bin,‹ sagte der Graf.

›Gertrude hat vier Männer gesehen.‹

›Ihr vermutet, wer sie sind?‹

›Ich nehme an, der eine ist ein Priester und die zwei andern sind Eure Zeugen.‹

›Ihr seid also bereit, meine Frau zu werden?‹

›Ist das nicht eine abgemachte Sache? Nur erinnere ich mich des Vertrags; es war verabredet, dass ich mich ohne eine von meiner Seite anerkannte Dringlichkeit nicht anders, als in Gegenwart meines Vaters verheiraten würde.‹

›Auch ich erinnere mich vollkommen dieser Bedingung, mein Fräulein; doch glaubt Ihr nicht, dass eine solche Dringlichkeit vorliegt?‹

›Ja, ich glaube es.‹

›Nun?‹

›Ich bin bereit, Euch zu heiraten, mein Herr, aber vergesst nicht, dass ich nicht eher wirklich Eure Frau sein werde, als bis ich meinen Vater wiedergesehen habe.‹

»Der Graf faltete die Stirne, biss sich auf die Lippen und sprach:

›Mein Fräulein, es ist nicht meine Absicht, Eurem Willen Zwang anzutun; hattet Ihr Euer Wort verpfändet, so gebe ich es Euch zurück: Ihr seid frei; nur …‹

»Er näherte sich dem Fenster, warf einen Blick auf die Straße und fügte bei:

›Nur schaut hier.‹

»Ich stand auf, in Bewegung gesetzt durch die mächtige Anziehungskraft, welche uns antreibt, uns von unserem Unglück zu überzeugen, und erblickte unter dem Fenster einen in einen Mantel gehüllten Mann, der ein Mittel zu suchen schien, um in das Haus zu dringen.

»Oh, mein Gott!« rief Bussy, »und Ihr sagt, dies sei gestern gewesen?«

»Ja, Graf, gestern gegen neun Uhr Abends.«

»Fahrt fort,« sprach Bussy.

»Nach einem Augenblick kam ein zweiter Mann zu dem ersten; der zweite hielt eine Laterne in der Hand.«

»Was denkt Ihr von diesen beiden Männern?‹ fragte mich Herr von Monsoreau.

›Ich denke, es ist der Herzog und sein Vertrauter,‹ antwortete ich.

Bussy stieß einen Seufzer aus.

›Nun befehlt,‹ fuhr der Graf fort, »«soll ich bleiben, soll ich mich entfernen?‹

»Ich schwankte einen Augenblick; ja, trotz des Briefes von meinem Vater, trotz der geschworenen Zusage, trotz der gegenwärtigen, fühlbaren, drohenden Gefahr, schwankte ich; und wären diese Männer nicht da gewesen …«

»Oh! ich Unglücklicher!« rief Bussy, »der Mann mit dem Mantel war ich, und derjenige, welcher die Laterne trug, war Remy der Haudouin, der junge Arzt, den Ihr hattet rufen lassen.«

»Ihr wart es!« rief Diana ganz bestürzt.

»Ja, ich; ich, der ich immer mehr von der Wirklichkeit meiner Erinnerungen überzeugt, das Haus, in welchem man mich aufgenommen, das Zimmer, in das man mich gebracht hatte, und die Frau, oder vielmehr den Engel, der mir erschienen, wieder aufzufinden suchte. Oh! ich hatte also sehr Unrecht, wenn ich mich einen Unglücklichen nannte!«

Und Bussy blieb wie niedergeschmettert von dem Gewicht dieses unseligen Verhängnisses, das sich seiner bedient hatte, um Diana zu bestimmen, ihre Hand dem Grafen zu geben.

»Ihr seid somit seine Frau?« sprach er nach einem Augenblick.

»Seit gestern,« antwortete Diana.

Es trat ein kurzes Stillschweigen ein, das nur durch den keuchenden Atem der zwei jungen Leute unterbrochen wurde.

»Doch Ihr?« fragte plötzlich Diana, »wie seid Ihr in dieses Haus gekommen, und wie findet Ihr Euch hier?«

Bussy zeigte ihr stillschweigend den Schlüssel.

»Ein Schlüssel!« rief Diana, »woher habt Ihr diesen Schlüssel, wer hat Euch denselben gegeben?«

»Hatte Gertrude dem Prinzen nicht versprochen, ihn diesen Abend bei Euch einzuführen? Der Prinz sah Herrn von Monsoreau und sah mich; da Herr von Monsoreau und ich auch ihn gesehen hatten, so befürchtete er eine Falle und schickte mich an seiner Stelle.«

»Und Ihr nahmt den Auftrag an?« sagte Diana im Tone des Vorwurfs.

»Es war das einzige Mittel, zu Euch zu dringen. Solltet Ihr so ungerecht sein, es mir zu verargen, dass ich eine der größten Freuden und einen der größten Schmerzen meines Lebens aufsuchte?«

»Ja, ich verarge es Euch, denn es wäre besser gewesen, Ihr hättet mich nicht wiedergesehen und mich, meinen Anblick meidend, vergessen.«

»Nein, Madame,« sprach Bussy, »Ihr täuscht Euch. Gott hat mich im Gegenteil zu Euch geführt, um tiefer in dieses Gewebe zu dringen, dessen Opfer Ihr seid. Hört, von dem Augenblicke an, wo ich Euch sah, widmete ich Euch mein Leben. Die Sendung, die ich mir auferlegt habe, beginnt. Ihr habt Kunde von Eurem, Vater verlangt?«

»Oh! ja,« rief Diana, »denn ich weiß in der Tat nicht, was aus ihm geworden ist.«

»Wohl!« sprach Bussy, »ich übernehme es, Euch Kunde zu geben; nur bewahrt ein gutes Andenken demjenigen, welcher von dieser Stunde an durch Euch und für Euch leben wird.«

»Doch dieser Schlüssel?« fragte Diana unruhig.

»Dieser Schlüssel,« sagte Bussy, »ich gebe ihn Euch zurück, denn ich will ihn nur von Eurer Hand empfangen; verpfände Euch jedoch mein adeliges Ehrenwort, dass nie eine Schwester den Schlüssel ihres Zimmers einem ergebeneren und ehrfurchtsvolleren Bruder anvertraut haben wird.«

»Ich baue auf das Wort des braven Bussy, nehmt, mein Herr,« sprach Diana und gab dem jungen Manne den Schlüssel zurück.

»Madame,« rief Bussy, »in vierzehn Tagen werden wir wissen, was Herr von Monsoreau wirklich ist.«

Und er grüßte Diana mit einer Ehrfurcht, in welche sich glühende Liebe und tiefe Traurigkeit mischten, und verschwand auf der Treppe.

Diana neigte den Kopf gegen die Türe, um auf das abnehmende Geräusch der Tritte des jungen Mannes zu hören, und dieses Geräusch war längst erloschen, als sie, das Herz springend und die Augen in Tränen gebadet, immer noch horchte.




Sechzehntes Kapitel

Wie der König Heinrich III. reiste und wie viel Zeit er brauchte, um von Paris nach Fontainebleau zu kommen


Als sich der Tag vier oder fünf Stunden nach den von uns erzählten Ereignissen erhob, sah er bei dem Scheine einer bleichen Sonne, welche kaum die Fransen einer röthlichen Wolke versilberte, den Aufbruch von Heinrich III. nach Fontainebleau, wo erwähnter maßen für den zweiten Tag eine große Jagd beabsichtigt war.

Dieser Aufbruch, der bei einem Andern unbemerkt geblieben wäre, bildete, wie alle Handlungen im Leben dieses seltsamen Fürsten, dessen Regierung wir zu skizzieren unternommen haben, im Gegenteil ein Ereignis durch die geräuschvolle Bewegung, welche dadurch veranlasst wurde.

Auf dem Quai des Louvre erschienen wirklich gegen acht Uhr Morgens, in langen Reihen aus der großen zwischen der Tour du Coin und der Rue de l'Astruce liegenden Pforte hervorkommend, eine Menge von Edelleuten im Dienste, auf guten Pferden reitend und in Pelzmäntel gehüllt, sodann Pagen ohne Zahl, hierauf eine Welt von Lackeien, und endlich eine Compagnie von Schweizern, welche unmittelbar der königlichen Sänfte voranging.

