Der Müller von Angibault
George Sand




George Sand

Der Müller von Angibault





Einleitung





1. Kapitel



Es schlug ein Uhr nach Mitternacht, auf dem Turm der Kirche des heil. Thomas von Aquino, als eine kleine, schwarze Gestalt rasch die dunkle Mauer eines der schönen Gärten entlangglitt, welche sich noch auf dem linken Ufer der Seine in Paris vorfinden und die inmitten einer Hauptstadt von so unschätzbarem Werte sind.

Die Nacht war lau und heiter. Die Stechapfelblüten atmeten süße Düfte und standen wie große, weiße Gespenster in dem glänzenden Vollmondlicht. Die Architektur der breiten Freitreppe des Hotel Blanchemont zeigte alte Pracht und der weitläufige, gut unterhaltene Garten erhöhte noch das reiche, vornehme Aussehen dieser schweigsamen Behausung, an deren Fenstern kein Lichtschimmer mehr sichtbar war.

Die prächtige Mondhelle schien der jungen Frau, welche in Trauerkleidung, den dunkelsten Schatten suchend, auf eine kleine, am äußersten Ende der Mauer angebrachte Türe zueilte, Unruhe zu erregen. Sie ging jedoch dessen ungeachtet entschlossen vorwärts, denn es war nicht zum ersten Mal, dass sie um einer keuschen und jetzt auch legitimen Liebe willen ihren Ruf aufs Spiel setzte. Sie war seit einem Monat Witwe.

Unter dem Schutz einer dichten Akazienhecke gelangte sie geräuschlos an die kleine Nebenpforte, welche auf eine schmale und wenig gangbare Straße hinausging, und fast in demselben Augenblicke öffnete sich das Pfortlein, der zum Stelldichein berufene Mann trat verstohlen ein und folgte, ohne ein Wort zu sprechen, seiner Geliebten zu einer kleinen Orangerie, in welcher sie sich verschlossen. Von unwillkürlichem Schamgefühl geleitet, zog die junge Baronin von Blanchemont jedoch sogleich ein allerliebstes Feuerzeug von russischem Leder aus der Tasche, ließ einen Funken daraus hervorspringen und brannte ein in einem Winkel versteckt und verdeckt angebrachtes Wachslicht an. Der schüchterne und ehrfurchtsvolle Jüngling half ihr naiv das Innere des Pavillon erhellen. Es machte ihn ja so glücklich, sie sehen zu können.

Das Gewächshaus war durch enge Jalousien dicht geschlossen, eine Gartenbank, einige leere Kisten, Gartengerät und das kleine Wachslicht, welches keinen andern Leuchter hatte, als einen halbzerbrochenen Blumentopf, dies war das Mobiliar und die Beleuchtung des verlassenen Boudoirs, welches vor Zeiten einer Marquise zu wollüstiger Zurückgezogenheit gedient hatte.

Der Abkömmling dieser Marquise, die blonde Marcelle, war so keusch und einfach angezogen, wie es einer sittsamen Witwe zukam. Ihre schönen, goldig schimmernden Haare, die auf ihr Halstuch von schwarzem Krepp niederfielen, waren ihr einziger Kopfputz. Die Zartheit ihrer alabasterweißen Hände und ihres in Atlasstiefelchen steckenden Fußes waren die einzigen offenkundigen Anzeichen ihres aristokratischen Standes; im Übrigen hätte man sie für die naturgemäße Genossin des vor ihr auf den Knien liegenden Mannes nehmen können, für eine Pariser Grisette, denn es gibt Grisetten, welche auf ihrer Stirne die Würde einer Königin und die Reinheit einer Heiligen tragen.

Heinrich Lemor war von angenehmer, aber mehr durch geistigen Ausdruck, als durch Schönheit, ausgezeichneter Gestalt. Reiche schwarze Haare beschatteten seine blassen Züge. Man sah ihm deutlich an, dass er ein Kind von Paris war, stark durch seine Willenskraft, zart von Körperbau. Sein reinlicher und einfacher Anzug verriet nur sehr mittelmäßige Vermögensumstände, seine nachlässig geknüpfte Halsbinde zeigte einen völligen Mangel aller Ziererei und seine braunen Handschuhe genügten, um den Beweis zu liefern, dass er, wie sich die Lakaien des Hôtel Blanchemont ausgedrückt hätten, nicht der Mann war, welcher den Gemahl oder den Liebhaber der gnädigen Frau abgeben sonnte. Die beiden jungen, fast im gleichen Alter stehenden Leute hatten mehr denn einmal während der geheimnisvollen Stunden der Nacht in dem Pavillon süße Augenblicke verlebt, allein seit einem Monat, wo sie sich nicht gesehen, hatten große Beängstigungen den Roman ihrer Liebe getrübt.

Heinrich Lemor zitterte und sah bestürzt aus. Marcelle schien von Furcht durchfröstelt. Er hatte sich vor ihr auf die Knie geworfen, um ihr zu danken, dass sie ihm ein letztes Stelldichein gegeben: aber bald erhob er sich wieder, ohne ein Wort vorzubringen und nahm eine bange, fast kalte Haltung an.

»Endlich!…« sagte sie mit Anstrengung und reichte ihm ihre Hand, welche er mit einer beinahe krampfhaften Bewegung, und ohne dass ein Strahl von Freude seine Züge erhellt hätte, an seine Lippen führte.

›Er liebt mich nicht mehr!‹ dachte sie und drückte ihre Hände vor die Augen. Und sie blieb stumm und zum Tode erschrocken.

»Endlich?« wiederholte Lemor. »Wollten Sie nicht sagen: schon? Ich hätte die Kraft haben sollen, länger zu warten. Ich vermochte es nicht. Verzeihen Sie mir!«

»Ich verstehe Sie nicht«, versetzte die junge Witwe, indem sie kummervoll ihre Hände niedersinken ließ. Lemor sah ihre tränenfeuchten Augen und schrieb diese Bewegung einer falschen Ursache zu.

»O, ja!« sagte er, »ich bin schuldig. Ihr Schmerz lässt mich die Gewissensbisse, deren Schuld ich trage, erraten. Diese vier Wochen kamen mir so lang vor, dass ich nicht den Mut hatte, mir zu sagen, dass sie kurz seien. Deswegen hatte ich Sie heute Morgen kaum um die Erlaubnis gebeten, Sie zu sehen, als ich es schon bereute. Ich errötete über meine Feigheit, ich machte mir alle die Gewissensskrupel zum Vorwurf, welche ich Sie zu unterdrücken zwang, und als ich Ihre ebenso ernste, als gütige Antwort erhielt, sah ich ein, dass Sie mich nur noch aus Mitleid sehen wollen.«

»O Heinrich, wie weh tun Sie mir mit einer solchen Sprache! Soll das ein Spiel, ein Vorwand sein? Warum verlangten Sie, mich zu sehen, da Sie mit so wenig Liebe und Vertrauen zu mir kommen?«

Der Jüngling bebte und warf sich abermals vor seiner Geliebten nieder.

»Ich will Sie lieber stolz und vorwurfsvoll sehen«, sagte er, »als so. Ihre Güte tötet mich!«

»Heinrich, Heinrich!« rief Marcelle aus. »Sie haben also ein Unrecht gegen mich begangen? O, Ihre Miene ist die Miene eines Schuldigen! Sie haben mich vergessen oder verkannt, ich sehe es wohl!«

»Weder das eine noch das andere. Zu meinem ewigen Unglück achte ich Sie, bete ich Sie an, glaube ich an Sie, wie an Gott, kann ich auf der weiten Erde nur Sie lieben!«

»Wohl«, versetzte die junge Frau, indem sie ihre Arme um den gebräunten Hals des armen Heinrich legte, »es ist kein so großes Unglück, mich so zu lieben, denn ich liebe Sie nicht minder. Hören Sie mich, Heinrich. Ich bin frei, ich habe mir nichts vorzuwerfen. Ich habe den Tod meines Mannes so wenig gewünscht, dass ich mir niemals erlaubte, daran zu denken, was ich wohl mit meiner Freiheit anfangen würde, wenn sie mir werden sollte. Sie wissen das, wir haben niemals davon gesprochen, Sie wissen auch schon lange, dass ich Sie leidenschaftlich liebe und dennoch ist es heute zum ersten Mal geschehen, dass ich es so offen gegen Sie aussprach. – Aber, mein Freund, wie bleich Sie sind! Wie eisig Ihre Hände! Sie scheinen zu leiden, Sie erschrecken mich!«

»Nein, nein, reden Sie, reden Sie!« erwiderte Lemor, unter der Last der süßesten und zugleich qualvollsten Eindrücke erliegend.

»Gut«, fuhr Frau von Blanchemont fort, »ich habe keineswegs die Skrupel und Gewissensbisse, welche Sie mir unterlegen. Als man mir den blutigen Leichnam meines Mannes, der um einer andern Frau willen im Duell gefallen, brachte, ward ich, ich gesteh’ es, von Bestürzung und Entsetzen erfasst; indem ich Ihnen diese grässliche Neuigkeit mitteilte und Ihnen sagte, Sie möchten sich einige Zeit über von mir fern halten, glaubte ich, eine Pflicht zu erfüllen; o, wenn es ein Verbrechen ist, diese Zeit lang gefunden zu haben, so hat mich Ihr pünktlicher Gehorsam streng genug bestraft! Aber während des Monats, wo ich so zurückgezogen lebte, einzig damit beschäftigt, meinen Sohn zu erziehen und nach meinen Kräften die Eltern des Herrn von Blanchemont zu trösten, habe ich mein Herz genau erforscht und konnte es nicht schuldig finden. Ich hatte diesen Mann nicht lieben können, welcher mich nie geliebt, und alles, was ich zu tun vermochte, war, seine Ehre zu achten. Gegenwärtig zolle ich seinem Andenken nur noch eine äußerliche, durch die Umstände gebotene Achtung. Ich werde Sie nur insgeheim und selten sehen, es muss so sein, bis meine Trauerzeit vorüber ist und dann in einem in zwei Jahren —«

»Dann, Marcelle, dann – in zwei Jahren?«

»Sie fragen mich, was wir einander sein werden, Heinrich? Sie lieben mich nicht mehr; ich wusste es wohl.«

Dieser Vorwurf bewegte Heinrich nicht. Er verdiente ihn so wenig! Mit ängstlicher Aufmerksamkeit den Worten seiner Geliebten lauschend, bat er sie, fortzufahren.

»Wohl denn«, fuhr sie fort, mit der Schamhaftigkeit eines jungen Mädchens errötend, »wollen Sie mich denn nicht heiraten, Heinrich?«

Heinrich ließ sein Haupt auf Marcelles Knie sinken und verharrte so einige Augenblicke, wie vor Freude und Dankbarkeit außer sich, aber bald wieder fuhr er heftig auf und die tiefste Verzweiflung malte sich auf seinen Zügen.

»Haben Sie denn in der Ehe nicht allzu traurige Erfahrungen gemacht?« fragte er mit einer Art von Härte, »und wollen Sie sich noch einmal unter das Joch beugen lassen?«

»Sie flößen mir Furcht ein«, sagte Frau von Blanchemont nach einem Augenblick schreckhaften Stillschweigens. »Verspüren Sie denn in sich tyrannische Gelüste oder fürchten Sie für sich das Joch einer ewigen Treue?«

»Nein, nein, nichts von alledem«, versetzte Lemor niedergeschlagen. »Was ich fürchte, ist, dass es mir unmöglich, Sie oder mich selbst zu unterwerfen. Sie wissen es: aber Sie wollen, Sie können das nicht verstehen. Wir haben hierüber so viel gesprochen zu einer Zeit, wo wir nicht im Entferntesten daran dachten, dass diese Erwägungen eines Tages uns persönlich angehen, ja dass sie für mich eine Lebensfrage werden würden.«

»Ist’s möglich, Heinrich? Bis zu diesem Grade hätten Sie sich in Ihre Utopien verrannt? Wie, selbst die Liebe sollte diese Chimären nicht beilegen können? Ach, wie schwach ist eure Liebe, ihr Männer!« setzte sie mit einem tiefen Seufzer hinzu. »Im Falle nicht das Laster eure Seelen austrocknet, so tut es die Tugend, und immerfort, möget ihr nun elende oder erhabene Charaktere sein, liebt ihr nur euch selbst.«

»Hören Sie mich, Marcelle. Wenn ich Sie vor Monatsfrist gebeten hätte, Ihre Grundsätze zu vergessen, wenn meine Liebe von Ihnen das erfleht hätte, was Ihre Religion und Ihr Glaube Sie als eine ungeheure unsühnbare Schuld ansehen ließ —«

»Sie haben das nicht gefordert, Heinrich«, unterbrach ihn Marcelle errötend.

»Weil ich Sie viel zu sehr liebte, um Sie um meiner willen leiden und weinen zu machen. Aber wenn ich es getan hätte, Marcelle, antworten Sie doch, wenn ich es getan?«

»Diese Frage ist unzart und gar nicht am Platze«, versetzte sie, sich zu einer Bewegung voll liebenswürdiger Koketterie zwingend, um der Antwort auszuweichen. Ihre Grazie und Schönheit machten Lemor erbeben. Er presste sie leidenschaftlich an sein Herz. Aber sogleich wieder diesem Moment der Trunkenheit sich entreißend, erhob er sich und wiederholte, heftigen Schrittes vor der Geliebten auf und ab gehend, mit erhöhter Stimme:

»Und wenn ich Sie jetzt bäte, mir dieses Opfer zu bringen, welches der Tod ihres Gatten plötzlich ungefährlich, weniger schrecklich, weniger furchtbar gemacht?«

Frau von Blanchemont wurde blass und ernsthaft und versetzte:

»Heinrich, dieser Gedanke muss mich notwendig im tiefsten Herzensgrund beleidigen und verwunden, in dem Augenblick, wo ich Ihnen meine Hand anbiete und Sie dieselbe auszuschlagen scheinen.«

»Ich bin doch recht unglücklich, mich nicht verständlich machen zu können und für einen Elenden angesehen zu werden, gerade dann, wenn ich den ganzen Heroismus der Liebe in mir fühle. Dies Wort wird Ihnen ehrsüchtig vorkommen und muss Sie mitleidig lächeln machen. Und doch ist es wahr … und Gott wird mir einst in Rechnung bringen, was ich leide … es ist entsetzlich … es übersteigt vielleicht bald meine Kräfte.«

Und er brach in Tränen aus. Der Schmerz des Jünglings war ein so tiefer und ehrlicher, dass Frau von Blanchemont erschrak. Es war in diesen heißen Tränen etwas, das einer unbesieglichen Abneigung gegen das Glück, einem Lebewohl für alle die Illusionen der Liebe und Jugend glich.

»O, mein geliebter Heinrich«, rief Marcelle aus, »was für ein Unheil wollen Sie denn über uns beide verhängen? Warum verzweifeln, jetzt, da Sie der Herr meines Lebens sind, da nichts mehr uns hindert, einander vor Gott und den Menschen anzugehören? Oder steht etwa mein Sohn hinderlich zwischen uns? O, Sie haben eine so große Seele, dass Sie wohl einen Teil der Zuneigung, welche Sie für mich hegen, auf ihn übergehen lassen können.«

»Ihr Sohn?« entgegnete Heinrich schluchzend. »Ich hege eine viel gewichtigere Besorgnis, als die, ihn nicht lieben zu können. Ich fürchte, ihn nur allzu sehr zu lieben und nicht ruhig zusehen zu können, wenn er sein Leben in einem von meinen Ansichten abweichenden Sinne verbringt. Sitte und Herkommen würden mich zwingen, ihn der Welt zu überlassen und ich möchte ihn ihr doch entreißen … nein, ich vermöchte ihn nicht mit solcher Gleichgültigkeit und Selbstsucht zu betrachten, um aus ihm einen Menschen werden zu lassen, wie seine Standesgenossen sind; … nein, nein! … Dies und anderes und alles in Ihrer Stellung und der meinigen türmt uns ein unübersteigliches Hindernis entgegen… Von welcher Seite ich immer unsere Zukunft ins Auge fasse, kann ich in ihr nur einen wahnwitzigen Kampf erblicken, Unglück für Sie, Fluch für mich. Es ist unmöglich, Marcelle, für immer unmöglich! Ich liebe Sie zu innig, um von Ihnen Opfer anzunehmen, deren Resultate Sie nicht vorhersehen, deren Ausdehnung Sie nicht ermessen können. Sie kennen mich nicht, ich sehe es wohl, Sie halten mich für einen unentschlossenen und schwachen Träumer. Ich bin aber ein entschlossener und unverbesserlicher Träumer. Sie haben mich vielleicht manchmal der Affektation beschuldigt, Sie haben geglaubt, dass ein Wort von Ihnen hinreichte, mich zu dem zurückzuführen, was Sie für vernünftig und wahr halten. O, ich bin weit unglücklicher, als Sie wähnen, und ich liebe Sie viel heißer, als Sie dermalen begreifen können. Später… ja, später werden Sie mir im Grund ihres Herzens dafür danken, dass ich es verstand, allein unglücklich zu sein.«

»Später? Und warum? Wann denn? Was wollen Sie sagen?«

»Später, sage ich Ihnen, wann Sie erwacht sein werden aus diesem finstern und unseligen Traum, womit ich Sie umsponnen, wann Sie zurückgekehrt sein werden in die Welt und die leichten und süßen Berauschungen derselben teilen, endlich, wann sie nicht mehr ein Engel sein, sondern herabgestiegen sein werden zur Erde!«

»Ja, ja, wann ich werde ausgedörrt sein durch die Selbstsucht und verdorben durch die Schmeichelei. Das wollten Sie sagen, das prophezeien Sie mir! In Ihrem wilden Stolz halten Sie mich für unfähig, Ihre Ideen zu fassen und Ihr Herz zu verstehen. Sprechen Sie das Wort aus: Sie betrachten mich als Ihrer unwürdig, Heinrich!«

»Was Sie sagen ist entsetzlich, gnädige Frau, und dieser Streit darf nicht länger dauern. Lassen Sie mich fliehen, denn wir können uns jetzt nicht verständigen.«

»Und so wollen Sie mich verlassen?«

»Nein, ich verlasse Sie nicht, denn auch fern von Ihnen trage ich Ihr Bild in mir und verwahre es in dem Tabernakel meines Herzens. Ich werde meinen Kummer zu tragen wissen, aber in der Hoffnung, dass Sie mich vergessen werden, mit der Reue, Ihre Zuneigung ersehnt und gesucht zu haben, aber auch mit dem Trost, dass ich diese Zuneigung wenigstens nicht niederträchtig gemissbraucht.«

Frau von Blanchemont war aufgestanden, um den Geliebten zurückzuhalten, allein wie vernichtet fiel sie auf die Bank zurück und sagte, als sie sah, dass er sich entfernen wollte, mit kaltem, beleidigtem Ton:

»Aber weswegen haben Sie mich denn zu sehen verlangt!«

»Ja, ja, Sie haben ein Recht zu diesem Vorwurf. Es ist dies eine letzte Schwachheit von mir. Ich empfand das Bedürfnis, Sie noch einmal zu sehen, und gab ihm nach… Ich hoffte, es werde in Ihren Gefühlen gegen mich eine Veränderung vorgegangen sein, Ihr Schweigen machte mich dies glauben… ich war von Kummer verzehrt und glaubte in Ihrer Kälte die Stärke zu finden, die Fesseln meiner Liebe zu zerbrechen. Warum bin ich gekommen? Warum lieben Sie mich? Bin ich nicht der einfältigste, undankbarste, wildeste, hassenswerteste der Menschen? Aber es ist besser, dass Sie mich so sehen, dass Sie erfahren, Sie hätten meinen Verlust nicht zu bedauern. Es ist besser so und ich tat recht zu kommen… nicht wahr?«

Heinrich hatte dies in einer Anwandlung von Verzweiflung gesprochen, seine ernsten und reinen Züge waren verstört, seine sonst harmonische und sanfte Stimme hatte einen harten, schrillenden Klang angenommen, dass sie dem Ohr wehtat. Marcelle sah seinen Schmerz deutlich, aber ihr eigener war so stechend, dass sie nichts tun oder sagen konnte, was Ihnen gegenseitig Erleichterung verschafft hätte. Bleich und stumm, mit krampfhaft verschlungenen Händen bewegungslos dasitzend, glich sie einer Statue. Im Begriff, sich zu entfernen, wandte sich Heinrich nach ihr um und ihr Anblick ließ ihn zurückkehren, sich zu ihren Füßen werfen und dieselben mit Tränen und Küssen bedecken.

»Lebe wohl«, sagte er, »schönste und reinste der Frauen, gütigste der Freundinnen, hochherzigste der Geliebten! Möchtest du ein des deinigen würdiges Herz finden, einen Mann, der dich liebt, wie ich dich liebe, und nicht Trostlosigkeit und Verabscheuung des Lebens dir zur Mitgift bringt. Möchtest du glücklich sein und segenspendend, ohne die Kämpfe einer Existenz, wie die meinige ist, durchmachen zu müssen, und möchtest du endlich, wenn in der Welt, in welcher du lebst, noch ein Funke von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sich findet, denselben mit deinem göttlichen Hauch zur Flamme anblasen und vor Gott Gnade finden für deine Kaste und für dein Jahrhundert, welches zu erlösen du allein würdig bist!«

So sprechend, stürzte Heinrich hinweg, vergessend, dass er Marcelle in Verzweiflung zurückließ. Er schien von den Furien gehetzt zu sein. Frau von Blanchemont blieb lange wie versteinert. Endlich kehrte sie in ihre Wohnung zurück und ging bis zum Morgen mit leisen Schritten in ihrem Gemach auf und ab, ohne eine Träne zu vergießen, ohne mit einem Seufzer das Schweigen der Nacht zu stören.


Es wäre Verwegenheit, zu behaupten, dass diese junge Witwe von zweiundzwanzig Jahren, schön, reich und in der Gesellschaft durch Grazie, Talente und Geist glänzend, wie sie war, nicht tief gedemütigt und gekränkt worden wäre dadurch, dass ein Mann ohne Geburt, ohne Vermögen, ohne irgendeine Auszeichnung, ihre Hand ausgeschlagen. Der beleidigte Stolz der jungen Frau diente, statt des ihr mangelnden Mutes, trefflich dazu, sie aufrecht zu erhalten. Allein bald führte der wahrhafte Adel ihrer Gefühle sie zu viel ernsteren Gedanken, und zum ersten Mal warf sie jetzt einen tieferen Blick aus ihr eigenes Leben und aus das ihrer Umgebungen. Sich alles ins Gedächtnis zurückrufend, was Heinrich zu verschiedenen Zeiten zu ihr gesagt, als zwischen ihnen noch von nichts anderem die Rede sein konnte, als von einer hoffnungslosen Liebe, musste sie erstaunen, dass sie das nicht ernster genommen habe, was sie da, als für romanhafte Ideen des jungen, wahrhaft biedern Mannes gehalten hatte. Sie begann ihn mit jener Ruhe zu beurteilen, welche ein edler und starker Wille inmitten der heftigsten Bewegungen des Herzens wiederbringt. In dem Maße, in welchem die Nacht verlief und die Uhren der Nachbarschaft mit ihrer silbertonigen Stimme eine Stunde nach der andern über die große, schlummerbefangene Stadt hinriefen, gelangte Marcelle zu jener Erleuchtung des Geistes, womit die Sammlung einer langen Nachtwache die Stelle des Schmerzes ersetzt.

Erzogen in ganz andern Lebensansichten als die, welche Lemor hatte, hatte es das Schicksal dennoch gefügt, dass sie die Liebe dieses Plebejers teilen und in derselben eine Zuflucht suchen sollte gegen die Langeweile und die Traurigkeit des aristokratischen Lebens. Sie war eine jener zugleich zarten und starken Seelen, welche das Bedürfnis der Hingebung empfinden und kein anderes Glück kennen, außer dem, welches sie selbst geben. Unglücklich in ihrer Ehe, gelangweilt von der Gesellschaft, hatte sie sich mit dem romanhaften Vertrauen eines jungen Mädchens dieser Liebe überlassen, welche ihr gar bald zu einer Religion geworden. Aufrichtig fromm, musste sie für einen Liebhaber, welcher ihre Skrupel achtete und ihre Keuschheit ehrte, leidenschaftlich eingenommen werden. Ihre Frömmigkeit selbst hatte sie für diese Liebe begeistert und sie zu dem Entschlusse getrieben, dieselbe durch unauslösliche Bande zu heiligen, sobald sie sich frei sah. Sie hatte mit Freude daran gedacht, die materiellen Vorteile, welche die Welt so hoch anschlägt, mutig zum Opfer zu bringen, und nicht minder die eingebildeten Vorrechte der Geburt, welche ihr Urteil nie hatten irreführen können. Sie glaubte, viel zu tun, das arme Kind, und sie hätte in der Tat viel getan, denn die Welt hätte sie entweder darob geschmäht oder verhöhnt. Sie hatte nicht vorhergesehen, dass dies alles nichts sei und dass der Stolz des Plebejers ihr Opfer fast wie eine Beleidigung aufnahm.

