Die Zwillingsschwestern von Machecoul
Alexandre Dumas der Ältere




Dumas Alexandre (père)

Die Zwillingsschwestern von Machecoul





Erster Theil





I.

Der Adjutant Charette’s


Wer von Nantes nach Bourgneuf gereist ist, hat bei St. Philibert die südliche Spitze des Sees Grand-Lieu berührt und nach einer weiteren Fahrt von einer oder einer Fußwanderung von zwei Stunden die ersten Bäume des Waldes von Machecoul erreicht.

Links von dem Wege, in einer von dem Walde nur durch die Landstraße getrennten Baumgruppe wird der Reisende die Spitzen von zwei schlanken Thürmen und das graue Dach eines alten Schlosses bemerkt haben.

Dieser Edelsitz hatte mit seinem geborstenen Gemäuer, mit seinen zerbrochenen Fenstern und seinem mit Moos überwucherten Dache ein so armseliges Aussehen, daß der Besitzer gewiß von keinem Reisenden beneidet worden wäre, wenn die Lage vor dem großen herrlichen Walde von Machecoul nicht so reizend gewesen wäre.

Im Jahre 1831 war das kleine Schloß die Besitzung des Marquis von Souday, eines alten Edelmannes, dessen Namen es auch führte.

Der Marquis war der einzige Repräsentant und der letzte Erbe eines alten berühmten bretagnischen Geschlechtes; denn der See Grand-Lieu, der Wald von Machecoul und die Stadt Bourgneuf liegen in dem jetzigen Departement der Niederloire und gehörten vormals zu der Provinz Bretagne. Die Familie war einst ein großer Stamm gewesen, der seine Aeste über diese ganze Provinz ausgebreitet hatte, aber die Ahnen des Marquis hatten diese Aeste durch aristokratischen Luxus dergestalt entblättert, daß das Jahr 1789 ganz gelegen gekommen war, um den wurmstichigen Baum nicht von den Gerichtsdienern fällen zu lassen und ihm ein seines berühmten Namens würdigeres Ende zu bereiten.

Als die letzte Stunde der Bastille schlug, war der Marquis von Souday erster Page Sr. königlichen Hoheit des Grafen von Provence. Für einen sechzehnjährigen Pagen sind die folgenschwersten Ereignisse nur unbedeutende Vorfälle, und es wäre in der That zu verwundern gewesen, wenn der junge Marquis an dem üppigen Hofe des Luxembourg nicht leichtsinnig und sorglos geworden wäre.

Er war auf den Grèveplatz geschickt worden, um zu sehen, wie Favras unter der Hand des Henkers den Geist aufgeben und dadurch Sr. königlichen Hoheit die eine kleine Weile getrübte Ruhe wiedergeben würde.

Er war sogleich wieder ins Luxembourg zurückgeeilt und hatte gemeldet:

»Monseigneur, es ist geschehen!«

Und Monseigneur hatte mit seiner sanften flötenden Stimme zur Tafel gerufen.

Und man hatte soupirt, als ob ein braver Edelmann, der Sr. Hoheit das Leben geopfert, nicht soeben wie ein Dieb und Mörder gehängt worden wäre.

Dann waren die ersten düsteren Tage der Revolution gekommen: die Veröffentlichung des rothen Buches, der Rücktritt Necker’s, der Tod Mirabeau’s.

Am 22. Februar 1791 hatte eine große Menschenmenge das Luxembourg umzingelt. Es hatten sich bedenkliche Gerüchte verbreitet: der Prinz, hieß es, wolle flüchten und mit den am Rhein sich versammelnden Emigranten gemeinsame Sache machen. Aber »Monsieur« zeigte sich auf dem Balcon und gelobte feierlich, den König nicht zu verlassen.

Am 21. Juni reiste er wirklich mit dem Könige ab, vermuthlich um sein Wort nicht zu brechen.

Er verließ ihn indeß doch und zu seinem Glück, denn er erreichte mit seinem Begleiter, dem Marquis von Avaray, wohlbehalten die Grenze, während Ludwig XVI. zu Varennes verhaftet wurde.

Der junge Marquis mochte als Aristokrat vom reinsten Wasser nicht in Frankreich bleiben, wo der König doch seine treuesten Diener nicht entbehren konnte. Er wanderte ebenfalls aus, und da der achtzehnjährige Page von Niemand beachtet wurde, so kam er glücklich nach Coblenz, wo er unter die Mousquetaires trat, welche unter dem Befehle des Marquis von Montmorency wieder zu einem Corps zusammentraten. In den ersten Treffen kämpfte er tapfer, wurde vor Thionville verwundet und nach manchen Enttäuschungen sah er sich, nebst vielen Leidensgefährten, durch die Auflösung des Emigrantencorps von allen Hilfsmitteln entblößt.

Der Marquis von Souday richtete nun sein Augenmerk auf die Bretagne und Vendée, wo seit zwei Jahren gekämpft wurde. Die ersten Führer des Aufstandes waren todt. Cathelineau war bei Vannes, Lescure zu La Tremblaye, Bonchamp bei Cholet gefallen, d’Elbée war zu Noirmoutier erschossen worden.

Die sogenannte große Armee war bei Mans vernichtet worden; die Treffen von Fontenay, Saumur, Torfou, Laval und Dol waren eben so viele Niederlagen für sie gewesen; sie hatte in sechzig Treffen gesiegt, sie hatte den Streitkräften der Republik unter Biron, Rossignol, Kléber, Westermann, Marceau die Spitze geboten; sie hatte die Hilfe Englands abgelehnt und war Zeuge gewesen, wie ihre Hütten in Brand gesteckt, ihre Weiber, Kinder und Väter gemordet wurden. Cathelineau, Henri de la Rochejacquelein, Stofflet, Bonchamps, Forestier, d’Elbée, Lescure, Marigny und Talmont waren ihre Führer gewesen; sie war dem Könige treu geblieben, als die übrigen Provinzen Frankreichs von ihm abgefallen waren; sie hatte ihren Gott verehrt, als man in Paris öffentlich erklärt hatte, es gebe keinen Gott; sie hatte es endlich dahin gebracht, daß Napoleon die Vendée das Land der Riesen nannte.

Charette und la Rochejacquelein waren ziemlich allein geblieben. Charette hatte wohl noch eine Armee, la Rochejacquelein hatte keine mehr.

Während nämlich die große Armee bei Mans vernichtet wurde, hatte Charette, zum Oberbefehlshaber von Niederpoitou ernannt, mit Jolly’s Hilfe eine Armee zusammengebracht. An der Spitze dieser Armee traf ihn la Rochejacquelein, der kaum ein Dutzend Kriegsleute bei sich hatte, unweit Maulevrier.

Charette wußte wohl, daß er es mit einem Generale, nicht mit einem Soldaten zu thun hatte; er wollte im Bewußtseyn seiner Kraft den Oberbefehl nicht theilen und blieb kalt und stolz gegen la Rochejacquelein, den er nicht einmal zum Frühstück einlud.

An demselben Tage verließen achthundert Mann das Heer Charettes und gingen zu la Rochejacquelein über.

Am folgenden Tage sagte Charette zu seinem Nebenbuhler: »Ich marschire nach Mortagne; Sie werden mir folgen.«

»Bis jetzt,« erwiderte la Rochejacquelein, »war ich nicht gewohnt zu folgen, sondern Andere in meinem Gefolge zu sehen.«

Er marschirte ebenfalls ab und ließ Charette nach Gutdünken operiren.

Dem Letzteren werden wir folgen, denn er ist der Einzige, dessen tragisches Ende mit unserer Geschichte in Verbindung steht.

Ludwig XVII. war todt, und am 26. Juni 1795 wurde Ludwig XVIII. im Hauptquartier zu Belleville zum Könige ausgerufen.

Am 15. August 1795, also weniger als zwei Monate nach dieser Erklärung, brachte ein junger Mann dem General Charette ein Schreiben von dem neuen Könige. Dieses Schreiben, von Verona 8. Juli 1795 datirt, ernannte Charette zum Oberbefehlshaber des Royalistenheeres.

Charette wollte durch denselben Boten sein Dankschreiben an den König senden, aber der junge Mann antwortete, er sei gesonnen in Frankreich zu bleiben und zu kämpfen, und sprach den Wunsch aus, daß die von ihm überbrachte Depesche zu seiner Empfehlung beim Obergeneral dienen möge.

Charette ernannte ihn sogleich zum Ordonnanzoffizier.

Der Ueberbringer des königlichen Schreibens war kein Anderer als der junge Marquis von Souday.

Als sich der Marquis entfernte, um sich von seinem anstrengenden Ritt zu erholen, bemerkte er einen jungen Bauer, der um einige Jahre älter war als er und ihn ehrerbietig begrüßte.

Er erkannte einen Pächterssohn, mit welchem er als Knabe oft auf die Jagd gegangen war und unter dessen geschickter Leitung er das edle Waidwerk erlernt hatte.

»Jean Oullier!« sagte er erstaunt, »bist Du es?«

»Ja, zu dienen, Herr Marquis,« antwortete der junge Bauer.

»Das freut mich; bist Du immer noch ein guter Jäger?«

»O ja, Herr Marquis; jetzt jagen wir freilich ein anderes Wild.«

»Nun, wenn Du willst, jagen wir dieses mit einander, wie wir das andere jagten.«

»Ich nehme es mit Vergnügen an, Herr Marquis,« antwortete Jean Oullier.

Dieser war von nun an der unzertrennliche Gefährte des Marquis von Souday; der Adjutant des Obergenerals hatte also ebenfalls seinen Adjutanten.

Jean Oullier war nicht nur ein geschickter Waidmann, sondern auch in anderer Hinsicht ein unbezahlbarer Mensch: im Lager war er zu Allem gut, und der Marquis von Souday hatte für nichts zu sorgen. In den größten Bedrängnissen fehlte es dem Marquis nie an einem Stück Brot, an einem Kruge Wasser und an einem Bündel Stroh. Und dies war in der Vendée ein Luxus, der nicht einmal dem Obergeneral immer zu Theil wurde.

Wir kommen hier sehr in Versuchung, Charette und dem jungen Marquis auf einigen abenteuerlichen Streifzügen zu folgen; aber die Geschichte ist eine verführerische Syrene und wenn man einmal so unbesonnen war, ihrem Winke zu folgen, so weiß man nicht, wohin man von ihr geführt wird.

Wir wollen daher unsere Erzählung möglichst vereinfachen und es einem Andern überlassen, den Feldzug des Grafen von Artois nach Noirmoutiers und nach Ile-Dieu zu schildern und zu erklären, wie der Prinz drei Wochen im Angesicht der französischen Küste blieb, ohne zu landen, und wie das Royalistenheer entmuthigt wurde, als es sich von denen verlassen sah, für die es seit mehr als zwei Jahren gekämpft hatte.

Charette errang nichtsdestoweniger einige Zeit später den furchtbaren Sieg bei Quatre-Chemins: es war der letzte. In seiner Armee waren Verräther. In der letzten Zeit seines Lebens konnte er keinen Schritt thun, ohne daß sein Gegner, es mochte nun Hoche oder Travot seyn, davon benachrichtigt wurde.

Von den republicanischen Truppen umringt, Tag und Nacht gehetzt, von einem Versteck zum andern verfolgt, ohne Obdach und Nahrung, hat er nur noch zweiunddreißig Mann bei sich; unter ihnen der Marquis von Souday und Jean Oullier. Am 25. März l795 meldet man ihm daß vier republikanische Colonnen gegen ihn anrücken.

»Gut,« sagte er, »wir müssen hier kämpfen und unser Leben theuer verkaufen.«

Es war zu La Prélinière in der Gemeinde St. Sulpice.

Aber mit seinen zweiunddreißig Mann begnügte sich Charette nicht, die Republicaner zu erwarten: er zieht ihnen entgegen. Bei La Guyonnière findet er den General Valentin mit zweihundert Grenadieren und Chasseurs.

Charette findet eine gute Position und verschanzt sich. Hier wehrt er drei Stunden lang die Angriffe und das Feuer der zweihundert Republicaner ab.

Zwölf von seinen Leuten fallen. Das Heer, welches aus 24,000 Mann bestand, als der Graf von Artois auf Ile-Dieu war, ist bis auf zwanzig Mann zusammengeschmolzen.

Diese zwanzig Mann halten Stand mit ihrem General, keiner von ihnen denkt an Flucht.

Endlich nimmt der General Valentin eine Muskete und greift an der Spitze seiner noch kampffähigen hundertachtzig Mann mit dem Bajonnete an.

Bei diesem Angriffe erhält Charette eine Schußwunde am Kopf und drei Finger werden ihm abgehauen. Um seine unvermeidliche Gefangennahme zu verhüten, nimmt ein Elsässer, Namens Pfeffel, seinen Federhut, gibt ihm den seinigen und sagt zu ihm, indem er sich links wendet:

»Halten Sie sich rechts; jetzt wird man mich verfolgen.«

Die Republicaner stürzen wirklich auf ihn zu, während Charette mit seinen noch übrigen fünfzehn Mann in entgegengesetzter Richtung forteilt.

Als Charette eben den Wald La Chabotièrie erreichte, erschien die Colonne des Generals Favrot.

Es beginnt ein neuer verzweifelter Kampf, in welchem Charette den Tod sucht. Aber der Blutverlust hat ihn erschöpft; er wankt. Ein Vendéer, Namens Rassard, nimmt ihn auf die Schultern und trägt ihn in den Wald. Eine Kugel trifft ihn, er fällt. Ein Anderer, Namens Laroche-Davo, löst ihn ab, läuft fünfzig Schritte und fällt, von den feindlichen Kugeln ereilt, in den Graben, der den Wald von der Ebene trennt.

Der Marquis von Souday nimmt ihn nun auf, und während Jean Oullier mit seiner Doppelflinte die beiden am nächsten kommenden republicanischen Soldaten niederschießt, stürzt er mit seinem General und den noch übrigen sieben Mann in den Wald.

Fünfzig Schritte vom Saume des Waldes scheint Charette sich wieder zu erholen.

»Souday,« sagte er, »höre meinen letzten Befehl.«

Der junge Marquis bleibt stehen.

»Setze mich unter dieser Eiche nieder.«

Er zögerte.

»Ich bin immer noch dein General,« setzte Charette gebieterisch hinzu, »Du mußt mir gehorchen!«

Souday fügte sich und setzte den General unter der Eiche nieder.

»Jetzt höre mich an,« sagte Charette. »Der König, der mich zum Obergeneral ernannt hat, muß wissen, wie sein Obergeneral gestorben ist. Begib Dich wieder zu Sr. Majestät Ludwig XVIII. und erzähle, was Du gesehen hast. Ich will es!«

Charette sprach so ernst und feierlich, dass es dem Marquis von Souday, den der General zum ersten Male duzte, gar nicht einfiel, den Gehorsam zu verweigern.

Er lehnte seinen General an den Stamm der Eiche.

»Jetzt,« sagte Charette, »hast Du keine Minute zu verlieren. Fliehe, dort kommen die Blauen.«

Die Republicaner erschienen wirklich am Saume des Waldes.

Souday nahm die Hand, die ihm Charette reichte.

»Umarme mich,« sagte der General.

Der junge Marquis schloß ihn in seine Arme.

»Jetzt ist’s genug,« sagte der General, »fort! fort!«

Souday warf einen Blick auf Jean Oullier.

»Kommst Du?« fragte er ihn.

Aber Oullier schüttelte traurig den Kopf und erwiderte: »Was soll ich drüben thun, Herr Marquis? Hier hingegen —«

»Hier! was willst Du hier thun?«

»Das will ich Ihnen sagen, Herr Marquis, wenn wir uns einmal wiedersehen.«

Er schickte seine beiden Kugeln den zwei nächsten Republicanern zu.

Die beiden Republicaner fielen.

Der Eine war ein Stabsoffizier. Die Republicaner drängten sich um ihn.

Jean Oullier und der Marquis von Souday benutzten diese kurze Frist, um tiefer in den Wald zu gehen.

In einer Entfernung von fünfzig Schritten schlüpfte Jean Oullier in einen Busch und winkte seinem Herrn ein Lebewohl zu.

Der Marquis von Souday ging weiter.




II.

Königlicher Dank


Der Marquis von Souday erreichte das Ufer der Loire und ließ sich von einem Fischer zur Landspitze von St. Gildas führen.

Eine Fregatte war in Sicht. Es war eine englische Fregatte. Für einige Louisd’or mehr führte der Fischer den Marquis bis zur Fregatte.

Er war gerettet.

Einige Tage nachher rief die Fregatte ein Kauffahrteischiff an, welches dem Canal La Manche zusteuerte.

Es war ein holländisches Schiff.

Der Marquis von Souday wünschte sich an Bord desselben zu begeben; der englische Capitän ließ ihn in der Schaluppe hinüber bringen.

Der holländische Dreimaster setzte ihn in Rotterdam ab.

Von Rotterdam begab sich der Marquis nach Blankenburg im Herzogthum Braunschweig, wo Ludwig XVIlI. damals wohnte.

Er hatte die letzten Befehle Charette’s zu vollziehen.

Ludwig XVIII. war eben bei Tische; die Stunde der Tafel war für ihn ein höchst wichtiger Theil des Tages.

Der vormalige Page mußte warten. Nach der Tafel wurde er vorgelassen.

Er erzählte die Ereignisse, die unter seinen Augen stattgefunden hatten, insbesondere die letzte Katastrophe mit solcher Beredsamkeit, daß der sonst eben nicht leicht zu rührende König ihn unterbrach:

»Genug! genug! der Chevalier de Charette war ein braver Diener, wir erkennen es an.«

Der Bote wurde entlassen. Beim Fortgehen hörte er, wie Ludwig XVIII. mit verdrießlichem Tone sagte: »Der alberne Souday erzählt mir solche Dinge nach der Tafel: er stört meine Verdauung!«

Der Marquis war empfindlich; er hatte sechs Monate sein Leben aufs Spiel gesetzt, und fand den Lohn nicht ganz angemessen.

Er hatte noch etwa hundert Louisd’or in der Tasche. Noch denselben Abend reiste er von Blankenburg ab; er begab sich über Holland nach England.

Dort begann ein neuer Abschnitt in dem Leben des Marquis von Souday. Er gehörte zu den Menschen, deren Stimmung von Umständen und äußeren Eindrücken abhängt, die stark oder schwach, muthig oder zaghaft sind, je nach den Verhältnissen, in welche der Zufall sie versetzt. Sechs Monate hatte er tapfer gekämpft in dem Kriege der Riesen, wie Napoleon den Krieg in der Vendée nannte. Er hatte die Gebüsche und das Heideland von Ober- und Niederpoitou mit seinem Blute gefärbt, er hatte nicht nur das Unglück der blutigen Kämpfe, sondern auch die mit diesem Guerillakriege verbundenen zahllosen Entbehrungen mit stoischem Gleichmuth ertragen; er hatte im Schnee übernachtet, war ohne Brot, ohne Obdach in den Wäldern der Vendée umhergeirrt, ohne eine Klage laut werden zu lassen.

Aber in London, wo er einsam und verlassen umherirrte, verlor er den Muth; das Elend, welches ihn in der Verbannung erwartete, raubte ihm seine Fassung. Der junge Mann, der mit einer Handvoll Chouans gegen zehnfach überlegene republicanische Colonnen gekämpft hatte, wußte den Einflüsterungen der Langweile nicht zu widerstehen; er suchte überall Zerstreuungen, um die Lücke auszufüllen, die in seinem Leben entstanden war, seitdem er nicht mehr in dem rasenden Getümmel eines Vernichtungskampfes war.

Der Verbannte war zu arm, um feinere, höhere Genüsse zu wählen, und so verlor er nach und nach die cavaliermäßige Eleganz, welche die Bauernkleider nicht vermindert hatten, und mit jener äußern Eleganz verlor er den Sinn für feinere Genüsse. Da er keinen Champagner bezahlen konnte, trank er Ale und Porter, und der junge liebenswürdige Marquis, dem vielleicht manche Herzogin hold gewesen war, fand Gefallen an den bebänderten Dirnen von Haymarket und St. Giles.

Bald führten ihn die immer dringender werdenden Bedürfnisse des Lebens zu Auskunftsmitteln, die seinem Rufe schadeten. Er nahm auf Borg, was er nicht mehr bezahlen konnte, und machte Cameradschaft mit Wüstlingen geringeren Standes. Seine Unglücksgenossen zogen sich daher von ihm zurück und je mehr er sich verlassen sah, desto weiter ging er auf dem einmal betretenen schlechten Wege.

Als er dieses Leben bereits zwei Jahre geführt hatte, machte ihn der Zufall in einer Kneipe der City mit einem jungen Mädchen bekannt, welches von den in London so häufigen sittenlosen Dirnen zum ersten Male aus dem Dachstübchen hervorgeholt worden war und gezeigt wurde.

Ungeachtet der Veränderungen, die mit dem jungen Marquis vorgegangen waren, hatte er noch nicht allen Adel in seinem Benehmen verloren; die junge Arbeiterin faßte Vertrauen zu ihm, fiel ihm zu Füßen und bat ihn mit Thränen, sie dem schmachvollen Gewerbe, zu welchem man sie zwingen wollte, zu entreißen.

Eva – so hieß das Mädchen – war schön; der Marquis erbot sich, sie in Schutz zu nehmen.

Sie fiel ihm um den Hals, pries ihn als ihren Retter und sagte ihm ihre treue Liebe zu.

Der Marquis vereitelte also die schändliche Speculation, ohne daß er dabei eine gute Absicht hatte.

Eva hielt Wort. Der Marquis war ihre erste und letzte Liebe.

Die Zeit war übrigens für Beide recht günstig. Der Marquis fing an, der Hahnenkämpfe, des Biertrinkens, der Händel mit den Constabeln überdrüssig zu werden; er fand Erholung in der Liebe der schönen Eva, deren Besitz zugleich seiner Eigenliebe schmeichelte. So änderte er allmälig seine Lebensweise, und ohne gerade seinem Range gemäß zu leben, benahm er sich doch als Ehrenmann.

Er bezog mit Eva eine Dachstube in Piccadilly. Sie war eine geschickte Arbeiterin und fand Beschäftigung in einem Putzladen; er gab Fechtunterricht. Sie waren wenigstens vor Mangel geschützt und ihre gegenseitige Liebe war groß genug, um ihnen das Leben nicht nur erträglich, sondern sogar genußreich zu machen.

Die Liebe begann bald zu erkalten; aber die Gewohnheit hatte eine solche Gewalt über ihn bekommen, daß er weder die Kraft noch den Muth hatte, ein Verhältniß abzubrechen, in welchem sein zerrüttetes Gemüth einige Ruhe und Zufriedenheit gefunden hatte.

So führte der vormalige Wüstling, dessen Ahnen durch drei Jahrhunderte despotisch auf ihren Besitzungen geherrscht hatten, so führte der vormalige Genosse des »Wegelagerers« Charette zwölf Jahre lang das kärgliche traurige Leben eines armen Schreibers oder Handwerkers.

Der Himmel hatte lange gezögert, diesen ungesetzlichen Bund zu segnen; aber endlich ging der sehnliche Wunsch der armen Eva in Erfüllung: sie beschenkte den Marquis mit Zwillingstöchtern.

Aber Eva genoß dieses ersehnten Glückes nur einige Stunden. Sie starb im Wochenbette.

Sie liebte den Marquis nach zwölf Jahren noch eben so zärtlich, wie in den ersten Tagen ihrer Bekanntschaft. Aber trotzdem erkannte sie, daß Frivolität und Selbstsucht der Grundzug in dem Charakter ihres Geliebten waren. Sie schied daher mit dem doppelten Schmerz einer ewigen Trennung und der Besorgniß um die Zukunft ihrer beiden Kinder.

Dieser Verlust machte auf den Marquis von Souday einen eigenthümlichen Eindruck, den wir zu schildern versuchen, weil er den Maßstab für die Beurtheilung des Mannes gibt, der in dieser Erzählung eine wichtige Rolle zu spielen berufen ist.

Anfangs beweinte er aufrichtig den Verlust seiner Lebensgefährtin, weil er nicht umhin konnte, ihre guten Eigenschaften und das Glück, welches er ihrer Liebe verdankt, anzuerkennen. Ein hartes, von Selbstsucht verknöchertes Herz bekommt da immer eine weiche Stelle, wenn es von einem andern liebenden Herzen auf ewig getrennt wird.

Als dieser erste Schmerz beruhigt war, fühlte der Marquis eine Anwandlung von der Freude eines Schülers, der sich auf einmal seines bisherigen Zwanges entledigt sieht. Sein Name, sein Rang, seine Geburt hätten den Bruch seines Verhältnisses zu Eva nothwendig machen können: es war ihm daher nicht ganz unlieb, daß ihn die Vorsehung dieser peinlichen Sorge überhoben hatte.

Aber diese Befriedigung war nur von kurzer Dauer. Die zärtliche Eva hatte den Marquis verwöhnt, er vermißte ihre treue, liebevolle Sorge, ihr stilles, rastloses Walten, ihre sanfte melodische Stimme; der Aufenthalt in der öden Dachstube wurde ihm unerträglich.

Der Marquis sehnte sich wieder nach seiner treuen Eva, und als er sich von seinen beiden kleinen Töchtern, die er nach Yorkshire in die Kost gab, trennen mußte, überließ er sich vom Neuen seinem Schmerz.

Er war nun von Allem getrennt was ihn an die Vergangenheit erinnerte. Er wurde traurig, des Lebens überdrüssig, und da sein religiöser Glaube nicht sehr fest war, so würde er aller Wahrscheinlichkeit nach in die Themse gesprungen seyn, wenn die Katastrophe von 1814 nicht eben zur rechten Zeit eingetreten wäre, um seine düsteren Gedanken zu vertreiben.

Als der Marquis von Souday in sein Vaterland zurückgekehrt war, wandte er sich natürlich an Ludwig XVIII., dessen Mildthätigkeit er in seiner Verbannung nie in Anspruch genommen hatte. Aber der König hatte einen dreifachen Vorwand, die von dem Marquis geleisteten Dienste unbelohnt zu lassen.

Erstens die unschickliche Weise, in welcher ihm ein vormaliger Page den Tod Charette’s gemeldet und dadurch seine Verdauung gestört hatte.

Zweitens seine unziemliche und von noch unziemlicheren Worten begleitete Abreise von Blankenburg.

Drittens sein anstößiges Leben während der Verbannung. Man zollte dem Muthe und der Hingebung des Marquis alles mögliche Lob, aber man gab ihm unter der Hand zu verstehen, daß er bei seinem anstößigen Vorleben auf ein öffentliches Amt nicht zählen dürfe. Der König, sagte man, sey nicht mehr unbeschränkter Gebieter; er habe die öffentliche Meinung zu berücksichtigen und sey berufen, nach einer so zügellosen, verderbten Zeit das Beispiel großer Sittenstrenge zu geben. Man gab dem Marquis zu bedenken, wie schön es von ihm seyn würde, seine früheren Verirrungen durch ein Leben voll Selbstverleugnung und strenger Pflichterfüllung zu führen. Kurz, er mußte sich mit dem Ludwigskreuz und dem Titel und Ruhegehalt eines Escadronschefs begnügen. Es blieb ihm nichts übrig, als mit diesem kärglichen, aus dem Schiffbruch geretteten Strandgut in sein Stammschloß zu ziehen.

Alle diese Enttäuschungen hielten den Marquis von Souday indeß nicht ab, im Jahre 1815 seine Pflicht zu thun: er verließ zum zweiten Male sein halbverfallenes Schloß, als Napoleon von der Insel Elba zurückkam.

Napoleon fiel zum zweiten Male, und wiederum befand sich der Marquis von Souday im Gefolge der heimkehrenden Bourbons.

Aber dieses Mal bewarb er sich nur um die unbesoldete Stelle eines Wolfsjägermeisters, und diese wurde ihm sogleich bewilligt.

Der Marquis, der in seiner Jugend keine Gelegenheit gehabt hatte, einer in seiner Familie erblichen nobeln Passion zu fröhnen, wurde nun ein leidenschaftlicher Jäger; denn in seiner ländlichen Einsamkeit fühlte er das Bedürfniß einer Zerstreuung, einer Anregung, die seine menschenfeindlichen Gedanken verscheuchte und jede Erinnerung an sein früheres Mißgeschick betäubte. Als Jägermeister hatte er das Recht, in den Staatswaldungen zu jagen, und dieser an sich unbedeutende Posten machte ihm mehr Freude, als sein Ludwigskreuz und seine Ernennung zum Escadronschef.

Der Marquis von Souday lebte bereits seit zwei Jahren in seinem kleinen Schlosse und jagte täglich mit seinen sechs Hunden, denn mehr zu halten, erlaubten ihm seine geringen Einkünfte nicht. Seine Nachbarn besuchte er nur so viel, als die Höflichkeit erforderte.

Eines Morgens, als er sich in den nördlichen Theil des Waldes von Machecoul begab, begegnete ihm eine Bäuerin, die auf jedem Arme ein drei- oder vierjähriges Kind trug.

Der Marquis von Souday erkannte die Bäuerin und erröthete.

Es war die Amme aus Yorkshire, welcher er seit drei Jahren das Kostgeld für die beiden Kinder nicht bezahlt hatte. Die brave Frau war nach London gekommen, hatte bei der französischen Gesandtschaft Erkundigungen eingezogen und in der Erwartung, dem Marquis eine große Freude zu bereiten, mit den beiden kleinen Mädchen die Reise angetreten.

Sie hatte sich in der That nicht geirrt. Die kleinen Mädchen erinnerten den Marquis so lebhaft an Eva, daß er sie mit aufrichtiger Rührung und Zärtlichkeit in seine Arme schloß, seine Doppelflinte der Engländerin zu tragen gab und zum größten Erstaunen seiner Köchin die liebliche Beute nach Hause brachte.

Das Verhör, welches er bei der Köchin zu bestehen hatte, war ihm höchst fatal. Der Marquis war erst neununddreißig Jahre alt und ging mit Heirathsgedanken um; denn er hielt es gewissermaßen für seine Pflicht, die alte berühmte Familie Souday nicht erlöschen zu lassen, und überdies hätte er die Sorge für das Hauswesen, die ihm höchst unangenehm war, gern auf eine Frau übertragen.

Die Ausführung dieses Planes wurde aber schwierig, wenn die Kinder unter seinem Dache blieben.

Er bezahlte die Engländerin reichlich und schickte sie am andern Morgen wieder fort.

In der Nacht hatte er einen Entschluß gefaßt, der ihm ein gutes Auskunftsmittel zu seyn schien.




III.

Die Zwillingsschwestern


Der Marquis dachte, als er sich Abends zur Ruhe begab: die Nacht bringt Rath.

Er träumte von den Kämpfen, die er in der Vendée mit Charette bestanden, insbesondere von dem braven Bauerssohn, der sein Adiutant gewesen war, sowie er selbst bei dem Obergeneral den Dienst eines Adjutanten versehen hatte.

Er träumte von Jean Oullier, an den er gar nicht mehr gedacht, den er seit dem Tage, wo er sich im Walde La Chabotière von ihm getrennt, nicht wiedergesehen hatte.

Wie ihm erinnerlich war, hatte Jean Oullier vor dem Vendéekriege im Dorfe La Chevrolière am See Grand-Lieu gewohnt.

Der Marquis von Souday schrieb einen Brief und schickte denselben durch einen reitenden Boten nach La Chevrolière, um zu erfahren, ob ein gewisser Jean Oullier noch in der Gegend wohne. Wenn er noch lebte und sich in der Nähe aufhielt, sollte ihm der Bote den Brief einhändigen, und ihn wo möglich mitbringen. Wenn er zu weit entfernt war, um ihn sogleich aufsuchen zu können, sollte er sich nach seinem Wohnort erkundigen.

Jean Oullier wohnte in La Chevrolière.

Seit seiner Trennung von dem Marquis hatte sich Folgendes zugetragen.

Er war in dem Gebüsch versteckt geblieben und hatte ungesehen beobachtet, was vorging. Er hatte gesehen, wie der General Travot den Oberbefehlshaber der Vendéer gefangen nahm und mit großer Höflichkeit und Schonung behandelte. Aber er mochte wohl noch mehr sehen wollen, denn er blieb noch, als Charette auf eine Tragbahre gelegt und fortgetragen worden war. Es war freilich ein Offizier mit zwölf Mann im Walde geblieben.

Eine Stunde nachdem sich dieser Posten aufgestellt hatte, war ein Vendéer Bauer zehn Schritte von Jean Oullier vorbeigekommen und hatte der blauen Schildwache auf deren Anruf mit dem Worte »Freund« geantwortet. Freilich eine sonderbare Antwort in dem Munde eines royalistischen Landmannes an einen republicanischen Soldaten.

Dann hatte der Bauer ein Losungswort genannt und die Schildwache hatte ihn durchgelassen. Darauf hatte er sich dem Offizier genähert, und dieser hatte ihm mit unbeschreiblichem Abscheu eine mit Gold gefüllte Börse übergeben.

Endlich war der Bauer verschwunden.

Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte sich der Posten dort aufgestellt, um den Bauer zu erwarten; denn kaum war dieser verschwunden, so hatten sich die Soldaten zusammengezogen und ebenfalls den Wald verlassen.

Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte auch Jean Oullier gesehen, was er sehen wollte, denn er kroch aus dem Gebüsch hervor, richtete sich auf, riß die weiße Cocarde von seinem Hut und ging mit der Sorglosigkeit eines Parteigängers, der sein Leben seit drei Jahren täglich aufs Spiel gesetzt, weiter in den Wald.

Noch in derselben Nacht kam er nach La Chevrolière.

Er ging gerade aus die Stelle zu, wo er sein Haus zu finden glaubte; aber er fand nur Trümmer, vom Rauch geschwärzt.

Er setzte sich auf einen Stein und weinte; er hatte in seinen Hause ein Weib und zwei Kinder zurückgelassen.

Jean Oullier hörte Fußtritte und sah sich um.

Ein Bauer ging vorüber; Jean Oullier erkannte ihn trotz der Dunkelheit.

Er rief: »Tinguy!«

Der Bauer kam näher.

»Wer bist Du?« fragte er.

»Ich bin Jean Oullier,« antwortete der Chouan.

»Gott behüte Dich!« erwiderte Tinguy und wollte weiter gehen.

Jean Oullier hielt ihn zurück.

»Du mußt mir antworten,« sagte er.

»Bist Du ein Mann?«

»Ja.«

»Gut, dann frage, ich will Dir antworten.«

»Mein Vater?«

»Ist todt.«

»Meine Frau?«

»Todt.«

»Meine beiden Kinder?«

»Todt.«

»Ich danke,« sagte Oullier und fiel auf die Knie und betete.

Es war Zeit; er weinte nicht mehr und er war schon im Begriffe, seiner Wuth durch gotteslästerliche Reden Luft zu machen.

Er betete für die Todten. Endlich stand er auf und legte sich auf die geschwärzten Trümmer, um zu schlafen.

Am frühen Morgen legte er so ruhig und entschlossen Hand ans Werk, als ob sein Vater noch den Pflug gelenkt; sein Weib noch am Herde gesessen und seine Kinder noch vor der Thür gespielt hätten.

Ohne fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen, baute er seine Hütte wieder auf.

Er lebte fortan als Tagelöhner, und wer ihm gerathen hätte, von den Bourbons den Lohn für das, was er mit Recht oder Unrecht für seine Pflicht hielt, zu fordern, würde das Ehrgefühl des armen Bauers verletzt haben.

Jean Oullier ließ natürlich nicht lange auf sich warten, als er einen Brief von dem Marquis erhielt, in welchem ihn dieser seinen alten Cameraden nannte und ihn aufforderte, sogleich zu ihm ins Schloß zu kommen.

Er verschloß seine Hausthür, steckte den Schlüssel in die Tasche und ging sogleich fort. Er lebte ja allein und hatte Niemand von seinem Fortgehen zu benachrichtigen.

Der Bote wollte ihm das Pferd überlassen oder wenigstens mit ihm theilen; aber Jean Oullier schüttelte den Kopf.

»Gott sey Dank,« sagte er, »meine Füße sind gut.«

Er legte eine Hand auf den Hals des Pferdes und setzte sich in kurzen Trab.

Abends war Jean Oullier im Schlosse Souday.

Der Marquis empfing ihn mit sichtbarer Freude; den ganzen Tag war er von dem Gedanken gemartert worden, Jean Oullier sey abwesend oder todt.

Er dachte dabei natürlich nur an sich selbst, denn wir kennen den Marquis von Souday bereits als einen Egoisten. Der Marquis erzählte dem treuen Freunde seine Lage und die Verlegenheiten, die für ihn daraus entstehen konnten.

Jean Oullier, dessen zwei Kinder gemordet worden waren, begriff nicht, wie sich ein Vater von seinen Kindern trennen konnte. Er nahm indeß den Antrag des Marquis, der ihm für die nächsten zwei oder oder drei Jahre seine beiden Kinder anvertrauen wollte, bereitwillig an. Später sollten die Mädchen in einer Kostschule die nöthige Ausbildung erhalten. Jean Oullier sollte in La Chevrolière oder in der Umgegend eine brave Frau aufsuchen, die bei den Kindern die Stelle der Mutter vertreten sollte, – so weit es nämlich möglich ist, bei Waisen die Mutter zu ersetzen.

Die Zwillingsschwestern waren so allerliebst so munter und freundlich, daß Jean Oullier sie sogleich liebgewann. Er meinte, sie erinnerten ihn mit ihren rosigen Gesichtchen und ihren langen Locken an die Engel, welche vormals, ehe sie zertrümmert worden, die heilige Jungfrau am Hauptaltare zu Grand-Lieu umschwebt hatten.

Es wurde also beschlossen, daß Jean Oullier die beiden Kinder am andern Morgen mitnehmen sollte.

Zum Unglück hatte es die ganze Zeit zwischen der Abreise der Amme und der Ankunft Oullier’s geregnet. Der Marquis, der sein Schloß nicht verlassen konnte, fing an sich zu langweilen, und zum Zeitvertreib hatte er mit den beiden Kindern gespielt. Wie Heinrich IV. hatte er die Kleinen auf seinen Rücken gesetzt und war auf allen Vieren im Zimmer herumgekrochen; ja, um die Sache noch unterhaltender zu machen, hatte er abwechselnd die Töne des Waldhorns und das Gebell einer Meute nachgeahmt.

Die Jagd zwischen vier Wänden hatte den Marquis von Souday ungeheuer amüsiert und die kleinen Mädchen hatten noch nie so viel gelacht.

Ueberdies hatten sie großen Gefallen gefunden an den Zärtlichkeiten, mit denen er sie überhäuft, vermuthlich um die Vorwürfe, die ihm sein Gewissen über die neue Trennung machte, zu beschwichtigen.

Die Zuneigung und Dankbarkeit der beiden Kinder schien seinen ganzen Plan zerstören zu wollen. Als nämlich der Wagen, der die Kleinen abholen sollte, vor der Schloßtreppe erschien, begannen sie jämmerlich zu schreien. Bertha stürzte auf ihren Vater zu und umklammerte seine Knie so fest, daß es der Marquis nicht über sich gewinnen konnte, ihre Händchen mit Gewalt loszumachen. Mary hatte sich auf eine Stufe gesetzt und weinte so bitterlich, daß Jean Oullier durch diesen stillen Schmerz noch tiefer gerührt wurde, als durch die stürmische Verzweiflung der andern Schwester.

Der Marquis von Souday bot seine ganze Beredsamkeit auf, den beiden Kindern einzureden, wenn sie in den Wagen stiegen, würden sie weit mehr Zuckerwerk und Vergnügen haben, als wenn sie bei ihm blieben; aber je mehr er sprach, desto trauriger schluchzte Mary, desto toller geberdete sich Bertha.

Der Marquis fing an, ungeduldig zu werden, und als er sah, daß die Ueberredung nichts half, war er schon im Begriff, Gewalt zu brauchen, aber zum Glück bemerkte er, daß zwei Thränen über die gebräunten Wangen Oullier’s rannen und sich in dem dichten Backenbart, der sein Gesicht umgab, verloren.

Diese Thränen waren zugleich eine Bitte für den Marquis, ein Vorwurf für den Vater.

Auf seinen Wink spannte Oullier das Pferd aus, und während Bertha, die den Wink verstanden hatte, vor Freude tanzte, sagte der Marquis dem Bauer ins Ohr:

»Du gehst morgen.«

Da das Wetter schön war, so wollte der Marquis die Anwesenheit Oullier’s benützen und mit ihm auf die Jagd gehen. Er führte ihn daher in sein Zimmer, um ihn auszurüsten.

Jean Oullier war erstaunt über die schreckliche Unordnung, die in dem Zimmer seines Herrn herrschte. Dieser benutzte die Gelegenheit, über seine Haustyrannin zu klagen, die zwar die Küche recht gut besorgte, aber das übrige Hauswesen schmählich vernachlässigte.

Der Marquis mußte länger als zehn Minuten suchen, ehe er eine Jacke fand, an der nicht alle Knöpfe fehlten, oder ein Beinkleid, welches sich nicht in einem unziemlichen Zustande der Auflösung befand. Endlich wurde die nöthige Ausrüstung aufgefunden.

Der Marquis war freilich Wolfsjägermeister, aber er war zu arm, einen Rüdenknecht zu halten; daher kehrte er gemeiniglich ohne Jagdbeute heim.

Mit Jean Oullier war es anders.

Der kräftige Bauer erstieg mit der Leichtigkeit eines Rehbocks die steilsten Anhöhen des Waldes; er sprang über die breitesten Gräben und blieb nie hinter den Hunden zurück, und schon auf der ersten Jagd wurde ein starker Keiler erlegt.

Der Marquis kam daher seelenvergnügt nach Hause und dankte Jean Oullier für den genußreichen Tag, den er ihm verdankte.

Bei Tische war er in der heitersten Laune und erfand neue Spiele, um die beiden Kinder zu unterhalten.

Als er sich Abends in sein Zimmer zurückzog, fand er Jean Oullier mit gekreuzten Beinen, nach Art der Türken oder Schneider, in einem Winkel sitzen. Ein großer Haufe Kleider lag vor ihm und in der Hand hielt er eine alte Sammtjacke, deren schadhafte Stellen er ausbesserte.

»Was zum Teufel machst Du da?« fragte ihn der Marquis.

»Wenn man seit mehr als zwanzig Jahren allein gelebt hat,« antwortete Jean Oullier, »so muß man von Allem etwas können; ein alter Soldat kommt auch nie in Verlegenheit.«

»Ich bin doch auch Soldat gewesen« entgegnete der Marquis.

»Nein, Sie waren Offizier; das ist ganz etwas Anderes.«

Der Marquis von Souday sah Jean Oullier mit Bewunderung an und ging zu Bett, ohne daß sich der alte Chouan in seiner Arbeit stören ließ.

Mitten in der Nacht erwachte der Marquis.

Jean Oullier arbeitete noch. Der Kleiderhaufe war nicht merklich kleiner geworden.

»Du wirst nicht zu Ende kommen, wenn Du auch die ganze Nacht arbeitest, armer Jean!« sagte der Marquis.

»Ach! ja, ich fürchte es auch.«

»Geh zu Bett, alter Camerad; Du sollst nicht fort, bis dieser Plunder etwas in Ordnung ist, und morgen gehen wir wieder auf die Jagd.«




IV.

Wie Jean Oullier, der auf eine Stunde zum Marquis gekommen war, noch bei ihm seyn würde, wenn Beide nicht seit zehn Jahren todt waren


Ehe der Marquis am andern Morgen auf die Jagd ging, fühlte er das Verlangen seine Kinder zu umarmen.

Er ging in ihr Zimmer und fand zu seinem Erstaunen den Allerweltsmann Jean Oullier, der ihm zuvorgekommen war und die beiden Kleinen mit bonnenhafter Geduld und Beharrlichkeit wusch und ankleidete. Der arme Mann, der sich dabei seiner verlorenen Kinder erinnerte, schien große Freude an diesem Geschäft zu finden.

Die Bewunderung des Marquis wurde fast zur Ehrfurcht.

Acht Tage wurde ohne Unterbrechung gejagt, und jeden Abend kehrten Herr und Diener mit reicher Beute heim.

Jean Oullier war abwechselnd Jäger und Hausverwalter. Abends arbeitete er fleißig an der Verjüngung der Toilette seines Herrn, und er fand noch Zeit, das Haus von oben bis unten zu säubern und aufzuräumen.

Der Marquis von Souday dachte mit Schrecken an die vielleicht unvermeidliche Trennung von einem so unbezahlbaren Diener. Er wußte in der That nicht, welche treffliche Eigenschaft des Vendéer er am meisten bewundern sollte. Jean Oullier schien in der That den feinen Geruch eines Schweißhundes zu haben, denn er wußte im bethauten Grase wie auf den steinigen Waldwegen, die für Andere nicht sichtbare Fährte des Ebers zu finden und sogar dessen Alter zu bestimmen. Er folgte den Hunden so gut zu Fuß wie ein berittener Jäger. Und wenn die ermüdeten Hunde zu Hause bleiben mußten, so führte er seinen Herrn in die Gehäge, wo viele Schnepfen und Birkhühner waren.

»Mit der Heirath lasse ichs gut seyn,« sagte der Marquis zuweilen nach langem Besinnen, wenn man ihn mit ganz andern Dingen beschäftigt glaubte, »was soll ich auch in dieser Galeere, in welcher ich die bravsten Männer mit Unwillen und Verdruß rudern gesehen? Ich bin ja nicht jung mehr, ich habe meine vierzig Jahre auf dem Rücken und hege keine Verführungsgedanken mehr; ich könnte daher mit meiner Jahresrente von dreitausend Francs, von der die Hälfte mit mir stirbt, höchstens eine alternde Witwe in Versuchung führen – und dann würde ich in meinen vier Wänden eine zänkische, zimperliche Marquise von Souday haben, die mir vielleicht die Jagd untersagen und das Hauswesen gewiß nicht besser besorgen würde als der brave Jean. – Aber soll man in unserer Zeit die altberühmten Geschlechter, die Stützen der Monarchie, erlöschen lassen? Wäre es nicht ein süßer Trost für mich, einen Sohn zu haben, der die Ehre und den Glanz meines Hauses wiederherstellte? Und was werden die Nachbarn, welche nie von einer Marquise von Souday gehört, von den beiden kleinen Mädchen denken?«

Diese Grübeleien, denen er sich gemeiniglich an Regentagen überließ, brachten ihn zuweilen in die peinlichste Verlegenheit, und er machte derselben ein Ende, ohne einen Entschluß zu fassen. Er ließ es vor der Hand beim Alten.

Im Jahre 1831, als Bertha und Mary ihr siebzehntes Jahr erreicht hatten, dauerte dieser provisorische Zustand noch fort. Der Marquis von Souday war noch nicht einmal fest entschlossen, seine Töchter bei sich zu behalten.

Jean Oullier der den Schlüssel zu seinem Hause an einen Nagel gehängt hatte, war seit vierzehn Jahren noch nicht ein einzigen Mal auf den Gedanken gekommen, seinen Hausschlüssel vom Nagel zu nehmen und wieder nach La Chevrolière zu gehen. Er hatte geduldig den Befehl seines Herrn abgewartet; und da das Schloß seit seiner Ankunft sauber und nett war, da der Marquis nicht ein einzigen Mal über Mangel an Knöpfen geklagt hatte; da seine Jagdstiefel immer gehörig geschmiert, die Gewehre in gutem Stande waren; da Jean Oullier sogar – was kaum glaublich – die böse Zunge der Köchin zum Schweigen gebracht hatte; da die Hunde jederzeit schmuck und blank, weder zu mager noch zu fett waren und viermal wöchentlich eine acht- bis zehnstündige Jagd aushalten konnten; da endlich die Erzählungen aus dem bereits in den Sagenkreis getretenen Kriege an Regentagen und in den langen Winterabenden ein Bedürfniß für den Marquis geworden waren: so hatte dieser die Trennung von Tag zu Tag, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr aufgeschoben.