Diese von acht reich gezäumten Maultieren gezogene Sänfte verdient eine besondere Erwähnung.

Es war eine ein langes Viereck bildende Maschine, getragen von vier Rädern, im Innern ganz ausgeschmückt mit Kissen, außen ganz drapirt mit Brocatvorhängen; sie mochte ungefähr fünfzehn Fuß lang und acht Fuß breit sein. An zu schwierigen Stellen oder bei zu steilen Bergen ersetzte man die acht Maultiere durch eine ungeheure Anzahl von Ochsen, deren langsames, aber kräftiges, halsstarriges Wesen die Schnelligkeit allerdings nicht vermehrte, aber wenigstens die Sicherheit verlieh, dass man, wenn nicht eine Stunde, doch mindestens zwei bis drei Stunden später am Ziele ankommen müsse.

Diese Maschine enthielt den König Heinrich und seinen ganzen Hof, mit Ausnahme der Königin Louise von Vaudemont, welche, es ist nicht zu leugnen, abgesehen von den Pilgerfahrten und Prozessionen, so wenig zu dem Hofe ihres Gemahls gehörte, dass es sich nicht der Mühe lohnt, davon zu sprechen.

Lassen wir also die arme Königin bei Seite und sagen wir, woraus der Reisehof des Königs bestand.

Er bestand vor Allem aus König Heinrich III., aus seinem Arzte Marc Miron, aus seinem Kaplan, dessen Name nicht bis auf unsere Zeit aufbewahrt worden ist, aus seinem Narren Chicot, unserem alten Bekannten, aus fünf bis sechs in Gunst stehenden Mignons, welche für den Augenblick Quélus, Schomberg, Épernon, d'O und Maugiron waren, aus einem Paar großer Windhunde, welche mitten durch diese sitzende, liegende, stehende, kniende, anlehnende Welt ihre langen Schlangenköpfe von Minute zu Minute zu einem übermäßigen Gähnen durchstreckten, und einem Körbchen kleiner englische Hunde, das der König bald auf seinem Schoße, bald an einer Kette oder an Bändern an seinem Halse hängend trug.

Von Zeit zu Zeit zog man aus einer zu diesem Behufe angebrachten Nische eine Hündin mit vollen Brüsten, welche diesem ganzen Körbchen mit kleinen Hunden zu trinken gab, das mitleidig und ihre spitzige Schnauze an den Rosenkranz von Totenköpfen haltend, der in der linken Hand des Königs klapperte, die zwei Windhunde betrachteten, welche, sicher der großen Gunst, der sie sich erfreuten, sich nicht einmal die Mühe gaben, eifersüchtig zu werden.

An der Decke der Sänfte schaukelte sich ein Käfig von vergoldetem Kupferdraht, die schönsten Turteltauben der Welt enthaltend, Turteltauben mit einem schneeweißen Gefieder und einem doppelten schwarzen Halsbande.

Kam zufällig eine Frau in die königliche Sänfte, so vermehrte sich die Menagerie um zwei bis drei Affen von der Art der Ouistitis oder der Sapajous, denn der Affe war in diesem Augenblick das Lieblingstier der eleganten Damen am Hofe des letzten Valois.

Eine Liebe Frau von Châtres, von Jean Goujon für den König Heinrich II. aus Marmor ausgehauen, stand im Hintergrunde der Sänfte in einer vergoldeten Nische und senkte auf ihren göttlichen Sohn Blicke herab, welche über das, was sie sahen, ganz erstaunt zu sein schienen.

Alle Pamphlete der Zeit, und es fehlte nicht daran, alle satirische Gedichte jener Epoche, und es wurden solche in großer Anzahl geboren, erwiesen dieser Sänfte die Ehre, sich sehr häufig mit ihr zu beschäftigen, und bezeichneten sie mit dem Namen Arche Noah.

Der König saß im Hintergrunde der Sänfte, gerade unter der Nische Unserer Lieben Frau; zu seinen Füßen flochten Quélus und Maugiron Bänder, was eine von den ernsthaftesten Beschäftigungen der jungen Leute jener Zeit war, von denen es einige durch eine bis dahin unbekannte und seitdem nicht wieder aufgefundene Kombinationskraft dahin gebracht hatten, dass sie zwölfteilige Flechten zu machen wussten; Maugiron vollendete in einer Ecke eine Stickerei mit seinem Wappen mit einer neuen Devise, die er gefunden zu haben glaubte, aber nur wiedergefunden hatte; in der andern Ecke plauderten der Kaplan und der Doktor; d'O und Épernon schauten durch die Öffnungen und gähnten, zu früh aufgeweckt, wie die Windhunde; auf einem von den Schlägen sitzend, die Beine zur Maschine hinaus hängend, um stets je nach seiner Laune zum Aussteigen oder Einsteigen bereit zu sein, saß endlich Chicot, sang Hymnen, deklamierte Pasquille oder machte nach der Wut der Zeit Anagramme, und fand in jedem Namen eines Höflings, mochte er ein französischer oder ein lateinischer sein, für denjenigen, dessen Individualität er verstümmelte, unendlich unangenehme Persönlichkeiten.

Als man auf den Platz des Châtelet kam, stimmte Chicot ein geistliches Lied an.

Der Kaplan, der, wie gesagt, mit Miron plauderte, wandte sich um und faltete die Stirne.

»Chicot, mein Freund,« sprach Seine Majestät, »nimm Dich in Acht, haue meine Mignons, zerlege meine Majestät in Stücke, sage von Gott, was Du willst, Gott ist gut, aber entzweie Dich nicht mit der Kirche.«

»Ich danke für den Rat, mein Sohn,« sagte Chicot, »ich sah nicht unsern würdigen Kaplan, der dort mit dem Doktor über den letzten Todten spricht, den dieser ihm zum Begraben zugeschickt hat, und sich darüber beklagt, dass es der Dritte an einem Tage war, und zwar stets zu den Stunden seiner Mahle, was ihn gewaltig belästigt. Keine Hymnen, Du sprichst goldene Worte; das ist zu, alt. Ich will Dir ein ganz neues Lied singen.«

»Auf welche Melodie?« fragte der König.

»Immer dieselbe,« sagte Chicot, und er fing an aus voller Kehle zu singen:

		»Zweimal hundert Milliönchen
		Schuldet Catharinens Söhnchen,

»Ich bin mehr schuldig,« sagte Heinrich, »Dein Dichter ist schlecht unterrichtet, Chicot.«

Chicot fuhr fort, ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen:

		»Zweimal hundert Milliönchen
		Schuldet Catharinens Söhnchen,
		Die die Mignons nur verschwendet;
		Rasch den Witz nun aufgewendet,
		Neue Steuern zu erfinden,
		Eingeweid heraus zu winden
		Aus des armen Volkes Haut,
		Das sein Leben muss hinziehen
		An den Klauen der Harpyen,
		Deren Maul nur frißt, nie kaut.«

»Gut!« rief Quélus, während er an seiner Seide flocht, »Du hast eine schöne Stimme; die zweite Strophe, mein Freund.«

»Höre, Valois,« sagte Chicot, ohne Quélus zu antworten, »verhindere doch Deine Freunde, mich ihren Freund zu nennen; das demütigt mich.«

»Sprich in Versen, Chicot,« erwiderte der König, »Deine Prosa taugt nichts.«

»Gut,« versetzte Chicot und fuhr dann fort:

		»Seht, wie üppig Tracht und Worte,
		Führte sie ein ehrlich Weib,
		Schimpfte man zum Zeitvertreib
		Bald gewiss an jedem Orte.
		Stach der steifen Krause Falten
		Muss sich streng ihr Hals gestalten;
		Weizen stärkt nicht mehr genug,
		Das Hemd kriegt da und dort 'neu Bug,
		Und wird erst zierlich, rein und weiß,
		Seitdem man stärkt mit teurem Reiß.«

»Bravo!« sagte der König, »nicht wahr, d'O du hast die Stärke von Reiß erfunden?«