Mit einmal von Schrecken und Schmerz, sowie von dem Widerstand Lemors erleuchtet, wiederholte sich Marcelle alles, was sie von der sozialen Krise vernommen, welche unser Jahrhundert in Bewegung setzt. Es ist dieser Gegenstand dem Gedankenkreis hochgestellter Frauen dermalen kein fremder mehr und kann es nicht sein. Sie alle können, je nach dem Grade ihrer Bildung und ihrer Einsicht, ohne affektiert zu erscheinen, ohne lächerlich zu werden, unter allen möglichen Formen, in Journalen und Revuen, in philosophischen, politischen und poetischen Werken immer wieder das große, traurige, widerspruchsvolle und doch so tiefe und bedeutungsvolle Buch der Gegenwart und ihrer Probleme wiederfinden und lesen. Marcelle wusste also ebenso gut, wie wir alle, dass unsere schlaffe und kranke Gegenwart im Streite liegt mit der Vergangenheit, von welcher sie rückwärts gezogen, und mit der Zukunft, von welcher sie vorwärts gerufen wird. Sie sah gewaltige Blitze über ihrem Haupt sich kreuzen und vermochte eine große Umwälzung in näherer oder entfernterer Zeit vorauszusehen. Sie war keine kleinmütige Natur, sie hatte keine Furcht und schloss nicht die Augen. Die Klagen, die Schrecken, die Vorwürfe und Beschuldigungen ihrer Großeltern hatten sie so sehr unempfänglich für die Furcht gemacht! Die Jugend ist nicht gewillt, ihre Blütezeit zu verwünschen, und die Jahre ihrer Reize sind ihr teuer, seien sie auch von Stürmen getrübt. Die zärtliche und mutvolle Marcelle sagte sich, dass man bei Donner und Hagel unter dem Schutz des ersten besten Strauches lächeln könne, so einem das Wesen, das man liebe, zur Seite wäre. Der drohende Kampf der materiellen Interessen erschien ihr demzufolge nur als ein Spiel. ›Was tut es, ruiniert, exiliert, eingekerkert zu werden?‹ fragte sie sich, wenn sie in ihrer Umgebung den ahnungsvollen Schrecken über den anscheinend Glücklichen des Jahrhunderts schweben sah; die Liebe wird man nicht verbannen können und, ›was mich betrifft, so liebe ich ja, Dank dem Himmel! einen Proletarier, welcher verschonet bleiben wird.‹ Nur daran hatte sie nicht gedacht, dass durch diesen dumpfen und geheimnisvollen Kampf, welcher sich vollenden wird, allen offiziellen Gewaltmaßregeln einerseits und aller scheinbaren Entmutigung andererseits zum Trotz, ihre Neigungen bis ins innerste Mark getroffen werden könnten.

In diesem Kampf der Gefühle und der Gedanken, welcher gegenwärtig bereits heftig sich entfacht hat, sah sich Marcelle mitten aus ihren Illusionen herausgestürzt, so plötzlich, wie man aus einem Traum auffährt. Der intellektuelle und moralische Krieg war zwischen den verschiedenen, von entgegengesetzten Überzeugungen und Leidenschaften geleiteten Klassen erklärt und Marcelle sah in dem Manne, welcher sie anbetete, eine Art von unversöhnlichem Feind. Anfangs in Schrecken gejagt von dieser Entdeckung, machte sie sich vertraut mit den neuen Ideen, welche ihr dann vorher ungeahnte, noch edlere und romantischere Aussichten eröffneten als die, welche sie sich seit einem Monat geschaffen, und als sie endlich den langen nächtlichen Spaziergang durch ihre einsamen und schweigenden Gemächer beendigte, hatte sie die Ruhe zu einem Entschluss gewonnen, welchen vielleicht nur sie allein ohne ein Lächeln der Bewunderung oder des Mitleids ins Auge fassen konnte.


Dies ereignete sich vor nicht gar langer Zeit, möglicherweise im vergangenen Jahre.


Da Marcelle ihres Vaters Brudersohn geheiratet hatte, so trug sie vor, wie nach ihrer Verehelichung, den Namen Blanchemont. Das Gut und das Schloss Blanchemont machten einen Teil ihrer Erbschaft aus. Die Besitzung war sehr bedeutend, allein das Schloss, schon seit mehr als hundert Jahren den Pächtern überlassen, wurde nicht einmal mehr von diesen bewohnt, weil es einzustürzen drohte und seine Wiederherstellung als zu kostspielig erschien. Früh verwaist, zu Paris in einem Kloster erzogen, sehr jung verheiratet und von ihrem Gatten nicht in die Verwaltung ihres Vermögens eingeweiht, hatte Frau von Blanchemont diese Besitzung ihrer Ahnen nie gesehen. Jetzt, da sie entschlossen war, Paris zu verlassen und auf dem Lande ein den von ihr gefassten Entschlüssen zuständiges Leben zu führen, wollte sie ihre Pilgerschaft mit einem Besuch auf Blanchemont beginnen, um sich, wenn ihr der Aufenthalt gefiele, später dort niederzulassen. Sie wusste um den Verfall ihres Schlosses und es war dies ein Grund mehr für sie, ihre Blicke auf diesen Ort zu richten. Die Verwirrung, in welcher ihr Mann ihre Angelegenheiten hinterlassen, und die Unordnung, in welcher sich nach seinem Tode seine eigenen vorfanden, dienten ihr zum Vorwand, diese Reise zu unternehmen, deren Dauer, wie sie sagte, sich auf wenige Wochen beschränken sollte, während sie in ihren Gedanken weder einen bestimmten Zweck, noch eine bestimmte Frist festsetzte. Ihre wahre Absicht war, Paris zu verlassen und die Lebensweise zu beginnen, welche sie sich vorgesetzt. Zum Glück für ihre Absichten, hatte sie niemand in ihrer Familie, welcher sich’s in den Kopf setzen konnte, sie begleiten zu wollen. Als einzige Tochter brauchte sie sich nicht gegen den unerwünschten Schutz einer Schwester oder eines älteren Bruders zu verteidigen. Die Eltern ihres Mannes waren sehr betagt und, nicht wenig erschrocken über die Schulden des Verstorbenen, welche nur durch kluge Anordnungen getilgt werden konnten, waren sie zugleich erstaunt und erfreut, als sie eine Frau von zweiundzwanzig Jahren, welche bisher wenig Geschick und Geschmack für Geschäfte verraten, den Entschluss fassen sahen, ihre Angelegenheiten selbst zu führen und sich mit eigenen Augen von dem Zustand ihrer Besitzungen zu überzeugen. Indessen erhoben sich dennoch einige Besorgnisse, sie so allein mit ihrem Kinde reisen zu lassen, und man wollte, dass ihr Geschäftsträger sie begleiten sollte. Man fürchtete auch, das Kind möchte eine in der heißesten Jahreszeit unternommene Reise nicht ertragen können. Marcelle hielt ihren Schwiegereltern entgegen, dass ein so verlängertes Tête-à-tête mit einem alten Mann nicht eben ein annehmliches Mittel gegen die Langeweile sei, welcher sie sich unterziehen wolle, dass sie bei den Notaren und Sachwaltern der Provinz genauere Nachweisungen und der Örtlichkeit mehr angepasste Ratschläge finden könnte und dass es endlich keine so gar schwierige Aufgabe sein werde, mit den Pächtern abzurechnen und die sonst nötigen Anordnungen zu treffen. Was das Kind betreffe, so werde es in der Pariser Luft immer schwächlicher. Der Aufenthalt auf dem Lande, Bewegung und Sonne würden ihm gewiss wohltun. Kurz, die junge Witwe wusste gegenüber den Bedenklichkeiten ihrer Schwiegereltern das ihr zugesicherte Recht der Vormundschaft über ihren Sohn geltend zu machen, wusste so kenntnisvoll über Schulden- und Hypothekenwesen, sowie über die hiemit in Verbindung stehenden Pachtverhältnisse sich zu verbreiten, verstand so geschickt den Umstand hervorzuheben, dass sie sich notwendig mit eigenen Augen von ihren Vermögensverhältnissen Wissenschaft verschaffen müsse, um zu erfahren, auf welchem Fuß sie künftig leben dürfe, ohne die Zukunft ihres Sohnes zu beeinträchtigen – dass sie den Sieg über alle Einwürfe davontrug und ihre ganze Familie dahin brachte, ihren Entschluss nicht nur zu billigen, sondern auch zu loben, umso mehr, da ihr Verhältnis zu Heinrich so geheim geblieben war, dass nicht der geringste Verdacht das Zutrauen ihrer Schwiegereltern schwächte.

Aufgeregt durch ungewohnte Tätigkeit, sowie durch enthusiastische Hoffnung, schlief Marcelle in der folgenden Nacht nicht viel besser, als in der ihrer Zusammenkunft mit Lemor. Sie versenkte sich in die seltsamsten, ebenso lachenden, als peinlichen Träumereien. Sie erwachte schon mit der Morgendämmerung und einen träumerischen Blick über ihr Gemach hinwerfend, wurde sie zum ersten Mal von dem unnützen, verschwenderisch um sie her verstreuten Luxus betroffen, von all’ den Atlastapeten, den Vergoldungen, den Möbeln von äußerster Üppigkeit und äußerster Pracht, von den zahllosen Putzsachen, von all’ dem Porzellan, den Skulpturen und andern glänzenden Spielereien, welche heutzutage das Zimmer einer eleganten Frau anfüllen. ›Ich möchte wohl wissen‹, dachte sie, ›warum wir die unterhaltenen Weiber so sehr verachten. Sie verschaffen sich, was wir selbst uns nicht verschaffen können; sie opfern ihre Unschuld hin, um in den Besitz derartiger Spielereien zu kommen, welche in den Augen ernsthafter und gebildeter Frauen gar keinen Wert haben sollten und ohne welche wir dennoch nicht existieren zu können vermeinen, Sie haben den nämlichen Geschmack, wie wir, und würdigen sich nur herab, um ebenso reich und glücklich, wie wir, zu erscheinen. Bevor wir sie verdammen, sollten wir ihnen das Beispiel eines einfachen und redlich angewandten Lebens geben. Würde man wohl, wenn man unsere unauflöslichen Ehen mit ihren vorübergehenden Verbindungen vergleicht, bei den jungen Mädchen unseres Standes eine größere Uneigennützigkeit finden? Würde man nicht auch bei uns, ganz wie bei den Prostituierten, oftmals ein Kind an einen Greis gefesselt sehen, die Schönheit entweiht durch die Hässlichkeit des Lagers, den Geist der Borniertheit unterworfen, und das alles aus Begierde nach einem Kopfputz von Diamanten, nach einer Karosse, nach einer Loge in der Italienischen Oper? Arme Mädchen! Man sagt, ihr verachtet eurerseits uns ebenfalls, ihr habt völlig das Recht dazu!‹

Der jetzt blau und rein durch die Vorhänge dringende Tag ließ das Gemach, in dessen mit ausgesuchtem Geschmack bewerkstelligter Ausschmückung Frau von Blanchemont sich sonst gefallen hatte, wahrhaft bezaubernd erscheinen, Sie hatte fast immer abgesondert von ihrem Manne gelebt und dieses so keusche, so mädchenhaft frische Kloset, welches Heinrich niemals zu betreten gewagt, rief ihr nur schwermütig süße Erinnerungen zurück. Hier hatte sie, die Gesellschaft fliehend, gelesen und geträumt unter dem Dufthauch der unvergleichlich schönen Blumen, wie man sie nur in Paris findet und wie sie heutzutage einen Teil des Lebens vornehmer Frauen ausfüllen. Sie hatte sich in diese poetische Einsamkeit geflüchtet, so oft sie immer konnte, und das mit eigener Hand verzierte und verschönerte Gemach gleichsam als ein geheimnisvolles Asyl betrachten gelernt, wo das Weh ihres Lebens und die Stürme ihrer Gefühle sich jederzeit sänftigten in der Sammlung des Gebetes.

Jetzt ging sie, mit Blicken der Zuneigung umhersehend, in diesem Kloset auf und ab, bis sie unwillkürlich die Formel eines Lebewohl für immer an diese stummen Zeugen ihres geheimen Lebens richtete, eines Lebens, das sie so verborgen verbracht, wie die Blume, welche nicht versucht, sich zur Sonne emporzurichten, sondern aus Liebe zum Schatten und zur Frische ihr Haupt unter den Blättern birgt.

›Aufenthaltsort meiner Wahl, all’ ihr prächtigen, meinem Geschmack zusagenden Gegenstände‹, dachte sie, ›ich habe euch geliebt; aber fürder kann ich euch nicht mehr lieben, denn ihr seid die Begleiter und Genossen des Reichtums und des Müßiggangs. Ihr stellt in meinen Augen jetzt nur noch das vor, was mich von Heinrich trennt, und ich vermag euch nicht mehr ohne Widerwillen und Bitterkeit anzusehen. Verlassen wir uns also, bevor wir einander gehässig werden. Du, ernstliebliche Madonna, wirst aufhören, mich zu beschützen, ihr, helle und reine Spiegel, könntet mich mein eigenes Bild verabscheuen machen, ihr, prächtige Blumenvasen, habt hinfort für mich weder Schönheit noch Duft mehr!‹ – Hierauf schlich sie, bevor sie, wie sie zu tun beschlossen hatte, an Heinrich schrieb, auf den Fußspitzen zu der Wiege ihres Sohnes, um seinen Schlaf zu betrachten und zu benedeien. Der Anblick des bleichen Kindes, dessen geistige Entwicklung die Entfaltung seiner körperlichen Kräfte weit überflügelt hatte, flößte ihr eine leidenschaftliche Rührung ein. Sie sprach in ihrem Herzen mit ihm, als ob es in seinem Schlafe die mütterlichen Gedanken hätte hören und verstehen können.

»Sei ruhig«, sagte sie, »ich liebe ihn nicht inniger als dich. Sei nicht eifersüchtig auf ihn! Wäre er nicht der bravste und würdigste der Männer, so gäbe ich ihn dir nicht zum Vater. Geh’, kleiner Engel, du bist heiß und treu geliebt. Schlaf’ wohl, wir werden uns niemals verlassen!«

In süße Muttertränen aufgelöst, kehrte Marcelle in ihr Zimmer zurück und schrieb an Lemor folgende wenige Zeilen:



›Sie haben Recht und ich verstehe Sie jetzt. Ich bin Ihrer nicht wert; aber ich werde es werden, denn ich will es. Ich werde eine weite Reise unternehmen. Beunruhigen sie sich meiner wegen nicht und lieben Sie mich! Binnen Jahresfrist werden Sie am nämlichen Tag einen Brief erhalten. Richten Sie sich so ein, dass Sie dann zu mir dahin kommen können, wohin ich Sie rufe. Wenn Sie dann meinen, ich hätte mich noch nicht genugsam umgewandelt, so werden Sie mir noch ein Jahr zugeben.... ein Jahr, zwei Jahre mit Hoffnung – die ist ja fast schon Glück für zwei Wesen, welche sich so lange ohne Hoffnung geliebt haben.‹


Sie sandte dieses Billett noch vormittags weg, allein man fand Lemor nicht. Er war am vergangenen Abend abgereist, man wusste nicht wohin und auf wie lange. Die Miete seiner bescheidenen Wohnung hatte er gekündigt. Indessen versicherte man, der Brief werde ihm dessen ungeachtet zukommen, indem einer seiner Freunde beauftragt sei, jeden Tag die etwa für ihn eingelaufenen Briefe abzuholen, um ihm dieselben nachzusenden.




Erster Tag





2. Kapitel.

Die Reise


Zwei Tage nachher durchfuhr Frau von Blanchemont, von ihrem Sohn, einer Kammerfrau und einem Diener begleitet, mit Postpferden die Einöden der Sologne.

Achtzig Meilen von Paris entfernt, befand sich unsere Reisende so ziemlich im Mittelpunkt Frankreichs und übernachtete in der dem Gut Blanchemont zunächst gelegenen Stadt. Blanchemont mochte kaum noch fünf bis sechs Meilen entfernt sein, allein obgleich seit einigen Jahren eine Menge neuer Straßen dem Verkehr eröffnet sind, stehen dennoch im Zentrum von Frankreich die verschiedenen Gegenden so wenig miteinander in Verbindung, dass es äußerst schwerfällt, auf eine gewisse Entfernung hin von den Landleuten bestimmte Aufschlüsse über die Lage der Ortschaften zu erhalten. Alle kennen zwar recht gut die Wege nach der Stadt und dem benachbarten Distrikt, wohin ihre Geschäfte sie von Zeit zu Zeit rufen; aber fragt einmal in einem Weiler, einem Pachthof nach, welcher nur eine Meile von der nächsten Umgegend abseits liegt, so wird man euch nur ausnahmsweise zurechtweisen können. Es gibt da so viele Wege und alle gleichen sich!

Am frühen Morgen aufgestanden, um die Abreise ihrer Gebieterin anzuordnen, konnten die Diener der Frau von Blanchemont weder von dem Wirt, noch von seinen Leuten, noch von den ländlichen Reisenden, welche alle noch halb schlaftrunken waren, irgendeine Nachweisung über das Gut Blanchemont erhalten. Niemand wusste genau, wo es lag. Der eine kam von Montluçon, der andere kannte Chateau-Meillant. Alle waren hundertmal in Ardentes und La Châtre gewesen, aber Blanchemont war ihnen nur dem Namen nach bekannt.

»Das muss ein einträgliches Gut sein«, meinte einer, »ich kenne den Pächter, aber ich war nie dort. Es ist weit von hier, wenigstens vier starke Meilen.«

»Hol’ mich Gott«, sagte ein anderer, »ich habe die Ochsen von Blanchemont erst voriges Jahr auf dem Jahrmarkt zu Berthenour gesehen und Herrn Bricolin, den Pächter, gesprochen, wie ich jetzt mit euch spreche. O gewiss, ja, ja, ich kenne Blanchemont, aber ich weiß nicht, nach welcher Richtung zu es liegt.«

Die Magd wusste, wie alle Wirtsmägde, nichts von der Umgegend und war, gleich ihren Mitdienstboten, erst seit kurzem hier im Dienste. Die Kammerfrau und der Diener, sonst gewohnt, ihrer Gebieterin nur an Aufenthaltsorte zu folgen, welche in zivilisierteren Gegenden lagen und mehr als zwanzig Meilen im Umkreis bekannt waren begannen zu glauben, sie befänden sich tief in der Wüste Sahara. Ihre Gesichter verlängerten sich bedeutend, und ihre Eigenliebe fühlte sich grausam verletzt, dass sie umsonst der Lage eines Schlosses nachgefragt, welches sie mit ihrer Gegenwart beehren wollten.

»Das ist demnach eine Baracke, eine Höhle!« sagte Susette mit verächtlicher Miene zu Lapierre.

»Das ist das Schloss der Korybanten«, versetzte Lapierre, welcher in seiner Jugend ein Melodrama von großem Erfolg, betitelt: ›das Schloss von Corisande‹, gesehen hatte und seither diesen Namen mit obiger Verdrehung auf alle Ruinen anwandte.

Endlich hatte der Stallknecht eine Erleuchtung.

»Ich habe da droben auf dem Heuboden einen«, sagte er, »welcher euch wohl Auskunft erteilen kann, denn es ist sein Beruf, Tag und Nacht im Lande umherzulaufen. Er ist der große Louis, auch der große Mehlhändler genannt.«

»Geh’ zu dem großen Mehlhändler«, befahl Lapierre mit majestätischer Miene. »Es scheint, diese Leiter da führt zu seinem Schlafgemach.«

Der große Mehlhändler stieg, sich streckend und seine gewaltigen Arme und Beine knacken lassend, von seinem Dachkämmerchen herab und beim Anblick seiner athletischen Gestalt und seines ausdrucksvollen Gesichtes ließ Lapierre die Miene und den Ton eines vornehmen Herrn, welche er angenommen, fahren und befragte ihn höflich. Der Mehlhändler war wirklich sehr gut unterrichtet, allein bei den Nachweisungen, die er gab, hielt es Susette für nötig, ihn zu Frau von Blanchemont zu führen, welche in dem großen Wirtszimmer mit dem kleinen Eduard Schokolade trank und, weit entfernt, die Bestürzung ihrer Leute zu teilen, vielmehr heiter gestimmt wurde, als diese ihr sagten, Blanchemont sei verloren und nicht wiederzufinden.

Das Muster des Menschenschlags der Gegend, welches sich in diesem Augenblick Marcelle vorstellte, maß fünf Fuß und acht Zoll, eine bemerkenswerte Größe in einem Lande, dessen Bewohner im Allgemeinen mehr klein, als groß sind. Seine Stärke war seiner Größe angemessen, er war wohlgestaltet, ungezwungen, seine Gesichtsbildung nicht gewöhnlich. Die Mädchen seiner Heimat nannten ihn den schönen Mehlhändler und es war dieses Epitheton gewiss so wohlverdient, als nur irgendeines. Wenn er sich mit der Rückseite seines Ärmels das Mehl von den Wangen strich, welches dieselben gewöhnlich bedeckte, enthüllte er gebräunte, regelmäßige Züge von schönster Färbung. Seine Augen waren schwarz und schön gespalten, seine Zähne glänzend, seine langen kastanienbraunen Haare zeigten jene Krausheit, welche starken Menschen eigentümlich ist, und rahmten eine breite, hochgewölbte Stirne ein, welche aber mehr Schlauheit und gesunden Menschenverstand, als dichterische Idealität verriet. Er hatte eine dunkelblaue Bluse und graulinnene Beinkleider an, keine Strümpfe, dickbesohlte, nägelbeschlagene Schuhe und führte einen Stock von Vogelbeerbaumholz, welchem ein Knoten am unteren Ende das Ansehen einer Keule gab. Er trat mit einer Sicherheit ein, welche man für Frechheit hätte halten können, wenn nicht der sanfte Glanz seiner Augen und das Lächeln seines großen, roten Mundes bezeugt hätten, dass Offenheit, Güte und eine Art philosophischer Sorglosigkeit die Grundzüge seines Charakters ausmachten.

»Gott grüße Sie, gnädige Frau!« sagte er, seinen breitkrempigen Hut von grauem Filz lüftend, ohne denselben ganz abzunehmen; denn wie der alte Bauer gewohnt und willig ist, jeden, der besser als er gekleidet ist, zu grüßen, ebenso zeichnet sich der nach der Revolution geborene Bauer durch seine Neigung aus, seine Kopfbedeckung an ihrem Ort zu lassen.

»Man hat mir gesagt, Sie wünschten mich nach dem Weg nach Blanchemont zu fragen?«

Die starke und sonore Stimme des großen Mehlhändlers machte Marcelle, welche seinen Eintritt nicht wahrgenommen, erschrecken. Sie kehrte sich hastig gegen ihn, anfänglich über seine Erscheinung etwas erstaunt. Aber dem Privilegium der Schönheit gemäß vergaßen der junge Müller und die junge Dame, indem sie sich gegenseitig betrachteten, jenes Misstrauen, welches der Unterschied des Standes anfangs immer einflößt. Nur glaubte Marcelle, als sie ihn zur Vertraulichkeit gestimmt sah, ihn mit großer Feinheit an die Rücksichten, welche man ihrem Geschlecht schuldig ist, erinnern zu müssen.

»Ich danke Ihnen verbindlich für Ihre Gefälligkeit«, erwiderte sie, ihn grüßend, »und bitte Sie, mein Herr, mir gütigst zu sagen, ob ein für Wagen praktikabler Weg von hier nach dem Gut Blanchemont führe.«

Der große Mehlhändler hatte, ohne dazu aufgefordert zu werden, bereits einen Stuhl genommen, um sich zu setzen; als er sich aber ›mein Herr‹ nennen hörte, begriff er mit dem seltenen Scharfsinn, der ihm eigen war, dass er eine wohlwollende und für ihn achtungswerte Person vor sich habe. Er nahm, ohne aus der Fassung zu kommen, seinen Hut vom Kopf und stützte seine Hände auf die Lehne des Stuhls, wie um sich eine festere Haltung zu geben.

»Es gibt einen Vizinalweg, der freilich nicht sehr angenehm ist, auf welchem man aber nicht umwirft, wenn man achtsam ist«, meinte er. »Das Beste wird sein, ihm zu folgen und keinen andern einzuschlagen. Ich werde Ihrem Postillion die nötige Unterweisung geben. Doch das Sicherste wäre, eine Patache[1 - Unbequeme Kutsche, d. Bearb.] zu nehmen, denn die Gewitterregen von neulich haben das schwarze Tal mehr, als recht ist, mitgenommen, und ich möchte nicht versprechen, dass die kleinen Räder Ihres Wagens die Geleise dort bewältigen werden. Es könnte zwar sein, aber ich stehe nicht gut dafür.«

»Ich sehe, dass mit Euren Fahrgeleisen nicht zu spaßen ist und dass es klüger sein wird, Ihrem Rate zu folgen. Sie sind gewiss, dass man mit einer Patache nicht Gefahr läuft, umgeworfen zu werden?«

»O, seien Sie ohne Furcht, gnädige Frau!«

»Für mich selber habe ich keine Furcht, wohl aber für dieses Kind. Nur seinetwegen bin ich besorgt.«

»Es wäre in der Tat schade, wenn der Kleine da zerquetscht würde«, sagte der große Mehlhändler, indem er sich dem kleinen Eduard mit einer Miene aufrichtigen Wohlwollens näherte. »Wie hübsch und edel er aussieht, der kleine Mann!«

»Er ist sehr zart, nicht wahr?« fragte Marcelle lächelnd.

»Ei, potztausend, er ist nicht stark, aber nett, wie ein Mädchen. Sie wollen also in unser Land kommen, Herrchen?«

»Schau’ mal den Riesen da!« rief Eduard aus, indem er sich an den Mehlhändler hängte, welcher sich über ihn gebeugt hatte. »Lass’ mich doch die Decke anrühren!«

Der Müller nahm das Kind und es über seinen Kopf erhebend, ging er mit ihm unter den verräucherten Balken der Saaldecke auf und ab.