Jean Oullier hatte seinerseits triftige Gründe, nicht auf eine Entscheidung zu dringen. Der brave Mann hatte, wie wir gesehen, die kleinen Zwillingsschwestern sogleich nach seiner Ankunft in Souday lieb gewonnen, und diese Zuneigung war mit der Zeit zur innigsten Zärtlichkeit, zur fanatischen Verehrung geworden. Anfangs war er nicht recht im Klaren gewesen, welchen Unterschied der Marquis zwischen den Zwillingsschwestern und den Kindern, die er in seiner Ehe zu bekommen hoffte, machen würde. In Niederpoitou gilt die Heirath für das einzige Mittel, ein Mädchen wieder zu ehren zu bringen. Dies war freilich nach dem Tode Eva’s nicht mehr möglich; aber Jean Oullier fand es natürlich, daß der Marquis seine Vaterschaft anerkenne; er würde sich daher nach zweimonatlichem Aufenthalte einem wiederholten Befehle zur Abreise auf das Entschiedenste widersetzt haben; aber zum Glücke für den treuen Diener konnte der Marquis keinen festen Entschluß fassen, so dass Jean Oullier die Anwesenheit der beiden kleinen Mädchen als ein ihnen zustehenden Recht, und als eine Pflicht für seinen Herrn betrachtete.

Bertha und Mary sind im achtzehnten Jahre. Das Geschlecht der Souday ist durch die Mischung mit dem kräftigen anglosächsischen Blute wunderbar aufgefrischt worden. Die beiden Mädchen sind zart und schlank, ihre Gesichtsbildung ist regelmäßig schön, ihr Anstand fein und edel. Sie sind einander ähnlich, wie alle Zwillinge, aber Bertha ist brünett wie ihr Vater, Mary hingegen blond wie ihre Mutter.

Leider hatte ihre hauptsächlich auf die physische Entwicklung gerichtete Erziehung die geistige Ausbildung vernachlässigt. Bei der Unschlüssigkeit und Sorglosigkeit des Vaters konnte es nicht wohl anders seyn.

Jean Oullier war der einzige Lehrer der beiden Mädchen gewesen, so wie er anfangs ihre einzige Wärterin gewesen war. Der brave Vendéer hatte sie Alles gelehrt, was er selbst wußte: lesen, schreiben, rechnen, andächtig beten. Frühzeitig kamen auch die gymnastischen Uebungen an die Reihe im Anfange dieser Erzählung sehen wir die beiden Schwestern als geschickte Schützen und gewandte Reiterinnen, sie können einen Vogel im Fluge, einen Rehbock im schnellsten Laufe erlegen; sie bändigen die wildesten Pferde mit einer Sicherheit, deren sich die Gauchos in den Prairien Amerika’s nicht zu schämen hätten.

Der Marquis von Souday hatte ruhig zugesehen, ohne daß es ihm eingefallen war, der Erziehung seiner Töchter eine andere Richtung zu geben. Er freute sich, tüchtige Jagdgenossinnen in ihnen zu finden, welche mit ihrer ehrerbietigen, kindlichen Zärtlichkeit eine amazonenartige Kühnheit verbanden, welche seinen Partien einen höheren Reiz gab.

Um gerecht zu seyn, dürfen wir nicht verschweigen, daß der Marquis nach bestem Wissen und Gewissen die in der Ausbildung seiner Töchter gelassenen Lücken aufzufüllen suchte. Als Bertha und Mary ihr vierzehntes Jahr erreicht hatten, als sie anfingen, ihren Vater in den Wald zu begleiten, verloren die Kinderspiele, welche sonst die Abende ausgefüllt hatten, ihren Reiz. Der Marquis gab den Mädchen nun Unterricht im Whistspiele.

Bertha und Mary hatten übrigens nicht unterlassen, zur Ausfüllung der Lücke in ihrer Erziehung durch Selbststudium beizutragen. Sie hatten ein Zimmer entdeckt, welches wahrscheinlich seit dreißig Jahren verschlossen gewesen war.

Dieses Zimmer war die Bibliothek welche etwa tausend Bände enthielt. Die beiden Schwestern wählten unter den Büchern nach ihrem Geschmacke. Die sanfte, empfindsame Mary gab den Romanen, die lebhaftere Bertha den Geschichtswerken den Vorzug. Dann theilten sie einander das Gelesene mit: Mary erzählte von Amadis, von Paul und Virginie; Bertha machte ihre Schwester mit Mézeray und Velly bekannt.

Durch diese planlose Lectüre bekamen die beiden Mädchen ziemlich falsche Begriffe von dem wirklichen Leben und von den Sitten und Ansprüchen einer Welt, die sie nie gesehen hatten, und kaum vom Hörensagen kannten.

Bei ihrer ersten Kommunion machte der Pfarrer von Machecoul, der ihnen wegen ihrer Frömmigkeit und Herzensreinheit sehr gut war, einige schüchterne Bemerkungen über das sonderbare Leben, welches sie führen mußten; aber seine freundlichen Vorstellungen scheiterten an der Gleichgültigkeit und Selbstsucht des Marquis von Souday.

Aus dieser Erziehung waren Gewohnheiten entstanden, welche die Zwillingsschwestern, deren Verhältnisse den Lästerzungen ohnedies überreichen Stoff boten, in sehr schlechten Ruf gebracht hatten.

Der Marquis von Souday war von neugebackenen Edelleuten umgeben, die ihn um seinen berühmten Namen beneideten und nach einer Gelegenheit haschten, ihm die Verachtung, mit welcher seine Ahnen wahrscheinlich ihre Großväter behandelt hatten, mit reichen Zinsen zurückzugeben. Als er daher die Sprößlinge einer wilden Ehe in seinem Hause behielt und seine Töchter nannte, fing man an über sein Leben in London die schrecklichsten Dinge auszuposaunen; man übertrieb seine Fehler; man machte aus der armen Eva, die durch ein Wunder der Vorsehung so rein erhalten worden, eine Gassendirne, und bald zogen sich die Krautjunker zu Beauvoir, St. Léger, Bourgneuf, St. Philibert und Grand-Lieu von dem Marquis zurück; man glaubte den neuen Adel nicht sorgfältig genug gegen jede von den Lästerzungen verschriene Berührung schützen zu können. Anfangs hatten vorzugsweise die alten Weiber männlichen Geschlechts über die Sündhaftigkeit des Marquis Ach und Weh geschrien; in der Folge aber wurden alle Mütter und Töchter in einem Umkreise von zehn Meilen über die Schönheit der Zwillingsschwestern so wüthend, daß die Sache bedenklich zu werden drohte.

Wären Bertha und Mary häßlich gewesen, so würden die frommen Damen und Fräulein in christlichem Mitleide dem armen Erbherrn von und zu Souday vielleicht seine unanständige Vaterschaft verziehen haben; aber war es nicht empörend, daß die beiden Mädchen durch Schönheit und edlen Anstand die wohlgeborensten Fräulein der Umgebung in den Schatten stellten?

Solche Unverschämtheit verdient weder Schonung noch Mitleid.

Die Entrüstung gegen die beiden armen Mädchen war so allgemein, daß sie selbst wenn sie der Lästersucht keinen Stoff geboten hätten, vor den bösen Zungen nicht sicher gewesen wären; man denke sich daher, wie die amazonenartige excentrischen Gewohnheiten der beiden Schwestern ausgebeutet wurden.

Es erhob sich bald ein allgemeines Zetergeschrei, welches sich von dem Departement der Nieder-Loire über die Departements der Vendée und Maine und Loire verbreitete. Hätte das Meer die Küste der Niederloire nicht begrenzt, dieses Zetergeschrei würde sich gewiß eben so weit nach Westen wie nach Süden und Osten verbreitet haben. Bürger und Edelleute, Städter und Bauern stimmten in dasselbe ein. Junge Männer, welche Mary und Bertha kaum gesehen hatten, sprachen von den Töchtern des Marquis von Souday mit selbstgefälligem Lächeln, welches voll von Hoffnungen, vielleicht gar voll von Erinnerungen zu seyn schien. Die alten Damen schlugen ein Kreuz, wenn von ihnen gesprochen wurde.

Die Gouvernanten drohten mit ihnen den kleinen Kindern, wenn sie nicht artig seyn wollten.

Die Nachsichtigsten dichteten den Zwillingsschwestern die drei Hauptpassionen der Hubertusjünger an: Liebe Spiel, Wein. Andere hingegen versicherten alles Ernstes, das kleine Schloß Souday sey jeden Abend der Schauplatz wüster Gelage. Kurz, Bertha und Mary wurden so verlästert, daß sie ungeachtet ihrer Harmlosigkeit und Sittenreinheit ein Gegenstand des Abscheues für die ganze Umgegend wurden.

Durch die Dienerschaft auf den Landgütern, durch die Arbeiter, welche mit den Bürgersleuten in Berührung kamen, selbst durch die Leute, denen sie Gutes thaten, theilte sich dieser Haß dem niederen Volke mit, so daß mit Ausnahme einiger Kranken und Nothleidenden, welche von den beiden Schwestern unmittelbar unterstützt wurden, die ganze Bevölkerung in Blousen und Holzschuhen das Echo der von den Honoratioren erfundenen abgeschmackten Geschichten war, und kein Holzhauer in Machecoul, kein Landmann in Philibert oder Aigrefeuille würde vor den beiden Schwestern den Hut abgenommen haben.

Die Bauern hatten, ihnen einen Spottnamen gegeben, der bald in den höheren Regionen verbreitet wurde, weil er die gemeinen Gelüste, welche man dem Schwesterpaare zur Last legte, ganz treffend bezeichnete.

Man nannte sie die Wölfinnen von Machecoul.




V.

Eine Wolfsjagd


Der Marquis von Souday blieb ganz gleichgültig bei diesen Aeußerungen des allgemeinen Tadels, ja er schien nicht einmal eine Ahnung davon zu haben. Als er bemerkte, daß man die seltenen Besuche, die er seinen Nachbarn machen zu müssen glaubte, nicht erwiderte, rieb er sich erfreut die Hände, denn er glaubte von einem schweren Frohndienst befreit zu seyn.

Von Zeit zu Zeit kam ihm wohl von den Verleumdungen, die über Bertha und Mary im Umlauf waren, etwas zu Ohren, aber er war so glücklich zwischen seinem Factotum, seinen Töchtern und seinen Hunden, daß er dieses alberne Geschwätz ganz unbeachtet ließ, um seine Ruhe nicht zu stören. Er hegte nach wie vor Hasen und Füchse, erlegte zuweilen einen Keiler und spielte Abends Whist mit den armen verleumdeten Mädchen.

Jean Oullier besaß keineswegs den philosophischen Gleichmuth seines Herrn; er hatte auch weit mehr Gelegenheit, von den verleumderischen Gerüchten zu erfahren.

Seine zärtliche Zuneigung zu den Kindern war nach und nach zur schwärmerischen Verehrung geworden: er konnte sich nicht satt an ihnen sehen, gleichviel ob sie gemüthlich plaudernd im Salon saßen oder im langen Reitkleide mit rundem Federhut und flatternden Locken an seiner Seite galoppirten. Dann dachte er mit Freude und Stolz, daß er zur Entwickelung dieser vollendet schönen und zugleich so herzensguten Mädchen das Seine beigetragen, und er wunderte sich, daß sich das Weltall nicht vor ihnen beugte.

Die Ersten, welche von den in der Umgegend verbreiteten Gerüchten sprachen, wurden von ihm so derb zurückgewiesen, daß den Andern die Lust dazu verging. Aber Jean Oullier errieth schon aus Blicken, Mienen, Winken, was von seinen Lieblingen gedacht wurde. Er war sehr betrübt über die Verachtung, mit der sich Reiche und Arme über die beiden Schwestern äußerten, und wenn er den Regungen seines Gefühls gefolgt wäre, so würde er jede beleidigende Aeußerung, ja selbst jedes respectwidrige Naserümpfen auf der Stelle mit seiner gewichtigen Faust bestraft haben; aber sein gesunder Verstand sagte ihm, daß Bertha und Mary durch andere Mittel in Schutz genommen und gerechtfertigt werden müßten. Ueberdies fürchtete er, und dies war seine größte Besorgniß, daß die beiden Schwestern in Folge eines solchen öffentlichen Exempels, welches er so gern statuirt hätte, von dem Gerede Kenntniß bekommen könnten.

Der arme Jean Oullier ertrug daher mit Geduld, wenn auch nicht ohne Kummer und Thränen, die boshaften Verleumdungen, welche über seine Lieblinge verbreitet wurden. Er wurde dadurch ein Menschenfeind, und er hatte wohl Ursache, die Menschen zu hassen, denn er mußte ja in allen Nachbarn die Feinde, die Verfolger der beiden Schwestern erblicken.

Die Revolution von 1830 hatte ihm nicht die gewünschte Gelegenheit geboten, seine Rachepläne in Ausführung zu bringen. Aber er wartete auf eine günstigere Gelegenheit: die »Emeute«, welche noch täglich in den Straßen von Paris auszubrechen drohte, konnte sich ja leicht über die Provinzen verbreiten.

An einem schönen Septembermorgen jagte der Marquis von Souday mit seinen Töchtern, Jean Oullier und seiner Meute im Walde von Machecoul. Es war ein längst ersehnter Tag, von welchem sich der Marquis einen wahren Hochgenuß versprach.

Man wollte nämlich junge Wölfe fangen, deren Lager Jean Oullier entdeckt hatte, als sie noch blind waren, und die er seitdem mit der Zärtlichkeit eines echten Wolfsjägers gehegt und gepflegt hatte. Wenn es nämlich keine Wölfe mehr gab, so wurde auch das Amt eines Wolfsjägermeisters überflüssig; es ist daher Jean Oullier, als dem Faktotum des Letzteren, wohl zu verzeihen, daß er gegen die jungen Wölfe und ihre Mutter nicht so strenge verfuhr, wie gegen einen Wolf männlichen Geschlechts.

Dazu kommt, daß ein alter Wolf sowohl auf der Hetze als auf der Treibjagd schwer zu erlegen, die Jagd auf einen jungen Wolf von fünf bis sieben Monaten angenehm und unterhaltend ist.

Um seinem Herrn daher dieses schöne Vergnügen zu bereiten, hatte sich Jean Oullier wohl gehütet, die Wölfin mit ihren Jungen zu beunruhigen oder zu verscheuchen. Auf einige Schafe, welche die Alte auf jeden Fall den benachbarten Bauern rauben würde, kam es ihm dabei nicht an; er hatte den kleinen Wölfen von Zeit zu Zeit einen freundschaftlichen Besuch abgestattet, um sich zu überzeugen, ob auch Niemand eine respectwidrige Hand an sie lege. Und mit wahrer Freude hatte er endlich bemerkt, daß die verständige Mutter sie zum ersten Male spaziren geführt.

Als sie endlich »jagdbar« geworden waren, hatte er sie in einem Gehäge aufgespürt und die sechs Hunde des Marquis auf einen von ihnen losgelassen.

Der junge Wolf, der nicht wußte, was das Hundegebell und das Blasen des Waldhorns bedeutete, verließ seine Mutter und seine Brüder und lief in ein anderes Gehölz, wo er sich wie ein Hase hetzen ließ. Endlich setzte er sich ermattet nieder und wartete.

Er sollte bald erfahren was man von ihm wollte; denn Domino, einer der Hunde des Marquis, faßte ihn und brach ihm das Genick.

Jean Oullier rief seine Hunde wieder zusammen und zehn Minuten nachher ward der Bruder des Verendeten aufgejagt.

Dieser lief nicht so weit; die Hunde wurden bald durch die übrigen jungen Wölfe, bald durch die alte Wölfin irregeleitet, aber Jean Oullier führte sie immer wieder auf die rechte Fährte. Endlich kehrte der von allen Seiten bedrängte junge Wolf um, verließ das Gehölz und kam dem Marquis und seinen Töchtern in den Wurf. In seiner Angst versuchte er zwischen den Füßen der Pferde hindurch zu schlüpfen, aber der Marquis bückte sich rasch, faßte ihn beim Schweif und warf ihn den nacheilenden Hunden zu.

Der Marquis, durch diesen doppelten Fang in die heiterste Laune versetzt, wollte es dabei nicht bewenden lassen. Während er sich mit Jean Oullier berieth, lief die Wölfin, welche wohl merken mochte, daß es auf ihre noch übrigen Sprößlinge abgesehen war, zehn Schritte von den Hunden über den Weg. Die noch nicht wieder zusammengekoppelte kleine Meute eilte ihr heulend nach.

Alles Rufen und Schreien und Peitschengeknall blieb fruchtlos, die Hunde ließen sich nicht zurückhalten.

Jean Oullier lief ihnen nach. Der Marquis und seine Töchter setzten ihre Pferde in Galopp, um die Meute einzuholen.

Aber die Hunde verfolgten keinen furchtsamen, unentschlossenen, jungen Wolf mehr, sondern ein kühnes, kräftiges, gewandtes Thier, welches unbekümmert um Schluchten und Felsen und Bäche ohne Furcht und allzu große Hast immer geradeaus lief. Von Zeit zu Zeit wurde die Wölfin von der kleinen Meute erreicht, aber sie trabte unbekümmert zwischen den Hunden fort, welche sie durch ihre grimmigen Blicke, hauptsächlich aber durch das Klappern ihres furchtbaren Gebisses im Schach hielt.

Jean Oullier war immer drei- bis vierhundert Schritte hinter seinen Hunden. Der Marquis und seine Töchter hingegen mußten oft einen Umweg machen und blieben zurück.

Als sie den Saum des Waldes erreicht hatten, bemerkten sie in der Ferne zwischen Machecoul und La Billardière die Hunde mit der Wölfin und hinter ihnen den unermüdlichen Jean Oullier. Das verfolgte Thier lief noch immer in gerader Richtung fort.

»Zehn Tage von meinem Leben würde ich geben,« sagte der Marquis in seinem Eifer, »wenn ich jetzt drüben wäre und der Wölfin eine Kugel durch den Leib jagen könnte.«

Die beiden Mädchen machten einige Gegenvorstellungen, waren indeß bereit, ihrem Vater zu folgen.

»Also vorwärts,« sagte der Marquis und gab seinem Pferde die Sporen.

Der Weg, aus welchem der Marquis fortsprengte, war steinig und von tiefen Geleisen und Rinnen durchschnitten. Die Pferde, welche keinen festen Fuß fassen konnten, stolperten oft und würden gestürzt seyn, wenn sie nicht von geschickten Händen gehalten worden wären. Auf Nebenwegen war indes; der »Heidewald«, auf welchen die Wölfin mit der Meute zueilte, nicht zeitig genug zu erreichen.

Der Marquis, der ein kräftigeres Pferd ritt als seine Töchter war einige hundert Schritte voraus. Er bemerkte ein offenes Feld, und ohne seinen Töchtern einen Wink zu geben, verließ er die Straße und ritt querfeldein.

Bertha und Mary, die ihrem Vater immer zu folgen glaubten, ritten auf dem holperigen Wege fort.

Als sie wohl seit einer Viertelstunde von ihrem Vater getrennt waren, kamen sie in einen tiefen Hohlweg, dessen Seiten mit Hecken besetzt waren. Sie hielten hier plötzlich an, denn sie glaubten das Bellen ihrer Hunde in geringer Entfernung zu hören.

Gleich darauf fiel ein Schuß; ein Hase mit blutrothen, zerschossenen Ohren huschte aus der Ecke in den Hohlweg, und oben auf dem Felde trieb eine laute Stimme die Hunde zum Verfolgen des Hasen an.

Die beiden Schwestern, welche in die Jagd eines Nachbars gerathen zu seyn glaubten, wollten sich schnell entfernen; da sahen sie an der Stelle, wo der Hase hindurchgeschlüpft war, den wohlbekannten Rustaud, einen von ihres Vaters Hunden, und gleich darauf Faraud, dann Bellande, dann Domino, endlich Fanfare aus der Hecke hervorstürzen. Die Rüden verfolgten den angeschossenen Hasen so eifrig, als ob sie an diesem Tage kein edleres Wild gewittert hätten.

Aber kaum war der sechste Hund aus der schmalen Heckenöffnung hervorgekommen, so schaute ein Menschenantlitz aus derselben hervor.

Es war ein jugendliches Gesicht, bleich und verstört, mit verworrenem Haar und wild starrenden Blicken. Der junge Mann gab sich alle Mühe, durch die enge Oeffnung der Hecke hindurchzuschlüpfen, und während er sich durch das Gestrüpp arbeitete, rief er den Hunden unaufhörlich nach. Bertha und Mary erkannten die Stimme, welche sie fünf Minuten zuvor unmittelbar nach dem Schusse gehört hatten.




VI.

Der angeschossene Hase


Aber die Hecken in Niederpoitou wie in der Bretagne bestehen gemeiniglich aus jungen Eichen, welche gebogen und in einander geflochten werden. Wenn daher ein Hase und sechs Hunde durch eine Oeffnung geschlüpft sind, so folgt daraus noch nicht, daß die Oeffnung ein bequemer Durchgang für Menschenkinder seyn müsse. Der junge Mann steckte mit dem Halse in dem Loche fest, und vergebens bot er alle seine Kräfte auf, um sich durchzudrängen, vergebens ritzte er sich Hände und Gesicht blutig, er kam keinen Zoll vorwärts.

Der junge eifrige Jäger verlor indeß den Muth nicht, er arbeitete mit verzweifelter Anstrengung, um die Lücke zu erweitern. Da hörte er auf einmal ein lautes Gelächter.

Er sah sich um und bemerkte die beiden reizenden Amazonen, welche, auf den Hals ihrer Pferde gebeugt, ihrer Heiterkeit freien Lauf ließen.

Ganz beschämt über die lächerliche Figur, die er den beiden schönen Mädchen gegenüber spielte, wollte der junge Jäger den Kopf zurückziehen; aber die fatale Hecke ließ ihn nicht los, die Dornen hielten Kleider und Waidtasche fest, er konnte nicht zurück, er saß in der Hecke fest, wie in einer Falle. Das Gelächter der beiden Zuschauerinnen wurde immer lauter und ausgelassener.

Der arme Gefangene, der seine Anstrengungen verdoppelte, machte dabei ein so verzweifeltes Gesicht, daß Mary Mitleid mit ihm bekam.

»Still, Bertha!« sagte sie zu ihrer Schwester, »Du siehst ja, daß wir ihm durch unsere Schadenfreude weh thun.«

»Es ist wahr,« antwortete Bertha, »aber wer könnte dabei wohl ernsthaft bleiben!«

Sie sprang, immerfort lachend, vom Pferde, und eilte dem Gefangenen zu Hilfe.

»Mein Herr,« sagte sie zu ihm, »ich glaube, daß Ihnen einige Hilfe nicht unnütz seyn würde. Wollen Sie meinen und meiner Schwester Beistand annehmen?«

Die Eigenliebe des unglücklichen Jägers war durch das Gelächter der beiden Mädchen noch empfindlicher verletzt worden, als durch die Dornen, welche ihm die Haut blutig geritzt, hatten; er vergaß daher über der höflichen Anrede keineswegs die lächerliche Rolle, zu der er sich verurtheilt sah.

Er gab keine Antwort, er wollte sich selbst ohne fremde Hilfe aus der Klemme ziehen. Er machte noch einen verzweifelten Versuch, sich vorwärts zu drängen; aber zum Unglücke stieß er mit der Stirne gegen den schräg abgehauenen Stumpf eines Astes. Die scharfe Kante des harten Holzes drang wie ein Messer in die Stirnhaut; der Verwundete schrie laut auf, und sogleich strömte ihm das Blut über das Gesicht.

Die beiden Schwestern erschraken über diesen Unfall, dessen unfreiwillige Ursache sie waren, eilten auf den Verwundeten zu, faßten ihn bei den Schultern, bogen einige Zweige zurück, zogen ihn aus der Ecke hervor und setzten ihn auf die Böschung des Hohlweges.

Mary, welche die starkblutende Wunde für gefährlicher hielt, als sie wirklich war, zitterte vor Schrecken; Bertha hingegen verlor keinen Augenblick die Besonnenheit.

»Laufe hinunter an den Bach,« sagte sie zu ihrer Schwester, »und tauche dein Sacktuch ein, damit wir dem Verwundeten das Blut abwischen.«

Während Mary sich entfernte, wandte sie sich wieder zu dem jungen Jäger und fragte:

»Haben Sie viele Schmerzen?«

»Ich weiß in der That nicht, mein Fräulein,« erwiderte er, »ob mir der Kopf innen oder außen weh thut. Ich habe in diesem Augenblicke gar viel zu denken – O, mein Gott! warum habe ich den Rath meiner Mutter nicht befolgt!«

Der verwundete Jäger war erst zwanzig Jahre alt, aber diese letzten Worte klangen doch gar zu sonderbar in dem Munde des hübschen, kräftigen, jungen Mannes. Die beiden Mädchen fanden das große, stattliche Muttersöhnchen so unwiderstehlich komisch, daß sie wieder in ein lautes Gelächter ausbrachen.

Der arme junge Nimrod sah die beiden Schwestern bittend an, und zwei Thränen quollen aus seinen Augen. Zugleich aber riß er das nasse Schnupftuch, welches Mary ihm auf die Stirn gelegt hatte, mit einer hastigen, ungeduldigen Geberde ab.

»Was machen Sie da,« fragte Bertha.

»Lassen Sie mich!« erwiderte er anmuthig, »Sie wollen sich für Ihre Bemühung durch Spöttereien bezahlt machen. Jetzt bereue ich, daß ich nicht, wie ich anfangs wollte, die Flucht genommen habe – selbst auf die Gefahr hin, mich noch schwerer zu verletzen.«

»Aber da Sie einmal so vernünftig waren, es nicht zu thun,« entgegnete Mary, »so seyen Sie jetzt wieder vernünftig und lassen Sie diese Binde wieder auf Ihre Stirne legen.«

Sie hob das Schnupftuch auf und näherte sich mit so unverkennbarer Theilnahme, daß der Verwundete keinen Widerstand mehr leistete.

»Thun Sie was Sie wollen,« antwortete er.

»Mein lieber Herr,« sagte Bertha, die ihn unterdessen beobachtet hatte, »für einen Jäger sind Sie ein bisschen zu empfindlich.«

»Ich bin kein Jäger, mein Fräulein, und seit diesem Anfalle bin ich weniger als je geneigt, es zu werden.«

»Ich bitte um Entschuldigung,« versetzte Bertha mit demselben spöttischen Tone, der den jungen Mann schon vorhin verletzt hatte, »aus dem Eifer mit welchem Sie den Hasen verfolgten und unsere Hunde antrieben, glaubte ich schließen zu dürfen, daß Sie ein Jäger sind – oder wenigstens werden wollen.«

»O nein, mein Fräuleins ich folgte nur einer leidenschaftlichen Aufwallung, die mir jetzt unbegreiflich ist. Jetzt sehe ich ein, daß meine Mutter vollkommen Recht hatte, das Vergnügen an der Qual und dem Tode eines wehrlosen Thieres lächerlich und barbarisch zu nennen.«

»Nehmen Sie sich in Acht, mein lieber Herr,« sagte Bertha, »wir sind so lächerlich und barbarisch, an diesem Vergnügen Gefallen zu finden, und könnten leicht in Versuchung kommen, zwischen Ihnen und dem Fuchs in der Fabel einige Aehnlichkeit zu finden.«

Mary, die ihr Schnupftuch zum zweiten Male in den Bach getaucht hatte, wollte es wieder um die Stirne des Verwundeten knüpfen.

Aber er wollte es nicht leiden.

»Um des Himmels willen, mein Fräulein,« sagte er, »verschonen Sie mich mit Ihrer Pflege! Sie sehen ja, daß Ihre Schwester sich immer noch über mich lustig macht.«

»O, ich bitte Sie!« sagte Mary mit ihrer sanften, einschmeichelnden Stimme.

Aber er ließ sich nicht bereden; er richtete sich auf, um sich zu entfernen.

Dieser fast kindische Eigensinn reizte die lebhafte Bertha, und ihre Ungeduld, die allerdings aus wirklicher Theilnahme entsprang, äußerte sich doch in einer für ihr Geschlecht etwas zu stürmischen Weise.

»Morbleu!« sagte sie, wie ihr Vater bei derlei Gelegenheiten zu sagen pflegte. »Der kleine Starrkopf will also keine Vernunft annehmen! Verbinde Du ihn, Mary; ich will ihm die Hände halten – und ich will ihm nicht rathen, sich zu rühren!«

Bertha faßte die Handgelenke des Verwundeten mit einer Kraft, welche sein Sträuben fruchtlos machte. Mary konnte ihm nun ungehindert das Schnupftuch um den Kopf binden.

Als diese mit einer Geschicklichkeit, welche einem Schüler Dupuytren’s oder Joberts Ehre gemacht haben würde, den Verband gehörig angelegt hatte, sagte Bertha zu dem Verwundeten: »Jetzt sind Sie so ziemlich im Stande, sich nach Hause zu begeben. Sie können also Ihrem ersten Gefühle folgen und uns den Rücken kehren, ohne sich zu bedanken. Sie sind frei.«

Aber trotz der erhaltenen Erlaubniß blieb er ruhig sitzen. Er schien sehr erstaunt und tief beschämt, daß er von der Laune und Willkür der beiden Amazonen abhing; seine Blicke wandten sich von Bertha zu Mary und von Mary zu Bertha, ohne daß er eine Antwort finden konnte.

Endlich fand er kein anderes Mittel, seiner Verlegenheit zu entgehen, als sich das Gesicht mit beiden Händen zu bedecken.

»Mein Gott!« sagte Mary besorgt, ist Ihnen nicht wohl?«

Er antwortete nicht.

Bertha zog ihm mit sanfter Gewalt die Hände vom Gesicht, und als sie sah, daß er weinte, wurde sie eben so sanft und theilnehmend wie ihre Schwester.

»Sie sind also gefährlicher verwundet, als wir glaubten?« fragte Bertha. »Haben Sie so heftige Schmerzen, daß Sie weinen? Wenn das ist, so setzen Sie sich auf mein Pferd oder auf das Pferd meiner Schwester; wir wollen Sie nach Hause begleiten.

Aber der junge Mann schüttelte den Kopf.

»Lassen Sie den kindischen Eigensinn,« setzte Bertha hinzu, »wir haben Sie beleidigt, aber konnten wir ahnen, daß wir unter Ihrem Jagdanzuge eine zarte Mädchenhaut finden würden? Kurz und gut, wir sehen ein, daß wir Unrecht haben und bitten Sie um Verzeihung. Vielleicht vermissen Sie einige von der Etikette vorgeschriebene Formen; aber Sie müssen die Umstände berücksichtigen, und überdies ist ja Aufrichtigkeit Alles, was man von zwei Mädchen erwarten darf, die unglücklicher Weise an der Ihrer Frau Mutter so mißfälligen lächerlichen Zerstreuung Geschmack finden. Zürnen Sie uns noch?«

»Nein, mein Fräulein,« antwortete der junge Mann, »ich bin nur gegen mich selbst aufgebracht.«

»Warum denn?«

»Ich kann es wirklich nicht sagen. Vielleicht schäme ich mich, daß ich schwächer gewesen bin als Sie; vielleicht quält mich auch der Gedanke, was ich meiner Mutter sagen, wie ich ihr diese Wunde erklären soll.«

Die beiden Mädchen sahen einander an: sie wären wegen einer solchen Kleinigkeit nicht in Verlegenheit gekommen. Aber dieses Mal lachten sie nicht, wie große Lust sie auch dazu hatten.

»Nun, wenn Sie uns nicht zürnen,« sagte Bertha, »so geben Sie uns die Hand; wir wollen als gute Freunde scheiden.«

Sie reichte dem Verwundeten mit Freimuth und Herzlichkeit die Hand.

Als er die dargebotene schöne Hand fassen wollte, hob Mary einen Finger, um die Aufmerksamkeit der beiden Andern zu erregen.

»Still!« sagte Bertha und lauschte eben so aufmerksam wie ihre Schwester.

Man hörte in der Ferne, aber schnell näher kommend, heftiges, anhaltendes Hundegebell.

Es war die Meute des Marquis von Souday, welche nicht dieselben Gründe hatte, wie die beiden Mädchen, in dem Hohlwege zu bleiben, dem Hasen nachgelaufen war und denselben nun zurückjagte.

Bertha ergriff rasch die Doppelflinte des Verwundeten, deren rechter Lauf noch nicht wieder geladen war.

Er machte eine abwehrende Geberde, als ob er eine Unbesonnenheit verhüten wollte. Das lächelnde Gesicht der schönen Amazone beruhigte ihn.

Sie stieß rasch den Ladestock in den geladenen Lauf, wie ein vorsichtiger Jäger, der sich eines Gewehres bedienen will, das er nicht selbst geladen hat. Als sie sich überzeugt hatte, daß Alles in der Ordnung war, trat sie einige Schritte vor.

Gleich darauf kam der Hase auf der andern Seite aus der Hecke, wahrscheinlich in der Absicht, dem Hohlwege zu folgen; aber als er die drei Personen bemerkte, kehrte er schnell um.

Allein wie schnell auch diese Bewegung war, so hatte Bertha doch Zeit zu zielen. Sie schoß und der Hase rollte die Böschung herab.

Unterdessen hatte Mary den Platz ihrer Schwester eingenommen und dem Verwundeten die Hand gereicht.

Beide hielten einander eine Weile bei der Hand, schauend und lauschend, was vorgehen werde.

Bertha hob den Hasen auf und kam wieder zu dem Unbekannten, der Mary’s Hand noch festhielt.

»Hier, mein lieber Herr,« sagte sie, »ist Ihre Entschuldigung.«

»Wieso?« fragte er.

»Sie können erzählen, der Hase sey zwischen Ihren Füßen aufgesprungen und Ihr Gewehr sey wider Ihren Willen losgegangen. Dann thun Sie Ihrer Frau Mutter Abbitte und versprechen ihr – wie Sie es uns soeben versprochen, – daß Sie es nicht wieder thun wollen. Der Hase wird mildernde Umstände geltend machen.«

Der Unbekannte schüttelte traurig den Kopf.

»Nein,« sagte er, »ich werde meiner Mutter nie gestehen, daß ich ihr ungehorsam gewesen bin.«

»Hat sie Ihnen denn unbedingt verboten, auf die Jagd zu gehen?«

»Ja, ganz unbedingt.«

»Dann sind Sie ja ein Wilddieb,« erwiderte Bertha, »Sie werden wenigstens gestehen, daß Sie einen Beruf haben —«

»Spotten Sie nicht, mein Fräulein. Sie sind so gut gegen mich gewesen, daß ich Ihnen nicht mehr zürnen kann. Sie würden mir also doppelten Kummer machen.«

»Dann haben Sie nur zwischen zwei Mitteln zu wählen,« sagte Mary. »Lügen wollen Sie nicht und wir wollen es Ihnen auch nicht rathen: gestehen Sie also ganz aufrichtig die Wahrheit. Glauben Sie mir, Ihre Offenheit ist das beste Mittel, Ihre Frau Mutter zu beschwichtigen, wie sie auch über das verpönte Vergnügen denken mag, – und im Grunde ist es ja kein so großes Vergehen, einen Hasen zu schießen!«

»Ist denn Ihre Frau Mutter so unerbittlich strenge?« setzte Bertha hinzu.

»Nein, mein Fräulein, sie ist herzensgut und kommt allen meinen Wünschen zuvor, befriedigt alle meine Launen; aber sie will durchaus nicht zugeben, daß ich ein Gewehr anrühre – und es ist ganz begreiflich,« setzte er mit einem Seufzer hinzu: »mein Vater hat auf der Jagd den Tod gefunden.«

Die beiden Mädchen erschraken.

»Wenn das ist,« erwiderte Bertha sehr ernst, »so waren unsere Scherze um so unzeitiger und unser Bedauern ist um so aufrichtiger. Ich hoffe, Sie werden die Scherze vergessen und sich nur des Bedauerns erinnern.«

»Ich werde mich nur der freundlichen Hilfe erinnern, die Sie mir geleistet, meine Damen, und ich hoffe, daß Sie meine übertriebene Empfindlichkeit vergessen werden.«

»O nein, wir werden daran denken,« erwiderte Mary, »um Anderen nicht die Gelegenheit zur Klage zu geben, die wir Ihnen gegeben.«

Während Mary antwortete, war Bertha zu Pferde gestiegen.

Der Unbekannte reichte der Ersteren noch einmal die Hand. Mary berührte sie mit den Fingerspitzen und schwang sich ebenfalls in den Sattel.

Nachdem die Hunde auf Bertha’s wohlbekannte Stimme herbeigeeilt waren, trieben die beiden Schwestern ihre Pferde an und entfernten sich im Galopp.

Der Verwundete schaute ihnen eine Weile nach, bis sie hinter einer Biegung des Hohlweges verschwanden.

Dann starrte er in tiefen Gedanken noch lange vor sich hin.

Wir müssen vorläufig bei ihm bleiben, um seine nähere Bekanntschaft zu machen.




VII.

Monsieur Michel


Der junge Mann glaubte aus einem Traume zu erwachen, als die beiden Mädchen verschwunden waren.

Er befand sich in jener Lebensepoche, wo selbst die, welche später einst, praktische Menschen zu werden berufen sind, der Romantik ihren Tribut bezahlen. Dieses Zusammentreffen mit zwei Mädchen, die von allen ihm bisher bekannten so verschieden waren, versetzte ihn in eine phantastische Welt, in welcher seine Phantasie freien Spielraum hatte, um Feenschlösser zu bauen, welche auf beiden Seiten des Weges zusammenstürzen, wenn wir im Leben weiter vorrücken.

Wir wollen damit nicht sagen, daß er eine der beiden Amazonen liebte, aber er war begierig, ihre nähere Bekanntschaft zu machen, denn diese Mischung von Schönheit, Eleganz und Ungezwungenheit machte einen ungewöhnlichen Eindruck auf ihn.

Er nahm sich daher vor, sie wieder aufzusuchen, oder sich wenigstens zu erkundigen, wer sie waren.

Der Zufall schien seine Neugierde sogleich befriedigen zu wollen, denn als er sich nach Hause begab, begegnete ihm etwa fünfhundert Schritte von dem Hohlwege ein Mann mit hohen ledernen Kamaschen, dunkelgrauer Blouse, Büchse, Waldhorn und Peitsche.

Der Mann ging schnell und schien sehr übler Laune. Es war offenbar ein Rüdenknecht von der Hetzjagd, der die beiden Mädchen folgten.

Der Verwundete redete ihn mit der größten Freundlichkeit an.

»Mein Freund,« sagte er, »Ihr sucht wahrscheinlich zwei junge Damen, von denen die eine einen Braunen und die andere eine Fuchsstute reitet?«

»Ich bin Ihr Freund nicht, mein Herr, denn ich kenne Sie nicht,« antwortete der Andere sehr unfreundlich, »ich suche auch nicht zwei junge Damen, sondern meine Hunde, die ein Einfaltspinsel von einer Wolfsfährte abgelenkt, und auf einen Hasen gehetzt hat. Der Gimpel hätte etwas Besseres thun können, als den Hasen – zu fühlen!«

Der junge Nimrod biß sich in die Lippen.

Der Mann in der Blouse, in welchem die Leser bereits; Jean Oullier erkannt haben werden, fuhr fort:

»Ja, ich habe es drüben auf der Höhe gesehen; ich hätte das Schußgeld, das mir der Herr Marquis überläßt, gern im Stich gelassen, wenn ich dem Töpel auf zwei oder drei Peitschenlängen nahe gewesen wäre.«

Der Andere hielt es nicht für angemessen, die in dieser Scene sich selbst zugedachte Rolle in Anspruch zu nehmen; er griff aus dein ganzen Gerede nur ein Wort auf, alles Uebrige; ließ er unbeachtet.

»So! Ihr gehört dem Herrn Marquis von Souday?« sagte er.

Jean Oullier sah den unwillkommenen Frager mit einem finsteren Blicke an.

»Ich gehöre mir selbst,« antwortete der alte Vendéer;, »ich führe nur die Hunde des Herrn Marquis von Souday, und zwar eben sowohl zu meinem als zu seinem Vergnügen.«

»Ich bin doch schon sechs Monate zu Hause,« sagte der junge Mann, wie mit sich selbst redend, »und habe nie gehört, daß der Herr Marquis verheirathet ist.«

»Nun, dann sage ich’s Ihnen, mein lieber Herr,« fiel, ihm Jean Oullier ins Wort, »und wenn Sie etwas darauf zu antworten haben, so werde ich Ihnen noch etwas Anderes sagen. Verstehen Sie mich?«

Jean Oullier brach das Gespräch mit diesen drohenden Worten ab, und ohne sich um das Erstaunen des Andern zu kümmern, ging er rasch auf dem Wege nach Machecoul fort.

Der junge Mann ging weiter.

Auf dem Felde fand er einen Bauer hinter dem Pflug.

Dieser Bauer, ein Mann von etwa vierzig Jahren, unterschied sich von seinen Landsleuten durch ein schlaues, lauerndes Gesicht, das den Bewohnern der Normandie eigen ist. Er schien beständig darauf bedacht zu seyn, das Feuer seiner funkelnden Augen durch unaufhörliches Blinzeln zu mildern und durch den Anschein der Dummheit, oder wenigstens der Gutmüthigkeit das Vertrauen Anderer zu gewinnen. Aber sein pfiffig lächelnder Mund vereitelte diese Bemühungen der Augen.

Der Bauer ließ sich in seiner Arbeit durchaus nicht stören, obschon der junge Mann gerade auf ihn zukam, und erst am Ende der Furche schien er geneigt, seine Pferde ruhen zu lassen und ein Gespräch anzuknüpfen.

»Nun, haben wir gejagt, Monsieur Michel?« sagte er in fast vertraulichem Tone.

Der junge Mann nahm, ohne zu antworten, seine Waidtasche von der Schulter und ließ sie vor den Füßen des Landmannes fallen.

Dieser bemerkte durch das dicke, netzartige Geflecht den Balg eines Hasen.

»Also doch etwas geschossen?« sagte er, zog den Hasen aus der Waidtasche und betastete ihn mit einer Kennermiene.

»Der ist seine drei Francs zehn Sous unter Brüdern werth,« setzte er hinzu. »Sie haben einen prächtigen Schuß gethan, Monsieur Michel. Sie werden es unterhaltender gefunden haben, als über den Büchern zu sitzen, wie vor einer Stunde.«

»Nein, Courtin,« antwortete der junge Mann, »meine Bücher sind mir doch noch lieber als eure Flinte.«

»Sie haben vielleicht Recht, Monsieur Michel,« erwiderte Courtin, über dessen Gesicht eine Wolke der Unzufriedenheit zog, »wenn Ihr seliger Vater eben so gedacht hätte, so wär’s vielleicht besser für ihn gewesen. Aber wenn ich die Mittel hätte, wenn ich kein armer Teufel wäre, der täglich zwölf Stunden arbeiten muß, so würde ich meine Nächte besser verleben, als auf der Jagd.«

»Ihr geht also noch immer auf den Anstand?«

»Ja, zuweilen, um mich zu zerstreuen.«

»Ihr werdet mit den Gendarmen zu thun bekommen.«

»Bah! die Gendarmen sind Faulenzer, sie stehen nicht früh genug auf, um mich auf dem Anstande zu finden,« erwiderte Courtin mit dem vollen Ausdrücke der Schlauheit, den er seinem Gesichte gewöhnlich zu geben suchte. »Ich gebe allen sogenannten klugen Leuten etwas aufzurathen. Es ist nur ein Courtin hier in Canton. Wenn man mich zum Waldhüter machte, wie Jean Oullier, würde ich nicht mehr auf den Anstand gehen: dies wäre das einzige Mittel.«

Aber Monsieur Michel gab auf diesen verblümten Antrag keine Antwort: er wußte ja nicht einmal, wer Jean Oullier war.

»Hier ist eure Flinte, Courtin,« sagte er, indem er dem Bauer das Gewehr reichte, »ich danke Euch, es ist nicht eure Schuld, wenn ich auf der Jagd nicht so viel Vergnügen finde, wie Andere.«

»Müssen’s noch versuchen, Monsieur Michel, werden schon Geschmack daran finden. Die besten Hunde sind die, welche erst spät ihr Talent zeigen. Es gibt Feinschmecker, die dreißig Dutzend Austern zum Frühstücke essen und mit zwanzig Jahren nicht einmal Austern sehen mochten. Gehen Sie nur, wie diesen Morgen, mit einem Buche in der Hand fort; die Frau Baronin wird nichts merken. Meine Flinte steht Ihnen immer zu Diensten, und wenn’s nicht zu viel Arbeit gibt, so will ich Ihnen das Wild zutreiben.«

Courtin schob nun die Flinte in die Hecke, welche sein Feld von dem Nachbarfelde trennte, versteckte sie im Grase und richtete die Zweige wieder auf so daß sie den Blicken der Vorübergehenden entzogen wurde.

»Courtin,« sagte Michel mit dem Tone der größten Gleichgültigkeit, »habt Ihr gewußt, daß der Marquis von Souday verheirathet ist?«

»Nein, wahrhaftig nicht, ich habe es nicht gewußt,« antwortete der Bauer.

»Und daß er zwei Töchter hat?« fragte Jener weiter.

Courtin, der noch mit der Hecke zu thun hatte, hob rasch den Kopf und sah den jungen Mann so forschend an, daß dieser bis über die Ohren erröthete.

»Sind Ihnen etwa die Wölfinnen begegnet?« fragte Courtin. »Ich habe das Horn des alten Chouan gehört.«

»Wen meint Ihr mit den Wölfinnen?« fragte Michel.

»Die unehelichen Töchter des Marquis – wen denn sonst?«

»Diese beiden Mädchen nennt Ihr Wölfinnen?«

»Man pflegt sie in der ganzen Gegend so zu nennen; aber Sie sind erst vor Kurzem von Paris gekommen und können es nicht wissen.«

Die Grobheit, mit welcher Courtin von den beiden Mädchen sprach, setzte den jungen Mann so in Verlegenheit, daß er, ohne zu wissen warum, mit einer Lüge antwortete.

»Nein,« sagte er, »sie sind mir nicht begegnet.«

Courtin bemerkte seine Verlegenheit; er glaubte ihm nicht.

»Ich hätte es Ihnen wohl gewünscht,« sagte er, »denn es sind zwei hübsche Mädchen. Sie sollen zwar ein Bisschen allzu lustig seyn; aber die Jugend muß doch ihr Vergnügen haben, nicht wahr, Monsieur Michel?«

Der junge Mann wurde sehr verstimmt über die empörende Nachsicht, mit welcher der plumpe Bauer von den beiden reizenden Amazonen sprach. Er verhehlte seinen Verdruß nicht.

Courtin bezweifelte nun nicht mehr, daß Michel die »Wölfinnen«, wie er sie nannte, gesehen hatte, und dieses Läugnen führte ihn zu Vermuthungen, die keineswegs gegründet waren. Er wußte, daß der Marquis von Souday vor wenigen Stunden in der Nähe von La Logerie gewesen war, und es schien ihm mehr als wahrscheinlich, daß Bertha und Mary, die auf der Jagd immer bei ihrem Vater zu seyn pflegten, dem jungen Wilddiebe begegnet waren. Vielleicht hatte Michel sogar mit ihnen gesprochen, und nach der Meinung, die man von den Töchtern des Marquis hatte, konnte eine Unterredung mit ihnen nur der Anfang einer Intrigue seyn.

Courtin war Pächter des jungen Gutsherrn, aber das Feld, welches er bebaute, war für ihn Nebensache, er wollte ihm näher stehen, sich unentbehrlich machen, und zu diesem Zwecke bot der schlaue Bauer alle möglichen Mittel auf.

Es war ihm nicht gelungen, seinen jungen Herrn zum leidenschaftlichen Jäger zu machen und dadurch mit seiner Mutter zu entzweien. Jetzt bot sich ihm eine andere Gelegenheit, der Vertraute Michels zu werden und dadurch sein eigenes Interesse zu fördern. Er sah ein, daß er unklug gehandelt hatte, von den beiden Amazonen mit Geringschätzung zu sprechen, und suchte mit der ihm eigenen Schlauheit und Gewandtheit das verlorene Terrain wieder zu gewinnen.

»Uebrigens,« fuhr er mit scheinbarer Gutmüthigkeit fort, »kann man nicht Alles glauben, was die Leute von Fräulein Bertha und Fräulein Mary sagen —«

»Mary und Bertha heißen sie?« fragte der junge Mann, ihm hastig ins Wort fallend.

»Ja; Fräulein Bertha ist die Brünette, Fräulein Mary die Blondine.«

Er glaubte zu bemerken, daß der junge Gutsherr etwas erröthete, als der Name Mary genannt wurde.