»Nein, Sire,« entgegnete Chicot, »Herr von Saint-Mégrin, der im vorigen Jahr unter den Streichen von Herrn von Mayenne gestorben ist; den Teufel! nehmt dem armen Toten dieses Verdienst nicht, er zählt nur auf diese Stärke und auf das, was er Herrn von Guise getan hat, um auf die Nachwelt überzugehen; würdet Ihr ihm die Stärke nehmen, so müsste er auf halbem Wege stehen bleiben.«

Und ohne auf das Gesicht des Königs Rücksicht zu nehmen, das sich bei dieser Erinnerung sichtbar verdüsterte, fuhr Chicot fort:

»Erlasst mir die dritte Strophe, die sich gar zu ausführlich über den Gummi in ihren Haaren verbreitet, und eben so übergehe ich die vierte wegen ihrer unmoralischen Anspielungen. Doch die fünfte soll Euch nicht vorenthalten werden:

		Glaubet, Frankreichs stolze Ahnen,
		Die mit ihren Siegerwaffen
		Ruhm und Ehre sich geschaffen,
		Oft gebeugt des Feindes Fahnen,
		Deren Mut sich stets bewähret,
		Die man nah und fern geehret,
		Glaubet, Freunde, glaubet nicht,
		Dass sie die Perrück frisierten,
		Mit gestärktem Hemd sich zierten,
		Daß geschminkt sie ihr Gesicht.«

»Bravo!« rief Heinrich, »wenn mein Bruder da wäre, müsste er Dir sehr dankbar sein, Chicot.«

»Wen nennst Du Deinen Bruder, mein Sohn? Etwa Joseph Foulon, den Abt von Sainte-Geneviève, bei welchem Du, wie man sagt, Dein Gelübde ablegen willst?«

»Nein,« versetzte Heinrich, der sich allen Scherzen von Chicot hingab. »Ich spreche von meinem Bruder Franz.«

»Ah! Du hast Recht, jener ist nicht Dein Bruder in Gott, sondern im Teufel. Gut! gut! Du sprichst von Franz, Sohn von Frankreich durch die Gnade Gottes, Herzog von Brabant, Luxemburg, Geldern, Alençon, Anjou, Touraine, Berry, Évreux und Château-Tierry, Graf von Flandern, Holland, Seeland, Zutphen, Maine und Perche, von Mantes, Meulan und Beaufort, Markgraf des heiligen römischen Reichs, Herr von Friesland und Mecheln, Verteidiger der belgischen Freiheit, dem die Natur eine Nase gegeben, dem die Pocken zwei Nasen gegeben, und über den ich folgende Strophe gemacht habe:

		Meine Herren, staunet nicht,
		Wenn Ihr an Franz zwei Nasen seht,
		Denn ein doppeltes Gesicht
		Stets auch mit zwei Nasen geht.«

Die Mignons brachen in ein Gelächter aus, denn der Herzog von Anjou war ihr persönlicher Feind und das Epigramm gegen den Prinzen ließ sie einen Augenblick das Pasquill vergessen, das Chicot gegen sie gesungen hatte.

Der König, der bis jetzt nur die Spritzer dieses laufenden Feuers erhalten hatte, lachte lauter als alle Andere, schonte Niemand, gab Zucker und Pasteten seinen Hunden, und fiel mit der Zunge über seinen Bruder und über seine Freunde her.

Plötzlich rief Chicot:

»Oh! das ist nicht politisch, Heinrich, das ist vermessen und unklug.«

»Was denn?« versetzte der König.

»Nein, so wahr ich Chicot heiße, Du solltest dergleichen Dinge nicht zugestehen … Pfui doch!«

»Was für Dinge?« fragte Heinrich erstaunt.

»Das, was Du alle Tage von Dir selbst sagst, wenn Du Deinen Namen unterzeichnest; ah! Henriquet, ah! mein Sohn.«

»Gebt Acht, Sire,« rief Quélus, der irgend eine Bosheit unter der äußerst gutmütigen Miene von Chicot vermutete.

»Was Teufels willst Du damit sagen, Narr?« fragte der König.

»Wie unterzeichnest Du, lass hören?«

»Bei Gott ich unterzeichne … ich unterzeichne … Henri de Valois.«

»Gut, merkt auf, meine Herren!« sagte Chicot, »lässt sich nicht ein V in diesen dreizehn Buchstaben finden?«

»Allerdings, Valois beginnt mit einem V.«

«Nehmt Eure Schreibtafel, Herr Kaplan, denn Ihr sollt den Namen hören, unter dem Ihr fortan den König einzutragen habt: Henri de Valois ist nur ein Anagramm.«

»Wie so?«

»Ja, nur ein Anagramm, ich will Euch den wahren Namen Seiner gegenwärtig regierenden Majestät nennen. Wir sagen: In Henri de Valois findet sich ein V, setzt ein V auf Eure Schreibtafel.«

«Es ist geschehen,« antwortete Épernon.

»Gibt es nicht auch ein i darin?«

»Gewiß, es ist der letzte Buchstabe des Wortes Henri.«

»Wie groß ist doch die Bosheit der Menschen, dass sie so die Buchstaben trennen, welche gemacht sind, um an einander zu hängen!« sprach Chicot.

»Setzt mir das i neben das V. Gut, ist es geschehen?«

»Ja.«

»Suchen wir nun wohl, ob wir nicht ein I finden werden; es trifft sich, nicht wahr? ein a, ebenfalls; ein zweites i, wir haben es, endlich ein n. Gut. Kannst Du lesen, Nogaret?«

«Ich gestehe es zu meiner Schande,« sprach Épernon.

»Ah! Halunke, glaubst Du zufällig, Du seist von so vornehmem Adel, dass Du unwissend sein müsstest?«

»Bursche!« rief Épernon, sein Blaserohr über Chicot schwingend.

»Schlage, aber buchstabiere.«

Épernon lachte und buchstabierte:

»Vi-lain«

»Gut!« rief Chicot, »Du siehst, Heinrich, wie das beginnt, Dein wahrer Taufname ist bereits wiedergefunden. Ich hoffe, Du wirst mir eine Pension aussetzen, wie sie unser Bruder Karl IX. Herrn Amyot verlieh, wenn ich Deinen Familiennamen wiedergefunden habe.«

»Chicot, Du wirst Prügel bekommen,« rief der König.

»Wo holt man die Stöcke, mit denen man die Edelleute prügelt, mein Sohn, etwa in Polen?« entgegnete Chicot.

»Es scheint mir jedoch,« sagte Quélus, »Herr von Mayenne hat sich bei Dir der Prügel nicht enthalten, als er Dich bei seiner Geliebten fand.«

»Das ist auch eine Rechnung, die wir noch mit einander zu ordnen haben. Seid unbesorgt, Herr Cupido, die Sache ist ihm hier gut geschrieben.«

Chicot legte die Hand an die Stirne, was zum Beweist dient, dass man schon damals den Kopf für den Sitz des Gedächtnisses hielt.

»Höre, Quélus,« sagte Épernon, »Du wirst sehen, dass uns durch Deine Schuld der Familiennamen entgeht.«

»Befürchte dies nicht,« erwiderte Chicot, »ich habe ihn, zu Herrn von Guise würde ich sagen: an den Hörnern; doch zu Dir, Heinrich, begnüge ich mich, zu sagen: an den Ohren.«

»Den Namen! den Namen!« riefen alle junge Leute.

»Wir finden vor Allem in dem, was uns noch übrig bleibt, ein großes H, Nogaret, nimm das H.«

»Épernon gehorchte.«

»Dann ein e, dann ein r, dann in Valois ein o; ferner da Du das Fürwort vom Nennwort durch das trennst, was die Grammatiker die Partikel nennen, so lege ich die Hand auf ein d und ein e, was uns mit dem s, das den Geschlechtsnamen endigt, geben wird: buchstabiere, Épernon, H, e, r, o, d, e, s.«

»Herodes,« sprach Épernon.

»Vilain Herodes,« rief der König.

»Ganz richtig,« sagte Chicot, »und so unterschreibst Du jeden Tag mein Sohn? Oh!«

Und Chicot warf sich mit allen Zeichen eines schamhaften Schreckens zurück.