»Haben Sie Acht!« sagte Frau von Blanchemont, ein wenig erschrocken über die ungezwungene Weise, womit der ländliche Herkules ihr Kind handhabte.

»O, seien Sie ruhig«, versetzte der große Louis, »ich wollte lieber alle Alochons meiner Mühle zerbrechen, als nur einen Finger dieses Herrn.«

Das Wort Alochons ergötzte das Kind sehr, welches dasselbe wiederholte, ohne es zu verstehen.

»Sie kennen das nicht?« sagte der Müller; »nun das sind die kleinen Flügel, die Holzschaufeln, welche am Ende der Radspeichen angebracht sind und die das Wasser fasst, um das Rad zu treiben. Ich werde Ihnen das zeigen, wenn Sie einmal zu uns kommen.«

»Ja, ja, Alochon!« versetzte das Kind, laut lachend und sich in den Armen des Müllers schaukelnd.

»Ist er ein Spaßvogel, der kleine Schlingel?« sagte der große Louis, indem er das Kind wieder auf dessen Stuhl setzte. »Doch jetzt, gnädige Frau, will ich meinen Geschäften nachgehen. Ist das alles, was ich für Sie tun kann?«

»Ja, mein Freund«, erwiderte Marcelle, deren wohlwollende Sinnesart sie ihre Zurückhaltung vergessen machte.

»O, ich verlange nichts Besseres, als Ihr Freund zu sein«, sagte der Müller munter und mit einem Blicke, welcher deutlich zu verstehen gab, dass eine solche Vertraulichkeit von Seiten einer weniger jungen und schönen Person nicht sehr nach seinem Geschmacke gewesen wäre.

›Schon gut‹, dachte Marcelle, ›ich werde mich darnach richten.‹ Dann sagte sie noch:

»Leben Sie wohl, mein Herr, auf Wiedersehen ohne Zweifel, denn Sie sind wohl ein Einwohner von Blanchemont?«

»Ein naher Nachbar. Ich bin der Müller von Angibault, eine Stunde entfernt wohnend von Ihrem Schlosse, denn ich merke, dass Sie die Herrin von Blanchemont sind.«

Marcelle hatte ihren Leuten verboten, ihr Inkognito zu verraten, indem sie unbemerkt durch das Land zu reisen wünschte. Nun aber sah sie an dem Gebaren des Müllers deutlich, dass ihre Eigenschaft als Gutsbesitzerin eben kein solches Aufsehen machte, wie sie befürchtet hatte. Ein Gutsbesitzer, welcher nicht auf seinem Gute lebt, ist ein Fremder, um welchen man sich nicht bekümmert. Der Pächter, der ihn repräsentiert und mit dem man in beständigem Geschäftsverkehr steht, ist eine weit wichtigere Person. —

Ungeachtet ihres Vorsatzes, zu guter Zeit aufzubrechen, um vor Eintritt der Mittagshitze Blanchemont zu erreichen, sah sich Marcelle dennoch genötigt, den größten Teil des Tages in ihrer Nachtherberge zuzubringen. Alle Patachen der Stadt waren fort, weil in der Nähe ein großer Jahrmarkt abgehalten wurde, und es musste die Rückkehr eines dieser Fuhrwerke abgewartet werden. Es war gegen drei Uhr nachmittags, als Susette kam, um ihrer Gebieterin zu melden, dass eine Art von abscheulichem Korbwagen das einzige Fuhrwerk sei, welches man bis jetzt für sie habe auftreiben können. Zur großen Verwunderung ihrer vortrefflichen Zofe zauderte Frau von Blanchemont nicht, sich in die Sache zu schicken. Sie nahm einige Pakete, welche das Notwendigste enthielten, zu sich, übergab die Sorge für ihre Kalesche und ihren Koffer dem Wirt und machte sich in der klassischen Patache, diesem ehrwürdigen Zeugen der Einfachheit unserer Väter, welcher von Tag zu Tag sogar in den Hohlwegen des schwarzen Tales seltener zu werden beginnt, auf den Weg.

Die Patache, welche zu finden Marcelle das Unglück gehabt, war von so äußerst altfränkischer Konstruktion, dass ein Altertümler sie mit Hochachtung betrachtet hätte. Sie war lang und tief, wie ein Sarg; die Räder, so hoch wie der Kasten, konnten den morastigen Gräben Trotz bieten, welche unsere Querwege durchschneiden und welche der Müller, unzweifelhaft aus Nationalstolz, zu Geleisen gemacht hatte; der Kasten selbst war weiter nichts, als ein Geflecht von Weiden, im Innern mit Kalk übertüncht, so dass bei jedem heftigeren Stoße Bruchstücke dieses Überzuges den Reisenden auf die Köpfe fielen. Ein kleines, mageres, feuriges und halsstarriges Pferd zog leicht genug diese ländliche Karosse und der Patachon, d. h. der Fuhrmann, welcher seitlings auf der Deichsel saß, war, in Betracht, dass es unsere Väter bequemer fanden, vermittelst eines Stuhles in den Wagen zu steigen, als sich in einem Fußtritt zu verwickeln, der am wenigsten Eingeengte und am wenigsten Gefährdete von der ganzen Reisegesellschaft.

Es existiert vielleicht in unserem Lande die eine oder andere Patache von dieser Art im Besitz alter, reicher Landleute, welche nicht von ihren Gewohnheiten ablassen wollen und behaupten, dass die in Federn hängenden Wagen den Wadenkrampf verursachen.

So lange man die gebahnte Straße verfolgte, war die Fahrt ziemlich erträglich. Der Patachon war ein roter, stumpfnasiger, frecher Bursche von fünfzehn Jahren, der sich um nichts kümmerte, sich, ohne alle Rücksicht auf die Frauen, nicht genierte, zum Antreiben des Pferdes seinen ganzen reichen Vorrat von Flüchen zu verwenden, und sich darin gefiel, die Kraft des mutigen Pony zu erschöpfen, der sein Leben lang noch keinen Hafer geschmeckt und dem der Anblick grünender Wiesen genügte, um bei gutem Mut zu bleiben. Als er sich aber im Verlauf des Weges in eine dürre Heide versetzt sah, begann er mit mehr unzufriedener, als widerspenstiger Miene den Kopf hängen zu lassen und seine Last mit einer Art Wut weiterzureißen, ohne der Unebenheiten der Straße zu achten, wodurch das Fuhrwerk in ein gefährliches Schwanken geriet.




3. Kapitel.

Der Bettler


Allein noch weit schlimmer gestaltete sich die Sache, als man die sandigen Heidewege verließ und zu den kotigen und steinigen Pfaden des schwarzen Tales hinabstieg. Vom Rande der sterilen Hochebene aus hatte Frau von Blanchemont die unermessliche und wundervolle Landschaft bewundert, welche sich ihr zu Füßen ausrollte und, in duftiger Ferne mit dem Himmelsgewölbe zusammenschmelzend, von den Strahlen der ihrem Untergang sich zuneigenden Sonne mit einem blassen, goldbesäumten Violett überhaucht war. Die Gegend gehört allerdings nicht zu den schönsten von Frankreich: die Vegetation ist von keiner großen Kraft, kein bedeutender Strom durchschneidet diese Distrikte, wo sich die Sonne in keinem Schieferdach spiegelt, kein malerisches Gebirge, nichts Überraschendes, nichts Außerordentliches findet sich in dieser friedlichen Natur – aber eine grandiose Entrollung von Ackerland, eine ins Unendliche gehende Reihenfolge von Feldern, Wiesen, Gehölzen und Feldwegen, welche in das dunkle, in Bläuliche schimmernde Grün des Ganzen Abwechslung bringen, ein buntes Durcheinander von zahllosen Hecken, von in Obstgärten versteckten Strohhütten, von Pappelgruppen, von buschigen Weiden in den Niederungen, alles dieses vereinigt sich zu einer zusammenstimmenden, fünfzig Meilen weit hingedehnten Landschaft, welche man von der Höhe der Strohhüttenweiler Labreuil oder Corlay mit einem Blicke überschaut.

Unsere Reisenden hatten sich indessen des Anblicks dieses prachtvollen Panorama nur kurze Zeit erfreuen können. Einmal in die holprichten Geleise des schwarzen Tales eingefahren, verwandelte sich die Szene. Die von hohem Buschwerk eingefassten Wege hinanklimmend und hinabfahrend und wieder hinanklimmend, konnte man den Abgründen nicht ausweichen, weil diese Wege selber Abgründe sind. Die Sonne verlieh den Bäumen, indem sie hinter denselben verschwand, ein eigentümliches, wunderlich anmutiges und wildes Aussehen, welches alle jene Täuschungen unterstützt, die in der Dämmerung Licht und Schatten mit den Sinnen und der Phantasie treiben. So lange die Sonne über dem Horizont stand, machte der rothaarige Wagenlenker seine Sache ziemlich gut, indem er den ausgefahrendsten und folglich auch holprichtsten, aber auch sichersten Weg verfolgte und das Fuhrwerk glücklich über zwei oder drei Bäche brachte, indem er sich nach den am Ufer sichtbaren Karrenspuren richtete. Aber als die Sonne untergegangen, fiel die Nacht sehr rasch auf diese Kreuz- und Querwege und der letzte Bauer, an welchen man sich fragend gewandt, versetzte sorglos:

»Nur zu, nur zu! Ihr habt nur noch eine kleine Meile zu fahren und der Weg ist fortwährend gut.«

Ach, das war der sechste Bauer, welcher binnen zwei Stunden den Reisenden gesagt hatte, dass sie nur noch eine kleine Meile vom Ziel ihrer Fahrt entfernt seien, und der fortwährend gute Weg war von einer Beschaffenheit, dass die Kräfte des Pferdes und die Geduld der Reisenden zugleich erschöpft waren. Marcelle selbst begann jetzt zu fürchten, umgeworfen zu werden, denn wenn auch der Patachon und sein Klepper, während es Tag war, den Weg mit vieler Geschicklichkeit gefunden hatten, so war es doch völlig unmöglich, dass sie jetzt, bei eingebrochener Nacht die tiefen Gräben vermeiden konnten, welche das durchschrittene Terrain ebenso gefährlich, als malerisch machten und euch jeden Augenblick der Gefahr aussetzen, zehn oder zwölf Fuß tief hinabzustürzen. Der Bursche, welcher noch nie zuvor im schwarzen Tal gewesen, wurde unwirsch und fluchte jedes Mal wie ein Besessener, wenn er sich genötigt sah, umzuwenden, um den Weg wieder aufzufinden, daneben klagte er über Hunger und Durst, sowie über die Müdigkeit seines Pferdes, welches er krumm und lahm schlug, und wünschte mit den Ausdrücken eines städtischen Spießbürgers diese wilde Gegend und ihre einfältigen Bewohner zu allen Teufeln.

Mehr als einmal waren Marcelle und ihre Leute, sobald sie an eine abschüssige, aber trockene Stelle des Weges kamen, abgestiegen, allein sie konnten dann kaum fünf Minuten vorwärtsgehen, ohne an eine Stelle zu kommen, wo der Weg sich verengte und von einer dem Boden gleichen, keinen Abfluss habenden Quelle zu einer Pfütze umgewandelt wurde, welche eine zartgebaute Frau unmöglich durchwaten konnte.

Susette, die Pariserin, wollte sich, wie sie sagte, lieber der Gefahr aussetzen, umgeworfen zu werden, als ihre Fußbekleidung in diesen Morasten stecken lassen und Lapierre, welcher sein Leben in Tanzschuhen auf gebohntem Fußboden zugebracht, war so linkisch und abgemattet, dass Frau von Blanchemont es nicht wagte, ihn ihr Kind tragen zu lassen.

Die gewöhnliche Antwort des Bauers, den man nach dem Wege fragt, lautet:

»Geht nur immer geradeaus, nur immer geradeaus!«

Dies ist weiter nichts, als ein Spaß, eine Art von Wortspiel, welches euch eurer Nase nachgehen heißt, denn es findet sich z. B. im schwarzen Tal nicht ein einziger geradeausgehender Weg. Die zahlreichen Gewässer der Indre, der Vauvre, der Couarde, des Gourdon und anderer unbedeutenderer Bäche, welche in ihrem Laufe die Namen wechseln und niemals das Joch einer Brücke getragen oder den Damm einer Straße gekannt haben, zwingen euch, tausend Umwege zu machen, um eine praktikable Furt zu finden, so zwar, dass ihr euch oft gezwungen seht, dem Ort, auf welchen ihr zustrebt, wieder und immer wieder den Rücken zu wenden.

Bei einem von einem Kreuze überragten Kreuzweg angekommen, welche Orte die Phantasie der Landleute immer zum Versammlungsplatz der Gespenster, Hexenmeister und phantastischer Tierungetüme macht, trafen unsere verirrten Reisenden auf einen Bettler, welcher auf dem ›Stein der Toten[2 - Dies ist ein ausgehöhlter Stein, in welchen jeder am Fuße des Kreuzes vorübergehender Leichenzug ein plump aus Holz geschnitztes Kreuzchen niederlegt.] ‹ sitzend, ihnen mit monotoner Stimme zurief:

»Barmherzige Seelen, schenkt Mitleid einem armen Unglücklichen!«

Die hohe, etwas gekrümmte Gestalt des sehr alten, aber noch kräftigen und mit einem gewaltigen Knittel bewaffneten Mannes konnte, auf den Fall eines feindlichen Zusammentreffens mit ihm unter vier Augen, einen nicht sehr ermutigenden Respekt einflößen. Man konnte seine finstern Züge nicht mehr unterscheiden, allein in seiner rauen Stimme lag mehr Befehlerisches als Bittendes. Seine traurige Stellung, sowie seine schmutzigen Lumpen kontrastierten seltsam mit dem verwelkten Blumenstrauß und dem verschossenen Band, womit er in einer Anwandlung fröhlicher Laune seinen Hut geschmückt hatte.

»Mein Freund«, redete ihn Marcelle an, indem sie ihm ein Silberstück gab, »weist uns doch auf den Weg nach Blanchemont, wenn Ihr ihn kennt.«

Statt ihr zu antworten, begann der Bettler sehr bedächtig und mit lauter Stimme ein lateinisches Ave Maria! zu beten.

»So gebt doch Antwort«, sagte Lapierre, »Ihr könnt Eure Paternoster nachher abmurmeln.«

Der Bettler kehrte sich mit einer Miene der Verachtung gegen den Lakaien und fuhr in seinem Gebete fort.

»Sprecht nicht mit diesem Kerl da«, sagte der Patachon, »das ist ein alter Lump, welcher im Lande umherstreift und niemals weiß, wo er ist. Man begegnet ihm überall, aber nirgends ist er bei Trost.«

»Den Weg nach Blanchemont?« sagte endlich der Bettler, nachdem er sein Gebet vollendet; »ihr habt einen falschen Weg eingeschlagen, meine Kinder und müsst wieder zurück, um den ersten zu nehmen, welcher rechts abfällt.«

»Seid Ihr dessen gewiss?« fragte Marcelle.

»Ich bin ihn mehr denn sechshundertmal gegangen. Wenn ihr mir nicht glaubt, so tut, was ihr wollt. Mir ist’s einerlei.«

»Er scheint seiner Sache sicher zu sein«, sagte Marcelle zu ihrem Fuhrmann; »folgen wir ihm, warum sollte er auch uns täuschen wollen?«

»Bah, aus purer Lust am Bösen«, versetzte der Patachon besorgt. »Ich traue diesem Kerl nicht.«

Marcelle bestand darauf, der Anweisung des Bettlers zu folgen, und bald fand sich die Patache in einen schmalen, krummen und außerordentlich jähen Hohlweg hineingetrieben.

»Ich sagte es wohl«, schrie der Patachon, dessen Pferd bei jedem Tritt stolperte, fluchend, »dass diesem alten Duckmäuser nicht zu trauen sei, dass er uns irreleite!«

»Macht vorwärts«, sagte Marcelle, »da uns der Rückzug abgeschnitten ist.«

Je weiter man vorwärts kam, desto unmöglicher ward gleichsam der Weg; allein er war, von zwei dichten Hecken eingerahmt, viel zu schmal, um ein Umwenden des Fuhrwerks zu gestatten.

Nachdem das kleine Pferd Wunder der Kraft und Hingebung getan, kam man unten bei einer dunkeln Gruppe von Eichen an, welche einen Wald zu begrenzen schienen. Der Weg ging plötzlich aus und die Reisenden sahen sich einer großen Wasserlache gegenüber, welche keineswegs so leicht zu passieren schien wie die Furt eines Baches. Der Patachon fuhr dessen ungeachtet hinein, doch in der Mitte des Wassers sank das Fuhrwerk so tief ein, dass er auf die Seite lenken wollte. Allein dies war die letzte Anstrengung seines magern Bucephalus. Die Patache sank bis zur Radnabe ein und das Tier stürzte, seine Stränge zerreißend, zu Boden.

Man musste es ausspannen. Lapierre trat, Stoßseufzer murmelnd, bis an die Knie ins Wasser, um dem Patachon zu helfen, allein da weder der eine noch der andere sehr kräftig war, so bleiben ihre Anstrengungen, das Fuhrwerk wieder emporzurichten, fruchtlos, worauf sich der Patachon auf sein Pferd schwang und, den Hexenmeister von Bettler verwünschend und bei allen Teufeln der Hölle schwörend, in schnellem Trott davonritt, um, wie er sagte, Hilfe herbeizuholen. Sein Ton ließ aber deutlich erraten, dass er sich verteufelt wenig daraus mache, seine Passagiere bis Tagesanbruch in dem Sumpfe stecken zu lassen.

Da die Patache nicht umgefallen war, sondern nur in dem Sumpf feststak, war es noch darin auszuhalten und Marcelle richtete sich auf dem Rücksitz ein, ihren Sohn auf dem Schoß haltend, um ihn in Schlummer zu wiegen, denn der kleine Eduard hatte schon lange nach seinem Nachtessen und seinem Bett verlangt und da ein einziges Naschwerk, welches ihm Susette aus ihrer Tasche darreichte, seinen Hunger besänftigte, so ließ er sich nicht lange bitten, einzuschlafen.

Frau von Blanchemont, welche vermutete, dass der kleine Fuhrmann, im Fall er eine gute Nachtherberge fände, sich nicht eben beeilen würde zurückzukommen, befahl hierauf ihrem Lapierre, er möchte sich in der Umgebung umsehen, ob er vielleicht eine jener versteckt liegenden Hütten anträfe, welche nach Sonnenuntergang so gut verschlossen und so schweigsam sind, dass man mit Händen greifen muss, um sie zu sehen, und sie mit Sturm einnehmen, um zu dieser ungewohnten Stunde Einlass zu finden. Der alte Lapierre hatte nur die eine Sorge, ein Feuer zu finden, um seine Füße zu trocknen und sich gegen einen Rheumatismus zu verwahren, weswegen er sich nicht lange befehlen ließ, sich aus dem Sumpf fortzumachen, und nachdem er sich versichert hatte, dass die Patache, auf dem umgestürzten Stumpf einer alten Weide ruhend, nicht mehr tiefer sich senken konnte, ging er weg.

Am trostlosesten gebarte sich Susette, welche sich entsetzlich vor Räubern, Wölfen und Schlangen fürchtete, drei Landplagen, welche im schwarzen Tal unbekannt sind, die aber nicht aufhören, der Phantasie eines reisenden Kammermädchens vorzuschweben. Indessen verhinderte sie die Kaltblütigkeit ihrer Herrin, sich ihrem Schrecken ganz hinzugeben, und, so bequem, als möglich, auf den Rücksitz sich niederkauernd, begnügte sie sich damit, leise zu weinen.

»Nun, was haben Sie denn, Susette?« fragte Marcelle, als sie es wahrnahm.

»Ach gnädige Frau«, entgegnete Susette schluchzend, »hören Sie nicht die Frösche quaken? Sie werden scharenweise in das Fuhrwerk hüpfen —«

»Und uns verschlingen, nicht?« versetzte Frau von Blanchemont lachend.

In der Tat hatten die grünen Bewohner des Sumpfes, für eine Weile durch den Sturz des Pferdes, und das Geschrei des Pferdelenkers eingeschüchtert, ihre eintönige Psalmodie wieder begonnen. Auch Hunde hörte man heulen und bellen, aber in so weiter Entfernung, dass man auf keine nahe Hilfe rechnen konnte. Der Mond war noch nicht aufgegangen, aber die Sterne spiegelten sich in dem stillen Wasser des Sumpfes, welches sich wieder geklärt hatte. Ein lauer Windhauch flüsterte in dem hohen Schilfe, das dicht am Ufer hinwucherte.

»Nun, Susette«, sagte Marcelle, in poetische Träumereien versunken, »es ist doch nicht so schrecklich in dieser Wasserlache, als man glauben sollte, und wenn Sie wollen, so können Sie hier ebenso gut schlafen, wie in Ihrem Bette.«

›Die gnädige Frau‹, dachte Susette, ›muss den Verstand verloren haben, um sich in einer solchen Lage wohlzufühlen.‹

»O Himmel, gnädige Frau«, rief sie nach einer Weile aus, »es kommt mir vor, als hörte ich einen Wolf heulen! Befinden wir uns nicht mitten in einem Walde?«

»Der Wald besteht, wie ich glaube, bloß aus einem Weidengebüsch, und was deinen heulenden Wolf betrifft, so ist’s ein Mensch, welcher singt. Wenn er sich hieher wendete, so könnte er uns helfen, das feste Land zu gewinnen.«

»Aber wenn es ein Räuber wäre.«

»In diesem Falle ist es ein, sehr wohlwollender Räuber, denn er benachrichtigt uns durch seinen Gesang, dass man sich vor ihm in Acht nehmen solle. Scherz beiseite, Susette, hören Sie, er kommt auf uns zu, die Stimme nähert sich.«

Wirklich tönte eine volle, männlich klangvolle, obschon raue und kunstlose Stimme über die schweigende Landschaft einher, von dem dumpfen und regelmäßigen Hufschlag eines Pferdes wie im Takt begleitet. Allein diese Stimme war noch weit entfernt und nichts konnte die Versicherung geben, dass der Sänger auf den Sumpf zukomme.

Als das Lied zu Ende war, hörte man nichts mehr, sei es, dass das Pferd auf grasigem Boden ging, sei es, dass der ländliche Reiter nach einer andern Richtung hingelenkt hatte. In diesem Augenblicke bemerkte Susette, von Furcht erfasst, einen schweigenden Schatten, welcher längs dem Sumpfe hinglitt und dessen im Wasser widerscheinender Schatten gigantisch erschien. Sie stieß einen Schrei aus und der Schatten erschien, in den Sumpf eingetreten, mit leichten und vorsichtigen Tritten neben der Patache.

»Ängstigen Sie sich nicht, Susette«, sagte Frau von Blanchemont, obgleich Sie in diesem Augenblicke selbst nicht ganz unbesorgt war: »das ist ja unser alter Bettler. Er wird uns wohl ein Haus zeigen können, wo wir Beistand finden.«

»Mein Freund«, sagte sie mit vieler Geistesgegenwart zu dem Bettler, »mein Diener da soll mit Euch gehen, damit Ihr ihm den Weg zu irgendeiner Behausung zeigen könnt.«

»Dein Diener, meine Kleine?« versetzte der Bettler vertraulich, »der ist nicht da, sondern weit weg und überdies ist er so alt, so einfältig und schwach, dass dir seine Gegenwart wenig nützen würde.....«

Jetzt begann auch Marcelle sich zu fürchten.




4. Kapitel.

Der Sumpf


Die Antwort des Bettlers ähnelte gar sehr der wilden Drohung eines Menschen, der Böses im Schilde führt. Marcelle drückte den kleinen Eduard an ihre Brust, entschlossen, ihn mit Gefahr ihres Lebens zu verteidigen, und war im Begriff, auf der dem Standpunkt des Bettlers entgegengesetzten Seite in das Wasser zu springen, als der bäurische Sänger, welcher vorhin hörbar gewesen, eine neue Strophe begann und diesmal sehr nahe. Der Bettler stand still.

»Wir sind verloren«, murmelte Susette; »da kommt der Rest der Bande!«

»Im Gegenteil: wir sind gerettet«, versetzte Marcelle, »dies ist die Stimme eines braven Bauers.«

In der Tat war die Stimme voll Sicherheit und ihr ruhiger und reiner Gesang zeugte von dem Frieden eines guten Gewissens. Der Hufschlag des Pferdes kam ebenfalls näher und der Landmann offenbar den Weg herab, welcher auf den Sumpf zuführte. Der Bettler ging an das Ufer zurück und blieb dort unbeweglich stehen, mehr Klugheit, als Schrecken verratend. Marcelle beugte sich aus der Kutsche vor, um dem Bauer zu rufen, allein er sang viel zu stark, um sie zu hören, und wenn nicht sein Pferd, über die schwarze Masse des Fuhrwerks vor ihm erschrocken, schnaubend stillgestanden wäre, so würde sein Reiter ohne Weiteres vorübergezogen sein. Jetzt aber, durch das Stillstehen seines Pferdes aufmerksam gemacht, schrie er mit einer Stentorstimme, welche gänzlich furchtlos klang und in welcher Frau von Blanchemont sogleich die des großen Mehlhändlers erkannte:

»Hollah, he! Freunde, Eure Karosse kann nicht weiter! Seid Ihr tot da drinnen, dass Ihr kein Lebenszeichen von Euch gebt?«

Sobald Susette den Müller erkannte, dessen Erscheinung ihr heute Morgen, trotz der mangelhaften Toilette des Mannes, gar nicht übel gefallen hatte, wurde sie wieder sehr munter. Sie setzte den beklagenswerten Zustand auseinander, in welchem ihre Herrin und sie sich befänden, und nachdem der große Louis ungeniert über ihr Missgeschick gelacht, versicherte er, es sei ihnen ganz leicht zu helfen. Hierauf machte er sich von dem großen Mehlsack los, welchen er quer vor sich auf dem Pferde hatte, und da er plötzlich den Bettler wahrnahm, welcher nicht daran zu denken schien, sich zu verstecken, sagte er in wohlwollendem Tone zu ihm:

»Was, Ihr seid da, Vater Cadoche? Macht Platz, dass ich meinen Sack abwerfen kann.«

»Ich wollte versuchen, diesen armen Kindern beizustehen«, versetzte der Bettler, »aber das Wasser ist so tief, dass ich darin nicht vorwärts kommen konnte.«

»Seid ganz ruhig, Alter, und macht Euch nicht vergeblich nass. In Eurem Alter ist so etwas gefährlich. Ich werde diese Frauen schon aus der Lache ziehen.«

Hierauf ritt er auf die Patache zu, wobei er sein Pferd bis an die Brust ins Wasser trieb.