»Die beiden Fräulein,« setzte Courtin hinzu, »jagen und reiten gern. Aber man kann deshalb doch ehrbar und tugendhaft seyn. Der selige Pfarrer in Benate war ein leidenschaftlicher Jäger, aber trotzdem las er schöne Messen.«

»Es ist wahr,« erwiderte Michel, der seine erste Aussage ganz vergessen hatte, »es ist wahr, sie scheinen recht gut und liebenswürdig zu seyn – insbesondere Fräulein Mary.«

»Ja, sie sind sehr gut, Monsieur Michel. Als im vorigen Sommer das Sumpffieber ausgebrochen war und alle Aerzte und Bader, ja sogar die Thierärzte Reißaus genommen hatten – wer hat da die Kranken gepflegt und ihnen Arzneien gebracht? Die beiden Fräulein von Souday! Und sie thun’s nicht, um damit zu prahlen; nein, sie gehen insgeheim zu den armen Leuten, sie säen Almosen und ernten Segenswünsche. Die reichen Leute mögen sie immerhin hassen, die Vornehmen sie verachten, aber man kann dreist behaupten, daß sie von den Armen verehrt werden.«

»Woher kommt es denn, daß sie so gehaßt und verachtet werden?«

»Das weiß kein Mensch zu sagen; man folgt ja gemeiniglich nur der blinden Leidenschaft und nicht der Vernunft. Die menschliche Gesellschaft ist wie ein Schwarm Vögel: wenn einer darunter krank ist und piept, so fallen sie alle über ihn her und reißen ihm die Federn aus. Und gerade die Leute ihres Standes wenden sich von ihnen ab und werfen den ersten Stein auf sie. Ihre Mama, zum Beispiel, ist sehr gut, Monsieur Michel; aber ich wette, sie würde von den beiden Fräulein eben so schlecht sprechen, wie andere Leute, wenn die Rede darauf käme.«

Aber ungeachtet des veränderten Tones, den Courtin anstimmte, schien der junge Gutsherr nicht geneigt, sich in ein trauliches Gespräch einzulassen Courtin war seinerseits der Meinung, daß er der gehofften Annäherung genügend den Weg gebahnt. Er begleitete den jungen Herrn bis an das Ende seines Feldes.

Und während er schweigend neben ihm her ging, bemerkte er, daß die Blicke des jungen Gutsherrn sehr oft nach dem Walde von Machecoul hinüberschweiften.




VIII.

Die Baronin de La Logerie


Während Courtin seinem jungen Herrn den Schlagbaum öffnete, wurde Michel von einer weiblichen Stimme gerufen.

Er stand etwas betroffen still.

Gleich darauf kam eine Dame hinter der Hecke hervor.

Mit dieser Dame, welche vierzig bis fünfundvierzig Jahre alt war, müssen wir den Leser näher bekannt machen.

Ihr Gesicht war gemein und ohne Ausdruck; der einzige hervorstechende Charakterzug war ein affectirter Dünkel, der zu ihrer kleinen beleibten Gestalt nicht recht paßte. Ihr seidenes Kleid machte zu viel Prunk auf dem freien Felde, und hätte sie nicht einen großen Strohhut getragen, so hätte man glauben können, sie habe eben einen Besuch in der Vorstadt Saint-Honoré gemacht.

Es war die Person, deren Vorwürfe der arme »Monsieur Michel« so gefürchtet hatte.

»Du bist hier, Michel!« sagte sie.

»Du bist sehr rücksichtslos gegen deine Mutter! Es hat schon vor einer halben Stunde zur Tafel geläutet. Du weißt doch, wie ungern ich warte und wie sehr ich auf die Hausordnung halte – und ich finde Dich im vertraulichen Gespräch mit diesem Bauer!»

Michel begann eine Entschuldigung zu stammeln; aber der Scharfblick der Mutter bemerkte das mit Blut befleckte Schnupftuch, welches um seinen Kopf gebunden war und von dem breiten Rande seines Strohhutes nicht genügend bedeckt wurde.

»Was! Du bist verwundet!« fuhr sie noch lauter als bisher in ihrer Strafpredigt fort. »Was ist denn geschehen? Sprich, Du siehst ja, daß ich vor Ungeduld sterbe!»

Sie stieg nun mit einer Schnelligkeit und Behendigkeit, die man von einer so beleibten Dame nicht erwartet hätte, über die Hecke, und ehe es ihr Söhnlein hindern konnte, riß sie ihm den Hut sammt dem Schnupftuch vom Kopf.

Die Wunde fing wieder an zu bluten.

»Monsieur Michel«, wie ihn Courtin zu nennen pflegte, war ganz verblüfft und wußte nicht was er antworten sollte.

Courtin kam ihm zu Hilfe.

Der pfiffige Bauer schloß aus der Verlegenheit seines jungen Herrn, daß dieser seiner Mutter den Jagdfrevel nicht gern gestehen wollte und gleichwohl Bedenken trug, sich durch eine Lüge zu entschuldigen. Courtin hatte nicht dieselben Bedenklichkeiten wie der junge Gutsherr und er nahm die Sünde, welche Michel nicht begehen wollte, entschlossen auf sein Gewissen.

»O! die Frau Baronin dürfen sich nicht ängstigen,« sagte er, »es hat gar nichts zu bedeuten.«

»Aber was ist ihm denn geschehen? Antwortet für ihn, Courtin; mein Sohn scheint keine Auskunft geben zu wollen.«

Monsieur Michel blieb wirklich sprachlos.

»Sie sollen es sogleich erfahren, Frau Baronin,« antwortete Courtin. »Ich hatte hier vom Ausputzen der Bäume und Hecken ein Bündel Reiseholz; es war zu schwer, ich konnte es nicht allein auf meine Schultern heben – Monsieur Michel; war so gütig mir zu helfen, und ein Ast ritzte ihm die Stirn —«

»Es ist ja eine tiefe Wunde!« unterbrach ihn die Baronin. »Ihr hättet ihm ein Auge ausstoßen können. Ein andermal, Courtin, sehet Euch nach Euresgleichen um, wenn Ihr Holz zu tragen habt; versteht Ihr mich? Es ist sehr unschicklich von Euch, meinem Sohne so etwas zuzumuthen!«

Courtin schlug bescheiden die Augen nieder, als ob er die ganze Größe seiner Missethat eingesehen hätte; aber diese scheinbare Zerknirschung hielt ihn nicht ab, die Jagdtasche mit dem Hasen, die noch im Grase lag, mit dem Fuß unter die Hecke zu schieben.

»Komm, mein Sohn!« sagte die Baronin, deren Aerger durch die Demuth des Bauers nicht beschwichtigt zu seyn schien, »wir wollen die Wunde vom Arzt untersuchen lassen.«

Als sie einige Schritte gegangen war, sah sie sich um.

»Apropos, Courtin,« sagte sie, »Ihr habt euren Pachtzins von Johannis noch nicht bezahlt. Vergeßt nicht, daß euer Pachtcontract zu Ostern abläuft; denn saumselige Pächter will ich nicht behalten.«

Courtins Gesicht wurde noch kläglicher, aber es erheiterte sich wieder, als ihm Michel, während seine Mutter weit langsamer als das erste Mal über die Hecke stieg, verstohlen die Hand drückte und zuflüsterte:

»Morgen sprechen wir uns.«

Er begann nun wieder ganz wohlgemuth zu ackern und die »Parisienne« zu singen.

Während Courtin das damals sehr beliebte patriotische Lied zur großen Befriedigung seiner Pferde singt, wollen wir die freundlichen Leier mit der Gutsherrschaft näher bekannt machen.

Die Baronin de La Logerie war die Witwe eines jener Armeelieferanten, die auf Kosten des Staates schnell ein bedeutendes Vermögen erwarben und von den Soldaten den sehr treffenden Spitznamen, »riz-pain-sel« (Reis, Brot, Salz) erhalten hatten.

Dieser Armeelieferant hieß mit seinem Familiennamen Michel; er war ein Bauerssohn aus dem Département der Mayenne und Neffe eines Dorfschulmeisters, der ihn lesen, schreiben und insbesondere rechnen lehrte und dadurch den Grund zu dem künftigen Glücke seines Neffen legte.

Im Jahre 1791 zum Kriegsdienste einberufen, hatte der junge Bauer sehr wenig Begeisterung an den Tag gelegt: er hatte bereits in der Wahrscheinlichkeitsberechnung, ob er mehr Aussicht habe, todtgeschossen oder General zu werden, Beweise von seinen speculativen Talenten gegeben. Das Resultat seiner Berechnung hatte ihn nämlich nicht befriedigt, und er machte seine hübsche Handschrift geltend, um im Bureau des Quartiermeisiers Schutz gegen den Kugelregen zu finden. Sein Wunsch wurde erfüllt, und er freute sich eben so wie mancher andere Soldat, der Offizier wird.

Michel, der Vater, machte also die Feldzüge von 1792 und 1793 im Depot mit.

Der General Rossignol, der in die Vendée geschickt wurde, um die Ruhe herzustellen oder die Aufständischen zu vernichten, kam zufällig mit dem Rechnungsbeamten Michel in Berührung, er erfuhr von diesem, daß er ein Vendéer sey und viele Freunde in den feindlichen Reihen habe. Um diesen sehr günstigen Umstand zu benutzen, entließ er Michel mit dem Auftrage, unter den Chouans Dienste zu nehmen und von Zeit zu Zeit für ihn zu thun, was Maurepas für Ludwig XV. gethan hatte, nämlich ihn von allen wichtigen Operationen in Kenntnis zu setzen. Michel, der großen Vortheil dabei fand, hielt sein Versprechen nicht nur dem General Rossignol, sondern auch dessen Nachfolgern.

Während Michel mit den republicanischen Generalen correspondirte, kam der General Travot in die Vendée. Das Resultat der Operationen dieses Generals ist in den ersten Capiteln dieser Erzählung erwähnt worden. Das Heer der Vendéer ward verrathen. Jolly fiel im Kampfe. Charette wurde im Walde von La Chabotière gefangen und zu Nantes erschossen.

Was für eine Rolle Michel in diesem furchtbaren Drama; spielte, werden wir vielleicht später erfahren; kurz, einige Zeit nach jener blutigen Katastrophe kam Michel, der geschickte Rechner, in das Bureau eines großen Armeelieferanten.

In diesem neuen Wirkungskreise rückte er rasch vor, denn im Jahre 1805 hatte er einen Theil der Lieferungen für die deutsche Armee auf eigene Rechnung übernommen.

Im Jahre 1806 nahmen die Schuhe und Kamaschen einen thätigen Antheil an dem Feldzuge gegen Preußen. 1809 erhielt er die gänzliche Verpflegung der in Spanien einrückenden Armee. 1810 heirathete er die einzige Tochter eines Collegen und verdoppelte so sein Vermögen.

Außerdem verlängerte er seinen Namen. Sein Schwiegervater hieß nämlich Baptist Duland und war aus dem kleinen Dorfe La Logerie gebürtig; er nannte sich daher Duland de La Logerie. Er hatte seine Tochter in den besten Instituten zu Paris unter dem Namen Stephanie Duland de La Logerie erziehen lassen.

Der Lieferant Michel fand, daß sich der Name seiner Frau als Anhängsel an dem seinigen sehr hübsch ausnehme; er nannte sich Michel de La Logerie. Endlich gestattete ihm ein mit schwerem Gelde erkaufter Titel, sich Baron Michel de La Logerie zu nennen und so seinen Platz unter der Geld- und Landaristokratie einzunehmen.

Einige Jahre nach der Rückkehr der Bourbons, nämlich 1819 oder 1820, verlor der Baron Michel de La Logerie seinen Schwiegervater.

Baptist Duland de La Logerie hinterließ seiner Tochter und folglich seinem Schwiegersohne das Gut La Logerie, welches etwa fünf Stunden von dem Walde von Machecoul entfernt war.

Der Baron Michel de La Logerie beschloß in Gnaden; von seinem Gute Besitz zu nehmen und sich seinen Vasallen zu zeigen.

Der Baron Michel war klug und ehrgeizig; er wollte Mitglied der Deputirtenkammer werden. Seine Wahl hing aber von der Popularität ab, die er sich im Département der Niederloire erwerben würde.

Er war von Geburt ein Bauer, hatte fünfundzwanzig Jahre unter Bauern gelebt und wußte diese daher zu behandeln. Ueberdies war er ein recht gutmüthiger Mann. Er fand einige Cameraden aus dem alten Vendéekriege, begrüßte sie mit einem warmen Händedruck, sprach mit Thränen von dem Tode Jolly’s und Charette’s, fragte nach den Wünschen und Bedürfnissen der Gemeinde, ließ eine Brücke bauen, welche den Verkehr mit dem Département der Vendée wesentlich erleichterte, ließ drei Verbindungswege ausbessern und eine Kirche bauen, errichtete ein Waisenhaus und ein Spital für hilfsbedürftige Greise. Diese patriarchalische Rolle gefiel ihm so wohl, daß er seinen Unterthanen ankündigte, er werde nur sechs Monate in der Hauptstadt leben, die anderen sechs Monate aber in seinem Schlosse La Logerie wohnen.

Endlich aber gab er doch den Bitten seiner in Paris zurückgebliebenen Frau nach und beschloß nächsten Montag nach der Hauptstadt abzureisen; am Sonntage sollte in dem großen Heidewaide eine Treibjagd nach Wölfen gehalten werden. Die Ausrottung der Raubthiere war ein menschenfreundliches Werk, an welchem der Baron Michel de La Logerie gern theilnahm.

Bei dieser Treibjagd gab der Baron Michel, wie bei jeder anderen Gelegenheit, Beweise seiner Freigebigkeit: er sorgte für die Erfrischungen, und zwei mit Wein und kalter Küche beladene Karren, welche den Jägern nachgeführt wurden, waren zu Jedermanns Verfügung.

Die Treiber sollten Abends glänzend bewirthet werden, und in seiner Bescheidenheit lehnte er sogar den Ehrenplatz unter den Schützen ab. Er wollte das Loos entscheiden lassen, und als ihm der Zufall einen Platz am äußersten Ende der Schützenlinie zuwies, ertrug er dieses Mißgeschick mit einer Heiterkeit, welche die übrigen Schützen entzückte.

Die Treibjagd war glänzend; es kam so viel Wild, daß die Schützen ein förmliches Rottenfeuer eröffneten. Die erlegten Wölfe und Wildschweine bildeten bald hohe Haufen auf den Karren neben den Weinfässern des Barons. Die Contrebande, die an Hasen und Rehböcken gemacht wurde, versteckten die Schützen, um sie nach Einbruch der Nacht abzuholen.

Der Freudentaumel war so groß, daß man den Baron Michel, der den ganzen Tag nicht zum Vorschein gekommen war, erst gegen Abend vermißte. Man fragte nach ihm: Niemand hatte ihn seit dem ersten Treiben, in welchem er am äußersten Ende der Schützenlinie gestanden, wiedergesehen. Man vermuthete, er habe die Jagdlust verloren oder sey in übertriebenem Eifer für die Bewirthung seiner Gäste in das Städtchen Légé gegangen, wo er den Abendschmaus bestellt hatte.

Aber die Jäger fanden ihn nicht in Légé. Die sorglosesten unter ihnen setzten sich zu Tische; aber einige Schützen, die ein Unglück ahnten, begaben sich mit Fackeln und Laternen in den Wald zurück.

Nach langem fruchtlosen Suchen fand man ihn in einem Graben. Er war todt, eine Kugel hatte sein Herz durchbohrt.

Die Sache machte großes Aufsehen. Die Gerichtsbehörde zu Nantes leitete eine Untersuchung ein, und der Schütze, welcher dem Baron zunächst gestanden, wurde sogleich verhaftet.

Er erklärte, nichts gesehen oder gehört zu haben, denn er sey von dem Baron durch eine Ecke des Waldes getrennt gewesen. Es wurde überdies bewiesen, daß das Gewehr des Angeklagten den ganzen Tag nicht abgeschossen worden war; er hätte den Baron auch nur von der rechten Seite treffen können, und die Kugel war ihm in die linke Seite gedrungen.

Die Untersuchung wurde eingestellt; man vermuthete, er sey von einer abgeprallten Kugel getroffen worden.

Allein es ging in der Umgegend lange das Gerücht, der Baron Michel sey ein Opfer der Rache geworden. Man munkelte, einer der alten Soldaten Jolly’s oder Charette’s habe den unglücklichen Lieferanten zur Strafe für seine Verrätherei erschossen; aber es waren zu viele Leute an dieser Angelegenheit betheiligt und es wurde nie eine Anklage erhoben.

Die Baronin Michel de La Logerie war also Witwe. Sie besaß, wie so viele Frauen der höheren Stände, weder Tugenden noch Laster, noch Leidenschaften. Sie war im Alter von siebzehn Jahren an den Ehestandspflug gespannt worden und in der Furche gegangen, ohne an eine Ausschreitung zu denken, ja ohne sich zu fragen, ob es einen andern Weg gebe. Als sie des Joches entledigt war, fürchtete sie sich vor ihrer Freiheit und sah sich instinctmäßig nach neuen Fesseln um.

Diese neuen Fesseln fand sie in einer übertriebenen, irregeleiteten, wenn auch aufrichtigen Frömmigkeit. Sie hielt sich für eine Heilige, weil sie sehr regelmäßig die Kirche besuchte und gewissenhaft fastete; wer ihr gesagt hätte, daß sie täglich siebenmal sündige, würde sie sehr in Erstaunen gesetzt haben. Und doch wäre dieser Vorwurf vollkommen gegründet gewesen: sie sündigte unaufhörlich gegen das Gebot der christlichen Demuth; denn wie wenig Ursache sie auch dazu hatte, so trieb sie doch den Adelstolz bis zur Verrücktheit.

Diese Schwäche war dem schlauen Courtin wohlbekannt; wir haben gesehen, daß er ihren Sohn schlechtweg »Monsieur Michel,« sie aber »Frau Baronin« nannte.

Die Baronin de La Logerie hatte natürlich einen Abscheu vor dem Zeitgeiste und dem Fortschritte. So oft als sie die Gerichtsverhandlungen in der Zeitung las, gab sie dem Zeitgeist die tiefste Sittenverderbniß schuld. Nach ihrer Behauptung hatte das eiserne Zeitalter mit dem Jahre 1800 begonnen. Es war daher ihre größte Sorge, ihren Sohn gegen die verderblichen Wirkungen des Zeitgeistes zu schützen und jede Berührung mit der bösen Welt zu meiden. Zu dem Besuche öffentlicher Lehranstalten wollte sie ihre Zustimmung durchaus nicht geben, und selbst die Anstalten der Jesuiten schienen ihr nicht genügend abgesperrt gegen die äußere Welt. Sie selbst wollte seine Studien leiten und seine Ideen in eine Bahn lenken, welche nach ihrer Meinung allein heilbringend war, und der nothwendige Unterricht in Wissenschaften und Künsten durfte nur in ihrer Gegenwart und nach einem von ihr gutgeheißenen Programme ertheilt werden.

Es bedurfte wirklich einer starken Dosis gesunden Verstandes, um das jugendliche Gehirn aus dieser zehn Jahre langen Tortur gesund und frisch hervorgehen zu lassen.

Aber ganz ohne Folgen war diese Tortur doch nicht geblieben: es fehlte dem jungen Baron die Willenskraft und Entschlossenheit, die des Mannes Würde zeigt.




IX.

Salon d’or und Allegro


Wie Michel erwartet und gefürchtet hatte, war er von seiner Mutter tüchtig ausgezankt worden.

Sie hatte sich durch die Erzählung Courtin’s nicht täuschen lassen; die Kopfwunde ihres Sohnes war keine von einem Dorne geritzte Schramme.

Da sie nicht wußte, was ihren Sohn bewegen könne, die Ursache dieser Verwundung zu verbergen, und in der Ueberzeugung, daß sie die Wahrheit nicht herausbringen würde, warf sie nur von Zeit zu Zeit einen Blick auf die räthselhafte Wunde und schüttelte dabei seufzend den Kopf.

Der junge Mann fühlte sich bei Tische sehr unbehaglich; er schlug die Augen nieder und murrte kaum; aber die scharfe Beobachtung, die er von seiner Mutter zu ertragen hatte, war keineswegs die einzige Ursache seiner Befangenheit.

Zwischen seinen gesenkten Augenlidern und dem Auge seiner Mutter sah er fortwährend gleichsam zwei Schatten schweben: die Erinnerung an Bertha und an Mary.

An Bertha dachte er allerdings mit einer gewissen Ungeduld. Wer war sie denn, die Amazone die mit dem Gewehre umzugehen wußte, wie ein echter Jäger, die eine Wunde verband, wie ein Chirurg, und den widerstrebenden Patienten mit ihren zarten weißen Händen so festhielt, wie es nur Jean Oullier mit seinen derben schwieligen Fäusten vermocht hätte?

Aber wie reizend war auch Mary mit ihrem langen: blonden Haare und ihren großen blauen Augen! Wie sanft und einschmeichelnd war der Ton ihrer Stimme! Mit welcher Leichtigkeit hatte sie die Wunde berührt, das Blut abgewaschen, die Binde umgelegt!

Im Grunde war Michel gar nicht böse über seine Wunde, wenn er bedachte, daß die beiden Mädchen sonst nicht die mindeste Ursache gehabt haben würden, ihn anzureden und sich mit ihm zu beschäftigen.

Weit bedenklicher als die Wunde war freilich die Verstimmung seiner Mutter, welche ihre Zweifel und Besorgnisse nicht ganz zu verbergen vermochte. Aber der Aerger seiner Mutter konnte nicht von langer Dauer seyn; unvergänglich hingegen war der Eindruck, den der Händedruck Mary’s in seinem Herzen zurückgelassen hatte.

Er sehnte sich, wie jeder junge Mann, der mit seinen Gefühlen noch nicht im Klaren ist, nach Einsamkeit. Nach Tische benutzte er einige Augenblicke, wo seine Mutter mit einem Diener sprach, und entfernte sich, ohne ihre Worte zu beachten.

Die Worte der Baronin de La Logerie waren indeß nicht ohne Bedeutung: sie verbot ihrem Sohne, sich in die Nähe von St. Christoph zu begeben, weil daselbst, nach der Aussage des Dieners ein bösartiges Fieber ausgebrochen sey.

Sie wünschte sogar um La Logerie einen Sanitätscordon ziehen zu lassen, um den Bewohnern des Dorfes den Zutritt in das Schloß unmöglich zu machen.

Der Befehl sollte sogleich vollzogen werden, in Bezug auf ein Mädchen, welches für den fieberkranken Vater bei der Baronin um Hilfe bitten wollte.

Wäre Michel nicht so zerstreut gewesen, so würde er den Worten seiner Mutter gewiß einige Aufmerksamkeit geschenkt haben; denn der Kranke war der Pächter Tinguy, und die Botin war seine Milchschwester Rosine für die er noch immer eine große Zuneigung hatte.

Aber seine Augen waren gegen Souday gewandt, und er dachte an die reizende Mary.

Bald war er in dem einsamsten, schattigsten Theile des Parkes. Er hatte, um sein einsames Umherirren nicht auffallend zu machen, ein Buch genommen; aber er hätte nicht einmal den Titel des Buches nennen können, obschon er zu lesen schien, bis er das Ende des Parkes erreicht hatte.

Er setzte sich auf eine Bank und fing an nachzusinnen.

Woran er dachte? Die Antwort ist leicht zu geben: er dachte, wann er wohl Mary und ihre Schwester wieder sehen würde.

Der Zufall war ihm günstig gewesen, aber er hatte sie erst sechs Monate nach seiner Rückkehr gesehen. Der Zufall hatte sich also Zeit genommen; auf eine zweite Begegnung konnte der junge Baron unmöglich so lange warten.

Andererseits war es keineswegs leicht, mit dem Schlosse Souday Verbindungen anzuknüpfen. Der Marquis von Souday, ein Emigrant von 1790, war dem Baron Michel von La Logerie, dessen Adel aus dem Kaiserreiche stammte, nicht sehr gewogen.

Ueberdies hatte sich Jean Oullier in der kurzen Unterredung eben nicht geneigt gezeigt, die Bekanntschaft des jungen Barons zu machen.

Bertha und Mary hatten ihm allerdings ihre Theilnahme zu erkennen gegeben; aber wie konnte er sich den Mädchen nähern? Sie ritten wohl zwei- oder dreimal wöchentlich auf die Jagd, aber nie ohne die Begleitung ihres Vaters und Jean Oulliers.

Michel nahm sich vor, alle in der Bibliothek des Schlosses befindlichen Romane zu lesen: er hoffte, aus einem derselben irgend ein sinnreiches Mittel herauszulesen, welches seine eigene Erfindungsgabe wahrscheinlich nicht entdecken würde.

Während er so nachsann, fühlte er einen leisen Schlag auf seiner Schulter. Er sah sich etwas erschrocken um.

Es war Courtin.

Das Gesicht des braven Meiers drückte eine Zufriedenheit aus, die er gar nicht zu verhehlen suchte.

»Nichts für ungut, Junker,« sagte der Meier, »ich sah Sie so still hier sitzen, und da glaubte ich, es sey Ihr Geist —«

»Jetzt aber siehst Du, Courtin, daß ich’s selbst bin.«

»Das freut mich, Monsieur Michel. Ich dachte mit einiger Unruhe, wie es zwischen Ihnen und der Frau Baronin abgelaufen ist.«

»Sie hat mir einen kleinen Verweis gegeben.«

»Ich konnte mir’s denken. Haben Sie etwas von dem Hasen gesagt?«

»O nein, ich habe mich wohl gehütet.«

»Und von den Wölfinnen?«

»Was für Wölfinnen?« fragte der junge Baron, dem es gar nicht unlieb war, das Gespräch wieder auf diesen Punkt zu lenken.

»Die Wölfinnen von Machecoul. – Ich glaube Ihnen schon gesagt zu haben, daß man die beiden Fräulein von Souday so nennt.«

»Nein, Courtin. Ich glaube, daß die Hunde von Souday und La Logerie, wie man zu sagen pflegt, nicht zusammen jagen.«

»Nun, wenn die Hunde auch nicht zusammen jagen,« erwiderte Courtin mit seiner pfiffigen Miene, die er nicht immer ganz zu verbergen vermochte, »so können Sie doch mit den Hunden von Souday jagen.«

»Was meinst Du damit?«

»Sehen Sie nur,« sagte Courtin, indem er zwei Schweißhunde, die er am Riemen führte, herbeizog.

»Was ist das?« fragte der junge Baron.

»Es ist Galon d’or und Allegro.«

»Ich habe nie etwas von Galon d’or und Allegro gehört.«

»Es sind die Hunde des Banditen Jean Oullier.«

»Warum hast Du ihm denn seine Hunde genommen?«

»Ich habe sie ihm nicht genommen, ich habe sie blos gepfändet.«

»Und mit welchem Rechte?«

»Ich habe ein doppeltes Recht dazu: erstens als Eigenthümer und zweitens als Maire.«

Courtin war Maire des Dorfes La Logerie, welches aus etwa zwanzig Häusern bestand, und er war stolz auf diese Würde.

»Erkläre mir deine Rechte, Courtin.«

»Es ist sonnenklar: als Maire pfände ich die Hunde, weil sie außer der Zeit jagen.«

»Ich habe nicht geglaubt, daß man nicht zu jeder Zeit nach Wölfen jagen darf, und da der Marquis von Souday Jägermeister ist —«

»Im Walde von Machecoul mag er nach Wölfen jagen, aber aus der Ebene muß er wegbleiben. Uebrigens,« setzte Courtin pfiffig lächelnd hinzu, »haben Sie ja gesehen, daß er keinen Wolf, sondern einen Hasen jagte, und daß dieser Hase von einer der beiden Wölfinnen erlegt wurde.«

Der junge Baron war im Begriff zu erwiedern, daß dieser Name, auf die Fräulein von Souday angewandt, ihm unangenehm sey, aber er mochte sich doch nicht so deutlich aussprechen.

»Fräulein Bertha hat ihn erlegt, Courtin,« sagte er, »aber ich hatte ihn zuerst angeschossen, ich bin also der Schuldige.«

»Wie meinen Sie das? Würden Sie geschossen haben, wenn ihn die Hunde nicht gejagt hätten? Die Hunde haben also die Schuld, und in meiner Eigenschaft als Maire strafe ich die Hunde, weil sie unter dem Vorwande der Wolfsjagd zu einer verbotenen Zeit einen Hasen jagten. Doch das ist noch nicht Alles: nachdem ich als Maire gestraft habe, schreite ich als Landeigenthümer ein. Wer hat den Hunden des Herrn Marquis erlaubt, auf meinem Lande zu jagen?«

»Ich glaube, Courtin, daß Du Dich irrst,« erwiderte Michel lachend, »die Hunde jagten auf meinem Grund und Boden, oder vielmehr auf dem Besitzthume meiner Mutter.«

»Das macht keinen Unterschied, Monsieur Michel; ich habe ja Ihre Ländereien gepachtet. Wir sind nicht mehr vor 1789, wo die Gutsherren das Recht hatten, mit ihren Meuten über die Kornfelder der Bauern zu jagen und Alles niederzutreten, ohne den Schaden zu ersetzen. Nein, wir schreiben jetzt 1832. Jedermann ist Herr auf seinem Eigenthum, und das Wild gehört dem, der es füttert. Der von den Hunden des Herrn Marquis gejagte Hase gehört also mir, denn er frißt das Getreide, das ich auf den Aeckern der Frau Baronin gesät habe, und ich habe den Hasen zu essen.«

Michel machte eine Bewegung, die Courtin wohl bemerkte, aber er mochte doch sein Mißfallen nicht zu erkennen geben.

»Es wundert mich nur,« sagte der junge Baron, »daß sich diese Hunde, die Dir mit so großem Widerstreben zu folgen scheinen, von Dir einholen ließen.«

»O! das hat gar keine Mühe gekostet,« erwiderte Courtin, »ich fand sie beim Speisen.«

»Beim Speisen?«

»Ja wohl. Ich hatte den Hasen in eine Hecke gesteckt, sie hatten ihn gefunden und schmausten. Sie scheinen drüben auf dem Schlosse Souday eben nicht stark gefüttert zu werden und auf eigene Faust gejagt zu haben. Sehen Sie nur, wie die Canaillen meinen Hasen zugerichtet haben.«

Courtin zog die Hinterläufe des Hasen, als hauptsächliches corpus delicti, aus seiner weiten Tasche. Kopf, Vorderläufe und der halbe Rücken waren verschwunden.

»Höre, Courtin,« sagte der junge Baron, »als Maire solltest Du die gesetzliche Ordnung doppelt respektiren.«

»Die gesetzliche Ordnung trage ich in meinem Herzen. Sie wissen ja, Monsieur Michel, daß die drei Worte: Légalité, liberté, ordre public vor meinem Hause geschrieben stehen.«

»Um so mehr Ursache habe ich Dir zu sagen, daß dein Verhalten mit der gesetzlichen Ordnung und Freiheit nicht im; Einklange steht.«

»Wie! die Hunde von Souday stören die gesetzliche Ordnung nicht, wenn sie in einer verbotenen Zeit auf meinen Feldern jagen? und ich habe nicht das Recht sie zu pfänden?«

»Nein, Courtin, sie stören nicht die gesetzliche Ordnung, sie verletzen ein Privatinteresse, und Du hast das Recht, ein Protokoll darüber aufzunehmen, aber nicht, sie zu pfänden.«

»O! das ist viel zu weitläufig; wenn man die Hunde in Ruhe lassen und blos ein Protokoll aufnehmen soll, so sind ja nicht mehr die Menschen, sondern die Hunde frei.«

»Courtin,« sagte der junge Baron mit einer gewissen Wichtigthuerei, welche jungen Leuten, die einige Bekanntschaft mit dem Gesetzbuche gemacht haben, eigen zu seyn pflegt, »Du verwechselst, wie viele Leute, Freiheit mit Unabhängigkeit. Die Unabhängigkeit ist die Freiheit der Menschen, die nicht frei sind.«

»Aber was ist denn Freiheit?«

»Freiheit, lieber Courtin, ist die Verzichtung auf persönliche Unabhängigkeit zum Nutzen Aller. Aus diesem allgemeinen Schatz von Unabhängigkeit nimmt ein ganzes Volk oder jeder einzelne Bürger seine Freiheit. Wir sind frei und nicht unabhängig.«

»O! mich kümmert das nicht,« erwiderte Courtin, »ich bin Maire und Grundeigenthümer; ich habe die beiden besten Hunde des Marquis, Galon d’or und Allegro, am Riemen, ich lasse sie nicht los; er mag sie holen, dann will ich ihn fragen, was er in den Versammlungen zu Torfou und Montaigu macht.«

»Was meinst Du?«

»O! ich weiß schon, was ich meine.«

»Aber ich weiß es nicht.«

»Das ist auch nicht nöthig, Sie sind nicht Maire.«

»Das ist wohl wahr, aber ich wohne doch hier und möchte gerne wissen, was in dieser Gegend vorgeht.«

»Das ist nicht schwer zu sehen: die Herren conspiriren.«

»Die Herren?«

»Ei ja, die Edelleute, die – doch ich schweige, obschon Sie zu jenem Adel nicht gehören.«

Michel erröthete bis über die Ohren.

»Da sagst, Courtin, daß die Edelleute conspiriren?«

»Freilich; warum sollten Sie denn sonst in der Nacht zusammenkommen? Am Tage mögen die Müßiggänger zechen und schmausen, so viel sie wollen, die Behörde hat nichts dagegen; aber Leute, die in der Nacht die Köpfe zusammenstecken, haben nichts Gutes im Sinne. Aber sie mögen sich nur in Acht nehmen, ich habe ein wachsames Auge auf sie, ich bin Maire, und wenn ich auch nicht das Recht habe, die Hunde zu pfänden, so habe ich doch das Recht, die Menschen ins Gefängniß zu schicken. Von dieser Seite kenne ich das Gesetzbuch sehr gut.«

»Und der Marquis von Souday besucht jene Versammlungen?«

»Natürlich, warum sollte er sie nicht besuchen? Ein alter Chouan, ein Adjutant Charette’s wird nicht ausbleiben. Er mag nur kommen, um seine Hunde zurückzufordern, ich schicke ihn sammt seinen Wölfinnen nach Nantes, und sie sollen sagen, warum sie sich so oft bei Nacht und Nebel in den Wäldern herumtreiben.«

»Aber,« entgegnete Michel mit einer Heftigkeit, die sehr leicht zu deuten war, »Du hast mir ja selbst gesagt, Courtin, daß die jungen Damen oft Kranke besuchen und deshalb so spät durch den Wald kommen —«

Courtin trat einen Schritt zurück und zeigte lachend mit dem Finger auf seinen jungen Gutsherrn.

»Aha!« sagte er, »jetzt habe ich Sie gefangen!«

»Mich?« sagte der junge Baron erröthend, »wobei glaubst Du mich gefangen zu haben?«

»Die Demoiselles liegen Ihnen am Herzen!«

»Mir —«

»Ja, ja, ja! Ich will’s Ihnen gar nicht verargen, im Gegenteil, obschon es Demoisellen sind, so muß ich doch gestehen, dass sie hübsch sind. Werden Sie nur nicht roth. Sie kommen ja nicht aus dem Seminar, Sie sind weder Abbé noch Diaconus, noch Vicar; Sie sind ein schmucker junger Herr – nur vorwärts, und nicht ängstlich! Die Dämchen müßten wahrhaftig keinen Geschmack haben, wenn sie keinen Gefallen an Ihnen fänden.«

»Aber, lieber Courtin,« sagte Michel, »wenn dies meine Absicht wäre, so würde ich schon darin ein großes Hindernis finden, daß ich weder den Marquis noch seine Töchter kenne. Man kann ja nicht sogleich einen Besuch machen, wenn man zwei jungen Mädchen einmal zu Pferde begegnet.«

»Aha! ich verstehe,« sagte Courtin spöttisch, »die Leute dort drüben haben vornehme Manieren, obgleich sie so arm wie die Kirchenmäuse sind, und Sie brauchen eine Gelegenheit, einen Grund, einen Vorwand. Suchen Sie nur, Monsieur Michel, Sie sind ein Gelehrter, können Latein und Griechisch, und haben obendrein das Gesetzbuch studirt. Sie werden bald etwas finden.«

Michel schüttelte den Kopf.

»Was!« sagte Courtin, »Sie haben nichts gefunden?«

»Das sage ich nicht,« erwiderte der junge Baron lebhaft.

»Aber ich sage es. Wenn man vierzig Jahre alt ist, hat man die Zeit, wo man zwanzig zählte, noch nicht vergessen.«

Michel schwieg und schlug vor dem etwas spöttischen Blick des Landmannes die Augen nieder.

»Sie haben kein Mittel gefunden,« setzte Courtin hinzu, »aber ich habe es gefunden.«

»Du!« sagte der junge Baron, rasch aufblickend; aber er lenkte ein, um seine geheimen Gedanken nicht preiszugeben. »Wer hat Dir denn gesagt, daß ich ins Schloß gehen will?«

»Hören Sie nur,« fuhr Courtin fort, als ob sein Herr gar nicht versucht hätte zu leugnen.

Michel stellte sich gleichgültig und zerstreut, hörte aber sehr aufmerksam zu.

»Sie sagen zu mir: Papa Courtin, Ihr habt weder als Maire, noch als Landeigenthümer das Recht, die Hunde des Marquis von Souday zu pfänden; Ihr habt Anspruch auf eine Entschädigung und wegen dieser Entschädigung werden wir uns verständigen. Hierauf antwortet der Papa Courtin. O! mit Ihnen, Monsieur Michel, rechne ich nicht, wir kennen Ihre Großmuth. Hierauf erwidern Sie: Courtin, Du gibst mir die Hunde, das Uebrige ist meine Sache. Und ich sage: Hier sind die Hunde, Monsieur Michel. Was die Entschädigung betrifft, so finden wir uns mit einem oder zwei Goldfüchsen ab; wir wollen ja nicht den Tod des Sünders! Sie schreiben dann ein kleines Billet an den Marquis und schicken ihm die Hunde durch Rousseau oder La Belette zurück. Dann kann er natürlich nicht umhin, sich bei Ihnen schönstens zu bedanken und Sie einzuladen. Noch sicherer wär’s freilich, wenn Sie ihm die Hunde selbst zurückbrächten.«

»Gut, gut, Courtin,« sagte der junge Baron, »laß mir die Hunde, ich will sie dem Marquis zurückschicken, nicht um von ihm eingeladen zu werden – denn an deinen Voraussetzungen ist kein wahres Wort, – sondern weil Nachbarn einander gefällig seyn müssen.«

»Nun, ich will nichts gesagt haben,« sagte Courtin. »Aber es bleibt doch immer wahr, die beiden Fräulein von Souday sind bildhübsch. Und was die Entschädigung betrifft —«

»Nicht mehr als billig,« unterbrach ihn der junge Baron. »Hier, nimm das für den Schaden, den Dir die Hunde auf meinem Lande gethan haben.«

Und er gab dem Bauer drei oder vier Louisd’or, die er eben bei sich hatte.

Es war ein Glück, daß er nicht mehr bei sich hatte, denn er war so erfreut über das von Courtin gefundene Mittel, daß er ihm zehnmal mehr gegeben hätte, wenn diese zehnfache Summe in seiner Tasche gewesen wäre.

Courtin warf einen Kennerblick auf die Goldstücke, die er als »Entschädigung« bekommen hatte, übergab dem jungen Baron den Koppelriemen und entfernte sich.

Aber als er einige Schritte gegangen war, sah er sich um und sagte:

»Aber binden Sie sich nicht allzu sehr an die Leute, Monsieur Michel. Sie wissen, was ich Ihnen von den Versammlungen der Herren zu Torfou und Montaigu erzählt habe, und jetzt sage ich Ihnen, daß es binnen vierzehn Tagen etwas geben wird.«

Er ging nun fort und trällerte die »Parisienne«, für deren Text und Melodie er schwärmte.

Der junge Baron blieb mit den beiden Hunden allein.




X.

Wo gezeigt wird, das man die Rechnung nicht ohne den Wirth machen soll


Der junge Baron hatte anfangs die Absicht, den Rath Courtin’s zu befolgen, nämlich die Hunde in das Schloß zurückzuschicken. Rousseau und La Belette sollten die Hunde abliefern und seine Botschaft überbringen. Es waren zwei Diener, die theils auf dem Meierhofe, theils im Schlosse verwendet wurden. Die Spitznamen, unter denen sie Courtin unseren Lesern vorgestellt, verdankte der Erste der etwas schreienden Farbe seines Haares, der Zweite der Aehnlichkeit seines Gesichts mit der Schnauze des Thieres [La belette, das Wiesel.], welches La Fontaine in einer sehr hübschen Fabel illustriert hat.

Allein bei reiferer Erwägung dachte er, der Marquis von Souday könne sich mit einem einfachen Dankschreiben begnügen, ohne ihn einzuladen.

Wenn der Marquis so handelte, so war der Zweck verfehlt, und eine so günstige Gelegenheit fand sich vielleicht nicht wieder.

Wenn er hingegen die Hunde persönlich überbrachte, so mußte der Marquis seinen Besuch annehmen: einen Nachbar, der so gefällig ist, zwei verloren geglaubte werthvolle Jagdhunde persönlich zu überbringen, läßt man nicht sechs bis sieben Kilometer machen, ohne ihm eine Erfrischung und wenn es spät ist, ein Nachtlager zu bieten.

Michel sah nach der Uhr. Es war sechs Uhr und einige Minuten.

Die Baronin speiste um vier Uhr. Der junge Baron hatte daher Zeit genug, sich in das Schloß Souday zu begeben. Aber es war ein großer Entschluß, und Entschlossenheit war eben kein hervorragender Charakterzug Michel’s.

Er blieb eine Viertelstunde unschlüssig; aber in den ersten Maitagen geht die Sonne erst um acht Uhr unter, er hatte also noch anderthalb Stunden Sonnenschein. Ueberdies konnte er, ohne sich einer Unschicklichkeit schuldig zu machen, bis neun Uhr seinen Besuch aufschieben.

Freilich war vorauszusehen, daß sich die Mädchen nach einem Jagdtage frühzeitig zur Ruhe begeben würden, und um den Marquis allein zu sprechen, würde der junge Baron die sechs Kilometer nicht machen. Um Mary zu sehen, würde er hundert Meilen gemacht haben.

Er entschloß sich daher, auf der Stelle die kleine Reise anzutreten.

Erst jetzt bemerkte er, daß er keinen Hut hatte. Aber um seinen Hut zu holen, mußte er ins Schloß gehen; seine Mutter konnte ihm begegnen und ihn fragen, wohin er wollte und wem die Hunde gehörten.

Er brauchte keinen Hut; er konnte sich mit der Eile entschuldigen, der Wind konnte den Hut in eine Schlucht getrieben haben und die Hunde hätten ihm nicht erlaubt, ihm nachzulaufen. Es wäre viel unangenehmer gewesen, seiner Mutter zu begegnen.

Er machte sich also baarhaupt, mit den beiden Hunden am Riemen, auf den Weg.

Kaum hatte er einige Schritte gemacht, so sah er ein, daß er die fünfundsiebzig Minuten, auf die er gezählt hatte, nicht auf dem Wege zubringen würde. Denn sobald die Hunde merkten, welche Richtung ihr Führer einschlug, so hatte er sie nicht mehr fortzuziehen, sondern zurückzuhalten. Sie witterten den Stall; an einen kleinen Wagen gespannt, würden sie den Baron Michel in einer halben Stunde nach Souday gezogen haben. Zu Fuß konnte er den Weg in drei Viertelstunden zurücklegen.

Da er eben so ungeduldig war, wie die beiden Hunde, so setzte er sich in kurzen Trab.

Nach zwanzig Minuten kam er in den Wald von Machecoul. Anfangs war eine ziemlich steile Anhöhe zu ersteigen.

Der junge Baron fühlte auf der Höhe das Bedürfniß, sich zu verschnaufen. Die Hunde hingegen wollten rasch weiter, aber er hielt sie glücklich zurück.

Während er sich den Schweiß von der Stirn wischte und sich an der kühlen Abendluft labte, glaubte er einen Ruf zu hören. Die Hunde hörten ihn ebenfalls, begannen ein; klägliches Geheul und zogen mit erneuerter Kraft am Leitriemen.

Der Führer hatte sich ausgeruht und trabte weiter den mit aller Kraft ziehenden Hunden nach.

Er hatte noch nicht dreihundert Schritte gemacht, so hörte er denselben Ruf, aber näher und deutlicher, wieder.

Die Hunde antworteten mit einem noch kläglicheren Geheul und mit noch stärkeren Ziehen am Koppelriemen.

Der junge Baron sah wohl, daß Jemand die Hunde suchte und rief.

Nach einer Weile wiederholte sich das Rufen. Dieses Mal zogen Galon d’Or und Allegro mit solcher Gewalt, daß Michel, von ihnen fortgerissen, sehr schnell laufen mußte.

Nachdem er einige Minuten in diesem raschen Tempo gelaufen war, erschien ein Mann am Saume des Waldes, sprang über den Graben und trat dem jungen Baron in den Weg.

Es war Jean Oullier.

»Aha!« sagte er, »Sie sind’s, Monsieur Jolicoeur! Sie lenken also meine Hunde von der Wolfsfährte ab und hetzen sie auf einen Hasen! Und nun geben Sie sich sogar die Mühe, sie zusammenzukoppeln und am Riemen zu führen!«

»Ich habe die Hunde zusammengekoppelt,« erwiderte der junge Baron ganz athemlos, »um sie dem Herrn Marquis von Souday persönlich zu überbringen.«

»Ja, ja – ohne Hut und so mir nichts Dir nichts! Die Mühe können Sie sich ersparen, mein lieber Herr, ich werde die Hunde schon abliefern.«

Und ehe es der junge Baron hindern konnte, entriß ihm Oullier den Riemen und warf ihn den Hunden auf den Hals, wie man einem Pferde den Zügel auf den Hals wirft.

Die Hunde liefen nun auf das Schloß zu, Jean Oullier ihnen nach.

Alles dies war so schnell vor sich gegangen, daß die Hunde mit ihrem Treiber schon weit entfernt waren, ehe der junge Baron wieder einige Fassung gewonnen hatte.

Er stand wohl schon zehn Minuten ganz verblüfft auf derselben Stelle und schaute den Hunden nach, da hörte er eine sanfte, freundliche Mädchenstimme:

»Mein Gott! Herr Baron, was machen Sie denn ohne Hut hier im Walde?«

Was er hier machte? Das hätte er wohl schwerlich sagen können. Er folgte in Gedanken seinen davoneilenden Hoffnungen.

Er sah sich um und erkannte seine Milchschwester, die Tochter des Pächters Tinguy.

»Aha! Du bist’s, Rosine,« sagte er.

»Wo kommst Du denn her?«

»Ach! Herr Baron!« antwortete das Mädchen weinerlich, »ich komme aus dem Schlosse La Logerie, wo mich die Frau Baronin schlecht aufgenommen hat.«

»Wieso, Rosine? Du weißt ja, daß Dir meine Mutter sehr gut ist.«

»Ja, sonst wohl, aber heute nicht.«

»Wie! Heute nicht?«

»Ja, vor einer Stunde ließ sie mir die Thüre weisen.«

»Warum hast Du nicht nach mir gefragt?»

»Ich habe nach Ihnen gefragt, Herr Baron, aber man sagte mir, Sie wären nicht zu Hause.«

»Ich komme ja eben erst vom Schlosse her, und Du, bist gewiß nicht so geschwind hierher gekommen, wie ich.«

»Das ist möglich, Herr Baron. Denn da ich von Ihrer Frau Mutter abgewiesen wurde, so kam ich auf den Gedanken, die Wölfinnen aufzusuchen, aber ich entschloß mich nicht sogleich.«

»Was willst Du denn von den Wölfinnen?«

Es kostete ihm große Ueberwindung, dieses Wort auszusprechen.

»Ich will für meinen kranken Vater um Hilfe bitten.«

»Was für eine Krankheit hat er denn.«

»Ein bösartiges Fieber, das er in den Sümpfen bekommen hat.«

»Ein bösartiges Fieber!« wiederholte Michel, »Ist es ein Zehrfieber, ein Wechselfieber oder ein Nervenfieber?«

»Das weiß ich nicht, Herr Baron.«

»Was sagt denn der Arzt dazu?«

»Der Arzt wohnt in Palluau; er nimmt fünf Francs für einen Besuch, und das können wir nicht geben.«

»Und meine Mutter hat Dir kein Geld gegeben?«

»Sie wollte mich gar nicht sehen! Ein bösartiges Fieber! sagte sie, und das Mädchen kommt hierher, während der Vater krank ist? Fort mit ihr!«

»Das ist unmöglich!«

»Ich habe es recht gut gehört, Herr Baron; sie rief es; ganz laut zum Zimmer heraus.«

»Warte, warte,« sagte der junge Baron, »ich will Dir Geld geben.«

Er durchsuchte seine Taschen. Aber er hatte Courtin Alles gegeben, was er bei sich gehabt.