»Herr Chicot, Ihr überschreitet die Grenzen,« sagte Heinrich.

»Ich! ich sage, was ist, und nichts Anderes: doch so sind die Könige, macht sie auf etwas aufmerksam, und sie ärgern sich.«

»Das ist eine hübsche Genealogie,« sprach Heinrich.

»Leugne sie nicht, mein Sohn; beim Teufel! sie ist höchst erfreulich für einen König, der zwei bis dreimal im Monat der Juden bedarf.«

»Dieser Schuft soll nun einmal nicht das letzte Wort haben,« sagte der König. »Meine Herren, schweigt, dann wird ihm doch wenigstens Niemand etwas erwidern.«

Auf der Stelle trat das tiefste Stillschweigen ein. Und dieses Stillschweigen, das Chicot, äußerst aufmerksam auf den Weg, den man machte, durchaus nicht zu brechen geneigt schien, dauerte bereits einige Minuten, als man plötzlich, jenseits der Place Maubert, beim Eingang der Rue des Royers, Chicot sich aus der Sänfte schwingen und an der Ecke eines Hauses von ziemlich gutem Aussehen, an welchem ein Balkon von geschnitztem Holz auf einem Gesimse von angemalten kleinen Balken vor ragte, niederknien sah.

»Hei Heide,« rief der König, »wenn Du niederknien willst, so Knie wenigstens vor dem Kreuze nieder, das die Mitte der Rue Sainte-Geneviève bildet, und nicht vor diesem Hause; enthält es denn eine Kirche oder einen Ruhealtar?«

Doch Chicot antwortete nicht; er hatte sich auf beide Kniee auf das Pflaster geworfen und sprach ganz laut folgendes Gebet, von dem der König horchend kein Wort verlor:

»Guter Gott! gerechter Gott; hier ist es, ich erkenne es und werde es mein ganzes Leben erkennen, hier ist das Haus, wo Chicot, wenn nicht für Dich, mein Gott, wenigstens für eines Deiner Geschöpfe gelitten hat; Chicot hat Dich nie gebeten, es möge Herrn von Mayenne,[6 - Karl von Lothringen, Herzog von Mayenne, zweiter Sohn von Franz von Guise.] dem Urheber seines Märtyrertums, oder Meister Nicolas David, dem Werkzeuge seiner Züchtigung Unglück widerfahren. Nein, Herr, Chicot wusste zu warten, denn Chicot ist geduldig, obgleich er es nicht ewig ist, und nun sind es sechs gute Jahre, worunter ein Schaltjahr, dass Chicot die Interessen der kleinen zwischen ihm, Herrn von Mayene und Nicolas David eröffneten Rechnung anhäuft; zu zehn vom Hundert aber, was der gesetzliche Zinsfuß ist, da der König hiernach entlehnt, verdoppeln in sieben Jahren die angehäuften Interessen das Kapital. Mache also, großer Gott! gerechter Gott! dass die Geduld von Chicot noch ein Jahr währt, damit die fünfzig Steigriemenhiebe, welche Chicot in diesem Hause auf die Befehle dieses Mörders von einem Prinzen Lothringen, und von diesem Raufer von einem Advokaten, welche aus dem Leibe von Chicot eine Pinten Blut gezogen haben, sich auf zwei Pinten Blut und hundert Steigriemenhiebe für jeden von ihnen belaufen mögen; so dass Herr von Mayenne, so dick er ist, und Nicolas David, so lang er ist, nicht mehr genug Haut und Blut haben, um Chicot zu bezahlen, und dass sie genötigt sind, einen Bankrott von fünfzehn bis zwanzig Prozent zu machen, indem sie unter dem achtzigsten oder fünf und achtzigsten Ruthenstreiche verscheiden.

»Im Namen des Vaters, des Sohnes, und des heiligen Geistes, Amen.«

»Amen!« wiederholte der König.

Chicot küsste die Erde und kehrte unter dem höchsten Erstaunen aller Zuschauer, welche nichts von dieser Szene verstanden, wieder an seinen Platz in der Sänfte zurück.

»Ah! Meister Chicot!« sagte der König, dem sein Rang, obgleich seit drei Jahren so vieler Vorrechte beraubt, welche er Andere hatte nehmen lassen, wenigstens das Recht verlieh, zuerst unterrichtet zu sein, »ah! mein lieber Chicot, warum diese lange und sonderbare Litanei, warum alle diese Schläge an die Brust, warum endlich alle diese Mummereien vor einem scheinbar so profanen Hause?«

»Sire,« erwiderte der Narr, »Chicot ist wie der Fuchs. Chicot beriecht und beleckt lange die Steine, wo er sein Blut gelassen, bis er auf diese Steine die Köpfe derjenigen stößt, welche es vergossen haben.«

»Sire!« rief Quélus, »ich wollte wetten, Chicot hat in seinem Gebet, wie Eure Majestät hören konnte, den Namen des Herzogs von Mayenne ausgesprochen; Sire, ich wollte also wetten, dass sich dieses Gebet auf die Bastonnade bezieht, von der wir so eben sprachen.«

»Wettet Seigneur Jacques von Levis, Graf von Quélus,« sagte Chicot, »wettet und Ihr werdet gewinnen.«

»Also hier …« sagte der König.

»Ganz richtig,« versetzte Chicot, »in diesem Hause hatte Chicot eine Geliebte, ein gutes, reizendes Geschöpf, ein Fräulein, meiner Treue! In einer Nacht, als er sie besuchte, ließ ein gewisser eifersüchtiger Prinz das Haus umstellen, Chicot packen und auf eine so grausame Weise prügeln, dass Chicot von diesem Balkon herab auf die Straße sprang. Da es nun ein Wunder ist, dass Chicot sich hierbei nicht tötete, so kniet er, so oft er an diesem Hause vorüber kommt, nieder, betet und dankt in seinem Gebete dem Herrn, dass er ihn einer so schlimmen Lage entrissen hat.«

»Ah! armer Chicot, und Ihr verdammt Ihn, Sire! Es heißt jedoch, wie mir scheint, als guter Christ handeln, wenn man thut, was er thut.«

»Ihr seid also gehörig durchgeprügelt worden, mein armer Chicot?«

»Oh! vortrefflich, doch noch nicht so sehr, als mir lieb gewesen wäre.«

»Wie so?«

»Nein, in der Tat, es wäre mir nicht unangenehm gewesen, wenn ich einen tüchtigen Degenstich bekommen hätte.«

»Für Deine Sünden?«

»Nein, für die von Herrn von Mayenne.«

»Ah! ich begreife; es ist Deine Absicht, Cesar wiederzugeben…«

»Cesar, nein, verwechseln wir das nicht, Sire, Cesar ist der große General, der mutige Krieger, es ist der ältere Bruder, derjenige, welcher König von Frankreich sein will, nein, dieser steht in Rechnung mit Heinrich von Valois; bezahle Deine Schulden, Valois, ich werde die meinigen bezahlen.«

Heinrich hörte es nicht gern, wenn man von seinem Vetter Guise sprach; die Rede von Chicot machte ihn auch sehr ernst, so dass man nach Bicêtre kam, ohne dass das unterbrochene Gespräch wieder seinen Fortgang nahm.

Man hatte drei Stunden gebraucht, um vom Louvre nach Bicêtre zu kommen. Die Optimisten zählten darauf, man würde am Abend des andern Tages Fontainebleau erreichen, während die Pessimisten Wetten anboten, man würde erst am zweiten Tage gegen Mittag dort eintreffen.

Chicot behauptete, man werde gar nie dahin kommen.

Sobald der Zug vor Paris war, schien er sich bequemer zu bewegen; der Morgen war ziemlich freundlich; der Wind blies minder heftig; der Sonne war es endlich gelungen, ihren Wolkenschleier zu durchdringen, und man hätte glauben sollen, man befände sich in einem der schönen Oktobertage, an denen bei dem Geräusch der letzten fallenden Blätter die Spaziergänger ihre Augen mit einem sanften Bedauern in das bläuliche Geheimnis des murmelnden Gehölzes tauchen.