»Kommen Sie, gnädige Frau«, sagte er heiter, »steigen Sie über den Rand des Kastens und nehmen Sie hinter mir Platz. Es ist nichts leichter und Sie werden nicht einmal Ihre Füße nass machen, denn Ihre Beine sind nicht so lang, wie die Ihres gehorsamen Dieners. Ihr Patachon muss ein rechter Esel sein, dass er sie hier stecken ließ; hätte er nur zwei Schritte weiter links gehalten, so würde er den Morast kaum sechs Zoll tief gefunden haben.«

»Ich bin untröstlich, Ihnen ein so abscheuliches Fußbad zu bereiten«, sagte Marcelle, »aber mein Kind…«

»Ah, der kleine Junker? So ist’s recht, ihn zuerst. Geben Sie mir ihn … ich halte ihn schon … da ist er vor mir. Seien Sie unbesorgt, der Sattel wird ihm nicht wehtun, denn mein Gaul ist eines solchen ebenso ungewohnt wie ich selber. Kommen Sie, setzen Sie sich hinter mich, kleine Dame, und haben Sie keine Furcht. Sophie ist stark auf den Lenden und sicher auf den Füßen.«

Und der Müller setzte Mutter und Kind sanft auf dem Rasen des Ufers nieder.

»Aber ich?« schrie Susette, »wollen Sie mich hier zurücklassen?«

»Keineswegs, Jungfer«, erwiderte der Müller, nach der Patache zurückreitend. »Geben Sie mir auch das Gepäcke her. Ich will alles miteinander ans Ufer bringen; Sie brauchen sich durchaus keine Unruhe zu machen.«

»Jetzt«, sagte er, nachdem er alles glücklich ans Land gebracht, »jetzt mag der unglückliche Patachon seinen erbärmlichen Karren holen, wenn es ihm beliebt. Ich habe weder Stränge noch Geschirr bei der Hand, um Sophie einspannen zu können; allein ich werde Sie hinführen, wohin Sie verlangen, meine kleinen Damen.«

»Sind wir weit von Blanchemont entfernt?« fragte Marcelle.

»Teufel, gewiss! Euer Patachon hat einen kuriosen Weg genommen, um Euch dorthin zu bringen. Es ist zwei Meilen weit, und wenn wir dort angekommen sein werden, wird alles in tiefem Schlafe liegen und es Mühe kosten, uns Eingang zu verschaffen. Allein, wenn Sie wollen, sind wir binnen einer kleinen Stunde in meiner Mühle von Angibault, wo es zwar nicht vornehm, aber doch reinlich zugeht, und meine Mutter ist eine gute Frau, welche nicht viele Umstände machen wird, aufzustehen, weiße Tücher in die Betten zu legen und zwei Hühnchen die Hälse umzudrehen. Wollen Sie, meine Damen? Kommen Sie ganz ungeniert. In dem Krieg geht es zu, wie im Krieg, in der Mühle, wie in der Mühle. Morgen in der Frühe wird die Patache, welche die Nacht im Freien zubringen kann, ohne einen Schnupfen zu kriegen, gereinigt und imstande sein, Sie, sobald Sie wollen, nach Blanchemont zu bringen.«

Es lag so viel Herzlichkeit und eine Art Zartgefühl in der unerwarteten Einladung des Müllers, dass Marcelle, gewonnen durch sein gutes Herz und die Erwähnung seiner Mutter, sein Anerbieten mit Dank annahm.

»So ist’s recht, Sie machen mir Freude«, sagte der Mehlhändler. »Ich kenne Sie nicht. Sie sind vielleicht die Dame von Blanchemont, aber das ist einerlei, ja, wären Sie auch der Teufel in eigener Person (und man sagt, er könne sich schön und liebenswürdig machen, wenn es ihm gefiele), ich möchte Sie doch die Nacht nicht in so übler Lage verbringen lassen. Ah, richtig, meinen Mehlsack kann ich nicht zurücklassen. Ich will ihn auf Sophie legen, der Kleine wird sich darauf setzen, die Mutter hinter den Sack; er wird Sie nicht genieren, sondern Ihnen im Gegenteil zu einem Haltpunkt dienen. Die Jungfer kann wohl mit mir zu Fuße gehen, mit Vater Cadoche plaudernd, der zwar nicht zum Besten angezogen ist, aber viel Verstand hat. Aber wo ist sie denn hin, die alte Eidechse?« setzte er bei, den Bettler mit den Augen suchend.

»Hollah, he! Vater Cadoche, kommt, in meinem Hause zu schlafen! .... Er gibt keine Antwort, er hat also für diesen Abend keine Lust. Kommen Sie, meine Damen!«

»Dieser Mensch hat uns sehr erschreckt«, sagte Marcelle, »kennen Sie ihn?«

»Seit ich auf der Welt bin. Er ist kein böser Mensch und Sie taten Unrecht, ihn zu fürchten.«

»Es schien mir dennoch, als drohte er uns, und seine Manier, uns zu duzen, kam mir nicht sehr freundschaftlich vor.«

»Er hat Sie geduzt? Der alte Spaßvogel! Er ist wahrhaftig nicht blöde! Aber das ist so seine Art, geben Sie nicht darauf Acht. Er ist ein Mensch ohne alle Bosheit, ein Original, der Vater Cadoche, mit einem Wort, der ›Allerweltsvetter‹, wie man ihn nennt, welcher jedem verspricht, ihn zum Erben einzusetzen, obgleich er so arm ist wie sein Stecken.«

Marcelle ritt sehr bequem auf der starken und friedlichen Sophie, und der kleine Eduard gefiel sich ›in dieser Art, zu gehen‹, wie der gute Lafontaine sich ausdrückt, außerordentlich. Er spornte mit seinen Füßchen den Hals des Pferdes, welches nichts davon spürte und deshalb nicht rascher ging. Es ging wie ein echtes Mühlpferd, ohne der Leitung zu bedürfen, seinen Weg genau kennend und in der Dunkelheit an Wassern und Felsen vorüberschreitend, ohne sich jemals zu irren oder einen falschen Tritt zu tun. Zur Beruhigung Marcelles, welche für ihren alten Diener von einer im Freien zugebrachten Nacht schlimme Folgen befürchtete, ließ der Müller zu wiederholten Malen seine Stimme ertönen, um Lapierre herbeizurufen, und dieser, der sich in einem benachbarten Gebüsch verirrt hatte und seit einer halben Stunde auf dem Flächenraum eines Morgens sich im Kreise herumbewegte, vereinigte sich bald mit der kleinen Karawane.

Nach Verfluss einer Stunde ließ sich das Geräusch eines Wehrs hören und die ersten Strahlen des aufgehenden Mondes ließen das von Weinreben überwucherte Dach der Mühle gewahren und den silbern glänzenden Bach, dessen Ufer mit Krausemünze und Seifenkraut bedeckt waren. Marcelle sprang leicht auf diesen duftenden Teppich nieder, nachdem sie dem Müller ihren Knaben in die Arme gelegt, der sich den ganzen Weg über munter und mutig gezeigt hatte und jetzt, seine Ärmchen um den Hals des großen Louis schlingend, zu ihm sagte:

»Guten Abend, Alochon!«

Der Müller hatte seinen Gästen nicht zu viel versprochen: seine alte Mutter stand, ohne übellaunig zu werden, auf und hatte mit Hilfe einer kleinen Magd von vierzehn bis fünfzehn Jahren die Betten bald in Bereitschaft. Frau von Blanchemont empfand mehr das Bedürfnis der Ruhe als des Essens, weswegen Sie sich von der alten Müllerin nichts denn eine Schale Milch reichen ließ, und dann entschlief sie, abgemattet und erschöpft, ihr Kind an der mütterlichen Seite, in einem Federbett von unermesslicher Höhe und ausgesuchter Weichheit.

Diese Federbetten, deren durchgängiger Fehler zu große Wärme und Weichheit ist, bilden, mit einem schwellenden Strohsack als Unterlage, ohne Unterschied des Reichtums oder der Armut, die Lagerstätten der Bewohner dieser Gegenden, welche an Gänsen Überfluss hat und wo die Winter sehr kalt sind. Ermüdet durch eine Eilreise von achtzig Meilen und dann noch durch die Fahrt in der Patache, welche sozusagen das Tüpfelchen auf das i gemacht, hätte die schöne Pariserin gerne recht lang in den Morgen hinein geschlafen; allein kaum war die Morgenröte erschienen, als das Krähen der Hähne, das Klappern der Mühle, die laute Stimme des Müllers und alle jene Laute ländlicher Tätigkeit sie nötigten, auf eine längere Ruhe zu verzichten, abgesehen davon, dass Eduard, welcher gar nicht ermüdet und auf welchen die Landluft bereits einen stärkenden Einfluss zu üben schien, anfing, lustige Sprünge auf dem Bett auszuführen.

Susette, deren Lager im nämlichen Gemach sich befand, schlief, allem Geräusche von außen zum Trotz, so fest, dass Marcelle sich ein Bedenken daraus machte, sie aufzuscheuchen, und auf der Stelle die neue Lebensweise, welche sie sich vorgesetzt, beginnend, stand sie auf, kleidete sich ohne den Beistand ihres Kammermädchens an, besorgte vergnügt den Anzug und Aufputz ihres Sohnes und ging dann hinaus, um ihren Wirten guten Morgen zu sagen.

Sie traf nur den Müllerburschen und die Magd, welche ihr sagten, der Meister und die Meisterin seien ans Ende der Wiese gegangen, um das Frühstück zuzurichten. Neugierig, zu sehen, worin diese Zurüstungen beständen, überschritt Marcelle die ländliche Brücke, welche zugleich der Schleuse der Mühle zum Anhaltspunkt diente, und eine hübsche Anpflanzung von jungen Pappeln links lassend, ging sie über die Wiese, dem Lauf des Flusses oder vielmehr des Baches entlang, welcher, jederzeit voll bis an den Rand und eingerahmt von blühendem Rasen, an dieser Stelle nicht mehr als zehn Fuß breit war. Trotz seines stillen Laufes ist aber das Wasser von bedeutender Kraft und bildet bei der Anfahrt der Mühle ein beträchtlich großes, unbewegliches, tiefes und wie eine Eismasse aussehendes Bassin, in welchem sich die alten Weiden und die bemoosten Dächer der Behausung spiegeln. Marcelle betrachtete dieses friedliche und reizende Heimwesen, welches ihr Herz anmutete, ohne dass sie wusste, warum. Sie hatte schon schönere gesehen, allein es gibt Orte, welche ich weiß nicht was für eine unwiderstehliche Anziehungskraft üben und an welchen uns Freude, Kummer oder Pflichten zu erwarten scheinen.




5. Kapitel.

Die Mühle


Indem Marcelle durch das weit hingedehnte Gehölz wandelte, glaubte sie in einen noch jungfräulichen Wald einzutreten. Der Boden, vielfach durch die Gewässer unterhöhlt und zerrissen, war mit einer üppigen Vegetation bedeckt. Man sah, dass der kleine Fluss in den Regenmonaten große Verheerungen anzurichten imstande sei. Prächtige Weiden, Buchen und Zitterespen, deren ungeheure Wurzeln unbedeckt über den feuchten Sand hinkrochen, ineinander verschlungenen Schlangen ähnelnd, neigten sich gegeneinander in einer majestätischen Unordnung. Das in mehrere Arme geteilte Flüsschen schnitt launenhaft eine Menge Grasplätze voneinander ab, auf welchen über dem Rasen wilde Rosen blühten, üppige Brombeerranken sich durcheinanderkreuzten und hundert Arten von wilden Kräutern in buschhohem Wuchse und der unvergleichlichen Anmut ihres freien Daseins prangten. Niemals hätte ein englischer Garten diesen Überschwang der Natur, diese so glücklich gruppierten Massen, diese zahllosen Bassins, in welche sich der Bach unter Blumen einmündet und aus welchen er wieder nach allen Seiten hin entfließt, diese Laubengänge, welche über dem Wasser sich zusammenranken, diese reizenden Zufälligkeiten des Bodens, diese durchbrochenen Dämme, diese zerstreuten Pfähle, welche das Moos überwuchert und welche hergesetzt worden zu sein schienen, um die Schönheit des Ganzen zu vervollständigen, nachahmen können.

Marcelle verharrte lange in einer Art von Entzückung und würde noch länger sich selbst vergessen haben, ohne die Anwesenheit des kleinen Eduards, der wie ein mutwilliges Hirschkalb umherlief, begierig, die Spuren seiner Füßchen dem frischen Ufersand einzudrücken. Die Besorgnis, er möchte ins Wasser fallen, erweckte sie aus ihrem Selbstvergessen.

Sich an seine Schritte heftend, lief sie neben ihm her, und sich mehr und mehr in die reizende Einsamkeit vertiefend, meinte sie von einem jener Träume befangen zu sein, in welchen uns die Natur in ihrer ganzen Herrlichkeit erscheint, so dass man sagen könnte, man hätte eine Vision vom irdischen Paradies gehabt. Endlich zeigte sich der Müller und seine Mutter auf dem gegenüberliegenden Ufer, er, sein Netz nach Forellen auswerfend, sie, ihre Kuh melkend.

»Ah ha, meine kleine Dame! Sind Sie schon aufgestanden?« rief der Mehlhändler aus. »Sie sehen, wir beschäftigen uns mit Ihnen. Da ist meine alte Mutter, welche sich quält, dass sie Ihnen nicht mit etwas Gutem aufwarten könne, ich aber, ich sage, dass Sie mit unserem guten Willen vorlieb nehmen werden. Wir sind freilich weder Garköche noch Wirte, aber ein guter Appetit auf der einen Seite und ein guter Wille auf der andern…«

»Sie behandeln mich viel zu gut, liebe Leute«, versetzte Marcelle, indem sie, mit Eduard auf den Armen, eine Bohle, welche als Brücke diente, überschritt, um sich mit ihren Wirten zu vereinigen. »Niemals habe ich so gut geschlafen, niemals einen so schönen Morgen gesehen wie bei Ihnen. Was Sie für schöne Forellen fangen, Herr Müller, und wie weiß und rahmig Ihre Milch ist, Mutter! Sie verziehen mich und ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll.«

»Wir sind schon bedankt, wenn Sie zufrieden sind«, versetzte die Alte lächelnd. »Wir haben noch niemals so vornehme Leute gesehen, wie Sie sind, und verstehen keine Komplimente zu machen. Aber wir sehen wohl, dass Sie brav und ohne Umstände sind. Kommen Sie, wir wollen ins Haus gehen; der Eierkuchen wird bald gebacken sein und der Kleine mag gewiss die Erdbeeren. Wir haben deren ein ganzes Beet voll im Garten und es macht ihm vielleicht Spaß, sie selber zu pflücken.«

»Sie sind so gut und Ihr Land ist so schön, dass ich mein Leben hier zubringen will«, sagte Marcelle herzlich.

»Ist’s wahr?« entgegnete der Müller mit wohl wollendem Lächeln; »gut, wenn es Ihnen Ihr Herz sagt. … Ihr seht jetzt, Mutter, dass unser Land nicht so übel ist, wie Ihr meint, da ja eine so reiche Dame sich hier wohlbefinden kann.«

»Ja, unter der Bedingung, dass sie sich ein Schloss baut, und doch wäre dieses Schloss nicht am besten Platze angebracht.«

»Ist’s möglich, dass es Ihnen hier nicht gefällt?« fragte Marcelle erstaunt.

»O, mir gefällt es schon«, entgegnete die Alte, »Ich habe hier mein Leben verbracht und werde, so es Gott gefällt, hier sterben. Ich habe in den fünfundsechzig Jahren, seit ich hier hause, wohl Zeit gehabt, mich anzugewöhnen, und dann ist man ohnehin genötigt, mit dem Land, das man hat, zufrieden zu sein. Aber Sie, gnädige Frau, wenn Sie gezwungen wären, hier den Winter zuzubringen, so würden Sie nicht mehr sagen, das Land sei schön. Wenn die großen Gewässer alle unsere Felder überschwemmen und man nicht einmal mehr auf den Hof hinausgehen kann, nein, nein, dann ist’s eben nicht sehr hübsch.«

»Bah, bah, die Weiber fürchten sich immer«, sagte der große Louis. »Ihr wisst recht wohl, dass die Gewässer dem Hause nichts anhaben können und dass die Mühle sicher liegt. Und dann, wann die schlimme Jahreszeit kommt, nun so muss man sie eben hinnehmen, wie sie ist. Den ganzen Winter über sehnt Ihr Euch nach dem Sommer, Mutter, und während des Sommers beunruhigt Ihr Euch fortwährend über den kommenden Winter. Ich meinesteils sage, dass man hier glücklich und sorgenlos leben kann.«

»So, und warum tust du denn nicht, was du sagst?« erwiderte die Mutter. »Bist du sorglos, du? Fühlst du dich als Müller glücklich und als Bewohner eines so oft rings im Wasser stehenden Hauses? Ei, gib Acht, wenn ich alles wiederholen wollte, was du so oft über das Missgeschick, nicht besser zu wohnen und kein Glück machen zu können, gesagt!…«

»Es ist sehr überflüssig, alle die Dummheiten zu wiederholen, welche ich schon gesprochen, Mutter, und Ihr könnt Euch diese Mühe wohl ersparen.«

Indem er diese Worte in vorwurfsvollem Tone sprach, blickte der Müller seine Mutter sanft und fast flehend an. Ihre Unterhaltung schien der Frau von Blanchemont keineswegs so banal, wie sie bisher dem Leser vorgekommen sein mag. Ihrer Stimmung zufolge wünschte sie zu erfahren, in welcher Weise das bäurische Leben, für die Armen das noch am wenigsten harte, von denen, die es zu führen genötigt waren, aufgefasst und hingenommen werde. Sie brachte zu dieser Erforschung keine allzu romanhafte Vorstellungen mit, denn Heinrich, welcher an dem Vermögen seiner Geliebten, in ein solches Leben sich zu finden, zweifelte, hatte ihr die Entbehrungen und Mühen desselben nicht verborgen. Allein sie glaubte, diese Mühen würden ihre Kräfte nicht übersteigen, und was ihr an ihren Wirten besonders auffiel, war der Grad von Philosophie oder Unempfänglichkeit derselben für die Natur, verglichen mit den Eindrücken, welche diese auf ihr eigenes Gemüt hervorbrachte. Als daher der große Louis weggegangen, um, wie er sagte, seine Forellen in die Bratpfanne zu liefern, ließ sie ihrer Neugierde ein wenig den Lauf, indem sie zu der alten Müllerin sagte:

»Sie fühlen sich also nicht glücklich und auch Ihr Sohn ist, obgleich er so frohmütig aussieht, zuweilen bekümmert?«

»O, gnädige Frau, was mich betrifft, so bin ich reich und zufrieden, wenn ich meinen Sohn glücklich sehe. Mein verstorbener Mann war in guten Umständen, sein Handel ging gut, allein leider ist er gestorben, bevor er seine Kinder erziehen konnte, und so musste ich es zu machen suchen, so gut es ging, und alle meine Kinder nach Kräften aussteuern. Da hat denn freilich keines gar viel bekommen. Die Mühle blieb meinem Louis, welchen man den großen Louis nennt, wie man seinen Vater den großen Jean nannte und wie man mich die große Marie nennt; denn, Gott sei Dank, man gedeiht recht wacker in unserer Familie und meine Kinder sind alle wohlgewachsen. Das ist aber auch das vorzüglichste unserer Besitztümer; die andern sind so unbedeutend, dass man sich keine falschen Hoffnungen machen kann.«

»Aber warum wollen Sie denn reicher sein? Haben Sie von Ihrer Armut irgendwie zu leiden? Es scheint mir, dass Sie gut wohnen, dass Ihr Brot weiß, Ihre Gesundheit vortrefflich ist.«

»Ja, ja, Dank sei dem guten Gott, wir haben das Nötige, und es gibt vielleicht vermöglichere Leute, als wir sind, die nicht alles haben, was sie brauchen. Aber sehen Sie, gnädige Frau, man ist glücklich oder unglücklich, je nachdem man sich’s einbildet.«

»Sie kommen auf den rechten Punkt;« sagte Marcelle, welche in den Zügen und in der Sprache der Müllerin eine naive Klugheit und einen gerechten Sinn wahrnahm. »Da Sie sich aber sehr gut in die Dinge zu schicken wissen, wie kommt es, dass Sie sich beklagen?«

»Nicht ich beklage mich, sondern mein großer Louis, oder, um deutlicher zu sprechen, ich bin es, die sich beklagt, weil ich ihn unzufrieden sehe, und er ist es, der sich nicht beklagt, weil er mutig ist und mich zu betrüben fürchtet. Aber zuweilen entfährt ihm bei alledem doch ein Wort, ein Wort, das mir das Herz zerschneidet. Er sagt dann: ›Niemals, niemals, Mutter!‹ und will damit sagen, dass er nichts mehr hoffe. Aber da er, wie sein armer Vater selig, von Natur zur Heiterkeit aufgelegt ist, so gibt er sich zuweilen das Ansehen, als hätte er sich gefasst, und macht mir allerlei Schwänke vor, sei es, dass er mich trösten will, sei es, dass er sich einbildet, das, was er sich in den Kopf gesetzt, werde noch eintreffen.«

»Aber was hat er sich denn in den Kopf gesetzt? Ist es Ehrgeiz?«

»Ach freilich, ’s ist ein außerordentlicher Ehrgeiz, eine wahre Narrheit, und doch ist’s nicht die Liebe zum Geld, denn er ist nicht geizig, durchaus nicht. Bei der Teilung der Erbschaft hat er seinen Brüdern und Schwestern alles abgetreten, was sie wollten, und wenn er irgendeinen Gewinnst macht, so ist er bereit, mit jedem Bedürftigen zu teilen. Auch Eitelkeit ist es nicht, denn er geht immer in seiner Bauerntracht, obgleich er gut erzogen wurde und wohl die Mittel besäße, sich zu kleiden wie ein Städter. Endlich ist’s auch nicht Hang zur Verschwendung, zum lustigen Leben, denn er enthält sich von allem und geht nur hin, wohin seine Geschäfte ihn rufen.«

»Nun denn, was ist es doch?« fragte Marcelle, deren sanfte Züge und herzlicher Ton das Vertrauen der alten Frau unmerklich gewonnen.

»Ei, was meinen Sie, dass es anders sein könne, wenn nicht die Liebe?« versetzte die Müllerin mit jenem geheimnisvollen Lächeln und jenem unbeschreiblichen Augenblinzeln, welches zwischen allen Frauen, seien sie sich im Alter oder Rang noch so ungleich, betreffs des Kapitels der Liebe Verständnis und Teilnahme vermittelt.

»Sie haben Recht«, sagte Marcelle, der großen Marie nähertretend, »es ist die Liebe, diese große Frieden- und Freudenstörerin der Jugend! Und ist die Frau, welche er liebt, denn so gar reicher als er?«

»O, ’s ist keine Frau! Mein armer Louis hat zu viel Ehre im Leib, um an eine Frau zu denken! ’s ist, ein Mädchen, ein junges Mädchen, ein hübsches Mädchen und, meiner Treu, ein braves Mädchen, das muss man sagen. Aber sie ist reich, sehr reich und nie werden ihre Eltern sie einem Müller geben wollen.«

Marcelle, welche von der Ähnlichkeit zwischen dem Roman des Müllers und dem ihres eigenen Lebens betroffen wurde, verriet eine mit Rührung vermischte Neugierde.