»Ach Gott!« sagte er, »ich habe keinen Groschen bei mir, armes Kind. Komm mit mir ins Schloß, ich will Dir geben, was Du brauchst.«

»O nein,« erwiderte Rosine, »ich würde nicht um alles Gold der Welt wieder ins Schloß gehen. Ich gehe zu den Wölfinnen, sie sind mitleidig und werden ein armes Mädchen, das für den kranken Vater um Hilfe bittet, nicht abweisen.«

»Aber man sagt,« entgegnete der junge Baron zögernd, »man sagt, daß die Fräulein von Souday nicht reich sind.«

»Ich will sie auch nicht um Geld bitten; sie geben kein Almosen, sie thun etwas Besseres —«

»Was thun sie denn?«

»Sie gehen selbst zu den Kranken, und wenn keine Hilfe mehr ist, so trösten sie die Angehörigen.«

»Ja wohl,« sagte Michel, »wenn’s eine gewöhnliche Krankheit ist, aber bei einem gefährlichen Fieber —«

»Die lieben jungen Damen machen keinen Unterschied. Sie können sich selbst davon überzeugen, wenn Sie hier warten wollen: in zehn Minuten werden Sie mich mit einer von den beiden Schwestern zurückkommen sehen. – Auf Wiedersehen, Herr Baron! O, ich hätte nie geglaubt, daß Ihre Frau Mutter die Tochter Ihrer Amme wie eine Diebin behandeln und fortschicken würde!«

Rosine entfernte sich, ehe der junge Baron eine Antwort finden konnte.

Aber sie hatte etwas gesagt, was ihm zu Herzen gegangen war; sie hatte gesagt: »In zehn Minuten werden Sie mich, wenn Sie warten wollen, mit einer der beiden Schwestern zurückkommen sehen.«

Er war fest entschlossen, zu warten; die auf eine Art verfehlte Gelegenheit konnte auf eine andere Art wieder eingebracht werden.

Wenn der Zufall wollte, daß Mary mit Rosine kam —.

Aber wie konnte er glauben, daß ein achtzehnjähriges Mädchen, die Tochter des Marquis von Souday um acht Uhr Abends eine Meile weit gehen würde, um einem armen fieberkranken Bauer Hilfe zu leisten?

Es war nicht wahrscheinlich, ja kaum möglich. Rosine machte die beiden Schwestern gewiß besser als sie waren, so wie Andere sie schlechter machten.

Und wie wäre es zugegangen, daß seine Mutter, die fromme, auf alle Tugenden Anspruch machende Dame, bei dieser Gelegenheit ganz anders gehandelt hätte, als die beiden Mädchen, denen man in der ganzen Gegend so viel Böses nachsagte? Wenn es wirklich so war, wie Rosine sagte, so waren ja die beiden Mädchen die wahren Seelen nach dem Herzen Gottes.

Aber er wartete gewiß vergebens.

Als er sich diesen trostlosen Gedanken seit zehn Minuten wohl zehnmal vergegenwärtigt hatte, sah er an der Biegung der Straße, wo Rosine verschwunden war, zwei Mädchengestalten erscheinen.

Ungeachtet der Dämmerung erkannte er Rosine. Die Andere war nicht zu erkennen, sie war in einen Mantel gehüllt.

Er war so befangen und aufgeregt, daß er nicht die Kraft hatte, den beiden Mädchen entgegen zu gehen; er erwartete sie.

»Nun, was habe ich Ihnen gesagt, Herr Baron?« rief, ihm Rosine zu.

»Was hast Du ihm denn gesagt?« fragte die junge Dame im Mantel.

Michel seufzte; an dem festen, entschiedenen Tone der Stimme erkannte er Bertha.

Ich habe ihm gesagt, erwiderte Rosine, »daß es mir bei Ihnen nicht so gehen würde, wie im Schlosse La Logerie – daß man mir die Thür nicht weisen würde.«

»Aber,« sagte Michel, »Du hast vielleicht dem Fräulein von Souday nicht gesagt, was für eine Krankheit dein Vater hat.«

»Nach den Symptomen,« antwortete Bertha, »scheint es ein Nervenfieber zu seyn; deshalb ist keine Minute zu verlieren. Die Krankheit erheischt schnelle Hilfe. Kommen Sie mit uns, Herr Baron?«

»Aber, mein Fräulein,« entgegnete Michel, »das Nervenfieber ist ansteckend —«

»Einige behaupten es und Andere leugnen es,« sagte Bertha gleichgültig.

»Aber das Nervenfieber ist tödtlich —«

»Ja, in vielen Fällen; aber man hat doch auch manche Beispiele von Genesung.«

Der junge Baron zog Bertha an sich.

»Sie wollen sich einer solchen Gefahr aussetzen?« fragte er.

»Allerdings.«

»Für einen Unbekannten – einen Fremden —«

»Wer für uns ein Fremder ist,« erwiderte Bertha sehr sanft, »ist für andere Menschen ein Vater, ein Bruder, ein Gatte. In dieser Welt ist kein Mensch dem andern fremd. Und steht der Kranke Ihnen nicht näher, als andere Seinesgleichen?«

»Er ist der Ehemann meiner Amme, —« sagte Michel verlegen.

»Sehen Sie wohl!« erwiderte Bertha.

»Ich erbat mich, mit Rosine in’s Schloß zu gehen; ich würde ihr Geld zu den Curkosten gegeben haben —«

»Und Du hast deine Zuflucht lieber zu uns genommen?« sagte Bertha, »das ist schön von Dir, Rosine.«

Der junge Baron war ganz beschämt. Er hatte viel von der christlichen Barmherzigkeit gehört, aber nie gesehen, und nun erschien sie ihm auf einmal in der Gestalt Bertha’s.

Er folgte den beiden Mädchen in tiefem Nachdenken.

»Wenn Sie mit uns kommen,« Herr Baron, sagte: Bertha, »so haben Sie die Güte dieses Arzneikästchen zu – tragen.«

»Der Herr Baron wird nicht mit uns kommen,« meinte Rosine, »er weiß, wie sehr seine Frau Mutter die bösartigen Fieber fürchtet.«

»Du irrst Dich, Rosine,« sagte Michel, »ich gehe mit.«

Er nahm dem Fräulein von Souday das Kästchen ab.

Eine Stunde nachher kamen alle Drei zu der von Rosinens Vater bewohnten Hütte.




XI.

Der Eilbote


Die Hütte stand nicht im Dorfe, sondern etwa einen Büchsenschuß außerhalb desselben vor einem kleinen Gehölz, mit welchem sie durch eine Hinterthür in Verbindung stand.

Rosinens Vater war ein Chouan von altem Schrot und Korn; er hatte, kaum dem Knabenalter entwachsen, den ersten Krieg in der Vendée unter Charette, la Rochejacquelein und anderen Führern mitgemacht.

Später hatte er sich verheirathet; ein Sohn war ihm gestorben; Rosine war sein einziges Kind.

Bei jedem der beiden Kinder hatte seine Frau, der unter den armen Bäuerinnen herrschenden Sitte gemäß, einen Säugling genommen.

Der erste war der letzte Sprößling einer adeligen Familie von Maine, Namens Henri de Bonneville. Er wird in dieser Geschichte bald erscheinen.

Der zweite war Michel de La Logerie, eine der Hauptpersonen unserer Erzählung.

Henri de Bonneville war zwei Jahre älter als Michel. Die beiden Kinder hatten vor dieser Thür, deren Schwelle Michel jetzt mit Rosine und Bertha überschreiten sollte, oft mit einander gespielt. Später hatten sie sich in Paris gesprochen. Die Baronin de La Logerie hatte diese Freundschaft sehr begünstigt, denn die Familie Bonneville war sehr angesehen und reich.

Die beiden Knaben hatten einigen Wohlstand ins Haus gebracht; aber der Bauer in der Vendée hält seinen Wohlstand immer geheim. So machte es auch Tinguy; er stellte sich auf Kosten seines eigenen Lebens arm, und wie krank er auch war, so würde er sich doch wohl gehütet haben, einen Arzt, dessen Besuch ihm drei Francs gekostet hätte, von Palluau kommen zu lassen.

Ueberdies glauben die Bauern, zumal die Vendéer weder an Aerzte noch an Arzneien. So hatte sich denn Rosine an die Baronin de La Logerie, und nachdem sie von dieser abgewiesen worden, an die Fräulein von Souday gewandt.

Als die drei jungen Leute eintraten, richtete sich der Kranke mit Mühe auf, aber er sank sogleich ächzend auf sein Lager zurück. Ein vor dem Bett brennendes Licht warf einen matten Schimmer auf den etwa vierzigjährigen Mann, bei welchem alle Anzeichen eines heftigen Fiebers sichtbar waren.

Er war leichenblaß, das Auge war matt und glanzlos, und von Zeit zu Zeit wurde er heftig geschüttelt, als ob er mit einer galvanischen Batterie in Berührung gekommen wäre.

Der junge Baron schauderte bei diesem Anblicke; er fand die Furcht seiner Mutter vor Ansteckung ganz erklärlich, denn es schien ihm, als ob der Krankheitsstoff in sichtbaren Atomen um das Lager schwebte.

Er dachte an Kampher, an Chlor, an Räuberessig, kurz an alle Vorbeugungsmittel, welche den Kranken von dem Gesunden trennen können, und da er weder Essig noch Kampher oder Chlor hatte, so blieb er wenigstens an der Thür, um sich mit der äußern Luft in Verbindung zu setzen.

Bertha dachte an keine Vorsichtsmaßregeln; sie trat an das Bett und faßte die heiße Hand des Kranken.

Michel wollte auf sie zueilen, um sie zurückzuhalten, er that den Mund auf, um sie zu warnen, aber er blieb regungslos, sprachlos vor Bewunderung und Schrecken.

Bertha befragte den Kranken. Tags zuvor war er beim Aufstehen so matt gewesen, daß er sich nicht auf den Füßen zu halten vermochte. Aber statt sich wieder ins Bett zu legen und einen Arzt kommen zu lassen, hatte sich Tinguy angekleidet, einen Krug Cider aus dem Keller geholt und ein Stück Brot abgeschnitten: er glaubte, sich stärken zu müssen.

Er hatte den Cider getrunken, aber das Brot hatte nicht geschmeckt. Dann war er an seine Feldarbeit gegangen.

Unterwegs hatte er heftige Kopfschmerzen bekommen, und seine Mattigkeit war so groß geworden, daß er sich setzen mußte. Er hatte begierig aus einer Quelle getrunken, aber sein Durst war so groß geworden, daß er zuletzt aus einer Pfütze getrunken hatte.

Endlich war er auf sein Feld gekommen, aber er hatte nicht die Kraft gehabt, seine gestern angefangene Arbeit fortzusetzen. Eine Weile hatte er sich auf sein Grabscheit gestützt, dann aber war ihm der Kopf zu schwer geworden, und er war zu Boden gefallen.

Er blieb bis sieben Uhr Abends liegen, und er würde die ganze Nacht liegen geblieben seyn, wenn nicht zufällig ein Bauer aus einem Nachbardorfe vorbeigekommen wäre. Dieser rief ihn an; der Fieberkranke antwortete nicht, machte aber eine Bewegung. Der Bauer trat näher und erkannte Tinguy.

Mit großer Mühe führte er den Kranken nach Hause. Dieser war so schwach, daß er länger als eine Stunde brauchte, um den kurzen Weg, den er sonst in einer Viertelstunde gemacht, zurückzulegen.

Rosine hatte ihn schon mit Unruhe erwartet. Ueber das Aussehen ihres Vaters erschreckt, wollte sie nach Palluau eilen und den Arzt holen, aber der Kranke verbot es ihr ausdrücklich; er meinte, es habe nichts zu bedeuten, am andern Morgen werde er wieder gesund seyn. Er ließ sich nur einen Krug Wasser vor das Bett bringen, um den immer heftiger werdenden Durst zu stillen.

In der Nacht war die Fieberhitze immer größer, der Durst immer quälender geworden. Morgens hatte er einen Versuch gemacht aufzustehen, aber er war kaum im Stande gewesen den Kopf aufzurichten, und hatte über heftige Schmerzen in der rechten Seite geklagt.

Rosine, welche vergebens zu ärztlicher Hilfe gerathen hatte, war vor dem Bette geblieben, um jeden Augenblick seine Wünsche zu erfüllen.

Um vier Uhr Nachmittags hatte der Kranke eingesehen, daß er von einem bösartigen Fieber befallen war, und seine Tochter in das Schloß geschickt.

Wir haben das Resultat dieses Entschlusses gesehen. Nachdem Bertha den Puls des Kranken untersucht und seine mühsam hervorgebrachte Erzählung angehört hatte, überzeugte sie sich, daß er ein hitziges Fieber hatte. Aber von welcher Art dieses Fieber war, wußte sie nicht.

Da der Kranke indeß unaufhörlich zu trinken verlangte, so schnitt sie eine Citrone in Scheiben, ließ sie in einem Topf; mit Wasser sieden, that etwas Zucker hinein und gab diese Limonade dem Kranken statt des klaren Wassers.

Als sie die Limonade bereiten wollte, erklärte Rosine, es sey kein Zucker im Hause. Der Zucker ist für den Vendéer Bauer der größte Luxus.

Bertha hatte es vermuthet und deshalb etwas Zucker in ihr Arzeneikästchen gethan. Sie sah sich nach dem Kästchen um und bemerkte es unter dem Arm des jungen Barons, der immer an der Thüre stand.

Sie winkte ihn herbei, aber ehe er von der Stelle gegangen war, machte sie eine abwehrende Bewegung und ging, einen Finger auf den Mund haltend, auf ihn zu.

»Der Zustand des Kranken ist sehr bedenklich,« sagte sie leise, »ich will die Verantwortung nicht übernehmen. Ein Arzt ist sehr nothwendig, und ich fürchte sogar, daß er zu spät kommen wird. Eilen Sie nach Palluau, lieber Herr Baron, und holen Sie den Doktor Roger.«

»Aber Sie – Sie?« fragte Michel sehr besorgt.

»Ich bleibe hier. Sie werden mich hier wieder finden, ich habe etwas Wichtiges mit dem Kranken zu reden.«

»Etwas Wichtiges?« sagte Michel erstaunt.

»Ja,« antwortete Bertha.

»Aber bedenken Sie doch —«

»Ich sage Ihnen,« unterbrach ihn das Fräulein, »daß die mindeste Verzögerung gefährliche Folgen haben kann. In diesem schon vorgerückten Stadium sind die Fieber oft tödtlich; eilen Sie daher und holen Sie den Doctor.«

»Aber wenn das Fieber ansteckend ist,« entgegnete Michel, »so kommen Sie ja auch in Gefahr —«

»Lieber Herr,« erwiderte Bertha, »wenn man an solche Dinge denken wollte, so würde die Hälfte unserer Bauern hilflos sterben. Gehen Sie! Gott wird mich schützen.«

Sie reichte dein Boten die Hand.

Der junge Baron, von Bewunderung erfüllt, faßte die Hand und zog sie an seine Lippen.

Diese Bewegung war so rasch, so leidenschaftlich, daß Bertha erblaßte und seufzend hinzusetze:

»Gehen Sie, Freund – gehen Sie!«

Dieses Mal hatte sie nicht nöthig, den Befehl zu wiederholen. Michel eilte hinaus. Ein noch nie gekanntes Feuer durchglühte ihn und verdoppelte die Lebenskraft; er wäre im Stande gewesen, Unmögliches zu vollbringen, es schien ihm, als ob er, wie Merkur, am Kopf und an den Fersen Flügel hätte. Er würde eine ihm den Weg versperrende Mauer erklommen, er würde sich in einen reißenden Strom gestürzt haben, um an das andere Ufer hinüberzuschwimmen. Es that ihm fast leid, daß Bertha so wenig von ihm verlangte, er hätte gern Hindernisse überwunden, etwas Schweres, sogar Unmögliches vollbracht. Durch den kurzen Weg konnte er sich keine Ansprüche auf den Dank des Fräuleins erwerben; er wäre gern, für sie ans Ende der Welt gegangen, er hätte gern Beweise seines Muthes gegeben.

In seiner Aufregung fühlte er keine Ermüdung. In einer halben Stunde war er in Palluau.

Der Doktor Roger war ein Hausfreund der Baronin de La Logerie. Der junge Baron brauchte sich daher nur zu nennen, um den Doctor, der noch nicht wußte, daß der Kranke nur ein Bauer war, aus dem Bett zu holen.

In fünf Minuten war der Doktor angekleidet und fragte nach der Ursache dieses unerwarteten nächtlichen Besuches.

Michel erzählte den Krankheitsfall mit wenigen Worten, und da der Arzt sich wunderte, den jungen Baron zu Fuß, mit bloßem Kopfe kommen zu sehen, erwiderte Michel, der Kranke sey der Ehemann seiner Amme und dies sey die Ursache seiner warmen Theilnahme.

Der Arzt ließ sogleich sein Pferd einspannen. Aber Michel behauptete, er werde den Weg schneller zu Fuß machen.

»Kommen Sie so geschwind wie Sie können,« sagte er zu dem Doktor, »ich will vorausgehen und Ihre Ankunft melden.«

Der Doctor meinte, der Sohn der Baronin de La Logerie habe den Verstand verloren. Er sagte, daß er ihn bald einholen werde.

Aber der Gedanke, zu Wagen zurückzukommen, war dem jungen Baron unerträglich. Er dachte, Bertha würde ihm viel dankbarer seyn, wenn er vorauseilte und die Ankunft des Arztes meldete, als wenn er mit diesem vom Wagen stiege. Einen schnellen Ritt auf einem feurigen Renner hätte er sich noch gefallen lassen – aber in einem Einspänner!

Die erste Liebe ist immer poetisch, alles Prosaische ist ihr ein Gräuel.

Was würde Mary sagen, wenn ihr Bertha erzählte, sie habe den jungen Baron nach Palluau geschickt und er sey mit dem Doctor Roger im Einspänner zurückgekommen! Es war hundertmal poetischer, zu Fuß, in Schweiß gebadet und athemlos wieder in der Hütte zu erscheinen.

An den Kranken dachte er freilich sehr wenig, seine Gedanken waren auf die beiden Schwestern gerichtet. Die Hauptursache dieser großen Umwälzung, die in der Seele unseres Helden vorging, war eine Nebensache geworden, sie war nicht mehr Zweck, sondern Vorwand.

Michel lachte höhnisch bei dem Gedanken, daß der Doctor sein Pferd antrieb, um ihn einzuholen; es that ihm unendlich wohl, den kühlen Abendwind an seiner glühenden Stirn zu fühlen. Er sollte sich von dem Einspänner des Doctors einholen lassen? Lieber wäre er gestorben!

In fünfundzwanzig Minuten war er wieder vor der Hütte.

Bertha schien diese fast unmögliche Geschwindigkeit geahnt zu haben, denn sie erwartete ihren Boten vor der Thür. Sie wußte wohl, daß seine Rückkehr vernünftigerweise erst in einer halben Stunde zu erwarten war, aber dennoch lauschte sie.

Sie glaubte ferne leise Fußtritte zu hören. Michel konnte es noch nicht seyn und doch zweifelte sie keinen Augenblick, daß er es sey.

Nach einigen Augenblicken sah sie ihn wirklich in der Dunkelheit auftauchen und rasch näher kommen. Sie mochte ihren Augen noch nicht trauen, aber als sie nicht mehr zweifeln konnte, pochte ihr zum ersten Male das Herz mit unbekannter Heftigkeit.

Der junge Baron war sprachlos, athemlos, wie der Grieche von Marathon, und es fehlte wenig, so wäre er wie: Jener, wenn nicht todt, doch ohnmächtig niedergesunken.

Er hatte nicht die Kraft zu sagen: Der Doktor folgt mir!

Um nicht niederzusinken, griff er mit der Hand an die Mauer.

Hätte er sprechen können, so würde er gesagt haben: »Erzählen Sie Ihrer Schwester, daß ich um ihretwegen den Weg nach Palluau und wieder zurück in fünfzig Minuten gemacht habe!«

Aber er konnte nicht sprechen und Bertha mußte glauben, ihr Abgesandter habe um ihretwillen das Unmögliche geleistet.

Sie feierte im Stillen einen süßen Triumph.

»O mein Gott!« sagte sie, indem sie ihm mit dem Schnupftuch das Gesicht trocknete, dabei aber die Berührung seiner Stirnwunde sorgfältig vermied, »es thut mir unendlich leid, daß Sie sich meine Mahnung zur Eile so zu Herzen genommen haben. Sie sind fürwahr in einem schönen Zustand! – Sie sind recht kindisch!« setzte sie wie eine besorgte Mutter mit unbeschreiblicher Sanftmuth hinzu.

Michel faßte ihre leise bebende Hand.

In diesem Augenblicke hörte man das Rasseln des Einspänners auf der Landstraße.

»Da kommt der Doctor!« sagte Bertha und stieß Michel’s Hand zurück.

Er sah sie erstaunt an. Warum stieß sie seine Hand zurück?

Er konnte nicht wissen, was in dem Herzen des jungen Mädchens vorging, aber er fühlte instinctmäßig, daß Bertha seine Hand weder aus Zorn noch aus Widerwillen zurückgestoßen hatte.

Bertha ging hinein, wahrscheinlich um dem Kranken die Ankunft des Arztes zu melden.

Michel blieb vor der Thür, um ihn zu erwarten.

Als er ihn in dem offenen Einspänner ankommen und in so grotesker Weise geschüttelt sah, freute er sich, daß er den Weg zu Fuß gemacht hatte.

Bertha würde den jungen Baron freilich nicht auf dem fast bäuerischen Fuhrwerke gesehen haben, wenn sie, wie sie es soeben gethan, auf das Rasseln der Räder in die Hütte geeilt wäre. Aber würde sie nicht gewartet haben, bis sie ihn gesehen?

Michel hielt dies für mehr als wahrscheinlich, und er fühlte in seinem Herzen wenigstens den sanften Kitzel der Eitelkeit, wenn nicht den stürmischen Triumph der Liebe.




XII.

Der getreue Adel


Als der Doktor Roger in das Krankenzimmer trat, hatte Bertha ihren Platz vor dem Bette wieder eingenommen.

Der erste Gegenstand, der ihm in die Augen fiel, war die anmuthige Gestalt, welche wie ein Schutzengel an dem Lager erschienen war. Er erkannte sie sogleich, denn er hatte sie oder ihre Schwester sehr oft schon in den Hütten kranker Landleute angetroffen.

»Kommen Sie, Doctor,« sagte sie, »kommen Sie geschwind! Der arme Tinguy phantasiert.«

Der Doctor trat näher.

»Beruhigt Euch, Freund,« sagte er, die Hand des Kranken fassend.

»Laßt mich!« sagte Tinguy unruhig »Laßt mich – ich muß aufstehen – man erwartet mich in Montaigu.«

»Nein, lieber Tinguy,« sagte Bertha, »man erwartet Euch noch nicht.«

»Ja wohl, Fräulein, diese Nacht wird man mich suchen —«

Schweigt, Tinguy,« mahnte Bertha, »bedenket, daß – Ihr trank seyd, und daß der Doctor Roger hier ist.«

»Der Doktor Roger gehört zu uns, wir können in seiner Gegenwart Alles sagen. Er weiß, daß man mich erwartet, daß ich aufstehen und nach Montaigu gehen muß.«

Der Doctor und das Fräulein wechselten einen Blick.

»Massa,« sagte der Doktor.

»Marseille,« antwortete Bertha.

Beide reichten einander die Hand.

Bertha wandte sich wieder zu dem Kranken.

»Ja, es ist wahr,« sagte sie, sich zu ihm neigend, »aber es ist Einer hier, der nicht zu uns gehört —« sie sprach noch leiser, so daß Tinguy allein sie verstehen konnte, »und dieser Eine ist der junge Baron de La Logerie.«

»Ja, es ist wahr,« sagte der Kranke, »er gehört nicht zu uns. Aber sagen Sie ihm nichts. Courtin ist ein Verräther. Aber wer soll denn nach Montaigu gehen, wenn ich nicht gehe?«

»Jean Oullier soll gehen. Seyd nur ruhig, Tinguy.«

»O, wenn Jean Oullier geht,« versetzte Tinguy, »so kann ich zu Hause bleiben. Er ist flink auf den Füßen und trifft gut —«

Er lachte laut auf, aber seine Kräfte schienen erschöpft, und er sank auf sein Bett zurück.

Der junge Baron hatte dieses Gespräch belauscht, aber nur einige ihm nicht verständliche Worte davon erhascht. Er hatte nur verstanden: »Courtin ist ein Verräther,« und aus einem Seitenblicke des Fräuleins hatte er geschlossen, daß von ihm die Rede war.

Er trat mit gepreßtem Herzen näher: es handelte sich offenbar um ein Geheimnis, in welches er nicht eingeweiht war.

»Mein Fräuleins sagte er zu Bertha, »wenn ich jetzt lästig oder nicht mehr nützlich bin, so sprechen Sie nur ein Wort, und ich entferne mich.«

Es lag in diesen Worten ein so wehmüthiger Ausdruck, daß Bertha gerührt wurde.

»Nein,« sagte sie, »bleiben Sie, wir brauchen Ihren Beistand noch. Helfen Sie Rosine bei der Bereitung der Arzneien, ich will unterdessen mit ihm über die Behandlung des Kranken sprechen. – Doctor,« sagte sie leise, »geben Sie den Beiden etwas zu thun; Sie müssen mir sagen, was Sie wissen, und ich will Ihnen sagen, was ich weiß. – Nicht wahr, Herr Baron, Sie werden so gütig seyn, Rosinen zu helfen?«

»Ich werde thun, was Sie wollen, mein Fräulein,« antwortete Michel, »befehlen Sie und ich gehorche.«

»Sie sehen, Doctor,« sagte Bertha, »Sie haben zwei willige Gehilfen.«

Der Doctor eilte an seinen Wagen, nahm eine Flasche Seidlitzwasser und einen Beutel mit Senfmehl heraus.

»Ziehen Sie den Kork ab,« sagte er zu dein jungen Baron, indem er ihm die Flasche reichte, »und geben Sie dem Kranken alle zehn Minuten ein Glas voll zu trinken – Und dies,« sagte er zu Rosine, indem er ihr das Senfmehl reichte, »dies rühre in siedendes Wasser ein; der Teig wird deinem Vater auf die Füße gelegt.«

Der Kranke lag wieder in dem bewußtlosen Zustande, der eben durch die kurze Aufregung unterbrochen worden war.

Der Doctor sah, daß er ihn für den Augenblick der Pflege des jungen Barons überlassen konnte, und trat rasch auf Bertha zu.

»Wir haben uns als Gesinnungsgenossen erkannt, mein Fräulein,« sagte er, »sagen Sie, was wissen Sie?«

»Ich weiß, daß die Prinzessin den 21. April von Massa abgereist ist, und den 29. oder 30. zu Marseille gelandet seyn muß. Es ist heute der 6. Mai, Madame muß gelandet und der Süden im vollen Aufstande seyn.«

»Ist dies Alles, was Sie wissen?« fragte der Doktor.

»Ja, Alles,« antwortete Bertha.

»Haben Sie die Abendblätter vom 3. nicht gelesen?«

Bertha lächelte.

»Wir bekommen im Schlosse Souday keine Zeitungen,« sagte sie.

»Es ist Alles vereitelt,« sagte der Doctor.

»Wie! Alles ist vereitelt?«

»Der ganze Plan ist gescheitert.«

»Unmöglich! Mein Gott! was muß ich hören!«

»Die reine Wahrheit. Nach einer glücklichen Ueberfahrt auf dem »Carlo Alberto« ist Madame einige Meilen vor Marseille gelandet. Ein Führer, der sie erwartete, brachte sie in ein einsames, von Wald und Felsen umgebenes Haus. Sie hatte nur sechs Personen bei sich.«

»Weiter, weiter!«

»Sie schickte sogleich einen Eilboten nach Marseille, um den Leiter der Verschwörung von ihrer Landung in Kenntniß zu setzen und das Resultat der Versprechungen, welche sie nach Frankreich gelockt, zu erwarten.«

»Und was geschah weiter?«

»Abends kam der Bote zurück mit einem Briefe, welcher der Prinzessin zu ihrer glücklichen Ankunft Glück wünschte und ihr meldete, daß sich Marseille am folgenden Tage erheben werde. Der Aufstand begann allerdings am folgenden Tage, aber Marseille nahm keinen Theil daran, so daß er völlig mißlungen ist.«

»Und die Prinzessin?«

»Man weiß noch nicht, wo sie ist; man hofft, daß sie wieder an Bord des »Carlo Alberto« gegangen ist.«

»Die Memmen!« sagte Bertha leise, aber mit Heftigkeit. »Ich bin nur ein schwaches Weib, aber wenn Madame in die Vendée gekommen wäre, so würde ich manchen Männern ein Beispiel gegeben haben. – Adieu Doktor, ich danke Ihnen.«

»Sie wollen uns verlassen?«

»Mein Vater muß Alles wissen, es sollte diesen Abend Versammlung im Schlosse Montaigu seyn. Ich eile nach Souday zurück. Ich empfehle Ihnen meinen armen Kranken; nicht wahr, Sie werden sich seiner eifrig annehmen? Geben Sie Ihre Weisungen; wenn sich nichts Neues ereignet, so werde ich oder meine Schwester die nächste Nacht bei ihm wachen.«

»Wollen Sie meinen Wagen nehmen? Ich gehe zu Fuß, und morgen können Sie mir ihn durch Jean Oullier oder einen Anderen zurückschicken.«

»Ich danke Ihnen; ich weiß nicht, wo Jean Oullier morgen seyn wird. Ich gehe auch lieber zu Fuß, ich fühle mich etwas beklommen, die Bewegung wird mir wohl thun.«

Bertha reichte dem Doctor die Hand, nahm mit einem warmen Händedruck von ihm Abschied, warf ihren Mantel über und ging fort.

Aber vor der Thüre fand sie Michel, der, ohne das Gespräch zu verstehen, das Fräulein von Souday keinen Augenblick aus dem Gesichte verloren hatte und sie nun vor der Thür erwartete.

»Was geht denn vor, mein Fräulein?« fragte er, »und was haben Sie erfahren?«

»Nichts,« sagte Bertha.

»O, wenn Sie nichts erfahren hatten so wären Sie nicht fortgegangen, ohne sich um mich zu kümmern, ohne Abschied von mir zu nehmen, ohne mir einen Wink zu geben!«

»Warum sollte ich denn Abschied von Ihnen nehmen? Sie begleiten mich ja, und vor dem Schloßthore ist immer noch Zeit, Ihnen zu danken.«

»Wie! Sie erlauben?«

»Was! Daß Sie mich begleiten? Sie sind ja dazu berechtigt – vorausgesetzt, dass Sie nicht zu ermüdet sind —«

»Ich – ermüdet! Mit Ihnen oder Fräulein Mary würde ich bis an’s Ende der Welt gehen! Ich bin gar nicht müde.«

Bertha lächelte und sah den jungen Baron von der Seite an.

»Schade, sagte sie für sich, »daß er nicht zu uns gehört! Doch aus einem solchen Charakter kann man machen, was man will.«

»Warum sprechen Sie so leise, mein Fräulein?« sagte Michel, »ich habe Sie nicht verstanden.«

»Weil ich es für den Augenblick wenigstens nicht laut sagen kann.«

»Aber später?«

»Ja, später vielleicht.«

Der junge Baron bewegte nun ebenfalls die Lippen, aber ohne daß sein Mund einen Laut hervorbrachte.

»Was bedeutet diese Pantomime?« fragte Bertha.

»Daß ich ebenfalls leise rede – nur mit dem Unterschiede, dass ich es Ihnen, wenn ich dürfte, gern laut sagen möchte. – Nun, ich wills wagen: Ich sah mit tiefem Bedauern, daß Sie in eine unvermeidliche, unnütze Gefahr stürzen.«

»Was für eine Gefahr meinen Sie, lieber Nachbar?« fragte das Fräulein von Souday mit etwas spöttischem Tone.«

»Die Gefahr, von welcher der Doctor Roger eben mit Ihnen sprach: es wird ein Aufstand in der Vendée erwartet.«

»Wirklich?»

»Sie werden es nicht läugnen —«

»Warum sollte ich es läugnen?«

»Sie werden mit Ihrem Vater daran theilnehmen?«

»Sie vergessen meine Schwester,« sagte Bertha lachend.

»O nein, ich vergesse Niemand,« erwiderte Michel mit, einem Seufzer. »Erlauben Sie mir, Ihnen als wohlmeinender Freund zu erklären, daß Sie Unrecht haben.«

»Warum habe ich denn Unrecht, mein wohlmeinender Freund?« fragte Bertha mit einem Anfluge von Spott, den sie aus ihrem Charakter nicht ganz verbannen konnte.

»Weil die Vendée im Jahre 1832 nicht mehr ist, was sie 1793 war, oder vielmehr, weil es keine Vendée mehr gibt.«

»Das wäre sehr schlimm für die Vendée, aber zum Glück, Herr Nachbar gibt es noch einen Adel. Und überdies gibt es noch eine Rücksicht, die Ihnen vielleicht noch nicht bekannt ist, aber von Ihren späten Nachkommen gewiß erkannt werden wird: der Adel legt große Verpflichtungen auf.«

Der junge Baron fuhr auf.

»Jetzt,« setzte Bertha hinzu, »lassen Sie uns von anderen Dingen reden; ich würde Ihnen über diese Angelegenheit keine Antwort geben, denn Sie sind, wie der arme Tinguy sagte, nicht von unserer Partei.«

»Aber wovon soll ich denn sprechen«?« sagte Michel, durch die Härte des Fräuleins tief verletzt.

»Wovon Sie wollen. Sprechen Sie von der schönen Nacht, von dem herrlichen Mondschein, von den funkelnden Sternen, von dem blauen Himmel.«

Michel seufzte und ging schweigend neben ihr her. Was hätte er auch sagen sollen? Er hatte, in der Stadt gelebt, in Büchern studirt, er verstand die schöne Natur nicht. Er war nicht, wie Bertha, seit seiner Kindheit mit allen Wundern der Schöpfung bekannt geworden; er hatte vielleicht noch nie einen Sonnenaufgang gesehen, nie auf den Gesang der Lerche gelauscht, und die Nachtigall kannte er vielleicht nur dem Namen nach. Er hatte Vieles aus den Wissenschaften gelernt, was Bertha nicht wußte, aber Bertha hatte Vieles aus der Natur gelernt, was Michel nicht wußte.

O, wenn sie gesprochen hätte, wie aufmerksam wurde er zugehört haben! Aber Bertha schwieg; ihr Herz war voll von Gedanken und Gefühlen, die sich nicht durch Geräusch und Worte, sondern durch Blicke und Seufzer äußern.

Er war ebenfalls in Gedanken vertieft; er sah im Geiste die sanfte Mary statt der ernsten, schonungslosen Bertha an seiner Seite. O, wie redselig wäre er dann gewesen! wie viel hätte er ihr zu sagen gehabt! Mit Mary wäre er der Lehrer und Meister gewesen, mit Bertha war er der Schüler, der Sclave.

So gingen die Beiden wohl eine Viertelstunde schweigend neben einander. Plötzlich stand Bertha still und gab Michel einen Wink ebenfalls stehen zu bleiben.

Er gehorchte; bei Bertha blieb ihm ja sonst nichts übrig.

»Hören Sie?« fragte Bertha.

»Nein,« sagte Michel.

»Aber ich höre,« sagte Bertha lauschend.

»Was hören Sie denn.«

»Die Hufschläge meines Pferdes – und den des Pferdes meiner Schwester. Man sucht mich, es muß etwas vorgefallen seyn.«

Sie lauschte wieder.

»Mary sucht mich,« setzte sie hinzu.

»Woran erkennen Sie das?« fragte der junge Baron.

»An dem Galopp der Pferde. Kommen Sie, lassen Sie uns schneller gehen.«

Die Hufschläge kamen schnell näher, und nach fünf Minuten sah man in der Dunkelheit eine Gruppe, bestehend aus zwei Pferden und einer Reiterin, die auf dem einen Pferde saß und das andere am Zügel führte.

»Sehen Sie wohl,« sagte Bertha, »es ist meine Schwester.«

Der junge Baron hatte Mary erkannt, obschon weniger an den Umrissen ihrer Gestalt als an den raschen Pulsen seines Herzens.

Mary hatte ihn auch erkannt, sie gab ihr Erstaunen durch eine Geberde zu erkennen.

Sie hatte offenbar erwartet, ihre Schwester allein oder mit Rosine, aber keineswegs in Begleitung des jungen Barons zu finden.

Michel bemerkte den Eindruck, den seine Gegenwart machte und trat vor.

»Mein Fräulein,« sagte er zu Mary, »ich begegnete Ihrer Schwester, die sich zu dem kranken Tinguy begeben wollte, und habe sie begleitet, um sie nicht allein zu lassen.«

»Sie haben sehr wohl gethan, Herr Baron,« sagte Mary.

»Du verstehst nicht,« antwortete Bertha lachend, »er glaubt mich und vielleicht sich selbst entschuldigen zu müssen. Man muß Nachsicht mit ihm haben, seine Mutter wird ihm tüchtig den Text lesen. Was gibts denn, Blondine?« fragte sie, sich an den Sattelknopf lehnend.

»Der Aufstand in Marseille ist mißlungen,» antwortete Mary.

»Ich weiß es schon. Die Prinzessin hat sich wieder ein- geschifft —«

»Das ist nicht wahr, sie hat erklärt, daß sie Frankreich nicht verlassen wolle.«

»Wirklich?«

»Sie ist jetzt auf dem Wege in die Vendée, wenn sie nicht schon angekommen ist.«

»Woher weißt Du das?«

»Von einem Boten, der diesen Abend im Schlosse Montaigu während der Versammlung angekommen ist.«

»Welch ein muthiges Herz!« sagte Bertha in ihrer Begeisterung.

»Mein Vater kam eilends nach Hause, und als er erfuhr, wo Du warst, befahl er mir, die Pferde zu nehmen und Dich zu holen.«

»O! ich bin da!« sagte Bertha und setzte den Fuß in den Steigbügel.

»Willst Du denn von deinem armen Chevalier nicht Abschied nehmen?« fragte Mary.

»Allerdings.«

Sie reichte dem junger-Baron der langsam und traurig näher trat, die Hand.

»Ach! Fräulein Bertha,« sagte er, ihre Hand fassend, »ich bin sehr unglücklich!«

»Worüber denn?« fragte Bertha.

»Daß ich keiner von den Ihrigen bin, wie Sie vorhin sagten.«

»Wer hindert Sie denn es zu werden?« fragte Mary, indem sie ihm ebenfalls die Hand reichte.

Der junge Baron faßte die Hand und zog sie mit dem doppelten Gefühl der Liebe und des Dankes an seine Lippen.

»O! ja, ja!« sagte er so leise, daß nur Mary ihn verstand, »für Sie und mit Ihnen!«

Aber Mary’s Hand wurde der seinigen durch eine rasche Bewegung ihres Pferdes entrissen.

Bertha, die das ihrige antrieb, gab dem Pferde ihrer Schwester einen Schlag mit der Gerte.

Beide Pferde setzten sich in Galopp und verschwanden mit ihren Reiterinnen in der Dunkelheit.

Der junge Baron blieb allein mitten auf dem Wege; zurück.

»Adieu!« rief ihm Bertha zu.

»Auf Wiedersehen!« sagte Mary.

»Ja, auf Wiedersehen!« rief er ihnen nach.

Die Mädchen ritten rasch weiter, ohne ein Wort zu wechseln.

Erst als sie an das Schloßhof kamen, sagte Bertha: »Ich glaube, Mary, Du wirst mich auslachen —«

»Warum denn?« fragte Mary, unwillkürlich erschreckend.

»Ich liebe ihn,« sagte Bertha.

Mary hatte kaum die Kraft einen Schrei des Schmerzes zu unterdrücken.

»Und ich,« sagte sie für sich, »ich habe ihm zugerufen: Auf Wiedersehen! Gott gebe, daß ich ihn nie wiedersehe!«




XIII.

Die Cousine aus der Fremde


Am folgenden Tage, nämlich am 7. Mai 1832, war im Schlosse Vouillé große Versammlung.

Man feierte den fünfundzwanzigsten Geburtstag der Gräfin von Vouillé.

Man hatte sich eben zu Tische gesetzt. Unter den fünf- bis sechsundzwanzig Gästen befanden sich der Präfect von Poitiers und der Maire von Châtellerault, entfernte Verwandte der Gräfin.

Als die Suppe gegessen war, erschien ein Diener und flüsterte dein Grafen einige Worte zu.

Der Graf ließ sich die Meldung noch einmal wiederholen. Dann sagte er zu seinen Gästen:

»Entschuldigen Sie mich einen Augenblick. Am Gitterthore ist eine mit Extrapost angekommene Dame, die, wie es scheint, mich zu sprechen wünscht. Erlauben Sie, daß ich mich entferne?«

Die Erlaubniß wurde einstimmig gegeben. Aber die Gräfin schaute ihrem Gemahl mit einiger Unruhe nach.

Der Graf eilte an das Gitterthore: Es hielt draußen wirklich ein Wagen, in welchem eine Dame und ein Herr saßen.

Neben dem Postillon saß ein Diener in hellblauer Livrée mit silbernen Tressen.

Als der Graf von Vouillé erschien, sprang der Diener vom Bock.

»So komm doch, Du Zauderer!« rief ihm der Lakai zu.

Der Graf stand sehr erstaunt still. Wie konnte sich der Lakei erlauben, ihn so anzureden?

Er trat näher, um dem unverschämten Menschen tüchtig den Kopf zu waschen. Aber plötzlich brach er in ein lautes Gelächter aus.

»Wie! Du bist’s, de Lussac?« sagte er.

»Ja wohl, ich bin's.«

»Was bedeutet diese Maskerade?«

Der falsche Lakei öffnete den Schlag und hob die Dame aus dem Wagen.

»Lieber Graf,« sagte er, »ich habe die Ehre, Dir die Frau Herzogin von Berry vorzustellen. Der Graf von Vouillé,« sagte er, sich zu der Herzogin wendend, »mein bester Freund und Ihr treuer Diener.«

Der Graf trat betroffen zurück.

»Die Frau Herzogin von Berry!« sagte er, »Ihre königliche Hoheit?«

»Ja, Herr Graf,« sagte die Herzogin.

»Bist Du nicht hoch erfreut, Sie zu empfangen?« fragte de Lussac.

»So hoch erfreut wie nur ein eifriger Royalist seyn kann; aber —«

»Wie! Es ist ein Aber dabei?« fragte die Herzogin.

»Es ist heute der Geburtstag meiner Frau; ich habe fünfundzwanzig Personen zu Tische.«

»Herr Graf,« erwiderte die Herzogin, »ein Sprichwort sagt: Wo zwei zu Tische sitzen, kann auch ein Dritter mitessen. Geben Sie dem Sprichworte eine größere Ausdehnung und sagen Sie: Wo fünfundzwanzig Gäste sind, können auch achtundzwanzig seyn. Denn ich sage Ihnen im Voraus, daß der Baron de Lussac, obschon für den Augenblick mein Diener, an der Tafel zu speisen gedenkt.«

»Fürchte nichts,« sagte der Baron, »ich ziehe meine Livrée aus.«

Der Graf von Vouillé war außer sich.

»Aber wie soll ich es anfangen? Ich bin halb von Sinnen —«

»Aber nicht vor Freude, wie es scheint,« sagte die Herzogin.

»Vor Schrecken, Madame.«

»O, Sie übertreiben die Gefahren der Situation.«

»Bedenken Sie doch, Madame, daß ich den Präfecten von Poitiers und den Maire von Châtellerault am Tische habe.«

»Sie stellen mich den Herren vor.«

»Aber unter welchem Titel?«

»Unter dem Namen einer Cousine. Sie haben doch gewiß irgend eine Cousine, die fünfzig Meilen von hier wohnt?«

»Es ist wahr, Madame, ich habe in Toulouse eine Cousine, die Gräfin La Myre —«

Das trifft sich ja schön; ich bin also die Gräfin La Myre.«

Dann trat sie wieder an den Wagen und reichte einem alten Herrn von sechzig bis fünfundsechzig Jahren die Hand.

»Kommen Sie, Herr de La Myre,« sagte sie, »wir bereiten unserm Vetter eine Ueberraschung, daß wir gerade zum Geburtstage seiner Frau kommen. Geben Sie mir Ihren Arm, lieber Vetter.«

Der Graf von Vouillé mußte sich entschließen, das Abenteuer zu bestehen.

»Ich bitte mich nicht zu vergessen,« rief der Baron de Lussac aus dem Wagen, wo er seine blaue Livrée gegen einen schwarzen Ueberrock vertauschte, »ich bin den Augenblick fertig.«

»Wer willst Du denn seyn?« fragte der Graf von: Vouillé.

»Der Baron de Lussac, und mit der Erlaubniß Ihrer Hoheit der Cousin deiner Cousine.«

»Herr Baron,« sagte der bejahrte Begleiter der Herzogin, »mich dünkt, Sie nehmen sich viele Freiheiten.«

»Wir sind auf dem Lande,« sagte die Herzogin entschuldigend.

Der Baron de Lussac hatte sieh unterdessen im Wagen umgekleidet, und der kleine Zug, von dem Hausherrn geführt, begab sich ins Haus.

Die Neugier der Gäste und die Unruhe der Dame vom Hause war im hohen Grade erregt worden, da sich die Abwesenheit des Grafen über alle Erwartung verlängerte. Als die Thür aufging, wandten sich alle Blicke zu den Ankommenden.

Aber die handelnden Personen verloren die Fassung, nicht, wie schwierig auch ihre Rollen waren.

»Ich habe Dir oft von einer unweit Toulouse wohnenden Cousine erzählt,« sagte der Herr vom Hause zu seiner Frau.

»Madame de La Myre,« fiel ihm die Gräfin ins Wort.

»Ganz recht, sie ist auf der Durchreise nach Nantes und wollte nicht vorüberfahren ohne deine Bekanntschaft zu machen. Der Zufall will, daß sie an einem Festtage kommt; ich hoffe, daß es ihr Glück bringen wird.«

»Liebe Cousine!« sagte die Herzogin, die Arme ausbreitend.

Die beiden Damen umarmten sich.

Die beiden Herren stellte der Herr vom Hause als »Herr de La Myre« – »Herr Baron de Lussac« vor.

Man verneigte sich.

»Jetzt,« sagte der Graf, »müssen wir den neuen Gästen Plätze besorgen; auf der Reise hat man guten Appetit.«

Die Gäste rückten zusammen, der Tisch war groß, es fand sich daher leicht noch Raum für die drei neuen Gäste.

»Lieber Vetter,« sagte die Herzogin, »Sie sagten mir, der Herr Präfect aus Poitiers sey hier.«

»Ja wohl, Madame, es ist der Herr zur Rechten der Gräfin, mit der Brille, der weißen Cravate und der Rosette der Ehrenlegion im Knopfloch.«

»Stellen Sie mich ihm doch vor.«

Der Graf von Vouillé hatte die Komödie muthig begonnen; er meinte, daß er sie auch zu Ende spielen müsse.

Er ging auf den Präfecten zu, der sich mit Würde auf seinem Sessel zurücklehnte.

»Herr Präfect,« sagte er, »meine Cousine hält in ihrer ererbten Ehrfurcht vor der Amtsgewalt eine allgemeine Vorstellung Ihnen gegenüber für ungenügend und wünscht Ihnen besonders vorgestellt zu werden.«

»Und sogar officiell, lieber Vetter,« setzte die Herzogin hinzu.

»Privatim oder officiell,« erwiderte der galante Präfect, »Madame wird stets willkommen seyn.«

»Das freut mich unendlich,« sagte die Herzogin.

»Sie reisen nach Nantes, Madame?« sagte der Präfect, um etwas zu sagen.