Es war drei Uhr Nachmittags, als man zu den ersten Mauern der Umfriedung von Juvisy gelangte, von wo aus man bereits die über die Orge gebaute Brücke und das große Gasthaus zur Cour de France sah, das dem scharfen Abendwinde den Wohlgeruch seiner Bratspieße und das freudige Geräusch seines Herdes anvertraute.

Die Nase von Chicot fing im Fluge die kulinarischen Ausströmungen auf. Er neigte sich aus der Sänfte hervor und erblickte von ferne vor der Türe des Gasthofes mehrere in ihre Mäntel gehüllte Männer. Mitten unter diesen Männern war eine kurze und dicke Figur, der ein breitkrempiger Hut das Gesicht völlig bedeckte.

Diese Männer gingen rasch hinein, als sie den Zug erscheinen sahen.

Doch der Kurze war nicht so schnell von der Stelle gewichen, dass sein Anblick Chicot nicht aufgefallen wäre. In dem Augenblick, wo dieser kurze, dicke Mann hinein ging, sprang unser Gascogner aus der königlichen Sänfte, verlangte von einem Pagen sein Pferd, das dieser am Zügel führte, und ließ, sich an die Ecke einer Mauer drückend und in den ersten Schatten der Nacht verborgen, den Zug seinen Weg gegen Essonnes fortsetzen, wo der König Nachtlager zu halten gedachte; als sodann die letzten Reiter verschwunden waren, als das entfernte Geräusch der Räder der Sänfte auf dem Straßenpflaster sich im Raume verloren hatte, kam er aus seinem Verstecke hervor, ritt hinter dem Schloss hin und erschien an der Türe des Gasthauses, als ob er von Fontainebleau käme. Sobald Chicot vor dem Fenster war, warf er einen raschen Blick durch die Scheiben und gewahrte zu seinem Vergnügen, dass die Männer, die er bemerkt hatte, sich immer noch hier befanden und unter ihnen der kurze, dicke Mann, dem er die Ehre einer besonderen Aufmerksamkeit zuzugestehen geschienen hatte. Da jedoch Chicot, ohne Zweifel aus Gründen, von dem genannten Manne nicht erkannt zu werden wünschte, so ließ er sich, statt in das Zimmer, wo dieser war, eine Flasche Wein in das Zimmer gegenüber bringen und setzte sich so, dass Niemand die Türe erreichen konnte, ohne gesehen zu werden. Von diesem Zimmer aus konnte der Blick von Chicot, der seinen Platz kluger Weise im Schatten genommen hatte, bis an die Ecke eines ungeheuren Kamins dringen. An dieser Ecke saß auf einem Schemel der kurze, dicke Mann und ließ sich, wahrscheinlich in der Voraussetzung, er hätte keine Nachforschung zu befürchten, von dem Scheine eines Herdes überströmen, dessen Wärme und Helle ein Arm voll Reben verdoppelt hatte.

»Ich habe mich nicht getäuscht,« sagte Chicot, »und als ich mein Gebet an dem Hause der Rue des Noyers verrichtete, war es, als hätte ich die Rückkehr dieses Mannes gerochen. Doch warum so verstohlener Weise in die gute Hauptstadt unseres Freundes Herodes zurückkommen? Warum sich verbergen, wenn er vorüberzieht? Ah! Pilatus! Pilatus! sollte mir zufällig der gute Gott das Jahr, um das ich ihn gebeten habe, nicht bewilligen und mich früher zur Heimbezahlung zwingen, als ich glaubte?«

Bald bemerkte Chicot mit Vergnügen, dass er von dem Orte, wo er saß, nicht nur sehen, sondern auch in Folge von einer jener akustischen Wirkungen, welche zuweilen der Zufall auf eine launenhafte Weise bereitet, hören konnte. Als er diese Wahrnehmung machte, fing er an, mit derselben Aufmerksamkeit zu horchen, mit der er seinen Blick zum Sehen anspannte.

»Meine Herren,« sagte der kurze, dicke Mann zu seinen Gefährten, »ich glaube, es ist Zeit zum Aufbruch. Der letzte Lackei ist längst vorüber, und die Straße ist meiner Ansicht nach zu dieser Stunde sicher.«

»Vollkommen sicher, Monseigneur,« antwortete eine Stimme, welche Chicot beben machte und aus einem Körper kam, dem er, ganz und gar in die Betrachtung der Hauptperson vertieft, bis jetzt keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte.

Der Mensch, dem der Körper gehörte, aus welchem diese Stimme hervorkam, war eben so lang, als derjenige, welchem er den Titel Monseigneur gab, kurz, eben so bleich, als dieser hochrot, eben so untertänig, als er anmaßend war.

»Ah! Meister Nicolas,« sagte Chicot, geräuschlos lachend: »Tu quoque. … es ist gut. Wir müssten viel Unglück haben, sollten wir uns diesmal trennen, ohne ein paar Worte mit einander zu sprechen.«

Chicot leerte hiernach sein Glas und bezahlte den Wirt, damit ihn nichts zurückhielt, sollte er es für geeignet halten, aufzubrechen.

Diese Vorsicht war nicht schlimm, denn die sieben Personen, welche die Aufmerksamkeit von Chicot erregt hatten, bezahlten ebenfalls, oder der kurze dicke Mann bezahlte vielmehr für Alle; Jeder nahm sein Pferd aus den Händen eines Lackeis oder eines Stallknechts und schwang sich in den Sattel. Die kleine Truppe schlug den Weg nach Paris ein und vertiefte sich bald in den ersten Nebel des Abends.

»Gut!« sagte Chicot, »er gehe nach Paris, ich kehre auch dahin zurück.«

Und Chicot stieg ebenfalls zu Pferde und folgte ihnen von ferne, ohne einen Augenblick ihre grauen Mäntel aus dem Gesicht zu verlieren, oder wenn er sie aus Klugheit einen Augenblick aus dem Gesicht verlor, ohne dass er aufhörte, auf die Tritte ihrer Pferde zu horchen. Diese ganze Reitertruppe verließ die Straße in Fromenteau, nahm ihre Richtung querfeldein nach Choisy, zog auf der Brücke von Charenton über die Seine, erreichte Paris durch die Porte Saint-Antoine und verlor sich wie ein Bienenschwarm in dem Hotel Guise, das nur ihre Ankunft zu erwarten schien, um sich hinter Ihr zu schließen.

»Gut,« sagte Chicot, sich an der Ecke der Rue des Quatre-Fils verbergend, »darunter steckt nicht nur Mayenne, sondern auch Guise. Bis jetzt war es nur seltsam, doch es wird interessant werden. Warten wir.«

Chicot wartete in der Tat eine Stunde, trotz des Hungers und der Kälte, welche ihn mit ihren scharfen Zähnen zu packen anfingen. Endlich öffnete sich das Thor; doch statt sieben in ihre Mäntel gehüllter Reiter, waren es sieben in ihre Capucen gehüllte Genovever-Mönche, welche ungeheure Rosenkränze schüttelnd erschienen.

»Oh! welch eine unerwartete Entwicklung!« sagte Chicot. »Ist das Hotel Guise so von dem Geruch der Heiligkeit durchschwängert, dass sich die Schufte, wenn sie nur seine Schwellen berühren, in Lämmer verwandeln? Die Sache wird immer interessanter.«

Chicot folgte den Mönchen, wie er den Reitern gefolgt war, denn er zweifelte nicht, dass die Kutten dieselben Leiber bedeckten, welche die Mäntel bedeckt hatten. Die Mönche gingen auf dem Pont-Notre-Dame über die Seine, zogen durch die Cité, schlugen den Weg über den Petit-Pont und über die Place Maubert ein und stiegen die Rue Sainte-Geneviève hinauf.

»Oho!« sagte Chicot, nachdem er seinen Hut vor dem Hause der Rue des Noyers abgenommen, wo er am Morgen sein Gebet verrichtet hatte. »Kehren wir zufällig nach Fontainebleau zurück? In diesem Falle hätte ich nicht den kürzesten Weg gewählt. Doch nein, ich täusche mich, wir werden nicht so weit gehen.«

Die Mönche blieben wirklich vor der Türe der Sainte-Geneviève Abtei stehen, und traten dann in die Vorhalle, in deren Tiefe man einen andern Mönch von demselben Orden erblickte, der mit der größten Aufmerksamkeit die Hände der Eintretenden zu beschauen bemüht war.