»Aber wenn dieses hübsche und brave Mädchen Ihren Sohn liebt«, sagte sie, »so wird sie ihn zuletzt doch heiraten.«

»Das hab’ ich mir auch schon gesagt, gnädige Frau, denn sie hat ihn gern, dessen bin ich gewiss, obgleich mein großer Louis es nicht weiß. ’s ist ein kluges Mädchen und wird zu keinem Mann sagen, sie wolle ihn heiraten ihren Eltern zum Trotz. Und dann ist sie ein wenig schelmisch, ein wenig kokett, wie man das in ihrem Alter so ist, denn sie ist erst achtzehn. Ihr neckisches Gesicht bringt meinen Sohn zur Verzweiflung, so dass ich, wenn ich sehe, dass er nicht isst und seinen Verdruss an Sophie, unserer Stute, mit Respekt zu sagen, auslässt, mich nicht enthalten kann, ihm zu sagen, was ich denke. Er glaubt mir ein wenig, denn er sieht wohl, dass ich die Weiberherzen länger und besser kenne als er. Ich, ich sehe es gar wohl, dass die Schöne errötet, wenn sie mit ihm zusammentrifft, und dass sie ihn mit den Augen sucht, wenn sie herkommt; aber ich tue Unrecht, den Knaben in seiner Narrheit zu bestärken, und würde besser tun, wenn ich ihm sagte, er solle sie sich aus dem Sinne schlagen.«

»Warum denn?« fragte Marcelle. »Die Liebe macht alles möglich. Seien Sie versichert, gute Mutter, ein liebendes Weib ist stärker, als alle Hindernisse.«

»Ja, so dachte ich auch, als ich jung war. Ich sagte mir, die Liebe eines Weibes sei wie ein Waldstrom, der alles, was sich seinem Lauf entgegenstellt, durchbricht und der Schleusen und Dämmen spottet. Ich war reicher, als mein armer großer Jean, ich, und doch hab’ ich ihn geheiratet. Aber es war doch kein solcher Unterschied, wie zwischen uns und der Jungfer…«

Hier unterbrach der kleine Eduard die Müllerin, indem er seiner Mutter zurief:

»Schau’ einmal, Heinrich ist hier!«




6. Kapitel.

Ein Name auf einem Baumstamm



Frau von Blanchemont erbebte und aus der Tiefe ihres Herzens drängte sich ein Schrei über ihre Lippen, indem sie mit den Augen umherspähte, was den Ausruf des Kleinen verursacht haben könnte. Den Blicken und Gebärden Eduards folgend, gewahrte Marcelle einen Namen, welcher mit einem Federmesser in die Rinde eines Baumes geschnitten war. Das Kind fing an, lesen zu lernen, vornehmlich solche Worte, welche ihm vertraut waren, gewisse Namen, welche man ihn vielleicht öfters als andere hatte buchstabieren lassen. Er hatte sogleich den Namen Heinrich auf dem glatten Stamme der Weißpappel erkannt und bildete sich ein, sein Freund müsse ihn eingeschnitten haben, und von der Einbildung ihres Sohnes hingerissen, überredete sich Marcelle einige Augenblicke lang gleich ihm, sie werde Heinrich Lemor aus den Schatten der Birken und Espen hervortreten sehen. Sie bedurfte freilich keines langen Nachdenkens, um über die Leichtigkeit, sich selbst zu täuschen, traurig zu lächeln. Indessen konnte sie sich, weil man nun einmal einer Hoffnung, und wäre sie noch so töricht, nicht gerne freiwillig entsagt, nicht enthalten, die Müllerin zu fragen, welche Person ihrer Familie oder Verwandtschaft den Namen Heinrich führe.

»Keine, soviel ich weiß«, entgegnete Mutter Marie. »Es gibt zwar in dem Marktflecken Nohant eine Familie Heinrich, aber das sind Leute, wie ich, welche weder auf Papier noch auf Baumrinde zu schreiben verstehen; einer ihrer Söhne vielleicht, der von der Armee zurückgekehrt ist… aber nein, der ist schon länger als zwei Jahre nicht mehr hier gewesen.«

»Sie wissen also nicht, wer diesen Namen geschrieben haben könnte?«

»Ich wusste nicht einmal, dass sich da etwas Geschriebenes fände. Ich habe es nie beachtet und hätte ich es auch gesehen, so würde ich es nicht haben lesen können. Ich hatte zwar die Mittel, eine bessere Erziehung zu genießen, aber zu meiner Zeit war das nicht der Brauch. Man machte ein Kreuz statt der Unterschrift und das war vor dem Gesetz genug.«

Der Müller kam jetzt zurück, um seinem Gast zu sagen, dass das Frühstück bereit stünde, und als er, der lesen und schreiben konnte, bemerkte, mit welcher Aufmerksamkeit Marcelle den Namen betrachtete, den er bis jetzt ebenfalls nicht wahrgenommen, suchte er ihr die Sache zu erklären.

»Ich erinnere mich nur eines Mannes, der dieser Tage hier war und sich an solchen Dingen ergötzt haben könnte«, sagte er, »denn es kommen nicht viele Stadtleute hieher.«

»Und wer ist dieser Mann«, fragte Marcelle, sich bemühend, gleichgültig auszusehen.

»Es war ein Herr, welcher uns seinen Namen nicht gesagt hat«, entgegnete die Alte. »Wir wissen zwar nicht viel von seiner Lebensart, doch so viel wissen wir, dass sich Neugierde nicht schickt. Louis gleicht in dieser Beziehung mir und nicht unsern Landsleuten, welche alle Fremden die Kreuz und Quer ausfragen; wir verlangen das nicht zu wissen, was man uns nicht wissen lassen will. Der erwähnte Herr sah aber aus, als wollte er seine Namen und seine Absichten für sich behalten.«

»Und doch legte der junge Mann uns seinerseits viele Fragen vor«, bemerkte Louis, »so dass wir wohl das Recht gehabt hätten, auch unsererseits zu fragen. Ich weiß nicht, warum ich es nicht gewagt. Er hatte doch kein schlimmes Aussehen und ich bin von Natur eben nicht blöde. Er hatte eine sonderbare Miene, welche mich beunruhigte.«

»Was für eine Miene denn?« fragte Marcelle, deren Neugierde und Interesse sich mit jedem Wort des Müllers steigerte.

»Ich weiß es Ihnen nicht zu sagen«, versetzte er, »ich gab nicht sehr Acht darauf, während er da war, und begann erst nach seinem Weggehen darüber nachzudenken. Ihr erinnert Euch, Mutter?«

»Ja, du sagtest zu mir: Seht, Mutter, das ist ein Mann, wie ich; er hat nicht, was er wünscht.«

»Bah, bah, das sagte ich nicht«, entgegnete Louis, welcher besorgte, seine Mutter möchte sich sein Geheimnis entschlüpfen lassen, und nicht ahnte, dass dieses bereits geschehen sei; »ich sagte einfach: das ist ein Mann, der nicht sehr mit der Welt zufrieden zu sein scheint.«

»Er war also sehr traurig?« fragte Marcelle bewegt.

»Er sah sehr nachdenklich aus. Er blieb wenigstens drei Stunden allein, da, wo Sie jetzt stehen, auf dem Boden sitzend, und starrte in den Fluss, als ob er die Wassertropfen zählen wollte. Ich glaubte, er sei krank, und ging zweimal zu ihm, um ihn einzuladen, ins Haus zu treten und sich zu erfrischen; als ich mich aber ihm näherte, fuhr er auf, als erwachte er aus einem Traume, und sah verdrießlich drein. Sogleich aber nahm er eine sanfte und wohlwollende Miene an und dankte mir. Dann nahm er ein Stück Brot und ein Glas Wasser an, weiter nichts.«

»Das ist Heinrich!« rief der kleine Eduard aus, welcher sich an dem Rock seiner Mutter festhielt, »du weißt wohl, Mama, dass Heinrich niemals Wein trinkt.«

Frau von Blanchemont errötete, erblasste, errötete abermals und fragte mit einer Stimme, welcher sie umsonst Festigkeit zu geben suchte, weswegen wohl dieser Fremdling in die Gegend gekommen.

»Darüber kann ich Ihnen keine Auskunft geben«, erwiderte der Müller, indem er seinen durchdringenden Blick auf das bewegte Gesicht der jungen Dame richtete und bei sich sagte: ›Das ist schon wieder jemand, der sich, wie ich, etwas in den Kopf gesetzt hat‹, und um so viel wie möglich, der Neugierde Marcelles bezugs des Fremden, sowie seiner eigenen bezugs der Empfindungen seines Gastes genugzutun, verbreitete er sich weitläufig über alle Einzelheiten, welche sie mit Spannung anhörte. Der Fremde war ungefähr vor vierzehn Tagen zu Fuß angekommen, nachdem er zwei Tage in dem schwarzen Tal umhergeirrt, und dann hatte man ihn nicht wieder gesehen. Man wusste nicht, wo er die Nacht zugebracht, und der Müller meinte, wahrscheinlich unter freiem Himmel. Er schien nicht sehr mit Geld versehen zu sein. Dessen ungeachtet aber hatte er sein frugales Mahl in der Mühle bezahlen wollen, als jedoch der Müller das Geld ausgeschlagen, hatte er ihm mit der Einfachheit eines Menschen gedankt, welcher nicht errötet, von einem seinesgleichen Gastfreundschaft anzunehmen. Er war angetan wie ein sauberer Arbeiter oder wie ein Bürger auf dem Lande, indem er eine Bluse und einen Strohhut trug. Auf dem Rücken hatte er ein kleines Ränzchen, das er von Zeit zu Zeit auf seine Knie legte, um Papier daraus hervorzuziehen und Notizen niederzuschreiben. Er war, wie er sagte, zu Blanchemont gewesen, obwohl ihn dort niemand gesehen hatte, und sprach über das Pachtgut und das alte Schloss in der Tat wie ein genau unterrichteter Mann. Während er sein Brot aß und Wasser trank, hatte er viele Fragen an den Müller gerichtet über die Ausdehnung der Güter, über ihren Ertrag, über die Schulden, welche darauf hafteten, über den Ruf und den Charakter des Pächters, über die Ausgaben des verstorbenen Herrn von Blanchemont, über dessen übrige Besitzungen, kurz, man hätte ihn hin in der Mühle zuletzt für einen Geschäftsmann halten müssen, der von einem Kaufliebhaber hergesandt worden, um über den Zustand des Gutes Erkundigungen einzuziehen.

»Denn es scheint, Blanchemont werde zum Verkauf ausgeboten werden oder sei schon ausgeboten«, setzte der Müller hinzu, welcher von der außerordentlichen Neugierde der Bauern jener Gegenden keineswegs so frei war, wie seine Mutter behauptet hatte.

Marcelle, welche von ganz anderen Gedanken bestürmt war, hatte die Bemerkung, womit der Müller seine Erzählung schloss, kaum gehört.

»Wie alt mochte der Fremde sein?« fragte sie.

»Nach seinem Aussehen zu schließen«, meinte die Müllerin, »mochte er so alt sein, wie Louis, vier- bis fünfundzwanzig Jahre ungefähr.«

»Und … wie sah er aus? War er braun, von kleinem Wuchse?«

»Er war weder sehr groß noch blond«, erwiderte der Müller: »er hatte kein übles Gesicht, aber er war blass, wie ein Mensch, der sich nicht der besten Gesundheit zu erfreuen hat.«

›Es könnte Heinrich sein‹, dachte Marcelle, obgleich das rücksichtlos entworfene Portrait dem Ideal, welches sie in ihrer Brust trug, nicht sehr entsprach.

»Es scheint ein in Geschäften sehr wohl bewanderter Mann zu sein«, fuhr der Müller fort, »denn als ich zugunsten des Herrn Bricolin, des Pächters von Blanchemont, welcher das Gut gern käuflich an sich bringen möchte, dem Fremden dasselbe vorleiden wollte, fand ich, dass dieser sich nicht so leicht täuschen lasse. Das Gut ist so und so, sagte er und rechnete die Einkünfte, die Lasten, den Ertrag an den Fingern her, wie einer, der die Sache von Grund auf kennt und der nicht vieler Worte bedarf, um die starke und die schwache Seite einer Sache einzusehen.«

›Ei‹, dachte Frau von Blanchemont, ›was bin ich doch für eine Närrin! Dieser Fremde ist weiter nichts, als ein Geschäftsreisender, der mit der Platzierung von Kapitalien auf dem Lande beauftragt ist. Was seine Niedergeschlagenheit, seine Träumerei am Ufer des Flusses betrifft, so rührte das einfach von der Hitze und seiner Ermüdung her, und wenn er es ist, der den Namen hier eingeschnitten, so heißt er eben zufällig Heinrich. Niemals hat sich Heinrich mit derartigen Geschäften befasst, nie den Wert eines Landguts gekannt, noch irgendwie um die Verhältnisse der Reichtümer dieser Welt sich bekümmert. Nein, nein, er war es nicht! Zudem war er vor vierzehn Tagen noch in Paris. Habe ich ihn nicht vor drei Tagen dort gesehen, ohne dass er mir gesagt hätte, er sei unlängst von dort abwesend gewesen? Was hätte er im schwarzen Tal zu tun gehabt? Wusste er auch nur, dass das Gut Blanchemont, von welchem mit ihm gesprochen zu haben ich mich nicht erinnere, in dieser Provinz liegt?‹

Nachdem sie nicht ohne Anstrengung ihre Blicke von der Inschrift des Baumes, welche sie so sehr aufgeregt hatte, abgezogen, folgte sie ihren Wirten ins Haus, wo sie auf einem mächtigen, mit einem schneeweißen Tischtuch bedeckten Tische ein treffliches Frühstück aufgetragen fand. Weizengries (ein bäurisches Lieblingsgericht), mit Wasser zu einem festen Brei gerührt und mit Milch gekocht, Birnkuchen mit einer gepfefferten Rahmkruste, Forellen aus der Vauvre, junge Hühnchen, noch zuckend auf den Rost gelegt, Salat, mit kochendem Nussöl angemacht, Ziegenkäse und frisches Obst – alles das erschien dem kleinen Eduard ausgesucht.

Man hatte die Gedecke der zwei Diener und der zwei Wirte auf den gleichen Tisch gelegt, wo Frau von Blanchemont sitzen sollte, und die Müllerin erstaunte nicht wenig über die Weigerung Lapierres und Susettes, sich ihrer Herrin an die Seite zu setzen; allein Marcelle verlangte, dass sie sich dem ländlichen Brauche fügten, und begann heiter dieses Leben der Gleichheit, dessen Idee sie so einladend anlächelte.

Das Gebaren des Müllers war gerade, offen und niemals lächerlich, das seiner Mutter aber ein wenig zu unterwürfig und, die Winke ihres Sohnes, bei welchem angeborenes Zartgefühl die gute Lebensart ersetzte, nicht beachtend, setzte sie ihren Gästen ein wenig zu sehr zu, um sie zu nötigen, mehr zu essen, als ihr Bedürfnis verlangte. Es lag indessen in ihrem Drängen eine solche Herzlichkeit, dass Marcelle nicht daran dachte, es unschicklich zu finden. Die Alte besaß Herz und Verstand und ihr Sohn hatte in jeder Hinsicht viel von ihr geerbt. Dabei besaß er einen höheren Grad von Bildung, als sie, er verstand zu lesen und manches zu begreifen, was außerhalb seines nächsten Gesichtskreises lag. Im Gespräche mit ihm entdeckte Marcelle in ihm mehr rechtliche Vorstellungen, gesunde Ansichten und mehr natürlichen Geschmack, als ihr Zusammentreffen mit dem großen Mehlhändler in dem Gasthaus der Stadt am vorigen Tagen sie hatte erwarten lassen.

Dies alles musste sie ihm aber nur gleichsam entlocken, denn er war weit entfernt, seine Vorzüge zu zeigen und eitel auf dieselben zu sein. Er bemühte sich sogar, bäurischer zu erscheinen, als er war, und man hätte sagen können, dass er überaus fürchtete, für einen ländlichen Schöngeist zu gelten, und dass er eine tiefe Verachtung für Leute hegte, welche ihre ehrliche Abstammung und ihren ehrsamen Stand schmähten, indem sie lächerliche Manieren anzunehmen trachten. Er sprach gewöhnlich mit großer Reinheit, ohne übrigens die naiven und malerischen Ausdrücke seiner Heimatgegend zu verachten. Vergaß er sich, so sprach er so trefflich, dass man ihm den Müller nicht mehr anmerkte, aber sogleich kam er wieder zu seinen Scherzen ohne Galle und zu seiner Vertraulichkeit ohne Zudringlichkeit zurück, wie wenn er es für eine Schmach gehalten hätte, sich über seine Sphäre erheben zu wollen.


Gegen die siebente Morgenstunde kam der Patachon von gestern in die Mühle, um sich der Frau von Blanchemont wieder zur Verfügung zu stellen, und nun kam diese einigermaßen in Verlegenheit, indem sie ihren Wirten gern den um ihrer willen gemachten Aufwand vergüten wollte, und diese jede Bezahlung zurückwiesen.

»Nein, meine liebe Dame, nein«, sagte der Müller ruhig, aber bestimmt, »wir sind keine Gastwirte. Wir könnten es sein, es wäre das nicht zu gemein für uns, aber wir sind es nun einmal nicht und werden daher nichts annehmen.«

»Wie?« sagte Marcelle, »ich habe Ihnen so viel Unruhe und Aufwand verursacht, denn ich weiß, dass Ihre Mutter mir ihr Bett überließ, dass sie das Ihrige nahm und Sie auf dem Heuboden schlafen mussten, und Sie wollen mir nicht gestatten, dass ich Sie entschädige? Sie wurden von Ihren Morgenarbeiten abgehalten, um für uns zu fischen, Ihre Mutter hat unserer wegen den Backofen geheizt und sonst noch viele Mühe gehabt, auch haben wir Ihre Vorräte tüchtig gebrandschatzt.«

»O, meine Mutter hat trefflich geschlafen und ich noch besser«, versetzte Louis. »Die Forellen aus der Vauvre kosten mich nichts, es ist heute Sonntag und da pflege ich ohnehin den ganzen Morgen zu fischen. Die paar Tropfen Milch, das wenige Brot und Mehl, nebst den wenigen Stücken schlechten Geflügels, dieser Aufwand wird uns nicht zugrunde richten. So ist unsere Bewirtung von keiner großen Bedeutung und Sie können dieselbe ohne weiteres annehmen. Wir werden Ihnen das gewiss nicht anrechnen, umso weniger, da wir Sie vielleicht nie wiedersehen werden.«

»Ich hoffe doch«, entgegnete Marcelle, »denn ich beabsichtige, wenigstens einige Tage auf Blanchemont zu bleiben. Ich werde wiederkommen, um mich bei Ihnen und Ihrer Mutter für eine so herzliche Gastfreundschaft zu bedanken, wenn ich auch etwas verlegen bin, sie umsonst anzunehmen.«

»Und warum sollte es Sie in Verlegenheit bringen, wenn Sie sich von ehrlichen Leuten einen so unbedeutenden Dienst gefallen lassen? Wenn man nur mit ihrem guten Willen zufrieden ist, dann ist man mit ihnen schon im Reinen. Ich weiß zwar wohl, dass man in den großen Städten alles bezahlen muss, bis auf ein Glas Wasser herab, aber das ist ein schlechter Brauch und bei uns auf dem Lande wäre man sehr übel daran, wenn man sich nicht gegenseitig beistände. Reden wir also nicht mehr davon.«

»Aber Sie wollen also nicht, dass ich wiederkomme, um mich bei Ihnen zum Frühstück einzuladen? Sie nötigen mich, diesem Vergnügen zu entsagen, wenn ich nicht zudringlich werden will.«

»Ei, das ist eine andere Sache. Wir haben nur unsere Pflicht getan, indem wir Ihnen das erwiesen, was Sie Gastfreundschaft nennen, denn wir wurden gelehrt, dies als eine Pflicht zu betrachten, und meine Mutter und ich sind nicht willens, von alten Gebräuchen abzugehen, wenn dieselben uns gut scheinen. Wenn es in der Nachbarschaft ein ordentliches Wirtshaus gäbe, so würde ich Sie gestern hingeführt haben, indem ich gedacht hätte, Sie befänden sich dort besser, als bei uns, und wohl sah, dass Sie die Mittel besäßen, Ihre Zeche zu bezahlen. Aber es gibt hier herum keines, weder ein gutes noch ein schlechtes, und ich hätte ein recht herzloser Mensch sein müssen, wenn ich zugegeben, dass Sie die Nacht unter freiem Himmel verbrächten. Meinen Sie, ich hätte Sie eingeladen, wenn ich gedacht, Sie beabsichtigten uns zu bezahlen? Nein, denn, wie ich Ihnen schon sagte, ich bin kein Gastwirt. Sehen Sie, wir haben weder einen Schild noch einen Kranz über unserer Türe.«

»Ich hätte das bei meinem Eintritte bemerken und eine größere Zurückhaltung beobachten sollen«, sagte Marcelle. »Aber was antworten Sie auf meine Frage? Sie wollen also nicht, dass ich wiederkomme?«

»Ei, das ist eine andere Sache. Ich lade Sie ein, zu uns zu kommen, so oft Sie immer wollen. Sie finden den Ort hübsch und Ihr Kleiner liebt unsere Kuchen. Dies ermutigt mich, Ihnen zu sagen, dass Sie uns eine Freude machen, so oft Sie kommen.«

»Und Sie nötigen mich, jederzeit, wie heute, alles ›gratis‹ anzunehmen?«

»Wenn ich Sie einlade? Habe ich mich denn nicht verständlich genug ausgedrückt?«

»Und Sie sehen nicht, dass ich meinerseits auf diese Weise Ihre Gutmütigkeit missbrauchen würde?«

»Nein, das seh’ ich nicht. Ist man eingeladen, so hat man ein Recht, es anzunehmen.«

»Ach«, meinte Frau von Blanchemont, »ich bemerke, dass Sie die wahre Höflichkeit besitzen, welche uns mangelt. Sie unterweisen mich, dass die kluge Zurückhaltung, diese in unsern Gesellschaftskreisen ebenso eitle und unglückliche, als notwendige Eigenschaft, es dahin gebracht hat, dass sich das Wohlwollen in Komplimente verflüchtigt hat und die feine Lebensart jetzt mehr und mehr der Ausdruck einer wohlgemeinten Höflichkeit ist.«

»Sie sprechen gut«, versetzte der Müller, indem sein Gesicht von einem Strahl lebhaften Verständnisses erhellt wurde, »und ich bin recht froh, dass ich Gelegenheit, hatte, Sie mir zu verbinden, meiner Treu!«

»In diesem Falle werden Sie mir gestatten, Sie auch meinerseits bei mir zu sehen, wenn Sie nach Blanchemont kommen.«

»Ja … halt … Verzeihung! … aber ich werde nicht zu Ihnen kommen. Ich werde zu Ihren Pächtern gehen, wie ich oft hingehe, um Korn zu holen, und werde Sie dann mit Vergnügen begrüßen – das ist alles.«

»Ei, ei, Herr Louis, Sie wollen also nicht bei mir frühstücken?«

»Ja und nein! Ich esse oft mit Ihren Pächtern; allein wenn Sie dort sind, wird das ganz anders sein. Sie sind eine Edeldame, Punktum.«

»Erklären Sie sich näher, ich verstehe das nicht.«

»Sehen Sie, haben Sie nicht die Gewohnheiten der alten Edelherren beibehalten? Würde dann Ihr Müller nicht in der Küche, mit den Dienern und ohne Sie essen müssen? Nun würde mich’s zwar gar nicht verdrießen, mit den Dienstboten zu essen, denn das tue ich täglich in meinem eigenen Hause, aber das käme mir sonderbar vor, dass ich Sie heute an meiner Seite sitzen gesehen und mich morgen nicht an die Ihrige setzen dürfte. Sehen Sie, ich bin ein wenig stolz, aber ich will Sie nicht beleidigen. Jeder folgt seinen Vorstellungen und Bräuchen, und darum mag ich mich denen anderer keineswegs unterwerfen, wenn ich nicht dazu gezwungen bin.«

Marcelle wurde überrascht durch den gesunden Verstand und die edle Freimütigkeit des Müllers. Sie fühlte, dass er ihr eine treffliche Lektion gäbe, und freute sich der von ihr gefassten Entschlüsse, welche ihr gestatteten, diese Lektion anzuhören, ohne zu erröten.