»Ja, und von da nach Paris – wie ich wenigstens hoffe.«

»Es ist wohl nicht das erste Mal, daß Sie die Hauptstadt besuchen?«

»Nein, ich habe zwölf Jahre in Paris gewohnt.«

»Und Sie haben Paris verlassen?«

»Ja, sehr ungern.«

»Schon seit langer Zeit?«

»Im Juli werden es zwei Jahre.«

»Ich finde es ganz begreiflich, wenn man in Paris gewohnt hat – «

»Wünscht man wieder hin; es freut mich, daß Sie es begreiflich finden.«

»O Paris – Paris!« sagte der Präfect.

»Sie haben Recht,« erwiderte die Herzogin, »es ist das Paradies der Welt.«

Sie wandte sich schnell ab, denn sie fühlte, daß eine Thräne an ihren Wimpern zitterte.

»Zu Tische!« sagte der Herr vom Hause.

»Lieber Vetter,« sagte die Herzogin, indem sie einen Blick auf den ihr bestimmten Platz warf, »lassen Sie mich bei dem Herrn Präfecten; er hat mir seine Wünsche so aufrichtig ausgesprochen, daß ich ihn bereits zu meinen Freunden zähle.«

Der Präfect, über das Compliment sehr erfreut, rückte schnell seinen Stuhl, und die Herzogin wurde, zum Nachtheil der Person; welcher dieser Ehrenplatz zugedacht war, an seine linke Seite gesetzt.

Die beiden Herren nahmen die ihnen angewiesenen Plätze ohne Widerrede ein, und zumal de Lussac ließ sich's wohl schmecken.

Alle Gäste folgten diesem Beispiel, und es entstand eine feierliche Stille, wie sie im Anfange eines ungeduldig erwarteten Schmauses einzutreten pflegt.

Die Herzogin brach zuerst das Schweigen: ihr abenteuerlicher Geist fühlte sich wie der Meervogel vorzüglich im Sturme wohl.

»Unsere Ankunft,« sagte sie, »scheint das Gespräch unterbrochen zu haben. Ein stummes Diner finde ich unheimlich; man glaubt in den Tuilerien zu sitzen, wo Niemand den Mund aufthun durfte, ehe der König gesprochen hatte. – Wovon war vor unserer Ankunft die Rede?«

»Liebe Cousine,« sagte der Graf von Vouillé »der Herr Präfect war so gütig, mir officielle Nachrichten über den Putsch zu Marseille mitzutheilen.«

»Ein Putsch?« sagte die Herzogin.

»Ja, dieses Wortes bediente er sich.«

»Und es ist ein ganz passendes Wort. Denken Sie sich, die Vorkehrungen waren so unvollkommen getroffen worden, daß ein Unterlieutenant des dreizehnten Linienregimentes, der einen der Rädelsführer verhaftete, das ganze Unternehmen vereitelte.«

»Mein Gott! Herr Präfect,« sagte die Herzogin mit Wehmuth, »bei großen Ereignissen ist immer ein entscheidender Moment, wo das Geschick der Fürsten und Reichen schwankt, wie das Laub im Winde. Wäre Napoleon zum Beispiel, als er den gegen ihn abgeschickten Soldaten entgegenzog, zu Lamure von einem Unterlieutenant verhaftet worden, so wäre die Rückkehr von der Insel Elba auch nichts als ein Putsch gewesen.«

Niemand beantwortete diese mit dem Ausdrucke tiefen Gefühls gesprochenen Worte.

Die Herzogin unterbrach die Stille und nahm wieder das Wort:

»Weiß man, was aus der Herzogin von Berry geworden ist?«

»Sie hat sich wieder am Bord des »Carlo Alberto« eingeschifft.«

»So?«

»Es blieb ihr im Grunde sonst nichts übrig,« setzte der Präfect hinzu.

»Das meine ich auch,« sagte der alte Herr, der die Herzogin begleitete und jetzt zum ersten Male sprach, »wenn ich die Ehre gehabt hätte, bei Ihrer Hoheit zu seyn und etwas bei ihr zu gelten, so würde ich ihr aus voller Ueberzeugung diesen Rath gegeben haben.«

»Ich spreche nicht mit Dir, Herr Gemal, sondern mit dem Herrn Präfecten,« sagte die Herzogin, »ich frage ihn, ob er gewiß weiß, daß sich Ihre königliche Hoheit wieder eingeschifft hat.«

»Madame,« erwiderte der Präfect mit einer Entschiedenheit, die keinen Widerspruch duldet, »es ist der Regierung officiell angezeigt worden.«

»Wenn das ist,« sagte die Herzogin, »so ist nichts dagegen einzuwenden. Aber,« setzte sie einen gefährlicheren Weg betretend, hinzu, »ich habe die Sache anders gehört.«

»Madame!« rief ihr der alte Herr sanft verweisend zu.

»Was haben Sie gehört, liebe Cousine?« sagte der Graf von Vouillé, der an der Sache etwa denselben Antheil zu nehmen begann, wie ein Spieler am Pharao oder Rouge et Noir.

»Ja, was haben Sie gehört, Madame?« fragte der Präfect.

»Ich berichte natürlich nichts Officielles,« sagte die Herzogin, »ich wiederhole nur Gerüchte, die vielleicht ungereimt sind —«

»Madame!« mahnte der alte Herr noch einmal, ohne dass die Herzogin Notiz davon nahm.

»Ihr Herr Gemal,« versetzte der Präfect, »scheint sehr unwillig zu seyn. Ich wette, daß er Ihre Rückkehr nach Paris nicht gern sieht.«

»Das ist wahr, aber ich hoffe meinen Willen durchzusetzen. Bisher ist es mir immer gelungen —«

»O! die Weiber! die Weiber!« klagte der Präfect.

»Wie?« fragte die Herzogin.

»Nichts,« erwiderte der Präfect, »ich bin begierig auf die eben erwähnten Gerüchte.«

»Ich kanns Ihnen mit wenigen Worten erzählen. Ich habe gehört – aber merken Sie wohl, daß ich es Ihnen nur als ein unverbürgtes Gerücht mittheile – ich habe gehört, die Herzogin von Berry habe sich trotz allen Bitten und Vorstellungen hartnäckig geweigert wieder an Bord des »Carlo Alberto« zu gehen.«

»Wo soll sie denn jetzt seyn?« fragte der Präfect.

»In Frankreich.«

»In Frankreich? Warum denn in Frankreich?«

»Sie wissen ja, Herr Präfect,« erwiderte die Herzogin, »daß die Vendée das Hauptziel Ihrer Hoheit war.«

»Ja wohl, aber da ihr Plan im Süden vereitelt war —«

»Um so mehr Ursache hatte sie, in der Vendée einen Versuch zu machen.«

Der Präfect lächelte und schüttelte den Kopf.

»Sie glauben also, setzte die Herzogin hinzu, »daß Madame sich wieder eingeschifft?«

»Ich kann versichern,« sagte der Präfect, »daß sie jetzt in den Staaten des Königs von Sardinien ist und daß Frankreich Erklärungen verlangen wird.«

»Der König von Sardinien wird eine sehr einfache Erklärung geben; er wird sagen: Ich wußte wohl, daß meine Cousine eine Närrin ist, aber eine solche Unbesonnenheit hätte ich ihr doch nicht zugetraut!«

»Madame! Madame!« mahnte der alte Herr.

»O, Herr Gemal,« erwiderte die Herzogin, »Sie thun meinem Willen Zwang an, aber ich hoffe, daß Sie wenigstens meine Meinungen respectiren, die überdies, wie ich glaube, mit denen des Herrn Präfecten übereinstimmen.«

»Meiner Meinung nach,« sagte der Präfect lachend, »hat Ihre königliche Hoheit in dieser ganzen Sache sehr leichtsinnig gehandelt.«

»Sehen Sie wohl?« versetzte die Herzogin. »Was wird daraus werden, wenn das Gerücht wahr ist, wenn Madame sich wirklich in die Vendée begibt?«

»Aber welchen Weg würde sie dann nehmen?« fragte der Präfect.

»Sie würde durch die Präfectur Ihres Nachbars – oder durch Ihr Verwaltungsgebiet reisen. Man will sie in Toulouse gesehen und erkannt haben, als sie die Pferde wechselte – sie soll in einem offenen Wagen —«

»Das wäre zu stark!« unterbrach der Präfect.

»Wenigstens sehr viel gewagt,« meinte die Herzogin.

»So viel gewagt,« setzte der Graf hinzu, »daß der Herr Präfekt kein Wort davon glaubt.«

»Kein Wort!« versicherte der Präfect.

In diesem Augenblicke erschien ein Diener des Grafen mit der Meldung, daß ein Amtsdiener der Präfectur dem ersten Beamten des Departements eine telegraphische Depesche zu überbringen habe.

»Erlauben Sie, Herr Graf, daß er herein komme?» fragte der Präfect.

»Mit Vergnügen,« sagte der Graf.

Der Amtsdiener erschien und überreichte dem Präfecten eine versiegelte Depesche.

Es herrschte tiefe Stille, alle Augen waren auf den Präfecten gerichtet.

Die Herzogin wechselte einen Blick mit dem Grafen von Vouillé, der innerlich lachte, mit dem Baron von Lussac, der laut lachte, und mit ihrem angeblichen Gemal, der ganz ernsthaft blieb.

»O weh!« rief der Präfect, dessen Gesichtszüge so indiscret waren, das tiefste Erstaunen auszudrücken.

»Was gibt's denn?« fragte der Graf von Vouillé.

»Madame hat leider die Wahrheit gesagt,» erwiderte der Präfect, »Ihre königliche Hoheit hat Frankreich nicht verlassen, sondern begibt sich über Toulouse, Libourne und Poitiers in die Vendée.«

Er stand auf.

»Was haben Sie denn vor, Herr Präfect?« fragte die Herzogin.

»Ich muss meine Pflicht thun, wie peinlich sie auch sey: ich habe zur Verhaftung Ihrer königlichen Hoheit die nöthigen Befehle zu ertheilen, falls sie so unbesonnen ist, durch mein Département zu reisen.«

»Thun Sie das, Herr Präfect,« sagte Madame de La Myre, »ich kann Ihren Diensteifer nur loben und Ihnen versprechen, daß ich mich dessen bei vorkommender Gelegenheit erinnern werde.«

Sie reichte dem Präfecten die Hand, die dieser mit galantem Anstande küßte, nachdem er durch einen fragenden Blick die Erlaubniß des Herrn de La Myre dazu eingeholt hatte.




XIV.

Petit-Pierre


Einen Tag nach diesen Ereignissen finden wir Bertha und Michel vor dem Schmerzenslager des armen Tinguy wieder. Obgleich die von dem Doctor Roger zugesagten Besuche die Anwesenheit des Fräuleins in der verpesteten Krankenstube ganz überflüssig machten, so wollte Mary doch, trotz der Gegenvorstellungen ihrer Schwester, den Vendéer fortwährend besuchen.

Die christliche Barmherzigkeit war vielleicht nicht die einzige Triebfeder, welche sie in die Hütte des Landmannes brachte. Wenn sie kam, war Michel schon da; seine Furcht vor der Seuche war verschwunden.

Ob er wohl Bertha zu finden glaubte? Wir möchten es nicht mit Bestimmtheit behaupten; vielleicht dachte er, daß die Reihe an Mary komme. Vielleicht hoffte er auch, Mary werde diese Gelegenheit, sich ihm zu nähern, nicht unbenutzt lassen, und sein Herz pochte ungestüm, wenn er eine in der Dunkelheit noch nicht erkennbare anmuthige Gestalt in der Thür erblickte.

Er fühlte sich etwas enttäuscht, als er Bertha erkannte. Aber Michel war dem Marquis von Souday herzlich gut, er fand sogar Vergnügen an der Geschicklichkeit des mürrischen Jean Oullier und war freundlich gegen die Hunde des alten Landedelmannes: wie hätte ihm also Marys Schwester gleichgültig seyn können!

Die Zuneigung der Letzteren mußte ihn ja der Ersteren näher bringen, und es war für ihn eine Freude, von der Abwesenden sprechen zu hören.

Er war daher sehr aufmerksam und zuvorkommend gegen Bertha, und diese antwortete ihm mit ungeheuchelter Freundlichkeit.

Leider war es schwer, sich mit anderen Dingen als mit dem Kranken zu beschäftigen Tinguy’s Zustand verschlimmerte sich von Stunde zu Stunde. Er war in einem Zustande der Erstarrung und Bewußtlosigkeit, welcher in entzündlichen Krankheiten ein Vorbote des Todes ist. Er sah nicht mehr, was um ihn vorging, er antwortete nicht mehr, wenn man ihn anredete, seine sehr ausgedehnte Pupille war starr und unbeweglich; nur von Zeit zu Zeit bewegten sich seine Hände, als ob er eingebildete Gegenstände die er auf seinem Bett zu bemerken glaubte, an sich ziehen wollte.

Bertha, die ungeachtet ihrer Jugend schon mehr als einer Sterbescene beigewohnt hatte, konnte sich über den Zustand des Kranken nicht mehr täuschen; sie wollte der armen Rosine den Anblick des Todeskampfes ersparen und schickte sie zu dem Doctor Roger.

»Ich könnte ja den Arzt holen,« sagte Michel, »ich kann schneller gehen als Rosine, und überdies ist es für ein Mädchen nicht gerathen, so spät Abends über Feld zu gehen.»

»Nein,« erwiderte Bertha, »Rosine setzt sich keiner Gefahr aus, und ich habe meine Gründe, Sie hier zu behalten. Ist es Ihnen denn unangenehm?«

»Wie können Sie das denken, mein Fräulein, es macht, mir so große Freude, Ihnen nützlich seyn zu können, daß ich keine Gelegenheit dazu unbenutzt lassen mag.«

»Diese Gelegenheit wird sich wahrscheinlich sehr bald finden,« erwiderte Bertha, »ich werde wohl mehr als einmal Ihre Ergebenheit auf die Probe zu stellen haben.«

Als Rosine kaum zehn Minuten fort war, schien sich der Zustand des Kranken plötzlich auffallend zu bessern: seine Augen verloren den starren Blick, das Athmen wurde leichter, die krampfhaft zusammengezogenen Finger thaten sich auf und er wischte sich wiederholt den Schweiß von der Stirn.

»Wie befindet Ihr Euch, Vater Tinguy?« fragte Bertha den Kranken.

»Besser,« antwortete er mit matter Stimme. »Der liebe Gott wird doch nicht zugeben, daß ich vor der Schlacht desertire?« setzte er hinzu und versuchte zu lächeln.

»Vielleicht, Ihr werdet ja auch für ihn kämpfen.«

Der Kranke schüttelte den Kopf und seufzte.

»Herr Baron,« sagte Bertha und zog Michel in einen Winkel der Stube, so dass sie von dein Kranken nicht gehört werden konnte, »eilen Sie zu dem Pfarrer und wecken Sie die Nachbarn.«

»Er sagt ja, daß er sich besser befinde,« entgegnete Michel.

»Hatten Sie denn nie eine Lampe erlöschen gesehen?« erwiderte Bertha. »Das letzte Licht flackert immer hell auf, und so ist es auch mit dem menschlichen Körper. Eilen Sie, es wird kein Todeskampf eintreten, das Fieber hat die Kräfte, des Unglücklichen erschöpft, die Seele wird ohne Schmerz und ohne Kampf ihre Hülle verlassen.«

»Und Sie wollen allein bei ihm bleiben?«

»Eilen Sie und kümmern Sie sich nicht um mich.«

Michel entfernte sich und Bertha trat auf das Bett zu.

Tinguy reichte ihr die Hand.

»Ich danke Ihnen, mein gutes Fräulein,« sagte er.

»Wofür denn, lieber Tinguy?«

»Zuerst für Ihre Pflege, und dann – daß Sie den Pfarrer kommen lassen.«

»Habt Ihrs denn gehört?«

Tinguy lächelte.

»Ja,« antwortete er, »obschon Sie sehr leise sprachen.«

»Aber Ihr müßt deshalb nicht glauben, daß Ihr bald sterben werdet, lieber Tinguy. Fürchtet Euch nicht!«

»Warum soll ich mich denn fürchten?« sagte der Bauer, indem er einen Versuch machte, sich aufzurichten, »ich habe ja die Alten geehrt und die Kleinen geliebt; ich habe ohne Murren gelitten, ohne Klagen gearbeitet; ich habe Gott gepriesen, wenn der Hagel meinen kleinen Acker verwüstete oder wenn die Ernte fehlschlug. Nie habe ich den Armen von meiner Thür fortgewiesen. Ich habe die Gebote Gottes und der Kirche gehalten. Wenn unsere Priester sagten: Erhebet Euch und nehmet eure Gewehre, so habe ich gegen dir Feinde meines Glaubens und meines Königs gekämpft; ich bin demüthig im Siege, vertrauensvoll im Unglück geblieben; ich war stets bereit, für diese heilige Sache mein Leben zu lassen. – Und ich sollte mich fürchten! O nein, mein Fräulein; der Todestag ist für uns arme Christen der Glückstag. Ich bin ein unwissender Mann, aber ich weiß, dass dieser Tag uns mit den Großen und Glücklichen der Erde gleich macht. Wenn dieser Tag für mich kommt, wenn Gott mich zu sich ruft, so bin ich bereit und werde voll Hoffnung auf seine Barmherzigkeit vor seinem Richterstuhl erscheinen.«

Das Gesicht Tinguy’s hatte bei diesen Worten einen sehr lebhaften Ausdruck angenommen, aber die letzte religiöse Begeisterung des armen Bauers erschöpfte vollends seine, Kräfte.

Er sank auf sein Lager zurück und stammelte nur noch einige unverständliche Worte.

Der Pfarrer erschien. Bertha zeigte ihm den Kranken und der Geistliche, der sogleich verstand, was von ihm erwartet wurde, begann das Gebet für die Sterbenden.

Michel bat Bertha dringend sich zu entfernen, und Beide verließen die Hütte, nachdem sie vor dem Bett des armen Tinguy noch einmal gebetet hatten.

Die Nachbarn kamen nach einander und knieten nieder. Das Stübchen war nur von zwei dünnen Wachskerzen, die zu beiden Seiten eines kupfernen Crucifixes brannten, spärlich beleuchtet.

Plötzlich wurde die feierliche Stille durch den nahen Schrei eines Uhu unterbrochen.

Die Bauern erschraken.

Der sterbende dessen Augen bereits ihren Glanz verloren hatten, richtete den Kopf auf.

»Ich komme!« sagte er mit röchelnder Stimme, »ich folge dem Führer!«

Dann versuchte er, als Antwort auf den so eben vernommenen Ruf, den Schrei der Eule nachzuahmen; aber er hatte nicht mehr die Kraft, der Athem ging ihm aus, der Kopf sank zurück – er war todt!

Ein Fremder erschien nun in der Hütte.

Es war ein junger Bauer in Bretagner Tracht. Er trug einen Hut mit breitem Rande, eine rothe Weste mit übersilberten Knöpfen, blaue Jacke mit rothen Schnüren und hohe lederne Kamaschen. Er hatte einen mit Eisen beschlagenen Stock, wie ihn die Landleute auf Reisen zu tragen pflegen.

Er schien erstaunt über die Scene, die er vor Augen hatte, aber er richtete an Niemand eine Frage. Er kniete nieder und betete; dann trat er an das Bett und betrachtete das bleiche Gesicht des armen Tinguy; zwei Thränen rollten über seine Wangen; er wischte sie ab und entfernte sich ohne ein Wort gesprochen zu haben.

Die Bauern waren gewöhnt an die religiöse Sitte, an einem Sterbehause nicht vorbeizugehen, ohne ein kurzes Gebet zu verrichten; sie wunderten sich daher keineswegs über die Anwesenheit des Fremden und ließen sein Fortgehen ganz unbeachtet.

Der Wanderer fand einige Schritte von der Hütte einen andern noch jüngeren und kleineren Bauer, der sein Bruder zu seyn schien. Der letztere ritt ein nach der Landessitte aufgezäumtes Pferd.

»Nun, wie steht’s, Rameau-d’or?« fragte der kleine Bauer.

»Es ist kein Platz für uns im Hause; ein anderer Gast ist eingezogen, der es ganz für sich in Anspruch nimmt.

»Was für ein Gast?«

»Der Tod.«

»Wer ist denn gestorben?«

»Derselbe, der uns beherbergen sollte. Ich würde wohl sagen: wir wollen den Tod als Beschützer anrufen, wir wollen uns verbergen unter einem Ende des Leichentuchs, das Niemand aufheben wird; aber ich habe gehört, daß Tinguy am Nervenfieber gestorben ist und obgleich die Aerzte die Ansteckung leugnen, will ich Sie doch nicht in solche Gefahr bringen.«

»Fürchten Sie nicht, daß man Sie erkannt haben könnte?«

»Unmöglich! Es waren acht bis zehn Personen, Männer und Weiber, in der Hütte und beteten. Ich trat ein, kniete nieder und betete wie die Andern. Dies thut in solchen Fällen jeder Bauer aus der Bretagne oder Vendée.«

»Was ist jetzt zu thun?« fragte der Jüngere.

»Ich habe Ihnen schon gesagt, wir hatten die Wahl zwischen dem Schlosse meines Cameraden und der Hütte dieses armen Landmannes, der unser Führer seyn sollte; zwischen dem Luxus von Prunkgemächern mit geringer Sicherheit und der kleinen ärmlichen Hütte, wo wir ein schlechtes Bett und Buchweizenbrot, aber völlige Sicherheit gefunden haben würden. Der liebe Gott hat den Ausschlag gegeben. Wir haben keine Wahl mehr, wir müssen uns also mit dem Luxus begnügen.«

»Sie sagen aber, daß wir im Schlosse nicht sicher sind?«

»Das Schloß gehört einem Freunde von mir, dessen Vater unter der Restauration zum Baron ernannt wurde. Der Vater ist todt. Das Schloß wird jetzt von seiner Witwe und seinem Sohne bewohnt. Wenn der Sohn allein wäre, so würde ich ganz unbesorgt seyn; er ist wohl schwach und wankelmüthig aber ein guter, ehrlicher Mensch. Aber seine Mutter halte ich für selbstsüchtig und ehrgeizig, und das beunruhigt mich.«

»Eine Nacht können wir es wohl wagen. Sie sind nicht unternehmend, Rameau-d’or!«

»Allerdings, sobald nur meine eigene Sicherheit in’s Spiel kommt; aber ich bürge dem Vaterlande oder wenigstens meiner Partei, für das Leben —«

»Für das Leben Petit-Pierre’s wollen Sie sagen. Wir sind erst zwei Stunden unterwegs, und ich habe schon das zehnte Pfand von Ihnen zu fordern.«

»Es soll das letzte Mal seyn, Mad – Petit-Pierre. wollte ich sagen. Von jetzt an kenne ich Sie nur unter dem Namen – und als meinen Bruder.«

»Kommen Sie, damit wir bald ein Nachtlager im Schlosse erhalten. Ich bin so müde, daß ich in dem Schlosse einer verzauberten Prinzessin einkehren würde.«

»Wir wollen einen Seitenweg nehmen; wir sind dann in zehn Minuten dort,« sagte der junge Bauer. »Setzen Sie sich so bequem wie möglich im Sattel zurecht; ich gehe voran und Sie brauchen mir nur zu folgen, wir könnten uns sonst verirren.«

»Warten Sie,« sagte Petit-Pierre und sprang vom Pferde.

»Was wollen Sie thun?«s fragte Rameau-d’or mit Besorgniß.

»Sie haben am Todtenbett des armen Bauers gebetet,«, sagte Petit-Pierre, »ich will Ihrem Beispiel folgen —«

»Was fällt Ihnen ein?«

»Er war ein braver, ehrlicher Mensch,« setzte Petit-Pierre hinzu, »wenn er am Leben geblieben wäre, so würde er es für uns gewagt haben: ich bin dem Todten ein kurzes Gebet schuldig.«

Rameau-d’or nahm den Hut ab und trat auf die Seite, um seinem jungen Reisegefährten Platz zu machen.

Der kleine Bauer trat nun ebenfalls in die Hütte, nahm den Buchsbaumzweig tauchte ihn in das Weihwasser und besprengte die Leiche damit; dann kniete er vor dem Bett nieder, verrichtete sein Gebet und entfernte sich, ohne daß seine Anwesenheit mehr beachtet wurde, als vorhin das Erscheinen seines Reisegefährten beachtet worden war.

Er ging wieder zu Rameau-d’or, so wie dieser fünf Minuten früher zu ihm gekommen war.

Rameau-d’or half ihm aufs Pferd und ging voran. Petit-Pierre folgte schweigend auf dem kaum sichtbaren Feldwege welcher, wie schon erwähnt, in gerader Richtung nach dem Schlosse La Logerie führte.

Als sie kaum fünfhundert Schritte querfeldein gewandert waren, stand Rameau-d’or still und hielt das Pferd Petit-Pierre’s an.

»Was gibts?« fragte dieser.

»Ich höre Fußtritte,« sagte Rameau-d’or, »reiten Sie hinter den Busch dort, ich bleibe hinter diesem Baum stehen; der Vorübergehende wird uns wahrscheinlich nicht sehen.«

Die Schwenkung wurde mit der Schnelligkeit eines strategischen Manövers ausgeführt. Und es war gut für die beiden Reisenden, denn der Ankommende ging oder lief so schnell, daß er, trotz der Dunkelheit, in dem Augenblicke sichtbar wurde, als Petit-Pierre hinter der Hecke, Rameau-d’or hinter dem Baume sich versteckt hatten.

Rameau-d’or, dessen Augen sich bereits an die Dunkelheit gewohnt hatten, bemerkte einen jungen Mann von etwa zwanzig Jahren, der in derselben Richtung wie die beiden Andern forteilte.

Er hielt den Hut in der Hand und wurde dadurch leicht erkennbar.

Rameau-d’or konnte einen leisen Ausruf des Erstaunens nicht unterdrücken. Aber da er noch zweifelte, ließ er den jungen Mann drei Schritte von sich vorübereilen, und erst als dieser ihm den Rücken zukehrte, rief er ihm nach:

»Michel!«

Der junge Mann, der an diesem einsamen Orte auf die Begegnung eines Bekannten nicht gefaßt war, sprang erschreckt auf die Seite und fragte mit etwas unsicherer Stimme:

»Wer ruft?«

»Ich,« antwortete Rameau-d’or, indem er Hut und Perücke abnahm und auf seinen Freund zutrat.

Er war nun, trotz der Bauerntracht, leicht zu erkennen.

»Herr de Bonneville!« sagte der Baron Michel höchst erstaunt.

»Ja, ich bin’s; aber nenne meinen Namen nicht so laut. Wir sind in einem Lande, wo die Büsche, Gräben und Bäume mit den Wänden das Vorrecht theilen, Ohren zu haben.«

»Ja wohl,« erwiderte Michel, dessen Schrecken sich noch keineswegs vermindert hatte. »Du willst vielleicht an dem Aufstande theilnehmen, von welchem die Rede ist?«

»Natürlich. Vor Allem sage mir, zu welcher Partei Du gehörst.«

»Ich?«

»Ja, Du.«

»Lieber Freund,« sagte der junge Baron, »ich habe noch keine entschiedene Meinung, und ich will Dir im Vertrauen gestehen —«

»So vertraulich wie Du willst, aber fasse Dich kurz.«

»Ich will Dir im Vertrauen gestehen, daß ich mich auf die Seite Heinrichs V. hinneige.«

»Mehr brauche ich nicht zu wissen, lieber Michel,« sagte der Graf vergnügt.

»Aber ich bin noch nicht fest entschlossen.«

»Gut, dann werde ich das Vergnügen haben, deine Bekehrung zu vollenden. Und um dieselbe mit mehr Aussicht auf Erfolg zu unternehmen, bitte ich Dich um ein Nachtlager in deinem Schlosse für mich und einen Freund, der mich begleitet.«

»Wo ist dein Freund?«

»Hier!« sagte Petit-Pierre, indem er aus seinem Versteck hervorkam und den jungen Baron mit einem Anstande begrüßte, der mit seiner Tracht in sonderbarem Widerspruche stand.

Michel betrachtete den kleinen Bauer einige Augenblicke und trat dann auf Rameau-d’or oder vielmehr auf den Grafen von Bonneville zu.

»Henri,« fragte er leise, »wie heißt dein Freund?«

»Michel, Du machst einen Verstoß gegen die herkömmliche Gastfreundschaft. Was kann Dir an dem Namen meines Freundes liegen; es genüge Dir die Versicherung, daß es ein junger Mann aus sehr gutem Hause ist.«

»Weißt Du auch gewiß, daß es ein Mann ist?«

Der Graf und Petit-Pierre lachten.

»Du scheinst wirklich in der Wahl deiner Gäste sehr delicat zu seyn, lieber Michel.«

»Nein, lieber Henri; aber ich bin nicht Herr in La Logerie.«

»Ich weiß wohl, daß die Baronin Michel zu befehlen hat, ich habe es meinem Freunde Petit-Pierre schon gesagt. Aber wir wollen nur eine Nacht bleiben. Du kannst uns ja in deine Wohnung führen; ich mache einen Besuch im Keller und in der Speisekammer – ich weiß im Haus Bescheid. Mein kleiner Reisegefährte legt sich auf dein Bett und schläft so gut als er kann. Morgen Früh, sobald der Tag graut, sehe ich mich nach einem andern Quartier um, und sobald ich es gefunden – was hoffentlich nicht schwer seyn wird – sollst Du von unserer Gegenwart erlöst seyn.«

»Es ist unmöglich, Henri. Glaube nicht, daß ich um meinetwillen meine Mutter fürchte; aber ich würde deine Sicherheit gefährden, wenn ich Dich in das Schloß aufnehmen wollte.«

»Wie so?«

»Meine Mutter ist gewiß noch wach; sie erwartet mich, sie wird uns kommen sehen. Und wie sollen wir dann deine Verkleidung, zumal die deines Begleiters erklären?«

»Er hat Recht,« sagte Petit-Pierre.

»Aber was ist zu thun?«

»Ueberdies,« setzte Michel hinzu, habe ich nicht blos meine Mutter zu berücksichtigen.«

»Wen denn sonst noch?«

»Warte nur,« erwiderte der junge Baron, indem er sich besorgt umsah, »wir wollen uns noch weiter von dieser Hecke, von diesem Busch entfernen.«

»Was hast Du denn zu fürchten?«

»Es kommt auch Courtin in Betracht.«

»Wer ist Courtin?«

»Erinnerst Du Dich nicht mehr des Pächters Courtin«

»Ja wohl – ein guter Kerl, der Dir immer gegen Jedermann, selbst gegen deine Mutter, Recht gab.«

»Ja, der ist’s. Courtin ist Maire und ein eifriger Philippist. Wenn er Dich in der Nacht und in diesem Anzuge sähe, würde er Dich ohne Weiteres arretiren lassen.«

»Das ist allerdings in Erwägung zu ziehen,« sagte Bonneville nachsinnend. »Was sagt Petit-Pierre dazu?«

»Ich sage gar nichts dazu, lieber Rameau-d’or; ich lasse Sie für mich denken.«

»Und das Resultat ist, daß Du uns deine Thür verschließest,« setzte Bonneville hinzu.

»Was kann Dir daran liegen,« sagte der junge Baron, dessen Augen leuchteten, »wenn ich Dir eine andere Thür öffne, die Dir einen sichereren Versteck bietet als das Schloß La Logerie?«

»Es liegt mir sehr viel daran. Was sagt mein junger Reisegefährte dazu?«

»Ich gestehe, daß ich todtmüde bin,« erwiderte Petit-Pierre, »ich sehne mich nur nach Ruhe.«

»Dann will ich den Weg zeigen,« sagte der junge Baron.

»Warte. Ist es sehr weit?«

»Eine Stunde, nicht weiter.«

»Fühlt sich Petit-Pierre stark genug?« fragte Bonneville.

»Petit-Pierre wird alle seine Kräfte sammeln,« antwortete der kleine Bauer lachend. »Wir sollen dem Baron Michel folgen.«

»Gut,« sagte Bonneville. »Vorwärts, Baron!«

Die kleine Gruppe, die seit zehn Minuten stillgestanden, setzte sich in Bewegung.

Aber kaum war Michel fünfzig Schritte gegangen, so klopfte ihm sein Freund auf die Schulter und fragte:

»Wohin führst Du uns?«

»Sey ganz unbesorgt.«

»Ich bin es, wenn Du mir versprichst, daß Petit-Pierre, der wie Du siehst, von zartem Körperbau ist, ein gutes Abendessen und ein gutes Bett finden wird.«

»Er wird Alles finden, was ich selbst ihm anzubieten hätte: das beste Gericht aus der Speisekammer, den besten Wein aus dem Keller, das beste Bett im Schlosse.«

Man machte sich wieder auf den Weg.

»Ich will vorauseilen, damit Ihr nicht warten müßt,« sagte der junge Baron.

»Noch einen Augenblick Geduld,« sagte Bonneville; – wohin eilst Du?«

»In das Schloß Souday.«

»Wie, nicht in das Schloß La Logerie?«

»Ja, Du kennst es ja, mit seinen spitzen Thürmen und Schieferdächern, links von der Straße, vor dem Walde von Machecoul.«

»Das Schloß, wo die Wölfinnen hausen?«

»Ja, wo die Wölfinnen hausen – wenn Du willst.«

»Und dorthin führst Du uns?«

»Ja wohl.«

»Hast Du auch wohl bedacht, Michel, was Du thust?«

»Ich stehe für Alles.«

Der junge Baron, der seinem Freunde genügende Auskunft gegeben zu haben glaubte, eilte nun mit einer Schnelligkeit voraus, von welcher er bereits an dem Tage, als er für den kranken Tinguy den Arzt geholt, einen unleugbaren Beweis gegeben hatte.

»Nun, was sollen wir thun?« fragte Petit-Pierre.

»Wir haben keine Wahl, wir müssen ihm folgen.«

»In das Schloß der Wölfinnen?«

»Ja, in das Schloß der Wölfinnen.«

»Um den Weg abzukürzen, lieber Rameau-d’or,« sagte Petit-Pierre, »erzählen Sie mir etwas von den Wölfinnen.«

»Ich will Ihnen wenigstens sagen, was ich weiß.«

»Mehr kann ich nicht verlangen.«

Der Graf von Bonneville, neben dem Pferde hergehend und die Hand auf den Sattelknopf gelegt, erzählte nun Petit-Pierre die im Département der Niederloire und in den benachbarten Départements verbreitete Legende über die beiden unbändigen Erbinnen des Marquis von Souday, über ihre Meuten und tollen Wolfshetzen und Saujagden.

Als der Graf mitten in der Erzählung war, bemerkte er die spitzen Thürme des Schlosses Souday. Er brach seine Erzählung ab und zeigte seinem Reisegefährten, daß sie das Ziel ihrer nächtlichen Wanderung erreicht.

Petit-Pierre, der an die Hexen Macbeths dachte, waffnete sich mit seinem ganzen Muthe, um das furchtbare Schloß zu betreten. Eine Biegung der Straße führte ihn zudem offenen Schloßthor, und vor demselben bemerkte er zwei weiße Gestalten, welche zu warten schienen. Ein hinter ihnen stehender bäurisch aussehender Mann hielt eine brennende Fackel.

Petit-Pierre sah Bertha und Mary furchtsam an, denn sie waren, von dem jungen Baron benachrichtigt, den beiden Reisenden entgegengegangen.

Er erblickte zwei reizende junge Mädchen: eine Blondine mit blauen Augen und einem Engelsgesicht, und eine Brünette mit feurigen schwarzen Augen. Beide sahen offen und freundlich aus.

Petit-Pierre stieg vom Pferde und ging mit Rameau-d’or auf die beiden Mädchen zu.

»Mein Freund, der Herr Baron Michel hat mir Hoffnung gemacht, meine Fräulein, daß der Herr Marquis von Souday, Ihr Vater, die Güte haben werde, uns in sein Schloß aufzunehmen.«

»Mein Vater ist abwesend,« erwiderte Bertha, »er wird es sehr bedauern, daß diese Gelegenheit, die heutzutage so seltene Tugend der Gastfreundschaft zu üben, ihm entgangen ist.«

»Aber ich weiß nicht, ob Ihnen mein Freund gesagt, daß diese Gastfreundschaft vielleicht nicht ohne Gefahr seyn konnte: wir Beide sind fast geächtet und zum Lohn für Ihre Güte werden Sie vielleicht Verfolgungen zu erdulden haben.«

»Wir sind Meinungsgenossen, mein Herr. Wir würden Sie aufnehmen, wenn Sie uns auch ganz fremd wären; als Geächtete, als Royalisten sind Sie uns willkommen, wenn auch die Zerstörung unserer Wohnung, ja selbst der Tod die Folge davon wäre. Mein Vater würde eben so sprechen wie ich, wenn er anwesend wäre.«

»Der Baron Michel wird Ihnen meinen Namen gesagt haben, ich muß Ihnen noch meinen jungen Reisegefährten vorstellen.«

»Es ist nicht nöthig,« erwiderte Bertha, »uns genügt, daß Sie Royalisten, daß Sie geächtet sind um einer Ueberzeugung willen, für welche wir Gut und Blut zu opfern bereit sind. Treten Sie daher ein in dieses Haus; es ist zwar nicht prächtig, aber Sie werden darin wenigstens Treue und Verschwiegenheit finden.«

Bertha trat mit edlem Anstande auf die Seite und lud die jungen Leute mit einer Handbewegung ein, die Schwelle zu überschreiten.

»Gott sey gelobt!« flüsterte Petit-Pierre dem Grafen von Bonneville zu, »hier haben wir zugleich das Schloß und die Hütte, zwischen denen ich wählen sollte. Ihre Wölfinnen gefallen mir ungemein.«

Er nickte den beiden Mädchen freundlich zu und trat ein.

Der Graf von Bonneville folgte ihm. Mary und Bertha winkten dem jungen Baron ein freundliches Lebewohl zu und die Letztere reichte ihm die Hand.

Aber Jean Oullier schlug die Thür so hastig zu, daß, Michel nicht Zeit hatte, die dargebotene Hand zu fassen.

Er betrachtete eine kleine Weile die Thürmchen des Schlosses deren dunkle Umrisse an dem Sternenhimmel deutlich hervortraten und die nach einander hell werdenden Fenster. Dann entfernte er sich.

Als er verschwunden war, regten sich die Büsche und ein Mann kam hervor, der die Scene in einer von dem Interesse der handelnden Personen ganz verschiedenen Absicht belauscht hatte.

Dieser Mann war Courtin, der sich nach allen Seiten umsah und dann auf demselben Wege, den sein junger Gutsherr genommen, nach La Logerie zurückkehrte.




XV.

Die Diplomatie Courtins


Es war etwa zwei Uhr Nachts, als der junge Baron Michel sich am Ende der auf das Schloß La Logerie zuführenden Allee befand.

Es war eine stille Nacht. Die über die Natur verbreitete majestätische Ruhe hatte ihn in eine träumerische Stimmung versetzt. Es versteht sich, daß die beiden Schwestern der Gegenstand dieser Träumereien waren, daß aber Mary die Erwählte war, der er mit eben so viel Ehrfurcht und Liebe folgte; die in der Bibel der junge Tobias dem Engel.

Aber als er in einer Entfernung von fünfhundert Schritten am Ende des dunkeln Laubdaches, unter welchem er fort ging, die im Mondlicht schimmernden Fenster des Schlosses erblickte, zerrannen seine lieblichen Träume und seine Gedanken nahmen eine ganz andere Richtung. Statt der reizenden Mädchengesichter, die ihn bis dahin begleitet hatten, zeigte ihm seine Phantasie das ernste dräuende Profil seiner Mutter.

Wir wissen, welche Gewalt die Baronin Michel über ihren Sohn ausübte.

Michel stand still. Wenn er in der Umgegend, wär’s auch eine Stunde Weges entfernt gewesen, ein Haus oder einen Gasthof gekannt hätte, wo er ein Nachtlager hätte finden können, so würde er erst am andern Morgen ins Schloß gegangen seyn – so bange war ihm zu Muthe. Es war das erste Mal, daß er so spät nach Hause kam, und er hatte eine bange Ahnung, daß seine Abwesenheit bekannt sey und daß seine Mutter wache.

Was sollte er antworten aus die furchtbare Frage: »Wo bist Du gewesen?«

Courtin allein konnte ihn beherbergen; aber wenn er den Maire um ein Obdach ersuchte, mußte er ihm Alles sagen, und der junge Baron sah ein, wie gefährlich es sey, einen, Mann wie Courtin zum Vertrauten zu nehmen.

Er entschloß sich daher, dem mütterlichen Zorne die Stirn zu bieten: es blieb ihm ja nichts Anderes übrig.

Aber je näher er dem Schlosse kam, desto mehr fühlte, er seinen Entschluß wanken.

Als er am Ende der Allee war, als er über den freien Rasenplatz gehen mußte, als er das offene Fenster des Zimmers seiner Mutter sah, sank ihm vollends der Muth.

Seine Ahnungen hatten ihn also nicht getäuscht. Die Baronin war auf der Lauer, ihren Sohn zu erwarten.

Die Furcht machte ihn erfinderisch: er nahm seine Zuflucht zu einer Kriegslist, die den Ausbruch des mütterlichen Zornes wenigstens verzögern, wenn auch nicht verhüten konnte.

Er wandte sich links, schlich sich im Schatten einer Hagebuchenhecke fort, stieg über die Mauer des Küchengartens und ging am andern Ende desselben durch die Verbindungsthür in den Park.

Unter dem Schutze der Baumgruppen und Gebüsche konnte er sich hier bis unter die Fenster des Schlosses schleichen. So weit gelang ihm sein Plan sehr gut; aber das Schwierigste, oder vielmehr Gewagteste blieb noch auszuführen. Er hoffte ein aus Versehen offen gebliebenes Fenster zu finden, um in dasselbe einzusteigen und sein Zimmer erreichen zu können.

Das Schloß La Logerie bestand aus einem großen viereckigen Hauptgebäude mit vier kleinen Thürmen von gleicher Form. Die Küche und Dienstbotenzimmer waren unter der Erde, die Empfangszimmer im Erdgeschoß, die Wohnung der Baronin im ersten, die Zimmer ihres Sohnes im zweiten Stockwerk.

Michel machte die Runde um drei Seiten des Schlosses, auf den Fußspitzen dicht an den Wänden hinschleichend und vorsichtig alle Thüren und Fenster betastend.

Er vermochte weder Thür noch Fenster auszumachen.

Es blieb noch die Hauptfront zu untersuchen.

Dies war der gefährlichste Theil: denn die Fenster der Baronin waren in dieser Front, vor welcher sich ein freier Platz befand, und eines dieser Fenster, jenes des Schlafzimmers, war offen.

Michel meinte indes, er könne sich so gut draußen wie im Hause den Text lesen lassen, und er entschloß sich, das Wagstück zu versuchen.

Er schaute um den Eckthurm und war eben im Begriff, die Hauptfronte zu untersuchen, als er eine noch nicht erkennbare Gestalt über den Rasenplatz kommen sah.

Michel stand still und beobachtete den Neuankommenden mit großer Aufmerksamkeit.

Er sah nun, daß es ein Mann war, und daß dieser Mann den Weg nahm, den er selbst hätte einschlagen müssen, wenn er sich entschlossen hätte, gerade ins Schloß zu gehen.

Der junge Mann drückte sich in die von dem Vorsprunge des Thurmes gebildete dunkle Ecke und lauschte.

Der Mann kam näher.

Als er bis auf etwa fünfzig Schritte nahe gekommen war, hörte Michel die Stimme seiner Mutter oben am Fenster.

Er war froh, daß er nicht über den Rasenplatz gegangen war.

»Bist Du es, Michel?« fragte die Baronin.

»Nein, Madame,« antwortete eine Stimme, welche der junge Baron mit Erstaunen und Besorgniß für die Stimme Courtins erkannte, »Sie erweisen dem armen Courtin zu viel Ehre, ihn für den Herrn Baron zu halten.«

»Großer Gott!« sagte die Baronin, »was führt Euch denn in der Nacht hierher?«

»Sie werden schon denken, Madame, daß es etwas Wichtiges ist.«

»Es ist meinem Sohne doch kein Unglück geschehen?«

Die ängstliche Besorgniß, mit welcher seine Mutter dies sagte, rührte den jungen Baron so tief, daß er aus seinem Versteck hervorstürzen wollte, sie zu beruhigen.

Aber Courtin’s Antwort, die er gleich darauf hörte, verhinderte die Ausführung dieses guten Vorsatzes.

Michel trat wieder in den dunklen Winkel, der ihm als Versteck diente.

»O nein, Madame,« antwortete Courtin, »der Junge, wenn ich mich so ausdrücken darf, um von dem Herrn Baron zu sprechen – ist frisch und gesund – bis jetzt wenigstens.«

»Bis jetzt?« unterbrach die Baronin; steht ihm denn eine Gefahr bevor?«

»Ei ja,« sagte Courtin, »es konnte ihm wohl etwas geschehen, wenn er sich noch in Zukunft von den verteufelten Waldjungfern anlocken ließe. Um diesem Unglück vorzubeugen, habe ich mir die Freiheit genommen Sie mitten in der Nacht heimzusuchen, ich dachte wohl, daß Sie die Abwesenheit des jungen Herrn bemerkt hätten und noch nicht schlafen gegangen wären.«

»Ihr habt wohl gethan Courtin. Aber wißt Ihr, wo mein Sohn ist?«

Courtin sah sich nach allen Seiten um.

»Es wundert mich,« sagte er, »daß er noch nicht wieder zu Hause ist. Ich bin absichtlich auf dem Fahrwege gegangen, um ihm den Fußweg frei zu lassen, und dieser ist eine gute Viertelstunde kürzer als der Fahrweg.«

»Aber wo kommt er denn her? wo ist er gewesen? was hat er gemacht? warum läuft er nach Mitternacht draußen umher, ohne sich um meine Besorgniß zu kümmern, ohne zu bedenken, daß er seine und meine Gesundheit gefährdet?«

»Madame,« erwiderte Courtin, »finden Sie nicht selbst, daß ich so viele Fragen nicht hier im Freien beantworten kann? – Was ich zu erzählen habe,« setzte er leiser hinzu, »ist so wichtig, daß Sie in Ihrem Zimmer nicht zu sicher wären, um mich anzuhören. Ueberdies muß der junge Herr bald kommen,« – bei diesen Worten sah er sich wieder mit einiger Besorgniß um – er darf nicht wissen, daß ich ihn belausche, obschon es zu seinem Besten und auf ihre Anordnung geschieht.«

»Dann kommt herein,« sagte die Baronin. »Ihr habt Recht; kommt geschwind!«

»Entschuldigen Sie, Madame – wo soll ich ins Schloß kommen?«

»Es ist wahr,« erwiderte die Baronin, »die Thür ist verschlossen.«

»Wenn Sie mir den Schlüssel herunterwerfen wollten —«

»Der Schlüssel steckt. Ich habe meine Leute zu Bette geschickt, denn ich wollte nicht, daß sie die Ausführung meines Sohnes erfahren. Aber wartet, Courtin ich will die Kammerjungfer rufen.«

»Lassen Sie, Madame,« entgegnete Courtin, »es ist nicht nöthig, Andere in unsere Geheimnisse einzuweihen. Ich bin der Meinung, daß Sie es in einer so wichtigen Sache mit der Etikette nicht so genau nehmen sollten. Man weiß wohl, daß die Frau Baronin nicht da ist, einem armen Bauer, wie ich bin, die Thür auszumachen; aber einmal ist ja nicht immer. Es ist gut, daß alle Leute schlafen, wir haben dann wenigstens keine Horcher zu fürchten.«

»Wahrhaftig, Courtin, Ihr machet mir Angst,« sagte die Baronin, deren alberner Stolz, die Ursache ihres Zögerns, dem Maire nicht entgangen war, »ich trage kein Bedenken mehr.«

Die Baronin entfernte sich vom Fenster, und gleich darauf hörte Michel die Schlüssel und den Riegel der Hausthür knarren. Er lauschte anfangs in angstvoller Spannung, aber bald bemerkte er, daß die Thür, welche so schwer geöffnet worden war, nicht wieder verschlossen wurde.

Er wartete einige Secunden, um seiner Mutter und Courtin Zeit zu lassen, die Treppe hinauf zu gehen; dann schlich er dicht an der Wand hin, stieg die Stufen hinauf, schob leise die Thür auf und befand sich in der Vorhalle.