»Oh mein Gott!« dachte Chicot, »es scheint, um in die Abtei eingelassen zu werden, muss man diesen Abend reinliche Hände haben. Es geht offenbar etwas Außerordentliches vor.«

Chicot, der sehr in Verlegenheit war, was er tun sollte, um die Menschen nicht zu verlieren, denen er folgte, schaute nach dieser Betrachtung rings umher und sah zu seinem großen Erstaunen aus allen Straßen, welche gegen die Abtei liefen, Capucen hervorkommen, die einen vereinzelt, die andern zu zwei und zwei, doch insgesamt auf die Abtei zu schreitend.

»Ah!« sagte Chicot, »es wird also diesen Abend Generalkapitel in der Abtei gehalten und alle Genovever Frankreichs sind dazu berufen! Das ist, so wahr ich ein Edelmann bin, das, erste Mal, dass mich die Lust erfasst, einem Kapitel beizuwohnen.«

Die Mönche gingen alle unter die Halle, zeigten ihre Hände oder irgend einen Gegenstand, den sie in ihren Händen hielten, und traten ein. »Ich würde mit ihnen eintreten,« sagte Chicot, »doch hierzu fehlen mir zwei sehr wesentliche Dinge. Einmal das respektable Gewand, das sie umhüllt, insofern ich keinen Laien unter diesen heiligen Männern erblicke, und zweitens die Sache, die sie dem Bruder Pförtner zeigen; denn offenbar zeigen sie etwas. Ah! Bruder Gorenflot, mein würdiger Freund, wenn ich Dich hier bei der Hand hätte.«

Diesen Ausruf entriss Chicot die Erinnerung an einen der ehrwürdigsten Mönche des Ordens der Genovever, einen gewöhnlichen Gast von Chicot, wenn Chicot zufällig nicht im Louvre speiste, eben denselben, mit welchem am Tage der Prozession der Büßer unser Gascogner in der Schenke der Porte Montmartre angehalten, eine Krickente gegessen und gewürzten Wein getrunken hatte.

Und es strömten fortwährend Mönche herbei, so dass es war, als hätte die Hälfte der Bevölkerung von Paris die Kutte genommen, und der Bruder Pförtner prüfte sie insgesamt mit derselben Aufmerksamkeit.

»Sieh da! sieh da!« sagte Chicot zu sich selbst, »es geht offenbar diesen Abend etwas Außerordentliches vor. Wir wollen ganz und gar neugierig sein. Es ist halb acht Uhr und das Almosensammeln vorüber. Ich muss den Bruder Gorenflot im Füllhorn finden, denn zu dieser Stunde pflegt er zu Nacht zu speisen.«

Chicot ließ die Heerschar von Mönchen ihre Evolutionen in der Gegend der Abtei machen und in die Halle eintreten, setzte sein Pferd in Galopp und erreichte die Rue Saint-Jacques, wo, dem Benedictinerkloster gegenüber sich blühend und von Schülern und kampflustigen Mönchen sehr fleißig besucht das Gasthaus zum Füllhorn erhob.

Chicot war in dem Hause bekannt, nicht als ein Stammgast, sondern als einer von jenen heimlichen Gästen, welche von Zeit zu Zeit kamen und einen Goldthaler und ein Teilchen ihrer Vernunft in der Anstalt von Meister Claude Bonhomet ließen. So hieß der Ausspender der Gaben von Ceres und Bacchus, welche beständig aus dem berühmten mythologischen Horne strömten, das dem Hause als Schild diente.




Siebzehntes Kapitel

Worin dem Leser das Vergnügen zu Teil werden wird, die Bekanntschaft des Bruder Gorenflot zu machen, von dem er bereits zweimal im Verlaufe dieser Geschichte hat sprechen hören


Auf den schönen Tag war ein schöner Abend gefolgt; nur da der Tag kalt gewesen, war der Abend noch viel kälter. Man sah unter dem Hute verspäteter Bürger den durch den Schimmer der Stocklaternen geröteten Dunst ihres Atems sich verdicken. Man hörte deutlich die Tritte der Vorübergehenden auf dem gefrorenen Boden und das schallende Hum! durch die Kälte entrissen und durch die elastischen Oberflächen zurückgeworfen, wie ein Physiker in unsern Tagen sagen würde. Kurz es war einer von den schönen, kalten Abenden des herannahenden Frühjahrs, bei denen uns die freundliche Rosenfarbe der Scheiben eines Gasthauses einen doppelten Reiz gewährt.

Chicot trat zuerst in den Saal, tauchte seinen Blick in alle Winkel und Ecken, und ging, als er Meister Claude, welchen er suchte, nicht fand, vertraulich in die Küche.

Der Herr des Hauses war eben im Zuge, hier eine fromme Vorlesung zu halten, während allmählich eine in einer ungeheuren Bratpfanne enthaltene Masse Schmalzes den erforderlichen Grad von Hitze erreichte, dass man in diese Pfanne mehrere mit Mehl überzogene Merlane werfen konnte.

Bei dem Geräusch, das Chicot eintretend machte, drehte Meister Bonhomet den Kopf um.

»Ah! Ihr seid es, edler Herr,« sagte er, sein Buch schließend, »guten Abend und guten Appetit.«

«Ich danke für den doppelten Wunsch, obgleich die Hälfte davon eben so wohl zu Eurem Nutzen gereicht, als zu meinem. Doch das hängt von Umständen ab.«

»Wie, das hängt von Umständen ab?«

»Ja, Ihr wisst, dass ich nicht allein speisen kann.«

»Wenn es sein muss, mein Herr,« erwiderte Bonhomet, seine pistaziengrüne Mütze lüpfend, »wenn es sein muss, so werde ich mit Euch speisen.«

»Ich danke, mein lieber Wirt, obgleich ich weiß, dass Ihr ein vortrefflicher Gast seid; doch ich suche Jemand.«

»Vielleicht den Bruder Gorenflot?« fragte Bonhomet.

»Ganz richtig,« antwortete Chicot.

»Hat er schon zu speisen angefangen?«

»Nein, doch beeilt Euch.«

»Warum mich beeilen?«

»Ja, denn in fünf Minuten wird er fertig sein.«

»Der Bruder Gorenflot hat noch nicht zu speisen angefangen und wird In fünf Minuten fertig sein, sagt Ihr?«

Chicot schüttelte den Kopf, was in allen Ländern der Welt für ein Zeichen des Unglaubens gilt.

»Mein Herr,« sprach Meister Claude, »es ist heute Mittwoch und wir treten in die Fasten ein.«

»Nun!« versetzte Chicot mit einer Miene, welche eben nicht sehr für die religiösen Bestrebungen von Bruder Gorenflot sprach, »und dann?«

»Ah, bei Gott!« erwiderte Claude mit einer Gebärde, welche offenbar bedeutete: Ich begreife es eben so wenig, als Ihr; doch es ist so.

»Sicherlich ist etwas in der sublunarischen Maschine in Unordnung geraten,« sprach Chicot, »fünf Minuten für das Abendbrot von Gorenflot! Ich bin heute bestimmt, wunderbare Dinge zu sehen.«

Und mit der Miene eines Reisenden, der zum ersten Male den Fuß auf einen unbekannten Boden setzt, machte Chicot ein paar Schritte gegen ein besonderes Kabinett, stieß dessen Glastüre auf, hinter der ein wollener Vorhang mit weißen und rosenfarbigen Vierecken angebracht war, und erblickte im Hintergrunde bei dem Scheine eines Lichtes mit rauchigem Dochte den würdigen Mönch, der auf seinem Teller eine magere Portion in Wasser gekochten Spinat umdrehte, den er dadurch schmackhaft zu machen suchte, dass er in diese Kräutersubstanz einen Rest von Suresner-Käse steckte.