»Herr Louis«, sagte sie zu ihm, »Sie täuschen sich in mir. Es ist nicht meine Schuld, dass ich dem Adel angehöre, aber glücklicherweise oder zufälligerweise will ich mich seinen Gebräuchen nicht mehr fügen. Wenn Sie zu mir kommen, werde ich nicht vergessen, dass Sie mich in Ihrem Hause empfangen haben, wie jemand Ihresgleichen, dass Sie mich bedient haben, wie Ihren Nachbar, und um Ihnen zu beweisen, dass ich nicht undankbar bin, werde ich Ihr und Ihrer Mutter Couvert eigenhändig auf den Tisch legen, wie Sie das meinige eigenhändig auf Ihren Tisch gelegt.«

»Ist’s wahr? Sie würden das tun?« fragte der Müller, indem er Marcelle mit einer Mischung von Überraschung, ehrerbietigem Zweifel und zutraulicher Sympathie betrachtete. »In diesem Falle werde ich kommen, oder werde vielmehr nicht kommen, denn ich sehe wohl, dass Sie eine honnette Frau sind.«

»Ich verstehe Sie wieder nicht recht.«

»O – verdammt! Wenn Sie mich nicht verstehen, werde ich wohl ein wenig Mühe haben, mich verständlicher zu machen.«

»Nun, Louis, ich glaube, du bist ein Narr«, nahm die alte Marie, welche während der vorhergehenden Unterhaltung ihr Strickzeug mit nachdenklicher Miene gehandhabt hatte, das Wort; »ich weiß nicht, woher du das alles nimmst, was du unserer Dame da sagst. Entschuldigen Sie, gnädige Frau, er ist ein gar sorgloser Bursche, der jedermann, Klein wie Groß, alles sagt, was ihm eben durch den Kopf fährt. Sie brauchen sich darüber nicht zu ärgern; er ist, im Grund genommen, ein guter Kerl, glauben Sie mir, und ich seh’ es ihm am Gesicht an, dass er für Sie durchs Feuer ginge.«

»Durchs Feuer wohl nicht«, bemerkte der Müller lachend, »aber durchs Wasser, denn das ist mein Element. Ihr seht wohl, Mutter, dass Madame eine Frau von Verstand ist, der man alles sagen darf, was man denkt.«

»Sprechen Sie doch, Meister Louis, sprechen Sie, ich bin so gut aufgelegt, mich zu unterrichten. Warum wollen Sie nicht zu mir kommen, da ich doch, wie Sie sagen, eine honnette Person bin.«

»Weil wir übel daran täten, allzu vertraulich mit Ihnen zu werden, und weil Sie übel daran täten, uns auf dem Fuße der Gleichheit zu behandeln. Das würde Ihnen nur Unannehmlichkeiten zuziehen, Ihre Standesgenossen würden Sie darob verachten; sie würden sagen, Sie vergäßen ihren Rang, und ich weiß, dass das in ihren Augen für eine große Sünde gilt. Und dann müssten Sie mit der nämlichen Güte, welche Sie uns bezeigten, auch alle die andern behandeln, sonst würde es uns Neider und Feinde erregen. Jeder muss seinen Weg gehen. Man sagt, dass sich die Welt seit fünfzig Jahren sehr verändert habe, ich sage aber: es hat nichts sich geändert, außer unsern Vorstellungen. Wir wollen nicht mehr so unterwürfig sein. Aber die Vorstellungen der Reichen und Vornehmen sind noch dieselben, welche sie immer waren. Wenn Sie diese Vorstellungen nicht teilen, wenn Sie die geringen Leute nicht verachten, wenn Sie ihnen die nämliche Ehre antun, wie Ihren Standesgenossen: vielleicht umso schlimmer für Sie. Ich habe Ihren Gemahl, den verstorbenen Herrn von Blanchemont, welchen einige Leute noch den Edelherrn von Blanchemont betitelten, oft gesehen. Er kam alljährlich in diese Gegend und blieb zwei, drei Tage. Er duzte uns. Wenn das in freundschaftlichem Sinn geschehen wäre, so hätte es hingehen mögen, aber es geschah nur aus Verachtung und man durfte nur höchst unterwürfig, den Hut in der Hand, mit ihm sprechen. Was mich betrifft, so kehrte ich mich wenig daran. Eines Tages begegnete er mir und befahl mir, sein Pferd zu halten. Ich tat, als hätte ich es nicht gehört. Da nannte er mich einen Tölpel. Ich begnügte mich, ihn über die Achsel anzusehen. Wäre er nicht so schwach, so elend gewesen, gewiss, ich hätte ein Wort mit ihm gesprochen. So aber wär’s von meiner Seite unrecht gewesen und ich ging singend meiner Wege. Wenn nun dieser Mann noch lebte und Sie sprechen hörte, wie Sie vorhin sprachen, müsste er sehr unzufrieden sein. Geben Sie Acht, Sie brauchen bloß die langen Gesichter Ihrer Diener anzusehen; ich hab’ es wohl bemerkt, wie sie sich verwunderten, als Sie heute mit uns und mit ihnen selbst so wenig Umstände machten. Darum, gnädige Frau, können wohl Sie Ihren Besuch in der Mühle wiederholen, wir aber, obgleich wir Sie lieb haben, tun besser, uns von dem Schlosse möglichst fernzuhalten.«

»Um des eben Gesagten willen verzeihe ich Ihnen das Übrige und verspreche mir, Sie gewiss noch zu meinem Wunsche zu bekehren«, erwiderte Marcelle, indem sie dem Müller die Hand reichte mit einer Gebärde, deren edle Sittsamkeit zu gleicher Zeit Achtung einflößte und Zuneigung erregte. Der Müller errötete, indem er diese zarte Hand in seiner ungeheuren fühlte und zum ersten Mal machte ihn die Gegenwart Marcelles schüchtern, einem kecken und guten Kinde gleich, dessen Stolz durch Rührung gebrochen wird.

»Ich will Sophie besteigen und Ihnen den Weg nach Blanchemont zeigen«, sagte er nach einem verlegenen Stillschweigen, »dieser unglückliche Patachon wäre imstande, Sie noch einmal irrezuführen, obschon es nicht weit hin ist.«

»Wohl, ich nehme dies Anerbieten an«, entgegnete Marcelle: »werden Sie aber noch einmal sagen, dass ich stolz sei?«

»Ich sage, ich sage«, rief der große Louis aus, indem er schnell hinausging, »dass, wenn alle reichen Frauen wären, wie Sie…«

Man hörte das Ende seines Ausrufes nicht und die Mutter übernahm es, den Satz zu beendigen, indem sie sagte:

»Er meint, dass er nicht solche Pein ausstehen würde, wenn das Mädchen, welches er liebt, so wenig hochmütig wäre, wie Sie.«

»Und kann ich ihm nicht vielleicht nützlich sein?« fragte Marcelle.

»Vielleicht dadurch, dass Sie der Jungfer Gutes von ihm sagen, denn Sie werden dieselbe bald kennenlernen. Aber bah, sie ist zu reich!«

»Wir wollen weiter darüber reden«, sagte Marcelle, welche ihre Leute mit dem Gepäck eintreten sah; »ich werde gewiss bald wiederkommen, vielleicht morgen schon.«

Der rothaarige, ungehobelte Patachon, der in der Dunkelheit im schwarzen Tale kein Haus hatte auffinden können, war unter einem Baume über Nacht geblieben. Bei Tagesanbruch hatte er die Mühle wahrgenommen und hatte dort für sich und sein Pferd Unterkommen und Erfrischung gefunden. In seiner schlechten Laune war er sehr geneigt, die Vorwürfe, welche er erwartete, mit Grobheiten zu erwidern. Allein einerseits machte ihm Marcelle keine Vorwürfe, andererseits überschüttete ihn der Müller so sehr mit Spöttereien, dass er ganz beschämt auf seine Deichsel stieg.

Der kleine Eduard bat seine Mutter, sich vor den Müller auf dessen Pferd setzen zu dürfen, und Louis fasste ihn liebevoll in die Arme, indem er leise zu der alten Marie sagte:

»Was meint Ihr, Mutter, wenn wir so einen Kleinen bei uns im Hause hätten? Welche Freude! Aber das wird nie der Fall sein.«

Die Mutter begriff wohl, dass er damit sagen wolle, er werde sich nie verheiraten, außer mit dem Mädchen, dessen Hand zu erhalten er nicht hoffen durfte.




7. Kapitel.

Blanchemont


Nachdem Marcelle die Müllerin umarmt und die Dienstboten der Mühle insgeheim reichlich beschenkt hatte, bestieg sie wohlgemut die verwünschte Patache. Ihr erster Versuch in der Gleichheit hatte ihre Seele erheitert und der Verlauf des Romans, welchen sie verwirklichen wollte, schwebte in den dichterischsten Farben vor ihrer Phantasie. Allein der Anblick von Blanchemont verdüsterte schon eigentümlich ihre Gedanken, und sie fühlte ihr Herz beklemmt von dem Augenblick an, wo sie die Schwelle ihrer Besitzung überschritten hatte.

Den Lauf der Vauvre aufwärts verfolgend, befand man sich, nach Übersteigung eines ziemlich abschüssigen Hügels, auf der Anhöhe von Blanchemont. Dies ist ein schöner, von alten Bäumen beschatteter Grasplatz, der eine reizende Landschaft beherrscht, die, nicht sehr hoch über dem schwarzen Tal gelegen, einen frischen, melancholischen, fast wilden Anblick darbietet, weil man von den zerstreuten Wohnungen, welche umherliegen, nur da und dort ein Strohdach oder ein gebräuntes Ziegeldach aus den Baumgruppen hervorragen sieht. Eine arm aussehende Kirche und die kleinen Häuser des Weilers bedecken diese Anhöhe, die sich gegen den Fluss hinabzieht, der hier in anmutigen Windungen sich dahinschlängelt. Von hier führt ein holperichter Weg auf das Schloss zu, welches etwas weiter hinten am Fuß der Anhöhe mitten in Fruchtfeldern liegt. In die Ebene hinablenkend, verliert man die herüberblauenden Landschaften des Berry und der Marche aus dem Gesicht und man muss, um sie wieder zu erblicken, das zweite Stockwerk des Schlosses besteigen.

Dieses Schloss war nie sehr fest gewesen, die Mauern, aus denen schlanke Türme hervorragten, haben nur fünf bis sechs Fuß im Durchmesser. Es wurde erbaut, als die Feudalkriege schon zu Ende gingen. Indessen wiesen die engen Pforten, die spärlich angebrachten Fenster, die zahlreichen Trümmer von Mauern und Türmen, welche die Außenwerke gebildet hatten, dennoch auf eine Zeit voll Misstrauen und Gefahr hin, in welcher man sich gegen einen Handstreich sicherzustellen gesucht hatte.

Das eigentliche Schloss ist ziemlich hübsch. Es bildet ein längliches Viereck und hat in jedem Stockwerk ein einziges großes Gemach. An jeder der vier Ecken befindet sich ein Turm, welcher kleinere Gemächer enthält, und ein fünfter Turm, der an der Hinterseite angebracht ist, dient zum Treppenhaus. Die Zerstörung der ehemaligen Verbindungswege hat die Kapelle isoliert hingestellt, die Gräben sind zum Teil geebnet, die Türme der Ringmauer zur Hälfte abgetragen und der Teich, welcher das Schloss sonst an der Nordseite bespülte, hat sich in eine schöne Wiese verwandelt, in deren Mitte eine Quelle hervorquillt.

Allein die Aufmerksamkeit der Erbin von Blanchemont wurde bald von dem malerischen Anblick des alten Schlosses abgelenkt. Der Müller führte sie nämlich, nachdem er ihr aus dem Fuhrwerk geholfen, auf ein Gebäude zu, welches er das neue Schloss nannte, und zu den weitläufigen Gebäulichkeiten der Meierei, welche am Fuß des alten Herrenhauses liegen und sich längs eines sehr großen Hofraums hinziehen, der auf der einen Seite von einer gezackten Mauer, auf der andern von einer Hecke und einem, mit schlammigem Wasser angefüllten Graben begrenzt wurde.

Man kann sich nichts Traurigeres und weniger Anheimelndes denken, als diese reiche Pächterwohnung. Das sogenannte neue Schloss ist weiter nichts als ein großes Bauernhaus, welches vor etwa fünfzig Jahren aus den Trümmern der Festungswerke erbaut wurde. Die frisch geweißten Wände desselben und das Dach von neuen, schreiendroten Ziegeln bezeugten eine unlängst vorgenommene Reparation, und dieser äußerliche Aufputz stach grell von der verwitterten Altertümlichkeit der übrigen Baulichkeiten und dem unreinlichen Hof ab. Diese finstern Bauten, welche Spuren alter Architektur an sich trugen und gut unterhalten waren, bildeten eine Reihe von Scheunen und Ställen, das einzige, was den Stolz der Pächter und die Bewunderung sämtlicher Bauern ausmacht. Aber diese Umgebung, den Ackerbaugeschäften so förderlich, für Viehzucht und Ernte so bequem, beschränkte Blicke und Gedanken auf einen traurigen, prosaischen und durch seinen Schmutz widerlichen Raum. Ungeheure Misthaufen, welche, tief in ihre steinernen Gruben versenkt, dennoch zehn bis zwölf Fuß hoch hervorragten, entsandten schmutzige Bäche, welche man ganz offen über den Hof leitete, damit sie die Gemüsebeete des tieferliegenden Küchengartens tränkten. Diese Düngervorräte, ein mit Vorliebe gepflegter Reichtum des Landmanns, ergötzen seinen Blick und machen sein Herz selbstgefällig schlagen, wenn einer seiner Nachbarn sie mit Blicken des Neides und der Bewunderung mustert. Bei kleineren ländlichen Heimwesen beleidigen diese Einzelheiten weder das Auge, noch den künstlerischen Sinn. Ihre Unordnung, die überall zerstreuten Ackergeräte, das allenthalben wuchernde Grün verbergen oder verschönern dieselben, aber nach einem größern Maßstabe und auf einem weiten Raum ist nichts abschreckender, als der Anblick dieser unreinen Gegenstände. Scharen von Truthühnern, Gänsen und Enten scheinen es darauf anzulegen zu verhindern, dass man den Fuß irgendwie auf eine von dem Abfluss der Mistlache verschonte Stelle setzen könnte und der gepflasterte Weg, welcher den Hof durchschnitt, war ebenso unpraktikabel, wie der übrige Raum. Die Überbleibsel des alten Daches von dem neuen Schlosse lagen zerstreut umher, und so wandelte man auf einem Boden von zerbrochenen Ziegeln.

Es war zwar bereits sechs Monate her, seit das Dach neu gedeckt worden war, allein solche Reparationen waren die Sache des Eigentümers, so dass sich der Pächter mit dem Aufräumen des Abfalls und dem Ausputzen des Hofes nicht eben sehr beeilte, sondern sich vornahm, dieses nach Beendigung der sommerlichen Feldarbeiten gelegentlich besorgen zu lassen. Einesteils ersparte man sich also dadurch ein paar Tagewerke, andernteils war auch die tiefe Apathie unserer Bauern daran schuld, welche jederzeit gern etwas ungetan lassen, wie wenn ihre Tätigkeit nach einer Anstrengung schlechterdings der Ruhe bedürfte und sie die Süßigkeit des Nichtstuns schon vor Beendigung der Arbeit kosten wollten.

Marcelle verglich diesen unpoetischen und widerlichen bäurischen Überfluss mit dem anmutigen Heimwesen des Müllers und hätte ihm hierüber gern einige Bemerkungen gemacht, wenn sie inmitten des Geschreis der aufgescheuchten und doch vor Schrecken unbeweglichen Truthähne, des pfeifenden Geschnatters der Gänsemütter und des Gebells von vier oder fünf dürren, gelbfarbigen Hunden hätte zu Worte kommen können.

Da es Sonntag war, befanden sich die Ochsen im Stalle und die Knechte lungerten in ihrem Sonntagsstaat von grobem blauem Tuch an dem Hoftor umher. Sie sahen mit großer Verwunderung die Patache auf den Hof fahren, aber keiner rührte sich von der Stelle, um die Ankömmlinge zu empfangen, oder dem Pächter den ankommenden Besuch zu melden. So musste denn Louis der Frau von Blanchemont zum Führer dienen. Er machte auch wenig Umstände, trat ohne anzuklopfen ein und sagte:

»Frau Bricolin, kommen Sie doch! Da ist die Frau von Blanchemont, welche Sie besucht.«

Diese unerwartete Neuigkeit erschreckte die drei weiblichen Glieder der Familie Bricolin, welche soeben aus der Messe zurückgekehrt und im besten Zuge waren, stehend ein kleines Voressen zu sich zu nehmen, dass sie wie erstarrt einander ansahen, um sich zu fragen, was unter solchen Umständen zu sagen und zu tun sei, und sich noch nicht geregt hatten, als Marcelle eintrat.

Die weibliche Gruppe, welche sich ihr darstellte, war aus drei Generationen zusammengesetzt. Da war erstlich die Mutter Bricolin, welche weder lesen noch schreiben konnte und bäurische Tracht trug; da war zweitens Frau Bricolin, die Gattin des Pächters, ein wenig modischer angetan als ihre Schwiegermutter, mit der Haltung einer Pfarrershaushälterin. Sie verstand ihren Namen leserlich zu schreiben und die Stunden des Sonnenaufganges, sowie die Mondsveränderungen in dem Kalender von Lüttich nachzulesen. Endlich war da Jungfer Rose Bricolin, wirklich schön und frisch, wie eine Mairose. Sie konnte Romane lesen, das Haushaltungsbuch führen und Contretänze tanzen. Ihre Haare waren zierlich geordnet und sie trug ein hübsches Kleid von rosenrotem Musselin, welches die reizenden Formen ihres Wuchses hervorhob. Die wirklich hinreißend schöne Gestalt des Mädchens, dessen Gesichtsausdruck zugleich schlau und naiv war, verwischte bei Frau von Blanchemont den widerwärtigen Eindruck, welchen die sauren und harten Züge der Pächterin auf sie machten. Die Großmutter, welche gebräunt und gerunzelt war, wie eine echte Bäurin, hatte eine offene und kühne Physionomie.

Die drei Frauen standen mit aufgesperrtem Munde da. Die Mutter Bricolin legte sich die Frage vor, ob diese junge schöne Dame wohl die nämliche sei, welche sie vor ungefähr dreißig Jahren etlichemal auf dem Schlosse gesehen, obgleich sie wusste, dass die Mutter Marcelles schon lange tot sei; Frau Bricolin, die Pächterin, nahm zu ihrem Leidwesen wahr, dass sie bei ihrer Rückkunft aus der Messe eiligst eine Küchenschürze über ihr Merinokleid gebunden; Jungfer Rose aber überzeugte sich rasch, dass sie untadelhaft gekleidet und aufgeputzt sei und dass sie, dank dem Sonntag, von einer eleganten Pariserin überrascht werden dürfe, ohne bei einem allzu gemeinen Hausgeschäft betroffen zu werden.

Frau von Blanchemont war in den Augen der Familie Bricolin bis jetzt immer ein problematisches Wesen geblieben, welches man nie gesehen hatte und welches man sicherlich nie sehen würde. Ihren Mann hatte man gekannt, man hatte ihn aber nicht geliebt, weil er hochmütig war, nicht geachtet, weil er verschwenderisch, und nicht gefürchtet, weil er stets Geld bedurfte und sich dasselbe um jeden Preis zu verschaffen suchte. Seit er gestorben, hatte man geglaubt, man werde jetzt nur noch mit Geschäftsträgern zu tun haben, in Betracht nämlich, dass der Verstorbene, ein nicht sehr schmeichelhaftes Portrait von seiner Frau entwerfend, öfters geäußert hatte:

»Frau von Blanchemont ist ein Kind, welche sich nie mit Geschäften befasst und nie fragt, woher das Geld komme, wenn es nur da ist.«

Dabei ist noch zu bemerken, dass der gute Mann die Gewohnheit hatte, alle Verschwendung, welche ihm seine Maitreffen verursachten, auf Rechnung seiner Frau zu setzen. Man kannte demnach den wahren Charakter der jungen Witwe ganz und gar nicht, und Frau Bricolin glaubte zu träumen, als sie dieselbe plötzlich in Person mitten in den Pachthof von Blanchemont treten sah. War diese wunderliche Erscheinung für das Glück der Familie Bricolin von guter oder schlimmer Vorbedeutung? Kam sie, um Untersuchungen anzustellen und Rechenschaft zu fordern? Während die Pächterin, ihren verwirrten Gedanken überlassen, Marcelle musterte mit der Miene eines Bockes, der sich beim Anblick eines fremden Schäferhundes in Verteidigungszustand setzt, hatte Rose Bricolin, durch die liebliche Gestalt und das einfache Benehmen der Fremden schnell für sie eingenommen, den Mut gefasst, derselben einige Schritte entgegenzugehen.

Indessen zeigte die Großmutter sich am unbefangensten. Nachdem die erste Überraschung vorüber war und sie ihren altersschwachen Kopf mit der Frage angestrengt hatte, was wohl hier zu tun sei, näherte sie sich Marcelle mit derber Offenheit und hieß sie beinahe mit den nämlichen Worten, wenn auch mit weniger Herzlichkeit und Artigkeit, wie die Müllerin von Angibault, willkommen. Ihre Schwiegertochter und Enkelin beeilten sich hierauf, ein wenig beruhigt durch die sanfte und wohlwollende Art, womit Marcelle sich für zwei oder drei Tage zu Gaste bat, während welcher sie, wie sie sagte, sich mit Herrn Bricolin über ihre Angelegenheiten unterhalten wollte, die junge Witwe zum Frühstück einzuladen. Die ablehnende Antwort Marcelles stützte sich auf das treffliche Frühmahl, welches sie eine Stunde zuvor in der Mühle von Angibault eingenommen und die Erwähnung dieses Umstandes lenkte endlich die Blicke der drei Damen Bricolin auf den großen Louis, der an der Türe stehen geblieben war und ein Gespräch über Mehl mit der Magd angeknüpft hatte, um einen Vorwand zu haben, ein wenig zu zögern. Der Ausdruck der drei Weiberblicke war ein sehr verschiedener. Der Blick der Großmutter war freundlich, der ihrer Schwiegertochter höchst verächtlich, der von Rose aber unbestimmt und unbeschreiblich, wie wenn sie innerlich von gemischten Empfindungen bestürmt worden wäre.

»Wie«, schrie Frau Bricolin in beleidigendem und spöttischem Ton, nachdem Marcelle ihre Abenteuer während der vergangenen Nacht kurz geschildert hatte, »Sie sind also in der Mühle über Nacht geblieben? Und wir wussten nichts davon! Ei, warum hat Sie denn dieser Dummkopf von Müller nicht sogleich hieher gebracht? Ach, mein Gott, was für eine schlechte Nacht müssen Sie gehabt haben, gnädige Frau!«

»Im Gegenteil eine ganz gute. Ich wurde behandelt, wie eine Königin, und bin Herrn Louis und seiner Mutter sehr verpflichtet.«

»Das wundert mich nicht«, sagte die Großmutter, »die große Marie ist ja eine gar brave Frau und hält ihr Haus so reinlich! Sie ist eine Jugendgespielin von mir und wir haben, mit Ihrer Erlaubnis zu sagen, mitsammen die Schafe gehütet. Wir waren damals ein paar hübsche Märchen, obschon jetzt nichts mehr davon zu sehen ist, nicht wahr, gnädige Frau? Wir konnten weiter nichts, als spinnen, stricken und Käse machen, das war alles. Beim Heiraten gingen wir verschiedene Wege: sie nahm einen viel ärmern Mann, als sie war, und ich einen viel reicheren, als ich. Damals heiratete man sich nämlich noch aus Liebe, heutzutage aber heiratet man sich bloß noch aus Interesse, und die Taler vertreten die Stelle der Neigung. Es ist aber dadurch wohl nicht besser geworden, nicht wahr, gnädige Frau?«

»Ich bin ganz Ihrer Meinung«, versetzte Marcelle.

»Ei, Gott, Mutter, was schwatzt Ihr da an die gnädige Frau hin?« sagte die Pächterin verdrießlich. »Glaubt Ihr denn, Eure alten Geschichten werden ergötzlich für sie sein? He, Müller«, setzte sie in befehlshaberischem Ton hinzu, »geht doch und seht, ob Herr Bricolin in dem Kaninchengehege oder in seinem Haferfeld hinter dem Hause ist. Sagt ihm, er möchte herkommen, um die gnädige Frau zu begrüßen.«

»Herr Bricolin«, entgegnete der Müller mit einem hellen Blick und einer Art munteren Trotzes, »befindet sich weder im Kaninchengehege noch auf dem Haferfeld, denn ich bemerkte im Vorübergehen, dass er mit dem Herrn Pfarrer im Pfarrhaus einen Schoppen oder eine Halbe aussticht.«

»Ach ja«, sagte die Mutter Bricolin, »er wird wohl im Pfarrhof[3 - Es findet sich hier im Originale ein durch einen sprachlichen Irrtum der Mutter Bricolin veranlasstes Wortspiel zwischen presbytère und précipitère, welches im Deutschen verloren gehen musste. A. d. Übers.] sein. Der Herr hat nach dem Hochamt immer großen Hunger und Durst und liebt es, wenn man ihm bei Befriedigung desselben Gesellschaft leistet. Louis, mein Sohn, sag’ mir, wärest du wohl so gefällig, ihn zu holen?«

»Auf der Stelle«, erwiderte der Müller, welcher sich bei dem Befehl der Pächterin vorhin nicht von der Stelle gerührt hatte, und lief weg.

»Wenn Ihr den da gefällig findet«, murmelte die Pächterin und warf ihrer Schwiegermutter einen zornigen Blick zu, »so seid Ihr nicht sehr wählerisch.«

»O, Mama, das kann man nicht sagen«, bemerkte mit sanfter Stimme die schöne Rose, »der große Louis hat ein gutes Herz!«

»Und was habt ihr denn mit seinem guten Herzen zu schaffen?« entgegnete die Pächterin mit wachsender Entrüstung. »Was habt denn ihr beide seit einiger Zeit mit ihm?«

»Aber, Mama. Du behandelst ihn ja seit einiger Zeit so ungerecht«, erwiderte Rose, welche, des Schutzes der Großmutter gewiss, ihre Mutter nicht sehr zu fürchten schien. »Du schnautzest ihn immer so an und weißt doch, dass der Vater viel auf ihn hält.«

»Und du noch mehr«, sagte die Pächterin, »geh’ und räume, anstatt zu räsonieren, lieber deine Kammer auf, welche das besteingerichtete Gemach im Hause ist. Die gnädige Frau wird vor dem Mittagessen noch ein wenig ausruhen wollen. Aber die gnädige Frau wird uns entschuldigen, dass sie bei uns nicht zum Besten logiert ist. Erst im vergangenen Jahre hat der selige Herr von Blanchemont seine Einwilligung gegeben, dass das neue Schloss, welches ebenso verfallen aussah wie das alte, ein wenig hergestellt werden solle, und erst seit der Erneuerung unseres Pachtes konnten wir anfangen, uns etwas besser einzurichten. Aber noch ist nichts fertig, die Zimmer sind noch nicht vollständig tapeziert und wir erwarten noch Möbeln und Betten, die von Bourges kommen sollen. Einiges ist auch schon angekommen, aber noch nicht ausgepackt. Sie finden uns überhaupt in einem rechten Wirrwarr, denn die Arbeitsleute haben alles drunter und drüber gemacht.«

Die Unordnung im Innern des Hauses, welche Frau Bricolin in gemeldeter Weise eingestand, hatte die nämlichen Ursachen, wie die, welche Marcelle außerhalb des Hauses wahrgenommen hatte. Sparsamkeit mit Trägheit verbunden verhinderte die nötigen Ausgaben und schob den Augenblick, in welchem man sich eines Luxus, den man wünschte, den man vermochte und sich dennoch nicht zu gestatten wagte, erfreuen wollte, stets auf ungewisse Zeit hinaus.