Er hatte anfangs den Plan gehabt, in sein Schlafzimmer zu schleichen, sich schlafend zu stellen und das Weitere abzuwarten. In diesem Falle konnte die Stunde seiner Rückkehr nicht genau ermittelt werden, und es war noch möglich, sich durch eine freche Lüge aus der Verlegenheit zu ziehen. Aber die Lage der Dinge hatte sich seitdem ganz geändert: Courtin hatte ihn gesehen und verfolgt. Courtin kannte höchstwahrscheinlich den Versteck des Grafen von Bonneville und seines Begleiters.

Michel vergaß nun sich selbst, um nur an die Sicherheit seines Freundes zu denken; denn er wußte wohl, daß Courtin dieselbe sehr gefährden konnte, und bei den politischen Meinungen des Letzteren war dies kaum zu bezweifeln.

Statt in den zweiten Stock hinauf zu gehen, blieb der junge Baron im ersten stehen, statt sich in sein Zimmer zu begeben, schlich er in dem dunklen Gange fort.

Vor der Thüre des Zimmers seiner Mutter stand er stille und lauschte.

»Ihr glaubt also, Courtin,« fragte die Baronin, »Ihr glaubt in allem Ernste, mein Sohn habe sich in den Netzen einer der beiden Dirnen fangen lassen?«

»Ja, Madame, ich weiß es gewiß – und er ist so verschlossen, daß Sie viel mit ihm zu thun bekommen werden, wenn er erst flügge geworden ist.«

»Mädchen ohne einen Groschen!«

»Aber aus dem ältesten Geblüt des Landes, Madame,« erwiderte Courtin, der ins Haus hören wollte, »und für Edelleute ist dies doch nicht gleichgültig.«

»Pfui?« sagte die Baronin, »es sind ja uneheliche Kinder!«

»Aber bildschön, Madame – die eine wie ein Engel, die andere wie ein Dämon.«

»Es ist möglich, daß Michel, wie so viele Andere gethan haben sollen, eine Zeit lang Liebelei mit ihnen getrieben hat, ohne ernste Absichten auf eine von ihnen zu haben. Aus einer Heirath wird nichts, er kennt mich und weiß recht gut, daß ich in eine solche Verbindung nie willigen werde.«

»Nichts für ungut, Madame,« erwiderte Courtin, »ich glaube, daß der junge Herr an’s Heirathen noch gar nicht gedacht hat; er wird vielleicht selbst mit seinen Gefühlen noch nicht im Klaren seyn. Aber ich weiß gewiß, daß er in Gefahr, ist, sein künftiges Glück noch auf andere Art und viel ärger zu gefährden.«

»Was meinet Ihr, Courtin?«

»Ich schätze und verehre Sie, Madame,« fuhr Courtin fort, »und es wäre sehr hart für mich, wenn mein junger Herr arretirt würde —«

Michel erschrak in seinem Versteck, aber die gewaltigste Erschütterung fühlte die Baronin.

»Michel arretirt!« erwiderte sie auffahrend, »Ihr scheinet Euch zu vergessen, Courtin!«

»Nein, Madame, ich vergesse mich nicht.«

»Aber wie könnet Ihr —«

»Ich bin freilich nur Ihr Pächter,« fuhr Courtin fort, indem er die stolze Dame durch eine Handbewegung zu beruhigen suchte, »ich muß Ihnen genaue Rechnung ablegen von der Ernte, von der Sie die Hälfte haben, und pünktlich meinen Pachtzins zahlen. Ich thue auch meine Schuldigkeit, trotz der schweren Zeiten; aber ich bin auch Staatsbürger und Maire, und auch in dieser Eigenschaft habe ich Pflichten zu erfüllen, wie weh es meinem Herzen auch thut.«

»Was faselt Ihr da, Courtin? Und was hat mein Sohn mit euren Bürgerpflichten und mit euren Obliegenheiten als Maire zu thun?«

»Ich will es Ihnen sagen; Madame: Ihr Herr Sohn steht mit den Feinden des Staates im Einverständniß.«

»Ich weiß wohl,« erwiderte die Baronin, »daß der Herr Marquis von Souday sehr überspannte Ansichten hat; aber wie kann man meinen Sohn zur Verantwortung ziehen, wenn er mit einem der beiden Mädchen eine Liebschaft hat?«

»Die Liebschaft wird ihn weiter führen, als Sie glauben, Madame. Ich weiß wohl, daß er in das Wasser, welches man um ihn zu trüben sucht, bis jetzt nur die Spitze des Schnabels taucht, aber das ist schon genug, ihn zu blenden.«

»Erkläret Euch deutlicher und sprechet nicht mehr in Gleichnissen.«

»So hören Sie, Madame. Nachdem der junge Herr Baron diesen Abend dem alten Chouan Tinguy auf die Gefahr hin, das Nervenfieber in’s Schloß zu bringen, die Augen zugedrückt, nachdem er die größere der beiden Wölfinnen nach Hause begleitet hatte, führte er zwei Bauern, die aber so wenig Bauern sind, wie ich ein Herr bin, in das Schloß Souday.«

»Wer hat Euch das gesagt, Courtin?«

»Meine beiden Augen, Madame – und ich habe gute Augen.«

»Was meinet Ihr denn, wer die beiden Bauern waren?«

»Die beiden Bauern?«

»Ja.«

»Der eine – ich möchte darauf schwören – war der Graf von Bonneville, ein Erzchouan. Er ist lange hier in der Gegend gewesen, und ich habe ihn recht gut erkannt. Der andere —«

»Nun, weiter!«

»Der andere ist eine noch wichtigere Person, wenn ich nicht irre.«

»So saget doch, Courtin, wer es ist?«

»Ich weiß, was ich weiß, Madame – und ich werde die Person gehörigen Orts nennen, wenn es seyn muß, und es wird wahrscheinlich bald seyn müssen.«

»Gehörigen Orts?« erwiderte die Baronin, über den entschiedenen Ton des sonst so fügsamen Pächters. »Wollt Ihr denn meinen Sohn anzeigen?«

»Allerdings, Madame,« antwortete Courtin sehr dreist.

»Das werdet Ihr doch nicht thun, Courtin?«

»Ich würde bereits auf dem Wege nach Montaigu seyn, Madame, ich würde vielleicht sogar schon nach Nantes laufen, wenn ich Sie nicht zuvor warnen wollte, damit Sie den jungen Herrn in Sicherheit bringen können.«

»Aber wenn nun Michel an dieser Sache nicht betheiligt ist,« entgegnete die Baronin aufgebracht, »so werdet Ihr mich in den Augen meiner Nachbarn compromittiren, ja vielleicht meine Sicherheit gefährden.«

»Wir vertheidigen La Logerie, Madame —«

»Seyd Ihr von Sinnen, Courtin?«

»Ich habe den großen Vendéekrieg gesehen, Madame. Ich war noch ganz klein, aber ich erinnere mich recht gut. Und wahrhaftig, ich möchte einen solchen Krieg nicht wieder erleben; ich möchte nicht, daß sich die beiden Parteien auf meinem Acker eine Schlacht lieferten, daß mein Getreide aufgezehrt oder verbrannt wurde. Noch weniger mochte ich, das die Nationalgüter weggenommen würden, und dies würde unfehlbar der Fall seyn, wenn die Weißen die Oberhand behielten. Von meinen Aeckern hat der vierte Theil vormals Emigranten gehört, ich habe Alles baar bezahlt. Kurz und gut, die Regierung zählt auf mich, und ich will das Vertrauen der Regierung rechtfertigen.«

»Aber, Courtin,« entgegnete die Baronin, die schon bereit war zu Bitten ihre Zuflucht zu nehmen, »es wird gewiß nicht so arg seyn, wie Ihr glaubt —«

»O ja wohl, Madame, die Sachen stehen sehr schlimm. Ich bin nur ein Bauer, aber ich weiß so viel davon wie ein Anderer, denn ich habe gute Ohren und höre überall aufmerksam zu. Die Landschaft Retry ist in Gährung; das Feuer braucht nur geschart zu werden, und die ganze Brühe wird überkochen.«

»Ihr irrt Euch, Courtin.«

»Nein, Madame, ich weiß was ich weiß. Die Edelleute sind schon dreimal zusammengekommen, einmal bei dem Marquis von Souday, einmal bei einem sogenannten Louis Renaud und einmal bei dem Grafen von Saint-Armand. In allen diesen Versammlungen riecht es stark nach Pulver. – Dabei fällt mir ein, daß bei dem Pfarrer zu Montbert zwei Zentner Pulver und einige Säcke mit Kugeln liegen. – Das Schlimmste aber ist, daß man die Herzogin von Berry erwartet – und ich glaube, man wird nicht gar lange auf sie zu warten haben.«

»Warum denn?«

»Weil ich glaube, daß sie schon hier ist.«

»Mein Gott! wo denn?«

»Im Schlosse Souday.«

»Wie? im Schlosse Souday?«

»Ja,« und aller Wahrscheinlichkeit nach hat sie der junge Herr Baron dahin geführt.«

»Michel? O mein Gott! Aber Ihr werdet schweigen, nicht wahr, Courtin? Ich will es, ich befehle es Euch. Aber die Regierung hat bereits Vorkehrungen getroffen, und wenn sie es wagen sollte in die Vendée zu kommen, so würde sie schon unterwegs verhaftet werden.«

»Aber wenn sie schon da ist, Madame?«

»Dann habt Ihr um so mehr Ursache zu schweigen.«

»Das sagen Sie wohl, Madame. Und ich soll mir die Ehre und den Nutzen eines solchen Fanges entgehen lassen? Der Fang würde ohnedies von einem Andern gemacht werden, wenn ich die Gelegenheit nicht benütze – und bis dahin wird das ganze Land in Aufruhr kommen! – Nein, Madame, das geht nicht an.«

»Aber was ist zu thun? Mein Gott! was soll ich anfangen?«

»Hören Sie, Madame,« erwiderte Courtin, »ich will es Ihnen sagen.«

»Reden Sie, Courtin.«

»Ich will meiner Bürgerpflicht genügen, aber zugleich Ihr getreuer Diener bleiben; denn ich hoffe, daß man mir zum Dank für den Dienst, den ich Ihnen erweisen will, meinen Meierhof zu annehmbaren Bedingungen lassen wird. Ich will also den Namen des jungen Herrn nicht nennen; Sie müssen nur Sorge tragen, daß er künftig nicht wieder in ein ähnliches Wespennest geräth. Er steckt freilich schon darin, aber für dieses Mal ist es noch Zeit, ihn herauszuziehen.«

»Seyd nur ruhig, Courtin.«

»Aber es wäre doch gerathen, Madame —«

»Was meinet Ihr, Courtin?«

»Ich will mich nicht erkühnen, der Frau Baronin einen Rath zu geben —«

»Redet nur, Courtin; was meinet Ihr?«

»Ich meine, Sie müßten ihn durch irgend ein Mittel, durch Bitten oder Drohungen bewegen La Logerie zu verlassen und nach Paris zu reisen.«

»Ja, Courtin, Ihr habt Recht.«

»Aber er wird nicht wollen – «

»Wenn ich’s beschlossen habe; muß er wollen.«

»Er ist in zwölf Monaten einundzwanzig, und folglich volljährig.«

»Und ich sage Euch, Courtin, daß er abreisen wird. – Was gibt’s?« fragte die Baronin, als sie bemerkte, daß Courtin lauschte.

»Ich glaubte draußen im Gange Fußtritte zu hören.«

»Sehet nach.«

Courtin nahm das Licht und eilte auf den Gang hinaus.

»Es ist Niemand da,« sagte er zurückkommend, »und doch schien es mir, als ob Jemand vor der Thür wäre.«

»Was glaubt Ihr wohl, Courtin, wo jetzt mein Sohn sey?«

»Vielleicht erwartet er mich in meinem Hause,« erwiderte Courtin, »der junge Herr Baron hat Vertrauen zu mir, und es wäre nicht das erste Mal, daß er mich aufsucht, mir sein Leid zu klagen.«

»Ihr habt Recht, Courtin, es ist wohl möglich. Geht nach Hause, und vergeßt euer Versprechen nicht!«

»Vergessen Sie auch Ihr Versprechen nicht, Madame. Wenn er nach Hause kommt, sperren Sie ihn ein, machen Sie ihm jeden Verkehr mit den Wölfinnen unmöglich, denn wenn er sie wieder sieht —«

»Was würde dann geschehen, Courtin?«

»Dann würde es mich gar nicht wundern, wenn er aus den Büschen auf die Blauen feuert.«

»O! ich werde mich noch zu Tode grämen!« jammerte die Gutsfrau. »Es war wirklich ein unglücklicher Gedanke von meinem Manne, wieder in dieses verwünschte Land zu kommen.«

»Ja wohl, Madame, es war ein unglücklicher Gedanke, zumal für ihn.«

Die Baronin senkte traurig den Kopf unter dem Eindruck der Erinnerungen, welche Courtin geweckt hatte. Er entfernte sich, nachdem er die Umgebungen durchsucht und sich überzeugt hatte, dass ihn Niemand fortgehen sah.




XVI.

Die Diplomatie Courtins. (Fortsetzung.)


Als Courtin kaum zweihundert Schritte auf dem zu seinem Meierhofe führenden Wege fortgegangen war, hörte er ein Rauschen in den Gebüschen.

»Wer ist da?« fragte er, indem er auf die Seite trat und sich mit seinem Stocke in Vertheidigungsstand setzte.

»Ein Freund,« antwortete eine jugendliche Stimme.

Der Antwortende kam zum Vorschein.

»Ei! der Herr Baron!« sagte Courtin.

»Ja wohl, ich bin’s.«

»Mein Gott! was machen Sie denn mitten in der Nacht hier? Wenn die Frau Baronin wüßte, daß Sie nicht zu Hause sind, was würde sie dazu sagen?« erwiderte Courtin mit erheucheltem Erstaunen.

»Es ist nun einmal so, Courtin.«

»Aber ich vermuthe,« sagte der schlaue Landmann lauernd, »daß der Herr Baron seine Gründe hat.«

»Ja wohl, und seine Gründe sollst Du erfahren, wenn wir in deinem Hause sind.«

»In meinem Hause?« erwiderte Courtin erstaunt, »sind Sie denn bei mir gewesen?«

»Willst Du mich etwa nicht mitnehmen?« fragte der junge Baron.

»Gerechter Himmel, ich sollte mich weigern, Sie in ein Haus zu lassen, welches im Grunde Ihnen gehört?«

»Dann wollen wir keine Zeit verlieren, es ist spät. »Gehe voran, ich folge Dir.«

Courtin, über den gebieterischen Ton seines jungen Herrn etwas betroffen, gehorchte. Nach ein paar hundert Schritten öffnete er eine kleine Pforte, ging durch den Baumgarten und befand sich vor seinem Hause.

In der Wohnstube, die zugleich als Küche diente, legte er einige auf dem Herde zerstreute Feuerbrände zusammen und zündete eine gelbe Wachskerze an, die er auf den Camin stellte.

Erst jetzt bemerkte er, daß Michel todtenbleich war.

»Mein Gott!« sagte Courtin, »was fehlt Ihnen denn, Herr Baron?«

»Courtin,« sagte Michel mit drohendem Stirnrunzeln, »ich habe dein Gespräch mit meiner Mutter gehört.«

»Was!« sagte der Bauer etwas betroffen; aber er faßte sich schnell wieder und setzte hinzu: »Und was wünschen Sie jetzt von mir?«

»Du wünschest nächstes Jahr deinen Pachtcontract zu erneuern?«

»Ich, Herr Baron —«

»Und es ist Dir mehr daran gelegen, als Du zugibst.«

»Nun ja, es wäre mir gar nicht unlieb, Herr Baron – aber wenn's nicht anginge, so würde man auch nicht davon sterben.«

»Courtin, den Contract werde ich erneuern,« sagte der junge Gutsherr, »denn zur Zeit, wo der jetzige Contract abläuft, »bin ich volljährig.«

»Ganz recht, Herr Baron.«

»Aber Du siehst wohl ein, Courtin,« setzte Michel hinzu, dem sein Wunsch, den Grafen von Bonneville zu retten und bei Mary zu bleiben, eine ihm sonst ganz fremde Entschlossenheit gab, »Du siehst wohl ein, daß ich deinen Contract nicht erneuern werde, wenn Du thust, was Du diesen Abend gesagt hast, nämlich wenn Du meine Freunde anzeigst, denn einen Angeber will ich nicht als Pächter haben.«

»O! o!« sagte Courtin.«

»Bedenke daher, was Du thust,« fuhr Michel fort, »wenn Du den Meierhof einmal verlassen hast, so mußt Du ihm auf immer Lebewohl sagen, denn Du wirst nie wieder einziehen.«

»Aber die Regierung – und die Frau Baronin —«

»Alles dies kümmert mich nicht, Courtin. Ich bin der Baron Michel de La Logerie, das Gut gehört mir, sobald ich volljährig bin, weil es mir von meiner Mutter abgetreten wird; ich bin in elf Monaten volljährig und dein Contract ist in dreizehn Monaten zu Ende.«

»Aber wenn ich meinen Plan nicht in Ausführung bringe?« erwiderte Courtin mit gleißnerischer Freundlichkeit.

»Dann wird der Pachtcontract erneuert.«

»Unter den bisherigen Bedingungen?«

»Ja, unter den bisherigen Bedingungen.«

»Herr Baron, wenn ich nicht fürchtete, Sie zu compromittiren,« sagte Courtin, indem er aus einem Schranke ein Fläschchen mit Tinte, einen Bogen Papier und eine Feder nahm und aus den Tisch legte.

»Was soll das?« fragte der junge Baron.

»Wenn Sie die Güte haben wollten, Herr Baron, mir das Versprechen schriftlich zu geben – es ist für Leben und Sterben – und ich will Ihnen schwören —«

»Ich brauche keinen Schwur, Courtin; denn ich gehe auf der Stelle wieder nach Souday, ich warne Jean Oullier und fordere Bonneville auf, einen anderes Versteck aufzusuchen.«

»Nun, dann haben Sie um so weniger Ursache, sich zu weigern,« sagte Courtin und reichte seinem jungen Gutsherrn die Feder.

Michel nahm die Feder und schrieb:

»Ich, der unterzeichnete August Franz Michel, Baron de La Logerie, verpflichte mich, den Pachtvertrag Courtin’s unter den bisherigen Bedingungen zu erneuern.«

Er wollte das Datum darunter setzen; aber Courtin wollte es nicht zugeben.

»Nein,« sagte er, »lassen Sie das, Herr Baron; wir setzen das Datum, sobald Sie volljährig sind.«

»Gut,« sagte Michel.

Er schrieb nur seinen Namen und ließ Platz für das Datum.

»Wenn Sie bequemer als auf diesem Schämel ruhen wollen, Herr Baron,« sagte Courtin, »so würde ich sagen. Oben steht ein Bett, das nicht ganz schlecht und Ihnen zu Diensten steht – vorausgesetzt daß Sie vor Tagesanbruch nicht ins Schloß gehen wollen.«

»Nein,« erwiderte Michel, »Du hast ja gehört, daß ich nach Souday gehen will.«

»Warum denn, Herr Baron? Sie haben ja mein Versprechen, daß ich nichts sagen will – Sie haben Zeit.«

»Was Du gesehen hast, Courtin, konnte auch ein Anderer sehen,« entgegnete der junge Gutsherr, »und während Du schweigst, weil Du es versprochen, kann ein Anderer, der kein Versprechen gegeben, reden. – Auf Wiedersehen, Courtin!«

»Thun Sie was Sie wollen, Herr Baron,« sagte Courtin, »aber Sie haben wirklich Unrecht, wieder in die Mausefalle zu gehen.«

»Es ist gut, Courtin, ich danke Dir für deinen Rath; aber es freut mich sehr, daß Du mich als einen Mann anerkennst, der seinen freien Willen hat.«

Er stand auf und verließ rasch das Haus.

Courtin, verwundert über diese Entschlossenheit, schaute ihm nach, bis sich die Thür hinter dem jungen Baron wieder geschlossen hatte; dann griff er hastig nach dem Papier, las den Inhalt noch einmal, legte es sorgfältig zusammen und steckte es in seine Brieftasche.

Gleich darauf glaubte er in der Nähe des Meierhofes sprechen zu hören. Er ging ans Fenster, zog den Vorhang etwas auseinander und sah den jungen Baron vor seiner Mutter stehen.

»Aha! mein junger Hahn!« sagte er höhnisch lachend: »bei mir hast Du gar laut gekräht – aber die alte Henne wird Dich bald zum Schweigen bringen!«

Die Baronin, welche ihren Sohn noch eine kleine Weile vergebens erwartet, hatte über ihr Gespräch mit Courtin nachgedacht und die Anwesenheit Michel’s bei dem Maire für wahrscheinlich gehalten.

Sie war anfangs unschlüssig gewesen, sie trug theils aus Stolz und theils aus Furcht einiges Bedenken, in der Nacht auszugehen; aber endlich hatte doch die Muttersorge den Sieg davongetragen und die Baronin hatte, in einen großen Shawl gehüllt, das Schloß verlassen.

Als sie vor dem Meierhofe angekommen war, hatte sie ihren Sohn aus dem Hause kommen sehen.

Als sie ihn gesund und wohlbehalten wiedersah, hörten ihre Besorgnisse auf und ihr herrlicher Charakter bekam wieder die Oberhand.

Michel fuhr ganz bestürzt zurück, als er seine Mutter bemerkte.

»Folge mir,« sagte sie zu ihm, »mich dünkt, daß es nicht zu früh ist nach Hause zu gehen.«

Michel dachte weder an Widerspruch noch an Flucht; er folgte gehorsam und willenlos wie ein Kind.

Unterwegs wurde zwischen der Baronin und ihrem Sohne kein Wort gewechselt.

Dem jungen Baron war dieses Stillschweigen im Grunde lieber als ein Wortwechsel, in welchem sein kindlicher Gehorsam oder vielmehr seine Charakterschwäche unfehlbar den Kürzeren gezogen hätte.

Als Beide in das Schloß kamen, begann der Tag zu grauen.

Die Baronin, die immer noch kein Wort sprach, führte ihren Sohn in sein Zimmer.

Er fand einen gedeckten Tisch.

»Du wirst wohl hungrig und müde seyn,« sagte die Baronin, auf den Tisch und das Bett deutend, »Du siehst, es ist für den Hunger und für den Schlaf gesorgt.«

Dann entfernte sie sich und verschloß die Thür.

Der junge Baron hörte mit Schaudern, wie der Schlüssel zweimal umgedreht wurde.

Er war eingesperrt.

Er sank ganz trostlos auf einen Sessel.

Die Ereignisse folgten einander so rasch, wie Lawinen, und würden einen kräftigeren Charakter, als der Baron Michel besaß, erdrückt haben.

Er hatte nur einen gewissen Grad von Energie, und diesen hatte er in der Unterhandlung mit Courtin erschöpft. Vielleicht hatte er seinen Kräften zu viel zugemuthet, als er dem Maire gesagt hatte, er wolle wieder nach Souday eilen.

Seine Mutter hatte Recht: er war hungrig und ermüdet. In seinem Alter ist die Natur eine gebieterische Mutter, welche ihre Rechte mit Ungestüm geltend macht.

Uebrigens wurde sein Gemüth auch etwas ruhiger. Die Worte seiner Mutter: »Du siehst, es ist für den Hunger und für den Schlaf gesorgt,« schienen anzudeuten, daß sie nicht wieder in sein Zimmer kommen wollte, ehe er gegessen und geschlafen.

Er hatte also immer noch einige ruhige Stunden, ehe es zu einer Erklärung kam.

Michel leistete in aller Eile den Anforderungen seines Magens Genüge, und nachdem er das Thürschloß untersucht und sich überzeugt hatte, daß er wirklich eingesperrt war, legte er sich zu Bett und schlief ein.

Er erwachte gegen zehn Uhr Morgens.

Die Maisonne schien gar freundlich durch die Fenster und füllte das Zimmer mit einem fast blendenden Licht.

Er öffnete die Fenster und ließ die sanfte wohlthuende Wärme ein.

Die Vögel sangen in dem mit zartem jungen Laube bedeckten Bäumen, die ersten Rosenknospen thaten sich auf, die ersten Schmetterlinge flatterten von Blume zu Blume.

An einem so schönen Tage schien das Unglück festgebannt zu seyn und Niemand erreichen zu können.

Der junge Baron schöpfte einige Kraft aus diesem Wiedererwachen der Natur, und erwartete mit mehr Ruhe seine Mutter.

Aber eine Stunde verstrich nach der andern, es schlug zwölf und die Baronin erschien nicht.

Michel bemerkte mit einer gewissen Unruhe, daß der Tisch reichlich genug besetzt war, um nicht nur das gestrige Nachtessen zu liefern, sondern auch die heutigen Magenbedürfnisse zu befriedigen.

Er fing nun an zu fürchten, daß seine Gefangenschaft länger dauern werde, als er geglaubt hätte.

Diese Besorgniß bestätigte sich, als er Zwei und Drei schlagen hörte.

Während er aufmerksam auf das mindeste Geräusch horchte, glaubte er in der Richtung von Montaigu schießen zu hören.

Diese Schüsse hatten die Regelmäßigkeit eines Peletonfeuers. Aber es war nicht möglich zu unterscheiden, ob es wirklich Schüsse waren. Montaigu ist etwa zwei Lieues von La Logerie entfernt; ein fernes Gewitter konnte ein ähnliches Geräusch machen.

Der Himmel war indeß ganz rein und wolkenlos.

Das Schießen dauerte etwa eine Stunde, dann wurde Alles wieder ruhig.

Der junge Baron war so unruhig, daß er außer dem Frühstück gar nichts gegessen hatte.

Er hatte übrigens einen Entschluß gefaßt; sobald es Nacht geworden und Jedermann im Bett wäre, wollte er das Thürschloß mit seinem Messer losschrauben und aus einem Fenster des Erdgeschosses springen, denn die Hausthür würde wahrscheinlich ebenfalls verschlossen seyn.

Diese Möglichkeit zu fliehen, machte dem Gefangenen wieder Appetit. Er ließ sich’s wohl schmecken, denn er hatte aller Wahrscheinlichkeit nach eine stürmische Nacht vor sich, und wollte Kräfte sammeln, um die zu erwartenden Strapazen zu ertragen.

Es war sieben Uhr, als er vorn Tische aufstand. In einer Stunde wurde es Nacht. Er warf sich aufs Bett um die Dunkelheit zu erwarten.

Er hätte gern geschlummert, die Zeit würde ihm dann schneller vergangen seyn; aber er war zu unruhig, er mochte immerhin die Augen schließen, seine beständig lauschenden Ohren vernahmen das mindeste Geräusch.

Zu seinem größten Erstaunen hatte er seine Mutter seit dem frühen Morgen nicht wieder gesehen. Sie müsste doch vermuthen, daß der Gefangene nach Einbruch der Nacht Alles aufbieten werde zu entkommen. Gewiß führte sie etwas im Schilde – aber was konnte sie im Schilde führen?

Plötzlich glaubte der junge Baron das Schellengeläute von Postpferden zu hören.

Er eilte an’s Fenster.

Er glaubte auf der Straße von Montaigu eine Art Gruppe zu bemerken, die sich in der Dunkelheit ziemlich schnell auf das Schloß La Logerie bewegte.

Das Schellengeläute kam immer näher, und endlich hörte er ganz deutlich den Trab von zwei Pferden.

Der Postillon, der das eine Pferds ritt, schnalzte mit der Peitsche, vermuthlich um seine Ankunft anzuzeigen.

Es war nicht mehr zu bezweifeln, es war ein Postillon mit Postpferden.

Der junge Baron warf instinctmäßig einen Blick auf die Nebengebäude, und er sah wie der Reisewagen seiner Mutter aus der Remise gezogen wurde.

Jetzt wurde ihm Alles klar. Die von Montaigu kommenden Postpferde – der mit der Peitsche schnalzende Postillion – der Reisewagen, der aus der Remise hervorgezogen wurde – was anders konnte alles dies bedeuten, als daß seine Mutter abreisen und ihn mitnehmen wollte! Deshalb hatte sie ihn eingesperrt, deshalb hatte sie ihn den ganzen Tag in seinem Zimmer sitzen lassen. Er mußte jeden Augenblick gewärtigen, abgeholt zu werden – und dann ging’s fort, über Stock und Stein.

Die Baronin wußte wohl, welche Gewalt sie über ihren Sohn hatte; sie wußte, daß er sich nicht widersetzen würde.

Dieses Bewußtseyn der Abhängigkeit, von welcher seine Mutter so fest überzeugt war, erbitterte ihn aufs äußerste. Er wußte wohl, daß er keinen Widerstand wagen würde, wenn er ihr gegenüberstände.

Und Mary sollte er verlassen? er sollte verzichten auf das bewegte Leben, in welches ihn die beiden Schwestern eingeweiht hatten? er sollte nicht mitwirken in dem Drama, welches der Graf von Bonneville und sein unbekannter Begleiter in der Vendée aufführen wollten? Das hielt er für unmöglich und zumal für entehrend.

Was würden die beiden Schwestern von ihm denken?

Michel war entschlossen, lieber Alles zu wagen, als eine solche Demüthigung zu dulden.

Er trat ans Fenster und maß mit den Augen die Höhe.

Das Fenster war etwa dreißig Fuß über dem Erdboden.

Der junge Baron sann einige Augenblicke nach. Er hatte einen schweren inneren Kampf zu bestehen.

Endlich schien er seinen Entschluß zu fassen, er ging an seinen Schreibtisch, nahm eine ziemlich beträchtliche Summe in Gold heraus und füllte damit seine Taschen.

Als er eben damit fertig war, glaubte er draußen aus dem Gange Fußtritte zu hören.

Er schloß hastig den Schreibtisch wieder zu, warf sich auf das Bett und wartete.

Aber an dem ganz ungewöhnlich ernsten Ausdrucke seines Gesichtes war zu erkennen, daß sein Entschluß gefasst war.

Worin dieser Entschluß bestand? Dies wird sich aller Wahrscheinlichkeit später zeigen.




Zweiter Theil





I.

Die Schenke Alains


Es war nicht zu verkennen, und selbst die Behörden, die von der Stimmung des Volkes gemeiniglich zu spät Kenntniß bekommen, sahen ein, daß in der Bretagne und in der Vendée ein Aufstand vorbereitet wurde.

Wie Courtin der Baronin de La Logerie erklärt hatte, waren die Versammlungen der Legitimistenhäupter kein Geheimniß mehr; die Namen der Führer, welche sich an die Spitze der Vendéer stellen sollten, waren bekannt und wurden ganz offen genannt; die früheren Eintheilungen in Kirchsprengel, Capitänerien und Divisionen traten wieder ins Leben; die Pfarrer weigerte sich, das »Domine, salvum fac regem Philippum« zu singen, und sprachen in ihren Predigten ganz offen von Heinrich V., dem Könige von Frankreich und von der Regentin Marie Caroline; kurz, die Stimmung war an der Loire, zumal in den Départements der unteren Loire, und Maine und Loire höchst bedenklich, und es war mit jedem Tage ein Ausbruch der inneren Gährung zu erwarten.

Ungeachtet oder vielleicht wegen dieser allgemeinen Gährung versprach der Jahrmarkt zu Montaigu sehr glänzend zu werden.

Obgleich dieser Markt gemeiniglich nur von mittelmäßiger Bedeutung ist. so fanden sich die Landleute doch immer in großer Anzahl ein, aber als ein bedenkliches Anzeichen mochte es gelten, daß sich mitten unter der Menge von breitgeränderten Hirten und Köpfen mit langen Haaren nur wenige Hauben einfanden.

Das weibliche Geschlecht, welches gemeiniglich auf den Jahrmärkten die Mehrzahl bildet, hatte sich zu Montaigu nicht eingefunden.

Am auffallendsten jedoch war bei dieser Menge von Käufern der Mangel an Pferden, Kühen, Schafen, Getreide und anderen Landesproducten. Die Bauern aus der Umgegend führten keine Waaren, sondern nur ihre dicken, mit Leder beschlagenen Stöcke bei sich, und sie hatten gewiß nicht die Absicht, diese zum Verkauf auszubieten.

Der Marktplatz und die einzige lange Straße von Montaigu hatten ein düsteres fast drohendes Aussehen, welches den Jahrmärkten sonst nicht eigen zu seyn pflegt. Einige Gaukler und Marktschreier mochten immerhin ihre Pauken schlagen, ihre Trompeten blasen und ihre Künste anpreisen, sie fanden kein Gehör bei den vorüberwandelnden finsteren Gesichtern.

Wie die Bretagner, ihre nördlichen Nachbarn, sind die Vendéer nicht sehr gesprächig; aber an diesem Tage waren sie noch schweigsamer als sonst.

Die meisten lehnten sich an die Häuser, Gartenmauern und hölzernen Querriegel, mit denen der Marktplatz eingefaßt war, und starrten düster vor sich hin. Andere standen in kleinen Gruppen zusammen, aber diese Gruppen waren eben so schweigsam wie die Einzelnen: sie schienen etwas zu erwarten.

Die Wirthshäuser waren überfüllt, große Massen von Cider, Branntwein und Kaffee wurden bestellt; aber der Vendéer Landmann hat so starke Nerven, dass Flüssigkeiten, selbst in großen Quantitäten genossen, weder auf sein Gesicht noch auf seine Stimmung einen bemerkbaren Einfluß haben. Die Gesichtsfarbe der Zecher war wohl etwas stärker geröthet, die Augen waren wohl etwas feuriger, aber die Leute beherrschten sich mehr als gewöhnlich; sie trauten den Schenkwirthen und den hier und da anwesenden Städtern nicht.

In den Städten, welche an den Hauptverkehrsstraßen der Vendée und Bretagne liegen, huldigt man im Allgemeinen den Ideen des Fortschrittes und der Freiheit; aber diese Ideen verlieren sich allmälig, wenn man weiter in das Innere des Landes kommt. In den Augen der Bauern aber sind die patriotischen Bewohner der Städte Feinde, denen sie alles aus dem großen Aufstande hervorgegangene Unglück zuschreiben.

Die auf dem Jahrmarkte zu Montaigu erschienenen Landleute befanden sich daher unter ihren Gegnern; sie wussten es und beobachteten unter ihrer friedlichen Maske eine Zurückhaltung und Wachsamkeit, wie ein Soldat unter den Waffen.

Unter den Schenkwirthen von Montaigu war ein Einziger, auf den die Vendéer zählen konnten und in dessen Gegenwart sie sich keinen Zwang anthaten.

Die Schenke dieses Mannes war mitten in der Stadt, an der Ecke des Marktplatzes. Ein Seitengässchen führt zu der Maine, welche die Südwestseite der Stadt umfließt.

Diese Schenke hatte kein Schild; die Bestimmung des Hauses war nur aus einem in einer Mauerspalte steckenden Stechpalmenzweige und aus einigen hinter einem bestaubten Fenster ausgestellten Aepfeln zu erkennen. Die gewöhnlichen Gäste bedurften auch keiner äußeren Anzeichen.

Der Wirth hieß Aubin Courte-Joie. Aubin war sein Familienname, Courte-Joie war ein Spitzname, welchen er von seinen Feinden erhalten hatte. Im Alter von zwanzig Jahren war Aubin nämlich so klein und schwächlich gewesen, daß ihn die Conscription von 1812 nicht würdig befunden hatte, unter dem Kaiser zu dienen. Aber im Jahre 1814 hatte die inzwischen um zwei Jahre älter gewordene Conscription viele frühere Bedenklichkeiten aufgegeben. Aubin wurde einberufen, wenn auch nur um auf dem Papier das gegen die coalisirten Mächte zu bewaffnende Heer zu verstärken.

Aber Aubin, durch die frühere Verschmähung seiner Person in seinem Selbstgefühle verletzt, hatte eine unüberwindliche Abneigung gegen den Kriegsdienst bekommen; er beschloß, mit der Regierung zu schmollen, und flüchtete sich unter eine Bande von Mißvergnügten, die sich im Lande umhertrieben.

Je seltener die tauglichen jungen Männer wurden, desto schonungsloser wurden die kaiserlichen Agenten gegen die Widerspenstigen.

Aubin, der keineswegs eitel war, hatte nie geglaubt, daß er in den Augen des großen Napoleon eine so wichtige Person sey; aber er konnte nicht langer daran zweifeln, man suchte ihn überall, sogar in den Wäldern der Bretagne und in den Sümpfen der Vendée.

Die Widerspenstigen wurden von den Gendarmen eifrig verfolgt. In einem der bei diesen Verfolgungen vorgefallenen Scharmützel hatte er durch die Unerschrockenheit, mit der er sein Gewehr abschoß, den Beweis geliefert, daß die Conscription von 1814 nicht ganz Unrecht gehabt hatte, ihn den Erwählten beizuzählen.

In einem solchen Scharmützel war Aubin von einer Kugel getroffen worden und wie todt liegen geblieben.

An demselben Abend fuhr eine Bürgersfrau von Ancenis in einem Einspänner nach Nantes. Es war etwa neun Uhr und folglich ganz dunkel. Das Pferd blieb plötzlich stehen und wollte nicht weiter. Die Bürgersfrau stieg ab und fand Aubin, der mitten auf dem Wege lag.

Solche Vorgänge waren zu jener Zeit nicht selten. Die Bürgersfrau band ihr Pferd an einen Baum und wollte den vermeinten Leichnam in den Graben schleppen, um ihrem Einspänner und vielleicht noch anderen Fuhrwerken Platz zu machen. Aber als sie Aubin anrührte, fühlte sie, daß er noch warm war. Die Bewegung, vielleicht der Schmerz, entriß ihn seiner Ohnmacht; er stöhnte und bewegte den Arm.

Die Bürgersfrau trug ihn nicht in den Graben, sondern in ihren Wagen, und statt nach Nantes zu fahren, begab sie sich nach Ancenis zurück.

Die Witwe war eine Royalistin und sehr religiös. Die Sache, für welche Aubin verwundet worden war, wurde auch von ihr in Schutz genommen.

Man ließ einen Wundarzt kommen.

Dem Unglücklichen waren beide Beine von einer Kugel zerschmettert worden, und man mußte sie ihm abnehmen.

Die Pflegerin hatte, wie es fast immer der Fall ist, ihren Schützling liebgewonnen, und trug ihm nach seiner Genesung Herz und Hand an.

Es versteht sich, daß Aubin den Antrag annahm. Er wurde zum größten Erstaunen seiner Bekannten einer der kleinen Grundbesitzer des Cantons.

Leider war sein Glück nicht von langer Dauer. Seine Frau starb nach einem Jahre; ein von ihr hinterlassenes Testament wurde von ihren Verwandten wegen eines Formfehlers angegriffen, und da das Gericht ihnen die Erbschaft zusprach, so war Aubin wieder so arm wie zuvor.

Wegen dieser kurzen Dauer seines Glückes hatten ihn die Einwohner von Montaigu, die ihn beneidet und sich seines Unglückes im Stillen gefreut hatten, den Spitznamen »Courte-Joie« gegeben.

Die Erben, welche das Testament umgestoßen hatten, gehörten der liberalen Partei an, es war daher natürlich, daß Aubin’s Zorn über den Verlust des Prozesses auf die ganze Partei überging. Sein Haß gegen die Patrioten und die Richter, denen er die schreiendste Ungerechtigkeit zuschrieb, war durch die Ereignisse angefacht worden und erwartete nur eine günstige Gelegenheit, sich durch Thaten kundzugeben. Bei seinem düstern, durch sein Gebrechen verbitterten Charakter war allerdings sehr viel von ihm zu fürchten.

Aubin konnte nicht mehr arbeiten, und trotz seines großen Widerwillens gegen das Stadtleben mußte er in der Stadt eine Zuflucht und einen Erwerb suchen. Mit den Trümmern seines kurzen Wohlstandes zog er nach Montaigu, mitten unter Menschen, die er haßte, und errichtete die Schenke, in welcher wir ihn achtzehn Jahre nach den eben erzählten Ereignissen wiederfinden.

Die royalistische Meinung hatte im Jahr 1832 keinen wärmeren Vertheidiger als Aubin Courte-Joie; durch die Förderung dieser Sache befriedigte er ja zugleich seine persönliche Rache.

Ungeachtet seiner hölzernen Beine war Aubin der thätigste, intelligenteste Anstifter des bevorstehenden Aufstandes. Er war gleichsam ein vorgeschobener Posten mitten in dem feindlichen Lager; er benachrichtigte die Führer der Vendéer von allen Maßregeln, welche die Regierung nicht nur im Bezirk Montaigu, sondern in den angrenzenden Départements zu ihrer Vertheidigung ergriff.

Die herumziehenden Bettler, die von Niemand beachtet oder mit Argwohn betrachtet werden, waren seine Hilfstruppen, die er zugleich als Kundschafter und als Vermittler seines Verkehres mit den Landleuten sehr geschickt benützte.

Seine Schenke war daher der Sammelplatz der sogenannten Chouans; es war das einzige Stadthaus, wo sie sich offen aussprechen konnten.

An dem Markttage schien diese Schenke Aubin’s nicht so sehr mit Gästen angefüllt, als man hätte vermuthen können. In der ersten Stube saßen höchstens zwölf Bauern, welche offenbar der wohlhabenden Classe angehörten.

Die Gaststube war von einem zweiten Zimmer, in welchem Aubin wohnte und schlief, durch eine mit bunten baumwollenen Vorhängen versehene Glaswand getrennt. In diesem Zimmer pflegte Aubin bei besonderen Gelegenheiten seine Freunde zu empfangen.

Das zweite Zimmer war, dieser mehrfachen Bestimmung entsprechend, behaglicher eingerichtet, als die Schenkstube. Im Hintergrunde stand ein sehr niedriges Himmelbett mit grünen Vorhängen, und neben demselben lagen zwei große Fässer, aus denen man für die Gäste den Cider und Branntwein holte. Auf der andern Seite war ein breiter und hoher Kamin. In der Mitte stand ein eichener Tisch, von einer Bank umgeben. An einer Wand stand eine Truhe, und über derselben war ein Brett befestigt, auf welchem sechs Teller und sechs zinnerne Krüge standen.

Die Verzierungen des Zimmers bestanden aus einem Crucifix, einigen Heiligenbildern von Wachs und grob colorirten Lithographien.

Am Markttage hatte Aubin dieses Zimmer seinen zahlreichen Freunden geöffnet. Wenn sich in dem Schenkzimmer nur zehn bis zwölf Gäste befanden, so konnte man in der Hinterstube mehr als zwanzig Personen zählen.

Die meisten dieser Leute saßen um den Tisch und tranken und sprachen sehr eifrig mit einander. Einige nahmen runde Brotkuchen aus großen Säcken, zahlten sie, legten sie in Körbe und reichten diese aus einer in der Ecke befindlichen Thür, vor welcher Weiber und Bettler warteten.

Zu dieser Thür gelangte man aus dem oben erwähnten Seitengässchen über einen kleinen Hof.

Aubin Courte-Joie saß auf einem hölzernen Armsessel unter dem Caminmantel. An seiner Seite saß ein Mann in einem ziegenledernen Rock und mit einer schwarzen wollenen Mütze. Zwischen seinen Füßen lagen zwei Hunde. Es ist unser alter Bekannter Jean Oullier.

Hinter ihnen stand Aubins Nichte, eine junge hübsche Bäuerin, die er zur Bedienung der Gäste zu sich genommen hatte; sie schürte das Feuer und achtete auf ein Dutzend brauner Schalen, in denen der sogenannte »Ciderbraten« brodelte.

Während Aubin sehr lebhaft, wenn auch leise, mit Jean Oullier sprach, ertönte in der Schenkstube ein leiser Pfiff, dem Schreien des Rebhuhnes ähnlich.

»Wer kommt da?« fragte Aubin und beugte sich vor, um durch eine in den Vorhängen gelassene kleine Oeffnung zu schauen. »Der Mann von La Logerie! Achtung!«

Sogleich herrschte in Aubin’s Zimmer die größte Stille und Ordnung. Die kleine Thür hatte sich leise geschlossen, die Weiber und Bettler waren verschwunden. Die Männer, welche die Brotkuchen zählten, hatten ihre Säcke zugebunden und sich darauf gesetzt. Die Trinker schwiegen, einige von ihnen waren sogar wie auf Commando eingeschlafen. Auch Jean Oullier hatte sich gegen das Feuer gekehrt, so daß seine Gesichtszüge nicht sogleich bemerkt werden konnten.




II.

Der Mann von La Logerie


Courtin – denn er war’s, den Aubin den »Mann von La Logerie« genannt hatte – war wirklich in der Schenkstube erschienen.

Abgesehen von dem leisen Pfiff, den man für den Schrei eines zahmen Rebhuhnes halten konnte, schien seine Anwesenheit in der Schenkstube gar kein Aufsehen zu machen. Die Gäste plauderten fort, aber das Gespräch wurde sehr lustig, sogar lärmend.

Courtin sah sich um, und da er die Person, die er suchte, nicht zu finden schien, öffnete er ohne Zögern die Glasthür und schaute in das zweite Zimmer.

Auch hier schien ihn Niemand zu beachten. Nur Mariette, die Nichte Aubins, welche die Gäste bediente, fragte ihn ganz unbefangen, wie einen täglichen Gast ihres Oheims:

»Was steht zu Diensten, Herr Courtin?«

»Eine Schale Kaffee,« antwortete Courtin, indem er alle Anwesenden musterte und in alle Winkel schaute.

»Gut, setzt Euch,« erwiderte Mariette, »ich will ihn sogleich bringen.«

Courtin war also genöthigt, näher zu treten.

»Wie geht‘s, Aubin?«« fragte er den Wirth.

»Wie Ihr sehet,« antwortete dieser, ohne sich umzudrehen..

Courtin konnte leicht bemerken, daß man ihn in der Gesellschaft eben nicht gern sah; aber er ließ sich nicht so leicht abschrecken..

»Gib mir einen Schämel, Mariette,« sagte er, »ich will mich zu deinem Oheim setzen.«

»Es ist kein Schämel mehr da,« antwortete das Mädchen, »Ihr habt Gott sey Dank, gesunde Augen, um es zu sehen-«

»Nun, dann muß mir dein Onkel seinen Schämel geben,« sagte Courtin mit kecker Vertraulichkeit, obgleich er sich durch den Empfang, den er fand, nicht sehr ermuthigt fühlte.

»Wenn’s durchaus seyn muss,« murrte Aubin, »so sollst Du ihn haben; ich will mir nicht nachsagen lassen, daß ich einem Gast einen Schämel verweigert.«

»Nun, so gib her, Du Schwätzer; denn ich sehe den, den ich suche.«

»Wen suchst Du denn?« fragte Aubin aufstehend.

Er hatte sogleich die Wahl zwischen zwanzig Schämeln, die ihm angeboten wurden.

»Ich suche Jean Oullier,« erwiderte Courtin, »und mich dünkt, da sitzt er.«

Jean Oullier sprang auf und fragte in fast drohendem Tone:

»Was wollt Ihr von mir?«

»Nun, Ihr braucht mich deshalb nicht zu fressen,« sagte der Maire von La Logerie, »was ich Euch zu sagen habe, interessirt Euch noch mehr als mich.«

»Wir sind keine Freunde, Courtin,« erwiderte Jean Oullier ernst, »Ihr könnt daher auch nicht in guter Absicht hierhergekommen seyn. – Courtin,« fuhr Jean Oullier fort, ohne die Winke Aubins zu beachten. »so lange wir uns kennen, habt Ihrs mit den Blauen gehalten; Ihr habt schlechtes Gut gekauft —«

»Schlechtes Gut!« unterbrach der Bauer mit seinem pfiffigen Lächeln.

»O! Ihr wißt schon was ich sagen will! ich meine Güter, die aus einer schlechten Quelle kommen. Ihr habt mit den Stadtleuten gemeinsame Sache gemacht! Ihr habt die Landleute wegen ihres Glaubens und ihrer Ueberzeugung verfolgt: was können wir Beide also miteinander zu thun haben?«

»Es ist wahr, Oullier,« erwiderte Courtin, »ich habe euren Strom nie befahren, aber unter Nachbarn soll man einander nicht den Tod wünschen, wenn man auch in den Meinungen nicht übereinstimmt. Ich versichere Euch, daß ich Euch aufgesucht habe, um Euch einen Dienst zu erweisen.«

»Ich brauche eure Dienste nicht,« antwortete Jean Oullier verächtlich.

»Warum nicht?« fragte Courtin.

»Weil ich gewiss weiß, daß Ihr einen Verrath im Schilde führet.«

»Ihr wollt mich also nicht anhören?«

»Nein!« erwiderte der Waldhüter trotzig.

»Du hast Unrecht,« sagte leise der Wirth, dem die rauhe offene Sprache seines Genossen ein falsches Manöver schien.