Während der würdige Bruder diese Mischung mit einer Verziehung des Gesichts bewerkstelligt, welche andeutet, dass er keine große Stücke auf die traurige Zusammensetzung hält, wollen wir es versuchen, ihn unsern Lesern unter einem Lichte vorzustellen, das sie dafür entschädigen soll, dass seine Bekanntschaft so lange hinausgeschoben wurde.

Bruder Gorenflot mochte ungefähr acht und dreißig Jahre und fünf Fuß Königsmaß haben. Diese etwas kleine Gestalt glich sich vielleicht, wie der Bruder sagte, durch die bewunderungswürdige Harmonie der Verhältnisse aus; was er an Höhe verlor, gewann er wieder an Breite, denn er erfreute sich eines Durchmessers von beinahe drei Fuß von einer Schulter zur andern, was, wie man weiß, einem Umkreise von neun Fuß gleichkommt.

Im Mittelpunkte dieser herkulischen Schulterblätter saß ein breiter, von zolldicken und strickartig hervorspringenden Muskeln befurchter Hals. Leider stand dieser Hals ebenfalls im Verhältnis zu dem Übrigen; er war nämlich kurz und dick, was bei den ersten zu starken Gemütsbewegungen, von welchen der Bruder Gorenflot heimgesucht würde, einen Schlagfluss befürchten lassen musste. Doch im Bewusstsein dieser Mangelhaftigkeit und der daraus hervorgehenden Gefahr gab sich Bruder Gorenflot nie heftigen Eindrücken hin; wir müssen sogar sagen, dass man ihn selten so sichtbar bewegt sah, als er es zur Stunde war, wo Meister Chicot in sein Kabinett trat.

»Ei! mein Freund, was macht Ihr denn da?« rief unser Gascogner, abwechselnd das Gemüse, Gorenflot, das nicht geputzte Licht und einen bis an den Rand mit kaum durch ein paar Tropfen Wein gefärbtem Wasser gefüllten Humpen anschauend.

»Ihr seht, mein Bruder, ich nehme mein Abendbrot,« antwortete Gorenflot, indem er eine Stimme so mächtig wie die Glocke einer Abtei erklingen ließ.

»Ihr nennt das Abendbrot, Gorenflot? Kraut, Käse? Geht doch!« rief Chicot.

»Wir sind an einem der ersten Mittwoche der Fastenzeit; denken wir an unser Heil, mein Bruder, denken wir an unser Heil,« erwiderte Gorenflot näselnd und gottselig die Augen zum Himmel aufschlagend.

Chicot war ganz erstaunt. Aus seinem Blicke konnte man entnehmen, dass er bereits mehr als einmal Gorenflot auf eine andere Weise die heilige Fastenzeit, in welche man eingetreten war, hatte verherrlichen sehen.

»Unser Heil!« wiederholte er, »was Teufels haben Wasser und Gras mit unserem Heile zu tun?«

		»Freitags sollst Du kein Fleisch verzehren,
		»Fastend halt auch den Mittwoch in Ehren.«

sprach Gorenflot.

»Um welche Zeit habt Ihr gefrühstückt?«

»Ich habe gar nicht gefrühstückt, mein Bruder,« antwortete der Mönch, immer mehr näselnd.

»Ah! wenn es sich nur darum handelt, zu näseln, so bin ich bereit, mich mit allen Genovevern der Welt in einen Kampf einzulassen. Doch wenn Ihr nicht gefrühstückt habt,« sagte Chicot unmäßig näselnd, »was habt Ihr denn getan, mein Bruder?«

»Ich habe eine Rede gemacht,« versetzte Gorenflot, stolz das Haupt erhebend.

»Ah bah! eine Rede? Und warum?«

»Um sie diesen Abend in der Abtei zu halten.«

»Halt,« dachte Chicot, »eine Rede diesen Abend, das ist komisch.«

»Und ich muss sogar,« fügte Gorenflot bei, indem er eine erste Gabel Spinat mit Käse an den Mund führte, »und ich muss sogar daran denken, nach Hause zu kehren; mein Auditorium könnte ungeduldig werden.«

Chicot fielen die zahllosen Mönche ein, die er nach der Abtei hatte gehen sehen, und da er sich erinnerte, Herr von Mayenne wäre wahrscheinlich unter diesen Mönchen, so fragte er sich, wie es komme, dass Gorenflot, der bis zu diesem Tage wegen verschiedener Eigenschaften geschätzt worden war, welche durchaus keine Beziehung zu der Beredsamkeit hatten, von seinem Superior, Joseph Foulon, dem damaligen Abte von Sainte-Geneviève, gewählt worden sei, um vor dem lothringischen Prinzen und einer so zahlreichen Versammlung zu predigen.

»Bah!« sagte er, »und zu welcher Stunde werdet Ihr predigen?«

»Von neun Uhr bis halb zehn Uhr, mein Bruder.«

»Gut; wir haben drei Viertel auf neun Uhr. Ihr werdet mir wohl fünf Minuten schenken. Es ist bei Gott acht Tage, dass wir keine Gelegenheit mehr gefunden haben, mit einander zu speisen.«

»Das ist nicht unser Fehler,« sprach Gorenflot, »und glaubt mir, geliebter Bruder, unsere Freundschaft wird dadurch keine Verminderung erleiden: die Pflichten Eures Amtes fesseln Euch an unsern großen König, Heinrich III., den Gott erhalten möge! Die Pflichten meines Amtes legen mir das Almosensammeln und nach dem Almosensammeln das Gebet auf; man darf sich also nicht darüber wundern, dass wir so lange getrennt sind.«

»Ja, doch das scheint mir gerade ein Grund mehr, freudig zu sein, wenn wir uns zusammenfinden.«

»Ich bin auch unendlich freudig,« erwiderte Gorenflot mit der kläglichsten Miene der Erde, »doch ich muss Euch darum nicht minder verlassen.«

Und der Mönch machte eine Bewegung, um aufzustehen.

»Esst doch wenigstens vollends Euer Kraut,« sagte Chicot, indem er ihm die Hand auf die Schulter legte und ihn wieder nieder sitzen machte.

Gorenflot schaute den Spinat an und stieß einen Seufzer aus; dann richteten sich seine Augen auf das rot gefärbte Wasser, und er wandte den Kopf ab.

Chicot sah, dass der Augenblick, den Angriff zu beginnen, gekommen war, und fuhr fort:

»Ihr erinnert Euch des kleinen Mittagsbrotes, von dem ich so eben sprach; wie? an der Porte Montmarte; Ihr wisst, wo wir, während unser großer König Heinrich III. sich und Andere geißelte, eine Krickente aus den Sümpfen der Grange-Batelière mit einer Kraftbrühe von Krebsen speisten und von jenem hübschen Burgunderweine tranken; wie nennt Ihr doch jenen Wein? Ist es nicht ein Wein, den Ihr entdeckt habt?«

»Es ist ein Wein aus meiner Gegend, aus der Romanée.«

»Ja, ja, ich erinnere mich, es ist die Milch, die Ihr eingesogen habt, als Ihr zur Welt kamt, würdiger Sohn von Noah!«

Gorenflot ließ mit einem schwermütigen Lächeln seine Zunge über seine Lippen hingehen.

»Was sagt Ihr zu jenem Weine?« sprach Chicot.

»Er war gut, doch es gibt bessern.«

»Das sagte auch eines Abends Claude Bonhomet, unser Wirt, welcher behauptet, es liegen davon in seinem Keller fünfzig Flaschen, wogegen der seines Bruders von der Porte Montmartre nur Treberwein sei.«

»Das ist die reine Wahrheit,« versetzte der Mönch.

»Wie, das ist die Wahrheit?« rief Chicot, »und Ihr trinkt von diesem abscheulichen, gefärbten Wasser, während wir nur die Hand auszustrecken haben, um einen solchen Wein zu trinken? Puah!«

Chicot nahm den Humpen und goss seinen Inhalt in das Zimmer.