Das Gemach, in welchem man von der Besitzerin des Schlosses überrascht worden, war das unangenehmste und unreinlichste des neuen Schlosses, düster und verräuchert über und über. Es war zugleich Küche, Speisesaal und Wohnzimmer. Die Hühner hatten freien Zutritt, weil die Türe in den Hof beständig offenstand, und es war eine unaufhörliche Beschäftigung der Pächterin, dieselben hinauszujagen, wie wenn es für sie Bedürfnis gewesen, sich über das immer wiederkehrende Hereinkommen des Geflügels in Zorn zu versetzen. Man empfing hier auch die Bauern, mit welchen man jeden Augenblick dies und das abzumachen hatte, und da die kotigen Schuhe und das unachtsame Gebaren derselben den Boden und die Möbeln unausweichlich hätten beschmutzen müssen, so hatte man sich begnügt, plumpe Strohstühle und hölzerne Bänke auf die bloßen und täglich zehnmal umsonst abgeflößten Steinplatten zu stellen. Das Fliegengeschmeiß, welches in Scharen aus dem Hofe hereinfiel, und das Feuer, welches zu jeder Stunde und zu jeder Jahreszeit in dem ungeheuren, mit Kesselhaken von verschiedenster Größe gezierten Kamin brannte, machten dieses Gelass fast unausstehlich. Aber dennoch hielt sich die Familie des Pächters beinahe ununterbrochen in demselben auf, und als man Marcelle in das anstoßende Zimmer führte, konnte sie wahrnehmen, dass diese Art von Salon, obgleich seit einem Jahre eingerichtet, noch unbewohnt geblieben sei.

Das Gemach war mit dem geschmacklosen Luxus der Gasthauszimmer ausgerüstet. Der neue Boden desselben war noch gänzlich ungebohnt, die Vorhänge von schreiendfarbiger Indienne waren an kupfernen Ornamenten vom schlechtesten Geschmack aufgehängt. Die Verzierungen des Kamins entsprachen an Grellheit und Hässlichkeit jenen, welche man einfältigerweise dem Geschmack der Renaissance auf Rechnung setzt, ein sehr reicher Kronleuchter hatte noch die Papierstücke und Bindfadenschnüre um seine Zieraten von vergoldeter Bronze, womit dieselben während des Transports verwahrt gewesen; die Möbeln trugen rot und weiß gestreifte Staubdecken, so dass ihre Überzüge von Wollendamast nie zum Vorschein kommen konnten, und da man in Pachthöfen den Unterschied zwischen einem Salon und einem Schlafzimmer nicht kennt, standen zwei, noch nicht mit Vorhängen versehene Betten, mit den Füßen dem Fenster zugekehrt, links und rechts von der Türe. Man sagte sich in der Familie in die Ohren, es wäre dies das Brautgemach von Jungfer Rose.

Das ganze Haus gefiel Marcelle so wenig, dass sie beschloss, nicht in demselben zu wohnen. Sie erklärte daher, dass sie ihren Wirten nicht die geringste Störung verursachen möchte und dass sie sich in dem Weiler irgendein Bauernhaus zur Nachtherberge aussuchen wolle, im Fall sich nicht in dem alten Schloss ein wohnliches Zimmer fände. Die letztere Idee schien der Frau Bricolin einige Unruhe zu verursachen und sie unterließ nichts, um ihren Gast davon abzubringen.

»Es ist allerdings wahr«, sagte sie, »dass in dem alten Schloss jederzeit ein Gemach vorhanden war, welches man das Herrschaftszimmer nannte. Wenn der Herr Baron, Ihr seliger Gemahl, uns die Ehre eines Besuches antun wollte, so setzte er uns zuvor in Kenntnis und wir konnten dann alles herrichten, so dass er nicht gar zu schlecht beherbergt war. Aber bei alldem ist das unglückliche alte Schloss so traurig, so zerfallen! Die Ratten und Eulen verführen darin einen so entsetzlichen Lärmen, und das Dachwerk ist in einem so schlechten Zustande, die Mauern sind so wackelig, dass man in Wahrheit nicht mit Sicherheit dort schlafen kann. Ich begreife nicht, was für einen Narren der Baron an diesem Zimmer gefressen haben konnte. Er wollte nie eines bei uns annehmen, als ob er sich zu erniedrigen geglaubt, wenn er eine Nacht außer seinem alten Schlosse zugebracht hätte.«

»Ich will dieses Zimmer sehen, und wenn es mir eine sichere Nachtherberge bietet, so wünsche ich weiter nichts. Indessen bitte ich, Sie möchten sich durch mich in nichts stören lassen; ich will Ihnen auf keine Weise lästig werden.«

Rose drückte hierauf ihren Wunsch, der Frau von Blanchemont ihr eigenes Gemach abzutreten, in so liebenswürdiger Weise und mit so zuvorkommender Miene aus, dass ihr Marcelle freundlich die Hand drückte, ohne indessen von ihrem Entschluss abzustehen. Der Anblick des alten Schlosses und ein instinktmäßiger Widerwillen gegen Frau Bricolin ließen sie ein für alle Mal eine Gastfreundschaft zurückweisen, welche sie doch in der Mühle so herzlich angenommen. Sie wehrte sich noch gegen die zeremoniöse Zudringlichkeit der Pächterin, als Herr Bricolin eintrat.




8. Kapitel.

Der bäuerische Emporkömmling


Herr Bricolin war ein Mann von fünfzig Jahren, kräftig und von regelmäßiger Gesichtsbildung, Seine starken Gliedmaßen hatten aber bereits einen tüchtigen Ansatz von Fett, wie es bei allen bemittelten Landbewohnern der Fall ist, welche, den größten Teil des Tages in freier Luft und meistens zu Pferde zubringend, gerade so vieler Anstrengung sich unterziehen, die hinreichte, ihre Gesundheit und ihren Appetit zu erhalten. Dank dem Einfluss der frischen Luft und fortwährender Bewegung ertragen diese Leute die Ausschweifungen der Tafelfreuden lange Zeit ohne Nachteil, und obgleich während der Feldgeschäfte sich ihr Anzug von dem der arbeitenden Bauern nur wenig unterscheidet, so macht es doch der erste Anblick schon unmöglich, sie mit den letztern zu verwechseln. Während der Bauer immer mager, wohlproportioniert und von gebräunter Hautfarbe ist, ist dagegen der Herrenbauer von seinem vierzigsten Jahr an immer mit einem großen Bauche, einem schwerfälligen Gang und einem weingrünen Gesicht begabt, was alles auch die schönste Organisation gemein und hässlich machen muss.

Auch bei solchen, welche ihr Glück sich selbst zu verdanken und ihr Leben in gezwungener bäurischer Mäßigkeit begonnen haben, findet man keine Ausnahmen von dieser Verplumpung der Gestalt und dieser Weinröte der Farbe, ja, man hat sogar die unleugbare Beobachtung gemacht, dass der Bauer, wenn er es dahin gebracht hat, nach Gefallen Fleisch zu essen und Wein zu trinken, unfähig zur Arbeit wird und dass ihn eine Rückkehr zu seinen früheren, einfacheren Gewohnheiten unwiederbringlich und schnell dem Tod entgegenführt. Man könnte sagen, dass das Geld, an welchem sie mit Leib und Seele hangen, bei ihnen zu Fleisch und Blut werde und dass der Verlust ihres Vermögens sie entweder um das Leben oder um die Vernunft bringe. Jedes humane Gefühl, jede religiöse Rücksicht sind beinahe unvereinbar mit dieser Verwandlung, welche der Reichtum in ihrem physischen und moralischen Sein bewirkt. Es wäre sehr unnütz, sich darum über sie zu entrüsten: sie können nicht anders sein. Sie mästen sich, um zuletzt einen Schlagfluss zu bekommen oder blödsinnig zu werden. Ihre Fähigkeiten, Reichtümer zu erwerben und zu erhalten, anfangs so ausgezeichnet, erlöschen schon gegen die Mitte ihrer Laufbahn hin, und bald fallen sie in Apathie, Unordnung und Unfähigkeit. Keine soziale Idee, kein Gefühl des Fortschritts hält sie aufrecht. Die Verdauung wird das Hauptgeschäft ihres Lebens und ihr Reichtum, den sie so eifrig angehäuft, bringt sie, bevor sie sich noch in demselben recht befestigt haben, in tausend Verlegenheiten und wird durch tausend Ungeschicklichkeiten gefährdet, abgesehen sogar von der Eitelkeit, welche sie in Spekulationen verlockt, die ihre Mittel übersteigen, und zwar in einem Grade, dass diese Reichen beinahe immer gerade dann zugrunde gerichtet sind, wenn man sie am meisten beneidet. Soweit war Herr Bricolin noch nicht.

Er stand noch in dem Alter, in welchem Tat- und Willenskraft noch in ihrer ganzen Stärke sich befinden und folglich dem zweifachen Rausche des Stolzes und der Unmäßigkeit die Waage halten können. Allein es genügte, seine etwas zugedrückten Augen, seinen ungeheuren Schmerbauch, seine leuchtende Nase und das nervöse Zittern zu sehen, welches die Gewohnheit eines Morgengläschens, d. h. die Gewohnheit, nüchtern anstatt des Kaffees zwei Flaschen weißen Wein zu trinken, seiner gewaltigen Hand verliehen hatte, um den nicht allzu entfernten Zeitpunkt vorauszusehen, wo dieser so tatkräftige, in Geschäften so vorsichtige und unerbittliche Mann alles verlieren würde, die Härte seiner Seele nicht ausgenommen, Gesundheit, Gedächtnis, Urteilskraft, um ein abgeschwächter Trunkenbold, ein widerlicher Schwätzer und ein leicht zu betrügender Hausherr zu werden. Sein Gesicht musste einmal hübsch gewesen sein, obgleich aller Feinheit ermangelnd. Seine scharfmarkierten Züge bezeugten ungewöhnliche Energie und Klugheit. Sein Auge war lebhaft, schwarz und hart, sein Mund sinnlich, seine Stirne schmal und niedrig, sein Haar kraus, seine Sprache kurz und rasch. In seinem Blicke lag keine Falschheit, in seinem Gebaren keine Verstellung. Er war kein Betrüger und der große Respekt, welchen er von dem Dein und Mein hegte, machte ihn der Schelmerei unzugänglich. Zudem hinderte ihn schon der Zynismus seiner Habsucht, seine Absichten zu verbergen, und wenn er zu Seinesgleichen gesagt hatte: »Mein Interesse ist dem deinigen entgegen!« so glaubte er, er hätte unübertrefflich tugendhaft und rechtlich gehandelt und mit dieser Ankündigung einen Akt der äußersten Redlichkeit ausgeübt. Halb Bürger, halb Landmann, trug er heute, als am Sonntag, einen Anzug, der zwischen dem eines Bauers und dem eines Herren die Mitte hält. Sein Hut stand an Höhe denen des einen dieser Stände weit nach, sowie an Breite der Krempen denen des andern. Er trug eine graue Bluse, welche, um Brust und Lenden eng anliegend, ihm das Ansehen eines wandelnden Fasses gab. Seine Stiefeln rochen unzweifelhaft nach dem Stalle und sein Halstuch von schwarzer Seide war mit einer Fettkruste überzogen.

Diese kurzangebundene und barsche Person machte einen unangenehmen Eindruck auf Marcelle, und das unabänderlich um den Geldpunkt sich hin und her bewegende Gespräch des Mannes erweckte in ihr noch weniger Sympathie, als die zudringlichen Zuvorkommenheiten seiner Ehehälfte.

Das Resultat des Geredes, welches Marcelle von Seiten des Herrn Bricolin zwei Stunden lang auszuhalten hatte, ist folgendes. Das Gut Blanchemont war zu einem starken Drittteil seines Wertes mit Schulden belastet. Der verstorbene Baron hatte überdies außer den Pachtgeldern noch beträchtliche Vorschüsse empfangen und zwar gegen enorme Zinsen, welche Herr Bricolin, wie er sagte, zu fordern genötigt gewesen in Betracht der Schwierigkeit, sich zu den landläufigen Zinsen Geld zu verschaffen. Frau von Blanchemont musste sich zu noch härteren Bedingungen verstehen, im Falle sie das System, zu welchem ihr Mann von ihr bevollmächtigt gewesen sei, fortführen wolle, oder vielmehr, sie musste, statt Einkünfte zu beziehen, die Vorschüsse zurückbezahlen, Kapitalien und Interessen und Zinsen von Zinsen, eine Summe, die mehr als hunderttausend Francs betrug. Dies mit den Ansprüchen der übrigen Gläubiger zusammengehalten, blieb nichts übrig, als entweder das Gut zu verkaufen oder rasch Kapitalien aufzutreiben, kurz, das Gut war achtmalhunderttausend Francs wert und mit viermalhunderttausend Francs Schulden belastet, das Guthaben des Herrn Bricolin ungerechnet. Es blieb also der Frau von Blanchemont nicht mehr Vermögen, als die Summe von dreimalhunderttausend Francs, abgesehen von dem, was etwa ihr Gatte seinem Sohne hinterlassen hatte oder auch nicht hinterlassen hatte, denn hievon hatte sie ebenfalls noch keine Kenntnis.

Marcelle war weit entfernt gewesen, ein so bedeutendes Unglück zu erwarten! Sie hatte es kaum zur Hälfte vorausgesehen. Die Gläubiger, Herrn Bricolin an der Spitze, hatten noch keine Reklamationen angestellt, weil sie, ihrer Kapitalien hinlänglich versichert, abwarteten, dass sich die Witwe über die Sachlage erst unterrichte, um dann von ihr entweder eine vollständige Heimzahlung oder aber die Fortsetzung der Einkünfte zu fordern, welche ihre Darlehen ihnen gewährten.

Als sie an Herrn Bricolin die Frage stellte, warum er sie denn, seit sie Witwe sei, nicht von der Lage der Dinge unterrichtet habe, antwortete er mit brutaler Offenheit, er hätte für seine Person keinen Grund zur Eile gehabt, seine Verschreibung wäre gut, und jeder Tag der Gleichgültigkeit von Seiten des Eigentümers wäre ein Tag des Gewinnes für den Pächter, indem sich die Interessen seines Geldes dadurch anhäuften, ohne dass er irgendetwas riskiere.

Diese entschiedene Auskunft musste Marcelle auf der Stelle über die Moral des Herrn Bricolin ins Klare setzen.

»Das ist richtig«, bemerkte ihm Marcelle mit einem ironischen Lächeln, dessen Beachtung er für überflüssig hielt, »es ist also nur meine Schuld, wenn ich Tag für Tag von den Einkünften, auf welche ich Anspruch machen zu können glaubte, verschlingen lasse. Allein im Interesse meines Sohnes muss ich dieser Art von Eisgang ein Ende machen, Herr Bricolin, und ich erwarte von Ihnen in dieser Hinsicht gute Ratschläge.«

Herr Bricolin, über die Ruhe, womit Frau von Blanchemont die Nachricht aufnahm, dass sie beinahe ruiniert sei, und mehr noch über das Zutrauen, womit sie seinen Rat verlangte, sehr erstaunt, warf einen forschenden Blick auf ihr Gesicht und glaubte darin den Ausdruck boshafter Herausforderung wahrzunehmen.

»Ich sehe wohl«, sagte er, »dass Sie mich in Versuchung führen wollen, allein ich mag mich keinen Vorwürfen von Seiten Ihrer Familie aussetzen. Es wäre schlimm für mich, wenn man mich der eigennützigen Gefälligkeit, noch weitere Vorschüsse zu leisten, zeihen würde. Ich muss ernsthaft mit Ihnen reden, Frau von Blanchemont, allein die Wände sind hier sehr dünn, und was ich Ihnen zu sagen habe, braucht eben nicht ausgeschrien zu werden. Wenn Sie daher mit mir zum Scheine das alte Schloss besichtigen wollten, so würde ich Ihnen sagen: 1) welchen Rat ich Ihnen gäbe, wenn ich Ihr Vater wäre, 2) was ich als Ihr Gläubiger von Ihnen getan wünsche. Sie werden sehen, dass es auch noch einen dritten Gesichtspunkt gibt, ich denke aber nicht daran.«

Wenn das alte Schloss nicht überall von Brennesseln, von stinkenden Pfützen und von tausenderlei Schutt, der nur den Eindruck barbarischer Unordnung machte, umgeben gewesen wäre, so hätte es in seinem Verfalle noch einen ziemlich malerischen Anblick dargeboten. Es war noch ein Rest des Schlossgrabens, mit hohem Schilf bedeckt, vorhanden, prächtiger Efeu umrankte die ganze Fassade und aus den Trümmern hatten sich wilde Kirschbäume zu einer außerordentlichen Höhe emporgerungen. Diese Seite des Gebäudes ermangelte also nicht eines gewissen dichterischen Anhauchs.

Herr Bricolin zeigte Marcelle das Gemach, welches ihr Mann, wenn er Blanchemont besucht hatte, zu bewohnen pflegte. Es war ein unscheinbarer und sehr unreinlicher Rest von Mobiliar aus der Zeit Ludwigs XVI. in demselben aufgestellt, doch war es bewohnbar, und Frau von Blanchemont beschloss, hier zu übernachten.

»Das wird einigermaßen dem Wunsche meiner Frau, welche Sie gerne beherbergen möchte, entgegen sein«, meinte Herr Bricolin, »allein ich kenne nichts Unverständigeres, als die Leute mit Höflichkeiten zu belästigen. Über Geschmackssachen lässt sich nicht streiten, und wenn das alte Schloss Ihnen gefällt, so werde ich Ihre Sachen herüberbringen lassen. Für Ihr Kammermädchen kann man ja ein Gurtbett in das Kabinett da stellen. Inzwischen wollen wir ernsthaft über Ihre Angelegenheiten reden, Frau von Blanchemont, das geht vor.«

Mit diesen Worten nahm Herr Bricolin einen Lehnstuhl, setzte sich und begann folgendermaßen:

»Vor allem gestatten Sie mir die Frage, ob Sie außer dem Gut Blanchemont noch anderes Vermögen besitzen? Ich glaube nicht, denn ich bin gut unterrichtet.«

»Ich besitze in der Tat außerdem nichts«, entgegnete Marcelle ruhig.

»Und glauben Sie, dass das väterliche Erbe Ihres Sohnes von Bedeutung sein wird?«

»Ich habe hievon noch keine Kenntnis. Aber wenn die Güter des Herrn von Blanchemont ebenso verschuldet sind, wie das meinige…«

»Ah, Sie wissen nichts davon? Sie beschäftigen sich also nicht mit Ihren Angelegenheiten? Das ist kurios! Aber die Adeligen sind alle so. Ich muss Ihre Lage kennen, denn so verlangt es mein Gewerbe und mein Interesse. Da ich sah, dass der verstorbene Herr Baron so großartig lebte, und ich nicht voraussah, dass er so jung sterben würde, musste ich die Breschen kennenlernen, welche er in sein Vermögen machte, um gegen den Verlust des meinigen, wenn eines Tages etwa die Anleihen den Wert des hiesigen Gutes überstiegen, auf der Hut sein zu können. Ich ließ also durch Leute, welche die Sache verstehen, alles auskundschaften und kann Ihnen jetzt bei Heller und Pfennig sagen, was Ihrem Kleinen von dem Vermögen seines Vaters übrig bleibt.«

»Haben Sie doch die Güte, mich es wissen zu lassen, Herr Bricolin.«

»Das ist eine leichte Sache und Sie können sich bald davon überzeugen. Höchstens kann ich darin um die Summe von zehntausend Francs fehlschießen. Ihr Gemahl besaß ungefähr eine Million, und diese wäre noch vorhanden, wenn nämlich seine Schulden, welche sich auf die Summe von neunmalhundertundachtzig oder neunzigtausend Francs belaufen, bezahlt wären.«

»Mein Sohn hat also nichts mehr?« fragte Marcelle, durch diese neue Entdeckung verwirrt.

»Wie Sie sagen. Mit dem, was Sie noch haben, wird es etwa die Summe von dreimalhunderttausend Francs ausmachen. Das ist noch hübsch genug, wenn Sie hier aufräumen und liquidieren wollen. In Gütern angelegt, wird es Ihnen eine Rente von sechs oder siebentausend Livres abwerfen. Wenn Sie es durchbringen wollen, wird sich eine Zeit lang noch hübscher davon leben lassen.«

»Ich kann nicht die Absicht haben, die Zukunft meines Sohnes zu vernichten, und meine Pflicht ist, mich so gut, als möglich, aus der Verlegenheit zu ziehen, in welcher ich mich befinde.«

»In diesem Falle hören Sie mich wohl. Ihre Güter und die seinigen ertragen zwei Prozente. Sie aber verzinsen Ihre Schulden mit fünfzehn, auch zwanzig Prozent, und dies zusammengehalten mit den angehäuften Interessen, werden Sie Ihr Schuldkapital bis ins Unendliche vermehren. Was wollen Sie tun?«

»Man muss zum Verkauf schreiten, nicht wahr?«

»Wie Sie wollen. Ich glaube, es wird dies vorteilhaft für Sie sein, im Falle Sie nicht vorziehen, da Sie noch für lange die Nutznießung von dem Vermögen Ihres Sohnes haben, die Unordnung zu Ihrem Vorteil zu benützen.«

»Nein, Herr Bricolin, das ist nicht meine Absicht.«

»Aber Sie können auf das hiesige Gut immer noch Gelder aufnehmen und da Ihr Kleiner Großeltern besitzt, welche er einst beerbt, so kann er bis zur Zeit seiner Mündigkeit nicht bankerott werden.«

»Das ist gut ausgesonnen«, versetzte Marcelle kalt, »aber ich will einen ganz andern Weg einschlagen. Ich will alles verkaufen, damit die Schulden am Ende nicht den Wert der Güter übersteigen, und was mein Vermögen betrifft, so will ich es liquidieren, um die Mittel zu haben, meinem Sohn eine anständige Erziehung angedeihen zu lassen.«

»Sie wollen also Blanchemont verkaufen?«

»Ja, Herr Bricolin, und zwar sogleich.«

»Sogleich? O, ich glaub’ es wohl; wenn man sich in Ihrer Lage befindet und ehrlich sich davon losmachen will, ist kein Tag zu verlieren, denn jeder Tag macht das Loch im Geldbeutel größer. Aber meinen Sie, es sei so leicht, ein Gut von solchem Umfang, sei es im Ganzen, sei es teilweise, auf der Stelle zu verkaufen? Wissen Sie nicht, dass heutzutage jedermann, seine Gelder in die Industrie, in die Eisenbahnen und ähnliche Unternehmungen steckt, wo am Hundert Prozent verloren oder gewonnen werden? Mit den Ländereien ist’s dermalen eine verteufelte Geschichte. Bei uns zu Lande will jedermann verkaufen und niemand kaufen, so sehr ist man es überdrüssig, große Kapitalien in Gütern anzulegen, welche nur einen geringen Ertrag gewähren. Ein Landgut eignet sich für einen, der es selber bewohnt und bebaut, kurz, ein Landmann ist, wie ich. Aber für Euch Stadtleute ist das ein erbärmliches Einkommen. Ein Gut von fünfzig, höchstens von hunderttausend Francs Wert wird unter meinesgleichen immer Käufer finden; aber ein Gut von achtmalhunderttausend Francs Wert übersteigt im Allgemeinen unsere Kräfte, und Sie werden vermittelst Ihres Notars zu Paris einen Kapitalisten ausfindig machen müssen, welcher mit seinen Geldern nicht weiß, wohin. Meinen Sie, es gäbe heutzutage viele dergleichen Kapitalisten, da man an der Börse, an der Roulette, in Eisenbahnaktien, mit Bauplätzen und in tausend andern Spekulationen spielen kann? Man muss also irgendeinen furchtsamen alten Edelmann auftreiben, der aus Furcht vor einer Revolution sein Geld lieber zu zwei Prozent in Gütern anlegt, als sich in die hübschen Spekulationen einlässt, welche heutzutage jedermann versucht. Dann müsste aber auch ein schönes Wohngebäude hier sein, in welchem so ein alter Rentier seine Tage beschließen könnte. Aber sehen Sie sich einmal Ihr Schloss an! Ich möchte es nicht als Baumaterial kaufen, denn die verfaulten Balken und vermorschten Steine würden die Mühe des Abbruchs nicht verlohnen. Sie mögen daher immerhin heute oder morgen Ihr Gut als Ganzes zum Verkauf ausschreiben, aber Sie werden zehn Jahre lang auf einen Käufer warten können, denn Ihr Notar mag, wie das der Brauch ist, sagen und drucken lassen, so viel er will, dass es drei oder vierthalb Prozent abwerfe, man wird einfach meinen Pachtvertrag einsehen und daraus entnehmen, dass es nach Abzug der Grundlasten nicht mehr als zwei Prozent, einträgt.«

»Ihr Pachtvertrag ist wohl in Rücksicht auf die Vorschüsse, welche Sie Herrn von Blanchemont gemacht, abgeschlossen worden?« sagte Marcelle lächelnd.