»Nun gut,« erwiderte Courtin mit Nachdruck, »Ihr habt es Euch selbst zuzuschreiben, Jean Oullier, wenn den Bewohnern des Schlosses Souday ein Unglück begegnet.«

In dem Worte Bewohner lag offenbar eine ausgedehnte Bedeutung: die Gäste waren ohne Zweifel mit inbegriffen. Jean Oullier konnte dies nicht verkennen, und ungeachtet seiner gewohnten Geistesstärke erblaßte er.

Er bereute, daß er so weit gegangen war; aber es war gefährlich, seinen ernsten Entschluß zu ändern. Wenn Courtin Verdacht hatte, so mußte er durch diesen Rückzug darin bestärkt werden.

Oullier suchte daher seine Bewegung zu bekämpfen und nahm mit scheinbarer Gleichgültigkeit seinen Platz wieder ein.

Seine Haltung war so unbefangen, dass sich selbst der schlaue Courtin dadurch täuschen ließ. Dieser entfernte sich daher nicht mit der Eile, welche nach der derben Antwort wohl zu erwarten gewesen wäre, sondern suchte lange in seinem ledernen Geldbeutel, um gerade soviel Geld herauszunehmen als er für den Kaffee schuldig war.

Aubin Courte-Joie, der die Absicht dieses Zauderns erkannte, benutzte die Pause, um das Wort zu nehmen.

»Höre, Jean,« sagte er zu Oullier, »es ist lange, dass wir Freunde sind und auf dem gleichen Wege wandeln; diese beiden Stelzfüße geben Zeugnis davon. Du hast Unrecht. So lange eine Hand geschlossen ist, kann nur ein Narr sagen: ich weiß, was sie enthält. Herr Courtin,« setzte Aubin hinzu, indem er den Titel, den er dem Maske von La Logerie gab, stark betonte, »Herr Courtin ist freilich keiner von den Unserigen, aber er ist auch nicht gegen uns gewesen; er hat nur an sich gedacht, das ist Alles, was man ihm vorwerfen kann. Aber heute, wo der Streit auf immer ruht, wo es keine Blauen und keine Chouans mehr gibt, heute wo wir Frieden haben, was liegt an der Farbe der Cocarde? Warum willst Du Herrn Courtin nicht anhören, wenn er Dir, wie er sagt, etwas Gutes mitzutheilen hat!?«

Jean Oullier zuckte unmuthig die Achseln.

»Alter Fuchs!« dachte Courtin, der von der Lage der Dinge zu gut unterrichtet war, als daß er sich durch die schönen Worte Aubins hätte täuschen lassen.

»Um so mehr,« sagte er laut, »da die Politik mit dem, was ich ihm mitzutheilen habe, gar nichts zu thun hat.«

»Hörst Du wohl?« sagte Aubin, »nichts hindert Dich, mit dem Herrn Maire zu sprechen. Mach ihm Platz, damit Ihr ganz gemächlich plaudern könnt.«

Aber Jean Oullier wurde nicht freundlicher gegen Courtin, er kehrte ihm immerfort den Rücken zu. Der Maire nahm aber doch neben ihm Platz.

»Ich bin der Meinung,« begann Courtin, »daß die Worte am besten fließen, wenn die Zunge gehörig angefeuchtet wird. Wie wärs Oullier, wenn wir eine Flasche zusammen tränken? Vielleicht würde Euch die Zunge gelöst.«

»Wie Ihr wollt,« antwortete Jean Oullier, der zwar sehr ungern mit Courtin trank, aber dieses Opfer zum Besten der Sache, der er sich gewidmet, doch für nothwendig hielt.

»Habt Ihr Wein?« fragte Courtin.

»Eine schöne Frage,« erwiderte Mariette schnippisch, »es versteht sich, daß wir Wein haben.«

»Aber einen guten alten Wein, in versiegelter Flasche.«

»Wir haben schon Wein mit Siegel,« sagte die hübsche Kellnerin mit Selbstgefühl, »aber er kostet vierzig Sous die Flasche.«

»Bah! der Herr Maire kann schon zahlen,« sagte Aubin, der auf der andern Seite des Camins Platz genommen hatte, um von der Mittheilung, welche Courtin dem Waldhüter machen wollte, wo möglich einige Worte aufzufangen, »vierzig Sous werden ihn nicht hindern, der Frau Baronin den Grundzins zu zahlen.«

Courtin bereute, daß er so weit gegangen war; bei einem etwa wieder ausbrechenden Kriege war; vielleicht gefährlich, für zu reich zu gelten.

»Nun ja,« erwiderte er, »ich kann meinen Grundzins schon zahlen, aber wenn ich meine Schuldigkeit abgetragen habe, bin ich froh, wenn ich mein Leben fortschleppe —«

»Es kümmert uns nichts, ob Ihr reich oder arm seyd,« sagte Jean Oullier, »laßt hören, was Ihr mir zu sagen habt, und macht es kurz.«

Courtin nahm die Flasche, die ihm Mariette reichte, wischte den Hals sorgfältig mit dem Aermel ab, schüttete einige Tropfen Wein in sein Glas, füllte das Glas des Waldhüters, nahm das seinige, stieß an und kostete den Wein.

»Ein gutes Gewächs,« sagte er, mit der Zunge schnalzend, »wer täglich solchen Wein trinkt, ist fürwahr nicht zu beklagen.«

»Zumal wenn man mit ruhigem Gewissen trinkt,« erwiderte Jean Oullier, »das macht den Wein erst recht gut!«

»Jean Oullier,« sagte Courtin, ohne diese philosophische Bemerkung zu beachten und sich zu dem Waldhüter neigend, so daß er nur von diesem verstanden werden konnte, »Ihr habt Unrecht, einen Groll auf mich zu haben.«

»Beweiset es und ich will Euch glauben. Dies ist das Vertrauen, das ich zu Euch habe.«

»Ich sorge für mich selbst,« fuhr Courtin fort, »und das ist doch gewiß nicht unrecht. Um fremde Angelegenheiten kümmere ich mich nicht, denn ich denke: Wenn Du zu Ostern und Weihnachten dein Geld nicht im Säckel bereit hast, so wird es den König, er heiße nun Heinrich V. oder Ludwig Philipp, nicht im mindesten kümmern, und Du wirst ein Papier mit seinem Bildnis erhalten, welches eine große Ehre für Dich seyn, aber viel Geld kosten wird. Laß daher Heinrich V. und Ludwig Philipp ganz aus dem Spiel und denke an Dich. Ihr denkt freilich anders, das weiß ich wohl; aber Ihr mögt es thun, ich tadle Euch deshalb nicht, ich kann Euch höchstens beklagen.«

»Spart euer Mitleid nur für Andere auf,« erwiderte Jean Oullier höhnisch, »ich brauche es so wenig als eure Mittheilungen.«

»Wenn ich sage, Oullier, daß ich Euch beklage, so meine ich damit eben so wohl euren Herrn, als Euch. Der Herr Marquis ist ein Mann, den ich verehre; er hat in dem großen Kriege sein Leben oft in die Schanze geschlagen, und was hat er damit gewonnen?»

»Ihr habt gesagt, Courtin, dass Ihr nicht von Politik sprechen wollt: Ihr haltet nicht Wort.»

»Ja, ich habe es gesagt; aber es ist nicht meine Schuld, wenn in diesem Satanslande die Politik so mit unseren Verhältnissen verwickelt ist, daß man gar nicht davon loskommen kann. Ich meinte nur, daß es mir leid thut, ihn, der sonst der Erste in der Provinz war, von einem Schwarm reicher Emporkömmlinge erdrückt zu sehen.«

»Was kümmert’s Euch, wenn er mit seinem Schicksal zufrieden ist?« entgegnete Jean Oullier, »Ihr seyd weder sein Vertrauter noch sein Gläubiger.«

»Was würdet Ihr sagen, wenn Euch Jemand den Antrag machte, allen Reichthum, der das Schloß Souday verlassen hat, wieder hineinzubringen?« erwiderte Courtin, ohne sich durch die harten Reden Oulliers irre machen zu lassen. »Meint Ihr etwa, ein solcher Mann sey euer Feind? Und findet Ihr nicht, daß ihm der Herr Marquis Dank schuldig sey? Antwortet offen und ehrlich, wie ich mit Euch spreche.«

»Ja wohl, wenn er's auf ehrliche Weise zu Stande bringen könnte, aber ich zweifle daran.«

»Auf ehrliche Weise? Würde man Euch zumuthen, von anderen Mitteln Gebrauch zu machen? Kurz und gut, ich kann machen, daß die Tausender und Hunderter im Schlosse Souday häufiger werden, als jetzt die Fünf-Livres-Thaler sind. Aber —«

»Ein Aber dabei? Laßt hören, wo Euch der Schuh drückt.«

»Aber ich müßte meinen Nutzen dabei finden!«

»Nicht mehr als billig, daß Ihr euren Antheil daran bekommt, wenn das Geschäft gut ist.«

»Nicht wahr? Und ich verlange sehr wenig dafür, daß ich mit am Rade schiebe.«

»Kurz und gut, was habt Ihr mir zu sagen?« erwiderte Jean Oullier, der seine Neugierde nicht mehr zu verbergen vermochte.

»Es ist ganz einfach: ich mochte vor Allem, daß ich für den Meierhof, den ich noch auf zwölf Jahre habe, die Pacht nicht erneuern, keinen Zins mehr zahlen müßte —«

»Ihr meinet, man soll ihn Euch erlassen?«

»Wenn’s der Herr Marquis wollte, so würde ich’s nicht ausschlagen; Ihr wißt ja, Jeder ist sich selbst der Nächste.«

»Aber wie könnte dies zu Stande kommen? Euer Meierhof gehört dem Sohne Michel oder seiner Mutter; ich habe nicht gehört, daß sie ihn verkaufen wolle: wie könnte man Euch schenken, was uns nicht gehört?«

»Ganz recht,« fuhr Courtin fort, »aber wenn ich mich in die bewußte Angelegenheit mengte, so würde Euch der Meierhof vielleicht bald gehören – oder Ihr würdet wenigstens Ansprüche darauf haben – dann ginge es ganz leicht. Was sagt Ihr dazu?«

»Ich sage, daß ich Euch nicht verstehe.«

»Ihr wollt mich nicht verstehen. Unser junger Herr ist eine schöne Partie; denn außer La Logerie hat er noch La Coudraie, die Mühlen zu La Ferronnerie, die Waldungen bei Gervaise, und diese Besitzungen tragen durchschnittlich achttausend Pistolen jährlich ein. Und die alte Baronin hat ihm für den Fall ihres Todes noch eben so viel verschrieben.«

»Was hat aber der Sohn Michel mit dem Marquis von Souday zu thun?« erwiderte Oullier. »Und inwiefern kann das Vermögen eures Herrn den meinigen interessiren?«

»Wir wollen ganz offen mit einander reden, Jean Oullier. Ihr werdet bemerkt haben, daß unser junger Herr in eine von euren Fräulein verliebt ist – in welche, das weiß ich nicht. Der Herr Marquis braucht nur ein Wort zu sagen, und mir über den Meierhof etwas Schriftliches zu geben: wenn das Fräulein einmal verheirathet ist, so wird sie ihren Mann am Gängelbande führen und von ihm erlangen, was sie will. Er wird es auf ein Stück Land nicht ansehen, zumal wenn es für einen Mann bestimmt ist, dem er viel Dank schuldig ist. Dann ist mir und Euch geholfen. Das einzige Hinderniß ist die Mutter,« setzte Courtin leise hinzu, »und dieses Hinderniß will ich auch aus dem Wege räumen.«

Jean Oullier antwortete nicht, aber er sah Courtin mit Verachtung an.

»Ja,« fuhr der Maire fort, »wenn wir Alle einverstanden sind, wird uns die Frau Baronin nichts verweigern. Unter uns gesagt, Oullier, ich weiß viel von dem seligen Baron.«

»Wozu braucht Ihr dann uns? Warum verlangt Ihr nicht von ihr, was Ihr wünscht?«

»Warum? Weil die Aussage eines Knaben, der beim Hüten der Schafe gehört hat, wie der Handel abgeschlossen wurde, unterstützt werden müßte durch das Zeugniß dessen, der im Walde La Chabotière das Blutgeld auszahlen sah. Du weißt wohl, wer das Zeugniß ablegen kann. Sobald wir gemeinsame Sache machen, wird die Baronin geschmeidig werden wie ein waschlederner Handschuh. Sie ist geizig, aber ihr Stolz ist noch größer als ihr Geiz; die Furcht vor einem öffentlichen Scandal wird sie fügsam machen. Sie wird finden, daß das Fräulein von Souday, trotz ihrer Armuth und zweifelhaften Abstammung, immerhin so viel werth ist wie der Sohn des Baron Michel, dessen Großvater ein Bauer war, wie wir, und dessen Vater – kurz und gut, euer Fräulein wird reich, unser junger Herr wird glücklich. Was ist dagegen zu sagen? Wir werden gute Freunde, Oullier; eure Freundschaft ist mir werth, und die meine ist nicht ganz ohne.«

»Eure Freundschaft,« antwortete Jean Oullier, der seine Entrüstung über Courtins Antrag kaum zu bezähmen vermochte.

»Ja, meine Freundschaft,« sagte Courtin, »Du magst immerhin den Kopf schütteln, es ist doch so. Ich habe Dir gesagt, daß ich mehr als sonst Jemand von dem Leben des Baron Michel weiß; ich hätte hinzusehen können: auch von seinem Tode. Ich war auf der Jagd, wo er ums Leben kam, unter den Treibern, und ich kam gerade auf seinen Posten zu. Ich war damals noch sehr jung, aber ich hatte schon damals die Gewohnheit, nicht anders zu sprechen, als wenn ich meinen Vortheil dabei sah. Glaubst Du jetzt noch, daß ich deiner Partei keine Dienste erweisen könnte, wenn ich meinen Vortheil dabei finde?«

»Ich habe keinen Einfluß auf den Marquis von Souday,« antwortete Jean Oullier, die Stirn runzelnd, »aber wenn ich das Geringste über ihn vermöchte, so sollte der Meierhof nie aus der Familie kommen, und wenns der Fall wäre, so sollte er nie zur Belohnung eines Verrathes dienen.«

«Das ist eitel Prahlerei!« sagte Courtin.

»Nein. Wie arm auch die Fräulein von Souday sind, so wird sich doch keine von Beiden verkaufen – und wenn der reiche junge Herr auch einen andern Namen führte. Es wäre eine Erbärmlichkeit —«

»Eine Erbärmlichkeit nennst Du es? Ich finde nur, daß es ein gutes Geschäft ist.«

»Für Euch mag’s wohl nichts Anderes seyn; aber für meine Herrschaft wäre es eine Niedertracht, die Heirath durch ein Einverständnis; mit Euch zu Stande zu bringen.«

»Nehmt Euch in Acht, Jean Oullier! Ich bin in guter Absicht zu Euch gekommen; Ihr würdet es vielleicht bereuen, wenn ich mit anderer Gesinnung fortginge.«

»Eure Drohungen nutzen so wenig wie eure Versprechungen,« erwiderte Jean Oullier. »Merkt Euch das ein- für allemal.«

»Hör’ mich an, Oullier. Ich habe Dir gestanden, daß ich reich werden will, ich habe einmal meinen Sinn darauf gesetzt – so wie Du Dir in den Kopf gesetzt hast, deiner Herrschaft treu wie ein Hund zu seyn, obgleich sie nicht so viel auf Dich halten, wie Du auf deinen Dachshund. Ich glaubte deinem Herrn nützlich seyn zu können; ich hoffte, er werde einen solchen Dienst nicht unbelohnt seyn lassen. Du sagst, es könne nichts daraus werden, wir reden also nichts mehr davon. Aber wenn sich deine Herrschaft dankbar beweisen wollte, so würde ich ihr lieber als anderen Leuten gefällig seyn. Dies wollte ich Dir noch sagen.«

»Weil Ihr hofftet, meine Herrschaft würde Euch besser bezahlen als andere Leute, nicht wahr?«

»Allerdings, ich gestehe es Dir ganz aufrichtig, Du hast vollkommen Recht.«

»Mit solchen Dingen will ich nichts zu thun haben, Courtin. Ueberdies könnte ich Euch nur eine sehr kleine Belohnung versprechen, wenn sie den Diensten, die man von Euch erwarten könnte, angemessen wäre.«

»Ei, wer weiß?« erwiderte Courtin. »Du dachtest gewiß nicht, daß ich die Geschichte von der Chabotière kenne. Vielleicht würdest Du Dich sehr wundern, wenn ich Dir Alles sagen wollte, was ich weiß.«

Jean Oullier fürchtete, Courtin könne ihn durchschauen und seine Besorgniß merken.

»Genug!« erwiderte er. »Wenn Ihr Euch verkaufen wollt, so wendet Euch an andere Leute; solche Anträge würden mir zuwider seyn, wenn ich auch in der Lage wäre sie anzunehmen.«

»Ist dies dein letztes Wort, Oullier?«

»Mein erstes und letztes Wort. Gehet eurer Wege, Courtin, und laßt uns in Ruhe!«

»Nun gut,« sagte Courtin aufstehend, »lieber wär’s mir freilich gewesen, mit Euch gemeinsame Sache zu machen.«

Er winkte dem Waldhüter zu und ging fort.

Kaum hatte er die Schwelle überschritten, so hinkte Aubin Courte-Joie auf seinen Stelzfüßen heran und sagte leise zu Jean Oullier:

»Du hast eine Dummheit gemacht.«

»Wie so?«

»Courtin kann Dir schaden, sonst wäre er nicht mit solcher Zuversicht gekommen.«

»Was soll ich denn thun?«

»Ihm folgen und ein wachsames Auge auf ihn haben.«

Jean Oullier besann sich einen Augenblick, dann stand er ebenfalls auf.

»Ich glaube,« sagte er, »Du hast Recht.«

Und er ging ganz bekümmert fort.




III.

Der Jahrmarkt zu Montaigu


Die im westlichen Frankreich herrschende Gährung fand die Regierung nicht unvorbereitet; ein Aufstand, der ein so weit ausgedehntes Gebiet umfaßte, eine Verschwörung, welche so viele Theilnehmer bedingte, konnte nicht lange geheim bleiben.

Lange vor dem Erscheinen der Herzogin von Berry an der Südküste wußte man in Paris, daß eine Erhebung vorbereitet wurde; es wurden rasche, kräftige Maßregeln beschlossen, sobald ermittelt wurde, daß die Prinzessin ihren Weg in die westlichen Provinzen genommen. Diese Maßregeln brauchten nur noch in Ausführung gebracht und zuverlässige, gewandte Männer damit beauftragt werden.

Die Départements, deren Erhebung man fürchtete, waren in eben so viele Militärbezirke getheilt worden, als Unterpräfecturen vorhanden waren. Jeder dieser Bezirke, unter dem Befehle eines Bataillonschefs, war der Mittelpunkt mehrer, unter Capitänen stehenden Cantonnirungen, welche wieder noch kleinere Truppenabtheilungen unter dem Befehle von Lieutenants so weit die Communicationsmittel es gestatteten, in das Innere des Landes entsendeten.

In Montaigu lag eine Compagnie des 32. Linienregimentes.

An dem Tage, wo die eben erzählten Vorgänge statt fanden, war diese Besatzung durch zwei von Nantes beorderte Brigaden Gendarmerie und etwa zwanzig Mann Cavallerie verstärkt worden.

Die Cavallerie bildete die Escorte eines Generals, der von Nantes aus eine Inspectionsreise unternahm.

Als der General Dermoncourt, ein eben so intelligenter als entschlossener Offizier, die Besatzung von Montaigu inspicirt hatte, hielt er es für angemessen, »seine alten Freunde, die Vendéer,« die er in so dichten Reihen auf dem Marktplatze und in den Straßen von Montaigu gesehen, ebenfalls zu inspiciren.

Er legte seine Uniform ab und begab sich in Civilkleidern in Begleitung eines Beamten unter die Menge.

Die Stimmung der Bevölkerung war finster und trotzig, aber ruhig. Man machte den beiden Herren Platz, und obgleich die martialische Haltung des alten Generals die Verkleidung ziemlich überflüssig machte, so fand doch nicht die mindeste feindselige Kundgebung statt.

»Ich sehe wohl,« sagte der General, »meine alten Freunde, die Vendéer, haben sich nicht geändert, und ich finde sie eben so verschlossen wie vor achtunddreißig Jahren.«

»Diese Gleichgültigkeit scheint mir ein gutes Zeichens,« erwiderte der Beamte mit wichtiger Miene. »Die beiden Monate, die ich in Paris zugebracht, haben mir Gelegenheit gegeben, die sich fast täglich wiederholenden Emeuten zu beobachten, und ich glaube versichern zu können, daß sich ein Volk, welches einen Aufstand vorbereitet, ganz anders benimmt. Sehen Sie nur, Herr General, man sieht fast keine Gruppen, kein Fanatiker redet das Volk an, Alles ist ruhig. Die Leute denken nur an ihre Geschäfte, ich stehe Ihnen dafür, daß nichts zu fürchten ist.«

»Sie haben Recht, ich bin ganz Ihrer Meinung, die Leute denken nur an ihre Geschäfte; diese aber bieten die beste Gelegenheit, Kugeln und Waffen im Kleinen zu kaufen, um sie bei uns sobald als möglich wieder an den Mann zu bringen.«

»GIauben Sie?«

»Ich glaube es nicht, ich weiß es gewiß. Wenn das religiöse Element zum Glück für uns bei dieser neuen Schilderhebung nicht fehlte und mich vermuthen ließe, daß sie nicht allgemein ist, so würde ich Ihnen dreist antworten, dass jeder dieser Leute in Kitteln und Holzschuhen seinen Posten, seinen Rang, seine Nummer in einem der Bataillone hat, die von den Edelleuten errichtet werden.

»Wie! die Bettler auch?«

»Ja, die Bettler vor Allen. Dieser Krieg hat das Eigenthümliche, daß wir einen Feind zu bekämpfen haben, der überall und nirgends ist. Man sucht ihn und findet nur einen Bauer, der den Hut zieht, einen Bettler, der die Hand ausstreckt, einen Hausirer, der seine Waare feilbietet, einen Musikanten, der seiner Trompete ohrenzerreißende Töne entlockt, einen Quacksalber, der seine Pillen und Latwergen anpreist, einen Hirtenknaben der ganz freundlich und unbefangen lacht, ein Weib, das vor der Thür sitzt und einen Säugling auf dem Schooße hält, einen Busch, der ganz harmlos am Wege steht. Alle diese Bauern, Hirten, Bettler, Musikanten, Quacksalber, Weiber, Hausirer sind Feinde, selbst der Busch am Wege ist ein Feind. Einige kriechen zwischen den Farnkräutern und Wachholderstauden fort und verfolgen uns wie unser Schatten, um uns zu beobachten und bei dem mindesten verdächtigen Manöver ihre Freunde zu warnen, ehe wir diese erreicht haben. Andere holen aus einem Graben, unter Gestrüpp aus einer Furche eine lange rostige Flinte hervor, und verfolgen uns, wie Jene, bis sie auf Schußweite herankommen können. Sie sind sehr geizig mit ihrem Pulver. Der Busch schickt uns eine bleierne Pille zu, und wenn er einmal fehlt, wenn wir den Busch durchsuchen, so finden wir nichts als – einen Busch, nämlich Zweige, Dornen und Blätter. Das sind die stillen harmlosen Landleute in der Vendée.«

»Uebertreiben Sie nicht etwas, Herr General?« sagte der Civilbeamte, ungläubig lächelnd.

»Wir können ja selbst die Probe machen, Herr Unterpräfect. Wir sind hier mitten unter einer ganz friedlichen Menge, wir haben nur Freunde, Franzosen, Landsleute unter uns: lassen Sie einmal einen Einzigen von ihnen verhaften.«

»Was würde dann geschehen?«

»Das will ich Ihnen sagen. Irgend einer von ihnen, z.B. jener Bursch dort in der weißen Jacke, vielleicht jener Bettler, der auf der Thürschwelle sitzt und seinen Brotkuchen verzehrt, ist vielleicht ein Bandenführer; er würde ein Zeichen geben und ein paar Dutzend Knittel würden über unseren Köpfen geschwenkt werden, und ehe uns meine Escorte zu Hilfe kommen könnte, wären wir zusammengedroschen wie zwei Garben. Sie scheinen noch zu zweifeln; wollen Sie einen, Versuch machen?«

»O nein, ich glaube Ihnen, Herr General,« erwiderte der Unterpräfect hastig, »ich bin kein Freund von solchen Späßen. Jetzt, da Sie mich über die Stimmung des Landes unterrichtet haben, kommen mir alle diese Gesichter verdächtig vor —«

»O! es sind sehr brave Leute; man muß sie nur zu behandeln wissen, und leider ist dies nicht allen denen, die man hierherschickt, gegeben,« sagte der General spöttisch lächelnd. »Wollen Sie ein Pröbchen von der Redeweise dieser Leute haben? Sie sind vermuthlich Advocat gewesen; ich wette, daß unter Ihren Collegen kaum einer ist, der so geschickt und beredt schweigen kann. Höret, Freund,« rief der General einen Bauer an, der einen Brotkuchen in der Hand trug, »sagt mir doch, wo man die so appetitlich aussehenden Brotkuchen verkauft.«

»Die Brotkuchen werden nicht verkauft, sondern verschenkt,« war die Antwort.

»Wirklich? ich möchte auch einen haben.«

»Es ist sonderbar,« sagte der Präfect, »daß man so gute Brotkuchen, die man theuer verkaufen könnte, unentgeltlich vertheilt.«

»Ja, es ist ausfallend; aber eben so sehr wundert’s mich, daß der Erste, der uns in den Wurf kommt, nicht nur unsere Fragen beantwortet, sondern auch denen, die wir noch an ihn richten könnten, entgegenkommt. – Zeiget mir doch eure Brotkuchen, Freund.«

Der General nahm den Brotkuchen, den ihm der Bauer überreichte, genau in Augenschein.

Es war ein gewöhnlicher Kuchen von Mehl und Milch, in welchen man vor dem Backen ein Kreuz und vier Querstriche eingeschnitten hatte.

»Fürwahr, ein hübsches Geschenk!« sagte der General: »es verbindet das Angenehme mit dem Nützlichen. Diese kleine Zeichnung muß ein Rebus seyn. Wer hat Euch diesen Kuchen geschenkt?«

»Man hat mir ihn nicht geschenkt, man traut mir nicht.«

»Aha! Ihr seyd ein Patriot!«

»Ich bin Maire meiner Gemeinde und halte es mit der Regierung.

»Ich sah, wie ein Frauenzimmer solche Kuchen unter den Burschen von Machecoul vertheilte, ohne daß diese welche verlangten und etwas dafür zahlten. Da verlangte ich einen zu kaufen und sie mochte mir’s nicht abschlagen. Ich nahm zwei; ich verzehrte einen, und den andern nahm ich mit.«

»Wollt Ihr mir ihn überlassen, Freund? Ich sammle Rebus, und dieser gefällt mir.«

»Ich kann ihn verschenken oder verkaufen, wie Sie wollen.«

»Aha! ich glaube Dich zu verstehen,« sagte der General, indem er den Bauer aufmerksamer betrachtete, »Du kannst mir diese Zeichen erklären?«

»Vielleicht, auf jeden Fall aber andere Auskunft geben, die nicht zu verachten ist.«

»Aber Du willst dafür bezahlt werden?«

»Das versteht sich!« antwortete der Bauer keck.

»So dienst Du also der Regierung, die Dich zum Maire gemacht hat?«

»Die Regierung hat kein Ziegeldach auf meine Meierei gelegt, sie hat keine steinernen Wände aufgemauert; die Gebäude sind mit Stroh gedeckt, aus Holz und Lehm erbaut; sie gerathen leicht in Brand und es bleibt nichts als die Asche zurück. Wer viel wagt, muß viel gewinnen; denn es kann Alles in einer Nacht verbrennen.«

»Ihr habt Recht. – Die Sache gehört in Ihren Wirkungskreis, Herr Unterpräfect. Ich bin nur Soldat, und die Waare muß bei der Ablieferung bezahlt werden; bezahlen Sie also und liefern Sie sie mir.«

»Beeilen Sie sich,« sagte der Bauer, »denn wir werden von allen Seiten beobachtet.«

Die Bauern hatten sich wirklich allmälig genähert, dem Anschein nach blos aus Neugierde, welche durch die Anwesenheit von Fremden ganz gerechtfertigt schien.

Der General bemerkte es.

»Ich will Ihnen nicht zumuthen,« sagte er zu dem Unterpräfecten, »den Worten dieses Mannes unbedingt zu glauben. Er verkauft Ihnen zwei Säcke Hafer zu hundert neun Francs den Sack; es fragt sich jetzt, ob er sie Ihnen liefern wird; geben Sie ihm ein Aufgeld und lassen Sie sich eine schriftliche Zusicherung geben.«

»Ich habe weder Papier, noch Bleistift bei mir,« entgegnete der Unterpräfect, der die Absicht des Generals merkte.

»So gehen Sie in den Gasthof!« sagte der General. »Hat sonst noch Jemand Hafer zu verkaufen? Wir haben viele Pferde zu füttern.«

Ein Bauer antwortete bejahend, und während der General mit ihm über den Preis unterhandelte, konnte sich der Unterpräfect mit dem Andern entfernen, ohne allzu großes Aufsehen zu machen.

Der Bauer mit dem Brotkuchen – unsere Leser haben es bereits errathen – war kein Anderer als Courtin.

Wir wollen sehen, was er seit dem frühen Morgen gethan hatte.

Nach der Unterredung mit seinem jungen Herrn hatte er sich lange besonnen. Eine einfache Anzeige schien ihm nicht vortheilhaft genug: die Regierung würde den Dienst eines untergeordneten Beamten vielleicht unbelohnt lassen. Es war ein sehr gewagter Schritt, denn Courtin würde dadurch die im Canton so zahlreichen Royalisten aufs Aeußerste erbittert haben.

Er hatte nun das Plänchen ausgedacht, welches er dem Waldhüter Oullier mitgetheilt. Er hoffte als Heirathsvermittler das Wohlwollen des Marquis von Souday zu erwerben, welchem wie er glaubte, eine solche Heirath sehr willkommen seyn müsse. Der Marquis, meinte er, werde ein Stillschweigen, welches einen für die royalistische Partei so theuern Kopf rette, gewiß sehr theuer bezahlen.

Wir haben gesehen, wie Jean Oullier den Antrag Courtin‘s aufgenommen hatte. Das vermeinte glänzende Geschäft war vereitelt, und Courtin war, um wenigstens ein kleines Geschäft zu machen, wieder auf die Seite der Regierung getreten.




IV.

Der Aufstand


Eine halbe Stunde nach der Unterredung des Unterpräfecten mit Courtin suchte ein Gendarme den General auf dem Markte. Er fand ihn in vertraulichem Gespräch mit einem zerlumpten Bettler. Der Gendarme flüsterte dem General einige Worte zu und dieser eilte in den Gasthof zurück.

Der Unterpräfect erwartete ihn vor der Thür.

»Nun, wie stets?« fragte der General, als er das heitere Gesicht des Beamten sah.

»Sehr gut,« antwortete dieser. »Der Bauer ist ein sehr kluger Mensch.«

»O sie sind Alle sehr klug,« sagte der General, »der einfältigste unter ihnen würde Herrn von Talleyrand etwas aufzurathen geben. Was hat der kluge Mann gesagt?«

»Er sagt, gestern Abends sey der Graf von Bonneville, als Bauer verkleidet, in Begleitung eines Bauernknaben, den er für ein Frauenzimmer gehalten, in das Schloß Souday gegangen.«

»Und was schließen Sie daraus?«

»Es ist kaum zu bezweifeln, Herr General —«

»Heraus mit der Sprache, Herr Unterpräfect! Sie sehen ja meine Ungeduld,« sagte der General in ganz ruhigem Tone.

»Es scheint mir nicht zweifelhaft, daß der Bauernknabe – die Prinzessin ist.«

»Aber mir scheint es zweifelhaft.«

»Warum, Herr General?«

»Weil ich ebenfalls vertrauliche Mittheilung erhalten habe.«

»Freiwillige oder erzwungene?«

»Weiß man denn, wie man mit diesen Leuten daran ist? Doch lassen Sie hören – was hat Ihnen der kluge Mann gesagt?«

»Nichts hat er gesagt. Als ich Sie verließ, sprach ich mit ihm über die Haferlieferung.«

»Und was weiter?«

»Der Bauer verlangte ein Aufgeld; ich dagegen verlangte eine Quittung. Er wollte sie in einem Kramladen schreiben. Ich wollte ihn aber nicht aus den Augen lassen, ich nahm einen Bleistift aus der Brieftasche und sagte zu ihm: Ihr werdet wohl ein Stückchen Papier bei Euch haben; mein Hut kann Euch als Tisch dienen. Er zerriß einen Brief und schrieb auf die weiße Seite die Quittung. Hier ist sie, hören Sie.«

Der Unterpräfect zog den Zettel aus der Tasche und las:

»Erhalten von Herrn Jean Louis Robier die Summe von fünfzig Francs als Aufgeld für dreißig Säcke Hafer, die ich ihm am 28. dieses Monats zu liefern habe.

Den 14. Mai 1832.«

»Ich sehe hierin keine Auskunft,« setzte der Unterpräfect hinzu.

»Kehren Sie gefälligst das Papier um.«

Der Unterpräfect stutzte. Auf der Rückseite standen folgende verstümmelte Zeilen:

»– — Arquis – augenblicklich die Nachricht – welche wir erwarten – zu Beaufays am 26. Abends – Offiziere Ihrer Division – ihr vorgestellt wurden – Ihre Leute in Bereitschaft – gehorsamst —«

»Das ist ja die Ankündigung einer Schilderhebung,« sagte der Unterpräfect, »denn das Fehlende ist leicht zu ergänzen«

»Ja, sehr leicht,« setzte der General hinzu, »ich glaube fast zu leicht.«

»Sie rühmten die Schlauheit dieser Leute,« entgegnete der Beamte, »ich finde sie vielmehr ganz harmlos —«

»Hören Sie nur,« sagte der General, »als Sie sich mit dem Haferhändler entfernt hatten, redete ich einen Bettler an, der etwas blödsinnig zu seyn schien. Ich sprach von dem lieben Gott und den Heiligen, vom Buchweizen, von der Apfelernte – bedenken Sie, daß die Apfelbäume jetzt blühen – und endlich fragte ich ihn, ob er uns als Wegweiser nach Liroux dienen wolle. Ich kann nicht, antwortete der Blödsinnige grinsend. – Warum nicht? fragte ich so unbefangen wie möglich. – Weil ich Befehl habe, antwortete er, eine schöne Dame und zwei Herren, wie Sie, von Puy-Laurent nach La Flocelière zu führen.«

»Die Sache scheint verwickelt zu werden,« sagte der Beamte.

»Keineswegs, sie wird klarer.«

»Erklären Sie sich.«

»Die in einem Lande, wo es so schwer ist, Auskunft zu erhalten, ungerufen kommende Mittheilungen sind aller Wahrscheinlichkeit nach Fallen, in die aber ein alter Fuchs wie ich nicht geht. Die Herzogin von Berry – wenn sie wirklich hier im Lande ist – kann nicht zugleich in Souday, in Beaufays und in Puy-Laurent seyn. Was sagen Sie dazu, Herr Unterpräfect?«

»Ich glaube,« erwiderte der Beamte, sich am Ohr kratzend, »daß sie abwechselnd an den drei Orten gewesen ist. Ich würde mich um das Versteck, wo sie war oder seyn wird, gar nicht kümmern, sondern geradezu nach La Flocelière gehen, denn diesen Ort hat ja der Blödsinnige so eben genannt.«

»Sie lassen sich zu leicht von der Fährte ablenken, lieber Herr,« sagte der General, »und die einzige genaue Auskunft, die wir erhalten haben, hat der Bauer mit dem Brotkuchen gegeben.«

»Aber die Anderen?«

»Ich würde meine Generalsepauletten gegen eine Unterlieutenantsepaulette wetten, daß uns die Anderen von irgend einem Schlaukopf, der den Maire mit uns sprechen sah, auf den Hals geschickt worden sind. Wir müssen unser Augenmerk auf Souday richten, lieber Herr Unterpräfect, wir werden sonst unverrichteter Sache zurückkommen.«

»Bravo!« sagte der Beamte erfreut, »ich fürchtete einen Mißgriff gemacht zu haben, aber Ihre letzten Worte beruhigen mich.«

»Was haben Sie gethan?«

»Der Bauer – ich habe hier seinen Namen, er heißt Courtin – ist Maire eines kleines Dorfes, Namens La Logerie.«

»Ich kenne es; vor sechsunddreißig Jahren hätten wir dort Charette beinahe gefangen.«

»Der Bauer nannte nur einen Menschen, der uns als Führer dienen könnte und dessen Verhaftung rathsam sey, um seine Rückkehr ins Schloß zu verhindern.«

»Wer ist der Mann?«

»Der Intendant des Marquis, oder eigentlich sein Waldhüter. Hier ist seine Personenbeschreibung.«

Der General nahm einen Zettel und las: »Haare kurz und mit grau gemischt, Stirn glatt, klugen schwarz und lebhaft, Augenbrauen buschig, auf der Nase eine Warze, Backenbart bis unter das Kinn; Jacke, Weste und Hosen von Sammt, Kamaschen und Gürtel von Leder. Besondere Kennzeichen: Der zweite Schneidezahn links fehlt. Hat einen braunen Hühnerhund bei sich.«

»Das ist mein Haferverkäufer Zug für Zug,« setzte der General hinzu. »Terrien? Er heißt so wenig Terrien, wie ich Barrabas heiße.«

»Sie können sich bald davon überzeugen, Herr General.

« »Wie so?«

»Er wird in wenigen Minuten hier seyn.«

»Er kommt hierher?«

»Ja wohl.«

»Freiwillig?«

»Freiwillig oder gezwungen.«

»Gezwungen?«

»Ja, ich habe Befehl gegeben, ihn zu verhaften, und es muß bereits geschehen seyn.«

»Tausend Donnerwetter!« fluchte der General und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Was haben Sie da gemacht?«

»Ich glaubte, Herr General, einen so gefährlichen Menschen auf der Stelle unschädlich machen zu müssen.«

»Gefährlich! Jetzt ist er weit gefährlicher, als er vor einer Viertelstunde war.«

»Aber wenn er verhaftet ist?«

»Er hat gewiß Zeit gehabt, seinen Freunden einen Wink zu geben. Die Prinzessin wird gewarnt werden, ehe wir eine Stunde Weges von hier entfernt sind. Wir können uns noch glücklich schätzen, wenn sie uns nicht die ganze Bevölkerung auf den Leib gehetzt haben, so daß wir hier keinen Mann der Garnison entbehren können.«

»Vielleicht ist es noch Zeit,« sagte der Unterpräfect, an die Thür eilend.

»Ja, laufen Sie! Mille tonnerres! es ist nicht mehr Zeit!« Man hörte wirklich ein immer lauter werdendes dumpfes Getöse, welches bald zum furchtbaren Geschrei wurde.

Der General öffnete das Fenster.

Hundert Schritte vom Gasthofe bemerkte er die Gendarmen, welche Jean Oullier gebunden in ihrer Mitte herführten.

Die schreiende, drohende Menge strömte von allen Seiten herbei, so daß sich die Gendarmen nur langsam und mit Mühe durchdrängen konnten.

Sie hatten indes von ihren Waffen noch keinen Gebrauch gemacht; aber es war keine Minute zu verlieren.

»Es ist jetzt nicht mehr zu ändern,« sagte der General, indem er schnell seinen Ueberrock ablegte und seine Uniform anzog. »Mein Pferd, mein Pferd!« rief er seinem Secretär zu. »Sie, Herr Unterpräfect, lassen Sie die Nationalgarde ausrücken – wenn’s hier eine gibt – aber es darf ohne meinen Befehl kein Gewehr gesenkt werden.«

Ein Capitän erschien.

»Sie, Herr Capitän,« fuhr der General fort, »stellen Sie Ihre Leute im Hofe auf. Meine zwanzig Reiter sollen aufsitzen. Jeder Mann erhält Lebensmittel auf zwei Tage und fünfundzwanzig Patronen. Halten Sie sich bereit, auf das erste Zeichen auszurücken.«

Der alte General, der sein ganzes Jugendfeuer wieder gefunden hatte, ging fluchend in den Hof hinunter, und ließ das Hausthor öffnen.

»Wie,« sagte der Unterpräfect, »Sie wollen den wüthenden Menschen doch nicht allein entgegentreten?«

»Allerdings. Morbleu! ich muß ja meine Leute aus der Klemme ziehen. Platz da! es ist jetzt nicht Zeit zu sentimentalen Reden.«

Sobald das Hausthor offen war, gab der General seinem Pferde die Sporen und sprengte hinaus, mitten in das Gewühl.

Das plötzliche Erscheinen des stattlichen, muthigen, alten Kriegers in der glänzenden Uniform wirkte wie ein elektrischer Schlag auf die Volksmenge. Das Schreien und Toben hörte auf, die hocherhobenen Stöcke senkten sich, die dem General zunächst stehenden Bauern nahmen die Hüte ab, die dichtgedrängten Reihen thaten sich auf, und der General konnte den Gendarmen entgegenreiten.

»Was gibts denn?« fragte er so laut, daß man’s aus dem ganzen Markte hören konnte.

»Sie bringen den Jean Oullier gebunden,« sagte eine Stimme.

»Und Jean Oullier ist ein braver Mann!« rief eine andere Stimme aus der Menge heraus.

»Man soll nur Spitzbuben und keine ehrlichen Leute verhaften,« sagte ein Dritter.

»Still!« sagte der General mit seiner dröhnenden Commandostimme. »Wenn Jean Oullier ein braver, ehrlicher Mann ist, so wird er wieder frei gelassen; wenn er einer von denen ist, die Euch betrügen und eure guten, biederen Gesinnungen mißbrauchen wollen, so wird er bestraft. Haltet Ihr es denn für ungerecht, die zu bestrafen, welche das Land wieder in so schrecklichen Unglück stürzen wollen, wie die alten Leute unter Euch schon erlebt haben?«

»Jean Oullier ist ein friedlicher Mann, der Niemand etwas zu Leide thut,« sagte eine Stimme.

»Was fehlt Euch denn?« fuhr der General fort, ohne sich um die Unterbrechung zu kümmern, »eure Religion ist ja die unserige, eure Priester stehen, wie eure Güter, unter dem Schutze der gemeinsamen Gesetze; noch nie ist euer Wohlstand so blühend gewesen.«

»Das ist wahr,« sagte ein junger Bauer.

»Hört daher nicht auf die schlechten Franzosen, welche, um ihre selbstsüchtigen Leidenschaften zu befriedigen, alle Schrecken des Bürgerkrieges auf das Land herabbeschwören wollen. Soll man Euch an die schon erduldeten Leiden und Drangsale erinnern? Soll man von der Ermordung eurer Greise, Mütter, Weiber, Kinder, von der Verwüstung eurer Felder, von dem Niederbrennen eurer Hütten sprechen?«

»Das haben die Blauen gethan!« rief eine Stimme aus der Menge.

»Nein, nicht die Blauen, fuhr der General fort, »es ist die Schuld derer, die Euch zu jenem unsinnigen Kampfe getrieben haben. Damals war der Kampf unsinnig, jetzt wäre er frevelhaft; damals gab es wenigstens einen Vorwand, der jetzt ganz fehlt.«

Dabei trieb der General sein Pferd immerfort auf die Gendarmen zu, welche ihrerseits alle Kräfte aufboten, um zu dem General zu gelangen.

Dies wurde ihnen um so eher möglich, da seine Worte einen sehr merklichen Eindruck auf einige Bauern machten. Einige schauten stumm vor sich nieder, andere theilten ihren Nachbarn ihre dem Anscheine nach beifälligen Bemerkungen mit.

Aber je weiter der General in dem Kreise vordrang, der die Gendarmen und ihren Gefangenen umgab, fand er die Haltung der Landleute drohender. Die zunächst stehenden waren sehr zornig; dies waren offenbar die Bandenführer, die Hauptleute von Pfarrbezirken.

Diesen gegenüber wäre alle Redekunst fruchtlos geblieben; sie waren fest entschlossen, keinen Vorstellungen Gehör zu geben, und dies auch den Andern unmöglich zu machen: sie schrien nicht, sie brüllten.

Der General erkannte das Bedenkliche der Lage; er sah die Nothwendigkeit ein, diesen Leuten durch raschen Entschluß und Körperstärke zu imponiren.

Aubin Courte-Joie war in den ersten Reihen der Meuterer; aber der Krüppel hatte seine Stelzfüße durch zwei tüchtige gesunde Beine ersetzt: er ließ sich von einem kolossalen Bettler tragen. Er saß auf den Schultern desselben und seine Stelzfüße waren mit Riemen an dem Leibe des Bettlers festgeschnallt, so daß er in dieser Stellung eben so fest saß, wie der General im Sattel.

So reichte Aubin bis an die Epaulette des Generals, gegen den er drohend seine Stimme und seine Fäuste erhob.

Der General streckte die Hand nach ihm aus, faßte ihn beim Kragen, hob ihn mit starker Faust auf, hielt ihn einige Augenblicke über der Menge schwebend und warf ihn endlich einem Gendarmen zu.

»Halte mir den Hanswurst fest,« sagte er, »er würde mir am Ende Kopfweh machen.«

Der Bettler, der sich plötzlich seines Reiters entledigt sah, schaute verwundert auf, und der General erkannte den Blödsinnigen, mit weichem er vor einer Stunde gesprochen – hatte; aber jetzt sah der Kerl so pfiffig aus, wie kaum ein anderer unter den aufständischen Bauern.

Die Menge lachte, aber diese Heiterkeit war nur von kurzer Dauer.

Aubin Courte-Joie befand sich in den Armen des Gendarmen, an dessen Seite Jean Oullier ging. Er griff verstohlen in die Tasche, machte sein Messer auf, zog es hervor, stieß es dem Gendarmen bis an’s Heft in die Brust und rief: »Es lebe Heinrich V.! Rette Dich, Jean Oullier!«

Der Bettler, der die Kraftäußerung des Generals durch eine ähnliche Heldenthat erwiedern zu wollen schien, schlüpfte behende unter das Pferd, faßte den General beim Stiefel und warf ihn mit einem kräftigen Ruck auf der andern Seite vom Pferde.

Der General und der Gendarme fielen zugleich; man hätte sie Beide für todt halten können.

Aber der General raffte sich schnell aus und schwang sich mit eben so viel Kraft als Gewandtheit wieder in den Sattel.

Dabei that er einen so kräftigen Faustschlag auf den Kopf des Bettlers, daß dieser, ohne einen Laut von sich zu geben, rücklings zu Boden sank.

Weder der Gendarme noch der Bettler standen auf, der Bettler war ohnmächtig, der Gendarme todt.

Jean Oullier, dem die Hände gebunden waren, gab dem zweiten Gendarmen einen so starken Stoß mit der Schulter, daß der Mann wankte.

Jean Oullier sprang über die Leiche des Soldaten hinweg und stürzte sich unter die Menge.

Aber der General hatte die Augen allenthalben, er bemerkte sogar was hinter ihm vorging. Er schwenkte sein Pferd, faßte Jean Oullier, zog ihn in die Höhe und legte ihn quer auf sein Pferd.

Es begann nun Steine zu regnen, und die Bauern nahmen ihre drohende Haltung wieder an.

Die Gendarmen hielten sich gut; sie umringten den General und füllten ihre Bajonnete gegen die Menge, welche nicht mehr Mann gegen Mann zu kämpfen wagte und nur mit Steinen warf.

So drangen sie bis in die Nähe des Gasthofes vor. Hier wurde die Lage des Generals und seiner Leute sehr bedenklich. Die Bauern, welche entschlossen schienen, Jean Oullier nicht in der Gewalt seiner Feinde zu lassen, wurden immer kühner mit ihren Angriffen. Schon waren einige Bajonnete mit Blut gefärbt, und doch wurde die Wuth der Meuterer immer größer.

Glücklicherweise war der General den Soldaten so nahe, daß sie seine Stimme hören konnten.

»Heraus, Grenadiere!« rief er ihnen zu.

Sogleich stürzten die Soldaten mit gefälltem Bajonnete aus dem Gasthofe und warfen die Bauern zurück. Der General konnte mit seiner Escorte in den Hof gelangen.