»Alles hat seine Zeit, mein Bruder,« sprach Gorenflot. »Der Wein ist gut, wenn man, nachdem man ihn getrunken, nichts mehr zu tun hat, als Gott für seine Gaben zu verherrlichen. Doch wenn man eine Rede halten muss, so ist das Wasser vorzuziehen, nicht für den Geschmack, sondern für den Gebrauch: Facunda est aqua.«

»Bah!« rief Chicot. »Magis facundum est vinum, und zum Beweise mag dienen, dass ich, der ich auch eine Rede halten muss und Vertrauen zu meinem Rezepte habe, eine Flasche von dem Weine von der Romanée kommen lassen werde … und was ratet Ihr mir, dazu zu nehmen?«

»Nehmt nicht von diesem Kraute, es ist ganz außerordentlich schlecht.«

»Aeh,« sagte Chicot, indem er den Teller von Gorenflot an die Nase hielt, »äh!«

Dießmal öffnete er ein kleines Fenster und warf den Teller mit dem Gemüse auf die Straße. Dann wandte er sich um und rief:

»Meister Claude!« Der Wirt, welcher wahrscheinlich horchte, erschien auf der Schwelle.

»Meister Claude,« sagte Chicot, »bringt mir zwei Flaschen von dem Weine der Romanée, den Ihr besser als irgend Jemand zu haben behauptet.«

»Zwei Flaschen!« versetzte Gorenflot.«Warum, da ich nicht trinke?«

»Wenn Ihr tränket, so würde ich vier, so würde ich sechs Flaschen, so würde ich Alles kommen lassen, was im Hause ist. Doch wenn ich allein trinke, trinke ich schlecht, und zwei Flaschen werden mir genügen.«

»In der Tat, bemerkte Gorenflot, »zwei Flaschen, das ist vernünftig, und wenn Ihr dazu nur magere Speisen wählt, so wird Euer Beichtvater nichts dagegen einzuwenden haben.«

»Gewiß,« versetzte Chicot, »Fettes, an einem Mittwoch in der Fastenzeit, pfui doch!«

Und er wandte sich gegen einen Speisekasten, während Meister Bonhomet die zwei verlangten Flaschen aus dem Keller holte, und zog eine Poularde von Mans daraus hervor.

»Was macht Ihr denn da, mein Bruder?« sagte Gorenflot, der mit einem unwillkürlichen Interesse den Bewegungen des Gascogners folgte, »was macht Ihr denn da?«

»Ihr seht, ich bemächtige mich dieses Karpfen, aus Furcht, es könne ihn ein Anderer an sich reißen. An den Mittwochen in der Fastenzeit tritt eine Concurrenz bei dergleichen Esswaaren ein.«

»Ein Karpfe!« rief Gorenflot erstaunt.

»Allerdings ein Karpfe,« antwortete Chicot, indem er ihm den appetitlichen Vogel unter die Augen legte.

»Und seit wann hat ein Karpfe einen Schnabel?« fragte der Mönch.

»Einen Schnabel, wo seht Ihr einen Schnabel? Ich sehe nur ein Maul.«

»Füße?« fuhr der Genovever fort.

»Flossen.«

»Federn?«

»Schuppen; mein lieber Gorenflot, Ihr seid betrunken.«

»Betrunken!« rief Gorenflot, »betrunken! Ah, bei Gott! ich betrunken, ich, der ich nur Spinat gegessen und Wasser getrunken habe.«

»Euer Spinat belastet Euch den Magen und Euer Wasser steigt Euch in den Kopf.«

»Hier kommt unser Wirt, er soll entscheiden.«

»Worüber?«

»Ob dies ein Karpfe oder eine Poularde ist.«

»Es sei. Doch zuerst soll er die Flaschen öffnen. Ich will wissen, ob es derselbe ist. Öffnet, Meister Claude, öffnet.«

Meister Claude zog den Stöpsel aus einer Flasche und goß Chicot ein halbes Glas ein.

Chicot leerte das halbe Glas und ließ seine Zunge schnalzen.

»Ah!« sagte er, »ich bin ein schlechter Koster und meine Zunge hat nicht das geringste Gedächtnis. Ich kann durchaus nicht angeben, ob er besser oder schlechter ist, als der von der Porte Montmartre; ich weiß sogar nicht einmal gewiss, ob es derselbe ist.«

Die Augen von Gorenflot funkelten, während er die paar Tropfen flüssigen Rubin betrachtete, welche in dem Grunde des Glases von Chicot geblieben waren.

»Hört, mein Bruder,« sagte Chicot und goß einen Fingerhut voll Wein in das Glas des Mönches, »Ihr seid in der Welt für Euren Nächsten; leitet mich.«

Gorenflot nahm das Glas, setzte es an seine Lippen und verkostete langsam die wenigen Tropfen, die es enthielt.

»Es ist sicherlich von demselben Gewächs,« sagte er, »doch —«

»Doch,« wiederholte Chicot.

»Doch es war zu wenig,« fuhr der Mönch fort, »es war zu wenig, als dass ich entscheiden könnte, ob jener schlechter oder besser gewesen ist.«

»Es liegt mir aber daran, dies zu wissen. Pest! ich will nicht getäuscht werden, und wenn Ihr nicht eine Rede zu halten hättet, mein Bruder, so würde ich Euch bitten, diesen Wein noch einmal zu kosten.«

»Wenn es Euch Vergnügen macht —«

»Bei Gott!« rief Chicot. Und er füllte zur Hälfte das Glas des Genovevers.

Gorenflot setzte das Glas mit nicht weniger Ehrfurcht als das erste Mal an die Lippen und kostete mit nicht geringerer Gewissenhaftigkeit.

»Besser,« sagte er, »dieser ist besser, ich stehe dafür.«

»Bah! Ihr seid im Einverständnis mit unserem Wirt.«

»Ein guter Trinker,« versetzte Gorenflot, »muss beim ersten Schlucke das Gewächs, beim zweiten die Qualität und beim dritten den Jahrgang erkennen.«

»Ah! was den Jahrgang betrifft,« rief Chicot, »ich möchte wohl den Jahrgang dieses Weines wissen.«

»Das ist sehr leicht,« antwortete Gorenflot, ihm sein Glas reichend, »gießt mir nur zwei Tropfen ein, und ich will ihn Euch nennen.«

Chicot füllte das Glas des Mönches bis auf drei Viertheile; der Mönch leerte das Glas langsam, doch ohne abzusetzen.

»1561,« sagte er sodann, das Glas auf den Tisch stellend.

»Ganz richtig,« rief Claude Bonhomet, »1561, so ist es.«

»Guter Gorenflot,« sagte der Gascogner, sein Haupt entblößend, »man hat in Rom Leute selig gesprochen, die es nicht so sehr verdienten, als Ihr.«

»Ein wenig Gewohnheit, mein Bruder,« versetzte Gorenflot bescheiden.

»Und etwas Anlage,« sprach Chicot. »Pest! die Gewohnheit allein macht es nicht, davon bin ich Zeuge, der ich wohl behaupten kann, dass ich die Gewohnheit habe. Nun! was macht Ihr denn?«

»Ihr seht es, ich stehe auf.«

»Warum?«

»Um in meine Versammlung zu gehen.«

»Ohne ein Stück von meinem Karpfen zu essen?«

»Ah! das ist wahr,« sprach Gorenflot, »es scheint, mein würdiger Bruder, Ihr versteht Euch noch viel weniger auf die Speise, als auf den Trank. Meister Bonhomet, was für ein Tier ist das?«




Конец ознакомительного фрагмента.


Текст предоставлен ООО «ЛитРес».

Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=48632540) на ЛитРес.

Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.



notes



1


Mignons nannte man die Günstlinge von Heinrich III., weichlich in ihrem ganzen Wesen, zugleich aber stolz und tapfer, nahmen beinahe alle ein tragisches Ende; die berühmtesten finden wir in diesem Werke von Dumas.




2


Angevin, was zu Anjou gehört.]




3


sehr ungenau, unter ihnen der Augustiner, der Bussy die Beichte abnehmen wollte.




4


Der Estortuaire war der Stab, den der Oberstjägermeister dem König übergab, damit er im Galopp reitend die Zweige der Bäume auf die Seite schieben konnte.




5


Mäuseberg




6


Karl von Lothringen, Herzog von Mayenne, zweiter Sohn von Franz von Guise.