»Wie billig«, versetzte Bricolin, ohne im Geringsten aus der Fassung zu kommen, »und mein Pachtvertrag lautet auf zwanzig Jahre. Jetzt ist eines herum, es bleiben also noch neunzehn. Sie wissen das wohl, denn Sie haben ihn mitunterzeichnet. Freilich, jetzt kann ich annehmen, dass Sie ihn nicht gelesen Gott straf’ mich! Das ist Ihre Schuld.«

»Ich will sie auch niemand aufbürden .... Ich kann also das Gut nicht als Ganzes verkaufen, aber in einzelnen Stücken doch?«

»In einzelnen Stücken werden Sie es bald, werden Sie es auch teuer verkaufen, allein man wird Sie nicht bezahlen.«

»Wieso?«

»Weil Sie sich genötigt sehen werden, an Leute zu verkaufen, die der Mehrzahl nach zahlungsunfähig sind, an Bauern, von denen sogar die besseren Sie nur in sehr langwierigen Terminen bezahlen können, und sehr viel auch an Lumpen, welche von dem Kitzel gestochen werden, auch ein Stückchen Land zu besitzen, welcher heutzutage jedermann sticht, und welche Sie nach Verlauf von zehn Jahren wieder aus dem Erkauften vertreiben müssen, ohne inzwischen Revenuen bezogen zu haben. Es würde Sie bald langweilen, diese Leute zu pressen.«

»Ich könnte mich auch nie dazu entschließen. Also kann ich Ihnen zufolge, Herr Bricolin, das Gut weder verkaufen, noch behalten?«

»Wenn Sie gescheit sein, nicht zu teuer verkaufen und nicht alles bar bezahlt haben wollen, könnten Sie das Gut an einen verkaufen, den ich kenne.«

»Wer ist dieser?«

»Ich.«

»Sie, Herr Bricolin?«

»Ich, Nicolaus Etienne Bricolin.«

»In der Tat«, versetzte Marcelle, welche sich in diesem Augenblick einiger dem Müller von Angibault entfallener Worte erinnerte, »ich habe von so etwas reden hören.«

»Ich setze mich mit Ihren Gläubigern, deren Gelder auf dem Gute haften, auseinander, zerstückle die Ländereien, verkaufe dort, kaufe hier, behalte, was mir anständig, und bezahle Ihnen den Rest bar.«

»Und die Gläubiger? Wollen Sie diese auch bar bezahlen? Sie .müssen ja ungeheuer reich sein, Herr Bricolin?«

»Nein, ich lasse sie warten; aber ich werde Sie auf diese oder jene Weise von ihnen befreien.«

»Ich glaubte, sie wollten unverzüglich bezahlt sein. Haben Sie mir nicht so gesagt?«

»Sie würden Sie drängen, mir aber, mir werden sie Kredit geben.«

»Ich verstehe; ich gelte für zahlungsunfähig.«

»Möglich, man ist heutzutage so misstrauisch. Sehen Sie mal, Frau von Blanchemont, Sie schulden mir hunderttausend Francs, ich gebe Ihnen noch zweimal hundertundfünfzigtausend, und wir sind quitt.«

»Das heißt, Sie wollen mir zweimal hundertundfünfzigtausend Francs zahlen, während ich eigentlich dreimalhunderttausend zu fordern hätte?«

»Das ist ein kleiner Profit, den Sie mir billigerweise zugestehen müssen. Ich zahle bar. Sie werden sagen, es liege in meinem Interesse, keine Zinsen zu bezahlen, wenn ich bares Geld hätte, es liegt aber ebenso in dem Ihrigen, Ihr Vermögen, welches Sie, wenn Sie länger zögern, bei Heller und Pfennig einbüßen werden, in Händen zu haben.«

»Sie wollen also meine Verlegenheit dergestalt ausbeuten, dass Sie das wenige, was mir bleibt, noch um den sechsten Teil verkürzen.«

»Das ist mein Recht und jeder andere würde es noch schärfer nehmen. Seien Sie übrigens versichert, dass ich Ihren Vorteil wahren werde, so viel möglich. Nun, das ist mein erstes und letztes Wort. Sie werden es bedenken.«

»Gewiss, Herr Bricolin, es scheint mir, dass ich es bedenken muss.«

»Teufel! Ich glaub’ es wohl. Sie müssen sich allererst vergewissern, dass ich Sie nicht täusche und dass ich mich selbst nicht täusche, betreffs Ihrer Lage und des Wertes Ihrer Güter. Sie können sich jetzt hier heimisch machen, können alles selbst in Augenschein nehmen, können sich in eigener Person von dem Zustand der Ländereien Ihres Mannes in der Gegend des Blanc überzeugen und dann, wann Sie auf dem Laufenden sein werden, binnen Monatsfrist etwa, werden Sie mir eine Antwort sagen. Sie können, indem Sie mein Anerbieten in Erwägung ziehen, Ihre Berechnung machen, deren Erweisung mich nicht besorgt macht. Sie können 1) das, was Ihnen bleibt, netto um das Zweifache des von mir Gebotenen verkaufen, jedoch nicht die Hälfte des Geldes erhalten, wohl aber zehn Jahre warten müssen, während welcher die Zinsenlast so anschwillt, dass Ihnen nichts bleiben kann; Sie können 2) das, was Ihnen bleibt, mit einem Sechsteil Verlust an mich verkaufen und in diesem Falle binnen drei Monaten hier zweimal hundertundfünfzigtausend Francs von mir erhalten, entweder in gutem Gold oder in gutem Silber oder in allerliebsten Bankbillets, ganz, wie es Ihnen beliebt. Damit hat sich’s. Jetzt kommen Sie binnen einem Stündchen ins Haus hinüber, um mit uns zu Mittag zu essen. Sie müssen tun, als wären Sie bei uns zu Hause, hören Sie, Frau Baronin?«

Die Lage, in welcher sich Marcelle jetzt der Familie Bricolin gegenüber befand, musste ihr große Beklemmung erregen, und dennoch sah sie sich genötigt, die Einladung des Pächters anzunehmen. Sie versprach also, davon Gebrauch zu machen, allein sie wünschte, bis zur Essstunde in dem alten Schlosse zu bleiben, um einen Brief zu schreiben, worauf Herr Bricolin sie verließ, um ihre Leute und ihr Gepäck herüberzuschicken.




9. Kapitel.

Ein unerwarteter Freund


Während des kurzen Alleinseins Marcelles gingen ihr tausend Gedanken durch den Kopf und bald ward sie sich bewusst, dass die Liebe sie mit einer Energie ausrüste, deren sie vielleicht ohne diese allmächtige Inspiration nicht fähig gewesen wäre. Beim ersten Anblick hatte ihr das traurige Herrenhaus, welches jetzt die einzige Behausung war, die noch ihr gehörte, beinahe Schrecken eingeflößt. Als sie aber dann bedachte, dass sogar diese Ruine ihr nicht mehr lange zu eigen sein werde, musste sie lächeln, indem sie das Gemach mit einer sehr uneigennützigen Neugierde untersuchte. Das baronliche Wappen ihrer Familie prangte noch unberührt auf dem Mantel des gewaltigen Kamins.

»So ist also alle Verbindung zwischen mir und der Vergangenheit abgebrochen«, sagte sie. »Reichtum und Adel verlöschen heutzutage, wie Herr Bricolin zu sagen pflegt, miteinander. O mein Gott, wie gut bist Du, dass Du für allzeit die Liebe geschaffen, die da unsterblich ist, wie Du selber!«

Susette trat ein und brachte das Reisenecessaire, welches ihre Gebieterin verlangt hatte, um zu schreiben. Indem Marcelle dasselbe öffnete, warf sie zufällig einen Blick auf ihre Zofe und fand das Gesicht derselben, während sie die kahlen Mauern der alten Burg betrachtete, von so seltsamem Ausdruck, dass sie sich des Lachens nicht enthalten konnte. Die Züge Susettes verdüsterten sich und ihre Stimme klang sehr widerwillig, als sie sagte:

»Die gnädige Frau ist also entschlossen, hier zu schlafen?«

»Sie sehen es wohl«, versetzte Marcelle, »und Sie haben da ein Kabinett nebenan mit einer prächtigen Aussicht.«

»Ich bin der gnädigen Frau sehr verbunden, aber die gnädige Frau kann versichert sein, dass ich nicht hier schlafen werde. Ich fürchte mich schon bei Tage entsetzlich, wie würde es erst bei Nacht sein. Man sagt, es geiste hier, und ich glaube es gerne.«

»Sie sind närrisch, Susette. Ich werde Sie gegen die Gespenster verteidigen.«

»Die gnädige Frau wird wohl die Güte haben, eine der Pächtersmägde hier neben sich schlafen zulassen, denn ich wollte lieber dieses abscheuliche Land zu Fuße verlassen —«

»Sie nehmen die Sache also tragisch, Susette? Nun, ich will Sie zu nichts zwingen, Sie mögen schlafen, wo Sie wollen. Indessen muss ich Sie darauf aufmerksam machen, dass ich, wenn Sie die Gewohnheit annehmen, mir Ihre Dienste verweigern, mich genötigt sehe, mich von Ihnen zu trennen.«

»Wenn die gnädige Frau wirklich längere Zeit in diesem Lande zu bleiben und dieses Haus zu bewohnen gedenkt so —«

»Ich bin in der Tat genötigt, einen Monat und vielleicht noch länger hier zu bleiben. Was wollten Sie sagen?«

»Dass ich die gnädige Frau bitte, mich nach Paris zurückgehen zu lassen oder auf ein anderes Ihrer Güter zu schicken: denn ich würde hier gewiss sterben müssen, ehe drei Tage um.«

»Liebe Susette«, entgegnete Marcelle sehr sanft, »ich besitze kein anderes Gut mehr und werde wohl nie mehr nach Paris zurückkehren, um dort zu wohnen. Ich bin nicht mehr reich, mein Kind, und kann Sie wahrscheinlich nicht mehr lange in meinem Dienste behalten. Da der hiesige Aufenthalt Ihnen verhasst ist, so wäre es unnütz, denselben für einige Tage zu verlängern. Ich will Ihnen Ihren Lohn ausbezahlen und die Reisekosten vergüten. Die Patache, welche uns hergebracht hat, ist noch nicht weggefahren. Ich werde Ihnen gute Empfehlungen mitgeben und meine Schwiegereltern werden Ihnen einen Platz verschaffen.«

»Aber gnädige Frau, wie soll ich allein aus diesem Lande fortkommen! In der Tat, es lohnte sich wohl der Mühe, mich so weit in eine Wildnis mitzunehmen!«

»Ich wusste nicht, dass ich zugrundegerichtet sei, und habe es eben erst erfahren«, erwiderte Marcelle ruhig. »Machen Sie mir also keine Vorwürfe, ich brachte Sie nicht mit Willen in diese schlimme Lage. Übrigens werden Sie nicht allein reisen, sondern Lapierre wird Sie nach Paris begleiten.«

»Die gnädige Frau entlassen Lapierre ebenfalls?« fragte Susette bestürzt.

»Nein, ich gebe ihn bloß meiner Schwiegermutter zurück, welche mir ihn geliehen und welche diesen alten, treuen Diener mit Vergnügen wieder um sich haben wird. Gehen Sie Susette. Essen Sie zu Mittag und bereiten Sie sich zur Abreise.«

Von der Kaltblütigkeit und der ruhigen Sanftmut ihrer Gebieterin betroffen, brach Susette in Tränen aus, und von ihrer unwirklich wiederkehrenden Anhänglichkeit erfasst, bat sie Marcelle, ihr zu verzeihen und sie bei sich zu behalten.

»Nein, liebes Kind«, entgegnete Marcelle, »Ihr Lohn übersteigt jetzt meine Kräfte. Wir werden zwar einander wohl vermissen, allein es ist dies ein unausweichliches Opfer und wir dürfen uns keiner Schwäche hingeben.«

»Aber was soll aus der gnädigen Frau werden ohne Vermögen, ohne Dienerschaft, mit einem kleinen Kind auf dem Arm in einer solchen Einöde? Der arme kleine Eduard!«

»Betrüben Sie sich nicht. Susette. Sie werden gewiss bei einem meiner Bekannten unterkommen, wir werden uns wiedersehen und Sie werden auch Eduard wiedersehen. Weinen Sie also nicht vor dem Kinde, ich bitte Sie inständig.«

Susette ging hinaus, allein Marcelle hatte kaum die Feder zum Schreiben angesetzt, als der große Mehlhändler hereintrat, Eduard auf dem einen, einen Nachtsack auf dem andern Arm.

»Ah«, sagte Marcelle zu ihm, indem sie ihm den Kleinen abnahm und auf ihren Schoß, setzte, »Sie wollen mich also noch mehr verpflichten, Herr Louis? Recht lieb ist’s mir, dass Sie noch nicht weggegangen, denn ich habe Ihnen meinen Dank noch nicht abgestattet und würde es sehr bedauert haben, wenn ich Ihnen nicht Lebewohl hätte sagen können.«

»Nein, ich bin noch nicht weggegangen«, versetzte der Müller, »und, die Wahrheit zu sagen, es pressiert mir eigentlich nicht sehr mit meinem Weggehen. Aber, gnädige Frau, wenn es Ihnen nichts verschlägt, möchte ich Sie bitten, mich nicht mehr ›Herr‹ zu nennen. Ich bin kein Herr und dieser Titel macht mich verwirrt. Nennen Sie mich Louis glattweg oder großer Louis, wie jedermann.«

»Aber ich mache Sie darauf aufmerksam, dass dies sehr gegen die Gleichheit verstieße, und nach Ihren Äußerungen von heute Morgen.«

»Heute Morgen war ich ein Dummkopf, ein Pferd und, was noch schlimmer, ein Mühlpferd. Ich hatte Vorurteile, indem ich an den Adel und an Ihren Mann und an was weiß ich dachte. Hätten Sie mich Louis genannt, ich glaube, ich hätte Sie…, wie heißen Sie?«

»Marcelle.«

»Ich habe diesen Namen gern, gnädige Frau Marcelle! Wohl, ich werde Sie jetzt so nennen, das wird mich nicht mehr an den Herrn Baron erinnern.«

»Aber wenn ich Sie nicht mehr Herr tituliere, werden Sie mich denn auch glattweg Marcelle nennen?« fragte Frau von Blanchemont lächelnd.

»Nein, nein, Sie sind eine Frau und .... hol’ mich der Teufel! .... eine Frau, wie es wenige gibt, sehen Sie, ich kann’s gar nicht verbergen, dass ich Sie recht im Herzen trage, besonders seit einem Augenblick.«

»Warum seit einem Augenblick, großer Louis?« fragte Marcelle, welche zu lachen begann und dem Müller nur noch halb zuhörte.

»Weil ich vorhin hörte, was Sie mit Ihrem Mädchen sprachen. Ich befand mich mit Ihrem Knaben gerade auf der Treppe, der kleine Schlingel spielte mir tausend Possen, um mich am Vorwärtsgehen zu verhindern, und so hörte ich wider Willen alles, was Sie sagten. Ich bitte Sie um Verzeihung.«

»Das ist überflüssig«, versetzte Marcelle, »meine Lage ist kein Geheimnis, da ich ja Susette damit bekannt machte, und überdies bin ich gewiss, dass ein Geheimnis in Ihren Händen gut aufgehoben sein würde.«

»Ein Geheimnis von Ihnen würde in meinem Herzen ruhen«, sagte der Müller gerührt. »Aber wie, Sie wussten vor Ihrem Hieherkommen nicht, dass Sie zugrundegerichtet seien?«

»Nein, ich wusste es nicht. Herr Bricolin hat mich zuerst davon in Kenntnis gesetzt. Ich erwartete allerdings Verluste, aber keineswegs einen derartigen Ruin.«

»Und Sie sind nicht außer sich darüber?«

Marcelle, welche angefangen hatte, zu schreiben, dachte nicht daran, zu antworten. Nach einer Weile aber erhob sie ihre Augen und sah den großen Louis mit gekreuzten Armen vor sich stehen und sie mit einer Art naiver Begeisterung und leisem Erstaunen betrachten.

»Ist es denn so wundersam«, sagte sie, »jemand zu sehen, der mit seinem Vermögen nicht auch zugleich den Verstand verliert? Zudem bleibt mir ja so viel, dass ich zu leben haben werde.«

»Ich weiß beiläufig, was Ihnen bleibt. Ich kenne Ihre Angelegenheiten vielleicht besser als Sie selbst, denn wenn der Vater Bricolin ein Gläschen getrunken hat, schwatzt er gerne und er hat mir oft den Kopf von dieser Sache vollgemacht, bevor sie mich noch interessierte. Das ist aber einerlei, sehen Sie; ich habe noch nie eine Person gesehen, welche, ohne mit den Augen zu blinzen, ohne außer sich zu kommen in einem Augenblick, ratsch! eine Million da, eine halbe Million dort springen sieht … nein, das hab’ ich noch nie gesehen, und ich kann’s noch nicht recht fassen.«

»Sie werden es noch weniger fassen, wenn ich Ihnen sage, dass es mich, soweit es mich persönlich angeht, äußerst freut.«

»Ah, aber gewiss nicht insoferne es Ihr Kind angeht!« bemerkte der Müller, seine Stimme dämpfend, damit der Kleine, welcher in dem anstoßenden Zimmer spielte, seine Worte nicht vernehmen könne.

»Im ersten Augenblick war ich ein wenig erschrocken«, fuhr Marcelle fort, »dann aber tröstete ich mich bald. Ich sagte mir schon lange, dass es ein Unglück sei, reich geboren und zum Müßiggang, zum Hass der Armen, zum Egoismus und zu der Straflosigkeit, welche der Reichtum sichert, bestimmt zu sein. Ich bedauerte oft, dass ich nicht die Tochter und die Mutter eines Arbeiters sei. Jetzt, Louis, werde ich zum Volk gehören und Männer, wie sie, werden mich nicht mehr mit misstrauischen Augen ansehen.«

»Sie gehören noch nicht zum Volke«, entgegnete der Müller, »denn es bleibt Ihnen noch ein Vermögen, welches einem Mann aus dem Volke als ein unermessliches vorkommen muss. Und überdies hat Ihr Kleiner Großeltern, welche ihn nicht wie ein Kind der Armen erziehen lassen werden. All’ dies ist also bloß ein Roman, den Sie sich vormalen, gnädige Frau Marcelle. Aber, wo zum Teufel haben Sie denn diese Ideen her? Sie müssen wohl eine Heilige sein, hol’ mich der Teufel! Es macht einen eigentümlichen Eindruck auf mich, Sie so sprechen zu hören, da alle andern reichen Leute an nichts denken, als noch reicher zu werden. Sie sind die Erste dieser Art, die ich gesehen. Oder denken die übrigen Reichen und Adeligen zu Paris ebenso, wie Sie?«

»Nein, sie denken anders, ich muss es gestehen. Aber machen Sie mir aus meiner Denkungsart kein Verdienst, großer Louis. Es wird wohl ein Tag kommen, wo ich Ihnen werde zeigen können, warum ich so bin.«

»Verzeihen Sie, ich muss das bezweifeln.«

»Durchaus nicht.«

»Das sind heikle Geschichten und Sie werden mich für unverschämt halten, dass ich Sie darüber ausfrage. Wenn Sie aber wüssten, dass ich gerade in diesem Kapitel übel daran und also fähig bin, die Leiden anderer zu verstehen, wie denn? Ich werde Ihnen meinen Kummer mitteilen, ich! Ja, der Donner erschlage mich! Nur Sie und meine Mutter werden davon wissen und Sie werden mir ein gütiges Wort sagen und mich wieder zu Verstand bringen.«

»Und wenn ich Ihnen nun sage, dass ich meinerseits es bezweifeln müsse.«

»Sie müssen es bezweifeln? Was gilt die Wette, dass auf der einen Seite die Liebe, auf der andern das Geld bei all’ diesem im Spiele ist?«

»Ich will Ihre Bekenntnisse anhören, großer Louis, aber da kommt der alte Lapierre die Treppe heraufgegangen. Wir werden uns noch sehen, nicht wahr?«

»Ja, es ist nötig«, antwortete der Müller leise, »denn ich habe bezugs Ihrer Geschäfte mit Bricolin noch vieles mit Ihnen zu reden. Ich fürchte, der alte Schelm nimmt Sie ein wenig zu hart mit und, wer weiß? Obgleich ich nur ein Bauer bin, kann ich Ihnen doch vielleicht einigermaßen von Nutzen sein. Wollen Sie mich zum Freunde haben?«

»Gewiss.«

»Und wollen Sie nichts beginnen, ohne es mir zuvor mitzuteilen?«

»Ich verspreche es Ihnen, mein Freund.«

Hier trat der alte Lapierre ein.

»Soll ich gehen?« fragte der Müller.

»Gehen Sie ein wenig mit Eduard beiseite. Ich muss Sie vielleicht noch um Rat fragen, wenn Sie noch einige Minuten Zeit für mich übrig haben.«

»‘S ist ja Sonntag, und überdies verschlüge es nichts, wenn es auch Werktag wäre.«




10. Kapitel.

Briefe



Lapierre trat ein. Er war blass und zitterte. Susette hatte ihm bereits alles gesagt.

Da er bei seinem Alter schwere Dienste nicht mehr leisten konnte, war er für Marcelle nur eine Art Reise-Ehrenwächter. Aber obgleich er es ihr nie ausgesprochen, hatte er doch wahre Anhänglichkeit für sie und trotzdem, dass auch ihm bereits ebenso sehr als Susette das schwarze Tal und das alte Schloss zuwider war, weigerte er sich doch, seine Herrin zu verlassen, und erklärte, dass er ihr dienen wolle für einen so niedrigen Lohn , als sie ihm zu geben für angemessen erachte.

Marcelle war gerührt von seiner edeln Ergebenheit, reichte ihm liebreich die Hand und besiegte sein Widerstreben dadurch, dass sie ihm bewies, wie er ihr weit nützlicher sein könne, wenn er nach Paris zurückkehre, als wenn er in Blanchemont bleibe.

Sie wollte sich ihres kostbaren Mobiliars entledigen und Lapierre war ganz der rechte Mann, diesen Verkauf zu besorgen und mit dem Ertrag die kleinen Rechnungen zu berichtigen, die Frau v. Blanchemont in Paris unbezahlt hatte lassen können.

Lapierre, ein rechtschaffener, einsichtsvoller Mensch, fühlte sich geschmeichelt, gewissermaßen die Rolle eines Geschäftsträgers, eines zuverlässigen, sichern Mannes zu spielen, und derjenigen Dienste zu leisten, von der er sich so ungern trennte. Die Anstalten zur Abreise wurden also gemacht. Bei dieser Gelegenheit rief Marcelle, die an alles Einzelne ihrer Lage mit großer Kaltblütigkeit dachte, den Müller ins Zimmer zurück, und fragte ihn um seine Meinung, ob sie ihren Reisewagen, den sie in *** gelassen, wohl in dieser Gegend verkaufen könne.

»Sie verbrennen also Ihre Schiffe?« antwortete der Müller. »Desto besser für uns! Sie bleiben vielleicht hier, und mir wäre nichts erwünschter, als Sie hier zu behalten. Ich gehe oft in Geschäften und zum Besuch bei einer Schwester, die dort wohnt, nach ***. Ich weiß so ziemlich alles, was in unserer Gegend geschieht, auch bemerk’ ich, dass alle unsre Bürger seit einigen Jahren wie besessen sind auf schöne Wagen, und überhaupt auf alle Luxusgegenstände. Einen weiß ich, der will sich ‘ne Equipage aus Paris kommen lassen; die Ihrige ist an Stell’ und Ort, das erspart ihm die Transportkosten, und wenn man in unserer Gegend auch die allergrößesten Narrheiten begeht, so ist man doch auch sehr auf die kleinen Ersparnisse. Er schien mir schön und gut zu sein, Ihr Wagen. Wie viel macht die Geschichte?«

»Zweitaufend Francs.«

»Soll ich mit Lapierre bis *** geh’n? Ich will ihn mit dem Käufer bekannt machen und er kann das Geld einstreichen, denn bar bezahlt man bei uns nur den Fremden.«

»Wenn’s nicht Ihre Zeit und Gefälligkeit zu sehr in Anspruch nehmen hieße, würd’ ich Sie bitten, diesen Verkauf allein zu besorgen.«

»Ich will mit Vergnügen hingeh’n. Aber sprechen Sie nicht mit Herrn Bricolin davon, denn er könnte sonst vielleicht selbst Lust haben, die Kutsche zu kaufen.«

»Und warum sollte er’s nicht?«

»Ja, weiter fehlte nichts um … um seiner Familie den Kopf zu verdreh’n! Außerdem würde Bricolin Mittel und Wege finden, Ihnen nur die Hälfte von dem zu bezahlen was sie wert ist. Wie gesagt, ich übernehme die Sache.«

»So werden Sie mir das Geld bringen, wenn es möglich ist, denn ich glaubte hier welches zu bekommen zu haben, anstatt dass ich ohne Zweifel noch werde zurückzahlen müssen.«

»Gut also; wir reisen heut’ Abend ab; der Sonntag soll mich dabei nicht scheren; und wenn ich nicht morgen Abend oder übermorgen früh mit 2000 Francs wiederkomme, so heißen Sie mich Prahlhans.«

»Ach, wie gut Sie sind!« sagte Marcelle, indem sie an die Habsucht ihres reichen Pächters denken musste.

»Soll ich nicht auch Ihre Koffer mitbringen, welche Sie in der Stadt zurückgelassen?« fragte der große Louis.




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notes



1


Unbequeme Kutsche, d. Bearb.




2


Dies ist ein ausgehöhlter Stein, in welchen jeder am Fuße des Kreuzes vorübergehender Leichenzug ein plump aus Holz geschnitztes Kreuzchen niederlegt.




3


Es findet sich hier im Originale ein durch einen sprachlichen Irrtum der Mutter Bricolin veranlasstes Wortspiel zwischen presbytère und précipitère, welches im Deutschen verloren gehen musste. A. d. Übers.