Er fand hier den Unterpräfecten, der ihn erwartete.

»Da ist Ihr Mann,« sagte er und warf ihm Jean Oullier wie ein Packet zu, »er ist uns theuer zu stehen gekommen. Gott gebe, daß er seinen Preis werth ist!«

In diesem Augenblicke hörte man auf dem andern Ende des Marktplatzes ein starkes Gewehrfeuer.

»Was ist das?« fragte der General lauschend.

»Vermuthlich die Nationalgarde,« antwortete der Unterpräfect, »ich habe Befehl zum Ausrücken gegeben; sie wird meinen Weisungen gemäß die Meuterer umgangen haben.«

»Und wer hat Befehl gegeben zu feuern?«

»Ich, Herr General; man mußte Sie ja aus den Händen der Meuterer erlösen —«

»Mille tonnerres! Sie sehen ja, daß ich mich selbst erlöst habe,« eiferte der alte Krieger. »Merken Sie wohl, im Bürgerkriege ist alles unnütz vergossene Blut mehr als ein Verbrechen, es ist ein arger Mißgriff.«

Eine Ordonnanz galoppirte in den Hof.

»Herr General,« sagte der Offizier, »die Aufständischen fliehen in allen Richtungen. Die Reiterei ist da, soll ich ihnen nachsetzen lassen?«

»Kein Mann soll mir von der Stelle,« sagte der General, »überlassen Sie es nur der Nationalgarde; es sind Freunde, sie werden es untereinander schon ausmachen.«

Eine zweite Gewehrsalve bewies, daß es die Bauern und die Nationalgarde »mit einander schon ausmachten«.

Dies waren die beiden Salven welche der Baron Michel in La Logerie gehört hatte.

»Jetzt,« sagte der General, »kommt es nur darauf an, diesen traurigen Tag zu benützen. Es ist nur ein uns günstiger Fall denkbar: daß dieser Mann hier,« – auf Oullier deutend – »allein in das Geheimniß eingeweiht war. Gendarme, hat er seit seiner Verhaftung mit Jemanden gesprochen?«

»Nein, Herr General, er hat nicht einmal Zeichen gegeben, denn die Hände sind ihm gebunden.«

»Hat er mit dem Kopfe genickt? Hat er ein Wort geflüstert? Bei diesen Leuten ist ein Wink, ein Laut genügend.«

»Ich habe nichts bemerkt,« sagte der Gendarme.

»Nun, dann wollen wir’s versuchen. Herr Capitän, lassen Sie Ihre Leute essen; in einer Viertelstunde brechen wir auf. Die Gendarmen werden mit Hilfe der Nationalgarde genügen, die Ruhe in der Stadt zu erhalten. Ich reite mit meiner Escorte voraus.«

Der General ging wieder in den Gasthof.

Die Soldaten rüsteten sich zum Abmarsch.

Unterdessen saß Jean Oullier, von zwei Gendarmen bewacht, im Hofe auf einem Stein. Sein Gesicht war so ruhig und gleichgültig wie gewöhnlich: er liebkoste mit seinen gebundenen Händen seinen Hund, der ihm gefolgt war und den Kopf auf die Knie seines Herrn legte und ihm von Zeit zu Zeit die Hände leckte, gleichsam um dem Gefangenen anzudeuten, daß er in seinem Unglück einen Freund habe.

Jean Oullier streichelte ihn mit einer Entenfeder, die er im Hofe aufgenommen; dann benutzte er einen Augenblick, wo er von dem Gendarmen nicht beobachtet wurde, schob dem Hunde die Feder zwischen die Zähne, gab dem klugen Thiere einen Wink, stand auf und sagte:

»Geh, Pataud!«

Der Hund entfernte sich langsam und sah sich von Zeit zu Zeit nach seinem Herrn um; endlich schlürfte er unbemerkt zur Hausthüre hinaus.

»Er wird früher ankommen als wir,« sagte Jean Oullier zu sich selbst.

Unglücklicherweise waren die Gendarmen nicht die einzigen Wächter des Gefangenen.




V.

Die Hilfsmittel Oullier‘s


In der Vendée gibt es noch sehr sehr wenig schöne Landstraßen, und diese sind erst seit dem Jahre 1832, also nach den hier erzählten Ereignissen angelegt worden.

Dieser Mangel an Landstraßen war den Insurgenten in dem großen Kriege hauptsächlich zu Statten gekommen.

Am linken Ufer der Loire gab es damals nur zwei Straßen, die von Nantes nach La Rochelle und nach Palmboeuf führten. Die erstere berührte das Städtchen Montaigu.

Zwischen diesen Hauptstraßen sind einige schlechte Nebenwege. Um auf diesen Straßen von Montaigu nach Machecoul zu gelangen, mußte man einen bedeutenden Umweg machen. Der General sah aber wohl ein, daß der Erfolg seines Unternehmens von der Schnelligkeit der Ausführung abhing. Ein Marsch auf den Hauptstraßen würde zu viel Zeit gekostet haben. Ueberdies waren diese Straßen den militärischen Operationen nicht günstiger als die Verbindungswege. An den Seiten waren tiefe und breite Gräben, Hecken und Gebüsche, welche zu einem Hinterhalte sehr geeignet waren. Der General beschloß daher, den weit kürzeren Seitenweg nach Machecoul einzuschlagen.

Das von ihm durchgeführte Cantonnirungssystem hatte die Soldaten mit den Ortsverhältnissen vertraut gemacht. Der Capitän, welcher die Infanterieabtheilung befehligte, kannte die Straße bis zu dem Flusse Boulogne. Dort sollte er einen von Courtin abgeschickten Führer finden; denn es war vorauszusehen, daß Jean Oullier sich weigern würde, als Wegweiser zu dienen.

Der General hatte übrigens seine Vorkehrungen getroffen, um nicht überrascht zu werden. Zwei Cavalleristen, mit schußfertigen Pistolen in der Hand, ritten voraus, während etwa zwölf Mann auf beiden Seiten der Colonne die Gebüsche durchsuchten.

Der General ritt an der Spitze seiner kleinen Truppe, in deren Mitte Jean Oullier, auf der Croupe eines Cavalleriepferdes sitzend, fortgeschafft wurde. Aus Vorsicht hatte man den Gefangenen dessen Hände gefesselt waren, mit einem Riemen an den Reiter festgeschnallt, und überdies wurde er von zwei rechts und links reitenden Soldaten bewacht.

Es war etwas über sechs Uhr Abends, als die kleine Schaar von Montaigu abmarschirte.

Die fünf Lieues bis zum Schlosse Souday konnten in etwa fünf Stunden zurückgelegt werden, man konnte daher etwa um elf Uhr eintreffen.

Diese Stunde schien dem General zur Ausführung seines Handstreiches sehr günstig.

Wenn Courtin die Wahrheit gesagt hatte, so mußten die Führer der Vendéer zu Souday versammelt seyn, um sich mit der Prinzessin zu berathen. Wenn sie sich noch nicht entfernt halten, so konnte man sie alle gefangen nehmen.

Eine halbe Stunde von Montaigu kniete eine zerlumpte alte Bäuerin vor einem Crucifix. Als die Soldaten näher kamen, stand sie auf und blieb an der Straße stehen, um sie vorbeimarschiren zu sehen und zugleich um ein Almosen zu bitten.

Aber die Offiziere und Soldaten marschirten vorbei, ohne die Alte zu beachten.

»Hat denn euer General die Bettlerin nicht gesehen?« fragte Jean Oullier den zu seiner Rechten reitenden Soldaten.

»Warum sagt Ihr das?«

»Weil er ihr seine Börse nicht aufgethan hat. Er möge sich nur in Acht nehmen! Wer die offene Hand zurückweist, hat die geschlossene Hand zu fürchten. Wir werden Unglück haben!«

»Wenn Du die Prophezeiung auf Dich beziehst, so kannst Du Recht haben; denn Du hast unter uns Allen am meisten zu fürchten.«

»Ja wohl, und deshalb möchte ich die Gefahr abwenden.«

»Wieso?«

»Greifet in meine Tasche und nehmet ein Stück Geld heraus.«

»Wozu das?«

»Um es der Alten zu geben; sie wird dann für uns beten.«

Der Soldat zuckte die Achseln; aber er glaubte dem Gefangenen doch seine Bitte, deren Erfüllung vielleicht großen Nutzen bringen konnte, nicht verweigern zu dürfen.

Die Truppe wandte sich rechts, um einen seitwärts führenden Hohlweg einzuschlagen. Der General hielt sein Pferd an und sah seine Soldaten vorbeimarschiren, um sich zu überzeugen, ob alle von ihm angeordneten Vorkehrungen getroffen wären. Er bemerkte, daß Jean Oullier mit seinem Nachbar sprach und sah die Bewegung des Soldaten.

»Warum erlaubst Du den Verkehr des Gefangenen mit den Vorübergehenden?« fragte er den Reiter.

Dieser erzählte dem General was vorgegangen war.

»Halt!« befahl der General, »durchsucht die Bettlerin.«

Der Befehl wurde sogleich vollzogen, aber man fand bei der Alten nur einige Geldstücke, die der General mit der größten Aufmerksamkeit betrachtete.

Es fand sich nichts Verdächtiges; aber er steckte doch die kleine Münze in die Tasche und gab der Alten dafür ein Fünffrankenstück.

Jean Oullier sah dem General mit höhnischem Lächeln zu.

»Ihr sehet, Mütterchen,« sagte er so laut, daß ihn die Bettlerin verstehen konnte: »das geringe Almosen des Gefangenen, – dieses Wort betonte er – wird Euch Glück bringen. Ihr werdet mich daher in eurem Gebete nicht vergessen.«

»Höret, Freund,« sagte der General zu dem Gefangenen, als sich die Colonne wieder in Bewegung gesetzt hatte, »künftig habt Ihr Euch an mich zu wenden, wenn Ihr Almosen geben wollt; ich werde Euch dem Gebete der beschenkten Leute empfehlen, meine Fürsprache wird Euch dort oben nicht schaden und kann Euch hienieden viel Verdruß ersparen. – Und Ihr,« rief er den Reitern zu, »vergesst künftig meine Befehle nicht; Ihr würdet Ursache haben es zu bereuen.«

Zu Vieille-Vigne wurde eine Viertelstunde Halt gemacht, um die Infanteristen ausruhen zu lassen.

Der Vendéer wurde mitten in das Carré genommen, um jeden Verkehr mit der sich herandrängenden Bevölkerung zu verhüten.

Das Pferd, welches den Gefangenen trug, hatte ein Hufeisen verloren, und vermochte seine doppelte Last kaum noch zu tragen; der General befahl daher, Jean Oullier auf das stärkste Pferd der Escorte zu setzen.

Dieses Pferd gehörte einem Reiter der Vorhut, der ungeachtet der Gefahr, die er als verlorener Posten lief, den Posten seines Cameraden sehr ungern einzunehmen schien.

Dieser Reiter war ein kleiner, kräftiger, breitschulteriger Mann, der sich durch Sanftmuth und Bescheidenheit von den meisten seiner Cameraden vortheilhaft unterschied.

Während der Vorkehrungen zu diesem Wechsel war es völlig Nacht geworden, und beim Licht der herbeigebrachten Laterne sah Jean Oullier das Gesicht des Reiters, auf dessen Pferde er weiter reiten sollte. Die Blicke der beiden neuen Reisegefährten begegneten sich, und der Gefangene bemerkte, daß der Cavallerist erröthete.

Die kleine Truppe marschirte mit verdoppelter Vorsicht weiter, denn die Gegend wurde immer waldiger und folglich zu einem Angriff geeigneter.

Die Lustigkeit der Soldaten wurde weder durch die drohende Gefahr noch durch den ermüdenden Marsch auf den schlechten Wegen getrübt. Nach kurzem Stillschweigen, welches bei dem Beginne eines Nachtmarsches einzutreten pflegt, plauderten sie wieder mit der den Franzosen eigenen Sorglosigkeit.

Nur der Husar, auf dessen Pferde Jean Oullier mit saß, blieb auffallend traurig und verstimmt.

»Sacredié! Thomas.« sagte sein rechts reitender Camerad zu ihm, »Du bist gewöhnlich nicht sehr lustig, aber heute siehst Du aus, als ob Du den Teufel zu Grabe trügest.«

»Ja wohl,« sagte der Husar zur Linken, »wenn er den Teufel nicht zu Grabe trägt, so muß er ihn hinter sich haben.«

»Du mußt Dir denken, Thomas, Du hättest eine hübsche Dirne auf der Croupe; kneipe sie in die Waden.«

»Der Tausendsasa wird schon wissen, wie man’s anfängt: bei ihm zu Lande ist es Sitte, ein Mädchen mit auf‘s Pferd zu nehmen.«

»Das ist wahr, sagte der erste Husar, »weißt Du wohl, Thomas, daß Du ein halber Chouan bist?«

»Sage lieber, daß er ein ganzer Chouan ist; er geht ja jeden Sonntag in die Messe.«

Der Husar, welcher die Zielscheibe dieser Spöttereien war, hatte nicht Zeit zu antworten. Der General befahl, hinter einander in einer Reihe zu marschieren, denn der Weg war so schmal, und die Böschung an beiden Seiten so nahe zusammen gekommen, daß zwei Husaren nicht mehr neben einander reiten konnten.

Während der kurzen Verwirrung, welche durch dieses Manöver entstand, begann Jean Oullier leise ein Bretagnerlied zu pfeifen.

Der Reiter erschrak, als er diese Melodie hörte.

Jean Oullier, der von dem hinter ihm reitenden Husaren in der Dunkelheit nicht so scharf beobachtet werden konnte, flüsterte dem schweigsamen Reiter in’s Ohr:

»Ich habe Dich wohl erkannt, Thomas Tinguy, eben so wie Du mich auf den ersten Blick erkannt hast.«

Der Husar seufzte und zuckte die Achseln, als ob er andeuten wollte, daß er gegen seinen Willen handle. Aber er antwortete noch nicht.«

»Thomas Tinguy,« setzte der Gefangene hinzu, »weißt Du, wohin Du den alten Freund deines Vaters führst? Zur Plünderung und Verwüstung des Schlosses Souday, dessen Besitzer von jeher die Wohlthäter deiner Familie waren.«

Thomas Tinguy seufzte wieder.

»Dein Vater ist todt,« fuhr Jean Oullier fort.

Thomas antwortete nicht, nur ein leises Wörtchen entschlüpfte seinen Lippen.

»Todt!«

»Ja, todt!« flüsterte der Waldhüter. »Und wer wachte an seinem Lager mit deiner Schwester Rosine, als der Alte seinen Geist aufgab? Die beiden Fräulein von Souday, Bertha und Mary. Du kennst sie ja. Und sie haben ihr Leben aufs Spiel gesetzt, denn dein Vater ist an einem gefährlichen Fieber gestorben. Sie haben, zwei Engeln gleich, seine letzten Stunden versüßt, da sie sein Leben nicht verlängern konnten. Deine Schwester war ganz verlassen; wo ist sie jetzt? Im Schlosse Souday. Ach! Thomas, ich will lieber der arme Jean Oullier seyn, der vielleicht bald erschossen wird, als der, welcher ihn gebunden zum Tode führt!«

»Schweig, Jean,« sagte Thomas Tinguy mit bebender Stimme, »wir sind noch nicht zur Stelle – wir werden sehen.«

Während dieses leisen Gespräches zwischen dem Husaren und dem Gefangenen führte der Hohlweg, durch welchen die kleine Truppe marschirte, steil bergab zu einer Furt in der Boulogne.

Die Nacht war sehr finster, kein Stern glänzte am Himmel. Diese Finsterniß konnte dem Gelingen des Unternehmens sehr förderlich seyn, aber auch die kleine Truppe auf den wilden unbekannten Wegen in große Gefahr bringen.

Am Ufer des Flusses fand man die beiden Husaren der Vorhut, welche unschlüssig und besorgt warteten.

Sie hatten wirklich Ursache, besorgt zu seyn. Denn statt eines über Kiesel rauschenden klaren Wassers, wie man es gemeiniglich an den Furten findet, sahen sie vor sich eine dunkle, träge, zwischen den Felsenufern sich fortwälzende Flut.

Man sah sich vergebens nach allen Seiten um, der von Courtin versprochene Führer war nicht da.

Der General rief.

»Wer da?« antwortete eine Stimme am andern Ufer.

»Souday!« sagte der General.

»Dann seyd Ihr der Rechte,« rief die Stimme herüber.

»Sind wir an der Furt der Boulogne?« fragte der General.

»Ja,« war die Antwort.

»Warum ist das Wasser so hoch?«

»Es ist nach dem letzten Regen sehr gestiegen.«

»Ist das Wasser nicht zu tief?«

»Ich habe es noch nie so hoch gesehen, ich halte es nicht für rathsam —«

Die Stimme des Führers schwieg plötzlich und schien sich in einen dumpfen Klageton aufzulösen.

Dann hörte man ein Geräusch, wie wenn mehre Füße in losen Kieselsteinen umhertreten.

»Mille tonnerres!« fluchte der General, »man ermordet unsern Führer!«

Diese Behauptung schien durch einen Angstruf bestätigt zu werden.

»Jeder Husar nehme einen Grenadier hinter sich aufs Pferd!« befahl der General. »Der Capitän komme zu mir. Die beiden Lieutenants bleiben hier mit der übrigen Truppe, mit dem Gefangenen und den drei Husaren, die ihn bewachen, Vorwärts!«

In einem Augenblicke hatte jeder der siebzehn Husaren einen Grenadier hinter sich. Achtzig Grenadiere, die beiden Lieutenants, der Gefangene und drei Husaren, unter denen sich Tinguy befand, blieben am rechten Ufer der Boulogne zurück.

Der Befehl wurde mit Gedankenschnelle vollzogen, und der General, von seinen siebzehn Husaren und eben so vielen Grenadieren gefolgt, sprengte in den Fluß.

Zwanzig Schritte vom Ufer verloren die Pferde festen Fuß, aber sie fingen an zu schwimmen und erreichten glücklich das andere Ufer.

Die Infanteristen sprangen sogleich von den Pferden.

»Seht Ihr nichts?« fragte der General, dessen scharfes Auge vergebens die Finsterniß zu durchdringen suchte.

Die Soldaten verneinten einstimmig.

»Aber hier auf dieser Stelle hat uns der Führer geantwortet,« sagte der General, wie mit sich selbst redend. »Durchsuchet die Gebüsche, aber ohne Euch von einander zu entfernen – vielleicht findet Ihr seine Leiche.«

Die Soldaten gehorchten; aber nach einer Viertelstunde kamen sie zurück, ohne etwas entdeckt zu haben.

Ein Grenadier trat vor und zeigte eine baumwollene Mütze, die er an einem Dornbusche gefunden hatte.

»Es muß die Mütze unseres Führers seyn,« sagte der General.

»Wie so?« fragte der Capitän.

»Weil die Leute, die ihn angegriffen, Hüte getragen haben,« antwortete der General ohne Zögern.

Der Capitän mochte nicht mehr fragen, obgleich er die Erklärung des General‘s unerklärlich fand.

»Es ist entsetzlich,« fuhr der General fort; »die Leute, die unsern Führer ermordet haben, folgen uns offenbar seitdem wir Montaigu verlassen haben, und zwar in der Absicht, uns den Gefangenen zu entreißen. Der Fang scheint wichtiger zu seyn, als ich anfangs geglaubt. Unsere Verfolger waren auf dem Jahrmarkte und müssen Hüte tragen, wie die Landleute, wenn sie in die Stadt gehen; unser Führer hingegen wird, nachdem ihn der Haferlieferant aus dem Bett geholt, zu der ersten besten Kopfbedeckung gegriffen haben.«

»Und Sie glauben, Herr General, erwiderte der Capitän, »daß sich die Chouans so nahe an unsere Colonne gewagt haben?«

»Sie haben uns seit unserm Ausmarsch aus Montaigu beständig im Auge behalten. Mordieu! man beklagt sich immer über die Unmenschlichkeit, mit welcher dieser Krieg geführt werde, und bei jeder Gelegenheit bemerkt man, daß man nie unmenschlich genug ist. O! wie habe ich mich überlisten lassen.«

»Die Sache wird mir immer räthselhafter,« sagte der Capitän lachend.

»Sie haben doch die Bettlerin gesehen, die uns unweit Montaigu anspracht?«

»Ja, Herr General.«

»Die alte Hexe hat uns diese Bande auf den Leib gehetzt. Ich wollte sie unter Escorte in die Stadt zurückschicken; ich hatte Unrecht, meinen ersten Entschluß nicht auszuführen, ich würde dem armen Teufel das Leben gerettet haben.«

»Glauben Sie denn, daß man uns angreifen wird?«

»Der Angriff würde schon stattgefunden haben, wenn die Bande stark genug wäre; aber es sind höchstens fünf bis sechs Mann.«

»Soll ich die auf dem andern Ufer zurückgebliebenen Leute herüberkommen lassen, Herr General?«

»Warten Sie. Unsere Pferde haben festen Fuß verloren, unsere Infanteristen würden ertrinken: es muß in der Nähe eine seichte Furt seyn.«

»Glauben Sie, Herr General?«

»Ich bin meiner Sache gewiß!«

»Sie kennen also den Fluß.«

»Nicht im mindesten. Man sieht wohl, Herr Capitän, daß Sie den großen Krieg nicht mitgemacht haben. Es ist doch klar, daß die Leute uns hier nicht aufgelauert hatten, als wir an das andere Ufer kamen. Denn wären sie auf dieser Seite gewesen, so hätten sie den sorglos seines Weges kommenden Führer gehört und unsere Ankunft nicht abgewartet, um sich seiner Person zu bemächtigen oder ihn zu erschlagen. Die Bande hat sich also an unseren Seiten fortgeschlichen.«

»Es ist wirklich sehr wahrscheinlich, Herr General.«

»Sie müssen einige Augenblicke früher als wir an den Fluß gekommen seyn. Zwischen unserer Ankunft und dem Angriff auf unsern Führer war aber eine zu kurze Pause, als daß sie einen langen Umweg hätten machen können.«

»Warum sollten sie aber nicht an dieser Stelle den Fluß durchwatet haben?«

»Weil die meisten Bauern nicht schwimmen können, zumal im Innern des Landes. Es muß also ganz in der Nähe eine seichte Stelle seyn. Schicken Sie vier Mann einige hundert Schritte stromaufwärts, und eben so viele stromabwärts – und geschwind! Wir sind durchnäßt und können hier verschimmeln.«

In zehn Minuten kam der Offizier zurück.

»Sie hatten vollkommen Recht, Herr General,« sagte er, »dreihundert Schritte von hier ist eine kleine Insel, die durch zwei Bäume mit beiden Ufern verbunden ist.«

»Bravo!« sagte der General erfreut. »Die zurückgebliebenen Grenadiere können herüberkommen, ohne eine Patrone naß zu machen. – Lieutenant,« rief er dem Offizier auf dem andern Ufer zu, »marschiren Sie an der Boulogne hinauf, bis Sie einen quer über den Fluß gelegten Baum finden, und geben Sie Acht auf den Gefangenen!«




VI.

Apporte, Pataud!


Die beiden kleinen Truppen marschirten einige hundert Schritte auf beiden Ufern stromaufwärts.

An der vom Capitän bezeichneten Stelle befahl der General:

»Halt! – Ein Lieutenant und vierzig Mann vorwärts!«

Die vierzig Mann mit dem Offizier wateten durch den Fluß; das Wasser reichte ihnen bis an die Achseln, aber sie konnten ihre Musketen und Patrontaschen hoch empor halten und vor Nässe bewahren.

Die vierzig Grenadiere kamen glücklich ans Ufer und stellten sich in Reihe und Glied.

Der General gab nun Befehl, den Gefangenen herüberzubringen.

Thomas Tinguy ritt ins Wasser, auf jeder Seite ein Husar.

»Fürwahr, Thomas,« flüsterte ihm Jean Oullier zu, an deiner Stelle würde ich fürchten, der Geist deines Vaters könne Dir erscheinen, weil Du seinen besten Freund zum Tode führst, während Du doch nur einen Riemen losschnallen darfst —«

Der Husar strich mit der Hand auf seine mit Schweiß bedeckte Stirn und bekreuzte sich.

Die drei Reiter waren in der Mitte des Flusses, aber die Strömung hatte sie etwas von einander getrennt.

Ein lautes Plätschern im Wasser bewies, daß Jean Oullier den armen Bretagner nicht vergebens an seinen Vater erinnert hatte.

Der General täuschte sich keinen Augenblick über die Ursache des Geräusches, das er gehört hatte.

»Der Gefangene entwischt!» rief er mit einer Donnerstimme. »Zündet die Fackeln an, und feuert auf ihn, wenn er zum Vorschein kommt! – Und Du,« sagte er zu Thomas Tinguy, der dicht vor ihm ans Ufer kam, ohne den mindesten Fluchtversuch gemacht zu haben, »Du sollst es nicht weiter treiben.«

Er zog ein Pistol aus den Halftern und schoß.

»So sollen alle Verräther sterben!« rief er.

Thomas Tinguy, in die Brust getroffen, sank todt vom Pferde.

Die Soldaten eilten auf beiden Ufern stromabwärts fort. Ein Dutzend brennender Fackeln warf einen röthlichen Schein auf den Wasserspiegel.

Jean Oullier, von Thomas Tinguy seiner Bande entledigt, war vom Pferde gesprungen und im Wasser verschwunden. Er hatte auf den Erfolg seiner Beredsamkeit so fest gezählt, daß er die Dunkelheit benutzt hatte, um den Strick, der seine Hände gefesselt hielt, mit den Zähnen zu zernagen.

Jean Oullier hatte gute Zähne; als er an den Fluß kam, hielt der Strick nur noch an einem Faden. Bei dem Sprunge ins Wasser war es ihm ein Leichtes, sich dieser Fessel vollends zu entledigen.

Um Athem zu schöpfen, mußte Jean Oullier auftauchen; aber sogleich fielen mehre Schüsse auf beiden Ufern und die Kugeln schlugen um den Schwimmer ins Wasser. Aber wunderbarer Weise traf ihn keine.

Es war indeß nicht rathsam, sich noch einmal einer solchen Gefahr auszusetzen. Er tauchte wieder unter und fing an, gegen den Strom zu schwimmen. Er hielt lange den Athem an und beim Auftauchen vermied er so viel als möglich den Lichtkreis, welcher sich von den Fackeln auf beiden Ufern verbreitete.

Es gelang ihm wirklich seine Feinde zu täuschen. Die Soldaten gingen stromabwärts und hielten ihre Gewehre schußfertig, wie Jäger auf der Pirsch.

Nur sechs Grenadiere ohne Fackeln gingen stromaufwärts.

Jean Oullier erreichte nach verzweifelter Anstrengung eine Weide, deren weithervorragende Zweige den Wasserspiegel berührten. Der Schwimmer ergriff einen Weidenzweig, faßte ihn mit den Zähnen und hielt sich so mit zurückgebogenem Kopfe, so daß nur Mund und Nase über dem Wasser waren.

Kaum hatte er Athem geschöpft, so hörte er ein klägliches Geheul von der Stelle her, wo die Colonne Halt gemacht hatte und wo er selbst in den Fluß geritten war.

Er erkannte die Stimme.

»Pataud!« sagte er für sich, »Pataud hier? Ich hatte ihn nach Souday geschickt, es muß ihm ein Unglück begegnet seyn. O mein Gott! jetzt ist es doppelt nothwendig, daß mich meine Verfolger nicht finden!«

Die Soldaten, die den Hund im Hofe des Wirthshauses gesehen hatten, erkannten ihn sogleich.

»Da ist sein Hund!« riefen sie.

»Bravo!« sagte ein Sergent. »Der Hund soll uns zum Auffinden seines Herrn behilflich seyn.«

Der Sergent wollte den Hund fangen; aber das arme Thier entwischte ihm, hielt die Nase eine kleine Weile hoch empor und stürzte sich in den Fluß.

»Hierher, Cameraden, hierher! rief der Sergent den Soldaten zu und streckte den Arm in der von dem Hunde genommenen Richtung aus. »Wir werden den Hund auf der Fähre finden. Tout beau! Pataud!«

Sobald Jean Oullier das Winseln seines Hundes erkannte, kam er mit dem Kopf aus dem Wasser hervor. Pataud schwamm in schräger Richtung auf ihn zu.

Der Flüchtling sah wohl ein, daß er verloren war, wenn er nicht einen entscheidenden Entschluß faßte. Für Jean Oullier aber war die Aufopferung seines treuen Hundes wirklich ein entscheidender Entschluß. Hätte es sich nur um sein Leben gehandelt, so würde er mit seinem Hunde gemeinsame Sache gemacht, oder doch Bedenken getragen haben, Pataud zu opfern, um sich zu retten.

Er zog vorsichtig seine Jacke aus und schleuderte sie mitten in den Fluß.

Pataud war kaum noch sechs Schritte von ihm.

»Such! Apporte!« flüsterte ihm Oullier zu und deutete auf das schwimmende Kleidungsstück.

Der Hund, dessen Kräfte wahrscheinlich abnahmen, wollte nicht gehorchen.

»Apporte, Pataud!« wiederholte Jean Oullier gebieterischer.

Pataud schwamm nun der Jacke nach, die schon zwanzig Schritte fortgetrieben war.

Als Jean Oullier sah, daß ihm seine List gelang, tauchte er wieder unter, als die Soldaten eben an den großen Weidenbaum kamen. Einer von ihnen kletterte behende auf den Baum, hob die Fackel und beleuchtete das ganze Flußbett.

Man sah nun, wie die Jacke von der Strömung fortgetrieben wurde, und wie Pataud kläglich winselnd nachschwamm.

Die Soldaten gingen wieder stromabwärts und entfernten sich daher von Jean Oullier.

»Da ist er!« rief einer von ihnen, der die Jacke bemerkte, »dort schwimmt er – hierher, Cameraden!«

Er feuerte auf die Jacke.

Grenadiere und Husaren eilten auf beiden Ufern herbei, und entfernten sich somit immer weiter von der Stelle, zu welcher sich Jean Oullier geflüchtet hatte. Das schwimmende Kleidungsstück, welchem der ermattete Hund immerfort nacheilte, wurde von vielen Kugeln durchbohrt.

Einige Minuten wurde so lebhaft gefeuert, daß die aus den Gewehrläufen zuckenden Blitze das ganze Flußbett erleuchteten. Die Fackeln waren überflüssig geworden.

Der General bemerkte indes bald, daß sich seine Soldaten geirrt hatten.

»Das Feuer soll eingestellt werden,« sagte er zu dem Capitän, der an seiner Seite ging, »die dummen Jungen haben ihre Beute losgelassen und schießen in’s Blaue.«

In diesem Augenblick blitzte ein Schuß auf einer nahen Felsenspitze; eine Kugel pfiff über den Köpfen der Offiziere und schlug zwei Schritte vor ihnen in einen Baumstamm.

»Aha! die Spießgesellen unseres Ausreißers begnügen sich nicht, für ihn zu beten!« sagte der General mit der größten Ruhe.

Es fielen wirklich noch einige Schüsse, und die Kugeln prallten an dem felsigen Ufer ab.

Ein Soldat stieß einen Schrei aus.

»Hornisten, zum Antreten geblasen!« commandirte der General. »Die Fackeln ausgelöscht!»

Dann sagte er leise zum Capitän, »Lassen Sie die vierzig Mann von drüben herüberkommen; wir werden vielleicht alle unsere Leute brauchen.«

In wenigen Augenblicken waren die Soldaten um ihren Anführer versammelt.

Fünf bis sechs Schüsse krachten noch von einigen Felsenspitzen. Ein Grenadier fiel, das Pferd eines Husaren bäumte sich, von einer Kugel in die Brust getroffen, und stürzte zusammen.

»Vorwärts!« commandirte der General. »Mille tonnerres! Wir wollen doch sehen, ob die Nachtvögel uns erwarten!«

Er begann nun an der Spitze seiner Soldaten die Böschung der Schlucht so rasch zu erklimmen, daß die kleine Truppe trotz der Dunkelheit, welche das Steigen erschwerte, trotz der mitten unter die Soldaten schlagenden Kugeln, welche noch zwei Mann verwundeten, die Höhe in wenigen Augenblicken erreichte.

Die Feinde hörten nun sogleich auf zu feuern, und wenn einige sich noch rührende Ginstersträuche nicht Zeugnis gegeben hätten von dem raschen Rückzuge der Chouans, so hätte man glauben können, diese wären in die Erde versunken.

»Ein trauriger Krieg!« sagte der General, den Kopf schüttelnd. »Unser Unternehmen kann jetzt nicht mehr gelingen. Aber versuchen wollen wir’s wenigstens. Souday liegt ja auf dem Wege nach Machecoul, und dort erst können wir unsere Leute ausruhen lassen.«

»Aber wir brauchen einen Führer,« sagte der Capitän.

»Einen Führer? Sehen Sie jenes Licht dort?«

»Nein, Herr General.«

»Aber ich sehe es. Jenes Licht, welches etwa fünfhundert Schritte entfernt seyn mag, deutet auf eine Hütte und diese auf einen Bauer mit Weib und Kind. Der Bewohner dieser Hütte muß uns den Weg durch den Wald zeigen.

Und mit einem Tone, der dem Bewohner der Hütte nichts Gutes verhieß, befahl der General den Weitermarsch, nachdem er seine Plänklerlinien so weit ausgedehnt hatte, wie es ihm die persönliche Sicherheit seiner Leute gestattete.

Der General hatte mit seiner kleinen Schaar die Höhe noch nicht verlassen, als ein Mann aus dem Wasser hervorkam, eine kleine Weile hinter einem Weidenbaume lauschte und dann in den Büschen fortschlich.

Er hatte offenbar die Absicht, denselben Weg einzuschlagen, den die Soldaten genommen hatten.

Als er ein Büschel Heidekraut faßte, um den Felsen zu erklimmen, hörte er ein leises Aechzen. Jean Oullier – denn er war es – ging auf die Stelle zu, wo er die Klagetöne gehört hatte. Je näher er kam, desto kläglicher wurde das Winseln.

Er bückte sich, streckte die Hand aus und fühlte eine weiche warme Zunge, die ihm die Hand beleckte.

»Pataud, mein armer Pataud!« flüsterte der Vendéer. Es war wirklich der Hund, der mit der letzten Anstrengung seiner Kräfte die Jacke seines Herrn an’s Ufer schleppte und sich darauf gelegt hatte, um zu sterben.

Jean Oullier zog seine Jacke unter dem Hunde hervor und rief Pataud.

Pataud winselte gar kläglich, aber ging nicht von der Stelle.

Jean Oullier nahm den Hund auf den Arm, um ihn fortzutragen, aber der Hund machte keine Bewegung mehr. Die Hand, mit welcher der Vendéer das arme Thier hielt, wurde mit einer lauen, klebrigen Flüssigkeit benetzt. Der Vendèer hielt die Hand an die Lippen und erkannte den faden Geschmack des Blutes.

Er versuchte vergebens dem Hunde die Zähne auseinander zu brechen. Pataud war todt; sein Herr, den er gerettet, war eben noch zeitig genug gekommen, um seine letzten Liebkosungen zu empfangen.

Der Vendéer vermuthete, daß der Hund schon vor dem Sprunge ins Wasser verwundet gewesen sey; denn Pataud war schon zuvor matt und kraftlos gewesen.

»Morgen wirds Tag,« sagte Jean Oullier, »und wehe dem, der meinen armen Hund getödtet hat!«

Er legte seinen todten Liebling sorgfältig in einen Busch und eilte den Hügel hinan.




VII.

Wem die Hütte gehörte


Die Hütte, auf welche der General den Capitän aufmerksam gemacht hatte, war von zwei Haushaltungen bewohnt. Die beiden Familienväter waren die Brüder Joseph und Pascal Picaut.

Der Vater dieser beiden Brüder hatte 1792 an dem ersten Aufstande in der Landschaft Retz theilgenommen. Er hatte sich zu dem blutdürstigen Souchu gesellt, wie der Pilotenfisch dem Hai, der Schakal dem Löwen folgt, und war bei den furchtbaren Metzeleien am linken Ufer der Loire thätig gewesen. Mit Charette schmollte er, weil dieser neue Anführer nur auf dem Schlachtfelde Blut vergießen wollte; er verließ seine Division und trat in die von dem schonungslosen Jolly, dem alten Chirurgen aus Machecoul befehligte Abtheilung des Insurgentenheeres.

Aber Jolly, der das Bedürfnis der Eintracht erkannte, und das militärische Talent des Befehlshabers der unteren Vendée ahnte, stellte sich unter den Befehl Charette‘s, und Picaut sagte sich wieder von seinen Cameraden los, um unter Stofflet zu kämpfen.

Am 25. Februar 1796 wurde Stofflet mit zwei Adjutanten und zwei Soldaten, die er bei sich hatte, auf dem Meierhofe Poitevinière gefangen genommen.

Der Vendéerhäuptling und die beiden Offiziere wurden erschossen, die beiden Bauern in ihre Dörfer zurückgeschickt.

Picaut, der eine dieser beiden Bauern, hatte sein Haus seit zwei Jahren nicht gesehen.

Er fand zwei große kräftige Jünglinge, die ihn jubelnd empfingen.

Es waren seine beiden Söhne.

Der ältere war siebzehn, der jüngere sechzehn Jahre alt.

Picaut betrachtete mit Wohlgefallen ihren athletischen Körperbau. Er hatte zwei Knaben zurückgelassen und fand zwei tüchtige Krieger wieder.

Aber sie waren, wie er selbst, ganz ohne Waffen. Die Republik hatte ihm seine Büchse und seinen Säbel genommen.

Picaut aber erwartete nicht nur, daß ihm die Republik seine Waffen zurückgeben, sondern auch so großmüthig seyn werde, seine beiden Söhne zu bewaffnen, um sie für das ihm zugefügte Unrecht zu entschädigen Er hatte freilich nicht die Absicht, sich deshalb an die Republik zu wenden.

Am andern Abend gebot er seinen beiden Söhnen, ihre Stöcke zu nehmen, und begab sich mit ihnen auf den Weg nach Torfou, wo eine halbe Infanteriebrigade lag.

Als Picaut, der die gebahnten Wege mied, in der Dunkelheit eine Gruppe von Lichtern erblickte und darin das Ziel seiner Wanderung erkannte, befahl er seinen beiden Söhnen ihm zu folgen, aber alle seine Bewegungen nachzuahmen und still zu stehen, sobald sie das bekannte laute Zwitschern eine plötzlich aufgejagten Amsel hören würden.

Aber statt, wie bisher, querfeldein zu gehen, fing er an, im Schatten der Hecken fort zu kriechen, und von Zeit zu Zeit mit der größten Aufmerksamkeit zu lauschen.

Endlich hört er langsame, gemessene Fußtritte.

Es war ein einziger Mann.

Picaut warf sich platt nieder und kroch in der Richtung fort, wo er das Geräusch gehört hatte.

Seine Söhne folgten seinem Beispiele.

Am Ende des Feldes schaute Picaut durch eine Oeffnung in der Hecke, steckte den Kopf durch dieselbe und schlüpfte wie eine Schlange durch die dornigen Zweige.

Auf der andern Seite der Hecke ahmte er das Pfeifen einer aufgescheuchten Amsel nach.

Auf dieses verabredete Zeichen lagen sie still und richteten sich vorsichtig auf, um über die Hecke zu schauen und ihren Vater zu beobachten.

Picaut befand sich auf einer Wiese, deren langes Gras im Winde wogte.

Am Ende der Wiese, in einer Entfernung von etwa fünfzig Schritten bemerkte man die Fahrstraße, auf welcher eine Schildwache auf und ab ging. Hundert Schritte weiter entfernt war ein Haus, vor welchem eine zweite Schildwache stand Die beiden jungen Leute übersahen die ganze Scene mit einem Blicke, dann richteten sie ihre Blicke wieder auf ihren Vater, der in dem hohen Grase fortkroch.

Als Picaut der Straße bis auf einige Schritte nahe gekommen war, hielt er hinter einem kleinen Busche an.

Der Soldat ging auf und ab, und so oft als er der Stadt den Rücken zukehrte, streifte er mit seinen Kleidern oder Waffen an dem Gebüsche. Und jedes mal zitterten die beiden jungen Leute für ihren Vater.

Plötzlich hörten sie einen leisen Schrei, und ihre an die Dunkelheit gewohnten Augen bemerkten eine schwärzliche Masse, welche sich auf einer Stelle zappelnd bewegte.

Diese Masse bestand auf Picaut und der Schildwache. Der Vendéer hatte dem Soldaten ein Messer in die Brust gestoßen und erwürgte ihn.

Gleich daran kam Picaut zu seinen Söhnen zurück, und wie die vom Raube zurückkehrende Wölfin die Beute unter ihre Jungen vertheilt, gab Picaut seinen Söhnen die Muskete, den Säbel und die Patrontasche des Soldaten.

Mit dieser ersten Ausrüstung konnte man sich die zweite, die dritte noch leichter verschaffen.

Aber es war für Picaut nicht genügend, Waffen zu haben, er suchte auch Gelegenheit, sich derselben zu bedienen. Er sah sich in einem ziemlich weiten Kreise um, und in den Herren von Autichamp, Scepeaux, Puisaye und Bourmont, die noch unter den Waffen waren, fand er nur laue Royalisten, die nicht nach seinem Willen Krieg führten, und von denen keiner seinem Ideal eines Heerführers nahe kam.

Picaut wollte daher lieber Andere unter seinem Befehle haben, als unter schlechten Befehlshabern stehen.

Er warb einige Mißvergnügte und wurde der Führer einer zwar nicht zahlreichen, aber gegen die Republik höchst erbitterten Bande.

Seine Taktik war sehr einfach. Er hatte sein Quartier gemeiniglich im Walde. Am Tage ließ er seine Leute ausruhen; aber nach Einbruch der Nacht verließ er den Wald und lauerte mit seiner kleinen Schaar hinter Hecken und Gebüschen. Wenn ein Lebensmitteltransport oder ein Postwagen erschien, so griff er ihn an und führte ihn weg. Wenn die Transporte selten oder die Postwagen zu gut escortirt waren, so entschädigte sich Picaut an den Vorposten, die er niederschoß, oder an den Meierhöfen der Patrioten, die er in Brand steckte.

Nach den ersten kühnen Streifzügen hatten ihm seine Genossen den Beinamen Sansquartier gegeben, und Picaut, der diesen Titel gewissenhaft verdienen wollte, ermangelte seitdem nie, alle ihm in die Hände fallenden Republicaner, Männer oder Weiber, Civilisten oder Soldaten, Greise oder Kinder, hängen oder erschießen zu lassen.

Er setzte seine Operationen bis 1800 fort. Aber da zu jener Zeit die europäischen Mächte dem ersten Consul einige Ruhe gönnten, oder dieser den europäischen Mächten einige Ruhe gönnten, so faßte Bonaparte, der wahrscheinlich von den Thaten Picaut’s gehört hatte, den Entschluß, dem berüchtigten Bandenführer seine Muße zu widmen: er entsendete gegen Sansquartier kein Armeecorps, sondern zwei vom Polizeiministerium angeworbene Chouans und zwei Brigaden Gendarmerie.

Picaut Sansquartier, der keinen Argwohn hatte, nahm die beiden falsches Brüder in seine Bande auf.

Einige Tage nachher ging er in eine Falle. Er wurde nebst dem größten Theile seiner Bande gefangen genommen.

Picaut bezahlte den blutigen Ruhm, den er sich erworben, mit seinem Kopfe. Da er im Grunde mehr Wegelagerer als Soldat war, so wurde er nicht zum Erschießen, sondern zur Guillotine verurtheilt.

Er bestieg übrigens das Blutgerüst mit vielem Muthe: er verlangte von Anderen so wenig Pardon, wie er selbst gegeben hatte.

Joseph, sein älterer Sohn, wurde sammt den übrigen Gefangenen ins Bagno geschickt. Pascal der jüngere, war entwischt und trieb mit dem Ueberrest der Bande sein abenteuerliches wildes Leben noch eine kurze Zeit. Bald aber wurde er desselben überdrüssig; er näherte sich allmälig wieder den Städten, und eines schönen Tages erschien er in Beaupréau, übergab dem ersten Soldaten, der ihm begegnete, seine Waffen und ließ sich zu dem Stadtcommandanten führen.

Dieser interessirte sich für den armen Teufel, der ihm ganz aufrichtig seine Geschichte erzählte und bot ihm den Eintritt in sein Dragonerregiment an. Im Weigerungsfalle war er genöthigt, ihn an die Gerichtsbehörde auszuliefern. Pascal Picaut, der das Schicksal seines Vaters und Bruders erfahren hatte, konnte nicht lange unschlüssig bleiben. Er wurde Dragoner.

Vierzehn Jahre später nahmen die beiden Söhne Sansquartier’s von ihrem kleinen väterlichen Erbgut Besitz. Die Rückkehr der Bourbons hatte dem älteren Bruder die Pforten des Bagno geöffnet, dem jüngeren den Abschied verschafft. Joseph zumal kehrte aus dem Bagno exaltirter heim, als sein Vater jemals gewesen war; er brannte vor Begierde, sowohl den Tod seines Vaters als die von ihm selbst erduldeten Qualen an den Patrioten zu rächen. Pascal hingegen hatte in seinen neuen Verhältnissen ganz andere Ideen bekommen, er hatte Jahre lang mit Menschen gelebt, für welche der Haß gegen die Bourbons eine Pflicht, der Sturz Napoleons ein Schmerz, der Einzug der Verbündeten eine Schmach war, und das Kreuz, welches er auf der Brust trug, konnte ihn in seinen patriotischen Gefühlen nur bestärken.

Aber ungeachtet des schroffen Gegensatzes in ihren Meinungen, ungeachtet der häufigen Streitigkeiten hatten sich die beiden Brüder nicht getrennt; sie bewohnten gemeinschaftlich das von ihrem Vater hinterlassene Haus und jeder von ihnen bebaute zur Hälfte die umliegenden Garten und Felder.

Beide waren verheirathet, Joseph mit der Tochter eines armen Bauers; Pascal, der durch sein Ehrenzeichen und seine Pension bei den Nachbarn in einem gewissen Ansehen stand, war der Schwiegersohn eines Bürgers zu Saint-Philibert, der, wie er selbst, ein Patriot war.

Das Zusammenleben der beiden Weiber, welche sehr eifrig für ihre Männer Partei nahmen, vermehrte die Elemente der Zwietracht. Bis 1830 blieben die beiden Brüder indeß beisammen.

Die Julirevolution, welche Pascal mit Freude begrüßte, weckte wieder den Fanatismus Josephs. Dazu kam, daß der Schwiegervater seines Bruders Maire von St. Philibert wurde; der Vendéer und sein Weib überhäuften die »Patauds« – so nannte man spottweise die Patrioten – mit den gröbsten Schmähungen, so daß endlich Pascal’s Frau erklärte, sie wolle unter solchen Wahnsinnigen nicht langer leben, da sie sich nicht mehr sicher fühle.

Der alte Soldat war kinderlos und er hatte die Kinder seines Bruders sehr lieb gewonnen. Ein blonder rothtwangiger Knabe zumal war ihm unentbehrlich geworden. Seine einzige Erholung war, den Kleinen stundenlang auf den Knien zu wiegen. Es wurde Pascal bange ums Herz bei dem Gedanken an die Trennung von seinem Adoptivsohne. Er hatte nie aufgehört, seinen älteren Bruder zu lieben, wie sehr er sich auch über ihn zu beklagen hatte; er sah, wie Joseph durch seine zahlreiche Familie verarmte, und da er fürchtete, Joseph werde, sich selbst überlassen, ganz zu Grunde gehen, so weigerte er sich entschieden, den Wunsch seiner Frau zu erfüllen. Man hörte indes auf, gemeinschaftlich zu essen, und da das Haus aus drei Stuben bestand, so überließ Pascal seinem Bruder zwei und begnügte sich mit der dritten, nachdem er die Verbindungsthür hatte zumauern lassen.

Am Abend nach der Verhaftung Oullier‘s war Pascal’s Frau sehr unruhig. Ihr Mann hatte um vier Uhr Nachmittags, nämlich zu der Zeit, wo die Colonne des Generals aus Montaigu abmarschirte, das Haus verlassen. Pascal wollte, wie er sagte, nach La Logerie gehen und mit Courtin eine Rechnung ausgleichen. Es war beinahe acht Uhr, und er war noch nicht zu Hause.




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